Blumenlese – Erster Band aus den neuern Schweizerischen Dichtern. Herausgegeben von Heinrich Kurz 1860 * Johann Gaudenz von Salis-Seewis Herbstlied. 1782. Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder Und der Herbst beginnt. Rothe Blätter fallen. Graue Nebel wallen, Kühler weht der Wind, Wie die volle Traube Aus dem Rebenlaube Purpurfarbig stralt! Am Geländer reifen Pfirsiche mit Streifen Roth und weiß bemalt. Sieh! wie hier die Dirne Emsig Pflaum' und Birne In ihr Körbchen legt! Dort, mit leichten Schritten, Jene, goldne Quitten In den Landhof trägt! Flinke Träger springen, Und die Mädchen singen, Alles jubelt froh! Bunte Bänder schweben Zwischen hohen Reben, Auf dem Hut von Stroh! Geige tönt und Flöte Bei der Abendröthe Und im Mondenglanz; Junge Winzerinnen Winken und beginnen Deutschen Ringeltanz. * Elegie. An mein Vaterland. Paris 1785. Ueber trennende Thäler und Hügel und fluthende Ströme Leite mich wehenden Flugs, hohe Begeisterung, hin! Wonne! dort hebt sich die Kette der eisbepanzerten Alpen Meine Locken umweht reinere, himmlische Luft! Unter mir spiegelt sich Zürich in bläulich versilberten Wassern, Ihre Mauern bespült plätschernd die Wallung des Sees. Kähne mit schneidendem Ruder durchgleiten die schimmernde Fläche, Von des Traubengestads schrägen Geländern umragt. Weiter schwebet mein Geist! schon dämmert in schwindlichter Tiefe, Zwischen Felsen gepreßt, Wallenstadt's grünlicher See. Eschen und bräunliche Tannen umdunkeln sein einsames Ufer, Und im öden Geklüft bauet der Reiher sein Nest. Schneller wehet mein Flug! Dort schimmern die rhätischen Alpen. Und wie durch purpurnen Flor leuchtet ihr ewiges Eis. Vaterland, sei mir gegrüßt! Der hehren Scenen so manche Steigt in der großen Natur schrecklicher Schönheit empor: Ragende Felsenzinken mit wolkenumlagerter Spitze, Welche kein Jäger erklomm, welche kein Adler erflog, Blendender Gletscher starre, kristallene Wogen mit scharfen Eisigen Klippen bepflanzt, wo durch umnebelte Luft Schneidenden Zuges die Gähe hinunter die wälzende Lauwe Rollet den frostigen Tod; wo im Wirbel des Nords Und im krachenden Donner der tiefaufberstenden Spalten Kaltes Entsetzen und Graun lauschende Wandrer ergreift; Dort die Hirtenthale, von silbernen Bächlein bewässert, Und vom Schellengeläut' weidender Kühe durchtönt; Aecker, wo stachligte Gersten bei bebendem Roggen dahin wogt, Lichter Haber begrenzt bräunliches Furchengestreif. Welch' ein frohes Gemisch! Es sprießen die herrlichen Bilder Zahllos, wie Blumen im Lenz, vor der Erinnerung Hauch. Doch, mich weckt das Donnergetöse der spritzenden Räder, Und des raschen Gespanns dumpfig erklappernder Huf, Der geschwungenen Geißel Knall, des treibenden Kärrners Drohender Fluch, und des Markts heiseres Krämergeschrei. Ha! mich umschlingen weit Luteziens kreuzende Gassen; Mancher Zauberpalast, voll des Goldes und Grams, Hebt die thürmenden Giebel, von stockenden Dünsten umbrütet, Welche mit stumpferem Strahl mühsam die Sonne durchwühlt. Lebet nun wohl, ihr Thäler der Heimath! ihr heiligen Alpen! Fernher tönt mein Gesang Segen und Frieden Euch zu. Heil dir und dauernde Freiheit, du Land der Einfalt und Treue! Deiner Befreier Geist ruh' auf dir, glückliches Volk! Bleib' durch Genügsamkeit reich und groß durch Strenge der Sitten; Rauh sei, wie Gletscher, dein Muth; kalt, wenn Gefahr dich umblitzt! Fest, wie Felsengebirge, und stark, wie der donnernde Rheinsturz; Würdig deiner Natur, würdig der Väter, und frei! * Winterlieb. 1785. Das Feld ist weiß, so blank und rein Vergoldet von der Sonne Schein, Die blaue Luft ist stille; Hell wie Kristall Blinkt überall Der Fluren Silberhülle. Der Lichtstral spaltet sich im Eis, Er flimmert blau und roth und weiß, Und wechselt seine Farbe. Aus Schnee heraus, Ragt nackt und kraus, Des Dorngebüsches Garbe. Von Reifenduft befiedert sind Die Zweige rings, die sanfte Wind' Im Sonnenstral bewegen. Dort stäubt vom Baum Der Flocken Flaum Wie leichter Blüthenregen. Tief sinkt der braune Tannenast Und drohet mit des Schnees Last Den Wandrer zu beschütten; Vom Frost der Nacht Gehärtet, kracht Der Weg von seinen Tritten. Das Bächlein schleicht, von Eis geengt; Voll lauter blauer Zacken hängt Das Dach; es stockt die Quelle; Im Sturze harrt, Zu Glas erstarrt, Des Wasserfalles Welle. Die blaue Meise piepet laut; Der muntre Sperling pickt vertraut Die Körner vor der Scheune. Der Zeisig hüpft Vergnügt und schlüpft Durch blätterlose Haine. Wohlan! auf festgediegner Bahn Klimm' ich den Hügel schnell hinan, Und blicke froh ins Weite, Und preise den, Der rings so schön Die Silberflocken streute. * Merzlied. 1784. Nun, da Schnee und Eis zerflossen Und des Angers Nasen schwillt, Hier an rothen Lindenschossen Knospen bersten, Blätter sprossen, Weht der Auferstehung Odem Durch das keimende Gefild. Veilchen an den Wiesenbächen Lösen ihrer Schale Band; Primelngold bedeckt die Flächen; Zarte Saatenspitzen stechen Aus den Furchen; gelber Krokus Schießt aus warmem Gartensand. Alles fühlt erneutes Leben: Die Falänen, die am Stamm Der gekerbten Eiche kleben, Mücken, die im Reigen schweben, Lerchen, hoch im Aetherglanze, Tief im Thal das junge Lamm. Seht! erweckte Bienen schwärmen Um den frühen Mandelbaum; Froh des Sonnenscheins, erwärmen Sich die Greise; Kinder lärmen Spielend mit den Ostereiern Durch den weiß beblümten Raum. Sprießt ihr Keimchen aus den Zweigen, Sprießt aus Moos, das Gräber deckt! Hoher Hoffnung Bild und Zeugen, Daß auch wir der Erd' entsteigen, Wenn des ew'gen Frühlings Odem Uns zur Auferstehung weckt! * Lied eines Landmanns in der Fremde. Traute Heimath meiner Lieben, Sinn' ich still an dich zurück, Wird mir wohl; und dennoch trüben Sehnsuchtsthränen meinen Blick. Stiller Weiler, grün umfangen Vom beschirmenden Gesträuch, Kleine Hütte, voll Verlangen Denk' ich immer noch an euch! An die Fenster, die mit Reben Einst mein Vater selbst umzog; An den Birnbaum, der daneben Auf das niedre Dach sich bog; An die Stauden, wo ich Meisen Im Hollunderkasten fing; An des stillen Weihers Schleusen, Wo ich Sonntags fischen ging. Was mich dort als Kind erfreute, Kömmt mir wieder leibhaft vor; Das bekannte Dorfgeläute Wiederhallt in meinem Ohr. Selbst des Nachts, in meinen Träumen, Schiff' ich auf der Heimath See, Schüttle Aepfel von den Bäumen, Wäss're ihrer Wiesen Klee. Lösch' aus ihres Brunnens Röhren Meinen Durst am schwülen Tag, Pflück' im Walde Heidelbeeren, Wo ich einst im Schatten lag. Wann erblick' ich selbst die Linde Auf den Kirchenplatz gepflanzt, Wo gekühlt im Abendwinde Unsre frohe Jugend tanzt? Wann des Kirchturms Giebelspitze; Halb im Obstbaumwald versteckt, Wo der Storch auf hohem Sitze Friedlich seine Jungen heckt? Traute Heimath meiner Väter, Wird bei deines Friedhofs Thür Nur einst, früher oder später, Auch ein Ruheplätzchen mir! * Vernunft und Glaube. Nur das Dunkel der Nacht enthüllt uns die höheren Welten, Blendendes Sonnenlicht deckt sie mit nichtiger Luft. Also Vernunft: die Erderleuchterin hellet die Nähe, Aber verbirgt uns das Land, welches dem Glauben nur stralt. * Das Grab. 1783. Das Grab ist tief und stille, Und schauderhaft sein Rand; Es deckt mit schwarzer Hülle Ein unbekanntes Land. Das Lied der Nachtigallen Tönt nicht in seinem Schoß; Der Freundschaft Rosen fallen Nur auf des Hügels Moos. Verlaßne Bräute ringen Umsonst die Hände wund; Der Waisen Klagen dringen Nicht in der Tiefe Grund. Doch, sonst an keinem Orte Wohnt die ersehnte Ruh; Nur durch die dunkle Pforte Geht man der Heimath zu. Das arme Herz hienieden Von manchem Sturm bewegt, Erlangt den wahren Frieden Nur, wo es nicht mehr schlägt. * Abendsehnsucht. Wenn der Abend sich senkt, flieh' ich die laute Stadt, Und durchwandere stumm feuchtes Gefild' umher, Voll die Seele von Sehnsucht Und voll süßer Erinn'rung. Safranfarbiger Schein rändert den Horizont Und durchglüht das Gebüsch, welches den Hügel kränzt, Wo die stöhnende Windmühl' Ihren langsamen Flügel wälzt. An die Schleusen gelehnt, schau ich den Weidengrund, Frisch von perlendem Thau, und wie des duftenden Reps gelbblühende Felder Noch ein röthender Nachschein färbt. Nur der Emmerling zirpt oben im Ellenstrauch; Stille waltet umher auf dem umbüschten Dorf, Das der krähende Haushahn Und aufwallender Rauch verräth. Frischer dünstet der Tau; tiefere Dämmerung Spannt den trübenden Flor über die Fernung hin. Wo die Formen vernachten, Weilt hinstarrend der lange Blick. Länder dehnen sich dort hinter der Fläche Rand: Aber die trennende Nacht füllet den weiten Raum Hin zu meinen Geliebten, Und die Thräne der Sehnsucht rinnt. * Ermunterung. Seht! wie die Tage sich sonnig verklären! Blau ist der Himmel und grünend das Land. Klag' ist ein Mißton im Chore der Sphären! Trägt denn die Schöpfung ein Trauergewand? Hebet die Blicke, die trübe sich senken, Hebet die Blicke, des Schönen ist viel: Tugend wird selber zu Freuden uns lenken; Freud' ist der Weisheit belohnendes Ziel. Oeffnet die Seele dem Lichte der Freude! Horcht! ihr ertönet des Hänflings Gesang. Athmet! sie duftet im Rosengestäude, Fühlet! sie säuselt am Bächlein entlang. Kostet! sie glüht uns im Safte der Traube, Würzet die Früchte beim ländlichen Mahl. Schauet! sie grünet in Kräutern und Laube, Malt uns die Aussicht ins blumigte Thal. Freunde! was gleiten euch weibische Thränen Ueber die blühenden Wangen herab? Ziemt sich für Männer das weibliche Sehnen? Wünscht ihr verzagend zu modern im Grab? Edleres bleibt uns noch viel zu verrichten, Viel auch des Guten ist noch nicht gethan; Heiterkeit lohnt die Erfüllung der Pflichten, Ruhe beschattet das Ende der Bahn. Mancherlei Sorgen und mancherlei Schmerzen Quälen uns wahrlich aus eigener Schuld; Hoffnung ist Labsal dem wundesten Herzen, Duldende stärket gelaßne Geduld. Wenn euch die Nebel des Trübsinns umarmen, Hebt zu den Sternen den sinkenden Muth; Heget nur männliches, hohes Vertrauen, Guten ergeht es am Schlusse noch gut. Lasset uns fröhlich die Schöpfungen sehen: Gottes Natur ist entzückend und hehr! Aber auch stillen des Dürftigen Flehen; Freuden des Wohlthuns entzücken noch mehr. Liebet! die Lieb' ist der schönste der Triebe, Weiht nur der Unschuld die heilige Glut, Aber dann liebt auch mit weiserer Liebe Alles, was edel und schön ist und gut. Handelt! durch Handlungen zeigt sich der Weise, Ruhm und Unsterblichkeit sind ihr Geleit; Zeichnet mit Thaten die schwindenden Gleise Unserer flüchtig entrollenden Zeit. Den uns umschließenden Zirkel beglücken, Nützen so viel als ein jeder vermag, O das erfüllet mit stillem Entzücken! O das entwölket den düstersten Tag! Muthig! auch Leiden, sind einst sie vergangen. Laben die Seele, wie Regen die Au. Gräber, von Trauerzypressen umhangen, Malet bald stiller Vergißmeinnicht Blau. Freunde, wir sollen, wir sollen uns freuen; Freud' ist des Vaters erhabnes Gebot. Freude der Unschuld kann niemals gereuen; Lächelt durch Rosen dem nahenden Tod. * Sehnsucht nach Mitgefühl. An Matthisson. My lonely anquish melts no heart but mine, And in my breast th' imperfect joy expire Gray. Wo weilt die Seele wie meine gestimmt? Der Stern des dunkelnden Abends vernimmt Nicht meinen Wunsch; was dem Herzen gebricht, Gewährt er mir nicht. Wenn in den Pappeln die Nachtigall schlägt, O Freund, wie bin ich so innig bewegt! Mit ihrer Töne Bedeutung vertraut, Verscheucht sie mein Laut. Der Mond beflimmert mich düster und bleich, Durch Tannenwipfel und Förengesträuch, Der matte binsenbespülende Bach Seufzt langsam mir nach. Der Wiederhall in den Klüften verschlingt Die Klage, welche die Sehnsucht ihm bringt. Bald schwindet, was der Verlassene ruft, In nichtiger Luft. Erguß, du Trauter, und Sänftigung fehlt Dem öden Herzen von Sehnsucht gequält, Dem die Natur, die es inniglich liebt, Genüge nicht gibt! Wohl herben Kummer zu mildern gelang Der Mitempfindungen Wechselgesang! Aus Klagen, traulich mit Freunden gekos't, Entblühet der Trost. Verwandte Seelen verstehen sich ganz! Nimm dieses Liedes Vergißmeinnichtkranz, Aus dem, von Seufzern der Ahnung umweht, Die Warnung ergeht: Wo weilst du, Trauter? Schon grünt uns ein Baum, Der Baum zum Sarge! schon grünet ein Raum; Der Raum, wo künftig, von Graswuchs umbebt, * Letzter Wunsch Tief in Silbertannen-Schatten. Die Silbertanne (Pinus picea Linn.) wird in vielen Gegenden auch Weißtanne genannt. Anmerkung des Dichters. Hoc erat in votis. Hor. Wann, o Schicksal! wann wird endlich Mir mein letzter Wunsch gewährt? Nur ein Hüttchen still und ländlich, Nur ein kleiner eigner Herd; Und ein Freund, bewährt und weise, Freiheit, Heiterkeit, und Ruh'! Ach und Sie! das seufz' ich leise, Zur Gefährtin Sie dazu. Wenn ich noch ein Gärtchen hätte, Bauten wir's mit eigner Hand. Statt geschorener Boskette Und der Hagenbuchenwand Dämmert uns ein Dach von Latten, Dicht mit Rebengrün bedeckt, Tief im Silbertannen-Schatten Vor des Neides Blick versteckt. Statt Kanäl' und Gartenteiche, Nur ein Röhrenbrunnentrog; Statt Alleen und Taxussträuche, Früchte, die ich selbst erzog; Durch ein Gatter, nur von Pfählen, Durch den Vorhof, eng' und klein, Eilt' ich statt nach Marmorsälen In ihr trautes Kämmerlein. Bei des heitern Morgens Frische Hörten wir im Buchenhain, Dort am Wasser, im Gebüsche, Nachtigallen-Melodein. Auch begänne sie Gesänge, Wäre Philomel' entflohn, Und in meine Seele dränge Tiefer noch ihr süßer Ton. Unterm Strauch voll Hagerosen Auf dem rothbeblümten Klee Könnten wir so traulich kosen, Wie auf seid'nem Kanapee. In dem Duft entblühter Bohnen, Unter Pappeln, hoch und schlank, Bauten wir trotz goldnen Thronen Eine kleine Breterbank. Beeren, die ihr Finger drückte, Honig, der der Wab' entfloß, Kräuter, die vom Beet' sie pflückte, Milch, die sie in Schalen goß: Ha! bei solchem Göttermahle Säßen wir, wie froh, wie stolz! Wär' auch Löffel, Kelch und Schale, Nur aus weißem Buchenholz. Mit den holden Dörferinnen Nach der Weidenpfeife Schall Einen Maientanz beginnen, Gält' uns mehr als Maskenball. Lieber, als der Prunk der Bühnen Dem verwöhnten Städterschwarm, Wär' ein Pfänderspiel im Grünen Mir an meines Mädchens Arm. In gestirnten Sommernächten, Wenn der Mond die Schatten hellt, Wallte sie an meiner Rechten Durch das thaubeträufte Feld. Oft zum mildern Abendsterne Hob' ich den entzückten Blick; Oefter senkt' ich ihn, wie gerne! Auf ihr blaues Aug' zurück. Vieles wünscht' ich sonst vergebens! Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens Irgendwo ein Friedensthal, Edle Muß' in eigner Wohnung, Und ein Weib voll Zärtlichkeit, Das, der Treue zur Belohnung, Auf mein Grab ein Veilchen streut. * Fischerlied. Das Fischergewerbe Gibt rüstigen Muth! Wir haben zum Erbe Die Güter der Fluth. Wir graben nicht Schätze, Wir pflügen kein Feld; Wir ernten im Netze, Wir angeln uns Geld. Wir heben die Reusen Den Schilfbach entlang, Und ruhn bei den Schleusen, Zu sondern den Fang. Goldweiden beschatten Das moosige Dach; Wir schlummern auf Matten Im kühlen Gemach. Mit rothen Korallen Prangt Spiegel und Wand. Den Estrich der Hallen Deckt silberner Sand. Das Gärtchen daneben Grünt ländlich umzäunt Von kreuzenden Stäben Mit Baste vereint. Im Antlitz der Buben Lacht muthiger Sinn, Sie meiden die Stuben Bei Tagesbeginn; Sie tauchen und schwimmen Im eisigen See, Und barfuß erklimmen Sie Klippen voll Schnee. Die Töchter ergötzen Sich Abends bei Licht, Wenn Alles an Netzen Und Maschenwerk flicht. Oft wird mit Gelächter Durchmustert das Dorf; Die Mutter, als Wächter, Schürt nickend den Torf. Oft rudern wir ferne Im wiegenden Kahn, Dann blinken die Sterne So freundlich uns an; Der Mond aus den Höhen, Der Mond aus dem Bach, So schnell wir entflohen, Sie gleiten uns nach. Wir trotzen dem Wetter, Das finster uns droht, Wenn schöpfende Breter Kaum hemmen den Tod. Wir trotzen auch Wogen Auf krachendem Schiff, In Tiefen gezogen, Geschleudert an's Riff! Der Herr, der in Stürmen Der Mitternacht blitzt, Vermag uns zu schirmen, Und kennt, was uns nützt. Gleich unter dem Flügel Des Ewigen ruht Der Rasengruft Hügel, Das Grab in der Fluth. * Das Mitleid. Wie zu Hyllius Altären . Hyllius, ein Sohn des Herkules und der Dejanire, erbaute in Athen den Tempel der Barmherzigkeit. – Prognens federlose Brut . Progne ist der mythologische Name der Schwalbe, – Sanft wie thauige Hyaden . Die Hyaden waren sieben Töchter des Atlas, die vom Jupiter unter die Steine versetzt wurden. Ihr Aufgang deutete gewöhnlich Regen an. Anmerkung des Dichters. Pity dropping soft the sadly-pleasing tear. Gray. Mitleid! Heil dir, du Geweihte! Weiches Herzens, milder Hand Wallst du an des Dulders Seite Durch der Prüfung rauhes Land; Thaust, wie Balsam, milde Zähren, Hebest das zerknickte Rohr. Wie zu Hyllius Altären, Blickt die Noth zu dir empor. Deine Hülfe stillt ihr Flehen; Dein Erbarmen eilt zur That. Wünsche brennst du auszuspähen, Spendest, wenn der Mangel bat: Spendest Brüdern, welche darben, Deines Tagewerks Gewinn; Bindest loser deine Garben Vor der Aehrenleserin. In verarmter Wittwen Krüge Schüttest du der Stärkung Wein, Prägst des Lächelns heitre Züge Abgehärmten Wangen ein, Hebst erlegner Wandrer Bürde Auf dem tiefbeschneiten Damm, Und verpflegst in sichrer Hürde Deines Nachbars irres Lamm. Sorglich streust du vor die Scheuer Vögeln Korn im Winter aus; Nöthigst zu des Herdes Feuer Pilger in dein wirthlich Haus; Herbergst an des Strohdachs Balken Prognens federlose Brut! Schirmest Täubchen vor des Falken, Küchlein vor des Geiers Wuth. Du entführst die junge Waise Ihrer Mutter Rasengruft; Jeden Seufzer, noch so leise, Raubt dein Ohr der Abendluft; Sanft, wie thauige Hyaden, Blickst du auf das Findelkind, Reichst ihm Ariadnens Faden Durch des Lebens Labyrinth. Du erwärmst in sanfter Rührung Auch der Selbstsucht starres Eis, Warnst vor lockender Verführung Blüthenüberstreutem Gleis'; Neigest dich mit leisem Trösten An der Schwermuth dumpfes Ohr; Hebst entfesselt den Erlösten Von des Kerkers Stroh empor. Herzen, die der Harm zerrissen, Hegst du mit besorgter Treu; Rückest der Geduld das Kissen Auf des Schmerzenlagers Streu; Schonst des Schlummers, nahst auf Socken; Kühlst mit deinem Palmenreis; Trocknest mit ergoßnen Locken Banger Todeskämpfe Schweiß. Bleib' bei uns, bis einst die Hefe In dem Thränenkelch versiegt; Kränze bleicher Trübsal Schläfe, Die an deinen Schooß sich schmiegt; Herze sie mit Ammenarmen, Sei umstürmter Pflänzchen Stab, Die das ewige Erbarmen Dir zur Pflege übergab. * An ein Thal. Wie dort Petrarch im felsumragten Thal. Franz Petrarcha, geboren zu Arezzo 1304, war Staatsmann, Dichter und einer der ersten Wiederhersteller der Literatur in Europa. Sein Lieblingsaufenthalt war das Thal von Vauclüse, unweit Avignon. Er bewohnte ein kleines Haus, nicht weit von der Quelle der Sorgue, das, den Nachforschungen des Abbé de Sade zufolge, auf der nämlichen Stelle stand, wo jetzt die Papiermühle ist. – Wie Xenophon im ländlichen Scillonte . Xenophon. ein Athener, berühmt als Feldherr, Geschichtschreiber und Weltweiser, lebte ungefähr 400 Jahre vor Christi Geburt. Verbannt aus seinem Vaterlande, weihte er, zu Scillonte im Peloponnes, nicht ferne von Olympia, die letzten Jahre seines ruhm- und thatenvollen Lebens den Wissenschaften, dem Landbau und der Jagd. Anmerkung des Dichters. Nè giammai vidi valle aver si spessi Luoghi da sospirar riposti e fidi. Petrarca. Entlegnes Thal, von Fichtenhöhn begrenzt, Mit Erlenreihn umheget, flache Matten! O Bach, auf dem ein güldnes Schlaglicht glänzt! O Meierhof, in dunkeln Wallnußschatten! Der Freudenruf entzückter Wandrer grüßt Dich, holdes Thal, vom Gipfel ferner Hügel; Betrachtung sinnt, wo sich dein Quell ergießt; In deinem Hain saus't der Begeist'rung Flügel. Nimm, trauter Hain, nimm, Schattengang, mich auf! In deiner Nacht entschlummern alle Sorgen! Beschränkt, wie du, ist auch mein Erdenlauf! Dein Ausgang mir, so wie sein Schluß, verborgen. Hier ruht der Ehrsucht Schiff am treuen Strand; Genügsamkeit band es an Blumenküsten. Der Vorwitz legt sein Fernrohr aus der Hand; Besorgniß späht nicht nach der Zukunft Wüsten. Die Bosheit sprüht hier nicht ihr Nattergift Auf unbesorgter Unschuld Rosenkronen: Gerechte Gleichheit theilt des Landmanns Trist, Und Freiheit herrscht, wo gute Menschen wohnen. Das Hohngezisch des Witzlers mengt sich nicht In dieser Espen friedesäuselnd Wehen: Kein Lästerkreis hält hier sein Strafgericht; Kein Neider lau'rt, Gebrechen auszuspähen. Die Muse wallt auf zartbehalmtem Plan: Sie folgt dem Bach, der jene Flächen theilet. Und, gern verirrt auf sanfgewundner Bahn, So lang er kann, auf diesem Tempe weilet. Aus jener Dorfkapell', in Laub verhüllt, Klang nie das Sturmgeläut' in Schreckensnächten, Wenn Aufruhr tobt, der tausendstimmig brüllt, Mit Brand und Dolch in hochgeschwungner Rechten. Den Wiederhall der Eppichklüfte schreckt Kein Schlachtgeschoß; statt rauher Kriegstrommeten Hallt hier das Horn, das früh die Hirtin weckt, Der Tag erlischt beim Ton der Weidenflöten. Hier muht die Kuh auf gelbbeblümter Au, Dort klingen hell der Ziegenherde Schellen, Das Käuzlein schnaubt im alten Ritterbau, Und Bienen sumsen an des Gießbachs Fällen. Dort flüstern Silberpappeln sanft umweht, Die, grün und weiß, die Blätter wechselnd regen Das Mühlenrad, das träg die Schaufeln dreht, Klagt langsam fort mit gleich gemessnen Schlägen. Im Dickicht schallt der Drossel Waldgesang, Das Heupferd zirpt auf frischgemähter Weite; Am Hügel klirrt gewetzter Sensen Klang, Und fern verhallt das dumpfe Stadtgeläute. O selig, wer, nach freier Herzenswahl, In diesen Grund sich heimisch siedeln konnte, Wie dort Petrarch im felsumragten Thal, Wie Xenophon im ländlichen Scillonte! Wer lang bereut, daß er es einst versucht, Sich in das Gleis des Weltlings zu gewöhnen. Der eil', entflohn dem Sturm, in dieser Bucht Der Meinung nicht, nur der Natur zu fröhnen. Hier darf ein Herz, das man schon oft verrieth, Noch eine Welt sich träumen, frei vom Bösen; Die Liebe, die des Schicksals Härte schied, Sucht hier den Gram in Thränen aufzulösen. O du, die mich mit Seraphshuld umschwebt, Entfernte! hier belebt sich mein Vertrauen; Die Zukunft glänzt von Hoffnungsgold durchwebt, Hier dürfen wir ein Zufluchtshüttchen bauen. Die Liebe braucht ein Feld und einen Pflug; Ein Halmendach, das sie getreu verberge; Ein Räumchen, zur Umarmung weit genug, Und einen Platz für zwei vereinte Särge. O ruht' ich hier, an häuslich stillem Ziel, Nicht mehr verlockt von nichtigen Entwürfen! O möchte nie das öde Weltgewühl In seine trüben Strudel mich verschlürfen! Fern, wie das Meer, ein Hirt in Ennas Thal, Hört' ich die Fluth der Zeitgeschichte tosen; Nur edler Freiheitshelden Rasenmahl Krönt' ich mit Eichenlaub und Silberrosen: Undingbar, keines Fürsten Waffenknecht, Zu edelstolz, um Rang und Sold zu werben, Entsagt ich nie der bessern Menschheit Recht, Für Völkerglück zu siegen und zu sterben. Dort, wo, gelind, in lauer Luft gewiegt, Die schlanken Pappeln sich zusammen lehnen, Vergöss', an meine Urne hingeschmiegt, Mein junges Weib der Treue stille Thränen. * An die edeln Unterdrückten. Um jeder Mißdeutung und schiefen Anwendung dieses Gedichts, so viel an mir liegt, vorzubeugen, erkläre ich hiemit, daß es keiner gelegentlichen Veranlassung, keiner Begebenheit unserer Tage seine Entstehung verdankt. – Ich hatte dabei die Menschheit und kein besonderes Volk, noch irgend eine unterlegene Partei im Auge. Es war ein freier Erguß meines Herzens, und eine Huldigung, den edeln, unschuldigen Unterdrückten aller Nationen und aller Zeitalter geweiht. – Daß unterdrückte Unterdrücker und ihre Werkzeuge nicht hieher gehören, wird sich von selbst verstehen. Anmerkung des Dichters. 1794. Getrost, ihr edeln Unterdrückten, Wenn euch kein Stral der Hoffnung blinkt! Der Tugend Opferkränze schmückten Euch, eh' ihr am Altare sinkt. Des Ruhmes Flitterkrone werde Hier des beglückten Frevlers Preis, Entkeimt aus eurer Gräber Erde, Grünt spät erst euer Eichenreis. Ihr, die, verpflanzt in arge Zeiten, Mit der Gewalt zu kämpfen wagt, Ihr sollt dem Lichte Bahn bereiten. Und fühlt die Schauer, eh' es tagt; Wenn ihr mit kräftigem Erkühnen Euch dem Verfall entgegen stemmt; Verklärt ihr glorreich die Ruinen, Die keine Macht im Sturze hemmt. Dann fühlt ihr zwar des Schicksals Schwere, Wenn es der Lästrung Plan gelingt, Daß euer letztes Gut, die Ehre, Ihr Klapperschlangenhauch verschlingt; Schaut ernst der Uebermacht Triumphe, Wenn höhnend euch ihr Troß umzischt, Wißt, daß ihr Irrlicht aus dem Sumpfe Nur trüglich aufglänzt und verlischt! Die Wahrheit harrt mit sichrer Wage Im Wolkenzelt der Folgezeit, Verweht die Spreu gedungner Sage Und huldigt der Gerechtigkeit. Vernunft folgt ewigen Gesetzen, Die Pöbelswuth, die ein Tyrann Ein Menschenalter durch verletzen, Doch ewig nicht vertilgen kann. Denkt, wenn im Kampf für Menschenrechte Ihr des Erfolges Glanz entbehrt, Daß durch des Mißgeschickes Nächte Der Unschuld Haupt sich still verklärt. Schaut fest nach euerm hohen Ziele, Verschmäht die nahe Hinderniß, Und stürzt, gedrängt vom Pflichtgefühle, In des entflammten Abgrunds Riß, Wenn, vom Verhängniß losgerissen, Der Hoffnung letzte Trümmer stürzt, Sollt ihr den Kelch zu kosten wissen, Der jedes Erdenweh verkürzt. Das Recht verbannt, verschmäht, erwürget, Erlegen im gerechten Streit, Fleht um Vergeltung und verbürget Den Geistern die Unsterblichkeit! Dem Staub' entflohn, wirkt eure Seele Begeisternd auf der Edeln Bund; Verwandelt erst, thut Philomele Die Unthat ihres Drängers kund! Ihr Märtyrer für Menschenwürde, Vertraut der Wahrheit und der Zeit: Vergänglich ist des Druckes Bürde, Doch ewig die Gerechtigkeit. * Die Herbstnacht. Der Mond, umwallt von Wolken, schwimmt      Im feuchten Blau der Luft; Der Forstteich, matt versilbert, glimmt      Durch zarten Nebelduft; Die Gluth, vom Hirtenkreis' umwacht, Verschwärzt, entflackernd, rings die Nacht;      Eintönig rollt vom Brunnenrohr Der Wasserstrang, der sich verschlürft Und zarte graue Schatten wirft      Schräghin das Kirchhofthor. Das Netz der Zuggewölke schwillt      Zum Zelt des Blitzes auf; Der Mond, in Wettergraun gehüllt.      Verschied nach halbem Lauf. Des Irrlichts bläulich siecher Schein Erlischt im Torf am Tannenhain.      Des Zeigers Goldblatt blinket matt, Umflort von feuchtem Nebelrauch, Und ängstlich zückt im Erlenstrauch      Sein letztes dürres Blatt. Hier, wo aus langer Nacht empor      Sich die Betrachtung reißt, Bedrückt das Herz ein Schwermuthsflor,      Doch Frühroth hellt den Geist. Des Schicksals Wolken fliehn zerstreut; Aus Dunkel stralt die Herrlichkeit      Der Unschuld Rose blüht bewährt. Durch Stürme nicht des Dufts beraubt, Da, durch die Nacht, der Tugend Haupt      Nur hehrer sich verklärt. Durch Seelenkraft und festen Muth      Wird Wahn und Schmerz besiegt, Der weise Glaube fühlt als gut,      Was Allmacht liebend fügt. Ein Kind im Mutterschooße ruht So achtlos bei der Blitze Glut.      Auf Pfade der Gelassenheit Glänzt Hoffnung im Gewitterlicht; Und in des Todes Blick verflicht      Den Stral – Unsterblichkeit! * Morgenpsalm Der Erdkreis feiert noch im Dämmerschein; Still, wie die Lamp' in Tempelhallen, hängt Der Morgenstern; es dampft vom Buchenhain, Der, Kuppeln gleich, empor die Wipfel drängt. Sieh', naher Felsen düstrer Zinn' entglüht, Der Rose gleich, die über Trümmern blüht. Wem dampft das Opfer der bethauten Flur? Ihr Duft, der hoch in Silbernebeln dringt, Ist Weihrauch, den die ländliche Natur Dem Herrn auf niedern Rasenstufen bringt. Die Himmel sind ein Hochaltar des Herrn, Ein Opferfunken nur der Morgenstern. Im Morgenroth, das naher Gletscher Reih'n Und ferner Meere Grenzkreis glorreich hellt, Verdämmert seines Thrones Widerschein, Der mild auf Menschen, hell auf Gräber fällt. Er leuchtet Huld auf redliches Vertrau'n Und Licht der Ewigkeit durch Todesgraun. Noch wandeln wir, wo kaum der Aufgang tagt, Im ersten Frühschein der Unsterblichkeit. Der Tag, wo Unschuld nimmer irrt, noch klagt, Glänzt hinter Gräbern auf, und ist nicht weit. Des Wahnes Dunst, des Todes Nacht zerfleußt, O Allmacht, dir, die mir Erlöser heißt! * Der Gottesacker im Vorfrühling. Blätter treibt des Kirchhofs Flieder, Neigt auf Grüfte junges Laub; Kirschenblüthe gaukelt nieder Auf der Abgeschieden Staub. Bleicher Primeln Keime lüpfen Sanft das Moos, das sie umgab; Und des Dorfes Kinder hüpfen Achtlos auf der Mütter Grab. Junges Sinngrün drängt sich dichter An des Jünglings flachen Stein, Oeffnet blauer Blumen Trichter, Saugt zerfloßnen Reifen ein. Schlaff gedrückte Halme richten Sich vom Winterschlaf empor, Und in naher Waldung Fichten Flötet laut ein Drosselchor. Drosseln, singt in leisen Chören! Amsel, flöt' im Trauerhain! Nur wir Hinterbliebnen hören Eure Frühlingsmelodei'n. Ach! ihr mahnt an die Genossen, Die ein früher Tod verklärt; An die Lenze, die verflossen, An die Zeit, die nimmer kehrt! Flötet nur gelaßne Klage, Hemmt der Trauertöne Lauf; Denn sie nahm von dunkler Tage Letzter Stuf' ihr Engel auf. Kies und dunkle Schollen warfen Wir auf den versenkten Sarg, Als, begrüßt von Himmelsharfen, Sich ihr Geist in Licht uns barg In des Geisterreiches Stille Tobt kein Sturm der Leidenschaft, Und des Guten reiner Wille Lohnt sich durch erhöh'te Kraft, Seelen, fremd im öden Thale Der umschränkten Wirklichkeit, Fanden froh die Ideale Seliger Vollkommenheit. Ihre Schwächen sind vergessen, Groll und Zwietracht sind versöhnt, Wo die Reue mit Zypressen Der Gekränkten Stätte krönt. Aus des niedern Neides Schranke Zu des Friedens Höh' entrückt, Ritzt sie nie der Bosheit Ranke. Die des Edeln Pfad umstrickt. Kühler Rasen überschleiert Sorgsam der Verwesung Spur; Auf des Moders Halle feiert Frühlingsfeste die Natur; Und die Thräne der Empfindung, Wenn ihr Grabgeläut' verklingt, Schmückt die Kette der Verbindung, Die ins Geisterreich sich schlingt. Auf den Gräbern unsrer Väter Sprießt des Erdrauchs Purpurstrauß, Ein entwölkter lautrer Aether Ueberwölbt ihr enges Haus; Auf vermorschter Särge Reste. Auf zerbröckeltes Gebein, Wallt durch weiße Blüthenäste Goldner Frühlingsmorgenschein. Selbst wo rasenlos und mürbe Sich ein neuer Hügel hebt, Wo man den, der heute stürbe, An die Reihe hin begräbt, Wird der Grund sich bald behalmen; Wo jetzt Wermuthstengel stehn, Hebt die Hoffnung Siegespalmen Für das große Wiedersehn. Drückt euch dicht, ihr Epheuzweige, An der Dulder stilles Grab! Schlaffe Trauerweide, neige Dein Gelocke tief herab! Flattert drüber Hängebirken, Dämpft den Tag umher durch Laub, Und, Natur, mit leisem Wirken Wandl' in Blumen ihren Staub! * Auf einen Pasquillanten. Die nachfolgenden Gedichte stehen nicht in der Sammlung. Paßte auch auf manchen Recensenten. Des frechen Schmierers Feder hält Kein Drohen, keine Furcht im Zügel. Muth ist es nicht. Statt Hungers sterben wählt Er lieber sich den Prügel. * Der Garten des Lebens. Der Garten des Lebens Ist lieblich und schön! Es keimen und sprossen, Auf lachenden Höh'n, In Tagen des Lenzes Der Blüthen so viel! Da treiben die Weste Manch fröhliches Spiel! Ihr Spiel in den Wellen Des Grases ist schön! O! sieh! wie die Blumen Im Winde sich dreh'n! Sie biegen die Wipfel, Die Kelche so blau, Und schütteln vom Wipfel, Vom Kelche den Thau. Und Quellen der Freude, So lieblich und hehr, Durchwässern den Garten Und rieseln einher. Sie tanzen in Bächen Durch Blüthen dahin, Durch Blüthen des Maies Und murmeln und flieh'n. Doch währt es nicht ewig, Der Frühling entflicht. Die Blumen sind all', eh Wir wähnten, verblüht, Das duftende Veilchen Es duftet nicht lang; Und welkt es, dann wird's mir Im Busen so bang! Noch blühet der Garten, Noch säuselt der Wind In Zweigen und Blüthen, So kühlend, so lind! Und führet in Kreisen Den Maiduft umher! Noch blühet der Garten So lieblich und hehr! Doch weh! wenn der Herbstwind In Zweigen sich regt, Die Bäumchen entblättert, Die Blüthen zerschlägt! Wenn sinken im Winde Die Blumen hinab! Wohl ist dann der Garten Des Lebens ein Grab. – Und, weh wenn der Frühling Des Lebens verfliegt! Die Quelle der Freuden Im Alter versiegt! Wenn dabei der Wonne Das Alter! – o Freund! Unfreundlich und düster Das Alter mir scheint. Wir wallen den Garten Hinab und hinan; Noch rinnt uns die Quelle Die gestern uns rann. Weg Sorgen und Bangen, Das Unkraut, forthin! So lange die Blumen Des Lenzes uns blüh'n! Und fallen sie unter Des Wallenden Tritt, Die duftenden Blumen, So fallen wir mit. Die Erde, der ehmals Das Veilchen entsproß, Die öffnet auch uns dann Den kühligen Schooß. * An mein Herz. Herz, mein Herz! was will das geben? Warst ja sonst so still und froh! Warst in deinem ganzen Leben, Armes Herz, ja niemals so! So wie jetzt voll banger Sorgen, So wie jetzt voll Gram und Schmerz! Wie der schöne Maienmorgen Warst du heiter, liebes Herz! Diesen Frieden zu bewahren Mahnte Alles dich. Sag an, Sag, was ist dir widerfahren? Hat dir wer was angethan? Ja, so ist's! Dieß bange Sehnen Deutet auf verlorne Ruh. Armes Herz, wie kannst du wähnen, Niemand merke das, als du? Ha! wer kennte wohl die Liebe Nicht am dämmernden Gesicht, An den Augen, matt und trübe, Und der Wangen Blässe nicht? Auch ich kenne dieses Schmachten, Dieses Bangen nach Genuß; Dieses Streben, dieses Trachten Nach dem ersten Flammenkuß. Ach, ich kenne dieses Feuer, Ob du noch so heimlich bist; Weiß, daß Klärchen ewig theuer, Theurer dir, als alles ist. Seit sie's ist, entfloh die Freude. Voll Gedanken wälz' ich mich Nachts auf meinem Lager, leide, Fürcht' und hoff' und härme mich. Armes Herz! wie nun genesen. Von der Qual, die dich zerpreßt? Armes Herz! du wirst verwesen, Eh der Zauber dich verläßt. * Bergreiselied. Auf, muthig! die Höh' ist erstiegen! Ihr Freunde, wo bleibt ihr zurück? Wie herrlich die Thäler dort liegen! Tief unten verliert sich mein Blick. Ich athme die süßesten Düfte, Schon wallet viel leichter mein Blut; Schon trink ich ätherische Lüfte, Und jauchze und schwinge den Hut! Dort setzen die Hirten zum Mahle Auf mosige Steine uns hin Voll lieblicher Milch eine Schale, Ein Körbchen mit Früchten darin. Kommt laßt uns zusammen jetzt leeren Den schäumenden, vollen Pokal, Und schallen der Freiheit zu Ehren, Gesänge hinab in das Thal. Hier sprudeln aus Felsen die Quellen Hinunter zum bläulichen See, Dort weiden beim Klange der Schellen Die Rinder im blumigen Klee. Ich seh' auf die schroffeste Spitze Die schüchterne Gemse entflieh'n; Tief unter mir zucken die Blitze Und schweben die Wolken dahin. Wenn Sterne am Himmel schon flimmern, Und Dämmerung sinket in's Thal, Und rosig die Gletscher noch schimmern Im letzten ersterbenden Strahl: Dann wallen wir fröhlich und munter, Mit Reisern von Tannen geschmückt, In's stillere Dörfchen hinunter, Wo süßere Ruh' uns erquickt. * Fontana. Preisend soll den Helden mein Gesang erheben! Vaterland, weih' ihm dein Dankgefühl: Sieh, er weihte dir sein edles Leben, Stand für dich im wilden Schlachtgewühl. So steh'n deine Berge fest in Ungewittern, Wie Fontana dort im Treffen stand; Deinen Helden konnte nichts erschüttern, Niemals bebt' ihm weder Herz noch Hand. Immer tiefer stürzt' er sich in's Kampfgetümmel, Schritt entgegen heiter der Gefahr, Opfert' sich – ihn stärkte Gott vom Himmel – Auf der Freiheit heiligem Altar. Blutig, schwer verwundt, begann er nun zu sinken, Und noch klirrten Schwerter um ihn her: Seine Wunde deckt er mit der Linken, Mit der Rechten hält er noch den Speer. »Zagt nicht um eines Mannes Fall ihr Brüder!« Rief er, »gilt es doch das Vaterland!« Winkelried sah segnend auf ihn nieder, Als er's sprach, die Palme in der Hand. Jetzt da schon sein Geist, frei von des Lebens Mühen, Strahlend zu der Gottheit Thron entfliegt, Sieht er noch das Heer der Feinde fliehen, Sieht es, wie sein kleiner Haufe siegt. Rinnen wird ihm der Verwundrung stille Thräne, Wann voll Ehrfurcht ihn die Nachwelt nennt; Ach! zur Schande jedem seiner Söhne, Der jetzt kaum den großen Namen kennt. Heilig ist der Ort, der einst dein Blut getrunken, Heilig uns dein Grab, du edler Mann, Ist gleich längst dein Hügel eingesunken, Zeigt ihn selbst kein Stein dem Wandrer an. * Lavater und seine Schweizerlieder. Roh klingt nur dem verwöhnten Ohr      Des Schweizerliedes Ton. – Du Weichling! sing Tyrannen vor,      Und Knechtschaft sei dein Lohn! Ersing durch feile Schmeichelei      Dir Stern und Ordensband. – Sei Sklave du – wir bleiben frei,      Getreu dem Vaterland. Hohn fingen kühn wir dem Tyrann,      Fluch jedem Freiheitsfeind, Und Segen jedem Biedermann,      Und jedem Menschenfreund. Dir edle Freiheit, Eintracht dir,      Erschalle der Gesang; Das Lob der Väter singen wir      Bei voller Becher Klang. Der Jüngling hört's – kann nicht mehr ruh'n,      Ihm glüht die Stirn, er schwört Bei ihrer Asche: »Thaten thun      Will ich, die ihrer werth!« Und der Gedanke gibt ihm Muth,      Macht seine Seele groß; – »Noch fließt in meinen Adern Blut,      Das einst für Freiheit floß.« Heil sei dem Mann, der Freiheit ehrt      Durch Thaten und Gedicht, Er ist der edlen Freiheit werth,      Ihn lohnt kein König nicht. Hoch in der Freiheit Tempel glänzt      Des Sängers Name, hoch, Sein Haupt mit Eichenlaub bekränzt,      Ehrt ihn die Nachwelt hoch. * Blumen an Wege. 1. Der Jüngling an der Quelle. Leise rieselnder Quell, ihr wallenden, flispernden Pappeln, Euer Schlummergeräusch wecket die Liebe nur auf. Linderung sucht' ich bei euch, und sie zu vergessen die Spröde; Ach! und Blätter und Bach seufzen: Elisa! mir zu. 2. An Friedrich den Einzigen. l784. Kühner Adler der Brennen, du trägst die Blitze Kronions; Lichthell, wie sie, ist dein Blick, treffend dein Donner, wie sie. 3. Bei der Statue die Nimfe mit der Muschel. Lächelnd entstieg die Nimfe dem Wasser, und trocknete schüchtern Sich am Muschelgestad. Neidend der Göttlichen Reiz, Schuf sie Cythere zum Steine. Noch bläht sich die schneeichte Weiche Ihres Busens; der Haut Weiße durchschimmert den Flor; Feuchte Falten umschmiegen noch, dehnend, die rundlichen Hüften, Und das Marmorgewand klebet am marmornen Leib. 4. Auf das Denkmal, welches der Abt Raynal den drei Stiftern des schweizerischen Bundes errichten ließ. Als am helvetischen See, den Zeugen des heiligen Eidschwurs, Auf des Franzosen Geheiß, sich ein Denkmal erhub, Zürneten Stauffach und Fürst: »Was soll das eitle Gepränge? Jedes Schweizers Brust ist uns ein Maal und Altar.« 5. Am Wasser. Im durchsichtigen Wasser erscheinen die Kräuter und Kiesel Seines Bettes so hell; fest ist und sicher sein Grund. Jener schleichende Fluß verbirgt dem Forscher den Boden; Badender, nimm dich in Acht! unten im Tiefen ist Schlamm. 6. Die Rose. Weiß war die Rose zuerst. Die Mädchen und Jünglinge priesen Ihren reinen Glanz, ihren unschuldigen Schmuck. Schnell umfloß sie die steigende Röthe bescheidenes Schämens, Und sie glühet zeither reizender noch, als zuvor. 7. Der Strauß. Silberglocken des Mai's, ihr röthlich bekelchten Narzissen, Hiazinthen voll Ruchs, farbiger, duftender Strauß, Sage mir, blähst du dich so an ihrem wallenden Busen, Weil du zu schmücken sie wähnst? oder weil sie dich verschönt? 8. Tells Bogen. Ich bin der Bogen Tells, des sicher treffenden Schützens, Väter, nur säuselndes Flugs raubt' ich den Apfel des Sohns, Straffer spannt' ich die Sehne, wie Blitze Gottes, ihr Freien! Schnellt' ich den rächenden Pfeil tief dem Tyrannen in's Herz. 9. Grabschrift eines Mädchens. Blühet, ihr Gänseblümchen, du, niedriger Thimian, dufte, Wachse, Lavendelstrauch, auf der Vollendeten Grab! Tränken wird euch der Thau, und Lüfte werden euch fächeln, Viele Seufzer umweh'n, Thränen, ach! thauen auf euch. 10. Bei einem Springbrunnen. Spritze nur stolz empor aus deinen bleiernen Röhren; Um so viel höher du steigst, platzest du tiefer herab. 11. An Amor. Wirf sie weg, o Amor, die Pfeile, den goldenen Bogen, Und die Fackel, die sonst Herzen entzündet und schmelzt! Sieh, ihr Aug' ist voll Feuer, die wölkenden Braunen sind Bogen, Und ihr schimmernder Blick sprühet der Pfeile genug. 12. Die Eiche des Bundes der Rhäzier. Eiche des Bundes der Freiheit, dich splittern nicht zündende Blitze, Und kein schneidendes Beil droht dir Verheerung und Fall; Aber wer schützet die Wurzel vor heimlich verderbender Fäulniß? Ach! das gefährlichste Gift ist das im Inneren schleicht. * An die Unschuld. O Unschuld! Unschuld! himmlische Grazie, Die du mit Engeln ruhest, wo Palmen weh'n, Oft auch durch niedre Weidenthale Jugendlich blühende Mägdlein leitest! Geweihte Jungfrau, weiß ist dein Lichtgewand; Der Demuth Schleier fleußt um dein hehres Haupt; Des keuschen Busens Hüll' ist heilig, Heilig dein Gürtel, den keiner löste! Du liebst das traute, waldungumfangne Dorf, Verweilst gefällig neben dem Haselstrauch, Wo Kinder spielen, oder tanzest Flüchtige Runden mit Schäfermädchen. Ihr blaues Auge kläret dein Mondenlicht; Mit Lebensröthe färbst du das Blüthenblatt Der weißen Wange; halbentschlossne Lippen entknospet dein weiches Lächeln. Doch zart sind deine Blüthen, der Himmelsluft Gewöhnt; hienieden welken sie bald, ach bald! Sie sengen glühe Leidenschaften, Sehnsucht entpflückt sie oft unbedachtsam. Nur reine Seelen weilen im Heiligthum, Wo du der Lohe wartest, als Priesterin. Der Liebe Lohe flammt nur lauter, Wann sie dein festlicher Weihrauch nähret. Mit ernster Würde zürnest du Lüstlingen; Doch edle Liebe, Freundliche! segnest du, Wann überströmt mit heißem Schauer, Deinem Altare Verlobte nahen. O Unschuld! Unschuld! bin ich des Segens werth? Noch nie berührt' ich frevelnd, was du geweiht. Mit deiner Zöglingstöchter einer Muß ich einst knieen am Traualtare! Bleib' unsers Hauses schützender Genius, Daß Eintracht walt' am traulichen Blumenherd, In unsrer Halle heitrer Friede, Züchtige Treu' am geheimen Lager! Mit Ruhelächeln wandeln wir still hinab Des Lebens Steige, bis einst der Pfad vor uns Versinkt, dann heb' uns sanft umflügelnd, Beide zugleich zu des Himmels Palmen! * Betrachtungen. Schnell vorüber ziehn des Schicksals Scenen Schnell, wie Schattenbilder an der Wand. Alles Sinnliche hat nicht Bestand, Stillet nie der Seele tiefes Sehnen, Und die Zeit entreißt der Jugend Hand Jede Blume früher, als wir wähnen. Leidenschaften, trügerische Feten! Führen uns in eine Zauberwelt. Wer getäuscht, für wahres Gold sie hält, Kann sich ihrer blanken Flittern freuen, Aber, wenn das Luftgebäu zerfällt, Sieht man weitgedehnte Wüsteneien. Nur die Hoffnung malt uns die Gefilde Ferner Zukunft grün und blumig vor; Durch den vorgesunknen grünen Flor Schimmert das Vergangne sanft und milde; Ach! man liebt noch so, was man verlor, Seufzt ihm nach und strebt nach seinem Bilde. Was noch glänzt in der Erwartung Strale. Trübet naher Hauch der Gegenwart. Jede Lust ist bittersüßer Art; Ueberdruß folgt ihrem Schwelgermahle. Für ein andres bess'res Leben spart Der Genuß die ungemischte Schale. Aus der Täuschung Lande wegzugehen, Fiele drum dem Pilger gar nicht schwer, Hofft er gleich auf keine Wiederkehr; Mögen Winde seinen Staub verwehen, Hier von ihm bald keine Spuren mehr, Als im Herzen seines Freunds, bestehen. Doch der rosenfarbne Schein der Liebe Hellt zuweilen dieses Lebens Nacht; Biedrer Freundschaft treue Fackel macht Licht die Bahn; ist gleich die Aussicht trübe, Und Natur! Natur! o! ihre Pracht Ist schon werth, daß man noch gerne bliebe. Bleiben will ich, bleiben, zu beschauen, Zu bewundern meines Gottes Welt; Wann ein Safranglanz dem Ost entquellt, Wann die Abendlüfte Kühlung thauen, Wann der Mond die stillen Nächte hellt Und die Sterne flimmern in dem Blauen. Will mich freuen, dulden und erwarten, Hohen Muthes wandern bis zum Ziel, Schon hienieden ist des Guten viel, Die Erd' ist unsers Vaters Garten! Dort wird unsrer Sinne Schattenspiel Sich in Licht und Wirklichkeit umarten. * Abschied an David Heß. Freund! der bei des Busches Eichen Lieber denkt, vom Mond erhellt, Als sich zu den flitterreichen Eiteln Höflingspuppen stellt; Der das Bild geharn'schter, braver Schweizerhelden höher hält, Als der heutigen Bataver Panzer-Helden auf dem Geld. Stunden, deiner würdig, warten Dein auf Zürichs heitrer Flur; Ihre Auen sind ein Garten Für den Liebling der Natur. Und das bist du! – Hochgefühle Gab sie dir, und Dichtungskraft; Lehrte dich beim Saitenspiele Töne sanfter Leidenschaft. Aber, sieh! Begeistrung waltet, Malt mir neue Bilder vor. Sieh! Ein Mädchen, schlank gestaltet, Schimmert durch des Schleiers Flor, Eilet sanft mit holder Scheue, Auf den besten Jüngling zu, Lohnt ihm Tugenden durch Treue, Und der Jüngling – Freund! bist du. O! was wirst du dann empfinden, Tönt bei Nacht, im Schattengang, In den hohen Limmat-Linden Einer Nachtigall Gesang. Liebe, die den Winter-Wiesen Und der Haide Blumen leiht, Leiht auf Erden Paradiesen Schon des Himmels Seligkeit. Wonne wird dein Herz erheben, Wandelst du im Erlenthal, Oder bei des Hügels Reben In der Sonne Scheidestrahl, – Wann auf Schneegebirgen milder Rosenfarbner Schimmer ruht; Dunkler, purpurn, ihre Bilder Strahlen in des Sees Fluth. Wo des Nebels matter Flügel Nicht auf flache Sümpfe sinkt, Und am grünen Tannenhügel Klarer Quellen Füll' entspringt; Wo in deines Gartens Linden Reine, heitre Lüfte weh'n, Werd ich, Bester, einst dich finden: Lebe wohl! – Auf Wiederseh'n! * An Salis. Von Friedrich de la Motte Fouqué. Für die Leser dieser schönen Dichtung fügt Gebauer Folgendes bei: Der edle I. G. von Salis schrieb mir über die Blumenstücke aus der Natur und dem Menschenleben (Mannheim, bei Schwan und Götz 1822), die ich ihm zugeschickt hatte, viel Erfreuliches. »Fahren Eie fort, sagt er am Schlusse des lieben Briefes, in diesem Geiste zu arbeiten; Ihr Grundton sei höhere Sehnsucht als nach demjenigen, was die sämmtlichen vergänglichen Blüthen gewähren. – Suchen Sie Ihre Ideale einzig nur im Höchsten, was die Menschheit kannte, Ihr Herz und Gewissen wird Ihnen sagen, welche Person dieses war, und seien Sie überzeugt, daß Ihre Werke, auch wo sie nicht mit Worten von diesem heiligen Ideale reden, dennoch den Geist athmen werden, der die besten Menschen anspricht.« – Dieß und Anderes theilte ich erfreut meinem verehrten Freunde Fouqué mit. Er antwortete: »Der Gruß und der Rath, welchen Galis Ihnen spendet, gilt für jeden das Ewige in Poesie suchenden Geist, und ich habe deßhalb gewagt, ihn auch mir anzueignen.« Dieß die Veranlassung zu dem hier gegebenen Liedesgruße. Sänger, der mich früh erquickt, deß lyrische Blüthenwinde Mich im erwachenden Lenz einst der krieg'rischen Bahn Hold begleitet ins Feld, daß ich, noch damals ein Jüngling, Bartlos, Knabe noch fast, dein anmuthiges Lied Freudig genoß im Lager auf Beiwacht, oder nach Treffen, Bis ferndonnernder Laut unter den Saiten verscholl, Und manch sündige Lust fern blieb der kindlichen Seele, Weil in harmonischem Band Salis gebunden mich hielt; – Nun da mahnenden Spruch der Weisheit höheren Ursprungs Du hinsandtest dem Freund, welcher zu mir ihn gesandt, Leuchtet die Seele mir auf in all der süßen Erinn'rung Lächelnder Jugend – auch du sangest ja damals ein Lied Zu der Erinnerung Preis, der Gefährtin süßerer Wehmuth, – Und mir strömet Gesang frisch aus lebendiger Brust. Ob du mich kennest, ob liebst im Chor germanischer Sänger, Ob mißdeutend von mir wendest vielleicht dich zurück, – Weiß ich es? Wechselnd tönt, halb unvernommen, der Klang oft Irdischer Harfen daher über dem irdischen Rund! – Aber nicht forsch' ich erst! – Die Liebe göttlichen Schwunges Fraget nach Rücksicht nie, oder nach Lob für das Lob, Liebst du hienieden mich nicht, so wirst du dort oben mich lieben! – Fliege die Taube denn hin, bringe dieß grünende Blatt! – * An Friedrich de la Motte Fouqué. 1. Ich saß in meiner heimatlichen Laube, Da sank aus Lichtgewölk ein Blatt herab. Gleich zarten Blüthen auf ein einsam Grab. Bracht es ein Adler oder eine Taube? Ein Täubchen war es, rein vom Erdenstaube, Das freundlich nahend mir die Kunde gab: »Ein Blatt zum Kranz' an deinen Pilgerstab Weiht dir ein Sänger, reich an Geist und Glaube. Im Waffenfeld, als Heldenjüngling schon, Traf einst dein Lied, nur dem Gemüth entquollen, Entsprechend seiner Seele reinen Ton. Wär' auch dein Laut im Wind der Zeit verschollen, Du trugst aus edler Hand den Preis davon: Mein Sender liebt den Glauben und dein Wollen.« 2. Du reines Täubchen, kehre treu nun wieder, Und überschwebe fernhin Land und Fluth! Begrüße mir den Meister süßer Lieder, So kindlich fromm, so geistigklar und gut! Dort lasse dich auf seine Harfe nieder, Die bei dem Schwert zu seiner Seite ruht! Sag' ihm: es ehrt der Schweizer fest und bieder Den Freiheitssinn vereint mit Rittermuth! Zum Lorbeer, den die Muse dir gewunden In reicher Dichtung goldnem Zauberglanz, Fügt gern dein Freund den Alpenblumenkranz! Doch, was dein Herz in höchster Weihe Stunden Vom Heiligsten, dem Göttlichen empfunden, Gewann dir, Edler! seine Seele ganz. * An J. G. von Wessenberg. Sei unser Fenelon, so weise, mild und gut! Wer sich im Meinungskampf der Wahrheit treu bewährte, Wer sich durch hellen Geist und edle Thaten ehrte, Hat blöden Unbill zu ertragen Kraft und Muth. Ihm ward ein Name, der im Schutz der Nachwelt ruht. Mißkenne seinen Werth, wer sich vom Lichte kehrte, Es steigt, wenn Zugewölk im Westen sich verklärte, Nur Heller Hesperus aus sturmbewegter Fluth. O, leuchte ferner vor im Guten und im Schönen! Lehr' Eif'rer Christussinn, und Priester duldsam sein; Dring' mit der Wahrheit Licht bis zu den Fürsten-Söhnen, Und weih' des Volkes Herz zur reinsten Liebe ein! Dann laß uns öfter noch die fromme Laute tönen, Der bessern Menschheit zum harmonischen Verein! * Gruß an Herrn J. G. von Salis. Von Jakob Schnerr. Nehmt, ihr Wölkchen, meinen Gruß! Führt ihn fort, ihr flücht'gen Winde, Daß er an der Alpen Fuß, Den geweihten Sänger finde; Dem am heimisch eig'nen Herd Ward sein schönster Wunsch genährt! Seglet nur nach Süden fort! Ueber Berg und Thal und Seen. – Seht ihr in der Ferne dort Ewig eisbedeckte Höhen, Kommt ihr näher, haltet an; Bald am Ziele seid ihr dann! Schwebt nun leis' ob Berg und Thal, Lauscht, wo zart die Lyra töne! Späht, wo ächter Weisheit Strahl Einen Lebensweg verschöne! – Schaut dem Sänger in's Gesicht: Das ist Salis, zweifelt nicht! Kleidet euch in glänzend Weiß, Sendet ihr den Gruß hernieder Von dem Jünger, der mit Fleiß Stets belauschte Seine Lieder! Und bevor ihr weiter zieht, Bittet um noch manches Lied! Eins, ihr Wölkchen, Eines noch Möcht' ich mir von euch erflehen: Kehrt ihr wieder, sagt mir doch, Ob ihr freundlich Ihn gesehen? – »Ei, wie hoffst du solch ein Glück? »Wolken kehren nie zurück.« * Erwiederung an Jakob Schnerr. Wie Ossian aus Selma's Felsenhallen Sah manches Wölkchen ich vorübergleiten; Auch lichtere besuchten mich zu Zeiten, Um flüchtig stumm im Blauen zu verwallen. Doch tönte Wohllaut, wie von Harfensaiten, Wie leises Echo ferner Nachtigallen, Vernimmt der Greis mit heiterm Wohlgefallen Den Freundesgruß, den ihm die Geister weihten. Als zart verhüllt in Silberwölkchen-Schleier Jüngst deine Muse freundlich mich besucht, Erhob mein Herz sich freudiger und freier. O hemme, rief ich, Wölkchen, deine Flucht; In dieses Alpenthales öder Bucht Ehrt deinen Sender man in stiller Feier. * An Pfeffel. Schweigen, Pfeffel! kann ich jetzt nicht länger! Mein Gefühl ergießt sich in Gesang. Zwar noch schüchtern rührt der junge Sänger Seine Harfe, bebend, leis' und bang. Doch, wer liebt die Jünglinge wie du? Du vergiebst, und lächelst Muth mir zu. Unvergeßlich bleibt mir jene Stunde, Da ich staunend dir zur Seite saß; Trunken hing mein Aug an deinem Munde, Und in deinen offnen Zügen las Ich entzückt der reinsten Tugend Glück – Ach, warum nicht auch in deinem Blick? Murren will ich nicht, ich will nicht klagen, Schmelzt gleich tiefe Wehmuth mein Gefühl; Hoher Muth ward dir in trüben Tagen Und wie herrlich schimmert dir das Ziel! Himmelsfriede, Heiterkeit und Ruh Strömet dir aus deinen Thaten zu. Zwar die Erde scheint dir eine Höhle, Voll von Nacht, durch die kein Schimmer bricht; Aber ewig glänzt um deine Seele Hell und hehr der heitern Weisheit Licht, Und die Freuden, die du hier entbehrt, Werden einst dir tausendfach gewährt. Knaben, die du durch das Pilgerleben Zu der Tugend Strahlenziel geführt, Werden zu dir bringen, dich umgeben, Aus der Palme, die den Steger ziert, Einen Kranz dir winden, der dein Haupt Ewig frisch und unverwelkt umlaubt. Sieh! des Auferstandnen Aug' entsinket Einst der dichte Schleier um ihn her: Neue Erden sieht er blühen, trinket Aus der neuen Sonne Strahlenmeer – O! dann senkst du den gestärkten Blick Neuverklärter! noch auf mich zurück. Denk' ich diesem Wonnetag entgegen, Jünglings-Vater, Sänger, edler Mann! O dann klopft mein Herz mit lauten Schlägen, Und die Zähre rinnet, wie sie rann, Als ich stumm und bebend an dir hing Und den letzten Abschiedskuß empfing. * Der Spaziergang. Eine Erzählung. Es war im Mai, die Luft war rein; Doch konnt' ich mich nicht freuen. Ich nahm den Stab und ging allein, Die Sorgen zu zerstreuen, Auf einen Hügel, um zu seh'n Die liebe Sonne untergehn. Da schlingt ein schmaler Pfad sich hin Durch Haselbüsch' und Schlehen! Rechts Rebenberge, frisch und grün, Links gold'ne Saaten stehen; Auch trifft man manchen Nußbaum an, An dessen Fuß man ruhen kann. Ein Tannenwald mit süßem Duft Empfängt dich, kömmst du weiter; Durch grüne Zweige glänzt die Luft So himmelblau und heiter! Scheint sonst die Sonne heiß und schwül, So ist's doch schattig hier und kühl. Sieh da! vor dir das alte Schloß, Einst wohnten Ritter drinnen; Jetzt wachsen Fichten, schlank und groß, Hoch auf der Mauer Zinnen. Im Thurme, sonst so stark und fest, Schwebt jetzt die Eule um ihr Nest. Ihr glaubt vielleicht, ich soll euch hier Von Geistern was erzählen; Allein für dießmal möchtet ihr In eurer Rechnung fehlen. Trotz meiner Amme Unterricht, Sah ich doch keine Geister nicht. Von Hexen weiß ich auch nicht viel, Das muß ich frei bekennen, Nie sah ich sie auf Besenstiel Und Ofengabel rennen, Manch runzlig triefendes Gesicht Kannt' ich – doch keine Herxe nicht. Was ich selbst sah, erzähl' ich nur; Kein Mährchen will ich machen; Ich liebe Wahrheit und Natur: Mit ihren Alltagssachen Sind sie mir immer neu und schön, Daß ich sie nie genug kann seh'n. Schön, roth und golden war der Strahl Der Sonn' im Untergehen; Die Aussicht von der Burg ins Thal War herrlich anzusehen. Ich setzte mich auf einen Stein Und blieb da stundenlang allein. Und immer dunkler rings um mich Schien die Natur zu schweigen; Am blauen Himmel fingen sich Die Sterne an zu zeigen. Vom nächsten Dörfchen schallte schon Der Abendglocke Feierton. Im Epheu säuselte der Wind Längst an des Schlosses Mauer; Ich mußte weinen, wie ein Kind. Versenkt in tiefe Trauer Dacht' ich nur Trennung, Tod und Grab – Und starrt' ins enge Thal hinab. Still lag es da im Mondenlicht; Der Fluß glänzt wie ein Spiegel. Die Thränen wischt ich vom Gesicht, Und stieg hinab vom Hügel; Mir war jetzt wohl; mein Busen schwoll, Von Freud' und süßer Wehmuth voll. Getröstet dacht' ich so im Geh'n: Der diesen Mond hieß scheinen, Der diese Sterne schuf so schön, Will nicht, daß wir hier weinen. Dort oben find' ich einst gewiß Die, die das Schicksal mir entriß. Und endlich kam ich froh nach Haus, Ging in mein stilles Zimmer; Sah lang zum Fenster noch hinaus Die Flur im Silberschimmer, Ich freute mich der Erde Pracht, Und schlief erst ein um Mitternacht. Nun hiemit endet sich mein Sang, Doch ahndet mir die Klage: Solch Zeug macht uns die Zeit nur lang, Geschieht auch alle Tage! – Ihr lieben Leute, es ist wahr, Hier ist Nichts neu, Nichts sonderbar. Doch zieht die Lehre euch daraus, Wenn euch die Sorgen drücken. Geht in das weite Feld hinaus, Trost wird euch da erquicken, Im Leiden Muth und Labung nur Gewährt die heilige Natur! * Gott in der Natur. Wer gab mir, was ich hab' und bin? Wer schuf die weite Erde? Wer pflanzte Felsenberge hin? Wer sprach zum Himmel: Werde! Wem strahlt so flammend, groß und hehr Der hohen Sonne Feuermeer? Wem brausen mit so starker Macht Des Waldstroms Silberwellen? Wer läßt den Blitz die Wetternacht Die fahlen Wolken hellen? O! sagt mir, wessen Boten sind Der Donner, der Gewitterwind? Er ist's, er ist es, dessen Hand Die Abendröthe malet! Er hat den Bogen ausgespannt, Der siebenfarbig strahlet, Er tränkt mit Regen und mit Thau Die ausgedörrte Halmenau. Er hüllt die Saat in wallend Gold, Er schwellt die vollen Garben, Er schmückt die Blumen bunt und hold Mit glänzend lichten Farben, Er läßt im Frühling frisches Grün Die Haine und den Wald umzieh'n. Es reift die Frucht auf dein Gebot Am schwerbelad'nen Baume; Er färbt die süßen Kirschen roth, Violenblau die Pflaume; Den Apfel schuf er voll und rund, Die Birne saftig für den Mund. Er streute, wie ein Säemann Ins Furchenfeld die Körner, Die Sterne aus auf ihre Bahn; Des Mondes Silberhörner Hing er leicht schwebend wie ein Kahn An das Gewölb' des Himmels an. Die ganze heilige Natur Ist seiner Allmacht Zeuge. Anbeten, staunen kann ich nur – Ich sinke hin, und schweige. Tief, tief im Staube bin ich hier, Du Großer, Gütiger, vor dir! * Nach einer Krankheit. 1783. Ich bin so froh, daß ich dich wieder sehe, Dich, meines Gottes schöne Welt! Daß wieder ich auf diesem Plätzchen stehe, Das mehr als Alles mir gefällt. Vor mir die Flur im Gold der Sonnenstrahlen, Hier gelb und grün, dort roth und blau. Des Regenbogens hohe Farben malen Den Bach, die Wiese, Busch und Au. Allüberall ist nichts als reges Leben Im weiten Reiche der Natur. Die Mücken, die im lichten Strahle schweben, Und jedes Gräschen auf der Flur: Die Lerche, die sich kühn zur Sonne schwinget, Und hoch in Wolken sich verirrt; Die Nachtigall, die laute Lieder singet, Die Grille, die im Grase schwirrt – Wohl Alles zeugt im fröhlichen Gewimmel: Es ist ein Gott, der uns die Freuden gibt; Ein guter Gott, ein Vater ist im Himmel, Der alle seine Wesen liebt. Dank, Vater, Dir! Es ist auch Deine Gabe, Was heut mein frohes Herz genießt; Mit Thränen Dank! daß nicht im dunkeln Grabe Mich jetzt der enge Sarg umschließt; Daß diese Augen, statt jetzt zu verwesen, Ringsum in der Natur entzückt Die großen Spuren deiner Güte lesen, Die du so schön ihr aufgedrückt! Daß ich gestärkt noch wandle auf der schönen Mit Lust besä'ten Pilgerbahn. Deß bin ich froh, und danke dir mit Thränen, So viel, so viel ich danken kann! Laß, Vater, mich! Noch weil' ich gern hienieden; Doch gibt mir einst der Tod die Hand – Ich zittre nicht; froh geh' ich und zufrieden Zu dir in's bess're Vaterland. * An die Helvetier in Olten. 1794. 1. Procul este profani! Dies ist der Freiheit Altar. Da fei'rt man Vaterlands-Feste: Weiche – wer Höheren kriecht; weiche – wer Niedere drückt! 2. Der Größte. Preise, so hoch du willst, der Griechen Spiele in Elis: Mir ist Oltens Fest über andere werth. War nicht der Größte dort, wer die Meisten niedergerungen? Hier ist's, wer Alle umarmt mit der biedersten Treu! 3. Der Schweizer Genius. Siehst du den Genius dort? Es ist Helvetiens Schutzgeist, Der so mächtig sich hebt, dessen Angesicht strahlt. Eben schwebt er im Kreise der Oltener -Brüder; er ist da. Wo der Herrliche sich alle Jahre verjüngt! 4. Helvetiens Freiheitsbaum. Weißt du das Wunder von Tellens Pfeil, des göttlichen Schützen? Mir hat's die Muse vertraut, gern' erzähl' ich es dir. Als er gerissen war aus der rauchenden Brust des Tyrannen, Fuhr er hoch durch die Luft, wie von der Sehne geschnellt, Hin an der Aare Strand, und schwirrte nieder zur Erde; Siehe, da wurzelt' er ein, wuchs und grünte zum Baum, Wo nach Jahrhunderten sich Helvetiens Edle versammeln, Und in dem Schatten des Baums schallet Freiheitsgesang. * Franz Jos. Bened. Dernold, genannt der Barde von Riva Die Linth. Als ich ein Kind war, warst du das erste Wort, Das meine Zunge lallte mit halbem Ton', Und an dem Rande deines Ufers Lernt' ich durch Fallen die Kunst zu gehen. Dem muntern Knaben lispelte deine Fluth Schon frühe Freuden in das entzückte Herz, Und seines Busens heißer Athem Ahmte Nachruhm in fernen Zeiten. Doch nicht dem Knaben, und nicht dem Jünglinge Verräth dein Rauschen hohe Begeisterung; Vor Freuden über deine Größe Kann er nur weinen und kann nicht singen. Itzt, da des Alters reifere Locken mir Die Scheitel krönen; itzt, da der Musenchor Mir nicht umsonst die Leier schenkte, Daß sie unrühmlich in Trägheit schlumm're, Will ich die Saiten stimmen zum Donnerflug, Der deinen Namen über die niedre Luft Kühn auf der Ode starken Flügeln Horchenden Welten entgegen wehe. Auf kühler Alpen silberner Höh' gebahr Die Mutter Limmra dich aus dem wilden Schooß, Schon in der rohen Felsenwiege, Wo noch gewöhnliche Kinder lallen, Verwirrte deine Stimme den nahen Hirt, Daß er verwundernd hin zu der Quelle trat, Und den erstaunten Nachhall fragte; »Echo! was wird aus dem Kinde werden?« Den raschen Jüngling hält nicht der Wollust Arm Zurücke, weilet nicht der zu weiche Pfad, Des Müssigganges, den er hasset; Aus den Umarmungen seiner Mutter Eilt er mit Riesenschritten die Heldenbahn, Flieht bald der Vaterberge bereifte Luft, Und früh gewandt zu kühnen Spielen, Weicht er dem näheren Himmel, stürzt sich In schwarze Tiefen, wo ihn des Spähers Aug Nicht aufsucht, wo ihm weder der Sonne Strahl Das Silber seiner Wogen kleidet, Noch des sanft schwimmenden Mondes Antlitz. Da wälzt der Edle donnernde Wolken Staub Durch enge Klüfte, bildet sein junges Herz Im Schauer stiller Dunkelheiten Furchtbar zu löblicher Zukunft Thaten. Umsonst verbirgt dich einsamer Felsen Nacht; Des Menschen Fürwitz spüret dir immer nach, Bewundert dein geheimstes Leben, Bahnet sich Pfade zu deiner Wohnung. Er war's, der dich auf hangendem Steingewölb' Muthvoll bespähte und mit gesenktem Blick, Ob ihn der bleiche Schwindel schreckte, Frech in die brausende Hölle starrte. Auch meinen Augen war es vergönnt zu sehn, Wie deiner Wellen Taumel den Wald erschreckt, Daß Haupt und Wurzel dir erzittert; Wie du in schäumendem Zorne auffährst, Wenn ungeweihter Sehnsucht dein Heiligthum Sich öffnen muß; wie da sich dein Wogensturz Im Donner der gepeitschten Hallen Zwischen dem wankenden Grund durchrollet. Auf! zeige Jüngling! deinen geprüften Arm Dem blöden Thale, das dich in Fesseln wähnt; Erschein' in deiner Männerstärke! Weise dich frei, wie dein Volk, und thätig! Er kömmt – der Haine Wipfel, der Haine Chor, Der Haine Nymphen strömen ihm Grüße nach; Die Sonne sieht daher ihn rauschen, Sieht ihn – und staunet ob seiner Größe. Und du, mein Päan! der du den Jüngling nun Besungen, folge ferner dem Göttlichen! Enthebe dich der Erde Hügeln! Rausche dahin, wie die wilden Wellen. Verfolge deinen Lauf mit des Stromes Lauf! Schwillt er vor Freuden, juble Triumph darein! Betrübet Unglück seine Fluthen, Weine darein! wenn er donnert, donnre! Wie tanzt er neben glücklichen Hütten hin, Die rings zerstreuet liegen auf der Flur, Und auf den Stirnen kahler Berge, Oder an hangenden Felsenrücken. Hier, wo der Landmann eigene Tage lebt, Die keine Wolke giftiger Neigung trübt, Weil fern von Menschen nur sich selber Und ihre Heimath die Einfalt kennet, Hier wohnt die Freiheit! Hier hat sie unbemerkt Im stillen Schatten heiliger Einsamkeit Den Racken freigeborner Jugend Mütterlich milde mit Muth gestählet. Soll' ich die Wunder singen, o edle Linth ! Die Wunder deines Reiches? Wie deine Fluth Im Schlangengange viele Bilder Emsigkeitseeliger Dörfer spiegelt. Wie manches Baches Reichthum zur Rechten dir, Wie manche Wasserfälle zur Linken dir, Stolz auf die Bande ihrer Knechtschaft, Deinen wohlthätigen Schooß beschwängern? Vor allen eine Nymphe, die glückliche Rauti gefällt dir; siehe! sie brennet schon Mit deiner Fluth sich zu vermählen; Ufer ertönen von Brautgesängen. Im blauen Grunde spielet der fette Lachs, Der Liebling deiner Nymphe, der Fische Stolz; Ein zahllos Volk bemalter Schuppen Nistet in deinen kistallnen Grotten. Zwar windet keinen goldenen Aehrenkranz Die blonde Ceres dir um den weichen Schlaf; Und ob auch keine Thyrsusschatten Bacchus dir um die Gestade pflanzte, Doch bist du werth mir! Andere Schönheit noch Vergeudt, aus reicher Urne. Natur auf dich; Noch vieler Erdenkinder Segen Zahlet die Mühe des kargen Fleißes. In deinen Thälern blöcket das Wollenvieh; Auf deinen Triften wiehert der schlanke Gaul; Der Mann der Heerde brüllt Entzücken, Wenn er auf Wiesen um Kühe buhlet. Aus vollen Eutern presset die süße Milch Der fromme Landmann, reicht die gesunde Kost Den keuschen Pfändern seiner Liebe, Lebet zufrieden von Einem Acker. Im Tannenforste ziehet die Gemsen auf Der Freiberg; öfter hetzet die Jagd in ihm Das scheue Wildpret, das der Waidmann Leckeren Tafeln zur Speise schenket. In deiner Glarus sitzen im richtenden Pallast Quiriten; führen den achten Stab, Der die Helvetier beherrschet, Ohne den Zwang über freie Männer. Und könnte deine Söhne des Grabes Nacht Verhüllen? könnte, Livius Tschudi ! dich, Der vaterländischen Geschichte Herold, mein dankbares Lied vergessen? Ein Wala , unter Tausenden stellte sich Dem Schwalle zwanzig Reisiger furchtlos dar, Und stürzt, allein, drei Reiter von den Rossen, auf Einmal, mit Einem Streiche. Von Bülen ... welchen Namen hab ich genannt? Er, dein Erretter von der Leibeignen Schmach! Dein Schutzgeist an dem großen Tage, Da dir der Adler schon Fesseln dräute, Du denkst und schauerst, wie sich der Feinde Zahl, Gleich Wetterwolken, untenzu sammelte; Wie sie im Dunkel ihrer Menge Hurtig dein Volk zu verschlingen glaubten. Und ob im ersten Kampfe der falsche Sieg Den Sklaven lachte, zagten die Deinen nicht; Kein Landsknecht darf den Freien schrecken; Hoch steht von Bülen und schwingt die Fahne. Noch eilfmal rücken Oesterreichs Schaaren an, Noch eilfmal ziehen Oesterreichs Schaaren ab; Der Sieger sah die Helden fliehen – Heftete Schrecken an ihre Fersen. Du denkst und schauerst, wie der Tyrannen Flucht (Die Brücke krachet) und der Tyrannen Blut Dir die erschrocknen Wellen färbten Und dich im fliegenden Laufe hemmten. Doch denkst du freudig, daß nach der Arbeit Ruh' Und Friede deine Fluren beseeligten, Und deine Kinder frohe Tage – Tage der güldenen Freiheit leben. * Bernhard Hästiger D' Blueme. S'ist doch e Gspaß uf euser Wält, S'hed Alls sy eigni Syte; Und was me hed, und was eim fählt, Das gohd nid glych a d'Kryde. E Blueme-n-ist doch gwüß e Sach, Wo-n-jederma sött freue; Und thät me z'letst doch z'viel a d'Sach, Se chönnts ein mängist greue. Ich will ech es Exämpel gäh, Se thüend ers besser fasse: Es frogt si: wie me-n-Alls thüy näh? Um's z'liebe-n-oder z'hasse. Es Impli sitzt uf d'Blueme-n-ab, Wos' Staub und Hung will hole; S'Hung heds im Määgli, wenns flügt drab, Vom Staub am Füeßli Stolle. De träyds es hey is Impefaß, Und schaffets weis wie flyssig. Und macht en Arbet, s'ist e Gspaß, S'Wachs hert, und's Hung ganz flüssig. Es stygt as nämmlich Blüemli uuf E Spinn durr ihre Faade; Sie thued au Nahrig sueche druff, Doch mänger Fleüg zum Schaade. Si sindt, wo s'Impli Hung atrift, Zum Garn, wo d'Spinne raubid, Doch durr und durr fast luuter Gift, Wie d'Fleüge sicher glaubid. Und luegt me d'Summervögel a, Se hokkids au uf d'Blueme, Und güßlid und versuechid dra, Und fahrid z'ringlet umme. Si händ halt gar e liechte Sinn, Und chönnids nid erchiese, Daß ohni Arbet gihd ke Gwünn: Sie wänd halt nüüd as g'niesse. So findt nur Guets i mängem Buech Der eint' und cha si freue: Der ander, – säyd ma – will ers suecht, Find luuters Chäzzereye; E Dritte spätzlet über Alls; S'mag ihm si nid verträge, Und wärs au wichtig allefalls, Se-n-isch em nüüd dra gläge. Es Buech, und schyntis no so schlächt, Liest mänge doch mit Freude, Der Zweüt verdammts, und dänkt, mit Rächt, Im Dritte thueds verleide. Vergässid doch drum d'Impli nid, Und d'Spinn und d'Summervögel. Wär Gift, nid Hung, uus Blueme ziehd, Ist halt, dänk doch, e R...l. * S'Bächli und d'Matte. Es röllelet es Bächli schöön Dert zwüschet luuters Flüehne abe, Se still, me meinti, s' wurd nid hööhn, S'chäm nur für Lüüth und Veeh z'erlabe. »My liebi, – heds zur Matte gsäyd, – »Ih lüff gar gärn doh zwüsche duhre, »De hättist gwüß au mängi Freud, »Platz hätti i der chlynste Furre.« He nu, sayd d'Matte-n-ohni Gfohr, De chaust mer doch gar oordli rede, Wenn ih der, dänk, dy Bitt willfohr, Se nützts, cha sy, z'letst alle beede. »De waisch doch wohl, – fahrts Bächli furt, – »Vom Wasser gibds die schöönste Matte, »Wenns nur ums halbe gmästet wurd, »Me chönnt durrs Graas chuum durre watte.« Und so thued s'Bächli ohni Grüüsch Dermißt durr d'Matte durre tyche, Und s'Graas luegt nohn'e Mol se früsch, S'thued imme Paradys schier glyche. So gohds es Rüßli fründli zue, Vor Rüehme jastid beed Partheye, Wär diesem nüüd chönnt z'gfalle thue, Chönnt uf der Wält nüüd wieser gheye: Doch los! was troffet dert so luuth? Was isch vo Wytem für n'e Lärme? Eh! wie's dert hinde donnere thuet! Mach weidli, wenn d'noh Witt i d'Schärme. Das Bächli ruuschet, s'ist e Gruus, Und Grien und Stey stosts vorem äne, Es schuumet, wie der wildist Fluß, Doh chann jez d'Matte lang ge pflänne. Si glycht schoo völlig imme trüebe See. So daß me nur ke Haag meeh gwahret, Und wär's au Moorn kes Wasser meeh, Se wär si Maa's höch übersaaret. Drum nänd ech, Lüüthe, wohl in acht; S'händ Theil se glatt und gschliffnig Zunge, Die chuzzlid ech halt Tag und Nacht, Und isches ihne-n-einist glunge; Se löhnd si füre-n-ihre Zähnd, Und byssid und verzehrid wüethig Au die, wo n' ihne d'trouet händ. Wem gilts? – nu rothid, sind se güetig! * Hanhardt Reise nach Bern. Ich rolle sanft dahin auf schön gebauten Straßen, Und mein entzückter Geist schweift frei auf reicher Flur: Was soll zuerst das Aug', und was zuletzt erfassen Von all der Herrlichkeit, dem Leben der Natur? Der Bäume Gruppen steh'n in malerischen Massen, Der Felder hohe Saat verräth des Segens Spur. Ein Garten ist dieß Land: es duftet Blüthenregen Im schönsten Farbenschmuck dir überall entgegen. Hier wohnt ein freies Volk, das Fleiß und Ordnung liebet, Mit kunstgeübtem Sinn der Väter Erbe schmückt; Sieh, wie der breite Gang die Wohnung froh umgiebet, Wie heller Fenster Zahl dir schön entgegen blickt; Die Bank vor jedem Haus, wo Reinlichkeit man übet, Das baumversteckte Dach, der Gärten Reiz entzückt; Wohl euch die ihr beglückt in diesem Lande wohnet, Das Eurer Hände Fleiß mit frohem Wohlstand lohnet! Auf diesem Bergeshaupt dehnt sich in langer Reihe Mit riesenhaftem Wuchs der Eichen Schattenhain; Der Buchen knospend Grün, des Lenzes zarte Weihe, Weckt muntrer Vögel Lied und wiegt die Sorgen ein. Es schmiegt ein stiller See, daß unser Aug sich freue, Sich an des Berges Fuß, bestrahlt vom Sonnenschein, Sieh' dort der Alpen Kreis den Horizont umkränzen, Und schneebedeckten Haupt's weit in die Länder glänzen. Mein sehnsuchtsvoller Blick dringt hin in jene Ferne, Wo an der Aare Strom das Haupt des Landes thront; Was unter eurem Schein, was gleicht, ihr hohen Sterne, Der Stadt, die hochgesinnt ein Heldenstamm bewohnt. – Sie naht, sie steiget auf! Wie seh' ich euch so gerne, Ihr Thürme, die ihr bald des Wandrers Sehnen lohnt! Durch euren Anblick wird mein Geist emporgehoben; Wer sah dich je, o Bern, und mußte dich nicht loben? Ja große Namen sind's, die ewig in dir leben! Bezaubernd tönt das Wort in deiner Schönen Mund; Wenn in der Männer Bild Heroen uns umschweben, Thut holde Anmuth sich in deinen Frauen kund. Wie majestätisch sich die Prachtgebäude heben! Das Große dauert fort, so wie es einst entstund; Bewundernd schau' ich an die herrlichen Gestalten, Es muß ein hoher Sinn in den Gebilden walten. O! möge nichts der Glanz, der dich umstrahlt, verhüllen! Bleib' immer, edles Bern, bleib' immer frei und groß! Ob auch im Dunkel schwebt, was nach der Götter Willen Dem Vaterland verhängt der Zukunft schwangrer Schooß: So sei, die Heldenbahn mit Großsinn zu erfüllen, Vorleuchtend deinem Volk, dein ehrenvolles Loos. Es müsse stets dein Ruhm bis zu den Sternen steigen, Stets deiner Kinder Schaar sich groß und edel zeigen. * Lied am ersten April. Von neuen Zeiten, goldnen Tagen Hört man jetzt Wunderdinge sagen: »Ein Völkerbund verbannt die Kriege, Nur in der Liebe sucht man Siege, Die Wahrheit wird nicht mehr verbannt, Und Treue herrscht zu Stadt und Land.« Nun ja! das glaube, wer da will! Die Narren schickt man in April. »Ein Mann, ein Wort, wirds wieder heißen, Franzosen nur verstehn das Gleißen; Ein Jeder sucht nicht mehr das Seine, Dem Großen äfft nicht nach der Kleine; Den schönsten Frühling wird man seh'n. Und immer wird der Zephyr weh'n.« Nun ja! das glaube, wer da will! Die Narren schickt man in April! »Der Afterweisheit dunkle Lehren, Weil man sie nicht verstehet, ehren, Mit Wörterprunk den Menschen ziehen, Und scheu das Licht der Wahrheit fliehen, Ist nicht mehr würdig unsrer Kraft, Die neu und schön die Welt erschafft.« Nun ja! das glaube, wer da will! Die Narren schickt man in April. »Kein Mann will mehr tyrannisiren, Kein Weibchen will den Scepter führen, Nicht jedes Mädchen schön sich glauben, Der Fuchs nicht fürder Hühnlein rauben, Nur Unschuld herrschen, selbst beim Wein; Ein Eden wird die Erde sein!« Nun ja! das glaube, wer da will! Die Narren schickt man in April. Die Menschen werden Menschen bleiben, Wie's gehen mag, so wird's man treiben, Auch schickt sich Eines nicht für Alle, Und Ungeschicktes kömmt zu Falle; Das Seine thun mit frohem Muth, Ist überall bewährt und gut. So denk' ich: glaub' es, wer da will, Ich schicke Niemand in April. * Trost der Tonkunst. Auf des Wohllauts reinen Wogen Schwebt der Geist emporgezogen, Läßt zurück des Lebens Mühn, Töne lindern unser Sehnen, Melodieen stillen Thränen, Und die düstern Sorgen fliehn. Will ich mir verlasten scheinen, Soll die Laute mit mir weinen, Liebend theilt sie meinen Schmerz. Des Gesanges Flügel tragen Hin zum Himmel meine Klagen, Leichter schlägt das arme Herz. Wenn der Töne zartem Beben Folgt des Liedes schwellend Heben, Athmet freier meine Brust. Wie der Aar auf stolzen Schwingen, Möcht' ich in die Höhe dringen, Und verkünden meine Lust. Ach! die Trauerglocke schallet, Und das Lied der Wehmuth hallet: »Ruhet sanft im stillen Grab!« Orgeltöne hör' ich rauschen, Engel selbst im Himmel lauschen, Friede Gottes strömt herab. Jene Welt ist aufgeschlossen, Aus der Erde Tönen sprossen Lieder dort voll Melodie, Dort, wohin dein Auge blicket, Nach Geliebten Thränen schicket, Wohnet ewig Harmonie. * Ulrich Hegner Im Alter. Schneller als flammendes Feuer, als strömendes Wasser, als Winde, Ihrer Bande befreit, Eilen die Tage, die Stunden, es fliehen Minuten vorüber, Reißen vom Leben sich los, Reißen das Leben mit fort ; die Kräfte zerrinnen; da steh' ich Bald ein entblätterter Baum, Ein verglimmendes Licht, das matte Schimmer noch sendet, Dann sich im Dunkel verliert. Schon ist die Dämmerung da, und mit ihr steigen der Vorzeit Bilder wie Sterne empor. Sterne der Jugend – ein himmlisches Heer, sie glänzen von ferne, Kehren nimmer zurück! Schätze der Jugend – es zählet das Alter an zitterndem Finger Euch den verlornen nach! Blüthen der Jugend – die schönen, die goldenen Früchte, wo sind sie Alle, die ihr verspracht? Und die Gefährten, die mit mir gingen, strebten und irrten, Bald sind sie alle verstummt; Fern verhallen die Töne des freudigen Lebens, geschieden Bin ich der jüngeren Welt, Näher der Stille des Grabes. Und dennoch scheuet der Klage Sich mein einsamer Geist; Dennoch spießen auch unter dem Tritte des Alters noch Blumen, Wandelt Ergebung mit ihm. Wallt auch in Wogen nicht mehr mein Leben, so rinnet das Bächlein Desto ruhiger fort. Mag nicht jugendlich mehr in Berg' und Thale verlieren Sich der wankende Schritt, Mein ist die ebene Bahn; und lieb' ich und liebt mich die Welt nicht. Träum' ich die bess're mir. Alles ist eitel; hinab in den Strom der Vergangenheit sinket Was die Sonne bescheint, Aber es führet der Strom in ein Land, wo zu geistigerm Leben Alles sich wieder erhebt. Wohl mir find' ich alsdann mich selbst und die bessern Tage Neu in Gefilden des Lichts! Wohl mir, decket alsdann die Gnade, was die Reue beweint hat, Mit der Vergessenheit Nacht! * Trinklied für Flachmaler. Auf ihr Herrn und Zunftgenossen, Packt die Lade sorgsam ein; Das Gebot ist nun geschlossen, Bringt den Braten und den Wein! Kommt herein und setzt Gesellen Euch zu Tische! Dorthin stellen Sich die Jungen, merken scharf Wo ein Meister was bedarf. Laut soll unser Lob erklingen, Heut soll der Gesang nicht ruh'n! Will kein Dichter uns besingen, Wollen wir es selber thun. Laßt mit Kunst die Pfuscher prahlen, Nur wer zünftig ist, kann malen! Her den Becher, schenkt ihn voll, Hoch der Maler leben soll! Weit ist das Gewerk verbreitet Auf dem ganzen Erdenrund, Und kein Schiff durch Meere gleitet, Eh' wir's malen schön und bunt. Ist ein Land wo, eine Insel, Da nicht walte unser Pinsel? Malt doch selbst der Wilde sich, Und die Schöne, die verblich. Wagt euch nicht mit uns zu gleichen, Die ihr stolz euch Künstler nennt! Aengstlich um die Großen schleichen Ist nicht unser Element; Nicht in engen Stuben sitzen, Und bei kleinem Machwerk schwitzen, Hocken nicht auf heißer Fluh Stundenlang vor einer Kuh! Nobler ist es, wenn wir munter Vom Gerüst am Kirchenthurm Bammeln unsre Bein' herunter, Malen trotz des Windes Sturm. Näher sind wir da dem Himmel, Schauen in das Weltgetümmel; Sieh' den Mann! daß Gott erbarm! Spricht die Frau zum Kind im Arm. Oft im feilen Lobgedichte Heißt ein Werk der Künste Zier; Kriegt man es dann zu Gesichte, Ist es nur ein Wisch Papier; Gleichwohl werfen voll Entzücken Dilettanten sich wie Mücken Auf den Quark, und schwatzen viel Von Effekt und großem Styl. Größer ist kein Styl, ihr Leute, Kein Effekt zieht stärker an, Als den man auf Meilenweite, Wie den unsern sehen kann; Alles ist in großen Massen Vorgetragen, leicht zu fassen; Nichts ist schwierig, nichts ist kraus, Alles spricht sich selber aus. Grenadiers auf Gartenthüren, Schultert's G'wehr, und starr den Blick; Schweizer, die Hellbarden führen, Zeigen unser Kunstgeschick! Wen hat nicht das Bauermädchen In der Laube, rund im Jäckchen, Wen das schöne Wirthshausschild Nicht mit Sehnsucht oft erfüllt? Auf ihr Herrn und Kunstgenossen, Ihr Gesellen voll Verstand, Leert den Becher unverdrossen, Unser Ruhm steht nicht auf Sand! Haben wir genug gesungen, Lassen wir den Wein den Jungen. Heut ist Feier! morgen dann Zieh'n wir wieder Schürzen an! * Haller's religiöses Tagebuch. Du armer großer Haller! Zwar edel ist dein Schmerz, Allein wenig kanntest du Gottes Vaterherz! Der uns mit diesem Leibe des Tods bekleidet hat, Nimmt auch den guten Willen mit Freuden an für That. Zerknirschung nicht und Jammer verlangt der Menschensohn, Er giebt für Glaub' und Liebe gern Freiheit uns zum Lohn. * Kreuzerhöhung. Eine Legende. Noch nicht lange war die Morgensonne An dem klaren Himmel aufgegangen, Als schon Carl mit seinem Jugendführer Aus der nahen Villa hin nach Mailand Eilte. Nicht des Reichthums weiche Kissen, Nicht die Noth des edlen Stammes, Spott nicht, Hielten ab den frommen Knaben, Gott in Demuth, hohen Eifers voll, zu dienen. In die Kirche zieh'n sie früh zur Messe, Um das Fest des Kreuzes zu begehen. Und des Lehrers Hand mit Wärme fassend Spricht der Knabe: »Wie aus blauen Lüften Dort vom hohem Dom im Morgenglanze Strahlend sich das Siegspanier der Christen Hebet! Glocken hallen ein zur Feier, Seine Herrschaft Allen zu verkünden; Alle Zungen seine Macht bekennen! Sprach's und neigte küssend sich zum Kreuze, Das auf reiner Brust ihm golden glänzte, Als Geschenk von frommer Einfalt, seiner Gottesfurcht zum Lohne zwar gegeben, Doch als Reiz auch größ'rer Ehrbegierde.« Sanft erwiederte der weise Lehrer: »Was verachtet vor der Welt ist, hat Gott Auserwählet. Als der Sohn des Menschen Aus dem kleinen Nazareth hervortrat, Wo nicht Größe möglich schien dem Wahne, Als er in Judäa noch umherzog Bei dem Volke, das zum Spott der Völker War geworden, Kranke heilend, Müden Ruhe schaffend, von dem Himmelreiche Gute Botschaft bringend, und er dennoch Kaum, wo er sein Haupt hinlegte, Platz fand. Sprach er damals öfter schon vom Kreuze, Und befahl den Seinen es zu tragen.« »Tragen soll es, wer sein Jünger sein will, Jeder, und ihm folgen!« rief mit Feuer Carl, empor das edle Kleinod haltend; Lichter ward sein kindlich hohes Auge: »Heil und Sieg und Ehre ist in dir nur, Wer dich trägt, wird nimmermehr zu Schanden; Ueber Tod und Welt erhaben wird er Herrschen einst auf jenen goldnen Thronen!« Da begann der treue Führer weiter: »Nicht daß ihm gedienet würde, sondern Selbst zu dienen stieg das Lamm hernieder. Ihm, dem Legionen Engel horchten, Ihm, dem Wunder zu Gebote standen, Wär ein Leichtes wohl gewesen, über Millionen herrschend sich zu schwingen, Alle Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit sich unterthan zu machen, Und auf den Gehorsam aller Völker Einen Thron gewaltsam sich zu gründen, Dessen Glanz, Gesetzen, Recht und Ordnung Alles Irdische gehuldigt hätte; Jeder würde dann des Herrschers Zeichen Prangend auch in Gold und edlen Steinen Auf der Brust getragen, knieebeugend Angebetet haben auf sein Winken: Und das wahre Kreuz, der Pfahl der Schmache, Wären unbekannt uns dann geblieben.« Still ließ Carl die goldne Zierde nieder, Und sah forschend nach des Lehrers Miene. »Aber unser Herr«, sprach dieser weiter, »Schloß sein Ohr der Stimme der Versuchung, Die ihn in der Wüste blendend lockte, Widerstand dem hohen Kraftgefühle, Das zu schneller Wirkung ihn nach außen Drängte; dazu hatte ihn der Vater Nicht gesandt, nicht unter Blitz und Donner Ihn wie Moses angekündet, daß er Uns durch Ketten heiliger Gebräuche Sonderte zum auserwählten Volke; Nicht zum wilden Kriege uns entflammen, Islams Stifter gleich, ein Reich des Friedens Sollt' er uns, ein geistig Reich der Liebe Stiften, wo nicht Zwang, nur freier Wille, Den nach Gottes Bildniß einst Geschaffnen, Wieder zu der angestammten Höhe Auf der Bahn der Demuth führen sollte. Dieser Liebe weihte er sein Leben Von der Hütte, wo die reinste Mutter Ihn geboren, bis zum Tod am Kreuze. – Kindlein, liebet euch einander! sprach er Noch beim letzten Friedensmahl zu seinen Freunden: das ist meine Lehre, ist mein Neu Gebot, das ich der Welt verkündet; Wer es hält, hat das Gesetz erfüllet!« Also sprach der weise Alte, hob dann, Gleich als wär' er einsam in der Zelle, Froh den gottvertrauten Blick gen Himmel. »Größ're Liebe hat sich nie erwiesen,« Rief er, »als da einer starb für Alle! Diese Liebe ist des neuen Bundes Siegel, ist das allgemeine Band des Brudersinnes, ohne den die Menschheit Eine Rotte nur von Mördern wäre. Diese Liebe ist der Weg des Lebens; Wer ihn wandelt, wär' es auch auf Dornen, Selig ist er; ist wohl dann auch würdig. Als ein Mitgenoß der Trübsal Christi, Und Miterbe seiner Herrlichkeit, das Kreuz als Kleinod des Verdiensts zu tragen, Wann er dann noch Ehre sucht vor Menschen.« Schon verborgen unter Kleideshülle Lag das fromme Spielwerk, dessen Anblick Oefters schon die feuervolle Seele Carls zu Träumen künft'ger Größe hinzog. Die zu Gottes Ehre alles Gute, Wär's auch mit Gewalt, befördern sollte. Und der gute Lehrer, zu vollenden Seiner Worte Eindruck, sprach nun weiter: »Wer der Größte sein will diene Allen! Nicht des heil'gen Vaters hohe Krone, Nicht der Purpur großer Kardinäle, Nicht des Bischofs Hirtenstab und Inful Gelten in dem Reich des Menschensohnes Was ein Herz voll Treue zu den Brüdern; Und wo Furcht des Herrn und Weisheit walten, Wenn auch in verlaßner Armuth Hütte, Da entsteigen der geheimen Kräfte, Die des Weltenschicksals Räder leiten, Mehr oft als vom goldumstrahlten Throne.« Als sie nahe jetzt dem Tempel waren, Dessen feierliche Größe noch das Goldne Licht der Sonne mehr erhob, als Schon der Orgel Jubeltöne hallten An ihr Ohr, und mit der Ehrfurcht Stille Alles Volk zur hohen Feier strömte, Floß dem Alten, kaum dem Jüngling hörbar. Ein Gebet noch von dem reinen Munde: »Ehre sei und Preis in Ewigkeiten Dem Gekreuzigten! O daß vom Himmel Bald sein Zeichen Allen sichtbar flammte, Seiner Wiederkunft und seines Reiches Frohes Zeichen! Komme bald Erlöser, Amen, ja! es harren deiner Alle, Denen du dein Wort ins Herz geschrieben!« Heiter schritt und liebevoll der Alte Nun hinan des Tempels Marmorstufen. Aber voll Gedanken, wenig achtend Auf des Volkes Grüße, das schon damals Nach dem edlen Knaben staunend blickte, Folgte Carl. – Da lag auf hartem Steine Vor der reichgeschmückten Thür ein Armer, Der die welke Hand zur Gabe hinbot. Still stand der Knabe bei dem Menschen: »Nicht besitz ich jener hohen Männer Kräfte«, sprach er, »die zwar Gold und Silber Keines hatten, aber zu dem Lahmen Sprechen durften: stehe auf und wandle! Was ich aber habe, geb' ich willig.« Sprachs und trennte von der Brust das goldne Kreuz, und warf es in den Schooß des Armen. Dieser lobte Gott; die beiden Edlen Aber traten in des Tempels Wölbung. * Ja und Nein. Ein kräftig Ja, ein freundlich Nein, Wird stets, o Mensch, dir heilsam sein: Ein kräftig Ja, ein freundlich Nein, Macht dich beliebt bei Groß und Klein, Weil kräftig Ja und freundlich Nein Nur der spricht, dessen Herz ist rein, Und kräftig Ja, und freundlich Nein Dem braven Mann stärkt Mark und Bein. Ein kräftig Ja, ein freundlich Nein So Mann als Weibe stehet fein. Spricht kräftig Ja und freundlich Nein Der Mann, so will ich prophezei'n: Sein kräftig Ja, sein freundlich Nein Muß Feinde noch wie Freund' erfreun; Denn kräftig Ja und freundlich Nein Den Mann zum Manne weihet ein, Und kräftig Ja und freundlich Nein Macht Treu und Glauben allgemein. Geht kräftig Ja und freundlich Nein Dem Weibe über Tändelei'n, Ist kräftig Ja und freundlich Nein Ihr Wort, und haßt sie was den Schein Von kräftig Ja und freundlich Nein Nicht hat, so schwindt des Mannes Pein Vor kräftig Ja und freundlich Nein Hinweg wie Nacht vor Sonnenschein. Ein kräftig Ja, ein freundlich Nein Vom alten Mann ist alter Wein; Ein kräftig Ja, ein freundlich Nein Die Jugend ziert wie Edelstein. Ein kräftig Ja, ein freundlich Nein Laß deinem Freund oft angedeihn; Und kräftig Ja nur, freundlich Nein Sprich du, wenn Böse nach dir spei'n. Ein kräftig Ja und freundlich Nein Empfahl auch Er, der uns allein Durch kräftig Ja und freundlich Nein Zu Wahrheitsfreunden wollte weih'n. Kurz, kräftig Ja und freundlich Nein Wird dir und mir stets heilsam sein! * Denkzettel. Was recht ist, wagen, Unrecht ertragen, Dem Spott entsagen, Nach Frieden jagen Mein Leid nie klagen, Mit Vorsicht fragen, Nie zornig schlagen, Nie ängstlich zagen, Geplagt nicht plagen Fremd Bein nicht nagen, Bei Lärmgelagen Hervor nicht ragen. – Zu allen Tagen Wird dieß behagen. * Ermunterung. Wenn die Jugend von dir weichet, Und das Alter dich beschleichet, Ist's zu spät von frühen Tagen Das Versäumte nachzutragen. Doch ist Alles nie verloren; Täglich wird man neugeboren, Täglich steigt vom Himmel wieder Hülf' und Licht zur Erde nieder. Wird nun noch ein Sämlein sprossen, Pfleg' des Sämleins unverdrossen, Hast du nicht mehr Gold zu setzen, Lerne dann den Pfennig schätzen. Will dich das Vergangne grämen, Müßt es nicht zu Herzen nehmen, Frisch im Glauben, Lieben, Hoffen. Steht dir noch ein Himmel offen. Sei auch Glauben, Hoffen, Lieben Leicht empfohlen, schwer zu üben, Nimmer wird ein ander Mittel Tilgen deine Schuldentitel. * Anwendung der Fürwörter im Umgange. Vor dem Ich Hüthe dich, Laß kein Witzeln Von dir spritzeln. Mit dem Du Leb in Ruh', Will er nicht, Laß den Wicht. Kömmt ein Er Forsche wer, Sein Gehalt Zeigt sich bald. Wir, Ihr, Sie Leute wie Ich, Du, Er, Ungefähr. * Der Sittenrichter. Bitter fließt ihm vom Munde der armen Sünder Bescheltung, Mit den reichen indeß lebt er auf traulichem Fuß. * Trost. Suchst du Freiheit, suchst du Friede, Werde nicht des Suchens müde; Endlich hast du doch die Freude, Kömmt der Tod, zu finden beide. * Sicheres Geleit. Auf dem verschlungenen Pfade des Lebens die Richtung zu finden, hat sich dem schwankenden Geist einzig die Lehre bewährt: Denke mit Ehrfurcht stets an Gott, an die Menschen mit Liebe, Und mit Ernst an die Pflicht! Laß es dann gehen wie's mag; Sind auch die Menschen nicht treu, so bleibt es der innre Gott dir, Und aus den Dornen der Pflicht sprossen die Rosen des Heils. * Spruch. Gefällst du Vielen – mag's dir behagen; Gefällst du Wenigen – mußt nicht verzagen; Gefällst du Keinem – bist zu beklagen; Gefällst du selber dir – will nicht viel sagen; Gefällt dir Nichts als du – verdorbner Magen. * Joseph Ineichen Lied, ufe Friede. 1810. (Bei der helvetischen Gesellschaft in Zofingen gesungen.) Uf d'Wys: »Was chan eine meh ergötze etc. Wenn's mier Schwytzer wänd betrachte, Wie's scho mängist g'gange-n-ist, Was für Stryt und bluotig Schlachte, Vögtezwang und Fürstelist Eusers Ländli gujoniert: – Wer gseht's und grift's nid schier? – Nur der alti Gott regiert. Dä hed's eis der dure g'schlage. Frili eus au Wärflig g'gäh; Doch wer briegge will und zage, Cha dora Guräschi näh; Dänk a neu und alti Zyt: D'Schwyzer sind, gäg wie's dry gseh. Holl mi Gott! no g'fellig Lüüt. Mag vom alte Teig nid rede, Han ech's au scho g'lahlet do. Dankid hüt euch das numede, Eusers Ländli stoht is noh Wo's zäntumme brunne, g'hüüzt, Simmer gsy – und wer seid nei? – Wit voruus am mehste b'schützt. 's hed's färn Eine zierli g'sunge, D'Schwyz, die mahne-n-a-nes Huus; Z'mitzt im Füür seig's dem do g'lunge, 's zieh si eisder hübschli druus. Sust wohl, Schwyz, liebs Vaterland. Du bist gsy und bisches noh, Eisder so in Gottes Hand. Darf ech au es Glychniß bringe? – S'selb het Für – und mis ist chüel. – – So ne Chröpfli sött nid singe. – Dänkid, wie ne Räge fiel, Wo Herr Noe und sis G'sind Mit enand e sevel tuuch Dert i d'Arch ie zottlet sind. Wer hed ächt vorusse b'schlosse? – Roth mer i und roth mer a! Ach, ihr Brüeder, nid nur Posse, Miner Secht, es grift mi a. Schwyz, o Arch, lieb's Vaterland! Wer het's tho, und wer thued's noh? Eisder, gwüß, e Gotteshand. Fuchs und Wölf sind do det inne Zwor au scho bim Noe gsy; Er als g'recht und chärsch bi Sinne Schickt sie eisder ordli dry. Johr und Tag lost er so zue, Und luegt nur, wo's blitzt und hüützt, Treuli a si Himmel ue. Chuum ist's Wasser recht abträte. Und mi Noe usecho, Thued er mit sim Völchli bäthe, Dankt dem liebe Gott so froh, Liebes Völchli! Schwyzer all! Ihr gsehnd's gwüß und sägid's nur: Sind mer nid i's Noe's Fall? – Eh, se wemmer mit em danke, Ufrecht, brav und einig sy; Wägem Schifflohn jetz nid zangge, Wege jo're Chinderie. Jeder ist jo grüüsli froh, Daß der Friede – wenn's nur hed – Endli doch emol ist cho. D'Stürm händ d'Arche höch und nieder Püngglet und eus umeg'jagt; Endli schint is d'Sunne wieder: Wär me doch nur nie verzagt! – Friede! heißt's, die Duub ist cho; Thüend jeh g'schyd, das Däriwärch! Wer frogt lang de Raabe noh. Wenn e Sohn vom Noe selig G'mugglet hält, nid bättet do, 's Familli hätt eihellig, Gseid: du donstigs Löffel du! Chüeles Glychniß, 's heißt nid viel; Doch der gsehnd, wenn's au scho hinkt – Eineweg, was 's säge will. Als e Dampi mueß ech froge: Sind au Müüs bim Noe gsy? Gsehnder, wettig dummi Froge, I sett uf's Müüsli länke-n-i, Chuutis duße, wies halt will, Gott verhüetets, nänd's in Acht, Händ ech ihr nur müüslistill. O ihr Brüeder, thüend nur blicke Uf viel Länder z'ringelum; 's Elend wird sie lang no drücke, Nume schärze wär hie dumm. I chönnt briegge, wie-n-es Chind, Will mer alle z'säme doch, Will mer All' eim Vater sind. Tuusig Händ händ d'Ruothe zoge, Fluth ist mängist gsy vo Bluet, Endli chunnt e Rägeboge, Zwei Händ mächid jetz viel guet. Bonapart und 's Franze Louis', Gällid he! – nur chäche gseid – Wemme frogt: was gid's guet's Neu's. Mier gänd au enand do 's Händli Zum Zeiche, daß mer friedli sind, G'sundheit eusem liebe Ländli, Herr und Buur und Wyb und Chind! Alli, alli, g'seg-n-is Gott! Wemmer nur – es ist jo süeß – Nänd in Acht das groß Gebot; Das ist Liebe , das ist Friede , z'Stadt und z'Land das schönste Guet; Sind die todt und gar abg'schiede, Git's gärn Füür und Wasserfluet. Euse Heer schreyt drum mängsmol: »Wo die Lieb ist, do ist Friede! Wo der Fried, do lebt me wohl!« Als e Wegge thüend's hei chrätze, – Z'Zofige heig me dere do – G'sellschaft thüe nur nützli schärze, Wies die alte Schwyzer tho. Jede würk, seig, was er cha, – Bsunders do und do de lyts. – Schwyzer, Christ und Biederma. G'hörid's Iseli, Gluetz, Schinz, Füeßli, Balth'sar, Tscharner und ier all! D'Enkel schickid euch es Grüeßli, Die ier z'Schinznacht scho im Saal Schwyzerhärze z'sämetreid, Und dert scho so de Grund, Und de »G'staat« für eus händ g'leid. * Nur Oeppis möchti von Oepperem öppe wüsse. 1811 's gid näue doch usg'fixte Lüt, Die wänd ech all's verstoh, Mi wundert fast vo-n allem nüt, Und froge selte no. Nur öppis macht mer eisder Müeih, Dem frogt lisli no: – (I thuene halt am Hals gern zieh –) Wie's mit dem Wy thüe stoh? Chor: Nur ob der Wy guet g'rothe sy Und eb er wohlfel z'ha? Nur das, nur das, das wundert mi, I denke-n eisder dra. Oeb's Nochbers Hus mit mäng'rem G'speist, A's nur mit siner Frau – So ploget seig, wie's nundig heißt, Das macht mi gar nid grau, Oeb a-me Märt de alle z'Nacht So mänge bründl'ge Ma In eusem Dorf göih neb' der Wacht? Was gohd mi settigs a? – Chor: Nur ob etc. Was g'heit mi do der grau Prozeß, Wo d'Prokerater gwüß So Schwänk adreiht i's selb Rezeß, Und Lüg, e ganzi Flüß. I loh-n all's Tröhle trohle gob, Thue Niemerem b'sunders z'Leid, »Bueb, frog nid viel und mach's e so!« Het d'r Aetti mängist gseid. Chor: Nur ob etc. Wer nächti z'Nacht spot brüelet so – Doch stille Mey, seh, seh! Ob's nur d'Nachtbuebe heigid tho, Oeb au no anders Veh; Oeb euse-n Amme z'hitzig seig, Oeb's abschlöi im Chaufhus, Wa's 's Wucheblatt Neus brunge heig. Wie mänge huusi us? Chor: Nur ob etc. I froge nie, was würkt's Mandat, Und was die Polizey, Für's Wybervolch, z'erst i der Stadt, Wo g'kleid't chund a's wie d'Seu. Oeb's Heere Chöchi Fuchs zum G'schlecht Und züngli nocheme Ma, Mier chund und gohd jo alles recht, Wenn ich nur z'sürfle ha. Chor: Nur ob etc. Oeb euse Richter feiße Chüeh, Die beste heig im Land; Oeb er nid schier chli g'waggle thüeh, A's wie ne fuule Zand? Oeb's au e fromme Müller gäb Und Wirth, die skruppelos, E Schnyder der so ängstli läb – Do bin i nid kurios. Chor: Nur ob etc. Wer's beste Lunzis Schuelbuech heig? Me hed's durschnauset färn; – Daß grösser as e Chürbse feig, Dä münzig Morgestärn. – Herr Doktor Gall bringt's au nid wyt. – E Wundersitz, wo's liest, So ohne Hirni gäb's ech Lüt; – Me het das längst scho g'wüßt. Chor: Nur ob etc. 's heißt mängist, e du Esel du! Verstohst au nüd, du Stier? Ho, denki de, he nu, he nu – Das sind grad just zweu Thier, Wo z'nöchst gsi sind bim liebe Gott Im Schüürli z'Bäthlihem; – Was scherrt's mi, chöm es hüst, chöm's hott, Wenn's nume gid: Memm-Memm. Chor: Nur ob etc. Was Ruum, was Zyt, was Magnet heiß, Händ's nundig dischbitiert; D'Barmeter gheiid, wenn's scho heiß, Das het si umme g'füert, Verheit so Mänge schier si Chopf Er stunnet, dänkt und liest, Weis mede nid, was 's höchst am Chnopf An eusem Stiftsthurn ist. Chor: Nur ob etc. So Gägefüeßler gäb's ech au, Schribt Herr Professer Suuf, Und Gägechöpfler, seid si Frau, 's göih all's jo z'underuf. Se löß mer's dösele, goh und stoh, Wer wett's de doch ertha? Und sett's au z'hinderfürig goh, Wenn ich nur Mämmi ha. Chor: Nur ob etc. Oeb d'Sunne stöih und d'Erde göih? Die Frog wär sust nid dumm. Nächt, wo-n-i usem Wirthshus hei, So fahrt si z'ringelum. Doch wird me höhn so uf die Art Die händ es frögle gha, Was der Kaiser Bonapart Für Tschöpe legi a. Chor: Nur ob etc. Und g'wunderet hend si au gar sehr Vom Zucker allerhand, Oeb nid bald Meister ufem Meer Der König vo England. Er setz si Chopf, bruuch G'walt und List; Mi dunkt's e Narredie, Wo's Wasser so versalze-n ist, Und d'Fisch no rözid dry. Chor: Nur ob etc. Herr Bürkli hed's i d'Zitig tho, Potz tuufig, i ha gstützt! – Wo Trübel sind uf d'Torte cho; Das ist's was öppis nützt, Herr Zschokke chund mit Wasserfäll, Erdrütsch und dere Züüg; – Das macht eim so der Chopf nid hell, Er ist mer selber häg. Chor: Nur ob etc. * Die dicken Hälse. Der Dichter hatte selbst einen großen Kropf, über den er gern zu scherzen pflegte. Es chunnt mer aller Tütschel z'Sinn, Me seid m'r mängist Dääri; – Mi Hals wär notte numme dünn, Wenn nur da Chropf nid wäre. Mänge Geuggel her doch Freud, I möcht em nüd dri säge; Er red't do so vo Chlinigkeit, Es möcht si au verträge. D'Mutter ist i d'Wuche cho, Z'Aennige dert wit hinde. Vo dem ha's i nid übercho, Ha niemol müeße chinde. Ha chönne a's e Bueb du scho – – Lüt und Veh wurd's säge – Wenn m'r sind uf d'Alp ue cho, Vorus d'Schälle träge. Und side mit dem Kleinod da Bi glücklich gsy uf Erde! I gseh nid witers ufe zcho, Als Probst im Wallis z'werde. D'Reider gämmer erst no Nächt Bim Duregoh Visite. Sepp, heißts, du hest jo 's Bürgerrecht, Hest alle Requisite. Am Luft ist's nid, am Wasser nid, Wie Dökter wend druff b'harre, Es ist – am Hals, – seid euse Schmied, Die Dökter seigid Narre. Bi no e guete Musikant, Weiß d'Ristermente z'grife, Chichi nur und o scharmant Schnurret mi Sackpfife. Wenn der Bonebart weit cho Mit em Alexander; G'sächid 's Eggipaaschi do, So eine wie der ander. E Grueß deheim, das thünder jo, Sägid nur: der Seppli Lebi emel eister no, Und heig no allt G'schöpfli. Oeppis g'heit mi mängist no, Dick Häls git's nid selte; Und sid die a's Brätt sind cho, Wänd d'Chröpf nüd nie gelte. * David Heß Rückblick. Ich war ein Kind und habe Die Tage des Lenzes verträumt! Jetzt näher schon dem Grabe Erkenn' ich, was all ich versäumt! Wie Nebelstreifen ziehen Durch sonnenbeschimmertes Thal, So zogen Phantasien Durch's Herz mir mit Lust und mit Qual. Viel ist der Jugend wichtig, Was später als Spiel nur erscheint, Und Vieles acht' ich nichtig, Um das ich viel Thränen geweint. Und dennoch, dennoch sehnet Zurück sich das alternde Herz In Zeiten, wo man wähnet Und tändelt mit lächelndem Schmerz. * Des Vaters Abendlied an seine Geliebten. Heitere Jugendtage Schöne Blüthenzeit, Von des Lebens Plage Früh noch unentweiht; Hallen eure Lieder Aus der Ferne nach? Träum' ich tändelnd wieder? Und bin doch so wach! Bin ich noch der Gleiche, Dem die Phantasie Einst im Zauberreiche Sang und Klang verlieh? Kann ich noch erfreuen? Ruft der Sehnsucht Blick Des entschwund'nen Maien Aetherglanz zurück? Längst sind meiner Saiten Harmonien verhallt; Nebelwolken gleiten Und das Herz wird alt! Abwärts von den Höhen Führt mein Pfad in's Thal; Kühles Abendwehen Waltet überall. Längre Schatten dehnen Neben mir sich hin; Mir verhehlt kein Wähnen Wo bereits ich bin. Aber darf ich klagen, Wenn's an Kraft gebricht? Meinen spätern Tagen Fehlt die Liebe nicht! Sie verklärt noch immer Die Vergangenheit , Wie des Abends Schimmer Gold auf Alpen streut. Sie erwärmt am Herzen Der Erkornen noch, Wendet alle Schmerzen, Wandelt nimmer sich. Aus der Kinder Blicken Lächelt sie mich an; Unter Händedrücken Wall' ich meine Bahn. Und aus dunkler Ferne, Von des Himmels Zelt, Winken lichte Sterne Einer neuen Welt. Dort erklingen wieder Hoch im Palmenhain Alle Jugendlieder, Kräftig, voll und rein. Hier und dort verbindet Blühendes Geflecht, Das dir Treue windet, Liebendes Geschlecht. Nun, so mag das Leben Auf die Neige zehn! Trost ist uns gegeben: Frohes Wiedersehn! * Gottlieb Jakob Kuhn Die Entstehung der Alpenrose. Magnis tamen excidit ausis. Es trurigs Stückli will i zelle, Ihr Meitleni, get ordlig Acht! I ha's für euch u jungi G'selle Zur Warnig styf i Ryme bracht. Ihr wüßet z'Sigriswyl hi-n-i Z'erst sibe Jahr Schulmeister g'si. Dert steit ech, grad ob Oberhuse, E grusam höhji spitzi Flueh; Es wurd ech scho vom Agseh gruse, U d'Gemschi chöme chuum derzue. Flüehblumi gits die schönste dra, Schab daß sie niemer g'winne cha! Was g'scheht? Vor meh as hundert Jahre Seit eine ame Meitschi na; Doch das hat alli Burs für Nare, Bal seit es nei, dal seit es ja. 'S isch einzig Ching, hübsch, rych derzue, Drum ist ihm kene fürnehm gnue. Hält' er die Näri fry la blibe! Us dere gits kes ftündligs Wyb. Het eine vo-n-ech Lust zum Wybe, So eire blyb er ja vom Lyb! Doch er mit G'walt will Eisi ha, U sött er Lyb u Lebe la. Es Mal am Aelper-Sunde z'Abe Fühlt er sys Eisi o zum Wy; U lat ihm Zucker gnue dry schabe, U Musketnuß, u schenkt ihm y, U flismet: »Säg mer einisch ja! »G'wüß cha di kene lieber ha!« Es thut as wet's darvo nüt g'höre: »Aeh! Schwyg vo dem! – Nei! La mi ga!« Du däicht's: i will di scho verthöre, U sait ihm z'lest: »Du mußt mi ha, »Wit Du mir vo der spitze Flueh »Flüehblumi vor mis Pfäister thue.« Hans! heb Du Sorg! Das chönnt Dir fehle! Wer Gfahr suecht, dä chunnt liecht drinn um. Ja! Da hilft Rathe nüt u Schmähle; Er thuets doch, aller Warnig z'Trumm, Er seit: »Es Bott! Du mußt sie ha, »We du wit mit mer z'Chilche ga.« E Morge früeh daß d'Sterne schyne, Er uf u z'Weg, dür d'Allmit uf, U-n-über Oberhuse-n-yne Dem Gerbibach na der düruf. Jetzt steit er unte-n-a der Flueh U saht a chlettre. – G'seht ihm zue! G'seht wie-n-er a de glätte Wände, Mit Angst u Noth mag ufe g'choh! Er blüetet scho a beede Hände, Doch ist er no wyt, wyt dervo. Geng obsi! B'hüt is Gott der Herr! I wett nit, daß i Hansi wär. Geng obsi! Jetz isch's gli erstritte! Heb an di, Hans, u wehr di guet! Ja gschauet – es sy kener Tritte So are Flueh. Wohl d'Sach chunnt guet! Herr Jesis Gott! Da rütscht er us, U fallt – u fallt! Es ist e Gruus, Da lyt er grad ob Oberhuuse, Grusam zerfallne, a der Flueh. D's Bluet lauft zu Muul u Nase-n-use. – Jä, g'seht er! Das cha d'Liebi thue. Die macht ech d'Lüt so dumm und bling, B'hüet Gott es n-jeders Mönsche-Ching. Get Acht! So öppe na zwo Stunde Chunnt Eisi früi vom Melche hei, Sy Weg füehrts e chli wyter unte Der Flueh na, 's thuet e lute Schrey. »Herr Jesis! – Hansi! B'hüet mi Gott »Was ha-n-i g'macht! – Da lyt er – tod!« U fallt uf d'Chneu; es möcht gern gryne, U cho doch nit; es schlückt, u schlückt – U zittret; – 's faht ihm afa schwyne Bis ihm der Schrecke d's Herz abdrückt. Da liege-n-alli bedi, tod. Uf füechtem Gras im Morgeroth. Me het se-n-erst am Abe funde, U het i d's Dorf se-n-ahi treit. U na zwe Tage druf, am Sunde Si z'Siegriswyl i Chilchhof g'leit, Der Pfarrer het e Predig gha 'S het Jung u-n-Alti z'Briegge tha. U-n-a der Flueh wo Hans isch g'lege Wachst us sym Bluet e Blume-n-uf; D'Alprose, wie 're d'Lüt jetzt säge. Ihr Meitlene get Achtig druf! Die Blumi dra sy roth wie Bluet A stah am dunkle Laub gar guet. Ihr cheut se-n-uf de Berge g'winne! Si wachse jetzt a mänger Flueh. Doch söttet ihr darby geng sinne, Ihr wellet nie wie Eise thue! Mit treuer Liebe heit nit Spott, Vor Hochmuth da biwahr ech Gott! * Der Gemsjäger. Manet sub Jove frigido Venator, tenerae conjugis immemor. Hon. I de Flüehne ist mys Lebe, U-n-im Thal thue-n-i ke Guet. Andri wehre mirs vergebe: »Gang doch nit! 's ist G'fahr um's Lebe.« D ihr liebe guete Lüt, Eues Säge nützt hie nüt! Früh am Tag, we d'Sterne schyne, Stah-n-ig uf, u gah uf d'Jagd. Ru, mys Wyb, u myni Chlyne Müeßt nit um-e-n-Aetti gryne! Uese Herrget ist dert o; D's Aetti wird scho umhi cho. Wo-n-es alle Möntsche gruset, Wo kei andre düre cha, Unter mir d's Waldwasser bruset, Gletscherluft dur d's Haar mer suset, Obe-n-unte – z'ringsum Flueh, Gah-n-i frisch u fröhlich zue. Dort wo hinter äine Grinde Uese große Gletscher steit, Wo die frechste Chüe erwinde, D'Geiße chum der Weg no finde, Het der Winter ohni End Geng sy Thron, sys Regiment. Aber wä-n-er no so chalte, U der Gletscher no so wild U no drümahl ärger g'spalte, Alles ma mi nit abhalte. We-n-i döort e Gemschi weiß, Ist mir seligs Alles eis. Wahr ist, mänge fallt da abe, D'Ewigkeit erdrohlet er, U lyt tief im Ysch vergrabe. 0 wie luegt sys Wyb am Abe: »Chunnt er ächt?« Lueg wie de witt, Leider Gott! er chunnt dir nit. Tröst du di! Er lyt da unte Sanft so gut us ime Grab. Uese Herrget het ne funde, U biwahret ne da unte I dem tiefe Gletscherschrund Bis der jüngsti Tag de chunnt. We-n-a dem Tag früy de d'Sunne Strahlt in ihrer Herrlikeit, Ist der Gletscher gly zerrunne, De het's Hans glatt Alles g'wunne! Gryn du nit! Ihr werdet scho Dört no einisch z'säme cho. * Im Frühling. Solvitur acris hyems, grata vice veris et favoni. Hor. »Was schießet s' i de Berge so? »Ist ächt e Chünig dure cho, »Daß sie so haseliere? »'S mueß emel neuis Großes sy! »G'hörst! Aber eis! u no-n-e chly! »Was mag ächt da paßiere?« Ja wohl ist das e große Herr! Der Ustig chunnt mit Macht u-n-Ehr, Drum geit's so a-n-es Schieße. Vor Freud zieht d's Land uf u-n-ab Ihm alles d'Winterchappe-n-ab U thuet ne fründlich grüesse. Mit Pfufibacke chunnt vora Der Föhn, u blast so stark er ma Dem Winter unter d'Nase, U hudlet ihm sys Sunntig-Gwand. Dä stellt fi chech a d'Flueh u d'Wand, U seit: »Jetzt chast de blase.« Jetzt blast der Föhn – b'hüet Gott mys Hus, Wirft Schüre-n-um, zieht Tanne-n-us, U schüttlet Thür u Pfäister. »Ho!« seit der Winter – »Sakerdie! »I mueß ihm ja nis Bott doch flieh, »Dem wirde-n-i nit Meister.« U gleitig macht er sie dervo. Drum schießes s' vo de Berge so I-n-üsi Thäler abe. Jetzt chunnt der Ustig selber gly. Wie luegt er doch so fründlich dry! Nu, juchzet ihm, ihr Chnabe! G'schau! was im chüele wyße Bett Der Winter über g'schlafe het; Thuet ob dem G'schieß erwache, U rybt die trübe-n-Auge-n-us: »Gott wilche hie i-n-üsem Hus! »Mir wei jetz ärstig mache,« U-n-alles steit uf us em Grab, U zieht d's wyß Todtehemmli ab, U schlüft i Suntig-Tschope, U steckt e schöne Meye-n-y: »We-n-alles de so putzt will sy, »La-n-i mi o nit foppe.« Er chunnt! Er chunnt vom Himmel her! Uf rothe Wölkli rythet er, U streut is Meye-n-abe U-n-um ihn ume flüge de Fyfoltre, Lerche, u Juheh! Gard's tufig schöni Chnabe. Jetz gange d'Schäfli us em Stall, U weide; dert am Wasserfall Stygt Geiß scho zu de Flüehne. Es äbret alles für u für. 'S geit nimme lang so fahre mir, Juheh! z'Alp mit de Chüene. Potz! d'Beyeli erwache-n-o, U d'Muggi tanze wäger scho, Es lat sie Alles füre. U-n-üsi Schwalmeli – Juheh! I ha si scho de Morge gseh Am Husdach ob der Thüre. U-n-alli Vögel, jung u-n-alt, Thüe jetz i Feld u Hag u Wald Dem Ustig z'Ehre singe. »Warum?« Er bringt – weißt öppe nit? Es Schätzeli jed wederm mit, Drum sy si guter Dinge. Säg, Ustig, los mer grad e chly! Du luegst so z'vollem fründlich dry – I bi geng no alleini: – U hät doch gern scho längste-n-o E Jumpfre-n-eis i d'Arme gno – Bringst mir de-n-ächt e keine? * Das Hexenwerk. Der Pfarrer glaubt vom Hexe nüt – Dä wet ig anders b'richte! I has erfahre, was die Lüt Für Schade cheu arichte. Da luegt mi eini nume-n-a – Geng mueß i a si sinne; I ha doch Salz im Täschli g'ha, U nüt mit möge g'winne. Bim Mähje steit si geng vor mir, I meine fast i hau se; Bim Melche steit si nebem G'schirr – Sy das nit Hexe-Flause? Z'Nacht, düecht's mi, stand sie nebem Bett, Bi mir im Obergade, As we fi mit mir nider wett, U chlemm mi gar i d'Wade. »U we de schlafst?« Ihr guete Lüt! Ihr müeßt vom Schlaf nit frage. Die b'schloßne-n-Auge helfe nüt; Si thuet im Traum mi plage. Bal düecht's mi, i sött Hochzyt ha, Si gyge scho-n-u tanze, Bal bi-n-i gar Chindbetti-Ma; Bal thue-n-i d'Chind kuranze. Bal düecht's mi de, si lach mi us, U heig e-n-andre lieber. I gryne mir schier d'Auge-n-us – U schwytze wie im Fieber. Ha däicht: i will i d'Chilche gah, Dert wird das Spiel wohl höre! Ach nei! Es geit früsch umhi a, I ma mi nit erwehre. Es n-jeders Meitschi, wo-n-i g'seh, Thuet geng mim Hexli glyche. Das thut mer de so brönnersweh, Daß i vor Angst mueß chyche. Wüßt das der Pfarrer so wie-n-i, Er glaubti däich dem Wese. Er nähm is z'Chilche, si u mi, U thät sys Sprüchli lese. De wer das Hexewerch wohl us, U Hansin wär es g'rathe. Bi Bott! I gah zum Herr i d's Hus, Dä cha am Beste rathe. * Etwas für Jemanden. Es ist nüt schöners uf der Welt, Als – Hm! Ih weiß wohl was! Es het ke Chrämer nüt so feil, Keim Chünig wird so öppis z'Theil, »So säg mer de, was isch doch das?« Oho! I weiß wohl was. Schön ist es wie-n-es Veyeli Mys – Hm! I weiß wohl was! Macht nit Viel Weses. ist darby Doch teffer als viel andri sy. »So säg mer de, was isch doch das?« Oho! I weiß wohl was. Es Saitespiel het schöne Tön, Doch schöner – weiß wohl was! Es fingt mi Treu im ganze Wald Kes Vögeli, das bas mir g'fallt! »So säg mer de, was isch doch das?« Oho! I weiß wohl was. Kei Pfrume-n-isch so zuckersüß Wie – Hm! I weiß wohl was! 0 gwüß, mi Vetter Zuckerbeck Macht kei so süße guete Schleck. »So säg mer de, was isch doch das?« Oho! I weiß wohl was. U-n-isch darbi gar g'sünd fürd's Herz Mys – Hm! I weiß wohl was! Kei thüre Apitheker-Saft Isch sövel g'sund, git sövel Chraft. »So säg mer de, was isch doch das?« Oho! Ih weiß wohl was. Es gramslet mir dur Händ u Füß, G'seh-n-i – Hm! weiß wohl was! Es chummt mi geng es Tanze-n-a; I singe: »Hopsa trallala! »So säg mer denn, was isch doch das?« Oho! I weiß wohl was. Ja hätt i-s nume scho g'wüß Mys – Hm! I weiß scho was! I führ vor Freude-n-us der Hut U juchzti notti überlut. De gäb es gly – »so säg mer das!« Oho! Ich weiß scho was. * Das Mährlein von der Teufelsbrücke. Me het mer nu es Märit b'richtet, Das düecht mi z'vollem b'sunderbar; Drum ha-n-i-s styf i Ryme g'richtet, U däicht: syg's oder syg's nit wahr. Du darfst's ja glaube, we de mast, U besser mache, we de chast. So los mer jetz, i will dir's säge, Styf wie si mir d'Sach b'richtet hey. Du b'chönnst der Gotthard? Unterwege Triffst du-n-e Brugg a, ganz vo Stei, Höy über d'Rüß, u-n-ohni Joch, U-n ist u b'het si notti doch. We d'Lüt die höyi Brügg da g'schaue Vo-n-eir Flueh bis zur angre Flueh, So denke si: »Wer het die baue? »Das geit bim Drack nit rychtig zue, »Was gilts? der Tüfel ist darby »Fry selber no Werchmeister g'sy.« Heh fryli ist er. Los mer nume! E Burs wot zu sym Meitschi gah, U mueß geng gar wyt äne-n-ume, Wyl er nit über d's Wasser cha. 'S ist wild, teuf unte-n-u derzue Ist's breit vo-n-eir zur angre Flueh. Du schwert er einisch: »Tüfel! Use – »Chumm, bau mir hurtig da-n-e Brügg.« Aeh Joggi! Thuets dir nit drab gruse? Da steit er dir scho hinterm Rügg! »'S soll gulte hah! Schlah nume-n-y. »I baue d'Brügg, wotsch myne sy?« My Joggi chrauet i de Haare U weiß nit, will er oder will er nit? 'S ist mit dem Tüfel nit gut nare, U z'ruck gah ma-n-er o schier nit! Z'letst – nei was cha doch d'Liebi thue! – Schlaht er dem Tüfel notti zue. Eh b'hüet is Trost! Was geist ga mache! Sy d'Meitscheni nit g'fährlich gnue? Mueß de, für dir der Garus z'mache, – Der Meister Bockfueß no derzue? Gist du-n-ihm selber gar der Strick? Gib Acht! Er bricht dir endlich d's G'nick. »I zweumal vierundzwanzig Stunde,« Seit Joggi – »mueß d'Brügg fertig sy, »Wo nit, so bi-n-i nit dra bunde.« Jetz muß der Tüfel ärstig sy. Er werchet, bystet, speut i d'Händ; U Joggi denkt: wie nimmt's e-n-End? Ja, hätt' ihm nit sys Meitschi g'rathe, Wie-n-er der Tüfel b'schysse söll. Was gilt's, my Joggi müßt jetz brate Fry z'unterst unte-n-i der Höll! Drum säg mer mira, was de wit, 'S isch doch guet, daß 's Meitschi git. Das Meitschi da, die suuli Hächle, Isch d's Sigerste sy Tächter g'sy. Es g'hört dä B'richt, es saht a lächle, U seit: »Jetz Tüfel wart e chly! »D's Zyt ist ja gly eis fürers tha – »Was gilt's, du lahst di dä Weg sah!« So geit's. D'Stund schlaht; d'Brügg ist zwar baue, Doch fehle no drey Steine dra; U Joggi chunnt. Jetzt lat is gschaue! Wie g'seh die zwe e-n-andre-n-a? »Leggorni, Tüfel! Het's di gäh? »Aeh gell, du darfst mi jeß nit näh.« Jetz faht dä alt Wust asah gränne: Er wird so taub, daß d's Haar si strübt, Er stampfet, gheit der leist Stei dänne, U fluchet, daß ihm d'Gosche stübt. El lat e G'stauch, u macht si drus, U Joggi macht d'Brügg selber us. So, heit sie gseit, so syg es gange. I selber bi derby – nit g'sy. Jetzt isch dem Tüfel d'Lust vergange, De Lüte ihre Werchma z'sy. U we-n-er drümol schlimmer wär, Si sy geng ärger no als er. * Mein Blümchen. Ha a-n-em Ort es Blüemeli g'seh Es Blümeli roth und wyß. Das Blümeli g'seh-n-i nimme meh, Drum thut es mir im Herz so weh. O Blümeli my! O Blümeli my! I möcht geng by der sy. Ihr chennet mir mys Blümeli nit, 'S git nume-n-eis e so! 'S ist, leider Gott! viel tusig Schritt Vo hie; i g'seh mys Blümeli nit. O Blümeli my! O Blümeli my! I möcht geng by der sy. Das Blümeli blüht – ach! nit für mi, I darf's nit breche-n-ab. Es mueß e-n-andre Kerli sy! Das schmürzt mi drum so grüseli. O Blümeli my! O Blümeli my! I möcht geng by der sy. O lat mi bi mym Blümeli sy! I gschände's wäger nit. Es tröpflet wohl es Thränli dry, Ach! i ma nimme lustig sy. O Blümeli my! O Blümeli my! I möcht geng by der sy. U we-n-i einisch g'storbe bi U d's Blümeli o verdirbt, So thüet mer de mys Blümeli Zu mir uf d's Grab, das bitte-n-i. O Blümeli my! O Blümeli my! I möcht geng by der sy. * Mein Paradies. Unusquisque sacere se beatum potest. Seneca. Der Pfarrer seit uf mängi Wys Vo dem verlohrne Paradys; Me sind's nit ume bis der Tod Is führ i d's himmlisch Morgeroth. – I will nit viel terwider hah, Das mueß er bas as i verstah. Doch ha-n-i so uf g'wüßi Wys Mir selber g'macht es Paradys. So guet me's emel mache cha. 'S steit mänge-n-Engel drumm u dra, U's ist mer drinn so herrewohl, I weiß nit, wie-n-is säge soll. Der Engel Mutterliebe steit Geng a der Thür, u git mir d's Geleit. Er b'hüetet mir mis Hus u Hei, U stüürt mer dry gar allerley. U chumm i hei, so finde-n-i Viel mey as wo-n-i gange bi. Der ander Engel – kennst du dä? Chunnt g'schwind mi ume Hals cho nä, U drückt mi scho-n-e chlyne Schmerz, Er nimmt ne fründlich mir vom Herz. Da wird's mer wohl, da bi-n-i froh, U-n-alle Chummer stiegt dervo. U-n-ummi ume gumpe de Der chlyne-n-Engeli noh meh, U mache mir viel tusig Freud, Daß ihr's gar nit begryffe cheut. Dem g'seh-n-i zue wohl mängi Stund, Bis d'Wasser mir i d'Auge chunnt. U drum Gottlob! uf g'wüßi Wys Ha-n-i scho hie mis Paradys. Da warte-n-i mit Freude scho, Bis das vom Himmel mögt g'cho. O! wetti Gott, daß Jederma O so-n-es Paradys möcht ha. * Früh jauchzen. Juheh! Am Morge Ganz ohni Sorge Stah-n-i früeh uf. I gah zum Brunne U grüeße d'Sunne. Juheh! Ihr liebe Lüt I weiß do Sorge nüt. Juheh! Juheh! Los! d'Vögel singe; G'schau! d'Chinder springe U sy so froh. Sie thüe so chindlich! U d's Wyb ist fründlich U-n-über das, ihr Lüt, Ist hie uf Erde nüt. Juheh! Juheh! Daß d'Chinder trüeje, So bi-n-i ftüehje Zur Arbeit uf. Doch we-n-i chume, Ist um mi ume Der Herrgott ftüehjer no, U drum bi-n-i so froh. Juheh! Juheh! * Mein Liebchen. I ha-n-es Schätzeli funde, Es brävers git's nit meh. Doch ist es gar wyt unte, I cha's gar selte g'seh. Drum stah-n-i früih u z'Abe, D'uß uf der spitze Flueh, G'seh gege mym Lieb abe, U juchze na-n-ihm zue. Cha-n-i de eis ertrünne, Flugs bi-n-i by ihm de. D's Herz chlopfet, d'Augi rünne Vor Freud, daß i's cha g'seh. I nimme's chech i d'Arme, I chüße-n ihm d'Augi zue, La-'s-a mym Herz erwarme U freue mi bis gnue. Chäm Cheiser Boneparti, Brächt Gelt, ganz Hutte, mit. Heh! so seit i, daß er warti, I geb' ihm mys Schätzeli nit. I wott um keini werbe, I frage keire na! Mit Eisi wott i sterbe. Mit ihm i Himmel ga. * Der Killer Der Dichter hat diese Sitten nicht eingeführt; er hat sie so gefunden. Sulzer. Benz. Hoscho! Eisi la mi yne, Es macht nüsti grüsli chalt. Lueg wie d'Sterne heiter schyne! G'hörst du? D's Huri schreit im Wald. Eisi. Benzi, gang mei ab der Byge; Los! der Ringgi bellet scho. We mer jeh nit gleitig schwyge, Chönnt is d's Müeti drüber cho. Benz. 'S Gott, ih gah jetzt nit da dänne! Mira syg dys Müeti da! Was het es da drüber z'gränne? 'S het der Att o yhe g'la. Eisi. Ri-n-is g'wüß! I mueß mi schäme; Bist erst nächti by mer g'si. We's o dyner Lüt vernähme, Denk, o Benz, was seite si? Benz. Mira was sie wei, die Narre, Mira doch! Was g'heit es mi? Es zieht mi a-n-alle Haare, Eisi, bis i byder bi. Eisi. Nei, gang doch vom Fäister abe! Ich cha di nit nye la! Chum du de am Samste z'Abe, De ma's notti sauft aga. Benz. Eisi, mach nit Federlese! Gell du wottsch mi yhe la? 'S wär mir doch es arigs Wese, We-n-i wieder hei sött ga. Eisi. Du bist gar e fuule Kerli; Du mast säge, was de witt! Aber glaub mer's ja-n-i währli, Dä Rung chunnst mer notti nit! Benz. Eisi, bis doch nicht so g'späßig! Was ha-n-i dir z'wider tha? Angri Mal bist nit so häßig; Mira! I cha wieder ga. Eisi. Nu so de! So chumm de-n-yne! Nume hübschli! süferli! Aber bis mer grüüsli fryne, Süst bist z'letst Mal by wer gsi. * Geißreihen Juheh! der Geißbueh bi-n-i ja! Mys Hölnli u my Geisle da Thüe mir noh nit verleide. Im Täschli ha-n-i Chäs u Brod, Mys Haar ist chruus, u d'Backe roth, U d's Herz voll Lust u Freude, Jungi, Alti, Melchi, Galti, Großi, Chleini, Hübschi, G'meini, Führe-n-ig uf Berg und Weid. Holioli ouhu! etc. I styge früy auf Grat u Flueh, De schmale, wilde Bändre zue, Wo kener Chüeh meh gange. Es gwuß! fry mänge freche Ma Gieng nit, wo-n-i, de Geiße na, Er blieb bas unte b'hange. Ume Hüdel! Zueche Strüdel! Ulli zuehe! Jitz bas uehe, Wo die lube Gemschi gah! Holioli ouhu! etc. Es git gar mänge-n-arme Ma, Wo wäger nit e Chueh verma. He nu, so het er Geiße, Drum nüt dest minder juchze-n-i, We-n-i scho nit e Chüejer bi, U numme Geißbueb heiße! Nit fürdure, Alti Lure! Dert am Schatte Dur dä Schratte Geit's dä Rung uf Bännisegg. Holioli ouhu! etc. Juheh! Da bin-n-ig obe-n-uus D'Flüehlaui donnret, 's ist e Gruus. G'hörsch, g'hörsch der Gletscher chrache? So chrach u donneri's mira! Hie obe bi-n-i sicher ja, U cha darüber lache. Mutti, Schabe, Nit bas abe! Zuehe Länder! Nit i d'Bänder! Biybet überobe hie! Holioli ouhu! etc. U we-n-i scho ke Chrützer ha, U chuum e-n-eigni Geiß verma, So bi-n-i nit drum z'duure. Die Lüt, wo Geld u Güeter hei, Sie chlage notti allerley; Süst los me nume d'Buure! Zuehe Chlyni! Du bist myni! La di welche, Lubi Spelche! Du bist ja mi z'Immis-Geiß. Holioli ouhu! etc. Doch hätt' ig es paar tusig Pfund, I g'heiti s nit i Gletscher-Schrund! Flugs gieng i zu mym Eisi. »G'schau, Schätzeli! Was ha-n-i da? »Ja gäll! I bi-n-ryche Ma!« Es nähm mi gwüß, das weiß i! We-n-i hätti. Ja, so wett-i! Aber notti Juchze wott-i, We-n-i scho das Geld nit ha! Holioli ouhu! etc. * Sehnsucht nach der Heimath. Herz, wohi zieht es di? Säg mer, wo denkst du hi? Säg mer, was chlopfist so hert? Ach, für mi ist hie uß' ke Rueh! Mit de Schwalme de Berge zue Möcht i gah flüge-n-u hei. Hinter äir Gletscherwand Steit ja mys Vaterland; O, wie schön, u wie lieb! D'Glogge töne-n-u d's Alphorn dry; Schöners cha uf der Welt nüt sy. Wär i doch nume scho dert! Nach ob em Dörfli zue Baut' i my's Hus a d'Flueh, Unterm Ahorn am Bach! Und i juchzti: »Juheh! Juheh!« Alli Morge de Flüehne zue, U die Flüeh juchzte mit mir! Blieb i deh ächt allei? Gauch bist de! mi! o nei! 'S ist selbander viel bas. Aber gället, ihr Lüt, ihr wüßt Wäger nit, was mi liebt un chüßt? U wie mys Schätzeli heißt? Aber, du liebe Zyt, Wie ist vo hie so wyt, Wyt zu mym Liebi hei! Ach, es het mer scho mängisch z'Nacht D's Schlafe gno, u mi z'briegge g'macht! Heimeth, wie bist mer so lieb! * Johann Rudolf Wyß, d. Ä. Der Fall. Ein Elephant von nicht gemeiner Stärke Und ungewöhnlichem Verstand, Des reichen Ceylons Schmuck, befand Im Fürsten-Marstall sich, zum mühevollen Werke, Zum zärteren Geschäft, zum Prachtzug gleich geschickt, Mit Nutzen stets gebraucht, mit Staunen angeblickt. Je duldender er trug, je schwerer mußt' er tragen; Je feuriger er lief, je mehr Ward er gespornt, je mäßiger sein Magen Sich litt, je öfter blieb er leer. Ob seinem kargen Reis, ob drückenden Geschäften Kam der geplagte Diener bald von Kräften, Und unter seiner Last vermocht' er kaum zu stehn. Sein Herr geruhete das Elend – nicht zu sehn. Das Portiönchen Reis ward alle Tage kleiner Und größer doch die Last, des Treibers Stachel seiner, Und thätiger sein strenger Arm. Gefühllos bei des Treuen Harm Bestieg der Fürst mit seinen Großen Noch einmal treist das abgezehrte Thier, Und triebs, wie sonst, mit Ungebühr. Noch riefs die letzte Kraft, noch trug es unverdrossen, Dann seufzt' es, wankt und fiel. Und mit dem edlen Thier, Zur Ruh, zur Sicherheit, zum Beistand ihm gegeben, Fiel auch der Prinz, mit ihm verlor er Thron und Leben. * Die Trauerweide. Mir ward ein holder Knabe, Die Blume meiner Bahn, Er wuchs an seinem Stabe, An mir, so froh hinan. Sein ganzes Sein war Leben, Von Liebe schön durchglüht; Mein Pilgerstab ward eben Durch ihn, und mild umblüht. Zum Tempel stiller Freude Dem Vater und dem Sohn Pflanzt' ich am Bach die Weide Des schönen Babylon. Bald schossen ihre Ranken Mit jugendlichem Grün Hoch in die Luft, und sanken Zur Erde spielend hin. Im Frühlings-Säuseln webten Sie fröhlich hin und her; Es schien, die Ranken lebten, Drob' freut ich mich so sehr. Jetzt hangen sie so traurig Am unbetretnen Steig, Der Herbstwind wehet schaurig Und seufzt durch jeden Zweig. Ach süße Träume schwinden Und Schmerz ist oft so nah. Mir Unglück zu verkünden Pflanzt' ich die Weide da. Mein Kindlein, meine Freude Sank ungeahnt zur Gruft, Und um die Thränenweide Weht kalte Grabesluft! * Grabschrift auf ein Ehepärchen. Diese Erdenschollen decken, Wanderer, ein eignes Paar. Balbus, frisch geheilt vom Staar, Sah die Frau und starb vor Schrecken; Und Madam erblich vor Schrecken Weil ihr Männchen sehend war. * Die Glocke, der Kirchthurm und der Glöckner. »Wie unnütz«, sprach die Kirchenglocke Zum Thurme, »Lieber, ständest du Wenn ich nicht wäre! Ich, ich locke Die Gläubigen der Kirche zu. Sag' ich nicht ihnen Zeit und Stunde Des Gottesdiensts mit lautem Munde? Auf meinen Ruf nach Ort und Zeit Versammelt sich die Christenheit.« »Du Thörin«, sprach der Kirchthurm, »höbe Nicht ich dich in die Luft empor, Du würdest bald verstummen. Schwebe Mal ohne mich, dich hört kein Ohr, Was du bist, hast du mir zu danken.« Der Glöckner hörte sie so zanken, Und lächelt' und entfernte sich. »Nun läutet«, rief er, »ohne mich!« Des Baues großer Meister wallte Von ungefähr auch da vorbei, Und dessen Richterstimme schallte, Den Streit entscheidend, an die Drei: »Im großen nützlichen Geschäfte »Wirkt für sich einzig keiner viel; »Nur die Vereinigung der Kräfte »Führt glücklich zum erhabnen Ziel. »Und Eine Kraft muß vorbereiten, »Muß mit erfahrner, weiser Hand »Sie alle wecken, stärken, leiten, »Beseelen, einen, – der Verstand!« * Die Garbe. Du bist das wahre Bild der neuen Dichterei, Dein kleinster Theil ist Korn, dein größter Stroh und Spreu. * Voß, als Uerbersetzer. Kunstreich wendest du, Voß, die Griechen, ich misse nur Eines: Du entgriechest sie wohl, aber verdeutschest sie nicht. * Der Bote des Friedens Nächtliche Seufzer schwebten nach den Gräbern Meiner Kinder, ich sah sie niedersenken. Und ich rief In bebender Angst: »Was bleibt mir »Jetzo hienieden?« Träumend erblickt ich wieder meine Kindlein Starr im Grabe, schon das Gebein entkleidet. Thränen rannen, stöhnend erscholl's: »Was bleibt mir »Ferner auf Erden?« Sieh, da berührt' ein Seraph, mild umflossen Von ätherischem Lichte, mir das Auge, Aufwärts weisend: »Irdischer Freund, dir bleiben »Blicke zum Himmel!« * Das Vergißmeinnicht auf der Heide. Wie kannst du hier entsprießen, Du zartes Blümelein? – Wo sanfte Wellen fließen, Sieh man dich sonst gedeih'n. Ich danke deinem Gruße, Der doppelt hier erquickt, Wo unter meinem Fuße Kein Blümchen sonst mir nickt. Hold, wie auf dürrem Grunde Dein freundlich Blau mir lacht, Hellt wohl in düstrer Stunde Ein Sternlein meine Nacht. Sei, Sternlein, mir willkommen, Das mir durch Wolken blinkt, Bis endlich auch verglommen, Mein letztes Sternlein sinkt. * Rebecka. »Willst du ziehen mit ihm?« – »Ich will !« So sagte Rebecka. Ohne das eckle Gezier zog sie dem Bräutigam zu. Edel ist deine Natur o Weib! geschaffen zur Liebe, Wenn dich nicht Larve, nicht Kunst, nicht die Verstellung entweiht. * Erziehungs-Mißgriff. Zum Geh'n führt ihr die Kinder an? Am weitsten kommt, wer – kriechen kann. * Der Ausländer und der Schweizer. Schweizer! Ihr dienet um Gold, und wir um Ruhm und um Ehre. »Freilich, weiß Jeder doch selbst, denk ich, woran es ihm fehlt.« * Verschiedene Lagen. Wie doch nach Tag und Jahren immer Sich's anders, Mensch mit dir verhält! Die Welt ist eines Jünglings Zimmer, Das Zimmer eines Greises Welt. * Feinde. Ueber die Feinde beklagst du dich? Die gefährlichsten Feinde Liegen in eigener Brust; wache, da schlafen sie nie. * Liebe. Glaube gebietet uns Liebe. Ja wohnten Glauben und Liebe Rein auf Erden, die Welt würde zum Himmel uns schon. * Johann Rudolf Wyß, d. J. Heimweh. Ich kann's nicht bergen, kann es nicht verhehlen, Daß meine Seele tief sich grämt und härmt, Daß Thränen sich aus meinen Augen stehlen, Und in die Ferne mein Gedanke schwärmt, Daß alle Freuden meinem Herzen fehlen, Auch wo des Festes hoher Jubel lärmt, Daß all mein Fühlen, all mein Denken, Sinnen Mit Macht, mit Macht mich rastlos drängt von hinnen. O gieb, Erinnerung, gieb mir deine Flügel Und laß mich zu der theuren Heimath zieh'n; Zur guten Stadt, die an der Aare Spiegel In alter Zeit sich lagerte dahin, – Die freundlich sichernd auf dem festen Hügel Mir Väter ließ und edle Mütter blüh'n, – Die hold auch mich an ihrer Brust geheget, Und meiner Jugend liebevoll gepfleget. Du theure Stadt! ach wann aus fernem Lande, Wann kehr' ich jauchzend heim in deinen Schooß? Wann läßt das Schicksal vom entlegnen Strande Den Festgeketteten erbarmend los? – Ha, wann sie bricht, die Kraft der eh'rnen Bande, Die meinen Fuß an fremden Boden schloß, Dann will ich rüstig, wie auf Adlers-Schwingen, Mit Freudensang zu deinen Thoren dringen. Nicht zürne mir, du Sohn der fernen Gaue, Daß fort von deiner Flur mein Geist sich sehnt! Gieb deine Hand, und komm, und schaue Wohin mein Wunsch den regen Fittig dehnt! O hilf, wenn ich mir dort die Hütte baue, Die schon mein süßer Traum vollendet wähnt! Von ihrer Ruh', von ihrem stillen Frieden Hat dir mein Herz den bessern Theil beschieden! Ach bis sie schlägt, der Heimkehr goldne Stunde, Wie lastet jeder Tag so schwer und schwül! Die Sehnsucht nagt im tiefsten Herzensgrunde Und all erstorben ist der Lust Gefühl! Wie viele Seufzer reißen sich vom Munde! Wie schwindet hin der Kräfte Lebensspiel! – O Phantasie, laß tröstend mir erwachen Der Heimath Bild in seines Reizes Lachen! Was dämmert dort am fernen Himmels-Kreise? Mir bebt Entzücken durch das volle Herz! In ihrem ewig unbeflecktem Eise, Vom Grau der Erde steigen himmelwärts Des Vaterlands uralte, hehre Greise, Und all vergessen ist mein wilder Schmerz; – Helvetiens Gipfel strahlen mir entgegen! – Ihr Berge Gottes nehmt den ersten Segen!! Und mehr und mehr seh ich das Land entfaltet, Der Alpen Duft weht mich balsamisch an, Mit Liebe hat der Schöpfer hier gewaltet, In Thal und Hain und auf der Matten Plan, Wie Tempel hat die Fluren er gestaltet; Mit Paradieses Macht sie angethan. – Ich dringe vor, – das Herz in süßen Stürmen; – Da sieh die Vaterstadt mit ihren Thürmen! O seid gegrüßt, ihr vielgeliebten Hallen, Wo ich als Kind so froh, so selig war! Vertraute Stimmen hör' ich wieder schallen, Und alte Formen stellen rings sich dar. Ach vor des Geistes Blick vorüberwallen Der Jugend Freudentage zaubrisch-klar! Und daß ich ganz den Kelch der Wonne sauge, Sieh meine Lieben vor dem trunknen Auge! Da naht der Vater, den mir Gott gegeben, Der Mann, an dem mein Herz verehrend hängt, Der Weise, der mich treu geführt durchs Leben, Auch wo die Bahn sich wirrt und furchtbar engt. Im Fluge laß an diese Brust mich schweben, An die mein Dank sich heiß und glühend drängt! – O dürft' ich jetzt auch nach der Mutter fragen! Doch, ach, sie wurde längst zur Ruh' getragen! Wo aber weilst du, Mädchen meiner Liebe, Das ich vergebens einst um Huld gefleht? Ich habe dir bewahrt die Gluth der Triebe, Kein Sturm hat ihre Flammen mir verweht. Ich wagte Hoffnung, wenn es rein dir bliebe. So würde nicht mein treues Herz verschmäht. – Ich forsche zitternd nun mit scheuem Sinne. Ob so geprüfter Dienst jetzt gewinne? Und nun zu euch, ihr Freunde meiner Seele! Willkommen all im trauten Vaterland! Wohl mir, daß euren Kreis noch voll ich zähle, Wie biet' ich freudig euch des Grußes Hand! O, daß hinfort kein Scheiden mehr uns quäle, Bis später Tod zertrennt der Liebe Bund! Ihr Theuren auf! ein heilig Fest begonnen, Da unsre Seelen wieder sich gewonnen. Wie manches Herz fühl ich an meinem schlagen! Wie manchen Bruder schließ' ich an die Brust! Verhallt sind meiner Sehnsucht bange Klagen, Und keines Grams ist mein Gemüth bewußt. O, nach der Trennung dunkeln schwülen Tagen Wie labt so süß des Wiedersehens Lust! Wem dieser Himmel nie sich aufgeschlossen. Hat nie des Lebens Seligkeit genossen! * Die Erde und die Sterne. Einst, in nächtlich stillem Dunkel. Rief, von ihrem düstern Pfade, Zu der Sterne lichten Chören Mutter Erde klagend auf: »Ihr Beglückten, die da droben Durch des Himmels Auen wandelt, Einen Blick nur des Erbarmens Sendet nach der fernen Schwester, Die hinieden wallt in Trauer Auf umwölkter, öder Bahn! – Trauern muß ich um mein Liebstes, Ach um all die theuren Kinder, Die, zu meines Herzens Wonne, Pflegend meine Brust ernährte; Trauren muß ich, daß in Hader Und in Gier, in Zorn, in Lüsten Ewig ihre Seele glühet, Und von Trug und Wahn umschlungen In des Irrthums trübem Pfuhle Tief ihr edler Geist versinkt. Milde Sterne, gute Brüder! Darf in eure hehren Kreise Nicht ich die Geliebten tragen, Daß des Himmels Licht und Friede Labung ihrem Herzen sei?« – – Also zu den Sternen flehend Rief der Erde banges Seufzen, Und die Steine gaben freundlich Ihr ein tröstend Wort zurück: »O du vielgeliebte Schwester, Traure nicht um deine Kinder, Daß auf jenem dunkeln Pfade, Wo du mütterlich sie leitest, So gebrechlich ihre Tugend, Ihre Weisheit trüglich ist. – Zwar in unsre stille Höhen Darfst du nimmer selbst sie tragen Deines Kummers schwache Söhne; Denn in unserm Flammenstrahle, Der das Irdische verzehret, Müßten mit dem Leib von Staube Sie verschmachten und vergeh'n. Aber dulde dich, und wiege Fürder sie mit alter Treue Liebevoll im weichen Schooße; Leite fürder sie zu Spielen Die so zarter Jugend eignen; Laß sie Kraft und Muth versuchen, Laß sie streben, laß sie ringen, Laß ihr kleines Werk sie treiben, Und nach ihrem Heizen thun! – Sieh! geliebte Schwester, sinnig Blicken wir auf all das Leben, All' die tausend Spiele nieder; Bis zu hohem Ernst der Tugend, Bis zu kräftig-kühnem Wirken Still die schwachen Kindlein reifen, Die du zärtlich jetzt beweinst. Freundlich dann aus unseren Höhen Steigen wir hinab, und leise, Von bewährten, edlen Seelen, Die zu freiem Flug sich regen, Streifen wir des Leibes Fessel, Und in himmlische Gefilde Heben wir sie sanft empor.« – – Also rief der Chor der Sterne Mit der Liebe süßen Tönen, Trost der Schwester Erde zu. – Froh nun wallt in stillem Hoffen Sie dahin auf dunkelm Pfade, Treu bemüht voll Muttersorgen, Rastlos ihre theuren Kinder Aufzuzieh'n für jene Welten, Wo das Licht des Ewig-Wahren, Und die Kraft des Einig-Guten, Und die Seligkeit der Herzen, In gedieg'ner, reiner Fülle Strömt, und immerdar wird strömen All den auserkohrnen Seelen, Die hinauf vom Schooß der Erde Nach dem Himmlischen verlangen, Und geprüft sind und bewährt. * Regentenlast. Ein Schwank. In einer alten guten Stadt, Die Rath und Bürgermeister hat, Vor Zeiten saß ein Edelmann Mit Ehr' und Frommkeit angethan; Der ward zum höchsten Regiment Von aller Bürgerschaft erkennt, Und führt das Amt in Ruhm und Preis Gar ritterlich, gerecht und weis. Drob freut er sich in seinem Sinn, Und denkt zufrieden vor sich hin: »Nichts in der Welt doch alle Frist Wie Regiment so löblich ist! Von Groß und Klein, von Arm und Reich Thut's Keiner mir an Mühe gleich; Ich trag' ein' Bürde groß und schwer. Wo trägt und schafft ein And'rer mehr?« Derselbig Burgermeister lag Auf seinem Schloß an einem Tag, Im weiten Feld mit Kind und Weib, Thät gütlich pflegen seinen Leib. Drauf, als zur Stadt er wiederkehrt, Beritten, zierlich, wohlbewehrt Am Morgen früh zu guter Zeit, Da kaum der Hahn im Hofe schreit, Vergißt er, wie's in Eil sich trifft, Ein Bündlein köstliche Geschrift, Die sollt er nicht dahinten la'n, Er mußt' sie heut' im Rathe ha'n. – Und als ein Stündelein im Trab, Er frisch geritten Thal hinab, Da sinnt er dran und schlagt im Zorn Die Faust sich auf die Stirne vorn, Und schwört ein Zeichen oder vier, Und schimpfet was von Müllerthier. Indem so sitzt am Wege nah Ein Hirtenbub, der hütet da, Und Geißeln wimmeln rings umher. Als ob's ein Haufen Emsen Ameisen. wär. »Ey,« fällt dem Bürgermeister ein, »Der soll mein Botenläufer sein! Denn kehr' ich selber um nach Haus, So lacht die Frau mich übel aus.« Er ruft den Jungen stracks herbey Und giebt ihm blanker Batzen drey, Und spricht mit ihm ein freundlich Wort: »Du! lauf zum alten Schlosse dort, Der Edelfrau, 'nen hübschen Gruß! Ein Bündlein Schrift da liegen muß, Im Eisenkasten rechter Hand Bei meinem Schragen an der Wand, – Das soll sie senden alsobald, Ich hätt' es früh vergessen halt!« Der Junge drauf mit freyem Muth: »Gar wohl mein edler Herre gut! Doch wahret auch inzwischen mir Der Geißen und der Böcke hier.« Mit dem, so giebt den Hirtenstab Er flugs dem edlen Ritter ab, Und weil's da Niemand sehen kann, So nimmt auch der den Stecken an. Da läuft der Knabe tapfer fort Und läßt den Herrn an seinem Ort. Der stieg vom hohen Rosse jetzt Und lachend sich in's Grüne setzt. – O weh, da kömmt ein böser Geist, (Weiß nicht mit Namen, wie er heißt,) Und gleich auf all' die Geißen her Und jagt sie rasend kreuz und quer. – Zwey setzen durch den nahen Bach, Drey laufen scharf dem Hirten nach, Ein Häuflein rennt in's junge Korn, Die Größte bricht durch Zaun und Dorn, Viel streiten sich mit hartem Stoß, Und Noth und Pein wird übergroß, Der Ritter fährt im Zorn empor Und springt den einen hastig vor, Und wirft mit Steinen auf die drey, Und packt am Ohr die tollsten zwey, Und scheidet dort den wilden Strauß, Und theilet Puff und Prügel aus, Zerreißt den Mantel sich im Dorn, Verliert im Gras den rechten Sporn, Beschmutzt die Stiefel um und um, Und tritt den Sporn am Linken krumm; Doch bald der Spuck ihn herb verdrießt Und Schweiß in Bächen von ihm fließt. Indem so kömmt zum guten Glück Der Hirt in strengem Lauf zurück, Und bringt die Schrift und nimmt den Stab, Dem Bürgermeister wieder ab. Der wischt die naße Stirn und spricht: »Bey Kreuz und Stern! das dacht ich nicht, Daß Geißenhut so voller Noth; Der Hüter ißt ein saures Brod! Ich dacht', wie gar so wunderschwer Mein Amt und Regiment mir wär', Nu merk' ich, daß ein schlechter Hirt Viel ärger noch geplaget wird.« * Was heimelig syg. »Was ist doch o das heimelig? 'S ist so-n-es artigs Wort! 'S mueß öppis guets z'bidüte ha, Me seit's vo liebe Lüte ja Vo mängem hübsche-n-Ort!« – Chumm her und los'es chlyseli, Mir wei's erduure fry! – 'S ist nüt vo prächtig, nüt vo groß; Es glychet weder Stadt, no Schloß, 'S ist ehnder schmal und chly. Uf höche Berge findsch es nit, Und chuum am wyte See; 'S isch nit im breite Spiegelsaal; 'S isch eh versteckt im enge Thal, Am Wäldli-Hubel eh. Keis zierlich neus und stattlichs Hus Het's dickisch im Verlag; Viel lieber wohnt's i Hüsene, I subre-n-alte Stüblene. Wo d'Sunne zueche mag. A' d's Fenster sitzt es mängisch da, Wenn Nebelaub dra stygt, Wenn vorni-zu der Garte blült, Und grün e dunkli Laube trüit, Und als drum ume schwygt. Z'Mittag im heitre Sunneglanz Isch's nit so gern bi'r Hand; Doch wenn der Mohn am Himmel steit Und d's Abedsterndli füre geit, De düüßelet's i-d's Land. Und wo-n-es herzigs Päärli chüßt Bim Oepfelbaum am Bach, Und Chindlene drum ume sy, Und recht e guete Freud derby, Da het's die beschti Sach. Zu große Herre chunt es nit, Es flieht sie mängisch gar; Hoffährtig Fraue hasset's frey, Und so die rässe-n-o-ne-chley, Der Grund isch öppe klar. Süst het's die guete Wybli gern Und bravi Töchterli; Es werchet mit 'ne früh und spat, Es plaudret mit 'ne chrumm und grad U-zellt 'ne Ständleni. So z'mitzt im Winter bim Kamin, Wenn Alt's und Jung's si freut, Es Bitzli singt, es Bitzli lacht Und zwüsche dure Pößli macht, Da hilft's ech, was der meut! Wenn b'sunders de-n-e Großpapa Mit Chindeschinde lehrt, Wenn d'Großmamma 'ne Chirse bringt, Und alles a si use springt, So heimelet-es dert. Churzum, wo d's Herz im Lyb der seit: »Wi tusigs wohl bi-n-ig!« Wo-d' wie daheime wohne magst, Und süst na keine Güetre fragst, Da isch es heimelig! * Die Schweizerdichter. Treu dir selber erziehst du, mein Vaterland! ähnlich dir selbst auch Einen gepriesenen Schmuck, Sänger von edlem Gemüth. Steht gleich Alpen ja doch urgroß und gediegen und furchtbar, Haller , bewundert und hehr, strebend zum Himmel hinauf! Aber wie freundlich das Thal, mit Auen und Gärten und Hainen, Sanft an Bächen sich schlingt, Geßner ! so war dein Idyll. Und wie die Väter so stark, so gewaltig zu Kämpfen und Siegen, Tönt aus Lavaters Brust kräftig ein biederes Lied. Doch wie die Jungfrau'n zart, erröthend und sittig erscheinen, – Also der süße Gesang, welchen uns Salis verlieh. * Das Gesicht im Grütli. Die Sonne sank auf ihres Laufes Bogen, Und Lüfte hauchten in des Mittags Schwüle; Des Himmels Vögel, die dem Brand entflogen, Ermunterten sich flink zu neuem Spiele; Noch war der Abend nicht heraufgezogen, Doch schmeichelte den Wangen Abendkühle, Da hoben sich vom Grund erquickt die Heerden, Der schönbeblümten Weide froh zu werden. An Rütli's grünem buschumwachsnem Hange Saß bei den Ziegen Heinrich stillvergnügt, Er war entschlummert, schlummerte zu lange, Da schon zum Scheiden sich die Sonne fügt; – Jetzt wacht er auf und zählt die Häupter bange, Zu deren Hut er an dem Berge liegt; – Doch mag in Aengsten er auch dreimal zählen, Zwei allzukühne muntre Böcklein fehlen! Und fort der Hirt! und stracks in schnellem Fluge Hinauf, hinan, durch Busch und Felsentrümmer! Oft hört er schon zu tückischem Betruge Der Böcklein Ruf; – die Klippe drohet schlimmer, Doch stürmt er vor in ungehemmtem Zuge, Dann blickt er hin, und sieht und hört sie nimmer, Und kömmt in Dorn und Reisig jetzt zu stehen, Daß keinen Schritt er fürder weiß zu gehen. Und, Wunder, in des Laubes dunklem Schatten, Wohin sein Fuß zu klimmen nie gewagt, Wo seine Blicke nie geforschet hatten, Und kaum in blätterlosem Herbst es tagt, Wo, von der Welt geschieden, um den Gatten In ödem Holz die Turteltaube klagt, Da zeiget jetzt dem Hirten, angelehnet, Sich eine Pforte, die er eisern wähnet. Ein kalter Schreck durchzittert seine Glieder, Was soll er ahnden in des Dickichts Nacht? Er schauert auf, er spähet hin und wieder, Denn eine Räuberschaar, auf Mord bedacht, Stürzt alsobald, so glaubet er, hernieder, Vom dumpfen Halle seines Tritts erwacht; – Schon will er flieh'n, – doch rings ist Todeschweigen, Nur spielt der Wind unschuldig in den Zweigen. Da faßt er Muth, da regt die Neugier sich, Da denkt er: Schätze sind allhier Verborgen! – Auf! ruft sein Herz, auf, und ermanne dich! – Was sollt' ich an dem stillen Nain besorgen? Kein fremdes Angesicht erschreckte mich, Da jeden Abend längst und jeden Morgen All meines Hirtens ungetrübte Stunden Mir immer gleichen Fluges hingeschwunden. Er dringt hinzu, beherzt und voll Vertrauen, Er ziehet auf die Wucht der Riegelthür, Er schreitet vor in's Dunkel sonder Grauen, Bequem ist's in dem Gange für und für; Bald läßt ein zweites festres Thor sich schauen, Und jetzt ein drittes, furchtgebietend schier; Doch alle knarren auf beym ersten Rucke, Die Stille wächst; kein böser Geist, der spucke! Da wird es wundersam urplötzlich Tag, Sobald sich aufgethan die dritte Pforte; Doch keiner ist der ganz verkünden mag, In Bild und Zeichen und durch Menschenworte, Was vor des Hirten starrem Auge lag, Da jetzt er kam zu tiefgeheimem Orte, Den in Vierhundert abgeflossnen Jahren Kein Herz geahnt, kein Menschenfuß befahren. Nicht sprech' ich aus, wie schön in sanftem Glanze Die Wölbung rings sich weitete zum Saal, Da klar von leuchtendem Crystallenkranze Sich Licht ergoß, so mild wie Mondesstrahl; Denn Funken wirbelten im Geistertanze Mit leiser Regung ohne Maß und Zahl; Sie tauchten auf, sie schwammen hin, sie starben, Und spiegelten zehntausend Blumenfarben. Des Feuers Born, aus dem hervor sie brennen, Vor Allem ist er hehr und sonderbar, Denn jene Treuvereinten muß ich nennen, Die sich zum Hort Helvetiens gebahr: Die Bundesbrüder, die wir feiern kennen. Seitdem der Schweizer Volk sein eigen war; Sie find's; sie harren da zur heil'gen Stelle, Und ihre Häupter sind der Strahlen Quelle. Hochwürdig sitzen rückwärts sie gelehnt In köstlich-ausgeschnitzte Fürstenstühle, Die Kraft der Füße vor sich hingedehnt, Als läge sie bequem auf weichem Pfühle; Das Haupt entblößt, wie wenn sie heiß ersehnet, Der Kühlung sich zu freu'n nach Tagesschwüle. – Rein, alterthümlich-schön sind die Gewänder, Nicht eitel ausgeziert durch Schnitt und Bänder. Gleich Götterbildern aus uralten Zeiten, Gleich den Aposteln selbst, der Kirche Zierden, Die Hände faltend, ruh'n die Benedeiten. Erlöst von allen tausend Lebensbürden; Ihr Angesicht verkündet Seligkeiten, Kein roher Zug spricht irdische Begierden; Der Friede Gottes weht um ihre Wangen. Sie scheinen heim zur Himmelslast gegangen. Doch leben sie, – denn leise leise wallet Das Silberhaar, das vorn die Brust umschwebt; Ihr stiller Athem, der gedämpft nur hallet. Er ist's, der sanft empor die Bärte hebt; Auch steh'n die Schwerdter, von der Huft geschnallet. Da wo verschränkt die Macht der Hände strebt; Denn, gleich als flehten sie um Siegesehren, Sind Alle kampfbereit mit blanken Wehren. Und wie vor des entflammten Busches Gluth Einst Moses niederfiel zum Staub der Erde. So wirft der Hirt, in gottergriffnem Muth. Sich auf das Knie mit staunender Gebärde. – Voll bangen Ahnens zögerte sein Blut, Was ob dem herrlichen Gesicht ihm werde: Des Todes schuldig dünkt ihm, wer geschauet. Was seinem Blick ein seltner Stern vertrauet. Kein Gotteshaus, wenn alles Volk in Thränen Mit unaussprechlich tiefer Rührung schweigt; Wenn alle Herzen sich zum Vater sehnen, Und jeder Busen unter Seufzern steigt; Wenn ihren Herrn genaht die Frommen wähnen, Und vor des Geistes Aug' er mild sich zeigt; – Kein Gotteshaus kann stiller sein und hehrer, Als diese Schlumm'rer sind und ihr Verehrer. Doch endlich bricht die große Schweigensfeier; Denn länger halt der zage Hirt sich nicht. Es glüht in ihm ein unbekanntes Feuer, Sein Herz ist voll; – das göttliche Gesicht, Dem Sohn der Weihe segensvoll und theuer, Ist dem Erschrocknen Drohung zum Gericht; Mit Beben ruft er aus: »O Gnad', ihr Väter! Ich kam nicht her als frevler Missethäter.« – Und alsogleich, da dieses Wort erklungen, Bewegt sich Kraft in der Entschlafnen Brust, Wie wenn Posaunenklang in's Grab gedrungen, Und Staub erwacht zur Auferstehungslust; Es heben sich, des Traumes Band entrungen, Der Greise Häupter, rasch und allbewußt. Aufleuchtend, wie die Himmelsstern im Dunkeln, Beginnt ihr ernster Heldenblick zu funkeln. Er schießet stracks, und gleich des Blickes Pfeilen, Sofort dem Jüngling zu, der auf den Knien In steter Angst gezwungen ist zu weilen, Ob Sorg' und Furcht ihn auch von dannen ziehen; Vergeblich will er längst im Sturm enteilen, Die Ferse, wie gebannt, versagt zu fliehen; Es klopft sein Herz mit ungestümen Schlägen, Nicht schauen darf er mehr und nicht sich regen. Doch schreckenlösend, hold und freundlich schwinget Dem grauen Walter Fürst vom Munde schon Ein trautes Wort sich, das herüber klinget, Wo Heinrich bebet vor dem ersten Ton. – Mit Vaterstimme, die durch's Inn're dringet, Entfleucht dem Greis: »Willkommen guter Sohn! Dich sendet Gott, hienieden uns zu künden, Wie spät die Zeit, in der wir jetzt uns finden.« So milde Red' ist allen Trostes voll, Und ungesäumt ermuthigt sich die Seele Dem Hirten, der so Leichtes melden soll; Und ohne daß er Worte zaudernd wähle, Da hurtiger sein Blut nun wieder quoll, Besinnt er kurz sich, was der Zeiger zähle, Und spricht bescheiden, doch ohne Zagen: »Erst hat die Abendglocke vier geschlagen!« – Jetzt flieget sanft, wie froher Engel Flüge, Ein Lächeln über das Gesicht der Greise; Verklärter schimmern ihre hohen Züge, Sie schütteln allzumal den Nacken leise; Nicht that die Antwort ihrem Sinn Genüge, Sie dachten nicht an unser Stündlein Weise. – Drum noch einmal der älteste der Helden: Du sollst das Jahr des Welterlösers melden! »Eintausend« ... sprach der Hirt mit schnellem Dienen ... »Und siebenhundert neunzig ist's und acht.« – – Urplötzlich mit umwölkten, düstren Mienen, Wie rasch erfaßt von bittern Schmerzens Macht, Fährt jeder Greis zurück: es zucket ihnen Zum Schwert die Faust, als gält' es wilde Schlacht; – Dann falten enger sie die Händer wieder: »Das ist nicht unsre Zeit!« – – und blicken nieder. Drob schwillt der Muth dem Hirten höher an, Und er begehrt mit brennendem Verlangen, Was halb er ahnden schon und fassen kann, In Klarheit eine Kunde zu empfangen, Ob diese Drei, so seltsam angethan, Die nun er scharf betrachtet sonder Bangen, Ob sie die Brüder, die zum Schweizerbunde, Zuerst geschworen mit verwegnem Munde? »O,« – ruft er freudig aus des Herzens-Fülle, – »Stauffacher! Melchthal! Walther Fürst! gegrüßt ... Gesegnet mir in dieses Berges Stille, Wo Euer Leben uns versiegelt ist, Daß noch einmal in Eures Leibes Hülle, – Wenn unser theures Volk durch Macht und List, Gedränget wird zu grausem Untergange, – Daß noch einmal von Euch es Trost empfange. Ja wahrlich jetzt, wie nie zu keinen Stunden, Ist hohe Noth, daß helfend ihr erscheinet; Das Vaterland erliegt an tausend Wunden, Und jedes seiner Kinder zagt und weinet; Kein Retter wird dem sinkenden gefunden, Kein Starker, der zu Sieg uns keck vereinet; – Ach, Ihr allein, ihr tapfern ersten Tellen, Seyd auserwählt, den grimmen Feind zu fällen!« – »Es ist nicht unsere Zeit!« – Mit Einem Schalle Versetzens noch einmal die heil'gen Drei. Wehmüthig schien es, daß die Red' entfalle, Nicht aus dem Herzen flog sie rasch und frei; Doch mit des letzten Wortes dumpfem Halle, Beweiset sich, wie festgestellt es sei, Denn alsofort verschließt die Augenlieder Ein Jeglicher der Helden schweigend nieder. – »O Gott! o Gott!« – erhebet sich vergebens Der Hirt nun klagend in bewegtem Kummer; Er bittet laut, mit aller Kraft des Strebens, Nicht löset sich der zauberhafte Schlummer; Es sinken alle Zeichen ihres Lebens, Und stummer wird's im Felsensaal und stummer; Des Odems Hauch, der kräftig erst gewehet, Wird also still, daß kaum der Puls noch gehet. Da schlägt ein dreifach Kreuz in Andachtsschweigen Der fromme Hirt, und kehret sich zurück. – Mit ehrfurchtsvollem tiefem Niederbeugen, Mit thränefeuchtem, schmerzerfülltem Blick, Gedankenschwer läßt er sein Haupt sich neigen; Ihn rühret inniglich ein solch Geschick: Daß er die Tellen lebenswarm ersehen, Und sonder Hülfe doch soll heimwärts gehen. Trübsinnig wankt er von dem heil'gen Ort, Und zwischen banger Furcht und beßrem Hoffen Mit Zauderschritten wallt er langsam fort; Ihm hat zu tief des Herzens Grund getroffen Der Greise streng versagend klares Wort. – Bald winkten ihm die Riegelpforten offen, Da schritt er vor; – doch hinter ihm zusammen Erkrachen sie, die Gänge zu verrammen. Und als er draußen, will er klug sich wenden, Daß seine Blicke, wenn er wiederkehrt, Des ersten Thores sich're Stelle fänden, Durch Zeichen an dem Felsen treu belehrt; Doch ganz umsonst, daß er mit Fuß und Händen Des Auges Späherkräfte tastend mehrt! Auch nicht Ein Riß wird an dem Stein gefunden, Und jedes Eingangs Spuren sind verschwunden. Da ward lebendiger sein Geist es inne, Daß Gottes Segen er anjetzt genossen, Denn Himmelsgüte nur hat seinem Sinne Des Felsens wohlverborgne Kluft erschlossen, Daß Er allein mit glücklichem Beginne, Vor Allen, die dem Tellenland entsprossen, Hineingelangt, zu schau'n die hehren Alten, Die sich den Enkeln dort zum Heil erhalten. Er kann's nicht lassen, überall voll Freuden Dem Thale zu verkünden sein Gesicht; Die schöne Hoffnung bei so bitterm Leiden, Das mehr und mehr in diese Gaue bricht, Wie sollt' er sie zu pflegen feig vermeiden? Der Heimat Flammenliebe duldet's nicht! Und bald verbreitet sich ein fester Glauben, Den Afterklugheit nicht vermag zu rauben. Ein fester Glauben, ja! daß jene Tellen Dereinst mit altem Muth uns wiederkehren; Daß auf entweihter Berge Marmorwällen Sie höhern Völkerkampf uns glücklich lehren; Daß ihre Zeit wird hoch das Land erhellen, Jedweder Nacht mit Sonnenkraft zu wehren, Und auf so finstre Noth, – so banges Klagen, Den Morgen der Erlösung anzusagen. Doch wann, o wann wird dieser Tag uns strahlen? Ach, fragt ihr Brüder, das bewegte Herz! – Er röthet sich, wenn rings in unsern Thalen Die Zwietracht schwindet und des Haders Schmerz, Wenn aus der irdischen Verwirrung Qualen Wir unsern Geist erheben himmelwärts, Und Eins an Kraft, an Edelmuth und Tugend Erglühen zu dem Hochsinn unsrer Jugend. * Schwizer-Heiweh Herz, mys Herz, warum so trurig? Und was soll das Ach und Weh? 'S ist so schön i frömde Lande! Herz, mys Herz, was fehlt der meh? »Was mer fehl'? – Es fehlt mer Alles! Bi so gar verlohrne hie! – Syg es schön i frömde Lande; Doch es Heimeth wird es nie! Ach, i d's Heimeth möcht i wieder, Aber bald, du Liebe, bald! Möcht zum Aetti, möcht zum Müeti, Möcht zu Berg u Fels u Wald! Möcht die Firste wieder g'schaue-n Und die lutre Gletscher dra, Wo die flingge Gemsli laufe-n, U kei Jäger fürers cha! Möcht die Glogge wieder g'höre, Wenn der Senn uf d'Berge trybt, Wenn die Chuehli freudig springe-n, U kes Lamm im Thäli blyht! Möcht uf Flüeh und Hörner styge, Möcht am heiterblaue See, Wo der Bach vom Felse schumet, Ueses Dörfli wieder gseh! Wieder gseh die brune Hüsi, Und vor alle Thüre frey Nachbarslüt, die fründlich grüeße-n, Und es lustigs Dorfe hei! Keine het is lieb hie uße, Keine git so fründlich d'Hand, U kes Chindli will mer lache, Wie daheim im Schwyzerland! Uf u furt! u füehr mi wieber, Wo's mer jung so wohl isch gsi! Ha nit Lust, u ha nit Friede, Bis ig i mym Dörfli bi! Herz, mys Herz! i Gottes Name, 'S ist es Lyde, gieb di dry! Will's der Herr, so cha-n-er helfe, Daß mer bald im Heimeth sy! * Sanct Trutbert und das Krüglein Gar viel Exempel hat die Welt Zu Nutz und Lehr' uns aufgestellt; Doch, meint' ein Mensch, er sei der Mann, Der scharf nach allen stets gethan, Und sei auch selbst vor Gott gerecht, Und nichts da, was zu Schand' ihn brächt': Ei, spräch ich, Lieber, höre doch Die Sage von Trutbertus noch. – Sanct Trutbert, aus gar edlem Blut, An Ehren reich, an Geld und Gut, Um Christi Wort, mit frommem Sinn, Gab all sein' Pracht und Macht dahin, Ein Fräulein auch, – er liebt' es sehr, – Verläßt er, und geht über Meer. Vom Land der Schotten fort und fort, Durchzieht er manchen fremden Ort, Und predigt, bis er unerkannt, Ein Pilger, kommt in's Schweizerland. Da baut er in der Wildenei Sich Garten, Klaus' und Siedelei, Wo Vindonissa's alten Raum Zerfallne Trümmer zeichnen kaum, Und drinn beharrt' er, Gott geweiht, Ohn' Erdenlust und Eitelkeit. – So ward er alt, ward silbergrau, Und that nach Gottes Wort genau, Daß wer ihn hört, und wer ihn sieht, Ihn heilig nennt und niederkniet. Drob war der Bruder wohl vergnügt; Er denkt: »Ich hab' die Welt besiegt, Und muß ich bald in's kühle Grab, So steig' ich ehrenwerth hinab, Des Stolzes Prunk, der schnöde Geiz, Die Gier nach süßer Mägdlein Reiz, Der Sünde Dienst – sind abgethan; Zufrieden sieht der Herr mich an.« Und wie er eines Tages so, Der überstandnen Lockung froh, Zur warmen Zeit des Sommers saß, Und still den Abendsegen las; – Da, steh! da tritt ihm in die Klaus' Ein Mägdlein her, blondlockig, kraus, Jung, rosenroth, schlicht von Gewand, Nichts als ein Krüglein in der Hand, Verneigt sich tief, mit holder Zucht, Und sagt, daß es Trutbertum sucht, Zu beichten ihm nach Pflicht und Treu'; – Ob er der heilig Vater sei? Sanct Trutbert grüßt die zarte Dirn' Und macht ein Kreuz vor Aug und Stirn; Drauf setzt er sich, vernimmt die Beicht', Und absolvirt das Kind auch leicht, Weil's gar von keinem Fehler sprach, Als: »Lust zu necken, geht mir nach.« – Dann steht es auf, und blickt verschämt, Und bittet: »Lieber Vater, nehmt Zum Danke hier das Krüglein an, Dieweil ich sonst nichts geben kann! Ihr trinkt aus bloßer Hand am Bach, Das wird euch sauer allgemach, Auch bücket sich nicht gern und leicht, Wen Alters Schwachheit bald erreicht.« Sanct Trutbert lüchelt: »Holde Magd, Mit Dank sei freundlich dir gesagt, Das Krüglein nehm' ich nimmermehr, Mir ziemt nicht Lohn um Trost und Lehr; Wohl sind es dreißig Jahre jetzt, Daß ich zum Klausner mich gesetzt, Und diese Hand mein Becher ist: So sei sie's bis zur Todesfrist!« Er spricht's und segnet noch das Kind, Und kehrt sich um; – doch sie geschwind, Indem sie geht, verstecket klug Hart vor der Thür den kleinen Krug. Die Sonne flieht, der Tag war schwül, Sanct Trutbert sucht des Abends Kühl', Er öffnet rasch das Pförtlein schon, Da fällt der Krug mit hellem Ton. Trutbertus beugt sich, hebt ihn auf, Und denkt: »So laß dem Ding den Lauf! Ich that dem Mädchen nicht sein Recht, Mir scheint das Krüglein arm und schlecht; Die gute Seele läßt's mir hier, Warum auch nahm ich's nicht von ihr! Mein Alter drückt, der Bach ist weit, Und nichts, das mir den Krug verbeut; Auch droht ein Wetter just die Nacht, Da werd' ein Trünklein vorbedacht!« So meint er, geht zum Bache hin Und füllt sich mit erfreutem Sinn Den kleinen Krug zur Labung an, Und kehrt nach Haus' – ein reicher Mann. Doch seltsam! – schau, da kaum er dort Das Krüglein stellt' an kühlem Ort, So wankt' es schief, und wieder schief, Daß Guß um Guß zur Erde lief! Sanct Trutbert lacht und duldet sich, Und spricht: »Was gilt's, wir meistern dich?« Er eilt im letzten Sonnenstrahl Und schöpft das Wasser noch einmal; Doch nimmt er jetzt auch einen Stein, Nimmt zwei und drei, und schiebt sie fein Da wo das närr'sche Krüglein hinkt Gleich unter, eh's zu Boden sinkt. – Umsonst! es warf sich immer schief, Daß Guß um Guß zur Erde lief. Der Klausner brummt, und trabt hinaus, Schon hallt von Ferne Sturmgebraus; Er achtet's nicht, er schöpft sich neu, Daß Labung ihm zu Händen sei. »Und«, ruft er, »willst du mir nicht steh'n, Ei gut, so kannst du hangen geh'n.« Zurück alsdann, in halbem Lauf, Hängt er das Ding am Henkel auf; Und sieh, da bleibt's in guter Ruh! Sanct Trutbert steht, und lacht ihm zu: »Hast endlich doch, du toller Gast, Und gönnest mir auch heute Rast! Die Nacht beginnt, das Wetter brüllt; Der Bruder legt sich, eingehüllt In's dichtbehaarte, braune Kleid, Und still im Herzen voll der Freud' Ob seinem Krüglein, daß er's traf, Ergiebt er sich dem milden Schlaf. Da horch, da horch! Der erste Traum Umfieng den armen Siedler kaum, So plumpt es dumpf und kracht und rauscht, Daß aufgeschreckt er bebend lauscht, Und rasch vom Lager springt empor, Und wieder lauscht mit leisem Ohr, Bis, ach! am Boden früh genug Er tappend hascht den leeren Krug. Ja, da zergieng des Mann's Geduld, Und dacht' er nicht: »Es ist die Schuld Des alten Nagels an der Wand, Daß mir das Krüglein nicht bestand;« Er hätt' es gleich zerschlagen gar, So bös und all im Zorne war. Indeß ertobt das Wetter scharf, Daß Trutbert nicht zum Bache darf; Die Nacht ist schwül, sein Dürsten heiß Und Aerger mehrt den reichen Schweiß; Denn grimmig trieb's ihn hin und her, Zu wissen, was dem Krüglein wär'. Als drauf der Morgen endlich graut, Und Trutbert sich es wohl beschaut, So findet er's ganz unverletzt, Doch auch den Nagel nicht entsetzt. Da schüttelt er den Kopf, und denkt: »Wohl wird's dem Ding noch eingetränkt! Und müßt ich mit dem Leben d'ran, Laßt sehen, ob ich's zwingen kann!« – Vergessen ist die Klausnerpflicht, Er liest den Morgensegen nicht. Gebet und frommer Psalm sind stumm, Der Keug, nur geht im Kopf ihm um, Und einen Fuß ersinnt er jetzt: »Ein Fuß, mit Kunst daran gesetzt, Was hülfe besser als ein Fuß, Daß mauerfest er stehen muß? Auf! Töpfererde schaffe dir! Trutbertus, auf, in's Waldrevier!« Er sagt's, er schreitet fort, er späht, Und eh' der Tag noch halb vergeht, So trifft er glücklich, was er sucht, Tief unten in verborgner Schlucht, Und wohlbeladen alsobald Zur Klause kehrt er aus dem Wald. Da fängt er flink zu kneten an, Und streicht und modelt, was er kann. Putzt, formet, bessert, bis zuletzt Den Fuß er fertig vor sich setzt. Drauf wird das Krüglein hergeschafft, Und auf den Fuß gepreßt mit Kraft; Da bleibt's, o Wunder und o Heil! Grad' aufgerichtet als ein Pfeil. Sanct Trutbert läuft in froher Hast, Und füllt sich neu den spröden Gast, Setzt wieder derb ihn auf den Fuß Und meint, wie schön er halten muß. – Doch weh, o weh – das Krüglein hinkt, Und wackelt hin und her und sinkt; Und gießt das klare Wasser dar, Und bricht das Fußgestell sich gar. Trutbertus jetzt in Zornes Gluth Flammt auf, und packt den Krug voll Wuth, Und schmeißt ihn hin mit Allgewalt, Daß Klaus' und Hain vom Bruche hallt', Und rings der Wiederschlag im Flug Die Scherben an die Wände trug. Doch eh' Trutbertus sich besann, Was er in wildem Sturm begann, Derweil er noch vor Eifer glüht; Und höhnisch auf die Stücke sieht, Da horch! da horch! von oben klingt Ein Wort, das ihm zu Herzen dringt: »O Trutbert, frommgehaltner Mann, Was hat das Krüglein dir gethan? Du dachtest: Ganz hab' ich besiegt, Was nicht mit Gottes Wort sich fügt; Denn Hoffart, Geiz nach Gut und Geld, Jedwede Lust der eiteln Welt War abgethan aus deinem Sinn! Da reißt zur Sünde dich jetzt hin, O schwacher Mann! o schwacher Mann! Ein Krüglein, das nicht stehen kann.« * Die Kindtaufe. Ein armer Köhler, tief im Wald, Soll Kindestaufe halten bald. Ach, in der theuern, strengen Zeit, Da Mangel drückte weit und breit, Ward ihm ein Knäblein – unbegehrt – Von seinem muntern Weib bescheert. Er geht vom abgelegnen Haus Nach frommen Pathen kümmernd aus; Denn wollen sie bewirthet sein Und sich des Tag's der Taufe freu'n. Wie schafft er Speis' und Trank so viel, Geschirre, Diener, Saitenspiel? Kaum hatt' in seiner herben Noth Er täglich sein bedürftig Brot! Doch einsam arm zu sein, trug er; – Vor Gästen arm sein wurmt ihm sehr. Gar sorglich, mit gesenktem Blick, Vom Dorfe nach dem Wald zurück, Als nun die Pathen zugesagt, Kehrt heim er, zaudert, seufzt und klagt, Weiß keinen Rath, und windet sich Aus Bettelstolz recht jämmerlich. Schon brach die Dämm'rung dunkler ein, Zumal im Forst; des Mondes Schein, Von schwarzen Wolken dicht umwebt; War längst dem bangen Blick entschwebt; Da steht dem Köhler unverseh'n. Wo scharf in's Kreuz die Pfade geh'n, Ein stattlich großer Herr im Weg, Der schlendert lässig hin und träg, Als freut' er sich der finstern Nacht, Und hielte mit dem Käuzen Wacht. Dem Köhler graut der schwarze Mann, Denn pechschwarz war er angethan, Und auf dem Hute wankt' ein Strauß Von Hahnenfedern seltsam kraus, Das eine Bein schien menschlich nicht, Und fuchsenspitz sein Angesicht, Auch bot der Herr in grellem Ton Den guten Abend – wie zum Hohn; Doch fragt' er sanfter alsobald: »Was stöhnst du hier so spät im Wald? Ist denn kein Flecklein Erde leer Von Klag' und Jammer und Beschwer?! Pfui, Meisterstück von Gotteswelt, Auf der die Narrheit Großes hält!« Jetzt fährt dem Köhler schauerlich Durch das verzagte Herz ein Stich; Er kennt den Vogel stracks am Sang, Mit zentnerschwerem Athemszwang; Da lüpft sein Hochmuth bald den Kopf, Und flüstert: Ei, nun gilt's, du Tropf! – Sodann, nicht allzu scheu, gesteht Er, wie so hart es ihm ergeht, Und wie der Aermste gern doch mag, Daß festlich sei des Taufens Tag. »Ja wohl, mit Recht!« sprach Satanas. – Kein andrer Herr ist's. – »Weißt du was? Thut Armuth oft ein Dienstlein mir, So dien' ich gern auch wieder ihr. Recht um ein Nichts sei dir bescheert, Was jenen Tag dein Herz begehrt! Ich thät's umsonst; doch weiß ich schon. Man denkt, ich stehl' ihn doch den Lohn, Wenn nicht – wär's auch nur kleinen Dank – Ich mir bedinge frei und frank.« Und was denn willst du haben? Sprich! So fragt der Köhler freventlich. »Viel Gäste kommen dir in's Haus«, Versetzt der Schwarze. »Lärmt der Schmaus, So bist du Jedem o wie werth! Und was den Tag dir widerfährt, Sie nehmen Alle herzlich Theil, Um keine Grafschaft wärst du feil. Nun Lieber! gönne mir den Spaß, Ich denk', es ist nicht Menschenhaß, Gieb mir dein Wort! kömmt's irgend dann Dich dreimal laut zu niesen an, Und keiner aus der großen Zahl, Die ringsum lagern bei dem Mahl, Sagt dir ein Helfgott! – sollst du mein, Doch ganz und gar mein eigen sein!« Der Köhler lacht. »So wohlfeil doch Half Satan«, meint er, »Keinem noch. Ein leeres Wörtlein – braucht's nicht mehr – Gibt Männiglich mit Freuden her. An Werkeltagen nies' ich nie, So schreien zehnmal Helfgott sie; Wie geht's vollends am Feste nicht! – So sei es, Satan!« ruft der Wicht. Bald tritt die Freudenfeier ein, Und Gäste mit ihr ganze Reih'n, Geladen, ungeladen auch, Erpicht auf's Schmausen, nach Gebrauch, Und als die Taufe war gescheh'n, Sah man ein Volk zu Tische geh'n, Das schwer dem Köhler Angst gemacht, Hätt' ihn der Satan nicht bedacht! Der aber war zur Morgenzeit Daher getrabt voll Lustigkeit, Gar sauber ausstaffirt als Wirth, Sechs Rößlein mit ihm wohlgeschirrt. Und hintenan mit Wein und Wild Drei Wagen, aller Fülle Bild, Neun Musikanten drauf zu Roß, Und Köch', und ein Bedienten-Troß. Jetzt wird geschlemmet und gezecht, Gejauchzt, gesungen, wie ihm Recht, Das Wirthlein mit behendem Lauf Sprang hin und her, trug tapfer auf, Goß leere Becher sprudelnd voll, Und trieb es wie kein Gast so toll, Daß Lachen, Schwänke, Spaß und Scherz Ringsum ergellten allerwärts. Inmitten solchen Jubels nies't, So laut, daß fast es ihn verdrießt, Der Köhler, und kein Helfgott tönt, Da just Trommet' und Pauke dröhnt. – Er stutzt ein Weilchen, doch er denkt: »Der Zufall hat es so gelenkt.« Bald aber kömmt den armen Mann Zum zweitenmal sein Niesen an; Und grad ein Vivat um und um Macht wieder jedes Helfgott stumm. Da bebt das Herz recht inniglich Dem Unglückssohn; er wünschet sich Weit ab von diesem Zechgelag, So weit kein Sturmwind tragen mag, Und harrt in banger Seelenpein, Ob wied'rum muß genießet sein. Die Frist wird lang; schon glaubt er fast, Den ganzen Abend werd ihm Rast; Als in dem Augenblicke gleich, Von eines halbberauschten Streich. Ein Tisch zusammenbricht und kracht, Und Alles aufschreit, wiehert, lacht, Daß auch kein einzig Ohr vernahm, Als jetzt das dritte Niesen kam. Doch leider Eines freilich hört; Von Lärm und Schreien unbethört; – Und flug's im Nu darauf schon nah'n Der Satan und sein Schwarm, zu fah'n Was jetzt der Hölle fähig ist, Laut ächzt der Köhler: »Heil'ger Christ!« – Und richtet, was er nie gethan, Den Blick des Flehens himmelan. O Trost, o Wunder, groß und rein! Da tönet aus dem Wiegelein, Wo ganz versäumt das Knäbchen lag, Ein »Helfgott helf!« so laut es mag. Und Satan knirscht, sein Hause tobt; Der Köhler jauchzt: »Herr, sei gelobt!« Die Brut der Hölle schnaubet fort: Und mit bescheidnem, frommem Wort Erzählt der Köhler sein Geschick, Daß Jeder Heil ihm wünscht und Glück. Er aber ging demüthiglich Von Stund an reuevoll zu sich, Und abgesagt dem bösen Feind, Blieb er der stillen Armuth Freund, Da Höllenangst ihn streng gelehrt, Wie leicht die Lust von Gott sich kehrt. Hinfort bis an den späten Tod Sucht' er den Herrn in jeder Noth, Den Herrn, der voll Barmherzigkeit Erhört und rettet und verzeiht. * Der Wunderzwerg oder die belohnte Gastfreiheit. »Heiliger Gott, wie das braust und strömt und rauschet im Thale, Sturm und Regen und Blitz und Donner und Tosen der Bäche Wild durcheinander, – und Nacht, stock dunkele Nacht schon am Himmel! – So hat's nimmer gewüthet bei Menschengedenken. – Was sagst du, Mutter, was sagst du? – Sie schweigt; sie betet ein frommes Gebetlein, Recht so! – Wahr' uns der Herr! – Entsetzlich tobet die Windsbraut.« Solcherlei sprach für sich, und halb für das Mütterchen, laut auf, Daß im Gewitter doch nur ein menschlicher Schall ihn erquicke, Thomas, alt und betagt, vor Jahren ein tüchtiger Schafhirt, Aber nun längst mit Anne, der trefflich erfahrenen Hausfrau, Still in der Hütte des Vaters, am Rande des heimischen Dörfleins, Wohlgeborgen, vergnügt mit Wenigem, aber von Herzen Jedem zu rathen bereit und treu nach Vermögen zu dienen. Seufzend erhob anjetzt auch, leise noch Amen und Amen Bang an das heiße Gebet hinfügend, Anne sich langsam, Und zum Fensterchen wankt mit bedächtigem Fuße sie vorwärts Ueber den ästigen Boden des übelgedieleten Stübchens; Und schon bückt sie sich vor nach der lautersten Scheibe von dreißig Staubigen, runden, gespaltnen, in Blei nothdürftig gefaßten. – Doch kein Schimmer von Licht will draußen dem Auge sich zeigen, Ob mit dem Finger auch lang, mit dem naßen, das Mütterchen kreuzweis Ueber die Scheibe dahin und eifriger immer dahinfährt. »Pechschwarz Himmel und Luft! Wo will's mit dem Wetter hinaus noch, Thomas? – Danken wir Gott, daß Faß und Dach er bescheret, Denn vor so greulichem Sturme da schirmt kein laubichter Baum mehr. Und kein wölbender Fels, der Wind jagt Regen die Quere, Daß er sich allwärts hin mit Gewalt eindränget; – da rinnt's ja Selbst vom nassen Gesimse durch Fugen mir her auf den Banktrog!« Sprach's und schreckte zurück vom Fenster mit gellendem Ausruf, Hurtig die Hände geworfen zum ganz verblendeten Auge; Denn bleich zuckte der Strahl mit verderblichem Lichte vom Himmel, Und – als spaltet' ein Berg sich – erkrachte der gräßliche Donner Dreifach laut, im Thal abprallend von Felsen zu Felsen. »Aber barmherziger Gott!« – rief Anne, vom Schreck sich erfassend, – »Gieng nicht draußen im Glanz des hellaufleuchtenden Blitzes, Grad' in der Gasse, vorüber dem Fensterchen hier, ein Gezwerge! – Kümmerlich schleicht am Stab' es gebeugt durch schlammige Bäche, Die sich, beladen mit Grien, ergießen in unserem Dörflein. Thomas, graute mir nicht vor solch unheimlichem Volke, Ruft' ich den Armen herein, denn die Nacht und das Wetter verderbt ihn.« Also die Mutter, und horch! da klopft's am Fensterchen draußen Sanft und bescheidentlich an, dreimal, mit geduldigem Säumniß. Thomas, auf von der Bank, ergreifet in Eile den Schieber Rechts am Fenster, und zieht den geläufigen rasch an die Seite, Gleich hinrufend mit Gruß zum Troste dem nächtlichen Wandrer: »Ei, wie so spät noch, Freund! auf dem garstigen Wege; der Sturmwind Treibt in das Mark ja hinein, durch Haut und Knochen, das Wasser. Hurtig hieher! dorthinten ist unverschlossen das Pförtlein! Hurtig hieher, wo Schirm, wo Licht und Speise bereit sind!« Ruft's und eilet behend, und ergreifet das wirthliche Lämpchen Viel zu hastig, daß rasch vier Tropfen des Oeles vom Rucke Hin sich über den Rand ausspritzend ergießen, und leider Dunkel den Ahorntisch, den sauber gebohnten, beflecken. Da mit Seufzen genaht, und besorglich übergebücket Schaute den Schaden sich an kopfschüttelnd die reinliche Mutter. Doch bald schwindet das Licht, denn fort durch die Thüre heraus nun Schreitet zur rußigen Küche der Greis, das wankende Flämmlein Klug mit wölbender Hand vor jeglichem Zuge bewahrend. Und schon öffnet er weit die knarrende Pforte des Häuschens, Grad' wie der Wandrer matt an der Ecke bedächtlich herumbeugt. Jetzo, mit festerem Fuß, lenkt eilig er unter das Dach ein. Schaudernd all vor Frost, und unzählige Tropfen des Regens Ab von dem härnen Gewand auf das Estrich schüttelnd im Fortgeh'n. »Gott sei herzlich gedankt!« rief jetzt das gefristete Zwerglein, »Herzlich gedankt, daß mir in der Noth mitleidige Seelen Treu er geweckt, da verzagend ich dacht' in dem scheußlichen Wetter Gar zu verschmachten; dieweil, so viel ich von Hütte zu Hütte Hier in dem Dorf' auch pochte mit Flehn um schirmendes Obdach, Nichts ich doch irgend erholt' als Schimpf und spöttischen Abschlag.« Solches erzählte der Zwerg, und hinter dem leuchtenden Greise Schlüpft in das Stäbchen er schon, wo die Mutter neugierigen Blickes Harrt des Gastes, und jetzt erschrocken das bucklichte Männlein Sieht herwanken und müd' an der Thüre schon sitzen zum Ausruh'n. Schiel war von Auge der Zweg, und struppig erhob sich das Haar ihm, Roth zog rings um den Mund ein halb nur gewachsenes Bärtlein, Welk war der Arme Gehäng, doch knotig und mächtig die Hände, Dünn das verbogene Bein, und breit und gewaltig der Fuß doch. Aber gar emsig erhob, des Schrecks vergessend, und klüglich – Was sich zu regen begann, – ein Gelächter, bezwingend im Herzen, ... Rasch und geschäftig erhob vom Stuhl sich die wackere Mutter, Quer hintrippelnd zum Schrank an der Ecke des Tisches vorüber, Daß sie bewirthe den Gast, wie's ziemt der verständigen Hausfrau. Hurtig nun schafft sie herbei, was Kasten und Lade verbergen; Duftendes Brod sammt Milch, und Käs und geröthete Kirschlein, Würzig am Morgen vom Baume mit eigenen Händen gepflücket. Mehr nicht bietet der Schrank, und mehr kein Kasten im Hause; Doch auf glänzendem Tisch, wo gebreitet ein blumiges Tischtuch, Lang für Besuche gespart, sich hinzieht, lachet das Mahl schon Grade wie doppelt so fett, und lockt in ländlicher Einfalt, Mehr den zufriedenen Gast, als Leckergerichte; so reizt auch Fleißig ermahnend der Wirth und die gute geschwätzige Wirthin. Doch nicht ferner geheu'r ist beiden im innersten Herzen, Wie sie das Zwerglein seh'n, mit Pusten und nöthlichem Keuchen Tropfen von Milch einschlürfen; und Brosamen nur von dem Käse Schwer zerkauen, und drauf ein luftig gerathenes Schnittchen Brodes mit peinlicher Qual zermalmen, als wär' es ein Holzspan. – »Bin's nicht eben gewohnt«, rief lautauflachend das Zwerglein, »Bin's fürwahr nicht gewohnt, mit so derber Kost mich zu laben! Unsereins ist klein und schmächtig, und wenig bedarf es, Solcherlei winziges Volk mit aller Genüge zu nähren. Aber so dank' ich doch von Herzen dem redlichen Vater, Danke dem Mütterchen auch, die gar so freundlich dem Pilger Obdach gönnten im Sturm, und Speis' und erquickende Labung. Lohn' es euch Gott! und wahrlich der Lohn ist eben so fern nicht! –« Sprach's, und guckte hinaus am Fenster, und packte zusammen, Griff zum Stab und begann zur Thür die gemächlichen Schritte. – – »Ei, so bewahre der Herr!« – rief Anne, »da wollt in die Nacht Ihr Trotzig hinaus, und kaum hat Sturm und Regen gerastet! – Niemands Freund ist die Nacht! – So nehmt doch lieber ein Bettlein Hier, und genießet der Ruhe; dann zieh't Ihr des Morgens im Frieden!« Aber mit lächelndem Mund, kopfschüttelnd, mahnte das Zwerglein: »Mütterchen! wohl versteht Ihr von derlei Sorge nur wenig, Wie sie mich fort in die Nacht nun treibt in geschäftiger Eile, Droben am Joche der Fluh giebt's heute zu schaffen und walten; Traun und ich denke für euch! – So harret des Morgens geduldig, Ob ich das gastliche Mahl nach Pflicht auch wieder vergelte!« Stutzig empor vom Stuhl fuhr Mütterchen auf, und es staunte Thomas hinter dem Zwerg, und mit offenem Munde noch starrt er, Als schon draußen der Gast, mit klopfendem Finger am Fenster Abschied kündet zuletzt dem friedlichen Paare der Alten. Sanft entschlummerten da sie beid', als faßte sie Zauber; – Uebergelehnt den Kopf auf's Lager der stützenden Arme, Ruh'n sie gemächlich am Tisch, es löscht die verlassene Lampe; Still nur athmen sie hin, und draußen beginnt es zu tagen. Doch nicht taget es hold mit lieblichem Schimmer des Morgens; Bluthroth hinter Gewölk, wie verzehrendes, schreckliches Feuer Glühet die Sonne, der Hain verstummt, vom süßen Gesange, Wirbelnde Winde mit Macht durchheulen die Klüfte des Thales, Prasselnder Regen erfüllt in unendlichen Güssen den Luftkreis, Schwült zieht giftiger Qualm einher, und es hallet von ferne Rollender Donner, und dumpf ertönt's im tiefsten Gebirge. – Jetzt, mit entsetzlichem Knall, reißt' über dem schlafenden Dörflein Droben am Joche der Fluh sich los ein gewaltiges Felshorn, Stürzt auf Schutt und Gerüll' und bricht in den düsteren Wald ein, Bahnt sich abscheuliche Bahn, und vernichtet unzähliges Leben. Krachend und brüllend beginnt bergab ein verderbender Erdfall, Ströme von Wasser und Grand, und Stämme vieljähriger Fichten, Lasten uralten Gesteins, und zertrümmerte Balken von Hütten, Treiben in wildem Gemeng thalwärts an das ruhige Dörflein. Auf nun wachen geschreckt mit Entsetzen die sicheren Schläfer, Nun, da die grause Gewalt des Bergfalls jedem genaht ist, Und unerbittlicher Tod, unmeidbar, Jeden umdunkelt, Jeden, – und keiner es faßt, wie der Schlummer so lang ihn gebunden. – Bebend im Stübchen empor fuhr jetzt auch Thomas und Anne, Kaum noch mächtig im Schreck, vor die wankende Hütte zu fliehen, Und nun starr, und bleich, und fest an den Boden gewurzelt, Als die verheerende Kraft von oben sie zagend erblicken. Aber ein Wunder, wie nie kein rettendes Menschen beglückte, Bietet dem Auge sich jetzt, und schirmt die Getreuen, die Guten. Mitten im rollenden Strom, im graus herdröhnenden Bergsturz, Rollt ein gewichtiger Fels, voreilend dem schweren Geschiebe, Lustig und hüpfend daher, und oben, als säß' er zu Rosse, Sitzet der häßliche Zwerg, der, früh von dem Dorfe geschieden, Ungastfreundliches Volk zu vernichten im Sturme zurückkömmt. Siehe mit mächtigem Stamm der entwurzelten Fichte besorgt er, Gleich als steurt' er zur See, des Felsens gewaltigen Fortschwung, Und so dringet er vor und grad auf die Hütte der Alten, Die da zu Nacht ihn gelabt; doch plötzlich im rasenden Anflug Stocket der Fels, ein Damm, ein Wehr dem gastlichen Hüttlein, Daß das Gewoge der Wasser und all das empörte Gestein sich Rechtshin theilet und links, und die Hütte geschont und die Hüttner Still da ruh'n im Sturm, als wehte das Säuseln des Lenzes. Aber Verwüstung tobt in dem Dörflein jetzo mit Ingrimm: Niedergerissen ist Haus und Scheun' und jegliches Obdach, Nieder die Gärten gesammt, und nieder die Zierde der Bäume; Tod im Strudel dahin schwimmt Hirt und Heerde von dannen, Und der Lebendigen kein's entflieht dem verheerenden Erdschwall. Thränenden Auges erblickt das gerettete Paar die Zerstörung, Und es jammert sie wohl der harten unfreundlichen Nachbarn, Doch rührt tief sie zumal das Wunder des eigenen Looses; Und mit gefalteten Händen ergießen sie freudig die Fülle Glühenden Dank's gen Himmel, denn nicht so schonender Rettung Glaubt der bescheidene Sinn sich würdig in kindlicher Demuth, Darum geloben sie heiß, was Kummer und Freude nur eingiebt, Künftige Tage hinab sich werth zu beweisen des Segens, Still, gottselig, getreu in redlich anhaltender Arbeit. Aber vom Felsen daher sah tröstenden Blickes das Zwerglein Auf die Gerührten, und ließ abrinnen das wilde Gewässer, Hin und wieder mit Kraft forthebend gewaltige Blöcke, Stein' und Stämme des Waldes, – so viel da verschüttet das Erdreich, – Trefflich zu räumen bemüht und rings um die Hütte zu fegen. – Größer und größer indeß schwillt an das winzige Männlein, Wunderlich, fremd von Gestalt, – und ein Riese zuletzt in die Luft hin Fließt es verdunstet davon, und läßt dem erschrockenen Paare Fruchtbar gewässertes Land mit der alten geretteten Hütte, Lohn gastfreundlichem Sinne, der spät in unwirthlichem Dunkel Trauend empfangen in's Stübchen den fernherkommenden Pilger, Herz ihm erquickend und Mund mit freundlicher Rede, mit Labung, Sonder Gespött' und Hohn ob des Gastes erbärmlichem Auftritt. * Der Krystallgräber. »Dreimal, lauter und klar, nun träumt ich ein Gleiches; – wohlan denn«, – Sprach zum erstaunenden Weibe mit Nachdruck Günther, – »wohlan denn! Träume sind Fäume nicht stets; ich will's versuchen das Letzte: Faß dir Muth nur, Verena! die Geiß ... und ich muß sie verkaufen!« »Gott im Himmel! o nein! nein!« schluchzte die bangende Hausfrau. Aber umsonst. Mit dem Hasten des nicht zu bezähmenden Ausbruchs Halb verzweifleter Noth, und zum Kühnsten entschlossener Hoffnung, Stürmt aus der Hütte hinab in's Dörflein Günther gewaltig, Dort aufrufend den Fleischer, den landdurchstreifenden Großknecht, Welcher die Nacht verweilt in der Schenke, daß früh er vollziehe Mancherlei Kauf um Schaf' und um Ziegen, um Kälbchen der Alptrifft. Aber nicht zauderte Heinz, der gerufene Großknecht. Emsig War er den Hirten zur Hand, die selbst ihn suchten; denn oftmals Kauft' er am trefflichsten so, weil Noth die Verkäufer gedrungen. Und nun folgt' er auch rasch zum Armuthshäuschen, wo Günther Hin, vorschreitend, ihn führte, die Ziege zu holen sofort schon. Doch nicht freudig hinauf des Pfades da wandelte jener, Fühlend, bang, wie das Weib, – und mit Recht – um das letzte Besitzthum Kampf wohl werde versuchen, dieweil unbiegsam er jetzo, – Wagend das Aeußerste, – nicht aufgeben mehr dürfe den Vorsatz. Günther, ein Alphirt sonst, doch nimmer ein segenbeglückter, Weil stets kühneres Treiben, die Gemsjagd, oder des Wildheu's Grauser Gewinn ihn zu bald fortlockt' aus friedlichem Hüttlein, Günther, im rauhen Gebürge sich oft des edeln Kristalles Manch ein zierliches Stück auffindend, brachte betriebsam Stets den Fremdlingen sie, die mit Bergmannshammer am Felsen Klopfend er traf im Reviere des hochanklimmenden Steinbocks, Oder wo gierig sonst sie nach Stufen und Drusen sich umsah'n, Also beschlich ihm Lust zu reicherem Goldeserwerbe Jetzt das schwellende Herz, und auf Eins, auf Eines nur sinnt er: Wie sich den edeln Kristall zu gewichtsvoll prangenden Stücken Irgend er einst ausgrabe, wo tief im Mark des Gesteines Blatt sich um Blatt ansetzt die Fülle der Strahlpiramiden. Da, mit glücklicher Spähe, nach Langem, im Grimfel-Gebirgsstock, Dicht bei'm Gletscher der Aar', in des Zinken's verwildertem Felshang, Findet zuletzt er, – ha, wie klopfen die Pulse! – das Zeichen Dunkelverborgnen Krystalles, das quarzig weiße Krystallband, Welches zu Tage hier stund, als des schwärzeren Gneußes Geäder, Rund vorspringend, und nah reichtropfenden Rissen der Bergfluh. Stracks, in der regeren Brust nichts Anderes forthin erwägend, Sucht die Gesellen er auf, die, keck felssprengend, ihm dienten Dort den begrabenen Schatz an das Licht zu schaffen mit Arbeit; Und leicht wirbt er sein Völkchen im Hasler-Geländ, wo beweglich Jeder das Seltene hascht, und des Täglichen bald sich ersättigt. Stürmend an's Werk! – das ist Allen voraus gleich Wunsch und Begierde, Nun wird begonnen, da schier mit Frost sich der Winter entgegen, Schier entgegen des Schnees dichtfallendes Flockengestürm sich Jeglicher Arbeit setzt; – und auch bald erliegen die Sprenger. Nicht indessen entsank dem gierigen Herzen des Jünglings Irgend der Muth, und gedoppelt an Zahl im Lenze darauf schon Bringt die Gehülfen zu Berge sein hochaufflammender Eifer, Alle belohnend, wie nicht ein Bedächtiger lohnt, wo Gewinn sich Fern, im Zweifel noch, zeigt. – Und der flüchtige Sommer entrollte Fruchtlos wieder. – Das Weib des kühnverschwendenden Mannes Warnte voll Ernstes: »O laß, laß, Günther, das tolle Beginnen! Fleiß an nützlichem Werk, an erprobtem, ist mehr als Krystall dir; Ach, wie schmälert sich uns tagtäglich die sichere Habe, Während unsichre du suchst, wo Bergkobolde dich narren!« – Solches umsonst, auch thränend, die bieder sich mühende Gattin. Aber mit Frühlings neu herleuchtendem Glanz, o! da strahlte Mächtig auch Hoffnung erfrischt in die Seele dem weidlichen Günther, Daß er sein Letztes vergab, zum Lohn an die Gräber, zum Antrieb, Dießmal kecker denn nie nach dem Horte des klaren Krystalles Einzusprengen den Schacht, nun rechts, nun links in dem Quarzband, Raubes gewärtig, der stets, wie zum Foppen, doch tiefer hineinwich. Sieh! und der Winter begann auch jetzt, indeß sich vergebens Jeglichen Gut's, ach ganz! der verzweifelnde Günther beraubte. Dürftig stand er zuletzt, wie nie, von den eig'nen Gehülfen Schmählich verhöhnt; doch mehr ob des leidenden Weibes Betrübniß Tief im Herzen gequält, und ob Noth, die nicht schonte der Kindlein. Forthin traut' er sich nimmer, zu steuern dem Mangel, wofern nicht Solcherlei Schatz ihm ward des ersehnten Krystalles im Bergschacht. Oft, trübsinnig allein, durchschlich er entlegene Gründe, Jetzt, da der Lenz entboten: zu Berg! zum Stollen! an's Tagwerk! Also verlief sich der Mai, und kein rettendes Mittel ersann er; Denn nicht borgte da leichtlich ein reicherer Hirt ihm, ein Nachbar, Weil sie verlachten vorlängst nach Gebühr den Grübler im Steinberg, Ihn, der thörichten Muthes Besitzthum hastig verschleudre, Wo die Gescheutesten doch verschmäht nach Bescherung zu forschen. Aber da Bangen und Angst und Verzweiflungs-Zagen am Höchsten, Sieh! ein besondres Gesicht erhob sich reizend im Traum da Günther, dem Sohne der Qual, dem kaum noch Schlafes Bedachten. Dreimal folgte das Bild sich in drei raschfolgenden Nächten: Dreimal stund, voll Schweißes ob rührig geförderter Arbeit, Tief er dort in dem Schacht, und entmeiselte Quarz vom Geäder, Von der versprechenden Blüthe des nahgeahnten Krystalles. – Rechts erst, wied'rum links, und mit Gier zur Rechten dann nochmals Schürft' er, wechselnd vergeblich; noch eifriger drauf, – und vergeblich – Doch allstets, in der hintersten Nacht des entschloss'nen Gewölbes, Flimmt' ein erfreuendes Licht, wie von Hellgrün irgend ein Stern flimmt; Nie sich trübt' es, und schien mit beweglicher Flamme zu winken; Flimmt, und erlosch nicht dort, bis vom Traume der Schläfer entbunden, Auffuhr, weh'! und die Noth des geleerten Stäbchens erschaute. Zweimal achtet' er nicht des entglommenen Wundergefunkels; Heute doch, – weil zu strahlend der Stern am hellsten hervorbrach, – Hob sich vom Lager mit Macht der zu Hoffnung freudig Erstarkte, Rastlos eilend sofort, – und stracks mit dem Fleischer zurück schon Bis an das Häuschen gekehrt, wo die Kindlein munter ihm spielten, Und wo die Mutter auch saß auf der Bank in schlimmer Erwartung. – »Flugs hervor nun die Ziege! Da kauft mir um Baares der Freund sie. Träume sind Fäume nicht stets, und ich will's versuchen das Letzte!« – Seufzend hört den Entschluß, hört barschere Worte des Mannes, Als nicht irgend zuvor, die getreue Verena; noch flehet, Flehet sie, weint, und vermag im Schluchzen nicht fürder zu bitten, Winkt dem Liebling noch, Margretchen, dem rosigen Mägdlein, Sieht, wie vergebens auch es an den Vater mit Kosen sich anschmiegt, Sieht, wie das Knäblein freundlich zum Abschied herzet ihr Hausthier, Welches die Kinder genährt seit Monden, und immer ergiebig, – Sieht's, und vergeht vor Kummer, und sinkt tief schweigend zur Bank hin; Während die zitternde Hand des wild entschlossenen Mannes Kampf in dem innersten Muth an den Tag legt, da sie zur Losung Weigerlich fast sich erhebt, als gölt' es den Sold um Verbrechen. Jammer! nun ist's vorbei, der gewaltige Fleischer geht niedwärts, Führend am Strick mit Zerren die widerspenstige Milchgeiß. Und vom Preise schon nimmt, von dem kärglichen, Günther die Hälfte, Scheu sie sofort darwerfend der Mutter in's faltige Vortuch: »Hause nach Kräften mit dem! und ich brauche zum Graben den Rest mir.« Sprach's, und enteilt dem Weh, das, nah' zum Entsetzen, hereindroht, Da mit der Ziege die Milch, die so süß erquickende Labung, Sie, die letzte, nun schwand, und Mangel unbändiger drängte. Günther in Flucht zieht schnell des beschwerlichen Pfades bergaufwärts, Dort in's moosichte Hüttchen zu Jost einkehrend, dem alten, Welcher getreulich stets bei dem arbeitseligen Werke Half, durch das Felsengestein am Zinken zu treiben den Bergschacht, Wo dem Krystalle sie nach voll Starrsinns wühlten zum Abgrund. Und sie vereinen sich bald, sie beschicken geheim den Bedarf sich, Hirtenspeise, Geräth zum Licht im Dunkel der Grube, Klopfel und Eisen, und gar auf nächtliche Rast die Bedeckung; Daß nicht irgend des Schlummers in weicherem Wollen-Gelieger Sehnend erwachtes Verlangen sie fort – dem Stollen entlocke. Doch, was mächtig voraus dem Sprenger der Felsen ja noth ist, Wagen sie nicht zu beschicken, die Saat zerstörenden Donners; Bang, daß etwa doch rings im Gebirg ein zu Neidischer lausche. Jetzo, verborgneren Steig am Bergjoch wählend, im Mondschein Klimmen sie heimlich hinan, und erreichen, und kreuzen den Gletscher, Flugs sich drüber auch schon zum Schachte vorsichtig erhebend. Da nun zünden sie Kerzlein an, und beschauen die Wände Sammt dem Boden, durch den hinmurmelt' ein seichtes Geriesel, Quellend aus Felses-Ritzen zuhinterst im Grunde des Stollens. Wohl war hoch da nunmehr des Gewölbes oberste Schweifung, Wohl auch starrten getrennt weitab die behauenen Seiten; Doch auf der Sohle des Ganges nach solch unsäglichem Abmüh'n Lagen nur Stücklein erst von Krystallen, gering und zerbrochen, Wie verschmähend zuvor selbst Günther, zusammt den Gesellen Hin zur Erde sie warf, viel besseren Hortes begehrend. Da mit dem lauernden Blicke durchspäht voll Ahnens den Raum sich Günther und staunt: o wie ganz hat Alles der Traum ihm verkündet! Alles so ganz und so klar! und es fehlt nur hinten das Sternlein, Wo sich der Schacht abschließt, und die Gräber, zu Graben verzagend, Inne gehalten, um rechts, und um links in's Tief're zu sprengen. »Jost! ich vertraue mit Gott!« – ruft Günther, – »laß uns beginnen Dort im finstersten Schlunde! Da, mein' ich, leuchtet mein Glücksstern. – Nicht um mich zwar mein' ich es, nein! um Weib und um Kindlein, Die, zu verwegen, ich tief hinstürzt' in Jammer und Armuth.« Also betrieben's die Zwei, an versäumterer Stelle gewerbsam Jetzt mit dem Meisel, und jetzt mit des Bickels mächtigem Schlage Vorzudringen im Stein, und hielten sich klüglich verborgen, Nicht ausräumend den Schutt, vielmehr in der vorderen Höhlung Schlau ihn zu häufen bedacht. – Auch selber im Schweigen der Nachtzeit Wagten nicht mehr sie hinaus von dem Schacht in freies Gebiet sich Dort am Felsabhang, und auf hartangrenzendem Eisfeld. Kümmerlich aßen genug sie des Tags; – kaum schliefen allnächtlich Wenige Stunden sie hin, unablässig schaffend dann fürder, Fürder das Werk: – und so vollendeten drei sie der Wochen, Nicht vom Fremden geseh'n, vom Jäger nicht, oder dem Hirten, Welche des Weges gar oft durch Zufall schritten vorüber. Und wie die vierte begann der schwer abmühenden Wochen, Klang's mit einmal hohl, klang hohl, wo der Bickel hineinschlug, Klang dem Herzen der Gräber wie Laut paradiesischen Sanges. Reichlicher sickerte jetzt aus der Tiefe das Wäßerchen; einwärts Hinten in hallende Weite, nicht vor zum Fuße dem Sprenger, Rollt' ein Stück des Gesteins, das der Meisel kräftig durchdrungen; Einwärts fiel das Gebröckel zuletzt, was irgend sich losriß, Unter den Eisen, die rasch mit beschleunigtem Drange schon wühlten. Bald, wie der Kummer zuvor, umschnürte da frohes Erwarten Günther dem Armen die Brust; – mit Schwüngen uralter Gewaltskraft, Aehnlich den Streichen, die dort von Hellparten zu Sempach ergangen, Schlug er den Bickel hinein in's Felsengeschieb, zersprengend Was noch hemmte den Blick, und den Fuß noch hemmte, zum Keller Edlen Krystalls hindurch – ganz durchzubrechen mit Siegslust. Als er die Scheidwand nun bis zum Klaffen gesprengt, daß die Hand er Leicht mit der Lampe, – zu späh'n, – und das Haupt vorstreckt' in die Höhlung, Wunder! ach, wie beglückt, wie Staunens trunken, wie sprachlos Starrt' er hinein! – Unmöglich! das ahnte dem Kühnsten ja nimmer. Tausendfältig erglänzt aus zahllos hinter einander Zahllos ragenden Säulen und Spitzen des reinen Krystalles Licht; – und das arme, bescheidne, das sanft ausstrahlende Lämpchen Wird ein Stern, selbstleuchtend, der Welten von Sternen beflimmert, Und, wie die Hand sich rührt, frisch andre hundert zu Tag ruft, Farbig gespiegelt, gebrochen, dem Himmelsbogen vergleichbar. Nimmer war solcherlei Pracht vor Sterblicher Augen entglommen: Centnerlasten, und klar, wie des Demants herrlich Gebilde! Selten ja traf im Gebürg – auch emsig mit Spüren, – ein Gräber Fußhoch, ledig von Nebel und Schnee, des Gewichtes, was lüpfend Auch noch ein Kind aufhebt, – gar selten nur traf im Gebürg so Drusen Krystalles ein Mann, hoch glücklich ob solchen sich preisend. Jetzt, – unermeßlicher Schatz, wie Königen wohl er geziemte, Günther dem Hirten beschert! – noch kann er's nicht sich erfassen. Thränen entthau'n der Wimper: »O wärst du hier oben, Verena!« Schüchtern und leise zurück das Haupt dann aus der Krystallkluft Zieht der Erstaunte; sofort hinein auch wieder es reckend, Weil's undenkbar ihm scheint, daß der Hort nicht trügend davon schwand. Aber er bleibt. – Und zu Jost, dem wackersten Alten, gewendet: »Lieber Geselle!« beginnt aus herzlichem Triebe da Günther, »Ach, dieß Eine noch thu, wie du viel des Guten gethan mir! Steige hinab, – und mein Weib und die Kindlein tröste dort nieden; Sage, was Gott uns gönnt; vorüber sei Darben, sei Kummer! Sprich, mein leitender Stern, aus des Traumes bedeutsamen Nächten Habe gestrahlt zum Heil, und ich wolle gedenken hinwiedrum Deß, der Hülfe bedarf; o gedenken nach Kraft, wie der Vater Droben nun mein ja denkt, und mich rettet aus Angst der Verzweiflung! – Spute dich, Treuer! Dein Lohn – vollwichtig – ist dir bereit hier.« Solches antreibend mit Sturm dort Günther, noch tief in dem Schachte; Denn er bewahrt sich 's bang das bescheidne, gediegene Kleinod, Stets mißtrauend so holdem, so nimmer erhörtem Geschicke, Wie ja nicht Mären sogar aus der Vorwelt irgend es rühmten. Jost enteilt. – Da versank, anbetend, still in Bewundrung Göttlicher Gaben und Wege der Ueberbegabte: »Du Herr, führst Wundersamlich! O, sei zur Stunde des Glückes mein Helfer, Daß ich's brauche mit Rath, auf immer den Meinen gedeihlich. Frevelnd folgt' ich der Sorgen unbändigem Drang, und der Thatgier; Aber die Gnade hat sanft aus Gewirr, aus Noth mich erlöset.« * Ernst Much Aufblick. Hinauf, hinauf den Geistesblick gewendet! Dort muß es sein, was deine Seele sucht, Dort, wo der Erde Staub uns nimmer blendet, Wo blöder Wahn nicht unserm Glücke flucht! Dort wird des Lebens Irrsal einst geendet, Und reif genießt der Mensch die Götterfrucht; Was ihm hienieden nimmermehr gelungen – Dort hält er's fest in ew'ger Kraft umschlungen. O! zweifle nicht! es ist kein trüglich Wähnen, Was dir im Traum durchschauerte die Brust; Nein, eine Heimath finden deine Thränen, Die sie verklärt zu überreicher Luft; Nur fühlen kannst du hier, und gläubig sehnen, Der Wahrheit wirst du drüben dir bewußt; Dort lodert hell und ewig ihre Flamme; Doch du erzieh' die Blüthe hier zum Stamme. Auf! lebe, ringe, wage, dulde, sterbe! Zum Kampfe tratest du in's Leben ein, Doch wird dein Leiden der Vergött'rung Erbe, Und Wahrheit prüft dich durch den muntern Schein. Der Erde Güter sind nicht dein Gewerbe, Die Ewigkeit lädt zum Besitz dich ein; Einst, wenn gepilgert du von Ort zu Orte, Eröffnet sie dem Müden ihre Pforte. O Sonne! Königsthron des ewig Wahren, O Sterne, seiner Schläfe Herrscherkranz! O leitet mich zum Heiligen und Klaren, Von fern nur zeigt ihn mir in seinem Glanz! Erhaltet mir im Strome der Gefahren Die tiefe Ahnung seiner Größe ganz; Und wenn ich so sein Bild in mir gefunden, Dann laßt mich von dem Erdenweh' gesunden. * Liebe. Hast du gekostet die Lust der ersten, erwachenden Liebe, O so verstehst du das Wort, das dir verkündet der Sang! Lange flattert der Schmetterling mit lieblichem Leichtsinn Jeglichem Beete wohl zu, wo sich ein Blümchen erhebt. Fröhlich wiegt er sich auf des Mai's balsamischem Duftmeer, Keinem der Kelche ergibt treu sich der flüchtige Dieb. Und ihn ergötzt der Wonne Unendlichkeit, die er durchirret, Stolzer in Helios Glut pranget der Fittiche Gold. Aber nun nahet der Tag, da faßt ihn ein ernsteres Sehnen, Unter den Kelchen erwählt bald er den Liebling sich aus. Und ihm verstricket der Flügel sich im Dorne der Rose Und die Lilie schließt freundlich den Busen ihm auf. Treu nun kehrt er zurück zur Holden, die ihn gefangen, Was er auch Süßes genippt, bringt er ihr zu von der Flur. Also stehet der Jüngling auch am scheidenden Pfade, Der aus des Knaben Gebraus schaffet den zarteren Drang. Um ihn ist die Welt nun so eng, die unendlich ihn däuchte, Andere Spiele ersinnt listig der freundliche Gott. Stimmen der Wehmuth klingen ihn an aus verschleierter Ferne, Und, zu Vertrauten erwählt, sprechen die Steine mit ihm. Und sie leuchten hinein in seines Busens Gewoge, Singen zu seinem Lied, lispeln die Klage ihm nach. Sieh' wie beugt sich der Stolz, der Alles zermalmende, wilde, Unter der Liebe Gesetz, unter der Anmuth Gewalt! Thränen voll Leben und heißen Gefühls und höchsten Entzückens Drängen, wie Ebbe und Fluth, wechselnd die pochende Brust. An das Ufer wallt er hinab, und einsam erhebt sich Zu dem Rauschen der Fluth manch ein begeistertes Lied. Fern wie das Ufer, so wähnt er das Ziel, nach dem er sich mühet. Aber wie Flötengetön ruft's ihn an's seelige Land. Hoffe, hoffe mein Herz, nicht grausam fürwahr ist die Liebe, Aber die Götter sie sind feindlich der Liebenden Bund. Jedes Herrliche muß im heißen Streit sich erringen, Aber die Liebe sie ist stärker denn Göttergewalt. * Adolf Ludwig Follen Die Siegskapelle beim Stoß Hier sprach im schweren Drang Das Herz ein kühnes Wort! Es rauscht's im Orgelklang Die Siegskapelle fort. Hier rief der Schlachtdrommete Blasen Die Freiheit auf den feuchten Rasen; Hier trat sie fest vor ihren Heerd Mit nacktem Fuß und nacktem Schwert. Noch schwankt' im Schlachtengrau'n Des Sennen schmetternd Beil, Da brachten kühne Frau'n Von Oben Sieg und Heil; Hier bot ein Ritter sonder Tadel, Die Hand voll Herz dem Hirtenadel: Da stob die Knechtschaft ab den Höhn, Wie Spreuer vor des Berges Föhn. Noch schmückt des Landes Stirn Der Hügel grüner Kranz, Noch glüht der Sentis-Firn Im ersten Siegerglanz. Mag ewig dir die Scheitel glänzen, Du Wächter an den Schweizergränzen, In deinem Jagd- und Siegsgewand, Da freies Appenzeller-Land! * Die schmerzenreiche Mutter. (Stabat mater dolorosa.) Stand am Kreuz die schmerzenreiche, Thränenhafte, kummerbleiche Mutter, wo der Heiland hieng; All' des Sohnes Marter leidend, Tiefer stöhnend, als ein schneidend Schwert ihr durch die Seele gieng! O wie traurig, grambeladen, Hochgesegnet Weib der Gnaden, Das den Eingebornen trug! Schmerz zernagte die Geplagte, Wie sie klagte, wie sie zagte, Als ihr Sohn die Pein ertrug! Lebt auch solch ein fühllos Harter, Trocknen Augs zu sehen die Marter, So der Mutter Brust zerschnitt? Wer möcht' Unser Lieben Frauen Herzleid ohne Mitleid schauen, Als mit ihrem Kind sie litt? Für des eignen Volkes Schulden Sieht sie Jesum Pein erdulden, Der den Leib der Geißel beugt; Ihren süßen Sohn erblassen Sieht sie, sterbend gottverlassen, Da sein Geist von hinnen fleugt. O du Mutter, Born der Gnaden! Laß' im wilden Schmerz mich baden, Daß ich deinen Kummer trag'; Ach, gieb meiner Seele günstig, Daß den Christ sie liebt inbrünstig, Ich auch ihm gefallen mag! Heil'ge Mutter! all' die Wunden, So der Herr am Kreuz empfunden, Heft' in's Herz mir heftiglich! Laß mich schlagen, mit dir klagen Schmerz und Plagen, die getragen Dein hochwürd'ger Sohn um mich! Nimm mein Weinen zu dem Deinen, Laß' mich Ihm im Kreuz mich einen, Streben all mein Leben lang! Neben dir am Kreuz zu stehen Als Genoß all deiner Wehen, Fleh' ich dir mit Herzensdrang! Hehre Jungfrau-Königinne, Gieb mit gnadenreichem Sinne Theil am Jammer um den Sohn! Sein Verhängniß, Sein Bedrängniß Sei, wie Dein, auch mein Empfängniß, All sein Leiden sei mein Lohn! Laß mich seine Wunden tauschen, Mich an diesem Kreuz berauschen Durch die Liebe zu dem Sohn! Mich Entflammten, mich Durchglühten, Wollest, reine Magd! behüten Vor des Weltenrichters Thron. Gieb mir dieses Kreuz zur Stütze, Daß mich Christi Tod beschütze. In der Gnadengluth geweiht! Schaffe, wann der Leib erstorben, Daß der Seele wird erworben Paradieses Herrlichkeit. * Büttisholz. »Topp,« spricht der Gundoldingen; »erzählt Ihr uns den Schwank, Den Engelländer-Becher nehmt hin zum Sängerdank.« Halb-Suter von Luzerne, hei gar ein fröhlich Mann! Hoch schwang er seinen Becher, den leert' er und begann: »Wolher denn, freie Seelen! ich sing euch guten Spruch; Wolher, biderbe Schweizer! es klingt Vom Entlibuch; Von Kolben, Hallebarten, von keckem Ritterstolz; Vom Burger, Senn und Bauer, es klingt vom Buttisholz. Der Couch kommt gefahren, von Frankreich fährt er aus, Heut gilt's dem Oesterreiche, dem Habigsburger Haus; Engländer, Hochburgunder, Lothringer, Flandermacht; Herr Ingelram von Couch hat sie zu Feld gebracht. Nun tagt zu diesen Tagen die Eidgenossenschaft: Ob Schweiz dem Herrn entgegne Schutz- oder Trutzeskraft? Deß fleht der Oesterreicher: – gar freundlich selben Tag: – Daß ihm der starke Schweizermann sein Aargau schirmen mag. Da sprach für Unterwalden, Luzern und Uri, Schwyz – Uralter Schweizerfreiheit Stammheerd und Felsensitz – »Es that der Couch nimmer dem Schweizer widerhold; So that zu Schimpf ihm immer der Herzog Leopold; Man mag des Feinds gewarten wol an des Landes Bann; Bei Alpnach, im Morgarten find't er den Schweizermann; Waldstetten ficht für Freunde, bei Laupen floß sein Blut; Waldstetten ficht für Freiheit, nit für den Fürstenhut.« »Ihr mögt der Marken wahren,« spricht Zürich da mit Bern; »Nie schlugen uns're Schaaren zu Gunsten fremder Herrn; Aargau ist Vordermauer um unser offen Land: Deß wappnet Bern und Zürich und hält dem Couch Stand.« Der Couch kommt gefahren mit Feuer und mit Schwert; Elsaß wirft er nieder, schädigt Flur und Heerd; Ward Hab und Gut und Ehre von roher Kriegesfaust, Was Menschen lieb und heilig ist, verbrannt, geraubt, zerzaust. Vorwärts fährt der Couch; halb Frankreich wälzt er her; Vor blitzt im ehernen Himmel Englands güldne Wehr: Zu Basel auf der Mauer drei ganzer Tage lang Sehn Sie den Couch fahren gewappnet und gedrang. Dort in den hohen Klausen, im wilden Hauenstein, Im Blauensteiner Felsthal, im stolzen Falkenstein, Dort halten Herrn und Knechte dem Herzog Ritterwacht; Von Kyburg und von Nidau der großen Grafen Macht. Entsetzen faßt die Knechte, Entsetzen faßt die Herrn, Sie flieh'n in Herzensängsten zum Waldgebirg, gen Bern; Der Couch durch den Engpaß in's Aargau rasch heraus! Das läßt die Waffen sinken; der Herzog – fährt nach Haus. Vom Neuenburger Wasser bis an den Zürichsee Liegt auf dem Land der Couch mit Kriegsgedrang und Weh; Zu Breisach duckt der Herzog, ihm geht der Wind zu scharf: Deß ihm der starke Couch die Lande niederwarf. Der Herr vom Wappenhandwerk, das ganze Ritterthum Pflückt hinter dicken Mauern der Friedenskünste Ruhm; Doch manch ein Ritterhäuslein an Couch's Lanze barst: Es zieht voll Zorn gen Zürich, gen Bern der Burgerharst. Da kam die Mähr ins Entlibuch: »Es ist die wilde Schaar Im Rußwyl eingebrochen.« Nun steht das Licht am Haar; Dreitausend Engelländer, sie ziehn in hellem Lauf, Die feinsten Kriegsgesellen, das Entlibuch herauf. Ha Bauersmann, ha Senne, schmilzt dir nun auch der Trutz? Suchst, wie im Thurm der Junker, im Felsenschnee du Schutz? Verlässest Heim und Hütte zu Jammer, Schmach und Fluch? – Mit Nichten, das sei ferne; auf steht das Entlibuch! Nun war die Jugend drüben, ob ihrer Tagherrn Schluß: »Man soll der Marken wahren,« voll Eifer und Verdruß; Doch als der Entlibucher, der Nachbar, Feuer! rief: Schlich manch ein Bub von Haus und Hof, indeß die Mutter schlief. O Unterwaldner Jugend und du von Stadt Luzern, Wo heller Stahl auf Eisen geigt, wie tanzt ihr da so gern! Drum schlich manch junger Bauer von Ob und Nid dem Wald, Sprang von beschloss'ner Mauer manch junger Burger bald. Ja, tummelt euch zur Stelle! schon schweift durch Thal und Höhn, Der Entlibucher Freiharst, hei, kräftig, schlank und schön! Sechshundert Entlibucher sie lauschen rechts und links, Versteckt in Busch und Tobel, des heißersehnten Winks. Im Büttisholze endlich zog sorglos, unverwacht In ungeschaarten Reihen die Engelländermacht; Die Ritter abgesessen; vorauf die leichte Wehr; Die Häuptling' in der Mitte, sacht hinterdrein das Heer. Die Vorhut kommt zur Stelle, wo, durch Gestrüpp hinan, Sich aus der Tiefe wendet zur Hügelhöh die Bahn: Als plötzlich aus der Lauer der laute Schlachtruf hallt, Als rechts und links aus Berg und Wald Schlachthörnerklang erschallt. Und wie die schlanke Gemse bergab vom Wetterhorn In allerkühnsten Schwüngen herstürzt durch Kluft und Dorn, Und ritzt kein Fels den edlen Leib, und stößt den Fuß kein Stein: So springt in die allererste Schlacht jung Entlibuch herein. Der mächtigen Gestalten seltsamlich Kriegsgebraus, Der unerhörte Schlachtsturm packt manch ein Herz mit Graus; Da stiegen bärtige Köpfe, des Gugelhelms entblößt, Wie wann ein rauher Herbstwind auf Apfelbäume stößt. Die Vorhut liegt am Boden; schon dringt die Axt zum Kern, Hier stehn in ehrnen Gliedern die Engelländerherrn; Sie schießen auf die Bauern, die deckt kein Panzerstahl, Da stürzt, durchbohrt von Lanzen, das Vorderglied zu Thal. Ja, die sind vor den Rittern, die Frankreich umgerannt, Die unter'm schwarzen Edward in Heldengeist entbrannt, Bei Azincourt und Poitiers den Ritterdank erkämpft, Castilia's Burg erschüttert, Hispania's Stolz gedämpft. Hei, wie die Brust von Ingrimm dem Entlibucher schwoll! Sint schlug und stach und focht man recht, als man fechten soll; Da hört man Kolbendonner, Speer- und Schwerterschwirrn, Hört hohe Bauern stürzen, hört Ritter niederklirrn. Bis vor des Bauern schwerer Faust und flinker Hirtenkraft Todt liegt der Engelländer gesammte Ritterschaft! Bei solches dauerhaften Jähzornes Ueberwucht Packt kalter Schreck das Herrnvolk, der wirft es um in Flucht; Auf Ritterrosse springen die Sieger froh gemuth: Wie mäht in fliehenden Nacken die Hellebardenwuth! So jagen sie das Herrnvolk, risch mit verhängtem Zaum, In Einem Ritt vom Schlachtfeld bis zu des Landes Saum. Sie lenken um; sie knieen, wo man gestritten hat; Hier ward dem Gott des Hirten, Obsiegers Goliath. Gesandt als Siegesbote inbrünstig frommer Dank, Und auch auf manche Tode manch Männerthränlein sank. Zur Stelle ward begraben, wer tadellos erlag; Hier wölbt sich, breit erhaben, zu schaun auf diesen Tag, Des Bauern Freiheitsjubel, ein Grab dem Junkernstolz: Der Engelländerhubel beim lust'gen Büttisholz . Sie kehren heim; wie funkelt der Sonne lachend Bild Aus mancher güldner Brünne, manch blankem Silberschild! Wie hehr und stattlich sprengte da manch bäuerlicher Held, Auf stolzem Engelländer im Federhelm durch's Feld! Sie sangen wider die Burgen viel übermüth'gen Schall, Die müssen Bauernlieder nachsingen im Widerhall; Um Ritterthurm und Zinne schilt manch ein scharfer Reim: »Der Bauer zieht zu Felde, der Junker bleibt daheim.« Voll Neid und Schaam und Unmuth und adeligem Zorn Schaun auf die reiche Beute die blanken Herrn vom Sporn; »Ach edler Herr von edlem Blut,« so seufzt ein Held im Schloß; »Wie, daß in Deiner Rüstung ein Bauer sitzt zu Roß!« Das hört ein frischer Bursche vom edlen Entlibuch, Der bot dem Herrn von Dorrenberg höchst bäuerlichen Spruch: »Das ist Euch also kommen, mein Junker kühngemuth! Wir gossen unter einander heut Pferdblut und edles Blut.« * Des Arnold von Winkelried Opfertod (1386, 9. Juli.) Im Harst von Unterwalden da ragt ein Heldenkind Hochhäuptig über Alle, die selbst gewaltig sind; Schön steht er, wie der Engel des Herrn vor Edens Auen; Finster und verschlossen, fast grausig anzuschauen. Er lehnt an seiner Lanze, als galt ihm nicht der Streit; Er schaut wohl nach den Bergen, schaut in die alte Zeit, Wo Kuhreihn und Nugguser, nie Schlachtdrommete scholl, Gar still die Väter wohnten, bis fremder Hochmuth schwoll! Es blickt wohl seine Seele nach seiner Väter Saal, Wo in dem Kreis der Kleinen sein züchtiglich Gemahl, In Thränen für ihn betend, Schmerzensgedanken sinnt, Ihn mit betrübtem Herzen in Gott vor Allem minnt; Er schaut wohl durch der Feldschlacht Funken und Wolkendunst, Wo nackte Tapferkeit erliegt gepanzerter Fechterkunst; – Nun waren seine Blicke mit Düsterniß erfüllt: Wie wann sich gegen Abend ein Berg in Wolken hüllt. Bewegt in tiefstem Herzen war dieser Schweizermann; Doch was im Schmerz der Liebe die große Seele sann: Das ward noch nie gesonnen, das singt kein irdisch Lied; Denn dieser Mann ist Arnold Struthan von Winkelried! Das war sein Ahn, der Struthahn, der laut gepries'nen Sagen, Des Landes Angst und Plagen, den Lindwurm hat erschlagen; Er that, was Keiner mochte im ächten Rittermuth. Das ist, dem armen Hirten, dem Bauersmann zu gut. Ein Andrer seiner Väter mit auf dem Rütli schwur, Dort wo am tiefen Wasser auf heiliger Wiesenflur Im Mondschein ist erwachsen, im engelreinen Reiz, Das edel unvergänglich Vergißmeinnicht der Schweiz. – Herr Arnold löst den Panzer, der seine Brust umspannt; Er stund vom Haupt zur Sohle in lichtem Stahlgewand; Es fällt die schwere Brünne klirrend in's Gefild, Und über die Schultern wirft der Held den großen Drachenschild. So wendet sich Herr Struthahn zu seinem theuren Volke, Und schmolz aus seinem Auge des Harms und Zweifels Wolke, Und schmolz aus seiner Seele, wie Oel im Flammenkuß, Der alte Wahn der Sünde, zerschmolz das Will und Muß. Ihm ist, als schaut er sausend verschwinden Evens Baum, Den Kreuzesbaum des Lebens durchbrechen Zeit und Raum; Sieg thront auf seiner Stirne; das Heldenauge glüht, Wie an dem ersten Morgen die Sonne Gluth gesprüht. So aber hat der Arnold sein großes Herz erschlossen: »Gestrengen und biderben, lieben Eidgenossen! Sorgt mir um Weib und Kinder; will euch n'e Gasse machen!« Und an die Feinde springt er, wie der Ahnherr an den Drachen! Da scheint der Held zu wachsen, breit, übermenschlich lang, Im schauerlichen Funkeln; mit Einem Satze sprang Gen Feind des Drachentödters Kind in gräßlicher Geberde, Und unter dem Helden bebt und jauchzt die freie Schweizererde! Da hing am hohen Manne das Augenpaar der Schlacht; Da waren seine Blicke zu Blitzen angefacht; So funkelten die Flammen, die Gott vom Wolkenschloß Auf Sodom und Gomorra im Zorn herunterschoß. Und seiner langen Arme simsonhafte Kräfte Umklammern, weit ausgreifend, Ritterlanzenschäfte; So drückt er seinen Arm voll Tod, o Lieb' in Todeslust! Drückt all die blanken Messer in seine große Brust. Er stürzt, ein riesiger Alpenblock, wuchtend in die Glieder, Und rings die Kampfesbäume zermalmend wirft er nieder. Dein Arnold stürzt: du bebst und stöhnst im Mutterschmerz, o Haide; Doch wilder bebt dir, Oestreich, das Herz im Eisenkleide! Wie wann in schwüle Mitternacht Berg und Thal sich mummt, In tiefen Odemzügen des Lebens Mund verstummt: Dann plötzlich durch die Finster fährt der Wetterschein, So brennt mit einem Schlage der ganze Tannenhain; Also zerfleugt, wie Höhnrauch, Zweifel, Angst und Wahn, Und jede Schweizerseele ist wieder aufgethan; Und was da schlief im Herzen in wunderlicher Nacht, Bricht aus in tausend Kerzen, ist Licht zum Licht erwacht! – Ein Augenblick Erstaunen; Schlachtendonner schwieg; Dann schrei'n aus Einem Munde die Schweizerharste: »Sieg!« Und ab den Höhen wälzt sich heißwogende Menschenmasse: »Auf, an die Arnoldsbrücke! auf, durch die Struthahnsgasse!« Und über Arnolds Nacken fährt in den weiten Spalt, Wie Wirbel wühlend, Stoß auf Stoß, Schweizersturmgewalt; Und über Arnolds Leiche bricht durch ein wilder Harst, Und Oestreichs Eisenmauer aus Band und Fuge barst! Es lag der große Todte, wie ob Geklüft und Wogen Sich reckt die stäubende Brücke; wohl schwankt und dröhnt der Bogen; Wohl donnert's aus der Tiefe; Dampfwolken heben sich; Doch sicher trägt die Brücke zum schönen Wälschland dich. Weh, daß der Regenbogen, der Wetterfrieden macht, Bevor des Himmels Klarheit aus mildem Auge lacht, Kaum daß er uns verkündet den süßen Friedegruß, Mit all' den holden Farben alsbalde sterben muß. * Huldreich Goll Des Hirtenknaben Herbstlied. Ade, du holde Weide, Im grünen Sommerkleide So jung und wohlgestalt! Die Schwalben ziehen weiter, Du lachest immer heiter Aus Blumen, Busch und Wald. Du magst es nicht erwenden, Es weht aus allen Enden So kalt in dich herein, So kalt durch deine Bäume, Durch deine Blüthenträume, Bis in mein Herz hinein! * Jungfrau Schnee. Bist mit hübschem Mantel kommen, Zu bedrängter Saaten Frommen, Wohlgefaltet und gelind, Reich besetzt mit Edelsteinen, Ausgemalt mit Sonnenscheinen; Machst mir fast die Augen blind! Hei, wie Jung und Alt sich schaarten! Ball auf Ball und Fahrt auf Fahrten, Dir zu Ehren angestellt! Knaben woll'n dich herzen, drücken, Sich mit deinen Blumen schmücken, Lautjuchheiend durch die Welt! Nur wir armen Sänger klagen; Vögeln und auch mir behagen Will mit nichten diese Maid; Kann zu meinem Lieb nicht gehen, Wie doch immer sonst geschehen, Denn verräth'risch ist der Neid. * Joseph Anton Henne Des Novizen Mailied. Ich sehe, wie in stiller Feier, Die Erde eine holde Braut, Liebreizend im Vermählungsschleier Aus Lenzens Armen schmachtend schaut. Die weißbekränzten Locken beben, Im blauen Aug' blüht Lust und Leben; Mir fehlt es doch, es fehlt mir doch. Wenn in des heil'gen Tempels Hallen Der Geist zum Kreis der Engel schwebt, Die hohen Orgeln stürmend schallen, Und der Altar in Rauch erbebt, Dann seh' ich heil'ge Hochgestalten Vor meinem Auge sich entfalten; Mir fehlt es doch, es fehlt mir doch. Ein Freund ist fest an meinem Herzen, Ganz meine Seele, warm und groß. Mit mir in Lust, mit mir in Schmerzen, Seit meiner Jugend wandellos. Mehr als die Welt ist mir der Eine; Doch auch an seiner Brust ich weine: Mir fehlt es doch, es fehlt mir doch. Ich fühle Kraft und Dichtergabe, Ein offnes Aug' und freie Brust, Zu schau'n, was dort ist hinterm Grabe, Hinab zu schau'n mit heil'ger Lust. Was meinen Busen mag bedrängen, Ich sing es aus in deutschen Klängen, Es fehlt mir doch, mir fehlt es doch. Kein Laster scheuchet meinen Schlummer, Mir bringt die Reue keinen Schmerz; Doch kenn' ich Thränen, kenne Kummer, Von Seufzern pocht das junge Herz. Wem pocht es mit so warmen Schlägen, Wem bangt das Zährenaug' entgegen? Du heil'ger Gott, was fehlt mir noch? * Austritt aus dem Kloster. Bin ich wieder bei dir? ist's wahr, ich habe dich wieder? Bin, von der Fessel befreit, da in der freien Natur? Bist du's, o heimisches Thal, umragt von graulichen Bergen, Wo an der Hügel Brust reifet der röthliche Wein, Wo den friedlichen Pfad umwogen güldene Saaten, Wo das Städtchen am Bühl traulich den Bäumen entsteigt? Bist du's, und kennst du mich noch? mir schaurt durch jegliche Nerve Freude und Thatenlust; frei bin ich wieder, bin frei! Stehe von Neuem am Lebensthor, und vor mir das Weltall; Möcht' es umarmen in Lust, möchte ihm rufen: bin frei! O, es ist wohl ein köstliches Ding um die männliche Freiheit: Sklave ist Nichts als der Tod, frei ist das Leben, der Gott. – O, so sei mir gegrüßt in deiner lieblichen Röthe, Abend! mir sagt es dein Aug', daß ich nicht träume. Es ist! Hast mit der Wehmuth Hauch oft meine Seele umflüstert, Wenn der Jüngling allein wallte auf thauiger Flur, Süß in Staunen versenkt, sich verzehrend in ewigem Sehnen, Sanft umgaukelt vom Bild, das ihm die Seele ergriff. O dann thränte mein Aug', und ahnender pochte der Busen, Und an die Mutterbrust sank ich dir, heil'ge Natur! Du auch grüßest mich noch, o Stern am graulichen Himmel, Ueber der dunkelnden Mugg, hoch an den Hörnern der Alp. Wie erscheinst du mir, Zeit, die zuerst mit lächelndem Auge Sanft den Säugling gegrüßt, als er erblickte den Tag! O, wie lebte ich da mit meinen Lämmern so harmlos, An der Basathienwand, neben dem rauschenden Rhein, Als ich mit Oswald noch, viel Stunden um Fittige flehte, Dann um ein weißes Roß, um ein Liebchen, ein Schwert. Sinnend entriß ich mich da der Gefährten tobenden Reihen, Irrte im Eichenhain, oder am donnernden Fall, Wo die Flina entstürzt mit schaumigem Tosen der Bergfluh, Wo die Seruna herab strudelt aus grünem Gesträuch, Röthliche Fahne, sei du mir gegrüßt, die der Vater mir machte, Die vom Schlosse herab wehte in jubelnder Schaar, Wenn wir vernahmen von Werdenberg, von Ragaz und von Näfels, Und zu der Grafenburg blickten mit Staunen empor! Ganz dann kehrte der Heldengeist, und die Tage der Alten Stiegen flammend vor mir über den Gräbern herauf. Da ward weit mir das Herz; wie schwärmerisch horcht' ich der Vorzeit Lieder vom Reckenstreit, Sagen von Minne, von Muth! – Aber es riß mich hinweg, in die stillen Mauern von Pfävers Barg sich der brausende Muth, barg sich das rasche Gefühl. Du nur weißt es, o Stern, du freundliches Auge der Mittnacht, Einsame Zelle, nur du, du nur, o traulicher Mond, Wenn du geschwebt ob dem Monteluna in heiterer Ruhe. Was ich geduldet im Streit gegen den Menschen in mir, Welcher gewaltig erstand, den Aberglauben bekämpfend, Der zum Opfer dem Gott schlachtet das schönste Gefühl; – Wie ich zum Alpengebürg, zum Steingebilde emporsah, Wo es in eigener Kraft wandelte, flammend und frei; Wie ich beneidete, ach, am Fenster der Zelle den Finken, Wenn er dem Träumenden rief: Frater, die Schöpfung ist frei! Dort, in einsamer Nacht, dort rief mich die heilige Norne, Stand, aus der Höhe ein Bild, schön wie Iduna, vor mir, Rief aus der Zelle mich fort, in den Streit, in tobende Stürme, Um zu erproben die Kraft, die in dem Busen mir schlief. Da gedacht' ich, entzückt, den herrlichen Preis zu erringen, Mir zu erstreiten den Kranz, oder zu sterben im Kampf. Und die Kutte, ich legte sie weg, und das heil'ge Brevier weg, Warf in die Fluth mich mit Gott, bin an dem Strande und frei! – Bin ich wirklich am Strand? Du Zauberin, holde Erinn'rung, Schön wie das Abendroth, schaust du auf Trümmer der Zeit. An dem Felsen, da klomm' ich an, und vor mir unendlich Dehnt sich und hinten das Meer, ringsum und überall Meer! Kannst du wohl trügen, du Feu'r in der Brust, du Kraft in dem Arme? Kannst du trügen, du Gott, der in der Ader mir glüht? Diese Thräne den Träumen noch der lieblichen Kindheit! Freudiges Wiederseh'n! Seht ihr Sie schweben? Sie winkt! Freundlichen Gruß denn zuvor, und die Hand, mein künftiges Schicksal! Rings um das Wasser ist Land! – Hurtig die Brandung hinab! * Der zweite Kuß. Wer cha wer rotha? losed still! I gah vo Hus zu Hus; I mag studiere wie-n-i will, I chumma halt nid drus. I ha mys Rikeli do leisthi Am Brunna gchüßt bym Bank; Das Chüssa mueß doch gföhrli sy, Denn 's Rikeli ist no chrank. U wo-n-i goh, ischs niena meh, Bis ichs am Samstig spot Alei i's Vetters Garta g'seh, Wo's i de Reba stoht. »Säg, Rikeli, sind au d'Truba guat? De wirst doch au nüt ha?« – Es lächlet undrem Sunnahuat U schwygt u luagt mi a. »Säg, Rikeli, gwüß, es ist der schwer: Ha-n-ich der eppes thua?« Jez rölleled ihm zwei Thränli her, Es deckt sys Gsichtli zua. – »Nei, nei, so chann-i-s nümma gseh, Säg frisch, bist bös uf mich? Schwyg nit, es thuat nu eismol weh. Säg, Rikeli, bin's ich?« – Un i sym Aeugi wird's wie Tag, U hell wird's wie na Stern. »Wie chast no froga? Hansi sag! I ha di nur gar z'gern.« – Sy Lippe treffa myni do, U no-ne-mol, o je! Un wo-n-i's merk, u luag em noh, So gsieh-n-i's nümma meh. Wie bi-n-i jez do hera cho? Wer ist, wo das mir seit? Hät mich e Geist vo Boda gnoh? Hät mich der Wind vertreit? Was muaß au uß mer worda sy? Hät d'Welt si ganz verchehrt? Du Vögeli do im grüena Zwy, Wer hat di pfyfa glehrt? I ha dem stilla Läubli g'luuscht, I höra syni Wort; I weiß, was 's Brünnli seit und ruuscht Im tief verschwignen Ort. Weiß epper au, was 's Vögli seit U 's Sternli i der Nacht? Es rüest sym Schätzli wyt u breit, U chüßts wie-n-ich u lacht. Chumm, Rikeli, chumm nur noch emol! Denn gohts so wyterhi, Muaß ich bym dritta Chüßli wol Im Himmel oba sy – * Der alte Meister. Abgehärmt und bleich die Wangen, Durch den Wind Sänger kömmt daher gegangen, Alt und blind. Hört vom Fürstenschlosse schallen, Lauten Klang, Durch die hochgewölbten Hallen Heldensang; Bettelt unten an der Pforte Rührend leis. Was erhält er? Harte Worte, Kalt wie Eis. Und die Meister singen wieder Krieg und Streit, Wohl das kühnste aller Lieder Aller Zeit. Und der Knabe, der ihn führet, Raunt ihm da: »Sag, was hat dich so gerühret? Weinest ja.« – »Ach, es ruft wie alte Geister Aus der Schlacht, Denn ich bin ja selbst der Meister, Der's gemacht.« Also dacht' er, und sie gingen Wieder fort, Thränen an den Wimpern hingen, Sprach kein Wort. * Ruhe. »Wohlauf, o Knappe! mein schnellstes Roß! Ich will mir Ruhe erjagen.« – So ruft der Ritter gar früh im Schloß – Und kaum beginnt es zu tagen – Der Gutenberger, Karl genannt, Gen eine Dirn' in Lieb' entbrannt. Die Dirn' entführt ihm ein arger Wicht, Der Hohensaxer, der wilde. Er kann die Untreue vergessen nicht, Und trottet hinab in's Gefilde, Und reitet so schnelle Land aus, Land ein; Nicht ruhen will ihm das Herze sein. »Fahr' zu, mein Rappe, in Strauch und Haid, Dem Bilde mich zu entziehen! Was folgest du immer, du Herzemaid? Kannst nicht den Armen du fliehen? Fahr' zu, mein Rappe, fahr' wilder zu! Erjagst wol endlich dem Reiter Ruh.« Wie schwebt wol um ihn das liebe Bild, Will nimmer aus seinem Heizen. Wie treibt's den Armen durchs Rheingefild, Mit heißen, nagenden Schmerzen! Sing' fort mein Lied, was die Märe sagt! Wie hat der Ritter sich Ruhe erjagt? Das Roß, das führt ihn bis an den Rhein, Der liegt in röthlichem Schimmer. Da spornt er das schnaubende rasch hinein, Heraus nur spornt er es nimmer. Hörst brausen den Rhein so wild, so hohl? Frag' nicht um den Ritter, denn ihm ist wohl. – * Goldau. (1806, 2. September.) »Gott! wie's tos't an der Gnyppenfluh, die Halde herunter! Zitter' ich heute doch stets, denn es endet nimmer und nimmer Oben am wilden Gebirg, und sofort unermeßlicher Regen Gießt sich seit drei Tagen herab vom nächtlichen Himmel, Daß von den Höhen rings wildfluthend entströmen die Bäche. Wahrlich, kömmt mir der Mann nicht bald, ich sterbe vor Jammer; Denn so kracht' es da oben noch nie seit Menschengedenken.« – Also seufzet das junge Weib vor der offenen Thüre, Dort in der Sentiweid, ganz oben am Fuße der Bergfluh, Agatha, nun ein Jahr des Mettlers blühende Gattin, Längst hinunter nach Arth war dieser zu Enzler, dem Pfarrherrn, Daß er besegne den Berg; es glaubte der biedere Schwyzer, Kommen wolle vom Gnyppenspitz der gräuliche Fluhgeist, Und verschütten das Thal nach alter Sage der Vorzeit. Dumpf ertos't es im Röthnerbann, und die Steinerbergfluh Scheint wie bewegt; ihr pocht's in der Brust, mit zitternden Händen Schürt sie die Flamme am Herd, die bereitet den ländlichen Milchblei, Gegen die Abendzeit dem harmlos schlummernden Säugling. Und wie die Bleuse am ruhigen Fels so lieblich emporwallt, Glänzt die Wiege im Feuerschein bei offener Stube, Oben das Kreuz an der Wand, und röthlich glimmen die Fenster. Daß sie in Wonne dem Kleinen küßt das blühende Wänglein, Wie ein Engel im Schlaf, in Mariens Arme der Heiland. Emsig schürt sie die Glut, und rühret emsig den Breistoff, Viel auffahrend in Angst; denn freissam trümmert und bohlt es Hoch an der wilden Fluh; es beben ihr alle Gebeine. Wieder tritt sie hinaus, und schaut empor ans Gemeindmärcht. »Lieber Gott, wie das macht! wie's aufwärts rauchet, ein Nebel Ueber dem Schwendigrat, und die Steine rollen vom Bergjoch! Dumpf jenseits am Rigi erschallt's, und noch immer der Mann nicht! Gott, wie ist's unheimlich, allein zu sein im Gebirge! Donnert es, traun, als wolle der Berg herkommen zur Tiefe. – Schau, wer tritt denn heran? was kömmt herein in die Hausflur?« Blühendjung ein Zwergenweib, im Arme lag das Kindlein. – »Agatha, grüße dich Gott! wol grausig ist es hier oben. Hoch vom Berg komm' ich, durchnäßt vom fallenden Regen. Und erfroren mir fast und fast mir verhungert das Kindlein. Willst du von deinem Brei um Gotteswillen mir geben?« – Aber die Schwyzerin schaut verwundert die Frau und das Kind an, Das aus dem Busen ihr blickt mit Augen frisch, wie des Böckleins, Kennt wohl das kleine Geschlecht der höhlenbewohnenden Leute, Hebt das Pfännchen vom Herd, das aufkocht, lauten Gebrudels, Theilt den Kindelein ab, da faßt sie am Arme das Fräulein: »Nimm den Meiretli Meinrad, Name des Knaben schnell! nicht Zeit ist jetzo zu essen. Hörst du, wie's thut?« – Und erschreckend beginnt die zärtliche Mutter: »Donnert's doch oft im Gebirg, und nimmer weck' ich den Kleinen Auf aus dem Abendschlaf, das störte den heiligen Engel.« – Krach! wie der Donnerklapf, durchdröhnt es tief in der Erde, Daß sie zu Boden sinkt. »Hilf Jesu«! das jüngste Gericht kömmt!« – Windschnell ist sie hinein, und mit heiter lächelndem Antlitz Blickt der Knabe sie an, und streckt ihr schmeichelnde Händlein. Ach, da wallt's voll Ahnungsgefühl im Busen der Mutter. – »Knabe, dich hat dein Engel geweckt!« Und sie faßt ihn, und eilet Fort mit der Zwergin. Es tost so wild! sie fliehen gen Abend; Aber die Zwergin ist fort, nachdem sie erreichet den Fußpfad. – Schau, wie taumelt die Gmeindmärchtfluh herunter zum Sanzwald! Schau, wie die Schwyzerin eilt, und hinter ihr donnert der Bergsturz, Näher und näher, o Gott! und unter den Füßen der Grund wankt! Bleichen Gesichts, mit fliegentem Kleid, zart schützt sie den Säugling, Hart vor dem grausen Gerüll, vor dem laut verfolgenden Berggeist, Der durch den Nöthnerbann, und über die Brächen und Gribsch hin, Brüllend in Flammen und Nauch mit dem ganzen Gebirge zum Grund fährt. Hinter der Mutter vorbei, als dürft' er nicht nahen der Mutter. – »Alles ein Grab bis zur Fallenfluh! das jüngste Gericht ist's! Röthen und Goldau sind weg, jetzt wird die Rigi versinken! Weh, schon schwanken die Berge im Grund! Erbarmen, Erbarmen!« – Jetzt wird's fürchterlich still, und immer dunkler und stiller, Hoch an die Rigi hinauf, das weite, unendliche Grab hin. »Ach!« so schluchzet sie laut, und drückt den staunenden Kleinen An den bebenden Mund, an ihren schlagenden Busen; »Allbarmherziger Gott! ich allein lebendig? wo aus nun? Laß mich zu ihm! was soll ich allein auf dem einsamen Weltgrab?« – Horch, es naht, wie ein Mann! und horch, es ruft wie der Vater! Auf der Knabe nun lauscht, und schau, er beugt um die Scheune! »Bläsi, du bist's!« – »Ach, Agatha, du!« – In wildem Entzücken Stürzt der Schwyzer an's Herz des freudebebenden Weibes. »Süße Seele, du lebst? Du bist mir wieder gegeben? Ach, ich glaubte dich todt, und Alles todt und verschwunden, Als ich zurücke kam, und der Bergsturz gegen mich herschritt, Bis mich ein Bergweib faßte am Arm und entführte dem Schutte, Dann mich aufwärts wies, und eben entschwand in die Steine.« Also spricht er und küßt ihr die Lippen in freudiger Wehmuth, Schlingt die Rechte um sie, und nimmt den lieblichen Knaben Ihr von der pochenden Brust. »Du liebes Weib, wie du zitterst! Setze dich nieder zum Stein! ich habe ja gar nichts verloren, Hab' ich nur dich!« – Jetzt steiget die Nacht vom schwarzen Gebirge, Und sie beten gar leis in die Nacht, in die stille Verwüstung. – »Sag' Lebwohl zu der Sentiweid! wir finden ein Obdach Unten in Arth. Es nahm es der Herr, er hat es gegeben.« – Und sie erheben sich leis. Kein Laut, kein Rauschen des Bergbachs, Ach, kein Odem rings! und die Nacht liegt über dem Grab her. Von der Rigi ein Sternlein schaut verwundert herunter, Wo einst Goldau stand. Sie seh'n mit Freude das Sternlein, Wandern dann Hand in Hand hinab die schweigenden Pfade. – * Abraham Emanuel Fröhlich Die Fabel. »Ich durchwandelte die Gassen, Ihre Weisheit zu erfassen; Aber bald hab' ich's gelassen. Was mir etwa noch, im Toben Ueberschrieen und umstoben, Alte Stein und Bilder loben, Davon tönt's im weiten Kreise Laut und leise, klarer Weise, Tausendfach in Einem Preise. Sonnen, Monde, Wolken, Lüfte, Frühlingshügel, Todesgrüfte, Wald und Strom und Blum und Düfte Und der Thiere bunte Schaaren: Alles hör' ich offenbaren, Und Uraltes neu erwahren, Und was noch so golden gleißet, In den Gassen »Göttlich!« heißet, Alles mächtig mit sich reißet: Derlei Vieles hör' ich richten Und verspotten und zernichten Ernst und leicht in Thiergeschichten. Was ich also mir erschauet, Meinem Freunde sei's vertrauet, Der sich' mit mir auferbauet: Einsam durch die Au'n zu gehen: Ihre Bilder zu verstehen, Und sich selber drin zu sehen.« * Lebensworte. Zu dem vollen Rosenbaume Sprach der nahe Leichenstein: »Ist es recht in meinem Raume Groß zu thun, und zu verhüllen Meiner Sprüche goldnen Schein Die allein mit Trost erfüllen?« »Auch aus Grüften,« sagt die Blüthe, »Ruft mich Gottes Macht und Güte, Sein Gedächtniß hier zu stiften. Neben euch, ihr heil'gen Schriften, Ich auch blühe tröstend fort, Ein lebendig Gotteswort.« * Wiederfinden »O du lieblicher Geselle,« Sprachen Blumen zu der Welle, »Eile doch nicht von der Stelle.« Aber jene sagt dawider: »Ich muß in die Lande nieder, Weithin auf des Stromes Pfaden, Mich im Meere jung zu baden. Aber dann will ich vom Blauen Wieder auf euch niederthauen.« * Die Nützlichen. »Unkraut seid ihr;« sprachen Aehren Zu der Korn- und Feuerblume; »Und ihr dürfet euch, vermessen, Selbst von unserm Boden nähren?« »Wir sind freilich nicht zum Essen, Wenn das einzig hilft zu Ruhme,« Sagten diese Wohlgemuthen; »Aber wir erblühn hieneben, Euer Einerlei, ihr Guten, Mannigfarbig zu beleben.« * Kunst und Gunst Zur Ulme steht die Rebe: »Reich mir die Hand, und hebe Mich auf zu Luft und Licht. Was ich empor auch strebe: Gedörn, so mich umflicht, Läßt mich gedeihen nicht. Du bist so groß und mächtig; Ich mache dich noch prächtig! Ich will dein Haus umschlingen Rundum mit einem Kranz, Hinein dir Düfte bringen Und goldner Früchte Glanz.« Die Ulme war gewogen, Hat sie empor gezogen. Und prangt vor andern weit. Darnach als Sturm und Zeit Den Baum daniederbogen, Ward ihm die Reb' ein Stab, Der lang noch Haltung gab. * Zucht. »Nicht laß ich mich zäumen,« Schäumt wüthend das Pferd; »Ich werde mich bäumen, Mich wälzen zur Erd; Und wenn sie mich schlagen, Zerreiß ich den Wagen, Und stürze feldein Durch Klüst und Gestein; Denn besser zu sterben, Als knechtisch verderben.« »Gern ließ ich mich zügeln,« Entgegnet der Springer, »Und Schläge und Stich Verschoneten mich. So ward ich ein Ringer, Und lernte beflügeln Mich selber zum Ziel. Viel besser gefiel Mir, Zucht zu erwerben, Denn zuchtlos verderben.« * Verflachung Kaum der Fluß beginnt den Lauf, Fängt die Wüstenei ihn auf, Doch er bleibt, gedenk der Flühn, Gletscherblau und alpengrün. Und die Wüste, neidentbrannt Ueber solch ein frisch Erblühn, Hätt' ihn gern zum Sumpf gebannt, Wälzt ihm Sand und Felsgestein Hemmend in den Weg hinein. Doch der Jüngling, wie er stritt, Und durchbrach die Felsenschwell, Geht noch stolzer seinen Schritt, Und sein Pfad ist wiesenhell. Jetzt versucht die Wüstenei Ihn auf Weisen anderlei; Oeffnet ihm bequeme Bahn, Lockt ihn schmeichlerisch heran; Und dem Jüngling scheint, bethört, Besser, was, so flach und grad, Nicht ermüdet und nicht stört. Er verläßt den tiefen Pfad, Macht sich breit im ebnen Land, Wird getrübet und verschwand Bald im weiten, öden Sand. * Versorgung. Eingesperrt beim alten Pferd, Das im Radlauf wohlgelehrt, Stampft ein Kriegsroß vor Verlangen, In dem Siegeszug zu prangen. »Sei nicht thöricht!« sagt der Gaul, »Hast's ja ruhig hier, und lug, Hängt das Heu dir nicht in's Maul? Giebt's nicht Hafer übergnug? Einzig hier wohnt wahres Glück; Glaub es mir und meinen Jahren; Täglich hab ich das erfahren.« Und das Roß spricht stolz zurück: »Was hast du denn für Erfahrung? Nichts denn Kreislauf, Schlaf und Nahrung!« * Vettern. Reseda sprach zu Reben: »Wir sind in Allem gleich! Des Blustes Farbenleben Ist beiden nicht gegeben, Die wir so düstereich.« »Doch wird man zwischen beiden,« Erwiederten die Reben, »Noch immer unterscheiden. Bald sterben deine Düfte; Wir blühn erst recht im Wein Mit Gold- und Purpur-Schein, Und hauchen Rosenlüfte.« * Ellengröße. Die Pappel spricht zum Bäumchen: »Was machst du dich so breit Mit den geringen Pfläumchen?« Es sagt: »Ich bin erfreut, Daß ich nicht bloß ein Holz, Nicht eine leere Stange!« »Was!« ruft die Pappel stolz, »Ich bin zwar eine Stange, Doch eine lange, lange!« * Die Leute. Zu dem Winde sprach die Welle: »Unbeständiger Geselle, Alle Stunden hat dein Sinn Sich gewendet anders hin.« Und der Wind sagt ihr dawider: »Dich hingegen muß man loben, Sinnbild der Beständigkeit; Will ich abwärts, gehst du nieder; Kehr ich um in kurzer Zeit, Ziehst du wieder mit nach oben. Bin ich zornig, zankst du weiter; Schweig ich, wirst du still und heiter.« * Streichelhände. »Besser würden mir gefallen Hirschgeweih und Adlerkrallen, Die so majestätisch sind,« Sagt ein eitles Tigerkind. »Nein, mit dem was uns beschieden,« Sprach die Mutter, »sei zufrieden! Beutereicher sind die schlauen Sammetpfoten mit den Klauen.« * Diplomatik. »Warum sind uns Doppelzungen?« Wundert eins der Schlangenjungen, Und die Mama sagt ihm: »Lug, Eine wär uns nicht genug; Denn wir sind unendlich klug!« * Versöhnungsgefahr. Bei den Guten hat schon lange Keinen Glauben mehr die Schlange. Aber sie möcht wieder kommen In den Umgang mit den Frommen. Und sie putzt sich: Perlen schimmern, Gold und Edelsteine flimmern; Und sie kömmt mit leisem Tritte In der Turteltauben Mitte. »Bleibt,« ruft sie, »ich bring euch Freude! Seht, ich bin im Sonntagskleide! Wer könnt darin Böses wollen?« »Mit des Worts, des Goldes Scheine Birgst du,« sagt der Tauben eine, »Nicht der Augen furchtbar Rollen, Nicht die Lippen giftgeschwollen. Doppelt kenntlich, doppelt feindlich Ist die Bosheit, thut sie freundlich.« * Herablassung. »Junker Storch, ich kann's nicht deuten,« Sagt ihm eine von den Tauben, »Daß Sie Dinge sich erlauben, Die selbst an gemeinen Leuten, Wir für unanständig halten. Ihren Adel zwar, den alten, Den bezweifeln nur die Thoren; Denn Sie sind ja hochgeboren, Auch ein Weit- und Vielgereister, Ein nach jedem Land Gespeister, Und Sie haben wohl viel hundert Schön-Aussichten anbewundert! Klar ist's an den hohen Sitten, Wie die Leute Sie behandeln, An den würdevollen Schlitten, Wie Sie unter ihnen wandeln. Aber das Sie Sich vergessen, Bienen und Gewürm zu essen, Das verdient doch wahrlich Tadel!« »Laß sie,« sagt er, »dieses Schwätzen. Just darin besteht der Adel: Ueber solches sich wegzusetzen.« * Die Bürger. Bienen von dem Höchsten schwätzen, Das an ihnen sei zu schätzen. Eine meint: den ersten Preis Soll man geben ihrem Fleiß; Nein, der Kunst, glaubt eine Zweite, So den Bau und Seim bereite. Einer Dritten ist das Wahre, Daß man das Erworbne spare. Andre sagen: schöner sei Ihres Wohlthuns Lust hiebei. »Alles dieß,« heißt es dagegen, »Ist nur unsrer Eintracht Segen.« »Und das Höchste ist der Muth,« Preisen Andre, »selbst sein Blut In dem Kampfe hinzugeben.« »Und das Allerhöchste ist,« Ruft die Mutter in den Zwist, »Jeder Tugend treu zu leben!« * Der Große. Siegreich stand die Sonne wieder Und den Feind hielt sie darnieder; Doch der Nebel wand sich auf, Und er schreit mit Zornesfunkeln: »Jetzo will ich dich verdunkeln, Und mit schweren Hagelwettern Deine Saaten niederschmettern!« Und die Sonne sagt darauf: »Muthig denn, erkämpf die Schande, Und verheere meine Lande, Mich bewegst du keinen Schritt; Dich vernichtest du damit; Und ich will mit neuen Lenzen Ewig diese Erde kränzen!« * Freiheits-Presse. Die vom Katzen-Hause rühmen, Ihres Leuen Herrlichkeit, Der gedämpft der ungethümen Schäferhunde Widerstreit. »Aber,« sagte drauf der Leu, »Besser hat es doch der Hai: Stets in Nacht kann der regieren Und bei lauter stummen Thieren.« * Rechts-Handel. Zwei reiche Matten zankten lang. Ob zweier Bäume Ueberhang; Denn jede möchte Sonnenschein Und ihres Bäumes Frücht' allein, Und jede spricht uralten Brauch Und Zeugniß selbst der Markung an, Kraft welcher sie der andern auch Den Ueberhang verwehren kann. Und gäb es nicht gescheidre Leut, Sie zankten sich darob noch heut. Zwei Bäche aber, grundgelahrt In aller krummen Markung Art, Die rauschten her, gerufen, schnell Und untersuchten tief die Stell Und gruben alten Marken nach, Daß selbst der Baum darüber brach, Und gruben tief ins Land hinein, Erlesend auch die kleinsten Stein; Die Matten aber schwanden gar, Denn drob vergingen viele Jahr. Der Spruch hieß endlich: »Theilet euch, In Recht und Kosten sind sie gleich!« Die Bäche aber hatten sacht Das Land in's Trockne sich gebracht. * Liebensmäntler. Ein Lamm ward weggebracht In einer dunklen Nacht; Und nur der Diebe Spur Entdeckt man auf der Flur. Da ward zum Augenschein Von seiner Dorfgemein Der Fuchs dorthin geschickt. Doch in der Spur erblickt Er seines Vetters Fuß, Der ihm auch hehlen muß! Drum mit gewandtem Schwanz Verwedelt er sie ganz. * Volksvertreter. Anerkennung eigner Rechte Gaben einst die Wohlgebornen Auch den Schafen, den geschornen. Und es wählten die Erhörten, Daß er kräftig sie verfechte, Einen von den Hochgeöhrten. Dieser, an den Hof gekommen, Wurde freundlich aufgenommen, Und die Hunde, die Minister, Haben höflich ihn berochen, Selbst der Leu hat mit Geflister Etwas zu dem Mann gesprochen. Und er fand ein herrlich Leben, Denn es ward ihm Korn gegeben. Drum er denn auch »J-a« sagte Zu dem Allem, was man tagte. * Gottesgelahrtheit. Zur Sonne sprach das Schattenzeit: «Zeig ich das Zeitmaß deiner Rund Dir nicht mit Zuverlässigkeit?« »Hm,« sagt die Sonne, »manche Stund Thust du mir immer noch nicht kund! Doch gut ist's, daß den Herrn der Welt Dein Zeiger nun in Ordnung hält; Denn viele Jahre hat er mich Den Weg geführet ohne dich!« * Der Kanzelaff. Unter den schönen Künsten allen Hatte einem gewanderten Affen Jenes Predigen wohlgefallen: Wie nach dem Einen sich alle kehren Und ihn mit Schweigen tief verehren. Aehnlichen Standesruhm anzuschaffen, Hat er mit brünstigem Eifer drum Abgeäugelt das Kanzelthum. Nunmehr gedacht er umzukehren, Schwestern und Brüder zu belehren, Und mit dunkelm Blick und Gewand Langet er an im Vaterland. Hier besteigt er nach kurzer Rast Seine Kanzel auf einem Ast, Und auf die große Verwandtschaft hinunter Schaut er gar salbungsvoll und munter. Drauf beginnt er in hohlen Tönen Gleichsam Gedanken auszustöhnen, Blickte zum Himmel und zur Erden Wechselte rechts und links Geberden. Und die Gemeinde zeugte laut, Daß er sie herrlich auferbaut. Aber ein Freigeist unter den Affen Stets gerüstet zu geistlicher Fehde, Sprach: »Ihr preiset ja leeren Dunst; Euer Pfarrer gleicht manchem Pfaffen, Denn es mangelt zur Redekunst Nichts ihm außer die Kunst der Rede!« * Wörterkur. »Aber Wörter sind's doch nicht Was du singest,« also spricht Zu der Nachtigall der Staar, Dem die Zung gelöset war, Der auch mit den Wörtern bald Will bekehren seinen Wald. »'S ist drum«, sagt sie, »sonderbar, Daß so viel zum Herzen dringt, Was man nicht in Worte bringt.« * Seher. »Halt ein mit Liederklange! Stöhnt aus dem Schlaf die Maus Zur Amsel, die mit Sange Begrüßt ihr Sommerhaus, Der Winter kann nicht weichen, Deß sind noch viele Zeichen: Wind, Wolken, Eis und Schnee, So weit ich ringsum seh.« »Und zog er nicht von hinnen,« Spricht froh die Sängerin, »Der Lenz ist in mir innen Erwacht mit frohem Sinn. Doch kömmt er! Es erspähen Propheten fernes Licht, Die Siebenschläfer sehen Es in der Nähe nicht.« * Zions-Nachtwächter. Der Adler sprach von seiner Wonne: Hinein zu schauen in die Sonne, Den heißen Staub aus niedern Pfaden In Alpenlüften abzubaden. Der Uhu, welcher dieses hört, Fühlt hart im Glauben sich gestört, Und predigt seiner Eul gemein: »Der Adler muß ein Ketzer sein, Er würde sonst in unsern Weisen Der Wälder heil'ges Dunkel preisen, Des Frommen Wohnung bei der Gruft!« »Ja,« sagt der Aar, »das heißt beweisen! Ich laß dir deinen Uhuglauben, Den meinen kannst du mir nicht rauben!« Und flog empor zur Himmelsluft. * Die Maledictiner. Die Sonne glüht in solchen Hitzen, Daß selbst die Herren in dem Teich Beinahe auf dem Trocknen sitzen. Schon ist der Kellermeister bleich Und ausgedürrt die Zecherschaft; Nun sammeln sie die letzte Kraft, Und ringen mit der Beterkunst Um eines sanften Regens Gunst. Jetzt überlaut, dann etwas leiser, Die Jungen hell, die Alten heiser, Bald Einer, drauf die Menge ganz Choralen sie den Fröschekranz. Und sieh! der Regen stürzt sich wieder Stromsweise von den Bergen nieder, Und Reben, Wald und Felsen wild Wälzt er hinab in's Korngefild. Doch wallt die Fluth dem Teich entgegen, Es schwimmt in seines Betend Segen Und bläht sich auf der fromme Orden, Wie er noch stets erhört sei worden. * Frömmler. Irrwische hielten ihr nächtliches Stündchen Auf der Haide, und ohne ein Sündchen Tanzten sie betend wohl auf und ab, Priesen auch, daß in so finstern Zeiten, Demuth allein die Erleuchtung hab', Nichtigen Pfad die Welt zu leiten. Aber die Sterne sangen herab: »Wer, verwirrt in erdunkelten Thalen, Aufschaut zu den himmlischen Strahlen, Die da brennen in ewiger Ruh, Diesen führen wir aus den Qualen Einem erfrischenden Morgen zu! Aber in Nacht bleibt Jeder versunken, Welcher gefolgt, wo jene gewunken!« * Sonntägliches. »Gehn wir ab den offnen Wegen!« Warnete ein junges Reh. Und das alte sagt dagegen: »Heut wär's sicher auch im Klee; Hör' das Läuten ringsum – komm; Sonntags thun auch Hunde fromm.« * Läuterung. Vom Himmel quoll in reinem Strahl Der Strom des Lebens in das Thal, Des Himmels Glanz und Herrlichkeiten Durch alle Lande zu verbreiten. Doch wilde Bäch' und trübe Quellen Als Wegeweiser sich gesellen, Anrathend Jeder seine Art: Der schleichend und der rasch die Fahrt, Der braun, der schwarz den Rock zur Reise; Und Jeder dringt mit seiner Weise, Ein Strom sich wähnend, in die Gleise. Der Strom darob ward immer trüber, Und stockte sumpfig, schwoll dann über; Es spiegelte sein Todesgrau Nicht Erdengrün, nicht Himmelblau. Doch wie er weiter hingeflossen, Thut wunderbare Kraft er kund: Was unrein sich ihm angeschlossen, Was nicht vom Himmel sich ergossen, Versinkt von selbst zum tiefen Grund. Stets himmelvoller nun er wallt, Und seiner Ruhe Allgewalt Verklärt der trübsten Flüsse Wuth Zu stiller, heller Segensfluth. * Strenge Barmherzigkeit. Das Thal schreit auf zum Föhn: »Was wirft dein wild Gestöhn Lawinen ab den Höhn, Die Bäche zu empören, Die Matten zu zerstören! Kannst du denn nicht gelind Den Winterschnee zerthauen?« »Nein!« ruft der Frühlingswind, »Tief liegen noch die grauen Schneewolken in dem Land; Groß ist der Widerstand, Mit dem die Norde kämpfen. Wollt ich sie gütlich dämpfen, Und sollte nur gemach, Tropfweise nach und nach Der Schnee geschmolzen werden, Würd's Maien nicht aus Erden. Des Kampfgetümmels Spuren Deck ich mit grünen Fluren!« * Verkehrung. Die Wolke zerschlug das Aehrengefild, Den Vogel der Luft und des Waldes Gewild. Da blickte die Blume verwundet hinan, Und klagte: »Was haben wir Uebels gethan?« »Nichts,« sagte die Wolke mit thränendem Blick; »Ich wollt' euch ja werden ein gutes Geschick; Ich wollt euch erquicken mit frischem Thau, Dich Aehrengefild, dich Blume der Au; Da hat mir des tückischen Frostes Gewalt Im Sturme die Tropfen zu Schlosse geballt!« * Die Ströme des Heils. Zu des heil'gen Stromes Rande Kam ein Fluß aus anderm Lande, Mit ihm seine Bahn zu ziehen, Doch der Strom, er heißt ihn fliehen. »Denn du würdest mich entweihen,« Ruft er, »du bist ja gemein. Ich, auf Libanon entstanden, Lebte nur in heilgen Landen; Wunder sind an mir geschehn; Jetzo noch kann man's ersehn An dem überreichen Segen, Der ergrünet meinen Wegen.« Und der fremde Fluß entgegnet: »Mich hat auch der Herr gesegnet! Aus dem Himmelsquell entsprungen Hab ich mich vom Berg erschwungen; Korn und Wein und Kränz und Lieder Trug ich in die Thale nieder, Stets hat meiner Lande Pracht Freudeheller mich gemacht. Und ich könnte dich entehren? Deinen Glanz will ich vermehren!« Und mit seinen hohen Wogen Hat er schon ihn fortgezogen. Und sie strömen nun in Ruh Einem Meer und Himmel zu. * Weltordnung. »Schwing mich auf zu deiner Wonne!« Ruft die Erde zu der Sonne, »Daß ich mit den Sternen allen Ewig frühlingshell mag wallen, Zittern siehst du mich in Stürmen, Siehst die trümmervollen Küsten, Fluren hier versengt zu Wüsten, Fluthen dort erstarrt zu Thürmen; Und du hörest rings ein Stöhnen Meine Freuden übertönen!« Und die Sonne mild entgegnet: »Dennoch bist auch du gesegnet: Großes hast du schon errungen, Elemente, wild verschlungen, Aus dem Chaos losgeschieden. Wohl erkämpfst du dir noch Frieden, Doch der Himmel bleibt hier oben; Denn es müssen die danieden Ewig sehnen sich nach oben!« * Heimat. »Nieder in die Palmenhaine Wollen senken wir den Flug,« Ruft der Sängerinnen eine Aus dem langen Pilgerzug; »Dort in Garten laßt uns wohnen, An Gestaden voller Pracht, Wo in hohen Baumeskronen Frucht und Blüthe duftend lacht.« »Ferne noch,« sagt eine andre »Liegt der einsam kleine Ort; Dahin zieht's, wohin ich wandre, Mich mit ganzer Seele fort. Wenn schon Gärten dort nicht prangen, Fluß und See nicht strahlt und schallt, Nur, von Büschen eng umfangen, Durch die Wies' ein Bächlein wallt, Meine Vaterhütt' ist dorten; Liebend rufen mir zurück Bäum' und Steine aller Orten In dem neuen altes Glück. Nur der Heimat ist gegeben Dieses Doppel-Freudenleben.« * Niedres Loos. Zu der niedern Trauerweide, Grünend an dem klaren Bach, Sagt die Pappel: »Wachs mir nach Zu der Höhe stolzer Freude!« Und die Weide sprach dawider: »Pappel, neige dich hernieder Zu des Baches frischen Wellen, Wo mir solche Freuden quellen, Die du droben nicht genossen! Schau, wie hier die Blumen sprossen, Und die Steine sich erhellen!« * Hüttenreichthum. Goldgeschmücke Vögel wohnen In der Palmen Schatten-Kronen; Ueberfluß erfüllt ihr Haus, Blüth' und Frucht Jahr ein und aus. Und sie haben nichts zu thun, Als vom Essen auszuruhn, Als zu putzen sich, zu spiegeln Und in Aesten sich zu wiegeln. Also schau'n hinab sie stumm, Köpfchen wiegend voll Verachten Auf die Hütten rings herum, Wo die Lerchen übernachten. Doch aus schwarzem Grund hervor Schwingen die mit frohen Psalmen Weithin über alle Palmen Sich zum blauen Himmelsthor. * Lebenswärme. Zum Blümchen spricht die Sängerin: »Wie kann dir blühn so froher Sinn Hier nächst am Gletscher oben, Wo die Lauinen toben, Und aus den Grabeshöhlen stät Der Todesodem dich umweht? Ich einmal, fern von Auen, Könnt' nicht zum Lied erthauen!« »Ich schaue,« sagt das Blümchen drauf, »Zum Himmel Tag und Nacht hinauf, Der wunderbar hieoben Mich an sein Licht gehoben. Das ist's, was lebenswarm mich hält In dieser kalten, kalten Welt!« * Die Unterirdischen. Stiere pflügten und die Pferde, Daß die dornbewachsne Haide Ihnen werde gute Waide. Sieh, da stürzen aus der Erde Hornuße mit Hummeln dar, Und es summt und brummt die Schaar: »Nicht des Hauses wollt ihr schonen, Wo allein noch Freie wohnen? Davon sollt ihr plötzlich lassen!« Und in einem Hui so saßen Sie den Pflügern auf dem Rücken, Gift'ge Lanzen einzudrücken. Nichts verfing die Kraft des Zornes, Nichts der Stoß des starken Hornes, Nichts der Hufe wüthig Schlagen, Und die Pflüger unterlagen. Aber jene singen wieder Tief im dunkeln Siegeslieder. * Glauben. Mit dem Vogel sind geflogen Seine Kinder über Meer. Droben ward der Himmel trüber; Drunten brausten Sturmeswogen; Und die Kinder klagten sehr: »Ach, wie kommen wir hinüber? Nirgend will ein Land uns winken, Und die müden Schwingen sinken.« Aber ihre Mutter sagt: »Kinder, bleibet unverzagt! Fühlt ihr nicht im Tiefsten innen Unaufhaltsam einen Zug, Neuen Frühling zu gewinnen? Auf in Jenem ist kein Trug, Der die Sehnsucht hat gegeben. Er wird uns hinüberheben Und euch trösten balde, balde In dem jung belaubten Walde!« * Himmelblau. Himmelblau durch Baumesblüthe, Bild vom herrlichsten Gemüthe; Wie sich Tiefe sel'ger Herzen Offenbaret auch in Scherzen, Und die lustigen Gedanken Gern auf ernstem Grunde schwanken. * An der Kirchenthür. Gelehnet an der Kirchenthür Schau ich zum hohen Chor herfür. Dort glimmt der Altarkerzen Schein Matt in den lichten Tag hinein. Der Bilder Pracht erstarb im Qualm, Ein leer Getöne ward der Psalm, Der einst vom ganzen Volk erscholl, Wo's her noch strömte freudenvoll! – Ich kehr mich um und schau empor Aus dem gewölbten Kirchenthor. Da säuseln in den Morgenwinden Die frisch belaubten, stolzen Linden; Durch die verjüngten, greisen Bäume Erglänzen Wolke, blaue Räume, Zu denen sich die Zweige heben, In deren Licht die Blätter beben. Der Bienen Pilgerschaaren trinken An Kelchen, die so duftig winken; Und alle Vögel, alle Bienen Lobsingen ihm, dem froh sie dienen. * Frühlingswanderungen. Wo ich geh', an jedem Ort Ruft: »Willkommen!« Freundeswort; Vögel, Blumen, Quell und Fluß Bieten mannigfachen Gruß; Jede Lust mit mir zu theilen, Heißt mich Alles bei sich weilen: Mit dem Strom soll ich enteilen, Zu dem Berge soll ich steigen; Jeder will das Land mir zeigen. Moos und Blumen an dem Quell Und das Buchendach so hell, Jedes rühmet sich vor allen. Allen darum zu gefallen, Will ich dieser Tage wandern Stets von einem Freund zum andern. * Eins zum Andern. 1. Der Bach, der in der Wiese wiegt, Die Wiese, dich sich an ihn schmiegt, Was glänzet mehr und linder? Eines freuet sich am andern hoch Eins wird durch's andre schöner noch, Ein Pärchen hübscher Kinder. Sie haben an einander Lust Das linde Blatt, das linde Blust, Die Grüne und die Bläue: Und wann ein Herz am andern schlägt, Von Frühlingswonnen hoch bewegt, Das ist des Frühlings Weihe. 2. Wieder ist die Blume wach Und beschauet sich im Bach; Wieder wölbt der Bach die Halle, Vögeln tönet mannigfach Ihre Lust im Wiederschalle. * Abendsitz. Alle Bäume vor dem Walde Haben Kurzweil an der Halde: Welch ein Flüstern, Winken, Nicken, Augenspiel und Blicke schicken! – Köpfe neigen hin und wieder, Hände gehen auf und nieder, Sich in Anmuth zu erzeigen, Jetzt ein Schweigen, dann im Reigen Ein gemeinsam Unterhalten. Auch die Spiele mit den Falten: Jetzt zusammen sie zu fassen, Dann sie wieder fallen lassen; Oder auch im Steigen, Neigen Sammtne Unterkleider zeigen. Alle friedlich, alle niedlich, Nur im Putze unterschiedlich; Also haben an der Halde Kurzweil Bäume vor dem Walde. * Herbstlied. Nun haben Sommergluthen Vertobt Gewitterzorn; Hoch brausten trübe Fluthen, Jetzt gleitet sanft ihr Born. Die Au ist grüner wieder Der Himmel mild und rein, Auf bunte Wälder nieder Strömt goldner Sonnenschein. Die Blum auch fühlt Behagen In dieser warmen Luft Sie will's noch einmal wagen, Erstehn in Farb und Duft; In Lenz-Erinnerungen Erglüht ein Röschen fein, Und bat sich aufgeschwungen Ein Sommervögelein. Und zogen auch zur Ferne Die Sänger all' vom Thal, Ersonn' ich mich doch gerne In diesem Abendstrahl, Und ob die Blätter fallen Und fallen aus dem Baum, Sie machen allenthalben Den neuen Keimen Raum. * Der Wein. Aus Thränen war der zarte Knab' entsprossen, Doch hat er bald sein schlafend Aug' erschlossen, Mit Blumen sich bekränzt das junge Haupt, Auf Bergeshöh'n, in Hütten kühl belaubt, Im Maienthau, im Feuerbad der Sonnen Sich Ueberfluß an Freud' und Kraft gewonnen. Da haben sie den Reichen eingefangen, Den edlen Jüngling mit den Purpurwangen, In Fesseln ihn gelegt, in Kerkernacht, Dort hat er lang mit angestrengter Macht Nach frühgewohnter Freiheitslust gerungen Von Bitterkeit und Brausewuth durchdrungen. Als er sich nicht erwehren mocht' der Schlingen, Trat er zurück, sich selber zu bezwingen, Und auch in Banden frei und froh zu sein. Vom trüben Aufruhr ward er still und rein. Ward des Gemüthes reicher Gaben inne, Ein edler Mann von tiefem klarem Sinne. Und was er so, gepreßt in enger Hülle, Gewonnen hat an schöner Geistesfülle, Giebt er den edlen Freunden gastlich hin; Noch spiegelt sich der Kindheit Traum darin, Die kühne Flamme thatenfroher Jugend, Die Zuversicht der schwer geprüften Tugend. * Unsere Berge. Unsre Berge lugen übers ganze Land Aus dem Rhonethale zu des Rheines Rand, Und in allen Gauen ruft ihr Freudenfeu'r: Schweizermannen, haltet eure Heimat theu'r! Ueber manchem Lande ragt ein goldner Thron, Wo mit Wetterleuchten funkelt Schwert und Kron'. Wo des Wetters Stimme schreckt den Unterthan! Stumm und mit Erbangen blickt das Land hinan. Aber zu der Alpen friedevollem Grün, Zu der Freiheitburgen himmelhohen Flühn Schauen alle Hütten Strom und See entlang, Schallen alle Hügel Schweizer-Festgesang: »Wie die Berge wurzeln unterm Meeresgrund, Steh' in Herzenstiefen Lieb' und Treu zum Bund! Wie sie überblicken segnend alle Gau'n, Laßt uns allesammen zu den Brüdern schau'n! Rein ob Nacht und Nebel steht die Firn in Gluth: Wach bleib' und erleuchtet ehrenfester Muth! Stürmen Heereswolken in das Felsenland, Muß ihr Heer sich brechen an der harten Wand. O ihr Höhen Gottes rufet überall: Er, der aufgeworfen der Gebirge Wall, Machte Alpenauen zu der Freiheit Hort, Heißt sie grünen, leuchten ringshin fort und fort!« * Ein Tempel. Ein Gott. Von Einem Tempel sind wir All' umschlossen, O Christenbrüder, Schweizerbundsgenossen, Zu Einem Himmel steigen alle Hallen Und Kronen seiner Thürm' in Goldesgluthen; Zu Einem Himmel auf in Flammen wallen Von Hochaltären Opferwolken Fluthen: Und alle Seelen, Einen Gott zu loben, Begegnen sich in Einem Blick nach oben. Von Eines Odem strömen Orgelklänge In Herrlichkeiten durch des Tempels Gänge, Von Einer Allmacht jauchzen Sturmeswinde, Davor die Säulen und Gewölbe beben, Von Einer Liebe tönen sie gelinde, Wann Frühlingslüste durch die Thore schweben, Und alle Seelen, Einen Gott zu preisen, Sind Ein Gesang in tausendfachen Weisen. Des ew'gen Lichtes Lebensstrahlen breiten Sich über Alle in des Hauses Weiten; Und Einer Sonne Offenbarung kündet Des Einen Rechtes sel'ge Friedensworte; Und Einer Sonne Allerbarmung zündet Mit Sternenglanz zu dem ersehnten Orte. Und alle Seelen, Einem Gott entstammet Sind glaubensvoll in Bruderlieb' entflammet. * Das Bundeszeichen. Auf dem Berg und im Gefild Steht das heil'ge Kreuz geweiht, Unsers Christenglaubens Bild. Aufgepflanzt in frommer Zeit Wo der Christenglaube echt, Ist das Kreuz zu höchst gestellt, Weil ein brüderlich Geschlecht Jesum für den Herrscher hält. Und es steht im Schlachtenfeld, Weil im Glauben an den Christ Freiheit rettend dort der Held In den Tod gegangen ist; Und es weht im Kriegspanier Sternenhell im blut'gen Roth; Denn für Christus kämpfen wir. Wann uns ruft des Landes Roth. Ja, wir bieten uns die Hand Bei der Hoffnung hier und dort: Stehen soll das Kreuz im Land. Unsrer Freiheit höchster Hort, Steh'n so lang und unentwegt. Wie's in Rütlisee's Grund Bergetief bleibt eingelegt In das Herz dem Alpenrund. * Heldenlob. Heldennamen schönsten Klanges Laßt uns reih'n zu einem Lied In den Grundton des Gesanges, Den die Freiheit uns beschied! Heldennamen sind's, die preisen Hoch des Menschen Herrlichkeit, Sind die ewig neuen Weisen. Drinn erblüht die alte Zeit! Ritter, Bau'r und Hirt erschlossen Ew'gem Recht den Alpenkreis; Steigt vorauf, ihr Eidgenossen, Jüngling du und Mann und Greis ! Schreit' vorauf zu denen Dreien Mit der Armbrust, Wilhelm Tell ! Ihre Sehne klingt den Freien In die Lieder harfenhell. Der zum ersten Kampf entflammte Sieggetrost ein Simeon, Heil, o Reding ! dir entstammte Noch bei uns ein echter Sohn! Euch, Maneß und Erlach , loben Eu'rer freien Städte Pracht; O, wie ist die Spreu zerstoben In den Stürmen eu'rer Schlacht! Winkelried , wie du gefallen, Wer bestand so je im Blut? Buhlen in den Stößen allen Stark wie Rautis Fels und Fluth; Bubenberg , der feste Retter, Wenn auch Wall und Mauer bricht, Hallwyl dringend durch die Wetter Mit der Sonne Siegeslicht. Solche Namen glüh'n geschrieben An der Alpenthore Schwell' Rings, wo Heere schlafen blieben, Von der Birs zum Rheinesquell. Dort, wo schönen Sommers Segen Rotachs Volk vom Säntis bracht', Dort, wo Mann für Mann erlegen, Siegend in der Sühnungsschlacht. Die gepflegt den theuern Samen, Ausgestreut in Streites Müh', Leben all' in deinem Namen, Frommer Klausner von der Flüh . Euer Lob wird hell ertönen Noch der allerfernsten Zeit, Aufzuwecken in den Söhnen Alte Kraft und Einigkeit. * Der Schweizerknabe. Mein Vater ist gegangen Mit an des Landes Mark'; Sie woll'n den Feind empfangen: Mein Vater auch ist stark. Die Mutter weint beim Scheiden Und auch das klein're Kind; Mir schlug das Herz in Freuden, Die Fahne flog im Wind. Für unsern Vater beten Wir jetzo spät und früh: Gott mög' ihn uns erretten In Krieges Noth und Müh'. So schaut auch zu den Sternen Der Vater um Mitternacht; So wissen wir in Fernen Uns beide wohlbewacht. Gott ließ sie nicht verderben, Als Tell vom Knaben schied; Und sollt' mein Vater sterben, Er geht zum Winkelried. * Die zweiundzwanzig Musikanten, gesungen an der schweizerischen Musikgesellschaft zu Bern 1827. Es sitzen zweiundzwanzig Brüder In ihrem wunderschönen Saal, Und singen lauter frohe Lieder Von Glück und Frieden allzumal. Der Saal ist wie gemacht zum Singen So hochgewölbt und kühl und weit, Sein stolzer Bau, sein Widerklingen Macht alle Herzen sangbereit. Die Weisen, die darin ertönen, Sie stammen her aus alter Zeit Von jenen Dreien, die den Söhnen Den Helden-Liedersaal geweiht. Die führten gut den Fidelbogen. Die hatten einen scharfen Strich. Und Saiten, die sie aufgezogen. Erschwangen rein und mächtig sich. O spielt zusammen, wie die Alten, In Einem Takt und Herzens-Schlag, Daß sich des Chores Pracht entfalten Und unsern Saal erfüllen mag. Es sing' ein Jeder seine Weise. Nur schling' er sie zum Liederkranz; Dann werden Stimmen laut und leise Sich tragen zu dem höchsten Glanz. Die Einen singen reich und prächtig, Wie Geigen hoch und vielgestalt, Die Andern tief und wohlbedächtig Des Basses feste Grundgewalt. Hier tönen einfach Horngesänge Und freundlich dort die Flöten drein. Trompeten kühn, Posaunen strenge. Zu Hirtenfreuden die Schalmei'n. Wie viel der Meister Brüder waren Seit alter Zeit in diesem Saal, Die andern erst nach vielen Jahren Gekommen unter ihre Zahl: In deutschen oder wälschen Zungen, Katholisch oder reformirt, In Doppelfugen wird gelungen Von Alt und Jungen musizirt. Das Solo hebt den Chor im Glanze, Begleitend heben wir's hervor; Doch wer sich einzig hält für's Ganze, Den übertönen wir im Chor. Die Meister horchen scharf und winken, Daß Niemand weich' aus Takt und Zeit, Daß Keiner in dem Tone sinken Und säumen kann im Liederstreit. So jubeln zweiundzwanzig Brüder Das schönste Lied: des Friedens Ruhm . Im Saale rauscht es auf und nieder, Er wird zum hohen Heiligthum. Entweihet nie durch Mißgetöne Den Tempel, nie durch eiteln Klang! Das Eintrachtslied, o Schweizersöhne, Ist selber Feinden Zaubersang. * Alphornklänge. Hörnerklang Schallt herab vom Felsenhang! Ob auch schliefen Alle Tiefen: Auf dem hoh'n, Freien Thron Wacht der munt're Alpensohn. Hörnerklang Von der Quell' den Strom entlang! Seine Weisen Wollen preisen Rein und wahr Tief und klar Sitteneinfalt immmerdar. Hörnerklang, Seelenvoller Zaubersang! Der verkündet Und entzündet Allerwärts Jedes Herz Mit der Heimat Lust und Schmerz. Hörnerklang, Der herab durch Wolken drang: Leih' die Schwingen, Uns zu bringen Von der Gruft Durch die Kluft In des Himmels Bergesluft. * Frauenlob. Wie schöne Blumen wallen Im Grün der Alpenau'n, Die schönsten unter allen, Sind doch die holden Frau'n, Die sich wie Blumen kleiden In eigner Anmuth Glanz, Und wie die Blum' bescheiden Auch unter'm! Frühlingskranz. Wie sich in unsern Gauen Mit Hoheit Huld vermählt, Das ist auch Schweizerfrauen Zum reichsten Schmuck erwählt. Die hellen Augen künden Ein rein und tief Gemüth, Wie in des Alpsees Gründen Das Himmelsblau erblüht. Wie still die Quell', ihr Segen Ernähret Feld und Blum': So wahrt der Frauen Pflegen Des Landes Heiligthum. Ja Glauben, Eintracht, Sitte, Und was erhält ein Haus, Geht in der Kinder Mitte Vom Mutterherzen aus. So weben das Gemüthe Sie fest in unsern Bund, Erzieh'n der Freiheit Blüthe Aus allertiefstem Grund. Ein Frauenwort, weissagend, Hat unsern Bund erfacht; Die Hirtin unverzagend Schritt mit dem Hirt zur Schlacht. Das sind die Schweizerfrauen, Um deren Lob man wirbt, In deren Gottvertrauen Für die man lebt und stirbt. Das ist der Schönheit Krone, O Tochter, rein erblüht, Daß, auf dich stolz, dem Sohne Das Herz nach Ehren glüht. * Aufgeräumt. Aufgeräumt, das ist ein Wesen, Dem muß werden Alles gut; Willst du dir was auserlesen, Wähle dir das heit're Blut; Wähle, was wie Sonnenschimmer Nach dem langen Wochentag Lacht im aufgeräumten Zimmer, Und ein Sonntag bleiben mag. Weicht die Ruhe auch zu Zeiten, Wenn die Welle überschäumt. Wind und Wald und Wolken streiten: Bald ist's wieder aufgeräumt. Und die Grüne und die Bläue Nach dem Sturm und Wetterschlag Wie verklärt sie sich auf's Neue, Und wie pranget Nacht und Tag. Schau umher denn und nach Oben, Erd' und Himmel sind geschmückt; Ausgeräumt und nicht verschoben, Liebe Seele, was dich drückt, Daß nicht Stund' um Stund' entschwinde Dir getrübet und versäumt; Und dein letztes Stündlein finde Auch, dein Herze aufgeräumt! * Freundschaft. Wir schliefen, und es trugen Vom unbekannten Meer An dieses Insel-Ufer Uns holde Winde her. Vor den erwachten Augen Stand da dieß Wunderland, Das uns mit Zauberbanden Der Lebenslust umwand. Wir möchten ewig weilen Auf dieser schönen Erd'; Doch steht zu neuen Fahrten Der Kahn bereits gekehlt; Und wenn wir angesiedelt Auch noch so glücklich sind; Der Schiffer ruft zum Scheiden Sieht günstig er den Wind. Er steuert jenen Lichtern Der fernen Küste zu Dort ist das Land der Sel'gen Und müder Pilgrim' Ruh'; Doch auch von sel'gen Küsten Sehnt sich zum Herz das Herz; Wir möchten Kunde haben Und selbst wol erdenwärts. Da wir uns denn gefunden, Auf dieser Wahlfahrtsstätt, Wo man nur Stunden weilet Und dann auf ewig geht: So wollen wir recht innig Uns mit einander freu'n, Und miteinander tragen Das Leid in wahren Treu'n. Wenn dann auch unser Schiffchen Von deiner Insel schied, Ertönet noch am Strande, Betrübter Freunde Lied: »O du, du herzlich Guter. Schon mußtest von uns gehn! Was hülf' dieß Leid ertragen Thät's nicht das Wiedersehn?« * Der Tanz. Auf, in Reih'n und Ringen Luftig uns zu schwingen; Also tanzt die ganze Welt: Sonnen, Sternenheere, Wolken, Ström' und Meere. Lebensfroh sich zugesellt. Leicht, wie Herzen schlagen, Wollen wir uns tragen, Denn so tanzen überall Blumen mit den Quellen, Zweig' und Saatenwellen, Aufgeregt von Liederschall. Auf und ab sich winden, Trennen und sich finden, Ist der Tanz des Weltgeschicks; Lenz und Sommer eilen, Jugend kann nicht weilen: Freuet euch des Augenblicks'. * Die Schiffahrt. Muth! Geliebte, herein, zwar sind es nur schwankende Bretter; Aber der Sterbliche fährt stets im unsicheren Kahn. Brettern trauen wir nicht, dem trauen wir, der uns begleitet, Der wie die Liebe verliehn, also der Liebe den Muth, Hat dein Herz, graubärtiger Schiffer, je Liebe gefühlet, Lenkest du sorglicher wol jetzo die Wellen hinab. Führet erprobete Kraft, Erfahrung und Sorgfalt das Ruder, Besser könnten die Fahrt wahrlich bestellen wir nicht. Nun in den Tackt gewieget erschallen die seligen Lieder; Widerscheine des Stroms: doppelte Liebe und Lust. Welle, du führest zu schnell vorüber den schönen Gestaden; Schiffer, o zögere doch, kannst du, die selige Fahrt. Rings von den Auen verzaubert bemerken nicht Alle die Schnelle, Aber zu spät, wenn der Fluß d'runten Einöden bespühlt. Fassen, bewahren wir tief die vorüberschwindenden Reize; Und die Erinnerung dann tröst' uns Einöden hinab! Fahre nur kühner, entweich' nicht jeder anbrausenden Welle; Schutz ja suchend umschließt Bräutchen bei jeglicher mich. Regen streifet vorbei, wir spannen den seidenen Schirm auf; Wohnt sich's, Geliebte, nicht süß unter demselbigen Dach? Also geschirmet vergißt man den schlagenden Regen und Frostwind; Und der verborgne Kuß küßt sich noch einmal so süß. Nur im Vorüberfluge verfinsterten Wolken den Himmel, Herrlicher wiederum bricht Röthe des Abends hervor. Schau dort, liebliche Kinder, sie fleh'n um gefällige Mitnahm': »Schiffer, lande doch an, haben wir Raums ja genug.« »Seltsam vereinet sich heut, ihr Leutchen, der Ernst mit dem Scherze; Gleiche dem heutigen Scherz, was ihr im Ernste beginnt!« * Tiuschiu zuht gât vor in allen. W. v. d. Vogelweide Schönheit ist nicht ausgestorben, Davon, deutsche Frau'n, bring ich Bescheid, Schönheit, wie sie Lob erworben Einst durch Walther von der Vogelweid. Immer will ich segnen Jenes Glückes Stund', Da der Schönheit Wunder mir so nahe stund; Möcht' ich ihr noch oft begegnen! Auf schritt ich das Schiff und nieder; Frauen saßen da in langen Reihn, Oder gingen hin und wieder Preisend Reiselust und Sonnenschein. Zierliche Gestalten Fremd Gelaß und Land. Von dem Strand der Seine und der Themse Strand Sah man Reiz und Würd' entfalten. Alles hübsch und ohne Tadel, Daß umsonst ein Streiten sich erhob; Ob der Anmuth, ob dem Adel Zu ertheilen sei das erste Lob. Aber ja geschwinde Schloß ich ab die Wahl, Als ich eingetreten dich erblickt im Saal, Deutsche Frau mit deinem Kinde. Ganz die Reinheit, Tiefe, Milde, Wie sie nur aus frommem Herzen strahlt, Gleich in Van Eyks heil'gem Bilde Der Evangelist Marien malt. Wie der Augen Schöne. Stirne Wang' und Mund Thaten einen Himmel des Gemüthes kund Auch der Stimme seelenvolle Töne. Und nicht konnt' ich satt mich schauen, Immer herrlicher erschien sie mir, Ich vergaß der Berg' und Auen, Denn es galt ein Wort von ihr. Im Vorüberwallen Sah ich Schönstes so Euer Wort, Herr Walther, wiederhol' ich froh: Deutsche Schönheit geht vor allen! * Auf der Ebernburg. 1. Wo schon drei Jahrhundert lang Lied und Becher nicht mehr klang, Steht aus Trümmern moos-ergraut Jetzt ein schmuckes Haus gebaut. Und ich war der erste Gast, Der das Kelchglas dort erfaßt. Ich erhob es und ich trank Hutten und Sickingen Dank. Und im heitern Saale war Um mich her die edle Schaar: Berlichingen, Aquila, Hausschein, Kromburg waren da. »Sei's ein gutes Zeichen mir, Das ich bin der Erste hier, Sprach ich, der, von euch belebt, Eurem Ruhm den Kelch erhebt. Segnet mich und weiht mich ein, Stärkt mich wie der edle Wein, Daß das Lied, das ich erhob, Mir geling' zu eurem Lob!« 2. Im tiefen Brunnen fand Sich auch der Mauerstein, Auf dem geschrieben stand: »Hier wart' ich fest und stet, Weis' ab, wer mir zu nahe geht!« Der Stein fügt' alsofort Dem neuen Haus sich ein; Jetzt grüßt des Helden Wort: »Hier wart' ich fest und stet, Weis' ab, wer mir zu nahe geht!« Und vor dir steht der Held, Der, war er auch allein, Ausrief in Rath und Feld: »Hier wart' ich fest und stet, Weis' ab, wer mir zu nahe geht!« Und Halt gab er; es stand Auch Hutten mit ihm ein, Rief, wo er Wahrheit fand: »Hier wart' ich fest und stet, Weis' ab, wer mir zu nahe geht.« Fort wuchs ihr Werk und lebt, Und Deutschland stimm' mit ein, Vereint, wie sie's erstrebt: »Hier wart' ich fest und stet, Weis' ab, wer mir zu nahe geht!« * Zu Worms. Ich saß zu Worms am Rheine: der Himmel stand in Gluth, Mit goldnen Wogen rauschte vorbei des Stromes Fluth; Der Segel stolze Menge zog abwärts und heran; Und ernstes Abendläuten der alten Münster hob sich an: Des Heldenliedes Stimmen aus ferner, grauer Zeit, Geläut der hohen Feste und tiefes Grabgeläut, Da mit den Königinnen das Volk zur Hochzeit drang, Da über dem Erschlagnen Criemhild am Sarg die Hände rang. Sie ziehen All' hinüber, mit Hagen Giselher; Die Eine Schuld des Grimmen verschlingt das ganze Heer. Wer kann den Strom aufhalten? – Und dessen Tod zum Hohn Dem Schicksalsspruch soll werden, – der Priester kommt allein davon. – Und wieder stehet drüben ein Priester an dem Strand; Der Eine Gottesstreiter erweckt das ganze Land. Wer kann den Strom aufhalten? Der Mönch sieht hin und spricht: »Und wär' die Welt voll Teufel, hindurch! und anders kann ich nicht!« Troß Bann und Acht hob wieder er den versenkten Hort; Wie Gold des Himmels leuchtet er durch die Lande fort, Und leuchtet dem auch, welcher den Wiederbringer haßt; Die Edelsteine leuchten, hier so und anders dort gefaßt. Eh' wird man Euch versenken, eh' Ihr den Hort versenkt! Wer kann den Strom aufhalten? Die Welt ist gottgelenkt. Freiheit stammt nur aus Glauben; er Deutschlands Einigkeit; O heil'ge Münsterglocken, auch aus der Zukunft tönt ihr weit! * Die drei Riesen von Iseltwald. Der Kaiser ruft dem Oberland, Zu helfen seinem Heere, Das Oberland ist gleich zur Hand Und schickt die beßte Wehre. Der Kaiser reitet durch das Heer; »Wo steh'n der Sennen Schaaren?« – »Herr, ihrer sind hieher nicht wehr Als dort die Drei gefahren, Die Drei dort, welche aus dem Heer Wie Wettertannen ragen, Im Bärenfell, doch ohne Wehr, Geschoß noch Schwert zu tragen!« – »Wo sind die Schaaren blieben mir, Der Alpen beßte Kräfte?« – »Die Schaaren, Kaiser, die sind wir, Wir sind des Landes Kräfte!« – »Wo ist denn euer Schwert und Schild, Der Bogen und die Stange?« – »Die wachsen, Herr, uns ringsum wild Und frisch zu jedem Gange.« – Und wie beginnen soll der Strauß, Sieht man zum Wald sie eilen; Sie wurzeln junge Buchen aus Und machen sie zu Keulen. Und mit den Keulen eilen sie Voran dem Kaiserheere, Dem Roß zerschmetternd Brust und Knie, Dem Ritter Haupt und Wehre. Den Lanzenwald, den Eisenwall, Sie stürzen Alles nieder, Und dringen tiefer, Schlag und Fall, An's Banner durch die Glieder. Ihr eigen Heer in Staunen läßt Es sie ihr Werk vollenden, Da seh'n sie bald des Feindes Rest Zu jäher Flucht sich wenden. Auf ihres Kampfes Trümmern preist Der Kaiser hoch die Sieger; »Ja wahrlich, Mannen, ihr beweist Euch als ein Land voll Krieger! Was biet' ich euch für diesen Tag An Geld und Gut und Ehren? Das Ritterlehn, den Ritterschlag, Sagt, was soll ich gewähren?« Sie halten Rath und sagen bald: »Herr, will es sich gebühren, Laßt unser Dörflein Iseltwald Des Reiches Adler führen. Und gehn zur heißen Sommerstund' Am Brienzer-See wir nieden, Daß Jedem dann aus Reichesgrund Drei Rüben sei'n beschieden, Die ausziehn darf er dann und wann Und Niemand dafür fragen, Und in der Hand die Eine dann Und zwei im Gürtel tragen.« Der Kaiser sagt mit Lachen zu Und staunt noch mehr der Helden; Und sie geh'n heim in ihrer Ruh', Ihr großes Glück zu melden. * Die Unterwaldner Schlüssel. Der heil'ge Vater leidet schwer, Vom Feind fast umgerungen; Da ist der Unterwaldner Heer Ihm siegreich beigesprungen. »Was bietet euch die Kirche an, Die frei ihr habt gestritten?« »Die Schlüssel in der Purpurfahn,« Ist's gleich, was sie erbitten. Gleich heut der heil'ge Vater dar Das Banner ihren Händen, Und gleich sieht er die frohe Schaar Der Heimat zu sich wenden. Doch schwer zu Herzen fällt's ihm gleich: Weß noch kein Fürst sich freute, Die Schlüssel ja vom Himmelreich Hat so verschenkt er heute. Schnell schickt er Boten auf die Reis', Und ihnen ist befohlen, Die Fahn um jeden Tausch und Preis Ihm wieder heimzuholen. Doch wie sie eilen Tag und Nacht, Noch mehr eilt Unterwalden; Schon weht hinab des Banners Pracht Am Gotthard Steg und Stalden. Der Papst verwindet den Verdruß; Wohl weiß er's noch zu kehren. Und zeigt: »Es ist ein höh'rer Schluß; Des Bessern uns zu lehren. Die Schlüssel, die nun in der Schweiz, Sie standen bisher grade, Jetzt woll'n wir legen sie ins Kreuz, Das Zeichen aller Gnade. Und daß daran man auch erkennt: Der riegelt und entriegelt. Sie seien beide ungetrennt, Was immer wir besiegelt. Und daß auch fürder Niemand mag Es deutlich unterscheiden, Wer so den andern heb' und trag' Von unsern Schlüsseln beiden.« Doch das irrt Unterwalden nie An ihrer Schlüssel Segen: Der heil'ge Vater weihte sie, Nichts kann sein Wort entwegen. Und ihrer Schlüssel Doppelbart Schließt ihnen ab das Schlechte, Und öffnet ihnen und verwahrt Untrüglich stets das Rechte. Er sprengt der Vögte Thurm und Haus, Draus sie der Kaiser höhnte, Und schloß dann Albrechts Friedrich aus Obschon der Papst ihn krönte. Der Papst, der deß mit Bann sie straft. Schließt ihrer Kirchen Chore, Sie aber in der Schlüssel Kraft Thun wieder auf die Thore. Und sagen ihren Priestern rund. Derweil die Glocken klingen: »Flieh'n müßt ihr dieses Thales Grund, Wollt ihr für uns nicht singen!« Der heil'ge Vater sprach! »Nun ist's Zwar unrecht aber klüglich!« Doch Unterwalden, das ermißt's Nach seinen Schlüsseln füglich. Der Klugheit Schlüssel sind zu Rom, Muß alle Welt bekennen, Die Schlüssel zu des Rechten Dom, Die haben Bau'r und Sennen. Der Schlüssel Echtheit und Gewalt Wie zeigte sie sich dorten, Als Winkellied aus Unterwald Aufschloß dem Sieg die Pforten. Der Schlüssel Echtheit und Gewalt Wie zeigten sie sich dorten, Als Niklaus Flüh aus Unterwald Zuschloß der Zwietracht Pforten. Drum selbst die Frau'n mit Todesmuth Zum Landesbanner standen, Als in die Friedensau'n die Wuth Einbrach der Mörderbanden, Auf sie gehetzt von jenem Rath, Deß Schmach so überschwenglich, Als Unterwaldens Heldenthat Und Ehren unvergänglich. * Das goldene Zeitalter. Als der Bach in goldnen Zeiten Noch von Milch und Honig floß, Damals waren, könnt ihr denken, Bienen auch und Kühe groß. Ja die Bienen machten Waben Wie die Scheunenthore breit, Ihre Bienenkörbe waren Felsenhöhlen hoch und weit; Und die Kühe groß wie Hügel, Reich an Vorrath waren die, Und in Thal- und Felsen-Kessel Mußte da man melken sie. Und zu Schiffe mußte fahren, Auf die hohe Milch der Knab'; Wer die Sahne wollte haben, Schöpfte sie mit Wannen ab. Darnach floß die Milch zu Thale, Schleußen wurden aufgethan; Thurmhoch war'n die Butterfässer, Milch trieb große Räder d'ran; Wundervolle Butterballen, Kaum geh'n sie zum Thor hinein, Käse wurde da gesotten Kleiner nicht als Mühlenstein'. Riesen waren da die Sennen, Alle schön wie Milch und Blut; Doch der schönste gieng verloren: – Lang in Milch und Honigfluth Aufgesucht, ward er gefunden In des Butterfasses Grund, Wo entglitscht er war mit Sahne, Als er auf dem Rande stund. Und sie haben ihn begraben In der Honighöhle Kluft; Dort lag er noch lange Jahre Balsamirt in süßem Duft. * Der Schlangenbanner. Ein Pfeifer geht durch Berg und Thal Und läßt sich gut bewirthen: »Die Schlangen bann' ich überall«, Verkündet er den Hirten, »Die beißenden Und reißenden, In allen Farben gleißenden, Mit meiner Pfeife Schall! Die Hirten steh'n im weiten Kreis; Der Mann beginnt zu blasen, Und auf die helle, schnelle Weis' Thut auf sich Stein und Rasen; Die schwänzelnden Sich kränzelnden Und auf und nieder tänzelnden Sind da auf sein Geheiß. Und greller immer pfeift der Mann, Je mehr der Augen blitzen, Und immer wimmelt mehr heran Aus Höhlen und aus Ritzen; Die mächtigen Und prächtigen, Die schmächtigen und trächtigen Sind all' ihm unterthan. Und tausend Köpfe recken sich Und züngeln ihm zum Gruße, Und tausend Köpfe strecken sich Und lecken ihm am Fuße. Das steigende Und neigende, Sich grün und blau erzeigende Gewoge kam und wich. Fast beten an die Hirten schon Den Zauberer im Tanze, Da nahet Eine in der Kron' Und aller Farben Glanze, Die gähnende Raub sehnende Sich unabsehbar dehnende Schießt Blicke: Zorn und Hohn. Die Pfeif entfällt dem Mann; zur Stell' Ist seine Macht entschwunden; Noch schreit er auf, da haben schnell Ihn Tausende umwunden; Die zischenden Und gischenden, Blut, Gift und Geifer mischenden, Sie wogen Well' auf Well'. Vom Berge flieh'n die Hirten all'. Und, was sie auch ersannen, Verlassen bleibet Weid' und Stall; Nichts kann die Schlangen bannen! Verzehrende, Verheerende, Sich ohne Zahl vermehrende Erfüllen jetzt das Thal. * Agnes von Burgund. Rudolf von Habsburg hält Auf seiner Pfalz in Speier Der zweiten Hochzeit Feier. Er hat sich ausgewählt, Zur Kaiserin zu krönen, Die schönste aller Schönen, Die Agnes von Burgund, Die Rose thaubegossen. Die eben sich erschlossen. Von Auge, Miene, Mund, Von Wuchs und Formen-Reine Im wonnevollsten Scheine, Des Kaisers Angesicht Macht alle Gäste freier; Der Fürstbischof von Speier, Er kann sich halten nicht, Zu allen Festgenüssen Noch Agnes Mund zu küssen. Der Kaiser aber sagt: »Die Agnes sollt ihr lassen, Das Agnus Dei fassen, Das auf der Brust ihr tragt; Denn Jeglichem das Seine, So lehrt ihr die Gemeine.« * Der alte Schütze. »Wie toset und wie krachet Es unten an dem Rhein! Ihr Büblein könnt ja laden; Wir woll'n daheim nicht sein! Heut' spür' ich nicht das Alter, Mein Arm und Aug' ist gut; Mein Fuß wird mich noch tragen Zu unsrer Vorderhut. Wann kam ich je vom Schießen Und hatte nicht das Best'? Und könnte heut' versäumen Das höchste Schützenfest, Da sich das Spiel der Jahre Im Ernst erproben muß? Nein, heute soll gelingen Mir noch der Meisterschuß!« – Der Alte schießt vom Hügel Und stürzet Schuß um Schuß Von Brückenschiffen einen Der Feinde in den Fluß. Die beiden Enkel laden. Vom Kugelsang umspielt, Und jauchzen ob den Todten. Als hätten sie gezielt. Die Schützen an dem Ufer, Schau'n zu der Tann' empor. Und seh'n die weißen Locken Und seh'n das sich're Rohr. »Es sitzt der Tod dort oben. Er kam uns ins Gehäg, Und schießt die besten Gaben Uns alle vorne weg.« Und drüben rennt ingrimmig Der Hauptmann auf und ab. Umsonst sind ihm die Reih'n Gefall'n ins nasse Grab. Er selber stürzt getroffen Zu ihnen in den Fluß; Der Alte auf dem Hügel That seinen Meisterschuß, Und lehnet sich ermattet In Blumen und in Gras; Vergebens hol'n die Knaben Ihm noch ein stärkend Glas. Er stirbt; von Schützenmaien Bekränzet weiß und roth, So finden ihn die Sieger Und preisen seinen Tod. * Das gerettete Haus. Es schneit und schneit bei lauem Wind; Das ist der Aelpler schlimmstes Wetter; Der Schnee, der sich gehäuft so lind, Bricht Fels und Wald dann mit Geschmetter. Schon überschneit's die Hütt' am Hang, Schon tost von oben her es bang; »Wie weilt der Vater doch so lang!« So fragen ängstlicher die Kleinen Um ihre Mutter her und weinen. Und näher donnert Fall auf Fall, Die Balken von der Schneelast krachen, Die Frau umschließt die Kleinen all': »Hilf, Hilf, Barmherziger den Schwachen!« Da löscht der Sturm ihr Lichtlein aus. Da sprengt der Sturm ihr kleines Haus, Der Ball hüllt sie in seinen Graus; – Sie fühlen all' ihr schrecklich Ende Im Sturz hinab die Felsenwände. Und Wälder bricht des Sturzes Wind, Doch wo auch Stein und Stamm zerkrachen, hält wohl umhüllt der Schnee sie lind, Und der Barmherz'ge hilft den Schwachen. Die Mutter fühlet sich erwacht Und auch der Kinder Herz erfacht, Und hat sie aus des Grabes Nacht Zur nahen Hütte bald gerettet Und in das warme Heu gebetet. Noch irrt am pfadelosen Hang Der Vater diese bangen Stunden; O wie er dann die Hände rang, Da er die Hütte sah verschwunden! Er klimmt hinab durch all den Graus, Sieht Trümmer noch von seinem Haus, Und steigt auch wie vom Grab heraus: Entgegen aus der Seinen Munde Jauchzt ihm der Rettung Wunderkunde. * Der Wildheuer Der Heuer will zur wilden Au'; »Schütz' Gott dich!« sagt die junge Frau. Und er, bevor sie noch erglüh'n. Klimmt schon hinan die höchsten Flüh'n, Da wo die steilsten Halden neigen, Die Zieglein selber nicht mehr steigen. Und wo das Gras dem , der es mäht, – Und wo es jetzt in Fülle steht. Er jauchzt ob diesem Ueberschwang: »Der nährt mein Haus den Winter lang!« Er mäht und mähet sonder Rast; Noch heute will des Heues Last Er abwärts über Felsen schwingen Und in der Höhle unterbringen, Und sagen noch dem Weibchen heut: Wie Gott von Sorgen sie befreit. Er mäht und mähet immerfort; Und was derweilen ist gedorrt, Wirft er hinunter Last um Last, – Vor Hitze doch vergeht er fast. Kein Brünnlein rieselt aus den Steinen; Den Rest des Brods ließ er den Seinen. Er ruft: »O Gott erbarme dich Der Meinen und erhalte mich!« Und plötzlich in der finstern Schlucht, Wo noch ein Wässerlein er sucht. Glänzt Sternenlicht, – endlos hinein Sieht er zum Berg; der helle Schein Kommt näher stets; – es ist ein Männchen, Das trägt vor sich ein goldnes Kännchen, Und ist ein Weibchen, auf der Hand Glänzt ihm der Silberschüssel Rand. Her weht von ihnen Maien-Duft Und tief erfrischend kühle Luft; Sie selbst so wohlgethan und fein, – Nichts könnte anmuthvoller sein: Die Augen leuchten lauter Güte, Die Wangen zarter Jugend Blüthe, Und Wuchs und Ebenmaß und Gang Ist herzerfreuender Gesang. Goldblumig ihr geschürzt Gewand, Demanten ihrer Locken Band. So Wunderbares vor sich stehn Hat nie der Heuer noch gesehn, Und holt sich nun mit klaren, süßen Und seelenvollsten Tönen grüßen: »Sieh, unser Meister schickt uns her: Nicht sollst du schmachten länger mehr,« Das Männchen reicht von Golde klar Das Kännchen ihm voll Weines dar. Und kaum der Heuer an es setzt. Fühlt er gestärkt sich und geletzt. Nichts hat derlei er noch empfunden, Und hört: »So laß dir's weiter munden.« Und ob er nun auch trinkt noch mehr. Nicht wird das kleine Kännchen leer. Jetzt tritt das Fräulein auch heran Und beut vom Silberschüßlein an Des warmen Kuchens Duft und Saft, Gefüllt mit Lieblichkeit und Kraft, Nichts hat derlei er noch empfunden. Sie sagt: »So laß dir's weiter munden.« Und ob er nun auch ißt noch mehr, Nicht wird die kleine Schüssel leer. Er sagt: »Jetzt habet großen Dank: Nie stärkte so mich Speis' und Trank Des Heues Meister werd' ich lang Nunmehr vor Sonnenuntergang.« Und an sein Tagwerk geht er wieder; Sie aber singen ihm noch Lieder: So hörte er ein Singen nie; Und seine Arbeit fördern sie. Und wie er dann hinunter schwingt Das letzte Heu, – sieh da verklingt Das Singen auch; er schaut hinan, Sie sind entschwebt; es ist gethan. – Er aber weiß: wer nicht verschwiegen. Den fliehn sie. – Und hinaufgestiegen Fand er sie wieder manches Jahr; Und ward ein Fest ihm die Gefahr. * Erdenglück. »Gleite sanft mit ihr, du helle Flusseswelle, Mach' ihr Muth zur neuen Lebens-Bahn! Ihrer harr'n die Hochzeitgäste, Und zum Feste Steht das neue Haus weit aufgethan. Mir in Arm führt sie geschwinde, Gute Winde! Ach wie bebt mein Herz so froh und bang. Daß ich endlich ihr zur Seite Sicher schreite Nach dem langen, einsam irren Gang! Heit're Maienhimmels-Bläue, O befreie Sie von Angst und gieb ihr deine Ruh'; Aus dem neuen Heimatlande Weh' vom Strande, Wohlgeruch, ihr meine Grüße zu! Luge, Fährmann, wohl dem Schiffe Bei dem Riffe Und im Strudel an der Felsenwand! Voller'n Lohn will ich dir geben. Denn mein Leben Ist nun anvertrauet deiner Hand. Tauch, o Kahn, aus blauer Ferne Gleich dem Sterne! Flögst du doch wie diese Vögel her, Die gescheut vorüberjagen! – Was sie klagen, O wenn's eine Vorbedeutung wär. Was sich auch die Blicke spannen. Ach von dannen Kommt mein Schiff noch immer nicht heran! Doch, o Gott! vorüberschwanken Hut und Planken Und um jene Eck' ein leerer Kahn!« Und er sieht den Kahn zerschlagen. Und von Klagen Wird auch gleich das ganze Ufer laut. Leichen kommen hergezogen Und die Wogen Legen ihm zu Fuß entseelt die Braut. Und die Woge spielt vorüber. Und nicht trüber Spiegeln drin sich Himmel, Wolk' und Blust, Gleich als halten den, der weinet, Sie vereinet Heute mit der Braut zur schönsten Lust. * Der Wittwe Scherflein in der Glocke Zum Glockenguß sind die Metalle Bereit im rechten Glast und Fluß; Und rings die Kirchgenossen alle Erwarten dichtgedrängt den Guß. Die größte Glocke soll es geben Und der Gemeinde Ruhm erheben Im ganzen Land; und nichts auch ward An Geld und Fleiß und Kunst gespart. Der Meister sagt: » Sie wird gelingen; Und werft ihr Silber noch herein. Wird ihr gewaltiges Erklingen So heller noch und reiner sein.« Und da will sich noch Jeder zeigen: Die blanken Silberlinge steigen Im weiten Becken hoch und schwer, Und eine Wittwe drängt noch her. Und sagt, da zu den Thalern allen Sie ihren Silbergroschen schob: » Der wird auch ihn mit lassen hallen, Der dort so hoch das Scherflein hob.« – »Was, solch ein Bettel sollte mehren Den Klang! das hieß die Kunst entehren;« So wirft der Gießer hin mit Zorn Den Groschen in den tiefen Born. »Im Armen wird Gott selbst gehöhnet«, Klagt nun die Wittwe; – »und so lang Nicht mit der Armut Scherflein tönet, Bringt ihr die Glocke nicht zum Klang!« Der Meister lacht, als ob sie spasse, Und wirft das Silber in die Masse Und ruft: »Jetzt blinkt der rechte Schein: Jetzt läßt den Strom zur Form hinein!« Und sieh', die Glocke ist gelungen. Das Volk erhebt ein Lustgeschrei. Allein wie stark sie wird geschwungen. Verbleibt sie klanglos, dumpf wie Blei. Doch merkt der Gießer kein Versehen, Und möcht vor Zorn und Scham vergehen. Daß er zerschlagen solchen Guß, Und wiederum beginnen muß. Und wie das Feuer wieder wallet, Kommt auch das Weib und spricht: »So lang Nicht mit der Armut Scherflein schallet. Bringt ihr die Glocke nicht zum Klang,« Der Gießer sagt: »Sie muß erklingen; Kein Aberglaube soll mich zwingen!« – Die Glocke steigt auch schön an's Licht; – Allein sie klinget wieder nicht. Der Gießer flucht, – Mit eignen Händen Beginnt er neu, und schloß sich ein, Um alle Bosheit abzuwenden, Die etwa Störung mischte d'rein; Und läßt zum Guße Niemand kommen. – Und wie die Feuer hoch erglommen, Gieng eben noch die Wittwe dort Vorbei und wiederholt ihr Wort: »Im Armen wird Gott selbst gehöhnet; Und, glaubt es Meister, allsolang Nicht mit der Armut Scherflein tönet, Bringt ihr die Glocke nicht zum Klang!« Und Er, sich kühlend in der Pforte, Bricht aus: »Trotz deinem Zauberworte, Verdammtes Weib, wird hell Geläut Dir meinen Sieg verkünden heut. Doch dieß Geläut will nicht ertönen. So schön auch jetzt die Form gelang; Er hört, wie ihn die Leute höhnen, Und bleibt verborgen wochenlang. Doch wie sich Wuth und Unmuth senken. Beginnt er endlich nachzudenken: Es könnte dennoch Wahrheit sein, Der Armut Scherflein muß hinein. Das aber birgt im tiefsten Schlünde Der Ziehbrunn' und wer holt's heraus?– Doch er beginnt, und bis zum Grunde Schöpft er zuletzt die Wasser aus; Und muß sich selbst hinunter wagen; Und suchet lang und zum Verzagen, Und sieht es endlich, und darob Ruft aus er: »Gott sei Dank und Lob!« Die neue Glocke wird geschwungen, Und tönt vor allen ringsherum; Des Scherfleins Kraft ist durchgedrungen Und ist nun auch des Meisters Ruhm. Die Wittwe sagt: »Nun ist's gesöhnet; So weithin Eure Glocke tönet, Ihr schöner Klang fortan belehrt: Im Armen wird Gott selbst geehrt!« * Der gute Geselle. »Fährmann!« ruft's in dunkler Nacht, »Hol' hinüber!« ruft's mit Macht. Aber Sturm und Regen sausen Und des Rheines Wellen brausen Hoch vom Schnee, den nun der Föhn Schmelzt auf nahen Alpenhöhn. »Fährmann, Fährmann!« ruft es fort; Aber Niemand wacht am Ort. Und des Sturmes Schlag und Stöße, Regensturz und Stromesgröße Ueberschrei'n den Ruf. Und »Fähr, Fährmann!« ruft es mehr und mehr. Und in eines Müden Traum Dringt der Ruf. Im höchsten Raum Eines Gibeldachs am Ufer Schläft vorüber grad dem Rufer Jung und stark ein Gerberknecht, Und er weiß nicht, hört' er recht. Und er lauscht, und deutlich her Ruft's im Sturme nach dem Fähr. Und er hört es her nicht springen. Nicht des Schiffes Kette klingen. Aber unermüdlich schreit Her es noch geraume Zeit. »Da ist zuzuhören schlecht!« Also denkt der müde Knecht, Springt hinunter, wie ihm Regen Sturm und Wogen auch entgegen; Und er stemmt die Kräfte an Und hindurch zwingt er den Kahn. Und ein Lichtlein in der Hand Stehet eine Maid am Strand Wunderschön, sie staunt und weinet: »Wer Ihr seid, von Gott erscheinet Ihr, es war nicht Eure Pflicht; Und der Fährmann seid Ihr nicht. Meiner Mutter, krank zum Tod, Hol' ich Hülf' in höchster Noth.« Und wie Sturm auch dröhn und Wellen, Sie vertrauet dem Gesellen, Fasset seine Hand und schwingt In den Kahn sich; – und er ringt Wieder zu dem andern Strand, Und da beut sie ihm die Hand: »Gott vergelt' Euch Eure Güte! Ruft er einst, sein Engel hüte, Euch dann, wie Ihr mich durch Nacht, Strom und Sturm hinüberbracht!« Er antwortet: »Schöner Lohn Ist ein solch Begegnen schon; Auch erfüllt sich allerwegen Frommer Herzen Wunsch und Segen. Gott geleit' Euch!« Sie enteilt. Und so er auch unverweilt. Und er träumt: des Stroms Gewalt Droht ihm, und entgegenwallt Sie ihm, reicht die Hand und hebet Ihn hinüber und entschwebet. Er erwacht; noch trennt sich nicht Wirklichkeit und Traumgesicht. Dieser Knecht mein Vater war, Hülfbereit so immerdar; All sein Leben so ein Ringen Und ein Sturm- und Strom-Durchdringen. Achtzig Jahr geworden, dacht' Oft er noch an jene Nacht. Und wie alle Kraft ihm schwand. Sprach er oft: »Ich spür' die Hand Die mich will hinüber heben. Und er konnte sanft entschweben, Sanft und selig als der Mann, Der nur Hülf' und Friede sann. * Wieg und Sarg. In der Dämm'rung wird die erste Wiege Deiner Hoffnung, junge Frau, gebracht. Und schon bist, daß warm und lind es liege, Unter Freud' und Bangen du bedacht. Unbewußt ist's dem ersehnten Kinde; Unbewußt wird einst in dunkler Nacht, Daß sich wieder Staub zu Staube finde. In die Wohnung ihm der Sarg gebracht. Wieg und Sarg! wie nah oft steh'n die beiden! Betend denkt die Mutter auch daran, Mit dem Angekomm'nen gleich zu scheiden Und als Wieg und Sarg ihn zu umfahn. Wieg und Sarg! wie nah stehn diese Gränzen Unsers Lebens und wie heilig ernst, Wenn wir noch so lieblich sie bekränzen! Wo denn, wenn du hier nicht glauben lernst? Hier an diesen ewig dunkeln Marken Tritt das Wissen Aller gleich in Nacht, Und die Geistesschwachen wie die Starken Huldigen der unbekannten Macht. Immer weisen uns die starren Schranken In uns selber, in der Geistes Welt; Wieg und Grabes-Binden sind des Schwanken Gängelband, daß er in Staub nicht fällt. Wieg und Sarg wie nah! und zwischen beiden Dieses Lebens eine Spanne kaum! Unser Blüh'n und Welken, Thun und Leiden Schwebt dahin ein bang- und froher Traum. Wieg und Sarg! und zwischen beiden innen Welche Aussaat in die fernste Zeit, Wählend spurlos Tausende zerrinnen! Und im engen Raum welch' eitler Streit! Wieg und Sarg! und in den dunkeln Wänden Welch' ein Sonnenglanz auf schmalem Steg! Aber wo hinaus wird dieser enden? Höllenpein auch lagert auf dem Weg, Doch getrost! seit in die ärmste Wiege Jener wunderbare Stern gelacht, Seit der Wahrheit und dem Recht zum Siege Aller Schrecken Gruft dort ist zerkracht: Wird von jener Engel Glanz umflossen Nun die Wiege und der Leichenschrein; Von der Liebe Arm bin ich umschlossen. Sie legt mich in Wieg und Sarg hinein. Hebt mich aus dem Sarg wie aus der Wiege, Macht zur Wiege wieder meinen Sarg, Und je mehr ich mich an sie nur schmiege. Bangt mir nicht vor dem, was sie verbarg. Sei die Erde selbst denn eine Wiege. Schwebend unter Sturm und Sonnenschein, Ob das Meer auch über Höhen stiege. Und sie wieder würd' ein Grabesstein: Wir vertrauen der allmächt'gen Liebe, Die da aus der Erde Wieg und Gruft, Ob denn Wieg und Sarg und Leib zerstiebe. Auf den Pfad uns führt von Licht und Luft. Und wir schau'n zur Wieg in diesem Frieden, Ewig Leben ist darin erwacht Und das Seligste, was uns beschieden, Ist ein Kind, das uns entgegenlacht. Friedevoll auch in die Grabestiefen Schauen wir und steh'n: O daß gelind Wir zum neuen Morgen einst entschliefen. Wie in seiner Mutter Arm das Kind. * Elegien an der Wiege. 1. Ja, dein kleines Herzchen spür' ich schlagen, Pochen deines Erdelebens Uhr. Wann hat wieder dann es ausgeschlagen? Auch Jahrzehende sind Stunden nur. Daß dein Herz nie mög' in Leiden zittern, Dieses wünsch' ich, liebes Kind, dir nicht. Reifen müssen auch in Ungewittern Edle Früchte, bis der Herbst sie bricht, Bis sie selber fühlen neues Leben, Das in ihrem Kerne ist erwacht, Ihre Hülle gern der Erde geben, Um zu aufersteh'n in neuer Pracht. Und hienieden hat kein Herz geschlagen, Das nur Freuden sonder Leid genoß, Und es wurden unter harten Plagen Je die edelsten Naturen groß. Selber, der die Menschheit neu verklärte, Den vom Himmel grüßte Lobgesang, Hatte, auch so kurz sein Dasein währte, Doch den längsten, dornenvollsten Gang. Aber daß für ihn dein Herz mög' schlagen, Das sei deines Lebens bestes Theil, Dann magst bittre Schmerzen du ertragen, Dann erblüht aus Leid dir Freud' und Heil. Alles, das wahrhaft wir göttlich heißen, Was im Heldenleben uns erscheint, Und noch mehr, als Heldendichter preisen, War in ihm, dem Menschensohn vereint. Wer Ihn ehrt und liebt mit heil'gem Muthe, Der umfaßt in ihm die beste Welt, Und für alles Wahre, Schöne, Gute Ist sein Sinn empfänglich und erhellt. Bleib' nur ihm, mein liebes Kind, ergeben, Dann erzitterst du vor Menschen nicht, Wirst dich nicht um eitle Gunst bestreben, Nicht begierig macht dich Goldes Licht. Hast du nur in unruhvollen Tagen Vor dir selber Ruh', Gewissensruh', Schauest du dann, ohne zu verzagen, Auch den wildesten der Stürme zu. Seelenruhe soll dein Pulsschlag werden, Wie du jetzo schläfst so süß und weich; Sie ist doch das größte Glück auf Erden, Sie ist Odem aus dem Himmelreich, Möge sie dein letzter Pulsschlag werden! 2. Bei der Lampe trautem Dämmerscheine Sind erwacht in selig stiller Ruh, Da die Mutter und der schöne Kleine, Und sie lächeln sich einander zu. Eines fühlt im Andern nur sein Leben, Eines ist dem Andern innig nah; Alles nehmen, oder Alles geben: Sag' was ist die größ're Wonne da? Sie ist ihm der Engel, der bewachet, Er ist ihr ein guter Engel auch, Und die sich Anlächelnden umfachet Seelenwonnevoll ein Himmelshauch. Hier ist lauter Lieb' und Gegenliebe, Nichts für sich bloß suchet Beider Herz; Also schauen in des Schöpfers Triebe Stern in Stern und Sonnen erdenwärts. Gottes ew'ge Vater-Mutterliebe Kehrt sich so dem Menschenkinde zu; O daß hingewandt mein Herz ihr bliebe! Nur in Gottes Liebe waltet Himmelsruh. 3. »Abba, Abba«, stammelst du mit Lachen; Abba ist der Kindlein erstes Wort; Es, das erste Wort in allen Sprachen Und der Sprachen allerreichster Hort. Süßes Wort, wie dringest du zum Herzen, Machst zur schweren Pflicht uns froh bereit, Und mit neuer Lust hebst du aus Schmerzen Einer liebelosen, kranken Zeit! »Abba, Abba«, wer könnte widerstehen? Weg von ernster Arbeit ruft es mich. Und ich muß zu dir, mein Kindlein, gehen, Daß ich um dein »Abba« küsse dich. Störst du mich in der Gedanken Gange, Giebt dein Wort Gedanken auch, und hellt Herrlich auf im Allzusammenhange Des Allvaters kindervolle Welt. Abba war das Wort des Eingebornen Und sein ganzes Evangelium, Und das einzig Heil der sonst Verlornen, Gleichwie Sohnes Treu sind Heil und Ruhm. Abba war der Geist der heil'gen Reden Und der neuen Feuerzungen dort, Dieses Wort eröffnet wieder Eden, Ob dem Chaos ist's das Schöpfungswort. Lern' in seiner Tief es, Kind, verstehen, Dann wird dir die Nacht des Tages klar. Abba rufe beim Hinübergehen, Wie's das letzte Wort des Meisters war. 4. Du verstehst uns und kannst doch nicht reden. Kaum ein Dutzend Wörtchen stammelst du; Ist dein Geist so thätig, schon jedweden Ausdruck sich zu deuten sonder Ruh? Oder fühlst du nur und gehst den Tönen, Sicher von dem Trieb geleitet, nach? Ist dir, wie Gesang den Waldessöhnen, Angeboren dieser Töne Sprach'? Vieles auch umtönt uns aller Orten, Das vernehmlich uns zum Herzen dringt. Und wir können nicht darauf antworten In den Lauten, wie es zu uns klingt. Liebes Kind, was Tag und Nacht uns sagen, Und der Blumen und der Steine Chor, Mögest du darnach mit Liebe fragen Und mit offnem Herzen, Aug' und Ohr. Liebes Kind, was aus des Herzens Gründen Ohne Worte warnet oder rührt, Was dir stille Blick' und Winke künden: Sei von dieser Sprache stets geführt! Wolle nie mit klugem Wort bestreiten. Was dein Herz gebeut dir ohne Wort; Wie dich jetzo noch Gefühle leiten, Laß dein Herz dich leiten immerfort. 5. Mußt dich halten noch auf allen Seiten, Schreitest wankend an der Bank und Wand, Wagst nicht durch das Stübchen hinzuschreiten Ohne Führung, ohne Gängelband. Rührend Bild von jedem Menschenkinde! Das, wie stark es auch sich fühlen mag, Einer Leitung darf bald streng, bald linde, Daß es sich durch dieses Leben wag. Eine weite Welt erscheint den Kleinen Jetzt sein kleines, enges Stübchen noch; Ach und wem von uns will nicht erscheinen Haus und Amt unendlich weit und hoch? Und wir schreiten immer an den Wänden, Der am buntgestickten, goldnen Band, Der an Gönner-, der an Freundes Händen, Der am Wahn mit oder ohne Schand. Und das enge, kurze Erdenleben Ach wie scheint es uns unendlich weit? Und wer schreitet sicher denn und eben Eignen Schritts hindurch zur Ewigkeit? Die es thun, sie schreiten nicht, sie stürzen Hin im Taumel sich von Weh und Lust, Ihre Bahn verwirren und verkürzen Sie sich, ihrer selber nicht bewußt, Wie das Kindlein stürzt, das zu der andern Bank begehret und sie nicht erlangt. Einer Leitung braucht, wer da will wandern! Wies dem Kinde ohne Führer bangt, Also bangt uns, fühl'n wir uns verlassen, (Und nie ist es sonder eigne Schuld) Und was sollen wieder wir umfassen Als die Muttertreu und Vaterhuld? Er auch, der zu diesen uns will wenden, Hat die Bahn an Vaters Hand vollbracht, Laut rief er nach seines Vaters Händen In des Ueberschrittes dunkler Nacht. Kindlein, wie der Mutter- du verlangest Und der Vater-Hand noch dieser Frist, O daß du an ihm nur immer hangest, Der dir mehr als Vater, Mutter ist. Liebes Kindlein, sei du nie vermessen, Eignen Schritts zu gehn im Uebermuth; Nur wer Gottes nimmer ist vergessen, Der geht eignen Schrittes fest und gut. 6. Schwül schon machet dir die Lockenkrone, Der so linde, leichte, lichte Kranz, Und die Zierde fleht umsonst: Verschone! Ob dem Köpfchen blickt der Scheere Glanz. Wie ein Schäfchen mußt du's eben dulden; Aber wie thut jeder Schnitt mir weh, Der dir raubt die Blumen reich und gulden, Wie vom Bäumchen fällt der Blüthenschnee! Schäfchen, 's ist die erste Opfergabe, Die du bringen mußt dem Erdenloos, Und wie manchmal bis zu deinem Grabe Sinkt der schönste Kranz dir in den Schoos! Schäfchen, ach wie oft, was hold dich schmücket, Und was dir und andern Lust gewährt, Wird zur Last alsbald, die dich bedrücket Und vom Schicksal wieder abbegehrt. Aufbewahren wollen wir die Blüthen; Keine schmücken mehr so reich dein Haupt. Wann dir auch die feurigsten verglühten Und des Lebens Sturm den Baum entlaubt, Lege deine letzten Silberflocken Einst dein Kind zu diesem Gold der Locken! * Elegien am Sarg. 1. Die ihr erstes Kind geboren hat, Liegt so bleich jetzt da und sterbensmatt Und vermag das Kind in ihrem Schmerz Nicht zu drücken an ihr sehnend Herz, Ach und wie ihr Aug nun aufwärts blickt, Da man sich zur heil'gen Taufe schickt! Jetzo wünscht das Kind sie noch zum Mund Und mit Thränen tauft sie's ihm zum Bund, Der die Liebe bleibet für und für, Wenn ein schneidend Schwert uns auch durchführ. Ach und wie inbrünstig sie nun fleht, Da der stille Zug zur Kirche geht. Leise winkt und lispelt sie darauf: »Machet weit mir noch die Fenster auf!« Und sie horchet nun dem Kirchgeläut Das den heil'gen Gruß dem Kinde beut, Und herüber schallt die Orgel hell, Und nun weiß sie, wird der heil'ge Quell Und der Segen ihrem Kind zu Theil, Und sie betet für sein ewig Heil. Und wie nun entschwebt der Feierton, Ist auch ihre Seele schon entfloh'n, Und sie steht und fleht vor Gottes Thron, Und derselbe Klang hat eingeweiht Kind und Mutter zur Unsterblichkeit. 2 Ach die schöne Hüll ist starr und todt. Nicht mehr regen kann sich Fuß noch Hand, Und den Lippen auch erblich das Roth, Und gebunden ist der Zunge Band, Und das müde Haupt zurückgeneigt. Und gebrochen schon der Augen Licht, Und der Pulsschlag auch des Herzens schweigt. Und das letzte Athmen spürt sich nicht. Dennoch, dennoch regt die Lippe sich, Thränen-Abschiedsküsse zu empfahn, Und der Glanz, der schon dem Aug entwich, Kehrt zurück, verkläret blickt's mich an. Und noch einmal flammet auf das Licht, Eh des Staubes Hüll es sich entwand. O du Zeichen, das so deutlich spricht. Und der Fortdau'r heilig Unterpfand! Ist der Leib auch todt, doch lebt der Geist Und ist innig seiner selbst bewußt, Und bevor es ihn von hinnen reißt Und er sich entschwingt der engen Brust, Thut er tröstlich kund: unsterblich sei Der Gedanke, Glauben, Lieb und Treu. 3 Um den Vater her in Schmerz und Klag Sitzt die Kinderschaar am Sonntagsmorgen; Ach sie sagen nicht mehr Guten Tag Ihr, die bisher in den treusten Sorgen Tag und Nacht des Hauses Seele war. Starr ob starrem Herzen ruhn die Hände, Die nie müde wurden Jahr um Jahr. O wie fühlen sie sich jetzt elende Kind und Vater, und sie weinen still, Trost sich suchend in dem Buch vom Leben, Und Ergebung, wie's die Allmacht will. Sieh, da hören sie den Psalm erheben Und den Orgelklang im Gotteshaus, Und in Jammer und in Schluchzen brechen Alle jetzo mit einander aus. Aber bald hört man den Vater sprechen; »Unsre theure, theure Mutter singt Droben nun auch mit den Himmelsschaaren Von den lieben Seelen all umringt, Die ihr längst vorangegangen waren. Von der Tochter wieder und dem Sohn, Die der Tod ihr nicht mehr wird entreißen.- Sie empfängt der Lieb und Treue Lohn, Der aus Gottes Mund uns ist verheißen!« Nie mit Freuden und mit Schmerzen drang In die Herzen so der Kirchensang, Wie er jetzt ins Haus der Trauer klang, 4 In die Kammer, wo die schönen Kleinen Lieblich schlummern um die Eltern her, Tritt der Totesengel und den einen Und den anderen berühret er, Und sie folgen lächelnd seinem Winke; Aber daß der Eltern armes Herz In dem Sturm der Prüfung nicht versinke. Deutet er voll Mitleid himmelwärts: »Ist auch schrecklich grausam mein Erscheinen, Dennoch hat die Liebe mich gesandt; Nicht verloren sind euch eure Kleinen, Kinder sind den Engeln ja verwandt. Nicht verloren, Mutter, ist dein Leiden, Nächtlich Wachen, Liebe, Sorg und Müh, Nicht verloren sind Hoffnungen und Freuden, So die Blumen euch gegeben früh. Daß daran ihr nimmermehr verzaget. Kurze Trennung mit Ergebung traget, Trost euch jenes Wortes Glaubensstern; Laßt die Kinder kommen zu dem Herrn,« 5. Ihrem Kind, das schon zur Jungfrau blühet, Flicht die Mutter den Geburtstag-Kranz; Jene Zeit ist's, da die Rose glühet, Und die Welt erfüllt der grüne Glanz. O was hoffnungsreiche Blumen winden Sich in solchem Kranz; die Seele wähnt, Mit den Blumenketten fest zu binden, Was sie Theures hat und sich ersehnt, Doch wie leicht läßt sich dies Band zerpflücken! Ach der Kranz, den da die Mutter wand, Ihrer Tochter lieblich Haupt zu schmücken, Ward zum Todtenkranz in ihrer Hand. Die Gespielen schlingen unter Klagen Um die Bahre schon das Blumgewind, Und vermögen thränend nur zu sagen: »O du gutes, liebes, schönes Kind.« Und erschüttert sind die Jüngling alle, Da sie treten zu dem Sarg hinan; Weinend tragen sie ihn aus der Halle, Weinend ziehn sie hin die bittre Bahn, Sie die Blühnden mit der schönsten Blüthe, Die der Frost am Maientag gepflückt, Achtend nicht der Geistesfüll und Güte Und des Kreises nicht, den sie beglückt. Aber nein, nicht Frostesmacht zerknickte Unsre Blume; ihres Engels Hand, Den die ew'ge Liebe selber schickte, Holte heim sie in das bessre Land. Drüben sollte feiern sie ihr Werden , Das sie hier begonnen hold und rein, Frei sein von den irdischen Beschwerden Und im allerseligsten Verein. Drüben lebt sie jetzo neugeboren, Jung und schön und innigst sich bewußt, Und nicht Eine Kraft ging ihr verloren Und unendlich fühlt sie Lebenslust. Schon wird ew'ge Lieb ihr dort ersetzen Seelen, die sie hier für kurz verließ. Wird uns öd an ihren Blumenplätzen; – Schönre Blumen hat das Paradies. Bleibt verstummet hier auch ihre Leier, Kundig ist geworden früh ihr Sinn, Zu verstehn das Lied zu Gottes Feier; Schöner lernt sie dort lobpreisen ihn. Schmerzt uns denn auch lange noch dein Scheiden. Preisen dennoch wir der Vorsicht Rath, Die Verschont dich mit der Erde Leiden, Aus der Jugend dich genommen hat Zu sich auf der ew'gen Jugend Auen, Wo die reinen Herzen Gott anschauen. Dies sei unser Trost denn und Vertrauen! * Aus den Trostliedern. Unter Lilien. Jetzt an jedem Orte Blühen Gottes Worte Wie im Sternenkranz In der Lilien Glanz, Wo im Grün sie stehen, Ihre Düfte wehen, Predigt ihre Pracht: »Traut der Lieb' und Macht, Die uns rief aus Staub und Nacht Ja durch ihn erstanden Wir in Frühlingslanden, Und des Herren Wort Blühn wir fort und fort; Königliches Prangen Uns, die schnell vergangen. Und euch schenkt er mehr, Eine Wiederkehr; Oder was wär' ihm zu schwer? Wir sind Lebenssprüche, Lebens-Wohlgerüche.« – Ob der dunklen Gruft Künden Glanz und Duft: »Ihn, der uns erhoben. Sollt ihr preisen droben! Schwachheit wird gesä't. Und die Kraft ersteht. Und der Leib, der nicht vergeht. Wir sind Lebensboten Um das Haus der Todten, Wie im Hoffnungsgrün Grüsten Stern' entblühn, Unsre Sterne weisen Zu den Sternenkreisen: Also ziehn empor Aus des Grabes Thor Seelen in der Engel Chor.« Die Rose in der Sterbenden Hand. Du fühltest nahe dich dem Grabe, Du warst so blaß und schwach – und doch Erfreute dich das Röslein hoch. Des Herbstes letzte Blumengabe. In schwacher Hand die zarte Rose, Was dachtest du, mein liebes Kind? Ach, daß allhier dieselben sind Der Blume und des Menschen Loose. Das dachtest du: »Wir sind Genossen, Wir beide, Röschen, sind gepflückt; Und kehrt die Sonn', die uns beglückt, Ist unser Auge schon geschlossen. Und die noch eine Weile prangen, Auch ihre Stunden sind gezählt; Und fort und fort erblüht die Welt Und kennet nicht mehr, die vergangen. Du hast geblüht nur Einen Morgen, Vor Mittag bin auch ich geknickt; Doch hab' ich ew'ges Licht erblickt, Zahllose Freuden, wenig Sorgen. Mit Dank nur kann zurück ich schauen In meines Jugendgartens Glanz, Wo Lied um Lied und Kranz um Kranz Stets dufteten zum heitern Blauen. Und vor mir seh' ich Edens Palmen, Des Paradieses Blumenkron', Und durch mein Grabgeläute schon Hör' ich des neuen Zions Psalmen. Umsonst nicht, Röschen, wardst geboten Du meiner schwachen, kalten Hand: Auch du bist mir ein Unterpfand, Daß Gott nicht ist ein Gott der Todten. Hat dir er solchen Schmuck gegeben, Gequollen aus dem Dornenstrauch, Wie sollte nicht sein Wunder auch Den neuen Leib der Seele weben. Du bist ja auch der Liebe Blume, Und Gott thut sich als Liebe kund; Dich weihete der neue Bund, Dein Sinnbild glänzt im Heiligthume, Das reinste Blut in deinem Scheine, Das höchste Lieb' für uns vergoß, Daraus der Quell des Lebens floß, Vom Tod zu heilen die Gemeine. Ja Er ist da, er will erheben Aus diesem Leib des Todes mich; Du hörest mich, ich höre dich: »»Ich lebe, und auch ihr sollt leben!«« Und streuen sie die letzte Gabe Um mich, der Rosen Spezerei'n, Soll ich bei dir , mein Heiland, sein. Aus dieses Leibes leerem Grabe!« Der letzte Blick. Du fühltest nahe dir dein Ende, Und faltetest zur Brust die Hände, Und sahst uns an zum letzten Male Mit deines Auges hellstem Strahle; O dieser Glanz erlischt mir nicht, Auch dann nicht, wann meine Auge bricht. Der Liebsten Züge und Gestalten Für ewig alle festzuhalten, Sahst du uns an zum letzten Male Mit deines Auges hellstem Strahle; O dieser Glanz erlischt mir nicht, Auch dann nicht, wann mein Auge bricht. Was Wort und Ton doch nicht beschrieben, Dein unaussprechlich treues Lieben Sprichst du uns aus zum letzten Male Mit deines Auges hellstem Strahle: O dieser Glanz erlischt mir nicht, Auch dann nicht, wann mein Auge bricht. Daß du gefaßt und Gott ergeben Ihm folgtest aus der Jugend Leben Und folgst in himmlisch schöne Thale, Sagst du mit hellstem Augenstrahle! O dieser Glanz erlischt mir nicht, Auch dann nicht, wann mein Auge bricht. Dein Aug', von Thränen nicht gefeuchtet. Vom Leben hat's im Tod geleuchtet, Von Gottes Kraft im Todesschwachen, Im Tod vom seligen Erwachen; Und dieser Glanz erlischt mir nicht, Auch dann nicht, wann mein Auge bricht. Ihr Augen seid nicht ausgeronnen, Der treuen Seele helle Sonnen, Ihr leuchtet mit der Seele wieder; O schauet segnend auf mich nieder Und grüßet mich mit sel'gem Licht, Ihr Augen, wann mein Auge bricht! Das Denkmal. Wär' ich reich, ein Grabmal dir zu bauen, Müßt' es eine Betkapelle sein Und mit Chor und Thurm und Giebel schauen Aus dem dufterfüllten Lindenhain. Und im Chore müßte sich erheben Der Altar, das Kreuz im Sternenkranz, Und vorüber ob der Pforte schweben Eine Bühne mit der Orgel Glanz. Durch das Fenster auf der Mittagseite Müßte Licht einströmen sanft und mild In die Halle an der andern Breite Auf dein silberweißes Marmorbild. Dorten lägest du auf weichem Pfühle, Und vom glänzenden Gewand umhüllt, Lägst im Traum und seligsten Gefühle Von gesunden Schlafes Kraft erfüllt, Und – wenn über dich durchs Fenster schweben Rosenlichter – gleich als wolltest du Guten Tag uns sagen und erheben Lächelnd dich aus deiner süßen Ruh'. Gerne würd' im Hain und Kirchlein weilen, Wer die Einsamkeit und Andacht liebt; Deine Ruhe würde Ruh' ertheilen, Die getrost den Staub dem Staube giebt. Und zu der Kapelle würde wallen Gern der jungen Sängerinnen Chor, Zu der sanften Orgel würd' erschallen Oft der Vesper und der Vigilien Chor. – Doch dein Denkmal steht in unsern Herzen Freundlich wie du selber, und du lebst Stündlich mit uns, ledig aller Schmerzen, Wie nun unter Seligen du schwebst. Selber singst du ewige Vigilien, So gewiß, als Gott ist dort und hier. Deinem Staub durch ihn entblühn die Lilier Selbst er schmückt dein Grab mit ihrer Zier. Beisammen. Wann wieder Blumen blühten Und Fluß und Firnen glühten. Ging oft ich aus mit dir; Wir schauten in die Flammen, Und sagten Nichts zusammen. Und still und selig waren wir. Nie mehr, wann Blumen blühen. Und Fluß und Firnen glühen, Gehst wieder du mit mir. Doch aus des Himmels Flammen Sagst du: »Wir sind beisammen, Mein bester Freund, ich bin bei dir!« Hin- und Herüber. Ufer blühn sich neu entgegen, Firnen und die Abendröthen; Antwort aus der Ufer Hägen Geben sich der Amseln Flöten, Blumen schau'n zu Wellen nieder, Wellen zu den Blumen wieder. Ich – ich grüße übers Grab, Und du denkst wohl auch herab. Blumen ab deinem Grabe. 1. Theure Blumen deiner Gruft, Lippen rein und reich an Duft, Grüße bringen sie von dir, Küsse nehmen sie von mir. Jene Küsse, die dein Mund Zärtlich bot in letzter Stund', Da er sich auf ewig schloß Und der letzte Hauch entfloß. Und der Duft und Blick der Blum' Ist ein Küssen wiederum; Ach wie geht's zu Herzen mir! Ja ein Grüßen ist's von dir! 2. In die offne schwarze Gruft Schaut des offnen Himmels Blau, Ob der stillen Todtenau Singen Lerchen in der Luft. Ob der stillen Gräbernacht Schallt der Sonntag in der Rund', Blumen aus dem finstern Grund Predigen von Lieb' und Macht. Und sie sagen: o vertrau! Und wie heiß die Thräne fließt, – In den Thau der Thränen gießt Kühlend sich der Himmelsthau. Lebendiger Fels Das kalte, starre Felsgestein, Auf wallt es neu im Sonnenschein, Empor aus seinen Schatten blühn Der Buchen Kronen goldengrün, Aus seinen Halden dringt hervor Der Gräser und der Blumen Flor, Der Drosseln und der Amseln Chor, Und alle Zweige sind erschwungen, Und alle Flügel, alle Zungen Dem, der mit Lust den Fels durchdrungen. Wenn ich erblühe, sagt der Stein, Wie sollte denn gestorben sein. Was mehr denn Vögelsang und Blust Ist seines Schöpfers froh bewußt? Ich grüne dem, der ruft herbei, Wie aus dem Winter jeden Mai, Dem, was da nicht ist, daß es sei. Der Licht rief, und es ward geboren, Und aus gesprengten Felsenthoren Dem , der zum Heil der Welt erkoren. Der Morgenstern. Dein denkend bin ich wieder Lang vor dem Tag erwacht; Die Sterne scheinen nieder In unsre Winternacht. Ich sage guten Morgen Hinauf dir, liebes Kind, In deinen ew'gen Morgen, Wo Nacht und Frost und Tod nicht sind. Uns hier muß Nacht umfangen, Soll aufgehn uns der Stern, Soll in der Seele prangen Der Morgenstern des Herrn. Wenn der uns nicht erhellte. Was hülfe Sternenlicht In Todes Nacht und Kälte Und wann auch unser Auge bricht? * Im März. Ueber das Schneefeld bin Singet die Amsel schön: »Morgen erwacht der Föhn, Dessen frohlockt mein Sinn.« Ueber die Gräber her Tönet der Märzgesang: »Selig, wie dort es klang, Klingt es dir nimmermehr.« »Dennoch wird Alles jung,« Singt's in beschneiter Flur, »Hoffe und hoffe nur Lebenserneuerung!« * Karl Rudolf Tanner Mutterglück. Du weinest, Kind, an meiner Brust; Sag an, du junges Licht, Wer schon in deine erste Lust Dir solche Dornen flicht. Hier in der Treue sicherm Arm, Am Mutterbusen liebewarm? Doch weine nur! Das Menschenherz Ist einmal so bestellt, Daß sich die Freude mit dem Schmerz Im tiefsten Grund gesellt, – Daß oft im Glückesüberfluß Die Wehmuth stille weinen muß. Und wie die Mutter singt, erglänzt Ihr Blick, die Wimper quillt. Wie, wann es in den Thalen lenzt. Der Weinstock übelschwillt. Die Thräne, die sich reich ergießt. Ist Seligkeit, die innen sprießt. * Abendgesang. Die Sonne sank zu guter Ruh Der Erde zu. Die Nacht erwacht; Schon hat ihr heimlich Flimmern Mit Schimmern Manch Sternlein angefacht. O, du des Abends heil'ge Lust In jeder Brust, Willkomm, Willkomm! Es tönt in Harfenweise So leise Der Lüftlein milder Strom. O, du des Abends heil'ger Schmerz In jedem Herz Gegrüßt, gegrüßt! Schon winkt des Mondes Scheinen, Wie weinen, Das sich mit Trost versüßt. * Lob der Lilie. Den Sommer, der uns hoch beglückt. Wer könnte voll ihn loben? Er hat dich Lilie fein geschmückt. Weiß, gleich dem Schnee, gewoben. An deines Stengels grünem Strahl Gar herrlich aufgeschwungen, Bescheidne, nur dieß Eine Mal Sei dir ein Lied gesungen. So Gnade hat kein Blümchen nicht, Das sonst die Menschen preisen; Auf Erden und in Edens Licht Kannst du die Heimat weisen. Denn wie dich hier, dem Golde gleich, Als Schmuck die Frauen küren, Die Engel dort im blauen Reich Dich auch in Händchen führen. Der eignen Wonne unbewußt, Was mag dir, Süße, gleichen, Darf Rose mit der wunden Brust Zu dir herüber reichen? Schon winkt sie sinnend hingelehnt, Derweil dein Blick verkündet, Daß Liebe, die nach Lilien sehnt, Auch diese schmelzt und zündet. * Das Land der Erinnerung. Wenn ich der alten Zeiten sinne, Und wie mein Glück in Asche schwand, Führt mich der Schmerz mit milderm Sinne In der Erinnrung stilles Land. Dort schau ich klar geliebte Blüthen, Die sich um mich als Bilder reihn; Die Pracht, mit der sie lebend glühten, Verbirgt mir ihr Gebrochensein. * Die Habsburg. Zu Habsburg unterm Schlosse Ist längst der Feind genaht; Hin schwirren die Geschosse Gewaltig früh und spat. Er ist ein Schlimmgesinnter, Zum Kampfe stets gericht; Ihm beugen Lenz und Winter Den Trotz der Sehnen nicht. Er hat zum letzten Stürmen Die Leitern schon gelegt, Wer ist's, der rings den Thürmen So kühnen Schwungs sich regt? Baumstämme sind's, gefestet. Mit Wurzeln eingefußt; Sie tragen reich geästet Ergrüntes Laub und Blust. Es seufzet in vier Wänden Das klüftige Gestein; Die Hülfe, fern zu finden, Kehrt nimmer, nimmer ein. Das Herrnvolk liegt verschlafen, Des Hornes Mund ist stumm; Rost nagt die alten Waffen, Im öden Heiligthum. Die Burg ist stets geschwächter, Die Todten ruhen aus. Ihr, lebende Geschlechter, Erbaut ein neues Haus. * Ermahnung. Heb' empor die feuchten Augen, Was dir welkte, schaue nicht! Wage still den Trost zu saugen, Der zu dir aus Sternen spricht. Kannst du's auch nicht unterscheiden, Glück und Frühling kehrt zurück, Nacht wird Licht, und Glück aus Leiden, Leid ist Knospe, Blume Glück. * Herbe Täuschung. Siehe, wie die Herbstzeitlose, Buhlend nach dem Schein der Rose, Sich mit Frühlingsfarbe schminkt! Aber weh der Seele, welche Hingelockt zu ihrem Kelche, Statt des Seimes Gifte trinkt. Also weh, wenn falsche Herzen Mit dir, heil'ge Liebe! scherzen, – Deiner spotten, Zuversicht! Hast du solchen Trug empfunden, Zieh den Pfeil aus solchen Wunden, Seele, du vermagst es nicht. * Frühlingsvertrauen. Noch schleicht der Winter tückisch um, Den Hut tief im Gesichte; Doch Veil, Huflattig, Schlüsselblum' Ersteigen kühn zu Lichte. Der Falter auch mit gelbem Flug, Und der in brauner Seide, Sie haben, scheint's, des Schlaf's genug – Sie flattern, waglich, beide. Flieht! bald am Thor des Lebens dicht Könnt euch der Pfeil erjagen! »Das Hoffen drängt; wir zweifeln nicht, »Was Lieb' und Glaube sagen.« * Maifeier. Ein Kukuk hier, sein Buhle dort, Wo hohe Wipfel ragen! Horch, ringsum klingt es munter fort, Was sie ohn' Ende fragen: »O sagt, was könnte schöner sein, Was süßer unterm Süßen, Als obenher der Sonnenschein, Und frisches Grün zu Füßen? Was könnte, saget, schöner sein, Was süßer unterm Süßen, Als wenn zwei Herzen, jung und fein, Im Mai sich freundlich grüßen?« * Abschied und Sehnen. Hinter dieses Bürgleins Zinnen. Winkt die Sonne gute Nacht; Doch im Bergland tiefer innen. Sind die Gluthen hell erwacht. Also wann sie geht, die Süße, Die man lang ans Herz gelegt, Wird vom letzten ihrer Grüße Noch zumeist die Brust bewegt. Und die Wehmuth und das Sehnen, Zwei Geschwister ernst und mild, Spiegeln noch im Glanz der Thränen Das entschwund'ne, schöne Bild. * Nachtgang. Ich wandle in der Stille, Bergüber geht mein Lauf; Der Nachthauch trägt der Grille Einsames Lied herauf. Wohlan! Aus Waldesgründen Ersteigt der Mond die Bahn; Blaß-rege Schimmer zünden Des Flusses Tiefen an. Es bebet, gleich der Welle, Das bang bewegte Herz; Ist auch die Lust Geselle, Freund ist doch nur der Schmerz. * Unmuth. Ich wandle durch die Matten, Die Blumen seh' ich nicht; Wenn innen ist der Schatten, Was frommt das äußre Licht? Der Vöglein sind wohl viele; – Den Sang vernehm' ich kaum, Er weckt mit seinem Spiele. Nur einen schwachen Traum. Der Traum entflieht mit Eile, Ihn ängstet dieser Ort: Bin ich doch manche Meile Von Glück und Frühling fort. * Der Herbstabend. Rothe Wolken sind geschichtet, Lachen mild ins Abendgold; Doch der Mond, so blaß und hold, Hat sein schmerzreich Lied gedichtet: »Ach daß stets der dunkeln Trauer Unsre Freuden Schwestern sind.« – Dieß im Nachhall haucht der Wind Durch des Waldhangs Espenschauer. * Trübe Maitage. Ferne flieht, ihr Wolkenschatten, Ab den jungen, grünen Matten! Störet nicht die kurze Lust! Diese Blumen unverschuldet Haben Schmerz genug geduldet An des Winters kalter Brust. Mich, wie sie, bezwingt Verlangen Nach der Sonne schönen Wangen, Deren Auge Freude lenzt! Auch der Mensch ist eine Blüthe – Darbend, fehlt der Strahl der Güte, Krank, wenn ihm nicht Liebe glänzt. * Das Gerede der Wellen. Eine Welle sagt zur andern: Ach! wie rasch ist dieses Wandern! Und die zweite sagt zur dritten: Kurz gelebt ist kurz gelitten! * Die Nonne im Sarge. Vom Chore wird der Sarg getragen. Im Schiffe bleibt er mitten steh'n; Die sanften, todten Züge sagen: Dir Herz, ist ach! so wohl gescheh'n. Sie schlummert gleich der Frühlingsblüthe Vom winterlichen Frost erfaßt, Ein Rosenbild von Qual und Güte Am kühlen Strahl des Monds erblaßt. Man murmelt nun die alten Lieder, Es wäre viel Gefühl darin! Doch diese trocknen Augenlieder Bezeugen, weh! den stumpfen Sinn. Nur von den Schwestern einzig Eine, Wie die Entschlafne schön und bleich, – Sie schaut hinaus mit feuchtem Scheine In dies erschloßne Schmerzen-Reich. Und wie sie bangt und wie sie weinet, Beweinet sie die Todte nicht; Sie weint zum Sterne, welcher einet: »Ich bin's, o Stern! Vergiß mein nicht!« * Am Flusse Lächelnd auf des Kahnes Spitze Wirft das Kind von seinem Sitze Junger Blumen reichen Flug In der Wellen raschen Zug. Müßte es, was ich, erfahren, Wüßt' es das in solchen Jahren, Wohl, statt in des Flusses Pfaden, Würd' es sie in Thränen baden! * Schöne Augenblicke. Freundliche, heilige Zeit begeisterten Aufblicks zum Himmel, Nahest du schnell wie der Blitz, deckt dich auch plötzlich die Nacht! Sterblichen bleibt es verwehrt, zu weilen im Lande der Sehnsucht. Aber die Sehnsucht drängt ewig zum Ewigen hin. * Blick ins Wasser. In der Wasser Glanz und Schein, Fühlst du Pein, schau hinein, Bald wirst du genesen sein. Ufer, Grund und Himmel zittern In dem Spiegel klar und reich. Sind die Bilder, die zersplittern, Und sich sammeln und entwallen, Nicht den Herzgefühlen gleich? Ist ein Dunkel eingefallen, Naht der Strahl. Der wird dein! Hast du Pein, schau hinein In der Wasser Glanz und Schein! * Zum zweiten Mal glücklich. Der Lenze, Kukuk, dreißig sind's, Seit ich dich einst gehöret, Da du des Jünglings Schwärmersinn Mit Freude süß bethöret. So bleich erscheint die Zwischenzeit, Die oft ich wund bemessen! Du aber hast von deiner Lust Nicht ein Gesetz vergessen. Doch blüht nicht mir auch Liebe neu, Die reicher nie begegnet? Sprich, Vogel, wie vernahmst du das, Daß so dein Lied mich segnet? Zwei Jahre ist mein Büblein alt. Ich führ's schon durch die Tannen, Um drauf, was droben fröhlich klingt, Des Kindes Ohr zu spannen. Auch nach den Blümchen langt es hin, Wir sind so ganz die gleichen, Das Röcklein selber paßte gar, Möcht' es an's Knie mir reichen. * Am Felsenhang. Daß du es wagst, am Felsensaum Dich so hervorzubiegen? Gieb Acht, daß du nicht stürzest, Baum, Da dich die Lüfte wiegen! Dich lockt die freie Wolkenschau, – Der Fluß im breiten Thale, Das Himmel- und das Wasserblau In seiner grünen Schale. Gieb Acht, daß du nicht stürzest, Baum Da dich die Lüfte wiegen: Den Vögeln nur gebührt im Raum Das Hin- und Wiederfliegen. * Im Gewitter. Die Schwalben fliegen bang und tief Auf nächtlich düstern Gründen hin, Ein Regenschauer brauset schief Und wandelt schwarz, das Licht entschlief. Ich aber, schauend, hoffe gar; Den Schmerz besiegt der feste Sinn: Je dunkler ist die Wolkenschaar, Je schneller wird mein Himmel klar. * Im Jenner 1841. Traun! es reget sich tief, es regt sich die Hoffnung im Busen, Mitten aus Schauer und Schnee seh ich den Frühling ersteh'n. Seid ihr, du Schnee und du Eis, seid ihr nicht die berstende Hülle Dessen, was athmet und fühlt, und nach dem Lichte sich drängt? O! du geliebtestes Land, o! Schweiz, du geliebteste Erde, Kämpfend mit wildem Gebraus däucht mir dein Frühling so nah! Siehe, wie's sauset und tobt! Es wirbelt der Sturm durch die Gipfel, Wäre nicht kundig der Blick, schien uns verloren das Land. Aber es reget sich tief, es regt sich die Hoffnung im Busen: Tage des Glanzes, des Glücks werden dir, Heimat, erblühn. * Tiefer im Lenze. Und wie der Frühling reicher schwillt, Verstummen meine Lieder; Der Lenz, den nun der Lenz gestillt, Legt sich zum Schlummer nieder. Das Herz bedarf des Singens nicht, Ist doch schon jeder Baum Gedicht. * Ehemals und Jetzt. Als ich noch war ein Jüngling, und dann der Frühling kam, Bedacht' ich erst zu lieben, eh' ich mir Blumen nahm, Jetzt gierig, als ein Alter, greif ich nach Blumen gleich, Ich weiß, die Blumen sterben, stet ist der Liebe Reich. * Heimzug Daß die Heimat sie erreiche, Hebt die Taube Blick und Flug: Nach dem süßen Himmelreiche Hat die Seele ihren Zug. * Der Schatten. Der Schatten, der vom Baume fällt Nach Morgen und nach Abend hin, Vom Licht geboren, es zu fliehn, Bezeugt er nicht die Doppelwelt? Zwei Wesen hegt das Menschenherz, Das durch das eine hofft und ringt, Ins andre, gleich in Nacht, sich schlingt, O! dieses Zwei ist Lust und Schmerz. * Aufschwung. Wenn dich Schmerzen drängen, pressen. Nach den Sternen sei der Zug. Habt dort Beide Raums genug, Mögt einander bald vergessen. * Zeit zum Beten. Ja, jetzt ist es Zeit zu beten. In der stillen Mitternacht, Wann die Seele vor dem Schlummer. Selbst sich denkend, sinnt und wacht; Wann des Daseins dunkle Räthsel Bilderreich vorüberfliehn. Und sich tausend Zauberkreise, Jeder düstrer, um dich ziehn. Wann dann aus der Tiefe Schatten Wieder heim die Seele klimmt. Und sie, lauschend innern Tönen, Froh und froher selbst sich stimmt. Auf den Saiten, die erklingen, Zittert dann, frohlockt ein Licht, Lieblich, liebend schaut dein Vater, Seele, dir ins Angesicht. O! wie süß ist es, zu beten, In dem stillen Zelt der Nacht, Wann die Seele, vor dem Schlummer, Selbst sich denkend, sinnt und wacht. * Die Alpenrose. Ein Blümchen blüht in milder Pracht, Wo hoch die Alpen ragen, Und sieht es dort aus Myrthennacht Als lichtes Röslein tagen. Doch treu dem kühlen Vaterhaus Mag's nicht in Beeten prangen; Der Freier lockt mit Gold und Saus, Frei Herz bleibt ungefangen. »Mich bindet hier das süß're Band,« Sprachs auf das dreiste Werben, »Verstoßen in ein fremdes Land, An Heimweh müßt' ich sterben.« Und rollt der Sturm auf finstrer Bahn, Es traut den Felsenstützen; Die Wolke schmiegt als Kleid sich an, Der Berge Gott wird schützen. Bald kehrt zurück der sanfte Strahl, Der Schauer sinkt zu Füßen; Da heißt es hell das dunkle Thal Durch seine Sennen grüßen. Vernimm den Klang, hinauf zur Fluh! Und hast du's nun gefunden, Der holden Blume sage du, Was voll die Brust empfunden: »Ich will ein treuer Schweizer sein, Der Heimat fest verbündet, Das Herz sei stark, der Wille rein, An deinem Licht entzündet!« Da lacht es froh nach Bergmann's Brauch; Es läßt zum Strauß sich pflücken, Und spricht mit herzlich keuschem Hauch: »Nimm hin, die Brust zu schmücken!« Denn darum hat mich Gott gesät Auf höh're Alpenauen, Wo kaum die Sonne schlafen geht, Und nah die Sterne schauen. – Ein Zeichen sei ich ewig neu: Den lieben Schweizerknaben, Nicht alte Sitten ohne Scheu Im Thale zu begraben.« * Mondliedchen. Goldner Mond, wie strahlt dein Blick Mir so traut entgegen! Das ist eben dein Geschick, Herzen sanft zu regen! Eingesenkt ins Blau der Nacht, Wie du wallst so glühend, Werden folgsam deiner Macht Alle Träume blühend. * Marie von Grassenried Der Gottesacker. Wie sie ruhen! still vereint, im Frieden, Arm' und Reiche schlummern ungeschieden In des Grabes kühlem Schooß. War auch einst ihr Pilgerpfad verschieden, Freudenleer so mancher Weg hinieden – Ist doch gleich ihr letztes Loos. Mancher Arme, der gewankt am Stabe, Ruht nun froh im stillen dunkeln Grabe, Da sein Tagewerk vollbracht. – Tugend ist des Menschen einz'ge Habe, Die ihm folgt auf seinem Gang zum Grabe, Und ihm bleibt, wenn er erwacht. Marmorsteine zeigen uns die Stätte, Wo nun liegt im kalten Erdenbette Reicher Hüllen letzter Staub. Doch es riß auch ihre Freudenkette – Keine Macht giebt's, die vom Tod sie rette; – Was da lebt wird einst sein Raub. * Leonz Füglistaller Politiker-Religion. Politikus, Chamäleon, Der hat auch noch Religion! Er kehrt mit heiliger Geberde Sich gegen jede Kirche um, Und macht tief bis zur Erde Fromm seinen Knix dem Publikum. * Bauer und Sohn. Sohn: Mein Vater kannst du mir erklären, Warum fast jedes Haus der Stadt Ein Fähnlein auf dem Giebel hat? Bauer: Sie sollen, Sohn, die Bürger lehren, Sich immer nach dem Wind zu kehren. * Auf Voltaire. Gottverläugner ist Voltaire, Weil er es nicht kann fassen, Wie Gott, wenn einer war', Ihn könnte leben lassen. * Auf einen Moralisten. Nach Physiker-Methode lehrt Der Moralist Apollodor; Die Sünden, die er uns erklärt, Macht er zuerst uns vor. * Staatscostüm. Warum die Räthe, fragst du mich, In eigenes Costüm sich kleiden? Sie müssen doch durch Etwas sich Vom Pöbel unterscheiden. * Steuern. Zahlt der Regierung gern die Steuern, Ihr Bürger! denn ich kann's betheuern, Sie hat dabei kein andres Ziel, Als daß sie euer Bestes will. * Als der Doktor an die Regierung kam. Es machte erst das Volk Den Doktor zum Regenten, Und dieser machte dann Das Volk zum – Patienten. * Daniel Kraus Erinnerung. Des grausen Kampfes wilder Donner schweiget, Der Krieger steckt das blut'ge Rachschwert ein, so sanft und lieblich auf uns nieder neiget Des Friedens Bogen sich mit mildem Schein; Doch es ertönet in den freien Lüften Umher kein Völkerjubel froh und hehr; Und banges Schweigen, wie bei stillen Grüften, Liegt auf der ganzen Menschheit dumpf und schwer. »Zu schrecklich bluten Millionen Wunden, Nur langsam heilet sie die Hand der Zeit. Zu viele Güter sind im Sturm entschwunden, Zu viele Heiligthümer sind entweiht! Die alte, schöne Zeit kehrt nicht mehr wieder, Noch giebt das Grab nicht seinen Raub zurück, Darum verstummen noch die frohen Lieder, Darum trübt stets sich noch der scheue Blick.« Doch, mag die Gegenwart uns nicht erfreuen, So schau'n wir rückwärts in die Jugendwelt! Da sehen wir noch eitel frohe Reihen, Da liegt die ganze Gegend noch erhellt; Da lacht uns noch die nie getrübte Freude Harmloser Unschuld; in der jungen Brust Erhob sich noch kein Sturm zu bangem Leide, Noch wohnte drinn nur Fröhlichkeit und Lust. O sel'ge Jugendzeit! wie glücklich machte Uns alles noch, wie schön war die Natur, Wenn rings umher der junge Lenz erwachte! Wer dann beim ersten Ausflug auf die Flur Das erste Schneckenhäuschen in der Hecke, Das erste Veilchen in dem Grase fand, War froher, als wer goldgefüllte Säcke Errungen hat mit gierig karger Hand, Dort lief der Knabe hinter seinem Reife So froh einher im warmen Sonnenstrahl, Und schöner klang am Bach die Weidenpfeife, Als Symphonie und Chor im Opernsaal. Wie fühlte sich mit seinem leichten Bogen Der kleine Schütz in süßem Vollgenuß, Wenn je sein Pfeil das nahe Ziel erflogen. Ein zweiter Tell nach solchem Meisterschuß! Dahin, dahin die holden Blüthentage! Entschwunden ist der Jugend Rosenzeit, Doch fern von uns sei jede finst're Klage! Bleibt die Erinn'rung doch uns unentweiht. Noch strahlet über uns dieselbe Sonne, Noch wölbt sich über uns dasselbe Blau, Noch bietet uns der Hain dieselbe Wonne, Noch schmückt dasselbe Grün uns Wies' und Au. Hinaus! im Freien finden wir sie wieder. Die schöne Welt in der Erinnerung, Es hört der Greis der muntern Enkel Lieder Und fühlet sich in ihnen wieder jung. So schwinden uns die schönen Zeiten nimmer Bis einst das ew'ge Morgenroth erglüht. Und dort in bess'rer Heimat dann auf immer Uns Glücklichern ein schönerer Frühling blüht. * Die Nähe Gottes Am Horeb stand vor einer Felsengrotte Der müde Seher nach der Pilgerschaft. Erfahren sollt' er hier von seinem Gotte – Denn hingeschwunden war ihm Muth und Kraft – Ein großes Zeichen, ihm zu neuer Stärke, Getreu zu sein im mühevollen Werke. Da braus't der Sturmwind her in lautem Grimme. Es kracht der Berg, es reißt der Fels entzwei. Der Seher horcht, denn seines Gottes Stimme Erwartet bang er, doch – schon eilt vorbei Der wilde Sturm, Elias steht beklommen: Denn keinen Laut hat er von Gott vernommen. Er sinnt und trauert; sieh! da bebt die Erde. Der Boden schwanket unter seinem Fuß; Ernst horcht er auf, was sich ereignen werde, Weil nun das Zeichen wohl ihm kommen muß, – Das Beben höret auf, die Schauer weichen; Doch immer noch von seinem Gott kein Zeichen! Jetzt flammt der Blitz aus nächtlich schwarzer Wolke, Der Donner rollt, der Seher lauschet still, Ob jetzt der Herr, wie dort zu seinem Volke, Im ernsten Wetter mit ihm reden will? – Der Blitz erbleicht, der Donner ist verhallet; Noch ist von Gott ihm keine Stimm' erschallet. Verwundert steht in ahnungsvollem Schweigen Der Seher da vor seiner Felsenkluft; Da säuselt's sanft und still in allen Zweigen, Und ihn erquickt des Abends laue Luft, Vorüber ist das grauenvolle Wetter, In frischem Glanze zittern alle Blätter. Der Wonne Schauer bebt durch seine Glieder, Nun ist die große, sel'ge Stunde da. Anbetend sinkt er aus sein Antlitz nieder, Er fühlt es tief und innig: »Gott ist nah! »Vergebens harrt' ich sein in knecht'schem Beben, »Nur liebend soll zu ihm das Herz sich heben.« * Die Herbstzeitlose. Schon drängt der Herbst, daß Alles muß verblüh'n, Die Sense mäht das Wiesengras dahin. Da sproßet spät ein Blümchen noch hervor, Und schön, wie Lilien, hebt's den Kelch empor. Es treibt nicht Blätter, bringet keine Frucht, Und wer nach ew'gen Tagen es noch sucht, Schon findet's nirgend mehr sein Späherblick, Das Blümchen ließ nicht eine Spur zurück. Der Herbst entrauscht, der Winter herrschet hart. In Eis und Schnee liegt jeder Halm erstarrt; Und, wie im Grab, still, einsam ruht die Flur, Es schläft den Todesschlummer die Natur. Der Winter flieht, das schauervolle Grau Entweicht am Himmel schon dem müden Blau, Die Flur ersteht, die Wiese schmückt sich neu. Und freundlich kömmt der schöne Lenz herbei. Ob spurlos auch das Blümchen einst verschwand. Ob Alles schlief im weißen Grabgewand, Ob nimmer du des Blümchens auch gedacht, Doch hat es Blätter jetzt und Frucht gebracht, O Sehender, tritt freudig denn hervor. Und richte hoffend deinen Blick empor! Vergiß des wunderbaren Blümchens nicht. Und merke, was es tröstend zu dir spricht: »Du siehst dein Sehnen hier noch nicht gestillt. Und deine Wünsche nimmst du unerfüllt Mit heißen Thränen in die Gruft hinab, Du suchst, und findest nie doch bis ans Grab. O weine nicht, getrost ermanne dich! Ein schöner Frühlingsmorgen röthet sich, Und was umsonst auf Erden du gesucht, Dort reift sie herrlich deines Sehnens Frucht!« * Der Greis an die Sterne. Oft Hab' ich in hehren Stunden, – Wie so gerne! – Aufgeblickt nach euch, ihr Sterne! Ach, und Trost bei euch gefunden; Denn auf langer Lebensbahn Saht ihr stets mich freundlich an! Wenn ich euch als Kind erblicket, Hat mir immer Euer milde klare Schimmer Wonniglich das Herz erquicket, Freundlich schien mir euer Licht. Nennen konnt' ich euch noch nicht. Mit den Freunden meiner Jugend Freudebebend Offnen Blick zu euch erhebend, Weiht ich Gott mich und der Tugend; Solcher Weihestunden Bild Schwebt vor mir noch wahr und mild. Wollte mich die Lust verführen, So vermochte, Wenn das Herz auch heftig pochte, Euer Blick mich neu zu rühren; Denn ihr rieft mir: fromm und rein Soll das Herz des Christen sein! Regten in des Jünglings Herzen Sich die Triebe Reiner, unschuldvoller Liebe; Seine Freuden, seine Schmerzen Hat er oft euch anvertraut, Sehend zu euch aufgeschaut. Mit der Gattin treu verbunden, Süß in Träumen Schwärmend, unter Blüthenbäumen Sah'n in nächtlich stillen Stunden Wir zu euern fernern Höh'n, Freuten uns auf's Wiederseh'n. Quälten Sorgen mich und Kummer, – Stille! stille! Rieft ihr ruhig leuchtend: stille! Und ich sank in sanften Schlummer; Unnennbare Himmelsruh' Floß von euern Höh'n mir zu. Aber mit erhöhtem Sehnen, Schöne Sterne! Blick' ich jetzt nach eurer Ferne Oft mit heimlich stillen Thränen, Aufwärts sehnt sich mein Gemüth, Wenn ihr dort so freundlich glüht. Wie's den Wand'rer sanft erquicket Wenn im Dunkeln Irrend, endlich er das Funkeln Ferner Lichter froh erblicket, Und sein Inn'res ahnend spricht, Das ist deiner Heimat Licht. So verheißt dem Lebensmüden Euer Blinken, Eur freundlich stilles Winken Sel'ger Heimat süßen Frieden; Und ich fühl' es voll Vertrau'n: Bald werd' ich euch näher schau'n. * Der Kampfrichter. Ein Zirkel gelehrter Herren umstand Das herrliche Bild an des Zimmers Wand Von Christus, wie er hoch und hehr Einhergeht auf dem stürmischen Meer, Und Petrus, wie er wankt und fällt, Doch helfend der Herr ihn aufrecht hält. Dort aber saß zu derselben Stunde Entfernt in des Zimmers Hintergrunde Die fromme Mutter, um sie herum In traulicher Gruppe versammelt war Die liebliche kleine Kinderschaar, Las mit ihr im Evangelium. Im Kreise der Herren ward's laut und warm, Ein Kunstfieund nahm zuerst das Wort, Hinweisend mit ausgestrecktem Arm In hoher Begeisterung: »Sehet dort, Und hier, und da – welche Meisterhand Das schuf, welch ein Genius das erfand! Die göttliche Haltung und Majestät Des Heilands, der auf den Wogen geht, Des Jüngers Schrecken in Todesgefahr, Wie groß ist Alles, wie schön und wahr!« Dort las im Buch auf der Mutter Knie Ein zartes Mädchen, und schmiegt sich an sie: »Da kamen Mütter mit ihren Kindern, Die Jünger aber wollten's verhindern.« Da begann hier der Gelehrten einer, Und, wie er sich däuchte, gar kein kleiner, Erzürnt aus voller Kehle zu schrei'n: »Wie kann man auch so verblendet sein, Zu sagen, es sei dieß Gemälde wahr? Ist es doch jeglichem Schüler klar, Mag er von Physik auch nur Etwas versteh'n. Daß niemand kann auf dem Wasser geh'n.« Dort sprach die Mutter zum zweiten Kind: »Nu Strudelchen, lies mir nicht zu geschwind! Und mit sanfter Stimm' und freundlichen Mienen Las es: »Er aber sprach zu ihnen: Nicht doch! laßt's ihnen nur unbenommen, Und wehrt den Kleinen nicht zu mir zu kommen!« Noch lauter erhob seine Stentorstimme Nun hier ein frömmelnder Zelot, Und ward in seinem gewalt'gen Grimme Bald bleich, bald blau und bald wieder roth: »Es gehöret das auch zu den letzten Plagen Daß solche Frechheit in unsern Tagen Wird von der Obrigkeit gelitten; Ist er nicht auf dem Meere geschritten, So mag ich gar nicht mehr an ihn glauben; Der Wunder laß ich mir keines rauben. Stand die Sonne nicht still zu Gibeon, Der Mond nicht im Thale Ajalon, So ist die ganze Bibel nicht wahr, Denn Josua sprach es deutlich und klar.« An solchen Streit aber kehrte sich nicht Das Blondchen mit dem Engelsgesicht, Und las: »Denn wahrlich ich sage euch, Den Kindern ist das Himmelreich.« Ein Vierter jetzo gar vornehm und zahm Dazwischentretend das Wort aufnahm, Er sprach in spöttischem, näselndem Ton: »Ihr Herren habt nur ja Galle davon, Drum seid doch verständig und laßt gewähren! Es läßt sich Alles natürlich erklären. Wobei es freilich an Tag wird kommen, Daß der Künstler zu viel sich herausgenommen, Wie früher schon Luther hat geirrt, Und ein Wörtlein fälschlich interpretirt. Ein Gelehrter, wie ich, der weiß es besser, Hab' nicht, wie er, im Kloster studiert, Denn, richt'ger ins Deutsche übertragen, Schritt Jesus gar nicht auf dem Gewässer, Sondern vielmehr in gutem Behagen Nur an demselben Ufer entlang, Drum war ihm auch kein Augenblick bang.« So sprach das Männlein stolz und vermessen, Als hätt' es die Weisheit mit Löffeln gegessen, Aber heftiger ging der Streit nun los, Und wurden alle Waffen bloß; Es wurde bewiesen, es wurde gemeint, Es wurde bejahet, es wurde verneint, Es wurde geschimpfet und disputirt Und der große und kleine Paulus zitirt. Unterdessen macht von der Mutter Schoos Ein munterer kleiner Knabe sich los, Und seine leuchtenden Aeuglein sah'n Gar innig das schöne Gemälde an, Dann kehrt er freundlich zu ihr sich hin: »Gelt Mutter, wenn so in den Fluthen ich bin, Und bete zum Heiland in Todesgefahr, So reicht er mir seine Rechte dar?« Die Herren schwiegen und schauten sich an, Und alles Streiten war abgethan. Die Mutter vollendet in stiller Ruh Ihr Werk, und machte das Büchlein zu, Dann stand sie auf, ging lächelnd fort. Noch wiederholend das letzte Wort Aus ihrem Evangelium: »Es sei denn, daß ihr kehret um, Und werdet diesen Kindern gleich, So kommt ihr nicht ins Himmelreich.« * Franz August Gengenbach Augustinus und das Knäblein (Legende) Einst wandelt' Augustinus an des Meeres Gestad, vertieft in unermeßliche Gedanken; denn er wollte Gottes Wesen Erkunden. Er, der Wurm, er wollte Gott Vorstellen sich, den hohen Unerschaffnen, Den Unbegreiflichen. So sinnend. Plötzlich, Sah er ein holdes Knäblein vor sich knie'n. Das unermüdet Wasser aus dem Meere Mit seinen Händen in ein Grüblein schöpfte. Verwundert stand er, fragte dann das Kind: »Was thust du hier, mein Sohn, was soll das werden?« Einfältiglich entgegnet ihm das Knäblein: »Ich möchte gern des Meeres Tiefe kennen. Und drum will ich's ausschöpfen mir anjetzt In dieses Grüblein, und alsdann es messen.« Sanft lächelnd sprach der weise Augustinus: »Wie willst du denn das ungeheure Meer In solch ein winzig kleines Grüblein fassen?« »Und du, o Mensch, du willst den Undenkbaren In deines armen Geistes enge Schranken Begränzen? – Wahrlich, eher noch wär's möglich, Das Meer in dieses Grüblein einzuschließen, Als Gottes ewig Wesen zu ergründen, Vor dem das Meer ein Wassertropfen ist!« So sprach das Kind, und schwang sich himmelwärts. Doch reuig warf sich Augustinus nieder. Demüthig fleht er Gott, des Stolzes Sünde Ihm zu verzeihen. Und wenn ihm fortan Versuchung kam, Geheimes zu ergrübeln, Das doch zu unsrer Seligkeit nicht frommt, Gedacht er jenes Kinds und seiner Lehren. * Das fromme Lächeln. Sterbend lag ein Greis auf seinem Lager, Und er schien, dem Tode nah, zu schlummern. Trauernd, bang, umringten ihn die Seinen, Seine Kinder, seiner Söhne Kinder; Wagten nicht zu hoffen, noch zu fürchten. Sieh! da schimmert' in des Vaters Antlitz Mild ein Lächeln, wie der Engel Lächeln; Sieh! zum zweiten Mal, und sieh! zum dritten – Und es öffnete der Greis die Augen. »Vater!« fragt ihn einer seiner Söhne, »Stumm und weinend stehen deine Lieben; – Und du konntest lächeln, dreimal lächeln, Und dein Antlitz ist so froh, so selig?« Liebevoll entgegnet ihm der Vater: »Ach was ist es, daß ihr steht und weinet? Wißt, des Todes Stachel ist gebrochen. Kurz ist ja die Trennung nur, und ewig Währet hier und drüben unsre Liebe. – Mag euch wundern, daß an Grabes Rande Noch ein Lächeln meinen Blick erheitert? So vernehmet denn des Lächelns Deutung. Sieh es gingen meines Lebens Freuden Alle vor dem innern Blick vorüber; Und ich lächelte der Rückerinnerung, Wie so wichtig sie mir einst gewesen. Drauf gedacht ich aller meiner Leiden: Und ich lächelte zum andern Male, Daß nun ihre Dornen sie verloren, Daß sie bald mir Rosen tragen werden. Dann im Geist schaut ich den Todesengel; Und ich mußte lächeln, wie die Menschen Also sehr den holden Seraph scheuen, Der aus dieses Lebens stätem Schwanken Zum Bestand, vom Ahnen sie zur Klarheit Und zum Wohnsitz ew'ger Freude führet.« * Das Bienlein. Unermüdet emsig Vöglein! Immer thätig, nimmer lässig, Fleugst du sammelnd hin und wieder, Süße Honigtropfen raubend, Und dir beut sie jede Blume. – Jede Blume beut mir Honig; Doch in ihres Kelches Tiefen Den verborgnen aufzuspüren, Den erspürten auszunippen, Braucht es eine Bienenzunge, Und das Zünglein bring' ich mit. * F. P. Gameter Frömmigkeit. Heilig sei mir die fromme, die hehre gebetliche Andacht, Die aus dem Herzen entquillt, aufwärts gen Himmel sich schwingt! Heilig sei mir die Andacht am Christen, am Türken, am Wilden: Ist doch der Wille nur gut; glühet der Vorsatz nur rein! Schändliche Lästerung aber des allangebeteten Gottes Liegt, ach! in manchem Gebrauch, der noch die Kasten entzweitn. * Verschiedene Glückseligkeit. Glücklich der Sterbliche, der in des Weltalls verschlungenen Kreise Niemals nach Wahrheit geforscht, glaubte, was Vater und Ahn; Ehre und größre dem Weisen, der, muthig sich himmelan wagend, Alle Gebäude des Wahns eifrig mit Gründen bestürmt; Selig hienieden doch nur, den gereinigtes Wissen und Glauben, Ewig mit Tugend im Bund, himmlisch entzückend durchströmt. * Johann Merz Woher kommt Krieg? Es sät e mol en Herr zuo mer: »Chom Appenzeller Bur! Ond säg, wo chond der Chrieg au her?« Ond nehmt mi so i d'Chur. Do säg i: Ach! das wäß i nüd, Wie froged ehr mi das? Ond losed doch no vile Lüt Ond tribet mit mer G'spaß. »Rei säg mer's du, es wundert mi, Wie du das luogest a? Es het so Jedere sin Sih, I loh di jez nüd a.« No wenn ehr's denn gad wösse wend, Vergebes sägis nüd, Ond wenn ehr mer e Bießli gend, So g'höred's ehr ond d'Lüt. »Do hest e Bießli, säg mer's g'schwind,« Doh red i no ke Wort. »No, schüch di nüd, min guote Fründ, Es jagt die niemet fort.« Drom isch wer au om's Jage nüd. Gend no e Bießli her; Denn wenn i's säg, so lached d'Lüt Ond ehr, min liebe Herr! Ond so goht's no e wyle fort, Vier Bießli zöch' em ab, Ond rede no vom Chrieg ke Wort, Bis er ertaubet drab. »Du Bure-Pflegel,« sät er do, »Wotst mi zom Narre ha? Vier Bießli,« sät er, »hest jetz scho;« Do chont mi s' lachen a. Grad will er mer en Oerig gee, Ond packt mi eben a; Do sägi, jez was wender mee? Ehr hend jez Uskonft gha. Wenn en am andre fodre thuot, So werd der ander müed, Ond bi de Große chostets Bluot, Ond doher chont der Chrieg! * Die Milchkuh Es suocht en Bur e Milechchuoh, Der Nochber will em helfe, Er bet'm gad de Stall ufthuo: »Do les' us onder zwölfe! Es stoht d'r aber äne do. Wenn d'Milch wit, so chauf sie no.« Of das he chauft der Bur e Chuoh, Ond nebnt si mit i d'Hötte, Er denkt, er hei ken Ohschick thuo, Ond böndt si do a d'Kettle; Doch welche her und melche hee, Das Chüehle will ke Milech gee. So goht er hal zom Nochber hee, Ond thuot si erber chlage. Der Nochbri sät: »Was wit du meh? Wie wit du mi verchlage? Han i nüd g'sät, bim Schicke scho. Wenn d'Milech wit, so chauf si no?« * Die Kirchgänger Zwee Nochbre hends abgelegne gha, I d'Kilche z'göhnd, ond send si gma, Ist ahden en zom äne cho, Ont g'froget: »Wotst au mitmer cho?« So chont der ä im Sonntig Gwand, Ond het si Strüßli i der Hand. Wotst mit? Do grift der z'erst in Sack, Ond sät drof: »Nä, i ha no Back?« * Johann Jakob Bär Das Schneeglöckchen. Zwar du trägst noch die Farbe des Winters, doch sei mir willkommen! Lieblich kleidet das Grün freudiger Hoffnung dein Blatt. * Die Tulpe Eiteler Leichtsinn! Jeglichem Sonnenblick öffnest den Kelch du, Wenn auch der feurige Blick bald dir die Blüthe verzehrt. * Reseda. Nimmer erfreut die Reseda das Auge, doch streut sie Gerüche; Geistige Schönheit erstreb', mangelt die liebliche dir. * Die Kornähre. Schönheit, Geruch, – wol fehlen sie beide der nützlichen Aehre: Oft in ärmlicher Hüll' birgt sich ein köstlicher Kern. * Die Nachtviole. Gleich dir, stille Viole! die Nachts am lieblichsten duftet, Strahlt in des Leidens Nacht Hoffnung noch einmal so mild. * Die Schneeblume. Wenn auch die Blüthen rings alle erstarren, du blühest und grünest: So trägt Dichters Gemüth immer den Frühling in sich. * Schein und Werth. »Wie schwach und matt ist doch dein Glanz! Man übersieht dich wahrlich ganz, Wo sich mein strahlend Licht entzündet« Die Flamme rief's dem Glühwurm zu. Der Wurm erwiederte mit Ruh: »Wohl wahr, jedoch dein Glanz verschwindet, Wenn man dir keine Nahrung schafft; Ich aber leucht aus eigner Kraft.« * Erdennoth. Die junge Tanne hört ich klagen: »Wie bin ich so beengt! es ragen Um mich die Bäume allzudicht! Vergeblich ist mein schönstes Ringen. Mich aus der Tiefe aufzuschwingen, Weil mir der freie Raum gebricht.« Da sprach ein Tannbaum, reif an Jahren, Im Lauf der Dinge wol erfahren: »Mein Kind, du redest gar nicht klug! Wo Tannen dicht beisammen leben, Befördert es ihr Aufwärtsstreben; Erfahrung lehrt dich klar genug. Wär's dir vergönnt dich auszubreiten, Ganz ungestört, nach allen Seiten, Du würdest nie ein hoher Baum. Doch so beengt von Außendingen, Wirst du gemahnt, dich aufzuschwingen, Zum hohen, freien Himmelsraum« * Die Kraft des Sprichwortes. Sprichwort ist ein köstlich Ding! Goldne Frucht in Silberschalen! Klein ist's; doch, dem Auge gleich, Faßt's in sich ein weites Reich. Gießt um sich der Weisheit Strahlen! Sprichwort lehret kurz und klar Lebensweisheit tief und wahr: » Sprichwort wahr Wort .« Sprichwort wirket wunderbar! Sprichwort ist ein köstlich Ding! Reißt den Mann zu großen Thaten. Schwanket erst der kühne Sinn Vor des Riesenwerks Beginn, Schnell und fest ist er berathen, Wenn ein Sprichwort voll Gewicht Flammend an die Seele spricht: » Wäg's, dann wag's !« Und er wagt und zweifelt nicht. Sprichwort ist ein köstlich Ding! Stehst du auf des Glückes Zinnen, Schwillt die männlich freie Brust Hoch voll Kraft und Thatenlust, Willst du allzu rasch beginnen Die verweg'ne große That, Gibt das Sprichwort weisen Rath: »Eile mit Weile!« Führt dich auf den sichern Pfad. Sprichwort ist ein köstlich Ding! Kann das herbste Leid versüßen! Wenn auch Mond und Stern erbleicht, Jeder Hoffnungsschimmer weicht, Und des Kummers Zähren fließen, Dann, wie Flöten süß und rein, Weht's in's bange Herz hinein: »Zeit bringt Rosen!« Balsam für des Herzens Pein! Sprichwort ist ein köstlich Ding! Schwebt auch deines Lebens Nachen Bald im Dunkel, bald im Licht, Sprichwort lügt und trüget nicht, Einst wird dir entgegen lachen Der ersehnte Friedensport, Klingen dir das süße Wort: »Ende gut, Alles gut!« Steure muthig immerfort! * Aloys Businger Baumgarten von Altzellen auf der Flucht am Ufer des Sees Schnell Fährmann, schnell, bereite deinen Kahn; Den Freund erkennt der Freund in seinen Nöthen, Baumgarten von Altzellen sollst du retten; Verfolgt irrt er umher auf fiücht'ger Bahn. Jüngst hat der Wolfenschieß mein Haus betreten. Des Weibs begehrt mit ungeziemem Wahn; Rasch mit geschwungner Axt stürzt ich heran, Des Augenblickes Gunst nicht zu verspäten. Todt liegt der Wüstling jetzt; doch nicht Verbrecher Darfst du mich nennen ob der grausen That; Der Unschuld nur, der Ehre war ich Rächer. Horch, die Verfolger nah'n; schnell in den Nachen, Hinaus, die Woge sichert vor Verrath; Des Weibes Tugend wird ihr Glück bewachen. * Der sterbende Attinghausen. Mein Auge bricht, die dürren Lippen bleichen, Das Herze pocht mit immer leisern Schlägen; Ich fühl', es schlägt dem nahen Tod entgegen, Das Leben sinkt und seine Kräfte weichen. Doch winkt mir noch des schönsten Trostes Zeichen, Die Freiheit blühet auf geheimen Wegen, Das Vaterland darf kühne Hoffnung hegen, Das langersehnte Glück sich zu erreichen. Was dort auf Grütlis stiller Flur berathen, Was nächtlich dort mit heil'gem Eid beschworen. Das reift zu Tag, lebt auf in lauten Thaten. Welch herrlich Loos wird sich der Bund erwerben; Teils Söhne – Enkel werden frei geboren, Und Attinghausen darf mit Ruhe sterben. * Vonflüe auf dem Rathhaus zu Stans. 1481. Die Zwietracht grollt, der Väter Herzen glühen, Die schnöde Habsucht reißt des Friedens Bande, Verwirrung kämpft, und in dem Vaterlande Droht Kriegessturm verheerend aufzuziehen. Doch Rettung kömmt an des Verderbens Rande; Vor Vonflüe's Worten muß der Haß entfliehen. Des Frommen Mund kann Segen nur entblühen. Und schnell erlöscht die Gluth noch vor dem Brande, Das Auge weint, die Herzen sind gebrochen, Im Arme grüßt der Feind als Freund sich wieder. Und heil'gen Rechten wird das Recht gesprochen. Sie, deren Blut für uns so oft geflossen. Die Edeln reiht der Kreis in sich als Brüder. Die Kampfgefährten sind auch Bundgenossen. * Aloys Glutz Der Mond. An Luise Egloff. Glutz war blind, wie auch Luise Egloff. Du schaust so sanft hernieder, Geliebter Mondesschein! Dich grüß' ich freundlich wieder, Sollst mir willkommen sein! Zwar gibt die liebe Sonne Uns Herrlichkeit und Wonne, Doch du, o Mondlicht, du Geleitest uns zur Ruh. Oft wenn in heil'ger Feier Die Schöpfung ruht und schweigt. Und durch den Wolkenschleier Dein Strahl herniedersteigt, Klag' ich mit bangem Herzen' Dem Schöpfer meine Schmerzen, Und unnennbare Lust Strömt dann in meine Brust. Obschon dein holder Schimmer Nie meinem Auge lacht, So freu' ich dennoch immer, O Mond, mich deiner Pracht! Du strahlst auf meine Brüder So sanft, so traut hernieder, Und jeder ist entzückt, Der dich, o Mond, erblickt! Doch dir, auch dir, Luise! Fehlt dieses holde Licht; In diesem Paradiese Siehst du das Schöne nicht. Gefährtin meiner Leiden! Dir lächeln höhre Freuden: Dein edles, gutes Herz Heilt manchen bangen Schmerz. Mag auch das Weltgewühle Um uns sich wirbelnd drehn, Wir wollen in der Stille Durch's Pilgerleben gehn; Zum Wohlsein unsrer Brüder Ertönen unsre Lieder; Dann trocknet überm Grab Uns Gott die Thränen ab. Dort schwinden alle Sorgen, Dort muß der Gram entfliehn. Ein ewig junger Morgen Wird lächelnd uns umblühn. Dort fließen keine Thränen, Dort weilt kein banges Sehnen, Es wird die Nacht vergehn. Wir werden ewig sehn! * Luise Egloff Die Sterne. Erwiederung an Glutz. Man sehe das vorige Gedicht. Es strahlt aus goldner Ferne, So weit das Auge reicht. Das holde Licht der Sterne, Dem aller Kummer weicht. Doch feindliches Geschick Verfinstert unsern Blick; Für uns umgiebt die Nacht Des Himmels hohe Pracht. Nie hat der Sterne Schimmer Noch unsern Blick erfreut. Dem Blinden leuchtet nimmer Der Schöpfung Herrlichkeit. Ach! wir entbehren viel, Und wandeln doch zum Ziel, Vom Hoffnungsstern gefühlt. Der nie sich uns verliert. Der Sehende begrüßet Leichtsinnig Thal und Flur, Weil immer er genießet; Wir aber träumen nur. Die Wirklichkeit erscheint Uns bald; was wir beweint, Zeigt sich im schönsten Glanz, Und wir genießen ganz. Wenn einst das Aug der Seele Uns öffnet Gottes Hand, Daß keine Lust uns fehle; Im Wonnevaterland Erblicken wir im Licht Der Theuren Angesicht, Die, hier von uns getrennt, Der Schöpfer dort uns nennt. Wer lebet wohl hienieden Von Schmerzen nicht gebeugt? Wer findet stillen Frieden, Eh' in die Gruft er steigt? Vollkommen bat die Welt Kein Bild noch aufgestellt: Ein reines Glück gedeiht, Wenn uns der Tod befreit. Wir beide auch empfinden Der Menschheit hartes Loos, Doch dient zum Trost uns Blinden: Des Vaters Huld ist groß, Er führt auf dunkler Bahn Uns liebreich himmelan, Und seiner Güte Stern Erglänzt uns nah und fern. Im Glauben, nicht im Schauen, Liegt eine Heimat dort: Drum fassen wir Vertrauen, Und schreiten muthig fort! Es töne uns noch lang Dein freudiger Gesang, Der hoch empor sich schwingt, Und jedes Herz durchdringt. Ja, Edler, deine Lieder Entzückten froh auch mich, Und die bedrängten Brüder Empfangen jubelnd dich. Wenn deiner Leier Kraft Auch ihnen Wonne schafft, Dann flieht dir jede Nacht, Und heitrer Morgen lacht. Verstummen muß die Klage Die oft dem Mund entflieht. Wenn schwermuthsvolle Tage Umwölken das Gemüth, So rufet Gott uns zu: Ich leite Euch zur Ruh; Das Leiden wird vergehn, Ihr werdet ewig sehn. * Die Sonne. Im leuchtenden Gewande, So majestätisch, mild, Erscheint aus seinem Lande Der Sonne Götterbild. Die dunkle Nacht verschwindet, Der Leidende empfindet An ihrer Mutterbrust Die reinste Himmelslust. Der Hoffnung milden Schimmer Ruft sie ins Herz zurück; Ja Segen bringt uns immer Ihr wonnevoller Blick. Wenn ihre holden Strahlen Der Rose Purpur malen, So tönt ein Freudenwort: Der gute Gott lebt fort. Von ihm zur Welt gesendet Ist auch der Sonne Licht; Von seinen Kindern wendet Des Vaters Huld sich nicht. Er, der den Sperling weidet, Des Feldes Lilien kleidet, Sieht auch auf uns herab. – O hoffnungsvoller Stab! Es hebt zum Sternenglanze, Vom Sonnenstrahl berührt, Ihr Haupt die stolze Pflanze, Die bunt die Fluren ziert. Des großen Schöpfers Güte Gießt Leben in die Blüthe, Und seine Allmacht preist Im Stillen oft mein Geist. Wenn aus den grünen Zweigen Die süße Frucht uns lacht, Sich stolz die Aeste beugen In ihrer goldnen Pracht; Dann ist's die Sonn', die hehre, Die aus dem Sternenmeere, Vom weisen Gott gelenkt, Sich auf die Bäume senkt. Wenn mit des Frühlings Walten Im ersten Sonnenschein Sich Erd- und Luftgestalten Des frohen Daseins freun; Es ist des Schöpfers Liebe; Die in des Thieres Triebe Der Freude Funken legt, Und es zur Lust bewegt. Sinkt auch die Sonne nieder, Wenn sie vollbracht den Lauf; Verherrlicht steht sie wieder Am neuen Morgen auf. Und junge Blumen sprossen, Vom Aetherglanz umflossen; Es jubelt die Natur, Zeigt sie ihr Antlitz nur. Ob wohl des Menschen Leben Nicht ihrem Bilde gleicht, Wenn es mit ernstem Streben Des Wohlthuns Ziel erreicht? Dann glänzt er gleich der Sonne, Verbreitet Licht und Wonne: Des Bruders Wunde heilt, Wo er nur liebend weilt. Mag sinken dann die Hülle, Weil hier doch nichts besteht! Ein Stern glänzt dort in Fülle, Der nimmer untergeht; Es muß in Grabeshallen Der kalte Leib auch fallen, Bis aus der dunkeln Gruft Verklärt ein Gott ihn ruft. * Der Abend. Des Abends Kühle dämpft der Sonne Feuer, Schon winkt die Nacht mit ihrem Sternenschleier, Der Andacht Engel hebt den Geist zum Himmel Vom Weltgetümmel. Besänftigt schwinden so, im Wehn der Kühle, Der düstern Schwermuth ängstende Gefühle! Man wähnt sich ganz von Leiden losgebunden In Abendstunden. Des Schöpfers unbegrenzte Allmachtsgüte, Wie wirkt sie tief im fühlenden Gemüthe! Es lernt in Allem seinen Gott erkennen, Und Vater nennen. Am Abend, wenn der Sonne letzte Strahlen Mit mildem Schimmer dunkle Fernen malen, Dann sagt uns ein Gefühl der innern Wonne: Du gleichst der Sonne! Denn gleich der Herrlichen wirst du einst sinken, Weil jenseits himmlische Gefilde winken, Wo keine Schatten, aus der Nacht geboren, Den Blick umfloren. * Das Veilchen. Im Stillen blühest, Veilchen, du hervor, Verkündest uns des Frühlings neues Leben, Wenn deine süßen Düfte uns umschweben, Dann schwingt mein Geist sich sehnsuchtsvoll empor, Zum guten Vater, der dich auserkor, Der Hoffnung Weihe Leidenden zu geben, Die ihre Blicke muthlos aufwärts heben, Weil hier ihr Herz den sichern Stab verlor. Bescheiden, freundlich rufst du uns entgegen: Seht nicht die Dornen nur auf euern Wegen; Mit Blumen ist die Erde ausgeschmückt! So giebt uns oft die Freude ihren Segen; Wenn uns die Last des Kummers niederdrückt, Wird dankbar froh ein Veilchen noch gepflückt. * Die Rosenknospe. Am Namensfeste dem Lehrer Federer mit einer Rede überreicht. Freundlich stand in holder Schöne, Von des Frühlings Hauch berührt, Eine zarte Rosenknospe In des Blumengärtchens Mitte, Daß sie herrlich einst es schmücke. Freudig pflanzte sie mit Liebe Des getreuen Gärtners Hand, Hoffend sah er schon die Früchte Seiner unverdross'nen Sorgen In der Blüthe sich entfalten. Duftend schloß zur schönsten Rose Sich die junge Knospe auf, Und es lachet stille Wonne Aus des frohen Gärtners Blicken; Reich vergolten war sein Streben. So auch möge, edler Lehrer, Deine Blumenflur gedeih'n, Mußt du gleich sie sorgsam warten. Lohnend wird die süße Krone Deine Schläfe bald umwinden. Und du schaust dann mit Entzücken Auf die Rosenbahn zurück; Noch im Winter deines Lebens, Muß dein segenvolles Wirken Jugendlich dein Herz erfüllen. Aus der Tiefe meiner Seele Steigt der leise Wunsch empor: Jeder deiner Tage werde Dir zum reinsten Fest hinieden; Heiter sei dein sanftes Walten! * Am Allerseelenfest. Ruht im Frieden, die ihr hier gelitten, Die ihr muthig manchen Kampf gestritten! Ruft auf immer sorgenfrei nun aus. Die ihr wohnet in des Vaters Haus! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die ihr unverschuldet Mit Ergebung harten Druck geduldet, Die verkannt auf dornenreicher Bahn Unermüdet Gutes nur gethan! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die in bangen Tagen Ihre Noth dem Schöpfer vorgetragen, Die der schwachen Menschenhülf' beraubt, Nur an ihn mit fester Treu geglaubt! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die mit wunden Herzen Fühltet hier der Trennung bitt're Schmerzen; Mild vereint euch nun des Todes Hand Unauflöslich durch der Liebe Band! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die mit stillem Sehnen Weintet oft des Kummers heiße Thränen, Die in unablässigem Gebet Um Erlösung ihren Gott gefleht! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die von Sclavenketten Nun befreit ins bess're Land getreten! Eure Fesseln brach die Macht der Zeit; Ungetrübt bleibt eure Seligkeit! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die in dunkler Kammer Drückte schwer der Armuth großer Jammer, Denen nie das Leben froh gelacht, Die voll Gram die Nächte bang durchwacht! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden, die ihr Blumenauen Und der Sterne Glanz nicht konntet schauen. Die hier nie des Tages Licht begrüßt, Bis sie dort des Vaters Arm umschließt! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden! Statt der Erde Qualen Schaut ihr ewig der Vollendung Strahlen; Es zerstört kein feindliches Geschick Dieses reine, nie gekannte Glück! Alle Seelen, die von hinnen schieden, Alle wandeln in des Himmels Frieden. Ruht im Frieden! Eure Leiden alle Laßt zurück in dunkler Grabeshalle! Nehmt auch mich in eure bess're Welt; Sehnsucht ist's, die meinen Busen schwellt! Unvollkommen ist die Lust hienieden, Bis ich wandle in des Himmels Frieden. * Ergebung. Meiner Seele schwebst du freundlich vor, Himmelstochter, hebest sie empor. Ach! du siehst ihr gramerfülltes Ringen, Tröstung kannst nur du den Schwachen bringen Und, von deiner hohen Kraft durchglüht, Stärkt die Ruh das trauernde Gemüth. Wenn der Schwermuth Wolken mich umziehn, Wenn von mir des Lebens Freuden fliehn, Wenn der Leiden Stürme mich umtoben, Dann erscheinst du wie ein Strahl von Oben, Rufest mir mit heiterem Gesicht: Liebe, glaube, hoffe, wanke nicht! O Ergebung, welche reine Lust Lächelt mir an deiner Mutterbrust! Nimm mich auf und trockne meine Thränen, Stillen wirst du einst mein banges Sehnen, Leiten wirst du mich an treuer Hand In der Wonne unbekanntes Land. Dort wird Alles meinem Auge klar, Was hienieden ihm so dunkel war, Und, erfüllt von nie geahnter Rührung, Werd' ich schauen Gottes weise Führung; Du, Geweihte, hebst den Schleier mir; Seligkeit! entzücket dank' ich dir. Lehre mich in jedem Erdenschmerz Fest vertrauen auf das Vaterherz, Liebend meinem Schöpfer mich ergeben, Muthig nach dem fernen Ziele streben. Freudig folg' ich deinem milden Geist, Der den schönsten Frieden mir verheißt. * Das Gebet. Auf der Andacht Götterschwingen Will empor die Seele dringen, Mit der Sehnsucht hoher Lust Eilt sie an des Vaters Brust, Und ein ahnungsvolles Hoffen Zeigt ihr schon den Himmel offen. Frei, von Fesseln losgebunden, Fühlt sie sich der Welt entschwunden. Wenn in heilendem Gebet Sie vor ihrem Schöpfer steht, Und, von Edens Glanz umgeben, Engel ihr zur Seite schweben. Des Erlösers Lichtgebilde Naht sich ihr voll sanfter Milde, Seine Stimme tröstend spricht: Ewig traurest du ja nicht! Du wirst aus des Kerkers Hallen Einst empor zum Vater wallen. Betend liegt der Christ im Staube, Und sein Herz durchglüht der Glaube: Drüben, am Vollendungsthron, Winket dir die Siegerkron'! Jeder Schmerz muß da verstummen, Wo nur blüh'n der Andacht Blumen. Seligkeit mit süßem Frieden Strahlt dem Pilger schon hienieden, Welcher, seinem Gott vereint, Schuldlos, rein vor ihm erscheint; Der mit kindlichem Vertrauen Darf zum guten Vater schauen. O! wer in der Stürme Toben Nie gekannt den Trost von Oben, Wer die Wonne nicht genießt, Die nur dem Gebet entfließt, Der blickt auf des Schöpfers Güte Nie mit freudigem Gemüthe. Auf der Liebe Götterschwingen Muß empor die Seele dringen; Denn des Lebens reine Lust Wohnt nur an des Vaters Brust, Der uns Segen hier bereitet Und zur wahren Heimat leitet. * Unsterblichkeit. O welche Wonne naht sich edlen Seelen Bei dem Gedanken der Unsterblichkeit, Nur er darf nie in trüben Stunden fehlen, Denn durch ihn fühlt das Herz Zufriedenheit. Vertrau' auf Gott! so tönt ein inn'rer Ruf, Der deinen Geist für Ewigkeiten schuf. Des Schöpfers Ebenbild wird nie verwesen. Der Leib nur kehrt in seinen Staub zurück; Allein die Seele hat sich Gott erlesen, Ihr wartet Seligkeit und reines Glück. Sie ist es, die vor keinen Leiden bebt, Wenn sie am Busen wahrer Tugend lebt. Sie denkt in uns! Wer wagt es zu behaupten, Daß kein erhab'nes Wesen uns beglückt? Wenn Menschen nie an Gottes Allmacht glaubten, Und wenn Vernunft nie ihren Pfad geschmückt, Dann steigt in ihnen der Gedanke auf, Er, welcher hemmt der Tugend Götterlauf. Was wäre doch der schwache Mensch hienieden? Ein Körper, den nichts Geistiges belebt, Fühlt nie der Religion erhabnen Frieden, Kennt keine Hoffnung, die zu Gott erhebt. Der edle Heide fühlt es, wie der Christ, Daß Religion des Geistes Stütze ist. O laßt uns nie den süßen Trost verkennen, Daß Gottes Bild in unserm Busen wohnt! Mag dann das Schicksal theure Seelen trennen; Es lebt ein Gott, der Tugendhafte lohnt. Der Tod entfesselt den gebund'nen Geist, Der seinen Schöpfer jenseits ewig preis't. Nichts lehrt so bald den bangsten Schmerz vergessen, Als wenn der Mensch die hohe Wonne denkt: Auf meinem Grabe blühen einst Cypressen, Doch Immortellen hat mir Gott geschenkt. Wie er, so soll sein Bild unsterblich sein, Und sich der Würde eines Menschen freu'n! * Sehnsucht nach Licht. Du schönes Licht, das Alles rings erhellt, Dem alle Blicke freudig sich erschließen, Mit Harfenton will ich dich fromm begrüßen, Wenn auch kein Strahl in meine Augen fällt. Die Blume hebt ihr Aug' zu dir empor, In bunter Pracht erglänzen rings die Auen: Du schönes Licht, ich kann dich nimmer schauen, Da sich mein Blick in ew'ge Nacht verlor. In Nacht gehüllt, soll sich am Sonnenschein, Im Abendglanz, am blauen Himmelsbogen, Wie an des heitern Feuers goldnen Wogen, Am Sternenchor mein Auge nie erfreu'n! Soll nimmer ich den Schmelz der Blume sehen? Die Freunde nicht, die Schöpfer schöner Freuden? Soll nie der Blick am Grün der Saat sich weiden? Umsonst! umsonst! Vergebens ist mein Fleh'n. O Kerkernacht! die hier mein Aug' umschließt, Nicht Menschenkraft löst deine Zaubersiegel; Nur dann zerbricht des Schicksals Demantriegel, Wenn mir der Tod die Wange bleich geküßt. Dort, wo sich jede Nebelwolke bricht, Im ew'gen Osten, an des Lichtes Quelle, Da wird das Auge, da die Seele helle: Wie sehn' ich mich empor, empor zum Licht! * Karl Rudolf Hagenbach Gott ist mein Lied. Sie mögen singen von der Liebe, Von treuer Liebe sing auch ich, Sie mögen seufzen, daß sie bliebe. Sein Lieben bleibet ewiglich. Sie mögen singen von den Sternen, Mein Stern ist meines Liedes Lust, Und was sie suchen in den Fernen, Mir geht es auf in stiller Brust. Sie mögen singen von dem Lenze Und seiner Blumen Herrlichkeit, Ihm duften meines Liedes Kränze Auch in der rauhen Winterszeit. Sie mögen singen von den Quellen. Und von der Rebe süßem Saft, Aus einem Quell, dem süßen, hellen. Erneut sich meines Liedes Kraft. Sie mögen singen von den Kriegen, Mein Lied ist Krieg- und Siegeslied, Mein Held muß ewig, ewig siegen, Der mich zum ernsten Kampf beschied. Sie mögen singen von den Göttern. Ich singe dem lebend'gen Gott, Sie mögen spotten mit den Spöttern, Mein Lied trotzt ihres Liedes Spott. Gott ist mein Lied, ihm will ich singen. So lang ein Odem in mir lebt, Ihm soll des Herzens Saite klingen, Bis ihr der letzte Hauch entschwebt. * Ergebung und Uebung. Immer ernster wird das Leben, Immer naher rückt der Tod, Herr! was kann die Welt dir geben Als den Tod, womit sie droht? Du, mein Gott! nur du allein Kannst des Lebens Spender sein. Schöne, freudenreiche Tage Schenkte deine Liebe mir. Vor dem Danke schwieg die Klage. Nur Erwünschtes dankt ich dir. Und nun wär mein Danken aus, Weil du führst ins Klagehaus? Nein, nun erst will ich erkennen Deiner tiefsten Liebe Grund, Nun erst recht dich Vater nennen, Der sich thut als Vater kund, Der mich als sein Kind erzieht Und nur auf mein Bestes sieht. Herr, was deiner Huld genüget, Und was deinem Wesen recht, Bleibt, ob alles lügt und trüget, Wie sichs füget, gut und echt, Hebet über Lust und Schmerz Hoch empor zu dir das Herz. Ob sich dann die Tage trüben Und gar finster wird die Nacht, Herz! du kannst, du sollst dich üben In der Zucht, die selig macht, In der Zucht, die ungesucht Reifen macht des Himmels Frucht. Süße Frucht aus bitterm Samen, Reines Gold aus heißer Gluth, Ueber alle stolzen Namen Einzig wesenhaftes Gut! Seelenruhe! Seelenheil, Endlich wirst du mir zu Theil. * Luthers Bibel. Als sich vom römischen Tyrannen Johannes ließ nach Pathmos bannen, Da ward das Aug ihm aufgethan. Der Himmel ließ sich zu ihm nieder, Ja, auf des Adlers Glanzgefieder Schwang er sich selber himmelan. Da hat er Gottes Wort vernommen, Und treulich, wie er's überkommen, Hat er's der Mitwelt offenbart, Und ohne Schmuck und falsch Gepränge Hat um das Wort die gläub'ge Menge In weiten Kreisen sich geschaart. So war's in deines Pathmos Wüste, Als dich von oben her begrüßte Mit Sturmesmacht des Geistes Wehn; Von ihm hast du dich lehren lassen Das Wort in deutsche Zunge fassen, Und Andre lehrtest du's verstehn. Und als die Anfechtung am größten, Was mochte da dich besser trösten, Als dieses Wortes Wehr und Schutz? Hast wacker dann den Stahl geschliffen, Und mit dem Schwert, das du ergriffen, Botst du getrost der Hölle Trutz. Hell flammt der Strahl, es sprüh'n die Blitze, Schon bebt auf ihrem stolzen Sitze Des Abgrunds dunkle Brüderschaft, Doch in der Frommen Herzen bringet, Wohin das Wort des Lebens dringet, Es neuen Trieb und neue Kraft. Es dringet in der Klöster Zellen Und sendet von des Thrones Schwellen Zurück in's Volk den hellen Schein, Es waltet in der Kinder Kreise, Geht mit dem Pilger auf die Reise Und kehrt in niedern Hütten ein. Im Schooß des Heereslagers stehet Sein Banner aufgerollt und wehet Hoch über Wehr- und Waffenpracht, Gefangene besucht's im Kerker, Den Kranken machts im Glauben stärker Und leuchtet durch des Grabes Nacht. Und was fortan den deutschen Zungen In Red', in Sang und Klang gelungen, Auf deinen Schultern ist's geglückt; Du hast den Stein gelegt zum Tempel, Der deutschen Sprache deinen Stempel Den Christentempel aufgedrückt. * Der Organist. 1528. Auf und nieder wogt die Gassen Dort die aufgeregte Schaar, Und es dringen ein die Massen In die Kirchen, wo verlassen Steht der Hochaltar. »Nieder,« ruft es, immer wilder, »Nieder mit dem Götzenthum!« Kreuz und Fahnen, Lichter, Bilder, Bunter Scheiben Flammenschilder Stürzen um und um. Meister Ulrich Zwingels Lehre Hat besiegt die stolze Bern. »Wer da wehren kann, der wehre, Daß die Meß' nicht wiederkehre Auf den Tisch des Herrn.« Nach Sanct Vinzenz Münsterhallen Wälzet sich der Menge Strom, Keine Feierlieder schallen, Keine Beter sieht man wallen Nach dem heil'gen Dom. Mag auch festlich im Kalender Heut' des Heil'gen Name stehn, Nimmer soll der Segenspender Seiner Priester Prunkgewänder Am Altare sehn. Einzig treu dem alten Glauben Blieb der Kirche Organist: »Schmuck und Bilder mögt ihr rauben. Eines müßt ihr mir erlauben Noch zu dieser Frist. Einmal noch will ich mich laben An dem frischen Orgelhauch, Kann ich dieses Eine haben, Wohl! dann mögt ihr mich begraben Mit der Orgel auch.« Und er schafft sich durchs Gedränge Festen Armes eine Bahn, Eilt des Kirchenwegeslänge Der im Zug gestockten Menge Raschen Laufs voran. »Hin zu ihr, hinan die Stiegen! Flügelthüren, springet auf, Wo noch schlummernd in der Wiegen All die frommen Töne liegen, Töne, wachet auf!« Wie mit leisem Geistesbeben, Daß es Mark und Bein durchdringt, So beginnen sie zu schweben, Hoch und höher sich zu heben, Wie der Aar sich schwingt. Und der Dämmrung süße Träume Ziehen feiernd durch den Dom, Durch die menschenleeren Räume Wälzet seine Wogenschäume Der gewalt'ge Strom. Seelenvolle Phantasieen Ringen mit des Schmerzens Drang, Die sich suchen, die sich fliehen, Kaum gebunden sich entziehen Jedem Regelzwang. »Heil'ge Orgel, himmlisch Wesen, Die zu meiner süßen Braut Ich vor allen hab' erlesen, Du, an der mein Herz genesen, Seit ich dir getraut! Bald nun wirst du ewig rasten, Jetzt nur, jetzt, verlaß mich nicht, Laß auf deinen schwarzen Tasten Allen meinen Kummer lasten, Eh' das Herz mir bricht. Blas't, ihr Bälge, Pfeifen, klinget Rausche mächtig, du Pedal! Frisch hervor, Register! springet, Klaget, jubelt, zürnet, singet, Ach, zum letztenmal!« »Armer Judas«, hebt zu klagen Nun die Orgel wimmernd an, »Armer Judas, kannst du's wagen, Armer Judas soll ich sagen, Was hast du gethan?« Stiller Wehmuth Thränen rollen Ihm in seinen dunkeln Bart, Bis zur letzten, jammervollen Liebesschwermuth angeschwollen Ihm die Seele ward. Nimmer kann er es vollenden, Ohnmacht überwältigt ihn; Ach, sie kommen, sie zu schänden, Seine Braut, mit rohen Händen, Taumelnd sinkt er hin. Zu St. Vinzenz Münsterhallen Dringet jetzt der Stürme Heer, Wild Gelächter hört man schallen, Unter Beiles Schlägen fallen Noch der Heil'gen mehr. Wie die Bilder sie zerschlugen, Rissen sie der Orgel Haus Jubelnd aus den letzten Fugen, Und den Organisten trugen Sie für todt hinaus. * Das Friedensmahl bei Kappel. 1. Der Krieg entbrennt, die Banner sind entrollt, Die Schwerter blitzen durch den Wald der Lanzen, Gilt's dem Delphin, gilt's einem Leopold? Will vor dem Troß ein Häuflein sich verschanzen, Wie dort in Sempachs, in St. Jakobs Tagen? Wohlan, mit Gott mögt ihr die Fehde wagen. Bethörtes Volk, darf meinem Blick ich trauen? Sind Brüder gegen Brüder nicht im Streit? Den Knoten wollt Ihr mit dem Schwert zerhauen, Und ob dem Glauben ist die Lieb' entzweit; Ob Roms Gesetz, ob Zwinglis neuer Lehre Setzt Schweizer gegen Schweizer sich zur Wehre. Dort, wo hinüber von der Limmat Strande Der Albispaß dich leitet in den Kern Der allgefreiten Schweiz, der Mutterlande Dort rücken sich von Zürich und Luzern Entgegen schon die wuthentbrannten Haufen, Um Kappels Feld mit Marterblut zu taufen. Noch schallt von Baar herauf des Mittlers Stimme, Hans Aebli hört, der Glarner Landammann; Sie hören ihn, doch mit verhalt'nem Grimme Seh'n sich die kampfbegier'gen Krieger an, Noch ruhn die Waffen und die Grenzen hütet Der finst're Argwohn, der ob Rache brütet. 2. Es herrscht im Schweizerland ein alter Brauch: Wenn Mann und Frau den Zank nicht wollen meiden, Sperrt man sie ein, gibt zu dem Essen auch Nur Einen Löffel, Einen Teller beiden; Was gilt's, sie lernen sich in wenig Tagen, Wie in den Honigwochen, wohl vertragen. Und mehr als einmal hat das liebe Brot, Was keinem Schwert gelungen, ausgerichtet, Und weil zur Tugend öfter war die Noth, So hat auch sie den Frieden oft geschlichtet; So kam auch jetzt im lieben Schweizerlande Beim lieben Brot das Friedenswerk zu Stande. Schwül ist der Tag, der Hunger plagt die Glieder, Und Durst erschöpft die Kräfte hier und dorten, Man klagt und seufzt, man gönnt das Wort sich wieder, Flugs kamen die herbei aus den fünf Orten Und stellen auf die Marchen einen Züber Mit süßer Milch und fetter Nidel drüber. Milch ohne Brot läßt jeden Magen öde, Brot ohne Milch, dem Gaumen schmeckt es trocken. »Ihr Herrn von Zürich, auf! thut nicht so blöde. Laß euer Brot uns in die Gelte brocken, Daß weidlich sich durchdringen Fett und Hager!« So tönt's herüber aus des Feindes Lager. Nicht zweimal lassen sich die Zürcher laden; Gleich sind der Männer Etliche zur Hand, Das schwarze Brod in weiße Milch zu baden; Von beiden Seiten um der Gelte Rand Sieht man gelagert eine heitre Gruppe: Gesegn' es Gott, und wohl bekomm' die Suppe. Eins wird zuvor in Minne ausgemacht, Daß Keiner seine Grenzen überschritte, Ein Jeder hab' auf seinen Löffel Acht, Daß er nicht weiter lange, als die Mitte: Wer diesen Packt mit grober Hand verletzet, Mit gröb'rer werde dem ein Streich versetzet. Das Mahl beginnt; erst hält sich jeder züchtig In seiner Grenze friedlichem Bereich, Doch bald wird der, bald jener fehdesüchtig, Und wie er weiter langt, paff! wird ihm gleich Mit derbem Löffelschlage heimgeleuchtet, Bevor der Bissen ihm den Mund befeuchtet. Und mit der Strafe mehrt sich das Gelüst, Auf fremdem Boden Beute zu erschnappen, Kaum hat der eine seine Schuld gebüßt, Läßt sich ein neuer auf der That ertappen, Je härter (doch im Glimpf) die Schläge fallen, Je lauter hört man das Gelächter schallen. Bald hatte sich, um diesen Schimpf und Scherz Zu schau'n, ein dichter Kreis um sie geschlossen, Gar Manchem ward es wieder wohl um's Herz Am trüben Tag bei diesen Kinderpossen: Ein leichtes Blut strömt wieder durch die Adern, Vergessen scheint der Span, um den sie hadern. Da sprach Herr Jakob Sturm, der Städtemeister Von Straßburg: »Wie gar wunderliche Leut' Seid doch ihr Schweizer; reiben sich die Geister Auch noch so hart, des Zanks sie bald gereut, Auch wann ihr grollt, wohnt Freundschaft im Gemüthe, Und nie verdirbt die alte Herzensgüte!« So ward der Streit zum Guten noch gelenkt, Ihr, will auch je der arge Feind verlocken, Ein bös Gericht den Brüdern einzubrocken, So stellt euch an die Marchen und gedenkt Der Milch, die eure Vater dort gegessen, Und unter Freunden sei der Groll Vergessen. * Graf und Gerber. Kommt einst Herr Rudolf wohlgemuth Vor Basel hingeritten, Am Steinenthor bei'm Gerber thut Er um den Imbis bitten. »Seid mir gegrüßt, mein werther Gast, Wollt ihr euch so bequemen; Weib, bringe hurtig, was du hast – Bitt Euch vorlieb zu nehmen.« Gerüstet wird der blanke Tisch Mit stillem Wohlbehagen, Und Suppen, Braten, Tort' und Fisch Und Wildpret aufgetragen. Des Herbstes reiche Gabe ruht In Gold- und Silberschalen, Es sprüht der edlen Weine Gluth Aus blickenden Pokalen. Ja Purpurseide und Damast Stolzirt des Hauses Ehre; Es trügt der Glanz, als ob der Gast Bei seines Gleichen wäre. Bei ernstem Wort und feinem Scherz Enteilt die Mittagstunde, Und offen wird des Grafen Herz An heitrer Tafelrunde. Drum launiger zum Wirth begann: »Was mögt ihr noch erwerben? Könnt ihr dereinst als reicher Mann Auf weichem Polster sterben.« »Auf fauler Haut? das bleibe fern, Ich fahre fort zu gerben, Und will, gefällt es Gott dem Herrn Als Gerber selig sterben. Nie haben mich zu Stund gereut Der rauhen Arbeit Mühen, Nur, wo man keine Dornen scheut, Da können Rosen blühen.« Das Wort gefiel dem Grafen sehr, Er rühmt es aller Dinge, Wie er zu Basel in die Lehr' Bei'm frommen Gerber ginge. * Nach den Bergen. Nach den Bergen laß mich schauen, Wo mit Schatten spielt das Licht, Wo das Grüne sich am Blauen, Sich das Blau am Grünen bricht; Wo in leisen Uebergängen Hohes sich zum Tiefen neigt, Ueber sanften Waldabhängen Blüthenduft gen Himmel steigt. Nach den Bergen laß mich gehen, Wo sich schwellend hebt das Grün, Wo die Lüfte reiner wehen, Wo die Alpenkräuter blühn; Wo der Abend länger dämmert, Früh' erglüht der Morgen schon, Wo kein andrer Hammer hämmert, Als der Heerden Glockenton. Nach den Bergen laß mich fliehen Aus der engen flachen Welt; Da nur ist mir noch verliehen, Mensch zu sein, wie's mir gefällt! Nach den Bergen laß mich eilen, Zu den Bergen zieht's mich hin, Auf den Bergen laß mich weilen, Wo ich freier froher bin. * Das Kind und die Zeitlosen. »Komm Vater! komm', sieh', welche Herzlieben Blumen doch Mit zartem Lilienkelche, Nur keine Blätter noch! Wohl hab' ich auf der Wiese Manch' Blümlein schon gepflückt, Doch keines hat wie diese Mir so das Aug' entzückt.« So spricht das Kind mit Kosen, Der Vater folgt dem Kind Sieht, wie die Herbstzeitlosen Zumal gekommen sind. Soll er dem Kinde sagen, Daß sie des Winters Spur? Wozu das frühe Klagen? »Kind! komm' und freu' dich nur. Freu' dich der Herbstesblüthe, Als ob der Lenz erschien, Wie bald ist im Gemüthe, Der ew'ge Lenz dahin!« * Ein Gang um's Thor. Ich nehm' mir alle Tage vor, Ein kleines Stück zu wandern, Und wär's auch nur von einem Thor Bis wieder zu dem andern. So wandert' gestern ich allein Erst über grüne Auen, Da spielten frohe Kinderlein, Recht lieblich anzuschauen. Sie suchten Blumen in dem Gras, Je bunter, desto lieber, Die schöne Kinderzeit ist das, Dacht' ich, und ging vorüber. Am Gärtchen kam ich dann vorbei Mit seinen Rosenlauben, Und flüstern hört' ich ihrer zwei, Von Liebe, Treu' und Glauben. Verrathen will ich wahrlich nicht Ihr Lieben; euer Kosen, Ein fühlend Herz, ein froh Gesicht, Es ist die Zeit der Rosen! Zum reifen Felde kam ich dann, Mit voller, brauner Aehre, Und von der Stirn der Schnitter rann Der Schweiß, der saure, schwere. Das ist, so fiel es mir auf's Herz, Das ist die Zeit der Mühen, Es muß des reifen Mannes Erz Im Feuerofen glühen. »Noch fleißig?« rief ich ihnen zu, Mit heiterm Gruß sie labend; »Herr!« sprachen sie, »es geht zur Ruh', Bald ist es Feierabend.« Und eben senkt der letzte Strahl Der Sonne sich hernieder, Noch einmal leuchtet aus dem Thal Die milde Landschaft wieder. Da langt' ich bei dem Friedhof an Mit seinen süßen Schauern, Daneben stand mir aufgethan Die Stadt mit ihren Mauern. * Mutter und Kind. 1. Soeben eingeschlafen sind Im Bett die Mutter und das Kind, Die Mutter schläft – so scheint es – fest, Als bald das Kind sich hören läßt. Auf wacht die Mutter von dem Schrei'n und wiegt das Kind von neuem ein, Fest schläft das Kind die ganze Nacht; Bis erst am Morgen es erwacht. Die Mutter aber wacht und wacht Und wachet durch die ganze Nacht. Es brauchte nur den einen Schrei, Auf immer war der Schlaf vorbei. 2. Und wieder bricht des Morgens Schein, Ins stille Kämmerlein herein, Gar matt und bleich beim Dämmerlicht Erscheint der Mutter Angesicht. Doch sieh! es thun sich bald darauf Des lieben Kindes Aeuglein auf, Und lächelnd lallt der stille Mund: »Bin, liebe Mutter, noch gesund.« Und wohler wird ihr jetzt um's Herz, Vergessen ist des Kummers Schmerz. Was doch ein Lächeln nicht vermag, Ein Fest ist nun der ganze Tag. * Auf den Gräbern. Auf den Gräbern blüh'n die Rosen, Auf den Gräbern schwillt das Grün, Geister flüstern, Geister kosen Durch die Lüfte her und hin. Zu dem Grabe meiner Lieben Zieht es mich mit stiller Macht, Wo ich sonst kein Stündlein blieben, Blieb' ich jetzo Tag und Nacht. Fremde Stätten, fremde Betten Waren diese Hügel mir, Und nun sind es Liebesketten, Die mich halten, binden hier. Ja wohl, theure Glieder sind es, Die ich hier beisammen hab', Grab der Mutter, Grab des Kindes Und der theuren Brüder Grab. Da les' ich die goldnen Namen Auf dem schwarzen Marmorstein, Aber in den engen Rahmen Faß' ein großes Bild ich ein. Eine Welt voll süßer Schmerzen, Eine Welt voll herber Lust Regt sich im beklomm'nen Herzen, Drängt sich aus bewegter Brust. Ueber Zeiten, über Räume Trägt die Ahnung himmelweit, Nicht ins Reich der süßen Träume, Nein, in's Reich der Wirklichkeit. Wirklich ist ja nur was droben Ewig lebt und ewig währt, Was, wenn all der Staub zerstoben, Auch den Staub in's Licht verklärt. Dahin, dahin hebt sich freier Des entzückten Geistes Schwung, Zu der heil'gen Liebesfeier Seliger Vereinigung. Und sie all', die hier im Kreise Schlafen innerm Todesthor, Sind mir all' in ihrer Weise Jetzo näher, denn zuvor: Denn ich merk' es, nicht alleine Wandl' ich hier, ein Gast, umher. Hier ist auch des Herrn Gemeine, Und wo sie, da ist auch Er. * Wilhelm Wackernagel Endymion. Die Erde schläft und athmet kaum; Verstohlen flüstert nur der Bach; Die Nachtigall im Blüthenbaum Singt leis' und leiser allgemach. Hoch oben durch das blaue Meer Ein stiller Schiffer zieht einher Der Mond, und in verschwiegner Feier Entfaltet er den Silberschleier. Wenn Morgens dann die Erd' erwacht, Und sich den Thau vom Auge wischt, Halb träumend denkt sie noch der Nacht Und noch des Traums, der grad' erlischt. Unglücklicher Endymion! Die schöne Freundin ist entflohn; Das dir geträumt, von all dem Lieben Ist nur der Kummer dir geblieben. * Pandora. Dein Blick hat mir an's Herz gerührt! Da sind die Riegel aufgesprungen, So wie die Hoffnung das verspürt, Die Freude, die Lust, Da sind aus der Brust Sie eiligen Laufes entsprungen. Und nur mein Kummer blieb zurück; Der sitzt und wiegt das Haupt und summet: »Laß fahren hin das lust'ge Glück! Die Sorge, die Reu, Die bleiben dir treu, Und singen, wenn alles verstummet.« * Grabschrift. Ein edles Wild, hinauf, hernieder, Waldein, waldaus gehetzt, gejagt! Es brauchte rüstig seine Glieder, Und ließ die Wunden ungeklagt. Und fandst du endlich unterm Berge In kühler Erde noch dein Haus, Die Höhle, die dich sicher berge? Die Jagd war heiß; nun ruh' auch aus. * Staub an allen Ecken. Wie wunderlich! wie wunderlich! Ich sehe durch die Ritzen Ein Leuchten gar absonderlich In meine Kammer blitzen. Und wie ein Balken zieht es sich Von einem Eck zum andern: Da drängt es sich, und flieht es sich, Und ist ein Drehn und Wandern; Und tanzt, vom Sonnenschein erhellt, Von der Erde bis zur Decken, O Gott, wie groß ist deine Welt, Und Staub an allen Ecken. * Diesseits. Sitze du am Strom der Sorgen, Sitze du und weine nur: Aber heute, aber morgen Folgt er noch derselben Spur. Und er nimmt nach manchen Tagen Noch an dir vorbei den Lauf: Denn mit Fragen, denn mit Zagen Bau'n sich keine Brücken auf. * Lied des Bettlers. Die Lerche fliegt noch einmal auf Und singt den letzten Abendpsalm, Und steigt herab und legt ihr Haupt Zur Ruh im Nestlein unterm Halm. Wie lieblich ruhest du im Nest! Wie trägst du, Halm, so schwere Frucht! Wie stattlich schreitet dort nach Haus Der Rinder und der Schafe Zucht. Mir reift kein Korn, mir färbt sich nicht Die Traub am Stock, die Frucht am Ast; Mir raucht kein Herd, mir deckt kein Dach Allnächtlich meines Bettes Rast. In frommer Leute milde Hand Ist all mein Hab und Gut gelegt: Wo sich ein Herz erbarmt, da ist Der Acker, der mir Früchte trägt. Und find' ich auch kein Haus, in dem Mein müder Leib sich niederstreckt, Herr Gott, dein Himmel stehet fest, Der sie und mich und Alles deckt. Und deine Sonne wandelt heut Und wandelt morgen, die mich wärmt, Bis du in deinen Himmel nimmst Die Seele, die sich ausgehärmt. Da klopfen, wie die Bettler hier, Verzagend einst die Reichen an, Und selten wird den Reichen dort Und oft den Armen aufgethan. * Gottes Hilfe. Bricht unter dir die Brücke, Denk nicht, daß Gottes Hand Dich aus dem Wasser zücke Und heb' an's trockne Land. Gott wollte sich erbarmen, Als er dir Arme gab; Nun rudre mit den Armen Dich selber aus dem Grab! * Collegialität. Es ziehn wohl auch an Einem Wagen Zwei Pferd', und zieh'n gar emsiglich; Doch dem Gespannen nachzufragen Denkt keins; jedwedes zieht für sich. * Die Bibliothek des Klosters W. »Ceciderunt in profundum« – Sehet euch im dunkeln Grund um, Sehet euch rund um, In rotundum! – »Summus Aristoteles, Plato et Euripides Ceciderunt in Profundum.« Für die Librei die Liebhaberei, Woher sie wohl kommt? Mein Lieber, ei, ei! Liber libri, die sind ja nicht hie: Hier ist ja nur Liber Liberi. Unsre Folianten und Unsre Quartanten und Unsere Taschen- Ausgaben sind rund: Tonnen und Fässer und Flaschen. Schwache Augen haben die Herrn, Und sind doch fleißige Leser; Sie studiren gar zu gern: Drum tragen sie allzeit Gläser. Das Eine rühm' ich ganz besonders; Ich hab's erprobt, und denke deß: Es sind die Bücher sammt und sonders Editiones principes. Und dorten gar die Incunabel, Die von sich selber trunken wiegt, Drinn eine plauderhafte Fabel Mit offnen Schelmenaugen liegt! Lectionis varietas, Die ist vor Allem reichlich: Hier ein kräftiges herbes Naß, Dort eines süß und weichlich. Lesarten wirst du auch, Gott helf! Die besten nur entdecken: Von der Lese des Jahres elf Steh'n Bücher in allen Ecken. Der Stil ist klar und flüssig, Und schön und deutlich die Lettern, Man wird's nie überdrüssig, In solchen Büchern zu blättern. Und les' ich den, meine Seele hüpft, Weil der den blühenden Stil versteht; Sie wie man nur den Zapfen lüpft, Gleich springt hervor ein ganz Bouquet. Hier möcht' ich ein Professor sein Und mit dem Kapitel Jahr aus Jahr ein Paragraphos studiren, So würd' ich profitiren. * Lieder aus dem Krautstande. 1. Es blüht mein Herz wie eine Rose, Die frisch aus einem Grab' entspringt, Und über dunkelgrünem Moose Die rothe Freudenfahne schwingt. Begraben hatt' ich alle Freuden, Den reichen Schatz der Liebe sah Ich stets an And're nur vergeuden: Ich stund als armer Bettler da. Wer hörte mich, wer sah mich Armen? Da kamest du, o meine Lust, Und zogst aus innigem Erbarmen Der Liebe mich an deine Brust. O wohl! nun kann ich ihn verschmerzen, Den langen kummervollen Pfad, Da mich auf ihm zu solchem Herzen Ein gnäd'ger Gott geleitet hat. Ich zog an meinem Wanderstabe Nach schlechtem Golde weit hinaus. Und trage nun die höchste Gabe, Die schönste Perle mit nach Haus. 2. Wie die Perle still geborgen In der Muttermuschel ruht, Also hat mit süßen Sorgen Dich mein Herz in seiner Hut; Hinter wohlverschlossnen Thüren Wahrend dich, so gut es mag, Sicher dich hindurchzuführen Durch des Meeres Wellenschlag; Von den Wogen fortgezogen, Ungesäumt und ungehemmt, Bis die letzte aller Wogen Mich ans Todesufer schwemmt. 3. Griechisch nicht und nicht Latein Braucht es, um zu Gott zu beten; In sein eignes Herz hinein Heimlich still kann Jeder treten. Und so frag' ich nicht, ob du Bist gelehrt auf vieles Wissen; Liebste, sei nur immerzu Treu zu lieben mich beflissen. Treu zu lieben, und es ist Ein Gebet dein ganzes Leben, Und dem Gott der Liebe bist Du als Priesterin ergeben; Und ins Buch des Lebens ein Hat dich seine Hand geschrieben. Griechisch nicht und nicht Latein Braucht es, um getreu zu lieben. 4. Du bist mein Traum bei Tage, Mein Wachen du bei Nacht; All was ich thu' und sage, Es ist an dich gedacht; Du bist's, um derentwillen Im Stillen Mein Herze weint und lacht. In Liebesfluthen schwebet Die Seele wonniglich; Dann schrickt sie auf und bebet Und zweifelt selbst an sich: Ich liebe dich von Herzen, Mit Schmerzen, Mit Freuden lieb' ich dich. 5. Liebste, wenn uns Mund den Mund Liebeflüsternd küßte, Keinen wüßt' ich, der von Grund Zu entscheiden wüßte, Ob von dir die Küsse mir Sei'n geschenkt als Gabe, Oder ob die Lippe dir Ich geküsset habe. Wie im Küssen, also auch Immerdar getrieben, Nach demselben schönen Brauch Sei's in unserm Lieben, Nicht daß meine Seele dein Lieben gerne dulde, Oder daß nur ich allein Liebend dien' und hulde: Eine ungeschied'ne sei's. Eine einz'ge Flamme, Eine Ros' auf Einem Reis Und aus Einem Stamme. 6. Frühling, sind das deine Boten. Grauer Reif und weißer Schnee? Wahrlich, lieber säh'n die rothen Rosen wir und grünen Klee. Meinethalb! mit welchem Kleide, Du bekleidest Wald und Heide. Mir ist wohl und nimmer weh. Jenner, Hornung und dem Merzen, Hab' ich wenig nachgefragt, Seit inmitten meinem Herzen Mir ein Mai alltäglich tagt, Ew'ger Flor von ew'gem Samen, Von der Liebe Ja und Amen, Das ein rother Mund gesagt. * Wassersnoth Und so mußt' ich denn mit Jammer Fern vorbei den Schenken schleichen, Wo beim Schoppen Trinker lärmen, Und am Zapfen Kellner steh'n; Muß auf meiner stillen Kammer Nun beim Wasserkrug erbleichen, Mich wie ein Verschlag'ner härmen, Der von fern ein Schiff geseh'n. Könnt' ich wandeln wie die Sonne, Die aus allen den Gewässern, Jedem See und jeder Quelle Feuchte Wolken an sich zieht: Könnt' ich so aus jeder Tonne, Jedem von so vielen Fässern Nur ein Tröpflein her zur Stelle Zaubern durch mein durstig Lied! * Junker Durst. Als der erste Sonnenstrahl Heute kam zur Erde, Saß ein Knabe rittlings drauf Wie ein Mann zu Pferde; Durch mein Fenster kam er so Zu mir eingeritten. Stieg dann ab, und stellte sich In die Stube mitten. Sprach: »Ich bin der Junker Durst, Und bin hergekommen, Alter Freund, mit gutem Rath Heute dir zu frommen. Fühle nur den Strahl hier an, Wie er brennt und glühet; Schaue nur die Sonne da, Wie sie flammt und sprühet. Willst du heute sicher sein Vor so großer Schwüle, Suche dir ein Oertleln aus Sonnenlos und kühle. Ja wenn du im Beutel hast Nur noch einen Heller, Wend' ihn dran und miethe dich Ein im tiefsten Keller.« Also sprach er, und verschwand, Aber ich, vermessen, Hatte seinen guten Rath Alsobald vergessen. Rannte durch die ganze Stadt, Straßen auf nieder: Sieh, da stand auf eins vor mir Junker Durst schon wieder. Jetzo war's kein Knabe mehr, War ein tücht'ger Degen, Und er sprach: »Du willst mir nicht Folgen? Meinetwegen!« Unversehens hatt' er sich An mir aufgeschwungen, Und da ging ich nun und trug Diesen großen Jungen. Und er saß mit schwerer Wucht Fest mir auf dem Nacken. Endlich streckt ich meine Faust, Um ihn derb zu packen. Also rangen wir. Indeß Ward er gar zum Riesen: Was er für ein Recke war. Hat sich bald erwiesen. Und er gab mir Schlag auf Schlag Schnell und immer schneller. Bis wir endlich im Gefecht Nahten einem Keller, Da erst ging er mir zu Leib, Und ich mußt erliegen: Eh ich mich's versah, so fuhr Ich hinab die Stiegen. Als ich nun hier unten war, Faßt' er mich beim Schopfe, Warf mich vor ein großes Faß, Nahm mich dann beim Kopfe, Lachte mich ganz freundlich an. Sprach: »Ade, mein Kämpe, Labe dich nach unserm Strauß!« Ging und zog die Krämpe. Hier nun sitz' ich ganz in Angst Bei dem großen Fasse, Daß der Kerl mich wieder packt. Komm' ich auf die Gasse. Lieber wart' ich, bis es Nacht Ist geworden droben: Bis dahin will ich den Wein Wacker nagelproben. * Der Vampyr. Keine Ruh' auf meinem kalten Pfühle, Keine Ruh' in meiner dunklen Nacht; Durch die Straßen sternenhell und kühle, Treibt mich des Verlangens Zaubermacht; Sonder Rast und Ruh Such' ich immer zu; Alles schlummert, meine Sehnsucht wacht. Ob in keiner von den stillen Kammern Ruhet eine hochgewölbte Brust, Die sich's lohnte gierig zu umklammern, Auszusaugen mit erneuter Lust? Wieder such' ich heut, Was mich sonst erfreut: Meiden hab' ich's nur zu lang gewußt. Sieh, ummauert dort von festen Ziegeln, Sieh, es schlummert dort ein schöner Mann, Wohlverwahrt mit Schlössern und mit Riegeln, Und ein braunes Röcklein hat er an. Seine Brust wie voll! Dieser Jüngling soll, Mich mit Blut zu füllen soll er dran, Bis zum Grunde will die Brust ich leeren, Schlürfen will ich seines Herzens Blut: Neues Leben soll er mir gewähren, Neu erwecken die erlosch'ne Gluth; Ists um den geschehn, Muß nach andern gehn, Und das ganze Volk erliegt der Wuth. * Der vollendete Mensch. Menschenseele, welch ein Schlafen Dich befing. Als der Hirt mit seinen Schafen Noch zur selben Tränke ging, Als sich noch der Hügel senkte Ungenutzt, Keine Hand die Rebe lenkte, Angebunden, zugestutzt! Traurig hing der Mensch am Boden Festgeleimt: Denn ihm war von Gottes Odem Noch kein Flügelpaar gereimt; Schlich einher in blödem Jammer Unbewegt, Weil der Bildner seinen Hammer Aus der Hand zu früh gelegt; Strich nur wie ein wehnder Schatte Uebers Feld: Denn noch kein Odysseus hatte Ihm den Becher hingestellt. Daß er mit begier'gen Lippen Kraft und Muth, Sinn und Leben möchte nippen Aus der blutig rothen Flut. Bis er sah mit einem Male, Was sie meint, Wenn mit langem warmem Strale An den Berg die Sonne scheint; Bis er unversehns die Rose Auch belauscht, Wie sich eines Tags die Lose Gar in kühlem Thau berauscht. Als er nun die Höhn bepflanzte, Als die Flut Um den Fuß des Keltrers tanzte, Stark und freudig, kühn und gut, Als im Becher schwamm der milde Süße Wein: Da erst ward zum Menschenbilde Dieses Bild von Staub und Leim. * Weinprobe. Fort mit der Wasserprobe! Das sind nur Gaukelein: Ich probe nur, ich lobe Die Probe mir mit Wein. Laß Oceane fließen! Sie prüfen dir kein Erz: Zwei Tropfen Weins erschließen Ein ganzes Menschenherz. * Kußlich Begehren. Was blinkt der Wein und kräuselt sich? Was hör' ich also wonniglich In meinem Becher rauschen? Die Küsse sinds, die am Erndtetag Die Winzerin mit dem Winzer pflag In süßem Kosen zu tauschen. Was Wunder, daß mir gleich zur Stund Ein kußlich Begehren ergreift den Mund, Daß hundert Küsse und tausend bald Sich legen still in den Hinterhalt Auf rothe Lippen zu lauschen! * Schlimm genug. Wenn man wie wir zu Felde zieht, Sind Flaschen viel zu friedlich; Wenn man wie wir auf's Große sieht, Sind Gläser viel zu niedlich. Statt Flaschen müssen Fässer sein, Und statt der Gläser Humpen: 's ist schlimm genug, daß man den Wein Nicht kann aus Brunnen pumpen. * Rigikanzel. Wer möcht' hier oben stehn und reden Und predigen ins Land hinein? Still schwiege Jeder hier, weil Jeden Die Steine ringsum überschrein. Den Leuchten, die Johannes sah, Den goldnen gleich mit Gotteslichtern, Hoch stehn mit sonnigen Gesichtern Die Berge Gottes feiernd da. Ein heil'ges Kreuz, liegt ausgebreitet Der blaue See, und festlich bang Auf ungesehnen Schwingen gleitet Der Heerdenglocken sanfter Klang; Wie des Altares Rauch empor Vom Berg die Morgennebel steigen. Empor auch du! empor mit Schweigen! Gott predigt selber dir ins Ohr! * Schöllenen und Andermatt. Noch eben hat dir tief gegraust, Wo unterm Steg von festem Fels Sich selber zürnend überbraust Das rauhe Kind des Gletscherquells. Noch eben wandtest du den Hals Und wandtest ab dein Ohr betäubt Vom ersten Fall des langen Falls, Der weiter, weiter abwärts stäubt. Und abwärts, abwärts ringt und springt Ein langer Schrei voll Wuth und Weh, Bis ihn mit stummem Mund verschlingt Die Todesruhe dort im See. Noch schwindelt's dir in Aug und Ohr; Du wandelst durch den Felsenschacht, Die Felsennacht; du trittst hervor: Und um dich, in dir tagts und lacht. Ein Teppich, ausgebreitet liegt Ein weites grünes, stilles Land; Im Grünen wiegt, durch Blumen schmiegt Sich eines Baches Silberband. Der Himmel, den zuvor verbaut Die Felsen trotzig, Stirn an Stirn, Ein aufgeschlagnes Auge, blaut Und blickt er frei von Firn zu Firn. Und Häuser stehn, und Hütten da, Die Kirche Gottes mitten drin, Und von den Heerden fern und nah Zieht weit durchs Thal ein Läuten hin. Hier in des Augenblickes Nu, Hier süße Wonne nach der Roth, Hier Freud' und Fried' und Rast und Ruh Und Leben auf den zähen Tod. So, liebe Seele, wird dir sein, Wenn einst das müde Haupt du senkst, Und satt der lebenslangen Pein Durchs Grabesthor die Schritte lenkst. So wird dir sein, mein liebes Herz. Wenn du dich los vom Staube ringst, Los aus der Nacht und himmelwärts Den freigewordnen Flügel schwingst. * Dorothea Escher Mutterglück. Du zürnst der Parzen launig Weben, Des Weibes eng beschränktes Loos. Der Mann tritt herrschend in das Leben Das zarte Weib zum Dulden bloß, Willst du, jetzt neu bedroht, mit deinen Göttern rechten, So komm und sieh, wie sie so freundlich flechten. Der Rose gleich am Frühlingsmorgen, Von Zephyrs Athem mild begrüßt, Ruht sanft ein Knäblein ohne Sorgen, Vom ersten Schlafe eingeküßt. Der Friede Gottes schwebt verklärt aus goldnen Auen. Mit sanftem Gruß herab, dieß anzuschauen. O wer ermißt den Quell der Freuden, Der aus der Mutter Auge strahlt? Es könnten Engel selbst beneiden, Was keine Sprach', kein Pinsel mahlt. Es kehrt der frohe Muth, der Hoffnung Stern zurück, Des Dulders Schmerz belohnt ja Mutterglück. * Das Bächlein. Eilt ein Bächlein klar und helle In die weite Welt hinaus; Tummelt lasch sich von der Stelle Aus dem stillen Vaterhaus. Junges Leben hat nicht Rast, Kennt die Liebe nur als Gast. Das Vergißmeinnicht am Rande Winkt ihm thränend Abschied zu; Doch es fesseln keine Bande, Es enteilt im flücht'gen Nu. Junges Leben hat nicht Rast Kennt die Liebe nur als Gast. Aber immer weiter dehnen Sich des Bächleins Grenzen aus, Und mit heimlich stillem Sehnen Denkt es jetzt ans Vaterhaus, Möcht so gerne jetzt als Gast Hin, zu halten süße Rast. Ach, des Bächleins flücht'ge Reise Ist des Lebens ernstes Bild: Immer führt im weitern Kreise, Erst durch blumiges Gefild, Dann durch trümmervollen Strand, Uns die unsichtbare Hand. Und – ob endlich noch so ferne, Sinken wir ins große All; Darum, junges Leben, lerne, Lerne von des Bächleins Schall: Eile nicht im schnellsten Lauf, Bächlein fließt nicht mehr hinauf! * Thomas Bornhauser Hedwig von Kemnat. Vor Arbon lag der weite See Wie Gold im Morgenglanze, Und rosig färbte sich der Schnee Im blauen Alpenkranze. Da ging schön Fräulein Hand in Hand Mit ihrem Ritter nach dem Strand, Der Trennung herbe Schmerzen Im liebekranken Herzen. »O Konradin, nun ist's gescheh'n! – Die Glocke hör' ich schlagen. – O hätt' ich niemals dich geseh'n, Kann Trennung nicht ertragen! Die schöne Welt, wie leer, wie wüst; Wenn du vielleicht mir untreu bist, Wenn Welschlands falsche Horden Den Liebsten mir ermorden.« »Dein bin ich, Hedwig, ewig dein, Ich lebe oder sterbe; Mein armes Volk muß ich befrei'n, Erkämpfen mir mein Erbe. Leb' wohl! lieb' Herz. Ist Karl bestraft, Hat dieses Schwert mit recht geschafft, Dann schmückt auf meinem Throne Dein Haupt Neapels Krone.« Weg eilt er jetzt in raschem Flug, Mit ihm viel tausend Ritter. – Hoch über Alpen geht der Zug, Ein drohendes Gewitter. Der Jüngling dringt des Sieges Bahn Im Schlachtgewühl dem Heer voran. Die feigen Welschen weichen, Klemens und Karl erbleichen. Doch Volkmars Tochter weint gar bang Am blauen Wasserspiegel, Schaut nach den Alpen Tage lang. Wünscht tausendmal sich Flügel, Und wenn sie einen Harfner sieht, Von Rom daher ein Pilger zieht. So fragt sie gleich mit Zittern: »Wie geht's dort unsern Rittern?« Sie träumt von Schlachten, träumt von ihm. Dem edeln Hohenstaufen. Er kämpft – ihn treibt sein Ungestüm In dichte Feindeshaufen. Der Helmbusch weht, das Schlachtschwert klingt Da stürzt das Roß' – er wild umringt – Die Jungfrau sieht es trüber. Wacht auf und liegt im Fieber. »Fort! Bruder, fort! Wir dürfen hier Nicht länger mehr verweilen. Gib Schwert und Panzer! Komm mit mir Muß nach Neapel eilen, – Der liebe Jüngling ist in Noth. Gefangen ist er, oder todt. Ich wende sein Verderben, Wo nicht – so will ich sterben.« Sie wallt, wo die Citronen blüh'n Gebräunt von Welschlands Hitze, Geht über Po und Appenin Vorbei an Peters Sitze, Sieht den Vesuv im Flammenschein, Will nach Neapel just hinein – Da hört sie bei der Pforte Die schauervollen Worte: »Karl, der dem Waisen Land und Thron Mit frevler Hand entrissen, Läßt den gefangnen Kaisersohn Auf dem Schaffote büssen. Jetzt eben brach man ihm den Stab, Man führt ihn zum Merkato ab; Ihm helfen keine Gründe, Sein Recht ist seine Sünde.« Und wie er auf dem Stuhle sitzt Und bang die Bürger schweigen; Wie durch die Luft das Richtschwert blitzt Und rothe Bogen steigen: Da dringt durchs Volk ein greller Schrei, Man stutzt, man wundert, wer es sei – Und sieht in letzten Zügen Die schöne Hedwig liegen. * Das Sonntagkind. Freunde, nein! noch hat das Leben Magre Prosa nicht entstellt. Kommt! ich will den Schleier heben, Schauet meine Götterwelt. Hier im Bauche dieser Berge, Im kristallereichen Haus Wohnt das Volk der schönen Zwerge, Leicht zur Arbeit, leicht zum Schmaus. Kommen oft beim Vollmondscheine, Tanzen froh im Morgenthau, Gießen Düfte durch die Haine, Frücht' und Blüthen durch die Au. Lieblich schallen dort die Glocken In des See's blauem Schooß; Köpfe werden, goldne Locken, Busen, weiße Hüfte bloß. Nixen sind's – In milden Tönen Klagen sie der Liebe Harm. Jüngling, fleuch! ein üppig Sehnen Treibt dich sonst in ihren Arm. Doch bald ist der Tag verflossen Und die Sonne sinkt zur Gruft; Wüthig jagt auf schwarzen Rossen Bald der Jäger durch die Luft, Hörner schallen, Hunde wittern Aus den Wäldern heult es dumpf, Flammenweib und Irrwisch zittern Furchtsam bald durch Feld und Sumpf. Kommt! bald runden die Gespenster, Kommt mit mir zum Berge hin, Wo im letzten Strahl die Fenster Meines alten Schlosses glüh'n. Fürchtet nicht die großen Hünen, Die am Schloßthor Wache steh'n, Fürstlich laß ich euch bedienen, Drauf und drunter soll es geh'n. In der Küche fliegt, zum Keller Mancher Kobold schön und flink: Gastlich duften Glas und Teller Elfenchöre weckt mein Wink. Freunde sagt! was steht ihr stille? Seht ihr denn mein Bergschloß nicht? Ha! nun merk' ichs – Buch und Brille Schwächten euch schon das Gesicht. Wen die Sonntagnacht geboren. Der nur sieht den Zauberschein: Zu der Geister Freund erkoren Wird nur er ein Dichter sein. * Die Wünsche. Versenkt in stille Selbstbeschauung. Saß Karl am Abend vor der Trauung Und sah durch einen Lindenbaum Hinauf zum sternbesä'ten Raum, Durch den auf einmal schön und klar Ein Feuerstreifen schoß, Der aus dem Wege wunderbar Im Grau der Nacht zerfloß. Was wir in solchen Augenblicken Für Wünsche zu dem Himmel schicken. Sie werden wie die Sage lehrt. Uns gnädig vom Geschick gewährt. Doch unserm Jüngling fällt nichts ein, Und sinn' er noch so sehr; Denn morgen wird ja Flora sein, – Was fehlt zum Glück wohl mehr? Ein Wunsch nur will sich leise regen. Oft hätt' er schon es wissen mögen, Ob Flora ihm so gut, so treu, Als er dem holden Mädchen sei. Der Trauung Stunde naht sich nun, – Ein ernster Augenblick! – Drum möcht' er manche Frage thun An's waltende Geschick. Das ist's! – Im Herzen aller Wesen, Im dunkeln Buch der Zukunft lesen – Ja wenn mir das beschieden wär'. Ich wünschte nichts auf Erden mehr. Er ruft das Wort und denkt dabei: »Wir Menschen sind doch schwach!« Und hängt der süßen Träumerei Noch lange sinnend nach Was rauscht? Was glänzt dort im Gesträuche? Wie seltsam! aus der hohlen Eiche Naht sich mit feierlichem Schritt Und grauem Bart ein Eremit; Ein schneeweiß, faltenreich Gewand Wallt ihm zum Fuß hinab. Auch prangt in seiner welken Hand Ein güld'ner Zauberstab. »Ich will, was du gewünscht vollenden. Nimm diesen Ring aus meinen Händen, Wen dieses edle Kleinod schmückt, Von dem wird jedes Herz durchblickt. Und was die Zukunft bringen mag Lehrt dieser Spiegel dich; Ein Blick darauf – wie heller Tag Zeigt dir die Zukunft sich.« Verschwunden ist das Bild des Alten! – Für Täuschung würd's der Jüngling halten. Wär' nicht der Ring, der Wahrheit Pfand, Der Spiegel nicht in seiner Hand. Heil ihm! kein Mensch auf Erden ist Nun glücklicher, als er; Kein Lächeln täuscht und keine List, Ihn kein Ereigniß mehr. Den Wicht erkennt er, der ihm schmeichelt, Aus Eigennutz ihm Freundschaft heuchelt; Er sieht den Spott, der heimlich lacht. Trifft Kälte, wo er's nicht gedacht. So wird er selbst in Floras Arm Am schmerzlichsten betrübt; Das Mädchen kos't und küßt ihn warm, Das einen andern liebt. Ha! welche Wandlung aller Dinge! Das dankt er diesem Zauberringe! Drum eilt er weg und wirft voll Wuth Den Unheilbringer in die Fluth. Wer weiß? Der Zukunft Schooß entblüht Vielleicht ein höh'res Glück; – Und nach dem Zauberspiegel sieht Sein sorgenvoller Blick. Erst sieht er Feuerspritzen rennen, Dann hoch die eig'ne Wohnung brennen – Der kranke Mann im Bette da – Zu klar! – Das ist er selber ja. – Schau! hier verliert er den Verstand, Sucht Brod am Bettelstab – Dort stirbt er gar durch eigne Hand, Und Schmach bedeckt sein Grab. Karl wirft das Glas entzwei und weinet Als wiederum der Greis erscheinet; Der spricht mit väterlichem Ton: »Erkennst du deine Thorheit Sohn?« Aufthun des Jünglings Augen sich, – Es war ein bloßer Traum! – Er liegt, wo ihn der Schlaf beschlich Im Garten unterm Baum. Die Sonn' erwacht – Wie Purpur malen Die Berge sich in ihren Strahlen; Schon tönt der Lerche Morgensang Aus hoher Luft das Thal entlang. Und tausend Freudenschauer zieh'n Jetzt durch des Jünglings Brust. Danksagend liegt er auf den Knie'n Und jauchzt in trunk'ner Lust: »An Tugend und an Menschheit glauben. Das Glück soll mir kein Argwohn rauben; Und würd' auch jedes Lächeln Schein, Nur Spott ob meinem Glauben sein. Was mir umhüllt die Zukunft beut, Das ruh' in Gottes Hand; Froh pflück' ich meine Rosen heut' – Und wär's – an Grabes Rand.« * Die Brücke. Willst du etlich' Augenblicke Nicht hier stille stehn? Alt ist freilich, krumm die Brücke, Doch der Zoll gar schön. Wer die Brücke will betreten. Soll im Gehen auch Fromm ein Vaterunser beten, Nach der Vorzeit Brauch. Eh' noch ob des Stromes Spiegel Kühn der Bogen stand. Glänzte dort ein Schloß vom Hügel Stolz herab auf's Land. Wo sich Epheuranken dehnen, Buschwerk jetzt und Dorn, Lebte froh mit beiden Söhnen Frau von Hohenzorn. Einst, als mit dem Jagdgeschosse Beide fortgeeilt, Hört die Wittwe auf dem Schlosse, Daß der Thurstrom heult. Hört's und schaut – von Regengüssen Schwillt er donnernd an – Wog' auf Woge! pfeilschnell schießen Sie die krumme Bahn. Sieht sie recht? Zwei Wand'rer springen Drüben in das Boot, Wollen keck hinüberdringen, Kommen sehr in Noth. Hülfe! Hülfe! diese Töne Treffen wie ein Schwert, – Ach! sie sieht die eignen Söhne Und – den Kahn verkehrt. Angstvoll fliegt die Mutter nieder Zu der wilden Thur; Schiffer suchen hin und wieder – Nirgend eine Spur. Erst nach drei durchweinten Tagen Stößt der Fluß sie aus. Werden Leichen hergetragen In das öde Haus. Welch ein Schlag dem Mutterherzen! O der harte Fluß! Plötzlich dämmert aus den Schmerzen Herrlich ein Entschluß, Sie erscheint vor dem Konvente Noch im Trauerflor, Weis't dem Propste Pergamente Gold und Kleinod vor. »Eine Brücke will ich gründen An dem Unglücksort, Und kein Weib soll mehr empfinden. Was mein Herz durchbohrt. Eins nur soll die Nachwelt üben. Wer hinübergeht, Ach, für mich und meine Lieben Sprech' er ein Gebet.« Und bald steht das Werk vollendet Ob dem feuchten Grab, Und die gute Wittwe sendet Manchen Blick hinab; Sieht wie Mutter jetzt und Kinder Froh hinüberzieh'n. Fühlt die tiefen Schmerzen minder. Die im Busen glüh'n. Lang' schon wohnt sie bei den Söhnen Hoch im Vaterhaus, Doch der Brücke Bogen dehnen Schützend noch sich aus. Schreite, Wandrer, denn hinüber. Ziehe deine Bahn. Bete gläubig – oder lieber Thu' was sie gethan. Welkt vielleicht im Lebenskranze Dir auch manche Lust, Schließ', o Freund, ans große Ganze Dich mit voller Brust. Pflanz' auf deiner Hoffnung Grabe Still der Menschheit Glück. Und an And'rer Freuden labe Sich dein Thränenblick. * Das wiedersehen. Wo hoch der Bach vom Felsenpfad Sich wirft mit Zorngebrause, Da kniete die fromme Wiborad Vor Gott in einsamer Klause, Als außer der Schwelle der Klausnerin Die blühende Gräfin von Argen erschien, Das Antlitz bescheiden und schweigend Drei Mal zu der Erde verneigend. »Der Frieden Gottes sei mit dir! Willkommen auf der Halde! Was bringt dich, du zarte Frau, zu mir? Die reiche Gräfin zum Walde? Hat etwa dein Fuß sich vom Weg verirrt? Hat Neugier und Laune hieher dich geführt? Erscheinst du bei mir, um zu beten? Hat Labsal die Seele von Nöthen?« Und Wendelgard, die Gräfin, spricht – Das blaue Aug' voll Zähren –: »Ehrwürdige Frau, mein Fuß irrt nicht, Ich kam aus freiem Begehren, Nicht sündliche Laune, nicht Neubegier, Es treibt mich die Angst und der Kummer zu dir, Ich habe des Trostes vonnöthen, O hilf für den Gatten mir beten. Mein Ulrich zog hinaus zum Streit, Mit Ungarns wilden Schaaren, Kühn kämpft er für Gott und Christenheit, Schützt Deutschland vor den Barbaren. Nun quält mich ein schreckliches Vorgefühl – Sprich! kehrt er gesund aus dem blutigen Spiel? Das Künftige steht dir ja offen – Sprich! darf ich vom Himmel es hoffen?« Die Jungfrau kniet und betet lang Um Weisheit und Belehrung; Hell funkelt das Aug', es glüht die Wang'. Sie ruft in hoher Verklärung: »Wofern du Gebet und Almosen übst. Wofern du dich selber dem Himmel ergibst, Wird Gott mit Erbarmen es lenken Und wieder den Gatten dir schenken.« Heim kehrt die frohe Wendelgard, Da sprengt herbei zum Schlosse Ein Knapp', der treue Eberhard – Doch ach! kein Graf auf dem Rosse, »Wir wurden geschlagen bei Norikum! – Wohl kämpfte das Heer, mein Gebieter mit Ruhm, Vergeblich! ich sah von zwei Streichen Im Tode den Grafen erbleichen,« Ohnmächtig sinkt die Arme da, Todtblaß zur Erde nieder; Mit wüthendem Schmerz, dem Wahnsinn nah'. Erwacht zum Leben sie wieder. »Mein Ulrich erschlagen durch Feindes Schwert! Hat also das Wort sich der Jungfrau bewahrt? Die Heuchlerin hat mich belogen. Mich Himmel und Erde betrogen. Weh mir, wo reißt der Schmerz mich hin? Ist nicht ein Leben dorten? O thörichtes Weib! sieh diesen Sinn Gab Wiborad nur den Worten: Wofern du Gebet und Almosen übst. Wofern du dich selber dem Himmel ergibst. Wird Gott mit Erbarmen es lenken Und droben den Gatten dir schenken.« Sie denkt es kaum und alsobald Verläßt sie Burg und Zinnen, Baut eine Kapell im öden Wald Die Seligkeit zu gewinnen. Sie steht für den Grafen im frühen Grab, Sie härmet mit Wachen und Fasten sich ab Im Glauben, ihr irdisches Leiden Gewähr' ihm dort himmlische Freuden, Streng gegen ihren zarten Leib, Für And're voll Erbarmen, So tritt aus dem Wald das treue Weib, Ein blasser Engel dem Armen. So hatte im kreisenden Laufe der Zeit Drei Mal schon der schreckliche Tag sich erneu't, Wo Ulrich an rühmlichen Wunden Sein ritterlich Ende gefunden. Jetzt feiert sie zum vierten Mal Den Tag nach frommer Sitte; Die Dürft'gen stehen im Rittersaal, Die Gräfin steht in der Mitte; Und segnet die Menge gar hold und weich: »Heil euch! denn des Armen ist Gott und sein Reich!« Und freundlich, mit emsiger Wendung Beginnt sie die heilige Spendung. Dem Alten gibt sie, dessen Haupt Schon Silberlocken schmücken; Dem Mann, dem der Krieg den Arm geraubt. Dem lahmen Weib an den Krücken; Sie theilt mit Lächeln den Kindern aus. Dem Schüchternen schickt sie, dem Kranken ins Haus, Damit er so nahe am Grab Sich Ein Mal das Herz noch erlabe. Sechs Waisensöhne nahen sich, Sechs arme, schöne Bräute, Sie danken der Frau, die mütterlich Mit Haus und Hof sie erfreute. Die fügt viel erbauliche Lehren bei Von christlichem Leben, von Liebe und Treu'. Vom Wechsel – doch hält sie hier inne – Ihr Ulrich, ach! kommt ihr zu Sinne. Sie weint – und ihre Trauer ehrt Der Kreis mit tiefer Stille. – Ein Bettler allein das Schweigen stört. Ein Mann in lumpiger Hülle. »Zerrissen«, so ruft er, »ist dieses Kleid, Drum bitt' ich, daß ihr so barmherzig doch seid. Aus eueren gräflichen Händen Ein neues Gewand mir zu spenden.« Rasch tönt dem Mann aus Einem Mund Gemurmel laut entgegen: So jung und so stark, so kerngesund Zur Arbeit! Schande dem Trägen! Die Gräfin nur schaut mit gelass'nem Muth Sich um – da wird sie dem Manne gut. Sie kann es sich selbst nicht erklären – Doch muß sie die Bitte gewähren. Kaum aber hat der das Gewand, Faßt ihn ein wild' Entzücken; Die Klausnerin nimmt er bei der Hand Und will sie herzen und drücken. Fort stößt ihn die Keusche, sie seufzt und bebt: »Nun fühl' ich es erst, daß mein Ulrich nicht lebt. Der Mann, der mit tapferem Schwerte Auch Freche Sittsamkeit lehrte.« Schnell eilt herzu der Diener Schaar, Den Bösewicht zu packen. Sie schütteln ihn wild an Brust und Haar. Zerbläut wird Rücken und Nacken. Er aber treibt mächtig die Schaar hinweg: »Laßt, Rasende, ab! denn ich habe der Schläg' Im Lande der stolzen Barbaren, Der Leiden zu viel nur erfahren. Schaut her! (Er wirft aus dem Gesicht Der Locken schwarze Schatten.) Erkennt ihr den Grafen Ulrich nicht? Komm Weib ans Herz doch des Gatten! Die Ohnmacht, aus welcher ich bald erwacht. Hat mich in ungarische Ketten gebracht – Doch Gott – er entriß mich den Banden: Die Treue wird nimmer zu Schanden!« * J. C. Nänny Sonnenblumen. Sehnend nach der Sonne wendet, Blume sich dein Angesicht; Bis dein Leben still sich endet, Athmest du und trinkst du Licht. So nach Oben schaut die Seele, Sucht des Himmels reinsten Strahl, Daß sie nie den Pfad verfehle Hier im düstern Erdenthal. Blume! bald wirst du versinken. Weil der Strahl dich bald verzehrt! Seele, du wirst ewig trinken, Weil der Strahl dich ewig nährt! * Mundus vult decipi. »Es will die Welt betrogen sein!« Ein Höllenwort, In tief Verderben zieht's hinein, Zum Abgrund fort. Du sollst sie nicht betrügen wollen, Sonst rächt sie sich. Und eh' die nächsten Stunden rollen. Zertritt sie dich. * Der Professor der Dichtkunst. Ich soll euch als Professor hier Die schönen Künste lehren. Besonders wünscht ihr sehr von mir Von Poesie zu hören. Wie man ein Lied zu Stande bringt, Das Jedem muß gefallen. Und wie man zum Parnaß sich schwingt. Wo Gleim und Göthe wallen. Das Alles faß' ich kurz und gut In zwei erprobte Regeln; Ihr kennt sie kaum, so fühlt ihr Muth Ins offne Meer zu segeln. Fürs Erste wählt ein Liebchen euch. Ein süßes Kind, ein holdes. Dann fließt das Wort gedankenreich Und voll des reinsten Goldes. Ihr wißt ja schon, ein Dichter soll Die Herzen ganz durchdringen; Wär' er nun selbst nicht liebevoll. Wie könnt' ihm das gelingen? Zum Zweiten scheut mir nicht den Wein, Der Herz und Geist beflügelt; Wie könnte der ein Dichter sein, Der nüchtern sitzt und klügelt? Und haben Wein und Liebe nun Sich eurer ganz bemeistert. Dann läßt Apoll euch nicht mehr ruh'n. Ihr sprecht und singt begeistert. Und jedes Lied, das euch entquillt. Ist süß wie Götterspeise. Die Jugend holt es freuderfüllt. Es lächeln selbst die Greise. So steh'n euch nun zur Götterkunst Geöffnet alle Pforten! Was And're lehren ist, nur Dunst, Nur Prunk von leeren Worten. Nun zeigt der Welt, daß ihr's versteht. Es auch ins Werk zu setzen, Und wenn es nicht vortrefflich geht, Soll mich kein Trunk mehr letzen. Ihr glaubt's; ihr folgt; schon freu' ich mich Der lächelnden Gesichter; Gewiß denkt Mancher jetzt bei sich – Er sei schon längst ein Dichter. * Spruch. Wenn der Pfeil ist abgeschossen, Ist kein Gott mehr, der ihn hemmt; Kommt der Strom zu wild geflossen. Wird die Hütte weggeschwemmt. So sind auch des Menschen Worte Pfeilesflug und Stromgewalt; Drum verschließe rasch die Pforte, Wenn der Zorn im Herzen wallt'. * Dichter und Kritiker. Form Sonett. Dichter. Ich soll, mein Freund, dir ein Sonettchen schenken? Verlangst du's mit Gedanken oder ohne? Kritiker. Versteht sich, mit. Dichter. Ich bitte dich, verschone! Ich denke nie! Wie sollt' ein Dichter denken? Das hieße ja die Phantasie beschränken; Was hätt' ich auch für solchen Zwang zum Lohne? Sonettenkünstlern würd' ich nur zum Hohne, Und manchen Leser müßt' ich tief ja kränken. Kritiker. So magst du denn fortan auf deine Kunst, Auf Vers und Reim für immer ganz verzichten! Dichter. Wer fordert das? Gestrenger Mann, mit Nichten! Uns schenkt der Leser dann erst seine Gunst, Ist uns vergönnt, bei unsern zarten Reimen Magnetisch sanft zu schlummern und zu träumen. * Der Wein. Im Trinken lieb' ich Mäßigkeit Ist nur das Maß gehörig weit. * Der Tänzer. Ja, Sonne bist du mir beim Tanze, Ich dann, Geliebte, dein Planet, Die sich erwärmt an deinem Glanze, Um dich in Lust und Liebe dreht. Doch bin ich glücklicher zu preisen. Als die, die wir am Himmel seh'n; Dort muß in vorgeschriebnen Kreisen Ein Jeder einsam weiter geh'n. Ich aber drück an meine Sonne Die Brust nur fest und fester an; So stiegen wir in Einer Wonne In gleichem Schwung die gleiche Bahn. Und sieh, was jene nimmer wagen. Wir halten still, wenn's uns gefällt. Das ändert nichts an Jahr und Tagen, Und stört auch nicht den Lauf der Welt. * Wunsch des Bübchens O wär' ich doch ein Vögelein. Wie lustig wollt' ich fliegen, Und mit dem spitzen Schnäbelein Die rothen Kirschen kriegen! Doch weil ich nun kein Vöglein bin So muß ich eben laufen. Und muß mir bei der Krämerin Für einen Kreuzer kaufen. * Lied, Leid. Schwätzt der überkluge Richter Schaal und kalt und breit, Ach wie stille wird der Dichter: Lied wird Leid. Kommt die Muse, küßt den Dichter, Den sie traurig sieht. Nicht mehr scheut er tausend Richter. Leid wird Lied. * Der Fromme. Der wahrhaft Fromme Ist der wahrhaft Heitre, Er thut das Seine, Und läßt Gott das Weit're. * Ein gutes Wort. Durch Oel wird Wogensturm Von Schiffern oft gebändigt, Gib nur ein sanftes Wort, Man hat sich gleich verständigt. * Begeisterung und Schwärmerei. Die Begeist'rung macht bescheiden, Doch die Schwärmerei macht stolz; Jene grünt und blüht in Freuden, Diese bleibt ein dürres Holz. * J. P. K. Gengenbach Kindersinn. Ein Bächlein rieselt silberhelle, Die Sonne spiegelt sich darin; Halb träumend hüpfet seine Welle Zum fernen Strome spielend hin. Und duft'ge, bunte Blümlein neigen Und baden sich in seiner Fluth; Und süße Wohlgerüche steigen, Verbreiten frohen Lebensmuth. Ein Vöglein hüpft mit leichten Schwingen In Blüthenzweigen her und hin. Es läßt so laut sein Lied erklingen, Es trägt so frommen, leichten Sinn. Ihm dünket, all' des Frühlings Wonne Sei nur um seinetwillen da. Zu seiner Freude schein' die Sonne, Und ihm nur sei der Schöpfer nah'. Ein Blümlein sproßt in Laub und Moose Noch ist's ein zartes Knöspchen nur; Doch einst entfaltet sich die Rose, Und ist die Königin der Flur. Die Knospe blickt so still und wonnig Im Demantschmuck von Maienthau; Ihr glänzt die Flur so mild, so sonnig, Ihr lächeln Himmel, Wald und Au. Kennst du des Bächleins klare Welle? Das Vöglein in den Zweigen drin? Das zarte Knöspchen still und helle? – Das ist der frohe Kindersinn. * Weibestreue. Was eilest du so schnell dahin, Du Jüngling mit dem heitern Sinn, Was treibet dich von hinnen? »Mein harrt zu Haus die treue Braut, Drum eil' ich, eh' der Morgen graut, Die Heimat zu gewinnen.« O Jüngling eile nicht so sehr; Sie denket dein wohl gar nicht mehr! Ist Weibern denn zu trauen? »Vergehen kann der Sonne Licht. Doch meiner Edda Liebe nicht. Auf diese kann ich bauen.« Bedenk, vergänglich, Blumen gleich. So sind die Frauen, zart und weich. Sie welken schnelle, schnelle. »O nein, mir ist's im Innern klar, Der Brautkranz schmückt das Lockenhaar. Noch glänzt ihr Auge helle.« Du nimmst ja nicht des Weges wahr, Verachtest jegliche Gefahr: Hier hausen Molch und Drachen. »Wenn Molch und Drache mein begehrt, So trag' ich hier ein gutes Schwert, Mir freie Bahn zu machen.« Dem Drachen magst du widersteh'n – Doch auf dich lauern, ungeseh'n, Im Wald der Feinde Schaaren. »Dem Herrn im Himmel trau' ich fest; Der nie gerechte Sach' verläßt. Wird sich mir treu erwahren. Und sollt' ich fallen in dem Streit, – Ich bin zum Todesgang bereit. Gleich wie zum Hochzeitgange. Drum zag ich und verweil ich nicht; Mir strahlt der Liebe Sonnenlicht, Wem wäre da noch bange?« Und als er kam zum finstern Wald, Da sah er sich umzingelt bald Vom wilden Feindesheere. Er streitet, edler Liebe werth, Als ob ein Blitz sein gutes Schwert, Und er ein Cherub wäre. Die Feinde flohen scheu zurück; Er dankte Gott und pries sein Glück, Schritt freudeglühend weiter. Da stand er vor dem hohen Thor, Draus kam ein langer Zug hervor Viel schön geschmückter Reiter. Da nahte sich auf weißem Roß Schön Liebchen auf dem Felsenschloß, Den Brautkranz in dem Haare; Und neben ihr in stolzer Pracht Da ritt ein Herr in Fürstentracht, Er führt sie zum Altare. »Du Thor, was eiltest du so sehr? Sie dachte deiner gar nicht mehr; Ist Weibern denn zu trauen? Zergehe nur, du Sonnenlicht; Wenn Edda mir die Treue bricht – Auf was noch soll ich bauen?« – Zwei Wand'rer ziehen durch den Wald, Es weht der Nordwind rauh und kalt. Sie steh'n an hoher Eiche. Da saß ein bleicher Rittersmann Mit schmucken Kleidern angethan Es war des Jünglings Leiche. * Der Geselle. Ich hab' einen schlimmen Gesellen, Der läuft mir immer nach; Wie ich mich auch mag stellen, Er folgt mir den ganzen Tag, Nur Eines kann ihn bannen: Sitz ich bei gutem Wein, Weicht langsam er von dannen, Läßt mich beim Glas allein. Ergeh ich mich im Freien, Flugs steht er mir zur Seit; Und winket wo ein Maien, Dann fragt er: »Gehts noch weit? – Was willst du dich ermüden? Da drinnen giebt es Wein,« – Und will ich Ruh und Frieden, Muß ich in's Haus hinein. Weil' ich bei schönen Frauen, So brummt er mir in's Ohr: »Was hast du doch vom Schauen, Vom Kosen, alter Thor? Die wahre Lust des Lebens Erglühet nur im Wein,« – Mein Sträuben ist vergebens, Es muß getrunken sein. Und will ich gar studieren. Läßt er mir keine Ruh, Und um mich zu verwirren, Schlägt er das Buch mir zu; Er spricht: »Die Weisen lehren. Die Wahrheit wohn' im Wein.« Und wollt ich ihn nicht hören. Er schüf' mir Noth und Pein. Und wie ich dieses singe, Wird schon die Zeit ihm lang: »Ach, laß doch das Geklinge! Denn nüchtern ist dein Sang, Des Liedes reinste Quelle Strömt nur in goldnem Wein.« – Und Recht hat der Geselle: Drum, Freunde, schenkt mir ein! * Rudolf Müller Der Pfründer. 1268. Zu Regensberg im stillen Saal Starrt dumpf Herr Lüthold vor sich hin; Wie war er einst so stolz gemuth, Wie anders ist's ihm jetzt zu Sinn! Gar trübe hebt er seinen Blick: »Was half mir nun der lange Strauß? Von mancher Burg und manchem Hof, Blieb mir nur noch dieß Eine Haus! Wie sprach der Bote doch so recht. Sein warnend Wort war allzuwahr: Das Netz durchbiß so scharf der Hecht, Und mit dem Garn entflog der Aar! Zu hoher Muth thut nimmer gut: Einst konnt' ich Zürich's Hauptmann sein; Ich wollt als seinen Herrn mich sehn, Nun ward die Stadt die Herrin mein! Wohl bricht auch diesen letzten Thurm Mir noch des Bürgerarmes Wucht, Such' ich vorher da Frieden nicht. Wo einst man Schirm bei mir gesucht!« – Zu Boden starrt das nasse Aug': »Ja, brich im Harm, du stolzes Herz! Es muß wohl sein: o Habsburg, traun, Zu bitterm Ernst wird mir dein Scherz!« – Und wieder schickt der Graf alsbald Gen Zürich eine Botschaft werth: Der wird vom Rathe für den Herrn Ein friedlich Leibgeding gewählt. Wie anders klingt doch jetzt das Lied, Weh, Regensberg, es klingt nicht fein: »Dem Zürich's Schirmherrschaft zu schlecht. Der muß nun noch sein Pfründer sein!« – * August Näff Die Schweizergarden, gefallen in Paris am 27., 28. und 29. Juli 1830. l. Eidesschwur. Vom Lande, wo die freien Männer wohnen. Vom Schweizerlande ziehn sie hinaus Nach Frankreichs Königsstadt, die jungen Söhne, Die Alpenkinder in das Königshaus. Der Glanz am Throne hat ihr freies Aug geblendet. Gefesselt wurden sie durch einen bösen Schwur, Als stolzer Herrscher Wacht, die Freigebornen, Und schweigen muß die Stimme der Natur. Die Freiheit hat den harten Eid vernommen, Der Kinder Irrung drücket sie so schwer: – »Sie mußten Treue meinem Feinde schwören. Ach meine Söhne kennen mich nicht mehr!« 2. Eidestreue. Im Feuerglanze strahlt die Morgensonne; Sie schaut hinunter in die Frankenstadt, Und sieht zum Kampf gerüstet und bewaffnet Die Schweizer steh'n, bereit zu blut'ger That, Sie stehen da, die alten Schweizergarden, Und blicken stumm und ernst zum Feinde hin. Und junge Freiheitskinder sind die Feinde, Die Freiheit selbst ist ihre Führerin. Die Garde siehts mit kummerschwerem Herzen, Doch nimmer wankt ihr kriegerischer Sinn– »Geschwornen Eiden treu!« Sie rufen's laut und stürzen In Kampf und Tod, die Schweizerlöwen, hin. 3. Die schlafenden Helden. Der Kampf ist aus. – Vom fernen Himmel leuchten Die stillen Sterne in die Mitternacht; Die jungen Streiter und die alten Helden Umschweben Todesengel nach der heißen Schlacht. Wie still, wie traurig ist's im Leichenfelde, Und nur ein schwacher leiser Klagelaut Durchbebt die Nacht – denn eine Mutter trauert Bei den Gefall'nen dort, und auf die Schweizer schaut. Es ist die Freiheit ; die verirrten Söhne Sind ihr versöhnt im ernsten Heldentod. Auf dem erschlag'nen Feind die bleichen Kämpfer schlafen, Und ihre Waffen sind so blutig roth. 4. Der Freiheit Klage. »O daß der Königsgunst solch Heldenblut geflossen, Für einen morschen Thron die tapf're Garde fiel. Wie muthig in der Schlacht, wie treu im Sterben! Weh! Freiheit war nicht ihres Kampfes Ziel. Die Schweizergarde schläft. – Wollt ihr noch nicht erwachen, Ihr Volksvertreter dort im Schweizerland? Wer hat sie hingeworfen, uns're starken Söhne, Im ungerechten Kampf und in des Todes Hand? Ihr habt zum harten Schwure sie verleitet, – Hier liegen sie in grauser Todesnacht! Das ferne Vaterland weint nicht um diese Helden; Vom Todesengel sind sie nur bewacht.« – * Joseph Krauer Die Tulpe. 1812. Stolz auf der Schönheit Geschenk erhebt sich die strahlende Tulpe, Aber ihr fehlt der Geruch, welcher die Nelke beseelt. Aehnlich der Schönen ist sie, deren Antlitz nur schimmert. Während kein Funke des Lichts her aus dem Auge ihr blitzt. Was der Schönheit verleiht den alles besiegenden Zauber, Ist der regende Geist, der durch die Form sich ergießt. * Die Temperamente. Der Sanguiniker Soll ich morgen dir Freund sein, so erzürne mich heute: Denn bin ich heute dir Freund, hass' ich dich morgen gewiß. Der Choleriker Weg mit dem Schmetterling dort, dem weibisch wankenden Gecken. Der, was er heute verflucht, morgen voll Wonne umfängt: Rasch wie der Blitz durchzuckt auch mich der Leidenschaft Flamme; Aber den raschen Entschluß ändert die Hölle mir nicht. Der Melancholiker. Thörichte Menschen! die Ihr an irdischen Dingen Euch freuet! Alles vergeht ja, und bringt Sorgen und Kummer mir nur. Der Phlegmatiker. Strömet nur reißend dahin, ihr stürmenden Wogen des Lebens, Ihr verschlinget mich wohl, aber beflügelt mich nicht. An B.....M...... 1815. Vaterland ihn erzog, er hat es dankbar erwiedert, Noch als Staatsmann hängt er an der Mutter, und saugt. * F. Schnyder von Wartensee Die neue Semele. Ein Naturbild. Hört die schreckliche Geschichte, Welche sich in alten Tagen Grauer Zeit hat zugetragen. Die ich deßhalb euch berichte. Daß ihr seht, mit starrem Blut: Frauenwünsche thun nie gut. In den ersten Frühlingsstunden Hatt' sich eine zarte Rose Ihrer Knospe grünem Schooße Von der Wärm entlockt, entwunden. Und nach altem Blumenbrauch Prangte sie an ihrem Strauch. Schön war sie, in milder Röthe Und in frischer Jugendfülle Glühte ihre zarte Hülle. Doch was noch den Reiz erhöhte: Ihr war gänzlich unbewußt. Sie sei aller Wesen Lust. Einsam lebte sie ihr Leben; Die Gefühle alle schliefen Noch in ihres Herzens Tiefen, Die sich allzufrüh erheben Um das leichtbewegte Herz Hinzuziehn zu Lust und Schmerz. Doch erfüllte sie ein Sehnen, Das sie nicht zu deuten wußte. Dem sie hin sich geben mußte Bis zu süßen Wonnethränen. Weinen ist ein hohes Glück; Sie hielt keine Thrän' zurück. Wenn sie ihren Rosenkummer In der stillen Nacht verträumte, Zu erwachen dann versäumte. Sah man, was in ihrem Schlummer Sie so unnennbar entzückt. Träumerisch noch ausgedrückt. Doch das sahen blos die Dichter, Die beglückten Sonntagskinder, Wasser, und nicht mehr, nicht minder, Sah'n die Alletagsgesichter, So seh'n Physiker zumeist Kräfte nur, doch keinen Geist. Als an einem schönen Morgen Mit den Schülern Pädagogen Durch den bunten Garten zogen, Um sich Weisheit zu erborgen, Sagten diese: seht genau. Auf der Rose liegt noch Thau. Und nun kam die alte Lehre: Wie die Lüfte Dünste trinken, Die dann wieder niedersinken, Hingedrückt durch eigne Schwere. Was die Rosen weinen macht, Daran wurde nicht gedacht. Doch wir lassen die Pedanten Zieh'n mit ihrer kalten Prose, Wenden uns nach uns'rer Rose, Dieser Himmelsanverwandten, Richten unsern Seherblick Auf ihr herbes Mißgeschick. Als sie täglich sich verschönte. Blieb sie nicht mehr länger einsam; Alles drängte sich gemeinsam Hin zu ihr, ihr Lob ertönte. Und man rühmte weit und breit Ihre Götterherrlichkeit, Von den Wiesen schwebten gaukelnd Um die Holde Schmetterlinge, Diese pudelnärr'schen Dinge, Sich auf Freiersflügeln schaukelnd. Doch ein solcher Bonvivant Stand der Rose gar nicht an. Wieder kam ein plumper Käfer, Angethan mit goldnem Rocke, Daß er sie durch Reichthum locke; Spielte den verliebten Schäfer. Doch ein solcher eitler Mann Stand der Rose gar nicht an. Schmeichlerische Frühlingswinde Kamen auch mit leisem Säuseln Die Geliebte zu umkräuseln, Sie zu fächeln ganz gelinde; Doch der Rose stand ein Mann, Flatterhaft wie Wind, nicht an. Seht! sogar aus ihrer Hecke Kömmt mit sorgsam leisem Schleichen, Um die Absicht zu erreichen, Eine heuchlerische Schnecke. Doch der Rose war's ein Graus Frau zu sein vom Schneckenhaus. Schnecke mußte fort sich drücken Mit dem labyrinth'schen Hause, Mit der scheinbar frommen Klause Auf dem geifernassen Rücken. In dem Herzen kochte Gift, Wie sie zog zu ihrer Trift. So der Rose in Verblendung, Schön geschmückt im Sonntagsstaate, Sich noch mancher Freier nahte. Immer mit der gleichen Wendung; Keiner noch war dessen werth. Was er allzu kühn begehrt'. Wer die heil'ge Liebesflamme In der Rose will entzünden. Sei besteckt von keinen Sünden, Aus dem reinsten Götterstamme: Lieber blüht sie sonst allein. Unberührt in ihrem Hain. Doch auf leisen Geisterschwingen Nahte schon die ernste Stunde, Die zu zartem Liebesbunde Hin sie zog mit sanftem Zwingen. Was der Traum ihr prophezeit. Trat nun in die Wirklichkeit. Denn als einst den Himmelsbogen Helios in schnellem Jagen, Auf dem reich bespannten Wagen Freudespendend hat durchzogen. Sah er in dem dunkeln Grün Anmuthsvoll die Rose blühn. Rasch griff er mit starken Händen Seinen Rossen in die Zügel, Hemmte so den Flug der Flügel, Konnte nimmer weg sich wenden; Und der Liebe süßer Blitz traf ihn auf dem Wolkensitz. Hingegeben diesem Lieben Stand er still, in Lust verloren. Bis ihn die besorgten Horen Mahnten, drängten, weiter trieben. Daß der and're Theil der Welt Nicht erstarre, unerhellt. Dieß geschah in jenen Stunden, Wo das Volk der Auserwählung Nach der heil'gen Schrift Erzählung Amoriter überwunden Hat, und über ihrem Land Lang die Sonne stille stand. In der großen Einfalt dachte Damals man, es sei ein Wunder. Doch wir wissen's ja jetzunder: Was die Sonne stillsteh'n machte, War der Rose lieblich Roth, Und nicht Josuas Machtgebot. Ich will zwar mit Keinem zanken, Was der Grund war der Erscheinung. Jedem lass' ich seine Meinung, Frei sein sollen die Gedanken, Und auch Jedem sei erlaubt, Frei zu sagen, was er glaubt. Aber was die treuen Musen Mir entdecken, dafür leb' ich, Sterb' ich, dafür Alles geb' ich; Denn ich fühl' im tiefsten Busen.- Was von ihnen kömmt ist wahr, Schein' es noch so wunderbar. Oft hab' ich in stillen schönen Stunden schüchtern nachgeklungen. Was sie hold mir vorgesungen. Bald in Worten, bald in Tönen. Doch wie Echo frostig, klang Nach dem ihren mein Gesang. Deßhalb sei es mir erlassen, Daß ich Euch die Rosenliebe Schild're; diese zarten Triebe Kann ich nicht in Worte fassen; Wer in heil'ger Liebe glüht, Blicke nur in sein Gemüth. Was die Rose früher fühlte, Konnte sie jetzt ganz verstehen; Wußte, was bis zum Vergehen Wonnevoll ihr Herz durchwühlte; Jetzt begriff sie sonnenklar. Daß es schon die Liebe war. Ja, sie war ihr eingeboren. Diese Neigung zu dem Lichte, Und man sah schon lang: es richte Ihren Blick, in Lust verloren, Stets die Blumenkönigin Nach dem Sonnengotte hin. Als der hohe Gott der Lieder Strahlend seine Lieb' ihr zeigte, Blickte sie verschämt und neigte Keusch ihr Köpfchen vor sich nieder; Doch ihr süßer Duft gestand. Daß sie Gleiches ihm empfand. Worte brauchen nicht zu fragen. Wo die Herzen gleich empfinden, Sich verwandte Seelen finden. Und schon Blicke Alles sagen. Wörterspruch genüget nicht, Wo zur Liebe Liebe spricht. Sonnenstrahlen, Rosendüfte Immer enger sich vermählten. Und zu ihrem Brautbett wählten Sie die leichten lauen Lüfte; Rosenfarb' und Sonnenlicht – Schön're Liebe giebt es nicht. Was dem Sonnengott war eigen, Selbst das Heer der Abendwölkchen, Dieses zarte leichte Völkchen, Mußte rosenfarb sich zeigen. Und auf seiner Morgenbahn Kündigt Rosenfarb' ihn an. Abends konnt' er fast nicht scheiden; Immer später sank er nieder, Immer früher kam er wieder. Zu der Quelle hoher Freuden, Die schon harrte, still entzückt. Auf den Gott, so reich geschmückt. Von der himmlischen Verbindung Hatten Thiere, Pflanzen, Steine Eine ahnungsvolle, feine Wunderbare Mitempfindung; Selbst die Menschen, starr und stumpf, Fühlten diese Liebe dumpf. Welch' ein schön gedeihlich Wetter! Riefen auf dem Land die Bauern, Und in ihren dumpfen Mauern Sagten obenhin die Städter: Seht, wie gut man merken mag, Immer länger wird der Tag! Einzig nur von allen Wesen, (Denn durch die Metempsychose War sie früher eine Rose), War die Nachtigall erlesen, Rosenliebe, groß und schön. In dem Herzen zu versteh'n. Schmetterlinge, Frühlingswinde Konnten leicht den Korb verschmerzen Von der Rose, und umscherzen, Schmeichelnd jedem schönen Kinde, Auf der reichen Blumenflur Jede reizende Figur. Auch der goldgeschmückte Käfer Scherte drum sich keinen Plunder, Wandte sich an den Hollunder, Zeigte da den zarten Schäfer, Trieb nun da sein plumpes Spiel, Das der Rose nicht gefiel. So die andern Freier alle Konnten nicht der Anmuthsvollen Lang in ihrem Herzen grollen, Und sie sahen ohne Galle, Wie das süße Liebesband Immer enger sie umwand. Nur die Schnecke sann auf Tücke In dem labyrinth'schen Hause. Sie zog stets in ihre Klause Rachebrütend sich zurücke. Bis sie hat den Plan erdacht, Der der Rose Unglück bracht. Dann durchkroch sie manche Strecke, Daß, für ihr verschmähtes Lieben An der Rose Rach' zu üben. Sie Gehülfen sich entdecke; Denn man weiß ja: Schneckenblut Hat nicht Farbe, hat nicht Muth. Bei der Rose stand im Winkel Ihres Bettes eine Innung Von der schlechtesten Gesinnung, Voll von dummem Eigendünkel, Und vor Leerheit und vor Stolz, Stand sie grade wie ein Bolz. Tulpen werden sie geheißen, Und im reichsten Farbenschimmer Sieht man heut zu Tag noch immer Ihre Nachkömmlinge gleißen. Oft bedeckt ein reiches Kleid, Goldgestickt, ein Herz voll Neid, Von der Zwiebel abgestammt, Haben sie die Eigenschaften, Die an gift'gen Zwiebeln haften. Und sind nun dazu verdammt, Uns ein warnend Bild zu sein: Nichtig sei nur leerer Schein. Was die Schnecke haben wollte, War ein solcher abgeschmackter Widerwärtiger Charakter, Der zur Rach' ihr helfen sollte. Und den hinterlist'gen Plan Nahmen gleich die Tulpen an. Abends, wenn die Sternlein grüßen, Fangen munter ohne Zaudern Alle Pflanzen an zu plaudern, Und ihr Inn'res zu ergießen; Denn für uns die Schlafenzeit Ist der Pflanzenwelt geweiht. Uns ist ihr Gespräch verloren, Nur die Aethertheilchen zittern, Und die können nicht erschüttern Die Organe uns'rer Ohren. Daß die Pflanze wirklich spricht. Gab die Muse mir Bericht. Jetzt erhoben ihre Stimme Auch die Tulpen, wandten schmeichelnd Sich zur Rose, Freundschaft heuchelnd, Doch mit tief verstecktem Grimme, Und das treulos falsche Wort Schlich sich durch das Dunkel fort. »Königin, wie bist du reizend! Ach! es will uns nimmer glücken, Was wir fühlen auszudrücken, Wenn, nach deinem Anblick geizend, Wir in Wonne nach dir seh'n, Königin, wie bist du schön! Wenn es deinem Gott gefiele, Dich mit allen seinen Hellsten Strahlen zu bescheinen, Wärest du in diesem Spiele Süßer Liebe doppelt schön, Doppelt göttlich anzuseh'n.« Solche Schmeichelreden hörte Von den falschen Tulpen allen Mit viel größerm Wohlgefallen, Als sie sollte, die Bethörte; Und die Regung böser Lust Tauchte auf in ihrer Brust. Was sie früher fromm und kindlich Weder wußte, weder ahnte, Daß sie schön sei, daran mahnte Schnellerwachter Stolz sie sündlich. Die Verführung jederzeit Faßte bei der Eitelkeit. Von der nächtlichen Verbindung Gegen die geliebte reine Rose hatte Phöbus keine Warnungbringende Empfindung, Was die Bosheit spann, kam nicht Früh genug ans Sonnenlicht. Er entstieg den grünen Fluthen Klar und rein. In allen Ecken Neues Leben zu erwecken, Schimmern seine sanften Gluten; Und der schönste Liebesstrahl Galt der Ros' in ihrem Thal. Wie die Frauen gern es machen, Wenn sie, von verbot'nen Dingen Das Gewünschte zu erringen, Außen weinen, innen lachen, Bis des Mannes Herz erweicht, Ihnen dieses endlich reicht: Also neigte auch die Rose Heuchlerisch ihr schönes Köpfchen; Ja sogar ein Thränentröpfchen Preßte sie heraus, die Lose, Bis des Sonnengottes Herz Fast verging in Leid und Schmerz. »Sage mir, was dich betrübte«, Fragte Helios voll Sorgen, »Ob schon diesen jungen Morgen Jemand Böses dir verübte? Du hast deinen Blick gesenkt, Gleich, als seist du tief gekränkt. Hör' den Jubel in den Zweigen, Hör' der Liebe Hymnen schallen! Dir allein von diesen allen Sei nicht Schmerz und Kummer eigen!« Doch die Rose sprach kein Wort, Setzte leises Weinen fort. »Hast du ein geheimes Sehnen, O Geliebte? Sieh, ich schwöre. Daß ich deinen Wunsch erhöre! Stille deine heißen Thränen! Alles, was dein Herz begehrt, Sei, beim Styx, dir ganz gewährt!« Dieser ernste Schwur durchbrannte Süß die Rose. Uebertroffen Sah sie selbst ihr kühnstes Hoffen. Und voll inn'rer Freude wandte Sie das Aug' zu Helios, Das noch halb in Thränen floß! »O Geliebter, Dank! Nun weiß ich, Deine Lieb' ist ohne Grenzen. Nur in deinem Licht zu glänzen, Dir zur Ehre, wünsche heiß ich, Ueberstrahle morgen ganz Mich mit deinem schönsten Glanz,« Diesen Wunsch vernahm mit Schrecken Helios. Voll tiefen Leides Sah man ihn mit seines Kleides Weiten Falten sich bedecken, Daß vor Schmerz sein Strahlenhaupt Alles Glanzes war beraubt. Jetzt mit langen Himmelsröhren Kamen wieder Pädagogen Mit den Schülern hergezogen, Ließen nun den Aufschluß hören: Was die Sonne schwärzte, dieß Nennt man eine Finsterniß. Welche trockene Belehrung! So gibt meistens die Gelehrtheit In pedantischer Verkehrtheit Ueber die Natur Erklärung. Und die Räthsel dieser Sphinx Mißversteht man rechts und links. Was der Rose Herz berückte, Ward auf einmal klar dem Gotte, Als den Bund der Tulpeenrotte Er mit Götterblick durchblickte; Doch beim Styx Beschwornes bricht Selbst der Gott der Götter nicht. Seine Bahn, ihm vorgeschrieben, Wandelt still in seinem Leiden Helios. Beim Abendscheiden Blickt er noch nach seiner lieben Rose hin; zum letztenmal Mit gedämpftem, sanftem Strahl. Jetzt bedeckt mit schwarzem Flügel Bleiern schwer die Nacht die Felder. Alle Ungethüm der Wälder Walten frei, bis an dem Hügel Dort das erste Dämmerlicht Von Aurorens Strahl sich bricht. Mit begierigem Erwarten Sah die Rose nach der Stelle, Wo der Sonnengott der Welle Stets entstieg, und in den Garten Ihr den ersten Liebesstrahl Schickte über Berg und Thal. Aber der gehoffte Reigen Von dem bunt gefärbten Völkchen Duftigleichter Morgenwölkchen Wollte heut sich nimmer zeigen. Helios tritt seine Bahn Ohne Rosenroth heut an. Er erschien als ernster Richter In dem Angesicht ein Drohen, Zeigte nicht, wie sonst, der Frohen Sich als milder Gott der Dichter, Und ein heimlich Grau'n durchbebt Sie, die sonst nur ihm gelebt. Seine Strahlen fielen sengend Auf die gelbgewelkten Felder, Und die Menschen, sich in Wälder Zu dem kühlen Schatten drängend. Klagten, halb erschöpft, voll Schweiß: »Wie ist heut' der Tag so heiß!« Aber einmal stärker glühend, Wie die Pferde vorwärts stampften An dem Sonnenwagen, dampften. Durch die Hitze rasch verblühend. Alle Fluren. Widerstand War nicht möglich solchem Brand. Zu der bangen Rose wandte Sich der Gott, mit allen seinen Strahlen sie nun zu bescheinen, Und die Zarte, Schwache brannte, Wie sie thöricht wünschte, ganz In des Gottes hellstem Glanz. Ihre Seele ist entwichen: Götterpracht war stets verderblich Allem, was nicht ist unsterblich. – Als in Flammen sie verblichen. Fühlte schmerzlich die Natur Den erfüllten Götterschwur. Auf der großen Wesenleiter, Deren Anfang, deren Ende Selbst der höchste Gott nicht fände, Stieg sie eine Sprosse weiter, Und beklagt als Nachtigall Ihren tiefen Trauerfall. Doch dem bösen Tulpenbunde Schlug, vom gleichen Strahl gerichtet, Der die Rose hatt' vernichtet. Endlich die Vergeltungsstunde. Alle starben, und darauf Lebten sie als Kröten auf. Auch die heuchlerische Schnecke Konnte ihrer Teufeleien Sich nicht, wie sie hoffte, freuen; Sie lag todt in einer Ecke. Ihr vertrocknete der Schleim, Und sie konnte nicht mehr heim. Ich, der nun zu euerm Frommen Die Geschichte hab' erzählet. War auch glücklich einst vermählet; Doch ich hatt' mir vorgenommen: Nie die Wünsche ganz genau Zu erfüllen meiner Frau. * Abel Burkhardt In der Morgenfrühe. Herr, der du vom schweigenden Himmel schaust,             O schau' auf mich; Der du nieder auf grünende Wiesen thaust,             O thau' auf mich. Herr, der du durch Wipfel der Bäume wehst,             O weh' in mir; Der du strahlend und leuchtend am Berge stehst.             Ersteh' in mir! * Unter der Bergwand. Sieh, wie klettern um die Wette An der Felswand tausend Wipfel Aus des Thales tiefstem Bette Bis hinauf zum höchsten Gipfel! Laßt uns schauen, laßt uns suchen, Riefen Tannen, riefen Buchen, Wem an Kühnheit jeder weiche, Wer zuerst die Höh' erreiche. Und am Bergesfuß sich drängten, Tannen, Buchen, Eichen, Fichten, Regungslos steh'n die beengten Stämm' im Volksgewühl, dem dichten; Manch ein stolzes Haupt, es hebet Finster sich und zürnt und strebet; Manch ein frisches Laub, es neiget Nieder sich beschämt und schweiget. Glücklicher ist um die Ecke Jene Reih' emporgedrungen; Nichts ist, das die Kühnen schrecke, Haben stark sich aufgeschwungen; Auf des Hintermannes Glieder Stand der Vordermann, und wieder Hat auf ihn sich wohl gebauet, Der nun in die Weite schauet. Andre lassen diese Leiter, Suchen eigne Weg' und Räume, Denken höher, streben weiter, Als das große Heer der Bäume; An der schroffen Wand zu kleben. Spielend frei mit ihrem Leben, Ist ihr Stolz, sie wollen stehen, Wo kein Zieglein möchte gehen. Vorn, ganz vorn am jähen Rande Stehn die Tännchen ohne Grauen, Ob man sie auf ihrem Stande Recht von weitem möge schauen; Kühner noch mit ihren Händen Sich nur haltend an den Wänden, Lassen Büsche ohne Bangen Ueber sich und überhangen. Über auf dem Gipfel droben Steht mit Ernst die heil'ge Eiche. Hat die Arme weit erhoben' Ob sie Höh'res noch erreiche; Stehet über all dem vielen Drängen, Treiben, Jagen, Spielen, Still, als wollte sie die weiten Arme zum Gebete breiten. * In der Bergschlucht. Du kleiner Strom, der in den Schluchten Gewalt'ger Berge freundlich fließt, Bald ruht in stillen grünen Buchten, Bald schäumend über Steine schießt; Sag an, wo kommst du hergeschwommen? Wer bist du Bach in deiner Zier', Daß Berg und Höhen niederkommen Von beiden Seiten her zu dir? Die ernsten Tannen alle steigen Die steilen Halden nieder schnell, Sie drängen sich in tiefem Schweigen Zu dir heran, du heil'ger Quell; In forschender Betrachtung stellen Die Weitesten sich an den Bord Und schauen in die klaren Wellen Und suchen staunend immerfort. Die starken Felsen, deren Glieder Die Helden künden weit bekannt, Gebrochen stürzen alle nieder Auf ihre Knie an deinem Rand, Und lassen willig sich bespülen Von deiner guten sanften Fluth; Sie wollen ruhen hier im Kühlen, Wie's längst die Schaar der Blumen thut. Und dort der alte Fels, er senket Das moosbewachsne stille Haupt Nach deinem Spiegel hin und denket An viel, das ihm sein Stolz geraubt; Nun strömen wehmuthsvolle Zähren Ihm über seine Wangen her; In deinen Frieden will sich leeren, O Strom! sein Herz von Neue schwer. Wer bist du Strom, gering nur scheinend. An dessen Rand die Starken knien. Zu dessen reinen Fluchen weinend Die alten ernsten Weisen ziehn? Wer bist du Bach, so klein und mächtig? Gehst wie ein Kind durch diese Welt, Und diese Welt so stolz und prächtig Allwärts vor dir zu Boden fällt! Du bist der Strom, der sich ergießet Aus Gottes allertiefstem Grund; Du bist der Bach, der stille fließet Im Bibelwort aus Gottes Mund. O sänken doch zu dir voll Sehnen Wir Menschen wie die Berge hin! O beugten neben dir in Thränen Die starken Männer ihren Sinn! * Kaspar Schießer Trinklied. Brüder! laßt uns freudig singen. Da der Wein im Glase schäumt, Und das Glück auf goldnen Schwingen Rosig unsre Zukunft säumt! Laßt uns allen Gram versenken In der Lieder heil'gen Strom, Hoffend unsre Blicke lenken Zu des Himmels blauem Dom, Brüder! seht, wie Gottes Güte Lust und Liebe ausgestreut; Wie der Freude holde Blüthe Jede Stunde sich erneut: Hat er uns doch Wein gegeben Und des Liedes süßen Klang, Daß sie liebend uns umschweben, Schützend vor des Schicksals Drang. Männer! greift dann zum Pokale, Reicht dem Nachbarn warm die Hand: Ruft es über Berg' und Thale: Freiheit hoch und Vaterland! Laßt uns Haß und Harm verschließen In des Bechers dunkeln Schooß, Und ins Leben sich ergießen Lieb und Freundschaft stark und groß! * Walter von der Vogelweide. Auf dem Todbett liegt der greise Walter von der Vogelweide, Und es spricht sein Mund, der weise: »Eines noch, bevor ich scheide! Wenn ihr, Freunde, mich versenket In der Erde Schooß, den tiefen, Meiner Vöglein dann gedenket. Die so oft zum Sang mich riefen. Einen Grabstein sollt ihr setzen Für die Vöglein, schön behauen, Daß sie über'm Grab sich letzen, Seien Grüblein d'rin zu schauen, Die mit täglich neuer Gabe Einer mir zur Ehren fülle, Daß sich freudig Jedes labe, Daß den Mangel Jedes stille.« Und wo fromm und stille drunten Aus der Meister ruht vom Werke, Zieh'n die Schaaren her, die bunten, Holen lustig Herzensstärke, Lassen froher dann und reiner Ihre Stimmlein all' erschallen, Die, ein süßer Chor, ein feiner, Lustig dann zum Himmel wallen. Und wie d'rauf in finstern Tagen Ihn, den Sänger, man vergisset, Sie sein Lob hinübertragen Zu der Zeit, die neu ihn grüßet, Und so fort in ferne Zeiten Freudig stets und hell und liebend Seinen Ruhm sie weit verbreiten, Fromm ihr Werk des Dankes übend. * J. B. Bandlin Kartoffel und Hagerose »Kartoffel!« rief die Hagerose: »Wie ungleich fielen uns're Loose! Mein Bluhst erglühet goldenroth, Dein Blüthenstrauß ist matt und todt; Ich wiege hoch und freudig mich im Laub, Du hauchest Gräberdüfte in den Staub – Und dennoch wirst gepflegt, du wirst genährt. Dein Bettchen wird mit Fleiß gekehrt. Mich aber – o, dein Loos ist besser! Verfolgt man rauh mit Hark' und Messer, Und kaum – wie man doch andern Rosen thut Steckt Einer mich auf seinen Hut.« »Du neidest mich, Freund Hagedorn!« Entgegnet die Kartoffelblüthe, »Du trauerst ob der Menschen Zorn, Ich freue mich nicht ihrer Güte. Du lockst den Blick und stichst die Hand Und darum will er dein nicht pflegen; Mir ist sein Eifer zugewandt – Ach Gott! nur – meiner Knollen wegen.« * Pappel und Apfelbaum Zum Obstwald einst die Pappel sprach: »So strebt doch einmal meiner Höhe nach! Mit euern Aesten dick und breit Seid ihr ein Bild der Niedrigkeit!« Ein Apfelbaum vergalt in scharfem Ton Also der leeren Pappel leeren Hohn: »Wir bieten hier in unsrer Niedrigkeit, Mit unsern vollen Aesten weit und breit Dem Hunger Labung, Ruh dem Matten. Du bist ein Bild der liebeleeren Zeit, Hochragend ohne Frucht und Schatten.« * Entbalg den Fuchs, wenn du ihn hast! Um Mitternacht, Zur Zeit der Füchse, Geister, Diebe. Schlich fromm und sacht, Den leeren Magen voller Menschenliebe, Der Thiere Tartüff', Herr Reinecke, Zum Hühnerhofe längs der Hecke. Vom treuen Hunde festgepackt, Fleht' er zerknirscht und fromm verzagt: »Laß ab, laß ab! Der Himmel soll dich lohnen, Wer seine Diener ehrt, wird sein Gericht einst schonen.« Doch Mino sprach: »O Füchslein, du bist mein! Mich blendet nicht dein Heuchelschein; Wer Füchse nicht entbalgt zur rechten Zeit, Bereut's in alle Ewigkeit!«n * Paul Henggeler U'f' näs Haasämööhli. Arms Häsli! weist du au, worum Die Herrä z'sämä sitzid, Und's Mul (mä g'sehd wohl, 's ist nä drum) So nooh dim Fleischli spizid? Bist doch äs friedlis Thierli gsy: Und 's ander Vehli groß und chli Hest eister lo passierä. Kei Moralist im schwarzä Rock Schmält dich mi guotä G'wüssä, Ist's eint und andre Chabisstock Den du, us Noth, verbissä; Sä 'n ist das nur ä Wiberchlag, Die d'Gerechtigkeit uf ihrer Waag Joo nur als Null lood geltä. Was haftid dä – du armes Thier! Uf dir für schlechti Thatä? Was hest verbracht, daß Offizier Dich schindä'n und halb bratä, Und halb dich frikassierä lönd. Wie Hungerlider z'sämä stönd, A dina Beinä z'nagä? Und daß sogar, by dießem Akt Nu d'Heerä sich dri mischid, Als wenn sie alls, im glichä Takt, Was d'Offizier uf tischid, Das G'fischet und das G'schossä glich In ihres Mul, in Ihri Büüch Au müößtid iquartierä? Di Sünd, die du begangä hest Will ich dir scho erchlärä. Im Schwizerim (die liebä Gast Hend nüüd uf g'lehrtä Mährä) Mi Häsli! die begangni Sünd, (So deponierid siebä Hünd) Ist nüüd, als 's bös Exempel. Mä hed di oft i Schlachtä gseh, Und allimal bist g'wichä. Vor jedem chlinä Federveh, Vor Spatzä hest di g'strichä; Hest jedem Find dä Rückä kehrt. Wo chlini Güggel sich nu g'wehrt. Und sich vertheidigt hättid. Das – Häsli! hend die Herrä hie A dir nüd chönnä lidä. Amtswegä dörfid s ufem Flieh Nüüd haa – und das z'vermidä. Daß keinä zo dir fluchtä lehr, Wo's heißt: stand fest! und bruch dis G'wehr! Hend s' über dich abg'urthlet: »Es söll dem Haas« – du armä Tropf! Wie wirst du dich geberdä! »Si Huut und 's Pelzli üb'rä Chopf Ringsum abzogä werdä – Und so als g'schundnä Bartlimä Soll er vor üs als Fricassee, Und Brootis paradierä.« Das Urthel hed au d'Geistlichkeit (Das bös Exempel z'midä) By aller ihrer Heiligkeit Vo Herzä mögä lidä. Ist so dem Haas sis Urthel g'fällt, Muoß er, lut Spruch, ab dießer Welt; So griffid zuo! ihr Herrä!m * Friedrich Franz Xaver Wagner von Laufenburg Die rechte Heimat. Der stille Abend leuchtet nieder, Zurück der Tag noch sterbend schaut, Die Nacht beginnt die heil'gen Lieder Mit schüchternem, halbleisem Laut; Der Bäume Wipfel sanft sich beugen, Geschmückt von reicher Früchte Kranz, Als wollten sie zum Schlaf sich neigen Und träumen vom verlebten Glanz. Da überkömmt den Geist ein Sehnen, Ein ungestümer dunkler Drang, Wie wenn sich sterbenswunden Schwänen Entringet noch ein Schmerzgesang; Es möchte in den Rosengluthen, Die dort vom Berge niederweh'n, Das Herz in seinem Weh verbluten, In dieser Glorie schnell vergeh'n. Doch, naht der Mond mit seinen Strahlen, Der Bote friedensreichster Zeit. Und gießt das Licht aus goldnen Schalen Er über Thal und Höhen weit, – Dann schaut das Auge wonnetrunken Hin, wo's so selig flammt und brennt, Und durch der Thränen Demantfunken Es erst die rechte Heimat kennt. * An die Nacht Sinke nieder, hehre Stille, Decke lind der Erde Schmerz, Daß in deines Mantels Hülle Sanft entschlumm're jedes Herz; Spende liebreich jede Gabe, Die dem armen Staub gebricht, Laß noch an des Dulders Grabe Mild ergeh'n dein heil'ges Licht. Laß den Jüngling, dem in Thränen Einsam trüb der Tag entfließt. In dem schönsten Traume wähnen: Als ob Sie ihn hold gegrüßt; Und was nie die Stunden geben, Lächl' ihm in dem Geisterreich: Frohes Hoffen, heitres Leben, Und an sel'ger Liebe reich. Und die Jungfrau, die in Wonne Auf zum blauen Himmel schaut, Und die jeder Nebelsonne Ihres Herzens Wunsch vertraut, Grüße sie mit leisem Gruße, Wenn es oben golden blinkt, Daß sie bei des Jünglings Kuße Süß in seine Arme sinkt. Höre fromm des Greises Beten, Aufgeschickt zur Sternenflur, Laß ihn einmal noch betreten Seiner Kindheit frohe Spur; Führe, was er Theures kannte, Alles – Alles ihm zurück, Sage, daß in jenem Lande Wiederkehr' ihm jedes Glück. Und wenn einst die letzte Stunde Schwer vorüber mir geeilt, Und die allertiefste Wunde Sanft das kühle Grab geheilt, Komme, wenn der Tag geschieden. Weil' an meinem Leichenstein, Komm' – und wünsche süßen Frieden Mir noch in die Gruft hinein. * Des Dichters Schlaf. Schlafe denn, du Dichterleben, Leis entrückt dem Erdenharm, Reiches Glück mag dich umschweben. Bist du wachend d'ran so arm! Was umsonst mit zartem Sehnen In die Lieder du gehaucht. Soll nun deinen Traum verschönen. Der in deine Seele taucht. O ein sanftes Lächeln schwebet Um dein blasses Angesicht, Und, als wär's im Jubel, hebet Sich die Hand zum Mondenlicht; Darfst du wohl die Braut umfangen, Dir einst aus dem Arm entrückt? Schaust in Anmuth du sie prangen, Wie sie sonst dich hochbeglückt? Oder wandelst du im Lenze Unter Blüth' und Blume hin, Windest sie in bunte Kränze, Deine Locken zu umzieh'n? Oder ruhst am Felsenhange Du beim himmelblauen See, Wird dir bei der Wogen Klange In der Brust so wohl und weh? Oder kehrst auf Bergesrücken, D'rüber kalt der Herbst schon strich, Du mit sehnsuchtsvollen Blicken Zu der milden Ferne dich? Hörst du aus den Lüften klingen Noch der Vöglein Wanderlied, Das sie nun zum Abschied singen, Weil's sie fort nach Süden zieht? O horch' auf, du Dichterleben! O schau' auf, das ist dein Bild! So mußt du das Land erstreben. Das dir deine Seele füllt; Singend mußt du dorthin ziehen – Gieb dem Schlaf doch nimmer Raum! Schön'res Glück wird dort dir blühen, Als hier in dem schönsten Traum. * Johannes Parricida. Viel Ritter sitzen mit den edeln Frauen Zu Baden froh an Albrecht's Kaisermahl; Es prangt die Tafel wie ein Maienthal, Aus Goldpokalen goldne Weine thauen. Und dennoch ist ein Jüngling da zu schauen, Deß Blick so düster glüht, wie Nordlichstrahl; Ihm an der Seite hängt der blanke Stahl, Auf den er oft sieht fest und mit Vertrauen. Der Kaiser geht umher mit Blumenkränzen, Den schönsten reicht er seinem Vetter dar, Der nicht kann bergen einer Thräne Glänzen. O Albrecht, tritt zurück vom Unglücksohne, Dein Kranz verdorrt schon, erst noch frisch und klar; Du wandest selbst dir deine Todtenkrone! * Ritter Wart. Die Mörder Albrecht's floh'n durch's Land mit Schrecken, Die Rach' erreichte Ritter Wart allein; Ein drohend Beispiel sollt' er Allen sein, Die nach des Kaisers Haupt die Hand ausrecken. Auf's Rad ließ ihn die grimme Agnes strecken Lebendig, mit gebrochenem Gebein; Nach dreien Tagen namenloser Pein Kam erst der Tod, sein Aug' mit Nacht zu decken. Doch bis entschwunden war sein qualvoll Leben, Harrt unterm Rade aus sein Eheweib, Mild tröstend, Schmach ertragend, treu ergeben. D'rum mocht' er zu den Sel'gen ein auch gehen; In herbster Todesnoth, in ird'schem Leib, Dürft' ja ein Engel hier schon bei ihm stehen. * Auf Schloß Habsburg Auf Habsburg bin ich abermals gestanden. Ich schaut' entzückt hinunter in das Thal, Sah ferne Burgen, Weiler ohne Zahl, Und wie der Aare Fluthen her sich wanden. Noch waren all die Schloßherr'n mir vorhanden; Den Bischof Werner fand ich in dem Saal, Mit Ratbot schau'nd den Männerwall von Stahl, Den stets die Feinde unbezwingbar fanden. Und Rudolph selbst, den Kaiser, sah ich kommen; Die Krone strahlte überreich und licht, Die Gruft hatt' ihrem Glanze nichts genommen. Den Ruhm der Herrlichen hab' ich gesungen; – Doch wer in späten Tagen weiß Bericht, Daß hier einmal ein Lied von mir erklungen? * Die edle Frau In des Rabbi Meir Nähe, Wie im Talmud ich ersehe. Wohnten Menschen, bös von Willen. Welche kränkten Tag und Nächten Rabbi Meir, den Gerechten, Gottergeb'nen, Freundlichstillen. Und sie trieben's unabläßig Also arg und übermäßig, Daß der Fromme sonst und Gute Nun zum ersten Mal' im Leben Sich der Milde hat begeben In dem zürnendsten Unmuthe. Wie für Jene im Gebete Um Verderben Verben im Original. Druckfehler? Re. auf er flehte, Seine edle Frau das höret. Zu dem Mann in Zornes Wallen Spricht sie da: ist dir entfallen, Was des Herrn Gebot uns lehret? In der Schrift, der uns so werthen. Heißt's, es wird vertilget werden Von der Erde weg die Sünde; Doch, daß gleiches Loos hienieden Auch den Sündern sei beschieden, Dort geschrieben ich nicht finde. Nur die Sünde d'rum soll sterben. Doch der Sünder nicht verderben Nach des ew'gen Wortes Lehre; Bete demnach, einmal Schwacher, Daß sich deiner Widersacher Sinn zum Besseren bekehre. Nichts hat Meir d'rauf gesprochen. Doch aus seinem Aug' gebrochen Sind die Thränen unverwehret. Seine Stirn ist nicht mehr trübe, Und er küßt sein Weib voll Liebe: Du den Rabbi hast belehret! * Der Aermste Nah dem Haus des Rabbi Ubba, Den Gott segn' in seinem Grab, Wohnt ein Armer, dem der Rabbi Gern von seinem Reichthum gab. Und an vierzig Säkel jährlich Spend't er ihm zum Unterhalt, Einstmals, als er durch sein Söhnlein Ihm das Geld gesendet hat, Bringt zurück das Kind die Spende Und ruft aus in Zornes Hast: Du verschwendest deine Güte, Einem, der sie nicht bedarf. Weil unwürdig er sich zeiget, Vater, dir und deiner Wahl. Ihn, der nicht darob eröthet, Beut Geschenk ihm fremde Hand, Traf ich an beim Weine zechend Und am reich besetzten Mahl. »Sahst du recht auch, Kind, und thust du Nicht ein Unrecht an dem Mann?« Nur zu wahr ist, Vater, was ich Mit den eig'nen Augen sah. »Desto unglücksel'ger ist er, Wenn im Ueberfluß er darbt. – So spricht d'rauf der edle Rabbi – D'rum, Kind, ist er zwiefach arm. Nimm das Doppelte der Summe Und bring's ihm, dem Aermsten, dar!« * All' guter Dinge sind drei. O Mann des Friedens und der Liebe, Den ungenannt, Den ungekannt Die Erde deckt mit grünem Triebe, Wie dank' ich Ruhe dir und Frieden, Denk' aller Ort Ich an dein Wort, D'ran aufgericht't du dich hienieden. Gedrückt von manchem schwerem Leide, Hast du bewahrt Und dir gespart Den Gleichmuth immerdar zur Freude; Und wird »Wodurch?« nun Einer fragen, So giebt Bescheid, Als wär's erst heut. Dein Mund, und wild ihm dieses sagen: Allfort das Aug' in Acht ich nehme. Denn durch den Sinn Zum Herzen hin Ist Jeglichem der Weg bequeme. Darum tagtäglich an dem Morgen, Eh' von dem Bett Zur Schwell' ich trett, Blick auf drei Ding' ich voller Sorgen. Zunächst zum Himmel auf ich schaue. Des Hastens Thun, Des Rastens Ruh'n Ich lediglich auf den Hort baue. Den Blick dann richt' ich zu der Erden, Wie wenig Raum Zum letzten Traum Ich einst bedarf und mir wird werden. Und endlich schau ich in die Runde. Wie Manchem doch Es schlimmer noch Ergehet hier, als mir, zur Stunde. – Zu Troste komm' ich so hienieden; Mich irrt kein Leid Und keine Freud', Ich bin mit Gott und Welt zufrieden. * Die Altarglocke. Wandernd zog ein deutscher Sänger, Von des blauen Rheines Strand, Im Begleite seiner Harfe, Niederwärts in's Frankenland. Arm und krank und alt an Jahren, Blieben ihm die Lieder nur; Ach! er war so ganz verlassen Auf der fremden – welschen Flur. Sang er noch so schön zur Harfe, Gieng doch Jeder kalt vorbei, Horchte nicht den deutschen Weisen, Frug nicht: wer der Sänger sei. Mocht' er auch am frohen Feste, Grüßend sie, vorüberzieh'n, Rief ihn Keiner doch zum Mahle, Keiner ihn zum Becher hin. Als er einst, gar krank und müde, Spät noch auf der Straße geht, Weil er an dem Tag vergebens Um ein Obdach hat gefleht: Sieht er fern im Dunkeln blinken Eines Kirchleins ew'ges Licht; Gottes Haus – er hofft es freudig – Schließt gewiß die Thür ihm nicht. Und er tritt in die Kapelle, Schaut empor zum Altarbild, Wo da von Mariens Schooße Jesus niederlächelt mild. Und es hatte lang geknieet, Lang gefleht der kranke Mann, Und er hat sein Leid geklaget Dem , der einzig helfen kann, Da erklingt's wie Engelstimmen In dem Kirchlein hier und dort: Nimm mit dir des Altars Glocke, Zieh' vertrauend weiter fort! Und will dich ein Leid bedrücken. Laß' die Glock' erklingen schnell, Und es wird dir Hülfe schicken, Den du bat'st in der Kapell'. Und kaum hat er dies vernommen, Fühlt der Kranke sich geheilt; Doch bis an den klaren Morgen Betend er noch da verweilt. Dann zog er mit stillem Danken, In der Hand das Glöcklein fort; Himmelstrost im frohen Herzen, Ließ er nun den heil'gen Ort. Und hat ferner ihn gehungert. Schnell das Glöcklein nur erklingt, Und ein Englein ist gekommen, Das ihm reiche Speise bringt. Hat er ferner Durst gelitten, Rührt er nur das Glöcklein blank, Und ein Englein ist gekommen, Und erquicket ihn mit Trank. War er ohne Dach und Lager, Er nur mit dem Glöcklein schellt, Und ein Englein ist gekommen, Spannt ob ihm ein schützend Zelt. Und als einst nach manchen Jahren Er den Todesschmerz erlitt, Ist ein Englein auch gekommen, Nahm jetzt Glock' und Sänger mit. * Johann von Nepomuk. Ein Opfer böser Tücke, Im vollen Priesterschmuck, Steht auf der Moldaubrücke Johann von Nepomuk. So nah dem Grab, dem feuchten, Kann's nicht erschüttern ihn, Denn nimmer will er beichten Die Beicht der Königin. Man bracht ihn ungebunden Und aller Ketten bar, Doch zeugen tiefe Wunden, Was schon zu leiden war; Er hatte sie empfangen Für seines Gottes Ehr', D'rum kam er froh gegangen Mit Wentzel's Henkern her. Kühn darf er darauf bauen, Der Herr verläßt ihn nicht, Er konnte Nachts ihn schauen In heiligem Gesicht. Da hat er ihm verheißen Den Lohn, der ihn erfreu', Würd' er im Tod sich weisen Als seinen Diener treu. Wie zu des Flusses Wogen Der Fromme niederblickt, Ein Bote kommt geflogen, Von Wentzeln hergeschickt: Zu strafen dich am Leben, Des Königs Strenge weicht, Willst du Bericht nun geben Von seiner Frauen Beicht. Mit vorwurfsvollem Blicke Red't ihn der Heil'ge an: Sag' ihm darauf zurücke, Du trafst mich noch als Mann. Wie müßt' er erst mich hassen, Vergäß ich jetzt der Pflicht? D'rum mag er ab nur lassen, Mein Schweigen brech' ich nicht. Wie mich nicht konnten beugen Des Kerkers Eisenband', Die schnöd' erkauften Zeugen, Des Henkers Marterhand; Wie mich nicht konnte locken Versproch'ner Bischofsstab, So seh' ich unerschrocken Auch hier in's Wellengrab. Siehst du die vielen Wunden Von Ketten hart und schwer? Der Schmerz ist überwunden, Ich fühle sie nicht mehr. D'rum deinem Herrn du sage, Daß auf der Todesbahn Du mich fand'st ohne Klage, Und daß ich – schweigen kann. Wie meinem Gott ergeben Und treu ich war allzeit, So sei mein scheidend Leben Durch keine Schmach entweiht. Es Iehre selbst mein Sterben, Noch sein geheiligt Wort; Der Leib nur kann verderben, Die Seele lebet fort. Doch kann mein Tod ihm schaffen, Was Wentzeln fehlt zur Stund, So mag mich schnell entraffen Des Stromes tiefster Grund; Es kehre wieder Frieden Ihm in sein Haus und Herz. Und nie sei ihm beschieden Um mich vergeb'ner Schmerz. Wenn ich hab' ausgelitten, Bring' ihm mein Abschiedswort, Und um Vergebung bitten Werd' ich für ihn noch dort. Doch sein Gemahl, das treue. Sie bleibe fromm und gut; – Und nun zur Todesweihe Sei mir gesegnet, Fluth! Da heiße Thränen flossen Auf Panzerringe schwer, In laute Klag' ergossen Die Schergen steh'n umher. Doch auf sie plötzlich schrecken, Zur That das Zeichen rief... Und weiße Wogen decken Den Priesterhelden tief. Und Sterne sei'n gekommen – Die fromme Sag' es glaubt – Und hätten ihm umschwommen Als Glorienkranz das Haupt. Ich lass' es sein bewendet. Doch wär's gescheh'n auch nicht, Wer so – wie er – geendet. Der geht und wohnt im Licht. * Maria Hilf. Maria, hilf in höchster Noth, Wenn wir vom Bösen sind bedroht! So betet wohl an jedem Morgen Die Mutter, hart bedrängt von Sorgen, Der oftmals fehlt das Stücklein Brod. Ihr blüht ein holdes Töchterlein, Ihr werth, als wie ein Edelstein; Der hübsche Bau, die gold'nen Haare, Das schöne Aug', das blaue, klare – Es muß sich Jeder d'ran erfreu'n. Und in dem Tage jede Stund' Die Mutter thut die Mahnung kund: Kind, welcher Kummer dich mag pressen, O wolle nicht den Spruch vergessen, Den vorsagt dir so oft mein Mund! Maria hilft in höchster Noth, Daß wir vom Bösen nicht bedroht; Schickt Rath sie gleich nicht auf der Stelle, Ist sie doch aller Gnaden Quelle, Erkohren selbst vom lieben Gott. Daß nie dein Glaube werde schwach. Bist du selbst Nachts im Jammer wach, So denke nur der Worte immer: Wo Menschenhilf' erscheinet nimmer, Naht Gotteshilfe tausendfach. Doch während Mutter so und Kind Im Beten unabläßig sind, Wächst ihre Noth und Sorg' und Klage, Wie Fluth auf Fluth von Tag zu Tage; Nur ihr Vertrauen nimmer schwind't. Den Vater wirft des Kummers Pein Auf Jahr in's Krankenbett hinein; Wie Mutter ihn und Tochter pflegen, All' ihre Müh' ist ohne Segen, – Ihn deckt ein dürft'ger Leichenstein. Da kömmt der harte Gläub'ger her, Er führte bei Gericht Beschwer; Die Schergen jagen ohn' Erbarmen Von Dach und Fach hinaus die Armen; Kein gutes Kleid bleibt ihnen mehr. Und dennoch, in die freie Welt So nackt und bloß hinausgestellt, Kann nichts auf Gott den festen Glauben Und auf Maria ihnen rauben; – Sie wandern froh durch Wald und Feld. Der Himmel ist ihr schützend Dach, Und Nachts sind da die Sternlein wach; So schlafen Beide doch im Frieden, Der nur dem Guten ist beschieden, Und der nichts Schlimmes je verbrach. Maria, hilf aus aller Noth, Daß wir vom Bösen nicht bedroht! Noch spricht's die Mutter einst am Abend, Die Tochter hört's, daran sich labend, Doch früh war ach! die Mutter todt. Da faßt die Tochter Wahnsinn an, Sie den Schmerz nicht bezwingen kann. Sie fühlt von Allem sich betrogen Und eilet zu des Flußes Wogen; – Das letzte Heil sei's, glaubt ihr Wahn. Da ruft sie aus, es klingt wie Spott, Maria hilft aus aller Noth! Und daß sie jedes Leid verschliefe. Springt sie hinunter in die Tiefe, Ersehnend sich den schnellen Tod. Maria doch aus allem Leid Sie hilft, die gnadenreiche Maid. Ein Jüngling ist ihr nachgeschwommen, Hat sicher sie in Arm genommen Und bringt zum Strande sie erfreut. Und Reichthum hat er, sattsam Brodt, Es ist sein karger Vater todt. Das Mädchen, schön an Seel' und Leibe, Nimmt er sich zum geliebten Weibe; – Maria half aus aller Noth! * Der Jäger am Schümberg. Was klingt am Berg, im tiefen Hain, Vor Morgenroth, nach Abendschein? Weit sendet über's Land den Schall Vom Felsenhaus der Wiederhall; Dann schallt's und hallt's das Thal entlang. Wie Jägerruf, wie Waldhornsklang; Und sprichst du leise ein Gebet, Alsbald das Schallen ist verweht, Es ging einst früh, da kaum es tagt', Ein Jäger in den Wald zur Jagd, Und eh' er zieht durch Busch' und Au, Küßt er noch seine junge Frau: »Ade Herzlieb! halt' gute Wacht, Heim kehr' ich erst bei später Nacht!« Sie gibt ihm freundlich das Geleit – Wohl ist nicht groß ihr Herzenleid. Der Jäger jagt den langen Tag, Bis tiefe Nacht auf Erden lag. Da streckt er in Gebüschen grün Zur Rast sich auf den Rasen hin. Da wispert's durch's Gestrüpp heran: »Geht dort ein Reh auf flücht'ger Bahn?« In Schuß ihm kömmt es wohlgemuth, Und röchelnd sinkt's in seinem Blut. Froh dringt er in's Gebüsch hinein: »Für meine Frau soll dieses sein!« O weh dir, unglücksel'ger Mann, Da liegt dein Weib und sein Galan! Sie glaubte dich noch lang nicht nah, Ging sicher mit dem Buhlen da. Doch deines Rohres sicher Blei – Es rächte schnöd verletzte Treu. Der Jäger eilt im Walde fort Und jammervoll verkam er dort. Im Felsengrund, am Bergesjoch, Da schallet nur sein Waldhorn noch; Am Abend spät, vor Morgen früh Tönt's fort und fort die Melodie: »Für meine Frau soll dieses sein, Gebroch'ne Treu' muß schwer bereu'n!« * Schlimme Kurzweil Bei St. Jakob, in dem Garten, wo entsproßten blut'ge Rosen, Nicht erblüht im Frühlingswehen, sondern in des Schlachtsturms Tosen, Standen, weihend dort die Erde mit dem Strahl des eignen Blutes, Kühn die Eidgenossen, hartbedrängt, doch frohen Muthes. Angestürmt zum dritten Male kömmt der Feind in dichten Schaaren, Doch vergebens ist sein Zürnen, all' die Mühe könnt' er sparen. Schau! der Schweizer Morgensterne, Keulen, Schwerter, Streiterbeile Zeigen auch dem neu' Geschwader rasch den Weg zum ew'gen Heile. Wie der Dauphin das erblicket, faßt ihn an ein banges Grauen, Tausende der Armagnaken muß er da erschlagen schauen. Hinter Mauern der Erleg'nen schützen sich die Schweizerhorden, Und geschützt so von den Feinden, können sie die Feinde morden. Doch im Königssohn muß fliehen das Entsetzen vor dem Grimme, Frische Krieger ruft zum Sturme er herbei mit lauter Stimme. Dienstbereite Boten tragen flugs auf scheugesporntem Pferde Durch das Feld des Dauphin's Willen, daß dem Wort Gehorsam werde. Da jagt Einer gleich dem Winde; – Freiherr Weicher ist's von Stauffen, Jagt, daß seinem Roß vom Buge muß der Schweiß in Strömen traufen. Wo die Birs den Rhein umarmet, wo das Ufer schroff sich senket. Wo viel hohe Bäume ragen, dorthin er den Schlachthengst lenket. Da behaglich in dem Schatten, weil's allda ihn dünket kühler, Noch mit anderen Gesellen dehnt und streckt sich Hans Gutzwiler; Das greift an das Herz dem Junker, der versucht des Kampfs Gefahren; Als genaht er ist den Knechten, müssen Bittres die erfahren. »Gottes Tod! ihr schlimmen Wichte, die kein Herz han in dem Leibe, Die so furchtsam sich verbergen, gleich dem zagen Kunkelweibe, Hei, wohlauf! ihr Lungerbäuche, dorthin wo die Büchsen krachen, Sonst wird euch, bei meiner Ehre! diese Klinge Füße machen.« Eilig macht sich auf der Diener, eilig springen auf die Andern, Sind bereit, zu neuem Sturme mit dem Freiherrn fortzuwandern, Folgen züchtiglich nun diesem still und stumm auf seinen Straßen, Denn sie wissen, wenn er zürnet, läßt er nimmer mit sich spaßen. Und wo er vorüber eilet, sammelt er um sich die Mannen, Eilt mit den gedrängten Haufen zu der Kirche rasch von dannen. Er, vor allen kampfbegierig, ist der Erste an dem Garten, Wo die Schweizer unabläßig blut'ge Mühe nimmer sparten. Doch, wie er zur Mauer dringet, allzu freudig in dem Streite, Kömmt ein Stein aus Schweizerhänden, fährt ihm schmetternd in die Seite; Und der Wurf ist also tüchtig, dergestalt mit Kraft gewürzet, Daß der edle Herr von Stauffen häuptlings aus dem Sattel stürzet. Hei, das ist ein schlimmes Grüßen! seufzen die mit ihm gekommen; Beß're Weisung hat von Allen Hans Gutzwiler angenommen, Spricht halb scherzend, halb mit Trauern, läßt zurück sein Rößlein traben: »Lieber Herr! wohlauf von hinnen, hier ist nicht gut Kurzweil haben!« * Rudolf von Greiers. Der Greiersgraf, Herr Rudolf, Sich auf der Jagd vergnügt, Zu Roße mit den Knechten Er Berg und Thal durchfliegt. Es ist ihm heut geworden Die Beute reich und gut. Es lieget manches Schmalthier In seinem rothen Blut. Doch will sich d'ran ergötzen Nicht recht der werthe Graf, Daß, was den Hain durchziehet, So gut sein Wurfspieß traf. Von dem, was Luft durchflieget, Sei's beste Stück auch sein, Sonst wird, er hat's geschworen. Die Jagd nur halb ihn freu'n. Als er dies kaum gesprochen, Rauscht durch den Baum es vor, Und als er hebt die Blicke, Schwingt sich ein Rab' empor. Der Graf hält an den Bogen, Das Thier ist ihm zu schlecht: Es mag ja einen Raben Erlegen selbst kein Knecht, Wie er so schilt noch immer Den Vogel als gering, Läßt aus den Lüften fallen Der einen Silberring. In's Gras ist er gesunken Und vor den Grafen just, Der gleich nach ihm sich bücket Und auf ihn schwingt mit Lust: Ei, sei mir Gott willkommen, Lieb Silberreifchen du, Hast Frohes mir zu deuten, Die Aufschrift heißt: Glück zu! Und wenn der Unheilkünder Das Glück uns selber bringt, Da sollte fast man glauben, Daß es nicht leicht entspringt. Nach Hause nun, ihr Knechte! Des Jagens ist genug, Dem Wild laßt offne Fährte, Dem Vogel freien Flug! Von dem, was Luft durchflieget. Ward mir der beste Fang; D'rum laßt durch's Feld erschallen Den hellen Hörnerklang. Als er so mahnt die Knechte, In Eil' ein Knappe naht; Auf schaumbedecktem Hengste Sprengt er heran den Pfad: Herr Graf, ihr habt geschossen Doch alle Vögel nicht, Sonst könnt' ich euch nicht künden Solch' freudigen Bericht. Denn da ihr giengt zu jagen Hier in den Wald hinaus, Bringt hei! Der Storch ein Gräflein, Weiß Gott! in euer Haus. Nun rasch der Graf sich schwinget Auf's allerschnellste Pferd; Wohl silbern ist das Ringlein. Der Sohn doch Goldes werth! *