Carsten Hinz Gustav Schumacher (ehedem Pastor in Tönning) Der ›Mordfall Carsten Hinz‹ und die letzte Hinrichtung auf Eiderstedt Neuauflage des 1844 erschienenen Berichts »Das Leben, das Verbrechen und die Bekehrung des Mörders Carsten Hinz, von ihm selber aufrichtig erzählt« Vorbemerkungen des Herausgebers Der Mord, den Carsten Hinrich Hinz (geb. am 28.8.1815 in Witzwort) in der Nacht zum 25.10.1841 in Oldenswort verübt hatte, schlug damals hohe Wellen: Selbst der dänische König besuchte Hinz, der bereits kurz nach der Tat in Verdacht geraten und ins Gefängnis nach Tönning gebracht worden war. Seelsorgerisch betreut wurde Hinz von dem dortigen Pastor Gustav Schumacher (geb. am 20.1.1802 in Husum) und zeitweilig auch von Pastor Havenstein aus Cating. Schumacher gelang es erst am Buß und Bettag (12. Mai) 1843, Hinz nicht nur zum Glauben an Gott zu bekehren, sondern ihn auch zu bewegen, ein Geständnis abzulegen. Danach verschaffte Schumacher dem geständigen Mörder Papier und Stift, um seine Lebensgeschichte, seine Tat und seine Bekehrung zu Gott zu Papier zu bringen. Im Oktober 1843 fand im »landschaftlichen Hause«, dem Gerichtsgebäude in Tönning, der öffentliche Prozess statt. Das Urteil blieb jedoch geheim, bis es an das »Ober-Criminalgericht«, dann an das »Ober-Appellationsgericht« und schließlich an den König weitergeleitet wurde, der erst nach fünf Monaten seine Entscheidung traf. Am 3. April 1844 fand die Urteilsverkündung statt. Das Gericht hatte Hinz zum Tod durch Rädern verurteilt, der König milderte das Urteil allerdings ab in Enthauptung durch das Beil. Am 16. April wurde das Todesurteil auf dem Robbenberge in Tönning vor mehr als tausend Schaulustigen vollstreckt. Bald darauf veröffentliche der Geistliche das von Hinz in der ›Todeszelle‹ verfasste Buch unter dem Titel »Das Leben, das Verbrechen und die Bekehrung des Mörders Carsten Hinz, von ihm selber aufrichtig erzählt, mit einigen Zusätzen herausgegeben von Gustav Schumacher, Pastor in Tönning«. Das jetzt neu aufgelegte und überarbeitete Buch erlebte seinerzeit mehrere Auflagen, ist im Original aber sehr selten. Es beschreibt die letzte Hinrichtung auf Eiderstedt und nach Eiderstedter Recht und enthält zum Teil scharfe Gesellschaftskritik: Gefängnisse sollten laut Schumacher eigentlich Besserungsanstalten seien, doch erst dort wurde aus einem ›Taugenichts‹ ein Mörder. M.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand Zu dieser Neuauflage »Gedruckt bei P. S. Schönfeldt« in Itzehoe, erschien 1844 ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes Buch: Autor – Carsten Hinrich Hinz – war ein wegen Mordes in Tönning zum Tode verurteilter Strafgefangener; Thema neben einer Art ›Autobiographie‹ des Täters dessen grauenhafter Mord; und Herausgeber jener Tönninger Pastor Gustav H. L. Schumacher, der Hinz im Gefängnis zum Verfassen dieses Buches ermuntert, ihn dabei unterstützt und von der »Untersuchungshaft« an bis zur Enthauptung auf dem Robbenberg Hinz als Seelsorger begleitet hatte. Zudem prangerte ein Pastor die Missstände im Strafvollzug an und übte scharfe Gesellschaftskritik: Der Mörder Hinz war keineswegs ›als Verbrecher geboren worden‹; zunächst hatte nur schlechte Erziehung ihn zu einem ›Taugenichts‹ werden lassen, doch zum Mörder wurde er erst durch die Strafanstalten , »welche Verbesserungsanstalten sein sollten«. Detailliert beschrieben wurde auch, wie 1844 die letzte Hinrichtung auf Eiderstedt und nach Eiderstedter Recht stattfand – und wie es dem evangelischen Pastor Schumacher (unterstützt durch Pastor Havenstein in Cating) gelang, einen Mörder zur Bekehrung zu Gott und zum Geständnis seiner Tat zu bewegen. Obwohl dieses Buch mindestens drei Auflagen erlebte, ist das Original sehr selten, zudem in der inzwischen schwer lesbaren altdeutschen Schrift gedruckt und es enthält eine Reihe heute schwer verständlicher Passagen und Begriffe. In dieser Neuauflage wurden bewusst der damalige Stil und die damalige Rechtschreibung beibehalten, das Schriftbild jedoch den heutigen Erfordernissen angepasst und, wo es sinnvoll erschien, früher gebräuchliche Begriffe und Formulierungen kurz erläutert; der Buchtitel wurde ›aktualisiert‹: Anders als heute waren ›Carsten Hinz‹ und seine Tat seinerzeit weithin bekannt; selbst der dänische König hatte den ›prominenten‹ Häftling im Gefängnis zu Tönning besucht. Zum Herausgeber sei kurz vermerkt: Vgl. Joachim Conrad: Schumacher, Gustav, Heinrich, Ludwig; in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XXIV (2005), Sp. 1311-1316. Gustav Heinrich Ludwig Schumacher wurde am 20. Januar 1802 in Husum geboren. Nach Theologiestudium und Vikariat trat er am 28. 8. 1838 sein erstes Pfarramt in Tönning an. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er einen zweibändigen historischen Roman aus der Zeit des 10. Jahrhunderts, »Gorm der Grausame, König von Dänemark«, Ein Exemplar findet sich in der Bibliothek der Humboldt-Universität (Berlin), Signatur Ling. 9178. veröffentlicht. Während 1844 Hinz' posthume Veröffentlichung durch Schumacher »lediglich« obrigkeitskritisch war, galt »Gorm der Grausame« sogar als radikale Abrechnung mit der dänischen Herrschaft. 1848, unter König Friedrich VII. von Dänemark, wurde Schumacher drei Tage lang in Friedrichstadt gefangen gesetzt, kehrte zwar 1849 nach Tönning zurück, wurde aber im November 1850 von den Dänen aus dem Dienst entlassen und kam in Arrest nach Odense. Ab März 1851 lebte er dann einige Monate lang unter Polizeiaufsicht bei seinem Bruder in Flensburg. Später bekam er eine Pfarrstelle in Gersweiler/Saar. Ende April 1860 wurde er in den Ruhestand versetzt. Er starb am 26. Januar 1863 in Barmen. Manfred-Guido Schmitz Vorwort Im Jahre 1841, in der Nacht vom 24sten auf den 25ten October, war in der Landschaft Eiderstädt, im Kirchspiel Oldenswort, in Einem Hause ein zwiefacher Raubmord verübt worden. Ein alter Bauer, mit Namen Hamann, wohnte mit seiner Frau und einer jungen Dienstmagd allein; – das Haus liegt nahe an der Landstraße, von mehre[re]n Bauer[n]höfen umgeben. Am Morgen nach jener Nacht wurden vorüberziehende Ochsentreiber durch den Angstruf der alten Frau herbeigezogen; das ganze Haus zeugte von gräulicher Gewaltthat; Fenster, Koffer und Schränke waren erbrochen; die Wände und Dielen mit vielem Blute bespritzt; in der Stube lag Hamann, in einer Kammer das Mädchen, beide durch viele Wunden, die von einem Beile herzurühren schienen, entstellt. Die Magd ist freilich, obwohl sie tödtlich verwundet schien, wie durch ein Wunder geheilt, und lebt; der Bauer starb nach zweien Tagen. Die Verwegenheit und brutale Grausamkeit, mit der offenbar die That mußte vollbracht sein, erfüllte die ganze Landschaft mit Schreck und ungewöhnlicher Erbitterung gegen den oder die noch unbekannten Mörder. Die Stimme des Volkes bezeichnete bald diesen, bald jenen übelberüchtigten Menschen als den muthmaßlichen Täter; und den so raschen als guten Maaßregeln der Obrigkeit gelang es, schon nach Verlauf einer Woche, einen jungen Menschen, Namens Carsten Hinz, eines armen Tagelöhners Sohn aus Witzwort, einzuziehen [festzunehmen], welchen wegen Diebstahls zweimal im Zuchthause gewesen, so eben von dort wieder zurückgekehrt, und durch mancherlei Umstände jenes Doppelmordes höchst verdächtig geworden war. Am 30sten October wurde dieser Mensch in Tönning, wo das landschaftliche Stockhaus liegt, eingebracht; auf dem Wege zum Gefängniß konnte die Polizei ihn kaum gegen die Wuth des Volkes und gegen die Steinigung schützen. Die Untersuchung begann; die Indicien und Beweise häuften sich auf eine schreckliche Art; unaufhaltsam drang das Gericht mit Fragen, der Prediger mit Belehrungen, Ermahnungen und mit Drohungen des göttlichen Zornes auf den Inculpaten [Beschuldigten, Angeklagten] ein; das wiedergenesende Mädchen, die Wittwe des gemordeten Hamann, ja die eigenen Eltern des Menschen legten Zeugniß wieder ihn ab. Sieben viertel [1¾] Jahre aber wußte Carsten Hinz diesem allen eine theils wahre, theils erheuchelte Ruhe entgegenzustellen; sieben viertel Jahre hat er in jedem Verhör alle Umstände, die seine Schuld zu beweisen schienen, mit dem hartnäckigsten Leugnen oder Schweigen, als etwas ihm völlig Fremdes, von sich gewiesen; – und trotz aller Zeugnisse gegen ihn hat sowohl das Gericht, wie das Publicum, fast während der ganzen Zeit zwischen der Ansicht geschwankt, ob Carsten Hinz dennoch unschuldig, und ob nur durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände der Schein der Schuld auf ihn gefallen, oder ob er ein Bösewicht sei der seltensten Art und von kaum glaublicher Verhärtung. Der Erfolg hat endlich bewiesen, daß er das Letztere und der alleinige Thäter jenes gräulichen Doppelmordes gewesen ist. Um so mehr war er ein Abscheu der Menschen geworden. Gott aber weiß auch steinerne Herzen in fleischerne zu verwandeln (Ezech. 36, 26); denn Er hat Geduld mit uns, und will nicht, daß Jemand verloren werde, sondern daß sich Jedermann zur Buße kehre (2. Petri 3, 9) und lebe. Davon giebt die Geschichte des Carsten Hinz, die in vorliegenden Blättern von ihm selber aufrichtig erzählt wird, ein so überzeugendes, als ergreifendes Beispiel. Nachdem nämlich Carsten Hinz von einer Sünde zur andern, von einem Laster und Verbrechen zum andern stufenweise, bis zu vorsätzlicher Blutschuld hinabgestiegen war, ward er endlich von der Hand der göttlichen Gnade mächtig ergriffen; und wir hoffen zu Gott, daß nun seine Seele wie ein Brand aus dem Feuer gerissen und vom Tode errettet ist. Sein ganzes Gemüt hat seit Kurzem aufrichtig sich dem zugewandt, welcher spricht: »Bekehret euch zu mir, denn ich erlöse euch!« Gleichwohl blickte Carsten Hinz bald nach seiner Bekehrung mit großer Niedergeschlagenheit auf sein verlornes Leben zurück; und Schmerzen der Buße ließen ihn anfänglich die Freude noch nicht rein fühlen, welche er, in der Gewißheit, daß sein Erlöser lebt, zu finden hoffte. Bei einem meiner Besuche in seinem Kerker stellte ich deshalb dem armen Menschen die Aussicht, daß er das unsäglich Böse, welches er seinen Mitmenschen zugefügt, zwar nie wieder gut machen, daß er aber doch der Welt noch nützlich und segensreich werden könne. Ueber diesen Gedanken strahlten seine Augen vor Freude, dann aber blickte er auf seine Ketten hinab, und versank in noch größere Traurigkeit, und seufzte: »Ja, wenn ich frei wäre –«. Ich wußte, was er sagen wollte. »Und bist du denn nicht frei?«, rief ich; – »hat nicht die Wahrheit dich frei gemacht? denn bist du nicht von der Nacht und Finsterniß der Sünde erlöset? und war das nicht ein viel schrecklicheres Gefängniß, als dieses, das dich nur leiblich gefangen hält? Dein Geist ist frei! wohlan, benutze diese Freiheit; schreib aufrichtig und wahr deine Lebensgeschichte nieder, die Gnade Gottes würdigt dich vielleicht, daß du solchen Elenden, wie du selber Einer gewesen bist, eine heilsame Warnung wirst; und wenn auch nur eine Seele durch dein Beispiel gewarnt und vom ewigen Todes gerettet werden sollte.« – Er ließ mich nicht ausreden: »O, wenn das möglich wäre!« rief er und zitterte vor Freude und Ungeduld. Ich versicherte ihn, daß dies sehr möglich sei, und mußte ihm nun versprechen, daß ich die Erlaubniß zum Schreiben ihm erwirken, und das, was er schreiben würde, für den Druck überarbeiten wolle. Noch desselben Tages machte er sich mit glühendem Eifer als Werk; gleichwohl, so oft ich ihn unter der Arbeit besuchte, fand ich ihn von tiefer Wehmuth ergriffen und sehr niedergeschlagen. »Ich habe es Ihnen einmal versprochen,« – sagte er zu mir; »und ich hoffe ja auch zu Gott, daß es manchem Menschen heilsam werden kann; – aber ich wünschte, die Arbeit wäre beendigt; ich habe sehr viel Arg' davon, mich an alle meiner früheren Schandthaten zu erinnern, und in ein Leben zurückzublicken, welches so ganz gottlos und verloren hinter mir liegt. Indeß lese und bete ich oft unter der Arbeit, und hoffe, Gott werde mir die Kraft geben, sie zu Ende zu bringen.« Einmal versicherte mich Carsten, daß er die Schmerzen der Buße, welche er beim Schreiben fühle, als eine gerechte Strafe von Gott ansehe, und in Geduld tragen wolle. Der Gefangenenwärter bestätigte es mir auch, daß Carsten beim Schreiben immer sehr niedergeschlagen wäre; dann aber stundenlang in den Erbauungsbüchern, die ich ihm gegeben, oder in der Bibel, zu lesen pflege, und daß er auch oft ihn laut und anhaltend beten höre. Auf diese Weise war Carsten Hinz in einigen Wochen mit seiner Lebensbeschreibung fertig geworden, und übergab sie mir zur weiteren Ueberarbeitung. Der Leser findet sie in den vorliegenden Blättern treu wiedergegeben. Die wenigen Zusätze, die ich mir hin und wieder erlaubte, und, des leichteren Lesens wegen, in den Context mit aufnahm, habe ich theils aus den mündlichen Mittheilungen des Inculpaten, theils aus den gerichtlichen Acten entnommen. Eigene Anmerkungen habe ich unter den Text verwiesen. Außer manchen Abkürzungen, welche, um nicht zu ermüden, nothwendig erschienen, habe ich den dem Manuskript des Inculpaten fast nur Sprachfehler zu verändern gefunden. Vornämlich bei solchen Stellen, wo Carsten Hinz Thatsachen erzählt, oder die Motive seiner Handlungen, seine Reflexionen vor und nach der That, den Zustand seines Gemüthes in seinen verschiedenen Lebensverhältnissen; – kurz, wo er sein äußeres oder inneres Leben beschreibt, habe ich vor Ausschmückungen mich sorgfältig gehütet. Wie im Gespräch, so auch schriftlich, bedient Carsten, seit seiner Bekehrung, sich der religiösen Sentenzen und Bibelsprüche häufig; doch glaube ich nicht, daß darin irgend etwas Gesuchtes liegt; – ich halte es entschieden für das Feuer der ersten Liebe zu seinem Erlöser, welches ich nicht dämpfen mögte [mochte]. – Indeß wird der Leser vielleicht finden, daß Carsten bei gewissen fürchterlichen Erinnerungen aus seinem Leben eine Art roher Beredtsamkeit entwickelt, welche einem ganz ungebildeten und des Schreibens ungewohnten Menschen nicht natürlich scheinen dürfte; – ist aber nicht eben die Wahrheit der Empfindung die einzig wahre Beredtsamkeit? und eine Feile des Herausgebers würde bei solchen Parthien viel mehr entstellt, als verbessert haben. – Gleichwohl will ich nicht in Abrede stellen, daß es bei der Herausgabe dieses Büchleins mir gegangen sein mag, wie jedem Uebersetzer , der sich der Treue befleißigt, und doch – in seine eigne Sprache übersetzt. Das Gesagte mag über die Art, wie dieses Büchlein entstanden ist, genug sein; – noch ein Wort über seine Absicht. Es hat drei Classen von Lesern vor Augen: Carsten Hinz hoffte, daß die Geschichte seines Lebens und seiner Bekehrung manchem unbußfertigen und verzagten Sünder lehrreich, ermahnend und tröstlich werden könne. Nächst diesem größern Publicum habe ich Euch, geliebte Amtsbrüder , das Buch widmen wollen, glaubend, daß es einige Winke und Erfahrungen enthalten wird, nicht ganz unbrauchbar denjenigen unter Euch, welchen je die schwere Pflicht zu Theil werden sollte, Seelsorge zu üben an einem ganz unwissenden und verstockten Verbrecher. Wenn ich nicht irre, so findet sich auf diesem Punkte unserer, sonst so reichen Pastoralliteratur eine große Lücke; und ich habe zur Ausfüllung ein Steinchen mit zutragen [beitragen] wollen. – Endlich wünschte ich, daß noch eine dritte Classe von Lesern diesem Buche einige Aufmerksamkeit schenken möge; sofern nämlich in demselben hingewiesen wird auf die Beschaffenheit unserer Strafanstalten, wie sie nicht sein sollten. Ich weiß zwar, wie viel leichter es ist, zu tadeln, als besser zu machen; weiß auch, daß das, was zum Nachtheil unserer Zuchthäuser hier gesagt wird, schon oft und nachdrücklich ist gesagt und geklagt worden; ohne daß es bisher der Gesetzgebung oder der Administration der Anstalt hat gelingen wollen, den Grund der Klage zu beseitigen. Im Munde des Volks heißt das Zuchthaus: die Hochschule für Verbrecher; und daß es das ist, davon liefert die Geschichte des Carsten Hinz einen neuen schrecklichen Beweis. Aber gegen ein so offen vorliegendes, wahrhaft entsetzliches Uebel muß, muß ein Gegenmittel gefunden werden; und bis es wird gefunden sein, darf Keiner, den Umstände dazu berufen, ermüden, die Nothwendigkeit des Suchens in Erinnerung zu bringen. Möchte denn das, was über diese Sache hier vorkömmt, einer der Tropfen werden, welche jenen Fels des Aergernisses endlich aushöhlen müssen. Und so, liebes Büchlein, geh' nun mit Gott hinaus unter die Leute, und sieh' zu, was du bei ihnen gelten und Gutes ausrichten kannst; denn daß du nicht Böses in der Welt thun wirst, trau' ich dir zu. Daß du aber wegen deiner Unbedeutendheit von vielen Leuten wirst übersehen, und wegen deiner Ungelehrsamkeit von Andern wirst bekrittelt, und sogar wegen deiner guten Meinung und Frömmigkeit von Menschen wirst bespöttelt werden, – darauf bist du gefaßt, und wirst es dich nicht verdrießen lassen. Wenn aber die Leute an der Gränze deines Ortes gar dich zurückweisen und sprechen sollten, du wärest nicht, was du dich nennst, so sollst du ihnen diesen Paß vorzeigen: »Wahrhaftige Erzählung der Schicksale und der Bekehrung eines Mörders, aufgezeichnet von ihm selber, als er bekehrt war; bestätigt aus den gerichten Acten und den glaubwürdigen Mittheilungen des Gefangenenwärters; beleuchtet und mit Anmerkungen versehen von seinem Seelsorger; und geschrieben zur Ehre Gottes, welcher nach seiner Gnade aus dem Büchlein machen wird, was Er will.« Tönning, im Mai 1844 G. Schumacher. Das Leben, das Verbrechen und die Bekehrung des Mörders Carsten Hinz, von ihm selber erzählt I. Die Kindheit des Inculpaten. Das elterliche Haus;– die Schule; – die Confirmation. Ich will nach der Wahrheit erzählen, wie ich von Anfang, bis auf diesen Tag, mein Leben in der Welt zugebracht habe. Ich bin geboren in Witzwort, einem Kirchspiel in der Landschaft Eiderstädt, den 28. August 1815, und habe in der heil. Taufe den Namen Carsten Heinrich Hinz empfangen. Wir sind unser fünf Geschwister, davon ich, dem Alter nach, der Mittlere bin. Meine Eltern sind arm, und verdienen durch Tagelohn bei den Bauern ihr tägliches Brod; das Häuschen aber, in welchem sie seit reichlich dreißig Jahren wohnen, ist ihr eigen; auch haben sie immer einige Schafe gehalten. So lange wir Kinder noch klein waren, pflegten meine Eltern einen Knaben zu miethen, der die Schafe am Wege (denn andere Weide haben in Eiderstädt die armen Leute nicht) hüten mußte. – Da meine älteste Schwester neun Jahre alt war, mußte sie die Hütung der Schafe besorgen; danach mein Bruder, und als ich in dies Alter eintrat, kam ich an die Reihe. – Ich war neun Jahre alt, und hatte noch nie eine Schule besucht. Aus den Jahren, da ich die Schafe hüten mußte, weiß ich mich nur wenig zu erinnern; aber so viel weiß ich wohl, daß ich viele Langeweile hatte; und daß ich schon damals, vermuthlich eben aus Langeweile, anfing, allerlei Kleinigkeiten zu stehlen; denn von Gott und seinem Worte hatte ich nichts gelernt. Wenn die Bauern, die auf dem Felde arbeiteten, Mittags nach Hause gingen, so schlich ich mich zu ihrem Ackergeräth, und stahl ein Tau, eine Kette, eine Peitsche, oder was sie sonst an Kleinigkeiten auf dem Felde hatten liegen lassen. Das Gestohlene verbarg ich, bis ich zum Verkaufen Gelegenheit fand; – denn nach Hause durfte ich nichts mitbringen. Ich kann erinnern, daß einmal mein Vater mich um ein Stück Tau, das ich gestohlen, hart gezüchtigt hat; auch hat er mich mehre Male sehr ernstlich gestraft, wenn mich die Nachbarn wegen Gartendiebstahl bei ihm verklagt hatten. – Mein Vater hatte mich lieb, darum züchtigte er; und sein ist die Schuld nicht, wenn die Ruthe der Zucht das Böse aus meinem Herzen nicht hat austreiben können. Zur Steuer der Wahrheit muß ich bemerken, daß Carstens's Eltern, wenn sie gleich nie eine Criminalstrafe erlitten haben, doch in der Umgegend übel berüchtigte Leute sind; – daß ihre Kinderzucht an seinem Verderben mit Schuld hatte, ist um so eher zu vermuthen, da auch sein älterer Bruder als Dieb im Zuchthaus gewesen ist. – Während des Winters lehrte mich meine Mutter lesen, und etwas weniges schreiben, und ließ mich Gebete auswendig lernen; aber ich verstand nichts von dem, was ich las und wußte nicht, was das Beten bedeute; denn meine Eltern wissen selber von Gott und seinem Wort sehr wenig; – in die Schule aber schickten sie mich auch jetzt nicht, weil ich bis in mein sechszehntes Jahr mit dem Grind behaftet war. Grind ist ein bösartiger, ansteckendes Kopfaussatz, der in der Marsch häufiger vorkommt, und seine erste Ursache in Unreinlichkeit hat. Kinder, die damit behaftet sind, können in der Schule nicht wohl geduldet werden. Weil der Sitz der Krankheit in den Haarwurzeln ist, so kann die Krankheit nicht anders als durch ein gleichzeitiges Ausreißen aller Haare, welches mittelst einer Pechhaube geschieht, geheilt werden. Als ich vierzehn Jahre alt war, kam eines Tages der Prediger des Ortes zu meinen Eltern, und machte ihnen um meinetwillen Vorstellungen [Vorwürfe], daß ich nicht zur Schule ginge. Meine Eltern zeigten ihm meinen aussätzigen Kopf, und versicherten, daß sie selber mich unterrichteten. Ich mußte zur Probe lesen, und schlug in der Bibel auf, Röm. 9,1: »Ich sage die Wahrheit in Christo, und lüge nicht.« Der Pastor fragte mich, was das heiße: in Christo? Ich wußte es nicht. Er fragte: »Wer ist Christus?« Ich konnte ihm nichts antworten. Da ward der Prediger zornig, und befahl meinen Eltern aufs Ernstlichste, daß sie mich sollen heilen lassen, und in die Schule schicken. – Mein Vater sprach demnach mit einem Arzt; und ich mußte mich einer sehr schmerzhaften Cur [Kur, Behandlung] unterwerfen. Es wurde mir ein Pechpflaster, in Form einer Haube, über den ganzen Kopf geklebt, und mittelst derselben wurden mir allen Haarwurzeln gewaltsam ausgerissen; dann erfolgte eine langwierige Nachcur. Als endlich der Arzt mich für gesund erklärte, war ich schon sechszehn Jahre alt. Ach, die schöne Zeit der Kindheit war dahin; ich war groß und stark von Körper, und in allen Bubenstücken erfahren und wohlgeübt; – aber Gutes hatte ich nur wenig gelernt. Ich sollte jetzt confirmirt werden. Mein Prediger wollte mich indeß nicht zur Corfirmation annehmen, bevor ich nicht wenigstens einige Wochen die Schule besucht hätte. Als sechszehnjähriger Knabe mußte ich mit sieben- bis achtjährigen Kindern den Unterricht theilen; man kann denken, daß ich es mit Unlust und Widerwillen that; – ich machte meinem Lehrer unsäglichen Kummer, und lernte nichts, weil ich nicht wollte. Indeß, ich war nun Schüler, und konnte lesen, und war sechszehn Jahre alt; so fand der Prediger keinen Grund, von der Zahl der Confirmanden mich länger auszuschließen. Ich besuchte den Conformationsunterricht regelmäßig; weil mir aber alle Erkenntniß mangelte, so verstand ich nichts von dem, was der Prediger vortrug. Ich erinnere mich auch nur einer einzigen Frage, die an mich gerichtet ward; der Prediger fragte mich: »Was ist der Mensch?« und da ich nichts antworten konnte, sagte er mir: »Der Mensch ist Leib und Seele.« – Dieß behielt ich; es war aber auch Alles, was ich von der Religion gelernt hatte, als ich mit den andern Kindern – ich glaube, es war am Palmsonntage des Jahres 1831 – confirmirt ward. Und so völlig unwissend in der Lehre des Heils sollte ich nun das väterliche Haus verlassen, um selber in der Welt meinen Unterhalt zu suchen; – wehrlos allen Versuchungen der Welt Preis gegeben. Durch die Confirmation wird den Kindern ein Freibrief aus der Schule und dem elterlichen Hause ertheilt, da sie doch oft noch keine Ahnung haben von den Gefahren, mit welchen die Welt sie versuchen wird; sie werden für mündige Christen erklärt, und wissen vielleicht nicht die ersten Buchstaben des Gesetzes und des Evangelii. Wie viele Menschen würden nicht verloren gehen, wenn Kirche und Staat eine größere Reife, als das normale Alter und das bloße Lesenkönnen, für diesen wichtigsten, entscheidendsten Abschnitt in dem Leben unserer jungen Leute forderten. II. Der Weg zum Zuchthause Als ich confirmirt war, brachte mein Vater mich zu einem Bauern in Osterhever, – einem benachbarten Kirchspiel, – in Dienst; und er gab mir manche gute Ermahnung, die ich aber nur wenig zu Herzen nahm. Meine Aufführung in meinem ersten Dienste war nicht gut. Zu keiner ordentlichen Arbeit gewohnt, zeigte ich mich zu Allem, was mir aufgetragen ward, ungeschickt, nachlässig und träge; und weil ich fast meine ganze Kindheit bei Hütung der Schafe ohne irgend eine einzige Aufsicht zugebracht hatte, so hatte ich auch nie rechte Folgsamkeit gelernt; darum wollte ich mir auch jetzt von dem Knechte, unter welchem ich stand, nichts sagen lassen, und war voll Widerspruches und Trotzes, so oft mir etwas befohlen, oder mir ein Vorwurf gemacht ward; – selbst gegen meinen Herrn erlaubte ich mir Widersetzlichkeit, und achtete weder der Ermahnungen noch Strafen. Als nach einigen Wochen sich auch wieder Spuren meiner Kopfkrankheit zeigten, so nahm mein Herr daraus den Vorwand, mich wieder zu meinen Eltern nach Hause zu schicken. Mir war das ganz recht; denn das Dienen hatte mir schlecht gefallen. Zwei Jahre lang blieb ich nun bei meinen Eltern, und habe ihnen in der Zeit viel Herzleid zugefügt. Ich wollte mit ihnen essen, aber nicht arbeiten. Müßiggang, sagt man, ist des Teufels Ruhebank. Bald bestahl ich die Gärten der Nachbarn, oder mißhandelte im Hause meine jüngern Geschwister; – bald stellte ich den Mädchen im Dorfe nach, oder suchte Händel mit den Knaben; – auch fing ich an, zu[m] Wirthshaus zu gehen, und mit den Knechten Branntwein zu trinken, und Karten zu spielen, wozu ich den Eltern die Schillinge wegstahl. Es war kein Tanzgelag in der Umgegend, wo ich mich nicht einfand; und kein Bubenstreich ward ausgeführt, wo ich nicht dabei war. Meine Eltern ermahnten mich zwar oft zu besserer Aufführung; aber der Ermahnungen achtete ich jetzt noch weniger, wie früher; und Züchtigungen ließ ich vollends mir nicht mehr gefallen, weil ich groß und stark war; und wenn auch mein Vater manchmal über mich sehr aufgebracht ward, so nahm die Mutter mich gegen ihn in Schutz. – So wurde ich in dieser Zeit noch viel mehr verderbt; – aber es sollte noch schlimmer kommen. Mein Kopf war inzwischen wieder geheilt, und ich ward endlich des Zuhauseliegens und Herumtreibens müde. Ich vermiethete mich also als Knecht bei einem Bauern in Oldenswort; und meine Eltern und Geschwister waren sehr froh, meiner los zu werden. Mit meinem achtzehnten Jahre trat ich meinen neuen Dienst an; – nicht, weil mich nach nützlicher Thätigkeit verlangte, sondern weil ich zu meinen Ausschweifungen mehr Geld bedurfte, als ich bei den Eltern mir zu verschaffen wußte; und weil ich, als Knecht, zu den Trink- und Tanzgelagen der Knechte leichter Zutritt gewann. In meinem neuen Dienste gab ich mir wenige Mühe, meine vielen üblen Gewohnheiten und Laster zu verbergen; vielmehr bildete ich mich jetzt erst recht zu allen Bubenstücken aus. Ganze Nächte trieb ich, ohne Erlaubniß meines Herrn, mich auf den Tanzböden umher, und kam gewöhnlich betrunken nach Hause. Meine Arbeit vernachlässigte ich; bestahl meine Mitknechte, und hatte oft Händel mit ihnen. Bei meinem Brodherrn suchte ich immer mit Lügen durchzukommen, und verlor bald allen Glauben bei ihm. Nach einem halben Jahre zahlte er mir meinen Lohn aus, und hieß mich aus seinen Diensten gehen. Das verdroß mich; weil ich aber fühlte, daß mir Recht geschehen war, so nahm ich mir vor, ein anderer Mensch zu werden. Ach! das habe ich mir seitdem wohl manchmal vorgenommen; – das Wollen hatte ich; aber das Vollbringen des Guten fehlte mir. – Ich ging außerhalb Eiderstädt, und fand einen neuen Dienst in dem nahe gelegenen Dorfe Drage. Die ersten acht bis zehn Wochen nahm ich mich so sehr zusammen, daß meine Herrschaft wohl mit mir zufrieden war; – als ich aber nach und nach mit den Knechten und Mädchen des Dorfes bekannt ward, fiel ich bald wieder [in mein altes Verhalten] zurück; – denn unter den Dienstleuten in Drage herrschte ein rohes, zügelloses Leben; und das war so recht nach meinem Sinn. Abends nach der Arbeit holten die andern Knechte des Dorfes mich ab; dann ging es in die Schenke, wo getrunken und Karten gespielt wurde; wenn es aber Mitternacht ward, so ging es dorfwärts zu den Mädchen; da wurden viele Liederlichkeiten und schändliche Bubenstreiche von uns ausgeführt. Gewöhnlich war es heller Morgen, wenn wir nach Hause gingen. Den Tag über war ich dann natürlich träge und unlustig zur Arbeit; voll Ekel und Ueberdruß, und voll bittrer Reue über das verspielte und verlorne Geld, und über die in Taumel und Liederlichkeit schlaflos hingebrachte Nacht. O, wie oft habe ich in solcher Stimmung es bei mir gelobt und beschworen, daß es anders werden sollte; ich wollte den schlechten Umgang vermeiden; keinen Branntwein mehr trinken; keine Karte mehr anrühren; ich wollte des Tages arbeiten, und des Nachts schlafen; und für mein verdientes Geld mir Kleidungsstücke anschaffen, und meine Schulden bezahlen; – kurz, ich wollte ein ordentlicher Mensch werden; – und ach! wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich diesen, so oft gefaßten Vorsatz ausgeführt hätte! Aber ach! er dauerte selten länger, als bis zum Abend; dann erwachte die alte böse Lust; und wenn die Knechte kamen, nach ihrer Weise, mich abzuholen, so besiegten ihre Ueberredungen und ihr Spott bald den schwachen Rest des guten Willens, der noch in mir war. So trieb ich's mehre Monate, und versank immer tiefer im Laster. Indeß hatte ich bis dahin, trotz aller meiner Ausschweifungen, meine Arbeiten einigermaßen treu verrichtet; denn mein Brodherr war in diesem Punkt sehr strenge gegen seine Dienstleute. Nun aber starb mein Herr; und vor der Frau, die wenig besser war, als ich, hatte ich keine Achtung. Weil kein Herr im Hause war, so lebte ich mit meinen Mitknechten immer in Streit; hierin war aber die Schuld nicht immer auf meiner Seite; indeß auch in meiner Arbeit wurde ich nachlässig; schlief oft, statt zu arbeiten; und wenn ich auf dem Felde allein war, so holte ich mir aus dem Wirthshause eine Flasche Branntwein, und habe so manchen ganzen Tag betrunken auf dem Felde gelegen. Er verging kein Sonntag, da ich nicht zu Tanz ging; und kam ich selten vor Montag oder Dienstag nach Hause. So ging die Zeit hin, vom Ende des Sommers, bis gegen Weihnacht. Am ersten Weihnachtstage forderte meine Herrin mich und meine Mitknechte auf, zur Kirche zu fahren. Ich fuhr mit; was ich aber in der Kirche sollte, wußte ich nicht; seit meiner Confirmation war ich kaum zweimal im Gotteshause gewesen; und war doch schon zwanzig Jahre alt. – Als wir an die Kirche kamen, ging ich zuvor in's Wirthshaus, und trank mir einen Rausch [an]; erst, als der Wirth mich antrieb, ging ich in die Kirche, und gaffte in derselben gedankenlos umher, bis die Predigt zu Ende war; und kam wieder aus der Kirche, und hatte nichts gehört und nichts zu Herzen genommen. Wir blieben noch im Wirthshause, und kamen endlich gegen Abend sämmtlich völlig betrunken nach Hause. Meine Herrin fragte uns, ob das den Feiertag heiligen heiße? und wir lachten. Dieser Weihnachtstag und dieses Lachen macht mir noch jetzt, da ich es schreibe, bittre Reue. – Die nächstfolgenden Tage war indeß meine Aufführung wo möglich noch schlechter. Neben uns wohnte ein Zimmermann, welcher eben so sehr, wie ich, dem Branntwein ergeben war, und bei welchem ich oft meine Niederlage hatte [von dem ich oft ›unter den Tisch getrunken‹ wurde]. Bei diesem Manne brachte ich, vom zweiten Weihnachtstage bis vier oder fünf Tage in's neue Jahr hinein, fast in einer fortwährenden Trunkenheit zu; – denn das ist die Sitte in Drage, so das Neujahrsfest zu feiern. Ich hatte es indeß meiner Herrin zu arg gemacht, und mir wurde aufs Strengste jetzt das Ausgehen untersagt, und sogar mit der Obrigkeit gedroht. Aber die Drohung hatte keine weitere Folge, als daß ich jetzt heimlich des Nachts aus dem Hause ging; und wollte die Frau mich des Morgens zur Arbeit wieder haben, so mußte sie mich im Wirthshause suchen lassen; dann aber war ich betrunken, und konnte nicht arbeiten. Es waren vier bis fünf Wochen nach Neujahr, als ich eines Morgens mit meiner Herrin einen sehr heftigen Wortwechsel bekam; und die Folge war, daß sie in derselben Stunde mich aus ihrem Dienste jagte. Meine Ausschweifungen, und besonders das Laster des Trunkes, welches mich völlig beherrschte, hatten meine Kräfte und meine Casse erschöpft; mein Dienstlohn hatte ich schon vorweg, und ganz durchgebracht; dazu war ich vielen Leuten im Dorfe Geld schuldig geworden. Wie ein Bettler mußte ich Drage verlassen. Indeß sammelte ich meine wenigen Kleider zusammen, versetzte, was ich irgend entbehren konnte, in Friedrichstadt im Lombard [Pfandhaus]; und nachdem ich auch dies Geld im Branntweinhause durchgebracht hatte, ging ich nach Wittzwort zu meinen Eltern. – Die guten Eltern nahmen, da ich so nackt und blos zu ihnen kam, mich nicht allein [nur] auf, sondern lösten auch noch meine versetzten Kleider ein, und gaben sie mir zurück. – So viele Güte gegen einen so mißrathenen Sohn, wie ich war, beschämte mich; und ich nahm mir vor, meinen armen Eltern nicht länger, als nothwendig, zur Last zu fallen. Aber ein ordentlicher Knechtsdienst fand sich so leicht nicht für mich wieder; und ich mußte froh sein, daß nur einige Nachbarn mich manchmal in Taglohn nahmen. Diese Demüthigung besserte mich aber nicht. Eben in dieser Zeit geschah es, daß ich wegen Schlägerei, die ich in der Trunkenheit veranlaßt hatte, vor die Obrigkeit gebracht ward. Mein Urtheil lautete: zwei Tage Gefängniß bei Wasser und Brod. Dies war das erste Mal, daß ich im Gefängniß war; – es erbitterte mich, und machte mein verderbtes Herz noch viel boshafter. Die Scham, die ich fühlte, suchte ich unter Trotz zu verbergen, und es gelang mir sogar, sie zu ersticken. Ich suchte von der Zeit an oft Händel, und habe in einem Jahre viermal im Gefängniß abbüßen müssen. Das Jahr ging zu Ende, und ich lag noch meinen Eltern zur Last; und es ward mir immer schwerer, Arbeit zu finden: denn wer meine Aufführung kannte, mußte ja Scheu haben, einen solchen Menschen in Arbeit zu nehmen. Doch war es, als ob der liebe Gott noch einen Versuch mit mir schlechtem Menschen machen wollte; ob nicht die Noth mich gebessert hätte; ach, ich habe seine Langmuth schändlich mißbraucht. Ein Hofbesitzer nämlich, in Cotzenbüll, ein sehr williger und guter Mann, sahe, daß ich stark war, und wohl arbeiten konnte; und weil ich ihm gute Aufführung gelobte, so wollte er es wagen mit mir, und nahm mich als Knecht in seine Dienste. Es war um Pfingsten, 1837, als ich diesen Dienst antrat; ich war damals 21 Jahre alt. Ich hielt meinem neuen Brodherrn mein Versprechen schlecht; meine Arbeit freilich that ich; aber schon in der ersten Woche ging ich Abends ohne Erlaubniß aus, und brachte in der nahegelegenen Stadt Tönning ganze Nächte in schlechten Häusern zu. Dies wiederholte ich oft, und versuchte es auch, einen 17jährigen Jungen, der mit mir diente, in dies Lasterleben mit hineinzuziehen. Aber Gott hielt seine Hand darüber, daß mir wenigstens diese gräuliche Sünde nicht gelang; und ich danke ihm dafür. Der Junge, den ich hatte [zum schlechten Lebenswandel] verführen wollen, verrieth dem Herrn meine schlechte Aufführung; und da Ermahnungen, und selbst Drohungen nichts bei mir fruchteten, so jagte mein Herr mich nach kurzer Zeit aus dem Dienste. Ich wandte mich nun nach Tönning, nach Garding, nach Oldenswort; suchte überall Arbeit, und fand sie nicht; denn ich war in der ganzen Landschaft übelberüchtigt. Nach Hause durfte ich auch nicht mehr zurück. Da nahm ich meine Niederlassung [Quartier, ein Zimmer] in Tönning in einem H…hause [Hurenhaus, Bordell]; wo aber die paar Thaler, die ich von meinem Dienste noch erübrigt hatte, bald durchgebracht waren. Als die Wirthin merkte, daß ich kein Geld mehr hatte, wollte sie mich nicht länger herbergen; – und so hatte ich denn nicht[s] mehr, wo ich mein Haupt hinlegen, und womit ich meinen Hunger stillen konnte. So verlassen und elend hatte ich mich noch nie gefühlt. Ich denke mir, daß so dem verlornen Sohn muß zu Muthe gewesen sein, als er das Seinige mit H… [Huren] durchgebracht hatte, und nun darben mußte. Ach, hätte ich doch damals auch, gleich dem verlornen Sohn, den Entschluß gefaßt: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sprechen: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir!« – Ich bin gewiß, wenn ich damals so voll Reue zu meinen Eltern gegangen wäre, sie hätten, obwohl sie arm sind, mich nicht verstoßen; – und ich hätte vielleicht vor dem gräulichen Verbrechen, welche ich nun bald beging, bewahrt bleiben mögen. Aber Reue und gute Entschließungen waren meinem Herzen schon seit langer Zeit fremd geworden. Es war an einem Sonnabendnachmittage, als ich von Hunger, Schande und bösem Gewissen getrieben, aus Tönning weglief, ohne zu wissen, wohin? Der Zufall führte mich auf den Weg nach Oldenswort. Kummer, oder die Anstrengung einiger durchschwärmter [durchzechter] Nächte, hatten mich völlig erschöpft; ich legte mich am Wege nieder, und schlief ein. Als ich nach einigen Stunden erwachte, fühlte ich mich krank, und einen stechenden Schmerz im Magen. Das ist der Hunger, dachte ich, und erhob mich mühsam, und ging dem nächsten Hofe zu. Ob ich betteln, oder stehlen wollte, darüber hatte ich nicht nachgedacht; aber essen, essen wollte ich, und mußte ich. Als ich dem Hofe näher kam, sahe ich im Garten Bäume mit reifen Kirschen; – ich schlich mich hinein, und pflückte, und aß, bis ich satt war. Dann kehrte ich nach Tönning zurück, warum? weiß ich nicht. Auf dem Wege befiel mich die Dunkelheit. »Die Nacht«, sagt man, »ist keines Menschen Freund.« Ueber mich bekam in dieser unglückseligen Nacht der böse Feind volle Gewalt. Ein Obdach hatte ich ja nicht mehr, und fühlte auf's Neue den Hunger. Ich hätte wohl mich die Nacht in einer Scheune bergen [unterschlüpfen] können, und hätte vielleicht meinen Hunger verschlafen; – aber, was sollte ich am folgenden Tage beginnen, ohne Brod, ohne Geld, ohne Hoffnung, mir welches zu verdienen? Es war so weit mit mir gekommen, daß ich mir einbildete, es wäre mir nichts übrig geblieben, als die Nothwendigkeit, zu stehlen. – Es überlief mich ein Schauder und Angst bei dem Gedanken; denn ich hatte zwar schon sehr jung, und auch schon sehr oft gestohlen; – allein, bisher hatte ich doch immer nur gelegentlich, und Kleinigkeiten entwandt; – es kam mir nicht vor, daß das schon wirklicher Diebstahl gewesen sei. Jetzt wollte ich mir selber die Gelegenheit machen; wollte einbrechen, und durch Diebsgewerbe meinen Unterhalt suchen. – Einige Augenblicke kämpfte ich gegen diesen Gedanken; aber die Noth drängte, und die Dunkelheit schien meinem Vorhaben günstig. Der Anschlag war bald gemacht. Ich wollte auf dem Hofe, wo ich zuletzt gedient hatte, wo ich jede Gelegenheit, und wo die Hunde mich kannten, und wo ich gewohnt war, im Dunkeln aus- und einzugehen, einbrechen. Um 11[23] Uhr, da, wie ich wußte, längst Alles im tiefen Schlaf lag, kam ich bei dem Hofe an. Ich holte mir aus der Scheune, die nicht verschlossen war, ein Brett, legte es statt einer Leiter, gegen ein Fenster des Hauses, und brach dies vorsichtig offen [auf], und stieg hindurch. Mein erster Gang war in die Speisekammer, wo ich mich satt aß, und noch Brod und Butter zu mir steckte; – dann schlich ich in die Kammer, in der die Knechte schliefen. Erwachte einer, so war ich verloren; aber sie schienen fest und ruhig zu schlafen; ich preßte den Athem an mich, um keinen zu wecken. Die Kleider der Knechte lagen neben den Betten; ich durchsuchte die Taschen, und fand zehn Schillinge, ein Messer, und einen silberbeschlagenen Pfeifenkopf. Wieder in's Haus einzudringen hatte ich den Muth nicht; auf dem Wege, auf welchem ich gekommen war, schlich ich wieder aus dem Hause hinaus. Es blieb Alles stille. Ich ging in den Stall; schnitt zwei neue Steigbügel von des Herrn Reitzeug ab; steckte noch eine Reittrense zu mir, und verließ mit meiner Beute den Hof. In der Nähe wiedeten die Pferde; ich fing eins ein, legte ihm die Reittrense an, und ritt gen Tönning. – Es war so dunkel, daß ich kaum Weg und Graben unterscheiden konnte; – ich war nicht weit geritten, als das Pferd plötzlich sich unter mir [auf]bäumte, so daß ich beinahe abgefallen [vom Pferd gefallen] wäre; dann fing es an zu zittern, und rückwärts zu gehen. Ich konnte es nicht von der Stelle bringen; ich stieg ab, um zu untersuchen, wovor es (sich) scheute; aber ich vermochte nichts zu entdecken. Ich versuchte das Pferd an der Stelle vorüber zu ziehen; und schlug und mißhandelte es schrecklich; aber Alles vergeblich. Da kam mich ein Grauen und eine sehr große Furcht an, ohne daß ich recht begriff, wovor? – Nun aber kann ich es wohl begreifen, was da gewesen ist. Der das Pferd aufhielt, ist kein Anderer gewesen, als der, welcher einst [dem biblischen] Bileam den Weg vertrat [versperrte], da er auf seiner Eselin ritt. Ach, hätte ich doch mich warnen lassen, und wäre umgekehrt von meinen bösen Wegen! Der treue Gott hat mich noch manchmal eben so deutlich gewarnt, wenn ich ausging, Böses zu thun; ich aber habe nicht darauf geachtet; – auch in dieser Nacht achtete ich es nicht. Eine Zeitlang noch arbeitete ich mich mit dem Pferde ab; da mit einem Mal ging es ruhig an der Stelle vorüber, als wäre nichts da gewesen. Ich habe über diesen Vorfall, der mir sehr abenteuerlich vorkam, Carsten Hinz genauer vernommen; er hat mir indeß auf's Heiligste versichert, daß er die Wahrheit geschrieben; so wie auch, daß ihm in seinem spätern Leben ein ähnlicher Vorfall begegnet, und daß er fest überzeugt sei, daß beide Male Gott ihn dadurch habe warnen, und vom Bösen zurückbringen wollen; – – welcher Warnung er aber leider nicht gefolgt wäre. Als ich Tönning erreicht hatte, ritt ich rasch hindurch; denn ich wollte noch vor [dem] Morgen in Friedrichstadt sein, weil ich wußte, daß dort auch Personen Im Original: Juden wohnen, welche gern gestohlne Sachen kaufen. – Auf der Hälfte des Weges aber ließ ich das Pferd laufen, und streckte mich ganz muthlos und niedergeschlagen in's Gras hin. Müdigkeit überwältigte mich; ich schlief ein; aber nicht lange; ängstliche Träume schreckten mich bald wieder auf. Ich wußte, daß ich jetzt eine That begangen hatte, durch die ich dem Zuchthause verfallen war; und zitterte vor Entdeckung. – – Dieser ganze Abschnitt ist mir sehr schwer geworden zu schreiben; und ich weiß wohl, daß er auch nicht angenehm und erfreulich zu lesen sein kann; aber ich hatte mir ja vorgenommen, und meinem Prediger das Versprechen gegeben, daß ich meinen ganzen bösen Wandel aufrichtig Andern zu heilsamer Warnung, beschreiben wollte; und eben so aufrichtig will ich sein in dem, was noch folgt. III. Die Entdeckung Als ich erwachte, stand das Pferd noch neben mir; denn es war da viel Gras zur Weide. Ich setzte mich wieder auf, und ritt bis nahe vor Friedrichstadt; dann ließ ich das Pferd abermals laufen, und ging in die Stadt hinein. Mein erster Gang war zu einem Mann, Im Original: Jude dem ich die Steigbügel und die Pfeife zum Verkauf [Kauf] anbot. Der Mann Im Original: Jude schien nach den Sachen sehr gierig; aber er sagte mir, daß er kein Geld hätte; wenn ich indeß die Sachen bei ihm lassen wollte, so würde er sie mir verkaufen, und ich könnte um einige Tage [später] mein Geld bei ihm abholen. Ich traute ihm zwar nicht; aber ich ließ ihm doch Pfeife und Steigbügel, und war froh, als ich sein Haus wieder hinter mir hatte; denn ich dachte immer, er würde mich fragen, wie ich zu den Sachen gekommen wäre. So hatte ich also aus Furcht vor der Entdeckung den Gewinn meines Diebstahls fahren lassen. Ich habe es später öfters erfahren, daß der Teufel so diejenigen [be]lohnt, die ihm dienen. Nachdem ich mir für die gestohlenen Schillinge Branntwein gekauft, und mir einen tüchtigen Rausch [an]getrunken hatte, ging ich, eben so arm, als ich vor meinem Verbrechen gewesen war, aus der Stadt hinaus, desselben Weges zurück, den ich gekommen war. Ich fand das Pferd noch, wo ich es entlassen [freigelassen] hatte, und setzte mich wieder auf, um schneller fortzukommen; – ich wollte nach Oldenswort, und Arbeit suchen. Nicht lange war ich geritten, als mir sehr eilig ein Mann entgegenkam; plötzlich blieb derselbe dicht vor mir stehen, und fragte mich, wem das Pferd gehöre. Ich wurde bestürzt, und bereute sehr meine Unvorsichtigkeit, daß ich mich wieder auf das Pferd gesetzt hatte. Der Schreck aber machte mich nüchtern und besonnen. »Das Pferd« – sagte ich – »gehört, wie ich glaube, dem Herrn N.N. [ich nannte den wirklichen Besitzer), dem es entlaufen sein mag; ich kam des Weges von Friedrichstadt, und fand es hier an der Straße, und bin jetzt Willens, es seinem Herrn zu bringen, um mir ein gutes Trinkgeld zu verdienen.« Jener erwi(e)derte: »das Pferd wäre nicht entlaufen, sondern gestohlen; und man hätte sehr starken Verdacht gegen einen gewissen Carsten Hinz, gegen den auch schon ein Verhafts[Haft]befehl von der Obrigkeit erlassen wäre.« – Der Mann kannte mich nicht, und fragte mich auch nicht nach meinem Namen; als er mir aber sagte, er wäre ausgeschickt, das Pferd wieder aufzusuchen, so überließ ich es ihm, und ging von ihm. Ich kann nicht sagen, wie mir dabei zu Muthe geworden war, als der Mann meinen Namen aussprach, und mir sagte, daß Carsten Hinz arretirt [festgenommen] werden sollte. Nach Oldenswort wagte ich jetzt nicht zu gehen; wußte aber auch nicht, wohin ich fliehen sollte. Wer mir begegnete, von dem glaubte ich, er wäre ausgeschickt, mich zu suchen. Ich drückte den Hut tief in die Augen [ins Gesicht], und schlug einen Seitenweg ein; es war der Weg nach Witzwort, und bald stand ich, ohne eben mich [ohne mir] der Absicht bewußt zu sein, vor dem Hause meiner Eltern. Nach einem augenblicklichen Bedenken [kurzem Nachdenken], was ich denn hier wollte, ging ich hinein. Meine Eltern empfingen mich unfreundlich; denn sie mogten [konnten] sich wohl denken, daß ich nicht auf guten Wegen wäre; ich sagte ihnen indeß nichts von dem Verbrechen, noch von der Gefahr, in der ich mich befand. – Ich ging in den Garten, und wünschte da einige Stunden zu schlafen; aber ich konnte nicht dazu kommen. Wenn nur ein Vogel, oder der Wind in den Zweigen sich regte, so fuhr ich erschrocken auf, und glaubte, es wäre Jemand da, mich zu [er]greifen. Das konnte ich nicht lange aushalten. Es kam mir der Gedanke, daß ich über die Eider, nach Dithmarschen, fliehen wollte; denn es war eben um die Zeit der Heuerndte [Heu-Ernte]. Meine Mutter schenkte mir ein neues Hemd; mein Vater eine Sichel, zum Mähen. So ging ich des Weges nach Tönning, von wo ich mich über die Eider wollte setzen lassen. Auf dem Wege begegnete mir ein Mann, und fragte mich, ob ich Carsten Hinz kenne? Ich verneinte es, und fragte, was denn Carsten Hinz solle? Er hat gestohlen, hieß es, und wird gesucht, damit er eingesteckt [festgenommen] werde. Ich weiß nichts von Carsten Hinz, sagte ich, und ging eilig meiner Wege. Ich konnte es nicht lassen, mich noch einmal nach dem Manne umzublicken; er stand noch da, und sah mir nach; aber er verfolgte mich nicht. Durch diesen Vorfall war meine Angst auf's Höchste gestiegen. Also sie wissen es, sagte ich zu mir selbst, was kann es denn helfen, nach Dithmarschen zu fliehen, sie werden dich bald genug finden. Ich kam in Tönning [an]. Der Wohnung des Tönninger Polizeidieners gegenüber wußte ich ein Branntweinhaus, in das ging ich. Um meine Unruhe vor den Leuten im Hause zu verbergen, fing ich an, mit dem Sohne des Wirthes Karten zu spielen; setzte mich aber so, daß ich durch das Fenster des Polizeidieners Hausthür im Auge hatte. Nicht lange, so kam der Gerichtsdiener aus Garding geritten, und stieg vor dieser Thür ab; – er ging hinein. O, wie schlug mir das Herz. Ich konnte nicht zweifeln, daß beide Häscher jetzt sich beriethen, wie sie mich finden und fangen wollten. Nach einer viertel Stunde verließen sie mit einander das Haus. Ich konnte meine Unruhe nicht länger verbergen, und es auch in der Stube nicht mehr aushalten. Ich ging auf die Straße hinaus, um zu sehen, wo es mit mir hinaus wollte. Ich hatte alle Hoffnung, den Häschern zu entgehen, aufgegeben, und nahm mir vor, mich ohne Widerstand ergreifen zu lassen; nur wollte ich nicht gern, daß es in Gegenwart vieler Menschen geschähe. Als ich einige Straßen durchwandelt war, begegnete mir der Gardinger Gerichtsdiener; derselbe hatte mich früher schon mehre Male in Verwahrsam gebracht; es war aber schon dämmerig, und er [er]kannte mich nicht. Ich redete ihn an: »Ich weiß, daß Sie mich suchen«, sagte ich – »was wollen Sie von mir?« »Ei, mein Junge«, entgegnete Jener, »Du mußt mit mir gehen, damit die Tönninger Polizei Dich nicht findet.« – Ich ließ mich geduldig in die Wache bringen. Am folgenden Morgen wurde ich im Rathhause vernommen; weil ich aber nichts bekannte, wieder in die Wache gebracht. Bald nachher kam der Tönninger Polizeidiener zu mir, und bedrohte mich mit Stockschlägen, wenn ich nicht sogleich Alles bekennen würde. Daß er zu dieser Art zu fragen nicht berechtigt war, wußte ich damals nicht; so ließ ich mich einschüchtern, und leugnete meine That nicht länger. Jetzt übergab der Stadt-Magistrat mich dem Staller der Landschaft; und nachdem ich auch vor diesem meine Aussage wiederholt hatte, ward ich in das landschaftliche Stockhaus, das in Tönning liegt, abgeliefert. IV. Das Stockhaus Carsten Hinz klagt, obwohl absichtslos, in diesem Abschnitt die Detentionsgefängnisse, wie sie leider noch hier und da sich finden mögen, hart an. Ich habe auch hier seine arglose Erzählung treu wiedergegeben; sie ist eine Bestätigung der traurigen Wahrheit: Verbrecher werden nicht geboren, sondern gemacht; gemacht, zuerst durch unglückliche Verhältnisse; danach aber durch diejenigen Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft, welche uns gegen Verbrecher zu schützen bestimmt sind. Hinzens Erzählung von seinem Aufenthalte im Zuchthause wird diese Wahrheit zwar noch viel mehr bestätigen; aber auch schon die Detentionsgefängnisse, vornehmlich da, wo der Aufsicht führende Beamte in einem andern Orte wohnt, sind in dieser Beziehung oft höchst verderblich. Uebrigens ist es mit dem Stockhaus in Tönning jetzt ganz anders, als im Jahre 1837. Es ist ein tadelloser Schließer angestellt, der strenge Wacht über Ordnung und sittliches Betragen der Gefangenen hält. Die große Angst, die ich vor der Entdeckung meines Diebstahls gefühlt hatte, war, nachdem ich das Bekenntniß vom Herzen los war, wieder von mir gewichen. Das Gefangensitzen an sich war mir nicht schrecklich; gegen die Schande wenigstens hatte ich durch frühere, mehrmalige kurze Gefangenschaft mich verhärtet; und meiner Freiheit entbehrte ich in dem Tönninger Stockhause nicht sehr; denn es ging in diesem Hause sehr »rauh« zu, kam mir ganz lustig vor. Es saßen mit mir mehrere andere Gefangene im Stockhause; während des Tages konnten wir nach Belieben zu einander kommen, und versammelten uns oft in des Schließers Stube. Der Schließer sah uns da gern; denn er war selten nüchtern, und wir Gefangenen betranken uns fast täglich mit ihm; auch lief viel schlechtes Gesindel, das früher hier gefangen gesessen hatte, aus und ein, und nahm Theil an unsern Trinkgelagen. Bei solchen Gelegenheiten ward ich nicht selten so berauscht, daß ich zu Bette mußte getragen werden. – Der Branntwein aber stiftete leicht Unfriede, und ich besonders hatte mit dem Schließer oft Streit. Gewöhnlich war es aber des Schließers Frau, die uns gegen einander aufbrachte. Sie war sehr boshaft; und wenn sie zornig ward, verstellte sie ihre Geberden, und war dann sehr scheußlich anzusehen. Es war auch ein Mädchen, ich glaube, wegen Kindermordes, im Stockhause gefangen. Des Schließers Frau beschuldigte mich der Unzucht mit diesem Mädchen. Ich hatte dazu keine Veranlassung gegeben; aber ich glaube, sie that es aus Bosheit, weil sie wohl merkte, daß ich sie nicht leiden konnte, und manchmal grob gegen sie war. Wegen der lügenhaften Beschuldigung der Schließerin kam es zwischen uns öfters zu hartem Wortwechsel. Als wir einmal so uns tüchtig gescholten hatten, gab die Frau ihrem Mann eine Flasche Branntwein, und als er trunken war, hetzte sie ihn auf, daß er mich schlüge. Ich war aber das[dies]mal nüchtern, und warf den Betrunkenen mit Leichtigkeit von mir. Als nun die Frau sahe, daß sie auf diese Weise ihren bösen Willen an mir nicht durchsetzen konnte, so lief sie zur Straße hinaus, und schrie die Leute zusammen. In wenigen Augenblicken war das Haus voller Menschen; als die aber sahen und hörten, was es war, so wurde ihnen das böse Weib zum Gelächter. Wie eine Rasende lief sie nun zur Obrigkeit; was sie da mag erzählt und gelogen haben, weiß ich nicht; aber sie hatte doch den Befehl ausgewirkt [erwirkt], daß man mich mit Ketten binden [in Ketten legen] solle. Es geschah, und die Thür meines Gefängnisses ward verschlossen. Kaum war der Schließer hinausgegangen, als ich mir die Ketten abrieb und von mir warf [konnte ich mich aus den Ketten befreien]. Gegen Abend brachte er mir zu essen, und schalt und tobte über das Zerbrechen der Kette, und legte mir eine andere, viel stärkere an. Ich ließ es mir gefallen; als er aber in seinem Grimm den linken Fuß so kurz an die rechte Hand schließen wollte, daß ich hätte krumm sitzen müssen, so widersetzte ich mich; und wir rangen und schlugen uns wohl zwei Stunden lang; da ließ er mich in Ruhe. – Nach diesem Vorfall wurden wir bald wieder gute Freunde, und ich ging wieder ohne Ketten frei im Hause umher. Ein andermal hatte des Schließers Frau wieder ihren Mann betrunken gemacht, und auf mich gehetzt. Ich warf ihn zwar zu Boden; bemerkte aber in demselben Augenblick, daß die Frau mir meinen Taba(c)ksbeutel aus der Tasche stahl, und damit fort wollte. Da ließ ich den Mann los, um mein Eigenthum aus den Diebsfingern des Weibes zu retten. Während ich noch mit dem Weibe zu schaffen hatte, raffte der Mann sich vom Boden auf, und griff mich mit erneuerter Wuth an. Ich hatte nur den einen Arm frei, mit welchem ich ihn zurückstieß; und er fiel über zwei Wassereimer, welche neben uns standen. Um nun den Schließer zur Ruhe zu bringen, setzte ich mich auf ihn; das Weib warf sich wieder über mich (her), und kratzte und schlug, wo und wie sie konnte, in blinder Wuth. Der Mann unter uns stöhnte, und gab gute Worte; ich fluchte; das Weib heulte und schrie: Mord! Endlich, um mich von dem wüthenden Weibe zu befreien, mußte ich den Mann losgeben [frei lassen]. Der Arme hatte aber zu viel weggekrigt [war erheblich verletzt]; er konnte nicht aufstehen, weil ihm im Fallen der Fuß verrenkt war. Ueber den Lärm waren viele Leute zusammengelaufen; die trugen ihn zu Bette, wo er einige Wochen liegen blieb. Hiernach wurde ich mit zwei Ketten stark geschlossen [gefesselt]. Eine Woche später besuchte mich meine Muter im Kerker. O, wie weinte sie, und rang die Hände über mich, daß [als] sie ihren Sohn in Ketten erblickte. Ich durfte sie nicht ohne Zeugen sprechen, und weil der Schließer zu Bette lag, mußten wir zu ihm hinein in die Stube. Er befahl mir, mich dicht an sein Bett zu setzen; meine Mutter setzte sich mir gegenüber. Da flüsterte der Schließer mir leise zu, ich sollte meine Mutter um einige Schillinge zu [für] Branntwein bitten. Ich sagte es ihr, und sie gab vier Schillinge; dafür mußte das Mädchen, von welchem ich erzählt habe, eine Flasche Branntwein holen. Die Flasche war von dem Schließer und mir bald ausgetrunken. Er forderte mich auf, noch einmal um vier Schillinge zu bitten; ich bekam sie, und eine zweite Flasche ward von uns beiden ausgeleert. Als meine Mutter sah, daß wir sehr berauscht waren, wollte sie nicht bleiben; gab mir aber noch vier Schillinge, und sagte: sie thäte das, damit der Schließer sich wieder mit mir versöhnen mögte [würde]. Als meine Mutter hinaus war, ward die dritte Flasche von uns ausgetrunken. Der Schließer war nun ganz zärtlich gegen mich, und wollte, daß ich auch mit seiner Frau mich aussöhnen sollte. Ich war dazu willig, und sie ward hereingerufen; – ich bot ihr Versöhnung an; sie setzte sich auf meinen Schooß, und so wurden wir wieder gute Freunde. Wie ich den Abend zu Bett kam, weiß ich nicht. Am andern Morgen aber fühlte ich mich sehr krank, und konnte nicht aufstehen, bis des Schließers Frau mir ein Glas Branntwein brachte; da ward ich wieder gesund. Die Ketten waren mir schon den Abend, wo wir Versöhnung tranken, abgenommen, und ich glaubte, meine Sache stände wieder ganz gut. Aber am Nachmittage kamen der Herr Landschreiber und ein Arzt, und ein Gerichtsdiener in mein Gefängniß; und der Erstere kündigte mir, wegen schlechter Aufführung, fünf und zwanzig [25] Knutenhiebe an. In meiner Angst versicherte ich, daß ich mit dem Schließer sowohl als mit seiner Frau, völlig ausgesöhnt wäre; aber das half mir nichts; ich mußte meine Oberkleider ausziehen, und bekam elf Hiebe; die andern wurden mir geschenkt [erlassen], weil ich dem Arzt – Dank sei es der großen Trunkenheit vom vorigen Abend! – zu schwach schien, mehr zu ertragen. Solche Vorfälle, wie ich deren einige hier erzählt habe, wiederholten sich im Stockhause öfters, bis endlich einer der Gefangenen selber sich daran ärgerte, und den Schließer und seine Frau bei der Obrigkeit verklagte; und es ward eine Untersuchung angestellt, in deren Folge das würdige Paar seines Dienstes entsetzt ward [enthoben wurde]. Um die nämliche Zeit, nachdem ich ein halbes Jahr im Stockhause zugebracht hatte, kam mein Urtheil vom Obergericht. Es lautete auf eine achtzehnmonatige Zuchthausstrafe. Dies war im November 1837. – Gott aber, der kein Mittel, meine Seele zu retten, unversucht lassen wollte, ließ es nicht geschehen, daß ich in meinem damaligen, ganz verwilderten Zustande der gefährlichen Gemeinschaft vieler und großer Verbrecher überliefert würde. Es brach, vermuthlich in Folge des häufigen Branntweintrinkens, meine alte Kopfkrankheit wieder hervor; – und bis die geheilt war, durfte ich nicht in's Zuchthaus abgeführt werden. Darüber gingen beinahe fünf Monate hin. In dieser Zeit ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges mit mir, was ich in dem nächsten Abschnitt erzählen will. V. Kurze Reue Das Ungewohnte des langen Gefangensitzens, die harte Züchtigung, die ich erlitten, die Krankheit, die wieder ausgebrochen, die Furcht vor dem Zuchthause; – alles dies wirkte zusammen, mich sehr muthlos und niedergeschlagen zu machen. Ich ward ganz in mich gekehrt, und vermied die Gesellschaft meiner Mitgefangenen; ich fing an, mich und mein bisheriges Leben zu verwünschen. – Ich wußte eigentlich nicht, woher mir diese große Traurigkeit kam, und warum mein gewöhnliches Mittel gegen Niedergeschlagenheit, der Branntwein, mir nicht mehr helfen wollte. – Jetzt aber weiß ich es wohl: Christus, welcher gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, suchte damals mein Herz. Ich kannte zwar den Heiland nicht; aber er erbarmte sich über mich unwissenden Menschen, und schickte einen Engel zu mir in's Gefängniß, der mir von Gott und seinem Worte sagen sollte. Es war freilich kein wirklicher Engel, sondern nur ein sündiger Mensch, der wegen unvorsetzlichen Todtschlages [fahrlässigen Totschlags] sich selber den Gerichten ausgeliefert [sich selbst gestellt] hatte. Er war als Arrestant in's Stockhaus gebracht, und aus Mangel an Raum zu mir in mein Gefängniß gesetzt worden. Rußmann, so hieß der Gefangene, war beständig sehr niedergeschlagen; und wenn ich des Morgens noch im Bette lag, hörte ich ihn schon laut aus der Bibel oder dem Gesangbuch lesen, wobei er gewöhnlich sehr weinte. Dies Lesen und Weinen war mir, trotz meiner eigenen Niedergeschlagenheit, sehr lächerlich, und ich hatte einen Zeitlang meinen Spott darüber. Jener trug das mit Geduld, und ließ sich nicht stören. Bisweilen sprach er mir ganz freundlich zu, und bat mich, ich möchte nur einmal aufmerksam zuhören, so wollte er mir etwas vorlesen, das gut für mich wäre, und mich trösten könnte. Ich weiß nicht, war es die lange Weile [Langeweile], oder die sanfte Freundlichkeit des Mannes? – er überredete mich endlich, daß ich ruhig zuhörte, wenn er aus der Bibel vorlas. Bald gewann ich selber Freude am Hören, und gewann Rußmann recht lieb. – Da ward er von mir genommen, denn sein Urtheil war gefällt, daß er, wegen großer Unvorsichtigkeit, sechs mal fünf Tage bei Wasser und Brod allein sitzen sollte. So war ich denn mit meinen Betrachtungen wieder allein gelassen; aber ich fuhr fort, in der Bibel und im Gesangbuch zu lesen; zuletzt fing ich auch an zu beten; es waren die Gebetverse, die ich als Kind von meiner Mutter gehört hatte. Ach Gott! wie viele Jahre hatte ich nicht gebetet, und war in keinem Gotteshause gewesen, und hatte von der Religion weder gehört noch gelesen! Ich bereute diese meine Gottlosigkeit bitter; denn ich dachte, wenn ich nur Gottes Wort gehört hätte, so hätte ich doch wohl nie ein so schlechter und elender Mensch werden können. Ich weinte über mich, und saß oft ganze Tage allein in großer Traurigkeit. Meine Gefängnißthür stand gewöhnlich offen; aber ich mogte [mochte] mit den andern Gefangenen nicht[s] zu schaffen haben; und zu Rußmann durfte ich nicht. Diese ganze Zeit über habe ich mich nicht mehr betrunken. Ich glaube, ich war damals auf dem Wege, ein anderer und besserer Mensch zu werden; aber das böse Zuchthaus hat meine Reue und guten Vorsätze wieder zu Schanden gemacht. Das Zuchthaus ist so recht das Feld, wo nur Disteln und Dornen aufwachsen und jedes gute Körnlein ersticken, welcher der liebe Heiland in das Herz eines armen Sünders gesäet hatte. Ja, das ist wahr, das Zuchthaus ist eine sehr böse Sache; – indeß denke ich doch jetzt manchmal darüber nach, ob es wohl einen so großen und verderblichen Einfluß auf mich würde bekommen haben, wenn ich im Stockhause zur Ordnung, Nüchternheit und zu gutem Betragen wäre angehalten worden; und – wenn ein Prediger uns Gefangenen mit Lehre und Ermahnung bisweilen zugesprochen hätte. Es will mir sonderbar vorkommen, daß Rußmann, als ein gefangener Verbrecher, der einzige Mensch war, der mir während der Zeit meiner Gefangenschaft ein Wort von Gott vorgesprochen, und mich zur Besserung ermahnt hat. Im Original folgt eine sehr lange Anmerkung von Schumacher, hier verkürzt: Wenn es Prediger giebt, welche den Besuch im Gefängnisse, als außer ihrem Berufe liegend, ansehen, – sollte da nicht die Obrigkeit sie zu diesem hochwichtigen Theil ihrer Seelsorge anhalten? Müßte es nicht den Richtern selber, die über Freiheit und Leben unglücklicher, vielleicht blos verirrter, oder aus Unwissenheit gefallener Menschen richten sollen, höchst wichtig sein, durch geistlichen Zuspruch auf die Inkulpaten einzuwirken, ehe sie sie verdammen? VI. Das Zuchthaus »Wenn der unsaubre Geist von dem Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätte, suchet Ruhe, und findet sie nicht. Da spricht er denn: Ich will wieder umkehren in mein Haus, woraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er es müssig und gekehrt und geschmückt; so geht er hin, und nimmt zu sich sieben andre Geister, die ärger sind, als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie allda; und wird mit demselben Menschen ärger hernach, denn es vorhin war.« Luc. 11, 24 – 26. Am 9. April 1838 ward ich in's Glückstädter Zuchthaus abgeliefert. Die Wärter, die mich empfingen, führten mich schweigend in einen einsamen Kerker, und schlossen die Thür hinter mir zu. Ich glaubte, ich sollte die ganzen 18 Monate, die ich im Zuchthause sein sollte, in dieser Einsamkeit zubringen. Da fing ich an zu zagen, und betete inbrünstig, daß Gott doch bei mir bleiben möge. Nach einer Stunde indeß wurde ich aus diesem Gefängniß hinausgeführt, mußte mich baden, und bekam Zuchthauskleider an; danach ward ich in die Werkstube gebracht, wo ich spinnen mußte, und Gesellschaft genug hatte. Unter den vielen Züchtlingen [Strafgefangenen], die hier an Spinnrädern und Webestühlen arbeiteten, sahen manche so finster und tückisch, und andre wieder so frech und trotzig aus, daß mir bei ihnen noch unheimlicher wurde, als vorhin in dem einsamen Kerker. – Es war eben die stille Woche, und ich wunderte mich über die vielen Festtage, die ich früher nie recht beachtet hatte. Vom Gründonnerstage bis zum Ostermontage wurde ich mit den andern Züchtlingen viermal in die Zuchthauskirche geführt. Es machte dieser Gottesdienst, der für lauter Verbrecher gehalten ward, einen starken Eindruck auf mich. Ich schämte mich, daß ich zu so schlechter Gesellschaft gehörte; und freute mich doch, daß Gott solchen Menschen noch so gnädig sein wollte. Ich war aufmerksam auf die Predigt, und betete herzlich, und nahm mir vor, mich völlig zu bekehren; und wenn ich wieder aus dem Zuchthause entlassen würde, so wollte ich ein ganz andres und bessres Leben anfangen. Es war mir, als wenn mit diesen Vorsätzen der Friede Gottes, den ich nie gekannt hatte, in mein Herz einzöge. Seit meiner Kindheit war ich nicht so ruhig und heiter gewesen. Aber ach! welch ein schlechtes und wetterwendisches Geschöpf ist doch der Mensch! Wie bald nahm der Feind alle guten Vorsätze von meinem Herzen wieder hinweg; und es ward ärger mit mir, als zuvor! Nach jenen heiligen Festtagen habe ich nie wieder in der Kirche gebetet. Nach beendigtem Feste machte ich mit den andern Züchtlingen auf der Werkstube Bekanntschaft. Anfangs ärgerte ich mich an [über] ihren frechen und gottlosen Reden, und daß sie ihren Spott hatten über den Prediger und den Gottesdienst. Als aber meine Kameraden meinen Aerger sahen, so ging es über mich her, und sie neckten und verspotteten mich so lange, bis ich, um nur Ruhe zu haben, mir Mühe gab, meinen Unwillen zu verstellen, und eben so frech zu scheinen, wie sie waren [wie die anderen]. Da erfuhr ich es, daß wenn man dem Teufel einen Finger giebt, er bald die Hand und den ganzen Menschen hat. Unvermerkt kam ich dahin, daß ich den Gotteslästerungen ohne Mißfallen zuhörte; und nicht lange, so ergötzten sie mich, und ich stimmte von Herzen mit ein. Ach, wie bald war der schwache Docht meines Glaubens da erloschen! – und als der letzte Funke todt war, konnte es wohl nicht anders sein, als daß die Gedanken und die Werke der Finsterniß wieder Macht über mich erhielten. – Außer den Gotteslästerungen bestand die Unterhaltung, die ich mit meinen Kameraden hatte, fast in nichts Anderem, als daß Jeder seine Verbrechen erzählte und rühmte; und wer unter uns der bösesten Thaten sich rühmen konnte, der war der beste Mann. Auch ich mußte erzählen, was mich in's Zuchthaus gebracht hatte. Da ward ich denn wieder recht geneckt und ausgelacht, daß ich von dem Hehler Im Original: Jude in Friedrichstadt mich um mein Geld hatte prellen lassen; und daß ich durch Androhung von Stockschlägen mich zum Bekenntniß hatte bringen lassen. Dann nahmen mich einige in die Schule, und belehrten mich, wie ich Alles viel klüger hätte anfangen, und vor Allem im Verhör meine That hätte leugnen müssen. Ich war sehr lernbegierig bei diesem Unterricht. Dann wurden auch Pläne gemacht, wie das Stehlen und Rauben erst recht wieder sollte getrieben werden, wenn wir aus dem Zuchthause würden entlassen sein. Wenn wir aber von solchen Dingen nicht mehr zu sprechen wußten, so kam die Rede auf Trunkenheit, Schlägereien, Hurerei und Ehebruch; und Einer wußte immer noch mehr als der Andre sich aller Laster zu rühmen. Das waren so unsre täglichen Gespräche bei der Arbeit, und noch mehr in den Freistunden. Ich hatte einen Schlafkameraden, welcher Abends, wenn wir allein waren, Pläne für die Zukunft, wenn wir frei sein würden, mit mir entwarf. Wir wollten in einen grossen Wald gehen, und uns da eine Hütte unter der Erde bauen. Des Tages wollten wir uns darin verbergen, und des Nachts zum Stehlen und Rauben ausgehen. Auch wollten wir uns Säbel und Pistolen anschaffen, um, im Fall der Noth, uns vertheidigen zu können; und wenn wir genug zusammen geraubt hätten, so wollten wir in ein anderes Land gehen, und da wie die Herren leben. Mein Kamerad wußte mir viele Geschichten zu erzählen, von Räubern, die es also getrieben. Er hätte diese Geschichten gedruckt gelesen, sagte er; darum wüßte er, daß sie wahr wären; – und ich hörte ihm gern zu, und freute mich auf die Zeit, da wir unser Vorhaben ausführen würden. – Nach einigen Wochen aber entzweiten wir uns, und da war es mit unserm Planmachen aus. Nachdem ich acht Monate in der Werkstube gearbeitet hatte, wurde ich bei der Wäscherei angestellt, wo ich mit vier andern Züchtlingen die Wäsche für alle übrigen Züchtlinge besorgen mußte. Die Arbeit war nicht leicht; aber ich hatte es doch besser, als vorher; denn ich bekam zehn Loth [etwa 150 Gramm] Brod täglich mehr, und genoß manche Freiheit. Es ist eine, im Lande ziemlich verbreitete Ansicht, als wenn die Sträflinge es im Zuchthause so gut hätten, daß sie, einmal da gewesen, auf's Neue Verbrechen zu begehen pflegen, um auf's Neue in's Zuchthaus, als in eine gute Versorgungsanstalt, zu kommen. Dem kann man aber keinen Glauben schenken, wenn man hört, daß ihnen, der Regel nach, das Brot weniger zugetheilt wird, als sie essen mögen. Satt essen ist doch das wenigste, was zu einem sinnlich behaglichen Zustande gehört. Daß entlassene Züchtlinge so gewöhnlich wieder neue Verbrechen ausüben, scheint seine Ursache vielmehr darin zu haben, daß sie im Zuchthause in einer Verbrecherschule waren, und das Gelernte nur zu bald ausüben wollen. Im Garten konnte ich frei umhergehen, und wurde manchmal sogar in die Stadt geschickt, um Gewerbe zu bestellen [um Angelegenheiten für das Zuchthaus zu erledigen]; da bekam ich manches Glas Branntwein, das mir im Zuchthause nicht geboten ward. Sechs Monate hatte ich in der Wäscherei gearbeitet, als ich abermals eine andre Anstellung bekam; ich mußte dem Speisemeister in der Küche behülflich sein, und hatte nun den Vortheil, daß ich immer von dem besten Essen bekam. Im Mai 1839 war ich in die Küche gekommen, und am 9. Juli, Morgens zwei Uhr, brach Feuer im Zuchthause aus. Es war ein fürchterlicher Brand. Der Lärm, das Leuchten und die Hitze der Flammen weckte die Schläfer; aber ihr Schreien und Jammern, als sie nicht herauskommen konnten, war fürchterlich anzuhören. Einigen gelang es, die Thüren von innen aufzubrechen; zu Andern drangen die Wärter, unter Gefahr ihres Lebens [Lebensgefahr], um aufzuschließen. Nur zur Krankenstube wagte sich Keiner hin, da der Gang dahin mit erstickendem Rauch angefüllt war. Gegen [Etwa] hundert Menschen waren in der Krankenstube eingeschlossen. Die Stube lag oben, im zweiten Stock; die Fenster waren mit eisernen Stäben fest vergittert. Die unglücklichen Menschen hatten die Scheiben eingeschlagen, um nicht in Hitze und Dampf zu ersticken; sie hingen sich an das eiserne Gitterwerk, denn der Fußboden war zum Theil schon durchgebrannt, und drohete, unter ihnen wegzusinken. Wir verzweifelten an der Möglichkeit ihrer Rettung [waren verzweifelt, weil wir nichts tun konnten, um sie zu retten]. Aber Gott wollte nicht, daß so viele Menschen in ihren Sünden umkommen sollten. Mit Hülfe von Leitern gelang es, von außen die dicke Mauer durchzubrechen; durch diese Oeffnung wurden Alle herausgelassen, und es ist kein Mensch bei diesem fürchterlichen Brande um's Leben gekommen. Nach wenigen Stunden war das ganze Gebäude ein rauchender Schutthaufen. Während des Brandes noch waren die Züchtlinge unter militairischer Bedeckung [bewacht von Soldaten] hinweggeführt, und untergebracht, wo und so gut es gehen konnte [kamen in die Zellen, die bei dem Brand weitgehend unversehrt geblieben waren]. Natürlich aber konnten wir jetzt nicht so von einander gesondert, und so gut und sorgfältig beaufsichtigt werden, als vorher. War also der Ton unter uns vorher schon nicht gut gewesen, so wurde er jetzt noch viel schlimmer; und wie die Aufführung der Züchtlinge im Allgemeinen sehr roh und zügellos ward, so ward besonders auch mein Betragen von Tag zu Tage schlechter und trotziger; denn mein altes Laster, die Trunksucht, fand bei der allgemein einreißenden [um sich greifenden] Unordnung leicht und oft Befriedigung. Weder in der Küche, noch bei der Wäsche, wollte man länger meine Dienste (be)nutzen, und ich kam wieder in die neu eingerichtete Werkstube, und zur Gesellschaft der schlimmsten Sträflinge zurück. Zum Ablauf meiner Strafzeit fehlten mir noch einige Monate; während dieser Zeit aber wurde zwischen mir und meinen Kameraden wenig Andres besprochen, als was Alles unternommen und ausgeführt werden sollte, wenn wir wieder frei sein würden. Der Beschluß, daß ich das Rauben und Stehlen als eigentliches Gewerbe treiben wollte, stand bei mir fest; und der Eine wußte mir diesen, der Andre jenen Anschlag zu geben [Gaunertrick zu verraten]. Es wurde von uns ausgerechnet, daß eben am Tage meiner Befreiung in Marne, einem Dit[h]marscher Flecken, vier Meilen von Glückstadt, Jahrmarkt sein würde; und man beschrieb mir die Leichtigkeit, dort zu stehlen, so reizend, daß ich den Tag kaum abwarten konnte. Am 9. October 1839 nahm ich von meinen Kameraden Abschied, und wurde über die Gränze [Grenze] der Stadt gebracht. Durch meine Arbeit im Zuchthause hatte ich vier Mark erübrigt; und wohlgemuth setzte ich von der Stadtgränze meinen Weg nach Marne allein fort. VII. Zügellosigkeit eines entlassenen Züchtlinges So war ich jetzt also auch im Zuchthause gewesen, – in meiner Einfalt hatte ich dies Haus früher für eine Besserungsanstalt gehalten; ich hatte es als eine Hochschule für Verbrecher kennen gelernt; – da ich hineinkam, war ich ein Verirrter; aber doch, wie ich erzählt habe, auf der Umkehr begriffen [wollte mich aber bessern]; als ich entlassen ward, war ich ärger, als die Teufel sind; denn von den Teufeln heißt es in der heil. Schrift: »Sie glauben und zittern.« Das that ich nicht mehr. Ich glaubte an nichts, und fürchtete mich vor nichts. Ich glaubte nicht an Gott, nicht an Himmel und Hölle, nicht an Gutes und Böses; sondern was mir vortheilhaft war, das hielt ich für recht; und was ich vom Gesetz gehört hatte, das hielt ich für eine kluge Erfindung der Reichen, um die Armen zu zügeln; – die Religion aber schien mir ein Märchen, zu gleichem Zweck von den Menschen erdacht. Der Marktflecken, der das nächste Ziel meiner Wanderung sein sollte, lag vier Meilen entfernt; da ich durch die lange Gefangenschaft des Gehens ungewohnt war, so kam ich erst spät Abends und mit wunden Füßen daselbst an. Der Jahrmarkt, und mit ihm die erwünschte Gelegenheit zum Stehlen war schon vorüber; die Wirthshäuser aber waren voller Gäste. Weil ich Geld in der Tasche hatte, so lag mir das Stehlen augenblicklich auch weniger am Herzen, als die Befriedigung meiner alten Leidenschaft für Trunk und Spiel. Zu beiden fand ich reichlich Gelegenheit; und so wurde diese erste Nacht nach dem Zuchthause in diesen Lastern hingebracht, bis ich keinen Schilling mehr übrig hatte. Am Morgen meldete ich mich, als entlassenen Züchtling, bei dem Kirchspielvogt, und wurde auf Kosten der Obrigkeit zu Wagen nach Garding gebracht. Nachdem ich auch hier mich beim Staller gemeldet hatte, ging ich zu meinen Eltern. Meine Eltern nahmen mich besser auf, als ich es verdient hatte; und ermahnten mich ernstlich, meinen bösen Wandel zu ändern, und mich zu Gott und seinem Worte zu halten. Ich aber lachte über meiner Eltern Einfalt, und erklärte ihnen, was ich im Zuchthause gelernt hatte; daß Gott und sein Wort nur Märchen wären, ersonnen, um dummen Leuten Furcht einzujagen; wie eine todte Krähe in den Kirschbaum gehängt wird, um die Sperlinge zu [ver]scheuchen, und daß die klugen Leute die Kirschen für sich behielten. – Meine Eltern kreuzten [bekreuzigten] sich vor mir, und meine Mutter jammerte, und nannte mich ihren verlornen Sohn. Da konnte ich's bei ihnen nicht lange aushalten. Ich besann mich, daß ich einen Schwager in Schwabstädt hatte, einen Menschen von rohen und schlechten Sitten; zu dem wollte ich gehen. Ohne Abschied verließ ich früh Morgens das elterliche Haus; um meiner Füße zu schonen, beschloß ich zu reiten; ich hatte einen Strick zu mir gesteckt; griff auf der nächsten Fenne ein Pferd auf, zäumte es mit dem Strick, und ritt davon. Noch war ich nicht weit geritten, als mir ganz ein ähnlicher Vorfall begegnete, als schon einmal früher, gleich nach meinem ersten Diebstahl. Das Pferde scheute (sich), ohne daß ich eine Ursache entdecken konnte; ich stieg ab, und suchte mit Gutem und Bösem das Thier an der Stelle vorüberzuziehen; aber es bäumte sich [auf], und stieß mich in den Graben, wo ich in nicht geringe Gefahr kam, zu ertrinken. Während ich mich mühsam wieder herausarbeitete, war das ledige [reiterlose] Pferd ganz ruhig an der gefürchteten Stelle vorübergegangen; – es gelang mir, es wieder einzufangen. – Als ich bis dicht vor Schwabstädt geritten war, fühlte ich Hunger; es lag ein Wirthshaus da, aber ich hatte kein Geld. Weil ich das Pferd jetzt wieder los sein wollte, so kam mir ein Einfall, wie ich von dem Wirth ein gutes Frühstück, und noch obendrein Geld bekommen wollte; – denn von meinen Lehrmeistern im Zuchthause hatte ich gelernt, List und Betrug zu versuchen, wo mit Gewalt nichts auszurichten war. Mein erster Gedanke war, dem Wirth, der vor der Thür stand, das Pferd zum Verkauf anzubieten; aber das mußte Verdacht erregen. Ich besann mich auf eine bessere List; ich hielt an, und fragte hastig, ob der Wirth wohl ein oder zwei Kerle, mit allerlei Sachen beladen, hätte vorübergehen sehen? Er verneinte es. »Das ist sonderbar,« – sagte ich – »mein Herr ist diese Nacht bestohlen worden, und hat mich ausgeschickt, die Spur der Diebe zu verfolgen; dieses Weges müssen sie gekommen sein; denn hier fand ich so eben dieses Pferd, das sie auch gestohlen hatten, aber vermuthlich hier haben lassen wollen, um nicht daran erkannt zu werden. Laßt mich aber nur schnell einen guten Imbiß und ein Glas Branntwein bekommen; denn ich bin ganz nüchtern den Dieben nachgelaufen.« Der Wirth brachte, was ich verlangt hatte; ich ließ mir noch einige Gläser Branntwein geben, und sagte dann: »Geld habe ich in der Eile nicht zu mir gesteckt; Ihr müßt mir die Zeche und noch zwei Mark dazu borgen, und auch so gut sein, mein Pferd in den Stall zu nehmen, bis ich zurückkomme.« Der Wirth mogte denken, daß er an dem Pferde unterpfand genug [eine ausreichende Sicherheit] habe; gab mir ohne Widerrede das Geld, Und wünschte mir Glück zum Einfangen der Diebe. Ich lachte in mich hinein über den betrogenen Wirth, und ging zu meinem Schwager. Den Abend war in Schwabstädt Tanz. Mein Schwager und ich gingen dahin. Als es gegen Mitternacht kam, war ich so betrunken, daß ich nicht allein nach Hause gehen konnte; ich erkundigte mich nach meinem Schwager; aber er war schon ohne mich fortgegangen. Es kümmerte mich indeß wenig; bei'm Tanz hatte ich mit einem Mädchen Bekanntschaft gemacht, und ihr versprochen, sie nach Hause zu bringen. Nun aber mußte sie mir diesen Dienst leisten. Ich hängte mich an ihren Arm, und so stolperten wir in die stockfinstre Nacht hinaus. Es hatte stark geregnet, und der Weg war sehr schlüpfrig und tief geworden; bei jedem Schritt taumelte und glitt ich [aus], und das Mädchen hatte Mühe, mich zu halten. Endlich fiel ich der Länge nach in eine Wasserpfütze; und nachdem das Mädchen vergeblich versucht hatte, mir aufzuhelfen, ging es seiner Wege. Da lag ich, ganz trunken, allein, hülflos, in der finstern Nacht, mit dem Gesicht in Koth und Wasser. Es war eine Gnade von Gott, daß ich nicht ertrank, obwohl das Wasser nur eine Handbreit Tiefe hatte. Ich hatte fast schon Athem und Kräfte verloren, als es mir endlich gelang, mich aus der Pfütze herauszuwälzen. Als ich nach vielen vergeblichen Anstrengungen wieder auf den Füßen stand, erreichte ich gegen Morgen ein Häuschen, wo ich von einer armen Wittwe mitleidig aufgenommen ward. Sie ließ mich meinen Rausch ausschlafen, während sie meine Kleider reinigte; als ich erwachte, gab sie mir auch noch zu essen. Ich hatte noch acht Schillinge in der Tasche; die gab ich der guten Frau, und kehrte noch denselben Abend zu meinen Eltern zurück. Meines Bleibens bei ihnen war aber nicht lange. Ich ließ mir zu essen und zu trinken geben, steckte meines Vaters silberbeschlagene Pfeife ein, und ging nach Tönning; da verkaufte ich die Pfeife, und lebte von dem Gelde zwei Tage und zwei Nächte in einem liederlichen Hause. Als ich kein Geld mehr hatte, nahm ich mir vor, über Nacht auf dem Felde Schaafe zu stehlen. Schon war ich auf dem Wege; da aber kam mich die Furcht vor dem Zuchthause an, und ich änderte meinen Entschluß. Ich wollte jetzt hinüber nach Ditmarschen, und dort Arbeit suchen. Da ich über die Eider gesetzt war, erklärte ich dem Fährmann, daß ich kein Geld hätte, und ging meines Weges. Bei jedem Bauerhofe, zu welchem ich kam, fragte ich nach Arbeit; fand aber keine. Endlich fühlte ich Hunger. Was sollte ich thun? Zu lügen und zu stehlen hatte ich mich schon längst nicht geschämt; [doch] zu betteln schämte ich mich. Indeß der Hunger quälte mich, und ich faßte den Muth, bei dem nächsten Bauerhofe um Brod zu bitten; – aber ich ging unverrichteter Sache von mehren Höfen wieder weg; wenn ich um Arbeit gefragt hatte, so fragte ich nicht um Brod. Endlich mußte ich doch thun, was mir so schwer ward. Es war schon Abend; da bat ich an einer Thür um Brod, und bekam es. Es war das erste Bettelbrod, das ich gegessen habe. In dem nächsten Hause fand ich auch Arbeit; aber nur auf einige Wochen. Ein böser Geist schien mit mir in das Haus gezogen zu sein. Mit meinem Herrn, so wie mit meinen Mitknechten hatte ich fortwährenden Streit; die Nächte schwärmte ich außer dem Hause umher; des Tags schlief ich bei der Arbeit ein; auch stahl ich in der Nachbarschaft aus[auf]gehängte Wäsche u.s.w. Nach zwei Wochen jagte mein Brodherr mich aus seinem Dienste. Eine Zeitlang trieb ich mich darauf in Ditmarschen umher; fragte nach Arbeit von Hof zu Hof; fand aber keine; und das war mir ganz recht; denn da ich einmal gebettelt hatte, so gefiel mir dies weit besser, als arbeiten. Während dieser Zeit hatte ich mein Nachtlager hie und da in den Scheunen; versuchte auch mehrmals mittelst Einbruchs zu stehlen. In einer Nacht brach ich fünfmal in verschiedene Häuser ein; wurde jedoch immer verjagt, und bekam nichts. In Ditmarschen und Eiderstädt durfte ich dieß Vagabundenleben indeß nicht lange fortsetzen, weil ich dort zu bekannt war; ich beschloß deshalb eine Wanderung durch ganz Schleswig, bis Jütland hinauf, anzutreten. Ich bin auch wirklich in Husum, Bredstädt, Tondern, in Hadersleben, Apenrade und Flensburg gewesen. Auf dieser Tour gab es zu mancherlei kleinen Diebereien oft Gelegenheit; am meisten aber schlug ich mich mit Betteln durch, indem ich, nach dem Rath meiner Freunde im Zuchthause, mich für einen reisenden Handwerksburschen ausgab. Als ich so das ganze Land hinauf und herab durchgebettelt hatte, kam ich um die Fastenzeit wieder in Eiderstädt, bei meinen Eltern an. Diese hatten mich während der ganzen Zeit meines Vagabundirens in Ditmarschen in Arbeit geglaubt; und ich ließ sie bei dem Glauben. Mein Vater pflegt während des Winters grobe Körbe zu flechten, und hatte mich, da ich noch Kind war, in den Handgriffen unterrichtet. Ich half ihm nun bei der Arbeit, weil ich doch den Winter hindurch nicht wandern mogte. Die fertigen Körbe brachte ich in der Landschaft zum Verkauf; das gelöste [dadurch eingenommene] Geld aber vertanzte, verspielte und vertrank ich größtentheils, und nur selten brachte ich den Eltern einige Schillinge mit nach Hause. Natürlich gab es darüber oft Streit; wir wurden gegenseitig einander überdrüssig, und als der Frühling kam, wollte ich wieder vagabundiren. Doch machten meine Eltern mich bang [mir Angst], daß das Bettlerleben mich wieder in's Zuchthaus bringen würde, und so gab ich, gegen meine Neigung, ihren Vorstellungen nach, und beschloß einen Dienst zu suchen. Ich kam in Ditmarschen noch einmal als Knecht an. Am Tage meines Dienstantrittes war Krammarkt in Friedrichstadt. Zu meinem Unglück fiel mir das wieder ein, was meine Kameraden im Zuchthause mir von der Leichtigkeit, auf Märkten zu stehlen, gesagt hatten. Ich widerstand der bösen Lust nicht, und ging, statt zu meinem Brodherrn, nach Friedrichstadt zum Markt. Nachdem ich durch einige Gläser Branntwein mir Muth angetrunken hatte, wollte ich mein Glück bei den Schusterbuden versuchen; denn ich hatte ein Paar Stiefel nöthig. Es ging nach Wunsch; ich entkam mit einem Paar schöner Stiefel, ohne von Jemand bemerkt worden zu sein. Das machte mich dreister; aus einer andern Bude wollte ich ein zweites Paar entwenden; wurde aber auf der That ertappt, und sogleich in's Gefängniß gebracht. Es war am 10. Mai 1840. Der Lehre getreu, die ich im Zuchthause empfangen hatte, leugnete ich standhaft. Die beiden Paar Stiefel wurden vorgezeigt, und von den Eigenthümern erkannt; vier Zeugen beschworen, daß sie mich das eine Paar hätten stehlen sehen; ich aber leugnete hartnäckig; wodurch ich denn auch so viel erlangte, daß ich wegen dieses zweiten Diebstahls weniger hart, als um den ersten, bestraft ward. Dieß ist eine beim Volk allgemein verbreitete Ansicht; und war bisher auch in der Gesetzgebung begründet, nach welcher der Indicienbeweis, ohne eigenes Bekenntniß, zur Bestrafung eines Verbrechers nicht zureicht. Es wäre gut, wenn es in Zuchthäusern und Gefängnissen allen Verbrechern bekannt gemacht würde, daß durch die Verordnung von 1843, daß voller Indicienbeweis schon zur Strafe hinreiche , jener Schild löcherigt [löchrig, »aufgeweicht«] geworden ist. In dem vorliegenden Falle irrt übrigens Hinz; sein zweiter Diebstahl wurde gelinder, wie der erste, bestraft; nicht weil er geleugnet ward, sondern weil er ohne Einbruch geschehen war; Augenzeugen hatten hier das eigne Geständniß hinreichend ersetzt. Um der Zeugnisse willen, die wider mich waren, wurde ich auf ein Jahr zum Zuchthause verurtheilt. Im Grunde war es aber doch eine Selbsttäuschung, wenn ich glaubte, durch Leugnen mir die Strafzeit verkürzt zu haben. Die Untersuchung wurde eben dadurch so viel mehr ausgedehnt; und wie einfach die Sache war, wenn ich gestanden hätte, so mußte ich nun 5 Monate Verhöre aushalten, und so lange in Friedrichstadt, in dem abscheulichsten Kerker zubringen, den ich kennen gelernt habe. – Während dieser Zeit beschäftigte ich mich viel mit Schreiben; denn im Zuchthause hatte ich mir sagen lassen, daß diese Kunst für Betrüger und Diebe wichtig sei; und so wollte ich, was ich an Uebung in der Kindheit versäumt hatte, nachholen. Der Sohn des Gefangenenwärters war mir darin behülflich. Dieser junge Mensch verschaffte mir noch einen andern Zeitvertreib, der mir sehr lieb war; mir aber vielen Nachtheil gebracht hat. Mir wurden nämlich so viele Räuberromane, als ich nur lesen mogte, in den Kerker gebracht. Da las ich viele Beispiele, wie kühne Männer durch Rauben und Morden reich und angesehen geworden, und durch Muth und Klugheit immer gut durchgekommen waren. Ich wußte nicht, daß solche Geschichten nur erdichtet werden, um unwissenden und schlechten Menschen noch mehr Lust zum Bösen zu machen, und nahm mir vor, sobald ich könnte, in eine Räuberbande einzutreten. Es mag schwer, vielleicht unmöglich sein, die Leihbibliotheken unter solcher Controlle zu halten, daß schlechte und sittenverderbende Romane dem Volke unzugänglich werden. Durch die Thüren der Gefängnisse sollte aber wenigstens diese Pest keinen Zugang finden; und wir möchten diesen Gegenstand den Polizeibehörden zur strengsten Beaufsichtigung empfehlen. Will man aber die schlechten Romane im Allgemeinen unterdrücken, so giebt es gewiß kein besseres Mittel, als, man schreibe gute Volksbücher. Solcher Gedanken voll ward ich, den 18. October 1840, zum zweiten Mal in's Zuchthaus abgeführt. VIII. Zweiter Cursus im Zuchthause Ich war nun wieder auf der berühmten Hochschule in Glückstadt, um in allen Lastern und Verbrechen vollends auszulernen. Meine alten Kameraden, deren ich manche noch vorfand, nahmen mich, als einen gereifteren Verbrecher, mit größerer Achtung, als das erste Mal, auf. Ich war stolz darauf, daß man mich in eine Abtheilung brachte, in welche nur ganz ausgelernte und höchst gefährliche Verbrecher hinzukommen pflegten. Brandstifter, Räuber, Mörder waren hier meine Gesellschaft. Um mir unter ihnen ein Ansehen zu verschaffen, nahm ich noch mehr, als ich von Natur hatte, ein trotziges, zänkisches Wesen an; und sobald sich eine Gelegenheit [er]gab, schlug und mißhandelte ich einen meiner Kameraden. Ich ward bei dem Inspector der Anstalt verklagt, und bekam fünf und zwanzig Ruthenhiebe. Diese Strafe erbitterte mich so sehr, daß von dem Tage an meine ganze Seele mit Rache erfüllt war. An dem Kameraden, der mich verklagt, an dem Inspector, der mich verurtheilt, an dem Wächter, der mich geschlagen hatte, ja, an der ganzen Menschheit wollte ich mich rächen. Weil aber im Zuchthause sich dazu keine Gelegenheit fand, so wurden für die Zukunft die schrecklichsten Pläne entworfen, wozu es mir bei den andern Züchtlingen nicht an Unterstützung und Aufmunterung fehlte. Mit einigen der verwegensten Verbrecher verabredete ich, daß wir nach erlangter Freiheit eine Räuberbande bilden wollten; und in Gedanken lebten wir schon ganz darin, und alle unsere Raub- und Mordanschläge wurden mit den gotteslästerlichsten Flüchen bekräftigt. Dieß war unsere Unterhaltung bei der Arbeit und bei'm Essen; dieß das Erste, was wir bei'm Erwachen, und das Letzte, was wir bei'm Schlafengehen besprachen. Nur, wenn wir Sonntags zur Kirche gewesen waren, kam einige Abwechslung in unsre Unterredungen; dann ging es nämlich an ein Verspotten des Predigers, der sich einbilde, uns bekehren zu wollen; und wer von uns die Bibelworte, die in der Predigt gebraucht waren, am lästerlichsten auslegen konnte, der war für den Tag unser Prediger; und wir hörten ihm mit vielem Lachen und Ergötzen zu. Ich bekenne, daß der Zuchthausprediger solche Verhöhnung nicht um uns verdient hatte; denn er gab sich viele Mühe mit uns. Eines Tages wurde uns angezeigt [mitgeteilt], daß das heil. Abendmahl an Alle, die es begehrten, würde ausgetheilt werden. Wir Alle meldeten uns; denn weil einige Vormittage zur Vorbereitung verwandt wurden, so waren wir so lange von der Arbeit frei. Als der bestimmte Sonntag herankam, war ich mit den Andern in der Kirche; aber ich ging nicht mit ihnen zum Altar, weil ich nicht darum aufstehen mogte. So wurde meine Bequemlichkeitsliebe das Mittel, welches sich Gott bediente, um mich vor dem unwürdigen Genuß des heil. Abendmahls zu bewahren. Endlich hatte die Bosheit sich so sehr meines Herzens bemächtigt, daß ich ein unwiderstehliches Verlangen fühlte, einen förmlichen Bund mit dem Teufel zu schließen; denn ich hatte gehört und gelesen, daß man das könne, und besprach mich darüber mit einem Kameraden; welcher mir auch rieth, jeden Abend und jeden Morgen den Teufel dreimal mit Namen zu rufen. Ich that das lange Zeit, in der Hoffnung, daß der Böse mir erscheinen, und den Bund mit mir machen würde. Aber er erschien nicht; und jetzt sehe ich auch ein, daß ich damals in einem gräulichen Aberglauben gesteckt habe. Aber das war von Gott gekommen, zur Strafe für meine vielen Sünden; wie geschrieben steht: Gott wird denen, die ihr Herz von ihm kehren, kräftige Irrthümer senden; – dagegen die Furcht Gottes aller Weisheit Anfang ist. Meine Strafzeit ging schon fast zu Ende, als ich, um einer unbedeutenden Krankheit willen, auf die Krankenstube gebracht ward. Dadurch kam ich mit einem andern Eiderstädter in Berührung, welcher mir seine Absicht entdeckte [mitteilte], nach erlangter Freiheit bei Hamann in Oldenswort einzubrechen, weil er bei demselben eine Summe von 100 bis 500 Mark zu finden erwarte. Ich erfuhr auch von ihm, daß dieser Raub nicht sehr schwierig auszuführen sein würde, weil Hamann und seine Frau alte Leute wären, und abgelegen wohnten, und keinen Knecht, sondern nur ein einziges Dienstmädchen hielten. Dies Alles brachte ich, scheinbar absichtslos, von jenem Menschen heraus; weil ich aber früher, als er, aus dem Zuchthause würde entlassen werden, so hatte ich mir vorgenommen, ihm bei dem Raube zuvorzukommen. Nach wenigen Tagen kam ich nach der Werkstube zurück, und [be]rathschlagte mit meinen dortigen Kameraden, wie die That am besten möge auszuführen sein. Es schien uns am richtigsten, daß ich das Dienstmädchen todtschlüge, und danach den alten Leuten ihr Geld durch Drohungen abpreßte. Der Anschlag [Vorschlag] gefiel mir, vorzüglich wegen des Mordes; denn ich hatte ein Verlangen, Blut zu vergießen; theils, um mein Ansehen bei meinen Kameraden mehr zu begründen, theils aber auch, um meiner Bosheit Luft zu machen; denn ich war gegen alle Menschen von Rache erfüllt. Ja, auch meinen Kameraden, die noch nach mir im Zuchthause zurückbleiben mußten, gelobte ich, an ihren Feinden, die sie mir nannten, blutige Rache zu üben, weil sie es selber nicht konnten. So hatte ich, wenn auch noch nicht in der That, so doch in Gedanken und Vorsätzen, die höchste Ruchlosigkeit erreicht. Das Zuchthaus konnte mich nichts mehr lehren, und als fertiger Verbrecher wurde ich im October 1841 aus dieser Schule entlassen. Schiller läßt seinen »Verbrecher aus verlorner Ehre« sagen: »Ich betrat die Festung, als ein Verirrter, und verließ sie, als ein Lotterbube.« Schiller ist Dichter; aber der Dichter erfindet nur das Gewand, in welches er die gefundene Wahrheit kleidet. Der unglückliche Verbrecher, dessen Geschichte hier vor uns liegt, bringt uns dieselbe Wahrheit in ihrer traurigen Nacktheit vor Augen. Als ein umherstreichender Taugenichts, der nur gelegentlich stahl, um seinen Hunger und seinen Durst nach Branntwein zu stillen, kam er in's Zuchthaus; als er ein fertiger, vollendeter Verbrecher, mit der Raubsucht und dem Blutdurst eines Canibalen, verließ er es wieder. Durch die Strafe, die den Dieb und Vagabunden getroffen hatte, war der Raubmord vorbereitet. Nur die bitterste Ironie kann den Zuchthäusern, wie sie bei uns sind, den Namen der Corrections[Besserungs]anstalten geben. Der Sträfling sieht in der Beraubung seiner Freiheit, in der Einkerkerung mit andern, schlimmern Verbrechern, in dem erzwungenen Zusammenleben mit Räubern, Brandstiftern, Falschmünzern, Mördern und Blutschändern, welche alle ihre Verworfenheit zur Schau tragen, deren Ruchlosigkeit, wie eine giftige Seuche, Alles, was ihnen sich nähert, mit ergreift und inspicirt; in einer Umgebung, die das Schamgefühl erstickt, jede Regung des Gewissens verhöhnt, und den glimmenden Docht aller besseren Empfindungen mit gewaltsamer und sicherer Hand auslöscht; – ich sage, der Sträfling sieht, und kann darin nur sehen eine gewaltsame Ausstoßung aus der Gesellschaft der Ehrlichen. Jeder Mensch aber hat ein Bedürfnis nach Geselligkeit, und ein Verlangen nach Achtung in der Gesellschaft, in welcher er lebt. Darf es uns also befremden, daß der elende Sträfling denen sich hingiebt, die ihm, dem Ausgestoßenen, dem Geschändeten, die Hand zur Aufnahme reichen; die tausend Künste und Überredungen aufbieten, ihn zu Einem der Ihrigen zu machen? Darf es uns wundern, ihn alle die Ruchlosigkeit und Verworfenheit von jenen annehmen zu sehen, durch welche allein es ihm gelingen kann, in der Gesellschaft, welcher jetzt angehört, Achtung zu genießen? – Und welche Stellung wird er nun, dem Staat gegenüber, einnehmen? Das Gesetz ist sein Feind; das Gesetz hat ihn ausgestoßen; das Gesetz hat das, was er jetzt ist, aus ihm gemacht; er sieht, als der Schwächere, von dem Stärkeren sich unterdrückt; er hatte durch seine Verbrechen den Staat beleidigt; seine Strafe erscheint ihm als ein Triumph der Rache, welchen der Staat, als der Stärkere, über ihn feiert. Druck reizt zu Widerstand; erlittene Gewalt reizt zu Gewaltthat; erlittene Rache zur Gegenrache; welche um so viel erbitterter und boshafter wird, jemehr, dem Stärkeren gegenüber, die eigne Schwäche gefühlt wird. Bringt diese Bitterkeit, dieses Verlangen nach Rache zusammen mit jener Abgestorbenheit der sittlichen Gefühle; nehmt dazu die Unterweisungen, welche im Zuchthause zur leichtern und sichern Ausführung der Verbrechen ertheilt werden; dazu die Lehre, die dort eingeprägt wird, daß es keinen Gott und keine ewige Vergeltung giebt; und daß die Religion nur eine Erfindung der Klugen ist, um die Einfältigem im Volke zu zügeln; – nehmt dazu, daß alle diese mächtigen Hebel der Ruchlosigkeit selbst in den sorgfältigsten Bemühungen eines Zuchthauspredigers doch nur ein höchst schwaches Gegengewicht finden; – so kann es unmöglich bestritten werden, wenn wir behaupten: Eben in der Anstalt, deren sich der Staat zum Schutz gegen Verbrecher bedient, werden die Verbrecher erzogen. Das Zuchthaus, diese Schule des Bösen, hat Carsten Hinz aus einem gemeinen [einfachen] Diebe zum Räuber und Mörder gemacht. Uebrigens bekenne ich, daß ich der Frage, wie dieser Verbrecherschule zu einer Correctionsanstalt umzuschaffen ist? mich nicht gewachsen fühle, und daß ich die Lösung sachkundigern Männern überlassen muß. IX. Der Mord Auf =Anmerkung zu dieser Neuausgabe: In der Vorlage sind ab jetzt zuweilen einige Buchstaben nicht sicher zu entziffern; d. Hg. versuchte, in diesen gelegentlichen Fällen sinngemäß zu ergänzen/rekonstruieren. dem Wege von Glückstadt nach Hause hatte ich mehre Male Gelegenheit zu kleinen Diebstählen; aber mir lag nur der Raubmord, den ich bei Hamann ausüben wollte, im Sinne. Am Sonnabend, den 23. October 1841, langte ich bei meinen Eltern an. Am Sonntag sollte die That vollbracht werden; aber ward durch einen Zufall verhindert. Am Montagabend verließ ich bei einbrechender Dämmerung das Haus. Ich hatte mich mit einem Beil und einem Schießgewehr versehen. Mein Vater war schon zu Bette; meine Mutter aber begegnete mir in der Hausdiele, und fragte in etwas ängstlichen Ton, wie es mir schien: »Wohin so spät?« »Ich habe Geschäfte;« entgegnete ich, und ging, Beil und Flinte vor ihren Augen verbergend, zur Thür hinaus. Später habe ich erfahren, daß sie, solange sie gekonnt, mir nachgesehen; auch daß mein Vater, als er von ihr erfahren, ich sei ausgegangen, ihr darüber Vorwürfe gemacht und gesagt hat: »Das hättest du nicht leiden [zulassen] sollen; wenn Carsten [so spät] ausgegangen ist, so wird er nichts Gutes vorhaben.« Ach, arme Eltern, ihr kanntet euern bösen Sohn, aber daß er auf so ruchlosen Wegen sei, dachtet ihr doch nicht. Hamann's Haus liegt nicht weit von dem meiner Eltern, – ich bog bald von der Landstraße ab, und ging über ein Feld. Auf dem Felde stand ein Mann, den ich kannte; ich drückte meine Mütze tief in's Gesicht, und hoffte unerkannt vorbeizukommen. Das Beil, welches nur ein kleines Handbeil war, hatte ich im Busen verborgen. Dieser Mann hat später vor Gericht bezeugt, daß er mich recht wohl erkannt, und in Richtung nach Hamann's Hause hat gehen sehen. Auch sein Sohn, ein zehnjähriger Knabe, hatte mich auf diesem Weg gesehen. So hatte Gott schon vor vollbrachter That die Entdeckung vorbereitet. – Einen falschen Bart, den ich mir im Zuchthaus verschafft hatte, hatte ich, wegen der genauen Durchsuchung vor meiner Entlassung, dort zurücklassen müssen. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, in Hamann's Küche, vor der That, mein Gesicht schwarz zu machen. Aber auch diese Absicht, mich unkenntlich zu machen, verhinderte Gott; denn bei Hamann angekommen, vergaß ich, daß ich die Absicht gehabt hatte, und wollte, daß das Mädchen, das ich glaubte mit vielen Hieben getödtet zu haben, nicht starb; und daß dieses sowohl, als auch die Wittwe des ermordeten Hamann, vor Gericht mich wieder erkennen sollte. Meine Gedanken verwirren sich, und mein Herz ist betrübt, da ich dies schreibe. Aber ich will zu Gott beten, und in meinem Andachtsbuch lesen; und wenn ich meine Gedanken wieder gesammelt habe, will ich versuchen, Alles so aufzuschreiben, wie es sich zugetragen hat. Ich will nun Alles nach der Wahrheit erzählen. Gott stehe mir bei. Als ich bei Hamann's Hause ankam, bemerkte ich, daß noch ein Licht in der Stube brannte. Ich stellte mich unter das Fenster und sah die Frau und das Mädchen; aber den Alten sah ich nicht, denn er war schon zu Bett gegangen. Ich hielt mich ganz ruhig, bis ich die Frau hatte zu Bett gehen sehen und auch das Mädchen mit dem Lichte nach ihrer Schlafstätte gegangen war. Durch ein anderes Fenster beobachtete ich, daß auch sie zu Bett ging und das Licht auslöschte. Ich zögerte noch eine kleine Weile, und als ich glaubte, daß Alle im festen Schlafe lägen, versuchte ich es, mit dem Beile die Hinterthür des Hauses aufzubrechen. Es mißlang mir. Einen andern Eingang suchend, öffnete ich von außen ein Fenster und stieg hinein. Ich glaubte, in der Küche zu sein; aber beim Umhertappen bemerkte ich, daß ich in der Speisekammer war; ich fand ein Stück Käse und einen Topf mit Honig, und ich aß davon. Danach ging ich in die Küche und zündete ein Licht ein, und trat damit vor die Wandbettstelle des Mädchens. Als ich ihr ins Gesicht leuchtete, waren ihre Augen geschlossen, und ich glaubte, daß sie fest schliefe. Leise schob ich die Bettthür, die halb offen stand, vollends zurück, um besser ankommen zu können. Einen Augenblick schauderte mich vor dem, was ich thun wollte. Dann sagte ich leise: »In des Teufels Namen!« Bei diesen Worten schlug das Mädchen die Augen auf und wir sahen einander starr an. Dann führte ich mit der Schärfe des Beiles einen Schlag über des Mädchens Kopf; sie fuhr in die Höhe und versuchte, mich abzuwehren; aber ich war außer mir, und in blinder Wuth schlug ich ihr mit dem Beile [auf] Kopf, Schultern und Hände, bis sie, mit zahllosen Wunden bedeckt, ohne Regung in ihrem Bluthe lag. Ich zweifelte nicht, daß ich sie getödtet hatte. Plötzlich erschreckte mich ein Geräusch in der Stube, worin die alten Leute schliefen. Ich eilte hinzu; und als ich die Thür aufriß, trat mir der alte Hamann entgegen mit einem dicken Stock, und schlug nach mir; ich schlug mit dem Beil gegenan, bis der alte Mann, am Kopf schwer verwundet, auf einen Stuhl zurücktaumelte. In diesem Augenblick ging mir das Licht aus; ich eilte nach der Küche, um es neu anzuzünden; als ich zurückkam, sah ich, daß der alte Mann nicht leben und sterben konnte; und ich gab ihm mit dem Beile den Rest, damit er sich nicht länger quälen sollte. – – Nach dieser doppelten Blutthat habe ich mit dem Beile die Chatulle aufgeschlagen, aber kein Geld gefunden. Die Frau des erschlagenen Hamann lag im Bett und sah, wie ich Alles durchsuchte. Da bedrohte ich sie hart, daß sie mir sagen sollte, wo ihr Geld wäre; – aber sie sagte, es wäre kein Geld im Hause, denn ihr Schwiegersohn habe alles baare Geld zu sich in Verwahrung genommen. Der Gedanke, zwei Menschen vergeblich ermordet zu haben, machte mich rasend. Mit dem blutigen Beil in der einen, mit dem Licht in der andern Hand, stürzte ich von der Stube zur Küche, von der Küche nach der Lohdiele, von da wieder in die Stube, und tobte und fluchte, und wußte nicht, was ich that; denn meine Sinne waren ganz verwirrt. Als ich das Mädchen erschlug, war ich voll Kraft des bösen Geistes; als ich aber auf den alten Mann eindrang, fühlte ich, daß diese Kraft von mir gewichen war. Vorher hätte ich wohl Menschen mit den Zähnen zerreissen können; aber meine Bosheit und meine Wuth hatten mich gänzlich verlassen. Mich befiel eine unendliche Traurigkeit, und das Bewußtsein meiner That lag auf mir, wie eine ungeheure Last. O, wie schwer wurde mir der Weg zu meinen Eltern zurück! Ich hatte die Flinte bei mir, die ich für den Fall der Noth zu meiner Vertheidigung mitgenommen hatte; auf dem Heimwege aber kam mir der Gedanke, mich selber zu erschießen. Indeß fehlte es mir dazu an Muth. Ich rief mehrmal den Teufel an, daß er mir Kraft gebe; aber der böse Feind hatte mich armen Menschen nun dahin gebracht, wo er mich haben wollte, und hörte nicht auf mein Rufen. Nun aber danke ich Gott, daß er mich meinen Vorsatz zum Selbstmord nicht hat ausführen und nicht mich so in meinen Sünden hat dahinfahren lassen. Um zwei Uhr in der Nacht langte ich wieder zu Hause an und legte mich zu Bett; aber Ruhe fand ich nicht. X. Die Gefangenschaft und das Verhör Die Angst, die ich jetzt fühlte, war unbeschreiblich. Bei meinen Eltern konnte ich es nicht aushalten; überall hatte ich blutige Leichen vor Augen. Am dritten Tage trieb es mich nach Ditmarschen hinüber; mit Veränderung des Ortes hoffte ich der Gedanken an die That los zu werden. Unstätt [Unstet] lief ich einige Tage umher und lebte vom Betteln; aber das Bild der Ermordeten begleitete mich überall. Bei Tag und Nacht sah sie mit ihren tiefen Wunden, und wie sie sich krümmten vor Schmerzen und hörte die Schläge in ihren Köpfen knirschen, und ihr Winseln und Röcheln. Weil ich in Ditmarschen auch keine Ruhe fand, kehrte ich nach einigen Tagen zu meinen Eltern zurück. Ich wollte sehen, wie meine Sache stünde. Das in Oldenswort ausgeübte Verbrechen war ihnen längst bekannt, und sie schienen nicht zu zweifeln, daß ich der Thäter sei, obgleich sie ihre Vermuthung nicht mit bestimmten Worten gegen mich aussprachen. Das Beil, mit dem ich den Mord begangen hatte, hatten sie stillschweigend versteckt. Ich erfuhr jetzt von ihnen, daß die Obrigkeit nach mir gefragt habe. Ich gab ihnen zu verstehen, daß, wenn sie befragt werden sollten, sie Zeugniß ablegen sollten, ich wäre in jener Nacht nicht vom Hause entfernt gewesen. Danach ging ich zum Staller, nach Garding, um mir meinen Paß unterschreiben zu lassen; eigentlich war es mir aber nicht um den Paß zu thun [ging es mir nicht um meinen Pass], sondern ich wollte erfahren, ob die Obrigkeit mich wegen des Mordes in Verdacht habe. Der Staller aber ließ mich sogleich festnehmen und mit Ketten belastet nach Tönning abführen. Es war merkwürdig, daß ich so selber mich in die Hände des Gerichts hatte ausliefern müssen, – aber Gott ist gerecht und sehr weise und mächtig. Da ich nun wieder in meinem alten Gefängniß, im Tönninger Stockhause, war, fing ich an, zum ersten Male mit einiger Ruhe über meine Lage nachzudenken. Ich nahm mir aufs Ernstlichste vor, auf keinen Fall meine Schuld einzugestehen. Ich suchte mein Gemüth aufs Aeußerste zu verhärten, und beim Aufstehen, wie beim Zubettgehen, rief ich in der ersten Zeit immer dreimal den Teufel an. Ich bildete mir ein, wenn ich nur nicht selber mich verriethe, so würde es der Obrigkeit an Beweisen gegen mich fehlen: – und wenn sie dann endlich genöthigt wäre, mich wieder loszugeben [frei zu lassen], so wollte ich wieder rauben und morden. Jetzt begreife ich kaum, wie ich, mit einer solchen That auf dem Gewissen, schon wieder auf [an] neue Verbrechen habe denken können. Aber meine Gedanken waren die: »Mörder bin ich einmal, so ist's einerlei, was ich noch vollbringe; und wenn ich erst mehre Male gemordet habe, so werde ich es gewohnt, und es wird mir nicht solche Angst und Unruhe mehr machen; – wenn ich dann genug zusammengeraubt habe, so will ich außer Landes gehen, wo man mich nicht kennt; wenn aber meine Umstände einmal ganz schlimm und gefährlich werden sollten, so will ich mir selber das Leben nehmen; denn einmal muß es mit jedem Menschen doch aus sein.« Das waren, wie gesagt, meine Gedanken, und an Gott und Himmel und Hölle glaubte ich nicht. Die Meinung aber, daß das Gericht mir nichts würde anhaben können, änderte sich sehr, als ich nach einigen Wochen ein Verhör in Hamann's Hause ausgehalten hatte. In Tönning war ich schon einige Male verhört worden, und es war mir nicht schwer geworden, mit der vollkommensten äußern Ruhe zu leugnen, daß ich von der That wisse. Jetzt aber wurde ich in das Haus geführt, wo das Verbrechen verübt war. Das umhergespritzte Blut war noch an den Wänden und auf der Diele zu sehen. – Mir wurde in derselben Stube, da ich Hamann erschlagen hatte, dessen Wittwe gegenübergestellt, und sie betheuerte und sagte, daß sie mich als den Mörder ihres Mannes erkenne; aber ich konnte ihren Anblick nicht ertragen und leugnete ruhig, daß sie wahr gezeugt [bestritt dreist, dass sie die Wahrheit ausgesagt] habe. Danach wurden auch diejenigen Leute mir gegenübergestellt, welche mich nach Hamann's Wohnung hatten hingehen sehen und mich erkannt hatten, – ich aber betheuerte, daß sie die Unwahrheit sprächen. – Als dritter Zeuge trat gegen mich auf – meine Mutter. O, mein Gott, wie ward mir bei ihrem Anblicke zu Muthe. Sie wurde gefragt, ob ich in der Nacht, als der Mord vollbracht ward, zu Hause gewesen? und sie bekannte und sagte: nein! und bezeugte, ich wäre am Abend aus dem Hause gegangen und erst am Morgen zurückgekommen. Das war eine harte Anklage aus dem Munde der eigenen Mutter; aber ich faßte Muth und leugnete ihr ins Angesicht. Da ermahnte sie und bat mich, ich solle mich nicht länger verhärten, sondern bekennen, was ich von der That wisse; – und die Obrigkeit ermahnte mich auch und erinnerte mich an das vierte Gebot, daß ich Vater und Mutter ehren und nicht die, welche mich geboren habe, zur Lügnerin machen sollte. Aber ich blieb fest und bekannte nichts. Meine Mutter weinte sehr, als sie hinausging. Ich hoffte, das schreckliche Verhör sei nun zu Ende; – aber sie haben es das Mal [diesmal] lange und sehr schrecklich mit mir gemacht, und dachten, ich sollte doch endlich den Muth verlieren und zum Bekenntniß kommen. – Als meine Mutter hinausgegangen war, ward ein Vorhang in einer Ecke der Stube plötzlich weggezogen und ich sah, auf dem Bette liegend, das Mädchen, welches, wie ich glaubte, von mir ermordet und längst gestorben und begraben war. Ich erkannte sie sogleich, obwohl sie schrecklich entstellt und der größte Theil ihres Gesichtes und der ganze Kopf in [einen] Verband eingehüllt war. Bei diesem Anblick verließ mich alle Kraft; ich glaubte in die Erde versinken zu müssen; es fehlte wenig, daß ich hingestürzt wäre; ich mußte mich setzen und bat um ein Glas Wasser. Die Richter sahen mich scharf an; ich fühlte die Wichtigkeit des Augenblicks; da rief ich den Teufel an, daß er mir beistehe; und gewann meine Fassung so weit, daß ich dem Mädchen ins Gesicht sehen, und als sie mich dann als den Thäter nannte, ihr entschieden widersprechen konnte. Da die Obrigkeit sahe, daß nichts mich bis zum Bekenntniß hatte erschüttern können, wurde ich nach Tönning in meinen Kerker zurückgeführt. Von der Zeit an blieb ich zwar bei meinem Vorsatz, zu leugnen; aber nicht eben so bei dem Gedanken, daß die Obrigkeit mir nichts anhaben könne. Weil ich, dem Mädchen gegenüber, mich zu sehr verrathen, und so viele und unbestreitbare Zeugnisse wider mich waren, so fing ich an, Pläne zu machen, wie ich entspringen [fliehen] könne; aber auf die Langsamkeit der Untersuchung mich verlassend, wollte ich diese Pläne nicht eher ausführen, als bis der Sommer nahe sein würde. XI. Die Bekehrung Nach jenem Verhör fing der Pastor Schumacher aus Tönning an, mich im Stockhause zu besuchen. Weil er sah, daß ich in der Religion ganz unwissend war, so unterrichtete er mich nach den fünf Hauptstücken des Catechismus. Ich hörte wohl aufmerksam zu, aber ich glaubte nicht an das, was der Prediger mich lehrte. Als wir zum fünften Hauptstück gekommen waren, verlangte ich verstockter Mensch das heil. Abendmahl zu empfangen. Der Pastor aber sagte, ich solle mich hüten, daß ich den Leib und das Blut des Herrn nicht mir zum Gericht empfinge; und noch mit vielen andern Worten sprach er über den würdigen und unwürdigen Genuß des Abendmahls. Obwohl ich davon wenig verstand, so war es mir doch, als wenn diese Worte mir einigermaßen zu Herzen gingen; und ich ließ es dabei bewenden, das Sakrament nicht weiter zu begehren. Inzwischen hatte ich einen Plan zu meiner Flucht entworfen; in der Nacht vor dem 28sten März sollte er ausgeführt werden; aber er mißlang völlig und ich wurde so viel härter geschlossen. Dieser Vorfall war indeß nicht ohne heilsame Folgen für mich; denn mein Prediger bewies mir, daß es Gott gewesen sei, der meine Flucht gehindert habe; und mich deuchte es auch so; aber ich ward doch meines Glaubens, daß ein Gott sei [es Gott gibt], noch nicht gewiß. Bald nachher gab Gott mir in meinem Gewissen noch ein andres Zeugniß. Es war eben Tönninger Krammarkt; nach seiner Gewohnheit saß der Pastor Schumacher bei mir und unterrichtete mich von Gott. Bisher hatte er noch nicht mit mir gebetet; denn er sagte, er könne kein Herz zu mir fassen, daß ich nicht über das Gebet spotten würde, darum bete er lieber zu Hause für mich. Dießmal aber fing er an, für mich zu beten, und ich lachte heimlich darüber; – da hub unter dem Fenster eine Drehorgel an zu spielen, so daß der Pastor nicht zu Ende beten konnte; – und er schwieg lange; und als es außen still ward, sagte er: Er sehe, daß Gott das Gebet, das er für mich hätte thun wollen, verworfen habe. Das ging mir viel tiefer, als ich's den Prediger merken ließ, in mein versteinertes Herz hinein; und ich dachte: Es ist wahrhaftig ein gerechter Gott im Himmel. Ich habe einmal vorhin geschrieben, daß ich im Zuchthaus schlimmer war, als die Teufel; denn die Teufel glauben und zittern, und ich glaubte nicht. Jetzt aber fing ich an, an einen gerechten und heiligen Gott zu glauben; aber ich zitterte bei dem Gedanken, weil ich verzweifelte, daß Gott mir je meine schweren Sünden vergeben könne. Ich entschloß mich, zu Gott zu beten, aber nicht um Vergebung der Sünde, denn dazu hatte ich den Muth nicht, sondern nur, daß Er mir die Flucht aus dem Kerker gelingen lasse. Am 19. Mai machte ich einen zweiten Versuch zur Flucht. Ich entkam auch aus dem Gefängniß und war schon auf freiem Felde; – aber der Schließer war hinter mir [verfolgte mich] und vor mir waren Leute, die im Felde arbeiteten; – so wußte Gott mich leicht zu halten, selbst als ich schon frei war; denn ich fühlte mich schwer zum Laufen und kraftlos, mich durchzuschlagen; und ließ mich ohne Widerstand in den Kerker zurückführen. – Meine Seele war jetzt so verzagt, daß ich den Gedanken faßte, mir selber das Leben zu nehmen. Aber der gnädige Gott wollte nicht, daß ich so verloren gehen sollte. Er fügte es, daß gleich nachher der Prediger zu mir kam und mir stark zuredete, ich solle doch einsehen und erkennen, daß vor Gott gar kein Entrinnen möglich sei, weder in diesem, noch in dem zukünftigen Leben. Das sagte er aber nicht wegen meiner Absicht zum Selbstmord, denn davon wußte er nichts, sondern allein wegen des Mißlingens meiner Flucht; – indeß machte ich über seine Worte mir selber diese Gedanken, daß, wenn ich mich auch entleibte, ich darum doch vor Gott nicht entfliehen könnte. Am andern Tage wurde ich, wegen des Unfugs, den ich bei'm Ausbrechen gemacht hatte, mit Knutenhieben gezüchtigt, und wurde noch viel härter geschlossen; und meine Kette wurde auch im Fußboden festgemacht, so daß ich mich nur wenig rühren konnte. Bisher hatte der Prediger, so oft er mich besuchte, mich in des Gefangenenwärters Stube bringen lassen; von jetzt an aber kam er zu mir in's Gefängniß. Nach diesem Tage dachte ich ernstlicher als je über mich und meine Lage nach. Alle meine Pläne zur Flucht waren fehlgeschlagen, obwohl ich glaubte, sie recht klug angelegt zu haben; – und meine Gefangenschaft war nur immer härter geworden. Ich sah ein, daß der Prediger Recht hatte, und dachte viel an die Bibelworte, die er mir gesagt hatte: »Gott, wohin soll ich gehen vor Deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor Deinem Angesicht?« Aber die Lehre von der Buße und Vergebung der Sünden konnte ich noch nicht fassen und glauben. Der Prediger merkte inzwischen wohl, wie es mit mir stand, und sprach fast gar nicht über meine vielen Missethaten; aber desto mehr über die Hoffnung des ewigen Lebens. »Wir wären allzumal Sünder«, sagte er zu mir, – »und mangelten des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten; – und kein Mensch könne selig werden aus eigner Werke Verdienst, sondern allein aus Gnaden Gottes, und durch die Erlösung, die durch Jesum Christum geschehen ist; – ob aber unsre Sünde auch blutroth wäre, so solle sie doch schneeweiß werden.« – Und vieles andre sprach er, damit ich doch nur Muth fassen mögte zu dem Heiland, der die Sünder annimmt; – und daß Christus ja gekommen sei, die Sünder zur Buße zu rufen, und nicht die Gerechten; und daß Er, der göttliche Erlöser, auch mich noch zu Gnaden annehmen wolle. Und dann las er mir das Gleichniß von dem verlornen Sohn vor, und sprach lange darüber; und noch vieles mehr, was mir überaus tröstlich war. – So lange ich den Prediger so sprechen hörte, dachte ich, Gott könne mir noch vergeben; aber wenn er wieder von mir wegging, so wurde [bekam] ich wieder sehr angst, und könnte mich selber nicht trösten, und weinte und jammerte manchmal die halbe Nacht hindurch, daß mein Kopfkissen naß ward von Thränen. Weil ich so oft Gott gelästert hatte, so fürchtete ich, daß ich nicht zu ihm beten dürfe; und wenn der Pastor, wie er das jetzt oft that, mit mir und für mich betete, so konnte ich nicht dazu kommen, Amen! zu sagen. Indeß befolgte ich doch den Rath des Pastoren, daß ich bei Tage, wenn ich allein war, viel in der Bibel las; und auch im Gesangbuch, vorzüglich von den Gesängen, welche überschrieben sind: Buße und Glaube. Während des Lesens war mir oft recht gut zu Muthe; aber wenn es dunkel ward, und ich mehr an mein voriges Leben, als an den Erlöser dachte, dann ging [fing] meine große Qual wieder an. In meinem frühern Zustande, da ich noch ganz verstockt war, und statt zu Gott zu beten, den Teufel anrief, war ich so traurig, wie jetzt, nie gewesen; und doch hätte ich um Alles [in der Welt] nicht in den Zustand zurückkehren mögen. – Eines Abends saß ich auf meinem Bette, und weinte bitterlich; denn ich wußte gar keinen Rath mehr; da war es mir, als wenn der liebe Heiland zu mir sagte, daß ich beten solle. Voll Schmerz und Angst warf ich mich platt auf mein Angesicht nieder, und weinte, und flehte zu Gott um Vergebung meiner Sünden. So lag ich wohl eine Stunde lang; da kam es mir vor, als wäre eine schwere Last von mir genommen. Danach legte ich mich zu Bett, und schlief die ganze Nacht ruhig. Ach! so ruhig hatte ich seit vielen Jahren nicht geschlafen. Sobald ich am andern Morgen erwachte, fing ich wieder an zu beten, und las eine Bußpredigt; denn der Pastor hatte mir ein ganzes Buch voll wunderherrlicher Bußpredigten gegeben; daraus habe ich viel Lehre und Trost bekommen; und ich muß wohl sagen, ich habe darin noch tiefer gelesen, und noch mehr Segen darin gefunden, als in der Bibel selber, welche ich nicht allemal verstehen konnte. Als ich die Predigt zu Ende gelesen hatte, verlangte mich sehr, den Prediger zu sprechen; aber der Pastor Schumacher war damals verreist, und hatte den Pastor Havenstein aus Cating bitten lassen, mich zu besuchen, bis er zurückkäme. Herr Pastor Havenstein war auch fünf- bis sechsmal bei mir, und hat mir sehr ernst und tröstlich zugesprochen. Als nach einigen Wochen der Pastor Schumacher von seiner Reise zurückgekehrt war, bat ich ihn, daß er mir das heil. Abendmahl geben mögte. Da hat er mir aber sehr hart zugesetzt, daß ich zuvor Gott bitten müsse um ein aufrichtiges Herz; denn so lange ich vor der Obrigkeit meine Schuld verleugne, könne ich von dem Abendmahl keinen Segen erwarten. Aber ich glaubte, daß der Prediger zu hart mit mir verführe; denn erstlich konnte er doch nicht ganz gewiß sein, daß ich die Mordthat begangen hatte; und zweitens glaubte ich, daß ich bei Gott wohl Gnade haben könne, ohne meine Schuld gegen die Menschen bekannt zu haben. Und ich sagte dem Pastoren, ich hätte der Obrigkeit nichts zu bekennen ; er aber antwortete mir, so hätte er auch kein Abendmahl für mich . Diese Worte erschütterten mich so sehr, daß ich anfing, zu weinen; es war das erste Mal, daß ich im Beisein des Pastoren geweint habe; denn ich machte mich immer sehr hart, weil ich glaubte, es würden die Thränen leicht als Eingeständniß meiner Schuld angesehen werden. Ich wollte durch äußerliche Ruhe den Pastoren von seiner Ueberzeugung meiner Schuld abbringen. Diese Absicht [Dieses Ziel] hatte Hinz auch fast bei mir erreicht. Von dem, was in seinem Innern vorging, verrieth er nur wenig; und wenn er manchmal auch die Schmerzen der Buße nicht vor mir verbergen konnte, so gab er als Ursache seinen lasterhaften Lebenswandel im Allgemeinen an; aber den Mord leugnete er standhaft. Ich wurde irre an ihm; es konnte wahr sein, daß er der Obrigkeit nichts zu bekennen habe. Ich fürchtete, in der Verweigerung des Abendmahles doch zu weit gegangen zu sein. Seine Thränen, die ersten, die ich aus diesen verhärteten Augen fließen sah, rührten mich. Ich sagte ihm, daß ich auf seine Verantwortung und Gefahr ihm das Abendmahl geben wolle. Dießmal aber konnte ich mich nicht so beherrschen; und als der Prediger mich so weinen sah, gab er nach, daß ich das Abendmahl empfinge. – Ich hatte indeß nicht den Segen von dem Genuß des heil. Abendmahles, den ich erwartet hatte; ich hatte geglaubt, dadurch der Vergebung meiner Sünden gewiß, und in meinem Gewissen beruhigt zu werden; aber ich hatte mich geirrt, und der Pastor hatte Recht. Ich that mir alle Gewalt an, meiner bösen Gedanken los zu werden: aber vergeblich. Es verging kein Tag, an welchem nicht die Erinnerung an meine Verbrechen mich quälte; und Nachts ward ich von bösen Träumen geängstigt. Daraus erkannte ich, daß ich noch weit davon entfernt war, Vergebung der Sünden zu haben; und war oft nahe daran, ganz wieder an der Gnade Gottes zu verzweifeln. – Der Prediger mußte meine große Niedergeschlagenheit bemerken; und nach einiger Zeit sagte er mir geradezu [ganz direkt], wie es mit mir stünde. »Carsten,« – sagte er – »das Abendmahl hat Dir, obwohl nun schon zwei Wochen darüber vergangen sind, keine Ruhe gebracht; darum bin ich gewiß, daß Dir noch eine geheime Schuld auf dem Herzen lastet; aber Du wirst nie und nimmer Frieden mit Gott erlangen, bis Du Dich entschliessest, eben so aufrichtig, wie vor Gott, auch nun vor der Obrigkeit, Alles zu bekennen, was Du von dem Verbrechen in Hamann's Hause weißt. Du weißt, daß geschrieben steht: die Obrigkeit ist von Gott. Gott hat sie eingesetzt, daß sie Recht und Gerechtigkeit auf Erden in seinem Namen ausrichten soll. Bezwinge die fleischliche Furcht, die Dich abhält, zu bekennen. Es ist wahr: »Wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden;« und »die Obrigkeit führt das Schwerdt nicht umsonst.« Aber »fürchte Dich nicht vor denen, welche Deinen Leib tödten können; fürchte Dich aber vor Gott, welcher Dir Leib und Seele in die Hölle verderben kann.« Richte Dich selber, damit Du nicht dermaleinst gerichtet werdest. Wenn Gott Dich hier züchtigen will, so widerstrebe ihm nicht, damit Er dermaleinst dort oben Dich loslassen könne.« Ich habe alle diese Worte, die der Pastor zu mir sprach, recht gut behalten; denn sie machten einen starken Eindruck auf mich; und ich wußte ja auch, daß es eigentlich nicht des Predigers, sondern Gottes Worte waren. Ich nahm mir auch seitdem oft vor, daß ich bekennen wollte; aber im nächsten Augenblick entfiel mit der Muth wieder. Solche schweren Kämpfe im Gewissen habe ich von dem Tage an, da ich zuerst zu Gott betete, etwas länger als ein Jahr ausgehalten. Es war mir, als ob der gute und der böse Geist um mich stritten, wer mich haben sollte, und mich hierhin oder dorthin rissen. O, wie oft habe ich gebetet und gezittert, wenn der Diener Gottes so vor mir saß, und in mich drang, daß ich der Wahrheit nicht widerstreben, und mich hüten solle vor der Sünde gegen den heil. Geist, welche nicht Vergebung finden könne, weder in diesem, noch in dem andern Leben. Zuletzt, es war am Buß- und Bettage, da der Prediger mich besucht, und mir lange sehr hart zugesetzt hatte, und mich viel gebeten und ermahnt hatte, daß ich doch nicht den Fluch, sondern den Segen erwählen, und doch zusehen solle, meine Seele zu erretten, weil es noch Zeit wäre; – da war ich aus aller Fassung, und ich dachte, wenn ich noch widerstünde, so wäre dies die Sünde gegen den heil. Geist; – und über diesen Gedanken konnte ich nicht wieder zur Ruhe kommen. Am andern Tage verlangte ich nach dem Prediger; aber mir wurde gesagt, daß er krank zu Bett läge, und nicht zu mir kommen könne. Da bekam ich eine fürchterliche Angst über mich; denn ich dachte: das kommt von Gott, daß in dieser meiner Noth kein Diener des Wortes mehr zu mir kommen soll, darum, weil ich gegen sein heiliges Wort so lange mich verhärtet habe. Vier Tage hielt ich diese entsetzliche Angst aus. Ich sprach in den Tagen viel mit einem andern Gefangenen, und mit dem Gefangenenwärter; aber diese Gespräche trieben meine Angst nur immer höher. Als es am Abend des vierten Tages mit mir auf's Aeußerste gekommen war, warf ich mich platt auf die Erde nieder und flehte zu Gott, daß Er mir zu einem freimüthigen Bekenntniß vor der Obrigkeit Kraft geben wolle. Und der gnadenreiche Gott erhörte mich; – ich weiß nicht, wie lange ich noch lag zu beten; aber als ich aufstand, hatte ich den festen Willen, am nächsten Morgen ein vollständiges Bekenntniß abzulegen. Und Gott gab nicht allein das Wollen, sondern auch das Vollbringen. Es ward spät, ehe ich einschlief; aber ich schlief ruhig; und als ich am andern Morgen erwachte, war mein erster Gedanke: das Bekenntniß. Ich rief den Schließer, und trug ihm auf, daß er sogleich das Gericht bitten solle, zu mir zu kommen; und ich gestand vor demselben Alles, was ich gethan habe. Als ich wieder allein war, las ich das Gleichniß vom verlornen Sohn wohl vier- oder fünfmal durch, und beim Lesen ward mein Herz ganz ruhig; und ich habe Gott auf meinen Knien gedankt, daß Er mir so beigestanden hatte. – Ich bin nachdem noch mehre Male im Verhör gewesen, weil noch Vieles zu fragen war, und ich habe alle und jede Frage nach der Wahrheit geantwortet. Das Härteste war mir, als sie mich nach dem Beil fragten, und ich sagen mußte, daß meine Eltern es versteckt hätten. Wenn aber Gott will, daß ihnen darum ein Leid widerfahren soll, so will ich bitten, daß es ihren Seelen zum Heile sein werde. Bald nach dem Bekenntniß kam auch der Prediger wieder zu mir. O, wie ganz anders konnte ich ihm jetzt in die Augen sehen, und er war auch gegen mich nun ganz anders; er gab mir die Hand und wir konnten beide lange Zeit kein Wort sagen. Danach aber wünschte er mir Glück und fragte mich, wie ich es denn nun hätte? »Viel besser«, sagte ich, »ich habe mir frivol manchmal eingebildet, Frieden mit Gott zu haben; aber das war doch nichts. Ich habe erfahren, was das hilft, mit Furcht und Zittern seine Seligkeit schaffen; ich habe viel ausgestanden; aber nun ist es ganz gut.« – Da beteten und dankten wir mit einander und weinten vor Freude. Ich stehe nun auch ganz anders mit dem Prediger. Früher hörte ich bloß zu und sprach wenig; nun spreche ich viel mit ihm und sage ihm Alles, wie ich es von Anfang bis auf diese Stunde gehabt habe; und bekenne ihm Vieles über den frühern Zustand meines Gewissens, was nicht eben Alles hier braucht geschrieben zu werden. Ich bin nun ganz gewiß, daß ich Vergebung aller meiner Sünden habe; und das sage ich nicht, weil der Prediger es mich versichert, sondern weil ich es selber fühle; und ich zweifle auch nicht, daß Christus, der dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat, mir armen Menschen Kraft geben wird, wann meine Stunde kommt, mein schuldiges Haupt ruhig unters Beil zu legen. Ich wünsche mir, daß mein Urtheil und meine Erlösung aus diesem Leibe des Todes bald kommen mag; denn ich habe nun Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir auch viel besser wäre. Dann wird mein Herz erst völlige Ruhe haben und meine Seele wird eingehen zum ewigen Frieden. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und daß Er, als Fürsprecher, mich bei Gott vertritt. Wenn Gott, der Anfänger und Vollender meines Glaubens, mich davon nicht gewiß gemacht hätte, so wäre ich der Elendste unter allen Menschen. Aber Gott sei gelobt, durch Jesum Christum hoffe ich nun über ein Kleines [in kurzer Zeit] von allem Uebel erlöst zu sein, und hoffe hin zu gelangen nach dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel, und zu der Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über Alle, und zu den Geistern der vollendet Gerechten. Dazu, dazu hilf mir, mein Erlöser, und laß mich treu beharren, bis ans Ende! Laß mich durch Glauben Dein sein, und Dein bleiben; dann darf ich bald mit jenem Heiligen sprechen: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! Es segne uns Gott, unser Gott! Es segne uns Gott immerdar; und alle Welt fürchte ihn! Die Erde müsse voll werden der Erkenntniß des Herrn! Amen! Geschrieben in der Gefangenschaft, in Tönning, den 16. Juli 1843. Carsten Hinrich Hinz. Des Herausgebers Bericht über die Bekehrungsgeschichte des Carsten Hinrich Hinz Diesen Bericht habe ich vornämlich für Euch, liebe Amtsbrüder, geschrieben, weil ich in der Vorrede versprochen habe, über die geistliche Behandlung eines schweren und verhärteten Verbrechers aus meiner Erfahrung einige Winke mithzuteilen. – Preis und Ehre dem Herrn, der diese Seele (wie einen Brand) aus dem Feuer gerissen hat, und jetzt sie aus dem Brunnen des ewigen Lebens tränkt! Daß aber nach der Inhaftirung des Verbrechers, sieben viertel Jahre erforderlich waren, um ihn bis zu dem Quell dieses Brunnens zurückzuführen, ist des Predigers Schuld, der ihm zum Führer gegeben war. Ich bekenne mich aufrichtig dieser Schuld; und die Winke, die ich mitzutheilen habe, werden vornämlich nur Eingeständnisse von Fehlern sein, die ich begangen habe, und die Du, geliebter Amtsbruder, nun vermeiden wirst. Die erste und zugleich schwerste Aufgabe des seelsorgenden Predigers ist: Geister unterscheiden. Es kann in der leiblichen Bildung des Menschen keine so große und außerordentliche Verschiedenheit gefunden werden, als wir in seinem Innern Verschiedenheiten entdecken: Verschiedenheit der Temperamente; Verschiedenheit der geistigen Anlagen und Kräfte; Verschiedenheit der Bildungsstufen, der Neigungen, der Laster; – und nach jeder Verschiedenheit der Seele muß die Seelsorge eine andre sein, andre Lehrweisen, andre Ermahnungen und Tröstungen gebrauchen, andre Triebfedern in Anspruch nehmen. Nicht minder sind die Verhältnisse zu unterscheiden. Mit Kranken, welche gefaßt sind, bald vor ihrem ewigen Richter zu stehen; und mit Menschen, die im Strudel des Lasters noch für diese Welt leben; – mit Gezüchtigten, und mit denen, welchen ihre Bosheit gelingt; – mit Suchenden, und mit denen, welche gesucht werden sollen, muß ganz anders gesprochen werden. Wie der Fischer für etliche Fische Netze für etliche Reusen, für etliche Angeln, für etliche Harpunen gebraucht, so müssen auch die, welche Menschenfischer sein sollen, verschieden eingerichtet sein. Ich wünschte, daß Cl. Harms [Dr. Claus Harms = berühmter Prediger seiner Zeit aus Süderdithmarschen; vgl. ADB/NDB] uns ein Buch schriebe über die Kunst, Menschen zu fangen. Aus der Erfahrung lernt sich diese Kunst zwar; aber langsam; und leider ist gewöhnlich Gefahr im Verzug; dies besonders bei Kranken, die täglich abscheiden können; und bei Verbrechern, die unter'm Beile leben; oder die bald in Raspel- [Haftanstalt, in der die Gefangenen mit Feilen = Raspeln Holz zerkleinern müssen] oder Zuchthäuser abgeführt, oder [aus] der Haft entlassen, in die sündige Welt zurückkehren. Eben aber bei Verbrechern pflegt die gewöhnliche Erfahrung und Menschenkenntniß am wenigsten auszureichen; – nirgends [ist] so viele Gefahr der Täuschung, und so viel Wahrscheinlichkeit, vergeblich zu arbeiten, und Seelen zu verlieren. Erkenntniß in der Religion, Hunger und Verlangen nach dem Evangelium dürfen wir in den Gefängnissen am wenigsten suchen; um so mehr aber Trotz im Herzen und Heuchelei auf der Zunge. Die gefangenen Verbrecher pflegen zwar den Prediger willkommen zu heißen; ein Zuspruch ist in der Lange(n)weile ihrer Gefangenschaft ihnen ein Zeitvertreib; die gute Meinung, welche der Prediger von ihrer Bußfertigkeit gewinnt, soll das Urtheil des inquirirenden [ermittelnden, zuständigen] Richters bestechen; oder sie wollen durch äußere Buße ihr Gewissen beschwichtigen. Sie sind aufrichtig in Allem, was schon in den Acten ist; und mittheilend in dem, was ihnen ungefährlich scheint; ihre Geheimnisse aber hüllen sie in undurchdringliche Schleier; – sie danken dem Prediger für seine Theilnahme und Mühe, aber fassen doch kein Vertrauen zu ihm, weil sie ihn als einen Auskundschafter beargwöhnen; sie heucheln vor ihm Glaube, Reue, Zerknirschung, selbst bis zu Thränen; bei allem dem sind sie gegen seine Lehre mit Unglauben, gegen seine Ermahnungen mit Trotz, gegen seine Androhungen des göttlichen Zornes mit Gleichgültigkeit gewaffnet. – So, wie ich sie hier beschrieben, waren fast alle Inculpaten, die ich kennen gelernt habe. Sie sind ein steiniger und dorniger Boden für den Prediger; – aber Gott will die Aussaat segnen. Eingedenk, daß wir berufen sind, die verlornen Seelen für das Reich Gottes wieder zu gewinnen, muß unser Eifer der Schwierigkeit der Aufgabe das Gleichgewicht halten. Dies erkennend, übernahm ich an Carsten Hinz die Pflicht des Religionslehrers und Seelsorgers; Gott um Beistand bittend; und mit gutem Vertrauen, daß Er das Werk segnen werde. Ehe ich zu ihm ging, ließ ich mir von dem Criminalgericht diejenigen Indicien mittheilen, welche gegen den Inculpaten waren, um daraus besser selber eine gewisse Ansicht über die Wahrscheinlichkeit seiner Schuld oder Unschuld zu gewinnen. Was für die Schuld des Inculpaten sprach, waren vornämlich folgende Umstände: 1) Ein Mensch, welcher zugleich mit Carsten Hinz aus dem Zuchthaue entlassen war, hatte ausgesagt: Jener habe ihn aufgefordert, im Kirchspiel Oldenswort, in einem einzeln gelegenen Hause, in welchem zwei alte Leute und ein Mädchen wohnten, und wo er 100 bis 500 Mark baaren Geldes zu finden erwarte, einen Raub auszuführen; und daß Hinz geäußert habe, es solle bei dieser That »auf Leben und Tod gehen.« – – 2) Carsten Hinz hatte in dem ersten Verhör geleugnet, in der Nacht, da die That geschehen sei, von dem elterlichen Hause entfernt gewesen zu sein; als aber die Mutter seine Entfernung vom Hause eingestanden, hatte auch er sie eingeräumt, ohne aber sagen zu können, wohin und zu welchem Zweck er ausgegangen sei. 3) Sein Nachbar und dessen Sohn hatten ihn erkannt, als er am Abend vor der That über das Feld in Richtung nach Hamann's Hause gegangen war. 4) Die Größe, Statur und Kleidung, so viel Hamann's Wittwe sich deren hatte erinnern können; auch eine, in der Speisekammer in den Sand eingedrückte Fußspur stimmten überein mit der des Inculpaten. 5) Margarethe Koch, so hieß das Mädchen in Hamann's Hause, hatte auf Befragen, wer sie so übel zugerichtet habe, den Namen des Incuplaten genannt; und versichert, daß sie ihn sogleich als denjenigen Menschen erkannt habe, welcher in Friedrichstadt zwei Paar Stiefel aus den Marktbuden gestohlen, und dessen Ansehen und Namen sie bei der Gelegenheit sich gemerkt habe. 6) Die Wittwe Hamann hatte, als der Inculpat mit mehren ähnlich gestalteten Kerlen ihr vorgeführt ward, ihn sogleich als den Mörder ihres Mannes bezeichnet. Obwohl ich aus diesen Indicien mich von der Schuld des Inculpaten überzeugt hielt, so konnte ich doch daraus mir noch keine gewisse Regeln für meine Behandlungsweise bilden. Ich kannte seinen Gemütszustand noch nicht weiter, als daß das Criminalgericht ihn mir als einen ganz verhärteten Bösewicht, der aller religiösen Erkenntniß zu ermangeln scheine, beschrieb. Ich bat Gott, Er wolle mich den rechten Weg finden lassen, dem Herzen dieses unglücklichen Menschen beizukommen. Vor allen Dingen richtete ich mein Bemühen darauf, sein Vertrauen zu gewinnen. Aus dieser Ursache ließ ich bei meinem jedesmaligen Besuch, so viel dies irgend verstattet [gestattet, erlaubt] war, die schwere Last seiner Ketten ihm erleichtern, und ihn aus dem Gefängniß in die Wohnstube des Schließers bringen; den Schließer hieß ich, sich aus der Stube [zu] entfernen, und nur außen vor der Thür Wache zu halten; zuvor aber wurden einige Waffen, die in des Gefangenenwärters Stube hingen, auf die Seite gebracht [aus dem Raum geschafft]. Den Inculpaten ließ ich neben mir niedersitzen. Ich habe dies darum so umständlich beschrieben, weil ich glaube, es werde bei der Seelsorge an Verbrechern so leicht darin versehen [es komme zu oft dazu], daß der Prediger Scheu und Mißtrauen zeigt, wodurch nothwendig gegenseitiges Mißtrauen geweckt wird. Ich halte mich überzeugt, daß zur Aengstlichkeit hier kein Grund ist, weil auch von dem größesten Bösewicht nicht anzunehmen ist, daß er dem Prediger, der ihm Vertrauen beweist, ein Leid zufügen werde, so lange er darin nicht für sich einen Vortheil zu finden hofft. Hinz bewies sich bei'm Eintreten in die Stube höflich und freundlich; aber seine Freundlichkeit war widrig [nicht echt, geheuchelt], und drückte unverkennbaren Hohn über mich und mein Amt aus. Beiläufig gesagt: Ich ging nie anders als im Amtsrock zu ihm. Ich hatte mir vorgenommen, die Unterredung mit Gebet zu eröffnen; aber ich unterließ es, als ich seine höhnende Miene sah; dagegen sprach ich so herzlich und zutraulich, wie ich einem solchen Menschen gegenüber dazu im Stande war, ihm mein Bedauern darüber aus, daß er, so schwerer Missethat beschuldigt, in Ketten vor mir sitze. Natürlich fiel er mir sogleich mit Betheuerungen seiner Unschuld in die Rede; indeß suchte ich ihm diese ein- für allemale dadurch abzuschneiden, daß ich ihm sagte: es wäre nicht meine Sache, ihn über seine Schuld oder Unschuld zu vernehmen; aber es dürfe ihn nicht wundern, wenn ich den Indicien, die gegen ihn zeugten, mehr glaubte, als seinen Versicherungen; und daß ich deshalb zu ihm, als zu einem Schuldigen, sprechen müsse. »Ich komme«, sagte ich, »als Arzt zu dem Kranken; nicht um Dir wehe zu thun, sondern um mit Gottes Hülfe Deine Krankheit zu heilen; denn krank bist du.« Auf diese Erklärung schlug Hinz die Augen nieder, und schwieg. Darauf fing ich an, seine Religionskenntniß zu prüfen, und fand völlig bestätigt, was das Criminalgericht mir über seine grobe Unwissenheit mitgetheilt hatte. Er konnte nothdürftig das Vaterunser aufsagen; die zehn Gebote aber waren ihm unbekannt, und von dem christlichen Glauben u.s.w. schien er nie gehört zu haben. Es war eine beklagenswerthe Finsterniß in ihm. Ich konnte nicht umhin, ihm darüber meine Verwunderung auszusprechen, und fragte ihn, ob er confirmirt sei? Er berichtete mir darüber, was der Leser schon weiß; und – »weil ich doch, um ihm nützlich zu werden, ihn kennen müsse,« – gab er mir einen kurzen, aber ziemlich treuen Abriß seiner Jugendgeschichte; und verschwieg auch nicht diejenigen Verbrechen, derer er früher schon überwiesen, und um welche er im Zuchthause gewesen war. Die Zeit seines letzten Verbrechens aber berührte er nicht. Nachdem er seine traurige Erzählung beendigt hatte, fragte ich ihn, ob er mir ein aufmerksamer Zuhörer sein wolle, so würde ich jeden zweiten Tag ihn besuchen, um ihm die Wahrheiten der Religion zu erklären. Er versprach mir dieß, und damit hatte unsre erste Unterredung ein Ende. Bei meinem nächsten Besuch eröffnete ich einen regelmäßigen Catechismus-Unterricht. Es gewährte mir ein trauriges Interesse, die Widersprüche in der Seele des Verbrechers zu beobachten; er zeigte zu gleicher Zeit die Unwissenheit des Kindes und die Verstandesreife des Mannes; bewies meinem Unterricht die gespannteste Aufmerksamkeit, und verrieth dennoch durch sein höhnisches Lächeln seinen Unglauben und seine Verachtung; oder sein finsterer Blick zeigte mir, wie sehr er sich bemühte, sein Herz gegen die Wahrheit zu verhärten. In sieben Wochen hatte ich auf solche Weise in sechs bis acht wöchentlichen Stunden den ganzen Lehrcursus, nach Anleitung des lutherischen Catechismus, mit ihm durchgemacht; ohne für meine Bemühung eine andre Genugthuung zu haben, als daß Hinz das Vorgetragene mit Aufmerksamkeit angehört, die Aufgaben gelernt, und nun so viele Religionskenntnisse hatte, als von einem nothdürftig unterrichteten Confirmanden pflegt gefordert zu werden. Als wir das fünfte Hauptstück beendigt hatten, verlangte Hinz das heil. Abendmahl von mir; welches ich ihm verweigerte, weil von Glaube und Buße noch kaum ein Funke in ihm geweckt war. Nach Ostern wiederholte ich den ganzen Lehrcursus; wobei ich aber weniger, als das erste Mal, belehrend, sondern vielmehr ascetisch, und immer mit besonderer Anwendung auf das Herz meines Schülers, zu Werke ging. Jetzt erst glaubte ich einige leise Spuren seines erwachenden Vertrauens zu bemerken, und der Gefangenenwärter sagte mir, Hinz verriethe einige Freude über meine Besuche. Gott, welcher beschlossen hatte, mein Werk an diesem Herzen zu segnen, hatte inzwischen die geeigneten Mittel herbeigeführt, seinen Trotz zu brechen, und ihm die Wege zur Bekehrung und zum Glauben zu ebnen. Wie nämlich Hinz mir später bekannt hat, so war er bisher noch nicht einmal von dem Dasein Gottes überzeugt worden. Die Religion hatte ihm, eben wie das bürgerliche Gesetz, für nichts anders gegolten, als für eine kluge Erfindung der begüterten und glücklichen Menschen zum Schutz gegen die gerechten Ansprüche der Armen und Niedrigen. Da Hinz mir diese, aus dem Zuchthause stammende Lehre verheimlicht hatte, so würde ich mit meinem Unterricht den Anker in's Bodenlose geworfen haben, wenn Gott nicht selber einen Grund des Glaubens in sein Herz gelegt hätte. Die Mittel, deren Gott sich dazu bediente, waren theils das zweimalige Mißlingen der Versuche, die Hinz zur Flucht gemacht hatte; theils die von Hinz erzählte Unterbrechung des ersten Gebetes, das ich für ihn und in seiner Gegenwart gesprochen hatte. Hinz hat mich später versichert, daß diese Umstände vielmehr, als alle meine Beweisgründe, ihn zu der Ueberzeugung gebracht haben, daß ein Gott sei. – Ich vermag es nicht für Aberglauben zu halten, wenn Hinz in dergleichen äußerlichen, scheinbar zufälligen Ereignissen eine unmittelbare Einwirkung Gottes erkennt. Wenn er z.B. glaubt, daß damals, als nach seinem ersten Diebstahl sein gestohlenes Pferd scheute, Gott ihm den Weg vertreten [versperrt], und zur Umkehr habe nöthigen wollen; – wenn er glaubt, daß eine Drehorgel, die das Gebet unterbrach, von Gott sei herbeigeführt worden, um dadurch das Gebet zu verwerfen; wenn er in dem zweimaligen Mißlingen seiner schlau angelegten Pläne zur Flucht die eingreifende Hand Gottes zu sehen glaubt: so ist nicht zu bezweifeln, daß Gott durch dergleichen äußerliche Mittel solchen Glauben hat wecken wollen; und es scheint auch Gottes im höchsten Grade würdig, daß Er bei einem so ganz sinnlichen Menschen zur ersten Anregung religiöser Empfindungen sich sinnlicher Mittel bedient habe. Es ist die allernatürlichste Ordnung, daß ein in Sünden verfinstertes Herz mehr durch das Gefühls-, als durch das Begriffs-Vermögen zu Gott zurückgebracht wird; denn wenn ein Mensch auch schon erblindet ist, so bleibt ihm doch das Gefühl; und dieser Sinn stirbt nicht, bis daß der ganze Mensch todt ist. Es hatte mir nicht unbemerkt bleiben können, daß nach den oben erwähnten Umständen eine wichtige Veränderung in Hinzens Seele vorgegangen war. Er schien mehr in sich gekehrt und nachdenklicher; sein sonst so finstrer, trotziger Blick ward milder; sein höhnisches Lächeln verschwand mehr und mehr; auch erfuhr ich von dem Schließer, daß er nicht mehr so gottlose Reden und gräuliche Flüche im Munde führe, wie vordem. Mit Einem Wort, sein Trotz schien gebrochen. Ich benutzte eifrigst diese Stimmung, die mir schon ein Anfang der Buße zu sein schien; und, wie schon bemerkt, richtete ich jetzt den Unterricht mehr ascetisch ein, und mit beständiger Anwendung auf meinen Schüler. Bei der Wiederholung des ersten Hauptstückes ließ ich ihn, wie in einem Spiegel, sein eignes Bild sehen; und es ward mir nicht schwer, bei jedem einzelnen Gebot ihm das Bekenntniß abzunöthigen, daß er es übertreten habe; nur bei dem fünften Gebot gab er dieß nicht unumwunden zu. »Wenn der ein Todtschläger ist,« – sagte er – »der seinen Bruder hasset, so bin ich es auch; aber Blut habe ich nicht vergossen.« – Als wir zu den gewaltigen Schlußworten der zehn Gebote gekommen waren: »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein starker, eifriger Gott,« u.s.w., da glaubte ich, daß es an der Zeit wäre, einmal einen besondern Angriff auf sein Gewissen zu machen. Ich stellte ihm den angedrohten Fluch und den verheißenden Segen auf das Allernachdrücklichste vor; und ich glaube, daß ich nicht ohne Leidenschaft gesprochen habe. Im Anfang blickte Hinz mich finster an; allmälig rollte sein Auge wilder und zorniger; die Adern an seiner Stirn schwollen hoch auf; sein Gesicht ward wie mit Blut übergossen; und als ich mit den Worten schloß: »Sieh, Unglücklicher, hier ist Fluch und Segen! wähle nun!« da griff er heftig in seine Ketten und fragte: »Was soll ich? was verlangen Sie von mir?« »Daß Du Deine Schuld bekennst,« sagte ich, »und den Gott der Gnade bittest, daß Er Dir gnädig sein mag!« – Da sprang er im Zorn gegen mich auf; ich glaubte, er würde mir seine Ketten in's Gesicht schlagen; aber dicht vor mir blieb er stehen, starrte mich mit glühenden, tückischen Augen an, und sprach: »Das sagt mir ein Prediger? und fordert mich auf zu lügen, und zu bekennen, was nicht wahr ist?« – »Was wahr oder nicht wahr ist, das weiß Gott!« sagte ich; – »und Er, der in das Verborgene sieht, wird zu seiner Zeit auch dies Geheimniß an's Licht bringen. Er möge Dir das Herz lenken, daß dieß durch das Bekenntniß Deines eignen Mundes geschehe! denn nur die bußfertigen Bekenner haben Gnade zu hoffen.« Hinz setzte sich wieder hin, und auf beiden Seiten erfolgte eine lange Pause. Der Mörder schien in seinem Gewissen einen schweren Kampf zu bestehen; aber sein Trotz, den ich unvorsichtiger Weise geweckt hatte, siegte über sein besseres Gefühl. Viele Tage lang konnte ich ihm keine Rede wieder abgewinnen [Er sprach nun tagelang nicht mehr mit mir]. Ich erkannte meine Uebereilung. Das Gesetz wirkt wohl Erkenntniß der Sünde, aber nicht Buße. Die Androhung des göttlichen Zornes hatten nichts zur Bekehrung dieses steinernen Herzens beitragen können, sondern nur es erbittert; – und ich hatte nicht bedacht, daß Hinz nur angefangen hatte, an Gott , aber noch nicht an die Gnade Gottes zu glauben. In den nächsten Tagen ging mein ganzes Bemühen darauf hin, den übeln Eindruck, den ich auf Hinz gemacht hatte, wieder auszulöschen, und sein Vertrauen auf's Neue zu gewinnen, und es gelang mir, Dank sei es der milden, auch die härtesten Gemüther besänftigenden Glaubenslehre, zu deren Wiederholung wir übergegangen waren. O, wie ganz anders ging doch diese Lehre in das sündige Herz ein. Sein Auge hing an meinen Lippen, als wenn er von mir das ewige Urtheil seiner Begnadigung oder Verdammniß zu hören erwartete. Wie sanft, wie zu Thränen gerührt wurde sein Blick, wenn ich mit den schönsten und kräftigsten Bibelworten, die ich finden konnte, den unerschöpflichen Reichthum der göttlichen Gnade beschrieb; – wenn ich ihm sagte, »daß Gott nicht Gefallen hat an dem Tode des Sünders, sondern will, daß sich Jedermann zur Buße kehre und lebe;« und »daß Christus in die Welt gekommen ist, nicht daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde;« – und »daß Freude im Himmel sein wird über einen Sünder, der Buße thut;« u.s.w. Aber wie niedergeschlagen, wie traurig sah er vor sich hin; wie ging sein Athem bald schneller, bald tiefer; ja, welches Zittern ergriff ihn, wenn ich dann wieder ihn an den Ernst und Eifer Gottes erinnerte; und an die Thränen, die Jesus über das verlorne Jerusalem weinte; und an die Bedrohung derer, welche muthwillig sündigen, nachdem sie Erkenntniß der Wahrheit empfangen haben; daß sie kein Opfer mehr für ihre Sünden haben, sondern nichts, als ein schreckliches Warten des Gerichtes, und des Feuereifers, der die Gottlosen verzehren wird!« – O, wie oft glaubte ich da nicht schon das Bekenntniß seiner Schuld auf seinen Lippen zittern zu sehen! – wie oft ging ich mit der Ueberzeugung von ihm weg, daß er bei meinem nächsten Besuch mir sein beklommenes Herz ausschütten würde! Aber ich sollte es erfahren, daß ich mit diesem armen Menschen, eben da ich dem ersehnten Ziele am nächsten zu sein glaubte, mich allmälig wieder entfernt hatte. Ich konnte es nicht fassen, wie Glaube und Buße so ernstlich in einer Seele sein, und wie es gleichwohl ihr fehlen könne an der nothwendigen Frucht der Buße, nämlich an dem aufrichtigen Bekenntniß der Schuld. Die fleischliche Furcht, die grauenvolle Gewißheit, daß er durch ein freimüthiges Geständniß des Mordes unfehlbar sich selber das Todesurtheil sprechen würde, konnte begreiflicher Weise das entscheidende Wort lange zurückdrängen; allein, wenn die Seele so wahr, wie mir dies schien, von den Lockungen der Gnade und den Schrecken der Verdammniß ergriffen war, so, glaubte ich, müsse jede irdische Rücksicht endlich verschwinden, und die fleischliche Furcht von dem Verlangen, die unsterbliche Seele zu retten, überwunden werden. Weil aber das erwartete Bekenntniß noch immer ausblieb, so fing ich an, in meiner Ueberzeugung, daß Hinz den Mord begangen habe, zu wanken. Um diese Zeit traf es sich, daß ich auf einige Wochen verreiste; und auf meine Bitte wurde mein[em] Amtsbruder, Herr Pastor Havenstein aus dem benachbarten Kirchspiel Cating, von dem Criminialgericht committirt [gestattet], den Inculpaten während meiner Abwesenheit zu besuchen. Er ging wöchentlich zu ihm; und als ich von meiner Reise zurückkam, theilte er mir seine Ansicht über den Verbrecher mit. Herr Pastor Havenstein war auf dieselbe Weise, wie ich, an ihm irre geworden. Ich sprach auch mit dem Herrn Justizrath Tetens darüber, welcher die Untersuchung leitete; aber aus dem, was derselbe mir aus den Acten mittheilte, schien mir die Unmöglichkeit, daß Hinz unschuldig sein sollte, hervorzugehen. Dazu kam, daß Hinz, während er zu bekennen sich fürchtete, doch auch zu leugnen sich scheute; denn in den letzten Verhören hatte er eher das hartnäckigste Stillschweigen beobachtet [an den Tag gelegt], als daß er, wie früher, seine Unschuld betheuert hätte. – Ich kam deshalb auf die Vermuthung, daß ich unvorsichtiger Weise selber ihn zu einem gefährlichen Irrthum könnte verleitet haben. Abgeschreckt nämlich durch den Versuch, ihn durch die Androhung des göttlichen Gesetzes zu schrecken, war ich in den entgegengesetzten Fehler gefallen. Ich hatte nach jenem Tage zwar viel von der Sünde , aber wenig von den einzelnen Sünden zu ihm gesprochen. Daher mogte Hinz, dessen Begriffe von Recht und Unrecht nicht hinreichend aufgeklärt waren, sich überredet haben, daß jene besondre Sünde, die ihm so vortheilhaft schien, nämlich das Nichtbekennen vor der Obrigkeit, keine Sünde sei; – oder auch, daß dieselbe bereits in die allgemeine Vergebung mit eingeschlossen sei, sobald er nur sich bewußt war, sein Herz vor Gott aufgedeckt zu haben. Wäre Hinz weniger in diesem Irrthum befangen gewesen, so würde vermuthlich eine äußerliche Veranlassung, die ich jetzt erzählen will, ihm schon damals das später erfolgte Bekenntniß abgenöthigt haben. Es war nämlich der König in Tönning; und als derselbe von Hinz, als einem so arg verstockten Verbrecher, hörte, ließ er sich zu ihm in's Gefängnis bringen, und sagte zu ihm, »bevor er nicht aufrichtig bekenne, könne er auch auf seines Königs Gnade nicht rechnen.« Hinz schwieg aber, und bekannte nicht. Bald nach diesem Tage war seit meinem ersten Besuche bei Hinz ein volles Jahr vergangen; und ich mußte mir sagen, daß ich unter solchen Umständen für die Rettung seiner Seele nur sehr wenig gethan hatte. Die Wahrheiten der Religion waren ihm zwar nicht mehr fremd; sie hatten auch so weit ihre Kraft an ihm bewährt, daß sie seinen eisernen Trotz gebrochen, ja, daß sie Schmerzen und Angst der Buße, und auch ein herzliches Verlangen nach der Vergebung seiner Sünden in ihm geweckt hatten. Während aber die Eisrinde [Eis-Panzer] seines Unglaubens hinwegschmolz, hatte sich jene andre, fast so verderbliche Rinde um sein Herz gelegt: ich meine jenen Irrthum, als ob er durch heimliche Reue, ohne offnes Bekenntniß, und ohne die Sühne weltlicher Gerechtigkeit, der Gnade bei Gott versichert sein könne. Er betete viel, und ich will glauben, aufrichtig; auch sah er es gern, wenn ich mit ihm und für ihn die göttliche Barmherzigkeit anrief. Wenn er sein Herz in jene falsche Ruhe, die er für den wirklichen Frieden im Gewissen hielt, am tiefsten eingewiegt hatte, so pflegte er wohl seine Freude gegen mich auszusprechen; aber es ward mir nie schwer, diesen falschen Frieden wieder zu stören; denn das Wort Gottes hat eine Kraft der Wahrheit, die wie ein Schwerdt in die Seele durchdringt. Dann aber wurde er sehr finster, und schien mich für seinen Feind zu halten, der darauf ausgehe, ihm die kaum verharrschte [verheilte] Wunde wieder aufzureißen, und seine Angst und Schmerzen zu erneuern. Wäre er offen mit seinem unseligen Irrthum gegen mich hervorgetreten, so hätte ich ihn vielleicht bald überwunden; aber diese Aufrichtigkeit hätte ja zugleich ein Bekenntniß seiner That mit einschließen müssen; und dazu hatte er den Muth nicht. So habe ich lange Zeit als gegen einen verborgenen, unsichtbaren Feind gekämpft, und habe ohne Zweifel viele Luftstreiche geführt. Weil ich indeß überzeugt war, daß er angefangen hatte, »Christum zu einem Deckmantel seiner Bosheit zu machen,« mit andern Worte, daß er glaubte, ohne vollständige Buße durch Christum Vergebung der Sünden zu haben, so lenkte ich das Gespräch fast regelmäßig jetzt auf das eigentliche Wesen der Buße und auf richtige Erkenntniß der Sünde. Ich sagte ihm geradezu, daß ich den Zustand seiner Seele durchschaue; und daß dieser verkehrte Zustand vornämlich daher rühre, weil er mehr sich vor Menschen, als vor Gott fürchte; und nicht begreifen wolle , daß die Obrigkeit von Gott ist, um in seinem Namen Recht und Gerechtigkeit auf Erden zu verwalten; daß aber die Lügner und Heuchler ein Gräuel vor Gott sind, und nach seiner ausdrücklichen Versicherung, das Reich der Seligen nicht ererben können. Auf solche und ähnliche Angriffe versuchte Hinze keine Rechtfertigung, und überzeugte mich durch sein finstres Schweigen immer mehr, daß ich seinen Zustand richtig beurtheilte. – Diese Unterredungen wiederholten sich so oft, und so erfolglos, daß ich endlich ermüdete. Ich sagte es ihm, daß wenn er so darin beharre, dem heil. Geiste zu widerstreben, und absichtlich sich in Irrthum zu verhärten, so müsse ich meine Zeit und Mühe für verschwendet halten, und hätte in meinem Amte Wichtigeres zu thun, als ihn so vergeblich zu besuchen; ich würde deshalb nun von ihm wegbleiben; wenn er indeß mit Gottes Hülfe andern Sinnes würde, könne er mich wieder zu sich rufen lassen. Diese Ankündigung erschütterte ihn aber sehr, und er ließ mich mit Bitten nicht los, bis ich ihm versprach, ihn nicht zu verlassen. Dieser Auftritt wiederholte sich indeß öfter, und endlich nahm ich mir fest vor, ihn eine Zeitlang nicht zu besuchen. Ich hoffte, er würde vielleicht eher in sich gehen, wenn ich ihn mit seinem zerrissenen Gemüth einige Wochen sich selber überließe. – Hinz hielt diese Probe sechs Wochen lang aus. Von dem Gefangenenwärter, der mir oft Nachricht bringen mußte, erfuhr ich, daß er sehr niedergeschlagen sei, und viel lese und bete; auch oft ein Verlangen nach mir äußere, aber doch nicht wolle mich rufen lassen. – Endlich, nach sechs Wochen, schickte er zu mir. Ich ging sogleich zu ihm hin, und fragte ihn, wie er es habe, und was sein Begehren sei? Er verlangte das heil. Abendmahl. Dies überraschte mich; und ich wandte meine ganze Beredtsamkeit auf, sein Gewissen zu erschüttern, und ihm die große Gefahr für seine Seele zu zeigen, wenn er ohne aufrichtige Buße das Sakrament nehmen würde. Er blieb indeß bei seinem Verlangen, und ich versprach ihm, nach drei Tagen wieder zu kommen, und wenn er noch darauf bestehen würde, ihm das Abendmahl auf seine Gefahr zu geben. – Den weitern Erfolg, und daß Hinz drei Tage später das heil. Abendmahl wirklich empfangen hat, hat der Leser schon aus Hinzens Erzählung erfahren; aber eines Mißgriffs, welchen bei dieser Gelegenheit ich und mit mir das Gericht begangen hat, erwähnt seine Erzählung nicht. Ich glaubte nämlich, daß entweder Hinz schon jetzt zum Bekenntniß geneigt, die Absicht habe, durch den Empfang des Abendmahls sich in seinem Vorsatz zu stärken; oder daß auch ohne seine Absicht diese Feier, nebst der vorhergehenden Beichte, ihn zur Aufrichtigkeit stimmen würde. In dieser Meinung hatte ich das Gericht ersucht, sich in dem Gefangenenhause zu versammeln, während ich im Gefängniß mit dem Inculpaten beschäftigt wäre; um sodann gleich nach vollendeter Feier ein Verhör mit ihm vorzunehmen. Das Abendmahl wurde ertheilt, und das Verhör ging vor sich. Abwechselnd mit dem Richter drang ich selber in ihn, daß er in dieser Stunde seine Seele ihrer Last vollends entledigen, und nicht durch Leugnen den Segen des heil. Sakramentes sich zum Fluch machen solle. Aber Hinz blickte finster vor sich hin, und sprach auf all' unser Fragen und Ermahnen kein Wort. Er ward in sein Gefängniß zurückgebracht. Wir hatten sehr unrecht an Hinz gehandelt; damit, daß der heil. Feier unmittelbar ein peinliches Verhör folgte, haben wir leider wohl selber den guten Eindruck und die nachhaltige Wirkung des Abendmahls gestört, und hatten Hinz nur erbittert. Die Wirkung der Gnadenmittel soll man dem heil. Geist überlassen, und sich dabei menschlicher Künste enthalten. Hinz hat mir dieß Verhör lange Zeit nicht vergeben können. Uebrigens kam ich nach diesem Tage wieder häufiger zu ihm, und las mit ihm einige ganz vorzügliche Bußpredigten, die ich auch ihm zum Nachlesen im Gefängniß ließ. Was Hinz über diese Predigten sagt, ist bemerkenswerth. »Ich habe sie fast lieber, als die Bibel selber gelesen; und auch vielmehr daraus gelernt, weil sie mir verständlicher waren.« – Ich fürchte, wir Prediger versehen es [begehen einen Fehler] oft damit, daß wir die Bibel selber solchen Leuten zum Lesen empfehlen, die das Gelesene nur sehr theilweise verstehen, und oft schrecklich mißverstehen. Recht evangelische, aber sehr einfache, populäre Postillen und Andachtsbücher sind die wahre Bibel des Volkes. Durch Zufall war mir eine Aeußerung des Carsten Hinz gegen einen seiner Mitgefangenen bekannt geworden. Er hatte zu diesem gesagt: »Er wolle seinem ärgsten Feinde nicht die Angst wünschen, mit welcher eine schwere Missethat den Thäter Tag und Nacht peinige.« Ich benutzte dies, und bei meinem nächsten Besuch schilderte ich ihm mit den stärksten Farben die Folter des bösen Gewissens; wie es Tags durch die schrecklichsten Vorstellungen, und Nachts durch böse Träume die Seele quäle; und wie es, je länger, je ärger mit der Angst würde; bis endlich in der Ewigkeit der Wurm, der nicht stirbt, und die Flamme, die nicht erlischt, jeden Trost und jede Hoffnung ausschließt. Und ich sagte ihm darauf, daß diese tägliche und nächtliche Marter sein Fall sei, und daß er es nicht leugnen könne, sie aus Erfahrung zu kennen; daß es aber nur Einen Weg gebe, davon frei zu werden: eine vollständige Buße schon in diesem Leben, welche bestehen müsse im Bekenntniß der Schuld und in der Sühne des Gesetzes. Schon waren seit der Gefangenschaft des Mörders sieben viertel Jahre verflossen. Wie viele wiederholte Angriffe ich auch von allen Seiten versucht hatte, dieß unbeugsame Herz aus der Verschanzung seines Unglaubens und seiner absichtlichen Irrthümer hinauszuschlagen, so schien der Erfolg doch nur gering, und der Sieg zweifelhaft. Aber der Geist Gottes arbeitet, wie in der Natur, so auch im Reich der Gnade, verborgen und allmächtig; – wir streuen den Saamen in die Erde; aber die Entwicklung des Keimes sehen wir nicht, bis in der geheimnißvollen Werkstatt das Wunder des Gewächses fertig ist; und je edler die Frucht, um so langsamer reift sie. Endlich nahte der in dieser Bekehrungsgeschichte so höchst denkwürdige Buß- und Bettag des Jahres 1843 heran. Wie dieser Tag die Frucht der Buße zur Reife gebracht hat, und für Hinz ein Tag der Umkehr und des Heils geworden ist, das hat Hinz in seiner Lebensgeschichte der Wahrheit gemäß beschrieben. In einem seiner Briefe, deren Hinz nach seiner Bekehrung viele an seine Angehörigen schrieb, kommen über diesen Tag folgende Worte vor: »Es war am 12ten Mai 1843, am Bußtage, da sandte Gott, der nicht will, daß ein Sünder verloren gehen soll, noch einmal seinen Diener zu mir, und ließ durch dessen Mund mich fragen, ob ich noch seine Gnade hinnehmen, oder ob ich verloren sein wollte? Der Pastor nahm Himmel und Erde über mich zum Zeugen; er legte mir Leben und Tod, Segen und Fluch vor, und sagte, ich solle nun wählen. Mein Pastor war so hart mit mir an [zu mir], daß ich kein Glied mehr am Leibe hatte, welches nicht zitterte. Die Worte, welche er mir sagte, schlugen mir an das Herz, wie ein Hammer, der Felsen zermalmt. Es war mir nicht anders, als wenn Gott selber durch seinen Diener nun zum letzten Mal mich ermahnte, und warnte, ich sollte das Leben wählen; wo nicht, so wäre ich ewig verflucht. Als der Prediger mich verließ, war ich so beklommen, daß ich kaum athmen konnte. Ich war in dem Augenblick auf dem allergefährlichsten Punkt . Ich war daran, wider den heiligen Geist zu sündigen, und es hing an dieser Stunde Tod und Leben, Seligkeit und Verdammniß. Am Abend habe ich Gott viel und lange gebeten, daß Er mir Kraft geben möge, offen vor der Welt meine Schuld einzugestehen. Ich bezeuge aber, daß ich mehr vor der Schande, als vor dem Tode mich gefürchtet habe.« Sein Gebet ward erhört. Indeß ist es ihm selber wohl kaum zum klaren Bewußtsein gekommen, welche äußerliche Umstände mit dazu beigetragen haben, ihn endlich in dem Beschluß, ein freimüthiges Bekenntniß abzulegen, zu (be)festigen; – denn Gott, wenn Er eine Seele retten will, läßt gemeiniglich mehre Umstände zusammenwirken, dem sündigen Herzen den schweren Sieg über sich selber zu erleichtern. Zu diesen mitwirkenden Ursachen rechne ich besonders, daß kurz vor jenem Tage ihm ein Fiskal und ein Defensor gesetzt [dass im ›Mordfall Hinz‹ ein Ankläger und ein Verteidiger bestimmt worden waren], und ihm bekannt geworden war, daß Anklage und Vertheidigung öffentlich geschehen würden. Im Zuchthause hatte er gehört, daß dergleichen öffentliche Verhandlungen nur Statt zu finden pflegen, wenn ein Verbrechen auf den Tod soll angeklagt werden [wenn ein Gerichtsverfahren mit einem Todesurteil enden könnte]. Das eigne Bewußtsein der That; die Gewißheit, daß das Gericht und das Publicum, durch die Kraft der Indicien, von seiner Schuld sich überzeugt hielten; dazu nun die Schrecken der öffentlichen Anklage, hatten vermuthlich ihm die letzte schwache Hoffnung geraubt, daß er durch anhaltendes Leugnen der Strafe des Beiles [dem Tod durch Enthauptung per Beil] sich würde entziehen können. Er verrieth diese Befürchtung gegen den Schließer und einen Mitgefangenen, und fragte ängstlich, was sie von dem Ausgange seiner Sache glaubten. Die Antwort war trostlos: »Wenn er bekenne, so müßten die Richter sein Todesurtheil aussprechen; wenn er aber nicht bekenne, so würde er als ein, wenn gleich nicht geständiger, so doch überwiesener [überführter] Mörder keine gelindere Strafe zu erwarten haben, als Staupbesen und Brandmark, und danach lebenslängliche Gefangenschaft im Raspelhause.« Eine fürchterliche Aussicht; die aber gewiß viel dazu beitrug, den Entschluß eines offenen Bekenntnisses endlich zur Reife zu bringen. Indeß möchte ich doch daraus nicht folgern, daß die Furcht vor Staupbesen [= Stäupen; Körperstrafe am Pranger], Brandmark [= dem Täter wurde für sein Vergehen auf dem Körper ein Brandmal eingebrannt] und Raspelhause der alleinige, oder auch nur der hauptsächlichste Antrieb zum Bekenntnisse war. Das Beil des Henkers muß der menschlichen Natur doch fürchterlicher sein; auch nehmen Verbrecher, wenn sie gleich zu lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilt werden, nie ganz von der Hoffnung Abschied, daß noch einmal die Gelegenheit zum Entspringen, oder weil bei fehlendem Geständniß doch noch immer ein Zweifel an der Schuld übrig bleibe, eine spätere Begnadigung sich finden werde. Daß er aber durch ein offenes Bekenntniß noch seine Strafe mildern, und schon jetzt auf Begnadigung Anspruch machen [hoffen] könne, durfte Hinz wegen der unerhörten Grausamkeit, mit der er gemordet, und wegen der Verstocktheit, mit der er bis jetzt geleugnet hatte, nicht hoffen; und hoffte es wirklich nicht, zumal, da er die Gelegenheit, welche der König ihm gegeben hatte, um Gnade zu flehen, ungenutzt hatte vorüber gehen lassen. Es konnte aber auch nicht Lebensüberdruß sein, welcher Hinz die Todesstrafe vorziehen ließ ; denn eben die Liebe zum Leben hatte ja, trotz der Buße, die in ihm vorging, ihm das Geständniß so sehr und lange erschwert. Wohl aber konnte und mußte es ihm das Bekenntniß erleichtern, wenn das fernere Leugnen ihm eine, kaum weniger düstere Aussicht ließ. – So halte ich die äußerlichen Umstände wohl für mitwirkende und beschleunigende Ursachen seines Bekenntnisses; der vornehmste Antrieb aber kam ohne Zweifel von innen, aus den Schmerzen der Buße, die das arme Herz seit einem Jahre zerrissen, und nach Frieden verlangend gemacht hatten. Daß ich übrigens die Tage, welche zwischen dem Bußtage und dem Bekenntniß lagen, durch Krankheit gehindert war, zu Hinz zu kommen, scheint Gott darum so gefügt zu haben, damit die letzte Reise der Buße ohne Zureden und Zuthun eines Menschen, allein ein Werk seines heiligen Geistes bliebe; und als solches sah ich, und mit mir Hinz, seine Bekehrung auch ganz und gar an. Als ich nach dem Bekenntniß zuerst wieder in Hinzens Gefängniß ankam, war er wie umgewandelt; so frei und fromm war der sonst so finstre Blick. »Gott ist mir sehr gnädig gewesen!« sagte er, und dabei stürzten ihm die Thränen aus den Augen. Ganz gegen seine frühere Weise war er gesprächig und mittheilend. Er konnte mir nicht genug erzählen, wie tief er schon in dem Abgrund des Verderbens gewesen; welche fürchterlichen Kämpfe er in seinem Gewissen ausgehalten, und wie gnädig und mächtig Gott ihm beigestanden habe, ihn aus der Verzweiflung und der Verdammniß zu reißen. »Nun will ich es ihnen wohl bekennen,« sagte er mir, »daß manchmal, wenn sie [Sie] so hart mit mir (an)waren, daß ich die That gestehen sollte, ich bei mir selber gelobte, daß weder sie [Sie], noch irgend ein Mensch dahin mich bringen sollten; aber Gott ist doch stärker, als das allertrotzigste Herz; und nun bin ich glücklich, daß ich von seinem heil. Geiste mich habe überwinden lassen.« Ein andermal sagte er: »Seitdem Gott mir diese Last vom Herzen genommen hat, fühle ich erst, was das heißt: Frieden mit Gott haben. O, wie habe ich mich doch früher getäuscht, wenn ich manchmal glaubte, ich hätte schon Frieden! Der Friede Gottes ist höher, als alle Vernunft.« Und doch hatte das arme Herz diesen Frieden keineswegs ununterbrochen. Bald war es die Erinnerung seiner bösen Thaten, die ihn schmerzlich betrübte; bald beunruhigte ihn die Vorstellung seines schmachvollen Todes. Das herzliche Mitleid, das ich mit dem armen Menschen hatte, ließ mich auf Mittel sinnen, diese Wunden zu heilen. Ich dachte daran, daß Gott unsern Stammeltern nach dem Sündenfall Arbeit aufgelegt hat; nicht, um sie, die schon elend waren, zu plagen, sondern um sie ihres Elendes und des verlornen Paradieses vergessen zu machen, und ihre Herzen gegen fernere Anfechtungen der Sünde zu bewahren. Die Wohlthat der Arbeit pflegt leider den schweren Verbrechern in ihrer Haft entzogen zu werden, weil man mit Recht den Mißbrauch jeglichen Arbeitsgeräthes fürchtet; sei es nun, daß sie darin ein Mittel zu ihrer Befreiung, oder zu ihrer Entleibung finden könnten. Hinz hatte die Wohlthat der Arbeit lange Zeit entbehren müssen; vornämlich aber hatte er nicht schreiben dürfen. Nach seinem Bekenntniß bat ich, daß ihm ein Spinnrad und die Erlaubniß zum Schreiben gegeben würde; und weil man sich nichts Arges mehr von ihm versah [nichts Schlimmes mehr von ihm befürchtete], wurde ihm beides gewährt. Das Spinnen hatte er im Zuchthause gelernt; und weil er schon nothdürftig schreiben konnte, gab ich ihm Anleitung, seine Lebensbeschreibung aufzusetzen. Anfangs zwar wurden die trüben Gedanken dadurch mehr angeregt, als vertrieben; aber das Mittel wirkte, wie eine Aetzung bei Geschwüren; die schadhafte Stelle schmerzt so viel mehr, aber sie heilt doch. – Als Hinz mit seiner Lebensbeschreibung fertig war, da verloren sich die schmerzlichen Erinnerungen; und weil ich viel mit ihm über den Tod sprach, und ihm auch ein Buch »Christliche Vorbereitung auf den Tod« zum Lesen gab, so wurde sein Herz allmälig auch nach der Seite stark. Es war wieder um die Zeit, da ich alljährlich, zur Erholung von den Geschäften meines Amtes, auf einige Wochen zu verreisen pflege. Als ich von der Reise zurückkam, und zuerst wieder Hinz besuchte, fand ich ihn nicht ganz, wie ich wünschte. Das Spinnrad hatte die Zeit durch geruht, und dagegen waren von Hinz viele Briefe und ganze Bücher geschrieben, worin er seinen Verwandten und Freunden seine Bekehrung anzeigte, und sie aufs Eifrigste ermahnte, [sich] an ihm ein Beispiel zu nehmen. Mehre von diesen Briefen waren, mit Bewilligung der Obrigkeit, an ihre Bestimmung abgegangen; die noch zurück [noch nicht abgeschickt] waren, nahm ich mit mir, um sie zu Hause durchzulesen. Ich fand, was ich fürchtete: daß Hinz an derjenigen Klippe gescheitert war, welche den Neubekehrten allemal gefährlich zu sein pflegt. Er war ruhmredig über seine Bekehrung, und voll geistlichen Stolzes geworden. Seine Briefe athmeten zwar Liebe zu denjenigen, an welche er schrieb, und zu allen Menschen; aber er stellte sich als einen vollendet Gerechten, und als ein heiliges Kind Gottes über sie alle, und richtete sie um ihre [wegen ihrer] Sünden und ihre Unbußfertigkeit; sich dagegen nannte er einen auserwählten Liebling Gottes, welcher der ewigen Krone gewiß sei. Besonders war eine Aeußerung mir auffallend. Ich hatte nämlich nach seiner Bekehrung ihn gewarnt, er solle nun nicht wanken; und weil ihm eine Erleichterung seiner Ketten vergönnt war, solle er Gott bitten, ihn vor Mißbrauch dieser Gunst und vor Gedanken an der Flucht zu bewahren. Nun fand ich in einem seiner Briefe, daß er mich des mangelnden Vertrauens zu dem Heilande anklagte, weil ich an die Möglichkeit dächte, daß derselbe ihn könnte wieder abfallen lassen; u.s.w. Dergleichen überraschte mich zwar sehr; ich sah es an für Auswüchse der ersten Freude und Liebe zu dem Heiland. Aber es waren doch Auswüchse, die einer schleunigen und gründlichen Heilung bedurften; denn der geistliche Hochmuth hat selbst Engel des Lichtes zu Fall gebracht, daß aus ihnen Engel der Finsterniß wurden. Ich ging in der ernstlichen Absicht zu ihm, nicht abzulassen, bis ich seinen Hochmuth und sein Sicherheitsgefühl würde gedämpft haben. Er erkannte meine Absicht bald, und fühlte sich tief gekränkt. Er versuchte es, das Bibelwort zu seinem Schilde zu machen: »Wer will verdammen? Christus ist hie, der für uns gestorben ist! Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Creatur; das Alte ist vergangen, und siehe, es ist Alles neu geworden. Es ist nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind! Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?« u.s.w. Er machte es mir schwer, ihn zu überzeugen, daß ein Christ trotz aller dieser Wahrheiten fallen und abfallen könne. Ich stellte Bibelwort gegen Bibelwort, bis ihn die Kraft der Wahrheit überwältigte. Er wurde beschämt, gerührt, und dankte mir endlich für die Zurechtweisung. – Weil Hinz jetzt mehr als je eines geistlichen Wächters zu bedürfen schien, wiederholte ich meine Besuche häufiger. Der Herr aber that abermals auch hier das Beste zur Sache; Er ließ ihn in mehrfache Anfechtungen fallen. Mit Wehmut erzählte Hinz mir, daß er manchmal nicht recht zum Gebet kommen könne; bald, daß er zänkisch gegen den Schließer gewesen; bald, daß er in seinen Gefängnißleiden nicht Geduld, daß er in Erwartung seines Todes nicht Ruhe und Ergebung behalten könne. Er lernte also die Nothwendigkeit, zu wachen und zu beten, aus Erfahrung kennen. Das demüthigte und läuterte ihn. Er fuhr zwar fort, ermahnende Briefe zu schreiben; und drang auch, wozu ihm jetzt täglich Gelegenheit gegeben wurde, mit Bitten und Ermahnen auf seine Mitgefangenen ein; – aber der Geist seiner Ermahnungen war ein anderer und besserer; das Gefühl der Schwachheit und Sündhaftigkeit gab ihm die Worte ein. Dadurch vornämlich wurde sein Einfluß auf die Mitgefangenen segensreich; die rohesten, trotzigsten Menschen wurden stille, in sich gekehrt, und in ihren Verhören aufrichtiger. Es wurde Hinz erlaubt, von seinen Eltern und Geschwistern Besuche anzunehmen. Diese beweinten und bejammerten ihn; er aber sagte ihnen, daß wenn sie nicht sich bekehren würden, sie viel beklagenswerther wären, als er. Denn Hinzens Anverwandte sind rohe, zum Theil verbrecherische Menschen; – sie verließen ihn nie ohne tiefe Zerknirschung. Sein alter Vater scheint aufrichtig seiner Bekehrung sich hinzuneigen; – bei den Kindern wird die Gnade Gottes hoffentlich nachhaltig wirken. Hinz fühlte das Bedürfnis, von der Wittwe des ermordeten Hamann und von dem durch ihn so scheußlich verstümmelten Mädchen Verzeihung zu erflehen. Die Wittwe ließ sich bewegen, zu ihm zu gehen. Die Scene war ergreifend. Mit Abscheu gegen den Mörder ihres Mannes war sie gekommen; als aber Hinz auf seinen Knieen und mit viel Thränen sie um Vergebung angefleht hatte, sprach sie das Wort aus: »Wenn Gott Dir vergeben kann, so will ich es auch thun.« Sie ging; blieb an der Thür stehen, kehrte wieder um, gab ihm weinend die Hand, und sprach: »Hinz, ich habe Dir Alles vergeben, was Du an meinem armen Manne und an mir gethan hast.« – Das Mädchen antwortete schriftlich, daß sie um Christi willen ihm verzeihe, aber sich nicht überwinden könne, ihn in diesem Leben wieder zu sehen. Das schmerzte Hinz; aber die Demüthigung war ihm heilsam. Sein ganzes Wesen ward zusehends bescheidener, sanfter, hingebender. Im October 1843 rückte endlich der Tag der fiskalischen Anklage und Defension heran. Die Verhandlung wurde im landschaftlichen Hause In diesem Gebäude tagte damals das Eiderstedter Gericht; heute Hotel/Restaurant. in Tönning gehalten. Oberstaller, Staller und Rathleute saßen zu Gericht; Hinz saß auf der Armensünderbank; der Saal war gedrängt voller Menschen. Der Fiskal hielt sich bei der Beweisführung nicht lange auf, da das offene, eigne Bekenntniß des absichtlichen Raubmordes vorlag; nachdem die Scheußlichkeit der That an's Licht gesetzt war, forderte der Fiskal den Tod des Mörders durch das Rad. Das Rädern war eine der grausamsten und schmachvollsten Hinrichtungsarten: Der Verurteilte wurde auf ein Schafott gebracht und festgebunden. Meist ließ der Henker das Richtrad – beginnend an den Beinen und dann bis zu den Armen herauf – mehrmals auf den Körper des Opfers fallen. Nachdem dem Betroffenen dadurch die Knochen gebrochen worden waren, wurde sein Körper auf ein Rad ›geflochten‹; danach wurde der Delinquent meist erdrosselt oder enthauptet. Der Leichnam blieb auf dem Rad, wurde von Tieren gefressen oder verweste. – Der Defensor konnte und wollte die That nicht vertheidigen, er machte jedoch das Gericht darauf aufmerksam, daß Hinz den gegen das Mädchen beabsichtigten Mord nicht vollführt habe; und daß er den alten Hamann zwar erschlagen habe, aber ohne diesen Mord beabsichtigt zu haben; – demnach wäre die That gegen das Mädchen nur ein Versuch zum Morde; die gegen Hamann aber nur ein unvorsätzlicher Todschlag. Danach schilderte der Defensor auf eine rührende Weise die Reue, und den gegenwärtigen guten Seelenzustand des Verbrechers, und trug schließlich auf Zuchthausstrafe an [plädierte auf eine Freiheitsstrafe]. Hinz hatte gesenkten Blickes, und, wie mir schien, mit vieler Fassung der Anklage zugehört; doch wollen Einige bemerkt haben, daß er zuweilen furchtsam zu dem Fiskal hinaufgeblickt habe. Bei der Defension wurde er weich, und vergoß Thränen. Nach geschlossener Verhandlung ging ich zu ihm, um den Eindruck zu erforschen, und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß der Antrag seines Defensors mehr geschehen sei, um der Form zu genügen, als daß er daraus wirklich auf eine besondre Milderung der Strafe hoffen dürfe. Er versicherte mich, daß er die Sache auch so ansehe, und auf den Tod gefaßt sei. Das Urtheil des Gerichts wurde, ohne dem Publico [Publikum] bekannt geworden zu sein, zur Bestätigung an das Ober-Criminalgericht eingesandt; von da ging es an das Ober-Appellationsgericht, und endlich an den König. Fünf Monate vergingen, ehe die Bestätigung erschien [erfolgte]. Während dieser Zeit hielt Hinz sich in der erwünschtesten Stimmung; doch konnte es nicht fehlen, daß nicht einige Hoffnung des Lebens in ihm sich hätte regen sollen. Er stellte sich die Möglichkeit einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe vor; und obwohl diese Strafe einem jungen, lebenskräftigen Manne wohl schrecklicher, als selbst der Tod auf dem Schaffot erscheinen konnte, so malte doch seine Einbildungskraft sich dieß fürchterliche Loos gar lieblich aus. Er sprach viel mit mir über die Möglichkeit, daß Gott ihn könne dazu bestimmt haben, im Zuchthause ein Bußprediger zu werden; welches Amt er denn auch mit vieler Freundlichkeit ausrichten würde. – Es wurde mir eine Zeitlang schwer, ihn in der Erwartung des wahrscheinlichen Todesurtheils fest zu halten. Mit den stärksten Farben schilderte ich ihm die Schwierigkeiten, und die große Gefahr für seine Seele, wenn er auf die Zeit seines Lebens [bis zu seinem Lebensende] in die Gemeinschaft mit lauter Verbrechern, Bösewichtern und Spöttern der Religion sollte eingeführt werden. Allmälig entfiel ihm auch der Muth dazu, und damit zugleich der letzte Rest von Lebenslust. Er wünschte zu sterben; nicht aus Schwermuth; sein Gemüth war nicht schwer; sondern aus Verlangen nach Frieden für seine Seele, und nach derjenigen Ruhe, wo keine Schwachheit und Anfechtung ihm länger gefährlich werden kann; und aus herzlichem Verlangen nach dem ewigen Erbe, welches Christus denjenigen zusichert, die in aufrichtiger Buße zu ihm kommen. Hinz bat, daß außer seiner Familie auch einigen gläubigen Christen aus meiner Gemeinde, mit welchen ich ihn gesprächsweise bekannt gemacht hatte, der Zutritt zu ihm verstattet würde; auch daß ihm erlaubt würde, Sonntags die Kirche zu besuchen. Dies Letztere wurde ihm aus polizeilichen Rücksichten abgeschlagen; doch erlangte ich von dem Gericht für ihn die Gewährung der andern Bitte, indem ich mich für zwei christliche Männer in meiner Gemeinde verbürgte, daß deren Zuspruch dem armen Hinz nützlich sein würde. Meine Amtsgeschäfte hatten eben um die Zeit sich so sehr gehäuft, daß ich mit jenen beiden Männern die Abrede nahm [die Vereinbarung traf], daß sie abwechselnd mit mir Hinz besuchen sollten; außerdem ging auch mein Amtsbruder jetzt zu ihm. Es war erfreulich zu bemerken, wie sein Gemüth zusehends ruhiger, fester und freudiger in der Todeserwartung wurde. Auf den 3. April d. J. wurde ihm endlich die Publication seines Urtheils angekündigt [Hinz wurde mitgeteilt, daß die Urteilsverkündung am 3. April erfolgen würde]. Ich ging vorher zu ihm. »Ich weiß schon,« sagte er, »und bin ruhig und fröhlich.« Das war er in der That. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, daß ein schwacher Mensch das Urtheil seines Todes mit solcher Heiterkeit erwarten könne; und dankte Gott, daß Er so Großes an diesem armen Menschen gethan hatte. Es war 11 Uhr Vormittags, als ich ihn verließ, weil er wünschte, die letzten Minuten vor der Publication des Urtheils allein im Gebet zuzubringen. Von ihm ging ich denn in das landschaftliche Haus, wo schon das Gericht versammelt war. Der Saal sowohl, als die Vordiele waren gedrängt voller Menschen; auch standen mehre Hunderte vor dem Hause, um Hinz kommen zu sehen. Um 11 ½ Uhr ward er gebracht. Seine Miene war frei und sanft, und er schien alle Leute freundlich zu begrüßen. Als er in den Saal geführt ward, entstand Todtenstille. Ihm wurde sein Platz angewiesen, wo er stehend sein Urtheil vernehmen sollte. Der Actuar des Gerichts [Aktenverwalter, Gerichtsschreiber] las mit lauter Stimme den Hergang des Verbrechens, die von dem Gericht hervorgehobenen Entscheidungsgründe und das Urtheil, daß Carsten Hinz durch das Rad vom Leben zum Tode solle gebracht werden . Jetzt trat eine schauerliche Stille ein; Aller Augen waren auf den Verurtheilten gerichtet; – er schien unter Allen in seinem Gemüthe der Ruhigste zu sein; doch lag nichts Gewaltsames oder Hartes in seinen Mienen. Nach einer Pause kündigte der Präses des Gerichts [Gerichtsvorsitzende] dem Verurtheilten an, daß Se. Majestät, der König, von seinem schönen Begnadigungsrecht Gebrauch gemacht, und die härtere Todesstrafe des Rades in die einfachste, mit dem Beile , verwandelt habe. – Diese Milderung schien jedoch so wenig, wie die zuerst ausgesprochene Verurtheilung, sein Gemüth zu erschüttern. Er bat um die Erlaubniß, zu reden. Die ward ihm zugestanden; und mit ungekünstelten Worten sprach er in plattdeutscher Rede auf eine tief ergreifende Weise sich über die Gnade aus, nicht die ihm der König, sondern die ihm Gott habe widerfahren lassen. Seine Worte hatten mich, so wie fast alle Umstehende, zu sehr gerührt, als daß ich jetzt im Stande wäre, sie aus dem Gedächtniß wieder zu geben. Nur dessen erinnere ich mich, daß er mit Schaam und Wehmuth auf seinen früheren, schrecklichen Zustand hinwies, da er nicht einmal an das Dasein eines Gottes geglaubt hatte; daß er jetzt aber seinem Heilande nicht genug danken könne, weil derselbe ihm seine unsterbliche Seele gerettet habe, und nun ihn bald ganz zu sich ziehen werde. Als er wieder in sein Gefängniß zurückgebracht ward, schienen die Menschen alle in ihrem Rechtsgefühl befriedigt zu sein; doch drückte sich auf den Gesichtern viel mehr Mitleid, als Abscheu gegen den Mörder aus. – War Hinz schon in der Erwartung seiner Verurtheilung ruhig gewesen, so war er nun so viel ruhiger, da nach so langer bänglicher Ungewißheit endlich die Entscheidung da war. Die Verurtheilung hatte am Mittwoch in der stillen Woche stattgefunden; sein Wunsch war jetzt, während der heil. Festtage zur Kirche zugelassen zu werden; er hätte gern zum Osterfest in versammelter Gemeinde mit seiner Familie das heil. Abendmahl empfangen. Leider wurde ihm diese Bitte nicht gewährt. Wir machten denn am zweiten Osternachmittage aus seinem Kerker ein Kirchlein; in der Gewißheit, wo zwei oder drei versammelt sind in Jesu Namen, da ist Er mitten unter ihnen. Versammelt waren der Vater des Verurtheilten; (die Mutter konnte Krankheit halber nicht kommen) – der Bruder und dessen Frau, drei Mitgefangene, der Schließer, der Verurtheilte und ich. Hinz und seine Angehörigen empfingen das Abendmahl; – es war eine ungemein rührende und erhebende Feier; doch war der Verurtheilte vielleicht unter uns Allen der Einzige, der die Rührung ganz rein zu empfinden vermogte. Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, spiegelte sich ab in seiner Seele und in seinem Antlitz. Wir andern Alle, wenn gleich durch die Abendmahlsfeier gehoben, waren doch eben so sehr menschlich betrübt und mit bangen Vorstellungen der nächsten Zukunft erfüllt; – besonders glaube ich, daß die vielen Thränen, die der alte Vater vergoß, mehr [wegen] der Trauer um den Tod des Sohnes, als [wegen] der Andacht geflossen sind. Als ich nach beendigter Feier, mit Hinweisung auf C. Hinz, auch noch besonders den mit anwesenden Verbrechern zusprach, waren selbst diese harten Menschen in Thränen aufgelöst. Möchten es Thränen aufrichtiger Buße gewesen sein! – Es war bekannt geworden, daß Hinz, so weit es mit der Ruhe und Ordnung des Gefangenenhauses verträglich war, Besuche annehmen durfte; und es kamen aus der Stadt und der Umgegend täglich, und beinahe stündlich Menschen zu ihm; einige aus christlicher Liebe, in der Absicht, ihn in seinem Glauben zu stärken; – viele aus bloßer Neugier, um den bekehrten Mörder kennen zu lernen; unter diesen auch viele ungläubige und mißtrauische Leute, welche für ihre Behauptung, daß Hinz ein Heuchler sei, Bestätigung suchten. Alle aber, die ihn besuchten, fanden ihn anders, als sie erwarteten. Die ihn trösten und stärken wollten, fanden ihn des nicht bedürftig; denn sein Glaube und sein Friede standen fest und auf gutem Grunde; und er hatte Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein. Die Neugierigen empfingen Eindrücke, auf die sie nicht gefaßt waren; seine kurzen, kräftigen Bußpredigten und Anpreisungen der göttlichen Gnade erschütterten die gleichgültigsten, härtesten Gemüther. Die Ungläubigen wurden beschämt, und sprachen es laut aus, daß eine solche Ruhe und Freudigkeit zum Tode nicht geheuchelt sein könne. Der Schließer versichert, daß selten Jemand von Hinz weggegangen sei ohne sichtliche Merkmale der guten Eindrücke, die sie bei ihm empfangen hätten. – Ich hatte gefürchtet, daß die zahlreichen Besuche, vornämlich derer, die nur aus Neugier kamen, ihm lästig und störend werden möchten, und veranlaßte deshalb einige Einschränkungen; aber dankte Hinz mir nicht; sondern bat vielmehr, daß man ihm doch so viel wie möglich Raum geben möge, unbußfertigen und ungläubigen Seelen zuzusprechen, ob vielleicht durch ihn Einige für das Reich Gottes mögten gewonnen werden. Es wurde deshalb die Erlaubniß erneuert, daß, mit Ausnahme von Kindern, Jeder zu ihm gehen dürfe; – aber auch selbst zu den Kindern, deren sich immer viele vor seinem Gefängniß versammelten, sprach er durch das Fenster, und gab ihnen die vortrefflichsten Ermahnungen, immer auf sein eignes Beispiel hinweisend. Gewöhnlich war er denn gegen Abend von diesen Anstrengungen ganz erschöpft; ging früh zu Bette, betete und schlief die Nächte sanft und ruhig. Mehre Male hatte er mich gebeten, ich mögte doch Tag und Stunde seiner Hinrichtung suchen in Erfahrung zu bringen und ihm sagen. Am 12. April konnte ich ihm mit einiger Gewißheit sagen, daß der 16. April festgesetzt sei. Er freute sich des; und sein Friede wurde noch friedlicher, seine Gemüthsruhe noch ruhiger, als am folgenden Tage der Herr Staller bei ihm erschien, meine Nachricht zu bestätigen. Der Herr Staller, Justizrath Ingwersen, kam von dem Gefängniß zu mir, und war sehr gerührt. Er konnte kaum Worte finden, um zu beschreiben, wie Hinzens Gesicht nun so ungemein sanft und gut anzusehen sei; da es doch vor 2 ½ Jahren bei der Gefangennehmung und bis zur Zeit des Geständnisses einen so merkwürdig boshaften, wildtrotzigen, tiegerartigen Ausdruck gehabt habe. Dieselbe Bemerkung war mir längst aufgefallen, und ich habe sie, wenn ich nicht irre, auch schon früher ausgesprochen; – und die Tauende, die ihn zum Richtplatz haben hinführen sehen, werden es bestätigen, daß der gute Geist, der in ihm Wohnung gemacht hatte, sein Antlitz wunderbar lieblich verklärt hatte. Ich berufe mich ausdrücklich auf deren Zeugniß, weil man mir, dem einzelnen, und vielleicht partheiisch scheinenden Erzähler, den Vorwurf der Uebertreibung machen könnte. Am 14. war Hinzens Familie bei ihm, um Abschied zu nehmen. Er bat mich, die Erbauungs- und Andachtsbücher, die ich ihm geliehen hatte (vornämlich aus dem norddeutschen Verein), seinen Eltern und Geschwistern schenken zu dürfen. Ich bewilligte dies gern, und er entließ jene unter den herzlichsten Ermahnungen; als letztes Vermächtniß trug er ihnen auf, so oft sie in [nach] Tönning kommen würden, zu mir zu gehen und christlichen Zuspruch zu suchen; – mich bat er, sie nicht von mir zu weisen. Guter Hinz! deine Bitte und dein Vertrauen soll mir heilig sein! – Merkwürdig ist es, daß Hinz, durch religiöse Rührung leicht zu Thränen bewegt, keiner fleischlichen Rührung mehr fähig schien; von Eltern und Geschwistern nahm er ohne Thränen den letzten Abschied. Desselbigen Tages erlitt die Heiterkeit seines Gemüthes eine Trübung und Demüthigung. Mit vielem andern Volk hatte der Vater des durch ihn in dem Hamannschen Hause verstümmelten Mädchens vor seinem Gefängniß sich eingefunden, und überschüttete ihn mit Haß und gräulichen Verwünschungen. Hinz zeigte sich am Fenster, und bat den Alten inständig, er möge ihm doch nicht fluchen, sondern vergeben, so wie Gott ihm vergeben habe. Als aber der Alte mit Verfluchungen nicht aufhörte, ward Hinz sehr traurig, und sprach: »So muß ich denn das noch leiden, damit ich in der Freude über die mir widerfahrene Gnade nicht vergesse, daß ich ein Mörder bin. Kannst du aber mir nicht vergeben, so will ich Gott bitten, daß er dir dein unversöhnliches Herz vergeben mag!« Am Montage, den 15., hatte Hinz noch die Freude, vom frühen Morgen bis zum Abend vor zahlreichen Menschen Zeugniß seines Glaubens und der Gnade Gottes abzulegen. Um 8 Uhr Abends wurde keinem Fremden der Zutritt zu seinem Kerker länger verstattet. Nun ging ich zu ihm, und fand ihn in einer wahrhaft verzückten Stimmung. »Morgen ist mein Ehrentag!« – sagte er – »da werde ich abscheiden und bei meinem Heiland sein.« Wir knieten mit einander zu einem herzlichen Dankgebet; – danach ließ ich ihn allein, weil er noch einige Briefe schreiben, und dann schlafen wollte. Mein und eines andern christlichen Freundes Anerbieten, die Nacht bei ihm zuzubringen, hatte er abgelehnt. Bis 1 Uhr schrieb er; danach schlief er. Am 16., Morgens 6 Uhr, ging der Schließer zu ihm, weil er ihn wach glaubte; aber das Aufschließen des Kerkers weckte ihn erst aus einem ruhigen, festen Schlaf . Als er die Augen aufschlug, lächelte er dem Schließer freundlich zu, und bat, daß er ihm noch zwei Stunden zum Schreiben Ruhe lassen, und dann sein »hochzeitlich Kleid« bringen mögte. Um 8 Uhr ging ich zu ihm; er schrieb noch; schloß aber bald, und ließ sich zum Tode ankleiden. Das lange, weite Gewand, schneeweiß mit schwarzen Schleifen, sein friedlich seliges Gesicht, der herzliche Druck seiner noch so lebenswarmen Hand machte den feierlichsten, rührendsten Eindruck auf mich, den je empfunden zu haben ich mich entsinnen kann. Wir lasen das 17. Cap. des Ev. Joh., sprachen aber wenig; dann knieten und beteten wir, und ich segnete ihn. Die Uhr schlug neun. Das war die Stunde. Er bat mich, hinauszugehen; er wollte noch zwei Augenblicke mit seinem Heiland allein sein. Der Wagen fuhr vor. Mein Amtsbruder fand sich ein; wir gingen zusammen zu ihm hinein, um ihn aus seinem Kerker der ewigen Freiheit entgegen zu führen. Hinz und der Stockschließer setzten sich rückwärts auf den Wagen; mein Amtsbruder und ich setzten uns jenen gegenüber. Der Herr Staller hielt mit seinem Wagen in der Nähe, und fuhr voraus, den Zug nach der Richtstätte leitend. Dragoner schützten beide Wagen gegen den Andrang des Volkes. Die Straßen, durch welche wir fuhren, waren mit zahllosen Menschen erfüllt; auch alle Fenster mit Zuschauern besetzt. Auf allen Gesichtern lag theilnehmender Ernst und herzliche Aussöhnung mit dem Mörder. Sein Auge fand viele Bekannte, die er freundlich grüßte; – zu einigen, die ihm nahe genug kamen, sprach er schöne Worte über den Tod, als eine dunkle Pforte, die aber in die rechte Heimath führe; und über die Gnade, die ihm widerfahren sei, daß er vor den Schrecken des Todes und der Hölle sich nicht mehr fürchten dürfe. Uns Predigern blieb keine Veranlassung, ihn zu trösten und zu stärken. Er war stärker als wir. Als der Richtplatz erreicht war, wurde mein Amtsbruder heftig ergriffen; Hinz bemerkte es, und indem er vom Wagen stieg, sprach er leise: »Ei, Herr Pastor! nun muß ich wohl ihnen noch zusprechen! seien sie doch standhaft; es ist bald überstanden!« Das Blutgerüste hatte zwei Etagen; auf der untern saß das Gericht, unsrer Ankunft gewärtig: der Herr Oberstaller der Landschaft, die Rathmänner, und der Actuar; – auf der obern stand der Scharfrichter mit drei Gehülfen. Festen Schrittes bestieg Hinz die ersten Stufen. Seine Ketten wurden ihm abgenommen; er stand vor seinen Richtern; wir Prediger ihm zur Seite. So wurde ihm mit lauter Stimme noch einmal sein Urtheil vorgelesen; – es hub an mit einer Beschreibung des Verbrechens und gab eine Aufzählung aller Entscheidungsgründe. Während der Vorlesung, die wohl zehn Minuten währte, stand Hinz, mit gesenktem Auge, und warf nur einige Male einen Blick, der um Schonung zu flehen schien, auf den Präses des Gerichtes; – aber die Form musste ja erfüllt, und die Folter des Anhörens getragen werden. – Nachdem der Actuar seine, uns allen so höchst peinliche Vorlesung geschlossen hatte, erhob sich der Herr Staller, und übergab den Verurtheilten dem Gerichtsdiener, mit dem Befehl, ihn weiter dem Scharfrichter zu überliefern. Hinz athmete freier auf, als diese schreckliche Ceremonie beendigt war. Mit seiner vorigen Festigkeit bestieg er die letzten Stufen des Schaffots; wir Prediger mit ihm. Vom Blutgerüste herab hielt er eine kurze Anrede an das Volk. Einige der Umstehenden haben sich bemüht, das Gehörte schriftlich aufzufassen, und ich glaube, daß es ihnen gelungen ist; ich lasse es wörtlich folgen, wie sie es mir mitgetheilt haben. Wie C. Hinz auf dem Schaffot geredet hat: »Hier stehe ich nun, um von der Obrigkeit für die gräuliche That, die ich gethan habe, die Strafe zu empfangen, welche ich verdient habe; denn Gottes Gerichte sind gerecht. So wird denn auch hier mein Blut von Menschen vergossen; wie wenn auch unser Herr Gott in seinem Worte sagt: Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder von Menschen vergossen werden. Aber Gott sei Lob und Dank, daß ich Gnade gefunden habe, und nun eingehe in das ewige Leben, zu unserm Heiland Jesus Christus, der uns so theuer erkauft hat mit seinem theuern, heiligen Blute. – Nun wollte ich wünschen, daß Alle, die hier stehen, möchten sich unserm Heiland ganz hingeben; denn wir sollen Alle das ewige Leben ererben, und Gott hat uns Alle erschaffen zu der ewigen Seligkeit. Möchten denn nun doch Alle, die hier sind, zu Ihm kommen; denn selbst den allergrößesten Verbrecher, so einen, wie ich bin, der eine so gräuliche That gethan hat, wie ich, will Er auch haben in seiner Seligkeit, der zu Allen, und auch zu mir gesprochen hat: Kommet her zu mir, Alle, die ihr müheselig und beladen seid; ich will euch erquicken; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen; – und wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen; – und zu dem ich nun gleich hinübergehen werde; – möchten denn doch Alle zu Ihm kommen! Amen!« Als Hinz Amen gesprochen hatte, wollte des Scharfrichters Diener ihm die Binde vor die Augen legen; aber Hinz kniete nieder, und sprach: »Nun will ich noch für mich beten:« »Lob und Preis und Dank, mein Heiland, für die Barmherzigkeit, die Du an mir gethan hast! denn weiter habe ich hier ja nun nichts mehr zu bitten; als nur zu loben und zu danken; daß Du mir bis hieher Gnade und Kraft gegeben hast: daß ich nun mein Haupt hinlegen kann, so wie Du, Herr, Herr, Herr; Dein Haupt geneigt hast; daß auch ich sagen kann, wie Du sprachst: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände! Amen! Amen!« Wir Prediger legten ihm danach segnend die Hände auf; ich sprach: »Als Botschafter an Christi Statt kommen wir zu Dir; denn wir haben das Amt überkommen [übernommen], das die Versöhnung verkündigen soll. Kraft dieses Amtes segnen wir Dich zum Tode; und als Diener des Wortes sprechen wir: Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heil. Geistes; sei getrost, mein Sohn, Dein Glaube hat Dir geholfen; Dir sind Deine Sünden vergeben! – Der Herr, Herr, segne Dich und behüte Dich! der Herr, Herr, lasse sein Angesicht über Dir leuchten und sei Dir gnädig! der Herr, Herr, erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir seinen Frieden! Amen!« Danach mein Amtsbruder: »Sollte ich nicht segnen, den der Herr gesegnet hat? Im Namen des dreieinigen Gottes: Fahre hin in Frieden! Amen! In Jesu Namen! Amen!« Hinz reichte uns zum Abschied die Hand; rief: »Es ist vollbracht! Es ist vollbracht! Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! Amen!« Dann ließ er sich die Augen verbinden. Wir knieten hinter ihm. Nach wenigen Sekunden hörte ich sein Haupt fallen. – * Leichnam und Haupt wurden sofort in eine Kiste gelegt, und in das schon gegrabene Grab hinabgelassen. Ich rief ihm Friede! nach, und befahl seine Seele in Gottes Hand. Nach einem stummen Gebet nahmen wir von der Stätte Abschied. Das Gericht hatte sich schon kurz vor uns entfernt; – das Volk zerstreute sich in tiefer Stille. – Was soll ich noch hinzufügen? Hinz steht jetzt vor einem höhern Richter. Schlechte Erziehung hatte aus ihm einen verwahrlosten, schlechten Menschen gemacht; – Strafanstalten, welche Verbesserungsanstalten sein sollten, hatten den Verbrecher vollendet; und als er durch die Kraft des Evangelii ein andrer, guter Mensch geworden war, mußte er sterben, nach dem Gesetz. Kann man hier wohl den unseligen Mängeln menschlicher Einrichtungen eine Thräne versagen? Ernst und drohend steht das Wort Gottes vor uns: die Sünde ist der Leute Verderben! ohne sie giebt es kein menschliches Elend. – Aber wunderbar herrlich hat sich an dem, den die Sünde elend gemacht hatte, und der von Menschen mußte gerichtet werden, die göttliche Gnade bewährt. Ich überhebe Hinz nicht [hebe Hinz mit meinem Lob nicht in den Himmel]; ich spreche ihn nicht heilig; – ich sehe in ihm nur den reumüthigen, bekehrten Verbrecher; aber nicht weiß ich, wie ich Gott genug danken soll für diese gründliche Bekehrung , für diese völlige Umwandlung eines so überaus bösen Herzens. – Gott selber hat hier vor unsern Ohren eine Predigt gehalten: »Thut Buße, und glaubet an das Evangelium, so werdet Ihr Vergebung für eure Sünden empfangen, und das ewige Leben haben!« – Vor unsern Augen hat Gott uns sehen lassen eine Kraft, einen Sieg, einen Triumph des christlichen Glaubens, vor dem der Unglaube sich schämen und verstummen muß. a. D. g. [(ad) Deo gratias = Gott sei Dank; zum Dank an Gott]