Chevalier von Roquesant Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant Herausgegeben und geordnet von Grethe Auer Erster Teil 1 Ich kann nicht, wie so mancher andre es tut, meine Memoiren mit der Aufzählung vorväterlicher Herrlichkeiten und Heldentaten beginnen. Selbst von meinem Vater weiß ich nur, daß er ein verarmter und zu seinem Glücke mit Ruhm gefallener bretonischer Edelmann war, dessen Tod die ganze Erbschaft an Gütern und Ehren darstellte, die er seinem einzigen Sohne hinterließ. Die Erinnerungen an meine früheste Jugend bieten nur Bilder drückender Armut auf einem halbverfallenen Edelhofe, dazwischen einige holdere von heimlichen Streifzügen durch rotblühendes Heideland und Brombeergebüsch. Vergeblich suche ich rückschauend in diesen Erinnerungen nach einer Frauengestalt; nur rauhe Knechte haben mich erzogen. Mein besseres Leben begann erst, als mein Vater, den ich auch nicht häufig sah, die Klugheit hatte, sich neben Turenne und vielleicht von derselben Kanonenkugel töten zu lassen, und die Milde des allerchristlichsten Königs mich vor dem Schicksale manches herabgekommenen Landjunkers bewahrte, das da war, als geduldeter Kostgänger seiner leibeigenen Bauern in Trägheit und Unwissenheit zu verderben. Das Todesverdienst meines Vaters machte mich zum Schützling Ludwigs des Großen, zum Zögling seiner neugegründeten Schule und zum Erben getragener Prunkgewänder fürstlicher Knaben. Ich war zehn Jahre alt, als ich, ein wildes, scheues und vernachlässigtes Kind, nach Paris kam; zwei Jahre später war ich ein so schmucker und eitler kleiner Marquis, wie je einer in den schimmernden Sälen Versailles' gewandelt. Diese neuerworbenen Eigenschaften traten nie kräftiger in Aktion als auf meinem fast täglichen Spaziergange von dem nahe der Sorbonne gelegenen Lyzeum Ludwigs des Großen bis an das Palais Cardinal oder, wie es einige zwanzig Jahre später hieß, Palais Royal jenseits der Seine; denn ich pflegte allda meine besten Feierkleider zu tragen, weil der Gang keinem Geringeren galt als dem Neffen meines Königs, dem jungen Herzog Philipp von Chartres, dem man mich als dienenden Gespielen zugesellt hatte und mit welchem ich jede Feierstunde zubringen durfte unter den prächtigen Kastanienbäumen des Gartens, den der große Kardinal einst hatte anlegen lassen. Wenn ich so in meinen seidenen Kniestrümpfen und Stelzschühlein mit blitzenden Schnallen gegen die Brücke des heiligen Michael hinabstorchte, so pflegte ich mich täglich über das Gedränge und den Unrat zu ärgern, die beide meine zwölfjährige Edelmannswürde und meinen Staatsfrack bös gefährdeten. Besonders in der Cité, in den engen und dunkeln Gassen, wo der zähe, schwarze, vielgetretene Schlamm nie trocknen konnte, machte jeder Vorübergehende mich beben, und ich atmete erst auf, wenn ich auf den freieren Kai hinaustrat, wo die große Uhr mit dem Spielwerke stand. Diese Uhr nun verursachte mir täglich eine bittere Stunde: denn ich hätte für mein Leben gern das Spiel der artigen Holzmännlein mit angesehen, die da bei jedem Glockenschlage in die Runde liefen; aber ich wagte nicht, mich in den Haufen zu mischen, der das Uhrwerk zu allen Zeiten umdrängte, sondern reckte nur von fern meinen Hals, ob ich etwa einen Blick auf das niedliche Wunder erhaschen könnte. Dann war noch die neue Brücke zu überstehen, auf deren mächtiger Plattform ein wildes Gewoge von Händlern und Käufern aller Art förmlich zu brodeln schien, fast ebenso rastlos, wie darunter die Seinewellen an die satyrgeschmückten Steinpfeiler tobten, und mit ähnlichem Getöse. Ich pflegte von dieser Brücke immer hilfeflehend zu dem ehernen Heinrich IV. hinaufzublicken, dessen segnende Gebärde ich mir als eine – viel angebrachtere – beschwichtigende auslegte, von der ich mir doch eine endliche Wirkung auf die Schreier zu seinen Füßen versprach; wie ich auch die Haltung seines schnaubenden und erregten Pferdes in meiner Kinderphantasie mit dem Lärm auf der Brücke in Beziehung brachte und mir sagte, der Künstler habe ihm seinen entsetzten und unruhigen Ausdruck wohl mit Absicht gegeben, als diesem Standorte am angemessensten. Ich erfuhr freilich später, daß das Pferd in Italien gegossen worden sei für irgendeinen mediceischen Kriegshelden, daß es auf seiner Reise nach Frankreich gestrandet, sogar ein Jahr lang auf dem Meeresgrund gelegen habe und ferner so zahlreiche Abenteuer bestanden, daß sein geängstigtes Nüsternblähen vielleicht eher auf diese zurückgeführt werden durfte; aber um jene Zeit wußte ich das noch nicht und las nur unschuldig meine eignen Empfindungen im Antlitz des metallenen Tieres. Vor diesem Pferde nun und unter der segnenden Hand des heiteren Königs war es, wo mich ein schnödes Schicksal erreichte. Ich wollte, die lateinischen Verse, mit denen Abbé Cölestin uns zu foltern pflegte, hätten mir halb so treu im Gedächtnis gehaftet wie die bräunlichen Sternbilder, mit denen mich die Karosse des Erzbischofs von Paris im Vorbeirollen geschmückt hatte, an meinen seidenen Höschen. Dabei hatte ich mir weder Neugier noch Unachtsamkeit vorzuwerfen; ich hatte einfach in der Menge nicht ausweichen können. Es hatte geschneit, aber der Schnee war an der mildesten Februarsonne zerflossen, und Tausende von flinken Pariser Füßchen hatten ihn zu einem lieblichen Brei von äußerster Glätte geknetet, den Abfälle aus Fischkörben, Gemüseblätter, Eingeweide von Hühnern und Tauben sowie allerhand farbige Laugen unbekannten Ursprunges auf das angenehmste würzten. Da ich mich also unverhofft gesalbt und parfümiert sah, ahnte mir Trübes für den weiteren Verlauf des Tages. Was mir in Aussicht gestanden hatte, war eine vergnügliche Fahrt mit meinem herzoglichen Gespielen nach Versailles, wo es ausländische Gesandte und daher schöne fremdartige Trachten und Pracht und Geschmeide zu sehen gab, und vielleicht sogar den allerchristlichsten König selbst, und etwa, wenn das Glück uns besonders hold war, auch Mohren. Nun stand es übel um meine Hoffnungen, denn von dem Eindrucke meiner äußeren Erscheinung, wie sie sich in diesem Augenblicke darbot, mußte ich das Schlimmste fürchten; und ich fluchte in kindlichem Grimme den Straßen von Paris. Es zeigte sich auch alsbald, daß ich nicht umsonst gebebt hatte. Philipp lachte zwar, als er mich sah, und ließ durch einen Kammerdiener Reinigungsversuche anstellen. Sie mißlangen gründlich. Und da ich leider des viel zarter gebauten Gespielen Gewänder nicht tragen konnte und selbst keinen zweiten Paradeanzug besaß, so mußte ich für diesmal trotz meines herz- und ohrenzerreißenden Jammers Versailles und die Gesandtschaft Imperiale Lescaros fahren lassen. Der kleine Herzog begab sich allein mit seinem Erzieher an den Hof, ich aber trottete voll Verdruß und Bitternis die gottverlassenen Straßen, die mich so zugerichtet hatten, wieder zurück. Wenigstens aber beschloß ich nun zu meinem eignen Troste, nicht gleich wieder in mein Gefängnis und unter meine höhnenden Kameraden zurückzukehren, sondern mich durch eine ausgiebige Forschungsreise für das verlorene Hoffest zu entschädigen; und zwar nahm ich mir in teuflischem Grimme vor, alle jene Abenteuer, denen ich sonst um meiner seidenen Kleider willen so entsagungsvoll aus dem Wege ging, nun rückhaltlos zu genießen und, wenn es darauf ankam, auch vor den Diebsspelunken des Cours des Miracles nicht zurückzuscheuen, im Menilmontant Fische zu fangen oder am Gerberkai Häute spülen zu helfen. Kurz, ich umschloß alle vier Ecken von Paris mit knabenhafter Wundersehnsucht und machte mich gleich auf den richtigen Weg, indem ich die Rue Richelieu aufwärts die Richtung nach der Grange Batelière einschlug, also eine möglichst entgegengesetzte zu der, welche mein Heimweg hätte haben müssen. Von da ab wandte ich mich ostwärts, mit der Kairostraße, wo die fremden Händler wohnten, als nächstes Ziel. Und dann wand ich mich, kein Seitengäßlein verschmähend, wo es etwas zu schauen gab, auf verschlungenen Pfaden wieder zur Cité herunter. Wie so manchem, der in heftiger innerer Erregung durch Straßen oder Fluren wandelt und nichts zu sehen glaubt als seinen eignen Schmerz, so erging es auch mir an diesem Tage: leise, mir selbst unbewußt, sank das schöne Bild von Paris tief auf den Grund meiner Seele hinab, die den unversehens empfangenen Schatz treulich, wie eine gute Haushälterin, in reinlicher Kammer bewahrte. Und wenn ich heute des Tages gedenke und meines kindlichen Kummers über die verfehlte Dogengesandtschaft, so steigt ungerufen in vielfarbiger Pracht das Bild empor und überstrahlt alles, was ich für werter und wichtiger gehalten in meinem jungen Erwägen: des Schmerzes habe ich vergessen, aber jenen abenteuerlichen Streifzug halte ich lebenslang fest in meinem Erinnern. Abenteuerlich – denn in Paris war und ist heute noch jeder Schritt und jeder Blick ein Abenteuer, aber ein köstliches. Geheimnisvoll dunkel und feucht, wie Felsenschluchten, öffneten sich die gewundenen Gassen, damals schon von hohen schwärzlichen Häusern flankiert; und das blaugraue Licht, das von oben her der matte Februarhimmel entsandte, zeichnete schräg einfallend die hunderterlei Profile dieser alten Fassaden. Es waren grämliche darunter mit gotischen Torbogen und kühn vorragenden Erkernasen, die gelehrt unter hohen, spitzen Dächern vorblickten wie unter Magisterhüten; und es waren jüngere, in breiten Linien lachende Kinder des gegenwärtigen Jahrhunderts, die nicht weise, aber gemütlich aussahen; und es waren ganz edle dabei, die mit säulengeschmückten Portalen, Gigantenleibern und Frauenköpfen, Fruchtranken und zarten Blattgebilden aussahen wie ein steingewordenes Lied von einem fernen Wunderlande. Märchenhafter noch erschienen die ungeheuern Insignien, die Haus und Straßen ihre Namen gaben, weit vorragend und wuchtend über den Häuptern der Wandelnden drohten, phantastische Schatten in das Halblicht der Gasse werfend. Dort stand ein Mohr mit Krone und Turban, ein Drache breitete hier seine gezackten Schwingen, ein geflügelt Pferd sprengte weit in die Luft hinaus, eine Sonne mit dickbackigem Prälatengesicht schmunzelte einen sanften Heiligen an, ein Schiffsschnabel stach aus gemaltem Gewässer hervor, und ein Löwe hob drohend seine Pranke. Anmutig an schmiedeeisernen Blattgewinden wiegten sich Laternen vor den Türen der Reichen; in stilleren Straßen baumelten sie an gespanntem Drahte mitten über der Gosse, die lieblich murmelnd wie ein Büchlein talwärts zog, nur da und dort vor einen Unrathaufen sich stauend oder mit keckem Satze, wie ein Gebirgswasser, darüberweg rauschend. Und diese Szenerie voll unruhig zackiger Linien und voll unruhig gebrochenen, vielfach hin und wieder geworfenen Lichtes war ewig belebt von dieser unerschöpflichen Menschenflut, die von allen Seiten zu- und abströmend, so sinnverwirrend rasch und rastlos sich ergoß wie die spielenden Wasser in den Gärten von Versailles. Das war die unermüdliche Nation, die in hundert Zungen schrie, in hundert Trachten prangte, die immer geschäftig und aufgeregt, immer heiter und neugierig, immer redend, lärmend und laufend, beständig ein Tagewerk zu verfolgen schien, das sie doch in all ihrer Hast nicht erreichte. Noch gellen mir die tausend Rufe in den Ohren, die, unaufhörlich wiederholt, von Gasse zu Gasse über alle Dächer weg bis in die hintersten Höfe hallten; und jeder dieser zerfahrenen Klänge weckt ein Bild: der Savoyarde im zerlumpten blauen Mantel zieht zischend Schere und Messer über den Schleifstein; der Pastetenbäcker im reinlichen Anzuge dreht und beschnüffelt seine goldene Ware; der Rattenfallenhändler rasselt mit seinen Drahtkäfigen; der Zahnbrecher läßt seine blanken Instrumente blitzen; im flachen Korbe der Fischerin zuckt die schimmernde Schuppenware; hinter bunten Affichen schreit der Ausrufer die Kunde von Türkenschlachten im fernen Ungarlande oder im seeumspülten Morea her; die Namen Montecucculis und Francesco Morosinis gellen in der Luft neben Sand- und Kräuterpreisen, dem nie verstummenden Geklingel der Wasserträger, den Tambouren und Pfeifen bettelnder Provenzalen und den langgezogenen heiseren Rufen der Läufer, die eine fürstliche Karosse ankündigen. Die Bretonin in weißer Flügelhaube trägt blendende Wäsche, die Elsässerin schützt mit ausgebreiteten Armen ihre hellglasierten Tontöpfe; vorsichtig gleitend, aber rasch und sicher windet sich der Blinde, den Hund an kurzer Leine haltend, durch die Menge; kokett trippelt die Bürgerin im Stöckelschuh, hochgeschürzt klappert die Wäscherin im Holzpantoffel daher; Tumulte und Kreischen umgeben eine Gruppe festgerannter Karren, denen ein herrschaftlicher Kutscher von seinem Bocke herunter mit schamlosester Zungenfertigkeit den Weg weist; seltener zeigt sich ein Reiter zu Pferd oder Maultier, denn die Straßen sind zu eng geworden für diese Art des Verkehrs, und die steinernen Bügeltritte vor den Haustüren sind zu friedlichen Abendsitzen degradiert, auf denen die Gevatterinnen plaudern und die Kinder spielen; kommt aber doch etwa ein Berittener des Weges getrabt, so drängt jeden Augenblick eine dahersausende Karosse ihn seitwärts unter die Fußgänger hinein, wo er Verwirrung und Zetergeschrei hervorruft. So setzt alles sich in Lärm um. Hoch in den Lüften aber zittern leise in sanfteren Wellen die Stimmen von hundert Kirchen- und Klosterglocken in ununterbrochener milder Schönheit dahin. Ich will die Abenteuer nicht aufzählen, die ich bestand, die Wunder nicht, an denen ich mich berauschte; ich will nur feststellen, daß nach einigen Stunden die besagte verhängnisvolle Dekoration meiner Gewandung auch dem schärfsten Auge nicht mehr sichtbar gewesen wäre, weil jetzt auch der ganze übrige Fond auf dieselbe Farbe gestimmt war. Ich hatte geschwelgt im Wiedererwachen knabenhafter Triebe, die seit meinem Aufenthalt in Paris gekettet gelegen hatten, und ich war noch einmal in meinem Leben der kleine bretonische Landstreicher gewesen, als der ich geboren war. So gründlich hatte ich mich zurückverwandelt, daß ich jede Bequemlichkeit verschmähte, die der Luxus der Zeit nötig gemacht hatte, ganz besonders aber jene beweglichen Rollbrückchen oder auch einfachen Bretter, die in Gassen, wo die Wasser des Rinnsteins sich allzu gemächlich ausbreiteten, für geschmückte Fußgänger hingeschoben und so lange festgehalten wurden, bis jene trockenen Fußes das andre Ufer erreicht hatten. Sonst war ich wahrhaftig affig genug, diese Vorrichtung zu benutzen und den dafür fälligen Sous zu opfern, alles nur meinem Atlasfräckchen zuliebe. Heute setzte ich mit einem Jauchzen über die breiteste Pfütze, und wenn der Schlamm um mich her aufspritzte, so hatte ich ein angenehmes Gefühl befriedigter Rache, welches sich jetzt aber hauptsächlich gegen mein Hofkleid richtete; denn meine Gesinnung hatte umgeschlagen und ich hegte keine Feindschaft gegen die Straße mehr, nur gegen den Affenputz, der zwischen ihr und mir gestanden hatte. An alledem war die Karosse des Erzbischofs schuld; und sie ist es auch an dem, was folgt. Ich hatte unterdessen wieder die Cité erreicht und suchte eben durch die Barillerie die Brücke des heiligen Michael zu gewinnen, als eine Zusammenrottung von allerlei Leuten an der Mündung der Straße mich aufhielt. Sie hatten alle die Augen auf ein Haus von besonders altertümlichem Aussehen gerichtet, das die Ecke der Barillerie und des Goldschmiedekais bildete und mit seinem gotischen Erkerchen gleichsam eine letzte Grenzwacht der alten Cité darstellte; denn der Goldschmiedekai, der erst seit wenigen Jahren von dieser Gilde besetzt worden war, bestand fast durchweg aus schmucken Neubauten. Ueber den Erker des alten Hauses weg blickte ein Heiliger im Sternenkranze schräg nach der Brücke zu; ein Ampelchen brannte davor, leise schwingend an schöngegossenem eisernem Arme. Das Haus war wohl ursprünglich ein adliges gewesen, das zeigte eben die beschriebene Eckenzier; jetzt hatte es eine Werkstatt im Erdgeschoß. Das alles übersah ich mit dem ersten Blicke; mein zweiter flog, der Aufmerksamkeit der Menge folgend, aufwärts nach dem breiten offenen Fenster jenes Erkers und saugte sich da fest wie ein durstiges Bienchen an einer Apfelblüte. Denn in dem dunkeln und zierlich geschweiften Rahmen stand, leicht vorgeneigt und auf die Menge zu seinen Füßen herablächelnd, ein Mann in bürgerlicher Kleidung, aber von unbeschreiblicher Schönheit der Gestalt und besonders des Gesichtes. Er hielt einen Becher in erhobener Hand und schien eine kleine launige Ansprache an das zusammengelaufene Volk zu halten, die mit hellem Gelächter und durch jubelnde Zurufe beantwortet wurde. Ich verstand nur zur Hälfte, was der Mann redete, weil die Zuhörer nicht gerade eine andächtige Ruhe bewahrten und weil auch aus dem Innern des Gebäudes eine Flut festlichen und fröhlichen Lärmens in Wellenstößen ins Freie drängte; aber ich vernahm mit innerem Wohlbehagen den jugendlichen Klang seiner Stimme hoch über allen andern Stimmen hinschweben, wie ich mit gleichem Gefallen den sonnenwarmen Ausdruck seiner Mienen, sein leuchtendes Auge und den Glanz seines Goldhaares in mich aufnahm. Es ist mir noch besonders erinnerlich, daß gerade dies Haar, dies wehende, schimmernde, naturschöne Haar mir auffiel, weil es mich mit meinem eignen, annoch ungepuderten Schopfe versöhnte, der mir zu einer Zeit, wo jeder halbwegs Ansehnliche in Paris eine Perücke trug, die allergrausten Stunden zu bereiten pflegte. Ich stand eine Weile wie gebannt und verliebte mich buchstäblich in den schönen heiteren Mann; unbewußt arbeitete ich mit den Ellbogen, unbewußt schob ich mich durch die Menschen weiter vor, bis ich dicht unter dem Fenster stand und nun gerade in die hellen Augen über mir schauen konnte; aber auch er gewahrte mich, und die stumme Huldigung meiner Blicke schien ihn zu belustigen. Mit einer unaussprechlich drolligen und ausdrucksvollen Grimasse, die deutlich wie Worte redete: »Junge, wie wird dir's ergehen?« maß er meinen verdorbenen Anzug und lachte vergnügt über meine Antwort, die in einem Achselzucken und verächtlichen Schürzen meiner Lippen bestand. Hierauf trank er mir zu, wie einem, der etwas von Bedeutung zu erwarten hat, und ich weiß noch genau, mit welchem Feuer dieser Gruß mich durchrieselte, als hätte ich, und nicht er, den Becher geleert. Ich fühlte mich zu neuen Heldentaten bereit. Und ich will nur gleich hinzufügen, daß jener männliche Zutrunk und die daraus geborene Todesverachtung schuld sind, daß Abbé Cölestin mich am gleichen Abend den verstocktesten kleinen Sünder nannte, der je auf Gottes Erdboden gewandelt sei. – Durch mancherlei Fragen erfuhr ich alsbald von den Umstehenden, daß der Mann am Fenster Regnard heiße – er war indessen, wie ich gleich bemerken will, nicht verwandt mit dem Komödienschreiber gleichen Namens, dessen unglaubliche Abenteuer einige Jahre später bekannt wurden! – und daß er der Zunft der Goldschmiede angehöre und eben Hochzeit feiere. Ich freute mich, daß er ein Gewerbe betrieb, das sich zu jener Zeit schon weit über den gemeinen Kaufmannsstand erhob, und ich freute mich, daß er so glücklich aussah und daß sein Fest von so vielen geteilt und begangen wurde. Denn wenn schon in Paris ein solches Mitfeiern ungeladener Gäste nicht zu den Seltenheiten gehörte, so hatte ich diese doch noch nie in solcher Zahl sich einfinden sehen. Außerdem, so sagte man mir, hatte der Goldschmied an die fünfzig angesehene Bürger in sein Haus geladen und hatte auch keineswegs gespart mit milden Gaben an die Armen des Kirchspiels, so daß recht eigentlich der ganze Stadtteil diesseits und jenseits des Seinearmes seine Hochzeit mitgenoß. Nach allen diesen Zeichen, die auf einen wohlhabenden und auch wohlgelittenen Mann schließen ließen, stellte ich mir auch eine reiche und stattliche Braut aus guter Familie vor, und war daher nicht wenig erstaunt, als ich auf meine Frage nach ihr allerlei abweichende und konfuse Antworten erhielt. Die einen wollten wissen, sie sei eine verarmte Adlige aus der Provinz, die andern nannten sie eine Hugenottin, die Regnard aus der Bedrängnis der Zeit, die keine Nachsicht mit jenen halsstarrigen Schwärmern kannte, an Leib und Seele gerettet habe; und die dritten sagten gar noch Schlimmeres, nämlich daß sie eine entsprungene Nonne aus Port Royal sei, also doppelt treubrüchig und ketzerisch. Man kann sich leicht denken, wie mich gelüstete, die sonderbare Auserwählte meines sonnigen Bräutigams zu sehen, besonders da die Leute hinzufügten, sie stehe ihm keineswegs nach an Zauber und Holdheit der Erscheinung, wenn auch von wesentlich verschiedener Art. Es gelang mir aber nicht, auch nur einen Blick von ihr zu erhaschen, da sie sich nicht am Fenster zeigte, obgleich der Mann selbst sie darum zu bitten schien, wie ich aus einer rückwärts ins Zimmer gerichteten Geste zu schließen mich berechtigt glaubte. Eine Weile wartete ich noch, hoffend, daß sie doch schließlich, wie es jede andre Braut zu tun pflegte, hervortreten und den beglückwünschenden Zurufen danken würde, die ja ihr nicht weniger galten als dem Gatten. Da dies aber nicht erfolgte und da auch die Miene des Bräutigams sich leicht verdüsterte, was ich mit ganz richtigem Instinkte dem Unmute über das unhöfliche Betragen seiner Angetrauten zuschrieb, so trollte ich mich schließlich, nicht ganz befriedigt, aber doch in einer angenehmen Erregung und mit mächtig arbeitender Phantasie, die mir noch manche Nacht nachher die wunderlichsten Bilder vorrückte, in denen in tausenderlei Gestalt die rätselhafte Goldschmiedsbraut webte und schwebte. 2 Ich würde dennoch leichtlich dieser Begegnung vergessen haben, hätten wir nicht wenige Monate später bei Hofe eine Hochzeit gefeiert, die mir durch einen wunderlichen innerlichen Zusammenhang jene Bürgerhochzeit wieder lebendig werden ließ. Eine Kinderhochzeit war's, und das Bräutchen war des Königs eigne Tochter, Fräulein von Nantes, das einem aus dem Geschlechte der Condé vermählt werden sollte. Nun war es aber seit einiger Zeit kein gutes Ding um solche Hoffeste; das merkten sogar wir, die Jüngsten, die Vergleiche mit früheren Tagen nicht anstellen konnten. Noch war Frau von Montespan schön und strahlend wie die Sonne am hellen Himmel; noch lächelte Fräulein von Fontange wie ein Maitag; aber schon stand hinter beiden eine dunkle Gestalt in dämmergrauen Gewändern und schwarzen Schleiern, und es ging kalt aus von ihrem schattenhaften Wesen, so daß niemand seines Lebens recht froh werden konnte. Auch der König nicht. Sagte man uns, daß dieser mürrische Mann einst bei Ballspiel und Tanz geglänzt hatte und daß Frohsinn und Wärme von ihm ausgegangen waren, wie von jener freundlichen Gottheit, die er sich so gerne zur Devise nahm, so schüttelten auch wir Knaben ungläubig die Köpfe. Und mit jener Vorstellung der Unerfahrenen, es sei in äußeren Dingen der Anlaß zu inneren Umwandlungen der Menschen zu suchen, malten wir uns aus, wie die Frau in den schwarzen Taftfalbeln durch einen bösen Zauber von dem Gemüte des Sonnenkönigs Besitz ergriffen habe und ihm vampirgleich das heiße Lebensblut entzöge. Man wußte, wie verhaßt sie ihm noch vor kurzer Zeit gewesen war, und wie hart er oftmals Frau von Montespan angelassen, wenn sie, die Verblendete, der verräterischen Freundin eine Gunst erbeten hatte; und wir waren alle abergläubisch und kindisch genug, die steigende Macht der zitronennasigen Witwe einer unerlaubten Hilfe zuzuschreiben. Da es denn auch in den Tagen dieser Hochzeit bekannt wurde, daß die Mutter der Braut, eben Frau Marquise von Montespan, sich vom Hofe zurückziehen würde und den Ehrentag ihrer Tochter gleichsam als ihr eignes Abschiedsfest dahinzunehmen gesonnen sei, da redete man wohl mehr, als nötig war, von Hexerei und teuflischen Gewalten. Besonders in den Kantinen und Gesindestuben, wo wir Knaben uns mit Vorliebe herumzudrücken pflegten, wurden Märchen erzählt, die uns alle Schauer der Mitternacht über den Rücken jagten. Da gab es besonders im Erdgeschoß des Palais Cardinal eine Stube, wo die Garde Monsieurs zu tafeln und zu würfeln gewohnt war, das war die richtige Brutstätte der tollsten Fabeln. Der kleine Herzog von Chartres hatte einen nicht übermäßig strengen Hofmeister, der gern ein Auge oder, um wörtlich zu reden, zwei zudrückte, seinen Nachmittagsschlaf genoß und den Knaben sich bei den Soldaten vergnügen ließ, wo er am liebsten verweilte. Dort traf ich ihn oft, denn auch ich liebte diese rauchige Stube, diesen eigentümlich dumpfen Geruch von Tabak, Schweiß und heißem Schuhleder, diese Geräusche von Sporen, klirrenden Kannendeckeln, rollenden Würfeln und heftig aufgeschlagenen Kartenblättern, diese rauhen Stimmen, diese markigen Reden. Das war alles so männlich und kriegerisch und füllte mein armes Bubenherz mit einer so wilden Sehnsucht nach der Zeit, wo auch ich, im schmucken Gewande eines Condé-Dragoners, Musketiers oder Chamborant-Husaren – denn das waren die Regimenter, die mich besonders anzogen – in diesem geheiligten Raume mitreden würde! Unterdessen horchte ich fleißig auf und suchte mir etwas anzueignen; denn es war immerhin ein Studium, seine Flüche so passend und wirkungsvoll anzubringen, wie der oder jener es taten, und mit solch unerschöpflicher Variation des Textes; und Philipp und ich wetteiferten um den Vorzug, die größere Auswahl kerniger Sprüche zu besitzen. Daß in der Gesellschaft dieser Männer Dinge zur Sprache kommen konnten, welche für zwölfjährige Ohren nicht geeignet waren, schien niemand einzufallen. Auch war das Spionwesen um jene Zeit noch nicht so entwickelt, daß man an solchem Orte die Liebschaften des Königs nicht ruhig hätte erörtern können; vielmehr tat man fast nichts andres. In jenen festlichen Tagen nun gab es nichts, was so ernsthaft und anhaltend durchgesprochen wurde, wie jene bereits festgesetzte Abreise der Frau Marquise von Montespan und ihre Ursache. Wie denn aber das Gespräch von Gegenstand zu Gegenstand glitt, so geschah es, daß einer der anwesenden Hauptleute Betrachtungen anzustellen begann über die unbegreifliche Macht so unhold gearteter Frauen, wie die schwarze Erzieherin eine war; und da der Mann schon etwas viel getrunken hatte, so wurde er redselig und weitschweifig, stellte Dogmen auf und erläuterte sie durch Beispiele, denen wir nur nachlässig zuhörten, selber schläfrig vom Dunste des schwülen Gemaches. Plötzlich traf mein halbgelähmtes Bewußtsein ein Name, der meine Denkfähigkeit schnell wieder ins Leben rief; das heißt, ich glaubte einen Augenblick noch, geträumt zu haben, aber der Name – es war der Regnards! – fiel zum zweiten Male, und nun war meine ganze Aufmerksamkeit auf das folgende gespannt. Ich stieß Philipp an, der mir durch ein Nicken zu verstehen gab, daß er sich meiner Erzählung wohl entsänne; denn natürlich hatte ich dem Gespielen das Erlebnis jenes Februarabends haarklein berichtet. Wir saßen nun beide mit großen Augen da, hielten uns bei den Händen und horchten wie die Mäuse; denn jedes Wort, das über das Regnardsche Ehepaar fiel, war wie ein Steinchen, das nur an seinen rechten Ort geschoben zu werden brauchte, um die endliche Gestaltung eines gutumrissenen und klaren Bildes vorzubereiten. Es kam auch an jenem Abende das Mosaik so ziemlich zustande, denn es zeigte sich, daß Regnard von vielen gekannt und von keinem gering geachtet war, obschon er eigentlich zur Kanaille gehörte, wie jener Hauptmann sich ausdrückte. Wie so Zug um Zug sich zum Bilde vereinigte, das zu wiederholen wäre zu lang; ich berichte daher nur, was sich endgültig für uns ergab und was als besonders bedeutungsvoll davon zurückblieb und dann etwa durch spätere Erfahrungen ergänzt und bestätigt wurde. Ich muß damit beginnen, daß Regnard von denen, die ihn beschrieben, nie anders genannt wurde als der goldene Goldschmied; daran war erstens sein wunderschönes Haar schuld, das er, entgegen der Sitte jener Zeit und in klugem Ermessen seiner seltenen Pracht, ungepudert und frei trug, wie die liebe Natur es geschaffen hatte; nicht weniger aber seine goldene Laune, sein goldenes Lachen, seine Stimme, seine ganze sonnige Art; und nicht zum letzten vielleicht die Freigebigkeit, womit er den klingenden Inhalt seiner Truhen unter die Leute warf, sein goldener Leichtsinn. Er selbst kannte diesen seinen Spitznamen gar wohl und tat sich nicht wenig darauf zugute; war er doch keiner, der sich seines Lebenswandels zu schämen hatte. Vielmehr übertrieb er noch den Ruf seines Leichtsinns durch kecke Aeußerungen, wie er denn einmal an seinem eignen Becher die zwei verschlungenen L des großen Ludwig anbrachte und einem Frager nach ihrer Bedeutung die prompte Antwort hinwarf, das sei seine, Regnards, Devise so gut wie die des Königs und heiße: Légèreté und Libertinage . Es war aber nicht so schlimm um ihn bestellt, denn er genoß das Leben, schändete es jedoch nicht. Deshalb war er auch so beliebt, wie ich ja mit eignen Augen hatte sehen können, daß die halbe Bürgerschaft von Paris, und darunter sogar Advokaten und Beamte, zu seinen intimen Freunden gehörte, und daß er der Gäste mehr zu seinem Ehrentage zu laden hatte als selbst der König zur Hochzeit seiner Tochter. Auch sonst zog der Hauptmann manchen Vergleich zwischen der Bürger- und der Prinzenhochzeit, und die letztere kam dabei bös zu kurz. Begann doch um jene Zeit schon die Ueppigkeit und Fülle in Bürgerkreisen aufzuschießen und um sich zu greifen in dem Maße, wie bei Hofe ein strenger Ernst und gesuchte Schlichtheit beliebt zu werden schien, und diese Wucherblume trug tolle Früchte, die unversehens und knallend platzten wie jene kleine griechische Kürbisfrucht an den sonnigen Hängen Moreas, von welcher der Hauptmann, der sich auf seine balkanischen Kulturstudien unter den Fahnen Morosinis gewaltig viel einbildete, bei jeder Gelegenheit zu reden pflegte. Also kurz: was an Narrenspossen und Schwänken an der Hochzeit des goldenen Goldschmieds zutage trat, davon widerhallte jetzt, nach Monaten noch, die Zechstube der Garden. Aber einen besonderen Reiz erhielt die Schilderung der hellsten Freude noch durch einen gewissen Schatten, den eine einzige Person dazwischenwarf. Diese eine habe über keine noch so gelungenen Scherze gelacht; diese eine sei bleich und kalt wie Silber abseits von der goldenen Fröhlichkeit gestanden; diese eine habe mit sorgenvollen und feindseligen Blicken die Tobenden und Uebermütigen gemessen und manchem das Lachen auf der Lippe ertötet, den Wein in der Gurgel vergällt: und diese eine war niemand anders als die Braut selbst. Der Hauptmann wußte sie besonders anschaulich zu beschreiben, diese Luftfremde mit ihrem weißen Gesichte und den schönen bösen Augen, ihr stilles Abweisen, den wortlos kalten Zorn, die Härte ihres schmalen Mundes und die Hoheit ihrer glatten Stirne, so daß wir sie zu sehen glaubten und ordentlich erschauerten, als müßte sie plötzlich unter uns stehen. Philipp und ich preßten unsre Hände ineinander und atmeten kaum. Wir erwarteten beide nichts andres, als daß der Hauptmann nun auch noch die Brautnacht schildern würde, in welcher der Gatte seine Angetraute als eine Meerfrau oder einen Vampir erkannt habe, und hofften zuversichtlich, man würde Regnard am Morgen nach der Hochzeit mit durchbissener Gurgel tot im Bette gefunden haben. Aber der Hauptmann tat unsern verderbten jungen Seelen die Freude nicht an, seine Geschichte so wirkungsvoll zu schließen; er zog nur kurz die Moral, daß frömmelnde Weiber ein Greuel seien, gehörten sie nun, wie Frau von Maintenon, der Kirche oder, wie jene andre, irgendeiner Ketzergemeinschaft an, und daß leider die prächtigsten Männer von jeher solchen Heuchlerinnen ins Garn und darin zugrunde gingen. Und mit dieser halbprophetischen Reflexion sprang er auf ein andres Beispiel über. Ich muß hier gleich feststellen, daß die seltsame Goldschmiedsbraut nichts weniger war als eine Meermaid, vielmehr von recht irdischer Art, aber leider ein Kind der verhaßten Sekte, die wir just um diese Zeit so bitter bekämpften. Ich wußte damals noch nichts von den Glaubenssätzen jener Leute – und wie viele von uns haben je etwas davon gewußt? Uns galten sie nur für Rebellen, staatsgefährlich-kritische Grübler, und das war freilich Grund genug, sie zu vernichten. Hatte unser König andre, tiefere Gründe? Ich wage nicht darüber zu entscheiden; im Herzen aber glaube ich, daß auch er unwissend, und was mehr ist, gleichgültig war gegen kirchliche Lehren, und daß die Verfolgung, die er so eifrig betrieb, auf die Seelenrechnung von einigen andern Personen zu setzen wäre. Was uns betrifft, so wußten wir so viel davon, was ein Hugenott eigentlich war, wie wir uns einen Bewohner der Südseeinseln vorstellen konnten. Es war viel, wenn wir uns klarmachten, daß diese Art von Menschen nicht an wirkungsvolle Fürbitte der lieben Heiligen glaubten, noch an die Notwendigkeit einer Reinigung im Beichtstuhl; was sie sonst dachten und predigten, ging über unsre Begriffe. Und das betrifft nicht nur uns halbwüchsige Knaben, das gilt auch von den militärischen Edelleuten samt und sonders, wie sie da saßen. Wir hätten auch um solcher Gründe willen die sonderbaren Leute nie und nimmer verfolgt und gehaßt, hätten sie nicht allesamt jene gewisse prätentiöse Richtermiene zur Schau getragen, die auf eine Meile im Umkreis keine Gemütlichkeit aufkommen läßt. Wir sind arme gehetzte Geschöpfe, wir Menschen, und ein Schlückchen Freude da und dort, wenn eine Quelle just über den Weg springt und wenn ihr Wasser nicht gar zu trübe rinnt, tut so wohl! Nun war es aber wahrlich so, daß alle Brunnen vergiftet schienen, wo solch ein Hugenott nur seine Nase zeigte. Wo wir harmlos still genossen, da enthüllten diese grauen Logiker uns plötzlich eine Reihe von Verantwortlichkeiten, daß man sich bald fürchtete, der Morgensonne entgegenzulächeln, weil sie etwa um dieselbe Stunde einen Toten bescheinen konnte. Nichts Höllischeres als diese grausige Weitsichtigkeit, gepaart mit einer ebenso grausigen Enge des Empfindens! Und was die ganze Sekte im wesentlichen kennzeichnete, das trat, hübsch in ein zierliches Modell gepackt, an Germainen im einzelnen zutage, wenn ich auch bei weitem nicht alle ihre Sünden der Sekte zur Last legen möchte. Der Glaube macht nicht den Charakter eines Menschen, vielmehr umgekehrt; sicherlich war der Kalvinismus nicht schuld, daß fast alle seine Bekenner hager, hart und hungrig aussahen, sondern eben die unruhige Gemütsart jener schlechtgenährten Leute hatte die freudenfeindlichen Satzungen erzeugt. So klage ich in allem folgenden Germaines Herz, nicht ihren Glauben an! Zwei Worte gab es für Germaine, die umschlossen ihr Denken und Wollen: Gott und Pflicht. Weite Worte: denn es legt jeder seine Philosophie hinein, und jeder eine andre, und sie passen, wie das Paar Schuhe im Märchen, auf jeden Fuß. Enger aber faßte sie niemand, als jene junge Germaine sie faßte. Und wenn ich ein Bild ihres Gottes geben sollte, so könnte ich sein Erscheinen nicht im Sturmeswehen denken und nicht im Frühlingsgesäusel, höchstens offenbarte sich dieser Gott im starren Eiseshauche einer Winternacht, die ertötend auf allen Fluren liegt. Und was sie Pflicht nannte, war eine unsichtbare Geißel, die sie überall und jederzeit über sich sausen fühlen mußte; das Wunderliche dabei war nämlich, daß ihr etwas zu fehlen schien, sobald sie sich dieser Geißel nicht bewußt war: das Unbehagen, das sie dann empfand, nannte sie Sünde – und Sünde war ihr also jede Handlung unschuldiger Freude, die sie vor sich selbst nicht mit dem großen Worte Pflicht rechtfertigen konnte. Wie es nun gekommen war, daß dies finstere Wesen sich mit allen Fasern seines Lebens dem allzu fröhlichen des goldenen Goldschmiedes zu verbinden strebte, dafür kann ich keine Erklärung geben, so oft und heiß ich auch darüber nachgedacht habe. Täler wollen zu Berg und Berge zu Tal. Manchmal nur in den letzten Jahren, seit ich alt geworden bin und viel gelesen habe über das geheime Schaffen der Natur und das tiefinnerste Streben aller Kräfte nach Ausgleich, will mir scheinen, es sei eine solche Verbindung feindlicher Elemente die einzig mögliche und richtige. Ich glaube nämlich, daß die Natur, wenn sie zwei so ungleichartige Geschöpfe zusammenführt, nicht die Erhaltung oder das Heil des einen noch des andern im Auge hat; vielmehr ist sie gesonnen, beide zu opfern um eines dritten, vollkommeneren willen, das aus der Vereinigung entstehen muß. So räsonniere ich, wie gesagt, seit ich graue Haare habe; ob diese meine Auslegung weise ist, kann ich nicht sagen; das Alter braucht solche Begründungen; damals, als ich mit glühenden Kinderbacken die Geschichte der Germaine Regnard zum erstenmal hörte, hatte ich – und hatten wir alle! – eine erschöpfendere: Zaubermacht! Es soll bei einer Mummerei in den Straßen einer kleinen Provinzstadt gewesen sein, wo Germaine und Regnard einander zum erstenmal begegneten – er als fröhlicher Gast an allen Scherzen teilnehmend, sie scheu und sittig vor ihm her ihrer väterlichen Wohnung zu flüchtend. Ein Zufall wollte, daß er die Maske abnahm in einer Sekunde, wo sie, furchtsam zurückblickend, die Entfernung zwischen sich und ihren Verfolgern maß. Sie verlangsamte augenblicklich ihren Schritt, und das feine Hälschen blieb wohl drei Minuten lang in einer bösen Wendung stehen, bis mit einem Ruck auch der übrige Körper herumkam und aus der schönen Fliehenden eine ebenso schöne Salzsäule wurde, an der sich der Uebermut der tollen Rotte nun wohl gern versucht haben würde, wäre nicht Regnard als Schützer vor sie hingetreten. Denn auch sein Auge hatte der Wille der schaffenden Kraft im Weltall gelenkt; Seele war in Seele geflammt, und jede wußte, daß sie der andern bisher gefehlt hatte. Er mag vielleicht beim Anblick ihres weißen Nonnengesichtchens eine bisher ihm fremde Sehnsucht nach Kinderfrommheit und Gebet empfunden haben, sie ein schauderndes Ahnen von süßer Lust und Lachen, das sie nie geübt. Er folgte ihr stracks und war wenige Tage später ihr erklärter Freier. Während des kurzen Brautstandes habe sie, so erzählte man, ihn täglich zu bekehren gesucht. Ich kann mir auch das ganz gut vorstellen, als wäre ich Zeuge gewesen. Er wird sie wohl geduldig angehört haben mit seinem weichen, gutmütigen Lächeln, aber er versprach gewiß nichts oder nicht viel. Sie muß ihm reizend erschienen sein, wenn der heilige Eifer ihre Elfenbeinwangen rötete und ihre dunkeln Augen erglühen machte, und vielleicht liebte er, während sie sprach, sich an ihrem Halse sattzusehen, der wie die Kehle eines singenden Vogels vibrierte. War sie fertig, so küßte er sie inniglich, und sie, die Unerfahrene, nahm jeden Kuß für ein Zeichen der Ergriffenheit und Reue, folglich für ein stummes Versprechen der Besserung. Oft, wenn er fühlen mochte, daß sie sich um ihn quälte, sagte er etwa ein Wort, das sie erfreuen, trösten sollte: »Mache mich gut, wie du bist, du Reine!« Sie aber, wenn sie fürchten mußte, ihn ermüdet oder gekränkt zu haben, gab mit gleicher Taktik ein Aehnliches zurück: »Mache mich froh, wie du bist, du Holder!« Trotzdem glaube ich, daß beide im Grunde ihres Herzens entschlossen waren, ihr Selbst nicht preiszugeben. Jeder meinte wohl, der andre wolle sich bessern, und suchte ihn aus Leibeskräften zu sich herüberzuziehen; doch war darin ohne Zweifel das Weib leidenschaftlicher als der Mann. Wenn Germaine etwas Bestimmtes von ihrem Bräutigam forderte – und das war natürlich Bruch mit seinen sehr weltlich gesinnten Freunden und Vermeiden ihrer Feste, wie ich mir denken kann –, so pflegte er sie etwa mit einer andern süßen Redensart hinzuhalten: »Habe ich dich erst, so brauche ich nicht Freunde noch Feste mehr!« Das aber kam ihm wohl von Herzen, denn er glaubte nicht so ganz an ihre geistliche Berufung und dachte: ›Würde sie erst Leben, Liebe und Mutterschaft kennen lernen, so würde sie milder werden in ihren Begriffen von Tugend und Pflicht‹ Und er freute sich sogar, die schlummernde Weiblichkeit in ihr wachzuküssen und zugleich ein bißchen Weltliebe und ein bißchen Sündhaftigkeit, denn Engel freien wir nicht. So habe ich mir nach späteren Erfahrungen den Brautstand des wunderlichen Paares ausgedacht, und wie sie sich gegenseitig täuschen mußten, selbst getäuscht von der Urgewalt, die in ihren Seelen ein neues Schöpfungswerk vorbereitete, bis der Hochzeitstag herankam. An dieser vielbesprochenen Hochzeit war es nun, wo Germaine zum erstenmal ihren Erwählten im Kreise andrer Männer und Frauen sah – und besonders die Frauen kamen hierbei für sie in Betracht. Entsetzt begriff sie die gefährliche Macht, die einem so jugendschönen und lebensfrohen Menschen innewohnt, die Macht der Freude; begriff, daß seine unerschöpfliche Heiterkeit ein Zauberbeutel war, aus welchem er Reichtum ohne Ende unter die Menge streute; begriff, daß sein Lachen allein ein Szepter war, das ihn zum König machte über viele Kerzen. Germaine, unerfahren wie sie sein mochte, besaß doch ein erhebliches Maß von Klugheit und Beobachtung, und in den wenigen Stunden des Festes, wo jeder Geladene unter der Wirkung des Weines und der Erregung sich natürlicher zeigte, als er meinte, lief ihre Erkenntnis eine ganze Lebensschule durch. Plötzlich warf sie jede Hoffnung von sich, es möchte irgendein Sterblicher sich eines solchen Herrschertums, wie es Regnard gegeben war, freiwillig entäußern; denn daran hält jeder fest, was ihm Gewalt gibt über seinesgleichen, sei es in gutem oder in bösem Sinne. Aber zugleich dachte sie, daß sie vielleicht würde erzwingen können, was freiwillig nicht geschähe, und es fuhr ein neuer Geist des Kampfes in sie, so daß sie von dieser ersten Stunde an sich gleichsam in Waffen hüllte und alle Anwesenden so recht darauf vorbereitete, was sie von ihr zu erwarten hätten. Es war ein eigentliches Stellungnehmen; und darum sah sie auch keinen der Geladenen freundlich an, und darum ging sie auch nicht ans Fenster, die Menge zu grüßen, so sehr Regnard darum bat. Aber wenn Germaine scharfsichtig und kampflustig war, so war es die Bürgerschaft von Paris nicht minder. Schneller, als sich beschreiben läßt, hatte das skandalsüchtige Geschlecht die Situation erfaßt und lauerte begierig und schadenfroh, wenn schon mit offener Parteinahme für den Goldschmied, wie dieser wunderliche Ehebund sich nun weiter gestalten würde. Daher kam es auch, daß eine Horde von Spähern und Horchern das Haus an der Barillerie aufs Korn nahm und daß fast jedes Wort, das darinnen geredet wurde, hinausgetragen wurde an die Herde der Neugierigen und Wundersüchtigen, die darüber zu Gericht saßen. Und nur dieser unredlichen, aber emsigen Mitarbeiterschaft der Pariser verdanke ich es, daß ich heute die Geschichte Regnards und Germaines so ausführlich erzählen kann. 3 Von jenem Abende in der Gardenstube des Palais Cardinal an geschah es häufig genug, daß Philipp von Chartres und ich uns im Gespräch über die rätselhafte Goldschmiedsfrau ergingen. Die Soldaten trugen uns bereitwillig zu, was über ihr Verhältnis zu Regnard ins Volk sickerte, und war dies auch im Anfange nur Erfreuliches und Natürliches, so wurde es doch in solcher Darstellung wiedererzählt und weitergegeben, daß jeder Hörer wohl versichert sein konnte, die Sache sei noch nicht an ihrer Reife angelangt und die interessante Wendung würde nicht ausbleiben. Philipp und ich waren ein dankbares Publikum für solche Kunde – wir zwei armen bösen Buben mit unsern verderbten jungen Herzen! – und es gab nichts Ruchloses, das wir nicht mit Wonne aufgenommen und gleichsam geschlürft hätten. Dabei ärgerte uns nur, daß wir uns von der Germaine so gar kein Bild machen konnten, denn jeder, der sie beschrieb, beschrieb sie ein wenig anders, wiewohl alle sie übereinstimmend für sehr schön erklärten. Wir wurden schließlich ganz wild vor Begier, sie zu sehen, um so mehr, als Philipp von der Ansicht nicht abzubringen war, daß die Frau ein Wesen unirdischer Art oder mindestens eine Hexe sein müsse. Es machte sich schon damals in dem feinen Knaben jener Hang der Wundersucht, jene Vorliebe für Uebernatürliches und Dämonisches geltend, die später dem Manne so böse Streiche spielen sollten; ich glaube, er hatte diesen Zug von seiner deutschen Frau Mutter, da denn kein Volk so dem Aberglauben ergeben ist wie die Deutschen. Ich habe schon gesagt, daß wir Knaben allesamt die Germaine für eine Nixe hielten, aber bei keinem saß diese Vorstellung so fest wie bei Philipp, und keiner baute solche Pläne darauf. Denn das wunderliche Kind begehrte nichts heißer, als mit irgendeinem Wesen der Unterwelt, ja, wenn es darauf ankam, mit dem Teufel selbst in Verbindung zu treten und durch diese Hilfe seinen maßlosen Abenteuerdurst und -drang nach gefährlichem Wissen zu befriedigen, nach welchem er Tag und Nacht schmachtete. Wahrsagerinnen und Kräuterweiber aller Art verkehrten im Palais Cardinal mehr, als Monsieur hätte ahnen dürfen, aber für ihre billigen Kniffe war Philipp bald zu gewitzt. Abend um Abend, wenn wir unter Richelieus Kastanien lustwandelten, sprach er zu mir mit bebender Kinderstimme, was alles er an großen und herrlichen Dingen vollbringen wollte, wenn es ihm nur gelänge, solch ein Wunder-Wesen mit bindenden Eiden in seinen Dienst zu zwingen, und beschwor mich tausendmal und um aller Liebe willen, die Goldschmiedsfrau aufzusuchen und eine Verbindung zwischen ihm und ihr herzustellen. Auch wenn Philipps dunkle Augen weniger gewaltig zu befehlen verstanden hätten, so hätte ich mich doch einem Auftrage solcher Art nicht zu entziehen gesucht; er kam mir gerade recht. Ich zog aus, war keck und spürnasig wie ein Dachs und nahm die schwersten Strafen auf mich, die Abbé Cölestin über den vielfältigen Ausreißer verhängte. Leider aber erreichte ich durchaus nicht, was ich zu erreichen strebte: ich sah Regnard oft genug an allen möglichen Orten, aber sein Weib blieb unsichtbar, und man redete allenthalben, daß sie höchst selten und dann nur in dringenden Geschäften aus dem Hause gehe. Nun hatten freilich diese Forschungsreisen an sich einen so köstlichen Reiz für mich, daß ich mich durch Erfolglosigkeit nicht entmutigen ließ; und besonders nach Ablauf des Jahres, als ich die Lateinschule mit dem Pagenkorps vertauschte, wobei ich größere Freiheit der Bewegung gewann, ließ ich ohne Skrupel das Mittel zum Zwecke heranwachsen, besuchte fleißig jeden Ort der Volksbelustigung und hoffte nur noch im stillen auf einen glücklichen Zufall, der mir die Frau in den Weg führen sollte. Sonderbarerweise – und ich kann mir dies heute noch nicht erklären! – vermied ich bei diesen Streifzügen hartnäckig den einzigen Ort, wo ich Germainen möglicherweise hätte begegnen können: die Barillerie und den Goldschmiedekai. Der Gedanke, allein in der dunkeln Gasse vor ihr zu stehen, war mir nicht ganz angenehm; und vollends etwa an ihre Türe zu pochen, unter irgendeinem Vorwand in ihr Haus einzudringen, wie man es einem frechen Buben wohl hätte zutrauen mögen – ich hätte es nicht gekonnt! Lustiger und – sicherer schien es mir, die Unheimliche da zu suchen, wo das Gewühl einer vergnügungssüchtigen Menge den einzelnen mit dem Gefühle der Unverantwortlichkeit, des Aufgehens in der Allgemeinheit berauscht. An solchen Orten ist man mutig – und müßte einem der Teufel erscheinen! Nun hätten wir Pagen freilich, um korrekt zu sein, nur auf jenem Cours de la Reine lustwandeln dürfen, welchen Maria von Medici einst ausschließlich Trägern seidener Strümpfe zugänglich wissen wollte. Doch waren uns auch die Tuileriengärten und die Champs Elysées, jene neuen Paradiese der Pariser Bürgerschaft, nicht geradezu verboten. Solange wir im Lyzeum gewesen waren, hatten wir den Tuileriengarten sogar als eine Bildungsstätte betrachtet, indem die dort aufgestellten Statuen uns alle die Heroen und Götter der Alten, mit denen wir uns so viel beschäftigen mußten, höchst angenehm veranschaulichten. Jetzt aber wußte Aeneas, der seinen Vater aus den Flammen Trojas trägt, jetzt der riesige Herakles mit seiner Löwenhaut mich nicht mehr zu fesseln; was mich anzog, war der sanfte Lichterglanz von tausend bunten Papierlaternen, war Musik, die auf weichen Abendlüften, von Lindenduft begleitet, einherschwebte, war das Gewoge und Flimmern hellgekleideter Gestalten unter Bäumen, waren mit einem Worte die Elysäischen Felder mit ihren Tanzplätzen und Karussells. Nicht wie Achilles hoffte ich in diesem Elysium den Helden vergangener Zeiten zu begegnen, sondern besonders und mit Vorliebe einem fröhlichen Manne, der auf einem hölzernen Karussellpferde so keck und ritterlich einherflog, als bändigte er den edelsten Schlachthengst, und dessen Goldhaar einem lachenden Bürgermädchen, das hinter ihm aufsaß, um das Näschen wehte. So sah ich Regnard oft, und so ritt ich auch neben ihm in kindischer Freude, bis wir beide vor Schwindel nicht mehr konnten. Oder aber ich suchte ihn auf den Tanzböden, wo er durch die unvergleichliche Anmut und Leichtigkeit seiner Bewegungen förmlich aus jedem Gewühl herausleuchtete, und wo er während des Tanzens, worin er unermüdlich war, so vergnügt und echt um sich lächelte, daß sein Frohsinn, von ihm ausstrahlend, alle Anwesenden mit ergriff. Er war bei diesen Gelegenheiten stets von einer Schar Frauen umringt, von denen er sich aber eher huldigen ließ, als daß er sich um sie bemühte. Natürlich war Germaine nicht unter diesen, und meine spähenden Augen gaben bald die Hoffnung auf, sie an solchen Orten zu finden. Es waren Bürgerfrauen und -mädchen, deren bunte, freche und auffallende Tracht sie als ein loses Pack kennzeichnete, als jene unersättliche, ewig vergnügungshungrige Schar fremder Elemente, unter denen sich besonders die Italienerinnen nicht übel hervortaten. Es lächerte mich, jung wie ich war, die Allüren einer falschen Vornehmheit an diesem Gesindel zu beobachten, gleichwie die wertlose und übertriebene Nachahmung höfischer Prunkkleider an ihren plumpen Leibern – und hier abermals mußte ich mit Entzücken sehen, wie sehr Regnard von dieser Kaste, die doch seine eigne war, sich unterschied. Auch er liebte es freilich, sich in eigentümlich prunkender Gewandung zu zeigen, aber er trug die farbigen und vielfach gestickten Kleider mit großem Anstand, hielt sie äußerst schmuck und rein, und machte außerdem das Gewagteste durch kostbar gewähltes Material erträglich. Er sah aus wie ein König unter dem Volke, und am meisten erschien er mir als ein solcher an einem Abende, wo er sich den Spaß machte, den geschmückten Handwerkerfrauen zum Trotz ein armes, schlechtgekleidetes Dienstmädchen zum Tanze zu führen, deren sehnsüchtige Blicke und blasses Gesicht ihn unter der Menge gerührt hatten. Er ließ die Kleine bewirten und tanzte den ganzen Abend mit ihr, die sprachlos vor demütiger Seligkeit wie in einem Traume dahinflog und in ihrer Unschuld gar nicht bemerkte, daß ihr Ritter mit diesem Akte gütiger Laune den nicht ganz harmlosen Zweck verfolgte, ein paar anmaßende Weiblein zu strafen und zu erbittern. Es fiel denn auch in der Folge ein boshaftes Wort von den Lippen einer gekränkten Gerber- oder Tuchweberfürstin, die sich zu gut hielt, auf demselben Kies mit der dienenden Demut zu tanzen; Regnard, der es vernahm und wußte, daß seine Tänzerin es vernommen hatte, wurde rot, faßte sich aber sofort und gab seine Antwort darin, daß er mit respektvoller Gebärde die rauhe Hand des Mägdleins küßte, so daß jene lästernde Meisterin und eine ganze Schar ihr Gleichgesinnter es sehen mußten. Ein allgemeines Schweigen zeigte, daß jedermann die Lektion verstanden hatte, und lächelten die Frauen auch hämisch, so galt ihnen der schöne Mann doch zu viel, um einen ernstlichen Kampf mit ihm einzugehen; die Mehrzahl nahm alsbald und scheinbar begeistert seine Partei, nur die Gemaßregelte verzog sich in Anmut und Beschämung. Man konnte in solchem Augenblick Regnard die Genugtuung ansehen, mit welcher er sich so Mittelpunkt und Herrscher der Menge fühlte, die er mit Sicherheit und nur durch seine machtvolle Schönheit allein nach sich zog, wohin er wollte. Ich fragte mich an jenem Abend, was Germaine gesagt haben würde, hätte sie die artige kleine Komödie miterlebt; ich fand aber keine Antwort auf diese Frage. Leider hatte ich nie Gelegenheit, darüber Beobachtungen anzustellen, denn Regnard erschien nie in Gesellschaft seiner Gattin auf den Tanzböden. Wenn ich nun auch das eigentliche Ziel unsrer vereinten Sehnsucht nicht erreichte, so brachte ich doch von derartigen Streifereien so viel Abenteuerliches und Verlockendes mit mir nach dem Palais Cardinal, daß in Philipp bald der Wunsch rege wurde, mit dabei zu sein. Dieser feine und begabte Knabe, den ich anbetete, weil er alle holden Gaben des Witzes und der Klugheit spielen lassen konnte, wenn er wollte, imponierte mir obendrein besonders durch die kaltblütige Frechheit, mit welcher er Verbotenes öffentlich zu tun liebte, und die hochmütige Ruhe, womit er seine ältlichen und allerdings etwas komischen Erzieher bezwang. Monsieur, der mehr als nötig auf Rang und Adel hielt, ließ sich nur von Titeln bestimmen, wenn er einen Mentor für seinen Sohn zu wählen hatte, und warb daher zu diesem Dienste mit Vorliebe weißhaarige Fürstlichkeiten und zahnlose Prälaten, die der wilde, lebenskräftige Knabe, wie er selbst prahlend verkündete, immer schnell genug ins Grab ärgerte. Die Offiziere der Leibgarde seines Vaters, die nur zu bereitwillig sich an dem ewig unerschöpften und ewig kurzweiligen Kampfe der Jugend gegen das Alter beteiligten, leisteten der Keckheit Philipp von Chartres' jeden möglichen Vorschub. Und so kam es, daß mein Freund mich eines Tages mit dem Vorschlage überfiel, einen Tanzboden in den Porcherons zu besuchen, und zwar unter der Führung eines jungen Musketiers, der den verrufenen Ort häufig zu beehren pflegte und in allen Ränken solcher heimlicher Expeditionen Bescheid wußte. Ich wußte, daß uns beiden, und dem Offizier nicht minder, furchtbare Strafen bevorstanden, wenn die Sache auskam; aber wer konnte ein Wort der Weigerung finden, wenn Philipp von Chartres bat oder befahl? Wir rückten, die Gesichter von kleinen Halbmasken verhüllt, bei vollkommener Dunkelheit aus – und nie werde ich den Zauber dieser nächtlichen Wanderung vergessen, den das zitternde Bewußtsein, auf verbotenen Wegen zu gehen, noch erhöhte. Wir verließen die Stadt durch die Rue Richelieu, und gottlob, daß die Porte Gaillon gefallen war und daß es keine Nachtsperre mehr gab! Vielmehr mündete die hübsche Straße gleich unvermittelt in das freie, buschbewachsene Marschland, das sich außerhalb des Quartiers der Orange Batelière in eine unermeßliche Ferne hin zu erstrecken schien und an dessen Horizonte die bläßlichen Lichtlein der beiden Dörfer Clichy und Les Porcherons aufdämmerten. Schmale gewundene Feldweglein führten zwischen Gebüschen und Sümpfen hindurch, matt in ihrer eignen Helle durch die Dunkelheit des hohen Grases aufschimmernd, und schwärzer als letzteres selbst fiel da und dort ein langer Pappelschatten quer über das graue Band des Pfades. In dieser gespenstischen Landschaft nun regte sich ein doppeltes Leben: das heimliche, wilde der Heide und das verruchte der Großstadt. Aus jener Buschwildnis lugte vielleicht das kluge Auge eines Fuchses, und wenn er vorsichtig wieder ins Dickicht zurückwich, so war's vor keinem Verfolger, sondern vor einem seidenrauschenden Frauengewande, Kußgeflüster, einer verhüllten Sänfte, die sträflicher Flucht dienen sollte. Verschlafene Reiher wurden nächtens aus ihren Träumen geschreckt durch Pistolenknallen fürstlicher Zweikämpfer, und die Unken des Menilmontant verstummten gar oft vor den Todesseufzern eines erschlagenen Wucherers oder eines geplünderten Krämers, der zu unglücklicher Zeit seinen Heimweg über Pont d'Arcans genommen. Pont d'Arcans war das knarrende hölzerne Gefüge, das leise schwankte, so oft ein kräftiger Schritt es betrat, und über welches wir drei jetzt mit donnernden Füßen hinstampften, in einem instinktiven und gemeinsamen Verlangen nach irgendeinem reellen, von uns selber erzeugten Geräusche. Der Hall unsrer eignen Fußtritte bannte auch wirklich das Grauen, das die verrufene Heide über unsre Seelen geworfen, und Philipp, der trotz seiner Jugend einen feinen Natursinn besaß, der vielleicht ein Teil seiner romantischen Anlage war, ermutigte sich sogar so weit, daß er sich auf das Brückengeländer schwang, um, wie er sagte, die Landschaft ein wenig zu genießen. Die war nun freilich in manchem Sinne genießenswert genug; denn über das Buschland weg sah man gen Süden zu den dunkeln Schattenriß von Paris mit seinem feinen Gezacke am violenfarbigen Nachthimmel sich zeichnen, vor uns aber, gerade über der silbernen Linie des Baches, den sanftgeschwungenen Hügel des Montmartre, dessen weiches Profil da und dort eine himmelwärts langende Windmühle unterbrach. Ganz oben auf dem Hügel zeigte das Kapellchen des Nonnenklosters ein erhelltes Fensterlein, das wie ein Stern in die Ferne hinausschimmerte. Ein Stückchen Mond spendete karges Licht, gerade genug, um tausend Linien mehr zu erraten als wirklich zu sehen; westlich und nördlich aber, hinter dem nun näher gerückten Clichy her, zog sich in weißlichem Bogen der Nebel hin, welcher der Seine entstieg. In dieser halbhellen, stillen und dabei von frevelhaften Gedanken schwülen Landschaft schien jeder Greuel begreiflich; und es paßte nur zu sehr in die Stimmung, daß Philipp von seinem Brückengeländer aus, über welches er mit halbem Leibe emporragte, plötzlich die Arme in die Luft breitete und mit unerschrockener Stimme dem Teufel und allen bösen Geistern zu rufen begann, so laut und befehlend, daß sich mir alle Haare auf dem Kopfe sträubten. Ich drängte mich zitternd an den Offizier heran, der mir indessen auch nicht gerade friedlich zu atmen schien; ich bin überzeugt, er erwartete wie ich ein augenblickliches Erscheinen der höllischen Bande, denn er starrte sprachlos und regungslos nach dem tollen Knaben hin, dessen Augen mit einem unnatürlichen Glanze durch das Dunkel blitzten und funkelten. Es ereignete sich aber nichts; nur durch die lange Stille, die der verwegenen Beschwörung folgte, klang leise und lieblich eine ländliche Tanzweise, ganz zart und heimlich, wie der laue Wind sie von dem Torfe her über das Marschland trug. Der traute Ton ließ uns aufatmen. Der Offizier begann ein kräftiges Schimpfen, Philipp aber sprang lachend vom Brückengeländer herab und sagte in einem wunderlichen Tone zwischen Spott und Bedauern: »Sie kommen nicht! Ich rufe sie immer vergebens!« und schritt pfeifend voran, den Porcherons zu. Der Offizier schüttelte den Kopf und fragte mich ärgerlich, ob Philipp etwa wirklich an den Teufel glaube. Da die Musik in der Minute lauter und fröhlicher herüberklang und man auch schon Menschenstimmen unterscheiden konnte, hatte ich den Mut, kräftig zu verneinen und alles als einen törichten Scherz darzustellen. Aber ich weiß, daß wir ein paar Augenblicke zuvor alle drei fest an den Teufel geglaubt hatten. Eine halbe Stunde später standen wir vor den niedrigen, strohgedeckten Hütten der Porcherons. Aus der Pinte, nach welcher unser sachkundiger Musketier uns führte, schlug ein solcher Höllenlärm, solch ein Qualm von Tabak, Oellampen, schweißigen Gewändern und plebejischer Küche, daß Philipp und ich uns unwillkürlich anfaßten, als wollte einer den andern warnen und zurückreißen. Ich wäre am liebsten gleich auf der Stelle wieder umgekehrt. Auf Philipp von Chartres' dunkelm Gesichte aber lag plötzlich ein eigentümlicher Ausdruck von Ekel, Hohn und Triumph gemischt, den ich in dieser Stunde zum erstenmal sah, später aber leider oft zu erblicken Gelegenheit hatte, wenn jener wunderlich ruchlose Prinz tat, was ihm im Grunde selbst widerstrebte, nur um den König und die scheinheilige Frömmlerin zu ärgern. Er drängte mich, während ihm selbst die Nasenflügel bebten, vorwärts in den widerwärtigen Raum hinein; gleich darauf sah ich ihn sich im Tanze mit einer Bäuerin schwingen, der er eben bis an die Schulter reichte und vor deren gewaltigem Karyatidengesichte sein zartes Köpfchen auf und nieder wippte wie das eines Vögelchens vor der Schnauze eines Bullenbeißers. Es schien aber durchaus nicht, als ob das Herzoglein sich unter dem Gigantenvolke ungemütlich fühle, vielmehr hörte ich alsbald sein Lachen und bald auch fliegende Scherze durch das Gejohle der Tänzer und die quiekende Musik der Querpfeifen gellen, wobei ich ungläubig und erstaunt vernahm, wie perfekt der Neffe Ludwigs des Großen den Jargon der Müllerknechte des Montmartre nachzuahmen verstand. Unser Führer rieb sich die Hände und schlug sich auf die Schenkel in so augenscheinlicher Bewunderung dieser traurigen Frühreife, daß ich mir neben meinem erfahrenen Gespielen recht wie ein Simpel und Taugenichts vorkam. Und wir waren beide noch nicht vierzehn Jahre alt! Ebenso entzückt wie der Offizier war aber die wackere Schar der Müller und Müllerinnen von der gewinnenden Vertraulichkeit des vornehmen Knaben; und hätte man nur ahnen können, wer es war, der sich da so anmutig in den bäurischen Tanz mischte, die Horde hätte meinen Philipp sicherlich im Triumph an die Tore des Palais Cardinal zurückgetragen. Zum Glück machte das Erscheinen eines Seidenfrackes kein solches Aufsehen in dem Raume, als man hätte meinen sollen. Dieses erklärte sich mir denn auch, als bald darauf eine Anzahl Edelleute unter den Tanzenden auftauchte, die allem Anscheine nach durchaus keine Fremdlinge in den Porcherons waren. Ich erblickte sogar mit Schrecken einige bekannte Gesichter darunter, so daß ich mich der Halbmaske freute, die ich behalten hatte, und für Philipp zitterte, der den Schutz der seinen verschmäht hatte. Ich hatte leider nicht umsonst gezittert, mich aber wahrlich zu früh gefreut. Die Halbmaske half mir nichts. Die Sache kam aus. Und nun ward dieser nächtliche Ausflug nach der Lotterpinte in den Porcherons, von welchem wir obendrein mit der Enttäuschung heimkehrten, Regnard nicht gesehen zu haben, doch der mittelbare Anlaß zu meiner endlichen Bekanntschaft mit Germaine. 4 Ich weiß nicht, welches Strafgericht über Philipp von Chartres erging, als seinem Vater unsre nächtliche Expedition zu Ohren kam. Der junge Musketier, der uns geführt hatte, verschwand aus der Gardenstube. Und was mich betrifft, so büßte ich tagelang in ausgesuchten Qualen des Leibes und der Seele, deren letzte und grausamste mir aufgespart blieb, bis ich mürbe und verzweifelt genug erschien, um sie auch richtig zu würdigen: ich wurde vor den König geführt. Ludwig der Große kümmerte sich sonst wahrlich wenig um das Seelenheil seines Pagenkorps; das leibliche Wohl seiner Rüden lag ihm näher am Herzen. Aber diesmal erschien das Verbrechen groß genug, um einmal ein warnendes Beispiel aufzustellen. Dabei muß ich meinem Richter noch nachträglich Dank sagen für seine Güte inmitten aller Grausamkeit: wäre ich eines bemittelten Mannes Sohn gewesen, so wäre ich einfach aus dem Pagenkorps ausgewiesen worden; da ich keine andre Zuflucht hatte als dieses, so beraubte mich der König dieser einzigen Zukunftshoffnung nicht. Er begnügte sich, wie ich zitternd und in äußerster Beschämung vor ihm stand, mir in wenigen, aber furchtbar harten Worten den Text zu lesen und entließ mich schließlich mit einer kräftig schallenden Ohrfeige. Heute möchte ich die väterliche Rechte küssen, die mich so gestraft; damals aber – – Vierzehnjährige Taugenichtse haben eine eigne Vorstellung von Ehre. Ich verließ laut heulend den Louvre, wo sich das böse Gericht abgespielt hatte, und schämte mich nicht, mit strömenden Tränen durch die Straßen zu irren, so daß mehr als ein Vorübergehender mir kopfschüttelnd nachblickte. Dabei drückte ich mich in schwarzer Absicht die Kais entlang, konnte aber lange keinen geeigneten Platz für die Ausführung der männlichen Tat finden, durch die allein ich meine Pagenehre wieder reinwaschen zu können glaubte. Man ist eigentümlich wählerisch in solchen Situationen. Einige Kais waren mir zu belebt, andre zu öde; da war die Flut mir zu unsauber, dort gurgelte sie unschön um schlammgrüne Holzpilaster, an jener Uferböschung verspielte sie zu sanft. So kam es, daß ich eine Stunde später in tragischer Pose, entschlossen und doch mutlos, an die Steinbrüstung des Pont des Tournelles gelehnt stand, einer der schönen neuen Brücken, wo nicht rechts und links flankierende Häuser den Blick auf das Wasser hinderten. Sie war recht vorteilhaft gebaut für selbstmörderische Zwecke, diese kleine Brücke, an deren hübschen Steinpfeilern jetzt der rosig schimmernde Schaum der abendbeschienenen Seine verspritzte: denn schöner und bedeutungsvoller als von dort aus konnte man das alte Paris, die Inseln, die ehrwürdigsten Teile der Stadt von keinem andern Orte sehen. Im Nordwesten, gerade in der Richtung des Stromlaufs, ging just die Sonne unter und stand scheinbar mit dem halben Balle im leuchtenden Wasser, so daß der schmale Seinearm zwischen den dunkeln Kaimauern aussah wie eine feurige Schlange, die eben in den heimischen stammenden Bau schlüpfte. Rechts und links zogen die ältesten, schwärzlichsten und wunderlichsten Giebelhäuser sich die Ufer entlang, sonst düster blickend, jetzt verschönt und vergoldet, indem das warme und starke Licht ihre ursprüngliche, nicht unedle Gliederung scharf zutage treten ließ und dabei auf zauberhafte Weise verdeckte oder verschleierte, was Alter und schlechter Unterhalt an ihnen verdorben und krummgezogen. Alle die schmalen ernsten Fensterlein hatten sich in blitzende Augen verwandelt, die förmlich Strahlen schössen, so daß eine lachende Lichterreihe den Strom entlang lief bis in die glühende Himmelswand am fernen Ende. Näher und ferner einmal schlüpfte das brennendrote Wasser unter einem Brückenbogen durch, dahinter setzte sich weit der goldene Streifen fort. Aufschimmernd und dunkler werdend glitten Barken mit zierlicher Schnabelung auf dem schönen Flusse herab, Lastschiffe zogen breit und behäbig einher, so daß vielfach gefurcht und gekräuselt das beleuchtete Element in den herrlichsten Farben schillerte. Auch die bunten Gewände der Menschen, die auf den Kais durcheinander wogten, erschienen wie tiefer spielende Lichter in der sanften Rosenfarbe der Luft, und wirklich schwarz, undurchdringlich und stet starrten nur die steilen Dachprofile der Cité, die Türme von Notre Dame und da und dort ein feiner spitzer Finger in die Goldwolken des Himmels hinein. Mitten in dieser unbeschreiblichen Abendherrlichkeit stand ich nun also, einsam und unbeachtet, ließ Träne um Träne in die Seine hinabrollen und nahm mit bitterem Herzweh Abschied von der Welt, die mir holder nie erschienen war. Hinter mir auf der Brücke rasselte es von Fuhrwerken, gellten die Stimmen der Händler und Ausrufer, klirrten die Waffen vorüberziehender Soldaten und kreischten fröhliche Mädchenstimmen; ich aber sah mich mit inniger Rührung schon still und bleich auf den roten Wellen dahintreiben, gerade in die untergehende Sonne hinein. Während ich noch stand und starrte und schluchzend mit meinem fürchterlichen Entschlusse rang, ihn von Minute zu Minute aufschiebend, fühlte ich mich plötzlich am Arme gefaßt und eine herbe Frauenstimme fragte mich, warum ich weine. In dem jungen und wunderschönen Gesichte, in das ich Erschrockener blickte, lag nichts, das zu vertraulicher Aussprache und weicher Herzensergießung eingeladen hätte. Durch die farbige Atmosphäre des Sonnenuntergangs sah ich wie durch einen Opal hindurch die milchweiße Reinheit einer blassen Haut, klargeschnittene strenge Züge und finsterblickende, dunkelbewimperte Augen, die forschend, aber ohne Güte und Mitleid auf mir ruhten. Doch lag in diesem Antlitz eine solche Macht des Willens, ein so zwingendes Gebot des Gehorsams, daß ich fast unbewußt die unfreundliche Frage beantwortete und mich hinterher ärgerte, es getan zu haben; denn die Fragerin hatte nur ein höhnisches Lächeln für mich, als sie vernahm, daß ich mir um einer Ohrfeige willen das Leben nehmen wollte. Mich aber reizte dies Lächeln so sehr, daß ich mich in Positur warf und ihr eine Vorlesung über Offiziers- und Edelmannsehre zu halten begann, von welchen Dingen sie mir keine Ahnung zu haben schien, wie ich sie denn an ihrer Kleidung richtig als eine einfache Bürgersfrau taxiert hatte. Je leidenschaftlicher und hochtrabender ich aber redete, desto spöttischer wurde ihr Gesicht, und sie antwortete mir etwas unverständlich, ich brauche mich durchaus nicht damit zu brüsten, ein Edelmann zu sein; daß ich Mann sei, erscheine ihr gerade genügende Erklärung für jede Erbärmlichkeit. »Wieso Erbärmlichkeit?« schrie ich zornig. Sie erwiderte: »Erbärmlich darum, weil eure Ehre an eurem Kleide hängt. Kommt nur von außen kein Flecken drauf, so fragt ihr nicht, wie sie innen aussieht. Springe du deshalb nur ruhig in die Seine und wasche dich: es ist nicht schade um dich. Ein paar Eide werden ungebrochen, ein paar Frauen unbetrogen bleiben, wenn einer von euch weniger da ist!« Bei diesen Worten wies sie mit einer einladenden Gebärde über das Brückengeländer in die Seine hinunter und lachte dazu ein so grimmiges Lachen, daß mir das Herz stillstand. Nun war obendrein während unsers Gespräches die Sonne untergegangen und das Wasser lag in einer stumpfvioletten Schieferfarbe da und sah entsetzlich kalt und tief und dunkel aus. Die schwarzen Häuser am Ufer drohten förmlich herüber, eisig stieg die Luft von der Stromfläche herauf, die Barken zogen tiefblaue Schattenlinien auf bleifarbenem Grunde. Ich begann zu zittern und trat einen Schritt vom Brückengeländer zurück, denn ich fürchtete plötzlich, die sonderbare Frau möchte mich fassen und mit mir untertauchen in die grausige Feuchte hinein, der sie überhaupt anzugehören schien. Wie ich sie so anstarrte und mir das Gruseln über alle Glieder rann, kam mir plötzlich ein Gedanke, der meine ganze Stimmung änderte, schneller als ein Bild in einer Zauberlaterne umspringt. ›Das ist die Goldschmiedsfrau!‹ fuhr es mir durch den Kopf; ›das ist die Vielbesprochene, Gesuchte, Ersehnte! Keine andre als sie konnte so aussehen und so reden – und eine Meerfrau ist sie doch!‹ Wie schöpft ein Bubenherz neues Leben aus einer Nichtigkeit! Vergessen war meine Todessehnsucht, vergessen die Schmach der königlichen Ohrfeige, und eine wilde, frische, lebendige Abenteuerlust rann mir erwärmend durch alle Adern. Ich holte die Frau ein, die sich bereits achselzuckend zum Gehen gewandt hatte, und begann eilig mit ihr zu reden, was mir eben durch den Sinn fuhr, nur um neben ihr hergehen zu können und die so unerwartet glückliche Gelegenheit einer näheren Bekanntschaft nicht zu verlieren. Ich hatte vor lauter Eifer sogar meine Angst vor der vermeintlichen Zauberin selbst vergessen; ich sagte ihr, während sie rasch den Quai de la Tournelle entlang seineabwärts schritt, daß es mich gereue, eine im Grunde wohlverdiente Strafe so unsinnig schwer genommen zu haben, und daß ich ihr dankbar sei dafür, daß sie mich vor der größten aller Torheiten bewahrt habe. Da sie auch darauf nur wieder hohnvoll lächelte, so suchte ich mich zu entschuldigen und reinzuwaschen, indem ich ihr alle Leiden und Verdrießlichkeiten unsers Dienstes schilderte und mich mit rechter Uebertreibung als ein geplagtes und bedauernswertes Geschöpf hinstellte. Dabei verfiel ich unversehens in einen allerliebsten Cancan, unter welchem dem Sonnenkönig und seinem ganzen Hofe nicht übel die Ohren geklungen haben mögen. Von der Heirat des Königs mit der Witwe des Komödienschreibers fing ich an, und wie das Leben am Hofe drückend geworden sei seit dem unseligen Tage; wie Ludwig immer strenger und engherziger würde, wie alle Freuden vom Hofe zu fliehen schienen, und wie es längst kein Theater mehr gäbe in Versailles und von Musik nur die langweiligste; wie wir Pagen nun bald so tugendhaft leben müßten wie die Damen von St. Cyr, die das prüde Weib sich nach seinem Sinne erzog, und wie doch der König selbst in unserm Alter nichts weniger als klösterlich gesinnt gewesen wäre. Endlich führte ich gar noch den sophistischen Schluß unsrer Kapitäne ins Feld, daß wahre Tugend eine solche Sittenparade verschmähen und reinen Frohsinn nicht knechten würde – und schwatzte so fort, Wahres und Unwahres, Dazugehöriges und Unzusammenhängendes, allen Klatsch der Gesindestuben, worin ich so bewandert war – und gottlob! daß die lärmenden Straßen von Paris keine Ohren hatten, zu hören, und keinen Mund zum Weiterplaudern! Meine Begleiterin indes schien ein gewisses Interesse an dieser Art von Unterhaltung zu finden, denn sie fragte mich kreuz und quer aus, besonders nach dem Familienleben des Königs und aller Hofleute, nach der Sittsamkeit dieser oder jener großen Dame, auch nach ihrem Verhältnisse zu ihren Kindern und wie letztere etwa erzogen würden. Dazu machte sie die wunderlichsten Gesichter, bald kalt und grimmig wie vorher, bald wieder traurig und sorgenvoll, und endlich sagte sie, indem sie seufzend stehenblieb: »So ist also auch auf Könige kein Verlaß, und die Höchsten dieser Erde sind nicht besser als die Geringsten! Und doch sagt Pascal, daß wir die Könige als gesalbte Stellvertreter Gottes ansehen und verehren sollen!« Als sie den verrufenen Namen aussprach, erschrak ich und sagte: »Ihr beruft Euch da auf einen Mann, den die heilige Kirche geächtet und als einen Irrlehrer erklärt hat.« Sie erwiderte gleichgültig: »Er ist auch ein Irrlehrer. Das sind sie alle, die auf das Gute im Menschen bauen. Du, kleiner Kerl, verderbt und schmutzig wie du bist, kannst zuverlässigere Lehren geben als alle. O Tiere! Tiere!« Während ich noch ganz gelähmt stand von diesen Worten, die ich nur zur Hälfte begriff, nickte sie mir kurz zu, wandte sich gegen den Torbogen eines Hauses, vor welchem wir eben standen, und verschwand darin. Ich schaute mir das Haus an und bemerkte erst jetzt, daß wir unterdessen wirklich an der Ecke der Barillerie angelangt waren und daß ich also die Person meiner geheimnisvollen Retterin ganz richtig geschätzt hatte. Ich war glücklich, die Langgesuchte endlich gesehen und gesprochen zu haben; glücklich, daß sie meiner Vorstellung von etwas Ungewöhnlichem und Mächtigem so durchaus entsprach; zugleich aber stand ich wie ein geschlagener Pudel vor der verschlossenen Haustür, hinter der mir das Wunder verschwunden war, und fragte mich trübselig: »Was nun?« Jetzt, wo die Scheu vor dem Weibe verschwunden war, brannte ich vor Verlangen, in das Haus einzudringen, sowohl ihretwillen als um ihres Gatten willen. Ich verfluchte meine magere Pagenbörse, die mir nicht gestattete, gleich in die Goldschmiedewerkstatt im Erdgeschoß einzutreten und ein Kettlein oder Ringlein für meine Liebste zu kaufen, denn eine solche hatte ich naseweiser Schlingel bereits, wenn auch eine etwas unnahbare und fernstehende, nämlich ein Hoffräulein, das fast doppelt meine Jahre zählte. Ich dachte aber in dieser Sekunde nur an den Ankauf des Zierats, den ich ihr weihen wollte, und an seine Wahl; wie ich ihr denselben darbieten wollte und wie sie bestimmen, ihn anzunehmen, war eine andre Sache und konnte später überlegt werden. Sinnend stand ich und betrachtete mit trauriger Miene die drei oder vier hübschen Kruzifixe und Leuchter, die in dem Fenster neben der Ladentür zur Schau standen, und die paar Ringlein und Spangen, die dazwischen lagen. Da tauchte hinter dem Geräte Regnards freundliches Gesicht auf; er lächelte mir zu, als verstünde er meine Betrübnis; eine Sekunde später stand er in der Tür und lud mich ein, bei ihm einzutreten. Ich erklärte bedrückt, ich könne nichts kaufen, worauf er lachend erwiderte, so könne ich immerhin so tun, als ob ich etwas kaufen wollte, und hätte dabei doch die Freude des Ansehens. Es versteht sich von selbst, daß ich mich nicht lange bitten ließ. Ich trat ein und ließ mir zeigen, was er an edelm Geräte besaß. Ein Oellämpchen flackerte zwischen uns, denn in dem Laden war es inzwischen ganz dunkel geworden; in tausend blitzenden Metallstäbchen spiegelte sich die kleine Flamme, und es war ein Gefunkel um uns, als stünden wir in einem Festsaal mit zahllosen Kerzen. Nie aber werde ich die zierlichen und kunstreichen Gebilde vergessen, die Regnard da in langem Gespräche vor mir ausbreitete, deren Bedeutung und Wert er mir eingehend und liebevoll erläuterte – und die mir ihrerseits das Verständnis einer reichen und feinen Menschennatur erschlossen. Denn mich dünkt, nirgends enthüllt sich die Eigenart einer Seele besser als im Werk der Hände, und hatte ich vorher den sonnigen Mann geliebt, so erschien er mir jetzt geradezu anbetenswert in seiner spielenden Schöpferkraft, der sich eine treue und geduldige Emsigkeit gesellen mußte, um solche Erfolge zu erzielen. Die ersten Gegenstände, die er mir zeigte, waren Pokale, an denen er seine heitere Phantasie in den ergötzlichsten Bildern schwelgen ließ; der goldene Kelch war in die Kontur einer vollen, beerenreichen Traube getrieben, den Fuß bildete ein knorriger Rebenstamm mit verzweigtem Geäste, den frischgrünes Weinlaub reichlich umrankte; zum Ueberfluß mußte dann noch ein Gnömlein in rot emaillierter Jacke an dem Geranke emporklimmen oder oben auf dem Deckel in kecker Pose sich brüsten. Ein andrer Kelch von derselben Fruchtgestalt wurde von einem artigen kleinen Gärtner gestützt, der das gigantische Gewächs mit dem sprechendsten Ausdrucke verzweifelter Anstrengung auf seinen Schultern hielt und mit solch drolligem Entsetzen seitwärts daran emporschielte, daß man wohl begriff, es müsse da ein Dämon die Last einem Trägen oder Widerwilligen unversehens aufgehext haben, um ihn zu belehren. An diesem Figürchen hatte der feinfingrige Künstler mit besonderer Sorgfalt die Feldflasche und das Rebenmesser des Männleins nachgebildet, winzig, aber durchaus treu und sogar beweglich, mit offenbar innigster Freude am Spielerischen und Kindlichen. Von einer Stunde tieferer Sammlung zeugte dagegen ein Deckelhumpen aus Elfenbein mit goldenem Deckel und Fuß. An diesem Geräte waren mit sinnreicher Anwendung zwei biblische Szenen in das gefällige Material eingeschnitzt, so wahr und lebendig ergreifend, daß auch dem rohsten Trinker, der dies Gefäß zum Munde führen wollte, ein frommer Vergleich sich aufdrängen mußte. Es war nämlich auf der einen Seite des Humpens Moses sichtbar, wie er Wasser aus dem Felsen schlägt, und wie die verschmachtende Schar der Juden in rasender Gier sich auf die rettende Flut wirft, jeden seitwärts rieselnden Strahl in Bechern, Schalen oder gar mit den Händen auffangend. Dieser derben und stellenweise sogar haarsträubenden Darstellung des rein körperlichen Durstes stand ein edleres Schmachten nach himmlischer Erquickung gegenüber in der friedlichen Gestalt der Samariterin am Brunnen, die der Heiland belehrt. Die geistvollen Köpfe des hohen Paares bildeten einen gewaltig wirkenden Gegensatz zu den tierischen Mienen und Gebärden der Verdursteten auf der andern Seite. Regnard machte mich aufmerksam, daß die Samariterin das Antlitz Germaines trug, und später fiel mir ein, daß möglicherweise eine Predigt der Frau die gedankenvolle Schilderei bewirkt haben könne. Beweis, daß die Ueberfromme bereits zu dieser Zeit eine gewisse Herrschaft über die Phantasie des Gatten gewonnen hatte. Uebrigens war auch an diesem Stücke wieder das einzelne auf das liebevollste behandelt; so war zum Beispiel das Seil, an welchem die schöpfende Frau den Eimer hielt, so geduldig gearbeitet, daß man die Bastfäden zählen zu können glaubte, aus denen es gedreht war. Diese Sorgfalt für das Beiwerk, das scheinbar Unbedeutende, habe ich in späteren Jahren an Künstlern besonders geschätzt, weil sie ein Ausharren bei der Arbeit andeutete, weit über den ersten Flug des treibenden Gedankens hinaus. Damals, als unwissender Knabe, ergötzte ich mich an den artigen Einzelheiten nur um ihrer selbst willen. Ganz besonders schön und würdig, daß Götter daraus sich zutränken den festlichen Nektar, erschien mir ein Becher, der aus der köstlich geschwungenen Muschel der Argonautenschnecke oder des Nautilus hergestellt war. An dieser Arbeit war nichts von Germaines geistiger Mitarbeiterschaft zu verspüren, nichts von Reflexion oder Moral; da feierte vielmehr die reinste Lebensfreude ihren Triumph. Geglättet und bis zur Durchsichtigkeit poliert, war das schöne Naturgebilde mit eingravierten Zeichnungen geschmückt, die heitere Gruppen eines seligen Meervolkes, auf Wogen sich schaukelnd oder auf besonnten Klippen sich ergötzend, darstellten. Die bedeutendsten dieser Figuren, sowie etwa ein Delphin, ein Felsstück im Vordergrunde, der brechende Kamm der nächsten Welle, waren aus dem dickeren Material der Muschel in unendlich feiner Skulptur stehengeblieben, während die ferne Meerfläche und der Himmel darüber durch einen besonderen Schliff in tausend Perlmutterfarben schillern mußten. Die Bewegungen der schilfbekränzten Meerleute waren die freisten und glücklichsten, eine Wonne ohnegleichen drückte sich in der schwelgerischen Hingebung an das spielende Element aus, man sah so recht die Genußfreude des Bildners in all diesen zarten Wesen verkörpert. Um aber auch da wieder seiner Liebe zum Kleinen genugzutun, hatte Regnard an dem obersten Teile der Schnecke ein durchsichtiges Galeriechen von unglaublicher Zierlichkeit ausgeschnitzt, durch welches des Beschauers Blick in die inneren, gewundenen Gänge des Tiergehäuses eindringen durfte, da wo die stille Bewohnerin einst gehaust. Das ganze Werk stand schön und kühn auf der Schwanzflosse eines silbernen Delphins, der dem Becher als Fuß diente. Regnards Vorliebe für Meervolk und Flossentiere zeigte sich auch noch an andern Gegenständen; die Muschelform war häufig in Gold oder Silber nachgeahmt, ein Elfenbeinweiblein in lieblicher Nacktheit, ein Fischungetüm oder ein Flossenpferd trugen die handlichen Schalen; einmal war es sogar eine Daphne, deren Arme und Hände, in Zweige übergehend, das Trinkgefäß umklammerten. Ich war ein schwacher Bewunderer ovidischer Muse, die uns Vater Cölestin recht eigentlich vergällt hatte; in der Goldschmiedwerkstatt ging mir die Lust und das Verständnis am römischen Sänger auf. Denn Regnard, der gewiß kein Wort Latein verstand und die schönen Sagen gewiß nicht anders kannte als aus den Verarbeitungen zeitgenössischer Dichter oder etwa vom Theater her, das er fleißig genug besuchte – Regnard, der nie das Meer gesehen hatte, nie einen Lorbeerhain, nie einen Marmortempel und nie die arkadische Landschaft, die all seinen Figuren als Hintergrund dienen mußte: Regnard verstand es kraft seiner göttlichen Phantasie, jedem lieblichen Märchen das rechte Kleid zu geben. Auf Dosen und Ähren, an vielflächigen Kästchen oder gar auf Knöpfen erschienen in zarten Emailfarben die Legenden des Altertums, Venus an der holdesten Leiche, Leda und Europa, spielende Nymphen, herrliche Jünglinge in Goldhelm und wehendem Mantel. Wie sonnig und froh war alles dargestellt! Heute, wo ich den Römer verstehe und liebe, denke ich noch mit Rührung dieser kleinen Gebilde, denen ich die erste dämmernde Ahnung jener Götterwelt verdanke. Ich kann unmöglich alles im einzelnen beschreiben, was Regnard da vor mir auskramte: diese Uhren, Dosen, Kästchen, Weihrauchbüchsen, diese tausenderlei Dinge von greifbarem Nutzen und hoher Anmut zugleich; diese abwechslungsreiche Gestaltung des verschiedenartigsten Materiales, sanftgefärbter Emailschichten, Karneolplättchen, samtgrünen Malachits, Lazursteins, Elfenbeins und Perlmutters, gehoben durch Einlagen und Umränderung von blitzenden Edelsteinen aller Arten; diese unerschöpfliche Erfindungsgabe, diese humorvolle Wahl der Gegenstände. Da war ein Schiffchen im winzigsten Maßstabe mit goldenem Seil- und Segelwerk; ein Särglein aus dunkelgrünem Email, beliebter Anhänger solcher, die zeigen wollen, daß sie des Todes spotten; eine putzige kleine Kanone, zu welcher als Kugel eine schöne runde Perle gehörte, die an einem goldenen Kettlein danebenhing; oder auch ein Papagei auf einem Blütenast, wobei wieder Schmelzfarben und Edelsteine in glücklichster Ergänzung an dem Gefieder des Tieres prangten. Das alles war so fein und klein, daß es das zierlichste Fräulein an dem schlanken Hälschen tragen konnte, wie denn überhaupt die Mode allüberall das Niedliche und Artige verlangte. Die großen Anhänger, die zur Zeit der Königin Anna wie Brustschilder auf flachen und strengen Büsten getragen wurden, fertigte, so sagte mir Regnard, kein Goldschmied mehr an; man harnischte sich nicht mehr mit diesen plumpen Zieraten gegen die Pfeile des freundlichen Gottes. Selbst die Knöpfe wurden so ausnehmend klein gefertigt, daß ein zeitgenössischer Komödienschreiber wohl darüber spotten durfte, man müsse sie mit der Lupe suchen; dabei waren sie aber aus edelm Metall und – wenigstens die, welche aus Regnards Hand hervorgingen – von hoher Kunstvollendung. Aber die Krone der Kunstwerke, die der liebevolle Bildner des Kleinen vor mir ausstellte, war eine Figur von so köstlichem Humor und so lebendiger Treue der Darstellung, daß sie mir in der Erinnerung geblieben ist nicht als ein toter Gegenstand, sondern als etwas Beseeltes und Liebenswertes, an dem in der Tat auch mein ganzes Herz gehangen hat. Es war ein Scharlatan aus emailliertem Silber, der, etwa zwei Faust hoch, auf einem vergoldeten Sockel von allerreichster Arbeit stand. Die Gestalt des Savoyarden, der windumsaust im flatternden braunen Mantel einherzuschreiten schien, drückte eine freie, geschmeidige Beweglichkeit aus, wie sie diesem Volke so eigen ist; die Geste seiner erhobenen Rechten zwang förmlich zum Anhalten und Betrachten. Sein Gesicht, braun, kühn, helläugig und scharfnasig, verriet den losen Vogel, der er sein mußte, der Lügen pfeifend bei Sturm und Wetter durch die Lande zog, auf Torheit und Blindheit der Menschen sein flüchtiges Glück bauend, gewinnend, verlierend, wie der Zufall wollte. Ein breiter, grauer Filz mit wallenden Federn saß keck und schief auf dem mäßig langen, dunkeln Haar. Seine gebräunten Knie waren bloß, die weißen Strümpfe in Falten herabgeschoben, aus abgetretenen Schlappschuhen guckten die Zehen. So war die Figur an und für sich schon ein kleines Meisterwerk von Naturwahrheit; aber was soll erst von dem Beiwerk gesagt werden! Der Savoyarde trug das übliche Brett wandernder Krämer vor sich her, und welch eine Fülle allerliebster kleiner Wunder enthielt diese Lade, die im ganzen etwa so lang und so breit war wie zwei Glieder meines mittelsten Fingers! Da hingen Scheren und Messer, so winzig, als wären sie für den Gebrauch einer Käferprinzessin vermeint, und doch in allen Teilen beweglich; Instrumente und Zangen zum Zahnbrechen, Lanzetten, Korkzieher, Brillen, etwa für die Augen eines Schmetterlings berechnet, und ein Rosenkranz von den allerniedlichsten Perlen; Salbentöpfe und Mixturflaschen waren in passende Fächer eingelassen, konnten aber herausgenommen werden und ihre Stöpsel geöffnet; und die kleinen Schubfächer des Kramkastens waren nicht nur zum Herausziehen eingerichtet, sondern auch noch zum Ueberfluß in reinliche Fächer geteilt, so daß auch nichts fehlte, was der Natur entsprach. Noch war dies alles. Zwischen den Beinen des Savoyarden saß der wohlbekannte unvermeidliche Begleiter dieser Landstreicher: ein Affe, dessen Leib aus einer einzigen monströsen Perle bestand, die Glieder und der boshafte Kopf aus Gold gearbeitet; das Tier, an einer feinen Schnur aus Golddraht gehalten, ergötzte sich an einer Branntweinflasche, die es mit Verstand und Sachkenntnis zu behandeln schien. Nicht weniger Humor und Geduld der Detailbehandlung hatte Regnard auf den Sockel der kleinen Statue verwendet, den vier goldene Figürchen: ein zweiter Affe, ein Pudel, ein Tanzbär und eine springende Ziege in drolligen Posen flankierten. Die Flächen des Sockels zeigten Silberplatten von ovaler Form, auf deren jeder eine höchst bewegte Marktszene eingraviert war. An der obersten Kante des Sockels aber, gerade zu Füßen des Scharlatans, ließen sich vier Papageien in den verschiedensten Stadien flatternder Bewegung nieder, als wären sie nur eben herbeigeflogen. So gab es nichts Geheimnisvolles, Fremdartiges und Anziehendes, was dieser kleine Mann nicht an oder um sich gehabt hätte, und es ersetzte mir einen ganzen Jahrmarkt, das Wunderding vorzunehmen und zu betrachten. Dazu wußte dann Regnard sehr talentvoll die Rufe eines solchen Savoyers, seine gebrochene Sprache, seine Zungenfertigkeit und Unerschöpflichkeit in Lügen und Uebertreibungen nachzuahmen, so daß ich mich vor lachendem Entzücken nicht zu lassen wußte und mir wieder und wieder das einzige Spielzeug vorführen ließ. Ich wünschte nichts sehnlicher, als daß sich nie ein Käufer dafür finden möchte, und hätte, glaube ich, ein Jahr lang von Wasser und Brot leben mögen, hätte ich es dafür zu eigen erwerben können. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich an jenem Abende nicht weiter an die Wahl des Geschenkes dachte, das mir erst den Vorwand zum Eintritt in die Goldschmiedwerkstatt hatte liefern sollen. Regnard gegenüber bedurfte es keiner Kniffe. Meine kindische Seligkeit an dem holden Tand schien ihm zu gefallen, er lächelte mich oft in unschuldiger Selbstzufriedenheit an, wenn ich seine Arbeit bewunderte, genau wie er an seinem Hochzeitstage gelächelt hatte, als er meinen anbetenden Augen begegnet war; und als ich schied, lud er mich schlicht und herzlich zum Wiederkommen ein, wenn ich etwa Lust haben sollte, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß diese Aufforderung mich zuerst etwas stutzig machte. Regnard war immerhin ein Handwerksmann, und was würden meine Freunde, die Musketiere, zu dem ritterlichen Zeitvertreib gesagt haben, der Verfertigung von Frauengeschmeide zuzusehen? Ich wurde rot, und mein Dank muß etwas gezwungen geklungen haben. Auch war ich keineswegs gesonnen, von der artigen Einladung allzu rasch Gebrauch zu machen. Zu meinem Glücke war Langweile und Schaulust indes doch mächtiger in mir als diese sehr früh entwickelten und sehr bald wieder abgelegten Standesvorurteile. Denn mit der Gardenstube im Palais Cardinal und mit den hübschen Plauderstunden unter den Kastanien Richelieus war es seit jener Expedition nach den Porcherons für mich vorbei. Philipp von Chartres sandte nicht mehr nach mir – ich lege ihm diese Treulosigkeit nicht zur Last! – und ich bekam ihn kaum je wieder zu Gesichte, abgesehen von ein paar flüchtigen Begegnungen, wo er mich etwa von einem Wagenfenster aus mit einem traurigen Aufschlage seiner schönen Augen grüßte. So trieb mich bald ein Bedürfnis nach männlicher Gesellschaft, das in diesen Jahren bei mir übermächtig war, nach dem Eckhause der Barillerie zurück, wo ich zu gegebenen Stunden den Goldschmied an der Arbeit traf, immer freundlich und bereit, mich zu empfangen und alle meine unersättliche Weltneugier zu befriedigen. Wenn es mir törichtem Schlingel damals trotz meiner heißen Verehrung für den goldenen Goldschmied manchmal scheinen wollte, als sei ich in meiner Gesellschaft beträchtlich herabgekommen, da ich die Gardenstube mit einer Werkstatt vertauscht hatte, so bitte ich heute, nach fünfzig Jahren, noch meinen Regnard und die ganze Bürgerschaft von Paris dafür um Verzeihung. Heute glaube ich vielmehr, daß ein guter Engel über der gefährdeten Knabenseele gewacht hat und alle die Schritte geleitet, die mich nach dem alten Hause an der Barillerie früher oder später geführt haben. Der edelste Mann am Hofe Ludwigs des Großen, der fromme, reine und doch kluge und heitere Beauvilliers, hat seine erste Kindheit in der Loge des Schweizers seines väterlichen Palastes verlebt, ein unbeachtetes Kind, um dessen Wohl und Wehe sich niemand kümmerte; heranwachsend, empfing er von der alten Magd eines ländlichen Kanonikus, an deren mütterlichem Busen und in deren Bett er noch schlief in einem Alter, wo andre Knaben bereits in den Armen arger Verführerinnen schwelgten, die ersten Lehren großer und keuscher Denkungsart. So gut wie ihm ist es mir nicht geworden; und dennoch: Heil den Schlichten und Ranglosen, Heil denen, die durch ihre geistigen und seelischen Gaben auf uns wirken, Heil denen, deren Persönlichkeit allein schon ein Geschenk Gottes ist, wo immer sie sich zeigt. Regnard war von diesen! Häufiger und häufiger fand ich mich in dem Goldschmiedladen ein, und heller und heller erschloß sich mir Regnards goldene Seele. Es versteht sich von selbst, daß ein Mensch, der mit solcher Liebe und Hingebung arbeitet, wie ich es eben zu beschreiben versucht habe, durchaus frei sein mußte von Leidenschaften und lasterhaften Neigungen; denn wenn schon oft genug eine göttliche Konzeption auch dem Ruchlosen gegeben ist, so ist doch nur dem Reinen mit ruhigen Händen vergönnt, sie zu gestalten. Jede Kunst will Selbstlosigkeit und Geduld: und bringt ein verderbtes Gemüt diese beiden Tugenden aller Tugenden je auf? Ich sage dies, um vorbeugend die Schuld zu mildern, die das Schicksal ihm, dem Unschuldigsten, auf die Schultern gelegt hat und die er mit all den guten Gaben, die er besaß, zahlen und büßen mußte. 5 Regnards Werkstatt besaß, wie alle Läden und Werkstätten in den älteren Häusern von Paris, eine Klappluke von beträchtlicher Größe in der Decke und somit eine direkte Verbindung mit dem darüberliegenden Wohngemache, wo Germaine schaltete. Diese Vorrichtung, die wir »Judas« nannten und die ursprünglich wohl vermeint war, dem Meister eine Ueberwachung seiner Gesellen zu ermöglichen, nutzte der verliebte Goldschmied, der allein arbeitete, dahin aus, daß er durch das Loch eine unausgesetzte anmutige Konversation mit seiner Frau Liebsten im Oberstock unterhielt, ohne daß eines oder das andre sich dabei in seiner Tätigkeit zu unterbrechen brauchte. Ich weiß nicht, ob diese Art des Verkehrs eine glückliche war; es ist immer gefährlich, von Dingen, die einen ganz erfüllen, zu sprechen, ohne dabei die Mienen des Lauschenden im Auge zu behalten und seine Ausdrucksweise nach ihnen zu regulieren. Und Regnard sprach viel. Es gehörte mit zu seinem kindlichen Wesen, daß jeder muntere Gedanke, der in ihm aufsprang, auch gleich seinen Weg nach den Lippen fand, wo er freilich, um ein altes Märchenbild fortzusetzen, meist in Gestalt einer Rose erblühte, einer roten, leuchtenden Rose. Denn Regnard hatte nur frohe und liebe Gedanken. Aber auch Rosen sind nicht jedermanns Sache. Droben in der Wohnstube saß die zuhörende Germaine mit weißem Gesichte und vernahm oder suchte zu vernehmen, was der harmlos plaudernde Mann unten nicht aussprach; und da sie seine unschuldigen Augen, die mitjubelnd Arbeit und Rede begleiteten, nicht sehen konnte, hatte sie nichts als ihr listiges Ohr, dem sie vertraute. Regnard arbeitete just wieder an einer kleinen Figur aus Silber, die einen tanzenden Knaben darstellte. Die ganze Freude der holdesten Kunst lag in dieser hingegebenen weichen Stellung, den leicht emporgeworfenen Armen, der kosenden Seitenneigung des Köpfchens und dem Spiel der kurzen wehenden Gewände, und nur ein Mensch, der selbst so leidenschaftlich tanzte wie Regnard, konnte diesen Ausdruck in die kleine Gestalt hineinempfinden. Natürlich plauderte aber der Vorwitzige unentwegt über seinen Werktisch hin und konnte fast keinen Meißelstoß führen, ohne sein ewiges Loblied auf Tanz und Tänzer um ein Verschen zu bereichern. Regnard war, wie gesagt, ein emsiger Besucher des Theaters, besonders aber der Oper, deren Stoffe und Vorwürfe ebensowohl wie ihre gemessenere und pompösere Darstellungsart ihn bereicherten und ihm manche Anregung zu neuen Kunstwerken boten. Daß Regnard ein kalter Kritiker sein sollte, durfte niemand von ihm erwarten; wer, der jemals einen theaterbegeisterten Pariser gesehen hat, würde es tun? In wahlloser Entzückung nahm sein Gemüt alles auf, was auf der Bühne vorging, und erst daheim sichtete er ruhigeren Blutes die erhaltenen Eindrücke und schied gute von bösen. Da hatte er an der Pose einer sterbenden Dido gewaltig viel auszusetzen, ereiferte sich, schmähte, ging endlich hin und zeigte an einer Elfenbeinstatuette, wie das Ding hätte aussehen müssen. Ganz besonders aber beschäftigten ihn die in keiner Oper fehlenden Tänze, die wenige Tänzer ihm recht zu Tank produzierten, und so mag auch der anmutige Knabe, den er eben bildete, aus einem Nachempfinden und Weiterspinnen erhaltener Bilder entstanden sein. Er sprach in der Tat an diesem Tage viel von der Grazie eines jungen Ballettmeisters, den man um seiner zarten Glieder willen leichtlich für ein Mädchen hätte halten mögen. Aber dabei nicht stehenbleibend, lief er die ganze Reihe beliebter Operntänzer und -tänzerinnen durch, nannte jeden und jede einzelne mit Namen und schilderte ihren Wuchs, als ob er sie nackend gesehen hätte, wiewohl ohne die geringste Lüsternheit. Dann sprang er auf die Tanzbodenschönheiten der Champs-Elysees über, und bald ward mir klar, daß der kleine silberne Tänzer in seiner berückenden Pose das Resultat langer und scharfer, wiewohl halb unbewußter Beobachtungen war, die Regnard in langer Uebung des Tanzes an sich und andern gemacht. »So und nicht anders,« erklärte mir der Goldschmied, »muß man den Kopf halten, wenn anders man die Musik wirklich empfindet! Wie ein Schwimmer sich gleichsam gegen das Element lehnt, das ihn umspült, so muß auch der Tänzer die Musik als etwas Wesenhaftes und Körperliches empfinden, an das er sich schmiegt, dem er Widerstand leistet oder sich hingibt – kurz, nicht anders als ein Liebender sich in den Armen einer schönen, lockenden Frau gebärden würde, die er schon sicher ist zu besiegen.« Sogar mir, der ich jung und albern genug war, fiel während solcher Reden das wechselnde Verhalten der Frau im Oberstock auf. Fing sie damit an, sich mit halbem Entgegenkommen an dem Gespräche zu beteiligen, so verstummte sie gewöhnlich schon bald, gab kurze und schroffe Antworten und endlich gar keine mehr. Dann hörte ich sie mit leise raschelnden Füßen wie eine Maus zu unsern Häupten durchs Gemach huschen und ihre langen Kleider die Diele fegen; dann vernahm man deutlich, wie sie vor der Klappluke stehenblieb; und dann fühlte man ihre eisigen Blicke auf sich ruhen, so bohrend und feindlich, daß man halb unbewußt aufstand und nach der andern Seite der Werkstatt hinüberging, wohin ihre Augen nicht reichen konnten. Regnard schien weniger empfindlich als ich gegen Germaines unheimliche Art, ihr Mißfallen an unsern Gesprächen zu zeigen; dennoch trug auch er eine leichte Unruhe zur Schau, wenn oben die Antworten ausblieben und das Hin- und verwandeln anhob. Von Zeit zu Zeit rief er mit gedämpftem Tone ein Kosewort durch die Luke hinauf; nichts weiter als etwa: »Bist du noch da, Holde?« obgleich er über ihre Anwesenheit nicht im Zweifel sein konnte. Erfolgte Antwort, ein noch so kurzes mürrisches »Ja!«, so lächelte er beruhigt und plauderte weiter. Blieb die Finstere oben aber stumm, so sah ich einen Ausdruck der Angst und des Schmerzes in seinem Gesichte aufgehen, der mir, jung wie ich war, ins Herz schnitt. Dann geschah es oft, daß er die Arbeit hinwarf und in Eile die Werkstatt verließ; dann hörte ich noch oben seinen männlichen Tritt über die Bretter gehen, und dann fiel wuchtig die Klappe über das Loch und ich vernahm nichts mehr. Schlimmer noch war es, wenn ich meinerseits ins Erzählen geriet und die Anekdoten zum besten gab, die ich in der Gardenstube aufgeschnappt hatte. Regnard hörte diesen immer mit einem gutmütig überlegenen Lächeln zu, und wenn er mich je zurechtwies, so geschah es mit einem heiteren: »Ei, du Wunderkrämer! Wer war dabei? Wer hat's gesehen? Wer hat die Kerze gehalten?« Im übrigen aber ließ er mich gewähren, ja, meine Geschichtlein schienen ihn zu ergötzen. Dann geschah es manchmal, daß Germaine in die Werkstatt trat, hoch und schmal in ihren dunkeln Gewändern und furchtbar mit ihren lodernden Augen. Sie hörte wohl auch ein Weilchen meinen Fanfaronaden zu, die indes in ihrer Gegenwart erheblich sachter flossen, und pflegte sich schließlich mit einem peitschenscharf verachtungsvollen Worte zu entfernen, das ich nicht immer verstand, das mich aber aufs höchste reizte und erbitterte. Denn sie sprach immer von mir und zu mir in einem Tone, als ob an mir überhaupt nichts mehr zu verderben und ich ein Satanskind mit Haut und Haar wäre, und wiederholt nannte sie mich sogar ein schmutziges kleines Tier. Dabei war ich mir doch bewußt, daß ich noch lange nicht der schlechteste unter meinen Kameraden sei, hatte ich freilich auch keine Ahnung, bis zu welchem Grade von Frivolität meine unbehütete Jugend bereits gesunken war. Es dachte eben zu jener Zeit noch niemand daran, ein Kinderherz rein zu erhalten, vielmehr pflegte ungehindert Natur von innen und böses Beispiel von außen einen jungen Menschen schon zu einer verderblichen Reife zu treiben, ehe er recht zum Blühen gelangt war. Ich habe aber manchen gekannt, der sich später in Not und Kampf des Lebens die Keuschheit des Herzens zurückerobert hat, die eine sorglose Jugend ihm geraubt, und der mit vierzig Jahren reiner und besser war als mit vierzehn. Der arme Regnard hatte böse Stunden, wenn das puritanische Strafgericht über mich erging. Naturgemäß fühlte er sich getrieben, seinem Weibe recht zu geben – das ich ihr heute auch nicht mehr abspreche –, während anderseits sein goldenes Herz bereits nach einem Trostworte für mich Schwergekränkten suchte. Er ergriff den einzigen Ausweg, der ihm blieb: sich selbst mit mir vor Germaine zu verdammen. »Sie ist eine Heilige,« pflegte er dann zu sagen, »und wir beide gleich erbärmliche Sünder. Du glaubst nicht, wie rein sie ist, wie gottdurchdrungen alle ihre Gedanken! Ich bin ihrer nicht wert. Vor ihr sind alle Menschen schlecht. Gräme dich deshalb nicht, es ist unmöglich, so gut zu sein, wie sie es ist. Und übrigens – damit du mir wieder munter wirst! – willst du heute abend mit mir ins Theater gehen? Sie spielen mein liebstes Stück: Moliéres ›Amphitryon‹. Komm, es gibt griechische Götter zu sehen!« Und ich ging mit ihm und lernte. Jupiter trug an jenem Abend einen Kopfputz von Straußenfedern und Alkmene einen Falbelrock unter dem Peplon. Regnard lachte wie ein Kind. In der Folge stellte er die Hauptszenen des Stückes auf einer kleinen Emailuhr dar; Sosias und sein Weib im Zanke, Merkur und Sosias in nicht minder edler Beschäftigung schmückten die hohe Seitenfläche des Gehäuses, während die ergreifende Schlußgruppe, Alkmene zwischen den beiden Amphitryons, dem echten und dem falschen, den Deckel zierte. Hier aber wehten leichte, hellfarbige Gewände um edle, in schöner Entblößung sichtbare Glieder; hier wallte ein reiches Gelocke um Jupiters Stirn, weich fiel sein langer Bart auf die goldgeharnischte Brust herab. So, dachte ich mir alsbald, müssen die seligen Menschen jener Zeit wirklich ausgesehen haben! Zum Unglück sah Germaine das kleine Kunstwerk und verlangte die Bedeutung der darauf abgebildeten Figuren zu kennen. Ich werde den Blick voll Verachtung und Ekel nie vergessen, mit welchem sie sich abwendete, als sie kaum die Hälfte der Geschichte vernommen hatte; sie war bis in den Hals hinein rot geworden in äußerster Scham und Bestürzung. Regnard stand wie vernichtet, legte dann seufzend die schöne Uhr in ein Schubfach und verkaufte sie wenige Tage später weit unter ihrem Werte, nur um sie nicht mehr sehen zu müssen. Ich fühlte aber wohl, daß er ihr nachtrauerte wie einem Kinde, das man gegen seinen eignen Willen verstoßen hat. Doch war das die schlimmste Not des goldenen Goldschmiedes. Denn Germaine nahm Anstoß nicht allein an der Gestaltung der losen griechischen Märlein, sondern weit mehr noch an der biblischer Vorgänge und Personen. Dafür war sie Calvinistin. Und grauenhaft war die perfide Logik, mit welcher sie diese ihre Mißbilligung derartiger Bilder begründete. Sie hatte, wie natürlich, schon bei ihrer Vermählung mit Regnard ihr Ketzertum äußerlich abschwören müssen und hatte es erstaunlicherweise auch getan. Am so zäher hielt sie es innerlich fest; denn Sinnesart läßt sich nicht abschwören, und Sinnesart, die sich nicht äußern darf, wird allemal Fanatismus. So ging Germaine zwar hier und dort mit ihrem Gatten zur Messe und einmal im Jahre zur Beichte – was sie da beichtete, weiß Gott! eine Verhöhnung des Allerheiligsten, was immer es sonst sein mochte! –, besuchte aber heimlich Calvinistenversammlungen und übte in Wandel und Wegen alle Gebräuche der finsteren Sekte. Sie hatte keine Ahnung, daß bei diesem Doppelspiel, das genugsam bekannt war, nur ihres Gatten Beliebtheit sie deckte. Wie sie aber vor sich selbst damit zurechtkam, das lernte ich am besten verstehen aus der Art, wie sie ihres Gatten Kunstübung begegnete. Viel zu klug, um mit Dogmen zu streiten, enthielt sie sich jeder Betrachtung darüber, ob die Nachbildung der göttlichen Heilandsgestalt oder gar eine Versinnbildlichung des Schöpfers selbst erlaubt sei oder nicht. Aber jedesmal, wenn Regnard einen Gekreuzigten, eine Gottesmutter oder irgendeine andre der süßen vertrauten Gestalten schuf, in denen sich menschliches Leiden und Lieben in seiner höchsten Gewalt und Reinheit verkörpern läßt; wenn er alle Schmerzen und Wonnen seiner Seele in solch ein Figürchen hineinempfand; wenn er gearbeitet hatte, bis ihm in der Rührung und Seligkeit des Gestaltens und Gelingens die Augen überflössen und er anbetend vor dem eignen Werke kniete – dann trat leisen Schrittes Germaine in die Werkstatt, betrachtete unter blinzelnden Wimpern hervor das Gebilde eine lange Weile, kniff die Lippen, schüttelte den Kopf und sagte endlich kühl: »So habe ich mir den Heiland nicht vorgestellt!« »Wie denn?« fragte dann wohl der ernüchterte Regnard trübselig; und sie antwortete achselzuckend: »Anders. Schöner. Göttlicher.« Drang dann der Gatte, der Berge auf die Klugheit seiner Frau baute, in sie, sich deutlicher zu erklären, ihm einen Wink zu geben, wo und in welchem Sinn ihr eine Aenderung wünschenswert scheine, so lehnte sie höhnisch jede weitere Aussprache mit den Worten ab: »Was vermissest du dich überhaupt, das Göttliche darstellen zu wollen? Ich kann dir nicht sagen, wie der Heiland aussieht. Menschliche Sprache hat dafür kein Wort. Menschliche Hand sollte kein Bild davon machen wollen. Ich weiß nur eines« – und hier veränderte sich ihr Gesicht, und eine stille Verklärung trat in ihre Augen, die plötzlich groß und klar und vergeistigt erschienen, als sähen sie durch alle Wände hindurch mitten in den Himmel hinein –, »er war schöner als irgendein Menschenbild, das je auf Erden gewandelt.« Das war eine trostreiche Auskunft für einen Künstler, der eben sein Bestes gegeben zu haben glaubt. Ich war ein Kind, als ich Zeuge solcher Auftritte war, und konnte die Tragweite solcher Worte noch kaum berechnen. Doch empfand ich instinktiv das Grausame und Entmutigende dieses Verhaltens, ebenso instinktiv das Beabsichtigte davon. Kinder haben ein feines Gefühl für dergleichen, und jedes Wort, jede Miene der furchtbaren Frau haftete, wiewohl unverstanden, in meinem Gedächtnisse bis auf den heutigen Tag. Und das begriff ich auch damals schon, daß auf eine Begründung, wie die ihre war, der schärfste Verstand keine Antwort finden konnte. Regnard schuf lange Zeit nach der geschilderten Episode kein geistliches Bild mehr. Er setzte Malachitplättchen zu sechseckigen Kästchen zusammen, zierte die verbindenden Leisten mit Diamanten und legte mitten auf den Deckel eine große Perle; oder er bog feine Kettenglieder, viele Hunderte, eines genau wie das andre, mit einem rührenden Ausdrucke von Ergebenheit und Geduld: diese unschuldigen Spiele wenigstens konnte ihm Germaine nicht vergällen. Bei alledem entging es mir doch nicht, daß das übel gefügte Paar sich mit einer glühenden Liebe zugetan war, mit einem unbegreiflichen, nie gestillten Verlangen nacheinander, das ihnen ihre seelische Uneinigkeit doppelt bitter machen mußte, weil es ihnen die Möglichkeit eines glücklichen und friedlichen Zusammenlebens stets greifbar vorhielt. Bei Regnard, dem Friedfertigen, unerschöpflich Wohlwollenden, befremdete mich diese Liebe nicht; erstaunlicher, aber nicht zu verkennen, war ein nicht minder tiefes Gefühl auf selten Germaines, das in diesem harten und kühlen Wesen dann um so ergreifender zutage trat. Es gab Stunden der Zärtlichkeit zwischen den Gatten, wo sie in den süßen Wahn ihres Brautstandes zurückfielen, der ihnen einen Austausch und Ausgleich ihrer beiderseitigen Eigenart vorgezaubert hatte; dann erniedrigten und verklagten sie sich selbst, eines vor dem andern, und schwuren sich's zu, sie wollten mit dem Morgen ein neues Leben beginnen. Besonders Germaine zeigte in solchen Stimmungen eine so leidenschaftliche Zerknirschung und Hingabe, daß es ihr oft passierte, meine Gegenwart zu vergessen, während Regnard, scheuer, keuscher vielleicht und jedenfalls schlichter, derartige Aussprachen vor mir zu vermeiden bemüht war und nur durch einen innigeren Ton und Blick die glückliche Rührung verriet, in welcher er sich befand. Diese Heftigkeit in dem Wesen der Frau ließ sogar mich Unerfahrenen auf eine innerliche Zerrissenheit, einen tiefen seelischen Kampf schließen. Und es ist wohl möglich, daß es mehr war als niedrige weibliche Eifersucht und Gier, den Mann ganz zu beherrschen, was Germaine so furchtbar machte, wenn sie als Sittenrichterin auftrat. Vielleicht galt es ihr wirklich als ein Gottesgebot, den Gatten, dessen Lebensfreude sie für ruchlos hielt, vom Wege der Weltlust auf den zurückzuführen, den sie in ihrer Verblendung den Weg der Tugend nannte. 6 Es schien, als ob die Dinge sich zum Bessern wenden sollten, als nach fünfjähriger Ehe Germaine ihr erstes Kind gebar, ein Mägdlein, dem sie ihre dunkeln und klugen Augen, Regnard sein wehendes Goldhaar mitgegeben. Eine Veränderung in tausend Lebensgewohnheiten bringt die Ankunft solch kleinen Geschöpfes immer mit sich, und für Germaine war es wichtig und gut, daß sie nun nicht mehr allein über grüblerischen Gedanken saß, sondern vollauf beschäftigt war in süßestem Tun. Regnard, der in seiner weichen Seele jeden Naturvorgang in einen Kunstgedanken umbildete, schuf Marienbilder in holdester Art, in denen er die tiefe Schönheit Germaines so ganz und gar zur Geltung brachte, daß man die kleinen Wunderwerke nicht ohne innige Rührung ansehen konnte. Und hier eiferte auch die Calvinistin nicht gegen die Darstellung des Göttlichen in Menschengestalt. Vielleicht begriff sie, daß in der Tat keine Lästerung darin lag, das Menschliche anzubeten in der Gestalt, wo es sich der Gottvollendung bis auf einen Schritt nähert: im Bilde der Mütterlichkeit. Sie nannten das Kind Benedikte. Es war ein Geschöpfchen, wie aus einer Lämmerwolke herabgeschneit, ein Engelsköpfchen, ein Blumenknöspchen, wie zarteres nie geträumt war. Regnard liebte es, wie nur ein so warmes, liebefrohes Herz ein Kind lieben kann, und ich brauche nicht zu sagen, daß er eine geraume Zeit die Tanzböden der Champs Elysees und sogar sein unentbehrliches Theater ganz vergaß und vernachlässigte. Es tut mir heute weh, die entzückenden Stunden zu schildern, die der beglückte Vater mit seinem erstgeborenen Kinde verlebte: diese Abende unter der kleinen Linde im engen Hofe hinter dem Hause, wo Germaine mit träumerischem Ausdrucke ihr ernstes Haupt an den Stamm des Baumes lehnte, während das Kind in ihrem Schoße und der Mann zu ihren Füßen mit lärmendem Jubel die Vögel im Geäste beschämten. Das goldene Haar des Vaters war Benediktens erstes Spielzeug; da krallten die kleinen Händchen in erstem Besitzgefühl sich fest, da kosten sie in erster unbewußter Zärtlichkeit. Und nicht selten wühlte sich das ganze rosige Gesichtchen des Kindes in dies goldene Bett hinein, so daß zwei schimmernde Köpfe in einem aufzugehen schienen, denn Benediktens Haar war nur um weniges Heller und fast ebenso lang und lockig wie das des Goldschmiedes. Dann lachten Vater und Kind in Glückesübermut; Germaine aber strich über das Lockengemisch und zog leise die Brauen zusammen wie jemand, der angestrengten Blickes in die Ferne sieht. Was tauchte da auf vor ihren bösen, hellseherischen Blicken? Ich weiß nicht, durch welche Verhältnisse es geschah, welche Zufälligkeiten mitspielen mußten, welche Härte auf der einen, welche Schwäche auf der andern Seite den Ausschlag gegeben haben mag, daß der schöne Friede wieder in Bitterkeit und Hader unterging. Miterlebt habe ich die Wandlung nicht, nicht als Augenzeuge kann ich die Gradleiter des wachsenden Verderbens markieren; denn der flandrische Feldzug rief mich um jene Zeit zum ersten Male von Paris hinweg zu neuem Erleben, und als ich heimkehrte, fand ich die Dinge im Goldschmiedehaus bereits arg im wüsten liegen. Da aber der Zug nach Namur von einiger Bedeutung für die weiteren Lebensschicksale Germaines, Benediktens und nicht zum mindesten für meine eignen war, so muß ich, ehe ich in der Geschichte Regnards fortfahre, von diesen glorreichen Tagen ein Mehreres vermelden. Es ist auch eine Erinnerung, bei der ich gerne verweile. Man weiß, mit welcher Bedeutung in diesem Jahre 1692 der flandrische Feldzug geführt wurde, und daß alles, was eine Waffe gebrauchen konnte, mit in die Reihen mußte. So kam auch meine Jugend zur unverhofften Ehre eines Leutnantpatents bei den Royal Roussillon, dem einen Regiments unter allen Regimentern der Welt, in welchem auch mein Kindheitsgespiele Philipp von Chartres, kaum älter als ich, sein militärisches Alphabet lernte, freilich in einer dem Titel nach höheren Rangstufe als ich. Mir sprang das Herz, als ich die Bestallung erhielt. Ich hatte Philipp seit jener Nacht in den Porcherons nicht mehr gesehen, es sei denn aus demütiger Ferne, aber ich hielt den feinen, stolzen Knaben mit der mächtigen Phantasie noch in teurem Andenken, und ich nahm es als eine besonders gnädige Fügung hin, daß ich unter seinen dunkeln und immer noch zwingenden Augen sollte kämpfen dürfen. Während des Zuges und auch während der ersten Tage im Lager von Mons bekam ich nun freilich meinen jungen Gebieter kaum zu Gesicht; ein rasches Aufleuchten seiner Blicke grüßte mich über die Reihen höherer Offiziere weg, wenn wir uns zur Meldung oder Empfangnahme des Tagesbefehles stellten; aber auch dieses karge Zeichen unveränderter Gesinnung freute mich, und ich dachte mir, daß die Gelegenheit, sich die Hand zu drücken, wohl kommen würde, dann, wenn jeder aussieht nach solchen, die er trotz Tod und Teufel treu nennen darf. Diese Gelegenheit kam freilich lange nicht. Denn es war, wie jeder Mitbeteiligte mir zugestehen wird, dieser Feldzug zu Anfang durchaus nicht so geartet, als ob es sich dabei um etwas Ernsthaftes handeln sollte; vielmehr – und das war die feine Taktik des Sonnenkönigs – schien es nur einem fröhlichen Turnier mit Sang und Klang zu gelten und etwa eine Fortsetzung der festlichen Revue zu sein, die wir ein Jahr vorher in Compiègne abgehalten hatten. Wie dort, so zogen auch hier die Damen des Hofes mit, denen der König in spöttischer Gefälligkeit den Anblick einer großen Truppenentfaltung versprochen hatte; und da der Gewaltige, wie man wohl weiß, auch auf Reisen und unter den ungünstigsten Verhältnissen eine vollkommene Pflege der Erscheinung und tadellose Hoftracht verlangte, so glich dieser Zug weit eher einem Triumphzuge des Eros als einer militärischen Expedition. Noch will ich ganz in Abrede stellen, daß es wirklich einer war. Niemand wird glauben wollen, daß Franzosen kalten Herzens unter den Augen schöner Frauen gewandelt seien, und wie tief wir uns der außerordentlichen Gunst einer solchen Fügung bewußt waren, und wie sehr wir suchten, ihrer wert zu sein, das bewies am besten die Haltung der Truppen während des Marsches. In Wetter und Unwetter zogen wir in geschlossenen Reihen einher, Sonnenbrand oder Regennässe entlockten uns keinen Seufzer, und ich glaube, es fiel nicht einmal der Bedeckungsmannschaft der Munitions- und Proviantzüge ein, ihre Musketen an die Fouragekarren zu hängen, so sehr fühlte sich jeder einzelne bis zum letzten Troßknechte hinab der Ehre teilhaftig, dem Feldzuge der Damen anzugehören. Dabei bekamen wir die letzteren oft tagelang nicht zu Gesicht, oder höchstens von ferne die bunten Reihen ihrer Karossen. Glaubwürdigen Berichten zufolge aber äußerte sich der gleiche Zauber auch rückwirkend auf die, so ihn ausgeübt. Ich habe bereits gesagt, daß der König auf Reisen strenge Hoftracht und gute Haltung verlangte: nie soll er zufriedener gewesen sein! Geputzt, geschnürt, gemalt saßen die niedlichen Wesen in ihren gläsernen Käfigen, lächelnd unter Hitze wie unter Ermüdung, eine mit der andern wetteifernd in fröhlichem Ertragen ungewohnter Anstrengungen. Sie hatten es freilich besser wie wir: denn sie konnten von den Wagen aus die schimmernden Reihen unsrer Truppen verfolgen, konnten die Farben der Regimenter unterscheiden und wer weiß, ob sie nicht genugsam über Stellung der Glieder und Folge des Aufmarsches unterrichtet waren, um innerhalb der einzelnen Gruppen wenigstens annähernd die Stelle zu finden, wo ein gewisser Mann stehen mußte; während wir Armen nicht einmal ahnen konnten, in welchem der blitzenden Glaskästen die eine, besonders Verehrte sich barg. Es befand sich unter den Ehrenfräulein, welche die Prinzessinnen begleiteten, auch jene immer noch schöne Hofdame, die ich bereits einmal respektlos als meine Liebste bezeichnet hatte. Sie war es noch immer, und ach! immer noch im gleichen Sinne! Sie war eine lachende Schönheit voll Uebermut und Siegesgewißheit, welche die Huldigungen des Jünglings hinnahm, wie sie die Schwärmerei des Knaben hingenommen hatte, fröhlich und freundlich, aber ohne etwas zu gewähren. Ja, ich war in diesem Punkte noch übler dran als vordem; da ich noch mit ungebrochener Knabenstimme meine kecken Grüße zu ihr hinaufgesandt hatte, war es doch manchmal geschehen, daß sie mich beim Schopf nahm und auf die Lippen küßte; aber in dem Maße, wie mein Kopf über ihre Schultern wuchs, wurde sie spröder und ich scheuer, und seit langem schon gab es für mich nichts Gutes mehr in ihrem überlegenen Gesichtchen. Ich dagegen ward mehr und mehr ihr Sklave und hatte nun auf diesen Feldzug allerlei Hoffnungen gesetzt, die ich während des ganzen Marsches mit glühender Phantasie nährte. Sobald wir uns der Grenze näherten, träumte ich von nichts anderm mehr als von räuberischen Ueberfällen feindlicher Soldaten auf die Wagen der Hofgesellschaft und von glorreicher Abwehr solcher Attacken durch – natürlich das Regiment, welchem ich zugehörte! Mir selbst hatte ich die beliebte Rolle des Führers und Retters in diesem Drama ausersehen, träumte mich in einen rasenden Kampf hinein, sah mich mit äußerster Not die Angebetete den Armen eines Entführers entreißen und empfing zehnmal in einer Stunde und jedesmal mit neuer, phantasievoller Detailmalerei den Todesstoß ins treue Herz – natürlich vor ihren Augen! Es war himmlisch! Ich starb mit solchem Entzücken und schwelgte sterbend in einer so unerschöpflichen Flut schöner Opernphrasen, daß die Wirklichkeit, die nicht immer gerade poetisch war, glatt über mich wegging, und ich von der Länge des Marsches, von Staub, Sonnenglut, Regen, Hunger oder wundgelaufenen Füßen auch nicht das geringste spürte. Ich war neunzehn Jahre alt! Und war wohl gewiß nicht der einzige, der so träumte, noch vielleicht der Kühnste. Endlich erreichten wir Mons, und ein Hundertteil unsrer Träume sollte sich erfüllen. Nun, ein Hundertteil von dem, was ein neunzehnjähriges Herz ersehnt, ist recht viel; und diese drei Tage der Revue von Mons waren eine goldene Zeit. Dem hübschen Städtchen sah man es nicht mehr an, daß nur wenige Monde zuvor hunderttausend Mann im blutigsten Kampfe um seine Mauern gerast hatten; unter dem maifrischen Grün der rankenden Zweige waren die Schäden unsichtbar geworden, die französische Mitraillen da und dort in das Gemäuer geschlagen; holländischer Fleiß und Ordnungssinn hatte an die Stelle brandgeschwärzter Ruinen wieder blanke Häuschen gezaubert, in denen die Damen des Hofes nun reinliche und behagliche Quartiere fanden, und über die Felder, die unsrer Rosse Huf zerwühlt und unsrer Männer Blut gedüngt, wogte leise rauschend eine neue Saat, die freilich nur zu schnell wieder dem Verderben verfiel, wenn auch keinem so mörderischen. Denn auf dem Schlachtfelde des vergangenen Jahres sollte sich nun ein Schauspiel entfalten, wie solches nur der größte Fürst aller Zeiten, und dieser nur in den glorreichsten Tagen seines Lebens, in Szene zu setzen vermochte; nie zuvor ist etwas Aehnliches gesehen worden, wird nie später wieder gesehen werden. Man denke sich vor allen Dingen einen weißen Riesenvogel, der mit ausgebreiteten Schwingen auf dem grünen Lande liegt; das Gefieder dieses Monstertieres besteht aus reinlichen Reihen schimmernder Zelte, bunter Fahnen, blitzender Waffen, und die Spannung der Flügel, die in schönem Bogen lässig über der Erde zu ruhen scheinen, beträgt über drei Meilen. So erschien, von der Stadtmauer von Mons oder von dem Giebelfenster irgendeiner Windmühle aus gesehen, die Aufstellung des Lagers, dessen rechten Flügel die Armee des Königs, dessen linken die nicht minder prächtige und zahlreiche des Marschalls Luxembourg darstellte. Den Kopf des Ungeheuers etwa bildete das Dorf Gevries, dessen spitzer Kirchturm wie ein klagend gen Himmel gerichteter Schnabel in die helle, goldige Juniluft emporragte. Wie aber flimmerte und funkelte das Gefieder des Gigantenvogels, wie schien er sich zu schütteln und farbige Tautropfen wie Edelsteine von seinen Schwingen zu regnen am Morgen jenes Tages, von welchem ich jetzt erzählen will! Im flachen Talgrunde, auf dem smaragdenen Teller der Saatfelder rollte der Edelsteinregen zusammen, sammelten sich die vielerlei bunten Bächlein zu einem Strome von brausender Flut, tausendfarbig und leuchtend, wie nie ein Meer bei Sonnenuntergang geprangt hat. Leise erhob sich aus den zerstampften Feldern ein feiner Staub, goldflimmernd, wie ihn die Sonne durchschien, und wallte wie ein zarter Schleier über dem Bilde, alle Einzelheiten in einer sanften Verschmelzung auflösend. Wo die Bewegung der Massen diesen Schleier durchriß, da flammte jählings eine Farbengarbe auf, der Goldschmuck eines königlichen Regimentes, eine glänzende Woge gedrängter Pferdeleiber mit wehenden Schweifen und Mähnen, ein Wald blitzender Lanzen mit flatternden Fähnlein dran, eine Schaumwelle weißer Federbüsche oder auch ein tieferer Farbton dunkler gekleideter schottischer oder korsischer Regimenter. Gleich aber schloß sich der helle Duft wieder, und still und stet zog unter ihm der leuchtende Strom dahin – wißt ihr, wie lang? und wißt ihr, wie breit? Acht Meilen war die herrliche Linie lang, und in ununterbrochener Bewegung rollte sie sich ab die ganze Dauer eines Junitages durch, dort auf den Feldern von Gevries. Erst als Land und Himmel in der violetten Tiefe der Sommernacht versanken und das Gefieder des Riesenvogels von tausend Feuerlein hell wurde, als hätte er alle Glühwürmchen der Welt auf seine Schwingen geladen – erst als hinter den schwarzen Mauern von Mons, das in der Ferne schlummerte, die silberne Mondscheibe aufstieg, war König Ludwigs herrlichste Heerschau zu Ende. Es war ein heißer Tag gewesen für uns, die wir in dieser Vorstellung mitgewirkt; die Waffen waren schwer, die Sonne warm, der Ackerboden schollenreich gewesen. Aber so müde war kein französischer Edelmann, daß er es sich hätte nehmen lassen, die Damen, die zur Betrachtung der gebotenen Herrlichkeit nach dem Lager des Königs gekommen waren, nach ihren Quartieren in Mons zurückzugeleiten. Zwei Meilen im Mondschein mit einer geliebten Frau am Arme: so lächerlich kurz war mir noch kein Weg erschienen! Auch die Damen mochten müde sein. Es gab keinen Schatten zwischen den Zeltreihen, und wie es innerhalb eines Zeltes aussieht, wenn die Sonne auf die Leinwand brennt, weiß jeder. Mit seidenen Stöckelschuhen hatten sie, die armen Dinger, Stunde um Stunde auf dem zerwühlten Boden des Lagers umhertrippeln müssen. Aber so müde waren wenige von ihnen, daß sie den Weg nach Mons in den Hofkarrossen hätten zurücklegen wollen. Ich weiß nicht, wie viele und wer von ihnen es getan haben; die eine, die für mich alle bedeutete, ging jedenfalls zu Fuße und in meiner Begleitung. Ich weiß nicht, warum ich bei dieser Nachtwanderung plötzlich an eine ähnliche, Jahre zurückliegende denke: an die verbotene nach den Porcherons. Hat sich der Vergleich erst später in mir festgesetzt, weil beide Wege zu einer kleinen Schicksalswendung geführt haben? Ich weiß es nicht mehr genau, aber mich dünkt doch, er sei schon in jener Nacht in mir aufgetaucht. Eine kleine äußerliche Aehnlichkeit war ja vorhanden. Die flache holländische Gegend glich ein wenig dem Marschlande vor den Toren von Paris, da und dort gemahnte ein Hügel an den Montmartre mit seinen Windmühlen, der weiße Mondnebel in der Ferne deutete einen Flußlauf an, und ein bretternes Brückchen über irgendeinen Bach hätte Pont d'Arcans sein mögen. Der dunkle Schattenriß von Mons mit seinen paar Türmchen war freilich nicht mit dem gewaltigen Nachtbilde von Paris zu vergleichen; und wenn ich rückwärts gewendet das Dorf der Porcherons mit seinen matten Lichtlein suchte und erblickte statt dessen die rotdurchglühte Rauchdecke, die über dem ungeheuern Lager stand, so konnte ich den Vergleich nicht weiterführen. Dagegen war dann die Stimmung doch wieder ein bißchen dieselbe wie damals: wir begegneten häufigen Liebespärchen im buschigen Gelände, und in mir selbst war, ganz wie in jener Nacht, ein unbeschreibliches Gefühl süßen Schuldbewußtseins, seliger Angst lebendig, das mich wie in einem Traume befangen neben meiner Schönen dahinschreiten ließ und Geister erwarten, die aus den hellen Dünsten der Mondnacht allenthalben auftauchen konnten. Wir wandelten langsamen Schrittes, den ich noch zu verzögern suchte durch häufiges Stehenbleiben, indem ich meiner Angebeteten noch einmal alle Einzelheiten der Heerschau darlegte und zu erklären bemüht war. Die Talfläche, in welcher die Revue abgehalten worden war, lag schneeweiß beleuchtet vor uns, so daß man sich mühelos die ganze Aufstellung gegenwärtig halten und jede Bewegung rekonstruieren konnte. Die Dame, die vielleicht, wie manche ihres Geschlechtes, dem großen Schauspiele nur beigewohnt hatte, um selbst gesehen und bewundert zu werden, und nicht um mit eignen Augen etwas Verständiges zu sehen, legte eine rührende Unwissenheit in bezug auf militärische Wissenschaft an den Tag und gab mir Gelegenheit, sie in allerlei Dingen zu unterweisen; wobei ich denn zum ersten Male das süße Gefühl männlicher Ueberlegenheit ihr gegenüber genießen durfte. Dieses brachte meine Stimmung schon auf eine gewisse Höhe, und eine beträchtliche Steigerung trat noch ein, als das Fräulein nun ihrerseits den Eindruck zu schildern begann, den der Anblick der gewaltigen Heermassen auf sie gemacht, wobei ich mir denn nicht anders vorkam, als verkörpere ich allein die ganze Kraft dieser Hunderttausende in mir und als gälte die Bewunderung, die in diesem Augenblicke das Weib dem Bilde der tüchtigsten Männlichkeit zollte, einzig meiner schmächtigen Person. Ganz gefährlich aber wurde die Sache nun, als wir beide anfingen, über das voraussichtliche Schicksal all dieser blühenden Jugend in Rührung zu geraten. Wir wußten ja, daß uns in wenigen Tagen eine ernsthafte Aktion bevorstand, die all die frohe Pracht der stolzen Armee in ein Gewühle blutiger Leiber verwandeln konnte, und ich verfehlte nicht, diesen Gedanken recht liebevoll auszuspinnen, indem ich der Holden die Straße von Namur zeigte, die man ganz deutlich zwischen den Büschen aufblitzen sehen konnte, und die wir in wenigen Tagen beschreiten sollten, um sie vielleicht nicht wieder zurückzuwandeln. Das Fräulein erschien ernstlich bewegt, ließ mir willig die schöne Hand, die ich an mein Herz preßte, und blickte mich traurig und milde an; ja, mir war, als hätte ich in ihren Augen Tränen im Mondlicht glänzen sehen. Schon wollte ich mit zitterndem Herzen die glückliche Stunde fassen und die endlich gewonnene Freundin in die Arme nehmen, als sie plötzlich sich losriß, zurücksprang, und mit einer Bewegung, die freilich zu meinem Troste den unzweideutigsten Aerger ausdrückte, den Feldweg hinabwies, auf welchem jetzt, pechschwarz im weißglühenden Mondscheine sich abzeichnend, zwar kein Geist, aber die Pfaffengestalt des Geschichtschreibers Racine daherkam. Es war dies jener selbe Mann, der Sohn des Salzkontrolleurs aus La Ferté, der seinerzeit durch gefühlvolle Tragödien so berühmt gewesen war und für den mein Knabenherze auch einmal geglüht hatte, wenn ich im Vereine mit Regnard manche rührende Szene aus seinen Werken deklamiert hatte. Seit er im Lager herumschnüffelte und Notizen machte, war der Mensch mir odios geworden, und daß ich ihn in diesem Augenblicke mit herzlichem Widerwillen empfing, wird mir jedermann glauben. Obendrein bot er einen jammervollen Anblick; sein ohnedies grünes Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob er sich erbrechen wolle, und seine Gestalt schlotterte ordentlich; es brauchte kein Tageslicht, um zu erkennen, daß dem Geschöpfe sterbensübel war. Zu meinem rasenden Verdrusse gesellte sich das Schreckensbild ohne weitere Aufforderung zu uns und begann alsbald eine klagende Aufzählung all der Verdrießlichkeiten und Mühsale, welche die Reise und das Lagerleben nach sich zog. Die Erde war feucht, das Zelt schwül, das Feldbett hart, die Kost nicht gewürzt, das Fleisch zu roh; Luft und Boden wimmelten von Insekten, den Soldaten war Nachtruhe ein so leeres Wort wie den Flöhen, und die Maultiere, die bekanntlich alles Ungewohnte mit Protest empfangen, hatten auch kein rechtes Verständnis für den Zweck der nächtlichen Koppeln. Das Brot roch nach dem Rauche des halbtrockenen Strauchwerks, an welchem es gebacken wurde, die Schokolade war ein unappetitlicher Brei geworden, im Wein aller Satz aufgeschüttelt, die Konfitüren voll Staub und Sand. Ich mußte trotz meiner Wut über den Jammer dieses Menschen lachen und konnte mir nicht versagen, ein paar Stellen aus seinen Dichtungen zu zitieren, die ich dank häufiger Wiederholung unter Regnards Antrieb im Kopfe behalten hatte und die von Tatendurst und Todesrausch nur so donnerten. Mein Fräulein kam mir mit gleichen Gedächtnisübungen zu Hilfe, und so haranguierten wir um die Wette den erbärmlichen Wicht mit seinen eignen schlechten Versen, bis er windelweich und demütig seine Schuftigkeit abbat. Ich fragte ihn zornig, ob die ganze Pracht und Größe des heutigen Schauspieles denn nicht imstande gewesen wäre, seinen Gedanken eine höhere Richtung zu geben als auf feuchte Matratzen und verdorbene Konfitüren; worauf er jammernd erwiderte, gerade der Anblick all dieser frohen jungen Kraft habe ihm Uebligkeiten verursacht, als er sich vorgestellt hatte, in welchem Zustande – wenn überhaupt! – die meisten dieser Jünglinge nach Frankreich zurückkehren würden. Das war nun zwar im wesentlichen dasselbe, was wir auch gedacht hatten, aber so ausgedrückt und aus diesem Munde widerte es uns so schal an, daß wir beide erbittert über ihn herfielen und ihm jedes Gefühl für Ehre und Ritterlichkeit absprachen. Wir malten leidenschaftlicher und wortreicher, als es der Schwächling je in seinen schwülstigen Tragödien getan hatte, die Glorie des stillen Heldentums fortgesetzter Entbehrungen und die stolze Wonne des Gedankens an jene, welche Frankreichs Erde nicht mehr betreten, sondern mit ihren Leibern das eroberte Land für alle Zeiten weihen würden. Der Schreiber zog eine spöttische Grimasse und ergriff vor unsrer Beredsamkeit die Flucht; wir aber, durch die Störung erst gereizt, jetzt auch noch durch die gewaltsame Steigerung des bereits vorherrschenden Todesgefühles aufs höchste gespannt, sanken uns weinend in die Arme und schwelgten in der tränenvollen Seligkeit schmerzdurchzitterter Küsse. Es versteht sich von selbst, daß die Nachtpromenade jetzt nicht schneller vonstatten ging als vorher. Wir standen oder saßen erheblich mehr, als wir gingen, und zu jedem Stillestehen im Mondschein, zu jeder trunkenen Rast im Schatten einer Hecke steckte eine wachsende Erfahrung ihren Markstein, so daß ich die Stationen heute noch wiederfinden und aufzählen könnte. Es war aber kein Glücksweg, wie mancher wohl meinen mag! Es waren die Leidensstationen einer Jünglingsseele, vor der Zug um Zug alle unedeln Tiefen eines ruchlosen Frauenherzens sich entschleiern, die Grad um Grad, an dem verehrtesten Wesen die Verwandlung vom Engel zum Tier mit ansieht und voller Entsetzen und in hilfloser Angst sich selbst in diese Verwandlung hineingerissen fühlt, ohne der schauerlichen Süßigkeit des Naturvorganges wehren zu können. So muß den Freiern der Kirke zumute gewesen sein, wenn sie sich selbst und ihre Genossen betrachteten; doch hatten diese wenigstens den einen Trost, daß Kirke selbst unwandelbar schön und rein blieb, während diese –! Kurz, es liegt mir heute noch, nach fünfzig Jahren, ein bitterer Geschmack im Munde, wenn ich an diese ersten Liebeslehren meines Lebens denke, und darum will ich mich knapp fassen mit der Beschreibung dieses Erlebnisses. Genug gesagt, daß wir das Stadttor von Mons erst in tiefer Mitternacht erreichten, um es geschlossen zu finden und das Lichtlein im Wächterstübchen erloschen. Wir pochten und riefen eine lange Zeit, und noch war in mir eine ehrliche Besorgnis um den Ruf der schamlosen Frau an meiner Seite. Dann, als alles erfolglos blieb, setzten wir uns in den Schatten eines Haselbusches am Fuße der Stadtmauer, wo die vollständigste Dunkelheit uns umhüllte; dort schlug ich meinen Mantel um die Lachende – ja! die Lachende! –, damit der Nachtwind ihre leichten Gewänder nicht lüfte, und warf mich abseits auf mein Gesicht, das ich glühend vor Scham und Ekel in die harte fremde Erde hineindrückte. Ich weiß nicht, ob jeder Mann einmal in seinem Leben diesen Sturz erleiden muß, diese bitterste Erkenntnis, daß die Natur uns mit den höchsten und reinsten Gefühlen nur äfft, um ihr niedriges Spiel zu gewinnen. Ich weiß auch nicht, ob jeder Mann so sehenden Auges in den Abgrund fällt wie ich, der ich gleichsam im Fallen die Felszacken zählte, an denen je ein Stück meiner edeln Gesinnung hängen blieb, wie ich vorübersauste. Wie mein eigner Doppelgänger neben mir hergehend, hatte ich inmitten der lasterhaften Seligkeit an mir selbst alle Grade der Gemeinheit beobachten müssen, in die das wissende und begehrliche Weib, das ich vergöttert hatte, mich langsam und zielbewußt hineinzog. Ich war längst kein unverdorbener Junge mehr gewesen, dafür hatte Paris, dafür das Pagenkorps gesorgt: aber ich hatte diese Frau, hatte meine Liebe zu ihr für rein gehalten und saß jetzt in heller Verzweiflung über der vernichtenden Erkenntnis brütend, daß alles Schmutz und Niedrigkeit sei und ich in meinen besten Gefühlen nicht mehr wert als irgendein Wüstling, der ohne das Truggeflimmer hoher Empfindungen auf sein Ziel losgeht. Germaines hartes Gesicht und ihre verächtlichen Worte standen jetzt richtend vor mir. Und sie haben bewirkt, daß ich die Frau neben mir, die mir bereits wieder ihre kosenden Lippen näherte und mich flüsternd einen dummen Jungen nannte, endlich doch von mir stieß und allein unter dem Haselbusch den Tag erwarten ließ, indes ich in geringer Entfernung von ihr auf und nieder wandelte, bis der Himmel sich rötete und das Stadttor von Mons in seinen mächtigen Angeln kreischte. 7 Die wenigen Tage, die wir nach der Heerschau noch in Gevries zubrachten, vermied ich das Hoflager und vermied Mons; ich suchte die äußersten Posten der Luxembourgschen Armee auf und trieb mich früh und spät unter savoyardischen und korsischen Söldlingen umher, deren Sprache ich nicht verstand, deren wildes und prahlerisches Wesen meiner Weltverachtung aber willkommene Nahrung bot. Ich war in dem Alter, wo die Natur nach allen Seiten hin übertreibt; und war ich von Paris bis Mons auf Flügeln der Begeisterung gezogen, so schleppte ich mich von Mons bis Namur, wie ein wundes Tier, im tiefsten Staube vollständigster Ernüchterung und Hoffnungslosigkeit. Die Damen waren nach Dinant geschickt worden, und ich beneidete die Ritter nicht mehr, die sie dahin begleiten durften. Wir hatten einen Marsch von fünf Tagen bis Namur zurückzulegen, und es folgten zehn weitere der Untätigkeit und der Langeweile. Es mag sein, daß es nur mir so schien. Es gab Knaben meines Alters in der Armee, die von den kleinen Angriffen unsrerseits, von den erfolglosen Ausfällen der Besatzung von Namur, bei denen kaum ein Mann verloren ging, in solchem Tone sprachen, als wären es gewaltige Aktionen voll unerhörter Heldentaten gewesen. Ich war in einem Zustande, wo man die Dinge nicht sieht, wie sie wirklich sind, sondern weit unter ihrem Werte. Ich will daher von der Belagerung von Namur, die mir nur wie eine alberne Katz- und Mauskomödie mit einem ganz unwürdigen Gegner vorkam, nichts erzählen; ich würde zu viel entstellen; ich will nur das sagen, daß mir die trunkenen Prahlereien meiner Kameraden, die von einer Schanze zur andern täglich eine Odyssee erlebten, so in Grund und Boden zuwider waren, daß ich mich von meinen Posten, von Zelt, Mahl und Würfelspiel, ja selbst von Rapport und Parole-Verteilung hinwegschlich, so oft ich konnte, um außerhalb des Lagers die Einsamkeit zu suchen, die ich brauchte, um meine wirren und trüben Gedanken zu Ende zu denken. Ich geriet am vierten oder fünften Tage der Belagerung, da ich in der eben beschriebenen Stimmung nach dunkeln Wegen suchte, in ein Waldsträßlein, das hügelauf aus dem goldenen Glast der sommerlichen Ebene in ein schönes Reich alter und dickstämmiger Bäume führte. Bald gewahrte ich, daß ich nicht in eine Republik, sondern in einen säuberlich geordneten Staat geraten war, wo eine vorherrschende Aristokratie prächtiger Gewächse, worunter auch exotische waren, das niedrige Gesindel plebejischer Wildlinge ganz und gar ausgerottet oder wenigstens unsichtbar gemacht hatte, wie es in einem rechten Staate sein muß, trotz Brutus und Cato. Ich hatte mich, weiß nicht durch welche Wunderpforte, in den Park des Klosters Marlaigne verirrt, und wandelte nun, etwas erstaunt, aber mit einem wohligen Gefühle des Behagens an der reinlichen Zierlichkeit, die mich umgab, durch die schönen Laubgänge dahin. Mir ward stiller und besser zumute, da ich Menschen und Menschenbehausung nicht mehr sah, nur die klaren, feingezeichneten Baumgruppen auf dem hellgrünen Rasen, den schwärzlichen Teich unter Weidenschleiern oder einen leise plätschernden Wasserstrahl, der wie ein gefangener Sonnenfunke irgendwo im Dämmer aufblitzte. Es gab Ausschnitte im Gehölz, durch welche man auf Stadt und Schloß Namur hinüberblicken, von Hügel zu Hügel grüßen konnte; trat man da oder dort aus den Gebüschen, so konnte man auch die Ebene mit dem Lager sehen, das jetzt keinen Vogel mit träge ruhenden Schwingen mehr darstellte, sondern kompakte und seltsame Figuren, die nur jene verstanden, welche die Aufstellung angeordnet hatten: Vauban und Luxembourg. Aber alles war durch die Ferne verzaubert, ins Artige und Reinliche umgewandelt und gleichsam seiner wirklichen Bedeutung entwendet, so daß Stadt und Lager nur ein anmutiges und ganz und gar friedliches Bild boten, das man durch die Lichtungen des vornehmen Parkes gern betrachtete. Neue Aussichtspunkte lockten mich weiter und weiter, bis plötzlich der Ton eines Glöckleins in meiner nächsten Nähe mich erschreckte, meine Aufmerksamkeit von der Landschaft ab- und dem Dickicht eines Gehölzes zulenkte, zwischen dessen roten Fichtenstämmen jetzt ein kleines weißes Häuschen aufleuchtete, dessen Dach ein winziges Glockentürmchen trug, und das ich alsbald als eine Mönchszelle erkannte. Ich wagte nicht, mich der frommen Behausung zu nähern, sondern wandte mich in entgegengesetzter Richtung neuen Waldpartien zu, die sich am Ende einer jener herrlichen Wiesen, an denen der Park so reich war, eröffneten. Aber bereits rief ein zweites Glöckchen mich an, und weitereilend, vernahm ich auch noch ein drittes, alle von demselben überaus süßen und kindlichen Tone. Ich stieß alle hundert Schritte weit auf solch ein Einsiedlerhäuschen und war bald am sechsten oder siebenten vorbeigeschritten, als mir plötzlich der Gedanke kam, in einer jener Wohnungen der Buße einzukehren und mein eignes anklagendes Herz zu erleichtern. Der Eingebung des Augenblicks folgend, lenkte ich unverweilt den Schritt zurück nach einer der Eremitagen, wo ich mich erinnerte, im Vorbeieilen den Bewohner im Gemüsegärtchen tätig gesehen zu haben. Ich fand ihn daselbst auch wieder, mit gekrümmtem Rücken einen Spaten handhabend und so streng mit Blick und Geist von allem außer seiner Arbeit abgekehrt, daß ich eine ganze Weile zusehend neben ihm stehen konnte, ohne daß er meiner gewahr wurde. Das war mir lieb; denn es war mir beim Anblick seines durchaus nicht anziehenden, harten Gesichtes plötzlich ein Bedenken gekommen, meine Beichte vor diesem Manne abzulegen, und ich bedurfte einiger Minuten, um meinen Mut zu sammeln und zu erwägen, was ich eigentlich wollte. Er blickte auf, während ich noch in diesem inneren Kampfe begriffen war. Wunderbarerweise erinnerte mich etwas in seinen kalten Augen an Germaine, wie ich sie das erstemal auf dem Pont de la Tournelle gesehen, als sie mich mit so gerechter Verachtung behandelt hatte; und da ich ohnedies in diesen Tagen der Zerknirschung viel an sie gedacht und ihr eine gewisse Richterschaft über mich zugestanden hatte, so gewann mich der Blick des Mönchs, daß ich in einer raschen und warmen Empfindung an ihn herantrat und seine Hand zu küssen suchte. Der Barfüßer indes duldete diese Begrüßung, die ich einem Träger seines Kleides schuldig zu sein geglaubt hatte, keineswegs, sondern trat zurück und fragte mich in einer rauhen und bäuerlichen Sprache, was ich wolle. Meine Antwort, obgleich dem ehrlichsten inneren Empfinden entsprungen, mag etwas theatralisch geklungen haben, denn er lächelte, ganz wie Germaine, äußerst höhnisch und antwortete, für Sünder meines Schlages seien die Jesuiten da, der Buße, die sein Orden verhängte, würde ich mich wohl kaum unterziehen wollen. Leider fühlte ich, daß der Mann recht hatte: denn während mein Auge die dürftige Behausung, das grobe Kleid und die schwieligen Hände des Bruders betrachteten, hatte ich mich bereits mit einem heimlichen Schauder gefragt, was denn an einem solchen Leben überhaupt noch lebenswert wäre. Bei den Worten meines Richters fuhr mir mit unheimlicher Klarheit die Erkenntnis in die Seele, um welchen Preis einzig und allein Reinheit in dieser Welt zu erkaufen wäre, und daß ich nie imstande sein würde, diesen Preis zu bezahlen. Ich schwieg in äußerster Bestürzung und wagte nicht mehr dem Mönche ins Gesicht zu blicken; dennoch blieb ich vor ihm stehen, von einer dunkeln Sehnsucht gebannt, noch ein gütiges Wort von diesen allzu gerechten Lippen zu vernehmen. Dieses erfolgte denn auch, nachdem der Mann eine geraume Zeit seiner Spatenarbeit gepflogen hatte, ohne mehr auf mich zu achten; es schien, als ob mein Schweigen ihn gerührt habe, denn er begann mich zu loben, daß ich mich phrasenhafter Beteuerungen enthalten habe. »Am Ende ist es dir doch ernst,« sagte er, mich mit festen Blicken gleichsam durchdringend. »Laß einmal hören, was du Gelbschnabel schon verbrochen hast.« Ich begann meine Liebesgeschichte, die er geduldig anhörte, aber öfters durch ein kurzes und hartes Lachen unterbrach, das mich stutzig machte. Es dünkte mich immer wieder, als ob er meinen Gram nicht für berechtigt nehmen wollte, als ob er die ganze Sache, die so vernichtend auf mir lag, als eine höchst lächerliche und verächtliche Albernheit betrachtete – und zu meinem Verdrusse und Erstaunen schien sie nun auch mir so, je weiter ich in meiner Erzählung gelangte. Ich mußte zum ersten Male die Erfahrung machen, wie seelische Vorgänge zusammenschrumpfen, sobald man sie in Worte zu fassen sucht, und daß die Qual eines Gedankens oft nichts weiter ist als eine große Brummfliege, die, in der hohlen Trommel eines unbeschäftigten Kopfes eingeschlossen, ein so wahnsinniges Getöse vollführt, daß wir darüber zu bersten glauben. Oeffne den Mund, und die Fliege entschlüpft! So ging es mir auch an jenem Tage im Kloster zu Marlaigne. Als ich geendet hatte, kam ich mir wie ein großer Esel vor und stand feuerrot und verlegen vor dem Barfüßer, dessen derbes Gesicht jetzt ein entschiedener Ausdruck von Wohlwollen, gepaart mit einer feinen Heiterkeit, verschönte. »Ich breche mein Gelübde ewigen Schweigens nicht oft,« sagte er endlich mit freundlicherem Tone, als ich zu erwarten gewagt hätte; »aber wenn ich es tue, so nehme ich an, daß Gott es mir geboten habe, um durch meine Stimme, die er mir nur zu diesem Zwecke wiedergibt, irgendeinen armen Toren auf den rechten Weg zu weisen. Das ist nun heute sicherlich der Fall. Ich will dir eine Buße auferlegen, du Schlingel, an der du gesund werden sollst. Willst du mir in die Hand hinein versprechen, daß du sie getreulich vollziehen wirst?« Ich hatte solches Vertrauen zu dem Mönche gefaßt und fühlte mich durch den Ton seiner Worte seiner Vergebung so sicher, daß ich bereit war, ihm sogar aufs Kruzifix zu versprechen, was immer er von mir verlangte. Ich sprach dies rasch aus; er aber wehrte mich mit einer leichten Bewegung des Unwillens ab. »Die Hand tut's auch,« sagte er ernst. »Das Kruzifix wollen wir für Sünder deiner Art nicht mißbrauchen. Hier schlage ein, und wenn du ein Mann bist, so muß dir das gelten wie Kruzifix und Bibel.« Ich ergriff seine Rechte und schaute ihm mit leichtem Herzklopfen erwartungsvoll ins Gesicht. »Gib genau acht, was ich dir sage,« fuhr er fort. »Deine Buße soll darin bestehen, daß du nie mehr eine Frau oder Jungfrau küssest, die dir beim Kusse mit den Lippen entgegenkommt oder gar dieselben dir unaufgefordert darbietet. Dieses hast du mir zu geloben, und es entbindet dich von diesem Gelübde einzig der erste Kuß deiner rechtlich angetrauten Frau; von diesem Tage an sollst du frei sein, und für sie gilt dein Versprechen nicht. Hast du mich verstanden, und willst du die Buße auf dich nehmen?« Verstanden habe ich den guten Mann nun freilich erst viele Jahre später; aber das Versprechen, das mir nicht allzu schwer zu erfüllen schien, gab ich unverweilt, wenn auch in begreiflicher Verwirrung über diese höchst seltsame Art einer Kirchenstrafe. Der Mönch schüttelte mir noch einmal kräftig die Hand, klopfte mir dann einige Male herzhaft den Rücken und entließ mich, indem er mir noch einen Richtweg nach dem Lager hinab wies, auf welchem ich den Klosterpark verlassen konnte mit Vermeidung der Hauptgebäude, was bei der Gesinnung der flämischen Mönche gegen unsre Armee keine überflüssige Vorsicht war. Während ich nun durch das krause Buchengehölz hinabstieg, begann ich über das Gelübde nachzudenken, das ich dem guten Bruder soeben gegeben hatte, und frug mich, welchen Zweck er dabei wohl im Auge gehabt haben mochte. Denn daß eine List dahinter steckte, schien mir gar nicht ausgeschlossen, wiewohl ich ohne weiteres geneigt war zu glauben, daß es nur eine wohlwollende sein konnte. Ich machte mich also daran, meine annoch spärlichen Kußerfahrungen durchzugehen und zu sichten – und blieb mitten in dieser löblichen Beschäftigung plötzlich wie angewurzelt stehen, siedendheiß vom Wirbel bis zur Sohle und mit jenem eigentümlichen, höchst peinlichen Gefühl machtloser Wut, das den Menschen befällt, wenn er sieht, daß man ihn zum besten gehabt. Das Resultat meiner innerlichen Kußrevision war nämlich nichts Geringeres gewesen als die beschämende Erkenntnis, daß ich bisher überhaupt nur geküßt worden war, niemals eigentlich selbst geküßt hatte, wenigstens was den Anfang jedes derartigen Unternehmens betrifft; ist man einmal im Zuge, so verwischt sich freilich die Grenze zwischen Aktivität und Passivität ein wenig, und ich könnte keinen Eid ablegen über das Verhältnis derselben. Aber, Zofe hinter der Türe oder Edelfräulein beim Pfänderspiel – alle, die mein verliebtes Knabenherz umschlossen hatte, alle hatten mich zuerst geküßt. Ich erinnerte mich noch deutlich der tage- oder wochenlangen Sehnsucht, mit welcher ich diesen Moment erfleht hatte, und des leisen Bebens seliger Ueberraschung, das ich jedesmal empfunden hatte, wenn die begehrten Lippen langsam sich näherten. Und ganz unmöglich war es mir, einen derartigen Vorgang in andrer Abwicklung, als die bisher stattgehabte, mir vorzustellen. Wie um alles in der Welt sollte ein Mann wissen, ob er eine Frau küssen darf, wenn sie ihm nicht den Mund bietet? Der Gedanke aber, eine Zurechtweisung oder Abwehr erleiden zu müssen, erschien mir so furchtbar, so unausdenkbar und vernichtend, daß ich lieber freiwillig auf jeden Kuß verzichtet hätte, als mich solch einer Beschämung auszusetzen. Kurz – es war klar, daß der perfide Mönch mit seiner harmlos scheinenden Buße mir eine tückische Falle gelegt hatte, in die ich Tölpel auch richtig gegangen war, und daß ich fortan mein Leben in schauderhafter Kußlosigkeit würde verbringen müssen. Mit sehr gedrückten Gefühlen und ganz kleinlaut vor Beschämung langte ich endlich im Lager an, und diesen Abend betete ich wirklich vor dem Schlafengehen ein verwirrtes und frevelhaftes Gebet, es möchte doch eine englische Kugel meinem ganz und gar verfahrenen Leben ein gnädiges Ende bereiten. 8 Der gute Gott erhört glücklicherweise solche Gebete nicht; aber er gibt dem törichten Kinde, das über ein zerbrochenes Spielzeug weint, lächelnd ein neues, und meist ein schöneres in die Hand. So ist es auch mir gegangen. Bereits den folgenden Tag wurde meine trübe Stimmung durch die Einnahme der Stadt etwas zerstreut. Freilich nicht mehr als zerstreut. Siegestrunkenheit lag uns allen fern, zur Begeisterung hatten wir herzlich wenig Grund; denn die Belagerung der Stadt war ohne große Taten auf beiden Seiten fast naturgemäß verlaufen, und die Uebergabe bedeutete für uns keinen Erfolg. Die Besatzung hatte sich ins Schloß Namur zurückgezogen, und dieses zu brechen war bei weitem der härtere und langwierigere Teil der Aufgabe, der wir uns unterzogen hatten. Ueber die Schwierigkeiten, die wir diesem bisher nie eroberten Felsbau, seiner günstigen Lage und vortrefflichen Versorgung gegenüber hatten, war kein Mensch in der Armee im Zweifel. Wir gingen deshalb allesamt mit feierlichen Gesichtern einher, die mehr versprachen, als unberechtigter Jubel verheißen hätte; wo zwei sich begegneten, tauschten ihre Augen denselben Gedanken aus: es wird Ernst. Wie groß und unerhört aber die Mühsal sein würde, die unser wartete, und wie erniedrigend, aufreibend und unwürdig dazu, davon hatte keiner von uns eine Ahnung. Die nächsten Tage vergingen noch anregend und vergnüglich genug unter neuer, für die Belagerung des Schlosses zweckmäßiger Aufstellung der Armee, wobei wir freilich zu meinem inneren Verdrusse in ziemliche Nähe des Klosters Marlaigne zu lagern kamen, dessen Einsiedlerglöcklein wir nun in der abendstillen Luft zittern und schwirren hören konnten, als wir das erstemal in den neuerstellten Zelten zur Ruhe gingen. Die leisen Töne weckten mir nicht gerade liebliche Träume. Am Morgen darauf erwachte ich an einem wohlbekannten rauschenden Schwingen der Zeltwände, das von darüber niederströmenden Regengüssen herrührte. Von schlimmer Ahnung gefaßt, blickte ich zu einem einfarbig bleigrauen Himmel empor. Ein vorübergehender Soldat rief mir das Wort: »Sankt Medardus!« zu, und ich antwortete in ehrlicher Bestürzung: »Das kann gut werden!« Den ersten Tag ging die Sache noch an. Der Boden innerhalb der Zelte war wenigstens noch trocken, Lagerstatt und Kleidung noch leidlich brauchbar. Aber bald drang die regengeschwängerte Luft in alle Winkel und durch alle Kleider bis in die Knochen der Menschen und Tiere. Aus Mänteln und Decken rieselte die Feuchte, Bettlaken und Matratzen strömten eine schauerliche Kälte aus, und des Nachts dampften sie dem Schläfer unter dem Leibe. Die Matten und Teppiche innerhalb der Zelte versanken im Schlamm. Draußen aber hatten sich die vielbetretenen Zeltstraßen in stehende Pfützen verwandelt, deren bräunliche Lache fortwährend durch den stets niedersausenden Regen gepeitscht und in einer lieblichen Kräuselung erhalten wurde. Wir suchten Bretter zu legen, die aber Tag um Tag wieder in der Flut versanken. Vor den Zelten des Königs und der Hofherren führten wir ordentliche kleine Dämme auf, überbrückten die bösesten Rinnen und hielten so wenigstens das Quartier der geheiligten Majestät einigermaßen trocken. Wo aber hätten wir Holz oder Steine, wo Hände zum Schaffen hernehmen sollen, hätten wir auch das übrige Lager so wohnlich erhalten wollen? Unsre armen Leute, die abends aus nassen Kleidern in ein nasses Bett, morgens aus einem nassen Bett in nasse Kleider schlüpfen mußten, hatten wahrlich der Arbeit genug. Da begreiflicherweise von einem Gebrauch der vorhandenen Karren nicht die Rede sein konnte; da auch sämtliche Pferde des Train und der Equipage bei weitem nicht zu allen Diensten genügten, welche diese ungünstige Wendung der Dinge erforderlich machte, so wurden doppelte und dreifache Anforderungen an die geduldige Menschheit gestellt, deren Leistungsfähigkeit allein in aller Unbill nicht versagen durfte. Täglich schleppten wir Säcke mit Munition oder Getreide von einem Ende des Lagers bis zum andern auf unsern Schultern, während wir knietief im aufgeweichten Lehm versanken und jeder Schritt uns die unsäglichste Mühe verursachte; und daß sich dieser Arbeit auch die verwöhnten Söhne vornehmer Häuser, ja selbst die Offiziere der Haustruppen zu unterziehen hatten, dafür habe ich die Gewähr eines Leidensgenossen, der eine bessere Feder führt als ich. Was es aber bedurfte, um die Schanzgräben vom Wasser frei zu halten oder gar eine im Schlamm versinkende Kanone auszuheben und an einen andern Ort zu bringen, davon redeten alle, die an der Sache beteiligt gewesen waren, noch nach zehn Jahren in den kräftigsten Bildern. Das Unerträglichste aber, und weit schlimmer als die fortgesetzte Arbeit in Nässe und Regen, war der Ausfall ordentlicher Nahrung für Menschen sowohl wie für die Tiere. Korntransporte blieben stecken; Heu und Stroh ging in Fäulnis über; die armen Pferde streckten verhungernd ihre Hälse nach dem Buchenlaube des Waldes von Marlaigne; das Brot der Soldaten aber stellte in den meisten Fällen einen halbrohen, unverdaulichen Teigklumpen dar, denn auch die Feuer versagten allenthalben, weil keine brennbaren Stoffe mehr aufzutreiben waren. Die ganze Welt war eine trostlose und unübersehbare Schlammflut geworden, und es schien gar nicht unmöglich, daß sie sich wieder in den ursprünglichen Zustand zurückbegeben wollte, der da geherrscht haben soll, ehe das Wort des Herrn Wasser und Land geschieden. Nur das Schloß von Namur auf seinem Felssockel blickte unversehrt und in reinlicher Kompaktheit durch den ewigen Regenschleier zu uns herüber und hatte von der ganzen Sintflut, die uns zu ersticken drohte, nur gerade so viel behalten, als es brauchte, um unsre Geschosse unschädlich zu machen und unsern Aerger zu verschärfen. Es wurde freilich die Stimmung im Heere während der ersten zehn oder zwölf Tage in einer zwar künstlichen, aber höchst glücklichen Steigerung erhalten durch die Betrachtung des heldenmütigen Beispiels, das den leidenden Soldaten ihr erlauchtester Leidensgefährte gab. Der König hatte, wohl wissend, was seine Anwesenheit in solchen Zeiten vermochte, bessere Quartiere verschmäht und blieb trotz seiner Gicht, die ihm die qualvollsten Stunden bereitete, im feuchten Zelte wohnen, oft bettlägerig, aber niemals untätig, vielmehr unter Schmerzen selbst mit der ganzen Kraft seines unermüdlichen Geistes an dem großen Werke beteiligt. Sein Eifer und seine Zuversicht, die ein Mann dem andern, bis zum letzten Trainsoldaten herab, übermittelte, besiegten eine geraume Zeit die Verdrossenheit der erschöpften Massen. Man hatte für den greisen Erzbischof von Bouillon sowie für den Pater Lachaise Unterkunft im Kloster Marlaigne erbeten und erhalten: ich habe Soldaten weinen sehen vor Freude darüber, daß der König für seine Person eine ähnliche, ihm gebotene Zuflucht ablehnte unter der tröstlichen Begründung, »es lohne ihm für wenige Tage der Umzug nicht«. Ob er diese Worte wirklich gesprochen, weiß ich nicht; Tatsache ist, daß sie im Heere umliefen und Wunder des Glaubens verrichteten. Aber das Schloß widerstand, und die Belagerung zog sich hin. Wir waren am fünfzehnten Tage dieser trostlosen Periode angelangt, und eine Veränderung der Dinge war nach keiner Seite hin wahrzunehmen. Es goß noch immer in Strömen vom Himmel, auch wagte niemand mehr auf einen Wechsel des Wetters zu hoffen, denn jedermann kannte Sankt Medardus als einen besonders zuverlässigen Heiligen, der für vierzig Tage voraus das Wetter bestimmte und seit Menschengedenken dieses sein Amt mit der unerbittlichsten Konsequenz durchführte. Zu der fröhlichen Aussicht auf fünfundzwanzig weitere Regentage kam ein äußerer, wirklich beängstigender Zustand von Mensch und Tier, der alle Trostgründe entwaffnete. Pferde starben zu Dutzenden; Menschen gab es überhaupt nur noch mit geschwollenen und verbundenen Gesichtern, gichtgekrümmten Gliedern und heiseren Stimmen; sogar die Hunde des Lagers niesten zum Erbarmen. Begeisterung, die allen andern Mühsalen standgehalten hatte, vor dem Schnupfen ergriff sie die Flucht; und ein Grimm, furchtbar, glühend, zum Ausbruch drängend, nicht anders als der qualvolle Fieberkitzel der entzündeten Organe, bohrte und arbeitete in allen Gemütern. Das Unglück wollte, daß ein umherschweifender Soldat in einer Kapelle eine Holzstatuette des heiligen Medardus fand. Was er sich gedacht haben mag, als er mit wütender Faust das Bild vom Altare riß, ist leicht zu erraten. Er eilte nach dem Lager zurück, trat in die erste Kantine ein, in welcher er ein Feuer lodern sah, und warf das ziemlich große Gebilde ohne weiteres in die Flammen, wo es dank seiner Trockenheit, die es im Schutz der Kapelle behalten, und einer dicken Schicht bunter Oelfarbe alsobald lichterloh brannte, so schön und warm, wie seit langem kein Heizmaterial mehr gebrannt hatte. Die Soldaten, welche in der Kantine beschäftigt waren, standen einige Sekunden schreckgelähmt und versteinert vor der unerhörten Tat, und man vernahm deutlich im weiten Raum die mit höhnischer Ueberlegenheit gesprochenen Worte des Frevlers, es sei nur billig, daß der Heilige, der an all diesem Elend schuld sei, nun auch einmal ein bißchen Wärme spende. Dabei hielt er ohne Scheu seine kälteblauen Finger über das brennende Märtyrerbild. Noch einige Augenblicke herrschte bange Stille, die nur das feine Knistern des flammenden Holzmännleins unterbrach. Dann aber hatte der böse Gedanke in allen Köpfen zugleich wie ein Blitzschlag gezündet, und ein Wutgeschrei erhob sich, daß man es bis weit über die letzten Verschanzungen hinaus hören konnte. Nicht gegen den Bilderschänder! Dem Heiligen selbst galt die Raserei! Die lästerlichsten Schmähworte richteten sich gegen das arme stumme Bild, das mit einem sonderbaren leeren und dabei doch ergreifenden Ausdruck über seinen Flammenmantel weg die rohen Hunde anstarrte, während von seinen Wangen die schmelzende Bemalung gleich dicken Tränen langsam herablief. Einige besonders Tolle bewarfen den Heiligen sogar noch mit Unrat; und endlich, da die Verbrennung zu langsam vonstatten ging, stießen sie noch mit Piken und Bratspießen in das Holz, bis der ganze Leib in ein Häuflein lodernder Klötzchen zusammenfiel. Der Lärm hatte Zuschauer herbeigezogen, die Tat war unglaublich schnell im ganzen Lager bekannt. Und so heillos und sieggewaltig ist die Ansteckung des Wahnsinns, daß man an den folgenden Tagen im Lager fast nichts sah und hörte als solche Verbrennungen von Bildern oder Statuen des heiligen Medardus. Wo dieselben mit einem Male in solcher Menge herkamen, ist mir rätselhaft; die Soldaten müssen meilenweit gelaufen sein, um Wohnhäuser und Kapellen nach ihnen zu durchstöbern, und man berichtete von einzelnen wie von ganzen Rotten, daß sie mit der flämischen Bauernschaft Kämpfe geführt hätten um solch ein Heiligenbild, das sie ihrem Zorn nicht entgehen lassen wollten. Aber auch die unschuldigen Amulette, die gläubige Knaben auf ihren Herzen trugen, waren, sofern sie den unglücklichen Sankt Medardus darstellten, dem Verderben verfallen, und es erhob sich darob Uneinigkeit im Heere selbst zwischen jenen, die das Andenken einer segnenden Mutter, eines verehrten Beichtvaters nicht preisgeben wollten, und den verheerungssüchtigen Schandbuben. Und an diesem Punkte angelangt, wirkte der allgemeine Zustand wieder mit einer neuen Wendung auf mein eignes kleines Schicksal ein, als hätten all die unerhörten, schlimmen und verderblichen Dinge nur geschehen müssen, um mir das Tor zu einer neuen Lebensperiode zu öffnen. Ich war durch die Stauung einer Soldatenschar zwischen den Zeltreihen verurteilt, Zeuge eines brutalen Auftritts der zuletzt beschriebenen Art zu sein. Ein blondgelockter Junge, fast noch ein Kind, wehrte sich schreiend um ein winziges Amulett aus Rosenholz, und man hörte weithin über dem dumpfen Gröhlen der trunkenen Räuber seine kindliche Stimme gellen, die weinend immer nur die Worte wiederholte: »Von meiner Schwester! Von meiner Schwester!« Vergebens suchte ich mir Platz zu verschaffen, um dem gequälten Knaben zu Hilfe zu kommen. Wie ich mich gewaltsam strebend zwischen die Menge schob, vernahm ich plötzlich neben mir ein ruchlos höhnisches Wort, das dem Bedrängten galt oder vielmehr der angerufenen Schwester – ein Wort, das ich lieber nicht wiederholen möchte, in einer gleichmäßigen, kühlen Stimme gesprochen. Der Ton dieser Stimme durchzuckte mich nicht heißer als die Empörung über das schmachvolle Wort. Ich wandte rasch den Kopf und blickte in Philipp von Chartres' dunkle und unvergeßliche Augen. Diese Augen nahmen alsobald einen sanfteren und beinahe traurigen Ausdruck an, als sie die Entrüstung in meinen lasen. Philipp erfaßte meinen Arm, und indem er mich aus dem Tumult hinwegführte, sagte er ernst: »Um deinetwillen ist mir leid, was ich eben gesprochen, und daß du es gehört hast. Denn du wirst nun schlimmer von mir denken, als ich es in der Tat verdiene!« Ich erinnerte mich der leichten losen Rede, die er schon als Kind besessen, und sagte kalt: »Ich sehe, daß Eure Hoheit noch unverändert Dieselbe ist und daß man Sie immer noch nicht nach Ihren Worten beurteilen darf.« Da zog er eine kleine Grimasse, die mir weh tat, und sagte: »Es ist gut, daß es wenigstens einen Menschen gibt, der das weiß.« Er nahm mich hierauf mit nach seinem Zelt, ließ ein Feuerbecken bringen, um uns zu wärmen, und kredenzte mir Wein. Wir saßen eine geraume Weile schweigend einander gegenüber und schienen beide gleich aufmerksam auf das feine Knistern des verglühenden Holzes im Becken und auf das leise Rieseln des Regens an der Zeltleinwand zu lauschen. Ich fühlte, daß Philipp mich fortgesetzt forschend anblickte, fühlte auch, was er von mir erwartete; doch war es mir in diesem Augenblick unmöglich, den Mund aufzutun. Es schien mir nämlich, ich hätte mit meiner vorher erwähnten Antwort, man dürfe den Mann nicht nach seiner Rede beurteilen, der Eigenliebe des Fürstenkindes bereits über Gebühr geschmeichelt. Um nichts in der Welt hätte ich, wie es ein Speichellecker getan haben würde, seiner Ruchlosigkeit applaudieren oder auch nur mit einem Lächeln sie entschuldigen mögen, trotzdem ich sah, daß der Verwöhnte auf eine derartige niedrige Dienstfertigkeit mit einiger Unruhe wartete. Ich glaube, daß in dieser Minute die Skepsis, die Germaine mir unbewußt eingeimpft, vielleicht auch die bittere Bestärkung, die diese meine Menschenverachtung durch meine letzten Erfahrungen erhalten hatte, ihre Früchte trug. Ich sah, was mir vielleicht ohne diese Vorbereitung entgangen wäre, und sah es mit tiefem und echtem Schmerz: daß dieser feine und schöne Jüngling, der Neffe des Königs und Stolz des Hofes, dieser glänzende, reichbegabte und kultivierte Geist einer Roheit fähig gewesen war, die ihn, für einen Augenblick wenigstens, auf eine Stufe stellte mit den verworfensten und übelsten Elementen des Lagers. Und ich grübelte, der Anwesenheit meines Gebieters und des Ortes, wo ich mich befand, vergessend, über die heute noch von mir ungelöste Frage nach: welchen äußeren Anzeichen eigentlich bei der Beurteilung eines Menschenwesens mit Sicherheit zu trauen sei? Wie immer in solchen Fällen, so löste auch hier die Schweigsamkeit des einen Teiles die Beredsamkeit des andern aus. Philipp mag durch meine Unbestechlichkeit gereizt worden sein, er mag ein natürliches Unbehagen, einen Rest von Scham empfunden haben über den Vorfall – kurz, er begann plötzlich sich selbst zu entschuldigen, und zwar nach Art unfertiger Menschen, indem er die Schuld nach Möglichkeit auf andre warf und eine tragische Nuance in seine Schlechtigkeit zu bringen suchte. Er redete viel von der hohlen Heuchelsucht des Hofes, besonders der führenden Personen, und stellte seine eigne offenkundige Freude an frevlerischen Handlungen nur als eine natürliche Folge des Ekels dar, den jene Frömmelei ihm einflößte, und als eine männliche Demonstration gegen dieselbe. Er fühlte sich, so sagte er, durch all das seichte Komödienspiel um ihn herum fortwährend zu Dingen gereizt, die ihm sonst ferne genug lägen, und die er nur in der Absicht vollbringe, sich von jenen Heuchlern zu unterscheiden und sie zu erbittern. So nähme er zum Beispiel in die Messe, die er leider besuchen müsse, lasterhafte, aber geistvolle Bücher mit, in denen er auch statt eines Gebetbuches lese und zwar so, daß die Umstehenden es sehen müßten. Wenn man ihn darob zur Rede stellte, so habe er die Antwort bereit, dies sei immer noch besser als der Austausch von Blicken und Briefchen zwischen Rittern und Damen, den gerade die Frömmsten sich gestatteten, ohne zu finden, daß die Kapelle ein ungeeigneter Ort dafür sei. Er prahlte zum Schlusse noch mit seiner allgemeinen Unbeliebtheit bei Hofe, die er mit seiner Mutter, die auch keine Kriecherin sei, teilte, und besonders mit dem Zorne des Königs, den er bei hundert Gelegenheiten zu tragen hätte. Ich war damals noch jung genug, um mich durch diese Worte blenden und fangen zu lassen, um so mehr, als etwas Dunkles in meiner eignen verwirrten Seele ihnen zustimmte. Ich kannte damals Beauvilliers noch nicht, wußte also auch noch nicht, daß schlichte Tugend und echte Frömmigkeit einer solchen Demonstration gegen das Laster nicht bedürften, sondern still und unbeirrt inmitten eines Pfuhles von Heuchelei blühen und ihr segensreiches Wirken entfalten können; wußte damals noch nicht, daß wirklich gute Menschen das Böse nicht durch Haß, sondern durch Liebe bekämpfen. Deshalb erschien mir Philipp von Chartres wie ein Held und Streiter für die Wahrheit, und es gelang ihm, mich unverweilt und ganz wieder zu gewinnen, meine Liebe für ihn bis zur blindesten Ergebenheit zu entflammen und den Eindruck zu verwischen, den die Szene im Lager in mir hinterlassen hatte. Leider sollte sie mir später noch oft wieder lebendig werden. Von nun an war, trotz des weiter herrschenden Elendes, das Leben im Lager ein andres für mich geworden. Mein Herz hatte wieder etwas gefunden, woran es sich berauschen konnte, und zwar muß ich sagen, daß es trotz der Verkehrtheit meiner Ideen eigentlich ein edler Rausch war, worein mein ehemaliger Gespiele und seine wunderliche Philosophie mich versetzt hatte. Es erschien mir gar keine unwürdige Aufgabe, meinem Philipp in seinem Kampfe gegen die Heuchelei zu sekundieren. Ich faßte die allerschönsten Vorsätze zu diesem Zwecke und bedauerte einzig, nicht gleich auf der Stelle damit anfangen zu können, denn im Lager, wo jeder einzelne Mann sich von seiner tüchtigsten und natürlichsten Seite zeigte, war in der Tat wenig Gelegenheit, solch ein Richteramt auszuüben. Wohl oder übel mußten wir unsre moralischen Heldentaten bis zu unsrer Rückkehr nach Paris verschieben. Unterdessen vertrieben wir uns die Wartezeit damit, daß wir möglichst oft zusammenkamen, um im Dämmer des Zeltes, im Rauchschleier, der dem Feuerbecken und Philipps Pfeife entstieg, beim Rauschen des Regens von der Schlechtigkeit der Welt zu reden und uns unsrer eignen Vollkommenheit zu freuen. Manchmal spielten die Geschütze auf den Schanzen einen tiefen Baß zu unsrer Melodie, so daß wir unsre Stimmen erheben mußten; manchmal zitterte durch die feuchte Luft das Vesperläuten der Einsiedlerglöcklein von Marlaigne, dann sank meine Stimme zu einem verlegenen Flüstern herab und manchmal verstummte sie ganz vor diesem warnenden Ton, der leise mahnte: »Auch du kannst fallen!« Aber im allgemeinen ging sie frisch und scharf zu Felde und hätte sich, traun! am liebsten rund um den Erdball herum hören lassen. So schwelgten wir in jenem verderblichen Gefühle der Selbstgerechtigkeit, das die Jugend gern befällt und das allemal einer moralischen Schlappe vorangeht, jener sprichwörtlichen Blindheit, welche die Götter in bekanntem Falle senden. Natürlich tauschten wir nebenher auch unsre Erlebnisse aus, von jenem Tage beginnend, wo wir uns das letztemal gesehen: und das war der denkwürdige unsrer Eskapade nach den Porcherons. Philipp fragte bei erster Gelegenheit nach Regnard und Germaine, und ich erzählte ihm mehr als einen Abend hindurch, was ich von beider Leben und Wesen wußte und was mich anzog oder befremdete. Er schien eine gewisse Neugier nach dem wundersamen Paare immer noch in irgendeinem Winkel seines Herzens verborgen gehalten zu haben, denn er wurde des Zuhörens und Fragens so wenig müde wie ich des Erzählens. Er lachte, als ich ihn kindischerweise versichern zu müssen glaubte, Germaine sei wirklich keine Zauberin im landläufigen Sinne, obschon eine gewaltige in einem andern; von solchen Märchen, sagte er, sei er längst weit entfernt, wenn er auch zugeben müsse, daß er an eine direkte und unheilvolle Beziehung gewisser Menschen zu irgendeiner dämonischen Urgewalt, etwa den Teufel, fest und unverbrüchlich glauben müsse. Diesen Beziehungen auf die Spur zu kommen sei sein heißester Wunsch. Ich fragte ihn, wodurch denn ein solcher Glaube in ihm genährt worden sei, worauf er schweigend eine Handvoll Schießpulver auf den Tisch schüttete und mich fragte, ob ich im Ernste meinen könne, es wohne diesem elenden Staube die Kraft inne, Mauern zu zerstören und Menschen in Stücke zu reißen, wie wir es sattsam gesehen hatten. »Gib zu, daß das verwirrend ist,« sagte er. »Sieh, wie winzig sind diese Körnchen, und was leisten sie! Und diese unerklärliche Gewalt, die niemand versteht und die in keinem Verhältnis steht zu dem Dinge, dem sie innewohnt, ist der beste Beweis für das Vorhandensein eines Wesens, das größere Wunder vollbringt als Gott selbst, diesem zum Trotz und gleichsam vor der Nase weg. Denn du wirst mir doch nicht sagen wollen, daß Gott diese schwarze Materie erschaffen hat, wennschon ein Mönch sie produziert hat. Oder vielmehr wäre dies letztere eigentlich der beste Gegenbeweis.« »Du meinst also, der Teufel, oder wie du das Wesen nennen willst, von dem du sprichst, habe sich dem Mönche persönlich offenbart?« »Sicherlich! Und da offenbar Mineralien, als urirdische Stoffe und aus dem Innern der Erde stammend, noch einen leisen Zusammenhang mit jenem Wesen behalten haben, so habe ich begonnen, Chemie zu studieren, und zwar jenen Teil der Chemie, der sich mit Salzen und Säuren befaßt, die ja schon in ihrer Wirkung den Ursprung von dem Vater alles Feuers verraten!« Ich wäre bei dieser Offenbarung fast rücklings vom Stuhle gefallen, denn ich besaß noch jenen gesunden Respekt vor der Wissenschaft, der einem Kinde der heiligen Kirche zu jener Zeit innezuwohnen pflegte. Chemie war mir gleichbedeutend mit Giftmischerei, und ich saß und schaute entgeistert dem Tun meines Freundes zu, der nun einer Kiste in einem Winkel des Zeltes eine Reihe von Büchern entnahm, die er vor mir auf dem Tische aufgeschlagen ausbreitete. Es lagen Lesezeichen zwischen vielen Blättern, und Philipp brauchte nur eine leichte Bewegung seines Fingers zu machen, so wendeten sich, wie es mir schien, die Seiten von selbst, um eine Menge wunderlicher und krauser Zeichnungen darzulegen, die ich im flackernden Scheine der Oellampe zu unsern Häupten wie lebendig durcheinander laufen zu sehen glaubte. Dazu las Philipp mit flüsternder Stimme Worte, von denen ich nicht das hundertste verstand und die so viel Latein enthielten, daß sie einer Beschwörung zum Verwechseln ähnelten. Seit jener Nacht auf dem Pont d'Arcans hatte ich eine unheimlichere Situation nicht erlebt, und ich erröte nicht, zu gestehen, daß ich vor Angst bis an die Zähne fror. Hätte diese Lampe, die ihre magischen Kreise über die Bücher mit den Wunderzeichen warf, nicht zugleich auch Philipps angenehmes und reizvolles Gesicht beschienen, sein weiches Lächeln, das in so seltsam fesselnder Art dem flammenden Blick seiner Augen widersprach; wäre es nicht seine warme, schöne, fröhliche Stimme gewesen, die all das ruchlose Zeug las, ich hätte ganz gewiß Fersengeld gegeben und das Zelt, das mir wie eine Hexenküche vorkam, gemieden. Zum Glück studierte Philipp seine Wissenschaft nur aus Büchern, so daß es wenigstens keine Zaubergeräte im Zelte gab. Aber auch so machte sie mir schon genug Herzklopfen, während jener je länger je mehr sich in Eifer las und mich bald von nichts anderm mehr unterhielt als von neuen inhaltschweren Sätzen, die er in diesem oder jenem Werke gefunden. Nach einer Reihe von Tagen hatte ich mich daran gewöhnt, ohne freilich mehr von der Sache zu verstehen als zuvor, und meine Liebe zu Philipp machte es mir sogar möglich, ihm mit scheinbarer Teilnahme zu folgen und mich über einzelne Dinge belehren zu lassen. So vergingen für mich die zweiten vierzehn Tage der Belagerung so ganz im Banne von Philipps Persönlichkeit, daß alle eignen Interessen dagegen in den Hintergrund traten. Als die Stadt endlich ihre Tore öffnete und wir, immer noch unter Regenschauern, in die eroberte Festung einzogen, da war ich ein andrer als jener, der in hellem Sonnenglanz, aber mit Schwermut im Herzen, von Mons abgeritten. Ein neuer Gedankenkreis hatte sich mir aufgetan. 9 So viel und so vertraulich ich in diesen Lagertagen zu Philipp über mich selbst gesprochen hatte, so gern ich seinem stärkeren Wesen mein Herz erschloß: ein Geheimnis war ich ihm schuldig geblieben. Die Beichte im Kloster zu Marlaigne und die Buße, die der Mönch mir auferlegt, hatte ich ihm, Gott weiß, aus welchem dunkeln Gefühle, vorenthalten. So oft ich mir auch vornahm, ihm davon zu erzählen, und zwar in der klaren Hoffnung, sein heller Verstand möge die ganze Sache in ein Nichts auflösen und das unbestimmte Grauen meines Herzens vor der Erfüllung dieser Buße hinweglachen – immer schwieg ich doch. Und es geschah, daß mein Gelübde mich gewaltig zu drücken begann. Das hatte schon in Namur begonnen, als nach der Einnahme des Schlosses die Offiziere begannen, sich nach ihrer Art ein paar frohe Tage zu machen. Aber in Paris wurde die Sache ganz und gar unerträglich. Denn hier fühlte ich mich verpflichtet, auf Philipps ungebundene Lebensweise einzugehen, um mit ihm zusammen das Kopfhängertum und die Frömmelei zu bekämpfen, wie ich es ihm im Zelte vor Namur gelobt hatte. Dabei war es nun aber eine mißliche Sache, daß Philipp diesen Kampf nicht ohne Mithilfe schöner Frauen führen zu können schien und daß das ganze Heldentum schließlich darauf hinauslief, mit irgendeiner Tänzerin am Arm durch die Straßen von Paris zu laufen oder ihr im Theater eine auffallende Huldigung zuzuwenden. Für Philipp mochte es ja nun freilich ein Heldentum sein, denn der König konnte furchtbar richten über solche Vergehungen, und es war immerhin eine gewisse Strammheit nötig, ihm so offen Trotz zu bieten, wie Philipp es tat. Aber bei mir lag die Sache anders: kein Mensch kümmerte sich um meine Debauchen, wenn ich sonst nur meinen Dienst verrichtete; ja man schien mich eher um dessentwillen höher zu schätzen und erst jetzt für einen ganzen Kerl zu halten; also fiel die schöne Vorstellung moralischer Unabhängigkeit traurig in sich zusammen. Das schlimmste aber für mich war, daß ich bei all dem Lotterleben nur den Schein eines rechten Herzenbrechers genoß, aber durchaus nicht die tatsächlichen Vorteile; denn huldigte ich schon mancher schönen Frau, ergoß ich mein Feuer in Gedichten, die von Sehnsucht schluchzten, gab ich mein bißchen Geld für Blumen und Bänder aus – vor der Erfüllung stand allemal das verfluchte Gelübde von Marlaigne, so daß ich auch nicht einmal den ersten Schritt in das Paradies der Verheißungen zu tun vermochte. Nicht einen armen Kuß habe ich in all der Zeit auf meinen Lippen gefühlt, während ich doch mit Philipp von Gelage zu Gelage flog und die Süßigkeit der Liebe im Weine leben ließ. Frauen von Paris, verzeiht mir, wenn dies Bekenntnis einen leisen Vorwurf gegen euch enthält: warum waren eure Lippen so kußbereit? Es konnte nicht fehlen, daß ich in verhältnismäßig kurzer Zeit der Gegenstand der losesten Neckereien wurde. Man wird nicht verlangen, daß ich wiedererzähle, was ich zu hören bekam. Aber man wird begreifen, daß ich eine äußerst ungemütliche, nicht selten qualvolle Periode durchlebte, an die zu denken mir jetzt noch das Blut ins Gesicht treibt. Manchmal, da es mir schien, als müsse mir unbedingt alles zum Unheil ausschlagen und als sei ich von der Natur selbst zur Lächerlichkeit und zum Spott bestimmt, wünschte ich sogar zu sterben, hatte jedoch nicht den Mut, diese Befreiung zu suchen. Mein Gelübde zu brechen aber wäre mir nie in den Sinn gekommen. Aus dieser übeln Verfassung errettete mich ein Umstand, der unerwartet eintrat und mich traf, wie nie wieder im Leben mich etwas getroffen hat: es war die Verheiratung meines Freundes mit Fräulein von Blois, der zweiten Tochter der Frau von Montespan. Die Nacht vor den Toren von Mons hatte mir eine bittere Lektion erteilt: sie hatte mich Frauenliebe gering achten gelehrt. Der Tag dieser Vermählung gab mir eine weitaus bitterere: er lehrte mich die ganze Schwäche und Erbärmlichkeit des Mannes der äußeren Macht und den Verlockungen einer glänzenden Weltstellung gegenüber kennen. Wenn ich nicht so felsenfest an Philipp von Chartres geglaubt hätte, so hätte mich die Nachricht dieser unerhörten Verlobung nicht überraschen dürfen; denn man hatte bereits einige Zeit vorher davon geflüstert. So heimlich und sicher der König bei solchen Familiengeschäften zu Werke ging – wer täuscht die Wachsamkeit der Kammerdiener? War das Fuchsgesicht des Abbé Dubois, der damals Philipps Mentor war, einige Male zu oft in den Gemächern der Frau von Maintenon gesehen worden? Hatte man die dicke Holzpuppe von Blois mit ein paar Steinen oder Bändern mehr geschmückt, wenn Philipp den »Appartements« zu Versailles beiwohnte? Hatte der Chevalier von Lorraine ungewöhnlich häufige Unterredungen mit dem hohen Bruder seines so zärtlich geliebten Gönners im Palais Cardinal gehabt? Hatte Madame in ihrer deutschen Art ihr Herz gegen Zofen und Badefrauen ausgeschüttet? Sicher ist, daß man plötzlich überall wußte: Frau von Maintenon und der König wünschten diese Verbindung; Abbé Dubois habe Philipps, der Chevalier von Lorraine Monsieurs Zustimmung zu gewinnen, Madame aber laufe in ihren Gemächern auf und ab und wettere mit deutschen Flüchen gegen französische Immoralität, die einen Schimpf für eine Ehre halte. Ich frug Philipp einmal leichthin, ob er von dem Gerüchte wisse und wie er sich dazu stelle. Er antwortete hochmütig, ob er noch nicht genügend bewiesen habe, daß er den König und Frau von Maintenon nicht fürchte. Damit war ich beruhigt und glücklich. Denn wahrlich schien mir dieser junge Ritter mit dem herrlichen Kopfe und den siegreichen Augen wohl angetan, um sieben Königen, wie Ludwig XlV. einer war, zu trotzen, wenn es die Verteidigung seiner Ehre galt. Und mit freudigster Ueberzeugung hatte ich ihm an jenem Tage auf seine Gegenfrage erwidert: »Ja, wahrlich glaube ich, daß du der letzte wärest, dich der Schmach einer solchen Verbindung zu unterziehen!« Nun war es doch geschehen! Das war der feurige Kämpfer, der die Heuchelei des Hofes in Grund bohren wollte! Das war der Uebermütige, der noch vor wenigen Tagen in einer Gesellschaft trunkenen Komödiantenvolkes ausgerufen hatte: »Es lebe jeder, der vor dem König nicht zittert!« Das war der Verwegene, der sich gebrüstet hatte, immer das Gegenteil von dem tun zu wollen, was der König von ihm verlangen würde, sei es nun Gutes oder Böses! Ich dachte an jedes Wort, das er in den Zelten vor Namur zu mir gesprochen, womit er mich entflammt und gewonnen hatte zu einem Lotterleben, wie seines war. Und mein ohnehin nicht sehr klarer Kopf war in einer beispiellosen Verwirrung. Neben dem geschändeten Bilde der Weiblichkeit lag nun auch mein Glaube an Mannesehre im tiefsten Staube. Ich will hier gleich einschalten, daß ich später bedeutend milder über die Sache urteilte als damals. Es ist unser Unglück, daß wir mit zwanzig Jahren uns für fertige Menschen und Herren unsers Willens halten. Wie sehr wir Einflüssen von außen zugänglich sind, wie sehr von innen das noch wildschäumende Blut unser Wollen beeinträchtigt, davon ahnen wir nichts. Hat man erst einmal graue Haare, so weiß man, daß es viel ist, wenn ein Dreißigjähriger seinen Charakter behauptet. Heute ziehe ich in Betracht, daß man ein halbes Kind nicht verdammen darf, wenn es der spitzfindigen Ueberredung eines Abbé Dubois, der donnernden Herrschsucht und Rechthaberei eines König Ludwig erliegt. Damals hatte ich nichts als Verachtung für meinen armen Freund. Ich fand selbst dann kein Mitleid für ihn in meiner Seele, als mir Augenzeugen den Verlauf jenes ersten Appartements berichteten, an welchem die Verlobung proklamiert worden war. Die hämische, offen zur Schau getragene Freude des Königs, der sich wieder einmal Herr im Hause fühlte; die Verlegenheit seines Bruders; die stumme aber tränenreiche Entrüstung seiner deutschen Schwägerin, der einzig Charaktervollen in der ganzen Gesellschaft, die auch an der Tafel des Königs ihre Gesinnung nicht verbarg, sondern ihm schlechtweg den Rücken wandte, als er ihr mit spöttischer Galanterie eine Platte bot; das totenbleiche Gesicht Philipps, der die Augen nicht zu erheben wagte, nichts aß und sich im übrigen den ganzen Abend in möglichster Entfernung von seiner aufgezwungenen Braut hielt; endlich die hilflose Angst jener letzteren, die vielleicht in ihrem dummen Mädchenherzen längst eine heimliche Neigung für den schmucken Prinzen gehegt hatte und sich nun freilich am Ziel ihrer Wünsche, aber doch zugleich so gekränkt und verschmäht sehen mußte, daß es sie hätte zur Verzweiflung treiben müssen, wenn ihr stumpfer Geist überhaupt eines Gefühles von Würde fähig gewesen wäre: das alles beschrieben Höflinge und Lakaien mit den amüsantesten Variationen. Ich hätte, wäre mein Gefühl damals feinhöriger gewesen, diesen Schilderungen manches entnehmen müssen, das zugunsten meines Freundes sprach: vor allem die allgemein bestätigte Tatsache, daß er auch nach seiner Verlobung aus dem Widerwillen gegen seine Braut keineswegs ein Hehl gemacht, vielmehr den Liebling der Maintenon mit offener Abscheulichkeit behandelte. Aber solche versöhnende Umstände erkannte ich damals nicht an. Ich sah einfach in allem Vorgefallenen nur den Mann, der sich hatte vergewaltigen lassen, und der Ekel dieser Vorstellung stak mir im Halse. Diese Stimmung verbesserte sich nicht, als ich acht oder zehn Tage nach der Verlobung einmal nächtlicherweile durch die Straßen von Paris ging und dem Herzog von Chartres begegnete in einer Gesellschaft und in einer Verfassung, die schrecklich deutlich verrieten, auf was für Wegen er sich befand. Er trug eine Halbmaske, aber ich erkannte ihn trotz dieser sofort. Stehenbleibend hielt er auch mich an, faßte mich am Arme und zog mich einige Schritte weit von seinen Fackeln und Laternen tragenden Kumpanen hinweg. »Du wunderst dich wohl«,sagte er mit einem leisen und bösen Lachen, »du wunderst dich, Mann der unverbrüchlichen Keuschheit, über diese neuen Bräutigamssitten? Willst du dich uns nicht anschließen, um zu sehen, wie weit ich's treibe? Es wäre mir lieb – denn mich verlangt zu beweisen, daß diese zarte Fessel, die der König mir angelegt hat, nicht mehr als sonst sein Zorn mich abhalten kann, das zu tun, was mir beliebt!« Er hatte bei diesen Worten die Halbmaske abgenommen und zeigte mir im Scheine einer jener großen Reverberen, die da und dort mitten über der Straße hingen, sein kühnes, schönes Gesicht mit den blitzenden Äugen. Hinter ihm, wenige Schritte zurück, bildete der rotdurchglühte Rauch der Fackeln einen flammenden Hintergrund für seine stolze Gestalt. Er hatte, wie er in dieser Beleuchtung vor mir stand, in der Tat etwas Satanisches, und das Grauen, das ich empfand, riß meine Gedanken in einem blitzschnellen Uebergange zurück nach den Zelten vor Namur, wo dieser selbe Mensch sich heimlicher Wissenschaft und Schwarzkunst gebrüstet hatte, und weiter nach dem Pont d'Arcans, wo er die bösen Geister der Heide beschworen. Ein heiliger Entschluß, nichts mehr mit diesem Bösewicht gemein zu haben, loderte in mir auf. Ich stieß seine Hand von mir und trat hinweg. »Nach dem, wozu Eure Hoheit sich hergegeben, sind das, was Sie eben sprach, leere Phrasen,« antwortete ich, immerhin so leise, daß die Begleiter es nicht hören konnten. Er zog eine Grimasse und ließ mich stehen. Ich hatte so vollständig genug vom Hofe, von Paris und vielleicht von der Welt überhaupt, daß ich wenige Tage nach diesem Vorfalle zu meinem Regimente zurückreiste, das in einem kleinen Städtchen zwischen Paris und der flandrischen Grenze stand. Ich wurde freilich wieder ausgelacht. Es war zu jener Zeit Offizieren, die einen gewissen Adelsrang und Verbindungen besaßen, so leicht gemacht, ihre Regimenter zu verlassen und unter dem Vorwande der Erholungsbedürftigkeit von den Anstrengungen eines vorhergegangenen Feldzuges einen unbegrenzten Urlaub in Paris zu verleben, daß kaum ein Mann von Ansehen in Friedenszeiten in den Garnisonen verblieb. Dazu langte der kleine Adel, arme Landedelleute, die aus Mangel an Geld pflichttreu sein mußten, oder etwa der Mann von der Canaille, der mit seinem Offizierspatent auch eine ungeheure Wichtigtuerei zu kaufen pflegt, als stünde Frankreichs Sicherheit auf seiner Ehre. Was mich betraf, so konnte freilich meines Beutels Schmalheit für einen Entschuldigungsgrund gelten, die kostspieligste Stadt der Welt zu fliehen; aber Pechvogel, wie ich war, glaubte mir dies keiner meiner Kameraden, und da ich den wahren Anlaß meiner Entfernung nicht verraten konnte, so verfolgten Hohn und Neckereien in derbster Form mich bis ans Tor von Paris, das ich in nebliger Frühe verließ. 10 Ich habe von dem trübseligen Winter 1692 bis 1693 nichts weiter zu berichten, als daß ich arbeiten lernte und ein leidlich brauchbarer Soldat wurde. Als im Mai des Jahres 1693 die flandrische Armee wieder zusammentrat, der Feldzug sich neu eröffnen sollte und ich mit meiner Kompagnie der Royal Roussillon zu dem übrigen Teile des Regimentes stoßen mußte, das unter der nominellen Führung des sehr jungen Rouvroy, des späteren Herzogs von St. Simon, in Mons stand – da zog ich nicht mehr mit knabenhaften Träumen süßlicher Abenteuer zu Felde, obgleich auch diesmal eine Anzahl Damen den König begleiteten. Oft, wenn ich schweigend und ernst durch die grashelle Landschaft ritt, entsann ich mich bei irgendeiner Waldecke, vor einem freundlichen Talbilde oder angesichts einer reizvollen Flußlinie, die sich in meinem Gedächtnis mit der empfindsamen Stimmung jener Tage verschwistert hatten, plötzlich der Torheit meines damaligen Verhaltens und errötete jetzt, nach Jahresfrist, noch vor mir selbst. Wer preist die goldene Jugend, wer beklagt ihr Dahingehen? Der Glückliche, der das darf! Mir war sie nichts als Wahn, Irrtum, Leidenschaft und Seelenangst gewesen, und es hatte fast ein Jahr allerernstester Arbeit in Stille und einfachem Leben gebraucht, um nicht einen reifen, aber doch einen erträglich vernünftigen und glücklichen Menschen aus mir zu machen. Es war mir lieb zu hören, daß Philipp von Chartres nicht mehr bei den Royal Roussillon stand, sondern die Kavallerie unter Luxembourg befehligte. Ein sonderbares Gefühl durchzuckte mich, als ich dies vernahm, denn von allen Menschen, die ich kannte, hatte keiner je die Vorstellung von etwas Dämonischem so sehr in mir geweckt und genährt wie dieser Marschall. ›Wie sich doch das Gleiche und Angemessene in dieser Welt aneinanderfügt,‹ dachte ich. Dieser unsaubere Geselle, der alle Debauchen junger Leute begünstigte und sie in den unerhörtesten unterwies; dieser Giftmischer; dieser Liebling der stinkenden Canaille, dieser Abgott des Pöbels – und auf der andern Seite dieser tapfere, umsichtige und unermüdliche Soldat; dieser einzige Mann in Frankreich, der seit dem Tode Louvois' den Mut gefunden hatte, dem König einmal mit einer offenen Meinung entgegenzutreten: war er nicht in allen Stücken das, was Philipp von Chartres zu werden versprach? Nur daß er häßlich und bucklig war und Philipp schön und schlank! Ich empfahl im stillen die beiden Teufel der Gnade Gottes, die sie zu rechter Zeit richten würde, und beschloß, mich an meine Arbeit zu halten und es ihnen nicht gleichzutun. Es schien sich diesmal der ganze Feldzug überhaupt erheblich ernster anzulassen als im vergangenen Jahre. Nichts von jenem prunkenden Uebermute, mit welchem damals das Heer vor Mons aufgezogen war, nichts von Revuen, nichts von Festlichkeiten im Lager. Die Damen befanden sich, unerreichbar und unsichtbar für uns alle, in dem eroberten Namur in festen Quartieren, wir aber lagen im Felde von Gembloux und vor uns stand der Feind. Die beiden Flügel unsrer Armee umspannten diesmal wie fangbereit die kleine Höhe, auf welcher die Abtei von Pure stand, und in dieser Abtei hatte Wilhelm von Oranien in großen Nöten sich verschanzt. Wir wußten alle: fiel er aus, so gab es kein kleines Gemetzel! Hatten wir doch schon vor zwei Jahren bei Fleurus erfahren, wie dieser eiserne Mann sich einer Ueberzahl von Feinden gegenüber zu verhalten pflegte. Es war, als wären wir alle nicht um ein Jahr, sondern um zehne älter geworden. Und wir wurden's um zehn weitere, als plötzlich aus bekannten Gründen der König von der glücklichsten Stellung hinweg nach Paris zurückkehrte, Boufflers an den Rhein schickte und Luxembourg allein am flandrischen Werke ließ. Solange der König im Lager weilte, hatte im Heere noch ein gewisser Geist der Bravour, ein prahlerisches Sichhervortunwollen, zugleich aber auch eine gewisse Sorglosigkeit geherrscht: waren doch Ludwig XIV. und das Glück Vermählte. Nach seiner Abreise gab es einige Tage tiefster Niedergeschlagenheit, die besonders dem Bewußtsein entwuchs, daß unser König um der Laune eines nervenschwachen Weibes willen seine Soldaten und die Ehre Frankreichs hatte preisgeben können; so tief war die Demoralisierung eingerissen, daß greise Generäle ungestört und rückhaltlos sich vor irgendeinem grünen Jungen in Schmähungen und traurigen Kommentaren dieses unseligen Ehebundes ergingen. Tann aber, wie Männer, die sich von aller äußeren Hilfe verlassen und allein auf ihre eigne Kraft gestellt sehen, besannen wir uns auf unsre Pflicht; jetzt sah man nur ernste und entschlossene Gesichter im ganzen Lager. Und es haben am 14. Juli die Abtei von Heylesem, am 28. Warem und Neerwinden bezeugen müssen, was Männer leisten können, die entschlossen sind, ihren König zu beschämen. Es hat jener Rouvroy, der die Kavallerie der Royal Roussillon befehligte, einen Brief an seine Mutter, die Herzogin von St. Simon, gesandt, der viel herumgegeben, gelesen und weitererzählt wurde, und der auch nachmalen in seinen Memoiren wieder Staat machte. Dieser Brief soll die ausführlichste Beschreibung des Tages von Neerwinden enthalten, die je geschrieben worden ist. Ich habe ihn nicht gelesen und weiß nicht, was drinsteht. Aber wunder nimmt's mich, wie er es angestellt hat, an jenem Tage oder auch nur am folgenden solche Stilübungen zuwege zu bringen. Freilich, er hatte nichts zu tun, als seine Kompagnie zu befehligen: wir andern hatten zu kämpfen . Wir waren von vier Uhr morgens an im Sattel, standen in gefährlicher Blöße in der Ebene, von den feindlichen Batterien unausgesetzt bedroht. Vor uns auf langgestrecktem Hügelrücken glänzten in verräterischer Freundlichkeit die beiden Dörfer Neerwinden und Landen, und zwischen beiden lief schnurgerade eine feine dunkle Erdwelle hin. Sie sah harmlos genug aus, diese schlichte Linie; dennoch hatte sie seit Tagesanbruch Blitz um Blitz über uns weg und in uns hinein geworfen, und hinter ihr stand, das wußten wir, der schmächtige Mann mit dem gewaltigsten Willen und Gottvertrauen. Und Stunde um Stunde sahen wir die bunten Wellen eines Menschenmeeres hügelan gegen diesen feuerspeienden Deich schäumen und Stunde um Stunde wieder zurückrollen wie eine ebbende Flut, nur einzelne verstreute Tropfen von Rot oder Grün oder Blau auf der grasigen Böschung zurücklassend. Weiter und weiter holten die Wellen aus, und dann kam eine, die auch mich mit hinaufriß gegen die Schanze. Und auch mich trieb es wieder zurück in einem Wirbel rasend gewordener Pferde. Das waren die verfehlten Reiterangriffe des Generals Luxembourg auf die Schanzen von Neerwinden. Dann kam ein neues Kommando, und wir marschierten seitwärts gegen das Dorf heran, Luxembourgs Kavallerie voran, die Garden, die Schweizer, die Haustruppen dicht auf ihren Fersen. Und dann gab es jenen häßlichen, erbitterten, tierischen Kampf über Gartenhecken und Hofmauern, zwischen Türen und Fenstern, in brennenden Scheunen und Viehställen, diesen Kampf, der in einer blinden Vernichtungswut gegen Lebendes und Lebloses zu bestehen scheint – und dann lag ich, von einer zusammenstürzenden Mauer getroffen, bewußtlos in der Dorfstraße, und ein Sturm von Menschen- und Pferdefüßen schien um mich her und über mich wegzugehen. Ich war indes kaum verwundet, kam bald zu mir und hörte, daß die Unsern das Dorf genommen hätten, während Villeroy von rechts her in Landen eingedrungen sei, die Holländer aber zwischen beiden aus den Schanzen gebrochen wären und in der Ebene von Harcourt und dem Herrn Herzog zum Rückzug über die Gette gezwungen wurden. Wir hatten zwölf Stunden unausgesetzt gekämpft, sechse davon vor den Batterien des Feindes. Auch wer heil war an allen Gliedern, war so todmüde an Leib und Seele, daß an diesem Abende nur ein kleiner Teil des Heeres nach dem Lager zurückmarschierte, so nahe dieses sich befand. Die meisten schliefen da, wo sie sich eben befanden, unter dem sternhellen Himmel der Sommernacht. Der Tag war glühend gewesen, jetzt war die Luft kühl und würzig. Der Wind, der über den Hügel herstrich, trug den Geruch von Blut, Schweiß und Rauch, von Brand und aufgewühlter Erde von uns hinweg in die Ferne. Um uns schien alles rein. Ich lag wenige Schritte vor dem Dorfe unter einer blühenden Linde und sog ihren Duft ein. Irgend jemand hatte mir erzählt, der junge Herzog von Chartres habe während des Reiterangriffs auf die Schanzen Wunder an Tapferkeit vollbracht und sei mit genauer Not der Gefangennahme entgangen. Mir war, ich hätte ihn selbst einmal gesehen, wie er auf seinem dunkeln Pferde die Böschung hinangaloppierte, scheinbar gerade in den feuerspeienden Mund der Batterie hinein. Es war wie eine Vision gewesen. Jetzt lag ich, blickte in die Sternentiefe und fragte mich, was aus ihm geworden sein mochte. Was für eine Nacht war um mich her! Was für eine köstliche, heilige Nacht! Oder war es nur die tödliche Mattigkeit meines Leibes, die meine Sinne halb betäubte, während sie wirklichen Schlaf doch nicht kommen lassen wollte, die dieses tiefe Friedensgefühl um mich und in mir erzeugte? Rechts und links von mir, im Schatten der Sträucherhecke, schliefen meine Kameraden, die ganze Kompagnie; hier und da drang ein schwerer, langer Atemzug, ein Seufzer, ein traumwirr gestammeltes Wort an mein Ohr. Mitten auf dem Felde, in unregelmäßigen Abständen, lagen einzelne dunkle Körper, die nicht mehr seufzten. An einem Bretterzaun, einige fünfzig Schritte von mir, standen die Pferde verkoppelt, gedämpft drang ihr Stampfen und Schnauben herüber, und in der Helle der Sommernacht hoben sich glänzend die feinen Linien ihrer Leiber; manchmal warf eines den Kopf zurück, daß die Mähne flog, und sandte ein Wiehern kriegerischer Freude über die Hügellehne hin, daß alle Schläfer sich regten, einer oder der andre sich aufsetzte, erstaunt um sich blickte und endlich murmelnd wieder zurücksank. Ueber dem Dorfe stand ein rötlicher Schein, der einer Brandruine entsteigen mochte, und Rauch trübte nach dieser Seite hin die klare Himmelsferne. Aus einem etwas erhöht liegenden Hause strahlte ein Licht, ein zweites aus dem Wächterstübchen auf dem Kirchturm. Ein Storchenpaar, dessen Nest zerstört sein mochte, kreiste langsam in weiten Ringen durch die Luft oder stand mit scharfgezeichneter Profillinie auf dem Kirchendache, zwei ruhelos aber schweigend klagende Geister. Alles dies sah ich durch halbverschleierte Sinne, bis in der Ebene die grauen Nebel sich hoben, in der Linde über mir Vogelstimmen erwachten und das Storchenpaar nicht mehr als schwarze Schatten einherzog, sondern leuchtend weiß, mit gleichsam lichttriefenden Schwingen, in einem rosigen Himmel schwamm. In weiter Ferne blitzte es am Horizonte auf – da kamen frische Stimmen vom Dorfe her auf uns zu, und jeder Schläfer sprang auf und rüttelte sich munter. Ich wandte den Kopf nach den Stimmen und sah Goldtressen und Helmzierate funkeln. Allen voran ging eine junge schlanke Gestalt und eine kleine bucklige. Da stand ich auf den Beinen. »Kompagnie Moreau der Royal Roussillon!« hörte ich eine der Stimmen, und es war eine tiefe und markige, rufen. Unsre Leute antworteten: »Hier!« und schon formten sich wie unwillkürlich die Kolonnen. »Leutnant Roquesant!« fuhr eine andre Stimme fort, und diesmal war es eine jugendliche, die ich wohl kannte. Ich rührte mich nicht. Die Stimme, jetzt von einem leichten Flor bedeckt, fuhr fort: »Ist es wahr, daß er verunglückt ist?« Da trat ich vor und grüßte in militärischer Haltung. Philipp, auf Luxembourgs Arm gelehnt, stand vor mir, eine Sekunde lang sah ich ihm fest in die Augen, aber, wie ich wohl fühlte, ohne Dank und Freude für das Interesse, das er mir bezeigte. Auch sein Gesicht blieb hochmütig und kalt. Er nickte mit dem Kopfe und sagte gleichgültig: »Das war alles, was ich wissen wollte!« Dann ging er vorbei, den Marschall nach sich ziehend, der indessen, freundlicher und leutseliger als der Prinz, häufig stehen blieb, da und dort einem Mann auf die Schulter klopfte und laut die Leistungen des vergangenen Tages lobte. Bei jedem derartigen Aufenthalte mußte natürlich auch Philipp stehen bleiben. Sein Gesicht war dann unentwegt mir zugewendet, aber seine Augen sahen mit einer ganz eigenartigen, geflissentlichen Zerstreutheit an mir vorbei, als habe er meine Existenz längst vergessen. Ich fühlte wohl, der Mann hatte mir eine gewisse harte Antwort nicht vergeben und wollte es mich wissen lassen. Dennoch hatte er nach mir gefragt –? Die Offiziere waren über den Hügelrücken verschwunden. Wir aber rüsteten uns zum Marsche nach dem Lager zurück. 11 Ich wäre nun, da dieser Vorfall mir die Gesinnung meines einstigen Freundes offenbart und eine schlimme Aussicht auf die Zukunft eröffnet hatte, am liebsten nach meiner Garnison zurückgekehrt und hätte Paris fortan gemieden. Aber wollte ich nach dem Feldzuge auf Beförderung rechnen, so mußte ich in Paris anwesend sein, mich vorstellen, zur rechten Zeit den rechten Mann an meine Verdienste erinnern, antichambrieren und hofieren, kurz, ein ganz bestimmtes und genau vorgeschriebenes Programm abwickeln, ohne dessen Innehaltung es in Frankreich keine Aemter und Ehren gab. Nicht daß mein Stolz erheblich Einspruch gegen dieses Verfahren erhoben hätte, dazu waren wir alle viel zu sehr daran gewöhnt. Nur meine immer noch knappen Verhältnisse machten mir den Entschluß schwer. Aber sein mußte es, und so machte ich mich denn auf den Weg nach der Stadt der süßen Laster. Da ich vom Norden herkam, so mußte ich bei der Grange Batelière in Paris einreiten, kam über die Heide am Menilmontant, an den Windmühlen des Montmartre vorbei und endlich durch die Straße, wo das Palais Cardinal stand. Jugenderinnerungen spielten in mir und bewegten tausend Empfindungen in meiner Seele, und plötzlich kam mir der Gedanke, ich könnte wohl versuchen, bei meinen alten Freunden Regnard in der Barillerie Quartier zu nehmen. Daß wenigstens der Mann mich mit offenen Armen empfangen würde, dessen war ich sicher. Wandte also mein Pferd links um den Louvre herum, stieg vor St. Germain l'Auxerrois noch schnell zu einem kurzen Gebete ab, grüßte auf dem Pont Neuf meinen alten Freund Heinrich IV. auf seinem nervösen Pferde und bog, eben als alle Lüfte vom Klange unzähliger Mittagsglocken zitterten, bei dem Eckhause an der Barillerie ein. Irgend etwas veranlaßte mich, nicht gleich in den wohlbekannten Laden einzutreten, sondern zuerst einen Blick auf die paar Schaudinge zu werfen, die immer noch im kleinen Fenster neben der Türe ausgestellt waren. Es waren dies, wie üblich, Kruzifixe und andre Gegenstände zu frommen Gebräuchen von billiger Arbeit, denn Wertvolles bot man nicht der unsicheren Schaulust der Menge, setzte es nicht gerne dem Staube und den Fliegen aus, die von innen zu Hunderten gegen das Fenster surrten. Immerhin schienen mir diese Stücke schlechter, als was ich sonst von Regnard zu sehen gewohnt war. Ich fragte mich, ob etwa die zwei Jahre meiner Abwesenheit mein Urteil so geschärft hatten, mußte mich aber schnell überzeugen, daß alle die Dinge, wie ich sie im einzelnen betrachtete, lieblos und oberflächlich behandelt waren. Wo war die Hand, die einst die Seile des gefesselten Heilandes so zart flocht, daß man die einzelnen Bastfäden hätte zählen können, die um das gesenkte Haupt die Locken so weich sich ringeln ließ, als könne nur eben der Wind damit spielen? Wo war die naturwahre Schönheit der Glieder, wo der sprechende Ausdruck der seinen Züge? Ich kam endlich zu dem Schlusse, die Arbeiten könnten nicht von Regnards persönlicher Ausführung, müßten von irgendeiner rohen Gesellenhand stammen, und trat mit einem frohen Gruße in den Laden. Ich fand Regnard allein, aber nicht, wie ich dies früher gewohnt war, bei der Arbeit, sondern mit dem Schreiben eines Briefes beschäftigt, den er bei meinem Eintritt rasch verbarg. Als er mich ansah, gewahrte ich eine Veränderung in seinem Gesichte, die mir nicht gefiel, einen gewissen Zug, für dessen Bedeutung ich leider Verständnis hatte, seit ich mit Philipp von Chartres »gegen die Heuchelei« gekämpft hatte. Diesen übeln Eindruck verwischte nun freilich alsobald die helle Freude, die das vertraute Gesicht wieder mit seiner alten Schönheit übergoß, als Regnard mich erkannte und willkommen hieß. Ich teilte ihm unverzüglich meine Absicht mit, bei ihm zu wohnen, in einer leeren Gesellenkammer, auf dem Dachboden oder im Hundestall, wenn es sein sollte, jedenfalls aber in seinem Hause. Er lachte sein altes goldenes Lachen und versprach, mir eine feine Kammer zu rüsten, während ich mein Pferd in die Herberge brächte. Dies geschah denn auch, und mit Vesperläuten zog ich im Hause des Goldschmieds ein und saß abends an seinem Tische als Glied seiner Familie. Vor mir saß, immer noch in, ihrer bleichen und gespenstischen Schönheit, Germaine, ernster als je und mit einer solchen Abweisung in ihren Mienen, daß ich sofort begriff, ihr zur Freude habe der Goldschmied die Kammer nicht an mich vermietet. Neben ihr aber glänzten im Scheine des Tranlämpchens ein goldener Scheitel rechts, ein goldener Scheitel links: der Goldschmied und Benedikte auf ihrem etwas erhöhten Stühlchen. Das Kindchen war nun etwas über drei Jahre alt, und bereits spiegelte sich in seinem noch kugelrunden Gesichtlein der unvergleichliche Frohsinn des Vaters. Unaufhörlich tanzten die hellen Augen, plapperte das Mäulchen und spielten die Grübchen in den zartroten Wangen, unausgesetzt, wie das Gezwitscher von hundert Vögeln in einem Frühlingshaine, girrte und schwirrte das süße Stimmchen, stieg in goldigen kleinen Schreien der Lust oder vibrierte in jenem perlenden Lachen, das nur gesunde und lustige Kinder lachen können. Nie habe ich das holde kleine Wesen übellaunig oder furchtsam gesehen. Mag sein, daß ein häufiger Aufenthalt in dem Laden seines Vaters ihm früh schon die Gewohnheit des Anblicks fremder Menschen gegeben hatte, mag sein, daß eine holde Anlage, von jedem Neuherantretenden nur das Beste zu erwarten, in der Natur des lieben Kindes lag: Tatsache ist, daß ich es nie vor irgendeinem Menschen zurückscheuen sah. Oft an schönen Herbstnachmittagen spielte es auf der Schwelle der Werkstatt; da war auch nicht ein Vorübergehender, den es nicht angelacht, angejauchzt hätte, und blieb er nur stehen und lächelte wieder, so hob es auch alsbald das unschuldige Mündchen und bot ihm ein Küßchen. So hatte es auch mich empfangen. Zuerst hatte es seine Händchen nach der Feder auf meinem Hute gestreckt, und als ich in instinktiver Angst um das für meine Verhältnisse kostbare Stück den Kopf zurückbog, schlug es zwar erstaunt, aber durchaus nicht verdrossen seine großen Augen zu mir auf und bot mir die Lippen mit einem Ausdrucke, als sei es gewohnt und sicher, mit dieser Art der Bitte alles zu erreichen. Ich gab ihm denn auch alsobald den Hut, den es nicht übel zerzauste. Und wirklich hatte das winzige Ding in unbewußter List sich die Entdeckung zunutze gemacht, daß ihm nichts abgeschlagen wurde, wenn es so bat; daher verfiel es niemals gleich andern Kindern in jenes eigensinnige Greinen, das Männern so verhaßt ist, sondern wandte siegesgewiß die holde Macht seines Schelmengesichtchens an, der auch nichts widerstand. Anderseits drückte es durch dieselbe Geste auch seinen Dank aus, und ich gestehe, daß ich von Anfang an und auch später noch stets darauf bedacht war, dem Kinde nie ohne eine kleine Gabe zu nahen, nur um diese lieblich erhobenen Lippen zu sehen. Als ich sie das erstemal berührt hatte, durchschauerte mich ein seltsam köstliches Gefühl der Rührung. Ich hatte bis dahin noch nie ein Kind geliebkost, und ich dachte erstaunt und ergriffen von dieser neuen Empfindung: ›Mein Gott, wie süß ist dies!‹ Ich nahm das kleine Ding auf meinen Arm, wo es jauchzend und hüpfend sich wiegte wie eine Reiterin auf einem vertrauten Pferde, indes ich in heller Angst einen Zipfel seines Kleidchens faßte, damit mir das zappelnde Mäuslein nicht unversehens entschlüpfe. Regnard schien sich an meiner Ungeschicklichkeit zu ergötzen, gab indes zu, daß man von einem Kriegsmanne nicht mehr Zartheit im Kinderwarten verlangen könne. Germaine hatte in offenbarer Sorge zugesehen und nahm mir das Kind ab, sobald sie es mit Anstand tun konnte; auch hatte sich ihre Stirne bös gefurcht, als ich das Mündchen geküßt hatte. Sie sagte indes nichts Unfreundliches und begnügte sich in der Folge, sich immer so bald als möglich mit dem Kinde zurückzuziehen, wenn ich im Hause weilte. Die ersten Tage meines Aufenthaltes im Goldschmiedshause glaubte ich in ein Paradies ehelichen Glückes getreten zu sein, so sehr hielt mich der Zauber des Kindes, das plaudernd und kosend zwischen den Eltern hin und her ging, gefangen. Ich sollte indes nur zu bald bemerken, daß die Beziehungen zwischen dem Goldschmiedspaare trübere waren als je zuvor. Das erste, was mir auffiel, war Regnards wirklich allzu häufige Abwesenheit vom Hause, besonders aber die Vernachlässigung seiner Kunst. Der Mann arbeitete nicht mehr; er nahm Bestellungen entgegen, führte sie lässig und flüchtig aus, verfertigte auch wohl da und dort ein paar Stücke zum Marktverkauf, aber die Freude war von ihm gewichen und mit der Freude die hohe Kunst. Nicht mehr wie einst gestaltete er das Leben seiner Seele in dem feinen Stoffe, den er behandelte: und vielleicht wäre die Gestaltung dieses Lebens des Stoffes nicht mehr wert gewesen. Es ergab sich von selbst, daß ich mich häufig den abendlichen Gängen des Goldschmiedes anschloß, wie eben ein Mann, der die Zeit totzuschlagen gezwungen ist, sich der Führung eines andern gern wahllos überläßt. Da lernte ich den Unterschied verstehen zwischen einst und jetzt. Aeußerlich war der Lebenswandel Regnards genau derselbe geblieben. Er besuchte nach wie vor die Tanzböden der Elysäischen Felder, war ein gern gesehener Gast in fröhlichen Bürgerhäusern und schien vor allem das Theater zu lieben; nur daß er auf den Tanzböden nicht mehr das schlichte Bürgermädchen wählte, sondern das geputzte, schamlose Weib mit den blanken Schultern; nur daß er ins Theater nicht mehr der griechischen Götter halber ging, sondern um mit einer losen Kurtisane zu liebäugeln und im Parkett die neuesten Liebesabenteuer einer Chloris zu vernehmen. Und was die gastfreien Bürgerhäuser betrifft, die sich auf Regnards Fürsprache nun auch mir öffneten, so läßt sich leider wenig Gutes über dieselben berichten. Ich habe bereits gesagt, daß die Bürgerschaft von Paris den Sitten oder Unsitten des Adels nachzueifern begonnen hatte; in diesem Streben hatte sie in den letzten zwei Jahren einen löblichen Fortschritt gemacht, und den weitesten Vorsprung hatten, wie in allen Dingen, die Frauen darin gewonnen. Die Gattin des Schneiders kleidete sich wie die des Notars; die Notarsfrau, weiterstrebend, trug sich wie die Edeldame. Und da auf diese Weise jede ihrem Kreise entwachsen zu sein glaubte, so suchte auch jede ihren Umgang nur noch auf der nächsthöheren Gesellschaftsstufe und drängte sich in Häuser, die sie für vornehmer hielt als das eigne. Die betörten Männer wurden nur eben mitgezogen und waren wirklich blind genug, an dieser Tollheit Freude zu finden. Da aber naturgemäß bei diesem Vorrücken durch die Rangkreise irgendein Wert oder Vorteil geschaffen werden mußte, mit welchem dies Vorrücken bezahlt werden konnte, so hatte der Teufel zwei Laster in die Welt gesetzt, die denen als Leiter dienten, die jenen traurigen Ehrgeiz besaßen: das Spiel und die Liebelei. Das Verfahren war einfach. Der Schneider ließ sich vom Notar im L'hombre plündern und erkaufte damit das Recht, in seinem Hause als Gast einherzugehen; der Notar erwies dem Chevalier denselben Liebesdienst und sicherte sich damit dessen Umgang; der Chevalier setzte die Uebung mit dem Herzoge oder dem Prinzen von Geblüt fort. Die Frauen aller dieser Stände handelten nach abwärts oder aufwärts nach demselben Grundsatze. Und auf diese traurige und ekelerregende Weise vollzog sich das, was man mit einem schönen Worte den Ausgleich der Stände hätte nennen können, wenn man sich damals schon der Sache klar genug bewußt gewesen wäre, um ihr einen Namen zu geben. Auch Regnard war – wie sollte er nicht? – von der Krankheit der Zeit ergriffen worden. Der Mann war schön, er zierte den Saal, den er betrat, er besaß Witz und Anmut und war reich; es gab keine Frau irgendeines Richters, eines Arztes oder sogar auch eines Staatsbeamten vom kleinen Adel, die sich zweimal besonnen hätte, auf den Handel einzugehen, den er ihr stillschweigend bot, wenn er ihr Haus betrat. Als ich mit Regnard in die Welt ging, da nannte ein Finanzkontrolleur ihn »lieber Freund«. Die Gemahlin des Staatsbeamten aber prunkte auf ihrem Tische mit einem entzückenden goldenen Salzfaß, das ich vor Jahren in Regnards Werkstatt hatte entstehen sehen. Die kleine Najade mit dem Elfenbeinkörper schlug geschmeidig ihren goldenen Fischschwanz um die Muschel, welche die edle Würze enthielt; die festgefügten Schuppen, das zarte Grätengestäbe der Flossen verrieten noch die liebevolle Hand von damals. Ich sah betrübt das kleine Ding an und fragte mich im stillen: ›Wofür hat er dich hingegeben?‹ Es war klar, daß Regnards Verkehr ein einseitiger sein mußte, denn Germaine hätte das Unwesen nun und nimmer in ihrem Hause geduldet, noch hätte sie selbst den Fuß in ein solches gesetzt, wo derartige Dinge geübt wurden. Sie hatte sich, wie ich aus einzelnen Aeußerungen des Mannes entnehmen konnte, einige Male zum Besuche solcher Gesellschaften überreden lassen, von denen Regnard sich ganz besondere Vorteile versprochen hatte, und hatte es mit gutem Willen getan, um dem Gatten nicht zu schaden; doch, war ihre puritanische Gewandung allein schon wie eine unerträgliche Mahnung vor all den frivolen Gesichtern gestanden, so hatten ihr Gehaben, ihr Blick und die wenigen schroffen Aeußerungen ihrer Gesinnung bald eine solche Mißstimmung erregt, daß Regnard froh war, als sie sich unter dem Vorwande neuer Mutterschaft weigerte, ihn zu begleiten. Er fühlte sich nun doppelt berechtigt, allein auszugehen. Denn natürlich verfehlten seine vornehmen Freundinnen nicht, ihn zu beklagen, daß er solch ein Marmorbild neben sich dulden müsse, anderseits machte ihm Germaines Strenge wirklich das Haus nachgerade zur Hölle. Ich habe ihre grausame Art vorher beschrieben, und es wird niemand wundern, wenn diese es in so kurzer Zeit zuwege gebracht hatte, aus dem bloß Leichtsinnigen einen Lasterhaften zu machen. Jung wie ich war, begriff ich den Entwicklungsgang der grausen Veränderung, und der Mann jammerte mich in tiefster Seele. Mehr noch als der Zusammenbruch einer so glücklich veranlagten Natur, die Erniedrigung eines so schönen und reinen Menschenbildes, als welches ich Regnard kennen gelernt hatte, ergriff mich der Verfall seiner Kunst. Der Mann war faul geworden, faul und gedankenlos. Die Not zwang ihn nicht zum Arbeiten, denn in diesem einen Sinne war er noch immer der goldene Goldschmied; und was ihn sonst dazu getrieben hatte, das edle Spiel seiner reichen und unschuldigen Phantasie, das hatte Germaine gründlich erstickt. Vielleicht nicht sie allein; aber ihre Hand war sicherlich die erste gewesen, die kälteste, die gewaltigste von allen, die da zerstörend gewirkt hatten. Manchmal in der längeren Zeit, die ich im Goldschmiedshause zubrachte, geschah es freilich noch, daß ich den Mann mit alter Lust und Liebe an einem Kleinod schaffen sah. Leider war es dann eine Leidenschaft niederer Art, die ihm die Hand führte, und das Werkchen, für eine Unwürdige bestimmt, verriet dann gewöhnlich in seiner prunkenderen und derberen Fassung den Geschmack solcher, die sich für die Menge schmücken. Große Edelsteine, leuchtende Farben des Emailgrundes, frivole Bilder vereinigten sich da zu einer unedeln Wirkung auf rohere Sinne. Dennoch zeigte sich auch an solchen Gegenständen wieder die alte Meisterschaft Regnards, wie ein Licht, das einst still und klar gebrannt hat, aus schwelendem Dochte noch ein paarmal zu voller Helle aufflackert, ehe es erlischt. Und sie zeigte sich gerade genug, um mich immer mit einem neuen Bedauern um das Zugrundegehende zu erfüllen. Ich sah diese eben beschriebenen Stücke ohne Betrübnis den Weg gehen, den zu gehen sie bestimmt waren; schmerzlicher war mir's, wenn Regnard unversehens einmal eins von den Kunstwerken seiner glücklichen Zeit hervorholte, um es der gleichen Bestimmung zu weihen. Es waren ihm einige wertvolle und besonders sorgfältig ausgeführte Gegenstände unverkauft geblieben, vielleicht, weil er in der übermütigen Zeit ihres Entstehens einen zu hohen Preis dafür gefordert hatte, vielleicht auch, weil ihr Reiz, der nicht in die Augen fiel, eines so feinsinnigen Beschauers bedurfte, wie ein feinsinniger Künstler sie geschaffen hatte. Es war bei einer solchen Gelegenheit, wo ich ganz verstehen lernte, wie viel an Regnard gesündigt worden war. Er stand um jene Zeit im Banne einer Frau, die neben körperlichen Vorzügen eine hohe Gabe besaß, durch Redegewandtheit zu fesseln. Regnard führte mich in ihr Haus, das mit plumper Pracht ausgestattet war und wo jene unselige Nachahmung adliger Sitten mit dem traurigsten Eifer betrieben wurde. Ich will gestehen, daß mich damals die Sache auch blendete und daß ich in unsrer Wirtin eine jener vornehmen empfindsamen Seelen zu sehen glaubte, deren es zu jener Zeit in allen Ständen so manche gab. Sie empfing Dichter und Gelehrte in ihrem Hause, ließ sie ihre Werke vorlesen und schrieb selbst ihre Eindrücke über das Vorgetragene nieder, um sie am folgenden Abende unter allgemeinem Beifall zum besten zu geben. Einige simple Bürgersleute mit gutgestopften Taschen bezahlten unterdessen die Ehre, einem so gebildeten Kreise anzugehören, im Nebenzimmer am L'hombretisch an den Gemahl der Preziösen. Zu diesen Törichten hatte anfangs auch Regnard gehört, doch hatten seine Schönheit und das frohe Spiel seiner Laune ihm bald einen bevorzugten Platz an der Seite der Hausherrin gegeben. Die Kluge behandelte ihn als Künstler und vertiefte sich bald mit ihm zusammen in gefühlvolle Gespräche, an denen sie ihn so lange hielt, bis sie am Ziel ihrer Wünsche war. In diesem Augenblicke war es, wo Regnard sich verpflichtet glaubte, ihre Liebe durch ein Geschenk zu lohnen, wie es einer so schönen Seele würdig war. Er ersah dazu einen Nautilusbecher, den letzten, den schönsten, den er noch besaß, und ich war Zeuge des Vorganges, als er ihn ihr inmitten einer bunten Versammlung überreichte. Die kleine Szene steht mir jetzt wieder vor Augen, und zwar viel deutlicher und verständlicher als damals im Moment des Erlebens. Ich sehe das hellgetäfelte Gemach, die feine Schweifung der vergoldeten Profilierung, die mattgeblümten Brokate der Möbel, das Kerzengeflimmer im vielgeteilten Spiegel. Ich sehe die Frau im bauschigen Rock, der glänzend und seidig wie eine Blumenglocke um sie pendelte; ich sehe ihr schmales Leibchen, die kecke Form ihres Ausschnittes, ihr glattes, weiß und rotes Puppengesicht mit den Mouches auf Stirn und Kinn und Wangen, und den turmhohen Aufbau ihres Kopfputzes, den ein mächtiger goldgefiederter Vogel krönte. Und neben ihr Regnard, höher als sie samt ihrer Frisur, den hellen Kopf leicht über sie geneigt, und mit einem Ausdrucke kindlicher, zärtlicher Freude ihr ins Gesicht lächelnd. In seiner Hand schimmerte das edle Gefäß. Vom Kerzenstrahl durchleuchtet, belebte sich der zarte Stoff zu einem köstlichen Fleischton, all die kleinen spielenden Nixenleiber hatten sich erwärmt, der Himmel und das Meer lagen wie im mildesten Abendrote da, und durch das zierliche, durchbrochene Galeriechen an den Schneckengängen der Muschel drang das Licht ins Innere und blieb in einer tiefen Purpurfarbe hangen. Nie hatte ich die herrliche Schale so schön gefunden; und ich hielt mit solchem Entzücken die Augen darauf geheftet, daß mir entging, was sich zwischen den beiden Personen, dem Geber und der Empfangenden, abspielte. Plötzlich sah ich, wie Regnard den Becher seitwärts auf eine Konsole stellte. Irgendwie kam mir jetzt auch das Gesicht der Frau zum Bewußtsein, das einen enttäuschten und gleichgültigen Ausdruck trug; gleich darauf suchte ich das Regnards und fand es auch enttäuscht, aber keineswegs gleichgültig. Vielmehr verriet es ein großes Herzweh. Ich habe nie gefragt, was für ein unangebrachtes Dankwort die Frau gesprochen hatte, das ihm so nahe gegangen war; aber sicher ist, daß es ein Wort gewesen sein muß, welches zugleich ihre Dummheit und ihre Habgier verriet; vielleicht hat sie den Becher mit Edelsteinen besetzt gewünscht. Regnard, dessen Herz doch an seinem schönen Gebilde hing, muß furchtbar getroffen gewesen sein von der Erkenntnis, daß die Preziöse in Wahrheit von seiner Kunst nichts verstand, denn er tobte diese Nacht auf dem Heimwege mit den bittersten Worten gegen diese, wie er es nannte, schlimmste Falschheit der Frau, den Mann an seinen besten Gefühlen zu fangen. Dieser Szene folgte eine reuige Einkehr bei sich selbst, eine schmerzliche Demütigung vor Germainen und ein Versuch, in alte gute Wege zurückzukehren. Ich glaube, daß es solcher Versuche eine ganze Reihe gegeben hat und daß sie zu einer ernstlichen Besserung geführt hätten, wenn Germaines Hand nur eine einzige liebe Geste der Verzeihung und des Mitleids gefunden hätte. Aber dessen war sie nicht fähig, vielmehr liebte sie es, den ohnedies Zerknirschten noch tiefer in den Staub zu drücken. Und sie ist schuld, daß der Unselige denn auch endlich ganz darin erstickte. 12 Unter den Gegenständen, die Regnard nicht verkauft hatte, befand sich auch der putzige kleine Savoyarde mit seinem Kramlädchen und seinem wunderlichen Getier. Diese Tatsache entdeckte ich zu meiner Freude bald nach meinem Einzuge im Goldschmiedshause, und zwar fand ich das unvergleichliche Spielzeug eines Tages in Benediktens Händen, die mit zierlich gespitzten Fingerchen an den winzigen Schubfächern herumhantierten, das schimmernde, aus einer großen Perle bestehende Bäuchlein des kleinen Affen streichelten und den Papageien auf die Schnäbel tippten. Ich war erstaunt, daß man das kostbare Ding dem Kinde überließ, erfuhr aber, daß es schon lange damit spiele und ohne ihm je erheblichen Schaden zugefügt zu haben. Benedikte sei, so erzählte mir Regnard, einmal in den Laden getrippelt gekommen, als er just die Figur einem Käufer gezeigt habe. Ohne weiteres habe sie Händchen und Mäulchen erhoben, so oft und geduldig wiederholt und mit solch einem unschuldigen Ausdruck rührender Bitte, daß der Vater es nicht übers Herz brachte, die Figur wieder in den Schrank zu schließen, als der Handel sich zerschlagen hatte und der Käufer abgezogen war. Er hatte freilich versucht, des Kindes Wunsch abzulenken, indem er ihm andre, minder zerbrechlich gefügte Gegenstände bot. Aber Benedikte hatte nur energisch das Köpfchen geschüttelt und immer nur wieder das Mündchen geboten, als hoffe sie doch endlich die genügende Zahl von Küssen aufzubringen, die das Kunstwerk kaufen konnten. Regnard hatte denn auch bald bemerkt, wie sorgfältig sie mit dem Ding umging, und nun sei es schon seit Wochen ihr erklärtes Eigentum; doch erhalte sie es nicht täglich und höchstens immer nur für eine Viertelstunde zum Spielen. Auch dann aber geschähe es meistens unter Germaines Aufsicht, die an dem einzigen unter Regnards Gebilden auch eine gewisse laue Freude zeigte, offenbar nur, weil es das Kind so beglückte. Ich schäme mich nicht, zu sagen, daß ich mich sofort zum Spielaufseher anbot, und daß ich in der Folge sowohl das Kind wie das Spielzeug trotz Germaines stillem Widerstreben manchen Nachmittag hütete. Ich war in dieser Wartezeit in Paris zu vielen Stunden traurigen Müßiggangs verdammt, hätte wohl manchmal gern mein Bündel geschnürt und wäre auf und davon geflogen, meiner stillen Garnisonsstadt zu; aber diejenigen, die in dieser Sache meine Beschützer und Berater waren, veranlaßten mich zu bleiben und weiter zu antichambrieren, was ja denn auch endlich nach sehr vielen Monaten zum ersehnten Ziele führte. In diesen Monaten, während welchen es an Verstimmungen und Enttäuschungen für mich nicht fehlte, waren Benedikte und ihr Savoyarde mir die einzige Quelle friedlicher Heiterkeit. Man wird dies Geständnis für einen jungen Menschen von ein- oder zweiundzwanzig Jahren seltsam finden. Aber ich erinnere an das Gelübde von Marlaigne, welches immer noch auf mir lag und mich unter den Bürgermädchen lächerlich machte, wie es mich ein Jahr früher unter den echten und falschen Herzoginnen bei den Orgien Philipp von Chartres' lächerlich gemacht hatte. Denn die Bürgermädchen hatten leider nicht minder flinke Mäulchen als die Edelfrauen, Mäulchen, die sich lächelnd darboten, sobald ich nur ganz leise und schüchtern meinen Arm um eine Hüfte legte, Mäulchen, die sich spöttisch schürzten oder traurig ihre Winkelchen hängen ließen, wenn ich seufzend und mit einem wehmütigen Kopfschütteln mich zurückzog, schweren Herzens auf das holde Geschenk verzichtend. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich manche Stunde qualvoll darüber nachsann, ob ich vor Gott denn eigentlich verpflichtet sei, das schmähliche Gelübde zu halten; aber wenn noch etwas gut in mir war, so war es meine unbeschränkte Hingabe an religiöse Gefühle, und ich hätte jede Strafe der Welt zu verdienen geglaubt, wenn ich ein Versprechen gebrochen hätte, das ich einem Geweihten abgelegt. Ich verfluchte es innerlich, oft unter Tränen; aber Furcht oder Frömmigkeit zwangen mich, es zu halten. Da ich denn natürlich unter solchen Umständen bald ein Verhöhnter war und nichts als Stichelreden erntete, wenn ich mich einer Schönen zu nähern suchte, so floh ich, Bitterkeit im Herzen, die fröhlichen Häuser, in denen Regnard mich eingeführt, und flüchtete zu Benedikte und dem Savoyarden. Nun geschah es, daß die letzte herbe Lektion, die Regnard erhalten, auch diesen zu einem häuslicheren Leben veranlaßte, und zu meiner innigen Freude gesellte sich das große Kind, das immer noch in ihm steckte, bald unserm Spiele bei. Manche Stunde lagen wir langgestreckt auf einer alten Wolldecke am Boden, während das Kind zwischen uns saß und die kleine Figur auf ihrem bilderreichen Sockel gerade in der Höhe unsrer Köpfe sich erhob. Dann lieh der Goldschmied seinem Geschöpfe wieder den lebendigen Laut, rief seine Waren aus, erzählte die Geschichte seines Affen und ahmte wie einst zu meiner Ergötzung jetzt zu der seines Kindes das drollige Wesen jener fahrenden Krämer mit all seiner humorvollen Mimik nach. Benedikte, die derlei Leute wohl ab und zu in der Gasse zu sehen bekam, erfaßte das kleine Schauspiel ganz, und ihre hellen Lachtöne schwirrten wie tausend Glöcklein durch das Zimmer. Mein Part in der Komödie bestand darin, die gläubige Menge darzustellen, die der Scharlatan prellte. Ich ließ mir einen Zahn ziehen, ich kaufte eine Brille, durch die ich nichts sehen konnte und die mich blind und hilflos umhertappen ließ; ich erstand eine Schere, mit welcher ich vergeblich versuchte, mir die Schnurrbartspitzen abzuschneiden; ich kam als Kranker und verschluckte eine Mixtur, die mir Krämpfe verursachte; ich suchte die Papageien zu streicheln und zog schreiend, wie von einem Schnabelhieb getroffen, die Hand zurück; ich wollte dem Affen seine Schnapsflasche entreißen und wurde gekratzt. Alle diese Narrheiten und viele andre mußte ich täglich in bestimmter Reihenfolge wiederholen, und bei jeder einzelnen schrie Regnard, die von ewigem Rufen krächzend gewordene Stimme des Italieners nachahmend, triumphierend sein: »O die dumme Kerl! Schau, die dumme Kerl!« dazu, während Benedikte lachte, daß ihr kleines Körperchen nur so schüttelte. Germaine trat ab und zu ins Zimmer, brauchte unfreundliche Worte und befahl Regnard, an die Arbeit zu gehen und sich des unziemlichen Lärmens zu schämen. Dann wurde der Mann rot, sein Blick schmerzvoll starr und heiß, seine Antwort rauh. Verließ die Frau das Gemach, so hatte Benediktens kindliches: »Weiter! bitte, weiter!« die Laune bald wieder hergestellt. Es ereignete sich einmal, daß Germaine mich allein mit Vorwürfen überfiel, als ich in Regnards Abwesenheit meine Schwänke mit dem Savoyarden vorführte. Sie beklagte sich heftig über die gemeine und lärmende Schaustellung, die wir dem Kinde böten und die in dem kleinen Wesen solche Vorstellungen und Begierden nach Pöbelwitz und Schaugepränge erregen müßte, daß es ohne Zweifel später eine wundersüchtige Gassenläuferin werden würde, wie sein Vater ein Gassenläufer sei. Sie, Germaine, würde das heillose Spielzeug längst zerbrochen haben, wenn sie den Schmerz des Kindes nicht fürchtete; aber gerade in der Vorliebe, die das kleine Wesen für die häßliche Bildnerei an den Tag legte, offenbare sich die frivole Natur des Vaters, dem nichts über Spaß und Vergnügen galt und der in dem Affentreiber seine eigne zu Possen geneigte Sinnesart verkörpert habe. So fuhr sie eine ganze Weile fort zu schmähen. Ich aber war der dumme Junge nicht mehr, der sich schelten ließ; solange sie im Zimmer vor den erstaunten und betrübten Augen Benediktens stand, schwieg ich, folgte ihr aber alsobald hinaus und machte es der Hexe ohne viel Umstände klar, wer denn eigentlich den goldenen Goldschmied zu einem Gassenläufer und noch viel Schlimmerem gemacht habe. Sie war in aller ihrer Schönheit entsetzlich anzusehen, während ich sprach, und ich glaube wohl, daß ich sie im Tiefsten getroffen und verwundet hatte; doch erwiderte sie kein Wort auf meine Predigt, die ich in mehr markige als gewählte Ausdrücke gekleidet hatte, sondern begnügte sich, mich von dem Tage an mit offenster Feindseligkeit zu behandeln. So ungemildert und gleichmäßig äußerte sich ihr Haß, daß ich mich wohl gefürchtet haben würde, die von ihr zubereiteten Speisen zu mir zu nehmen, hätte ich nicht gewußt, wie fromm sie war. So konnte ich mich ruhig drauf verlassen, daß Germaine zwar täglich den Schöpfer um meinen Tod bitten, aber selbst nichts tun würde, um diese artige Bitte zu unterstützen. Und ich lachte ihres Zornes, um so mehr, als sie mir auch das Kind nicht entziehen konnte. Davor hatte mir anfangs gebangt, aber die beschränkten Verhältnisse des Hauses, das Germaine nach ihrer puritanischen Art allein mit einer alten Magd führte, ließen ein Absondern nicht zu. Freilich behielt sie, wo es irgend anging, die Kleine bei sich; zum Glück jedoch ging es nicht immer an, und die gute Magd ließ mit sich reden. Es wäre auch die erste redliche alte Haut gewesen, die einem jungen Offizier zuwidergehandelt hätte! Ich hätte Germaines Haß gern auf mich genommen, hätte ich nur aus dem Vorfall eine günstige Wendung für meinen armen Freund erwarten dürfen. Aber es sah in diesem Punkte bedenklicher aus als je. Germaine geißelte den Unglücklichen bis aufs Blut; und wie grausame Henker ihre Peitsche in Salzlake tauchen, damit sie besser brennt, so tauchte dieses Weib ihre Eifersucht und Rachelust in Bibelsprüche und fromme Sentenzen, die den weichherzigen und jedem Eindruck hingegebenen Mann zur Verzweiflung, zu Selbstanklagen und tiefster Zerknirschung trieben. Dabei sah sie immer noch so ruchlos schön aus, so verdammt heilig und rein, daß es einen Klügeren hätte äffen können, und immer wieder gelang es ihr, den gepeinigten Mann zur höchsten Leidenschaft des Verlangens zu reizen, wozu freilich auf seiner Seite wohl ein jammervolles Bestreben mithalf, der Abscheulichen wenigstens in einem Dinge den Meister zu zeigen. Die Liebesszenen zwischen diesen unseligen Eheleuten konnte ich dann freilich nur aus einem gewissen verzehrten und krankhaften Ausdrucke ihrer Gesichter erraten; sie mögen wohl toll genug gewesen sein. Aber solche Leidenschaft erschöpft sich schnell, und so ist die Spanne Zeit höchstens nach Wochen zu zählen, die Regnard unter dieser Züchtigung aushielt. Bald fand er wieder eine Ablenkung außer dem Hause, und diesmal war der Gegenstand wohl einer Torheit wert und jedenfalls reich genug an berauschender Süßigkeit, um einen Mann alle Leiden seines Lebens in einer einzigen Minute vergessen zu machen. 13 Ganz Paris kannte sie, und ihr Name war Ninon. Sie war siebenundsechzig Jahre alt, und ihr Haar bedurfte keines Puders. Aber sie bedurfte auch sonst keiner Künste. Ihre Haut war noch zart wie Pfirsichblüte und in ihren hellen Augen glänzte alles, was an Frühling, Maiduft und Sommerhimmel gemahnen konnte. In ihrer warmen Stimme sangen noch alle Vögel. Ihre Gestalt, zierlich und doch von jener angenehmen Rundlichkeit mütterlicher Frauen, ging aufrecht auf flinken, nimmermüden Füßchen, die an Schönheit wie an Beweglichkeit den Fuß einer Sechzehnjährigen beschämten. Jedes Wort, das ihren blassen, aber köstlich geformten Lippen entfiel, war Munterkeit und Herzensgüte; jeder Händedruck entsprang einem natürlichen Gefühlsreichtum, einer unerschöpflichen Herzenswärme, einem beinahe göttlichen Drange, zu geben, zu beglücken; Liebkosungen ohnegleichen ruhten in diesen zarten, etwas kühlen Fingerspitzen. Ninon war unsterbliche Zärtlichkeit in allen ihren schönsten Verkörperungen. Und darum sagte ich vorhin, sie besaß Süßigkeit genug, einen Mann für alles Leid der Welt zu belohnen. Wo Regnard sie kennen lernte, weiß ich nicht; vielleicht hatte er ein Geschmeide für sie zu besorgen. Sicher ist, daß ganz Paris sich die Mär erzählte, die fröhliche Ninon habe den goldenen Goldschmied gefangen. Auch Germaine hörte davon, auch in das stille Haus an der Barillerie drang das Gerücht. Ich schaute die bleiche Frau an, die sich mit einem hämischen Lächeln abwandte, als sie es vernahm. Auf eine Siebenundsechzigjährige Eifersucht zu hegen, hielt Germaine für unter ihrer Würde. Ich dachte zuerst, es habe der Glanz jenes Hauses, in welchem alle Fürsten Frankreichs verkehrten, Regnard, der auch eitel sein konnte, verlockt, sich der weltbekannten Frau hinzugeben. Bald aber erfuhr ich, daß er sie nur unter vier Augen sah. Er erzählte mir nichts von Festlichkeiten, er erzählte mir nur von ihrer Person und beschrieb sie so, wie ich sie vorhin beschrieben habe. Dabei blühte sein Gesicht völlig auf, sein Wesen atmete Glück und Ruhe, es war nicht ein Mensch mehr, der ein Laster verhehlte, es war der sorglos und schuldlos Genießende, den ich vordem gekannt hatte. Da verlangte mich, die seltene Frau kennen zu lernen. Regnard, gutmütig und ohne Falsch wie immer, bat für mich, und sie gewährte freundlich, daß er mich zu ihr brächte. Obgleich Ninon meine Großmutter sein konnte, so fühlte ich mich doch sofort zu ihr hingezogen wie zu einer gleichaltrigen und vertrauten Gespielin. Nichts von dem, was das Alter traurig macht, war an dieser wunderbar begnadeten Person zu bemerken. Ihr Kleid, von der zarten Silberfarbe ihrer Haare, strömte einen eigenartig feinen Duft aus, das beständige leichte Rauschen der seidenen Falten erinnerte an das Schwirren eines Bienenflügels, die ganze Erscheinung in ihrer Beweglichkeit und zierlichen Koketterie sah aus, als könne sie sich nur eben der nächsten Schwalbe auf den Rücken schwingen und fortfliegen. Sie trug einen Kopfputz von blassen Rosen, die ganz die Farbe ihrer Lippen hatten. Den Hals umhüllte geschickt ein Flortuch, das dem Bilde der feinen Matrone etwas unglaublich Keusches verlieh. Diesen Eindruck strafte nun freilich sogleich ihr Geplauder Lügen, denn sie liebte es, mit graziöser Schalkhaftigkeit von gefährlichen Dingen zu sprechen, jedoch so, daß sie nie andre als anmutige Vorstellungen in ihren Zuhörern erweckte. Dabei sah sie mit klugen und guten Augen tief in die menschliche Seele und wußte Dinge, die sich als Laster darstellen mochten, in ihre letzten und subtilsten Regungen zu zerlegen, so daß man ohne weiteres Vertrauen zu ihr gewann und mit einer gewissen Rührung täglich neu empfinden lernte, wie diese Frau in einem langen Leben voll übermütiger Abenteuer sich Menschenkenntnis erworben hatte, ohne die Menschenliebe dabei einzubüßen. Das war auch der Grund, weshalb Regnard sich ihr so schnell ergeben hatte; denn natürlich verstand sie ihn vollkommen, und ihr goldenes, warmes und leuchtendes Naturell, das dem seinen verwandt war, erschloß sich unverzüglich mit all seinen Schätzen dem Manne, der ihr Sohn sein konnte und den sie bemitleidete. Ich habe lange genug Gelegenheit gehabt, das eigenartige Liebesverhältnis dieser beiden Menschen zu beobachten, und ich bin gewiß und möchte es mit tausend Eiden beschwören, daß von Leidenschaften auf beiden Seiten nicht die Rede war, obgleich Regnard oft die ganze Nacht in Ninons Hause zubrachte. Er pflegte mir sogar zu beschreiben, wie sie bis in späte Stunde am Kamin zu sitzen pflegten, wobei Ninon auf das allerlieblichste erzählte, denn sie wußte, was irgend in Paris und in der großen Welt vorging, und hatte ihre eigne Art, darüber zu philosophieren – die gute Art natürlicher und gesunder Menschen, denen das Bestehende immer das Beste ist. Kam dann, als einziges Zeichen ihres Alters, eine kleine weiche Mattigkeit über sie, so pflegte Regnard sie auf ein Ruhebett zu heben, mit Kissen und Decken zu stützen und zu umhüllen, und sich selbst an das Fußende zu setzen und zu warten, bis sie einschlief. Dann sah er zu, wie das bewegte und schalkhafte Gesicht sich langsam glättete und beruhigte, wie das letzte Lächeln verschwand und wie endlich das Weltliche und Witzige in den schönen Zügen ganz erlosch und nichts zurückblieb als ein stilles, weißes und unendlich gütiges Mutterantlitz mit den rührendsten kleinen Fältchen um den Mund und die etwas tiefliegenden Augen. In solchen Momenten liebte Regnard, wie er selbst sagte, die unvergleichliche Frau am innigsten. Es machte ihm Freude, dann neben der Schlummernden niederzuknien und ihre kühlen Hände zu küssen, so leise, daß er sie nicht damit weckte. Schlug aber Ninon, die nach Art bejahrter Frauen keines langen Schlafes bedurfte, doch die Augen auf, so lächelte sie wohl über seine Zärtlichkeit, ließ ihn aber ruhig damit fortfahren, indem sie selbst von Zeit zu Zeit sein Haar, seine Stirne oder seine Wange streichelte und ihm mit liebevollen Worten, die aber immer einen leisen Anflug überlegener Schelmerei trugen, für seine Liebkosungen dankte. Manchmal sah sie dann in dem dämmerigen Scheine herabgebrannter Kerzen so betörend jung aus, daß Regnard sie in die Arme nahm und auf den Mund zu küssen suchte, den sie aber immer lachend zur Seite wandte, so daß seine Lippen nur ihre weiche Wange fanden. Doch liebte sie es, gegen seine Schulter gelehnt ruhen zu bleiben, wobei es manchmal geschah, daß beide zusammen in dieser Stellung einschliefen, Regnard halb kniend und sehr unbequem, aber von einem eignen friedlichen Glücke erfüllt, wie es das Bewußtsein des Geliebtwerdens und Liebens ohne den Beigeschmack von Leidenschaft zu geben pflegt. Nach Regnards Aussage hatte er selbst seiner silberhaarigen Geliebten nie von Germaine und dem Unglücke seiner Ehe ein Wort erzählt; doch mußte sie wissen, was der Pariser Stadtklatsch davon herumtrug, und gab ihm auch bald auf ihre natürliche und sorglose Art zu verstehen, daß sie es wußte. Sentimentales Mitleid gab sie ihm nicht; doch fühlte er oft an dem plötzlich dunkel und sinnend werdenden Blicke, den sie auf ihm ruhen ließ, daß sie die Tragödie seines Lebens vollkommen verstand. Aber, als ob sie es für schädlich hielte, die Erinnerung daran aufkommen zu lassen, verscheuchte sie alsobald wieder die ernste Stimmung durch verdoppelte Munterkeit. Immer wieder verstand sie es, den von Natur aus zu Scherzen und holden Phantasien geneigten Mann mit sich fortzureißen, bis er wieder ganz der war, den Paris einst den Goldenen genannt hatte. Auch seine Liebe zur Kunst wußte sie wieder sachte zu wecken, da sie selbst den exquisitesten Geschmack besaß, und es entstand in jener Zeit wieder ein oder das andre wirklich hervorragende Stück, das jedoch immer in Ninons Händen blieb. Dazu gehörte zum Beispiel ein siebeneckiger Kasten aus vergoldetem Silber, den Ninon als Teebüchse zu benutzen pflegte, da sie die neue Vorliebe ihrer Zeitgenossen für dies sanfte Getränk teilte, dessen Duft, der so fein berauschte, ein wenig ihrer Eigenart verwandt zu sein schien. Die sieben Felder dieses Schreines, durch zierlich gekrönte Säulchen geteilt, trugen sieben anmutige Menschenfiguren zur Schau, in denen wieder das alte Leben der guten Regnardschen Arbeiten vibrierte. Auch an andern Gegenständen trat die Freude am Menschenbilde wieder siegreich zutage. So besaß Ninon eine Schale aus Gold in Muschelform und von Delphinen getragen, an deren Rande ein überaus reizendes Elfenbeinweibchen stand, nackt und mit ihren aufgelösten Haaren spielend, als sei sie eben dem Bade entstiegen und streife die Wasserperlen aus dem Gelocke. Da war wieder die schöne Lässigkeit der Stellung, die niedliche Wendung des Halses, der weiche Fall der Haarsträhne, die Regnard früher so gern dargestellt hatte. Da waren auch wieder die alten Delphine mit ihren drollig-grimmigen Gesichtern, da war wieder der kecke Schlag ihrer Schwänze, die groteske Gestalt des Flossenwerkes. Da war wieder Ausdruck und Kühnheit in jeder Linie. Ich fühlte mich innig beglückt, als Regnard mir die kleine Schöpfung zeigte, denn ich sagte mir: »Gottlob! Wenn er bei dieser Frau bleibt, so ist er gerettet!« Ich bin eitel genug, nicht von Ninon reden zu können, ohne auch meines Verhältnisses zu ihr zu gedenken. Es war natürlich durchaus ein solches, wie es zwischen Großmutter und Enkelsohn herrschen mochte, aber von einem Zauber ohnegleichen umgeben. Ninon erschien mir immer wie eine gute Märchenfee – wenigstens habe ich mir nach ihr die Feen immer nur silberhaarig und in graue Seide gekleidet denken können! – und sie sorgte und waltete ja auch wie eine solche für mich. Sie pflegte mich des Abends früh nach Hause zu schicken, weil nach ihrer Aussage junge Leute vor allen Dingen des Schlafes bedürften, kümmerte sich um mein Tagewerk, riet oder warnte, wenn ich ihr von meinen Verbindungen sprach, lobte oder tadelte meine Neigungen und Ansichten und wurde so in der Tat die erste Frau, die als Erzieherin in mein Leben trat. Wie sie hinreißend zu plaudern verstand, so verstand sie liebevoll zuzuhören, und sie ließ sich alles von mir erzählen, von meiner frühesten Jugend an bis zu den letzten Tagen, hatte Teilnahme und Verständnis für alles, wußte am rechten Orte zu lächeln, zu schelten, oder auch, wenn es nötig war, eine ihrer kleinen kosenden Gesten einzuschieben, die mehr als alles andre machten, daß man ihr sein Herz erschließen mußte. Und eine dieser Gesten brachte es fertig, daß ich das tat, was ich meinen besten Freunden gegenüber zu tun nicht fähig gewesen war: ich erzählte Ninon die Geschichte meines Gelübdes von Marlaigne. Noch ist mir dieser Augenblick gegenwärtig, dieser eigenartig feierliche Augenblick, in welchem ich die Last meines jungen Lebens der gütigsten Frau in die Hände legte. Ich saß an der Erde zu ihren Füßen vor dem großen vergoldeten Kamine und schlug leise von Zeit zu Zeit mit dem Schüreisen die prasselnden Scheite an, neugierig, wie tief der verzehrende Brand schon in ihr Mark gegriffen haben mochte. Neben mir auf dem schöngearbeiteten Kamingitter ruhte Ninons kleiner Fuß im hellgrauen Seidenschuh, und die rauschende Flut ihres Kleides fiel dicht an meiner Schulter herab. Sie saß in einem hohen prunkvollen Stuhle, aber nicht gegen die Kissen gelehnt, sondern gegen Regnard, der auf der Armlehne thronte und sich sanft über die geliebte Gestalt geneigt hielt, mit seinen Armen und Hüften ihren Rücken stützend. Außer dem Flortuch trug Ninon an diesem Abende noch einen Schleier, der ihr Haupt und ihre ganze Person ein wenig verhüllte, und auch den Kopfputz aus Rosen hatte sie abgelegt, so daß sie mehr als je der stillen weißen Göttin einer nebelhellen Mondnacht glich in ihrer ganzen silbrigen und schimmernden Duftigkeit. Ich dachte, daß es nichts Schöneres geben konnte als diese Frau, und sicher gab es niemals etwas Gütigeres und Weicheres. Als ich die lange und durchaus nicht leichte Beichte jenes Abenteuers abgelegt hatte, sah das schöne Paar sich eine Minute lang mit einem klugen Lächeln in die Augen. Dann wandte Ninon sich zu mir, neigte sich herab und faßte bedächtig mein Gesicht zwischen ihre Hände, indem sie es langsam zu sich emporhob und gleichsam jede Linie darin einzeln zu betrachten schien. Sie sah dabei ganz ernst aus, und ich, allzu glücklich, daß die Verehrte mich nicht auslachte, schaute ebenso ernsthaft in ihr Antlitz zurück. Mir war ganz heilig zumute, und als Ninon mich nun auf mein Gewissen fragte, ob denn das Gelübde bisher ungebrochen geblieben sei, flüsterte ich mein: »Ja, bei Gott!« so bebend vor Ergriffenheit, daß sie mir glauben mußte. Da ließ sie mich los, nicht ohne mir noch einmal die Stirne zu streifen und leicht auf die Wange zu klopfen, und lehnte sich wieder rückwärts gegen ihre treue Stütze. Immer noch aber haftete sinnend ihr Auge auf mir, und endlich sagte sie ohne den geringsten Anflug jener Schelmerei, die sie sonst kaum je ablegte: »Es ist ein gutes Ding, das dir der Mönch von Marlaigne da auferlegt hat! Es ist ein sehr gutes Ding! Um deiner selbst willen, mein Kind, brich das Gelübde nicht, solange du irgend die Kraft besitzest, es zu halten. O was für weise Menschen macht doch die Einsamkeit! Brich es nicht, das Gelübde, und du wirst den Mönch noch dafür segnen!« Ich war sehr erstaunt, solche Worte von solchen Lippen zu vernehmen, und es begann mir in dieser Stunde eine Ahnung aufzugehen, daß hinter der sonderbaren Buße mehr stecken könnte als eine boshaft berechnete Strafe. Ninons Hand an meine Wange pressend, band ich mich durch ein neues Versprechen an diese Sache, und ich will nur gleich sagen, daß dieses zweite Versprechen mich in Stunden der Versuchung, die heißer wurden, wie ich im Mannesalter vorrückte, mehr gehalten hat als mein Glaube an die rächende Macht des ersten. Ich will auch noch eines hinzufügen: daß die ersten Lippen, die ich nach der Vorschrift des Mönches aus eignem Antriebe küßte, ohne daß sie mir leider nur im geringsten entgegenkommen konnten, die der großen Kurtisane selbst waren; und zwar ereignete sich dies fünf Jahre nach jenem Abend, und da lag Ninon, von weißen Rosen umgeben, im Sarge, und ihr Gesicht sah ganz so aus, wie Regnard mir die Schlafende einst beschrieben hatte: ein müdes frommes Mutterantlitz voll Milde und Liebe, mit den rührenden kleinen Fältchen um den Mund und den tiefliegenden Augen. 14 Wenn Regnard in Ninons Gegenwart nie den Namen seiner Gattin ausgesprochen hatte, so redete er dafür um so mehr und um so lieber von Benedikten, von der überhaupt sein ganzes Herz zum Ueberfließen voll war. Nur zu gut verstand er, daß er dem sonnigen Kinde seine eigenste Art vererbt hatte und daß es deshalb von dem Tage an, wo diese Art sich geltend machte, der Mutter fremd werden mußte, wie er selbst ihr fremd war. Er hatte längst die Hoffnung aufgegeben, Germaines dunkle Seele zu erhellen, und er sah traurige Tage für das Kind voraus, ohne irgendein Mittel, eine Abwehr der kommenden Gefahr ausdenken zu können. Darüber sprach er zu Ninon, die alsobald das kleine Wesen mit ihrem großen Mitleid umschloß; und dieses Mitleid setzte sich auch hier sofort wieder in ein tätiges und heiteres Bestreben um, Freude zu machen und zu beglücken. Deshalb bat sie Regnard, ihr das Kind einmal zuzuführen, und machte sich eifrig daran, allerlei Spielzeug und Unterhaltung für den winzigen Gast vorzubereiten, der übrigens nicht der einzige seiner Art in dem gefeierten und doch so verrufenen Hause war. Denn Ninon war wie alle warmherzigen Frauen kinderlieb; und hatte sie, wie sie sich ausdrückte, in jüngeren Jahren Kinder zu sich kommen lassen, um ihre Seele von Weltekel und Reue reinzubaden – denn auch solche Stimmungen hatte Ninon einst gekannt! – so tat sie es jetzt, wo sie solcher Reinigung wahrlich nicht mehr bedurfte, aus natürlicher Freude an dem Schönsten, was die Schöpfung hervorbringt, dem Einzigen und Besten, was immer beglückt und nie ermüdet. Benedikte in ihrem schlichten Röcklein sah aus wie ein kleiner brauner Käfer, wie sie erstaunt und voll jubelnder Neugier in dem großen Gemache voll blitzender und prächtiger Dinge herumtrippelte. O wie vorsichtig tippte das rosige Fingerchen an die vergoldeten Zierate der Möbel, wie liebevoll strichen die Händchen über die schönen hellen Seidenstoffe! Vor jedem neuen Gegenstande stand die Kleine erst sinnend eine Weile still und betrachtete ihn lange mit ganz dunkeln Augen; dann blickte sie fragend zu Ninon auf, dann, als ob sie nun gewiß wäre, daß das schöne Gerät auch wirklich keine Gefahr im Hinterhalt hege, berührte sie es ganz zage, dann kecker und endlich patschte sie mit heller Lust auf den Dingen herum, streichelte und liebkoste sie und ließ dazu ihr zwitscherndes Stimmchen in lachenden Tönen erklingen. Ninon und Regnard liefen Arm in Arm hinter dem Kinde her, solange die Rekognoszierung des Terrains dauerte, und lachten so herzlich mit, daß die ganze Szene anmutete wie das köstlichste Stück Elternglück, das je auf Erden geblüht hatte. Manchmal streckte Benedikte die Händchen nach irgendeinem Kleinod aus, das von Sims oder Konsole zu ihr herabfunkelte; schnell langte es Ninon herab, und war es zerbrechlich, so setzte sie sich an die Erde, nahm Kind und Kleinod zusammen in den Schoß und behütete das Spiel. Unter diesen Dingen war Benedikten auch die Goldschale mit der Elfenbeinfigur ins Auge gefallen, die ihr Vater für seine Freundin gefertigt. Ninon gab sie ihr, neben dem Kinde niederkniend; lange betrachtete die Kleine mit andächtigem Schweigen die reizende Figur, und ebenso andächtig blickte wiederum Ninon in das ernste Gesichtchen, gespannt forschend, als könne in dieser kaum erschlossenen Seele schon ein Verständnis für die Kunst des Vaters zu erlauschen sein. Wirklich erwies Benedikte dem Elfenbeinweibchen und den drolligen Fischen etwas gründlichere Aufmerksamkeit und wollte sich ungern von ihnen trennen; darüber nun tauschten Ninon und Regnard einen Blick so unbeschreiblicher Freude, daß mir die Rührung in die Kehle stieg. Der Mann faßte leise hinter dem Köpfchen des Kindes weg die Hand der knienden Frau und man konnte deutlich sehen, in wie festem, glücklichem Drucke er sie umspannt hielt; doch wurden seine Augen, wie er lange auf sie niederblickte, allmählich düster. Ninon erhob sich und faßte, einen Seufzer halb unterdrückend, den Gedanken in Worte, den sie und Regnard eben gemeinsam gehegt hatten: »Wie gut würden wir drei uns verstehen!« Als Benedikte ein andermal wieder zu Ninon kam, hatte die gute Fee ein Kinderkleidchen zurechtgelegt, das den kleinen braunen Käfer in einen würdigen Gast des herrlichen Gemaches verwandeln sollte. Benediktens Jubel über diesen Putz war höchst drollig; geradezu ergreifend war aber die holde Freude, mit welcher Ninon das kleine Ding kleidete und schmückte. Regnard und ich konnten keinen Blick von der Frau wenden, die uns in dieser mütterlichen Beschäftigung in einem neuen Zauber erschien. Endlich stand das Kind, steif und schwer von Brokat und Perlenstickerei, auf seinen Beinchen, und nun nahm Ninon es bei der Hand und lehrte es tanzen, während Regnard und ich recht wie eine alte Brummgeige die Weise dazu sangen. Benedikte zeigte bald, daß sie nicht umsonst das Kind des besten Tänzers von Paris war, wiegte ihr noch sehr rundliches Körperchen in gutem Rhythmus, hob die Beinchen flink, hielt mit spitzen Fingerchen ihr Glockenröckchen hoch und nickte und wippte, der Musik nachhorchend, wie eine Bachstelze mit dem klugen Köpfchen. Wieder sahen Ninon und Regnard sich innig in die Augen, jetzt aber sprach der Mann das Wort aus, das gesprochen werden mußte, indem er die verehrte Frau mit trauriger Zärtlichkeit an sich zog: »O Ninon! warum bist du nicht dazu bestimmt, das aus dem Kinde zu machen, was aus ihm gemacht werden könnte!« – »Ja,« sagte Ninon wehmütig, »das habe ich mir verscherzt. Hätte ich es vorausgewußt, so wäre ich wohl in manchem klüger gewesen!« Dann wandte sie sich zu mir und fuhr rasch fort mit jenem sonderbaren, aus Ernst und Lächeln gemischten Ausdrucke, den ich an ihr schon beschrieben habe, zu sprechen: »Man muß sein Leben nie vergeuden. Es kommt immer einmal ein Tag, wo man sieht, daß man es hätte zu besserem verwenden können, und dann tut die Reue weh. Merkt es euch, Kinder, die ihr das Leben noch vor euch habt!« Dies richtete sie an Regnard und mich: »Es gehört nicht euch, euer Leben. Es wird eine Stunde kommen, wo irgend jemand zu euch sprechen wird: ›Du warst für mich erschaffen und bestimmt, mir Gutes zu tun!‹ Seht zu, daß ihr dann nicht antworten müßt, wie ich eben: ›Dieses Glück habe ich mir und dir verscherzt!‹« Regnard wandte sein Gesicht zur Wand, als Ninon diese kleine Rede hielt, ich aber fühlte das warme Blut sich nach meinem Herzen drängen und meine Wangen färben, griff nach der Hand der armen herrlichen Frau und rief feierlich: »Mama Ninon! Ich gelobe dir, daß ich mein Leben heilig halten will für das Gute, das noch von mir gefordert werden wird!« Sie gab mir einen leichten, liebevollen Schlag auf die Wange und sagte heiter: »So machst du mich sehr glücklich, mein guter Junge!« Und dann plauderte sie munter weiter und hatte selbst und machte auch uns bald die Rührung dieser Szene vergessen. Regnard hatte Benedikten nie verboten, von diesen Besuchen bei Ninon zu sprechen, einesteils, weil er das noch nicht vierjährige Gewissen nicht schon mit einer Heimlichkeit belasten wollte, anderseits, weil er sich jetzt wieder Manns genug fühlte, in solchen Dingen seinen eignen Willen zu haben. Indes wunderbarerweise verriet das Kind selbst auch nicht ein Sterbenswörtchen davon. Fürchtete es in seiner ahnungsvollen kleinen Seele die kalte Abwehr in den Augen der Mutter? Germaine hatte immer finster geblickt, wenn Benedikte mit dem Savoyarden gespielt hatte, und vielleicht hatte letztere daran schon gelernt, daß man sich besser freuen konnte, wenn man seine Freude für sich behielt. Regnard und ich konnten uns nicht genug über die Klugheit des Geschöpfchens wundern. Freilich plapperte Benedikte, wenn sie sich selbst überlassen auf ihrer Wolldecke saß, in ihren Spielen allerhand vor sich hin, das auf die Besuche bei Ninon Bezug hatte und das Regnard und ich wohl verstanden. Doch hielt Germaine all die unzusammenhängenden Reben von goldenen und schönen Dingen für Phantasien des ruhelosen Gehirnchens und gab nicht weiter darauf acht. Frug sie aber einmal unversehens: »Von was für seidenen Kleidern sprichst du da, Benedikte, und wer tanzt so lieb mit dir?« Dann schaute die Kleine mit einem feindseligen Ausdrucke zu ihr hinüber und sagte stumpf: »Weiß nicht!« Dabei glommen ihre dunkeln Augen wie die Kohlen. Der Goldschmied und ich sahen uns an; ich aber begriff, daß in dem winzigen Wesen da nicht nur der ganze Regnard steckte, sondern auch ein gut Stück Germaine, und wußte nicht, sollte ich mich freuen oder betrübt sein. Germaine aber sagte ärgerlich: »Nun fängt das Ding auch schon an, Fabeln zu spinnen wie sein Vater! Was habe ich mir da geboren!« Und so vergingen Wochen um Wochen, während welcher der sonderbar heimgesuchte Mann und sein Kind in dem Hause einer Kurtisane das genossen, was das eigne Heim nicht geben konnte: Familienglück. Endlich aber erfolgte dennoch, wie es nicht anders geschehen konnte, die Entdeckung und die Katastrophe. Ninon kannte eine ganze Reihe niedlicher Tanzliedchen, die sie mit einer matten, vibrierenden, aber noch immer weichen Stimme und mit viel Ausdruck und Koketterie sang. Es gab nichts Anmutigeres als die maßvollen und ruhigen Bewegungen des feinen Matrönchens, wenn sie sich im Menuettschritt wiegte, das begleitende Spiel ihrer Mienen, die alles ausdrückten, was eine Frau beim Tanze Holdes und Lockendes sagen kann, und vor allem das überlegene und schelmische Lächeln, womit sie ihren oft etwas gewagten Liedertext begleitete. In diesen Augenblicken begriff man ganz die Macht der grauhaarigen Herzenskönigin, die alles, was an jungen Frauen keck erschienen wäre, mit einer so ganz eignen und unbeschreiblichen Grazie zum Ausdruck bringen konnte, daß es, jeder niedrigen Nebenbedeutung beraubt, nur als allerreinste Kunst wirkte. Darum hatte auch Regnard nichts dagegen, daß Ninon die kleine Benedikte einige ihrer Menuettliedchen lehrte, wozu es übrigens kaum vieler Anleitung bedurfte, denn Benedikte ahmte alles nach und zwar mit einer ernsthaften Genauigkeit, die uns alle in helles Lachen ausbrechen ließ, so oft sie damit begann. Denn was an Ninons schlanker, silberschimmernder Erscheinung königlich wirkte, das gab das dralle kleine Persönchen natürlich in einer reizenden Komik wieder, und die zärtlichen Wendungen der Textstrophen, deren Sinn sie nicht verstand und deren Ausdruck sie doch traf, wirkten allerliebst durch die unschuldige Kinderstimme, die sie sang. Dazu kam noch, daß sie die Worte nach Kinderart oft unvollkommen aussprach oder verdrehte; nie aber irrte sie sich im Rhythmus oder im musikalischen Ausdruck, und dieser Kontrast, dieses instinktmäßige Erfassen von etwas, woran das Bewußtsein noch keinen Teil hat, machten uns die kleinen Produktionen kurzweilig und rührend zugleich. Benedikte schien auch zu empfinden, daß sie gefiel, denn sie legte immer neuen Eifer an den Tag; und begann Ninon nur, ihr rauschendes Seidenkleid hebend und das Füßchen in spitzer Bewegung nach vorne schiebend: »O mon berger, si ta flûte enchantée –«, so stand auch schon Benedikte ihr gegenüber, legte das goldhaarige Köpfchen kokett zur Seite, faßte ihr Röckchen, trippelte mit ihren dicken Beinchen recht artig mit und gab mit dem schmelzendsten Gefühle und sanft niedergeschlagenen Augen die folgende Zeile zurück: » – fait vibrer mon coeur de tendresse –«, wobei sie freilich kein einziges »r« aussprach und statt »teneresse« – »tlendesse« sang, ohne daß dies indes die zärtliche Wirkung im geringsten geschmälert hätte. An dieser gefährlichen Spielerei sollte denn nun endlich die Sache eine scharfe Wendung nehmen, die weder Regnard noch Ninon noch auch ich vorausgesehen hatten. Denn natürlich geschah es eines Tages um die Mitte des Winters, daß Benedikte ihre artige Kunstleistung zu Hause und vor den Augen Germaines zum besten gab – und was folgt, kann man sich ja wohl denken. Das Kind hatte wohl eine Stunde lang ruhig und unbeachtet mit seinem Savoyarden gespielt, während Germaine nähte, Regnard und ich an unsern Pfeifen schmauchten und – ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen – von dem Ereignisse sprachen, das in jenen Februartagen ganz Paris in froher Aufregung hielt: der Zerstörung der englischen Smyrna-Flotte durch unsern Admiral Tourville. Regnard setzte mir eben auseinander, welchen durchaus nicht günstigen Einfluß diese Heldentat auf den Perlenhandel haben müßte, als plötzlich von der dämmerigen Ecke des Zimmers her ein leises süßes Stimmchen in wohlbekannten Tönen geschwirrt kam: »O mon berger, si ta flûte enchantée Fait vibrer mon cœur de tendresse –« und ein ganz vernehmliches Trippeln dicker Patschfüßchen den Rhythmus dieser Melodie markierte. Regnard war ruhig sitzen geblieben und lächelte nur mit einem bösen Lächeln vor sich hin wie einer, der entschlossen ist, eine Sache zum äußersten kommen zu lassen. Germaine und ich aber fuhren beide in die Höhe, und ich muß sagen, mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Benedikte hatte sich ihren Savoyarden auf einen Stuhl gestellt und tanzte ihm vor, sang ihn an, verbeugte sich vor ihm, warf ihm über die Schulter weg Kußhändchen zu, alles das so beweglich und liebreizend, daß es eine andre Mutter als Germaine wenigstens zu einem Lächeln gerührt hätte, hätte sie die Sache auch immerhin nicht billigen mögen. Germaines bleiches Gesicht aber erschien vollständig versteinert, und als es sich endlich belebte, so geschah es zu einem so schrecklichen Ausdrucke des Zornes, daß Benediktens Liedchen plötzlich in einem tränenvollen Aufschrei höchster Seelenangst unterging und Regnard und ich uns gleichzeitig vor das Kind warfen, um ein Unglück zu verhüten. Es erfolgte nun, da Regnard gesonnen war, nichts zu verheimlichen, eine offene Auseinandersetzung in der leidenschaftlichsten Form, denn Vorwürfe durften hier zu Recht mit Vorwürfen erwidert werden und Regnard schien eine Erleichterung darin zu finden, sich sein jahrelanges Eheleid einmal gründlich vom Herzen zu reden. Ich beteiligte mich natürlich nicht an dem Streit, obgleich ich manches Wort zugunsten des Mannes hätte sagen mögen, das er selbst auszusprechen zu großmütig war, sondern stand in einer Ecke, die weinende Benedikte im Arme und an mein Herz gedrückt, das vor Liebe und Mitleid mit dem geängstigten kleinen Geschöpfe zu bersten drohte. Bei jedem neuen Schrei der zornigen Stimme Germaines barg sich das Gesicht des Kindes tiefer in den Falten meiner Joppe, und endlich preßte ich es selbst noch ganz fest hinein, damit es die rasenden Dinge nicht hören sollte, die da vor sich gingen; dabei war mir in allem Entsetzen doch wunderbar süß zumute, als kröche das zitternde Seelchen Benediktens durch Wams und Joppe hindurch ganz in das Innerste meiner Brust hinein und mache sich dort, allmählich ruhiger werdend, ganz warm und heimisch. Gern hätte ich mit dem Kinde das Zimmer verlassen; aber Germaine stand in der Nähe der Tür, und ich fürchtete, daß sie mir meine geliebte Beute aus den Armen reißen und an die Erde schmettern würde, so furienhaft sah das Weib in dieser Stunde aus. Ich weiß nicht, wie lange der grauenhafte Wortkampf dauerte, während dessen Germaine nicht ein Tausendteil ihres Glaubensstolzes und ihrer sittlichen Engherzigkeit preisgab, sondern nach gewohnter Weise die Schmähungen, die sie ihrem Gatten ins Gesicht schleuderte, mit den scharfsinnigsten Argumenten des Genfer Irrlehrers und mit Bibelsprüchen unterstützte, gegen die der weniger schlagfertige und belesene Mann hilflos war. Wie sie diese Axiome zu handhaben wußte! Ich selbst, der da zuhörte und mitgetroffen ward, wurde irre und fragte mich mehr als einmal mit einem Schauer, ob das richtende Weib nicht doch am Ende recht habe und ob wir nicht gottlose und lüsterne Weltkinder seien, der ewigen Verdammnis zueilend und die unschuldige Seele des Kindes mit uns ins Verderben reißend. Immerhin waren diese Anwandlungen vorübergehende. Gegengründe, die Germaine entwaffnen konnten, hätte ich freilich auch nicht gehabt, nur das Gefühl, das süße warme Gefühl, das von dem lieben Kinde an meiner Brust ausging und das sich mir in seiner Köstlichkeit und Reinheit unstreitig als himmlischen Ursprungs offenbarte. Ich küßte wiederholt und innig das blonde Gelock und sagte mir glückselig, daß ich kein Verlorener sein konnte, solange meine Brust einer so lauteren Hingabe fähig war. Benedikte hob das Köpfchen ein wenig und schaute vertrauensvoll zu mir auf, und ich hielt sie fester und fester, weil ich ihr ohne Worte zu verstehen geben wollte, daß sie bei mir in Sicherheit und vor allen Gefahren geborgen sei. Da lächelte sie mich an. In dieser Stunde ist Benedikte das geworden, was sie später all ihr Leben lang geblieben ist: mein Eigenstes! Endlich hatte Germaine ihren Gatten ganz in Grund und Boden hineingedonnert, und nun besann sie sich auf ihr Kind. Mit einem letzten Wutschrei die Strafe Gottes auf uns beide, Regnard und mich, herabbeschwörend, kam sie auf mich zu, entriß mir Benedikte, die vor Angst stumm war, wobei sie die Händchen des Kindes, die sich in meinen Spitzenkragen verkrallten, mit solch brutaler Gewalt löste, daß ein Teil der Spitze zwischen Benediktens Fingern hängen blieb – und verließ das Gemach. Im Enteilen stieß sie noch mit einer gehässigen Bewegung den kleinen Savoyarden vom Stuhle, so daß es wohl für immer um das seine Ding geschehen gewesen wäre, wenn ich nicht mit einem glücklichen Griffe ihn aufgefangen hätte. Von da an bekamen wir sie und das Kind kaum je zu sehen. Sie bezog ein Obergemach des Hauses und schloß sich so streng ab, daß wir nichts von ihrer Existenz gespürt hätten, hätten wir nicht ab und zu die kleine Benedikte weinen hören. In dem klagenden Stimmchen des Kindes unterschied sich ein Wort, welches Regnard verstehen mußte, denn er zeigte dann jedesmal traurig auf den Savoyarden und sagte: »Sie weint um ihr Spielzeug!« Nach Ablauf mehrerer Tage wagte Regnard es einmal, Germaine vor verschlossener Türe zu bitten, sie möge doch wenigstens dem Kinde die Figur wiedergeben, das Weinen schnitte ja ins tiefste Herz. Sie antwortete rauh, nie wieder solle Benedikte etwas von dem verruchten Tande zu sehen bekommen, vielmehr würde sie, Germaine, das unselige Bild vernichten, wenn nicht Regnard selbst es unverzüglich aus dem Hause schaffe. Da nahm der Goldschmied sein Kunstwerk und brachte es zu Ninon, der er natürlich längst den traurigen Ausgang ihres Kinderglückes erzählt hatte. Ninon versprach, den Savoyarden für Benedikte aufzubewahren, bis bessere Zeiten kämen. Seitdem stand er auf dem vergoldeten Kamine neben der Uhr, blickte auf uns herab und erfüllte uns oft mit einer Traurigkeit, die Ninons allerholdestes Lächeln nicht mehr verscheuchen konnte. 15 Ich habe bereits erwähnt, daß Germaine in dem Jahre, das meiner Wartezeit in Paris voranging, wieder Mutter geworden war; doch hatte das Kind, das sie damals Regnard geschenkt hatte, nur wenige Wochen gelebt und war leider an einer damals in Paris herrschenden Seuche gestorben. Jetzt stand das Ereignis zum drittenmal bevor. Einige Zeit vor seinem Eintritt konnte ich Paris verlassen als Hauptmann meiner Kompagnie. Ich nahm von Regnard den allerschmerzlichsten Abschied, denn die Zeiten waren so, daß keiner von uns beiden ruhig die Zuversicht eines Wiedersehens hätte aussprechen mögen; doch dachten wir damals wohl alle beide nur der Zufälligkeiten, die auf mein Haupt fallen konnten, denn mein Regiment sollte in den ersten Frühlingstagen jenes Jahres 1694 wieder nach Flandern abmarschieren. Ich gewann die alte Magd, daß sie es mir möglich machte, auch Benedikten noch ein letztes Mal zu sehen; und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich helle Tränen weinte, als ich das süße Gesichtchen, das jetzt schon ganz verändert und verschüchtert aussah, zwischen meinen Händen hielt und liebkoste. Benedikte, die nicht wußte, was sie aus meinen Tränen machen sollte und die mich wohl gern getröstet hätte, bot mir wieder ihre unschuldigen Küßchen an wie damals, als wir uns kennen gelernt. Ich hätte zu gern dem Kinde noch ein Andenken hinterlassen, doch wußte ich, daß Germaine es ihm fortnehmen würde. So schied ich nur mit vielen Zärtlichkeiten, die das liebe Wesen ahnungslos erwiderte, und mit einem langen Händedruck von Regnard. Germaine habe ich nicht wiedergesehen. Einige Monate nachher erhielt ich im Lager von Vignamont einen Brief von Ninon, worin sie mir mitteilte, der goldene Goldschmied sei in ein Kloster der Cordeliers nahe bei Nancy getreten; er sei eines Tages von Paris verschwunden gewesen, und sie, Ninon, habe jetzt erst und mit vieler Mühe herausbringen können, wohin er sich gewendet. Sie erzählte mir auch ausführlich, durch welche unerhörte seelische Erschütterungen und Qualen der ärmste Mensch gejagt worden war, ehe er zu diesem letzten Schritte gelangt war. Was Ninon in dieser Erzählung an traurigen Details unbeschrieben gelassen, das ergänzte meine Phantasie, die nur das Bild der furchtbarsten Frau zu reproduzieren brauchte, um alles zu verstehen und zusammenhängend zu gestalten. Hier ist, wie sich die Sache zugetragen haben muß: Es hatte sich nach Ninons Aussage Regnard, der von seinem Weibe nun fast nichts mehr sah und hörte, wieder den allerschlimmsten Wegen zugewandt und war, ohne indes die besseren Beziehungen zu Ninon ganz zu lösen, einer solchen Teufelin ins Garn gelaufen, wie sie Männer, die aus Verzweiflung schlecht sind, gern suchen und leider auch immer finden. Das Weib wußte ihn in einen wilden Rausch zu wiegen, wußte ihn gleichsam zu betäuben, wie jene ruchlose Pflanze der östlichen Länder betäubt, die nach Aussage chinesischer Reisenden und Missionare dort von solchen geraucht und genossen wird, die allertiefstes Vergessen ihrer selbst und der Welt umher brauchen und doch nicht den Mut haben, dieses Vergessen da zu suchen, wo es einzig gefunden werden kann, im Tode. Wie aber jene Pflanze das Leben derer, die sie gebrauchen, unheilbar verderben und zerstören soll, so griff auch diese giftige Leidenschaft dem im Grunde feinfühligen Manne bald das innerste Mark an, und Ninon beschrieb in erschütternder Weise, wie er, der unter ihren linden Händen eben noch zu neuer Kraft erblühen zu wollen schien, nun von Tag zu Tag verfallen sei, unstet, reizbar und weinerlich geworden, ja zuletzt sogar Ausbrüchen des Wahnsinns anheimgegeben gewesen sei, die auch ihre mütterlichste und liebevollste Sorge um ihn nicht mehr zu heilen vermocht hätte. Er sei in einem beständigen Wechsel von niedrigster, alles in den Staub ziehender Weltverachtung und reuevoller Selbstverdammnis hin und her gerissen worden, habe heute trunken gelästert und morgen in äußerster Zerknirschung gebetet, bald Germaine, bald sich selbst angeklagt, aber allzeit doch keine Rettung aus dem Irrwege finden können. Doch habe in der letzten Zeit jene unheilvolle Stimmung der Selbsterniedrigung die Oberhand gewonnen, so daß er in dieser moralischen Armseligkeit schließlich selbst der geduldigen Ninon fast zur Last geworden wäre, denn nichts sei, wie sie offen sagte, widerwärtiger als ein Mensch, der sich selbst aufgegeben hat und von andern noch gehalten werden möchte. Dennoch fuhr sie fort ihn zu lieben, um des Gottesbildes willen, das einst aus ihm geleuchtet, und liebte ihn vielleicht tiefer und heiliger in diesen Tagen, wo sie sich zur Geduld und Holdheit zwingen mußte, als vordem, wo sie freudiger für ihn empfand; denn ihre Liebe war lauteres Mitleid geworden und Regnard nichts mehr als ihr armer verlorener Sohn. Eine geringe, aber durchaus nicht heilsame Veränderung zeigte sich noch einmal, als Germaine, die ihre Stunde nahen fühlte, plötzlich wieder begann, Türe und Arme dem verstoßenen Manne zu öffnen, freilich in einer Absicht, die er gar wohl verstand. Die Möglichkeit eines nahen Todes hatte dies starre Gemüt weich gemacht, so daß es sich nach einer Aussöhnung, und wenn Scheiden verhängt sein sollte, nach einem Abschied in Frieden sehnte; zugleich aber hoffte vielleicht dies allzu eifrige Herz noch immer, den Verlorenen dem Heile zurückgewinnen zu können, und erwartete eine stärkere Wirkung von Worten, die im Angesichte des Todes gesprochen wurden. Die unverzeihliche Lieblosigkeit, die in dieser Berechnung lag, übersah die gute Christin wieder ganz und gar; den Schmerz, den ihr Davongehen dem Gatten immerhin bereiten mußte und den ein echtes Weib mit letzter Aufbietung seiner süßesten Künste eingeschläfert und getäuscht haben würde, verschärfte sie bewußt, schonungslos und verwendete ihn zu ihrem Zwecke. Sie kannte die weiche Seele des Mannes gar wohl! Und gebrochen und reuig, wie er bereits war, gewährte er ihr noch einmal den Triumph, zu ihren Füßen Einkehr und Besserung zu geloben. Ob Germaine nun in letzter Stunde die Fesseln, die sie dem Wiedereroberten angelegt, zu straff gezogen, daß sie ihm gar zu tief ins Fleisch schnitten; ob jenes andre Weib eine Ueberredungsgabe besaß, die derjenigen Germaines überlegen war – wer kann es sagen? Tatsache ist, daß Regnard in der Stunde, da sein Kind geboren wurde, nicht im Hause war, obgleich er seinem Weibe oft und unter Tränen versprochen hatte, nicht von ihr weichen, sie nicht allein sterben lassen zu wollen. Die Geburt war freilich früher eingetreten, als Germaine erwartet hatte, und Regnard war vielleicht in völliger Beruhigung von Hause weggegangen, um so mehr, als er in den letzten Tagen stets einen Bescheid zu hinterlassen pflegte, an welchem Orte man ihn im Falle der Not zu suchen habe. Diese Arglosigkeit war ihm zum Verhängnis geworden, denn als die Schmerzensstunde für Germaine nun begann, konnte eine der Pflegerinnen es in tugendhafter Entrüstung nicht unterlassen, der Frau mitzuteilen, wo ihr Gatte sich aufhielt, während jene sich in ihren Leiden wand. Und leider war der Ort, den die Wärterin nannte, keine Calvinistenversammlung. Das Versprechen der dienenden Frauen, Regnard bei Eintritt eines bedenklichen Zustandes unverzüglich herbeizuholen, war übereilt gegeben und wurde natürlich im Augenblicke der Geburt, da Verwirrung und Angst alle Sinne gefangennahmen, vergessen. So wiegte der Mann sich in Sorglosigkeit, bis alles vorüber war. Erst gegen Morgen wurde ihm die Geburt eines toten Kindes und eine gefahrvolle, aber nicht hoffnungslose Verfassung der Mutter gemeldet. Da flog er heim, von äußerster Scham gepeitscht. Einige Stunden nach der Geburt hatte Germaine sich im Bette aufgerichtet. Auf einem Stuhle neben dem Lager schlief sanft und tief die Wärterin, Stille und Dunkelheit lag über dem Hause, nur eine trübe Nachtlampe flackerte im Krankengemache, und durch die Tür des Nebengemaches floß breit und friedlich der Schein der Wachskerzen, welche die Leiche des Kindes umstanden. Von Fieber geschüttelt, aber ihre Schmerzen nicht fühlend, erhob sich Germaine vom Lager. Schwankend setzte sie Fuß vor Fuß wie eine Nachtwandlerin, die nicht gehen will, sondern muß, von einer schauerlichen Sicherheit geleitet; und wenige Minuten später stand sie vor dem Sarge, wo das blasse, runzlige Gesichtchen des kaum geborenen Wesens steif und spitz aus weißen Kissen in die Höhe ragte. Auch in diesem Gemache saß ein dienendes Weib in tiefem Schlafe. Germaine schob die Leuchter zur Seite, hielt sich am Särglein fest und beugte sich über das tote Kind, leise seine kalten grauen Wänglein küssend. Dann murmelte sie in der Unklarheit ihrer fiebrigen Vorstellungen dicht am Ohre des Gestorbenen: »Wenn er kommt, so sollst du sein Gesicht nicht sehen! In der Ewigkeit, wenn du ihm begegnest, so erkenne ihn nicht!« – und wandte bei diesen Worten die kleine Leiche um, so daß sie halb auf das Gesichtlein zu liegen kam und es in der Tat aussah, als habe sie sich in Entrüstung von irgendeinem Beschauer abgekehrt. Die seltsam ausdrucksvolle Stellung hatte wohl nur der Zufall zuwege gebracht; dennoch nickte Germaine zufrieden darauf nieder, ordnete Laken und Leuchter wieder und entfernte sich mit einem Lächeln. Keine der Wärterinnen war während des Vorganges erwacht. Im Morgengrauen kehrte Regnard heim. Die Frau, die nicht schlief, erkannte seine Art, das Tor zu öffnen und wieder zu schließen, erkannte seinen Tritt auf der Treppe. Sie lag still in zorniger Erwartung. Jetzt erwachte eine der Dienerinnen und ging dem Heimkehrenden entgegen; Germaine folgte mit Ungeduld den jammernden Mitteilungen, die gedämpft vom Flur her zu ihr drangen. Endlich hörte sie, wie Regnard das Nebenzimmer betrat, hörte auch, daß er schluchzte, und lächelte wieder irr und höhnisch vor sich hin. Sie zählte die Schritte, mit denen er sich der Bahre näherte. Jetzt stand er davor. Ein gellender Schrei aus Frauenkehlen, ein heiserer, halberstickter aus dem Munde des Mannes erfolgte. Germaine richtete den Kopf ein wenig auf, und ihre Augen flammten eine Sekunde lang in wilder Freude. Dann schloß sie sie wieder, legte sich zur Seite und dachte nicht mehr. Noch vernahm sie, wie ihr Gatte ins Zimmer schlich und neben ihrem Bette niederkniete. Sie fühlte die Stöße seines Schluchzens durch ihr Lager vibrieren, fühlte seine Tränen warm auf ihrer Hand. Aber weit entrückt in tödlicher Mattigkeit vermochte sie kein Zeichen der Empfindung zurückzugeben. Als sie nach langen Tagen der Besserung entgegenging, erzählten die dienenden Frauen ihr mit Gesten des Entsetzens von dem grausen Wunder, das sich im Hause begeben habe: das tote Kind habe sich beim Eintritt des Vaters im Sarge umgedreht. Germaine schaute sie erstaunt an und suchte ihre Gedanken zu sammeln, erinnerte sie sich doch kaum, daß sie ein Kind geboren und was daraus geworden war. Die Weiber erzählten das Schrecknis breit und mit vielen Details: wie sie beide gewacht und den Schlaf der Frau gehütet hätten, wie keine von ihnen ein Auge geschlossen, wie keines lebenden Menschen Fuß in jener Nacht die beiden Räume betreten habe. Dann sei Regnard gekommen, um nach seinem toten Kinde zu sehen, und da habe vor aller Blicken das Wesen sich abgewandt mit einer verachtungsvoll abweisenden Gebärde, die deutlich sagte, es habe nicht teil an dem gottverlassenen Manne. Germaine lächelte nicht zu diesem Berichte. Sie entsann sich plötzlich ihrer Tat, und es graute ihr jetzt selber davor. Sie rief nach dem Gatten, der alsobald erschien; er hatte im Nebenzimmer gearbeitet. Wie sie ihm ins Gesicht schaute, erschrak sie, so grimmig war es verändert. Nun fragte sie ihn milde, ob er sich um sie gebangt habe, worauf er abermals vor ihr niederkniete und nun seinerseits, während sich ihm noch das Haar zu sträuben schien, die Geschichte von dem umgedrehten Kinde erzählte. Auch er hatte es im Augenblicke einer schmerzlichen Erregtheit und tiefen Zerknirschung so aufgefaßt, als ob das Tote sich bei seinem Herantreten von ihm abgewandt habe, und die Phantasie der Weiber hatte das übrige getan, um die ungeheuerliche Vorstellung in seinem Gehirne zu befestigen. Die haftete nun und wirkte traurig nach. Wie ein Gezeichneter und Verfluchter, von Gottes eigner Hand geschlagen, kam sich der Mann vor, der einst Gottes liebstes Kind gewesen war. Er wartete nur Germaines völlige Genesung ab, stellte, als er sie dem Leben erhalten wußte, ihre und Benediktens Zukunft sicher und ging hin, das zu tun, was Ninons Brief von ihm berichtet hat. Ich habe ihn nie wiedergesehen, den Goldenen, den Sonnenvogel, dem das unverdienteste Geschick die leuchtenden Schwingen zerbrochen. Aber einmal, viele Jahre später, habe ich wieder einen Muschelbecher von seiner Hand gesehen, den ich sofort als einen solchen erkannte, und von dem mir gesagt wurde, daß er aus dem Kloster stammte, in welchem Regnard lebte. So darf ich glauben, daß er in der geweihten Stille so weit genesen ist, daß er seine Kunst wiederfand. Und so wird er wohl noch ein bißchen glücklich gewesen sein. Von Germaine schrieb mir Ninon später noch, daß sie den Goldschmiedladen und das Haus an der Barillerie verkauft habe, um in einem stillen Gäßchen der Cité in einem streng hugenottischen Hause Wohnung zu nehmen. Dort lebe sie jetzt, wie man sagte, in guten Verhältnissen, erzöge ihr Kind und tue viel Barmherzigkeit an den Armen. In bezug auf Benedikte schrieb mir Ninon nur eine flüchtige Bemerkung: »Ich hüte stets noch treulich das Andenken ihres Vaters, den kleinen Savoyarden. Laß mich, lieber Sohn, immer wissen, wo du bleibst, damit ich ihn dir übergeben kann, wenn ich hinübergehe.« Zweiter Teil Anmerkung des Herausgebers Es folgt in dem vorliegenden Memoirenmanuskripte nun eine Reihe von Kapiteln, welche sich ausschließlich mit politischen Ereignissen befassen. Die persönlichen Erlebnisse und Empfindungen des Verfassers treten vor diesen allerdings nicht alltäglichen Vorgängen so in den Hintergrund, daß dem Leser unversehens die Vorstellung einer erzählenden Person abhanden kommt und nichts ihm bleibt, als eine höchst objektive Kulturschilderung. Da es dem Herausgeber bei der Zusammenstellung dieses Buches aber gerade auf die persönlichen Erfahrungen jenes Chevalier von Roquesant ankommt, einfach aus dem Grunde, weil das Historische und Kulturelle von einem Zeitgenossen dieses Helden, dem Herzoge von St. Simon, in ungleich erschöpfenderer und wirklich unübertrefflicher Weise überliefert worden ist – so glaubt er sich befugt, jene für seinen Zweck unwichtigen Kapitel zu unterdrücken und ihren Inhalt nur so weit anzugeben, als zum ferneren Verständnis der Lebensschicksale des Hauptmanns nötig ist. Er selbst soll erst dann wieder zu Worte kommen, wenn das Schicksal ihm wieder den Faden jenes andern Lebensgespinstes in die Hand gibt, in welches er schließlich sein eignes ganz innig und fest verweben sollte: das der kleinen Benedikte. Wir haben also folgende Wechsel zu erwähnen: Im Jahre 1695 sehen wir den Hauptmann Roquesant sich an jener zweiten Belagerung von Namur beteiligen, welche durch die Feigheit des Bastards Maine, jenes gottverlassensten Lieblings des Königs und seiner Erzieherin Frau von Maintenon, so übel für Frankreich auslief. Abweichend von St. Simon, der die Vorgänge im Hauptquartier verfolgen konnte, schildert Hauptmann Roquesant hier nichts weiter als die verzweifelte Ungeduld der Truppen, welche stundenlang die prächtigste Gelegenheit eines erfolgreichen Angriffes vor sich sehen müssen, ohne jedoch einen Schritt tun zu dürfen, und die endlich, nachdem sie bis an den hohen Mittag vergeblich auf einen Befehl gewartet haben, den Feind sich gemächlich zurückziehen und ihren Blicken entschwinden sehen. In solchen Ausdrücken des Zornes und äußerster Bitterkeit beschreibt hier der junge Chevalier seinen und seiner Soldaten Seelenzustand, daß man sich fragt, was er getan haben würde, hätte er gewußt, daß Marschall Villeroy jenen sehnlich erwarteten Befehl fünfmal gegeben hat, und fünfmal umsonst, weil der Herzog von Maine angstbebend, Beichte und Abendmahl vorschützend, sich in seinem Zelte verkrochen hatte, aus welchem ihn auch die Bitten und Vorstellungen sämtlicher Offiziere nicht locken konnten. Auch scheint Roquesant, welcher nicht sehr belesen gewesen sein muß, nie jene holländische Gazette in die Hand gekommen zu sein, welche die Feigheit Maines und jene Vorgänge im Hauptquartiere so amüsant wiedererzählt und die doch in Frankreich in vielen Exemplaren zirkuliert haben muß, da sie schließlich auch dem König in die Hände fiel und ihm über das wahre Wesen der Kriegsführung in Flandern und den Wert seines vergötterten Sohnes so traurig die Augen öffnete. Wir sehen aus seinen Aufzeichnungen nur die Ratlosigkeit und Beschämung eines tüchtigen Offiziers, der seine Vorgesetzten einen groben taktischen Fehler begehen sieht und nichts dagegen tun kann. Des Herzogs von Chartres, der auch in jenem Feldzuge wieder die Kavallerie führt, erwähnt er nur ein einziges Mal: er spricht von ihm mit einem freundlicheren Worte, als er ihm in früheren Betrachtungen gegönnt, und sympathisiert mit ihm, als man ihm den unbändigen und herzzerreißenden Jammer des jungen Prinzen schildert, der es mit ansehen mußte, wie Marschall Bouffiers, der den in Ungnade gefallenen Villeroy abzulösen gekommen war, aber leider nichts mehr zu retten vermocht hatte, vor Wilhelm von Oranien das Schwert senkte, Namur übergab und selbst in Gefangenschaft fortgeführt wurde. Doch hat Roquesant augenscheinlich während dieses Feldzuges mit Absicht vermieden, die Wege seines fürstlichen Feindes zu kreuzen. Der Friede von Ryswyk, so schimpflich für Frankreich, entlockt ihm nur einen Stoßseufzer der Erleichterung: »Gottlob! eine der Wunden, aus denen Frankreich blutet, will sich schließen!« Dieser Ausruf befremdet, wenn man bedenkt, daß ein Mann von vier- oder fünfundzwanzig Jahren, dessen Handwerk der Krieg ist, ihn getan habe, und man sucht nach einer psychologischen Motivierung desselben. Bei jungen Offizieren pflegt sich die Vaterlandsliebe sonst anders zu äußern, und man hat ein Recht zu fragen, was den Hauptmann Roquesant in seinen Jahren schon so tiefblickend gemacht habe. Antwort darauf gibt vielleicht das folgende Kapitel seiner Memoiren, wo er jene zweite, unerhört luxuriöse Revue in Compiègne schildert, der er mit den Royal Roussillon beigewohnt hat. Er bleibt in der Beschreibung derselben sachlicher als St. Simon, der die Blicke mit Vorliebe auf Hofskandälchen richtet. Er erwähnt kein Wort davon, daß der König während der ganzen Dauer der Heerschau neben der Sänfte der Frau von Maintenon gestanden und beim Gespräch mit ihr jedesmal den Hut gezogen habe; so wird dies absonderliche Verhalten des sonst so selbstherrlichen Fürsten wohl nicht die manövrierenden Truppen in der Ebene so intensiv beschäftigt und erheitert haben, wie jener andre Memoirenschreiber behauptet. Das Wesentliche, was Roquesant von dieser Revue berichtet, ist, daß der beispiellose Aufwand, der gefordert wurde, seine Finanzen untergraben habe, trotzdem er wie jeder Kavalleriehauptmann vom Könige ein Geldgeschenk von sechshundert Livres erhalten habe, um damit die Auslagen für seine Kompagnie zu decken; ebenso habe den Marschall Bouffiers, der, gegen die Besatzung von Dyxmuide ausgetauscht und aus der holländischen Gefangenschaft befreit, diese Revue befehligt habe, ein Geschenk von hunderttausend Livres nicht vor dem Ruin erretten können, und Roquesant schließt mit einer leisen Verstimmung gegen den Dienst der allerchristlichsten Majestät. Es scheint ihm in der Folge kümmerlich zu gehen, obgleich er männlich genug ist, sich über diesen Punkt nicht weitläufig zu verbreiten. Doch knüpfen sich an diese Tatsache eine Reihe von ganz unpersönlichen Bemerkungen, die darauf schließen lassen, daß sich in jenem Jahre bereits die Erschöpfung eines nach zwei, manchmal sogar nach drei Seiten zugleich mit äußersten Mitteln geführten Krieges in Frankreich furchtbar geltend gemacht habe. Roquesant, der seinerzeit kein Wort der Erbitterung darüber verloren hatte, daß Luxembourg sich im Lager täglich mit einem Transport frischer Austern und Seefische versehen ließ, während oftmals die Soldaten darbten, fängt nun an, Vergleiche zu ziehen zwischen Hoch und Niedrig, die an einem Kinde seiner Zeit Wunder nehmen. Ohne von seinen eignen Verhältnissen zu sprechen, läßt er dabei doch fühlen, daß die Sache der Entbehrenden seine eigne ist; und mehr und mehr tritt in seinen Ausführungen die traurige Geistesreife jener zutage, die offene Augen haben für Leiden und Verderbtheiten um sie her, und die sich von keinem Phantom falscher Ehre blenden lassen. Ein ganz leiser revolutionärer Zug verbindet plötzlich den frommen Katholiken mit den Interessen der Kalvinisten, ohne daß er selbst es ahnt; vielmehr glaubt er um jene Zeit diese Sekte, wie alle übrigen, recht brav zu hassen. Die Auflösung der flandrischen Armee führt ihn einige Monate später nach Paris, wo er dem Marschall Vendôme vorgestellt zu werden wünscht. Sein Ehrgeiz strebt nach dem spanischen Kriegsschauplatze, wo er nicht sowohl Lorbeeren als Geld zu gewinnen hofft. Sein Hoffen ist aber fürs erste betrogen; die knappen Geldverhältnisse, in denen er sich befindet, erweisen sich als ein ernstes Hindernis; der richtige Fürsprech fehlt; Woche auf Woche, ein Monat, ein Vierteljahr verstreicht, und über Roquesants Schicksal ist noch nicht entschieden. In diese Wartezeit fällt der Tod seiner Freundin Ninon. Roquesant wendet sich an die Erben in der Absicht, den kleinen Savoyarden von ihnen zu fordern, muß aber zu seinem Schrecken vernehmen, daß derselbe mit anderm Hausrat der Kurtisane verkauft worden sei. Wer ihn gekauft habe? Kein Geringerer als der Herzog von Chartres, und zwar, wie man annimmt, für Fräulein von Sery, die Hofdame seiner Gemahlin. Mit grimmigem Entschlusse wendet Roquesant sich ab: er schwört sich zu, Paris nicht zu verlassen, bis er Benediktens Erbe nicht an sich gebracht habe, und will es um dieser Sache willen sogar unternehmen, seinen Jugendgespielen und – wie er glauben muß – Feind aufzusuchen. Auch dieses gelingt ihm nicht ohne weiteres; und es hat der junge Streber nun wahrlich nicht über Langeweile in Paris zu klagen; er läuft von Pontius zu Pilatus, und gilt es nicht dem Marschall Vendôme, so gilt es dem Herzog von Chartres. Ueber alledem hat er noch keinen ernsten Schritt tun können, Benedikten wiederzusehen. Germaines Wohnung hat er erfahren; sie zu besuchen, verschmäht er, da es ihm nicht gut geht und er ihren Hohn fürchtet. Im übrigen lebt er unruhig, seine Ausdrucksweise scheint vergeblich eine tiefe Unzufriedenheit verbergen zu wollen. Während kurzer Zeit ergibt er sich dem Spiele. Aber auch hier ist er nicht glücklich; und zwei rasch aufeinander folgende Ereignisse: das spurlose Verschwinden des Leutnants Reineville von den Gardedukorps und der Selbstmord Permillacs, beides auf Spielschulden zurückführbar, erschüttern ihn so, daß er sich rasch der neuen Leidenschaft entzieht. In dieser wenig erfreulichen Periode lernt Roquesant einen Mann kennen, der etwa zehn Jahre älter als er selbst, gebildet und von gesetztem Wesen, dem Jüngling mit einigen trefflichen Ratschlägen zur Seite tritt. Freilich leider nur mit Ratschlägen, denn der Mann lebte selbst in Dürftigkeit; er war ein ehemaliger Offizier der Gardedukorps und war kassiert worden für kein andres Vergehen, als daß er Fénelon hieß und ein Bruder des Bischofs von Cambrai war. Er tat Schreiberdienste für den Herzog von Beauvilliers, der treulich die Hand über ihn hielt, ohne jedoch im Augenblicke viel für ihn tun zu können, da seine eigne Stellung bei Hofe um seiner Anhänglichkeit an den Schwan von Cambrai willen gefährdet war. Jener kassierte Fénelon entzündet neue Gedanken in Roquesants empfänglicher Seele; ganz unmerklich lenkt er ihn zu jenem reinen Spiritualismus und Quietismus hin, welchen Madame Guyon gepredigt, der dem ersten Erzieher des jungen Burgund Amt und Würde gekostet, und dem auch der Herzog von Beauvilliers, sein Nachfolger, huldigt. Immer noch indes glaubt Roquesant, wie übrigens auch jene andern Vertreter der gleichen Geistesrichtung, ein felsentreuer Sohn der römischen Kirche zu sein. Mit theologischen Spitzfindigkeiten ganz unvertraut und alle Religion mehr mit dem Gefühle als mit dem Verstande erfassend, vereinigt er ahnungslos in seiner noch dunkeln Seele den größten Fetischdienst vor geweihten Amuletten, Ablaß und Wallfahrt mit jener weit vorgerückteren Auffassung eines absolut geistigen Urprinzipes, das man nur aus Mangel an einem besseren Namen etwa Gott nennt. Wunderliche Schlüsse zieht er, wunderliche Fragen tut er an sich und die Welt. In seiner Herzensbedrängnis läßt er sich von Fénelon bereden, einer Quietistenversammlung beizuwohnen. Dort sieht er zum ersten Male den Herzog von Beauvilliers. Die Erscheinung des erhabenen Mannes nimmt ihn sofort gefangen; er nähert sich ihm, er findet Gehör, er ergibt sich ihm ganz; Beauvilliers verspricht, sich für ihn zu verwenden, soweit in seinen Kräften steht. Das erste, was er für ihn tun kann, ist, daß er ihm Zutritt zum Herzog von Chartres verschafft, der auch bei Hofe nicht in bestem Ansehen steht, wiewohl aus wesentlich andern Gründen als Beauvilliers, und deshalb den Umgang mit dem Gemiedenen teils aus Sorglosigkeit, teils aus natürlicher Herzensgüte fortsetzt. So werden grundverschiedene Naturen durch ein ähnliches Geschick verbunden: der Herzog von Chartres um seiner Laster willen, der Herzog von Beauvilliers um seiner Tugend willen vom König geächtet, begegnen sich in einer Art Freundschaft und Wechselwirkung auf eine Person, die ihnen kaum nahe steht und deren Schicksal sie doch entscheiden helfen. Und hier gebe ich dem Chevalier von Roquesant wieder das Wort. 1 Kaum jemals im Leben ist mir ein Weg so sauer geworden wie jener Ritt nach St. Cloud, den ich im frühherbstlichen Blätterfall des Jahres 1699 an der Seite meines neuen Gönners, des Herzogs von Beauvilliers, unternahm. Denn abgesehen davon, daß ich mich keines besonders warmen Empfanges von seiten meines ehemaligen Freundes versehen durfte, brannte jetzt, da die Sache wirklich wurde, die Nichtigkeit und Lächerlichkeit meines Vorhabens mir auf der Seele. Ich suchte einen Mann auf, den ich bitter beleidigt hatte, ich setzte mich einer schroffen Abweisung, ja vielleicht einer unedeln Rache aus, und zu welchem Zwecke und Ziele? Um ein Spielzeug von ihm zu fordern, das nicht mehr in seinen Händen war und auf welches ich selbst mein Eigentumsrecht nur durch eine Erzählung geltend machen konnte, die vieles preisgab, was ich gern geheim gehalten hätte. Ich schämte mich, ich war einer Niederlage, einer hohnvollen und grausamen Antwort gewiß. Dennoch trieb mich ein dunkles Wollen in meiner Brust vorwärts, wie es mich bis hierher getrieben hatte. Dem Herzog von Beauvilliers hatte ich nicht verraten, was für ein Anliegen ich an den Neffen des Königs hatte; er hatte auch nicht danach gefragt; wozu wendet sich ein junger und mittelloser Offizier, der keine Heldentaten aufzuweisen hat, an einen hohen Herrn? Da brauchte es weiter keiner Erklärungen. Doch hatte ich ihm bekannt, daß ich im Groll von Philipp von Chartres geschieden sei und daß ich mich vor dem Wiedersehen fürchtete. Da beruhigte er mich schnell: Rachsucht wäre die letzte Eigenschaft des Mannes, zu dem wir ritten; mehr als einmal habe man bereits erlebt, daß er offene Feinde durch eine unerwartete Wohltat geschlagen und gewonnen habe, mehr freilich aus königlicher Lust an dieser edeln Art der Beschämung als aus christlicher Nächstenliebe. Und so, wie wir gemächlichen Schrittes dahinritten durch die grüne Wildnis des Bois de Boulogne und der Hufschlag unsrer Pferde im samtigen Moosboden erstickte – denn die Waldwege waren Abgründe voll schlammiger Fluten, und wir mußten uns nebenher durch die Stämme winden –, erzählte mir der Herzog von Beauvilliers manches über meinen Jugendgespielen, manches, das mir das Herz weit machte – weit und auch schwer. Es ist eine Erfahrung, die ich später im Leben noch öfter machen mußte, die mir aber in dieser Stunde das erstemal widerfuhr. Alle hatten sie den Stab gebrochen über Philipp von Chartres' Lebenswandel, alle, die nicht um eines Haares Breite besser waren als er, die heimlich oder öffentlich dasselbe taten; Paris ergötzte sich an den Anekdoten seiner Debauchen im stillen, während es sich laut über ihn entrüstete. Hier nun war ein Mann von so lauterer Tugend, daß der bitterste Feind auch nicht einen Makel in seinem Lebenswandel aufzudecken vermocht hätte: und siehe, der Reine sprach für den Lasterhaften, verstand, entschuldigte ihn! Nicht das leiseste Wort der Mißbilligung fiel von den Lippen des Herzogs von Beauvilliers, als er von Philipps Wesen und Leben berichtete. Ich schaute, während er redete, fest in seine wunderbar strahlenden graublauen Äugen und dachte: ›Spricht da der Höfling zugunsten des fürstlichen Gönners?‹ Aber mein Gefühl überzeugte mich schnell: da sprach der gute Mensch zugunsten des gefallenen Bruders. Von Philipps galanten Abenteuern bekam ich nicht viel zu hören; die tat der weise Mann mit einer einfachen Erklärung ab: Wenn ein junger Mensch von so regem Geiste, von so viel Kraft und Tatendrang durch eine Laune des Königs vom Kriegsdienste abgehalten und zur schmählichsten Untätigkeit in den Galerien von Versailles verurteilt sei, so wären Verirrungen seiner Abenteuerlust unvermeidlich. Auch die allbekannte Tatsache, daß Philipp von Chartres immer noch Teufelsbeschwörungen trieb und zu diesem Zwecke ganze Nächte in den Steinbrüchen von Vaugirard zubrachte, streifte Beauvilliers nur mit lächelnder Ueberlegenheit. Dafür sprach er um so eingehender von Philipps köstlichen Geistesgaben, seinen Talenten für Musik und Malerei, seiner Belesenheit, seiner sicheren und klaren Redeweise, seiner schlichten und natürlichen Würde, welche nicht sowohl die Würde des trefflich erzogenen Hofmannes, sondern die des hochentwickelten, frei und kühn denkenden Mannes sei. Um dieser angeborenen Würde willen vermöchte auch die allgemeine Medisance nichts an seinem Einflüsse zu schmälern, und selbst der König könne sich dem Zauber seines Wesens nicht ganz entziehen, so unzufrieden er auch immer mit ihm sei. Es sei die unbesiegliche Macht der Intelligenz, die von Philipp von Chartres ausgehe, der Intelligenz des Geistes und des Herzens. Und dieser, meinte Beauvilliers, könne auch ein Mangel an Kontrolle über etwelche Leidenschaften wohl verziehen werden. Ich konnte mich nicht enthalten, zu bemerken, wie schade es wäre, daß Philipp mit all seinen herrlichen Gaben nicht als eines einfachen Mannes Sohn geboren worden sei; er hätte als Maler gewiß, als Musiker und Gelehrter vielleicht eine Zierde Frankreichs werden müssen. Da lächelte Beauvilliers traurig und zitierte ein Wort, welches Madame, die brave Deutsche, von ihrem Sohn gesagt haben soll und das wahrlich zutrifft. Es haben, so meinte sie, zwölf gute Feen die Wiege ihres Kindes als Paten umstanden und alles gespendet, was an guten und göttlichen Gaben dem Menschen nur geschenkt werden könne; die dreizehnte Fee aber habe gemacht, daß ihm alles zum Unheil ausschlagen müsse oder mindestens ohne Nutzen bleibe. Madame war zu klug, um den Namen der dreizehnten Fee zu verraten; Beauvilliers sprach ihn unbekümmert aus: es war der Heuchel- und Schmeichelgeist am Hofe Ludwigs des Vierzehnten. Ich senkte den Kopf, als der Herzog diese Worte sprach und dachte vergangener Tage. Wir ritten nun eben gegen die Seine herab, sahen schon das graugrüne Wasser durch die Baumstämme aufblitzen, und die nächste Lichtung mußte uns die Holzbrücke zeigen, die nach St. Cloud hinüberführte. Jetzt erblickte man auch schon den Rauch, der den Häusern des Dorfes entstieg. Wie bald darauf die Hufe unsrer Pferde auf den Holzbohlen der Brücke donnerten, kam von Süden her aus den Wäldern von Meudon ein ferner Hörnerklang herabgeweht: dort war Monsieur auf der Wolfsjagd. Das eigentümliche Jagdsignal blieb mir im Gedächtnis und spielte lange eine ähnliche Rolle wie das Klosterglöcklein von Marlaigne: so oft ein Mensch von seinesgleichen verklagt und verdammt wurde, glaubte ich es zu hören; und mein Urteil blieb dann jedesmal in meiner Brust begraben. Eine halbe Stunde später empfing uns Philipp in einem einfachen holzgetäfelten Gemache, dessen Fenster offen standen und die herbstliche Feuchte des Parkes hereinließen. Der erste, etwas frostige Eindruck des Raumes schien mir indes sofort gebannt, als Philipp, der an seinem Arbeitstische gesessen hatte, sich umwandte, erhob und uns entgegenging. Das war noch immer das Antlitz und der Blick, die jede weiche und sympathische Empfindung wecken konnten, wenn der kapriziöse Eigner es nur wollte; und in dieser Stunde wollte er. Er begrüßte mich mit einer Natürlichkeit, als hätten wir uns noch vor Tagen gesehen und gesprochen; im herzlichsten Tone von der Welt drückte er seine Freude aus über den Anlaß, der mich zu ihm geführt; und wäre, so sagte er, dieser Anlaß irgendein Anliegen, das ich an ihn stellen wollte, so danke er mir, daß ich ihm den Vorzug gegeben habe vor andern, vielleicht mächtigeren Gönnern. Das war nun freilich Phrase und viel zu sehr überkommene Form der Höflichkeit, als daß es mich hätte besonders rühren können; doch wußte Philipp diese gangbare Redensart in so echtem Herzenstone vorzubringen, daß mir fast schien, ich höre sie zum erstenmal in meinem Leben. Immerhin hielt ich mich zurück und antwortete gemessen, ich hätte freilich ein Anliegen, aber so seltsamer Art, daß ich einer Ablehnung im vorhinein gewiß sei und eine solche ohne Bitterkeit hinnehmen würde; dennoch treibe mich ein gewisses Pflichtgefühl, die hoffnungslose Bitte vorzubringen. Beauvilliers, der neben Philipp stand, schaute mich erstaunt an; dann verließ er, einem Blicke Chartces' gehorchend, das Gemach; in derselben Sekunde schon hatte Philipp seinen Arm um meine Schulter geschlagen, und seine Lippen berührten leicht meine Wange. Ein leidenschaftliches Gefühl wallte in mir auf, ich machte eine Bewegung, die brüderliche Begrüßung zu erwidern, aber eine qualvolle Beklemmung hielt mich in Bann und lähmte mir gleichsam die Arme; ehe ich dieser Herr werden konnte, hatte Philipp sich bereits von mir gelöst und saß nun in der ihm eigentümlichen graziösen Stellung in dem hochlehnigen Stuhl vor seinem Arbeitstische. »Wenn es etwas ganz Seltsames und Unerhörtes ist, das dich hergeführt hat,« sagte er heiter, »so will ich es mit um so dankbarerer Gewißheit als ein Wunder des Himmels nehmen und als einen direkten Fingerzeig des Schicksals, daß wir nicht länger Feinde sein sollen, mein Jugendgespiele. Rücke also nur schnell mit deinem Anliegen heraus, und sei gewiß, daß ich alles tun werde, um dein Mißtrauen in meine Dienstwilligkeit zu enttäuschen.« Ich war durch diese Worte bewegt, und jede Spur von Scheu wich von mir. Und da ich, um ihm meine Bitte verständlich zu machen, zurückgreifen mußte nach den Tagen unsrer Kindheit, die Erinnerung an den goldenen Goldschmied heraufbeschwören und sein Leben erzählen, so war es bald zwischen uns, als hätten wir den neuen Freundschaftsfaden nur eben an der Wurzel unsers Lebensgespinstes wieder angeknüpft, da wo die glatten Maschen unschuldiger Freuden lagen, und all das kraus geknotete Irrsal, das eine böse Hand dazwischengewebt hatte, einfach herausgetrennt. Philipp hörte mit der wärmsten Teilnahme die Leidensgeschichte des Mannes, der das Märchen unsrer Kindheit gewesen war, und mein Wunsch, Benedikten das Andenken ihres Vaters zu erhalten, ging sofort in sein Verständnis über. Immerhin verhehlte er mir nicht, daß mein erstes Gefühl recht behalten müsse und daß es in der Tat unmöglich sei, mir den Savoyarden in diesem Augenblicke zu verschaffen; er habe die Figur erst vor kurzer Zeit einem von ihm angebeteten Mädchen geschenkt, das dieselbe als erstes Zeichen seiner Liebe jetzt noch hochhalte, wenn sie auch den Kunstwert des Gegenstandes kaum zu schätzen imstande sei. Deshalb möchte ich aber doch die Sache nicht als eine hoffnungslose betrachten. Es werde wohl diese Liebe, wie jede andre, dem Schicksale alles Irdischen nicht entgehen. Ein Tag werde kommen, wo das Fräulein keinen Wert mehr auf den Besitz eines von ihrem Liebhaber stammenden Gegenstandes legen werde; und da die Figur keine Edelsteine an sich habe, die man herausbrechen und zu Schmuck verwenden könne, so werde es dann ein leichtes sein, darüber zu wachen, daß sie intakt bleibe und in keine andern Hände übergehe als zurück in die des Gebers. Wie fern oder wie nahe dieser Zeitpunkt läge, sei jetzt noch nicht zu bestimmen; doch sei die Figur, da wo sie jetzt stehe, in sicherer Hut, und Philipps Wort möge mir genügen, daß er sie fortan als ein Pfand betrachten und den richtigen Augenblick der Einlösung nicht versäumen wolle. Es hatte sich, während Philipp so sprach, auf seinem Gesichte wieder jener hämische und fast gemeine Ausdruck gezeigt, den er stets zur Schau trug, wenn er von Frauen sprach, und der mir heute wie jedesmal ins Herz schnitt. Daß ein jugendlicher und warmblütiger Mensch mit solcher Hellseherei von der Vergänglichkeit seiner Gefühle sprechen konnte, war ein trauriges Zeichen, und fast wäre mir ein Wort des Mitleids entschlüpft, das unsre eben geflickte Freundschaft wieder mitten durchgerissen hätte. Aber zum Glück fiel mir zu rechter Zeit Beauvilliers und sein Märchen von den dreizehn Feen ein, und zugleich war mir's wieder, als dränge durch das offene Fenster herein ein Ton wie ein fernes Hornsignal. Ich schwieg und dachte bei mir: ›Gott gebe, daß du sie noch kennen lernst, die Liebe, die kein Ende hat.‹ Dann erhob ich mich und wollte mich entfernen. Aber Philipp wollte nun auch ein näheres über mein Leben hören, hielt mich zurück und wandte geschickt das Gespräch hin und her, bis er auch meine sonstigen Nöte kannte, denen er ein rasches Ende zu bereiten versprach. Daß ich mit meinen erschöpften Mitteln meine Kompagnie nur dann halten könnte, wenn nach der damals vollständig unanfechtbaren Auffassung »der Krieg sie ernährte«, leuchtete ihm sofort ein. Er versprach, mich in kürzester Zeit an einen Ort zu stellen, wo mir Fortuna selbst die Sorge für mein Häuflein abnehmen sollte, oder, wenn ihm dies mißlänge, mir einen Posten unter den Garden seines Vaters zu verschaffen, wo ich bouche à cour und weiters solche Einnahmen hätte, daß ich mehr als geruhig leben könnte. Bei der allgemeinen Auflösung und Neubildung der Regimenter, die in diesem Augenblicke unter dem Namen einer Reform in Frankreich vor sich ging, war diese Sache leichter zu erledigen als zu irgendeiner andern Zeit. Die zweite Alternative mißfiel mir zwar, ich hoffte auf aktiven Kriegsdienst und sprach dies auch aus. Da ging eine neue Wandlung in Philipps Gesicht vor sich, und diesmal eine so erschreckende, daß ich mit einem lauten Rufe der Angst auf ihn zueilte. Er wandte sich ab, er suchte sich mir zu entziehen. Aber bereits verriet das heftige Arbeiten seiner Brust, daß er mit Schluchzen kämpfe. Ich war ratlos, wagte kein Wort zu sagen, wagte nicht, ihn zu berühren, bis nach einigen Minuten seine Selbstbeherrschung zurückkehrte und er sich mit geglätteten Mienen wieder mir zuwenden konnte. Da faßte ich Mut, ihn zu fragen, ob meine Offenheit ihn verletzt habe. Er verneinte lächelnd, fügte aber mit alsbald sich verfinsternden Blicken hinzu, daß es einen Mann wohl kränken könne, wenn er andre sich nach Lorbeeren drängen sehe, die ihm selbst versagt seien. Da erinnerte ich mich an Beauvilliers' Worte, daß Philipp sich nach dem Felde sehne und wie sehr sein Ehrgeiz an der gezwungenen Untätigkeit des Hoflebens kranke. Und jetzt vernahm ich es ganz deutlich, das leise, fernhin hallende Klingen der Jagdhörner in den Wäldern von Meudon drüben. 2 Diesem ersten Wiedersehen, das kurz und durch die Fülle der Empfindungen, die es erregte, fast peinlich war, folgten andre, die ruhiger verliefen und einen klareren Eindruck zurückließen. Seit Beauvilliers mir den Schlüssel zu Philipps Charakter gegeben hatte, hatten die Aeußerungen seiner leidenschaftlichen Natur nichts Beängstigendes mehr für mich, noch seine Ruchlosigkeiten etwas Teuflisches; vielmehr begriff ich beides aus jenem eingedämmten Ehrgeiz heraus, der sprengend und berstend wirken muß wie Pulver in verschlossener Kammer: gib dem Dinge den rechten Lauf, so trägt es in schön geschwungenem Bogen das siegreiche Geschoß dahin! In der Tat war es kläglich zu sehen, wie ein Fünf- oder Sechsundzwanzigjähriger seine Kraft in Müßiggang verzehren mußte; Bilder malen und Arien komponieren – wahrlich ein armseliger Trost für einen Mann, der Armeen befehligen und Völker beglücken konnte. Denn daß er es konnte, hat er später noch bewiesen. Es gelang mir nicht, jemals in Erfahrung zu bringen, warum ein König, der Talent und Tapferkeit so trefflich zu schätzen und zu verwerten wußte, sich in der Person dieses Neffen eines äußerst brauchbaren Dieners beraubte. Auch Philipp wußte keinen bestimmten Grund dafür anzugeben. Er erzählte mir, daß er selbst den König kniefällig um ein Kommando gebeten habe; daß sein Vater, öfter noch aber seine mundfertige Mutter in mehr als einer leidenschaftlichen Szene die Vorwürfe der erbosten Majestät gegen Philipps Eskapaden durch den Gegenvorwurf lahmgelegt habe, Ludwig treibe das heiße junge Blut durch Langeweile selbst zum Laster. Alles dieses habe nichts zu ändern vermocht. Lag nun der wirkliche Grund des unbegreiflichen Verbots, wo er wolle – in finanziellen oder politischen Rücksichten –, wir verstanden nichts davon; und wie alles Unverstandene lieber aus bösen Ursachen abgeleitet wird als aus guten – wie wäre denn die Vorstellung des Teufels entstanden, wenn dem nicht so wäre? –, so suchten auch wir alsbald nach den dunkelsten Quellen. Philipp, der sich bereits seit langem mit der Frage befaßt hatte, wies auf deren zwei. Daß Frau von Maintenon die Hand im Spiel habe, schien uns unzweifelhaft. Warum tat sie es? Sollten die Prinzen von Geblüt keine Ehren ernten, weil ihr vergötterter Liebling, der Bastard Maine, die seine so rettungslos verspielt hatte, damals, als Namur durch seine Schuld verloren ging? Das war eine Möglichkeit. Philipp ballte die Faust, wenn er davon sprach. Es gab aber noch eine andre. Die erwähnte er nur einmal, ward blaß und rot dabei und schien fast an seinen eignen Worten zu ersticken. Auch seine Gattin war das verzärtelte Pflegekind der allmächtigen Frau; auch sie konnte durch Bitten vieles erreichen; und sie war eifersüchtig auf diesen Gatten, der sie mit Füßen stieß und durch offene Treulosigkeit entehrte; würdelos, wie sie war, hing sie mit schamloser Leidenschaft an ihm, umklammerte ihn, suchte täglich neu um ihn zu werben, forderte ungestüm und herrisch sein Verweilen an ihrer Seite. Und ein paar Tränen, vor Frau von Maintenon geweint, hatten Philipp von Chartres' Schicksal entschieden. Mir schnürte es das Herz zusammen, wenn ich bedachte, daß ich nun zum zweitenmal Zeuge einer Tragödie sein sollte, wie die Regnards war; zum zweitenmal einen göttlich begabten Mann an einem Weibe zugrunde gehen sehen. Ich sprach dies auch aus; Philipp drückte mir die Hand, lachte aber dazu und sagte kurz: »Ich werde nicht zugrunde gehen!« Die festen Linien seines Gesichtes, Regnards weicher Schönheit so unähnlich, gaben diesen Worten Bestätigung. In all diesen dunkeln Vorstellungen gab es nur einen, freilich nicht sehr stichhaltigen Trost: daß es nämlich im gegebenen Augenblick wirklich nicht vom König Ludwig abhing, seinem Neffen zu Kriegslorbeeren zu verhelfen, wäre selbst seine Gesinnung gegen ihn freundlicher gewesen. Es gab einfach keinen Krieg. Dieses letzte Jahr des Jahrhunderts war ein Friedensjahr, nicht nur für Frankreich, sondern für die Welt. Was von unsern Armeen noch am Rhein oder in Spanien lag, ruhte; die Marschälle spielten Branle und L'hombre an den königlichen Tischen zu Versailles oder pflegten sich in heilkräftigen Bädern. Selbst im fernen Ungarlande, am Asowschen Meer, in Morea, in Polen, in den Kolonien Dominique und Pondichery war alles ruhig; also selbst emigrieren und sich unter fremden Fahnen anwerben lassen, hätte nichts geholfen. Bellona hatte wohl im Sinn, das gemarterte Jahrhundert in Frieden sterben zu lassen; dem kommenden hatte sie neue Plagen vorbehalten, neue Geißeln flocht sie im stillen für den wunden Rücken der Menschheit und pfiff da und dort schon durch die Luft, um zu erproben, wie scharf sie geknotet seien. Wir alle ahnten kommendes Unheil, und – traurig zu sagen! – für uns jugendliche Stürmer wäre es Heil gewesen. Wäre nicht Beauvilliers gewesen, der uns manches Mal in ernsten Worten an das Elend der Hunderttausende mahnte, die unser Handwerk arbeitslos machte, unsre Sättigung zum Hungern verdammte, wir hätten in gedankenloser Selbstsucht dem Frieden geflucht. Was denn der König seinem Neffen nicht verschaffen konnte, das vermochte der Neffe seinem Diener nicht zu vermitteln. Vendôme blieb in Versailles, die spanische Armee wie und wo sie eben stand; Philipps Anfrage zu meinen Gunsten beantwortete der Marschall mit einigen matten Vertröstungen auf zukünftige Möglichkeiten. So geschah es, daß ich diesen Herbst Tag um Tag nach St. Cloud ritt, ohne eine Hoffnung mit heimzubringen. Die Wälder von Meudon wurden rot und gelb; durch das farbige Laub zogen Nebelstreifen; häufiger, nah und fern widerhallend, drang Hörnerklang und Gebell der Meute aus den Waldtiefen herauf. Und dann kamen die Tage, wo der Heimweg durch den Wald unheimlich war vor den Schatten der sinkenden Dunkelheit, wo ein früher Mond auf dem silbrig bereiften Boden gespenstische Abbilder der Stämme und Zweige zeichnete; wo Wolfsgeheul mich von fern zu verfolgen schien fast bis an den Rand des Bois de Boulogne; da gab ich das Warten auf, verkaufte mein Fähnlein und trat in die Garden Monsieurs ein: Kompagnie Lorges. Jetzt ritt ich den Weg durch die winterlichen Wälder nicht mehr oft allein. Paris sah ich freilich nicht seltener als vordem, aber wenn ich es sah, so war es im Gefolge Monsieurs oder des Herzogs von Chartres. Und wieder war es ein neues Theater, auf welchem jetzt mein kleines Leben sich abspielte. Ganz neu! Denn das Paris von 1699 war nicht mehr das Paris von 1685, wenn es auch Augen von einer gewissen traurigen Uebung brauchte, um dies zu erkennen. Paris von 1685 war ein sorglos genießendes, harmlos eitles und spielsüchtiges Weib gewesen, etwa einer seiner eignen braven und lebenslustigen Bürgerfrauen vergleichbar, die sechs Tage der Woche tapfer arbeiten, um am siebenten in einem modischen Seidenfähnlein zum Tanzplatze zu gehen und das mühsam Verdiente zu verjubeln. Paris von 1699 war eine Dirne, lasterhaft aus Hunger. Sah ich das nur? Hatte die Erfahrung einer so tragischen Verkettung von Umständen, wie ich sie an Regnard zuerst, an Philipp von Chartres dann beobachtet hatte, sich vor meinen inneren Augen festgesetzt wie der Farbenfleck, der dem Schauen in zu grelles Licht folgt? Ich sah nichts andres mehr um mich als Genußraserei, die aus Verzweiflung und Elend geboren war. Draußen in der Provinz hatte ich die Folgen des Krieges ja bereits kennen gelernt. Die Felder, die das kleine Städtchen umgeben hatten, waren unbebaut geblieben, roter Mohn wogte darauf, recht als ob es offene Wunden wären, aus denen Frankreichs Lebensblut strömte. Ritt man über Land, so sah man keine Männer an der Arbeit; gebückte Frauen schafften widerwillig in armseligen Kohlgärten; Kinder pflückten und sammelten den wilden Sauerampfer an den Wegrändern. Auf den Strohdächern der Hütten lagen allerlei Wurzeln des Waldes zum Trocknen, die bestimmt waren, geschrotet und unters Mehl gemischt, die allzu kleinen Brotlaibe zu einem Schein von Wohlansehnlichkeit aufzutreiben. Bleiche, abgezehrte Gesichter, verlotterte Hütten, leere Viehställe, brache Felder: das war das Bild der Provinz in jenen Tagen. Mit heimlichem Troste erquickte mich dazumal nur eines: das waren die Hasen- und Vogelschlingen, deren man zu Tausenden in den herrschaftlichen Wäldern finden konnte – wenn man wollte. Aber die Waldhüter und Forstleute waren Menschen: sie gaben sich alle Mühe, diese Schlingen nicht zu sehen, legten ihrer vielleicht selber noch etliche mehr. So gab es denn doch hin und wieder eine Sättigung im verwahrlosten Bauernhause. Ganz anders sah die Not in Paris aus. Sie hatte ihre scharfen Backenknochen rot geschminkt. Das Volk, das sich nicht satt essen konnte, trank sich übersatt. Die Bürgerin, die sich kein warmes Wollkleid für den Winter kaufen konnte, erschwang ein Tanzröckchen aus fadenscheiniger Seide, das nicht bis an die Schultern reichte, und Wein, Tanz und Liebe mußten die Wärme dazu spenden. Der Luxus an Kleidern und Vergnügungen war so arg, daß ein Erlaß des Königs Einhalt tun und bestimmten Ständen bestimmte Tracht vorschreiben mußte; dabei gab es Bürgerhäuser, in denen wochenlang kein Fleisch gesehen wurde; schweres Roggen- und Maisbrot machte kränkliche Kinder ihren Hunger vergessen, ohne sie tatsächlich zu nähren. Alles in Paris war käuflich und verkäuflich, nur Nahrungsmittel nicht. Elende Schlammfische und Muscheln, deren Genuß die Leute krank machte, wurden um schweres Geld erworben. Und die an solcher Nahrung starben, wurden kaum bedauert, denn von rechts und links schielte schon ein Hungriger nach dem Bissen, den sie in der Schüssel zurückgelassen hatten. Aber Abend um Abend klangen die Geigen in den Tanzsälen der Elysäischen Felder, bis tief in die Nacht hinein wogte eine kreischende Menge zu ihren stets offenen Türen ein und aus. Der grauende Tag brachte die Ermattung, den tiefen, trunkenen, tierischen Schlaf, der das Elend vergessen macht. In den Straßen und Häusern, an den Tischen und Betten, zu denen mein neuer Dienst mich führte, hätte ich derlei Dinge freilich nicht zu sehen brauchen. Ich aß nicht selten von fünf bis sechs verschiedenen Suppen, in denen bald rotflossige Meerungeheuer, bald Pilze, bald Kastanien ein wunderliches Unwesen trieben, aß von Wachteln, Truthähnen, Trüffeln, Wildschwein oder Hirsch, phantastisch aus buntem Zuckerwerk erstellten Torten und erlesenen Früchten an einem Abende mehr, als ich verantworten konnte. Doch wollte es mein Schicksal, daß meinen Weg oft und öfter solche kreuzten, denen der Abfall aus jenen Küchen Errettung vom Tode gewesen wäre, und daß infolgedessen die schönen Leckerbissen mir bitterer schmeckten als einst das rauhe Soldatenbrot im Feldlager. Wer war schuld, daß ich nicht zu denen gehören konnte, die gedankenlos ihren Bauch füllten und nicht fragten, was mit den Resten ihrer Tafel geschah? Beauvilliers einerseits, ein kleines blondes Bürgerkind von zehn Jahren anderseits: Benedikte, deren freundlicher Name in dieser schlimmen Zeit seine Bedeutung zu erfüllen begann. Es hatten sich Vereinigungen gebildet aus mäßig wohlhabenden Leuten, zu denen besonders die Kalvinisten, Jansenisten, Quietisten und wie alle diese verrufenen Sekten heißen mochten, eine ansehnliche Liga delegierten, wie denn erstaunlicherweise ein gewisser Wohlstand diesen Duckmäusern trotz aller Verfolgungen geblieben ist. Diese Vereine hatten sich die Aufgabe gestellt, fremdes Korn zu guten Preisen anzukaufen, dieses von kalvinistischen Müllern und Bäckern zu Brot verarbeiten zu lassen und dasselbe dann an Hungernde zu verteilen, wobei sie freilich in erster Linie Anhänger ihres eignen Glaubensbekenntnisses bedachten, aber auch Rechtgläubige einerseits, Juden anderseits bereitwillig unterstützten. Es versteht sich von selbst, daß von diesem Treiben in Hofkreisen wenig bekannt war, ja, ich machte die Bemerkung, daß jede gelegentliche Erwähnung dieser Vereine, ihrer Zwecke und der traurigen Ursachen dazu mit eigentümlich kalten Mienen aufgenommen, schweigend abgelehnt oder in beabsichtigter Zerstreutheit übergangen wurde wie etwas, das gesittete Ohren nicht hören dürfen noch wollen. Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, ob nicht eine doppelte Scham jene sonst für alles Neue so aufnahmebereite Gesellschaft plötzlich so teilnahmlos gemacht habe: Scham erstens, die Genießende immer empfinden, wenn von Hungernden die Rede ist; Scham aber auch, und vor allen Dingen, darüber, daß es gerade die verhaßten Sektierer waren, die an dem Lande, wo ihre Brüder verfolgt und mißhandelt worden waren, diese edle Rache nahmen. Ich muß offen gestehen, daß auch mich diese Tatsache wurmte, obgleich mein Haß gegen den Fanatismus – ich umfaßte mit diesem Worte alles, was der heiligen Kirche Frankreichs widerstrebte – erheblich im Sinken war; und ich beschloß, für meine Person wenigstens das Aeußerste zu leisten, um die Beschämung, die auf uns Rechtgläubige fiel, abzuwenden und wettzumachen. Es ist wahr, auch die Klöster übten zu jener Zeit, wie immer, weitreichende Wohltätigkeit; Hunderte von Armen wurden täglich an ihren Toren gespeist; aber dem zielbewußten, tatkräftigen Eingreifen der Hugenotten und hugenottischer Frauen besonders standen diese lieblosen Abfütterungen mit dünnen Suppen weit nach. Unter den wenigen Personen am Hofe Ludwigs XIV., die nicht die Augen niederschlugen, wenn man von Volkselend sprach, war Beauvilliers der erste und edelste. Er hatte bereits zwei Jahre vorher dem Könige gegenüber ein offenes Wort über die Folgen seiner Kriegführung gewagt und hatte damit vielleicht mehr getan, den Friedensschluß zu Ryswyk zu beschleunigen, als die Ratschläge sämtlicher Generäle und Ambassadoren vermocht hatten. Auch jetzt redete er, trotz seiner gefährdeten Stellung, milde, aber unerschrocken aus demselben Tone, wo immer sich ein Anlaß dazu bot. Und diesen Anlaß gaben Philipp von Chartres und ich ihm mehr als einmal, wenn wir unbedacht nach neuen Kriegen seufzten oder die Möglichkeiten einer neuen Völkerpolitik mittels ungeheurer Eroberungen uns ausmalten; etwa so, daß wir die Welt zwischen Ludwig XIV. und dem Sultan in Konstantinopel teilten, oder, wenn es hoch herging, zwischen Ludwig und jenem jungen Gestirn, das im Norden aufging und uns damals schon allerlei zu denken gab, dem Zaren Peter Romanow. Es kostete übrigens Beauvilliers keine besondere Mühe, meinen kriegerischen Ehrgeiz zu zähmen, denn ich hatte, wie gesagt, genug gesehen von hungernden Bauern und verkommenen Dorfschaften, und hatte in besseren Stunden schon oft die Frage erwogen, ob Frankreich nicht mehr gewönne, wenn seine Soldaten an die verlassenen Pflüge zurückkehren würden. Ich gab also dem frommen Manne gern recht. Da er sah, daß ich kein Herzloser war, ließ er sich zu eingehenderen Gesprächen fortreißen, und der Umstand, daß ein Fénelon mich einst ihm zugeführt hatte, bestärkte sein Vertrauen. Er wurde wärmer, werbender, und bald hatte er mich gewonnen. Ich stellte meine bescheidenen Mittel in seinen Dienst, sie dem allgemeinen Zwecke zu weihen; und ich bat ihn, über meine Person zu verfügen, wo er dieselbe nützen zu können glaubte. Er sah mich innig und warm an, und die Worte, die er in dieser Stunde zu mir sprach, bleiben ewig die heiligste Erinnerung meines Lebens. Ich wiederhole sie hier nicht. Aber ich habe sie aufgeschrieben und meinem Testamente beigelegt, damit meine Kinder sie erben als etwas, das mehr bedeutet als Reichtümer. 3 Es soll nicht den Anschein haben, als sei ich durch meine Aufnahme bei den Garden nun mit einem Male ein Krösus geworden, der das Geld mit vollen Händen um sich zu streuen vermocht hätte. Weit entfernt davon! Aber ein Mensch, der jahrelang mit den knappsten Mitteln hat haushalten und dabei sogar einen gewissen Schein von Wohlhabenheit aufrechterhalten müssen, erübrigt bei nur halbwegs sicherem Einkommen leicht ein Geringes, das, zweckdienlich angewandt, in so schweren Zeiten nicht verachtenswert erschien. Für die zweckdienliche Anwendung sorgte Herr von Beauvilliers. Und so habe ich in diesem Winter allgemeiner Not vielleicht da und dort eine Suppe wärmen helfen, vielleicht ein oder das andre hungernde Mäulchen gestopft, bis ein Zufall mich in die Lage versetzte, mehr zu tun. Ich will nicht verhehlen, daß ich von seiten meiner Kameraden manche böse Neckerei zu hören bekam für eine Liebhaberei, die ihrer Ansicht nach sich wohl für alte Frauen, keineswegs aber für einen jungen Offizier schickte; auch Philipp fragte mich einmal spöttisch, unter welch wunderlichem Stern ich denn wohl geboren sei, daß sich bei mir der natürliche Lauf der Dinge in umgekehrter Reihenfolge abspiele als bei andern, und daß ich mit der Buße begänne, ehe ich die Sünde ausgekostet. Ich hatte auf derartige Reden keine Antwort, da ich mir selbst ein Rätsel und von den Vorstellungen meiner eignen Brust nur so viel mir klar war, daß ich ein heißes Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit durch diese kleinen Akte der Wohltätigkeit zu befriedigen half, während eine gewaltsam unterdrückte Leidenschaft sich in religiösen Schwärmereien Bahn brach. Ich will nicht erzählen, was für Zwiegespräche ich oftmals mit meinem Gott und Schöpfer hielt; man würde mich für wahnsinnig erklären. Genug, daß auf Erden für mich der Stellvertreter dieser Gottheit Beauvilliers war und daß meine Hingebung an diesen und an die Sache, die er vertrat, keine Grenzen kannte. Genug, daß ich in dieser ins Endlose gespannten Liebe einen fast vollwertigen Ersatz für ein konzentriertes Glück fand, wenn es auch Stunden gab, wo ich bei dieser Verdünnung des Gefühles, wie bei einer mageren Suppe, die für viele reichen muß, recht bitter Hunger litt. Aber das war nun einmal so. Und nun zu dem eben erwähnten Zufall! Als wäre das vergangene Jahr das segensreichste und üppigste gewesen; als müsse man Ueberfluß, der nicht zu bergen wäre, dem Herankommenden in den Schoß werfen; oder als gelte es, die Genien des jungen Jahrhunderts zu täuschen über den wahren Zustand der Menschheit, der sie sich vermählen wollten: so prangte dieser Winter von 1700 mit den unerhörtesten Festen ohne Zahl. Ging man abends durch die Straßen der Stadt, so fand man alle Fenster hell von Kerzenschein, und im grellen Licht der Laternen huschten Masken vorüber, bunt, grotesk, phantastisch, wie Paris sie nie zuvor gesehen hatte, als wären die verschnörkelten Wappenschilder der Häuser selbst lebendig geworden und wandelten umher; öffnete sich unversehens wo eine Türe, so drang Musik heraus, ein leidenschaftlich jubelnder Geigenton, ein heller Harfenakkord, wenn es die Türe eines vornehmen Hauses war, ein dumpfer Schrei der Querpfeife, des Dudelsacks aus niedrigen Spelunken. Auch bei Hofe wurde getanzt. Es gab seit einigen Jahren eine Person in Versailles, die es verstanden hatte, die entflohene Fröhlichkeit einzufangen und leise zurückzuführen unter das Dach, das sie lange gemieden hatte; eine Person, die den König wieder jung und Frau von Maintenon weltlich gemacht hatte; eine Person, die in ein Menuett so viel Bedeutung zu legen wußte, daß die weisesten Männer Frankreichs drüber sprachen, als wäre es eine Staatsaktion; die ungestraft in des Königs eigensten Gemächern den Betschemel beiseiteschob, um eine Bühne an seiner Stelle aufzuschlagen, und die in hellen Gewändern, blanken Schultern, lachenden Mienen wie ein ununterbrochener Wirbelwind der Lebenslust die graue Pedanterie aus den Gemächern von Versailles und Marly fegte. Dieses Geschöpf war Adelaide von Savoyen, die junge Herzogin von Burgund. Und der Bälle, Maskeraden, Theater und andrer Festlichkeiten, die man ihr zu Ehren gab und in deren Ausstattung die ersten wie die letzten Personen der Hofgesellschaft miteiferten, waren so viele, daß von Lichtmeß bis Fasten kein Abend verging, wo nicht getanzt oder gespielt wurde. Und wahrlich war sie die geborene Königin der Freude, diese schlanke und doch in voller Reife der Weiblichkeit prangende Gestalt mit den breiten Schultern, den wiegenden Hüften, dem seinen, von dunkelm Kraushaar umspielten Nacken. Ihr Gesicht war häßlich, der Mund breit, die Haut von jenem warmen Oliventon der Italiener. Dunkle große Augen leuchteten fröhlich und milde zugleich, und ein ewiges Lächeln zeigte schimmernde Zahnreihen zwischen blutroten Lippen. So unbesieglich heiter und herzlich war der Ausdruck dieses braunen Rassegesichtchens, daß die blonden Schönheiten Frankreichs keinen Zauber mehr hatten neben der hinreißenden Savoyerin. Dabei war sie gut, und der ganze Himmel eines jungen, reinen Eheglücks lag in ihren Augen, wenn sie über Spiel und Tanz hinweg dem Gatten zulächelte, der sich stets ein wenig abseits zu halten pflegte, als genüge es ihm, sich an der Lebenslust der geliebten Frau zu ergötzen, ohne selbst Freude zu suchen. Der Herzog von Burgund, einst des Bischofs von Cambrai, jetzt Beauvilliers' Zögling, war trotz seiner Jugend dieser Art von Lebensgenuß abhold; um Adelaidens willen und von ihrem Feuer hingerissen, entzog er sich ihm indessen nicht ganz. Ich freue mich, sagen zu können, daß ich dieser holdesten und besten Frau am Hofe mein Glück verdanke. Es war Chartres' Wille, daß ich ihn, so oft die Rücksicht auf andre Offiziere es erlaubte, zu den Festlichkeiten in Versailles und Marly begleiten sollte, freilich nicht als Maske oder als Tänzer, sondern einfach in meinem Amte als diensttuender Offizier. Philipp liebte übermütige Streiche, und wenn es dazu irgendwelcher Hilfe bedurfte, so empfing er sie am liebsten von mir, obgleich – oder etwa weil? – er mein Widerstreben derartigen Schwänken gegenüber kannte. Abgesehen davon, war mir mein Posten in irgendeiner Galerie, an einer Saaltüre oder Treppe nicht unlieb. Ich hatte meinen Spaß daran, Menschen zu beobachten, fliegende Worte und Gesten aufzufangen und alles zusammen in Beziehung zu bringen, Schlüsse zu ziehen, Romane zu dichten. Manchmal gesellte sich der Herzog von Beauvilliers zu mir und sprach ein oder das andre gütige Wort. Später geschah es dann auch, daß der Herzog von Burgund im Vorbeigehen mich flüchtig, aber voll Freundlichkeit grüßte; Beauvilliers mochte ihm von mir gesprochen haben. Und mit diesem Umstände mochte es wohl auch zusammenhängen, daß die liebe Herzogin manchmal ihre strahlenden Augen auf mir ruhen ließ und meinen ehrfurchtsvollen Gruß mit ihrem schönen warmen Lächeln erwiderte. So spinnt ein unsichtbares Band sich um Gleichgesinnte, was immer für äußere Umstände trennend zwischen ihnen stehen mögen. Im Grunde ist es mir widerwärtig, Philipps losen Einfall eingehend zu schildern. Aber weil er zu diesem Abend gehört und einen Teil seiner tollen Stimmung rechtfertigt; weil er meines jungen Gebieters Art und Sinn kennzeichnet; endlich weil er von besseren Folgen begleitet war, als irgend jemand, außer vielleicht Philipp selbst, davon erwartet hätte: so will ich ihn hier der Ordnung nach erzählen. Es befand sich damals unter den Damen des Hofes eine junge Frau, schön, von bisher untadligem Lebenswandel, nicht gerade klug, aber von geradem, schlichtem Verstande, wie ihn eine Frau, die nichts weiter sein will als Gattin und Mutter, nur eben braucht. Aber für das Parkett von Versailles stand dieser Verstand nicht auf genügend festen Füßen. Der Umstand allein, daß sie sittsam war, machte sie zur begehrten Beute für einen gewissen Jäger, dessen Namen zu verschweigen ich keinen Anlaß sehe, da, wie ich kürzlich hörte, St. Simon, der dasselbe Abenteuer erzählt, gleichfalls kein Bedenken trug, ihn der richtenden Nachwelt zu überliefern: es war der Graf Evreux, so schön wie lasterhaft, so verführerisch wie ruchlos. Dieser legte es mit allen Listen darauf an, das arme Geschöpf zu betören, daß es sich seiner Tugend ordentlich zu schämen begann und den Hofdamen ihre galanten Abenteuer neidete. Es ist ein feiner Kniff, sich über Einfalt und gute Sitte lustig zu machen, und kein andrer verfängt so sicher; niemand will für simpel gelten; wünscht man sich Versuchungen, um heroische Tugend beweisen zu können, so kränkt doch keine Voraussetzung so sehr, wie die der Unfähigkeit zu sündigen. Und an diesen Fäden zog der perfide Mann die unerfahrene Schöne nach sich, und der Hof sah zu und setzte Wetten auf den Zeitpunkt ihres Falles; ich will wohl glauben, daß es ein pikantes Schauspiel für blasierte Seelen ist, in einer vordem reinen Frau die Eitelkeit erwachen zu sehen, aus der Eitelkeit die Abenteuerlust ersprießen, aus dieser die Leidenschaft – und solch ein Schauspiel und vor solchen Zuschauern ging da seit Wochen Tag um Tag vor sich. Die arme Verführte – sie stand vielleicht eben an der Schwelle des zweiten Stadiums – schien nicht zu wissen, wie sehr gehässige und lüsterne Höflingsaugen ihrem Treiben folgten; und Chartres ließ über diesen Punkt einmal die oberflächliche Bemerkung fallen: »Wüßte sie's, sie wäre geheilt.« Ich hielt diese Ansicht für unrichtig, da von vielen Seiten die unbesonnene Wagehalsigkeit der jungen Frau besprochen wurde, die sich förmlich kopfüber in die gefährlichsten Situationen stürzte, denen sie wie durch ein Wunder mit heiler Haut entging. Der Punkt wurde bestritten, Chartres zuckte die Achseln und lächelte. Irgend jemand meinte, man könne es mit einer freimütigen Warnung versuchen. Chartres erwiderte, wieder scheinbar unlogisch, die würde nur übel aufgenommen und als Neid gedeutet werden, ja, die Frau auf ihrem Irrwege vielleicht noch bestärken. Das Gespräch erhitzte sich, aber nun wurde Philipp stumm; ich sah, daß ein Gedanke in ihm arbeitete, und als er gleich darauf mit brennenden Augen sich von der debattierenden Gruppe entfernte, wußte ich, daß er ihn gefunden hatte, und gedachte in Angst der Frau, für die ich Teilnahme empfand, weil sie manchmal artig zu mir gesprochen hatte. Ich erfuhr bald, daß meine Angst nicht grundlos war. Einige Tage später gab es einen Maskenball in Versailles; ich ward befohlen, trat an und sorgte, von einer Ahnung getrieben, dafür, daß ich in der Galerie vor dem Tanzsaale und so in die Nähe einer Türe zu stehen kam, daß ich die Gruppen der Tanzenden überschauen konnte. Das lange Viereck des Saales, dessen Boden das Kerzenlicht widerspiegelte wie eine Eisdecke, lag offen vor mir; ich sah es sich füllen, sah da und dort eine Gruppe von Tänzern rasch noch eine Menuettfigur üben, denn der König war streng und verlangte tadellose Bilder; oben stimmte das Orchester; irgendein übermütiges Prinzeßchen probierte den Fauteuil des Königs, der am entfernten Ende des Saales, etwas erhöht und von einer Reihe kleiner Sitze flankiert, stand; alles trug die Masken in der Hand, wie es der König, um schlimmen Streichen vorzubeugen, befohlen hatte; die Verkleidungen wurden besprochen und verglichen; wie die Menge zunahm, wuchs der Lärm, das Stimmengeschwirr, das Gewoge der bunten, schimmernden Gestalten; dann ertönte das Trompetensignal, welches den Eintritt des Königs ankündigte, und alles löste sich, reihte sich, trat in schöner Ordnung an gewohnte Plätze; jetzt spiegelte die Eisdecke wider, freilich leicht getrübt, und jetzt war sie von einem blütenhellen Frühlingskranze eingefaßt. Die Musik setzte ein, die zum Tanze Befohlenen marschierten paarweise vor dem König auf, der mit wohlwollendem Lächeln jeden einzelnen Tänzer begrüßte. Etwas steif lächelte auch die dunkelgekleidete Frau an seiner Linken, der es immer noch nicht recht von Herzen gehen zu wollen schien, sich an andrer Leute Freude zu freuen, und die ihr Widerstreben gegen derartige Festlichkeiten in böser Konsequenz jedesmal neu zu zeigen sich verpflichtet fühlte. Breiter, mit großen gelben Zähnen grinsend, lächelte die verbannte Königin von England, die an des Königs rechter Seite saß; ihr niedrig frisierter Kopf war in einer ununterbrochenen krampfhaften Bewegung des Grüßens, eine widerwärtig forcierte Holdseligkeit verzerrte ihr gefurchtes Gesicht. Frei, rein und herzlich lächelte einzig das braune Gesichtchen neben Frau von Maintenon, und nur der, dem dieser Gruß galt, durfte sich wirklich begrüßt fühlen. »Seid froh, wie ich es bin,« sagten die warmen, samtweichen Augen. Ich stand an meiner Türe und beneidete das gesamte Defilee der Tänzer. Jetzt begann das Menuett, in zierlicher Ordnung entwickelten sich die wohlgeübten Figuren, während alle, die nicht zum Tanze befohlen waren, sich rechts und links an den Längsseiten des Saales aufstellten. Alsobald aber machte sich eine leise Bewegung unter diesen Zuschauern bemerkbar, die auch ein Stirnrunzeln des Königs nicht bannen konnte, und jetzt begann auch draußen in den Gängen ein Huschen und Laufen, ein rasches, geräuschloses Oeffnen und Schließen von Türen, da und dort sogar ein Kichern, ein Getuschel, ein unvorsichtiges, schnell gedämpftes Auflachen. Das waren die Uebermütigen und Verliebten, die Galanten und Intriganten, die jetzt eilten, die bekannte Maske gegen eine neue, besser deckende umzutauschen, unter deren Schutz sie listig geplante Streiche ausüben oder reizende Abenteuer bestehen konnten. Unter denen, die so in den Korridoren spukten, hatte ich auch Chartres' schlanke Gestalt gesehen; sie war blitzschnell in der Richtung, wo die Gemächer der Conti lagen, enteilt; zurückkehren sah ich sie nicht mehr. Das zweite oder dritte Menuett war getanzt, willkürlich stellten sich die Gruppen der Tanzenden, der König plauderte und schien nicht mehr zuzusehen, und schon gab es da und dort kleine Unregelmäßigkeiten. Da schien mir ein Gemurmel in den Ecken des Saales, eine unverkennbare Zerstreutheit unter den Tanzenden, ein zorniger und zugleich hilfloser Ausdruck in den Mienen des plötzlich wieder gespannt aufblickenden Königs ungewohnte Dinge anzudeuten. Das nächste, was ich sah, war jene verblendete junge Frau, von welcher ich gesprochen habe, die ohne Maske etwa in der Mitte des Saales tanzte; ihr gegenüber stand eine wunderlich weitgekleidete, ziemlich hohe Männerfigur, von einem Kopfe gekrönt, der vier Gesichter, wahrhaft künstlerisch aus Wachs gebildet, nach allen vier Seiten der Windrose hin zeigte. Dieser sonderbare Helm war obendrein durch einen Mechanismus, den allem Anscheine nach der weite Bausch des kuttenartigen Brokathemdes verhüllte, drehbar, so daß bald dieses, bald jenes Gesicht nach vorn gewendet erschien. Sämtliche Gesichter waren wohlgetroffene Porträts gegenwärtiger Personen, und mit einem eiskalten Gefühle des Schreckens erkannte ich darunter auch die glatten frauenhaften Züge des Grafen Evreux. Noch verstand ich das Spiel nicht, das da vor sich ging, nicht die Aufmerksamkeit, die es erregte; nur dunkel ahnte ich ein Verhängnis, das dem Verführer gleichwie seiner Beute drohte. Natürlich aber verfolgte ich nun in heller Angst jede Bewegung des vierköpfigen Ungetüms und hatte bald erfaßt, daß dieses, den Drehmechanismus der Maske mit unglaublicher Sicherheit handhabend, immer als Graf Evreux die Verbeugung vor der Tänzerin ausführte. Und als ob diese Grausamkeit noch nicht genüge, vollführte das Gespenst noch eine ausdrucksvolle Pantomime, indem es den Kopf jeder Wendung des Tanzes derart folgen ließ, daß das Gesicht des Grafen der Frau zugewendet blieb, wie immer auch der übrige Körper stehen mochte, und das bei jedem reculé und jedem tour de main mit solch beispielloser Sicherheit, daß es auch keinen Augenblick verfehlte. Das Schauspiel mußte schon eine Weile gedauert haben, als ich der Sache inne wurde, denn die Blicke des ganzen Saales waren bereits auf das Paar gerichtet. Die übrigen Tänzer kamen aus dem Takte und verdrehten, da sie notgedrungen das Menuett zu Ende führen mußten, ihre Hälse derart, daß man fast hätte meinen mögen, auch sie hätten einen Mechanismus im Leibe, der sie befähigte, das Vorne nach hinten zu wenden; die Zuschauer zu beiden Seiten des Saales hatten sich erhoben, einige waren sogar auf Bänke gestiegen, ja, eine neugierige Schöne, die ihr Näschen zu weit vorstreckte, wäre bei einem Haare samt ihrem Taburett mitten unter die Tänzer geflogen. Die Augen des Königs sprühten Flammen, seine mächtige Stirn war gerötet, sein Mund arbeitete wie immer, wenn er in Wut war. Frau von Maintenon hatte die Blicke züchtig gesenkt, ein milder Ausdruck von Ergeben und Vergeben lag auf ihren Zügen, und doch hätte ich, weiß Gott, jeden Eid geschworen, daß sie sich mehr als irgend jemand an der Szene ergötzte. Dumm, in offenbarem Nichtverstehen, glotzte die Königin von England in den Saal. Im Hintergrunde tuschelte die Prinzessin Conti mit der Herzogin von Chartres hinter einem kleinen Fächer, der wohl beider Lippen, nicht aber ihre vor boshafter Freude funkelnden Augen verbarg. Die Herzogin von Burgund verließ mit Beauvilliers und ihrem Gatten den Saal. Das alles sah ich im Fluge; aber unentwegt, und auch lange nachher noch nicht zu bannen, stand das bleiche Gesicht der mißhandelten Frau vor meinen Augen. Weißen Mundes lächelnd, tanzte sie heldenmütig Figur um Figur, aber mit einem so unverkennbaren Ausdrucke äußerster Anstrengung, daß es mir vor Erbarmen fast die Eingeweide wendete; mir war, man sähe bei jedem Heben ihres Fußes das Zittern ihres Knies unter dem Reifrock selbst. Nach der ersten Figur hatte sie ihrem fürchterlichen Tänzer die Hand gereicht, wie um die Reihen zu verlassen, unbekümmert darum, ob ein andres Paar an ihrer Stelle einspringen möchte oder nicht; aber der Mann mit den vier Köpfen hatte die Hand nicht erfaßt, sondern war mit einer verneinenden Geste rückwärts geschritten auf seinen Platz – und im selben Augenblicke begann, zu meinem und sicher auch zu jener Unglücklichen beispiellosem Entsetzen, das Orchester dieselbe Menuettfigur zu wiederholen. Die Frau sah aus wie eine Sterbende; und so beredt sprach die Qual aus ihrem schönen Gesichte, daß rings im Kreise der Zuschauer kein Lachen vernehmbar ward; ja es lächelte jetzt auch niemand mehr, und die brutale Neugier schien einem wortlosen Grauen gewichen. Die Gefolterte hielt jetzt die Augen mit dem Ausdrucke tödlichster Angst auf die Saaltüren gerichtet. Irgend jemand muß diesen Ausdruck verstanden haben und gegangen sein, den Gatten, der noch nicht anwesend war und dessen Eintritt die Frau fürchtete, draußen irgendwo festzuhalten; denn diese äußerste Strafe wenigstens ist der Armen erspart geblieben. Endlich war das Menuett, das doppelt die gewöhnliche Länge hatte und mir sechsmal so lang erschien, zu Ende. Die Frau und die vierköpfige Maske verloren sich unter den Gästen, und eine Minute später waren beide aus dem Saale verschwunden. Und jetzt stand alles in einer peinlich gedrückten Stimmung leise flüsternd in Gruppen beisammen. Der König hatte sich erhoben und sprach gedämpft, aber in sichtlicher Erregung zu Monsieur, Madame von Maintenon und dem Grafen Pontchartrin, die ihn umstanden. Sein Groll lastete auf allen Gemütern, und so unschuldig jeder einzelne an der eben beschriebenen Szene sein mochte, so fürchtete doch jeder einzelne die Folgen. Es war nichts Kleines, Ludwig XIV. übellaunig zu sehen, so sehr der gewaltige Mann sich beherrschen mochte. Man wußte, daß derartige Vorkommnisse oft der Ahnungsloseste und Anbeteiligste entgelten mußte, und es war wohl nicht ein Hofkavalier unter den Anwesenden, der in diesen Minuten bangen Schweigens nicht einem Vorwande nachgesonnen hätte, sich während der nächsten Tage vom Hofe zu entfernen. Ich will gestehen, daß es mir nicht besser ging als den andern. Ein Gardist stellte eine Frage an mich, ich wollte antworten und tat es im Flüsterton, ohne selbst zu wissen warum. Als ich mich beschämt darüber selbst zur Rede stellen wollte, merkte ich, daß auch alle übrigen Anwesenden sich kaum halblaut unterhielten. Es war uns allen wohl zumute, als hätten wir eben in nächster Nähe einen Blitz niederfahren sehen und warteten nun mit verhaltenem Atem auf den Donnerkrach und den Feuerruf, der uns ankündigen sollte, wo es eingeschlagen habe. Dieser Zustand, der bei dem natürlichen Vorgange eine halbe Sekunde dauert, wird fürchterlich, wenn er sich über eine halbe Stunde ausdehnt. Der Krach und der verheerende Einschlag blieben aber für diesmal erstaunlicherweise aus. Die Herzogin von Burgund, die wieder im Saale erschienen war, Frau von Maintenon, der Zollkontrolleur Chamillart, dem seine Tüchtigkeit im Billardspiel einen unbeschreiblichen Einfluß auf den König gewonnen hatte, und Graf Pontchartrin hatten schon eine geraume Weile eine kleine erregte Debatte geführt, die bald abseits, bald vor dem Angesichte der Majestät ausgefochten wurde. Jedermann war neugierig, was es geben solle. Ludwig, der lange in offenbarer Unschlüssigkeit gestanden, gab nun augenscheinlich irgendeine Einwilligung mit jener bekannten Schulterbewegung, durch welche er allemal einen Verdruß von sich ab und hinter sich zu werfen schien. Nun erfuhr man auch das Resultat der Beratung. Eine Urne wurde in den Saal gebracht und auf einem Tischchen in freier Mitte aufgestellt. Da hatte jedermann begriffen, daß es sich um eine Lotterie handle und daß für heute der Tanz und Mummenschanz abgetan sein solle. Alles legte schweigend die Masken beiseite. Meine Blicke suchten Chartres und sahen seinen feinen Kopf sich aus einer gelben und schlitzäugigen Chinesenlarve herausschälen, die er lachend am langen Zopfe einem Offizier zuschwang, der sie ihm abnahm und forttrug. Philipp schien von allen Anwesenden der einzige Mensch zu sein, dem die herrschende Gewitterluft nicht auf die Nerven geschlagen hatte. Es waren diese Lotterien, seit das Geld im Lande so selten geworden war, ein beliebtes Spiel bei königlichen Festen geworden. War es in Gestalt wunderlicher kleiner Attrappen, in versiegelten Billetts, in allerhand ausländischem Kram verborgen, daß die Nummern an den Mann gebracht wurden, war es durch offenen Verkauf auf eigens arrangierten Messen mit Schaubuden aller Art, immer geschah es, daß eine Unmenge von Losen in den Händen der Hofleute kreisten, eine erstaunliche Anzahl von Gewinnen nach allen Seiten hin entfielen und eine artige Summe als Endresultat der allgemeinen Wohltätigkeit zugewendet werden konnte. Der findige Kopf, der den einträglichen Zeitvertreib ausgeheckt hatte, war wohl Chamillart gewesen; die graziöse Hand, die dem Ding seine verführerische Gestalt gab, war die der unermüdlichen Adelaide, deren kleiner brauner Kopf an lustigen Einfällen so reich war, wie er es nur eben sein mußte, um einen ganzen Hof von mehr oder minder knapp bemittelten Leuten zu gewagten Ausgaben zu verleiten. Es war klar, daß an diesem Abende die Lotterie, die natürlich längst bereit war und wahrscheinlich am nächsten oder übernächsten Tage hätte gespielt werden sollen, nur aus dem Grunde ins Treffen geführt wurde, da ein Abbrechen der maskierten Tänze erwünscht erschien und ein Stimmungsumschlag auf irgendeine Weise herbeigeführt werden mußte. Keinerlei bestimmte Absicht mochte denen, die auf das Ablenkungsmittel verfallen waren, vorgeschwebt haben. Dennoch wurde die Sache von jenem Chorus knechtischer Seelen anders aufgefaßt und dementsprechend genommen. Man glaubte nicht anders, als der König böte einem Hofe, dem er zürne, nun Gelegenheit, sich durch einen Akt der Wohltätigkeit von verdienter Strafe loszukaufen und durch Freigebigkeit die verscherzte Gunst wiederzugewinnen, und diese Auffassung charakterisiert meines Erachtens unser unglückliches Zeitalter mehr als historische Kontraktbrüche oder Aemterverkauf. Alles drängte sich nach den Billetts. Nie ist der Vorrat zierlich verpackter Briefchen, den die Herzoginnen von Burgund und Chartres, der hinkende Maine und der Graf von Toulouse feilboten, so rasch vergriffen gewesen wie an jenem Abende. Das Schweigen und Flüstern war plötzlich einer lärmenden Bewegung gewichen. Wer seinen Handel in möglichster Nähe des Königs schließen konnte, tat es, indem er mit lauter Stimme forderte, seinen Preis ausrief, ja wohl überbot; wer weniger glücklich war, suchte wenigstens die Aufmerksamkeit der Majestät dadurch auf sich zu ziehen, daß er seine Lose wie Ehrenzeichen vorn an der Brust angeheftet trug. Damen jammerten laut, daß sie nicht so viele Lose hätten erhalten können, als sie zu kaufen geneigt gewesen wären. Männer rächten sich an alten Feinden, indem sie sie ebenso vernehmlich einer zu spärlichen Freigebigkeit fürs allgemeine Wohl bezichtigten. Es war, als ob Edelmannsehre und Frauenwürde nur noch an der Zahl der versiegelten Päckchen hingen, die jeder und jede einzelne zur Schau trug, so hämisch wurde der belächelt, der aus irgendeinem Grunde ihrer weniger erbeutet hatte. Und als die Herzogin von Burgund zur Urne trat, um mit ihrer kleinen Hand das Schicksalsrad zu drehen, da heuchelte diese ganze grinsende Sklavenschar die vollkommenste Zerstreutheit, als wäre es jedem von ihnen nur auf den wohltätigen Zweck der Sache angekommen, nicht aber auf irgendwelchen Gewinn. Auf diese letztere Tatsache machte mich Chartres aufmerksam, der ein feiner Beobachter und humorvoller Schilderer war, und ich hätte mich an seiner Menschenkenntnis ergötzen können, wenn ich nicht just hätte erröten müssen. Ich fühlte mich nämlich mitbetroffen, denn ich hatte es genau ebenso gemacht, wie alle andern. So abhold ich sonst Glücksspielen war, so hatte ich mich, von der allgemeinen Furcht angesteckt und mitgerissen, zum Ankauf von zwei Losen verleiten lassen, mit welch ärmlicher Beute ich mich nun beschämt beiseite drückte, um nicht verhöhnt zu werden. Die Herzogin von Burgund hatte mir diese Lose verkauft, und sie hatte herzlich dazu gesprochen: »Mögen sie Ihnen Glück bringen!« Sonst hätte ich, von Chartres' Spott gereizt, die zwei Dinger wahrscheinlich fortgeworfen. Der Abend in Versailles hatte einen doppelten Erfolg. Einmal war eine Frau gerettet worden, denn nicht nur der Graf Evreux, sondern auch in der Folge jeder andre Mann haben hinfort die Gewitzigte vergeblich bestürmt. Sie ist glücklich geworden in ihrer Ehe und ist als eine geachtete, tugendhafte und kinderreiche Frau gestorben. Zum andern aber – und das gehört mehr zur Sache – geschah es, daß eine meiner beiden Nummern als erster Zug herauskam und daß ich damit das große Los von viertausend Louisdor gewonnen hatte. 4 Man wird mir glauben, daß mein Herz vor Freude sprang, als ich meinen Gewinn ausgehändigt erhielt, was schon wenige Tage nach jenem Hoffeste zu Versailles erfolgte. Die liebe Herzogin schrieb mir noch obendrein ein artiges Glückwunschbriefchen, und dieses versetzte mich, mehr fast als mein unverhoffter Reichtum, in einen solchen Seligkeitsrausch, daß ich mir wie ein Erwählter des Himmels und besonderer Günstling aller guten Genien vorkam, als hätte ich nicht viertausend Louis, sondern den Kronschatz aller Reiche des Kontinents zusammen gewonnen. In meinem Ueberschwange war ich nun natürlich doppelt geneigt, eine schon vorher eingeschlagene Bahn mit größerem Eifer zu verfolgen, beschloß also, ein nicht ganz verächtliches Teil der gewonnenen Summe zu milden Gaben an Notleidende zu verwenden, und begab mich zu Beauvilliers, um ihm ein straffes Beutelein und tausend gute Vorsätze für künftige edle Taten zu Füßen zu legen. Da der gute Herzog meine Begeisterung sah, mochte er bedenken, daß es von bester Wirkung sein konnte, einen solchen Herold warmer Liebe in die Hütten derer zu entsenden, die seelischer Stärkung ebenso dringend bedurften wie körperlicher. Er schlug mir daher vor, mein Geld selbst an arme Familien zu verteilen, um mir die Freude des Gebens gegenwärtig zu halten, und versprach, mir die Bekanntschaft eines Mannes zu vermitteln, der auf diesen Wegen mein Führer sein sollte. Diesen Mann führte er mir auch eines Tages zu. Es war ein holländischer Quacksalber, der sich Helvetius nannte und zum Aerger der gelahrten Doktorschaft von Paris und allen Erlassen der Sorbonne zum Trotz als selbstherrlicher Wunderarzt sein Unwesen unter dem Volke trieb. Als ich das dicke Männlein mit dem kahlen und roten Kopfe, den er nicht einmal bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Perücke zu bedecken für nötig fand, zum ersten Male sah, als ich seine bäuerliche Haltung, seine verwahrloste Kleidung, sein reichlich von Speiseresten und Schnupftabak beflecktes Jabot wahrnahm, den rauhen Tönen seiner flämischen Kehle lauschte, vor seiner allzu geraden und unverblümten Redeweise mich entsetzte, da dachte ich, der Herzog von Beauvilliers habe sonderbare Konnexionen. Lange indes dauerte diese Vorstellung in mir nicht an. Als ich ein einziges Mal mit dem Armendoktor durch die Straßen von Paris gegangen war, da hatte ich meine Ansicht über ihn sowie über seine selbstgebrauten Tränklein und selbstgerührten Salben gründlich geändert. Es gibt keine Worte, die genügend beschreiben können, wie der Mann heilte, und wenig fehlte, so wäre ich beim Anblick seines Wirkens in den Wahn früherer Tage zurückgefallen und hätte wieder an Aeußerungen übernatürlicher Mächte in sterblichen Wesen geglaubt. Uebernatürlich im schönsten Sinne; denn ein Engel vom Himmel hatte dem häßlichen kleinen Geschöpfe seine segnenden Finger verliehen. Er führte mich durch Straßen, und in diesen Straßen durch Seitengäßchen, Höfe und Gänge, von deren Existenz und Aussehen ich bisher nur eine dunkle Ahnung gehabt hatte; die Spelunken und Diebsherbergen der Cours des Miracles, die ich sogar als abenteuersuchender Knabe ängstlich gemieden hatte, betrat er ohne Scheu. Schwindelnde, nachtschwarze Treppen flog er nur so empor, in Kellertiefen tauchte er, auf Fischer- und Wäscherboote sprang er gewandt und sicher, als wäre sein kugelrunder Körper nichts andres als eine mächtige, mit Luft gefüllte Blase, die sich schwebend überall bewegte und den Gesetzen der Schwere nicht untertan war. Wo er eintrat, empfing ihn ein Freudenruf oder mindestens ein dankbarer Blick. Freilich schien es mir, als ob die Patienten selbst nicht allzu großen Wert auf die grünen und braunen Mixturen legten, mit denen er sie, zum Glück nur etwa außen herum, behandelte. Aber wie hingen sie an seinen Lippen, deren unschöne und harte Laute sich jetzt zu Worten von wunderbarer Milde formten, an seinen dicken roten Händen, die jetzt mit dem Geschick und der Weichheit von Mutterhänden Leiden zu lindern verstanden oder kleine rührende Bequemlichkeiten anordneten, die dem Kranken wohler taten als irgendein Balsam! Helvetius kochte Suppen, schürte Feuer, fegte Stuben, schichtete Stroh, glättete Bettdecken, ja, er wusch nicht selten Menschen wie Kleidungsstücke und schleppte selbst das Wasser dazu von entfernten Straßenbrunnen herbei. Es gab keine Arbeit, die ich ihn nicht tun sah, die wenige ausgenommen, die ich ihm dann gelegentlich abnahm; aber was war meine linkische und ängstliche Hilfe im Vergleiche zu seinem erfahrenen Walten? Ich habe später auch noch gelernt, an die grünen Pomaden, Bäder, Knetkuren und all den Hokuspokus des Holländers zu glauben, und zwar nur etwa ein Jahr später, als Beauvilliers selbst todkrank von Spanien zurückkehrte, wohin er den jungen König, den Bruder seines Zöglings, begleitet hatte, und als Fagon und die Leuchten der Sorbonne an seiner Rettung verzweifelten; da hat der mißachtete Empiriker ihn wiederhergestellt, und ich hielt ihn fortan auch für einen großen Gelehrten. Was ich zunächst kennen lernte, war der unermüdlich gute und hilfreiche Mensch, und in dieser Eigenschaft möchte ich ihn auch für die Nachwelt zeichnen. Wirksamer noch als die himmlische Milde seines Wesens, die doch mit solch erstaunlich robuster Tatkraft verbunden war, schien mir die Freigebigkeit, mit welcher er solche, deren schlimmste Krankheit der Hunger war, ihrem Elende entzog. Ich sah nun wohl, warum Beauvilliers mich gerade an diesen Mann gewiesen hatte. Helvetius gab, wie nur die wahrhaft Guten geben können, ohne Rücksicht auf Schuld oder Verdienst, eben da, wo die Not es forderte. Geld hatte er immer zur Verfügung, obgleich er selbst arm wie eine Kirchenmaus schien, betonte jedoch mir gegenüber stets ausdrücklich, daß dieses Geld nicht sein Eigentum wäre, sondern von frommen und vornehmen Menschen gleich mir ihm zur Verwendung an Arme übergeben. Er sagte dies so oft, daß ich an der Wahrheit seiner Worte zu zweifeln begann; und wirklich bestätigte mir später Beauvilliers, daß die unerschöpflich scheinenden Mittel des Holländers in der Tat sein sauer verdientes, durch ärztliche Hilfe an zahlungsfähigen Patienten Erworbenes darstellten, wenn auch ein oder das andre Mal eine mildtätige Stiftung mit zustießen mochte. So gutherzig nun Helvetius sich den Armen gegenüber zeige, so unerbittlich poche er bei jenen Reichen auf seine Rechte, fordere schnelle und volle Bezahlung und setze ihnen unbarmherzig das Messer an die Kehle, so daß er in besseren Kreisen durchweg als ein Leuteschinder und Geizhals verschrien sei. Es gab aber keinen noch so mächtigen Mann in ganz Frankreich, der dem dickköpfigen kleinen Kerl, der in seiner Wut fauchte und pustete wie eine wilde Katze und in fürchterlichem Französisch, das sich mühsam aus gurgelnden Kehllauten löste, die kräftigsten Schmähworte feilbot, auch nur eines Hellers Wert vorenthalten hätte; dagegen ward er bald aus allen angesehenen Käufern unter großem Spektakel auf Nimmerwiedersehen hinausgeworfen – nur, um in Fällen der Not mit größter Höflichkeit wieder zurückberufen zu werden, denn seine Geschicklichkeit war so berühmt wie seine Geldgier. Er hatte eine ganz sonderbare Heilmethode, bei welcher Luft, Wasser und allerhand Kräuter eine bedeutende, Aderlaß und Purganz aber gar keine Rolle spielten; ganz Paris entrüstete sich einmal darüber, daß er bei einer vornehmen Wöchnerin die vorgeschriebenen vierzig Tage der Unreinheit ohne weiteres auf zehn verkürzte und der Frau ein Bad geben ließ, an welchem sie aber wunderbarerweise und vielleicht zum Aerger der Professionisten nicht starb, dessen wohltuende Wirkung sie vielmehr laut pries. Ebenso rücksichtslos setzte er Fieberkranke der freien Luft aus, forderte gebieterisch offene Fenster in der Siechenstube und schlug, wenn ihm nicht willfahrt wurde, laut schimpfend ein halbes Dutzend Scheiben ein. Es starb aber selten ein Patient, den Helvetius zu heilen versprochen hatte. Deshalb rief man ihn immer wieder und bezahlte auch gerne seine durchaus nicht bescheidenen Forderungen. Dieses Doppelwesen also ward mein Führer, und ich muß sagen, daß ich in den mancherlei Zufälligkeiten unsrer Wanderungen nur immer die eine, die weichere Seite seiner Natur zu sehen bekommen habe. War ich vorher schon in der gezwungenen Eindämmung eines jedem Menschen eignen Liebesbedürfnisses schwärmerisch und opferfreudig gewesen, wie es sich weder für mein Alter, noch für meinen Stand mehr schickte, so ward ich es durch das Beispiel des sonderbaren Menschen erst recht, und mein Herz glühte Tag und Nacht von einer heiligen Sehnsucht, zu beglücken und zu geben. Ich schämte mich nicht mehr vor meinen Kameraden, ich ertrug ohne Schmerz ihren Spott, fühlte mich von Gott erwählt und über die Menge hinweggehoben und dachte zuzeiten sogar ernsthaft daran, ein zweiter Ignatius, den Degen niederzulegen und mich ganz nur frommen Werken zu weihen. Zum Glücke aber sieht zwischen Vorsatz und Ausführung der gewaltige Wall des Unberechenbaren, und es blieb beim Träumen und Sehnen. Ich war also recht in der wundergläubigen Stimmung, in der Gott uns gerne sieht, wenn er uns sein bestes Werk geben will. Und in dieser Stimmung geschah es, daß ich einmal mit Helvetius am Krankenbette einer armen Frau tätig war und, da manche saure Arbeit mit unterlief, auf den Eintritt eines Engels gefaßt war, der mein Haupt mit weißen Lilien krönen sollte: als urplötzlich wirklich die Türe sich öffnete und zwar kein Engel eintrat, sondern ein putziges und dralles kleines Persönchen, das einen mächtigen Brotlaib trug. Neun oder zehn Jahre mochte das Ding alt sein, war von oben bis unten in braunen Wollstoff gehüllt und trug eine glatte weiße Haube auf dem blonden Haar. Wunderbar fraulich und gesetzt sah sie aus, wie sie durch die Stube schritt, die kleine Wohltäterin, das holdselige Gesichtchen war tiefernst, der Blick gesenkt. Sie begrüßte den Arzt, da schlug sie die Augen auf, daß ich mittenhinein sehen konnte: sie waren schwarz, voll Feuer und Glut. Helvetius sagte ein Scherzwort, da lachte die Kleine in hellen, zwitschernden Tönen ein hinreißendes Lachen. Ich erkannte sie, ich wollte ihren Namen rufen, aber das Wort erstickte mir im Halse: lautlos trat ich einen Schritt vor, daß ich plötzlich im breiten Lichtstreifen stand, der durch die offene Türe in die dämmerige Kammer fiel. »O, der schöne Offizier!« sagte das Kind, mit offener Freude nach mir blickend. Der Holländer lachte und antwortete: »Das ist nicht nur ein schöner Offizier, Benediktlein, sondern auch ein braver und frommer Mann, der viel Gutes an den Armen tut.« Diese Mitteilung indes schien dem Wesen keinen sonderlichen Eindruck zu machen, denn es erwiderte nichts, verzog auch weiter keine Miene, fuhr aber fort, mich und mein schmuckes Habit mit leuchtenden Augen zu betrachten. Ich aber, während ich in ihren Zügen nach vertrauten Linien suchte, besann mich, ein wenig konfus, auf ein passendes Begrüßungswort, indem ich zugleich gewaltsam diejenigen unterdrückte, die das heiße Gefühl mir auf die Lippen drängte. Endlich, nachdem ich mir klargemacht, daß ich das Kind unmöglich an eine Bekanntschaft erinnern konnte, die es längst vergessen haben mußte, beschloß ich, kurzerhand ganz von vorn anzufangen und so zu tun, als ob ich das Benediktlein heute zum erstenmale sähe. Ich reichte dem Kinde die Hand, frug nach seinem Namen und wie es hierherkomme, und erhielt wohlgesetzte und sehr verständige Antworten. Daß die Mutter es öfter mit Brot und Speisen zu armen Leuten schicke; daß es das fromme Amt nicht eben gerne versähe, weil die Hunde in den Straßen, vom Gerüche der Speisen angelockt, es oft so hart bedrängten, daß es sich kaum Rates wisse; daß es auch öfter von der Mutter gescholten werde, wenn es sich an Schaubuden oder bei Seiltänzern zu lange verweilte; und daß Schaubuden, wo es Affen und Papageien gäbe, doch das Allerschönste von der Welt seien und man durchaus nicht immer achtlos dran vorbeigehen könne: das alles plauderte voll Ernst und altkluger Gravität die kleine Dame daher und setzte ihre Worte so wohl, daß man ohne weiteres verstand, sie wisse, was sie sage und habe in ihrer Art schon fleißig über das Leben nachgedacht. Ich unterbrach sie mit der Frage: »Benedikte, warum trägst du dein schönes Haar in einer Haube?« Sie erwiderte prompt und voll Würde: »Mutter sagt, offenes Haar sei ein Fallstrick des Teufels und verführe zur Eitelkeit.« Ich sagte darauf, indem ich ein Lachen unterdrückte: »Die Damen bei Hofe tragen es jetzt im Nacken geknotet und bei den Ohren gebauscht; würde dir das nicht gefallen?« Sie schüttelte heftig den Kopf und gab purpurrot zurück: »Mutter sagt, was die großen Damen tun, schickt sich nicht für sittsame Mädchen.« Darauf konnte ich es nun nicht unterlassen, sie weiter zu necken, indem ich die Frage tat: »Benedikte, was ist denn sittsam?« Da war ihr Katechismus zu Ende und sie starrte mich mit ihren dunkeln Augen hilflos an. Helvetius kam ihr gutmütig zur Hand, indem er mich Uebermütigen durch einen unfreundlichen Blick zurechtwies und sagte: »Sittsame Kinder, Benedikte, sind dasselbe wie gehorsame Kinder. Gehe jetzt heim und halte dich bei keiner Schaubude auf, damit sich die Mutter nicht um dich ängstiget.« Sie antwortete noch naseweis: »In dieser Gasse gibt es keine Schaubuden, sonst, sagt die Mutter, würde sie mich nicht allein haben gehen lassen!« und enteilte. Ich folgte ihr mit den Blicken und sah ein wenig betrübt, wie das schwere und viel zu lange Wollkleid um ihre Beinchen schlug und sie ordentlich am Ausschreiten behinderte. Dann sagte ich zu Helvetius: »Denkt nicht Uebles von mir, wenn ich dem Kinde nachgehe; die Gassen hier sind voll von Hunden.« Und ohne mich um sein erstauntes Gesicht zu kümmern, sprang ich hinaus und lief wohl eine halbe Stunde lang hinter dem braunen Figürchen her, ohne mich ihm zu nähern oder auch nur zu zeigen. Und leider muß ich gestehen: Schaubuden gab es keine in der Gasse, aber es gab Bänkelsänger in den Höfen oder Harfenisten vor den Türen, und bei jedem einzelnen derselben blieb Benedikte stehen und tat ein paar Hüpferchen, indem sie das lange Wollkuttchen gar nicht sittsam in die Höhe zog. Jedesmal aber schien sie sich nach wenigen Minuten wieder an das Verbot der Mutter zu erinnern, brach ihr Tänzchen ab und huschte weiter, bis sie eine ansehnliche Gasse mit schönen Häusern betrat, in deren einem ihr bewegliches Bild mir verschwand. 5 Es war die seit etwa dreißig Jahren erweiterte und mit hübschen Fassaden und Portalen geschmückte Rue de Planche-Mibrai, die von der Grève her, wo vormals das wackelige Holzbrücklein anlag, über welches einst Franz I. in die Cité eingezogen, gegen die große Straße St. Martin hinaufstieg. Da wohnte also Germaine in einem Quartier ansehnlicher Handwerker und Gewerbetreibender in augenscheinlichem Wohlstande. Sonntags mochten sie ihre Fenster geschlossen halten, damit das Glockengeläute von St. Jacques de la Boucherie, das über die Häusergiebel her in die Gasse geweht kam, der Chorgesang endloser Prozessionen, die sich an ihrem Hause vorüberbewegten, sie in ihren kalvinistischen Gebetsübungen nicht störe. Werktags ging sie umher und übte Wohltätigkeit die ganze Rue St. Martin und alle ihre Seitengassen entlang, bis an die neue Porte St. Martin und etwa noch in den Dörfern vor derselben, und dann fragte kein Mensch, ob diese Frau Messe und Beichte bekenne oder wes Glaubens sonst sie sei. Mutiger als jene Gräfin von Auvergne, die eben um dieselbe Zeit für die eifrigste Katholikin am Hofe Ludwigs galt und sich erst auf ihrem Totenbette als lebenslang heimliche Kalvinistin entpuppte, hatte Germaine gleich nach dem Verschwinden ihres Gatten ihre Scheinbekehrung wieder abgeschworen und wandelte unbekümmert die Wege der Hugenotten. Auch ungestört; denn der Grimm und Groll, der fünfzehn Jahre früher gegen jene Sekten gewütet, hatte sich gelegt, und so fanatisch war kein Mensch in dem erschöpften Lande mehr, daß er nicht Brot und Geld auch aus der Hand einer Türkin genommen hätte. Obendrein übte die verschlossene und doch mildtätige Frau, ihr bleiches, stets ernstes Gesicht, ihr sittenreiner Wandel eine gewisse Gewalt über ihre Umgebung aus, sie wurde mit Scheu, aber auch mit Achtung behandelt, wenn auch wohl keiner unter den vielen, denen sie Gutes tat, sie liebte. Diese schönere goldene Frucht der Wohltätigkeit: den warmen Herzensblick, die Träne der Rührung oder den Kuß wortloser Dankbarkeit erntete ganz unverdienterweise das Benediktlein, das immer hinter der Mutter hertrippelte, den Brotlaib oder das Suppennäpfchen tragend und von letzterem oft eine ansehnliche Hälfte verschüttend, weil es allzu emsig das Hälslein nach rechts und nach links drehen mußte. Auf das muntere Kind war die frühere Beliebtheit des Vaters übergegangen. Wo es erschien, streckten sich ihm alle Hände entgegen und jubelten alle Lippen ihm zu, obgleich das Benediktlein just eben nichts tat als plaudern und lächeln. Wer die Schönheit aber nicht als den letzten und vollkommensten Gottesgedanken auffaßt und ihre Anbetung nicht als den berechtigtsten und höchsten Gottesdienst, der überschlage die Seiten, die ich dem goldhaarigen Sonnenkinde weihe: er wird sonst irre an der ausgleichenden Gerechtigkeit. Benedikte war rechtgläubig getauft und besuchte eine Klosterschule, denn so weit wagte Germaine ihren Gesinnungsmut doch nicht zu treiben, daß sie der Kirche mit offener Gewalt eine Seele entrissen hätte. Natürlich suchte sie aber durch heimliches Einwirken zu ihrem Ziele zu gelangen, nahm das Kind in alle Kalvinistenversammlungen mit und tat durch Wort und Beispiel alles, was sie nur tun konnte, um den Schlußakt vorzubereiten, wie sie ihn plante: Benedikte sollte, sobald sie erwachsen wäre, freiwillig ihren Glauben wechseln. Jedoch Benedikte hatte kein Talent zum Kalvinismus. Ihr war wohl in den goldschimmernden Kirchen mit dem Weihrauchduft, den funkelnden Kerzen, den brausenden Fluten der Orgel, des Glockengeläutes und den sanft wie Engelstimmen herniederschwebenden Gesängen junger Nonnen. Oefter als sich zählen ließ, entwischte sie der Mutter, huschte um die Ecke der Rue de Planche-Mibrai und hörte ein Viertelstündchen lang das Hochamt in St. Jacques. Und dann ärgerte sie ihre Mutter damit, daß sie daheim vor einem mit zwei Leuchtern und einer bunten Schürze improvisierten Altäre ein Ave Maria sang, ebenso süß, rein und richtig im Ausdruck und mit eben solch weltvergessener Hingebung, wie sie einst » Oh mon berger « gesungen hatte. Auch liebte Benedikte Heiligenbildchen über alles und brachte deren manch eines nach Hause, das eine liebevolle Klosterfrau für sie gepinselt hatte; und da sie erfahren mußte, daß die Mutter derartige Kunstwerke unter der Hand verschwinden ließ, wenn sie um ihre Existenz wußte, so hielt sie dieselbe geheim und belastete ihr kleines Gewissen mit einem bösen Drucke. In allen andern Dingen aber war sie ein leidlich verständiges und folgsames Kind. Alles dieses erzählte mir Helvetius, den ich natürlich bei erster Gelegenheit über meine Beziehungen zu Benedikte aufklärte; der gutmütige Mann, obgleich er selbst auf Germaines Seite stand und das Kind gerne als Hugenottin gesehen hätte, verstand sehr gut, daß sich solch klargebildete Seele nicht zwingen noch täuschen lasse, sondern den Gedanken verkörpern müsse, den Gott bei ihrer Erschaffung in sie hineingelegt. Als ich ihm daher meine stille Hoffnung mitteilte, Benedikte der kalvinistischen Sekte und ihrer ertötenden Lebensstrenge zu entreißen, indem ich sie, mit Gottes Willen und wenn nichts dazwischen träte, zu meinem Weibe nähme, schaute er mich mit seiner List von der Seite an und fragte: »Ist das nur gläubiger Eifer, eine Seele zu retten?« – und als ich errötend nicht gleich eine Antwort fand, fügte er ernsthafter bei: »Die Natur geht voran und zieht die Religion nach sich. Nimm nur das Benediktlein, ich glaube, sie hat von allem Anbeginn dir zugehört.« – Es versteht sich von selbst, daß nun die Wohltätigkeit einen neuen, ganz eignen Reiz für mich hatte; betrat ich doch keine Hütte mehr ohne die zitternde Erwartung, es möchte wieder die Türe sich öffnen und das braune Figürchen mit seinem Brotlaibe auf der Schwelle erscheinen. Ich sollte aber bald erfahren, daß Benedikte durchaus nicht so unbewacht umherlief, wie ich es nach jener ersten Begegnung vermutet hatte; vielmehr schickte die Mutter sie allein nur zu ganz bestimmten Leuten, die sie wohl kannte, und auch nur durch ganz bestimmte Straßen, deren Bewohner Germaine fast Haus um Haus vertraut waren und wo es vor allem keine Herbergen oder Trinkstuben gab. Der Umstand, daß Benedikte auf eigne Faust Umwege unternahm, kam freilich in Abrechnung; erfuhr die Mutter davon, so setzte es böse Strafen; und oftmals geschah es sogar, daß die kleine Sünderin wochenlang nur unter strenger Bedeckung ausgehen durfte, bis sie Besserung und prompte Heimkehr gelobt hatte und die natürliche Bequemlichkeit den alten Gebrauch wieder herbeiführte. Als ich die Orte und Wege einmal herausgefunden hatte, die solchergestalt zu Benediktes Wohltätigkeitsrayon gehörten, war es mir ein geringes, den Spuren des Mägdleins zu folgen, ihr zu begegnen, wann ich wollte, und sie streckenweise zu geleiten. Dabei war es nun ein großer Segen, daß gerade diese stilleren Gassen, in denen Wagen und Fußgänger nur in mäßiger Zahl erschienen, von sämtlichen Hunden des Quartiers als Rast- und Friedensasyl vor allen andern bevorzugt waren. Mehr als einmal sah ich Benediktlein mit seinem Suppennäpfchen in arger Bedrängnis, und schien sich das Kind vor den Tieren auch nicht sonderlich zu fürchten, so rötete doch Aerger sein zartes Gesichtchen, so stampfte doch der kleine Fuß ungeduldig den Boden und das gelle Stimmchen befahl der schnuppernden Meute in drollig-gebieterischem Tone, Platz zu machen. Gehorchte die unverständige Schar nicht gleich, so konnte Benedikte ganz allerliebst schimpfen, schlug wohl auch tapfer mit dem zinnernen Teckel des Suppennapfes zu. Dennoch hatte sie fast immer ein Gefolge von Hunden bis an die Türe, in welche sie eintrat. Als ich sie zweimal aus solchen Nöten befreit hatte, war mir ihr Vertrauen gewonnen, und selig rief sie mir jedesmal, wenn sie mich von weitem auftauchen sah, über die Köpfe der harmlosen Bedränger weg ihren Gruß zu: »Kommet schnell, denn sie sind heute wieder gar zu unartig!« Es hätte jedes der spielenden Kinder, an denen die Gassen so reich waren wie an Kunden, meiner kleinen Freundin so gut zu Hilfe kommen können wie ich, denn bösartig war das Getier nicht, auch nicht etwa verhungert, und man weiß, was diese Geschöpfe sich gerade von Kindern bieten lassen. Aber so ritterlich waren die Gassenjungen von Paris nicht; vielmehr weideten sie sich in offener Wonne an der Ratlosigkeit des zierlichen und feinen Figürchens, ruchlos, wie Plebejerkinder eben sind, und riefen oft sogar noch spöttische Worte hinter Benedikte her. Um so stolzer war diese auf ihren St. Georg. Wenn ich nur leicht und spielend Stock oder Degen erhob, so trollten sich nicht nur mit eingezogenem Schwanze die Hunde, sondern auch das zweibeinige Gassenvolk verstummte, drückte sich an die Mauern und blickte offenen Mundes hinter uns her, was Benedikte mit unverhohlener Befriedigung wahrnahm. Ihre schwarzen Augen spielten triumphierend nach allen Seiten, und das Zucken und Kräuseln ihres reizvollen kleinen Mundes rächte die Spottworte, die sie sonst hatte hören müssen. Dabei war es aber besonders lieblich anzusehen, wie wenig trotz alledem an bewußter Bosheit sowohl in Benedikte, als in der Gassenjugend, als auch in den Hunden lebte; denn wenn Benediktlein ohne Brotlaib oder mit leerem Suppennapfe desselbigen Weges zurückkam, so gestaltete sich das Verhältnis wesentlich friedlicher, und ich fand nicht selten die drei feindlichen Elemente in allerschönster Eintracht miteinander sich vergnügend. An welche Beobachtung ich mancherlei philosophische Betrachtungen und Vergleichungen knüpfte. Wenn ich neben Benedikte herging, so plauderte sie immer ohne Aufenthalt; ich aber suchte durch eingeworfene Worte dem lustig sprudelnden Bächlein die Richtung zu geben, wie Knaben den Abfluß einer Regentraufe durch Steinchen eindämmen und auf ihre Mühlen lenken. Allein zu meinem Leidwesen wollte das Gerinne nicht nach meinem Sinne laufen. Ich suchte in Benedikte die Erinnerung an vergangene Tage zu wecken, fragte sie nach ihrem Vater und wo sie früher gewohnt, sprach von allerlei Dingen, die sie kennen mußte, ohne indes meine Mitwisserschaft direkt preiszugeben: denn ich wollte, daß ihre kleine Seele sich selbst mir erschlösse und ihre Tiefen enthülle. Vergeblich! Auf die Frage nach ihrem Vater antwortete Benedikte nur leichthin: »Er ist tot,« an das Leben in der Goldschmiedwerkstatt schien sie keine Erinnerung behalten zu haben, und nur ein einziges Mal, als ich sie mit bewußter Absicht an einer solchen vorbeiführte, betrachtete sie sinnend die funkelnden Gegenstände im Fenster und sagte plötzlich: »Derlei schöne Dinge besaß meine Mutter früher auch.« Ich fragte, indem mir das Herz ein wenig klopfte: »Wo sind sie hingekommen, Benedikte?« Sie überlegte und antwortete dann feierlich: »Mutter wird sie wohl den Armen geschenkt haben, weil es Sünde ist, Gold und Silber zu besitzen« – und nach einem weiteren Nachdenken, indem sie auf die ausgestellten Kruzifixe wies: – »und den Heiland nachzubilden, sagt Mutter. Aber das ist nicht wahr, sagt Schwester Monika.« Ich verstand mit einigem Schrecken, was für Konflikte mein Seelchen zwischen der Mutter und Schwester Monika schon ausgefochten haben mochte, was für fernere ihm noch drohten, und dachte, es könne wohl nicht schaden, die Wagschale der Schwester Monika noch um ein weniges zu beschweren. Ich fragte deshalb schnell: »Warum sollte es denn Sünde sein, den Heiland nachzubilden?« Benedikte antwortete prompt: »Weil wir nicht wissen, wie er aussah.« Ich replizierte: »Wir haben doch das Schweißtuch der heiligen Veronika.« Benedikte rief erfreut: »Ja, das sagt Schwester Monika auch!« Ich fragte gierig weiter: »Und was meinte Mutter dann darauf?« Benedikte erwiderte: »Es sei Sünde, ein Bild anzubeten, sagt Mutter.« Meine Antwort hatte ich bereit. »Benedikte,« rief ich warm, »wir beten ja das Bild nicht an, aber wir betrachten es in Liebe, wie das unsers besten und treusten Freundes!« Und zu meiner unaussprechlichen Befriedigung kam auch diesmal wieder die holde Bestätigung zurück: »Ja, so sagt Schwester Monika auch.« Ich dachte: ›Germaine, du bist klug, aber diese Schwester Monika ist dir gewachsen!‹ Mein Herz wurde leicht und ruhig, ich sah, ich konnte das Kind vertrauensvoll seinem Geschicke überlassen, das die kleine Seele so weise zwischen zwei gleich starke Einflüsse gestellt hatte. »Die Natur geht voran und zieht die Religion nach sich,« hatte Helvetius gesagt. Ich verstand ihn erst jetzt ganz. War Benedikte eine Natur von Grundsätzen, so würde sie wohl mehr auf die Mutter hören; war sie ein Gefühlswesen, hatten Herz und Phantasie größere Gewalt in ihr, so ergab sie sich sicher der Schwester Monika. Dieser sandte ich in Gedanken einen brüderlichen Segensgruß und trat in ein unausgesprochenes Bündnis mit ihr. ›So kann es nicht fehlgehen,‹ sagte ich mir. Mit äußerster Bitterkeit indes erfüllte mich die Wahrnehmung, wie vollständig es Germaine gelungen war, in dem Kinde das Andenken an den Vater zu verwischen, und ich tat einen furchtbaren Schwur, daß ich das so gewaltsam Getötete zum Leben zurückrufen und mit solchen Waffen versehen wollte, daß die gefühllose Frau alle Foltern und Bußen der Welt daran erleben sollte. Es wäre indes die schlimmste Unvorsichtigkeit gewesen, hätte ich mit der Ausführung dieses Vorhabens gleich beginnen wollen; deshalb begnügte ich mich, in der einmal gewählten Taktik verharrend, Benedikte durch indirekte Einflüsse auf Erinnerungsspuren zu leiten und sie dann selbst weitersuchen zu lassen. Da ich bemerkte, wie rasch sie sich Melodien aneignete, die sie auf der Straße vernahm, und wie sicher und gern sie sie nachsang, verfiel ich darauf, ihr mit plötzlicher Attacke das Liedchen vorzusingen, das sie einst von Ninon gelernt hatte: » Oh mon berger, si ta flûte enchantée –«. Zu meiner Freude horchte sie alsbald auf, fiel ein, ergänzte, berichtigte. Sie wußte, bei Gott! das Lied noch genauer als ich selbst! Als ich aber, zitternd vor Erwartung, nun auch die Frage tat: »Benedikte, woher kennst du das Lied?«, da mußte ich erfahren, daß es zweierlei ist, eine Erinnerung besitzen und sie auf ihren Ursprung zurückleiten. Benedikte kannte etwa hundert Liedlein, fromme, die sie in der Klosterschule, lose, die sie auf der Straße gelernt; und sie antwortete mir, was sie vielleicht bei manchem andern ihrer artigen Verslein geantwortet haben würde: »O, wie soll ich das wissen?« Was sie ganz genau wußte, war nur, daß es zu den Liedern gehörte, die man zu Hause nicht singen darf. Es prickelte mich, zu wissen, ob Benedikte ihrer Mutter etwas von unsern Begegnungen verraten hatte, wiewohl ich mir diese Frage leichtlich hätte selbst beantworten können; erinnerte ich mich doch ganz genau, wie klug seinerzeit die Vierjährige ihre Besuche bei Ninon verschwiegen hatte. Auch war es klar, daß Germaine unser Zusammentreffen verhindert und ihr Kind in strengste Hut genommen hätte, würde sie nur die leiseste Ahnung von meiner Existenz gehabt haben. Dennoch wunderte mich des kleinen Wesens Verschlossenheit, und ich hätte gern gewußt, wie es die Verheimlichung vor seinem Gewissen rechtfertigte; denn so viel weiß auch eine Zehnjährige, daß Heimlichkeit vor der Mutter an sich schon Sünde ist. Es wäre nicht gut angegangen, Benedikten direkt danach zu fragen, die Frage hätte vielleicht Bedenken, die schlummerten, erst erweckt; deshalb schlich ich wieder auf Umwegen herbei und fragte die Kleine, ob denn ihre Mutter sehr streng zu ihr sei. »O – sehr!« sagte Benedikte mit altkluger Miene. »Aber es ist auch wohl nötig. Schwester Monika sagt, ich sei das wildeste Kind in der Klasse.« »So?« antwortete ich, zugleich belustigt und gerührt. »Es ist lieb und gut von dir, Benediktlein, daß du deine Fehler einsiehst. Aber wenn hierin schon Mutter und Schwester Monika einerlei Meinung sind – warum besserst du dich denn dann nicht, du kleine Hexe?« Da hob Benedikte die Augen zu meinem Antlitz empor – ihre schwarzen, blitzenden, lachenden und zugleich so heißen Augen – und sagte kein Sterbenswörtlein. Ihr feines Mündchen mit den leicht nach oben geschweiften Winkeln schien ein Lächeln zu verhalten. Langsam ging die zarte Rosenfarbe ihres Gesichtleins in ein flammendes Rot über, die goldenen Löcklein unter dem Haubenrande begannen zu zittern, die schönen Bogen der Brauen stiegen gewaltig, das Stirnlein kräuselte sich über der Nasenwurzel und das ganze Wesen sah aus, als wisse es nicht, solle es sich recht gründlich schämen oder sich seiner Streiche freuen. Und endlich, nach langem Nachdenken, entschloß sich das ungeratene Fräulein für das letztere und sprach, mit dem ganzen Gesichte lachend, das inhaltsschwere Wort: »Mutter sagt, ich sei gerade so ein gottverlassener Sünder, wie mein Vater einer war, und würde gewiß auch ein Ende mit Schrecken nehmen.« Und ehe ich eine Antwort auf diese verblüffende Auskunft hatte finden können, hatte sich mein Benediktlein aus dem Staube gemacht. 6 Es ergab sich nach diesem Erlebnisse, daß ich eine Reihe von Betrachtungen über Vorherbestimmung zur Sünde und Verdammnis anstellte, die Helvetius auf den Gedanken brachten, ich wolle Calvinist werden. »Seht dieses Kind an,« sagte ich zu ihm, »wie es unbeirrt seiner schönen Natur folgt, die es zum Lebensgenuß und zur Freude führt. Seinem lauteren Wesen droht keine Gefahr, und, klein wie es ist, scheint es dies zu fühlen, denn es gibt sich ruhig seinen holden Neigungen hin. Die Drohungen der Mutter, die auf Sünde und Verderben hinweisen, erschrecken es nicht, wenn sie ihm schon zu denken geben. Wahrhaft gesund, genießt es jede Frucht, die der Lebensbaum ihm bietet, ohne nur den leisesten Schaden zu nehmen, weil sein natürlich vornehmer Sinn ihm selbst das Maß des Genusses vorschreibt. Seht dagegen seine Mutter an! Ihr Leben lang hat sie um Tugend gekämpft und gerungen, sich und andre damit gequält, und auf ihrem Totenbette wird sie sich als eine Verdammte fühlen und mit Angst und Grauen hinübergehen. Sie ahnt das dunkle Verhängnis in sich, sie sucht ihm durch Gebet und Bußübungen zu entrinnen, und sie weiß, daß es ihr nicht gelingen wird; sie lebt schon in der Hölle, die sie nach ihrem Tode finden wird. So glaube ich sie zu verstehen, sie und alle, die wie sie der Natur entgegenstreben – den kaltherzigen Lehrer ihrer Sekte nicht zum mindesten.« Helvetius antwortete lächelnd: »Ihr habt eine reiche Phantasie. Aber es ist etwas an dem, was Ihr sagt, und es beweist Euch, daß unser kaltherziger Lehrer, wie Ihr ihn nennt, zum mindesten ein guter Seelenkenner war. Er nennt das Ding Prädestination. Wirklich ist Frömmigkeit oft nichts weiter als das verzweifelte Seelenringen derer, die wissen, daß die Freude an ihnen zum Laster wird. Auch ich glaube, daß Benedikte nie fromm sein wird, weil sie ihrer Bestimmung zum Guten ahnungslos sicher ist. Aber wir wollen nicht prophezeien, sondern abwarten, denn es liegen noch mancherlei Wandlungen vor uns.« – Unterdessen wandelte ich täglich mit meinem kleinen Maidlein bekannte Straßen entlang, ergötzte mich an ihrem Geplauder und freute mich mehr und mehr der sorglosen Bestimmtheit ihrer Art. Als Benedikte bemerkte, daß sie mir vertrauen konnte, machte sie mich mit ihren Neigungen bekannt und verleitete mich selbst durch schmeichelnde Bitten zu kleinen Abwegen. Sie wußte, wo es was zu schauen gab, sie verlangte danach und führte mich hin. Da war ein Mann, der ein paar Ziegen hielt, dort einer, der einen Igel, ein Eichhorn oder ein paar weiße Mäuse zu zeigen hatte; in jener Gasse wohnte der beneidete Besitzer eines schönen Uhrwerks, an jener Straßenecke lockte eine Tierschaubude, Tanzbärentreiber waren zu gewissen Stunden in gewissen Höfen sicher, Wandermusikanten lockten unvermutet dazwischen. Ueberall war Benedikte bekannt, überall drang sie ein, blitzschnell, stürmisch, selbstverständlich, und überall enteilte sie wieder mit der Erklärung: »Ich muß laufen, sonst schilt mich die Mutter.« Der ganze Stadtteil schien zu wissen, daß Benedikte auf verbotenen Pfaden wandle, und der ganze Stadtteil war ihr verbündet. Vorübergehende riefen ihr zu, wo es was Neues zu sehen gäbe; sie dankte lächelnd, folgte der Lockung und geriet nicht einmal in Ungelegenheiten; es war, als ob eine besondere Gnade Gottes diesem Kinde nur gute und harmlose Menschen in den Weg führe. Verließ sie nach gesättigter Neugier die Bude, den Hof, den Keller, so suchte sie auf der Straße durch doppelte Eile die verlorene Zeit wieder einzubringen. Sie flog wie der Wind, sie raffte ihr schweres Kittelchen, sie ließ ihre Füßchen spielen wie die eines Wiesels. Wer ihr begegnete, sah ihr nach und lachte; mancher rief wohl scherzend hinter ihr her, sie solle sich sputen, die Mutter suche bereits nach ihr, um ihre zierliche Eile noch mehr zu beflügeln; aber keiner verriet sie. Wochenlang trieben wir es so, und täglich war das erste Wort, das auf ihren stets heiteren Gruß erfolgte, ein tiefatmiges: »Gottlob! sie hat nichts gemerkt!« Vielleicht indes war Germaine wirklich nicht so blind, als sie sich stellte. Vielleicht wußte sie mit Zeit und Entfernungen besser zu rechnen, als wir glaubten. Vielleicht erfuhr sie auch wohl unversehens manches von Benediktens Abenteuerfahrten. Aber sie mochte fühlen, daß sie dem Kinde gegenüber eine schwierige und höchst undankbare Aufgabe erfülle, daß ein einziges Wort, das zuviel gesagt wäre, sie Benediktens Liebe und Vertrauen kosten müsse, daß sie an Schwester Monika eine gefährliche Rivalin besaß, die nur durch Geduld und Sanftmut aus dem Felde zu schlagen sei. Klüger und zielbewußter, als sie dies einst ihrem Gatten gegenüber gewesen war, wo Leidenschaft und Eifersucht sie gestachelt hatten, mochte sie vor allem darauf bedacht sein, das Kind nicht durch vorzeitige Strenge abzuschrecken, ihm eine ernstere Lebensauffassung nicht durch gewaltsames Aufdringen zu verleiden – und schalt daher nur dann, wenn Benedikte wirklich kostbare Zeit vertrödelte oder sich in tatsächliche Gefahr begab. So hatte sie nach des Kindes eigner Aussage körperliche Züchtigung nur einmal angewandt; und das war geschehen, als die unternehmende Kleine einmal zwei Stunden lang verschwunden geblieben war, weil sie bei einem Hausbrande in der Cité ins Gedränge geraten war, aus welchem sie sich mit ihren schwachen Kräften nicht mehr herauszuarbeiten vermocht hatte, so daß sie, eingepfercht, gestoßen und getreten, hatte an einer Stelle verharren müssen, bis der Schwall sich zu verlaufen begann. Benedikte hatte das selbst sehr unangenehm gefunden, um so mehr, als sie lange nicht so viel gesehen hatte, als sie sich versprochen; da sie ihre Torheit einsah, nahm sie die Strafe der Mutter ohne Bitterkeit hin und empfand sogar mit wirklicher Reue, wieviel Angst und Sorge ihr langes Ausbleiben verursacht. Dies war überhaupt, da sie ein weiches Herzchen besaß, der einzige Punkt, an welchem Germaine sie mit Sicherheit fassen konnte; wenn sie dem Kinde die Gedankenlosigkeit, ja Herzlosigkeit vorhielt, mit welcher es immer und immer wieder das ganze Quartier in Aufregung brächte und auf seine Suche hetzte, so rebellierte Benedikte auch nicht ein bißchen. Anders, wenn es sich um die Versäumnis irgendeiner Arbeit handelte: die holte das Mamsellchen mit ihren flinken Fingerchen in unglaublich kurzer Zeit nach, und zwar auf das allerbeste, hielt sie der Mutter unter die Nase und fragte schnippisch: »Wozu war nun das Geschrei?« Und Germaine mußte dann oft genug froh sein, wenn sie durch solche Unart Gelegenheit erhielt, Benedikten Gassenjungenallüren vorzuwerfen und so das letzte Wort zu behalten. Gassenjungenallüren hatte die kleine Herumtreiberin übrigens keineswegs, vielmehr behielt sie unter allen Umständen eine preziöse Reinlichkeit des Gebarens und tat Aeußerungen, wie die eben erzählte, nur höchst selten und – sonderbarerweise – nur zu ihrer Mutter. Sie schien dieselben, wie Helvetius sagte, dann auch allemal tief zu bereuen und zeigte sich immer lange Zeit nachher sehr fromm und gefügig. Solange ich Benediktens Sündengenosse war, geschah es nie, daß sie über Gebühr von Hause wegblieb. Ein einzigmal, als ein dressierter Pudel sein allzu reichhaltiges Programm ewig nicht zu Ende führen wollte, wäre es ihr fast passiert, die Zeit zu vergessen. Aber da war ich da, um zu warnen, und sie dankte es mir durch ein freundliches Nicken. Im allgemeinen war es mir eine herzinnige Freude zu sehen, wie wachsam das kleine Persönchen inmitten all seiner Vergnügungssucht blieb, wie eingedenk ihrer Zeit und Pflichten, und wie leicht und willig es sich selbst von den verlockendsten Wunderdingen losriß, wenn die erste Neugier befriedigt war. Helvetius' schönes Wort: »Sie trägt das Maß des Genießens in sich«, fiel mir öfters ein, wenn ich diese kleine Lebedame betrachtete, die nie mürrisch erschien, wenn der Spaß zu Ende war. Und ich habe es mir seitdem zur Regel gemacht, die Menschen auf das hin zu studieren, was sie unter einem ähnlichen Zwang der Selbstbeschränkung äußern. Ei, da habe ich manchen Philosophen gesehen, der sich an meinem Benediktlein ein Beispiel nehmen konnte! Nicht nur weltlichen Vergnügungen indes ging das Goldschmiedskind gerne nach, auch an Kirchen ging es selten vorbei, wenn von drinnen Musik herausschallte. Dann liebte ich es, den Ausdruck entzückten Lauschens in seinem Gesichtlein zu beobachten – und keinen andern! Das Knickslein vor dem Marienbilde hatte mit der demütigen Kniebeugung andrer Beterinnen nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit; ihr Gebet murmelte die kleine Klosterschülerin mechanisch herunter und gab sich gar nicht einmal den Anschein besonderer Frömmigkeit dabei; aber zielbewußt steuerte sie alsobald auf eine Pfeilerecke zu, von welcher aus sie den Chor im Auge behalten konnte – und jetzt trat ihre ganze Seele in ihr ausdrucksvolles Antlitz. Stieg die Melodie zu besonders hinreißender Schönheit auf, so lehnte sich Benedikte leise an mich, als mache die Ergriffenheit ihre Füßlein matt und schwankend. Ich selbst empfand von Musik nicht eben mehr, als ein tüchtiges Kriegsroß empfinden mochte, wenn ich auch das reine Spiel gedämpfter Klänge nicht gerade ungern vernahm, aber die Rührung des Kindes steckte mich an, das Zittern des lieben, an mich geschmiegten Körperchens ging auf mich über, und ich glaubte allen Ernstes, die Weihe eines Engelchores über mir zu fühlen. Aber auch hier wußte Benedikte zur rechten Zeit zu erwachen. War eine Arie, ein Absatz zu Ende, so nahm sie des Augenblicks wahr und entschlüpfte, ehe ein neuer begann. Kaum in der Gasse angelangt, erhob sie ihr silbernes Stimmlein und sang weltvergessen und inbrünstig die eben gehörte Melodie in das Getöse der brausenden Menschenflut hinein. Einmal aber geschah es doch, daß wir beide der Zeit vergaßen – und das war unser erstes und letztes Mal. Wir hatten im Vorbeigehen einen Blick in die Rue des Ecrivains geworfen und zu unserm Erstaunen diese sonst so stille kleine Gasse von einer ziemlich bewegten Menschenmenge gefüllt gesehen. Aus St. Jaques de la Boucherie drang Chorgesang; aber aus der Gasse dahinter drang über die Köpfe der Leute weg die sanfte und monotone Weise einer Sackpfeife. Benedikte und ich blickten einander fragend ins Gesicht. »Laß uns die Orgel hören,« baten meine Gedanken. »Die Orgel ist morgen auch noch da, aber der Dudelsack wird weit sein,« replizierten deutlich die lebhaften Augen des Kindes. Die kleine Hand zog mit Macht an der meinen. Wir gingen um die Kirche herum und bogen in die Rue des Ecrivains ein. Der Anlaß des Volksauflaufes war eben kein besonderer: ein Savoyarde führte die armseligen Künste seines Affen vor. Dennoch war dies ein Schauspiel, das zu allen Zeiten anzog, und der Zuschauer stand ein dichter Kreis um den abenteuernden Gesellen. Benedikte versuchte ihren Kopf unter den Ellbogen zweier Bürger durchzubohren. Als sie einsah, daß sie damit nichts erreichte als den Anblick zweier andrer Rücken, zog sie ihn mit etwas derangierter Haube wieder zurück und blickte ein wenig unwillig und ratlos um sich. Unterdessen hatte auch ich nach einem Standpunkte Umschau gehalten, von wo aus man etwa über die Köpfe der Leute weg den Affentreiber und seinen Schützling sehen konnte. Die Bügeltritte vor den Haustüren waren bereits alle von Gassenjungen besetzt; aber das kleine Portal von St. Jaques de la Boucherie, jene zierliche Hintertüre, welche der gelehrte Nicolas Flamel zur Buße für seine alchimistische Teufelsgemeinschaft hatte bauen lassen, bot auf der etwas erhöhten Plattform noch Raum genug. Benedikte und ich sprangen die wenigen Stufen hinan. Noch aber standen wir nicht so hoch, daß die Kleine hätte in den Zuschauerkreis hineinblicken können. Leicht, wie eine Schwalbe sich an einem Dachsims anheftet, setzte Benedikte den Fuß auf einen der Pfeilersockel, schwang sich hinauf und suchte gleichsam flatternd Halt an dem Säulenbündel, von dessen glatter Bildung indes ihre Händchen schnell wieder abglitten. Ich trat neben sie, da konnte sie sich an mich lehnen, ihren Arm um meinen Hals legen oder fest auf meine Schulter stützen. Dies tat sie auch ohne weiteres und legte obendrein, da ihr Kopf sich jetzt etwas über dem meinen befand, in unbewußter Zärtlichkeit ihre Wange auf meinen Scheitel. So standen wir beide in dichter Umarmung und schauten nach dem Savoyarden hinüber. Es war ein wetterbrauner Geselle, lang wallte sein grauer Mantel, kühn wehten die Federn vom breiten Hute. Den Dudelsack absetzend, sprach er von Zeit zu Zeit dem Affen zu; dann bewegten sich gefällig die stark geschweiften bartlosen Lippen, weiße Zähne blitzten und ein weiches italienisches Lachen klang zu uns herüber. Seine funkelnden Augen grüßten uns von ferne; er mochte Benediktens goldenes Köpfchen an der Portalsäule nicht ohne Bewunderung erblickt haben, denn er langte einmal in seine Lade, die er etwas seitwärts am Achselbande trug, und hob ein Muschelkettchen von sanftem Farbenspiel gegen uns empor. Ich wehrte mit einer Handbewegung ab; da wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Affen zu. Mir aber ging es wie Flammen durch Hirn und Seele, als ich dem Gesellen zusah. Ich brauche nicht zu sagen, woran das scharfe und schöne Gesicht mich gemahnte, das freie und ausdrucksvolle Gestenspiel, die wallenden Hutfedern, der windbewegte Mantel! Ich preßte Benediktens kleine Gestalt an mich, mein Gesicht in die Falten ihres braunen Kleides, und meine Erregung war so heftig, daß die Kleine sie trotz all ihrer auf das Spiel gerichteten Neugier empfand und mich fragte, ob ihr Gewicht mich ermüde, daß ich so zittere. Ich suchte mich zu fassen, ich blickte wieder nach dem Affen. Dieser hatte jetzt von seinem Meister, wohl zur Aufmunterung zu weiteren Tänzen, eine Flasche erhalten, aus welcher er den Zuschauern mit ritterlicher Gebärde zutrank. Aber das Getränk schien ihm nicht zu munden. Kopfschüttelnd setzte er sich auf die Hinterbeine und begann den Inhalt der Flasche zu prüfen, indem er bald an dem engen Halse roch, bald hineinzuschielen sich bemühte. Die Zuschauer lachten, denn das Tier sah so unbeschreiblich komisch aus. Mir jedoch nahm es den Verstand: denn das war genau die Pose, die Regnard seinem Affen gegeben hatte, dem goldenen mit dem Perlenleibe, der zu Füßen des kleinen Savoyardenbildes kauerte. »Benedikte,« flüsterte ich bewußtlos, »Benedikte, hast du etwas Aehnliches schon einmal irgendwo gesehen? Suche dich zu erinnern, Kind! Sieh jenen Mann an! Er hat Scheren in seiner Lade, die nicht schneiden, Brillen, durch die man nicht sehen kann. Er verkauft sie mir und kräht und lacht dazu: ›O, die dumme Kerl!‹ Ich werde den Affen streicheln, und er wird mich kratzen; und der Mann schreit wieder: ›O, die dumme Kerl! schau, die dumme Kerl!‹ Benedikte, fällt dir nichts ein? Denke nach! Kommt dir nichts zurück, Benedikte?« Das Kind hatte mich mit einiger Verwunderung betrachtet, aber ohne die Spur eines Erschreckens in den klaren Augen. Jetzt sagte es ganz ruhig: »Er hatte auch vier Papageien, an jeder Ecke einen. Aber wer hat dir das erzählt?« »Niemand hat es mir erzählt, Benedikte! Ich kannte dein schönes Spielzeug, ich habe damit gespielt wie du und mit dir, als du noch kaum auf den Beinchen stehen konntest. Ich weiß auch, wo es ist, und ich will es dir wieder verschaffen!« »Wirklich?« rief die Kleine erfreut. »Kannst du das? Ich habe Mutter so oft darum gebeten! Aber sie sagte mir immer, es sei zerbrochen und verdorben.« »Nein, Gottlob!« antwortete ich beglückt. »Gottlob, ist es nicht verdorben. Ich werde es erlangen und dir bringen, und du mußt es heilighalten, denn es ist nicht nur ein Spielzeug: Es ist ein feines Kunstwerk, Benedikte, und weißt du, wer es gemacht hat? Dein Vater, dein armer Vater, Kind, der ein Künstler war vor tausend andern –« Das Erschrecken, das sich jetzt auf Benediktens Antlitz malte, konnte nicht nur eine Wirkung dieser Mitteilung sein, die das kleine Seelchen sicherlich noch kaum gefaßt hatte. Ich wandte den Kopf. Vor uns stand mit dem Antlitz einer Gorgo, sprachlos vor Zorn, aber von beredtesten Blicken und Gesten: Germaine! Sie riß mir das Kind aus den Armen, sie stieß mir die Faust vor die Brust, daß ich die Stufen des Kirchenportales hinabtaumelte. Wie eine schwarze Sturmwolke sauste sie durch die Gasse davon, das schreiende Kind nach sich reißend. Ich stürzte ihr nach, ich suchte sie aufzuhalten, zu ihr zu sprechen. Ein Faustschlag vor die Augen blendete mich, und als das Geflirre des Blutes, das mir vor den Blicken kreiste, sich erhellte, waren Kind und Mutter mir entschwunden. Hinter mir gellte in hohen Tönen die Sackpfeife und die fröhliche Menge lachte. 7 Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich jeden Schritt unternahm, den die äußerste Verzweiflung eingeben kann, um Benedikten noch einmal zu sehen. Meine nächste Hoffnung war Helvetius, den sandte ich an Germainen ab und erwartete alles von der Fürsprache des allgemein Verehrten; in dieser Erwartung enttäuscht, lauerte ich selbst der Goldschmiedsfrau auf und schwur mir zu, in dieser Sache mein Recht durchzusetzen, wenn je irgend Mann gegen Weib mit Kraft und Ueberlegenheit zu kämpfen vermocht hatte. Wieder wie einst als Knabe streifte ich durch die Gassen der Stadt auf der Suche nach der Unheimlichen; aber diesmal umkreiste ich zielbewußt das Viertel, wo sie wohnte und wirkte, und stellte sie denn auch schon nach kurzer Zeit am Eingang der Rue des Arcis, unweit ihrer Wohnung. Es war bereits Abend und die sonst schon stille Gasse kaum belebt. Als ich Germaine ansprach, hatte ich wenigstens die Genugtuung, sie heftig erschrecken zu sehen – und war es auch nur vor der Klinge, die ich entblößt in der Rechten trug. Ich schämte mich nicht, dieses Weib mit Waffengewalt zu bedrohen, denn ohne Waffe war sie mächtiger als ein Geharnischter mit Lanze und Schwert. Ihr Erschrecken wich denn auch alsobald und machte der alten, hohnvollen Kälte Platz. Ganz ruhig fragte sie mich, was ich eigentlich von ihr begehre, und als ich den Namen ihres Kindes schrie, nannte sie mich einen Mädchenräuber und Verführer der Unschuld, vor dem sie Benedikte mit allen Mitteln schützen werde. Da sie dies ohne jede Leidenschaftlichkeit und in eben dem verächtlichen Tone aussprach, mit welchem sie mich einst ein schmutziges kleines Tier genannt hatte, so reizte der unsinnige Vorwurf meine Wut aufs höchste, so daß ich fast von meiner Waffe Gebrauch gemacht und Germainen durchbohrt hätte. Sie mußte das unwillkürliche Aufzucken meiner Hand bemerkt haben, denn sie lächelte flüchtig und bemerkte, ich solle sie nur morden, das wäre ihr gerade recht, denn dann säße ich morgen in der Chambre ardente und hinge übermorgen auf der Grève an einem Rade, und Benedikte wäre vor mir sicher. Diese grausige Kaltblütigkeit brachte auch mich wieder zur Besinnung, und ich steckte den Degen etwas beschämt ein. Sodann suchte ich in geordneter Weise dem Ungeheuer verständlich zu machen, was ich eigentlich von Benedikten wolle, und vor allem, daß ich Uebles nie mit dem Kinde im Sinne gehabt, vielmehr bestrebt sei, ein offenbares Anrecht gutzumachen, welches an seiner lauteren Natur begangen werde. »Benedikte,« sagte ich, »ist eine Rechtgläubige und ein gutes und frohes Geschöpf obendrein. Sie Euern teuflischen Satzungen zu entreißen, welche die unschuldige Freude zum Verbrechen stempeln, ist mein einziges Verlangen. Und dazu soll mir, bei Gott und allen Heiligen, das Andenken ihres mißhandelten Vaters helfen!« Als ich diese Worte sprach, wurde Germaine doch ein wenig bleich, aber mit Würde antwortete sie: »Gerade das Andenken des unseligen Mannes ist es, das mich bestimmt, das Kind vor sogenannten unschuldigen Freuden zu schützen. Was ist unschuldig, wenn das Herz verderbt ist? Benedikte hat ihres Vaters leichten Sinn geerbt. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wo sie enden wird, wenn der nicht eingedämmt wird. Und gedankenlose Weltkinder, wie Ihr, helfen noch, das drohende Verhängnis zu beschleunigen!« Ich suchte nun der verblendeten Frau darzulegen, wie unheilvoll ihr Vorgehen sei, und wie es gerade das herbeiführe, was es nach ihrer Meinung zu verhindern bestimmt sei; erinnerte sie, daß ihre Strenge allein den Gatten zum Laster getrieben und in dem Kinde bereits einen Hang zu Heimlichkeiten erweckt habe, der freilich verderblich werden könne, wenn der unverständige Druck fortdaure. Germaine bekämpfte eine Aufwallung des Zornes, dessen inneres Toben sich gleichwohl auf ihrem Gesichte verriet, und sagte spöttisch: »Eine ähnliche Predigt, nur weniger wohlgesetzt und ausführlich, hat mir der Herr Chevalier und Gardedukorps schon einmal vor Jahren gehalten. Ich gebe Ihm nur zu bedenken, daß Regnard ein angefaulter Stamm und daher leider wirklich unrettbar war; Benedikte aber ist ein junges Reislein und soll beizeiten gebogen werden, daß sie ein fruchtbringender Stock im Weinberge des Herrn werde. Das Recht, ihr Kind zur Tugend zu erziehen, wird der Herr Gardedukorps wohl einer Mutter nicht absprechen.« Ich rief: »Ihr wollt Euer Kind mit Gewalt und List zur Kalvinistin machen. Nehmt Euch in acht! Vor zehn Jahren noch hätte Euch das den Hals gekostet. Es gibt auch heute eine Behörde in Frankreich, die über Seelenmorde aburteilt, wenn sie nur angezeigt werden.« Germaine antwortete unerschrocken: »Benedikte ist katholisch getauft und wird so erzogen. Die Klosterschule ist der Beweis, daß ich an dem Kinde in Eurem Sinne weder Gewalt noch List übte. Ist man aber in Frankreich vor Verleumdung nicht sicher, so wird man es in Holland sein.« Das war nun eine Antwort, die mich entwaffnete, und ich mußte zum zweiten Male gleichsam meinen Degen in die Scheide schieben und mich recht gründlich schämen obendrein. In der Tat hätte mir Germaine nichts Schlimmeres antun können, als samt ihrem Kinde zu emigrieren, und ich verfluchte meine Unbesonnenheit, die es bis zur Erwägung solcher Mittel hatte kommen lassen. Wohl sagte ich mir, daß eine alleinstehende Frau sich nicht leicht vom heimischen Boden löst, nicht leicht in fremdem Lande Fuß faßt; aber wenn Germaine an meine Drohung glaubte – was blieb ihr übrig zu tun? Ich beeilte mich daher, sie zu beruhigen und bei Edelmannsehre zu versichern, daß ich die schändliche Waffe nie und nimmer gegen sie gebrauchen würde. Sie antwortete verachtungsvoll: »Gottlob, daß mein Lebenswandel mich besser schützt als diese Eure Edelmannsehre! Sonst suchte ich noch heute die Grenze zu gewinnen!« Ich fragte etwas konsterniert, worauf sie denn diese geringe Meinung von mir gründe und ob ihr Helvetius' Wort, der warm und mit Achtung von mir gesprochen hatte, denn nicht Bürgschaft meiner besseren Gesinnung sei. Sie antwortete, sie halte mich nicht für schlechter als irgendeinen der hohen Herren im Seidenstrumpf; wessen man sich aber von diesen zu gewärtigen habe, des sei die lauterste und frömmste Frau Zeuge, die an Herzogstischen gegessen und einen Bischof zum Schützer gehabt habe und doch eines Tages hintern den Mauern der Bastille verschwunden sei. Ich erriet sofort, daß sie von Frau Guyon sprach, und erwiderte traurig: »Haben Herzöge und Bischof sie nicht retten können, so haben sie doch ihre Ungnade geteilt. Fénelon ist nach Cambrai verbannt, und der Herzog von Beauvilliers und sein Schwager Chevreuse werden vom ganzen Hofe gemieden, weil sie die Glaubenssätze der inspirierten Frau verteidigt haben.« Da sagte Germaine mit Ueberlegenheit: »Jetzt habe ich Euch gefangen, mein Herr Gardedukorps! Wie kommt es, daß Fénelon nach Cambrai verbannt ist und Beauvilliers, der denselben Prinzipien treu und unerschütterlich anhängt, zwar von Euch Augendienern gemieden, aber doch vom König so hochgeachtet ist, daß er ihm gerade das Amt anvertraut hat, das er aus des Bischofs Händen genommen: die Erziehung des Herzogs von Burgund! Könnt Ihr mir diese Ungereimtheit erklären?« »Leider kann ich es,« erwiderte ich schnell. »Ihr wißt wohl, welche niedrige Verleumdung die Freundschaft Fénelons für die Seherin besudelt hat. Gott schütze mich, daß ich in solchen Dingen urteile! Die Natur hat dunkle Wege, und ein Bischof ist auch nur ein Mensch! Aber was Beauvilliers betrifft, so ist sein Wandel von so kristallener Klarheit, daß der Giftzahn der Verleumdung sich vergeblich an ihm versucht. Es ist keine Stunde des Tages, da er nicht vor aller Augen einhergeht und Gutes tut, und die stets offenen Türen seines Hauses bergen auch nicht die kleinste Heimlichkeit. Es hat, bei Gott, mehr als einer sich redlich bemüht, dem Manne einen Strick zu drehen – aber wo hätte er seinen Hanf anhaken sollen? Um bloßer Doktrinen willen kann heute in Frankreich keiner mehr gerichtet werden, die Chambre ardente will greifbare Tatsachen – und die liefert Beauvilliers nicht.« Germaine lachte ein wenig und sagte: »Hatte ich nun nicht recht, zu sagen, daß Reinheit des Lebenswandels besser schützt als hohe Gönner und glänzende Namen? Es ist noch lange nicht so schlimm bestellt in dieser Welt, wie ihr Narren der Eitelkeit es glaubt und hofft. Ich vertraue meiner Tugend und werde Euch keine morsche Stelle bieten, wo Ihr Eure Zähne einschlagen könnt. Und so lange wollen wir sehen, wer in diesem Kampfe um mein Mutterrecht Sieger bleibt.« »Ja, das wollen wir,« rief ich grimmig. »Denn gerade diese morsche Stelle bietet Ihr, indem Ihr Euer unschuldiges Kind in Kalvinistenversammlungen schleppt und es Eurer verfluchten Lehren teilhaftig werden läßt. Der Herzog von Beauvilliers ist ein guter Katholik und raubt der Kirche keine Seele. – Aber von mir fürchtet nichts! Ich spiele nicht den Angeber! Mit so gemeinen Mitteln kämpfe ich nicht! Aber sonst nehme ich Eure Herausforderung an und streite mit Euch um Euer leiblich Kind. Und nicht nur, weil ich Benedikten vor Euerm Irrglauben retten will, sondern auch einfach deshalb, weil das Kind mein Weib werden soll und es in spätestens fünf Jahren auch sein wird!« Wir waren in diesem Augenblicke um die Ecke gebogen und standen am Eingange der Rue Planche-Mibrai. Abendfrieden lag in der engen Straße, vor den Türen saßen plaudernd die Familien, Kinder und Hunde spielten in der Mitte am Rinnstein. Bei unserm Herankommen und meinen heftigen und lauten Worten wandte alles die Köpfe nach uns. Wir standen am Eingang der Gasse wie auf der Bühne eines Theaters, und ich empfand äußerst peinlich die allgemeine Aufmerksamkeit. Daß die Leute, die mich oft mit Benedikten hatten laufen sehen, wußten, um was es sich zwischen uns handle, war mir unzweifelhaft, und gern hätte ich das Gespräch hier abgebrochen und meinen Weg in andrer Richtung fortgesetzt. Aber ich hatte mich in Germaines Kampfesmut verrechnet. Mit einem grellen Auflachen faßte sie meine Hand, riß mich vorwärts in die Gasse und mitten unter das sich erhebende Volk hinein und schrie, beredt und leidenschaftlich, wie nur sie ihre Worte zu finden wußte, die ungeheuerlichsten Anklagen gegen mich aus. Die unschuldige Tatsache, daß ich Benedikten heimlich gefolgt war und ihre kleinen Streiche unterstützt hatte, wußte sie auszubeuten, und meine unbesonnene Drohung wiederholte sie mit grausamer Berechnung gegen die ganze Gasse, deren Bewohner zu fünf Sechstel aus Hugenotten bestanden. In weniger als drei Minuten hatte sie das ganze Quartier gegen mich gehetzt. Ein Kreis von finsteren Gesichtern drängte sich um mich, und eben jene Menge, die vor einigen Tagen noch Benediktens kleine Eskapaden und meine Mithilfe so wohlwollend belächelt hatte, überbot sich jetzt in Vorwürfen und Schmähungen gegen den vermeintlichen Verführer. Hoch über allen Stimmen vibrierte schneidend wie eine Kriegstrompete die der gereizten Mutter. Mein Kleid schützte mich vor Tätlichkeiten – aber bei allen Heiligen! Prügel wären mir lieber gewesen als die Worte, die ich da zu hören bekam. Männer mit biederen Arbeitergesichtern redeten mir ins Gewissen oder spuckten vor mir aus; Frauen zeigten mich ihren halbwüchsigen Kindern, auf daß sie sich vor mir hüteten; und wäre nicht die Tatsache bekannt gewesen, daß ich unter Helvetius' Führung mehr als einmal die Armen des Viertels besucht und beschenkt hatte, so weiß ich nicht, wie die Sache geendet hätte. Zum Glück für mich wie für die tolle Menge selbst wurde in diesem Augenblicke das bißchen Wohltat mein Fürsprecher. Es gab Stimmen, die sich für mich erhoben, Stimmen, die ich ohne Beschämung und gierig nach ihrem Klange zu Zeugen anrief, denn allein vermochte ich in diesem Gedränge nicht zu Worte zu kommen. Und bald waren dieser Stimmen so viele, daß sie dem Kriegsruf der Germaine Antwort bieten konnten und den Anprall der Schimpfworte ihrer Anhänger zurückwarfen. Langsam beruhigte sich die Brandung um mich her, und langsam löste sie sich in eine trägere Debatte auf, in welcher immer nur ein Mann sprach und die andern murmelnd ihm Beifall gaben. Ich lernte in dieser Stunde, wie einem Pair von Frankreich zumute sein mußte, wenn in offenem Parlamente über seine Ansprüche und Rechte verhandelt wird. Und ich muß wohl ein schlechter Redner für meine eigne Sache gewesen sein, denn das Verdikt fiel nicht so unbedingt zu meinen Gunsten aus, wie ich erwartet hatte. Zwar sahen die braven Gevattern wohl ein, daß ich nicht der Kinderverderber und Hugenottenverfolger war, als welchen Germaine mich dargestellt hatte, und sie entschuldigten sich deshalb auf das höflichste und beste. Aber darin waren sie einig, daß Germaine im vollen Rechte sei, wenn sie ihr Kind von Straßenläuferei und höfischen Bekanntschaften abhalte, und unisono versprach die edle Schar, die einst das Benediktlein so fröhlich unterstützt hatte, der erbitterten Mutter Schutz und Hilfe in dieser Angelegenheit. Und als ich nach einer Viertelstunde die Gasse verließ und rückblickend die Männer zu ihren Tabakspfeifen, die Frauen zu ihren Stickrahmen zurückkehren sah, während die Glocken von St. Jacques ihren holden Vespergruß über den verlassenen Kampfplatz hinsandten, da wußte ich, daß ich fortan in der Rue Planche-Mibrai und dem ganzen umliegenden Quartiere übel empfangen werden würde, sollte ich je wieder den Fuß dahin setzen. 8 Es fügte sich zum Glücke, daß schon wenige Tage nach dieser Szene der Hofhalt im Palais Cardinal abgebrochen wurde und sowohl Monsieur als kurz nach ihm auch Philipp von Chartres nach St. Cloud zurückkehrten, wo sie jetzt länger und lieber verweilten als in Paris oder selbst in Versailles. Ich hätte sonst möglicherweise doch das Abenteuer gewagt, mein verfemtes Antlitz noch einmal in der Rue Planche-Mibrai zu zeigen, wäre es auch nur gewesen, um einen zweiten, weniger schimpflichen Abgang in Szene zu setzen; denn nach verlorener Schlacht sieht jeder seine taktischen Fehler und wünscht, er könne von vorne beginnen. Aber mein Dienst rief mich von Paris hinweg und die Revanche unterblieb. In den Wäldern von Meudon tropfte jetzt der Märzenschnee von den Bäumen und die Jagdhörner waren verklungen. Die Fasten hatten begonnen, die Musik der Ballnächte war verrauscht, ein wenig Müdigkeit und Weltekel, ein wenig auch die Lust am Wechsel trieb die Seelen zu Gebet und Beschaulichkeit; in allen Gliedern lag die weiche Lässigkeit des Frühlings, und da geschwärmt werden mußte, wurde zu Gott geschwärmt. Auch will ich keineswegs leugnen, daß die ersten Morgengrüße der erwachenden Natur in einem Lande von so lieblicher Schönheit, wie Frankreich es ist, fromme und traurig-süße Stimmungen erzeugen können, selbst dann, wenn man so wenig weltmüde war wie ich um diese Zeit. Ein einförmiger und wenig anstrengender Dienst ließ mir viele Stunden des Tages zu eigner Betrachtung frei, und die Beschäftigung dieser Stunden wäre mit vielen Worten nicht wiederzugeben. Ich arbeitete an meiner Weltanschauung und an meinem Verhältnis zu Gott. Es war keine ganz dankbare Arbeit. Die schönen Lehren Beauvilliers' und der Frau Guyon nannten diesen Gott einen Gott der Güte, der nichts als Gutes schaffen und denken konnte. Das war eine gar liebliche Theorie, und es schien leicht, den eignen Willen in den des Alliebenden zu versenken und still hinzunehmen, was er schickte, da es doch unzweifelhaft gut war. Mit diesem Glauben war Frau Guyon in die Bastille und Fénelon in die Verbannung gegangen; mit diesem Glauben tröstete sich die kleine Serbe, der ihr Hirte geraubt war; in diesem Glauben stand Beauvilliers mit leuchtender Stirne und trotzte ohne Haß, nur in Reinheit und Milde, den Intrigen der Frau von Maintenon und Le Telliers. Es war ein Glaube für Heroen und er bewährte sich in großen Nöten. Aber in kleinen? Ich muß zu meiner Beschämung gestehen: wenn ich in mein Leben blickte, da sah das Gottesbild anders aus! Es war ein ganz kluges und unstreitig ein witziges Wesen, das die kleine Komödie meiner Entwicklung geschrieben hatte, aber von Güte war nicht eben viel zu sagen, kaum etwa von Gerechtigkeit. Mich ihm hinzugeben schien mir eine harte Zumutung, da es sich offenbar über mich lustig machte. Ich tat meiner Ansicht nach schon ein Uebermenschliches, wenn ich seine grimmig-humorvollen Launen objektiv bewunderte. Denn was war zum Beispiel der letzte Streich, den es mir gespielt hatte? Die letzte amüsante Pointe einer sonst witzlosen Komödie? Nur ein Zufall: am Tage unsrer Ankunft in St. Cloud schickte Chartres mir ohne ein Wort der Erklärung das Figürchen des Savoyarden, Benediktens Erbe, auf mein Zimmer. Ich stand und schaute das anmutige Kunstwerk mit gar bösen Blicken an. Was ich dachte, kann sich jeder selbst ausmalen. Dann ging ich zu Chartres, um mich bei ihm zu bedanken. Er sah auch aus, als ob er einen Witz des Schicksals eben nicht ganz zu goutieren vermöchte, und ich hielt meinen Dank zurück bis zu besserer Gelegenheit. Es war ein gar stiller Sommer. Chartres malte viel oder er vergrub sich in Büchern. Dazu brauchte er mich nicht, und ich konnte nur bedauern, daß mir alle Anlagen zu ähnlichem Zeitvertreib fehlten. Nach den Steinbrüchen von Baugirard begab er sich manches Mal, aber nicht zu Teufelsbeschwörungen, wie ich redlich bezeugen kann, sondern aus reiner Freude an Mondscheinbildern an Felswänden und all dem Zauber nächtlicher Natur, der auf leidenschaftliche und tiefdenkende Menschen so gewaltig wirkt. Manchmal durfte ich ihn begleiten, und dann war ich kein Diener, er kein Fürst; dann waren wir beide wieder die innig verbundenen Gespielen früherer Tage. Bei einer solchen Gelegenheit war es, daß er mich schließlich selbst nach dem Savoyarden frug, und ob ich denn mein Vorhaben ausgeführt hätte, ihn dem Kinde des Goldschmieds wieder zurückzustellen. Da erzählte ich ihm mein klägliches Abenteuer. Er lachte ein wenig, wußte mir aber nicht zu raten, sondern bemerkte nur ärgerlich, es sei ein schlimmes Zeichen zunehmender Frechheit unter diesen hugenottischen Aufrührern, daß sie selbst die Uniform der königlichen Garde nicht besser respektierten. Ich erschrak, denn es kam mir wie Verrat eines beschworenen Kontraktes vor, daß ich die Kalvinisten samt der Germaine so preisgegeben hatte; und ich fragte Philipp nicht ohne Beklemmung, ob er die Sache gegen jene Leute auszubeuten gedenke und ob er dabei etwa auf mein Zeugnis rechne. Der Herzog beantwortete die voreilige Frage nur durch eine abwehrende Handbewegung, fügte aber nach einer Weile bei, selbst wenn die Angelegenheit zur Sprache kommen sollte, so würden wir wenig Verständnis für unser Recht darin finden. Der hohe Klerus habe jetzt Besseres zu tun, als sich um die Hugenotten zu bekümmern. Gegenwärtig zerbrächen sich sämtliche Kardinale von Rom und Frankreich ihre kahlen Schädel darüber, ob man bekehrten Chinesen die Totenverehrung gestatten dürfe, und ob der Kaiser von China ein Atheist sei oder nicht. Ich verstand nicht, wovon er sprach, da erzählte er mir den Vorgang, und wie die gelahrte Doktorschaft der Sorbonne den Jesuitenmissionar Lecomte, der es gewagt hatte, die Sittenreinheit der Konfuziusdiener vor derjenigen der Christen zu preisen, als einen Gotteslästerer verdammt habe. »So sei ganz ruhig,« schloß der kluge Mann seine Erzählung. »Du liest nichts, weißt daher auch nicht, wie viele Bücher täglich über solche und ähnliche Fragen geschrieben werden. Sei froh, daß du dein Latein vergessen hast! In einem Lande aber, wo der Religionsstreit mit Tinte und Feder geführt wird, sind die Schwerter stumpf und die Feuer verglommen. Und die Sekten blühen wie der wilde Klee!« Ich war von Chartres' Zuversicht doch nicht ganz gewonnen und nahm mir vor, mir die glücklich abgelaufene Lektion zur Lehre zu nehmen und keinem Menschen weiter ein Wort von meinem Abenteuer in der Rue Planche-Mibrai zu erzählen. Ich konnte an einen Glaubenseifrigeren kommen, als Chartres war. Leider kam dieser mein guter Vorsatz etwas zu spät. Philipp erzählte einiges weiter, die Entrüstung über die Anmaßung der Hugenotten griff um sich, hier und da fiel schon ein Wort von der Notwendigkeit allerstrengster Maßregeln. Zum Glück blieb es bei Worten; Philipp hatte recht, die französische Kirche trug eine papierne Rüstung, die Zeit der Dragonaden war vorüber. Aber dennoch muß eine Warnung in das Quartier St. Martin gedrungen sein, denn was ich am meisten gefürchtet, trat ein. Germaine verließ samt ihrem Kinde den Boden Frankreichs, nachdem sie mir durch Helvetius noch einen hohnvollen Abschiedsgruß übersandt hatte. Wohin sie sich gewandt, konnte oder wollte Helvetius nicht angeben, wenn mir auch die Vermutung nahe genug zu liegen schien, daß sie in der Heimat des guten Mannes selbst Zuflucht gefunden. Ich frug nicht weiter. Was hätte mir das Wissen genutzt? Ich sah ein, daß Germaine mich für einmal geschlagen hatte, und eine große Betrübnis kam über mich. Das Bitterste war mir, zu denken, daß Benedikte jetzt unrettbar dem Kalvinismus verfallen war. In einem Lande lebend, wo diese Sekte volle Freiheit und sogar die allerhöchste Achtung genoß, würde Germaine gewiß keinen Augenblick zaudern, ihr Kind der Gemeinschaft ihres Glaubens einzuverleiben; und hörte das Benediktlein nur erst die süßen Nonnenchöre nicht mehr, sah es das Kerzengeflimmer um goldene Altäre, die schönen sanften Bilder der Heiligen nicht länger vor Augen, gab es keine Schwester Monika mehr, die sein kleines Gewissen hielt und stärkte – so würde wohl bald genug das Kinderherz sich neuen Einflüssen beugen, neue Anschauungen in sich aufnehmen. Sicherlich war Germaine die Person, um eine solche Bekehrung ganz und glücklich durchzuführen, sobald nur keine Angst vor weltlicher Obrigkeit sie mehr hinderte. Mit heimlicher Wut mußte ich mir sagen, daß jetzt diese Frau da draußen in Holland mir vielleicht ein spöttisches Dankgefühl widmete für den Anstoß, den mein unzeitiges Geschwätz ihr gegeben, der einen vielleicht lange vorbereiteten Entschluß zur Reife gebracht und Benediktens Seelenlos entschieden hatte. Noch rasender machte mich die Vorstellung, wie sie das Kind, das vielleicht weinend nach der alten Heimat und den alten Gespielen verlangte, nun sicherlich mit Lügen über meine Grausamkeit und eine durch mich angezettelte Hugenottenverfolgung abspeiste und ihm dergestalt mein Bild verdunkelte und vergällte. Und die Tränen stiegen mir auf, wenn ich mir das Benediktlein selbst vor Augen führte, wie es nun heranwachsen würde in seinem reizlosen braunen Kittelchen, das zierliche Spiel seiner Füßchen eingeengt durch schwere Falten, das goldene Haar für immer unter der Haube verborgen, das Feuer der schönen Augen heuchlerisch unter gesenkten Wimpern erstickt und das helle Lachen seiner Vogelstimme verstummt für alle Zeit. Aber was half nun mein Grübeln, was meine Reue? Die kalte, böse, furchtbare Germaine triumphierte wieder, und mir war, als hörte ich ihr leises zorniges Auflachen durch alle meine Träume gehen. Der Sommer ging dahin, neue Ereignisse verdrängten die alten. Der Herbst dieses Jahres machte unsern jungen Herzog von Anjou zum König von Spanien. Beauvilliers begleitete ihn nach Madrid, bereits krank, von tückischen Fiebern gequält und nach seiner eignen und Fagons Ansicht ein toter Mann. Ich nahm Abschied von ihm in meinem Herzen, ich glaubte ihn nicht wiederzusehen. In diesem Schmerze ging langsam das Bild der fernen Benedikte unter. Auch Chartres gab mir zu schaffen. Ich war nun ganz in seinem Vertrauen und er belastete rücksichtslos mein Gewissen mit allem, was das seine nicht tragen konnte. Sein wildes Leben nahm er wieder auf, war mehr in Paris als in Versailles und St. Cloud und verkündete wieder mit Pauken- und Trompetenklang seine eigne Schmach. Sein Vater und sein Oheim zankten um seinetwillen fast Tag um Tag, sehr zur Freude der Türsteher und Garden, die jedes Wort der streitenden königlichen Brüder in den Galerien widerhallen hörten, auffingen und meinem Philipp zutrugen. Dabei genoß er die doppelte Genugtuung zu wissen, daß keiner seiner Streiche an Ludwig verloren war und daß sie diesem gleichsam als eine Strafe für seine eignen jugendlichen Sünden heimkamen; denn so faßte es Monsieur auf: er erinnerte seinen Bruder kurzerhand daran, daß er für seine Tochter nicht Rücksichten fordern könne, die er selbst für seine Gemahlin, die Königin, nie gezeigt – und der große König von Frankreich mußte vor diesem allzu gerechten Vorwurfe verstummen. Dieses wußte Philipp – und was mehr ist: er wußte, daß der Hof es wußte, und es trieb seinen Uebermut auf die Spitze. Ich versuchte anfangs, ihn mit freundschaftlicher Warnung zurückzuhalten, denn dazu berechtigte mich ganz die Herzlichkeit, die er mir täglich bezeigte. Er blickte mich dann jedesmal scharf und zwingend an und sagte: »Gebt mir ein Reich zu regieren oder eine Armee zu befehligen, so soll sich keiner mehr über mich beklagen.« Ich begriff, daß die Krone, die auf des viel jüngeren Anjou Haupt gefallen war, seinen Ehrgeiz gereizt, seine Erbitterung verschärft hatte; ich konnte nichts tun, als darauf hinweisen, daß auch die andern Prinzen nicht in der Armee dienen durften. Aber auch diesen Einwand entkräftete eine boshafte Laune des Königs. Die Armee in Flandern wurde unter Bouffiers neu organisiert, und die beiden Bastarde Maine und Toulouse erhielten Kommandos, freilich unter dem Marschall. Aber selbst eine derartige Unterordnung würde Philipp von Chartres, dem es wirklich um Arbeit zu tun war, gern auf sich genommen haben. Er schäumte vor Zorn und rächte sich an seinem Weibe für die Bevorzugung ihrer unwerten und unfähigen Brüder. Das alles war traurig zu sehen und zu hören. Der Cancan in den Gardenstuben wurde mir unerträglich, eine unbezwingliche Sehnsucht nach reinerer Luft, nach unschuldigen, glücklichen Menschen erfaßte mich. Gab es irgendwo auf dieser Welt das, was ich suchte? Die Sehnsucht wurde zum bewußten Ziele. Ich sagte mir: mein Fürst sucht ein abstraktes Glück in Büchern und Kunst; da kein lebendiger Mensch aber davon leben kann, so füllt er die Leere seines Herzens mit Augenblicksgenüssen, die hungriger lassen als der Hunger selbst. Ich habe einmal Glück in guten Werken gesucht und gefunden, dennoch bin ich nicht satt geworden, wie auch die, denen ich meine Gaben zugetragen, nur auf kurze Zeit dem Darben entrissen waren. Zu wenig, viel zu wenig! Laß uns ein Glück suchen, das nicht nur für Stunden befriedigt! Ein Empfangen und Geben, das sich nie erschöpft! Nimm ein Weib, Hauptmann Roquesant, schenke ein Leben und empfange ein Leben, dann wirst du Glück finden! – Ich ging hin und teilte Chartres meinen Vorsatz mit. Er sagte: »Es ist vernünftig, daß du dir das Hugenottenkind aus dem Sinne schlagen willst. Aus dieser Sache hätte nichts Gutes erblühen können. Suche dir eine Gattin, die deinem Stande angemessen ist und die dir eine Mitgift bringt, wie dein alter Name sie beanspruchen kann. Willst du, so helfe ich dir unter den Töchtern der Edeln die Gemahlin wählen.« Ich erwiderte: »Sie muß eine Eigenschaft besitzen, die mir mehr wert ist als Name und Mitgift. Sie muß frohsinnig und unschuldig sein, und sie soll so gesunden Herzens sein, daß das Leben in diesem Pesthause der Verworfenheit sie nicht ansteckt. Glaubst du, daß es möglich ist, eine solche zu finden?« Er war sehr ernst geworden und antwortete lange nichts. Dann sprach er: »Da suche du selbst! Ich getraue mich nicht, dir Erfolg zu versprechen. Du verlangst zu viel.« Sein warmer Blick verriet mir indes, daß er meine offenherzige Kritik des Hoflebens nicht übel aufgefaßt hatte. Ich drückte ihm die Hand und rief froh: »Ich werde mich heute noch auf die Suche machen.« »Und wenn du eine solche gefunden hast,« fuhr Chartres fort, indem er, sich entfernend, noch einmal sein schönes, dunkles Gesicht mit den flammenden Augen nach mir zurückwandte und sein weiches und sinnverwirrendes Lächeln lächelte, »wenn du eine solche gefunden hast, dann zeige sie mir nicht!« Ich erschrak heftig und schwur mir zu, diese Warnung nicht zu vergessen. 9 Ich suchte lange. Ich benutzte jeden Weg, den mir meine Bekanntschaften in adligen und bürgerlichen Häusern eröffneten, ich suchte unter den Töchtern der Hautefinance wie unter den Töchtern des Landadels. Man hatte es bald erraten, das Ziel meines Strebens, und man erleichterte mir liebenswürdig, was sich erleichtern ließ. Ich war noch nicht dreißig; ich stand in einem königlichen Regimente; ich war der Vertraute des Königsneffen; Frau von Maintenon und die gute kleine Herzogin von Burgund sagten es laut, daß sie meine Braut ausstatten wollten, im Falle meine Wahl auf ein armes Mädchen fallen sollte: kurz, ich hatte alle Chancen in der Hand, und Marschälle von Frankreich öffneten mir die Türen ihrer Häuser und baten mich, unter ihren Töchtern zu wählen. Aber es ist eine schlimme Sache, unter Gebotenem zu wählen. Ich sah mit Mißtrauen und Unbehagen alle die schön geputzten Fräulein an, deren züchtig gesenkte Lider ein Wissen um die Angelegenheit zu verbergen schienen; und ich konnte mich zu keiner Wahl entschließen. Unter denen, die mich einluden, war auch ein alter Hofkavalier, dessen Namen ich nicht nennen möchte und der ein Landhaus nicht weit von Fontainebleau bewohnte. Es war ein grimmer Geselle, rauh von Sitten, als geizig und tyrannisch verschrien, der auch in einem immerhin nicht begründeten Verdachte jansenistischer Neigungen und Beziehungen stand. Seine Gemahlin, die früh verstorben war, hatte ein Taburett innegehabt, war aber selten bei Hofe erschienen, weil der Ehemann sie knapp in Kleidern hielt und sie sich ihrer Fähnchen schämte. Seine beiden Töchter hielt er aus eben dem lästerlichen Geize von Hofe fern und auf seinem Landsitze vergraben, wo sie ihr einsames und freudloses Leben bereits weit über das Heiratsalter hinaus geschleppt hatten. Nun packte den Alten doch die Angst, die Mädchen könnten ihm sitzenbleiben, und er begann mit allen Netzen nach Schwiegersöhnen zu angeln. Dabei war er so klug, die bereits Verblühten nicht nach Paris zu bringen, wo sie durch ihr ländlich-ungeschicktes Gebaren, ihren Mangel an Talent und Bildung mehr noch als durch die Dürftigkeit ihrer Gewandung ohne Zweifel klägliche Figuren abgegeben haben würden. Er lud deshalb Kavaliere, die er aufs Korn genommen, zur Fuchsjagd nach seinem Gute ein, hielt sie dort so lange als möglich fest und gab ihnen Gelegenheit, seine Töchter in ihrem häuslichen Walten zu bewundern. Man sagte, daß die armen Dinger spinnen, nähen, scheuern und fegen mußten wie die Frauen ihrer leibeignen Bauern selbst, doch quälte der grausame Vater sie hierin wahrlich umsonst. Die Zeit war vorbei, wo ein Edelmann in Frankreich durch solche Tugenden gefesselt ward, und es wäre besser gewesen für die armen Verlassenen, wären sie ärmer an Sitte und reicher an Reiz gewesen. Auch ich dachte nicht daran, mir ein Scheuermädchen zum Weibe zu nehmen, und folgte der Einladung des Alten erst dann, als ich vergeblich alle Vorwände höflicher Ablehnung erschöpft hatte, und dann noch mit unverhohlener Uebellaune, an welcher der dickhäutige Vater indes keinen Anstoß nahm. Ich fand ein Haus, das deutliche Spuren des Verfalles trug; einen Park, in welchem die Füchse hausten; ein Dorf, dessen Strohdächer struppiger und löchriger, dessen Bewohner schmutziger und verkommener aussahen als irgendwo im Bannkreise von Paris. Das Mahl, das immerhin in gutem Silber serviert war, mundete mir indes, und ich gönnte dem Alten die Gelegenheit, die er auch feurig ergriff, die Kochkunst seiner Töchter zu loben. Von diesen aber wurde nur die eine, jüngere sichtbar. Es war ein hageres Mädchen von fünfundzwanzig Jahren mit einem angenehmen, aber durchaus nicht hübschen Gesichte, allem Anscheine nach verschüchtert und mißhandelt, befangen in Worten, linkisch an Gebärde und in einen fürchterlichen Putz gehüllt, in welchem sich die Moden dreier Jahrzehnte gegenseitig zu verhöhnen schienen. Sie trug noch die Fontange, und der mächtige Turmbau dieser Coiffüre, das straff nach oben gezogene Haar erschienen mir so abstoßend, daß ich nur mit Mühe mir gegenwärtig halten konnte, wie sehr ich dieselben Linien noch vor kaum zwei Jahren an den ersten Schönheiten des Hofes bewundert hatte. Gefragt, wo ihre Schwester bliebe, antwortete die unglückliche Landschöne in offenbarer Verlegenheit, sie wisse es nicht. Olympia habe bereits des Morgens das Haus verlassen und gebeten, sie bei dem Gaste durch notwendige Gänge in Dorf und Meierei zu entschuldigen. Der Alte schmälte: er kenne diese notwendigen Gänge und er werde Maßregeln ergreifen, daß diese in Zukunft zu andrer Zeit geschähen. Die jüngere Schwester entfernte sich mit einem geängstigten Gesichte. Ich aber dachte lächelnd über den Namen Olympia nach, den eine der anmutigsten Frauen ihrer Zeit einst getragen, und wie derselbe an der vierschrötigen und grobbeschuhten Gestalt dieser im Meierhof schaltenden Jungfrau sich wohl ausnehmen möchte. Mit Jagd, die ergiebig genug war, und Mahlzeiten, die schmackhaft genug waren, vergingen zwei Tage, ohne daß besagte Olympia ihr Gesicht, auf das ich doch ein wenig neugierig war, gezeigt hätte. Der Alte fluchte und drohte, die jüngere Tochter hatte verweinte Augen, ein Geheimnis schien unverkennbar in dieser Sache zu stecken. Ich faßte mir ein Herz, lauerte meiner hochfrisierten Wirtin an irgendeiner Ecke des Korridors auf und fragte sie rundweg, was es mit dem Verschwinden der Olympia denn für eine Bewandtnis habe. Sie wurde flammendrot, dann schossen ihr die Tränen in die ohnehin schon entzündeten Augen. Stockend und lange nach Worten suchend, brachte sie endlich das Geständnis heraus, daß jene unbegreifliche Olympia seit mehr als einem Jahre sich regelmäßig aus dem Staube zu machen pflege, wenn der Vater einen Gast ins Haus bringe, obgleich sie bei ihrem Wiederauftauchen mit Schlägen und rohen Mißhandlungen aller Art empfangen würde. Ich fühlte ein plötzliches Mitleid mit diesen beiden Mädchen, ohne selbst noch zu wissen warum. Törichterweise fragte ich nun, warum denn der Vater diese Abwesenheit so streng ahnde, da doch an Mahl und Bewirtung offenbar nichts dadurch zu kurz komme. Aber da weinte meine Berichterstatterin so herzbrechend, daß sie überhaupt kein Wort weiter über die Lippen brachte und ich sie in Verwirrung und Ratlosigkeit verließ. Ich konnte mir nun wohl denken, daß die armen Mädchen unter dem schamlosen Feilbieten ihrer Person litten, und eine gewisse Achtung regte sich in mir vor jener Unbekannten, die Schläge lieber ertrug als die fortgesetzte Schmach der erfolglosen Brautschau. Nun brannte ich darauf, sie kennen zu lernen, und der Name Olympia schien mir bereits nicht mehr so übel gewählt. Ich erfuhr noch am gleichen Tage durch vorsichtiges Ausfragen der Diener, wo der erwähnte Meierhof lag; am folgenden Morgen ließ ich Fuchs und Meute im Stich, drückte mich durch die Büsche, ließ mir im Rücken das Horn des Alten in allen erdenklichen Signalen nach mir rufen und suchte die Olympia. Ich hatte nur etwa eine halbe Stunde durch lichten Wald zu reiten, um jenen Meierhof zu erreichen, der inmitten einer freundlichen Grasmulde lag, winterlich geschlossen, und Leben nur durch den dünnen Rauch seines Schornsteins verratend. Einzig an dem Bächlein, das die Wiese durchschnitt, lagerte eine Gänseschar, die ich auf den ersten Blick indes kaum von den weißen Flecken unterscheiden konnte, die der frühe Schnee ringsum auf der gelblichen Fläche zurückgelassen. Jenseits der Wiese schloß wieder Wald das Tälchen ab, eine hohe Mauer bronzefarbiger und kupferroter Baumkronen, ein Geflecht kahlen Geästes, das blaugrau oder dunkelviolett aussah und hinter welchem ein sonnendurchgoldeter Nebelschleier hing, und da, wo das sumpfige Sträßlein in den Wald hineinschnitt, eine schwärzliche Tiefe, ein Tor voller Mysterien und allerheimlichster Wunder. Ich hielt auf meiner Seite des Waldrandes zwischen den Stämmen mein Pferd an und überblickte die ganze liebliche Mulde, in Gedanken die Olympia suchend, die vielleicht als Gänsehirtin unter den Weiden des Baches saß. Sie erschien mir denn auch und ziemlich so, wie ich sie mir gedacht hatte. Denn ich war noch keine fünf Minuten gestanden, so sah ich um die Ecke des Gebäudes eine Frauengestalt kommen, hoch, gleichfalls hager, wie die Schwester es war, aber in allerschlichtester Kleidung und ohne Kopfputz, nur ein braunes Tuch zigeunerhaft um das Haar geknotet. Sie trug einen Eimer in der Hand, der ihrer Haltung nach tüchtig schwer sein mußte; und alsbald sah ich auch, was es war. Mir waren bereits vorher die stark aus dem Mörtel gelösten Fensterrahmen des Wohnhauses aufgefallen, dessen Mauern, aus schlechtem Lehm und Gesteinsbrocken aufgeführt, den herbstlichen Regengüssen nicht standgehalten hatten: nun ging das Frauenbild hin, zog eine Maurerkelle aus dem Eimer und begann mit hurtigem Anwurf die Löcher rings um die Fensterläden zu verputzen. Dabei lief sie bald, nach Steinen und Ziegelbrocken zu suchen, die sie kundig in allzu klaffende Tiefen schob, die dickflüssige Mörtelmasse damit verstauend und befestigend. Ihre Bewegungen waren rasch und leicht, obschon eher knabenhaft und von kaum verhaltener Kraft zeugend; wenn sie mir das Gesicht zuwandte, so sah ich leuchtende Farben; ohne indes Schnitt oder Ausdruck unterscheiden zu können; und als einmal im Eifer des Schaffens ihr beweglicher Kopf das braune Tuch abschüttelte, glänzte schwarzes Haar in Fülle und schöner Ordnung darunter hervor. Freilich sah die ganze Erscheinung wenigstens von ferne einer Pächterstochter ähnlicher als einem adligen Fräulein, doch sagte mir ein gewisses Gefühl, daß diese resolute Maurerin die gesuchte Olympia sein mußte, und ich machte mich daran, meinen vorbedachten Kriegsplan auszuführen. Ich ritt aus dem Walde heraus und den sanft niedersteigenden Wiesenhang hinab. Da ich aber plötzlich ein dunkles Widerstreben empfand, von der Höhe meines Pferdes herunter mit diesem respektabeln Frauenwesen zu verkehren, so sprang ich ab, führte mein Tier am Zügel und näherte mich zu Fuße bis auf wenige Schritte, da der weiche Grasboden ein lautloses Heranschleichen ermöglichte. Wie sie sich nun aber wandte, um ein paar Steine aufzulesen, erblickte sie mich wohl, schien jedoch weiter nicht auf mich achten zu wollen, sondern fuhr ruhig in ihrer Arbeit fort, recht wie eine fleißige und sittsame Magd. Ich rief sie an und bat sie, mir den Weg nach dem Herrenhause zu weisen, da ich mich auf der Jagd von meinen Genossen getrennt und die Richtung verloren hätte. Sie gab freundlich Bescheid, und da ich mich dumm stellte und wiederholt fragte, so hatte ich dabei die schönste Gelegenheit, ihr durchaus häßliches, aber kluges und rassiges Gesicht zu betrachten. Sie war dunkel wie eine Italienerin, aber die Wangen von so prächtigem Rot, die Zähne so weiß, die Augen so schwarz, das Lächeln so frei und echt, eine solche Sättigung von Kraft, Gesundheit und Frohsinn in dem ganzen etwas derben Wesen, daß sie sofort und ganz gewinnen mußte. Ich freute mich, sie ihrer larmoyanten Schwester so unähnlich zu finden. Dabei erschien sie obendrein noch weit jünger als jene, obgleich sie nach Berechnung mindestens achtundzwanzig Jahre zählte; so siegreich leuchtete in ihr die Jugend des Gemütes. Ich begann nun Offiziersallüren herauszukehren und mit ihr zu scherzen, indem ich tat, als hielte ich sie für ein Pächterskind, als welches sie auch erscheinen wollte. Die Schlaue ging ohne Verlegenheit auf mein Spiel ein, gab schalkhafte und gar nicht witzlose Antworten und ahmte die anmutig-kecke Art einer koketten Bauerndirne so täuschend nach, daß ich nun doch wieder stutzig wurde und mich fragte, ob es denn wirklich die Olympia sei oder ob ich da am Ende an eine Falsche geraten wäre. Ich frug sie nach ihrem Namen und sie log frischweg und nannte sich Marion. Nun ward ich noch unsicherer und beschloß, der geheimnisvollen Erscheinung mit einem brutalen Angriffe auf den Leib zu rücken. Ich sagte daher zu ihr: »Meine lustige Marion, ich fürchte, ich werde den Weg nach dem Herrenhause, den du mir eben gezeigt hast, wieder vergessen. Denn es gefällt mir hier bei dir weit besser als bei dem mürrischen, zänkischen Alten und seiner weinerlichen Tochter. Willst du mir erlauben, daß ich dein Handlanger sei?« Damit hatte ich auch schon die Zügel meines Pferdes über den Sattel gezogen und bückte mich nach einigen Steinen von der Größe, wie sie sie brauchte; denn sie hatte über all dem Plaudern ihre Arbeit keinen Augenblick unterbrochen. Sie nahm die Steine aus meiner Hand und sah mir dabei scharf in die Augen; dann, indem sie den Mörtel anwarf, fragte sie leichthin: »Ich denke, der Alte hat zwei Töchter?« »Ich bekam nur eine zu sehen,« antwortete ich. »Und ich gestehe, ich hatte genug. Ist die zweite so heiter wie diese, so will ich zu Aschermittwoch wiederkommen und Karnevalssünden in ihrer Gesellschaft büßen.« Ich hatte gehofft, die Marion-Olympia zu einer gereizten Zurechtweisung und damit zum Verraten ihrer Persönlichkeit zu verleiten, aber ich hatte mich verrechnet. Ganz ruhig fragte sie weiter: »Welche von den Töchtern habt Ihr denn gesehen?« Gerne hätte ich geantwortet: die Olympia; aber dann hätte ich merken lassen, daß ich um ihre Existenz wußte, und sie hätte mich flugs durchschaut. Ich bändigte daher meinen Uebermut und erwiderte wahrheitsgemäß: »Die Jüngere.« »Die geht noch an,« berichtete mir die Maurerin, indem sie mit Eifer den Mörtel rührte. »Aber die Aeltere, die ist eine Megäre und Betschwester obendrein. Es ist gut, wenn sie sich verborgen hält!« Und sie schnitt eine Grimasse, die allerhand andeuten konnte. Fast hätte ich laut herausgelacht vor Lust über die Kurzweil, die sich mir da eröffnete; denn plötzlich fühlte ich mich wieder sicher, daß wirklich die Olympia und keine andre da vor mir stand und sich selbst so allerliebst verleumdete; wenn ich auch durchaus nicht hätte sagen können, woher mir diese Gewißheit kam. Ich war aber sofort bereit, in diesem fröhlichen Kriege die gleichen Waffen zu gebrauchen wie das tolle Edelfräulein, deshalb antwortete ich trocken, indem ich mich nach Steinen bückte, um mein Lachen zu verbergen: »So hat man mir bereits erzählt. Und daher ist wohl auch die jüngere Schwester so verängstigt und scheu?« Jetzt machte die kecke unbekannte doch eine sehr schnelle Wendung. Wenn sie auch selbst sich unbekümmert preisgab in dem sicheren Gefühle, jeden Augenblick die Maske wieder ändern oder gar lüften zu können, so mußte es ihr doch zu denken geben, daß sie im Ernste für das gelten sollte, was sie im Scherze darzustellen sich vermessen hatte; und ich glaube, die Vorstellung war ihr keine liebliche. Aber auch ich erschrak gleich nach meinen eignen Worten, denn ich sagte mir, daß sie nun ohne Zweifel die ganze Fopperei durchschaut haben müsse und daß der Spaß nun zu Ende sei. Aber keineswegs! Entweder dachte sie nicht weiter über die Möglichkeit nach, in so bösem Rufe zu stehen, oder sie nahm eine solche in Wahrheit an, denn sie antwortete nichts, betrachtete eingehend ihre Arbeit und überfiel mich endlich mit der im derbsten Patois herausgestoßenen Frage, ob ich ein Freier sei. »Wieso?« platzte ich heraus, und sie erwiderte mit gleich gut gespielter Einfalt, zu anderm Zwecke als zur Brautschau käme ja wohl ein Mann nicht in ein Haus, wo Töchter seien. Auch sei ich im rechten Alter dafür und sähe gewaltig heiratslustig aus. Ich gab lachend zu, daß sie recht geraten habe, jedoch hätte ich die Wahl noch offen und würde irgendeinem nützlichen Winke von ihrer Seite gerne zugänglich sein, da sie offenbar die Fräulein besser kenne als ich. Nur Frauen können Frauen richtig beurteilen, fügte ich hinzu, und besonders in Erwägung zu ziehen sei stets die Meinung Untergebener, denn nach obenhin zeige jedermann seine bessere Seite. Nun habe mich aber ihr Wort bereits um allen Mut gebracht, denn eine Betschwester und einen Eheteufel wolle ich so wenig freien wie das wandelnde Tränenkrüglein, das ich gesehen hatte. So sei die Freite für mich wohl abgetan, und ich könnte nichts Besseres tun, als meiner Wege ziehen. Es gäbe ja Mädchen genug auf der weiten Welt, und ein Edelfräulein müsse es ja auch nicht gerade sein. Bei dieser Schlußwendung lächelte ich ihr zu und suchte ihre Augen mit einem gewissen bedeutsamen Blicke, den sie verstehen mußte. Sie aber tat, als läge ihr jeder Gedanke an sich selbst himmelfern, und schaute mich so kühl und nachdenklich forschend an, als überlege sie eben wirklich mein Schicksal und ihren Anteil daran mit nicht größerer Emotion, aber ebenso gewissenhaft, wie sie etwa überlegen würde, ob man heute Leinwand auf die Bleiche tragen könne oder nicht. Endlich sagte sie denn auch sehr ernsthaft und sachlich: »Wenn ich meine Meinung aussprechen darf: mich dünkt, Ihr seid zu rasch! Ich würde Euch raten, jene jüngere Schwester besser kennen zu lernen. Ist sie heiter und gutgekleidet, so nimmt sie es wohl noch mit mancher andern an Reiz auf, und wäre sie nur erst einmal aus jenem Hause, so würde sie gewiß erblühen wie eine Rose. Obendrein ist sie gut, fleißig und von demütigem Sinne, so daß ein Mann sich von ihr keines Uebels zu versehen braucht.« »Ich finde ›kein Uebel‹ zu karg, meine Beste,« erwiderte ich. »Freilich glaube ich, daß du ganz recht hast und daß die verdonnerte Jungfrau ein ganz zahmes und fügsames Eheweib wäre. Aber kommt mir kein Uebel, so kommt mir auch sicherlich kein Holdes von ihr, soviel habe ich schon gesehen. Fast fände ich es noch kurzweiliger, den Kampf mit der bösen Schwester aufzunehmen, da solche Weiber, wenn man sie einmal gebändigt hat, oft wundersame Verwandlungen zeigen. Was meinst du, wenn ich mich an sie machte?« »Nur das nicht!« rief Marion-Olympia schnell. »An der ist nichts mehr zu verwandeln. Sie ist spitznasig und grün von Angesicht und läuft den ganzen Tag mit einem Rosenkranze umher, den sie murmelnd abbetet. Kreuzt jemand zur Unzeit ihren Weg, oder ärgert sie das Gesinde, so schlägt sie mit dem Rosenkranze zu, und dann flucht sie, weil sie ihre Kügelchen verzählt hat und nun ihre Ave-Marias von vorne beginnen muß. Dabei ist sie zahnlos und hat eine keifende Stimme. Ich glaube nicht, daß da viel Soldes herauszuholen wäre, selbst wenn Ihr sie noch so gründlich bändigt.« Jetzt wurde ich aber doch irre. War es möglich, ein solches Charakterbild aus freier Erfindung zu zeichnen? Und hätte es irgendeinen Zweck, sich selbst so zu schänden – wenn anders diese flinkzüngige Porträtistin wirklich die Olympia war? Ich begann ernstlich zu glauben, daß ich die ganze Zeit her wirklich unter einer falschen Vorstellung gestanden hatte und daß die Frau vor mir wirklich Marion hieße und eine Pächterstochter sei. Da ich nun aber Ton und Taktik nicht sofort ändern konnte, so fuhr ich in nichtssagenden Schäkerreden fort und drohte scherzend, dem Schloßfräulein die schmeichelhafte Kritik ihrer Leibeigenen zu verraten, wenn Marion nicht mein Schweigen durch einen annehmbaren Preis erkaufe. Sie schien nicht erschrocken, trat aber lächelnd vor mir zurück und hielt die Maurerkelle zur Abwehr mir entgegen. »Ich will nicht sagen, daß ich den Handel nicht akzeptiere,« beschied sie mich mit einem durchaus fröhlichen Ausdrucke, »denn ich fürchte mich sehr vor Fräulein Olympia und ihrem Rosenkranze. Aber ich bin nicht die Törin, den Preis zu zahlen, ehe die Arbeit getan ist. Bewahrt Euer Schweigen, Herr Kavalier, solange Ihr auf dem Edelhofe seid, und am letzten Tage kommt und holt Euch Euern Lohn. Habt Ihr ihn redlich verdient, so soll er redlich bezahlt werden.« Sie sah mich bei diesen Worten ohne jede Scheu und so überlegen und siegreich an, daß ich mit einem ebenso plötzlichen Rucke wie eben zuvor wieder der gegenteiligen Ansicht zugestoßen wurde und mir sagte, nimmermehr könne dies eine Bauerndirne und Unfreie sein. Natürlich ging ich den vorgeschlagenen Vertrag ein, denn ich war durchaus willens, das rätselhafte Frauenbild wiederzusehen, und freute mich, daß sie mir selbst die Gelegenheit dazu zeigte. Für diesmal aber verabschiedete ich mich von ihr und ritt sinnend durch den winterbraunen Wald davon, indem ich mir Wort um Wort und Zug um Zug noch einmal gegenwärtig hielt und ernsthaft jeden einzelnen prüfte, ob er einer Olympia oder einer Marion zugehören könne. Ich wurde aber nicht klug, vielmehr immer verwirrter, und hätte mich wohl redlich geärgert, wenn ich nicht gewußt hätte, daß die Lösung der Frage nahe zur Hand lag und daß ich noch vor Abend erfahren konnte, ob eine Olympia oder eine Marion mich da in dem hübschen Wiesentälchen zum besten gehabt. 10 Dies bewerkstelligte ich nun auf die allereinfachste Weise, indem ich abends bei der Mahlzeit unbefangen den Meierhof und das Wiesentälchen beschrieb, nach welchem ich mich durch Zufall verirrt hätte, und das eigentümliche Frauenbild, das ich um den Weg gefragt und das mir für eine Pächterstochter zu artig erschienen sei. Natürlich hütete ich mich wohl, unser Gespräch wiederzugeben, doch ließ ich merken, daß mir die Wegweiserin mit den schwarzen Augen und den weißen Zähnen nicht übel gefallen habe. Mein Gastfreund horchte mit lebhafter Teilnahme und in unverkennbarer Freude, und über das verweinte Gesicht der Tochter ging etwas wie ein matter winterlicher Sonnenstrahl, der aber doch eine Landschaft gleich erheblich freundlicher erscheinen läßt. Als ich geendet, riefen beide wie aus einem Munde: »Das war Olympia!« und der Alte wollte sich totlachen über den Zufall, der mir die Ausreißerin nun doch zugeführt habe. Ich rief schnell: »So laßt sie die Strafe haben, die sie verdient! Ich werde fortfahren, jenen Meierhof zu besuchen und sie als das zu behandeln, was sie darstellt: ein Bauernkind. Wollt Ihr mir den Scherz und ihr die kleine Demütigung gönnen, bis die Sache sich auf natürliche Weise klärt?« Der Alte versprach in guter Laune, das Abenteuer nicht zu stören, und die jüngere Schwester schaute mich so glücklich an, als ob ich eben mein Wohlgefallen nicht an der Olympia, sondern an ihr selbst geäußert hätte. Darauf wurde die Sache ordentlich zurechtgelegt und alle Zufälligkeiten bedacht und schließlich als ein harmloser und ungefährlicher Scherz genehmigt; und ich hatte Erlaubnis, nach dem Meierhof zu reiten, so oft ich wollte, und dort auf meine Art um meine falsche Pächterstochter zu werben. Ich merkte nun wohl, daß der Vater sowohl als die Schwester an dies mein Vorgehen die sichersten Hoffnungen knüpften, aber dagegen hatte ich nichts. Die Olympia hatte mich gereizt und gefangen, und da ich doch entschlossen war, ein Weib zu nehmen, so schien mir dieses frische Wesen eine ganz erträgliche Lebensgenossin; auch war mir der Gedanke süß, daß ich sie aus unverdienten drückenden Verhältnissen retten und zu Ehren bringen konnte, wie sie ihrer stolzen Natur zukamen. Ich ließ also die Sache für abgemacht gelten und erwiderte selbst mit einiger Rührung die väterliche Umarmung des Alten, mit welcher er mich beim Schlafengehen entließ. Die Nacht über sann ich im Traum wie im Wachen neuen Neckereien nach, womit ich meine lustige Auserwählte ins Garn treiben könnte, und andern Morgens ritt ich wieder nach dem Wiesentälchen. Vater und Schwester lächelten selig hinter mir her. Diesmal war mir der Zufall noch holder, denn als ich aus dem Walde heraustrat, sah ich jenseits am Rande des Gehölzes die bekannte hohe Figur dahinschreiten, setzte in einem jubelnden Galopp über die Wiesen dahin und überholte die Frau, eben als sie in das nebelblaue Tor der Waldstraße einbiegen wollte. Sie hatte mich kurz zuvor erblickt, und ihr Ausdruck hatte etwas Gespanntes und Sorgenvolles, als ich jetzt vor sie hintrat und sie begrüßte. Eitel genug deutete ich diese Miene als den süßen Schrecken eines unverhofften Wiedersehens und beeilte mich, diesen Augenblick, wo die Kühne etwas von ihrer heiteren Sicherheit verloren zu haben schien, zu meinem Vorteil auszunutzen. Ich rief deshalb alsbald: »Fürchte dich nicht, Marion, denn ich komme heute noch nicht, meinen verdienten Lohn einholen, obgleich ich dir schwören kann, ich habe geschwiegen wie das Grab. Nur ein Stündchen in deiner Gesellschaft verplaudern möchte ich! Ich habe mich nach dir gesehnt, daß ich den Morgen kaum erwarten konnte. Und du siehst, wie früh ich ausgeritten bin, dich zu suchen.« Jetzt lachte sie wieder und fragte: »Habt Ihr denn Fräulein Olympia nun gesehen?« Und da ich verneinte, rief sie schelmisch: »Nun, dann prahlt doch nicht mit Euerm Schweigen, da es Euch doch an der Gelegenheit fehlte, es zu brechen. Ihr sollt Euern Lohn nicht zu leicht verdienen, Herr! Wenn Ihr abreist, ohne Fräulein Olympia überhaupt gesehen zu haben, so gilt der ganze Handel nicht, denn dann habt Ihr nichts geleistet.« Ich freute mich ihrer Schalkerei und sagte: »Das wird sich ja zeigen, wenn der Tag meiner Abreise kommt, der hoffentlich noch recht fern ist.« Damit ging ich mein Pferd an einen Baum zu binden, um seiner ledig zu sein, denn ich wollte meine ganze Aufmerksamkeit für das Geplänkel übrighaben, das ich nun kommen sah. Als ich mich hierauf wieder der Olympia zuwandte, bemerkte ich, daß sie mich wieder mit jenem erwartungsvollen und forschenden Blicke ansah wie eben vorher. Es lag ihr offenbar eine Frage am Herzen, die sie nicht auszusprechen wagte. Ich ging nun neben ihr her und begehrte zu wissen, was sie hier am Walde zu suchen habe und warum sie so früh am Morgen müßig gehe; denn so hätte ich sie gestern nicht taxiert. Sie antwortete ruhig, sie sei einer Ziege nachgegangen, die sich gegen den Wald zu verlaufen habe, obendrein wolle sie etwas Reisig mit heimbringen, aber erst, wenn sie sich rückwärts wende. Und sie schritt rasch über das raschelnde Laub den Tiefen des Waldes zu. Ich nahm dies für ein gutes Zeichen, ging dichter neben ihr und fragte leise: »Marion, kannst du es nicht fügen, daß wir uns jeden Morgen um diese Stunde hier am Waldeingange treffen? Du hast mir's angetan, ich gestehe es, und ich kann den Tag nicht denken, wo ich dich nicht sehen soll! Ich will dir Reisig tragen und Pilze suchen helfen, Marion, wie ich gestern dein Handlanger war. Gib Antwort, Marion, ob du das willst.« Sie war stehengeblieben, ein schöner Trotz stand in ihrem Gesichte, ihre Augen flammten mir unerschrocken entgegen. »So redet euereiner zu unsersgleichen, wenn er Schlimmes im Sinne hat,« rief sie drohend. »Ich bin alt genug, um zu wissen, wie es ein Kavalier meint, wenn er ein Bauernmädchen hofiert! Seid Ihr nicht gekommen, um die Tochter unsers Gutsherrn zu freien? Nun nehmt Euch in acht, daß ich nicht plaudere, das könnte Euch teuer zu stehen kommen!« »Ich fürchte mich auch nicht vor deiner Olympia mit dem Rosenkranze,« gab ich lachend zurück. »Aber, Marion, du bist recht stolz für ein Mädchen deines Standes. Was du nicht freiwillig gibst, wirst du einmal gezwungen geben müssen, mein Kind, Und wenn du mich verklagst, wird man dich auslachen.« Ich durfte diese ruchlose Rede wagen, denn die, zu der ich sprach, mußte gar wohl verstehen, daß man einer Unfreien nicht anders begegnen konnte, als ich es tat. War Olympia aus ihrer Rolle gefallen, so hatte ich ihr wieder hineingeholfen. Ich sah auch alsobald, daß sie sich ihres Mißgriffs bewußt ward, denn sie duckte sich gleichsam erschrocken, obgleich ihre Lippen vor Uebermut zuckten, spielte mit ihrem Schürzenrande und flüsterte verschämt: »Ich habe dem Herrn nichts zu erlauben. Warum fragt er mich?« Mich entzückte die Bemerkung, daß sie diese Wendung nicht mit überzeugender Natürlichkeit zu spielen vermocht hatte, während der kleine Zornausbruch vorhin durchaus echt und ein schönes Aufwallen weiblichen Stolzes gewesen war. Und sie gefiel mir immer besser. Nun lobte ich ihre Verständigkeit und legte auch gleich den Arm um ihre Hüfte. Sie wehrte nicht, blieb aber steif stehen, und ich bemerkte, daß ihre Stirn sich zu kräuseln begann. Eine ihr selbst ohne Zweifel unbewußte, aber äußerst herbe Ablehnung lag in ihrer Miene. Ich dachte entzückt: ›Wehe mir, wenn ich diese Frau nun küssen wollte!‹ Aber zum Glücke hatte ich keineswegs diese gefährliche Absicht, sondern begnügte mich, lange in ihre klugen und schönen Augen zu sehen, deren Blick, erst unruhig und flackernd, langsam stiller, klarer, gleichsam besänftigt wurde und endlich mit einer gewissen Innigkeit den meinen erwiderte. Da nahm ich ihre Hand und küßte sie, obgleich sie wirklich etwas rauh war. Staunen und Rührung malte sich in Olympias beweglichen Zügen. Ich sah, daß sie des Spieles vergaß, daß eine echte Empfindung in ihr erwachte. Sie löste sich von mir und ging schweigend neben mir her, ganz verändert in Wesen und Haltung; ich wunderte mich jetzt, wie ich jemals an ihrer adligen Art hatte zweifeln können. Ich hatte seit langen Jahren keine Frauenlippen geküßt, und die meinen hatten gewaltig danach gedürstet. Jetzt stand ich vor der Erfüllung einer langen Sehnsucht, mein Gelübde war gelöst, dieses Mädchen durfte ich küssen, denn es war mir nicht entgegengekommen, obendrein durfte ich es doch bereits als mein eigen betrachten. Dennoch hatte ich den Trank nicht getrunken, nach dem ich so brennend gelechzt. Ein unbestimmtes Gefühl hielt mich zurück, diesen stolzen Mund durch Gewalt zu beleidigen, gerade von dieser übermütigen Frau wollte ich ein weiches Bitten um Liebe erzwingen, gerade sie sollte mir erst entgegenkommen. Dies alles dachte ich nicht, ich empfand es nur. Deshalb machte ich an diesem Tage auch keinen erheblichen Fortschritt in meiner Werbung, sondern suchte nach kurzer Zeit den früheren neckischen Ton wiederzugewinnen, auf welchen sie auch bald einging, nachdem sie ihre innere Bewegung überwunden. Wir gelangten nun in eine kleine Schlucht, wo sich in der Tat die gesuchte Ziege fand, aber tot, von Wölfen zerrissen und zum Teile auch bereits verzehrt. »Ich dachte es mir,« sagte Olympia traurig, indem sie sich bückte, um Fell und Haupt des Tieres in ein Tuch zu binden, das sie bisher um die Hüfte gelegt getragen hatte, wie es die Bäuerinnen wohl zum Pilzesammeln mitzunehmen pflegen. Dabei hielt sie einen Augenblick den blutigen Kopf des armen Geschöpfes zwischen den Händen und blickte in die verglasten Augen, die in hilflosem Entsetzen und äußerster Todesangst erstarrt zu sein schienen. »Wie es gelitten hat!« flüsterte sie dabei, und ich bemerkte, daß sie von Mitleid erschüttert war; sie hatte aufs neue ihrer Bauernrolle vergessen, schmälte nicht, klagte nicht um das geraubte Gut, trauerte nur leise um das unschuldig gequälte Geschöpf Gottes. Ich aber betrachtete in wirklicher Liebe ihr Gesicht, das in diesem Augenblicke beinahe schön war, und wieder legte ich leicht den Arm um ihre Gestalt, da mir einfiel, daß wir mitten im Walde waren und vielleicht die Wölfe nicht so fern. Sie erriet meine Gedanken, denn sie lächelte alsobald und sagte, in heller Morgenstunde hätten wir nichts zu fürchten; darauf wandten wir uns zurück, wobei ich die Ueberreste des Tieres trug, sie aber Reiser las und bald zu einem artigen Bündel vereinigt hatte. Ich freute mich ihrer Kraft und Schaffigkeit, ihrer roten Wangen und ihres gesunden Frohsinnes und schaute mit hellstem Vertrauen in die Zukunft, die mir an der Seite eines solchen Wesens erblühen sollte. Unbegreiflich erschien es mir, daß dieses Mädchen bisher als eine Verschmähte hatte gelten können, da es doch ganz dazu geschaffen schien, einen Mann im besten Sinne glücklich zu machen. Freilich aber ist es nicht allen Männern gegeben, im Weibe diejenigen Eigenschaften zu wecken, die es begehrenswert erscheinen lassen, und für manchen andern war vielleicht meine Olympia weiter nichts als eine robuste und poesielose ältliche Jungfrau. Während wir nun wieder dem Waldrande zueilten und scherzende Reden tauschten, wobei sie sichtlich bemüht war, den schnippischen Ton der Bauerndirne, den sie nun einmal verloren hatte, wiederzufinden, fiel mir aufs neue jenes dringende Forschen und Lauern ihrer Augen auf, das ich bereits bei meiner Ankunft bemerkt hatte. Ich fragte sie daher, was sie denn auf dem Herzen habe, und fragte so liebevoll, daß sie sich erschließen mußte, wenn es irgendeine Sorge war. Sie blickte zu Boden und sagte leise, ich würde sie nun wohl vergessen, wenn ich erst die Edeldame Braut nennte, und das sei so das Los armer Mädchen; doch sagte sie es sichtlich ohne tiefe Betrübnis und mit so berechnetem Ausdrucke, daß ich sofort begriff, daß dieses eine Ausflucht oder aber ein vorsichtiges Ausholen war. Ich erriet leichtlich, daß sie gern gewußt hätte, wie ich denn nun eigentlich mit ihrer Schwester stand, und schloß voreilig auf ein bißchen Eifersucht; deshalb wies ich schnell und leidenschaftlich jeden Gedanken an diese Brautschaft zurück und versicherte aufs eindringlichste, daß ich nur um des Pächterkindes Marion willen noch in der Gegend verweilte. Zu meinem Erstaunen sah die Erwählte nun aber gar nicht getröstet oder erleichtert aus, vielmehr vertiefte sich der sorgenvolle Blick ihrer Augen noch, kopfschüttelnd trat sie von mir hinweg und machte Anstalt, mich ohne Gruß zu verlassen. In ehrlicher Angst eilte ich ihr nach und fragte sie, was sie denn nun plötzlich gegen mich habe. Da schaute sie mir ernst und milde in die Augen, und während ich sie aufs neue umfaßte, stemmte sie leicht ihre Hände gegen meine Schultern und hielt mich von sich ab. In dieser Stellung sprach sie zu mir etwa folgende Worte: »Herr! Was Ihr da tut und sagt, ist nicht recht! Die Pächterdirne kann nie Euer Weib werden, Ihr wißt es selbst, das wäre für sie wie für Euch nichts Gutes! Gleich paßt nur zu gleich, jenes Fräulein ist Euch ebenbürtig, sie ist fromm, edel, tugendhaft, in jedem Sinne Euer wert. Nehmt sie und seid so glücklich, wie Ihr verdient! Mich aber laßt die Erinnerung an Euch als einen schönen Traum bewahren.« Obgleich ich nun durchaus nicht begreifen konnte, aus welchem Grunde sie mich so eindringlich von sich weg und ihrer Schwester zuwies, so machte mir der Ernst ihrer Rede doch das Herz schwer, so daß ich gern die Komödie geendet und mich ihrer versichert hätte. Ich sagte daher zärtlich: »Marion, wärst du doch ein Edelfräulein oder sähe jene unsichtbare Olympia aus wie du, wie wären wir füreinander geschaffen!« und glaubte zuversichtlich, auf diese Worte hin werde sie sich entdecken. Aber sie tat es nicht, schüttelte nur wieder den Kopf und flüsterte: »Was hilft das Wünschen? Das Fräulein allein ist für Euch geschaffen!« so daß ich vor Zorn und Schmerz ob dieser Unbegreiflichkeit fast von Sinnen kam. Ich dachte aber, sie wolle etwa meine Liebe, die ihr zu schnell entstammt scheinen mochte, erst erproben. Deshalb gab ich mich für einmal zufrieden, ließ sie los und begab mich zu meinem Pferde, das Bügel und Zügel in erhebliche Unordnung gebracht hatte, während es so seiner eignen Willkür überlassen war. Als ich aufsaß, sah ich die schlanke Frau bereits in beträchtlicher Entfernung über die Wiese dahinschreiten, ruhig und hoheitsvoll und ohne sich zu wenden. Auf dem Kopfe trug sie das Reisigbündel und am Arme das Tuch mit den Resten der Ziege. 11 Am Nachmittage desselben Tages gelang es mir, der jüngeren Schwester habhaft zu werden und sie zu einem längeren Gespräche zu stellen, worin uns natürlich der berechnende Vater nicht störte noch stören ließ. Es lag mir daran, etwas Näheres über Olympia zu hören, und ich hatte mir vorgenommen, die jüngere Schwester, die voll Einfalt war, darüber auszuholen. Das gelang denn auch vortrefflich, denn die Gute stimmte ein Loblied über meine Erwählte an, daß es mich hätte abschrecken müssen, wenn ich nicht zum Glück den lieben Gegenstand der überschwenglichen Begeisterung bereits gekannt hätte. Und da ich einstimmte und sie dadurch zutraulich machte, so öffnete sie mir mählich ihr verschüchtertes Herz wie einem Bruder, als welchen sie mich bereits betrachtete. Und ich hatte vor Abend das kleine, einförmige und doch tragische Lebensbild dieses Schwesternpaares in allen Details klargelegt. Als ich so weit war, glaubte ich auch Olympias rätselhaftes Verhalten völlig zu verstehen. Sie, die Stärkere und Keckere, war offenbar einzig darauf bedacht, die schwerer leidende, weil hilflose Schwester der Tyrannei des Vaters zu entziehen und in braven Händen versorgt zu sehen; deshalb hatte sie mir so eindringlich zugeredet, jene zu nehmen. Sie selbst, die Olympia, war so eine Natur, die auf allen Wegen Beschäftigung findet, der Hunger, welcher gestillt, Krankheit, die geheilt, Kinder, die gelehrt, oder Sünder, die bekehrt werden wollen, auf Schritt und Tritt entgegenlaufen und die sich deshalb auch in fünfzig Jahren der Unvermähltheit nicht gesehnt noch gelangweilt hätte. Sie hielt das Gut in Ordnung, die Dienerschaft in Zucht. Mit dem Alten stand sie schlimm, doch fürchtete sie ihn nicht, und wenn sie sich mißhandeln ließ, so geschah es nur, weil sie selbst die Hand nicht gegen das väterliche Haupt erheben wollte; im übrigen tat sie, was sie wollte, und lachte der Striemen, die er ihr angeprügelt. Wie sie sich Freiern gegenüber verhielt, hatte ich bereits gesehen; und kurz, ich verstand, daß sie der Schwester das Glück gönnte, das ich zu bieten hatte, und das härtere Schicksal als etwas Naturgemäßes und ihren Kräften Angemessenes auf sich nehmen wollte. Nicht minder selbstlos zeigte sich aber die Jüngere, die bei der Aussicht, ihre Schwester vermählt zu sehen, förmlich strahlte, so daß sie wirklich bedeutend erträglicher aussah. Diese meinte nun wiederum, die Olympia mit ihrem Geiste gehöre in die Welt, sie selbst, die Unbedeutende und Stille, ins Haus und in die Einsamkeit. Auch würde sie mit dem Vater wohl bald besser auskommen, wenn nur erst die Aeltere verheiratet und damit der Grund seiner Uebellaune und Reizbarkeit beseitigt sei. Beide Töchter könne er ja doch nicht hergeben, da er alt und vielleicht in kurzem pflegebedürftig sei, und gewiß würde er einmal noch dankbar sein, wenn ihm eine geblieben; seinem Ehrgeiz würde ein Schwiegersohn wohl genügen, überhaupt sei es nur väterliche Sorge und Angst um die Zukunft seiner Kinder, die ihn so ungebärdig mache. Heirate ich aber die Olympia, so würde ich ihr, der Schwester, ja wohl auch in schweren Tagen beistehen und der Vater könne beruhigt die Augen schließen, diese Gewißheit werde ihn jetzt schon fröhlicher und damit auch menschlicher machen. Mir wurde warm ums Herz, als die arme Person so vertrauensvoll und hingebend mir ihr Wesen eröffnete, und ich sagte ihr gerne zu, daß auch sie an mir jede Stütze finden solle, deren sie nur bedürfe. Mich rührte es tief, zu sehen, wie jede dieser Schwestern nur für die andre zu denken schien und unter den gegenwärtigen Zuständen nur um der andern willen zu leiden. Ich pries mich glücklich, daß ich den tapferen und guten Geschöpfen endlich ein Los bereiten konnte, wie sie es verdienten, und schlief diesen Abend mit frommen und heiligen Vorsätzen ein, um früh morgens wieder von der seligsten Ungeduld geweckt zu werden. Es war neuer Schnee gefallen, der erste in diesem Jahre, der zu bleiben versprach. Im Walde lag er spärlich, nur in vereinzelten Flecken etwa da, wo die Bäume lichter standen, und auf dem Sträßlein, das sich wie ein weißes Band vor mir herzog. Mein Tälchen aber lag da wie eine große silberne Himmelswolke mit seinen sanft gerundeten Hebungen und Senkungen, an denen Licht und Schatten in zart rosenroten und blaßblauen Färbungen erschienen. Ein sonnenklarer Himmel stand darüber, und der jenseitige Wald zeichnete sich so fein und scharf und in so herrlichen Stahltönen, daß ich dachte, so lieblich sei mir noch kein Landschaftsbild erschienen, und was sei der Frühling gegen solch einen Wintertag? Ich stand lange und schaute hinab und hinauf und wartete des Augenblicks, wo auf dem hellen Grunde die dunkle, hohe Gestalt erscheinen würde mit ihrem stolzen und festen Schreiten. Aber ich wartete umsonst. Aus dem Wald drüben trat ein Rudel Rehe und scharrte im Schnee; über dem beschneiten Dache des Meierhofes zitterte goldschimmernd der Rauch; sonst regte sich nichts im leuchtenden Bilde. Mir schnitt die Kälte in die Glieder, während doch die heiße Ungeduld mich fiebern machte. Da entschloß ich mich kurz und ritt an den Meierhof heran. Ich meldete mich etwas lärmend an und hatte bald die ganze Bewohnerschaft des Gebäudes um mich versammelt; doch war die eine nicht darunter, der mein Kommen galt. Ich fragte, wo sie sei, nannte sie Fräulein Olympia und forderte laut, zu ihr geführt zu werden. Das Gesindel tauschte Blicke, zuckte die Achseln und blieb stumm. Auf mein weiteres Drängen antworteten einige, sie wüßten nichts von einem Fräulein Olympia, die müßte ich wohl im Edelhofe suchen, hier sei keine Person dieses Namens. Da fuhr ich unter sie wie das helle Ungewitter und schrie, dann heiße sie Marion oder sonstwie, sie wüßten genau, wen ich meine, und sollten mir nun endlich Auskunft geben, sonst würde ich sie beim Gutsherrn verklagen. Die Tiere stoben nach allen Seiten davon, nur eine Alte haschte ich, hielt sie fest und schüttelte sie, daß sie kreischte, und schwur, ich würde Feuer ans Haus legen, wenn die Gesuchte nicht freiwillig zum Vorschein käme. Ueber dem Geschrei tat sich eine Türe im Oberstock auf und am Treppenkopf erschien das Fräulein; ruhig und fest rief sie mir zu, die Alte loszulassen, stieg die Treppe herab und schritt kalten Gesichtes an mir vorüber, dem Tore zu, indem sie mir über die Schulter weg noch ein »Kommet!« hinwarf. Ich folgte ihr, und kaum standen wir im Freien, so begann ich schon auf sie einzureden, nannte sie bei ihrem Namen, gestand, daß ich denselben immer gekannt und daß ich mit ihres Vaters Willen und Wissen gekommen sei, um sie zu freien. Und schon entschlüpften mir hoffnungsvolle Worte von kommendem Glück und leidenschaftliche der seligsten Gewißheit. Sie aber entfernte sich von mir, blieb still und finster und murmelte nur einmal: »So habe ich mir das Ende nicht gedacht.« Ich schwieg nun auch, da ich ihr Zeit geben wollte, sich zu fassen, und deren selbst bedürftig war. Wir gingen noch einmal bis an den Waldrand hinauf und dort unter den Bäumen im schneefreien Moose weiter, immer längs des Wiesensaumes hin. Olympia setzte mehrmals zum Sprechen an, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Sie schien innerlich furchtbar zu kämpfen. Endlich sagte sie hart, sie wolle meine Frau nicht werden, und wenn der Vater sie deshalb totschlagen sollte; sie empfände keinerlei Liebe für mich. Diese unerwartete Weigerung, und in solchem Tone vorgebracht, warf mich fast zu Boden, und jetzt war die Reihe an mir, nach Worten zu ringen, die ich nicht fand. Sie aber redete weiter, und zwar erheblich milder, indem sie sich anklagte, durch ein unbesonnenes Spiel, das sie sich in ihrem Uebermute nicht versagen gekonnt, die unheilvolle Täuschung heraufbeschworen zu haben. Doch sei sie sich nicht bewußt, etwas gesagt zu haben, das ein tieferes Gefühl für mich hätte verraten können, und ich sei wohl etwas voreilig gewesen, ihre Zustimmung so von vornherein als gegeben zu betrachten. Darüber stritten wir nun, denn ich glaubte mich durch manchen Blick, vielleicht auch durch ein oder das andre Wort berechtigt, diese Zustimmung außer Frage gelassen zu haben, jedenfalls durfte ich ihr vorhalten, daß sie über meine Leidenschaft zu ihr nicht im Zweifel sein konnte. Sie gab dies zu und sagte: »Deshalb wollte ich Euch nicht wiedersehen. Wäret Ihr bescheiden gewesen, so hättet Ihr nicht Tür und Tor gesprengt, mich zu suchen, wie Ihr es eben getan habt, sondern hättet mein Fernbleiben richtig gedeutet. Ihr seid zu siegesgewiß. Aber freilich konnte ich auch nicht wissen, daß Ihr mich erkannt hattet und wie ernst Ihr die Sache meintet. Ich glaubte, eine ritterliche Liebesgier zu einer Bauerndirne würdet Ihr so rasch überwinden, wie sie rasch gekommen schien, gönnte Euch den Scherz zuerst und das bißchen Aerger danach und hoffte Eure Glut gekühlt zu sehen, wenn ich Euch ein- oder zweimal vergeblich im Schnee warten ließe. Das sieht nun freilich alles anders aus.« Wir hatten fast eine Stunde lang Erklärung gegen Erklärung zu tauschen, und ich sah wohl, daß sie keine Schuld traf, wie auch sie zuletzt zugeben mußte, daß ich in guter Absicht gehandelt. Da reichten wir uns die Hände, schauten uns in tiefer Trauer in die Augen, und Olympia sagte seufzend: »Mich dauert nur die Schwester!« Denn ich hatte ihr natürlich erzählt, wie wir zusammen standen, und daß eine Ehe zwischen Olympia und mir auch ihr Schicksal sonniger gestaltet haben würde. Ich bezwang meinen Stolz, der aufs bitterste gekränkt war, und fragte die Jungfrau, ob denn die Sache nicht doch noch möglich wäre, da sie jetzt doch meiner Liebe gewiß sein müsse und zugeben, daß nach allen Seiten hin nur Gutes daraus erwachsen könne. Vater und Schwester seien doch auch zu bedenken. Sie aber antwortete ohne Besinnen: »Es ist unmöglich, und so weit geht Kindes- und Schwesternpflicht nicht. Denkt Ihr, ein Weib wird fast dreißig Jahre alt, ohne daß sein Herz spricht? Das meine hat seine Wahl vor langer Zeit getroffen, und kann es nicht der sein, so soll es keiner sein! Mit gleichem Rechte könnte ich Euch nun zumuten, meine Schwester zu nehmen.« Dagegen ließ sich nun nichts einwenden, und ich sah wohl, daß mein Glückstraum verflogen war. Wie mir zumute war, läßt sich kaum beschreiben, denn mein Gefühl für das tüchtige und selbstbewußte Mädchen war noch heißer geworden, da sie sich mir in dieser Weise enthüllte. Ich glaube wohl, daß ich elend aussah, denn sie redete mir alsbald zu, die Enttäuschung nicht so schwer zu nehmen, solche Dinge gingen vorüber und die Welt sei ja sonst an Freuden so reich. Mir leuchtete die letztere Wendung nun freilich nicht ein, aber ich besaß auch nicht das sonnige Gemüt des tapferen Wesens an meiner Seite, das in den allertrübsten Verhältnissen seine Zufriedenheit und seine Unabhängigkeit zu bewahren gewußt hatte. Ich hörte ihr halb bewußtlos zu, verging fast vor Scham, Zorn und Leidenschaft und tobte in innerlichen Kämpfen gegen mein Schicksal. Sie aber sprach zu mir wie eine Schwester, verständig und liebevoll zugleich, und als wir endlich schieden, drückte sie herzlich meine Hand und blickte mich mit einer freundlichen Bitte um Versöhnung an. Da ich trotzig und stumm blieb, lächelte sie ein wenig, bog sich vor und küßte mich leicht auf die Lippen, wie man ein Kind küßt, nachdem man es gescholten hat. Dann enteilte sie rasch. Mir war es heiß durch alle Adern geronnen, als ihr Mund, der kalt war vom Winterwind, den meinen berührt; und viel hätte nicht gefehlt, so hätte ich die Arme um sie geschlagen, die ich für eine Verschmähte gehalten und die nun eine Verschmähende war, und hätte mein Verlangen an ihr gesättigt. Aber sie war zu schnell gewesen und mir entschlüpft. Ich stand und schaute ihr nach und dachte, wie tückisch und hohnvoll das Geschick doch mit mir spielte. Es ist lächerlich zu sagen, aber in dieser Stunde allertiefster Demütigung ärgerte und quälte nichts mich so sehr wie der Gedanke, daß ich das Mädchen am Tage vorher ungeküßt aus den Armen gelassen. Ich verfluchte die feine Scheu, die mich zurückgehalten hatte, den einzigen Augenblick zu nutzen, in welchem ein jahrelanger Bann von mir gleichsam probeweise gehoben war: denn gestern durfte ich sie noch küssen, da sie durch Blick und Geste mir gewehrt, ihre reinen Lippen mir nicht geboten hatte – und obendrein war sie gestern noch wenigstens in meiner Vorstellung meine Braut gewesen. Heute schon war sie nicht mehr mein und hatte mich doch freiwillig geküßt. Gab es eine tollere Komödie? Ich hatte ein Märchen gehört von einem stummen Manne, dem einmal im Jahre ein Wunder für eine Stunde die Sprache wiedergab, damit er ein erlösendes Bekenntnis ablege; tat er's, so war er für alle Zeit geheilt. Er aber, in Verstocktheit und Sünde, hält das Bekenntnis zurück, die Stunde verrinnt, der Fluch hält ihn wieder, seine Zunge bleibt gebunden. Ein solcher Narr war auch ich gewesen. Meine Rückkehr nach dem Edelhofe, die Erklärungen zwischen dem Vater und mir, den Schmerz der Schwester will ich nicht beschreiben. Kläglicher bin ich zeit meines Lebens nicht dagestanden als an jenem Tage. Sei nur noch gesagt, daß ein gütiger Stern schon wenige Monate später der jüngeren Schwester einen braven Mann zuführte, der sie nahm und glücklich machte. Die Olympia aber habe ich nach vielen Jahren noch einmal wiedergesehen, als ihr Vater tot war und sie allein auf dem Edelsitz schaltete wie ein Mann. Ihr schönes schwarzes Saar war silbern geworden, aber Augen, Wangen und Zähne leuchteten noch immer, und immer noch war sie auch zu Scherzen und Neckereien bereit. Arbeitsfroh und tüchtig war sie auch noch, davon zeugten Park und Dorf, die anders aussahen als unter dem Regimente ihres Vaters. Und ich mußte mir sagen, daß diese selbständige Frau vielleicht an meiner Seite das Glück nicht gefunden hätte, das sie hier so augenscheinlich für sich und andre gebaut und das allein von ihrem rüstigen Schaffen ausging. 12 Ich bedurfte einiger Monate, um mich von dieser verunglückten Brautschau zu erholen, denn ich war natürlich nun fest überzeugt, daß ich ein für allemal zum Narren der Liebe geboren sei und nichts Besseres tun könne, als zeit meines Lebens allen Weibern aus dem Wege zu gehen. Zu allem Unglücke schleppte sich der Winter auch noch in äußerster Langeweile hin. Nichts Großes ereignete sich, das die Seelen über die Grenzen des Irdischen hinaus- und emporgehoben hätte. Bei Hofe sprach man immer noch von nichts anderm, als von den Zwistigkeiten Monsieurs mit seinem königlichen Bruder, deren Gegenstand natürlich Chartres war. Dieser hatte mit Fräulein von Sery gebrochen und lag nun in den Armen einer Schauspielerin namens Florence, und die Herzogin, seine Gemahlin, mußte dankbar sein, daß wenigstens die Schmach sich nicht mehr unter ihren Augen breit machte. Nun war Chartres wieder oft und lange in Paris, und ich mit ihm. Unfähig, seine Lebensart zu teilen, suchte ich Helvetius wieder auf und jene Käufer, in denen der Geist Fénelons und der Frau Guyon noch lebendig war. Diese kleine Herde hielt immer noch treu zusammen, und da unter den stillen Träumern auch einige recht belesene Jansenisten sich befanden, so drang bald ein Geist der Kritik in die friedlichen Zusammenkünfte ein. Das einzige, was jene Quietisten mit den Jansenisten gemein zu haben schienen, war der Glaube an Wunder; und freilich ist dies ein Gegenstand, der auch von Ungelehrten und Unbelesenen diskutiert werden kann. Ich machte bald die Wahrnehmung, daß in unsern Versammlungen, die indes selten die Zwanzigzahl überschritten und durchaus den Charakter harmloser Geselligkeit wahrten, gleichsam zwei Lager sich bildeten, unabhängig von Sektenzugehörigkeit und nur durch eine Voraussetzung bestimmt: Rings um den Tisch, im hellen Scheine der Kerzen, pflegten, die Pfeife im Munde, die Männer der Wissenschaft, die Gelehrten und Philosophen zu diskutieren; Bücher lagen aufgeschlagen da, Sätze wurden verglichen, Latein rollte donnernd einher, Namen heiliger Kirchenväter fielen, von Faustschlägen auf den Tisch begleitet; abseits aber, im Dämmer eines Erkers, durch dessen Fenster etwa der Mond schien, saßen wir, die keine Bücher lasen und von theologischen Spitzfindigkeiten nichts verstanden; unsre Gruppe setzte sich zu zwei Dritteln aus Frauen zusammen, und gestritten wurde da nur mit dem süßen Gefühl, und als Belege galten eigne Glaubenserfahrungen, Offenbarungen und Wunder, wie jedes Herz sie erlebt. Es gab einige Männer darunter, die Zeugen solcher Heilungen gewesen sein wollten, wie sie in Port Royal geschehen war; von der Kraft des Gebetes wurde viel gesprochen, von unerhörten Seelengewalten begnadeter Menschen, von geheimnisvollen Beziehungen zwischen Gott und seiner Kreatur. Ich lauschte und sprach, und der Rausch jener tiefsten aller Leidenschaften erfaßte mich wieder. Wer ihn nicht kennt, wird mich nicht verstehen. Nun ist es eine Erfahrung, die wohl jeder macht, der in freiem Kreise irgendeinen allgemeinen Satz diskutiert: jeder der Anwesenden will ein Beispiel für oder wider erbringen, einer überbietet den andern, und bald ist niemand mehr in der Gesellschaft, der nicht etwas zur Sache Gehöriges erlebt hätte. Träume und ihre Erfüllungen, Totenerscheinungen und mitternächtige Warnungen schienen alltäglich geworden zu sein. Es gehörte zu den Forderungen, die man an jeden gesitteten Menschen stellte, daß er mindestens einmal im Leben durch ein Wunder von sicherem Tode oder, was noch besser wirkte, vor irgendeiner großen Sünde bewahrt worden sei, und die Zeichen vom Himmel blühten wie in biblischen Tagen. Draußen aber brausten die Februarstürme durch die Straßen von Paris, daß die Reverberen an ihren Seilen schaukelten und flackerten, krachend zu Boden stürzten und verloschen; und wohlige Schauer zogen durch die Gemüter der Geborgenen im warmen Gemache. Nun bemerkte ich aber seit einiger Zeit unter uns eine Frauensperson, die sich jeder derartigen Erzählung enthielt, schweigend dasaß und nur mit um so größerer Aufmerksamkeit zu lauschen schien; besonders, wenn von Gebetsheilungen oder Wundern an todgeweihten Kranken die Rede war, hing sie mit einem Ausdrucke an den Lippen des Berichterstatters, der mich zuerst erstaunte, dann irritierte, endlich mir ins Herze schnitt; denn man konnte ihren Mienen und einzelnen schüchtern und hastig hervorgestoßenen Fragen wohl entnehmen, daß sie auf ein derartiges Wunder in hoffender Sehnsucht und zitternder Angst warte. Es war eine Bürgersfrau von gutem Ansehen, in mittlerem Alter und von jener gewissen schlichten Würde, wie sie tiefbetrübten Menschen meistens eigen ist, und ihr Wesen allein brachte mich auf den Gedanken, daß ihre Sorge einem schwerkranken Gatten und Ernährer oder gar einem verlorenen Kinde gelten müsse. Auf nichts Geringeres konnte ich den Schmerz in ihrem sanften Gesichte einschätzen. Ich hatte auch ganz richtig geraten. Denn einmal, als das Wunder von Port Royal wieder besonders eingehend besprochen und beleuchtet wurde und die arme Frau darüber in Tränen zerstoß, trieb mich das Mitleid, sie nach dem Grunde ihres Jammers zu fragen. Da erfuhr ich denn, daß sie eine schwerkranke Tochter von sechzehn Jahren habe. Ich war damals so sehr im Banne des Geistes, der uns alle erfüllte, daß ich der Frau keinen andern Rat geben konnte, als mit verdoppeltem Gebete und unerschütterlichem Glauben vor Gott zu beharren, bis er das ersehnte Wunder täte. Die Frau gab mir damals eine Antwort, die darauf schließen ließ, daß sie solche Frömmigkeit einem Krieger und Hofmanne hoch anrechne; sie muß nicht viele derart gekannt haben. Ich habe immer gefunden, daß die Wildesten, Leidenschaftlichsten und Sinnlichsten unter uns auch die eifrigsten Beter waren, die gläubigsten Verkünder süßer Offenbarungen, die Furchtsamsten vor Gott und der Kirche; und unser glorreicher König selbst war ja ein Beispiel zu besagter Regel. Ich war der Mäßigen einer auch hierin. Darum geschah es denn bald, daß meine Zuversicht der Wirksamkeit des Gebetes gegenüber leise zu schwanken begann, wenn ich das traurige, immer gleich hoffnungslose Gesicht der Mutter erblickte, und daß der ruchlose Gedanke in mir aufstieg, es könne da am Ende doch ein tüchtiger Arzt nützlicher sein als der ferne Gott. Als ich der Frau diese meine Ansicht das erstemal mitteilte, erschrak sie beinahe, ließ sich aber doch gerne und verhältnismäßig bald überzeugen. Wir wollten ja hinterher Gott redlich Preis und Dank zollen und ihm allein die Ehre geben, wenn der Arzt geholfen hätte. Gerade in die Zeit dieser Erwägungen fiel es nun, daß der Herzog von Beauvilliers, wie ich bereits erwähnt habe, todkrank von Spanien zurückkehrte und von Helvetius zum Staunen aller Aerzte – böse Zungen behaupteten sogar, zum unverhohlenen Aerger Fagons! – in wenigen Wochen dem Leben wiedergegeben ward. Dies nahmen wir, da nun einmal etwas Uebernatürliches durchaus dabei sein mußte, als einen Wink von oben und beschlossen, uns an Helvetius zu wenden. Ich übernahm es, den Mann aufzusuchen und nach dem Hause der Frau zu geleiten. Als er aber an das Lager des Mägdleins trat, da sah ich zum erstenmal sein gutmütig-mürrisches, rotwangiges Gesicht sich verändern. Er lächelte das Kind an, ganz eigentümlich zärtlich und traurig, liebkoste sein Händchen und redete von baldiger Genesung. Ein bestimmtes Gefühl sagte mir hierbei, daß auch dieser zuversichtliche Mann in diesem einen Falle einem Mächtigeren gewichen sei; auch Helvetius hatte keine Hoffnung mehr. Ich war am Fußende des Bettes stehen geblieben und schaute das Mädchen an, während Mutter und Arzt sich neben ihm beschäftigten. Laie wie ich war, verstand ich den Fall; das war die tückische Krankheit, die ihre Opfer mit Rosen schmückt, die ein helleres Licht in ihren Augen entzündet, wärmere Lebensfreude in ihr Blut zaubert und sich nur still, heimlich und atemraubend auf ihre Brust legt, wie ein Vampir unter Liebkosungen eine Seele aussaugt. Wenn man den leisen Husten nicht hörte, der das Kind würgte, so mußte man es für gesund halten in seiner leuchtenden Fieberschönheit. Und es war offenbar, daß das junge Wesen selbst sich dafür hielt; denn während Arzt und Mutter sich flüsternd berieten, nickte es mir sorglos über die Länge des Bettes weg einen Gruß zu und blinzelte verschmitzt mit den Augen nach jenen beiden hin. Ich trat näher und beugte mich über sein Lager, weil mir war, als wolle es etwas sagen. Da flüsterte es rasch: »Es fehlt mir nichts! Mutter ist nur so ängstlich! Alte Frauen sind immer so wunderlich!« Und ich – was sollte ich tun? Ich ging halb unbewußt auf den schelmischen Ton des Kindes ein, spottete über das Unwesen von Aengstlichkeit, das alle Mütter mit ihren Kindern trieben, bat aber die Kleine doch, um jener zitternden Mutterliebe willen die Kluge und Nachgiebige zu spielen und sich den Anordnungen des Arztes gehorsam zu zeigen. Sie lächelte verständnisvoll und versprach es. »Natürlich tue ich ihr den Willen,« sagte sie mit ihrem tonlosen Stimmchen, »weil sie sonst stürbe vor Sorge. Auch wird es mir nicht schwer, im Bett zu liegen, denn wenn ich aufstehe, bin ich immer so müde. Ich bin eine große Faulenzerin. Aber krank bin ich nicht.« Dessen versicherte ich sie nun auf das nachdrücklichste, und es schien sie zu freuen. Wir plauderten noch einige Minuten, dann brach Helvetius auf, und ich folgte ihm. Die glänzenden Augen der kleinen Susanne schauten mir nach mit einer warmen Bitte um Wiederkehr. Diese Bitte wiederholte nach einigen Tagen die Mutter in sichtlicher Verlegenheit. Susannen habe es mein buntes Kleid angetan, erläuterte sie selbst tief errötend, sie frage immer nach Hofsitten und Hofgeschichten, und da die Mutter ihre Neugier nicht befriedigen könne, so rede sie zuviel und errege sich über Gebühr. Ich versprach schnell, zu jeder beliebigen Stunde kommen und alles auskramen zu wollen, was ich an Festen, Maskenbällen, Kleiderpracht und Schmuck der königlichen Gemächer je erlebt, um diese echte kleine Pariser Bürgerin zu befriedigen. Ja, ich überlegte mir auf dem ganzen Wege zu ihr noch ernstlich, was für Farben etwa diese oder jene große Dame getragen, wie die spielenden Bilder der Feuerkünste in den königlichen Gärten einander gefolgt seien und welche Gerichte auf die Tafel gesetzt zu werden pflegten, nur um recht eingehend schildern zu können. Ich ertappte mich dabei auf großer Unwissenheit, so wahr ist es, daß wir meist mit geschlossenen Augen dahinleben. Aber ich dachte, ein wenig Phantasie sollte mir wohl aushelfen. So war es denn auch, und was habe ich dem sterbenden Kinde da nicht alles erzählt! Von allen Großen des Hofes, vom Könige selbst, von der lieben Herzogin von Burgund, von Monsieur, der immer von Bändern förmlich flatterte und von Diamanten funkelte; von den Prinzessinnen, die heimlich in ihren Zimmern Pfeife rauchten und dafür vom König gescholten wurden; von der furchtsamen Prinzessin Harcourt, die morgens in ihrem Bette mit Schnee beworfen oder in ihrer allerzierlichsten Reverenz durch das Explodieren einer Knallerbse unter ihrem Reifrocke gestört wurde; vom Dauphin, dem die Weiber der Halle ein Genesungsständchen gebracht und der ihre Sprecherin dafür auf den Mund küßte; von den Schokoladekisten des Jesuitengenerals, an deren Inhalt sich naschende Packträger die Zähne ausgebissen, weil die Tafeln inwendig aus massivem Golde bestanden; von der Gräfin Fiesco, die ein Landgut verkauft hatte, um für den Erlös einen tadellosen Spiegel zu erstehen; von Frau von Navailles, der letzten Frau in Frankreich, die noch eine Witwenbinde trug, und tausend ähnliche Dinge. Ich hatte vorsichtig zu wählen, denn da, als ich in Korridoren und Gardenstuben den Klatsch aufgelesen und gesammelt, hatte ich nicht bedacht, daß ich diesen am Lager eines unwissenden Mädchens verwenden würde; und ich hatte das Gewählte eingehend zu überdenken, denn meine Zuhörerin verhörte peinlich über alle Einzelheiten. Es geschah einmal, daß ich mich an den Kämmerer Siguin machte und mir die Garderobe des Königs zeigen ließ, da ich denn vergessen hatte, was für Knöpfe er an einem violetten Samtwams getragen, als er der Königin-Witwe von England in St. Germain einen Kondolenzbesuch gemacht. Wenn ich erzählte, saß ich dicht neben Susannens Bett und stützte nicht selten meinen Arm auf das Kissen, auf dem ihr blonder Kopf lag. Ihre dunkelblauen Augen leuchteten zu mir empor, die Fieberrosen ihrer Wangen glühten und blühten, leise streifte ihr heißer, unruhiger Atem meine Wangen. Aber ihr hellroter Mund lächelte, und schwieg ich einmal still, so flüsterte sie: »Weiter, weiter!« Und ich erzählte unermüdlich. Es begann indes schon nach kurzer Zeit an mir zu nagen, daß ich die Seele des sterbenden Kindes mit solchem Kram sättigte, und Helvetius' Kopfschütteln, als er mir einmal lauschte, ging mir zu Gewissen. Vorsichtig begann ich bald da bald dort andre Bilder einzuschieben und war erfreut, daß sie Susanne nicht verwarf. Mir schien es, ich könne diesen jungen Geist nicht so lebensfremd hinweggehen lassen aus dieser ernsten Welt hinüber in eine ernstere vielleicht. Sollte sie den Schauer nicht gekannt haben, den wir alle einmal empfinden, wenn wir zum erstenmal das Antlitz der Schicksalsgöttin sehen? Sollte sie sterben, ohne zu wissen, was der Tod sei? Vielleicht wäre es barmherziger gewesen. Ich aber dachte mir: »Wenn du drüben anlangst, Susanne, wirst du da weiterlernen müssen, wo du hier aufgehört hast. Du weißt aber nicht das Alphabet des Lebens. Einige Buchstaben will ich dich wenigstens noch lehren, damit du nicht gar so unwissend vor deinen Schöpfer trittst.« Jetzt trat ein ernster Unterricht an die Stelle des frivolen Geplauders. Zwar hütete ich mich, Schreckensbilder zu beschwören, aber alles, was groß und streng und tüchtig war, rief ich auf, damit die kleine dunkle Seele da den Begriff Leben noch einmal in seiner furchtbaren Schönheit erfasse. Wenn ich von Kriegen sprach, zählte ich die Toten nicht auf, malte nicht die Brandröte zerstörter Städte; aber von langen Märschen in Winternächten oder in Sonnengluten sprach ich, von Nächten am Lagerfeuer, wo Mensch und Mensch sich verbrüdert, von zitternden Stunden im Hinterhalt, von Heldentaten auf erstürmten Mauern und von Akten der Treue an Mensch und Tier. Wenn der Krieg das Schlechteste in uns wachruft, so ruft er auch das Beste wach, und es kommt nur darauf an, es zu sehen. Auch von großen Arbeiten sprach ich gerne, ließ fliegende Brücken über Strömen erstehen, schilderte den Bau der königlichen Segler auf den Werften zu Dieppe und Kerkemünde, die Wälle aller Festungen, die ich je gesehen, die Kanäle der Eure. Und zum erstenmal im Leben bedauerte ich auch, kein Gelehrter zu sein, um wie Chartres über die Macht des Menschengeistes über die verborgenen Kräfte dämonbelebter Gesteine reden zu können. Jetzt lächelte Susanne nicht mehr so viel. Aber ein schönes tiefes Licht lag in den blauen Augen, und wenn ich schwieg, so rief sie nicht mehr »weiter!«, sondern blickte sinnend vor sich hin, das Gehörte verarbeitend. Manchmal sagte sie ernsthaft: »Danke!« und manchmal flüsterte sie Worte des Staunens und der Ergriffenheit. Dann geschah es einmal, daß ich unversehens den Arm quer über ihr Kopfkissen legte. Sie hob mit einer unschuldigen Bewegung das blonde Haupt und legte es, näherrückend, auf diesen Arm. Und so blieb das nun immer, solange ich mein Erzähleramt ausübte. Wenn ich in diesen Wochen von St. Cloud gen Paris ritt, so pflegte ich im Walde abzusteigen, um einen Strauß Blumen für meine Kranke zu sammeln. Die blauen Frühlingsblüten waren nicht so blau wie ihre Augen, die weißen nicht so weiß wie ihre Stirn, die der große Engel geküßt hatte. Sie freute sich jedesmal sehr über diesen Gruß aus den grünen Wäldern, und manchmal rechnete sie mir leise die Zeit vor, die etwa noch verstreichen müsse, bis sie selbst hinausgehen und Kränze winden könnte, und was für Blumen dann wohl schon blühen würden. »Rosen vielleicht? Die kommen in vier oder fünf Wochen,« fragte sie mit einem neuen Klange von Sehnsucht in der Stimme. »Werde ich dann wohl genesen sein?« »O – in fünf Wochen? Das ist eine ewige Zeit! Unbedingt wirst du dann längst genesen sein,« antwortete ich dann, und weiß Gott, ich meinte, was ich sagte. Genesen? Ja, gänzlich! Mit dem Frühling schien die Ungeduld über Susanne gekommen zu sein, Sie wollte nicht mehr krank sein, sie wollte hinaus, wollte aufstehen, am Fenster sitzen, den Himmel sehen, die Vögel hören. Das Haus, in dem sie wohnte, stand in einer engen Gasse, ein bißchen Sonnengold spiegelte sich in den gegenüberliegenden Fenstern, und an einem derselben hing in einem Käfig eine gefangene Nachtigall. Da rückten wir das Bett der Kranken ans Fenster, daß die weiche, warme Luft des Pariser April mit ihren Haaren spielen konnte. In ihren Augen spiegelte sich das Streifchen Himmel über der Gasse. Jetzt gab es lange, sonderbare Pausen in unsern Gesprächen. Mir hatte es plötzlich scheinen wollen, als ob der rastlose, laut schluchzende Vogel am Fenster drüben meine Stimme übertöne, daß Susanne ihm mehr lauschen müsse als mir. Dann dachte ich: ›beides zusammen ermüdet das Kind‹, und schwieg. Susanne lag nun halbe Stunden lang still mit halbgeschlossenen Augen, immer aber noch mit dem Kopfe auf meinem Arme, der manchmal ganz steif ward von der kleinen Last. Einmal wagte ich es, um mir die Sache zu erleichtern, ganz sachte näher zu rücken, daß ihr Kopf mehr gegen meine Brust und Schulter gelehnt blieb; Susanne lächelte ganz leise vor sich hin, ohne die Lider zu erheben, aber die Stellung änderte sie nicht. Die Mutter und Helvetius sahen dies und schwiegen. Die Frau mochte jetzt auch begriffen haben, wie es mit dem Kinde stand, und wirklich bedurfte es jetzt schon keines Gelehrtenblickes mehr, um das zu verstehen. Da es ihr schwer werden mochte, ihre Tränen zu verbergen, ging sie oft aus der Stube und ließ mich mit Susanne allein. Da bemerkte ich, daß jedesmal, wenn die Mutter die Türe hinter sich schloß, Susannens Köpfchen sich um ein weniges fester gegen meine Schulter drückte als vorher; zugleich hob sie auch immer die Lider, die schon ein bißchen schwer schienen vom Schlaf der Ewigkeit, und blickte mir etwa drei Sekunden lang mit tiefem, leuchtendem Ausdruck in die Augen. Dann senkte sie die Wimpern wieder, lächelte vor sich hin und schwieg. Ich verstand sie wohl, die arme Kleine! Der Mönch von Marlaigne wird mir verzeihen, daß ich in diesen Stunden mein Gelübde vergaß. Es geschah nämlich einmal, daß nicht nur die Lider sich hoben, auch das kleine, fieberheiße Mündchen hob sich ganz unmerklich mir entgegen. Mir erzitterte das Herz vor Mitleid, und fest schloß ich meine Lippen auf diese brennenden und trockenen, die mich suchten. Als ich mich von ihnen löste, streifte ein kaum vernehmliches Geflüster wie ein Hauch an meiner Wange hin: »Ich bin sehr glücklich!« Von da an brachte ich jede Stunde, die ich meinem Dienste rauben konnte, neben Susannens Lager zu. Sie nannte mich vertrauensvoll ihren Bräutigam, und jetzt rechnete sie die Zeit nicht mehr nach um der Blumen willen. Sie dachte an Hochzeit und Aussteuer. Es waren immer noch vier, fünf Wochen, die sie sich gönnen wollte, ehe sie mit der letzteren begann. Aber in ihrem Gesichtlein stand bangere Ungeduld. Einmal verfiel sie auf den Gedanken, im Bette zu nähen, für den notwendigen Hausschatz vorzuarbeiten, damit wir die Hochzeit beschleunigen könnten. Sie gab es schnell genug auf. Die Mutter ließ alles geschehen ohne ein Wort des Einwandes, nachdem sie mit mir nur einen einzigen qualerfüllten Blick getauscht. Helvetius bekundete seine Freude an der Verlobung, gratulierte, neckte und brachte ein schönes Hochzeitsgeschenk: ein Stück zarter flämischer Spitze. Dieses nähte die Mutter später in der Nacht der Totenwache an Susannens Bahrtuch. Wir waren noch vierzehn Tage glücklich, oder vielmehr Susanne war es und sprach es täglich aus, täglich mit matterer Stimme. Dann kamen stürmische, regnerische Tage, plötzliche Kälte, als hätte der Wettermacher droben seines Kalenders vergessen; im Februar war es nicht so kalt gewesen. Man weiß, wie solche Wechsel auf derartige Kranke wirken. Eine plötzliche Verschlimmerung trat ein, in wenig Tagen war das schwache kleine Leben fast ohne Kampf überwunden. Das letzte Wort, das Susanne gesprochen hat, war das Glücksgeständnis, das sie nach ihrem ersten Kusse mir ins Ohr gehaucht. Ich hoffe, dieses Wort wird für mich eintreten, wenn am Tage aller Tage der richtende Engel mich dem Mönche von Marlaigne gegenüberstellt. 13 Wenige Wochen nach dem Begräbnisse Susannens kehrte der Tod auch in St. Cloud ein. Monsieur starb. Man sagt, daß es gefährlich sei, zornigen Gemütes zur Tafel zu gehen. Monsieur hatte sich an jenem Morgen in Versailles mit dem Könige gezankt, daß der Türsteher sich veranlaßt gesehen hatte, ins Gemach zu treten und die allzulaut Schreienden zu warnen; denn draußen in der Galerie hatte sich bereits ein Trüpplein Neugieriger gesammelt. Abends in St. Cloud hatte Monsieur noch vor Wut gezittert. Man hatte aber längst bemerkt, daß er in solchen Fällen, entgegen dem Rat seiner Aerzte, besonders viel und gierig aß. Da hatte ihn denn bei der Tafel der Schlag gerührt. Es war eine geschäftige Zeit in St. Cloud, denn zweihundert Menschen oder mehr bangten um ihr Brot. Mir hatte gleich in der ersten Stunde ein Händedruck Chartres' die Gewißheit gegeben, daß für mich der Tod Monsieurs keine Aenderung zu bedeuten habe. So blieb ich, entgegen der Sitte, die in gegebenen Zeiträumen einen Wechsel der Gardes en quartier und besonders des Kapitäns vorschrieb, nach wie vor in St. Cloud. Für Philipp von Chartres war der Wechsel der Dinge ein beträchtlicher, aber nicht, wie viele von uns erwarteten, zu seinen Ungunsten. Gleich nach dem Tode seines Vaters hatte dieser unbegreiflich siegreiche Mensch durch ein einziges Wort, durch eine Geste, hinreißend und rührend in ihrer Grazie, das Herz des Königs so zu gewinnen gewußt, daß dieser den mißratenen Neffen, wie er ihn bisher genannt, mit Zärtlichkeiten und Wohltaten förmlich überschüttete. Der Herzog von Chartres wurde Herzog von Orleans, und zwar mit einer Pension, die ihm jährlich etwa hunderttausend Livres mehr auszugeben gestattete, als sein Vater ausgegeben hatte. Alle Ehren und Vorrechte Monsieurs gingen auf ihn über, alle Einkünfte von Bistümern und Provinzen, seine Regimenter zu Pferd und zu Fuß, sein Kanzler, seine Stimme im Parlament – ja, wie ein Sohn Frankreichs selbst behielt er Monsieurs Garden und Schweizer und mit diesen sogar in Versailles seine eigne Gardenstube. Der Dauphin besaß kaum größere Vorrechte als er. Und die Eifersucht der Prinzen von Geblüt machte wohl vierzehn Tage lang den König zum geplagtesten Manne Frankreichs und Versailles zum Schauplatze ärgerlicher Szenen, bis Seine Majestät auch jenen andern ihre Pensionen erhöhte und somit Frieden schuf. Als ich mit dem neuen Herzog von Orleans das erstemal nach dem Begräbnis Monsieurs zusammentraf, glaubte ich ein Wort der Anerkennung über des Königs Verhalten, einen halben Glückwunsch zu Philipps neuer Stellung äußern zu müssen. Er hörte mit unruhigem Ausdrucke zu und wehrte ab. »Zu viel und zu wenig,« sagte er finster. »Du hast nicht gehört, mit welch zierlicher, kleiner Rede der König mich in meine Würden eingesetzt und wie ich ihm darauf geantwortet habe. Es ist alles in schönster Ordnung zwischen uns.« »Das wäre noch kein Grund, so bitterböse dreinzusehen,« wagte ich einzuwenden, aber Orleans nahm diese Bemerkung so übel auf, daß er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Vor acht Jahren hast du anders zu mir gesprochen,« schrie er außer sich, »und doch war damals der Schimpf noch fast geringer als heute. Welchem Verdienste verdanke ich denn diese außerordentliche Bevorzugung? Doch allein dem glücklichen Umstande, daß ich eine Tochter der Geliebten des Königs zur Frau habe – wenn nicht auch ein bißchen dem schlechten Gewissen meines Oheims, der ganz genau weiß, wieviel alle diese Umstände dazu geholfen haben, das Leben meines Vaters zu verkürzen.« So hatte ich das Ding freilich noch nicht betrachtet, und zum ersten Male in meinem Leben fühlte ich erschrocken, wie rasch uns die Zeit abnutzt. Wenn ich an die hohen Tugendforderungen, an den Stolz meiner jungen Jahre dachte, so ging's mir wie einem Manne, der einen guten Samtpelz lange und sorglos getragen hat, als müsse er ewig halten; plötzlich bläst ihm der Wind durch die Löcher, und wie er ihn ansieht, findet er ihn fadenscheinig und voll von Schäden. Immerhin kam mir der Gedanke, daß Orleans seinen Samtpelz gut geschont haben müsse, das heißt, er hatte ihn immer nur zu besonderen Gelegenheiten getragen, und so antwortete ich nun meinerseits etwas gallig: ich würde mir an seiner Stelle nicht durch solche Deutungen die schöne Erbschaft verleiden. Friede sei ein gutes Ding, auch zwischen Verwandten, und der König habe jedenfalls mit guter Miene die Hand dazu geboten. »Sei's um das schlechte Gewissen,« fügte ich hinzu; »es ist immerhin schon bewunderungswürdig, wenn ein Monarch von Frankreich solchen Regungen folgt. Er konnte sich in seinem Rechte fühlen – denn Eure Hoheit weiß wohl, daß jedes Ding zwei Seiten hat.« Wir waren zum Glück nicht mehr die zwanzigjährigen Heißsporne, die wir gewesen, sonst hätte diese Unterredung einen neuen Riß in unsre Freundschaft machen können, den vielleicht kein Savoyarde der Welt zu heilen vermocht hätte. Aber Orleans war ein Mann geworden, der Offenheit auch von einem Untergebenen verträgt, und übrigens klug genug, sich zu sagen, daß ich wahr spräche. Der König liebte nun einmal die dicke Holzpuppe, so unähnlich sie ihrer eleganten und witzigen Mutter auch sein mochte, mit wahrhaft väterlicher Zärtlichkeit; und die dicke Holzpuppe liebte ihren schönen und begabten Gemahl, der sie mit Füßen stieß. Gott weiß, wie manche Stunde menschlichen Elendes der König da durchgekostet haben mochte, wenn die mißhandelte Tochter weinend von ihm die Wahrung ihrer ehelichen Rechte forderte und er am eignen Vaterherzen – und das war bei dem alternden Manne sehr weich! – alle die Schmerzen erleiden mußte, die er selbst einst gedankenlos seinem Weibe zugefügt! Was Orleans »schlechtes Gewissen« nannte, war wohl schlechtweg bittere Neue, und wahrlich! in einem Manne wie Ludwig verdiente dieses Gefühl Achtung und Mitleid. So stellte ich es Orleans dar, und er hörte mich gedankenvoll an. Dann sagte er halb lächelnd: »Meinetwegen, du Prediger sanfter Vergebung, sehen wir denn die Sache so an! Ich habe ja auch schon versprochen, mein Bestes zu tun.« Es folgte nun wirklich eine Zeit erträglichen häuslichen Friedens zwischen dem herzoglichen Ehepaar. Die Trauer um den Vater verhinderte Orleans, viel auszugehen, so nahm er gern und häufig an den Appartements in Versailles teil, die der Todesfall auch keinen Tag unterbrochen hatte. Der König sah sein fleißiges Kommen mit offenbarem Wohlgefallen, und augenscheinlich beglückte ihn auch die freudig zur Schau getragene Zufriedenheit seiner Tochter. Diese war wenigstens ehrlich genug, den Schwiegervater, der ihr das Leben sauer gemacht hatte, nicht zu betrauern, sondern ergab sich mit der ganzen Kindlichkeit ihres beschränkten Geistes der neuen Lust, in Versailles eine Rolle zu spielen und in St. Cloud nach eignem Sinne Hof zu halten. Madame überließ ihr bereitwillig das Feld, folgte selbst dem Hofe Ludwigs, so sehr sie auch alle die Jahre her über seine Laster geschmäht haben mochte, und nahm fast stehenden Aufenthalt in Versailles: bis zu diesem Grade hatte die Aussicht auf klösterliche Verbannung diese borstige Deutsche zahm gemacht. Nun hatte sie ihrem Sohne, er ihr nichts mehr vorzuwerfen. So war also zwischen diesen Mitgliedern der königlichen Familie wenigstens ein leidlicher Friede hergestellt, der niemand mehr zu beglücken schien als den König selbst. Es hatte augenscheinlich schwer auf ihm gelegen, daß er selbst in seinem Hause das Sinken seiner Autorität hatte fühlen müssen, während zu gleicher Zeit das Verhalten der Mächte Europas ihn nicht im Zweifel lassen konnte, wie es um diese Autorität nach außen hin stand. Seit dem Frieden von Ryswyk war dem gedemütigten Manne öfters ein Seufzer über die Mühsal hereinbrechenden Alters entflohen, und das banale Wort, das jeder Sterbliche mehr oder minder oft ausspricht, hatte mich aus Ludwigs Munde geradezu erschüttert. Ich sprach in diesem Sinne auch einmal zu Philipp von Orleans, fand aber nur ein mäßiges Verständnis für diese menschlichen Betrachtungen auf seiner Seite. Da er längst gewohnt war, in allerungebundenstem Vertrauen zu mir zu reden, bekannte er unverhohlen, daß er für Ludwig keinerlei Mitleid empfände. »Menschen von Geist und Herz,« sagte er kühn, »brauchen nicht zu altern, büßen ihre Autorität nicht ein. Ludwig mangelt es an beidem. Unwissend in den gewöhnlichsten Dingen und zu träge, sich Wissen anzueignen; blind, vorurteilsvoll und abergläubisch; Schmeicheleien zu jeder Stunde und in jeder Form zugänglich; spielerischen Sinnes, nur von Aeußerlichkeiten beeinflußt; despotisch und stets nur darauf bedacht, jeden seine Macht fühlen zu lassen, mit dieser Macht zu spielen, ihre Tragfähigkeit durch die albernsten Launen zu erproben; im übrigen sentimental, ohne gut zu sein, sinnlich ohne Liebe, verschwenderisch an Wohltaten ohne Gefühl für wahres Verdienst – so hat er sich sein Leben lang durch keine andre Tugend tragen lassen als durch den großen persönlichen Zauber seiner Erscheinung und seiner leichten Rede. Das aber sind Gaben, die dem Alter nicht widerstehen. Er darf sich nicht beklagen, wenn sie ihn jetzt im Stiche lassen.« Ich mußte wohl zugeben, daß Philipp unbedingt wahr sprach, und, um die Wahrheit zu gestehen, es erleichterte mir sogar das Herz, ihn so sicher in Worte fassen zu hören, was ich im stillen oft gedacht hatte, ohne es indes vor mir selbst laut werden zu lassen. Dennoch wagte ich einen Widerspruch, der mir indes nicht ganz ehrlich von den Lippen kam; schien es mir doch, es sei Untertanenpflicht, die Fehler eines Fürsten zu entschuldigen, wie ein Kind nicht zu hart über seinen Vater urteilen darf. Philipp aber schnitt rasch mein gestammeltes Plaidoyer ab. »Glaube mir,« sagte er ernst. »Wir, die wir ihn nie in seiner vollen Größe gesehen haben, haben ihn auch nie in seiner ganzen Lächerlichkeit gekannt. Meine Mutter hat mir oft erzählt, wie er vor versammeltem Hofe die endlosen Opernprologe zu singen pflegte, die zu seinem Ruhme verfaßt waren, wie er die gröbsten Schmeicheleien darin herausgriff, wiederholte, sich an ihnen ergötzte! Wie ein Mann, der König mit dem Suppenlöffel aß, käme er ihr vor, so sagte sie. Und wie sang er! falsch, stimmlos, ohrenzerreißend! Diese Eitelkeit allein genügt, eine Autorität zu untergraben, dazu braucht es erst keiner verlorenen Schlachten.« »Nein,« rief ich aus, »das geht zu weit! Jeder Mensch begeht Torheiten, warum soll ein König verpflichtet sein, keine zu begehen? So schwer darf ihm eine verzeihliche Eitelkeit nicht angerechnet werden.« »Was nennst du Torheiten?« fragte Orleans lächelnd. »Auch ich begehe solche, und der Mensch, der keine beginge, täte mir leid. Aber es müssen Torheiten sein, über welche die andern nicht lachen, und gelacht hat wohl über mich noch keiner.« »Torheiten, über welche wir nicht lachen können, nennen wir Laster,« warf ich ein. Orleans aber, ohne sich im geringsten verletzt zu zeigen, antwortete ruhig: »Ein Fürst darf auch eher lasterhaft sein als lächerlich.« Und da ich hierauf keine schlagende Antwort wußte, brach ich das Gespräch mit einem Achselzucken ab. Kurz nach jener Unterredung erfolgte ein Ereignis, welches Orleans' Worte bestätigen zu wollen schien: Chiari am Oglio. War es schon bitter genug, daß unser bester General von ebendem Manne geschlagen werden mußte, dessen Dienste Ludwig XIV. einst hohnlachend verschmäht hatte, so war es wie ein sichtbares Zeichen des Gotteszornes, der blendet, ehe er fällt, daß gerade Villeroy, der doppelzüngige Schwätzer, der Prahlhans und Schmeichler, nun hin ins Mailändische geschickt wurde, um die verlorene Sache zu retten. Philipp von Orleans wurde blaß vor Wut, als er es hörte. »Solche Menschen wählt der König zu solchen Aemtern,« rief er, meinen Arm pressend, daß er ihn fast zermalmte. »Bedauerst du ihn nun noch immer? Er hat nun, was er will: Honig um seinen großen Mund – daran laß ihn nun lecken! Er wird bald genug nach Sennesblättern schreien.« Und so geschah es. Honig waren Villeroys Briefe aus Italien, Honig die Versprechungen des Herzogs von Savoyen, Honig die Sentenzen der Minister, der Generäle und sämtlicher Höflinge. Den ganzen Winter hindurch leckte der König daran. Alles mußte aufs beste gehen, war doch die Armee begeistert, strotzten doch die Magazine von Vorräten, waren doch die neuen Waffen unübertrefflich, die Stellungen der Heerkörper die allergünstigsten, die doppelte Verbrüderung mit dem Herzog von Savoyen die sicherste Bürgschaft treuer Unterstützung. Der unglückliche Catinat, der bei Chiari vergeblich den Tod gesucht, kam nach Paris und wagte einige Worte zu seiner Verteidigung; da diese sich gegen den Mann richten mußten, der jetzt Kriegsminister und Generalkontrolleur in einer Person und obendrein dem König wegen seiner Fertigkeit im Billardspiel unentbehrlich war, so kann man sich denken, wie sie aufgenommen wurden. In süßester Sicherheit tanzte der Hof ins neue Jahr hinein. Bei der kleinen Herzogin von Burgund wurde Theater gespielt, sie selbst zeigte sich als Athalie, eine sanfte, ins Anmutige übersetzte Athalie, die einem artigen Kinde glich, das sich im dunkeln Zimmer vor Gespenstern fürchtet. Im Hotel Conti führte Longueville seine Elektra auf, die so griechisch war wie seine Sitten. Und dazwischen kreisten Villeroys interessante und stilvollendete Briefe vom Kriegsschauplatz, die besonders den Beifall der Damen des Hofes fanden. Orleans prophezeite nicht mehr, nur von Zeit zu Zeit einmal blickte er lange und sinnend nach dem Könige mit solchem Ausdrucke, als ob er dem verschworenen Mitleid doch etwa noch zugänglich sei. Dann kam der Februar. Da wurde Villeroy bei Cremona vom Prinzen Eugen gefangengenommen, und nur der allerwunderbarste Zufall hinderte den siegreichen Führer der Kaiserlichen, seinen Erfolg so auszunutzen, wie er es gekonnt hätte. Der Herzog von Savoyen erklärte sich offen für Oesterreich, und um auch nach jeder andern Seite hin die Lage zu komplizieren, trat Marlborough in ein ebenso unverhohlenes Einverständnis mit dem Prinzen Eugen, und hinter den beiden großen Feldherren hoben die Mächte wieder ihre geduckten Köpfe. Jetzt erzitterte der ganze Hof in einem einzigen hellen Aufschrei der Wut; nur Orleans schwieg und vermied es auch, mir gegenüber die Sache zu berühren. 14 Ein kurzes Aufatmen war uns vergönnt, als in den ersten Frühlingstagen 1702 der Tod den gewaltigsten Feind Frankreichs, den Oranier, hinwegnahm. Nun saß eine kleine, alberne und launenhafte Prinzessin auf dem englischen Throne, und schon glaubten unsre Generäle, im Garten dieser Frau billige Lorbeeren pflücken zu können, als Schlag auf Schlag die Kriegserklärung Englands, der Niederlande, die Belagerung von Kaiserswerth durch den Kurfürsten von Brandenburg und der Verlust mehrerer flandrischer Festungen uns weckte. Es half nichts, daß in Versailles die Taktik der Generäle kritisiert, daß zwischen dem Könige und Chamillart Kriegspläne ausgearbeitet wurden, es half auch nichts mehr, daß der Bastard Maine zurückgerufen wurde, den der verblendete Vater auch diesmal wieder dem Marschall Boufflers als Bleigewicht an die Glieder gehängt hatte: Posten auf Posten ging dahin. Bei jeder neuen Trauernachricht zuckte Orleans die Achseln und lächelte einen Moment wie über die Erfüllung einer langgehegten Erwartung; im übrigen sah man wohl, daß die Sache auch ihm naheging. Ich wagte es, einen Augenblick weicher Stimmung wahrnehmend, ihn über seine Ansichten in betreff der Kriegführung zu fragen, und ob er eine Möglichkeit sähe, den verfahrenen Karren aus dem Schmutze zu heben. Er antwortete: »Ja, wenn du ihm neue Räder bautest! An den Generälen liegt's nicht, daß nichts geleistet wird, es liegt an der Armee, an Chamillart und seinen Kreaturen, die unsre Soldaten hungern und frieren lassen, um sich selbst zu bereichern.« Und er erzählte mir die Kunde, die der Herzog von Burgund aus Flandern mitgebracht und die in Versailles nur flüsternd und nur an ganz bestimmte Personen weitergegeben werden durfte. »Hätten wir Louvois noch,« fügte er seufzend hinzu, »so fänden sich wohl auch die Luxembourgs und Turennes. Einer schlecht unterhaltenen und schlecht bewaffneten Armee könnte selbst ein Feldherr wie Alexander kein Feuer einblasen.« Und als ich blindlings die Frage tat, ob denn dem König über derartige Zustände nicht die Augen zu öffnen wären, bedeutete er mich mit einer Geste des Mitleids: »Denkst du, daß er die Misere nicht sieht? Besser als irgendein Mensch, wenn er es auch nicht besprochen haben will. Aber das ist ja eben der Fluch des Alters in Naturen wie die seine: er wüßte wohl, was zu tun wäre, aber er zittert vor der Ausführung, Trägheit bindet ihm Arme und Verstand, er kann wünschen, aber nicht mehr wollen . Alles an diesem Manne war von jeher Impuls. Die Vernunft in ihm, die einstens nicht stark genug war, seine allzu heftigen Triebe zu mäßigen, ist heute auch nicht stark genug, die erschlafften Triebe zu spornen. So hinfällig ist eine Größe, die nur der glückliche Instinkt hervorgebracht hat.« Diese Philosophie machte mich nachdenklich, und ich fragte, was denn nach Philipps Ansicht ein Mensch tun müsse, um einem solchen Verfalle zu entgehen. »Seinen Geist bereichern und so stählen,« sagte er rasch, »daß er spielt wie eine federnde Klinge, vor keiner Arbeit erschrickt, nie um Mittel verlegen ist, alles aus sich selbst schöpft und von andern wohl beraten, aber nie beeinflußt werden kann. Ein solcher Geist war Wilhelm von Oranien, und wenn ich König wäre, so wollte ich wohl auch beweisen, daß ich ein solcher bin. Halte dies nicht für Prahlerei! Ich will wohl noch Gelegenheit finden, zu beweisen, was Geistesarbeit leisten kann.« »Wie und wo, um Himmels willen, sollte Eure Hoheit das je beweisen?« rief ich ihm höchst erschrocken ins Gesicht, denn ich merkte wohl, daß er in bestimmter Absicht sprach, und faßte alsobald den fürchterlichsten Verdacht. Er aber lachte harmlos und sagte: »Hast du nie einen kleinen Jungen gesehen, der in seinen schwachen Händchen drei große Aepfel hält, deren er keinen anbeißen kann? Siehst du, unser König ist dieser törichte Knabe, und die drei Aepfel sind die Kronen von Frankreich, Spanien und die von England, die er entgegen jedem Rate für das Kind Jakobs II. verteidigen will. Glaubst du nicht, daß ihm früher oder später einer der drei Aepfel unter den Armen durchgleiten und zu Boden fallen wird? Jeder, der das goldene Vlies trägt, ist dann berechtigt, ihn aufzuheben.« Und er legte die Hand auf das erhabene Zeichen an seiner Brust. »Wenn Eure Hoheit warten will, bis der Apfel am Boden liegt, so bin ich beruhigt,« sagte ich erleichtert. Dann wendete sich das Gespräch auf andre Dinge. Ich aber habe dieses hier aufgeschrieben, weil ich mich seiner in späteren Tagen noch gar oft entsinnen mußte. Es schien übrigens bald, als ob Orleans seine schöne Lehre von der Vernunft, die den Instinkt bändigt, nicht auf sich selbst anzuwenden gewillt sei, denn kaum war das Trauerjahr zu Ende, als er auch schon sein altes Leben wieder aufnahm. Immerhin hatte ich wirklich bei ihm das Gefühl, daß er seinen Leidenschaften nur so weit die Zügel ließ, wie etwa ein guter Reiter sie einem Pferde läßt, das er sicher in der Hand hält. Daneben trieb er wieder emsig seine Alchimie, aber auch Geschichte, Kriegswissenschaft und alle jene holden Künste, mit denen die Natur ihn so verschwenderisch begabt hatte. Er schrieb eine Oper, die nicht schlimmer war als die meisten derer, die wir bei Hofe zu hören bekamen; auch sammelte er Bilder und wertvolle Handschriften und zeigte für alles die gleiche sprühende Begeisterung. Ich gewann in der Tat die Einsicht, daß aus einer solchen Vielseitigkeit und Beweglichkeit des Geistes einem Menschen ewige Jugend erwachsen müsse, gleichsam eine innere Geschmeidigkeit, gegen die das Alter mit seiner schlimmsten Gefahr, der Trägheit, nicht aufkommen konnte. Aber Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien, die beiden Männer, auf welche Orleans gerne hinwies als Beispiele eiserner Unermüdlichkeit – sie waren beide nicht alt geworden. Mir unterdessen floß in stillen Bahnen ein einförmiges Leben dahin, ein müheloser Dienst beschäftigte mich ungenügend und nur äußerlich, Bücher, Künste und Leidenschaften waren mir gleicherweise versagt, und öde gähnte mir jeden Morgen das Gewohnte und Hergebrachte entgegen. Unbedeutenden Naturen ist es nicht gegeben, sich aus den Ereignissen der Zeit einen Herzensinhalt zu bilden, sonst hätte das laufende Jahr mich wahrlich mit Sorgen und Aufregungen genügend beschäftigen können; Leute meines Schlages brauchen einen Menschen , der ihnen Welt und Zeit vermittelt, und dieser Mensch war seit jener eigenartigen Unterredung Philipp von Orleans für mich geworden. Es war mir klar, daß er sich mit großen Plänen trug; eine eigentümliche Ruhe und Heiterkeit in seinem Gesichte ließ mich auch vermuten, daß er bestimmte Hoffnungen hege, und jenes kleine flüchtige Lächeln, mit dem er, wie schon erwähnt, jeden Bericht einer Niederlage Frankreichs empfing, zeigte mir deutlich, daß er die Ereignisse nur als notwendige Vorbereitungen zu seiner eignen Erhöhung betrachtete. Natürlich glaubte ich felsenfest an ihn, an sein glückliches Geschick, an die Reinheit seiner Absichten. Er sprach oft in kleinen Kreisen sowie auch zu mir allein seine Ansichten über das Verhältnis zwischen Fürsten und Volk aus und zeigte sich dabei durchaus als ein Mann, der praktischen Verstand mit hohen Idealen zu verbinden wußte. Während in solchen Gesprächen der junge Herzog von Burgund, in dem Fénelons Träumereien noch nachwirkten, sich gern in fromme Unmöglichkeiten verlor und geradezu die Forderung aussprach, daß Fürsten vor Gott eigentlich die Diener des Volkes sein müßten und als solche alle Interessen in den Dienst des Staates zu stellen hätten, berief sich der klügere Orleans einfach auf die in England eingeführte Staatsform, bei der Volk und Fürst wunderschön zu gleichen Rechten gelangten. Daß ein Parlament einem Könige den Prozeß machen konnte, gefiel ihm ungemein; freilich mußte er aber dabei in Betracht ziehen, daß die Engländer ein Volk wären, das unter allen Umständen seine eigne Würde zu wahren wußte und sich auch in den günstigsten Augenblicken nicht leicht zu einem Mißbrauche seiner Macht hinreißen ließ. Ob Frankreich unter gegebenen Umständen eine Revolution, wie die gegen Karl I. war, mit so viel Anstand durchführen würde, stellte Orleans in Zweifel; und wir, die wir mit stiller Erbitterung diese Verherrlichung unsers Erbfeindes mit anhörten, gaben ihm dennoch recht, denn wir hatten keine Argumente gegen ihn. Die Unerschrockenheit indes, mit der ein französischer Pair hier englische Sympathien aussprach, machte mich innerlich zittern, und wirklich sollte einmal der Tag kommen, wo Philipp seine Offenheit bereuen sollte. Doch davon später. Seit Philipp Herzog von Orleans geworden war und als solcher so sichtbare Beweise des Wohlwollens von seiten des Königs empfangen hatte, war seine Stellung bei Hofe die glänzendste. Immerhin liebte ihn niemand, und das einzig und allein um der Ueberlegenheit seines Geistes willen; wobei ich nur den Herzog von Burgund und Beauvilliers ausnehme, die ihm an Intelligenz und Wissenschaft nicht nachstanden, aber weniger scharf und unbarmherzig damit hervortraten. Die ganze übrige Höflingsschar fühlte sich vor Philipp von Orleans höchst unbehaglich, am unbehaglichsten aber der König selbst, der wirklich geradezu eine Antipathie gegen hervorragend kluge Menschen besaß. Philipp bemerkte ganz richtig, daß es in des Königs eigenstem Interesse sei, sich mit Menschen zu umgeben, die ein gut Teil unwissender seien als er selbst – freilich durchaus nicht im Interesse seines Landes! – und das war ein Punkt, wo die vielbesprochenen Theorien praktisch erhärtet werden konnten. Was gilt höher: das Prestige des Königs oder das Wohl des Landes? Natürlich das letztere! Soll aber wiederum ein König zu seinem Minister sprechen: »Mein Freund, ich bin in dieser Angelegenheit unwissender als du, bitte, belehre mich!« – wozu brauchte es dann einen König? Nach Philipps Ansicht gab es nur eine Lösung dieser Frage, und die lief auf seine sonstigen Neigungen hinaus: Bildung des Geistes wäre die erste Forderung, die an einen König gestellt werden müsse, allgemeines, umfassendes Wissen. Und da niemand sich verhehlen konnte, daß diese Forderung einen direkten Vorwurf gegen König Ludwig enthielt, und da niemand diesen Vorwurf grimmiger empfand als der König selbst, so erwuchs aus derartigen Umständen eine neue Mißstimmung gegen Philipp von Orleans, die jahrelang wie eine Gewitterwolke über ihm hing und die von den Bastarden, seinen Schwägern, zu manchem perfiden Schachzug ausgenutzt wurde. Es befand sich um diese Zeit ein Engländer namens Stanhope in Paris, von dem Philipp ohne Zweifel ein gut Teil seiner revolutionären Ideen bezog oder der ihn zum mindesten darin bestärkte. Es war einer jener schmalköpfigen, weibisch aussehenden Menschen, wie jene Insel sie öfters hervorbringt, dabei eisern an Kraft und Willen, in allen ritterlichen Uebungen gewandt und durchaus nicht unwissend. An diesen Briten hing Philipp bald sein Herz und sein Vertrauen, und da jener mir an Dialektik überlegen war und obendrein solche Ideen vertrat, wie Philipp sie liebte und wie sie in Frankreich noch neu waren, so mußte ich mich bald von ihm verdrängt und in den Hintergrund geschoben sehen. Nebenbei war Stanhope gerade kein Puritaner, sondern besaß eine recht freie Lebensauffassung, die Philipp sehr gefiel. Es kam also bald zu meinem sonstigen unglücklichen Lieben noch eine unglücklichere zu meinem Gebieter und Jugendgespielen, der meine Eifersucht wohl bemerkte, mich auch gelegentlich durch erneute Herzlichkeit zu entschädigen wußte, sich aber dennoch dem Naturgesetz nicht entziehen konnte, das Gleichgesinnte aneinander fesselt; und er und Stanhope waren unstreitig von einerlei Art. Da Philipp mich also entbehren konnte, so beschloß ich, für mein vereinsamtes Herz andre Unterkunft zu suchen, und begab mich im darauffolgenden Winter noch einmal mit den ernstesten Absichten auf die Freite. 15 Diejenigen, welche Töchter zu vergeben hatten, hatten mich in all der Zeit fest im Auge behalten, sowenig ich auch nach der Erschütterung, welche die kleine Tragödie mit Susannen in mir zurückgelassen hatte, Anstalt gemacht haben mochte, aus den freundlichen Einladungen irgendwelchen Nutzen zu ziehen. Jetzt, da ich wieder mit offenen Augen um mich blickte, wie denn eigentlich meine Chancen stünden, gewahrte ich, daß ich nur zuzuschnappen brauchte wie ein Vogel, der im Grase geschlafen und dem sich unterdessen die Schmetterlinge vor und auf die Nase gesetzt hatten. Und ich schnappte zu, blind, ohne Ueberlegung, nur fest entschlossen, irgend etwas zu halten und mein zu nennen. Das gelang mir denn auch, und was ich hielt, war ein ganz frommes und höchst adliges Fräulein aus dem Gefolge der Herzogin von Burgund. Ich glaube in der Tat, daß Frau von Maintenon und die kleine Herzogin mich verlobt hatten, denn beide gaben sich emsig mit Ehestiftungen ab, und besonders die Savoyerin, deren unschuldiges Herz keiner andern Intrigen fähig war, freute sich wie ein Kind, wenn sie ein Fräulein an den Mann gebracht hatte und nun ausstatten und betreuen konnte. Da Fräulein von Vardes obendrein ein Schützling der Maintenon und in St. Cyr erzogen war, so hatte ich alsobald zwei große Gönnerinnen, und meine Verlobung machte mich zu einer angesehenen Persönlichkeit. Auch war meine Braut hübsch, von sanftem und holdseligem Wesen, jung, durchaus unanfechtbar in bezug auf Ruf und Familie, keineswegs arm und sehr gebildet. Ich hatte also allen Grund, glücklich zu sein, und ich glaube, ich war es auch. Als ich Orleans das Ereignis mitteilte, lobte er meinen Geschmack, denn er kannte natürlich Fräulein von Vardes wie jede andre Dame des Hofes. Unsre Vermählung wurde für kurz nach Ostern festgesetzt. Als ich mich mit Fräulein von Vardes verlobte, hatte ich ehrfurchtsvoll ihre kleine Hand geküßt, und es hatte mir gar wohl gefallen, daß sie mir dieselbe mit einer hastigen, fast unbewußten Bewegung entzog, wobei ihr sonst etwas bläßliches Gesicht sich mit einer schönen hellen Glut überzog. Sie hatte überhaupt etwas klösterlich Scheues an sich, ohne deshalb streng oder abweisend auszusehen, vielmehr lag etwas Weiches und oft Trauriges in ihren Mienen, das ich mir gern mit dem schmerzlichen und doch süßen Bangen verwandt dachte, das manche Menschen befällt, wenn sie das große Element in sich wachsen fühlen und seine Macht zu ahnen beginnen. Als ich meine junge Braut das erstemal auf den Mund küssen wollte, erschrak sie ebenso ersichtlich, ja, ich glaubte sogar eine Träne in ihren Augen zu sehen; übrigens hatte sie sich rasch abgewandt, so daß mein Kuß nur ihre Wange getroffen hatte. Sie sah aber in ihrem Erröten und Zittern so lieblich aus, daß es mich im innersten Herzen rührte und ich mir wie ein Henker an ihrer Reinheit vorkam. Deshalb tat ich mir fürs erste Zwang an, mied freiwillig ihre Lippen und begnügte mich, sie auf Stirn, Wangen oder Haar zu küssen, was sie gern hinzunehmen schien. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie mich dankbar und liebevoll ansah, und ich dachte mir, daß sie die Entbehrung, die ich mir auferlegte, zu schätzen wisse und mir für später anrechnete. Ich dachte auch in diesen Tagen oft an den Mönch von Marlaigne und wie richtig dieser vortreffliche Mann die Frauen taxiert habe; denn diese eine, die ihren Mund so keusch hütete, schien mir in der Tat ein Muster von Tugend zu sein, und ich stellte sie hoch über alle Frauen, die ich je gekannt, und pries mein Glück, das mich zum Entsiegler des verschlossenen Schreines bestimmt hatte. Fräulein von Vardes war auch sonst an Vortrefflichkeiten reich. Vor allen Dingen zeigte sich gleich von Beginn eine süße Uebereinstimmung in religiöser Gesinnung zwischen uns, die daher rührte, daß meine Braut in St. Cyr gelebt hatte um die Zeit, als Frau Guyon noch geschätzter Gast dieses Hauses war. Fräulein von Vardes hatte, wie die meisten der damaligen Zöglinge, für die erleuchtete Frau geschwärmt und ihre Lehren tief in sich aufgenommen, ohne dies freilich in solcher Form zu äußern, wie eine Anzahl der jungen Begeisterten es taten, die nachmals samt der in Ungnade gefallenen Prophetin aus St. Cyr verwiesen wurden. Sie hatte vielmehr ihren Anteil an der allgemeinen Bewegung still für sich behalten; als sie nun aber bemerkte, daß die Prinzipien der Frau Guyon auf dem Umwege über Fénelon und Beauvilliers bis zu mir gedrungen waren, öffnete sie mir hocherfreut ihre Seele und teilte mir ihre Gesinnung mit. Sie war viel eingeweihter als ich, und sie unternahm es, meine Lehrerin zu werden und mich ganz zu jener subtilen Mystik zu bekehren, die das Wesen jener Offenbarung ausmacht und der gegenüber ich mich immer etwas unzugänglich verhalten hatte. Ich zeigte mich auch jetzt äußerst talentlos; doch spornte dies einerseits den lieblichen Eifer meiner Missionarin und erhöhte damit den zarten Reiz ihrer sonst so zurückhaltenden Persönlichkeit, daß sie mir besser und besser gefiel; anderseits schien es ihr Freude zu bereiten, sich mir in einem Punkte überlegen zu zeigen und mich, wie sie glaubte, beeinflussen zu können. Deshalb beeilte ich mich weder sehr mit dem Verstehen der quietistischen Doktrinen, noch kämpfte ich erheblich dagegen an, so daß der Gesprächsstoff auf lange Zeit zwischen uns unerschöpft blieb und als ein unverändert süßer Reiz von ihr zu mir und von mir zu ihr wirkte. Im übrigen erreichte sie freilich auch aus andern Gründen keine völlige Bekehrung bei mir; denn was mir von jener Lehre zu Herzen gehen konnte, hatte bereits Beauvilliers mir vermittelt, und alles Weitere entsprach eben nicht meiner Natur. Desto mehr entzückte es mich, daß das Uebersinnliche, gleichsam Körperlose dieser Lehren der Natur meiner Braut zu entsprechen schien, denn in der Tat glich sie, wenn sie so predigte und jedes dritte Wort »Seele« oder »Gott« hieß, ganz einem Wesen aus einer besseren Welt. Sie war so zart, das Rot der Erregung auf ihren Wangen so licht, ihr schlichtes braunes Haar lag so fromm an der unschuldigen Stirne, die gesenkten Wimpern zitterten so leise, und wenn sie sie je einmal hob, so strahlte das graue Auge so glaubensselig und verzückt, daß ich mich oft und ernstlich fragte, ob denn dieses Wesen aus Fleisch, und Blut und einem sterblichen Leibe bestände, oder ob sie wirklich nur ein Seelchen sei, das sich durch Zufall auf diese böse Erde herab verirrt habe. Wenigstens schien in ihrem Bewußtsein nur der Begriff Seele zu existieren. Ich dachte aber, über diesen Punkt würde die Reihe des Bekehrens nun bald an mir sein, und ich muß sagen, ich sehnte mich nach dem Tage, der mir das Recht geben würde, mit dieser Bekehrung zu beginnen. Meine Geduld sollte aber auf eine harte Probe gestellt werden, denn als der zur Hochzeit festgesetzte Termin herannahte, bat sich meine Braut einen Aufschub aus, die noch unvollendete Aussteuer zum Vorwand nehmend. Ich war betroffen. Aber sie zeigte sich selbst so bekümmert, stellte mir die Unmöglichkeit einer Vereinigung mit halbfertigem Hausrat so überzeugend dar und lohnte meine Geduld durch so viel zarte und freundliche Aufmerksamkeiten, daß ich mich schließlich zufriedengab. Sie hatte eine eigne wehmütige Art, mich anzusehen, die mir jedesmal ins Herz schnitt, so daß ich ihr in allen Stücken gehorchen mußte. Dabei wußte sie mir mit Worten viel Liebes zu tun, so sehr sie auch kosende Berührungen vermied, vor allem schien sie mich um meines bekannten tugendhaften Wandels hochzuhalten, denn sie verglich mich oft mit andern Männern des Hofes und pries mich vor ihnen. So glaubte ich immer noch fest an ihre Liebe, die nur durch eine allzutief wurzelnde Abhängigkeit von der Sitte gebunden sei. Ich lebte so ganz im Glück, dem gegenwärtigen der Hoffnung und dem kommenden der Erfüllung, daß die Ereignisse der Zeit fast spurlos an mir vorübergingen. Es war mir ganz gleichgültig, daß unser junger spanischer Herrscher in der Person des Erzherzogs Karl einen Gegenkönig erhielt, daß er von Madrid förmlich fliehen mußte, daß die Alliierten den Rhein besetzten, daß der Kurfürst von Bayern von der Tiroler Landmiliz gerupft, Villars von den Aufständischen in den Cevennen düpiert – kurz, daß Frankreich von außen und innen her an allen Ecken und Enden bedrängt wurde und daß es in Hof- und Stadtkreisen manchmal sehr gedrückt herging. Es war mir gleichgültig, daß der Herzog von Orleans jetzt ziemlich unverhohlen als Mitbewerber um den spanischen Thron auftrat, es war mir gleichgültig, daß unsre beste Armee bei Blenheim in Fetzen gehauen worden war, und der Jammer in Versailles, der laut und schneidend mitten in die Festlichkeiten einer Taufe im königlichen Hause fuhr, rührte mich nur sehr oberflächlich. Doch erinnere ich mich, daß ein gewaltiger Groll mich faßte, als meine Braut bei der rührenden Schilderung, wie das Regiment Navarra seine Fahnen zerrissen und begraben habe, um sie nicht dem Feinde übergeben zu müssen, in Tränen zerfloß; es wurmte mich, daß sie andern Erregungen zugänglicher war als der Sorge um unsre Vereinigung. Der lange Brautstand hatte mich reizbar gemacht, die Erwartung steigerte mein Gefühl zur äußersten Leidenschaft. Schon war ich beinahe ein Jahr verlobt. Da forderte ich endlich in einer heftigen Szene Entscheidung und Hochzeit. Meine Braut hatte zwar immer noch Einwände, aber vor meiner Wut gab sie erbleichend nach. Ein Tag in allernächster Zeit wurde festgesetzt, und als ich diesen Sieg denn nun glücklich errungen hatte, entglitt mir auch die langgehegte Selbstbeherrschung, ich faßte mein Mädchen kräftig in die Arme und küßte sie auf den Mund. Es half ihr nichts, daß sie sich sträubte, wobei sie mich ganz tüchtig kratzte. Siegestrunken und selig schlief ich diesen Abend ein – um mitten in der Nacht geweckt und vor meinen Gebieter gerufen zu werden. Der Herzog von Orleans empfing mich mit sehr ernster Miene, aber auch mit jener Weichheit in Ton und Blick, die mir sofort verriet, daß er meiner nicht als Diener, sondern als erprobten Freund und Vertrauten in einer hochwichtigen Angelegenheit bedurfte. Mein Aerger über die Störung der Nacht war sofort verraucht, als ich in das herrliche geliebte Antlitz blickte. Mit voller Ergebenheit hörte ich eine lange Vorbereitung in verhüllten Ausdrücken, die sich vorsichtig um das Thema der spanischen Erbfolge und um Philipps Anteil an dieser Frage drehte, und als mein Gebieter mich endlich mit dem Auftrage entließ, mich zur sofortigen Abreise nach Spanien bereitzumachen, empfand ich zwar den bittersten Schmerz über das Verhängnis dieser Trennung von meiner geliebten Braut, aber es hätte auch nicht der heimlichste Gedanke in mir gegen diese Zumutung rebelliert. Zu klar stand meine Aufgabe dem Freunde gegenüber vor mir. Dieser einzige, göttlich begabte Mann, der seine Größe seit Jahren durch den Staub ziehen mußte, weil eine Laune des Königs ihn zur Untätigkeit verdammt hatte, stand nun endlich vor der Erfüllung seines Geschickes – und ein Teil dieser Erfüllung lag in meiner Hand. Keine Regung der Selbstsucht durfte gegen diese Erwägung aufkommen. Obendrein empfand ich eine gewisse Freude, daß Philipp mich und nicht Stanhope zum Ueberbringer dieser Botschaft ersehen hatte, und mit Stolz sagte ich mir, daß er den Unterschied zwischen einem Freunde und einem Zechgenossen richtig zu würdigen wisse. Ich schrieb also meiner Braut ein paar herzliche Worte zum Abschied, denn sie wiederzusehen war mir keine Zeit gelassen, bestimmte nach weitester Berechnung den Tag meiner möglichen Wiederkehr und bat sie, bis dahin alles zur Hochzeit bereitzuhalten. Dann stellte ich mich noch einmal dem Herzog von Orleans, nahm aus seiner Hand ein vielfach gesiegeltes Paket in Empfang und brach nach Spanien auf mit diesem Uriasbriefe auf der Brust. 16 Da mir das Wort einmal entfahren ist, welches den wahren Grund meiner spanischen Reise und das wahre Wesen meiner langgezogenen Brautschaft kennzeichnet, so will ich auch gleich die ganze schlimme Angelegenheit zu Ende erzählen, so wie sie mir nach meiner Rückkehr aus Spanien von Fräulein von Vardes, die nicht mehr meine Braut war, klargelegt wurde. Es hatte das unglückliche Mädchen, das so kühl aussah wie eine Lilie im Morgentau, schon kurz nach ihrer Entlassung aus St. Cyr eine heftige Leidenschaft zu dem Herzog von Orleans gefaßt, gegen die sie kaum angekämpft und die sich während ihres Dienstes im Gefolge der Adelaide mehrmals auffällig geäußert hatte. Philipp von Orleans war kein Mann, der derlei Dinge übersah, wie er denn in der Tat oft und öffentlich geäußert hatte, der größte Narr der Welt sei ein Mann, der gebotene Liebe nicht annehme. Er ließ auch Fräulein von Vardes durchaus nicht im Zweifel darüber, daß er sich selbst als den schlechtweg Hinnehmenden, sie aber als die Feile und Anbietende betrachte, und das verblendete Mädchen ging mit offenen Augen in die Sklaverei eines solchen Verhältnisses hinein. Es war schauerlich, dies Geständnis von ihren so stolz und keusch aussehenden Lippen fallen zu hören, schauerlicher noch, sich ausdenken zu müssen, welcher Erniedrigung dies feine, durchaus aristokratische Wesen sich hingegeben hatte. Den Herzog von Orleans traf kein Vorwurf, denn er hatte, ihrem eignen Zeugnis gemäß, nichts andres verbrochen, als daß er nicht widerstanden hatte. Geworben und verführt hatte sie, die Klösterliche, die Kußscheue, die ich nicht zu berühren gewagt hatte. Das Schicksal so vieler Frauen, die als verachtete Anhängsel den Thron Frankreichs belasteten, hatte sie nicht abgeschreckt, es hatte sie gelockt, und auf kein andres Ziel als dieses, den begehrten Mann einmal, und sei es auch nur für kurze Zeit, zu besitzen, hatte sie alle Hoffnungen ihres jungen Lebens gerichtet. Dabei hatte es freilich Stunden gegeben, wo sie sich ihrer Verworfenheit bewußt wurde und vor Reue fast verging. In einer solchen Periode war ihr von seiten ihrer Gebieterin der Wink gekommen, der sie auf mein Werben hinwies, und sie hatte denselben als ein Zeichen vom Himmel und zu ihrer Rettung gesandt hingenommen. Als sie mir das Jawort gab, tat sie es in der redlichen Absicht, sich von ihrer Leidenschaft zu lösen und den Weg zur Tugend zurückzusuchen. Noch durfte sie es ohne Verrat an mir. Sie setzte alle guten und ehrlichen Hoffnungen in mich, weil sie mich von allen Leuten des Hofes als einen absonderlichen Schwärmer und Träumer schildern gehört hatte; ja, gerade der Spott, der um meiner religiösen und wohltätigen Bestrebungen willen auf mich gefallen war, hatte sie angezogen, weil er ihr die Zuversicht gab, sich an mir von ihren niedrigen Wünschen reinigen, sich durch mich in bessere Bahnen leiten lassen zu können. So waren all ihre Gespräche über Gott und Glauben, die ich so wenig ernst genommen hatte, in Wirklichkeit ein verzweifeltes Suchen und Tasten nach einem Halt gewesen, an welchem sie sich zu mir emporziehen könnte. Diesen Halt bot ich Ahnungsloser ihr nun nicht. Denn erstens war ich überhaupt nicht der Mensch, für den sie mich gehalten, und zweitens hatte ich noch obendrein während meines Brautstandes alle andern Interessen in den Hintergrund geschoben und war nicht viel mehr als ein verliebter girrender Schäfer. Sie glitt also unvermerkt wieder an mir ab und fiel Orleans wieder zu, der bei allem Schimpf, den er ihr antat, ihr Besseres zu bieten hatte als ich, weil er klug, männlich und von so reichem Geiste war, daß jedes Wort, das er zu ihr sprach, ein Schatz und des Bewahrens wert erschien. Das arme Geschöpf versuchte indes, wie ein Schwimmer an glattem und steilem Ufer, immer wieder sich zu retten, kämpfte bis zur äußersten Ermattung und als ob wirklich der Tod hinter ihm stünde. Sie empfand etwas Sympathie und eine gewisse Achtung für mich, die sie sich jede Stunde durch tausend Vorstellungen und Selbstvorwürfe ins Gedächtnis rief, und aus denen sie redlich bemüht war, ein wärmeres Gefühl zu extrahieren. Leider läßt sich Natur in solchen Dingen selbst durch den besten Willen nicht gebieten. Fräulein von Vardes gestand, daß ihr meine Berührung Schauder verursacht habe, an welchem freilich die Rebellion ihres Gewissens gleichen Teil gehabt habe wie der physische Widerstand ihrer Sinne. Sie habe aber immer gehofft, diesen Widerstand noch zu überwinden, und einzig aus diesem Grunde habe sie die Hochzeit von Monat zu Monat hinausgezogen, anstatt, wie es redlicher gewesen wäre, das Verlöbnis zu brechen. Sie habe sich dabei eben immer noch nach Rettung und Reinigung gesehnt. Unterdessen war ihre Schuld vollkommen geworden. Orleans war kein Mensch, der auf halbem Wege stehen blieb, und sei er auch ohne seinen Willen auf diesen Weg geraten. Nun geschah das Erbärmliche, daß Philipp selbst in seine Geliebte drang, die Hochzeit zu beschleunigen, die ihm eine Verpachtung abnehmen sollte. Da hatte sich aber doch der im Grunde nicht unedle Sinn des Weibes empört. Sie hatte verstanden, daß sie eine Verlorene war und bleiben müsse, daß eine Ehe unter solchen Umständen nur verschärfte Qual und Schmach für sie bedeuten könne, und hatte vorgezogen, die über sie verhängte Strafe auf sich zu nehmen und damit wenigstens ihr Gewissen zur Ruhe zu bringen. Mit diesem Entschlusse, der wahrlich auch für eine tapfere Frau kein leichter sein mußte, hatte sie nun wieder wochenlang gerungen, bis endlich der Ausbruch meiner Leidenschaft ihn zur Reife gebracht. Sie war unmittelbar nach meiner letzten Unterredung zu Orleans gefahren, hatte sich feierlich von ihm losgesagt, ihn aller Verpflichtungen entbunden und hatte als letzte Pflicht und Gunst von ihm nur meine sofortige Entfernung verlangt, damit mir wenigstens der Anblick des über sie hereinbrechenden Gerichtes erspart bleibe. Dann war sie stolz und fest ihren Marterweg gegangen, der in einem Kloster einige Meilen vor Paris endigte. In diesem Kloster habe ich einige Jahre später durch die Gitterstäbe des Sprechfensterleins diese traurige Beichte ihr abgenommen. Es waren wunderliche Gedanken, die mir beim Anhören dieser Geschichte durch den Kopf gingen, wunderliche Gedanken über den Zusammenhang der Dinge in dieser fürchterlichen Welt. Es war wohl begreiflich, daß diese beinahe unfaßbare Tragödie mich in allen Nerven erschütterte und daß ich in ihr gleichsam den Gipfelpunkt und Schlußakt sah, nach welchem alle früheren Ereignisse meines Lebens hingezielt hatten. Und welcher Hohn, welche perfide, berechnende Grausamkeit schien in dieser Folge, in diesem Aufbau natürlicher Entwicklungen zu liegen! Dazu hatte also der Mönch von Marlaigne mich vor den kußbereiten Frauen gewarnt, damit ich an einer kußscheuen meine Ehre einbüßen mußte! Dazu hatte Philipp mich von Kind auf zum Vertrauten seines ruhelosen Ehrverlangens gemacht, daß er mich an diesem Vertrauen in Schimpf und Spott leiten konnte! Dazu hatte ich mich selbst des tugendhaftesten Wandels befleißigt, daß eine Fallende nach dieser meiner Tugend als nach einem Felsen in brandenden Gewässern greifen sollte! Jeder einzelne Vorfall meines Lebens schien in dieser Kette von Verhängnissen mitzuzählen, alles, selbst der kleine Savoyarde, der mich seinerzeit zu Philipp zurück und in den Hofdienst geführt hatte, schien ein Teilchen der Schuld an diesem meinem Unglück zu tragen. Selbst Ninon klagte ich an, die diesen Savoyarden in ihrem Testamente vergessen hatte, selbst Regnard und mein süßes Benediktlein, denen zuliebe ich hinter dem verhexten Spielzeug hergejagt hatte, selbst jenen Februarabend im fernen Dämmer meiner Kindheit, an welchem ich das erstemal das lachende Gesicht des goldenen Goldschmieds im Fensterrahmen erblickt hatte. Ich war ein gebrochener und unglücklicher Mensch geworden – wenigstens mußten Monde und Jahre vergehen, ehe ich nach dieser Schmach wieder Lebensmut fassen konnte – und siehe! jeder einzelne kleinste Schritt meines Lebens hatte mit berechneter Sicherheit diesem Ende zugeführt. Noch einmal: ich war ein Narr der Liebe gewesen von meinen ersten Tagen bewußten Empfindens an, ein Narr meiner eignen Gefühle, ein Narr meiner besten Absichten! Und ich schwor mir ein für allemal zu und band mich mit den fürchterlichsten Eiden, von dieser Höllenalchimie der Gefühle, bei welcher mir Retorte um Retorte unter den Händen platzte, hinfort die Finger zu lassen. Es versteht sich von selbst, daß ich Orleans und den Hof verließ und wieder Kriegsdienste nahm, was mir unter den mittlerweile eingetretenen Umständen auch nicht schwer wurde. Zwischen mir und meinem ehemals so angebeteten Freunde war kein Verhältnis irgendwelcher Art mehr möglich, wenn ich ihm auch nicht alle Schuld beimessen konnte an dem Verrat, den er an mir geübt. Er hatte sich so oft vor mir und andern über Rechtschaffenheit, Gewissen und Vertrauen lustig gemacht, hatte mir diese Eigenschaften, die er für Kinder der Dummheit erklärte, in früheren Gesprächen so häufig wie ebensoviele Abarten des Vorurteils, der geistigen Abhängigkeit vorgeworfen, daß ich ihn nicht einmal falsch nennen konnte. Außerdem hatte das Geständnis Fräulein von Vardes' selbst ihn in vielen Punkten entlastet. Dennoch konnte ich kein Herz mehr zu ihm fassen. Erst viele Jahre später, als ich denselben grauenhaften Zusammenhang der Dinge, dieselbe planmäßige Ausgestaltung der Tragödie auch in seinem Leben wahrnehmen mußte, als sein Ehrgeiz ihn in den Verdacht des Hochverrates, seine chemischen Studien in den des dreifachen Giftmordes gebracht, als er an seiner Tochter die Strafe seiner frivolen Lebensauffassung erleben – kurz! als er allenthalben die hundertfache Frucht der Schmach ernten mußte, die er gesät hatte: da habe auch ich ihn bedauert und ihm von Herzen vergeben. * Anmerkung des Herausgebers Das letzte der vorliegenden Kapitel hat der Herausgeber eigenmächtig aus zwei längeren heraus- und zusammengezogen, die sehr weitschweifig die Abenteuer des Hauptmanns von Roquesant in Spanien schildern; denn, wie jedermann sich wohl denken kann, hat der Herzog von Orleans seinen betrogenen Freund mit Aufträgen solcher Art nach Spanien geschickt, daß er dort festgehalten und in unzähligen und unsäglichen Verdrießlichkeiten von einer Ecke des Landes in die andre gejagt wurde. Die Ausführlichkeit, mit welcher Roquesant diese Erbärmlichkeiten schildert, auf der andern Seite aber die Hast und Flüchtigkeit, mit der er die Episode jenes seltsamen Brautstandes gleichsam nur hinwirft und förmlich in politischen Betrachtungen aller Art ertränkt und erstickt, beweisen zur Genüge, wie schwer noch nach Jahren, als er diese Erinnerungen schrieb, der doppelte Verrat an ihm genagt, auf ihm gelastet hat. Der Herausgeber hält sich nun wieder für berechtigt, den politischen Inhalt der besagten zwei Kapitel sowie der vier oder fünf folgenden in gedrängtere Form zusammenzufassen und mit dieser Inhaltsangabe die Brücke zu dem letzten Teile dieser Memoiren zu bilden. Wie es scheint, ist Roquesants Expedition nach Spanien gerade in jene Zeit gefallen, da unter der Herrschaft der Camarera-Major, Frau von Ursins, der fürchterliche Mißbrauch mit Staatsgeldern getrieben wurde, den der französische Kontrolleur Puységur endlich aufdeckte. Da jene despotische Hofdame, die das junge Königspaar weit eigennütziger und weit ruchloser nach ihren Interessen leitet, als je Frau von Maintenon den König von Frankreich zu leiten versucht hatte, eine gerechte Heimsuchung von seiten König Ludwigs fürchtet, so läßt sie Post- und Personenverkehr an allen Grenzen des Landes scharf überwachen, und Roquesant, der nun endlich seine Geschäfte beendigt glaubt, muß, um seine vermeintlich hochpolitischen Depeschen nicht der Gefahr einer Abfassung preiszugeben, auf die Rückkehr nach Frankreich fürs erste verzichten. Erst als die allmächtige Camarera-Major für einmal gestürzt ist und sich mit kleinem Gefolge nach Alcala zurückziehen muß, gelingt es Roquesant, über die Grenze zu kommen. Kaum auf französischem Boden angelangt, hört er die Nachricht von der Unehre und dem Unglücke Fräulein von Vardes', die mittlerweile schon Zuflucht im Kloster gefunden hat. Den Zusammenhang nur ahnend, aber wahnsinnig vor Schmerz, wendet er sofort den Schritt ostwärts, dem Kriegsschauplatz der Rheinarmee zu, indem er seine Briefe durch einen Postkurier höchst sorglos und offen an Orleans sendet und zugleich ihm den Dienst kündet. Es scheint demnach nicht, als ob die Schriften des Herzogs gefährlichen Inhalts gewesen wären, denn trotz des bereits ziemlich entwickelten Spionagedienstes an der französischen Post hat man nie gehört, daß ihm aus der offenen Rücksendung dieser Papiere irgendwelche Unannehmlichkeiten erwachsen wären; vielmehr hat die Tragödie seiner Verschwörung um den spanischen Königsthron, bei welcher jener Engländer Stanhope die Rolle des Vermittlers zwischen Orleans und dem österreichischen Feldmarschall Starhemberg gespielt haben soll, erst fünf Jahre später eingesetzt. Roquesant hat seine Habseligkeiten in Paris und St. Cloud, unter welchen sich natürlich auch jener kleine kunstvolle Savoyarde befindet, in Helvetius' Obhut stellen lassen und treibt sich nun jahrelang im wildesten Kriegsdienste umher. Den Memoiren liegt ein Brief von Helvetius bei, in welchem er verspricht, das Erbstück der Benedikte besonders wert zu halten, indem er dabei auf eine dahingehende Bitte Roquesants Bezug nimmt; es scheint also, als ob der Hauptmann in all seiner Verbitterung dieser einen Pflicht doch eingedenk geblieben sei, als ob er an diesem einen Bande noch mit seiner Jugend zusammenhinge. Alles, was sonst noch folgt, sind Schilderungen der Zeitereignisse, in denen der Mann, der die Freude am eignen Leben verloren hat, nun ganz aufgeht. Es war unterdessen für Frankreich die Zeit der fortgesetzten und entehrenden Niederlagen herangekommen, die in Versailles vertuscht, entschuldigt, überschwatzt werden, deren furchtbare, warnende Meinung jeder versteht und doch keiner beherzigt, und die gelegentlich durch einen kleinen zufälligen Sieg, der unsinnig aufgebauscht und gefeiert wird, um ihre belehrende Wirkung betrogen werden. Roquesant erleidet alle diese Niederlagen in tiefstem Herzen mit, um so mehr, als er auch über die Vorgänge in Paris trefflich unterrichtet scheint und aus ihnen traurige Folgen für Frankreich erwachsen sieht. Im August 1704 steht er bei der Rheinarmee unter dem kurzsichtigen und prahlerischen Villeroy, erlebt die Niederlage bei Höchstedt und entgeht mit knapper Not der Gefangennahme; der Schilderung der wahnsinnigen und unfaßbaren Irrungen auf französischer Seite, der vollständigen Terrainunkenntnis zum Beispiel, die diese Katastrophe herbeigeführt hat, folgt ein Bericht, der Roquesant aus Paris übermittelt zu sein scheint, worin die Raserei des französischen Volkes, das mit Millionen Stimmen gegen seine unfähige Regierung schreit, in ernsten Ausdrücken beschrieben ist; mit dem erheiternden Zusätze allerdings, es sei die erbitterte Menge doch schließlich durch ein pompöses Feuerwerk, welches der König der Stadt Paris bieten ließ, besänftigt worden. Unter Villeroy scheint Roquesant sich nicht haben halten zu können, denn 1706 finden wir ihn als Oberst in der Armee Marsins. Die Niederlage bei Ramillies mitzuerleiden bleibt ihm durch Villeroys Voreiligkeit erspart, der, dem ausdrücklichen Befehle des Königs entgegen, in Hast und ohne genauen Plan losschlug, ehe die Armee Marsins angerückt kam, nur in der dunkeln Absicht, den Sieg, den er sicher glaubte, mit keinem teilen zu müssen. Er trug denn auch ungeteilt die Schmach eines unglaublich beschleunigten Rückzuges, bei welchem Gent, Mons, Namur – kurz, die ganzen spanischen Niederlande und ein Teil der französischen mit solcher Leichtigkeit und so schnell in die Hände der Verbündeten fielen, daß jene selbst sich darüber wunderten. Wie es um jene Zeit im französischen Heere aussah, beweist eine Bemerkung Roquesants über eine gewisse Art von Nebeneinkünften, welche sich die Offiziere aus einer schlechten Aufstellung der Batterien zu machen wußten und die auch St. Simon in seinen Memoiren bei Gelegenheit der Beschreibung der verunglückten Belagerung von Barcelona, die ungefähr in die gleiche Zeit fällt, und alle ähnlichen Unternehmungen charakterisiert, mit folgenden Worten erwähnt: »Die Offiziere verloren ihre Zeit durch unnützes Hin- und Herschieben ihrer Artillerie und stellten ihre Batterien falsch auf, um sich selbst in die Notwendigkeit eines häufigen Platzwechsels zu versetzen, weil aus dieser Bewegung der Kanonen ein pekuniärer Vorteil für sie erwuchs, den sie recht froh waren zu vermehren.« Roquesants Bemerkung ist weniger deutlich, aber kräftiger im Ausdruck. Wieder folgt ein Bericht aus Versailles, wo die Schreckenskunde von Ramillies zugleich mit der Meldung eintraf, der Graf von Toulouse habe die Belagerung von Barcelona aufgeben und hundert Stück Artillerie, 150 000 Zentner Pulver und ungezählte Vorräte von Mehl, Hafer, Bomben und Kugeln in die Hände der Feinde fallen lassen müssen. In Spanien wird Erzherzog Karl zum König proklamiert, Philipp V. sitzt in Verzweiflung in Pamplona. Und der nächste Absatz der Memoiren Roquesants berichtet auch noch den Verlust von Mailand, Neapel, Piemont und Mantua. An dieser Stelle taucht nun zum ersten Male wieder der Name des Herzogs von Orleans in diesen Memoiren auf. Eine eigentümliche Empfindung diesem Manne gegenüber scheint Roquesant zu beherrschen. Gleich nach seiner Rückkehr aus Spanien hat das Gerücht ihm den Jugendfreund als den Urheber von Fräulein von Vardes Unglück bezeichnet, und Roquesant verriet durch seine sofortige Demission zur Genüge, daß er diesem Gerüchte ohne weiteres Glauben schenkte. Vielleicht hatte er auch Anzeichen, Bestätigungen, deren er in den Memoiren nicht erwähnt; die ganze Sache ist, wie gesagt, in höchster Flüchtigkeit gezeichnet, und der Name Orleans kommt in den nächsten Kapiteln einfach nicht mehr vor. Jetzt aber, wo der junge Herzog zum ersten Male in die Geschicke Frankreichs einzugreifen beginnt, wo sein Herzenswunsch sich zu erfüllen scheint, wo er keinen Geringeren als Vendôme, der zum Versuch einer letzten Rettung nach Flandern eilen muß, in der Belagerung von Turin ablösen und ersetzen soll, da richtet sich doch wieder die Aufmerksamkeit des Memoirenschreibers auf ihn. Roquesant ist auch wirklich edel genug, um das Unglück Orleans' auf dem italienischen Kriegsschauplatze nicht mit hämischer Schadenfreude, sondern mit so tiefgehender Teilnahme zu beschreiben, daß man deutlich empfindet, der Patriot ist in diesem gutmütigen und lauteren Manne stärker als der Rivale. Daß Vendôme vor seinem Abgange noch in höchst sträflicher Gleichgültigkeit gegen eine Sache, »die ihn nichts mehr angeht«, den Prinzen Eugen über den Po gehen und alle französischen Schiffe nehmen ließ; daß Orleans diese ungünstige Lage der Dinge zusammen mit den unmöglichsten Aufstellungen der Armee vorfand; daß niemand auf seine Ratschläge hören will, daß seine Vorschläge in stummer Abwehr einfach ignoriert, seine Befehle nicht ausgeführt werden; daß er schließlich in rasender Wut die Armee verlassen will und nur durch die flehentlichen Bitten der Soldaten, die unter ihm endlich wieder zu Sold und Nahrung gekommen sind, zum Bleiben bewegt wird, das alles schildert Roquesant fast in Uebereinstimmung mit St. Simon. Abweichend von ihm aber stellt er einen Zusammenhang zwischen diesen Vorgängen und den letzten Akten der Unvorsichtigkeit, die Orleans in Paris begangen, her. Nicht genug nämlich, daß der Verblendete seine Beziehungen zu Fräulein von Sery, die der erste greifbare Anlaß zu seinem Zerwürfnisse mit dem Könige gewesen, wieder hergestellt hat; er hat sie auch öffentlich zur Mätresse erhoben, ihr den Titel einer Gräfin von Argenton gegeben, ihren Sohn anerkannt, ein ungeheures Besitztum ihr eingeräumt – und das alles vor seiner Abreise nach Turin, eben nachdem der König ihn durch die Ernennung zum Heerführer zu verpflichten glaubte. Und um die Sache komplett zu machen, war es um jene Zeit auch ruchbar geworden, daß Orleans im Hause dieser Frau seine Schwarzkunst in großem Umfange betrieb, daß er auch der Wahrsagerei beflissen und darin von ihr unterstützt wurde und daß Zeichen und Wunder unter seinen Händen ein Sterben in Versailles angekündigt hätten! Mehr bedurfte es nicht, um des Königs Erbitterung durch Furcht und Aberglauben zu verschärfen. Ein Wort des Hasses fiel gegen seinen Neffen und Schwiegersohn, und solche Worte haben in Versailles Flügel. Die Generäle Frankreichs waren vollendete Höflinge, die schnell ihre Beliebtheit bei König Ludwig zu befestigen glaubten, wenn sie Orleans in offenem Ungehorsam entgegenarbeiteten. Das Interesse der Armee und des Landes kam hierbei für sie nicht in Frage, da sie allesamt nichts davon verstanden. So mußte der unglückliche Herzog seine guten Absichten, sein besseres Wissen, seine Tüchtigkeit, seinen Mut an der niedrigsten Intrige zersplittern sehen, und Roquesant, der diesen Zusammenhang aufdeckt, fügt bedeutungsvoll eine Erinnerung an das Wort Beauvilliers' bei: »Die dreizehnte Fee!« Die dreizehnte Fee, meint er aber, sei nicht allein die Hofkabale, sondern mehr noch und in tieferem Sinne Philipps lasterhafter Wandel selbst. Und darin hat er wahrlich recht! Es folgt die Beschreibung des Angriffs auf Turin durch den Prinzen Eugen, den Orleans' Ratschläge, wenn befolgt, hätten verhindern können; Unordnung, Ratlosigkeit, Flucht der französischen Generäle, die nur an ihre eigne und ihrer Habe Rettung denken. Orleans, obgleich verwundet, ist der einzige, der einen geordneten Rückzug organisiert, mit rührender Sorge seine eignen Mittel für die Truppen opfert, die La Feuillades Verrat ohne Lebensmittel gelassen hat, und sich keine Ruhe gönnt, bis das Wundfieber ihn niederwirft. Und wieder ruft Roquesant aus: »Welch ein Mann ist dies! Und welch ein König wäre dies! Aber – – die dreizehnte Fee!« In Frankreich herrscht das bitterste Elend. Burgund verkauft die Edelsteine seiner Mutter und verteilt den Erlös an das hungernde Volk. Der König muß die Neujahrsgelder und Pensionen seiner Kinder herabsetzen. Trotzdem werden acht neue Kriegsschiffe gebaut und bemannt, der Krieg gegen das »formidable Triumvirat«, Marlborough, Prinz Eugen und den großen Politiker Heinsius, wieder aufgenommen. Orleans geht mit Berwick nach Spanien, wo unterdessen Frau von Ursins wieder zu Gnaden gekommen, Erzherzog Karl abgedankt und das junge Königspaar nach Madrid zurückgekehrt ist – Roquesant zählt die Ereignisse hier offenbar in Anbetracht der Bedeutung der handelnden Personen in dieser Reihenfolge auf! – und schlägt sich von Morgen bis Abend mit Unterschleif und Betrug herum. Roquesant steht in Vendômes Armee in Flandern, wo auch der Herzog von Burgund steht; er nennt Vendôme einen schmutzigen, frechen Epikuräer und schildert Burgunds Hilflosigkeit, der in seiner Reinheit unter dem zügellosen Pack der Offiziere wie ein Kind unter Bestien erscheint. Roquesant, der die Leiden des sanften und guten Menschen ganz versteht, stellt hier Betrachtungen an, ob es für Volk und Heer ein Glück zu nennen sei, wenn ein zukünftiger Herrscher in solcher Arglosigkeit erzogen wird wie Burgund, der noch ganz die überirdische Seelenreinheit seines Lehrers, des Schwanes von Cambrai, besitzt. Er muß sich gestehen, daß der gewitzigte Orleans besser am Platze wäre als dies große Kind, das alle verspotten, das Vendôme anschreit wie einen Schüler, das mit Entsetzen die Verrohung, Trägheit und Schwelgerei um sich wachsen sieht, dessen Vorstellungen mit Gelächter aufgenommen werden und das seine Klagen bei Hofe nur mit der Zurechtweisung beantwortet sieht, er habe zu gehorchen, nicht zu kritisieren. Denn auch König Ludwig und selbst der eigne Vater Burgunds, der Dauphin, sind dem weltfremden Wesen Burgunds gegenüber ohne Verständnis, und Roquesant konstatiert traurig, daß Tugend im Uebermaße ebenso machtlos, ja überflüssig ist, ebenso verletzend wirkt, ebenso verhaßt ist wie das Laster. Orleans wurde vor Turin nicht gehorcht, weil der König ihn um seiner Laster willen haßte; Burgund wird in Flandern nicht gehorcht, weil der König ihn um seiner Tugend willen haßte; Roquesant zieht Vergleiche und Schlüsse aus diesen verwirrenden Umständen und gesteht, daß ihm zum erstenmal im Leben verständlich wird, warum das Gotteswort neben der Taubensanftmut auch die Schlangenklugheit gebietet. »Ich habe dieses eine Bibelwort nie leiden können,« schrieb er; »aber nun sehe ich: es ist wertvoller als alle andern.« Es scheint zuerst, als ob das Glück sich Frankreich wieder zuwenden, als ob es selbst gegen den frommen Burgund zeugen wolle: im Juni 1708 zwingt Vendôme Gent zur Kapitulation, in feierlichem Einzuge nehmen die Söhne Frankreichs von der Stadt Besitz. In Fontainebleau, wo der Hof sich aufhält, herrscht ob dieser Nachricht wilde Freude; Fest auf Fest erhebt die Wiedereroberung der Niederlande; aber noch sind die letzten nicht verklungen, als andre Kunde zerreißend dareinfährt. Der Herzog von Burgund und die meisten Offiziere des Heeres schlagen vor, die Schelde zu überschreiten, Oudenarde zu verbrennen und so dem anrückenden Feinde den Weg zu sperren; höchste Eile in der Ausführung tut not, denn Marlborough, der gerade dieses Manöver verhindern will, naht in Eilmärschen. Aber Vendôme hat in Gent Wein und Frauen gefunden, die nach seinem Geschmacke sind. Träge und sorglos verschiebt er den Ausmarsch von Tag zu Tag; die Offiziere, von seiner leichtfertigen Genußsucht gerne hingerissen, folgen seinem Beispiel: wozu sonst hätte man wohl die Stadt erobert? In dieser Gesinnung faßt keine Vorstellung Besserunterrichteter Boden. Als endlich Vendôme nach vielen Tagen, noch trunken von Schwelgerei, sich in Bewegung setzt, stößt er kurz vor Gent auf die ganze Armee Marlboroughs. Es erfolgt ein Zusammenprall, furchtbar, ungeordnet, verheerend für die überraschten Franzosen. Nichts bleibt als schleuniger Rückzug nach Gent, währenddessen der arme Burgund noch mit Vorwürfen von seiten Vendômes überschüttet wird, die er in heldenhaftem Schweigen hinnimmt. In Gent legt Vendôme sich zu Bett, da er »schlafbedürftig sei nach all dem Aerger«. Die Armee zieht ohne ihn weiter gen Lille. Kurz darauf sitzt Vendôme wieder ebenso fest und faul in seinem Feldlager in Brügge, und die zweimalige Order des Königs, dem Feinde den Weg über die Schelde abzuschneiden, ersäuft im Wein. Ganz Paris und Versailles, jäh aus der Jubelstimmung eines vereinzelten Sieges gerissen, zittert und bebt, als ob der gefürchtete Brite auf die Tore der Stadt selbst zumarschiert komme. In den Kirchen wird öffentlich gebetet, wie vor großer Gefahr. Ein dritter, sehr ausdrücklicher Befehl des Königs veranlaßt einen Vormarsch der Armee bis Tournay. Chamillart selbst begibt sich nach Flandern und kommt mit hoffnungslosen Berichten nach Versailles zurück. Marlborough stehe bereits vor Lille, und zwar in uneinnehmbaren Stellungen. Freche Briefe Vendômes werfen alle Schuld der Verzögerung auf Burgund, für den keine Stimme sich erhebt als die schwache seiner kleinen Frau, die das erstemal in Tränen geht. Niemand aber ist im Zweifel über den Ausgang der Sache; bei jedem Hufschlage von draußen stürzt alles erbleichend und mit dem Ausrufe: »Lille ist gefallen!« an die Fenster, und der frivole St. Simon setzt eine Wette auf die Uebergabe dieser Stadt, ehe Vendôme zum Entsatz nur auf die Hälfte des Weges herangekommen sein würde. In Lille macht der eingeschlossene Boufflers die heldenmütigsten Ausfälle. Aber die großen Aktionen schwächen die Garnison, es fehlt an Pulver, bald auch an Lebensmitteln. Am 23. Oktober muß Boufflers Lille übergeben. Marlborough geht dann ruhig weiter über die Schelde und bewerkstelligt diesen Uebergang ungehindert genau an dem Tage, an welchem ein prahlerischer Brief Vendômes in Versailles anlangt, in welchem er verkündet, durch welch ausgesuchte Tapferkeit und List er dieser äußersten Schmach vorgebaut habe. Gleich darauf muß General La Mothe, der mit Besatzung in Gent zurückgeblieben war, auch dieses wieder herausgeben. So weit gehen hier Roquesants Aufzeichnungen über den letzten schmachvollen Versuch der Rückeroberung Flanderns. Auf dem dunkeln Hintergrunde dieser traurigen Zeitschilderungen erhebt sich indes leuchtend, wie mit Goldfäden eingewoben, die Geschichte seiner Liebe, von deren Vorstellung ich ihm auch kein Wort rauben will. 17 Ich war unter La Mothe in Gent zurückgeblieben, und wohl ward mir's, daß ich den kläglichen Zug des Prahlers Vendôme nicht mitziehen mußte, noch wohler, daß bei der Uebergabe Gents ein Schuß mich traf, der meinen Rückmarsch nach Frankreich fürs erste unmöglich machte. Ich schleppte mich, schauernd im Wundfieber, noch eine Zeitlang mit der frei gewordenen Besatzung heimzu, wünschte aber nichts sehnlicher als zu sterben, ehe ich das entehrte Antlitz meines Vaterlandes wiedersehen müsse. Mit wilder Genugtuung empfand ich, wie von Stunde zu Stunde meine Wunde heißer brannte, meine Glieder ermatteten, Schatten auf Schatten sich auf meine Augen legte, Schauer und Glut in meinem Blute wechselten; als ich endlich die Zügel mir entgleiten und mich selbst in Nacht versinken fühlte, war mein letzter wirrer Gedanke ein Dankgebet für willkommene Erlösung. Ich hatte zu früh gedankt. Denn wenige Stunden später fand ich mich in einem hugenottischen Pfarrhause wieder, wo treue Hände mich in Pflege gegeben, wo ich Wochen hindurch ans Bett gefesselt lag und wo ich noch die Nachrichten unsrer weiteren Niederlagen, von dem Fall Lilles und von Marlboroughs Uebergang über die Schelde empfing. Das alles trug nicht dazu bei, meine Genesung zu beschleunigen. Das kleine holländische Dorf, wo ich lag, barg seine Strohdächer unterm Schnee, weißbereifte Zweige guckten mir durchs Fenster, als ich mich das erstemal vom Lager erhob und den schwankenden Fuß vor die Tür setzte. Schimmernd in Winterschönheit lag die flache flandrische Landschaft vor mir, blau war der Himmel, kalt und klar blitzte das Sonnenlicht aus tausend Kristallen. Ich aber lehnte matt an dem niedrigen Türpfosten und haderte mit der Gottheit, die mich zurückgestoßen hatte ins Leben. Es mußten noch Wochen vergehen, ehe ich dran denken konnte, zu Pferde zu sitzen und meine Armee wiederzugewinnen. Wo war die? Ich vermutete, daß Vendôme in Versailles saß, wo er den König mit Lügen einlullen, ihn mit kühnen Möglichkeiten zukünftiger Siege hinhalten mochte und die Ungnade, die diesmal ohne Zweifel schwer auf ihn gefallen war, auf Burgunds geduldige Schultern abwälzte. Ich sah im Geiste den fürstlichen Dulder, der keine Verteidigung wagte, weil er die niedrigen Mittel verschmähte, mit denen man gegen Frechheit und Unwahrheit kämpft, und ich dachte bei mir: ›Auch einer, der besser unterm Rasen läge!‹ Ich wußte aber nicht, daß die Intrige, die den Reinen umspann, an einer kleinen tapferen Person zerriß und daß recht eigentlich die liebe Herzogin ihren Gatten gerettet und Vendôme gestürzt hatte, wie er es verdiente, und zwar ohne List, ja selbst ohne Worte, nur durch die schöne Festigkeit ihres weiblichen Herzens. Wenn nämlich im Kartenspiel zu vieren Vendôme seinen gewohnten Platz am Tische des Königs oder des Dauphins einnahm, dann erhob sich Adelaide still und verließ das Gemach, ohne Rücksicht auf den Aerger des Königs, der über solche Störungen und Etikettefehler fast noch zorniger zu werden pflegte als über eine verlorene Schlacht. Zur Rede gestellt, antwortete sie kalt, sie verstehe von Kriegführung nichts, aber als Gattin komme ihr zu, die Partei des Gatten zu nehmen, und mit dessen Feind brauche sie nicht an einem Tische zu sitzen. Diese Sprache war in Versailles noch nicht erhört, und der König ließ die Kühne seinen Grimm fühlen. Darob triumphierte der feiste Günstling; weil ihn aber das stolze Verhalten der Adelaide bis aufs Blut reizte und weil er sie immer noch mehr zu demütigen bemüht war, verlor er wie ein Roß, das eine Fliege stach, Tempo und Maß, galoppierte blindlings in neue Lügen und – vergaloppierte sich! Ein Wort zuviel enthüllte dem König seinen Charakter. Und dieses Wort fiel in Gegenwart der Frau von Maintenon, und Frau von Maintenon tat die einzige gute Tat ihres Lebens: sie hielt Vendôme an diesem Worte fest, deckte Zug um Zug seine falschen Berichte auf und brachte die beiden Burgund wieder zu Ehren. Freilich, den König damit nicht zu Ruhe und Glück. Denn die Erkenntnis seiner Lage inmitten unwürdiger Kreaturen brachte den alten Mann so außer sich, daß er ungeachtet seiner körperlichen Leiden im späten Herbst noch selbst zu Felde ziehen wollte, um die Niederlande wieder zu erobern; wovon ihn aber glücklicherweise Frau von Maintenon abhielt. Die Sache hatte noch ein Nachspiel. Denn Boufflers, durch diesen Anfang ermutigt, offenbarte nun auch dem König, seit wie langer Zeit die Truppen, von den Garden angefangen, ohne Sold geblieben seien, wie es um die Magazine stände und wie um das Land, an dem das hungernde Heer saugte. So wurde, nach jahrelanger Täuschung, dem unglücklichen plötzlich und grausam der Schleier von den Augen gezogen, daß sein altersmatter Blick in den Abgrund tauchen mußte, in welchem Frankreichs Geschick versank und dessen Tiefe keiner ganz ergründen konnte. Wohl mag König Ludwig da geschaudert haben! Und wie um das Maß voll zu machen, erschienen um dieselbe Zeit zu Paris auf allen Plätzen, an Stadttoren, Kirchentüren, Statuen und Brunnen insolente und drohende Affichen gegen den König und die Regierung – und niemand gab sich mehr Mühe, diese dem Geschlagenen zu verheimlichen. Es ist leider eine alte Erfahrung, daß nach geschehenem Unglück der liebevolle Sinn treuer Freunde Trost darinnen sucht, dem Betroffenen auch noch Zug um Zug seine Schuld an dem Verhängnis vorzurechnen. Diese bittere Arznei mußte auch König Ludwig schlucken. Und wenn berichtet wird, daß der arme alte Mann in diesen Wochen manchmal des Nachts in seinem Bette geweint habe wie ein Kind, so glaube ich es gern. Alle diese Umstände erfuhr ich freilich erst viel später; hätte ich sie damals gekannt, als ich in dem Pfarrhause in Holland lange, schwere Wintertage in gezwungener Trägheit verträumen mußte, sie hätten mir viel böses Nachdenken erspart. Ich will nicht sagen, daß jene Wartezeit, so qualvoll sie war, unfruchtbar für mich geblieben sei, vielmehr denke ich heute mit wirklicher Dankbarkeit an sie zurück. Kalvinistische Sitten und kalvinistische Gesinnung sind mir liebgeworden in diesen Tagen. Mußte ich es schon hoch einschätzen, daß Pfarrer und Dorfbewohner einmütig mich nicht als Feind ihres Vaterlandes betrachten zu wollen schienen, sondern in schöner Menschlichkeit einfach als einen hilfsbedürftigen Bruder, so gewann mich vollends die Schlichtheit, Geradheit und strenge Reinheit, die hier wie überall mit dem Kalvinismus verbunden erschienen. Ich erinnerte mich auch in diesen Stunden gar wohl, daß ich einmal andre Worte für diese Eigenschaften gebraucht hatte. Waren sie mir nicht in früheren Jahren wie Hemmnisse der Freude erschienen, wie lastende Alpe auf dem frohen Atmen schuldloser Kerzen? Mein Gott! Ich hatte nicht nur die Freude hassen gelernt, ich hatte auch erfahren, daß Arglosigkeit ein Fluch ist, Unschuld Dummheit, Frohsinn sträfliche Unkenntnis der Dinge! Darum klammerte ich mich jetzt in meiner Schwäche an die Doktrinen der Entsagung und warf in buchstäblichstem Sinne die Welt von mir, die Welt, die für mich nur noch Schmach, Verrat und Betrug bedeutete. Freundschaft, Liebe und Ruhm des Vaterlandes waren mir dahingegangen – was gab es sonst, daß ich mich ans Diesseits halten sollte? Ich gab mich auf und baute aufs Jenseits. Der brave alte Pfarrer, der die Welt kannte wie ich, aber ohne Bitterkeit ihre Last trug, sagte mir freilich gleich damals, daß diese meine Gesinnung nicht von Dauer, mein Kalvinismus nicht waschecht sein würde; wie ein Pendel, meinte er, fliege der menschliche Sinn zwischen Extremen her und hin, bis nach leiseren Schwankungen der Faden endlich zur Ruhe komme und das Gewicht schön still und gerade dahin weise, wo alle Ziele lägen: zur Erde hinab! Wenn ich die Schwankungen betrachtete, die mein Sinn in den letzten Jahren beschrieben hatte, dann war ich ja noch hübsch weit von diesem Ziele entfernt, und das sollte ein Trost sein. Damals war es mir keiner. Wie meine Kräfte wiederkehrten und ich mir zutrauen durfte, einen langen Ritt durch winterliche Lande auf mich zu nehmen, begann ich mich umzutun, um über die Richtung meiner zu unternehmenden Fahrt Klarheit zu gewinnen. Nach Paris zurückzukehren, hätte ich gern vermieden. Was aus meinem Regiments, was aus der ganzen flandrischen Armee geworden war, hätte ich gern gewußt. Dazu mußte ich Briefe nach allen Seiten entsenden, und wieder vergingen Wochen des Harrens und Bangens im schneevergrabenen Pfarrhäuschen. Wenn ich aber die Zeit berechnete, welche die Beantwortung meiner Briefe brauchen konnte, und danach die Tage zählte, die ich noch unter dem gastlichen Dache würde zubringen müssen, so ging etwas Wunderliches in mir vor. Ein leises Weh stieg in mir auf, das wuchs, wie die Zahl dieser Tage sich verringerte. Mit immer helleren Augen sah ich die friedliche Schönheit des Winterbildes draußen, die traulichen Mienen der niedrigen Häuschen, die sanfte Schwingung des Hügels, auf dem die Windmühle stand, die bläuliche Tiefe des Buchenwaldes, an dessen Rande die Rehe grasten, und die stille unendliche Ferne der schneebedeckten Ebene. Köstlich war die klare Luft draußen, köstlich aber auch die Wärme der kleinen hellgetäfelten Stube, die prasselnde Glut des Herdes, um den wir abends plaudernd saßen, köstlich der spielende Widerschein der Flamme von außen, der spielende Widerschein der Erregungen von innen auf klugen, bewegten Gesichtern, köstlich der blaue Wolkenkranz des Tabakrauches um den feinen Patriarchenkopf des Pfarrers, köstlich der frohe, einfache und reine Geist, der Haus und Menschen beseelte. Weit im Ungewissen lag die Welt, lag Paris, der Hof; selten drang eine kaum verbürgte Kunde von neuen Kriegen, von neuen Schaudern in das heimliche Nest unterm tiefen Schnee; sie wurde flüsternd erzählt und schnell vergessen; denn aus den unerschöpflichen Tiefen eines spekulierenden Geistes spann der alte Pfarrer leuchtende Gedankenfäden zu einem Goldnetz unfaßbarer Schönheit um seine andächtigen Zuhörer. Das Leben des Heilandes rollte er vor uns auf, den schlichten Reichtum des Hirtendaseins im sonnigen Morgenlande, wo weite, verschwimmende Horizonte den Menschen träumen und sinnen machen von unbeschränkten Möglichkeiten. In lauen Nächten schläft der Hirte unter funkelndem Sterngewölbe, und auch dieses spricht zu ihm, während sicher und friedvoll um ihn herum die schlummernde Herde lagert. Und klirrend in drohender Rüstung schreitet der Römer durchs Land, die Träume zerstieben, aufgescheucht fliehen Hirt und Herde vor seinen Kohorten, der stille Denker wird zum Rebellen, der grimmig sein Recht auf fromme Irrtümer verteidigt. – Waren wir nicht dem Römer gleich, der einbrach in die reine Glückseligkeit des gedankenspinnenden Hirtenvolkes? Ich war nie in meinem Leben schlechterer Patriot, nie so unwilliger Sohn der Kirche als in diesen flandrischen Wintertagen. Diese Empfindung wurde stärker, als mir die ersten Briefe aus Frankreich zukamen und mit ihnen die Nachricht, daß in den ersten Februartagen Villars nach Flandern aufbrechen sollte, die Trümmer der Armee zu sammeln, die verlorene Sache zu retten. Mußte ich schon beklagen, daß die letzte Hoffnung des Staates in so unreine Hände gelegt war, so entsetzte mich geradezu der Gedanke, wie es dem Lande, dem stillen Hirtenvolke, ergehen würde, wenn dieser Mann die römischen Kohorten führte. Wie er in den Cevennen gehaust hatte, war uns allen noch gegenwärtig; was er damit erreicht hatte, auch; und wenn mein Berichterstatter seinem Briefe die Bemerkung beifügte, es sei kein kluger Mann in Paris, der nicht diese Wahl aufs tiefste beklage, so war doch gewiß keiner, der aus solchen Herzensgründen dagegen schreien mußte, wie ich. Auch mein weißhaariger Pfarrherr erblaßte ein wenig, als ich ihm die Neuigkeit mitteilte. Vendôme war eine Bestie gewesen, Villars war ein Teufel. Und da geschah es wohl zum erstenmal – und will's Gott, auch zum einzigsten! –, daß ein französischer Oberst zu den Feinden seines Königs sprach: »Dürft' ich auf eurer Seite stehen und euch schützen!« Ich beeilte mich nicht, zu meinem Regimente zu gelangen. Ich konnte füglich warten, bis es selbst in meine Nähe gerückt kam, da dies nun einmal beschlossen war. Es war mir genug, zu wissen, daß es schlecht genährt und frierend in einem ausgehungerten Grenzstädtchen im Winterquartier lag und nach Sold schrie; helfen konnte ich ihm dabei nicht. Ich wartete zu lange. Gleich in den ersten Februartagen erhielten wir unzweideutige Kunde von Villars' Anrücken durch einen Zug flüchtender Dorfbewohner, die von Süden her bei uns einfielen, matt wie wandernde Vögel, wenn sie in ein Feld regnen, daß man sie mit Knüppeln totschlagen kann. Diesem Zuge folgten innerhalb weniger Tage andre, und das Pfarrhaus hatte viele und traurige Gäste. Schauerlich war, was jetzt am Herdfeuer gesprochen wurde, schauerlich das flackernde Licht der sinkenden Glut auf den verhärmten oder drohenden Gesichtern. Und dann kam der Tag, wo über den Hügel her französische Fahnen wehten, unter denen ich mit einem krampfartigen Schmerzgefühl die Fahne meines Regiments erkannte; dann loderte, ein weithin leuchtendes Fanal, die Windmühle auf dem Hügel, dann sanken die trauten Strohdächer in Asche. Und auf der Straße nach Gent zu zog mein Pfarrer mit seiner kleinen Schar, flüchtend, die karge Habe in einem Bündelchen auf der Schulter. Hinter dem kläglichen Zuge her brauste Villars' Armee, in deren Reihen ich nun wieder stand. 18 Es konnte nicht fehlen, daß nach den Einflüssen, die einen ganzen Winter lang in meiner genesenden Seele gearbeitet hatten, die Begeisterung für den Feldzug eine laue in mir war. Der Widerwille, den ich persönlich gegen meinen Marschall und seine Art der Kriegführung empfand, wurde bestärkt durch eine allgemeine Unzufriedenheit der ganzen Armee, die sich gelegentlich sogar in ernsten Revolten äußerte. Seit der Soldat hungerte, sah er die Notwendigkeit, für König Ludwigs Ruhm zu sterben, nicht mehr ein. Wäre dem gemeinen Manne klar geworden, was zum Glück uns, den Vorgesetzten, nur dunkel und selten zu Bewußtsein kam, daß der mittelbare Anlaß zu dem unsäglichen Elende zweier Länder ein Fremdling war, jener Knabe Jakob, der unter dem Namen eines Ritters von St. Georg in unsrer Mitte diente und der mit unserm Blute die Krone zurückkaufen mußte, die sein Vater verspielt hatte – die Raserei wäre unbezähmbar geworden! Es war ein Segen, daß von fünfzigtausend Mann kein einziger eigentlich wußte, was er wollte, noch was wir wollten, und daß sich alle Erörterungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen längst nicht mehr um den Grund der ganzen Sache, sondern einzig um Brot und Kleidung drehten. Die Nachrichten aus Paris, die uns mit erstaunlicher Regelmäßigkeit und Sicherheit zukamen – Schreckensbotschaften sind doppelt geflügelt! – trugen nicht dazu bei, die Stimmung im Heere zu heben. Furchtbar herrschte auch dort die Hungersnot. Nach einem harten und langen Winter setzte ein kurzes Tauen ein, dem noch einmal eine unerhörte Kälte folgte. Die schneeentblößte Erde erstarrte bis in die Knochen. Saat und Obstbäume erfroren. Die Preise der Lebensmittel stiegen aufs äußerste. Die Schlechtigkeit oder Torheit eines Polizeikommissärs, der den Brotverkauf so zu regulieren bestrebt ist, daß »dem Staate ein Nutzen daraus erwächst«, entfesselt die Furie des gepeinigten Volkes. Die Bäckerläden werden gestürmt. Der Wagen Monseigneurs, der von Versailles nach Paris zur Oper fährt, wird von schreienden Weibern aufgehalten. Erdgräber und Straßenarbeiter fallen entkräftet zu Boden, die Ueberlebenden erheben die Schaufeln als Waffe gegen die Behörden. Schon will d'Argenson die Musketiere auf das Volk hetzen, als zum Glück Boufflers und Grammont – jener Grammont, dessen Gattin so unerschrocken ihre jansenistischen Neigungen vor dem Könige behauptet hat! – besänftigend einschreiten. Zu Fuß und ohne Garde, nur auf ihre Beliebtheit bauend, gehen die beiden braven Marschälle unters Volk und reden ihm zur Vernunft. Der Brotverkauf wird freigegeben, Geld und Lebensmittel unter die Aermsten verteilt. Und Ruhe, Ruhe der Ermattung kehrt in Paris ein. Aber diesmal duldet Hof und König mit. Der König verkauft sein Goldgeschirr und ißt auf Silber. Die Söhne Frankreichs, die Prinzen und Marschälle verkaufen ihr Silber und essen auf Fayence. Das Weizenbrot an der königlichen Tafel wurde durch Haferbrot ersetzt. Und dann kam das Ereignis jener furchtbaren und zugleich nutzlosen Maßregel, die Frankreichs Blöße allen Augen aufgedeckt, die es mit Hohn und Spott beladen hat und die nichts eintrug – nichts oder so wenig, daß der Erlös kaum eines Regimentes Notdurft an Nahrung und Munition bestritt: das Einschmelzen der unersetzlichen Kunstwerke, alter Familienschätze aus Edelmetall, und ihr Ausmünzen zu schlechtem Gelde. Boufflers und Grammont hatten in guter Absicht angefangen, ihr Silberzeug dem König oder vielmehr der königlichen Münze zur Verfügung zu stellen. Kein andrer Gedanke hatte sie geleitet als der, daß es ruchlos sei, im Ueberfluß zu besitzen, woran das Volk Mangel litt, daß das Geräte leicht entbehrlich sei und daß durch seine Verwertung vielleicht ein Tausendteil der Not, die jene beiden so lebendig vor Augen gesehen, gehoben werden könne. Wie aber unter einem Volke von Sklaven jeder gute Gedanke zur unausstehlichen Manie wird, so ging es auch hier. Neidisch auf den edeln Ruhm, den das Opfer ihrer Habe auf jene beiden ehrenwerten Männer warf, drängte sich die Menge der Buhler um königliche Gunst heran und bot gedankenlos, was geboten werden konnte. Vergebens redeten Bessergesinnte gegen die zwecklose Verschwendung der höchsten Kunstwerke, vergebens rechneten sie den geringen Metallwert gegen den unersetzlichen Verlust der herrlichen Arbeit, der göttlichen Schönheitsgedanken zweier Jahrhunderte auf; vergebens wehrte sich selbst der König gegen die demütigende Verpflichtung, die das unbegehrte Opfer ihm auferlegte: mit dem Gegenvorwurf des Eigennutzes wurden alle Vorstellungen der Vernunft entkräftet. Was als freie Tat noch anerkennenswert war, wurde jetzt Zwang, Modezwang sogar. Wie Fanatiker, die ihre Kinder schlachten, warfen diese Narren des Edelmutes Gebilde der Kunst in die Glut des Schmelzofens, die keine Zeit wiederherstellen konnte und die den Ruhm Frankreichs doch sicherer in die ferne Zukunft getragen hätten als die elenden Siege, die sie erkaufen sollten. Und was war der Erlös? Eine erbärmlich kleine Summe, die wir Ausgesetzten in unsrer Not draußen verschlangen, ohne auch nur ein einzigmal davon gesättigt zu werden. Helvetius hatte mir von dieser neuen Tollheit Frankreichs geschrieben, und der Brief hatte mich kurz vor Oudenarde erreicht, wo wir lagerten. Der Mann hatte mit der Bemerkung geschlossen: »Freue dich, mein Freund, daß du nicht in Paris bist, sonst hättest du gewiß, von diesem Flagellantenwahnsinn angesteckt, Benediktens Savoyarden in die Münze getragen, um ein Dutzend Silbergroschen dafür zu erhalten. Nun steht er sicher bei mir im festen Schrein und wird das einzige von Regnards Kunstwerken sein, das künftigen Geschlechtern von der Größe dieses Mannes erzählt.« Ich las diesen Brief am Lagerfeuer, und der flackernde Schein tanzte über den Zeilen. Bilder stiegen vor mir auf und trugen meinen Geist zurück in die fernen Tage der Jugend. Benediktens Savoyarde! Was mußte ich nicht alles denken in dieser traurigen Stunde! Beinahe neun Jahre waren vergangen, seit ich dem lieben Kinde den Anfang eines Geständnisses hingeworfen, ein Wort, das wie ein Stein in stilles Wasser geflogen sein mußte – und dann hatte ich nicht mehr gesehen, was er aufgerührt hatte! Oder vielmehr: dem Schicksalsschifflein, das friedlich an blumigem Ufer schaukelte, hatte ich gedankenlos einen Stoß versetzt, daß es hinausgeschossen war in die breite Mitte des Stromes, meinem Arme unerreichbar: und wer sagte mir, wo es gelandet? Was war aus Benedikten geworden? Wo lebte sie? Welchem Glauben gehörte sie zu? Wem war sie vermählt? Sie mußte jetzt ein Weib sein und ein schönes und gesegnetes Weib, wenn die Verheißungen ihrer Kindheit recht behalten, wenn sie wirklich Regnards echte Tochter war. Einmal hatte ich sie als mein Eigentum betrachtet. Wieder, wie der frühlingslaue Abendwind die Wärme des lodernden Feuers zu mir herübertrieb, fühlte ich die zarte Glut des Kindeskörpers, der sich damals an den meinen geschmiegt. Wie süß war mir damals die Empfindung des Schützens gewesen! Wie hatte ich meine liebe kleine Beute halten und verteidigen wollen gegen alle Welt! Und heute? Der Glaube, für den ich sie hatte retten wollen, war mir selbst abhanden gekommen. Der Staat, die Gesellschaft, in deren Grundsätzen ich damals gehandelt hatte, war ein splitternder, berstender Bau, unter dessen Trümmern ich vielleicht bald begraben liegen mußte. Das Leben, zu dem ich sie zu erziehen gedacht hatte, war mir verekelt, mein Selbstbewußtsein gebrochen. Germaine, die Furchtbare, hatte mich auf allen Punkten besiegt und geschlagen, der Kalvinismus hatte mich geschlagen, mich und ganz Frankreich mit. Ich brauchte bloß den Stimmen zu lauschen, die streitend, hadernd, anklagend durchs ganze Lager brüllten; ich brauchte bloß die Jammerfiguren dieser Soldaten zu sehen, in deren Hände Frankreichs Ehre gelegt war; ich brauchte bloß das Lachen und Girren der Dirnen in den Offizierszelten, den Gläserklang, die trunkenen Lieder zu hören, die der Abendwind mir zutrug, die Revolten und Unterschleife mir gegenwärtig zu halten, die jeder rote Morgen aufdeckte: das war Frankreich, seine Moral, seine Kirche, seine Gesellschaft! Das war das Resultat der unschuldigen, leichtherzigen Lebensauffassung! Und ihm gegenüber stand Holland und das protestantische England, die Schützer der finsteren Sittenrichter, die ich einst gehaßt hatte: stark, einig, groß und unbesieglich, ehrenfest und tadellos vor aller Welt. Ich schlug meinen Mantel um mich, legte mich an die Erde und schloß die Augen: ich fühlte das Rad des Schicksals über mich hingehen. Ich will ehrlich gestehen, daß mir in dieser Stunde eine große Versuchung gekommen ist: die Fahnen zu verlassen, an denen kein Glück und keine Ehre mehr hing; von dem sinkenden Schiffe, in dem alles nach Moder und Fäulnis stank, mich hinüberzuretten auf das stolz bewimpelte, das mit dröhnendem Buge die Wellen durchzog. In englischen, in holländischen Dienst treten! Warum nicht? Andre hatten es getan. Aber ich war so weit, daß ich solche Pläne wohl fassen, nicht jedoch ausführen konnte. Ich dachte: ›Benediktlein, es ist besser für dich und mich, wenn ich auf dem Wrack bleibe und du auf dem siegreichen Segler. Wenn ich dir nur noch einmal zuwinken könnte, ehe die Wellen zusammenschlagen!‹ Es schien in den nächsten Tagen, als ob es ziemlich schnell gehen sollte mit dem Versinken des unseligen Staatsschiffes. Wir hatten uns zu einem direkten Vormarsche gegen Gent gerichtet. Aber wir stießen auf feste Mauern holländischer Truppen, wir mußten zurück, zurück ohne selbst den Versuch eines gewaltsamen Durchbruchs, zurück, weil unsre Armee widerwillig und entkräftet war. Wir zogen nun wieder südwärts, ein wenig gen Osten abweichend, das heißt: in gerader Linie auf Mons zu. Man weiß, wo und wann dieser Marsch endete: am 1. September bei Malplaquet. Und man weiß auch, was an diesem Tage mit dem Blute von 30000 Gefallenen auf beiden Seiten erkauft worden ist: für Frankreich ein ehrenvoller Rückzug und Friedensverhandlungen so voll Schimpf und Schande, daß es mich noch zittern macht, wenn ich daran denke. Wie haben die Sieger ihren Triumph ausgekostet, wie den unseligen König gedemütigt, der aus Liebe zu seinem erschöpften Lande um Frieden bat! Man sagte mir später, daß der Herzog von Burgund laut geweint habe, als die Friedensbedingungen im Kriegsrate verlesen wurden: ich glaube es ohne weiteres! Der König nahm sie nicht an und bat sein Volk um Verzeihung, daß er es nicht tat. Und da ist ihm in tiefstem Mitleid auch alles andre verziehen worden, was er und die Seinen an Frankreich gesündigt haben. Bei Malplaquet war ich nicht mehr mit dabei. Bei Mons auf dem Vorübermarsche wendete sich mein Geschick. Ich sah sie wieder, die kleine brave Festung, zu deren Füßen sich einmal Frankreichs Größe so herrlich entfaltet. Ich ritt durch die Ebene, wo unser schönes junges Blut in solchem Glanze einhergezogen war, ich sah im Geiste die tausend schimmernden Farben, die wehenden Fahnen unsrer Regimenter wieder, die leuchtende Reihe der königlichen Zelte auf dem Hügelrücken, den feinen, sonnendurchschienenen Goldstaub über dem ganzen unvergleichlichen Bilde – und ich sah mit leiblichem Auge die mürrische und schlechtgekleidete Schar, die vor mir im Regen einhertrabte. Nie habe ich mit stechenderem Schmerze Frankreichs Geschick empfunden. Auf dem Torturme von Mons wehten die holländischen Farben; damals hatten die königlichen Lilien drübergestanden! Reinlich, fest und stark drohten die bewehrten Mauern herüber. Wir zogen in der Ferne vorüber, und ich darf wohl sagen: Keiner von uns sah diese Mauern ohne tiefe Scham! Mancher vielleicht sah, wie ich, seine Jugend wieder, die ihn traurig und vorwurfsvoll aus dem Geisterheer in der Ebene anblickte. Heerschau verlorener Ehren, verwehter Träume, begrabener Hoffnungen in den Gefilden von Mons! – Was ich außerdem einst vor diesen Toren erlebt, daran dachte ich in dieser Trauer nicht. Als wir durch Gevries marschierten, ward ich durch eine Reihe von Verdrießlichkeiten mit ermatteten Pferden und übelgelaunten Leuten zu einer kurzen Rast gezwungen. Während derselben gelangten Klagen an mich über Ungebührlichkeiten, die sich ewige Soldaten der Vorhut bereits vor meiner Ankunft hatten zuschulden kommen lassen. Da wir in diesem Augenblicke keineswegs die Gebietenden im Lande waren und recht froh sein mußten, in dem anscheinend wohlhabenden Dorfe so nahe der Festung einigen Unterhalt aufzutreiben, so beschloß ich, die Sache zu untersuchen und etwa zu strafen, obgleich ich kaum etwas andres zu erreichen hoffen durfte als erneute Revolten unter den erbitterten Soldaten und vielleicht ein Schreckensgericht über das ganze Dorf. Wenn man den Hungernden nun gar noch das Plündern verbieten wollte! Der Gegenstand, der in Frage kam, war ein kleines Landhaus zwischen Mons und Gevries, wo meine Soldaten eingebrochen sein sollten. Ich frug, wer es bewohnte. Man nannte mir einen Namen. Da schoß mir das Blut zum Herzen, wirbelnd kreisten meine Gedanken, mein Atem drohte zu stocken. Ich ging hinaus, zitternd vor Wut und Schmerz und hielt ein furchtbares Gericht über die Uebeltäter. Was soll ich lang ausspinnen, was folgte? Meine schlimmsten Erwartungen traten ein. Die ganze Bande geriet von Sinnen. Das Dorf wurde fast zerstört, ich selbst aber, gegen den die Wut der in ihren Rechten gekränkten Soldaten sich in erster Linie gerichtet, stand bereits mit zerrissenen Kleidern unter einem Baume, wo mein Leben so würdig enden sollte, wie es dieser Zeit und diesen Umständen angemessen war. Da hatte Mons seine Tore geöffnet, schon rückten in geschlossenen Reihen die grimmigen Flamen gegen das Dorf herauf. Die Unsern flohen, nachdem sie mir noch in aller Eile ein paar Flintenkolben über den Kopf geschlagen. Ein paar Stunden später erwachte ich als holländischer Kriegsgefangener. 19 Es ist später oft und anerkennend erwähnt worden, mit wie edler Menschlichkeit Kriegsgefangene in holländischen und englischen Händen behandelt worden sind, und der Gegensatz zu dem Traktamente von österreichischer Seite ist mir oft gerühmt worden. Schon nach Höchstädt hatte Blansac, der sich mit einer ganzen Armee dem Herzog von Marlborough ergeben hatte, diese Tatsache festgestellt, während die Gefangenen aus Marsins Heer, die bei Blenheim in die Hände des Prinzen Eugen gefallen waren, ein böses Lied von dessen Härte gesungen hatten. Ich sollte zu meinem Glücke die Bestätigung dieser allgemeinen Annahme an mir selbst erleben, denn ich wurde vortrefflich gepflegt, und als ich nach acht oder zehn Tagen als ein Genesener innerhalb der Festungsmauern mich frei bewegen durfte, gefesselt allein durch das ehrende Vertrauen, das man in mich setzte, da war in dem ganzen artigen Städtchen auch nicht eine Seele, die mich Feindschaft der Könige und Kriegsgeschick entgelten ließ. Ich schäme mich, zu gestehen, daß mir wohl war in dieser Gefangenschaft und daß ich das Unglück segnete, das mich wieder gute und hilfreiche Menschen kennen lernen ließ. Wahrlich, das Unglück ist wie ein dunkler Vorhang, von dem leuchtend Sein herrlichstes Abbild, die reine Menschenliebe, sich abhebt. Was der Vorhang birgt, wissen wir nicht. Wäre er aber nur dazu herabgelassen, daß wir die Sternenschrift des Mitleids auf ihm lesen könnten, er hätte Zweck und Bedeutung genug! Mit welch andern Gefühlen aber mußte ich außerdem noch durch die erkerüberwölbten Gäßlein von Mons wandeln, da ich wußte, daß diese Festungsmauern mit mir auch Germaine und Benedikte umschlossen. Das Landhaus, das meine Soldaten geplündert hatten, war ihres gewesen, und wo anders konnten sie Zuflucht gefunden haben als in dem festen Mons? Man wird mir glauben, daß ich mit Herzklopfen in jede sich öffnende Türe spähte, jeden Erker mit meinen Blicken zu durchdringen versuchte, in jedem kalvinistischen Bethause mich einfand. Als ich nach den ersten Wochen nichts von den Gesuchten gesehen und gehört, überfiel mich die quälendste Angst um ihr Schicksal. Wie, wenn ich falsch berichtet worden war, wenn die Bewohnerinnen jenes Landhauses nicht geflüchtet waren, wenn sie tot da draußen lagen in dem entweihten Heime? Wenn ich in diesen Tagen von den Festungsmauern herab die Ebene von Gevries überblickte, dann zog das Geisterheer da unten in schwarzen Mänteln und blutroten Fahnen einher, und auf jeder Fahne stand ein Fluch gegen das Phantom der Kriegsehre, ein Fluch gegen den König, der vor achtzehn Jahren zum ersten Male seinen Ehrgeiz an dieser Stätte getummelt hatte. In solcher Stimmung war es, daß ich eines Morgens im Juni an einer kleinen Kirche vorüberging. Ein katholisches Kirchlein war's, das verriet die offene Tür, der leise Orgelton, der herausdrang, der Weihrauchduft, der mir entgegenschlug. Etwas in meinem Innern mahnte mich, einzutreten. Ich war jahrelang in keiner Kirche mehr gewesen, und die Zeit, wo ich mir Trost an solchen Stätten geholt hatte, war begraben. Daß ich dennoch eintrat, geschah in Erinnerung an Benedikte. Ich setzte mich ganz still in eine dunkle Ecke, lauschte der Musik und suchte mir, indem ich die Augen schloß, das Bild des süßen Kindes gegenwärtig zu halten, wie es mit verzücktem Gesichtlein emporgeblickt zu dem Reigen der vibrierenden Töne, die oben im weiten Kuppelraume verschwebten wie goldgewandete Engel. In der vox humana der Orgel hörte ich Benediktens Stimmlein, das seelenvoll und hingegeben in den heiligen Weisen schwelgte. Die schönste und beste Erinnerung meines Lebens hing an diesem Kinde, und sie stand jetzt vor mir und wehte rein und kühl um meine Stirne wie die Luft des Gotteshauses. Es überraschte mich kaum, als ich in diesem Sinnen urplötzlich wirklich eine feine summende Frauenstimme in meiner nächsten Nähe vernahm, die außerordentlich leise, aber mit leidenschaftlicher Inbrunst die Melodie der Orgel mitsang. Die Person, der die Stimme zugehörte, mußte an der andern Seite des Pfeilers stehen, an welchem ich lehnte, und natürlich konnte sie mich ebensowenig sehen wie ich sie. Da auch sonst die Kirche fast leer war, so war das Wagnis der sangeslustigen Frau nicht groß, denn schon auf wenige Schritte hin mußte das Brausen der Orgel ihren gedämpften Gesang decken. Dessen schien sie denn auch gewiß zu sein, denn sie vergaß sich manchmal und ließ einen volleren Ton entschlüpfen, der aber in der Wölbung der Kirche wie ein Echo der Orgel verhallte. Manchmal auch ging die Stimme ihren eignen Weg, und dann tat sie es leise und vorsichtig und immer in schönem Zusammenklang mit der Orgel, und manchmal gönnte sie sich die Freude, auf einem einzigen Tone gleichsam wie ein Vogel mit ausgebreiteten Schwingen in hoher Luft liegen zu bleiben, während die Orgel sich in irgendeiner Figur erging. Nun schien sie aber wieder ahnungsvoll das Ende der Figur vorauszufühlen, denn plötzlich stürzte der Ton wie ein Falke aus seiner klaren Höhe herab, und es war wie ein Aufprall, daß er sich mit der Orgelweise wieder vereinigte, sie nun festhielt und ihr folgte. Mir schien es, ein holderes Spiel zwischen Stimme und Instrument hätte ich nie gehört, und ich empfand, daß hier eine schöne Seele in ihrer Art betete, indem sie Zwiesprache mit der Orgel hielt. Je mehr ich aber lauschte, desto froher stieg in mir die Gewißheit auf, daß diese unbekümmerte Sängerin niemand anders sein konnte als meine Gesuchte, meine Ersehnte. Merkwürdigerweise erschrak ich gar nicht vor dieser überwältigenden Möglichkeit, ja, ich erinnere mich, daß ich ein wenig vor mich hinlachte, so drollig konsequent erschien mir das köstliche Mädchen, so ganz das, was das Kind zu werden versprochen hatte. Da sang es ganz frech vor sich hin, das Benediktlein, und kümmerte sich nicht im geringsten um Gottesdienst und betende Menschen! Und eben entfuhr ihm wieder ein hoher jubelnder Ton, der die ganze Kirche hätte füllen müssen, wenn nicht wie ein Wasserfall die volle Wucht der Orgel ihn erfaßt und niedergedrückt hätte. Ich spähte nun ganz vorsichtig hinter dem Pfeiler hervor und sah auf den ersten Blick, daß ich mich nicht getäuscht hatte. Das Gesichtlein, schmäler, schärfer geschnitten und ausdrucksvoller, war noch unverkennbar dasselbe in seinem beweglichen Mienenspiel, in der leuchtenden Begeisterung der dunkeln Äugen, in der Schalkerei des lieblich bewegten Mundes. Zum Ueberfluß trug Benedikte auch noch die weiße Haube der flämischen Mädchen über dem blonden Gekräusel des Stirnleins, und auch ein braunes Kleid hatte sie wieder an, nur daß dieses jetzt fraulich und schlank zugleich eine feine und hohe Figur umschloß. Ich blieb noch ein paar Augenblicke lang hinter dem Pfeiler versteckt, denn nun hatte es mich doch übermannt und ich mußte mich mühsam zur Besinnung bringen. Dann aber kam Ruhe und Freudigkeit über mich und mit diesen etwas Keckheit, und ich lehnte mich vor und schaute der Sängerin lächelnd ins Gesicht, wie um ihr zu zeigen, daß ich sie belauscht hätte. Sie erblickte mich, verstummte und wurde feuerrot. Dann sagte sie leise und verlegen: »Ich dachte, es könne mich keiner hören!« Ich stand nun bereits neben ihr und machte eine schöne salbungsvolle Phrase über verschiedene Arten des Gottesdienstes, und wie ich ihren Gesang als eine ganz besonders rührende aufgefaßt hätte; aber sie unterbrach mich mit der treuherzigen Erklärung, sie hätte gar nicht ans Beten gedacht und dürfe dies auch nicht an solchem Orte, denn sie sei eine Kalvinistin. Sie sei nur um der Orgel willen hier hereingeschlichen, und weil sie wußte, daß um diese Zeit die Kirche fast leer sei; denn die Musik liebe sie über alles. Mir lachte das Herz im Leibe bei diesen Worten, denn neun Jahre voll Sorge und Bitterkeit waren plötzlich von mir genommen, ich stand wieder in der Rue Planche-Mibrai und ging mit Benedikten auf Streiche aus. Wenn ihr Gesicht mich hätte belügen können: jetzt durfte ich doch nicht mehr zweifeln, daß sie wirklich ganz sie selbst geblieben war und ganz meines Regnards Kind. Ich stellte mich nun unwissend und fragte, ob denn die Kalvinisten keine Musik in ihren Gebethäusern hätten; da schnitt die Lose eine so furchtbare Grimasse, daß ich fast aller Sitte vergessen und laut gelacht hätte. Aber gleich besann sie sich wieder und sagte würdevoll: »Nein, Musik ist für die Weltkinder und die Gedankenlosen. Wir beten Gott im Geiste und in der Wahrheit an und brauchen weder Musik noch Bilder, um ihn zu loben. Aber ich –« und hier wurde das Gesichtchen fast ein wenig traurig, »ich bin noch halb und halb ein Weltkind, und ich war ja auch einmal in der Gemeinschaft dieser Baalsdiener. Darum liebe ich die Musik noch. Vielleicht wird Gott mich erleuchten und die Sündhaftigkeit von mir nehmen.« »Amen!« sagte ich halb belustigt, halb grimmig, »Und bis er dich erleuchtet, Benedikte, läßt du dir's wohl sein und hörst die Musik in katholischen Kirchen. Gott sei Dank! Die Erleuchtung wird auf sich warten lassen!« Sie war aufgefahren, als ich ihren Namen genannt hatte, wußte aber augenscheinlich sofort Bescheid und rief in freudigem Tone den meinen. Dann streckte sie mir die Hand hin und fügte weich hinzu: »Und so seid Ihr der französische Oberst, der um unsertwillen –« »Still, still, Benedikte,« bat ich rasch, denn der frauenhaft innige Ton dieser Worte machte mich zittern. »Woher weißt du dies alles? Ich bin der französische Oberst, der nach jahrelangen Irrfahrten das Ziel seines Lebens gefunden hat! Kind, Kind, erinnerst du dich meiner noch? Bist mir noch gut? Denkst du noch an die Hunde in der Rue des Arcis, und an den Papageienhändler an der Rue St. Jacques, und – Benedikte, Benedikte, denkst du noch an den Savoyarden?« »Wollt Ihr wohl nicht so schreien?« schalt Benedikte leise, aber mit einem Ausdrucke herzlicher Freude. »Das ist ja schlimmer als mein Gesang! Natürlich weiß ich das alles noch, und weiß es vielleicht um so besser, als Mutter mir stets streng verboten hat, davon zu sprechen. Hier in Mons gibt's keine Papageien und keine Affen und keine Harfenspieler, und wenn im Frühling die Leute unter den Linden und auf den Angern tanzen, so sehen sie aus wie die Bären. Aber –« und hier kam das neue kalvinistische Gewissen wieder zu Wort und Benedikte sah plötzlich aus, als hätte eine unsichtbare Hand ihr einen Schlag auf ihren unbedachten kleinen Mund versetzt, »aber dafür ist Paris auch ein Gomorra und ein Sündenpfuhl. Und es ist gewiß gut, daß wir nicht mehr dort sind.« »Ja, Kind,« sagte ich ernst, »das ist es wirklich. Aber aus andern Gründen, als du denkst. Indessen – komm!« Ich hatte, um mich spähend, ein Plätzchen für unsre Heimlichkeit gefunden, das war ein Seitenkapellchen mit ganz dunkeln Glasscheiben, ein farbig-dämmeriges Heiligtum, in dem vor einem schwärzlichen Bilde ein Betschemel stand. Da huschten wir hinein, und auf den Betschemel setzten wir uns, und über uns kreiste leise schwingend ein ewiges Licht in roter Ampel. Immer noch donnerte die Orgel und deckte freundlich unser Geflüster. Wir hatten uns, traun! nicht wenig zu berichten, denn in Benedikte war die Erinnerung an Paris noch sehr lebendig, und in mir war es das Verlangen, zu wissen, wie sie in den neun Jahren gelebt hatte und wie sie sich als Kalvinistin gefiel. Und wie wir auf diesen Gegenstand zu sprechen kamen, da konnten wir nimmer aufhören, denn es stellte sich nun die merkwürdige Tatsache dar, daß Benedikte Kalvinistin war und ein Weltkind, ich aber Katholik und ein Welthasser, und daß wir also jedes zwei Hälften in uns trugen, die gar nicht zueinander paßten, von denen aber jede in der andern Seele ihre Schwesterhälfte fand. Wenn man die Situation hätte zeichnen wollen, so hätte man von Benediktens Herz zu dem meinen zwei Bänder ziehen müssen, die sich kreuzten, und diese Kreuzung machte natürlich den Zusammenhang nur fester, und wenn wir die Verschlingung lösen wollten, so gab es einen Knoten, der gar nicht mehr zu entwirren war. Und kurz und gut, wir fanden bald heraus, daß es nur eine Möglichkeit gab, dem Netz zu entrinnen, und das war diese, daß wir einen einzigen Menschen aus uns beiden machten, der weder katholisch noch kalvinistisch war und der Lebensfreude und Lebensverachtung zu einem schönen Maße von Philosophie in sich gemischt trug. Dieses aber sprachen wir nicht aus, wenn wir es uns schon durch Blick und Händedruck gelobten. Benedikte hatte wirklich den Kopf voll greulicher Märchen von Hugenottenverfolgungen in Paris und anderswo, in denen ich natürlich eine höchst anmutige Rolle spielte; es fehlte wenig, so glaubte sie, der ganze flandrische Krieg gelte überhaupt im allgemeinen der Vernichtung der Sekten, im besondern aber der Einholung emigrierter französischer Kalvinisten, und ganz im geheimen stecke der Oberst Roquesant dahinter und sein Haß gegen Germaine Regnard. So setzt ein Kind sich in den Mittelpunkt der Welt, so begreift ein einfältiges Herz die ganze Schöpfung. Ich hatte Mühe, Benedikten begreiflich zu machen, daß der Krieg aus ganz andern Gründen entstanden sei und daß es im Gegenteil den Hugenotten in Frankreich ganz unverdient gut gehe und daß sie bereits weder mit Gewalt noch mit List zu bekämpfen wären. Es könnten auch die Emigranten ungehindert nach Frankreich zurückkehren, und viele, die in den Jahren der Dragonaden ausgewandert seien, täten dies auch, ohne daß ihnen das geringste Leid geschehe. »Denn das Land,« sagte ich, »ist wie ein kranker Löwe, auf dessen Leib nun das niedere Getier sein Unwesen treibt. Und die Hasen, Schafe und Kälber, die früher am meisten vor ihm gezittert, höhnen ihn nun am frechsten und freuen sich am lautesten seiner Schwäche.« Benedikte gab mir einen kleinen zornigen Schlag und rief: »Wir sind weder Hasen noch Schafe, Herr Oberst Roquesant!« Aber sie lachte mit dem ganzen Gesichte dazu und sah aus, als ob ich ihr ein großes Geschenk gemacht hätte, und ihre Augen schienen in weiter Ferne etwas Geliebtes zu erblicken. Und als ich fragen mußte: »Du siehst ja so vergnügt aus, Benedikte, und ich erzähle dir eben so viel Trauriges von Frankreich!« da strahlte sie mich mit ihren schwarzblitzenden Augen an und erwiderte: »Und wenn von Paris nur die Ruinen noch ständen, so macht es mich doch froh zu denken, daß wir dahin zurückkehren könnten! O, wenn Mutter sich doch erbitten ließe!« Sie erzählte mir hierauf von ihrem Leben in der kleinen Stadt, und das war allerdings so schlicht und still, daß es in drei oder vier Worten geschildert werden konnte: Spitzenklöppeln und Sticken als sogenannte Lebenspflicht, Gebet und Lektüre erbaulicher Bücher als Erholung und Belohnung. Seit Germaine das kleine Landhaus bei Gevries gekauft hatte – und das war noch nicht lang –, traten auch Hühner, Blumen und Obstbäume in Benediktens Lebenskreis ein, ohne daß sie dies indes als eine sonderliche Bereicherung empfunden hätte, wenn sie von den wenigen Freudentagen absah, die das Ausschlüpfen einer neuen Küchleinbrut ihr bereitete. Für Tulpen und Levkojen hatte Benedikte kein rechtes Herz, oder vielmehr, die mühsame Zucht verdroß sie, weil das Natürliche und Zufällige auch in der Blumenwelt sie schöner dünkte als das Gewollte und schwer Errungene. Ebenso fand sie keine Befriedigung darin, auf einen Obstbaum zweierlei Sorten von Früchten zu pfropfen, und meinte, die Aepfel schmeckten genau so gut, ob sie von ein und demselben oder ob sie von verschiedenen Bäumen kämen. Vollends aber haßte sie das Klöppeln und Sticken, worin sie übrigens sehr geschickt sein mußte, denn es war, wie sie sagte, der Stolz ihrer Mutter und die einzige Beschäftigung langer Wintertage. Und sie bemerkte hierbei, sie erinnere sich gar wohl, daß es in Paris keinen Winter gegeben habe, denn die Straßen seien das ganze Jahr herum gleich belebt und fröhlich gewesen. Worin ich sie aber schnell eines Besseren belehrte, da ich wohl sah, daß sie rückblickend alles verschönerte und vergoldete, was noch an Erinnerungen an Paris in ihr lag. So hatten wir Bilder der Vergangenheit und Gegenwart in buntem Reigen beschworen, und der Tanz dauerte so lange, als die Orgel klang. Dann erhoben wir uns, um die Kirche zu verlassen, und als ich gewohntermaßen das geweihte Wasser nahm, vergaß ich, daß das Mädchen an meiner Seite eine Kalvinistin war und bot es auch ihr, wie ich es als Kavalier einer Edelfrau geboten haben würde. Sie nahm es ruhig und bekreuzte sich richtig, so daß ich sah, sie hatte ihrer katholischen Kindheit keineswegs vergessen. Als sie darauf die Freude in meinem Antlitze sah, wurde sie ein wenig rot und sagte: »Dies tue ich in der Erinnerung an Frankreich und an St. Jaques de la Boucherie. Sonst habe ich mir nichts dabei gedacht.« Und dann, mit einem fröhlichen Aufblitzen ihrer Augen, tauchte sie noch einmal die rosige Fingerspitze in das steinerne Becken, zeichnete schnell und mit ganz fühlbarem Drucke ein Kreuz auf meine Brust und sagte lächelnd: »Aber jetzt denke ich mir etwas dabei!« und flog enteilend die Stufen des Portales hinab. In der hellen Gasse stand ich geblendet und sah ihr nach, und wie die Entfernung ihr Bild verkleinerte, war sie wieder ganz das leichtfüßige Benediktlein von früher, das mit schlechtem Gewissen nach Hause rannte, um der scheltenden Mutter zu entgehen. 20 Als Benedikte meine Rechtfertigung in bezug auf die vermeintlichen Hugenottenverfolgungen vernommen hatte, hatte sie mich eilig überreden wollen, mit ihr zu ihrer Mutter zu gehen und auch diese von meiner Unschuld zu überzeugen; der wohlbekannte Umstand, daß ich in beabsichtigter Verteidigung ihres Landhauses Verwundung und Gefangenschaft erlitten habe, würde, so meinte sie, bei Germaine für mich sprechen, und ein übriges täte wohl meine veränderte Gesinnung, die sich jetzt in vielen Punkten mit derjenigen der allerstrengsten Kalvinisten berühre. Ich glaubte nun freilich auch, daß zwischen Germaine und mir ein Verstehen möglich sein müsse, wagte es aber doch nicht, auf eine solche Ungewißheit hin mein kaum gefundenes Glück wieder preiszugeben, weshalb ich Benedikten gebeten hatte, unser Zusammentreffen fürs erste noch geheimzuhalten und lieber erst vorsichtig das Eis zu prüfen, auf welches wir treten wollten. Ich hatte sie zugleich überredet, am nächsten Morgen wieder um die gleiche Zeit nach der Kirche zu kommen, wo ich ihr vor allen Dingen eine Mitteilung machen wolle, die mir seit langen Jahren auf der Seele läge; und ich hatte die Frage hinzugefügt, ob sich Benedikte noch der letzten Worte erinnere, die ich damals unter Nicolas Flamels Portals zu ihr gesprochen. Da hatte sich denn herausgestellt, daß das Kind im Schrecken jenes Augenblickes, wo die gefürchtete Mutter so jählings vor uns aufgetaucht war, meine Erwähnung seines Vaters durchaus überhört und nichts behalten hatte als mein Versprechen, ihm ein liebes Spielzeug wieder zu verschaffen. Davon wollte ich nun reden, hatte ich Benedikten erwidert, und sie hatte sich auch richtig voll Neugier wieder in der Kirche eingefunden, wo ich sie auf dem Betschemel sitzend fand, als ich anlangte. Sie sprang mit einem so unverkennbaren Freudenblicke auf und mir entgegen, daß mir ganz warm ums Herz wurde, wenn ich auch nicht mehr eitel genug war, um aus dieser Bewegung vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Ich kannte diese kleine Pariserin gut genug, um zu wissen, daß sie vorläufig in unsrer Begegnung nichts sah als eine unverhoffte Kurzweil und Unterbrechung jahrelanger schnöder Langweile; ich war darauf gefaßt, daß sie den Spaß so lange als zulässig in vollen Zügen genießen würde, ohne ihr Herz indes an der Sache zu beteiligen, und ich wußte genau, daß dessen Eroberung eine Sache für sich war, die mit der allgemeinen und unerschöpflichen Pläsiersucht der Tochter Regnards nichts zu tun hatte. Immerhin konnte man versuchen, diese als Brücke zu benutzen, um einen Sturmlauf auf jenes zu beginnen. Denn diesmal war ich entschlossen, das süße Weib nach allen Regeln der Kriegskunst zu erobern, und ich wäre wohl nicht in jungen Jahren Oberst geworden, wenn ich von letzterer so gar nichts verstanden hätte. Ich hütete mich daher wohl, dem sonnigen Wesen an meiner Seite die ganze Tragödie seines Vaters auf einmal in wilden Zügen zu entrollen, wie ich es getan hätte, wenn ich neun Jahre früher zu Worte gekommen wäre. Vielmehr begnügte ich mich damit, ihn in seiner Kunstfertigkeit und in all seinem leuchtenden Frohsinne zu schildern, wie er in der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft tatsächlich gewesen war. Ich beschrieb die Goldschmiedewerkstatt, wie ich sie in diesen Aufzeichnungen beschrieben habe, ich ließ all die zierlichen kleinen Wunder aus Metall, Elfenbein und Schmelz vor Benedikte aufmarschieren, ich zeichnete Nautilusbecher und Rebenpokal, das sechsflächige Teebüchslein und das Uhrgehäuse aus Rankenwerk, die Dose mit den griechischen Götterbildern und die Statuette des tanzenden Knaben. Und da, wie natürlich, Benedikte nicht immer die Symbolik der Gebilde verstand, so mußte ich meine Mythologie und alle verblaßten Erinnerungen an das Kolleg St. Louis und Abbé Cölestin zu Hilfe rufen, und da geschah es denn, zum ersten Male wohl und vielleicht zum einzigen, daß eine Kalvinistin in einem katholischen Gotteshause Unterweisung in griechischer Götterlehre erhielt. Leider muß ich sagen, daß das phantasievolle Mädchen für diesen heidnischen Kultus ein gefährliches Talent an den Tag legte und daß sie mir durch diese unverkennbare Erbschaft ihres Vaters nur um so lieber wurde. Als die Orgel verstummte, waren wir eben mit den Kunstgebilden, soweit ich mich ihrer entsinnen konnte, fertig geworden und hatten noch recht wenig von Regnard selbst gesprochen. Wenigstens aber hatte Benedikte eine Ahnung seiner gottbegnadeten Natur empfangen, und sie gestand dies, indem sie gedankenvoll bemerkte, von all dieser Schönheit hätte ihre Mutter ihr nie ein Wort berichtet. Ich antwortete heuchlerisch im Tone der Entschuldigung, das schiene mir von Germaines Standpunkt aus sehr begreiflich, da doch die Kalvinisten solch eiteln Tand verachteten und Werke des Bösen darin sähen. Und mit innerlichem Triumphe vernahm ich Benediktens Antwort, schlagfertig und grimmig und ganz ihrem kriegerischen Sinne entsprechend: »Ja, das sieht man ihren Kirchen und hört es ihrem Gesänge an! Viehställe und blökende Herden darin! Es ist gar kein Vergnügen, da zu beten! Und dann trennten wir uns mit der Abmachung, auch für diesmal noch der Mutter nichts zu verraten, sondern andern Tages wieder auf dem Betschemel zusammenzutreffen, um die Geschichte Regnards zu Ende zu bringen. Als ich an diesem selben Nachmittage auf dem Festungswalle saß und hinausblickte nach der Richtung von Gevries, was ich mit Vorliebe tat, wenn ich Bilder der Vergangenheit beschwören wollte – siehe, da lag ein sonnendurchschimmerter Goldstaub auf dem weiten Lande, und in hellen Reihen zogen die allerherrlichsten Scharen herbei, ein Heer von Siegern mit lauter weißen Fahnen und goldenen Helmen. Auferstandene Jugendgedanken waren es, die mit blinkenden Waffen Sturm liefen gegen die Feste meiner Gefangenschaft. Von allen Seiten schweiften sie einher über die junigrünen Hügel, immer neue entstiegen dem duftverhüllten Horizonte, zu Tausenden ergossen und drängten sie sich zu meinen Füßen, und alle blickten empor zu mir mit Augen fröhlicher Zuversicht und riefen: »Glaube uns! glaube uns! wir haben dich nie belogen, wir belügen dich auch heute nicht! Glaube uns! glaube uns! wir kämpfen für dein Glück!« Und ich glaubte ihnen. – Mußte ich nicht? Es war eine köstliche Heerschau, die ich da hielt, denn jeder einzelne dieser schönen Krieger trug ein Gesicht aus vergangenen Tagen, und in jedem Gesichte stand ein kleiner, liebevoller Vorwurf über verkannte Treue. Ich hätte sie um Verzeihung bitten mögen, daß ich so lange an ihnen gezweifelt, denn jetzt sah ich wohl, wie redlich sie mir gedient hatten. Wie ich in den Stunden meiner tiefsten Erniedrigung in allen geschehenen Dingen einen Zusammenhang gesehen, so sah ich diesen auch jetzt in meiner Freude – aber einen Zusammenhang zu wie andern Zielen! Benediktens gesunde Art, die sich inmitten der strengen Zucht dieser frommen kleinen Stadt so unentwegt erhalten hatte wie ein schönes Unkraut, war mir jetzt das Resultat aller vorbereitenden Ereignisse. Ich mußte mir sagen, daß dieses Kind, das so freudenhungrig und schönheitsbedürftig war, daß es sogar beim Beten sein Teilchen Vergnügen forderte, in Paris ein böses Ende genommen haben würde, und segnete plötzlich alle Genien des Weltgeschickes und alle kleinen Kobolde des obskuren Zufalles, die an Germaines Emigration mitgearbeitet hatten. Die Stimmung ganz Frankreichs gegen die Hugenotten, meine eigne Torheit, Orleans' Geschwätzigkeit und Germaines Haß gegen mich erschienen mir jetzt wie wohlbedachte Faktoren, ausgeklügelt und in Szene gesetzt einzig und allein zum Heile dieser übermütigen Benedikte, und wenn ich mir auch sagen mußte, daß bei diesem Reigen der Dinge für mich manch böser Seitenstoß und Fußtritt abgefallen war, so empfand ich doch nichts als Dankbarkeit, jetzt, wo ich das schöne Ergebnis in Händen hielt. Dankbar war ich selbst Germaine, die mir das üppige Pflänzlein von Benediktens Lebensmut behütet und beschnitten hatte, dankbar aber vor allem jeder schweren Erfahrung, die mich selbst gemodelt, geläutert und gebessert hatte, daß ich diese Blüte, die eine gefährliche war und Gift aushauchen konnte, wenn sie in schlimmer Luft stand, in reinen Händen empfangen und zu edeln Früchten treiben konnte. Von diesen Gedanken ging ich aus, als ich am andern Morgen wieder auf dem Betschemel unter der roten Ampel saß und Benedikten weitererzählte an der Geschichte ihres Vaters. Ich vermied jeden Vorwurf gegen Germaine, ich hütete mich vor jeder Anklage gegen das Geschick. Ich ließ auch Benedikten nicht Zeit, solche zu erheben. Nur darauf war ich bedacht, das Bild des begnadeten Mannes in all seiner Schönheit wiederzugeben, seine Macht über die Menschen, die Freude, die er um sich verbreitete, zu schildern, sein gutes, warmes, kindliches Herz zu würdigen – und endlich: Benedikte, die um all diese Erinnerungen Verkürzte, feierlich in die gesegnete Erbschaft einzusetzen. Es konnte leider dabei nicht fehlen, daß sich trotz aller meiner Vorsicht ein kleiner Konflikt in der Seele des Kindes erhob. Denn Germaine hatte ihren Gatten verlästert, hatte ihn als das Urbild eines Sünders und Schwelgers hingestellt und Benedikten als die schlimme Frucht seiner leichtfertigen Art. Dafür mußte sie nun büßen. Denn Benedikte, die ihr eignes Naturell und alle darin verborgenen drohenden Möglichkeiten noch nicht kannte, weil sie zeitlebens vor jeder Versuchung sicher gewesen war, ergriff selbstverständlich mit allen Fasern ihres Herzens Partei für diese Auffassung der Gestalt ihres Vaters, die zugleich ihr eignes Wesen rechtfertigte. Zum ersten Male sah ich an diesem Tage in den still gewordenen Augen die Seele des Weibes aufleuchten, zum ersten Male verriet Benedikte, die bisher nur schöne Sinnlichkeit gewesen war, auch echtes Gefühl, als sie nach Beendigung meiner Erzählung lange und schweigend mir ins Gesicht blickte und in festem Drucke meine Hände hielt wie etwas, das ihr Halt gegeben hatte nach langem Schwanken. Endlich konnte sie auch wieder reden, und da dankte sie mir denn mit zuckenden Lippen dafür, daß sie sich von nun an freuen dürfe, ihres Vaters Tochter zu sein, daß sie stolz sein dürfe, ihm zu gleichen, was ihr doch bisher immer als ein Fluch und ein Laster vorgehalten worden sei. Sie war zu tief ergriffen, um einen Vorwurf gegen ihre Mutter auszusprechen. Nur bat sie mich nun selbst, noch einmal, wie bisher, in der Kirche unser heimliches Zusammentreffen abzuhalten, da sie gern noch mehr, viel mehr von ihrem Vater vernehmen wolle und dies daheim unter den Augen der Mutter doch schlechterdings unmöglich sei. Und das war Germaines Strafe. Das Thema erwies sich viel reichhaltiger, als Benedikte oder ich gedacht hatten, denn wir kamen Tag um Tag in der Kirche zusammen und immer wieder einen und noch einen, und noch fanden wir kein Ende. Jeder kleinste Zug im Wesen des einst bewunderten Mannes kehrte mir zurück, ich spann ihn aus, ich beschrieb ihn mit der äußersten Freude und Sorgfalt. Nachts lag ich wach und sann, und die Erinnerungen kamen, und ich sammelte und sichtete sie für Benedikte, und am Morgen trat ich vor sie mit vollem Herzen und konnte lange nicht alles erzählen, was mir eingefallen war. Immer aber vermied ich alles, was das helle Bild trüben konnte, so daß Benedikte wohl ihres Vaters Herrlichkeit und Reichtum, nie aber die Tragödie seines Lebens kennen lernen konnte. Und wenn sie schon klug genug war, sich zu reimen, daß zwischen ihm und ihrer Mutter böse Kämpfe stattgefunden haben mußten, so hielt sie ihn doch ohne weiteres für den Sieger; und zu diesem Schlusse verhalf ihr ihre eigne kräftige Art, die Germaine bisher auch nicht zu ducken vermocht hatte. Sie sprach dies aus, und wie sie es überdachte, kam ihr das Lachen, und gutmütig rief sie: »Arme Mutter! sie hat ihre liebe Not mit Mann und Kind gehabt und nichts erreicht!« und löste so den Kampf ihres Lebens mit einem Schlage in humorvolles Mitleid auf. Ich aber dankte Gott, daß ich damals am Portale des Nicolas Flamel am Sprechen verhindert worden war, denn ich hätte ohne Zweifel in meiner wilden Parteilichkeit nichts weiter bewirkt als die Entfesselung einer Rachefurie, die – wenn ich Benediktens Wesen recht schätzte – sie, mich und Germaine zugrunde gerichtet hätte. Und es paßte mir recht, daß wir in dem Augenblicke, wo mir diese Erkenntnis kam, gerade in einer Kirche waren. – Von dem Tage an, da Benedikte begonnen hatte, meine Hände festzuhalten, wenn ich von ihrem Vater sprach, hatte sich auf natürliche Art ein Näherrücken und Anlehnen ergeben, ein schüchternes Umfassen und Anschmiegen, bis zuletzt immer und unentwegt ihr süßer Kopf an meiner Schulter ruhte und meine leise Erzählung ihren Weg erst durch das Goldgekräusel von Benediktens Stirnhaar nehmen mußte. Verhältnismäßig schnell, aber still und feierlich, wie es dem Orte und den Umständen angemessen war, war in Benediktens Seele die Liebe eingezogen, eine gute, brave, bürgerliche Hugenottenliebe, die dem sonstigen Wesen meiner kleinen Sybaritin durchaus nicht glich, denn sie war bescheiden und äußerte sich fast nur in ernsten, verständnisvollen Blicken, im leisen Drucke der Hand und in einem innigen und ruhigen Worte voll Sicherheit und Vertrauen. Keine Leidenschaft schien uns zu berühren, wir hielten einander, als hätten wir uns seit Jahren geliebt und besessen, und erst als ich eine deutliche Werbung aussprach und Benedikten bat, mich zu ihrer Mutter zu führen, verwirrte sich ihr Wesen ein wenig, sie schauerte leicht zusammen, preßte sich fester an mich und fragte verwunderlicherweise, was sie längst wissen mußte: »Hast du mich denn so lieb?« Ich küßte sie auf die Stirne und sagte: »Wie lieb, das sollst du erst noch sehen!« Worauf sie immer noch ein bißchen konfus erwiderte: »Das habe ich dir gar nicht angemerkt.« – »Ich dir auch nicht,« gab ich froh zurück, »aber haben wir es nicht trotzdem vom ersten Tage an gewußt?« Und ganz im Tone ihrer alten Frische und Unbefangenheit gab sie fröhlich zu: »Natürlich!« 21 Am andern Tage suchte ich denn Germaine auf, und zwar tat ich es in bester Zuversicht, denn ich fühlte nicht den geringsten Zweifel in mir, daß alles zwischen uns zum klaren Verstehen kommen müsse, wie ich denn auch selbst keinen Schatten von Bitternis mehr gegen sie hegte. Ich war ein halber Kalvinist geworden, und wenn Germaine es verlangte, so wollte ich mich auch äußerlich dazu bekennen, wollte in holländischen Dienst treten, wollte tun, was sie irgend von mir forderte, wenn ich nur Benedikten haben und halten durfte. Freilich hoffte ich im Innersten, ihre Forderungen würden so weit nicht gehen, denn mein Gewissen protestierte gewaltig. Aber im Notfalle hätte ich es erstickt. Nun – es kam nicht dazu. Ich hatte Benedikten gebeten, der Mutter noch kein Wort von unsern Heimlichkeiten zu sagen, denn ganz mit meiner eignen Taktik wollte ich den Feldzug beginnen und auch mein eigner Ingenieur sein, Louvois und Vauban in einer Person. Benedikte hatte gehorsam unsre Bekanntschaft verschwiegen, und ich kam nun ins Haus zu einer Zeit, da Germaine allein war, unbefangen, als hätte ich eben erst von ihrer Anwesenheit in Mons gehört und käme nun als Landsmann und einstiger Hausgenosse, sie zu grüßen. Dabei wollte ich mich schon ins rechte Licht setzen, um für alle meine jugendlichen Torheiten Verzeihung und für künftige Forderungen Vertrauen zu erlangen. Germaine sah in ergrauten Haaren noch ebenso schön wie einst, aber fast noch dämonischer aus, denn jetzt beherrschten die schwarzen Augen noch viel ausschließlicher die ruhige Blässe ihres Gesichtes. Mir wurde doch etwas beklommen, als ich sie sah, und die Empfindung meiner Kindheit, daß diese Frau außerhalb des Bereiches natürlicher Berechnungen stände, faßte mich wieder mit Macht. Ich aber schüttelte das Grauen ab und ging mit gutem Gewissen an meine Aufgabe heran, indem ich mit List da anknüpfte, wo ich am sichersten Halt finden konnte, nämlich an den Kalvinistenversammlungen, deren ich im Anfange meiner Gefangenschaft in Mons ja etliche besucht hatte. Ich tat, als wäre ich aus bloßem Herzensbedürfnis dahin gegangen, und sprach meine Verwunderung aus, Germaine dort nicht gesehen zu haben, ihr überhaupt in all der Zeit nicht begegnet zu sein. Wie sorgfältig ich dieser Begegnung in den letzten vier oder fünf Wochen aus dem Wege gegangen war, davon brauchte meine gefährliche Gegnerin wahrlich nichts zu wissen. Germaine erwiderte mit gutem Anstande, ja sogar mit einem Scheine von Freundlichkeit, die sie mir aus Gründen der Gerechtigkeit nicht ganz versagen mochte; wußte sie doch, daß ich um ihres Besitztumes willen einen gewagten Schritt getan hatte, an dessen Folgen ich jetzt litt. Sie brachte es denn auch über sich, mir ein paar sehr wohlgesetzte Dankesworte zu sagen, die mir die Brücke zu weiterem Sturmlaufe boten. Denn ich erwiderte alsobald mit einer Klage über die schlimmen Verhängnisse der Kriegsnot, die es auch dem bestgesinnten Führer fast unmöglich machten, Zucht unter seinen Leuten zu erhalten, und mit der Versicherung, daß gerade ich stets hohen Wert auf solche Zucht gelegt und sie mit äußersten Mitteln verteidigt habe: »Denn,« fügte ich hinzu, »die puritanischen Helden Englands, Cromwell und Fairfax, haben uns bewiesen, daß die Stärke einer Armee in ihrer Zucht liege, wie die Stärke eines Menschen in seiner Reinheit. Mit besudelten Händen ist nie eine gute Sache geführt worden, und dieser Krieg ist ein unseliger für uns nur deshalb, weil vom General bis zum letzten Söldner herab jeder einzelne ihn als einen Raubzug für eignen Gewinn betrachtet. Deshalb bedaure ich doppelt und dreifach Vorfälle wie diesen eben besprochenen, und würde unter gleichen Umständen immer wieder gleich handeln.« Das war doch wahrlich wohlgesprochen, und wenn jetzt die Festung nicht kapitulierte, so war der Anlauf verloren! Bei der Nennung Cromwells und der englischen Puritaner hatte Germaine wirklich die Brauen etwas hochgezogen, einen helleren Blick auf mich gerichtet und in offenbarer Spannung meine Worte verfolgt. Als ich geendet, erwiderte sie, das sei eine löbliche Gesinnung, die sie einem französischen Offiziere schwerlich, mir gerade aber unter keinen Umständen zugetraut hätte, Und damit hatte ich, was ich beabsichtigte, erreicht, und konnte nun in vollem Schwunge zum entscheidenden Schlage ausholen. »Halten Sie mich,« rief ich mit aller möglichen Wärme, »halten Sie mich um Gottes willen nicht für den Menschen, der ich einst war und den Sie so mit Recht verachtet haben! Ich bin anders geworden durch manche Erfahrung, Germaine! Frankreichs Schicksal und mein eignes haben mich belehrt, und das letzte haben Ihre Glaubensgenossen getan, um den alten Menschen in mir auszulöschen. Ich bin ein Besserer geworden, als ich war, und jetzt vielleicht wert, als Freund Ihre Hand zu fassen. Wollen Sie sie mir geben, Germaine?« Ich mußte, trotzdem ich im wesentlichen keine Unwahrheit gesprochen hatte, doch ein klein wenig unter dem Banne und mit dem Ausdrucke eines schlechten Gewissens geredet haben, das mir während dieser ganzen Szene alle Erbärmlichkeiten der Welt zuschrie und mich einen feilen Komödianten nannte, der aus seiner Gesinnung Münze zu schlagen versuchte. Denn Germaine, die mich die ganze Zeit über mit der alten zwingenden Macht ihrer Augen förmlich durchbohrt hatte, zeigte keineswegs die Freude über meine Bekehrung, die ich erwartet hatte, sondern antwortete gemessen, sie habe in ihrem Leben an vieles glauben gelernt, nur nicht an einen Wechsel der menschlichen Natur, und sie glaube auch bei mir nicht daran. Immerhin erkenne sie an, daß ich einmal als Ehrenmann gehandelt habe, und wenn sie mir die Hand reiche, so sei es als Zeichen der Dankbarkeit und nicht, weil sie mich als einen Verbündeten betrachten wolle. Und damit entließ sie mich so kühl, wie sie mich empfangen hatte, und sprach das Wort nicht aus, das ich so sehnlich erwartet hatte und das mir in Zukunft die Türe ihres Hauses offen halten sollte. So war ich im ganzen doch geschlagen und mußte auf neue Listen sinnen, meinen Dämon zu binden. Darüber beriet ich mich nun am andern Morgen mit Benedikten, die ich um die gewohnte Zeit im Dämmer des Seitenkapellchens traf. Sie lachte mich ein wenig aus, als ich ihr meine Niederlage beschrieb, tröstete mich aber bald, indem sie fröhlich meinte, wir hätten ja alle Zeit, die Sache sorgfältig vorzubereiten, als Gefangener könne ich so wie so nicht ans Freien denken, und die Auslieferung stünde nach der Meinung aller noch im weiten Felde. So lange wollten wir uns treu und heimlich lieben und gutes Mutes sein. Ich war schlecht genug, den Wunsch auszusprechen, der Krieg möchte noch recht lange dauern, meine Auslieferung ins Unendliche gerückt werden, denn ich sah wohl, daß der Germaine nur mit langer Belagerung beizukommen war, und mit einem solchen Kriegsrat jeden Morgen und solch einer süßen Verproviantierung mit guten frohen Verheißungen war ich sicher, meine Laufgräben ganz gemächlich immer weiter vorzutreiben. Wir beratschlagten nun über die nächsten Schritte. Benedikte hielt es für zweckmäßig, daß ich mich auch ferner bei den frommen Uebungen ihrer Sekte als aufmerksamer Zuhörer zeige, aber an solchen Tagen, wo auch Germaine daselbst anwesend sein würde. Diese Tage zu erfahren, hatte ich nun, dank meinem lieben kleinen Eklaireur, gar keine Mühe mehr. Da saß ich nun zwei- oder dreimal wöchentlich in einem langen, dumpfen, dunkel getäfelten Gemache unter schwarzgekleideten Menschen mit strengen Gesichtern und hörte trockene und kalte Worte von Pflicht und Vernunft. Alle Fenster des Gemaches waren geschlossen, denn die duftschweren Sommerlüfte draußen hätten Wirrsal in diese gefesselten Sinne gebracht, wenn sie hätten eindringen können. Ein hohes kohlschwarzes Kreuz, das wie ein Schatten an der dunkelbraunen Wand stand, hielt alle Blicke gleichsam an sich fest. Unter dem Kreuze stand der Prediger, und auf einem Tischlein vor ihm lag die Bibel und stand etwa einmal ein schlichter goldener Kelch, der im Scheine zweier Kerzen doch viel zu freundlich für diese Umgebung blinkte. Außer dem Kelche war nur ein lieblicher Punkt in dem toten Raume, und das war drüben auf der Frauenseite Benediktens rosiges Gesichtlein, das unter dem Goldhaare und der weißen Haube wie ein Blümchen erblühte. Da sie gleichfalls schwarzgekleidet war und also ihr Körper mit den übrigen in einem unauflöslichen Schatten versank, so schien dieses Köpfchen, wenn sie es dem Kerzenlichte zuwandte, manchmal ganz frei auf dem dunkeln Hintergrunde zu schweben, wie das eines Engels auf einem nächtlichen Himmel; und ich war auch fromm, wenn ich es anschaute und dabei der schönen Bilder in unsern Kirchen gedachte. Nach dem nackten Kreuze an der Querwand mochte ich durchaus nicht blicken. So schön und warm in seiner Schlichtheit mir nun der Kalvinismus meines kleinen Dorfpfarrers erschienen war, so mühselig und beklemmend wirkte er hier auf mich, wo er nur Lehre, nicht Leben zu sein schien. Gott, mit was für gelahrten Spitzfindigkeiten nährten diese Menschen ihren Geist, und wie stiefmütterlich behandelten sie das pulsierende Herz! Immerhin wurde mir die Andacht nicht zu sauer, da ich in Benediktens Antlitz den Kommentar zu den unverständlichen Predigten studieren konnte. Blühte nämlich unversehens ein schönes, tiefempfundenes Wort aus dem Gestrüppe der Gelahrtheit empor, so flog ein warmer Blick ihrer lieben Augen zu mir herüber, der deutlich sprach: ›Das merken wir uns, mein Freund!‹ Und bei Gott, es saß, daß ich es heute noch wiederholen könnte! Dehnte sich aber die sandige Wüste der Gedankenarmut, oder türmte sich das Felsgebirge der Metaphysik, oder klapperte die Altweibermühle ewiger Gemeinplätze gar zu unerträglich, dann wußte das schalkische Mädchen drüben sein Mißfallen durch ein kaum wahrnehmbares Muskelspiel so allerliebst auszudrücken, daß ich mir schwer nur das Lachen verbeißen konnte. Dies tat es aber nur, solange der Blick des Predigers es nicht traf; sah er es an, so verwandelte sich blitzgeschwind das anmutig protestierende Gesichtlein in ein so himmelfrommes und gläubig-verklärtes, daß es einen heidnischen Sklavenverkäufer hätte rühren müssen; und kaum wandte jener sich ab, so spukten alle Kobolde des Uebermutes wieder unter den krausen Stirnlöckchen herum, bis etwa wieder ein Herzensstrahl aufleuchtete und das süße Bild mir durch einen Liebesblick sein Verständnis vermittelte. Bei solchem Spiele wurden mir die Abende freilich nicht lang, aber einen rechten Gewinn wollte die Sache doch nicht abwerfen. Denn wie ich auch versuchte, nach dem Gottesdienst und auf dem Heimwege Germaine nahezukommen, immer empfing ich nur schroffe Ablehnung und schließlich kaum mehr einen Gruß. Schon hatte ich die Vorsicht gebraucht, von Benedikten keine Notiz zu nehmen; als sie das erstemal nach der Andacht neben der Mutter einhergewandelt war, hatte ich nur obenhin gefragt: »Und das ist das kleine Benediktlein?« aber weiter kein Wort an das züchtig mit gesenkten Lidern dahingehende Mädchen gerichtet, das seinerseits so scheu und fremd tat, als hätte es mich nie gesehen. Eifrig sprach ich dagegen von den vernommenen Lehren, pries den Redner, pries die Erbauung, die ich geschöpft – und tat dies so lange, bis ein kalter Blick der Germaine mir die Rede abschnitt. Da dieser Blick immer schneller erfolgte, so mußte einmal ein Tag kommen, wo er schon die ersten Sätze, ja schließlich gar die ersten Worte erstickte und ich den Mut zu neuem Ansätze verlor. Immerhin hatte die Sache Wochen gedauert, so daß ich mich heute noch meiner Geduld und Zählebigkeit wundere. Während all dieser Zeit gab mir Benedikte allmorgendlich treuen Bericht über die Wirkung meines Verhaltens auf Germaine. Es waren klägliche Berichte! Denn die Kluge war durch meinen kalvinistischen Eifer keineswegs getäuscht, vielmehr erst recht mißtrauisch geworden, und auch meine Zurückhaltung gegen die Tochter erschien ihr nicht natürlich. Sei es nun, daß sie auch noch einen unsrer Wechselblicke während der Predigt aufgefangen hatte, sei es, daß sie sich meines Schwures in der Rue Planche-Mibrai, Benedikten zu erobern, mit einem Male wieder entsonnen hatte – sie verbot dem Kinde eines Tages schlankweg, die Andachten zu besuchen. Damit fing sie uns. Denn in der Torheit unsrer Liebe hielten wir diese Neuerung für eine günstige und eilten, daraus Vorteil zu ziehen. Wenn Germaine zur Andacht ging, so schlich ich, dessen Erbauungsbedürfnis plötzlich erkaltet war, mich nach ihrem Hause, wo ich im dunkeln Torweg ein Plauderstündchen mit meiner Süßen hielt. Blinder hätten wir nicht handeln können. Denn nun bedurfte es wahrlich nicht des Scharfsinns jener schwer erfahrenen Frau, um den letzten Schluß zu ziehen. Sie kehrte eines Abends unvermutet früh aus der Versammlung nach Hause, überraschte uns, riß Benedikten an sich und donnerte die Pforte meines Paradieses zu. In der Folge hielt sie das unglückliche Mädchen wie eine Gefangene hinter Schloß und Riegel, und ich hatte nun Zeit, in einer Reihe äußerst qualvoller Tage, während welcher ich Benedikten nicht sah, über Kriegskunst und ihre Anwendung gegen Frauen nachzudenken. 22 Es war indes zum Glücke für uns beide Benedikte, wie ich bereits erwähnte, nicht nur Regnards Kind, sondern in mehr als einer Hinsicht auch das der Germaine. Wie sie es angestellt, was für tollkühne Listen sie gewagt, weiß ich nicht – aber, gottlob! sie brachte es fertig, eines Tages der Mutter zu entwischen und sich wieder in der Kirche einzufinden, wo ich in einer dumpfen Erwartung Morgen um Morgen zur gewohnten Stunde gesessen hatte. Lachend und weinend fiel sie mir um den Hals – und, lieber Gott! ich will nicht sagen, was ich tat! Sie erzählte mir, daß ihre Mutter sie an jenem schrecklichen Abende mit dem Messer bedroht habe, wenn sie sich nicht mit den heiligsten Eiden bände, für alle Zeit von mir zu lassen. Den festen Druck der Messerspitze schon auf der Brust fühlend, habe Benedikte noch zornig gerufen, sie möge zustoßen, Rad und Hochgericht wären ihr dafür gewiß. »So sterbe ich,« habe Germaine voll ruhiger Hoheit erwidert, »andern Müttern ein Beispiel, wie sie ihre Töchter zu behüten haben. Denn besser ist uns beiden der Tod als diese Verbindung!« Damit habe sie das Messer so heftig angedrückt, daß Benedikte voll Entsetzen jeden Eid geleistet, den sie aber jetzt vor dem Heiligenbilde unsers Liebesheiligtums in heller Leidenschaft wieder abschwor. Sie erzählte mir dann auch noch, daß die Mutter ihr später mit kühlerem Blute den Grund ihres Hasses gegen mich erklärt habe. Ihr ganzes Leben habe sie, so sagte sie, darauf verwendet, Benediktens sündige Natur in bessere Wege zu leiten, das Erbteil ihres leichtsinnigen Vaters in ihr zu ersticken; würde das junge Geschöpf mir in die Hände gelegt, so sei es indes rettungslos dem Laster und der Weltlust verfallen und Germaines Lebenswerk vernichtet. Diese Erklärung hätte mich nun zum Lachen reizen können, wenn sie nicht meinen ganzen Zorn entfesselt hätte. »Glaubst du das?« schrie ich außer mir. »Benedikte, glaubst du das?« Und mit tränennassen Augen, aber klar und zuversichtlich schaute die Holde zu mir auf und erwiderte: »Ich glaube von meinem Vater das , was du mir gesagt hast. Und wenn ich ihm gleich werde, so ist's gut.« Wir konnten uns nun eine geraume Zeit hindurch nicht mehr in ruhiger Sicherheit zu gewohnten Stunden treffen, sondern mußten uns mit selten erhaschten, knappen und unruhigen Begegnungen begnügen, deren jede eine Fährnis war, deren jede unsre allerletzte sein konnte. Benedikte bestand wahre Abenteuer, um ihre Klausur zu brechen, kletterte nächtlicherweile über Dächer und kam nicht selten mit blutig gerissenen Händen an. Natürlich hatte in all dieser Bedrängnis unsre Liebe ihr stillbehagliches Wesen abstreifen müssen und brannte als loderndes Fieber in unsern gepeinigten Seelen. Wenn wir uns nach langen Tagen der Trennung einmal wiedersahen, so redeten wir kaum ein Wort, umarmten und küßten uns aber so heftig und schmerzlich, als sollten wir all unser Leben lang nicht wieder zu Kuß und Umarmung gelangen. Dafür war nun die Kirche aber längst nicht mehr der rechte Ort, sondern alle dunkeln und verlassenen Winkel der Stadt mußten uns Schutz geben. Zum Glück ist solch altes Städtchen reich an derartigen Verstecken, Stadtmauer und Warttürme, verfallende oder im Bau begriffene Häuser halfen uns allenthalben, und uns zuliebe hatte der gute Herrgott solch schönes dichtes Strauchwerk emporschießen lassen überall, wo eine Mauerspalte es erlaubte und braver alter Schutt es ernährte. Mondschein und Nachtigallen hatten wir auch, denn es war Sommer und die Nächte ein Zauber ohnegleichen; aber uns war es lieber, wenn sie schwarz und voll Regen oder Sturm waren, denn dann gab es nicht so viele andre Liebespärchen unterwegs, und die Straßen, in denen es gottlob noch keine Laternen gab, boten an jeder Hausecke Sicherheit und Dunkel. Oft saßen wir knapp unter Dach unter einer Kellertür oder am Eingang eines Warenschuppens, auf einem Zimmerplatze zwischen aufgetürmten Balken oder vor der Böttcherwerkstatt in einem großen umgestürzten Fasse, und wenn der Himmel ungnädig war, so schlug ich meinen Reitermantel um uns beide, daß er uns die Nässe vom Leibe hielt, Unter dem Mantel lag Benedikte sicher und warm an meinem Herzen wie ein Kind im Mutterarm. Es hätte nun dieser Zustand ins Unendliche fortdauern können, denn ich war mit meinem Witze zu Ende und machte keine Pläne gütlicher Vereinbarung mit Germaine mehr; aber da kam uns die schreckliche Frau selbst zu Hilfe mit dem letzten Streiche, den sie gegen unsre Liebe zu führen glaubte. Sie mußte wohl doch etwas gemerkt haben von Benediktens nächtlichen Eskapaden, denn sie ging hin und beredete den Festungskommandanten, daß er mich zur Flucht veranlasse. Sie war als wohlhabende Frau und um ihres ehrenhaften Wandels willen geachtet, besaß auch die nötige Beredsamkeit, und wer weiß, ob sie nicht den Offizier, der noch leidlich jung und unbeweibt war, durch eine verheißungsvolle Andeutung gewann, daß er die schöne Erbin Regnards etwa lieber für sich selbst erobern, als einem feindlichen Marodeur zur Beute fallen lassen solle; jedenfalls hatte sie ihn gründlich überzeugt, daß meine Anwesenheit in Mons drohende Gefahr für Benedikten bedeute. Da nun mittlerweile die Schlacht bei Malplaquet geschlagen und Friedensunterhandlungen im Gange waren, an deren erlösendem Ausgange jene siegessicheren Holländer durchaus nicht zweifelten, so glaubte der Kommandant nichts Schlimmeres zu begehen als ein Vorgreifen um wenige Wochen, wenn er mich entwischen ließ. Er fing die Sache mit großer Vorsicht durch die Vermittlung eines Unterbeamten an, der den Verführer spielen sollte. Natürlich war ich anfangs gar nicht geneigt, mich verführen zu lassen, und spielte mich gewaltig ehrenfest auf, bis Benedikte, deren Schlauheit alles durchdrang, mir den Zusammenhang erklärte. Wir haben in dieser Nacht unter unserm Mantel gar lustig gelacht, und von da an neigte ich mein Ohr allen verlockenden Einflüsterungen und ließ mich langsam verleiten. Der Herr Kommandant soll einen Stoßseufzer der Erleichterung getan haben, als man ihm endlich meldete, die unbestechliche Tugend seines Gefangenen sei ins Wanken geraten. Ich bekam nun sogar noch eine tüchtige Ausrüstung und etwas Geld zur Reise, und in der nächsten mondlosen Nacht sollte ein Pferd vor dem Stadttore angebunden mich erwarten. Das ging alles ganz glatt. Als ich aber im Sattel saß und losritt, da huschte aus dem dichten Haselgebüsch am Fuße der Stadtmauer ein großer schwarzer Vogel heraus und auf mich zu. Ich streckte ihm die Hand entgegen; ein leichter Tritt auf meinen Bügel, ein Ruck, ein Heben – und vor mir im Sattel saß Benedikte, ohne daß das Pferd seinen Gang auch nur verlangsamt hätte. Und da es regnete, schlug ich wieder den Mantel um uns beide. Die einzelnen Abenteuer und Fährlichkeiten unsrer Flucht sind mit Erinnerungen zu heiliger Art verbunden, als daß ich sie wiedererzählen könnte. Genug, daß wir sicher und unverfolgt über die Grenze gelangten und nach neunzehn Tagen der Angst und der Entbehrung, aber auch der allerreichsten Seligkeit in Paris ankamen. Zu Fuß kamen wir an, denn wir hatten zuletzt unser Pferd verkaufen müssen, um leben zu können. Und wieder wie vor vielen Jahren kam ich über die Heide am Fuße des Montmartre her auf das gewaltige Städtebild zu, das in königlicher Schönheit mit hundert Türmen am Horizonte aufstieg. Als wir über den Menilmontant gingen, setzte sich Benedikte, die ermüdet war, auf das Brückengeländer, genau an der Stelle, wo vor langer Zeit einmal Philipp von Chartres gesessen und den Teufel beschworen hatte. Wie er breitete Benedikte, vom Heimatgefühl überwältigt, die Arme gen Himmel, aber was sie rief, waren gute Geister, und diese sind der Beschwörung auch gerne gefolgt. Wir suchten Helvetius auf, der uns freudig in sein Haus aufnahm, unsre Ehe richtig machen half und uns ein kleines Hochzeitsmahl bestellte, an dessen Ende er uns in einer verdeckten Schüssel den Savoyarden, ganz in Blumen gebettet, auftischte. Mit zitternden Künden nahm Benedikte das Spielzeug aus seinem Versteck und stellte es vor sich hin, während ihr langsam die Tränen über die schmal gewordenen Wangen liefen. Wir schauten es lange schweigend an, während Bild auf Bild die Vergangenheit an uns vorüberzog, die Vergangenheit, die nun unser gemeinsamer Besitz war. Aber da stand in aller Drolligkeit das köstliche Männchen mit seiner kühnen Geste, der putzige kleine Affe blinzelte so verschmitzt in seine Schnapsflasche, die Papageien schwebten so froh und mit solch zierlichem Flügelschlag um ihn, der ganze Humor des kleinen Gebildes strahlte so siegreich aus jeder Linie, daß mählich unsre Ergriffenheit sich in Heiterkeit auflöste und mein Benediktlein unter ihren Tränen hervor plötzlich so herzlich zu lachen begann, wie es als Kind immer gelacht hatte, wenn es mit dem Kunstwerk spielen durfte. »Vaters Frohsinn,« rief sie aus, »so wie du ihn mir beschrieben hast, steckt in dem Ding und lacht uns an. Du hattest recht, daß er unwiderstehlich und ansteckend wirkt, und so wollen wir diesen kleinen Kerl behalten als Wehr und Schirm gegen traurige Stunden.« Und dieses gelobten wir uns. Ich brauche nicht zu sagen, daß der Savoyarde fast den einzigen Besitz unsers jungen Hausstandes bildete, denn wir waren arm wie die Kirchenmäuse, und ohne Helvetius' Hilfe wäre es uns schlimm ergangen. Dieser treffliche Mann jedoch erklärte sich großmütig zu meinem Schuldner für Summen, die ich ihm einst zur Verteilung an Arme anvertraut hatte und die er nicht verausgabt haben wollte. Ich durchschaute freilich den frommen Betrug, aber um Benediktens willen ging ich darauf ein. Nicht lange indes brauchte ich von des Freundes Milde zu zehren, denn mein angebetetes Weib wußte plötzlich Mittel zu beschaffen, indem sie ihre in Holland erworbene Fertigkeit im Sticken und Klöppeln zu verwerten begann. Mir stand das Herz still, als ich Benedikten das erstemal am Rahmen hantieren sah, denn ihre Stoßseufzer über die Langeweile dieser Arbeit waren mir noch recht gegenwärtig, und entsetzt rief ich ihr zu: »Aber Benedikte, diese Arbeit ist dir doch so verhaßt!« Sie zog eine ihrer artigen kleinen Grimassen und antwortete: »Zum Pläsier tue ich es auch nicht, sondern diesem kleinen Herrn da zuliebe, damit du nicht etwa auf den Gedanken kommest, ihn zu verkaufen.« Und sie wies auf den Savoyarden im Glasschrein. »Lieber verkaufe ich mich selbst,« rief ich verzweifelt und dachte gleich wieder an Kriegsdienst, der uns freilich Brot verschafft, mich aber auf lange Zeit von meiner Süßen getrennt hätte, und dessen schließliche Notwendigkeit mir bereits mehrmals wie ein Gespenst vor Augen getreten war. Aber Benedikte antwortete lachend, damit wäre ihr nun auch nicht gerade gedient, lieber wolle sie noch eine Weile für ihre beiden Mantelträger arbeiten, sie habe ja als reiches Fräulein in Holland dasselbe getan. Und so klöppelte und stickte sie, und dazwischen stickte sie meinen großen Reitermantel, bis er fast ebenso bunt aussah wie der des Savoyarden, und kräuselte kunstvoll die Federn auf meinem Hute; die lang nicht mehr so üppig wallten wie die seinen. Und es war ein Segen auf ihrem Schaffen, denn von allen den holländischen Stickerinnen in Paris, die Fraueneitelkeit und Sittenlosigkeit auch in den teuersten Zeiten in Tätigkeit und Brot hielt, war Benedikte die begehrteste, weil ihres Vaters schaffender Geist in ihren schlanken Fingern spielte. Und wenn vornehme Frauen oder putzsüchtige Dirnen die Kunstwerke meiner kleinen tapferen Liebsten gedankenlos auf ihren unheiligen Leibern trugen, so wurmte mich das wohl, versöhnte mich aber zugleich auch wieder ein bißchen mit der Welt und ihrer Lust, denn ohne die böse Lasterhaftigkeit so vieler Stände hätten Benedikte und ich Hungers sterben müssen. Auf diesen letzteren Schluß hatte mich nun freilich Benedikte selbst gebracht, als ich einmal nutzlos gegen die unwürdige Verwendung so liebevoll geschaffener Gebilde einer reinen Hand tobte. Und sie hatte dabei den Savoyarden angesehen, von dem sie behauptete, daß er mehr von der Welt wisse als ich. 23 Es wäre immerhin nicht auf die Dauer gegangen, von dem Verdienste meiner weltklugen Geliebten zu leben, um so mehr, als die Teuerung in Paris stetig zunahm, das Geld stetig im Werte sank und wir schließlich für ein ansehnliches Häufchen Münze, das vier oder fünf Tage emsiger Arbeit darstellte, kaum so viel Nahrung erstanden, daß wir uns recht satt essen konnten. Die entwürdigenden Friedensbedingungen, welche die Koalition an König Ludwig gestellt hatte, waren verworfen worden, der Krieg wieder aufgenommen, und stöhnend gab das Land sein letztes Blut. In mir kämpften Pflicht und Liebe. Ich wußte wohl, wo mein rechter Platz gewesen wäre, aber Benedikte, welche die Verheißung ihres schönen Namens jetzt auch in andrer, süßerer Weise zu erfüllen begann, bat mich flehentlich, sie nicht zu verlassen. Ich blieb also in Paris, verdiente geringe Beiträge durch allerhand gelegentliche Dienste, die ich hohen Herren erwies, machte Botenritte für den Erzbischof von Noailles, schulte dem Herzog von Longueville ein paar Pferde, unterwies da und dort einmal ein Gräflein im Fechten, aber immer mit kümmerlichem Gewinne und oft wochenlangen Unterbrechungen. Ohne Benediktens ewig sonniges und unerschöpflich hoffnungsvolles Wesen wäre ich oft in Trübsinn verfallen, denn Helvetius' Hilfe und meines Weibes Arbeit lasteten auf mir, und was hat ein Kriegsmann gelernt, um sich durchzuschlagen? Eine Besserung meiner Verhältnisse trat ein, als der im Anfang des Jahres 1711 erfolgte Tod Monseigneurs den Herzog von Burgund zum Dauphin machte. Dieses Ereignis bedeutete vor allen Dingen einen Wechsel in der Stellung des Herzogs von Beauvilliers, der jetzt als Erzieher und Berater des neuen Thronerben die einflußreichste Person am Hofe geworden war. In unwandelbarer Milde und Bescheidenheit verwendete der einzige Mann diesen Einfluß nur zugunsten andrer und hatte kaum von meiner Notlage erfahren, als er mich aufsuchte und nach kurzen Verhandlungen in den persönlichen Dienst des jungen Dauphin einstellte. Nun war ich wieder im Glanz, und mein Mantel konnte den des Savoyarden auslachen. Freilich mußte ich nun den größten Teil meiner Zeit in Versailles zubringen, während mein Kleinod in Paris blieb. Aber ein Lächeln des gütigsten Gebieters beurlaubte mich, so oft die Sonne schräg durch die hohen Baumgänge von Versailles schien, und allabendlich flog ich auf triefendem Rosse gen Paris, meinem Glücke zu. So hätte es nun meinetwegen bleiben können. Benedikte stickte nicht mehr, sie wiegte unsern Sohn, und durch das winzige Stübchen in Helvetius' Hause, das sie immer noch bewohnte, schwebten voll und freudig die hellen Töne ihrer Kehle in weltlichen und geistlichen Liedern. Und mir schien es wahrhaftig, als ob das Kind in der Wiege schon ebenso verzückt zu lauschen wisse, wie seine Mutter einst dem Orgelspiel in St. Jacques de la Boucherie gelauscht hatte. Seit ich nun wieder im Hofdienste war, hatte ich mit stiller Angst im Herzen dem Augenblick einer Begegnung mit Orleans entgegengesehen. Diese indes erfolgte lange nicht, schon deshalb, weil ich des Abends, wo der Hof zusammenkam, niemals in Versailles Dienst hatte. Ereignete es sich dennoch, daß meine Pflicht mich dem Gehaßten in den Weg führen mußte, so umging ich sie, der Milde des Dauphins vertrauend. Dieser wie der ganze Hof mußte ja wissen, welches Gespenst zwischen uns stand; und er wußte es auch und ließ mich gewähren. Und dennoch ist es geschehen, daß auch dieser letzte Schatten von meinem Lebenswege gehoben wurde. Wie, das habe ich bereits leise andeutend verraten, und ich möchte auch jetzt nicht viele Worte darauf verwenden. Es waren Dinge haarsträubender Art, die wie Keulenschläge des Schicksals auf unser aller Häupter niederfielen; und was wären wir gewesen, wenn wir in einem Schmerze, der allgemein und unauslöschlich war, nicht unsrer eignen kleinen Gebrechen und Klagen vergessen hätten? Man weiß, daß am 12. Februar 1712 die liebe Herzogin, jetzt Dauphine, der angebetete Liebling des greisen Königs, der Stolz und die Hoffnung des Landes, an einer rätselhaften, nur wenige Tage dauernden Krankheit starb. Sechs Tage später folgte ihr der Gatte ebenso unerwartet, unter gleich geheimnisvollen Zeichen, und nach weiteren zehn Tagen ihr älterer Sohn. Nichts blieb von dieser glücklichen Familie als ein Säugling, der noch nicht einmal getauft war. Auf diesen blickte der unglücklichste aller Monarchen als letzten Erben eines Thrones, von dem alle guten Genien geflohen zu sein schienen; über den Urenkel, der ihn noch nicht verstehen konnte, beugte sich der weinende Ahne, der Kinder und Enkel hatte überleben müssen. Wenn je eine tiefe Trauer diesen leichtsinnigen Hof erschüttert hatte, so war es jetzt, und ich darf wohl sagen, daß der feilste Höfling in diesem einen Falle vergaß, aus dem gebotenen Mitleid Gewinn zu schlagen, vielmehr sich schweigend mit so echten Tränen, daß sie nicht geschaut werden durften, abwandte, wenn der gebrochene, all seiner Freuden beraubte Mann an ihm vorüberging. Aber so groß ist kein Unglück, daß nicht Aberglaube und böser Wahn es noch größer machen könnten, und diese Furien schlugen denn auch hier ihre Krallen in bereits gerichtete Leiber, wie Raben auf dem Schlachtfelde in das Fleisch Gefallener. Irgend jemand – verflucht sei sein Name! – erinnerte sich in diesen Tagen Orleans' gefährlicher Vorliebe für alchimistische Studien, seiner Teufelsbeschwörungen und Wahrsagerei, seines unbändigen, stets gekränkten Ehrgeizes, seiner Königsträume und seiner volksbeglückenden Ideen. Was der Jüngling gesündigt hatte, mußte der Mann, der längst mit allen Torheiten fertig war, büßen. Als ob der arme König, der ohnedies sein ganzes Leben lang für ebendies Leben gezittert hatte, an der schrecklichen Mahnung des Schicksals noch nicht schwer genug zu tragen gehabt hätte; als ob der Herr über Werden und Vergehen nicht finster genug zu ihm gesprochen hätte; als ob es noch mehr brauchte als diese sichtbarliche Verfolgung von oben her: so stellten jene grausamen Toren ihm auch noch eine Verfolgung im eignen Hause vor, ein Eingreifen böser Mächte, einen Giftmord oder eine Einwirkung gleich schädlicher Beschwörungen, die ihm täglich und unmittelbar drohten. Vor jedem Löffel Suppe mußte König Ludwig sich fürchten, nachts schien ihm die Luft seines Gemaches von tötenden Dämpfen schwül, und die Hostie selbst nahm er nicht ohne Schauder. Das war der Mann, der einst die Sonne vom Himmel hatte reißen wollen, um sie in sein Wappenschild zu setzen! Helvetius und alle Aerzte des Hofes und der Stadt protestierten energisch gegen den erbärmlichen Verdacht, der auf Orleans gefallen war. Aber freilich: erklären konnten auch sie die Krankheit nicht, die drei junge und blühende Menschen dahingerafft hatte ohne sichtbaren Anlaß; und wo die Wissenschaft schweigen muß, redet der Aberglaube. Es gab nur wenige Menschen bei Hofe, die nicht an Orleans' Schuld und fernere böse Absichten glaubten, und der Mann, der von Jugend auf angefochten war, wurde nun gemieden wie ein Pestkranker. Trotzdem sah man ihn oft in Versailles. Ein eigner Reiz zwang den König, diesen Gehaßten, diesen Mörder, der ihn bedrohte, möglichst viel unter Augen zu haben, ihn zu beobachten, zu prüfen. Orleans soll sich tadellos unbefangen gezeigt und offenbare Unarten, denen er nun allerorts begegnen mußte, durch die edelste und natürlichste Freundlichkeit entwaffnet haben. In diese Zeit fiel es, daß ich ihm einmal unversehens in der Galerie von Versailles begegnete. Ich schrak zurück, ich suchte ihm zu entweichen – aber bei Gott! ich dachte nicht an den Giftmord und all die tollen Anklagen, ich dachte nur an das entehrte und bejammernswerte Mädchen, das einmal meine Braut war! Da rief Orleans meinen Namen, ich mußte ihm stehen, und ich tat es errötend, denn nun war mir zum Bewußtsein gekommen, wie er mein Verhalten deuten könne. Als er nun gleich darauf mit mildem Lächeln mir vorhielt, daß er von mir gerade diese Teilnahme an der allgemeinen Verirrung nicht erwartet hätte, protestierte ich eifrig, und die Sache kam zwischen uns zum Austrage. Orleans suchte nicht sich reinzuwaschen; er warf die Schuld nicht auf die Frau, wie er wohl hätte tun können, aber er sprach als ein zur Erkenntnis Gekommener und Reuiger von seiner ganzen Vergangenheit wie von diesem einzelnen Falle. Und nach einer Stunde reichten wir uns die Hände zur Versöhnung. Ich war durch den Tod des Dauphin wieder ohne Amt, und wenn ich auch in der allgemeinen Trauer kaum wagte, daran zu denken, so konnte es doch nicht fehlen, daß es mir manchmal wie ein leises Bangen ans Herz griff: »Was wird nun aus dir?« Ich hatte noch zu keinem über diesen Punkt gesprochen, denn fast zweihundert Menschen teilten mein Schicksal, und es brauchte wohl eine Weile, ehe an die Versorgung so vieler gedacht werden konnte. Aber schon wenige Tage nach jener Unterredung befahl Orleans mich zu sich und fragte in beinahe scheuem Tone, ob ich es noch einmal in seinem Dienste versuchen wolle. Nicht in St. Cloud und nicht in Versailles, fügte er hastig hinzu, sondern als Kontrolleur seiner Einkünfte in der Provinz. Ein einfaches Leben in einer kleinen Stadt mute er mir zu, und eine große Pflicht lege er mir auf, nämlich ein sorgfältiges Eingehen in die Verhältnisse und Mittel der Bevölkerung, die ihm steuerpflichtig sei; denn er wolle die Armen schonen. Und während er sprach, lag in seinen Augen wieder die alte Herrschaft, der alte Zauber noch in dem hager gewordenen, aber immer edeln Gesicht. In mir kämpften tausend Empfindungen einen heftigen Kampf. Aber was ich nimmermehr getan hätte, wenn der Herzog von Orleans in Königsgunst und Volkesliebe gestanden hätte, das mußte ich dem Verkannten und Geächteten tun; ich schlug ein und versprach ihm treulich zu dienen. Und wahrlich war es ja ein Amt, das mir in allen Stücken gefallen mußte, und daß es mich und Benedikten fern von Paris und fern vom Hofe hielt, war nicht die schlechteste Seite daran. So kam denn der Tag, an welchem das Brausen der herrlichen Stadt zum letzten Male um uns her war, an dem zum letzten Male die tausendstimmigen Schreie ihres wilden Lebens an unser Ohr schlugen. Zum letzten Male grüßten uns die feinen Dachprofile der Cité über dem hellen Wasser der Seine, die breite Wölbung des Pont Neuf, Heinrichs IV. schnaubendes Italienerpferd, die breite Fassade von Notre Dame. Die Tanzweisen in den Elysäischen Feldern verklangen hinter uns, über uns verwehte die unerschöpfliche Flut des Glockengeläutes der hundert Kirchen und Klöster von Paris. Noch einmal waren wir bekannte und erinnerungsreiche Straßen gewandert, hatten Abschied genommen von der Rue Planche-Mibrai und den Gegenden, wo ich einst Benediktens Ritter gegen Straßenhunde gewesen war, von St. Jaques' und Nicolas Flamels hübschem Portale, von dem Eckhause an der Barillerie, vom Pont de la Tournelle, wo mir Germaine zum erstenmal begegnet, und vom Palais Cardinal, in dessen Garten noch die falten Kastanien rauschten. Dann waren wir hinausgezogen in unser neues Leben, das wie eine stille schöne Insel war, auf die ich von allen Schätzen und Lasten vergangener Tage nichts gerettet habe als mein blondes Weib, mein Kind und den kleinen Savoyarden. Ich blieb auch auf meiner Insel, als drei Jahre später König Ludwig starb und Orleans, der den Verleumdungen und Gehässigkeiten des ganzen Hofes zum Trotz Regent geworden war, mich zu einem besseren Amte in die Nähe von Paris berief. Weder Benedikte noch ich sehnten uns dahin zurück; riefen wir auch oft in abendlichen Gesprächen die bunten Bilder der schönen Stadt und ihres reichen Lebens in uns auf, freuten wir uns auch redlich über jede Kunde, die uns von dort zukam. Die beste davon war für mich speziell die laute Anerkennung, die Männer von Verstand und Offenheit dem Regimente Philipp von Orleans' zollten, von dessen Weisheit übrigens auch eine kleine Fernwirkung in das beschränkte Leben der Provinz fiel. So hatten doch nicht alle guten Feen gelogen und die böse Dreizehnte hatte endlich ihre schwarzen Fledermausschwingen falten und hinwegschleichen müssen von diesem Opfer, an dessen Blute sie lange genug gesogen. Niemals mehr ist uns die leiseste Kunde von Germaine zugekommen. Sie mag die verlorene Tochter keiner Nachforschung wert gehalten haben, und jedenfalls hielt sie die Botschaften und Bitten um Versöhnung, die Benedikte wiederholt durch zuverlässige Hände an sie sandte, keiner Antwort wert. Benedikte tröstete sich schließlich und ließ ab zu schreiben, bemühte sich auch nie um ihr rechtmäßiges Erbteil. All ihren Reichtum soll Germaine schließlich den Armen von Mons vermacht haben. – Wenn der Schnee die Gefilde deckte, dann gab es lange Plauderabende auf unsrer stillen Insel. Am Kaminfeuer saßen wir, schürten die lodernde Glut und sprachen von alten Tagen. Die tanzenden Lichter der Flamme, die an den Wänden des Gemaches hinspielten, trafen und belebten die kleine Statue des Savoyarden im Glasschrein, daß es aussah, als flattere sein Mantel, als wehten seine Federn, als verzöge sich bald heiter, bald grimmig sein ausdrucksvolles Gesicht. Das Männlein war schuld, daß wir immer und immer wieder von längst begrabenen Dingen reden mußten. Unter diesen feierte denn auch eines schönen Abends mein erster Feldzug seine Auferstehung, die Heerschau von Mons, die Belagerung von Namur und der Mönch von Marlaigne mit seiner wunderlichen Buße. Ich erzählte Benedikten von meinem Gelübde und wie es mir mit der Erfüllung desselben gegangen war. Sie lachte ein wenig und bedauerte mich, wollte aber schließlich gerne wissen, wie denn das mit uns nun eigentlich bestellt sei und wer von uns beiden angefangen habe mit dem Küssen. Wir zerbrachen uns lange die Köpfe darüber, kamen aber schließlich zu der Erkenntnis, daß die Sache nicht mehr zu ermitteln sei, denn mein Gedächtnis ließ mich im Stich, und von Benedikten konnte ich auch nicht verlangen, daß sie sich bis in ihr drittes Lebensjahr zurückerinnere. Schlußbemerkung des Herausgebers Damit schließen die eigentlichen Memoiren des Chevalier von Roquesant, soweit sie im Zusammenhange geschrieben sind. Es folgen noch einige Aufzeichnungen über Geburt, Wachstum, Eigenschaften, Krankheit oder Tod seiner Kinder, deren er zahlreiche gehabt und schließlich vier am Leben behalten hat. Da nichts Bemerkenswertes von diesen zu berichten ist, als daß sie augenscheinlich durchwegs gute, schlichte und glückliche Menschen waren, so betrachtet der Herausgeber seine Aufgabe als vollendet.