Fedor von Zobeltitz Besser Herr als Knecht Roman I » Je bois à la santé de Sa Majesté l'empereur d'Allemagne et roi de Prusse et à la santé de l'impératrice et reine! ... « Der Schah sprach diesen kurzen Toast mit ziemlich leiser Stimme, so daß ihn nur die umsitzenden hohen Herrschaften verstehen konnten. An den entfernteren Tischen reckte man die Hälse. Ein paar Kammerherrn flüsterten sich mit ernst bleibenden Gesichtern boshafte Bemerkungen zu, und ein junges Mädchen, das erst bei der letzten Cour am Hofe eingeführt worden, kicherte verstohlen in ihre Serviette hinein. Es war noch zu Zeiten des alten Kaisers. Der reiselustige Beherrscher von Persien hatte die Reichshauptstadt mit seinem Besuche beehrt und, um ihn zu feiern, fand im Weißen Saale des Schlosses eine große Galatafel statt. Der Weiße Saal glänzte damals noch nicht in der blendenden Helle der elektrischen Kronen. Aber die vielen Hunderte von Wachskerzen, die auf den Lüstern flammten, erhöhten doch den vornehmen Eindruck des Ganzen und tauchten den Plafond des riesigen Prunkraumes in ein Meer von rosigem Lichte, das dem Auge wohltat, wenn man den vom Farbenflimmer ringsum müde gewordenen Blick erhob. An der Tafel der Majestäten reihte sich Fürstlichkeit an Fürstlichkeit mit den Trägern berühmter Namen. Da sah man die Siegfriedserscheinung des Kronprinzen, noch stolz, kraftvoll und unberührt von dem Gifthauche jener dämonischen Krankheit, der er erliegen sollte, als ihn kaum das Diadem der Kaiserwürde schmückte – und ein paar Plätze weiter den Prinzen Friedrich Karl in seiner roten Attila, wie er soeben das Sektglas erhob, um seiner ältesten Tochter freundlich zuzutrinken, der Prinzessin Elisabeth, die neben dem Herzog Elimar von Oldenburg saß. Da sah man auch noch die meisten der Paladine des alten kaiserlichen Herrn – den schweigsamen Moltke mit seinem ausdrucksvollen Cäsarenkopf, Roon, Manteuffel, Göben und den gewaltigen Eisenfresser Steinmetz mit seiner schönen blutjungen Gattin. Nur Bismarck war daheim in seinem Sachsenwalde geblieben; die Neuralgie plagte ihn wieder, und so hatte er darauf verzichten müssen, sich im Glanze Persiens zu sonnen. Wirklich – Persien glänzte. Auf der Uniform des Schahs flammten die Brillanten, und die Brustseiten seiner Suite flammten nicht minder. Aber der exotische Gast schien trüber Stimmung zu sein. Unbekümmert um die Etikette des Hofes drehte er Brotkügelchen mit den nervös spielenden Fingern und richtete nur dann und wann einmal ein schläfriges Wort an seine kaiserliche Nachbarin. Von Zeit zu Zeit schien es, als übermannte ihn eine gewisse Müdigkeit; dann ließ er den Kopf sinken und machte kleine Augen, als ob er ein Viertelstündchen einschlummern wollte – zuckte aber wieder empor, schaute sich halb ängstlich um und griff von neuem nach dem Champagnerglase. Das tat er häufig; Mohamed hat zwar den Wein verboten, aber für den vornehmen Muselmann gilt der Traubensaft, der auf der kreidigen Ebene der Champagne reift, nur als eine Art moussierendes Wasser. Hinter dem Sessel des Schahs standen, wie hinter den Plätzen der meisten Fürstlichkeiten, zwei Pagen in weißen Kniehosen und roten, goldgestickten Schoßröcken. Das waren zwei Selektaner des Kadettenkorps und zugleich zwei Freunde, der eine siebzehn- und der andere achtzehnjährig, prachtvoll gewachsene Jungen mit frischen Gesichtern und hellen verwunderten Augen, ein blonder und ein brünetter. Der Blonde hieß Emich mit Vornamen und war ein Reichsgraf von Schöningh-Stubbach und der Brünette ein Freiherr von Sassenhausen. Sie standen dicht vor dem Offiziersexamen und waren zum letztenmal zum Pagendienst herangezogen worden. Eine willkommene Abwechslung für die beiden Junker in dem Einerlei des Kadettenlebens! Und nun noch zu allem Pagendienst bei dem persischen Kaiser, dem König der Könige, dem Schah-en-Schah, dem vierten Souverän aus der berühmten Dynastie Kadschar! Dies letztere hatte Sassenhausen ergründet, der in den Gothaer Almanachen besser Bescheid wußte als Schöningh, obwohl Schöningh selbst im Hofkalender paradierte und sogar in der ersten Abteilung, wie Sassenhausen von seinem Freund und Duzbruder gern renommierend zu betonen pflegte. Alle übrigen Kadetten der Stuben drei und sieben von der zweiten Kompagnie beneideten die beiden, denn es war gewiß, daß der Schah seinen Pagen als Andenken und Erinnerung zum mindesten eine mit Perlen und Diamanten besetzte goldene Taschenuhr schenken würde. Mit einer ähnlichen Uhr prahlte nämlich der kleine Pahlen, der Page beim Kaiser von Rußland gewesen war, als dieser im Jahre zuvor Berlin besucht hatte. Der phantastische Sassenhausen träumte sogar von einem Orden; es gäbe sehr schöne Orden im persischen Reiche, meinte er, und da sie durchweg in Brillanten gehalten seien, ließen sie sich auch praktisch verwerten. Aber die Hauptsache blieb doch immer die Abwechslung. Das Kadettenkorps bot keine. Da ging alles nach der Uhr und maschinenmäßig. Früh um sechs aufstehen, dann in den Feldmarschallsaal zum Frühstück, wo aus Mehlsuppe und Weißbrot der übliche »Pamps« fabriziert und verspeist wurde. Und dann der Unterricht: für die Selektaner, die Offiziersaspiranten, Taktik und Waffenkunde, Heerwesen, Fortifikation und Armeegeschichte. Das war ebenso belehrend als langweilig, denn im Grunde genommen war man sich in der ganzen Selekta klar darüber, daß es zum Leben nicht notwendig sei, zu wissen, wie lang, breit und hoch eine Faschine sein müsse oder wie niedrig ein spanischer Reiter allerhöchstens sein dürfe. Indessen das Examen verlangte diese Kenntnis, und der Examinator kümmerte sich nicht um die Lebensansichten des einzelnen. Der Nachmittag war schon amüsanter: Turnen, Fechten, Reiten, militärische Übungen – das war immerhin erträglicher. Und dann die Arbeitsstunden und der langweilige Abend und das ewige Trommeln, das den Schlag der Uhr ersetzte, und die öden Spaziergänge auf dem Karreehofe – auf und ab und ab und auf und im Kreise herum wie junge Leuen im Käfig! Lichtblicke waren nur der Sonntag und das Lazarett: der Sonntag mit Josty und den Verwandten in der Stadt, und das Lazarett mit seinen warmen Betten und der verbesserten Kost. Wahrhaftig – da sehnte man sich nach Abwechslung! Sassenhausen wollte radschlagen, als ihm der Befehl zuging, sich beim Pagenhofmeister zu melden. Schöningh blieb gemessener. Er war bisher Leibpage des Kaisers gewesen und faßte seine Überweisung an den persischen Gast nicht als sonderliche Ehre auf. Er ärgerte sich im stillen sogar darüber. Er war nicht hochmütig, aber schließlich gehörte er einem regierenden Geschlecht an, wenn auch einem ganz kleinen, und es wurmte ihn, einen mohammedanischen Fürsten bedienen zu müssen. Er dachte sogar ernstlich daran, mit seinem Kompagniechef zu sprechen, ob es nicht möglich wäre, ihn von seinen Pagenpflichten zu entbinden, dachte auch daran, im letzten Augenblick krank zu werden – aber schließlich siegte doch die Neugier und der Reiz der Abwechslung über das gekränkte Legitimistenempfinden. So ein dienstfreier Tag war gar zu schön. Zuerst kamen die Instruktionen des Pagenhofmeisters an seine rote Garde: die Belehrungen über die Anrede der Fürstlichkeiten und über die Eigentümlichkeiten des Dienstes, das Schleppetragen bei den Prinzessinnen (das mittels Bettlaken eingeübt wurde) und das Präsentieren (bei dem während der Vorbereitung eine Waschschüssel das Silberservice ersetzen mußte). Und dann die Einkleidung in Eskarpins und Schoßrock, das Kräuseln und Pudern des Haars, das Binden der spitzenumsäumten Halstücher und das Fälteln der Jabots. Dabei wurde Unfug genug gemacht, so daß die bei der Toilette behilfliche rundliche Gattin des Pagenhofmeisters und der Friseur nicht aus dem Lachen herauskamen. Schließlich fuhren draußen vor dem Hauptportal die königlichen Wagen vor, die Pagen abzuholen. Im Schlosse wurde zunächst im Marschallsaal diniert. Alle Hochachtung – da speiste man besser als im Kadettenkorps! Und Wein gab es auch, aber nicht gerade in Fülle, denn es war früher einmal passiert, daß ein Page, der zu viel des Guten getan, die Schleppe seiner Prinzessin wie einen Pferdezügel behandelt hatte, so daß die Hoheit beinahe zu Falle gekommen wäre. Nach beendeter Tafel traten die diensttuenden Zeremonienmeister an die Stelle des Pagenhofmeisters und wiesen den Pagen die Plätze an. Schöningh und Sassenhausen wurden in den Weißen Saal geführt, wo ein alter Lakai sie respektsvoll begrüßte und sich als ihr Amanuensis vorstellte. Er hatte den beiden Junkern die Schüsseln zu reichen, die sie wiederum ihrem Fürsten zu präsentieren hatten. Ein närrisches Ehrenamt! Anfänglich wollte das Dynastenblut Schöninghs abermals ein klein wenig rebellieren. Ein Lakaienamt dieser Ehrendienst – und dazu wählt man nur junge Edelleute! Lakaienamt hin, Lakaienamt her – auch die Zeremonienmeister und Kammerherren sind schließlich nichts als Bediente und die Hofdamen so eine Art Zofen; alles knixt, dienert und wedelt und tut devotest und untertänigst – der ganze Hof ist eine Erziehungsanstalt für Lakaien ... Emich Graf Schöningh, wie kommen so demokratische Gedankensplitter in deine monarchisch-konservative Seele?! – Emich Graf Schöningh wußte es selbst nicht; er hatte zuweilen bei aller Milde seiner jungen Seele Anwandlungen kaustisch-ironischer Kritiksucht, und diese gewaltige Dienerei und Bedienerei ringsum dünkte ihn recht wenig adlig... Und nun erdröhnten die drei Schläge des Zeremonienstabs, und der Zug der hohen Herrschaften flutete in den Saal. Ein langer Zug, glänzend und vielfarbig, eine in hellem Lichte schillernde Riesenschlange. Hinter den Fürstlichkeiten in buntem Gekräusel die geladenen Gäste: eine Unmasse Generäle und hohe Hofchargen und eine Girlande von Damen, jungen und älteren. Die Toiletten knisterten und rauschten, und im Geschmeide und den Ordensdekorationen und den Monden der Epauletten, den Kandillen und Fangschnüren, all dem blitzenden Blendwerk, sprühten die Reflexe der tausend Lichter. Hie und da winkte ein Bekannter Schöningh zu. Prinz Otto Waldegg, der im letzten Jahre Offizier geworden war, rief ihm im Vorüberschreiten ein halblautes »n' Tag, Vetter« entgegen. Emich fand, daß Waldegg zu klein sei für die Garde-Kürassier-Uniform; auch stecke er immer noch in den Schultern. Da scholl ein zweites »n' Tag, Vetter« zu ihm herüber, diesmal von schönen Lippen. Emich wurde es warm um das Herz. Die Cousine Ruth hatte schon Eindruck auf ihn gemacht, als er noch in der Sexta saß. O Gott, und wie schön sah sie wieder aus! Emich hob sich ein wenig auf den Zehen – ihr schneeweißer Nacken, den eine Perlenschnur schmückte, blinkte noch in der Entfernung. Wer führte sie nur? Ein langer schwipper Mensch in Malteseruniform – herrjeh, war das nicht der Kottauer Rietzow, der so fromm war, daß er sich lange überlegt hatte, ob er nicht dem Majorat entsagen und die Weihen nehmen sollte?! ... Da kam auch der alte Graf Wiegel, der Vater Ruths – genau so, wie Emich ihn seit seiner Kindheit kannte: kerzengerade wie ein Lineal, mit graugrünen Favoris und einer Hahnentolle. Drei Paare hinter ihm die Gräfin am Arme eines Generals – auch noch die alte: mit ewig lustigem Gesicht und den gutmütigen Augen, dick und ein wenig ungeschickt in den Bewegungen und stark dekolletiert. Sie war die einzige Schwester von Emichs Vater und hatte den früh Verwaisten erziehen helfen. Emich hätte sie gern begrüßt, doch sie sah ihn nicht; der General schien sie gut zu unterhalten, denn sie lachte, das breite, liebe Lachen, das Emich an ihr kannte. Jetzt winkte wieder einer, lebhaft und ausdrucksvoll, mit der linken Hand, die den abgezogenen Militärhandschuh hielt. Schöningh blieb steif stehen und neigte nur tief den Kopf. Innerlich wunderte er sich, daß Fürst Ferdinand heute Uniform trug. Das tat er ungern, da er nur Oberstenrang besaß und man es bisher Allerhöchsten Orts geflissentlich »vergessen« hatte, ihn standesgemäß zu befördern. Fürst Ferdinand von Schöningh-Stubbach war der Chef des Hauses und das Haupt der regierenden Linie. Emich konnte ihn nicht leiden, aus keinem anderen Grunde, als weil er wußte, daß sein verstorbener Vater in Erbschaftssachen ärgerliche Streitigkeiten mit ihm gehabt hatte. Wie kam denn der Fürst nach dem verhaßten Berlin? Wurde auf der Stubbach-Feste einmal gründlich reingemacht? – Es war keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Der Dienst begann. Die beiden Pagen hinter Seiner Majestät dem Schah mußten scharf aufpassen. Die persische Majestät achtete zuweilen minutenlang nicht auf die ihr gereichte Schüssel, und die Schüssel war schwer und der Arm wurde lahm. »Hol's der Teufel«, fluchte Emich in der Tiefe seiner Seele. Sassenhausen hatte es besser. Der hatte nur Wein einzuschenken, und das war eine Kleinigkeit. Es war ein Glück, daß so schnell serviert wurde. Trotz der Unmasse Gerichte war man schon nach Verlauf einer Stunde beim Dessert angelangt. Nun geschah etwas Merkwürdiges. Die Prinzen und Prinzessinnen häuften außerordentlich viel Konfekt, Bonbonnieren und Früchte auf ihre Teller, und dann nahmen sie die Teller und reichten sie den hinter ihnen stehenden Pagen. Und die Junker machten vergnügte Gesichter und packten ihre süßen Geschenke in die eigens zu diesem Zweck mit Leder ausgefütterten Taschen ihrer weitschößigen roten Röcke. Sassenhausen sah dies und neigte sich ein klein wenig zu Schöningh hinüber. »Nun bin ich doch neugierig,« flüsterte er, »ob ...« Da machte der Schah eine Bewegung. Er knackte sich Nüsse auf. Und dann aß er einen Fondant und dann noch einen ... Aber er machte keine Anstrengung, seinen Pagen den ihnen zukommenden Tribut zu zollen. Sassenhausens Gesicht wurde lang sehr. ›I du Donnerwetter,‹ stand deutlich auf seinen Zügen zu lesen, ›der vierte Souverän aus der Dynastie Kadschar vergißt uns!‹ ... Und so war es auch. Die persische Majestät kannte die Sitte nicht, und Allerhöchst ihre Pagen gingen leer aus. Das ärgerte die beiden jungen Herren. An die Tafel schloß sich eine kleine Defiliercour. In langem Halbkreise umstanden die Pagen die Sessel der Majestäten und des fremdherrlichen Potentaten. Der Zug der Gäste defilierte vorüber. Unter den neu vorgestellten Damen befand sich auch die Komtesse Ruth von Wiegel. Nun sah Emich sie dicht vor sich, wie sie bei der Verbeugung tief herniederrauschte. Welche stolze Schönheit! Sie stand in gleichem Alter mit Emich, aber ihre hohe stattliche Figur und die köstlich reife Fülle der Formen ließen sie älter erscheinen. Das Antlitz erschien in der vollendeten Regelmäßigkeit seiner Züge fast ein wenig streng, doch wenn die Komtesse lächelte, löste sich diese klassische Strenge in anmutigsten Liebreiz auf. Eine leichte Röte flog über ihre Wangen, als der Kaiser einige liebenswürdige Worte an sie richtete. Er sagte, er freue sich, die Tochter seines lieben Grafen Wiegel bei Hofe begrüßen zu können, und hoffe, sie häufig wiederzusehen. Diese letzte Bemerkung schien eine Anspielung zu enthalten. Die Kronprinzessin, die den Grafen noch aus London her kannte, wo er seinerzeit der preußischen Gesandtschaft zugeteilt war, hatte gelegentlich den Wunsch ausgesprochen, die Komtesse als Hofdame um sich zu wissen; aber Ruth besaß ein zu stark ausgeprägtes Persönlichkeitsgefühl, um sich mit goldenen Fesseln belasten zu lassen, und die Mama hatte daher eine fromme Lüge für ihr Fortbleiben ersinnen müssen ... Über die weißen Schultern der zum zweiten Male zu tiefem Hofknix niederrauschenden Komtesse hinweg flog der Blick Schöninghs weiter. In der Reihe der noch harrenden Gäste sah er wieder die lange, hagere Gestalt des Grafen, die schmale Brust umschlottert von der goldbeladenen Kammerherrnuniform und auf dem gelben Gesicht mit den wehenden Kotelettenbärten den Ausdruck stolzen Triumphes. Neben ihm stand der Fürst Ferdinand und flüsterte ihm etwas in das Ohr, und Wiegel nickte dazu, lächelte und zuckte mit den Schultern. Endlich war auch die Cour beendet. Der Perser mit seinem Gefolge verabschiedete sich unter großen Zeremonien, und dann schritt das Kaiserpaar die Linie der Pagen hinab, an diesen und jenen noch ein freundliches Wort richtend. Auch Emich gehörte zu diesen Glücklichen. »Sieh da, lieber Schöningh,« sagte der kaiserliche Herr, für einen Augenblick stehenbleibend, »ich habe Sie heute vergeblich hinter meinem Stuhl gesucht – und nun sehe ich, daß Sie doch anwesend sind ... Wo haben Sie denn gesteckt?« Emich stand straff und soldatisch vor dem Kaiser. »Ich war zu seiner Majestät dem Schah befohlen, Majestät«, antwortete er. »Zum ... ja, du lieber Gott, aber warum?... Ich habe Sie doch absichtlich zu meinem Leibpagen designiert ... Lieber Graf Perponcher, man soll mir doch meine Pagen belassen ... Es sind ja doch noch mehr da... Sie stehen vor dem Examen, Schöningh?« »Zu befehlen, ja, Majestät.« »Na ... und werden gut bestehen? –« »Ich hoffe sicher, Majestät.« »Zu welchem Regiment haben Sie sich gemeldet?« »Regiment Kronprinzen-Kürassiere, Majestät.« Der Kaiser nickte freundlich. »Freut mich, Graf Schöningh,« sagte er, »freut mich ... Ich sehe Ihren Herrn Vater noch in dem weißgrünen Koller vor mir, als er sechsundsechzig wieder unter die Fahnen trat. Eifern Sie ihm nach, lieber Schöningh, werden Sie auch ein so Getreuer wie er! ...« Der kaiserliche Herr nickte nochmals und schritt weiter. Hinter ihm hatten die Zeremonienmeister die Köpfe zusammengesteckt. Wer hatte die Eselei begangen, dem Kaiser seinen Leibpagen fortzunehmen und dem fremden Gast zuzuerteilen? – Es wußte niemand; der Oberhofmarschall rümpfte gewaltig die Nase und beschloß eine weitreichende Untersuchung. Die Kammerherren zeigten entrüstete Mienen. Nur die Komtesse Ruth Wiegel schien sich heimlich zu amüsieren. Verhaltener Spott und ein leichtes Lächeln zuckte um ihren Mund. Noch einer war ärgerlich, aber er zeigte es nicht: der Fürst Ferdinand. Er war sechsundsechzig leidend geworden und nicht mit in den Krieg gezogen. Das Leiden war nur vorgeschoben; er verurteilte diesen brudermörderischen Feldzug. Und obwohl er sich im Jahre siebzig mit an die Spitze der freiwilligen Krankenpflege gestellt und im Wohltuen erschöpft hatte, konnte man ihm Allerhöchsterseits das Benehmen von sechsundsechzig nicht vergessen; das mochte auch der Grund sein, daß er in der Rangliste noch immer als Oberst à Ia suite der Armee geführt wurde. Doch wie gesagt: der Fürst war zu klug, seinen Ärger zu zeigen. Als die hohen Herrschaften den Saal verlassen hatten, löste er sich aus dem Gefolge und begrüßte Emich. »n' Tag, lieber Emich«, sagte er. » Ciel , was bist du groß geworden! Heinz und Leopold müssen sich beeilen, wenn sie dir nachfolgen wollen. Die Jungen wollen nicht wachsen ... Also du steigst demnächst in das Offiziersexamen? – Wann?« »Mitte April, Durchlaucht«, erwiderte Emich kühl. Der Fürst warf den Kopf zurück. »›Durchlaucht?‹ – nana – ich bitt' es mir aus, Emich! Für dich bin ich noch immer der Onkel Ferdinand ... Mußt uns mal in Stubbach besuchen, wenn du erst die Epauletten auf der Schulter hast. Man kommt ja ganz auseinander ...« Er wandte sich hastig um: die Wiegels waren näher getreten. Es gab eine neue Begrüßung. Die Gräfin genierte sich nicht, umarmte Emich und küßte ihn in ihrer derben Weise gehörig ab, nannte ihn »mein Dickerchen« und fragte ihn, ob er noch immer so gern wie früher gebackenen Schinken mit Rührei esse. Ruth lachte und meinte, das sei doch eigentlich keine Frage auf kaiserlichem Parkett. Im übrigen werde Vetter Emich ja in den Examenferien, während der sogenannten »Weidezeit«, nach Stenzig kommen, und da könne die Mama ihrem herzlieben Dickerchen alle Tage ein anderes Leibgericht kochen... Der leicht hochmütige Ton, in dem Ruth dies alles sagte, verletzte Emich; sie hatte es an sich, ihn von oben herab, so ein wenig als guten dummen Jungen zu behandeln. Emich stellte Sassenhausen vor. Die Gräfin fand sofort eine Verwandtschaft der Wiegels mit den Sassenhausens heraus. Das war ihre Stärke; wenn man sie hörte, mußte man annehmen, daß die Wiegels mit aller Welt von Adel verschwägert und vervettert waren. Schließlich traten auch noch Herr von Rietzow und Prinz Waldegg an die Gruppe heran und mischten sich in die Unterhaltung, bis die Komtesse in ihrer leicht schroffen und häufig unliebenswürdigen Art erklärte, die Familiensimpelei könne man ja im Hotel weiter betreiben: sie sei todmüde und friere. Übrigens stürzte jetzt auch der Pagenoffizier herbei, Hauptmann von Döring, um seine Selektaner in Empfang zu nehmen und heimzuführen. Er hatte einen roten Kopf, denn der Oberhofmarschall hatte ihm die Schuld beigemessen, daß Schöningh nicht Page des Kaisers geblieben sei. Der ganze Mensch war in Verwirrung und Auflösung, fürchtete Allerhöchste Ungnade und fürchtete für sein Avancement, fürchtete vor allem einen Rüffel des Kadettenkorps-Kommandeurs, des wegen seiner knasternden Grobheit berühmten alten Peuken. Er fuhr mitten in die plaudernde Gruppe hinein, entschuldigte sich, wurde noch röter, stellte sich vor und bat dann salutierend den Fürsten Schöningh, seine Lämmer abführen zu dürfen. Paarweise verließen die Pagen den Saal. Die Gräfin drückte Emich rasch noch einen kräftigen Kuß auf die Wange, und Fürst Ferdinand winkte grüßend mit der Hand. Ruth aber rief den Abgehenden nach: »Emich – Weidmannsheil für das Examen! ... Ihnen auch, Herr von Sassenhausen! ...« Sassenhausen wollte einen untertänigsten Dank stammeln, besann sich jedoch, daß er schon wieder in Reih und Glied war. Herrgott, wie sehnte er sich nach den Epauletten! Noch drei Monate; hier die Einöde, drüben sonnendurchleuchteter Rosenhag, und zwischen beiden eine tiefe schwarze Kluft: das Examen. Sassenhausen seufzte tief auf. In acht Hofwagen fuhren die Pagen nach der Neuen Friedrichstraße zurück, in der damals noch die Hauptkadettenanstalt lag. Schöningh und Sassenhausen saßen mit einem jungen Illyrier, Marquis Veresco, der in Deutschland erzogen wurde, zu dritt in einem Wagen. »Weißt du, Schöningh,« sagte Sassenhausen, »daß ich mir die Sache anders gewünscht hätte?... An eine güldene Uhr mit Perlen und Diamanten ist gar nicht zu denken. Pfui Geier, nicht einmal unser Konfekt haben wir bekommen!...« Der kleine gefällige Illyrier griff sofort in seine Taschen und holte ein paar Bonbonnieren hervor. »Nehmen Sie, Sassenhausen,« bat er in seinem, noch immer ziemlich schlecht akzentuierten Deutsch, »und Sie auch, Graf Schöningh – ich bitte Sie! Prinz Albrecht hat mir zwei voll gehäufte Teller gegeben – ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Zeug hin soll!« Die beiden Freunde zierten sich erst ein wenig, dann nahmen sie und begannen auch gleich zu essen. Das konnte Veresco nicht sehen; er holte eine große Birne aus der Tasche und biß gleichfalls hinein. »Nun hat die sogenannte Abwechslung wieder einmal ihr Ende erreicht«, begann Sassenhausen von neuem; »sie war freilich auch danach ... Ich wollte, ich hätte das Examen erst hinter mir.« »Du brauchst doch keine Furcht zu haben, Saß!« meinte Emich. »Äh – man kann Pech haben!« »Wo wollen Sie eintreten, Sassenhausen?« fragte Veresco. »Kronprinzen-Kürassiere – mit Schöningh zusammen. Wir sind schon angenommen. Die Kronprinzlichen haben Mangel an Offizieren. Und Sie, Veresco?« »Ich soll zur Artillerie. Wenigstens zuerst; später komm' ich vielleicht auch noch einmal zur Reiterei. Ich muß mich den Wünschen meines Vaters fügen. Der ist Kommandant von Garica und ein berühmter Ingenieur – hat auch einmal eine neue Bombe erfunden, auf die er sehr stolz war. Aber als sie Midhat-Pascha, dem Gouverneur von Illyrien, vorgeführt werden sollte, platzte sie nicht. Papa hat sich damals fürchterlich geärgert.« Schöningh lachte. »Das glaub' ich. Was nützt eine Bombe, wenn sie nicht rechtzeitig platzt! Sagen Sie mal, kleiner Marchese, warum dienen Sie eigentlich nicht in Ihrem Heimatland?« Veresco schüttelte ernst den Kopf. »Das ging nicht an«, erwiderte er. »Illyrien steht unter türkischer Verwaltung, und mein Vater ist kein Türkenfreund, wenn er auch nach dem letzten unglücklichen Feldzug in Diensten blieb. Viele vornehme Familien Illyriens lassen ihre Söhne im Ausland dienen. Aber zu rechter Zeit finden wir uns doch wieder in der Heimat zusammen.« »Wenn es wieder einmal ein Revolutiönchen gibt«, meinte Schöningh. Der kleine bronzefarbene Ausländer nickte. »Ja,« sagte er, »darauf warten wir alle. Die letzte Revolution war vor sechs Jahren. Nun wird wohl bald wieder eine kommen. Auf wenigstens eine Revolution binnen zehn Jahren können wir immer rechnen...« Die beiden Preußen amüsierten sich über den ruhigen Ernst, mit dem Veresco dies sagte. Der Illyrier war sehr beliebt unter den Kameraden. Auch die Offiziere hatten ihn gern. Er war begabt und fleißig und von großer Gutmütigkeit. Es kam selten vor, daß er einmal zornig wurde; geschah dies aber, so geriet er in unbeschreibliche Wut. Er kannte sich dann selbst nicht. Bei einer solchen Gelegenheit hatte er einst mit seinem Taschenmesser einen armen Sekundaner verletzt. Zur Strafe erhielt er vierundzwanzig Stunden Arrest. Als er wieder entlassen wurde, umarmte und küßte er den Sekundaner und bat ihn kniefällig und tränenden Auges und unter Anrufung aller Heiligen um Verzeihung. Die Wagen waren inzwischen in die Neue Friedrichstraße eingebogen und hielten vor dem Hauptportal des Kadettenhauses. Unter Plaudern, Lachen und Scherzen stiegen die Pagen aus und versammelten sich unter dem Torbogen. Es war spät geworden. Die Kadetten lagen bereits im Bett, nur in der Portierloge, wo der alte Hahnemann residierte, schimmerte Licht. Hauptmann von Döring entließ die Pagen, behielt Schöningh aber noch zurück. Er begleitete ihn über den Karreehof nach seiner Kompagnie. »Hören Sie, lieber Graf,« sagte er, »die Geschichte mit dem Schah ist mir recht unangenehm. Meinethalben hätten Sie beim Kaiser bleiben können – ich bin nicht schuld an der Abkommandierung. Nun will man mir alles aufbürden. Ja, zum Donnerwetter, ich führe doch nur die Orders aus, die ich erhalte! ... Hat sich denn auch Ihr Herr Onkel, der Fürst, darüber beschwert?« »Gott bewahre, Herr Hauptmann«, erwiderte Schöningh. »Ich meine, die Sache ist nicht die ganze Rede wert –« »Das sagen Sie! Ich aber hab' meinen Rüffel weg. Der Hofmarschall hat mich angeschnauzt, als ob ich ein Fähnrich wäre. Einen aus souveränem Hause kommandiere man nicht zum Schah als Pagen! ... Nun sagen Sie mir einmal ehrlich: Im Grunde genommen ist Ihnen das doch ganz schnuppe gewesen?« »Ganz schnuppe, Herr Hauptmann. Aber daß man uns auch das Konfekt vorenthalten hat –« Herr von Döring lachte. »Ich werde Sie zu entschädigen versuchen, Schöningh«, sagte er. »Soupieren Sie morgen abend bei mir. Nach der Arbeitsstunde und auf meinem Zimmer, wenn ich bitten darf.« Schöningh schlug die Absätze zusammen und nahm dankend an. Dann ging er in seinen Schlafsaal, wo noch zwanzig andere schlummerten, und begann sich zu entkleiden. Dabei schaute er sich prüfenden Auges um, ob sich nichts Ungebührliches ereignet habe. Er war Brigadeältester und hatte auf Ordnung zu halten. Als er eben in das Bett steigen wollte, merkte er, daß man ihm einen umgekehrten Stiefelknecht unter das Laken gesteckt hatte. Einen Augenblick überlegte er, ob er zur Strafe die ganze Gesellschaft aufstehen lassen sollte. Aber das wäre grausam gewesen. Er zog den Stiefelknecht ruhig aus dem Bett und legte sich nieder... II Im Hofkalender stand über die Familie Schöningh folgendes: Schöningh-Stubbach . (Residenz: Stubbach. – Stammvater: Herbrand Ferdinand Graf von Schüningh, geboren 24. Februar 1608, † 5. März 1658. Erwerbung von Stubbach 1638; Reichsfürst 22. August 1719, bestätigt 3. November 1779). Herbrand Ferdinand Graf von Schöningh, Fürst zu Stubbach, Freiherr von Griesbergen und Loitz (führt laut Königl. Kabinettsorder vom 6. April 1865 den Titel Fürst von Schöningh-Stubbach), geboren 1. September 1829 zu Stubbach, Sohn des Fürsten Herbrand Leopold und seiner Gemahlin Amalia, geb. Prinzessin von Reitz-Bopfingen; Kgl. Preuß. Oberst à la suite der Armee; Durchlaucht. Vermählt zu Wendhusen 16. September 1855 mit Karoline Adelaide Prinzessin von Wendhusen, geb. 7. Mai 1834, † 16. Juni 1867. Kinder : 1. Erbprinz Herbrand Heinrich , geb. 8. August 1857 zu Stubbach. 2. Prinz Herbrand Leopold , geb. 26. Juli 1858 zu Stubbach. Geschwister. 1. † Herbrand Ehrenreich Graf von Schöningh-Stubbach (Erlaubnis zur Führung des Doppelnamens laut Kgl. Kabinettsorder d. 6. April 1865), Herr auf Seesenheim, Kgl. Preuß. Major der Landwehr-Kavallerie, Rechtsritter des Johanniterordens, geb. 11. September 1831, † 27. Juni 1866; vermählt zu Seesenheim 8. Oktober 1854 mit Leontine Camilla Prinzessin von Reitz-Bopfingen, geb. 19. Juli 1832, † 18. Januar 1867. Kinder : 1. Grf. Herbrand Emich, geb. 7. Oktober 1856 zu Seesenheim, Kgl. Preuß. Kadett; Erlaucht. 2. † Grfn. Leontine Charlotte , geb. 20. Februar 1858, +†23. Juni 1860. 2. Gräfin Irmela Friedrike Agnese, geb. 3. August 1832 zu Seesenheim, vermählt 5. Januar 1850 mit Bolko Augustus Reichsgrafen von Wiegel. 3. Herbrand Hans-Carl , geb. 7. September 1840 (entsagte laut Familien-Übereinkommen von 1864 dem Sukzessionsrecht und dem Grafentitel und führt den Namen Freiherr von Griesbergen ), Kgl. Preuß. Leutnant a. D., vermählt 18. Februar 1867 mit Ermyntrud Leslie, Tochter des Francis Leslie und seiner Gemahlin Kate, geb. Schultze (Hawthorne, Kentucky). Graf Ehrenreich oder Erich, wie er genannt wurde, hatte als zweitgeborener Sohn des alten Fürsten Leopold Zeit seines Lebens mit Sorgen zu kämpfen gehabt. Zur Herrschaft Sessenheim gehörte ehemals noch das Gut Wallhaide mit seinem prachtvollen Waldbestand und seinen Mergelgruben; aber die Wallhaide war schon lange der Streitpunkt zwischen den Erben des Fürstentitels und der gräflichen Deszendenz gewesen, und schließlich war der schwebende Prozeß endgültig zugunsten des Fürsten Ferdinand entschieden worden. Damit verlor Seesenheim sein Rückenmark, die Kraft der Erhaltung. Graf Erich, der eine arme Cousine, die Prinzeß Leontine Reitz, geheiratet hatte, mußte äußerst vorsichtig wirtschaften, um auf seiner Scholle nicht zugrunde zu gehen. Aber er war ein tüchtiger Landwirt, und so gelang es ihm denn, freilich unter Entbehrungen aller Art, die, wie er selbst zuweilen scherzend äußerte, nicht immer »standesgemäß« waren, die schlechten Jahre zu überwinden und sich über Wasser zu halten. Schlimmer erging es, wenigstens auf dem alten Kontinent, seinem jüngeren Bruder Hans-Carl. Er war Offizier bei einem Husaren-Regiment, das in einer kleinen Garnison Schlesiens stand, wo man auch mit wenigem ganz vergnüglich leben konnte. Aber Herr Hans-Carl verstand es nicht, so wie der Graf Erich sich einzurichten; er lebte in Saus und Braus, und eines schönen Tages erschien er blaß und gedrückt in Stubbach und erklärte dem Fürsten, nun sei es aus mit ihm, wenn Bruder Ferdinand ihm nicht hilfreiche Hand zu bieten geneigt sei. Vielleicht hätte der Fürst sich dazu verstanden – aber als er hörte, daß Hans-Carl nicht nur Schulden, sondern auch Dummheiten recht ärgerlicher Art gemacht hatte, Dummheiten, die sich mit der Ehre eines preußischen Offiziers und Edelmanns schwer vereinigen ließen, da berief er schleunigst einen Familienrat zusammen. Die Folge war, daß Hans-Carl seinen Abschied einreichte und auswanderte. Der Fürst arrangierte seine Schulden und gab seinem Bruder auch noch ein wohlgefülltes Portefeuille mit auf den Weg; dafür mußte Hans-Carl auf jede weitere Erbberechtigung verzichten und sich verpflichten, den Namen eines Freiherrn von Griesbergen – übrigens ein Familienname – anzunehmen. Hans-Carl sagte zu allem ja, ging über Monte Carlo nach Amerika und ließ nichts mehr von sich hören. Erst später erfuhr man, daß er sich dort mit der Tochter eines reichen Spekulanten verheiratet habe und Minenbesitzer geworden sei. Er schrieb niemals seinen Verwandten, wohl aber ließ er durch ein Hamburger Haus dem Fürsten die Summen zurückzahlen, mit der jener seine Schulden beglichen hatte. Für die Familie existierte er nicht mehr. Die einzige Schwester des Grafen Erich hatte sich achtzehnjährig mit dem Reichsgrafen Wiegel verheiratet, dem »langen August«. Als Graf Erich bei Langensalza gefallen war und ein Jahr später auch dessen Witwe starb, nahm Gräfin Irmela den verwaisten Emich an Kindesstatt an. Das geschah nicht ganz im Einverständnis mit ihrem Gatten, der es wenigstens durchsetzte, daß Emich baldigst in das Kadettenkorps gesteckt und somit dem Einfluß entzogen wurde, den er etwa auf die aufblühende Komtesse Ruth hätte ausüben können. Emich war dies im Grunde genommen recht: er liebte die Tante, vergötterte die Cousine, hatte aber für den Onkel August immer nur eine heimliche Antipathie übrig. Im hohen Rat der Familie war beschlossen worden, Emich sollte ein paar Jahre aktiv dienen, sich dann reich verheiraten und hierauf erst Seesenheim übernehmen. Denn auf Seesenheim, so behauptete Graf August, ließe sich nur mit großen Kapitalien wirtschaften oder aber man müsse zurückgezogen wie ein Klosterbruder leben, was sich mit dem Namen Schöningh nicht vertrüge. Inzwischen wurde Seesenheim administriert; Wiegel fuhr als Vormund Emichs alle Jahre einmal hinüber, die Rechnungen und den Stand der Ernte zu prüfen, und wenn er dann wieder heim kam, pflegte er den Bericht an seine Frau gewöhnlich in die gleichen Worte zu kleiden: »Auf dem Boden gedeihen nur Kiefernkuscheln, und Kienäppel sind die einzigen Früchte, die da wachsen. Ferdinand ist ein Gaudieb. Hätte er Seesenheim nicht den Buchenwald und die Mergelgruben lassen können? Aber nein – er mußte die Wallhaide auch noch haben! Ein schmutziger Mensch. Ich gönn's ihm, daß er niemals die Generalskandillen kriegt! Ist's nicht ein Skandal? Ein Regierender und nicht mal General! ...« Emich kam also in das Kadettenkorps: zuerst nach Potsdam und dann in die Hauptanstalt nach Berlin. Er besaß einen regen, anschlägigen Kopf, und das Lernen wurde ihm nicht schwer. Aber er war auch ein ziemlich wilder Bursche, und so ging es denn in seinen Führungsattesten selten ohne Tadel ab. Seine Dummheiten ergrimmten den Grafen Wiegel, dessen drittes Wort »korrekt« war. »Siehst du, Irmela,« sagte er gelegentlich, beim Eintreffen einer Osterzensur Emichs, »ich hab' es gewußt: da steht wieder unter Führung ›mangelhaft‹. Ein junger Edelmann aber hat sich allzeit und immer korrekt aufzuführen. Es schadet nichts, wenn er in der Mathematik ein bißchen zurück bleibt oder mal im Extemporale ein paar Fehler macht. Aber die Aufführung soll korrekt sein. Emich ist neulich einmal bestraft worden, weil er eine junge Katze in seine Schulmappe versteckt und während des Unterrichts hat laufen lassen. Sie ist an der Tafel in die Höhe geklettert und hat den Lehrer heftig erschreckt. Nun frage ich dich im Ernst, Irmela, ist das eines Schöningh würdig? Emich hat die Ausrede gebraucht, es seien Mäuse im Klassenzimmer. Man hat ihn trotzdem ins Loch gesperrt, und das mit Recht. Ein Schöningh im Loch! Wäre dein Bruder Erstgeborener gewesen, so würde Emich den Titel Prinz führen. Und nun bitt' ich dich: ein Prinz, der eine Katze mit in die Schulstube bringt, um sie auf die Tafel klettern zu lassen! Kann man sich da über das Anwachsen der Sozialdemokratie wundern?« »Mein lieber August,« entgegnete die Gräfin, die die kühnen Schlußfolgerungen ihres Gatten kannte, »ich bin in meiner langen Ehe dahin gekommen, mich über nichts mehr zu wundern, am allerwenigsten über die Sozialdemokratie, die in unsern Angelegenheiten auch gar nichts mehr zu suchen hat. Im übrigen spricht aus deinem scharfen Urteil über Emich einfach deine alte Antipathie gegen die Schöninghs. Du kannst sie nun einmal nicht leiden, und ich glaube, wenn sie nicht allesamt so dagegen gewesen wären, würdest du mich auch gar nicht geheiratet haben«. »Aber, Irmela, was soll das bloß –« »Ach was, wir wollen nicht streiten: schließlich hast du mich nun einmal und mußt dich mit mir abfinden. Daß ich mir nicht die Butter vom Brote nehmen lasse, weißt du ja. Und der Emich ist die Butter auf meinem Hausmannsbrote. Ich laß nichts auf ihn kommen. Es freut mich, daß er kein Drücker und Schleicher und Streber und Bücker ist. Er hat in allen Fächern immer Ia und II – da kann er schon mal ein bißchen ausschlagen und sich auch mal ins Loch sperren lassen, was ihm ganz gesund ist und Bebeln mit seinen Sozialdemokraten sehr gleichgültig sein kann, selbst wenn Emich Prinz wäre, was er aber gar nicht mal ist. Das wollt' ich bloß sagen, August.« »Gewiß, Irmela, du sagst es, aber trotzdem, nimm mir's nicht übel: von Pädagogik verstehst du nicht viel. Ich bin nur gerecht und liebe ein korrektes Verhalten. Die Schöninghs haben sich nicht immer eines solchen befleißigt – ich möchte dich nur an Hans-Carl erinnern, der mit seiner merkwürdigen Schwiegermutter den ganzen Hofkalender verschandelt. Wär' es dir angenehm, wenn dein geliebter Emich auch einmal so endete?« »Er wird nicht. Hans-Carl hat einen Hofmeister gehabt und noch einen Kaplan dazu. Der eine sollte über sein leibliches Wohl und der andre über seine Seele wachen, und sie haben beide nichts zuwege gebracht. Solange Hans-Carl zu Hause war, tat er scheinheilig und klapperte mit den Augen, und dann kam das dicke Ende nach. Besser, der Emich tobt sich jetzt aus und wird später vernünftig. Warten wir's ab! ...« Frau Irmela behielt recht: Emich tobte sich aus, und als er in das fünfzehnte Jahr ging und nach Berlin kam, fing er an, vernünftig zu werden. Er bestand das Fähnrichsexamen so glänzend, daß er zur Selekta vorgeschlagen wurde – und nun triumphierte die Gräfin und sagte leuchtenden Auges zu ihrem Gatten: »Na, siehst du, August!?«... worauf dieser ihr mit ihren eigenen Worten entgegnete: »Warten wir's ab!...« Während der letzten vierzehn Tage vor dem Examen wurde im Kadettenkorps wahrhaftig fieberhaft gearbeitet. Die Offiziers- und Fähnrichs-Examina fielen zusammen; Primaner und Selektaner schlichen mit blassen, übernächtigen Gesichtern auf dem Karreehofe umher, und selbst die Sonntage wurden zur Arbeit benutzt. Man blieb zu Hause; die Konditorei von Josty an der Schloßfreiheit war an diesen Aprilsonntagen gar nicht wiederzuerkennen; in die Kuchenbatterien auf dem Büfett wurden nicht wie sonst gewaltige Breschen gelegt, und die Nachfrage nach Schlagsahne war lächerlich gering... Jeglicher hatte seinen besonderen kleinen Kummer. Schöningh und Sassenhausen fürchteten sich am meisten vor der fortifikatorischen Prüfung, und der kleine Veresco glaubte an eine Blamage im Terrainzeichnen. Veresco hatte sich seit dem letzten gemeinschaftlichen Pagendienst bei Hofe enger an die beiden anderen angeschlossen. Er lag zwar auf der vierten Kompagnie, aber in den freien Nachmittagsstunden fand man sich gewöhnlich auf dem Karreehofe zusammen, klagte sich die Seele frei und plauderte von der Zukunft. Die Leutnantsequipierung bildete stets den Hauptpunkt der Unterhaltung. Veresco war reich und hatte keine Rücksichten zu nehmen; auch erforderte seine Equipierung, da er zur Artillerie wollte, an sich schon eine weniger bedeutende Summe als die der beiden zukünftigen Kürassiere, die zudem rechnen mußten. Sassenhausens Vater war zwar ein vermögender Landwirt, hatte aber drei Söhne und zwei Töchter. Bei den Kronprinzen-Kürassieren wurden fünfzig Taler Monatszulage gefordert; damit konnte man in einer kleinen Garnison wie Klempin schon ganz gut leben, wenn auch keine Sprünge machen. Es gab bei den Kronprinzen-Kürassieren übrigens auch Offiziere, die weniger Zulage erhielten und sich doch durchzuhelfen wußten. Der ärmere Adel schickte seine Söhne gern in die Stille von Klempin; das Regiment galt für vornehm und billig, und das war beides viel wert... Nun stand das Examen dicht vor der Tür. Auf dem Karreehofe tauchten bereits allerhand unbekannte Gestalten auf: ein paar alte Offiziere, denen die Uniform nicht so recht zu Gesicht stehen wollte, und eine ganze Masse Zivilisten, die von den Kadetten mit einer gewissen ängstlichen Scheu betrachtet wurden. Man wußte Schreckliches von ihnen zu erzählen. Der Greis mit dem verknitterten Antlitz und der weißen Löwenmähne war der Professor Vossius, dem es eine entsetzliche Freude machte, seine Examinanden durch die verzwicktesten Fragen in tödliche Verlegenheit zu bringen. Aber noch viel ärger war der alte Oberstleutnant Schneewisch, der wie ein Nußknacker aussah und in der Taktik prüfte; man war sich einig darüber, daß er die jungen Leute aus reiner Niederträchtigkeit durchfallen ließ. Die Primaner hatten die größte Angst vor dem Mathematik-Examinator, dem Professor Gallenkopf. Das war ein langer, ganz dürrer, merkwürdig eingetrockneter Herr, und wenn er einen Arm erhob, glich er aus der Entfernung einem ungeheuren Wurzelzeichen. Hatte man etwas falsch gemacht, so sagte er es nie, sondern ließ seinen Examinanden in folternder Ungewißheit; bei sehr großen Dummheiten schnupfte er aber und zwar mit eigentümlich heftiger Bewegung. Wenn er seine breite Horndose hervorzog, wurden die Gesichter blaß. Es gab freilich auch Examinatoren, die man nicht ungern auftauchen sah. Zum Beispiel den Fechtlehrer, Hauptmann von Smolinsky, einen sehnigen kleinen Menschen, der bei jedem Schritt in die Knie knickte und beständig mit den Armen fuchtelte, als wollte er eine Prim oder eine Terz durch die Luft hauen. Und dann vor allem den Tanzlehrer, den berühmten alten Médoc, Königlichen Tänzer und Ballettmeister der Hofoper, bei dem sich das halbe Offizierskorps der Armee in Polka, Walzer und Quadrille geübt hatte; gerade Médoc war sehr beliebt, und wenn des Sonntags ein Ballett im Opernhause stattfand, ging man an die Litfaßsäulen, um nachzusehen, ob Médoc einen asturischen Prinzen zu tanzen oder einen indischen Zauberer zu mimen hatte, und war dies der Fall, so besetzte man zu Haufen das Parkett und klatschte ihm rasenden Beifall. Darüber freute sich der alte Médoc gewöhnlich so, daß er den Kopf verlor und das ganze Ballabile in Unordnung brachte, und Herr von Hülsen in seiner Eckloge freute sich auch über die enthusiastischen Kadetten. Das Examen dauerte mehrere Tage. In den Pausen tauschten Schöningh, Sassenhausen und Veresco ihre Ansichten aus. Sie waren guten Muts; im allgemeinen war alles prächtig gegangen. Der letzte Tag brachte nur noch die Prüfung in unwichtigeren Disziplinen und als Abschluß des ganzen Examens die Tanzvorstellung des Herrn Médoc im Feldmarschallsaal. Das war die Krönung des Werks. Bei dieser Gelegenheit war der Kommandeur, Oberst von Peuken, selber der Prüfende. Er erschien in seinem großen, weiten Reitermantel, in dem der kleine Mann mit dem buschigen Schnauzbart wie ein lebendiger Tintenwischer aussah, und sagte: »Na, nu' tanzt mir mal zum Abschiede wat recht Hübsches vor!...« Und dann ging die Hopserei los. Und Médoc stand dabei, sehr elegant in Frack, weißer Binde und Lackschuhen, und machte ein bedeutendes Gesicht, das zu sprechen schien: ›Kinder, unterschätzt mir das Tanzen nicht! Das braucht man so notwendig wie das Studium, und wenn man nicht viel im Kopfe hat, ist's immerhin gut, man hat wenigstens etwas in den Beinen...‹ Schöningh und Sassenhausen tanzten gut, aber dem kleinen Veresco gelang es weniger. Namentlich beim Walzer konnte er nie so recht herumkommen, und beim Rheinländer machte er immer einen Pas zu viel und geriet dann aus dem Takt, wurde verlegen, sah sich mit seinen braunen Augen hilflos um und blieb schließlich stehen. Das fiel natürlich auch dem Oberst von Peuken auf, und er winkte Veresco zu sich heran. »Na aber, Veresco,« meinte er schmunzelnd, »nu' sagen Sie mir bloß, Sie tanzen ja wie ein Känguruhweibchen, das sein Kleines im Beutel hat, aber nich', wie man als Königlich Preußischer Offizier tanzen soll. Damit werden Sie den hübschen kleinen Mädeln in Ihrer Garnison keine Freude machen. Tanzt man denn überall in Illyrien so trampedeilich?« Und nun erzählte Veresco, daß man in Illyrien die deutschen Tänze nicht liebe und auch wenig kenne. Aber den Stratpotka und die Sassapulka tanze man mit Leidenschaft. Jetzt wollte der Oberst wissen, was das sei und bat, Veresco sollte ihm einmal den Stratpotka vortanzen. Veresco sagte: »Zu Befehl, Herr Oberst«, und dann legte er los. Das war nun ein ganz toller Tanz, halb Czardas und halb Krakowiak, ein seltsames Springen, Hopsen, Chassieren, Neigen und Beugen und alles mit lebhafter Mimik und ausdrucksvoll südländischer Gestikulation verbunden. Der Oberst war sichtlich verwundert über diesen närrischen Nationaltanz, und hierauf lachte er, daß ihm das Wasser in die Augen trat. »Hören Sie auf, Veresco!« schrie er, »ich bitt' Sie, hören Sie auf! Ich komme um! So wat hab' ich mein Lebtag noch nicht gesehn! Und dat tanzt man auch am Hofe bei Ihnen?! Da verwechselt man ja die Beene, Veresco« –, und er begann von neuem zu lachen und schüttelte sich, daß der Kragen seines Reitermantels wie ein großes Flügelpaar um seine Schultern flog. Unten auf dem Hofe wartete schon der Hauptmann von Döring auf Schöningh. Er hatte gleichfalls bereits seine Erkundigungen eingezogen: Schöningh wie Sassenhausen hatten glänzend bestanden. Der Jubel war groß. Hauptmann von Döring lud die beiden mitsamt ihrem Freund Veresco zum Abendessen ein. Vorher aber sandten die drei noch Depeschen nach der Heimat ab; Schöninghs Telegramm an Wiegels lautete nur kurz: »Examen bestanden; reise übermorgen ab; bitte Wagen 6,20 Krugdorf ...« Döring ließ Sekt auffahren, und alle vier kauften sich einen kleinen Spitz. Veresco, der nicht viel vertragen konnte, war am ausgelassensten, sang illyrische Lieder und tanzte zu guter Letzt noch einmal den Stratpotka. Dabei stolperte er aber, fiel hin und blieb auch gleich liegen. Er war einfach eingeschlafen. Schöningh und Sassenhausen mußten ihn in den Schlafsaal tragen und wie ein Kind zu Bette bringen. Das war die letzte Nacht im Kadettenhause in der Neuen Friedrichstraße zu Berlin. Aber in die Träume unserer drei Helden mischten sich keinerlei sentimentale Erinnerungen. Sie schlummerten fest und friedlich, die drei, und als das Dröhnen der Trommel sie am nächsten Morgen weckte, klang ihnen dieser gelle, ach, wie tausendmal gehörte Wirbel gleich einer Fanfare der Freiheit... Ja, nun waren sie frei. Die sogenannten Examenferien begannen; sie währten gewöhnlich sechs bis acht Wochen – dann traf die Einberufung zum Regiment zusammen mit dem Ernennungspatent ein. Es war noch mancherlei zu besorgen: zuerst die dienstliche Abmeldung, dann der Abschied von den Offizieren der Kompagnie und den befreundeten Kameraden, dann das Packen der Koffer und zwanzigerlei mehr. Man hatte beschlossen, sich noch einen Tag in Berlin zu amüsieren. Das Zivil lag schon bereit. Veresco sah in dem seinen wie ein Japaner aus, der zum ersten Male europäische Tracht trägt. Hauptmann von Döring begleitete die drei bis zur Droschke. Im Hauptportale gab es den allerletzten Abschied – vom alten Hahnemann und seiner großen Trommel und seinem schwarzen Pudel, der immer über den abstehenden Säbel des Obersten zu springen pflegte. Nun fuhr man in das Hotel, um die Koffer unterzubringen, und hatte hierauf noch einen wichtigen Geschäftsgang: zu dem Militärschneider Robrecht in der Jägerstraße, wo die Equipierung bestellt werden mußte. Das dauerte lange – es war viel zu überlegen. Am schnellsten wurde Veresco fertig; er gab einfach einen Gesamtauftrag: doppelte Equipierung – komplett. Aber den beiden Kürassieren wurde die Auswahl schwer; sie hatten mit einer bestimmten Summe zu rechnen, und die vollständige Ausrüstung verlangte vielerlei. Dann ging man frühstücken, selbstverständlich zu Hiller unter den Linden. Sassenhausen als Feinschmecker bestellte das Menü: die ersten Kiebitzeier und die ersten Spargel und ein saftiges Entrecôte, dazu eine Cliquot. Man war sehr vergnügt. Herrgott, war das ein wonniges Gefühl, sich einmal als freier Mann bewegen zu dürfen, nachdem man jahrelang immer nur hatte gehorchen müssen! Veresco trank mit Schöningh und Sassenhausen Brüderschaft; dann bestellte man eine neue Flasche, und nun wurde Sassenhausen elegisch. »Kinder,« sagte er, »ich taxiere, wir sitzen zum letzten Male für längere Zeit zusammen. Der Emich und ich, wir werden ja, so Gott will und unser Kommandeur, noch ein paar Jährchen beieinander bleiben; aber du, Masseo Marquis von Veresco, Herr auf Kapataz und Baron von Tórczek – wer kann wissen, wie lange du zu unserer Armee zählen wirst?! In zwei Monaten gehörst du zwar zur preußischen Garde-Artillerie und wirst dich dicke tun mit deinem silbernen Kragen und dem Gardestern auf deinem bombengekrönten Helm und wirst des Abends zwischen sieben und neun die Linden herabbummeln und anständigen Bürgermädchen, die es hier noch gibt, die Köpfe verdrehen. Doch bist du sicher, daß in deiner grünen Heimat nicht bald wieder ein klein bissel rebelliert wird, daß man dem Gouverneur-Pascha unversehens eine Platzpatrone irgendwohin steckt, seinen Palast anzündet und seine Bostandschis – oder sagt man Khawassen?– schlankweg abmurkst? Nein, lieber Veresco, dessen bist du nicht sicher, zumal du selber zugestanden hast, es sei die allerhöchste Zeit, daß in Illyrien wieder einmal eine Revolution ausbräche ... na, und dann wird dir dein Papa einfach telegraphieren: Komm 'runter, mein Sohn, hier geht es los – und du wirst gehorchen müssen. Du wartest ja sozusagen nur darauf. Und bist du erst einmal unten, dann ist es doch sehr zweifelhaft, wann wir wieder einmal die Ehre haben werden, mit dir eine Flasche Sekt bei Hiller zu trinken, und deshalb schlage ich vor: schließen wir zu dieser Stunde so eine Art Rütlibund und geloben wir uns Freundschaft und Treue für alle Lebenszeit bis zum Tode! ...« Diese schöne Rede ließ Emich ziemlich kühl, rührte aber dafür Veresco in hohem Maße. »Bravo, Max,« sagte er lebhaft, »das war mir aus dem Herzen gesprochen. Und nun hört mal zu: wenn wir diesen Bund für das Leben schließen, so muß sich auch einer auf den anderen verlassen können. Ich meine damit, wenn einer den andern ruft, weil er seiner Hilfe bedarf, so muß der andere kommen und wenn selbst der Papst dagegen sein sollte! Habt ihr verstanden?« »I gewiß, Maffeo,« erwiderte Schöningh, der auch allmählich einen roten Kopf bekam, »aber der Papst hat bei uns nichts zu sagen, sondern die verschiedenen Kommandeure und der Kriegsminister. Gesetzt nun den Fall, du säßest da unten irgendwie und irgendwo in der Klemme und telegraphiertest uns, schleunigst illyrisch zu werden – ja, glaubst du denn, daß man uns ohne weiteres den Abschied bewilligen würde?« »Aber natürlich, Emich,« eiferte Sassenhausen erregt, »aber natürlich! Der Abschied behufs Auswanderung wird immer gewährt, wenn man gewichtige Gründe vorschiebt. Und was mich anbetrifft: ich halte meinen Schwur! Wenn der Veresco ruft, komm' ich – nota bene, wenn wir nicht gerade in einen Krieg verwickelt sind!« »Selbstverständlich«, sagte der kleine Illyrier; »Krieg im eigenen Lande entschuldigt alles. So ist's auch nicht gemeint. Ich verlange nur, daß jeder von uns dreien sich die erdenklichste Mühe gibt, dem etwaigen Hilferuf des anderen zu folgen –« »Aber natürlich,« fiel Sassenhausen ein, »aber natürlich –« »Einverstanden«, sagte auch Schöningh. »Veresco, fülle die Gläser!« Sassenhausen reichte ihm die Kelche hinüber. »Aus bis zur Nagelprobe – und dann Handschlag: so ist's deutsche Sitte!« meinte er. Sie tranken und reichten sich über den Tisch die Hände. Nebenan wurde man bereits aufmerksam auf die drei jungen Herren. In der Tür stand ein schöner, glatt rasierter Kellner und wunderte sich. Aber er machte sofort ein ergebenes Gesicht und sprang mit wedelnder Serviette herbei, als Veresco die dritte Flasche befahl. »Ihr gestattet wohl,« sagte Veresco, »daß wir auf die deutsche Sitte die gut illyrische folgen lassen –« »Aber natürlich, natürlich«, bekräftigte Sassenhausen, dem die Augen zu funkeln begannen. »Na, und wie ist die?« fragte Schöningh. »Einfach und hübsch, lieber Emich. Wir trinken nochmals aus, sehen uns dabei in die Augen, legen die rechte Hand auf das Herz und sagen › sricoccio ‹. Das ist unübersetzbar und heißt ungefähr soviel wie ›auf ewig‹ –« »Das ist reizend«, fuhr Sassenhausen auf; »also sri – sprich mir's nochmal vor, Veresco!« » Sricoccio , Max. Und zuletzt zerbrechen wir unsre Gläser, denn die Gläser, aus denen man den Sricoccio getrunken hat, darf kein Mensch mehr gebrauchen; die Sage geht, daß derjenige, der sie dennoch benutzt, an der Pest stirbt.« »Das geht nicht«, meinte Sassenhausen. »Wir können nicht die Pest in Berlin einschleppen. Also zerbrechen wir die Gläser, wenn wir sri – sri – – glaubst du, ich kriege es 'raus, Veresco?« Emich schüttelte etwas bedenklich den Kopf. »Austrinken will ich«, sagte er, »und auch die rechte Hand aufs Herz legen und Dingsda rufen – –Veresco muß uns das Wort erst noch ein paarmal vorsprechen ... Aber die Gläser zertöppern – hier im Lokal – Herrschaften, das würde man uns vielleicht übelnehmen!« »Gehn wir auf den Hof!« schlug Sassenhausen vor. »Nein, wir bleiben hier«, entschied Veresco. »Schöningh, du hast es immer mit der Angst! Unsere Gläser können auch aus Versehen vom Tische fallen. Um jedwedes Aufsehen zu vermeiden, verteilen wir die Prozedur: Max wirft sein Glas herunter; du, Emich, zerschlägst das deine am Sektkühler, und ich meines an der Fluchtschale. Und nun bitte, kein Zögern mehr! Ihr beleidigt mich. Der Sricoccio ist eine ernste Sache.« »Aber natürlich, Schöningh«, rief Sassenhausen; »daß du niemals ernst sein kannst! ...« Nun mußte Schöningh sich fügen; die beiden Kameraden hätten sonst noch mehr Skandal gemacht. Veresco wiederholte das illyrische Wort noch einige Male, bis die anderen es sich eingeprägt hatten, und dann tranken sie den Sricoccio mit großer Begeisterung. Aber die Vernichtung der Gläser rief doch einiges Aufsehen hervor. Im Übereifer zerschlug Veresco auch noch die Fruchtschale, und ein paar Birnen hüpften munter zur Erde. An den Nebentischen amüsierte man sich – Kellner sprangen herbei, und auch der junge Herr Hiller erschien und befahl mit ernster Miene, den Tisch neu zu decken. Im anstoßenden Zimmer hatte man den Spektakel gleichfalls gehört: ein paar Gesichter lugten durch die Portieren. Und dann entstand ein neues Hallo. Nebenan hatten Prinz Waldegg, Herr von Rietzow und ein junger Sekretär der illyrischen Gesandtschaft, Baron Porohyle, gefrühstückt und waren jetzt erst auf ihre jungen Freunde aufmerksam geworden. Selbstverständlich setzte man sich zusammen. Aber Herr von Rietzow protestierte entschieden gegen ein weiteres Pokulieren. Heimlich raunte er dem Baron Porohyle zu: »Nehmen Sie sich Ihres Landsmannes an, cher ami ! Ich bringe Schöningh in sein Hotel – Waldegg kann sich mit dem Dritten im Bunde schleppen. Das geht so nicht weiter. Ich begreife, daß die drei ihr Glück ein wenig anfeuchten wollten, aber sie sind ja bereits vollkommen – na also, sie sind meines Erachtens nicht mehr direktionsfähig. Schaffen wir sie nach Hause.« Das ging leichter, als man erwartet hatte. Veresco war schon wieder müde geworden und schlief bereits halb; er ließ sich von Herrn von Porohyle willig in eine Droschke packen. Schöningh hatte sich in der Toilette das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen und erklärte sich nunmehr mit allem einverstanden. Am hartnäckigsten war Sassenhausen, der sich nicht vom Platze rühren wollte. Aber als Prinz Waldegg ihm vorschlug, mit ihm hinüber in das Panoptikum zu gehen, um ihm eine tätowierte Kanadierin von auserlesener Schönheit zu zeigen, wurde er lebendig und folgsam. Schöningh und Rietzow gingen zu Fuß nach des ersteren Hotel. Rietzow erzählte, daß er auch demnächst nach Hause zurückkehren werde; er habe nur noch einige Tage in Berlin zu tun: es solle eine neue Wochenschrift für das katholische Volk begründet werden, an der er sich beteiligt habe. »Dabei fällt mir ein,« sagte er, leicht seitwärts schielend und an seinem strohblonden Schnurrbart zupfend, »ich wollte Sie schon lange einmal fragen: wie kommt es eigentlich, daß Komtesse Ruth nicht katholisch ist?« »Weil der Vater protestantisch ist«, entgegnete Emich; »ganz einfach deshalb.« »Aber die Mutter ist doch katholisch geblieben, als sie Wiegel heiratete«, fuhr Rietzow fort. »Sind denn vor der Hochzeit keine bindenden Abmachungen wegen des Glaubens der Kinder gemacht worden?« Schöningh zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es wahrhaftig nicht, Herr von Rietzow. Wahrscheinlich hat die Tante zugestimmt, daß Ruth in der Konfession ihres Vaters erzogen werden solle.« Rietzow schüttelte den Kopf. »Unbegreiflich. Vor allem unbegreiflich, daß der Fürst das zugegeben hat.« »Aber, Herr von Rietzow, was geht denn das den Fürsten an!?« »Ja, du lieber Gott, ist er nicht der Chef des Hauses? Es hat Ärger genug verursacht, daß Ihre Frau Tante nicht in den katholischen Adel hineingeheiratet hat. In Stenzig ist nicht einmal eine katholische Kirche!« »Die Tante geht in den protestantischen Gottesdienst. Ich meine, es ist im Grunde genommen ziemlich gleichgültig, wo man zu seinem Gotte betet.« »Sehen Sie, Schöningh, das verstehe ich nun wieder nicht. Wie können Sie so sprechen! Gerade Sie, der Sie einem altkatholischen Geschlechte entstammen, das sogar einmal einen Kardinal hervorgebracht hat. Bei einer derartigen Leichtfertigkeit der Empfindung muß sich der Kitt, der den katholischen Adel zusammenhält, naturgemäß immer mehr lockern. Glauben Sie, daß Komtesse Ruth übertreten würde, wenn sie einen katholischen Gatten heiratet?« Die beiden waren vor dem Eingang des Hotels stehengeblieben. Schöningh hatte Eile, sich von Herrn von Rietzow zu verabschieden. »Ich kann Ihnen keine Antwort auf Ihre Frage geben«, sagte er. »Hätte ich den geistlichen Beruf erwählt, dann würde ich vielleicht versucht haben, meinen Einfluß auf Ruth geltend zu machen. So aber glaube ich, daß es wenig schicklich sein dürfte, wollte ich mich in die intimsten Angelegenheiten der Wiegelschen Familie mischen ... Adieu, Herr von Rietzow. Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdige Begleitung!« Mit gesenktem Kopf, eine schwere Falte auf der Stirn, schritt Rietzow die Linden hinab, während Schöningh auf sein Zimmer ging, um sich ein Stündchen auf dem Sofa auszustrecken. Er wollte schlafen, aber er vermochte es nicht; die kurze Unterhaltung mit dem Kottauer beschäftigte ihn lebhaft. Daß Rietzow die Proselytenmacherei liebte, war bekannt. Aber daß ihm das Seelenheil Ruths so nahe ging, machte Emich stutzig. III Als Schöningh am nächsten Morgen, wieder in Zivil, im Coupé saß und noch einen letzten Blick aus dem Fenster auf die öde und ungemütliche Halle des Ostbahnhofs warf, sah er einen langen Herrn den Zug hinabschreiten und spähend in die Waggons schauen. Zu seinem Erstaunen erkannte er Herrn von Rietzow. Nun sah Rietzow auch ihn, lüftete seinen Zylinder und trat an das Coupé heran, Emich die Hand reichend. »Dritter Klasse –?« sagte er. »Sakri, wie schlicht bürgerlich! Wenn das Ihr Ohm, der Fürst, wüßte!« Schöningh lachte. »Herr von Rietzow, Sie glauben wohl, mein Onkel in Stubbach sei so eine Art Schreckgespenst für mich! Ich fahre dritter Güte, weil ich auf ein Militärbillett reise. Das nehme ich mit. Unter uns gesagt: der Abschied von Berlin hat mir die Taschen geleert.« »Aber, liebster Graf, ein Wort hätte doch genügt –« »Davon bin ich überzeugt, Herr von Rietzow. Aber ich sehe nicht ein, weshalb ich mein Staatsbillett unbenutzt in die Tasche stecken soll. Übrigens sitzt es sich hier ganz gut; Sie sehen, ich bin sogar allein ...« Die Lokomotive pfiff. Herr von Rietzow eilte mit langen Schritten neben dem sich langsam in Bewegung setzenden Zug her. »Also die Hauptsache,« sagte er, »– weshalb ich herkam. Ich möchte keine Mißverständnisse hervorgerufen haben, lieber Emich. Was ich da gestern mit Ihnen sprach, bleibt unter uns – nicht wahr?« »Wenn Sie es wünschen, selbstverständlich, Herr von Rietzow –« »Ja, mir liegt daran. Die Leute sollen nicht glauben, daß ich... Die Leute verkennen oft die besten Absichten... Also nichts weiter darüber!... Grüßen Sie schön in Stenzig! Und auf baldiges Wiedersehen!... Addio, liebster Schöningh!...« Der Zug sauste aus der Halle hinaus ins Freie. Emich lehnte sich auf die harte Bank zurück, die ihn nicht drückte. Das Kadettenkorps hatte ihn nicht verwöhnt. Der Kottauer amüsierte ihn. Rietzow hatte es wahrscheinlich mit der Angst bekommen, daß Wiegel ihn stellen würde. Denn ein so eifriger Katholik Rietzow war, ein so strenger Protestant war Wiegel. Der Graf hatte sich alle Mühe gegeben, seine Gattin als junge Frau zur Konversion zu bewegen, aber obwohl Gräfin Irmela in geistlichen Dingen ziemlich liberal dachte, hatte sie sich doch nicht zu einem Übertritt entschließen können. Sie wollte die Freiheit ihrer Seele bewahrt wissen. An dem geöffneten Fenster glitten in rasender Hast, auf und nieder steigend, die Drahtlinien der Telegraphenleitung vorüber. Der Apriltag brachte die ersten Grüße des erwachenden Frühlings. Überall in der Natur lichtgrüne Flecken im Sonnenschein. Auf den Wiesenniederungen sproßte junges Gras, und im Buchenwalde brachen die Knospen auf. Auf dem satten Blau des Himmels schwammen ein paar vereinzelte schneeweiße Wolken; ein warmer Odem, würzig durchtränkt vom Duft der lenzfeuchten Erde, quoll zum Fenster hinein. Emich war noch todmüde von gestern. Er streckte sich auf der Bank aus, rollte seinen Mantel als Kopfkissen zusammen und versuchte das Manko der Nacht nachzuholen. Und es gelang ihm auch. Das Dröhnen der rollenden Räder in seiner rhythmischen Gleichförmigkeit war sein Schlummerlied. Er schlief stundenlang. Als er wieder aufwachte, sah er, daß die Bank ihm gegenüber dicht besetzt war. Es waren einfache Leute, die da Platz genommen hatten, aber keiner hatte ihn gestört. Er richtete sich auf und strich das Haar aus der Stirn. »Sind wir schon hinter Kreuzwalde?« fragte er. Ein alter Mann antwortete ihm: »Schon lange. Die nächste Station ist Krugdorf.« »Donnerwetter,« fluchte Emich, »da muß ich ja meine Siebensachen zusammensuchen!« Der Alte gegenüber sah ihn schärfer an. »Wollen Sie denn auch nach Krugdorf?« fragte er. »Ja, – und dann weiter nach Stenzig.« »Auch –? Sie woll'n wohl den Oberförster besuchen?« Schöningh nickte lächelnd. »So etwas Ähnliches«, entgegnete er ausweichend. Der Alte schloß seine Tabakspfeife, überlegte ein Weilchen und meinte sodann: »Wenn Ihnen der Oberförster einen Wagen an die Bahn geschickt hat, könnten Sie mich eigentlich mitnehmen, junger Herr. Ich habe bloß ein kleines Bündel bei mir und wiege nicht schwer.« Schöningh betrachtete die knochige Gestalt und das faltenzerrissene lederfarbige Gesicht des Greises und nickte zustimmend. »Gut – ich nehme Sie mit. Woll'n Sie zum Grafen Wiegel?« »Ja – das heißt, nicht zum Herrn Grafen selbst. Aber mein Jüngster ist Diener bei ihm und soll jetzt zum Militär. Da möcht' ich ihn noch mal besuchen!« Emich machte die Unterhaltung Spaß. »Wie heißt er denn?« fragte er; »vielleicht kenn' ich ihn.« »Franz Evert heißt er, aber er wird Bob genannt, weil der Kammerdiener des Herrn Grafen schon Franz heißt.« Emich entsann sich des Burschen, eines aufgeweckten Jungen, der für den kleinen Dienst in Stenzig verwandt wurde. »Gewiß kenn' ich ihn«, sagte er. »Also der Bob soll zum Militär?« »Ja, junger Herr, zu den Kürassieren nach Klempin. Wenn ihn der Herr Graf nach seiner Entlassung bloß wieder annehmen wollte! Es ist heuer so schwer, einen passenden Dienst zu finden.« »Da gefällt sich der Bob also in Stenzig?« »O ja – er gefällt sich ja soweit. Der Herr Graf ist ein ganz guter Herr, bloß'n bißchen geizig. Er zählt alles nach. Und auf Ordnung hält er auch sehr. Es muß alles immer klappen und wie am Schnürchen gehn. Die Frau Gräfin soll die beste sein. Aber gegen das Fräulein Komtesse läßt sich auch nichts sagen; so etwas hochfahrend gegen die armen Leute ist sie freilich. Und dann kommt noch mannigmal ein Kadett nach Stenzig zu Besuch, ein Neffe des Herrn Grafen – das scheint ein Taugenichts zu sein. Der sitzt am liebsten auf den Bäumen und schießt nach den Krähen und reitet die Ponys zuschanden. Und für den möchte der Franz oder Bob, wie sie ihn nu' mal nennen, durchs Feuer gehen! ...« Es war gut, daß es pfiff. Aus dem Birkenwald tauchte das Stationshaus von Krugdorf auf. Ein junger Mensch in der Wiegelschen Hauslivree rannte über den Perron und blieb vor der ersten Wagenklasse stehen. Emich hatte die Coupétür bereits geöffnet. »Hierher, Bob!« rief er. »Noch immer dritte Klasse!« Der Diener raste, sich über das ganze Gesicht freuend, herbei. »'n Tag, Erlaucht«, sagte er. »Haben Erlaucht sonst noch Gepäck?« »Ja – ein Köfferchen. Hier hast du meinen Gepäckschein. Aber erst sage gefälligst deinem alten Vater guten Tag, dann woll'n wir weiter miteinander reden.« Der Greis kletterte aus dem Wagen. »Gnäd'ger Herr Graf,« stammelte er, »Erlaucht – wenn ich – wenn ich hätte wissen können, daß Erlaucht der junge Herr Graf sind, dann hätte ich mein altes Maul gehalten ... Nehmen Sie mir's nur ja nicht von Übel – wie konnte ich mir's denn vorstellen, daß Erlaucht auch dritter Klasse fahren würden –« Emich lachte. Aber der alte Mann wollte sich durchaus nicht beruhigen, und als auch Bob allerhand Entschuldigungen für seinen Vater vorzubringen begann, wurde er unwillig, hielt sich die Ohren zu und schrie: »Nun laßt mich gefälligst in Ruhe!« Und dann eilte er, während der Zug weiterbrauste, hinter das Stationsgebäude, wo Komtesse Ruth ein hübsches Rappengespann zügelte. Sie saß auf dem hohen Vordersitz eines eleganten Kabrioletts und schien schlechter Laune zu sein, denn ihr Gruß an Emich klang ziemlich kurz und frostig. Emich merkte die Verstimmung seiner schönen Cousine wohl. Er schwang sich zu ihr auf den Bocksitz und setzte sich ziemlich dicht neben sie. »Pardon, Ruth,« sagte er, »wir müssen ein bissel zusammenrücken. Ich habe dem Vater Bobs versprochen, ihn mit nach Stenzig zu nehmen.« »Wen –?« fragte die Komtesse gedehnt. »Den alten Evert, den Vater Bobs. Er war mein Reisegefährte. Ich bin nämlich dritter Klasse gefahren – mein Militärbillett gestattete mir keine höhere Nummer!« Ruth antwortete zunächst gar nicht. Sie schüttelte nur den Kopf. Aber als Evert mit seinem Bündelchen in der Hand hinter der Station erschien und Emich Bob zurief, dem Alten auf den Wagen zu helfen, glitt eine helle Röte über ihr Gesicht, und um die stolzen Lippen zuckte es ärgerlich. »Ich möchte dir keine Blâme bereiten, Emich«, sagte sie leise, ihren Kopf ein wenig zu ihm hinüberneigend. »Also bleibe es so. Aber du würdest mich doch verbinden, wenn du die Güte haben wolltest, deinen Freund Evert nicht für morgen zum Diner zu laden.« »Schade,« entgegnete Emich ebenso leise, »das hätt' ich gar zu gern getan. Er ist ein so prächtiger alter Kavalier. Aber dein Wille ist mir Befehl.« Sonderlich wohl fühlte sich niemand auf dem Kabriolett: Evert nicht, der ängstlich zusammengekrümmt auf seinem Platze saß, und Bob hinter ihm auch nicht. Die Liebenswürdigkeit des jungen Grafen lag wie ein Alp auf beiden. Sie wagten kaum zu atmen und machten verlegene Gesichter. »Theaterfuhre«, murmelte Ruth und biß sich auf die Lippen. Ihre Peitsche knallte und ringelte sich über den blanken Rücken der Rappen, die schnaubend und die Köpfe werfend ausgriffen. Auch Schöningh hatte ein leichtes Gefühl des Unbehagens, das erst schwand, als man Krugdorf im Rücken hatte und in den Wald einbog. Man war nun schon auf Stenzigschem Revier. Der Wiegelsche Besitz umfaßte gegen fünfzehntausend Morgen, und da der Graf ein guter Wirtschafter war, so standen Wald, Feld und Wiese in hoher Kultur. Der Wert der Herrschaft stieg alljährlich. Emich fiel es nicht auf, daß seine holde Nachbarin geflissentlich wortkarg war. Der Wald nahm ihn in Anspruch. Das war sein Revier während der Urlaubszeit. Schon als elfjähriger Junge war er ein leidenschaftlicher Jäger gewesen und hatte nächtelang auf dem Anstand gelegen. So kannte er den Plenterwald in allen seinen Winkeln, Ausläufern und Dämmerungen und in seinem meilenweiten Umfange bis zur Kottauer Grenze. Kannte auch die feuchten Niederungen jenseits der Strebnitzer Furt, das Gehege der Wildsäue und das dicke Röhricht, durch dessen ineinandergeballtes Gespinst sich der Fluß wand – eine Landschaft, wie sie der Spreewald bot, bevölkert von Scharen wilder Gänse und Enten, zum Ärger der Förster, die sich über den mangelnden Abschuß grämten. Denn der Graf selbst war nicht passioniert für die Jagd und auch kein Freund allzu großer Geselligkeit. Ein paarmal im Jahre kamen die Offiziere aus Klempin herüber, um in den Stenziger Forsten aufzuräumen, aber auch dann begleitete Wiegel sie selten in den Wald, sondern überließ das Protektorat gewöhnlich dem Kottauer Rietzow oder seinem Vetter, dem Etatsmäßigen der Kronprinzen-Kürassiere, Major von Blohme. Der Wagen rollte an einer Försterei vorüber, einem kleinen, von wildem Wein umbuschten Häuschen, an das sich zwischen Drahtgehegen eine Anschonung veredelter Koniferen schloß. Der Förster stand vor der Tür und riß seine Mütze vom Kopf, als er die Komtesse erkannte. »'n Tag, Griebenow«, antwortete Ruth, und auch Emich grüßte zurück und setzte hinzu: »Morgen abend an der Königseiche, Griebenow! Ich möchte mal Umschau halten ...« Noch ein kleines Weilchen schwieg die Komtesse; dann kräuselte sich ihr Mund spöttisch und sie sagte: »Willst du wieder Tag und Nacht im Walde liegen, Emich?« »Wenigstens dann und wann, Cousine. Ich denke, du wirst nichts dawider haben, zumal du dir aus meiner Unterhaltung nicht viel zu machen scheinst.« »Sonderlich viel Mühe hast du dir mit dieser Unterhaltung noch nicht gegeben, Vetter.« »Ich wage nicht recht zu sprechen, solange ich Wolken des Zorns auf deiner gräflichen Stirn sehe.« »Die Wolken waren sehr angebracht. Wenn du morgen nacht auf den Anstand gehst, findest du vielleicht Zeit, einmal des längeren über die Grenzen der Schicklichkeit und des guten Takts nachzudenken.« Emich blieb ruhig; er wollte sich nicht ärgern. »Du bist etwas kratzbürstig, Mademoiselle Ruth,« erwiderte er, »aber ich bleibe trotzdem in Stimmung. Ich bin in glücklicher Laune. In einigen Jahren wird mir die Kadettenkorpszeit vielleicht in sehr angenehmer Erinnerung stehen. Augenblicklich aber komme ich mir vor wie ein Gefangener, der nach langer Haft endlich einmal wieder ins Freie kommt. Der Wald dünkt mich schöner als je. Und diese famose Beleuchtung! Ich glaube, ich hätte Maler werden sollen!« »Meine auch, daß du den aristokratischen Berufszweigen nicht allzuviel Begabung entgegenbringst«, erwiderte die Komtesse unwirsch. Emich zog die Brauen hoch und schwieg. In das Sonnenrot, das durch den Wald glühte, waren die ersten Schatten gefallen und rückten langsam vor. Es wurde Abend. Aber Stenzig war bald erreicht. Schon seit einiger Zeit hatte der Weg sich verbreitert und wurde rechts und links von einem Gatter begleitet. Damit stieg auch der parkmäßige Eindruck; nun tauchte ein Torweg auf, der einen sich quer in den Wald hineinziehenden Drahtzaun durchschnitt; die Baumgruppen lichteten sich und gewährten weite Durchblicke auf frischgrüne Wiesenstrecken; zu den Eichen, Buchen, Birken und Linden trat edleres Laub: Silbereschen, Blutulmen, Christusdorn und echte Kastanien; die vielfach verschlungenen Wege und Pfade waren mit hellem Kies bestreut; hie und da schillerte auch schon das Marmorweiß einer Statue durch die sich mehrenden Boskettanlagen – und bei einer plötzlichen Wendung der Straße sah man am Ende einer Rüsterallee Schloß Stenzig liegen: die große Terrasse mit ihrer Doppeltreppe aus Sandstein und darüber die Fensterfront des Parterregeschosses. Man hatte den Wagen kommen hören. Aus der Ferne sah Emich dunkle Gestalten auf der Terrasse geschäftig hin- und herhuschen. Ein prächtiger, gelbbrauner Bernhardiner karrierte in gewaltigen Sätzen den Weg hinauf; kläffend folgte eine Teckelmeute. Ein weißes Taschentuch flatterte oberhalb der mit dichtem Moos wie mit einer Patinaschicht bedeckten Karyatide, die die Freitreppe trug: da stand die Tante und winkte und winkte. »Vorsicht, Ruth!« rief sie. »Diese infamen Köter! Hierher, Montez! Hierher, Dackel, Waldmann, Perzel, Schnauzel, Messerl! August, pfeif doch den Hunden! Franz, daß die Köter die Pferde nicht scheu machen! ...« Die Pferde ärgerten sich zwar über das sie umtönende Gekläffe, standen aber, als die Komtesse parierte. Mit einem Satz sprang Emich vom Wagen und in die Arme der Gräfin. »Dickerchen – Allmacht, du rennst mich um!... Noch einen Kuß! Aber nicht so stürmisch! Herr Leutnant, ich gratuliere! Bist ein braver Junge – bist ein braver Junge, mein Dickerchen! Daß du mir nicht durchfallen würdest, wußte ich ja!« Sie gab ihn weiter an ihren Gemahl. Der konnte nicht anders, sondern mußte auch die Arme ausbreiten und ihn an sich ziehen. Aber er tat es mit Würde. Nicht ein Härchen der graugrünen Favoris geriet dabei in Unordnung, und die helle Weste mit den Streublümchen verschob sich nicht. »Gratuliere gleichfalls, mein lieber Emich«, sagte er; »hast manches gut gemacht – von früher – hast korrekt gehandelt, mein Junge...« Und sofort wandte er sich an Franz, seinen Kammerdiener. »Die Sachen von Erlaucht in das gelbe Zimmer. Bob soll sich zur Verfügung von Erlaucht halten...« Dann fiel sein Blick auf den alten Evert, der mit vieler Mühe von der Höhe des Kabrioletts geklettert und, immer sein Bündelchen in der Rechten, bescheiden zur Seite getreten war. »Wen hast du denn da mitgebracht, Emich? –« »Einen Reisegefährten, Papa«, erwiderte Ruth. »Den Vater Bobs...« Graf Wiegel zog sein Taschentuch und schnauzte sich. Das tat er gewöhnlich, wenn er die Situation nicht zu beherrschen wußte. Er verstand wirklich nicht. Einen Reisegefährten? Den Vater Bobs? – Er schnäuzte sich nochmals. Bob trat vor. Sein Vater hätte ihn besuchen wollen, und Erlaucht hätten die Güte gehabt, ihn mitzunehmen. Ob er, Bob, seinen Vater nach dem Kruge führen dürfe. Die Gräfin streichelte Emich die Wangen. Sie fand die Leutseligkeit ihres Dickerchens rührend. Auf dem Gesicht des Grafen aber stritten Ärger und das ersichtliche Bestreben, nicht hart zu erscheinen, um die Palme. Die Wirkung war, daß Wiegel sich zum dritten Male schnäuzte. Und plötzlich schien sich auch Ruth für den alten Evert zu interessieren. »Die Krugzimmer sind alle feucht«, entschied sie. »Kann Bobs Vater nicht im Schlosse wohnen? Im Souterrain stehen ja ein paar Zimmer leer.« Seiner Tochter widersprach Wiegel nie. Er nickte, und die Gräfin gab ihre Anordnungen. Ein Viertelstündchen später saß man im sogenannten kleinen Speisesaal beim Abendessen. Es war frisch geworden, und der Graf hatte daher befohlen, Feuer in den Kamin zu legen. Emich fühlte sich sehr behaglich. Trotz aller Kühle des Oheims hatte er Stenzig doch immer als seine zweite Heimat betrachtet; hier war ihm am wohlsten. Es ging noch gerade so »korrekt« zu wie immer. Die Tafel war tadellos gedeckt; es glänzte und leuchtete alles. Der Jäger servierte; Franz hielt sich im Hintergrunde und trat nur vor, um dem Grafen den Tee einzuschenken, den er selbst auf dem Samowar am Nebentische bereitete, denn niemand auf der Welt verstand, wie Wiegel behauptete, die Teebereitung so vollendet wie Franz. Es gab gebackenen Schinken mit Rührei; die Tante hatte es sich nicht nehmen lassen, ihrem Dickerchen zur Ankunft seine Leibspeise vorzusetzen. Und da Emich Appetit hatte, ließ er sich nicht lange nötigen, sondern schlug wacker seine Klinge. Ruth schaute zu, wie er aß. Sein Appetit war schreckenerregend, aber er aß wenigstens manierlich. Er wußte immerhin mit Messer und Gabel umzugehen. Auch jetzt war Ruth noch ziemlich schweigsam. Dafür sprach die Gräfin ununterbrochen. Sie stellte hundert Fragen an Emich und wollte das Unmöglichste wissen. Wiegel warf nur zeitweilig eine Bemerkung in die Unterhaltung. Er sprach überhaupt nicht gern bei Tisch, weil ihn das in der Beobachtung seiner Diät störte. Er mußte immer etwas Besonderes genießen, das auf kleinen silbernen Schüsseln angerichtet wurde. Jedes Souper schloß für ihn mit sieben Backpflaumen – keiner mehr und weniger. Nach beendeter Tafel zog man sich noch auf eine Stunde in einen kleinen Salon zurück. Das war die Zeit, wo der Graf sich die Brille aufsetzte, um seine Kreuz-Zeitung zu lesen. Dabei mußte leise gesprochen werden. Die Komtesse empfahl sich gewöhnlich schon ziemlich früh, um auf ihr Zimmer zu gehen. Die Langeweile dieser gemeinsamen Abende machte sie nervös. Gräfin Irmela stickte und pflegte gegen zehn einzunicken. Sobald die Barockuhr auf dem Kamin halb elf schlug, erhob sich Wiegel, küßte seiner Frau die Hand und ging zu Bett. Heut war es indessen ein wenig lebhafter als sonst. Der Graf ließ sich sogar herbei, einiges Interessante aus der Zeitung vorzulesen. »Ei, ei,« sagte er und schob die Brille auf die Nasenspitze, um über die Gläser hinwegschauen zu können, »zwischen Rußland und der Türkei scheint es doch etwas zu geben. Das ist eine niederträchtige Gesellschaft da unten. Seit man den Abdul-Aziz um die Ecke gebracht hat, hört der Krakeel im Balkan nicht auf. Jetzt geht es wieder in Illyrien los, das seine Souveränität zurückfordert und Rußland als Schiedsrichter aufruft. Natürlich sitzt da der Ignatieff wieder dahinter! ...« Emich war aufmerksam geworden. Er erzählte von seinem illyrischen Freunde, dem kleinen Veresco – und das interessierte auch Wiegel. »Illyrien hat sich schon ein dutzendmal selbständig erklärt und ist immer wieder unter türkische Botmäßigkeit gekommen«, sagte er. »Aber es ist ein ganz schlauer Coup, sich an Rußland heranzuschlängeln. In Petersburg wartet man schließlich nur darauf, auf den Moscheen Konstantinopels das griechische Kreuz aufpflanzen zu können. Der Gortschakoff –« Und er gab Emich eine belehrende politische Übersicht. Emich hörte anfänglich sorgsam zu, während die Tante in ihrer Sofaecke gemächlich einzunicken begann. Ruth benutzte eine Pause in dem Vortrage ihres Vaters, um gute Nacht zu sagen. Plötzlich wurde auch Emich müde. Der Graf hatte, wenn er sich in längeren Ausführungen erging, eine eigentümlich monotone Sprechweise, die unwillkürlich einschläfernd wirkte. Im Herrenhause wußte man das und bereitete sich darauf vor. Aber auf Emich wirkte es neu. Er blinkte noch einige Zeit mit den Augen und schloß sie dann wie seine Tante. Der Graf sprach weiter; erst als er seine Brille wieder zurechtrückte, ersah er die Wirkung seines Vortrags, schwieg, runzelte die Brauen, ließ Gattin und Neffen aber ruhig weiter schlafen. Es schlug halb elf. Franz trat leise ein. Die Gräfin erwachte zuerst und räusperte sich. Nun fuhr auch Emich in die Höhe. Er schämte sich so, daß er errötete. Wiegel nickte ihm zu. »Man merkt, daß du eine lange Fahrt hinter dir hast«, sagte er. »Na – schlaf dich aus! Bring' Erlaucht auf sein Zimmer, Franz, und rufe den Bob!« – Emich freute sich darüber, daß er wieder sein altes Zimmer in Stenzig bekommen hatte. Es war dies eine Giebelstube mit sehr tiefem Fenster, auf den Gemüsegarten hinausführend und mit einer verschossenen gelben Brokattapete. Bob hatte Emich auf das Zimmer geleitet und wollte ihm beim Auskleiden behilflich sein. Aber Emich verbat sich dies und schickte Bob, nachdem er sich nochmals freundlich nach dessen Vater erkundigt hatte, wieder hinaus. Bevor er zu Bett ging, leuchtete Emich die Stube ab. Er wollte sehen, ob noch alles am alten Platze war. Das war es. Auch die Bilder von Vater und Mutter hingen noch am gleichen Fleck wie früher, und in dem großen Wandschrank wurden noch immer die gebundenen Jahrgänge der »Fliegenden Blätter« aufgehoben. Das amüsierte Emich. Die »Fliegenden Blätter« waren in der Urlaubszeit stets seine Bettlektüre gewesen. Er nahm einen Band aus dem Schrank und legte ihn auf seinen Nachttisch. Dann ging er zu Bett, streckte sich behaglich aus und wollte soeben zu schmökern beginnen, als es nochmals leise an die Türe klopfte. »Schon im Bette, Dickerchen?« fragte die Stimme der Gräfin. »Ja, Tantchen; du kannst ruhig hereinkommen!« Gräfin Irmela trat ein. »Ich wollte mal sehen, ob hier auch alles in Ordnung ist«, sagte sie, Umschau haltend. »Ich hatte heut Wäsche und konnte mich gar nicht um dein Zimmer bekümmern ... Hast du frisch' Wasser?« »Ja, Tantchen!« »Und liegst du auch nicht zu hart?« »I bewahre, Tantchen!« »Ist denn die Bettdecke warm genug? Früher strampeltest du dich immer bloß.« »Jetzt lieg' ich stiller, Tantchen. Ich dreh' mich um und wache morgen in der gleichen Lage wieder auf.« »Na, dann ist's gut ...« Die Gräfin trat an das Bett heran und sah die »Fliegenden«. Sie lachte. »Das könnt' ich mir denken! Onkel wollte die Bände in die Bibliothek schaffen lassen, aber ich protestierte dagegen. Mein Dickerchen muß doch seine Klassiker behalten ... Aber nun lies nicht mehr so lange, Emich! Um sieben Uhr wird geweckt ... Gott behüt' dich, mein Junge!« Ihre Hand strich liebkosend über den blonden Scheitel Emichs – eine weiche, liebe und zärtliche Mutterhand. IV Emich befand sich bereits gegen drei Wochen in Stenzig, als Graf Wiegel ihn eines Tages nach dem Diner bat, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen. »Was gibt's?« flüsterte Ruth ihrer Mutter zu; »hat Emich eine Dummheit gemacht?« »Bewahre«, entgegnete die Gräfin kopfschüttelnd; »aber es ist Zeit, daß der Papa ihn einmal als sein Vormund über seine Verhältnisse aufklärt. Emich ist doch nun groß genug ...« Im sogenannten Arbeitszimmer des Grafen herrschte die peinlichste Ordnung und Sauberkeit. Eine Reihe von Papieren lag auf dem Schreibtisch symmetrisch geordnet, und auf jeder dieser Papierschichten stand ein Briefbeschwerer aus Glas und von quadratischer Form. Es war ein kleines Regiment von Briefbeschwerern in Paradeaufstellung. »Bitte setz' dich, Emich«, sagte der Graf und wies auf einen, wie es schien, zu diesem Zweck schon bereitgestellten Stuhl neben dem Schreibtischsessel. Emich pochte das Herz ein wenig. Er hatte in der letzten Nacht im Jagdeifer eine Ricke geschossen, und das beunruhigte sein Gewissen. Wiegel schritt an den kolossalen Eichenschrank, der eine ganze Wandseite des Zimmers einnahm, und öffnete ihn. Der Schrank war in zahlreiche Fächer eingeteilt, die mit Aktenfaszikeln gefüllt waren; er enthielt das Archiv des Hauses. Eines dieser Aktenbündel nahm der Graf, stäubte mit seinem Taschentuch darüber hinweg und legte es auf den Schreibtisch. Dann nahm er selbst Platz, den Oberkörper kerzengerade haltend, die Beine dicht an den Sessel herangezogen. »Ich muß einmal ein ernstes Wort mit dir reden, lieber Emich«, begann er. »Oberst von Hildringen in Klempin hat mir geschrieben, daß du zum ersten Juni deine Einberufung erhalten wirst. Von diesem Tage ab beginnt ein neues Leben für dich – sagen wir, das Leben beginnt so recht eigentlich erst für dich. Daß du als Soldat deine Pflicht und Schuldigkeit tun wirst, erhoffe und erwarte ich von dir. Aber ich erwarte noch mehr: du wirst auch ein guter Wirtschafter werden müssen. Deine Vermögensverhältnisse sind leider, leider keine glänzenden. Seesenheim bringt nichts ein; ich bin froh, wenn ich da drüben die Einnahmen und Ausgaben einigermaßen in der Balance halten kann. Am besten wäre es ja gewesen, man hätte versucht, die Sandbüchse zu verkaufen; vielleicht hätte sich –« Eine Bewegung Emichs ließ den Grafen, sich unterbrechend, aufblicken. »Ich weiß schon,« fuhr er fort, mit der Hand winkend, »der Gedanke ist schrecklich für dich. Es spielen da allerhand kleine Sentimentalitäten mit – eh nun, vorläufig ist es ja noch nicht so weit. Aber ich muß dir jedenfalls klaren Wein einschenken. Ich habe dir die gesammelten, auf Seesenheim bezüglichen Papiere zusammengepackt und bitte dich, sie gelegentlich einmal durchzusehen. Das Barvermögen, das dir dein Papa hinterlassen, ist gering; ich habe es aber durch eine glückliche Spekulation um eine Kleinigkeit vermehren können; es wird, wie du weißt, von der Breslauer Landesbank verwaltet, die auch meine eigenen Geldangelegenheiten in Händen hat. So hast du denn über eine jährliche Revenue von etwas über tausend Talern zu verfügen. Für deinen Vetter Waldegg würde das wahrscheinlich gerade genügen, seine Stiefelrechnungen zu bezahlen; ich kenne aber eine ganze Menge junger Offiziere, die mit weniger auskommen, weil sie vernünftig leben ...« Der Graf nahm einen der gläsernen Briefbeschwerer vom Tische und drehte ihn spielend zwischen den Fingern. »Weil sie vernünftig leben,« wiederholte er, »– und darauf möchte ich nachher noch einmal etwas näher zurückkommen. Oberst von Hildringen hat mir mitgeteilt, daß die monatliche Durchschnittszulage beim Regiment fünfzig Taler nicht übersteigt; auch dein Freund Sassenhausen erhält nicht mehr. Die Landesbank hat daher von mir den Auftrag bekommen, dir diese Summe an jedem Ersten zuzusenden. Der Überschuß deiner Rente wird weiter verwaltet, um davon die nötigen Extraausgaben zu decken. Überflüssige Pferde brauchst du dir nicht zu halten. Ein Chargenpferd bekommst du; wegen des zweiten eigenen habe ich nach Stubbach an den Fürsten geschrieben, der sich mit Vergnügen bereit erklärt hat, dir aus seinem Marstall einen Gaul zu schenken. Das kannst du beruhigt annehmen; Ferdinand hat sich in Angelegenheiten Seesenheims nicht gerade sehr gentil deinem Vater gegenüber benommen.« »Und eben deshalb drückt mich sein Geschenk«, erwiderte Emich. »Ich gesteh' es dir offen zu, Onkel –« »Ah bah, mach' mir keine Geschichten! Ich pflege im allgemeinen sehr korrekt zu denken, lieber Emich, und würde mich – verlaß dich darauf – nicht an deinen Onkel Ferdinand gewandt haben, der mir durchaus unsympathisch ist, wenn ich dies nach Lage der Sache nicht für richtig gehalten hätte. Und was nun deine Equipierung betrifft, so möchte ich dich bitten, mir zu erlauben, sie begleichen zu dürfen. Ich denke, von mir wirst du dies kleine Geschenk ohne weitere Skrupel annehmen ...« Das Blut schoß Emich in das Gesicht, und seine Augen wurden feucht. Daß der sparsame Onkel Wiegel eine größere Summe für ihn opferte, rührte sein leicht empfängliches Gemüt. Er streckte dem Grafen schweigend die Hand entgegen, der sie herzlich drückte. »Schon gut, Emich,« sagte Wiegel, »ich hab' es gern getan. Ich verschwende nicht, aber ich helfe auch einmal mit Freuden ... Dein Eintritt in das Regiment ist also nun vorbereitet. Halte Haus, mein Junge! Suche dir vernünftige Freunde, möglichst solche, die sich in ähnlichen finanziellen Verhältnissen befinden wie du, damit du nicht unnötigen Verführungen ausgesetzt wirft. Und laß den Pferdeschacher. Man kann dabei böse hereinfallen, und schließlich ist der Offizier kein Roßtäuscher. Daß du nicht spielen wirst, weiß ich. Bleiben noch die Weiber. Und da kann ich dir nur die Weisheit meiner eigenen jungen Jahre mit auf den Weg geben: fürs Herz, was du willst, aber möglichst wenig fürs Portemonnaie ...« Er stand auf und reichte Emich die Hand. In dieser Stunde erschien der Onkel dem jungen Mann als ein völlig anderer, und in der Aufwallung des Gefühls küßte Emich des Grafen Rechte und stammelte: »Hab' Dank für alles Gute, Onkel! Ich will mir Mühe geben, dir Freude zu machen ...« Oben auf seinem Zimmer sah er die Seesenheimer Papiere durch. Sie enthielten die Abschlüsse der letzten Jahre. Es war das erste Mal, daß Emich sich interessierter um die Verhältnisse auf seiner Besitzung bekümmerte. Seit dem Tode seiner Mutter war er nicht in Seesenheim gewesen. Er hatte auch gar kein Verlangen danach gehabt, zumal er die Urlaubswochen stets in Stenzig zu verleben pflegte. Aber nun regte sich ganz plötzlich der Wunsch in ihm, in Seesenheim einmal selbst nach dem Rechten zu sehen. Dies »nach dem Rechten sehen« kam ihm freilich drollig vor. Er hatte keine Ahnung von der Landwirtschaft und wurde aus den zahlreichen Belegen für die Rechnungsabschlüsse durchaus nicht klug. Daß alles stimmte und in Ordnung war, bezweifelte er nicht; der erste Inspektor, der alte Settegast, der schon unter seinem Vater gewirtschaftet hatte, war geblieben, und der von Graf Wiegel eingesetzte Administrator, ein Herr von Polzien, galt gleichfalls als ein tüchtiger Landwirt. Trotzdem fiel es Emich auf, daß so gar keine Überschüsse erzielt wurden. Sein Vater hatte es doch erreicht! – Emich sprach mit dem Onkel über seine Absicht, sich gelegentlich einmal selbst in Seesenheim zu zeigen, und Wiegel war ganz damit einverstanden. »Gut so«, meinte er. »Ich freu' mich, daß du auf den Gedanken gekommen bist. Deine Leute müssen zuweilen den Herrn sehen. Aber warte noch, bis du die Uniform trägst ...« Die neue Uniform kam bald. Eines Tages traf eine stattliche Anzahl von Kisten für Emich ein: die Equipierung. Die Tante half auspacken. Emich hätte nicht achtzehn Jahre alt sein müssen, um sich nicht an all diesem Glanz und dieser Herrlichkeit von Herzen zu erfreuen. Unter dem Glanz lauerte allerdings die Schlange – in Gestalt eines blauen Kuverts, und in diesem Kuvert steckte eine Rechnung. »Soll ich sie öffnen, Tante?« fragte Emich. »Von Rechts wegen gehört sie nunmehr dem Onkel.« »Öffne sie immerhin«, entgegnete die Gräfin. »Es ist gut, wenn du siehst, was der äußere Mensch heutzutage kostet. Und der Offizier noch mehr als der Bürgersmann, und nun vor allem der Kavallerist!« Emich bekam einen Schreck, als er die Schlußziffer auf der Rechnung sah. »Donnerwetter, Tantchen – siebentausendeinhundertdreizehn Mark! Mir zittern die Knie.« »Hast auch Grund dazu. Die Schneider nehmen's vom Lebendigen und vom Toten. Aber nun ängstige dich nicht! Der Onkel berappt und damit basta. Lege man gleich die Rechnungen vom Schuster und Handschuhmacher dazu – das ist dann ein Aufwaschen. Und hör' mal, Emich: zieh' dir zum Mittagessen Uniform an und überrasche damit den Onkel; da freut er sich. Nicht den weißen Koller – den bekleckerst du dir vielleicht – aber den hübschen blauen mit den silbernen Tressen. Gott, wie gut der deinem Vater stand!...« Emich gehorchte. Er kleidete sich um und beschaute sich im Spiegel. War er eigentlich ein hübscher Mensch? Die Tante meinte ja, aber die Tante verzog ihn. Die Nase war etwas zu groß und hatte einen kleinen Höcker. Doch die Augen waren hell und freundlich und blau wie Vergißmeinnicht. Auch der Bart keimte schon, nicht gerade auffällig stark, aber der Flaum war da, milchweiß auf rosigem Grunde. Ein Milchbart! Emich fand, daß die Brünetten viel besser daran waren; bei ihnen sah man den Schnurrbart gleich. Sassenhausen hatte sich schon im Kadettenkorps rasiert. Aber wer blond war, mußte sich fügen. Da half kein Mittel. Eins hatte Emich sich einmal gekauft, weil Sassenhausen ihn wegen der mangelnden Manneszier allzusehr geneckt hatte: eine Art Pomade, die der Ankündigung zufolge binnen vier Wochen »unfehlbar« den schönsten Schnurrbart zutage fördern sollte. Emich rieb sich allabendlich die Oberlippe heimlich ein und sah nach fünf Tagen völlig gescheckt aus. Die Haut löste sich ab, und hie und da zeigten sich dunkelrote Fleckchen, als ob er die Pocken bekäme. Da wurde er ärgerlich, kratzte das Etikett von dem Töpfchen und schenkte die Pomade einem Sekundaner, der sich mit der heilbringenden Salbe fleißig den Kopf bearbeitete, um sich die Frisur verschönern zu können. Und nun geschah das Merkwürdige, daß der Sekundaner baldigst mit einer gar nicht mehr zu bändigenden Löwenmähne herumlief und sich über das erstaunliche Wachstum seiner Haare baß verwunderte. Emich aber ging des Sonntags zu dem Friseur, der ihm die Pomade verkauft hatte und beschwerte sich. Doch der Friseur zuckte nur mit den Schultern und meinte tiefsinnig: wahrscheinlich sei bei Emich »der Boden noch nicht genügend vorbereitet...« Als es in der Flurhalle des Schlosses zum Mittagessen läutete, zögerte Emich noch ein Weilchen und ging dann erst hinunter. Er wollte der Letzte bei Tisch sein, um durch sein plötzliches Erscheinen dem Onkel und Ruth noch mehr imponieren zu können. Das gelang ihm denn auch. »I der Tausend«, sagte Wiegel und stand auf. Ruth aber machte große Augen und starrte den verwandelten Vetter erst geraume Zeit sprachlos an. Was doch die Epaulettes nicht alles taten! War das denn der kleine Kadett?! – Der Graf ließ Champagner bringen. Es war ein heiteres Mittagsmahl: Wiegel liebenswürdiger denn je, Ruth auffallend gesprächig und Gräfin Irmela selig. Sie ließ keinen Blick von ihrem festlich gekleideten Dickerchen und tätschelte ihm alle Augenblicke die Hände. Nach dem Essen war große Cour der Domestiken. Der Jäger und Franz gratulierten zuerst; Bob gebärdete sich wie närrisch vor Freude. Dann kamen die anderen an die Reihe; wo sich Emich tagsüber zeigte, knixte und dienerte man. Selbst die Hofmägde glückwünschten grinsend und auch der allerniedrigste im Schloßbezirk Stenzig: Christian, der Eselsjunge. Ein paar Tage später traf ein großes, feierlich aussehendes Schreiben ein, adressiert »An den Königlich Preußischen Second-Leutnant im Kürassier-Regiment Kronprinz, Seine Erlaucht den Herrn Emich Grafen von Schöningh-Stubbach, z. Z. in Stenzig bei Krugdorf« – die Ernennung und Einberufung. Dies geschah gerade an einem herrlichen Sommertage, obwohl noch nicht Sommer im Kalender stand. Emich war mit Ruth an der Fohlenkoppel gewesen, wo man auch das Pferd untergebracht hatte, das Fürst Ferdinand für Emich geschickt, einen prächtigen jungen Goldfuchs mit drahtigen Beinen, schlankem Hals und zuckenden Nüstern. Auf dem Rückwege durch den Park traf man den Briefträger. »Also nun wirklich«, sagte die Komtesse, an der Seite Emichs um den Weiher schreitend, auf dessen stiller grüner Fläche sich träge ein angeketteter Kahn schaukelte. »Ich kann es mir noch gar nicht so recht denken. Ich habe dich noch immer in der Kadettenuniform im Gedächtnis, in der du schrecklich knabenhaft aussahst – aber noch grüner, nimm mir's nicht übel, in Zivil.« »So werde ich künftighin nie wieder in Zivil vor dir erscheinen, Ruth,« entgegnete Emich, »denn du kannst dir wohl denken, daß es keine sonderliche Freude für mich ist, von dir – respektslos beurteilt zu werden.« »Respektslos?« wiederholte Ruth und zuckte mit dem hübschen Kopf. »Wer denkt denn daran!?... Ich glaube gar, Emich, du bist böse auf mich. Warum? Immer noch, weil ich vor sechs Wochen einmal ein klein wenig kratzbürstig war?... Wer wird denn so nachtragend sein! – Komm – legen wir uns noch ein Viertelstündchen ins grüne, grüne Gras! An solchen schönen Sonnentagen friert mich immer zwischen den dicken Mauern des Schlosses.« Sie wies auf einen mächtigen alten Nußbaum, der auf der Wiese stand und streckte sich im nächsten Augenblick auch schon unter seinem Schatten aus, die Arme reckend und dann die Hände unter dem Kopfe verschränkend in degagierter Haltung, die mit der meist von ihr beliebten höfischen Steifheit durchaus im Widerspruch stand. »Nehmen Sie Platz, Erlaucht«, sagte sie, eine Rispe abreißend und zwischen ihre Zähne steckend. »Ich bitte dich, Emich, sei kein dummer Junge. Setz' dich zu mir und beichte! Hab' ich dich wirklich tödlich beleidigt? Und wann?« »Oft genug.« Emich ließ sich an ihrer Seite nieder. »Ja wahrhaftig, oft genug. Aber du hast es selbst nicht gewußt. Es hat mich schon gekränkt, als ich in Quarta saß; da war ich bereits ein langer Schlaaks und du warst noch ein sehr zartes und kleines Mädel. Dein Schuß kam erst nach den Masern – und von da ab bist du eigentlich immer unausstehlich zu mir gewesen, obwohl ich –« Nun stockte er, warf sich hintenüber in das Gras und nahm gleichfalls einen Blütenstiel zwischen die Lippen. Die gelbe Butterblume schaukelte sich über seinem Gesicht wie eine Lichtbringerin; aber der Schatten auf seinen Zügen und die mürrische Linie um die Mundwinkel verflogen nicht. Ruth hatte sich auf die Seite gelegt und stützte den Kopf auf die rechte Hand, so daß sich ihre schlanken, weißen Finger in dem dunklen Haar vergruben. Sie lächelte wieder etwas spöttisch, aber in ihren Augen lag dabei zugleich auch ein Ausdruck von Neugier, eine kokette Frage, die ihre Rätselzeichen im schillernden Braun der Pupille sprühen ließ. »Obwohl ich?« wiederholte sie fragend. »Warum sprechen der Herr Graf nicht aus?... Wenn du mir schon eine Vorlesung hältst, mußt du sie auch zu Ende führen. Also bitte weiter im Text!« »Ach, Ruth, du lachst mich ja doch nur aus«, sagte Emich klagend. Dann legte auch er sich auf die Seite und wendete sich ihr zu. Er schaute ihr groß in die Augen, und da wurde ihm wieder ganz heiß um das Herz. Er sah zwar den spottenden Schalk, der in den Winkeln ihrer roten Lippen zuckte, aber er achtete nicht darauf. Er betete ihre Schönheit an. Seine achtzehnjährige Phantasie umwob sie mit tausend Götterreizen. Das Sonnenlicht, das im jungen Laub des Nußbaums sich mit zarten grünen Tönen mischte, legte einen feinen Olivenschimmer auf ihre Wangen und verdunkelte die kleinen Schattenflecke im Grübchen ihres Kinns, unter den Lidern und an den zierlich geformten Ohren. Und wie die schwarzen Härchen ihre Stirn umkräuselten und umlockten und an der Schläfe einen lustigen Strudel bildeten, in dem man das Weiß ihrer Finger schimmern sah! Und wie ihre Augen glänzten! Nein, waren diese Augen schön! Was war nicht schön an ihr? Die Nase war griechisch gerade – Emich überlegte – ja, griechisch wie die der milesischen Venus, und wie fein wölbten sich die dunkeln Brauen auf der Stirn! Sie war wirklich eine Venus – nein, keine Venus – eine Zauberin, eine Kirke!... »Emich, was starrst du mich an? – Emich, träume nicht, sondern beende deine vielversprechende Rede! ...« Ruth sagte das langsam, aber nicht mehr so spöttisch wie vorhin, und schaute auch ihn immer noch an. Und plötzlich glitt etwas wie hilflose Verlegenheit und leichte Scham über ihr Gesicht. Der Ausdruck, der in sein Auge getreten war, gefiel ihr nicht. Es huschte rotglühend über ihre Wangen; sie richtete sich hastig auf, lachte etwas gezwungen und meinte, rechts und links mit beiden Händen in die Gräser und Blüten greifend: »Emich, ich glaube, du bist wirklich noch ein rechter dummer Junge – – ja, bist du's?...« Sicherlich war er es – wenigstens beging er im nächsten Augenblick eine große, große Dummheit. Er riß Ruth an sich und bedeckte, ehe sie sich noch wehren konnte, ihr Gesicht mit Küssen und stammelte dabei: »O Ruth, ich liebe dich so – so – so schrecklich! ...« Die Sonne lachte dazu, und es schien, als lugten ringsum aus allen Blütenkelchen auf grüner Wiese und aus den Fliederdolden in den Bosketts und in den sich jungfräulich erschließenden Rosenknospen pausbäckige kleine Liebesgötter hervor, die sich mit der Sonne freuten über das durchgehende Herz Emichs. Die ganze Natur lachte. Doch nicht Komtesse Ruth. Komtesse Ruth wurde grob. Komtesse Ruth zeigte zunächst, daß sie Kraft besaß, denn im Nu riß sie sich aus der Umschlingung Emichs los und gab ihm mit beiden Händen einen gewaltigen Stoß vor die Brust, so daß er an sich halten mußte, um nicht wieder rückwärts in das Gras zu fallen. Und dann sprang sie zornig auf und ihre kleinen, in gelben Bottinen steckenden Füße stampften die Erde – und dann sagte sie etwas, was den armen Emich rasch aus allen Himmeln stürzte und was auch nicht hoffähig klang. Sie sagte oder vielmehr rief: »Ich glaube, du bist verrückt geworden, Emich!« Weiter nichts, und strich sich hierauf das wirr gewordene Haar von der Stirn zurück und klopfte die Grashälmchen ab, die noch an ihrer Kleidung hingen. Die Ernüchterung war groß, aber Emich verlor nicht die Fassung. Er war sogar klug genug, Grimm, Ärger und das schämige Gefühl über die Demütigung rasch hinunterzuwürgen und ein freundlich lächelndes Gesicht zu machen. Er blieb ruhig sitzen und nickte Ruth zu. Das verwirrte nun wieder die Komtesse. »Emich – was soll denn das alles heißen?« sagte sie. »Für – nun ja, für solche Liebesscherze im Grünen habe ich kein Verständnis. Du verliebt in mich – ah bah, mein Junge, bilde dir doch nichts ein! Haben die Epauletten den Reifen um dein Herz gesprengt, mein armer eiserner Heinrich? ... Aber im Ernst: laß künftig die Witze! Willst du einen Kuß von mir haben, so bitte hübsch artig darum – dann kriegst du einen. Aber nur einen Vetternkuß.« »Daran liegt mir gar nichts«, antwortete Emich und lachte, doch dies Lachen klang recht krampfhaft; nur merkte es Ruth nicht. »Ein geschenkter Kuß ist nicht viel wert, aber ein gestohlener ist Nektar. Auch Ambrosia, wenn du willst. Doch im Ernst, wie du dich ausdrückst: verstehst du denn gar keinen Spaß?« »Was heißt das: Spaß?« »Herrgott – Spaß! Oder hast du mein Liebesstöhnen vielleicht für Ernst genommen? – Bon, Cousinchen, auch das soll mir recht sein. Gehen wir zu deinem Papa und melden wir uns als Verlobte an. Da bin ich doch wirklich neugierig, was er für ein Gesicht machen wird. Wann meinst du denn, daß die Hochzeit stattfinden kann? Wenn der Onkel uns das Jawort verweigert und dich enterbt, leben wir von meiner Gage. In Klempin sind die Wohnungen billig und wenn du des Sonnabends selbst auf den Markt gehst –« »Nun hör' auf!...« Ruth stampfte von neuem mit dem Fuße auf. War sie vorhin zornig gewesen, so quoll jetzt der Ärger in ihr empor. »Steh endlich auf, Emich! Für die Zukunft verbitt' ich mir auch deine Späße – wenigstens solcher Art! Du verlangst Respekt für dich und hast keinen vor mir!«... Emich erhob sich gemächlich. »Also Frieden«, sagte er. »Ich werd' es nicht wieder tun, Ruth. Ich bin ja kein Kleptomane – und auch die Küsse, die du mir als Geschenk zugedacht hast, erlasse ich dir verwandtschaftlich. Allons... darf ich dir meinen Arm bieten?« »Danke – wir wandelten ja bisher nicht Arm in Arm!« »Auch gut, so gehen wir nebeneinander her wie Brüderlein und Schwesterlein. Aber nun mach' kein so finsteres Gesicht, sonst denkt der Onkel wer weiß was! Und dabei haben wir eine Freudenpost in der Tasche.« Ruth antwortete gar nicht mehr, bis man am Schlosse war. Sie hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und zerpflückte mit den Fingern unaufhörlich Gräser und Blätter. Emich aber tat, als sei er in sonnigster Laune, plauderte, scherzte und lachte. Erst, als er sein Zimmer betreten, fiel die lustige Maske von seinem Gesicht – und da merkte er auch, wie weh ihm das Herz tat. Schwer hing es ihm in der Brust, als sei es eine steinerne Last, auf die fort und fort ein gewaltiger Hammer schlägt. Ihm war zum Weinen zumute und er konnte sich nur schwer beherrschen; er war wie im Fieber. So litt er unter seiner ersten Liebe... Aber als der nächste Morgen kam, war das Herz ruhiger geworden und die Seele freier. Stundenlang hatte Emich am Abend vorher wachend im Bette gelegen. Die »Fliegenden Blätter« waren heute kein Heiltrost für ihn. Er hatte das Licht gelöscht und starrte mit heißen Augen in die Dunkelheit hinein. Und dann kam es wie eine starke Erschütterung über ihn, die an allen seinen Nerven und Fibern zerrte und riß: er mußte weinen, und weil er sich dieser kindischen Tränen schämte, bohrte er den Kopf tief in die Kissen, das Gesicht nach unten gewendet, die Hände krampfhaft geballt. Er schluchzte und ächzte und schrie immerfort in seinen Gedanken: ›Ich liebe dich, ich liebe dich! Ich liebe dich wahnsinnig! Ich kann nicht leben ohne dich!...‹ Schließlich wünschte er zu sterben. Aber er starb nicht. Er schlummerte auf naßgeweinten Kissen ganz ruhig ein. Freundlich wie immer konnte er der Cousine beim Frühstück die Hand reichen. Ruth sah etwas blaß aus und war mürrisch. Erst am Nachmittag wurde sie zugänglicher. Da fuhren die Gepäckwagen mit den Kisten und Kasten, die Emichs Equipierung enthielten, nach Klempin voran. Im Hotel Prinz von Preußen sollten sie abladen. Auf einem der Wagen saß auch Bob in verwachsenem Zivil. Er hatte am gleichen Tage wie sein Herr die Einberufung bekommen, aber nur als »ganz gemeiner« Kürassier, wie er beim Abschied in der Gesindestube verkündet hatte. Emich fuhr erst gegen Abend ab, nachdem er noch den Transport seines Goldfuchses – »Troilos« hieß er – überwacht hatte. Graf, Gräfin und Komtesse standen am Wagen. Frau Irmela zerdrückte ein heimliches Tränchen. Nun ging ihr Dickerchen in das Leben hinaus, das so tausend Gefahren bot. »Behüt' dich Gott, Dickerchen«, schluchzte sie. Der Graf strich sich über die Hahnentolle und glättete seine Favoris und sagte: »Halte dich brav, Emich!« Am längsten hielt Emich die Hand seiner Cousine fest. »Also Frieden – nicht wahr?« fragte er noch zuletzt, als die Pferde schon anzogen. »Ja natürlich – schon gut, Emich!« antwortete Ruth. Dann ratterte der Wagen die steingepflasterte Rampe hinab. Emich kutschierte, und an der Wegbiegung senkte er noch einmal grüßend die Peitsche. V Als der Herbst kam, hatte sich Emich beim Regiment bereits völlig eingelebt. Klempin lag etwa zwei Fahrstunden von Stenzig entfernt und war, wie die meisten kleinen Kavalleriegarnisonen, ein unbedeutendes Ackerbürgerstädtchen, in das nur das Regiment etwas Leben und Bewegung brachte. Auf dem Marktplatze, gegenüber dem uralten Rathaus mit seinen vorsintflutlichen niedrigen Arkaden, stand das Hotel Prinz von Preußen, dessen erstes Stockwerk das Offizierskorps für seine Kasinoräumlichkeiten gemietet hatte. Gleich vorn an der Ecke des Marktplatzes der Kommandeur des Regiments, der Oberst von Hildringen, ein hübscher, stattlicher Mann, aber so arm, daß er es selbst als ein Wunder Gottes betrachtete, sich immer noch halten zu können. Er war Witwer, und seine drei Töchter führten ihm die Wirtschaft, niedliche und tapfere Mädchen, Mi, Mé und Ma genannt; doch getauft waren sie auf die Namen Annemarie, Meta und Margot. Dem Obersten gegenüber logierte der Etatsmäßige des Regiments, Major von Blohme, der den Spitznamen »der rote Helfershelfer« führte, denn er trug auf einer langen, hageren Gestalt einen kürbisförmigen Kopf mit brennend rotem Haar, und auch das Gesicht hatte gewöhnlich eine ponceaurote Färbung, und wenn der Major sich ärgerte, was häufig passierte, so wurde es purpurn. Er erfreute sich allgemeiner Unbeliebtheit, nur sagte man es ihm nicht, denn er war im Gegensatz zu Hildringen sehr reich, hatte im letzten Feldzuge eine französische Herzogin geheiratet und war zudem ein Vetter des Grafen Wiegel, auf dessen Gebiet das ganze Offizierskorps zu jagen pflegte. Weiter hinab die Straße wohnten noch andere Offiziere: im Hause des Bäckermeisters Nitschke der Eskadronchef Emichs, Rittmeister Graf Encken, ein liebenswürdiger und prächtiger Herr, dann Sassenhausen und dicht neben ihm, beim Regimentssattler Buggenau, der älteste Premier der Schwadron Emichs, Mac Lewleß. Das war ein geborener Schotte; sein Vater war längere Zeit Gouverneur von Helgoland gewesen und hatte dort eine Deutsche geheiratet, eine Komtesse Pfuhl, die nach dem Tode ihres Mannes mit ihrem Sohn zusammenlebte. Sassenhausen, Mac Lewleß und Emich waren das Dreiblatt, das man gewöhnlich beieinander sah. Emich hatte in derselben Straße zwei hübsche Zimmer beim Apotheker Koelle gefunden. Unten im Parterregeschoß lag die Apotheke; »Zum Mohren« hieß sie, aber die schwarze Figur, die über der Türe stand, sah eher wie ein leidender Schornsteinfeger aus. Doch die Sauberkeit, die in dieser Apotheke herrschte, hatte Emich angelockt; es blinkte und blitzte alles, und denselben freundlichen blitzblanken Eindruck machten auch Herr Koelle, Frau Koelle und Fräulein Rosamunde Koelle. Leider hatte letztere ein sehr verliebtes Gemüt und verschoß sich deshalb regelmäßig in die im »Mohren« wohnenden Herren. Zuerst war es ein Referendar gewesen, dann ein Assistenzarzt zweiter Klasse und nun der Graf Schöningh. Emich ahnte von dieser verhaltenen Leidenschaft nichts; sie wäre ihm wahrscheinlich auch gleichgültig gewesen. Er freute sich über seine hübsche Wohnung und hatte in der ersten Zeit genug zu tun, sie behaglich einzurichten. Auf Rat der Tante Irmela hatte er sich die nötigen Möbel aus Seesenheim kommen lassen, darunter fast die gesamte Einrichtung aus dem ehemaligen Arbeitszimmer seines Vaters, von der ihm jedes Stück teuer war. Nur einen neuen Teppich hatte er sich anschaffen wollen. Aus Seesenheim war ein ungeheuerliches Exemplar eingetroffen, verschossen, durchlöchert und vermottet. Der Teppich war schon zu Lebzeiten des Grafen Erich nichts weniger als schön gewesen. Emich entsann sich gut, wie sehr sich der Vater gegen eine Neuanschaffung gewehrt hatte; für seine vier Köter, die sich tagsüber darauf herumwälzten, sei der alte Brüsseler noch frisch genug, pflegte er zu sagen, wenn seine Gattin mit Anspielung auf das graublauviolette Ungetüm auf die Weihnachtsgeschenke zu sprechen kam. Nun war er ganz unbrauchbar geworden. Anfänglich hatte Emich der Dienst, den er kennenlernte, viel Freude gemacht. Doch als in den Wochen vor dem Manöver die Anstrengungen sich zu häufen begannen, trat eine Ermüdung ein. Meist wurde schon zwischen fünf und sechs Uhr früh ausgerückt; auf der sogenannten Klempiner Heide fanden Regiments-Exerzitien und Felddienstübungen statt, die oft bis zum Mittag währten. Am Nachmittag folgten sodann noch Instruktions- und Schießstunden und Appelle aller Art. Oberst von Hildringen, selbst ein passionierter Frontsoldat, nahm die jung ernannten Offiziere besonders scharf heran. Schon nach den ersten vier Wochen war Emich zu den Rekruten kommandiert worden, wo ihm freilich ein älterer Kamerad, Leutnant von Stegemann, zur Seite stand. Er war oft so müde, daß er des Abends gar nicht mehr in das Kasino ging, sondern sich von seinem Burschen ein paar Butterbrote und ein Glas Bier holen ließ, um dann schleunigst sein Bett aufzusuchen. Erst nach beendetem Manöver, das das Regiment nach Schlesien geführt und viel unterhaltende Abwechslung geboten hatte, kam eine ruhigere Zeit. Sassenhausen, Mac Lewleß und Emich waren jetzt viel zusammen. Der lange Mac hatte keine glückliche Häuslichkeit. Seine arme Mutter, die er vergötterte, litt seit dem Tode ihres Gatten an einer fortschreitenden Geistesstörung, für die es keine Heilung gab. Sie war im allgemeinen eine stille und geduldige Kranke, aber für den Sohn war es furchtbar, die allmähliche Auflösung der geliebten Mutter in allen Stadien des Verfalls beobachten zu müssen. Die frohe Heiterkeit, die gewöhnlich im Kasino herrschte, floh er; es erschien ihm wie eine Todsünde, mit den anderen zu scherzen und zu lachen, wo er daheim fort und fort den schwarzgeflügelten Würgengel an die Türen pochen hörte. Am liebsten verlebte er die Abende in der Wohnung Emichs oder Sassenhausens. Für Emich war der intimere Verkehr mit Mac Lewleß von großer Bedeutung für seine Entwicklung. Gerald – so hieß der Schotte mit Vornamen und so nannten ihn auch seine Freunde – war ein stark ausgeprägter Charakter und ein Mensch von Wissen und Bildung. Er hatte in Edinburg und Heidelberg Nationalökonomie und Geschichte studiert und vor seinem, auf Wunsch seiner Mutter erfolgten Eintritt in die preußische Armee noch eine Reise um die Welt unternommen. Er beherrschte alle möglichen Sprachen, besaß eine umfassende Menschenkenntnis, ein gediegenes Urteil und ein tief sittliches Empfinden, frei von kleinlichen Vorurteilen, einem goldklaren und lauteren Wesenskern entquellend. Obwohl ihn der Soldatendienst nicht befriedigte, tat er seine Schuldigkeit. Er hätte sich gern zur Kriegsakademie gemeldet, aber er fürchtete die Aufregungen der großen Stadt für seine kranke Mutter, die er nicht verlassen wollte. Ein Geist wie der Geralds konnte auf eine so empfängliche Natur wie Emich nicht ohne Einfluß bleiben. Sassenhausen war ein lieber Freund, ein treuer Kamerad und prächtiger Mensch, doch von ziemlicher Oberflächlichkeit. Ein Glas Sekt mit einem frischen Pfirsich und eine gute Zigarre waren seine Seligkeit; außerdem hatte er eine Schwärmerei für hübsche Mädchen, doch sie mußten blond sein und zausige Stirnlöckchen tragen. In den ersten Monaten war Emich fast allsonntäglich nach Stenzig hinüber geritten oder gefahren. Je inniger sich aber sein Freundschaftsverhältnis zu Mac Lewleß ausgestaltete, um so mehr vernachlässigte er die Verwandten. Gerald benutzte die freien Sonntage zur Vollendung eines Werkes über Oliver Cromwell, das er vor langen Jahren begonnen und zu dem er ein ungeheures Quellenmaterial zusammengetragen hatte. Es machte Emich nun eine große Freude, ihm dabei zur Hand zu gehen und die im Kadettenkorps in mühseligen Privatstunden erlernten englischen Kenntnisse auffrischen zu können. Gerald hatte eines Tages scherzend gesagt, daß auch Emichs Französisch zu wünschen übrig lasse, und darüber war dieser so unglücklich, daß er beschloß, sich nach Konversationsstunden umzutun. Es war merkwürdig, wie sich mehr und mehr der Einfluß des Schotten auf Emich vergrößerte. Das Band, das die beiden verknüpfte, war stärker als Freundschaft; es ähnelte dem kameradschaftlich gewordenen Verhältnis eines liebevollen Lehrers zu einem intelligenten Schüler. Auch etwas wie die Zärtlichkeit eines Vaters zum Sohne und die respektsvolle Verehrung eines Sohnes zum Vater mischte sich hinein; und doch war Gerald nur ein Dutzend Jahre älter als Emich. Mitte November war Treibjagd in Stenzig. Das halbe Offizierskorps fuhr hinüber. Emich hatte abgesagt, aber ein Bote aus Stenzig brachte ihm noch am Tage vor der Jagd folgenden Brief: »Geliebtes Dickerchen! Was soll denn das nun wieder heißen?! Warum kommst Du nicht? Du hast doch sonst niemals eine Jagd versäumt? – Ich bin recht unglücklich, daß Du Dich in letzter Zeit so selten sehen läßt. Hat Dir irgendeiner von uns etwas getan? Der Major sagte neulich einmal, Du hättest Anlage zum Philister und wärst ein Stubenhocker. Das ist mir aber wirklich neu. Tu mir die Liebe und komme morgen her. Der Onkel würde es sehr übel vermerken, wenn Du zu Hause bliebst. Ich habe ihm vorläufig Deine Absage verheimlicht. Ich muß Dich auch einmal sprechen; in Stubbach geht irgend etwas vor. Also ich verlaß mich darauf, daß Du kommst. Kuß, mein Dickchen – Deine alte Tante I.« Das I war lang über die ganze Seite ausgezogen – ein graphologischer Beweis dafür, daß die Tante in Erregung geschrieben hatte. Da gab es freilich kein Zögern mehr. »Schöne Grüße den Herrschaften«, sagte Emich zu dem wartenden Boten, »und ich würde pünktlich zur Stelle sein.« Dann kleidete er sich um und ging zu seinem Rittmeister, um sich Urlaub zu erbitten. Das waren nur ein paar Schritte. Vor dem Hause, in dem Graf Encken wohnte, hing eine große goldene Brezel über der Tür. Der Bäckermeister Nitschke ersetzte auch den Portier. Stand er nicht selber in gestickten Morgenschuhen vor der Türe, so saß seine dicke Frau am Fenster und kontrollierte das Straßenleben. Sie sah Schöningh schon kommen und öffnete das kleine Schiebefensterchen oberhalb der Auslage. »'n Tag, Frau Nitschke! Der Herr Graf zu Hause?« »'n Tag, Erlaucht! I ja wohl, der Herr Graf sind zu Hause. Eben aus der Reitbahn gekommen und haben noch ein paar frische Mohnwecken für die Kleinen mitgenommen. Erlaucht ißt wohl gar keine Mohnwecken mehr? Früher hat der Bursche immer dreie geholt – nu' kommt er überhaupt nicht mehr. Oder ist Erlaucht der alten Nitschken am Ende gar untreu geworden?« Emich lachte und versprach Besserung. Er war erst ein halbes Jahr in Klempin und kannte bereits die ganze Einwohnerschaft. Alles trug hier noch den Stempel einer gewissen patriarchalischen Gemütlichkeit. Im »Prinz von Preußen« tagte ein paarmal in der Woche die »Bürger-Ressource«; dort fanden sich zuweilen auch die Offiziere ein, und am Stiftungstage wurde sogar das ganze Offizierskorps geladen. Da saß denn der Bürgermeister neben dem Obersten, und unten am Tische saßen die jüngsten Leutnants, die Fähnriche und Avantageure zwischen den Kommis aus der Buchhandlung, dem Provisor aus der Apotheke, dem Stadtschreiber und dem langen Sohn des Konditors Fliederborn, der dem Herrn Papa zur Hand zu gehen pflegte, wenn man nach der Reitstunde schnell ein Glas Grog bei Fliederborn trank. Als Schöningh in die Ressource eingeführt wurde, begrüßte ihn ein kleiner Mann mit großer Nase besonders lebhaft und freute sich, ihn kennenzulernen: das war der Schneidermeister Wiesel, dem Emich am Tage vorher ein paar Hosen zur Reparatur zugeschickt hatte. Der Kastengeist fand keine Anhänger in Klempin. Nur Herr von Blohme hielt sich geflissentlich zurück und wurde am Stiftungsfeste der Ressource regelmäßig krank. Als Emich bei seinem Rittmeister vorgelassen wurde, fand er den Grafen bei einer merkwürdigen Beschäftigung. Encken lag der Länge nach auf dem Teppich ausgestreckt und ihm gegenüber lag seine kleine, dralle und rosige Frau. Beide hatten einen Münchener Bilderbogen vor sich und tuschten ihn an, während rechts und links davon ein zweijähriges Mädchen und ein dreijähriger Junge saßen und ganz still, aber mit großen Augen das werdende Wunderwerk betrachteten. »Grüß' Sie Gott, liebster Schöningh«, sagte Encken. »Schnallen Sie den Pallasch ab und legen Sie sich zu uns!... Halt da – treten Sie mir nicht in das Karmoisin! Ach so, Sie wollten bloß meiner Frau die Hand küssen!... Mieze, du darfst jetzt nicht aufstehen! Wenn wir die Seeschlacht bei Abukir nicht fertig kriegen, heult Fritze wieder. Schöningh, ich sage Ihnen, so ein Junge war noch gar nicht da! Was der für ein malerisches Talent hat – es ist fabelhaft! Alles will er beklext haben – und geschieht's nicht auf der Stelle, so heult er. Ein ganzer Charakter. Meine Frau meint, er wird einmal ein Phidias werden –« »Apelles«, korrigierte die kleine Gräfin lachend; »Phidias war ein Bildhauer.« »Also Apelles. Kinder, nun malt alleine weiter; ich habe eine dienstliche Meldung in Empfang zu nehmen.« Aber das war Fritz, dem Maler, wie auch seinem Schwesterchen Hilde höchst gleichgültig. Sie erhoben ein großes Geschrei, als der Papa aufstehen wollte. Die Gräfin wurde verlegen, schämte sich ob der Unart ihrer Kinder und wollte das Fräulein rufen. Doch Schöningh kam ihr zuvor. Er kniete bereits gleichfalls am Boden und tuschte mit. Während er mit dem Pinsel blaue Wogen malte, brachte er sein Anliegen vor. »Herr Rittmeister, ich möchte gehorsamst für morgen um Jagdurlaub gebeten haben«, sagte er. »Es steht nur Stiefelappell im Dienstbuch –« »Aber versteht sich«, erwiderte Graf Encken und tuschte dem Admiral Nelson eine rote Nase. »Nach Stenzig – nicht wahr? Ich fahr' auch hinüber – meine Frau kommt nach.« »Ich bin ganz erstaunt, daß diesmal Damen zum Diner geladen sind«, bemerkte die Gräfin. »Otto, du mußt mehr Wasser in die Farbe nehmen; was hat denn dein Admiral für ein Gesicht bekommen?!« »Wenn ich mir eine Ansicht gestatten darf,« sagte Emich, »so möchte ich untertänigst behaupten, daß der Admiral zuviel getrunken hat. Er hat so etwas Champagnerfreudiges an sich. Und auch sein Säbel sieht merkwürdig rot aus.« »Das ist Blut, Schöningh.« Encken fuhr mit dem Pinsel noch einmal über das Schwert des Seehelden. »So, nun tropft die Klinge ordentlich! ... Mieze, jetzt schmeiß die Kinder 'raus! Ich kann nicht mehr. Mir tut der Rücken weh. Fritze, nicht geheult! Hilde, wisch' dir deine Farbenpfötchen nicht an der reinen Schürze ab! Fritze, laß die Pinsel liegen! Hilde, du sollst die Finger nicht in die Tusche stippen! Jeeses, was hat man an den Kindern zu erziehen! 'raus mit euch! Wo steckt denn Fräulein Marie?!« »Sie kommt ja schon«, sagte die Gräfin begütigend. Fritz, der Maler, verzog bereits wieder das Mäulchen, und auch Hilde machte ein sehr unglückliches Gesicht. Graf Encken hatte die Tochter eines bürgerlichen Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft geheiratet. Man spöttelte viel über die »Schlichtheit seines Gemüts«; und in der Tat, der Rittmeister war keine Leuchte. Aber er war ein liebenswürdiger Kavalier und ein unendlich gutmütiger Mensch. Emich verkehrte gern bei ihm. Das Enckensche Familienleben stand im strikten Gegensatz zu dem Hause Blohme. Dort frisch quellende Natur und hier steifödes Geradehalten, das jede freie Bewegung verbot. Es war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Mittagessen. Emich wollte Sassenhausen abholen, sprach aber vorher noch einmal bei Gerald vor. Mac Lewleß bewohnte mit seiner Mutter ein kleines villenartiges Häuschen, das etwas hinter die Straßenfront zurückgebaut war und einen hübschen Garten hatte. Die beiden Kastanien vor der niedrigen Treppe, die zur Haustür führte, hatten ihr Laub noch nicht völlig abgeschüttelt, aber bei jedem Windstoß rauschte und raschelte es in bunter Mannigfaltigkeit von den Bäumen. Überall hinter den Fensterscheiben sah man blühende Blumen. In ihrer Pflege erschöpfte sich die ganze Tätigkeit der kranken Mutter Geralds... Mac Lewleß war am Vormittag dienstfrei gewesen und hatte an seinem Cromwellwerke gearbeitet. Seine sogenannte Bibliothek war ein merkwürdiger Raum, eine Art Gartensaal mit drei Fenstern, alle Wände mit Büchern tapeziert, die ziemlich ungeordnet auf gewöhnlichen, nicht einmal gestrichenen Regalen aus Tannenholz standen. Die Mitte des Zimmers nahm der Schreibtisch ein: eine mächtige, glatt gehobelte Platte, die auf zwei Bockstützen ruhte. Eine Ecke des großen Raumes war durch einen mehrteiligen Wandschirm vom Ganzen abgetrennt. Hinter dem Schirm stand ein eisernes Feldbett, daneben eine Wanne und ein Waschtisch. Hier schlief Gerald. Er lebte wie ein Lazedämonier. Materielle Bedürfnisse gab es überhaupt nicht für ihn. Es war ihm gleichgültig, was er aß und trank. Bis vor kurzem war er ein leidenschaftlicher Raucher gewesen; aber er hatte sich das Rauchen von einem Tag zum andern abgewöhnt, nachdem bei seiner Mutter eine plötzliche Idiosynkrasie gegen den Tabakgeruch eingetreten war. »I du Donnerwetter«, sagte er, als Emich eintrat; Schöningh war der einzige, der unangemeldet vorgelassen wurde. »Ich wate soeben bis an die Knöchel im Blute von Maston-Moore – da bist du mir eine doppelt willkommene Abwechslung. Setz' dich, my boy! « Er selber war aufgestanden: ein Recke, riesig gewachsen, mit breiten Schultern, großen Händen und Füßen. Und seltsam genug wie die ganze Erscheinung war auch sein Anzug. Er trug weißlederne Reithosen und nichts an den Füßen. Barfußlaufen war seine Passion, doch er frönte ihr nur in der Einsamkeit seiner Bibliothek. Um den Oberkörper hatte er ein schottisches Plaid geschlungen. Aber man vergaß das Närrische dieses Aufzugs, wenn man Gerald in das Gesicht schaute. Nicht schön, etwas zu frisch von Farben und mit Sommersprossen übersät. Doch die Stirne stolz, frei und edel, von schlichtem, rotblondem Haar umrahmt, und darunter ein paar leuchtende Augen. Diese Augen beherrschten das Gesicht, beherrschten das ganze Äußere Geralds. Der Blick lenkte sich unwillkürlich immer wieder auf die Augen zurück und ihre grünen Gründe. »Du verzeihst«, fuhr Gerald fort und deutete auf sein Kostüm. »Am liebsten säß' ich nackt bei der Arbeit. Mir ist immer heiß. Aber ich respektiere das neunzehnte Jahrhundert und die Ehre von Klempin. Was führt dich her? Nur der Wunsch eines guten Tags oder Wichtigeres?« »Wichtigeres, Gerald – wenigstens für mich. Ich habe eine zwiefache Bitte an dich. Erstens: komm morgen mit nach Stenzig. Und zweitens: reiß dich Ende Monat ein paar Tage heraus und begleite mich nach Seesenheim!« Mac Lewleß schüttelte den Kopf. »Erstens: ich kann nicht mehr jagen, mein Junge. Es geht nicht. Es widert mich an. Ich erzählte dir gelegentlich schon, warum. Es mag albern klingen und hyperempfindsam – es ist mir egal. Ich jage nicht mehr... Und zweitens: es würde mir schon Spaß machen, mit dir nach Seesenheim zu reisen, aber« – er wandte den Kopf nach der rechten Tür – »ich kann die Mama nicht allein lassen, gerade jetzt nicht.« »Hat sich ihr Zustand verschlimmert?« »Leider, Emich. Sie schläft überhaupt nicht mehr, und gestern kam so etwas wie ein – wie ein Anfall von Tobsucht über sie. Ach, Emich, ich glaube, ich leide mehr als sie selbst leidet!« Er starrte finster vor sich hin. Die Augenbrauen schoben sich dicht aneinander; die Lippen bebten. Ein furchtbarer Seelenschmerz spiegelte sich auf seinem Gesicht wider; es war, als verzerrten sich seine Züge plötzlich. Emichs Hand glitt in zärtlichem Tasten über die seine. »Armer Freund – armer, lieber Gerald«, sagte er leise. Einen Trost gab es ja nicht... Geralds Brust hob sich zu einem tiefen Atemzuge. Es quoll heiß auf in seinen Augen und legte sich wie ein Schleier über die grüne Tiefe. Und dabei wurde er ruhiger. »Es nützt nichts, sich im Schmerz zu verzehren oder in Wut die Hände zu ballen. Ach, ich könnte es! Ich könnte oft rasen über die nutzlose Grausamkeit des Schicksals! Sich den großen Gesetzen zu fügen, heißt Sittlichkeit. Sich dem Notwendigen unterzuordnen, bringt innere Versöhnung. Aber wo spür' ich hier etwas von Gesetz und Notwendigkeit, vom Walten des ewig Rechten? – Emich, seh' ich die Ärmste da drinnen, so leidet meine Philosophie kläglichen Schiffbruch!« So bittere Worte hatte Schöningh aus dem Munde des Freundes noch nie vernommen. Er wagte es gar nicht, zu antworten. Was konnte er Gerald sagen!? Ein paar schöne Phrasen vom ›Mut des Duldens‹ und ›männlicher Fassung‹ wären ihm einfach lächerlich erschienen. Nun klopfte es auch mit zager Hand an die Türe. »Gerald,« rief eine weiche, fast immer leise tremolierende Frauenstimme, »ist der Graf Emich da? Das Mädchen sagt, Graf Emich sei gekommen. Ich will ihm die Hand geben.« »Sofort, Mama,« antwortete Gerald, »wir kommen zu dir.« Er wechselte seine Toilette, das heißt, er zog einen sehr weiten, bis zu den Füßen reichenden Schlafrock aus indischer Rohseide an, in dem er wie ein Magier aussah. »Mama hat eine besondere Vorliebe für dich«, fuhr er dabei halblaut fort. »Sie fragt häufig nach dir. Es ist merkwürdig, wie die Gedanken in ihrem armen kleinen Kopf arbeiten. Oft ist sie tagelang vollkommen klar, logisch, geistreich wie früher – und dann kommt ganz plötzlich die schreckliche Verwirrung über sie.« »Und ihr Zustand ist ein absolut hoffnungsloser?« »Völlig, Emich. Aber wie gewöhnlich in solchen Fällen ahnt sie wenigstens nicht, wie schlimm es um sie steht.« Sie traten in das Nebenzimmer. So spartanisch Gerald selbst zu leben pflegte und so gleichgültig ihm Komfort und Luxus waren – seine Mutter umgab er mit aller Sorgfalt, die sein liebendes Kinderherz für sie ausfindig machen konnte. In dem Gemach, in dem sie sich gewöhnlich aufhielt, bedeckten dicke Teppiche den Boden; blaue Seide war über die Wände gespannt, und eine Fülle von Polstern bildete überall lauschige Plauderwinkel. Dazu Blumen, wohin das Auge sah; im Winter und Sommer duftete um die unglückliche Frau der gleiche Frühling, den sie so liebte und der längst für sie untergegangen war. Sie saß am Fenster, als die beiden eintraten und hatte ein Buch auf dem Schoße liegen. Es war kaum glaublich, daß dieses zarte und schmächtige Wesen die Mutter eines solchen Enakssohnes war. Das gebrechliche Körperchen umhüllte ein warmer Schlafrock von lichtblauem Sammet. Das zarte Gesichtchen war noch immer schön, sehr regelmäßig im Schnitt und fein im Profil; trotz der wächsernen Blässe merkte man der Kranken, namentlich wenn ein Lächeln ihre Züge erhellte, das schreckliche Leiden kaum an, denn auch das blaugraue Auge war klar und durchsichtig. Sie blieb sitzen, streckte aber Schöningh mit freudiger Bewegung die Hand entgegen. »Guten Tag, lieber Graf«, sagte sie. »Warum haben Sie sich so lange nicht sehen lassen? Sie wissen ja, ein wie lieber Gast Sie uns sind. Und es ist seltsam: Sie wirken so beruhigend auf mich ein; ich spüre, wenn ich Sie hier weiß, das Herzklopfen kaum, das mich sonst immer belästigt ...« Emich mußte sich zu ihr setzen, während Gerald, die Falten seiner Seidentoga um die Riesenglieder drapiert, am Fenster stehenblieb. Zehn Minuten lang plauderten Frau Mac Lewleß und Emich harmlos miteinander, von der Familie, vom Dienst, von Berlin, von zwanzigerlei Gleichgültigem. Dann begannen unerwartet ihre Gedanken in die Ferne zu irren. Sie fing an, wirr zu reden, und dabei verloren auch ihre Augen den klaren Ausdruck; allerhand fremdartige Lichter zuckten in dem sanften Blaugrau auf und die Pupille verengerte sich schnell. Gerald gab Emich ein heimliches Zeichen, und dieser erhob sich verstehend. »Im Kasino wartet man auf mich, gnädigste Frau«, sagte er. »Ich muß mich empfehlen. Aber wenn Sie gestatten, spreche ich bald einmal wieder vor ...« Sie antwortete nicht. Sie saß jetzt ganz zusammengesunken auf ihrem Sessel, den Kopf gebeugt, die Lippen in leisem Flüstern bewegend ... Gerald führte den Freund bis zur Tür. » Good bye, my dear «, sprach er tonlos und drückte ihm die Hand. Draußen fielen die gelben und roten Herbstblätter der Kastanien auf die Schultern Emichs. Auf der Straße spielte ein Schwarm Kinder; ein paar Kürassiere schritten salutierend vorüber. Und die blasse Novembersonne lag freundlich über den kleinen Häusern, wie milde Verklärung und letzter Liebesgruß, ehe der Winter kam. Emich schüttelte das Frostgefühl ab, das ihn überflog. Wie ein leises Grauen vor Unfaßlichem und Rätselhaftem hatte es sich in seine Seele geschlichen. Gerald erschien ihm wie ein Heros, daß er das Leben an der Seite der Unglücklichen ertrug. Und nicht nur ertrug; wie wachte er über sie und mit welcher unermeßlichen Güte suchte er ihr das erlöschende Dasein zu verschönen! Das Leid seiner Mutter war sein eigenes, und doch brach er nicht zusammen unter der furchtbaren Wucht, sondern wurde nur noch größer und besser. Es war ein wundervolles Jagdwetter am nächsten Tage. Als Emich zu früher Stunde geweckt wurde, hörte er lautes Hundegebell auf der Straße und sah, an das Fenster tretend, daß die Meute des Regiments ins Freie getrieben wurde. Da hätte er beinahe eine Dummheit gemacht! Er hatte in Anbetracht dessen, daß er doch absagen wollte, die Jagdeinladung gar nicht weiter durchgelesen, sich sein Gewehr instand setzen lassen und dem Burschen gesagt, er möchte den Krümperwagen für ihn bestellen. Und nun sah er, daß man in Stenzig eine Hetze abhalten wollte, keine Treibjagd, wie er geglaubt hatte. Major von Blohme ritt sogar schon im roten Jagdfrack vorüber; er und die Grafen Encken und Kiepert waren die einzigen Offiziere, die sich einen Jagdfrack gestatteten; aber Kieperts Rotrock war schon mehr patinagrün: er hatte allzuhäufig Bekanntschaft mit dem Schlammwasser in der Strebnitzer Furt gemacht. Infolgedessen roch Graf Kiepert auf den Parforcejagden auch gewöhnlich intensiv nach Benzin. Das Rendezvous fand am sogenannten Jägerhäuschen statt. Das war ein niedliches Blockhaus auf einer Lichtung im Stenziger Walde, mit einer großen Halle, in der das Frühstück serviert wurde. Nach hinten heraus wohnte ein unverheirateter Förster, den romantisch gesinnte Damen um seine köstliche Waldeinsamkeit beneideten. Um neun Uhr hatte sich das »rote Feld« zusammengefunden. Das war in diesem Falle kein ganz zutreffender Ausdruck, denn die Rotröcke waren zu zählen. Die meisten trugen ihre ältesten Koller und Überröcke oder Lederjoppen zu ihren weißen Uniformbeinkleidern und hohe Stiefel. Tadellos jagdmäßig equipiert war eigentlich nur Herr von Blohme. Auf seine Veranlassung hatte das Regiment auch vor drei Jahren die Meute angeschafft, für deren Unterhalt und Ausbildung er die größte Summe beisteuerte. In seinem flammenden Jagdrock sah er mehr denn je wie der »rote Helfershelfer« aus. Mit großen Schritten stolzierte er in der Halle umher und musterte die Neuankommenden. Seine scharf geschnittenen Lippen, über denen der rötliche Schnurrbart sich sträubte, zuckten unaufhörlich. Skandal, wie man aussah – die reine Maskerade, aber keine Jagdgesellschaft! Und er beschloß, die Begründung einer Kasse für einheitliche Jagdequipierung des Offizierskorps in Anregung zu bringen. Jäger und Diener servierten an langen Tischen das Frühstück. Durch die Fenster quoll helles Sonnengold und streute seine Lichter zwischen das Tannengrün, das die Wände schmückte. Allerhand Weidmannssprüche standen oberhalb der Täfelung und gewichtige Sentenzen jenes frommen Bischofs von Lüttich, dem die Feier von Sankt Hubertus ihr Entstehen verdankt. Im großen Kamin flackerte und knisterte ein Feuer, denn trotz Sonne und Windstille war es kalt. Die Unterhaltung schwirrte auf und nieder, und draußen kläffte die Meute. Nach neun Uhr erschienen noch ein paar Gutsbesitzer aus der Umgegend, auch Herr von Rietzow – der vierte Rotrock. Dann ratterte ein Wagen vor das Blockhaus: der Jagdherr, und neben ihm zu Pferde Komtesse Ruth. Sie war nicht die einzige Dame, die die Jagd mitreiten wollte. Auch Frau von Blohme war in elegantestem Dreß erschienen: eine zierliche kleine Französin mit Kohlenstrichen unter den schwarzen Augen und einer dicken Puderschicht auf dem hübschen Gesicht. Man ließ Gulyas und Sherry stehen und erhob sich, Graf Wiegel zu begrüßen. Er war im Pelz; wahrscheinlich sollte ihm Herr von Rietzow oder der Major wieder die Leitung der Jagd abnehmen. Aber nein, er bat Schöningh darum, ihn zu vertreten. Das war verständlich, denn Emich war der nächste Verwandte seines Hauses. Herr von Blohme ärgerte sich dennoch darüber. »Scheint mir nicht recht passend zu sein«, flüsterte er dem Obersten zu, der in seinem alten Flauschrock wie ein Knecht Ruprecht aussah. »Finden der Herr Oberst nicht auch? Schöningh ist unser jüngster Leutnant ...« »Aber der Neffe Wiegels«, antwortete Hildringen, der mit dem Major stets auf dem Kriegsfuße stand; »vielleicht macht er seine Sache gerade so gut wie Sie, lieber Herr von Blohme ...« Graf Kiepert war Master. Sassenhausen meinte, bei ihm brauche man nur dem Geruche nachzugehen. Wo er sich zeigte, duftete es nach Benzin, aber Kiepert selbst behauptete, das sei ein Irrtum – sein neuestes englisches Parfüm habe ein so starkes Aroma ... Nun ging es los. Emich war etwas in Aufregung. Er wußte noch nicht so recht Bescheid. Aber Ruth hielt sich an seiner Seite und gab ihm die Stichworte. Ein feister Damhirsch war ausgesetzt worden. Die Piköre bliesen, und da sie ungeübt waren, so gab es ein wahrhaft höllisches Konzert, das in den Ohren der Jäger jedoch lockend und lieblich klang. Und fort brauste die wilde Jagd. Es war keine Parforcehetze wie im grünen England zur Zeit der Hunting-Season oder in Pommern und Mecklenburg oder im Grunewald bei Berlin: bei aller »Korrektheit« hatte Graf Wiegel das doch noch nicht fertig gebracht. Es ging ein bißchen wild und regellos zu, und das kupierte Terrain erschwerte die Jagd sehr. Aber den Jägern machte das wenig. Hier unten im märkischen Winkel war man nicht allzu verwöhnt; man hatte vier Beine unter sich und die Sonne schien: das war die Hauptsache. Ja, die Sonne schien, und herrlich war es in den Tiefen des Waldes, in dem der flüchtende Hirsch Schutz gesucht hatte. Der Tau schillerte noch in den rostigen Gräsern, und das bunte Laub deckte über Weg und Steg seine farbigen Teppiche ... Allen voran war Frau von Blohme, eine kecke Reiterin, wagemutig und firm im Sattel und immer mit den schwarzen Augen kokette Blicke verschießend. Herr von Rietzow hielt sich, solange es anging, neben Ruth. Aber er ermüdete bald; als das Terrain sumpfig und unbequem wurde, stoppte er. Jetzt schoß Sassenhausen vor. Auf diesen Augenblick hatte er nur gewartet. Er war seit heute früh seinen blonden Idealen untreu geworden: es gab doch auch schwarze Zottelköpfchen, die entzückend waren!... Emich hielt sich brav. Er war bald hier, bald da und zeigte sogar dem Major von Blohme untertänigst eine Schneise im Walde, durch die er in kürzester Linie nach der Strebnitzer Furt kommen konnte, von der aus das Geläut der Meute ertönte. Aber auch Blohme parierte plötzlich seinen Gaul und ließ ihn in Schritt fallen. »Da unten ist's mir zu feucht«, meinte er. »Bleiben Sie ein bißchen an meiner Seite, Schöningh – ich möchte mal ein paar Worte mit Ihnen sprechen!« Emich fuhr mit der Hand an die Mütze. Das klang ja wie ein dienstliches Kommando. Er drängte sein Pferd an den starkknochigen Rappen Blohmes heran. »Herr Major befehlen?« »Nee – nicht befehlen, Schöningh. Bloß ein paar Worte im Vertrauen. Sie haben sich da in letzter Zeit ziemlich eng an Mac Lewleß attachiert, kommen häufig mit ihm zusammen – nicht wahr?« »Zu befehlen ja, Herr Major – Mac Lewleß ist mir ein lieber Freund.« »Dagegen läßt sich nichts sagen. Trotzdem – einen Ratschlag, Schöningh. Ich möchte, daß Sie einmal ein besserer Soldat würden als Mac Lewleß es ist. Das Studieren und über den Büchern sitzen hat bei einem Gelehrten seine Berechtigung. Philosophie und Geschichte schüttelt man nicht aus den Ärmeln; da muß man sich sozusagen hineinknieen. Aber Sie sind zum Teufel kein Federfuchser, sondern Soldat. Und haben doch zunächst als Soldat noch eine ganze Menge zu lernen. Nicht wahr, Schöningh?« »Das hab' ich gewiß, Herr Major. Aber verzeihen Herr Major: ich glaube, daß ich auch als Soldat bisher meine Schuldigkeit getan habe.« Blohme brannte sich eine Zigarette an. »So urteilt allerdings auch Ihr Rittmeister«, entgegnete er. »Aber seine Pflicht zu tun, genügt nicht immer. Nein, genügt nicht immer. Auch Mac Lewleß tut seine Pflicht und ist doch nur ein recht mittelmäßiger Soldat. Ich will Ihnen etwas sagen, lieber Graf Schöningh. Entweder man ist ein ganzer Soldat, ist's mit Leib und Seele, oder man läßt's überhaupt sein. Zwitterwesen sind nirgends gut. Vielleicht hätte man besser getan, Sie studieren zu lassen; ich meine, wenn Ihre Neigungen in der Tat mehr nach dem Wissenschaftlichen zu gravitieren. Na aber, das ist doch nun einmal nicht geschehen, und daher scheint es mir zweckmäßiger, Sie lassen die Bücher beiseite, die nicht zur Sache gehören. Wollen Sie sich späterhin einmal zur Akademie vorbereiten, dann ist es schon anders. Vorläufig müssen Sie erst den praktischen Frontdienst aus dem ff kennenlernen... Und dann noch eins, Schöningh. Ziehen Sie sich zugunsten eines Einzelnen nicht allzusehr von den übrigen Kameraden zurück! Kommen Sie des Abends öfters in das Kasino! Seien Sie fröhlich mit den andern – Herrgott, Sie sind ja doch noch ein blutjunger Mensch! Hauen Sie einmal über die Deichsel – was schadet's?!«...« Und dann warf er seine Zigarette in die Luft und fügte noch hinzu: »Verstanden, Schöningh?« Emich blieb nichts weiter übrig, als abermals an die Mütze zu greifen und zu erwidern: »Zu befehlen, Herr Major!«. Blohme nickte und setzte seinen Rappen von neuem in Galopp. Bald war man wieder hinter der Meute, die einen unglücklichen Hasen aufgestöbert und sich verbellt hatte. Master und Piköre jagten um sie herum, fluchten, schimpften und wetterten und suchten sie wieder auf die rechte Fährte zu lenken. Es war ein gräulicher Spektakel, in den Emich hineingeriet. Und er fluchte, schimpfte und wetterte mit, und dabei zuckte unaufhörlich die Frage durch sein Hirn: wenn der Major nun recht hatte? wenn er wirklich nicht zum Soldaten taugte?. Im Gestrüpp unweit der Strebnitzer Furt stürzte der Master. Längsiedel, Sassenhausen und Encken gerieten vor der sich im Dickicht des Unterholzes wälzenden Masse in das Gedränge. Ihre Gäule scheuten und wollten ausbrechen: auch Sassenhausen und Längsiedel kamen zu Fall; die herrenlosen Pferde jagten in den Wald hinein. Plötzlich erscholl ganz in der Nähe die Wasserfanfare. Der Hirsch hatte sich in Todesängsten in den kleinen See am Strebnitzer Forsthaus gestürzt. Frau von Blohme karrierte wie eine Wahnsinnige heran – ein gellender Aufschrei – nun lag auch sie am Boden und ihr Schimmel streckte alle vier Beine in die Luft. Aber dem Aufschrei folgte ein helles und lustiges Lachen; die Majorin stand sofort wieder auf den Füßen – in eisengrauen Trikots und lackledernen Stulpenstiefeln: ihr ganzer Jagdrock war ihr im Sturze von den Hüften gerissen worden. Zu gleicher Zeit klang das Halali durch den Wald. Emich hatte den Hirsch gedeckt – der Oberst und zehn andere waren hinter ihm – wie toll stürmte die Meute herbei, und schließlich gab der Oberst, vom Gaule springend und in der Pose des Fechters von Ravenna, den Fang. Die Jagd, die sich bis gegen zwei Uhr hingezogen hatte, war beendet. Und es war gut, daß sie nicht länger währte, denn der Himmel hatte sich inzwischen bedeckt und es begann leise zu nieseln. Trotzdem wurde vorschriftsmäßig Küree geblasen und der Bruch verteilt. Dann ging es langsam zurück nach Stenzig. Sassenhausen und Frau von Blohme mußten auf einen Leiterwagen klettern; ihre Pferde waren noch nicht eingefangen worden. Aber die Majorin amüsierte sich sichtlich darüber; sie hatte sich mit ihrem zerrissenen Rocke drapiert, so gut es anging, und kokettierte mit Saß. Blohm wütete heimlich; seiner steifen Grandezza widerstrebten die burschikosen Allüren gründlich, die seine Gattin zuweilen zur Schau trug. Allerdings zuweilen nur – nämlich stets, wenn sie sich durch Morphium angeregt hatte. Dann ließ sie die Würde der grande dame und Herzogin von Candagne fallen und ähnelte mehr einer Grisette aus dem Quartier latin. Das Geriesel wurde auf dem Rückwege zu strömender Flut. Man schonte die müde gehetzten Pferde nicht, um baldigst unter Dach und Fach zu kommen. Herr von Rietzow hielt sich wieder dicht neben Ruth und hatte ihr seinen Gummimantel um die Schultern gehängt. Am Parkeingang gab Emich seinem Goldfuchs die Sporen: er wollte der erste auf der Rampe sein. Unter dem Portal stand schon die Tante und hielt einen Regenschirm schräg vor sich, um dem sprühenden Guß zu wehren. »n' Tag, Dickerchen!« rief sie Emich entgegen. »Gut, daß du da bist, Junge! Es ist Besuch für dich eingetroffen. Rat einmal, wer!« »Ja, wer?! Tantchen, auf Rätsel und Rösselsprünge versteh' ich mich schlecht!« Er sprang vom Pferde und warf die Zügel dem Reitknecht zu. »Gut abreiben, Fritz, und erst in einer halben Stunde füttern! ... Tantchen, wer? Spann' mich nicht auf die Folter!« Gräfin Irmela schob ihren Regenschirm zur Seite und klappte ihn zu. Und da tauchte hinter der Seidenhülle ein braunes Gesicht auf, ein lachendes, wohlbekanntes Gesicht mit dunkeln, lebhaften Augen und zierlich gespitztem Schnurrbärtchen auf der Oberlippe. »Beresco!« schrie Emich. Und dann fielen sich die Freunde in die Arme. VI Regen und Sturm rasten gewaltig. Im Park tanzten und wirbelten die Blätter durch die Luft; das trockene Geäst knackte und krachte, und der kleine stille Weiher peitschte sein grünes Wasser weit über den Uferrand. Um so behaglicher war es im Schlosse. Die geladenen Regimentsdamen waren in drei großen geschlossenen Kutschen aus Klempin herübergekommen; die Jagdgäste, die ihre Koffer mit dem Krümperwagen vorangeschickt, hatten ihre Toilette gewechselt – man sah nur noch blaue Koller, Fracks und seidene Roben. Aus der lustigen Weidmannsbande war eine fröhliche Dinergesellschaft geworden. Frau von Blohme allein hatte sich zurückgezogen. Sie hatte ganz plötzlich ihr »heulendes Elend« bekommen, wie Graf Kiepert sich respektslos ausdrückte, einen ihrer hysterischen Anfälle, die gewöhnlich damit begannen, daß sie ihrem Gatten in französischer Sprache die schmählichsten Beschimpfungen in das Gesicht schleuderte, und zwar in einem Jargon, der mehr an den Montmartre als an den Faubourg St.-Germain erinnerte. Sie war in das Boudoir der Gräfin Irmela geschafft worden, hatte um eine Flasche Champagner gebeten und schlief nun deren Wirkung aus, während der Major, hochaufatmend in dem Bewußtsein, ein paar Stunden Ruhe zu haben, zur Gesellschaft zurückkehrte... Diniert wurde im großen Saale, einer schönen, hoch gewölbten Halle, die den Hauptteil des ältesten Schloßbaus einnahm und erst vor kurzem restauriert worden war – einem mächtigen Raume, dessen Strebepfeiler Rüstzeug und Waffen schmückten, und dessen tiefe Fensternischen, in denen Tische und Bänke aus schwerem Eichenholz standen, zu traulicher Zwiesprache bei einem Glas edlen Weins förmlich einluden. Graf Wiegel benutzte die Jagdgelegenheit, praktisch, wie er immer war, sich zugleich eines Teiles seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entledigen. So war denn das Diner vornehm und reichhaltig und erinnerte eigentlich nur in der Wahl der Suppe – Erbsenpüree mit Schweinsohren – an das sonst übliche Weidmannsmahl. Auch erschienen Jäger und Diener bei dem Servieren in großer Gala, es war wieder einmal alles außerordentlich korrekt... Eine ganze Anzahl jüngerer Herren mußten sich ohne Damen behelfen. Auch Emich – und er war glücklich darüber. Er saß neben Veresco, der auf der anderen Seite Sassenhausen zum Nachbarn hatte. Das hatte die Gräfin so angeordnet, weil sie sich denken konnte, daß sich die drei Kadettenkorpskameraden tausend und eins zu erzählen haben würden. Und so war es auch. Von der Suppe an wurde Veresco von rechts und links mit Fragen bestürmt. »Nur chronologisch, Kinder,« sagte er, »und erst ein Glas Portwein. Seit drei Tagen lebe ich in beständiger Hetzjagd. Also denkt euch: die Revolution ist da! Unten bei uns, meine ich – in Illyrien. Es hat diesmal länger gedauert, als wir alle geglaubt haben, aber nun ist sie da – und vor ein paar Tagen erhielt ich von meinem Papa ein Telegramm: »Abschied einreichen, herkommen, brauchen dich!'...« »Siehst du,« fiel Sassenhausen ein, »was hab' ich dir damals gesagt – weißt du, als wir bei Hiller den Sricoccio tranken? Das Wort hab' ich nicht mehr vergessen, obwohl es mir immer noch ein klein bißchen schwer von der Zunge will.« »War' auch eine tödliche Beleidigung, Saß; den Sricoccio vergißt man nicht – sein lebelang nicht... Ja, eine Hetzjagd war es. Ich mußte selber zu Majestät, ach, und wie lieb und gütig war der alte Herr! Er hat mir die Backen gestreichelt und mich vorläufig nur à la suite stellen lassen; wenn die Geschichte unten in Ordnung wär', meinte er, würde ich vielleicht doch wiederkommen. Aber ich glaube, diesmal wird nicht allzu leicht Ordnung zu schaffen sein; es gilt, sich mit letzter gewaltiger Kraft für immer vom türkischen Joch zu befreien. Und dazu ist die Sachlage günstig... Habt ihr die Anfangsstadien des Kriegs zwischen Rußland und der Türkei verfolgt?« »Versteht sich«, erwiderte Emich; »schon aus Interesse für dich und Illyrien.« »Na also. Es wird einen Heidenspektakel geben, Kinder. Rumänien hat sich bereits auf die Seite Rußlands gestellt; der Fürst von Serbien ist vom Sultan abgesetzt worden, sitzt aber trotzdem noch immer auf seinem Thrönchen und hat sich für majorenn erklärt. In Thessalien, Mazedonien und Kreta gärt es gewaltig, und bei uns in Illyrien organisiert ein russischer Fürst auf -ky die Miliz... Unter uns: der allzu enge Anschluß an Rußland ist auch nicht nach meinem Geschmack. Der Zar steckt uns eines Tages in die Tasche und ist dann damit einen Schritt weiter nach Konstantinopel vorgerückt. Das Beste wäre, man gäbe uns einen preußischen Prinzen als Regenten, wie den Rumänen. Und nun schenk' mir ein Glas Rotspon ein, Emich! Gott, ist das eine Hetzjagd! ...« Zwischen jedem Gange nahm er seine Erzählung wieder auf. Schon bei Beginn des russisch-türkischen Feldzuges hatte eine Militäremeute Midhat-Pascha, den Gouverneur von Illyrien, aus der Landeshauptstadt Garica vertrieben. Der Ministerrat hatte den alten Marquis Veresco für die Zeit des Provisoriums zum Regenten erwählt, und Veresco hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als – zum wievielten Male innerhalb der letzten fünfzig Jahre!? – Illyrien, das bisher als Wilajet der Türkei verwaltet wurde, für selbständig zu erklären. Daß er Rückhalt an Rußland suchte, war nach Lage der Dinge nur natürlich; und die Russen ließen sich auch nicht weiter nötigen – binnen kurzem waren sie die Herren im Lande. An den Grenzen und in den Bergen aber wütete trotz der russischen Besetzung noch ein erbitterter Kampf; da hatten sich die landeingesessenen Mohammedaner gegen die Christen empört, und es kam zu grausamen Metzeleien ... »Kurzum, liebste Freunde,« schloß Veresco, »der ganze Balkan steht wieder einmal in Flammen. Fragt mich nicht, was das Ende sein wird – ich weiß es nicht. Ich weiß nur das eine: auch Rußland wird uns nicht glücklich machen. Ihr könnt euch denken, mit welcher Sehnsucht es mich nach der Heimat zieht. Aber euch mußt' ich noch Lebewohl sagen. Und da setzt' ich mich denn auf die Bahn und fuhr schnurstracks nach Klempin. Natürlich wart ihr nicht zu Hause – und da ich morgen früh weiter muß, nahm ich mir einen Wagen und segelte euch nach, um hier über die Gebühr gastfreundlich aufgenommen zu werden. Prost, Emich – prost, Saß! Wer weiß, ob wir uns noch einmal wiedersehen! Auch die türkischen Kugeln sind aus Blei und bohren Löcher, wo sie hintreffen ...« Man stieß an – auf das Wohl Verescos und auf Illyrien. Die ritterliche, leicht exotische Erscheinung Verescos (er war in Zivil) und die Abberufung des jungen Illyriers in die sturmumdrängte südliche Heimat hatten in der Gesellschaft ein gewisses Aufsehen erregt. Besonders die Damen fanden Maffeo höchst interessant. Gräfin Irmela suchte ihrer Gewohnheit gemäß nach irgendwelchen verwandtschaftlichen Anknüpfungspunkten und war sehr bekümmert, daß sie keine solchen fand. Wo lag denn Illyrien? Gott, war das weit! Und plötzlich fiel ihr ein, daß sie Emich ja noch etwas sehr Wichtiges mitzuteilen hatte. Das ließ ihr keine Ruhe; es war schrecklich, wie lange sich heute die Tafelei hinzog!... Ja – es währte ziemlich lange. Die Unterhaltung wurde immer angeregter. Der Graf war auch diesmal mit seinen vortrefflichen Weinen nicht sparsam gewesen. Oberst von Hildringen hatte sich hinter einem Léoville verschanzt, dessen bluttreibende Kraft ihm das gutmütige Gesicht braunrot färbte. In den Köpfen der jüngeren Herren entzündete der Mumm allerhand Funken des Übermuts. Auch Ruth war lebhaft, fast ausgelassen. Emich hörte zuweilen ihr silbern klingendes Lachen und schaute dann mit raschem Blick zu ihr hinüber. Zuweilen war es ihm immer noch, als klopfe sein Herz schneller, und als umdrängten die Blutwellen es mit erhöhter Wucht, wenn er Ruth in die Augen schaute. Es war so töricht! ... Ruth saß ziemlich weit oben am Tisch, zwischen dem unvermeidlichen Herrn von Rietzow und dem Landrat von Oest. Sie trug hellgelbe Seide mit einem Einsatz von schwefelgelbem Sammet und einer phantastischen Goldstickerei am Kragen! Wie gut stand ihr dies Kostüm! Mit ihrem schwarzen Haar, dem goldig angehauchten Teint und den dunkeln Augen sah sie fast wie eine Südländerin aus. Einmal traf sich ihr Blick mit dem Emichs. Da hob sie ihr Sektglas und grüßte zu ihm herüber. Und lächerlich – das Blut schoß ihm in die Wangen, als er zurückgrüßte und seinen Kelch leerte! Warum errötete er denn?! Es war zum Verzweifeln, daß er so gar nicht Herr seiner Empfindungen zu werden vermochte!... Die Jagdtoaste waren vorüber; auch den Damen hatte Graf Encken ein paar zierliche Worte geweiht – zierlich, verschroben und altfränkisch, denn die Rede stammte aus einem abgegriffenen Büchlein, das der gute Encken häufig zu Rate zog und immer wieder sorgsam in seinem Schreibtische verschloß und das den Titel führte: »Der vollkommene maître de plaisir oder gründliche Anweisung zu Tafeltoasten und Tischreden aller Art, mit einem Anhang: wie man am leichtesten das Herz der Damen erobern kann.« Seine blonde dralle Gattin kannte dies Büchlein, war aber nichtsdestoweniger stolz auf die rhetorische Gabe ihres Axel und seine ewig verliebten Schwerenöteraugen ... Zwischen Käse und Dessert schlug Graf Wiegel noch einmal an sein Glas. Irmela schaute ein wenig besorgt zu ihm hinüber; August hatte doch schon geredet? Und nun noch einmal? Ruth machte neugierige Augen, aber etwas besorgt war auch sie. Wenn der Papa ins Reden kam, wurde er leicht dozierend, und das wirkte wie Bromwasser auf die Umgebung. Der Landrat, als Parlamentskollege Wiegels, murmelte sogar halblaut in sich hinein: »Nanu? Wir sitzen doch nicht im Herrenhause!« Das Klirren der Teller, Messer und Gläser verstummte. Auf den Fußspitzen schlichen die Diener umher. Und nun erhob sich Wiegel, strich über seine wallenden Favoris, machte »hm, hm«, stützte sich mit den Handknöcheln auf den Tisch und begann: »Nur noch ein paar Worte. Wir haben heute zum ersten Male das Vergnügen und die Ehre, einen Gast unter uns zu sehen, den wir am liebsten hier behalten würden, den uns aber die Vaterlandspflicht« – dies Wort mit starker Betonung gesprochen – »in wenigen Stunden wieder entführen wird. Was wissen wir von Illyrien? Was kümmert es uns, wenn weit unten in der Türkei die Völker miteinander hadern und streiten? Gewiß nicht viel, denn unsere Grenzen sind nicht bedroht und unsere Interessen werden durch die Kämpfe im Balkan nicht berührt. Aber der liebe Gast, den wir heute an dieser Stelle begrüßen können, bringt uns Illyrien unwillkürlich näher, weckt allerhand persönliche Empfindungen in uns und rückt gewissermaßen die weite Ferne in unsern Gesichtskreis...« Kleine Pause; Wiegel fand diese Wendung so schön, daß er sie nachwirken lassen wollte. »Hm – hm – ich glaube behaupten zu dürfen, daß die Vaterlandsliebe,« – wieder mit stärkerer Betonung – »wo wir sie auch aufflammen sehen, in jeder Seele etwas von dem ihr entströmenden göttlichen Fluidum entzündet – entzündet... Und deshalb werden Sie, meine Damen und Herren, hoff' ich, mir beistimmen, wenn ich Herrn von Veresco in dem Augenblicke, da er im Begriffe steht, seinem bedrängten Vaterland zu Hilfe zu eilen, von ganzem Herzen ein weithin tönendes ›Glückauf‹ zurufe. Mein lieber Marquis – auf Ihr Wohl! Herr von Veresco lebe hoch!« Das Hoch scholl einstimmig und brausend durch den Saal. Oberst von Hildringen brüllte, als stehe er auf dem Exerzierplatz; der Landrat von Oest winkte mit beiden Händen über den Tisch, und die jüngeren Offiziere umdrängten, die Gläser in der Hand, Veresco, der die Rechte auf die Brust gelegt, glücklich und mit strahlenden Augen, sich immer wieder verneigte und dabei fortgesetzt seine Beinkleider mit Sekt begoß. Durch allen Lärm aber hörte man abermals ein helles, schrilles Klingen und dann die sonore Stimme des Herrn von Rietzow, eine Stimme, so schön und melodiös, kraftvoll und weich und eindrucksfähig, daß sie gar nicht zu der Erscheinung dieses Mannes zu passen schien: »Noch einen Appendix, einen Nachtrag, meine Herrschaften, zu den trefflichen Worten unseres lieben Grafen Wiegel!...« Es wurde wieder still; die Leutnants schlichen auf ihre Plätze. Franz gab der Dienerschaft ein neues stummes Zeichen. Ruth hatte sich im Stuhl zurückgelehnt und ließ ihren Blick seitwärts und langsam über die Gestalt des Sprechenden schweifen. Es lag etwas eigentümlich Forschendes, Suchendes und Musterndes in diesem Blick... Herr von Rietzow fuhr fort: »Graf Wiegel hat betont, daß die Vaterlandsliebe den Marquis Veresco aus unsrer Armee, aus unserer Mitte in seine Heimat zurückrufe. Doch nicht die Sorge um das Vaterland allein. Höher noch als das Vaterland steht uns unser Kreuz! Und seit Jahrhunderten wird in Illyrien, das seine Patriarchen schon auf das Konzil zu Nizäa schickte, das Kreuz des Christentums durch Staub und Schmutz gezogen. Herr von Veresco, helfen Sie daheim auch das Kreuz wieder auf seine Höhe tragen und Gott wird mit Ihnen und mit Illyrien sein!...« Er verneigte sich vor Veresco, leerte seinen Kelch und setzte sich nieder. Es war ein etwas peinlicher Augenblick. Der Wein spukte in allen Köpfen. Man wußte nicht recht, sollte man nochmals Hoch rufen oder vielleicht besser Bravo oder ganz still sein. Und da blieb man denn still. Herr von Hildringen murmelte »I du Donnerwetter« und machte sich wieder an seinen Léoville, und der nervöse Landrat wisperte seinem Nachbar zu: »Ich frag' Sie, paßt das hierher, bester Rittmeister? Paßt das hierher, frag' ich Sie? Ich sage nein, das paßt nicht hierher – das paßt absolut nicht hierher – das paßt sich überhaupt nicht!« – Und dann schnitt er eine Birne an und schnitt sich vor Aufregung in den Finger ... Auch Beresco war etwas in Verlegenheit. Einen Moment zögerte er, ob er zu Herrn von Rietzow gehen und ihm die Hand drücken sollte. Aber er überlegte: die kurze Rede trug offen den Stempel römischer Tendenz zur Schau, und er war selbst griechisch-katholisch wie fast der ganze illyrische Adel. So erwiderte er denn die Verneinung Rietzows vom Platze aus, allerdings sehr höflich und mit Verbindlichkeit... Herr von Rietzow kümmerte sich um die Wirkung seiner Worte gar nicht. Er hatte sich sofort mit der Komtesse Ruth in ein Gespräch über die Religionsverhältnisse Ilyriens vertieft und lächelte dabei wieder sein stereotypes ausdrucksloses Lächeln, hinter dem er seine Klugheit, seinen Jesuitismus und sein Herz verbarg. Allmählich lenkte auch die Unterhaltung von neuem in das alte Fahrwasser ein; aber Graf Wiegel schien es doch für an der Zeit zu halten, die Tafel aufzuheben. Er gab seiner Gattin ein Zeichen, und man stand auf... Während in den Salons Kaffee und Liköre gereicht wurden, fand Gräfin Irmela Zeit, Emich in eine Fensternische zu nehmen. »Dickerchen, es scheint, als sollt' ich dich heut gar nicht mal allein genießen«, sagte sie. »Aber ich freu' mich, daß du frisch und gesund bist – und braun gebrannt bist du wie ein Indianerhäuptling! ... Was hast du, erbarm' dich, zu der Predigt von Rietzow gesagt?! Frag' ich 'n Menschen, Dickerchen, war das denn grade bei einem Jagddiner notwendig, wo die meisten schon ein bissel angeräuchert sind?! Ich bin wahrhaftig auch eine gute Christin, aber ich mache kein Wesen davon, und vor allen Dingen renommiere ich nicht damit. Und auf Seelenfängerei lass' ich mich schon gar nicht ein – aber den Kottauer wurmt es lange, daß die Ruth protestantisch ist – Dickerchen, in solchen Dingen muß man sich doch nach dem Manne richten, nicht wahr? Mulier ta – na, ich weiß nicht gleich, wie es weiter geht, der Onkel hat da immer so einen altlateinischen Spruch: Weiber sollen sich nicht in geistliche Angelegenheiten mischen – und 's ist auch richtig – wir können für uns beten und haben mit dem eigenen Seelenheil genug zu tun... Dickerchen, weißt du nicht, was ich dir noch sagen wollte?« »Ach, Tantchen, wenn ich Gedanken lesen könnte! Aber rede nur weiter, was dir gerade in den Sinn kommt – vielleicht findet sich darunter auch das, was du sagen wolltest. Wie gefällt dir denn der kleine Veresco?« »Ausgezeichnet – so hab' ich mir immer einen Hidalgo gedacht. Siehst du – nun hab' ich es auch – Illyrien und Rußland hat mich darauf gebracht. Also denke dir: dein Vetter Leopold, Onkel Ferdinands Zweiter, tritt in russische Dienste! In russische Dienste, Dickerchen!« Emich war sehr erstaunt. »Aber um aller Welt willen, warum denn das, Tante?!« Die Gräfin zog die Achseln hoch, so daß der Luisenorden und das rote Kreuz und die Medaille für öffentliche Wohltätigkeit an ihrer linken Schulter leise klirrten. »Ja, du lieber Gott, Onkel Ferdinand muß doch immer etwas Ausgefallenes haben«, erwiderte sie. »Du weißt ja, daß der Großfürst Fedor Konstantin der Pate von Leo ist, und der hat immer ein besonderes Interesse an dem Jungen genommen. Nun denk' ich mir, daß er da in Petersburg irgendeine kleine Prinzessin haben wird, die er später mal mit dem Leo verheiraten möchte – verstehst du, und da wird er den Leo in seiner Nähe haben und ihn sich sozusagen heranziehen wollen... Warte mal – ist das nicht der Bob da draußen?...« Sie wies aus dem Fenster, dessen Scheiben noch immer von Feuchtigkeit trieften, obwohl der Regen nachgelassen hatte, und sich auch schon die Sterne am Himmel zeigten. Draußen auf der Rampe hielt im Lichtschein der beiden Laternen vor dem Portal Bob auf dem Chargenpferde Emichs. Bob war seit kurzem der Bursche Emichs; das war ein liebenswürdiges Zugeständnis des Obersten von Hildringen, denn Bob hatte sein Rekrutenjahr noch nicht hinter sich. Emich hatte sich mit einem Wort der Entschuldigung von der Gräfin freigemacht und war vor das Portal geeilt. Im ersten Augenblick glaubte er, Mac Lewleß sei etwas zugestoßen. Er war blaß geworden. »Was gibt's, Bob?« Bob stand in strammer Haltung, die rechte Hand an der Kandare, neben dem Kopfe des Pferdes; in der Linken hielt er ein Telegramm. »Erlaucht verzeihen, es ist eine Depesche angekommen«, meldete er. »Und da glaubte ich, sie könne wichtig sein. Und da hab' ich mir den Peter gesattelt und bin hierher geritten.« »Recht so!...« Emich riß das Telegramm auf. Gott sei Dank, daß seine Sorge um Gerald unbegründet gewesen war! Freilich, auch die Depesche brachte eine Überraschung. Sie kam aus Stubbach und lautete: »Muß dich in dringlicher Familienangelegenheit sprechen und bitte umgehend um deinen Besuch. Die Vettern grüßen mit mir. Ferdinand.« Emich schüttelte den Kopf. Was war nun das wieder?! Handelte es sich um den Eintritt des Prinzen Leopold in die russische Armee, von dem ihm die Tante erzählt hatte? Und was brauchte man dazu seine Stimme?... Immerhin – Fürst Ferdinand war der Chef des Hauses; Emich mußte gehorchen. Er ließ Bob absatteln, kehrte in die Salons zurück und suchte sich den Grafen Wiegel auf, dem er das Telegramm zeigte. Wiegel lachte ein wenig mokant. »Ferdinand scheint einen Staatsstreich vorzuhaben«, meinte er. »Er macht gern aus einer Mücke einen Elefanten. Aber sei's, wie es sei: handelt es sich in der Tat um Familiensachen, so ist es korrekt von ihm, daß er auch dich zu Rate zieht. Auf deinen Augen steht die gräfliche Linie des Hauses. Sprich gleich mit dem Obersten, Emich, und erbitte dir ein paar Tage Urlaub.« »Ich hatte die Absicht, die Reise nach Stubbach mit einem Besuch in Seesenheim zu verbinden. Das ist ein Unterschied von einem Tage. Hältst du das nicht auch für praktisch, Onkel?« »Aber gewiß, Emich. Du fährst nur fünf Stunden von Stubbach nach Seesenheim. Das ist kein Gegenstand. Und vielleicht ist's ganz gut, wenn du dich in Seesenheim gar nicht anmeldest. Überrumple die Leute!... Und hör' mal, Emich, bei dieser Gelegenheit noch eins – da wir gerade einmal allein sind: ich freu' mich von Herzen darüber, daß du dich beim Regiment so gut machst. Nur Blohme hat ein paar Kleinigkeiten an dir auszusetzen. Ich bin nicht ganz seiner Meinung. Aber in einer Beziehung doch. Du bist mit Mac Lewleß sehr liiert. Ich weiß nicht, ob das gut tut. Nota bene, ich unterschätze Mac Lewleß gewiß nicht. Aber es ist doch fraglich, ob ihr zusammenpaßt. Und dann – – ich muß dir noch etwas sagen. Vor zwei Jahren hat Mac Lewleß um Ruths Hand angehalten –« Emich fuhr zurück. »Um Ruth –?!« »Ja – scht, nicht so laut, Emich – Blohme hält immer die Ohren gespitzt... Wir sind uns allesamt einig darüber geworden, nicht mehr über diese begrabene und vergessene Geschichte zu sprechen. Mac Lewleß hat sich damals nicht völlig korrekt benommen. Ich mußte ihm – selbstverständlich – die Hand Ruths verweigern. Ruth war noch ein halbes Kind, und die kranke Mutter deines Freundes, die unsicheren Verhältnisse, in denen er lebt – na, kurzum, es sagte mir mancherlei nicht zu. Ich dankte... Und da geriet er in einen unbeschreiblichen Zustand, stürzte in den Park und wollte sich erschießen. Die Kugel traf ihn in die rechte Schulter. Ein Unglück beim Scheibenschießen wurde vorgeschützt. Mac Lewleß genas rasch, bat uns alle um Verzeihung – er habe sich in nervöser Überreizung befunden und so weiter – und ließ sich nicht wieder sehen. Der Form wegen habe ich ihn noch verschiedentlich eingeladen – er sagte stets ab, und das erwartete ich auch... Ich muß dir das alles erzählen, Emich, obwohl wir das Geschehnis aus naheliegenden Gründen geheim gehalten wissen wollen. Ich bitte auch dich, darüber zu schweigen. Zur Beurteilung deines neuen Freundes mag es für dich immerhin von Wichtigkeit sein. Finalement: ich halte Mac Lewleß für eine reich begabte, aber au fond unglückselige Natur. Nähere Begründung schenk' mir; ich bin das Gefühl nie losgeworden, daß er einmal – daß er einmal das Schicksal seiner unglücklichen Mutter teilen könnte.« »Gott schütz' ihn davor!« rief Emich erschrocken. Sein Starren und Staunen löste sich. Nun kannte er den Grund, der Gerald von Stenzig fernhielt. Nun glaubte er auch manche versteckte Andeutung, manche Eigentümlichkeit im Wesen des Freundes besser verstehen zu können – und ein heißes Mitgefühl strömte durch sein Herz. Er reichte Wiegel die Hand. »Sei bedankt, Onkel,« sagte er, »daß du mir reinen Wein eingeschenkt hast. So wie ich zu euch und zu Gerald stehe, wär' ein längeres Geheimhalten jener Episode zwecklos gewesen. Sie läßt mir Gerald in neuem Lichte erscheinen. Ist er wirklich die unglückselige Natur, für die du ihn hältst, so bedarf er mehr als je meiner Freundschaft. Tadle mich nicht darum, Onkel. Ich fühle mich trotz meiner Jugend stark genug, nur das von seinem Einflusse in mich aufzunehmen, was mir zum Heil gereichen kann...« Wiegel strich über seine wallenden Barte und über die Hahnentolle. Sein Auge ruhte sehr ernst auf Emich. Dann nickte er. »Tu nach deinem Gefallen, Emich, und handle nach deinem Herzen. Ich glaube auch, daß du Charakter genug besitzt, dein Herz in Schach zu halten – wenn es not tut. Da steht Hildringen; trag ihm deine Meldung vor!« Der Oberst plauderte mit dem Landrat, eine riesige Upmann in der Linken und ein Glas Henessy in der Rechten. Er lachte dröhnend; Herr von Oest hatte ihm soeben eine scharmante kleine Schlüpfrigkeit erzählt. Und er lachte noch immer, als Emich bereits sein Urlaubsgesuch vorgetragen hatte. »Das ist köstlich, Landrat!« stöhnte er mit seinem mächtigen Bierbaß; »also wahr- und wahrhaftig – im – im... was denn, Schöningh? – Nach Stubbach? – Nun natürlich, wenn Encken nichts dagegen hat! Aber es ist jetzt ja nicht viel zu tun. Wissen Sie, Herr von Oest, da habe ich einmal in Hannover, als ich zur Reitschule kommandiert war –« Und er revanchierte sich durch eine zweite saftige Geschichte ... Auch Graf Encken gab Emich den gewünschten Urlaub. Einzelne Wagen fuhren bereits vor. Maffeo Veresco hatte sich von den Gastgebern verabschiedet; ein Landauer Wiegels sollte ihn bis Krugdorf bringen – er wollte noch am Abend nach Berlin zurück, um am nächsten Morgen die Reise nach Illyrien anzutreten. Im Gartenzimmer umdrängten ihn die Freunde und ein paar andere, rasch mit ihm vertraut gewordene jüngere Offiziere. Die Tür zum Portal stand offen; in Stößen fuhr der Wind in das Gemach und ließ die Lichter der Diener aufflackern. Von draußen hörte man das Stampfen der Pferde auf dem Pflaster der Rampe. Emich und Saß umarmten Veresco. »Junge, ich möchte mit,« sagte Sassenhausen, »bei Gott, ich möchte mit! Mich lockt der Krieg. Ach, zackri, so eine kleine Garnison ist doch öde! Rufst du mich, so komm' ich. Ich habe den Sricoccio nicht vergessen. Und auch den Stratpótka! Da unten ist's sicher viel tausendmal amüsanter als hier – äh, ist das ein Leben!« Emich war weniger redselig. Der andere ging in den Krieg, und wirklich – auch die türkischen Kugeln trafen! ... »Alles Gute, Maffeo! Und Dank für deinen Besuch! Und, so Gott will, auf ein fröhliches Wiedersehn! ...« Als Emich in den ersten Salon zurückkehrte, um sich gleichfalls zu empfehlen, fand er auch Frau von Blohme vor. Sie hatte die Morphiumstimulanz und den Champagnerrausch ausgeschlafen und war wieder die Herzogin, tat, als ob gar nichts Verwunderliches geschehen sei und nahm die Verbeugung Emichs mit königlicher Würde entgegen, um sich dann an ihren, devot wie ein Kammerdiener neben ihr stehenden Gatten zu wenden: » Commande la voiture, Egon. Nous voulons rentrer; je suis un peu fatiguée ...« Emich und Max Sassenhausen fuhren gemeinsam nach Klempin zurück. Saß war anfänglich noch sehr redselig und schwatzte unaufhörlich von Ruth, Beresco, Rietzow, Frau von Blohme und hunderterlei Anderem. »Siehst du, Emich,« meinte er, »– mit Ruth – ich' glaube, mit deiner Cousine Ruth würde ich sehr glücklich werden! Bester Beweis dafür, daß ich sie über alle Blondinen setze, und sonst ist nun einmal blond meine Farbe. Das ist ein prachtvolles Geschöpf, deine Cousine Ruth – ich möchte sagen, edelste Rasse, und auch noch etwas Ungezügeltes und Ungebändigtes in ihr, so wie bei einem schönen Vollblut, das noch keinen Martigal kennengelernt hat. Ruth würd' ich vom Fleck weg heiraten und möchte mich dann mit ihr auf eine einsame Insel zurückziehen oder in einen Urwald oder vielleicht nach Illyrien. Ach ja – nach Illyrien, denke, wie köstlich! Übrigens bin ich todmüde. Je, was hat man heute alles zusammengetrunken! Wenn du erlaubst, kuschle ich mich ein bißchen in die Ecke und strecke die Beine aus ... Regnet es denn noch immer?« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern schlummerte sorglos über seinen Herzens- und Börsenkummer ein. Das kam Emich recht. Er war wenig in der Stimmung, das Geschwätz des Freundes anzuhören; im Augenblick beschäftigte ihn das, was Graf Wiegel erzählt hatte, lebhafter und zu Herzen gehender. Daß sich auch Gerald den bestrickenden Reizen Ruths nicht hatte entziehen können, weckte ein seltsames Empfinden in seiner Brust. Fast war es etwas wie Eifersucht – nach beiden Seiten hin Eifersucht, die gleich töricht war; das sagte er sich selbst. Was mußte Gerald bei der Tiefe seines Wesens und der Stärke seines Gefühls gelitten haben! Und alles, alles verschloß er mit dem Schmerz um die leidende Mutter in seiner schweigsamen, zerquälten Seele! Und dann glitt wieder bei einer raschen Bewegung, die das in die Brusttasche gesteckte Telegramm knittern ließ, die Erinnerung an die Depesche des Fürsten Ferdinand durch Emichs Kopf. Es war auffallend, daß der Fürst sich so plötzlich seines Neffen erinnerte. Emich witterte irgend etwas Unangenehmes hinter der Berufung nach Stubbach. Er hatte den Ärger noch nicht vergessen, mit dem man von dort aus jahrelang seine Eltern überschüttet hatte. Saß begann geräuschvoll zu schnarchen. Ein leiser Regen trommelte wieder gegen das Verdeck der Kutsche und rieselte in dicken Tropfen die Fensterscheiben hinab. Ein ratterndes Geräusch und das regellose Hin- und Herschwanken des schweren Wagens waren die ersten Anzeichen dafür, daß man das Pflaster Klempins unter sich hatte. Emich ließ ein Fenster herab. Man fuhr durch die Stenziger Straße. Durch das Dunkel der Gasse leuchteten nur die hellgelben Streifen, die aus den Fenstern der Villa Mac Lewleß über das Pflaster fielen. Zu seinem Erstaunen sah Emich, daß hier alles erleuchtet war, die ganze Front des Parterregeschosses – und an dem einen der Fenster sah man auch eine dunkle Gestalt – einen dunklen, sich gegen die Scheiben drückenden Männerkopf. Emich rief dem Kutscher ein Halt zu. Sassenhausen fuhr in die Höhe. »He – was?! – Emich – sind wir schon zu Hause? Sind wir schon in Klempin?« »Ja, Saß. Du fährst noch ein paar Schritt weiter. Ich steige aus, weil ich noch Gerald adieu sagen will. Servus, Saß – und sei nicht allzu unvernünftig, bis ich wieder heimgekehrt bin! ...« Er sprang aus dem Wagen, trat an das Fenster, hinter dem er Gerald sah und klopfte leise an. Mac Lewleß mußte ihn sofort erkannt haben, denn er nickte und verschwand sodann. Eine Minute später öffnete er selber die Haustür. »Guten Abend, Gerald. Ich sah noch Licht – es ist doch nichts Unangenehmes passiert –? Er hätte nicht erst zu fragen brauchen; das blasse Gesicht, die brennenden Augen und der schmerzensreiche Ausdruck in den Zügen seines Freundes gaben ihm genügende Antwort. »Herr Gott, Gerald – ist deine Mutter –« Er wehrte ihm mit der Hand und zog ihn auf den Hausflur. »Still, Emich«, sagte er leise. Es ist besser geworden. Sie schläft jetzt. Eine doppelte Injektion hat ihr Ruhe verschafft. Aber auf wie lange? ... Du, Emich,« – und seine Rechte drückte fest die Hand Schöninghs – »daß ich das noch ertragen kann?! Ich – ich –« und er strich sich über die Stirn – »ich fühle, wie mich das Leid innerlich aushöhlt und zermürbt! Kämpfte ich nicht mit aller, aller Kraft dagegen an – ich bräche zusammen oder würde wie – meine Mutter ...« Es überrieselte Emich kalt. Er dachte an die Worte des Onkel Wiegel. Sagen konnte er nichts, nur heiß erwiderte er den Händedruck Geralds. Mac Lewleß führte ihn in sein Arbeitszimmer. Hier hinten, in dem ganzen großen Raum, dem nur die Bücherreihen den Eindruck des Öden und Frostigen nahmen, brannte allein die niedrige Studierlampe auf dem Schreibtisch. Das Dunkel durchschattete alle Winkel und Ecken und kroch finster, wie eine schleichende Krankheit, über den Boden. Gerald berichtete kurz. Gegen Abend hatte sich bei der Mutter ein Tobsuchtsanfall eingestellt – schrecklicher als sonst. Auch gegen den Sohn hatte sich der Wahnsinn gerichtet, und immer wieder hatte sie nach Licht geschrien, das man ihr nicht geben und gönnen wolle ... Der starke Mut Geralds schien am Erlöschen zu sein. Alles in ihm war erschöpft, gebrochen und todesmatt. Und doch empörte ihn noch immer der Gedanke, seine Mutter in eine Anstalt zu bringen. Zu heilen war sie nicht – und wenn die Liebe des Sohnes nicht sie mehr mit weichen und kosenden Schwingen umgab, dann war ihr auch der letzte blasse Funke genommen, der noch ihres Lebens Dunkel erhellte. »Aber reden wir nicht immer von ihr und mir und unserm gemeinsamen Leid«, schloß Gerald mit starkem Aufatmen; »erzähl' mir lieber von Stenzig! Hattet ihr gute Jagd? Und wie geht es den Wiegels?« Er fragte nicht im besonderen nach Ruth, aber Emich merkte wohl, daß ihr Name auf seinen Lippen schwebte. Und unwillkürlich begann Schöningh auch von ihr zu sprechen, stockte sodann und wurde ein wenig verlegen. Ein prüfender Blick Geralds glitt über das Gesicht des Freundes. »Emich«, sagte Mac Lewleß leise. Und plötzlich fuhr er in seinem Sessel empor, und ein Lodern flog durch seine Züge. »Man hat dir erzählt, Emich –? Von meiner« – und wieder sank seine Summe – »von meiner verunglückten Werbung – ?« Schöningh nickte. »Mit aller Delikatesse, Gerald. Der Onkel selbst sprach mir davon. Er konnte es grade mir nicht verheimlichen. Wozu auch? Bin ich denn nicht dein Freund? ...« Gerald sank wieder im Stuhle zusammen. Sein Gesicht war jetzt völlig aschfarben geworden, und schwer und keuchend hob sich die Brust. Ein unsagbar schmerzlicher Zug grub sich zwischen Nase und Mundwinkel ein. Eine große Träne stahl sich über seine Wange. »Emich,« flüsterte er, »begreifst du, wie todunglücklich ich bin? ...« Der herbe Gram des Freundes riß zuckend am Herzen Schöninghs. Ein Vater und ein Bruder konnten ihm nicht näher stehen. Er packte die Hände Geralds und preßte sie fest in den seinen. »Gerald,« rief er, »wie du mit deiner armen Mutter, so leide ich mit dir! Ich kann nicht sehen, daß du unter allen deinen Schmerzen langsam verblutest!...« Mit ruckartigem Kopfschütteln lichtete sich Mac Lewleß wieder auf; seine Hand streifte über die Wange, um die verräterische Träne fortzuwischen. »Du bringst mich wieder zu mir selbst, Emich«, sagte er. »Ich glaube Wunder, wie stark ich bin und heule wie ein Quartaner! Der köstliche alte Hippel hat recht: vom Glück ist dem Weisen nur zu träumen erlaubt; das Unglück als das gewöhnliche Erdenlos mit Fassung zu ertragen, ist Pflicht. Und ich will wieder meine Pflicht tun. Laß uns ruhig über Ruth sprechen; ich bin wieder gefeit. War der Grund dafür, daß Graf Wiegel dich in das Vertrauen zog, vielleicht die bevorstehende Verlobung Ruths?« »Nein, Gerald. Ruth wartet noch immer auf den Rechten. Unter dem ganzen Schwarm von Freiern, der sich bisher um sie beworben hat, war er nicht. Wer wird es sein? Ich verstehe sie nicht. Oder vielleicht doch: sie ist reich und unabhängig, denn ihr Vater erfüllt jeden ihrer Wünsche und auch die Mutter ist Wachs in ihren Händen – so wartet sie denn auf den, der ihr gefällt. Und auch in bezug auf die Neigungen des Herzens läßt sich über den Geschmack nicht streiten.« »Gewiß nicht. Und Ruth besitzt Selbstbewußtsein genug, sich nicht nur ihr Glück zu schaffen, sondern auch ihr Glücksempfinden ausleben zu lassen. Doch auch Leute mit starker Glücksfähigkeit täuschen sich zuweilen. Täuschen sich über das, was ihnen als Ausgleich zwischen Herz und Welt am erstrebenswertesten erscheint. Vielleicht ging ich selbst mit meiner Liebe und Leidenschaft in die Irre. Vielleicht – ja, vielleicht! Aber ist dies Fragezeichen Balsam und Linderung für ein wehes Herz?... Hippel allein hat recht: Ertragen ist Pflicht! Ich habe damals sterben wollen, und die Reue über meine Feigheit war nicht minder groß als mein Leiden; denn ich mußte leben – schon um derentwillen, die mir dies Leben geschenkt hat... Du willst fort, Emich?« Schöningh bejahte; er hatte sich erhoben. Er erzählte von dem Telegramm aus Stubbach und der bevorstehenden Reise. Mac Lewleß hatte seine Ruhe vollkommen wiedergewonnen. Sein Gesicht zeigte den alten, abgeklärten Ausdruck; er lächelte sogar, wenn auch etwas müde, und sagte ein harmloses Scherzwort über den Fürsten Ferdinand, der seinen Zweitgeborenen auf die Weide nach Rußland schickte, so wie man ehemals die jungen deutschen Prinzen auf die »Kavaliertour« nach Paris expedierte... Als Emich mit schwerem Herzen nach Hause ging, sah er vor der Wohnung des Obersten einen Wagen halten. Auch Hildringen war nach Klempin zurückgekehrt. Trotz der späten Stunde und des schlechten Wetters empfingen ihn seine drei Krausköpfe vor der Haustür, in Capuchons, Plaids und Mäntel gewickelt, die kleine Ma sogar in dem Waterproof ihres Vaters, dessen grüner Kragen ihr weit über die Ohren reichte. Sie wollten die Jagdbeute haben; Kichern und unterdrücktes Lachen scholl über die Straße, dazwischen der gutmütig klingende Baß Hildringens. »Kinder, nun laßt's gut sein! Ich bin hundemüde!« »Väterchen, nicht mal einen Hasen?« »Aber, Mi, es war ja eine Hetze auf Damwild!« »Väterchen, Damwild hätt's auch getan; ich wollte dir deine Jagdbeute als Sonntagsbraten vorsetzen!« »Brat mir 'n Storch, Mi, aber die Beine recht knusprig!« »Väterchen, die Stenziger Jagd sollte das Loch in unsrer Wirtschaftskasse füllen helfen!« »Ma, ich schenk' dir einen Taler extra, wenn du mich jetzt zu Bette gehen läßt!« »Väterchen, erst den Taler« – – und das Lachen und Kichern begann von neuem. Emich drückte sich dicht an den Schatten der Häuser. Dies fröhliche Glück, das alle tausend Sorgen des Obersten zu seinen Füßen niederwarf, fiel wie ein Stück Sonnenschein in das Herz Schöninghs. Und es tröstete ihn auch über das Schicksal und die Zukunft Geralds; es war wie ein Heller Stern, der in der Wetternacht mit heiterem Glanze durch die Wolken trat. Wirklich – ganz unglücklich kann niemand sein! Oder doch nur der, dem nichts mehr zu hoffen und zu – fürchten bleibt. VII Über Nacht war scharfe Kälte eingetreten, und als Emich im Eisenbahncoupé saß, begann es sogar zu schneien, so dicht und anhaltend, daß die Landschaft binnen zwei Stunden in schillerndes Weiß gehüllt war. Schon von Stenzig aus hatte sich Emich telegraphisch für heute in Stubbach angemeldet. Nun lehnte er in seinem Ecksitz, rauchte eine Zigarre und schaute in den tanzenden Schnee hinein, der sich an den Fenstern aufhäufte und an den Scheiben langsam zerfloß. Emich hatte den Rat Wiegels befolgt und reiste in Uniform. Es war eine langweilige Reise. Er mußte dreimal umsteigen und blieb auf einer kleinen Station zwei Stunden liegen, weil der Zug den Anschluß versäumt hatte. Der Grog auf der Station war jammervoll, und als Emich es mit einem belegten Brötchen versuchen wollte, stellte es sich heraus, daß auch der Schinken ungenießbar war. Der Appetit wurde immer reger und die Laune immer schlechter. Endlich brauste der Zug heran, mit Schnaufen und Stöhnen, aber auch wie ermüdet und gelangweilt. Den Vorzug des Kurierdienstes kannte man in dieser Gegend noch nicht. Träge schlich sich der Zug durch das weiße Land, alle zehn Minuten anhaltend, um einem Bäuerlein oder Ackerbürger Gelegenheit zu geben, von dem Triumphe des neunzehnten Jahrhunderts Gebrauch machen zu können. Hier im Bergland schien es bereits völlig Winter geworden zu sein. In ihrem hell flimmernden Kleide machte die Gegend einen befremdlichen Eindruck auf Emich; es waren freilich zwölf Jahre her, seit er als lustiges Bübchen einmal mit seinem Vater nach Stubbach gereist war. Allgemach aber wachte, als er so aus dem Fenster schaute, doch eine Erinnerung nach der anderen in ihm auf. Der Zug verlangsamte sein schläfriges Tempo noch mehr; es ging bergauf durch einen gewaltigen Forst von Weihnachtsbäumen, die das Abendrot umglühte, und dann mit metallischem Klingen über eine kühn gespannte eiserne Brücke, unter der ein brausender Sturzbach seine Wasser über Felsgestein und Schiefergeröll schüttete. Das war die Stubbach-Klamm – und durch den Einschnitt, den sie im Walde bildete, sah man auch in der Ferne die Trümmer der alten Burg, auf jenem seltsam geformten Bergkegel, den man den »Keil« nannte und auf dem die Wege des Geschlechts Schöningh gestanden hatte. Das hier war die wirkliche Heimat Emichs! Im Hochwald, der die Hänge des »Keil« umbuschte, ragten noch alte Eichen empor, die vielleicht hätten davon erzählen können, wie man vor vielen, vielen hundert Jahren auf dieser Höhe den ersten Stein gelegt hatte, über dem die Burg himmelwärts strebte. Denn die Grafen von Schöningh waren reiche und mächtige Herren gewesen, und mochte man auch an der Überlieferung zweifeln, die da besagte, daß einer der Schöninghs nahe daran gewesen sei, die Krone des alten römischen Reichs zu erringen – gewiß war es, daß ihre Stimmen bei der Wahl der Herrscher schwer in die Wagschale zu fallen pflegten... All das war vorüber: die Burg zerfallen; Brombeergesträuch, Ginster und wilder Flieder wuchsen im Hofe, und ein undurchdringliches Efeugespinst umklammerte mit tausend Fäden das letzte Mauerwerk. Unten im Tale war das Städtchen entstanden, und da hatten sich die Nachkommen Heribrand des Stolzen, der in der Chronik als erster dokumentarisch nachweisbarer Ahn des Geschlechts galt, eine neue Feste erbaut: Stubbachfeste ward sie genannt, der Stadt zu Ehren, die lange Zeit eine Enklave im Schöninghschen Gebiet gebildet hatte, bis laut Vertrag vom Jahre 1638 ihre unter seltsamen Umständen bewilligten Sonderrechte aufgehoben wurden. Von dieser Zeit ab waren die Schöninghs auch Grafen zu Stubbach und wurden späterhin zu Reichsfürsten erhoben. Aber es war, als habe man ihnen mit dem Geschenk der Fürstenkrone auch etwas sehr Stolzes genommen: das Gefühl der Unabhängigkeit. Von der Rheinbundszeit ab wurden die Fürsten aus dem Hause Schöningh zu Fürstendienern... Nun umbrauste der Zug das Rundtal, in dem das Städtchen lag, weiß überstreut vom Schnee, wie im Winterschlafe ruhend, überragt von seiner Feste, die sich auf kleiner Anhöhe vor seinen Toren erhob: ein Komplex kastenähnlicher Bauten, aus dem ein schlanker, schön gegliederter Uhrturm aufragte, wie der Campanile eines italienischen Kirchenmonstrums. Auf dem Bahnhofsperron stand der Inspektor in seiner besten Uniform und neuesten Mütze. Ein paar Gepäckträger breiteten einen Teppichläufer aus und schoben eine transportable kleine Treppe an den Zug heran. Seine Durchlaucht empfingen Besuch; der Leibjäger hatte ihn angemeldet, und da war es selbstverständlich, daß man alle möglichen Umstände machte. In seiner ersterbenden Devotion hatte der Bahnhofsinspektor auch einmal einen Berliner Schneidermeister, der dem Fürsten persönlich Maß zu einem neuen Frack nehmen wollte, mit der Ehrung des Teppichläufers und der kleinen Treppe empfangen und sich, als er auf seine Eselei aufmerksam gemacht wurde, damit entschuldigt, der Schneidermeister habe wie eine Exzellenz ausgesehen. Heute war freilich ein solches ärgerliches Versehen ausgeschlossen; man wußte, daß Durchlaucht einen Neffen erwarteten – hinter dem Stationsgebäude hielt auch schon der Schlitten, den Großfürst Fedor Konstantin mitsamt einem russisch gedrillten Kutscher vor kurzem dem Fürsten Ferdinand geschenkt hatte. Emich war auf einen so glänzenden Empfang nicht vorbereitet. Er dachte unwillkürlich an seine letzte Kadettenfahrt dritter Klasse zurück, als man ihm die kleine Treppe zur Erleichterung des Aussteigens bis an das Coupé heranschob. Zu gleicher Zeit sprangen ein Groom und ein schnurrbärtiger Jäger herzu, um ihm das Handgepäck abzunehmen, und ein sehr eleganter Herr näherte sich ihm, den blanken Zylinderhut in der Hand, mit tiefer Verbeugung und sagte: »Habe die Ehre, Erlaucht. Graf Callomeo, Hofchef Seiner Durchlaucht ...« Emich reichte dem Grafen die Hand. Er war wirklich etwas verwirrt. Bei seiner einfachen Erziehung war ihm das Zeremonielle dieses Empfangs fast peinlich. Der gräfliche Herr mit dem fremd klingenden Namen ging mit geneigtem Rücken neben ihm her und machte ein ehrerbietiges Gesicht. Der Stationsvorsteher klappte die Absätze zusammen und grüßte militärisch; alles Menschliche auf dem Perron zog Hüte und Mützen. Hinter dem Bahnhof hielt eine Troika. Die drei Rappen waren mit höchster Eleganz aufgeschirrt, warfen die zierlichen Köpfe hin und her, scharrten mit den Hufen im Schnee und klingelten leise mit ihrem Silbergeläut. Unbeweglich, die Arme mit den straff gezogenen Zügeln weit vorgestreckt, thronte der in russischer Tracht steckende Kutscher auf dem Gefährt. Ein Gepäckschlitten hielt hinter der Troika. In sausendem Fluge ging es durch das Städtchen, über dessen altertümliche Häuser mit ihren Erkern und überhängenden Dächern und ihrem Schnörkelwerk langsam die Dämmerung herabsank. Graf Callomeo saß Emich gegenüber, gebückt und anfänglich ziemlich schweigsam, mit nicht nachlassender Ehrfurcht. Nur zuweilen wies er nach rechts und links und gab kurze Erklärungen ab. »Das Schulgebäude, Erlaucht... Der Markt... Der Brunnen, Erlaucht, mit dem Standbild Heribrands des Stolzen... Die neue Gasanstalt... Das Tuchmacherhaus...« Emich wußte nicht recht, wie er sich diesem Grafen gegenüber verhalten sollte. Auf ein paar scherzhaft hingeworfene Bemerkungen antwortete der Hofchef nicht; der Respekt vor dem Gaste seiner Durchlaucht mochte ihm das verbieten. So begnügte sich Emich denn, mit dem Kopfe zu nicken und ein paarmal zu sagen: »Sehr interessant!...« »Die Stubbachfeste, Erlaucht!« Man fuhr durch ein schmales und sehr tiefes Tor. Graf Callomeo wies geradeaus. Von dieser Seite präsentierte sich das alte Schloß ungleich vorteilhafter als von der Höhe gesehen. Es imponierte durch die Riesenhaftigkeit seiner Formen und der umliegenden Baulichkeiten. Die Schöninghs hatten der kleinen Stadt einen Koloß auf den Nacken gesetzt. Graf Callomeo erklärte weiter. »Links der Marstall, Erlaucht. Gegenüber die Communs... Den Pavillon mit dem Kupfertürmchen liebten Ihre Durchlaucht, die verstorbene Frau Fürstin, Eurer Erlaucht durchlauchtigste Frau Tante, ganz besonders und geruhten dort zu öfterem ihre Teegesellschaften zu geben. Auch Emanuel Geibel war einmal dort. Der Querbau rechts, Erlaucht, ist die Bibliothek. Viele Inkunabeln und ein reichhaltiges Archiv. Auch eine Waffensammlung mit der Rüstung Heribrand des Stolzen –« »Sehr interessant, Herr Graf!« »Und eine Kollektion seltener Gläser, Erlaucht. Aus einem hat Wallenstein getrunken und dabei den berühmten Ausspruch getan: ›Dies Wasser schmeckt gut katholisch‹... Das verwitterte Standbild auf dem Rondell – belieben Euer Durchlaucht ein wenig nach links zu blicken – wurde 1723 dem Kanzler Rüttgers gesetzt, der damals Staatsminister von Stubbach war. Er war der Erfinder der Fenstersteuer im Reiche. Es wurde damals nämlich zu viel gebaut.« »Sehr interessant«, sagte Emich. Graf Callomeo sprach erläuternd weiter. Emich hatte ihm anfänglich etwas schärfer in die Augen geschaut, weil er glaubte, der Graf wolle ironisch werden. Aber sicher dachte der Graf gar nicht daran. Sein Gesicht zeigte unverändert immer den gleichen unterwürfigen Ausdruck, wählend die Hand hierhin und dorthin wies und die schmalen Lippen die Chronik von Stubbach repetierten... Gott sei Dank klingelte das Dreigespann bald auf die Schloßrampe, auf der die unvermeidlichen Fanfarenbläser aus Sandstein standen, Schneeperücken auf ihren Häuptern, Schnee auf Armen und Händen und auf den gewaltigen Waldhörnern, die sie, zu ewiger Lautlosigkeit verdammt, an die Lippen setzten. Ein ganzer Schwarm von gallonierten Bedienten sprang vor die Tür – ein Haushofmeister und zwei Herren in eleganten schwarzen Überröcken erschienen dahinter. Graf Callomeo war auch hier der Erklärer. »Erlaucht gestatten gnädigst: Kammerherr von Berkamp – Oberstallmeister Baron Rüxhoff...« Und auf einen dritten, soeben erscheinenden Herrn weisend, der mit seinem viereckigen Kopf und der vierschrötigen Figur wie ein großer Nußknacker aussah: »Major Biegeleben, Kabinettschef Seiner Durchlaucht...« Nun reckte sich Emich. Es war ersichtlich: der Onkel wollte ihm mit dem ganzen Aufwand seines kleinen Hofstaats imponieren. Und deshalb tat Emich so, als imponiere ihm gar nichts. Er wurde herablassend und schritt grüßend die Treppe hinauf. Graf Callomeo, der Kammerherr und der Oberstallmeister gaben den Vortritt; der Kabinettschef schritt hinterher. Auf allen Podesten standen Lakaien; ein Huissier riß plötzlich mit erschreckender Heftigkeit eine Tür auf – eine ganze Fülle von Licht strömte Emich entgegen, und dann hörte er die Stimme des Fürsten Ferdinand: »Mein liebwerter Vetter und Neffe, ich freue mich, dich in meinem Lande und meinem Hause begrüßen zu können...« Es war ein Empfang streng nach den Regeln der Etikette. Emich fand kaum Zeit, zu sich selbst zu kommen. Er war froh darüber, daß er seinen blauen Koller mithatte, denn fast unmittelbar nach seiner Ankunft fand ein Diner zu sechzig Gedecken im kleinen Bankettsaal statt. Alles, was einladungsfähig in Stadt und Umkreis war, hatte man zusammengetrommelt: bis zum Referendar am Gericht und zum Obersteuerkontrolleur und dem ersten Kassenrendanten der fürstlichen Domänenverwaltung. Und die meisten trugen stubbachsche Orden: den schwarzen Greifen mit beiden Klauen, mit einer Klaue und mit dem Ringe im Schnabel, sowie die verschiedenen Medaillen des Fürstentums, die mit »Für Verdienst und Treue« endeten... Emich lächelte nicht bei diesem kleinstaatlichen Prunkbankett, sondern wahrte die Würde; wahrte sie selbst, als einer der Lakaien beim Servieren des Spargels so heftig gegen die Frackklappe des Oberbürgermeisters stieß, daß dessen schwarzer Greif mit einer Klaue sich löste und klirrend in die Schüssel fiel. Wahrte sie sogar, als er sehen mußte, daß der tödlich verlegene Oberbürgermeister den Orden mit höchsteigenen Fingern wieder zwischen den Spargeln herausholte und an der Serviette abwischte... Es war ein prunkvolles Festmahl: es gleißte, blitzte und flimmerte von Silber und Gold und schönem alten Kristall. Aber es gab dürftig zu essen, und es gab schlechte Weine. Der Fürst war sparsam. Trotzdem führte er häufig, bevor er trank, sein Glas an die Nase, als wollte er den Duft der Blume einsaugen, die gar nicht da war. Auch der Champagner war nicht kalt genug, doch gab er dafür um so mehr Schaum von sich, der die Gläser rasch verbrausend füllte, wie eine lockere Illusion die Seele... All das ging vorüber: das Bankett, der darauffolgende Cercle und die Verabschiedung der Gäste. Graf Callomeo blieb bis zuletzt; dann empfahl auch er sich, mit tiefer Neigung und einer Gebärde, die auszudrücken schien, man möge es ihm nicht übelnehmen, daß er immer noch am Leben sei. Nun war die Familie allein: der Fürst, die Prinzen Heimich und Leopold und Emich. Und wie mit einem Zauberschlage änderte sich auch das Wesen des Fürsten. »So, mein Junge,« sagte er und schlug Emich auf die Schulter, »jetzt wollen wir noch ein gemütliches Stündchen verplaudern! Sollst auch schmecken, daß mein Keller noch einen besseren Tropfen beherbergt als ich ihn zu den Hoffesten zu opfern pflege!... Entre nous , Emich, von der ganzen Gesellschaft versteht höchstens der Oberforstrat etwas vom Wein – und der sauft mir zu viel... Leo und Heinz, bringt den Vetter in die Kemenate der heiligen Rodogunde und schickt mir den Bassermann herauf! Ich habe noch fünf Minuten in meinem Kabinett zu tun und komme dann nach.« Die beiden Prinzen faßten Emich mit lustigem Lachen rechts und links unter den Arm und stürmten mit ihm davon. Es waren zwei prächtige Jünglinge, etwas schmächtig für ihr Alter, aber mit intelligenten Gesichtern und von lebhaftem Temperament. Sie hatten beide bis vor kurzem in Heidelberg studiert, und nun sollte der Erbprinz bei den Garde-Ulanen eintreten, während Leopold von dem Großfürsten Fedor Konstantin mit Beschlag belegt worden war. »Emich, wie gefällt es dir denn bei uns?« fragte Leopold. »Ein bissel steif – was? Aber das macht nix. Im Gegenteil – Papa ist immer doppelt so aufgeräumt, wenn er mal wieder ein Diner hinter sich hat. Hat dich Callomeo auch mit gehöriger Ehrfurcht empfangen?« »I ja wohl«, entgegnete Emich. »Er tat, als ob ich Bismarck wäre. Und was weiß der Mann alles! Von jedweder Sehenswürdigkeit Stubbachs konnte er mir eine schöne Beschreibung geben und sprach wie gedruckt. Wo habt ihr den Mann her? Er klingt so fremdländisch an.« Die Prinzen kicherten. Heinrich faßte Emich an einem Knopf seines Kollers. »Sag's nicht weiter, Emich. Er heißt eigentlich Krause und stammt aus Luckenwalde. Sein Vater war Holzhändler oder so etwas Ähnliches und ungeheuer reich. Der Sohn hat viel gelernt, aber die Hof-Kaprice. Es gibt ja solche Leute. Und da hat er sich in San Marino zum Duca di Gamba dei Callomei machen lassen. Das kann man da, wenn man bezahlt. Und dann wurde er plötzlich Kammerherr in Koburg. Und schließlich hat er hier auf seine Kosten das neue Schulgebäude bauen lassen und eine konservative Zeitung gegründet. Da wurde er dann Hofchef bei Papa. Aber bloß als Graf Callomeo. Duca ging doch nicht gut. Das hiesige Oppositionsblatt hat neulich sowieso einmal einen Artikel gegen ihn gebracht mit der gemeinen Überschrift ›Quatsch nicht, Krause‹. Ist das nicht scheußlich?« »Scheußlich, Heinz. Dieser Graf Krause – Graf Camillo wollte ich sagen – Graf Camarillo – also heiße er, wie er wolle – scheint mir jedenfalls ein vollendeter Hofmann geworden zu sein. Den Holzplatz merkt man ihm nicht mehr an.« »Um aller Welt willen, Emich, mach' keine Witze über ihn! Papa schätzt ihn sehr.« »Kann er auch, Emich. Callomeo ist fabelhaft tätig, von früh bis spät auf den Beinen, treu, zuverlässig – dabei grundgutmütig; kann auch liebenswürdig sein, wenn er einmal die Knöpfe öffnet. Aber wie gesagt, er leidet am Hofpips. O du mei Je, hätt' ich sein Geld –« »Oder ich«, meinte Emich. »Vettern, ihr habt gut reden! Hält euch der Papa auch wirklich ein bißchen knapp – ihr wißt doch, daß ihr immer einen Goldbarren im Hintergrunde habt! Der Leo nun noch einen russischen extra. Aber, du lieber Gott, ich!? Wenn mir mal ein Pferd über den Haufen stürzt, weiß ich nicht, wo ich ein zweites hernehmen soll... Aber, Leo, jetzt mal heraus mit der Sprache! Du – da hat man neulich im Hof- und Regimentstheater zu Klempin ein Stück gespielt, das hieß ›Wie denken Sie über Rußland?‹ So möcht' ich dich auch fragen.« Prinz Leopold wurde plötzlich ernst und seufzte ganz leise auf. »Ach Gott, Emich,« sagte er, »das ist gar nicht zum Spaßen. Wenn ich an Rußland denke, fällt mir nicht immer gleich Kaviar ein. Es ist so weit und eine verdammte Gegend. Und – – aber ich darf nicht darüber sprechen, eh' dich nicht der Papa ›offiziös‹ informiert hat, um mit Callomeos Leitartikeln zu sprechen. Ich sage dir bloß, ich wollte, ich wäre an Heinzens Stelle. Die Garde-Ulanen und Berlin bieten angenehmere Aussichten als die Poltowa-Reiter und Garica.« »Und was?« fragte Emich. Da trat Fürst Ferdinand ein, und hinter ihm Bassermann, sein alter Kammerdiener, ein Muster von Kammerdiener: weiß, glatt, rosig, lautlos und milde. Bassermann trug einen silbernen Kübel in den Händen, und aus dem Kübel ragten ein paar gelackte Flaschenhälse hervor. Ein zweiter Diener folgte mit einem Tablett, auf dem vier Römer standen. »In die Kemenate«, sagte der Fürst, und Bassermann öffnete die Tür zu dem geheimnisvollen Raum. Es war aber nichts Geheimnisvolles weiter daran als der Name. Auf der Stelle der Stubbachfeste hatte ehemals ein Kloster gestanden, von einer heiligen Dame namens Rodogunde oder Rodogundis begründet, und man sagte, deren Schlafzelle hätte ungefähr der Örtlichkeit entsprochen, die seit zwei Jahrhunderten und darüber »Kemenate der heiligen Rodogunde« hieß. Wer dies gesagt hatte, wußte man nicht, das Zimmer hieß einmal so. Aber es glich nicht oder doch längst nicht mehr der Klosterzelle einer frommen Büßerin. Es war ein sehr behaglicher Raum mit tief dunkel, fast schwarz gewordener Täfelung, mächtigen Fensternischen und einem wahrhaft Ungeheuern Kamin, dessen gemauerter Mantel fast bis zur Decke reichte. In ganz besonderem Gegensatz zu der Bezeichnung des Zimmers standen jedenfalls die Dutzende absonderlicher Trinkgefäße, die das Gesimse schmückten – Gläser und Humpen aus feinstem Kristall, Silber und Gold, Porzellan und Steingut, mit farbiger Bemalung, Ziselierung und Inkrustierung, mit Wappenschmuck, Devisen auf flatternden Bändern, Dedikationen und anderen Inschriften, Rankenwerk, Fabelwesen und Landschaftsbildern – und dazwischen allerhand Trinkhörner, kleine und zierliche und wahrhaft furchterweckende, von einer Größe, wie sie nur dem Durst eines Rodensteiners entsprechen konnten. Die Kemenate der heiligen Rodogunde war also zu einem Trinkstübel geworden; doch ein köstlicher Raum, sich in Gemütsruhe und Behaglichkeit an einem Glase trefflichen Weins zu erletzen, war es schon. Diesen Odem der Behaglichkeit spürte auch – doppelt nach dem steifleinenen Diner – Emich, als er in einem der großen, bequemen, ledernen Sessel vor flackerndem Kaminfeuer saß und den Schnee gegen die Fensterscheiben wehen hörte. Ohm und Vettern hatten neben ihm Platz genommen; zwischen ihnen stand ein Tischchen mit dem Weinkühler, und der edle Johannisberger funkelte in den hohen Römern, während der Duft der Zigarren durch das Zimmer zog. Nur eine einzige Wandampel brannte in der Ecke, und das Zwielicht, das hie und da auf dem Edelmetall und dem Kristall der Pokale in schärferen Reflexen aufblitzte, erhöhte die Traulichkeit dieser Stunde... »Also zuvörderst dein Wohl, Emich«, sagte der Fürst, der einen lockeren, gesteppten Hausrock angelegt hatte und hob sein Glas. »Ich bin dir sehr verbunden, daß du meinem Wunsche, mich hier zu besuchen, so rasch nachgekommen bist. Ich habe langst das Bedürfnis gehabt, mich einmal mit dir auszusprechen. Meine Schwester Irmela ist an einen Mann verheiratet, der mir – weiß Gott, aus welchen Gründen –, nicht so recht wohlwill; vielleicht nur, weil wir uns in manchen Dingen ziemlich ähnlich sind – und kongeniale Naturen pflegen sich selten zu vertragen. Mein Bruder Hans-Carl ist tot für uns. Außer meinen beiden Jungen gehörst nur du noch zu unserm Geschlecht – ich meine, das ist Ursache genug, uns näher zu treten. Deine Eltern, lieber Emich, und ich haben jahrelang in einem peinlichen Rechtsstreit gelegen. Tatsächlich war das Recht auf meiner Seite; die Wallheide war ein Teil der fürstlichen Fideikommisse und die gräfliche Linie nur Pächter. Aber auch in bezug auf diesen Streitpunkt möchte ich dir später eine Einigung vorschlagen, mit der du, denke ich, einverstanden sein wirst. Zunächst laß uns einmal das besprechen, was im Augenblick die Familie am meisten angeht.« Er leerte sein Glas, und Leopold füllte es von neuem. Die beiden Prinzen saßen mit ausgestreckten Beinen in ihren Sesseln und rauchten. Ihnen schienen die Auseinandersetzungen des Papas ziemlich langweilig zu sein. Nicht so Emich: er war neugierig, wo hinaus der Fürst eigentlich wollte. Diese große Liebenswürdigkeit war etwas verdächtig. »Also höre«, fuhr Fürst Ferdinand fort, nachdenklich die Aschenspitze seiner Zigarre betrachtend. »Daß Leopold auf Wunsch seines Paten, des Großfürsten Fedor Konstantin, bei den Poltowa-Reitern eintreten soll, ist kein Geheimnis mehr. Geheimnis ist aber noch – und ich bitte auch dich, es vorläufig als ein solches zu betrachten – der Grund seines Übertritts in russische Dienste. Ich will es kurz machen: Leo soll, wenn die Kampagne im Balkan – woran kaum zu zweifeln ist – zugunsten Rußlands entschieden wird, den Fürstenthron von Illyrien besteigen.« Das kam Emich allerdings unerwartet. Er war förmlich erschrocken. Er fuhr in die Höhe und starrte den Onkel mit maßlos erstaunten Augen an. »Von Illyrien sagst du?! Von Illyrien, Onkel?!« »Verdammte Gegend«, meinte Prinz Leopold und biß sich auf die Lippen, als ihm ein strenger Blick seines Vaters diese unzeitgemäße Kritik verwies. »Ja, Emich – so ist es. Von Illyrien. Die diplomatischen Vorbereitungen sind bereits unter der Hand getroffen worden. Der Wunsch nach einem deutschen Fürsten ging von Illyrien selbst aus. Der alte Marquis Veresco, gegenwärtig Regentschaftsverwalter des Landes, hat namens der Volksvertretung bei dem Fürsten Kursewsky, der die Armee Illyriens reorganisiert, die ersten Schritte getan. Kursewsky gab die Anfrage an den Zaren weiter, der sie wiederum dem Oberbefehlshaber der Balkanarmee, dem Großfürsten Fedor Konstantin, überwies. Es konnte nur ein souveränes Haus, das im großen europäischen Konzert keine Rolle spielt, in Frage kommen. Daß Großfürst Fedor auf uns und speziell auf Leopold verfiel, ist seiner Freundschaft für mich zu danken. Die Mächte sind einverstanden; auch wenn man den Russen den Sieg streitig machen wollte, würde man behufs endgültiger Regelung der Verhältnisse im Balkan den Plan, den Thron Illyriens mit einem deutschen Fürsten zu besetzen, durchzuführen wissen. Bismarck hat mir persönlich in seiner liebenswürdig originellen Weise geschrieben: Deutschland habe gar keinen Grund, uns das Vergnügen zu mißgönnen, die Illyrier auf den Damm zu bringen. Mit der europäischen Diplomatie sind wir also d'accord ... Leo wird Ende des Monats abreisen und möglicherweise bald auf den Kriegsschauplatz berufen werden. Daß es meinem Vaterherzen nicht leicht wird, den Jungen sozusagen in die Fremde zu schicken, wirst du mir glauben, Emich. Aber der Gedanke, daß er berufen ist, den Glanz unseres alten Geschlechts im fernen Süden zu erhöhen, söhnt mich mit meinem persönlichen Empfinden aus. Wir sind hier im Wandel der Zeiten von einer intimeren Teilnahme an der großen Politik zurückgedrängt worden. Vielleicht wird Leopold einmal Besseres beschieden sein...« Prinz Leo machte ein Gesicht, als ob ihm das herzlich gleichgültig sei und wärmte seine Stiefelsohlen am Feuer, erinnerte sich dann aber der Würde seiner neuen Mission, nickte lebhaft und versuchte, sich ein wenig Begeisterungsfreudigkeit zu geben. Um so interessierter war Emich geworden. Er erzählte dem Onkel von seiner Freundschaft mit Masseo Veresco, dem er noch gestern Lebewohl gesagt habe und von seinen Sympathien für Illyrien: wie seltsam es ihn berühre, daß nun einer des Namens Schöningh die Fürstenkrone jenes Reichs tragen sollte, dessen Schicksal ihn so lebhaft beschäftigte. Und da wurde auch Prinz Leopold lebendig. Was dieser Veresco für ein Mensch sei? Ob man ihm nicht noch telegraphieren könne, seine Abreise aufzuschieben und vorher einen Besuch auf der Stubbachfeste zu machen? – Leo überschüttete Emich mit einem Schwall von Fragen, bis der Fürst schließlich ungeduldig wurde. »Tu mir den Gefallen und laß mich zunächst einmal aussprechen, Leo«, sagte er. »Wir haben mit Emich noch manches Wichtige zu erledigen; du kannst dich nachher zur Genüge mit ihm ausplaudern... Also, lieber Emich, wir bedürfen, da du gegenwärtig der Chef der gräflichen Linie unseres Hauses bist, die überdies nur auf deinen Augen ruht, auch deiner Zustimmung zu unserm Plane. Und das war der Hauptgrund, der mich dich herbitten ließ. Ich nehme an, daß du mit allem einverstanden bist und möchte dich ersuchen, dich morgen mit dem Major Biegeleben, meinem Kabinettschef, in Verbindung zu setzen. Biegeleben wird dir eine Urkunde vorlegen, die deine Genehmigung zu dem beabsichtigten Übertritt Leos in russische Dienste mit allen seinen eventuellen Folgen ausspricht. Ich meine, es wird dir erst keine lange Überlegung kosten, sie zu unterzeichnen.« »Gott bewahre, Onkel,« entgegnete Emich, »ich bin mit Vergnügen dazu bereit. Es ist auch mir eine Freude, etwas für den Glanz und die Ehre unseres Hauses tun zu dürfen.« »Ich danke dir« – und der Fürst erhob sich halb aus seinem Sessel und drückte Emich die Hand. »Leo, bedanke dich gleichfalls bei deinem Vetter!« »Aber um Gottes willen, macht doch keine Geschichten!« rief Emich, unwillkürlich heiter gestimmt über den tiefen Ernst, mit dem der Fürst – und mit Recht – seine Angelegenheit behandelte. »Leo, bleib sitzen! Besuche ich dich einmal in Garica, so revanchiere dich durch ein Paradediner, eine Hofjagd und das Großkreuz deines Hausordens!« »Ich habe noch eine andere Revanche für dich«, sagte Fürst Ferdinand. »Ich weiß nicht, ob du in den Einzelheiten unserer Chronik so recht Bescheid weißt. Der Fürstentitel stand uns, dem ganzen Geschlecht, schon mit der Erwerbung von Stubbach zu, kam aber erst Ende vorigen Jahrhunderts und zwar allein für die Stubbacher Linie zur Bestätigung. Das war insofern eine Ungerechtigkeit, als ihr kein apanagierter Ast seid, sondern mit uns denselben Stammvater habt. Ich habe nun in Berlin durchgesetzt, daß der Prinzen- und Prinzessinnentitel gleichmäßig allen Mitgliedern des Gesamthauses zuerteilt wird; selbstverständlich ausgeschlossen ist nur Hans-Carl, der seinen Rechten entsagt hat. Du wirst also nächster Tage die Genehmigung zur Führung des Prinzentitels erhalten, der auch deiner Nachkommenschaft ersten Grades zusteht.« Emich war etwas verblüfft. Die Vettern beobachteten ihn neugierig. Sie mochten glauben, Emich würde, taumelnd vor Freude, dem Ohm um den Hals fallen. Aber Emich dachte nüchterner und praktischer. »Es ist sehr liebenswürdig von dir, Onkel,« antwortete er, »daß du dich so warmherzig meiner annimmst. Der Prinzentitel ist sicher sehr hübsch, und ich muß ihn ja wohl auch akzeptieren. Aber in eine gewisse Verlegenheit bringt er mich dennoch. Ein armer Baron geht allenfalls noch an. Adlige Schlucker laufen massenhaft herum. Ein armer Graf ist schon fataler; es hat seine Schattenseiten, mit Erlaucht angeredet zu werden und dabei in Gedanken überschlagen zu müssen, wie lange die paar Taler im Portemonnaie noch reichen werden. Und nun gar ein armer Prinz! Onkel – ob ein Kommerzienrat nicht besser durch die Welt kommt?! ...« Der Fürst lächelte. »Ich habe auch an die finanzielle Seite gedacht, Emich«, entgegnete er. »Ich möchte Bruder Erich, deinen guten verstorbenen Vater, noch im Grabe versöhnen – und da hab' ich mir denn erlaubt, die Einkünfte aus der Wallheide für dich anlegen zu lassen. Das ist immerhin eine sichere Rente von etwa acht- bis zehntausend Mark im Jahre. Mit dem, was du bereits besitzest, und dieser Revenue wirst du also auch als Prinz ganz leidlich leben können...« Nun war Emich besiegt. »Onkel,« sagte er, »du machst mich schamrot. Ich – ich weiß nicht, wie ich dir danken soll –« »Von Dank ist gar keine Rede, Emich«, fiel der Fürst ein. »Aber eine Gegengefälligkeit kannst du mir erweisen. Ich lasse Heinz bei den Garde-Ulanen eintreten. Das bedeutet die Aussöhnung des Kaisers mit mir, der mir lange wegen der dummen Geschichte von Sechsundsechzig gegrollt hat. Willst du dich nicht auch zu den Garde-Ulanen versetzen lassen? Es wäre mir eine große Beruhigung, wenn ich euch beide Vettern beim gleichen Regimente wüßte...« Emich schwieg. Nun glaubte er zu verstehen. Es griff alles ineinander. Die Dotation des Fürsten sollte der Bonbon für die Versetzung nach Berlin sein. Er sollte der Aufpasser Heinrichs werden, zugleich sein Prügeljunge. Erbitterung quoll in ihm auf. Sein Regiment verlassen – die alten Freunde, vor allem Mac Lewleß – um keinen Preis!... »Onkel, vergib – aber das kann ich nicht. Das kann ich nicht. Ich habe mein Regiment liebgewonnen – es würde mir sehr, sehr schwer fallen, es aufgeben zu müssen ... Stellst du die Versetzung als Bedingung« – »Nein«, fiel der Fürst lebhaft ein; die Wolke des Unmuts auf seiner Stirn verflog rasch. »Ich stelle keine Bedingung, gar keine. Es handelt sich lediglich um eine Bitte. Laß sie dir durch den Kopf gehen. Es hat noch lange Zeit. Deine Entscheidung kommt auch noch in Monaten zurecht...« Er erhob sich plötzlich. »Es ist spät geworden. Ich will mich zurückziehen; das Diner hat mich ein wenig abgespannt. Aber laßt ihr euch nicht stören. Trinkt ruhig euern Rheinwein aus! Gute Nacht, Emich – gute Nacht, Jungens!« Leopold und Heinz wurden lebendig, als der Vater das Zimmer verlassen hatte. »Bassermann muß uns eine Cliquot heraufholen«, meinte Prinz Heinrich; »so jung kommen wir nicht mehr zusammen!« »Und ein paar Pullen Porter«, setzte Leopold hinzu. »Cliquot mit Porter; wer das beständig trinkt, hat seiner Zeit genug gelebt.« Aber Emich war gegen diese Weltweisheit. Der Johannisberger sei so wundervoll, daß man sich zufrieden geben möge. Er füllte nochmals die Gläser. Die Prinzen schnitten Gesichter, fügten sich aber. Emich mußte auf Leopolds Bitte von Veresco erzählen. Am meisten amüsierte sich der künftige Thronkandidat Illyriens über die Nationaltänze, die Masseo dem alten Obersten von Peuken im Feldmarschallsaale des Berliner Kadettenkorps hatte vortanzen müssen. »Das ist kostbar, Emich!« rief er und schlug sich lachend mit der Hand auf den Schenkel; »also Stratpotka und Sassapulka – o, das vergeß ich nicht – damit imponier' ich dem Großfürsten! Schade, daß du sie nicht tanzen kannst – dann hätt' ich sie mir auch eingeübt... Ach, Emich, ich graul' mich vor Illyrien! Denke, nun komm' ich aus Heidelberg, wo wir eine prächtige Zeit verlebt haben, und nun soll ich striktement nach dem abscheulichen Rußland! Die Poltowa-Ulanen haben zwar eine schmucke Uniform: pfirsichblütenrot und silbern – aber ich bitte dich: was geht mich im Grunde genommen Rußland an? Und Illyrien? Bismarck meint, der ganze Balkan könne uns Wurscht sein – Emich, ich sage dir, wenn man mir heute die Wahl ließe zwischen dem Fürstenthrone Illyriens und den Kronprinzen-Kürassieren – ich würde lieber Leutnant bei den Kronprinzen-Kürassieren!« »Schafskopf!« sagte Prinz Heinz. »Emich, über solch Geschwafel soll man sich nun nicht ärgern. Eine Fürstenkrone ist doch kein Butterbrot. Aber der Leo hat nicht die Spur Ehrgeiz im Leibe. Unten in Stubbach hat er mit der Tochter eines Butterhändlers ein Techtelmechtel angeknüpft –« »Heinz, ich verbitte mir deine Indiskretionen!« rief Leopold und bekam einen roten Kopf. »Du hast in Heidelberg einer Kellnerin eine Brosche und ein Armband und ein Paar Ohrringe geschenkt – wofür denn? haha – und ich habe nichts dagegen gesagt! Du tust, als ob du mein Vormund wärst! Du tust, als ob ich ein dummer Junge wäre! Ich verbitte mir das! Was bist du denn?!« »Na und du ?! – König von Illyrien! Feine Anstellung. Tausend Franken Zivilliste und zu Weihnachten 'ne baumwollne Weste!« »Bitte, lieber Bruder, ich überlass' dir den Vorrang. Du bist der ältere. Aber ich will dir was sagen: Komm' ich einmal nach Illyrien, dann herrsch' ich auch souverän! Und was hast du denn bestenfalls zu sagen, wenn du erst Fürst von Schöningh-Stubbach bist?! Hast mit dem Kopfe zu nicken bei allem, was man dir von Berlin aus vorschreibt und hast das Maul zu halten! Ich halt's nicht – ich reiß' es gehörig auf – ich –« »Schwerenot, nun zankt euch gefälligst nicht!« rief Emich. »Vorwärts, steigt in die Gläser! Was soll denn das heißen!? Leo, wir sind unter uns. Ich begreife, daß dich die Fremde nicht reizt. Aber hast du einmal angenommen, so mußt du auch deine volle Kraft der neuen Stellung widmen. Sapperment, was muß das für eine Freude sein, ein noch halb barbarisches Ländchen nach und nach in einen modernen Kulturstaat umzuformen! Ich glaube wirklich, mich könnte das reizen! Wahrhaftig, Leo – im Grunde genommen bist du besser daran als Heinz, denn dir steht wenigstens ein tüchtiges Stück Arbeit bevor!« Prinz Leopold nickte. »Sie ängstigt mich auch nicht«, sagte er. »Ich bummle ganz gern, aber die Arbeit ist keine unebene Abwechslung. Aber, herrjeh, wir Vettern untereinander brauchen uns doch kein X für ein U vorzumalen, und wenn ich sage, ich würde lieber – – na, ich bin schon stille, sonst wirft sich Heinz wieder in die Brust und spricht mir Ehrgeiz und Ehrgefühl und was nicht sonst noch alles ab!« Heinrich lachte gutmütig. »Es war nicht böse gemeint, Brüderlein fein. Prost – vertragen wir uns wieder! Rußland und Illyrien und du und deine Krone und das zurückbleibende Liebchen – auf all das trink' ich. Prost!« »Prost, Heinz – prost, Emich! Ach, die kleine Mieze! Solche blauen Augen und ein paar Lippen...« Er wollte schwermütig werden. Aber Emich erzählte ihm, daß die Mädel in Illyrien auch von schönem Schlage seien, prächtig gewachsen und trügen den Kopf stolz auf den runden Schultern und hätten Feuer im Blick. Das tröstete Leo. Noch dann seufzte er wieder. »Die Mädel in Illyrien! Lieben müssen sie mich schon, wenn ich ihr Fürst bin – aber so die rechte Liebe ist es doch nicht!...« Und er seufzte noch einmal. Emich fand das so komisch, daß er herzlich auflachen mußte. Die Eintracht zwischen den Brüdern war aber wieder hergestellt. Und Emich mußte von neuem von Veresco erzählen, bis sich ganz leise die Türe öffnete und der alte Bassermann erschien, angeblich, um nach dem Kaminfeuer zu sehen. Es war aber eine Mahnung, daß die Mitternachtsstunde vorüber sei; und um diese Zeit war noch niemals in der Kemenate der heiligen Rodogunde pokuliert worden... VIII Am folgenden Tage war ein Prachtwetter. Beim Frühstück hatten die Prinzen vorgeschlagen, eine Schlittenfahrt nach der alten Burg zu unternehmen. Graf Callomeo sollte mitkommen und den Erklärer abgeben: er hatte eine Geschichte der Burg geschrieben, die gratis verteilt wurde und kannte jeden Stein auf dem »Keil«. Vorher hatte Emich in der Hofkanzlei die Urkunde zu unterzeichnen, von der gestern abend gesprochen worden war. Major Biegeleben hielt das Papier schon bereit und reichte Emich die Feder. Dann stellte er sich in strammer Haltung neben dem Tische auf und machte sein gewöhnliches Nußknackergesicht. Der Akt vollzog sich ohne weitere Förmlichkeit und war dennoch ein historischer Augenblick. Nunmehr war die Bahn für den Prinzen Leopold frei. Der Fürst hielt sich den ganzen Vormittag in seinem Kabinett auf. Währenddessen waren unten zwei Schlitten vorgefahren. Im ersten nahm Emich mit Leopold, im zweiten der Erbprinz mit dem Grafen Callomeo Platz. In schlankem Trabe ging es durch die Stadt und in die Berge hinein. Es war in der Tat eine wundervolle Fahrt über den knirschenden Schnee, in klarer, kalter, sonniger Winterluft. Die Stubbach, wie man die Talmulde nannte, in der die Stadt und die Feste lagen, war ganz mit leuchtendem Weiß gefüllt, und von den sie umgebenden Bergen glitzerte der reifübersponnene Tannenwald herab. War dieser Wald herrlich in all der gleißenden Pracht, die Frost und Kälte und Sonne über ihn ausschütteten! Jede Wendung des Weges und jeder Durchblick boten neue Schönheiten. Da sah man plötzlich mitten im Tannendickicht einen Felsblock von gigantischer Form auftauchen, den Schnee und Regen genäßt hatten, und die Feuchtigkeit war gefroren und umschillerte nun wie ein Glasnetz, das in allen Farben blinkte und blitzte, den steinernen Riesen. Auch in der Stubbach-Klamm hingen überall von den zackigen Felsenstürzen große tröpfelnde Eiszapfen herab, und der geschmolzene Schnee sickerte von der Höhe tausendfältig durch silbern leuchtende Rinnen in das brausende Gewässer hinein, das tief unten das schmale Bett der Klamm füllte. Dann öffnete sich wieder der Wald und gab eine weite Lichtung frei, die ganz weiß war und so stark glänzte, daß man nur mit zwinkernden Augen über sie hinschauen konnte. In der Mitte stand der übermannshohe Rumpf einer alten, längst gebrochenen Eiche; er war ausgehöhlt, und man pflegte ihn bei der Anstandsjagd als Versteck zu benutzen. Jetzt aber saß ein riesiger Rabe auf dem Stamm und schaute stumm und sinnend ins Weite, ein schwarzer Fleck in der weißen Natur. »Piffpaff!« rief Prinz Leo, und der Rabe erhob schwerfällig seine Flügel und flog mit widrigem Krächzen davon... »Sage mir, Emich, ist es nicht schön in unsrer Heimat? – Und ist es nicht ganz verständlich, daß ich mich schwer von ihr trenne? Vielleicht komme ich gar nicht mehr zurück. Wer weiß, was einem da unten alles passiert!... Übrigens fällt mir ein: kennst du einen Hauptmann von Döring? Er hat sich auf dich berufen – war, glaub' ich, dein Pagenoffizier im Kadettenkorps.« »Jawohl, – ich entsinne mich seiner. Er hatte einen ähnlichen ›Hofpips‹ wie euer braver Graf Callomeo und fühlte sich eigentlich nur wohl, wenn er Parkett unter den Füßen hatte. Was ist mit ihm?« »Ach, nichts Bedeutsames. Er hat den Abschied genommen und wollte bei Papa in Dienst treten, hat sich auch persönlich bei ihm vorgestellt. Und da er Papa gefallen hat, wird man ihn mir wahrscheinlich als Hofoberhenkersknecht mit auf den Weg geben ... Nun paß' auf, Emich: jetzt geht's über den Wirbelbach – und da liegt die Burg!...« Da lag sie, auf der Höhe des »Keil«, der in Wahrheit keilartig in konischer Formation sich auf dem Plateau erhob und in seiner Hülle aus Schnee wie ein riesenhafter Zuckerhut ausschaute. In weit ausbauchenden Serpentinen zog sich der Weg den Hang hinauf. Man mußte langsam fahren. Die weißen, purpurrot befranzten Schneedecken der Pferde, die sich beim raschen Trabe lustig wie vollgeschwellte Segel im Winde gebläht hatten, umschlotterten jetzt in weiten Falten Rücken und Wampen der Gäule, und das helle Klingling der silbernen Schellen auf dem Geschirr wurde zu leisem, melancholischem Geläut. Die Kufen zogen tiefe Furchen in den Schnee. Er lag hier oben fußhoch und hatte dem alten Wartturm, der noch immer recht trotziglich in das Land schaute, eine Nachtmütze aufgesetzt. Vor dem Burghofe wartete schon, die Pelzkappe in der Hand, der sogenannte Kastellan, ein früherer Diener von der Stubbachfeste, der hier ein kleines Häuschen bewohnte, das wie ein Schwalbennest in luftiger Höhe an der Umfassungsmauer klebte. Nun stieg man aus und besichtigte zu Fuß die Trümmer des alten Kastells, und Graf Callomeo zeigte wieder, wie vortrefflich er in der Geschichte des Schöninghschen Hauses und des Fürstentums Stubbach beschlagen war. Er warf mit mittelalterlichen Jahreszahlen nur so um sich und erzählte die gräßlichsten Scheußlichkeiten aus dem Bauernkriege, als ob es sich um harmlose Jagdgeschichten handle. Und immer mit unverändert ergebenem Gesicht, den Oberkörper vom ewigen Komplimentieren leicht vorgeneigt, wie allezeit höchst elegant equipiert: in enganliegendem Gehpelz, mit blankem Zylinder und blanken Lackstiefeln – ein vollendeter Hofmann. Es gab nicht allzuviel zu sehen. Oder doch erst, als man die Plattform des Wartturmes erklommen, die der Kastellan rasch vom Schnee gesäubert hatte, der nun in Billionen glitzernder Atome durch die Luft stäubte. Ja, von hier aus gab es schon etwas zu sehen: da lag das ganze Land zu den Füßen der drei Schöninghs – tief unten, eingetrichtert im Kesseltal, Städtchen und Schloß und ringsherum Berg und Tal, Ortschaft an Ortschaft. Hie und da sah man Schornsteine rauchen, die Schlote großer Fabrikanlagen. Der kerzengrade emporsteigende und in weiter Höhe zu Kringeln und Ringen sich auflösende Rauch schien das einzig Bewegliche in der stillen und klaren Atmosphäre zu sein. Doch schon begann Graf Callomeo wieder mit seiner schier unerschöpflichen Weisheit und beschrieb, was man sah. »Die Grenzen des Fürstentums waren ehemals bedeutend weiter gespannt«, sagte er. »Blicken Sie nach Osten, wenn ich untertänigst bitten darf, da schob sich die Stubbach erheblich über die heutigen Grenzen Frankens hinaus und umfaßte auch noch die drei Basensteine, deren weiße Köpfe Sie in der Ferne sehen. Von der ältesten Zeit will ich gar nicht sprechen. Als Heribrand der Stolze, Ihr großer Ahnherr, meine gnädigsten Prinzen, noch auf diesem Felsen hauste – ich darf mir wohl zu sagen erlauben wie ein Adler im Horst –, da mag sein Besitzreich vielleicht vier-, fünfmal so groß als das Fürstentum gewesen sein... Es waren bessere Zeiten«, fügte er halblaut hinzu und fast wie in einen leisen Seufzer ausklingend... Prinz Leo konnte im Übermut seiner Jahre nur mühsam das Lächeln unterdrücken, das ihm auf die Lippen treten wollte. Nein, war dieser Graf ein gar zu kurioser Herr! Fühlte sich geschwellt vor feudalem Bewußtsein und lebte und webte in klirrender Ritterlichkeit und suchte seiner Seele heißestes Glück im Umgang mit Trägern altadliger Namen – und mußte doch von Ursprung schlichtweg Krause heißen. Krause aus Luckenwalde – das war die Ironie seines Lebens und blieb nun einmal das Skelett im Hause der Duca di Gamba dei Callomei, deren Herzogskrone er mutterseelenallein zu tragen verurteilt war. Doch nun war er mit seinem Bericht glücklich zu Ende. Emich ließ noch einmal seinen Blick durch die Runde schweifen – da drüben, nach Westen zu, hinter dem langgestreckten Höhenrücken, mußte Seesenheim liegen – dann stieg auch er den Wartturm hinab ... Wieder klingelten die Schlitten über den Schnee in fröhlicher Fahrt durch den Wald zurück und durch das Städtchen, das in sabbatlicher Ruhe träumte, denn in den katholischen Landen hatte man heute einen großen Feiertag. Das Frühstück wurde in der Familie genommen, zum Diner waren aber wieder die Hofchargen geladen und die Diplomatie des Reichs, die sich in dem Staatsminister Doktor Holdemann verkörperte, einem früheren Rechtsanwalt, der an die freisinnigen Regungen seiner Jugend nur noch mit Schaudern dachte und dabei das Unglück hatte, linkshändig zu sein. Es war behaglicher als gestern, auch der Fürst so aufgeräumt, daß er sogar zuweilen ein Scherzchen machte, belacht von den Höflingen und fein belächelt vom Grafen Callomeo... Am folgenden Vormittag reiste Emich wieder ab. Der Fürst umarmte ihn väterlich beim Abschied und küßte ihn nach russischer Sitte auf beide Wangen; seit Großfürst Fedor Konstantin sich so liebenswürdig bezeigte, hatte er sehr viel für Rußland übrig. Die Prinzen umarmten den Vetter stürmisch. Leopold hatte ein verborgenes Tränentröpflein im Augenwinkel; er hatte sich mit Begeisterung an Emich angeschlossen. »Wann werden wir uns wiedersehn, Emich?! Ach Gott, wann?! Schade, daß du schon fortmußt!« »Ich besuch' dich so gewiß einmal in Illyrien, wie zwei mal zwei vier ist, Leo, mein Junge. Masseo Veresco hab' ich es auch versprochen. Während eines Manöverurlaubs komm' ich hinunter.« »Aber tu's auch, Emich! Hand drauf?« »Hand drauf!« Und doch mußte er den Handschlag brechen. Er sollte den kleinen Vetter nicht wiedersehen oder wenigstens nur den Sarkophag, der über dem armen Toten seine marmorne Pracht erhob. Oben am Fenster standen die Prinzen und winkten und nickten herab, als Emich davonfuhr. Callomeo brachte ihn auf den Bahnhof, wo sich die Ehren des Teppichläufers und der kleinen Treppe erneuerten. Der Graf blieb am Coupéfenster mit abgezogenem Zylinder stehen, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Und als Emich nochmals aus dem Fenster zurückschaute, sah er noch immer diesen Zylinderhut glänzen. Er glänzte sogar in den Traum hinein, in den Emich müde versank, als er sich auf den Wagenpolstern ausgestreckt hatte, um die Geschehnisse dieser kleinen Reise zu überdenken... Von der Station, bei der Emich ausstieg, war Dorf Seesenheim in einer halben Stunde zu erreichen. Er mietete sich einen Bauernwagen und fuhr zwischen beschneiten Feldern und durch eine magere Kiefernforst seiner Geburtsstätte entgegen. Das war wiederum Heimatluft, die ihn hier umwehte. Er kannte sich gut aus. Da lag der Eibensee, auf dem er so oft Schlittschuh gelaufen war, blank wie ein großer Spiegel und dicht an seinem Ufer die Försterei. Da lag das Vorwerk Erichshöhe, das sein Vater erbaut hatte, und da Seesenheim selbst, ein winziges Dörfchen mit großer Kirche, hinter der der Park begann, in dessen Mitte das niedrige, ziemlich unscheinbare Herrenhaus sich erhob. Emich ließ sich nicht durch den Park, sondern auf den Wirtschaftshof fahren. Er wunderte sich darüber, daß man hier nicht den Schnee zusammengefegt hatte. Es sah öde und unwirtlich auf dem großen Hofraum aus. In einer Ecke lag, tief im Schnee steckend, ein Pitzbuhler Pflug mit verrosteten Scharen. Emich sprang vom Wagen, bezahlte den Kutscher und schickte ihn nach Hause. Kopfschüttelnd schaute er sich um. Ließ sich denn kein Mensch sehen?! – Es war freilich ziemlich früh Winter geworden und die Herbstbestellung mochte längst beendigt sein – aber dieser seltsame Hof gewährte den Eindruck, als benutze man ihn überhaupt nicht mehr. Schöningh öffnete die nächste Stalltür. Das hungrige Grunzen von Schweinen scholl ihm entgegen. Der Stall war erst vor einigen Jahren neu erbaut worden, doch böse vernachlässigt. Überall hingen dicke Spinneweben; hie und da waren die Raufeneisen ausgebrochen; der Mittelgang starrte vor Schmutz, obwohl rechts und links Abführrinnen gemauert waren. Emich ging weiter. Im Kuhstall sah es nicht viel besser aus. Der war einst die Freude und besondere Liebhaberei der Mutter gewesen. Auch ihn hatte noch der Vater von Grund aus erneuern lassen. Durch ein zerbrochenes Fenster drang die kalte Winterluft; durch ein zweites Loch im Fenster hatte man einen Strohwisch gesteckt... Emich schwoll die Zornader auf der Stirn an. Als er wieder ins Freie trat, sah er vor der Tür des Inspektorhauses, das Mauer an Mauer mit der Wagenremise lag, einen alten Mann stehen. »Settegast!« rief er. Der Alte stutzte und legte als Schutz gegen die Blendung der Sonne die rechte Hand über die Augen. Dann schien es, als wankte er. Und plötzlich schrie er auf und stürzte Emich entgegen. »Gnädiger junger Herr Graf – Erlaucht – o du mein Gott, o du mein Gott!...« Er fiel in den Schnee vor Emich nieder und fing an zu weinen. Es währte geraume Zeit, ehe der Alte seine Aufregung bemeistern konnte. Emich ging mit ihm in das Inspektorhaus; er wollte ein paar Worte in Ruhe mit Settegast sprechen, wollte Aufklärung haben. Auch Frau Settegast eilte ihm schluchzend entgegen, eine ganze Gesellschaft Kinder umringte ihn – er wies alle hinaus: erst wollte er den Inspektor hören. Nun saß er ihm gegenüber in dem niedrigen, sauberen Stübchen, in dem die Wanduhr unheimlich laut tickte und ein Kanarienvogel im Käfig zwitscherte. »Also sprechen Sie, Settegast«, sagte er. »Ich bin absichtlich unangemeldet gekommen. Ich wollt' einmal sehen, wie die Wirtschaft –« Da fuhr Settegast in die Höhe – keuchend, blutrot und mit geballten Händen. »Sauwirtschaft!« schrie er. »Verzeihen mir Erlaucht den Ausdruck – es gibt keinen besseren für diese – – !... Lange genug hab' ich's mit ansehen müssen. Ich habe sieben lebendige Kinder, die könnt' ich nicht hungern lassen. Da mußt ich denn den Mund halten, so schwer es mir wurde. Aber dem Herrn Grafen Wiegel hab' ich mehr als einmal zu verstehen gegeben, wie es hier sein könnte, wenn ordentlich gearbeitet würde! Was nutzte es mir! Der Herr Graf kam alle Jahre einmal her – immer zur besten Zeit und wir wußten's sechs Wochen vorher. Da ließ sich ihm leicht Sand in die Augen streuen. Er fand alles in schönster Ordnung, und die Berichte und Bücher und Kassenauszüge waren es auch immer. Das macht Herr von Polzien schon so: stimmen muß es; ein Advokat kann's nicht besser. Herr von Polzien sorgte auch dafür, daß ich niemals so recht an den Herrn Grafen herankam – und über mich alten Esel lächelte der Herr Graf ja auch nur. Was versteh' ich denn von der Sache?! Herr von Polzien ist der Administrator – das ist der Herr!...« Es dauerte lange, ehe Emich so recht klar zu sehen vermochte. Settegast war so in Aufregung, daß er erst allmählich zu ruhigerer Berichterstattung kam. Seiner Ansicht nach wäre ein besonderer Administrator für Seesenheim gar nicht notwendig gewesen; unter dem verstorbenen Herrn hatte er die Buchhalterei auch unter sich gehabt. Aber Graf Wiegel wollte die Verwaltung anders geregelt wissen. Herr von Polzien wurde engagiert, ein verkrachter junger Gutsbesitzer aus dem Posenschen, der Wiegel durch einen Freund empfohlen worden war. Der brachte nun Ordnung in Seesenheim. Er versuchte es mit Rübenbau, wo nie eine Rübe wachsen konnte, schaffte neue Saatkartoffeln an, die nicht gedeihen wollten, führte Fütterungsmethoden ein, die ganz unsinnig waren, gab die alte Schlageinteilung der Felder auf und nahm eine veränderte Fruchtfolge an, die der Boden nicht vertrug – kurzum, er wirtschaftete in so verkehrter und törichter Weise, daß an irgendwelche Ertrage natürlich gar nicht zu denken war. Das ärgerte ihn und, um wenigstens nicht mit Unterbilanz zu arbeiten, begann er vom zweiten Jahre seiner Tätigkeit ab mit einem empörenden Raubbau, entvölkerte die Ställe, ließ große Flächen brach liegen, um an Arbeitskräften zu sparen, gab die Wiesen in Afterpacht und stand mit den Getreidejuden der Umgegend in ewiger Verrechnung. In den Büchern wurden phantastische Summen eingetragen: Ausgaben für Reparaturen, die man niemals ausführte, für Inventar, das nicht beschafft wurde, für Löhne, die man nicht zahlte. Und zeigte sich Graf Wiegel einmal, so wurden ihm die Märchen Potemkins vor Augen gezaubert. Aber die ganze Herrlichkeit, die Wiegel sah – der sich übrigens nie länger als einen Tag in Seesenheim aufhielt – schwand bei seiner Abfahrt wieder. Da brach man die Dekorationen ab. Der Jude kam und holte sich das Vieh aus den Ställen zurück, belegte die Vorräte des Schüttbodens mit Beschlag und ließ das Getreide mähen; die Tagelöhner wurden entlassen, die Felder verödeten – der Zauber war aus... »Eine Sauwirtschaft, Erlaucht!... Der Herr Graf Wiegel ist schuldlos – oder vielmehr: der glaubt, seine Schuldigkeit getan zu haben. Er ist nicht der Herr und der Administrator ist's auch nicht. Der Herr – nu' der Herr fehlt uns eben!« Die Lippen zusammengebissen, die Stirn finster, das Gesicht blaß – so hatte Emich zugehört. Jetzt stand er rasch auf. »Ich möchte Herrn von Polzien sprechen, Settegast. Sagen Sie mir: ist's noch ein junger Mann oder ein älterer? Ich kenn' ihn nicht.« »Ein junger, Erlaucht. So etwa siebenundzwanzig, taxier' ich. Er wohnt drüben im Herrenhause. Aber nicht etwa im ersten Stock, wie es bestimmt worden war. Da gefiel es ihm nicht; er bewohnt die Zimmer der alten gnädigen Frau Gräfin.« »Die Zimmer meiner Mutter – – warte, Canaille!« zischte Emich zwischen den Zähnen hervor. Settegast warf einen halb furchtsamen, halb prüfenden Blick auf seinen jungen Herrn. »Erlaucht vergeben: eine Canaille ist der Mann wirklich, wenn er auch von Adel ist. In erster Zeit hielt er noch an sich. Aber dann wurde es schlimm. Da hat er ein Frauenzimmer drüben – seine Haushälterin, die ihm die Wirtschaft führen soll –« »Es ist gut, Settegast – ich will keine Einzelheiten. Ich werde ja selbst sehen. Hier – nehmen Sie meinen Pallasch und geben Sie mir eine Reitpeitsche dafür!« Der alte Mann wurde kreidebleich. »Erlaucht – Herr von Polzien ist ein roher Bursche... Darf ich nicht mit hinüberkommen?« »Wenn es Ihnen Spaß macht, gewiß. Aber« – Emich sah, daß der Inspektor nach der Flinte griff, die an der Wand hing – »ohne Waffe, Settegast!« Er ließ die Reitpeitsche durch die Luft sausen. Und just in diesem Augenblicke klopfte es mit starker Hand an die Tür. Und dann wurde die Tür jach aufgerissen. »Settegast,« rief eine helle Stimme, »was sind das für Koffer, die auf dem Hofe –« Herr von Polzien brach ab, auf der Schwelle stehenbleibend. Er sah Emich und wußte sofort, daß seine Stunde geschlagen hatte. Es zuckte in grimmigem Trotze um seine Mundwinkel. Er verbeugte sich leicht. »Erlaucht Graf Schöningh, wenn ich mich nicht täusche?« sagte er. »Sie kommen unerwartet, Erlaucht.« »Und unverhofft, vermute ich.« Der Administrator lächelte boshaft. »Ich sehe, daß mein alter Freund Settegast gut vorgearbeitet hat. Aber Euer Erlaucht irren. Ich bedaure, daß ich nicht Befehl erhalten habe, Erlaucht meine Bücher und Rechnungsbelege vorzulegen...« Emich maß mit einem Blicke den vor ihm Stehenden. Polzien war eine schlanke, geschmeidige Gestalt, Sehnen und Muskeln; das Gesicht hübsch, aber glatt, roh und ohne geistigen Ausdruck, wenigstens ohne Verfeinerung. Schöningh bebte vor Zorn; er mußte sich gewaltsam zusammennehmen. »Herr von Polzien,« sagte er mit mühsam erzwungener Ruhe, »ich verstehe Ihre Äußerung nicht. Wer hat hier zu befehlen, wenn nicht ich?!« Der Administrator verbeugte sich spöttisch. »Herr Graf Wiegel – kein anderer.« Emich zuckte empor. »Und bin ich nicht der Herr?!« schrie er. »Gewiß, Erlaucht. Aber Sie sind noch minorenn. Und zu gehorchen habe ich nur dem, der mich angestellt hat: Ihrem Herrn Vormund, dem Grafen Wiegel. Ihm allein bin ich auch Rechenschaft schuldig. Es steht Euer Erlaucht frei, sich Feld, Hof und Haus anzusehen – jede Tür wird sich Ihnen öffnen – mit Ausnahme der Zimmer, die ich selbst bewohne: in meinen eigenen vier Pfählen hat kein Fremder etwas zu suchen.« » So ?!... Unter wessen Dache wohnen Sie? Unter dem meinen !... Herr von Polzien, ich bin hierher gekommen, mich persönlich vom Stand der Dinge auf meinem Eigentum zu überzeugen. Mein Vormund, Graf Wiegel, weiß darum und hat es gutgeheißen. Wollen Sie mich freiwillig durch die Ställe führen und mir Ihre Kassen- und Naturalienbücher, die Lohnhefte und sonstigen Belege der Buchhalterei übergeben?« »Ich bedaure, Erlaucht – das werde ich nicht tun!« »Schön. So enthebe ich Sie hiermit Ihrer Stellung. Zeigen Sie mir schriftlich an, was Sie noch zu fordern haben. Sie werden noch heute Haus und Hof verlassen. Die Übergabe erfolgt an den Inspektor Settegast. Ich bleibe hier, bis Sie mein Besitztum von Ihrer Anwesenheit befreit haben.« Herr von Polzien machte eine hastige, wohl unwillkürlich drohende Bewegung. Auch in seiner Faust zitterte eine Reitgerte. Da räusperte sich der alte Settegast und schob seine hünenhafte Figur ein klein wenig zwischen die beiden jungen Männer. Der Administrator lächelte wieder. Er hatte aus der Westentasche eine lockere Zigarette gezogen und drehte sie zwischen den Fingern. »Wenn Euer Erlaucht in der Tat hier bleiben wollen,« sagte er langsam, »bis ich Seesenheim verlassen habe, so werden Sie sich für längere Zeit einrichten müssen. Ich habe durchaus nicht die Absicht, den Wünschen Eurer Erlaucht nachzugeben. Ich bleibe – bis Graf Wiegel mir die formelle Kündigung zugestellt haben wird.« »So werde ich Sie vom Hofe werfen lassen, Herr!« schrie Emich außer sich. Das Gesicht Polziens wurde dunkelrot. »Versuchen Sie es!« schrie er zurück. »Bin mit anderen fertig geworden und werd's auch mit Ihnen noch werden, mein Gräflein!...« Er stürmte davon und schmetterte die Tür ins Schloß, daß es krachte. »Generalreinigung, Settegast,« sagte Emich, »das ist jetzt die Hauptsache. Polzien wird nur der Gewalt weichen; also brauchen wir Gewalt. Glauben Sie, daß ich mich auf die Hofleute, vielleicht auch auf die Bauern im Dorfe verlassen kann?« »Gewiß, Erlaucht. Man hat unsre alte Herrschaft noch nicht vergessen – Und Herr von Polzien ist allgemein verhaßt... Aber, Erlaucht, ich weiß nicht recht, was Sie wollen – weiß nicht –« »Ich will zeigen, daß ich der Herr bin, Settegast – nichts weiter! Trommeln Sie alles zusammen, was mir ergeben und zuverlässig ist! Und dann lassen Sie ein paar Leiterwagen anspannen, damit wir Herrn von Polzien mit seinen Siebensachen davonfahren können!...« Der Inspektor gehorchte. Es konnte ihm so nur genehm sein. Es ging auch wirklich nicht anders. Mit Ach und Krach mußte die »Sauwirtschaft« zu Ende gehen; dann erst ließ sich neu aufbauen. Ob Graf Emich im Recht war oder nicht – danach fragte Settegast nicht. Er war kein Jurist. Der Graf war der Herr und nahm sich sein Recht. Gut so! Innerhalb einer Stunde standen im Schnee des Wirtschaftshofes gegen zwanzig Mann, altgediente Tagelöhner und auch ein paar junge Bauern mit ihren Knechten, durchweg rüstige Kerle. Und aller Gesichter lachten. Schade, daß der Herr Graf verboten hatte, dem Administrator zum Abschied den Buckel durchzuhauen; das wäre doch ein Vergnügen gewesen, das sich gelohnt hätte. Ihn so ganz sanft mit seinen Habseligkeiten auf den Leiterwagen zu setzen und nach der Stadt zu fahren, war nicht nach der Leute Geschmack... Emich betrat, Settegast und ein paar der Arbeiter mit sich nehmend, das Herrenhaus. Auch hier herrschte die gleiche schauderhafte Verlotterung, die sich auf dem ganzen Gehöft bemerkbar machte. Die Zimmer, die der Administrator bewohnte, waren verschlossen und wurden auch auf wiederholtes Anklopfen nicht geöffnet. Emich ließ den Schlosser holen und die Tür erbrechen. Sie splitterte leicht aus dem Schloß. Polzien stand in der Mitte des wüsten, nur spärlich möblierten und sehr unordentlichen Gemachs. In einer Ecke, hinter einem Kleiderrechen mit Röcken und Paletots hatte sich die Wirtschafterin verkrochen: ein großes blasses Frauenzimmer mit roten Haaren und schwarzen Augen. Sie lag auf den Knien und jammerte laut. In dem Augenblick, da Emich eintreten wollte, hob Herr von Polzien die rechte Hand. Ein Schuß krachte – aber die Kugel pfiff an der rechten Schulter Emichs vorüber und schlug in die Wand. »Lump du!« brüllte Settegast und unterlief Polzien. Die Arbeiter eilten ihm zu Hilfe. Im Nu war Polzien zu Boden geworfen. Die Faustschläge der ergrimmten Leute hagelten auf ihn herab. Es kostete Emich Mühe, die Wütenden auseinander zu bringen. »Laßt ihn!« schrie er. »Stehen Sie auf, Herr von Polzien! Sind Sie endlich gewillt, das Haus zu räumen?' Der Administrator erhob sich keuchend und wischte sich mit der Hand das Blut aus dem Gesicht. »Ja«, sagte er zähneknirschend. »Ich will mich nicht totschlagen lassen, drum geh' ich. Aber wir sehen uns wieder, Graf Schöningh! Ich bin ein Edelmann wie Sie –« »Schande genug, daß Sie sich Edelmann nennen!« »Warten wir ab, wer endgültig triumphiert!« »Machen Sie sich nicht lächerlich mit Ihren Drohungen, Herr! Unten warten zwei Wagen auf Sie. Bezeichnen Sie die Gegenstände, die Ihnen gehören, damit wir so bald als möglich von Ihrer Gegenwart befreit sind.« Es ging rasch. Die Wirtschafterin wagte sich aus ihrem Winkel heraus, immer noch heulend und jammernd, aber sich der Notwendigkeit fügend und mit Hand anlegend. Binnen zwei Stunden waren die Zimmer geräumt. Polzien verschwand plötzlich spurlos. Er hatte sich zu Fuß aus dem Staube gemacht. Es war inzwischen Abend geworden. Hinter den Schneefeldern ging blutrot die Sonne unter, Funkentupfen in unermeßlicher Menge über die weiten Flächen streuend. Emich hatte den Leuten im Kruge Bier und Schnaps geben lassen. Von dem alten Mobiliar des Hauses, das auf den Bodenräumen untergebracht worden war, hatte er ein Bett und einige andere Stücke in das ehemalige Arbeitszimmer seines Vaters schaffen lassen. Hier war auch geheizt und zudem ein Kaminfeuer entzündet worden. Frau Settegast erwies sich als eine gewandte und umsichtige Hausfrau. Der Inspektor mußte die Bücher Polziens herbeischaffen. Dann ging man an ihre Durchsicht. Aber das war ein mühevolles Stück Arbeit. Mitternacht war vorüber, als Emich endlich erklärte, er könne nicht mehr. Doch auch an Schlaf war noch nicht zu denken. Die Gedanken überstürmten ihn; unruhig wälzte er sich im Bette hin und her. Was sollte aus Seesenheim werden?! – Eins war klar: Emich mußte sich künftighin selbst um seinen Besitz kümmern. Wiegel hatte sich seiner vormundschaftlichen Pflichten stets mit rascher Hand zu entledigen gewußt. Seine Korrektheit schützte Emich nicht vor dem Egoismus des Oheims. Graf August nahm die Abrechnungen, die Polzien ihm zusandte, in Empfang, falzte sie sauber zusammen und legte sie in das Archiv. Das war seine Arbeit. Die alljährliche oberflächliche Revision in Seesenheim nützte ebensowenig – das hatte sich gezeigt. Das Auge des Herrn fehlte. Das war die Hauptsache. Und Emich fühlte, daß er Herr sein konnte, fühlte sich reif und alt genug, ob er gleich gesetzlich noch unter Vormundschaft stand. Der Gedanke, Herr zu sein, erfüllte ihn auch mit einem gewissen Stolz. Im Kamin verglommen die letzten glühenden Kohlenstücke. Ein Holzwurm pickte und sägte leise im Gebälk, und von draußen vernahm man das sachte Rieseln des fallenden Schnees. Da überkam Emich, bei aller Unbehaglichkeit, die im Zimmer herrschte, ein Gefühl unendlich traulichen Wohlseins. Er hüllte sich dicht in die Bettdecke ein und träumte von Vater und Mutter und seiner Kinderzeit. Er war früh auf am Morgen. Seine erste Arbeit war ein Telegramm an seinen Kommandeur, in dem er um vierzehn Tage Nachurlaub bat. Wollte er Ordnung in Seesenheim schaffen, so mußte es von Grund auf geschehen. Aber das war schwer auf dem verwahrlosten Gute, um so schwerer, als Emich selbst nichts von der Landwirtschaft verstand und sich völlig auf Settegast verlassen mußte. Eine erneute genaue Durchsicht der Bücher zeigte die mannigfachen Fälscherkunststückchen, in denen Polzien sich geübt hatte. Der Administrator verschwand übrigens schnell genug aus der Gegend. Schon am zweiten Tage nach Emichs Ankunft erschienen ein paar Getreidehändler aus der Kreisstadt in Seesenheim mit allen möglichen Forderungen. Sie erzählten auch, daß Polzien Hals über Kopf seine Habe verkauft habe und »verreist« sei. Niemand wußte, wohin. Seine rothaarige Geliebte hatte er im Gasthof mittellos sitzen lassen. Eine Menge weiterer, meist freilich nur kleiner Forderungen wurde angemeldet. Sie wurden zu späterer Prüfung zurückgelegt. Vorläufig handelte es sich um die Aufstellung eines völlig neuen Bebauungsplans. Settegast holte die Pläne der Feldmark hervor und machte seine Vorschläge. Dann ging es auf einem primitiven Schlitten hinaus ins Freie. Der Schnee verdeckte die Felder, aber Emich wollte sich wenigstens ungefähr über die Lage der Schläge und ihre Einteilung informieren. Das Inventar wurde geprüft. Totes und lebendes verlangte Nachbeschaffung. An Vorräten war so gut wie nichts vorhanden. Dagegen ließ sich die Reparatur der Baulichkeiten ohne erheblichen Kostenaufwand ausführen. Immerhin stellte sich nach tagelang währender sorgfältiger Berechnung heraus, daß ein Kapital von gegen zehntausend Talern notwendig sein würde, um die Wirtschaft wieder in flotten Gang zu bringen. Aus den Grundbuchakten hatte Emich schon in Stenzig ersehen, daß das Gut nicht erheblich über die Ritterschaftsgelder hinaus belastet war. Die notwendigen zehntausend Taler ließen sich also wohl auf hypothekarischem Wege beschaffen. Aber dazu war die Zustimmung des Vormunds notwendig. Emich hatte bereits an Wiegel geschrieben und ihm, ohne jedwede Glossierung, Bericht über das Vorgefallene erstattet. Die Antwort erfolgte umgehend. Der Onkel bedauerte die »Décadence«, in die Herr von Polzien geraten sei. Sie könne übrigens nicht lange zurückdatieren, denn er selbst, Graf Wiegel, habe auf Seesenheim noch im vorigen Jahre alles in guter Ordnung vorgefunden. Doch gebe er Emich freie Hand; er sei überzeugt, daß sein lieber Neffe in jeder Weise korrekt verfahren werde. Emich war froh darüber, daß ihm die vormundschaftliche Fessel genommen wurde. Er glaubte, Settegast vertrauen zu können. Der Alte saß länger als ein Vierteljahrhundert in Seesenheim und kannte Grund und Boden wie seine Tasche. Es war noch ein Glück, daß man den Winter vor sich hatte. Bis zum Beginn der Frühjahrsbestellung konnten die nötigen Neubeschaffungen ausgeführt und auch die Arbeitskräfte ergänzt werden. Was Emich bei allem Ärger und allen Sorgen freute, war der Jubel im Dorfe, daß er die Verwaltung von Seesenheim in die eigene Hand nehmen wollte. Am Sonntage besuchte Emich die Kirche. Der Sitte gemäß wurde in das Endgebet auch der Patronatsherr eingeschlossen. Das berührte Emich eigentümlich. Der Patronatsherr war er ; man betete für ihn wie für den König. Und war er nicht König auf seiner Scholle? ... An den Wänden der Kirche befanden sich einige alte Gedenktafeln. Unter diesen eine für einen Herbrand Gotthold Schöningh, der als Johanniter bei der Eroberung Maltas durch Bonaparte gefallen war. Das achtspitzige Kreuz schmückte auch die Gedenktafel, und als Umschrift um dies Kreuz stand der alte Ritterschlagsspruch » Besser Herr als Knecht «. Der Spruch beschäftigte Emich lebhaft. Er war der Inbegriff feudalen Empfindens und doch auch mehr. Er pries im Herrsein die Macht des Herrschens, aber nicht allein über andere, sondern auch über sich selbst – im Gegensatz zu dem Knechtsein begehrlicher Wünsche und schlechter Leidenschaften. Und in dieser Kirchenstunde nahm Emich sich vor, dem alten Ritterspruche auch nach seines Inhalts idealer Deutung zu folgen. Wer Herr sein will, darf nichts Knechtisches in der Seele tragen. Kurz vor seiner Abreise von Seesenheim erhielt Emich noch einen seltsamen Brief. Die Briefmarke war russisch und trug den Poststempel Wilna. Auf einen groben Bogen Papier waren die Worte geschrieben: »Ich geh' nicht für immer. Wir rechnen noch ab, Schuft! P.« Das war die letzte Drohung des Herrn von Polzien. Emich lachte ihrer, zerriß den Brief und ließ die Fetzen über den Schnee flattern. Der Wind mochte sie weitertragen... Als Emich aus Seesenheim zurückkehrte, war seine Standeserhöhung den Klempinern bereits durch die Zeitungen bekannt geworden. Oberst von Hildringen gratulierte in seiner rauh-burschikosen Art, als Emich sich bei ihm zurückmeldete. »Schaden soll's Ihnen bei uns nichts, daß Sie nun Prinz geworden sind, Schöningh«, meinte er schmunzelnd. »Wenn mich dieser Blitzstrahl getroffen hätte, wär' mir's unangenehm – von wegen der Wäsche und der Pferdedecken, da muß doch nun überall die Krone umgestickt werden. Und was das kostet!« Und dann rief er mit gewaltiger Summe: »Mi, Mé, Ma! Kommt mal alle 'rein! Macht eure Reverenz vor unserm neuen Prinzen!« Und das Dreiblatt trat an, niedlich und häuslich anzuschauen: Mi in der Schürze und mit rotem Gesichtchen, denn sie hatte in der Küche zu tun gehabt – Mé im Kopftuch, weil sie gerade Staub wischte, und Ma im Malerkittelchen, denn sie tuschte zierliche Blumen auf Tonvasen, die sie dann an einen Dreimarkbasar nach Berlin verkaufte. Alle drei knixten und wünschten Emich Glück und schnabberten viel und nannten ihn Erlaucht, Durchlaucht, Serenissimus, Hoheit und » mon prince « durcheinander, und die kleine Mi, die man immer schon von weitem an ihrem Kichern erkennen konnte, sagte sogar »fürstliche Gnaden« Graf Encken hielt Emich eine schöne Rede, und noch schöner sprach der Major von Blohme, der Emich darauf aufmerksam machte, daß die Pflichten, die nunmehr an ihn »als Menschen wie als Offizier« heranträten, ungleich höhere seien als vordem; mit seinem erlauchten Namen müsse Emich den Untergebenen ein doppelt leuchtendes Vorbild sein – und was des Wohlangebrachten und Guten noch mehr war. Die Begrüßung bei Mac Lewleß war herzlich wie immer. Emich freute sich aufrichtig darüber, daß Gerald seine Ruhe und die Gewalt über sich selbst wiedergefunden zu haben schien. Es gab Zeiten, in denen er daran zweifelte, völlig in die Eigenart des Wesens Geralds eindringen zu können. Er sagte sich oft genug, daß die Natur des Freundes nichts Kompliziertes bot, und doch wurde er den Gedanken nicht los, etwas, irgend etwas Verschleiertes, Mystisches und Geheimnisvolles in der Seele Geralds sollte ihm verborgen gehalten werden... Dieser dunkle Punkt mußte seiner Meinung nach in dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zu suchen sein. Wäre die arme Kranke die Gattin oder Geliebte Geralds gewesen – man hätte verstehen können, daß er seine Existenz der Zusammenbrechenden zu opfern gewillt sei; denn bei der starken Leidenschaft seines Empfindens wären Frau oder Geliebte sicher ein untrennbarer Teil seiner selbst gewesen. Die Grausamkeit des Naturgesetzes aber stellt die Liebe zur Mutter unbedingt tiefer; so ist auch das Wort der Schrift »Du sollst Vater und Mutter verlassen« aus tiefgründiger Kenntnis der Menschenseele geschöpft. Doch wäre selbst Geralds Liebe zu der Kranken blinder und schrankenloser Vergötterung gleichgekommen – seine Hilflosigkeit ihrem schrecklichen Leiden gegenüber hätte die Vernunft veranlassen müssen, seiner Opferwilligkeit Schranken zu ziehen. Und gerade bei dem klaren und logischen, jeder Sentimentalität abholden, von einem gewissen gesunden Egoismus getragenen Denken und Fühlen Geralds war es unfaßlich, daß er sich nicht dem Wunsche der Ärzte fügte, die Mutter in einer Anstalt unterzubringen. Um so unfaßlicher, als man ihm zu verstehen gegeben hatte, es sei zweckmäßig, die Mutter beständiger ärztlicher Aufsicht zu unterwerfen; um so unfaßlicher, als ihm nicht verschwiegen worden war, daß die unaufhörlichen Aufregungen auch seine Nerven zugrunde richten würden... Am Sonntag ritt er nach Stenzig hinüber. Graf Wiegel war über die Grenze nach Kottau gefahren, um mit Herrn von Rietzow eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen, und wurde erst am Nachmittag zurückerwartet. So fand Emich Tante und Cousine zunächst allein vor, und das war ihm nicht unlieb. Die Tante empfing ihn selbstverständlich mit hellem Jubel. »O du mein Dickerchen – darf ich dich denn noch so nennen? Ist das nicht eine Beleidigung, eine Blasphemie oder dergleichen? Denn du bist doch nun eine ganze Ecke höher gerutscht und kannst, denk' einmal, welche Ehre, bei Hofe den Regierungsräten erster Klasse vorangehen! Na, ich sage, da hat der Ferdinand doch mal was Gescheites gestiftet! Wenn ich nun nicht verheiratet wäre, dann könnt' ich's am Ende auch noch bis zur Prinzessin bringen! Aber es ist mir so schon lieber; die Hauptsache ist, daß ich Dickerchens Tante bleibe.« Nun trat Ruth ein, lachte, machte eine tiefe Hofverbeugung und sagte: »Nehmen Euer Durchlaucht auch von Hochdero unwürdiger Base in ersterbender Devotion und mit ehrfurchtsvollem Respekt untertänigste Gratulation in Gnaden entgegen. Möge die Sonne Eurer fürstlichen Durchlaucht strahlender Huld auch fürderhin zeitweilig über meinem Haupte leuchten und mir Kraft geben, in so unmittelbarer prinzlicher Verwandtschaft dies elende gräfliche Dasein noch weiter zu ertragen!« Worauf Emich erwiderte: »Neige dein Haupt in Demut, mein Kind, und empfang einen Kuß als Zeichen dafür, daß ich dir auch künftighin gewogen bleiben werde...« Nun frühstückte man in heiterer Laune miteinander, und Emich erzählte dabei ausführlich von Stubbach, dem Onkel und den Vettern und von den Geschehnissen in Seesenheim. Diese letzteren empörten die Tante ungemein. »Weißt du, Dickerchen,« sagte sie, »die Unredlichkeit Polziens ärgert mich noch weniger als die Gemeinheit, daß man den guten Onkel so an der Nase herumgeführt hat. Der Onkel weiß sich ja sehr zu beherrschen, aber ich hab' es ihm doch angemerkt, wie ihn diese Niederträchtigkeit gewurmt hat.« »Ich auch«, setzte Ruth hinzu. »Aber unter uns, Mama: meiner Ansicht nach hätte das alles nicht vorkommen dürfen. Hätte auch gar nicht vorkommen können , wenn der Papa seine Vormundschaft, sagen wir etwas weniger bureaukratisch gehandhabt haben würde.« »Ruthchen, ich bitte dich, laß solche Äußerung nicht etwa einmal dem Papa gegenüber fallen! Du kennst ihn ja –« »Gewiß kenne ich ihn und habe auch durchaus nicht die Absicht, ihn unnötig aufzuregen. Jedenfalls war es das einzig Richtige, daß Emich seine Angelegenheiten in die eigene Hand genommen hat. Das hat er schon dadurch bewiesen, daß er Herrn von Polzien nicht erst verklagt, sondern einfach hinausgefenstert hat. Vetter Emich, du wächst in meinen Augen!« » Merci , Cousine. Wachse ich wirklich – ich spür's noch nicht recht – so verdank' ich das lediglich der Einsicht, daß man auch Herr sein muß , wenn man, dank einem gnädigen oder zweifelhaften Geschick – wie man es auffassen will – nun doch einmal Herr sein soll .« »Richtig, Emich! Es ist merkwürdig: Herr von Rietzow sprach sich neulich einmal in ganz ähnlicher Weise aus.« »Rietzow? – Wird der Weg zwischen Kottau und Stenzig jetzt mehr befahren als sonst?« Die Tante nickte. »Ja, Emich. Zwischen dem Onkel und dem Kottauer hat sich sogar eine Art Freundschaftsverhältnis ausgebildet. Früher konnten sie sich nicht leiden. Da haderten sie immer um das Konfessionelle miteinander.« »Bei Leuten von Bildung«, meinte die Komtesse, »sollte das der geringste Grund zu Streitigkeiten sein. Denn schließlich ist jeder der Meister seiner eigenen Seele. Ich kann mich persönlich übrigens nur darüber freuen, daß Herr von Rietzow sich jetzt öfters einmal in Stenzig sehen läßt. Von der ganzen Nachbarschaft ist er der einzige, der Geist und Wissen besitzt; man kann mit ihm doch auch über etwas anderes sprechen als über die Jagd, den Stand der Felder und die Politik.« »Ja – ja,« sagte die Gräfin gedehnt, »das kann man immerhin...« Emich schwieg; seine Sympathien waren nie auf der Seite des Kottauers gewesen. – Wiegel kehrte erst am Spätnachmittage heim. Er hatte eine längere und ernst geführte Auseinandersetzung mit Emich. Aber trotz alles Windens und Drehens und trotz aller schönen Worte merkte Emich doch, daß es dem Grafen nur lieb war, sich entlasten zu können. Er mußte die Vormundschaft allerdings noch behalten, aber es sollte sich dabei lediglich um die Erfüllung einer formalen Notwendigkeit handeln. »Du siehst also, wie sehr ich dir vertraue, Emich«, sagte er, »Nun ja, es hat Zeiten gegeben, in denen ich mich deiner minder sicher fühlte. Und auch heute gehen deine und meine Grundsätze noch manchmal auseinander. Ich würde beispielsweise in der Angelegenheit Polziens anders verfahren haben – korrekter, Emich. Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Faustrechts. Aber an dem Geschehenen läßt sich nichts ändern, und den Umständen nach ist es ja auch ganz gut so. Du bist also fortan dein freier Herr. Wie sich dein militärischer Beruf und die Pflichten, die er an dich stellt, mit der Notwendigkeit einer subtilen Überwachung deines Besitzes vertragen wird, weiß ich freilich nicht. Die Munifizenz deines Onkels Ferdinand – hm – ich kann mich noch gar nicht an den Gedanken gewöhnen – erleichtert dir ja manches. Aber – na, ich will dir nicht mit der ganzen Reihe ›aber‹ kommen, die ich auf der Zunge habe: jedenfalls weißt du, daß ich jederzeit bereit bin, dir mit Rat und Tat beizustehen, wenn du meiner einmal bedarfst...« Emich bedankte sich mit einigen liebenswürdigen Worten. Das mußte er schon, obwohl er der Überzeugung war, daß bei dem Onkel zwischen Rat und Tat sich Ströme auftun würden, nicht immer leicht überbrückbar. Er hatte die Erfahrung für sich. IX Die Zeit verrann. Lenzstürme schmolzen den Schnee und erweckten die schlafende Welt zu neuem Blühen. Der Sommer zog über das Land und starb in der Umarmung des Herbstes, und abermals kam der Winter. Ein Jahr reihte sich an das andere – und während die kleine Garnison, wie durch Zauberspruch gebannt, unveränderlich in ihrer gleichförmigen Langeweile, allen Wandel der Tage über sich hinwegrollen ließ, vollzogen sich draußen in der großen Welt tiefgreifende Umgestaltungen. Der Halbmond lag zu den Füßen des Zarenreichs. Dem ermordeten Sultan war eine schwächliche Puppe gefolgt, die man ohne weiteres beiseiteschob, den Thron der Osmanen einem kräftigeren Herrscher freigebend. Eine internationale Konferenz der europäischen Staatsmänner regelte die Verhältnisse im Balkan. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung konnte auf Illyriens blutgetränktem Boden die Freiheit endlich ihr wehendes Banner entfalten. Und als Apostel der Freiheit zog, von der Bevölkerung mit Palmenreisern und brausendem Jubel empfangen, ein junger deutscher Prinz als Fürst von Illyrien in der Landeshauptstadt Garica ein. Von diesem Tage ab hielt sich Emich die Kölnische Zeitung, die einen besonderen Korrespondenten in Garica hatte und fast allwöchentlich ziemlich ausführliche Stimmungsberichte aus dem neuen Fürstentum brachte. Unter dem mächtigen Schutze Rußlands schienen sich die Zustände in dem kleinen Staate allgemach ordnungsgemäß entwickeln zu wollen. Das Suzeränitätsrecht des Sultans beschränkte sich nur noch auf Äußerlichkeiten; die Proklamierung seiner Konstitution sicherte Illyrien seine Unabhängigkeit, aber freilich hinter der Konstitution stand der Russe, in einer Hand die Knute, in der andern halb offenen den lockenden Rubel. Trotzdem schien das Volk zufrieden zu sein; der Glücksrausch währte fort. Unzweifelhaft hatte Fürst Leopold einen vortrefflichen Berater in dem Marquis Veresco, der zu einer Art illyrischem Nationalhelden geworden zu sein schien. Veresco war ein Mann der Kompromisse, ein vorsichtiger Diplomat, der sich vor dem Zaren tief zu neigen verstand und im geheimen fort und fort und rastlos daran arbeitete, seinem Vaterlande die völlige Autonomie zu sichern. Es war klug gehandelt von Leopold, daß er die Pläne des Alten nicht aus eigener Machtvollkommenheit durchkreuzte. »Du glaubst nicht,« schrieb Maffeo Veresco eines Tages an Emich, »wie man hier in Garica und auch auf dem platten Lande Deinen Vetter vergöttert. Ich kann Dir gegenüber ja offen sein: vielleicht entsinnst Du Dich, daß ich Dir eines Tages einmal sagte, es wäre das Beste für uns, man setzte uns einen kleinen europäischen Fürsten auf den Thron. Denn wäre einer aus dem einheimischen Hochadel zur Regierung gekommen, so würden Nepotismus und Eifersüchtelei uns binnen kurzem von neuem der Revolution in die Arme gestürzt haben. Und Fürst Leopold macht sich gut. Das ›macht‹ sich ist wörtlich zu nehmen. Er ist kein Genie (trotzdem er Dein Vetter ist – tu ne dois pas m'en vouloir , aber Du verstehst schon, wie ich es meine), doch er weiß sich famos in Positur zu setzen. Er ist mit allem einverstanden, was ihm die Minister vorschlagen, tut aber dabei so, als wäre er absoluter Herrscher. Und dann seine rosige Jugend! Die entzückt unser leicht empfängliches Volk am meisten. Zudem ist er auch noch blond und sieht immer so appetitlich und frisch gewaschen aus, daß es vom Meer bis zum Rhodogas-Gebirge kein Frauenzimmer bei uns gibt, das sich nicht bereits in ihn verliebt hätte. Hättest dabei sein sollen, als er neulich auf dem muridischen Felde die erste Parade über die neugeschaffenen Regimenter abhielt! Er selbst in der schimmernden Generalsuniform seiner Heiduckengarde – schimmern muß bei uns alles, sonst sind wir nicht glücklich – strahlend wie der junge Siegfried in Euerm Berliner Opernhause, den blanken Säbel in der Faust, auf seinem prächtigen Schimmel die Front herabgaloppierend. Die Soldaten jauchzten einfach – und ich habe mitgejauchzt, nicht nur, weil dieser junge Fürst einen mir ach, wie lieben Familiennamen trägt, sondern weil auch ich begeistert war von seiner frischen Kraft und sieghaften Schönheit. Kurzum: Fürst Leopold scheint gerade der zu sein, den wir brauchen. Scheint, sage ich, denn sein Regiment hat ja eben erst angefangen. Und eben, weil ich glaube, daß wir mit einem selbständigeren, mehr nach Großem und Hohem strebenden Herrscher bei der Eigentümlichkeit unserer Verhältnisse vielleicht durchaus nicht besser fortgekommen wären, deshalb unterdrücke ich auch manche meiner Herzenswünsche – Wünsche, die selbst mein Vater nicht kennt... Und nun noch eins, liebster Emich: der Fürst sagte mir gelegentlich, daß Du einmal einen Manöverurlaub benutzen wolltest, uns hier zu besuchen, Dio , würde das eine Freude sein! Und auf diese Freude hin mache ich Dir das anliegende Geschenk: eine vor kurzem erschienene französisch-illyrische Grammatik nach Art der Toussaint-Langenscheidtschen Unterrichtsbriefe; studiere ein bißchen darin herum, damit Du bei Deinem Besuche nicht ganz allein auf die deutschen Freunde und die international Abgeschliffenen angewiesen bist...« So schrieb Veresco. Er schrieb anfänglich öfter; dann erlahmte die Korrespondenz, wie auch der Wunsch Emichs, IIlyrien kennenzulernen, sich allgemach verlor. Er hatte in der Heimat genügend zu tun. Er war nun auch gerichtlich majorenn erklärt worden. Seiner geistigen und körperlichen Reife nach war er allerdings längst mündig. Ein Jüngling noch, war er doch schon ein ganzer Mann. Ein Mann in dem geraden verständigen Ernst seiner Lebensanschauung und der Strenge seiner Gesinnung. Er hatte anfänglich geglaubt, sich nach seiner Standeserhöhung auf größerem Fuße installieren zu müssen, aber er gab diese Absicht rasch auf. Er blieb in seiner Wohnung oberhalb der Mohrenapotheke und änderte auch in seiner Lebensführung nichts. Den einzigen Luxus, den er sich gönnte, war eine Vergrößerung seiner Bibliothek. Noch immer war Mac Lewleß sein geistiger Berater. An die Stelle der schönen Literatur waren Geschichte und Kulturgeschichte getreten. Auch eine Anzahl landwirtschaftlicher Werke ließ er sich kommen, um dem alten Settegast gegenüber nicht gar zu sehr als Laie in agrarischen Dingen zu erscheinen. Die Aufwirtschaftung von Seesenheim erforderte mancherlei Opfer. Das war auch der Grund, der Emich nötigte, sich nach anderer Richtung einzuschränken, und der Grund dafür, daß er den versprochenen Besuch in Illyrien von Jahr zu Jahr weiter hinausschob. Denn jeden Urlaub benützte er, sich persönlich von dem Stand und dem Fortschritt der Dinge in Seesenheim zu überzeugen. Das Herrenhaus war wieder auf wohnlichen Fuß eingerichtet worden; hier pflegte er auch den längeren Urlaub zu verleben, der den Offizieren gewöhnlich nach Ablauf der Herbstmanöver bewilligt wurde. Das war für ihn immer die köstlichste Zeit im Jahre. Er war kein Feind der Einsamkeit; sie hatte für ihn die heiteren Reize eines ruhigen Sichselbstlebens, unbeeinflußt vom Dienst des Tages und dem oft genug nicht minder harten Dienst der Geselligkeit. Und nur hier empfand er das Glück, im besten Sinne Herr sein zu können. Hier war er es ganz. Seine Scholle war sein Reich. Er gab und nahm und hatte nur sich allein Rechenschaft darüber zu erstatten, ob das, was er gab und was er nahm, das rechte war. Aber er blieb sich diese Rechenschaft nicht schuldig. Er war auch streng gegen sich selbst. Das »Besser Herr als Knecht« stand noch immer in Goldbuchstaben über der Denktafel des alten Gotthold Schöningh in der Kirche zu Seesenheim – und in seiner idealsten Bedeutung hatte dies Wort in der Seele Emichs Leben empfangen. Er war nicht frei von mancherlei kleinen Vorurteilen, doch sie beherrschten ihn nicht. Er war auch kein Himmelsstürmer, sondern nur ein redlich empfindender Mann; selber ein rechtschaffener Arbeiter und ein gütiger Arbeitgeber den andern. Er war warmherzig und rasch von Entschluß, ohne sich jedoch von seinem Temperament fortreißen zu lassen; war kein Genie, aber fleißig und voll guter Gaben, wenn es ihm auch an Weltklugheit mangelte. Und was ihn am besten als freisässigen Edelmann reinen Schlages charakterisierte: er war keine Höflingsnatur, die sich im Schranzendienst wohlfühlt, sondern durch seine Adern quoll und seine Seele füllte und alle seine Fibern schwellte ein starkes Unabhängigkeitsgefühl. Und dieser Unabhängigkeitstrieb wuchs, wenn Emich in der Herbstfrühe oder im Dämmerschatten des Abends über sein Land ritt und Feld und Wald und Wiese zu seinen Füßen sah. Dann jauchzte sein Herz: das ist mein! – aber es war nicht nur die Freude am Besitz, an dem Erbe, das er von neuem erwarb, sondern auch das Frohempfinden, Herr zu sein, das ihn erfüllte. Mit diesen autokratischen Regungen verband sich jedoch bei ihm immer noch ein jenen strikte widerstrebendes Gefühl: das eines unbewußten Sozialismus. Gleich sich wollte er auch die Seinen glücklich wissen in dem Bewußtsein, innerhalb gewisser Grenzen Herr sein zu können. So gab er den Leuten keine Deputate außer ihrem Lohn, sondern freies Land zu eigener Bewirtschaftung, Feld und Garten und begann schließlich auch mit dem Bau neuer Einfamilienhäuser. Fürst Ferdinand hatte ihn nie wieder an seinen Wunsch erinnert, ihn mit dem Prinzen Heinrich gemeinsam bei dem gleichen Truppenteil zu wissen. Vielleicht lag dies nur daran, daß Heinrich sich auch ohne die gewünschte Oberaufsicht beim Regiment gut einführte. Er war als Erbprinz von Schöningh-Stubbach direkt als Leutnant eingestellt worden und machte sein Examen mit den Epauletten auf der Schulter nach. Einmal hatte Emich ihn bei Gelegenheit eines Abstechers nach Berlin besucht, und die beiden hatten gemeinsam mit ihrem Vetter Waldegg, der noch immer der alte Gigerl war, einen lustigen Abend verlebt. Dabei wurde dann natürlich auch viel von Leopold gesprochen. Prinz Waldegg erzählte, daß er eine französische Chansonettensängerin kennengelernt habe, die in Garica engagiert gewesen sei; sie habe ihm einen Brillantschmuck gezeigt, den Leopold ihr geschenkt hätte. »Wenn es wahr ist«, setzte Emich hinzu. Aber Waldegg wollte auch eine Photographie Leopolds bei ihr gesehen haben, mit einer eigenhändigen Widmung... Mac Lewleß verkehrte wieder in der Gesellschaft. Sein »Cromwell« war beendet und sollte bei Mittler in Berlin im Druck erscheinen. »Nun kann ich nicht mehr«, erklärte er eines Tages Emich; »ich muß Zerstreuung haben...« Und er machte überall seine Besuche. Emich ahnte wohl, was den Freund aus dem Hause trieb. Es war die unglückliche Mutter und ihr fortschreitendes Leiden... Geralds Nerven waren auf das höchste gereizt. Emich sprach nochmals ernsthaft mit ihm, riet, die Mutter unter ärztliche Pflege zu stellen und sich selber einen längeren Erholungsurlaub zu gönnen. Aber sein Rat und seine Mahnung blieben fruchtlos. »All das ist Unsinn«, entgegnete Gerald; »die Mutter muß bei mir bleiben. Es hilft nichts. Ich selbst bedarf nur ein klein wenig der Aufkratzung. Ich sehe ein, daß ich mich zu sehr von der Welt zurückgezogen habe. Gerade das Lockere und Oberflächliche unserer Geselligkeit wird mir gut tun und mich ablenken helfen...« Er nahm auch den Verkehr mit Stenzig wieder auf. Graf Wiegel war anfänglich ein wenig erstaunt und verschnupft darüber, aber er fügte sich; als er sah, daß Ruth gegen die erneuten Besuche Geralds nichts einzuwenden hatte. Nur die Tante schüttelte zuweilen den Kopf: sie verstand ihre Ruth nicht mehr. – An einem warmen Augusttage war ein Diner in Stenzig gewesen. Ruth feierte ihren dreiundzwanzigsten Geburtstag. Sie hatte nicht gewünscht, daß ein »besonderes Wesen« davon gemacht würde. Trotzdem wurde ein kleiner Kreis geladen – »nur zum Anstoßen«, wie Wiegel meinte: Oberst von Hildringen mit seinem dreiblättrigen Kleeblatt, Blohme als Verwandter des Hauses (»Gott sei Dank recht weitläufiger«, pflegte Frau Irmela stets zu betonen), Mac Lewleß und Emich, der Kottauer Rietzow, der Landrat und noch einige jüngere Herren. Während man unter den Linden im Park den Kaffee trank, stellten die Hildringenschen Mädchen die Reifen zum Krocketspiel auf. Gerald und Emich halfen dabei und machten sich liebenswürdig. Schon seit einiger Zeit war es Emich aufgefallen, daß Mac Lewleß sich in seinem Wesen auffällig verändert hatte. Er trug häufig eine Lustigkeit zur Schau, die man bei ihm nicht gewohnt war und die öfters, zumal wenn er stark und rasch getrunken hatte, unangenehm laut wurde. Daß sie nicht vom Herzen kam, spürte Emich wohl; sie ängstigte ihn fast, denn sie erschien ihm wie ein krampfhafter Versuch, Kummer und Leid im hellen Lachen zu ersticken. Auch beim heutigen Diner hatte Gerald entgegen seiner früheren Mäßigkeit ziemlich stark pokuliert und schäkerte nun beim Aufstellen der Reifen mit den jungen Mädchen, die über die Lebhaftigkeit des sonst so schweigsamen »Schotten« (Mac Lewleß hieß beim Regiment nur »der Schotte«) ganz glücklich waren. Eine Kugel war weithin in die Bosketts gerollt. Emich suchte sie und Ruth war ihm gefolgt – mit Absicht. Sie wollte Emich sprechen. »Sag', Vetter, was ist das heute mit Mac Lewleß? Ich kenn' ihn nicht wieder.« »Ich längst nicht mehr, Ruth. Ich weiß auch nicht, ob es gut war, daß er Stenzig wieder aufgesucht hat.« »Weshalb? – Ah – du meinst, wegen der Geschichte von damals?... Lieber Junge, man kann wohl einmal eine Dummheit machen, pflegt sich ihrer aber nicht gern zu erinnern. Es gibt, denk' ich, auch in deinem Leben manche kleine Torheit, die du glücklich vergessen hast.« »Ich bin ein anderer als Gerald. Der vergißt nicht so leicht. Namentlich, wenn ihm das Vergessen schwer gemacht wird.« Ruth schaute Emich von der Seite an. »Bitte – was soll das heißen? Es liegt irgend etwas Verstecktes in dieser Redewendung.« »Ich brauche dir gegenüber nicht zu heucheln, Ruth. Gerald drückt schweres Leid, und du verdoppelst es.« »Ich –?!« »Nicht so laut!... Ja, du! Ich kann dir einen leisen Vorwurf nicht ersparen. Vielleicht weißt du selbst nicht, was du tust. Gerald hat deine Abweisung noch lange nicht verwunden; vergessen wird er sie, wie ich ihn kenne, vermutlich nie. Dadurch aber, daß du ihn vor anderen bevorzugst und ihm eine gewisse Ausnahmestellung einräumst, nährst du Hoffnungen in ihm, deren Nichterfüllung ihn schließlich gänzlich zu Boden werfen wird...« Emich hatte leise und sehr rasch gesprochen. Er war sichtlich in leichter Erregung. Ruth war ernst geworden, biß sich auf die Lippen, zuckte dann mit den Achseln und entgegnete: »Ich glaube, mein lieber Junge, aus dir spricht ein klein wenig die Eifersucht. Und daß dies lächerlich ist, wirst du mir ohne weiteres zugestehen. Im übrigen: Monita von deiner Seite verbitte ich mir. Deine geschlossene Krone und dein ehrwürdiges Alter in Ehren – aber ich bin ich!« Sie nahm die Kugel und warf sie den Spielern zu. Das Krocket wollte kein Ende nehmen. Mé, Ma und Mi klagten unter Lachen und Scherzen, wie zerstreut die anderen seien. »Mylord, Sie nehmen schon wieder einen falschen Ball!« rief Mé Gerald zu. »Den blauweißen, wenn ich bitten darf!« »Richtig – den blauweißen! Verzeihung, gnäd'ges Fräulein! Aber Sie tragen an meiner beginnenden Farbenblindheit Schuld! Wer soll nicht alles rosig sehen, wenn Sie neben einem stehen!« »O, edler Häuptling,« kicherte Mé »Sie werden galant!« Ruth schürzte die Lippe. Mac Lewleß galant – das kam ihr zu albern vor. Das stand dem schottischen Recken nicht. Sie schlug mit ihrem Hammer kleine Kieselsteine aus dem Wege und schaute dabei träumend ins Grüne. »Ich bin ich« hatte sie vorhin zu Emich gesagt – aber sie war schon lange nicht mehr sie selbst. Ein fremdes Gefühl hatte von ihrem Herzen Besitz genommen. Sie schlief schlecht und suchte die Einsamkeit auf. Sie träumte viel und war ewig zerstreut. Die Mahnung Emichs ärgerte sie. Aber Ruth sollte sie in ähnlicher Form heute noch einmal hören. Sie tat ermüdet und bat Fräulein von Oest, die Tochter des Landrats, für sie einzutreten. Dann schlenderte sie langsam die Allee hinab und schlug den Fußweg nach dem Weiher ein, der mit Wasserrosen übersät war. Die Rohrsperlinge zirpten im Schilf, und ein Mückenschwarm wogte über dem bleifarbenen trägen Wasser auf und nieder. Herr von Rietzow stand am Ufer und fütterte die Schwäne. Als Ruth ihn sah, schien ihr Fuß stocken zu wollen. Es zuckte rasch und unmutig über ihr Gesicht. Einen Moment überlegte sie: umkehren oder Folge leisten? Dann schritt sie weiter, aber langsam und mit schleppendem Gange. Rietzow war interessiert mit den beiden Schwänen beschäftigt. Die lange Gestalt im schwarzen Überrock hob sich scharf von dem Erlengestrüpp und dem niederhängenden Gezweige der Silberweide ab. Er hatte den Kopf ein wenig geneigt, so daß die untere Partie des Gesichts im Schatten lag. Aber da er barhäuptig, flutete die Sonne hell um seine Stirn, die breit, eckig und hoch war. Nun schaute er auf und lächelte. »Ihre gehorsame Dienerin, Herr von Rietzow«, sagte Ruth im Nähertreten. »Sie sehen, daß ich folgsam bin. Was befehlen Euer Gnaden?« »Befehlen? – O Komtesse, ich bat nur. Was wir uns zuweilen zu erzählen haben, braucht ja doch nicht alle Welt zu hören!« Er trat an ihre Seite. »Also zunächst etwas Erfreuliches. Ich habe Ihre kleine Novelle glücklich an den Mann gebracht. Sie wird im nächsten Quartal in der ›Katholischen Welt‹ veröffentlicht werden.« Ruths Augen glänzten. »Ah – das ist prächtig! Ich danke Ihnen herzlich, Herr von Rietzow. Und welches Pseudonym haben Sie für mich gewählt?« »Noch gar keins. Absichtlich nicht. Ich hoffe noch immer, Sie werden mir die Erlaubnis geben, die Erzählung unter Ihrem Namen veröffentlichen zu dürfen. Sie kommen in gute Gesellschaft.« Ruth schüttelte den Kopf. »Trotzdem, Herr von Rietzow – es geht nicht. Die Tendenz des Blattes und – nun ja, auch die meiner Novelle macht es unmöglich. Ganz unmöglich.« »Liebe Komtesse, man muß den Mut der Wahrheit haben. Alle Schleier sind von dem Bilde zu Sais gefallen; die Erkenntnis schmettert uns nicht mehr nieder, sondern richtet uns auf. › Satya nasti pradh ‹ sagt brahmanische Weisheit – nichts Höheres als das Wahre... Sie haben der Wahrheit die Ehre gegeben und sie ausgesprochen. Ihre Novelle ist ein Bekenntnis. Warum verstecken Sie sich noch länger?...« Mit gesenktem Kopf schritt Ruth neben ihm her, die Stirne kraus, die Lippen fest geschlossen... Es war Herrn von Rietzow nicht schwer gefallen, diese eitle und törichte Seele für seine Kirche zu gewinnen. Ein Menschenkenner wie er täuschte sich selten. Die innere Unzufriedenheit und das geistige Unbefriedigtsein Ruths waren der Acker, auf dem er Aussaat hielt. Und daß er vorsichtig zu Werke ging, den Reiz des Geheimnisvollen ausnützend und nachgebend den kleinen Eitelkeiten seines Opfers, nie drängend, aber in rastloser Maulwurfsarbeit ihren Lebensweg unterhöhlend – das lohnte sich für ihn. Auch jetzt zog er den Pfeil, den er schon auf die Sehne gespannt hatte, wieder zurück. »Sie geben mir keine Antwort, Komtesse«, sagte er. »Ich will auch keine. Ich zwinge Sie nicht; ich bin kein Seelenfänger. Überlegen Sie sich in Ruhe, wann Sie es für an der Zeit halten, sich offen zu erklären. Daß Sie nichts und niemand zu fürchten haben, wissen Sie, auch nicht Ihren Vater... Doch da wir grade einmal allein miteinander sind, noch eine Warnung, Ruth. Hüten Sie sich vor Mac Lewleß!« Ruth warf den Kopf zurück, und ihr blaß gewordenes Gesicht rötete sich. »Wollen vielleicht auch Sie mir, wie mein Vetter Schöningh, den Vorwurf machen, ich sei zu liebenswürdig gegen Mac Lewleß? – Wider den guten Takt, Herr von Rietzow, glaube ich mich noch nie versündigt zu haben!« »Davon ist keine Rede, Komtesse. Mißverstehen Sie mich bitte nicht absichtlich. Ich weiß, daß Mac Lewleß schon einmal abgewiesen wurde. Aber er hofft wieder – und das darf nicht sein. In Ihrem Interesse nicht...« Ruth war unter der alten Kastanie stehengeblieben, deren Früchte bereits abfielen und den Weg zu übersäen begannen. Sie lehnte sich, wie erschöpft, mit dem Rücken gegen den Stamm. Eine kleine finstere Falte zeigte sich oberhalb der Nasenwurzel und schien die Augenbrauen vereinen zu wollen. »Ich will ebensowenig wie Sie Mißverständnisse zwischen uns«, sagte sie. »Wenn ich mich gegen Mac Lewleß nicht schroff abweisend verhalte, so spricht außer dem natürlichen Empfinden, die Gäste unseres Hauses mit Freundlichkeit zu behandeln, auch noch der Umstand mit, daß die Unterhaltung mit ihm mir Genuß und Anregung zu geben pflegt. Ich bin keine glücklich veranlagte Natur. Ich kann mich in der Schablone der Alltäglichkeit nun einmal nicht wohlfühlen. Vater und Mutter sind lieb und gütig zu mir und geben mir in allem nach. Ich müßte ihnen dankbar dafür sein – und ich bin es doch nicht. Hätte ich dann und wann einmal zu kämpfen, mich aufzulehnen gehabt gegen irgendeine zwingende Autorität – ich hätte meine Natur wiedergefunden. Aber das Hindämmern vom Morgen zum Abend, im ewigen Gleichschritt, in ewiger Monotonie, ist gräßlich für mich. Ich habe lange geschwankt, ob ich nicht endlich den Wunsch der Kronprinzessin erfüllen sollte, Hofdame bei ihr zu werden. Doch ich fürchtete die Sklaverei – und ich sehne mich nach einer kraftvollen Betätigung im Herrschen!« »Im Herrschen«, wiederholte Rietzow kopfnickend. »Ruth – Sie können nur Herrin sein – nur herrschen, nicht dienen...« Sein sonst ziemlich ausdrucksloses graublaues Auge füllte sich plötzlich mit Licht und nahm eine stählerne Färbung an. »Wer herrscht denn über die Geister, wenn nicht wir?! Wir allein!?« Auch die Komtesse neigte zustimmend den Kopf. »Ich habe es nie bezweifelt, und deshalb nahm ich den Kampf auf, den Sie in meine Seele trugen. Es ist mir nicht leicht geworden, die Meinen zu täuschen. Ich habe lange Nächte geopfert, um die Werke durchzustudieren, die Sie mir schickten – um mir Klarheit zu schaffen. Aber es war ein Opfer, das mich mit einer gewissen wilden Freude erfüllte; es stählte meine Kraft, denn es war ein Ringen um den höchsten Preis, um den Einsatz meines Ichs... Daß mir in dieser Zeit das schale Geschwätz der nachbarlichen Geselligkeit um so widriger war, ist wohl begreiflich. Und deshalb begrüßte ich die Besuche Mac Lewleß' stets mit gleicher Freude wie die Ihren. Man kann mit ihm sprechen, ohne ewig und ewig an der Oberfläche bleiben zu müssen... Sie sagen, er ›hoffe‹ wieder, Herr von Rietzow. Woher wissen Sie das? Können Sie in sein Herz schauen?« »Ich mutmaße nur. Und ich möchte auch nur Ihnen Aufregungen und Peinlichkeiten ersparen. Mac Lewleß geht mich nichts an; ich gestehe sogar, daß er mir unsympathisch ist.« »Weshalb unsympathisch? Emich Schöningh schwärmt für ihn. Und ich verstehe das. Wär' ich ein Mann, so glaub' ich, würde ich mir auch Mac Lewleß als Freund zu gewinnen suchen. Seine Persönlichkeit übt einen starken Zauber aus. Ich sage das selbst auf die Gefahr hin, von Ihnen wieder einmal falsch verstanden zu werden.« Es blitzte rasch, wie ein zuckendes und gleich wieder verschwindendes Irrlicht, im Auge des Herrn von Rietzow auf. Lächelnd verneigte er sich und hob dabei abwehrend die rechte Hand. »Ich verstehe Sie immer recht, liebste Komtesse«, entgegnete er. »Begreife übrigens auch, daß ein Mann wie der Schotte auf leicht zur Schwärmerei neigende Gemüter Eindruck machen muß. Er ist immerhin keine Erscheinung, wie man sie auf allen Lebensstraßen findet. Trotzdem – – ich habe nicht viel für ihn übrig. Vielleicht nur, weil mir eine Episode aus seinem Leben bekannt geworden ist, die er selbst mit Ängstlichkeit geheim zu halten alle Ursache hat.« »O, Herr von Rietzow – das klingt ja ganz mysteriös!« Er zuckte mit den Schultern, warf einen raschen Blick ringsum und hob lauschend den Kopf, als wolle er sich vergewissern, daß er ungestört sei. Aber nur aus der Ferne klang das fröhliche Lachen der Krocketspieler herüber. In der Nähe war es still; von Zeit zu Zeit fiel eine Kastanie vom Baum und schlug hart auf den Boden auf. »Sie wissen nicht, daß ich einen älteren Bruder besitze, Komtesse. Er gehört auch längst nicht mehr der Welt an; schon als Sechzehnjähriger nahm er die Weihen. Später ging er nach Rom; Seine Heiligkeit fanden Wohlgefallen an ihm und beriefen ihn an den päpstlichen Hof. Er legte seinen weltlichen Namen ab und nannte sich Massimo. Als Monsignore Massimo wurde er auch in die Familie Mac Lewleß eingeführt. Zu seinem besonderen Amte gehörte es, irrgeleitete Seelen auf die Bahn des Glaubens zurückzubringen. Das war bei den Mac Lewleß der Fall. Exzellenz Mac Lewleß war selbst Protestant, seine Gattin aber, einem alten westfälischen Adelsgeschlechte angehörig, erst nach ihrer Verheiratung ihrem Glauben abtrünnig geworden. Sir Lewleß kam schwerkrank nach Rom; strafend ruhte die Hand Gottes auf ihm. Unter dem Eindruck jener kummervollen Tage schien die geprüfte Frau Einkehr halten zu wollen. Da starb der Gouverneur, und sein Sohn eilte herbei, um dem Vater die letzte Ehre zu erweisen. Er sah, was vorging, und in der Brutalität seines Zornes legte er Hand an meinen Bruder. Mit der Faust schlug er ihn nieder. Mit der Faust ... Mein Bruder blieb ein Krüppel – die Mutter von Gerald Mac Lewleß aber wurde wahnsinnig ...« Herr von Rietzow hatte eine große Gewalt über seine Stimme. Er besaß das Organ eines gewandten Schauspielers, und da er sich sonst im Leben außerordentlich schlicht zu geben wußte, so konnte er bei besonderen Gelegenheiten um so stärker wirken. Er hatte für seine kleine Geschichte keine Ausdrücke lebhaften Empfindens gewählt, aber die Art, wie er sie vortrug, ließ sie bedeutungsvoll erscheinen. Es war, als verschleiere er hie und da etwas, um das Folgende, das ihm gewichtiger erscheinen mochte, stärker hervorheben zu können; er senkte zuweilen die Summe und ließ sie dann wieder rasch anschwellen, und schließlich wurde sie, bei der letzten Wendung des erzählten Geschehnisses, zu fast tonlosem Flüstern. Ruth fand nicht sogleich eine Antwort. Sie hatte sich auf eine Gartenbank unter den Kastanien niedergelassen. Ihre Augenlider zuckten, und auch an den feinen und sensitiven Mundwinkeln sah man die Nerven spielen. Sie strich ein paarmal über ihr Kleid, legte die Spitzen der Finger aufeinander und knipste mit den Nägeln. »Das ist schrecklich,« sagte sie halblaut, »das ist schrecklich ...« Es klang so, als kämpfe sie mit hysterischem Weinen. »Und – und Mac Lewleß weiß nicht, daß das – damals Ihr Bruder gewesen –?« »Nein«, entgegnete Rietzow; »er soll es auch nicht wissen. Er kennt nur den Monsignore Massimo, der im Dienste seiner Pflicht sich schweigend beschimpfen und mißhandeln ließ ... Sie wunderten sich, daß mir Mac Lewleß nicht sympathisch sei, Komtesse; deshalb erzählte ich Ihnen den Grund. Ich hasse den Mann wirklich nicht, denn in der reinen Ätherhöhe des Glaubens schweigt jeder Haß. Zudem hat er sich selber am schwersten gestraft –« Er brach rasch ab, denn man sah Emich, Gerald und die Mädchen näherkommen. Die älteren Herren folgten ihnen in einiger Entfernung. Wiegel wollte ihnen seinen Koniferengarten zeigen; er züchtete da seit einigen Jahren amerikanische Blautannen, auf die er stolz war. Hildringen und Blohme zankten sich wie gewöhnlich; wenn sie zusammenkamen, gerieten sie nach fünf Minuten wie zwei Kampfhähne aneinander. Dann schnaufte und blubberte der Oberst, und der Major zischte. Der nervöse Landrat, dem vor Wut die Finger zitterten und der deshalb die Hände in den Hosentaschen vergrub, wollte die Unterhaltung auf ein anderes Thema bringen, begann dreimal mit ganz ausgefallenen und möglichst entlegenen Dingen und rief schließlich Wiegel zu: »Sagen Sie mal, liebster Graf – liebster Graf, sagen Sie mal, wie geht es denn eigentlich Ihrem Herrn Neffen da in Dingskirchen, in Mesopotamien – nee, in Illyrien, mein' ich? Geht es ihm gut?« »Na, es wird sich wohl halten lassen, bester Landrat«, erwiderte Wiegel. »Ein angenehmer Posten ist es ja nicht. Aber mein Schwager Ferdinand hat den Eitelkeitsteufel im Kopf. Übrigens – da fällt mir ein – Emich?!« »Ja, Onkel?« »Hast du die letzten Meldungen aus Garica verfolgt?« »Seit einigen Tagen nicht. Gibt es etwas Neues?« »Nein – man kabbelt sich wieder ein klein bißchen im Parlament – aber das hat nichts auf sich – c'est tout comme chez nous ... Nein – aber was mir auffiel, war ein neuer Name und ein bekannter dazu. Nämlich, da spielt jetzt ein Herr von Polzien in Garica eine gewisse politische Rolle –« »Was?! Polzien?! – Sollte das unser Polzien sein? Mein viellieber Freund aus Seesenheim?« »Ja, das weiß ich nicht, Emich. Aber unmöglich ist es nicht. Ein geweckter Mensch war ja der Polzien. Er scheint die russischen Interessen vertreten zu wollen oder zu sollen, hat einen Klub und eine Zeitung gegründet und macht dem armen Leopold nach allen Regeln der Kunst Opposition ...« Emich war näher getreten. »Das ist jedenfalls interessant. Er ging nach Rußland, soviel ich weiß, denn ich erhielt einen letzten Drohbrief von seiner Hand aus – aus Wilna, wenn ich nicht irre –« »Das wird stimmen – er hatte Verwandte in Rußland, ist auf einem polnischen Gute aufgewachsen und beherrschte das Russische vollkommen. Ich entsinne mich dessen genau. Leopold sollte ihn hängen lassen. Ich glaube, in Illyrien hängt man noch.« »Der Galgen ist eine sehr schöne Erfindung«, bemerkte Blohme. Hildringen war mehr für das Guillotinieren, und so gerieten die beiden wieder aneinander. Kurz vor dem Aufbruch der Gäste fand Mac Lewleß Ruth in einem kleinen Salon am Fenster stehend und in den Glanz der Mondnacht hinausschauend. »Störe ich, Komtesse?« fragte er. »Man muß Sie suchen. Sie sind heute schweigsamer und zurückgezogener als sonst. Macht der Geburtstag Sie melancholisch? Ich würde es verstehen.« Ruth hatte sich umgewendet. Es lag etwas wie heimliche Angst, wie das Gefühl eines schweren Nervendrucks in dem Blick ihres Auges. »Es ist möglich«, erwiderte sie. »Leben zu müssen, ohne nützlich leben zu können, hat in der Tat einen wehmütigen Beigeschmack. Aber im Augenblick lockte mich nur eine ästhetische Anwandlung an das Fenster: der Zauber der Nacht.« Gerald schlug die Portieren weiter zurück und blickte gleichfalls hinaus in den Park, der sich wie ein Märchengarten, ganz in Silber getaucht, im Schweigen der Nacht weithin dehnte. »Der Zauber Klingsors«, sagte Gerald. »Ich liebe die Natur, weil sie ablenkt und Beschaulichkeit predigt. Aber sie hat auch ihre Gefahren; sie wirkt zu stark auf das Gemüt ein und erschlafft das Denken.« »Ach, wie gut!« Mac Lewleß lachte leise auf. »Das war ein Stoßseufzer, der fast wie befreiend klang, Komtesse! Kam er von Herzen?« »Ja, wahrhaftig. Denken und Grübeln hat nur dann seine Reize, wenn ihnen das köstlichste Ausruhen: das Träumen folgen kann. Aber nicht jeder versteht zu träumen.« »Komtesse, ich weiß nicht, was mit Ihnen ist. Die alte frische Sorglosigkeit von früher fehlt mir bei Ihnen.« »Ist das ›früher‹ die Backfischzeit? So lange kennen wir uns ja wohl. Und inzwischen bin ich ein paar Jahre älter geworden. Übrigens kann ich Ihnen Ihre Bemerkung zurückgeben. Der Alte sind auch Sie nicht mehr.« »O Komtesse, welch' Unterschied zwischen Ihnen und mir! Haben Sie je empfinden müssen, daß das Leben auch eine Last sein kann?!« »Ich habe nur öfters das Gefühl gehabt, daß das Leben sehr langweilig ist, wenn es keinerlei Hindernisse und keinerlei Lasten bietet; wenn es so glatt und gerade wie eine Pappelallee zur letzten Aussicht führt.« »Komtesse, Verzeihung – aber das klingt fast blasiert. Es muß Ihnen doch leicht sein, sich einen kleinen Wirkungskreis zu schaffen, und ganz gewiß wird auch der Ihnen die Lasten und Hindernisse bieten, die Sie gern tragen und überwinden möchten, um Abwechslung – nun ja, Abwechslung, denn um etwas anderes handelt es sich ja nicht – in Ihr Dasein zu bringen. Auf ein Drohnenleben sind Sie doch nicht angewiesen!« Fast unmutig zuckte Ruth mit der rechten Schulter. »Ich hatte geglaubt, Sie müßten mich besser kennen, Mac Lewleß. Nach dem Hühnerhof und der Milchwirtschaft sehne ich mich nicht. Auch nicht nach dem Leinenschrank. Jeder nach seiner Art. Ich möchte – – ach du lieber Gott, was plaudern wir über so unnütze Dinge! Ich möchte vieles und habe Sehnsucht nach tausenderlei. Aber vorläufig versuche ich nur, davon zu träumen ...« Sie stand mit dem Rücken gegen den Fenstersims. Der Mondschein streifte die eine Seite ihres Gesichts und tauchte sich tief in das eine Auge. Das war wie ein weiblicher Januskopf oder wie das Antlitz einer Sphinx, was Gerald vor sich sah. Ein Doppelgesicht voll Lebensfreude und jugendlichem Hoffen und heimlichem Sehnen und dem Durst nach der Quelle der Erkenntnis. Draußen rasselte der erste Wagen auf die Rampe. Es wurde lebendig vor dem Portal; das flackernde Gelb der Laternen und Lichter blitzte durch den Mondschein. Gerald seufzte leise auf. »Addio, Komtesse«, sagte er und reichte Ruth die Hand und wunderte sich darüber, daß ihre schmale, schlank geformte, nervige Rechte sich fiebrig heiß anfühlte. »Also, als letzten Wunsch für Ihr Wiegenfest: Erfüllung dessen, was Sie ›möchten‹!« Sie zog rasch und mit starkem Ruck ihre Hand zurück. »Nein,« sprach sie hastig, »wünschen Sie mir das nicht! Vielleicht irr' ich – und meine Sehnsucht ist Torheit. Gewiß. Torheit, Mac Lewleß. Alles Sehnen ist Torheit. Ist's nicht so? Klopfen Sie bei sich selbst an. Gut, daß Sie nicht erreichten, was Sie vor ein paar Jahren ersehnten. Ich glaube, Sie wären sehr unglücklich geworden. Und vielleicht werd' auch ich es, sollte Wahrheit werden, was ich gern ›möchte‹ ...« Er wollte noch etwas erwidern. Aber Emich trat heran; der Oberst, Blohme, der Landrat und einige andere folgten. Man empfahl sich geräuschvoll. X Auf der Rampe gab es noch ein lebhaftes Hin und Her. Der Major schnauzte seinen Kutscher an, weil die eine Wagenlaterne auszugehen drohte. Die Pferde des Landrats scheuten vor den vielen Lichtern. Kichernd und lachend kletterten Mé, Mi und Ma auf den Krümperwagen, den der Oberst gewöhnlich zu Fahrten über Land zu requirieren pflegte. Der Wagen war so eng, daß der dicke Hildringen die kleine Mé auf seinen Schoß nehmen mußte. Herr von Rietzow war in einem geschlossenen Coupé gekommen. Er war sehr empfindlich in bezug auf die Nachtluft, trug über seinem Sommerpaletot noch einen Havelock und einen Schal um den Hals. Als er sich von Ruth verabschiedete, neigte er seinen Kopf ein wenig vor. »Am Dienstag an der Königseiche,« flüsterte er, »zu gewöhnlicher Stunde... Ich habe Ihnen noch manches zu sagen...« Ruth nickte. Rietzow war der einzige, dem sie fast willenlos gehorchte. Emich kutschierte seinen Selbstfahrer. Neben ihm saß Gerald, hinten Bob mit gekreuzten Armen. In scharfem Trabe ging es durch die Mondnacht. Das Nachtgestirn hatte noch immer seinen rötlichen Hof: es stand Regen bevor, vielleicht auch ein Gewitter, denn die Luft war schwül und drückend. Am Himmel hatten sich in Massen schneeweiße Wölkchen geschart, die sich wie die großen Schneeballen einer Lawine scheinbar übereinander türmten. Ein leichter Wind wehte zuweilen auf, stoßweise und warm. Er rauschte in den Bäumen, die unter dem Druck der Luft angstvoll zusammenschauerten, und quirlte den trockenen Staub von der Straße empor. Im Dorfe schlugen ein paar Hunde an. Die Zikaden lärmten im Grase, und die Frösche quakten... Emich hatte die Zügel locker gelassen. Der Braune griff kräftig aus und brauchte keine Nachhilfe. »Hast du dich amüsiert, Gerald?« fragte er. Er sprach gewöhnlich englisch mit Mac Lewleß, um sich zu üben – jetzt auch, damit Bob nicht Ohrenzeuge der Unterhaltung würde. »Ich müßte lügen, wollte ich es bejahen«, erwiderte Gerald müde. Er hüllte sich fröstelnd in seinen Mantel. »Es ist mir übrigens nicht allein so ergangen. Ruth selbst schien nicht allzu rosiger Stimmung zu sein.« »Das ist sie seit langem nicht mehr. Wollte ich boshaft sein, so würde ich sagen: es ist Zeit, daß sie heiratet. Aber sie scheint noch immer nicht daran denken zu wollen.« Erst nach einer kleinen Weile entgegnete Gerald: »Es gärt in ihrer Seele, Emich. Und insofern hast du schon recht, wenn du sagst: es ist Zeit, daß sie heiratet, als sie einer führenden Hand bedarf, einer liebevollen und zärtlichen, aber zugleich starken. Sie fühlt sich sehr unglücklich daheim, und bei ihrer Natur begreife ich das. Sie möchte aus dem Kleinlichen und Alltäglichen heraus; ich glaube, es gelüstet sie, eine Rolle zu spielen, die Schwingen zu entfalten, Gebieterin zu sein in größerem Kreise. Ich möchte sagen, sie hat gewisse despotische Instinkte. Und das schadet nichts, denn es ist schließlich nur ein Überschuß des eigenen Kraftgefühls. Es keimt das alles vorderhand auch erst in ihr und wuchert ungeregelt durcheinander. Findet sich der Rechte, der das Unkraut ausrotten und die wilden Schößlinge beschneiden kann, dann werden die Blumen weiter treiben. Fällt diese gärende Seele aber in unrechte Hände, dann wehe ihr. Ja, bei Gott, dann wehe ihr!... Ach, das kann traurig stimmen!...« Emich überließ sich seinen Gedanken und antwortete nicht. Er hatte sein Etui gezogen und sich noch eine Zigarre angesteckt, warf sie aber plötzlich wieder fort, nachdem er rasch einige Züge geraucht hatte. Eine Stille entstand. Auch Gerald war stumm geworden und starrte mit verschleiertem Blick vor sich hin. Man war im Walde. Es schien in der Tat, als nahe ein Wetter. Im Osten schob sich eine graue Wolkenwand den Horizont hinauf. Der Mond war fast blutrot umsäumt; die dicke Luft flimmerte. Der Wind hatte sich gelegt, aber alle Blätter an den Bäumen zitterten leise, gleichwie in heimlicher Furcht vor dem Kommenden; ein Rieseln ging durch den Wald. Auch das Pferd wurde unruhig; Emich mußte die Zügel straffer ziehen. Es warf den Kopf und schüttelte sich im Geschirr, knirschte mit den Zähnen und ließ zuweilen die Kinnkette leise klirren. Gerald streckte sich und begann von neuem mit weicher, mattklingender Stimme: »Ruth sagt, sie liebe das Träumen. Ich nicht; ich bin zu positiv. Aber eben träumte ich doch. Weißt du, was? Ich träumte, Ruth wäre die meine geworden. Ich habe den Dienst quittiert und bin nach Schottland gezogen, und da habe ich mir eine Herrschaft gekauft, Berge, Land und See, und am See, auf steiler Felsplatte, ein Schloß. Da leben wir, sie und ich. Und in der stillen und hehren Einsamkeit des Hochlandes habe ich mir Ruth zum Weibe erzogen. Habe mir langsam Stück um Stück ihres Herzens erobert und habe im blühenden Garten ihrer Seele wie ein pflichtgetreuer Gärtner geschaltet. So ist ihre Seele freigeworden von wucherndem Unkraut. Sie ist mir dankbar dafür und liebt mich. Oh, sie liebt mich, und fast wunschlos ist sie in ihrer Liebe! Sie ist meine treue Gefährtin bei der Arbeit und doch auch meine Gebieterin. Sie hat eingesehen, daß das Weib keine Herrscherin ist als über das Herz des Geliebten. Alles Sehnen ist tot, nur eine einzige Sehnsucht lebt noch: glücklich zu bleiben... Emich! – Emich, sage ›Du Narr‹ zu mir!...« Emich sagte es nicht. Er schwieg. Er biß die Zähne fest aufeinander. Sein Herz brannte vor Eifersucht... Das Wetter stieg höher. Wie graue Riesenschwäne flogen die Wolken empor und verhüllten den Mond. Der Wind quoll wieder auf und fauchte mit starken Stößen durch den Wald, in dem es rauschte und knarrte und knisterte. Am Wege bogen sich die jungen Birken, daß ihre schwanken Zweige den Sand peitschten. Ganz in der Ferne blitzte es schon... An die Schlafzimmertür des Grafen Wiegel pochte es leise. Wiegel öffnete selbst. »I, Irmela – ?« sagte er erstaunt. »Nun ja, Irmela – aber das verwunderte I war unnötig. Dein Schlafzimmer ist ja doch kein eiserner Geldschrank. Komm her, ich will dir in die Joppe helfen! So, nun bist du wieder so korrekt angezogen, daß du mich beruhigt empfangen kannst.« Sie setzte sich und warf mit einem energischen Ruck die Schleppe ihres Schlafrocks über ihre Füße. Wiegel strich sich über die Hahnentolle. Diese energischen Bewegungen seiner Frau waren ihm unangenehm. Dann gab es gewöhnlich irgendeine Auseinandersetzung. Er schob den Teller mit den Backpflaumen, der auf dem Tische stand, etwas zur Seite, rückte die Lampe weiter vor und nahm gleichfalls Platz. »Na – also, liebe Irmela – ?« sagte er in fragendem Tone. »Wenn du mich bloß ein einziges Mal anders anreden wolltest, als ›liebe Irmela‹, August! Sage doch einfach ›Irmela‹ oder gewöhne dich an ein paar andere Beiwörter. Aber das ›liebe Irmela›‹ klingt immer so nach Öl oder Lebertran – es fließt dir so glatt von der Zunge – freilich, du liebst nun mal das Glatte. Na – reden wir von Wichtigerem!« »Meine ich auch, liebe – meine ich auch, Irmela –« »Ruth ist nun dreiundzwanzig geworden –« »Ja, ja – die Zeit vergeht!« »Im nächsten Jahre feiern wir silberne Hochzeit –« »Ich habe auch schon daran gedacht, liebe... Eine Perlenkette war ja wohl immer dein Wunsch?« »Nein, war er nicht, August. Oder war er's mal, so hab' ich ihn aufgegeben. Ein Enkelkind ist mein Wunsch!« Der Graf erhob sich. »Das dachte ich mir. Wieder die alte Litanei. Ich kann dir doch die Enkelkinder nicht aus den Wolken herunterholen, Irmela, oder aus den Ärmeln schütteln! Vier oder fünf – nein, sechs – genau sechs Freier hat die Ruth schon abgewiesen. Rietzow würde sie vom Platz weg nehmen, wenn sie katholisch werden wollte. Höre mal, Irmela, soll ich die Ruth etwa zur Ehe zwingen ?« »Ach was, zwingen! –« Die Gräfin fuhr mit der Hand durch die Luft. »Hier sind wieder Mücken im Zimmer!... Ach was, zwingen! Nur nicht ewig gegen die Ehe sollst du reden! Der Beruf des Weibes ist nun einmal das Heiraten.« »Das ist eine veraltete Ansicht. Das ist überhaupt ein Gemeinplatz, Irmela. Und wenn es schon sein muß, kriegt Ruth im dreißigsten Jahre auch noch einen Mann. Laß sie uns doch noch ein bißchen! Sie ist doch, du lieber Gott, unser Ein und Alles!« »Du bist ein Egoist. Bloß um Ruth noch ein paar Jahre bei dir zu behalten, redest du immer so gegen die Ehe. Sage mal, was soll denn aus Stenzig werden? Für wen hast du denn zusammengescharrt und zusammengespart? – Für wen anders als für Ruth? Und wenn Sie nun einmal, was Gott verhüten möge, als alte Jungfer stirbt – wer kriegt dann Stenzig mit allem, was drum und dran ist? – Einer deiner verbummelten Vettern. Oder glaubst du vielleicht, daß der liebe Gott uns noch einmal einen männlichen Sprossen schenken wird? – Na, August –« »Irmela, wenn das ein Spaß sein soll, so ist dies ein Spaß, der mir nicht gefällt. Bleiben wir bei der Sache. Erlaubst du, daß ich dabei meine Pflaumen esse?« »Iß sie immerhin. Aber verlaß dich darauf, daß ich nicht eher wieder fortgehe, ehe wir uns nicht genügend ausgesprochen haben. Bei Tage bist du doch nicht zu fassen. Wer kann bei Ruth in Frage kommen? Rietzow scheidet aus, von wegen der Konfession. Bleiben noch Emich und Mac Lewleß –« Wiegel erstickte fast an einem Pflaumenkern. Er legte den Löffel klirrend auf den Teller zurück. »Irmela, mit dir ist eben nicht vernünftig zu reden!« meinte er. »Verzeihe mir, daß ich das sage – aber ich sag' es. Es ist wirklich so. Ist Emich nicht etwa auch katholisch?« »Gewiß, aber er würde die Ruth auch protestantisch nehmen. Mit allen zehn Fingern. Wir leben ja doch auch in sogenannter ›gemischter Ehe‹ und tun uns nichts zuleide dabei. Ich möchte wohl wissen, ob dem lieben Gott damit gedient ist, daß man die Religion in alle Lebensfragen hineinträgt!« »Also lassen wir das religiöse Moment einmal ganz aus dem Spiel, Irmela! Es kommt noch etwas anderes dazu, das eine Ehe zwischen Ruth und Emich einfach unmöglich macht –« »Na, da bin ich wirklich neugierig –« »Du hast wohl noch nie etwas von Vererbung gehört, Irmela? Von geistiger und körperlicher, mein' ich, von Generationslehre und Degenerationslehre und den darwinschen Theorien?« »Ach du lieber Gott, August, laß mich doch mit den vielen Fremdwörtern in Ruhe! Was hat denn das alles mit unsrer Sache zu tun!« »Sehr viel. Eminent viel. Ruth und Emich sind Cousine und Vetter im ersten Grade. Schöninghsches Blut in beiden, wenn bei Ruth vielleicht auch das meine überwiegt. Ergo – die korrekte Folgerung: sie können sich nicht heiraten, weil bei ihren Nachkommen Entartung zu fürchten sein würde.« Die Gräfin schüttelte den Kopf. Die Sache leuchtete ihr entschieden nicht ein. Aber sie war doch kleinlaut geworden. »Und Mac Lewleß?« begann Wiegel von neuem. »Ich spreche gar nicht davon, daß Ruth ihn schon einmal abgewiesen hat. Aber denke an seine Mutter! Und damit wollen wir das Thema beschließen.« Er nahm wieder den Teller mit den Pflaumen zur Hand. Irmela faltete die Hände im Schoße. »Na und, August?« »Ja, was denn ›na und?!‹ Ich denke, nun sind wir uns klar. Oder soll ich noch ausführlicher werden? Soll ich dir erzählen, daß zum Beispiel bei Kretinismus, Albinismus, Hypochondrie, ja selbst bei Diabetes mellitus –« »August, ich bitte dich, laß das alles!«, und die Gräfin erhob sich. »Du suchst mir mit deinem medizinischen Wissen zu imponieren, aber du imponierst mir nicht. Ich bin der Ansicht, daß diese ganze Vererbungsgeschichte nur ein Vorwand deinerseits ist. Ich werde einmal mit unserm Doktor sprechen, was eigentlich daran ist. Soviel weiß ich jedenfalls, daß ich eine ganze Masse Vettern und Cousinen kenne, die sich geheiratet und recht vernünftige Kinder bekommen haben. Du willst mich bloß graulich machen. Und das ist unrecht von dir. Gute Nacht.« Sie rauschte hinaus. Wiegel brachte sie bis zur Tür. Er war sehr zufrieden. Wozu denn diese übereilte Suche nach dem Mann?! Konnte es Ruth irgendwo in der Welt besser haben als hier in Stenzig? – – Hätte der Graf seine Tochter in diesem Augenblick beobachten können, so würde er vielleicht doch anderer Ansicht geworden sein. Ruth lag in ihrem Zimmer vor dem Bette auf den Knien und betete. Aber ihrem Gebete fehlte die fromme Weihe und die Gläubigkeit der Seele. Es war ein heißes und stürmisches Anklagen, ein langer Verzweiflungsschrei, ein Hadern mit sich selbst. Mit tränenüberströmtem Antlitz erhob sie sich. Es brannte kein Licht im Zimmer, aber durch die Fenster strömte die Helle der Nacht. Als Ruth sich im Spiegel sah, erschrak sie. Ihr Haar hatte sich gelöst und umfloß ein geisterhaft bleiches Gesicht – ein ganz weißes Gesicht mit feuchtschimmernden umschatteten Augen. Der erste Schreck wich dem Empfinden geschmeichelter Eitelkeit. Sie fand sich so wunderschön. Und dann zuckte und sprang es wieder in ihrem Herzen. O Gott, wie fühlte sie sich unglücklich! Sie riß das Balkonfenster auf. Über dem Park stiegen die ersten grauen Wetterwolken empor. Es wehte dunstig von unten herauf. Auf dem Rondell blühten die Rosen zum zweiten Male, und der laue Wind trug ihre Düfte auf seinen Schwingen. Wie ein rotes verschleiertes Auge blickte der Mond vom Himmel. Ruth rollte einen Sessel dicht an den Balkon und ließ sich nieder. Ihr Heiz klopfte stark. Warum nur – warum?! Warum war sie so unglücklich, so unbefriedigt, so leer?! – Ihre Zähne schlugen aufeinander. Sie hätte sich das Gewand von der Schulter reißen und blutig geißeln mögen, wie die heilige Katharina von Siena, um in körperlichem Schmerz den Aufschrei ihrer Seele zu ersticken... Emich hatte am folgenden Tage gehört, daß Gerald sich hatte krank melden lassen, und ging nach Beendigung des Dienstes zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er sah, daß alle Fenster der Villa Mac Lewleß nach der Straße hinaus verhängt waren, und das erfüllte ihn mit banger Ahnung. Der Bursche Geralds öffnete. Emich schaute scharf in das betrübte Gesicht des braven Uckermärkers und fragte kurz: »Ein Unglück passiert, Buggenau?« »Ja, Durchlaucht,« entgegnete der Bursche, »unse' gnä'ge Frau is in der Nacht gestorben...« Die Ärmste hatte also ausgelitten. Ein Atemzug der Befreiung schwellte die Brust Emichs. »Fragen Sie, ob ich den Herrn Leutnant auf fünf Minuten sprechen kann, Buggenau«, sagte er. »Aber betonen Sie gleich, daß ich gern wiederkommen würde, wenn es dem Herrn Leutnant jetzt nicht recht sein sollte...« Er wurde vorgelassen. Gerald empfing ihn in seinem großen Arbeitszimmer: totenblaß, mit roten Augen, seltsam verstörtem Gesicht und Kratzwunden auf Wangen und Stirn. Stumm drückte Emich ihm die Hand. Gerald nickte wehmütig und wies auf einen Stuhl. »Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens, Emich. Sieh die Risse auf meinem Gesicht. Ich habe ringen müssen mit ihr. Ich...« Er konnte nicht weiter. Plötzlich brachen alle Dämme in ihm; es war vorbei mit seiner Selbstbeherrschung. Er schlug die Hände vor die Augen und schluchzte laut. Emich ließ ihn ausweinen. Er saß still neben ihm. Und plötzlich ließ Gerald die Hände sinken und schaute den Freund groß an, mit einem Ausdruck im Auge, der Emich eigentümlich fremdartig berührte. »Ich habe meine Mutter getötet, Emich«, sagte er. Aber es war mehr ein Flüstern, ein Raunen als ein Sprechen. Unwillkürlich erbleichte Emich. Er mußte sich sehr zusammennehmen, um gefaßt zu bleiben. Er schüttelte den Kopf. »Was soll das heißen, Gerald! Was soll ein so törichter Selbstvorwurf!?« »Es ist die Wahrheit. Nichts weiter als die Wahrheit. Ich bin schuld an all ihrem Leiden. Deshalb ließ ich sie auch nicht von mir. Ich konnte sie nicht von mir lassen, bis... Und doch mußt' ich so handeln. Hör' zu, Emich, und dann urteile! Mein Vater starb in Rom. Als ich nach Rom kam, ihn zu beerdigen, fand ich meine Mutter in den Fängen eines seelischen Beutejägers. Sie war katholisch gewesen, aber nach ihrer Hochzeit zum Protestantismus übergetreten. Ein glattzüngiger Priester wollte sie seiner Kirche zurückgewinnen. Und um ganz sicher zu gehen, stahl er sich auch in ihr Herz. Er war ein schöner, großer, feuriger Mann mit Flammenaugen und metallen klingender Stimme und von einschmeichelndem Wesen. Seit einem Jahre, seit mein Vater krank nach Rom gekommen war, hatte er hinter dem Rücken des Leidenden an seinen Minen gearbeitet. Meine Mutter liebte ihn – und so hatte er die schwache Frau umgarnt, daß sie sich schon bereit erklärt hatte, des Vaters Erbschaft der Kirche zu vermachen. Zweimal konnt' ich die beiden belauschen; was mir die Domestiken nicht schon gesteckt hatten, vernahm ich mit eigenen Ohren, sah ich mit eigenen Augen. Und da packte mich ein unbändiger Zorn, und eines Tages schlug ich den Schuft zu Boden und warf ihn die Treppe hinunter... Erspare mir die Schilderung der Szenen mit meiner Mutter, die folgten. Von jenem Tage ab umdunkelte sich ihr Geist. Man schob ihr Nervenleiden auf den Tod des Vaters – ich aber wußte es besser. So teilte ich denn ihr Leiden; es ward das meine. Ich ließ sie nicht wieder von mir. Sie liebte mich immer noch, aber wenn ihre Anfälle kamen, schlug sie nach mir und kratzte mich blutig und hatte entsetzliche Worte für mich. Seit zwei Jahren wiederholten sie sich Woche für Woche – zuletzt fast Tag für Tag. Eine unaufhörliche Marter für mich, eine furchtbare Qual für sie. Oft habe ich sie an Selbstmordversuchen gehindert. Nun – nun ist es vorbei...« Emich hatte schweigend zugehört. Er vermochte Mac Lewleß in dieser Stunde keine harte Antwort zu geben; er wollte es auch nicht. Aber fühlte er sich auch frei von Engherzigkeit der Empfindung – es lag in der Erzählung Geralds etwas, was ihn dennoch heimlich verstimmte und verletzte. Er erhob sich und nahm Geralds Hand. »Nun ist es vorbei«, wiederholte er. »Eine Erlösung für sie und auch für dich, Gerald. Du wirst sie betrauern und ihr Andenken im Herzen behalten und wirst wieder gesund werden. Wenn du nach mir verlangst, so laß mich rufen ...« Nach drei Tagen begrub man Jenny Mac Lewleß. Das ganze Offizierkorps wohnte der Beerdigung bei. Nur Blohme fehlte. – – – – Es regnete. Über das Pflaster strömte das Wasser, und von allen Dächern tropfte und rieselte es. Emich hatte seinem Zuge Reitunterricht gegeben und trat nun aus der verdeckten Reitbahn ins Freie. Neben ihm schritt der Oberstabsarzt des Regiments, Doktor Rösicke. »Teufel, so ein Wetter«, sagte Doktor Rösicke und schlug den Mantelkragen in die Höhe. »Warum dürfen wir zur Uniform nicht auch Regenschirme tragen? ... Also, liebste beste Durchlaucht, was ich Ihnen erzählt habe, bleibt unter uns. Ich war schon in Ihrer Wohnung. Warnen Sie Mac Lewleß! Der Major kann ihn nun einmal in den Tod nicht leiden. Ob sich denn nicht bald eine Versetzung für den roten Helfershelfer findet!? Wollte man im Kriegsministerium doch Einsehen haben, ihn zum Oberstleutnant befördern und ihm ein Regiment geben, damit wir ihn loswürden! Adjö, Durchlaucht.« Die beiden trennten sich. Emich ging sehr langsam die Straße hinauf. Mit rollendem Geräusch fiel der Regen auf den Gummimantel und troff langsam zur Erde. Die weiße Mütze sah grau aus, hatte sich gesackt und mit Feuchtigkeit vollgesogen. Emich achtete nicht auf den Guß des Himmels. Es war eine neue Sorge, die ihm der Oberstabsarzt in das Ohr geflüstert hatte. Herrgott, hörten denn die Aufregungen nicht auf! – Sicher lag nur ein unseliges Versehen vor – aber seine Folgen konnten für Gerald schwer wiegen. Er mußte auf der Stelle benachrichtigt werden. Glücklicherweise war er zu Hause. »Ich muß dich in einer unangenehmen Geschichte sprechen, Gerald«, sagte Emich. »Sei mir nicht böse, wenn ich frische Wunden berühre.« »Ich habe Schmerzen ertragen gelernt, Emich. Also los!« Emich suchte nach Worten; er wollte schonend zu Werke gehen. »Der Kreisphysikus«, begann er, »hat eine Dummheit begangen. Er hat irgendwo am Stammtisch erzählt, deine selige Mutter –« Er stockte wieder. »Weiter, Emich«, rief Gerald drängend. »Mein Gott, es muß doch heraus!« »Ja – es muß. Er hat erzählt, deine Mutter sei an Herzlähmung gestorben, wie ja auch der Totenschein besagt – aber der Tod sei infolge einer zu starken Dosis von Morphium eingetreten. Und dieser gräßliche Blohme hat davon gehört und speit nun Feuer und Flamme: Du hättest nicht genügend Obacht gegeben – die Sache erfordere eingehende Untersuchung, die Staatsanwaltschaft müsse benachrichtigt werden – was weiß ich, Gerald! Ich bin hergekommen, dich zu warnen. Du mußt auf neue Unannehmlichkeiten gefaßt sein...« Mac Lewleß schaute ernst vor sich nieder. Ein leichtes Zittern, einem Schauer ähnlich, durchflog seine Glieder. Er nickte. »Es ist so, Emich«, sagte er. »Das Morphium brachte ihr Schlaf, und sie mußte in letzter Zeit die Dosen sehr verstärken. Wir bezogen die Arznei aus Berlin, um hier kein unnötiges Aufsehen zu erregen – und ich weiß, daß die Mutter einmal das Rezept eigenhändig gefälscht hat, um eine größere Dosis zu erhalten... Sie wollte Schlaf finden – sehnte sich auch nach dem ewigen Schlaf... Emich, wer konnte es ihr verdenken!? Wäre es nicht ein Werk der Barmherzigkeit gewesen, der Unheilbaren den Todestrank zu lassen?...« Emichs Kopf flog empor. Er starrte Gerald in das Gesicht; eine Frage drängte sich auf seine Lippen, aber er hielt sie zurück. »Deine Mutter hat ihren Frieden gefunden«, sagte er ausweichend. »Den Frieden, den sie suchte. Gott sei mit ihr. Und nun ich, Emich?! Ich habe auch Verlangen nach Ruhe des Gemüts. Ich habe zu viel gelitten. Ich scheue mich vor jeder neuen Erregung... Schon in der letzten Nacht kam mir der Gedanke, den Abschied einzureichen. Man kann ihn mir nicht verweigern; der Arzt wird bestätigen müssen, daß meine Nerven zerzupft und zerrissen sind. Man verweigert ja nur ausnahmsweise einmal ein Abschiedsgesuch!« »Und wohin willst du?« »Das kommt darauf an.«... Er erhob sich und streckte Emich beide Hände entgegen. »Willst du mir einen Freundschaftsdienst erweisen, Kleiner? Einen über alles großen?« »Gewiß – du kennst mich. Mit tausend Freuden.« »So fahre morgen nach Stenzig und frage Ruth in meinem Namen, ob sie den Traum zur Wahrheit machen will, von dem ich dir vor einigen Tagen vorschwärmte.« Emich schnellte erblassend empor. »Gerald!« »Ist das eine so große Kühnheit, Emich? – Ich sage dir, nein. Nicht sie wies mich vor vier Jahren ab, sondern ihr Vater. Sie ist älter und reifer geworden; auch sie will ihren Frieden haben. Und ich habe in ihrem Auge vieles gelesen, das mich hoffen läßt. Sage ihr, wie ich sie liebe. Sprich auch vom Praktischen. Ich bin wohlhabend. Ich will mich irgendwo ankaufen – in ihrer Heimat oder in den Bergen Schottlands... Sprich für mich mit der ganzen Wärme deiner Freundschaft!...« Gerald hielt noch immer die Hände Emichs fest. »Willst du es tun?« fragte er. »Gerald – ich will – ja, ich will! Aber, sag' mir, weshalb scheust du dich, selbst vor sie hinzutreten und –« »Ich fürchte mich, Emich. Das ist es. Ich fürchte meine eigene Leidenschaft. Ich will mich nicht hinreißen lassen wie damals. Es könnte noch schlimmer kommen. Aber ich quäle dich nicht mit meiner Bitte. Sage nein – und unsre Freundschaft wird trotzdem die alte bleiben.« »Du weißt, daß ich nicht nein sage. Ich bin morgen dienstfrei. Am Abend bin ich bei dir.« »Dank dir im voraus! Ich kann mir keinen besseren Freiwerber wünschen als dich. Und nun will ich mich ankleiden und zum Obersten gehen, mir vorläufigen Urlaub erbitten und mit ihm über meinen Abschied sprechen...« ...Am Abend dieses Tages ging Emich nicht in das Kasino, sondern blieb zu Hause. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, mit den Kameraden über allerhand Gleichgültiges zu scherzen und zu plaudern. Er fühlte das Bedürfnis, allein zu sein. Bob, dessen Dienstzeit verflossen, den Emich aber als Kammerdiener behalten hatte (eine Konzession an die Standeserhöhung), war soeben dabei, den Tisch zu decken. Er hatte den Spiritus unter der Teemaschine angesteckt, warf einen letzten Blick über den Tisch, schlug dann die Absätze zusammen und fragte, ob Durchlaucht noch etwas zu befehlen hätten. Emich schrak, auf dem Diwan ausgestreckt, wie aus tiefem Traume empor. Er verneinte, schickte Bob hinaus und versuchte, zu Abend zu essen. Aber es war keine Freude dabei, es war eine mechanische Tätigkeit. Zwischen jedem Bissen quollen trübe Gedanken und bittere Erinnerungen in ihm auf. Und die Gedanken wurden zu Personen und saßen mit ihm am Tisch und starrten ihn an. Gerald starrte ihn an, müdes Hoffen in den Augen, und Ruth und ihr Vater und plötzlich auch – seltsam genug – der Kottauer Rietzow ... Und dann Saß – – ja, war das nicht die Stimme Sassenhausens?! ... Emich lauschte. »Lassen Sie nur, Bob,« hörte er deutlich, »ich finde mich schon allein zurecht ...« Es klopfte an; Saß trat ein – in Zivil, triefend vor Regen, den Hut tief in die Stirn gedrückt. »Saß!?« rief Emich und sprang auf. »Ja – Saß – ich bin es, Emich! Bleib auf dem Sofa, Alterchen – na, dich brauch' ich ja nicht erst zu fragen, wie es dir geht! Du sitzest wie ein Berliner Rentier am wohlbesetzten Tische – – gib mir eine Tasse Tee – nee, ein Glas Grog – ich bin naß bis auf die Haut. Eine Sintflut draußen! ...« Die erste Begrüßung war vorüber. Sassenhausen hatte sich einen Flauschrock Emichs angezogen und rasch seinen Grog geleert. Emich beobachtete ihn heimlich und mit Unruhe. Saß sah elend aus; das Gesicht war fahl, die Augen brannten. »So,« sagte er, »jetzt kann höchstens noch ein Schnupfen kommen. Nein, danke – ich esse nichts, Emich! Weshalb ich hier bin? Weil es mir hundsmiserabel geht und ich dir adjö sagen wollte. Falle nicht um, Emich: es ist aus mit mir. Schlichter Abschied und dann Amerika – heidi! ...« Es war eingetroffen, was Emich seit langem gefürchtet hatte. Die Rotte der Gläubiger hatte Saß den Hals zugeschnürt. Aber Saß trug selber die Schuld an seiner Erwürgung. Der eigene Leichtsinn während seines Kommandos zur Zentralturnanstalt hatte ihn zugrunde gerichtet. In Berlin war er in Spielerhände gefallen; das hatte ihm den letzten Stoß gegeben. Mit gefurchter Stirn hatte Emich zugehört. Für einen so wahnwitzigen Leichtsinn fehlte ihm das Verständnis. Aber er überhäufte Sassenhausen nicht mit Vorwürfen. Der moralische Untergang des Freundes tat seinem Herzen weh. Er schwieg. Dies Schweigen verwirrte Sassenhausen. Er schlug mit der Hand auf den Tisch. »Potzdonnerwetter, Emich, sitz' nicht wie ein Ölgötze da!« schrie er. »Sage, daß ich ein Schuft bin!« »Ich bin kein Narr, Saß«, antwortete Emich ernst. »Schimpfen und Wüten hilft dir ebensowenig aus der Patsche als Klagen. Um wieviel handelt es sich diesmal?« »Um eine Riesensumme. Frage nicht erst! Ich war schon zu Hause. Du kannst dir denken, wie der Papa mich aufgenommen hat. Meine Schwester Röschen hat sich mit einem armen Maler verlobt – das ging dem Alten auch im Kopfe herum. Und nun meine Dummheit! Mir ist zu Mute, als hätte ich einen Mord begangen, hätte die Polizei auf den Fersen und müßte schleunigst ins Ausland flüchten. Mit den Eltern ist also alles besprochen. Papa gibt keinen Pfennig mehr; die Mama spendet noch achthundert Taler Reisegeld. Abschied von Eltern und Geschwistern habe ich bereits genommen – das war eine Stunde, die ich meinem ärgsten Feinde nicht gönne ...« Er strich mit der Hand über die Augen, schluchzte auf und machte sich ein neues Glas Grog zurecht. »Ich habe auch an eine gute Partie gedacht«, fuhr er fort. »Doch wo findet man die im Handumdrehen, und das Messer sitzt mir an der Kehle! ... Deine Cousine Ruth – das wäre so etwas. Die habe ich immer sehr lieb gehabt. Aber der alte Graf würde mich wahrscheinlich vor die Türe setzen –« »Und ich würde dabei helfen, Saß«, warf Emich ein. »Sprich nicht solchen Unsinn! Es fehlt nur noch, daß du als letztes Allheilmittel an eine Kugel denkst –« »Hab' ich auch schon! Die Welt verliert wenig an mir.« »Das will ich nicht bestreiten. Trotzdem möchte ich dir einen anderen Vorschlag machen. Willst du nicht versuchen, ob sich Veresco für dich verwenden kann?« Sassenhausen schlug wieder auf den Tisch. »Donnerwetter, Emich – Donnerwetter!... Das ist ein guter Gedanke! Illyrien ist das Land der Zukunft, der Fürst dein Vetter, unser Freund Maffeo der Sohn des Premierministers – an Verbindungen fehlt es mir also nicht.« »Die dir aber allesamt nicht viel nützen werden, wenn du nicht tatsächlich die Absicht hast, ganz energisch mit deinem Leichtsinn zu brechen. Saß, ich hasse das Moralpauken. Ich habe auch keine Begabung dazu. Ich schwöre dir aber, daß ich kein gutes Wort für dich bei meinem Vetter Leopold einlege, wenn du dich nicht mit Handschlag und auf deine Ehre verpflichtest, nie wieder zu hasardieren. Willst du das tun?« Sassenhausen stand auf und reichte Emich seine Rechte. »Ein Schurke will ich sein, rühre ich je wieder die verdammten Karten an!« »Hast du dir das nicht schon einmal zugeschworen, Saß?« »Zwanzigmal mir selbst – ja, es ist wahr. Aber dir brech' ich mein Wort nicht. Es sind ein paar Schlingen, die mich knebeln. Auch den Eltern habe ich es mit der Hand und Ehre versprechen müssen. Was soll also mit mir geschehen, Emich? Amerika bleibt links liegen; Illyrien ist die Parole. Mein Abschiedsgesuch ist genehmigt; Vater war persönlich beim Kriegsminister. Soll ich an Veresco telegraphieren?« »Nein. Besorge deine Abmeldungen, schreibe deinen Gläubigern, daß sie warten müßten, und dann setze dich auf die Bahn und fahre nach Garica. Ich werde dafür sorgen, daß Fürst Leopold dir den Eintritt in die illyrische Armee ermöglicht. Du bist immer ein tüchtiger Frontoffizier gewesen, ein guter Reiter und Instruktor, auch Soldat von Passion – vielleicht machst du noch einmal dein Glück.« Sassenhausen warf sich an Schöninghs Brust. »Adjö, Emich – Teufel, Donnerwetter, ich heule wie ein Lausbub, aber ich kann nicht anders! Ich – weißt du, ich bin ganz froh, daß es so gekommen ist! Bin ganz froh darüber. Hier hätt' ich's doch niemals zu etwas Ordentlichem gebracht – aber da unten, wo es alle anderthalb Jahre eine tüchtige Revolution gibt, da werd' ich schon meinen Mann stehen!... Was ist die Uhr? – Erst neun – ich fahr' noch heut' abend nach Berlin zurück! Gut, daß es wie mit Kannen gießt – da kann ich mich heimlich durch die Straßen drücken, denn ich schäme mich, einem Kameraden zu begegnen. Es braucht mich niemand zu sehen...« Er war wieder in Rock und Paletot geschlüpft. »Adjö, Emich – wenn du wieder einmal etwas von mir hörst, wird es Gutes sein! Grüß' mir den Gerald – die andern nicht! Adjö, Emich!...« Und Emich war wieder allein. Draußen rauschte der Regen. XI Über Nacht hatte sich der Himmel aufgeklärt, und dem Regentag war prachtvolles Wetter gefolgt. Emich freute sich darüber; nun brauchte er nicht nach Stenzig zu fahren, sondern konnte sich den Troilos satteln lassen und durch den Wald zu den Wiegels reiten. Der Troilos wieherte lustig in die Morgenluft hinein. Emich trug den blauen Koller mit Achselstücken und lange Beinkleider; er ritt ohne Pallasch und hatte nur eine Reitgerte in der Hand. Auf dem Wege über das flache Land brannte die Sonne heiß. Auf dem goldbraunen Fell des Pferdes zeigten sich bald feuchte Tupfen und Streifen weißen Schaums. Aber es hielt wacker aus und ermüdete nicht, bis der Waldsaum erreicht war. Nun ließ Emich den Zügel lang hängen und den Fuchs in Schritt fallen. Es war etwas Wohliges, im Schatten des Waldes zu reiten. Emich blieb nicht auf der staubigen Landstraße, sondern schlug allerhand Seitenwege ein. An der Stiebnitzer Furt und der Königseiche vorüber war eine Zeitersparnis von fast dreiviertel Stunden. Das Sonnenlicht sickerte durch das Waldgrün in goldigen Tropfen, die überall unten im Moose, an Rispen und Blumen hängen blieben. Mit tief geneigtem Kopfe schritt der Gaul die schmalen Pfade hinab, Buschwerk und Baumstämme geschickt umgehend, im Grase schnuppernd und von Zeit zu Zeit mit geblähten Nüstern behaglich prustend. Er fühlte sich augenscheinlich wohl in diesem kühlenden Dämmer, aber er paßte dennoch scharf auf und hütete sich vor Wurzeln und Schlinggestrüpp und träumte nicht so in die Weite hinein wie der Reiter auf seinem Rücken. Einmal blieb er sogar stehen; ein gefällter Baumstamm lag quer über dem Wege, und über den wollte er nicht. Da zog Emich die Zügel an, setzte sich fester in den Sattel zurück und ließ den Troilos springen... Nun führte der Pfad langsam bergab, und da der Moosboden glatt und schlüpfrig war vom Regen des gestrigen Tages, so mußte Emich Obacht geben auf sein goldbraunes Roß und konnte nicht weiterträumen. Eine anmutige Schlucht, breit gebettet und mit saftigem Grün gefüllt, dehnte sich vor ihm aus. Er wußte Bescheid. Jenseit der Erdsenkung zog sich eine Reihe kleiner runder Erdhügel durch die Waldlichtung. Das war die Grenze des Stenziger Reviers und zugleich die der Provinz. Nicht nur eine geographische Scheidelinie, sondern auch eine geistige, denn hier stießen zwei starke Strömungen hart aneinander: Protestantismus und Katholizismus. Die Schlucht stieg allgemach an und verflachte sich. Der Stenziger Plenterwald nahm sie auf, ein mächtiges Terrain, auf dem Buchen, Eichen, Birken und Tannen wechselten. Troilos hatte sich wieder in Trab gesetzt. Er wieherte froh, und die feinflügligen Nüstern blähten sich auf und sogen die Waldluft ein. Auf einer weiten Lichtung hatte man Zirbeln angeschont. Die zarten Nadelsprossen umglühte das Sonnenlicht. Der Himmel war in ein lichtes und durchsichtiges Wasserblau getaucht, auf dem nur ein einzelnes weißes Wölkchen schwamm, helleuchtend wie das Segel eines einsam in weite Ferne steuernden Bootes. Und nun senkte sich wieder das Terrain. Das Unterholz wucherte stärker und verstrickte sich zu dichtem Gewirr ineinandergreifender grüner Linien, so daß Emich den Troilos wieder in Schritt fallen lassen mußte, um einen Sturz auf dem schmalen Pfade zu vermeiden. Hie und da zeigte sich Gerinnsel, und durch den Walddämmer glänzte der perlmuttfarbene Streifen eines kleinen Kanals. Emich umritt den morastigen Grund der Strebnitzer Furt. Ein Dickicht von Erlen schoß aus dem feuchten Moose auf, und aus dem mannshohen Schilfe scholl das Geschrei der Wasservögel, scholl Tirilieren und Trommelruf und Surren und Zwitschern und das einförmige Quaken der Frösche. Eine Trappe strich durch die Luft. Der Wald öffnete sich plötzlich zu einer schmalen Schneise, durch die man tief hinab in den Grund schauen konnte, als wechsle die Dekoration. Unten quoll aus sumpfiger Erde braungelbes Wasser hervor; über dem Röhricht taumelten große, farbenschimmernde Libellen; schroff stieg als Abschluß des Ausblicks jenseit des Grundes der Hang empor, den oben hohe Kiefern mit mächtigen Kronen begrenzten, die fast Pinien glichen, wie sie da so bewegungslos und schwarz in der Helle des Sommertages standen... Eine ganze Reihe ähnlicher Schneisen folgte, die für Schlepp- und Hetzjagd durch das Holz gehauen, und jede einzelne bot neue Durchblicke: einen stillen Seewinkel mit einem halb im Schilf versteckten Boot – eine blendend grüne Wiesenlichtung, auf der Rehe ästen – ein in Efeu gepacktes Forsthaus mit blitzenden Fenstern... Das zog schnell vorüber wie wechselnde Guckkastenbilder. Und dann wurde es heller ringsum. Der Walddämmer wich. Troilos trabte durch eine Tannenschonung, in der es harzig duftete, und die an ein geschorenes Kleefeld stieß, den Weidegarten des jungen Damwilds. In der Mitte des Geländes stand eine uralte, riesenhafte Eiche, auf die eine Treppe wipfelan führte. Die Königseiche hieß sie; Friedrich Wilhelm I. hatte hier einmal gerastet, als er bei seinem ›lieben und getreuen Staatsrat von Wiegel‹ zur Jagd geladen war... Der Troilos warf den Kopf zurück und wieherte auf. Ein schmetterndes Wiehern antwortete – ein zweites gedämpftes in weiterer Ferne... Die Hand Emichs zuckte unwillkürlich in den Zügeln. Er sah einen Reiter im Walde verschwinden. Einen braunen Kastor, ein braunes Jackett und bauschige weiße Pantalons – das war alles, was Emich erkennen konnte. Aber unter der Eiche stand noch jemand. Ein Weib stand unter der Königseiche, groß und schlank, in schwarzem Reitkleid; daneben ein Pferd, dessen Zügel um einen der knorrigen Baumäste geschlungen war. Der Braune hatte lauschend den Kopf erhoben, und abermals wieherte er dem Troilos entgegen... Nun legte Emich die Schenkel an; zu schlankem Galopp griff der Troilos aus. »Ruth – grüß' Gott!« Schöningh schwang sich aus dem Sattel. »Grüß' Gott, Ruth«, wiederholte er. »Ich war auf dem Wege zu euch. Freu' mich, daß ich dich hier finde. Wer war denn – der, der da so eilig verschwand –?« Sie hatte genickt und ihm lässig die Hand gereicht. »Rietzow war's«, sagte sie; »er wollte zum Oberförster. Das Schwarzwild hat wieder einmal seine Schonung verwüstet.« »So,« entgegnete Emich gedehnt, »das Schwarzwild ... Merkwürdig, wie eilig er es hatte!« »Ich finde nichts Merkwürdiges dabei.« »Bist du wieder einmal in schlechter Stimmung, Cousine?« »Nein – in recht guter Die Sonne scheint ja so wunderbar.« »In deinen Augen nicht, Ruth. Aber das ist mir nichts Neues. Den Frohsinn hast du schon lange verloren.« Sie lachte spöttisch auf. »Mein guter Emich, hast du vielleicht wieder eine Warnung in petto ? So eine, wie sie deinem Alter, deiner Würde und Weisheit gut zu Gesicht steht? Willst du mir wieder erzählen, wie ich mich nicht zu benehmen habe – und wie es einem tadellosen Grafenkinde geziemt? ...« Der spöttische Ton regte Emich auf. Es schoß ihm heiß in das Gesicht. Bittend schaute er Ruth an. Unter ihrem kleinen Rundhute quollen schwarze Löckchen hervor; das Antlitz war echauffiert, vermutlich vom raschen Ritt; ein rosiger Schimmer lag auf dem Flaum der Wangen. In den Händen hielt sie die Reitpeitsche, bog spielend Griff und Spitze zusammen und ließ sie dann pfeifend wieder auseinanderschnellen. »Laß uns nicht streiten, Ruth«, sagte Emich. »Ich komme in ernster Sache zu dir. Willst du mich anhören?« »Bitte ...« Sie setzte sich auf die unterste Stufe der Eichentreppe. »Also in ›ernster Sache‹. Da bin ich neugierig.« »Ich habe – habe einen Auftrag an dich, Ruth. –« »Ah! ... Und von wem? ...« Sie schaute ihn von untenauf fragend an. Ihre Nasenflügel zitterten leicht wie in heftiger Neugier. Vielleicht ahnte sie, was kommen würde. »Von Mac Lewleß.« »So – von Mac Lewleß«, wiederholte sie, anscheinend gleichgültig. Aber ein fiebriger Ausdruck trat in ihren Blick. Sie faßte wieder ihre Reitgerte mit beiden Händen und spannte sie über die Knie. »Was will Mac Lewleß von mir? Ich hörte, seine Mutter sei gestorben, und hätte ihm gern kondoliert, wollte das aber persönlich tun ... Also, was läßt er mir sagen?...« Emich hatte auch den Troilos angebunden und ließ sich nun neben Ruth im duftenden Kleegrün nieder. Er sprach rasch und fast ohne abzusetzen, als dränge es ihn, seine Mission zu beenden. »Er läßt dir sagen, daß er dich immer noch liebe – so wie damals, als er das erstemal um dich angehalten hat. Daß er von neuem um dich werbe... Er will den Abschied nehmen und sich ankaufen – nach deiner Wahl, wenn du ihm folgen und sein Geschick teilen willst... Gerald ist mein bester Freund; das ist alles, was ich zur Unterstützung seiner Werbung sagen kann. Welche Antwort soll ich ihm bringen?...« Ruth hatte den Kopf tief geneigt. Sie war blaß geworden. Man sah, wie die Linien ihrer Büste unter dem eng sich anschmiegenden Kleide leise bebten. »Warum kommt er nicht selbst?« fragte sie leise. »Er fürchtet für sein Temperament, Ruth. Und ich steh' ihm so nahe, daß du annehmen kannst, er spreche, da du mich hörst...« Ein klagender Ton, ein Aufstöhnen kam von den Lippen Ruths. Sie sprang jäh empor und ließ ihre Peitsche durch die Luft sausen. »Er ist feig!« rief sie. »Aus Feigheit kam er nicht! Er fürchtete sich, weil er fühlt, daß es ihm an Selbstbeherrschung fehlt! Und dich schickt er als Remplaçant! Das ist weise gehandelt, denn du wirst sicher nicht aus der Rolle fallen! O, sicher nicht! Du bist ein eisig korrekter Gentleman geworden – fast so korrekt wie mein Vater... Sag' deinem Freunde, ich hätte keine Antwort für ihn!« Sie trat an ihr Pferd heran und wollte die Zügel lösen. Aber Emich ließ sie nicht dazu kommen. Er faßte sie am Arm und hielt sie zurück. »Ruth – warum so heftig?« sagte er. »Fast scheint es mir –« »Nun? – was scheint dir?!« »Als ob dir Gerald – – aber laß mich denken, was mir behagt! Antwort mußt du mir geben! Ein Ja oder ein Nein!« »Bring' ihm ein Nein!« »Ruth – ich bitte dich, überlege! Sprich nicht im Ungestüm! Ist Gerald nicht ein ganzer Mann?!« »Und wenn er das Ideal meines Herzens wäre, ich würde doch nicht die Seine werden!« Emich fuhr zurück, als hätte ihn ein Schlag getroffen. Wie klang das seltsam! War dieses Mädchen auszukennen?! Was ging in ihrer Seele vor?! – »Du mußt deine Gründe haben, ihn abermals abzuweisen«, sagte er tonlos. »Gewichtigere als damals! Damals – sprach mein Vater für mich. Ich hätte vielleicht... genug, es ist heute anders geworden!...« Sie ergriff plötzlich die Hände Emichs und hielt sie fest. Eine Flamme schlug in ihren Augen auf. Ihre Stimme klang heiser, als sie hastig hervorstieß: »Ich glaub' es – ich würde glücklich werden mit Gerald. O – ich würde so glücklich werden mit ihm! Und dennoch sage ich nein! Wenn auch die Herzen zusammengehören – die Seelen werden sich ewig fremd bleiben ... Ich steh' im Begriff, den Glauben meiner Mutter anzunehmen, dessen Feind – er ist! ...« Wie entgeistert starrte Emich sie an. Das war das letzte, was er erwartet hatte. Den Glauben ihrer Mutter! Die gute, duldsame Tante Irmela sollte – – und nun riß auf einmal der Schleier vor Emichs Auge. »Rietzows Werk«, sagte er mit schneidendem Hohn. »Ich gratuliere, schöne Cousine. Das Opfer war der Mühe wert. Und dein Vater? Riß er nicht die Augen auf, wie ich, als er das Erstaunliche hörte?« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Er weiß es noch nicht und wird sich fügen müssen, denn ich bin fest ... Dein Spott kränkt mich nicht, Emich. Lebe wohl!« »Halt – bleib noch!« ... Zum zweitenmal vertrat ihr Emich den Weg. »Du bist wahnsinnig, Ruth! Du weißt nicht, was du tust! Belügst dich selbst, wenn du dir einredest, Unirdisches risse dich auf die neue Bahn! Du hast dich einfach überrumpeln lassen. Kannst du noch zögern? Willst du dein Herz opfern einer – Marotte zuliebe?!« Sie stampfte mit dem Fuße auf. »Mäßige deine Ausdrücke, Emich!« rief sie. »Großer Gott, eine Marotte – und wie hab' ich kämpfen müssen!... Aber jedes Wort ist zu viel. Schmach, daß du so sprichst, der du selbst Katholik bist!« »Gewiß bin ich es, und mit voller Ehrlichkeit. Und weil ich ehrlich bin, verabscheue ich die Heuchelei.« Ein böser Blick traf ihn. »Geh!« lief sie. »Ich hasse dich!« Emich machte eine rasche Bewegung – und blieb dann wie angewurzelt stehen. Alles Blut drängte sich ihm zum Hirn. Eine rote Lohe umflammte ihn. Sie haßte ihn! Hatte er recht gehört?! Und wieder lachte er bitter auf. »Haßt mich?! Gut so! Ich hasse dich wieder! Aber nur, weil Haß und Liebe Geschwister sind. Wehre dich nicht! Meine Lippen sollen dir sagen, wie sehr ich dich hasse! Sie haben es dir schon einmal gesagt – weißt du noch, Ruth – unter dem alten Nußbaum im Parke von Stenzig...« Sie wehrte sich wie rasend in seiner Umschlingung, keuchend, ohne einen Schrei auszustoßen, mit bebenden Gliedern und fliegenden Pulsen. Aber er hielt sie fest, beugte ihren Kopf zurück, so daß er ihr flammendes Gesicht vor sich hatte, und küßte sie lange auf den Mund. »So hasse ich dich!« rief er wild und ließ sie los. Noch zitternd reckte sie sich; es war wie das Emporschnellen einer Wildkatze zum Sprung. Dann hob sie die Peitsche. Aber im Nu hatte er sie ihr entwunden. »Steig zu Pferde, Cousine«, sagte er lächelnd; »ich werde dir dann die Gerte reichen...« Schweigend schwang sie sich in den Sattel und griff in die Zügel. Er gab ihr die Peitsche und trat einen Schritt zurück. »Fürchte nichts, Emich! Feigling – ich wiederhole es dir! Feigling, der ein Weib zwingt und dann angstvoll zurückweicht! ... Aber nicht du triumphierst – ich triumphiere! Ich weiß jetzt, daß du mich liebst – und ich lache darüber! Lache, wie damals – ich lache dich aus! Prinzlein, was bietest du mir?! Ein Krönchen – kein Reich! Ich aber –« und sie wiegte sich aus dem Sattel herab und ihre Stimme wurde zischend – »will Herrin sein – oder nichts!« Sie sprengte davon. Kleegrün und Sand stoben durch die Luft. Der Troilos wieherte dem Gefährten nach. »Herrin sein –« das klang noch im Ohre Emichs wider. Seltsam, wie ihre Neigungen ineinanderflossen mit den seinen! Herrin und Herr sein ... Er schaute Ruth nach, sah noch einmal ihren Kleidsaum flattern und sah, wie sie im Walde verschwand. Und nun lächelte er nicht mehr. Er war sehr ernst geworden. In der Erinnerung dünkte ihm das letzte Geschehnis wie ein verrückter Bubenstreich. Aber er spürte noch immer die duftige Frische ihrer Lippen auf den seinen und den Nachhall jenes unnennbar süßen Gefühls, als er die geschmeidige Gestalt des Mädchens in seinem Arm gehalten hatte ... »Ich hasse dich!« hatte sie ihm zugerufen. Ein Zug von Trotz und Eigenwillen grub sich um seinen Mund ein. »Hasse mich,« sprach er zu sich selbst, »ich werde fertig werden mit deinem Haß wie mit meiner Liebe. Nun ist ja doch alles aus. Und es ist recht so. Herrin und Herr gehören nicht zueinander. Es würde ein ewiger Kampf sein ...« War das ein Trost? – Nein, denn das Herz tat ihm weh. Er stieg zu Pferde und trug sein Leid zurück durch Sonnenglanz und Waldesdämmer. Er ritt langsam, Schritt für Schritt, und daß sich sein Weg stundenlang ausdehnte, merkte er gar nicht. Er träumte wieder, und erst, als der Kirchturm von Klempin vor ihm auftauchte, wachte er auf. Und nun erst fiel ihm ein und fiel ihm schwer auf die Seele, welche Hiobspost er Mac Lewleß zu bringen hatte. Es war merkwürdig: an den Freund hatte er gar nicht mehr gedacht. Nur mit sich selbst hatte er sich beschäftigt. Und doch hatte er für den Freund geworben, und daß Ruth diesen Freund liebte, nicht ihn, hatte sie ihm zugestanden – und alles das hatte er vergessen beim lauten Klopfen des eigenen Herzens. Als Emich in später Nachmittagsstunde bei Gerald vorsprach, fand er diesen in eifriger Arbeit. Mac Lewleß packte seine Bücher zusammen, überall standen gewaltige Kisten umher; zu Haufen schichteten sich am Boden die Bücher auf. Beim Eintritt Emichs erhob sich Gerald, der am Boden kniete, und schaute ihn an. An dem Gesichtsausdruck seines Freundes erkannte er sofort, was jener brachte. Er wurde sehr blaß, schloß die Augen, und es schien, als taumelte er. Aber das war nur ein Moment der Schwäche. Er schob Emich einen Stuhl zu und setzte sich selbst. »Also nichts«, sagte er. Emich schüttelte den Kopf. »Nichts!...« Er berichtete kurz das, was er für nötig hielt. Gerald blieb unbeweglich sitzen. Es wurde auch ihm schwer, das Erstaunliche zu begreifen. »Und Rietzow, meinst du, war der Seelenfänger?« »War es bestimmt. Aber ich weiß nicht, ob ihn nicht auch noch Motive persönlicher Art leiteten, als er seine Netze auswarf. Und Ruth selbst... ja, Gerald verstehst du sie denn?!« Er nickte. »O ja,« antwortete er, »ich glaube es wenigstens. Ruth ist für mich kein Einzelfall, sondern ein Typus. Jedes Weib von heute fordert ihr Stückchen individuelle Freiheit, einen Sonnenblick im Grau der Alltäglichkeit – und findet sie das nicht in der Erstarrung der sie umgebenden Verhältnisse, so sucht sie Rettung in der Flucht nach innen: im Glauben, in der Mystik, im heimlichen Grübeln über die Lösung sozialer Probleme. Was mit ihr werden wird dereinst – ich weiß es nicht. Vielleicht führt ihr Weg sie noch einmal von den Heiligen zu den Gespenstern, vom Glauben zum Spiritismus. Vielleicht auch – – aber ich bin kein Deuter. Mir ist sie für immer verloren!« Er strich langsam mit der Rechten über sein Gesicht. Dann stand er auf und gab Emich die Hand. »Und nun«, sagte er, »kein Wort mehr darüber! ...« Er sprach nur noch von seinen Zukunftsplänen. Er war ganz plötzlich europamüde geworden. Er wollte in durchaus veränderte Verhältnisse kommen, wollte alle Schiffe hinter sich verbrennen, sich ein völlig neues Dasein schaffen. So hatte er denn beschlossen, nach Amerika zu gehen. In Tenessee wohnte ein Freund und weitläufiger Verwandter von ihm als Besitzer einer großen Pflanzung. Den wollte er zunächst aufsuchen und sich vielleicht in seiner Nähe ankaufen. Vorläufiger Urlaub war ihm bewilligt worden, sein Abschiedsgesuch eingereicht. Es war hohe Zeit, daß er Klempin verließ, wollte er nicht in eine langwierige und peinliche Untersuchung hineingezogen werden. Es war ersichtlich, daß man sie ihm gegen den Willen Blohmes zu ersparen wünschte, denn der bereits benachrichtigte Staatsanwalt zögerte mit seinem Eingreifen. Dafür erschien Oberstabsarzt Doktor Rösicke abermals bei Emich, um ihn im Interesse seines Freundes zu warnen. Emich bat Mac Lewleß, noch am Abend dieses Tages abzureisen, und erbot sich, für den Verkauf seiner Mobilien und die Nachsendung seiner Bücherschätze Sorge tragen zu wollen. Aber nun ergriff Gerald plötzlich ein wilder Trotz. Er wollte bleiben und die Untersuchung abwarten; flüchten wollte er nicht. Emich begriff das; trotzdem bot er seine ganze Überredungskunst auf, Gerald zu beschleunigter Abreise zu bewegen. Es war klar, daß diese schreckliche Untersuchung, wie sie auch ausfallen mochte, Mac Lewleß auf das tiefste erschüttern mußte. Und das sollte ihm erspart bleiben. An einem stürmischen Abend Anfang September besuchte Gerald in Begleitung Emichs zum letzten Male das Grab seiner Mutter. Von dort aus sollte es auf den Bahnhof gehen. Über den Kirchhof strich der Wind. Schon begannen sich hie und da die Blätter zu färben und tanzten, die ersten Vorboten des nahenden Herbstes, durch die Luft. Aber über dem Grabe der armen Erlösten duftete noch der Frühling. Die ganze Blumenpracht, die daheim die einzige Freude der kranken Mutter gewesen war, hatte Gerald auf den Friedhof schaffen lassen; ein blühender Hügel wölbte sich zwischen den Gittern und Kreuzen. Und darüber hin strich die Windsbraut und nahm den Duft der Blumen mit. In den Zypressen und Trauereschen rauschte es wie ein großer Klagegesang. Es war dämmerig, aber die Sonne noch nicht untergegangen. Aus schwarzen langen Wolkenstreifen lugte ihr roter Ball hervor. Emich hatte sich zurückgezogen, als er sah, daß Gerald vor dem Grabe seiner Mutter, den Hut in der Hand, in stummem Versenken stehengeblieben war. Emich stand einige Schritte hinter ihm, an einem verrosteten Gitter, das einen efeuumsponnenen Hügel umschloß. Sinnend und trübe ruhte sein Blick auf dem Freunde, der sich nicht loszureißen vermochte von dem Blumenbeet, das seiner Mutter Sterbliches deckte. Und fürwahr – wie mußten in dieser Abschiedsstunde die Erinnerungen über ihn kommen, dem Sturm gleich, der über den Friedhof pfiff – alle Tiefen aufwühlend, an allen Saiten seiner Seele rührend! Dachte er seiner Kindheit zwischen den grünen Bergen Schottlands, seiner frohen Jugend auf Edinburgs hoher Schule und im heiteren Heidelberg, der Tage, die er auf der meerumspülten Felsenklippe in der Nordsee verlebt hatte? Oder dachte er zurück an jenes Erlebnis in Rom, das den Grund gelegt hatte zu dem schweren Leiden der Mutter – sah er die schlanke, schmächtige schwarze Gestalt des Verführers mit dem Feuerbrand im Auge neben sich am Grabe stehen?... Die Hand Emichs legte sich mahnend auf seine Schulter. »Vergib, Gerald – aber es ist Zeit!...« Es war Zeit... Vom Bahnhof herüber tönte ein lang ausgezogener, gellender Pfiff, das Schnaufen der Lokomotive und das polternde Geräusch eines einrollenden Zuges. Emich wußte: das war der Güterzug, der auf dem Nebengeleise stehenblieb, bis der Berliner Courier den Bahnhof verlassen hatte; und der Courier war in zehn Minuten zu erwarten. Gerald ging. Aber an der Kirchhofstür wandte er sich noch einmal um, und noch einmal suchte sein Blick den Blütenhügel. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Dann schob er rasch und mit energischer Gebärde seinen Arm unter den des Freundes. »Nun komm!... Emich, noch eine Bitte. Schau' manchmal nach dem Grab! Ich habe ein Monument bestellt und schon bezahlt – auch den Küster verständigt. Sieh, daß alles in Ordnung bleibt! Viel Blumen im Sommer...« Emich versprach alles. Das Sprechen fiel ihm schwer. Für seine geistige Entwicklung hatte Gerald viel bedeutet, und auch der beste Freund war er ihm immer gewesen. Nun kam die Trennung – vielleicht eine Trennung für ewige Zeiten... »Auf Wiedersehn, my boy , sagte Gerald und streckte seine Hand zum letzten Male aus dem Coupéfenster, während der Zug schon im Rollen war. »Auf Wiedersehen, Gerald!« rief Emich. Er hatte in diesem Augenblick das Empfinden, als sei ihm das Wiedersehen sicher, als handle es sich nur um ein Scheiden auf Jahr und Tag. Und wie rasch reihte sich Tag an Tag und wurden die Tage zu Jahren! – Dann ging er heim, während über dem ganzen Himmel sich das Schwarzgrau der Wolken zusammenzog, den Sonnenuntergang verhüllend, und mit verdoppelter Macht der Sturm über die Felder brauste. XII Ein einsamer Winter folgte für Emich, der sich fast völlig von dem Verkehr zurückgezogen hatte, seit ihm Stenzig entfremdet worden war. Denn in Stenzig hatte der Herbststurm gewaltig gehaust, hatte niedergebrochen und entwurzelt, und dann war es öde geworden. Eines Tages ließ Graf Wiegel Emich aus der Reitbahn holen. Er war vierspännig nach Klempin gekommen und in gewaltiger Aufregung, die er nur mühsam zu dämmen vermochte. »Emich, ich muß dich um einen Kavalierdienst bitten,« sagte er, »einen Dienst, den du mir nicht verweigern kannst...« Seine umdüsterten Augen brannten, und ein ganzes Netz von Falten lag unter der grauen Hahnenlocke; von gestern zu heute war der Mann ein Greis geworden... »Nicht verweigern kannst, Emich. Bring' Rietzow meine Forderung. Fünfzehn Schritt; Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit.« Nun wußte Emich, was geschehen war. Wiegel hätte es ihm nicht erst zu erzählen brauchen. Ruth hatte, um jeder Beeinflussung von seiten ihres Vaters vorzubeugen, ihren Übertritt zum Katholizismus heimlich vollzogen; ihr Führer und Pate und der geschickte und umsichtige Leiter der Angelegenheit war Rietzow gewesen. Trotz seiner gemischten Ehe war Wiegel ein starker und eifriger Protestant. Er war außer sich vor Grimm über die Konversion seiner Tochter, und seine Wut gegen Herrn von Rietzow wuchs, als zu gleicher Zeit auch in der »Katholischen Welt« die Novelle Ruths unter ihrem vollen Namen zu erscheinen begann. »Die katholische Welt« war jenes Blatt, an dem sich der Kottauer mit einem großen Kapital beteiligt hatte, und seiner Tendenz entsprach auch die Erzählung Ruths: dilettantisch in der Form, mager in der Erfindung und ganz unmöglich in der Psychologie, aber durchlodert von den Flammen eines fanatischen Renegatentums. Sie führte den Titel »Mein Golgatha« und war in Tagebuchform gehalten. Nur, wer aufmerksam und mit hellem Auge zwischen den Zeilen zu lesen verstand, konnte aus den wirren und leidenschaftlichen Bekenntnissen dieser Blätter den gellen Aufschrei einer sehnenden Seele vernehmen, der das Leben im sorgenlosen Alltag erbärmlich schien und die in mystischer Ekstase nicht nur kämpfen, sondern auch leiden wollte. In Stenzig gab es unbeschreibliche Szenen. Der gegen seine Tochter sonst so nachgiebige Graf schrie und tobte durch die Zimmer. Rietzow hatte ihm in letzter Zeit allerhand Liebenswürdigkeiten erwiesen und war ihm auch in politischer Beziehung dienstbar gewesen. »Er hat mich ködern wollen, Irmela! Hat vielleicht gehofft, ich würde ein Auge zudrücken oder gar – oder gar mit der Ruth zusammen die Wallfahrt nach Rom antreten! Ich tränk' es ihm ein, so wahr ich August Wiegel heiße! Vor die Pistole soll er mir – vor die Pistole!...« Die arme Gräfin Irmela schluchzte und weinte nur noch. Ihre geröteten Augen erzählten von langen durchwachten Nächten. Bei aller ihrer Duldsamkeit waren die Sympathien ihres Herzens auf seiten der Tochter, die nun ihren Glauben teilte. Aber sie hütete sich wohl, das auszusprechen. Und um des Friedens im Hause willen hätte sie auch gewünscht, es wäre beim Alten geblieben. Konnte nicht jeder zum lieben Gott beten, wie es ihm gefiel und richtig dünkte? Würde der Streit um den Glauben denn nie ein Ende nehmen in der Welt...? Ruth blieb die ruhigste in allen diesen Stürmen. Sie verließ nur noch zu den Mahlzeiten ihr Zimmer; dann erschien sie bleich, gewöhnlich dunkel gekleidet und sprach wenig. Als ihr Vater ihr einmal während des Diners eine Szene machen wollte, erklärte sie ruhig, sie werde sich künftighin auf dem Zimmer servieren lassen, wenn man mit ihr streiten wolle. Dagegen empfing sie den Pastor von Stenzig und hatte eine längere Aussprache mit ihm. Als der Pastor später mit Wiegel zusammenkam, zuckte er nur mit den Achseln und sagte: »Da ist nichts mehr zu machen, Herr Graf. Sie ist fest und wankt nicht. Sie muß sich allein mit ihrem Gott abfinden...« Emich war sich der Schwierigkeit seiner Mission wohl bewußt. Abschlagen konnte er die Bitte seines Oheims nicht. So verständigte er denn den Ehrenrat und fuhr über die Grenze nach Kottau. Rietzow lehnte den Zweikampf ab oder suchte wenigstens eine Verständigung herbeizuführen. Ruths Übertritt sei das Fazit reiflicher Erwägungen und bedeute den Friedensschluß nach schweren seelischen Kämpfen. Er selbst habe nichts getan, sie in ihrem Entschluß zu bestärken, es dagegen für seine Pflicht erachtet, ihr in formaler Beziehung hilfreich zu sein, nachdem sie erklärt habe, daß keine Macht der Erde sie hindern werde, das zu tun, was sie für recht halte. Von einer Ehrenkränkung könne auf keinen Fall die Rede sein, da es sich hier lediglich um eine Glaubensfrage handle... Rietzow gehörte zu den wenigen Menschen, die Emich stets zuwider gewesen waren. Aber er sagte sich auch, daß es Wahnwitz wäre, Rietzow mit aller Gewalt zu dem Duell zu zwingen. Nach dem Ehrenkodex mußte Wiegel Rietzows Erklärung genügen; nur Ruth selbst konnte beweisen, daß sie falsch war. Es blieb also lediglich das Faktum übrig, daß der formale Übertritt Ruths heimlich in der Pfarrkirche von Kottau vollzogen worden war. Rietzow betonte, daß er – ganz abgesehen von seinen religiösen Überzeugungen – schon als Kavalier der Komtesse die erbetene Beihilfe nicht hätte versagen können. Unverrichteter Sache kehrte Emich heim. Wiegel hatte ihn in Klempin erwartet, und zwar im Hause Blohmes. Und nun nahm sich der Major der Angelegenheit an; das kam ihm gerade zurecht. Als Emich ein Wort der Beruhigung sprach, wurde Blohme ausfallend und Wiegel scharf. So bat Emich denn, sich zurückziehen zu dürfen. Es war unmöglich, mit den beiden Herren noch weiter zu verhandeln. Blohme gegenüber wurde Emich niemals das Gefühl los, sich zu einer Insubordination hinreißen zu lassen, und Wiegel hatte vollständig den Kopf verloren. Seine glättende Korrektheit hatte sich in maßlose Wut aufgelöst. Noch am selben Tage raste der Major nach Kottau. Spät abends lehrte er heim, hochrot vor Erregung und triumphierend. Er hatte erreicht, was er wollte. Er hatte Rietzow im Namen Wiegels so schwer beleidigt, daß der Zweikampf unvermeidlich war. Das Duell wurde auf der Niederung hinter der Königseiche ausgefochten. In Stenzig ahnte man von dem blutigen Austrag nichts. Blohme sekundierte dem Grafen, ein Herr von Pernitz Rietzow; Hauptmann von Wallwitz, ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, war Unparteiischer, Doktor Rösicke überwachender Arzt. Im ersten Gang traf die Kugel Wiegels den linken Arm Rietzows. Der Blutverlust fühlte eine leichte Ohnmacht herbei, doch erklärte Rietzow, den Kampf fortsetzen zu wollen. Er war plötzlich ein anderer geworden als bei Beginn des Duells. Sein Auge erwiderte den Haß Wiegels; er zielte scharf. Unter seiner Kugel brach Wiegel zusammen. Doktor Rösicke erklärte die Lunge für gefährdet und bestand auf Abschluß des Zweikampfs. Den versöhnenden Handschlag wies der Graf zurück. Herr von Rietzow zeigte sich selbst beim Gericht an und wurde zu acht Monaten Festung verurteilt. Wiegels Wunde heilte nach wenigen Wochen, aber eine Unvorsichtigkeit warf ihn auf das Krankenlager zurück. Abermals wurde die nach kaum überstandener Krankheit noch stark empfindliche Lunge in Mitleidenschaft gezogen; eine Entzündung trat hinzu, und ihr erlag Graf Wiegel. Er starb am letzten Novembertag. Die Beisetzung fand in der Stenziger Familiengruft statt. Bei dieser Gelegenheit war Emich zum letzten Male in seiner zweiten Heimat gewesen. Die ganze Nachbarschaft, der halbe Adel der Provinz und fast alle Offiziere aus Klempin wohnten dem Begängnisse bei. Emich führte als nächster Verwandter die Gräfin, Blohme Komtesse Ruth. Während Irmela in Tränen zerfloß und das Taschentuch nicht von dem Gesicht ließ, schritt Ruth am Arme des Majors ruhig ihres Wegs. Die Trauerkleidung hob die geisterhafte Blässe ihres Antlitzes noch stärker hervor; die Augen lagen tief unter der Stirn. Aber die köstliche Gestalt war frei und stolz erhoben, und wenn auch der Blick den Boden suchte, so schien selbst in dieser Demut etwas von bewußter Hoheit zu liegen. In dem kleinen Mausoleum fanden nur die wenigsten Platz; die übrigen scharten sich draußen vor der geöffneten Tür unter den Birken und Edeltannen. Taktvoll vermied der Geistliche in seiner Rede jede Anspielung auf den unseligen Zweikampf und seine Ursachen. Es war sehr still, während er sprach; man hörte nur das leise, krampfhafte Schluchzen der Gräfin. Und dann wurde, nach dem letzten Gebet, der Sarg in die Gruft hinabgesenkt. Er schwebte auf Stricken in die Tiefe, zu den Ahnen des Geschlechts, die dort unten ausruhten vom ewigen Kampfe des Lebens. Und plötzlich fühlte Herr von Blohme, daß die Komtesse neben ihm erzitterte. Sie sank mit einem Wehlaut in die Knie und wurde, ohnmächtig... Spät am Abend nahm Emich Abschied von Frau Irmela. Sie hielt lange seine Hand in der ihren, und die armen verweinten Augen tropften noch immer. »Emich, mein Liebling,« sagte sie, wir haben beide an ihm viel verloren, du wie ich. Denn hatte er auch seine Fehler – o ja, er hatte sie –, so machten seine Rechtlichkeit und die Solidität seiner Grundsätze – ich kann mich nicht anders ausdrücken – sie doch auch wieder gut. Daß er mir niemals die Treue gebrochen hat, darauf lege ich meine Hand ins Feuer, und in der heutigen Zeit, wo die Verführungen so groß Wesens, das ihn vor häßlichen Eskapaden schützte; später ließ das auch sein Rheumatismus nicht mehr zu. Wir wollen beide sein Andenken in Ehren halten, Emich; gib mir die Hand darauf!« Das tat Emich gern, und die Gräfin fuhr fort: »Was nun weiter geschehen soll, weiß ich nicht. Dieser große Besitz und ich alte schwache Frau! Wenn doch die Ruth sich zu einer Heirat entschließen könnte, aber ach, als eigene Mutter weiß ich mich nicht mehr in ihr zurechtzufinden! Dickerchen, rücke doch nicht so viel auf dem Stuhl hin und her; ich lasse dich doch nicht fort – ich habe noch so viel auf dem Herzen! Was hältst du denn von der Ruth und ihrem plötzlichen Glaubenswechsel?« Emich zog die Schultern hoch. »Tantchen, wahrhaftig, ich weiß es nicht!... Es ist geschehen – was sollen wir noch weiter darüber verhandeln?!« Die Gräfin nickte lebhaft. »Ja, ja, du hast schon recht. An sich – an sich ist es ja gar nicht so schlimm. Ich meine das so aus meinem katholischen Herzen heraus, das sich ja auch bei dir nicht verleugnen wird, und deshalb denke ich, du wirst mich verstehen. Das Drum und Dran beklage ich natürlich auf das tiefste, und wenn ich Rietzow einmal begegnen sollte, tue ich so, als ob ich ihn nicht kenne. Aber ich spreche jetzt nur von der vollzogenen Tatsache. Sage einmal, Emich: glaubst du an erbliche Belastung?« Das war eine unerwartete Frage, die Emich ein wenig aus der Fassung brachte. »Wieso, Tantchen? Ich denke mir, darüber kann dir ein Arzt bessere Auskunft geben als ich.« »Ist richtig, Emich. Ich habe auch schon mit unserm alten Heuer darüber gesprochen. Der meinte, es käme darauf an, wobei man sich nun freilich gar nichts denken kann. Das gute Blut wäre immer die Hauptsache... Du guckst mich so erstaunt an, und ich kann dir das am Ende gar nicht einmal verdenken. Aber du weißt doch, daß es immer ein Lieblingsgedanke von mir gewesen ist, dich ganz als meinen Sohn betrachten zu können – und da nun auch keine konfessionellen Bedenken mehr vorwalten –« Emich hatte sich mit einem Ruck erhoben. »Ich bitte dich, Tante, hör' auf«, sagte er ernst. »Das, was du da planst, ist unmöglich. Frag' nicht, weshalb: es ist unmöglich, wiederhole ich dir. Und dies ›unmöglich‹ würde auch, soviel ich weiß, dem Sinne des Onkel August entsprochen haben.« »Emich, doch nur, weil der gute Selige sich in seine Vererbungsangst verrannt hatte! Und doch nur, weil er für seine Tochter keine gemischte Ehe wünschte! Und schließlich auch – mein Gott, er litt doch nun einmal an einer gewissen krankhaften Antipathie gegen alles, was Schöningh heißt!...« Emich war mit finsterem Gesicht vor der Gräfin stehengeblieben. »Tante,« sagte er in bittendem Tone, »laß uns nie – nie wieder dies unfruchtbare Thema berühren! Läge auch alles noch so glatt und eben, gäbe es keinerlei äußere Hindernisse mehr, gleich welcher Art – Ruth würde mich doch niemals heiraten!...« Nun war auch die Gräfin aufgestanden, Sorge und Angst in der Miene, mit forschendem Auge im Antlitz Emichs lesend. »Emich – du verschweigst mir etwas«, sagte sie. »Du hast dich bereits mit Ruth ausgesprochen... Du weißt, daß sie – – großer Gott, sie liebt doch nicht etwa den unglückseligen Rietzow?!« »Nein, Tante. Wenigstens weiß ich nichts davon. Und wäre es so – eine Ehe dieser beiden wäre nach Lage der Sache doch ausgeschlossen. Ich weiß nichts – nur das eine: daß Ruth mich – nicht liebt!... Tantchen, laß Zeit vergehen! Laß uns alle zur Ruhe kommen! Dich selbst und Ruth und auch mich... Ich habe mir fest vorgenommen, mich in den nächsten Monaten nicht in Stenzig zu zeigen. Oder doch nur, wenn du dringend meiner bedarfst. Aber ich glaube, das wird nicht nötig sein. Die Wirtschaft ist so tadellos im Zuge, daß sie von selber geht. Übrigens hast du den Onkel oft genug vertreten, wenn ihn der parlamentarische Dienst nach Berlin rief... Glaubt mir, es ist besser für uns alle, wenn ich euch einige Zeit fernbleibe. Um deinetwillen wird es mir schwer – aber es geht nicht anders. Es muß sein...« Die Gräfin war wieder in den Sessel gesunken und weinte von neuem. »O Gott, Emich,« schluchzte sie, »nun verstehe ich! Ruth hat auch dich abgewiesen – das ist mein größter Schmerz! Gibt es denn kein Glück mehr für mich auf der Welt?!...« Emich nahm ihre Hand und küßte sie schweigend. Sein Herz war bewegt und gerührt, denn er liebte die Tante, als sei sie seine Mutter. Aber um seiner selbst willen mußte er hart sein. Er benützte den Winter, seine Studien in der illyrischen Sprache fortzusetzen. Er hatte sich vorgenommen, im nächsten Jahre sein Versprechen auszuführen und die Freunde in Garica zu besuchen. Seesenheim machte ihm freilich noch mancherlei Sorgen, doch der alte Settegast war ein tüchtiger Verwalter, der auf Ordnung hielt; wenn das Gut auch noch keine Erträge abwarf, so ließen sich unter der energischen Bewirtschaftung des Inspektors die Fortschritte der Kultur doch aus den Rechnungsabschlüssen erkennen. Im Januar trat ein Geschehnis ein, das Emich in große Erregung versetzte. Durch Vermittlung der amerikanischen Gesandtschaft in Berlin erhielt er die Nachricht, daß sein Onkel Hans-Carl – jener tolle Hans-Carl, der bei Abschluß seiner europäischen Karriere den Namen eines Freiherrn von Griesbergen angenommen hatte – verstorben sei und ihn zu seinem Universalerben ernannt habe. Emich wurde ersucht, nach Berlin zu kommen und persönlich Einsicht in die Papiere zu nehmen, die der Gesandtschaft von Louisville aus zugeschickt worden seien. Anfänglich hatte Emich an keine bedeutendere Erbschaft geglaubt. Er entsann sich allerdings, daß Tante Irmela ihm gelegentlich einmal erzählt hatte, der Onkel Hans-Carl sei drüben in Kentucky Bergwerksbesitzer oder dergleichen geworden und habe eine reiche Frau geheiratet – »Ermyntrud Leslie, Tochter des Francis Leslie und seiner Gemahlin Kate, geborenen Schultze«, so stand im Gothaer. Aber das Renommee, das Hans-Carl in Europa und insonderheit bei seiner Familie hinterlassen hatte, schien dennoch die Möglichkeit auszuschließen, daß er auch einmal als reicher Mann sterben würde. So faßte Emich denn diese kentuckysche Erbschaft zunächst als eine Art schillernder Seifenblase auf und ließ sich von den Kameraden gutmütig als neuer »Goldonkel« necken. Um so erstaunter war er – ein Erstaunen, das in seiner Wirkung fast einem heftigen Schrecken glich –, als er auf der Gesandtschaft erfuhr, daß Hans-Carl von Griesbergen ein ungeheures Vermögen hinterlassen hatte. Es handelte sich nicht nur um einen Barbesitz von gegen vier Millionen Dollars, sondern vor allem um ausgedehnte Farmen, die in den besten und fruchtbarsten Landstrichen Kentuckys gelegen waren, den Alluvionen am Ohio River, seiner um umfangreiche Steinkohlengruben, Salpeterlager und Marmorbrüche, also um agrarische und industrielle Anlagen, die abermals einen Wert von vielen Millionen repräsentierten. Die Erbschaft selbst war unanfechtbar. Hans-Carl war ohne direkten Leibeserben verstorben und hatte seinen Gesamtbesitz testamentarisch seinem Bruder Erich vermacht, dessen einziger Erbe wiederum Emich war. Emich war von diesem unerhörten Glücksfall so benommen, daß er stundenlang in einer Weinstube vor einem Schoppen Mosel saß und vor sich hinbrütete. Fortuna hatte ihn von einem Tage zum andern zum Millionär gemacht. Er war nicht mehr das arme Prinzlein ohne Säckel und Ar; er konnte tatsächlich im Golde wühlen, und das Gold gehört in unserer Zeit zu den Mitteln zur Macht. Mit diesem Golde ließ sich herrschen, ließ sich wahrhaft Herr sein!... Emich schauerte leicht zusammen; seine Stirn wurde finster. Er ärgerte sich, daß er sich so häufig auf der fixen Idee des Herrschenwollens ertappte. Seit Ruth ihm im Kleegrün unter der Königseiche höhnend zugerufen hatte: ›Prinzlein, was bietest du mir?! Ein Krönchen – kein Reich! Ich aber will Herrin sein – oder nichts!‹... seitdem hatte er den Widerklang jener Worte oft, o wie oft in seiner Seele vernommen... Er rieb sich die Augen und reckte sich. Was sollte werden, wenn die Millionen Hans-Carls erst in seiner Hand waren? Alle Sorgen um Seesenheim waren dann von ihm genommen; er konnte sein Besitztum vergrößern und es einer glänzenden Zukunft entgegenfühlen; er konnte – Nun sprang er auf. Es war töricht, sich in allerhand Perspektiven zu verlieren. Auch dies Ererbte mußte erworben werden, denn nur auf dem Erworbenen ließ sich Herr sein. Er trank sein Glas aus, zahlte und ging. Man hatte ihm aus auf der Gesandtschaft einen Rechtsanwalt, Doktor Zwerner, empfohlen, der in amerikanischen Rechtsverhältnissen sonderlich gut Bescheid wußte. Zu ihm fuhr Emich, um ihm die Erhebung der Erbschaft zu übertragen. Außerdem hatte er beschlossen, sich an Mac Lewleß wegen des Verkaufs der Territorien und industriellen Anlagen zu wenden. Gerald weilte in Tenessee auf der Farm eines Freundes, die an der Südgrenze Kentuckys lag. Es war nicht zu bezweifeln, daß er der Bitte des Freundes willfahren würde, und in bessere Hände als in die seinen konnte Emich, davon war er überzeugt, seine Angelegenheiten nicht legen. – Als Emich nach Klempin zurückgekehrt, fand er nach langer Zeit wieder einmal einen Brief von Maffeo Beresco aus Garica vor. Maffeo schrieb: »Mein lieber Emich! Es kriselt bei uns. Eigentlich kriselt es immer, und die kurze Spanne Zeit anhaltenden Friedens nach der Thronbesteigung des Fürsten Leopold war schier zum Verwundern. Aber um des Fürsten willen bedauere ich die neuerliche Zuspitzung der Verhältnisse. Es handelt sich um Finanzfragen: um die Verstärkung der Befestigungswerke von Garica und die Schaffung von einigen neuen Regimentern, um einen Kanalbau zu militärischen Zwecken und derlei andere Notwendigkeiten, für die unsere Opposition keine Gelder bewilligen will. Ich sagte Notwendigkeiten, denn als solche hat sie die Regierung anerkannt. Im nachbarlichen Suevenreiche ist man nämlich einer Grenzstreitigkeit wegen der Abwechslung halber wieder einmal schlecht auf uns zu sprechen, und bei dem etwas hitzigen Temperament König Michaels muß der Möglichkeit eines unvermuteten Angriffs vorgebeugt werden. Aber alles das kannst du auch in den Zeitungen lesen. Was dich mehr interessieren dürfte, ist die Tatsache, daß Monsieur de Polzien wirklich mit deinem davongeprügelten ehemaligen Inspektor identisch ist. Er hat, um in seinen Schmähungen gegen die Familie Schöningh auch den Fürsten zu treffen, in seinem Journal ›Der Volksfreund‹ die tollsten Lügen über die schmachvolle Behandlung erzählt, der er durch dich ausgesetzt worden sei. Preßprozesse gegen den Burschen helfen nichts mehr; jede Verurteilung verstärkt seine Beliebtheit bei der Opposition. Die Berescos haben selbst an die hundert Jahre zur Opposition gezählt – nun aber macht sie den Berescos Sorgen. Rußland hat mit den Sueven Fühlung genommen, und unsere ganze Opposition hat einen suevisch-russischen Anstrich. Das ist insofern schlimm, als dadurch unsere Unabhängigkeitspläne stark ins Wanken kommen. Übrigens hat auch der Fürst eine große Dummheit gemacht. Er brauchte Geld und wandte sich, statt nach Petersburg, an die Ottomanische Bank; das verschnupfte an der Newa. Es ist greulich, mit welchen Ärgernissen man zu kämpfen hat. Der Finanzminister Sowojeß ist ein persönlicher Gegner meines Vaters und hat den Fürsten völlig in der Hand. Der Fürst selbst aber leidet an chronischer Geldverlegenheit – trotzdem eine erhebliche Erhöhung seiner Zivilliste durchgesetzt werden konnte. Das hat schon vor Jahresfrist böses Blut gemacht, und der große Pump in Konstantinopel hat die Gemüter natürlich noch mehr erregt. Der Fürst tändelt über alle diese Sorgen lustig fort. Er ist glücklich darüber, daß er in diesem Winter eine italienische Oper nach Garica bekommen hat – und der Star dieser Oper, eine Neapolitanerin, die schöne Dina Marconi, hat Eintritt zum Schlosse. Allerdings immer hinten herum; unsere Witzblätter haben eine besondere Bezeichnung für diesen ›Liebespfad‹ gefunden. Schade nur, daß die Marconi zu den Unersättlichen gehört und eine übertriebene Vorliebe für Brillanten hat... Der Fürst soll also nun verheiratet werden. In Petersburg hat man ihm bereits eine niedliche kleine Prinzessin reserviert. Aber mein Vater hat andere Absichten: er zieht Wien vor... Man kann dem Fürsten Leopold gar nicht gram sein. Er ist eine so sonnige, glücklich heitere Natur, daß man ihn liebhaben muß. Und es ist merkwürdig genug: wo er sich zeigt, jubelt man ihm entgegen. Unser Volk ist ein großes Kind und der Fürst seine Lieblingspuppe. Aber Volk und Parlament sind auch hier zweierlei. Dieser Polzien hat sich binnen kurzem eine erstaunliche Beachtung zu verschaffen verstanden. Er ist ein kluger Kopf und ein Satan... Saß macht sich gut. Daß mein Vater ihn nicht direkt als Offizier einstellen ließ, weißt du. Aber Saß ist rasch avanciert und heute Adjutant des Generals Koskul, Kommandeurs der Garde-Division. Man sagt, Mita Koskul, das Töchterchen des Generals, sei bis über die Ohrläppchen in ihn verschossen und angle nach ihm. Was die Hauptsache ist: Saß scheint in der Tat vernünftig geworden zu sein. Er haßt die Karten und behauptet, auch die Weiber zu hassen. Letzteres glaube ich jedoch nicht... Pfui, Emich, daß du dein Wort nicht hältst! Pfui, Emich, daß du unsern Sricoccio vergessen hast! Besuchst du uns nicht im nächsten Jahre, so fluche ich dir. Emich, ich bitte dich, komm einmal nach Garica!« – – – Am Tage nach dem Empfang dieses Briefes las Emich zu seinem Entsetzen das folgende Telegramm in der Zeitung: » Garica , 11. Februar. Fürst Leopold ist gestern abend ermordet worden. Um 6 Uhr fand in der Kathedrale ein Hochamt zur Feier der hundertjährigen Wiederkehr des Sieges von Acabane über die Sueven statt. Als der Fürst beim Verlassen der Kirche in seinen Wagen steigen wollte, drängte sich ein gutgekleideter Mann mit einer Bittschrift in der Hand an ihn heran. Die Umgebung des Fürsten wollte ihn zurückweisen; Fürst Leopold befahl jedoch, den Mann durchzulassen und nahm ihm die Bittschrift ab. In diesem Augenblick zog der Fremde blitzschnell einen Revolver und feuerte ihn auf den Fürsten ab. Der Fürst brach zusammen und starb in den Armen des ihn auffangenden Premierministers Marquis Beresco; die Kugel hatte das Herz getroffen. Mit einer zweiten Kugel zerschmetterte sich der Attentäter den Kopf. Er heißt Dimitri Rujula und steht, wie man hört, mit keiner der politischen Parteien des Landes in Verbindung. Allem Anschein nach handelt es sich um das Attentat eines Irrsinnigen. Trotzdem ließ der Premierminister den Belagerungszustand über Garica verhängen. Der Ministerrat war bis nach Mitternacht beisammen. In allen Kirchen wurden Messen gelesen. Das Volk zeigt tiefe Trauer.« XIII An einem Maientage stand Emich in einem Vorzimmer des Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße zu Berlin. Der Diener hatte ihm gesagt, Seine Durchlaucht der Fürst bitte nur um etwa fünf Minuten Geduld – und Emich wartete gern. Er stand am Fenster, das die Portieren fast völlig verhüllten. Nur ein handbreiter Streifen Tageslicht quoll von draußen herein und legte sich quer über das Parkett des Gemachs – ein Lichtstreifen, aus hellem Grün und lindem Dämmer gemischt, denn das Zimmer führte nach dem Garten hinaus, über den schon der Abend seine ersten grauen Schatten spann. Fünf Minuten noch – dann sollte die Entscheidung fallen. Emich starrte auf den flimmernden und leise zitternden Lichtstreifen am Boden. Wahrend der fünf Minuten, die er zu warten hatte, drängten sich in ihm noch einmal die Erinnerungen an die ganze Flucht der Geschehnisse zusammen, die ihn in den letzten Wochen überstürmt hatten. Das Drama in Illyrien hatte seinen Abschluß gefunden. Unter großem Gepränge setzte man den ermordeten Fürsten in der Kathedrale von Garica bei. Die riesige Kirche war von einer ungeheuern Menge erfüllt. Wer Platz fand, war eingelassen worden. Und nun drängte sich das Volk in den tiefdurchschatteten Ecken, hinter den Pfeilern und der Sakristei, während auf den Galerien die Vertreter der Diplomatie in voller Gala, doch mit den Abzeichen der Trauer, der Hof und die Ministerien, die Generalität und die hohe Beamtenwelt Platz genommen hatte. Hellebardiere von der Trabantenwache und Leibgarde-Heiducken umspannten, in regungsloser Haltung, Bildsäulen gleich, den Raum von Pfeiler zu Pfeiler. In weitem Halbkreise um den Altar saßen auf Purpursesseln mit schwarzen Behängen die Fürstlichkeiten, die der Trauerfeier beiwohnten. Aus den Nachbarreichen waren alle gekommen, selbst der dicke König der Sueven, der seine Zeit zwischen politischen Intrigen und Pariser Kokotten vertändelte. Er saß links vom Altar, eng eingeknöpft in die graublaue Uniform seiner Gardepanduren, mit halb zugekniffenen, zwinkernden schwarzen Augen, die von Zeit zu Zeit bösblickend hinüberschielten nach der Fürstenreihe ihm gegenüber. Da nämlich saßen die drei letzten männlichen Vertreter des Geschlechts Schöningh, saß der unglückliche Vater des Ermordeten, Fürst Ferdinand, zwischen dem Erbprinzen und Emich. Alle drei sehr blaß – der Fürst wie gebrochen, mit zitternden Händen und düster vor sich niederstierend; hinter seinem Sessel, aufrecht stehend, im vollen Bewußtsein seiner Würden und Pflichten, der unentbehrliche Graf Callomeo... Den Abschluß dieser Reihe, dem Altar zunächst, bildete ein hoher und stattlicher Mann in russischer Generalsuniform. Das war der Großfürst Fedor Konstantin, den man den geheimen Protektor von Illyrien nannte. Zu ihm wurde Emich nach beendetem Totenamt zur Audienz empfohlen. Es war eine lange Unterredung, eigentlich nur aus einem Gewirr von tausend Fragen von seiten des Großfürsten bestehend – Fragen, die die Persönlichkeit Emichs betrafen, seine Neigungen, Hoffnungen, Pläne und materiellen Verhältnisse – ein Fragen ohne Ende, anscheinend zwecklos und doch immer wieder ein bestimmtes Endziel betonend. Und als dieser ersten Unterredung eine zweite ganz ähnliche mit dem alten Marquis Beresco folgte, da wußte Emich, wohinaus man wollte: er sollte an Stelle seines ermordeten Vetters den Fürstenthron Illyriens besteigen! Wie die blanken, gischtaufschäumenden Strudel eines Wasserfalls, so überstürzten sich die Ereignisse... Emich blieb nur sechs Tage in Garica, aber was brachten sie ihm alles! In stiller Mitternachtsstunde fanden sich die drei Schöninghs noch einmal am Sarkophage Leopolds zusammen. Wieder in der Kathedrale, in der um diese Zeit kein Laut die Weihe des Ortes störte und nur die Totenlampe brannte – ein einsames blasses Auge, das hoch über dem weißen Marmor leuchtete. Diese Stunde entschied über die Zukunft Emichs. Fürst Ferdinand betete lange an der Grabstätte seines Sohnes. Dann stand er auf und sagte, Emichs Hände nehmend: »Sei du ihm ein Rächer, Neffe! Ein Rächer zur Ehre unsres Hauses, nicht mit Schwert und Blut, sondern im Sinne der Klugheit und des weisen Erwägens. Hätte mein Ältester nicht sein deutsches Land daheim – glaub' mir, ich würde nicht zögern, ihn an die Stelle des Toten zu setzen, wenn man ihn rufen sollte. Denn über mein sorgendes Vaterherz geht mir der Ruhm unsres Geschlechts – und ruhmreicher ist es, herrschen zu können, als sich beugen zu müssen.« »Besser Herr als Knecht!« Auch der Ohm sprach es aus, der an Bücken und Ducken gewöhnt war, so wie die letzten seiner Vorfahren, seit die Macht der Verhältnisse die Schöninghs zu Schranzendienst gezwungen und sie allmählich begonnen hatten, sich wohlzufühlen in der Sonne Mächtigerer – von jenem Tage ab, da sie dem kleinen Bonaparte als Nachfolger Karls des Großen gehuldigt hatten – von da ab bis in die Zeiten des neuen Reichs. Jener Mitternachtsstunde am Katafalk des Fürsten Leopold folgten bewegte Tage: Ministerrat im roten Saale des Palastes, die Vorstellung der fremdländischen Gesandten und Geschäftsträger, die Bekanntschaft mit den Großwürdenträgern des Hofes, der Parlamente und des Senats, die langen Stunden, die er im Arbeitskabinett des greisen Beresco verbrachte – und endlich der letzte Abend mit den Freunden aus der Kinderzeit: mit Maffeo, Sassenhausen und Herrn von Döring, dem ehemaligen Pagenoffizier aus dem Berliner Kadettenkorps, der den Prinzen Leopold als persönlicher Adjutant in den russisch-türkischen Krieg begleitet hatte und seit drei Jahren als Oberhofmarschall dem illyrischen Hofe angehörte. An jenem Abend hatte man nicht an den toten Mann in der Heldengruft unter den Fliesen der Kathedrale gedacht; man hatte den Sricoccio erneuert, die Weihe der Blutsbruderschaft, und hatte von der Zukunft geplaudert. Was würde sie bringen?... Die diplomatische Regelung hatte wenig Zeit erfordert. Was kümmerte sich Europa um das illyrische Reich! Nur weit oben an der Newa und weit unten am Bosporus hatte man Interesse für das kleine Fürstentum – und Rußland und die Türkei einigten sich schnell. Aber auch das Volk von Illyrien war befragt worden. Emich hatte auf ein Plebiszit bestanden und der alte Beresco lächelnd zugestimmt. Ein Plebiszit – gut, gut – auch das ging rasch! Noch war die Maschine geölt und arbeitete besser denn je, denn den Hemmschuh der Opposition hatte man bei der Sühne des Attentats aus dem Wege räumen können. Beresco gab seine Befehle; Telegramme flogen durch das ganze Land; Piaster und Rubel kamen ins Rollen, auch mit dem grünen Wein der Berge wurde nicht gespart und nicht mit Zucker und Peitsche – und stehe da, das Plebiszit fiel glänzend aus: Illyrien wollte wieder einen Schöningh haben! – – Der helle Streifen auf dem Parkett im Vorzimmer des Reichskanzleipalais begann allmählich zu erbleichen. In dem schon ziemlich dunklen Gemach wurde es abendlich; das große Kaiserbild an der Wand erschien fast schwarz. Aus den angekündigten fünf Minuten waren zehn und fünfzehn geworden. Nun endlich trat der Diener ein: Durchlaucht ließen Durchlaucht bitten. Emich folgte dem Diener in den historischen Raum. Hinter dem breiten, mit Papieren bedeckten Schreibtisch, auf dem bereits eine grün beschirmte Lampe brannte, erhob sich etwas schwerfällig eine wuchtige Gestalt. Ein breites, unvergeßbares Antlitz, das Emich schon viel hundertfach abgebildet gesehen hatte, lächelte ihm mit sichtbarem Wohlwollen entgegen, und zwei klare Augen über starkwulstigen Tränensäcken blickten ihn forschend und fast auch mit Neugier an. »Meine verehrteste Durchlaucht,« sagte Bismarck, auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch deutend, »ich muß sehr um Vergebung bitten, daß ich Sie warten ließ – aber ich hatte Damenbesuch, und Damen pflegen – gesprächig zu sein... Also, womit kann ich Ihnen dienen?...« Emich ließ sich nicht verblüffen. Der Reichskanzler mußte wissen, um was es sich handelte. Aber Emich war klug genug, sich diesem Meister der Diplomatie gegenüber nicht gleichfalls diplomatisch zu gebärden. Er bat einfach um einen guten Rat: den, ob er die Krone Illyriens annehmen solle oder nicht. Alle Wege seien geebnet; im Hotel de Rome warte eine illyrische Deputation auf das letzte entscheidende Wort. Aber dies Wort wolle er nicht eher sprechen, ehe er nicht den großen Bismarck gehört habe. Der Fürst-Reichskanzler lächelte noch immer, wohlwollend und liebenswürdig, und spielte dabei mit einem seiner berühmten Riesenbleistifte. »Einen Rat in dieser Angelegenheit zu geben,« antwortete er langsam, »ist schwer. Ich kann Ihnen höchstens sagen, was ich an Ihrer Stelle tun würde. Und ich, liebster Prinz, – wär' ich Leutnant, in Ihrer sozialen Stellung und noch dazu so reich wie Sie, ich würde ganz gewiß keinen Augenblick zögern, mich mit Aplomb auf den Thron Illyriens zu setzen, wenn man ihn mir zuschöbe.« Und die unwillkürliche Bewegung sehend, die Emich bei diesen Worten machte, fuhr der Fürst rascher fort, dabei seinen Bleistift erhebend, als wolle er eine etwaige Unterbrechung Emichs abwehren: »Sehen Sie, beste Durchlaucht, wir leben in tiefem Frieden nach außen hin, und der liebe Gott wird uns ja diesen Frieden wohl auch noch eine Reihe von Jahren erhalten. Da geht es mit dem Avancement denn nicht so rasch, und da muß man, meine ich, eine außergewöhnliche Gelegenheit, schneller fortzukommen, schon mitnehmen. Und vom Leutnant zum Generalissimus einer ganzen Armee – alle Wetter, das ist ein gehöriger Sprung! Auf dem Throne Illyriens können Sie auch fast noch souveräner wirtschaften als Ihr Herr Oheim in Stubbach, und das ist doch auch etwas wert, Ceterum censeo , Durchlaucht: wenn man mir die Wahl stellte, Leutnant zu bleiben oder Fürst von Illyrien zu werden – ich würde bestimmt das letztere vorziehen.« Auch über das Gesicht Emichs flog ein leichtes Lächeln. Der Reichskanzler faßte die Sachlage von ihrer heiteren Seite auf. Das ließ sich bei ihm verstehen. Wer mächtige Reiche zerstört und große Reiche neu aufbaut, kann für das Geschick eines weltverlorenen Bergländchens und seines zukünftigen Beherrschers nur ein Lächeln von oben herab übrig haben. Aber Emich war dennoch nicht gewillt, sich damit zu begnügen. In respektvollem Tone, doch fest und sicher, begann er von neuem. Er hatte Zeit gefunden, sich in die Geschichte Illyriens zu vertiefen: eine Geschichte, aus der Blatt für Blatt der Odem blutiger Greuel emporschlug. In alter Zeit hatten Wahlkönige aus vornehmen Knesengeschlechtern das Land beherrscht, und ihre Macht wuchs, je mehr das oströmische Reich verfiel. Unter Stephan dem Großen begannen die Kämpfe mit den Ungarn und den osmanischen Türken, aber die Woiwoden Stephans warfen in einer Reihe furchtbarer Siege die Feinde zurück und breiteten ihre Gewalt fast über das ganze romanische Gebiet des Balkans aus. So konnte sein Nachfolger sich stolz Kaiser der Romäer nennen und sein Haupt mit der Tiara bekleiden. Aber diesem Höhepunkt illyrischer Blüte folgte ein langsamer, doch unerbittlich weiter und weiter um sich greifender Verfall. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt dehnten die osmanischen Grenzen sich weiter aus und verengerten sich die des alten Illyriens. Noch einmal erhoben sich die Illyrier, vereint mit den Sueven, den Skipetaren in Albanien, den Bosniern und den Romäern am Wardar und an der Mariza zu einem großen nationalen Widerstande – aber der Sieg floh ihre Fahnen. Und nun zog der Halbmond mit seinen lodernden Flammenzeichen über die Grenzen des Landes, das unter die Spahi verteilt wurde. Die Illyrier waren nur noch eine willenlose Herde, als die Janitscharenkämpfe begannen. Aber inmitten der Scheußlichkeiten erwuchs dem Lande der Rächer. In den Schluchten der Rhodogasberge sammelte der Schafhirt Kjurça ein Häuflein mutiger Getreuer um sich. Und plötzlich schlug überall die Flamme des Aufruhrs empor. In der großen viertägigen Schlacht bei Acabane wurde die türkische Macht vernichtet. Illyrien war wieder frei. Nicht für lange. Rußland begann sich zu dehnen und zu recken: das Testament Peters des Großen sollte vollzogen werden. Russische Agenten tauchten in den Dörfern und Städten auf, und der Rubel bestach die Hospodare Illyriens, der eigenen Freiheit ein Grab zu graben. Wieder zog der Türke ein und rottete das Geschlecht Kjurças aus. Wieder begann die alte Paschawirtschaft; jedem neuen Aufbäumen der Geknechteten folgte eine um so härtere Bedrückung – und dann endlich war die Frucht für Rußland reif. Sollte Fürst Emich von Illyrien dem Zaren den Boden vorbereiten helfen auf seinem Siegeszuge nach dem Goldenen Horn? Emich sprach lange und ohne daß er unterbrochen wurde. Er war auch vorbereitet auf etwaige Einwürfe. Er sprach ausführlich von dem Umfang und den Grenzen seiner Mission. Von dem großen nationalen Werke der illyrischen Konstitution, auf dem er weiterbauen wollte; von seinen Plänen in bezug auf die Handelsbewegung des Landes, auf das Bildungswesen, auf die schon unter Fürst Leopold begonnene Reorganisation der Armee und die Schaffung einer Nationalmiliz, für die das stehende Heer die Schule bilden sollte. Er sprach auch davon, daß er bereit sei, sein Privatvermögen den Interessen seiner neuen Heimat zu opfern, für die er aufgehen wolle – mit jeder Faser und Fiber seiner selbst, als erster Diener seines Landes, doch aber als freier Herr, nicht als Knecht eines Fremden, nicht als Vasall, nicht als Ackerbesteller für Rußland... Nun war auch Bismarck ernst geworden. Dieser junge Mann gefiel ihm. Da war zum mindesten ein gutes Wollen innerhalb – wer wußte es – vielleicht bescheidener Grenzen der Begabung, vielleicht großer, weit ausschauender Herrschergenialität... Und auch der alte Bismarck begann zu sprechen, vorsichtig, zuweilen stockend, das Auge fest auf sein Gegenüber heftend und dabei immer mit dem langen Bleistift spielend... Emich lauschte angespannt, häufig den Atem verhaltend, die Augen groß geöffnet, mit geschärften Sinnen... In dieser köstlichen Stunde eröffnete sich ihm manche neue Perspektive, und sein Blick wurde weiter – und er nahm sich vor, daß die Erinnerung an diese köstliche Stunde ihn als Lehrmeister durch das Leben geleiten sollte. Der Fürst hatte sich erhoben und schüttelte warm Emichs Rechte. Wieder lag das heitere Lächeln von vorhin auf seinem Gesicht. »Also – ich denke, Sie nehmen an«, schloß er. »Sollte Illyrien auch für Sie nur eine Episode sein, lieber Prinz, dann wünsche ich jedenfalls, daß es Ihnen eine hübsche Erinnerung bleiben möge... Gott befohlen, Durchlaucht!...« Emich schritt wieder durch den Vorgarten des Kanzlerpalastes. Voll mächtiger Bewegung hatte er vorhin Bismarcks Hand an die Lippen ziehen wollen. Er schämte sich dieser Augenblickswallung nicht, aber es war merkwürdig: nachträglich verstimmte sie ihn. Er wußte nicht, warum. Er stieg in die vor dem Tore wartende Droschke und ließ sich nach dem nächsten Telegraphenamt fahren, wo er folgendes Telegramm aufgab: »Mac Lewleß, Louisville, Kentucky, 9 Retcliffe-Road. Angenommen. Erwarte dich baldigst Garica. Emich.« ...Inzwischen wartete in einem Salon des Hotel de Rome die illyrische Deputation auf die Rückkehr Emichs. Es waren vier Männer: Veresco Vater und Sohn, der Baron Porohyle, ehemals erster Sekretär der illyrischen Gesandtschaft in Berlin, jetzt Staatsrat und Mitglied des Senats – und der General Berger, ein Deutscher aus den russischen Ostseeprovinzen, der vor dreißig Jahren durch abenteuerliche Schicksale nach Illyrien verschlagen worden war und dort rasch Karriere gemacht hatte. Maffeo war mit dem Baron Porohyle an das Fenster getreten, das nach den Linden hinausging. Er wußte seine Nervosität kaum noch zu bemeistern. Zum zwanzigsten Male zog er seine Uhr. »In zehn Minuten acht«, sagte er. »Es wäre eine schlimme Situation für uns, wenn ihn Bismarck –« Der alte Veresco hob in diesem Augenblick den Kopf, und der Sohn verstummte. Der greise Diplomat saß in einem Lehnstuhl und hielt die Hände über der Brust gefaltet. Vor zwei Jahren war ein Porträt von ihm in der Berliner Kunstausstellung allgemein aufgefallen. Ein junger griechischer Künstler hatte es gemalt und sich damit einen Namen geschaffen. Allerdings besaß der Marquis Veresco auch einen wunderbaren Charakterkopf. Schneeweißes Haar bedeckte bürstenartig den Schädel, so kurz geschnitten, daß man die rosige Haut durchschimmern sah. Unter der mächtigen, stark vorspringenden Stirn blitzten die schwarzen Augen in noch jugendlichem Feuer; das Lid des rechten Auges war gelähmt, und um es offen halten zu können, trug der Alte beständig ein großes rundes Monokel. Das Gesicht war braun, und seltsam stach von dieser Kupferfarbe der weiße, hängende Schnurrbart ab, der den Mund fast verdeckte. Doch wenn Veresco sprach, schob sich die Unterlippe ein wenig nach unten, und dann sah man die kräftigen Zähne, breit und regelrecht gesetzt wie bei den Engländern. Der Mann war fast achtzig Jahre und besaß noch alle seine Zähne. Er hatte das Gebiß eines Wolfes und kluge Luchsaugen. Eine unbeugsame, bis zur Grausamkeit harte Willenskraft war der Stempel seiner Züge. Er hatte den Kopf und ein wenig auch die rechte Hand erhoben. »Fürst Bismarck ist unsern Wünschen geneigt«, sagte er halblaut, mit etwas müder Stimme. »Ich habe mich mit ihm verständigen können ...« In diesem Augenblick trat Emich ein. Im Zimmer war kein Licht angezündet worden. Da aber die Rouleaus vor den Fenstern nicht herabgelassen waren, so fiel ein blasser Widerschein der draußen brennenden Laternen in das Gemach. Der alte Veresco hatte sich erhoben; er war nicht groß und auch nicht breitschultrig, aber noch immer wohnte eine stählerne Kraft in diesem greisen Löwen. Emich trat ihm entgegen und nahm seine Hand. »Herr Marquis,« sagte er mit fester Stimme, »telegraphieren Sie nach Garica, daß ich der Wahl der Regierung und dem Wunsche des Volks von Illyrien zu folgen bereit bin. Gott möge mir beistehen, Land und Volk glücklich zu machen!« Da wollte der alte Mann die Hand Emichs an seine Lippen führen – wie vorhin Emich die Rechte des eisernen Kanzlers – aber der junge Fürst zog ihn an seine Brust und küßte ihn auf die Wange. »In Ihnen umarme ich mein Volk, Veresco!« Und dann bot er Berger die Hand. »In Ihnen begrüße ich die Armee, General, – und in Ihnen, Baron Porohyle, den gesetzgebenden Körper. Du aber, Maffeo, bist meines Landes Jugend, die ich küssen will wie das Alter. Seid mir treu und bleibt meine Freunde, dann werdet ihr auch die Freunde Illyriens bleiben!...« Er sprach dies ohne Pathos und ohne an den Effekt zu denken. Sein Herz war voll und drängte sich auf die Lippen. Nun trat Veresco an den Kasten aus Ebenholz, der auf dem Tische stand, schloß ihn auf und entnahm dem Gefüge aus purpurnem Samt einen eisernen Stirnreif von uralter Arbeit. Seine Hand zitterte dabei ein klein wenig, denn das, was sie hielt, war das Heiligtum seiner Heimat, war die eiserne Krone Illyriens... XIV Der Telegraph trug die Kunde von dem neuerwählten Fürsten von Illyrien blitzschnell in alle Lande. Ein findiger Reporter wußte sich noch am Abend Zutritt bei Emich zu verschaffen; selbst einen zweiten Interviewer war Emich gutmütig genug vorzulassen – als aber auch noch andere Berichterstatter erfahren wollten, wie er über Rußland und die Türkei denke, da erklärte er bedauernd, niemand mehr annehmen zu können. Und dann las er am nächsten Morgen in den Zeitungen, wie die Welt über ihn dachte. Maffeo hatte sich zu Sekretärsdiensten erboten, durchflog die Blätter und strich mit Bleistift an, was ihm wichtig erschien. Im allgemeinen war das Urteil über Emich insofern kein ungünstiges, als kein Mensch ihn kannte. Die meisten Blätter begnügten sich mit der Ausschlachtung des Hofkalenders, Artikel Schöningh-Stubbach. Ein paar erwähnten auch die kentuckysche Erbschaft und wußten Märchenhaftes von ihr zu erzählen, und diejenigen, die etwas aufmerksamer die illyrische Presse verfolgt hatten, sprachen von der »Affäre Polzien«. Der Name Polzien wurde zum Köder. In den Abendzeitungen kehrte er häufiger wieder. Jetzt zeigte man sich schon versierter. Die »Affäre Polzien« warf ein entschieden ungünstiges Licht auf den jungen Fürsten. Dieser Herr von Polzien war einst Güteradministrator der Emich Schöninghschen Besitzungen gewesen: ein braver, ehrlicher Mann, eine gerade Natur. Aber eben diese Geradheit behagte dem Fürsten Emich nicht; Herr von Polzien wurde in brutaler Weise gemaßregelt und, seines Weges gewiesen. Kein Wunder, daß auch Fürst Leopold ihn mit grimmigem Hasse verfolgt hatte, als Polzien in Illyrien auftauchte, um sich an die Spitze der liberalen Bewegung zu setzen. Mit der ganzen Zähigkeit eines kleinen Tyrannen hatte Fürst Leopold die Opposition zu unterdrücken versucht, aber es war ihm nimmer gelungen. Da hatte ein Wahnsinniger die Pistole auf Leopold abgedrückt; das war auch die Todeswunde der illyrischen Freiheit geworden. Denn nun kam der grimme alte Veresco und steckte die ganze Opposition hinter Schloß und Riegel. In einem der furchtbaren Kellerlöcher von Kragusa saß Polzien gefangen. Man hatte ihn foltern lassen – so berichtete ein Wiener Blatt. Er sei bereits gehängt worden, wurde aus Pest gemeldet. Beim Einzuge des Fürsten Emich in Garica wolle man in der alten Bergfeste Hekatomben opfern. Ströme von Blut sollten die Tat eines Verrückten sühnen. Und dann wurde Entsetzliches aus dem Leben des Marquis Veresco erzählt. Man feiere ihn als Heros des Landes, und doch war er der Henker Illyriens. Er wußte den Feind von den Grenzen des Reichs fernzuhalten, um im Innern um so unumschränkter schalten und walten zu können... Die Zeitungen hielten mit guten Ratschlägen nicht zurück; so müsse Fürst Emich es machen – und so und so... Endlich galt es, Abschied zu nehmen. Maffeo blieb in Berlin zurück, die letzten Reisevorbereitungen zu treffen, während Emich in Klempin seine Zelte abbrach. Sein Einzug in Garica war auf den dreißigsten Juni festgesetzt worden; er behielt also gerade noch Zeit übrig, seine Angelegenheiten in Deutschland zu ordnen. An einem sonnenwarmen Nachmittage ritt er auf dem Troilos nach Stenzig hinüber. Er nahm denselben Weg durch den Wald, den er damals eingeschlagen hatte, als er für Mac Lewleß Freiwerber sein sollte. Fast auch war es ein Tag wie damals. Wieder schillerte die Sonne durch das grüne Blätterdach zu seinen Häupten, und auf der grünen Decke unter ihm tanzten und zitterten goldige Flecken... Vor ein paar Tagen war Rietzow wieder heimgekehrt; so hatte man in der Garnison erzählt. Er war begnadigt worden, ehe er noch die Hälfte seiner Strafzeit abgebüßt hatte. Der alte Wiegel war tot, der Weg von Kottau nach Stenzig wieder frei... Rechts unten lag die Strebnitzer Furt. Wie bronziert schimmerte die Wasserdecke zwischen den Stämmen. Der Frühling hatte aus dem Morast ein toll blühendes Leben gelockt; in tausendfältiger Umschlingung und Umstrickung kroch das Rankengewirr über den elastischen Boden, und aus diesem Pflanzenteppich drängten sich Orchideen und wilde Mispeln, Glockenblumen und Riesennesseln zum Licht empor. Mitten im Schilf lag ein mächtiger Baumstamm, und auch um seine wie drohend aus dem Wasser herausragenden Wurzeln spann sich das grüne Schlingkaut. Emich gab seinem Pferde die Schenkel. Durch die rechtwinklig auf den Berg stoßenden Schneisen sah er in schnellem Trabe wechselnde Bilder vorüberhuschen: ein kleines, efeuumflochtenes Forsthaus mit blanken Fenstern, einen schillernden Seespiegel, Bruchland und Wiesengrün mit äsenden Rehen – und dann hinein in die Tannenschonung mit ihrem Harzduft und den lichten Trieben auf den fast schwarz erscheinenden Nadeln des Vorjahres! Und da lag auch das Kleefeld – da stand die Königseiche, eine alte Riesin mit weithin sich reckenden Gliedern, vielleicht das letzte Überbleibsel aus jenen Tagen, da sich hier ein mächtiger Urwald ausgedehnt, bis zu den Ufern des Sees, der unten das Muldental der Strebnitzer Furt mit seinen schäumenden Wassern gefüllt hatte... Und wie an jenem anderen Frühlingstage, so zuckte auch heute Emichs Hand in den Zügeln, als der Troilos über den Klee trabte, denn wieder sah er ein Weib unter der Eiche zu Rosse im Schatten des Laubdaches halten... War das nicht Ruth? Unwillkürlich hatte er ihren Namen gerufen. Sie stutzte, und dann jagte sie davon. Es flatterte ihr schwarzer Schleier im Winde, und ihr langes schwarzes Kleid schlug um die Flanken des Pferdes. In toller Eile jagte sie dem Walde zu, als fliehe sie – als müsse sie flüchten... Hastig und mit einem Fluchwort riß Emich den Troilos zurück... Torheit, ihr nachzugaloppieren! – Vielleicht fürchtete sie ihn, weil sie einen anderen an der Königseiche erwartet hatte. Vielleicht ritt Herr von Rietzow in diesem Augenblick bereits die Halde hinab, zum verabredeten Rendezvous... Emich blieb in gemächlicher Gangart, bis er Stenzig erreicht hatte. Vor dem Schlosse sagte man ihm, die Frau Gräfin sei im Pferdestall – die Kassiopeia sei an der Kolik erkrankt. In dem weiten und luftigen Stall hing die arme Kassiopeia bereits in den Gurten, und der Tierarzt machte sich mit ihr zu schaffen, während die Gräfin mit aufgeschürztem Kleide im Gange stand und auf einen der Reitknechte schimpfte, der dem Tiere wahrscheinlich zu frisches Heu gegeben hatte. Aber als sie Emich sah, ließ sie den Reitknecht stehen, gab einem leeren Tränkeimer, der ihr den Weg versperrte, einen kräftigen Stoß mit dem Fuße und stürzte ihrem geliebten Dickerchen entgegen. »Emich – Jüngelchen – o Gott! ...«, und sie schloß ihn an ihre Brust und streichelte ihm Wangen und Stirn. Das Wasser trat ihr in die Augen, aber die Leute im Stall sollten das nicht sehen. »Meldet mir nachher, wie es um die Kassiopeia steht!« rief sie zurück; dann faßte sie Emich um die Taille und ging mit ihm über den Wirtschaftshof. »Also so ganz vergessen hast du mich doch nicht, mein Liebling«, sagte sie. »Alles, was dich angeht, hab' ich durch Fremde erfahren müssen: die Erbschaftsgeschichte aus Mexiko oder wo es gleich war – siehst du, Dickerchen, das hätte ich wohl gewünscht, daß dies der selige Onkel noch erlebt hätte, denn der Hans-Carl war für ihn immer der schwarze Mann in unsrer Familie – und nun ist er so gräßlich reich gewesen, und kein Mensch hat etwas davon gewußt! Ist es denn wahr, daß es dreißig Millionen sind und ungeheuer viel Sklaven extra? Aber die Sklaverei ist doch aufgehoben, soviel ich weiß – die Leute haben mir den Kopf dumm geredet, Dickerchen, und der Landrat am meisten. Er kommt alle Freitag zum Tee und bringt immer einen Koffer voll Neuigkeiten mit. Ja – und – geliebtes Dickerchen – das ist doch wohl nicht wahr, was die Zeitungen schreiben: daß du den Mörderthron von Illyrien besteigen wirst? Gott, was haben die Zeitungen nicht alles von dir geschrieben, und der Kladderadatsch hat sogar dein Bild gebracht – als kleinen Jungen, hinten mit einem Hosenlatz, wie gemein, und auf einem Steckenpferde über das Balkangebirge reitend. Hast du das gesehen? Ich habe das Blatt gleich verbrannt, damit es nicht den Domestiken in die Hände fällt!...« Emich kam erst zu Wort, als er der Tante gegenüber im kühlen Zimmer auf einem Sessel saß und zwei Glas Himbeerwasser getrunken und drei kleine Teekuchen gegessen hatte. Er hatte viel zu berichten, und die Tante schlug alle Augenblicke die Hände vor Erstaunen, Schrecken und Freude zusammen. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, daß ihr Dickerchen mit Bismarck gesprochen hatte und regierender Fürst werden sollte – aber andererseits war ihr der Gedanke wieder schrecklich, daß Illyrien so weit, so weit entfernt und eine so gefährliche Gegend war. Sie vermochte sich gar keinen rechten Begriff von den Balkanstaaten zu machen und sah dort unten in ihrer naiven Phantasie hinter jedem Baumstamm einen Banditen lauern. »Denke doch nur an das Schicksal des armen Leopold, Emich«, jammerte sie. »Ich bitte dich, was hatte der denn den Leuten Böses getan und mußte doch daran glauben! Bismarck hat gut zureden – er verliert nichts dabei! ... Aber ich – wen habe ich denn noch auf der Welt außer dir und der Ruth – und ach, die Ruth ist kaum noch meine Tochter! Glaubst du, daß ich sie oft ganze Tage lang nicht zu Gesicht bekomme?!...« Nun endlich wurde von Ruth gesprochen, Emich hatte nicht nach ihr fragen wollen, wartete aber mit Ungeduld auf den Augenblick, da die Gräfin von ihr anfangen würde. Sie klagte Emich ihr Herz aus. Ruth sei wie verwandelt, speise gewöhnlich auf ihrem Zimmer und verlasse es nur, um stundenlang auf ihrem Pferde durch den Wald zu jagen. »Sie sieht auch elend aus, Emich. Blaß und hat so etwas Merkwürdiges im Blick. Ihre Augen sind viel größer geworden. Sie hat sich jetzt auch einen Betschemel kommen lassen. Fromm ist sie ja – sehr fromm – o Gott, ich meine, zu fromm: der Herr vergebe mir die Sünde, wenn es eine ist, was ich sage! Aber man kann auch fromm sein, ohne sich aus der Welt zurückziehen zu brauchen! Im Dorf hat sie für die Kinder, die daheim bleiben müssen, während die Eltern auf dem Felde sind, so eine Art Beschäftigungsunterricht eingerichtet. Da wird in einemfort gebetet, und dann erzählt die Ruth Heiligengeschichten. Und nun frag' ich dich, Dickerchen: wie soll ich Ärmste mich zu all dem verhalten? Ich bin doch auch eine treue katholische Seele und – und seh' es schließlich gern, wenn etwas für unsern Glauben und unsre Kirche getan wird ... Aber da kommt der Landrat mit seinen Drohungen und der Pastor mit seiner Salbaderei, und neulich haben sie mir auch einmal den Superintendenten ins Haus geschickt. Ich hab' ihn gar nicht angenommen. Was soll ich denn mit dem Superintendenten!?« Emich zuckte mit der linken Schulter. »Ich meine, Tante, du kannst gut katholisch bleiben«, antwortete er, »und brauchst dich trotzdem nicht auf Proselytenmacherei einzulassen. Wasch auch der Ruth einmal gehörig den Kopf und verbitte dir ihre Narrenspossen. Steht ihr denn, zum Donnerwetter, allsamt unter dem Einfluß des Kottauers?!« »Ach was, des Kottauers! Den hab' ich seit dem Unglück mit Wiegel nicht zu sehen gekriegt!« »Und auch Ruth nicht?« Gräfin Irmela schaute empor. »Glaubst du vielleicht, daß Ruth –« »Ich halte nichts mehr für unmöglich. Rietzow hat Wolfszähne. Ihm ist's nicht nur um die Seele zu tun, sondern auch um den sterblichen Leib deiner Tochter – und um mehr. Stenzig und Kottau grenzen dicht aneinander.« »Gerechter Gott, Emich –« »Ach, Tante, laß den lieben Gott aus dem Spiel! Seiner Ehre dient der ganze Schacher nicht. Du kennst jetzt meine Ansicht. Und nun lebe wohl! Ich hab' noch zum Umfallen viel zu tun und muß jede Stunde ausnützen. Leb' wohl, mein liebes, liebes Tantchen, mein zweites Mütterchen! Es kann lange währen, eh' wir uns einmal wiedersehen, aber du bleibst in meinem Heizen, allezeit – allezeit! Will mir einbilden, ich fühle deine Hände auf meinem Haar, wenn ich mich schlafen lege, und spüre dein zärtliches Streicheln, wie in der Kinderzeit. Sollst immer in meiner Erinnerung sein, Tantchen – behüt' dich Gott! ...« Sie wollte ihn gar nicht loslassen, drückte ihn an sich und weinte still. Sie hatte noch tausend Fragen an ihn und alle vergessen. Es war viel schlimmer denn damals, als er in das Kadettenkorps kam. Das Herz wollte ihr brechen. Und auch dem künftigen Herrscher Illyriens war weich und rührend zumute. Er mußte die Zähne sehr fest aufeinanderbeißen, um nicht Tränen zu zeigen. Plötzlich wischte die Gräfin mit rascher Gebärde das Naß aus ihren Augen. »Soll ich die Ruth nicht rufen lassen, Emich?« fragte sie. »Sie ist im Hause, soviel ich weiß.« Einen Augenblick schwankte er. Dann schüttelte er rasch den Kopf. »Nein, Tante. Es ist schon besser so. Bestelle ihr herzliche Grüße ...« Die Gräfin hatte oben das Fenster aufgerissen, um ihm noch einmal zuwinken zu können, während er schon den Troilos bestieg. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und ließ es in der Hand flattern und nickte und winkte und rief unter Schluchzen: »Mein Liebling – mein Dickerchen – schreib auch recht oft!« Das klang Emich noch lange im Ohre, dies rührende und bittende »Schreib auch recht oft«. Es war von jeher das Abschiedswort der Tante Irmela gewesen; wenn die Ferien vorüber waren und er wieder nach Berlin mußte, kam mit dem letzten Kuß die Mahnung »Schreib auch recht oft«. Und fast in jedem Brief wiederholte sie sich – und auch jetzt wieder, da er, Mann geworden, ausziehen wollte, ein Reich zu gewinnen! Was kümmerte es dies treue mütterliche Herz, ob Krone und Hermelin ihn schmückten und ein Reich zu seinen Füßen lag. Blieb er doch immer für sie das Kind, das nun abermals von ihr Abschied nahm und dem aus heißem Drange des Herzens heraus sie zurufen mußte – ja, mußte: »Schreib auch recht oft!«. Am folgenden Tage reiste Emich nach Stubbach und Seesenheim. In Stubbach stand wieder der Bahnhofsinspektor militärisch grüßend auf dem Perron, und mit abgezogenem, spiegelblankem Zylinderhute trat Graf Callomeo an Emichs Coupé – unvergleichlich vornehm, ganz Kavalier, in nichts mehr erinnernd an jenen plebejischen Krause aus Luckenwalde, der einst als Kind auf dem väterlichen Holzplatze mit Fritze Müller und Lehmanns Gustav Verstecken und Huschekätzchen gespielt hatte. Auf der Stubbachfeste waren der Erbprinz und Prinz Waldegg zu Besuch, die sich ein paar Tage von den Strapazen Berlins erholen wollten und in Kniehosen und schottischen Mützen die Berge zu durchstreifen pflegten. Der alte Fürst war noch steifer und zeremoniöser geworden, berechnete vorsichtig jede seiner Bewegungen und sprach in Perioden, die kein Ende nehmen wollten. In einer längeren Unterredung mit Emich wurde er auch politisch und beschwor den Nachfolger Leopolds des Ersten, niemals den Rückhalt an Rußland zu verlieren; denn alles Heil für Illyrien sei nur in der Freundschaft des Kabinetts von St. Petersburg zu suchen. Emich hielt sich nicht lange auf. Aber die alte Burg besuchte er doch noch einmal – allein und an einem schönen Abend, an dem das Leuchtfeuer des Sonnenuntergangs über den schwarzen Kronen der Tannenwälder brannte und über die junggrünen Saaten kobaltblaue Reflexe glitten. Da stand er sinnend auf der Plattform des Wartturms, und im Efeu raschelten die Lazerten, und im Holundergebüsch und dem wilden Flieder zwitscherten die Schwalben. Er dachte daran zurück, wie stark ihm das Herrenbewußtsein die Seele geschwellt hatte, als er zum ersten Male auf dieser Höhe gestanden, weit unter sich das alte Land der Schöninghs, das ehemals bis über die drei Basenköpfe hinaus gereicht hatte, deren dunkle Kuppen in der Ferne verschwammen. Aber heute, da doch eine Krone ihm winkte, wollte dies Gefühl schönen Stolzes nicht Besitz von ihm nehmen. Vielleicht war es nur die Abendstimmung, die sich mit weicher Melancholie in seine Seele schlich, der holde Friedensodem der Natur, der einen Widerklang in ihm weckte und ihn fast demütig werden ließ. Bei Sturm und Wetterschlag und dem ersten Frühlingsdonner des Jahres traf er in Seesenheim ein. Er konnte zufrieden wieder abreisen. Die Felder standen gut; war der Himmel gnädig, so ließ sich eine vortreffliche Ernte erhoffen. Selbst der alte Settegast, als Prophet allezeit ein arger Pessimist, schaute vergnüglich in die Zukunft und versicherte Durchlaucht händereibend, er hätte nimmer gedacht, daß sich alles noch einmal so günstig entwickeln würde. Auch mit den Arbeiterbeglückungsplänen Emichs hatte er sich ausgesöhnt; er hemmte allerdings noch hie und da in der Praxis, was Emich ihm an theoretisch erörterten Wünschen vortrug, und vertrat sehr energisch das Prinzip des juste milieu; aber er wetterte wenigstens nicht mehr über »nutzlose Verschwendung« und murrte nur noch zuweilen ganz leise in sich hinein. Emich war unvermutet in Seesenheim eingetroffen, aber eine Abschiedsfeier hatten die Leute ihrem Herrn dennoch darbringen wollen. Auch in Klempin gab es glänzende Abschiedsfeste. Zuerst im Kasino, dann in der Ressource. Kommandeur und Bürgermeister suchten bei diesen Gelegenheiten das Schönste aus ihrem Wortschatz zusammen und priesen Illyrien in um so lebhafteren Farben, als sie es nicht kannten. Die Auszeichnungen für Emich überstürzten sich. Er wurde in einer Magistratssitzung einstimmig zum Ehrenbürger von Klempin erwählt; selbst der Buchhändler Gericke, der immer liberal wählte und auch sonst kein Fürstenknecht war, sprach nicht dawider. Die Schützengilde schenkte Emich einen Ehrenbecher, und da die freiwillige Feuerwehr nicht zurückstehen wollte, so ernannte sie Emich zu ihrem Ehrenhauptmann. Im Literarischen Verein hielt der Redakteur des Kreis- und Wochenblattes vor zahlreicher Zuhörerschaft einen Vortrag über Illyrien; da er sich aber in der Hauptsache auf das Brockhaussche Konversationslexikon von 1843 stützte, das er besaß, so entbehrte sein Vortrag ein wenig der Aktualität. Doch hinderte dies die meisten nicht, den Redner mit Beifall zu überschütten. Bob sollte mit nach Illyrien. Die Offiziersburschen redeten ihn nur noch Durchlaucht an. Dafür log er das Blaue vom Himmel herunter, wenn er sie auf der Straße traf oder mit ihnen kneipte. Er kannte Illyrien genau. Das war eine wundersame Gegend. Da wuchsen wahrhaftig die Johannisbeeren auf Bäumen, und jede Beere war so groß wie ein Kürbis. Auch gab es dort Essig- und Ölbäume, und pflanzte man Salat unter ihnen, so hatte man das Gericht schon fertig und brauchte es nicht erst anzusetzen. Und herrlich schön waren die Weiber in Illyrien, nur hatten sie keine Zähne, weil sie nie Fleisch aßen; daran mußte man sich gewöhnen ... Die Phantasie Bobs feierte Orgien. Nun hatte Emich auch die letzten Besuche hinter sich. Der alte Hildringen war beim Abschied so gerührt, daß er Emich umarmte und küßte. Er erwartete jetzt täglich den blauen Brief. »Wär' ich noch jünger, ich ließ mich bei Ihnen anwerben, Durchlaucht«, sagte er. »Aber nu' hab' ich die Gicht in der rechten Hinterflosse und links vorne das Rheuma. Eine Brigade bekomm' ich nicht mehr. Was soll ich machen? Ich zieh nach Nauheim mit meinen drei Göhren und versaure.« Mé, Mi und Ma wischten sich die Augen. Viele Mädchenherzen in Klempin waren um diese Zeit äußerst weich gestimmt. In der Dämmerstunde hielt ein Jagdwagen vor dem Koelleschen Hause. Emich, noch mit Packen und Aufräumen beschäftigt, war an das Fenster getreten und spähte auf die Straße hinab. Er sah eine schlanke, verschleierte Frauengestalt im Hause verschwinden. Sein Herz schlug schneller. Das war Ruth! Ruth suchte ihn auf – allein!. Er sprang mit der Lampe an die Tür und leuchtete hinaus. Ruth stand vor ihm. Sie hatte den Schleier über den Mund zurückgeschoben und lächelte und sagte mit gleichgültiger Freundlichkeit: »Du trafst mich nicht in Stenzig, und da bin ich selbst gekommen, dir adjö zu sagen. Ich – hatte sowieso noch in der Stadt zu tun...« »Du bist sehr liebenswürdig, Cousine«, antwortete er und führte sie in das Zimmer. »Ich bin glücklich, daß ich dich noch einmal sprechen kann, ehe ich scheide. Lieber Gott, wer kann wissen, ob und wann wir uns wiedersehen! Illyrien ist ein vergessener Winkel –« »Du wirst ihn seiner Vergessenheit entreißen«, sagte Ruth. Sie hatte nicht abgelegt, sondern sich in Hut und Mantel in müder Haltung auf einem Sessel niedergelassen. »Ich muß dir gestehen, Emich, daß mich deine Kühnheit überrascht hat. Du hättest mit deinen Millionen daheim ein bequemeres Leben führen können. Ich habe nicht geglaubt, daß du Ehrgeiz besitzest.« Er war hinter dem Stuhl ihr gegenüber stehengeblieben. Es war so lange her, seit er sie zum letzten Male gesehen hatte. Und nun fiel ihm auf, wie sehr sie sich verändert hatte. Immer noch war sie das schöne, große, stolze Mädchen. Aber das Gesicht war schmaler und das wundervolle Profil schärfer geworden. Das ganze Antlitz hatte sich vergeistigt. Es erschien Emich noch reiner und edler – trotz der zitternden Unruhe im Blick, des Mangels an Klärung und innerer Abgeschlossenheit, der ihm wohl auffiel. Nun setzte auch er sich. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich in der Tat ehrgeizig bin, Ruth«, sagte er. »Aber es ist möglich. Ich bin nicht frei von Affekten. Vielleicht spricht auch der Ehrgeiz bei mir mit.« Ein Lächeln flog um seinen Mund. »Bismarck hat recht: einem simplen kleinen Leutnant bietet sich so etwas nicht alle Tage. Es ist immerhin etwas wert, seinen Wirkungskreis vergrößern zu können ...« Ruth antwortete nicht sogleich. Ihre Augen schienen in weite Ferne zu blicken; ihre Gedanken wanderten. »Wie geht es Mac Lewleß?« fragte sie plötzlich. »Gut, Ruth. Freilich gefällt er sich drüben wenig. Er ist nur noch auf meine Bitte geblieben, um den Verkauf meiner Liegenschaften in Kentucky zu beschleunigen. Dann kommt er nach Garica. Ich bin gewiß, daß er mir eine kraftvolle Stütze sein wird – und solcher Freunde bedarf ich für die Zukunft.« Abermals eine Pause, Im Zimmer Emichs sah es unwohnlich aus. Kisten und Reisekörbe standen umher; an den Fenstern fehlten die Portieren. Durch die Scheiben erblickte man den schwarzen Krauskopf der Mohrenfigur über der Apotheke. Die Schirmlampe auf dem alten Zylinderbureau erleuchtete die Stube nicht völlig. Ruth hatte sich so gesetzt, daß ihr Gesicht halb im Dunkeln lag. Nur der Glanz ihrer Augen war nicht zu verdecken. Sie spielte nervös mit den Quasten des Fauteuils. Ihre schmalen, in Wildleder steckenden Hände zitterten. »Höre, Emich«, begann sie von Neuem, zuerst zögernd, dann rascher sprechend, und ein feines Rot stieg in ihren Wangen auf. »Ich möchte nicht in Unfrieden von dir scheiden. Es ist vielerlei zwischen uns getreten. Sage nicht, daß ich schuldig bin an diesen ewigen Reibereien und Zerwürfnissen. Genau so, wie ich gehandelt habe, würde ich abermals handeln. Ich steckte in geistiger Not und wollte mich emportasten. Ich mußte rücksichtslos sein, um mir Frieden und Freiheit zu holen –« Sie stockte und Emich warf ein: »Hast du beides gefunden, Ruth?« Die Röte auf ihren Wangen verstärkte sich, aber ihr scheu umherirrender Blick wurde ruhiger. Sie schaute Emich jetzt fest in das Auge. »Eine kranke Seele kann nicht von heute zu morgen gesunden«, erwiderte sie. »Und ich war krank. Doch ich bin im Genesen und kenne die Arzneien, die mir nützen werden. Wenn ich dich zuweilen gekränkt und verletzt habe – denke, daß ich im Fieber handelte. Gib mir die Hand zum Lebewohl. Schütze dich Gott!« Sie hatte sich erhoben. Wie ein Wanken ging es durch ihre Gestalt. Kein Blut färbte mehr ihre Wangen. Im weißen Gesicht brannten die Augen. »O Emich – wie beneide ich dich!« stieß sie hervor. Emich fühlte es: ein Wort von ihm zu dieser Stunde, und sie lag an seiner Brust. Nicht, weil sie ihn liebte, sondern weil sie der Herrschaft entgegengehen wollte. Ganz oben auf den Höhen der Menschheit suchte sie ihre Freiheit, und ihren Frieden suchte sie in der Macht über die Seelen. Emich hielt ihre Hand. Die seine zuckte nicht. Er war ruhig und kühl. Aber es war nicht die Überlegung, die ihn so kühl bleiben ließ. Sein Herz war stumm geworden. Neben dem Weibe stand das Volk, dem nunmehr sein Herz gehörte. Die Größe der neuen Aufgabe schien jede Regung der Leidenschaft unterdrückt zu haben. »Ich danke dir, Ruth,« sagte er, »und gebe dir deinen Wunsch tausendmal zurück. Leb' wohl!« Mit rascher Bewegung wandte sie sich um, zog wieder ihren Schleier vor das Gesicht und ging. Bob erschien mit einem Licht in der Hand. Emich winkte ihm ab, nahm selbst das Licht und leuchtete Ruth hinaus. Sie schaute sich nicht mehr um. Aber mitten auf der Treppe war es, als käme sie abermals ins Wanken. Ein leiser schluchzender Laut schlug an das Ohr Emichs. Da strömte ein heißer, glutvoller Strom, ein feuriger Quell durch sein Herz. Sie weinte. Sie weinte um die verlorene Liebe – und alles das, was er tot gewähnt, schlug wieder hellodernd in ihm auf. Es war Lüge – er liebte sie ja, liebte sie – und er hörte wieder den alten Nußbaum über sich rauschen, und der Sommerduft des Kleefelds umwogte ihn. Ein Ruf nur – ein Wort! Ein einziges Wort! Kein Ruf, kein Wort ... Ein letztes Rauschen von Frauenkleidern, ein sachtes Huschen ... Über das Straßenpflaster draußen ratterte ein rasch davonfahrender Wagen. Emich kehrte in sein Zimmer zurück, mit blassem Gesicht und fest geschlossener Lippe, einen harten Ausdruck im Auge. Nun war er ganz frei. Er hatte sich nicht unterwerfen lassen – er war Herr geblieben. XV Über Garica erwachte der Morgen, ein Frühlingsmorgen, der auf linden Schwingen Licht und Wärme in die Lande trug. Das große goldene Kreuz auf der Sankt Michaels-Kathedrale begann zu flammen im Purpur des jungen Tages, der den Himmel hinter dem dunklen Mauerwall der aus der Türkenzeit stammenden, späterhin Kjurça-Schanze benannten Bastion mit fröhlichen Farben schmückte. Die schlummernde Stadt weiter unten lag noch im Dämmer der langsam flüchtenden Nacht, während auf den Bergen ringsumher schon die Freudenfeuer des Morgens leuchteten und die neuen, bis zu den Zickzacklinien des Flusses vorgeschobenen Forts sich im ersten Sonnenblitzen badeten. Und nun tauchten aus dem Nebelgrau noch andere Punkte auf: Kuppeln, Türme und Zinnen, die glockenförmige Haube eines Minaretts im türkischen Viertel, der schlanke Bau des erst vor kurzem eingeweihten Parlamentsgebäudes, die große Eisenhalle am Bahnhofe, die Mittelkuppel des Residenzschlosses, das weithin leuchtende griechische Kreuz auf der russischen Kirche... Siegreicher drang die Sonne vor. Das Grau zerfloß, die Straßenreihen wurden sichtbar: schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen und in scharfen rechten Winkeln sich kreuzend, in dem neuen Quartier; ein Gewirr ineinanderlaufender Linien in den alten Teilen der Stadt, da wo noch der Orient in all seinem Schmutz und mit all seinen Lastern herrschte. In schlanken Bogen verloren sich die Kais im dichten Grün eines Platanenhains, durch den der Strom in hundert kleinen Kaskaden schäumte und der im Volksmunde auch »der Cascadeo« hieß: das Bois de Boulogne des illyrischen Paris, in dem an schönen Nachmittagen die elegante Welt ihren Korso hielt ... Neue Gruppen großer Gebäude stiegen aus dem sich mehr und mehr verflüchtenden Dämmer empor: die Universität mit den sie umgebenden Parkanlagen, die auf der Stelle eines ehemaligen türkischen Friedhofs angelegt wurden – das Nationalmuseum, das der so grausam ermordete Fürst Leopold durch einen prächtigen Neubau für die Bibliothek erweitern ließ – die Kriegsakademie, das alte Kloster der heiligen Barbara, ein efeuumsponnener Mauerblock inmitten modernen Prunks – das englische Konsulat, die neue Kaserne der Leibgarde-Infanterie, die Riesenrotunde des sogenannten Fürstenkonaks, in dem zu mittelalterlicher Zeit die Herrscher Illyriens residierten ... Mittelalter und Neuzeit grenzten in Garica so dicht aneinander wie Orient und Okzident. Nur ein Flußarm trennte das neue Quartier mit seinen Boulevards, Anlagen, freien Plätzen und sauberen Kais von dem Häusergewirr der alten Stadt, die man noch heute »das Türkenviertel« zu nennen pflegte, obwohl die Türken auch hier längst nicht mehr die Überzahl der Bewohner bildeten. In diesen Rattenkönig von engen Gäßchen, Lehmhütten und Holzbaracken ließ sich nicht so leicht eine Bresche legen. Auch nicht in die Seelen der Inwohner: das hatte Fürst Emich schon im ersten Jahre seiner Herrschaft spüren müssen. Der geistige Horizont war hier so eng wie Gassen und Häuser, und in dem Gewühl von Türken, Slawen, Romanen, Griechen und Juden, das sich zwischen den schwarzen Mauern eingenistet, tobten noch Leidenschaften, die kein Sonnenstrahl der neuen Zeit zu bannen vermochte. Aber drüben, jenseits des Flußarmes, da herrschte die neue Zeit. An das Frankenviertel schloß sich nach den Bergen zu ein duftig grüner Wiesenhang an, mit Bosketts und Alleen einen weiten Platz umschließend, auf dem sich das Siegesdenkmal von Acabane erhob. Hier war, vor den Toren der Stadt, dem Halbmond jene grimme Schlacht geliefert worden, von der die Barden des Landes so herrliche Lieder sangen, und aus dem Blute, das über diesen Boden geflossen, waren für Illyrien die ersten Knospen seiner Freiheit erblüht. Acabane war ein Dörfchen, das, von Rosengärten umbuscht, dicht am Hange der Berge lag. Und von oben herab, aus Myrtengrün und dem Dunkel der Pinien und aus dem Schwarz der Korkeichen, grüßte schneeiger Marmor zu Tale: das Lustschloß Monbijou, daß sich Fürst Leopold hatte erbauen lassen und in dem er in den Armen einer schönen Frau die letzte Nacht verlebt, bevor der Mordstahl ihn getroffen. Seit dieser Zeit war die Fahne auf der Zinne des reizenden Schlosses nicht mehr entfaltet worden. Monbijou stand leer, und verödet waren seine herrlichen Gärten, von denen aus man hinauf in den Hochwald steigen konnte, auf vielverschlungenen Pfaden, fast bis zur Spitze des Safarics, der einst, in nebelferner Zeit, ein Vulkan gewesen sein sollte. Fürst Emic – das h in seinem Vornamen hatte bei der Thronbesteigung der Sprachgewohnheit Illyriens zuliebe fallen müssen – hatte die Schwelle Monbijous nie überschritten. Er residierte unten im Stadtschloß, im »Palais«. Das Palais nahm die ganze Westseite der Esplanade, des Hauptplatzes der Stadt, ein: ein schmuckloses Gebäude mit einer ungeheuren Kuppel in der Mitte, die den Thronsaal überwölbte – geradlinig, zweistöckig, mit regelrechten Fensterfronten und grauem Anstrich – ein nüchterner und langweiliger Bau. Zwei mächtige Flügel schlossen sich an; in dem einen garnisonierten die Leibheiducken, der zweite enthielt die berühmte Münzensammlung des letzten Paschas von Garica, auf die nach der Revolution Beschlag gelegt worden war und die aus Mangel an Raum noch nicht im Nationalmuseum hatte untergebracht werden können. Zwischen beiden Schloßflügeln breitete sich das Glas- und Eisennetz des Wintergartens aus, von dem aus man in einen kleinen, hübsch gepflegten Park gelangte, der bis an das Ufer der Sareb reichte. Vor sämtlichen Fenstern des Mittelbaues, jenes Teiles des Schlosses, den die Kuppel überwölbte, lagen weiße Rouleaus. Das ganze zweite Stockwerk nahm der Thronsaal ein; im ersten wohnte der Fürst. Eine Hand schob hier den Vorhang zur Seite – ein etwas bleiches Männergesicht schaute hinaus auf den Platz, der sich langsam zu beleben begann. Die Schloßwache wechselte – ohne Spiel und Trommelschlag, denn des Fürsten Schlaf mußte geschont werden. Aber es gab nichts zu schonen. Fürst Emic hatte die Nacht durchgearbeitet, und nun stand er am Fenster und blickte in die Sonne hinein, die über seinem Lande emporstieg. Er trug noch die kleine Uniform seiner Leibgarde-Infanterie, in der er gestern abend dem Ministerrat präsidiert hatte. Es war eine gewichtige Sitzung gewesen. Ein gewaltiger Umschwung im Steuerwesen sollte durchgeführt werden. Die Nationalliberalen hatten, gestützt auf die unleugbare Tatsache, daß die direkten Steuern auf dem flachen Lande nur schwer einzutreiben waren, mit starker Unterstützung der rechten Seite des Parlaments einen Antrag eingebracht, der eine erhebliche Vermehrung der indirekten, speziell der Luxussteuern bezweckte – und sie hatten gedroht, sich auf die Seite der Opposition zu schlagen, wenn sie kein Entgegenkommen bei der Regierung finden würden. In diesem Falle verteidigte auch der Fürst den Antrag der Nationalpartei; aber er hatte nicht nur den Finanzminister, sondern selbst den alten Veresco gegen sich. Bis tief in die Nacht hinein hatte die Sitzung gewährt. Mit seiner ganzen gleißenden Dialektik hatte der Finanzminister die ökonomischen Gründe dargelegt, die ihn veranlaßten, auf seinem Standpunkt zu verharren. Und dann hatte Veresco sein schweres politisches Geschütz auffahren lassen. Die Finanzgründe des ministeriellen Kollegen imponierten ihm nicht; aber gerade in diesem Augenblick der Nationalpartei nachzugeben, erschien ihm als Schwäche. Die Liberalen näherten sich immer mehr der Opposition, deren glänzend begabter Führer, Herr von Polzien, der Chefdirektor der »Volksstimme«, mit gutem Erfolge den »Einfang« betrieb. Marquis Veresco war der Ansicht, man müsse zeigen, daß man den Überlauf der Nationalen nicht fürchte. Und dabei kam der grimme Alte abermals auf vergangene Dinge zu sprechen, tadelte wiederum die allgemeine Amnestie bei Gelegenheit der Thronbesteigung und tadelte im besonderen, daß Polzien, den das Attentat gegen den Fürsten Leopold gleichfalls kompromittiert hatte, nicht für immer unschädlich gemacht worden sei ... Dennoch setzte Fürst Emic seinen Willen durch. Sein persönlicher Einfluß auf die Minister war so groß, daß selbst der intrigante Leiter der Finanzen davon Abstand nahm, seine Demission zu geben, und daß endlich auch der harte Veresco sich fügte. Dieser Alte mit rotgeäderten Augen und den eisernen, alles zermalmenden Zähnen liebte seinen jungen Fürsten, als sei Emich dem eigenen Blute entsprossen. Und auch bei Beschluß jener letzten denkwürdigen Sitzung neigte er sich, von Emich Abschied nehmend, tief über die ihm gereichte Hand und sagte mit einem milden, sein rohes Baschkirengesicht seltsam verschönenden Lächeln: »Durchlaucht – ich fürchte, es ist nicht gut, daß wir uns allesamt so wenig dem Zauber Ihrer Persönlichkeit zu entziehen wissen ...« Fürst Emic konnte zufrieden sein. Die Entlastung des direkten Steuersystems entsprach seinen Wünschen; es war vorauszusehen, daß die Nationalen sich infolgedessen in anderen Fragen, wie beispielsweise denen der Vermehrung der Wasserstraßen, der Regierung geneigter zeigen würden. Und doch blieb Emich nach Entlassung der Minister in Sorgen zurück – und neben ihm blieb die graue Sorge stehen, die ganze Nacht hindurch, während er am Schreibtische saß, den Kopf in die Hand gestützt, und Berge von Papieren durchflog. Auch über seine Schulter lugte die graue Sorge, lugte mit hinaus auf die Esplanade und in den hellen Sonnenschein, der den Platz überflutete. Der Fürst zog die Vorhänge vollends zurück und löschte die Studierlampe. Dann klingelte er. Der Kammerdiener trat ein. »Das Bad«, befahl Emich. Der Diener verneigte sich. Aber er ging nicht sogleich. Ein mitfühlender Blick traf das übernächtige Gesicht seines Herrn. »Durchlaucht«, begann er leise, im Tone zaghaften Bittens. Emich stand schon wieder am Schreibtisch, ein Papier in der Hand, und schaute nun auf. »Was gibt's?! ...« Er lachte ... »Ah, Bob, du brauchst nicht weiter zu sprechen! Kerl du! Wenn ich von Klempin nach Berlin fuhr, hab' ich manche Nacht verbummelt. Eine durchgearbeitete schadet noch weniger. Nun pascholl, das Bad! Wer hat von den Adjutanten den Dienst?« »Major Mac Lewleß, Durchlaucht.« »Desto besser. Er soll mit mir frühstücken ...« Emich pflegte sein erstes Frühstück gewöhnlich unter einer Palmengruppe im Wintergarten zu nehmen, dessen Glasfenster zur warmen Jahreszeit versenkt wurden, so daß dieser Teil des Schlosses mit dem Park in Verbindung zu stehen schien, eine Täuschung, die dadurch noch verstärkt wurde, daß man die vier Marmorstufen, die in den Park hinabführten, mit moosgrünen Teppichen überspannt und zudem mit zahlreichen, wahllos geordneten Blumenarrangements geschmückt hatte. Der Fürst frühstückte immer allein, liebte es jedoch, dabei mit einem seiner Adjutanten zu plaudern. Der Zeremoniendienst begann erst zu späterer Stunde. Das Bad hatte ihn so erfrischt, daß er die schlaflos verbrachte Nacht kaum noch spürte. Unter den Palmen hatten die Lakaien inzwischen den Frühstückstisch hergerichtet. Sie zogen sich zurück, als Bob erschien, der Leibdiener Seiner Durchlaucht, der mit seinem Herrn eine Wandlung zur Höhe durchgemacht hatte: der schlesische Bauernjunge war ein Valet de Chambre geworden, diplomatische Ruhe im glattrasierten Gesicht, gemessen in den Bewegungen und immer in tadellos sitzenden Kniehosen und mit höchst sorgfältig gefältelter weißer Binde. Mac Lewleß trat auf die Terrasse. Auch ein andrer als in Klempin und doch noch derselbe. Brauner geworden im Gesicht und mit blondem Vollbart, ohne den Ausdruck geheimen Leidens um den Mund, frischer und wagemutiger ausschauend, aber noch mit den alten Augen. Er trug die etwas phantastische, doch sehr geschmackvolle, sich an die Nationaltracht des Landes anlehnende Uniform der Garde-Heiducken mit den Majorskandillen und den Fangschnüren der Flügeladjutanten. Er schlug klirrend die Absätze aneinander und seine rechte Hand berührte salutierend das Käppi. »Durchlaucht haben befohlen«, sagte er. Emich nickte ihm freundlich zu. »Wir sind allein, Gerald«, entgegnete er. »Nicht einmal die Herzogin von Kjurça ist in der Nähe, die mich mit einem ihrer Dolchblicke maßregeln könnte. Also laß die Durchlaucht beiseite und trinke eine Tasse Tee mit mir und mache es dir bequem. Bob, nimm dem Herrn Major Säbel und Käppi ab! ...« Mit Säbel und Käppi verschwand auch das Dienstgesicht und die untergebene Haltung Mac Lewleß'. Er reichte dem Fürsten die Hand, nahm neben ihm Platz und begann gleichfalls zu frühstücken. Um diese Stunde war es wonnevoll hier unten. Nichts zu vernehmen vom Lärmen der Stadt; nur das gleichmäßige, im Kies der Wege knirschende Auf und Ab der beiden Palastwachen unweit der Orangerie. Nur das Zwitschern und Tirilieren der Vögel im Park und das volle Rauschen der Fontänen und hin und wieder der Schrei eines Papageien oder das helle Aufkreischen eines der Seidenäffchen in der Voliere. Dazu die quellfrische Morgenluft, die den Duft der Berge in die Stadt trug, das hundertfältig schattierte Grün und der Blütenzauber ringsum und der Ausblick über die Baumwipfel fort bis zu den dunstumschwommenen Felskuppen des Hochgebirges. Emich schüttete dem Freunde das Herz aus. Er erzählte von seinem Siege in der Ministersitzung und von den Sorgen der Nacht. Ah, ja, es waren schwere Sorgen, die auf ihm lasteten. Eine veränderte Aufteilung der Ämter hatte der Korruption der Beamtenwelt steuern sollen, die jeder Bestechung feil war. Und in geschlossener Kolonne waren die Entlassenen in das Lager der Opposition geeilt und hatten sich unter die Fahne Polziens geschart. Dieser Polzien war zweifellos der gefährlichste Gegner Emichs. Seine »Volksstimme« war eine Macht in Illyrien geworden. Und, was das Böseste war: es ließ sich kaum noch daran zweifeln, daß Polzien durch russisches Geld unterstützt wurde. Die Politik des Petersburger Kabinetts war leicht zu durchschauen; die innere Opposition sollte die Regierung in Schach halten und zu einer verstärkten Anlehnung an Rußland zwingen. Aber sicher floß auch aus dem Suevenreiche Geld in die Kassen der »Volksstimme«. Polzien nahm, woher er bekam, und seine gierigen Hände streckten sich nach allen Seiten aus. »Ich hätte den Burschen hängen lassen können«, sagte Emich. »Beweise, daß er dem Attentat gegen Leopold nicht allzufern gestanden, wären leicht zu beschaffen gewesen. Und kein Hahn hätte damals nach ihm gekräht. Aber ich dachte menschlich und ließ ihn laufen. Er haßt mich persönlich grimmig, und das gibt seiner Infamie Triebkraft und Schwung! Dabei ist er zu klug, sich fassen zu lassen. Er ist wie eine Schlange, aalglatt, immer wieder entschlüpfend; könnte ich dieser Natter den Kopf zertreten, dann wäre auch die Opposition mundtot gemacht, denn er ist ihr einziger Führer. Er duldet niemanden neben sich.« »Laß ihn ausweisen! Das kann deiner Polizei nicht schwer fallen, da er ein Ausländer ist.« »Er hat sich naturalisieren lassen. Aber schließlich – ein Formfehler in der Naturalisationsurkunde wäre schon zu finden, wollte ich ungerecht vorgehen. Das aber will ich vermeiden. Ich habe an etwas Besseres gedacht. Ich möchte seinen Haß besiegen, will versuchen, ihn an meine Interessen zu fesseln, ihn in die Staatskarriere bringen, ihm irgendeinen diplomatischen Posten zuweisen. Er ist ein Mensch von glänzenden Fähigkeiten ...« Bob reichte die Zigarren. »Du rauchst immer noch nicht, Gerald?« »Nein – ich danke, Emich. Du weißt, wem zuliebe ich es aufgab – und ich hab' nicht mehr angefangen. Aber ich finde, die Inclam sieht gut aus, vertrauenerweckender – als das dunkelfarbige Kraut unsrer Regie.« Der Fürst lachte, während er an dem Licht, das Bob ihm leichte, seine Havanna anzündete. »Gerald – wahrhaftig – als ich hierher kam, habe ich mich vier Wochen damit abgemüht, unsre Regiezigarren rauchen zu lernen. Schließlich hab' ich die Hoffnung aufgeben müssen. Ich liebe mein Land über alles, doch mit seinen Zigarren kann ich mich nicht befreunden. So lasse ich mir denn unter der Deckfirma eines Privatmannes meinen Tabak von meinem alten Berliner Lieferanten kommen und bezahle schweigend den hohen Zoll. Siehst du, den Zoll brauche ich nämlich auch. In den Regierungskassen sieht es noch immer schreckhaft aus. Im vorigen Monat habe ich mit meinem Privatvermögen in die Bresche treten müssen, damit die Gehälter voll ausbezahlt werden konnten. Aber ich verliere den Mut nicht; ich sehe wenigstens, daß es langsam vorwärtsgeht. Der Kanal nach Bosnia soll die Wareneinfuhr auf den Wasserstraßen reger gestalten, damit würde sich der Zollverdienst erheblich erhöhen. Aber freilich – auch mit diesem Kanal hat es noch weite Wege. In Wien arbeitet man langsam ...« Gerald lehnte sich nachdenklich in seinen Sessel zurück. »Der Kanal nach Bosnia,« wiederholte er sinnend, »ist das der –« »Derjenige welcher«, fiel der Fürst rasch ein. »Ja ja, der ist es! Veresco hat ähnliche Pläne schon mit Leopold verfolgt. Jetzt bin ich sein Versuchskaninchen. Sassenhausen sondiert seit drei Wochen das Terrain. Du lieber Gott, ich wehre mich ja gar nicht! Die Politik wird doch immer die Protektorin meiner Heirat sein.« – Er schaute den alten Regimentskameraden von der Seite an ... »Und du, Gerald? Ich warte darauf, daß du mir deine Verlobung melden wirst. Alle Welt will wissen, daß Fräulein von Kursewsky nur aus Liebe zu dir so blaß und verhärmt sei.« »Emich – spotte nicht! Ich sage dir: alle Welt klatscht. Ich habe Fräulein von Kursewsky niemals Anlaß gegeben, sich lebhafter für mich zu interessieren, und ich vermeide geflissentlich jeden Besuch auf der russischen Gesandtschaft. Nein, Emich, mein Herz ist müde geworden. Aber sag', hast du Nachrichten aus der Heimat?« Der Fürst nickte. »Ja – aus Seesenheim wie aus Stenzig. Tante Irmela schreibt allwöchentlich seitenlange Berichte, sie kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Und ganz nebenbei erzählt sie auch von Ruth. Es ist nicht wahr, daß Ruth den Schleier genommen hat – – du entsinnst dich, daß Saß das gehört haben wollte. Ruth ist als Oberin in ein großes schlesisches Krankenhaus eingetreten, das dem Malteserorden gehört. Das ist alles. Gelübde religiöser Natur binden sie nicht, sie ist genau so frei wie bisher.« »Frei, sagst du. Ist sie denn wirklich noch frei? Nach Herz und Seele!?« Emich sah sinnend den Dampfringeln seiner Zigarre nach. »Gerald«, sagte er, »du hast Ruth einstmals besser und richtiger zu beurteilen verstanden als ich. Sie hat lange und schwer gerungen, sich aus dem Unbefriedigtsein in eine geistige Klärung zu retten. Das ging nicht so rasch. Eine Wandlung folgte der andern, und wer kann sagen, daß all diese Wandlungen nunmehr für sie abgeschlossen sind. Ich bin schon froh darüber, daß sie ein bestimmtes Gebiet für ihre Tätigkeit gefunden hat. Herrgott, sie war nun einmal keine Landpomeranze, kein Dorfkomtesse!« »Nein – wahrhaftig nicht! Achtung vor dem Beruf, den sie sich erwählte! Aber, Emich, bot ihr das Leben nichts Besseres?! Will sie denn nie wieder in die Sonne schauen?!« Der Fürst schüttelte den Kopf. »Ich halte auch diese neue Phase nur für eine Wandlung. Und glaube mir,« fuhr er rascher fort, »ich verstehe zwischen den Zeilen der guten Tante Irmela zu lesen. Mich dünkt, Ruth hat jene Stellung nur angenommen, um sich vor den Werbungen Rietzows zu schützen.« Mac Lewleß schnellte plötzlich empor. Etwas Wichtiges war ihm eingefallen. »Am Mittwoch findet die Einführung des neuen römischen Bischofs statt«, sagte er. »Weißt du, Emich, wer jener Bischof ist?« »Ja – ich weiß es. Der ehemalige Monsignore Massimo, der Bruder Rietzows.« »Und du sprachst mir niemals davon?« »Absichtlich nicht. Es wäre zwecklos gewesen. Dem Bischof geht ein glänzender Ruf voran: der Ruf echter Frömmigkeit und großer Menschenliebe. Ein Handschreiben des Papstes hat ihn mir persönlich empfohlen. Gegenüber dem Vordringen des griechischen Kults – auch eine Folge der russischen Politik – habe ich ein stärkeres Gewicht auf den Schutz des Katholizismus zu legen. Und das Interesse für mein Land läßt jedes Persönliche verstummen.« Mac Lewleß neigte den Kopf. »Du hast recht, Emich«, sagte er. Bob meldete den Oberstleutnant im Generalstab und stellvertretenden Chef des Innern Marquis Veresco. Maffeo erschien auf der Terrasse und salutierte. »Durchlaucht vergeben: ich bringe eine Botschaft von meinem Vater, den leider eine Erkältung zwingt, sich im Bett zu halten.« »Tritt näher und setz' dich zu uns. Hoffentlich hast du keine Trauerpost in der Hand.« »Gottlob, nein. Ein neuer Bericht von Sassenhausen aus Wien. Alles geht gut. Hof und Kabinett sind für die Marriage. Erzherzogin Marie wird zu Beginn des Herbstes den verwandten Hof von Rumänien besuchen, und in Bukarest soll die erste Begegnung stattfinden. Hier der Brief ...« Der Fürst nahm die ihm gereichten Papiere und durchflog sie. Sein Gesicht war nicht freundlich dabei. Ein tiefer Ernst lag auf seinen Zügen, und ein ganz leiser Seufzer schwellte seine Brust. »Also abgemacht«, sagte er. »Sassenhausen schreibt, man wünsche zu Wien, daß über die Affäre zuvörderst strengstes Geheimnis gewahrt werden solle. Das entspricht meiner eigenen Neigung. Auch die Erzherzogin weiß noch nichts von dem – Glück, das ihr bevorsteht. Armer Käfer! Sie ist noch sehr jung – nicht wahr?« »Kaum siebzehn«, erwiderte Maffeo. Ein fröstelnder Schauer überrieselte Emich. Er goß sich aus der Karaffe ein kleines Glas Sherry ein und leerte es langsam. Dann erhob er sich. Das war das Zeichen für die Entlassung der Freunde. »Gerald, was hast du heut' auf dem Programm?« fragte der Fürst, den Rest seiner Zigarre in die silberne Aschenschale werfend. Mac Lewleß zog eine Notiztafel aus Elfenbein aus der Brusttasche und schob sie auseinander. »Elf Uhr Besichtigung der neuen Kaserne am Fort Ladislaus«, las er vor. »Zwölf Uhr Empfang der bosniakischen Deputation; um eins Audienz des suevischen Gesandten –« »Wegen der Grenzregulierung am Natschali-Paß«, fiel der Fürst hastig und ärgerlich ein. »Wann wird diese unselige Geschichte enden!? Aber, man irrt sich in Suevien, sollte man glauben, ich würde nachgeben! Das Recht ist unbestreitbar auf unsrer Seite. Weiter.« »Vier Uhr Besuch bei der Herzogin von Kjurça« – »Brrrr!« »Um fünf Besuch im Paulinenhospital; halb sechs Vortrag des Hausintendanten wegen des Theaterumbaus; um sechs Besichtigung der Landes-Weinausstellung in den Ruinen der alten Thermen; sieben Uhr Offizierstafel beim zweiten Artillerie-Regiment; neun Uhr Besuch der Sommeroper. Um diesen Besuch hat der Direktor nochmals untertänigst bitten lassen, da die Geschäfte schlecht gingen.« »Das glaub' ich«, sagte der Fürst lächelnd. »Es war eine verrückte Idee. Ein hübsches Programm, Gerald. Sehr viel Zeit pflegt man mir nicht übrig zu lassen... Aber noch etwas: es ist jetzt erst acht Uhr; laß Herrn von Polzien, den Direktor der »Volksstimme«, benachrichtigen, daß ich ihn um zehn zu sprechen wünsche. In meinem Arbeitskabinett.« Mac Lewleß fuhr zurück. Maffeo war blaß geworden. »Emich,« sagte er halblaut und bittend, »du selbst –? Willst du nicht wenigstens –« »Ich will nichts, Maffeo,« fiel der Fürst herbe ein, »will auch nicht erst deinen kranken Vater beunruhigen.« »Verzeihung, Durchlaucht,« nahm Maffeo abermals das Wort, »wenn ich mir trotzdem noch eine Warnung erlaube. Polzien ist ein gefährlicher Bursche. Er ist zu allem fähig. Verstatten Durchlaucht wenigstens, daß Mac Lewleß der Audienz beiwohnt –« »Auch ich bitte um diese Gnade, Durchlaucht«, warf Gerald ein. Emich streckte beiden die Hände entgegen. »Seid keine Kinder, seid keine Hasenfüße! Ich habe diesem Herrn von Polzien schon einmal gezeigt, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Und ich fürchte mich heute ebensowenig wie damals... Bob, bring' mir die Hunde auf ein Viertelstündchen; dann soll der Schneider mit seinen neuen Uniformen kommen... Auf Wiedersehn, meine Herren!« Er schritt durch den Wintergarten der Schloßhalle zu. XVI Das Arbeitszimmer des Fürsten war ein ernst ausgestatteter Raum mit dunklen Ledertapeten und schweren olivengrünen Vorhängen an den Fenstern. Alle Wände nahmen Bücherschränke ein; nur die eine Wand war freigelassen worden, und hier hing ein lebensgroßes Ölbild Leopolds von Schöningh, des unglücklichen Vorgängers des Fürsten auf dem Throne von Illyrien. Das Porträt stellte Leopold in der sieghaften Schönheit seiner sonnigen Jugend dar, liebenswürdig lächelnd, mit einem leichten Anflug von Spott in den Mundwinkeln, Stirn und Augen hell, den Kopf keck zurückgeworfen, wie im Bewußtsein des Reizes seiner jünglingsfrischen Anmut. Vor diesem Bilde war Emich stehengeblieben, als ihm Herr von Polzien gemeldet worden war. Wenn der Fürst am Arbeitstische saß, schweifte sein Blick zuweilen nach dem Porträt des Vetters gegenüber; es war immer eine Mahnung für ihn, auf der Hut zu sein vor der Mörderhand, die auch ihn aus dem Hinterhalt treffen konnte. War die Mahnung Maffeo Verescos übertrieben gewesen? Konnte nicht auch Polzien ein Stilett im Ärmel verborgen halten oder plötzlich den Revolver ziehen, um ihn auf den tödlich Gehaßten abzufeuern? – Er trat hinter den Schreibtisch, dessen mächtige Breite die ganze Mitte des Zimmers füllte, und öffnete ein Schubfach. Ein Helles blitzte ihm entgegen; auch er hatte eine Waffe zur Hand – für alle Fälle... Die Tür zum Vorzimmer öffnete sich: Polzien wurde eingelassen. Er blieb mit einer Verneigung in der Nähe der Türe stehen. Emich hatte ihn nie zu Gesicht bekommen, seit er in Illyrien weilte, aber er kannte ihn dennoch ohne weiteres wieder. Die Gestalt war stämmiger geworden; die leichte Neigung zum Embonpoint hatte den Eindruck des Straffsehnigen und Elastischen vermindert; doch der brutale Zug in dem geistig sehr lebhaften Antlitz war geblieben. Und aus dem Auge sprach, unverschleiert und unverhehlt, ein tiefer drohender Groll. Polzien erschien in langem schwarzen Überrock, er war bis auf jede Einzelheit sehr sorgfältig gekleidet. Der Fürst setzte sich nicht, bot auch Polzien nicht Platz an. »Ich habe Sie zu mir bitten lassen, Herr Deputierter, um Verschiedenes persönlich mit Ihnen zu besprechen. Wie meinen Vetter und Vorgänger in der Regentschaft, so beehren Sie auch mich in Ihrer Zeitung, auf der Parlamentstribüne und in den Volksversammlungen mit einer wütenden Verfolgung, die ihre Spitze nicht lediglich gegen meine Regierung, sondern auch gegen mich selbst richtet. Darf ich Sie fragen, welche Ursachen Ihrem Haß zugrunde liegen?« »Ich bin ohne weiteres dazu bereit, Ihnen Antwort zu geben, Durchlaucht«, antwortete Polzien. Er sprach ruhig, nicht respektlos, aber scharf und eindringlich. »Durchlaucht haben das rechte Wort gefunden. Es ist der Haß, der mich leitet. Sie kennen die Stunde, in der ich mir zugeschworen, mich an Ihnen für die mir zugefügten Beleidigungen zu rächen. Aber ich bin kein Bravo; ich breche nicht aus dem Versteck hervor, um Sie zu töten, wie der wahnwitzige Mörder des Fürsten Leopold. Meine Waffen sind rein. Daß sie trotzdem scharf find und gut zu treffen vermögen, haben mir Eure Durchlaucht selbst zugestanden ...« Diese Offenheit imponierte Emich. Sein helles Auge ruhte forschend auf dem Gesicht Polziens. »Sie spielen auf die Geschehnisse in Seesenheim an,« sagte er, »um mich über die Gründe Ihres Hasses aufzuklären. Es würde mir wenig nützen, wenn ich versuchen wollte, Sie davon zu überzeugen, daß ich derzeitig im Rechte gewesen bin, und daß nur die Hartnäckigkeit, mit der Sie mir gegenübertraten, mich veranlaßte, schließlich Gewalt zu gebrauchen ... Ich möchte noch eine Frage an Sie richten: bei allem Haß gegen meine Person vertreten Sie politisch und publizistisch doch eine Partei, eine große Partei – die der Unzufriedenen, der Linken im Parlament. Diese Linke will aber geradeso die Interessen des Landes fördern, wie – von ihrem Standpunkte aus – die Rechte, wie die Nationalen und wie endgültig die Regierung selbst. Also haben auch Sie, Herr von Polzien, in gewisser Weise die Interessen des Landes im Auge – nicht wahr? ...« Der Fürst hatte anfänglich illyrisch gesprochen, aber dann plötzlich deutsch fortgefahren. Wie es schien mit Absichtlichkeit antwortete Polzien auf illyrisch: »Nicht nur in gewisser Weise, sondern durchaus und lediglich, Durchlaucht. Ich bin kein Tor. Mein Haß ist nur der treibende Faktor. Als ich in Seesenheim einfach vor die Tür gesetzt wurde, ging ich nach Rußland. Ich bin in Russisch-Polen aufgewachsen, beherrsche die meisten slawischen Sprachen und kenne die einschlägigen Verhältnisse. Sie wissen, daß ich vor sechs Jahren als politischer Agent Rußlands hierher kam. Das habe ich nicht zu verbergen. Inzwischen habe ich in Illyrien festen Fuß fassen und mich von drückenden Einflüssen freimachen können. Ich bin mein eigener Herr geworden und treibe die Politik, die mir beliebt. Ich habe mir eine Stellung geschafft. Daß ich eine solche in den Reihen Ihrer Gegner, respektive der Gegner Ihres Bluts- und Namensvetters, suchte und fand, war natürlich. Denn diese Gegner bekämpfen nicht nur Ihr Regiment, Durchlaucht, sondern Sie selbst als Repräsentanten einer ihnen aufgedrängten fremden Dynastie.« »Sie vergessen, daß ein Plebiszit die Wahl der Volksvertretung gutgeheißen hat, Herr Deputierter.« »Nicht ich allein, Durchlaucht, sondern die Mehrzahl des Volkes weiß, wie dieses Plebiszit in Szene gesetzt worden und zustande gekommen ist.« »Sie vergessen ferner, daß meine Wahl gleich der meines Vorgängers unter der Protektion Rußlands erfolgte – und man sagt, daß Ihre ›Volksstimme‹ auch von russischem Gelde gespeist werden soll.« »Man sagt vieles, was nicht wahr ist, Durchlaucht ...« Emich schwieg einen Augenblick und spielte mit dem Federmesser, das er vom Tische genommen hatte. »Gleichviel, Herr von Polzien,« begann er von neuem, den Kopf mit kurzem Ruck in den Nacken werfend und den Blick voll auf den vor ihm Stehenden heftend. »Die Tatsache, daß auch Sie auf Ihre Weise den Interessen des Landes zu dienen hoffen, genau so wie ich, steht fest. Sie haben es mir bestätigt. Und im Interesse des Landes, dem wir beiden Deutschen nunmehr angehören, das unsre neue Heimat geworden ist, schlage ich Ihnen vor, Ihren Frieden mit mir zu machen. Stellen Sie das Land über die Person; begraben Sie Ihren Haß. Sie sind ein Mann von bedeutenden Fähigkeiten, der meines Erachtens irrig auf falsche Wege geführt worden ist. Ich bin bereit, Ihnen den Staatsdienst zu öffnen, damit Sie erkennen lernen können, in welcher Weise die Maschine der Regierung zum Besten des Volkes arbeitet. Ich will keinen Fürstendiener aus Ihnen machen und Ihnen die Freiheit Ihrer Meinung nicht verkümmern. Aber ich möchte Sie lehren, gerecht zu urteilen und unbeeinflußt von Instinkten, die – wenn sie auch tief in der Menschennatur begründet liegen – jedenfalls schlechte sind ...« Polzien war weiß geworden im Antlitz. Unwillkürlich senkte sich sein Blick. Er war fassungslos geworden. Alles andere hatte er erwartet – das nicht. Er blieb lange stumm. Was mochte in seiner Seele vorgehen? Vielleicht stiegen da allerhand glänzende Bilder empor, von einem raschen Höhenflug, einem gewaltigen Sturmschritt über hunderte von Unterliegenden hin fort; vielleicht sah er sich schon auf dem Ministersessel – auch der alte Veresco hatte dem Tode seinen Tribut zu zahlen, und dann war er der allein Herrschende ... Er machte eine Bewegung nach vorn – und hob den Kopf und schaute den Fürsten an. Ein fast unmerkliches, ganz feines Lächeln huschte um den Mund Emichs. Aber Polzien bemerkte dieses Lächeln – und plötzlich färbte sich sein Gesicht dunkel, und ein Ausdruck abscheulichen Hohnes trat auf seine Züge. Die Linien auf seiner Stirn verdickten sich zu schweren Falten, und das Auge sprühte wieder den alten Haß. Der Gedanke, der ganz plötzlich in ihm aufgezuckt war: das Mißtrauen gegen die Worte des Fürsten, verstärkte diesen Haß zu einem Aufruhr aller Gefühle. Er dachte wieder an Seesenheim zurück – und er hätte Emich mit der Faust niederstrecken können. »Nun –?« fragte der Fürst gedehnt. »Nehmen Sie die Hand an, die ich Ihnen reichen will – nicht ich als Schöningh, sondern als Regent von Illyrien?« Da richtete sich Polzien schroff empor und erwiderte: »Nein, Durchlaucht, ich danke. Ich lasse mich nicht einfangen! « Eine helle Flamme schlug über Emichs Gesicht. Er vermochte sich dieser Brutalität gegenüber nur mühsam zu beherrschen. »Das heißt: es bleibt alles wie zuvor?« »Genau so!« Der Fürst wandte sich um. »Es ist gut. Ich danke Ihnen ...« Im Vorzimmer schlug hell klirrend die Klingel an. Am elektrischen Apparat fiel die Klappe mit dem Aufdruck »Adjutant« nieder. Mac Lewleß eilte in das Arbeitskabinett des Fürsten. »Durchlaucht befehlen?« »Ich möchte sofort den Polizeidirektor sprechen! ...« Mac Lewleß sandte einen Kurier nach der Präfektur. Sein Gesicht zeigte einen bekümmerten Ausdruck: es war das erstemal, daß Fürst Emich nach der Polizei schickte. Der Fürst hatte den neuen Kasernenbau inspiziert und fuhr nun nach der Stadt zurück, über die stattliche Brücke, die die grünen Wasser des Sareb überspannte und dann den breiten Boulevard hinab, der nach dem Parlament führte. Major Mac Lewleß war des Fürsten einziger Begleiter; auf dem Bock saß neben dem Kutscher noch einer der Leibjäger; zwei Heiducken sprengten dem Wagen voran. Auf Straßen und Plätzen drängte sich das Volk. Eine bunte, tausendköpfige Masse: zwischen Herren und Damen in modernsten Pariser Kostümen Arnauten mit einem Arsenal schlechter Waffen im Gürtelbund, Griechen in ihrer malerischen Nationaltracht, türkische Juden in blauen Kaftanen, Grenzbosniaken in zerlumpten Fellkotzen, Armenier, Drusen, Mingrelier, Zigeuner, Weiber im Yaschmak und in Pumphosen, verschleiert und unverschleiert – alles das wogte in buntem Gewühl durcheinander, eine Begegnung des Morgen- und Abendlandes, wie man sie in den meisten großen Städten des Balkans findet, ein riesenhafter schimmernder Farbenfleck. Wo der Fürst sich zeigte, wurde er lebhaft begrüßt. Seine rechte Hand lag fast beständig am Käppi, und als er über den Blumenmarkt fuhr und ein niedliches illyrisches Kind ihm einen Buschen Rosen in den Wagen warf, da lächelte er freundlich und nickte dankend zurück, und ein vielstimmiges, brausendes »Za–ó«, der Hurraruf des Landes, scholl ihm nach. Im Parlament hatte die Sitzung soeben begonnen, als Emich in die Fürstenloge trat. Sie lag der Ministertribüne gegenüber und war durch einen Purpurvorhang geschützt, hinter den der Besucher sich jederzeit zurückziehen konnte. Dennoch war das Kommen des Fürsten sofort bemerkt worden; die Glocke des Präsidenten gab das dreimalige Zeichen, und die gesamten Insassen des Hauses erhoben sich zum Gruß. Emich verneigte sich von seiner Loge aus und nahm dann wieder Platz. Von hier aus überschaute man das ganze Haus, das trotz seiner Neuheit und der Marmorverkleidung der Wände einen kahlen und fröstelnden Eindruck machte. Doch die Menge der Anwesenden belebte es nicht nur, sondern gab ihm auch farbige Stimmung – gleich der Welt draußen, die über Straßen und Plätze flutete. In der Ministerloge fehlte die ragende Gestalt des alten Veresco; man sah das verkniffene und gallige Gesicht des Finanzministers über die Balustrade lugen, daneben den grauweißen Schnauzbart des Kriegsministers und das glatte Diplomatenprofil des Staatssekretärs Baron Porohyle. Unten war Platz an Platz besetzt. Auf den Zuschauertribünen dichtes Gedränge; in vorderster Reihe leuchtende Damentoiletten. Auch in der vollbesetzten Loge für das Corps diplomatique sah man einige Damen – und ganz vereinzelt auf einer Art Ehrenplatz eine sehr alte Frau, die aber überall dabei sein mußte und sich einer schier beispiellosen Popularität erfreute: in schwarze Seide gekleidet, mit Witwenschneppe und wallendem schwarzen Schleier, doch mit Brillanten übersät. Das war die Herzogin von Kjurça, der letzte lebende Sprößling jenes heldenmütigen Schafhirten, dessen gewaltige Faust einst den Halbmond niederwerfen half. Der Herzogin erwies man die gleichen Ehren wie dem regierenden Fürsten, und auf allen Hoffesten bei dem unverheirateten jungen Herrscher spielte sie die dame d'honneur, die die weiblichen Besucher empfing. Emich hatte einen großen Respekt vor ihr, denn die Enkelin des tapferen Schafhirten war von einer vernichtend zeremoniösen Steifheit, der auch ihr chronischer Stockschnupfen nicht Abbruch tat. Durch das Haus ging von Anbeginn an jene gewitterschwangere Stimmung, die auf etwas Gewaltiges und Unerhörtes hindeutet. Man wußte nichts von jenem Ministerrate, der bis Mitternacht im Palais versammelt gewesen war. Aber man wußte, daß dieser heutige Tag die Entscheidung darüber bringen sollte, ob die Nationalpartei gänzlich auf die Seite der Linken treten würde oder nicht. Der Führer der Opposition, der Deputierte Polzien, schien durch den heiteren Triumph, der auf seinen Zügen lag, bestätigen zu wollen, was man sich allseitig zuraunte: daß eine völlige Verschiebung der parlamentarischen Verhältnisse in Aussicht stand. Auch er hatte sich beim Eintritt des Fürsten erhoben, aber ein wilder Blick flog dabei zur Loge hinauf. Es war klar: dieser kleine preußische Leutnant dort oben hatte gehofft, ihn ködern zu können, um dem drohenden Schicksal der heutigen Tagung eine andere Wendung zu geben. Eine Reihe unerheblicher Anträge leitete die Sitzung ein. Dann kam der Antrag der Nationalpartei an die Reihe. Der Finanzminister erhob sich zum Wort. Man erwartete, er werde nochmals seine alten Gründe für Beibehaltung des bisherigen Steuersystems unter Drohen, Bitten und Schmeicheleien nach rechts und links wiederholen. Die allgemeine Aufmerksamkeit war denn auch anfänglich sehr geteilt. Aber ganz plötzlich trat tiefe Stille ein, eine fast lautlose Stille. Die Hälse reckten sich – aller Augen wandten sich dem Sprechenden zu ... Polzien schnellte von seinem Sitz empor. Fassungslos und totenbleich starrte er den Minister an. Hölle und Teufel, was sprach der Mann?! – Gleichmäßig, in wohlgesetzten schönen Worten, wie ein durch üppige Ebenen strömender Fluß, glitt die Rede dem Minister von seinen Lippen. Man habe in gemeinsamen Konferenzen nochmals das gesamte Material geprüft und sei auf Grund dieser Prüfungen zu entgegengesetzter Ansicht gelangt als vordem. Und man scheue sich auch nicht, den Irrtum von früher ruhig einzugestehen ... Mit eleganten Wendungen und großer rednerischer Kunst – denn er war ein Meister des Worts – erwog der Sprecher noch einmal in allen Einzelheiten das Für und Wider des Antrags, um ihn schließlich in einigen kräftigen Schlußsätzen auf das wärmste zu unterstützen. Und nun brach der Sturm los. Gewettert hatte es schon lange genug vorher. Jeder im Hause wußte: dem Fürsten allein war dieser unerwartete Gesinnungsumschwung zu danken: der Fürst hatte seinen Willen durchgesetzt, war dem Minister gegenüber Sieger geblieben. Die Zaó-Rufe brausten und donnerten zur Loge empor. Man winkte mit Taschentüchern und Hüten; die Damen ließen ihre Schleier wehen, und die alte Herzogin von Kjurca stieß als Zeichen des Beifalls mit rhythmischer Bewegung ihren Krückstock auf den Boden. Sie war ahnungslos, um was es sich eigentlich handelte, aber sie beteiligte sich trotzdem begeistert an der Ovation. Sie mußte immer dabei sein. Emich hatte das Haus verlassen. Doch draußen setzten die Kundgebungen sich fort. Im Sturme hatte sich die Nachricht von dem Siege der Nationalen in der ganzen Stadt verbreitet, und die abenteuerlichsten Glossen dazu wurden lautbar. Im türkischen Viertel, wo man nach Lazzaroniart auf offener Straße zu leben pflegte, kam es zu Aufläufen und Zusammenrottungen, und als gegen ein Uhr der suevische Gesandte nach dem Palais zur Audienz fuhr, wurde er von den Volksmassen mit Hohngeschrei begrüßt; denn man wußte, daß die Frage des Natschali-Passes, an der Suevien seit drei Jahren herumzerrte, wieder aufgenommen werden sollte. Vor der Redaktion der »Volksstimme« gab es sogar blutige Köpfe. Polzien hatte sich in seinem wütenden Grimm zu beleidigenden Äußerungen gegen den Fürsten hinreißen lassen. Das wurde ruchbar, und gerade heute war die Menge, die sich sonst gern von dem gewandten Agitator ins Schlepptau nehmen ließ, nicht in der Stimmung, eine Verunglimpfung ihres Herrschers zu dulden. Man warf Polzien die Fenster ein; in seinem Hause kam es zu einer greulichen Katzbalgerei. Nun hatte Herr Novokowicz, der Polizeidirektor, Gelegenheit, kräftig einzuschreiten. Ihm war der Befehl zugegangen, die Papiere Polziens mit Beschlag belegen zu lassen. Es ließ sich kaum daran zweifeln, daß sich in ihnen genügend Material für eine Rechtfertigung der Ausweisung des gefährlichen Demagogen vorfinden würde. Der Krakeel vor dem Hause der »Volksstimme« kam Novokowicz außerordentlich gelegen. Ein ganzer Schwarm von Polizisten vertrieb die Menge, umzingelte das Haus und besetzte die Redaktion. Polzien selbst wurde vorläufig unter der Anklage der Fürstenbeleidigung und des Versuchs landesverräterischer Umtriebe in Haft genommen. Bei seiner Abführung mühte er sich, zum Volke zu reden; aber die Stimmung war so gründlich umgeschlagen, daß nur seine Wächter ihn vor Prügeln retten konnten. Gegen Abend änderte sich abermals die Situation. Die Freunde Polziens hatten in aller Eile, aber mit großem Geschick, einen Putsch arrangiert. Als der Fürst von seinem Besuche im Paulinenhospital zurückkehrte, wogten drohende Volksmassen durch die Straßen, und die Rufe »Polzien freilassen!« wurden laut. Die Agitatoren der Opposition hatten an den Kais, in den Stadtvierteln jenseits des Sareb, in den Höhlen des Elends ganze Haufen von Gesindel, meist Armenier und Italiener, aufgestöbert, Gold unter ihnen verteilt, sie halb betrunken gemacht und dann mit kurzer Instruktion auf die Boulevards und die Esplanade gejagt. Hier kam es nun zu neuen Schlägereien. Gegen sechs Uhr wurde der Tumult so bedrohlich, daß die Kräfte der Polizei nicht mehr ausreichten. Die Heiduckengarde wurde mobil gemacht; das Leibgarde-Infanterie-Regiment folgte. Aber kein Schuß fiel; im Nu wurden die Straßen gesäubert, und unter Geheul und Gejohle kroch das Gesindel in seine Löcher zurück. Und als dann unerwartet der Fürst zu Pferde, nur von seinem Adjutanten begleitet, auf der Esplanade erschien und langsam den Boulevard bis zur Sarebbrücke hinabritt, da begann der Jubel von neuem. Auf der Esplanade waren schon mit Beginn der Dämmerung einige Fenster illuminiert worden. Das wirkte wie ansteckend. Immer mehr Lichter tauchten hinter den Scheiben auf, bis schließlich der ganze Platz in hellem Glänze schwamm. Es war seltsam genug: Garica feierte seinen Fürsten und zugleich damit eine Blamage des Ministeriums. Aber Emich rehabilitierte dies arme besiegte Ministerium glänzend. Er sparte auch nicht mit dem wohlfeilen Balsam der Ordensdekorationen und richtete an den glattzüngigen Leiter der Finanzen ein huldreiches Handschreiben, das die offiziöse Zeitung Garicas, die merkwürdigerweise den Titel »Die Wahrheit« führte, an erster Stelle und mit mächtigen Lettern wiedergeben mußte. Trotz der Unruhe des Tages vergaß Emich nicht sein Versprechen, am Abend die Sommeroper zu besuchen. Der Direktor hatte seit langer Zeit wieder einmal ein ausverkauftes Haus. Beim Eintritt des Fürsten gab es neue Ovationen; die Musik mußte die Nationalhymne spielen – es währte wohl eine halbe Stunde, ehe der Stunn der Begeisterung sich legte und die schöne Carmen mit ihrem Torero zu schäkern beginnen konnte. Nach dem zweiten Akt entstand eine leichte Bewegung im Parterre. Man hatte gesehen, daß der Fürst sich erhoben und einem großgewachsenen Herrn in Zivil, der in die Loge getreten, mit ausgestreckter Hand entgegengeschritten war. Und man zerbrach sich den Kopf, wer dieser Fremde sein könne. »Sassenhausen ist soeben eingetroffen, Durchlaucht«, flüsterte der Adjutant dem Fürsten zu. »Darf er herein?« Sassenhausen stand bereits in der Logentür. »Untertänigsten guten Abend, Durchlaucht«, sagte er, sich respektvoll verneigend. »Ich bitte zunächst um Vergebung, daß ich es wage, in Reisezivil zu erscheinen.« »Schon gut, schon gut«, fiel der Fürst ein; »nebenan, wenn ich bitten darf – ich bin sehr begierig –« Er drängte Sassenhausen in das kleine Kabinett neben der Loge, in dem bei Gala-Abenden der Tee eingenommen wurde. »So, Saß,« sagte er, »hier sind wir ungestört. Nun sprich!« »Durchlaucht, ich bin glücklich, vermelden zu können, daß alles ganz über Erwarten gut abgelaufen ist«, begann Sassenhausen seinen Bericht. »Sowohl der Kaiser als auch der Erzherzog kamen mir mit so liebenswürdiger Offenheit entgegen, daß ich mich ohne weiteres meiner diplomatischen Enthaltsamkeit entäußern konnte. Es scheint, daß man der Verbindung nicht nur wohlwill, sondern sie sogar zu fördern sucht – vermutlich, um den russischen Einflüssen an der bosnischen Grenze etwas stärker entgegentreten zu können. Wie die Öffentlichkeit, so soll auch Erzherzogin Marie von der Affäre noch nichts wissen; ich glaube, sie hatte da – sie hatte da eine leichte Herzensneigung für einen Offizier der Esterhazy-Kürassiere gefaßt, und diese Backfischtorheit soll sich zunächst einmal verbluten. Im September besucht sie den königlichen Hof von Rumänien – – über das Weitere habe ich bereits dem Marquis Veresco berichtet ...« Der Fürst schaute auf die Spitze seines auf- und niederwippenden rechten Fußes. »Nun – und die Erzherzogin selbst?« fragte er. »Wie sieht sie aus –?« »Oh,« rief Sassenhausen emphatisch und hob die Hände, »das ist ein süßer Fisch – tausendmal Verzeihung, Durchlaucht, daß ich mich hinreißen ließ – ein geradezu entzückendes junges Mädchen! Zierlich, fein, graziös, mit allerliebstem Gesichtchen – blond und mit so niedlichen Zauslöckchen über der Stirn –« »Also ganz dein Geschmack, Saß«, sagte der Fürst lächelnd. »Für die Zauslöckchen warst du ja immer ... Hast du nicht wenigstens eine Photographie der Prinzessin mitgebracht?« »Nein,« entgegnete Sassenhausen verblüfft, »daran hab' ich weiß Gott nicht gedacht! Aber ich will sofort telegraphieren –« »Um Himmels willen!« fiel der Fürst ein; »das würde unnütz Aufsehen erregen. Wozu auch? – Im Gegenteil: ich will ihr Bild nicht sehen! Hörst du, Saß? ich will nicht. Ich – ich – nimm an, ich will mich überraschen lassen!« »Durchlaucht, sie ist entzückend – ich wiederhole es ...« Und plötzlich ergriff Sassenhausen des Fürsten Rechte und fügte hinzu: »Emich, wär' sie es nicht – wär' die Prinzessin ein Greuel gewesen – bei Gott, ich hätte gleich wieder kehrtgemacht und einem andern die Mission überlassen! ... So aber bin ich stolz: eine liebreizende Fürstin und den Kanal von Bosnia in Aussicht – das hätte kein Diplomat besser machen können!« Der Fürst lachte wieder. »Du bekommst deinen Orden auch noch nachträglich, mein Alter«, sagte er. »Und bei deinem nächsten Kinde bitte ich um die Ehre, Pate sein zu dürfen. Aber, Saß, daß du mir deiner kleinen Frau nichts sagst! Hast du ihr etwas mitgebracht?« »Ja,« erwiderte Sassenhausen mit glücklichem Gesicht und zog ein Etui aus der Tasche, »ein Armband! Eigentlich sollt's eine Perlenschnur sein, aber die war mir zu teuer. Gott, was bin ich vernünftig geworden!« »Zeit war's, Saß – bleib so! ... Die Oper fängt wieder an. Grüß' deine Frau und hab' schönen Dank! ...« Er drückte Sassenhausen die Hand und kehrte in seine Loge zurück. – – Auch in dieser Nacht blieb der Fürst noch lange auf. Er saß in seinem Arbeitszimmer und überdachte die Geschehnisse des Tages: den Sieg, den er durch seinen Herrenwillen zum Besten des Volkes erfochten, die Begeisterung, mit der man die Wirkung seines Machtwortes aufgenommen hatte, den Bericht Sassenhausens ... Und dann nahm er aus einem der letzten Fächer seines Schreibtisches, da, wo seine Privatpapiere lagen, eine Photographie und hielt sie in den Lichtkreis der Lampe. Es war das einzige Bild, das er von Ruth besaß, und das sie ihm geschenkt hatte, als er nach dem Leutnantsexamen »auf die Weide« nach Stenzig gekommen war. Es stellte Ruth als ein ganz junges Mädchen dar, in ihrer ersten Hoftoilette, derselben, in der Emich sie auf jenem Feste zu Ehren des Schahs von Persien im Berliner Schlosse gesehen hatte. Das Bild war gut und noch nicht verblaßt. Emich betrachtete es lange, und Wehmut trat in sein Auge. Er fühlte, daß nichts von seiner heißen Liebe zu dem schönen Mädchen zurückgeblieben war als ein Rest redlicher Zuneigung, ein Empfinden, das vielleicht nur noch freundschaftlich war. Und das stimmte ihn wehmütig und doch zugleich froh – nun, da die Politik ein Opfer seines Herzens verlangte. Dies Herz war frei und gewillt, das Opfer zu bringen. Aber noch ein anderes Opfer war da: die kleine blonde Wiener Prinzessin, die sich die hübschen Augen rot weinen mochte, weil sie ihrem geliebten Leutnant entsagen mußte. Emich legte das Bild Ruths wieder in den Schreibtisch zurück. Wer konnte sagen, ob er an ihrer Seite nicht dennoch glücklicher geworden wäre als in der Zwangsehe, die ihm bevorstand?! Niemand ist Herr, jeder ist Knecht. XVII Die Ausweisung Polziens war tatsächlich erfolgt. Man hatte unter seinen Papieren genügend Anhaltspunkte gefunden, um ihn vor Gericht stellen zu können. Aber der Fürst war kein Freund politischer Prozesse. So war er denn froh, als sich ein Ausweisungsgrund entdecken ließ: Polzien wurde über die Grenze gebracht. Emich hatte anfänglich auf einen Notenwechsel mit Rußland gerechnet. Doch nichts rührte sich. In der Hauptstadt selbst machten die persönlichen Anhänger des Ausgewiesenen noch einige Putschversuche, die rasch unterdrückt wurden. Dann trat Stille ein. Polzien wurde vergessen. Man hörte, er sei in suevische Dienste getreten und dort mit offenen Armen willkommen geheißen worden. Das war anzunehmen. Der König von Suevien hatte für derartige Subjekte stets gute Stellen übrig, und Polzien galt für einen Mann, der über die inneren Verhältnisse Illyriens trefflich Bescheid wußte. Das neue Steuergesetz war der Volkstümlichkeit Fürst Emics in hohem Grade zustatten gekommen. Daß der Fürst es gegen den ursprünglichen Willen seiner Regierung hatte durchsetzen können, festigte aber auch seine Stellung den Ministern gegenüber. Die Herren sahen, daß sie es mit einem stärkeren Willen zu tun hatten als dem des immer nachgiebigen Leopold. Und sie beugten sich. Auch der alte Veresco – aber der alte Veresco nur widerwillig. So sehr er auch seinen jungen Herrscher vergötterte – es schmerzte und kränkte ihn doch, daß er, der Heros Illyriens, der an seinem mächtigen Leibe einundzwanzig Wunden zählen konnte, die er in dem langen Freiheitskampfe des Landes empfangen, daß er nun langsam in den Hintergrund geschoben werden sollte. Er grollte. Er zog sich monatelang auf seine Güter in den Bergen zurück; er war krank und verstimmt, nervös und verärgert. Emich ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ihn zu ehren, und besuchte ihn häufig. Aber der Riß schloß nicht mehr. Sie hatten beide zu harte Köpfe. Mitten in der alten Stadt, heut' allerdings auf einem freien Platze – denn die häßliche Umgebung der Holz- und Lehmbaracken hatte schon Fürst Leopold abbrechen lassen – lag das Kloster der heiligen Barbara: ein mächtiges Mauerwerk, in Zickzacklinien gleich einer Bastion gebaut und über und über vom grünen Schleier des Efeus umsponnen. Das Kloster war alt – älter aber noch die kleine Kirche inmitten des mit Gras bedeckten Binnenhofes, die Krönungskirche des ersten »Königs der Romäer«. Feindliche Räuberhände hatten sie beraubt und verwüstet, die Edelsteine von den Gewändern der Heiligen gestohlen, die Bilder und Statuen in den Staub gerissen, verbrannt und zerbröckelt. Doch die Kirche selber war stehengeblieben und in ihr der riesige steinerne Altar, unter dessen Quadern jahrhundertelang der Kronreif Illyriens versteckt gehalten worden war. In dieser alten Kirche fand die Konsekration und Inthronisation des neuen Bischofs von Garica unter den vorgeschriebenen feierlichen Zeremonien statt. Der Fürst mit dem gesamten Hofstaat und den Behörden des Kultus wohnte der Feier bei. Die einleitenden Zeremonien waren beendet; zwei infulierte Äbte setzten dem neuen Bischof die mit Perlen und Edelgestein geschmückte Mitra auf, legten ihm das Pallium und das Pektorale um, steckten ihm den schweren goldenen Bischofsring auf den Zeigefinger der rechten Hand und reichten ihm den Krummstab. Und während von neuem Gesang und Orgelklang durch den heiligen Raum hallten, führten ihn die Äbte zum Bischofsstuhl, neben dem auf purpurnem Kissen die päpstliche Bulle über die Einsetzung lag. Damit war die Feier beendet; der Umzug und die Segenerteilung des Neugeweihten sollten beginnen... Dicht hinter dem Fürsten stand Mac Lewleß, bleicher noch als sein Herr, und wie gebannt hing sein Auge an dem Gesicht des Bischofs. Das war ein edles, schönes und weiches Antlitz, vornehm und durchgeistigt, mit einem Auge, das man schwer vergaß. Was aber Mac Lewleß in tiefer Seele erschütterte, war eine andere Wahrnehmung: der Bischof hinkte. Als er von den Stufen des Altars herniederstieg, zog er den linken Fuß schwer und schleppend nach sich, und dabei neigte sich auch seine linke Schulter, als folge sie einer schmerzenden Reflexbewegung. Alles das sah Gerald, und mehr noch sah er mit seinen geistigen Augen. Er schaute Jahre, Jahre zurück und dachte mit heimlichem Grauen an eine Tat, die ihm noch vor nicht langem als gerecht und entschuldbar erschienen war, und die ihn heute so roh dünkte, daß er sich ihrer schämte. Der Feind von damals, der wehrlos sich nicht schützen konnte, als er in sinnloser Wut über ihn hergefallen war, stand nun als Krüppel vor ihm, um ihn zu segnen... Alles sank in die Knie. Der Umzug des Bischofs hatte begonnen. Nur Mac Lewleß als Protestant war stehengeblieben, doch mit tief geneigtem Kopfe. Das mußte dem Bischof auffallen. Sein lahmer Fuß zögerte; nun hob Mac Lewleß den Kopf – und die Blicke der beiden trafen sich und senkten sich tief ineinander. Und beider Blicke sprachen das Gleiche: es lag eine Bitte in ihnen – Versöhnung, Vergessen und Vergebung. Dann hob der Bischof die Hand, die sich nicht anders rächen konnte, und spendete Mac Lewleß den Segen... Die Kirche leerte sich. Der Fürst entließ seine Suite und blieb mit seinem Adjutanten allein zurück. Es gab noch etwas, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. An der Wand rechts seitwärts vom Sanktuarium hatte er mehrere eingemauerte Grabplatten bemerkt, darunter auch eine, auf der ein Ritter in Rüstung und mit dem Johanniterkreuz ausgemeißelt war. Zu Häupten der Ritterfigur befand sich, unterhalb eines arg verwitterten Wappens, ein breites Spruchband mit der noch deutlich lesbaren deutschen Inschrift: »Dynen is alls.« Der Prior war an die Seite des Fürsten getreten, da er dessen Interesse für den alten Grabstein bemerkt hatte. »Der Stein ist eine kulturhistorische Seltenheit, Durchlaucht«, sagte er. »Weitere Erinnerungen an germanisches Heldentum aus jener Zeitepoche dürften sich schwerlich noch in Garica finden. Ich vermute, der Denkstein wird zu Ehren eines deutschen Kreuzritters gesetzt worden sein, der hier auf der Heimfahrt den Strapazen der Kämpfe im Orient erlegen sein mag.« Emich nickte zustimmend. »So wird es sein. Ich kenne das Wappen auch nicht, das mich übrigens weniger interessiert als die Devise ›Dienen ist alles‹. In der kleinen Kirche meiner Heimat, Ehrwürden, hängt gleichfalls eine Votivtafel auf einen Johanniter. Dort aber lautet die Inschrift ›Besser Herr als Knecht‹. Das ist ein Ritterwort – und sicher galt als Ritterwort auch die Devise ›Dienen ist alles‹. Wie lassen sich diese beiden Aussprüche vereinen?« Er wandte sich, so sprechend, gleichzeitig nach dem Bischof um, dessen weiße Gestalt in diesem Augenblick zwischen den Säulen des Narthex sichtbar wurde. Die Kirche war leer; nur ein paar Chorknaben und Ministranten beschäftigten sich damit, Ordnung zu schaffen; in einer Ecke lag ein baumlanger Mönch in brauner Kutte, in tiefste Andacht versunken, auf den Knien... Mac Lewleß hatte die Gelegenheit benützt, da der Fürst sich dem Grabstein des Kreuzritters zuwandte, dem Bischof zu folgen. Es geschah dies einfach im Nachgeben einer unwillkürlichen Regung. Er sah die Vergangenheit in anderem Lichte als vordem; Dunkles hellte sich auf, und mancher Schleier fiel, der ihm den Blick getrübt hatte. Die Erscheinung des gelähmten Priesters hatte ihn eigentümlich ergriffen und gerührt. Die Frage stieg in ihm auf: war er nach Menschen- und Gottessatzung im Recht gewesen, den Mann dort für Lebenszeit zu verunstalten? Weshalb im Recht? Weil er die Seele seiner Mutter schützen wollte? Hatte er ihr nicht vielmehr den Seelenfrieden geraubt? War es wirklich seine Pflicht gewesen, zwischen sie und den Priester zu treten, der in Ausübung seines Berufs zu ihr gekommen war und vielleicht, unabsichtlich statt frommer Gläubigkeit den Brand heißer Leidenschaft in ihr entfacht hatte? – Gerald fühlte: es gab kein kurzes Ja oder Nein auf diese Fragen. Aber es gab einen Ausgleich im Widerstreit der Empfindungen: die Versöhnlichkeit. Er näherte sich dem Bischof. »Vergebung, Eminenz«, sagte er in deutscher Sprache; »Sie haben mich wiedererkannt?« Der Bischof ließ sein schönes, müde gewordenes Auge ernst auf Mac Lewleß ruhen. »Ich war darauf vorbereitet, Sie hier zu finden, Herr Major«, entgegnete er. »Und ich freue mich, daß es Ihnen wohl ergeht...« Mac Lewleß fand nicht sogleich die rechten Worte. Sein Blick haftete noch immer auf der gelähmten Seite des Priesters. »Eminenz,« fuhr er nach kurzer Pause fort, »ich – will keine Aussprache mit Ihnen. Aber sagen möchte ich Ihnen, wie tief ich heute bedaure, daß ich mich einst im Jähzorn Ihnen gegenüber zu einer unedlen Tat hinreißen ließ. Meine Mutter ist tot; doch den Odem ihrer Unsterblichkeit spüre ich um mich – – wollen Sie mir vergeben?« Über das Antlitz des Bischofs glitt es wie Frührot. Die Ähnlichkeit seiner Züge mit denen des Kottauer Rietzow war unverkennbar. Und dennoch war es ein ganz anderes Gesicht, ein ungleich bedeutenderes, dessen Gedankenlinien von heißen Seelenkämpfen, von manchem schwer erstrittenen Sieg über das ungebärdige Herz zu erzählen schienen. »Ich habe Ihnen längst vergeben«, antwortete er. »Ich bin früher älter geworden als Sie, Mac Lewleß – und ich habe die Hand, die mich lahm schlug, gesegnet. Denn erst von jener Zeit ab diente ich Gott im Geiste und in der Wahrheit. Felix, qui potuit rerum cognescere causas! ... Gott mit Ihnen!...« Er trat aus dem rosigen Dämmer des kleinen Raums zwischen den Säulen hervor in das Kirchenschiff und näherte sich dem Fürsten, der ihn ehrfurchtsvoll und liebenswürdig begrüßte und in das Gespräch mit dem Prior hineinzog. Auch den Bischof hatte der Grabstein des deutschen Ritters bereits interessiert. Der geistliche Herr beschäftigte sich in seinen Mußestunden gern mit Heraldik und glaubte in dem verharschten Wappen das eines ausgestorbenen Lausitzer Geschlechts, der Plastows, zu erkennen. »Der Wahlspruch ›Dienen ist alles‹, Durchlaucht,« fuhr er fort, »klingt an eine andere wohlbekannte Ritterdevise an – an das ›Ich dien'‹ des angelsächsischen Adels. Ich meine auch nicht, daß sich dies schöne Wort in keine Verbindung mit dem von Ihnen erwähnten ›Besser Herr als Knecht‹ bringen ließe, denn wer herrschen will, muß auch dienen lernen.« »Und wer Herr sein will, muß sich auch zu fügen wissen«, ergänzte der Fürst, während ein leichtes Rot sein Antlitz färbte. Er plauderte noch kurze Zeit mit den beiden Geistlichen, ließ sich die uralten Malereien über dem Altar und die Stelle zeigen, wo die eiserne Krone aufbewahrt worden war, und reichte sodann dem Bischof die Hand. »Nochmals meinen Glückwunsch, Eminenz«, sagte er; »möge Ihr Schaffen und Wirken meinem Volk und Lande neuen Segen bringen!« Dann verabschiedete er sich auch von dem Prior und ging, um draußen seinen Wagen zu besteigen. Mac Lewleß nahm ihm gegenüber Platz. »Du hast mit dem Bischof gesprochen, Gerald? Ich merkte es. Was war der Erfolg?« »Vergessen des Bösen«, antwortete der Adjutant, »und das Bewußtsein, das Gute zu wollen.« Der Sommer verrann. Er brachte drohende Wolken, die sich aber immer wieder glücklich zerteilten. Die Frage des Natschali-Passes hatte sich Anfang August, als die Manöver beginnen sollten, gefährlich zugespitzt. Es hatte den Anschein, als suche man im Suevenreiche nach einer Ursache, Illyrien in Händel zu verwickeln. Die Gegnerschaft beider Lande war alt und hatte nach der Unabhängigkeitserklärung Illyriens an Schärfe gewonnen. Der dicke König Michael war ergrimmt auf den kleinen Nachbarfürsten, der ihm die Hegemonie in diesem Teile des Balkans zu rauben drohte. Schon zur Zeit Leopolds war drüben gewaltig gerüstet worden; jetzt hörte man von neuen Anleihen und einer abermaligen Vermehrung der Armee. Der apoplektische König selbst, der sich sonst am liebsten in durchsichtigem Inkognito in Paris, Monte Carlo oder Biarritz aufzuhalten pflegte, kam nicht mehr aus seiner knappen Uniform heraus und hielt eine Revue über die andere ab. Illyrien wurde mit suevischen Agenten überschwemmt. Ein paar Spione hatte Fürst Emic bereits aburteilen lassen; die Spionagegesetze wurden verschärft, der Grenzverkehr wurde einer besseren Kontrolle unterworfen – trotzdem erfuhr man von immer neuen Verrätereien. Sie durchliefen gewöhnlich dieselben Kanäle und endeten am Ausgangspunkt: im Geheimbureau des auswärtigen Nachrichtendienstes der suevischen Regierung, an dessen Spitze Herr von Polzien berufen worden war. Diese Tatsache allein glich einer Provokation. Aber sie war nichtsdestoweniger ein kluger Schachzug König Michaels. Polzien hatte in Illyrien noch immer tausend Fäden in der Hand; seinen zahlreichen Verbindungen war kaum auf die Spur zu kommen. Er hatte in sechsjähriger Wühlarbeit die politischen und sozialen Verhältnisse und Hilfsquellen, die Stärken und Schwächen des Landes genau kennengelernt; er war der beste Verbündete Sueviens. Noch einmal löste sich die Spannung. Es schien, als sei drüben noch nicht alles in rechter Ordnung, als habe man gewichtige Gründe, noch mit dem Beginn offener Feindseligkeit zu warten. Tiefe Ruhe trat ein. Eine gemeinsame Kulturarbeit, für die die Anregung von der illyrischen Regierung ausging: ein Tunnelbau an den Grenzen beider Länder, wurde in Suevien willkommen geheißen und sofort in Ausführung genommen. In einem Handschreiben beglückwünschte König Michael seinen fürstlichen Bruder und Nachbarn zu der großen Idee und versicherte ihn seiner unwandelbaren Freundschaft... Nach beendetem Manöver erkrankte der Fürst. Es war nichts Gefährliches; er hatte keine Schmerzen, aber er fühlte sich nervös abgespannt. Der Leibarzt drängte darauf, Emich möge die politische Stille zu einer Reise in die deutsche Heimat benützen; schon das Fernsein vom Regierungsapparat und die Abwechslung werde ihm gut tun. Doch davon wollte der Fürst nichts wissen; er wünschte, im Lande zu bleiben. Schließlich kam er selbst auf einen guten Gedanken, der aber geheim gehalten werden sollte: nur der Leibarzt wurde in das Vertrauen gezogen und billigte ihn. Der alte Veresco weilte auf seinem Weinbergschlößchen Madedje, das von Garica aus mit der Bahn in drei Stunden zu erreichen war. Ohne sich vorher anzusagen, fuhr der Fürst in Begleitung von Maffeo und Mac Lewleß eines Vormittags nach Madedje hinüber, wo man den Ministerpräsidenten in der Brennerei aufsuchen mußte. Der Alte schaute zu, wie Sliwowitz fabriziert wurde. Er war sehr erstaunt über den unerwarteten Besuch und führte ihn sofort in das Schlößchen zurück, wo auf der Terrasse ein Frühstück serviert wurde. Hier saß es sich prächtig, unten Rebengrün, hoch oben der heitere Himmel. »Liebster Marquis,« begann Emich zwischen Fettammern und Rehrücken und zwischen dem grünlich schimmernden Wein der heimischen Berge und dem Mousseux des Pommery, »liebster Marquis, ich habe ein Anliegen an Sie.« »Ich werde mich glücklich schätzen, es Ihnen erfüllen zu dürfen, Durchlaucht.« »Ich möchte mir auf zwei, drei Wochen Urlaub von Ihnen erbitten.« Veresco lachte. »O, Durchlaucht – sind Sie nicht selbst der Herr im Lande!?« »N – nicht so ganz, Veresco; ich habe auch Ketten an den Füßen. Aber ich möchte sie einmal ablegen. Ich möchte einmal völlig frei sein. Möchte einmal wieder Schöningh sein und nicht Fürst Emic.« »Durchlaucht, Sie geben mir Rätsel auf –« »Also ernsthaft. Ich bedarf einer Erholung. Doktor Radoj wollte mich nach Deutschland schicken. Aber ich habe eine bessere Idee. Offiziös werde ich nach Deutschland reisen – tatsächlich will ich jedoch in Illyrien bleiben, um mir einmal unter der Maske eines Staatenbummlers mein Land ein wenig genauer anzuschauen, als es mir bisher möglich war. Was meinen Sie dazu?' Der Marquis hatte den Champagnerkelch in der Hand und sah mit seinen roten, wimperlosen Augen dem Steigen und Fallen der Schaumperlen zu. »Hm... ja... Durchlaucht, Pardon – die Idee ist oder scheint mir ein ganz klein wenig abenteuerlich –« »Gewiß,« fiel Emich ein, »gebe ich auch ohne weiteres zu. Was schadet das!? Ich habe schon im Kadettenkorps allerhand romantische Harun-al-Raschid-Pläne geschmiedet – jetzt möchte ich sie ausführen. Ich kenne nichts von Illyrien als die Eisenbahnwege und die geraden Straßen und die paar Städte, die ich auf meiner ersten feierlichen Rundtour besuchte. Aber das flache Land und die Berge und Dörfer, das alles ist mir noch fremd und gehört doch auch mit zu meinem Reiche! Kenn' ich das Volk, ich meine das draußen? Nein, Veresco – aber ich sehne mich darnach, das Volk einmal bei seiner Tätigkeit beobachten, es aus freiem Herzen heraus lachen, klagen und plaudern zu hören! Herrgott, ist denn das alles nicht ganz verständlich?« »Ja, Durchlaucht,« entgegnete Veresco, »und ich würde Ihnen auch ohne weiteres zurufen: schnallen Sie die Tarnkappe um und reisen Sie in Gottes Namen los – wenn ich nicht, ich muß es aussprechen, Ihr Temperament fürchtete. Lassen Sie mich das ruhig sagen, Durchlaucht, es ist ein sehr Getreuer, der neben ihnen sitzt... Sie werden da unten im Lande mancherlei zu sehen und zu hören bekommen, was Ihnen unbegreiflich erscheinen dürfte, und Sie werden in Zorn und Aufregung geraten und statt der Erholung, die Sie suchen, nur neuen Ärger finden. Das ist meine einzige Sorge.« »Ich glaube, sie ist grundlos, Veresco. Ich werde weise sein wie der selige Harun al Raschid selbst und nicht einmal mit der Wimper zucken, wenn man mir sagt, Fürst Emic und seinen ersten Minister – man müsse sie beide hängen ... Keine so finstere Miene, Marquis! Wahrhaftig, schon bei dem Gedanken an diese Fahrt durch das Land klopft mir das Herz lustiger! Maffeo und Gerald, sitzt nicht so stumm da – sprecht auch einmal ein Wort zu meinen Gunsten!...« Und nun begannen die beiden mit großer Lebhaftigkeit ihren Herrn und Freund zu unterstützen. Keiner weiter wußte um das Geheimnis der geplanten Reise als der Leibarzt und sie selbst. Alles war vorbereitet und reiflich erwogen worden. Nur Mac Lewleß sollte den Fürsten begleiten. Man wollte bis zur Grenze fahren und von dort aus, unter der Maske zweier Illyrien bereisender deutscher Gelehrten, quer in das Land hinein – zu Wagen, zu Pferde und zu Fuß, wie die Verhältnisse es mit sich bringen würden. Maffeo als Chef des Innern sollte in Garica zurückbleiben und die laufenden Regierungsgeschäfte erledigen. Ihm würde man auch ein Verzeichnis der Haltstationen überlassen, damit der Fürst im Falle der Not jederzeit zu erreichen wäre ... Gerald und Maffeo wußten, mit welcher Leidenschaft der Fürst an seiner Idee hing, und verteidigten sie schließlich mit solcher Lebendigkeit, daß Veresco sich lachend die Ohren zuhielt und ausrief: »Ich höre ja, Herrschaften, ich hör' noch ganz gut! Durchlaucht, ein paar bessere Anwälte hätten Sie nicht mitbringen können!... Also, ich sage ja und amen ...« Einen Moment schwieg er und fragte sodann, sich hastig an den Fürsten wendend, mit einem Aufblitzen in seinen klugen dunkeln Schakalaugen: »Und wenn ich nein gesagt hätte, Durchlaucht?« »Dann« – eine rasche Wolke flog über Emichs Stirn – »würden Sie zweifellos so gewichtige Gegengründe angeführt haben, daß Sie mich überzeugt hätten, lieber Marquis. Geben Sie mir Ihre Hand!« Veresco drückte fest die Rechte des Fürsten. »Ah, Durchlaucht,« sagte er seufzend, »es ist so schwer, Ihnen etwas abzuschlagen! Sie sind ein Schöningh, wie Ihr Vetter Fürst Leo es war. Aber neben seiner hinreißenden Liebenswürdigkeit und dem köstlichen Glück seiner Jugend besitzen Sie noch etwas, was er nicht besaß: Charakter. Und das...« Er brach ganz plötzlich ab, als besinne er sich auf die gefährliche Äußerung, die ihm auf der Zunge lag, und fuhr erst nach kleiner Pause wieder langsamer, gleichsam Wort auf Wort abwägend, fort: »Durchlaucht, es ist wahr, man kann Ihnen schwer etwas abschlagen. Gebe Gott der Herr, daß ich es nach Pflicht und Gewissen niemals muß... Und nun glückauf zur Reise ins Land!...« Maffeo bat um die Erlaubnis, den Nachmittag über in Madedje bleiben zu dürfen. Sein Vater hatte es gewünscht; es gab noch mancherlei zu besprechen. Der Marquis nahm Maffeo nach der Verabschiedung des Fürsten in sein Arbeitszimmer und bot ihm eine Zigarre an. »Setz' dich, mein Junge,« sagte er, »und hör' zu. Ich halte diese Herumreiserei für einen übermütigen Streich, der hoffentlich gut ablaufen wird, der aber zweifellos auch seine Gefahren hat. Den beiden jungen Leuten kann wer weiß was zustoßen –« »Sie werden ein paar gute Revolver mit auf den Weg nehmen, Papa –« »Ah bah, unsre Strolche fürchten sich gerade vor einem Revolver! Ein Zufall kann unermeßliches Unglück herbeiführen – denke an Leopold! Ich will den Fürsten wenigstens geschützt wissen. Morgen früh fahre ich persönlich zu Novokowicz. – Seine Geheimpolizei ist außerordentlich tüchtig, und auch auf ihre Verschwiegenheit kann man sich verlassen. Der Fürst soll nicht einen Schritt tun, ohne von unsern Leuten beobachtet und geschützt zu werden.« Maffeo fuhr zurück. »Vater – der Fürst wird außer sich sein, wenn er das erfährt!« rief er. »Ich werde dafür Sorge tragen, daß er dies nicht erfährt.« »Aber es kann dennoch sein. Es ist so leicht möglich ... Du spielst mit der Ungnade!« Veresco erhob den Kopf. Seine Stirn schwoll an. »Glaubst du, daß ich die Ungnade fürchte?« fragte er fast drohend. »Und hältst du den Fürsten für so klein, daß er mich leichter Hand zur Seite schieben könne, weil ich besorgt um ihn bin? – Nein, mein Junge, eine Lappalie trennt uns nicht!...« Er änderte seinen Ton. »Hast du das Itinéraire der Reise zufällig bei dir?« »Ja, Papa. Durchlaucht hat es mir erst unterwegs zugesteckt ...« Er zog ein Papier aus seinem Portefeuille, entfaltete es und reichte es Veresco. Es enthielt die Route, die man einschlagen wollte mit Angabe der Aufenthaltsstationen; auch ein Kroki war beigefügt. Veresco las halblaut vor: »Kloster Losnicz – die Ruriker Berge bis Atta – Alerinac – den Jadak hinab bis zur rumänischen Grenze – die Silberwerke von Duscha – Bad Krotowo ...« Er blickte auf, strich über seine Stirn, wiederholte noch einmal das Wort »Krotowo« und erhob sich sodann, um an den riesigen Schrank zu gehen, der eine ganze Breitseite des Zimmers füllte. Dieser Schrank war in Fächer eingeteilt, die auf Elfenbeinknöpfen die Buchstaben des Alphabets trugen. Das war die wichtigste Hinterlassenschaft, die Maffeo einst zufallen sollte: der Schrank enthielt die Geheimpapiere des alten Veresco von jener Zeit ab, da er eine führende Rolle in Illyrien zu spielen begann. Der Marquis schloß eines der Fächer auf, die in anscheinend mustergültiger Ordnung gehalten waren, und entnahm ihm einige Papiere, die er durchblätterte. Dann nickte er zufrieden, legte die Papiere in das Fach zurück, verschloß es wieder und setzte sich von neuem an den Schreibtisch. Lächelnd sah er seinen Sohn an. »Ich habe nichts mehr gegen diese abenteuerliche kleine Reise,« sagte er, »– im Gegenteil... Aber Novokowicz werde ich dennoch benachrichtigen – jetzt erst recht!« Maffeo zog die Achseln hoch und schüttelte den Kopf. Er verstand nicht. »Papa – darf ich nicht wissen –« »Nein, mein guter Junge«, fiel Veresco ein; »es gibt Dinge in Illyrien, die der Minister des Innern – die auch der Fürst selber nicht zu wissen braucht. Es genügt, daß ich sie kenne... Aber ich denke, du wirst mir zutrauen, daß ich sowohl gegen den Minister des Innern wie gegen den Fürsten keine – bösen Ränke spinnen werde.« Lachend küßte Maffeo seinem Vater die Hand. XVIII Das waren wonnige Tage! Sorgenlos und frei hinaus in die Welt! Wie ein paar lustige Wanderburschen, mit leichtem Gepäck und fröhlichem Herzen, durchstreiften der Fürst und Mac Lewleß das Land. Herbstzeit stand schon im Kalender, aber es war noch ganz sommerlich in der grünen Ebene, und an den Hängen reiften die Reben, und in den Bergtälern blühte und duftete es gleichwie im Lenz. Die Pässe der beiden waren auf die Namen der Doktoren Robertus und Egon Franz ausgestellt worden – zweier junger, reiselustiger Gelehrten aus Berlin, die Illyrien kennenlernen wollten. Die Pässe waren nur eine Vorsichtsmaßregel; die Herren wurden niemals nach ihnen befragt, da sie die großen Städte nicht berührten, sondern auf Seitenstraßen durch das Land zogen. Die Eisenbahnen wurden nicht benutzt und auch nur dann und wann die Posten; häufig mieteten sich die beiden in irgendeinem Dorfe oder einer Landschenke einen Bauernwagen, um einmal schneller vorwärtszukommen – meist aber gingen sie zu Fuß, gleich Touristen oder Handwerksburschen, mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem Knotenstock in der Hand. Obwohl nicht anzunehmen war, daß man in diesen Gegenden die Persönlichkeit des Fürsten kannte, hatte Emich vorsichtshalber seine Frisur geändert, ließ sich den Vollbart stehen und trug eine Brille. So sah er in der Tat wie ein junger deutscher Gelehrter aus – und wo er einkehrte, da freuten und wunderten sich die Leute, wie gut die fremden Herren die Landessprache beherrschten. Mac Lewleß war in diesen Tagen nicht Seiner Durchlaucht Adjutant, sondern lediglich der alte Freund und Duzbruder Emichs. Daß er trotzdem auf dieser Herbstfahrt eine recht verantwortungsreiche Stellung einnahm, verhehlte er sich freilich keinen Augenblick; die Abschiedsworte des alten Veresco: »Sie haften mir für den gnädigen Herrn, lieber Major!« wollten ihm nicht aus dem Kopf. Er war daher sehr froh, daß Emich sich überreden ließ, einen Führer zu nehmen, der auch für das auf das Allernotwendigste beschränkte Gepäck zu sorgen hatte. Dieser Führer hatte sich ihnen bereits auf der Grenzstation angeboten; er hieß Stenko, kannte Weg und Steg auf das beste und bewährte sich trefflich. Es war ein prächtiges Wandern und ein lehrreiches zugleich. In der Tat – jetzt erst lernte der Fürst sein Land vollends kennen. Von Kloster Losnicz aus, dem altberühmten, dessen gigantische Kletterrose am Nordturm noch von Stephan dem Großen erzählen konnte, der hier nach der Schlacht auf den Mudirischen Feldern das Abendmahl nahm, ging es hinauf in die Berge, wo der Himmel weiter erschien, hinein in die Eichenwälder und die Olivenhaine, in dunkel verschlungenes Dickicht, in eine geheimnisvoll romantische Welt. Da rauschte der Wildbach und grub sich durch gähnende Klüfte Bahn, und lachende Seen umspülten Ufer voll Wiesengrün, und die Schluchten mit ihrer tausendfach verschlungenen und verästeten wilden Flora glichen riesigen Blumenkörben, die mit ihrem Dufte die Berge erfüllten. Aus der Erde schürfte man die Erze der Tiefe; da gab es Zink- und Schwefelminen und Lager von Blei, Kupfer, Gips, Salpeter und feuerfestem Ton. Emich sah erst, wie reich sein Land war; aber bisher hatten die Mittel gefehlt und auch die praktischen Kräfte, alle diese Schätze zu heben, und vielfach waren Minen und Gruben an ausländische Gesellschaften für ein Spottgeld verpachtet worden... Dann wieder hinab zu Tale, in das Flußgebiet des Jadak, wo mächtige Kukuruzfelder sich ausdehnten, über grüne Weiden mit allen möglichen Orchideenarten, Kuckucksblumen, Herbstzeitlosen und wildem Knoblauch, durch ganze Wälder von Pflaumenbäumen, die den Sliwowitz lieferten, durch kleine Dörfer, von Gärten umzogen, in denen zu goldenen Haufen Melonen und Kürbisse reiften ... Und abermals veränderte sich die Landschaft. In dem Winkel, wo sich der Jadak mit der Sareb vereinigte, näherte man sich der rumänischen Grenze. Der Weg stieg wieder an; Bergketten schoben sich kulissenförmig ineinander; Lorbeer und Myrte gesellten sich zu Weiß- und Schwarzdorn, dem Brombeergebüsch und dem dichten Garn von Ginster, Klematis und wildem Wein, das sich durch die Wälder spann – – und plötzlich standen die Touristen am Höhenrande eines Talkessels, der eine verzauberte Welt einzuschließen und in dem noch der Lenz wachgeblieben zu sein schien. Das war Krotowo, das schon zu römischer Zeit als Mineralbad sich hohen Rufes erfreute, heute aber trotz der zauberischen Reize seiner Natur nur wenig besucht wurde, weil es allzuweit abseits der Eisenbahnen und der großen Heerstraße lag. Hier wollte man ein paar Tage rasten. Emich war entzückt von diesem lauschigen Rosennest, denn hier blühten die Rosen noch und die Wiesenhänge waren bedeckt mit Vergißmeinnicht, Euphorbien, Ehrenpreis und Schlüsselblumen. Tief unten im Tale lag der kleine Badeort: ein paar freundliche rotbraune Häuser, umschattet von mächtigen Eichen, aus deren Grün eine marmorne Kuppel emporstieg. Als die Freunde auf schmalem und mit Geröll bedecktem Pfade in das Tal hinabklimmen wollten, hörten sie plötzlich ganz in der Nähe eine frische Mädchenstimme. »Deutsch!« rief Emich. »Deutsche Laute! Hör', Gerald – wie seltsam berührt mich das!...« Lauschend blieben die beiden stehen. Ein Mädel sang da irgendein altes Volkslied – hell, lustig und schmetternd, wie süßes Vogelgezwitscher, so klang es durch den Wald. »Komm, Gerald,« sagte der Fürst hastig, »ich muß sehen, wer die Sängerin ist!...« Sie hatten nicht weit zu gehen. Ein paar Schritte nur, und sie kamen an eine Lichtung. Ein Bach teilte sie; Felssplitter, mit Moos überzogen und von Farnen überwuchert, bedeckten die Ufer. Drüben schoß der Fels aus saftig grünem Untergründe graubraun empor und türmte sich gewaltig auf, und oben sah man zerbröckeltes Mauerwerk, einen zerfallenen Turm, den geborstenen Bogen eines Gewölbes: die Ruinen eines illyrischen Feudalschlosses. Diesseits des Baches aber saß die Sängerin auf einem großen Stein und angelte und sang immer weiter, was ihr gerade in den Sinn kam: Keckes und Lustiges und auch ein ganz melancholisches Liedchen. Emich berührte den Arm seines Begleiters. Gerald sollte stehenbleiben. Die Kleine drüben saß mitten in der Sonne. Aber die Sonne belästigte sie nicht. Sie hatte den weitkrämpigen Hut abgenommen und neben sich gelegt, und die Fülle ihres blonden Haares fiel ihr über Stirn und Nacken. Die heimlichen Lauscher konnten ihr Profil sehen: ganz unregelmäßige und doch reizende Züge; ein zierliches Näschen und blühende Lippen; eine graziöse Nippesfigur in einfachem hellen Kleide. Und unter dem Kleidersaum schauten ein paar winzige Füße in derben Schuhen hervor, die sie bei der Arbeit des Angelns gegen einen zweiten Stein stemmte. »Allerliebst,« flüsterte der Fürst, und dann rief er laut: »Bravo, mein Fräulein! Bitte noch einmal das Lied vom verliebten Essenkehrer. – das war gar zu schön! –« Mit einem hellen Aufschrei sprang die Kleine empor, ließ die Angelrute fallen und starrte mit ihren hübschen Schlehenaugen die beiden förmlich entsetzt an. »O du mein Gott,« – und sie preßte die Hände auf das Herz – »was hab' ich mich erschrocken!...« Jetzt zogen die Herren die Hüte und traten näher. »Verzeihung, gnädiges Fräulein,« sagte Emich, »erschrecken wollten wir Sie nicht. Um alles in der Welt nicht. Daß wir hier im illyrischen Walde plötzlich deutsch singen hörten, machte uns neugierig. Und da suchten wir denn die holde Sängerin auf, um ihr guten Tag zu sagen ...« Das Fräulein nickte, die Herren noch immer verwundert musternd. »Also guten Tag! Ich bin ebenso erfreut, deutsch angeredet zu werden. Wo kommen Sie denn auf einmal her?« »Von der Grenze. Dieser hier, mein Freund, ist der Doktor Egon Franz, ein sehr gelehrter Herr, wenn er auch nicht so aussieht. Ich selbst bin der Doktor Robertus, minder gelehrt, aber sonst ein ganz annehmbarer Mensch. Und gnäd'ges Fräulein selbst?« »Ich heiße – na, wie heiß' ich denn gleich?! – Hier ist es so schön – hier vergißt man Namen und alles. Also, ich heiße Hede von Hollen und komme auch von der Grenze – das heißt von darüber hinaus, nämlich aus Bukarest.« »Ah – Sie leben in Bukarest?« »O nein, nicht für immer – da bin ich nur zu Besuch – bei meinem Onkel – nein, bei meiner Tante, die grade so heißt wie ich und Geheimrätin ist. Wollen Sie in Krotowo bleiben?« »Ein paar Tage vielleicht –« »Ach, das ist herrlich! Ach, das ist prächtig – das ist ganz famos! Es ist nämlich sehr schön hier, das sehen Sie ja – aber auch grauenhaft langweilig. Es ist so langweilig, daß ich schon angefangen habe zu angeln. Das ist eigentlich auch nur eine Beschäftigung für sehr seßhafte Naturen. Ich habe den schönsten Köder am Angelhaken – aber glauben Sie, daß ein Fisch anbeißt? ...« Emich winkte dem Führer und befahl ihm, voranzugehen und Quartier zu machen. Fräulein Hede hörte das und sagte: »Sie sprechen brillant illyrisch, Herr Doktor. Ich lerne es jetzt auch – zu meinem Vergnügen, bloß zu meinem Vergnügen – aber es macht mir keins. Es ist furchtbar schwer.« Sie hatte sich wieder gesetzt und ihre Angelrute ergriffen. »Lagern wir uns auch ein bißchen, Gerald«, schlug Emich vor und streckte sich im Grase aus. Das Fräulein erhob den Kopf. »Wer ist Gerald? – Zu mir haben Sie Egon gesagt. Egon heißt ein guter Bekannter von mir – den Namen vergess' ich nicht so leicht.« Emich wurde ein wenig verlegen, und Mac Lewleß rief heiter: »Gerald ist mein Spitzname, gnädiges Fräulein. So – so hieß einmal eine Katze von mir – oder vielmehr ein Kater, ein großer, sehr fetter gelber Kater – und als er starb, habe ich den Namen geerbt. Ich weiß auch nicht, warum – aber bei solchen Scherzen darf man nie warum fragen. Kurzum, ich werde gewöhnlich Gerald gerufen.« »Und Ihr Freund? – Herr Doktor Robertus, ich möchte wetten, Sie heißen Eduard mit Vornamen,« »I Gott bewahre – Fritz heiße ich! Warum grade Eduard?« »Ich dachte es mir so. Es gibt Leute, auf die nur gewisse Namen passen. Ich habe einen Vetter Eduard – der könnte gar nicht anders heißen. Außerdem sehen Sie – jesses, wem sehen Sie nur ähnlich? Irgend jemandem sehen Sie fabelhaft ähnlich!« Die Freunde lachten lustig auf. »Ich will es nicht bestreiten, gnädiges Fräulein«, entgegnete Emich. »Wenn Sie übrigens den Angelhaken nicht in das Wasser halten, nützt Ihnen der beste Köder nichts ... Darf ich fragen, wie Sie nach Krotowo kommen?« »Sie dürfen. In Bukarest grassiert irgendeine Krankheit, ich glaube die Diphtherie, und da wurde meine Tante ängstlich und wollte mich nach Österreich zurückschicken –« »Das wußte ich, daß Sie eine Österreicherin sind. Sie sprechen allerdings ziemlich dialektfrei, aber ein ganz klein wenig klingt der gemütliche Anlaut Ihrer Heimatssprache doch durch. Also Sie wollten nicht wieder nach Hause?« »Nein. Nun war ich doch schon einmal so weit und da wollte ich auch noch ein Stückchen von Illyrien kennenlernen. Alle Welt reist jetzt nach Illyrien – Sie ja doch auch! Was sind die Herren eigentlich? Hollah – jetzt habe ich einen Fisch! Jesses, ist das ein Tier! Helfen Sie mir ziehen, Herr Doktor!« Emich und Gerald griffen in die Angelschnur. Eine Forelle mit silbriger Haut und rötlichen Tupfen darauf zappelte am Haken. »Schnell, gnäd'ges Fräulein,« rief Mac Lewleß, »– wo ist Ihr Bottich? Haben Sie kein Gefäß für die Fische da?!« »Nein – das habe ich nicht,« entgegnete Fräulein von Hollen verblüfft, »das hab' ich vergessen ... O je, das arme Viecherl! Lassen Sie es wieder laufen, Herr Doktor – ich bitt' Sie – das ist ja eine gräßliche Tierquälerei.« Also geschah es auch zu allseitigem Vergnügen. Die Forelle wurde wieder befreit, glitt auf die Steine und hüpfte lustig in das Wasser zurück. »Nun erzählen Sie mir bitte einmal, was Sie sind!« »Ich bin Geologe,« sagte Mac Lewleß, »zu deutsch Steinmensch.« »Und ich bin Botaniker,« fügte der Fürst hinzu, »zu deutsch Pflanzendeuter.« »Das ist sehr hübsch«, meinte Fräulein Hede und nickte wohlgefällig. »Botanik ist eine poetische Wissenschaft, Ich denke mir, nur sanfte und sehr milde und äußerst ruhige und abgeklärte Naturen können dies Studium ergreifen. Sind Sie eine solche Natur?« Emich wiegte den Kopf hin und her. »Ich weiß es nicht recht. Neulich hat mir erst ein alter Freund gefügt, ich wäre zu temperamentvoll...« Hede wühlte in einem Busche gepflückter wilder Blumen umher, der neben ihr lag, und zog eine rotblühende Pflanze hervor. »Bitte, sagen Sie mir: was ist das?« fragte sie. »Eine Blume.« »Das weiß ich selbst – aber was für eine?« »Eine rote Blume –« »O, Herr Doktor, Sie haben mich zum besten! Ich appelliere an Ihre Wissenschaft. Wie heißt die Blume?« »Das darf ich nicht sagen. Es geht nicht: ich darf es nicht sagen. Ich will ein Buch über die Flora Illyriens schreiben, und wenn ich schon vorher alles verrate, ist der Reiz der Neuheit hin.« »Es ist richtig«, bemerkte Gerald; »mit meinen Steinen mache ich es genau so. Ich sage niemandem etwas.« Fräulein Hede musterte die beiden aufmerksam. »Meine Herren, Sie foppen mich –« Emich hob lachend die Hände. »Tausendmal Pardon, gnäd'ges Fräulein – es soll nicht wieder vorkommen! Bleiben wir ernsthaft! Diese Blume ist – diese Blume ist eine sogenannte – rote Butterblume –« »O! – Butterblumen sind gelb!« »Hier nicht – hier gibt es auch rote. Illyrien hat seine besondere Flora.« »Illyrien ist sehr hübsch – was ich davon kenne. Wie ist denn der Fürst?' »Ach – ganz nett soweit –« »Haben Sie ihn einmal gesehen?« »Jawohl. Wir waren in Garica und wurden auch im Palais empfangen. Der Fürst war äußerst gnädig – besonders zu mir und amüsierte sich über meine Ähnlichkeit mit ihm. Ich soll ihm so ähnlich sein, dass ich auf der Straße vielfach als Seine Durchlaucht gegrüßt wurde –« »Selbst die Wache schlug an und trat zum Präsentieren heraus«, bemerkte Mac Lewletz. »Sehr komisch.« »Und nun weiß ich auch, gnädiges Fräulein, welche Ähnlichkeit Sie vorhin in mir suchten! Sie haben wahrscheinlich einmal ein Bild des Fürsten gesehen –« »Ah ja!«... Fräulein Hede schien betroffen. Ihre Augen suchten in dem Gesicht Emichs. »Ja,« fuhr sie langsam fort, »ich habe verschiedene Bilder des Fürsten gesehen – eine ganze Masse – wahrhaftig, die Ähnlichkeit ist groß ... Aber der Fürst trägt einen Scheitel wie ein preußischer Leutnant und bloß einen Schnurrbart, so etwas in die Höhe, und natürlich auch keine Brille ... Bitte, Herr Doktor, nehmen Sie doch einmal Ihre Brille ab!« »Nein!« rief Gerald. »Dagegen protestier' ich! Verzeihung, gnädiges Fräulein, aber mein Freund darf seine Augen nicht der Sonne aussetzen. Der Arzt hat es streng verboten –« »Ja – leider – sehr streng«, bestätigte Emich. »Ich muß äußerst vorsichtig sein. ... Ah – sehen Sie – Ihre Frau Tante, wie ich vermute – Frau von Hollen –« »Doch nicht,« sagte Hede errötend, »die ist nicht mit ... Das drüben ist meine Gesellschafterin, meine governess – Frau von Lando – übrigens eine scharmante und liebenswürdige Dame ... Auch sie wird sich freuen, Landsleute gefunden zu haben – ich stell' sie Ihnen vor! ...« Aus dem Walde trat eine große, dunkel gekleidete Dame. Hede sprang ihr entgegen und flüsterte ihr einige Worte zu. Das Gesicht der Dame war vornehm und streng: sie begrüßte die Herren nicht ohne Freundlichkeit, wenn auch mit sichtlicher Zurückhaltung und wandte sich hierauf an Hede: »Es ist Zeit zum Diner, gnädiges Fräulein,« sagte sie, »wir wollen aufbrechen ... Meine Herren, ich habe wohl noch das Vergnügen, Sie wiederzusehen ...« Hede packte schweigend ihr Angelgerät zusammen, grüßte und ging. »Keine Andromeda ohne Drachen«, bemerkte Gerald, den Damen nachschauend. Emich nickte. »Schade – sehr schade! ... Fräulein Hede ist jedenfalls reizend. Frisch wie Quellwasser – etwas Erquickliches ... Ich habe Hunger. Sehen wir zu, wo uns Stenko da unten Unterkommen geschafft hat! ...« Dieser brave Stenko war in der Tat ein Prachtmensch. Das kleine illyrische Nest war kein Trouville und kein Karlsbad in bezug auf Komfort. Es hatte nur einen Gasthof von zweifelhafter Sauberkeit und eine Anzahl Logierhäuser, deren obere Stockwerke an Fremde vergeben wurden. Im Gasthofe hatte Stenko noch ein paar gute Zimmer gefunden, das heißt, er hatte einen türkischen Kaufmann, der dort wohnte, einfach ausgemietet. Das Essen war fragwürdig, nur der Wein vorzüglich. Aber das alles war Emich ziemlich gleichgültig; die Natur entschädigte ihn. Er bedauerte nur, daß Fräulein von Hollen mit ihrer Gesellschaftsdame nicht auch im Gasthofe logierte. Sie wohnte in der Nähe der Quelle im Hause des Bürgermeisters, dem stattlichsten des Ortes, und speiste auch dort. Sie hatte einen Koch und zwei Jungfern mit; sie mußte reicher Leute Kind sein. Die Quelle entsprang ein paar Minuten nordwärts des Frauenbades, dessen mächtige Fundamente zweifellos noch aus der Römerzeit stammten; die Kuppel, die man zwischen den Kronen der Eichen durchschimmern sah, mochte türkischen Ursprungs sein. Noch eine zweite Heilquelle gab es, die im Walde aus dem Felsen sprang, und von deren Wunderwirkung der Volksglaube allerlei Poetisches erzählte. Emich und Gerald hatten im Bürgermeisterhause sofort ihre Karten abgegeben – Visitenkarten mit den Namen » Dr. Egon Franz« und » Dr. F. Robertus«, die in der Geheimdruckerei der Landesbank hergestellt worden waren. Von nun ab entspann sich ein reger Verkehr zwischen der Bürgermeisterei und dem Gasthofe. Emich und Fräulein von Hollen sahen sich an den Vor- und Nachmittagen und unternahmen gemeinsame Spaziergänge, aber immer war Frau von Lando dabei. Sie wich nicht von der Seite ihres Schützlings. Sie war zugänglicher geworden, zeigte sich als eine kluge und geistreiche Dame von Weltschliff und liebenswürdigem Entgegenkommen, lud auch Emich und Gerald verschiedentlich zu vortrefflichen Diners und Soupers ein, die der mitgefühlte Koch bereitete – aber sie ließ Fräulein Hede nicht aus den Augen. Sie folgte ihr mit den Blicken, wohin sie sich wandte; sie überwachte gewissermaßen jede ihrer Bewegungen und jedes ihrer Worte. Das schien der kleinen Österreicherin übrigens ziemlich gleichgültig zu sein, denn sie genierte sich nicht, sondern plauderte unbefangen und lustig mit den beiden Herren, als seien es alte Bekannte. Aber Emich ärgerte sich über diese immerwährende Bevormundung. Eines Nachts konnte er nicht schlafen. Der Mond schien hell durch die schlecht schließenden Fensterläden und legte einen breiten gelben Streifen quer durch das Zimmer und gerade über das Bett Emichs. Doch nicht der Mond allein raubte ihm die Ruhe der Nacht: auch sein Herz war allzu lebendig ... Er ließ die Gedanken rückwärts schweifen – weit zurück. Er dachte an eine andere Nacht, im Schlosse zu Stenzig, da er ein blutjunges Bürschchen gewesen und auch nicht hatte schlafen können – so stark hatte die junge Liebe in seinem Herzen gebrannt. Das war vorbei. Und heute war es ähnlich und doch so anders ... Es war keine tolle Leidenschaft, die in ihm wühlte und schrie, kein glühendes Verlangen; es keimte still in ihm auf – eine große und starke Neigung, gegen die er sich wehrte, weil sie ihn quälte und ängstigte. Er durfte nicht lieben. Das Staatswohl wollte es anders. Er sprang aus dem Bett und stieß Fenster und Läden auf. Es schluchzte in den Rosen, ein lauer Wind rauschte im Myrtenhaine. Ganz still standen die Eichenwipfel, durch die die weiße Marmorkuppel des Frauenbades schimmerte. Dahinter lag das Haus, in dem Hede schlief. Eine dunkelbraune Ecke lugte aus schwarzem Buschwerk hervor, mit einem einzigen Fenster, das im Mondenschein blendend hell leuchtete. Da schlief Hede. Die Nachtluft war lau. Emich ließ das Fenster offen und warf sich wieder auf das Bett. Er glaubte trotz der wenigen Tage seiner Bekanntschaft mit Hede von Hollen sich ein Urteil über sie bilden zu können. Sie war ein gut erzogenes Kind; das spürte man ohne weiteres. Er hatte sie anfänglich für geistig ziemlich unbedeutend gehalten. Das war sie durchaus nicht; doch ihre frisch zugreifende Lebenslust und ihr guter Humor ließen sie allem Grübeln abhold sein. Und das war es im besonderen, was Emich so wohlig berührte: ihre wundervolle Frische, die sich dann auch ihm selbst mitteilte und wie mit dem Tau neuer Jugend überrieselte. Er liebte dies frohe Kind – und er durfte nicht lieben. So beschloß er denn abzureisen. Aber es kam wiederum anders. Frau von Lando, die große, herbe und strenge, war plötzlich wie umgewandelt. Ihre etwas kühle Liebenswürdigkeit gegen Emich wurde zu fast auffallender Zuvorkommenheit. Sie geriet in Erregung, als Emich ihr von der Abreise sprach. Das war nicht hübsch von Doktor Robertus! Man hatte sich kaum kennengelernt, und nun sollte es schon wieder voneinander gehen. Nun sollte man wieder allein bleiben in diesem Talkessel, dessen Rosenduft doch nicht die graue Langeweile zu vertreiben vermochte. Hede wurde gerufen. Die beiden Damen vereinigten sich. Noch einige Tage – nur noch wenige Tage! ... Und mit Freude gab Emich nach. Er vermied es, sich mit Mac Lewleß auszusprechen. Gerald hielt sich taktvoll zurück, aber Emich merkte wohl, daß ihm sein wachsendes Interesse für Hede eine gewisse Sorge bereitete. Das war verständlich, denn Gerald wußte Bescheid. Emich mußte ihm wenigstens ein kurzes aufklärendes Wort sagen. Er tat es an dem Tage, an dem ihn die Damen gebeten hatten, seine Abreise aufzuschieben. »Wir wollen nicht mehr lange bleiben, Gerald. Nur noch drei, vier Tage, – dann geht es zurück nach Garica. Gönne mir diesen Labetrunk! In drei, vier Tagen bin ich wieder der Fürst, dem die von Staats wegen anbefohlene Brautschau bevorsteht ...« Emich wollte die Damen zum Spaziergang abholen. Frau von Lando hatte Migräne und bat, daheim bleiben zu dürfen, aber sie hatte nichts dagegen, daß er Hede allein begleitete. Das war wieder etwas Neues. Emich fragte nicht nach den Gründen, die der Gestrengen Milde predigten. Er war beglückt, als Hede in Hut und Mäntelchen, den Bergstock in der Hand, in den Schlehenaugen den Glanz übermütiger Freude, in das Zimmer trat und ihm zurief: »Nach der Eishöhle, Doktor Robertus! Die hab' ich längst einmal sehen wollen! ...« Der Tag war schön, nicht allzu warm; es begann allgemach auch hier herbstlich zu werden. In Serpentinen führte der Pfad, anfangs durch blumige Niederung, dann steil ansteigend, in den Hochwald hinauf. Hede schritt tapfer aus. Sie war eine wackere Touristin. Sie hatte das Kleid geschürzt und trat mit den derben Bergschuhen fest und sicher auf. Nun hatte man die Waldquelle erreicht, von der das Volk Wunder wußte. Sie sprudelte hell und klar zwischen grün umrankten Felsblöcken hervor, sammelte ihr Wasser in einem kleinen Bassin und floß dann unterirdisch weiter, bis sie im Tale wieder zutage trat. An der Quelle wollten die beiden ein wenig rasten. Emich warf sein Plaid über einen Steinblock, um einen Sitz für Hede zu schaffen. Sie wollte ihren Hut abnehmen, aber er war dagegen. »Seien wir vernünftig«, sagte er. »Sie dürfen sich nicht erkälten. Wir müssen uns der Güte der Frau von Lando würdig erweisen, Fräulein Hede.« »Hede?« wiederholte sie aufschauend. »Ach ja! – Es ist ein häßlicher Name ... Sehen Sie die vielen Kupfermünzen im Wasser! Wie in der Fontana Trevi zu Rom. Kennen Sie die?« »Ja – aber hier haben die Münzen im Bassin einen schöneren Zweck. Wer unglücklich liebt, wirft ein Geldstück in das Wasser, und er wird glücklich. Wer jedoch ein Geldstück aus dem Wasser herausnimmt, der muß ohne Erbarmen unverheiratet sterben, oder, hat er die Hochzeit schon hinter sich, so wird er in Jahresfrist Witwer oder Witwe. So versichert der Volksmund.« »Das ist närrisch«, sagte Hede und schaute in das Wasser hinein, das um jede einzelne Münze einen Kreis kleiner Schaumperlen gebildet hatte. »Herr Doktor Robertus, holen Sie mir doch einmal ein Geldstück heraus!« »O!« Er lachte etwas gezwungen. »Wollen Sie, daß ich ewiger Junggeselle bleibe? Ich darf es ja nicht. Es steht in den Sternen geschrieben, daß ich heiraten muß.« »Ich auch«, sagte klagend die Kleine. Das klang fast drollig. Aber Emich lachte nicht mehr. »Wer zwingt Sie denn?« fragte er. Hede war sehr rot geworden und stieß mit der Fußspitze kleine Steinchen in das Wasser, in dem sie plätschernd verschwanden. »Ach – wer!... Meine Eltern – wer sonst?!... Na, und Sie?« »Auch – meine Eltern!« »Mein Gott, Sie sind aber doch ein Mann und –« »Auch ein Mann muß gehorchen, wenn es not tut.« »Not tut«, wiederholte sie leise, zu sich selbst sprechend, sinnend und überlegend. Plötzlich sprang sie auf und griff nach ihrem Bergstock. »Gehen wir weiter! Ich bin nicht mehr müde, und mir scheint, der Himmel überzieht sich.« Emich schaute empor. Unter den Eichenwipfeln war es dunkler geworden, und im Laube begann der Wind zu spielen. »Ist es nicht besser zurückzukehren? Frau von Lando wird sich ängstigen.« »Sie ängstigt sich immer«, entgegnete Hede unwirsch. »Zieht sie aber einmal mildere Saiten auf, so will ich wenigstens mein bissel Freiheit auskosten. Wie weit ist es noch nach der Eishöhle?« »Eine halbe Stunde –« »Nun also! So schnell wird uns der Regen nicht überraschen! ...« Sie schritten weiter, wieder schweigend. Es ging tiefer hinein in die Waldeinsamkeit. Der Weg verlor sich zuweilen völlig im dichten Moos; dann wurde der Boden steiniger, und auf dem Geröll stieg es sich schlecht bergan. Hede ließ sich von Emich am Klimmstock aufwärts ziehen, den sie mit beiden Händen fest umspannte. Nun stand man auf einem Plateau. Ein Stück Einöde inmitten der rauschenden Pracht des Eichenwaldes; eine Gigantenfaust schien hier viele Tausende von Felssplittern über die Erde gestreut zu haben. Aber schon ein paar Schritt weiter begann wieder der Wald. Man hörte ein gewaltiges Rauschen, das nicht aus dem Wipfelmeer kam. Es war der Wasserfall des Hrtaja, der über den Steinwall der Höhle schäumte und sich weiter südöstlich in ein Quertal ergoß. Die Eishöhle gehörte zu den Berühmtheiten Krotowos und wurde in den Fremdenführern Illyriens als einzig dastehendes Phänomen erwähnt. In ihr bildete sich im Frühjahr das erste Eis, wuchs während des Sommers und begann erst im Herbst wieder zu schmelzen. In dieser merkwürdigen Höhle verkehrte sich also der Lauf der Natur. Dichtes Schlinggewächs umkleidete sie. Man mußte sich bücken, um durch die niedrige Pforte dieser lebendigen Schutzhülle in die Grotte zu treten. Emich faßte Hede an die Hand. Sie war unvorsichtig, und er mußte sie schützen. Ein bläulicher Dämmer umfing die beiden. Sie standen auf einem schmalen Holzgelüst, das in die Höhle hineingezimmert worden und das feucht war und mit grünlichen Flechten übersponnen. Von allen Seiten umstarrte sie Eis, auch in der Tiefe, aus der ein immerwährendes, leise gurgelndes Geräusch emporstieg, während an der Decke sich von Zeit zu Zeit Tropfen lösten und klatschend niederfielen. Die Schmelze hatte bereits begonnen. Durch die Öffnung im Schlingpflanzenpanzer quoll ein Strahlenbündel von Licht und verteilte sich in der Grotte und zauberte märchenhafte Effekte auf dem Eise hervor, dessen Kristalle in tausend verschiedenen Formen die Kalksteinwände bedeckten und von oben herab in schweren Zapfen wie Stalaktiten herabhingen. Es war ein unvergleichlicher Anblick. »Wie schön – o wie schön!« flüsterte Hede. Sie stand dicht neben Emich auf der schmalen und glatten Zimmerung. Er hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt, um sie festzuhalten, denn es war gefährlich, sich hier zu bewegen. Ein Schmetterling war von draußen hereingeflattert und gaukelte umher, ein weißer Falter, dessen Flügel in diesem Silberlicht seltsam metallisch flimmerten. Plötzlich traf ihn von oben herab ein schwerer fallender Tropfen und der arme kleine Falter sank blitzschnell in die Tiefe. »Oh!« rief Hede mitleidsvoll und machte eine unwillkürliche Bewegung. Emich schlang seinen Arm fester um sie. »Um Gottes willen,« sagte er, »nicht unvorsichtig, Hede!« »Nennen Sie mich nicht immer Hede«, gab sie zurück. Er verstand sie nicht und schwieg. Über ihren Häuptern rauschte unsichtbar der Wasserfall. Dies Rauschen hatte sich seit einigen Minuten verstärkt. Es klang wie ein ununterbrochener ferner Donner. Und nun fauchte auch auf einmal ein gewaltiger Windstoß durch die Öffnung und peitschte die Ranken der Schlinggewächse in die Höhle hinein. Die Röcke Hedes flatterten; sie stieß einen leisen Angstruf aus. »Kommen Sie«, sagte Emich und zog sie mit sich. »Langsam, gnädiges Fräulein, und Schritt für Schritt! ... Ich fürchte, das Unwetter ist da ...« Ja, es war da. Durch den Wald fuhr der Sturm, knickte die trockenen Äste, riß das Laub von den Bäumen und wühlte sich in wirbelnden Drehungen in die Wipfel ein. Schwerer Regen troff hernieder, den der Wind auseinanderjagte und der eisig war, obwohl noch eine drückende Schwüle in der Luft lag. »Eine hübsche Bescherung«, sagte Emich; »was nun?« Hede lachte wohlgemut auf. »Wir werden uns doch vor so ein klein bissel Regen und Wind nicht fürchten«, meinte sie. »Trotzen wir den Elementen und treten wir den Heimweg an, sonst haben wir es, mit Frau von Lando verdorben! ...« Das war leichter gesagt als getan. Aber es mußte versucht werden. Emich nahm sein Plaid, umwickelte Hede damit, zog es auch kapuzenartig über ihren Kopf und steckte es unter dem Kinn mit einer Sicherheitsnadel zusammen. Sie ließ es ruhig geschehen und nickte ihm freundlich dankend zu. »Nun vorwärts«, sagte er ... Durch Sturm und Regen ging es bergab. Der Himmel war schiefergrau wie bei einem Gewitter. Und in diesem dichten Grau hing ein schwefelgelber Fleck – da, wo sich die Sonne hinter den Wolken versteckte. Der Regen schlug den Wandernden in das Gesicht. Auf der nassen Erde und dem Schiefergeröll marschierte es sich schlecht. Hede hatte ihre gute Laune bald verloren. Schon dreimal war sie ausgeglitten und hingefallen. Emich unterstützte sie, so gut es anging, aber auf dem schmalen Wege mußte er sie zuweilen loslassen. Er tröstete sie und sich damit, daß man in einer halben Stunde unter Dach und Fach sein würde. Aber das Unheil war einmal im Zuge. Abermals glitt Hede aus, diesmal mit einem leichten Schrei, und lag auf dem Boden. Als Emich ihr emporhelfen wollte, schrie sie von neuem auf. »Mein Fuß! ... Herrgott, ich glaube, ich habe mir den Fuß gebrochen! ...« Er erschrak heftig und kniete in Schmutz und Nässe vor ihr nieder. »Welcher Fuß tut Ihnen weh?« »Der rechte«, wimmerte Hede. »Herr Doktor, er ist sicher gebrochen. Allmächtiger, ich kann ihn ja gar nicht aufsetzen – ich habe rasende Schmerzen! ...« Emich schüttelte den Kopf. »Gebrochen ist er nicht – kein Gedanke ... Aber Sie werden sich eine Sehnenzerrung geholt haben –« »O Gott,« jammerte Hede, »das ist mir ja ganz gleich ... Ob Zerrung oder gebrochen – jedenfalls tut's weh, und jedenfalls kann ich nicht weiter ... Liebster Herr Doktor, lassen Sie mich hier ruhig sitzen und gehen Sie voran und schicken Sie mir von Krotowo Hilfe – ein paar Leute, die mich tragen können, oder eine Totenbahre oder was Sie sonst wollen ...« Emich überlegte nur einen Augenblick. »Zunächst werden Sie verständig sein, liebes gnädiges Fräulein«, sagte er. »Ich bin nicht verrückt und werde Sie daher auch nicht im Regen sitzen lassen. Ich werde Sie einfach selber tragen!« Trotz ihrer Schmerzen machte sie neugierige Augen. »Aber, liebster Herr Doktor –« »Bitte wehren Sie sich nicht und lassen Sie mich handeln! Es hilft nichts ...« Er hatte ihr das Plaid abgenommen und die beiden Enden fest zusammengeknotet. »Nun passen Sie auf«, fuhr er fort; »legen Sie sich in das Plaid hinein, während ich es im Knien über meine Schultern ziehe. Dann liegen Sie wie in einer Hängematte, und so trage ich Sie nach Hause. Aber Sie müssen still liegen.« »Ich werde nicht mucksen ... Nein, es geht doch nicht! ...« Die Tränen schossen ihr plötzlich in die Augen und rannen über ihre Wangen. »Der Fuß tut zu weh! Ich muß mir den Schuh ausziehen.« »Bleiben Sie sitzen! Ich werde Ihnen die Schuhe ausziehen. Alle beide – Sie brauchen sie nicht, wenn ich Sie trage ...« Er löste ihre Schuhbänder und zog zunächst den Schuh von dem schmerzenden Fuß, wobei Hede von neuem aufschrie. Dann kam auch das zweite Stiefelchen an die Reihe. »Werfen Sie die Dinger fort«, rief Hede; »ich habe noch ein Dutzend mit – alle Sorten ...« Und die Schuhe flogen in den Regen hinein und blieben zwischen dem Felsgeröll liegen. Nun begann das Schwierigste. Hede mußte in das Plaid gepackt werden, dessen verknotete Enden sich um Emichs Hals schlangen, und dann mußte sich Emich mit seiner lebendigen Last aufrichten und sie zu Tale tragen. Es war ein mühseliges Stück Arbeit. Doch es ging. Endlich stand Emich fest auf den Füßen. Seine Arme umspannten die Kleine im Plaid, die ganz still lag und kaum zu atmen wagte. Dann schritt er vorwärts. Er mußte vorsichtig wandern, um nicht auch zu Falle zu kommen. Schritt um Schritt maß er ab. Der Regen schlug ihm in das Gesicht; er merkte es kaum. Der Wind riß ihm den Hut vom Kopf; er ließ ihn ruhig durch die Luft wirbeln. Er dachte an nichts weiter als an die süße Last, die er trug. Endlich wieder im Walde! Hier wurde der Weg besser. Emich atmete auf; er konnte freier ausschreiten ... Hede lag wie eingeschnürt in dem Plaid; eine Spitze ihres hellen Strumpfes lugte auf der einen Seite hervor und auf der anderen das blasse Oval ihres Gesichtchens. Sie hatte die Augen geschlossen und ließ sich ruhig tragen. Emich sah, daß sie dunkle Wimpern hatte. Um die roten Lippen lag ein trotziger Zug. Das blonde Gelock über der Stirne zitterte. Die Last wurde schwerer und schwerer. So ging es nicht weiter. Emich blieb stehen. »Gnädiges Fräulein,« sagte er bittend, »legen Sie vorsichtig Ihre Arme um meinen Hals ... ich neige den Kopf ... das erleichtert mir das Tragen ... Wir sind gleich an der Quelle – da können wir haltmachen ...« Gehorsam streckte sie die Arme aus dem Plaid heraus, legte sie um Emichs Hals und schlang fest ihre Hände ineinander. Nun ruhte ihr Kopf warm und dicht an seiner Brust, und er spürte ihr regelmäßiges Atmen. Er schritt weiter. »Tut Ihnen der Fuß noch weh?« fragte er. »Nein – nichts tut mir weh«, antwortete sie mit verhallender Stimme. Er schritt weiter ... Auf das Laubdach rauschte in rhythmischem Falle der Regen herab. Der Sturm hatte an Stärke verloren. Hie und da blitzte es schon goldig auf von einem vereinzelten Sonnenstrahl. Morgenwärts der Quelle türmte das Felsgewirr sich höher auf und bildete einen dachartigen Vorsprung, unter dem es trocken war. Auch eine Bank stand hier, ein roh behauener Steinkoloß. Auf ihr setzte Emich sich nieder. Aber seine Bürde behielt er im Arm und ließ sie nicht los. Er schaute Hede in das Gesicht, das noch blaß war von dem ausgestandenen Schrecken, aber auf den Wangen doch schon die Rückkehr der Blutwellen zeigte: ein zartes rosiges Regen. Die Augen hatte sie wieder geöffnet, und diese Augen sahen Emich mit seltsamem Ausdruck an. Was lag und lebte in ihnen? Was fragten und wollten sie denn? Ihr Blau war ganz dunkel geworden, dunkel wie die Sehnsucht, die aus ihnen sprach, und die heimliche Angst, die in ihnen zitterte ... Über das Antlitz Emichs war es wie ein Leuchten der Verzückung geflogen. So warm hielt er das geliebte Wesen an seiner Brust; ihr Haar duftete, und ihre Lippen redeten eine stumme Sprache, die nichts als Dichtung war ... Und unwillkürlich neigte sich Emich tiefer über sie. Da schrie sie auf. »Küsse mich nicht! ...« Und noch einmal: »Küsse mich nicht! ... Ich – bin – eine – Prinzessin ...« Das »Küsse mich nicht« klang wie ein »Küsse mich tausendmal« – und dann folgte das letzte Bekenntnis, das in leisem Flüstern erstarb, ein Bekenntnis voll tobender heimlicher Angst: wie gräßlich, wenn der Doktor Robertus eine Prinzessin geküßt hätte!. Vor Emichs Augen aber rollten bei diesen flüsternden Lauten alle Schleier auf. Er sah plötzlich klar. Woher kam sie? Aus Bukarest – und war eine Österreicherin – und einmal hatte er in ihrem Taschentuch über einem vielverschlungenen Monogramm eine geschlossene Krone entdeckt, über die er sich im Augenblick kaum Aufklärung gegeben – und. Er zog sie noch dichter an sich heran. Sein Blick strahlte. »Du hast gelogen«, sagte er; »du heißt nicht Hede – du heißt Marie-« »Küsse mich nicht!« schrie sie wieder, zitternd und mit sich weitenden Augen. »Doch küsse ich dich, Marie! Ich küsse dich, sooft ich will, und küsse dich immer wieder. Und auch du wirst mich küssen, denn du hast mich lieb und sollst mich lieben und du darfst es auch. Ich log wie du. Ich bin Emic von Illyrien, und du bist meine Braut ...« Da schrie sie nicht mehr. Sie jauchzte hell auf und umschlang ihn. Der Regen hatte aufgehört; nur noch von den Blättern troffen die Tropfen. Emich marschierte wieder bergab, seine wonnige Last im Arm – barhäuptig, naß bis auf die Haut, unsagbar beschmutzt, gar wenig fürstlich, aber glücklich bis in das tiefste Herz. Hede-Marie hatte wie vorhin ihre Arme um seinen Hals gebettet und lachte und plauderte und nieste; denn mit dem Glück hatte sie sich auch einen Schnupfen geholt. O, war sie glücklich! Sie hatte sich immer eingebildet, über die erste Liebe hinaus zu sein; ihr Prinzessintänzer war diese erste Liebe gewesen, der Esterhazy-Kürassier mit den schönen Augen und dem langen pechschwarzen Schnurrbart. Aber es war gar nicht wahr; nun erst – ja, nun erst wußte sie, wie die Liebe tat!. Vom Frauenbad her kam den beiden ein merkwürdiger Zug entgegen. Zwei Diener voran mit Stenko, dem Führer – eine offene Sänfte, in der eine händeringende Dame saß – ein Herr zu Fuß und ein Herr zu Pferde. Der Reiter schwang seinen Schleierhut, als er Emich bemerkte, und setzte sein Pferd in Galopp. »Sassenhausen!« rief Emich erstaunt. »Saß – du hier?! Was gibt es?« Sassenhausen schaute auf seinen Herrn herab und auf das lebendige Bündel, das dieser im Arm trug. Auf seinem Gesicht spiegelte sich höchste Verwunderung wider. »Ich – pardon, aber ich weiß nicht recht: soll ich offen sprechen? Und kann und darf ich es? – Ich –« »Rede offen – ja – aber rasch! Ihre Kaiserliche Hoheit, die Erzherzogin Marie, meine Braut, kann sich zu Tode erkälten, wenn es lange dauert.« Sassenhausen sprang schleunigst vom Pferde. »Ich habe Euer Durchlaucht einen Brief des Marquis Veresco zu übergeben«, meldete er. Dann neigte er sich tief und fuhr fort: »Nehmen Euer Durchlaucht und Ihre Kaiserliche Hoheit meine ehrfurchtvollsten Glückwünsche in Gnaden entgegen ...« Nun waren auch die anderen näher gekommen: Frau von Lando und Gerald Mac Lewleß, und auf offener Straße spielte eine seltsame Huldigungsszene sich ab. Die Prinzessin streckte ihre Rechte aus dem Plaid heraus und Frau von Lando, Gerald und Sassenhausen küßten mit vollendetster Hofverbeugung die ihnen gereichte Hand. »Nun aber in meine Sänfte, Kaiserliche Hoheit, wenn ich untertänigst bitten darf«, sagte Frau von Lando, die eigentlich eine Gräfin Törky war; »mein Gott, was habe ich mich geängstigt! ... Kommt her, Leute, und helft!« Die Diener, die erstaunt und verständnislos – denn es wurde nur deutsch gesprochen – der Szene zugeschaut hatten, sprangen auf den gegebenen Wink eilfertig hinzu, doch die Prinzessin wehrte lachend ab. »Es geht nicht, liebste Gräfin,« rief sie, »es geht partout nicht! Ich bin naß wie eine gebadete Katze, und hier liege ich warm. Mein Bräutigam muß mich schon bis nach Hause tragen ... Ich bin nämlich in Strümpfen! ...« XIX Allgemach kam Emich auch hinter die gutgemeinten Schliche des alten Veresco. Durch seine Agenten in Bukarest war der Marquis benachrichtigt worden, daß die Erzherzogin Marie dort bereits eingetroffen sei; aber die Diphtherie grassiere in Bukarest, und so hätte man die Prinzessin mit ihrer Begleiterin in tiefstem Inkognito in das kleine Bad Krotowo geschickt, wo sie verbleiben sollte, bis die Gefahr in Bukarest vorüber sei. Dann auch erst, etwa anfangs Oktober, sollte der Besuch des Fürsten von Illyrien am rumänischen Hofe erfolgen. Aber Veresco arbeitete vor. Er war plötzlich sehr für die Harun-al-Raschid-Reise eingenommen, von der er anfänglich gar nichts hatte wissen wollen; »Krotowo« stand auf dem Itinéraire des Fürsten, und dort konnte er unter der Maske des Inkognito seine Zukünftige besser und eingehender kennenlernen als am Hofe zu Bukarest. Ein gewandter Geheimagent – Stenko, der Führer – wurde ihm beigegeben, der Veresco auf dem Laufenden erhielt; zwischen Madedje, Garica und Bukarest flogen chiffrierte Depeschen hin und her; endlich erhielt auch die Gräfin Törky Aufklärung und den gemessenen Befehl, erst bei der Abreise des »Doktor Robertus« das Inkognito der Prinzessin zu lüften und auch nicht eher ihre Schutzbefohlene über Wahrheit und Dichtung in der Person des deutschen Gelehrten zu unterrichten. Daß schließlich die Liebe selber Maske und Schleier fallen lassen würde, erhoffte die Gräfin nach ihren Beobachtungen freilich; aber daß sich dies alles so rasch abwickeln würde, hatte sie nicht erwartet. Regen und Sturm waren in diesem Falle die Verbündeten Amors und Hymens gewesen. Der Brief Verescos, den Sassenhausen als Kurier der Regierung nach Krotowo gebracht hatte, enthielt schlimme Post. Suevien hatte einen Gewaltstreich begangen und jenen Teil des Natschali-Passes, der seit Jahren das Streitobjekt der beiden Reiche bildete, besetzen lassen. Die Anwesenheit des Fürsten in der Hauptstadt war unbedingt nötig. Die Prinzessin weinte und schluchzte, als sie von ihrem Vielgeliebten Abschied nehmen sollte, und wollte sogleich mit nach Garica. Das ging nun natürlich nicht. Über Krotowo war ein Hagel von Telegrammen herniedergeströmt. In Wien und Bukarest freute man sich, daß bei der geplanten Mariage nun auch die Herzen mitsprachen. Die Veröffentlichung der Verlobung sollte in den nächsten Tagen erfolgen. Vor allen Dingen aber sollte die Erzherzogin schnell nach Wien zurück, denn der Trousseau mußte beschafft werden. Und von Garica herüber erscholl die Stimme Verescos. Es ließ sich nicht ändern: man mußte scheiden. In der Hauptstadt herrschte eine ungeheure Erregung. Der Gewaltstreich Sueviens hatte die Gemüter in Aufruhr versetzt. Als der Fürst vom Bahnhofe nach dem Palais fuhr, umwogten die Menschenmassen seinen Wagen, und in den Jubel, der ihn umbrauste, mischten sich wütende Drohungen gegen Suevien und den König Michael. In der Tat – die Situation war kritisch, Emich wollte zunächst die Minister hören. Schon in der ersten Sitzung gerieten der Marquis Veresco und der General Berger, der Kriegsminister, scharf aneinander. Berger war unbedingt für die Kriegserklärung; Veresco wünschte ein Schiedsgericht anzurufen. Nur mit innerlichem Widerstreben stellte sich Emich auf des letzteren Seite. Die Herausforderung Sueviens war so unerhört, daß auch er sie am liebsten mit dem blanken Stahl beantwortet haben würde. Aber er dachte an zwei in Tränen verschwimmende Schlehenaugen, und sein Herz wurde weich. Auf das Herz des Verliebten rechnete Veresco. Seiner Überzeugung nach war die Zeit, mit Suevien abzurechnen, noch nicht gekommen. Auch schien ihm der Augenblick geeignet, einmal wieder dem Zaren die Freundschaftshand zu drücken, ohne daß man sich dabei etwas vergab, und ohne daß es etwas kostete. Rußland sollte der Schiedsrichter sein. Die diplomatische Wendung, die man auf diese Weise der strittigen Angelegenheit gab, war einer der berühmten Schachzüge Verescos, war wieder einmal ein kleines Meisterstück politischer Kunst. Und um den Fürsten noch gefügiger zu machen und Emichs Kriegslust noch stärker abzudämpfen, war Veresco auf den Gedanken gekommen, die Heirat mit der Erzherzogin Marie nach Möglichkeit zu beschleunigen. Hatte der Fürst erst ein geliebtes Weib zur Seite, dann würde er es gewiß nicht so eilig haben, zur Waffe zu greifen. Die offiziöse Zeitung Garicas verkündete triumphierend die einsichtige und maßvolle Haltung der Regierung in der schwebenden Frage. Das Kabinett von St. Petersburg hatte sich bereit erklärt, das Schiedsrichteramt zu übernehmen; aber es waren Berge von Karten und Plänen zu prüfen: daher konnten Wochen, vielleicht Monde verstreichen, ehe es zu einer Fällung des Urteils kam. Inzwischen sorgte Veresco dafür, daß der baldigen Hochzeit des Fürsten keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden. Rußland, das eine Verbindung Emichs mit einer seiner Prinzessinnen lebhaft gewünscht, hatte sich beruhigt, als ihm als Dank für die Übernahme des Schiedsrichteramts eine Hafenstation zugesichert worden war. In Österreich fanden Verescos Bemühungen freundliches Entgegenkommen – und Emich selbst wünschte nichts sehnlicher, als eine baldige Verbindung mit seiner geliebten, kleinen, blonden Prinzessin. In der Kathedrale fand die Trauungszeremonie durch den neuen Bischof statt. Das war nun einmal wieder ein Bild von herrlichster Farbenpracht! Der wunderbare Raum, im schlicht-großartigen Stil der alten Basiliken gehalten, gefüllt von einer unermeßlichen Menschenmenge. Ein Kerzenmeer in den duftigen Dunstschleiern des Weihrauchs: goldleuchtende Sterne, die aus durchsichtigen Wolken hervorschauen. Auf dem Podest vor dem Altar der Bischof in großem Ornat mit allen seinen Akoluthen; ringsum die Vertreter der römischen und griechischen Geistlichkeit in purpurroten, violetten, schneeweißen und schwarzseidenen Soutanen; dahinter die armenischen Geistlichen, die Muftis, die Rabbiner. Und dann, in weitem Halbbogen den Altar umspannend, die fremden Gäste: österreichische, preußische, russische und türkische Uniformen – helle Damentoiletten, das Flimmern der Brillanten und Ordensdekorationen. In der Mitte die Eltern der fürstlichen Braut; Erbprinz Heinrich von Schöningh-Stubbach, Gräfin Irmela Wiegel, auch der Prinz Waldegg in Gardekürassier-Uniform; eine Deputation der Königin-Kürassiere in weißen Kollern mit grünen Kragen und Brandebourgs; die hohen Gäste: ein russischer Großfürst (nicht Fedor Konstantin, der von Illyrien nichts mehr wissen wollte), das Königspaar von Rumänien, die Fürsten von Morawien und Mazedonien, der Herzog von Sparta, der Prinz von Brindisi, der Knees der Schwarzen Berge. Weiter zurück die Gesandtschaften, die bevollmächtigten Minister, der ganze Hof, die Generalität, die Vertreter der Regimenter und Behörden, der Städte und des flachen Landes – und auch des Volkes. Jede Zunft durfte einen Deputierten in die Kathedrale entsenden; das waren vierunddreißig Männer, die die Tribüne oberhalb der für die Hochschulen und das Parlament hergerichteten Estrade füllten. Aber einer fehlte: König Michael der Dicke. Selbst sein Gesandter war plötzlich heftig erkrankt; der suevische Konsul vertrat ihn, seines Zeichens ein Steinmetzmeister. Der Trauung folgte eine Gratulationskur im alten Fürstenkonak. Da zog im großen gelben Saal mit seinen verschlissenen Gobelins und bunten, bleigefaßten Fenstern noch einmal der ganze Schwarm der Gäste an den Neuvermählten vorüber, die immer lächelten und dabei todmüde waren und auch noch die Galatafel über sich ergehen lassen mußten, ehe sie sich endlich oben in Schloß Monbijou zur Ruhe zurückziehen durften. Als letzte der Gratulierenden fand sich Gräfin Irmela ein. Sie hatte geduldig gewartet und sich in ihrem starren Seidenkleid mit den klirrenden Orden an der linken Schulter ruhig hinter eine Vorzimmertür gesetzt, bis die Kur beendet war. Dann erst hatte sie sich gezeigt. »Kaiserliche Hoheit,« sagte sie zu der jungen Fürstin, deren entzückende Anmut sofort ihr Herz gewonnen hatte, »ich bitte um die Erlaubnis, Ihren durchlauchtigsten Gatten zum letzten Male abküssen zu dürfen. Zum letzten Male, denn ich werde ihn wohl nicht mehr wiedersehen. Man wird ja nicht jünger, und es ist doch eine recht weite Reise hier herunter und auch keine allzu bequeme: ich habe siebenmal umsteigen müssen.« Darauf lachte die Fürstin, nahm Tante Irmela bei der Hand und führte sie zu Emich: »Küssen Sie los, Frau Gräfin, aber ich bitte: einen Kuß lassen Sie für mich übrig! Ich kenne Sie besser, als Sie denken. Emich hat mir so viel von seiner lieben, treuen zweiten Mutter erzählt, daß ich in Stenzig schon so gut wie zu Hause bin – und vielleicht kommt doch einmal eine Zeit, da wir Muße zu einem Verwandtenbesuch in Deutschland finden, und daß wir dann auch in Stenzig vorsprechen, darauf können Sie sicher rechnen.« »Ach, käm's doch so!« rief die Gräfin und umarmte Emich und überschüttete ihn mit Worten der Liebe, aber nur flüsternd, denn fast schämte sie sich ihrer Zärtlichkeit. »Dickerchen, Dickerchen – ach, du bist's nicht mehr – du bist so groß und schlank geworden und ein gekröntes Haupt und hast nun gar aus kaiserlichem Hause eine Erzherzogin zur Frau! Dickerchen, danken wir unserm Schöpfer, daß er das alles so gefügt hat! Mir ist ja im Leben manche Hoffnung zertrümmert worden – aber daß ich dich nun so – sozusagen auf dem Gipfel irdischer Ehren sehe, denn das kann man wohl ruhig behaupten, daß dem so ist – siehst du, das macht mich auch wieder unendlich froh ... Du warst doch immer mein Liebling – und auch dein niedliches Weibchen paßt besser zu dir, als die Ruth gepaßt hätte. Ich gestehe es selbst zu – so gern ich auch damals – ach, lassen wir das Damals sein!« »Und wie geht es Ruth, Tantchen?« »Gott, Emich, wie soll's ihr gehen! Ich kriege sie selten zu sehen – aber sie ist ruhiger geworden und scheint sich ja so auf ihre Art ganz wohl zu fühlen in ihrem stillen Berufe. Und ist noch immer sehr schön. Das muß man sagen. Wo sie nur diese schöne Gestalt her hat? – von mir nicht, und Onkel August hatte doch auch so 'n bißchen schwippe Beine ... Rietzow hat verkauft – weißt du das? Gottlob, daß wir den aus der Nachbarschaft fort haben – er will um die Welt reisen oder ist schon drum 'rum – ich habe mich ewig lange nicht um ihn gekümmert ... Dickerchen, ich halte dich jetzt nicht länger auf, aber ich möchte – ich bleibe nämlich noch drei Tage hier und dann fahre ich mit Heinz Schöningh zurück – Gott, der arme Onkel Ferdinand, der ist ganz melancholisch geworden, seit Leo tot ist, und erholt sich auch nicht mehr – da möcht' ich dich gern nochmal in Monbijou besuchen ... Darf ich das – ja?« »Ja, Tantchen – zum Frühstück – ganz allein – bloß Marie und ich sollen dabei sein. Und dann plaudern wir uns nach Herzenslust aus – jetzt geht es nämlich nicht, denn sieh einmal, da drüben der lange Herr in dem vergoldeten Anzug, das ist der Graf Döring, mein früherer Pagenoffizier und jetziger Zeremonienmeister, und der will mir eben sagen, daß es die höchste Zeit zur Auffahrt sei.« »Na, denn fahr nur los ... O, Dickerchen, wie hübsch du aussiehst! ... Also auf Wiedersehn, vielleicht übermorgen! Ich wohne mit Heinz im Grand-Hotel – Zimmer Nummer siebzehn und achtzehn ...« Die Gräfin warf Emich noch eine Kußhand nach und knickste erschrocken, als die Fürstin sich umwandte und ihr freundlich lächelnd zunickte. Und dann schritt sie nach den Vorzimmern, um den Erbprinzen Heinrich zu suchen, durch ein ganzes Spalier von Dienern, die regungslos dastanden und auf sie herabschauten. ›Was diese illyrischen Lakaien für infame Gesichter haben‹, sagte sich Gräfin Irmela. ›Wie verkleidete Spitzbuben. In diesem Lande würde ich mich nicht glücklich fühlen. Aber es genügt ja, daß mein Dickerchen glücklich ist ...‹ Nun war es Abend geworden, und der Cascadeo flimmerte im Glanze tausender von bunten Ballons, und auf den Bergen flammten die Feuerzeichen. Auf dem Acabane-Platze tobte, schrie, lachte und johlte das Volk, und von allen Forts an der Sareb stiegen Raketen und Leuchtkugeln auf und versprühten im Dunkel der Nacht. Oben aber, im Schlosse Monbijou, erloschen langsam die Lichterreihen der Fenster. Ein glänzendes Auge schloß sich nach dem anderen ... zwei Glückliche wollten allein miteinander sein. Eine Zeit der Seligkeit! – Politisch war alles ruhig. Emich war froh darüber, daß man sich in Petersburg Muße zu lassen schien mit der Entscheidung in der Frage des Natschali-Passes. Er konnte seine Flitterwochen in Stille und Frieden verleben, fast ganz ungestört, denn nur dann und wann erschien Maffeo mit seiner Aktenmappe in Monbijou, um sich einige Unterschriften zu erbitten, und jedesmal schloß er seinen kurzen Vortrag: »In den auswärtigen Angelegenheiten nichts von Bedeutung. Mein Vater läßt den durchlauchtigsten Herrschaften seinen ehrfurchtsvollen Gruß zu Füßen legen ...« Weihnachten kam, und der Schnee fiel auf die Berge. Das fürstliche Paar siedelte in das Palais über. Eine kurze Zeit der Lustbarkeiten begann: der Adel des Landes wollte seine neue Herrscherin kennenlernen. Aber mitten in das Schellenklingeln und die Pritschenschläge der Faschingszeit fiel eine bedrohliche Nachricht hinein. Vom Natschali-Passe wurde gemeldet, daß die Sueven dort mit der Erbauung eines neuen Forts auf jenem Teile begonnen hätten, dessen Zugehörigkeit zu Suevien oder Illyrien noch nicht entschieden worden war. Emich schäumte vor Grimm. In der schleunigst zusammenberufenen Ministersitzung wurde beschlossen, zunächst in Petersburg anzufragen, ob das Schiedsgericht noch immer zu keinem Resultat gekommen sei. Fast unmittelbar erfolgte die Antwort: das Schiedsgericht könne aus dem vorliegenden Material nicht ersehen, welche Partei im Recht oder Unrecht sei und richte an die Regierung von Illyrien die Bitte, es seiner Verpflichtungen zu entbinden. Es lag klar zutage: Rußland wollte es auch mit Suevien nicht verderben und hatte eine Politik der Hinhaltung gespielt. Noch hielt sich Emich in der Gewalt. Man verzichtete höflichst auf eine fernere Intervention Rußlands, bedauerte aber zugleich, nach Lage der Sache der geplanten Errichtung einer russischen Station im Hafen von Bosnia nicht nähertreten zu können. Dann wurde eine besondere Mission an den König Michael geschickt, die ihm den Vorschlag unterbreiten sollte: die Entscheidung über den Natschali-Paß Deutschland, Österreich oder Italien anzutragen; doch müsse Illyrien darauf dringen, daß bis zum Rechtsspruche der strittige Teil des Passes als neutraler Boden angesehen werde. Die Gesandtschaft brachte einen niederschmetternden Bescheid zurück. Sie war nicht von König Michael, sondern von dem Minister des Äußeren und dessen rechter Hand, dem Staatsrat Polzien, empfangen worden; man forderte: eine in der Hauptstadt Sueviens abzuhaltende Konferenz sämtlicher Balkanstaaten sollte über den Natschali-Paß entscheiden, bis dahin aber der strittige Landesteil mit suevischen Truppen besetzt bleiben ... Emich fluchte halblaut, als Maffeo ihm diese Meldung erstattete. Das kam einem Faustschlage gleich! Nicht die verlangte Konferenz berührte die Ehre Illyriens, wohl aber die kaltblütige Erklärung, daß Suevien den Fuß auf illyrischer Erde behalten werde. Suevien räumte nicht; es baute auch an seinen Forts lustig weiter. Suevien war sicher, daß die Balkan-Konferenz gegen Illyrien Partei nehmen, daß es Herr des Natschali-Passes bleiben würde. Und es mochte recht behalten, wenn Illyrien auch diese Demütigung einzustecken gewillt war. Denn an dem Ausgange der Konferenz ließ sich kaum zweifeln: auf Illyriens Seite stand nur Rumänien – alle anderen Lande, in erster Linie Rußland, waren Feinde des jung aufblühenden Reiches. Der Telegraph rief die Minister zusammen. Der alte Veresco fuhr von Madedje auf einer Lokomotive nach Garica. Er trug ein Portefeuille mit Papieren bei sich, das er unter seinen verschossenen grauen Überzieher geknöpft hatte. Als er das Konferenzzimmer des Schlosses betrat, sah er gerade; wie die anwesenden Minister mit Begeisterungsrufen den Fürsten umringten und nach seinen Händen haschten. Von der Esplanade aus scholl das Geschrei des Volkes herauf; Extrablätter hatten soeben das Scheitern der illyrischen Mission am suevischen Hofe verkündet. »Grüß' Sie Gott, Marquis Veresco!« rief der Fürst dem Eintretenden zu und streckte ihm die Rechte entgegen. »Sie sehen, wir haben bereits begonnen, und, dem Himmel sei Dank, wir sind einig! General Koskull versichert, daß die Mobilisierung in sechs Tagen beendet sein kann, daß unsere Magazine gefüllt sind und die Armee sich in schlagfertigem Zustande befinde. Daß der Generalstab wohlorganisiert ist, kann Ihnen Maffeo – kann besser ich selbst bezeugen. Finanzminister Sowojeß erklärt, keine Bedenken zu tragen, unter den gegenwärtigen Verhältnissen seine Reserven anzugreifen und zweifelt gleich mir keinen Augenblick daran, daß die für morgen zusammenberufene Volksvertretung uns den erbetenen Kredit einstimmig bewilligen wird. Zum Schutze der Häfen stelle ich aus meiner Privatschatulle eine Million zur Verfügung. Sollen wir auch noch das Volk befragen, ob wir den uns angetanen Schimpf einstecken oder mit dem Schwert in der Faust beantworten wollen? – Hören Sie, Veresco, wie das Volk spricht!?« In der Tat schwoll in diesem Augenblick das tobende Geschrei auf der Esplanade wie Meeresrauschen im Sturme an. Das Gesicht Verescos war unverändert geblieben, während der Fürst sprach. Nur einmal blitzte sein Auge nach der Stelle hinüber, auf der Maffeo stand. Er verneigte sich tief vor Emich. »Ehe ich mir verstatte, meine Ansichten und Meinungen den Herren des Ministeriums vorzutragen,« sagte er, »möchte ich Euer Durchlaucht um die Gnade bitten, mir eine kurze Unterredung unter vier Augen gönnen zu wollen.« Fast gleichzeitig erhoben sämtliche Minister die Köpfe; Sowojeß ließ ein leises Brummen hören, und Koskull schlug ärgerlich mit der Hand auf den Tisch. Maffeo biß sich auf die Lippen, und Falten der Sorge furchten seine Stirn. Auch der Fürst war sichtlich überrascht, aber er öffnete sofort die Tür des anstoßenden Zimmers. »Verzeihung, meine Herren«, rief er. »Exzellenz Veresco – darf ich Sie bitten! ...« Die Tür schloß sich wieder: eigenhändig löste Emich die Tragbänder der Portieren und ließ, um den Schall der Worte zu dämpfen, die Vorhänge fallen. »So, lieber Marquis – nun sprechen Sie!« Veresco knöpfte seinen Überrock auf und legte sein Portefeuille auf den Tisch. »Durchlaucht,« sagte er, »ich bin mir der Tragweite dessen, was ich vorzubringen habe, wohl bewußt – auch bewußt, daß ich meinem teuren Herrn und Fürsten einen großen Schmerz bereiten werde. Aber ich kann nicht anders: ich erkläre mich gegen den Krieg!« Emich war bleich geworden. Doch er schwieg. Er wartete auf die Begründung der ablehnenden Haltung Verescos. Der Minister hatte seine Mappe geöffnet und legte dem Fürsten eine Reihe von Papieren vor. Sie enthielten eine Aufstellung über die Stärke der suevischen Armee, die in allen Teilen der illyrischen überlegen war. Doch das war noch nicht alles. So kriegsbereit war man jenseits der Grenze, daß das suevische Heer bereits in Illyrien einmarschiert sein mußte, ehe hier die Mobilisierung vollendet war. Und schon ein erster und zweiter suevischer Sieg würde die Vernichtung Illyriens bedeuten, seine Zermalmung. Die Skipetaren in Albanien warteten nur darauf, bei der siegreichen Armee Söldnerdienste zu nehmen; die Moravier würden folgen – beutelustige Banditen, zitternd nach Gold und Schlachten; längst eifersüchtig auf Illyrien wegen der Festungen im Rhodogas-Gebirge waren auch die Montenegriner; und neigte sich erst das Fahnenglück auf die Seite der suevischen Völker, so würde schließlich auch der Russe nicht zögern und seine Macht in die Wagschale werfen. Der Fürst hatte ruhig zugehört. Nun nahm auch er das Wort. »Haben Sie Dank für Ihre klaren Darlegungen, Marquis,« antwortete er, »Dank auch für Ihre ernste Mahnung, die ich, glauben Sie mir, wohl zu schätzen weiß. Aber ich muß Ihnen sagen, daß Ihre Gründe mich nicht überzeugen können. Oft genug hat eine kleinere Armee eine größere geschlagen. Wenn wir nun die ersten Siege feiern können – werden die Skipetaren und Moravier und Montenegriner sich nicht uns zugesellen statt den Sueven?! Und, Veresco, ich hoffe auf diese Siege! Haben die Sueven auch mehr Bataillone und Batterien als wir – in einem sind wir ihnen himmelhoch überlegen: der Kraft des Generalstabs. Ich bin in dem Augenblick, da ich den Thron bestieg, an die Spitze des Generalstabs getreten und weiß, was ich von ihm zu halten habe. Strategie und Taktik aber entscheiden in den Kämpfen von heute zuweilen gewichtiger als die Gewalt der Waffen.« Der alte Veresco neigte den Kopf. »Ansicht gegen Ansicht, Durchlaucht. Sie sprechen Hoffnungen aus, ich habe Zahlen angeführt. Noch etwas möchte ich hinzufügen. Als bei der Revolution achtundsiebzig Rußland zu unseren Gunsten intervenierte, gab ich das Versprechen ab, in den nächsten zehn Jahren keinen Krieg ohne Einwilligung des Petersburger Kabinetts zu beginnen. Diese zehn Jahre sind noch nicht verflossen.« »Wohl aber ist Illyrien inzwischen Fürstentum geworden, Veresco, und die Regierung der Monarchie als einer neuen Ordnung der Dinge kann unmöglich an die Versprechungen gebunden sein, die unter dem Drucke der Revolution hierhin und dorthin gegeben worden sind.« »Das ist in gewisser Weise richtig, Durchlaucht, denn auch die Politik lacht zuweilen des Meineids der Verliebten. Aber vergessen Sie nicht, daß wir noch immer nicht so recht auf eigenen Füßen stehen gelernt haben, daß wir den Rückhalt an Rußland noch immer nicht völlig entbehren können. Ich habe auch meine Agenten hie und da in den Landen, und in meinem Geheimschrank schlummert mancherlei, was außer, mir nicht – viele wissen ...« Er lichtete sich straffer empor und erhob wie warnend die rechte Hand. »Durchlaucht, Rußland war Fürst Leopolds Freund, weil er ein Schwächling war – Ihnen aber grollt Rußland, weil Sie ein Charakter sind. Keine Hand wird der Zar rühren lassen, wenn Suevien Sie besiegt. Im Gegenteil – man wird sich im Winterpalais eine vergnügte Stunde bereiten, wenn König Michael in Garica einzieht, und wird es zu einer neuen illyrischen Revolution kommen lassen, um schließlich die eiserne Krone einem der Großfürsten auf das Haupt zu setzen, der dann nichts als ein Vasall Rußlands sein würde ... Durchlaucht, ich begreife, daß Ihnen die Fäuste zucken. Dennoch sage ich Ihnen: warten Sie noch zwei, drei Jahre, bis wir fester im Sattel sitzen, bis wir keine Rücksichten mehr zu nehmen haben – dann schlagen Sie los! Heute aber – beißen Sie die Zähne zusammen und schlucken Sie die Demütigung hinunter! Ich werde dafür Sorge tragen, daß die Natschali-Frage auf politischem Wege aus der Welt geschafft wird. Sparen Sie sich die Revanche auf später!« »Nicht auf später, Veresco! Suevien bestiehlt uns und höhnt uns noch – sollen wir das schweigend dulden, weil wir uns fürchten vor seiner Übermacht?! Und sollen wir uns ewig am Gängelbande Rußlands leiten lassen?! Ich bin hergekommen, um mit ganzer Gewalt für die Freiheit Illyriens einzutreten. Das kann ich nur, wenn ich selber frei bin. Was nützt uns der Rückhalt an Rußland'?! Unser Konflikt mit Suevien hat es gezeigt. Ich lege meine Hände ins Feuer, Veresco: Rußland steht den Machenschaften in Suevien nicht fern! Ich glaube Ihnen, wenn Sie sagen, daß man mich im Winterpalais haßt, weil ich dem Zaren zu selbständig bin und die Reverenzen vor Fedor Konstantin vergaß. Glaube Ihnen, daß man in Petersburg auf mein Verderben sinnt. Nun denn, ich werde den Herren zuvorkommen! Ich werde auch das russische Joch abzuschütteln wissen – oder untergehen! ...« Der Minister schaute in das Gesicht und das Auge des Fürsten. Da stand ein unbeugsamer Wille zu lesen, ein Wille, der nicht zu brechen war. Veresco versuchte keinen weiteren Einwurf; er wußte, es wäre unnütz gewesen. Sein Wort galt nicht mehr – er konnte gehen. Mit Spannung hatten die Minister im Konferenzsaal die Rückkehr des Fürsten erwartet. Sowojeß, der Finanzminister, der alte heimliche Gegner Verescos, lächelte hämisch: ein Ahnungsgefühl sagte ihm, daß sich da drinnen im Nebenzimmer der Beginn einer neuen Ära vorbereite. General Koskull stand am Fenster und trommelte mit den Fingern wütend gegen die Scheiben. Schweigend, mit übereinandergeschlagenen Beinen, den Kopf auf die Brust gesenkt und das Antlitz finster, saß Masseo in einem der hochlehnigen Sessel am Tische. Auch durch seine Seele zogen bange Ahnungen; er fühlte etwas von den Schauern des Kampfes, der ihm bevorstand. Da hörte man nebenan die Portieren rauschen – die Tür öffnete sich. Der Fürst und Veresco traten in den Saal zurück, beide blaß und mit harten Gesichtern. »Meine Herren,« sagte der Fürst, »ich habe Ihnen zu meinem schmerzlichen Bedauern mitzuteilen, daß Seine Exzellenz der Ministerpräsident Marquis Veresco sich von heute ab aus dem Staatsdienst zurückziehen will. Wie schwer es mir wird, die bewährte Kraft dieses großen Patrioten und ruhmreichen Bannerträgers der Freiheit Illyriens gerade in einer so verhängnisvollen Stunde verlieren zu müssen, brauche ich nicht noch besonders zu betonen. Aber ich ehre die Gründe, die den Marquis Veresco nötigten, um seine Entlassung zu bitten, und ich trage mich mit der Hoffnung, daß er auch in der Einsamkeit seiner Berge an der Fortentwicklung Illyriens mit Rat und Tat Anteil nehmen wird. Meine Herren, ich bitte Sie, die Häupter zu neigen vor dem Scheidenden: ein Großer geht – aber die Spuren, die er gewandelt hat, verweht kein Sturm. Marquis Veresco, als äußeres Zeichen meiner Dankbarkeit ernenne ich Sie zum Herzog von Madedje.« Er umarmte den Alten und küßte ihn auf beide Wangen. Stumm zog Veresco die Hand des Fürsten an seine Lippen. Dann wollte er sprechen, aber es schien, als versagten ihm die Worte. Er stammelte nur, kaum hörbar: »Gott schütze Illyrien! ...« Nun wandte er sich zum Gehen, während die Minister in ehrfurchtsvollem Schweigen am grünen Tisch stehengeblieben waren. Aber noch einmal stockte der Fuß des Alten. »Maffeo«, sagte Veresco, und Frage und Bitte und fast auch Drohung lagen im Ton seiner Stimme. Maffeo sprang an seinen Vater heran und ergriff dessen Hände. »Vater, laß mich auf meinem Platz!« rief er. »Das Land und der Freund halten mich fest. Du kannst nicht wollen, daß ich verleugne, was mir teuer ist! ...« Es zuckte und wetterte über das lederbraune Gesicht des Alten, doch er erwiderte den Druck der Hand seines Sohnes. »So bleib!« hauchte er. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloß. Tiefe Stille im Zimmer, aber draußen, auf der Esplanade, erneuter tobender Volkslärm. Der Fürst reckte sich. »General Koskull,« sagte er, »an Stelle des Marquis Veresco übernehmen Sie den Vorsitz im Ministerium. Formulieren Sie den Text der Kriegserklärung und lassen Sie die Pässe für den Gesandten bereithalten. Die übrigen Herren kennen ihre Funktionen. Ich bin für die Minister jederzeit ohne Anmeldung zu sprechen. Und nun an die Arbeit! ...« XX ... Auf den flachen Kuppen, die die Talmulde von Valenta umgaben, hatten sich die Illyrier verschanzt und erwarteten die suevische Armee. Es war Anfang März, und der Frühling zog schon über die Berge, hatte den Schnee zum Schmelzen gebracht und trieb die Wasser der Sareb in langen, schäumenden Wogen durch die Ebene. Bei Valenta teilte sich der Fluß und bildete eine kleine bewaldete Insel; das Dorf lag ihr gegenüber am Rande ausgedehnter Moor- und Sumpfstrecken, welche die illyrische Position schützten. Der Marquis Veresco hatte mit seiner Prophezeiung recht gehabt. Ehe General Koskull seine Mobilisierung beenden konnte, hatte die suevische Armee bereits die illyrische Grenze erreicht und rückte in Eilmärschen gegen Garica vor. Aber auch Fürst Emic war seines Generalstabs sicher. Auf eine suevische Invasion war man vorbereitet und der Plan, wie einer solchen am zweckmäßigsten zu begegnen sei, längst entworfen. Die beiden Festungen an der unteren Sareb hielten den Vormarsch des Feindes auf; ein paar kräftige Ausfälle splitterten die Linie des Heeres in drei Teile. König Michael, der die Oberleitung seiner Armee übernommen hatte, mußte sich zu einer langen und zeitraubenden Umgehung des Festungsterrains entschließen, um seine Truppen wieder zusammenziehen zu können. Inzwischen war es General Koskull möglich geworden, den Aufmarsch des illyrischen Heeres zu vollenden. Die Hauptarmee, das mittlere Korps, befehligte Fürst Emic selbst. Er nahm hinter den Schanzen von Valenta in überaus günstiger Position Aufstellung, während die in der Hauptsache aus Kavallerie bestehenden beiden anderen Korps im Osten und Westen die Flanken der Mitte zu decken hatten. Diese Korps, von den Generälen Berger und Dimitrowicz kommandiert, lieferten in leichter Plänklerarbeit den Sueven die ersten Gefechte. Abermals zeigte sich hier die Überlegenheit der illyrischen Taktik. Die Generalstabskarten der Sueven erwiesen sich als mangelhaft. Zwei Bataillone suevischer Scharfschützen und ein Artillerieregiment gerieten infolge der Unzuverlässigkeit der den Führern mitgegebenen Karten in den Engpaß von Silvnitza und wurden dort völlig zerrieben. Im großen Europa erregte der illyrisch-suevische Feldzug wenig Interesse. Bismarck sprach im Deutschen Reichstage sein berühmtes Wort von »dem bißchen Illyrien« und meinte bei Gelegenheit eines parlamentarischen Frühschoppens: wenn der »Leutnant Schöningh« da unten seine Pflicht tue, sei es unrecht, ihn daran hindern zu wollen. Mit um so größerer Spannung verfolgte man in den Balkanstaaten die Entwicklung dieser Kampagne. Feinde besaß das junge Fürstentum Illyrien ringsum; aber diese Feinde hüteten sich, in die Aktion einzugreifen, ehe es möglich war, die Entscheidung zu überblicken. Und gönnte man auf der einen Seite Illyrien auch eine gehörige Schlappe, so war man andererseits des russischen Einflusses müde und verhehlte sich nicht, daß dieser durch den Sieg Illyriens sehr leicht ins Wanken kommen könne. Aber auch Rußland stand schon auf der Lauer, im geeigneten Augenblick einzugreifen. Von Beginn des Feldzuges ab weilte der Staatsrat von Polzien in strengstem Inkognito in Petersburg. Auf die Entwicklung des Krieges hatte er keinen Einfluß. Erst später erfuhr man, daß dieser genaue Kenner Illyriens die Niederlage des suevischen Heeres ahnte und daß er gerade im Siege Illyriens den Triumph seiner Sache sah – wie man heute auch weiß, daß damals schon das verhängnisvolle Gegenspiel des alten Veresco begann. Im Dorfe Valenta, dessen ärmliche Lehmhütten sich an die Hänge der Kuppen anlehnten, herrschte das bewegte Leben eines Feldlagers. Die Truppen kampierten teilweise auf den Straßen; hier flammten die Kochfeuer, über denen riesige Kessel hingen. Marketender zogen umher, Zigeuner boten gestohlene Hühner und Gänse zum Kauf an; Geschrei und Gelächter scholl durch die Gassen, dazwischen auch die Töne der Trommelflöte und der mandolinenartigen Gusla. In der Rundung eines Torwegs spielten ein paar Soldaten auf einem leeren Sliwowitzfaß Karten, und durch die weit geöffneten Türen der kleinen Schenke sah man, daß drinnen ein Schwarm Heiducken mit drallen Mädeln den Stratpotka tanzte, während ein zerlumpter Walache dazu den Dudelsack blies. Oben auf den Anhöhen lugten über die Schanzendeckung die Eisenstücke der illyrischen Artillerie. In der Ebene dahinter lagerte die Hauptarmee in Erwartung des Feindes. Hier befand sich auch, zwischen vier alten verkrüppelten Weiden, das Zelt des Oberstkommandierenden. Der Fürst stand vor einem Tische, auf dem eine große Karte lag, über die er sich im Augenblick tief geneigt hatte, um den ihn umgebenden höheren Offizieren die Route zu erläutern, die seiner Vermutung nach die feindliche Armee allein einschlagen konnte. »Sehen Sie hier, meine Herren,« sagte er, »das ist der Weg Bergers. Berger hat die im Defilee von Silvnitza geschlagenen Truppen vollkommen zerstreut; sie irren im Gebirge umher. Eine Verfolgung würde zu viel Zeit erfordern, die Berger nötiger brauchte; denn er soll den Pelim-See umgehen, um sich hinter dem Rücken der feindlichen Armee mit dem Korps Dimitrowicz zu vereinigen. Von Dimitrowicz fehlen noch die Depeschen. Seine Aufgabe ist, sich zwischen das Gros und die Reserven König Michaels zu schieben und durch geschickte Bewegungen die letzteren so nahe an Bergers Korps heranzudrängen, daß sie vom Gros abgeschnitten werden müssen.« Eine eintretende Ordonnanz unterbrach den Vortrag des Fürsten. Der Kurierdienst war ausgezeichnet geregelt; eine große Anzahl Stafetten traf täglich im Hauptquartier ein und erleichterte die Aufklärung. Emich riß das Kuvert auseinander, das die Ordonnanz ihm reichte. »Sieh da, – das ist wichtig! ... Messieurs, es kann noch in der Nacht zum Tanze kommen. Die Spione von drüben sind unzuverlässige Leute; wir bieten ihnen ein paar Dukaten mehr, und da kommen sie lieber zu uns. Also, meine Herren, die Avantgarde der Sueven steht drei Meilen vor uns, und noch ahnt man drüben nichts von unserer Aufstellung. Man weiß nur, daß wir die Defensive beibehalten wollen. Jawohl« – und er lachte heiter auf – »beibehalten, aber nur solange es uns beliebt! ... Was gibt es, Mac Lewleß?« Der Major war in das Zelt getreten. »Durchlaucht vergeben, wenn ich störe: die dritte Sanitätskolonne ist eingetroffen, zugleich mit dem Wagenzug der freiwilligen Krankenpflege« – »Das ist Sache des Obersten Dwernicki –« »Sehr wohl, Durchlaucht, – aber bei der dritten Kolonne befindet sich auch eine Dame, die« – das Gesicht des Majors färbte sich mit heißer Röte – »untertänigst um kurze Audienz bitten läßt.« Der Fürst wurde ungeduldig. »O Himmel, nur keine Damen im Feldlager!« rief er. »Eine Pflegerin aus der Aristokratie? Vielleicht Mitra Sassenhausen – es sähe ihr ähnlich –« »Nein, Durchlaucht, – es ist die Komtesse Wiegel«, antwortete Mac Lewleß ruhig. Emich trat einen Schritt zurück; auch sein Antlitz rötete sich. »Ruth, Gerald?! – Ruth?!... Versteh' ich dich recht? Ruth Wiegel hier?!« »Komtesse Ruth, Durchlaucht«, bestätigte Mac Lewleß. »Ich habe sie selbst gesprochen. Sie ist unmittelbar nach Beginn des Feldzuges von Breslau abgereist, hat in Bukarest ganze Wagenladungen von Verbandstoffen erworben und über die Grenze geschafft und hofft, daß Sie ihr verstatten werden, sich unsrer Krankenpflege zu widmen.« Emich schüttelte noch immer den Kopf. »Das ist Ruth – ganz Ruth!... Selbstverständlich, daß ich sie empfangen muß. Es ist jetzt drei Uhr; bitte sie, sich um vier in meinem Zelt einzufinden. Und sorge für ihre Unterkunft. Oberst Dwernicki soll sich ihrer besonders annehmen.« Er wandte sich wieder an den Kartentisch und an seine Offiziere zurück. – – Am Nachmittag begann es neblig zu werden. Aus der Sareb stiegen graue Schatten auf, und über die schwarzbraunen Sumpfstrecken mit ihren grünlich schillernden Lachen und Kanälen huschte und flatterte es, ein ganzes Heer von Nachtgespenstern, das sich ausbreitete und ein großes Schleiertuch über die Landschaft deckte. Im Dorfe war der Lärm verstummt – das fröhliche Lagerbild wie fortgewischt von der Erde. Ein Armeebefehl hatte tiefste Stille angeordnet. Cymbal und Gusla und Trommelflöte erklangen nicht mehr, kein frohes Gelächter, Schimpfen und Fluchen und Schreien – – es war, als schritte der stumme Tod im Nebel daher und rührte mit eisiger Hand an allem Lebendigen. Ein düsteres Bild. Im grauen Gebräu nur ein schattenhaftes Hin und Her. Dann und wann ein gedämpftes Kommando, leises Waffenklirren, oder aus der Höhe der mißtönige Kreischlaut eines über den Sumpf streichenden Reihers. Auf dem großen Tische im Fürstenzelt standen ein paar primitive Leuchter mit brennenden Kerzen. Sie erhellten wenig. Es war ein unruhiges, flackerndes Licht, das den Augen Ruths weh tat und über ihr Gesicht rasch aufzuckende und wieder verwehende gelbe Reflexe warf. Es war noch immer dasselbe schöne, stolze und vornehme Antlitz, das Emich bei seinem Abschiede von Klempin zum letzten Male gesehen hatte. Ernster geworden und reifer und frauenhafter, gleich der ganzen Erscheinung, die etwas wie Weltflucht und klösterliche Einsamkeit auszuströmen schien, ein Hauch stiller und demütiger und doch nicht unfroher Resignation. Sie saß auf einem Feldsessel dem Fürsten gegenüber. Er mußte sie immer wieder betrachten; – das braune Haar, das sonst in freiem Gelock ihre Stirn umspielt hatte und sich nun in schlichter Scheitelung unter der großen Flügelhaube hervordrängte – die glänzenden Augen, die mit freundlichem Ernst zu ihm hinüberschauten – die köstliche Gestalt, von dem dunklen Gewand der Entsagung umschlossen, dem nur eins zum Schmucke diente: das weiße Malteserkreuz auf der Brust. ... »Daß ich dich noch einmal in Illyrien wiedersehen würde, Ruth,« sagte der Fürst, »hätte ich mir niemals träumen lassen. Aber ich freue mich von Herzen, daß du den Entschluß gefaßt hast, uns in der Pflege unsrer Verwundeten hilfreiche Dienste zu leisten – und ich danke dir auch dafür.« »Danke nicht, Emich«, entgegnete sie; »es ist mir eine liebe Pflicht – und auch mehr, ich gesteh' es dir zu. Ich bedurfte des Herausreißens aus einer Tätigkeit, die auf die Seele wie lindernder Balsam wirkt, in ihrer Eintönigkeit aber doch auch wieder zur Ermüdung führt ... Mißversteh mich nicht, Emich«, fuhr sie unter raschem Erröten fort, als sie sah, daß der Fürst mit einer Bewegung freudigen Staunens den Kopf erhob; »ich sehne mich nicht etwa wieder nach den Freuden der Welt zurück, denen gegenüber ich mich schon in meiner Mädchenzeit ziemlich passiv verhalten habe – o nein! – ich bedurfte nur einer äußeren Abwechslung, sagen wir einer Nervenerfrischung, und die hat mir bereits die Reise hierher geboten.« »Ich begreife, Ruth – aber ich fürchte, daß die Entbehrungen der Kampagne zu deiner Erholung nicht gerade beitragen werden.« »Erholung – – wer spricht davon! Ich bin ja doch nur glücklich in der Arbeit. Nein, du verstehst mich immer noch nicht. Du – aber lassen wir das! Ich werde auch hier meine Pflicht tun wie daheim; du sollst zufrieden mit mir sein ... Emich, ich habe mir in Garica eine kurze Audienz bei der Fürstin erbeten. Nun weiß ich, daß du sehr glücklich bist. Du mußt es ja sein. Darf ich deine Frau auch lieb haben?« »O Ruth – wie sprichst du! Hat Marie dir nicht gesagt, wie viel und wie oft ich von dir erzähle?« »Ja, Emich – und meine Mutter hat mir auch von ihr so lebendige Schilderungen entworfen, daß ich – wahrhaftig, daß ich begierig war, sie kennenzulernen ... Solch kleines, süßes, rosiges Geschöpfchen allein konntest du lieben. Im tiefsten Kern deines Wesens lag doch immer das Frohe und Heitere, das deinem Empfinden Stimmung gab. So ist alles ausgeglichen, was zwieträchtig war, und gottlob, wenigstens einer von uns vieren hat zur Höhe gefunden ...« Es war sehr still, nicht einmal der Schritt der Schildwache draußen zu vernehmen. – Emich konnte jedes Wort Ruths verstehen, obwohl sie fast flüsternd sprach. »Von uns vieren?« wiederholte er fragend. Sie nickte. »Du, ich, Rietzow und Mac Lewleß.« »Wo ist Rietzow?« »Auf Reisen. Und er wird nicht wieder zurückkehren. Er kam zu mir nach Breslau und bot mir seine Hand an. Ich sagte nein und lachte. Mein Lachen ließ ihn erbleichen. Vier Wochen später verkaufte er seine Kottauer Herrschaft und reiste nach Japan ...« Emich suchte in den Zügen Ruths nach dem Reflex einer Seelenregung. Aber dies schöne Sphinxgesicht war ruhig und gleichmäßig geblieben. »Und Gerald?« fragte Emich. »Du, hast Mac Lewleß gesprochen? Wie fandest du ihn?« Jetzt erst schien es dem Fürsten, als blitze es im Auge Ruths auf: ein warmer Strahl, der den Nebel zu verscheuchen schien. Und dann hob sie mit sanfter Bewegung die linke Hand, strich über das Kreuz auf ihrer Brust, neigte den Kopf ein wenig und, sagte gleichgültig: »O, ich finde, er sieht trefflich aus ...« Nichts weiter. Sie reichte dem Fürsten die Hand. »Ich will zu meinen Leuten zurück, Emich. Es gibt noch viel zu schaffen. Ich höre, ein Kampf steht bevor.« Sie drückte fest seine Rechte. »Mein Gebet wird bei den Euren sein ...« Draußen promenierten, leise plaudernd, ein paar Offiziere im Nebel auf und ab. »Oberst Dwernicki!« rief der Fürst hinaus. Der Gerufene sprang herbei. »Haben Sie die Güte, die Gräfin Wiegel zu ihrer Kolonne zurück zu geleiten.« Der Oberst verneigte sich und reichte Ruth den Arm. Emich trat wieder in das Zelt und schlug die Leinwand zu dem Nebengelaß auseinander. Dort saß Mac Lewleß vor einem roh gezimmerten Tische und hatte den Kopf auf die Arme gelegt. »Hast du unsre Unterredung gehört, Gerald?« Mac Lewleß erhob sich langsam. »Jedes Wort, Emich; du hattest mir befohlen hierzubleiben, und die Zeltwand ist keine Mauer. Ich mußte euch hören. Aber es hat mir wehe getan. Wenn sie spricht, bäumt sich mein Herz.« »Also alles wie früher, Gerald?« »Wie sollte es anders sein! Ich bin keine Natur, die sich modelt. Ich kann vergessen, doch nicht verschmerzen.« Der Fürst schlang seinen Arm um die Schulter des Freundes. »Gerald, hör' zu. Erschrick nicht und jauchze nicht. Was ich dir sage, ist keine Gewißheit, sondern nur ein unbestimmtes Ahnen ... Sie kam hierher – um deinetwillen!« Als habe Mac Lewleß ein Faustschlag getroffen, so zuckte er zusammen, mit großen Augen Emich anstarrend, kalkig im Gesicht. Und im Ungestüm leidenschaftlich erwachender Hoffnung warf er sich an des Fürsten Brust. Ein Klirren vor dem Zelteingang ... Der Fürst riß die Leinwand zurück und trat hastig in den vorderen Raum. Sassenhausen stand salutierend, in beschmutzter Uniform und anscheinend zu Tode erschöpft, vor ihm. »Durchlaucht, melde ganz gehorsamst, daß die Patrouille geglückt ist. Die Vereinigung der Korps Berger und Dimitrowicz hat stattgefunden; die Reserven des Feindes sind nach den Rhodogasbergen zurückgedrängt worden. Der Nebel ist uns günstig. Das Gros der Sueven hat kaum eine Meile von hier, unweit des Marktfleckens Jübaschi, Lager bezogen und ahnt nichts von unsrer Stellung. Nichts, nichts, Durchlaucht – wie eine Hammelherde laufen die Kerle in ihr Verderben – – Verzeihung!«, und er schlug sich auf den Mund. Der Fürst lachte. »Ich verzeihe ... O du segensreicher Nebel – halt aus bis zum Frührot – und dann mag uns die Sonne leuchten!... Saß, du siehst toll aus!« »Durchlaucht – elf Stunden zu Pferde –« »Trink!...« Emich reichte dem Patrouillenoffizier den auf dem Tische stehenden gefüllten Feldbecher. »Gehorsamsten Dank. Auf Euer Durchlaucht Wohl –« »Und auf das deiner Mitra!... Saß, jetzt mag sie an dich denken. Hast heiße Sehnsucht im Herzen – ich glaub's... Ach, mein Junge, es geht dir wie mir!...« Ein Hahn krähte ... Im Röhricht am Moor erwachte das Leben: Zirpen, Schreilaute, Hämmern und Zwitschern. Ein Schwarm Trappen strich auf ... Noch immer hingen die Nebelschleppen dicht über der Erde. Aber sie waren nicht mehr grau. Ein flimmerndes Licht schoß in sie hinein, eine rote Lohe: der erste Gruß des neuen Tages. An der vordersten Linienreihe der Trancheen hörte man das Knattern einer Flintensalve, – ein paar kurze Anrufe – dann wieder das Kommando »Feuer!« und abermals knatterndes Gewehrfeuer. Das ging rasch vorüber. Zu sehen war in den roten Dünsten, die schwer und dick über die Erde strichen, so wenig wie zuvor. Ein kleiner Schwarm Reiter, suevische Aufklärer, die das Gelände sondieren wollten, jagte in rasender Karriere nach der Vorhut der Armee zurück. König Michael schlief noch, aber er wurde unsanft geweckt. Bei Valenta hatte sich der Feind verschanzt! Wo?! Bei Valenta! – König Michael, in Unterhosen und noch ach, wie verschlafen, ließ sich von seinem Adjutanten die Karte unter die Nase halten. Valenta – da lag's! Heilige Panagria, da hatte man ja den Feind dicht auf dem Leibe! Und wußte nichts davon ... König Michael brüllte, daß die Zeltwände zitterten. Den Kommandeur der Avantgarde! Den Chef des Generalstabs! »Lümmel, geb' Er mir meine Hosen!« Dies galt dem Kammerdiener ... Das Zelt füllte sich mit glitzernden Uniformen, während sich der König einen Eimer Wasser über den kurzgeschorenen dicken Kopf gießen ließ. Dabei brüllte er immer noch. Warum wußte man nichts von den Positionen des Feindes? Warum stand man wie ein Ochse vorm Scheunentor? – Der König liebte kräftige Ausdrücke ... Allgemeines Achselzucken: der Nebel allein trug die Schuld, nur der Nebel, der verdammte Nebel. Aber man mußte hindurch durch den Nebel, in Stücke mußte man ihn hauen – man mußte wissen, was sich alles hinter den Verschanzungen der Illyrier barg! Himmeldonnerwetter, warum umging man die Positionen nicht?! Unmöglich: ostwärts riesige Sumpfstrecken, im Westen die Sareb mit ihren gesprengten Brücken ... Neues Gefluche: dieser verdammte Nebel! Dann eine kurze, inhaltsschwere Generalstabssitzung ... Die Sonne wollte nicht Herrin des Nebels werden. Sie lugte schon über den Horizont und sandte goldene Pfeile in das dichte Gebräu hinein, das sie purpurn färbte, das aber immer noch Moor, Tal und Heide füllte, eine glühende Wolkenschicht. Und durch diese rosige Lohe galoppierte ein Kavallerieregiment: König Michaels Leibpanduren sollten die Bresche legen. Sie wußten, es war ein Todesritt. Allen voran ein stattlicher Offizier, mit dem blanken Stahl geradeaus weisend – die Schenkel heran und nicht die Sporen geschont – vorwärts in der Karriere – »Zivio! Zivio! ...« Der erste Anprall ist so furchtbar, daß die Postenkette der Illyrier über den Haufen geworfen wird. Aber nun gellen die Hörner und die Trommeln rasseln Alarm. Musketenfeuer von allen Seiten, ein unaufhörliches Knattern, dazwischen der dröhnende Einschlag der großen Eisenstücke. Verderben ergießt sich auf das prachtvolle Pandurenregiment; unter dem Speien der Geschütze sinken ganze Reihen danieder – aber die Überlebenden kämpfen mit Todesmut – ihre Säbel sausen herab – es ist ein Ringen und Würgen Mann gegen Mann. Blutleuchtend quellen und wogen die Nebelmassen. Die Sonne ist höher gestiegen. Der rote Dunst lichtet sich und fliegt gleich brennenden Schwaden empor. König Michael hält mit seinem Hauptquartier auf einer Anhöhe, dicht unter den still hängenden breiten Flügeln einer Windmühle. Er sitzt auf einem weißen Rosse mit Muschelzäumung und Purpurschabracke und hat ein Fernrohr in der Rechten, durch das er hinabspäht in den roten Nebel. Dieser Nebel ist nicht mehr undurchsichtig. Er gleicht nur noch einem feinen Schleier, den jeder Windzug in Fetzen zerflattern lassen kann ... »Meine braven Panduren!« stöhnt König Michael, das Glas am Auge; »sie kämpfen wie die Löwen – da – sind sie nicht schon an der Kehle der mittleren Batterie?! Ich seh' ihre weißen Röcke leuchten – General Paßwan, werfen Sie die Infanterie im Sturmschritt nach! Reitende Jäger rechts und links zur Deckung ihrer Flanken! Die Illyrier schlagen Pontons über den Sumpf! Rasch, rasch, eh' ihre Operationen beendet sind! ...« Ratatata – der Sturmmarsch dröhnt! ... Längst haben die Illyrier ihre Defensive aufgegeben. Zweifellos, dem ersten Ansturm sind sie unterlegen: die Michael-Panduren haben im Kartätschenhagel der Batterie Wunder verrichtet. Und plötzlich schweigt das Dröhnen der großen Geschütze. Aus dem Defilee von Valenta quellen, ehe noch die suevische Infanterie Zeit zur Aufstellung gewonnen hat, ungeheure Menschenströme hervor – eine glitzernde Schlange, die sich mit rasender Geschwindigkeit ausdehnt ... Vom Moor herüber schallen gelle Kommandos, rastloses Hämmern, der klingende Einschlag der Axthiebe. Über diesem lockeren, schwammigen Sumpf mit seinem grünlich schillernden Netz kleiner Kanäle wird es lebendig. Über diesen Sumpf rollen sich neue Menschenwogen, den Feind in der rechten Flanke zu fassen ... Und auch linker Hand, über den Wogen der Sareb, wachsen schwebende Brücken empor. Die Pioniere arbeiten, daß ihnen der Schweiß über die Wangen tropft. Die Koskull-Dragoner donnern über die Brücken; hinterher Kürassiere und ganze Fluten von Fußvolk. König Michael auf seinem weißen Rosse knirscht mit den Zähnen. »Wo kommen diese illyrischen Bestien nur alle her? ...« Es ist eine bittere Täuschung. Verdammter Nebel! Man hat die ganze Armee des Feindes vor sich. Nun hat die Sonne ihre Macht erwiesen. In blendender Pracht steht sie am blauen Himmel. Kein Nebel mehr. Über dem weiten Schlachtfeld liegt goldener Glanz ... Auf allen Seiten entspinnt sich der Kampf. Auch die illyrischen Batterien haben ihre Stellungen geändert; sie schützen den Aufmarsch an der Sareb, während vom Sumpfe aus schon die Bajonette der Leibgarde-Infanterie und des Regiments Fedor Konstantin herüberblitzen. Der Angriff gilt der rechten Flanke des Gegners ... Es ist ein mörderisches Fechten. Dem »Zivio« der Sueven schallt das »Zaó« der Illyrier entgegen und hüben wie drüben der Allahruf der eingestellten Mohammedaner. Brust liegt an Brust; in einem Knäuel menschlicher Leiber sieht man verzerrte Gesichter, geschwärzt von Pulverrauch und blutüberrieselt, glänzende Augen, aus denen die Mordlust strahlt ... Es ballt sich zusammen; über zertretene Menschenleiber stürmt das Leben, das sterben will. Bis zum Mittag schwankt die Entscheidung hin und her; auch die Sueven sind tapfer. Aber sie sind eingekeilt in ein furchtbares Dreieck, dessen eiserne Schenkel sie fester und fester umschließen. Nur die dritte Seite, die Rückzugslinie ist noch frei. Von dorther erwartet man die Reserven. »Wo sind die Reserven?!« keucht König Michael; »Himmel und Hagel, wo stecken sie nur?!...« Ja, wo sind sie? – Von den Generälen Berger und Dimitrowicz in die Schluchten des Rhodogasgebirges hineingeworfen, und an ihrer Stelle nähern sich nun jene beiden Korps in vereinigter Kolonne dem Rücken des Feindes, um auch die letzte Seite des Dreiecks zu schließen ... Die Mittagsglut scheint die Raserei der Kämpfenden noch zu steigern ... Der Hügel, auf dem König Michael mit seiner Suite hält, wird immer mehr eingeengt von den Wogen der Schlacht. Aber der dicke König sieht es nicht oder achtet nicht darauf. Er keucht, stöhnt und flucht; seine Befehle überstürzen sich; seine an sich schon rauhe Stimme klingt nur noch wie ein Krächzen ... Diesem Hügel entgegen sprengen die Garde-Heiducken Fürst Emics. Beim Rasseln des Sturmschlags folgt ein Regiment Infanterie. Wahnsinn – will man dem König selber zu Leibe?! – Ja, man will es! Fürst Emic galoppiert an der Spitze seiner Heiducken. Er will den König fangen – und damit die Schlacht und den Krieg beenden und seinem Lande Ruhe schaffen. Es ist keine Zeit zu verlieren. König Michael sieht die Gefahr nahen. »Die Reserven!« schreit er noch einmal auf; dann jagt er davon und setzt sich an die Tete der Tschegula-Reiter, seiner letzten intakt gebliebenen Kavallerie, deren Lanzenfähnchen wehen und deren Kürasse in die Sonne gleißen ... »Zaó! Zaó!« – Die Regimenter prallen aufeinander – ein wütendes Schlachten beginnt ... Emich pariert seinen schäumenden Gaul mitten im Kampfgewühl. Seine Hiebe sitzen; sein Stahl trieft. Aber man hat ihn erkannt. König Michael zeigt ihn seinen Panzerreitern. Gebrüll und Geheul füllen die Luft, Dröhnen und Knattern; die Sonne hat sich umdüstert, wolkengleich weht der Pulverrauch empor ... Zwei Schützer hat Emich zur Seite: Maffeo Veresco und Gerald. Sie wappnen seine Brust; ihre Klingen scheinen zu dampfen; jeder ihrer Hiebe bringt Tod. »Hund!« schreit Maffeo auf, und sein Stahl zischt auf einen Tschegula-Reiter hernieder, der sich dicht an den Fürsten herangedrängt hat und sein Pistol auf ihn abfeuert. Aber es ist zu spät. Auch Mac Lewleß schreit auf. Er kann nichts weiter tun, als Emich in seine Arme gleiten zu lassen. Der Fürst ist verwundet worden – eine Ohnmacht umfängt ihn. Der Kampf braust weiter. Doch einer Insel im Strome der Schlacht gleicht jene Stelle, da der Fürst mit blutender Wunde liegt. Gerald hält Emichs Kopf im Schoße. Maffeo hat ihm die Uniform aufgerissen und versucht, das quillende Blut zu stillen. Ringsum haben die Garde-Heiducken einen eisenstarrenden Wall gebildet, an dem sich die Flut der Feinde blicht. Der Kampf braust weiter ... Ratatata – nun auch im Süden illyrische Hörner, Sturmschlag und schmetternde Fanfaren. »Die Reserven!« jauchzt König Michael auf. Aber nein – er hat falsch gehört. Die Armeen Berger und Dimitrowicz sind es, die dem Feind in den Rücken fallen! Das eiserne Dreieck ist endlich geschlossen – die Zermalmungsarbeit beginnt. Ein einziger Schrei des Entsetzens gellt über das Schlachtfeld. Dann eine tolle und wahnsinnige Flucht, blutig und fürchterlich. Die Wunde Emichs war nicht schwer. Sie war verheilt, als er den Waffenstillstand unterzeichnete, den König Michael zur Einleitung der Friedensverhandlungen angeboten hatte. Dies geschah zu Gumurdja, einem Nest an der Grenze, mitten in den Morästen der Sareb, über denen beständig Wolken von Raben kreisten. Gumurdja war eine sogenannte Freistadt, ein neutraler Flecken, der bei der Grenzregulierung von 1878 vergessen worden war, eine Republik von drei Kilometer Umfang, die einen kleinen spitzen Keil in suevisches Gebiet hineinschob. Der alte Veresco, der den Fürsten in Valenta abholte, hatte vorgeschlagen, diesen Fetzen Land den Sueven zu überlassen; man kam den Besiegten mit Klugheit entgegen und forderte an Stelle jeder Kriegsentschädigung nur eine unbedingte Anerkennung der Rechte Illyriens auf den Natschali-Paß. So wünschte es Veresco, und der Fürst erklärte sich einverstanden. Er wollte nichts als sein Recht, keine Demütigung des Gegners. Er bot König Michael die Freundeshand. Das Hauptquartier und der persönliche Dienst waren in Valenta zurückgeblieben. Auch von der gegnerischen Seite wurde als Vertreter der Regierung nur Herr von Polzien erwartet. Diese Staatsaktion, die den Frieden auf dem Balkan wiederherstellte, sollte keine Augenweide für den Pöbel der Welt werden. Es war eine Versöhnung wie nach einem Zweikampf, und auch damit hatte der Fürst sich zufrieden gegeben, daß ein russischer Unterhändler, der General von Kaulen, als Unparteiischer fungierte. Emich wußte, daß sein Sieg den Panslawismus von neuem gereizt hatte, und wollte ihm entgegenkommen. Rußland sollte gehört werden. Man fuhr, begleitet von Bob, dem Kammerdiener, in einem Salonwagen von Valenta nach Gumurdja. Es war eine vierstündige Eilfahrt, durch strömenden Regen, der einen rinnenden Schleier über die Fensterscheiben warf. Veresco und Emich saßen sich gegenüber, beide blaß: der eine von dem kaum überstandenen Wundfieber, der andere vielleicht von den Anstrengungen der letzten Tage, die sein hohes Alter spürte. Sie sprachen auch nicht viel miteinander. Es war alles abgemacht und alles in Ordnung, es war nichts mehr zu erledigen. Es war aber auch seltsam, daß Emich nicht froh sein konnte. Veresco hatte nach der Schlacht von Valenta darum gebeten, wieder seine alte Staatsstellung einnehmen zu dürfen, und ohne weiteres hatte Emich dem Wunsche nachgegeben. Doch er wurde das Gefühl nicht los, daß der alte Illyrier nicht mehr der alte Freund war. Irgend etwas saß, stand, schwebte zwischen ihm und seinem Kanzler. Es lebte in der Luft und füllte sie mit einer feindseligen Stimmung. In der Dämmerstunde hielt der kleine Zug vor dem elenden Bahnhof, auf dessen Perron nur ein paar Petroleumlampen brannten. Alles war abgesperrt. Emich empfand ein starkes Unbehagen, und es legte sich auch nicht, als General von Kaulen ihn mit noch einigen russischen Offizieren in großer Unterwürfigkeit empfing und sogar deutsch anredete. Diese russischen Herren ärgerten Emich. Er war darauf nicht vorbereitet; es wäre ihm doch lieb gewesen, hätte er sein Hauptquartier mitgebracht. Er hatte im allgemeinen wenig Sinn für Feierlichkeit; immerhin – eine etwas stärkere Betonung seiner Stellung würde am Platze gewesen sein. Donnerwetter – er kam doch als Held und Sieger! – Aber er schluckte den Ärger herunter. Ein paar Wagen hielten hinter dem Bahnhof. General von Kaulen entschuldigte sich wegen der jämmerlichen Gefährte – aber in dieser seltsamen Republik – und er lachte – kannte man die Kultur des Westens nur vom Hörensagen. Es regnete noch immer. Emich, Veresco und Kaulen saßen in einer riesigen sogenannten Viktoriachaise mit Polstern aus rotverblichenem Sammet, der nach Mottenpulver roch. Man hatte die Fenster offen gelassen. Die Chaise rumpelte über schlechtes Pflaster und fuhr durch Wasserlachen. Man hörte das Klatschen und Spritzen. Pappeln huschten vorüber. Am Wege mußten auch Menschen stehn, doch in der Dunkelheit sah Emich nur schattenhafte Gebilde und vernahm ein leises Murmeln und Flüstern. Einmal erschien einer dieser Schatten dicht vor dem Wagenfenster. Eine heisere Stimme rief »Zaó«, und ein Brief fiel in den Schoß des Fürsten. Dann wurde der Schatten draußen zurückgerissen. General von Kaulen stieß einen kurzen russischen Fluch aus. »Bettelei«, sagte Veresco und nahm den Brief an sich. Eine Bettelei, wiederholte sich Emich. Derlei kam oft vor. Aber er spürte, wie sich plötzlich sein Heiz zusammenzog. Er spürte ein rasendes Bedürfnis nach freier Luft – ja, nach Freiheit! Am liebsten hätte er die Tür aufgerissen und wäre hinausgesprungen und hätte nach Maffeo, nach Saß, nach Mac Lewleß, nach seinen Getreuen gerufen. Dies Gefühl verstimmte ihn. Es war kindisch. Es war eine letzte Nachwirkung des Wundfiebers, eine krankhafte Angstbeklemmung. So ließ es sich deuten. Unsinn! Konnte er sicherer sein, als hier auf neutralem Gebiet? Und saß nicht sein erster Minister neben ihm? Und wollte man nicht dem besiegten Feinde den Frieden diktieren?. Nun floß heller Lichtschein in den Wagen. Vor dem Gasthofe des Städtchens standen Leute mit Fackeln. Die Flammen flackerten hoch. Emich sah niedrige Häuser, die vor der Helle zurückzuweichen schienen, und ein Gewimmel von Menschen. Das alles kam ihm merkwürdig unwirklich vor, und er sagte sich wieder, daß er doch noch immer an leichten Fieberanfällen leiden mußte. Vielleicht war es auch die verdammte Sumpfluft, die ihm auf die Nerven fiel. Ein roter Teppich war über die Straße bis an den Wagen gelegt worden. Emich hatte das Gefühl, in Blut zu treten. Dann verfing sich sein rechter Sporn in einem Riß des Teppichs. Ein Paar Arme fingen ihn auf. »O – Euer Durchlaucht«, rief eine scharfe Stimme, aber in heiterem Tonfall. Ein schlanker Mann, barhäuptig, eng in seinen schwarzen Überrock geknöpft, verneigte sich ehrfurchtsvoll. »Ich habe die Ehre, Euer Durchlaucht untertänigst zu begrüßen«, sagte er. »Guten Abend, Herr von Polzien«, entgegnete der Fürst. Nun stockte sein Fuß nicht mehr. Eine Musikbande mußte auf dem Platze stehen. Die illyrische Nationalhymne ertönte, dann die suevische. Auch die Musik hielt auf Neutralität. Der Wirt des Hauses war in schmierigem Frack. Er dienerte unendlich tief. »Bob!« rief der Fürst. »Durchlaucht zu Gnaden?« »Nicht erst auspacken. Ich denke, wir werden in zwei Stunden weiterfahren können. Ist die Bahnlinie nach Garica frei und können wir unsern Salonwagen behalten?« Die Frage war an Veresco gerichtet. Der Herzog verbeugte sich stumm. Sein altes faltenzerrissenes Gesicht war weiß wie Linnen. Der Eßsaal des Gasthauses war als Konferenzzimmer eingerichtet. Ein kahles Gemach mit niedergelassenen Rouleaus vor den Fenstern. Die Rouleaus bestanden aus Wachstaffet; auf jedes war eine Alpenlandschaft gemalt, von einem knallblauen Rahmen umgeben. An einer Wand hing ein Abreißkalender. Auf dem langen Tisch in der Mitte des Zimmers standen ein paar Armleuchter, die einer Kirche entnommen schienen, dazwischen Tintenfässer. Vor einigen Plätzen lagen Papierbogen, Bleistifte und Federhalter. Die drei Türen wurden geschlossen. Fürst Emich sah nicht, daß draußen vor jeder Tür einer der russischen Offiziere Wache hielt. Nun waren die vier Herren allein: der Fürst, Veresco, der Geschäftsträger Sueviens und der General von Kaulen. Herr von Polzien war sehr aufgeräumt. Er machte ein paar lustige Bemerkungen über die Umgebung, war aber von respektvoller Liebenswürdigkeit gegen Emich. Er schien jede persönliche Gegnerschaft vergessen zu haben. »Beginnen wir«, sagte der Fürst und nahm Platz. Es währte nicht zwei Stunden, sondern nur fünfundzwanzig Minuten. Herr von Kaulen verlas die Protokolle. Suevien verpflichtete sich zur Räumung des Natschali-Passes, die binnen drei Tagen gewährleistet wurde. Dann sollte der vorläufige Waffenstillstand automatisch in den Friedensschluß übergehen. Illyrien sah von einer Kriegsentschädigung ab und erklärte seine Zustimmung zu der Überlassung des bisherigen Gebiets von Gumurdja an das Nachbarland. Beide Kontrahenten gaben schließlich die feierliche Versicherung ab, daß unter ihren Mächten fortan »Friede herrschen« sollte. Veresco und Polzien unterzeichneten für ihre Regierungen, dann setzte auch General von Kaulen seinen Namen als »Bürge« unter das Protokoll. Emich atmete tief auf und erhob sich. »Ihre Hand, Herr von Polzien«, sagte er. »Wir haben Frieden geschlossen. Auch Sie und ich.« Der Rücken des Staatsrats krümmte sich. Emich fühlte eiskalte Finger in seiner Hand. Dann sah er, daß Veresco wankte. »Mein Gott,« rief er, »Veresco, was ist Ihnen?!« »Nichts, Durchlaucht,« entgegnete der alte Mann und straffte sich, »eine Schwäche überfiel mich – sie ist vorüber – und sie war erklärlich in diesem – diesem schwersten Augenblick meines Lebens. Euer Durchlaucht sind Herr geworden über den Gegner, und nun bitte ich Sie: seien Sie auch ein getreuer Diener des Staates, den Sie so heiß lieben wie ich. Fügen Eure Durchlaucht sich dem unvermeidlich Gewordenen und räumen Sie den Platz der provisorischen Regierung!« Er hatte ein Aktenstück aus der Tasche gezogen und legte es auf den Tisch. Emich warf nur einen Blick auf das Papier und sah: es war seine Abdankungsurkunde. Die drei russischen Offiziere, die vor den Türen Posten standen, hörten einen kurzen Aufschrei. Der Fürst war totenbleich. Er nahm das Dokument und machte eine Bewegung, als wolle er es zerreißen. Aber er tat es nicht. Er warf das Papier wieder auf den Tisch. »Warum das?« fragte er. Seine Stimme klang hell und fest. Veresco trat näher. Der Greis war in gewaltiger Erregung. Er mußte sich erst sammeln, ehe er weiter sprechen konnte. »Euer Durchlaucht werden sich entsinnen,« sagte er »daß ich vor diesem Kriege gewarnt habe. Ich wußte, daß Sie siegen würden, und wir durften nicht zu groß für Rußland werden. Nun ist es gekommen, wie ich ahnte. Der Zar schickte drei Armeekorps an die Grenze, um Suevien zu unterstützen. Da griff ich ein. Vernichten lassen wollte ich Illyrien nicht. Ich habe Illyriens Freiheit durch das Versprechen Ihrer Abdankung erkauft.« »Und haben Ihren Fürsten in eine Falle gelockt«, rief Emich schneidend. »Wird das Volk Ihnen danken?« »Ich halte die Zügel fest in meinen alten Händen, Durchlaucht. Dankbarkeit ist keine Volkstugend. Wie man Ihnen zujubelte, so wird man auch den neuen Herrscher empfangen, den Rußland durch die Tore von Garica läßt.« Emich lächelte bitter. »Steht er schon im Vorzimmer, der Nachfolger?« Veresco überhörte den gereizten Ton. »Ich führe vorläufig mit dem bisherigen Ministerium die Regierung weiter«, entgegnete er. »Nur mein Sohn scheidet aus.« »Armer Maffeo«, sagte der Fürst. »Und was wird sonst mit meinen Getreuen im Lande?« »Ich mußte Verhaftungen vornehmen lassen, und Ausweisungen werden folgen. Aber in wenigen Tagen wird die Ruhe wiederhergestellt sein.« Der Blick Emichs flog durch das kahle Zimmer und blieb auf dem Abreißkalender auf der Wand haften. Eine große schwarze Acht stand auf dem Blatte. An diesem achten wurde ein Held zum Gefangenen – und ein ganzer Mann wurde heimtückisch erwürgt. Herr von Polzien hatte sich in eine Ecke zurückgezogen. Er hielt den Kopf gesenkt. Das Auge des Fürsten traf auf den russischen General. »Was hat man mit mir vor, Exzellenz?« fragte er. »Ich habe den Allerhöchsten Auftrag,« erwiderte Herr von Kaulen, »Euer Durchlaucht zu bitten, mir auf russischen Boden zu folgen. In Reni werden Euer Durchlaucht von dem Großfürsten Fedor Konstantin erwartet.« Emich sah sich um. Ihm war, als höre er unter den Fenstern ein leises Waffenklirren. Da nahte sich wieder Veresco, haschte nach seiner Hand und küßte sie. »Fürst Emic,« sagte der Alte, und der Strom seiner Seele schwang mit in seiner zitternden Stimme, »du warst mir mehr als mein Sohn, du warst wie Fleisch und Blut von mir, du bist noch immer ein Stück meines Heizens. Schmähe mich – und wenn deine Hand mich schlagen will, ich werde nicht zucken. Was ich tat, geschah um Illyriens willen. Ich kann auch leiden meinem Lande zuliebe. Du, Fürst, bist noch jung, und die Jugend wird dein Leid lindern und dir die Überwindung erleichtern. Sieh, du ziehst ja als Sieger von dannen und nicht als geschlagener Flüchtling. Daheim wartet ...« Mit einer schroffen Handbewegung hieß Emich ihn schweigen. Ohne ihn anzusehen griff er zur Feder, und während er seinen Namen unter die Urkunde setzte, sprach er halblaut und doch jedes Wort bewertend: »Rußland als Schützer Illyriens ...« Die Feder flog auf den Tisch zurück. Die Tinte spritzte über das Leinen ... »Pfui Teufel! ...« Der Fürst erhob sich. »Exzellenz Kaulen, ich bin bereit ...«