Die drei Seejungfrauen vom Mummelsee Im Tal von Oberkappel, wo der Weg hinaufführt zum Mummelsee, liegt der Zinken Seebach. Wie in vielen Gegenden Deutschlands war es auch dort noch im letzten Jahrhundert Sitte, daß sich die jungen Mädchen mit ihren Spinnrädern in einer Wohnung abwechselnd versammelten, um sich beim Spinnen mit Plaudern und Singen die Zeit zu vertreiben. Eines Abends öffnete sich beim Hofbauer Erlfried leise die Türe zur Spinnstube, und drei weißgekleidete Seejungfrauen traten herein, jede mit einem niedlichen Spinnrädchen in der Hand. Sie baten die anwesende Gesellschaft, an der Unterhaltung in der Spinnstube teilnehmen zu dürfen, was augenblicklich zugestanden wurde. Den Seefräulein gefiel es an diesem Abend so gut, daß sie von nun an in keiner Spinnstube mehr fehlten. Sobald es dämmerte, stellten sie sich mit ihren Spinnrocken ein, und mit dem Glockenschlag elf nahmen sie Kunkel und Hanf und verschwanden wieder, es half kein Bitten und Betteln. Niemand wußte so recht, woher sie kamen, doch ging das Gerücht um, die Fräulein seien aus dem Mummelsee. Seit sie die Spinnstuben zu besuchen pflegten, fanden sich Burschen und Mädchen noch einmal so gern ein, ging die Arbeit rascher von der Hand, brachten die Spinnerinnen jedesmal vollere Spulen und feineren Faden nach Hause. Nur eines gefiel allen nicht: daß die Fräulein immer um Schlag elf Uhr aufbrachen und die Stube verließen. Ein Bursche konnte es daher nicht unterlassen, eines Abends die hölzerne Wanduhr um eine Stunde zurückzustellen. An diesem Abend verging die Zeit besonders schnell. Um elf Uhr entfernten sich die Seefräulein wie gewöhnlich. Es war aber Mitternacht, ohne daß sie es wußten. Am Morgen darauf gingen Holzhauer am Mummelsee vorüber. Da vernahmen sie aus der Tiefe ein seltsames Wimmern und Stöhnen, und auf der Wasseroberfläche schwammen drei große Blutlachen. Seither wurden die Seejungfrauen nicht mehr gesehen. Der Bursche, der die Uhr nachgestellt hatte, erkrankte schon am Tag darauf und war nach drei Tagen eine Leiche.