Curtis Yorke Um des Kindes willen Eine Geschichte ohne Handlung 1899 Erstes Kapitel. Er hatte sie schon öfters auf der Treppe bemerkt, ein kleines Dingelchen mit welligen Haaren und sanften braunen Augen. Heute redete er sie zum erstenmal im Vorübergehen an und strich ihr mit der Hand über die Haare. Sie blieb stehen und schaute zu ihm auf. »Fünf Jahre alt, heute,« sagte sie ernsthaft mit einem Stimmchen, das selbst für ein Kind besonders hell und weich klang, »'s ist mein 'bur'stag.« »Fünf Jahre alt!« wiederholte er feierlich, denn er war heute in außergewöhnlich guter Laune. Eben hatte er von einem Kunsthändler die Nachricht erhalten, daß eines seiner Bilder verkauft sei, und das bedeutete ihm fast einen Lebensabschnitt, nicht nur ein freudiges Ereignis. »Fünf Jahre alt! Allen Respekt! Hast du denn auch fünf Geschenke gekriegt?« Das Persönchen schüttelte den Kopf. »Nein, nicht einziges. Pa hat's vergessen,« erwiderte sie. »Ob ich wohl irgend etwas habe, das für einen fünfjährigen Geburtstag paßt?« sagte Jocelyn gutmütig. »Wollen wir einmal nachsehen?« Das Kind schob sofort ihr Händchen in die seinige. Es war ein kleines, eiskaltes Händchen und bedeutend magerer, als sich's für einen »fünfjährigen Geburtstag« geziemt hätte. »Ja, nachsehen. Heiße Dot,« fügte sie vertraulich hinzu, »und du?« Jocelyn stellte sich ihr vor, und sie traten in sein Atelier. »Was für komische Stube!« rief sie auf der Schwelle mit einem kleinen Freudensprung, »Und so groß! Und ein Feuer hast dich! Dich mußt aber reich sein!« Lachend begann er in einem alten eingelegten Schrank neben dem Kamin herumzukramen. »Wir wohnen mehr Treppen hoch,« fuhr sie fort, »und Feuer haben wir keins. Kriegen aber eins, wenn Pa reich wird und nicht ku'ios ist.« Jocelyn konnte sich ungefähr vorstellen, worin Pas »Kuriosität« bestünde, denn seine Wirtin hatte ihm wiederholt erzählt, daß der »Herr vom Vierten« sich mit möglichster Geschwindigkeit zu Tode trinke. »Armes Seelchen!« dachte er mit einem Blick auf das winzige Frauenzimmerchen, das wollüstig die Finger wärmend vor seinem Kaminfeuer hockte. Dabei fiel ihm ein, daß es sich wohl verlohnen würde, das seltsame unregelmäßige Gesichtchen unter dem Wald von ungebärdigen Locken zu malen, nicht der Schönheit, aber der Besonderheit wegen. »Nun, was meinst du zu diesem Halsband?« fragte er, eine Schnur hellblauer Glasperlen aus der Schublade ziehend, die am Hals seines vorletzten Modells als Geschmeide einer orientalischen Fürstin geprangt hatte. »Würde das nicht ein hübsches Geburtstagsgeschenk abgeben? Oder gefällt dir das besser?« Dabei hielt er, einem plötzlichen Einfall gehorchend, ein Bronzefigürchen in die Höhe, die schlanke Gestalt einer zierlichen Nymphe, die, aufwärts schwebend, nur mit der äußersten Fußspitze am Boden haftete. »O, Engel, bitte schön!« flüsterte das Kind, ohne einen Blick für die Glasperlen zu haben, ganz atemlos vor Entzücken. Sie war fast schön in ihrer Verklärung, als sie zart und vorsichtig die Figur in ihre Händchen nahm, sie streichelte, küßte und wie ein lebendiges Wesen herzte. Höchlich ergötzt beobachtete er sie. »Warum hältst du das für einen Engel?« lachte er. »Ist's keiner?« fragte die Kleine. »Sieht aus wie Engel ... kann mich's nicht ein Engel heißen?« »Aus Nymphen Engel zu machen, ist etwas beschwerlich,« warf Jocelyn grimmig hin. »Nymphe!« wiederholte Dot, die zarten Augenbrauen zusammenziehend. »Ist's hübscher, sich eine Nymphe sein, als ein Engel?« »Jedenfalls kommt's häufiger vor, Dot. Diese hier ist eine tanzende Nymphe, und wahrscheinlich ist sie nicht sehr engelhaft gewesen!« »Tanzt's?« fragte Dot gespannten Blicks. »Tanze auch, mich? Soll mich?« »Jawohl, wenn dir's Spaß macht!« versetzte der Maler, indem er sich aufs Sofa warf und eine Cigarette ansteckte. Dot stellte ihr Heiligtum vorsichtig weg, rückte in geschäftsmäßiger Weise einige Stühle beiseite, zog ihre ausgetretenen Schuhe von den Füßen und begann zu tanzen. »Dich mußt pfeifen,« gebot sie mit herrischem Nicken. Gehorsam pfiff Jocelyn eine bekannte Walzermelodie. »Donnerwetter!« rief er nach ein paar Minuten. »Das tanzt ja wie ein richtiges Feenkind! Wer hat's dich denn gelehrt, du kleiner Kobold?« »Mutter, aber ... bst!« erklärte sie, den Finger an die Lippen drückend. »Pa mag's nich' mehr leiden, wenn mich tanzt, und von Mutter s-p'echen soll mich auch nich'.« »Ist sie gestorben?« fragte Jocelyn. »Glaube. Krank ist sie geworden und hat sich nich' mehr ausgehen können, und dann hat sich im Bett bleiben müssen und dann ganz still gelegen, und Pa sagt, sie sei tot. Da haben wir geweint, der Pa und mich, und dann hat man's in langen Kasten gelegt und fo'tgetragen. Dann haben wir in diesem Haus gewohnt und Pa ist ku'ios geworden. Aber ist nicht immer ku'ios, mußt dich wissen,« fügte sie begütigend hinzu. »Ist sich ein lieber guter Pa, der mich manchmal auf seinem Knie sitzen läßt und mir Ge-s'ichten erzählt.« »Ob dein Pa mir wohl erlauben würde, dich zu malen?« fragte Jocelyn. Das kleine Ding starrte ihn verdutzt an. »Ob er mir erlauben wird, ein Bild von dir zu malen, meine ich?« »Weiß mich nicht,« versetzte Dot zweifelnd. »Wollen wir ihn einmal fragen?« »Pa ist aus'gangen ... würdest mich hübsch sein lassen auf dein' Bild?« Sie sah ihm prüfend in die Augen, und er nickte; das kleine elfenartige Geschöpfchen war merkwürdig kameradschaftlich. »Zeig' mir mal deine Bilder,« befahl sie, dicht an ihn herantretend und ihn an einem Finger fassend. Er führte sie im Atelier umher, wobei er vorsichtig die für ihren Blick ungeeigneten Pinseleien nach der Wand kehrte, bis sie plötzlich eine seiner Lieblingsstudien ins Auge faßte, ehe ihm Zeit für diese Vorsichtsmaßregel geblieben war. »O bitte, bitte, mach dich kein Bild von mir, das nicht Kleider an hat!« rief sie unbeschreiblich flehend. »Nein, nein, ganz gewiß nicht!« Darüber beruhigt ging sie feierlich von einer Leinwand zur andern, blieb vor jeder stehen, wie es nur irgend ein Kenner gemacht hätte, runzelte die Stirne und preßte die Lippen fest aufeinander. Endlich erklärte sie mit einer Bestimmtheit und Endgültigkeit, die ihn höchlich ergötzte: »Mag deine Bilder nicht.« »Wahrhaftig, Frauenzimmerchen?« rief er, gutmütig auflachend, »Und warum nicht?« »Weil garstig sind,« lautete das unverblümte Urteil. »Und alle Desichter haben eine komische Farbe. Mag mein Desicht mich nich' so komisch gemalt haben.« »Du bist wirklich ein gelungener kleiner Kerl,« bemerkte er, sie von der Seite ansehend. »Kann mich Peter dabei haben?« erkundigte sie sich plötzlich. »Darf mich Peter auf Schoß sitzen? Er ist ganz, ganz klein,« setzte sie überredend hinzu, »kaum wird man ihn sehen auf dem Bild und mich habe ihn so lieb!« »Peter? Wer in aller Welt ist denn dieser Peter?« »Meine Katze,« lautete die in wehmütigem Tone gegebene Antwort. »Hat nur ein Auge, arm's Ding, aber mich hat Peter so lieb, so lieb ...« Sie brach plötzlich ab, und das kleine Gesicht nahm den Ausdruck gespanntester Erwartung an, worein sich deutlich ausgesprochene Angst mischte. Jetzt hörte auch der Maler die Hausthüre zufallen, rasche Fußtritte erklangen auf der Treppe, und das Gesicht der Kleinen war wie durch einen Zauberschlag verwandelt. Sie riß die Zimmerthüre auf und rief jubelnd hinaus: »Pa; Pa! Komm und besuche den Malherrn! Er will mich in ein Bild machen!« Jocelyn trat hinaus und stand einem hochgewachsenen Mann von etlichen fünfzig Jahren mit verlebtem, aber gutartigem Gesicht, freundlichen, aber blutunterlaufenen Augen gegenüber. Es war leider Gottes ein Wrack, aber das Wrack eines anständigen Menschen. »Herr Fraser, so viel ich weiß?« sagte der Maler, sich artig verbeugend. Dots Pa erwiderte die Verbeugung mit gewinnendem Lächeln. »Sehr angenehm, Herr Jocelyn ... freut mich, Sie kennen zu lernen! Sie hätten Lust, meine kleine wilde Hummel zu malen? Das leuchtet dir wohl sehr ein, Dot, oder nicht?« Sie nickte. »Mich jetzt nach Peter sehen will,« erklärte sie. »Mich kommt bald wieder!« Zweites Kapitel. Eine kleine Gestalt sitzt in einem Aufbau, der die steinerne Brüstung einer Brücke vorstellen soll; und sieht höchst unbefriedigt aus. »Aber so geht's wahrhaftig nicht, Dot,« rief Jocelyn, seinen Kohlenstift halb seufzend, halb belustigt aus der Hand legend. »Du mußt ganz verzweifelt und trostlos aussehen, denn deine Puppe schwimmt dir ja im Bach davon, und du kannst sie nicht mehr herausfischen ... da willst du natürlich gerade zu weinen anfangen. Dagegen machst du ein Gesicht, als ob du Spinnen verschluckt hättest und recht grob sein möchtest, und läßt deine Unterlippe hängen, daß es geradezu garstig aussieht.« »Weil mich ein neues Kleid anhaben möchte,« stieß der Knirps von einem Modell heraus. »Weil mich nicht in ein Bild will mit dem häßlichen alten Tuch.« Dabei zerrte sie ärgerlich an den Fransen des in Frage stehenden Kleidungsstücks. »Aber du weißt ja doch,« wandte der Künstler ein, »daß du ein armes kleines Mädchen vorstellen sollst, das nur ein vertragenes Röckchen hat und dessen alte zerbrochene Puppe auch noch ins Wasser gefallen ist.« »Mich will aber eine kleine Prinzessin vo'stellen in deinem Bild ... eine kleine Prinzessin in einem Kleid aus lauter Gold und Silber, und die hat sich ihre wunderschöne, danz neue Puppe verloren ... und mich will auch Peter auf dem Schoß haben,« behauptete Dot hartnäckig. Jocelyn zuckte die Achseln und rief dann, einer plötzlichen Eingebung gehorchend: »Sieh mal ... liegt dort nicht deine tanzende Nymphe zerbrochen am Boden? Sieh doch hin ... gerade dort ...« Mit einem halb unterdrückten Verzweiflungsschrei beugte sich Dot von ihrem erhöhten Sitz herab und starrte mit einem Schreckensausdruck so voll unfaßlichen Jammers in die ihr bezeichnete Ecke, daß Jocelyn fröhlich nach seinem Stift griff und mit dem Ruf: »Da hätten wir ja, was wir brauchen!« zu zeichnen anfing. Aber im nächsten Augenblick war Dot von ihrem Brückengeländer heruntergekollert und lag weinend am Boden. »Kann mich meinen Nymphengel nicht sehen!« schluchzte sie. »Vielleicht ve'loren, vielleicht tot ... o mich will Nymphengel wieder haben!« Jocelyn hob sie liebevoll auf und sagte beschwichtigend: »Komm, komm, 's ist alles in Ordnung ... ich muß mich getäuscht haben.... Dein Nymphengel ist oben in deiner Stube so sicher aufgehoben wie in einer Kirche! Lauf nur hinauf und sieh nach! Du brauchst auch heute nicht mehr zu sitzen.« Schleunigst riß Dot das verhaßte Umschlagtuch von den schmalen Schultern, stampfte kräftig darauf und flog aus dem Zimmer. »Meinen Nymphengel gefunden!« verkündigte sie nach kurzer Zeit mit strahlender Miene zum Thürspalt herein. »Is nich' kaput!« Damit war sie entschwunden. Bald darauf öffnete sich die Thüre abermals, und ein großer, schmächtiger Mann mit durchfurchtem, scharfgeschnittenem Gesicht und den Augen eines Knaben trat ein. »Du bist's, Forsyth,« begrüßte ihn Jocelyn mit flüchtigem Kopfnicken. »Ich glaubte, du seiest nach Brüssel.« Forsyth setzte sich rittlings auf einen Stuhl und stützte die gekreuzten Arme auf die Lehne. »Hab's auch geglaubt,« sagte er, einen dichten Haarschopf aus der Stirne streichend, »nun hab' ich aber gerade ein verlockendes Angebot erhalten, für Calliger einen neuen Band zu schreiben. Wenn ich nach Brüssel gehe, verschlingt mich die Familie. Das thut sie, wie du weißt, immer ... zum Arbeiten kommt man da nicht. Drum hab' ich mich entschlossen, daheim zu bleiben und alle Tage so und so viele Worte herauszupumpen, bis das Ding fertig ist. Zwei Groschen das Wort, ist, so viel ich rechnen kann, der Preis, wofür ich meine Freiheit verschachere. Das Uebel dabei ist nur, daß ich ums Leben keinen Anfang zu stande bringe.... Heute vormittag saß ich ein paar Stunden vor einem Blatt Papier, auf dem jetzt noch nichts steht als: ›Erstes Kapitel‹. Ich glaube, mein Gehirn streikt.« »Es ist abgenützt, und du brauchst Erholung, Veränderung,« bemerkte der Maler, seine eigene Arbeit zwischen halbgeschlossenen Augenlidern fixierend. »Warum willst du deinen Calliger nicht zeitweise aufs Trockene setzen, dir Ferien gönnen und dann doppelt ochsen, wenn du wieder daheim bist? In der Verfassung, worin du jetzt bist, kommt doch nichts Gescheites zu stande! Hast du Pennington kürzlich gesehen?« »Gestern war ich in seiner Höhle. Weißt du, Jocelyn, du und Pennington, ihr seid für mich in gewissem Sinn die reinsten Quellen der Heiterkeit!« »Sehr schmeichelhaft,« murmelte Jocelyn geistesabwesend. »Was findest du denn so ergötzlich an uns?« »Nun, siehst du, der alte Kamerad, der Pennington, der könnte auf seines Vaters Gütern in Wales ein Leben führen wie der Herrgott in Frankreich, bildlich gesprochen. Aber nein, das thut er nicht, lieber nagt er mit seinem Taschengeld von hundertundfünfzig Pfund im Jahr in London am Hungertuch, nur weil er sich einbildet, er habe unter den übelriechenden Armen eine Mission zu erfüllen. Selbstverständlich sind die armen Leute ja wundernett, höchst interessant und so weiter, wir können aber mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß sie so bald noch nicht aussterben, und drum mein' ich, er könnte füglich seinem Alten den Willen thun und bei ihm aushalten, solang dieser selbst noch vorhält. Und du ... du bist wahrhaftig ein guter Kerl, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich je dahinter komme, wer dir weis gemacht hat, du könnest Bilder malen. Wenn man mich danach fragt, muß ich sagen, es sei eine fixe Idee! Wenn du je eins verkaufen würdest oder in eine Ausstellung bringen, könnte ich's eher begreifen, aber das wird nie geschehen.« Jocelyn schleuderte in gutmütigem Zorn einen Pinsel nach dem Sprecher. »Zweifelsüchtiges Ungeheuer!« rief er, »Heute hab' ich aber eins verkauft ... wenigstens schreibt mir der Kunsthändler, es sei verkauft.« »Gott steh' uns bei! Das kann dein Ernst nicht sein! Wieviel bekommst du denn?« Der Maler nannte die Summe. »Hm, hm. Ist's etwa eins von den Mägdelein mit violetten Haaren und grünen Schatten unter den Augen?« »Nein, es ist mein ›Sonnabend im Arbeiterviertel‹!« Forsyth steckte sich eine Cigarette an. »Ich sagte dir von jeher, daß es das einzig Vernünftige sei, was du je gemacht hast.« Jocelyn grinste höhnisch. »Ja, ja, das Anrüchige hat ja immer einen unwiderstehlichen Reiz für den süßen Schaupöbel!« »Schnickschnack,« fiel ihm der andre ins Wort. »Der süße Schaupöbel hat seinen beschränkten, aber gesunden Menschenverstand. Ihm gefällt, was er selbst schon gesehen hat, was er kennt und begreifen kann, auf den Impressionismus und die Kunst der Zukunft pfeift er. Auf welche Weise die Wirkung zu stande kommt, ist ihm schnuppe, wenn sie nur da ist, und wenn du Geld verdienen willst, mußt du dich wohl oder übel entschließen, zu diesem süßen Schaupöbel herabzusteigen. Wenn dir's Spaß macht, auf Wolken zu reiten und von den Kritikern verehrt zu werden – wohl und gut, nur schlag' dir dann jeden Gedanken an Einnahmen aus dem Sinn, das ist die allgemeine Regel. Mach' dir dagegen einen Namen, mit Hilfe des süßen Schaupöbels, dann kannst du lebenslang treiben, was du magst, kannst vergoldete Napfkuchen malen und sie Sonnenuntergang taufen, kannst ein Chaos in Blau malen und Schiffbruch darunter schreiben, kannst einer blaßlila Farbensymphonie Flügel ansetzen und sie Engel benamsen – aber erst mach' dir einen Namen!« »Mein Bester, man muß im Gegenteil gerade so weiter machen, wie man angefangen hat,« versetzte Jocelyn gelassen. »Wenn ich mir einen Namen mache als Maler der ›Nachtseiten menschlicher Natur‹, so muß ich bis an mein Ende Anstößiges malen. Fängt man als blauer Nebulist an, so muß man dabei bleiben. Nichts verargt einem das Publikum mehr, als wenn man aus der Rubrik herausspringt, worein man durch sein erstes Werk, das die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, geraten ist.« »Ach, das sind abgedroschene Redensarten!« entgegnete Forsyth, der jetzt in Zug kam und den Kriegspfad betrat. »Glaubst du etwa, daß ich noch solches Zeug schreiben werde wie jetzt, wenn ich erst einmal ein großes Tier bin? Fällt mir nicht ein! Dann stopfe ich Publikum und Kritik mit meinen eigenen Gedanken und Einfällen – mögen sie zusehen, wie sie's verdauen. Hallo, da ist ja Pennington! Der Eintretende war ein hagerer Mann mit bolzgerader Haltung und tiefliegenden forschenden Augen. Die drei jungen Männer waren von Kinderzeiten her befreundet, ein Trio, das noch nie aus dem Takt gekommen war, ein Freundschaftsbund, dem Neid, Zwistigkeiten und Mißverständnisse unbekannt waren. Der neue Ankömmling ging stracks zur Staffelei und ergriff Jocelyns Skizze. »Aha! Das kleine Mädel vom Dachstock!« bemerkte er. »Riesig ähnlich, wie sie leibt und lebt!« »Laß mal sehen,« sagte Forsyth, vom Stuhl aufstehend. »Hm – ja – gar nicht übel. Du triffst ja gut, Jocelyn – verlege dich doch aufs Porträt.« »Ein bedeutendes, nachdenkliches Gesichtchen,« erklärte Pennington. »Schade, daß sie den alten Fraser zum Vater hat.« »Das wäre ja ein Feld für deine Weltverbesserung, Pennington,« spöttelte Forsyth. »Gewöhne doch dem alten Fraser das Trinken ab und erziehe das Kind nach den Grundsätzen – Donnerwetter! Ich hab's! Entschuldigt mich, aber ich habe eine Idee – ich muß heim und an die Arbeit – komme später wieder.« Drittes Kapitel. Als die Thür hinter Forsyth zufiel, brach der Maler in ein herzhaftes Gelächter aus. »Ein wunderlicher Kauz,« bemerkte er in dem zärtlichen gerührten Ton, worin die meisten Leute über Forsyth zu sprechen pflegten. »Nun bleibt er wieder die ganze Nacht auf, schreibt Blatt um Blatt seines Predigtpapiers voll und kommt morgen oder übermorgen wieder zum Vorschein, blaß und elend wie ein Lichtstümpchen. Entweder überarbeitet er sich, oder er faulenzt.« Pennington setzte sich und steckte seine Pfeife in Brand. Cigaretten rauchte er nie, sie waren ihm, wie er sagte, zu wenig »seriös«. Der trübe Februartag ging rasch zu Ende, und es war schon so dunkel im Zimmer, daß das Feuer im Kamin seinen flackernden Schein auf die braunrote Wand warf, die verschiedenen Gipsabgüsse beleuchtend, die auf den nicht sehr ordentlich gehaltenen Borten standen, und liebevoll auf der marmornen Klytiabüste verweilend, die zu Jocelyns teuersten Schätzen zählte. »Du siehst ja sehr aufgeräumt aus,« warf Pennington plötzlich hin. »Gibt's Neuigkeiten?« »Meinen ›Sonnabend im Arbeiterviertel‹ habe ich verkauft,« erwiderte der Maler. »Er wird mir nicht gerade mit Gold aufgewogen, aber die Summe kommt mir jetzt besonders gelegen.« »Freut mich riesig, altes Haus! Das ist dein eigentliches Gebiet – sorgfältig die Wirklichkeit studieren und wiedergeben, Originalideen in Farbe aber aus dem Wege gehen! Denn was diese Art von Geschichten betrifft ...« Er verstummte mit einem wegwerfenden Blick auf die »violetthaarigen Mägdelein« an den Wänden. Der andre rauchte friedlich weiter. Jocelyn war trotz seiner gutmütigen Trägheit merkwürdig beharrlich und eigensinnig. Es geschah selten, daß er sich zu andern in Widerspruch setzte oder sich über irgend einen Gegenstand ereiferte, er hielt einfach den Mund – und blieb bei seiner Meinung, was man auch dagegen einwenden mochte. Möglicherweise hatte er sich schon hie und da überzeugt, daß sein Urteil nicht unfehlbar war, aber zugegeben hatte er's nie. Seine Bilder waren mit wenig Ausnahmen Mißgeburten. Mit jedem Künstler seiner Bekanntschaft war er in stillschweigende Feindschaft geraten, weil ihm jeder die Wahrheit gesagt hatte. Jetzt trat nur noch selten ein Kunstgenosse über seine Schwelle, aber das focht ihn wenig an. Ihm war's wohl in seiner Haut und er genoß das Leben so gut als die meisten Menschen, gab für unfaßbar geringe Dinge unbegreiflich viel Geld aus und war häufig näher an einem Krach, als zur Behaglichkeit dienlich ist, aber es lag nicht in seiner heiteren, friedlichen Natur, weiter hinaus zu denken, als höchstens bis übermorgen. »Das Unverhoffte wird sich ereignen,« pflegte er mit Gelassenheit zu sagen, so oft ihm das Wasser bis an den Hals ging. Und in der That war das »Unverhoffte« so häufig in sein Leben getreten, daß er nach und nach die Regel darin sah. Seine Modelle neckten sich mit ihm oder schnitten ihm saure Gesichter. Es kam selten vor, daß er sich in eines verliebte, aber er begegnete ihnen niemals unhöflich, sondern behandelte sie einfach als unentbehrliches Handwerkszeug. »Heute habe ich den letzten Akt einer ergreifenden Tragödie miterlebt,« begann Pennington nach einem langen Schweigen, wie es sich nur ehrliche Freundschaft gestatten darf. »Ich kann den Eindruck gar nicht los werden – er verfolgt mich.« Jocelyn schwieg, und so fuhr der andre fort: »Gestern abend hörte ich von zwei Schwestern, die in größter Armut in einem Gäßchen bei der Latimer-Straße leben sollten und wovon die eine bettlägerig sei. So ging ich denn heute früh hin und nahm gleich einen Arzt mit. Das Zimmer war überaus sauber und ordentlich, und auch das geisterhaft blasse Geschöpf, das uns empfing, war reinlich, ja zierlich gekleidet. Das einzige Möbel in der Stube war ein Gestelle, das sich für ein Bett ausgab, und darin lag die ältere Schwester, aber ihre Leiden waren zu Ende. Der Arzt sagte mir nachher, die Todesursache sei buchstäblich Hunger gewesen, und er fragte die Ueberlebende, weshalb sie sich nicht an den Armenpfleger ihres Stadtviertels gewendet hätten. »›Meine Schwester wünschte es nicht,‹ erwiderte sie mit einer Stimme und Aussprache, die auf höhere Bildung schließen ließen, ›Sie sagte immer, Gott werde uns sicher nicht vergessen, wenn wir nur Geduld hätten.‹ »Drei volle Tage hatten sie allem Anschein nach keinen Bissen zu essen gehabt, und die ältere Schwester lag jetzt schon mehr als achtzehn Stunden tot im Zimmer, es war aber ein Ding der Unmöglichkeit, die jüngere aus dem Haus zu entfernen. Sie schien ebenso entschlossen zu sein, die Tote nicht zu verlassen und keine Hilfe von Wohlthätigkeitsanstalten zu beanspruchen. So schickte ich denn einfach Lebensmittel hin und eine verständige Aufwärterin, die über die nächsten Tage bei ihr bleiben soll. Heute nachmittag besuchte ich sie wieder und erfuhr Einzelheiten, die mir die Haare zu Berg stehen ließen. Großer Gott! Man denke sich ein paar zarte, zerbrechliche Mädchen, die in glänzenden Verhältnissen aufgewachsen sind und nun allmählich verhungern, betend und wartend, im festen Vertrauen, Gott werde ihrer nicht vergessen, wenn sie nur Geduld hätten. Das Leben ist grausam, Jocelyn, entsetzlich und unbegreiflich grausam!« »Nun, mein Alter, du wirst ja ganz gewiß das Mögliche thun, um seine Grausamkeit zu lindern,« warf der Maler ungerührt hin. »Vermutlich muß es eben auch Fälle dieser Art geben, und es nützt gar nichts, über die Weltordnung zu murren. Läuft einem solch ein Stück Elend in den Weg, so hilft man natürlich, so gut man kann – mehr können wir wahrhaftig nicht thun.« Pennington war aufgestanden und ging unruhig im Zimmer auf und ab. »Es ist herzlich wenig, was man thun kann,« stieß er hervor. »Man rennt sich den Kopf ein an diesem Felswall von Elend, Krankheit und Verbrechen und reißt doch keine Bresche hinein.« »Wenn du das einsiehst, weshalb rennst du dir denn den Kopf ein? Weshalb reibst du dich in diesem vergeblichen Versuch auf, daß du nur noch Haut und Knochen hast?« hielte ihm Jocelyn entgegen. »Ei, was kommt denn da?« fügte er hinzu, als die Thür leise und vorsichtig aufgedrückt wurde. »Mich,« sagte ein schwaches, müdes Stimmchen. Dot machte die Thür umsichtig hinter sich zu und zog eine dreibeinige scharlachrote Fußbank vors Feuer, um sich darauf zu setzen. »Kalt,« sagte sie mit dem eigentümlichen kurzen Nicken, womit sie gern ihre Aeußerungen einleitete. »Fu'ch'bar kalt. Will mich wärmen.« Dot hatte ihren eigenen Stil. Persönliche Fürwörter waren für sie nur in der Accusativform vorhanden und beim Satzbau befliß sie sich äußerster Sparsamkeit. Alles Entbehrliche wurde ausgelassen wie in Telegrammen. Da sie ohne Verkehr mit andern Kindern aufgewachsen war, hatten sich diese Eigentümlichkeiten länger erhalten können, als es sonst der Fall ist. Nach einiger Zeit warf sie einen scheuen Seitenblick auf Pennington und fragte schüchtern: »Seist dich der Doktor?« »Nein, Kleine. Was hast du denn getrieben, daß du so frierst?« Sie zuckte die Achseln und schwieg ein Weilchen. »Kalt oben bei uns,« erklärte sie dann, »und Pa aus'gangen. Wirst dich bald Thee machen?« fragte sie, ein wenig näher zu Jocelyn hinrückend. »Das soll sofort geschehen,« versetzte er. »Wir füllen gleich den Kessel.« Damit ging er in ein kleines anstoßendes Zimmer, das ihm als Speisekammer diente, indes Dot ruhig sitzen blieb, das Kinn mit beiden Händen, die Ellbogen auf ihre Kniee stützte und Pennington unverwandt betrachtete. »Dich geweint?« fragte sie ernsthaft. »Nein,« gab er zurück. »Warum dich Augen danz danz rot?« »Findest du sie rot, Kleine? Das kommt vielleicht daher, daß ich in letzter Zeit wenig schlief.« »Warum weil nich'? Hast dich Zahnweh gehabt?« Er schüttelte mit nachdenklichem Lächeln den Kopf. »Was hat dich denn weh gethan?« forschte sie beharrlich weiter. »Vielleicht das Herz,« bemerkte Jocelyn, der seinen Kessel über dem Feuer befestigt hatte. »Weißt du denn noch nicht, daß dieser junge Mann sich überhaupt nicht ins Bett legt, Dot? Er fände darin eine sündhafte Verweichlichung.« »Hast dich kein Bett?« fragte Dot, den neuen Bekannten mitleidig ansehend. »Ach, ein Bett hat er schon,« antwortete Jocelyn an seiner Stelle, »aber er behandelt seine Lagerstätte als Zierat, nicht als Gebrauchsmöbel.« Dot machte ein verdutztes, ratloses Gesichtchen. »Er macht Spaß, Dot,« erklärte ihr Pennington mit einem Lächeln, das sein Gesicht wunderbar verklärte. »Ich bin ein paar Nächte nicht ins Bett gekommen, weil – weil ich keine Zeit hatte.« »Nich' Zeit zum Bettgehen?« wiederholte das Kind. »Warum weil?« Jocelyn war wieder in seine Speisekammer gegangen. Pennington setzte sich vors Kamin und hielt seine schmächtige Hand gegen die Flamme. »Weil ich in der letzten Nacht bei einem kleinen Mädchen war, Dot,« versetzte er zögernd. »Es war nicht viel älter als du.« »Warum weil? War's krank? Hat's immerfort geschreit?« »Ja, sie war krank, aber geschrieen hat sie nicht.« »Mich schreie immer, wenn was weh thut,« bemerkte Dot mit sichtlichem Selbstgefühl. »Schreit! Brüllt!« »Das kleine Mädchen war viel zu schwach, um zu brüllen.« »Hat's einen Pa?« »Nein, sie hat keinen.« »Ist's wieder gesund?« »Ja, mein Kind, ihr Leiden ist vorbei,« sagte er mehr zu sich selbst als zu der Kleinen. »Sie wird nie mehr krank werden – sie ist gestorben, kleine Dot.« Um die Lippen des Kindes zuckte es. »Mich will nicht, daß es tot sei!« rief sie mit zitterndem Stimmchen, dann setzte sie rasch hinzu: »Hat's Gott gekriegt?« In diesem Augenblick kehrte der Hausherr zurück, und Dots verführbarer Geist war alsbald ganz von den Vorbereitungen zum Thee hingenommen. Mit leuchtenden Augen sah sie zu, wie Jocelyn Geschirr und Gebäck auf einem leichten, tragbaren Korbtischchen anordnete. »Mich kann Thee machen!« rief sie eifrig. »Mich weiß ganz gut, wie Thee gemacht wird!« »Gut, sobald das Wasser kocht, sollst du den Thee machen,« versicherte Jocelyn. »Komm her und gib mir einen Kuß!« »Nein, danke,« versetzte die kleine Person, mit ernsthaften Augen zu ihm aufschauend. »Mich mag niemand Kuß deben als Pa.« »So zimperlich, mein Fräulein?« sagte der Maler lachend, indem er belustigt über ihre Locken strich »So behalte deine Küsse eben!« »Ja, bewahre deine Küsse, kleine Dot,« sagte Pennington, den Wasserkessel tiefer ins Feuer hängend, »bewahre sie nur. Küsse sind heutzutage allzu billige Ware.« »Manchmal wohl,« bemerkte Jocelyn trocken, während er den Inhalt einer Biskuitbüchse untersuchte, »mitunter aber kommen sie einem höllisch teuer zu stehen.« Viertes Kapitel. Weshalb Jocelyn sein Zelt gerade in dem nicht übermäßig bequem gelegenen Viertel Nord-Kensington, statt in einer andern Himmelsgegend des großen London aufgeschlagen hatte, war für Freunde, die in zugänglicheren Stadtteilen wohnten, von jeher ein Rätsel, mitunter auch ein Stein des Anstoßes gewesen. Seiner Meinung nach indes war diese Straße so gesund, begehrenswert und passend als jede andre und obendrein minder kostspielig. Er hatte im ersten Stock eines düster aussehenden Hauses, weit draußen in der Ladbroke-Grove-Straße, »Wohnung mit Bedienung« gemietet und sich in einem zufälligen üppigen »Stil« eingerichtet, der sich keinem andern Gesetz als dem seines persönlichen Geschmacks unterwarf. Der Empfangs- und Arbeitsraum war ein großes, nördlich gelegenes Zimmer, das über das Erdgeschoß und Wirtschaftsräume hinausgebaut war und sich bis zur äußersten Grenze der sogenannten »Rückgärten« der Nachbarschaft erstreckte. Es war ein wohnlicher, ansprechender Raum, dessen Einrichtung immer noch vermehrt wurde, sobald die Kasse es gestattete. Da und dort ein Divan, Schaukelstühle, große Stehlampen, Teppiche, Seltenheiten in Glas und Porzellan und ähnlicher Luxus, wie man ihn in den Werkstätten »überzeugter« Künstler nicht allzu häufig trifft. Dieses Zimmer war es, was durch Raumverhältnisse und Aussicht den Mieter angezogen hatte, auch war das Haus in sanitärer Beziehung gut gebaut und eingerichtet, und dieser Punkt zählte zu Jocelyns »Sparren«. Ueberdies war die Ladbroke-Grove-Straße, wie seine Hauswirtin immer versicherte, »riesig geschickt«, weil es »von Omnibussen nur so wimmle«. Als weiteren Vorzug hatte sie auch schon hervorgehoben, daß die Straße »lebhafter« sei als alle ihre Nachbarinnen, weil doch alle »Begräbnisse« hier vorbeikämen! Die kleine Dot wußte diese Annehmlichkeit zu schätzen; sie pflegte diesen traurigen Zügen mit gespannter Aufmerksamkeit nachzusehen, wenn sie sich langsam und feierlich nach dem hoch gelegenen Friedhof emporschlängelten. Auch heute, am Vormittag eines besonders trübseligen Regentags, hockte sie an ihrem Lieblingsplatz in der Fensterbrüstung und verfolgte mit ihren hellen Kinderaugen jede Einzelheit des immer gleichen Vorgangs. Sie saß ganz still, und wenn sie eine Bewegung machte, geschah es lautlos, denn Pa schlief ja noch, obwohl es schon spät war, und war nicht, wie sonst, in die Stadt gegangen. Der Regen fiel in Strömen. Wie komisch die aufgespannten Schirme von oben aussahen, gerade wie schwarze Pilze, die sich bewegen! Jetzt kam wieder ein Leichenzug; der Sarg war dieses Mal ganz klein, Dot dachte träumerisch darüber nach, ob es wohl der Sarg des kleinen Mädchens sein konnte, von dem ihr Pennington erzählt hatte. Oben war er ganz mit weißen Blumen bedeckt und auch an den Seiten hingen Kränze; sie zählte vier wunderhübsche. Das Kinn auf ihre Händchen gestützt, überlegte sie, ob die Seele des kleinen Mädchens, die ja jetzt im Himmel war, es wohl wisse, daß ihr Körper langsam, ganz langsam unter weißen Blumen im strömenden Regen den Hügel hinauffahre und ob es der Seele wohl leid thue, daß der Körper, der doch ihre Behausung gewesen sei, jetzt in die nasse, kalte Erde gelegt und dann ganz allein gelassen werde auf dem schweigenden Kirchhof. Sie wußte ganz genau, wie es dort aussah, denn an Sonntagnachmittagen führte der Pa sie manchmal hin, und im Frühjahr und Sommer gefiel es ihr sehr gut dort, aber heute an diesem frostigen, nassen Februartag mußte es recht trübselig aussehen. Einmal hatte sie weinen müssen über die vielen, vielen Gräber von kleinen Kindern; man sah's ihnen ja an, daß es Kindergräber waren, sie waren so winzig. Und da hatte ihr der Pa gesagt, sie brauche nicht zu weinen, denn die Seelen der Kinder seien jetzt im Himmel und ganz glücklich. Als sie ihn dann gefragt hatte, ob denn die Seele der Mutter auch im Himmel und ganz glücklich sei, da hatte sie keine Antwort bekommen, und darüber wunderte sie sich heute noch. Wenn's nicht der Pa gewesen wäre, der doch ganz groß und erwachsen war, so hätte Dot denken können, er verschlucke Thränen. Sie hatten sich so furchtbar lieb, der einsame Mann und sein Kind, und obwohl sie genau wußten, wie weh die Armut thut, hätten sie ganz glücklich sein können, wenn nur »das eine« nicht gewesen wäre, aber dieses »eine« lag wie ein geheimnisvoller böser Dunst über Dots junger Seele und verkümmerte ihre Entfaltung. Es kam ihr manchmal vor, als ob sie zwei Pa hätte, einen lieben, herzensguten, der mitunter sogar lustig sein konnte, und einen andern – ach der andre, das war ja gar kein Pa! »Ist denn dein Pa noch nicht auf?« fragte eine harte, aber gutmütige Stimme von der Thüre her. »Es wird gleich Zwölf schlagen! Geh' mal hinein und sieh nach ihm, das gehört sich für ein artiges Kind!« »Pa wünscht nicht be-un-ruh't zu werden,« sagte Dot, über das von Pa erlernte, etwas schwierige Wort stolpernd. Frau Lamb, die Hauswirtin, verschwand, indem sie einige unverständliche Worte in sich hinein brummte, und Dot widmete sich wieder der Außenwelt. Es regnete jetzt noch stärker; nur selten ließ sich ein Vorübergehender erblicken; sogar der Straßenkehrer an der Ecke war nach Hause gegangen. So war denn der Vormittag vorüber und Dot kletterte die vielen, vielen Stufen zu Frau Lambs Küche hinunter, wo sie in der Regel ihr Mittagsmahl einnahm. »Ist denn dein Pa noch nicht auf?« fragte die würdige Dame abermals, jetzt in entschieden mißbilligendem Ton. »Nein,« sagte Dot. »S'laft sich noch fest. Mich hat hineingeguckt.« »Schlafen um diese Tageszeit! Ja, das kommt davon ...« bemerkte das naseweise Hausmädchen, ihren Kopf mit den gebrannten Haaren schüttelnd. »Am Ende ist deinem Pa schlecht,« sagte Frau Lamb zu der Kleinen. »Wenn er nicht krank ist, sollte er sich schämen.« Dot wurde dunkelrot; hastig kletterte sie von ihrem hohen Stuhl herunter, und bald darauf hörte man die kleinen Füßchen die Stufen hinauftrippeln. »Wenn das unschuldige Kind nicht wäre,« erklärte Frau Lamb mit Märtyrermiene, sobald Dot außer Hörweite war, »heute noch thät' ich dem Dachstock kündigen, keine Nacht ließ' ich ihn mehr da. Wenn er mir wenig schuldig ist, ist's viel.« »Der hat ja nur Geld für das, was er besser lassen thäte,« bemerkte die kleine Magd schnippisch. »Wenn mich einer fragen wollte, wie dem sein Geld aussieht, ich wüßt's wahrhaftig nicht!« Mittlerweile hatte das Kind seinen Turm erstiegen und war leise in ihres Vaters Stube geschlichen. Er schlief noch immer. Sie kauerte sich auf einem Stuhl an seinem Bett zusammen und sah ihn zärtlich an. Lange, lange saß sie so, bis der trübe Nachmittag in Dämmerung überging. Irgendwo im Haus schlug eine Uhr viermal. »Pa!« flüsterte sie endlich. »Pa!« Dann zog sie ihn sanft und sachte am Haar, wie sie es häufig am Morgen that, um ihn aufzuwecken, aber er rührte sich nicht. »Mein kleiner Pa,« flüsterte sie ihm zärtlich ins Ohr, »seist dich krank? Wach' doch auf und sprich mit kleiner Dot!« Aber der Pa schlief und schlief. Das Zimmer war eisig kalt. Dot zitterte vor Frost, als sie nun vollends aufs Bett kletterte, die Arme um Pas Hals schlang und ihr Mündchen an sein Ohr drückte. »Pa! Pa!« – es klang wie verhaltenes Schluchzen – »Wach auf! Mich so allein ohne dich! Und kalt – so kalt.« Auch der Pa mußte frieren. Das Gesicht, das die kleine Tochter jetzt küßte, war wenigstens erschreckend kalt, und die Hände wie Eis. »Armer Pa!« sagte sie mitleidig. »Dich kalt im Schlaf, dich warm machen!« Sie holte seinen Rock und deckte ihn damit zu, schob die eine Hand unter die ärmliche Bettdecke und suchte die andre zwischen ihren dünnen, halb erstarrten Fingerchen zu erwärmen. Mit einem Mal überkam sie ein seltsames Angstgefühl und sie begann verzweifelt zu schluchzen. »Pa – mein kleiner Pa – so allein ohne dich. Aufwachen, mein kleiner Pa, will mich haben ...« Weinend und die immer steifer werdende Hand streichelnd, schlief sie endlich selbst ein. Ihre wirren Haare lagen über seinem Hals, und eine Locke fiel gerade über seine Lippen, aber kein Hauch bewegte sie. Als Jocelyn gegen Abend nach Hause kam, traf er Frau Lamb auf der Treppe. Sie wischte sich die Augen mit dem reinlichsten Zipfel ihrer Schürze. »Ach! Gott steh' uns bei! Herr Jocelyn! Da ist 'was Arges passiert, und wenn Sie nur die Güte haben wollten, hinaufzugehen und nach dem armen lieben Schäfchen von einem Kind zu sehen.« »Nach was für einem Kind?« fragte Jocelyn, in dessen Seele gerade ein neues großes Kunstwerk keimte. »Ach, die kleine Dot? Wo steckt sie denn? Was ist denn los mit ihr?« »Ach, Herr Jocelyn, die Sache ist nämlich die, daß sie ein Waislein ist,« versetzte Frau Lamb mit wehmütigem Kopfschütteln. »Ihren Vater hat's plötzlich ereilt und er liegt eiskalt und tot in seinem Bett. Und das Kind will ihn aufwecken,« fuhr sie schluchzend fort, »und zieht an seinen Augenlidern und will sie aufmachen – einen Stein müßt's erbarmen!« »Großer Gott! Haben Sie nach einem Arzt geschickt?« fragte Jocelyn nun tief erschüttert. »Freilich, freilich, er wird gleich da sein, aber das Kind von ihm wegbringen, das kann ich nicht!« Jocelyn stürmte die Treppe hinauf, und der Anblick, der sich ihm in der Dachkammer bot, haftete bedeutend länger in seinem Gedächtnis, als angenehm war. »Dot!« sagte er sanft, indem er sich bemühte, ein unbequemes Hindernis in seiner Kehle nicht zu beachten, »Komm' mit mir, Liebling, komm' in mein Zimmer, Dot. Wir haben ein gutes Feuer, und hier ist's kalt – komm'!« Aber Dot schlug nur eine Sekunde die Augen zu ihm auf, dann schmiegte sich das Köpfchen wieder an die kalte Wange des stillen Mannes. »Pa,« stöhnte sie verzweifelt, »o Pa, sie sagt, dich seist tot. Dich wärest doch nich' tot geworden, ohne deine kleine Dot vorher zu sagen – nich', Pa?« Aber Pa blieb stumm. Fünftes Kapitel. »Um's kurz zu sagen,« erklärte Jocelyn ein paar Tage später, »wenn niemand Anspruch auf sie erhebt, so hätte ich nicht übel Lust, das arme kleine Ding zu mir zu nehmen.« »Donnerwetter!« entfuhr es seinem Freund Forsyth. »Du willst sie adoptieren?« »Adoptieren oder annektieren, tauf's, wie du magst,« versetzte der Maler barsch. »Ob das gerade sehr weise wäre, weiß ich denn doch nicht,« äußerte Pennington, der eben dazu gekommen war und nun seiner Gewohnheit nach mit großen Schritten im Zimmer auf und ab ging. »Ach so,« sagte Jocelyn, der geistesabwesend auf seiner Palette die unmöglichsten blauroten Töne für die Haare seiner weiblichen Hauptgestalt mischte. »Du meinst wohl, ich sei nicht gerade dazu angethan, der unschuldigen Jugend die rechten Wege zu weisen? Nun, das mag ja so sein, aber das kleine Ding scheint nun einmal an mir zu hängen und – hol's der Kuckuck! – ich muß da irgend eine schwache Stelle im Herzen haben, denn ich hänge absonderlich an ihr. Das genügt, Millie,« setzte er, zu einer jungen Person gewendet, hinzu, die ihm als Bacchantin gut, aber teilnahmlos Modell stand. »Ich bin heute nicht zum Arbeiten aufgelegt.« Millie streckte und reckte sich ausgiebig und stieg dann mit verdrossener Miene von ihrem Modellgerüste herab. Es war ein auffallend hübsches blondes Mädchen mit schönen blauen Augen, roten Lippen und einer üppigen Gestalt. Sie schwärmte insgeheim für Jocelyn und mußte dabei mit Schmerzen erkennen, daß sie ihm nur als Werkzeug in den Sinn kam. Anfangs hatte sie den Versuch gemacht, neckisch zu sein, neuerdings benahm sie sich merkwürdig demütig und leise, und hätte er sich die Mühe gegeben, sie zu beobachten, er würde rührende Anstrengungen gewahrt haben, sich auf eine höhere sittliche Stufe zu schwingen. »Das Mädel ist fürchterlich verschossen in dich, Jocelyn,« bemerkte Forsyth, nachdem Millie gegangen war und er ein paar Minuten lang mit den Händen in den Hosentaschen und der unvermeidlichen Cigarette zwischen den Zähnen die Farbentümpel auf der Palette angestarrt hatte. »Was redest du da? Welches Mädchen? Die Millie? Pah! Unsinn! Du schreibst so viel sentimentales Gewäsch zu zwei Groschen das Wort, daß dir die Verliebtheit im Kopf spukt, mein Bester!« »Woran starb denn Dots Vater eigentlich?« fragte Pennington plötzlich. »Herzleiden oder Trunksucht oder beides,« gab Jocelyn zur Antwort. »Der Doktor sagte, glaube ich, Herzfehler – gönnen wir dem armen Teufel die anständigere Todesart.« »Wo ist denn das Kind jetzt?« »Unten, so viel ich weiß. Meine Wirtin nimmt sich ihrer an. Das arme Seelchen! Gestern wurde Fraser beerdigt, und es gelang uns nur mit Müh' und Not, sie für die Nacht aus dem Zimmer zu entfernen.« Jocelyn mußte sich mehrmals räuspern, während er sprach. Er wußte selbst nicht, wie »schwach« sein Herz war und wie sehr sich die kleine Dot an der allerschwächsten Stelle schon eingenistet hatte. Es war ja schon ein paar Wochen her, daß er sie mit dem »Nymphengel« beglückt hatte und daß seine Werkstatt durch ihre häufige Gegenwart recht belebt worden war. Mitunter kam sie zur Dämmerstunde ganz leise hereingeschlichen, um nach ihm zu sehen. War er ausgegangen, so ging sie ebenso leise wieder hinaus, war er aber zu Hause, so beteiligte sie sich an seinem Thee – Jocelyn war ein großer Theetrinker – und brachte ihn öfters herzlich zum Lachen durch ihre Urteile über Welt und Dinge. Das Bild des zerlumpten kleinen Mädchens mit der ertrunkenen Puppe war längst fertig, und als Porträt sehr gelungen, aber Dot fand es garstig und kehrte es, so oft es ihr vor Augen kam, gegen die Wand. Dem Kunsthändler hatte er's gar nicht angeboten. Im kalten Frühlingszwielicht dieses Abends saß Jocelyn eine Weile still in Gedanken. So oft er's zu verscheuchen suchte, das Bild der kalten Dachkammer, wo das kleine Gestältchen mit rotgeweinten Augen, die keine Kinderaugen mehr waren, einen Toten erwecken wollte, stieg immer wieder vor ihm auf. Was sollte denn aus diesem Häuflein Elend werden, wenn niemand kam, seine Rechte daran geltend zu machen? Im Nachlaß des Toten hatten sich keinerlei Schriftstücke vorgefunden; seine Habseligkeiten hatten kaum für die Begräbniskosten ausgereicht. Frau Lamb war sehr verstimmt darüber, denn wie sie früher schon geäußert hatte, »wenn er ihr wenig schuldig geblieben war, war's viel«, eine Heimat würde die kleine Dot bei ihr jedenfalls nicht finden. Jocelyn rückte unruhig hin und her. Ins Waisenhaus? Nein, dorthin durfte sie keinenfalls. Der Gedanke an diese Möglichkeit bestärkte ihn nur in seinem Entschluß. Ja, wenn niemand Anspruch auf sie machte, wollte er selbst sie nehmen, und jedenfalls sollte sie einstweilen bei ihm bleiben. Er warf seine Cigarette weg, legte im Kamin nach und holte sein Theegeschirr herbei, dann verließ er das Zimmer, um sich in die unteren Regionen zu begeben. Durch die halb offen stehende Küchenthür sah er Frau Lamb, über eine Bratpfanne gebeugt, am Herd stehen. »Ist das Kind bei Ihnen?« fragte er freundlich. »Nein, Herr Jocelyn, welches nicht der Fall ist, ich hätte im Gegenteil gedacht, sie wäre bei Ihnen. Sollte mich nicht wundern, wenn sie droben wäre, in was ihres armen Vaters Stube war. Dort hockt sie ja und wird sich noch den Tod holen, bei was wir für eine Kälte haben, aber ich mag sagen, was ich will.« Jocelyn drehte zerstreut an seinem Schnurrbart. »Was ich nämlich sagen wollte, Frau Lamb,« begann er plötzlich, »angenommen, daß niemand nach dem Kind fragt – Sie sagen ja, der Vater scheine weder Freunde noch Verwandte gehabt zu haben? – was gedenken Sie denn mit ihr anzufangen?« »Ja, Herr Jocelyn, darauf kann ich Ihnen nur ein Wort sagen, und das Wort heißt – Waisenhaus. Denn bei allem, was ich dem armen Wurm Gutes wünsche, bin ich ja doch nur eine arme Witfrau, die selber zusehen muß, wie sie sich durchbringt, und ein Mund weiter zum Füttern, ist halt ein Mund, wie man's auch ansehen mag und wie ich schon in früheren Zeiten immer zu meinem Seligen sagte, als ein andrer immerzu bei uns aus und ein ging – obwohl sie nun alle miteinander tot und begraben sind mit ihren seligen Eltern, Gottes Wille geschehe uns,« versetzte Frau Lamb, die sich mit Kleinigkeiten wie Logik und Sprachlehre nicht aufhielt. Jocelyn bückte sich, um die Katze zu streicheln, die sich liebebedürftig an seinen Beinen rieb. »Nun denn, Frau Lamb,« hob er mit einiger Befangenheit an, »im Grunde habe ich die Absicht, für das Kind zu sorgen. Ich – hm – ich habe sie gern, und der Gedanke, sie ins Waisenhaus zu schicken, ist mir unleidlich.« Frau Lamb streckte in einer Mischung von Erstaunen und Bewunderung beide Arme gen Himmel. »Ja, das muß ich sagen, Herr Jocelyn, Sie konnten manch einen Christenmenschen beschämen, das ist, wie ich's sage, und kein Irrtum nicht. Und ich weiß bestimmt und hoffe, daß es Ihnen auch gelohnt wird in der andern Welt, woran gar kein Zweifel nicht ist, denn er sagt's uns ja sonnenklar, daß derjenige, welcher ...« Jocelyn war so rücksichtslos diesem Lobgesang Einhalt zu gebieten, indem er Frau Lambs Rat über Einzelheiten der Ausführung seines Plans verlangte. »Ja, da wäre ja die kleine Schrankstube zwischen Ihrem Badezimmer und der Treppe,« sagte Frau Lamb überlegend. »Steht nichts darin als alte Bilderrahmen, G'staffeleien und solches Zeug, obwohl ich sagen muß, 's ist ein nettes Stübchen mit einem Fenster, wenn's rein gemacht ist.« »Da wäre ja allen geholfen,« erklärte Jocelyn erleichtert. »Sie haben wohl die Güte, das Stübchen in Ordnung zu bringen, Frau Lamb, und ich werde ein paar Möbelstücke zur Einrichtung besorgen und herschicken lassen. Glauben Sie wirklich, daß die Kleine oben ist?« »Das ist mehr gefragt, als ich weiß, Herr Jocelyn. Soll ich nachsehen?« »Nein, nein, ich gehe selbst hinauf.« In gemäßigtem Tempo erstieg er des »Daches Zinnen«. Die Kammerthüre, die er suchte, war zugeklinkt, er öffnete sie geräuschlos und unterschied im Dämmerlicht den Umriß eines schattenhaften Gestältchens, das am Fenster saß. Arme kleine Seele! Es war die Stunde, um die sie sonst auf den Pa gewartet hatte, der vom »Geschäft« heimkehren sollte. Als die Thüre leise kreischend geschlossen wurde, fuhr sie herum und flog mit einem leidenschaftlichen Aufschrei zweifelnder Freude in Jocelyns Arme. Mit totenblassem Gesicht bebte sie aber wieder zurück, er jedoch hielt sie fest und setzte sich, das Kind auf seinen Knieen haltend, auf einen Stuhl. »Ach! Dachte es wäre Pa!« stammelte sie. Dann schmiegte sie das Köpfchen in seinen Arm und brach in heiße, nicht enden wollende Thränen aus. Jocelyn sagte nichts, um sie zu trösten, hauptsächlich deshalb, weil er im Augenblick nicht sprechen konnte. Als er dann seine Wange auf die reichen Lockenhaare legte, war er nicht ganz sicher, ob seine Augen trockener seien als die des Kindes. »Dot,« sagte er leise, als die Heftigkeit des Schluchzens bei ihr nachließ, »möchtest du nicht zu mir kommen und mein kleines Mädchen sein?« Sie schüttelte ablehnend das Köpfchen. »Nein,« stieß sie erschöpft heraus. »Mich bleibe hier. Pa kommt vielleicht wieder – mich warte.« »Mein Herzenskind,« flüsterte Jocelyn in einem Ton, dessen weiche Innigkeit ihm keiner von seinen Kameraden zugetraut hätte. »Pa kommt nicht wieder. Pa ist weit fort von dir gegangen – für immer. Er ist – hm – er ist gestorben, Dot.« »Nein, nein, nicht 'storben,« kreischte das Kind nervös. Jocelyn drückte sie noch fester an sich und suchte ihr den geheimnisvollen Uebergang vom Leben zum Tod klar zu machen. Aber sie wollte nichts hören und ihn nicht verstehen, bis er schließlich sagte: »Du weißt es ja, Dot, wie einsam ich bin. Ich wäre ja so froh, ein liebes kleines Mädchen zu haben wie dich – das für mich sorgte, weißt du – mir Thee machte und derlei Dinge für mich thäte.« Dots Thränen versiegten plötzlich; der mütterliche Trieb war erweckt. »Mich will dein kleines Mädchen sein,« entschied sie sich mit matter Stimme, »aber nur bis Pa wieder kommt. Und jetzt,« setzte sie hinzu, »will mich dir Kuß geben.« Diesen Kuß redlich zu verdienen, war Jocelyns Vorsatz. Sechstes Kapitel. Vier Wochen waren seither vorüber; man schrieb den letzten März. Von Angehörigen oder Freunden des verstorbenen Fraser hatte nichts verlautet, obwohl Jocelyn die Anzeige seines Todes in den gelesensten Blättern dreimal hatte wiederholen lassen. Mit der köstlichen Erneuerungsfähigkeit des Kindes schien Dot die Bitternis ihres Verlustes verwunden zu haben, wenigstens weinte sie nicht mehr Tag und Nacht, wie sie anfangs gethan hatte. Allerdings kam es immer noch vor, daß irgend ein Gegenstand Erinnerungen wachrief, die ihr Kinderherz zum Verzweifeln brachten. Dann kam sie aber zu Jocelyn und weinte sich in seinem Arm aus, denn sie hatte ihn auf ihre ernsthafte, eigenartige Weise sehr lieb. Ohne daß sie sich darüber geäußert hätte, mußte es ihr doch irgendwie zum Bewußtsein gekommen sein, daß ihr Pa nicht mehr zurückkehren werde, denn sie sprach jetzt selten von ihm. Auf der Treppe und im Atelier hörte man häufig wieder ihr zwitscherndes Stimmchen und ihr fröhliches Lachen; sie war auch nicht mehr so mager, sah auch nicht mehr so verhärmt aus, ja sogar manchmal überraschend hübsch. Im Atelier hatte sie ihr eigenes Winkelchen, worin sie sich ganz zufrieden vom Morgen bis zum Abend aufhielt, falls Jocelyn nicht mit ihr spazieren ging. Es standen dort ein eigens für sie gekaufter kleiner Tisch und Stuhl, auch eine Fußbank mit rotem Kissen für Peter, der fett und träge zu werden begann. Das Tischchen war meist mit Puppenkleidern bedeckt, manchmal auch mit Farbenschalen und Pinseln, ein Geschenk von Forsyth, dem die kleine Person äußerst merkwürdig und ergötzlich vorkam. Er hatte ihr auch Bilderbogen zum Bemalen gegeben, eine Thätigkeit, worin sie seinem Ausspruch nach Jocelyn entschieden übertraf. Forsyth lebte in Bayswater in einer nicht eben geistesverwandten Familie, die verschiedene häßliche, äußerst tugendhafte Schwestern aufwies. Wenn er nicht an der Arbeit war, verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit in Jocelyns Atelier, wo auch Pennington häufig einkehrte, wenn er sich von seiner Arbeit erholen wollte, die Forsyth ehrfurchtslos als »Armensport« bezeichnete. Dieser Apostel bewohnte zwei armselige Stübchen in einem Dachstock des St. Karlsplatzes. Seine Einkünfte beschränkten sich auf die Zinsen des kleinen Vermögens, das ihm die Mutter hinterlassen hatte, deren abgöttisch geliebter Sohn er gewesen war. Sein Vater, mit dem er sich vor Jahren überworfen hatte, war ein reicher Mann, der seine fünfzehntausend Pfund im Jahr zu verzehren hatte, Verhältnisse, die Forsyth bekanntlich abgeschmackt fand. An diesem kalten, klaren März lag Jocelyn in außerordentlich schlechter Laune auf dem weichsten Ruhebett in seiner Werkstatt ausgestreckt. Die Ursache seiner Verstimmung war in erster Linie ein heftiger Schnupfen mit Kopfweh und Fieber, der ihn zur Arbeit untauglich machte, und in zweiter eine berufliche Widerwärtigkeit. Er hatte von einem wohlhabenden Makler den Auftrag erhalten, das Bildnis von dessen Tochter zu malen, und nun schrieb ihm Aline Tressillian (Aline Tressillian war diese betreffende Tochter und gegenwärtig Jocelyns Ideal der Weiblichkeit), daß sie für einige Zeit verreise und ihm den Tag der nächsten Sitzung noch nicht bestimmt angeben könne. Unter der Macht dieser gehäuften Uebelstände ließ er seiner bösen Laune die Zügel schießen und hatte sogar die kleine Dot schon ein paarmal rauh angelassen. Mit einer Feinfühligkeit, die sonst Kindern fremd ist, merkte sie indes wohl, daß sein Groll nicht ihr persönlich galt, sondern der Weltordnung im allgemeinen. Pa war auch oft in dieser Weise heftig gegen sie gewesen. Um drei Uhr fand sich Millie in der Werkstatt ein. Auf Jocelyns barsche Mitteilung, daß er heute nicht arbeiten könne und sie nicht brauche, erwiderte sie ziemlich sanftmütig: »Man sieht's Ihnen an, daß Sie nicht wohl sind, Herr Jocelyn. Kann ich nichts für Sie besorgen?« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe höllische Kopfschmerzen,« erwiderte er etwas erweicht, »und ich glaube, nun kommt auch noch Halsweh.« Millie ließ die Rollvorhänge herunter, kehrte den Staub vor dem Kamin zusammen und machte da und dort wohlgemeinte Ordnungsversuche im Zimmer. Dann setzte sie sich zu Dot und wollte sie auf den Schoß nehmen, aber das Kind widerstrebte heftig. »Mich kann alles für Jo thun,« erklärte sie – Jo war der Name, den sie sich mit planvoller Buchstabenersparnis für Jocelyn zurecht gemacht hatte, »ganz aus mein Kopf,« wie sie sich Pennington gegenüber rühmte – »mich kann alles machen für Jo. Kein sehr kleines Mädchen mehr. Fünf Jahre ist viel – viele Kinder erst vier oder drei. Jo mich lieb und wäre sehr einsam ohne mich.« Sie bekräftigte ihren Ausspruch durch ein bedeutsames Nicken. Millie warf einen wehmütigen Blick auf den in Frage stehenden jungen Mann. Daß er heute besonders vorteilhaft ausgesehen hätte, ließ sich gerade nicht behaupten. Er war nicht rasiert und entbehrte des Hemdkragens; seine Haare waren à la Struwelpeter frisiert und seine angeschwollenen Augenlider gerötet, aber diese Umstände machten ihn für Millie nur noch begehrenswerter und rührten ihr Herz. Sie stand auf und sagte mit gedämpfter Stimme: »Er schläft – ich will jetzt gehen. Willst du mir einen Kuß geben, Kleine?« »Nein,« entgegnete Dot bestimmt. »Mich gebe niemand Kuß außer gerade Jo.« Millie lachte hellauf. Jocelyn, der nicht geschlafen, sondern nur die brennenden Augen geschlossen hatte, machte eine ärgerliche Bewegung. Millies Anwesenheit ging ihm auf die Nerven und er wartete mit Ungeduld auf den Abschied, Als sie fort war, richtete er sich fröstelnd auf. Dot verschwand aus dem Zimmer, kehrte aber bald zurück, mit Aufwand all ihrer Kraft einen schweren, grauen Schlafrock nach sich schleppend. Jocelyn griff mit dankbarer Freude danach und hüllte sich warm ein. »Verständiges Frauenzimmerchen!« brummte er vor sich hin. »Gerade das Richtige.« Dann zog er einen Lehnstuhl vors Feuer, legte Kohlen nach und lehnte sich stöhnend zurück. Dot kam und kauerte sich neben ihm im Stuhl zusammen. »Jo!« begann sie nach einer Weile. »Nun?« machte Jo, ohne die Augen aufzuschlagen. »Ist sich Millie eine Dame?« »Hm – nein.« »Aber Fräulein T–w–illian – meine das hübsche Fräulein, wo dich und mich am Sonntag in einer schönen Stube Thee getrunken haben – die ist sich doch eine Dame?« »Gewiß.« »Wird mich eine Dame werden, wenn mich groß bin?« »Ich hoffe.« »Sind Menschen selber schuld, wenn sie nicht Dame sein?« »Dot – siehst du, ich bin schrecklich müde und das Sprechen thut mir sehr weh – im Hals.« »Mich still sein wie danz danz kleines Mäuschen – wie zwei kleine Mäuschen!« Sie stahl sich leise von ihm weg und suchte seine Pfeife und den Tabaksbeutel. Mit spitzen Fingerchen und ganz auf ihr Werk gerichteten großen Augen begann sie die Pfeife zu stopfen und – o Wunder – sie verstand's! Hatte sie doch oft genug ihrem Pa die Pfeife gestopft. Sie holte dann noch die Zündhölzchen und sagte, an Jocelyn herantretend, leise: »Vielleicht thäte dich kleiner kleiner Rauch gut.« Jocelyn schlug die schweren Lider auf. »Du bist ein lieber, kleiner Kerl,« sagte er gerührt. »Wahrhaftig, es sollte mich gar nicht wundernehmen, wenn der Tabak mich wieder auf die Beine brächte.« Dot setzte sich auf die Armlehne seines Stuhls. »Dich siehst nicht nett aus heute,« erklärte sie nach längerer schweigender Betrachtung. »Du weißt ja, daß mir's elend ist,« wandte er gekränkt ein. »Nein, das nicht weswegen. Dich hast nicht gewaschen und Kratzbürste im Gesicht und keinen Kragen und die Haare so struwelig.« Im gedrückten Bewußtsein dieser Mängel steckte Jocelyn schweigend seine Pfeife an, aber nach wenigen Zügen legte er sie weg. »Ich kann auch nicht rauchen, Dot. Ich glaube, ich will mich ins Bett legen – ich tauge doch zu nichts.« »Sehen, ob Fenster zu,« entgegnete Dot, aus dem Zimmer huschend. Als sie wiederkam, versicherte sie mit gesetzter Miene: »Alles in Bett aufgedeckt, dein Nachthemd da und alles – komm!« Sie faßte seinen Arm und trippelte, ihn stützend, mit ihm ins Schlafzimmer. Erschöpft setzte er sich auf sein Bett. »Mich zieh' dich jetzt Schuhe und Strümpfe aus,« erklärte sie, ihr Werk sofort mit berufsmäßiger Gewandtheit beginnend. »Dann zieh' dich deine Uhr auf und mich gehe hinaus, bis dich drin liegst, dann komme mich wieder.« »Komisches kleines Ding!« brummte Jocelyn vor sich hin, als er rasch die Kleider abwarf und sich mit Wonne auf seinem Lager ausstreckte, denn er fühlte sich in der That schachmatt. »Mir kommt's nach und nach ganz so vor, als ob sie mir gehörte.« Nach geraumer Zeit kratzte es an der Thüre. »Seist dich im Bett?« fragte das Stimmchen von außen. Auf seine bejahende Antwort wurde die Thüre mit Schwierigkeiten geöffnet, denn Dot hielt eine Tasse in der Hand, die sie mit größter Vorsicht trug. »O Himmel! Was wird das nun wieder sein?« brummte der Patient in sich hinein. »Siehst du, meine kleine Dot, ich mag jetzt gerade nichts nehmen ...« »Mich ganz allein gemacht,« seufzte Dot schmerzlich enttäuscht, »So herrlicher Thee für dich.« Das kleine Gesicht sah so kläglich und bekümmert zu ihm auf, daß er sich trotz allen Widerstrebens aufrichtete und den Trank verschluckte, ja sich sogar halb erdrosseln ließ mit einem wollenen Tuch, das seinen Halsschmerzen zu gute kommen sollte. »Hast dich gebetet?« fragte Dot, nachdem sie ihn von Tasse und Untertasse befreit, die Vorhänge zugezogen und ihm die Hände unter die Betttücher gesteckt hatte, damit er »schön warm« habe. »Nein,« gestand Jocelyn. »Mich will für dich beten,« sagte sie mit Entschiedenheit. Sie kniete an seinem Bett nieder, faltete andächtig die Händchen, schloß die Augen und sprach: »Lieber Gott, Jo ist heute krank und hat Beten vergessen. Aber bitte, mach' ihn deshalb doch schnell gesund, daß er viele Bilder malen kann. Amen.« Pause. Dot machte die Augen auf. »Dich mußt Amen sagen,« belehrte sie ihn, aufs schmerzlichste überrascht. »War ja dein Gebet!« Jocelyn fühlte sich sehr schuldig. »Amen,« sagte er demütig. Dot kletterte auf sein Bett, küßte ihn und ging auf den Zehenspitzen hinaus. Siebentes Kapitel. Eine sehr schöne Frau kam häufig, um dem Maler zu sitzen, in der Regel an Tagen, wo Millie nicht da war. Sie war das Modell seiner tragischen Gestalten, hatte dunkle, traurige Augen, regelmäßige Züge und nahezu klassische Arme und Schultern. Jocelyn und Forsyth nannten sie nie anders als »Sternenschein« und Dot wußte überhaupt nicht, daß sie einen andern Namen habe. Eines Tages kam sie und traf mit Millie zusammen, die sich nach Jocelyns Befinden erkundigen wollte. Sein Schnupfen hatte sich zu einer heftigen Halsentzündung entwickelt, die ihn seit vierzehn Tagen ans Bett fesselte. Dot war gerade mit Millies Botschaft in sein Schlafzimmer gegangen und kam jetzt mit wichtiger Miene zurück. »Jo sagt, er sei beinah wieder auf – auf dem Damm, sagt er, will morgen aufstehen, arbeiten am Mittwoch.« Damit zog sie sich in ihre Privatecke zurück. Sternenschein stand vor dem angefangenen Bild auf der Staffelei. Es war ein sehr verklärtes mythologisches Gemälde, aber Jocelyn hatte den »Sternenschein« fabelhaft richtig charakterisiert. Seine Begabung drängte ihn entschieden zum Bildnismaler, nur war er sich dessen unglücklicherweise nicht bewußt, sondern hielt sich für einen großen Koloristen. Als der Sternenschein so dastand in einem schwarzen Kleid von ausgesuchter Schlichtheit, wirkte Millie in ihrem billigen allermodernsten Putz doppelt »aufgetakelt«. Forsyth kam und wurde von beiden begrüßt, von jeder auf ihre Art, Millie warf ihm eine aufgeschnappte Redensart aus der neuesten Posse hin, der »Sternenschein« neigte ernsthaft das Haupt. Als die schwarze Gestalt jetzt das Zimmer verlassen wollte, kam Dot aus ihrer Ecke und faßte sie an der Hand. »Komm' – mich zeige dir meinen Nymphengel,« flüsterte sie ihr zu. Der Sternenschein ließ sich in das kleine Schlafstübchen führen, das bisher als Rumpelkammer gedient hatte, und wo jetzt der Nymphengel den Ehrenplatz auf dem Kaminsims einnahm. Dot nahm ihn ehrfürchtig und vorsichtig herunter, erging sich in begeistertem Lob seiner Schönheit und stellte ihn behutsam an seinen Platz zurück. Jetzt erst sah sie zu der schwarzgekleideten Frau auf und entdeckte, daß ihre Augen voll Thränen standen. »Willst dich zu weinen anfangen?« fragte sie ängstlich. Statt aller Antwort nahm der Sternenschein das Kind in die Arme und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus. Dot setzte sich nicht zur Wehr, wie sie sonst that, wenn jemand sie vom Boden aufheben wollte. Sie schlang sogar einen Arm um den Hals der schönen Frau und flüsterte: »Nicht weinen! Dich kriegst sonst Kopfschmerzen! Dich mußt nicht weinen!« Dann setzte sie hinzu: »Dich sollst auf den danz danz kleinen Stuhl sitzen und mich auf dein Knie.« Sternenschein setzte sich und löste den sie umschlingenden Arm ein wenig. »Du erinnerst mich,« sagte sie mühsam, »an ein andres kleines Mädchen, das ganz deine Augen hatte.« »War's dein kleines Mädchen?« »Ja – einst.« »Und wo ist's denn jetzt?« »Ich weiß es nicht.« »Ist's ve's-to'ben wie mein Pa?« »Ich weiß es nicht.« »Nicht weinen – mich will dir auch Kuß geben!« Der kleine Mund bot sich ihr vertrauensvoll dar, aber die schwarze Frau schreckte davor zurück. – »Nein, Kind – ich darf dich nicht küssen,« flüsterte sie. »Warum weil nicht?« »Weil ich bin – was die Welt eine schlechte Person nennt, kleine Dot.« Eine jähe Blutwelle färbte das schöne blasse Gesicht glühend rot. Dot überlegte sich den Fall ein Weilchen und fragte dann: »Sagt dich der liebe Gott auch eine ›slechte Person?‹« »Ich fürchte, ja – falls es einen Gott gibt,« lautete die bittere Antwort. »O ja, gibt Gott,« entgegnete Dot mit Ernst und Eifer. »Pa hat's gesagt – und Pa wohnt jetzt beim lieben Gott –«, das Stimmchen wurde ein wenig unsicher – »Pa muß wissen.« Die traurige Frau schwieg. »Jo erzählt nicht gern von Gott,« fuhr Dot weiter, »er sagt, mich bin zu klein. Und Herr Forsyth sagt, mich bin zu jung. Und Herr Pen-ning – Herr P'ington –« dieser Name kostete immer einiges Stolpern – »sagt, alle diese Sachen sind ein My-Mysterium. Was ist denn ein My-Mysterium, Fräulein Stern'schein?« »Alles und jedermann, glaube ich,« versetzte die Frau träumerisch. »Mich bin kein Myster'um,« versicherte Dot etwas beleidigt. »Und Jo ist auch nich' keins.« Der »Sternenschein« stand auf und rückte sich den einfachen schwarzen Capotehut zurecht. Ueber Dots Waschtischchen hing ein Spiegel, aber sie warf keinen Blick hinein. »Leb' wohl, kleine Dot,« sagte sie, wehmütig über des Kindes Haare streichend. »Betest du auch zuweilen?« »Alle Tage!« »Willst du manchmal auch ein Gebet sagen – für mich?« Dot nickte ernsthaft. »Will Gott schön bitten, daß er dich vergnügt macht,« versprach Dot. Ein seltsames Lächeln spielte um die Lippen der Frau. Dann nahm sie das Kind rasch noch einmal auf den Arm, setzte es fast heftig auf den Boden und ging hinaus. Dot ging wieder ins Atelier, wo Millie und Forsyth allein geblieben waren. Sie standen dicht nebeneinander vor dem Kamin, fuhren aber beim Klang ihres hellen Stimmchens auseinander. »Hast dich Millie geküßt?« fragte Dot verwundert. Millie wurde nicht rot; das hatte sie sich abgewöhnt, sie lachte nur, daß man ihre blanken Zähne blitzen sah. »Herr Forsyth hat nicht Erlaubnis, mich Kuß zu geben,« erklärte ihr Dot mit würdevoller Strenge. »Glaube nicht, daß Jo gern Leute küssen läßt in sein Attö-li-ö.« »Alle Rechte vorbehalten,« brummte Forsyth, dann setzte er hinzu: »Bist du eigentlich an mehreren Orten zugleich, Dot? Wie fängst du denn das an?« »Bin mich nicht. Kann nur an einem Ort sein auf einmal. Auch Jo kann nicht an zweite Orte sein auf einmal.« »Was, nicht einmal der allmächtige Jo?« rief Forsyth lachend. »Jetzt geh' nur hinein zu ihm und frage, ob ich ihn besuchen darf.« Dot zögerte. »Soll mich fortgeschickt werden, weil dich Millie küssen willst?« fragte sie mißtrauisch. Forsyth würdigte sie keiner Antwort, sondern nahm sie vom Boden auf und hielt sie so hoch in die Luft, als es die ansehnliche Länge seiner Arme gestattete. Er hatte das ernsthafte kleine Ding sehr gern, genoß aber ihr Vertrauen durchaus nicht in demselben Maß wie Jocelyn, nicht einmal wie Pennington. Sie zappelte und sträubte sich heftig, bis er sie wieder niedersetzte und, sie zärtlich an ihren Locken zupfend, wieder freigab. Dann ging er, Millie gleichgültig zunickend, in Jocelyns Schlafstube, wohin ihm die Krankenpflegerin, deren kleines Gesicht gerechten Unwillen verriet, auf dem Fuße folgte. Das Zimmer war behaglich erwärmt und der Leidende ruhte wohlig in einem Nest von Kissen, seine Pfeife und einen neuen Roman genießend. »Nun, altes Haus, wie steht's und geht's?« fragte Forsyth, sich aufs Bett setzend. »Siehst ja prächtig aus – ich glaube, dir fehlt rein gar nichts!« »Heute geht's auch wieder,« erwiderte Jocelyn, sich mit Ergebung darein findend, daß ihm Dot den Teppich bis unters Kinn schob und seine Kissen zu einem Gebirge auftürmte. »Er hat sich Millie geküßt in deinem Attö-li-ö,« bemerkte sie, den Missethäter mit einem entrüsteten Seitenblick streifend. »Was du doch für ein Geselle bist, Forsyth,« sagte Jocelyn träge. »Ich glaube, es ist dir geradezu unmöglich, fünf Minuten mit einem weiblichen Wesen allein zu sein, ohne eine Liebelei anzubändeln!« »Was ist Liebelei anbän'den?« fragte Dot, die jetzt auf Jocelyns oberstem Kopfkissen thronte und seine Haare glatt strich. »Ist's bös?« »Mädel, du bringst mich noch um mit deinen Fragen!« rief Forsyth. »Ist's bös?« wiederholte sie hartnäckig. »Es ist bös, wenn ich's thue – wenn's Jocelyn thut, nicht,« lautete Forsyths lachend gegebener Bescheid. Dot beugte sich zärtlich über Jos Gesicht herunter und er lächelte ihr zu, wie ihn außer Dot noch niemand hatte lächeln sehen. »Du hast eine Stubenfarbe, Maus,« sagte er. »Bist ja auch so lange nicht in der Luft gewesen – sag' einmal, Forsyth, würdest du nicht mit ihr spazieren gehen? Du scheinst ja für heute Schicht gemacht zu haben, sonst wärst du nicht hier – thu' mir den Gefallen!« »Mein Kopf hat die Arbeit eingestellt – ich bin wieder einmal rein fertig,« erwiderte Forsyth erschöpft, um gleich darauf hinzuzusetzen: »Nun, Maus, willst du mir die Ehre erweisen, mit mir spazieren zu gehen, oder bin ich immer noch in Ungnade?« »Mich thun, was Jo haben will,« versetzte die Kleine ernsthaft. »So lauf' und zieh' dich an,« sagte Jocelyn, die Frage in ihren Augen beantwortend. »Mein neues Kleid?« fragte sie, langsam vom Bett herunterkletternd. »Versteht sich!« Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand Forsyth auf und reckte die langen Glieder. »Für einen guten Kerl hab' ich mich von jeher gehalten,« brummte er, »aber daß ich je Gastrollen als Kindermädchen geben würde, hätt' ich mir doch nicht zugetraut.« Nach einer Weile warf er mit einem großen Aufwand fast krampfhafter Gleichgültigkeit die Frage hin: »Hast du Fräulein Tressillian in letzter Zeit gesehen?« »Nein,« lautete die kurze Antwort. Die große Stille, die darauf eintrat, wurde durch Dot unterbrochen, die in aller Pracht und Herrlichkeit des »neuen Kleids« hereinsegelte. Es war ein etwas ungewöhnlicher, sehr niedlicher roter Anzug, dessen Schnitt Jocelyn eigens für sie entworfen hatte. »Donnerwetter! Was für ein Prinzeßchen!« rief Forsyth, die Augen mit der Hand beschattend, als ob der Glanz ihn blendete. »Ja, Dot, da muß ich wohl eilends heimlaufen und mich auch in meinen Bratenrock werfen?« »Ist sich nich' nötig,« versetzte sie mit einem Ausdruck nachsichtiger Ueberlegenheit, der die beiden Freunde höchlich ergötzte. »Mich denke, Leute werden dich vielleicht nicht ansehen.« Achtes Kapitel. »Nun, wohin lenken wir unsre Schritte?« fragte Forsyth, als das Paar würdevoll die Straße entlang ging. »Park,« lautete die entschiedene Antwort. »Möchtest du nicht lieber Läden und derlei Sachen besehen?« schlug Forsyth vor. »Nein, Park.« »Es ist aber sehr weit zum Park!« wagte Forsyth gegen diesen Plan einzuwenden. »Mich will hin! Mich will gar nirgends sonst hin als Park!« Damit blieb sie stehen und sah zu ihm auf; in ihren Augen funkelten Zornesthränen. »Gut, gut – da kommt ja gerade ein Omnibus.« Zu Dots großer Befriedigung konnten sie die Vordersitze auf dem Verdeck einnehmen. »Mich thue, als ob's ein Wagen wäre – meine Ek-Eklipa-sche,« vertraute sie ihrem Beschützer an. »Wenn mich nur Peter mitgenommen hätte!« seufzte sie nach einer Weile. »Dem Himmel sei Dank, daß dir das nicht früher eingefallen ist,« entfuhr es dem unvorsichtigen Forsyth, der aber gleich hinzufügte: »Weißt du, ich glaube nämlich, Peter hätte kein Vergnügen dabei.« »Peter hätte Vi'gnügen.« Dann aber war Peter vergessen, und das kleine Plappermäulchen erging sich bis zum Parkeingang in Bemerkungen über Welt und Dinge im allgemeinen. »Mich kenne hübschen Platz,« sagte Dot, Forsyth an der Hand nehmend und den Weg nach einem von Jocelyns Lieblingspunkten einschlagend. Es war ein milder Frühlingstag, und die knospenden Zweige hoben sich wie zartes Netzwerk vom dunstigen mattblauen Himmel ab. Ein lauer Wind spielte mit Dots Haaren und brachte dem blassen Gesichtchen ein wenig Farbe. Endlich geruhte Dot, ihre Schritte wieder heimwärts zu lenken, und jetzt ereignete sich etwas, worin Forsyth die Bestätigung dafür erblickte, daß Tugend ihren Lohn finden müsse. Raschen Schrittes kam ihnen, aus einem Querweg einbiegend, eine junge Dame entgegen, eine sehr hübsche junge Dame, wie man beim Näherkommen deutlich sehen konnte. Forsyths Gesicht färbte sich ein wenig tiefer, als Dot ihm laut zurief: »Das ist Fräulein T'w-illian!« »Ach, Herr Forsyth, Sie sind's?« sagte die Begegnende mit einer frischen, fröhlichen Stimme. »Wie köstlich Sie sich in dieser väterlichen Rolle ausnehmen! Was machst du denn, kleine Dot?« »Mich bin sehr wohl,« erwiderte Dot ernsthaft, ihr winziges Händchen zur Begrüßung bietend. »Herr Forsyth führt mich spazieren.« »Das heißt, in Wirklichkeit führt Fräulein Dot Fraser mich spazieren,« bemerkte der geliehene Vater. »Gehen Sie nach dieser Richtung? Dürfen wir uns anschließen?« »Natürlich – Sie haben sich ja eine Ewigkeit nicht blicken lassen, Herr Forsyth. Mein Vater und ich sprachen erst gestern von Ihnen. Weshalb kommen Sie gar nicht mehr des Sonntags?« »Hm – Sie waren ja verreist ...« »Acht oder zehn Tage! Und Sie waren nicht mehr bei uns – ach! seit Monaten!« »Ich weiß es,« sagte er kurz. Dot lief voraus, denn sie hatte sich rasch mit dem kleinen schottischen Terrier befreundet, der Fräulein Tressillian meist auf ihren Spaziergängen begleitete. »Sie haben mir recht gefehlt,« fuhr die junge Dame fort, indem sie unterm Schatten der wundervollen dunklen Wimpern zu ihrem Begleiter aufsah. Sie war wirklich sehr hübsch, von jener kindlichen, verführerischen, etwas katzenhaften Schönheit, die Männer besonders anzieht. Forsyth war nicht in sie verliebt – noch nicht, aber er trieb sich, ohne es selbst zu wissen, schon länger an der Grenze dieser süßen Thorheit herum. Er hatte so oft in der ihm eigenen planlosen, zufälligen Weise mit der Liebe gespielt, daß ihm die Erkenntnis der ernsten Gefahr abhanden gekommen war. Einer seiner Freunde hatte einmal geäußert, Forsyth liebe die Weiblichkeit in mannigfacher Gestalt, und diese Bezeichnung seines wandelbaren Gemütszustandes war vielleicht so richtig und wohlwollend als eine andre. »Kommen Sie doch nächsten Sonntag,« sagte Fräulein Tressillian nach einer Weile. »Mit Vergnügen,« erwiderte er, »falls mir's möglich ist.« »Wenn ich einen Herrn auffordere, mich zu besuchen, Herr Forsyth, so erwarte ich ihn, ob's ihm möglich ist oder nicht!« »Ist das nicht etwas unlogisch?« fragte er dagegen. »Ich bin ein Weib und brauche also nichts von Logik zu wissen.« »Oho! Ich glaubte, die heutigen Frauen thäten sich gerade darauf besonders viel zu gute?« »Dann bin ich eben eine gestrige Frau oder vielleicht die ›Frau der Zukunft‹. Bei Licht besehen bin ich jedenfalls alles eher als ›weiblich‹, das heißt, ich habe keine der edlen, sanften, sich selbst verleugnenden Tugenden, die mit peinlicher Deutlichkeit im Weib hervortreten sollen – Weib gesperrt gedruckt und in dem Sinn, wie sich's unsre Großväter dachten.« »Und mir kommen Sie gerade potenziert weiblich vor,« wandte Forsyth ein, ohne ihr ins Gesicht zu sehen. »Ach – Sie sind ein Mann und deshalb voreingenommen zu meinen Gunsten, weil ich hübsch bin! Man ist immer geneigt, den Edelstein nach der Fassung zu schätzen, die ist aber ein trügerisches Merkmal, denn mitunter ist der Stein – ein Kiesel, manchmal ist die Fassung auch einfach leer! Bei Schmuck fällt mir ein – kommen Sie zu Frau Willis Gesellschaft?« »Ich glaube nicht – ich weiß gar nichts davon. Wann soll sie denn stattfinden?« »Der Tag ist noch nicht festgesetzt – das kommt, wie Sie wissen, auf Maurice de Lisle an. Erst muß sie seiner habhaft werden, dann werden die andern Gäste als Gruppe um ihn her eingeladen. Er ist die Sonne ihres Kreises, um den sich alle Sterne drehen müssen!« »Und ist das zuträglich für Maurice de Lisle?« »Ach! Er merkt's gar nicht. Maurice de Lisle gehört zu den Männern, die nichts bemerken.« »Also ein Esel, nicht wahr?« warf Forsyth zerstreut hin. »Nein, er ist im Grunde ein reizender Mensch.« entgegnete Fräulein Tressillian. »Er könnte wenigstens ein ganz reizender Mensch sein, wenn – wenn er ein wenig anders wäre. Aber darauf kommt's schließlich nicht an. Die meisten unsrer Freunde müßten ja gründlich umgearbeitet werden, um das zu sein, was wir von ihnen erwarten – finden Sie nicht auch?« »Mitunter, ja,« stimmte Forsyth mit geringem Geistesaufwand bei. Er war innerlich rasend im Bewußtsein, in dieser Unterhaltung so gar keine glänzende Rolle zu spielen. Wie es kam, verstand er selbst nicht, aber die Zungenfertigkeit und der leichte Witz, die ihm sonst im Verkehr mit Frauen zu Gebot standen, ließen ihn unfehlbar im Stich, so oft er mit Fräulein Tressillian zusammentraf. Ihr gegenüber ließ er immer die Maske tändelnder Heiterkeit fallen, die ihm sonst in Gesellschaft den Kern seines Wesens verhüllen half, er fühlte sich innerlich genötigt, ganz nur er selbst zu sein, denn er hatte dunkel und unklar die Empfindung, daß eine Beleidigung für ihre einzige Persönlichkeit darin läge, wollte er verbrauchte, leere und unaufrichtige Redensarten für sie aufwärmen. Daher kam es, daß ihm in ihrer Nähe die Zunge so oft gebunden war. Sie selbst, das kluge Hexlein, wußte in diesen Erscheinungen Bescheid und spielte die Rolle der sprichwörtlichen Spinne. Irgend jemand hat irgendwo sehr richtig bemerkt: »Der Anblick eines gescheidten Menschen, der Dummheiten macht, hat unleugbar einen fesselnden Reiz.« Daß Forsyth ein gescheidter Mensch war, darüber gab es keinen Zweifel, man durfte sich also mit Recht der Hoffnung hingeben, ihn gründlich Dummheiten machen zu sehen. Dot und der Terrier kehrten im Wettlauf zu ihren Angehörigen zurück. »Mich möchte Thee haben,« sagte Dot einschmeichelnd. »Wir wollen alle miteinander Thee trinken, ich lechze auch danach,« erklärte Fräulein Tressillian. Gehen wir in die kleine französische Konditorei an der Königinstraße, Herr Forsyth – die Kuchen dort sind traumhaft!« Dot trottelte von Zweifeln gequält an der Seite des Terriers hinter dem voranschreitenden Paar her – »traumhafte« Kuchen sagten ihrer jugendlichen Vorstellung gar nicht zu. Neuntes Kapitel. Es war acht Tage später, Jocelyn war wieder im Vollbesitz seiner Kräfte und hatte Fräulein Tressillians Bildnis in vielversprechender Weise angefangen. Selbstverständlich erschienen weder Millie, noch der »Sternenschein« zu der Zeit, wo seine Gottheit ihm saß, und die Gegenwart einer ältlichen Anverwandten dieser Göttin sollte dazu dienen, den Anstand zu wahren und alles in friedlichem Geleise zu erhalten. Nun geschah es aber, daß Fräulein Tressillian um diese Zeit anfing, ein bedenklich lebhaftes Interesse an ihrem Maler zu nehmen. Sie war der Ansicht, daß er, von Natur kühl, wenig erregbar und voll Selbstbeherrschung, im Fall eines bouleversement gerade dieser Eigenschaften Gelegenheit zu besonders fesselnden psychologischen Studien bieten würde. Es fehlte ihr nicht an Erfahrung in Beziehung auf Art und Wesen der Männer, und diese boten ihr einen unerschöpflichen, anregenden Gegenstand des Studiums. Sie wußte, daß sie heute so schön aussah, als es ihr verliehen war, und ihre Schönheit bildete fortwährend die Wonne ihres Herzens. Ihr war die wirkliche Eitelkeit, die sich selbst verkleinert, die beste Gottesgabe für Frauen, völlig fremd, sie bewunderte sich selbst ehrlich und machte kein Hehl daraus. Unter allen Vorzügen ihrer Erscheinung war vielleicht die Haut der größte. Diese glatte, feinporige Haut hätte einem kleinen Kind angehören können, und doch hatte Aline Tressillian schon fünfundzwanzig Jahre an sich vorüberziehen lassen. »Wie lang bin ich jetzt schon hier, Herr Jocelyn?« fragte sie plötzlich. »Der Uhr nach genau eine halbe Stunde,« gab er zur Antwort. Sie gähnte. »Ich bin müde,« erklärte sie, »und überdies möchte ich jetzt das Bild ansehen.« »Mir wäre es lieber, wenn Sie's gerade jetzt nicht ansehen wollten,« wandte er ein. Sie schenkte dieser Bitte keine Beachtung, sondern trat dicht neben ihn vor die Staffelei. »Oh!« Ihr Gesicht und der Klang ihrer Stimme drückten eine nicht mißzuverstehende peinliche Ueberraschung aus. »Keine Spur von Aehnlichkeit!« sagte sie schließlich. »Die Dame hier ist geradezu häßlich....« Unwillkürlich warf sie einen Blick in den gegenüber hängenden alten venetianischen Spiegel, und dieser Blick sagte mehr als Worte. »Ich gebe zu, daß die Schwierigkeit, dem Original gerecht zu werden, groß ist,« bemerkte Jocelyn. »Uebrigens ist das Bild eben erst untermalt – ich bat Sie ja, es jetzt nicht anzusehen.« »Und das Haar!« krittelte die gekränkte Schönheit weiter. »Das ist ja abscheulich! Komm' doch einmal her, Tante, und sage, was du davon hältst.« Das ältere Fräulein Tressillian sprach sich dahin aus, das Bild sei vielversprechend, aber noch ganz skizzenhaft, und kehrte gelassen zu ihrem Strickzeug zurück. Jocelyn sagte gar nichts, sondern säuberte seine Pinsel. Fräulein Aline stellte sich vor den Kamin und biß sich ärgerlich auf die Lippen. In ihrem entlegenen Eckchen war Dot mit glühendem Eifer beschäftigt, Seifenblasen zu machen. Dieses Spiel war ihre höchste Wonne, und Jocelyn gestattete ihr nur ein- oder zweimal in der Woche, sich daran zu ergötzen. Jetzt bemerkte sie, daß die Sitzung durch das Modell aufgehoben war, und stand mit einem wehmütigen Blick auf ihre Schüssel mit Seifenwasser, das eben jetzt erst den richtigen Grad von Schaumigkeit erreicht hatte, von ihrem Stühlchen auf, um für den Theetisch zu sorgen. Pflichtbewußt trottelte sie ins Nebenzimmer, denn sie war ja ein kluges Frauenzimmerchen und die geborene Hausfrau. Fräulein Tressillian wanderte indes in ihre Spielecke und ergriff das Thonröhrchen. »Seifenblasen!« rief sie mit Entzücken und ganz kindlichem Auflachen. »Das war einst meine höchste Seligkeit! Ob ich's noch kann?« Jocelyn folgte ihren Bewegungen mit Spannung. Aline Tressillian hatte die Eigenschaft, alles, was sie vornahm, mit Aufwand ihrer sämtlichen Fähigkeiten und Kräfte zu betreiben, und so machte es jetzt den Eindruck, als ob ihr Leben vom Gelingen einer Seifenblase abhinge. Und die feuchtschimmernde Kugel wuchs und schwoll an, und wundersame Farbenspiele wechselten auf ihrer bebenden Oberfläche. Ganz langsam entfaltete sie sich, größer und größer, und Jocelyn starrte, wie von einem Banne gefesselt, darauf hin. Er hatte das Gefühl, in Schlaf versunken zu sein, und in diesem schimmernden Glanz, diesen wechselnden Farben wie in einem Traumgesicht das Bild seines halb bewußten Strebens, seiner verschwommenen Ziele zu erblicken. In den schimmernden Wellen strahlenden Scharlachrots, worein sich jetzt flüssiges Gold mengte, um leuchtendem Grün und stechendem Blau zu weichen, die sich alsbald zu wunderbarem Violett mischten, tauchten kühne, übermenschliche Möglichkeiten so verwirrend, berauschend vor ihm auf, daß sein Herz stürmisch pochte. Und immer noch schwoll das leuchtende Gebilde, es war, als ob sein Wachstum nicht enden wollte. Die kleine Dot stand unter der Thüre und starrte, den Atem anhaltend, auf diese Seifenblase, deren Farben sich zu vertiefen, zu vervielfältigen, an Leuchtkraft zu gewinnen schienen. Auf zartes Blaugrün fiel ein Sonnenstrahl und tauchte es in goldene Flut, dann ein Hauch frischen, leidenschaftlichen Rosenrots, und – alles war zu Ende. Statt auf die luftige Kugel starrte Jocelyn in Aline Tressillians Augen, deren Glanz durch verhaltene Erregung reicher, tiefer erschien als sonst. Wie von Zaubermacht angezogen, war Jocelyn ihr so nah getreten, daß er in den durch tiefes Atmen erweiterten Pupillen sein eigenes Spiegelbild unterscheiden konnte. »Was das für wunderschöne war!« rief Dot fassungslos vor Entzücken, aber mit gedämpfter Stimme. »O, Jo, die war ja wie der Himmel!« Aline wollte eine neue Blase machen, aber sie zerbarst plötzlich, es war kaum ein blasser Abglanz jener ersten. Die dritte wuchs, war aber schwer und farblos. »Ach! Keine kommt der ersten gleich!« bemerkte Aline enttäuscht, indem sie der kleinen Dot die Thonröhre reichte. »Ich will's lassen.« »Der Anfang ist immer zauberisch,« sagte Jocelyn halblaut vor sich hin, »aber der Zauber läßt nach – er führt nicht zum Ziel.« »Aber, Herr Jocelyn! Sie sehen ja aus, als ob Ihnen schwindelte!« sagte Aline schelmisch, die Spitzen ihrer blendend weißen Zähnchen zeigend. »Finden Sie?« erwiderte er nachdenklich. »Ja, ja, Seifenblasen erregen Schwindel.« »Ihre Augen haben einen Blick, als ob sie – Traumgesichte gesehen hätten.« »Vielleicht war's so – –« »Was sahen Sie denn?« Er blickte ihr tief in die Augen, sprach aber nicht. »Was haben Sie gesehen?« wiederholte sie weicher und leiser. »Ich sah,« versetzte er flüsternd, »ich sah – was sein könnte.« »Wäre ich ein Mann,« warf sie mit funkelndem Blick hin, »so müßte mir sein, was sein ›könnte‹ –« Auch in seinem Blick leuchtete es auf, und diese Glut verwandelte sein Gesicht so vollständig, wie nur kühle, gleichgültige Gesichter durch innere Erregung verwandelt werden. »Wenn Sie wüßten ...« war alles, was er mit unsicher klingender Stimme sagte. Ein seltsamer Blick, aufzüngelnd wie ein Blitz, zuckte unter den dichten Wimpern hervor. Das kalte Nordlicht des Ateliers fiel stark auf ihre reine Haut und wies die Tadellosigkeit in Farbe und Gewebe. Jocelyn atmete heftig. Sie sah ihm jetzt geradeaus in die Augen, und dabei stieg langsam eine feine Röte in ihre Wangen. Dann senkte sie den Blick, und ihr eigenes Herz pochte unbequem. Diese Erfahrung war ihr ganz neu. »Meine Liebe,« erklang die etwas schrille Stimme der Tante, »wir müssen aufbrechen.« Daraufhin erinnerte sich Jocelyn seiner Hausherrnpflichten und reichte den Damen Thee und Kuchen. Als die Gaste gegangen waren, saß er lange Zeit schweigend, in sich versunken. Dot hatte das Theegeschirr in einzelnen, ihrer Kraft entsprechenden Abteilungen hinausgetragen, die Asche vor dem Kamin weggekehrt und das Feuer geschürt, und er hatte sich noch nicht von der Stelle gerührt. Sie ging jetzt zu ihm hin und schob ihre kleine Hand leise in die seinige. Zärtlicher noch als sonst hob er sie auf sein Knie. »Mein Hausmütterchen!« sagte er, die reichen Locken streichelnd. »Jo,« flüsterte sie nach einer Weile. »Ja, mein Liebling.« »Liebst dich Fräulein T'willian?« Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, aber er lachte unbefangen. »Wie kommst du darauf, Maus?« »O – weil – weil dich sie so angesehen hast.« »Man sieht doch etwas Hübsches gern an!« »Ja,« stimmte Dot bei. »Ihr Gesicht ist beinah fast so hübsch wie mein Nymphengel. Aber nicht immer – einmal war sehr bös, weil mich auf ihr schönes Kleid getreten hatte, und da hat sie ganz garstig ausgesehen.« »Kein Mensch sieht hübsch aus, wenn er ärgerlich ist, kleine Dot!« »Doch, dich,« entgegnete sie sachverständig. »Dich siehst nicht freundlich aus, aber hübsch. Aber sehr wenig oft bist böse auf mich, Jo.« »Sehr wenig oft,« versicherte er lachend, indem er das ernsthaft zu ihm aufblickende Kindergesicht küßte. Zehntes Kapitel. Einige Zeit darauf gab Jocelyn ein Abendessen. In feinen Gesellschaften wuchs die Heiterkeit häufig bis zum Ueberschäumen an. Wenn der Lärm dann etwas toll wurde, pflegte Frau Lamb unten sich kopfschüttelnd zu Bett zu legen und öfter mißbilligend vor sich hin zu brummen: »Nun, aber – aber – aber!« Sie erhob jedoch nie Einsprache, denn Jocelyn war ein pünktlich zahlender Mieter, der nie Ungelegenheiten machte. Als die Festlichkeit zu vorgeschrittener Stunde ihren Höhepunkt erreicht hatte, flog die Thür auf und Dot, deren Schlummer nur durch eine dünne Zwischenwand vor den lärmenden Zechgenossen bewahrt wurde, stürzte in einem lang nachschleppenden Schlafrock aus rotem Flanell ins Zimmer. Sie lief geradeswegs auf Jocelyn zu und legte ihr Köpfchen auf sein Knie. »So Angst gehabt,« stieß sie schluchzend heraus. »Schrecklichen abscheulichen S-pek'akel gehört. Dachte, wolle jemand rauben mich ...« Damit brach sie in leidenschaftliches Weinen aus, und Jocelyns Versuche, sie zu beschwichtigen, waren lange vergebens. »Wir haben auch einen Höllenlärm vollführt,« bemerkte Forsyth, der selbst sein redliches Teil dazu beigetragen hatte und Stimmführer im Rundgesang gewesen war. »Das arme Seelchen! Eine rechte Schande für uns!« »Und es ist auch spät – oder vielmehr früh,« gestand ein andrer mit einem mitleidigen Blick auf die von Schluchzen erschütterte kleine Gestalt. »In ein paar Minuten drei Uhr.« »Dann hebt euch insgesamt von hinnen,« erklärte Jocelyn, das Kind auf sein Knie setzend. »Als Familienvater ist's für mich ohnedies am Platz, diese nächtlichen Orgien aufzugeben.« Als sich alle bis auf Forsyth entfernt hatten, streckte Dot ihr Köpfchen unter Jocelyns Rockklappe hervor, hinter der sie sich während des Abschieds der Herren versteckt gehalten hatte. Sie setzte sich aufrecht hin und rieb schläfrig die nassen Augen. »Was ist Orgien?« fragte sie mit einem drolligen letzten Aufschluchzen. Forsyth lachte hell auf. »Mag nicht, daß Leute lachen,« rief sie wütend. »Zeit, daß dich heimgehst in dein Bett!« »Ganz richtig, Dot,« sagte Jocelyn. »Namentlich aber wär's an der Zeit, daß du ins Bett gingest! Mach, daß du fortkommst – sei ein artiger kleiner Schneck.« Sie trippelte gehorsam hinaus, die Schleppe würdig nach sich ziehend. Als sie sich unter der Thür noch einmal umdrehte, um Jocelyn eine Kußhand zuzuwerfen, kam es beiden Männern zum Bewußtsein, wie wenig das unschuldige junge Gesichtchen in diese dunstige, von dichtem Rauch erfüllte Luft tauge, in diesen Raum, der das Bild rohen Uebermuts erweckte. In Jocelyn stieg ein Ekel vor sich selbst auf, und er hätte viel darum gegeben, wenn »sein Kind« ihn nicht in dieser Verfassung gesehen hätte. Als auch Forsyth sich verabschiedet hatte, goß er sich ein großes Glas Sodawasser ein, warf sich in einen Lehnstuhl und verharrte längere Zeit in tiefem Nachdenken. Der Schein der Lampen fiel – wie ihm jetzt dünkte – höhnisch auf die funkelnagelneuen Goldrahmen der drei Bilder, die von den Schiedsrichtern in Burlington ihrer Wände für unwürdig erachtet worden waren. Es war das dritte Jahr des Mißerfolges, und diese Frühjahrserscheinung der Zurückweisung ward allmählich doch zum wunden Punkt bei Jocelyn. Mit einem plötzlichen »Aufrappeln« zog er einen Brief aus der Tasche und las ihn aufmerksam durch. Die Verfasserin war Aline Tressillian, die ihn darin bat, am nächsten Sonntag zum Thee zu kommen und die kleine Dot mitzubringen. Er las ihn ohne sonderliches Entzücken – ein Sonntagnachmittag am Ladbrokeplatz, das bedeutete so viel, als Fräulein Tressillians Gesellschaft mit einem halben Dutzend andrer Herren teilen, die in der Unterhaltung eine größere Rolle spielen würden als er. Nichtsdestoweniger sah er ganz genau voraus, daß er hingehen werde, und diese Wahrscheinlichkeit veranlaßte ihn, seine eigene Thorheit laut zu verwünschen, worauf er sein Sodawasser austrank und zu Bett ging. Am andern Tag zur Dämmerstunde kam Pennington. Jocelyn war allein und nützte das letzte Tageslicht aus, um Aline Tressillians jetzt nahezu vollendetes Porträt prüfend zu betrachten. Glücklicherweise hatte der Vater bestimmt, daß es die Wände der Akademie nicht zieren dürfe, und so war der Maler in der Lage, liebevoll daran zu tüfteln. Dot war unten, denn heute war Frau Lambs Backtag, und das kleine Hausmütterchen war eifrig bestrebt, in verschiedene Geheimnisse der Kochkunst einzudringen, um wie sie sagte, »fertig« zu sein, wenn sie erwachsen sei. »Du siehst gedrückt aus, mein Alter,« bemerkte Jocelyn, seinen Freund betrachtend. »Hast du Widerwärtigkeiten?« Der andre nickte. »Mir schwante so etwas, als du gestern abend nicht kamst,« sagte Jocelyn. Pennington durchmaß das Zimmer ein paarmal mit langen Schritten, setzte sich dann vor den Kamin und legte den Kopf in die Hände. Jocelyn zog sich einen großen Schaukelstuhl herbei und holte seine Pfeife. Er steckte sie jedoch nicht an, sondern legte sie gleich wieder beiseite, um seinen Gast mit teilnehmender Spannung zu betrachten. Plötzlich sagte Pennington: »Ich bin in einer furchtbaren Lage.« »Das sah ich dir an. Was ist dir widerfahren? Handelt sich's um ein Weib?« »Ja.« »Wahrhaftig? Ich hatte dich für ›weiberfest‹ gehalten!« »Es handelt sich,« stieß Pennington tief aufatmend heraus, »um meine Frau.« Grenzenloses Erstaunen sprach aus Jocelyns Blick. »Ich nehme an,« sagte er, nach einiger Zeit seine Starrheit abschüttelnd, »daß du – daß du keine schlechten Witze machst.« »Seh' ich aus, als ob mir nach Witzen zu Mut wäre?« warf Pennington fast barsch hin. Er stand auf und stürmte wieder einmal im Zimmer auf und ab. »Seit Montag renne ich so in London umher,« sagte er dann, »seit Montag – bei Tag und bei Nacht. Heute haben wir Freitag, nicht wahr? Ich glaube, ich werde wahnsinnig –« »Seit wann bist du denn verheiratet?« fragte Jocelyn mit beschwichtigender Ruhe. »Ich habe mit einundzwanzig Jahren geheiratet – jetzt bin ich dreißig – also neun Jahre. Großer Gott!« »So, so. Da hast du ja keine Zeit verloren. Und weshalb hast du deine Heirat geheim gehalten?« »Weil sie es durchaus so haben wollte. Ihre Gründe dafür kenne ich bis auf den heutigen Tag nicht. – Sie war wunderschön,« fuhr er nach einer Weile fort. »Ich sah nie ein Weib, das sich mit ihr an Schönheit hätte messen können – so, wie sie einst war. Zehn Jahre war sie älter als ich. Damals bemerkte man's kaum –« Er brach ab. Eine Mischung von Reue, Mitleid und Ekel durchwühlte seine Züge förmlich. Jocelyn sagte gar nichts. Er war ein Meister im Zuhören. Selten geschah's, daß er viel sprach, aber immer wußte er teilnehmend, verständnisvoll zuzuhören. »Drei Monate etwa – es mag auch kürzer gedauert haben, länger währte es gewiß nicht –,« fuhr Pennington, langsam und mühsam redend, fort, »war ich glücklich, fieberhaft, wahnsinnig glücklich. Mit Leib und Seele war ich ihr zu eigen. Ich sage dir, ich hätte alles – alles gethan, wenn mich's diese Frau geheißen hätte. Alles gab ich auf um ihretwillen. Ich ging nirgends mehr hin. Unter ›leben‹ begriff ich nichts andres mehr, als bei ihr zu sein, ihre Nähe zu fühlen. Sie hatte mich im Bann. Mein ganzes Dasein ging in ihr auf. Ich betete sie an, ich vergötterte sie und – empfing meinen Lohn wie die meisten Götzendiener.« »Vor neun Jahren!« überlegte sich Jocelyn, als der andre innehielt, um mit zitternder Hand seine Stirne zu betasten, »Das muß also gewesen sein, während ich in Paris war. Wollte Gott, ich wäre hier gewesen und hätte mich nach dir umsehen können – vielleicht würde ich dich gerettet haben.« »Pah – mich hätte nichts und niemand retten können! Wer ein Wort gegen sie gesagt hätte, den würde ich erdrosselt haben, dich so gut als jeden andern! Ja – ich glaube, du warst damals in Paris, bedacht hab' ich's nie, denn ich hatte ja rein vergessen, daß es außer ihr und mir überhaupt noch Menschen gab. Gott, mein Gott! Was für ein Narr ich war!« »Es scheint so,« bemerkte Jocelyn trocken. »Aber was führte denn den Krach deines Glückswahnes herbei? Denn ein Krach muß ja wohl stattgefunden haben? So setze dich doch, Mann! Du hast dir ja in den letzten Tagen offenbar Bewegung genug gemacht.« »Was ihn veranlaßte?« wiederholte Pennington, schwerfällig in einen Lehnstuhl sinkend. »O, nichts Besonderes – aber siehst du, ich hatte eben nie daran gedacht, daß mir so etwas widerfahren könnte. Es mag so gegen das Ende des dritten Verzückungsmonats gewesen sein, als ich die Entdeckung machte, daß – daß meine Frau eine Morphinistin war. Ich bring's auch heute noch nicht recht fertig, darüber zu sprechen. Das Entsetzen hat mich nahezu das Leben gekostet – aber nicht meine Liebe – anfangs wenigstens nicht. Es ist mir fast, als ob ich sie in der ersten Zeit hernach noch mehr geliebt hätte – ich hatte ja so namenloses Mitleid mit ihr. Und dann – sie muß sich ja in diesen ersten paar Monaten einen furchtbaren Zwang auferlegt haben – wenigstens – aber jetzt ließ sie sich gehen – o mein Gott!« In diesen letzten Worten lag eine Tragödie. Jocelyn schwieg; sagen ließ sich ja nichts. Das Zimmer war so dunkel, daß er Penningtons Züge kaum unterscheiden konnte, und er fühlte, mehr als er es sah, daß der Freund einem Gespenst glich. »Ekel, täglich verschluckt und tüchtig eingerieben, scheint indes ein sehr wirksames Mittel gegen die Liebe zu sein,« kam es dumpf und tonlos von Penningtons Seite her. »Die meinige hatte zwar ein zähes Leben, aber sie ging doch daran zu Grunde. Mit der Zeit verwandelte sie sich in unbedingten Haß. Erlaß mir die Beschreibung des Vorgangs, ich bitte dich! Zwei ganze Jahre lang bestand mein Leben aus ununterbrochenen Qualen und Demütigungen, dann verließ sie mich. Großer Gott! Mir war zu Mut wie einem Menschen, der lebendig begraben und wieder ans Licht gebracht worden ist. Monate lebte ich in krankhafter Angst, sie könnte wieder kommen, doch nach und nach wurde ich ruhiger, und allmählich hoffte ich, sie werde gestorben sein. Wenn inbrünstiges Gebet erhört wird, mußte sie tot sein.« »Und jetzt?« Jocelyns Stimme klang fast schrill durch das Halbdunkel des Zimmers. Ein paar Sekunden waren tiefe, mühsame Atemzüge das Einzige, was zu vernehmen war. »Am Montag sah sie mich auf der Straße,« sprach Pennington keuchend. »Sie folgte mir in meine Wohnung – dort ist sie jetzt.« Jocelyn stand auf und zündete halb unbewußt die Lampe an. Pennington legte die Arme auf den Tisch und vergrub das Gesicht in seine Hände. Elftes Kapitel. Frau Lamb war siegreicher Feldherr des Frühjahrskriegs, genannt Reinemachen. Es hatte der übliche Kampf um Jocelyns Atelier stattgefunden, das unberührt bleiben sollte, wenigstens was Zimmermaler und Tapezierer betraf. Heute verheerte das alljährlich eintretende Erdbeben das Treppenhaus und den Flur. Jocelyn pinselte träumerisch an Fräulein Tressillians eigentlich fertigem Porträt herum. Dot hatte Seifenblasen gemacht, ihre beiden Puppen zweimal aus- und angekleidet, mit Peter einige Spiele getrieben, die er in tiefster Katerseele verabscheute, und wanderte jetzt unruhig mit einer ihr sonst fremden Planlosigkeit im Zimmer umher. »Mich möchte danz, danz dleinen Spaziergang machen,« erklärte sie endlich. »Ich bin beschäftigt, Kind,« versetzte Jocelyn zerstreut. »Kann gut mit mich allein gehen,« versicherte sie schmeichelnd. »Darf mich, Jo, Lieber?« »Wenn du magst,« gab er geistesabwesend zur Antwort, denn seine Gedanken hielten sich anderwärts auf. Dot machte einen kleinen Freudensprung, obwohl sie ihren Ohren nicht recht traute, lief eilends in ihr Stübchen, nahm Hut und Mantel und rannte wie ein Wirbelwind die Treppe hinunter. Den Abschied erließ sie sich, um »Jo« ja keine Gelegenheit zum Widerruf seiner Erlaubnis zu geben. Sie hatte bisher niemals allein ausgehen dürfen, und wäre Jocelyn nicht von andern Gedanken erfüllt gewesen, er würde es gewiß heute ebensowenig gestattet haben. Es war ein heller, wolkenloser Frühlingsmorgen, die Luft gerade frisch genug, um anregend zu wirken, und Dot zog mit hochaufgerecktem Köpfchen und hübsch auswärts gesetzten Fußspitzen dahin, bis sie an die Schaufenster kam. An der Ecke war ein Blumenmädchen, und Dot erkor sich an ihrem Stand mit Umsicht und Geschmack einen Bund gelber Narzissen, den sie Jo mit nach Hause bringen wollte. Die Blumen fest im warmen Händchen fassend, zog sie triumphierend weiter. Es war ja gewiß viel besser, sein kleines Taschengeld auf Blumen für Jo zu verwenden, als sich selbst Süßigkeiten zu kaufen, so dachte wenigstens Dot. Als sie sich gerade die reinlichen, kühl aussehenden Eier am Schaufenster einer Milchhandlung betrachtete, trat ein ältliches Weib mit einem Korb voll Wasserkresse an ihre Seite und sagte in schmeichelndem Ton: »Sieh 'mal an, das schöne kleine Fräulein! Wie heißt denn das Herzchen?« Dot sah rasch auf. Daß die alte Frau kein angenehmes Gesicht habe, war ihr sofort klar. Sie hatte gerötete, aufgedunsene Augenlider, eine faltige, fleckige Haut und höchst beunruhigende Zähne. »Kenne dich nicht,« sagte Dot, unwillkürlich vor ihr zurückschreckend. »Du kennst die alte Brigitte nicht?« rief die Unbekannte, sichtlich aufs höchste verwundert. »Das kann nicht sein! All die artigen kleinen Mädchen hier herum kennen die alte Brigitte. Und wie sie mich lieb haben! Alle kleinen Mädchen haben mich lieb!« »Warum, weil?« fragte Dot, die hellen Kinderaugen fest auf das runzelige Gesicht heftend. »Warum? Weil die alte Brigitte alles weiß – alles weiß sie! Und was ich für schöne Sachen in meinem Haus habe! Nein, so schöne Sachen hast du noch nirgends gesehen und kriegst sie auch nirgends zu sehen!« »Weißt dich wahrhaftig alles? « fragte Dot, mit höchster Spannung zu ihr aufsehend. Brigitte nickte. »Dann – dann –« der süße Kindermund bebte – »dann weißt dich auch, wo Pa ist?« »Versteht sich, daß ich's weiß, mein Prinzeßchen. Dein Pa ist bei mir – und nirgends anders ist er.« Dot stieß einen leisen Schrei aus und ward kreideweiß um die Lippen. Sie schob ihre Finger in die Hand der Alten und rief in höchster Erregung: »Mich zu Pa führen! O, mich zu Pa führen!« »Natürlich geschieht das, mein Herzchen, und zwar auf der Stelle! Faß du mich nur am Rock an und lauf ordentlich mit.« Dot that, wie ihr geheißen wurde, und trippelte in fieberhafter Erwartung unaufhörlich plaudernd neben dem alten Weib her. Doch trotz aller Glückseligkeit fanden ihre Füßchen den Weg sehr weit, auch hatte sich der Himmel umzogen, es war kälter geworden, und nun fing es gar zu regnen an. Brigitte schien das nicht zu bemerken; sie ging nur immer rascher und rascher, so daß Dot schließlich laufen mußte, um nur an ihrer Seite zu bleiben. »Müde geworden,« keuchte sie schließlich. »Sehr müde und danz naß.« »Jetzt sind wir gleich da,« versetzte ihre Begleiterin in rauhem Ton. »Zerr' du nicht so an meinem Rock, oder du fängst eins.« Daraufhin begann Dot bitterlich zu weinen. »Wenn du das Geheul nicht läßt,« herrschte sie die Alte an, deren Freundlichkeit spurlos verschwunden war, »so werf' ich dich dem großen bösen Hund dort an der Ecke vor und von deinem Pa kriegst du auch keinen Rockzipfel zu sehen.« Dot würgte die Thränen hinunter und lief mit Anspannung der letzten Kraft weiter. Die Narzissen hielt sie immer noch fest umklammert, sie ließen aber schon die Köpfchen hängen. Endlich bog Brigitte in eine schmutzige, schmale Gasse ein und von dort in einen übelriechenden dunklen Durchgang unter den Häusern. In der Mitte dieses Durchgangs mußte das versprochene Paradies sein, denn die Alte blieb vor einer nur angelehnten Thüre stehen und stieß das Kind vor sich hinein mit einem häßlichen Schimpfwort, daß es Dot vor Entsetzen überrieselte. Vor einem schmutzigen Kamin, dessen Feuer längst abgebrannt war, saß ein gemein aussehender Mann, der aus einer Thonpfeife schlechten Tabak rauchte. Als das Weib eintrat, drehte er sich um und warf einen bösen Blick auf die zitternde Dot. »Wem seine Brut schleppst du denn da her?« brummte er, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. »Sie hat sehr gute Kleider auf dem Leib,« verständigte ihn das Weib. »Wird sie aber nicht mehr auf dem Leib haben, wenn sie ein paar Minuten älter ist.« Sie stellte ihren Korb ab und fing in einer Ecke der Stube in einem Haufen zerlumpter Kleider zu kramen an. Ein paar Sekunden stand Dot ganz still, dann rief sie kläglich: »Aber wo ist mein Pa? Mich will zu meinem Pa!« »Dein Pa? Was ist denn das für einer?« sagte der Mann, den Arm ausstreckend, um Dot ihr seidenes Kapüzchen vom Kopf zu reißen. Er untersuchte die Kopfbedeckung aufmerksam. »Sie hat gesagt, Pa ist hier,« schluchzte Dot entrüstet. Das Weib drehte sich um und raunte dem Mann leise ein paar Worte zu, worauf dieser zu Dot sagte: »Dein Pa ist nur vorhin um die Ecke gegangen. Er kommt gleich wieder, wenn du nur still sitzen und das Gebrüll bleiben lassen willst.« Dot würde sich gerne gesetzt haben, denn sie war todmüde, aber wo? Den einzigen Stuhl nahm der Mann mit der Pfeife ein, und der Fußboden war so schmierig, daß sie schauderte. Während sie sich noch nach einer Sitzgelegenheit umsah, trat die Alte auf sie zu, und in unglaublich kurzer Zeit hatte sie Dots hübsches Kleid und ihren Mantel, den ganzen, mit liebevoller Sorgfalt von Jocelyn gewählten Anzug mit einem zerknüllten elenden Kleidchen, einem zerlumpten Unterrock und einem einst weiß gewesenen zerfetzten Strohhut vertauscht. »So, jetzt suchen wir den Pa,« kreischte die Alte, Dot gewaltig schüttelnd, um ihrem Jammergeschrei über diese Verwandlung Einhalt zu thun, »und dein Pa will's, daß du gerade diese Kleider und keine andern nicht anhaben sollst. So und jetzt halt' dein Maul, sonst kriegst du Hiebe, dann weißt wenigstens, warum du brüllst.« Damit faßte sie das Kind rauh an der Hand und zerrte sie hinaus in das Gäßchen. Es regnete noch immer, und der Wind wehte eisig. »Ist's weit zu Pa?« fragte die arme Dot, leise in sich hinein schluchzend, als sie eine Strecke gegangen waren. Die Alte blieb stehen. »So, jetzt lauf' geradeaus die Straße hinunter, so weit du siehst und so schnell du laufen kannst. Und kein einziges Mal bleibst du stehen, hörst du wohl, bis du deinen Pa auf dich zukommen siehst.« Damit war Brigitte in einem finsteren Seitengäßchen verschwunden. Dot lief und lief und lief, aber kein Pa war zu erblicken. Ihre Zahne klapperten vor Frost, denn der scharfe Wind ging ihr durch Mark und Bein. Das dünne elende Fähnchen, das sie jetzt trug, war schon durch und durch naß und schlug klatschend gegen ihre Beinchen, aber sie lief immerzu, die ganz welken Narzissen krampfhaft festhaltend. Es dämmerte stark, und ihr ward angst, sie könnte in der halben Dunkelheit an ihrem Pa vorüberlaufen, ohne ihn zu erkennen. Darum ging sie jetzt langsam, jeden Vorübergehenden mit fragenden, traurigen Augen musternd. Als sie aber endlich vor Erschöpfung am Zusammenbrechen war, kam wie eine Offenbarung die Gewißheit über sie, daß all dies Suchen nach dem Pa doch vergebens sei. Da setzte sie sich auf eine Hausstaffel und schluchzte, als ob das Kinderherz brechen wollte. Zwölftes Kapitel. Das Schluchzen ließ aber bald nach, denn der Schlaf überwältigte das gänzlich erschöpfte Kind, Der Flackerschein aus einer Blendlaterne und eine brummige Stimme entrissen sie schließlich dem tröstlichen Schlummer. »Was soll denn das heißen?« herrschte die Stimme sie in strengem Ton an. »Steh' auf, kleiner Racker! Daß du hier nicht herumliegen darfst, weißt du so gut wie ich.« Dot sprang mit einem leisen Wehschrei auf die Füße, wobei die welken Narzissen den ganz erstarrten Fingerchen entglitten. So rauh aber die Stimme des Schutzmanns 230 H auch klingen mochte, sein Herz war nicht von Stein und das rührende kleine Gesicht machte Eindruck auf ihn. »Bitte, sei dich nicht böse,« stammelte Dot, das Haar aus der Stirne streichend, in großer Verwirrung. »Mich bin verloren gegangen, mich kann Pa nicht finden, und Jo wird gar nicht wissen, wo mich bin. Und meine schönen Kleider hat sie genommen und diese anziehen müssen.« »Wer hat das gethan?« fragte 230 H. »Eine Frau – alte Frau mit fu'ch'bar Gesicht, heißt B'igitte. Und sagt, wolle mich zum Pa führen.« »Ja, wo ist denn dein Pa?« fragte der Schutzmann. »Pa ve'sto'ben,« lautete die bekümmerte Antwort. »Zum Henker! Wie hätt' sie dich denn zu ihm führen können?« »Weiß mich nicht.« »Aha! Kleines Schaf, da hat mal wieder ein uraltes Schelmenstück verfangen! Nun, siehst du, jetzt gehst du eine Weile mit mir auf und ab, und in einer halben Stunde ist mein Dienst gethan, dann nehm' ich dich mit heim zu meiner Alten bis morgen früh.« »Bringst mich zu meinem Pa?« fragte das Kind wehmütig. »Nein, kleine Krabbe, mit denen drüben steh' ich nicht auf dem Besuchsfuß, und wer dir weis macht, er könn's, der redet Schnickschnack. Wie heißt du denn, Frauenzimmerchen?« »Dot; wohne bei Jo. Ist ein Mann, der ku'iose Bilder malt und hat mich genehmt, als Pa fortging zum Begraben. Mich habe Jo sehr lieb.« 230 H bückte sich rasch und nahm seine neue Bekannte auf den Arm. »Bist ja ganz hin, armes Wurm!« sagte er mitleidig. »Ich will dich lieber tragen.« Der Regen hatte aufgehört, und der Mond suchte durchs Gewölk zu brechen. Dot zitterte vor Frost in den durchnäßten Kleidern und schmiegte sich eng an die breite Brust des Schutzmanns. Sie war jetzt gar nicht mehr schläfrig, sondern redselig. »Hast dich auch kleine Mädchen?« fragte sie. »Zwei Mädels und einen Jungen – gehabt,« lautete die Antwort. »Haben sie alle begraben müssen, Gott sei's geklagt. Meine Aelteste war ungefähr gerad' von deiner Größe.« »Mich bin lang fünf vorbei,« versetzte Dot mit Selbstgefühl. »Früher war mich nur vier.« Die nassen Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hingen, begannen sich wieder zu kräuseln, ihre Lippen waren nicht mehr ganz so blau wie vorhin, aber die Kälte hatte alles Rot ihrer Wangen in die arme kleine Nase getrieben, und sie sah sehr hilfsbedürftig und jämmerlich aus. Die noch ganz jugendliche »Alte« von 230 H machte ein höchst verwundertes Gesicht, als ihr Eheherr mit seiner leichten Last in die Stube trat. »Ums Himmels willen, Jim,« rief sie, »wo hast du das Kind aufgelesen?« Ohne die Auskunft darüber abzuwarten, hatte sie ihm aber Dot schon abgenommen und hielt sie mütterlich im Arm. Die Augen, womit sie ihren 230 H fragend ansah, standen voll Thränen. Mit lakonischer Kürze schilderte er die Geschichte seines Funds. »Armes, liebes Herzchen!« sagte die Frau zärtlich. »Bist ja ganz naß, durch und durch! Jetzt will ich dir dein Essen auftragen, Jim, dann nehm' ich sie in die Schlafstube und ziehe ihr trockenes Zeug an.« »Das thust du gleich,« versetzte er brummig. »Ich werde schon selbst mein Futter finden.« Dot entwand sich den Armen der Frau und ging zu 230 H hinüber, der vor dem behaglich knisternden Kaminfeuer stand. »Mich danke, daß du für mich desorgt hast,« sagte das helle, weiche Stimmchen. »Dummes Zeug, Kleine – da gibt's nichts zu danken,« wehrte der eiserne Mann des Gesetzes ab, wie ein wohlwollender Riese auf die kleine Person herunterblickend. »Dich wirst mich zu Jo bringen?« fragte sie, zwischen Zuversicht und Kummer schwankend. »Mich fü'chte, mit Pa finden, ist nichts.« »Freilich schaff' ich dich heim,« gelobte 230 H, »wenigstens will ich mein Möglichstes thun.« Nun ließ sich Dot willig ins Schlafzimmer führen, wo Jims Frau sie zärtlich küßte, in heißen Thränen zerfloß und sich überhaupt so seltsam benahm, daß es Dot viel zu denken gab. Sie setzte sich aber geduldig auf den Fußboden und wartete es ab, bis Frau Jim verschiedenen Schubladen verschiedene Kleidungsstücke entnommen hatte, die ihr alle ganz gut paßten. »Bitte, wasch mich Gesicht,« sagte Dot, ehe es ans Ankleiden ging. »Muß ganz s'mierig sein. Will nicht, daß Jo s'mieriges Gesicht sieht.« Als die abermals verwandelte Dot wieder in die helle saubere Küche geführt wurde, die auch als Wohnraum diente, hatte 230 H eine große Schüssel geschmorter Kaldaunen mit Zwiebeln vor sich, in die er kräftig einhieb. Er lud Dot artig zu diesem Leckerbissen ein, sie lehnte aber höflich ab. »Mich danke,« sagte sie. »Jo mag mich nicht Fleisch essen haben am Abend. Mich bitte um Milch und Butterbrot.« »So so,« bemerkte 230 H, sich einen gehäuften Teller vorlegend. »Bist eine stachlige kleine Krabbe, weißt, was du willst.« »Sie ist ein Goldkind,« erklärte Frau Jim, mit Herbeischaffung der Milch beschäftigt. »Ein ganz artiges Mädchen, das nichts thun will, was man ihm verboten hat. Und wer ist denn Jo, Liebling? Ist er dein Bruder?« »Mich glaube nicht,« erwiderte Dot, nachdem sie die Frage der Verwandtschaft ein Weilchen schweigend überlegt hatte. »Weiß nicht, wer Jo ist. Ist eben Jo. Hat mich genehmt, als Pa destorben.« »Schön, schön,« sagte die Frau, sich die Augen trocknend. »Und wo wohnt ihr denn, kleine Maus?« fragte 230 H, der nun den ersten Hunger gestillt hatte. »In eine lange, lange Straße, wo alle Leichenwagen fahren,« lautete die bündige Antwort. »So, und wie heißt denn die lange Straße?« »Weiß mich nicht.« »Und wie heißt denn ›Jo‹ sonst noch?« »Hab' mich ve'gessen.« »Eine lange Straße, wo Leichenwagen fahren,« überlegte Frau Jim. »Sie meint die Ladbroke Grovestraße, kannst dich d'rauf verlassen, Jim, durch die fahren alle Leichenzüge nach Kensal Green hinauf.« Dot nickte zustimmend. »Mich muß heim zu Jo,« erklärte sie, vom Stuhl herunterkletternd. »Jo wird mich ve'missen, kann nicht sein ohne mich.« »Das Goldkind!« rief Frau Jim. »Aber mein süßes Herzchen, jetzt bei nachtschlafender Zeit – es regnet auch wieder furchtbar – können wir nicht in der Ladbroke Grovestraße ein Haus suchen, wo ein Mann Namens Jo wohnt!« »Jo ist nicht ein Mann,« verbesserte Dot, »Jo ein Herr.« Jetzt aber begann sie plötzlich zu weinen. »O, so ganz schläf'ig!« wehklagte sie. »Mich will in mein liebes kleines Bett und mein' Nymphengel Gutenachtkuß geben!« »Nur nicht weinen, Herzenskind,« sagte Frau Jim beschwichtigend. »Du kommst jetzt mit mir, und ich leg' dich ins Bett, und morgen früh bring' ich dich heim, und ganz, ganz gewiß finden wir den Jo – wenn's auch freilich gerade mein Waschtag ist,« setzte sie etwas bekümmert hinzu. Dreizehntes Kapitel. »Haben Sie die Kleine gesehen?« rief Jocelyn um Mittagszeit übers Treppengeländer zu Frau Lamb hinunter. »Nein, Herr Jocelyn,« versetzte Frau Lamb, für einen Augenblick aus Staubwolken auftauchend. »Dachte nicht anders, als sie wäre im Atöliö! Vielleicht ist sie wieder im Dachstock.« Eine weitere Untersuchung förderte das Ergebnis zu Tage, daß die Mauern dieses Hauses für den Augenblick keine Dot beherbergten, und dann erst besann sich Jocelyn darauf, daß er ihr ja Erlaubnis gegeben hatte, »mit sich allein« spazieren zu gehen. Das mußte schon mehrere Stunden her sein, und er nahm sich vor, ihre Verspätung strenge zu rügen. Geschehen konnte ihr ja nichts, sagte er sich, und doch – behaglich war ihm gar nicht zu Mute, und als es schließlich vier Uhr wurde, hatte sich das Unbehagen zur hellen Angst gesteigert. Er machte sich auf, um zu Forsyth zu gehen. Dot bei ihm zu finden, dazu war ja nicht die geringste Aussicht, aber Forsyth war in manchen Dingen ungemein zuverlässig und findig, und so oft ihn Jocelyn auch des Leichtsinns zieh, so wenig versäumte er es, bei besonderen Schwierigkeiten seinen Rat einzuholen. Er traf den Schriftsteller in seiner Höhle, wo er in Hemdärmeln, mit borstig emporstarrenden Haaren und einer Cigarette zwischen den Zähnen am Schreibtisch saß. Ein Berg von beschriebenem Pandektenpapier, der neben ihm auf dem Fußboden lag, zeugte von seinem Fleiß; auch jetzt flog die Feder noch emsig weiter. »Sprich ums Himmels willen nicht, eh' ich dir's sage!« war der Gruß, womit er Jocelyn empfing. So groß seine Ungeduld auch war, setzte sich der Maler doch gehorsam in eine Ecke, bis nach einiger Zeit Forsyth wirklich die Feder beiseite legte und sich mit strahlender Miene im Stuhl zurück lehnte. »Dreitausend Wörter seit heute frühe,« rühmte er sich, »das will etwas heißen! Dreitausend Wörter zu ...« »Ich bitte dich, erlaß mir das Rechenexempel!« fiel ihm Jocelyn aufgeregt ins Wort, »und höre mich an! Ich weiß nämlich nicht, was aus dem Kind geworden ist, Forsyth – seit heute vormittag ist sie fort, und jetzt ist's bald fünf Uhr. Blödsinnigerweise gab ich ihr die Erlaubnis, ›mit sich allein‹ spazieren zu gehen, und stehe jetzt eine Höllenangst aus.« Auch Forsyth machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber nach kurzer Ueberlegung: »Es sollte mich nicht wundern, wenn sie zu Fräulein Tressillian gegangen wäre. Jedenfalls lohnt's der Mühe, dort nachzusehen – ich will nur einen andern Rock anziehen.« Als sie an den Ladbrokeplatz kamen, stellte sich's jedoch heraus, daß Fräulein Tressillian für den ganzen Nachmittag ausgegangen war, und daß die Dienerschaft einstimmig versicherte, das kleine Fräulein habe sich nicht blicken lassen. Jocelyn und Forsyth stürzten nun ins Atelier zurück, aber Dot war nicht heimgekommen. »Hältst du's für möglich, daß sie bei Pennington wäre?« fragte Forsyth, sich ratlos durch die Haare fahrend. »Ich weiß nicht – einmal nahm ich sie mit zu ihm – es könnte sein. Wenn du mir einen Gefallen thun willst, so bleibst du hier – für den Fall, daß sie käme, und ich laufe zu Pennington. Schon halb sechs Uhr, mein Gott! Wo kann die kleine Range nur stecken? Wenn sie nicht da ist bis zu meiner Rückkehr, so müssen wir einen Wagen nehmen und alle Polizeistationen und Spitäler von ganz London abfahren!« »Bist du nicht auf heute abend zu den Carringtons eingeladen?« fragte Forsyth. »Die Carringtons können mir gestohlen werden!« rief Jocelyn außer sich. »Ich kann ihnen ja abtelegraphieren.« Das Hausmädchen in Penningtons Herberge »meinte«, Herr Pennington sei »vorhin« nach Hause gekommen, worauf Jocelyn, immer drei Stufen auf einmal nehmend, ins oberste Stockwerk hinaufstürmte und an Penningtons Wohnzimmerthür pochte. »Herein!« rief es, aber die Stimme war nicht die Penningtons, und Jocelyn zögerte, einzutreten. »Herein!« rief die Stimme zum zweitenmal, jetzt etwas ärgerlich. Als er eintrat, erhob sich eine weibliche Gestalt vom Sofa, wo sie geruht hatte. Wie ein Blitz durchfuhr es Jocelyn – die unheimliche Geschichte von Penningtons Ehe hatte er rein vergessen gehabt! Weder der Freund, noch er selbst hatten seit jenem Abend je wieder daran gerührt. »Ist – Herr Pennington zu Hause?« fragte Jocelyn unsicher. »Nein,« versetzte die Frau. Ihre trüben, aber noch immer schönen Augen wichen den seinigen nicht aus. Sie mußte wirklich einst eine große Schönheit gewesen sein, diese Frau, die ihres Mannes Leben und auch das eigene verwüstet hatte. Die Linien des Gesichts, der Umriß des Kopfes waren vollendet schön, die Haut aber fleckig und aufgedunsen, die Lippen spröd und rissig, und die Augen lagen tief eingesunken unter bläulichen schlaffen Lidern. Das Haar war offenbar heute noch in keine Berührung mit Kamm oder Bürste gekommen, der Anzug war schmachvoll verwahrlost, das Kleid nicht zugeknöpft. Ein zerfetzter Romanband lag am Boden; die Luft im Zimmer war dumpf und verbraucht, dicker Staub lag auf den Möbeln, der ganze Raum war furchtbar unordentlich. »Mein armer alter Kamerad!« dachte Jocelyn schaudernd. Sobald er erfahren hatte, daß seine Nachfrage ohne Ergebnis war, daß Pennington früh ausgegangen sei und spät zurückkommen werde, verabschiedete er sich eilig. »Himmel, was für ein Wrack!« war sein Gedanke, als er die Treppe hinunter eilte. Zu Hause erwartete ihn keinerlei Nachricht. So setzte er sich denn mit Forsyth in eine Droschke, und sie hielten in der That in allen Spitälern und den meisten Polizeistationen Umfrage. Thatsächlich ist, daß sie auch die Station besuchten, wo 230 H sein Hauptquartier hatte; da dieser Wackere jedoch von Dots Vorhandensein um diese Stunde noch keine Ahnung hatte, wurde ihnen auch dort keine frohe Botschaft zu teil. Wieder nach Hause zurückgekehrt, brachte Jocelyn in verzweifelter Stimmung einen Aufruf für die Hauptzeitungen zu Papier. Forsyth erbot sich, ihn in der Nacht noch zu besorgen, und versprach, in der ersten Morgenfrühe wieder bei ihm vorzusprechen. In qualvoller Angst pendelte Jocelyn mindestens noch eine Stunde vor seiner Hausthür hin und her. Er lauschte angestrengt auf jeden Fußtritt, bis deren endlich immer weniger wurden und die Straße schließlich ganz menschenleer war. Was konnte dem Kind zugestoßen sein? War sie gestohlen worden oder gar – er wehrte diese Vorstellungen mit Gewalt von sich ab. Sein Heim, sein Leben ohne sie zu denken, war ihm unerträglich; sie hatte sich in sein Herz eingenistet mit ihrem weichen, zärtlichen Wesen, aber bis jetzt hatte er keine Ahnung davon gehabt, wie unentbehrlich sie ihm geworden war. Der Regen strömte hernieder, und schließlich ging Jocelyn ins Haus. Frau Lamb stand kopfschüttelnd und voll schlimmer Ahnungen in der Halle, aber er lehnte ihre Teilnahme mürrisch ab und schloß sich in seine Werkstatt ein. Auf Dots kleinem Tisch lag ein primitiver Bilderbogen, den sie heute früh mit kühnster Farbengebung bemalt hatte – eine gewisse Verwandtschaft mit seinem eigenen »Kolorismus« entging leider seinem Künstlerblick! – daneben standen noch das Wasserglas und der Farbenkasten, und eine Puppe lag mit dem Gesicht am Boden. Jocelyn hob sie beinahe zärtlich auf. Das Zimmer kam ihm unheimlich still vor. Ehe er das Kind bei sich gehabt hatte, war es ihm nie so vorgekommen. Er hielt es nicht aus darin und ging in ihr Stübchen hinüber. Ihr Nymphengel lächelte ihm vom Kaminsims entgegen; das kleine weiße Bett sah so kalt aus – wie ein Totenbett, fuhr es ihm durch den Sinn. Der Anblick that ihm weh. Als die fahle Morgendämmerung anbrach, warf er sich auf sein Lager und wälzte sich im Halbschlummer hin und her, bis Frau Lamb und Sally ihm mit Haushaltsgepolter in unholder Weise den Tag verkündeten. Eine Stunde darauf kam Forsyth mit den ersten Morgenblättern und die beiden Freunde durchforschten eifrig die Verzeichnisse der Unglücksfälle, als die Thür aufging und Dot in Person herein kam, geradeswegs auf ihren geliebten Jo zu und in seine Arme. Gut eine Minute lang drückte er sie an sich, ohne ein Wort zu sprechen; das Herz war ihm zu voll. Er hörte und verstand auch kaum, was sie ihm in atemloser Hast von ihren Abenteuern und Erlebnissen erzählte. »Mein Herzenskind!« sagte er wieder und wieder, sobald er zu sprechen im stande war. »Mein Herzenskind!« Und nun wurde »Frau Jim« durch die Hauswirtin feierlichst vorgestellt, erzählte, was zu erzählen war, und ging höchlich befriedigt von dannen. Sie hatte es nicht zu bereuen, daß sie ihre Wäsche im Stich gelassen hatte, und auch 230 H machte an diesem Tag die Erfahrung, daß Pflichterfüllung unter Umständen recht lohnend sein kann. Vierzehntes Kapitel. Am Morgen darauf erwachte Dot mit einem Schüttelfrost und war sehr übler Laune. Gegen Mittag ließ Jocelyn den Arzt rufen, der ihren Zustand für einen heftigen Katarrh erklärte und sie ins Bett sprach. Dagegen lehnte sie sich auch nicht auf, weinte aber kläglich in ihr Kissen hinein, versicherte, sie sei todmüde und wolle zu ihrem Pa gehen. Auch durfte Jocelyn sie kaum auf ein paar Minuten verlassen, sobald sie ihn nicht sah, kam sie außer sich. »Erzähle mich Geschichten,« winselte sie, »nette Geschichten von kleine Mädchen, die nicht verloren gehen, nicht so schwere, schwere Füßchen haben, nicht S'merzen in der Brust –« »Thut dir's denn weh auf der Brust, mein Liebling?« fragte Jocelyn besorgt. »Will mich Ges'ichten erzählt haben,« lautete die anspruchsvolle Antwort. Und Jocelyn brachte mit Engelsgeduld eine »Ges'ichte« nach der andern zu stande, aber keine einzige errang den Beifall der Patientin. Als der Abend kam, wurde der Zustand immer schlimmer, die Klagen über »S'merzen« in der Brust immer heftiger. Jocelyn schickte abermals nach dem Arzt, der jetzt ein bedenkliches Gesicht machte und von Entzündung des rechten Lungenflügels sprach. Frau Lamb erbot sich, die Nachtwache bei der Kranken zu übernehmen, aber Dot wollte niemand um sich dulden als Jocelyn. Sie war nicht bei klarem Bewußtsein, nannte ihn häufig Pa und beschwor ihn, ihr Händchen »danz danz fest« zu halten, weil eine »fu'chtbare« Frau am Fußende ihres Betts sitze und Gesichter schneide. Der sonst seine Bequemlichkeit so hoch schätzende Maler entpuppte sich, obwohl er jeder Schulung in diesem Fach entbehrte, als ein unvergleichlicher Krankenwärter. Keine Frau hätte das Kind zärtlicher und geschickter anfassen können, und seine Geduld wie seine Erfindungskraft schienen unerschöpflich zu sein. Trotzdem sah er nach verschiedenen Nachtwachen, die durch keinen Tagesschlaf ersetzt werden konnten, da er immer zu Dots Befehl stehen mußte, allmählich recht erschöpft und hohläugig aus. Einmal blieb Forsyth einen Nachmittag über bei dem Kind, ein andres Mal Pennington, aber sie jammerte dabei fortwährend nach ihrem Jo. Aus unerklärten Gründen war ihr der Anblick von Frau Lamb rein unerträglich, was die gute Dame viele heiße Thränen kostete. Sie könne gar nicht begreifen, erklärte sie schluchzend, was dem süßen Herzchen in den Sinn gekommen sei, denn sonst sei ihr ja ihre Frau Lamb das Höchste auf der Welt gewesen. Freilich hätten ja Kranke mitunter solche Grillen, so habe ihr Seliger in seiner letzten Krankheit seine nächste Base nicht sehen können, die sei aber freilich auch bucklig gewesen, was diesen Widerwillen einigermaßen verständlich mache, sie, Frau Lamb, aber habe ja gerade Glieder und keinen Tadel am ganzen Leib und sei so appetitlich anzusehen als die meisten Leute und so weiter und so weiter, denn Frau Lambs Sprachwerkzeuge waren der Verwirklichung des Perpetuum mobile so ziemlich auf die Spur gekommen. Der Arzt hatte eine zünftige Wärterin vorgeschlagen, worauf ein feierlich aussehendes jugendliches Wesen mit einer Haubenschachtel auf der Bildfläche erschienen war. »Vom Wirbel bis zur Zehe ein Tugendprotz,« hatte Forsyth bemerkt. In dieser Nacht aber begann Dot derart nach ihrem Jo zu schreien, daß Schwester Adelaide sich nicht mehr zu helfen wußte und an seine Schlafzimmerthür pochte, worauf er, am ganzen Leib bebend, in die Kleider fuhr, denn er dachte nicht anders, als daß eine Wendung zum Schlimmsten eingetreten sei. Als er aber in ihr Stübchen trat, sprang Dot halb schluchzend, halb jubelnd im Bett auf und schlang ihm die Aermchen um den Hals. »O Jo! Laß nicht fremde Leute da sitzen und mich anfassen! Mich will niemand haben als mein Jo, dich immer bei mir – niemand sonst! Geh' dich nich' wieder fort!« »Vielleicht wird's besser sein, Sie überlassen mir das Kind für die Nacht, Schwester – Sie sehen ja –« setzte er entschuldigend hinzu, »wie sie an mir hängt.« Dot hatte sich schon ein Nestchen an seiner Brust zurecht gemacht, nannte ihn bald Jo, bald Pa und bat flehentlich, sie doch nicht im Regen draußen stehen zu lassen und bösen Menschen zu wehren, daß sie ihre wunderhübschen neuen Kleider stehlen. Eines Tags kam der »Sternenschein«, um sich nach der Zeit für die nächste Sitzung zu erkundigen. Sie hatte nichts von Dots Krankheit erfahren, und als Jocelyn jetzt auf einen Augenblick zu ihr ins Atelier kam, erschrak sie über die Verwüstungen, die Angst und Nachtwachen in seinem Gesicht angerichtet hatten. »Aber, Herr Jocelyn, Sie reiben sich ja auf,« bemerkte sie mit einer Weichheit des Tons, die ihr sonst fremd war. »Ich kann's nicht ändern,« erwiderte er müde. »Das liebe Seelchen will niemand um sich haben als mich, übrigens ist's auch nicht die Anstrengung, die mich so mitnimmt, sondern die Angst. Ich sage Ihnen, das Kind ist mir mehr ans Herz gewachsen als –« Er brach ab und ging zum Kamin hinüber. Einer Frau seine nassen Augen zu zeigen, das ging ihm doch »wider den Strich«. »Herr Jocelyn,« begann der Sternenschein nach längerem Schweigen, »wollen Sie mich die Kleine pflegen lassen? Ich bin nicht – wie andre Frauen sind – nicht, wie ich sein sollte – aber ich weiß, daß ich eine gute Pflegerin sein kann.« »Das ist sehr, sehr gütig von Ihnen,« versetzte Jocelyn zögernd, »aber ich fürchte, das Kind wird Sie nicht an sich heranlassen. Die Schwester, die wir einmal hatten, mußte wieder fortgeschickt werden.« »Wollen Sie's nicht auf den Versuch ankommen lassen?« bat sie mit ruhiger Beharrlichkeit. »Ich – ich kenne Kinder und verstehe mich auf ihre Art.« In dieser Stimme lag wie in ihrem Blick eine rührende Weichheit. »Ich muß jetzt wieder zu ihr,« sagte Jocelyn. »Sie scheint zu schlafen – wenn Sie das Kind sehen wollen, kommen Sie nur mit.« Dot lag auf hochgetürmten Kissen fast aufrecht da, die Arme ruhelos ausgestreckt. Sie schien eher in einer Art von Betäubung zu liegen, als zu schlafen. »War der Arzt heute schon da?« fragte des Sternenscheins tiefe klare Stimme. »Ja, und er kommt heute abend noch einmal. Er findet sie – schwächer.« Damit beugte er sich über die kleine Gestalt und legte ihr die Decke zärtlich über Brust und Arme. Dot machte eine Bewegung und schlug die Augen auf. »Jo,« flüsterte sie erst, »süßer kleiner Jo!« dann setzte sie kläglich hinzu: »Brust thut so weh, Jo! Dich sollst sie nicht so weh thun lassen! Mich will nicht weinen – muß weinen –« Das Stimmchen erstickte in leisem Schluchzen. »Kennst du mich noch, Dot?« fragte der Sternenschein freundlich. Ein mühsames Lächeln umspielte den Kindermund. »Versteht sich,« murmelte sie. »Fräulein Ste'nens'ein.« »Und darf ich mich eine Weile zu dir setzen, damit der gute Herr Jocelyn ein wenig schlafen kann? Siehst du, Dot, er hat dich jetzt so viele, viele Tage und Nächte lang gepflegt und ist furchtbar müde.« »Will Jo haben,« wimmerte sie. »Er geht ja nicht weit fort, Dot, nur in sein Schlafzimmer – gleich nebenan – und wenn du ihn sehr nötig brauchst, hol' ich ihn!« »Bist dich fu'chbar müde, Jo?« fragte sie, ohne seine Hand loszulassen. »Nicht so sehr, mein Liebling.« Dot sah ihn einen Augenblick gespannt an, dann steckte sie das Köpfchen unter den Bettteppich. »Will dich s'lafen gehen lassen,« ertönte es mit erstickter Stimme. »Aber nicht Frau Lamb kommen!« »Ganz gewiß nicht!« »Nur Ste'nens'ein?« »Nur der Sternenschein bleibt bei dir!« Das Gesichtchen kam wieder zum Vorschein. »Mich will Kuß haben,« stammelte sie, leise aufschluchzend. »Mein Herzenskind – nein, ich gehe nicht fort. Sei nur ganz ruhig, ich bleibe bei dir.« Aber sie unterdrückte ihre Thränen mutig und erklärte mit einem schattenhaften Versuch ihres sonstigen einleitenden Kopfnickens: »Nein, dich mußt s'lafen! Mich will sehr, sehr a'tig sein, bis dich wieder kommst.« Der Sternenschein hatte rasch Hut und Mantel abgelegt, und als Jocelyn jetzt aufstand, setzte sie sich sofort ans Bett. Er gab ihr in Kürze einige Anweisungen und verließ das Zimmer. Dot wälzte sich unruhig hin und her. »Nicht gut liege,« sagte sie krittelnd. Der Sternenschein schob den einen Arm unter ihre Schultern und zog das Kind fest an die Brust. Bei dieser sichern, verständnisvollen, mütterlichen Berührung atmete Dot erleichtert auf und lag jetzt ganz still. Sie schien wieder in eine gewisse Erstarrung zu verfallen. Ohne die leiseste Bewegung zu machen, verharrte die Pflegerin stundenlang in dieser Stellung, und der Nachmittag war schon weit vorgerückt, als Jocelyn zurückkehrte. Er versicherte, gründlich ausgeschlafen zu haben. »Sobald sie sich bewegt,« sagte der Sternenschein, »will ich nach Hause gehen und ein paar Sachen zusammenpacken. Ich komme dann sofort wieder, und – nicht wahr, Sie lassen mich bei der Pflege helfen? Das Kind erinnert mich so – an ein andres – das ich einst kannte –.« Glühende Röte überflog bei diesen Worten das schöne Gesicht, wich aber rasch einer tödlichen Blässe. »Thun Sie das, wenn es wirklich Ihr Wille ist,« versetzte Jocelyn, »Erwarten Sie aber nicht, daß ich mich für die Nacht fortschicken lasse – es – es könnte die letzte sein.« Seine Stimme versagte. Er beugte sich tief über das schmal gewordene, in die Länge gezogene Gesichtchen. »Mein Mädelchen!« flüsterte er. »Mein Herzenskind!« Mit Anbruch der Nacht wurde Dots Zustand mehr und mehr beängstigend. Der Arzt war noch einmal gekommen; er konnte nichts thun, blieb aber auf Jocelyns Bitte da. Lange Stunden voll qualvoller Angst folgten. Wenn er um sein eigen Fleisch und Blut gezittert hätte, Jocelyns Schmerz hätte nicht heftiger sein können. Er wunderte sich selbst darüber. Gegen Morgen trat eine augenfällige Veränderung ein. Der Puls wurde ruhiger, die Temperatur ging fast auf die normale Höhe zurück, die verzweifelte Atemnot ließ nach, und ein paar Stunden darauf stellte sich der Schlaf ein, natürlicher Schlaf, der Leben und Genesung bedeutete. Der Arzt, der sich jetzt zum Aufbruch anschickte, erklärte die augenblickliche Gefahr für abgewendet und versicherte, daß sein kleiner Patient bei großer Vorsicht und Sorgfalt sich vollständig herausreißen könne. Forsyth und Pennington saßen, auf Nachricht wartend, im Atelier. Sie waren's auch erst inne geworden, daß dies heimatlose Kind ein Stück ihres Lebens bildete. »Es geht besser?« rief Forsyth beim ersten Blick ins Gesicht des endlich eintretenden Jocelyn. Dieser nickte nur. Dann setzte er sich an einen Tisch, legte das Gesicht in die Hände und schluchzte unverhohlen. Fünfzehntes Kapitel. »Bin mich wi'klich beinah in Himmel gekommen?« fragte Dot ihren Sternenschein. Sie war schon außer Bett und saß mit ihrem Peter auf dem Schoß in einem tiefen Lehnstuhl im Atelier. »Ja, mein Kind – beinah,« erwiderte der Sternenschein zärtlich. Jocelyn schöpfte ein wenig Luft, und die beiden saßen allein beisammen. »Ob mich wohl gefreut hätte übers Himmelkommen?« überlegte Dot und setzte dann hinzu: »Einmal muß mich wohl hinein – dich auch, gelt?« »Schwerlich,« erwiderte der Sonnenschein mit einem nicht eben wohlthuenden Lächeln, »Ich glaube nicht, daß wir uns dort wiedersehen, kleine Dot!« Das Kind reckte sich in die Höhe und schlang die Arme um ihren Hals, wobei Peter aus seiner Ruhe aufgescheucht wurde. Mit entrüstetem Katzenbuckel zog er sich gekränkt zurück. »O bitte, bitte, komm hinein!« bat Dot inständig. »Dich hast so nett für mich gesorgt, mich habe dich so lieb – bitte, bitte, komm!« Aber der Sternenschein schüttelte den Kopf. »Weil dich nicht immer brav warst?« forschte Dot bekümmert. »Ja – das wird's wohl sein.« »Aber Jo ist in Himmel einmal?« »Ohne Zweifel,« versetzte die schöne Frau bitter. »Was unsereinem den Himmel verschließt, hat bei einem Mann nichts auf sich!« »Aber Jo ist auch sehr gut,« versicherte Dot schon beleidigt. »Gewiß, Jo ist ein Heiliger! Aber was rede ich eigentlich von solchen Sachen mit dir komischem kleinem Ding? Es ist auch Zeit für die Arznei –.« Dot schluckte diese gehorsam und sagte dann: »Wenn mich heute abend mein Gebet sage, will mich lieben Gott gerade bitten, daß vergißt, daß dich ein ganz klein wenig s'lecht gewesen bist und dich doch in Himmel kommen läßt. Denn jetzt – jetzt bist dich doch nicht s'lecht, gelt?« Eine heiße Röte überflog des Sternenscheins Gesicht; eine Antwort bekam Dot nicht. »Oder, wenigstens,« fuhr der kleine Beichtiger eindringlich fort, »könnte mich ihm sagen, daß dich nicht wieder s'lecht sein willst? Könnte mich das?« Der Sternenschein schwieg eine geraume Weile, dann sagte sie mit unsicherer Stimme: »Ja, kleine Dot – ich glaube – ja – das dürftest du ihm sagen.« Sie umfaßte das Kind und küßte es leidenschaftlich, wobei heiße Thränen auf das ernste Gesichtchen fielen. Bald darauf kam Jocelyn nach Hause und schickte jetzt den Sternenschein spazieren. Daß sein Modell rote, verschwollene Augen hatte, nahm er nicht wahr; sie wendete den Kopf ab bei seinem Eintritt. »Jo,« fragte Dot, als sie einige Zeit allein gewesen waren, »ist sich niemand auf der Welt danz danz dlücklich?« »Jedenfalls wenige,« versetzte Jocelyn, der sich heute nicht in rosiger Stimmung befand. »Warum weil denn nicht?« »Vermutlich weil niemand gerade das hat, was er sich wünscht,« warf Jocelyn mißmutig hin. »Ist sich der liebe Gott danz danz dlücklich?« »Weißt du, Herzchen, über solche Geschichten würde ich mir nicht den Kopf zerbrechen, wenn ich ein kleines Mädelchen wäre wie du,« wehrte Jocelyn ab, den Dots theologische Anschauungen oft genug in bittre Verlegenheit versetzten. Den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn, frei nach Raphael, in die Hand gestützt verharrte Dot eine Zeitlang in sichtlich tiefer Gedankenarbeit. »Und wenn sich Gott danz dlücklich ist,« äußerte sie dann träumerisch, »warum läßt er Leute nicht auch danz dlücklich sein – denn ihn kann ja alles, hat Pa gesagt, alles was ihn will? Kommt nicht freundlich vor, gelt?« »Du siehst es ja, Herzchen, daß du solche Dinge eben noch nicht verstehst,« sagte Jocelyn, ihr beschwichtigend über das Köpfchen streichend. »Verstehst dich diese Dinger?« fragte das Kind, zu ihm aufblickend. »Kaum, mein Liebling – nein ich verstehe sie auch nicht.« »Bist dich dlücklich, Jo?« »Wenn ich bei dir bin, ja,« erwiderte er mit jenem Lächeln, das nur seine kleine Dot an ihm kannte. »Und wenn dich bei Fräulein T-willian bist?« »Nicht immer,« lautete die knappe Antwort. »Jo, glaubst dich, mich werde auch einmal e'wachsen sein?« »Natürlich, Herzchen, du bist ja förmlich in die Höhe geschossen!« Als er sie dabei ansah, schnürte ihm ein seltsamer Druck die Brust zusammen. Das Kind sah so durchsichtig, so schmächtig und hinfällig aus – sollte sie ihm nach all der ausgestandenen Angst und Not doch noch hinwelken? Von Sorge ergriffen, zog er sie zärtlich auf seine Kniee. »Es ist dir doch besser, Liebling, nicht?« fragte er angstvoll. »Du bist doch nicht mehr so müde?« »Doch müde,« sagte sie, das Köpfchen schwer auf seine Schulter sinken lassend. »Danz danz müde, danz danz dleines Kind! Will mich herumdetragen sein, bis mich eins'lafe, will mich desungen haben: S'laf, Kindchen, s'laf!« Er stand auf, ging, die zerbrechliche Gestalt in seinen Armen wiegend, im Zimmer auf und ab und sang die alten Wiegenlieder, die jedem lieb sind, dem sie die Mutter einst gesungen hat. »Noch nicht eindes'lafen,« erklärte Dot, die Augen aufschlagend, so oft er aufhören wollte. »Will mich noch mehr desungen haben.« Und so sang er fort und fort, solange ihm irgend einer von den wunderlichen Kinderreimen einfiel, die ihre beruhigende Macht nicht eingebüßt haben konnten, denn Dots Lider schlossen sich fest und fester, und schließlich war sie wirklich »eindes'lafen«. Es lag eine wunderbare Schönheit in dem Ausdruck, womit Jocelyn auf das hilflose Kind in seinen Armen herabsah. Er war keineswegs was man hübsch oder gar schön nennt, aber seine Züge waren männlich, ausgesprochen, fast herb, und die tiefe Zärtlichkeit, die jetzt mildernd darüber lag, verlieh diesem Gesicht den Reiz, der ihm sonst mangelte. Vielleicht hatte noch niemand den Maler Jocelyn so vorteilhaft aussehend erblickt. Als er mit einemmal in leisem Schrecken die Augen aufschlug, sah er Aline Tressillian im weichen Dämmerlicht des Zimmers auf sich zukommen. Sie ging lautlos und sprach ganz leise. »Bleiben Sie ruhig!« flüsterte sie ihm zu. »Ich sehe ja, das Kind schläft! Ich wollte mich nach ihrem Befinden erkundigen, und als ich von Frau Lamb hörte, daß sie außer Bett sei, konnt' ich mir's nicht versagen, einen Blick hereinzuwerfen.« »Wie freundlich von Ihnen,« erwiderte er ebenso leise, sein Herz pochte aber so stürmisch dabei, daß Dot im Schlaf unruhig wurde. »Wollen Sie sich nicht setzen?« Die schlanke Gestalt glitt zu einem Lehnstuhl am Kamin, worin an dem frostigen Maiabend ein lustiges Feuer brannte. »Geben Sie mir das Kind,« bat sie in dem warmen, einschmeichelnden Flüsterton, der Jocelyns Blut so wild erregte. »Ich wecke sie gewiß nicht auf – ich halte sie gut.« Er zögerte erst, dann legte er Dot behutsam in ihre Arme. »Armes Dingelchen!« murmelte sie, ihr Gesicht an die blasse Wange des Kindes schmiegend. »Wie verändert sie aussieht, und ach! wie leicht sie ist: Sie hat ja gar kein Gewicht mehr!« Jocelyn stand an den Kaminsims gelehnt und blickte mit einem Ausdruck, den noch kein Weib in seinen Augen wahrgenommen hatte, auf die kleine Gruppe herab. Es war ja richtig, er war nicht, was man entzündbar nennt, hatte ihn aber die Glut einmal erfaßt, so war's auch kein Strohfeuer, und sein Gefühl für dieses Mädchen hatte einen schrecklichen Grad erreicht. Sie im flackernden Feuerschein seines eigenen Herdes sitzen zu sehen, mit dem Kind im Arm und dem innigen mütterlichen Schimmer in ihren Augen, erfüllte ihn mit einer Lust, die fast schmerzhaft wirkte. So könnte sie dasitzen, wenn sie sein Weib, sein Eigentum wäre, so würde ihrer beider Kind in diesen zärtlich umschlingenden Armen ruhen – Jetzt wurde er gewahr, daß sie zu ihm aufblickte. Er hatte noch nie so viel Weichheit, Hingebung in ihren Augen schimmern sehen. »Woran dachten Sie eben?« fragte sie leise. »Mir fehlt der Mut, es Ihnen zu sagen,« lautete seine Antwort; die das Beben seiner Stimme fast unverständlich machte. »Dachten Sie an – an mich?« Er nickte schweigend. »Und Sie?« fragte er nach einer Weile. »Und Sie? Woran dachten Sie vor – vor ein paar Minuten?« Sie schüttelte den Kopf, und eine rosige Glut überzog das feine Gesicht von der Stirne bis zum Kinn. Heute war sie ganz in zartes Perlgrau gekleidet. Ein Besatz von weichen perlgrauen Federn umschloß Hals und Handgelenke, und von dem weichen großen Filzhut, den sie trug, nickten perlgraue Federn; außer ihrer rosigen Haut hatte sie keine Spur von Farbe an sich. Ein wahnsinniges Verlangen nach ihrem Besitz stieg in Jocelyn auf, und unter dem Vorwand, das Tuch, worein Dot gehüllt war, fester zu knüpfen, kniete er an ihrer Seite nieder. Die Kleine hätte auch ohne diese Sorgfalt warm genug geruht! Aline erbebte; sie wußte mit einemmal, was ihm auf den Lippen brannte. Sein Gesicht war ganz entfärbt, um den Mund zuckte es unruhig. Ihre Blicke begegneten sich; seine Hand streifte die ihrige. »Aline!« Es war ein heißer, heiserer Laut. Da ging die Thüre auf und der Sternenschein trat ein. Das Kaminfeuer allein erhellte den dämmerigen Raum, und so gelangte sie bis in die Mitte des Zimmers, ohne wahrzunehmen, daß Jocelyn und das Kind nicht allein waren. Der Maler sprang so hastig auf, daß Dot erwachte. Sie stieß einen Schrei aus und streckte ihrer Pflegerin die Aermchen entgegen. Nun erhob sich auch Aline und ließ es geschehen, daß Jocelyn ihr das Kind abnahm, um es der neu Eingetretenen zu übergeben. »Sie hat geschlafen« war alles, was er ihr sagte. Die dunklen Augen der schönen Frau hafteten indes unverwandt auf der lieblichen Erscheinung in Grau, und Aline blickte dafür neugierig und doch mit einem gewissen Hochmut auf die statuenhaft herrliche Gestalt, deren großer Stil ihre mehr zierliche, weltliche Schönheit unwillkürlich zu verkleinern schien. Die Heilige und die Sünderin! Beider Blicke enthielten eine gewisse Herausforderung. »Was hab' ich mit dir zu schaffen?« schien eine Seele der andern zuzurufen. Es dauerte nur ein paar Sekunden; ein atemraubendes, von Herzklopfen bewegtes Schweigen herrschte, dann ging Aline auf Dot zu und küßte das Kind. Jocelyn legte die kleine Patientin in des Sternenscheins wartend ausgestreckte Arme, darauf ging er mit seinem Besuch hinaus. Er gab ihr das Geleite zum Wagen. »Wer ist die – Person?« fragte Aline teilnahmlos. »Sie hat mir in Dots Pflege beigestanden,« gab er zur Antwort. »Ein schönes Geschöpf, das, soviel ich weiß, Schweres durchgemacht hat.« »Ach so! Es sah mir doch so aus, als ob sie nicht zur Krankenwärterin geboren wäre,« warf Aline mit hochmütiger Gleichgültigkeit hin. Sechzehntes Kapitel. Am Tag darauf kam Forsyth ins Atelier. Er war ganz erfüllt von seiner eigenen Schöpfung, einem neuen Buch, und warf kaum einen flüchtigen Blick auf die halbvollendete Skizze, womit Jocelyn beschäftigt war und die er die »Dame in Grau« nennen wollte. Dot lag auf einem Ruhebett am Kamin – man schrieb zwar den ersten Juni, aber das Wetter war frostig – und führte eine belehrende Unterhaltung mit Peter. Forsyth beglückte sie mit einer Düte Treibhaustrauben, zog dann ein Manuskriptbündel aus der Tasche und ließ sich in einem weichen Lehnstuhl unweit der Staffelei häuslich nieder. »Ich möchte dir's vorlesen, mein Alter,« erklärte er. »Mir kommt die Geschichte nicht übel vor – ich wähle aufs Geratewohl ein Kapitel. ›Ein Mann, ein Weib – tiefes Schweigen‹ –« »Einen Augenblick,« unterbrach ihn Jocelyn, seine Skizze kritisch betrachtend. »Ist ›tiefes Schweigen‹ wahrscheinlich in Anwesenheit eines weiblichen Wesens?« »Darin liegt ja gerade die Feinheit,« sagte Forsyth ungeduldig. »Das macht Stimmung – man fühlt gleich, daß man eine ungewöhnliche Frau vor sich hat!« »Das fühle ich gar nicht,« wandte der andre ein. »Weshalb nicht offen und ehrlich sagen: ›sie war eine ungewöhnliche Frau‹?« Der Verfasser des Werks stöhnte. »Ja, mein Bester, hast du denn gar keine Ahnung vom Evangelium der Suggestion? Beschränkung ist das Geheimnis künstlerischer Wirkung, Sobald ich etwas ausspreche, ist's entweiht, erniedrigt. Ein Schriftsteller, der Künstler ist, erreicht mit einem Wort, wozu andre fünfzig brauchen, gerade wie in deinem Fach der Große mit einer Linie hinschreibt, was der bloße Handwerksmann durch unleidlich mühselige Mosaikarbeit – erst nicht herausbringt!« »Mein lieber Junge, den Rummel kennen wir! Geh' lieber noch ein bißchen weiter und behaupte, ein einzelner auf dem Klavier angeschlagener Ton sei schöner weil einfacher als die Darbietung des reichsten Orchesters! Auf der Bühne mußt du dann für den Pfosten schwärmen, woran ein Zettel hängt, der dem Publikum mitteilt, ob sich die Scene in einem Wald, einem Königsschloß oder einer Kneipe abspielt! Jetzt leg' los mit deiner Geschichte – ein Mann und eine ungewöhnliche Frau. Weil sie ungewöhnlich ist, kann sie den Mund halten – nach dem lebenden Modell hast du dabei keinenfalls gearbeitet.« Forsyth fuhr auf und strich sich aufgeregt durch die Haare. »Du hast keine Spur von Seele, Jocelyn, deshalb kannst du auch keine Bilder malen und weißt den Schriftsteller nicht zu würdigen, der vornehm genug ist, das, was er seinem Leser begreiflich machen will, nicht breitzuschlagen. Was malst du denn jetzt?« Damit trat er dicht vor die Staffelei, hinter der er bis jetzt gesessen hatte. Beim Anblick von Jocelyns Skizze zog er die Augbrauen in die Höhe. »Fräulein Tressillian?« sagte er gedehnt und fragend. Jocelyn schwieg. »Aehnlichkeit hat's,« fuhr Forsyth fort. »Wenn du deine vertrackte Farbe weglassen kannst, wird's das Beste werden, was du je gemacht hast. Nur die Wölbung der Lippen,« setzte er wie im Selbstgespräch hinzu, »die – die ist nicht richtig –« Er brach ab, ging ans andre Ende des Zimmers, zog dort einen Briefumschlag aus der Brusttasche und nahm eine Photographie heraus. Der leidenschaftlich zärtliche Ausdruck, womit Forsyth das Bild ansah, verriet dem Maler, wen es darstellte, und bei dieser Erkenntnis ward es ihm schwarz vor den Augen und die Hände zitterten ihm. »Wessen Photographie hast du denn da?« fragte er mit dumpfer Stimme. Forsyth sah mit einer hochmütigen Ueberlegenheit, die ihm sonst fremd war, zu dem Maler herüber. »Sie gehört mir,« versetzte er mit einer Gelassenheit, die des andern Blut vollends zum Kochen brachte. Der Wahnsinn der Eifersucht wütete in Jocelyn. Seit dem Abend, wo er Aline an seinem Feuer hatte sitzen sehen, als ob sie sein eigen wäre, bestand in seinen Gedanken eine gewisse Zusammengehörigkeit zwischen ihnen, und diese machte sie ihm heilig. Daß Forsyth die Vermessenheit hatte, das Abbild ihres holden Selbst in der Rocktasche herumzutragen, dünkte ihm Tempelschändung. Die beiden Männer sahen sich trotzig, herausfordernd in die Augen. Ihre Freundschaft war alt und erprobt, nun stand ein Weib zwischen ihnen, und die Freundschaft lag im Sterben. »Laß mich die Photographie sehen,« befahl Jocelyn dumpf. Sein Gesicht war kreideweiß; die Adern auf seiner Stirn schwollen zu dicken Strähnen an. »Ich zeige Photographieen von Damen nicht,« entgegnete Forsyth mit Ruhe. »Du sollst sie mir aber zeigen!« schrie der Maler mit dem wilden, sinnlos hervorbrechenden Ungestüm einer sonst maßvollen Natur. »Mit welchem Recht trägst du ihr Bild mit dir herum? Das ist eine Unverschämtheit, eine freche Anmaßung von dir!« »Bedenke deine Worte,« sagte Forsyth, in gedämpftem Ton, aber rasch sprechend. »Mehr vertrage ich auch von dir nicht – es genügt – ich will gehen.« Auch er hatte alle Farbe verloren und atmete rasch und heftig. Als er mit diesen Worten auf die Thüre zuschritt, packte ihn Jocelyn rücksichtslos am Arm. »Nicht von der Stelle, eh' du mir Rede gestanden hast! Wie kommst du in Besitz dieser Photographie?« kreischte er mit einer kaum wieder zu erkennenden Stimme. »Darauf kannst du warten – bis dich der Teufel holt!« rief der andre, sich mit unheimlichem Funkeln der grauen Augen zu ihm wendend. Im nächsten Augenblick hatte Jocelyn ihm die Photographie aus der Hand gerissen, mitten durch gebrochen und auf den Boden geschleudert. Der Ausdruck, den Forsyths blutloses Gesicht dabei annahm, war grauenerregend. »Bestie!« zischte er zwischen den Zähnen vor, indem er dem andern an die Kehle sprang. Eine Minute lang standen sie Aug' in Aug', dann ließ Forsyths Griff nach. »Pah!« machte er mit einem höhnischen Auflachen. »Sind wir die Narren, eine Hanswurstkomödie zu spielen? Wenn je ehrliche Freundschaft zwischen uns bestanden hat – was ich jetzt bezweifle – so hat dieser Tag ihr ein Ende gemacht. Um den Fall regelrecht zu erledigen, sollte ich das Ding dort –« er wies nach Jocelyns Staffelei – »vernichten, aber –« Mit einem Achselzucken und einem verächtlichen Blick schritt er aus dem Zimmer. Jocelyn bückte sich nach der Photographie und hob sie auf. Der Bruch ging nicht genau durch die Mitte; er zerschnitt das hübsche Kinn, während die strahlenden Augen ihn unversehrt anlächelten. Wie lang mochte Forsyth dieses Bild mit sich herumgetragen haben? Vielleicht hatte er's geküßt, des Nachts unter sein Kopfkissen geschoben! Jocelyn ließ ein dumpfes Stöhnen hören, dann ging er zum Kamin, berührte Alines Gesicht ehrfürchtig mit den Lippen und legte die Photographie sanft, wie man ein Weihopfer darbringt, auf die Glut. Forsyth kam noch einmal zurück. »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er in eisigem Ton, »aber Sie haben vielleicht die Güte, mir mein Eigentum zurückzustellen? Was haben Sie mit der Photographie gemacht?« Jocelyn deutete wortlos nach dem Kamin. In diesem Augenblick schien das von der Glut gekrümmte Gesicht noch einmal zu lächeln, dann flackerte die Flamme auf, und es zerfiel in Asche. Eine Thüre ging und fiel wieder ins Schloß; tiefe Stille trat ein. Jocelyn war auf einen Stuhl gesunken und starrte mit schlaff herabhängenden Armen auf den Fußboden. Ihm war, als ob sein Kopf zerspringen wolle. Wieder sah er Aline vor sich in dem schwindenden Tageslicht, das ihr Köpfchen wie ein Heiligenschein umspielte, sah dann die zuckenden Lichter des Kaminfeuers ihre Haare vergolden, hörte den weichen Flüsterton, sah den zärtlichen mütterlichen Blick, womit sie das Kind schützend im Arme hielt – Das Kind! Er hatte es rein vergessen! Ganz erschrocken hob er den Kopf. Dot hatte das Gesichtchen in die Kissen vergraben und schluchzte bitterlich, wenn auch fast unhörbar in sich hinein. Jocelyn stand auf und ging zu ihr hinüber – das war ja, so klein es war, ein Wesen, das ihm gehörte, ihn lieb hatte. Als er aber den Arm um das schmächtige Körperchen legen wollte, zog es sich schaudernd vor ihm zurück. »Mein Herzchen,« fragte er sie zärtlich, »was ist dir denn? Sag's deinem Jo!« Doch sie stieß ihn heftig von sich. »Dich sollst mich nicht anrühren!« erklang es schluchzend. »Mich habe dich dar dar nicht lieb.« Es wurde Jocelyn seltsam kalt ums Herz. »Mich hast du nicht lieb?« fragte er. »Kind, das kann ja dein Ernst nicht sein!« »Ist mich E'nst!« stieß sie schaudernd hervor. »Dachte, dich willst Herrn Fo'syth umbringen. Mich fü'chte mich vor dir. Hast böses Gesicht gehabt – o wollte altes Gesicht wieder haben! Nein, nein, mich will dich nich' küssen. Mich will zu meinem Pa! Mich hat dich nich', dar dar nich' mehr lieb, mich hab' Angst vor dir!« Damit brach sie wieder in verzweiflungsvolles Weinen aus, und Jocelyns Trostesworte und Liebkosungen blieben wirkungslos. Siebzehntes Kapitel. Am Tag darauf war Dot schweigsam und in sich gekehrt. Jocelyn durfte sie weder küssen, noch wie sonst auf sein Knie nehmen. Schließlich überließ er, im Innersten gekränkt, das Kind sich selbst. Er fühlte sich namenlos gedemütigt in dem Gedanken, daß dies unschuldige Gemüt eine unbeschreiblich bittere Enttäuschung an ihm erfahren hatte. Die Nacht über war er zu der Ueberzeugung gelangt, daß aller Wahrscheinlichkeit nach Aline Tressillian seinen Freund Forsyth liebe. Es konnte sogar wohl sein, daß sie längst im stillen verlobt waren, in welchem Fall er sich unsterblich lächerlich gemacht haben würde. Er hatte daher fest beschlossen, noch am selben Nachmittag Fräulein Tressillian zu besuchen und sich Gewißheit zu verschaffen. Er ging zeitig nach dem Ladbrokeplatz und fand sie zu Hause. Noch nie war sie ihm so lieblich erschienen, als an diesem Tag, und als sie ihm die Hand zur Begrüßung reichte, sah er das zarte Rosenrot ihrer Wangen einer tödlichen Blässe weichen. Anfangs sprach er gar nicht – er hatte Grund, an der Zuverlässigkeit seiner Stimme zu zweifeln. »Ich – war im Begriff auszugehen,« bemerkte sie, indem sie sich mit Umsicht einen Stuhl aussuchte, der mit dem Rücken gegen das Licht stand. Er erwiderte – was, das wußte er selbst nachher nicht, und schließlich trug er ihr stockend und stammelnd die Geschichte seiner Liebe vor, sagte ihr, daß sie sein Herz, sein ganzes Dasein in Besitz genommen habe, daß seine Zukunft wert- und zwecklos sei, wenn sie keinen Teil davon bilden wolle, sagte ihr tausenderlei Dinge, wie sie Milliarden von Liebenden schon Milliarden von Mädchen gesagt haben, seit die Welt steht. Es war ihm furchtbarer Ernst, weshalb seine Sprache weder zierlich noch fließend sein mochte, denn echte Leidenschaft ist keine Redekünstlerin. Aline Tressillian hatte noch keine so stürmische Liebeserklärung zu hören bekommen, obwohl sie ja, wie früher schon gesagt wurde, nicht ohne Erfahrungen war, und sie fand auf all diese halb erstickten, halb gestammelten Liebesworte nichts zu erwidern, als daß sie sich in seine Arme schließen und ihre weichen Lippen von seinem heißen Mund berühren ließ. Dann aber riß sie sich von ihm los und brach in Thränen aus. »Liebste!« flüsterte er zärtlich, »Habe ich dich erschreckt? Sprich zu mir!« »Ich kann – ich kann – Sie nicht heiraten!« stieß sie unter heftigem Schluchzen heraus. »Du kannst nicht? Was willst du damit sagen? Ich verstehe dich nicht –« er umfaßte sie wieder und zog sie an sich. »Aline, du liebst mich ja? Du thust's! Du mußt!« »Ich – ich kann Sie nicht heiraten,« wiederholte sie. »Und warum nicht?« fragte er in herbem Ton. »Ich – ich bin verlobt.« Langes Schweigen. »Verlobt?« fragte Jocelyn endlich mit bebender Stimme. »Verlobt – mit wem?« Er wußte ja so genau oder glaubte wenigstens so genau zu wissen, welchen Namen sie nennen würde. Es war ein Irrtum! Der Mann, den sie ihm jetzt nannte, war ihm völlig unbekannt. Verblüfft, förmlich betäubt stand er vor ihr. »Großer Gott! Also – haben Sie uns beide zu Narren gehabt?« »Beide?« wiederholte sie fragend, indem sie mit nassen Augen zu ihm aufsah. »Ich erwartete Forsyths Namen zu hören,« versetzte er hart. Sie trocknete ihre Thränen. »Forsyth?« wiederholte sie. »Ich schätze ihn sehr – an Liebe dachte ich nie.« »Ob Sie überhaupt an Liebe denken?« warf er mit einem grimmigen Auflachen hin. »Drauf schwören möchte ich nicht! Und vergönnen Sie es allen, Sie in den Armen zu halten, wie ich es that – Sie zu küssen, wie ich es that? Erwidern Sie auch die Küsse –« Er wandte unwillkürlich das Gesicht ab; sie sollte nicht sehen, was für böse Geister in ihm tobten. »Das ist nicht wahr!« rief sie wie ein im Gefühl seiner Unschuld gekränktes Kind. »Kein Mann hat mich je geküßt außer Ihnen – nur Sie –« »Glauben Sie, mir das weismachen zu können?« fragte er verächtlich. »Gesagt haben Sie's ohne Zweifel – zu jedem, aber daß ich Ihnen glauben sollte, ein Mann, der Ihr Versprechen hat, sein Weib zu werden, ein Mensch von Fleisch und Blut könnte darauf verzichtet haben, Sie zu küssen, ist eine starke Zumutung!« »Er hat mich nie – nie auf die Lippen geküßt,« murmelte sie leise. Ein wahnwitziges Verlangen, sie abermals zu küssen und wieder und wieder zu küssen, durchraste Jocelyns Adern, sie in seinen Armen zu erdrücken, zu vernichten. – Von wem war doch der Vers, der in seinem wirren Kopf plötzlich auftauchte? »Dich wiegen, bis du stille, Dich küssen, bis du tot –« Mit hastigen, ungewissen Schritten näherte er sich ihr, und was las er in ihren Augen? Sie schreckte nicht vor ihm zurück; sie atmete rasch und heftig. Er ließ die Arme herabhängen, als ob er von Holz geschnitzt wäre. »Lieben Sie mich, Aline?« fragte er mit dumpfer Stimme. »Antworten Sie mir – rasch – nur ein einziges Wort – ja oder nein?« Sie warf den Kopf unruhig hin und her, dann fiel ihr Blick auf den Diamantring an ihrer Hand. Der große Stein blitzte und funkelte in dem hellen Junisonnenschein zwischen den wertloseren Juwelen hervor. »Nein,« sagte sie tonlos. Er drehte sich um und verließ stumm das Zimmer. An der Hausthüre begegnete ihm Forsyth, der mit unternehmender Miene, sorgfältig gekleidet, mit einer weißen Blüte im Knopfloch hereintrat. Sie gingen ohne Gruß und Wort aneinander vorüber, und Jocelyn empfand eine rohe, grausame Freude beim Gedanken an die Abfertigung, die den einstigen Freund erwarten würde. Forsyth dagegen schloß mit Befriedigung aus seinem Gesichtsausdruck, daß der Maler eine böse Viertelstunde hinter sich habe, und stieg, innerlich frohlockend, die Treppe hinauf. Anfangs glaubte er, das von Sonnenschein erfüllte große Empfangszimmer sei leer, bis er nach einiger Zeit in einem großen Lehnstuhl in der dunkelsten Ecke ein Wölkchen von fliederfarbigem Sommerstoff entdeckte, das ungemein trostlos und verlassen wirkte. Jetzt unterschied sein Ohr auch leises Schluchzen. »Fräulein Tressillian – Aline« – flüsterte er, im nächsten Augenblick an ihrer Seite knieend und ihre Hand streichelnd. Sie schnellte in die Höhe. »Was ist?« rief sie zornig. »Was wollen Sie?« Der Ton ließ keine Mißdeutung zu. Auch der eitelste Mann der Welt, der Forsyth übrigens keineswegs war, hätte sich nicht einreden können, daß diese Stimme und diese funkelnden Augen zarte Gefühle für ihn verraten hätten. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er mit einiger Steifheit. »Ist es Ihnen lieber, wenn ich gehe?« »Nein, bleiben Sie,« lautete ihr etwas überraschender Bescheid. »Im Grunde ist mir's recht, daß nur Sie es waren –« Er zuckte merklich zusammen. Wie gleichgültig er ihr als Mann war, kam ihm zum erstenmal zum Bewußtsein. Dumm war er ja nicht, er verstand sie also vollkommen, und es war ihm, als ob er eine eiskalte Brause bekommen hätte. »Kann ich irgend etwas für Sie thun?« fragte er in einem schleppenden, mutlosen Ton. Er ahnte nicht, wie trostlos seine Stimme klang, es kam ihm nicht in den Sinn, sich selbst zu beobachten. Ihr Ausdruck wurde milder; sie streckte ihm die Hand hin. »Mir ist sehr elend zu Mut,« sagte sie traurig. »Mir auch,« versetzte er mit einem wunderlich krampfhaften Zucken der Lippen, das für ein Lächeln gelten sollte. »Ich – ich bin nämlich – verlobt,« erklärte sie ihm. Das letzte Wort erstickte fast in einem nicht zu verhehlenden Schluchzen. Ein bitteres Wort drängte sich auf seine Lippen, aber er beherrschte sich und sagte nichts als: »In der That.« Pause. »Und Sie fragen nicht, mit wem?« sagte sie gereizt. »Der Name geht mich gar nichts an. Sie sind verlobt – nicht mit mir, wie ich Thor genug war zu hoffen – das Weitere berührt mich nicht.« »Sie sollten keine schlechten Witze machen, wenn Sie sehen, wie unglücklich ich bin!« »Ich kann Sie versichern, daß mir der Versuch, witzig zu sein, für den Augenblick ganz fern liegt. Mir ist's bittrer Ernst – ich kam heute mit der Absicht, um Ihre Hand zu bitten.« »Das glaube ich nicht!« »Ob Sie's glauben oder nicht, ist mir jetzt völlig gleichgültig.« Sie blickte ihm mit einer gewissen Neugierde ins Gesicht. »Ich möchte wohl eine Liebeserklärung von Ihnen hören,« bemerkte sie, »eine ernsthafte, leidenschaftliche, meine ich. Sie hätten Talent dazu, sollte ich denken.« »Darin gebe ich Ihnen recht,« sagte er mit Ruhe. Ihm war übel zu Mute, aber er, der dieses »Talent« allerdings schon etliche hundertmal auch in wunderlichen Fällen erprobt hatte, wollte sich jetzt nicht weiter bloßstellen, als es schon geschehen war. Er saß also ruhig da, zwirbelte das Schnürchen seines Kneifers, hielt den hübschen Kopf ein wenig hoch und sah sein Gegenüber mit einem halben Lächeln an, das seine aufreizende Wirkung nicht verfehlte. »Die Enttäuschung scheint Ihnen wenigstens nicht ans Leben zu gehen,« warf sie spöttisch hin. »Nein,« lautete die gelassene Erwiderung. »Ich bin selbst überrascht, daß der Schmerz nicht heftiger ist, und suche über meine Gefühle ins klare zu kommen. Wahrscheinlich habe ich mich in mir selbst getäuscht – es war wohl nur ein vorübergehender Einfall – sonderbar, nicht wahr?« Er sah sie mit einer überlegenen Unverfrorenheit an, die seine Stärke war. Aline juckte es in den Fingerspitzen, ihm einen Klaps zu versetzen. »Ich hätte ja allen Grund, mich außerordentlich glücklich zu fühlen,« sagte sie kalt. »Dies ist die Photographie meines künftigen Gatten.« Sie reichte ihm einen wundervoll in Silber getriebenen Rahmen, aus dem ein feistes Gesicht mit altmodisch zugeschnittenem Backenbart den Beschauer selbstgefällig anlächelte. Forsyth betrachtete sich den Mann und stellte das Rähmchen schweigend beiseite. »Er ist sehr gescheit,« bemerkte Aline mit einem beleidigten Blick. »Wirklich?« sagte Forsyth mit einer Betonung, die außerordentlich mit den in die Höhe gezogenen Augbrauen übereinstimmte. »Und sehr wohlhabend,« fuhr sie in ihrer Lobrede fort. »Er hat ein Gut in Bukinghamshire und ein andres in Devon.« »Das freut mich,« bemerkte er nachdenklich, »freut mich wirklich sehr! Reichtum ist immerhin etwas.« »Sie sind äußerst unhöflich und widerwärtig,« sagte Aline ärgerlich. Er war offenbar außer stande, das Lächeln, das sein Gesicht überflog, zu unterdrücken. »Das thut mir furchtbar leid,« entschuldigte er sich dann in seinem herzgewinnendsten Ton, indem er ihr die Hand reichte. »Bitte, verzeihen Sie mir! Und – sagen Sie mir eines – wenn Sie so außerordentlich glücklich sind in Ihrem Verhältnis zu diesem ehrenwerten Herrn, weshalb traf ich Sie dann vorhin in so – nicht eben heiterer Stimmung?« Sie schwieg, und er setzte eilig hinzu: »Hatte Jocelyn Sie etwa – hm – geärgert?« Ihr Lachen war geradezu berückend. »Herr Jocelyn? Ganz gewiß nicht! Ich – ich mag ihn nur nicht leiden.« »Und darüber weinten Sie sogar?« sagte er in sanftem Ton, aber mit einem boshaften Blick, den sie zum Glück nicht wahrnahm. »Fragen Sie doch nicht so abgeschmackt! Ich weinte, weil – weil ich Kopfschmerzen hatte.« »Ach so! Ja, ja, das Wetter! Sehr begreiflich bei dieser Hitze!« sagte er aufstehend, »Es wird mir jetzt erst klar – ich leide auch an derartigen Kopfschmerzen heute. Ich empfehle mich, gnädiges Fräulein – empfangen Sie meinen herzlichsten Glückwunsch zu ihrer Verlobung. Es thut mir wirklich wohl, Sie so glücklich zu wissen.« »Das ging mitten durchs Herz,« knirschte er zwischen den Zähnen, während er die Treppe mehr hinunter lief als ging. »Verfluchte kleine Kokette! Ich glaube, ich hab' mich tapfer gehalten.« Als er im hellen Sonnenschein auf der Straße stand, zeigte sich's indes, daß sein Gesicht ganz in die Länge gezogen und gealtert aussah, denn das Gefühl für die »verfluchte kleine Kokette« war wohl die echteste Leidenschaft gewesen, die dieses bewegliche Herz je empfunden hatte. Er war sich auch klar darüber und sah trübselige Tage und Nächte vor sich liegen. Achtzehntes Kapitel. Pennington war in Jocelyns Abwesenheit ins Atelier gekommen und von Dot empfangen worden. Es war heute eine sehr demütige, bußfertige, kleine Dot mit geröteten Augenlidern, die emsig Staub wischte, aber nur von den Gegenständen, die zu berühren ihr gestattet war. Penningtons Besuch wurde gnädig aufgenommen. »Jo ist fort,« sagte sie, »und mich bin so fu'ch'bar allein, bleib dich nur da!« Die Aufforderung war ihm willkommen, denn er war müde und erhitzt und der große Raum wohlig kühl. Dot legte ihr Staubtuch beiseite und rollte sich wie ein Kätzchen in seiner Nähe in einem weichen Lehnstuhl auf. »Eine halbe Stunde kann ich ja warten,« sagte Pennington. »In der Zeit wird er wohl heimkommen?« »Mich weiß nicht,« gab sie mit einem heimlichen Seufzer zur Antwort. »Jo hat nichts gesagt. Mich war unartig, als er weg-de-gangen ist.« Ihre Unterlippe zitterte bei diesen Worten. »Unartig warst du, kleine Maus? Ich dachte, so etwas könne bei dir gar nicht vorkommen!« »Doch bin. Bin ganz oft. Mag nicht davon reden.« Nach einer Pause sagte sie plötzlich: »Möchte, dich e'zähltest mir von Leuten, denen dich Gutes thust.« »Von Leuten, denen ich Gutes thue?« wiederholte Pennington zerstreut. »Deren gibt's leider Gottes nicht viele!« »Doch, Jo sagt, dich thust Masse Leuten Gutes, dich gibst ihnen alles Geld, das dich hast.« »Da irrt sich Jo.« »Herr Pen-ning-ton,« begann das Kind nach einer kleinen Weile, »hast dich eine Frau?« Peinlich berührt sah er Dot an. »Wie kommst du darauf?« fragte er unwirsch. »Weil sich Frau Lamb einmal zu Sally gesagt hat, sie glaube, dich hättest eine Frau, und ›der arme Herr‹ hat sie gesagt.« Pennington brummte etwas vor sich hin, was Dot nicht verstand. »Sag's, ob dich eine Frau hast,« wiederholte sie mit der hartnäckigen Wißbegierde aller Kinder. »Ja,« sagte er einfach. »Erzähl' dich mir von ihr,« befahl der kleine Plagegeist, sich erwartungsvoll zurechtrückend. Pennington lehnte eine Weile mit geschlossenen Augen im Stuhl zurück, dann willfahrte er ihr unwillkürlich, indem er sagte: »Sie ist häufig krank und noch häufiger unglücklich.« »Ist sie denn nich' eins von den Leuten, denen dich Gutes thust?« fragte die Kleine in ihres Herzens Unschuld. Penningtons vergrämtes Gesicht überzog sich flüchtig mit dunkler Röte. Des Kindes Wort hatte ihn ins Innerste getroffen. Es kommt ja vor, daß einer die Pflichten, die ganz einfach auf seinem Weg liegen, mit Füßen tritt, um dem lockenderen farbenreicheren Ideal einer Pflichterfüllung am fernen Horizont nachzujagen. Er schwieg jetzt betroffen, und das Kind stand von seinem Sitz auf und setzte sich auf die Armlehne seines Stuhls. »Warum weil siehst dich immer so bet'übt aus ?« fragte sie mitleidig. »Und warum weil sind sich deine Augen immer müde? Ist's weil deine Frau sich immer krank ist und nicht sehr glücklich?« »Wahrscheinlich.« »Hast dich gar keine kleine Kinder bekommen?« »Nein, kleine Dot.« »Warum weil nicht?« »Es können nicht alle Leute kleine Kinder haben, Dot,« versetzte er. »Pa hat mich gehabt,« meinte sie überlegend, »und jetzt hat mich Jo. Kannst dich nicht irgendwo ein kleines Mädchen kriegen? Vielleicht würde sich dein Frau dann nicht häu-fig un-dlücklich sein.« Pennington gab darauf keine Antwort. »Mich will einmal zu deiner Frau zu Besuch genommen sein,« erklärte Dot plötzlich. Er sah sie an und in den sonst so matten Augen schimmerte es freudig. »Ja, mein Herzchen,« sagte er mit einer gewissen Unsicherheit, »daran will ich denken.« Kurz darauf erhob er sich, um aufzubrechen. »Sag' Jocelyn, daß ich ein andres Mal wiederkommen werde – guten Abend, Frauenzimmerchen und – ich danke dir.« »Mich hab' dir ja nichts deschenkt,« erwiderte sie verwundert. Er berührte ihr Haar flüchtig mit seinen Lippen und lächelte so seltsam dabei, daß Dot noch lange, nachdem er gegangen war, mit zusammengezogenen Brauen dasaß und sich das Köpfchen zerbrach über den Sinn seiner Rede. Dann dachte sie wieder an ihren Jo; er blieb ungewöhnlich lange aus, und doch hatte sie gerade heute so großes Heimweh nach ihm. Sie wollte ihm ja auch sagen, wie »fu'ch'bar leid« es ihr thue, ihn gestern und heute nicht geküßt zu haben. Bruchstückweise nach Kinderart führte sie sich vor die Seele, wie gut er gegen sie gewesen sei, und das kleine Herz schwoll dabei an von Gewissenspein. Der gestrige Auftritt war aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Als es für sie schon an der Zeit war, ins Bett zu gehen, hörte sie ihn den Schlüssel in die Flurthüre stecken. Das Zimmer war jetzt so dämmerig, daß er Dots Anwesenheit zuerst gar nicht bemerkte. Er warf einen verdrießlichen Blick auf das seiner harrende Häufchen von Briefen, machte aber keinen davon auf. Dann ging er zur Staffelei hinüber wo ihn die halbvollendete »Dame in Grau« spöttisch anlächelte. Das ungewisse Zwielicht verlieh dem schattenhaften Gesicht eine seltsame Lebenstäuschung. Ein paar Minuten stand er schweigend davor, dann griff er, ein böses Wort zwischen den Zähnen hervorzischend, nach seinem Taschenmesser und machte einen zackigen Schnitt durch die ganze Leinwand. Nachdem er in halber Betäubung lange auf das Wrack seiner eigenen Arbeit hingestarrt hatte, sank er mit allen Anzeichen tiefster Erschöpfung in einen Lehnstuhl und vergrub sein Gesicht in den Händen. Zu ihrem unsäglichen Staunen und Schrecken vernahm Dot einen schluchzenden Laut, dem bald ein zweiter folgte. Dann wurde es ganz still, unheimlich still. Ein winziges Gestältchen kam leise aus der dunklen Ecke hervorgeschlichen und geradeswegs auf den Mann zu, der mit gesenktem Kopf und wehem Herzen dasaß, und dem es zu Mute war, als ob der Himmel über ihm zusammengestürzt wäre. Diesen Zustand lernt wohl jeder im Leben kennen – einmal wenigstens. Jocelyn machte diese Erfahrung zum erstenmal, und er trug sie nicht allzu heldenhaft. Jetzt schrak er heftig zusammen, denn zwei weiche kleine Arme hatten sich in der Dämmerung um seinen Hals geschlungen, und ein schmeichelndes Kinderstimmchen flüsterte dicht an seinem Ohr: »Jo – mein kleine, kleine Jo – mich hab' dich lieb – mich hab' dich viel mehr lieb als ganze Welt. Thut mir fu'ch'bar leid, daß mich dir nicht Kuß geben wollen – mich will dir Kuß geben – jetzt –« und die frischen Kinderlippen suchten und fanden die seinigen. Er umschloß das Kind fest und zog das zierliche Geschöpfchen auf seine Kniee. »Mein kleines Mädelchen,« murmelte er mit stockender Stimme, »Mein kleines Mädelchen – sei nur ruhig, mußt nicht weinen!« Die reine, unschuldige Hingebung dieses kleinen weiblichen Wesens that ihm unbeschreiblich wohl in dieser Stunde. Er empfand eine wunderbare Linderung der stechenden, brennenden Schmerzen in seinem wehen Herzen. Eine ganze Weile saßen die beiden eng umschlungen und schweigend bei einander, dann sagte Dot im Ton tiefsten Entsetzens: »Dich hast ihr Bild ze'schnitten!« Er nahm eine leichte Veränderung in seiner Stellung vor, sagte aber nichts. »Hast dich sie nich' mehr lieb?« fragte sie. »Schweig', mein Kindchen –« Sie rieb die lockigen Haare gegen seine Wange. »Thut nichts,« flüsterte sie ihm zu. »Mich hab dich lieb!« Er nickte schweigend und küßte sie. »Bist dich müde – sehr müde?« fuhr sie fort. Er nickte abermals. Ja, er war sehr müde, todmüde. Seit er das Haus am Ladbrokeplatz verlassen hatte, war er viele Meilen weit umhergewandert. »Dich sollst Sofa liegen,« ordnete Dot an. »Mich will dir Haare streicheln.« Er stellte sie sanft auf den Boden und stand auf. In seinem Kopf pochte es, als ob ein Dampfhammer drin arbeitete, all seine Pulse klopften stürmisch. »Nein, Herzchen, still liegen kann ich jetzt gerade nicht,« sagte er. »Ich will ein wenig auf und ab gehen, und für dich, mein Liebling, ist's Bettzeit.« Gehorsam bot sie ihm das Mündchen zum Gutenachtkuß. »Dich könntest nicht sein ohne dein kleines Mädchen?« fragte sie mechanisch. »Nein, mein Herzchen! Gott weiß es, wie ich dich brauche!« Daraufhin ging sie leise hinaus und machte die Thür, sorgfältig ohne das geringste Geräusch hinter sich zu. Neunzehntes Kapitel. Noch weitere vierzehn Tage, und Dot konnte wieder wie sonst ausgehen und war ganz munter. Der Juni war warm und sonnig, und die Bäume verrieten sogar in London, daß es Sommer sei. Jocelyn hatte seit der Zerstörung seiner Dame in Grau den Pinsel nicht wieder zur Hand genommen. Er wußte, daß er sein Schicksal nicht mannhaft trug, aber er fühlte sich geistig gebrochen und untauglich zur Arbeit, wenn auch sein Herz nicht in Stücke gegangen war. Daher kam er auf den Einfall, mit Dot in irgend ein bescheidenes Badeörtchen an der See zu gehen. Das Kind sollte dort seine frischen Farben wieder finden, und er – nun er vielleicht sein Gleichgewicht. So seltsam es andern erschienen sein würde, er konnte stundenlang mit oder wenigstens vor Dot von dem Mädchen sprechen, das ihn so grausam genarrt hatte. Dots Mitgefühl war schweigsamer Art; sie äußerte es nur in einem gelegentlichen Kuß oder indem sie als Zeichen ihres Verständnisses seine Hand streichelte. Niemals aber sah sie bei seinen Reden gelangweilt aus, nie machte sie den Versuch, das Gespräch auf andres zu lenken, wie es ein minder hingebender Zuhörer wohl gethan hätte. Sie ließ ihn reden und toben nach Herzenslust und tröstete ihn nur hie und da mit der Ansicht, daß »Fräulein Twillian« gewiß wieder »nett zu ihm« und »gar nich' mehr drausam« sein werde, immer aber beschloß sie das Gespräch, indem sie mit ihrem eigentümlichen kurzen Kopfnicken sagte: »Einerlei, mich hab' dich sehr lieb.« Es war ein weltentlegenes, wunderliches altes Nestchen an der Küste von Essex, das sich das ungleiche Paar zur Erholungsstätte ausgesucht hatte, und als die beiden am ersten Abend dort am Strand umherschlenderten, stießen sie zu ihrer größten Ueberraschung auf Pennington. Er war, wie er ihnen erklärte, vor wenigen Tagen mit seiner Frau hierher übergesiedelt. Sie habe in der letzten Zeit furchtbar rasch abgenommen, und der beigezogene Arzt habe ihm gesagt, daß sie höchstens noch ein paar Monate zu leben habe. »Sie hat immer gewünscht, die Kleine zu sehen,« setzte er hinzu, »willst du nicht morgen früh mit ihr kommen?« Jocelyn zögerte, aber ein bittender Druck von Dots Hand veranlaßte ihn, diesen Besuch zu versprechen. Sie gingen ein Stück weit zusammen, dann kehrte Pennington um. »Ich lasse sie nicht gern lange allein,« bemerkte er. »Sie scheint mich zu vermissen.« Am folgenden Morgen begab sich Jocelyn mit Dot nach dem kleinen Fischerhaus, wo Pennington ein paar heimelige Stübchen mit Aussicht aufs Meer innehatte. »Ich gehe lieber nicht hinein,« sagte er im Gärtchen zu Pennington. »In einer halben Stunde will ich das Kind abholen.« Penningtons Frau lag dicht am Fenster auf einem Ruhebett. Mit den geschlossenen Augen und der kaum merklichen Atmung machte sie einen geisterhaften Eindruck, und die kleine Dot trat halb verwundert, halb ängstlich näher; sie wußte nicht recht, ob die Frau tot sei oder lebe. »Ich bringe dir Besuch,« sagte Pennington mit sorglich gedämpfter Stimme. »Hier ist die kleine Dot Fraser.« Mit sichtlicher Anstrengung schlug sie die Augen auf. »Ach so,« sagte sie, leise und undeutlich sprechend, »du bist das kleine Mädchen, das einmal verloren ging, nicht wahr?« »Ja,« erwiderte Dot ernsthaft. »Schutzmann fand mich. Warst dich auch einmal verloren?« setzte sie hinzu. »O ja,« sagte die Frau mit einem Lächeln, das Dot schmerzlich berührte. »Und wer hat dich gefunden?« »Mich? Niemand!« Das ging über Dots Verständnis. Sie sah sich nach Pennington um, daß er ihr das Rätsel löse, aber er war ins Gärtchen hinausgegangen. Durchs Fenster sah man ihn mit den Händen auf dem Rücken langsam auf und ab gehen. »Bist dich immer krank?« fragte Dot plötzlich. »Ja, jetzt immer.« »Hat dich liebe Gott krank gemacht?« »Nein – ich glaube nicht, daß er viel damit zu schaffen hatte.« »Hoffe, dich wirst bald danz danz desund.« »Ich werde nie mehr gesund werden, mein Kind,« entgegnete sie mit Bitterkeit, »und das ist mir auch lieb.« »Willst dich denn sterben?« fragte das Kind, Entsetzen im Ton. »Mein Pa ist ve'sto'ben und in Himmel gegangen. Wartet auf mich, daß mich auch komme. Bin ganz beinah' gekommen, so krank war ich nach dem Verlorensein.« Die Frau seufzte. »Ach! Wenn ich je ein Kindchen gehabt hätte wie dich!« sagte sie mit plötzlicher Weichheit, »Und doch – es war vielleicht besser so –« »Vielleicht wär' dich dein kleines Kind una'tig gewesen,« bemerkte Dot, sie über das Vermissen zu beschwichtigen suchend. »Mich bin manchmal auch una'tig und eine Plage für Jo. Dann sag' mich, daß es mir fu'ch'bar leid thut und Jo verzeiht's.« »Wenn du sagst, daß es dir leid thue, verzeiht er,« wiederholte die kranke Frau mit schwacher Stimme. Sie hatte eine der abgezehrten Hände über ihre Augen gelegt, aber Dot sah zwei dicke Thränen darunter hervorquellen und langsam über die eingesunkenen Wangen hinabrollen. »Nich' weinen!« bat sie, die herabhängende Hand zärtlich streichelnd. »Bist dich auch manchmal una'tig?« »O du süßes Engelskind!« rief die Kranke schluchzend, und dabei zog sie die Kleine heißhungrig an ihr Herz. »Sag' du es mir – werde ich auch Verzeihung finden, wenn ich sage, wie leid es mir thut?« »Weiß nicht,« versetzte Dot, die etwas bestürzt und verängstigt war. »Jo verzeiht immer – mir.« Penningtons Schatten streifte das Fenster, und gleich darauf stand er selbst im Zimmer. Er war bleicher als sonst, und seine Augen verrieten innere Kämpfe, Dot ging auf ihn zu. »Darf mich in Garten und darf mich Blumen 'f-lücken für deine Frau, Herr Pen-ning-ton?« fragte sie, die großen Augen bittend auf sein Gesicht heftend. Er nickte ihr schweigend Gewähr. Sobald das kleine Gestältchen die Stube verlassen hatte, sank Pennington vor dem Ruhebett seiner Frau auf die Kniee und legte den Kopf auf ihre Kissen. Zaghaft berührte sie seinen Arm. »Phil,« kam es scheu und leise von den blutlosen Lippen, »Phil, sie sagen, ich müsse sterben. Ich werde dir nicht mehr lange zur Last sein. Wenn ich dich bitte, mir zu verzeihen – wenn ich dich aus Herzensgrund darum bitte – kannst du vergeben? O, Phil, du hast mich doch einmal geliebt!« »Gott weiß, daß ich kein Recht habe, dich anzuklagen,« murmelte er heiser. Bald darauf erschien Dot unter der Thüre, beide Händchen voll roter Rosen. »Jo mich abholt,« sagte sie. Pennington stand auf und drückte die Kranke sanft auf ihre Kissen zurück. »Laß sie – das Kind soll mich küssen,« bat sie flüsternd. Dot legte ihr die Rosen in die Hände und küßte sie sanft auf die Wange, die jetzt von leiser Röte gefärbt war, was dem verwelkten Gesicht eine fremdartige Schönheit verlieh. »Dich siehst jetzt ganz hübsch aus,« bemerkte Dot mit sichtlicher Genugthuung, während sie rasch hinaustrippelte, um ihren geliebten Jo nicht warten zu lassen. Von diesem Tag an geschah es noch manchmal, daß die kleine Dot die schlichte Krankenstube durch ihre Gegenwart hell und heiter machte, ja bald wurde sie darin ein täglicher, stets mit Freude erwarteter Gast. Das Kind blühte in der gesunden Luft des Badeorts im selben Maß auf, als die blasse Frau von Tag zu Tag mehr hinwelkte. In einer Augustnacht zur Flutzeit pochte Pennington an Jocelyns Thür. Er sah entsetzlich bleich und hohläugig aus. »Gibst du mir das Kind?« fragte er statt jeden Grußes. »Meine Frau liegt im Sterben – sie erlebt den Morgen nicht mehr. Der Arzt ging eben weg, und fortwährend verlangt sie nach dem Kind.« Dot wurde aus ihrem Bett genommen, von hilfreichen, aber etwas ungelenken Männerhänden hastig angekleidet und nach dem Häuschen am Strand getragen, wo Penningtons Frau ihr Leben aushauchte. Eine Fischerfrau saß an ihrem Bett, entfernte sich aber bei Penningtons Rückkehr. Die Sterbende sah wunderbar glücklich aus, bei Dots Anblick überflog ein seliges Lächeln ihr Gesicht und verklärte es mit Schönheit. »Süßes Kind!« flüsterte sie, als Dot schlaftrunken, aber liebevoll die Aermchen um ihren Hals schlang. »Du hast wahr gesprochen, du kleiner, gottgesandter Himmelsbote, Gott segne dich und erhalte dich – immer und immer.« Dann sagte sie: »Phil–, mein armer, gequälter Phil–, das ist das letzte –« Er beugte sich über sie und küßte sie. Dot machte sich leise von ihr los und stand schweigend da, mit schlafbefangenen Augen unter ihrem tief herabhängenden Lockenhaar hervorblinzelnd, Trotzdem prägte sich das Bild dem kindlichen Gedächtnis unauslöschlich ein: das schmale, niedere Zimmer, dessen Fenster offen stand, um dem leisen Hauch vom Meere her Zugang zu gewähren, das einförmige Anprallen der steigenden Flut auf dem Gestein der Bucht, die sterbende Frau in ihrer fremdartigen, überirdischen Schönheit, und der Mann, der gesenkten Haupts an ihrem Lager stand und seine Hand auf ihrer Stirn ruhen ließ. »Du hast mir wahr und wahrhaftig vergeben, Phil?« »Vor Gottes Angesicht – ja.« Was nachher noch gefolgt war, dessen entsann sich Dot später nicht mehr. Sie wußte nur, daß Jo sie eilends durch die stockfinstere Nacht heimgetragen und zu Bett gebracht hatte. Am folgenden Morgen durfte sie der blassen Frau noch einmal Blumen bringen, aber dieses Mal waren es lauter weiße, und die Empfängerin dankte ihr nicht mehr dafür. Sie lag so still, so weiß, so ruhig da, und um die kalten Lippen spielte ein friedliches Lächeln. Zwanzigstes Kapitel. Jocelyn vermißte Forsyths Umgang und Freundschaft sehr, und auch dieser fand sein Dasein verarmt und verödet, seit der Maler keinen Teil mehr davon bildete. Beide mußten sich im innersten Herzen eingestehen, daß sie eine erprobte Freundschaft der Laune eines Mädchens geopfert hatten, die offenbar gerade so unfähig war, Liebe zu empfinden, als fähig, sie einzuflößen. Beide hatten sie das unbehagliche Gefühl, mit Bewußtsein und Kunst genarrt worden zu sein, und empfanden insgeheim ein Verlangen, sich darüber auszusprechen und ihre Erfahrungen auszutauschen; aber die einstige Vertrautheit, wie sie noch vor ein paar Monaten zwischen ihnen geherrscht hatte, schien ja ein unwiederbringlich verlorenes Gut zu sein, denn nichts ist schwerer zu kitten als eine in Stücke gegangene Freundschaft. Wie man die Splitter auch zusammenleimen mag, es fehlt immer irgendwo ein Eckchen, und der Sprung bleibt fast in allen Fällen sichtbar. Um diese Zeit geriet Jocelyn wieder einmal in Geldverlegenheiten, weshalb er wie gewöhnlich von schrankenloser Ueppigkeit in seiner Lebensweise zu stark davon abstechender strenger Sparsamkeit überging, die jedoch nie lang vorzuhalten pflegte. »Was heißt ›knapp dran sein‹?« fragte Dot eines Morgens. Sie hockte nach Schneiderart in einem Lehnstuhl dicht bei der Staffelei und war eifrig beschäftigt, Socken zu stopfen. Jocelyn, der seit ihrer Heimkehr von der Sommerfrische wieder tüchtig an der Arbeit war, rieb erst mit einem Lappen ein mißglücktes Kinn von der Leinwand, ehe er Antwort gab. »Knapp dran sein, Wichtelmännchen?« warf er etwas geistesabwesend hin, »Nun, das bedeutet, daß man kein Geld hat.« »Aber dich sagtest doch gestern zu dem Herrn, daß dich knapp dran seist?« »Bin ich auch – hol's der Kuckuck!« »Aber, Jo,« wandte sie vorwurfsvoll ein, »Dich hast doch Geld! Dich mußt doch nicht auf der Straße stehen und Bettler sein!« »Vielleicht kommt's dieser Tage auch noch so weit,« sagte er halb ingrimmig, halb zerstreut. »Muß mich denn auch Bettler sein?« erkundigte sie sich, zwischen Neugierde und Grauen schwankend. »Natürlich! Du hältst dann den Hut hin, daß die Leute Kupfergeld für mich hineinwerfen – aber, Kindchen, was in aller Welt treibst du denn mit meinen Socken?« »Mich stopfe Löcher,« belehrte ihn Dot mit entsprechender Wichtigkeit. »Aber da glaube ich, daß es besser wäre, du würdest sie nicht zu solch harten Buckeln zusammenziehen,« bemerkte Jocelyn mit Milde. »Ich kann mir nicht denken, daß diese Knollen sehr angenehm am Fuß sind, oder meinst du?« Dot sah ihr Werk an, und nachdem ihr die schöne Selbsttäuschung darüber benommen worden war, zog sie entsagungsvoll das Fingerhütchen ab. Nach einiger Zeit schien ein großartiger Gedanke in ihr aufgetaucht zu sein, denn sie kletterte eilends von ihrem Stuhl herunter und verließ das Zimmer. Jocelyn mischte indessen mit Seelenruhe abschreckende Fleischtöne, summte eine Melodie vor sich hin und baute Luftschlösser, bis ein feines Stimmchen aus nächster Nähe zu ihm sagte: »Jo, Lieber, sieh her!« Er sah hin und erblickte Dot, die eine Schokoladeschachtel mit einem Paradiesvogel auf dem Deckel sorgsam in beiden Händen hielt. »Mich habe Geld, mich!« erklärte sie freudestrahlend. »Fu'ch'bar viele Schillinge – Dich hast mich fu'ch'bar oft Schilling geschenkt, daß ich mir Süß'keiten kaufe. Aber Herr Pen–nington sagt, Leute sollen nicht alles Geld ausgeben, was haben, drum hab' mich meiniges nicht ausgeben. Und nun sollst dich's haben, Jo, Lieber, mich brauche es wirklich nich' – wi'klich.« Er war tief gerührt, und seine Stimme klang ein wenig verschleiert, als er ihr zur Antwort gab: »Nein, Frauenzimmerchen, du mußt deine Schillinge behalten! Ich kann dir unmöglich dein Geld wegnehmen.« »Mich will, daß dich's nimmst!« sagte sie, die Mundwinkel verdächtig herabziehend. »Mich hab' dich gar nich' lieb, wenn dich's nich' thust.« Dabei quollen schon zwei helle Thränen hervor und rollten über die runden Wangen. Jo legte die Palette aus der Hand, zog die Kleine auf seine Kniee und trocknete ihr mit seinem Taschentuch die Thränen. »Nun denn, wenn dich's so betrübt, will ich sie ja nehmen – dir zuliebe! Du wunderliches, liebes Seelchen! Und wenn du recht artig bist, sollst du auch mit mir ausgehen – ich muß mir ein paar Pinsel und chinesisches Weiß besorgen.« »Von meine Schilling willst dich's kaufen?« fragte sie glückstrahlend. Er küßte sie auf beide Augen. »Versteht sich, Herzchen, versteht sich!« Sobald sie aber hinaus gegangen war, um sich fertig zu machen, verschloß er die Schokoladeschachtel in einem Fach seines eingelegten Schrankes. »Gesegnet sei ihr Herz!« murmelte er dabei. Auf dem Heimweg gingen sie auf Dots besonderen Wunsch Westbourne Grove entlang, und Jocelyn machte den Vorschlag, bei einem bestimmten Zuckerbäcker besonders feine Crêmetörtchen zu kaufen, die dem Leckermäulchen beim Thee munden sollten. »Aber so fu'ch'bar teuer!« warnte sie ihn, als er schon in den Laden trat. »Kann sein, sind nicht Schillinge genug.« »O doch! Es reicht,« lautete die zuversichtliche Antwort. »Bleib' du nur unter der Thür stehen und sieh dich nach dem Omnibus um, so lang ich bezahle.« Nun traf sich's aber, daß auf der andern Seite der Straße Forsyth vorüberging. Er winkte ihr mit der Hand einen Gruß zu, was sie irrtümlich für eine Aufforderung hielt, zu ihm herüber zu kommen. Da zudem gerade eine kleine Pause in dem ungeheuren Wagenverkehr verhältnismäßig freien Uebergang gewährte, war sie im Nu mitten in der breiten Straße. Im selben Augenblick aber bog ein Coupé in vollem Trab um die Ecke, und es sah aus, als ob die Kleine im nächsten unfehlbar unter den Hufen der Pferde liegen müßte. Rasch wie ein Blitz aber stürzte Forsyth vom entgegengesetzten Fußsteig herbei und riß sie mit Geschick und Kraft unter den Pferden hervor, die sie in unfaßlicher Weise noch nicht berührt hatten, und in der nächsten Sekunde schon ruhte Dot, am ganzen Leib zitternd, aber unversehrt in Jocelyns sie leidenschaftlich umschließenden Armen. Dieser selbst war geisterhaft bleich. Schweigend hielt er Forsyth die Hand hin, die dieser ohne ein Wort herzlich drückte. Natürlich hatte sich sofort ein Volksauflauf gebildet und ein Schutzmann (nicht 230 H!) schrieb die Nummer des Droschkenkutschers auf. »Machen wir, daß wir aus diesem verdammten Gewühl kommen!« rief Jocelyn aufgeregt. Er hielt eine eben leer vorüberfahrende Droschke an und setzte Dot hinein. »Komm' mit uns nach Hause, willst du nicht?« sagte er dann mit heiserer, unsicherer Stimme zu Forsyth. Der andre zögerte einen Augenblick, dann sagte er einfach: »Gut!« Im Wegfahren gewahrte Dot einen großen braunen Hund, der die Düte mit ihren Crêmetörtchen auf dem Fußsteig herumzerrte. Sie machte indes ihre Begleiter nicht aufmerksam darauf, denn sie hatte ein dunkles Gefühl, Jocelyn könnte ihr böse sein. Dazu hatte er freilich keine Muße, denn er zitterte immer noch wie Espenlaub und war ganz verstört, und Forsyth hatte genug zu thun, den Schmerz in seinem linken Arm zu verbeißen, den er sich übel verstaucht hatte. So fuhren alle drei schweigend nach Jocelyns Wohnung, wo sich Dot mit dem ihr eigenen echt weiblichen Takt unsichtbar machte. »Forsyth, wie kann ich dir's danken?« sagte Jocelyn heiser, sobald sie im Atelier waren. »Ich hätte nicht mehr zu rechter Zeit kommen können – ich sah die Gefahr erst, als –« er brach ab. »Schwatz' doch keinen Blödsinn!« erwiderte Forsyth in der zierlichen Ausdrucksweise unsres Jahrhunderts. »Wenn ich nicht zugesprungen wäre, hätt's ein andrer gethan! Bist du an etwas Neuem?« setzte er hinzu, indem er seinen Kneifer zurechtrückte und vor die Staffelei trat. Durch diesen Zwischenfall waren Groll und Hader verwischt, und obwohl die beiden jungen Männer nicht zu den Naturen gehörten, die überflüssiger Gefühlsseligkeit nachhängen, kam beiden die Welt wieder schöner und sonniger vor. Einundzwanzigstes Kapitel. »Ach, du bist's, kleine Dot!« sagte Aline Tressillian eines Nachmittags, es mochte etwa vier Wochen nach jenem Ereignis sein. »Was machst du denn hier?« Die Begegnung fand in einer Schreibmaterialienhandlung statt, die sich unmittelbar gegenüber von Jocelyns Wohnung befand. Die junge Dame hatte das Kind nicht angesehen, bis Dot sie mit einer gewissen steifen Zurückhaltung grüßte, die für Aline höchst ergötzlich war. »Und was für Einkäufe machst du denn?« fuhr sie fort. »Einen Bilderbogen?« »O nein,« versetzte Dot mit drolliger Würde. »Mich kaufe ein Lernbuch – Jo will mich belernen. Und hat mir den Namen auf diesen Zettel geschrieben und gesagt, mich könne es selbst holen, wenn mich acht geben wolle beim Gehen über die Straße.« »Komm mit mir, mein Herzchen, und trinke bei mir Thee,« sagte Aline, als der junge Mann hinterm Ladentisch dem Kind das gewünschte Buch hinbot. »Nein,« lautete die entschlossene Antwort. »Jo würde denken, mich sei verloren.« »Dann will ich ihm ein kleines Briefchen schicken und ihm schreiben, wo du bist,« entgegnete Fräulein Tressillian, die ihre Pläne auch nicht so leicht fallen ließ. »Ueberdies möchte ich dir auch etwas übergeben – für ihn.« »Was?« fragte Dot, zur Nachgiebigkeit neigend. »Das zeige ich dir zu Hause.« Da Dot in ihrem kleinen Köpfchen die Vermutung aufstellte, daß »Fräulein T'w'illian« wohl wieder »nett« sein wolle, ließ sie sich umstimmen, und Aline schrieb im Laden einen Zettel des Inhalts: »Ich habe Dot zum Thee mit mir nach Hause genommen. Werde sie rechtzeitig heimbringen lassen. A. T.«, schickte diesen durch einen Lehrjungen hinüber, den ihr Trinkgeld zu rasender Eile anspornte, und führte Dot im Triumph davon. Als sie am Ladbrokeplatz angekommen waren, machte sie's ihrem kleinen Gast recht gemütlich. Dot wurde in einem molligen Stuhl ans Fenster gerückt, bekam Thee und Kuchen und sollte nun plaudern. »Will das Ding für Jo,« erklärte sie etwas eigensinnig. »Du sollst's gleich haben, aber sag' mir doch auch, wie es Jo geht. Erzähle mir ein wenig von ihm!« »Geht ihm gut,« lautete die knappe Auskunft. Aline goß ihr eine zweite Tasse Thee ein und sagte anscheinend gleichgültig: »Sag' mir doch – spricht er – spricht er manchmal – von mir?« »Nein,« erwiderte Dot rasch. »Jetzt nie.« »Also früher, da sprach er von mir?« »Man'mal,« gab Dot mit großem Unbehagen zu. »So, und was sagte er denn von mir, kleine Dot?« »O – viele Sachen.« »Erzähl' mir doch etwas davon!« »Nein, Jo könnte sich böse werden.« »Ach! Hat er denn so abscheuliche ›Sachen‹ von mir gesagt?« Das Kind schwieg. »Dot,« hob Aline mit einer gewissen Unsicherheit an, »meinst du – meinst du, daß Herr Jocelyn gern eine Photographie von mir haben würde?« »Ja,« entfuhr es Dot schnell. Der heftige Auftritt mit Forsyth, den sie ganz vergessen hatte, stand plötzlich wieder lebendig vor ihr. »Wenn ich dir diese Photographie gebe, willst du sie ihm bringen und ihm sagen, daß –« Sie stockte. »Was?« fragte Dot. »Nichts, nichts! Gib ihm einfach die Photographie.« »War's das, was dich im Buchladen sagtest, dich wollest mir geben?« »Ja – da ist sie. Gefällt sie dir?« Dot betrachtete das Bild kritisch. »'s ist ein ganz, ganz klein wenig hübscher als dich,« erklärte sie sachkundig. »Hat selbe Kleid und Hut, das Jo in ›Dame in Grau‹ gemalt hat.« »Was war denn das für ein Bild? Die Dame in Grau?« fragte Aline hastig. »'s ist jetzt ze'schnitten,« erwiderte Dot. »Aber vielleicht will Jo nicht, daß mich's sage.« Aline war rot geworden. »Ich glaube nicht, daß er etwas dagegen hätte,« versicherte sie etwas erregt und heftiger atmend. »Höre mich an, mein Herzchen – aber komm und setze dich auf meinen Schoß.« »Nein, danke – mich sitze gern hier.« Aline schwieg eine Weile, dann fragte sie: »Weißt du vielleicht, kleine Dot, daß ich verlobt war – jemand heiraten wollte?« Dot nickte. »Ich thue es aber nicht.« »Warum weil?« »Ach – das weiß ich selbst nicht!« »Möchtest dich lieber Jo heiraten?« Aline stand ganz ohne Veranlassung auf und ging im Zimmer umher, dann kam sie wieder und setzte sich neben Dot. »Vielleicht möchte Jo mich gar nicht haben,« sagte sie, ein wenig gezwungen lachend. »Das weiß mich nicht,« erwiderte die undurchdringliche Dot, setzte aber gleich hinzu: »Soll mich Jo fragen, ob dich heiraten will?« »Ums Himmels willen, Kindchen – nein! Das sollst du nicht.« Dot ließ sich langsam von ihrem Stuhl heruntergleiten. »Mich gehe jetzt,« erklärte sie, die Photographie festhaltend. »Warte nur noch, bis der Wagen da ist, dann begleite ich dich bis an die Hausthüre und setze dich hinein, Liebling. Und jetzt laß mich die Photographie in einen Umschlag stecken – so – da hast du sie!« Als Dot kurz darauf mit glückstrahlenden Blicken und einem hohen Bewußtsein ihrer Wichtigkeit in Jos Atelier trat, fand sie einen frostigen Willkomm. »Dot,« sagte Jocelyn mit ungewöhnlicher Schärfe, »ich verbiete dir ein für allemal, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis Besuche zu machen.« Das Kind war wie aus den Wolken gefallen. »Fräulein T'w'illian',« begann sie nach einer Weile demütig, »hat mir was gegeben – für dich.« Sie streckte ihm die Photographie hin. Jo nahm sie, ohne eine Bemerkung zu machen, warf sie auf einen Tisch und malte weiter. Das war zu erstaunlich für Dot. »Jo!« begann sie vorwurfsvoll. »Dich hast's ja gar nicht angesehen! 's ist eine Photog'aphie von Fräulein T'w'illian – und sie will sich auch gar nicht mehr heiraten – hat mir's gesagt.« Jocelyn gab auch darauf hin keine Aeußerung von sich, und Dot ging langsam hinaus mit vor Verblüffung und Enttäuschung geröteten Wangen. Als sie nach einer Weile wiederkehrte, fragte sie mit einem ganz befremdlichen Stimmchen: »Willst dich ganzen Tag böse sein mit mir, Jo?« Jocelyn strich ihr mit der freien Hand leicht über die Haare. »Ich bin dir nicht böse, Kindchen.« »Dann – was warst dich, als mich heimkommen bin?« »Aergerlich, du weißt es ja.« »Weil mich zu Fräulein T'w'illian gegangen bin?« »Wir wollen's nicht mehr erörtern, Dot. So schlimm war's ja nicht, nur wenn du wieder hingehen willst, so frag' mich vorher.« Sie nickte beistimmend und fragte, ob sie Seifenblasen machen dürfe, unterbrach aber diese fesselnde Beschäftigung nach einiger Zeit, um die Frage aufzuwerfen: »Jo, warum weil heiraten sich Leute?« Er malte erst schweigend weiter, dann sagte er: »Vermutlich weil sie einander lieb haben und immer beisammen sein möchten.« Dot ließ nacheinander zwei farbige Kugeln aufsteigen, dann sagte sie: »Und haben sich einander lieber als alles auf Welt?« »So sollte es wenigstens sein.« Dot machte ein sehr ernstes Gesichtchen. »Jo, wenn's dich heiraten thätest, würdest dich mich immer noch lieb haben?« »Ganz gewiß, mein Liebling!« »Gerade so lieb als – die?« »Das wäre eben eine ganz andre Art von Liebe, kleine Dot.« »Warum weil?« »Das verstehst du noch nicht!« »Versteh mich's, wenn mich groß bin?« »Wahrscheinlich.« »Glaube nicht, daß mich heirate, Jo. Mich könnte niemand lieb haben als dich.« Er lachte. »Warte noch ein Dutzend Jährchen, dann wird's anders lauten.« Dot vertiefte sich wieder in ihre Thätigkeit und brachte drei Prachtexemplare von Seifenblasen fast bis zur Decke hinauf, was ihr verschiedene Jubelrufe entlockte. »Jo, warum weil bin mich nicht hübsch wie Fräulein T'w'illian?« fragte sie dann plötzlich. »Wie kommst du darauf, an deiner Schönheit zu zweifeln, Elfenkind?« »In Spiegel geguckt und bemerkt,« versetzte sie mit einem Seufzer. »Mich bin nicht weiß und rot wie Fräulein T'w'illian, gar nicht hübsch wie sie. Mund groß und abscheulich.« »Mir bist du hübsch genug, Frauenzimmerchen, also mach' dir darüber keine Sorgen.« Sie schlich sich hinter ihn und rieb ihr Gesicht an seinem Aermel. »Mich will Schoß genommen sein,« erklärte sie. »Nur noch ein paar Minuten Geduld! Dieses Stück Stoff muß ich fertig machen.« »Nein – mich will gleich auf Schoß genommen sein, müde!« sagte sie mit der zähen Beharrlichkeit, die ihn so oft bezauberte. Er legte auch richtig die Pinsel beiseite und hob sie auf seine Kniee. »Du herrschsüchtiger kleiner Kobold!« sagte er zärtlich. »Ich verziehe dich furchtbar, daß du's nur weißt.« »Nein, thust dich nicht,« sagte sie, vor Wonne jubelnd und ihr Köpfchen an seinen Hals schmiegend. »Mich verziehe dich!« Er stand mit ihr auf und legte sich mit seiner Bürde in einen tiefen Schaukelstuhl, wo sich's erst recht wohlig an seiner Brust ruhte. »Will Geschichten erzählt haben,« befahl sie jetzt. »Was für Geschichten?« »Wunderhübsche!« »Dann laß mich erst eine Cigarette anstecken.« »Nicht Geschichten von kleinen Mädchen,« belehrte sie ihn vorsorglich. »Von ganz e'wachsenen Leute –« »Wie Sie befehlen,« sagte Jocelyn, den Schaukelstuhl in gewaltigen Schwung bringend. »Es war einmal ein Mann –« »Ein Prinz?« unterbrach ihn Dot. »Nein, ein Prinz war er gerade nicht.« »Was für ein Gesicht hatte er?« »Nichts Besonderes – ein Gesicht wie andre Leute auch.« »Sag' doch, ein Gesicht wie dich, Jo, Lieber!« »Gut, lassen wir's dabei. Er hatte also ein Gesicht wie ich, und er zog aus, um sein Glück zu suchen.« »War's vor viele, viele Jahre?« »Ja, es war schon vor manchem Jahr.« »Und was für ein Glück hat er sich denn suchen wollen?« »Das wußte er selbst nicht recht – er glaubte es zu wissen, aber es war nichts damit.« »Und hat er sich sein Glück gefunden?« »Nein, er merkte nach einer Weile, daß er nicht auf dem rechten Weg zu seinem Glück war oder daß das Glück nicht dieses Wegs komme, aber er ging und kletterte trotzdem mühselig weiter, und was ihm mißlang und was ihm Böses geschah, das behielt er hübsch für sich, obwohl er sich oft sehr einsam fühlte und ein schweres Herz hatte. Und was geschah? Eines Tags kam ein Vöglein geflogen, ein kleines, winziges, flaumiges Vögelein, das keine bunten Federn hatte, aber das allersüßeste Stimmchen von der Welt, und das flog auf ihn zu und machte sich ein Nestchen gerade an seinem Herzen.« »Ein Nestchen? Nicht mehr fo'tzufliegen?« »Nein, es blieb bei ihm. Und wenn er nun hinfiel, was manchmal geschah, oder seinen Fuß an Steinen und versteckten Wurzeln wund stieß oder wenn er in die Dornen geriet und sich die Hände blutig riß oder wenn Regen und Wind um ihn her stürmten, dann hielt das kleine Vögelchen sein Herz warm und sang ihm vor. Da kam ihm gar nichts mehr so schwer vor als früher. Und als eine Zeit kam, wo das Vöglein sein Köpfchen hing und gar nicht mehr singen konnte, weil es müde und traurig war, da war der arme Mann ganz verzweifelt, denn er dachte, sein Vögelchen würde für immer von ihm gehen.« »Und that's?« »Nein. Er behütete es wohl und pflegte es gut, und dann wurde es wieder frisch und munter wie zuvor.« »Hat er lieben Gott gebittet, daß es gesund wird?« »Wahrscheinlich.« »Und dann?« begehrte Dot die Fortsetzung, indem sie wonnig in sich hinein kicherte. »Und dann, dann kam eine Zeit, wo der Mann ganz finster und unglücklich war,« fuhr Jocelyn langsam fort, »denn er war ein rechter Narr gewesen und weit vom Weg abgewichen, um einem Schmetterling, einem schönen, schimmernden Schmetterling nachzujagen, der vor ihm hergeflattert war, sich dann und wann bei ihm niedergelassen hatte und wieder weiter geflogen war. Und schließlich merkte er, daß es dunkle Nacht geworden war, daß er mitten im tiefen Moor stand und daß der Schmetterling für ihn verloren war.« »Hat sich ihn sonst wer gefangen?« »Ja, sonst wer hatte ihn gefangen. Als er nun ganz müde und zerschlagen sich wieder durcharbeiten mußte nach seiner alten Straße, da zwitscherte das Vöglein so lieblich und sang ihm so tröstliche Lieder, daß der furchtbare Schmerz linder wurde.« »Wo that's ihm denn weh? Gerade in sein Herz?« »Ja, wenigstens glaubte er, es sei sein Herz. Nachher merkte er, daß sein Stolz mehr verletzt war, als sein Herz.« »Was ist Stolz?« »Stolz ist der Teil unsres Wesens, der, wenn er verletzt wird, am längsten schmerzt.« »Wie Augen von Leuten, die sich im Dunklen an 'was Hartes stoßen?« »Ja, so ist's ungefähr.« »Weiter – weiter!« »Nun, es gibt nicht mehr viel zu erzählen. Alle Tage hatte der Mann sein Vöglein lieber und lieber, und schließlich war ihm zu Mut, als ob ihm kein Unglück etwas anhaben könnte, solang er nur sein Vöglein behalten dürfe!« Eine ganze Weile war Dot mäuschenstill. Dann streckte sie eine Hand in die Höhe, legte sie an Jocelyns Wange und flüsterte: »Mich war das kleine Vöglein!« Er lachte und zog ihr die Locken ins Gesicht, daß sie wie ein Schleier über ihre Augen fielen. Sie richtete sich auf, kniete auf sein Knie und legte beide Arme um seinen Hals. »Jo,« flüsterte sie ihm ins Ohr, »wenn dich den schönen S'mette'ling gefangen hättest, hättest dich dein kleines Vöglein auch noch lieb?« Dies wunderbar feine Verständnis für jede nur angedeutete Stimmung war's, was ihm das Kind so unbeschreiblich lieb machte. »Meine kleine Weisheit,« sagte er liebkosend, »zwanzig schöne Schmetterlinge könnten den Platz nicht ausfüllen, den das Vöglein hat.« »Netter, kleiner Jo!« murmelte sie, tief aufatmend vor Befriedigung. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eines Morgens kam ein Brief an Jocelyn, den er zweimal lesen mußte, um seinen Inhalt völlig zu erfassen. Als er ihn danach aus der Hand legte, trug sein Gesicht einen Ausdruck, der Dot veranlaßte, von ihrem Stuhl herunterzuklettern, sich sachte an ihn heranzuschleichen und leise zu fragen: »Bist dich nicht wohl, Jo?« Er drängte sie sanft von sich weg. »Ich mag jetzt gerade nicht sprechen, Kindchen – hab' schlimme Nachrichten erhalten.« Unmittelbar nach dem Frühstück fuhr er mit einem Omnibus nach der City, wo seine schlimmsten Befürchtungen Bestätigung fanden. Das Aktienunternehmen, worin er vor einiger Zeit all sein flüssiges Kapital angelegt hatte, war verkracht, und die Folge davon war, daß sein jährliches Einkommen von nun an alles in allem etwa dreißig Pfund betrug. Wie wenn er einen schweren Hieb auf den Kopf erhalten hätte, wankte er nach Hause. Dort gesellte sich sein Mädelchen schweigend zu ihm und schob ihre Hand in die seinige. Er setzte sich und zog sie auf sein Knie, wie er's vordem bei einem andern großen Schmerz auch gemacht hatte. Sie richtete keine Frage an ihn, sondern wartete ganz still, bis er zu sprechen anfangen würde. Es dauerte lange, dann sagte er endlich: »Wird's dich sehr unglücklich machen, recht arm zu sein, Kindchen?« Da sie ihn nur verwundert ansah, setzte er hinzu: »Ich habe all mein Geld verloren, Dot.« Da schlang sie die Arme um seinen Hals und flüsterte tröstend! »Armer, armer Jo! Nicht traurig sein! Dich hast ja mich!« »Ja, aber wir werden von hier wegziehen müssen –« sein Blick wanderte im Atelier umher – »und in armseligen, kahlen Stübchen wohnen, wo du sitzen wirst wie ein Vögelchen im Käfig.« »Wie das kleine Vögelchen in deine Geschichte,« sagte sie mit einem Lächeln, das alle Grübchen in dem Kindergesicht zeigte. Ihr Lächeln rief einen flüchtigen Sonnenschein auf seinen Zügen hervor, aber der dunkle Schatten siegte gleich wieder. »Das verstehst du nicht, mein kleines Hausmütterchen,« sagte er, ihr Gesichtchen am Kinn zu sich aufrichtend. »Wir werden alle unsre hübschen Sachen weggeben müssen, und ich werde keine Bilder mehr malen, dir keine hübschen Kleider mehr kaufen können – alles wird häßlich und öde sein.« »Pa hat auch sein Geld verloren,« bemerkte sie zuversichtlich, »wir haben uns aber gar nichts draus gemacht – nur freilich – wenn's kalt war. – Jetzt ist's so warm! Vielleicht eh's kalt wird, hast dich Haufen von Geld verdient – so groß!« Sie streckte beide Aermchen aus, um den Umfang ihres Reichtums zu zeigen, aber Jocelyn schüttelte den Kopf. »Nein, nein, mein süßer kleiner Tröster, so wird's wohl nicht kommen,« sagte er. »Thut nichts,« wiederholte sie mit der unzerstörbaren Zuversicht der Kindheit. »Dich und mich, wir sind drum grad so glücklich! Warum weil mußt dich denn alle hübschen Sachen weggeben?« setzte sie dann rasch hinzu. »Ich muß sie verkaufen,« versetzte er, innerlich überschlagend, was seine Ateliereinrichtung wohl einbringen werde. »Sie müssen verkauft werden, damit wir Brot und Butter essen können.« »Mich mag Butter gar nicht so sehr,« versicherte Dot, nachdem sie diesen Fall eine Zeit lang überlegt hatte. »Mein süßes, kleines Lügenmäulchen!« flüsterte er, die Lippen auf ihr Lockenhaar pressend. Während des ganzen übrigen Tags verhielt sich Dot ungewöhnlich ruhig, und als sie abends in ihr Stübchen ging, nahm sie den »Nymphengel« vom Kaminsims und sah ihn lange andächtig an. »Ja, mich will ihn verkaufen,« sagte sie endlich entschlossenen Tons vor sich hin. »Hab' ihn gar nicht so sehr, sehr lieb.« Nichtsdestoweniger nahm sie ihn mit sich ins Bett und betaute die Bronze mit ihren Thränen. Am andern Tag ertappte sie Jocelyn, wie sie in aller Frühe durch die Flurthüre entschlüpfen wollte. »Wohin willst du denn, Kind?« fragte er. Sie gab keine Antwort, umklammerte aber um so fester das Paket, das sie im Arm hielt, und suchte sich an ihm vorbeizudrängen. »Was soll das heißen, Dot? Was hältst du denn in der Hand?« fragte er, die Thüre verschließend und sie sanft ins Atelier schiebend. »Was ist in dem Paket, Dot?« fragte er abermals mit dem Versuch, es ihr abzunehmen. Sie hielt es indes krampfhaft fest. »Gut, wenn du Geheimnisse vor mir hast, so geh'!« sagte er, sich kalt von ihr abwendend. Nun sah sie mit thränenfeuchten Augen und zuckenden Lippen demütig zu ihm auf und hielt ihm ihr Paket hin, ohne ein Wort zu sprechen. Er öffnete es. Eine Papierschichte folgte der andern. »Dein Nymphengel!« rief er endlich überrascht. »Was in aller Welt wolltest du denn damit machen, Dot?« Sie konnte erst nicht sprechen, dann brachte sie unter Schluchzen heraus: »Mich wollte ihn – ve'kaufen.« Jetzt begriff er die Sache und schloß das Kind beschämt in seine Arme. »Mein Kleinchen,« sagte er, das Herz übervoll von Rührung und Liebe, »das darf nicht sein! Höre mich an, Kindchen! Selbst wenn du ihn verkaufen wolltest, wäre das Geld, das du dafür bekämest, keine große Hilfe. Er ist ja wunderhübsch und du hast ihn sehr lieb, aber dafür bezahlen die Leute nicht viel. Versprich mir, daß du dir nie mehr einfallen läßt, derartiges zu thun!« Dot hielt ihr Köpfchen unter seinem Rock versteckt, und nach einer Weile verstummte ihr Schluchzen. »Ist's ganz gewiß, mußt dich Nymphengel nicht verkaufen?« fragte es plötzlich unter dem Rock vor. »Ganz gewiß, ich würde ernstlich böse werden, wenn du's thätest.« Wieder eine Pause – dann sagte das verschleierte Stimmchen: »Nymphengel geben.« Er bot ihn ihr in ihr Versteck, wo er verschwand und geherzt und geküßt wurde wie ein lange schmerzlich entbehrter Schatz. Jocelyn wußte es wohl zu schätzen, welch ein ungeheures Opfer sein Mädelchen ihm hatte bringen wollen. Er ging an diesem Tag spät zu Bett, weil er lange über Zukunftspläne und Wege brüten mußte. Daß er seiner Kunst entsagen müsse, war ihm klar – in vier Jahren hatte er zwei Bilder verkauft, und ihr Preis hatte ihn nicht zum Krösus werden lassen. Als Lebensunterhalt betrachtet, war seine Malerei folglich untauglich, reiner Luxus. Zum erstenmal fragte er sich bei dieser Gelegenheit auch, ob er denn überhaupt je ein wirkliches ausreichendes Talent gehabt habe. Dann überflog er die ausgeschriebenen Stellen in den Morgenblättern und schrieb etliche Meldungen auf Gesuche, die ihm nicht allzu trügerisch vorkamen. Mittlerweile war es Mitternacht geworden, er warf aber noch einen Blick in Dots Stübchen, ehe er zu Bett ging. Eine kleine Nachtlampe erleuchtete den schmalen Raum, denn Dot war ein kleiner Hasenfuß, und Jocelyn erinnerte sich aus eigener Kinderzeit deutlich, welche Schrecken die Dunkelheit einem jungen Gemüt bereiten kann. Dot schlief fest mit offenstehenden Lippen, die ihre kleinen, unregelmäßigen Mausezähnchen durchschimmern ließen. Den einen Arm hatte sie um ihr Köpfchen geschlungen, die Finger in ihr Lockenhaar eingewühlt. So pflegte sie meist zu schlafen. Auf einem Stuhl, den sie dicht an ihr Bett gerückt hatte, stand der neu geschenkte Nymphengel. »Gott segne dich, mein Vögelchen!« flüsterte er, einen leisen Kuß auf ihre Stirne drückend. Er selbst lag noch wach, bis der Morgen dämmerte, und mühte sich, wie gewöhnlich, nicht an Aline Tressillian zu denken. Daß ihr Verhalten ihm gegenüber seine Liebe nicht auszurotten vermocht hatte, machte ihn oft rasend. Er hatte ihr nicht vergeben, auch die Kunde vom Bruch ihres Verlöbnisses hatte ihn nicht milder gestimmt, und trotzdem beherrschte und verfolgte ihn der Gedanke an sie so unablässig, daß er sich um der Schwachheit willen, die im Kampf mit dem Stolz immer wieder unterlag, selbst verachtete. Heute aber fügte er sich, ehe der Schlaf endlich kam, daß der Stolz Sieger geblieben sei. In den nächsten Tagen durchwanderte er von früh bis spät die Geschäftsstadt auf der Suche nach noch so mäßig bezahlter Arbeit. Die immer erneuten Enttäuschungen hatten ihn schon ganz krank und elend gemacht, bis er schließlich Anstellung fand, freilich nur einen mageren Sekretärsposten. Mit großer Sparsamkeit aber reichte das Gehalt immerhin aus, um Dot und sich über Wasser zu halten, bis er etwas Besseres gefunden haben würde. Pennington hatte seine Wohnung am Sankt-Karlsplatz aufgegeben, um in eine Vorstadt im entlegenen Osten zu ziehen, wo er sich im Dienst der leidenden Menschheit bis auf Haut und Knochen aufzehrte, und Jocelyn übernahm die dadurch frei gewordenen zwei Stübchen im fünften Stock samt einem dritten für Dot. Das Wohnzimmer gewährte über die gegenüber liegende Schule hinweg einen Ausblick ins Grüne; die Zimmer waren frisch gestrichen, anspruchslos und unaufdringlich tapeziert worden, darin bestanden ihre Vorzüge. Dann kam der Tag, wo die ganze Einrichtung des Ateliers mit Ausnahme des Unentbehrlichsten in eine Auktion wanderte, und noch am selben Nachmittag hielten Jocelyn und Dot ihren Einzug in die neuen Räume. Forsyth hatte sich für den Abend zu Gast geladen, und mit seiner Hilfe vollbrachte Jocelyn wahre Wunder in gefälliger Unordnung seiner armseligen Habe. Als schließlich alle drei beim Abendbrot saßen, äußerte Dot nachdenklich: »Mich glaube, ist viel hübscher hier als bei Frau Lamb!« Die beiden Männer lachten und Jocelyn sagte: »Du Sonnenkind!« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Es war fast ein Jahr vorübergegangen, ohne daß Aline Tressillian Jocelyn wiedergesehen hätte. Trotzdem dachte sie sehr häufig an ihn, und trotzdem sie sich die Versicherung gab, daß er ihr »ganz gleichgültig« sei, vergoß sie manche heimliche Thräne über sein Schweigen. Ihre Bekannten fanden sie sehr verändert; es hieß allgemein, daß Aline Tressillian »abgesponnen« habe, jedenfalls war sie noch schlanker und viel blässer als früher. An einem Nachmittag – es war Sonnabend – begegnete sie Jocelyn im Kensingtongarten. Er ging mit Dot oder wenigstens mit einem kleinen Mädchen, das ein verwaschenes, abgetragenes Kleid und vertragene Schuhe anhatte. In dem schmalen und farblosen Gesicht erschienen die Augen um so größer. Auch Jocelyn war keine glänzende Erscheinung mehr. Sein Rock war zwar pünktlich gebürstet und fleckenlos, hatte aber Spiegel an den Schultern und Ellbogen, seine Wäsche war frisch, aber man sah den Manschetten an, daß ihre Kanten häufig beschnitten worden waren, weil häufiges Waschen sie verfranst hatte. Aline nahm all diese Einzelheiten wahr, und das Herz that ihr furchtbar weh dabei. Jocelyn hatte bei ihrem Anblick eine Anwandlung von Schwäche und Schwindel. Die alte Leidenschaft, die er für überwunden, vergessen gehalten hatte, wallte in ihm auf und machte sich über seine Willensstärke lustig. Hastig zog er den Hut und wollte vorübergehen, aber Dot rief: »Jo, 's ist ja Fräulein T-w-illian!« Aline hielt ihm die Hand hin. »Wollen Sie mich nicht begrüßen?« fragte sie mit leiser Stimme. Er machte ein überraschtes Gesicht und sagte hastig: »Wir waren in Eile, nach Haus zu kommen. Es wird wohl regnen und Dot war krank – ich muß vorsichtig sein.« »Auch Sie sehen gar nicht wohl aus,« bemerkte Aline unsicher. Er wurde rot. »O, ich bin ganz wohl, danke sehr,« erwiderte er. »Jo und mich haben Influenza gehabt,« erklärte Dot in ihrem ernsthaften Ton, »aber jetzt haben wir's nicht mehr.« Eine Pause trat ein, dann begann Aline: »Ich gehe nächste Woche ins Seebad – ganz allein. Wollen Sie nicht – Sie würden mir eine große Freundlichkeit erweisen, wenn Sie mir Dot auf acht oder vierzehn Tage mitgeben wollten? Ich würde gewiß gut für sie sorgen!« »Sehr gütig, gnädiges Fräulein,« versetzte er, »aber daran ist gar nicht zu denken.« »Das thut mir sehr, sehr leid,« war alles, was sie darauf sagte, »Guten Abend – guten Abend, mein Kind! Vergiß mich nicht ganz.« Jocelyn und Dot gingen schweigend heimwärts. Jo war ohnehin gedrückt und mißgestimmt, denn es war ihm schlecht ergangen in letzter Zeit. Durch seine Krankheit hatte er die bisherige Stelle eingebüßt, und bis jetzt hatte er noch keine andre gefunden. Das Elend der Armut lastete schwer auf ihm, weniger um seinetwillen, als des Kindes wegen. Sie war immer noch schwach und matt, sein kleines Frauenzimmerchen, und er hatte die Mittel nicht, ihr alles zu verschaffen, was sie hätte kräftigen können. Alines Anerbieten hatte ihn stark in Versuchung geführt, aber sein Stolz gestattete ihm nicht, es anzunehmen. Indes kam am andern Morgen ein Brief. »Geehrter Herr Jocelyn,« lautete er. »Ich bin gestern recht erschrocken über Dots kränkliches Aussehen. Wollen Sie sich's nicht noch einmal überlegen, ob Sie mir das Kind ein paar Wochen anvertrauen könnten? Ich bin überzeugt, es würde ihr gut bekommen. Aendern Sie doch Ihren Entschluß! Ihre ergebene A. L. Tressillian.« Jocelyn schleuderte das Briefblatt weg und begann unruhig im Zimmer hin und her zu gehen. Was galt denn schließlich sein verdammter Stolz im Vergleich zum Wohl und Wehe des Kindes? »Dot,« sagte er endlich, sich zu ihr an den Tisch setzend, »möchtest du gerne eine Zeit lang ans Meer gehen mit Fräulein Tressillian?« »Mich bleibe lieber bei dir,« erwiderte sie, auf sein Knie steigend und den Kopf auf seine Schulter legend. »Wenn ich's aber wünschte, daß du gingest?« »Mich will thun, was dich sagst,« versetzte sie, zerstreut an seinen Rockknöpfen zupfend, »Thu' mich immer.« Nur wenn sie mit Jocelyn allein war, wandte sie noch die alten Absonderlichkeiten ihrer Kindersprache an, sonst war sie dem entwachsen. Sie wußte aber wohl, daß ihr Kauderwelsch ihn beglückte. Er sah sie mit zärtlicher Besorgnis an. Noch nie war ihm die wächserne Durchsichtigkeit ihrer Haut so aufgefallen wie heute, und heiße Angst schnürte ihm plötzlich das Herz zusammen. Hastig küßte er das Bleichschnäbelchen. »Ich wünsche wirklich, daß du gehst, Liebling,« entschied er, »Es wird dir wohlthun und du wirst als eine rosige, pausbäckige kleine Dot zu deinem Jo zurückkehren!« »Vielleicht,« meinte sie mit mattem Lächeln, gleich darauf aber fügte sie ängstlich hinzu: »Aber wer wird für dich sorgen, Jo?« »Ach, so acht bis vierzehn Tage kann ich mich schon allein behelfen,« beruhigte er sie. »Und du schreibst mir ja dann auch nette Briefchen, weißt du?« Und so geschah's, daß Jocelyn noch am selben Tage an Aline schrieb und ihre Einladung für Dot annahm. Der Brief war von so steifer Höflichkeit, als ein Mann sie nur immer an den Tag legen kann, wenn er von einer Frau eine Gutthat annimmt, aber er genügte Aline – wenigstens einstweilen. Ein paar Wochen Seeluft mit etwas Eisen und kräftiger Nahrung wirkten Wunder an Dot, und sie konnte ihrem Jo wahrheitsgemäß melden, daß sie »rund und rotbackig« sei. Ihre Briefe waren Wunderwerke phantastischer Rechtschreibung und selbständigen Stils, aber er hätte sie um kein Haar anders haben mögen, als sie waren. Aline schrieb ihm kein Wort. Obwohl er gerade in dieser Zeit eine Beschäftigung fand, die günstigere Aussichten für die Zukunft eröffnete, war Jocelyn furchtbar gedrückt und gar nicht so recht im Geleise. Seine Gesundheit war nicht mehr so fest als früher, und das Kind fehlte ihm mehr, als er vorausgesetzt hatte. Daß er noch häufiger als sonst an Aline denken mußte, war ihm auch höchst verdrießlich. Seit sie sich so freundlich und sorglich seines Mädelchens angenommen hatte, war sein Haß gelinder geworden, ja, er fühlte wohl, daß die alte Liebe wieder um sich griff. Er war es auch müde, ihr immerfort die Thüre zu weisen, sich weiszumachen, daß sie tot sei, und sich hinter derartige Unwahrheiten zu verschanzen. Auch die Freunde ließen ihn gegenwärtig im Stich. Pennington hatte kaum mehr Zeit für ihn, und Forsyth war auf dem Weg nach Australien, wo er sich den »Lokalton« für seine neuesten Romane holen wollte. So hatte denn Jocelyn reichlich Muße zum Brüten, und er machte den ausgiebigsten Gebrauch davon. Am Vorabend ihrer Heimreise vom Seebad saßen Fräulein Tressillian und Dot in warmer, stiller Abenddämmerung am offenen Fenster und lauschten dem sanften Branden der steigenden Flut. Aline hatte ihren Arm um die Schulter des Kindes gelegt, und beide schwiegen schon geraume Zeit. Mit einemmal fühlte Dot eine heiße Thräne auf ihr Händchen fallen und dann eine zweite und dritte. Sie blickte beklommen auf und dann wieder hinaus ins Weite, gleich darauf aber schob sie ihre warmen Fingerchen in Alines Hand, wo sie festgehalten und zärtlich gedrückt wurden. Noch immer schwieg das Kind, endlich aber sagte es leise: »Möchte wohl wissen, was Jo thun wird?« »Das möchte ich auch wissen!« versetzte die andre, von Thränen erstickte Stimme. Mit diesen Worten zog Aline das kleine Mädchen an sich, bis das Lockenköpfchen auf ihrer Schulter ruhte. Die Nacht war hereingebrochen, da und dort funkelte schon ein Stern und aus dem Garten vor dem Haus stieg Flieder- und Resedenduft empor. Ein leiser Windhauch war aus dem Schlaf erwacht, begab sich aber bald wieder zur Ruhe. »Hast du Jo sehr lieb?« flüsterte Dot, die Lippen an Alines Ohr gedrückt. Diese schloß sie noch fester an ihr Herz, gab aber keine Antwort. »Weshalb warst du denn grausam gegen ihn?« fragte das Kind flüsternd weiter. »Weil – weil – ich weiß es selbst nicht.« »Aber jetzt könntest du nicht mehr grausam gegen ihn sein, oder? Warum lachst du? Gerade vorhin hast du ja geweint – ach und jetzt weinst du schon wieder!« »Still, Liebchen, still – laß mir nur einen Augenblick Zeit – ich – ich – Dot, kannst du ein Geheimnis bewahren?« »Weiß mich nicht – Jo müßte mich's sagen,« erwiderte Dot, auf einmal wieder in ihre Kindersprache verfallend. »Ach, gerade Jo sollst du's nicht sagen, und doch –« Sie stockte, denn ihr Herz pochte zum Zerspringen. Es war jetzt ganz dunkel geworden. »Dot, meine süße kleine Dot, sag' mir – aber wenn du meinst, er würde böse darüber sein, so sag's lieber nicht – sag' mir – ist er zuweilen – traurig, unglücklich?« Dot gab keine Antwort. »O sag' mir's, Liebling!« flüsterte die weiche Frauenstimme überredend. Das Kind nickte ernsthaft; ein Nachtschmetterling huschte vorüber, Dot folgte ihm mit den Augen. Jetzt sprach Aline wieder, aber die Stimme klang nur wie ein leiser Hauch. »Einst – ach, es ist, als ob's eine Ewigkeit her wäre – vor langer, langer Zeit, mein Herzchen, da hatte er mich sehr, sehr lieb. Er – er bat mich – seine Frau zu werden –« Wieder nickte Dot, dieses Mal ganz verständnisvoll. »Und ich – ich sagte ihm – ich liebe ihn nicht –« »Warum that'st du das?« fragte das Kind nachdenklich. Aline gab keine Antwort. Von neuem trug eine Luftwelle den Flieder- und Resedenduft zu ihnen herauf. Dots kindliche, sprunghafte Denkweise führte sie zu einem längst halb vergessenen Gespräch zurück, und sie sagte träumerisch: »Jo sagt, Leute heiraten sich, weil sie immer beisammen sein wollen. Da werde ich wohl nie heiraten, denn ich werde nie bei jemand sein wollen als bei Jo. Niemand ist wie Jo – niemand in der ganzen Welt nicht.« Das Wort fand Wiederhall in Alines krankem Herzen. Sie küßte die unschuldigen Augen, die gespannt in die ihrigen blickten. »Das ist ja das Geheimnis, mein Kind!« flüsterte Aline mühsam atmend. »Auch ich – ich möchte auch bei niemand sein als bei ihm. Auch für mich ist niemand, niemand auf der ganzen Welt so wie er – und darum, Herzchen, bin ich so grenzenlos unglücklich.« »Und wenn Jo dich wieder heiraten wollte, dann wärst du nicht mehr unglücklich?« »Ach, Kind, das will er nicht, wird er nie mehr wollen!« Dot blickte überlegend zu den Sternen empor; ihr war's, als ob sie zuhörten. »Vielleicht,« sagte sie, »vielleicht, wenn du und ich den lieben Gott recht oft drum bitten würden, würde er's machen, daß Jo will.« Nachdenklich fügte sie hinzu: »Glaube nicht, daß Jo oft betet, drum kennt ihn der liebe Gott vielleicht nicht so gut, und er den lieben Gott nicht. Männer, siehst du, ist ganz anders als kleine Mädchen und auch als große Mädchen wie du – die müssen nicht immer ihr Gebet sagen, warum weil, glaub' ich, sie können alles selbst thun und kriegen.« Sie stolperte über ihre eigenen Worte, denn sie wollte hastig auch den leisesten Verdacht der Gottlosigkeit von ihrem geliebten Jo abwälzen. Mit fest zusammengepreßten Lippen und trostlosen Augen starrte Aline auf die unendliche See hinaus. »Du erinnerst dich doch, daß ich dir meine Photographie gab – für ihn?« Das Kind nickte. »Er hat sie mir zurückgeschickt,« sagte Aline. Dann setzte sie unvermittelt hinzu: »Es ist übrigens hohe Zeit, daß du ins Bett kommst, mein Liebling.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Am Tag darauf kehrten sie nach London zurück, und gegen Abend brachte Aline ihren Schützling nach Hause. Sie verließ ihren Wagen nicht, sondern wartete nur, bis Dot Einlaß gefunden hatte, dann fuhr sie eilends weiter, denn sie war bei Freunden zu Tisch gebeten. Jocelyn hatte sich gerade zu seiner einfachen und einsamen Abendmahlzeit niedergelassen, als Dot in seine Arme flog. Sie hatte die Thüre mit größter Vorsicht geöffnet und geschlossen, denn eine »Ueberraschung« war ihr höchster Triumph. Ihm war's, als ob eine Flut von Sonnenschein hereingeströmt sei mit dem kleinen Geschöpf. Und wie sah sie frisch, rosig und strahlend aus! Daß sie sehr hübsch angezogen war, erbaute ihn zwar weniger, und Dot sagte, sein Stirnrunzeln bemerkend, eilig: »Die hübschen Sachen hat mir Fräulein T'w-illian zum Geburtstag geschenkt. Sagte zwar, er sei vorüber, dann hat sie gesagt, sie schenke mir's gleich zum nächsten Geburtstag.« Das war ein glückseliger Abend für Jocelyn und sein Vögelchen, das ohne Unterlaß zwitscherte und furchtbar viel zu erzählen hatte. Darüber, daß sie eine wunderschöne, herrliche Zeit verlebt hatte, war nicht der geringste Zweifel möglich, aber Jocelyn war auch ohnedies froheren Muts gewesen als seit lange. Er hatte heute früh einen Brief von Penningtons Vater erhalten, der ihm die Verwaltung seiner Güter in Wales mit sehr anständigem Gehalt antrug. Er kannte den alten Herrn von Knabenzeiten her und hatte ihn immer sehr gern gehabt. Nur wem die Armut in Tagen der Krankheit und Verzweiflung ins Gesicht gestarrt hat, kennt das Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit, womit er Penningtons Anerbieten sofort angenommen hatte. Nun war auch noch sein Mädelchen heimgekommen, und er konnte ihr die frohe Kunde mitteilen. Dot freute sich, weil Jo sich freute; für sie selbst hatte die Armut keine Schrecken, solang sie bei ihrem Jo sein durfte. Als sie nach dem Essen im Dämmerlicht am Fenster saßen, fing Dot plötzlich an: »Jo, ich weiß etwas, was du nicht weißt!« »Und was ist's denn, Kleinchen?« »Etwas von Fräulein T'w-illian.« Er schwieg. »Gestern abend hat sie geweint,« begann Dot wieder. Jocelyn holte seine Cigaretten, sagte aber nichts. »Und dann fragte sie mich,« fuhr Dot fort, »ob ich ein Geheimnis bewahren könne, und ich sagte, nur dir müsse ich's sagen. Da sagte sie aber, ich dürfe nicht!« »Dann thu's auch nicht,« entschied Jocelyn kurz. »Nein, thu's auch nicht! Aber sie und ich – das ist nicht das Geheimnis, Jo, Lieber! – wir wollen den lieben Gott alle Tage bitten, er soll machen, daß du sie wieder heiraten willst.« Das Zündholz, womit Jocelyn seine Cigarette anstecken wollte, zitterte auffallend in seiner Hand. »Sie ist ›g'enzenlos unglücklich‹, Jo, und es thut ihr sehr leid,« teilte Dot ernsthaft mit, »und – ich darf dir das Geheimnis nicht sagen, Jo, Lieber – aber vielleicht, wenn du sie fragen wolltest, thät' sie dir's sagen.« Noch lange, nachdem Dot in ihr Bettchen gegangen war, saß Jocelyn am offenen Fenster; er war damit beschäftigt, sein Herz abwechselnd zu verhärten und wieder zu erweichen. Als er sich schließlich zur Ruhe legte, hatte er wenigstens einen Entschluß gefaßt. Er wollte morgen zeitig von seiner Arbeit nach Hause kommen, um am Nachmittag Fräulein Tressillian einen Besuch zu machen und ihr für die Freundlichkeit zu danken, die sie dem Kind erwiesen hatte. Er beschloß ferner, Dot zu diesem Besuch mitzunehmen. Aline empfing ihn etwas kühl und gelassen. Sie wurde weder rot noch blaß, nur ihre Lippen waren farblos, als sie Dot küßte, und die Hand, die sie Jocelyn reichte, war eiskalt, obwohl es ein heißer, gewittriger Tag war. Er dankte ihr verbindlich und förmlich für all ihre Güte gegen das Kind, und sie antwortete ihm nicht minder förmlich. Dann versiegte das Gespräch, und ein peinliches Schweigen trat ein. Dot war ins Gewächshaus gewandelt. Aline lehnte sich müde im Stuhl zurück. Ihr Herz klopfte heftig, und sie wechselte jetzt fortwährend die Farbe. Ihre Schönheit war gedämpft, vergeistigt und ging Jocelyn bedenklich zu Herzen. Er sagte sich, daß er gehen müsse und zwar unverzüglich, sonst würde sein Stolz dahinschmelzen wie Frühjahrsschnee. In der Furcht, eine große Thorheit zu begehen, stand er hastig auf. »Sie wollen – gehen?« stammelte Aline unsicher. »Ja, ich muß.« Sie griff mit der Hand in die Spitzenkrause, die ihren Hals umschloß. »Ich – ich – hätte Ihnen gerne etwas gesagt –« »Ja, und ...?« sagte er, an ihr vorübersehend. Lautlose Stille herrschte in dem großen, sonnbeschienenen Zimmer. Plötzlich wandte er sich zu ihr und ergriff ihre beiden Hände. »Wenn Sie mir etwas zu sagen haben,« kam es stoßweise von seinen Lippen, »so sagen Sie's – und lassen Sie mich gehen –« Seine Hände zitterten derart, daß ihr Griff sie schmerzte. Stumm sah sie zu ihm auf, bis er endlich die Worte: »Nur das wollte ich sagen – daß ich tief bereue –« mehr von ihren Lippen ablesen als hören konnte, denn Schluchzen erstickte ihre Stimme. »Daß Sie bereuen! Und das ist alles – alles, Aline?« Sein leiser Ton klang streng, fast herb, aber den Blick, womit seine Augen in den ihrigen ruhten, den kannte sie und hatte ihn nie vergessen. Sie wußte jetzt, daß dies qualvolle Weh in ihrem Herzen zur Ruhe kommen werde. Ihr schwindelte und es tanzte ihr vor den Augen. »Das ist alles,« sagte sie, mühsam ihre Stimme beherrschend, »was ich Ihnen sagen kann.« Er zog sie an sich. »Und willst du mir nicht sagen,« flüsterte er bebend, »daß du mein Weib sein wirst? Das und nichts andres verlange ich zu hören.« Nur ein tiefer, schluchzender Seufzer ward ihm zur Antwort, aber sie lag an seinem Herzen und die Küsse, wovon beide geträumt hatten, waren Wirklichkeit. So verging eine lange Zeit. Als sie dann wieder zum Bewußtsein ihrer Persönlichkeiten erwacht waren, schüttelte Aline ihr Herz aus. Jocelyn hörte ihr fast schweigend zu, aber er hielt sie fest in seinen Armen und küßte ihr die Worte von den Lippen. Innerlich frohlockte er, daß sie sich ihm angelobt hatte, ohne die günstige Wendung seines Schicksals zu ahnen. Sie wußte nur, daß er mit der Armut kämpfte, und er wollte ihr später erst sagen, daß seine Zukunft sich glücklich gestaltet hatte. Gute Nachrichten werden nicht altbacken. Ein leises Geräusch veranlaßte die Glücklichen aufzublicken, Dot stand vor ihnen und sah sie mit großen Augen an. »Hast du Jo das Geheimnis gesagt?« fragte die weiche Kinderstimme. Er zog sie zärtlich an sich. »Ja, mein Kind. Und sie hat sogar versprochen, mir all ihre Geheimnisse zu sagen.« Das Kind blickte forschend in beider Gesichter, und obwohl beide sie mit Liebkosungen überhäuften, lag's wie ein Schatten über den hellen jungen Augen, und das kleine Herz war bedrückt von unbestimmter Angst. Als Jocelyn am Abend dieses Tages an Dots Schlafkämmerchen vorüberging, war ihm, als ob er sie weinen hörte. Leise öffnete er die Thüre und schaute hinein. Dot kniete aufrecht mit gefalteten Händchen in ihrem Bett, und durch die Dunkelheit erklang ihr Stimmchen, das, von Schluchzen unterbrochen, die Worte sprach: »O du lieber Gott, bitte, mach', daß Jo mich nicht fortschickt, weil er Fräulein T'w-illian heiratet. Laß mich immer bei ihm bleiben, lieber Gott! Bitte, thu' das – für immer und immer – Amen.« Rasch trat er näher und zog das einsame, schluchzende Geschöpfchen in seine Arme. »Mein Herzenskind!« sagte er, im Innersten bewegt. »Hast du gedacht, dein Jo könnte dich fortschicken? Du sollst nie von ihm gehen, Liebling – niemals! Ich könnte ja nicht leben ohne dich.« Sie schmiegte sich noch inniger an ihn. »Mich könnte nicht ohne dich!« schluchzte sie. »Lieber tot sein,« und dann setzte sie hinzu: »Läßt sie mich?« »Mein süßes Herz, natürlich läßt Aline dich bei mir bleiben! Sie hat dich ja so lieb und sagt, du müssest jetzt auch ihr kleines Mädchen sein.« »Nur dein kleines Mädchen,« flüsterte sie ihm ins Ohr. »Niemand's sonst kleines Mädchen. Mich will Kuß haben.«