Verschiedene Autoren Chinesische Abende Novellen und Geschichten In Gemeinschaft mit Tsou Ping Shou aus der chinesischen Ursprache übertragen von Leo Greiner   Mit zehn Originallithographien von Emil Orlik   Erich Reiß Verlag / Berlin   An Tsou Ping Shou Lieber Herr Tsou, ich möchte dieses Buch nicht der Öffentlichkeit übergeben, ohne es dankbaren Geistes noch einmal mit Ihrem Namen verknüpft zu haben. Wenn es mir möglich war, kraft Ihrer stets geduldig lächelnden Hilfeleistung in gemeinsamer Anstrengung diese Arbeit zu vollenden, ohne mich des Zwischenbehelfs einer andern europäischen Sprache zu bedienen, so konnte dies nur geschehen, nicht allein weil ich durch Ihre eigenen dichterischen Hervorbringungen in meinem Vertrauen auf Ihr künstlerisches Mitverständnis gesichert war, sondern auch, weil unsere praktische Arbeit bei jeder Gelegenheit erwies, daß Sie neben einem suchenden, fast traumhaften Gefühl für die zitternde Feinheit Ihrer eigenen Sprache zugleich die taktvollste Rücksicht für die Vielfältigkeit und Zartheit des Ihnen wesensfremden Deutschen besaßen. Die großen Kurven die der Geist beschreiben muß, ehe er aus dem Labyrinth der chinesischen Ausdrucksformen ins Europäische hinausfindet, nahmen Sie stets mit Sicherheit und respektvoller Vorsicht, indem Sie gleichsam mit geschlossenen Augen den Weg innerlich abtasteten, der Sie aus den verschlungenen Gängen und Fluchten des chinesischen Sprachgeistes ins Freie führen sollte. Ich schätze mich daher glücklich, Sie durch Aufnahme einer Dichtung aus Ihrem eigenen Schaffen, dem es glücklicherweise an jedem halb europäisierten Mestizentum mangelt, noch inniger an dieses Buch binden zu können. Diese unsere Arbeit entstand, während Sie, durch allerlei unglückliche Umstände nach Europa geführt, unter dem Schicksal Ihres Vaterlandes litten. Sie lieben Europa nicht, ob es Sie gleich fasziniert, aber indes ich von Ihnen lernte, weshalb Sie es nicht lieben, verband sich mir mit dem Gedanken an die Vermischung, die Ihre so strenge, vielfach ummauerte Kultur soeben mit europäischem Geiste eingeht, der fast schmerzliche Wille, von jener rein in mich hineinzuretten, wie viel immer ich daraus zu begreifen fähig war: zu meiner Verwunderung erkannte ich, wie frisch und wahrhaft regenerierend dieselben Elemente des Geistes auf uns wirken könnten, deren Erstarrung bei Ihnen zur Lockerung alles uralt Festen geführt hat, und wie voll heroischen Anreizes sie sind, unsere zuchtlos schweifenden Kräfte in neue und kühne Formen zu binden. So bildet dieses Buch nur einen Bruchteil des Gewinns, den wir aus gemeinsamen Gesprächen, Studien und Arbeiten erlangten. Wo wir auf unseren Kreuz- und Querfahrten innehielten, entstand gleichsam als ein Wahrzeichen eine der nachfolgenden Geschichten, ohne daß wir uns gern an einen Weg gebunden oder irgendeinem System unterworfen hätten. Das Material lieferten uns zum größeren Teile zwei Ihrer (romantischen) Geschichtsschreiber, die ihre Wissenschaft im Tung Djou Lie Kuo Tse und im Schau Kuo Yien J niedergelegt haben und in deren breite Darstellung die schönsten Novellen und scheinbar unwillkürlich formal geführten Erzählungen von Abenteuern und auffallenden Geschehnissen eingesprengt sind, die für unsere Zwecke freilich aus dem wuchernden Gestein erst herausgeschlagen werden mußten. Doch auch jene Sammlungen von Wundergeschichten, das Liao Tsai Tse J und das Kin Ku Ki Kuan, versorgten uns mit manchen kühnen oder zarten Stoffen, nicht, zu gedenken der mündlichen Überlieferung, aus der wir neben der kleinen Sintflutsage das Verwandlungsmysterium von der »Lehre der Gottmenschen« gewannen. Ich wünsche, daß es durch diese Vielfältigkeit, durch die Verwebung des Märchen-, Traum- und Geisterhaften mit den festeren Gegebenheiten der Ethik und Politik gelungen sein möge, in diesem Buche nicht nur den der Erde abgewendeten, im Schatten liegenden Teil der chinesischen Seele, sondern auch ihre erhellte, irdischere Seite sichtbar werden zu lassen, zugleich mit dem herzlichen Anteil, den ich, von Tag zu Tage lebhafter angeregt und gefangengenommen, an Ihnen und Ihrem Wollen zu nehmen bemüht war. Mauth im bayrischen Wald, August 1913 Leo Greiner   Neun namenlose Jahre ist es her, seit ich in den obenstehenden Zeilen meinem chinesischen Freunde und Arbeitsgenossen, dem Dichter Tsou Ping Shou, einen geringen Teil des Dankes abtrug, den ich seinem Ernst und seiner Unermüdlichkeit schuldig geworden war. Aber wie an allen Dingen, in denen ein Geheimnis ist, das Zeit arbeitet, nicht indem sie das Geheimnis lüftet, doch sein Dasein offenbarer macht und es näher an die Sphäre des Lebens heranrückt, so scheint es mir, als hätte sich auch an den unveränderten Geschichten dieses Buches eine Wandlung vollzogen, so, als wären sie wie von selber anders geworden. Zwar haben sie nichts eingebüßt an jenem romantischen Reize, den noch der höchste Geist als schönen Luxus verschwendet, doch die Zauber der Exotik scheinen weiter zurückgewichen vor jener tieferen Faßlichkeit, mit der unser heutiger Sinn das Chinesische, nicht wie etwas nur interessant Fremdes, sondern ihm auf eine traumhafte und dennoch wesentliche Weise Zugehöriges und fast wie einen Teil seiner eigenen Welt umgreift. Ich denke dabei nicht an jene Strömung, die unter dem Namen der ›östlichen Orientierung‹ den Exotismus ins Philosophische hinüberwendet; ich denke dabei an nichts als an uns selber und unsre (europäische) Fähigkeit, uns zu prüfen und uns der Kräfte, die unser Leben bestimmen, bewußt zu werden. Dann steigt in uns, ohne daß wir uns aus uns selber zu entfernen brauchten und ohne Zutun von Wissen oder Intellekt, die Sicherheit auf: daß China uns fremd ist in seinem Einzelnen (und so weit es dieses ist, von höchstem romantischen Zauber); daß aber darüber hinaus auch China, durch Jahrtausende von uns abgeschnitten, nichts andres suchen konnte, als was auch Europa gesucht hat: Die große Gleichung von Leib und Geist, die Durchdringung der Wirklichkeit mit schöpferischem Geheimnis, die breite Flut ohne Anfang und Ende. Wir fühlen, uns abgrenzend: es gibt noch andre Wege zu dem gleichen Ziele der Seele als diesen, den China beschritten hat (und unsrer ist ein andrer); aber wir fühlen auch, uns vereinigend, wie Chinas Weg uns mustergültig sein darf für die Art, wie der Geist eines ewigkeitsuchenden Volkes sich verwirklicht. Die Geschichten dieses Buches sind nur geringe Splitter jenes Spiegels, in dem das Bild des chinesischen Geistes erscheint. Würden sie trotzdem als ein Ganzes gelesen, so könnten sie uns vielleicht nicht bloß erfreuen, sondern zugleich in einem höheren Sinne hinnehmen: in dem Sinne, hinter dem das große China selbst mächtig und nebelvoll heraufsteigt. Herbst 1922 Leo Greiner Die Geburt des Kung Fu-Tse Im Kreise Tsou lebte einmal ein Beamter, namens Su Lüang He, der mit der Tochter des Si verheiratet war. Er bekam viele Töchter, aber keinen einzigen Sohn, nur seine Nebenfrau hatte ihm einen Knaben mit Namen Meng Pi geboren. Aber dieser war durch eine Erkrankung seiner Füße gelähmt. So entschloß sich He, in die Familie Yien hineinzuheiraten, in der es fünf Töchter gab. Da aber He schon sehr alt war, sprach Vater Yien zu seinen Kindern: »Welche unter Euch will des Beamten aus Tsou Gattin werden?« Keine von den Töchtern gab eine Antwort, nur die jüngste, namens Djing Tsai, trat vor und sagte: »Solange ein Mädchen noch zu Hause ist, muß sie dem Willen ihres Vaters gehorchen. Ist dies aber ihre Pflicht, wozu fragst du noch?« Der alte Yien staunte über ihre Rede und ließ Djing Tsai sogleich dem He anverloben. Als Tsai mit He Hochzeit machte, begaben sich die Neuvermählten miteinander nach einem Tale des Nigebirges, um daselbst einen Sohn für sich zu erflehen. Während Djing Tsai in das Gebirge stieg, siehe, da richteten sich die Blätter aller Bäume und alle Gräser in die Höhe. Als sie zu Ende gebetet hatte und herniederstieg, siehe, da richteten sich die Blätter aller Bäume und alle Gräser wieder nach unten. In derselben Nacht aber träumte Djing Tsai, ein schwarzer Gott riefe sie zu sich und spräche also zu ihr: »Du wirst einen Wundersohn gebären. Doch soll dies nirgends sonst geschehen als inmitten von Kung Sang.« Als sie erwachte, fühlte sie, daß ihr ein Kind im Leibe wuchs. Eines Tages war es ihr wie im Traume, da sah sie fünf Greise im Zimmer stehen. Sie nannten sich die Geister von den fünf Sternen und hatten ein Tier mit sich gebracht, das hatte das Ansehen eines Kalbes, aber nur ein einziges Horn und die Haut von der Farbe der Drachenschuppen. Es legte sich zu Djing Tsai's Füßen hin, und aus seinem Maule kam ein edelsteinerner Stab, darauf die Inschrift: »Der Sohn des Wassergeistes wird nach der schwachen Dynastie Djou heimlicher König über die Menschen sein.« Djing Tsai ahnte ein Wunder: mit seidenem Bande umwand sie das Horn des Tieres, da war es verschwunden. Als sie dem Su Liang He davon erzählte, sagte er: »Es muß das Einhorn gewesen sein.« Als dann die Zeit der Geburt herannahte, fragte Djung Tsai, ob es einen Ort gebe, der Kung Sang genannt werde. Da entgegnete He: »Im Südgebirge liegt eine Felsenschlucht. Die Schlucht hat eine steinerne Öffnung, aber es fließt kein Wasser daraus. Diese nennt man gemeinhin Kung Sang.« »So will ich dahin gehen, um dort niederzukommen«, sprach Djing Tsai und erzählte ihm, als er nach dem Grunde fragte, was ihr zuvor geträumt hatte. So nahm er sie mit sich und hieß sie in der Felsschlucht liegen. In derselben Nacht aber erschienen daselbst zwei dunkelblaue Drachen vom Himmel herab und bewachten das Gebirge links und rechts. Auch zwei Engel schwebten daher, nahmen, in der Luft schreitend, wohlriechenden Tau, badeten Djing Tsai darin, verharrten und schwanden. Als dann Kung Fu-Tse geboren war, kam plötzlich ein klarer Quell aus dem steinernen Tor der Schlucht geflossen. In dem Wasser, das schon erwärmt aus dem Felsen sprang, badete sie das Kindlein. Kaum aber hatte sie das Bad beendet, so versiegte der Quell sogleich. Heute nennt das Volk im Kreise Küfu die Gegend, die achtundzwanzig Meilen weiter gen Süden liegt, den Mädchenhügel. Dies ist das nämliche Kung Sang, wo Kung Fu-Tse geboren ward. Wunderbar genug war das Ansehen, das er mit auf die Welt brachte: er hatte Ochsenlippen und Tigertatzen, die Schultern eines Vogels und den Rücken einer Schildkröte. Sein Mund war groß, sein Hals dick, das Gesicht inmitten flach und ringsum gewölbt. Da sprach der Vater: »Das Kind ist geboren als der Geist des Nigebirges. Deshalb wollen wir es Kiu, der Berg, nennen und ihm, da es nach meinem lahmen Sohne Meng Pi zur Welt gekommen ist, den Ehrennamen Tsung Ni, das ist des Zweitgeborenen vom Gebirge Ni, geben.« Tsung Ni war noch klein, als sein Vater starb, und wurde daher von Djing Tsai erzogen. Als er herangewachsen war, maß er neun Fuß und sechs Zoll, so daß er auch den Namen des Riesen erhielt. Seine Tugend war wunderbar, sein Fleiß unermüdlich. Er durchwanderte alle Länder, seine Schüler erfüllten die ganze Welt, und es gab keinen Herrscher, der seinen Namen nicht geehrt hätte. Der Flötenspieler Der Fürst von Tsin hatte eine junge Tochter, bei deren Geburt man dem Fürsten einen Stein brachte, der, als er ihn zerschlug, einen Klumpen grünen Edelsteins enthielt. An seinem ersten Geburtstage nun war eine Schautafel für das Kind hergerichtet worden, die mit den mannigfaltigsten Dingen bedeckt war, die Kleine aber langte nach nichts als nach diesem Stein, spielte nur mit ihm und wollte ihn gar nicht mehr aus den Händen lassen, so daß sie davon den Namen Spieledelstein erhielt. Als sie heranwuchs, wurde sie lieblicher an Gestalt und Antlitz als irgend etwas in der Welt, war begabt und mit keiner andern zu vergleichen. Da sie schön auf der Syrinx spielte und, ohne gelernt zu haben, von selbst die Melodien zu bilden verstand, hieß der Fürst von Tsin den geschicktesten Künstler eine Syrinx aus dem grünen Edelsteine schlagen. Wenn das Mädchen darauf blies, tönte es wie das Singen des Phönix; darum ehrte und liebte der Fürst das Kind und ließ einen Palast mit vielen Stockwerken errichten, um es darin zu hüten. Der Palast erhielt den Namen Phönixpalast, der hohe Turm, der sich davor erhub, hieß Phönixturm. Als Spieledelstein fünfzehn Jahre alt war, wollte der Fürst von Tsin einen Gatten für sie suchen. Spieledelstein aber beschwor ihn und sprach: »Kein anderer soll es sein, als der lieblich auf der Syrinx zu blasen versteht, damit sein und mein Spiel zusammenklingen. Diesen will ich nehmen, aber einen anderen möchte ich nicht.« Da ließ der Fürst allüberall nach einem Syrinxbläser suchen, es fand sich aber keiner, der ihm entsprochen hätte. Eines Tages nun befand sich Spieledelstein auf ihrem Palaste. Sie rollte den Vorhang auf, der Himmel war klar und wolkenrein und das Mondlicht glänzte wie ein Spiegel. Da befahl sie den Mädchen, Weihrauch zu zünden, nahm die grüne Edelsteinsyrinx zur Hand und hub am Fenster sitzend an zu spielen. Töne und Melodik waren so klar und hoch, es war, als müßte man sie bis in den Himmel vernehmen können. Der leise Windhauch wehte immerzu, da schien es plötzlich, als begleite draußen jemand ihre Melodien: bald klang es nah, bald fern und setzte Spieledelstein heimlich in Verwunderung. Sie hörte auf zu blasen, da schwieg auch das Spiel des anderen still, nur was von den Tönen übriggeblieben, hallte noch leise schwebend in der Nacht. Spieledelstein stand im Fenster: eine Trauer überkam sie wie um etwas Verlornes. So starrte sie hinaus, bis es Mitternacht geworden. Der Mond war gesunken, der Weihrauch herabgebrannt. Da legte sie die Syrinx in ihr Bett und ging widerwillig schlafen. Da aber träumte ihr, das Tor des südwestlichen Himmels habe sich weit geöffnet, und fünffarbiger Wolkenglanz, taghell spiegelnd und leuchtend, ströme daraus hervor. Ein schöner Jüngling mit einem Storchfedernhute kam auf einem bunten Phönix aus den Himmeln herabgeritten, stand bei dem Phönixturm und sprach zu ihr: »Ich bin der Geist vom Taihuagebirge und dir vom Himmel zum Gatten bestimmt. Am Mittherbsttag werden wir uns wiedersehen.« Er sprach nicht mehr: vom Hüftgürtel löste er eine rote Edelsteinflöte und begann am Geländer lehnend zu spielen. Da schlug der bunte Phönix die Flügel, sang und tanzte mit, und Phönixsingen und Flötenton klangen harmonisch zusammen durch alle Höhen und Tiefen: süß drangen die Töne ins Ohr und füllten es an mit berückendem Schall. Spieledelsteins Seele und Gedanken verwirrten sich: »Wie heißt diese Melodie?« fragte sie. »Es ist die Melodie des Taihuagebirges, der erste Satz davon«, entgegnete der schöne Jüngling. »Kann man sie lernen?« fragte Spieledelstein. »Bist du nicht schon mein Weib? Warum sollte ich sie Dich nicht lehren können?« sprach der Jüngling. Er schwieg, ging auf sie zu und faßte sie bei der Hand. Darüber erschrak das Mädchen so sehr, daß sie erwachte. Aber ihre Augen waren noch ganz voll von Traum. Als es Tag geworden war, sagte sie es dem Fürsten. Der Fürst erzählte es wieder seinem Minister Meng Ming und sandte diesen aus nach dem Taihuagebirge, die Sache zu erforschen. Dort sprach ein Dorfschulze zu Meng Ming: »Seit Mittjuli ist ein seltsamer Mensch hier in der Gegend erschienen. Er hat sich eine Hütte auf dem funkelnden Sternberg geflochten und wohnt allein daselbst. Jeden Tag pflegt er herabzukommen, um Wein einzukaufen, den trinkt er dann in der Einsamkeit. Ununterbrochen spielt er die Flöte bis zum Abend, ihre Töne sind an jedem Ort in unserer Gegend vernehmbar. Wer sie hört, vergißt seine Müdigkeit. Woher er aber gekommen ist, weiß man nicht.« Da stieg Meng Ming auf das Gebirge. Als er den funkelnden Sternberg erreicht hatte, wurde er wirklich eines Mannes ansichtig, der einen Federhut mit einer Storchenfeder trug. Sein Antlitz war wie aus Edelstein gemeißelt, seine Lippen rot und der Ausdruck seines Gesichtes so frei und überirdisch heiter, als lebe er in einer Welt jenseits der Menschen. Meng Ming ahnte sogleich, daß er nicht gewöhnlicher Art sein könne, beugte sich und fragte nach seinem Namen. »Mein Vatersname ist Schao,« entgegnete der Jüngling, »mein Vorname Sche. Wer seid Ihr? Wozu kommt Ihr her?« »Ich bin des Landes Minister,« sprach Meng Ming. »Mein Herr steht im Begriffe, einen Gemahl für seine Tochter zu suchen. Da sie trefflich die Syrinx bläst, so will sie keinen andern nehmen, als der mit ihr gemeinsam zu spielen vermöchte. Nun vernahm der Fürst, daß Ihr viel von der Musik versteht, und dürstet, Euch einmal zu sehen. Deshalb hat er mich ausgeschickt, um Euch zu holen.« »Ich verstehe kaum etwas von den Tonarten,« erwiderte jener, »außer diesem geringen Flötenspiel besitze ich keinerlei Kunst. Ich wage es gar nicht, dem Befehle zu folgen.« »Laßt uns zusammen zu unsrem Herren gehen,« sagte Meng Ming, »dann wird sich alles erweisen.« So fuhr denn Meng Ming mit ihm in einem Wagen zurück, erstattete zuerst Bericht und führte Schao Sche dann dem Fürsten von Tsin vor, damit er ihm huldige. Der Fürst saß auf dem Phönixturm, Schao Sche aber warf sich nieder und sprach: »Ich bin ein Untertan vom Land und Gebirge und ein unwissender Mensch. Ich verstehe nichts von den Zeremonien, erbarme Dich meiner und verzeihe mir!« Der Fürst von Tsin betrachtete Schao Sche und gewahrte den freien und heiteren Ausdruck seines Gesichtes, der wahrhaft überirdisch schien. Schon freute er sich lebhaft des Ankömmlings, ließ ihn neben sich sitzen und fragte: »Ich höre, du wissest trefflich die Flöte zu spielen. Kannst du auch auf der Syrinx blasen?« »Ich kann nur die Flöte spielen, aber nicht die Syrinx«, entgegnete Schao Sehe. »Ich habe einen Syrinxbläser gesucht,« sagte der Fürst, »die Flöte aber ist nicht dasselbe.« »Er ist kein Partner für meine Tochter«, wandte er sich an Meng Ming und befahl, den Fremden fortzuführen. Da sandte Spieledelstein eine Dienerin zu dem Fürsten und ließ ihm sagen; »Flöte und Syrinx – sie haben beide das gleiche Gesetz. Wenn der Gast so trefflich die Flöte spielt, warum läßest Du ihn nicht seine Kunst zeigen?« Der Fürst von Tsin ließ sich den Rat gefallen und befahl Schao Sche, zu spielen. Schao Sche nahm die rote Edelsteinflöte zur Hand: der Edelstein war leuchtend und fettig, sein roter Schein spiegelte sich in den Augen der Menschen. Er war wirklich eine seltene Kostbarkeit. Schao Sche spielte den ersten Satz: langsam erhob sich ein klarer Wind. Beim zweiten Satz kamen aus den vier Himmelsrichtungen bunte Wolken dahergeflogen, beim dritten gewahrte man weiße Störche in der Luft gegeneinander tanzen. Pfauen saßen paarweise auf den Bäumen, hunderterlei Vögel sangen harmonierend mit. Nach einer Weile waren sie auseinandergeflogen. Der Fürst von Tsin war höchlich ergötzt. Unterdessen hatte Spieledelstein hinter dem Vorhang das ganze Wunder mit angesehen, freute sich und sprach: »Wahrlich, das ist er, der mit mir spielen soll.« Der Fürst fragte Schao Sche: »Welches ist der Ursprung und der Unterschied zwischen Flöte und Syrinx?« »Im Anfang«, erwiderte Schao Sche, »wurde die Syrinx erfunden. Dann aber lernte man größere Einfachheit und erzeugte aus der vielröhrigen die einröhrige Flöte.« »Und wie kommt es,« fragte der Fürst von Tsin abermals, »daß Du mit Deinem Spiel die Vögel herzulocken vermagst?« »Die Flötentöne«, entgegnete Schao Sche, »ähneln dem Gesange des Phönix. Der Phönix aber ist König der hunderterlei Vögel. Deshalb glaubten sie alle, den Phönix singen zu hören, und flogen daher. Einst hat der Kaiser Sun die Tonart Schao Schao erfunden, da ist der Phönix selber auch erschienen. Kann man aber den Phönix herlocken, warum nicht auch die übrigen Vögel?« Der Fürst von Tsin vernahm, daß des Sprechers Stimme groß und tönend war, wurde immer freudiger und sagte: »Ich habe eine Lieblingstochter, namens Spieledelstein. Sie versteht viel von der Musik, ich möchte sie keinem tauben Mann geben. So soll sie denn Deine Gattin sein.« Schao Sche's Gesicht wurde ernst, er beugte sich viele Male und sprach: »Ich bin ein Bauersmann vom Gebirge. Wie wagte ich es, mich mit dem Adel der Fürstin zu verbinden?« »Schon als meine Tochter noch klein war,« erwiderte der Fürst, »schwur sie, nur einen Syrinxbläser zum Manne zu nehmen. Deine Flöte aber dringt durch Himmel und Erde und bezwingt alle Kreatur, sie ist weit besser als die Syrinx. Auch hatte meine Tochter einmal einen Traum: heute ist just Mittherbsttag, es ist wahrlich des Himmels Wille. Darum weigre Dich nicht!« Da warf Schao Sche sich zur Erde und dankte. Nun wollte der Fürst durch seinen Wahrsager einen glückverheißenden Tag auswählen lassen. Aber der Wahrsager sprach: »Heut ist Mittherbsttag, die Zeit ist günstig. Voll steht der Glanz des Mondes auf dem Himmel, alle Menschen auf Erden atmen beglückt.« Da ließ der Fürst sogleich ein Bad bereiten und Schao Sche hinführen, damit er sich reinige. Als er sich umgezogen hatte, brachte man ihn nach dem Phönixschloß, wo er mit Spieledelstein zusammengegeben wurde. Tags darauf ernannte der Fürst Schao Sche zum Beamten, Schao Sche aber kümmerte sich nicht um sein Amt, ob er auch Beamter geworden, sondern hauste tagaus, tagein im Phönixschloß. Er aß keine Speisen, die auf dem Feuer bereitet waren, und trank nur zuweilen einige Schalen Weins. Spieledelstein lernte von ihm das Geheimnis seines Atmens, so daß am Ende auch sie selbst ohne Speise zu leben vermochte. Außerdem lehrte er sie eine Melodie, mit der man den Phönix herbeilocken konnte. Ein halbes Jahr war verflossen, als eines Nachts die beiden Gatten im Mondschein auf ihrer Flöte spielten. Da erschien mit einem Male ein violetter Phönix und stand links vom Phönixturm, ein roter Drache wickelte sich auf und stand rechts vom Phönixturm, Schao Sche aber sprach: »In der oberen Welt war ich ein Geist. Da sandte mich der Himmelsgott herab, als die Bücher der Geschichte in Unordnung geraten waren, damit ich sie ordne. So wurde ich im siebzehnten Jahre des Kaisers Djou Schüan-Wang auf Erden geboren als ein Sohn der Familie Schao. Bis zum Tode Schüan-Wangs waren die Geschichtsschreiber unfähig. Ich habe die Geschichtsbücher vom Anfang bis zum Ende der Zeit gereiht und geordnet, um sie fortzuführen. Wegen meiner Arbeit an den Geschichtsbüchern nannte mich das Volk Schao Sche. Dies aber ist nun schon über hundert Jahre her. Der Himmelsgott befahl mir, als Berggeist im Huagebirge zu herrschen. Weil aber die Ehe mit Dir schon vorbestimmt war, deshalb hat er uns durch die Töne der Flöte zusammengebracht. Nun jedoch dürfen wir nicht länger auf dieser Welt verweilen, Drache und Phönix sind gekommen, uns abzuholen. Wir müssen fort.« Spieledelstein wollte noch von ihrem Vater Abschied nehmen, Schao Sehe aber sprach: »Nein. Wer sich vergeisten will, muß alle seine Gedanken vom Irdischen lösen. Wie vermöchte er sich noch an Verwandte zu binden?« Nun bestieg Schao Sche den roten Drachen, Spieledelstein den violetten Phönix: so ritten sie vom Phönixturm hinweg durch das Gewölk. In derselben Nacht aber hat man im Taihuagebirge den Phönix singen hören. Als am nächsten Morgen die Schlafmagd dem Fürsten berichtete, was geschehen war, versagte diesem die Sprache. Dann rief er jammernd: »So gibt es in Wahrheit dergleichen Erlebnisse mit Geistern und Genien? Wenn jetzt ein Drache oder Phönix käme, mich fortzuholen, ich ließe mein Land, wie man einen zerrissenen Schuh fortwirft!« Er sandte viele Menschen aus nach dem Taihuagebirge, die beiden zu suchen. Aber sie blieben verschwunden, und niemand hat sie mehr gesehen, noch je von ihnen gehört. Die Tochter aus Drachensamen Djou Schüan-Wang Wang = König. kehrte einst aus Tai Yüan von einer Völkerschau zurück. Als er in die Hauptstadt Haoking kam, sah er in den Straßen eine große Menge Knaben, die je zehn oder mehr einen Reigen bildeten, tanzten, in die Hände klatschten und sangen, jede Schar das gleiche Lied. Schüang-Wang ließ den Wagen halten und hörte sich den Gesang an, der also lautete: Maulbeerholzbogen und Kigrasgewebe, der Mond wird steigen, die Sonne ertrinken, das Kaiserhaus Djou wird zugrunde sinken. Schüan-Wang empfand einen Haß auf dieses Lied und wollte die Knaben gefangennehmen lassen. Aber diese liefen alle vor Schreck davon, nur zwei von ihnen, einen älteren und einen jüngeren, gelang es festzuhalten und vor den Wagen Schüan-Wangs zu führen. Da fragte Schüan-Wang: »Wer hat dieses Lied erfunden?« »Vor drei Tagen«, erwiderten die Kinder, »erschien unter uns ein Knabe in rotem Kleid und lehrte uns dieses Lied singen; warum, wissen wir nicht. Mit einem Male sangen es alle Knaben in der Hauptstadt, nicht wir allein, und alle auf die gleiche Weise.« Da fragte Schüan-Wang abermals: »Wo befindet sich der Knabe im roten Kleid?« »Nachdem er uns dieses Lied gelehrt,« sagten die Knaben, »haben wir ihn nicht mehr zu sehen bekommen.« Schüan-Wang schwieg eine Weile. Er erließ ein Verbot, wonach, wenn je wieder ein Knabe dieses Lied sänge, die Eltern mit bestraft werden sollten. Tags darauf am frühen Morgen erzählte er seinen Räten von dem Lied der Knaben und befragte sie, was dies zu bedeuten habe? Da erwiderte einer von den Ministern: »Maulbeerholz dient zur Herstellung von Bogen, und Kigras ist eine Pflanze, woraus Pfeiltaschen verfertigt werden. Vielleicht wird es im Lande Unruhen mit Pfeilen und Bogen geben.« Schüan-Wang sagte nichts und nickte nur mit dem Kopfe. Dann fragte er abermals: »Wer könnte der Knabe in dem roten Kleide gewesen sein?« Da sprach der Hofwahrsager: »Alle grundlosen Worte, die von dem Markte oder aus den Straßen kommen, sind Verkündigungen. Der Himmel pflegt die Herrscher zu warnen, heißt den feurigen Mars sich in einen Knaben verwandeln, um durch ihn die Verkündigung zu vollziehen, und läßt die Kinder sie erlernen, weshalb diese Verkündigung das Deutwort der Kinder genannt wird. Der Mars ist ein Feuerstern, daher die rote Farbe. Auch Euch wollte der Himmel warnen durch dieses Deutwort, worin der Untergang der Dynastie verkündet wird.« Schüan-Wang antwortete: »Ich werde alle Bogen und Pfeile, die im Waffenhause aufgestapelt liegen, verbrennen lassen und ihre Herstellung von nun ab verbieten. Kann das Unheil dadurch aufgehalten werden?« Ein anderer Beamter erwiderte: »Die Sonne ist männlich, der Mond ist weiblich. ›Der Mond wird steigen, die Sonne ertrinken‹ heißt: Weibliches wird hervortreten und Männliches zurücktreten. Es steht zu fürchten, es werde eine Herrin geben, die Unheil bringen wird.« Da sprach Schüan-Wang: »Die Königin Kiang ist die erste Herrscherin über die sechs Paläste und aller Tugend voll, die Damen des Hofes sind aus den besten Frauen des Landes erwählt – wie sollte es da Unheil durch ein Weib geben?« Der Beamte entgegnete: »Das Deutwort sagte: wird steigen und wird ertrinken, bezieht sich also nicht auf die Verhältnisse der Gegenwart. Zudem ist in dem Worte ›wird‹ noch kein bestimmtes Urteil enthalten. Wenn Ihr von nun an der Tugend die Ehre gebt, kann sich das Unheil noch in Glück verwandeln. Wozu bedarf es also der Verbrennung von Bogen und Pfeilen?« Schüan-Wang wußte nun nicht, woran er glauben oder zweifeln müsse, kehrte tief traurig in den innern Palast zurück und erzählte der Königin Kiang, was die Beamten gesagt hatten. »Eben wollte ich zu Euch gehen,« erwiderte die Königin, »um Euch eine wunderbare Sache zu berichten, die sich im Palast ereignet hat.« »Welch eine wunderbare Sache wäre dies?« fragte der König. »Wir haben eine Hofdame noch hier aus der Zeit des verstorbenen Königs«, erzählte Kiang. »Sie ist schon über fünfzig Jahre alt und trug noch aus den Tagen des letzten Königs ein Kind im Leibe, mehr als vierzig Jahre lang. Erst gestern nacht wurde sie eines Mädchens entbunden.« Schüan-Wang erschrak heftig und fragte: »Wo ist das neugeborene Kind?« »Da ich es für ein Unheil hielt,« antwortete die Königin, »ließ ich es in Matratzen packen und in den Tsing Sue-Fluß werfen.« Da ließ Schüan-Wang die alte Hofdame kommen und fragte sie, wie dies zu erklären sei? Die alte Hofdame warf sich vor ihm auf die Knie und sprach: »Wie ich vernahm, erschienen dereinst in den letzten Jahren des Königs Dje aus der Dynastie Hia zwei Geister der Paostadt in Drachengestalt und kamen in den königlichen Palast. Aus dem Maule der Drachen floß Geifer, da begannen sie plötzlich wie Menschen zu reden und sagten: ›Wir sind zwei Beherrscher der Paostadt.‹ König Dje fürchtete sich und wollte sie töten lassen. Der Wahrsager aber prophezeite Unheil. Da wollte er sie fortjagen, der Wahrsager aber prophezeite auch Unheil. Endlich sprach der Wahrsager: ›Wenn die Geister erscheinen, kann es nur Glück und Segen geben. König, warum nehmt Ihr nicht ihren Geifer und bewahrt ihn auf? Denn in dem Geifer ist Saft und Samen der Drachen enthalten und seine Aufbewahrung wird Glück bringen.‹ Nun ließ der König mit Tuch und Seide eine Bettafel vor den Drachen herrichten: in einem goldenen Teller fing man den Geifer auf und stellte ihn in einen roten Schrank. Mit einem Male erhob sich Regen und Sturm, durch den hindurch die Drachen empor- und davonflogen. Darauf ließ König Dje den Schrank in der Schatzkammer aufbewahren; von ihm her über die ganze Dynastie Ju sind nun schon an neunhundert Jahre verflossen, ohne daß der Schrank je geöffnet worden war. Im letzten Jahre des verstorbenen Königs aber strahlte plötzlich Glanz aus dem roten Schranke. Der Schatzmeister berichtete es dem König, da fragte dieser: ›Was ist in dem Schrank?‹ Da brachte der Schatzmeister dem König die Urkunde, worin genau beschrieben stand, warum und unter welchen Umständen der Geifer der Drachen aufbewahrt worden sei. Nun ließ der verstorbene König den Schrank öffnen und nachsehen. Die Dienerschaft schloß den roten Schrank auf und brachte dem König den goldenen Teller. Eben, als der König danach greifen wollte, fiel der Teller zur Erde und der Geifer ergoß sich nach allen Seiten über den Hof und verwandelte sich plötzlich in eine kleine Schildkröte, die im Hofe hin und her ging. Die Dienerschaft wollte das Tier verjagen, da bewegte es sich geradewegs in den inneren Palast und verschwand darin. Ich war damals gerade zwölf Jahre alt und trat unwissentlich in die Spur, welche die Schildkröte zurückgelassen hatte. Im Herzen war es mir, als träfe mich ein jäher Schlag. Von nun an trug ich etwas im Unterleib, der verstorbene König ließ mich, da ich, ohne verheiratet zu sein, dennoch etwas im Leibe hatte, in den Kerker werfen. Das war nun schon über vierzig Jahre her, da gebar ich gestern nacht ein Mädchen. Als die Dienerschaft dies der Königin berichtete, glaubte diese, das Kind sei ein böser Geist, nahm es nicht an und ließ es sogleich aussetzen. Ich muß zehntausend Tode sterben.« Da antwortete Schüan-Wang: »Dies ist ein Ding, das aus den Urzeiten stammt, Dich trifft keine Schuld daran« und sandte sogleich jemand an den Tsing Sue-Fluß, um nach dem neugeborenen Kinde zu suchen. Der Bote kehrte aber zurück und sagte, es sei bereits vom Wasser fortgeschwemmt worden. Als nun tags darauf Schüan-Wang die Geschichte von dem Drachengeifer dem Wahrsager erzählte, wahrsagte dieser, der böse Geist sei zwar aus dem Palaste entfernt, lebe aber noch. Da ließ Schüan-Wang jedes Haus in der Stadt innen und außen absuchen, ob das Kind nicht irgendwo verborgen gehalten würde. Wer das Kind bringe, ob lebend oder tot, solle je dreihundert Stücke Tuch und Seide zur Belohnung erhalten, wer es aber finde und melde sich nicht, samt all den Seinen mit dem Tode bestraft werden. Ferner ließ der König die Amtsknechte auf allen Märkten und Straßen öffentlich verkünden, wer fürderhin Bogen aus Maulbeerholz und Pfeiltaschen aus Kigras feilhalte oder herstelle, solle es gleichfalls mit dem Tode büßen. Tags darauf kam ein Ehepaar mit Bogen aus Maulbeerholz und Pfeiltaschen aus Kigras vom Lande nach der Stadt, um Handel damit zu treiben. Kaum aber waren sie durch das Tor an der Stadtmauer gekommen, da ertappte sie der Befehlshaber der Wache: er rief und befahl sogleich seinen Knechten, sie gefangenzunehmen. Die Frau war etwas vorausgegangen und fiel den Knechten in die Hände. Der Mann dagegen, der gar nicht ahnte, was vorging, warf rasch die Bogen von sich und entfloh. Als der Befehlshaber der Marktwache die Frau mit Bogen und Pfeiltaschen vor den König führte, ließ dieser sie enthaupten und die Bogen und Pfeiltaschen auf dem Markte verbrennen. Der Bogenhändler war unterdessen bis außerhalb der Stadt geflüchtet und übernachtete insgeheim irgendwo in der Nähe, um vielleicht etwas über das Schicksal seiner Frau in Erfahrung zu bringen. Den andern Morgen verbreitete sich bereits die Kunde, daß eine Frau, die wider das Verbot mit maulbeerhölzernen Bogen und Pfeiltaschen aus Kigras gehandelt habe, enthauptet worden sei. Nun wußte der Mann, seine Frau sei tot, begab sich ins freie Feld, wo kein Mensch sich aufhielt, und weinte rechtschaffen um sein Weib. Trotzdem freute er sich, daß er selbst der Gefahr entronnen war, und ging mit großen Schritten immer weiter und weiter, bis er zuletzt an das Ufer des Tsing Sue-Flusses kam. Da bemerkte er von weitem, daß dort an einer Stelle Hunderte von Vögeln singend durcheinanderflatterten. Schnell ging er hin, da sah er, daß ein Bündel in dem Wasser lag, an dem die Vögel mit ihren Schnäbeln zerrten: bald zerrten, bald sangen sie, bis sie das Bündel zuletzt beinahe an das Ufer gezogen hatten. Der Mann erstaunte sehr, scheuchte die Vögel fort, nahm das Bündel aus dem Wasser, öffnete es und sah nun, ein neugeborenes Mädchen lag darin. »Das Kindlein«, dachte er, »wurde von den vielen Vögeln aus dem Flusse gezogen«, und schloß daraus, es müsse ein dem Himmel wohlgefälliges Wesen sein. »Ich werde es zu mir nehmen,« sprach er zu sich selber, »wenn ich es freundlich aufziehe, kann ich noch im Alter Nutzen davon haben.« Er zog sein Kleid ab, wickelte das Kind hinein und begab sich nach der Paostadt zu einem Bekannten. Etwa drei Jahre später starb Schüan-Wang, und sein Sohn Yiu-Wang folgte ihm in der Herrschaft. Yiu-Wang kannte kein Mitleid, war grausam von Gemütsart und von sonderbarem Wesen. Wenn Gebirge stürzten oder Flüsse vertrockneten, so empfand er keine Furcht; dies aber gefiel ihm, seine Diener in alle Welt auszusenden, um nach schönen Frauen zu fahnden und mit ihnen den inneren Palast zu erfüllen. Eines Tages nun begab sich ein Mann, der Sohn des Hiang aus der Stadt Pao, namens Hung Te, dessen Vater, weil er den König vor Tyrannei gewarnt, ins Gefängnis geworfen worden war, aufs Land hinaus und sah dort vor der Tür eines Hauses ein Mädchen stehen, wie es eben Wasser am Brunnen schöpfte. Obgleich ärmlich gekleidet, schien sie ihm eine Schönheit des ganzen Landes zu sein, so daß er staunend dachte: »Wie ist es möglich, daß hier draußen in dieser armseligen Gegend ein Geschöpf von so wunderbarer Lieblichkeit lebt?« Als er sich bei den Nachbarn erkundigte, erfuhr er, das Mädchen sei die Pflegetochter Si Tai's und werde, da Tai in der Paostadt wohne, Pao Si genannt. Nun überlegte Hung Te, wenn er dieses Mädchen bekäme und sie dem König brächte, könne er sicher seinen Vater, der nun schon seit Jahren gefangen lag, aus dem Kerker erlösen. So kehrte er denn nach Hause zurück und sprach zu seiner Mutter: »Mein Vater hat durch ein warnendes Wort den König beleidigt, es ist kein Vergehen, das nicht verziehen werden könnte. Unser König ist träg, wollüstig und grausam und schleppt aus allen Himmelsgegenden die schönsten Frauen in den inneren Palast. Nun ist die Pflegetochter Si Tai's von ganz ungewöhnlicher Schönheit. Wenn wir sie mit vielem Golde und Seide kauften und machten sie dem König zum Geschenk, so wird dieser sicherlich meinen Vater aus dem Gefängnis entlassen.« Die Mutter war es zufrieden, Hung Te kaufte Pao Si und nahm sie mit sich in sein Haus, kleidete sie in bunte, gestickte Seide und lehrte sie alle Gebräuche des Anstands und der Höflichkeit. Darauf brachte er sie nach Haoking und ließ sie durch einen Dritten dem König zuführen. Als Yiu-Wang Pao Si erblickte, meinte er, nie zuvor ihresgleichen gesehen zu haben, so sehr entzückten ihn Pao Si's Gestalt, Gesichtszüge und Bewegungen. Er war hocherfreut und befahl sogleich, Hung Te's Vater aus dem Gefängnis zu befreien. Dann ließ er Pao Si in einem andern Palaste unterbringen und sie liebten einander sehr. Aber eines fiel dem König auf: Pao Si lachte nie, ob er gleich wahnsinnig war von Liebe, sie in einem edelsteinernen Palaste wohnen ließ und oft drei Tage hintereinander nicht bei der Königin Sin erschien. Er verbannte um ihretwillen die Königin, enterbte seinen Sohn und ernannte Pao Si's Sohn Pefu zu seinem Nachfolger. Seither erscholl der Palast morgens und abends von Musik und Festlärm: Pao Si war nun selber Königin geworden und genoß bei Yiu-Wang die Gunst, stets bei ihm bleiben zu dürfen, doch ihr Antlitz erhellte sich nicht und kein Lachen erschien darauf. Yiu-Wang wollte sie erheitern, ließ Musikanten kommen, Glocken schlagen, Trommeln wirbeln, auf Bambusinstrumenten blasen und Saiten streichen und befahl den Dienerinnen, die Becher unter Singen und Tanzen zu kredenzen. Doch Pao Si's Gesichtsfarbe blieb trüb und ernst. Da sprach Yiu-Wang: »Liebste, Dich widert die Musik, sag an, welches ist Dein Lieblingsspiel?« »Ich weiß keinerlei Spiel, dem ich den Vorzug geben möchte«, erwiderte Pao Si. »Ich erinnere mich nur, daß ich in meiner Kindheit zuweilen ein Stück Seide mit den Händen zerriß, dies dünkte mich dann ein Geräusch, das angenehm zu hören war.« »Wenn Du dieses liebst,« rief Yiu-Wang, »warum hast Du es mir so lange verschwiegen?« Sogleich befahl er dem Schatzmeister, tagtäglich hundert Stücke bunter, gestickter Seide herzusenden, und ließ sie von den kräftigsten Frauen des Hofes zerreißen, um Pao Si zu ergötzen. Doch seltsam: ob Pao Si gleich das Krachen zerreißender Seiden liebte, lachte sie dennoch nicht. Und wieder fragte Yiu-Wang: »Warum lachst Du nicht?« »Ich habe, seit ich lebe, nie gerne gelacht«, erwiderte sie. »Ich aber muß Dich einmal lachen sehen«, rief Yiu-Wang und erließ sogleich eine öffentliche Botschaft: wer Pao Si einmal zum Lachen brächte, solle mit tausend Taëls Gold belohnt werden. Da meldete sich ein Beamter, mit Namen Kuo Si-Fu, und sagte: »In früherer Zeit haben Eure königlichen Vorfahren, weil damals die Tartaren mächtig waren und man befürchtete, sie würden die Grenze überschreiten, am Ligebirge etwa zwanzig Feuertürme in gleichen Abständen voneinander errichten lassen, außerdem wurden viele große Pauken daselbst bereitgestellt. Sobald nun der Feind an der Grenze erschien, entzündete man die mit Wolfsmist gefüllten Feuertürme und Rauch und Flammen stiegen so hoch bis zum Himmel, daß die im Umkreis sitzenden Fürsten sie wahrnehmen mußten und mit ihren Heeren zur Hilfeleistung herbeieilten. Zugleich aber schlug man die großen Pauken, um das Heer zusammenzutreiben. Heutzutage ist das Land in Frieden und die Feuertürme rauchen nicht mehr. Wenn Ihr nun aber begehrt, daß die Königin ihre Zähne auseinandertue, so müßt Ihr mit ihr nach dem Ligebirge reisen. Dann zündet Ihr nachts die Feuertürme an, die Hilfsheere aller Fürsten werden herbeiströmen: wenn sie aber gekommen sind und finden keinen Feind vor, so wird die Königin lachen müssen, des seid gewiß.« »Dieser Vorschlag ist vortrefflich«, entgegnete Yiu-Wang und fuhr sogleich mit der Königin Pao zu Wagen nach dem Ligebirge. Als es Abend geworden war, wurde im Jagdschloß eine Festtafel gerüstet. Dann befahl Yiu-Wang, die Feuertürme zu entzünden und die ungeheuren Pauken zu schlagen. Da schallten die Pauken wie Donner und die Feuerflammen beleuchteten weithin den Himmel. Sogleich erkannten die Fürsten die Gefahr und eilten allesamt zur Stelle. Als sie aber in das Ligebirge kamen, hörten sie nichts als Flöte und Syrinx aus dem Schlosse ertönen, in dem Yiu-Wang und Königin Pao sich beim Trunke ergötzten. Da ließ Yiu-Wang den Fürsten danken und mitteilen, zum Glücke gäbe es keine Feinde hier und sie brauchten sich ferner nicht zu bemühen. Die Fürsten starrten verwundert einander an, rollten ihre Banner zusammen und kehrten zurück in ihr Land. Pao Si hatte unterdessen im Schlosse am Geländer gelehnt und den ganzen Vorgang beobachtet. Als sie sah, daß die Fürsten holterdipolter daherkamen, aber sogleich wieder umwenden mußten, da nirgends ein Grund für solche Sturmeseile vorhanden war, lachte sie unwillkürlich und klatschte in die Hände. »Liebste,« rief Yiu-Wang, »ein einziges Lachen von Dir und hunderterlei Zärtlichkeiten wachsen auf einmal auf Deinen Wangen. Das hast Du wohl gemacht, Kuo Si-Fu!« und ließ ihm sogleich die tausend Taëls Gold auszahlen. Kurz darauf kam ein Bote zu Yiu-Wang, fiel vor ihm zur Erde und sprach: »Ich habe Unheil zu melden. Die Tartaren sind über die Grenze gekommen und umzingeln die Hauptstadt Haoking.« Yiu-Wang erschrak heftig und ließ sogleich die Feuertürme entzünden, um die Fürsten zur Hilfeleistung herbeizurufen. Doch zu seinem Unglück kam nicht ein einziger von ihnen, denn sie glaubten alle, der König und die Königin feierten wieder nur ein Fest. Yiu-Wang fiel in Verzweiflung, Pao Si mit ihrem Sohne Pefu mußte durch das hintere Tor in einem kleinen Wagen fliehen. Sie wurde verfolgt, Pefu getötet, sie selbst aber in das wollene Zelt des Tartarenhäuptlings gebracht. Zwar vernahmen die Fürsten nachher von der Gefahr, kamen mit ihren Heeren herangezogen und schlugen den Häuptling der Tartaren in die Flucht. Aber es war zu spät: Da Pao Si ihm nicht folgen konnte, erhängte sie sich selbst. Yiu-Wang starb im Elend. So bewährte sich das Deutwort der Knaben: Denn Pao Si war keine andere gewesen als jenes Kind, das, aus dem Geifersamen des Drachen entstammt, von dem Bogenhändler im Wasser gefunden worden war: Sie glich dem steigenden Monde, Yiu-Wang aber, von Pao Si in Wahnsinn und Tod gejagt, der ertrinkenden Sonne. Tsung El und Kiang Tsung El, der Prinz von Djin, floh wegen der wilden Zwistigkeiten, die in seiner Familie ausgebrochen waren, mit seinem Diener Tsiao Tse und andrer Gefolgschaft nach dem Lande Tsi. Der Fürst von Tsi erwählte die schöne Tochter eines verwandten Hauses zu seiner Gattin und richtete ihm die Hochzeit an, schenkte ihm zwanzig Wagen und ließ ihn vom Getreidevogt mit Korn, vom Aufseher über das Vieh mit Fleisch versorgen. So ging es alle Tage, bis dem Tsung El Behagen und Bequemlichkeit zur Gewohnheit geworden waren, so daß er keinen Gedanken mehr daran verschwendete, seinen Kampf weiterzuführen. Als nun der Fürst von Tsi gestorben war, begannen die Prinzen um den Thron zu streiten, und große Unruhen brachen im Lande aus. Da sprach der Diener Tsiao Tse: »Als wir nach Tsi kamen, glaubten wir, durch die Macht des mächtigen Fürsten die Ruhe unseres Landes wieder herstellen zu können. Der neue Fürst aber ist unfähig, und alle Prinzen stehen gegen ihn. Was also vermöchten wir hier noch auszurichten? Ist es nicht besser, nach einem anderen Lande zu ziehen und einen neuen Weg zu suchen?« Gemeinsam wollten die Männer zu dem Prinzen gehen und ihm die Sache vorstellen. Tsung El aber liebte nur seine Gattin Tsi Kiang, trank und feierte Tag und Nacht und hatte keine andern Sorgen als diese. Die Ritter allsamt versuchten es zehn Tage lang, doch bekamen sie ihn nicht zu Gesichte. Da sprach einer von ihnen, We Tsiu mit Namen, in bitterem Zorn: »Wir vertrauten auf des Prinzen Heldentum, drum fürchteten wir nicht Mühe noch Jammer, nahmen die Peitsche und wanderten mit ihm. Nun sind wir sieben Jahre im Lande Tsi geblieben, er aber lebt in Behaglichkeit und trägen Gedanken. Die Tage und Monde sind gleichsam dahingeronnen, zehn Tage versuchen wir vergeblich, ihn zu sehen, wie vermöchte da noch etwas Gutes zu werden?« Da entgegnete ein Zweiter, namens Hu Yien: »Hier ist kein Ort dazu, es zu bereden. Kommt mit mir!« So gingen sie alle eine gute Meile vor das Osttor der Stadt bis in den Schatten der Maulbeerbäume hinaus. Die Gegend stand hier voll von Maulbeerbäumen, und die grünen Schatten lagen Schicht auf Schicht, so daß die Farben der Sonne nicht hinzuzudringen vermochten. Tsiao Tse und die andern, zusammen neun an Zahl, setzten sich rund im Kreise auf die Erde. Dann fragte Tsiao Tse und sprach: »Welches ist Euer Rat?« Da erwiderte Hu Yien: »Es hängt nur von uns ab, den Prinzen zum Fortgehen zu bewegen. Laßt uns das Gepäck vorbereiten, wenn dann der Prinz herauskommt, so wollen wir ihn zum Scheine einladen, außerhalb der Stadt zu jagen. Sobald wir darauf die Hauptstadt von Tsi verlassen haben, treiben wir ihn auf den Weg. Nur eins weiß ich nicht, in welches Land wir uns wenden sollen.« »Die Macht von Sung ist im Aufstieg,« sprach Tsiao Tse, »warum sollten wir nicht dahin gehen? Gelingt es uns dort nicht, dann wandern wir weiter nach Tsin und Tsu. An Gelegenheit wird es nicht fehlen.« So berieten die Ritter noch einige Zeit und gingen am Ende auseinander. Zur selben Stunde aber waren an die zehn Mägde der Prinzessin Kiang hinausgegangen, um Maulbeerblätter für die Seidenwürmer zu pflücken, und hatten aus den Bäumen zugesehen, wie die Ritter dasaßen und berieten. Sie hielten die Hände still und lauschten. Als sie alles auf das genaueste vernommen hatten, kamen sie ins Schloß zurück und erzählten es Kiang. Kiang aber schalt sie und sprach: »Wie könnt Ihr solches sagen und mich also belügen?« Sie ließ die Pflegerinnen der Seidenwürmer, so viele ihrer waren, in ein Zimmer schließen und sogleich töten, als es Mitternacht geworden war, damit keine von ihnen etwas verraten könne. Dann rüttelte sie den Prinzen aus dem Schlaf und sprach zu ihm: »Dein Gefolge will Dich nach einem andern Land entführen. Die Pflegerinnen der Seidenwürmer haben die Beratung belauscht. Ich fürchtete, sie möchten etwas davon verraten, so daß Deine Flucht verhindert würde, und habe sie getötet. Nun aber mußt Du sogleich fort von hier!« »Des Menschen Leben ist Friede und Fröhlichkeit,« erwiderte Tsung El, »wer möchte sich noch um andres sorgen? Hier will ich altern, und niemals werde ich dieses Land verlassen.« »Seit Du fortgegangen bist,« sagte Kiang, »hat Deine Heimat Djin kein ruhiges Jahr gehabt. Dein Halbbruder Yu war unfähig, sein Heer ist besiegt, sein Ruhm vernichtet. Der Himmel hat damit auf Dich gewartet, wenn Du jetzt gehst, wird Djin Dir gehören. Ich flehe Dich an, zweifle und weigere Dich nicht!« Aber Tsung El liebte nur Kiang, lebte in süßer Gewohnheit und wollte nicht fort. Am andern Morgen standen Tsiao Tse und die andern vor dem Tor des Schlosses und ließen sagen, sie lüden den Prinzen zur Jagd außerhalb der Stadt. Tsung El lag noch und sandte eine Magd, ihnen mitzuteilen, der Prinz fühle sich plötzlich etwas unwohl, sei noch nicht gewaschen noch gekämmt und könne nicht mitgehen. Kiang aber hörte dies und schickte schnell jemand hinaus, um Hu Yien allein hereinzurufen. Als Hu Yien eingetreten war, sandte sie alle fort, dann fragte sie ihn, welches die Absicht seines Kommens sei? »Früher«, antwortete Hu Yien, »gab es keinen Tag, daß der Prinz nicht Rosse geritten oder Wagen gelenkt. Er fing Füchse und erlegte Hasen. Nun, in Tsi, ist er lange nicht mehr zum Jagen gegangen, ich fürchte, seine vier Gliedmaßen werden träge. Deshalb sind wir gekommen, ihn einzuladen, das ist alles.« Kiang lächelte ein wenig und sprach: »Diesmal geht die Jagd wohl nach Sung und dann nach Tsin und Tsu?« Hu Yien erschrak heftig: »Wer möchte wohl so weit zum Jagen ziehen?« entgegnete er. »Ich kenne Eure ganze Meinung wohl,« sagte Kiang, »gestern habe auch ich selbst ihn zu überreden gesucht. Aber er mochte meinem Rat nicht folgen.« »Heute abend«, setzte sie leise hinzu, »werde ich sehen, ob ich Euch helfen kann.« Hu Yien warf sich vor ihr nieder: »Ihr schneidet das Tischtuch der Liebe entzwei,« rief er, »um den Namen des Prinzen zu Glänze zu bringen! O Hoheit, o Güte, in tausend Jahren hast du deinesgleichen nicht mehr!« Dann nahm er Abschied und entfernte sich. Draußen berichtete er dem Tsiao Tse und den andern, was sich zugetragen. Alles, Wagen, Rosse, Gefolg und Dienerschaft, Peitschen, Schwerter, Speisen und Futter wurden vorbereitet, dann begaben sich Tsiao Tse, Hu Mao und einige andre voraus an einen vorbestimmten Ort außerhalb der Stadt, um die übrigen zu erwarten, nur Hu Yien, We Tsiu und Tien Kie blieben zurück. Zwei kleine Wagen, beim Schloßtor links und rechts verborgen, standen bereit und erwarteten Kiangs Nachricht. Am Abend rüstete Kiang ein Festmahl im Schloß, es gab eine Tafel und ein Gelage für den Prinzen. »Wozu ist dieses Mahl?« fragte Tsung El. »Ich weiß,« sprach Kiang, »mein Prinz hat ein Ziel, das ist weit draußen in der Welt. So habe ich denn einen Becher Weins richten lassen, um Abschied zu feiern.« »Der Mensch«, erwiderte Tsung El, »lebt, wie wenn ein weißes Roß über einen Schatten springt, der es einen Augenblick verdunkelt. Wer zufrieden sein kann, warum sollte der noch nach anderm begehren?« »Wer von den Leidenschaften läßt und in die Ruhe verliebt ist,« entgegnete Kiang, »dem vertrocknen in der Seele die Heldengedanken. Deine Leute raten gut, geh' hin und folge ihnen!« Tsung El wurde bleich. Er ließ den Becher unberührt und mochte nicht mehr trinken. »Willst Du in Wahrheit nicht gehen,« fragte Kiang, »oder willst Du mich nur täuschen?« »Ich gehe nicht,« antwortete Tsung El, »wer möchte Dich noch täuschen?« Da lachte Kiang: »Gehen«, sprach sie, »ist Dein Heldentum, Bleiben ist Deine Liebe. Diesen Wein hab' ich zu Deinem Abschied bereitet, wohl mir, nun soll er mir dienen, Dein Bleiben zu feiern. Ich will fröhlich sein mit Dir, so gut ich es vermag. Sag' an, bist Du zufrieden mit mir?« Tsung El war glücklich, Mann und Weib tranken einander zu, Kiang ließ Dienerinnen singen und tanzen, um die Fröhlichkeit zu erhöhen. Tsung El mochte nicht mehr trinken, Kiang aber bat so innig, bis er völlig trunken war und sich aufs Bett warf. Da hüllte sie ihn in seidene Decken ein und sandte jemand hinaus, Hu Yien zu rufen. Als Hu Yien erfuhr, daß der Prinz trunken sei, kam er schnell mit We Tsiu und Tien Kie ins Schloß; dann trugen ihn die Männer mit Decken und Matratzen hinaus und legten ihn, reich umhüllt, in den Wagen. Hu Yien beugte sein Haupt und nahm Abschied von Kiang; der flossen die Tränen wie Regen herunter. Nun trieben Hu Yien und die beiden andern den Wagen und verließen noch während der Nacht die Hauptstadt. Dort trafen sie mit Tsiao Tse zusammen und fuhren so die ganze Nacht. Als sie gut sechzig Meilen gefahren waren, begannen allüberall die Hähne zu krähen, und der Osten blendete die Augen. Tsung El warf sich im Wagen hin und her und rief nach der Schlafmagd, sie möge Wasser bringen. Hu Yien, der gerade neben ihm die Zügel führte, sagte: »Wenn Ihr trinken wollt, müßt Ihr schon warten, bis es tagt.« Tsung El aber fühlte, daß es schüttelte und er nicht ruhig würde liegen können, und rief, man sollte ihn stützen, er wolle das Bett verlassen. »Es ist kein Bett,« erwiderte Hu Yien, »es ist ein Wagen.« Da machte Tsung El die Augen auf: »Wer bist du?« fragte er. »Hu Yien«, sagte jener. Da erwachte Tsung El endlich ganz und sah, daß er von dem Gefolge betrogen war. Er schob die Decken fort, sprang auf und begann zornig zu schelten. »Warum habt Ihr mir das nicht vorher gesagt?« rief er. »Was wollt Ihr denn von mir?« »Wir wollen Euch das Land Djin schenken«, entgegnete Hu Yien. »Das Land Djin habe ich noch nicht bekommen,« sagte Tsung El, »aber das Land Tsi habe ich schon verloren. Dies eben wollte ich nicht.« »Tsi ist schon weit, mehr als hundert Meilen«, erwiderte Hu Yien. »Wenn der Fürst von Tsi erfährt, daß Ihr geflohen seid, glaubt mir, so schickt er sogleich Soldaten her, um Euch zu holen. Ihr seht, die Rückkehr ist unmöglich.« So konnte denn Tsung El nicht anders und fuhr mit seinen Leuten weiter. Er kam noch in viele Länder und bestand manche Not und Gefahr. Aber nach einigen Jahren wurde er wirklich Fürst von Djin, und alle andern Fürsten hoben ihn über sich als ihren Beauftragten und Schiedsrichter. Dschang J und der Minister Dschang J aus dem Lande We war ein hochbegabter Mann und vortrefflicher Redner. Als er nach beendigten Studien im Lande Tsu weilte, wurde er eines Diebstahls bezichtigt und erhielt so heftige Schläge, daß sein ganzer Leib voll von Wunden war. Da der Richter sah, daß er beinahe gestorben wäre, sprach er ihn frei. Einige Leute erbarmten sich seiner und brachten ihn nach seinem Hause. Als seine Frau ihn so elend und jämmerlich zugerichtet erblickte, begann sie bitterlich zu weinen: »Daß Du heute so der Verachtung preisgegeben bist, das kommt alles nur von dem Studieren und Reden. Wärst Du in der Heimat geblieben und hättest als ein Bauer Dein Feld bestellt, wie würdest Du je so tief ins Unglück geraten sein?« J machte seinen Mund auf und fragte seine Frau, ob seine Zunge noch da wäre? Die Frau mußte lächeln und sagte: »Nun ja, die ist noch da.« »Solange meine Zunge noch da ist,« entgegnete J darauf, »brauchen wir keine Furcht vor Armut zu haben.« Als seine Wunden halbwegs verheilt waren, kehrte er nach seiner Heimat We zurück. Da vernahm er, daß sein Mitschüler und bester Freund Su Tsin im Lande Tsiao Minister geworden sei, und gedachte hinzugehen und ihn aufzusuchen. Eines Tages traf J einen Kaufmann vor seiner Haustür. Er fragte ihn nach Namen und Herkunft, da erwiderte jener, er heiße Kie und komme aus dem Lande Tsiao. »Ich hörte,« fragte ihn J nun sogleich, »daß Su Tsin Minister in Tsiao geworden, ist es auch wirklich wahr?« »Wer seid Ihr?« erwiderte Kie. »Seid Ihr ein Verwandter oder Bekannter unseres Ministers? Weshalb fragt Ihr danach?« Da antwortete J: »Wir waren Schulgenossen und so innig befreundet wie Brüder.« »Wenn dem so ist,« meinte Kie, »warum geht Ihr nicht zu ihm hin? Er wird Euch sicherlich dem Fürsten von Tsiao empfehlen können. Mein Geschäft hier ist erledigt und ich bin eben im Begriffe, nach Tsiao zurückzukehren. Wenn es Euch nicht unangenehm ist, so reiste ich gerne mit Euch zusammen.« Da freute sich Dschang J und fuhr mit ihm fort. Als sie im Lande Tsiao ankamen, sagte Kie zu J: »Meine Familie wohnt außerhalb der Stadt, und da ich zu Hause einiges zu erledigen habe, so muß ich mich vorläufig von Euch verabschieden. In der Stadt gibt es überall Gasthöfe, so könnt Ihr in irgendeinem von ihnen Herberge nehmen. Nach einigen Tagen suche ich Euch dann wieder auf.« Dschang J stieg aus dem Wagen, nahm Abschied von Kie und quartierte sich, in die Stadt gekommen, in einem Gasthof ein. Tags darauf schrieb er eine Namenskarte und machte sich auf, Su Tsin zu besuchen. Die Wächter meldeten ihn aber nicht, und es vergingen fünf Tage, ehe sein Name in die Listen eingetragen war. Doch Tsin war sehr beschäftigt und ließ ihm sagen, er möge an einem anderen Tage wiederkommen. J geriet darüber in Zorn und wollte die Stadt verlassen. Sein Wirt jedoch hielt ihn zurück und sagte: »Zwar habt Ihr trotz Eurer Anmeldung noch keinen Bescheid von dem Minister bekommen. Läßt er Euch nun aber rufen, was soll ich sagen, wenn Ihr mir zuvor davongegangen seid? Ihr müßt hier bleiben, und dauerte es länger als ein Jahr, so wagte ich doch nicht, Euch fortzulassen.« Da wurde Dschang J sehr traurig und fragte, wo Kie wohne? Doch niemand wußte es ihm zu sagen. Als nun wieder einige Tage vergangen waren, schrieb Dschang J einen Abschiedsbrief an den Minister. Darauf ließ Su Tsin ihm sagen, er wolle ihn am nächsten Tage empfangen. J borgte sich Kleider und Schuhe von dem Gastwirt und ging, kaum daß es Morgen geworden war, hin, um den Empfang zu erwarten. Su Tsin hatte schon vorher das Gefolge seine Plätze einnehmen lassen und befohlen, die Mitteltür, durch welche geehrte Gäste eingelassen werden, zu verschließen, so daß der Besuch durch den Nebeneingang eintreten mußte. Eben wollte Dschang J die Treppe hinaufsteigen, als ihn die Dienerschaft bedeutete der Herr Minister habe Besuch, er müsse noch ein weniges warten. So blieb J am Fuße der Treppe stehen, oben vor dem Saal sah er zahlreiche Beamte sich beugen, dann kamen wieder allerlei Leute vorüber, die amtliche Berichte abzustatten hatten. Endlich nach langer Zeit, als die Sonne schon gegen Westen ging, vernahm man im Saale eine Stimme rufen: »Wo ist nun der Gast?« Dann kamen einige Diener und sagten, der Minister lasse den Besuch zu sich bitten. J brachte seine Kleider in Ordnung und stieg die Treppe hinauf. Er hatte gehofft, Su Tsin würde aufstehen, um ihn zu begrüßen, aber dieser rührte und regte sich nicht. J ertrug stumm sein Leid und verbeugte sich. Nun erst erhob sich Tsin von seinem Platze und streckte ihm ein wenig die Hand entgegen, als Erwiderung auf seinen Gruß. Dann fragte er J, ob er bei guter Gesundheit geblieben, seit sie sich nicht mehr gesehen. J's Zorn wuchs immer höher und er gab keine Antwort, unterdessen meldete die Dienerschaft, daß zum Essen gerichtet sei. Da sagte Tsin zu J: »Beschäftigt, wie ich bin, mußte ich Dich lange warten lassen. Ich fürchte, Du wirst hungrig sein. Deshalb habe ich für Dich etwas zum Essen bereiten lassen, nach der Mahlzeit können wir weiter miteinander sprechen.« Darauf ließ Tsin für J einen Tisch außerhalb des Saales decken, er selbst aber speiste im Saal und seine Tafel war voll von allerlei Speisen und Gerichten. Vor J jedoch wurde nichts hingesetzt als ein Fleisch und Gemüse. Am liebsten hätte er nichts gegessen, aber er war sehr hungrig, auch dachte er, daß er dem Wirte nun so viel schuldig sei, und hoffte, wenn er mit Su Tsin zusammenkäme, etwas Geld von ihm zu erhalten, um damit Aufenthalt und Heimreise zu bezahlen, falls Tsin ihn schon nicht empfehlen mochte. So gehorchte er denn der Not, würgte seine Scham hinunter und hob die Stäbchen. Von weitem sah J, wie auf Tsins Tisch sich die Gläser und Teller häuften. Was er übrig ließ, um es an die Diener zu verteilen, war immer noch besser, als was man J zu essen gegeben. In J's Herzen wuchsen Zorn und Schmerz zugleich: als Tsin ihn nach der Mahlzeit wieder in den Saal rufen ließ und er ihn abermals nicht aufgestanden fand, war seine Geduld zu Ende. Er ging auf Tsin zu und sagte scheltend: »Ich glaubte, Du würdest unsrer alten Freundschaft nicht vergessen haben, deshalb bin ich so weit hierhergekommen. Wer hätte ahnen sollen, daß Du so niedrig mit mir verfahren würdest! Wo ist denn die Liebe geblieben, die einst zwischen den Schulgenossen bestand?« Su Tsin blieb regungslos. »Deiner Begabung nach«, antwortete er, »hättest Du um vieles früher hochkommen müssen als ich. Nie hätte ich gedacht, daß Du so arm werden würdest. Ich könnte Dich allerdings dem Fürsten von Tsiao empfehlen, damit Du zu Reichtum und Ansehen gelangtest, allein ich fürchte, Du hast kein festes Ziel und lässest deine Kräfte verkommen, so daß die Schuld auf mich gefallen wäre, wenn Du dem Lande nichts geleistet hättest.« »Ein großer Mann vermag sich selber durchzusetzen,« rief Dschang J, »wozu bedürfte es noch Deiner Empfehlung?« »Kannst Du Dir aus eigener Kraft Reichtum und Ansehen erwerben,« erwiderte Su Tsin, »was willst Du dann noch bei mir? Doch weil ich unserer alten Liebe gedenke, so will ich Dir ein Stück gelben Goldes schenken, das nimm und tue dann, was Dir gefällt.« Sogleich ließ er durch die Diener Dschang J das Gold überreichen, doch dieser sprang jäh auf, warf das Gold auf den Boden und entfernte sich voll Zorn. Su Tsin hielt ihn nicht zurück. Als J in den Gasthof zurückkehrte, sah er, daß man sein Gepäck schon vor die Tür gestellt hatte. Als er sich erkundigte, weshalb dies geschehen sei, meinte der Wirt, da J nun den Minister zu sehen bekommen, habe dieser sicherlich eine andere Unterkunft für ihn besorgt, so hätte er denn das Gepäck gleich hinausgestellt. Dschang J schüttelte den Kopf und murmelte mehrmals hintereinander: »Es ist, um außer sich zu geraten.« Sogleich zog er Kleider und Schuhe aus und gab sie dem Wirte zurück. Da sagte dieser: »Vielleicht seid Ihr gar kein Mitschüler unseres Ministers und habt uns nur etwas vorgelogen?« Dschang J faßte die Hände des Wirtes, hielt sie in den seinen und erzählte ihm dann ausführlich von seiner gewesenen Freundschaft mit Su Tsin und wie verächtlich ihn dieser bei der heutigen Zusammenkunft behandelt habe. »Er ist vielleicht zu hochmütig,« entgegnete der Wirt, »aber wo die Stellung bedeutend und die Macht groß ist, da stellt sich Hochmut von selber ein. Aber er ist dennoch gütig, hätte er Euch sonst das Gold geschenkt? Würdet Ihr's angenommen haben, so hättet Ihr Eure Schuld bei mir bezahlen können und überdies Zehrgeld für die Heimreise übrig behalten. Weshalb habt Ihr es fortgeworfen?« »Ich war erregt und konnte nicht anders,« sagte Dschang J, »deshalb warf ich es fort. Nun habe ich kein Stück Geldes in Händen, was soll denn nur geschehen?« Während sie so miteinander sprachen, kam plötzlich der Kaufmann Rie daher, um sich nach J zu erkundigen: »Ich habe Euch die letzten Tage nicht besucht,« sprach er, »wollet es, bitte, entschuldigen. Habt Ihr inzwischen mit dem Minister gesprochen?« J geriet aufs neue in Zorn, schlug mit der Faust auf den Tisch und schalt Su Tsin einen Treulosen. »Herr,« sagte Kie, »Ihr redet doch wohl gar zu scharf. Was erregt Euch so?« Da erzählte der Wirt sogleich das ganze Erlebnis, das J mit dem Minister gehabt hatte. »Nun kann ich meine Schuld nicht bezahlen und auch nicht nach Hause fahren,« rief Dschang J, »o wie traurig und elend bin ich doch!« Da sagte der Kaufmann: »Ich war es, der Euch damals zugeredet hat, hierherzukommen. Nun habt Ihr's hier übel getroffen, die ganze Schuld ist mein. Von Herzen gern will ich den Aufenthalt hier für Euch bezahlen und Wagen und Pferd anspannen lassen, um Euch wieder nach We zu bringen. Wie denkt Ihr darüber?« »Mir steht das Gesicht nicht mehr nach We,« entgegnete J, »ich möchte lieber nach dem Lande Tsin reisen, nur fehlt es mir leider am Reisegeld.« »Also nach Tsin wollt Ihr reisen?« fragte Kie forschend. »Habt Ihr vielleicht auch dort einen Mitschüler?« »O nein,« antwortete J, »aber unter den sieben Ländern im Reiche der Mitte ist gegenwärtig keines so mächtig wie das Land Tsin, und seine Macht kann dem Lande Tsiao obsiegen. Ich gehe nach Tsin, denn wenn ich dort einen staatsmännischen Posten erhielte, so würde ich mich an Su Tsin für die erlittene Unbill rächen.« »Wenn Ihr nach einem andern Lande gehen wolltet,« entgegnete darauf Kie, »so könnte ich wenig für Euch tun. Wollt Ihr aber nach Tsin, da paßt mir wahrlich nichts besser. Denn eben beabsichtige auch ich nach Tsin zu fahren, um dort einen Verwandten zu besuchen, so könnt Ihr wieder mit mir reisen. Es ist doch angenehm, wenn wir einander Gesellschaft leisten können.« »Es ist kein Mensch auf der Welt so gut wie Ihr,« rief Dschang J, »Su Tsin würde sich zu Tode schämen müssen.« Sogleich schloß er Brüderschaft mit Kie, achtmal beugten sie das Knie voreinander. Kie bezahlte die ganze Wirtsschuld für Dschang J, dann fuhren sie zu Wagen miteinander nach Tsin. Unterwegs ließ Kie Kleider für Dschang J fertigen, kaufte ihm Sklaven und bezahlte mit Freuden alles, dessen J bedurfte. In Tsin angekommen, verteilte er viel Gold und Seide unter die Diener und Beamten des Königs von Tsin, damit sie Dschang J empfehlen und vor den Ohren des Königs loben möchten. Der König bereute eben sehr, daß Su Tsin ihm und seinem Lande entgangen war. Da er nun hörte, wie alle Diener und Beamten Dschang J empfahlen und lobten, ließ er ihn sogleich zu sich rufen, machte ihn zum Gastbeamten und beriet mit ihm alle Fragen der Politik und der Staatskunst. Eines Tages nun wollte sich Kie von Dschang J verabschieden, da sprach Dschang J unter Tränen: »Früher war ich so arm und elend, und nur durch Deine Kraft und Hilfe bin ich im Lande Tsin zu gutem Ansehen gekommen. Vergönne mir, mich vorerst für Deine Wohltaten dankbar zu erweisen, warum willst Du so früh von hier fort?« Da lachte Kie und sprach: »Ich habe früher nicht gewußt, welch ein ausgezeichneter Mann Du bist. Einer aber hat Dich früh erkannt: das ist der Minister Su Tsin.« Dschang J konnte vor Verwunderung über diese Rede kein Wort hervorbringen, und es verstrich eine ganze Weile, ehe er zu sprechen anhub: »Du warst es, der mir in allen Dingen geholfen hat,« sagte er zu Kie, »und nun sagst Du, der Minister Su Tsin habe mich erkannt?« Da entgegnete Kie: »Als unser Minister den Plan gefaßt hatte, alle Länder des Reiches von Osten bis nach Westen miteinander zu verbünden, fürchtete er, das Land Tsin könnte das Land Tsiao bekriegen wollen und so die Vollendung des Werkes verhindern. Deshalb dachte er, keiner außer Dir dürfe die Zügel im Lande Tsin in die Hände bekommen. So sandte er mich, als Kaufmann verkleidet, nach We, um Dich durch mich nach Tsiao zu locken. Doch da er fürchtete, Du würdest Dich mit einer geringen Stellung begnügen, tat er absichtlich so hochmütig und verachtend, um Deinen Ehrgeiz zu reizen. Du aber hast dadurch wirklich den Gedanken bekommen, nach dem Lande Tsin zu gehen. Der Minister war es, der mir dann soviel Geld gab und auftrug, Dich ausgeben zu lassen, wieviel immer Du bedurftest, doch sollte es stets zu dem Zwecke geschehen, daß Du Dir auf diese Weise die Macht in Tsin erwürbest. Nun bist Du in Tsin in hohem Amte, ich aber muß jetzt zurück, unserem Minister Bericht zu erstatten.« Da seufzte Dschang J und sprach: »Ach, ich war von Su Tsins List umgeben und wußte es nicht, wie weit bin ich doch hinter Su Tsin zurück! Danke Du, bitte, Eurem Minister und sage ihm: solange er im Lande Tsiao herrsche, werde ich es nicht wagen, das Wort ›Krieg gegen Tsiao‹ auszusprechen. So hoffe ich, mich für den Edelmut dankbar zu erweisen, der meines Glückes Begründer war.« Die Freunde Sen Pin und Pang Küan befanden sich in der Lehre des Weisen vom Teufelstal, studierten gemeinsam das Kriegswesen und waren so innig miteinander befreundet wie Brüder. Da vernahm Küan, daß man im Lande We nach einem Minister und Obergeneral suche, und wollte sich hinbegeben. Der Weise vom Teufelstal hieß ihn eine Bergblume pflücken, darnach wolle er ihm Glück oder Unglück weissagen. Küan ging einen halben Tag, endlich fand er ein Grasblümchen, aber er dachte sich, das Blümchen ist so dünn, daraus kann mir keine Größe geweissagt werden, und warf es fort. Soviel er aber auch suchte, zu seinem Leide waren in dem ganzen Gebirge keine Blumen mehr zu finden. So nahm er denn das fortgeworfene Blümchen wieder auf und verbarg es in seinem Ärmel. Dann kehrte er zurück und sprach zu dem Meister: »Es gibt keine Blumen mehr.« »Was hast du in dem Ärmel?« fragte der Meister. Da konnte Küan nicht länger leugnen und übergab ihm das Blümchen. Der Weise aber sprach: »Diese Blume blüht jedesmal mit zwölf Blüten, diese bedeuten die Jahre deiner blühenden Zeit. Einmal wird es Dir gelingen. Aber ich weiß zwei Worte: ›Triffst Du einen Hammel, so wirst Du blühen. Triffst Du ein Pferd, so wirst Du untergehen.‹ Halte dies fest im Gedächtnis!« Küan entfernte sich, Sen Pin begleitete ihn. Küan versprach ihm noch, ihm behilflich zu sein, wenn er Minister in We geworden, dann kehrte Sen Pin zurück. Diesen nun wollte der Meister heimlich in das Buch einweihen, das sein Großvater Wu-Tse über das Kriegswesen geschrieben, da fragte Sen Pin; »Warum habt Ihr es nicht auch Küan lesen lassen?« »Wer dieses Buch kennt,« antwortete der Meister, »kann der Welt nützen, wenn er es richtig gebraucht, wenn aber nicht, wird er nur Schaden damit stiften. Küan ist der Mann nicht, der es zu gebrauchen verstände, deshalb wollte ich nicht, daß er davon erfahre.« Unterdessen war Pang Küan nach dem Lande We gekommen. Als er zur Huldigung vor den König trat, wollte dieser eben Hammelbraten speisen, da freute sich Küan und sagte bei sich selber: »Triffst Du einen Hammel, so wirst Du blühen. Dies Wort hat sich schon erfüllt.« Der König von We zog ihn ins Gespräch, er fand ihn sehr tüchtig und ernannte ihn sogleich zu seinem Kriegsminister und Obergeneral. Später aber vernahm der König auch von Sen Pin und erfuhr, daß dieser ein Mitschüler Pang Küans gewesen sei. Er hieß Küan daher einen Brief schreiben, worin dieser Sen Pin herbeirufen sollte. Da sagte Küan: »Pin ist im Lande Tsi geboren. Wäre er nun Beamter im Lande We, so würde er für Tsi und gegen We wirken. Deshalb mochte ich ihn Euch nicht empfehlen.« »Man stirbt für den, mit dem man vertraut ist,« erwiderte der König, »er muß nicht immer aus der eigenen Heimat sein.« Küan dachte: »Ich will die Gewalt über das Heer von We ganz und gar in meinen Händen behalten. Sen Pins Klugheit und Begabung aber ist viel größer als die meine. Kommt er nun hierher, so wird er mich sicherlich meiner Macht berauben.« Aber der Befehl des Königs war ergangen, und er wagte nicht, dawiderzuhandeln. War es da nicht besser, er schrieb zunächst einen vermittelnden Brief und suchte, sobald Sen Pin gekommen, eine List, um Pins Aufstieg zu verhindern? Sogleich setzte er ein Schreiben auf, der König sandte einen Boten, der das Schreiben zu sich nahm und vier Rosse, einen hochgebauten Wagen, gelbes Gold und weißes Edelgestein mit sich führte, um Sen Pin herbeizuholen. Als der Gesandte angekommen war, zeigte Pin Küans Brief zuerst dem Meister. Dieser las ihn, es stand kein Wort der Erkundigung nach seines Lehrers Wohlbefinden darin. »Er muß böse sein und undankbar, daß er so seines Ursprungs vergißt«, dachte er und erkannte, daß Küan kein guter Mensch sein könne. Zudem wußte er, daß Küans Art neidisch und hinterlistig war. Wenn Sen Pin diesmal hinginge, sie würden sicherlich nicht beide bestehen bleiben. Gern hätte er Sen Pin abgeredet, doch fürchtete er die Ehre des Königs zu verletzen. So hieß er denn auch Sen Pin eine Blume suchen, um ihm daraus zu wahrsagen. Zur Zeit stand gerade eine Chrysanthemumblüte in einer Vase auf dem Tische, die nahm Sen Pin und reichte sie dem Meister. Dieser steckte sie sogleich wieder in die Vase zurück und sprach: »Diese Blume ist bereits vom Stengel gebrochen und nicht mehr ganz. Aber sie vermag Kälte zu ertragen und der Reif verbrennt sie nicht. Auch wurde sie in diese Vase gesetzt, um geliebt und geehrt zu werden. So hat sie einen Ersatz dafür, daß sie gebrochen wurde.« Als nun Sen Pin von dem Meister Abschied nahm, gab dieser ihm ein seidenes Säckchen und sprach: »Erst wenn Du in dringender Not bist, öffne es!« Damit verließ ihn Sen Pin und kam nach dem Lande We. Er wohnte im Hause Küans und dankte diesem, daß er ihn empfohlen habe, so daß sich Küan ein großer Wohltäter dünkte. Als Sen Pin den König von We besuchte, unterhielten sie sich über das Heer- und Kriegswesen und stimmten so trefflich zusammen, daß der König beabsichtigte, Sen Pin zum Nebengeneral zu ernennen. Küan aber sagte: »Pin ist ein älterer Bruder von mir, wie dürfte er neben mir im gleichen Range stehen? Macht ihn vorläufig zum Gastbeamten, und wenn er etwas für das Land We geleistet hat, so will ich gern zurückstehen und sein Untergebener sein.« Der König nahm den Rat an. Einige Tage waren verflossen, da erfuhr Küan, daß Sen Pin von dem Buche des Wu-Tse über das Kriegswesen Kenntnis habe, und hätte nun auch für sein Teil gerne erfahren, welche Geheimnisse darin geschrieben standen. Doch mochte er keine Belehrung von Sen Pin annehmen. Daher ließ er ihm einen gefälschten Brief hinbringen und sagen, seine Verwandten hätten Sehnsucht nach ihm, er möge nach seiner Heimat zurückkehren. Sen Pin, schon lange von Hause fort, glaubte an den Brief und schrieb sogleich eine Antwort, worin er mitteilte, er werde, sobald er etwas für das Land We getan, unverzüglich heimkehren, um dort des Landlebens zu genießen. Küan erhielt Pins Antwort in die Hände, änderte den Wortlaut, brachte den Brief dem König und sprach: »Ich habe schon oft gesagt, daß Sen Pin immerzu seines Landes Tsi gedenkt. Er hat einen Brief geschrieben, worin er das Land We verraten wollte. Hier ist er, bitte, lest!« Der König erblickte den Brief und geriet in furchtbaren Zorn. »Wie soll er bestraft werden?« rief er. Da sagte Küan: »Wir wollen ihm das Gesicht brandmarken und die Kniekehlen durchschneiden, auf daß er ein krüppelhafter Mann werde und ihm sein Leben lang nicht vergönnt sei, nach seiner Heimat zurückzukehren.« »Es sei!« erwiderte der König. Da begab sich Küan zu Sen Pin und sprach: »Unser König hat erfahren, daß Du heimlich mit dem Lande Tsi verkehrst, und ist darüber zornig geworden. Er wollte Dich mit der schwersten Strafe treffen, doch bat ich ihn so lange, bis ich durchsetzte, daß Dir nur das Gesicht gebrandmarkt und die Kniekehlen durchschnitten werden sollen.« Da entgegnete Sen Pin: »Mein Meister hat es zuvor gewußt, daß ich nicht ganz bleiben soll. Aber daß ich doch das Haupt behalten darf, danke ich Deiner Wohltat allein und werde nie vergessen, Dir Dankbarkeit zu erweisen.« Darauf ließ Küan Sen Pin festbinden: als man ihm die Kniekehlen durchschnitten hatte, fiel er vor Schmerz zu Boden. Nach einer Weile erwachte er wieder, da brannte man ihm die Worte: »Der heimlich mit dem Lande Tsi verkehrt hat« ins Gesicht und bemalte die Brandzeichen mit schwarzer Tusche. Küan weinte absichtlich und jammerte über Pins Schicksal. Er bestrich seine Wunden mit Arzeneien und umband sie mit Seide. Dann ließ er ihn in seine Studierstube tragen, tröstete ihn mit herzlichen Worten und pflegte seiner mit guter Speise. In einem Monat war die Wunde verheilt; aber die Beine hatten keine Kraft mehr, er vermochte nicht zu gehen und saß den ganzen Tag auf der Erde. So war Sen Pin ein unbrauchbarer Mann geworden. Küan aber pflegte ihn unentgeltlich weiter Tag für Tag, so daß Pin sich im Herzen unruhig und beschämt fühlte. Da sprach Küan: »Du langweilst Dich, willst Du mir nicht zum Zeitvertreib das Buch des Wu-Tse aufschreiben?« »Ich will es,« entgegnete Pin, »vermag ich Dir doch sonst nicht das geringste zu Danke zu tun.« Sen Pin hatte noch nicht ein Zehntteil des Buches niedergeschrieben, da fragte Küan den alten Diener, der Pin aufwartete und mit Namen Tsing hieß: »Wie viele Seiten kann Sen Pin an einem Tage schreiben?« »Meister Sens Beine sind ihm unbequem,« erwiderte Tsing, »er muß viel liegen und vermag nur wenig aufrecht zu sitzen. An einem Tage kann er wohl kaum mehr als zwei oder drei Seiten niederschreiben.« Da rief Küan zornig: »Wenn es so träge geht, bis wann sollte es fertig werden? Du mußt ihn antreiben, immerzu!« Tsing trat zurück und fragte heimlich Küans nächste Dienerschaft: »Meister Sen ist schuldlos bestraft worden und großen Erbarmens wert. Warum will unser Herr ihn so zur Arbeit treiben?« Da entgegneten die Diener: »Weißt Du es denn nicht? Ob unser Herr gegen Meister Sen auch vor den andern so große Barmherzigkeit übt, im Herzen ist er ihm dennoch feindlich. Er ließe ihn nicht leben, geschähe es nicht wegen des Buches. Sobald aber das Buch vollendet ist, wird auch er sein Leben vollendet haben. Du darfst aber nichts davon verraten.« Da kehrte Tsing zurück und erzählte heimlich alles dem Sen Pin. Sen Pin erschrak heftig und sprach: »Wenn Küan so doppelzüngig ist, wie darf ich ihn je des Buches Inhalt erfahren lassen? Schreibe ich aber nicht, so wird er sicherlich in Wut geraten und mein Leben wird an einem Morgen oder Abend zu Ende sein.« Er bedachte sich hin und her, fand aber keinen Rat, um sich zu retten. Plötzlich erinnerte er sich des Säckchens, das ihm der Meister mitgegeben und das nur bei dringender Not geöffnet werden sollte. »Nun ist es an der Zeit«, dachte er. Dann öffnete er das Säckchen: ein Stück gelber Seide fand sich darin, darauf standen einige Worte geschrieben. Eines Tages, als er erwachte, sprach er bei sich selber: »Ja, so muß es sein.« Als gerade zum Abendessen gedeckt war und Pin eben die Stäbchen heben wollte, befiel ihn plötzlich eine Übelkeit, so daß er alles übergab, was er in sich hatte. Dann wurde er mit einem Male wütend, riß die Augen auf und schrie laut: »Warum wolltest Du mich vergiften?« Er schleuderte die Teller und Schüsseln zur Erde, verbrannte die hölzernen Tafeln, auf die er geschrieben, stürzte zu Boden und schalt und greinte, die Worte undeutlich im Munde wälzend, ohne Unterlaß. Tsing wußte nicht, wie es gekommen war, lief schnell zu Küan und berichtete ihm. Küan kam und sah, daß Pin, das Gesicht voll von Schmutz, auf der Erde lag und bald laut in ein Lachen, dann wieder in ein Weinen verfiel. »Warum lachst und warum weinst Du, Bruder?« fragte Küan. »Ich lache, denn der König von We ist ein Narr«, antwortete Pin. »Wollte er mich nicht töten? Ich aber habe zehntausend himmlische Heerscharen zu meiner Hilfe, wie will er mir da etwas antun? Ich weine, denn ohne Sen Pin kann keiner im Lande We ein Heerführer werden, und das Land wird zugrunde gehen.« Als er dies gesprochen, riß er weit die Augen auf und starrte Küan ins Gesicht. Dann warf er sich mit der Stirn vor ihm zur Erde und rief: »Meister vom Teufelstal, ich flehe Dich an, rette mein Leben!« »Ich bin Pang Küan,« erwiderte dieser, »erkennst Du mich denn nicht?« Pin aber faßte ihn am Kleide und ließ es nicht wieder los, indem er unaufhörlich schrie: »Rette mein Leben!« Da ließ Küan sein Kleid mit Gewalt aus Sen Pins Händen reißen und fragte Tsing: »Wie lange ist es her, daß Sen Pin wahnsinnig geworden ist?« »Erst seit gestern Abend«, entgegnete Tsing. Küan entfernte sich. Er zweifelte aber, ob jener sich nicht vielleicht mit Absicht wahnsinnig gestellt, und beschloß, ihn zu prüfen. Er ließ ihn in einen Schweinestall bringen, der tief voll Mist und Jauche war. Pins offenes Haar bedeckte sein Gesicht, kraftlos fiel er hin und blieb im Schmutze liegen. Da ließ ihm Küan Speise und Trank hintragen und dazu folgendes sagen: »Uns Diener erbarmen Eure durchschnittenen Beine, deshalb ehren wir Euch mit dieser kleinen Gabe. Unser Herr weiß nichts davon.« Da machte Meister Sen zornige Augen, fluchte und schrie: »Kommt Ihr wieder daher, mich zu vergiften?« und schleuderte sogleich Speise und Trank zu Boden. Dann hob der Diener Hundemist und einen Kloß Erde auf und reichte ihm diese. Da nahm sie Pin und aß davon. Als der Diener dem Pang Küan berichtet hatte, was geschehen war, sagte dieser: »Er ist in Wahrheit wahnsinnig geworden. Ich werde künftig keine Sorge mehr um seinetwillen haben.« Seither durfte Sen Pin aus- und eingehen, wie es ihm gefiel. Er entfernte sich früh und kehrte spät zurück und schlief wieder in dem Schweinestall. Oder er ging fort und kam nicht wieder und schlief auf den Straßen oder dem Markte. Dabei plapperte oder lachte er vor sich hin, ohne der anderen Menschen gewahr zu werden, oder schalt und schrie ohne Ende. Die Leute kannten ihn alle und wußten, daß es der Gastbeamte Sen war, erbarmten sich über den Kranken und brachten ihm Speise und Trank. Manchmal nahm er davon, manchmal auch nicht, die unsinnigen Reden aber, die er im Munde führte, flossen unaufhörlich von seinen Lippen. Küan ließ sich unterdessen jeden Tag morgens und abends durch die Gemeinde melden, wo er sich aufhielt. Um diese Zeit begab sich ein Mann, namen Kin Hua, aus dem Lande We nach dem Lande Tsi und erzählte dort, daß man Sen Pin die Beine durchschnitten habe. Als der König von Tsi davon vernahm, sprach er: »Er ist im Lande ein berühmter Mann, wir aber geben zu, daß er von einem andren Lande gekränkt werde. Dies soll nimmer geschehen!« Er beabsichtigte, ein Heer hinzuschicken, um Sen Pin zu befreien, fürchtete aber, Pin würde dann vorzeitig den Tod erleiden müssen. Deshalb hörte er auf den Rat seines Dieners Tien Ki und schickte einen Mann, mit Namen Tsun Yü Kun, nach We, um Tee dahin zubringen. Kin Hua fuhr mit ihm. Als die beiden in We angelangt waren und über den Auftrag des Königs von Tsi Bericht erstattet hatten, freute sich der König von We lebhaft und ließ für Tsun Yü Kun ein Gastmahl auftragen. Unterdessen sah Kin Hua Sen Pin dort in seinem Wahnsinn liegen, redete ihn aber nicht an, bis es Mitternacht geworden war. Dann ging er insgeheim zu ihm hin: Sen Pin lehnte mit dem Rücken an dem Geländer eines Brunnens. Er tat den Mund auf, sagte aber nichts. Da sprach weinend Kin Hua: »Ist es so weit mit Euch gekommen, Meister Sen? Kennt Ihr mich oder kennt Ihr mich nicht? Wir sind nicht gekommen, um Tee hierher zu bringen, sondern suchen Gelegenheit, Euch mit uns nach Tsi zu nehmen, um Euch zu rächen.« Da stürzten plötzlich Sen Pins Tränen herunter wie ein Regenguß. Er schwieg lange, endlich sagte er: »Als ich mich nach dem heimlichen Befehle, den mir der Meister im Säckchen gab, wahnsinnig stellte, rettete ich mich für den Augenblick, doch vermeinte ich, dereinst hier in Schmutz und Kot zu sterben. Wie hätte ich träumen mögen, daß ich noch einmal Himmel und Sonne sehen würde? Doch Pang Küan ist mißtrauisch und es wird schwer sein, mich von hier fortzubringen.« »Es ist schon alles in Bereitschaft,« erwiderte Kin Hua, »und Ihr braucht nichts zu befürchten. Ehe wir nach Hause fahren, bin ich nochmals hier, Euch abzuholen. Verlaßt, bitte, diesen Ort nicht!« Als nun Tsun Yü Kun aufbrechen wollte, machte ihm der König von We vielerlei Geschenke und auch Pang Küan lud ihn noch zu einem Abschiedsfest. Doch schon einen Tag vorher hatte Kin Hua Sen Pin, in einen warmen Wagen versteckt, davongefahren, nachdem er einem Sklaven Sen Pins zerlumpte Kleider angezogen, ihm das Haar zerwühlt und sein Gesicht mit Kot beschmiert. So lag dieser an dem Orte, wo Sen Pin sich aufgehalten. Da er nun von der Gemeinde Meldung erhielt, wo Sen Pin sich befand, so merkte Küan nichts von dem Tausche. Aber als Tsun Yü Kun mit dem Gefolge aufgebrochen war, floh auch der Sklave, und die Gemeinde sah nichts als ein zerlumptes Kleid auf der Erde liegen, Sen Pin selbst aber war nirgends zu sehen. Sogleich wurde dies dem Pang Küan gemeldet, der nun nicht anders glaubte, als Sen Pin habe sich in den Brunnen gestürzt. Er ließ nach seiner Leiche fahnden, fand sie aber nicht. Da er Angst hatte, der König von We würde es ihm ungnädig aufnehmen, berichtete er ihm, Sen Pin sei ertrunken. Nicht lange, nachdem dieser ins Land Tsi zurückgekommen war, wurde er Kriegsminister und begann später einen Feldzug gegen We. Als Pang Küan bis an einen Weg gekommen war, der an dem sogenannten Pferdehügel liegt, geriet er in eine Falle, die Sen Pin ihm gelegt, und wurde von zehntausend Pfeilen zu Tode geschossen. Seit Küans Ankunft in We bis zu seinem Tode waren aber genau zwölf Jahre verflossen. Die Musik des Untergangs Zur Zeit, als der Fürst von We, Ling Kung, eben neu gekrönt worden war, begab er sich persönlich zu dem Nachbarfürsten Ping Kung von Djin, um ihm seinen Besuch abzustatten. Denn dieser hatte einen Palast von solcher Pracht aufführen lassen, daß die Fürsten aller Länder zu ihm kamen, ihm Glück zu wünschen. Der Palast aber hieß Se Ki. Als nun Ling Kung auf seiner Fahrt an den Pufluß kam, nahm er in einem Gasthof Nachtquartier. Doch vermochte er nicht einzuschlafen, obwohl es schon mitten in der Nacht war. Es klang ihm in den Ohren, als höre er die Töne einer Zither. Er warf einen Mantel um, saß im Bette auf, lehnte sich in die Kissen und horchte hinaus. Die Klänge waren sehr leise, aber wohl zu unterscheiden. Niemals hatte er dergleichen gehört, es war eine Tonart, die nie zuvor von Menschenohren vernommen worden. Er fragte das Gefolge, aber alle sagten aus, sie hörten nichts. Ling Kung war der Musik gewohnt und liebte sie. Nun besaß er einen Hofmusikus, Küan mit Namen, begabt, neue Tonarten zu erfinden und die Melodie der vier Jahreszeiten zu setzen, daß es Frühling, Sommer, Herbst und Winter schien, wenn er spielte. Deshalb liebte ihn Ling Kung sehr und nahm ihn überall mit, wo immer er sich aufhielt. So schickte er denn auch jetzt das Gefolge, Küan zu rufen. Küan kam. Das Lied draußen war noch nicht zu Ende. »Hörst du es?« fragte Ling Kung, »es klingt wie die Musik der bösen Geister.« Küan lauschte gespannt, nach einer Weile wurde es still. »Ich kenne die Melodie schon im allgemeinen«, sagte Küan. »Noch eine Nacht brauche ich, so kann ich sie aufschreiben.« So blieb denn Ling Kung noch eine Nacht am Orte. Um Mitternacht begann das Lied der Zither wieder zu tönen. Der Hofmusikus nahm seine Zither und übte, bis er zuletzt des Liedes Schönheiten vollkommen in sich aufgenommen hatte. Als sie nun in Djin ankamen, huldigten und glückwünschten und die Zeremonien beendet waren, ließ Ping Kung auf der Se Ki-Terrasse ein Festmahl rüsten. Man hatte schon reichlich vom Weine genossen, da sagte Ping Kung: »Längst hörte ich, daß Ihr in We einen Musikus namens Küan habt, der begabt sein soll, neue Tonarten zu erfinden. Ist er jetzt nicht hier?« »Er ist im Erdgeschoß unter der Terrasse«, erwiderte Ling Kung. »So bitte ich Euch, ihn um meinetwillen herzurufen«, entgegnete Ping Kung. Ling Kung rief, da kam Küan auf die Terrasse herauf. Gleichzeitig ließ Ping Kung auch seinen eigenen Hofmusikus Kuang kommen; dieser war blind, ein Führer geleitete ihn hinauf. Die beiden warfen sich an der Treppenschwelle nieder und begrüßten die Fürsten. Da fragte Ping Kung: »Sagt an, Küan, welcherlei neue Tonarten gibt es in letzter Zeit?« Küan berichtete: »Unterwegs«, sagte er, »vernahm ich gelegentlich etwas Neues. Gern hätte ich eine Zither, um es Euch vorzuspielen.« Sogleich befahl Ping Kung dem Gefolge, einen Tisch bereitzustellen, die alte lackbaumhölzerne Zither herbeizubringen und vor Küan hinzulegen. Küan stimmte zuerst die sieben Saiten, dann begann er die Finger zu regen und spielte. Schon nach wenigen Tönen lobte Ping Kung die Melodie. Diese aber war noch nicht zur Hälfte gediehen, da legte der blinde Musikus Kuang die Hand auf die Zither und sprach: »Diese Melodie des Reichsunterganges sollt Ihr nicht spielen. Laßt ab davon!« »Was meint Ihr damit?« fragte Ping Kung. Da antwortete Kuang: »Als die Zeit der vergangenen Dynastie zu Ende ging, erfand ein Musiker namens Yiang eine Tonart, die den Namen Meme trägt. Es ist diese. Der Kaiser Djou hörte sie und vergaß darüber seine Müdigkeit. Aber bald darauf wurde er von dem Fürsten Wu Wang gestürzt, da floh der Musiker Yiang mit seiner Zither gen Osten und sprang in den Pufluß. Wenn nun einer, der die Musik liebt, dort vorüberkommt, so tönt diese Melodie aus dem Wasser herauf. Hat Küan sie unterwegs gehört, so kann es nur am Puflusse gewesen sein.« Ling Kung wunderte sich heimlich über die Wahrheit dieser Rede. Ping Kung aber fragte: »Was kann es schaden, dieses Lied einer gestürzten Dynastie zu spielen?« »Djou verlor das Reich durch sinnliche Musik,« erwiderte Kuang, »dies ist eine Melodie des Unheils, man soll sie nicht spielen.« »Ich aber liebe die neue Musik«, rief Ping Kung. »Küan soll mich das Lied zu Ende hören lassen.« Da stimmte Küan abermals die Saiten und beschrieb in seinem Spiel alle Zustände der Seele zwischen Ruhe und Bewegung. Es war wie Reden und Weinen. Ping Kung, freudig erregt, fragte Kuang: »Wie nennt sich diese Tonart?« »Sie nennt sich Tsing Schang«, erwiderte Kuang. »Tsing Schang ist wohl die traurigste von allen?« fragte Ping Kung. »Tsing Schang ist wohl traurig,« entgegnete Kuang, »aber noch trauriger ist die Tonart Tsing Tse.« Da fragte Ping Kung: »Kann ich Tsing Tse zu hören bekommen?« »Unmöglich«, fiel ihm Kuang ins Wort. »Wenn frühere Herrscher Tsing Tse zu hören bekamen, so waren es tugendhafte und aufrechte Männer. Heute ist der Herrscher Tugend gering, sie dürfen diese Tonart nicht vernehmen.« »Ich aber brenne in Leidenschaft für neue Musik,« rief Ping Kung, »du darfst es mir nicht verweigern.« Da konnte Kuang nicht anders, nahm die Zither und spielte. Kaum war der erste Satz zu Ende, so kam eine Schar schwarzer Störche von Süden herangeflogen und sammelte sich auf den Toren und dem Gebälk des Palastes. Man konnte sie zählen, es waren acht Paare. Kuang spielte weiter. Da schlugen all die Störche die Flügel und sangen. Dann ließen sie sich in Reihen auf der Treppe zur Terrasse nieder, und standen acht und acht auf jeder Seite. Kuang spielte den dritten Satz. Die Störche reckten die Hälse, sangen, schlugen die Flügel und tanzten. Hochauf schallte die Melodie bis zum Himmel und der Milchstraße. Ping Kung klatschte in die Hände in großartigem Ergötzen, all die menschenvollen Tische schwollen vor Freude, oberhalb und unterhalb der Terrasse tanzten und sprangen alle Zuschauer, das Schauspiel zu bewundern. Ping Kung ergriff einen Becher von weißem Edelstein, angefüllt mit dem köstlichsten Weine, und reichte ihn eigenhändig dem Kuang, der ihn leerte. Dann seufzte Ping Kung und sprach: »Bis zum Tsing Tse geht es, Höheres aber gibt es nicht.« »Noch Höheres gibt es,« erwiderte Kuang, »es ist dies die Tonart Tsing Kiao.« Ein tiefer Schrecken durchfuhr Ping Kung: »Gibt es noch Höheres als Tsing Tse, warum lässest du mich's nicht hören?« »Tsing Kiao«, sagte Kuang, »kann wieder nicht mit Tsing Tse verglichen werden. Ich wage nicht, es zu spielen. In grauer Vorzeit sammelte der Kaiser Huang Ti Dämonen und Geister auf dem Gebirge Taischan. Er fuhr auf seinem Elefantenwagen und hatte Krokodile und Drachen da vorgespannt. Der Paladin Pi-Fang war sein Begleiter, der Paladin Tse-Yu saß vorn. Der Windfürst fegte den Staub vor ihm, der Regenmann begoß ihm die Straßen, Tiger und Wölfe schritten voran, Dämonen und Geister folgten dem Zuge. Riesige Schlangen lagen auf dem Weg, Phönixe bedeckten den Himmel. Da ersann eine große Versammlung der Dämonen und Geister die Tonart Tsing Kiao. Seither hat sich die Tugend der Fürsten vermindert, sie vermögen nicht mehr, die Dämonen und Geister zu ketten, und das Menschenreich ist vom Geisterreiche gänzlich abgetrennt. Wenn man nun diese Tonart spielt, so sammeln sich wieder die Dämonen und Geister und es gibt Unheil und kein Glück mehr.« Ping Kung aber rief: »Bin ich nun schon so alt, so will ich wahrlich einmal die Tonart Tsing Kiao vernehmen. Ist es mein Tod, so werd' ich es nicht bereuen.« Kuang weigerte sich hartnäckig. Ping Kung jedoch sprang auf und zwang ihn zwei- und dreimal. Da vermochte Kuang nicht länger zu widerstehen, nahm wieder die Zither und spielte. Beim ersten Satze kamen schwarze Wolken aus der westlichen Himmelsrichtung heran, beim zweiten erhob sich ein jäher Sturm, zerriß die Vorhänge und Decken und warf die Becher und Teller vom Tisch. Dachziegel flogen durcheinander, die Säulen der Terrasse zerbarsten. Dann erscholl ein schneller Donner und ein Schlag. Ein gewaltiger Regen ergoß sich und setzte die Terrasse einige Fuß tief unter Wasser. Im Innern der Terrasse verbreitete sich Flut, und das Gefolge floh vor Schrecken. Ping Kung und Ling Kung verbargen sich ängstlich hinter der Tür eines Nebenzimmers. Endlich hörte der Sturm und Regen auf. Das Gefolge sammelte sich allmählich wieder und stützte die beiden Fürsten, als sie die Terrasse bestiegen. In der gleichen Nacht aber befiel Ping Kung ein tiefer Schrecken, sein Herz begann zu pochen, er verfiel in Krankheit, seine Gedanken verwirrten sich, sein Wille wurde gelähmt, bis ihn bald darauf der Tod überfiel und tötete. Die List des Admirals Djou Yü, der Admiral von Wu, spionierte die Seebefestigungen des Fürsten Tsao Tsao aus und fand sie schön, wohl eingerichtet und in Wahrheit so vortrefflich, daß es nichts Besseres für den Seekrieg geben mochte. Als er nun fragte, wer Tsao's Admiral sei, entgegnete das Gefolge: »Tsai Mao und Dschang Yün.« »Die beiden« dachte Djou Yü, »haben lange im Lande östlich des Flusses Land östlich des Flusses – Land Wu. gelebt und verstehen sich wohl auf den Seekrieg. Ich muß sie fortschaffen, dann kann ich Tsao zu Boden werfen.« Als Tsao davon vernahm, sprach er zu seinen Offizieren: »Unsere Befestigungen sind vom Feinde ausspioniert worden. Welche List müssen wir anwenden, um ihn wirksam anzugreifen?« Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, so meldete sich einer: »Ich war,« sagte er, »in meiner Jugend ein Schulgenosse und naher Freund des jungen Djou. Ich will meine drei Zoll lange Zunge, die noch nie versagt hat, nützen, um ihn zu überreden, daß er zu uns in das Land östlich des Flusses komme und Wu an uns verrate.« Tsao war hoch erfreut und blickte ihn an. Es war ein Mann aus Kiu Kiang, Dschang Kan mit Namen und mit dem Beinamen Tse J genannt, der zur Zeit Schreiber im Generalstabe war. Da fragte Tsao: »Seid Ihr, Tse J, in Wahrheit mit Djou Yü so nahe befreundet?« »Seid ohne Sorgen,« erwiderte jener, »wenn Kan in das Land links des Flusses geht, so wird es keinesfalls ohne Erfolg geschehen.« »Was wollt Ihr mitnehmen?« fragte Tsao. »Nur einen Knaben zur Bedienung und zwei Knechte für die Schiffahrt, sonst nichts«, erwiderte Kan. Da wurde Tsao fröhlich und ließ ein Festmahl bereiten, um Abschied von Tse J zu feiern. So fuhr Kan in einem hänfenen Hut und Baumwollkleidern, mit einem kleinen Boote geradewegs in das Lager Djou Yü's und ließ melden, sein alter Freund Dschang Kan sei zu Besuche gekommen. Djou Yü befand sich gerade im Zelt, um eine Beratung abzuhalten. Als er von Kans Ankunft vernahm, freute er sich: »Da kommt der Überredungskünstler!« rief er aus und flüsterte sogleich mehreren Offizieren in die Ohren, wie man sich verhalten solle. Als sämtliche Offiziere ihre Befehle erhalten hatten, wurden sie entlassen. Dann brachte Yü Hut und Gewänder in Ordnung und trat mit seinem Gefolge, einigen hundert Leuten, die sämtlich mit seidenen Kleidern und buntfarbigen Hüten angetan waren und teils vor, teils hinter ihm hergingen, Schar um Schar aus dem Zelte heraus. Dschang Kan hieß seinen schwarzgekleideten Knaben mitkommen und ging ihm furchtlos entgegen. Als Yü sich gebeugt und Kan begrüßt hatte, fragte dieser: »Bist Du, seit wir uns getrennt haben, stets wohl geblieben, teuerster Freund?« »Ich bedaure Tse J aufrichtig,« erwiderte Yü, »daß er so weit über Fluß und See gefahren ist, um mich wegen des Fürsten Tsao zu überreden.« Da sprach Kan: »Lange habe ich Dich nun nicht gesehen. Ich komme zu keinem andern Zwecke, als um Dich zu besuchen. Wenn Du daran zweifelst, so kehre ich unverzüglich um.« Da lachte Yü und nahm ihn beim Arme: »Ich fürchtete nur,« sagte er, »Du wollest mich wegen des Fürsten Tsao überreden. Wenn Dir aber dergleichen Gedanken ferne sind, weshalb willst Du so rasch wieder fort?« Sogleich trat er mit ihm in das Zelt und ließ, als die Empfangszeremonien beendet waren und man die Plätze eingenommen hatte, die Ritter aus dem Lande links des Flußes antreten, um sie Tse J vorzustellen. Bald waren alle Beamten, sämtlich in seidenen Gewändern, und selbst die einfachsten Unteroffiziere und das Gefolge in silbernen Panzern hereingekommen und stellten sich in zwei Reihen auf. Als sie den Gast begrüßt hatten, setzten sie sich geteilt zu beiden Seiten des Tisches. Eine große Festtafel wurde gedeckt, die Musik spielte den Siegesmarsch, die Becher kreisten. »Dieser«, sagte Yü zu den übrigen Beamten, »ist mein Schulgenosse und lieber Freund. Ob er auch aus dem Lande rechts des Flußes kommt, er will uns nicht abtrünnig machen. Daran, befehle ich, soll kein Zweifel unter Euch herrschen!« Sogleich gürtete er sein Schwert ab und reichte es einem der Offiziere, die dabei saßen: »Ihr mögt dieses Schwert tragen«, sprach er, »und mit ihm die Trinkordnung aufrechterhalten. Das heutige Mahl soll nur dem Gespräch über unsere persönliche Freundschaft gelten, wer mit einem Worte daran erinnert, was es zwischen Wu und Tsao auszutragen gibt, der soll sogleich des Todes sein.« Der Offizier gehorchte und saß, die Hände auf das Schwert gestützt, bei Tische. Dschang Kan war erschrocken und wagte nur wenig zu sprechen. Da sagte Djou Yü: »Seit ich die Flotte befehlige, habe ich nie einen Tropfen Weins mehr getrunken. Heute aber habe ich meinen alten Freund getroffen, so soll denn, nun ich nicht mehr an ihm zweifle, getrunken sein, bis ich am Rande bin.« Als er dies gesprochen hatte, lachte er laut auf und trank wacker immerzu. Auf der Tafel sah man nichts mehr als das Kreuzen der Becher und Schalen. So zechten sie, bis sie halb berauscht waren, da faßte Yü zuletzt Kans Hand und führte ihn aus dem Zelte. Links und rechts war alles voll von Soldaten, die bis an die Zähne bewaffnet mit Lanze und Säbel dastanden. »Ist unser Heer nicht wahrhaft ruhmwürdig und tüchtig zum Kampfe?« fragte Yü. »Wahrlich, sie sind wie Tiger und Bären«, entgegnete Kan. Nun führte Yü ihn weiter, bis sie hinter das Zelt kamen, wo man das Getreide wie ein Gebirge aufgestapelt sah. »Ist unser Proviant nicht reichlich und wohl vorbereitet?« fragte Yü. »Tüchtig sind die Soldaten, reich der Proviant,« erwiderte Kan, »es ist wahrlich kein Märchen.« Yü tat betrunken und sprach unter lautem Gelächter: »Als ich mit Dir zusammen auf der Schule war, wer hätte damals gedacht, daß ich so hoch steigen würde?« »Bei Deiner Fähigkeit – wie konnte es anders kommen?« antwortete Kan. Nun faßte Yü wieder Kans Hand und sagte: »Wenn ein großer Mann geboren wird und findet einen Fürsten, der ihn versteht, und der Fürst hört an, was er ihm sagt, wie möchte es anders sein, als daß beide Glück und Unglück miteinander teilen? Und kämen noch einmal Redner zur Welt, wie Su Tsin oder Dschang J gewesen, mit Lippen, aus denen die Rede stürzt wie ein senkrechter Strom, und mit Zungen schneidend wie Schwerter, mein Herz vermöchten sie doch nicht zu bewegen.« Als er dies gesagt hatte, lachte er wieder laut auf, Dschang Kans Gesicht aber erbleichte. Als er Kan wieder in das Zelt zurückgeführt hatte, ging das Zechen mit den andern aufs neue an. Während sie tranken, wies Yü auf die Anwesenden: »Dies alles«, rief er, »sind Helden aus dem Lande östlich des Flusses. Die heutige Zusammenkunft kann man füglich die «Versammlung der vielen Helden nennen.« So tranken sie bis zum Abend, die Lichter wurden angezündet, da hub sich Yü von seinem Platze, schwang das Schwert und sang: Ist ein großer Mann auf Erden, schafft er sich Gefolg und Namen. Hat er dann Gefolg und Namen, ist er froh, solang er lebt. Ist er froh, solang er lebt, wird er weidlich sich betrinken. Ist er weidlich dann betrunken, singt er Unsinn Tag und Nacht. Als er geendet hatte, lachten alle Gäste in fröhlichem Übermut. So ging es bis tief in die Nacht hinein, bis Kan abwehrte und erklärte, die Kraft des Weines nicht mehr zu ertragen. Da befahl Yü, die Tafel abzudecken. Die Beamten nahmen Abschied und entfernten sich. »Lange habe ich nicht mit Tse J im gleichen Bette geschlafen,« sagte Yü, »heute müssen wir Sohle gegen Sohle schlafen.« Nun stellte er sich gänzlich betrunken und führte Kan in das Schlafzimmer, um mit ihm zu Bette zu gehen. Yü warf sich in den Kleidern auf das Bett, stöhnte und übergab sich, alles durcheinander. Dschang Kan aber vermochte nicht einzuschlafen, lehnte in den Kissen und horchte. Eben schlug zum zweiten Male die Nachttrommel, da setzte er sich auf und sah, daß die Lampe fast herabgebrannt war, aber noch Licht verbreitete. Djou's Schnarchen schallte wie Donner. Da gewahrte Kan auf dem Tische im Zimmer hochgehäuft eine Menge Schriftstücke liegen. Er verließ das Bett und sah verstohlen nach: es waren lauter Briefschaften. Darunter befand sich ein Schreiben, worin die Unterschriften von Tsao's Admiralen Tsai Mao und Dschang Yün zu lesen waren. Kan erschrak heftig. Heimlich las er das Schreiben. Es handelte sich darum, Gelegenheit zu suchen, um Tsao zu töten und das Land an Wu zu verraten. »Wahrlich,« dachte Kan bei sich, »Tsai Mao und Dschang Yün sind heimlich im Einverständnis mit Wu,« und steckte sogleich den Brief in sein Kleid. Da drehte sich Yü im Schlafe auf die andere Seite, Kan blies rasch die Lampe aus und legte sich nieder. Da sprach Yü aus dem Traum, indem er die Worte undeutlich im Munde wälzte: »Tse J, binnen wenigen Tagen werde ich Dich Tsao's Kopf bei mir sehen lassen.« »Schon gut«, sagte Kan, dem nichts andres übrigblieb. Da sprach Yü abermals: »Tse J, bleibe hier, ich werde Dich Tsao's Kopf bei mir sehen lassen.« Als aber Kan weiterfragte, war Yü wieder fest eingeschlafen. Kan lehnte im Bett. Es war etwa um die Zeit der vierten Nachttrommel, als er plötzlich jemand kommen und rufen hörte: » Admiral, seid Ihr erwacht?« Djou Yü, schlaftrunken, stellte sich, als ob er plötzlich erwache. Absichtlich fragte er den Ankömmling, wer denn da bei ihm auf dem Bette liege? »Ihr selbst habt Tse J eingeladen, mit Euch zusammen zu schlafen,« sprach jener, »habt Ihr es schon vergessen?« Yü entschuldigte sich sehr: »Ich bin des Trinkens ungewohnt,« sagte er, »gestern aber war ich betrunken und hatte die Selbstbeherrschung verloren. Ob ich nicht nachts aus dem Schlafe gesprochen habe?« Da erwiderte der andere: »Es ist einer aus dem Lande rechts des Flusses angekommen.« »Leise!« schalt Yü und rief Kan beim Namen. Dschang Kan aber tat, als ob er fest schliefe. Da ging Yü leise aus dem Zimmer. Kan horchte heimlich. Da vernahm er, wie draußen jemand sagte: »Unsere Admirale Tsai Mao und Dschang Yün erklären, vorläufig sei die Gelegenheit nicht günstig, ihn zu töten.« Dann wurde nur noch geflüstert, so daß man die Worte nicht mehr unterscheiden konnte. Als eine geraume Zeit verstrichen war, kehrte Yü wieder ins Zimmer zurück und rief: »Tse J!« Dschang Kan aber antwortete nicht, zog sich die Decke über den Kopf und stellte sich weiter schlafend. Nun zog auch Yü sich aus und legte sich nieder. »Djou Yü ist ein kluger Mann«, dachte Kan. »Wenn er morgen früh den Brief nicht mehr findet, läßt er mich umbringen.« Er blieb liegen, bis die Trommel zum fünften Male schlug, dann stand er auf und rief Djou Yü beim Namen. Als er ihn aber fest schlafend fand, setzte er seinen Hut auf und schlich auf den Zehen hinaus. Dort nahm er den kleinen Knaben mit sich und trat aus dem Tor. Die Wache fragte: »Herr, wo wollt Ihr hin?« »Ich fürchte, den Admiral bei seinen Arbeiten zu stören,« entgegnete Kan, »so wollte ich mich denn auf diese Weise entfernen.« Die Wache hielt ihn nicht auf und ließ ihn passieren. Da bestieg Kan das Boot und fuhr mit großer Geschwindigkeit in sein Land zurück. Als er vor Tsao Tsao erschien, fragte ihn dieser: »Welches ist der Erfolg?« »Der junge Djou«, erwiderte Kan, »ist so treu und beständig, daß er mit Worten nicht überredet werden kann.« »Nun ist wieder nichts geworden,« rief Tsao zornig, »wir werden nur von ihm verspottet werden.« »Ob es mir auch nicht gelang, Djou Yü zu überreden,« sprach Kan, »so habe ich dennoch etwas Wichtiges für Euch in Erfahrung gebracht. Bitte, laßt das Gefolge hinausgehen!« Dann holte Kan den entwendeten Brief hervor, reichte ihn Tsao und erzählte ihm alles, was er in Wu erlebt hatte. Tsao geriet in Wut: »Welche Niedertracht!« rief er aus und ließ sogleich Tsai Mao und Dschang Yün vor sich rufen. Als sie eingetreten waren, sprach Tsao: »Ich beabsichtige, Euch jetzt zum Angriff gegen Wu auszusenden. Seid Ihr bereit?« »Unsere Seemannschaft ist noch nicht ausreichend eingeübt«, erwiderte Mao. »Wir können nicht angreifen, solange es uns an Erfahrung fehlt.« »Wäre die Mannschaft reif zum Kriege,« rief Tsao zornig, »so hättet Ihr meinen Kopf längst dem Djou Yü überbracht.« Die beiden verstanden nicht, was Tsao meinte. Sie gerieten in Schrecken und vermochten nicht zu antworten. Dies steigerte Tsao's Verdacht so sehr, daß er sie sogleich enthaupten ließ. Als man ihm die Köpfe der beiden überbrachte, sagte er bei sich selber: »Ich bin einer List zum Opfer gefallen.« Die übrigen Beamten fragten ihn, weshalb Tsai Mao und Dschang Yün enthauptet worden seien. Aber ob er auch wußte, daß er einer List zum Opfer gefallen war, mochte er dennoch vor den Untergebenen die Schuld nicht auf sich nehmen und gab vor, die beiden hätten seinen Befehlen zuwider gehandelt, deshalb seien sie zum Tode verurteilt worden. Dies schmerzte die Beamten tief. Als aber Djou Yü vernahm, wie es mit Tsai Mao und Dschang Yün ergangen war, sprach er: »Niemand habe ich gefürchtet als diese beiden. Nun sie aber getötet worden sind, so werde ich künftig ohne Sorgen leben.« Der Held Kuan Herzog Kuan Yün-Tsiang, der Statthalter von Han Siu, war berühmt durch seine List und Tapferkeit, und jeder verlor den Mut, der seinen Namen hörte. Als er nun die Stadt Fan Tsing in We erobern wollte, widerfuhr es ihm, daß sein rechter Arm von einem Pfeil getroffen wurde und er sogleich vom Rosse fiel. Als ihn seine Generale und Offiziere nach dem Zelt zurückgerettet hatten und den Pfeil aus dem Arme zogen, erwies es sich, daß die Pfeilspitze vergiftet und das Gift bereits bis in den Knochen hinabgedrungen war, so daß der Arm blau angeschwollen und gänzlich unbeweglich geworden. Kuans Sohn, mit dem Vornamen Ping genannt, beriet erregt mit den übrigen Generalen und begab sich hierauf mit ihnen zu dem Herzog. »Was begehrt Ihr?« fragte Kuan. »Wir fürchten,« antworteten sie, »daß Euer verwundeter rechter Arm Euch beim Kämpfen gegen den Feind behindern möchte, und bitten Euch, das Heer so lange nach King Djou zurückkehren zu lassen, bis Euer Arm geheilt ist.« Doch zornig fuhr Kuan auf: »Ich werde Fan Tsing sogleich zu erobern wissen. Sollte ich um einer geringen Wunde willen so große Dinge versäumen und wagt Ihr es, den Mut meines Heeres träge zu machen?« Da verstummten Ping und die anderen und gingen schweigend hinaus. Als sie nun einsahen, daß Herzog Kuan nicht zurückkehren würde, die Wunde aber nicht verheilen wollte, suchten sie überall nach guten Ärzten. Da kam eines Tages ein Mann vom Ostufer des Flusses in einem kleinen Schiffe dahergefahren. Er trug einen viereckigen Hut und ein weites Kleid und hatte eine schwarze Tasche am Arme hängen. Er begab sich sogleich ins Lager und sprach: »Ich heiße mit Zunamen Hua, mit Vornamen Tuo und mit dem Ehrennamen Yüan Hua. Ich vernahm, daß der Marschall Kuan, der weltberühmte Held, durch einen Giftpfeil angeschossen wurde, und bin hierhergekommen, seine Wunde zu heilen.« Man führte ihn zu Herzog Kuan: Die Armschmerzen waren eben aufs höchste gestiegen, doch da der Herzog den Mut seiner Soldaten nicht schwächen wollte und sich auf eine andere Weise nicht beschäftigen konnte, so spielte er Schach mit Ma Liang. Als er hörte, der Arzt sei gekommen, bat er ihn herein, begrüßte ihn und ließ ihn niedersitzen. Dann wurde Tee getrunken, endlich bat Tuo, den Arm untersuchen zu dürfen. Der Herzog entledigte sich der Ober- und Unterkleider, streckte den Arm aus und ließ Tuo die Untersuchung beginnen. »Der Pfeil war mit dem schwarzköpfigen Gifte vergiftet, als Ihr angeschossen wurdet,« sagte Tuo, »das Gift sitzt schon im Knochen, und wenn die Wunde nicht schnell geheilt wird, so werdet Ihr den Arm nicht wieder gebrauchen können.« »Womit heilt Ihr ihn?« fragte der Herzog. »Ich weiß ein Mittel,« erwiderte Tuo, »doch fürchte ich, Ihr werdet Euch davor scheuen.« Da lächelte der Herzog und sagte: »Mir ist der Tod wie eine Heimkehr – weshalb sollte ich mich scheuen?« »So muß«, antwortete Tuo, »eine Säule an einem ruhigen Ort in der Erde festgerammt werden. An der Säule bringt man einen eisernen Ring an, Ihr steckt den Arm durch den Ring, streckt ihn aus und lasset ihn mit einem Stricke festbinden. Dann müßt Ihr Euch das Haupt mit einem Tuche verhüllen lassen, so werde ich mit einem spitzen Messer das Fleisch bis an den Knochen herausschneiden, das Gift wegschaben, die Wunde mit Arznei bestreichen und mit Fäden vernähen. Nur so könnt Ihr geheilt werden, aber ich fürchte, Ihr scheut Euch doch.« Da lachte der Herzog breit: »Wenn es nichts andres ist,« sagte er, »so können wir Säule und Ring entbehren«, ließ ein Festmahl zurüsten und lud auch Tuo dazu ein. Als er einige Becher Weins getrunken hatte, streckte er, während er mit dem einen Arme Schach mit Ma Liang spielte, den andern aus und hieß Tuo schneiden. Tuo nahm das spitze Messer zur Hand und befahl einem Soldaten, eine große Schüssel unterzustellen, um das Blut darin aufzufangen. »Ich möchte sogleich beginnen,« sagte Tuo, »doch Ihr werdet erschrecken!« »Schneide zu!« entgegnete der Herzog. Tuo trennte die Haut und das Fleisch des Armes geradezu bis an den Knochen auf. Der Knochen war schon blau angelaufen, Tuo schabte mit dem Messer daran, man konnte deutlich das Kratzen der Klinge vernehmen. Alle Leute im Zelte verhüllten ihr Gesicht und erbleichten bei dem Anblick. Der Herzog trank unterdessen vom Wein, aß von den Speisen, spielte Schach, lachte und verfärbte sich nicht einmal. Bald war die Schüssel voll von Blut gelaufen. Als Tuo das Gift herausgeschabt hatte, bestrich er die Wunde mit Arznei und vernähte sie mit Fäden. Da lachte der Herzog laut, stand auf und sprach zu den Anwesenden: »Diesen Arm kann ich nun wieder biegen und strecken, und er schmerzt mich nicht mehr. Der Herr ist in Wahrheit ein wunderbarer Arzt.« »Lange schon bin ich Arzt,« entgegnete Tuo, »nie aber habe ich dergleichen gesehen. Ihr seid wahrlich der Wundersamste unter den Helden.« Als die Schußwunde nun ganz geheilt war, lud der Herzog Hua Tuo zu einem Festmahl ein. Da warnte Tuo ihn, er solle den Arm trotz der Heilung schonen, und bat ihn dringend, Zorn zu meiden, noch den Arm zum Stoße zu gebrauchen, so würde er in hundert Tagen so heil sein wie ehedem. Der Herzog zog hundert Taëls Gold hervor und wollte Tuo damit beschenken, doch dieser sagte: »Ich bin gekommen, um einen Helden zu heilen, sollte ich da noch Lohn verlangen?« schlug es ab und nahm es nicht an. Dann ließ er noch allerlei Arzneien und Pflaster zurück, um die Wunde damit zu verkleben, und entfernte sich. Nun begab es sich, daß, während Herzog Kuan sich im Kriege mit We befand, der Fürst von Wu, bewogen durch einen listigen Rat seines Ministers Lü Meng, des Herzogs Stadt King Djou eroberte. Als der Herzog erfuhr, daß seine Stadt gefallen war, stieg sein Zorn bis zum Himmel: die Naht an der Wunde platzte und er fiel ohnmächtig zu Boden. Die Generale riefen ihn ins Leben zurück und flohen mit dem Heer nach Me Tsing, um daselbst einen Unterschlupf für ihre Soldaten zu suchen. Hilfsmannschaften, die sie erwartet hatten, blieben aus, Lebensmittel besaßen sie keine, so stieg die Not bald aufs höchste. Da meldete man plötzlich einen Mann, der sich vor der Stadt befand und den Herzog zu sprechen wünschte. Kuan ließ ihn kommen und fragte ihn nach seinem Namen, da war es ein Abgesandter des Fürsten von Wu: »Ich komme im Namen des Fürsten von Wu zu Euch,« sprach er, »um Klarheit zu schaffen. Man sagte in alter Zeit, ein Held sei, wer die Gelegenheit zu nützen verstünde. Nun sind alle neun Bezirke oberhalb des Hanflusses, wo Ihr regiert habt, im Besitze Eures Feindes und nur diese einzige Stadt Me Tsing ist noch Euer. Es fehlt an Proviant hier innen, an Hilfe von außen. So kann am Morgen oder Abend das Letzte kommen. Warum folgt Ihr nicht meinem Rat und ergebt Euch dem Fürsten von Wu?« Kuans Gesicht war ernst: »Wenn diese Stadt wirklich fällt,« sagte er, »so ist nichts als der Tod mein Teil. Redet nicht weiter und entfernt Euch eilends aus der Stadt!« Damit ließ er ihn davonjagen. Tags darauf aber ließ er zwei seiner Getreuen, Djou Tsang und Wang Fu, zur Bewachung in der Stadt zurück, führte die zweihundert verwundeten Soldaten, die ihm noch geblieben, hinaus und stürzte sich in den Kampf. Als es früh zu dämmern begann, waren nur noch zehn von ihnen am Leben. Dann wurde Kuan von den Feinden, die zahllos aus Schilf und Gras, hinter Bäumen und Sträuchern hervorkamen, mit Stricken und Netzen lebendig gefangen, mit ihm sein Sohn Ping, der ihm zu Hilfe eilen wollte. Als der Tag erschien, waren Vater und Sohn schon vor das Zelt des Fürsten von Wu gebracht. Der Fürst von Wu redete ihm zu, sich zu ergeben, doch hörte er nicht darauf und wurde sogleich mit den Seinen enthauptet. Zur selben Stunde fühlte Wang Fu, der eine von den Männern, die Kuan in der Stadt Me Tsing zurückgelassen, seine Knochen zittern und sein Fleisch zucken. »Mir träumte heut nacht,« sprach er zu seinem Genossen Djou Tsang, »unser Herr stand, den ganzen Leib mit Blut überströmt, vor mir. Doch ehe ich ihn fragen konnte, war ich erwacht. Der Himmel wird wissen, was es bedeuten mag.« Die Rede war noch nicht zu Ende, da meldete man, das Heer des Fürsten von Wu sei schon außerhalb der Stadt und trage die Köpfe Kuans und seines Sohnes hoch vor sich her, um durch den Anblick jeden Widerstand zu brechen. Wang Fu und Djou Tsang erschraken heftig, eilten auf die Stadtmauer und blickten hinab. Da sahen sie wirklich, wie sie dort die Köpfe Kuans und seines Sohnes herantrugen. Wang Fu schrie laut auf, stürzte über die Mauer und blieb tot dort liegen. Djou Tsang beging Selbstmord. Nur der Geist des Herzogs Kuan konnte nicht zur Ruhe kommen. Er schwebte und flog dahin, bis er in das Gebirge Yütsüan kam. Auf dem Gebirge lebte ein greiser buddhistischer Mönch, mit dem Mönchsnamen Pu Djing geheißen. Er war einst ein Prediger im Tsin Kuo-Tempel gewesen, der im Burgfrieden von Fan Sue gelegen ist. Weil er aber beim Durchwandern der Welt in dieser Gebirgsgegend den Berg hell und das Wasser klar gefunden, so blieb er hier, machte aus Gras einen Tempel und betete täglich darin. Er hatte niemand bei sich als ein kleines Mönchlein, das für ihn betteln mußte. In dieser Nacht nun schien der Mond weiß und der Wind ging klar. Nach dem dritten Schlage der Nachtglocke saß Pu Djing eben in seinem Tempel und sann, da vernahm er plötzlich den lauten Ruf einer Stimme aus hoher Luft: »Gib mir meinen Kopf wieder!« rief es herab. Pu Djing wandte sein Gesicht nach oben, da sah er in den Lüften einen Mann auf rotem Rosse reiten, der eine Drachenaxt in Händen trug. Zu seiner Linken befand sich ein Jüngling mit weißem Gesicht, zu seiner Rechten ein Mann mit dunklem Gesicht und krausem Barte. Sie ließen ein Wolkenband herunterflattern, bis es den Gipfel des Yütsüan-Gebirges berührte. Pu Djing erkannte, daß es der Herzog war, den er einstens manchmal gesehen, und winkte mit dem Roßhaarwedel der Erscheinung zu: »Wo bist du, Kuan Yün-Tsiang?« Da erwachte der Geist des Herzogs jäh, stieg vom Rosse und fuhr mit dem Wind langsam vor dem Gebirge. Dann faßte er die Hände des Mönchs und sprach: »Wer bist Du, Meister, ich möchte Deinen Namen wissen.« »Ich bin Pu Djing«, entgegnete jener. »Unglück hat mich getroffen und ich bin dem Tod unterlegen,« sagte der Herzog Kuan, »gib mir Rat, wie ich aus dieser Wirrnis komme.« Da antwortete Pu Djing: »Daß nun falsch wäre, was einstens richtig gewesen, darüber bedarf es keines Gedankens. Denn was nachher kommt, hat seine Wurzel im Vergangenen und kann nicht falsch sein. Jetzt bist Du von Lü Meng getötet worden und rufst: Gib mir meinen Kopf zurück! aber gedenke Yien Liangs, Wen Tsius und anderer, die Du wieder enthauptet hast: wer sollte wohl ihnen ihre Köpfe wiedergeben?« Da berührte Herzog Kuan mit der Stirn die Erde, sammelte die innere Kraft und verschwand, nach Rache dürstend für seinen Tod. Nun hatte der Fürst von Wu durch jene List seines Ministers Lü Meng King Djou in Besitz genommen. Dafür füllte er eigenhändig einen Becher mit Wein und schenkte ihn dem Lü Meng. Lü Meng empfing den Wein und wollte eben zum Trinken ansetzen, als er plötzlich den Becher zur Erde schleuderte. Mit einer Hand ergriff er den Fürsten und fluchte laut: »Grünäugiges Kind! Rotbärtige Maus! Kennst Du mich noch?« Die Anwesenden erschraken heftig, doch als sie zur Rettung herbeieilen wollten, schlug Lü Meng den Fürsten zu Boden. Mit großen Schritten ging er auf des Fürsten Platz und ließ sich darauf nieder. Seine beiden Brauen waren hinaufgezogen, seine zwei Augen rund geöffnet. »Seit der ersten Waffentat meiner Jugend«, rief er laut, »bin ich dreißig Jahre kreuz und quer durch die Welt gezogen, jetzt, Fürst von Wu, ging ich Dir ins Netz. Bekam ich auch, solange ich lebte, Dein Fleisch nicht zum Fraße, so will ich wenigstens im Tode Deines Dieners Lü Meng Geist umtreiben. Denn der hier aus Lü Mengs Leibe redet, bin ich, Herzog Kuan Yün-Tsiang, Statthalter von Han Siu.« Der Fürst von Wu, zu Tode erschrocken, führte seine Generale und Offiziere mit einer heftigen Bewegung vor ihn hin und zwang sie in die Knie. Doch da sahen sie, daß Lü Meng plötzlich zu Boden stürzte: Blut floß aus allen sieben Öffnungen seines Leibes, und er war sogleich tot. Der Rächer Am Ende der Dynastie Han lebte ein Minister, namens Tsao Tsao, der durch Gewalttaten auf den Königsthron von We gelangte. Er vergiftete die Kaiserin und zahlreiche Hofdamen und Prinzessinnen und zwang zuletzt den Kaiser, ihn zum Herrscher über We zu machen. Als er dies erlangt, ließ er einen eigenen Palast für den König von We errichten und fahndete, als dieser vollendet war, allüberall nach den wunderbarsten Blumen und seltsamsten Früchten, um sie im hinteren Parke des Palastes anzupflanzen. So sandte er auch einen Beamten nach dem Lande Wu, damit er Orangen herbeischaffe. Der Fürst von Wu suchte die größten Orangen aus, an die achtzig Körbe voll, und ließ diese Tag und Nacht nach der Stadt Ye schaffen. Als die Träger nun inmitten ihres Weges waren, wurden sie müde und hielten Rast in der Nähe eines Gebirges. Da sahen sie einen Herrn auf sich zukommen, der einäugig war, an einem Fuße hinkte und einen weißen Rohrhut auf dem Kopfe trug. Er hatte ein bequemes Kleid von schwarzer Farbe an, machte eine Verbeugung und fragte: »Seid Ihr ermüdet von Eurer Schulterlast? Ich armer Freund des Tao will gern für jeden von Euch sein Gewicht ein Stück Weges tragen. Wie denkt Ihr darüber?« Die andern freuten sich sehr, da trug der Herr eines jeden Traglast fünf Meilen weit, aber jedes Stück, das er getragen hatte, war leichter geworden, so daß sich die Leute sehr darüber wunderten. Ehe er sich nun entfernte, sprach er zu den Beamten: »Ich bin ein alter Freund des Königs von We, noch aus seiner Heimat her. Mein Zuname ist Tsuo, mein Vorname Tse, mein Ehrenname Yüan Fang. Im Tao bin ich der Herr vom schwarzen Horne genannt. Wenn Ihr in die Stadt Ye kommt, so bitt' ich Euch zu sagen, Tsuo Tse ließe grüßen.« Dann schwang er die Ärmel und war sogleich verschwunden. Als die Orangen in die Stadt Ye gebracht worden waren, öffnete Tsao Tsao eigenhändig die Körbe, aber es fanden sich nur die Schalen darin. Tsao war sehr bestürzt und fragte die Beamten, die nunmehr ihr Erlebnis mit Tsuo Tse erzählten. Tsao wollte ihnen keinen Glauben schenken, als der Wächter plötzlich meldete, ein Herr, der sich Tsuo Tse nenne, wünsche den großen König zu sprechen. Der König ließ ihn hereinführen, da sagten die Beamten: »Dies ist derselbe, den wir unterwegs getroffen haben.« »Mit welchem Zaubermittel hast Du meine schönen Früchte verschwinden gemacht?« fragte Tsao scheltend. »Dies ist nicht möglich«, erwiderte Tse, nahm eine Orange und öffnete sie: da waren alle wohl gefüllt und überdies von besonders süßem Geschmacke, und nur die Tsao selber öffnete, waren sämtlich leer und bloße Schale. Tsao erstaunte darob noch mehr, ließ Tse niedersitzen und begann, ihn auszufragen. Tse verlangte vorerst nach Wein und Fleisch, Tsao ließ sie ihm bringen. Da trank er des Weines fünf Scheffel, ohne betrunken, und aß das Fleisch eines ganzen Schafes, ohne satt zu sein. »Welch ein Mittel besitzest Du,« fragte Tsao, »um solches zustande zu bringen?« »Ich armer Freund des Tao«, erwiderte Tse, »wohnte in Li in der Provinz Si-Tsüan im Kreise Kie-Ling, auf dem Uo-Megebirge, und hatte mich dreißig Jahre mit dem Tao beschäftigt, als ich eines Tages plötzlich eine Stimme aus der Felswand vernahm, die meinen Namen rief. Als ich zusah, war nichts zu finden. So ging es mehrere Tage, da wurde die Felsenwand von einem Donner gesprengt. Darin fand ich drei Himmelsbücher, ihr Name ist ›die Himmelsbücher Ten Kie‹. Das erste heißt ›Im Himmel verschwinden‹, das andere heißt ›In der Erde verschwinden‹, das dritte heißt ›Vor den Menschen verschwinden‹. In dem Buche ›Im Himmel verschwinden‹ steht geschrieben, wie Du mit den Wolken fliegen und mit dem Winde fahren magst, leise im Fliegen steigst Du hinein in den Raum des Himmels. In dem Buche ›In der Erde verschwinden‹ steht geschrieben, wie Du durch Gebirge und Felsen gehst. In dem Buche ›Vor den Menschen verschwinden‹ steht geschrieben, daß Du gleich den Wolken wandern kannst mit der ganzen Welt, Deinen Leib unsichtbar machen und Deine Gestalt verwandeln. Schwerter lässest Du fliegen und schleuderst Dolche, daß sie das Haupt dessen vom Rumpfe mähen, der vor Dir steht. Du, Fürst, bist von Stande doch schon der Höchste unter den Mandarinen, warum trittst Du nicht zurück und gehst mit mir nach dem Uo-Megebirge, um Dich zu vergeisten? Ich werde Dir die drei Himmelsbücher zu eigen geben.« »Schnell möchte ich weiterfließen, lange schon,« entgegnete Tsao, »und rasch abwerfen, was mich hindert. Aber es ist im Palaste nicht einer, der mich vertreten könnte.« Da lachte Tse: »Liu Pe aus J-Djou ist ein Nachfahr aus kaiserlichem Stamme, warum lässest Du ihn nicht an Deine Stelle treten? Denn tust Du es nicht, so lasse ich mein Schwert fliegen, daß es Dir das Haupt vom Rumpfe mäht.« Da fuhr Tsao wütend auf und rief: »Er ist sicherlich ein Spion des Liu Pe!« und ließ ihn durch das Gefolge festnehmen. Da lachte Tse noch gewaltiger und wollte gar nicht damit enden. Tsao befahl, mehr als zehn Amtsknechte sollten ihn festhalten und prügeln. Tsuo Tse aber schlief dabei ein und schnarchte behaglich, er hatte keinerlei Schmerz davon verspürt. Tsao wütete, ließ ihm einen großen Holzring mit eisernen Nägeln um den Hals legen und zuschließen und ihn so in den Kerker werfen. Aber der Mann, den er ihm eigens zur Bewachung nachsandte, gewahrte, daß das Schloß abgefallen war und Tse auf der Erde ausgestreckt lag, ohne im geringsten verletzt zu sein. So hielt ihn Tsao sieben Tage lang gefangen, ohne ihm zu essen und trinken zu geben. Aber als man ihn wieder zu Gesichte bekam, saß Tse hoch aufgerichtet auf der Erde und seine Wangen waren röter als zuvor. Da sah Tsao, daß er ihm nichts anhaben konnte, und ließ ihn vor sich bringen. Nun war es gerade ein Tag, da alle Beamten nach dem Palaste kamen, um ein Festmahl daselbst zu feiern. Da erbot sich Tse, der zur allgemeinen Verwunderung Holzschuhe trug, für die Gäste herbeizuzaubern, was immer der König wünschen mochte. »Laß Drachenleber zur Suppe kommen«, rief Tsao. Da malte Tse mit Pinsel und Tusche einen Drachen an die weiße Wand und strich einmal mit dem Ärmel darüber hin: da öffnete sich des Drachen Leib und er entnahm ihm die Leber. Darauf wünschte Tsao, weil es just um die Jahreszeit war, da alle Blumen verwelkt sind, Pfingstrosen zu sehen, und schon wuchs eine doppelt blühende aus einem goldenen Blumentopf, den sie hereingebracht hatten. Mit solchen und ähnlichen Zaubereien verstrich unter dem Staunen aller Gäste die Zeit, da ergriff Tsuo Tse einen edelsteinernen Becher, schenkte ihn voll Wein und rief Tsao zu: »Großer König, wenn Du diesen Becher Wein zu trinken vermagst, so wirst Du tausend Jahre leben.« »Trink zuerst!« rief der König. Da nahm Tse eine edelsteinerne Nadel aus dem Hut und teilte damit den Wein in dem Pokal in zwei Teile. Dann trank er die eine Hälfte und gab die andere dem König. Da begann dieser zu schelten, daß er vor dem König zu trinken gewagt, im selben Augenblick verwandelte der Becher sich in einen weißen Falken und flog um den Palast. Während nun die Beamten alle in die Luft starrten, war Tsuo Tse plötzlich verschwunden. Als die Diener meldeten, daß Tsuo Tse aus dem Tor gegangen war, rief der König: »Dergleichen Zaubervolk muß aus dem Wege geräumt werden, soll es nicht Schaden stiften!« und sandte sogleich einen Offizier mit Soldaten nach, um ihn zurückzubringen. Der Offizier war zu Roß und ritt vor den Soldaten her. Tsuo Tse in seinen Holzschuhen ging langsam vor ihm her, fliegend trieb der Offizier sein Roß, doch vermochte er nicht, ihn einzuholen. Als Tsuo Tse in die Nähe eines Gebirges kam, ging er mitten hinein in eine Herde. Der Offizier nahm einen Pfeil hervor und wollte schießen, Tse war aber plötzlich nicht mehr zu sehen. Da ließ der Offizier allen Schafen den Kopf abschneiden und kehrte zurück. Als nun der Hirtenknabe seine Schafe tot sah, begann er heftig zu weinen. Mit einem Male vernahm er, daß der Kopf eines Schafes, der auf der Erde lag, anhub zu sprechen und sagte: »Du kannst die Köpfe der Schafe wieder zurück auf ihre Hälse setzen.« Der Knabe erschrak, schlug die Hände vors Gesicht und lief davon. Plötzlich hörte er jemand hinter ihm drein rufen: »Fürchte Dich nicht! Da hast Du Deine Schafe wieder«, und als er sich umwandte, waren alle Schafe wieder lebendig. Er wollte noch fragen, wie dies zugegangen, aber Tsuo Tse entfernte sich bereits, sein Gang war wie ein Fliegen. Da kehrte der Knabe nach Hause zurück und erzählte es seinem Herrn, der Herr wieder berichtete es dem Tsao Tsao. Da ließ Tsao Tsao Tsuo Tse's Bildnis malen, damit er darnach gefangen werden könnte. Schon binnen drei Tagen hatte man in und außerhalb der Stadt drei- bis vierhundert Menschen festgenommen, die allesamt das Aussehen Tsuo Tse's hatten. Da führte der König persönlich fünfhundert gepanzerte Soldaten nach der Richtstätte und ließ die Gefangenen sämtlich enthaupten. Da aber stieg aus jedem der Hälse ein schwarzer Rauch, wirbelte in die Luft, sammelte sich und rann zu einem einzigen Tsuo Tse zusammen. Dieser winkte in der Luft einen weißen Storch zu sich heran, daß er ihm als Reittier diene, klatschte in die Hände und lachte: »Bald wird kommen die Zeit, daß der Böse an sein Ende gelangt.« Tsao ließ mit Bogen nach ihm schießen, da erhob sich plötzlich ein heftiger Sturm, die Leichen standen alle auf, hielten ihren Kopf in den Händen und hüpften daher, um sich auf Tsao zu stürzen. Die Beamten erschraken und keiner kümmerte sich mehr um den andern. Als dann der Sturm sich legte, waren die Leichname verschwunden. Tsao aber war vor Schreck erkrankt, keine Arzte und Heilmittel vermochten ihm zu helfen. Drei Jahre später verschlimmerte sich Tsao's Krankheit. Eines Tages lag er in seinem Schlafzimmer, bis zur dritten Nachtglocke. Da fühlte er einen Schwindel im Kopf und vor den Augen. Er stand auf und lehnte sich an einen Tisch. Plötzlich hörte er im Palaste ein Geräusch, wie wenn man Seide zerreißt. Erschrocken blickte er sich um, mit einem Male sah er die Kaiserin, die Hofdamen und die Prinzessinnen alle, die er getötet, die Leiber von Blut besudelt, in den schwarzen, traurigen Wolken stehen. Er hörte sie rufen, sie wollten ihr Leben wieder haben. Da zog er rasch sein Schwert und hieb in die Luft. Ein heftiger Krach erdröhnte, die südwestliche Seite des Palastes war eingestürzt. Vor Schreck fiel Tsao zur Erde und wurde von seinen Dienern in einen anderen Palast getragen. In der nächsten Nacht aber vernahm er draußen vor dem Palaste unaufhörlich die Laute wehklagender Männer und Weiber. Dann, als es tagte, rief er alle seine Beamten zu sich und sprach: »An dreißig Jahre habe ich unter Kriegern und Rossen zugebracht, doch habe ich nie an die höheren Mächte geglaubt. Jetzt ist es anders geworden, mein Leben geht zu Ende, aber der Himmel wird mir nicht vergeben.« Darauf stöhnte er einmal laut auf, Tränen entstürzten wie Regen seinen Augen, und war im gleichen Augenblicke tot. Das gelbe Storchenschloß Zur Zeit des Königs Liu Pe, des ersten Herrschers der Su-Handynastie, bekam der König einen Brief Djou Yü's, des Admirals von Wu, worin ihn dieser zu einem Festmahl auf das gelbe Storchenschloß einlud, um dessen Erbauung zu feiern. Da sprach Liu Pe zu seinem Kriegsminister Kung-Ming: »Ich will nicht hingehen.« »Wenn Du nicht hingehst,« erwiderte Kung-Ming, »so wird der junge Djou Dich verspotten, weil Du Angst hast.« »So muß ich zumindest ein kriegerisches Gefolge mit mir nehmen,« sagte Liu Pe, »um unvorhergesehenes Unheil zu verhüten.« »Du begibst Dich zu einem Festmahl,« entgegnete Kung-Ming, »es ist unhöflich, den Gastgeber wie einen Feind zu behandeln. Lasse ab davon!« Doch Liu Pe rief: »Längst wollte Djou Yü mein Land unter seine Gewalt bekommen, um seinem Herzen Genüge zu tun. Gehe ich ohne Gefolge dahin, so werden wir einen Anschlag erfahren.« »Hier ist Dein Diener Tsiao Yün, vollkommen an Tapferkeit und Klugheit, den lasse mit Dir gehen, so wird es keine Not haben.« Als aber Liu Pe aufs neue um ein größeres Gefolge bat, ergriff Kung-Ming ein Rohr von Bambus, reichte es Tsiao Yün und sagte: »Es ist unnütz, ein kriegerisches Gefolge zu rüsten. Wenn die geringste Gefahr und Not Euch begegnet, so zerbrich dies, Du wirst eine Million gewappneter Soldaten darin finden, die König und Gefolge aus der Not befreien werden.« Liu Pe wollte das Rohr zerbrechen, um seinen Inhalt zu betrachten, Kung-Ming aber sprach: »Wenn Du es vorher ansiehst, so wird der Erfolg verhindert. Besteigt in Eile das Schiff und laßt uns einen Tag abmachen, da Ihr auf der Heimfahrt an das Ufer des Flusses kommen sollt. So will auch ich ein Schiff ausrüsten, um Euch abzuholen.« Aber Liu Pe antwortete: »Bemüht Euch nicht erst, uns abzuholen. Werft lieber Opferfeuer und -lichter in den Fluß, um unsere abgeschiedenen Seelen zurückzurufen. Das soll uns des Heils genug sein.« »Unterwegs gibt es viel Sturm und Frost,« sagte Kung-Ming, »hofft und sorget und wollet nicht scherzen mit mir!« Als nun die beiden in dem östlichen Wu ankamen und den König Sen Küang begrüßt hatten, begaben sie sich mit Djou Tü nach dem gelben Storchenschloß, um zu trinken und zu speisen. Das Schloß war fünfzig, sechzig Ellen hoch, unten sah man die Stadt Wu-Tschang liegen und ringsum floß der lange Strom. Man erblickte von dort eine Reihe schöner Landschaften wie auf einem gemalten Bilde. Während der Mahlzeit aber sprach der junge Djou plötzlich zu Liu Pe: »Früher nahmst Du von uns den Kreis King-Djou zu leihen, um daselbst ein Lager zu gründen. Es galt für drei bis fünf Jahre, dann versprachst Du, sie zurückzugeben. Nun aber ist die Frist vorüber und man hört kein Wort davon. Sollen Helden so ihr Wort zerbrechen?« Liu Pe geriet in Verlegenheit und suchte Djou durch mancherlei Reden abzulenken, der junge Djou aber hörte nicht darauf und blickte Liu Pe zornig ins Gesicht, so daß es schien, als wolle er Gewalt gebrauchen. Tsiao Yün saß daneben: »Der junge Djou«, rief er laut, »möge die Höflichkeit nicht verletzen! Erinnerst Du Dich des Krieges mit dem Lande We? Damals verbranntest Du die Flotte des Feindes am roten Felsen und benutztest dazu den Südostwind, der von unserem Kriegsminister vom Himmel erfleht worden war. Wenn Du uns jenen Südostwind zurückgegeben haben wirst, so werden auch wir, Herr sowohl wie Diener, King-Djou Dir wieder zurückerstatten.« Darauf wußte Djou Yü keine Antwort. Aber nach einer Weile nahm er etwas zum Vorwand und stieg das Schloß hinab. Als er lange Zeit nicht zurückkehrte, geriet Tsiao Yün in Zweifel und Sorge. Er trat hinaus und sah, daß das Tor fest verschlossen war. »Wo ist der Admiral?« fragte er den Wächter. »Der Admiral ist fortgegangen«, erwiderte dieser, »und befahl mir, wer den Herrn oder sein Gefolge aus dem Schlosse läßt, soll zur Enthauptung verurteilt sein. Es wäre denn, daß des Admirals Fähnlein mir zum Zeichen vorgewiesen würde.« Yün hörte diese Worte und erschrak heftig. Er betrachtete das Schloß, aber es war wohl seine tausend Fuß hoch. Daneben floß der große Strom und sein Wasser war tief und ohne Grund. Ohne Schwingen und Flügel mochte es schwer sein, davonzufliegen. Er sagte es Liu Pe an, Liu Pe brach vor Schreck zusammen und erwachte erst nach langer Zeit wieder zum Bewußtsein. Herr und Gefolge verbrachten die Stunden in Furcht und Jammer, keiner wußte Rat. Mit einem Male verlor sich Yün in Gedanken: »Als wir Abschied nahmen,« sagte er, »hat mir der Kriegsminister ein Rohr von Bambus mitgegeben. Wenn wir in Gefahr und Not gerieten, sprach er, sollten wir es zerbrechen. Jetzt steht unser Leben zwischen Morgen und Abend, warum sollten wir das Rohr nicht öffnen, um hineinzusehen?« Aber Liu Pe rief: »Sicherlich ist Kung-Ming heimlich im Bunde mit Wu und wollte uns nur in den Tod treiben. Weshalb mochte er uns sonst auf so unglaubhafte Weise betrügen und wo in aller Welt gäbe es denn dergleichen?« Doch Tsiao Yün hörte nicht, zerbrach das Rohr und sah, was darinnen war. Da fand es sich, daß des Admirals Fähnlein in dem Rohre stak, das Kung-Ming damals, als er um den Südostwind betete, von dem jungen Djou zu leihen genommen hatte. Da war auf einmal Wunder und Freude gekommen, sogleich ergriff Yün das Fähnlein und sprach zu dem Wächter: »Admiral Djou hat seine Fahne hiergelassen, öffne das Tor!« Der Wächter untersuchte das Fähnlein und fand alles so, wie Yün es gesagt hatte. Dann öffnete er das Tor und entließ die beiden. Als sie am Ufer des Stromes angekommen waren, sahen sie schon von weitem Kung-Ming stehen und erkannten ihn an seinem seidenen Federhut und Fächer. Er winkte mit der Hand und rief ihnen zu, der Herr und General Tsiao möchten sogleich das Schiff besteigen, um ein wenig gemeinsam zu trinken und den Strom zu betrachten. Als der junge Djou davon vernahm, begab er sich an das Stromufer. Da winkte ihm Kung-Ming, dankte und rief: »Ich habe einmal Euer Befehlsfähnlein von Euch geliehen und noch keine Gelegenheit gehabt, es Euch zurückzugeben. Diesmal nun gab ich es dem General Tsiao mit. Habt Ihr es jetzt bekommen?« Als der junge Djou dies vernahm, wurde er sehr zornig. Er wollte die Flüchtigen einholen, aber das Schiff fuhr schon weit fort. So stand er denn am Ufer, sah in das unendliche Fortrinnen des Stromwassers und hörte den Schlägen und dem Geräusch der Wellen zu, bis das Schiff verschwunden war. Dann kehrte er zurück. Der Kampf um die schöne Tiao Tsien Zur Zeit der Handynastie lebte ein Minister der öffentlichen Bauten, namens Wang Yün, der mit Schmerz bemerkte, wie der Kanzler Tung Tsuo die Macht so sehr in seine Hände riß, daß er zuletzt den Kaiser zwang, die übrigen Fürsten nur noch nach seinem Willen zu regieren. Dabei stand ihm ein angenommener Sohn, mit Namen Lü Pu, zur Seite, ein Mensch von ungewöhnlicher Körperkraft und ein einfältiger Draufgänger. Das Reich stand in Gefahr, Wang Yün war den ganzen Tag in trauriges Sinnen versunken, und die innere Unruhe trieb ihn rastlos umher. Einmal, als es schon tiefe Nacht war und der helle Mond am Himmel stand, ging er noch, auf einen Stock gestützt, im hintern Garten hin und her. Bei der Blütenlaube blieb er stehen und sah nachdenklich in den Himmel, da vernahm er plötzlich am Pfingstrosenpavillon ein Seufzen und kurzes Weinen. Leise eilte er dahin, da war es eine Sängerin seines Hauses, mit Namen Tiao Tsien, die er schon in ihrer Kindheit gekauft und Singen und Tanzen hatte lernen lassen. Sie war eben sechzehn Jahre alt geworden und ihre Schönheit und Kunst standen just in der glühendsten Blüte. Yün, der sie wie ein eigenes Kind hielt, lauschte eine Weile, dann rief er laut: »Welche Geheimnisse hast Du?« Tsien erschrak, warf sich vor ihm auf die Knie und sagte: »Wie wagte ich es, ein Geheimnis vor Euch zu haben!« »Wenn Du kein Geheimnis hast,« erwiderte Yün, »weshalb seufzest Du so lange in der Nacht?« Da sprach Tsien: »Ihr habt mich aufgezogen in Eurer Güte und mich Singen und Tanzen gelehrt und wart mir immer so überaus herzlich zugetan: ließe ich meine Knochen zu Staub zermahlen und meinen Leib in Stücke reißen, nicht ein Zehntausendteil Eurer Güte vermöchte ich Euch zu vergelten. Ich sah gar wohl in letzter Zeit, wie Ihr schmerzlich die Brauen zusammenzogt, und dachte, es wird wohl mit den großen Angelegenheiten des Reiches zusammenhängen. Doch wagte ich es nicht, Euch zu fragen. Heute Abend nun bemerkte ich, wie heftig es Euch umhertrieb, deshalb seufzte ich so tief vor Leid um Euch. Wenn Ihr mich doch nur irgendwie brauchen könntet, ich wollte Euch nichts verweigern und stürb' ich zehntausend Tode darum!« Da klopfte Yün mit dem Stock auf den Boden und sagte: »Wer hätte gedacht, daß das Schicksal der Dynastie Han in Deine Hände gegeben ist? Komme mit mir nach der gemalten Terrasse!« Als sie eingetreten waren, hieß er alle Frauen und Dienerinnen hinausgehen. Dann warf er sich vor Tiao Tsien auf die Knie und flehte sie an, das Volk aus der Gefahr, in der es schwebe, zu erretten. »Verfahrt, wie Ihr wollt,« entgegnete Tiao Tsien, »ich werde jedem Eurer Befehle mit aller Kraft, die ich habe, gehorchen.« Yün nahm einige helle Perlen, die er im Hause aufbewahrte, hervor, sandte sie zu einem Kunstgoldschmied und ließ sich von diesem einen goldenen Helm herstellen, der mit den Perlen geschmückt wurde. Dann schickte er heimlich jemand zu Lü Pu und ließ ihm den Helm als Geschenk überbringen. Pu war hocherfreut und begab sich persönlich zu Yün, um ihm zu danken. Yün führte ihn sogleich bis in die innern Räume seines Hauses und wies ihm den Ehrenplatz an. »Ihr seid ein Minister des kaiserlichen Hauses«, sagte Lü Pu, »und ich nur der einfache Diener des Kanzlers Tsuo. Weshalb ehrt Ihr mich so hoch?« »Ihr seid der einzige Held, der heute lebt,« entgegnete Yün, »ich ehre Euch nicht um Eures Ranges, sondern um Eurer Tüchtigkeit willen«, und begann sogleich allerlei Lobsprüche über Tung Tsuo's Tugend. Pu war erfreut, geriet in gute Stimmung und sprach dem Weine zu. Yün entließ die Dienerschaft, nur zwei Sklavinnen blieben, um einzuschenken. Als nun reichlich vom Weine genossen worden, ließ Yün seine Tochter hereinrufen. Bald erschien sie denn auch, ein Mädchen in buntem Festgewand, von zwei Sklavinnen hereingestützt. Forschend fragte Pu, wer sie wäre? Da entgegnete Yün: »Es ist meine Tochter Tiao Tsien. Ihr zeigtet mir so viel Liebe, daß ich mich wie Euren Verwandten betrachte, deshalb wollte ich nicht versäumen, sie Euch vorzuführen.« Sogleich hieß er Tiao Tsien Lü Pu Wein einschenken. Während sie den Wein hertrug, betrachtete Lü Pu sie unaufhörlich mit Augen und Augenbrauen. Yün stellte sich betrunken. »Mein Kind,« sagte er, »bitte den Herrn nur eindringlich, einige Becher Weins zu genießen. Unser ganzes Haus stützt sich einzig auf ihn.« Lü Pu lud Tsien ein, sich neben ihn zu setzen, Tiao Tsien wollte absichtlich zurücktreten, doch Yün rief: »Herr Lü ist mein bester Freund, setze Dich nur, was sollte es schaden?« Tiao Tsien setzte sich neben Yün, Lü Pu starrte sie mit den Augen an. Dann sprach Yün, auf Tsien weisend: »Ich will Euch diese meine Tochter zur Nebenfrau schenken. Seid Ihr es zufrieden?« Lü Pu erhob sich, dankte und erwiderte: »Wenn Ihr sie mir geben wollt, werde ich Euch dankbar sein, selbst noch im andern Leben als Hund und Pferd.« »So werde ich demnächst einen günstigen Tag auswählen, um sie zu Euch zu bringen«, antwortete Wang Yün. Pu war außer sich vor Freude und ließ Tsien nicht mehr aus den Augen. Auch Tiao Tsien sandte ihm in ihren Blicken, die sich wie Herbstwellen bewegten, Liebe hinüber. Als nun das Gastmahl beendet war, sagte Yün: »Gern hätte ich Euch noch über Nacht behalten, doch fürchte ich, der Kanzler möchte sich beunruhigen.« Lü Pu verbeugte sich mehrere Male, dankte und entfernte sich. Einige Tage später traf Yün im kaiserlichen Palaste mit Tung Tsuo zusammen. In einem Augenblick, da Lü Pu gerade abwesend war, beugte er seine Knie vor Tsuo, bat und sagte: »Ich möchte Euch einmal zu mir laden in meine ärmliche Hütte, um ein Gastmahl zu begehen. Wollt Ihr mir die Ehre schenken?« »Wenn Ihr mich darum bittet,« entgegnete Tsuo, »kann ich es Euch nicht verweigern.« Yün verbeugte sich, dankte und ging nach Hause. Darauf ließ er ein Festmahl zurüsten und ordnete in der Mitte einen Sitz an, prächtig mit Seiden und Stickereien, bedeckte den Estrich mit Teppichen und ließ überall, außen und innen, Draperien anbringen. Den andern Mittag kam Tsuo heran, Yün empfing ihn in Hofkleidung, außerhalb des Portals. Tsuo stieg aus dem Wagen, das Gefolge in voller Bewaffnung, mehr als hundert Mann, ging teils vor, teils hinter ihm her und blieb dann, Spalier bildend, stehen. Yün warf sich an der Saaltreppe auf die Knie, Tsuo befahl seinen Leuten, ihn beim Aufstieg zu stützen, und hieß ihn neben sich sitzen. »Ihr übertrefft«, sagte Yün, »an Tugend die Minister J und Djou, von der uns aus alter Zeit berichtet ist.« Tsuo freute sich der Schmeichelei, der Wein begann zu kreisen, Musik erscholl, Yün lud Tsuo mit übertriebener Höflichkeit zum Trinken ein. Als es Abend geworden war und es schon hoch herging mit Trinken und Zechen, bat Yün seinen Gast, mit ihm in den inneren Saal zu kommen. Tsuo ließ sein Gefolge zurück, da ergriff Yün einen Becher, wünschte Tsuo Glück und sprach: »Ich habe von Jugend auf einiges von der Kunst der Sterndeutung verstanden. Gestern nacht betrachtete ich den Himmel und sah, daß die Dynastie Han sich zu ihrem Untergange neigt, Ihr aber werdet ihr im Kaiserreiche folgen.« Tsuo lächelte: »Wenn wirklich ein solcher Befehl des Himmels an mich erginge, so müßtet Ihr mein erster Minister sein«, sagte er. Yün beugte sich und dankte ihm. Nachdem nun die bunten Kerzen im Saale angezündet waren, ließ Yün nur noch seine Dienerinnen beim Essen bedienen. »Die Mietmusikanten«, sagte er dann zu Tsuo, »scheinen mir nicht gut genug, als daß ich ihre Kunst Euch anzubieten wagte. Zufällig habe ich da eine schöne Dirne im Hause, verstattet, daß ich sie Euch vorführe.« Tsuo war es zufrieden, da fiel auf Yüns Geheiß einer der Vorhänge, Flöten und Trompeten ertönten ringsum, und außerhalb des Vorhangs tanzte Tiao Tsien. Als der Tanz beendet war, rief Yün sie zu sich, Tsien trat in den Raum vor dem Vorhang und beugte sich zweimal fast bis zur Erde. Tsuo sah ihre Schönheit und fragte: »Wer ist dieses Mädchen?« »Tiao Tsien, eine Sängerin meines Hauses«, erwiderte Yün. »Kann sie auch singen?« fragte Tsuo. Yün hieß Tiao Tsien die ebenhölzernen Brettchen nehmen und leise ein Lied singen, Tsuo lobte sie immerzu. Nun ließ Yün sie beim Trinken bedienen, Tsuo nahm den Becher in die Hand und fragte: »Wie alt ist das Mädchen?« »Just sechzehn Jahre«, entgegnete Yün. Da lachte Tsuo und sagte: »Sie ist wahrlich wie ein Kind des Himmels.« Yün erhob sich: »Ich würde Euch das Mädchen gerne anbieten,« sagte er, »doch weiß ich nicht, ob Ihr sie annehmen mögt.« »Wie könnte ich Euch genug danken,« erwiderte Tsuo, »wenn Ihr mir ein solches Geschenk macht?« »Wenn es ihr vergönnt wäre, Euch zu bedienen,« antwortete Yün, »es wäre ein großes Glück für sie.« Tsuo dankte noch zwei- und dreimal, dann ließ Yün sogleich einen weich gepolsterten Wagen bereitstellen, um Tiao Tsien unverzüglich nach Tsuo's Hause zu senden. Infolgedessen verabschiedete sich Tsuo und Yün begleitete ihn noch bis vor seine Tür. Als Yün zu Roß nach Hause zurückkehren wollte, begegnete er unterwegs zwei Reihen roter Laternen: Lü Pu, hoch zu Pferde, eine Hellebarde in der Hand, kam dahergeritten. Als er Yüns ansichtig wurde, ließ er das Pferd halten und faßte Yün mit der andern Hand am Kleid, indem er laut und zornig rief: »Hattet Ihr Tiao Tsien nicht schon mir versprochen, was sendet Ihr sie nun dem Kanzler ins Haus?« Yün, erregt, beruhigte ihn und sagte: »Hier ist kein Ort, um darüber zu sprechen. Folgt mir, bitte, in mein Haus!« Als Yün und Pu nach Yüns Hause gelangt waren, stiegen sie von den Rossen und begaben sich sogleich in den inneren Saal. Nach Beendigung der Begrüßungszeremonien fragte Yün: » Weshalb zürnt Ihr mir?« »Man sagte mir,« erwiderte Lü Pu, »Ihr hättet Tiao Tsien in das Haus des Kanzlers geschickt. Was soll das?« »Ja, wißt Ihr denn nicht, warum dies geschah?« antwortete Yün. »Gestern sagte mir der Kanzler bei Hofe, er habe mit mir zu sprechen und wolle mich aufsuchen. Ich erwartete nun zu Hause seine Ankunft, während des Mahles aber sagte er plötzlich: ›Ich höre, Ihr habt Eure Tochter Tiao Tsien meinem Sohne Lü Pu zur Ehe versprochen. Da ich aber fürchtete, daß es vielleicht nicht ganz sicher sei, kam ich nur deshalb hierher, um Euch noch einmal daran zu erinnern und mir das Mädchen anzusehen.‹ Da ich ihm dies nicht verweigern konnte, führte ich Tiao Tsien heraus, damit sie den Schwiegervater begrüße. Da sagte der Kanzler: ›Heut ist ein glücklicher Tag, ich will sie sogleich mitnehmen, um sie meinem Sohne zur Frau zu geben!‹ Denkt doch, der Kanzler kam selbst, wie mochte ich ihn da an seinem Vorhaben hindern?« »Zürnt mir nicht!« erwiderte nun Lü Pu, »ich muß mich im Augenblicke verhört haben und komme morgen noch einmal, um Euch um Entschuldigung zu bitten.« »Meine Tochter hat noch einiges Brautgut,« sagte Yün, »sobald sie bei Euch ist, sende ich es Euch zu.« Darauf dankte Pu und entfernte sich. Tags darauf ging Lü Pu nach dem Amte seines Vaters, um sich zu erkundigen, konnte dort jedoch nichts in Erfahrung bringen. Darauf begab er sich sogleich in den innern Saal und fragte die Dienerinnen. Da antworteten die Dienerinnen: »Der Kanzler schlief mit dem neu angekommenen Weibe und ist noch nicht aufgestanden.« Lü Pu wurde von Wut erfaßt, heimlich schlich er sich an die Hintertür von Tsuo's Schlafgemach und lauschte. Zur Zeit stand Tiao Tsien am Fenster, um ihr Haar zu kämmen. Da sah sie plötzlich im Teiche vor dem Fenster einen großen Menschenschatten mit einem Hut, der die Frisur umfaßte. Verstohlen blickte sie hin, es war Lü Pu. Da zog sie absichtlich ihre beiden Brauen zusammen und gab ihrem Antlitz einen traurigen Ausdruck, indem sie sich oft mit dem seidenen Tuche über die Wangen strich, als wolle sie Tränen fortwischen. Lü Pu betrachtete sie lange, dann entfernte er sich. Kurz danach kehrte er wieder zurück, Tsuo saß bereits im Mittelsaal. Als er ihn kommen sah, fragte er: »Gibt es draußen nichts zu tun?« Pu antwortete nicht, er stand vor Tsuo. Dieser aß gerade. Pu blickte sich heimlich im Raume um. Hinter dem gestickten Vorhang sah er ein Mädchen hin und wiedergehen. Sie lugte heraus und hatte noch nicht die eine Hälfte ihres Gesichts sichtbar gemacht, so sah er sie rasch mit einem Blick der Liebe an. Er wußte, es war Tiao Tsien, Seele und Sinne gerieten ihm ins Wanken. Als Tsuo den Ausdruck in Pu's Antlitz bemerkte, erwachte ein Verdacht und heimlicher Neid in seinem Herzen: »Fung-Schian,« Ehrenname des Lü Pu. sagte er, »wenn Du hier nichts zu schaffen hast, so gehe Deiner Wege!« Da entfernte sich Lü Pu, das Herz voll von großer Traurigkeit. Seit Tiao Tsien in Tsuo's Hause war, band diesen die Liebe so fest, daß er einen vollen Monat nicht über die Schwelle kam, um seinen Arbeiten nachzugehen. Eines Tages befiel ihn ein leichtes Unwohlsein, Tiao Tsien pflegte ihn, ohne aus den Kleidern zu kommen, mit übermenschlicher Geduld, zur Freude Tsuo's, der immer inniger an ihr zu hängen begann. Da erschien einmal Lü Pu, um ihm gute Besserung zu wünschen, Tsuo aber war gerade eingeschlummert. Da hob sich Tiao Tsien hinter dem Bette mit halbem Leibe empor, um Pu sehen zu können, wies schweigend zuerst auf ihr Herz, dann auf Tsuo und brach in ein endloses Weinen aus, daß Pu die Seele davon zerreißen wollte. Als Tsuo erwachte, schien es ihm in dem flimmernden Nebel, der seine beiden Augen noch blendete, als starrten Pu's Augen hinter das Bett. Er wandte sich um und sah Tiao Tsien hinter dem Bette stehen, Da erfaßte ihn ein heftiger Zorn, scheltend fuhr er auf Pu los: »Wagst Du es, mit meiner lieben Dirne Unzucht zu treiben?« und ließ ihn sogleich von den Dienern hinausjagen. Von nun an sollte es ihm verboten sein, in den inneren Saal einzutreten. Lü Pu entfernte sich, von Haß und Zorn erfüllt. Unterwegs begegnete er seinem Freunde Li Ü und sagte ihm, was ihm wiederfahren sei. Li Ü begab sich eilig zu Tsuo und sprach: »Ihr begehrt doch nach der Reichsherrschaft, was zürnt Ihr Lü Pu wegen so geringen Anlasses? Wenn er sein Herz ändert, wird alles in Stücke gehen.« »Was ist zu tun?« fragte Tsuo. »Laßt ihn morgen früh zu Euch kommen,« entgegnete Li Ü, »beschenkt ihn mit Gold und Seide und beruhigt ihn mit tröstlichen Worten! So wird es wieder gut werden.« Tsuo befolgte den Rat, ließ am andern Morgen Lü Pu zu sich rufen, beruhigte ihn und sprach: » Ich war krank und meiner selbst nicht mächtig, so habe ich Dich, ohne es zu wissen, gekränkt. Nimm es Dir nicht zu Herzen!« Dann schenkte er ihm zehn Pfund Gold und zwanzig Stücke Seide, und Pu entfernte sich. Aber obwohl sich Pu's Leib stets in Tsuo's Nähe aufhielt, seine Seele war immerzu bei Tiao Tsien. Als Tsuo wieder genesen war, begab er sich nach dem kaiserlichen Palaste zu einer Beratung. Pu begleitete ihn mit seiner Lanze. Während nun aber Tsuo beim Kaiser war, nützte Lü Pu die Gelegenheit, nahm die Lanze zur Hand und ritt eilends geradewegs nach Tsuo's Hause. Hier band er das Roß vor der Türe fest, nahm seine Lanze und ging in den inneren Saal. Dort fand er Tiao Tsien, die ihn bat, in den hinteren Park zu gehen und sie am Fung-J-Pavillon zu erwarten. Pu, die Lanze immer in der Hand, begab sich dahin und lehnte am Geländer des Pavillons. Nach einiger Zeit teilten sich die Blumen und Weiden auseinander und Tiao Tsien trat hervor gleich einer der Feen im Mondpalast. »Ob ich auch nicht des Ministers Wang eigenes Kind bin,« sagte sie weinend, »so sah er mich doch wie seine leibliche Tochter an. Als ich Dich sah und Dein werden sollte, schienen alle Wünsche meines Lebens erfüllt zu sein. Wer hätte gedacht, daß der Kanzler so böse Pläne fassen und mich meiner Reinheit berauben würde? Längst wäre ich gestorben, nur weil ich noch nicht Abschied von Dir nehmen durfte, trug ich bis jetzt mein Leben in Jammer und Pein. Nun habe ich Dich gesehen, nun ist mir alles erfüllt. Besudelt, kann mein Leib keinem Helden mehr dienen, so laß mich vor Deinen Augen sterben, damit Du mein Herz erkennst.« Kaum hatte sie dies gesagt, so faßte sie das gekrümmte Geländer und stürzte sich in den Seerosenteich. Aber Lü Pu hielt sie fest, weinte und sprach: » Dein Herz kenn' ich schon lange. Mich schmerzte nur, nicht mit Dir sprechen zu können.« Da faßte sie seine Hände: »In diesem Leben«, sagte sie, »darf ich Dir nicht angehören, so will ich es Dir denn für das nächste versprechen.« »Wenn Du nicht noch in diesem Leben mein wirst,« rief Lü Pu, »so will ich kein Held sein.« »Ich verbringe jetzt einen Tag wie ein Jahr,« entgegnete Tsien, »ich wollte, Du erbarmtest Dich meiner und erlöstest mich.« »Ein Zufall erlaubte es mir, heimlich hierherzukommen,« sagte Lü Pu, »ich fürchte aber, der alte Dieb wird Verdacht schöpfen. Ich muß schleunigst von hinnen.« Tiao Tsien aber hielt ihn am Kleide fest: »Wenn Du solche Angst vor dem alten Diebe hast,« sprach sie, »so wird nie der Tag erscheinen, da ich wieder Himmel und Sonne sehen darf.« Pu blieb stehen: »Laß mich in Ruhe überlegen«, sagte er, nahm seine Lanze und wollte gehen. Doch Tiao Tsien sprach: »Als ich noch in der versteckten Kammer zu Hause war, dröhnte Dein Name mir in den Ohren wie Donnerschall und ich hielt Dich für einen Helden weit über aller Menschen Maß. Wer hätte gedacht, daß selbst Du Dich von anderen beherrschen lassest?« Darnach flossen ihr die Tränen wie Regen herab. In Pu's Antlitz erschien einen Augenblick lang ein Ausdruck von Beschämung. Er kehrte mit seiner Lanze wieder um, umarmte Tsien und sprach ihr zu mit herzlichen Worten. Die beiden sanken sich in die Arme und wagten es nicht, sich voneinander zu trennen. Als Tung Tsuo Lü Pu nicht mehr im Palaste fand, stieg ein heftiger Verdacht in ihm auf. Eilig verabschiedete er sich vom Kaiser und fuhr zu Wagen nach Hause. Als er Pu's Roß vor der Tür festgebunden fand, fragte er den Wächter, der aussagte, Lü Pu sei in den inneren Saal gegangen. Sogleich begab sich Tsuo in den inneren Saal, fand Pu aber nicht und rief nach Tiao Tsien. Doch auch diese war verschwunden. Rasch fragte er die Dienerinnen, sie antworteten, Tiao Tsien sei in den hinteren Park gegangen, die Blumen zu betrachten. Tsuo suchte nach ihr bis in den hinteren Park, da sah er, wie Lü Pu und Tiao Tsien am Fung-J-Pavillon miteinander sprachen. Die Lanze stand daneben. Tsuo geriet in furchtbare Wut und schrie laut auf. Als Pu Tsuo herankommen sah, erschrak er heftig, kehrte um und wollte fliehen. Tsuo ergriff die Lanze und eilte ihm nach. Doch Lü Pu lief sehr rasch, Tsuo war zu beleibt, vermochte ihn nicht einzuholen und schleuderte die Lanze, um Pu niederzustechen. Pu schlug die Lanze mit der Hand zu Boden, Tsuo hob sie auf und lief vorwärts, doch Pu war schon weit vor ihm. Als Tsuo eben durch das Parktor lief, kam ihm jemand fliegend schnell entgegen, rannte mit ihm zusammen und stieß ihn vor die Brust, daß Tsuo zu Boden fiel. Es war Li Ü. Li Ü stützte Tung Tsuo vom Boden auf und geleitete ihn nach dem Studierzimmer. Als sie sich gesetzt hatten, fragte Tsuo: »Wo kommst Du her?« »Ich trete eben zum Tor herein,« sagte Li Ü, »erfahre, daß Ihr zornig seid, will nach dem hinteren Parke eilen, um Lü Pu zu fragen, was vorgefallen. Ich bin im schönsten Laufe, begegnet mir Lü Pu in eilender Flucht, sagt, Ihr wolltet ihn töten, ich gerate in Angst, will in den Park, Euch zu beruhigen, und stoße mit Euch zusammen, ehe ich wußte, was ich tat. Ich muß sterben, ich muß sterben.« Da sagte Tsuo: »Der empörerische Dieb liebäugelt mit meiner lieben Dirne. Ich schwöre Dir, daß ich ihn töten werde.« »Ihr habt eine falsche Meinung über diese Sache,« entgegnete Li Ü. »Einst hat der König von Tsu, als er über Dschang Hung zu Gerichte saß, weil dieser ihm seine Dirne verführen wollte, ihm das Vergehen nicht nachgetragen, dafür rettete ihm Dschang Hung, als er später vom Heere des Königs von Tsin umringt war, das Leben. Tiao Tsien ist nur ein Weib, Lü Pu aber ist ein treuer und tapferer Held. Wenn Ihr jetzt die Gelegenheit nütztet und schenktet ihm die Tiao Tsien, Lü Pu würde sicherlich Eurer Güte vergelten, und hieße es, den Tod für Euch zu sterben. Ich bitte Euch, überlegt Euch dies!« Tsuo verharrte lange in Nachdenken, endlich sagte er: »Dein Rat ist richtig, laß mich überlegen!« Als Li Ü sich entfernt hatte, begab sich Tsuo in den inneren Saal und fragte Tiao Tsien: »Warum pflegst Du heimlichen Verkehr mit Lü Pu?« Da weinte Tsien und sagte: »Ich war im hinteren Park, um die Blumen zu betrachten. Da kam unerwartet Lü Pu daher. Ich wollte mich, erschrocken, wie ich war, verbergen, doch da sagte er, er sei ein Sohn des Kanzlers, weshalb ich ihn fürchtete? Er ergriff seine Lanze und lief hinter mir her. Als ich an den Fung-J-Pavillon kam, merkte ich, daß er etwas Böses im Schilde führe und mir Gewalt antun wolle: da sprang ich in den Seerosenteich, um ihm durch Selbstmord zu entfliehen. Er aber hielt mich fest und die Not stieg aufs höchste, da kamet endlich Ihr und rettetet mein Leben.« Darauf erwiderte Tung Tsuo: »Ich will Dich Lü Pu schenken. Wie denkst Du darüber?« Tsien erschrak heftig: »Ich bin nun schon eines hochstehenden Mannes Dienerin gewesen,« sagte sie, »und Ihr wollt mich nun wieder einem Knechte schenken? Ehe ich mich so vergehe, will ich lieber sterben«, und ergriff sogleich das Schwert, das an der Wand hing, um sich ein Leid anzutun. Tsuo aber entriß ihr sogleich das Schwert, umarmte sie und sagte: »Es war nur ein Scherz.« Tiao Tsien stürzte an Tsuo's Brust, weinte mit verhülltem Gesicht und sprach: »Dies war sicherlich ein Rat von Li Ü. Er ist mit Lü Pu eng verbündet, deshalb hat er Euch diesen Rat gegeben. Denn um Eure Ehre und mein Leben kümmert er sich wenig, ich möchte sein Fleisch bei lebendigem Leibe essen.« »Wie könnte ich Dich von mir lassen!« rief nun Tsuo, und Tsien entgegnete: »Ob Ihr mich auch so innig liebt, ich fürchte, wir werden nicht lange so bleiben können. Denn Lü Pu wird sicherlich eine andre List ersinnen, um uns zu töten.« »Morgen fahre ich nach Me-U,« antwortete Tsuo, »um dort mit Dir des Lebens zu genießen. Sei doch nicht mehr so traurig und verzweifle nicht!« Da ließ sie ab vom Weinen und dankte ihm. Am nächsten Tage erschien Li Ü wieder und sprach: »Der Tag ist günstig, sendet Tiao Tsien zu Lü Pu!« »Ich und Pu sind wie Vater und Sohn, es geht nicht an«, entgegnete Tsuo. »Auch bin ich keineswegs gewillt, Pu's Betragen zu dulden. Gehe hin und sage ihm meine Worte und beruhige ihn mit herzlicher Rede! Damit aber sei es genug!« »Ihr unterliegt der List eines Weibes!« rief Li Ü. Tsuo verfärbte sich: »Würdest Du Lü Pu Deine Frau schenken?« fragte er. »Was aber Tiao Tsien angeht, so erwähne ihrer nicht wieder, wenn Du nicht Deinen Kopf verlieren willst.« Li Ü ging hinaus, schlug die Augen zum Himmel auf und seufzte: »Wir werden noch alle an diesem Weibe zugrunde gehen.« Noch denselben Tag gab Tung Tsuo den Befehl zur Abreise nach Me-U. Hunderte von Mandarinen standen mit zur Erde gebeugten Häuptern dabei und begleiteten ihn auf seiner Fahrt. Tiao Tsien saß im Wagen, ferne im Menschengedränge sah sie Lü Pu stehen und in den Wagen starren. Sie stellte sich, als verhülle sie ihr Gesicht, um das Weinen zu verbergen. Als der Zug schon weit fortgefahren war, ließ Lü Pu dem Rosse die Zügel schießen und sprengte einen Hügel hinan, sah mit starren Augen in den entschwindenden Wagenstaub und stöhnte und atmete heiß in Leid und Haß. Plötzlich hörte er, daß jemand hinter seinem Rücken sagte: »Wen-Hou! Gleichfalls ein Ehrenname des Lü Pu. Warum fahrt Ihr nicht mit dem Kanzler und bleibt hier zurück, um ihm aus der Ferne nachzuseufzen?« Als Pu sich umsah, stand Wang Yün vor ihm. Sie begrüßten einander und Yün fuhr fort: »Ich war in letzter Zeit immer krank und bin lange nicht über die Schwelle meines Hauses gekommen, so konnte ich auch Euch nicht sehen. Heute nun ist der Kanzler nach Me-U abgereist, so mußte ich denn, obgleich immer noch unwohl, aus dem Hause, um beim Abschied nicht zu fehlen. Es freut mich, Euch zu Gesichte zu bekommen. Warum seufzt Ihr hier so bang?« »Um niemand als um Eure Tochter«, entgegnete Pu. Yün stellte sich erschrocken und sagte: »Das ist nun schon so lange her. Hat man sie Euch noch immer nicht ins Haus gesandt?« »Der alte Dieb beschläft sie schon seit langem«, antwortete Pu. Yün tat noch erschrockener: »Ist es möglich, daß es dergleichen gibt?« rief er aus, da erzählte ihm Pu alles, was er erlebt hatte. Yün, das Gesicht nach oben gekehrt und mit den Füßen trappelnd, sprach lange kein Wort. Endlich sagte er: »Nie hätte ich gedacht, daß der Kanzler eine so tierische Tat beginge!« faßte Pu bei der Hand und fuhr fort: »Kommt zu mir, laßt uns einmal darüber reden!« Als Pu nach Yüns Hause kam, führte dieser ihn in ein verborgenes Zimmer und lud ihn zum Speisen ein. Noch einmal erzählte Pu ausführlich die Geschichte vom Fung-J-Pavillon, da sprach Yün: »Mir hat der Kanzler die Tochter verführt und Euch die Frau genommen. Alle Welt wird lachen, aber nicht über ihn, sondern unsertwegen, weil wir Menschen sind, die zu nichts taugen. Doch ich bin alt, was sollte ich dagegen unternehmen? Müßt doch auch Ihr dazu schweigen und seid ein Held, der aller Länder Verehrung genießt!« Da strahlte Pu's Wut bis zum Himmel auf, zornig schlug er auf den Tisch und begann laut zu schreien. Yün beeilte sich, ihn zu beruhigen: »Ich habe Törichtes gesprochen,« sagte er, »ich flehe Euch an, beruhigt Euch!« Aber Pu rief: »Ich werde diesen alten Dieb töten, um meiner Ehre willen.« »Nicht zu laut, um Gotteswillen,« sprach Yün, indem er ihm rasch den Mund zuhielt, »es wird nur Unheil für uns daraus entstehen.« »Nicht lange wird ein großer Mann es dulden, daß eines andern Hand auf ihm liege«, entgegnete Pu. »Allerdings, gewaltiger als Ihr wird auch Tung Tsuo nicht sein«, sagte Yün. »Ich würde ihn töten, wären wir nicht Vater und Sohn, so daß ich fürchten müßte, verdammt zu werden«, meinte nun Lü Pu. Da lächelte Yün und sprach: »Ihr heißet Lü, der Kanzler heißt Tung. Denkt daran: als er die Lanze nach Euch schleuderte, wo war damals die Liebe zwischen Vater und Sohn?« Wie ein Blitz durchzuckte das Wort Pu's Seele: »Hättet Ihr dies nicht gesprochen, ich wäre falsche Wege gegangen«, rief er aus. Doch noch hielt Yün Pu's Entschlossenheit nicht für zuverlässig genug, so redete er ihm denn mit vielen Worten zu, sich zur Dynastie Han zu schlagen und Tsuo zu töten. Pu erhob sich und sprach: »Mein Entschluß ist gefaßt, zweifelt nicht mehr an mir!« »Doch wenn es mißlingt, so setzen wir, fürcht' ich, unser Leben aufs Spiel«, erwiderte Yün. Da zog Pu seinen Dolch aus der Scheide und schnitt sich in den Arm, bis er blutete, als Eid, Yün aber warf sich auf die Knie und rief: »Wenn die Dynastie Han nicht zugrunde geht, so wird dies Euer Werk sein. Verratet nur nichts, sobald die Zeit gekommen ist, will ich Euch Nachricht senden.« Pu war es zufrieden und entfernte sich. Nachdem nun Yün die Angelegenheit mit vielen vertrauten Genossen beraten, sandte er einen Mann, namens Li Su, nach Me-U und ließ Tung Tsuo sagen, es sei ein kaiserlicher Erlaß herausgekommen. Tsuo befahl Su zu sich und fragte diesen, als er eingetreten war, welches der Inhalt des kaiserlichen Erlasses sei. »Der Kaiser«, sprach Li Su, »ist von einer Krankheit genesen und gedenkt alle Beamten im We Yang-Palaste zu versammeln, um Euch den Thron zu übergeben. Dies ist der Inhalt des Erlasses.« Zu dieser Zeit war Tsuo's Mutter schon über neunzig Jahre alt. »Wo willst Du hingehen, mein Sohn?« fragte sie. »Ich gehe, um Kaiser zu werden«, entgegnete Tsuo. »Mein Herz hat gepocht, mein Fleisch hat gezittert in diesen Tagen,« sprach die Mutter, »es wird ein Unheil geben.« »Du wirst nun Kaiserin-Mutter, wie sollte dies ohne seltsame Zeichen abgehen?« antwortete Tsuo und nahm sogleich Abschied. Ehe er abreiste, sagte er noch zu Tiao Tsien, nun würde er sie zur Kaiserin machen, wenn er Kaiser würde. Tsien wußte wohl, daß es nur eine List war, dennoch tat sie beglückt, beugte sich tief und dankte ihm. So verließ Tsuo Me-U und begab sich zu Wagen, vorn und rückwärts von einem reichen Gefolge begleitet, nach der Hauptstadt. Unterwegs brach ein Wagenrad, die Pferde wurden toll, Stürme bliesen und dichter Nebel bedeckte den Himmel, vielerlei Unglücksfälle trugen sich zu. Tsuo sah darin keine Vorzeichen und blieb ruhig. Als er vor den Palast kam, empfingen ihn alle Mandarinen in Hofkleidung, Su, ein Schwert tragend, trieb den Wagen bis an das Nordtor. Doch das ganze Gefolge wurde nicht eingelassen, nur etwa zwanzig Wagenlenker kamen hindurch. Als Tung Tsuo Wang Yün und die andern mit Schwertern im Palaste stehen sah, erschrak er und fragte: »Su, was soll dies bedeuten?« Su antwortete nicht und trieb den Wagen schweigend vorwärts. Mit einem Male rief Wang Yün laut: »Wo seid Ihr, gewappnete Ritter?« Da strömten von beiden Seiten an hundert Männer hervor und stachen nach Tsuo mit ihren Schwertern und Lanzen. Doch Tsuo trug Panzer und die Waffen drangen nicht hindurch; ein einziger Bruststich traf ihn, so daß er aus dem Wagen stürzte. »Wo bist Du, mein Sohn Fung-Schian?« rief er aus. Da trat Lü Pu aus dem Innern des Palastes und verkündigte laut: »Hier ist der Erlaß des Kaisers, den treulosen Tung Tsuo zu töten!« Dann stach er ihn mit der Lanze durch den Hals, daß er sogleich tot war. Darauf sandte Wang Yün Lü Pu mit einer Abteilung Soldaten nach Me-U, um Tung Tsuo's Güter zu konfiszieren. Dort fand Lü Pu Tiao Tsien und nahm sie zu sich. Seither war auch er von der Liebe so gekettet, daß er auf niemand als auf Tiao Tsien mehr hörte. Auch er wurde später gefangengesetzt und im Weißtorpalaste getötet. Was nachher aus Tiao Tsien geworden, hat niemand erfahren. Zwei Blumengeschichten 1. Blumenmärchen Zur Zeit der Dynastie Tang lebte ein Gelehrter, namens Tse Yüan-We. Er liebte das Tao, heiratete nicht und wohnte einsam in der Gegend von Lo-Tung. Garten und Hof seines Hauses waren groß und luftig und standen voll von Blumen, Bäumen und allerlei Pflanzen; inmitten des Blumenwaldes hatte er sich ein kleines Häuschen erbauen lassen und hauste allein darin. Selbst die Dienerschaft mußte außerhalb des Gartens wohnen und durfte diesen ohne triftigen Grund nicht betreten. So flossen an dreißig Jahre dahin, ohne daß Yüan-We jemals die Schwelle des Gartentors überschritten hätte. Es war an einem Frühlingstag, die Blumen und Bäume des Gartens standen in vollkommenster Blüte und Yüan-We wandelte tags und abends unter ihnen hin und her. Der Wind war so klar und der Mond so hell, es litt ihn nicht, seine Blumen zu verlassen und schlafen zu gehen. So ging er denn im schönen Mondlicht einsam durch die Blumen. Mit einem Male sah er ein Mädchen langsam durch den Mondschatten daherwandeln. Er wunderte sich und dachte, wie seltsam es sei, daß noch zu so später Stunde ein Mädchen durch den Garten gehe. »Es muß ein Zauber sein«, sprach er zu sich selber und wollte sehen, wohin das Mädchen sich begebe. Aber dieses ging weder nach Osten noch nach Westen, sondern trat geradewegs Yüan-We unter die Augen. Dann machte sie einen tiefen Bückling und sagte: »Zehntausendmal Heil und Glück!« Yüan-We gab ihr den Gruß zurück: »Jungfräulein,« fragte er dann, »wem gehört Ihr an? Warum kommt Ihr hierher in tiefer Nacht?« Das Mädchen öffnete die roten Lippen, so daß zwei Reihen kleiner Edelsteine hervorblitzten, und antwortete: »Mein Haus ist nicht weit von dem Euren entfernt. Nun habe ich mich mit einigen Freundinnen verabredet, wir wollten gern eine Base besuchen, hier in Eurem Garten zusammentreffen und uns ein wenig ruhen. Doch weiß ich nicht, ob Ihr es gestatten wollt.« Da Yüan-We sich über die Erscheinung des Mädchens gar nicht genug verwundern konnte, sagte er sogleich zu. Das Mädchen dankte ihm und wandelte wieder den Weg zurück, den es gekommen war. Eine Stunde war noch nicht vergangen, da teilten sich Blumen und Zweige auseinander und eine Schar Mädchen, von jener ersten geführt, tauchten daraus hervor und begrüßten Yüan-We eine nach der andern. Yüan-We, unterm Mondlicht, betrachtete sie genau, da war jede gleich lieblich von Antlitz und leicht an Gestalt, nur die Gewänder, die sie trugen, waren mannigfaltig, dieses einfarbig und jenes bunt. Auch die Dienerinnen waren hübsch und gefällig, er wußte aber nicht, wo sie hergekommen waren. Nachdem sie einander begrüßt hatten, lud Yüan-We sie ein, ins Haus zu treten, und alle setzten sich fein nach dem Gebrauch als Gäste und Hauswirt. Dann fragte er, wie jede hieße und welche Verwandte sie besuchen wollten, daß dieser Garten die Ehre ihrer Gegenwart genießen dürfe? »Ich heiße Birke«, antwortete eine im grünen Kleid, dann wies sie auf eine andere im weißen Kleid und sagte: »Die da heißt Pflaume«, dann wieder auf eine buntgewandete, die hieß Chrysantheme. So wies sie auf eine nach der andern und sagte ihren Namen an, bis sie zuletzt an die jüngste kam, die ein rotes Kleid trug: »Die heißt Granatapfel«, sagte sie. »Wenn wir auch verschiedene Namen haben, so sind wir doch Gespielinnen gleich Schwestern. Weil eine Base von uns, aus dem Hause Wind, uns jüngst gerne besucht hätte, aber noch nicht gekommen ist, so wollte ich mit meinen Schwestern diese schöne Mondnacht nützen, um zu ihr zu gehen und ihre Heimkunft zu erwarten. Doch auch, weil Ihr uns immer so geehrt und geliebt habt, sind wir gekommen, um Euch Dank zu sagen.« Ehe nun aber Yüan-We antworten konnte, meldete schon eine Magd, die Base aus dem Hause Wind sei eben angekommen. Mit lauter Fröhlichkeit wurde die Kunde aufgenommen. Die Mädchen begaben sich sogleich hinaus, die Base zu empfangen, während Yüan-We sich vorläufig abseits hielt. Nachdem die Base und die Mädchen einander begrüßt hatten, sagte eine von diesen: »Wir wollten Dich gerade heimsuchen, Base, als der Hauswirt hier uns aufhielt, wir glaubten gar nicht, daß Du hierherkommen würdest. So sehen wir nun, daß wir uns in dem gleichen Gedanken begegnet sind.« Damit näherten sie sich der Base Wind, um die Begrüßungsgebräuche zu vollziehen, da sagte die Base: »Schon oft wollte ich kommen, Euch zu besuchen, doch hielt mich mancherlei Beschäftigung zurück. Endlich denn fand sich heute Gelegenheit, hierherzukommen.« »Wie schön ist diese Nacht,« sprachen nun die anderen Mädchen, »bitte, wollet hier mit uns sitzen, wir möchten eine Schale Weins auf Euer ehrwürdiges Leben leeren«, und hießen die Mägde sogleich Wein herbringen. »Kann man hier im Hause Platz nehmen?« fragte die Base, und Jungfer Birke antwortete sogleich: »Der Hauswirt ist sehr gastfreundlich, auch ist der Garten wunderschön.« »Wo ist nun der Hauswirt?« erkundigte sich die Base. Yüan-We ging nun schnell hinaus, um sie willkommen zu heißen. Ihr Körper, sah er, war immerfort in Bewegung, ihre Rede wie ein plätscherndes Wasser, der Ausdruck ihres Gesichts glich dem eines Einsiedlers. Eine Kälte rührte in ihrer Nähe die Haut an und machte Haar und Gebein leise erzittern. Als man in das Eßzimmer trat, hatten die Mägde schon die Sitze hergerichtet; den ersten Platz wies man der Base an, dann folgten die Mädchen in Reihe, Yüan-We selbst saß am Ende des Tisches, um den Pflichten des Hauswirts zu genügen. Dann brachten die Mägde zu essen und zu trinken, die herrlichsten Speisen und die seltsamsten Früchte bedeckten die Tafel, und der Wein schmeckte süß wie Süßigkeiten, so daß alles, was es gab, seinesgleichen auf der Welt nicht haben mochte. Nun war der Mondschein noch klarer als zuvor und leuchtete wie am hellen Tage. An der ganzen Tafel verbreitete sich ein Wohlgeruch, es schien, als wolle der Duft bis unter die Haut und in die Körper dringen. Gäste und Wirt aßen und tranken, und Becher und Schalen bewegten sich rasch über die Tafel hin. Als man schon reichlich von dem Weine genossen hatte, erhob sich ein Mädchen in rötlichem Kleid, schenkte eine Schale voll, brachte ihn der Base und sprach: »Ich habe ein Lied für Dich und will es Dir vorsingen.« Das Lied aber lautete: Gelbrotes Kleid, vom Nachttau perlenfeucht, wie Hauch von Schminke zart, wie Blumen leicht, so steh ich, trauernd um mein Angesicht, daß seine Röte welkt und dauert nicht. Doch hass' ich darum nicht den Frühlingswind in meiner Seele, und sage nicht: daß ihm die Liebe fehle. Die Töne des Gesanges waren klar und schwingend, alle Zuhörer versanken in Traurigkeit. Da brachte auch eine im weißen Kleide der Base Wein dar, sprach: »Base, auch ich habe ein Lied für Dich« und sang: Ich bin aus Glanz, wie weißer Schnee so licht und weiß das edelsteinerne Gesicht, so steh ich einsam, klagend und verfrüht, zur Nacht im schönen Mondenlicht erblüht. Den Ostwind wag' ich nicht zu hassen um meine Schönheit, und weiß doch wohl: sie wird mich bald verlassen. Dieses Liedes Töne waren noch trauervoller. Die Base, leicht erregbar von Wesen und dem Weine zugetan, hatte nun kaum ein wenig mehr getrunken, als sie bereits in eine streitsüchtige Stimmung geriet. Sobald die beiden Lieder verklungen waren, hielt es sie nicht länger: »An einem so schönen Tage«, rief sie, »und angesichts des Mahles, da Gäste und Wirt in allgemeiner Fröhlichkeit um die Tafel sitzen, wozu mag es da wohl dienen, derlei kummervolle Worte vorzubringen? Und was soll der verborgene Haß, der in den Liedern wider mich zum Vorschein kam? Heißt dies gastlich gehandelt? Trinke jede von Euch beiden einen großen Becher Weins zur Strafe und singe sogleich ein anderes Lied!« Damit schenkte sie einen Becher voll und wollte ihn der einen von den Sängerinnen hinreichen. Aber da sie dem Weine schon scharf zugesprochen hatte, vermochte sie ihn nicht festzuhalten: sie hob ihn eben auf, bemerkte aber nicht, daß sich das Eßstäbchen dabei am Ärmel verhängte, und so lag, kaum erhoben, auch schon der ganze Becherinhalt verschüttet da. Vielleicht hätte ein anderes Kleid dies vertragen mögen, aber der Wein ergoß sich just über Granatapfels Kleid, die, jung an Jahren und lieblich von Gesicht, ganz ungewöhnlich eitel war. Da sie nun zufällig ein Kleid aus rotgeblümtem Stoffe anhatte, dessen rote Farbe sehr empfindlich war gegen den Wein und sich von dem kleinsten Tröpfchen veränderte, so läßt sich denken, was geschah, als nun der ganze Becher darüber verschüttet war. Als sie sah (denn auch sie war schon ein wenig vom Weine verwirrt), daß man ihr das Kleid beschmutzt hatte, verfärbte sie sich: »Wenn Ihr mir was wollt, Schwestern,« rief sie, »denkt nicht, daß ich Angst vor Euch habe«, stand auf und verließ sogleich das Zimmer. Nun aber wurde auch die Base wütend: »Aus dieser kleinen Magd«, sagte sie, »redet der Wein, wird sie es wagen, auch gegen mich etwas zu unternehmen?« Sie nahm ihr Kleid auf und erhob sich, die andern wollten sie festhalten, aber sie hörte nicht darauf. So sagten sie ihr denn allerlei tröstliche Worte, baten, sie möge es sich nicht zu Herzen nehmen, Granatapfel sei noch jung und des Trinkens ungewohnt, so daß sie darüber ihrer Anstandspflichten vergessen, und versprachen, sie am nächsten Tage herzubringen, damit sie um Entschuldigung bitte. Unter solchen Reden begleiteten sie die Base bis an die Treppenschwelle, und Frau Wind entfernte sich, immer noch kochend vor Wut. Dann verabschiedeten sich auch die übrigen Mädchen von Yüan-We und zerstreuten sich in dem Blumenwald. Yüan-We wollte sehen, wohin sie gingen, und eilte ihnen schnell nach. Aber er lief zu rasch und der Moosboden war glatt, so daß er ausglitt und zur Erde fiel. Als er sich wieder erhoben hatte, waren alle Mädchen verschwunden. »War ich im Traum?« dachte er, doch hatte er ja weder gelegen noch geschlafen, »waren es Geister?«, aber er hatte doch ihre Gewänder gesehen und ihre Sprache vernommen. Wären es aber Menschen gewesen, warum waren sie so plötzlich dahin mitsamt ihrem Schatten? In Verwunderung und Zweifel kehrte Yüan-We in das Eßzimmer zurück, da standen noch der Tisch und die Stühle, aber was an Tellern, Bechern und anderem Tafelgedeck dagewesen, war nirgends mehr zu sehen, nur der Wohlgeruch, der von ihnen übriggeblieben, erfüllte das Zimmer. So hoffte er denn, es werde kein Unheil daraus folgen, und fürchtete sich nicht. Am nächsten Abend, als er sich hinausbegab, um wieder unter den Blumen zu wandeln, sah er, daß die Mädchen schon da waren und eben der kleinen Jungfer Granatapfel zusetzten, sie möge zur Base gehen und sie um Entschuldigung bitten. Granatapfel aber wurde ärgerlich: »Was brauchen wir denn noch die alte Vettel zu bitten?« sagte sie. »Wenn wir etwas nötig haben, so bitten wir den Herrn Wirt, er wird uns schon geben, was wir verlangen.« Die anderen Mädchen freuten sich: »Unsrer Schwester Rat ist gut«, riefen sie, dann wandten sie sich alle zu Yüan-We und sagten: »Wir Schwestern wohnen allesamt in Eurem Garten, doch jedes Jahr kam der böse Sturm und fügte uns Schaden zu und wir vermochten nicht ruhig zu leben. So mußten wir stets die Base bitten, uns zu schützen. Doch nun hat Granatapfel sie unwissentlich gekränkt und wir werden fürder keinerlei Hilfe mehr von ihr bekommen. So schützt denn Ihr uns und wir werden Euch danken mit allerlei kleinen Dingen.« »Welche Macht besäße ich, Euch zu schützen?« fragte Yüan-We, da entgegnete Granatapfel: »Wir bitten Euch nur, alljährlich am Neujahrstage eine rote Fahne zu nehmen, Sonne, Mond und die verschiedenen Sterne darauf zu malen und die Fahne im Osten des Gartens aufzustellen. Dann wird der Sturm das Banner sehen, auf welches die Sonnen-, Mond- und Sternenzeichen unserer kleinen Blumenwelt gemalt sind, wird denken: »Dies ist fremdes Land!« und wird vorüberziehen, so daß wir des Unheils verschont bleiben. Diesmal freilich ist die Frist schon vorüber, so nehmt, bitte, die Fahne am einundzwanzigsten Tage des Monats und stellt sie dort auf, wenn des Morgens der leise Ostwind geht. So werden wir die Gefahr jenes Tages vermeiden.« »Dies ist leicht,« erwiderte Yüan-We, »gerne nehme ich Euern Befehl entgegen.« Da dankten ihm die Mädchen: »Was Ihr uns versprochen habt,« sagten sie, »wollen wir Euch nie vergessen.« Dann nahmen sie Abschied und gingen so schnell, man hätte sie nimmer einholen mögen, plötzlich erhub sich ein duftender Wind und alle waren verschwunden. Yüan-We wollte das Wunder gern mit Händen greifen und machte gleich am nächsten Tage eine rote Fahne zurecht, wie sie ihn gebeten hatten. Am einundzwanzigsten Tage des Monats früh ging wirklich ganz leise der Ostwind, da stellte er rasch die Fahne im Osten des Gartens auf. Kurz darnach brachte der Sturm die Erde zum Rollen und tobte so heftig, daß Sand flog und Steine durch die Lüfte prasselten. In der Gegend von Lo Tung wurden ganze Wälder vernichtet und Bäume zerknickt. Nur in Yüan-We's Garten standen die Blumen und Bäume still wie zuvor, so daß er erkannte, jene Mädchen seien Blumengeister und die Base eine Windgöttin gewesen. Am nächsten Abend erschienen die Mädchen wieder vor Yüan-We, brachten jede einige Scheffel Früchte, dankten und sprachen: »Daß Ihr das schrecklichste Unheil von uns abgewendet habt, dafür haben wir nichts Euch zum Danke zu geben. Nehmt hier die Früchte, in ihnen leben die Seelen der Blumen, und wenn Ihr sie eßt, werdet Ihr nicht altern und leben über Eure Zeit. Denn wenn Ihr uns schützt, können auch wir zu hohem Alter gelangen.« Yüan-We aß von den Früchten, wie ihm die Mädchen geraten, und wirklich verjüngte sich sein Gesicht allmählich, daß es schien, er sei nicht mehr als dreißig Jahre alt. Später aber ging er in das Tao ein und erhob sich unter die Gottmenschen. 2. Der Blumennarr Ihr Leser, saget nicht, ich redete, der Verkehr zwischen Windgöttin und Blumengeistern wäre ein Märchen. Denn im Räume der vier Meere und der neun Erdteile gibt es viele märchenhafte Dinge, die man nie mit Augen gesehen noch mit Ohren gehört hat und weder in den Geschichten noch den klassischen Büchern geschrieben findet, und ihrer sind so viele, daß keine Zahl sie zu zählen vermag. Zwar sagt man, Kung Fu-Tse habe nicht von den Wundern geredet. Aber wer Blumen liebt, wird Segen bekommen, wer Blumen Schaden zufügt, wird sein Leben verkürzen, dies gehört zu den Tugenden und ist keine Fabel. Wer unter Euch, Ihr Leser, es nicht glauben will, dem weiß ich noch eine Geschichte von dem blumenbegießenden Greise, der nachts ein Geistermädchen traf, und will sie Euch erzählen. Wenn einer sie vernimmt, der die Blumen schon liebt, wird er sie noch besser lieben. Wenn aber einer, der die Blumen nicht liebt, diese Rede vernimmt, wird auch er sie lieben lernen, ob man darum auch nicht teilhaftig des Tao und ein Gottmensch zu werden vermag: doch wird ihm damit sicherlich die Zeit verkürzt und die Langeweile gelindert werden. Diese schöne Geschichte stammt aus der Zeit des Kaisers In Tsung der Sungdynastie aus der Provinz Kiang Nan, woselbst außerhalb des Osttors der Bezirkshauptstadt Ping Kiang das Dorf Tsiang-Lo lag, etwa zwei Meilen von der Stadt entfernt. In dem Dorfe wohnte ein Greis, namens Tschou Schian, der einer Bauernfamilie entstammte und einige Morgen Landes und ein Haus dazu besaß. Seine Frau war gestorben, ohne ihm Kinder hinterlassen zu haben. Seit seiner Jugend hatte Tschou Schian leidenschaftlich geliebt, Blumen zu ziehen und Fruchtbäume zu pflanzen, so gab er denn später den Ackerbau auf und lebte nur noch für seine liebste Beschäftigung. Bekam er durch Zufall eine Gattung besonders köstlicher Blumen, so freute er sich nicht minder, ja noch mehr, als ob ihm ein Schatz Perlen in den Schoß gefallen wäre. Hatte er Wichtiges zu tun, traf aber draußen, während er unterwegs war, schöne Blumen oder Bäume an, so kümmerte er sich nicht darum, ob der Besitzer sie ihn ansehen lassen mochte oder nicht, sondern ging sogleich hin und bat mit lächelndem Gesicht, sie betrachten zu dürfen. Waren es dann häufige Pflanzen oder solche, die er selber in seinem Garten besaß und just ebenso in Blüte wie hier, so mochte es geschehen, daß er schneller wieder fortkam. War es aber eine Art köstlicherer Blumen, die er nicht besaß, oder er besaß sie, doch sie hatten schon abgeblüht, so vergaß er darüber alle wichtigsten Dinge, blieb und mochte nicht fort oder versäumte sich gar den langen Tag, ohne ans Nachhausegehen zu denken. Deshalb nannte man ihn den Blumennarren. Traf er einen Händler, der schöne Blumen mit sich führte, überlegte er nicht lang, ob er auch Geld bei sich habe oder nicht, und ließ keinen vorüber, ohne zu kaufen. Hatte er kein Geld bei sich, so verpfändete er seine Kleider und bezahlte mit diesen. Manche Blumenhändler, denen sein Wesen wohl bekannt war, forderten einen hohen Preis, er ließ sich's aber nicht anfechten und kaufte dennoch. Böse Menschen, die von seiner Blumenliebe wußten, suchten von überall her die schönsten Blumen zusammen, brachen sie ab und umgaben die Wunde mit Erde, um seine Narrheit zu betrügen, doch er kaufte auch diese. Aber es war seltsam: was immer er pflanzte, gedieh. Mit der Zeit war es ein großer Garten geworden, umflochten von einem Bambuszaun, daran die mannigfaltigsten Schlinggewächse sich zu einer Wildnis verwirrten. Unterhalb des Zaunes wieder gab es allerlei Gesträuch und Staudenpflanzen und in den Bäumen schlangen sich Kletterranken und -blumen mit tausenderlei Namen, Ansehen und Gestalt, so daß man die Arten und Gattungen gar nicht zu zählen vermochte. Jedesmal, wenn sie blühten, schienen sie einem gestickten Seidenvorhang zu gleichen, fast Schritt für Schritt stand ein wunderbares Gesträuch oder ein köstlicher Blumenflor, und hatte der eine noch nicht abgeblüht, so schoß schon der andere in Blüten auf. Gegen Süden befand sich eine Tür mit zwei aus Zweigen geflochtenen Flügeln, zu welcher ein Fußpfad hinführte, der zu beiden Seiten mit Bambus bepflanzt war, dazu standen beiderseits zwei Reihen aus Tannenreisig geflochtener Hecken. Im Hintergrunde befand sich dann das Häuschen mit drei Räumen und einem gräsernen Dach. Trotz der Grasdecke war das Haus aber hoch, luftig, hell und sonnig. Im Mittelraume, an der Wand, gab es eine Malerei ohne Schrift, dann eine Lehnbank aus weißem Holze und einige Tische und Stühle, alles sauber und wohlgepflegt gleich dem Estrich, auf dem nicht ein Fleck oder Stäubchen zu bemerken war. Die dahinter liegenden, köstlich eingerichteten Räume dienten dem Blumennarren als Schlafzimmer. Ringsum aber gab es nichts wie Blumen, als welkten hier die vier Jahreszeiten nicht, und ein immerwährender Frühling herrschte um das Haus. Vor dem Osttor des Gartens und ihm gegenüber lag der große See, dessen Wasserlandschaft in allen vier Jahreszeiten, bei heitrem oder regnerischem Wetter immer voll der köstlichsten Reize blieb. Tschou Schian hatte am Seestrand aus Lehm einen Damm aufgeführt und diesen reichlich mit Pfirsichbäumen und Weiden bepflanzt, so daß jedesmal, wenn der Frühling kam, alles in roten und grünen Streifen erglänzte und die Schönheit fast der Pracht des Westsees glich. Am Flusse wuchsen überall Mondblumen, im See aber fünffarbige Wasserrosen, deren Duft zur Zeit der Wasserrosenblüte wie bunte Wolken über der Seefläche schwebte und netzte die Haut der Menschen mit Wohlgeruch. Kleine Boote fuhren hin und her und das Lied der Seepflanzensucher klang lieblich herüber. Ging ein kleiner Wind, so segelten und ruderten sie draußen zur Wette und es entstand ein fliegendes Gewimmel kreuz und quer eilender Boote. Unter den Weidenbäumen trockneten Fischer ihre Netze: manche von ihnen spielten mit Kindern, andere flickten die Netze, andere wieder lagen, nachdem sie zuviel Wein getrunken, schlafend auf dem Schiff oder schwammen zur Wette, und alles war erfüllt von Menschenrede und Gelächter. Die Leute, welche die Wasserrosen betrachten wollten, kamen in geschmückten Booten mit festlicher Musik und waren so viele, daß die Boote dicht wie Fischschuppen nebeneinander saßen. Wenn dann der Abend kam, wandten sie die Steuer zurück, dann sah man zehntausend Lichter, untermischt mit den Funken der Glühwürmer und den Flimmerschatten der Sterne, so daß man eins von dem andern nicht mehr unterscheiden konnte. Wehte aber der Herbstwind, so röteten sich allmählich die Ahornwälder und auf den gelben und grünen Ufermatten mischten sich verwelkte Weiden und Mondblumen. Allerlei Wasserpflanzen warfen ihren Spiegelschatten in die Flut und im Schilfe bargen sich scharenweise die Kraniche und ließen ihr traurig machendes Krähen ertönen. Zuletzt, wenn es Winter geworden, bedeckte das dichte Gewölk, Wolke an Wolke, den Himmel: es begann zu schneien und oben und unten rann in einer unendlichen Farbe zusammen. Ach, wer vermöchte die Schönheit der vier Jahreszeiten auf dem See mit Worten zu beschreiben! Tschou Schian pflegte jeden Morgen, wenn er aufgestanden war, die abgefallenen Blätter, die unter den Bäumen lagen, säuberlich zusammenzufegen. Dann schöpfte er Wasser und begoß jede einzelne Pflanze, und sobald es Abend war, zum zweiten Mal. Wenn dann eine Blume aufblühen sollte, konnte er sich nicht genug daran freuen: er kochte Wein oder Tee, beugte sich zuerst vor der Blume, goß dann ein wenig vom Weine oder dem Tee zur Erde und rief dreimal hintereinander: »Zehntausend Jahre!« Darauf setzte er sich in den Blumenschatten, trank bedächtig und prüfte den Trunk mit Aufmerksamkeit auf der Zunge. War er wohlgelaunt vom genossenen Weine, so sang er irgendein Lied, war er müde, so nahm er sich einen Stein als Kissen und legte sich ohne Umschweife neben den Stamm des Baumes hin. Vom ersten Knospen bis zur vollen Blüte verließ er den Baum keinen Augenblick. Brannte die Sonne zu heiß, so nahm er einen Besen, tauchte ihn in Wasser und schüttelte ihn über die Blüten. Schien der Mond, so ging er die ganze Nacht nicht schlafen. Kam aber Sturm oder ein Regenguß, so ging er in einem schilfenen Mantel und geflochtenem Rohrhut unter den Bäumen und Blumen umher und sah überall nach, ob ihnen nichts geschehe, und war nur ein Zweiglein gekrümmt worden, so richtete er es mit einem Bambusstabe wieder auf. Ob es auch Nacht war, erhob er sich dennoch, um nach den Pflanzen zu sehen, und dies mehrere Male in jeder Nacht, Wenn es mit einer Blume zum Verblühen ging, seufzte er lange und manchmal fielen ihm die Tränen herunter. Da es ihn nicht litt, die abgefallenen Blütenblätter fortzuwerfen, fegte er sie leicht mit einem Besen zusammen, raffte sie auf und legte sie auf einen Teller. Zuweilen spielte er dann damit oder sah die Blätter nachdenklich an, bis sie völlig vertrocknet waren. Darauf füllte er sie in einen Krug, trank und betete, wenn dieser voll war, in Trauer, als ob er sich nicht davon trennen könne, nahm den Krug und begrub ihn tief in der Erde des Dammes, dies heißt die Blumenbestattung. Waren die Blütenblätter vom Regen herabgeschlagen und von der Erde beschmutzt worden, wusch er sie zuerst mit lauterem Wasser und streute sie dann über den See, dies heißt das Blumenbad. Er haßte es sehr, wenn man einen Zweig herunterbog und eine Blüte abbrach. Denn er sagte: Jede Blume blüht nur einmal im Jahre und bloß eine einzige von den vier Jahreszeiten dauert ihr Leben. Doch auch von dieser gehören nur wenige Tage ihr, und sie übersteht drei Jahreszeiten um die schwindende Kürze ihrer schönen Zeit. Sieht man sie nicht tanzen, wie der Wind weht, und lacht sie nicht den Menschen an, als wäre sie selbst ein Mensch, der seine glücklichen Tage lebt? Plötzlich wird sie gebrochen – könnten die Blumen reden, wie schmerzlich müßte das sein! Hat dann aber die Blume ihre wenigen Tage bekommen, so ist sie zuerst im Knospen und zuletzt im Verblühen und nur der kärgliche Rest, der dazwischen liegt, gehört dem Glanz der entfalteten Blüte. Schmetterlinge und Bienen verletzen sie, Vögel und Würmer fressen sie an, Sonne dörrt, Sturm schüttelt, Regen schlägt, Nebel verhüllt sie. Nur der Mensch leistet ihr Beistand. Wenn man sie ohne Erbarmen bricht und pflückt, o wessen Herz möchte es dulden? Und wer mißt, wieviel Jahre und Monde vergehen, ehe der Keim zum Strauch, der Strauch zum Baume heranwächst? Ist es dann nicht schön, die Blüten zu betrachten und ihren Duft einzuatmen, müssen sie auch noch gebrochen sein? Man denke doch, daß eine Blüte, einmal getrennt von ihrem Zweig, nie wieder zurückkehren wird an ihren Ort, einem Verstorbenen gleich, der niemals wiederkommt. Alle Blumenpflücker wählen sich den schönsten oder dichtestblühenden Zweig hervor, tun ihn in eine Vase und stellen diese auf ihren Tisch, entweder um Gäste zu empfangen und für kurze Zeit die Freuden des Trinkmahls zu erhöhen, oder Frauen und Mädchen einen Tag lang zum Schmucke. Wer denkt daran, daß die Gäste auch unter den Blüten sich sättigen könnten und essen und trinken und Schmuck für die Frauen durch Menschenkunst hergestellt wird? Jeder Zweig in Menschenhand ist dem Baume verloren, wäre es nicht besser, ihn wachsen zu lassen und Jahr um Jahr zu betrachten? Und dann die Knospen, die mit den entfalteten Blüten zusammen gebrochen werden und am Zweige vertrocknen! Sie sind wie Kinder, die in der Frühe gestorben sind. Und Menschen gibt es, die lieben die Blumen gar nicht, brechen sie aus Leichtsinn und schenken sie, wenn sie gepflückt sind, jedem, der sie haben mag, oder werfen sie achtlos fort, ohne Mitleid zu empfinden. Diese Blumen gleichen den Menschen, die Unheil traf und können ihr Recht nicht wiederherstellen. Wenn die Blumen reden könnten – o wie schmerzlich müßte das sein! Dies war Tschou Schians Anschauung von den Blumen. Nie in seinem Leben hatte er einen Zweig oder eine Knospe abgebrochen. War er in einem fremden Garten, wo es Blumen gab, die er liebte, so konnte er Tage lang dort verweilen, um sie zu betrachten. Wollte dann der Besitzer des Gartens einen Zweig abbrechen, um ihn ihm zu schenken, so hielt er dies für sündhaft und nahm ihn nicht an. Kam jemand, um Blumen zu pflücken, so konnte er nichts dawider tun, wenn er es nicht bemerkte. Bemerkte er es aber, so konnte er ihm stundenlang zureden, davon abzulassen. Wollte der andere nicht hören, so kniete er nieder, ihn um das Leben der Blumen zu bitten. Ob man ihn gleich den Blumennarren nannte, so kannte man doch sein gutes Herz und hörte um seinetwillen oftmals mit Blumenbrechen auf. Dann dankte er dem Willigen im Namen der Blumen. Wenn er Knaben traf, die Blumen pflücken gingen, um sie wieder zu verkaufen, schenkte er ihnen so viel, als sie damit lösen mochten, und ließ sie nicht an die Blumen heran. War eine in seiner Abwesenheit gebrochen worden, so trauerte er zuerst und salbte dann ihre Wunde, dies heißt die Blumenheilung. Deshalb ließ er auch nur selten Menschen in seinen Garten, die Blumen zu betrachten. Kam wirklich ein Verwandter oder guter Freund, und er konnte es nicht verweigern, so ließ er ihn nicht eher ein, als bis er ihm seine Anschauung von den Blumen gesagt hatte. Auch fürchtete er, die üble Ausdünstung möchte den Blumen schaden, darum gestattete er nur, aus der Ferne sie zu betrachten, und erlaubte niemand, nahe hinzugehen. Wenn einer dennoch unbeachtet eine Blume abbrach, so geriet der Alte in solchen Zorn, daß sein Gesicht sich dunkelrot färbte, und begann laut und heftig zu schelten; er hätte den Missetäter nicht noch einmal eintreten lassen und wenn er darob geschlagen worden wäre. Seither kannten alle Leute in der Gegend sein sonderbares Wesen und wagten nicht, an Bäumen oder Blumen auch nur ein Blättchen anzurühren. Es ist bekannt, daß, wo viele Bäume beisammen stehen, die Vögel dort ihre Nester bauen, und wo Blumen sind, noch größere Scharen von Vögeln sich sammeln. Fräßen sie nur von den Früchten, es wäre zu verschmerzen, doch sie lieben es, sich von den jungen Knospen zu nähren. Deshalb streute Tschou Schian stets vielerlei Samen- und Getreidekörner auf den Boden und betete dazu, die Vögel möchten seinen Blumen keinen Schaden zufügen. Wer aber hätte gedacht, daß in seinem Garten selbst die Vögel Empfindung hatten? Tag für Tag, wenn sie satt gefressen hatten, flogen sie langsam zwischen den Blumen oder saßen auf den Bäumen und sangen und nie noch war eine Knospe oder Blüte von ihnen angerührt worden. Deshalb trugen die Bäume in des Alten Garten mehr Obst, als in allen andern, und jede ihrer Früchte war groß und süß. Sobald sie gereift waren, betete er zum Blumengott, dann erst wagte er es, von dem Obst zu versuchen. Dann sandte er auch allen Nachbarn davon zum Kosten hin, und was übrig blieb, wurde verkauft, so daß er Jahr für Jahr ein Teil Geldes zurücklegen konnte. Die lebendige Heiterkeit der Blumen war auf ihn übergegangen, trotz seiner mehr als fünfzig Jahre war er niemals müde oder träge gewesen, ja seine Sehnen und Knochen schienen an Kraft gewachsen zu sein. Er trank nur groben Tee und nährte sich von grober Speise, was er jährlich übrig behielt, schenkte er den Armen vom Dorfe. Deshalb ehrten ihn alle Leute im Dorf und nannten ihn höflich Herr Tschou. Er selbst aber hatte sich den Namen gegeben: der blumen begießende Greis. Zurzeit nun befand sich daselbst ein Mann aus der nächsten Stadt, namens Djang We, der einem adligen Hause entstammte: er war hinterlistig und grausam und unterdrückte die ganze Gegend, da er große Macht besaß. Wer unbewußt etwas tat, was ihm nicht gefiel, hatte es sogleich mit ihm zu schaffen. Stets war er von einer Schar Dienern gleich Wölfen und Tigern und einer Bande roher junger Leute umgeben, mit denen er Tag und Nacht umherzog und allerlei wilden Unfug verübte. Schon viele Familien dankten dem Unhold ihr Verderben. Eines Tages nun war dieser einem begegnet, der es noch besser verstand als er, und war von diesem ergriffen und halb zu Tode geschlagen worden. Als er damit zu Gerichte ging, verlor er obendrein den Prozeß. Nun schweifte er wie sinnlos mit seiner Bande in dem Dorfe umher, das ihm gehörte, und ganz in der Nähe von Tsiang-Lo lag. Als er einmal beim Morgenimbiß etwas trunken geworden war und sich so wieder im Dorfe herumtrieb, gelangte er zufällig unmittelbar vor Herrn Tschou's Garten und gewahrte, wie da am Zaune all die Blumen so frisch und lieblich hersahen und alles in dichtester Blüte voll von Bäumen und Sträuchern stand. »Dies ist ja eine Herrlichkeit!« rief er aus, »wem gehört dieser Garten?« »Er gehört Herrn Tschou, den man den Blumennarren nennt«, antworteten die Diener. »Davon vernahm ich schon, daß hier ein Herr Tschou so viele Blumen und Bäume gepflanzt haben soll«, erwiderte Djang We. »Da wir nun aber hier sind, warum gehen wir nicht hinein, sie uns anzusehen?« »Der Mann hat ein sonderbares Wesen,« erklärten die Diener, »er erlaubt niemand, seine Blumen anzusehen.« »Andere läßt er nicht hinein,« sagte Djang We, »wird er aber auch mit mir so verfahren? Geht hin und klopft!« Es war gerade um die Zeit, da die Pfingstrosen aufblühen: Herr Tschou war eben mit Begießen fertig geworden und saß allein unter den Blumen mit einem Kruge Weins und zwei Tellern Früchten, um zu trinken und der Freude zu genießen. Kaum hatte er drei Becher getrunken, als er draußen ein Klopfen vernahm. Er legte den Becher von sich und ging hinaus, einige betrunkene Männer standen vor ihm. Sogleich dachte er sich, sie wollten herein, um die Blumen zu betrachten, versperrte mit beiden ausgebreiteten Armen den Eingang und fragte: »Was wollt Ihr hier?« »Kennst Du mich nicht?« antwortete Djang We. »Ich bin der berühmte Junker Djang, das Dorf Djang gehört mir. Man sagt mir, Du hättest so viele schöne Blumen in Deinem Garten, und ich komme eigens hierher, sie mir anzusehen.« »Ich habe keine schönen Blumen hier,« erwiderte Tschou, »ich besitze nichts als Pfirsiche, Aprikosen und dergleichen, aber auch diese sind schon verblüht. Um diese Zeit gibt es keine andern Blumen da.« Djang We's Augen wurden groß: »Es ist, um toll zu werden«, rief er. »Ich komme her, nur um die Blumen anzusehen, was kann das schaden? und Du sagst mir, Du habest keine. Glaubst wohl, ich fresse sie?« »Es ist keine Lüge,« entgegnete Tschou in Angst, »es sind wirklich keine Blumen hier.« Doch Djang We hörte nicht, trat vor, bog mit einem Ruck Tschou's Arme hinunter und stieß ihn vor die Brust, daß er zur Seite taumelte, dann drang er mit seinen Kumpanen ein. Als Tschou sah, daß es schlimm werden wollte, blieb ihm trotz seines Schmerzes keine andere Wahl, als die Eindringlinge gewähren zulassen. Er schloß die Tür hinter ihnen und folgte ihnen nach. Nachdem er seinen Wein und Obst vom Boden aufgehoben, blieb er neben ihnen stehen. Die Leute sahen nun, daß der Garten voll von vielartigen Blumen und Bäumen stand, keine aber blühten so herrlich wie die Pfingstrosen. Denn die Pfingstrose ist die Königin unter den Blumen, die köstlichsten aber, die man davon finden kann, sind die Pfingstrosen aus Lo-Yang. Es gibt gelbe, die heißen Yo, und violette, die heißen We, und so noch vielerlei Arten, mannigfaltig an Namen und Farben, und ein einziger Baum davon kostet fünftausend Taels Silber. Wenn aber einer früge, warum die Pfingstrosen aus Lo-Yang die köstlichsten unter allen sind, so stammt dies noch aus der Zeit der Kaiserin Wu Tsai Tien, die in den Tagen der Tangdynastie lebte. Sie war verschwenderisch, wollüstig und grausam und hielt sich zwei Günstlinge Djang J-Tse und Djang Tsiang-Tsung. Eines Tages im November nun gedachte sie im Parke des Palastes zu lustwandeln und erließ eine Botschaft: »Morgen früh will ich im Parke des Palastes lustwandeln, macht feuerschnell allüberall den Frühling kund! Hunderterlei Blumen sollen in dieser Nacht erblühen und nicht warten, bis der Morgenwind sich erhebt!« Da Wu Tsai Tien eine Herrscherin war, die der Himmel auf Erden eingesetzt, wagten es die Blumen nicht, ihrem Erlasse zuwider zu handeln, und so wuchsen die Knospen und entfalteten sich die Blüten in einer einzigen Nacht. Am nächsten Morgen kam die Kaiserin in ihrer Hofkarosse nach dem Park des Palastes gefahren und sah: tausend rote und zehntausend violette Blumen standen da in Blüte und verbreiteten einen Glanz, vor dem man erblinden mochte. Nur die Pfingstrosen waren zu stolz, der Kaiserin und ihren Günstlingen zu gehorchen, deshalb war an ihnen kein einziges Blättchen gewachsen. Da ergrimmte Wu Tsai Tien und verbannte die Pfingstrosen nach Lo-Yang, von wo sie sich über die ganze Welt verbreitet haben. Hier im Garten nun waren die Pfingstrosenbäume gerade dem Grashäuschen gegenüber angepflanzt. Ein kleines Gemäuer von aus dem See geholten Steinen umgab sie, dazu war ein hölzernes Gerüst zur Stütze errichtet worden und eine tuchene Decke gegen die Sonnenhitze darübergespannt. Die Höhe der Bäume betrug mehr als einen Djang, und selbst die untersten Zweige standen noch sechs oder sieben Fuß hoch. Die Blüten hatten die Größe eines Tellers und es gab deren von fünferlei Farben, so schön untereinander gemischt, daß der Glanz die Augen blendete. Die Leute Djang We's waren nur eines Lobes darüber, Djang We selbst aber stieg sogleich auf die Mauersteine, um den Duft zu versuchen. Da Tschou dies nicht leiden mochte, sagte er zu Djang We: »Bitte, geht nicht so nahe heran!« Djang We, schon gereizt, daß er zuvor nicht freiwillig eingelassen worden, suchte eben willkommene Gelegenheit zum Streite. Als er nun diese Worte vernahm, fuhr er fluchend auf den Alten los: »Du wohnst in meiner Nähe, solltest Du denn meinen Namen noch nicht gehört haben? Hier steht alles voll der schönsten Blumen und Du sagst mir, Du habest keine? Statt nun froh zu sein, daß ich darüber schwieg, wagst Du es, noch weiterzugehen in frecher Rede! Was mag es wohl den Blüten schaden, wenn man daran riecht? Doch da Du also redest, bin ich erst recht gelaunt, nicht davon abzulassen.« Damit bog er Blüte nach Blüte herunter und roch daran. Tschou Schian stand daneben und traute sich nicht, etwas dawider zu sagen. Denn er dachte nicht anders, als Djang We werde die Blumen ansehen und dann gehen. Doch dieser wollte ihn geflissentlich herausfordern und sagte: »Wer wird so schöne Blumen betrachten, ohne einen Becher Weins dazu zu trinken?« und hieß sogleich die Diener Wein besorgen. Als Tschou Schian sah, daß hier Vorbereitungen zu einem Trinkgelage getroffen wurden, wuchs sein Zorn noch höher: »Mein Haus«, sprach er, »ist wie eine Muschel, es ist kein Raum darin zum Sitzen. Seht Euch die Blumen an, trinken aber mögt Ihr, wenn Ihr zu Hause seid!« »Hier ist Raum genug, sich darauf niederzulassen«, entgegnete Djang We, auf den Boden weisend. »Hier ist es schmutzig, darauf werdet Ihr nicht sitzen wollen«, sagte Tschou. »Was tut's?« rief Djang We, »wir werden schon Teppiche breiten.« In kurzer Frist war Essen und Trinken herbeigeschafft: nun breiteten sie Teppiche, setzten sich in die Runde, tranken, spielten und ergötzten sich. Tschou Schian saß mit zerstörtem Antlitz daneben. Als Djang We hier all die Blumen und Bäume so schön und prächtig sah, stieg ein böser Gedanke in ihm auf, sich des Gartens zu bemächtigen. Mit schillernden, trunkenen Augen sprach er zu Herrn Tschou: »Ob Du gleich dumm dreinsiehst und alt, Blumen und Bäume zu pflanzen verstehst Du wohl. Da hast Du einen Becher Wein dafür, ich schenk ihn Dir!« »Ich bin nicht gewohnt zu trinken,« entgegnete Tschou zornig, »trinkt nur Ihr selber!« »Möchtest Du diesen Garten verkaufen?« fragte nun Djang We. Als Tschou dies vernahm, wußte er, etwas Schlimmes würde jetzt kommen, erschrak und sagte: »Dieser Garten ist mein Leben, wie litte es mich, ihn zu verkaufen?« »Leben oder Nichtleben,« rief Djang We, »verkaufe mir den Garten, und wenn Du sonst nichts zu tun hast, kannst Du bei mir bleiben. Brauchst nichts zu schaffen, als den Garten pflegen, was gäbe es Besseres für Dich?« »Hast Glück, Alter«, mischten sich die Diener ein. »Wenn Herr Djang es auf diese Weise anzusehen geruht, solltest Du Dich beeilen, ihm zu danken!« Herr Tschou sah, daß sie ihn Schritt für Schritt in ihr Netz treiben wollten: eine Erregung ergriff ihn, daß ihm Hände und Füße zu erschlaffen und abzusterben schienen. Als er keine Antwort gab, sagte Djang We: »Ist es nicht, um toll zu werden mit dem Alten da? Ob er den Garten verkaufen will oder nicht, steht bei ihm, warum also redet er nicht?« »Ich habe Euch schon gesagt, ich verkaufe ihn nicht,« entgegnete Tschou, »weshalb fragt Ihr also noch?« »Plappre keinen Unsinn«, rief nun Djang We. »Wenn Du noch einmal von Nichtverkaufen redest, schreib ich einen Brief, um Dich vor den Richter zu schicken.« Tschou Schians Zorn war nun auf das höchste gestiegen, und er hätte Djang nun auch das seine gesagt. Doch überlegte er, daß Djang die Macht habe und überdies betrunken war, wie hätte er sich ihm da gleichstellen mögen? So gedachte er denn, sich ihn vorläufig aus der Nähe zu schaffen und abzuwarten, was weiterhin geschehen würde. »Junker,« sagte er, seine Erregung hinunterwürgend, »wenn Ihr den Garten kaufen wollt, laßt uns in Ruhe darüber reden. Wie könnten wir durch ein einziges Gespräch zu einem Entschlusse kommen?« »Gut,« sagten die andern, »Du magst recht haben, warten wir also bis morgen.« Inzwischen war die ganze Gesellschaft betrunken geworden und erhob sich. Die Diener räumten das Geschirr zusammen und entfernten sich zuerst. Da Tschou Schian aber fürchtete, sie möchten den Blumen etwas antun, stellte er sich davor, um sie zu schützen. Djang We indessen, koste es, was es wolle, stieg auf einen von den Mauersteinen und wollte sich eine Blüte brechen. »Junker!« rief Tschou Schian, ihn umklammernd, »ob die Blume auch nur ein kleines Wesen ist, wer weiß davon, was es Mühe gekostet hat; die wenigen Blüten zu bekommen! Schmerzt es Euch denn nicht, sie abzubrechen? Schon in ein oder zwei Tagen wird sie verwelkt sein, wozu wollt Ihr also die Schmach und Sünde begehen?« »Du plapperst wieder«, entgegnete Djang We. »Was soll denn dies bedeuten: Schmach und Sünde? Wenn Du morgen den Garten verkaufst, so ist er mein und ich kann die Blüten alle abbrechen, wenn es mir gefällt, was kümmert das Dich?« Er wollte sich gewaltsam losreißen, doch Tschou Schian umklammerte ihn noch fester und rief: »Und wenn Ihr mich erschlagt, ich dulde es nicht, daß Ihr die Blüte abbrecht!« »Wahrlich,« sagten nun die andern, »der Alte ist doch ein sonderbarer Kauz! Eine einzige Blüte – was macht das aus? Er sieht drein, als ob wir uns vor ihm fürchten sollten, und denkt, wir würden um seinetwillen ablassen, nach Laune Blüten zu brechen!« Sogleich gingen sie hin und rissen die Blüten herunter. Tschou, auf das schmerzlichste betroffen, schrie laut auf. Er ließ Djang We fahren und suchte nun mit Todeskraft die übrigen von den Blüten fernzuhalten. Doch zu seinem Unglück blieb sogleich die eine Seite entblößt, sobald er die andere zu decken suchte: in kurzer Frist waren die meisten Blüten vom Zweige gerissen. »Ihr Bösewichter,« rief Tschou schmerzlich aus, »kommt zu einem, der Euch nie Schlimmes getan, um ihn zu kränken und zu beleidigen! Wozu ist mir nun mein Leben noch wert?« Dann ging er auf Djang We los und stieß ihn mit dem Kopfe vor die Brust. Der Anprall war so wütend, und Djang We überdies so heftig betrunken, daß er von dem Stoße zu Boden fiel. »Er hat den Junker verletzt!« riefen nun die andern und wandten sich gegen Tschou Schian, um ihn zu schlagen. Doch befanden sich einige bedachtere Leute unter ihnen, die, als sie sahen, daß Tschou schon alt war, fürchteten, er könnte zu Tode geschlagen werden, und die übrigen von ihm fort zu Djang We beredeten, diesen aufzuheben. Djang We, durch den Sturz noch wütender geworden, ging nun hin, schlug alle Blüten, so viele ihrer waren, auf die Erde und stampfte, damit nicht zufrieden, noch heftig auf den abgefallenen herum. Da wurde Tschou Schians Schmerz so unerträglich, daß er sich zu Boden warf und kläglich über Himmel und Erde schrie. Als man in der Nachbarschaft vernahm, daß es im Garten Streit gab, gingen die Leute hin und sahen nun den Boden weit und breit mit Blüten und Blättern bedeckt. Djang We's Meute wollte sich eben auf Tschou stürzen, um ihn zu schlagen, da legten sich die Nachbarn, heftig erschrocken, ins Mittel, beruhigten die Gesellen und fragten nach dem Grunde des ganzen Auftritts. Unter den Nachbarn befanden sich auch einige Landpächter Djang We's, die baten diesen um Entschuldigung für Tschou Schian. Als nun die Leute sich allmählich durch die Gartentür entfernten, sprach Djang We zu den Nachbarn: »Sagt dem alten Dieb, wenn er mir mit artigen Worten den Garten schenkt, so soll ihm weiter nichts geschehen. Doch spricht er das Wort Nein nur zur Hälfte aus, so möge er zusehen, wie es ihm ergehe!« Die Nachbarn dachten, er ist betrunken, und nahmen sich seine Rede nicht zu Herzen, kehrten zurück, hoben Tschou Schian vom Boden auf und setzten ihn auf die Treppe. Aber der Alte schrie immerzu und schien vom Schmerze erwürgt zu werden. Die Nachbarn trösteten ihn, nahmen Abschied und versperrten an seiner Statt die Gartentür. Einige unter ihnen meinten, der Alte habe niemals zugelassen, seine Blumen anzusehen, nun würde er sich nach diesem Streit wohl eines Besseren besinnen, aber mehrere andre erwiderten, so solle man nicht sprechen, denn das Sprichwort sage: Pflege die Blumen ein Jahr, so sieht Du sie zehn Tage. Die Leute wüßten nur, daß Blumen schön zu beschauen seien, aber sie gedächten nicht der Zeit und Mühe, die der Pfleger um die wenigen Blüten dahingehe. »Ist es also ein Wunder,« fragten sie, »wenn der Alte die Blumen so närrisch liebt?« Tschou Schian indessen litt es nicht, die abgeschlagenen Blüten liegen zu lassen; er ging hin, hob sie auf und fand alle schwer verletzt und zertreten. Da kam ihm der Schmerz wieder zurück, aufs neue quollen ihm die Tränen, während er sagte: »Blumen, liebe Blumen, nie hab ich Euch ein Blättchen beschädigt, wer hätte denken sollen, daß Euch nun heute solch trübes Schicksal widerführe?« Er weinte noch, da sprach eine Stimme hinter ihm: »Herr Tschou, warum klagt Ihr so bitterlich?« Als er sich umwandte, sah er, daß es ein Mädchen von sechzehn Jahren war, fein und lieblich an Gestalt und Antlitz, in einem einfachen, doch edlen Gewande. Er wußte nicht, welchem Hause sie angehören mochte, wischte sich die Tränen fort und fragte: »Jungfrau, aus welchem Hause stammt Ihr und was ist Euer Begehr?« »Ich wohne hier nahebei«, erwiderte das Mädchen. » Man sagte mir, die Pfingstrosen in Eurem Garten stünden eben in vollster Blüte, so bin ich eigens hierhergekommen, sie mir anzusehen. Ich hätte nicht gedacht, daß sie schon abgewelkt sind.« Als Tschou Schian noch einmal an die Pfingstrosen erinnert wurde, kam ihn unwillkürlich wieder das Weinen an. »Welch einen Kummer habt Ihr,« fragte das Mädchen, »daß Ihr immerzu weinen müßt?« Da erzählte ihr Tschou Schian, was ihm mit Djang We widerfahren war. »Wenn es sich so verhält,« lachte darauf das Mädchen, »sagt, möchtet Ihr Eure Blüten wieder an den Zweigen haben?« »Ihr scherzt, Jungfrau!« erwiderte Tschou Schian. »Auf welchem Wege sollten denn abgefallene Blüten wieder an ihre Zweige kommen?« »Von meinen Ureltern hab ich ein Mittel, mit Namen ›Bring Blüten zum Zweig‹,« entgegnete das Mädchen, »ich hab es oft versucht und es hat nie versagt.« Da verwandelte sich Tschou Schians Kummer in Freude: »Ist dies wahr, Jungfrau?« rief er aus. »Weshalb sollte es nicht wahr sein?« sagte das Mädchen. Da warf sich Tschou Schian auf die Knie vor ihr und sprach: »Wenn Ihr mir etwas von jenem wunderbaren Mittel opfern wollt, so kann ich Euch nichts zu Danke tun. Doch will ich Euch immer zu mir rufen, so oft eine Blume aufgeblüht ist, damit Ihr sie Euch betrachtet.« »Kniet nicht!« antwortete das Mädchen, »sondern geht hin und bringt einen Becher Wassers her!« Tschou Schian stürzte fort, das Wasser zu holen, immer noch in lebhaften Zweifeln, als er aber damit wiederkehrte, war das Mädchen verschwunden. Die Blüten jedoch saßen wieder an den Zweigen und nicht eine einzige war auf der Erde liegen geblieben. Ursprünglich hatte jede nur eine Farbe gehabt, doch als er sie jetzt ansah, schienen sie verwandelt und waren rot und violett gestreift und boten ein Bild der farbenreichsten Mannigfaltigkeit. Jeder Baum trug Blüten von fünferlei Farbe und war noch frischer und prächtiger geworden als zuvor. Tschou Schian freute sich und erstaunte sehr: »Wer hätte gedacht,« sagte er, »daß die Jungfrau in Wahrheit solch wunderbares Mittel besäße?« Er glaubte, das Mädchen müsse noch irgendwo hinter den Bäumen stehen, stellte das Wasser ab und wollte hingehen, ihr Dank zu sagen. Doch ob er gleich den ganzen Garten durchsuchte, tauchte auch nicht ihr Schatten im Umkreis auf. »Warum ist sie so ohne Gruß von dannen gegangen?« dachte Tschou. »Sicherlich finde ich sie noch, wenn ich vor der Tür nachsehe, ich will hingehen, sie zu bitten, mich dieses Wundermittel zu lehren.« Er ging zur Tür, da war sie noch verschlossen. Als er aufsperrte, sah er zwei alte Männer aus der Nachbarschaft, Yü und Schien mit Namen, dort sitzen, um zuzusehen, wie die Fischer ihre Netze trockneten. Als sie Tschou Schian herauskommen sahen, erhoben sie sich und sprachen zu ihm: »Wir haben gehört, Junker Djang habe es hier schlimm getrieben. Wir waren auf dem Felde, so konnten wir nicht eher hierherkommen, um nach dem Grunde zu fragen.« »Erinnert mich nicht an die Bösewichter, die mir so großes Unrecht getan,« entgegnete Tschou Schian, »ich habe einer Jungfrau zu danken, die mir die Blüten durch ein wunderbares Mittel gerettet hat. Doch konnte ich ihr noch kein Wort des Dankes sagen, da war sie schon verschwunden. Habt Ihr beide nicht gesehen, in welcher Richtung sie gegangen ist?« Als die beiden Alten dies vernahmen, wunderten sie sich sehr. »Wie kann das sein,« erwiderten sie, »daß die abgeschlagenen Blüten wieder an ihre Zweige gekommen sind? Wann ist die Jungfrau denn fortgegangen?« »Soeben«, entgegnete Tschou Schian. » Wir sitzen schon lange hier,« sagten die Nachbarn, »es ist aber niemand vorübergegangen. Wie hätten wir also ein Mädchen hier sehen sollen?« Da erbebte Tschou Schians Herz: »Ist es so, wie Ihr sagt,« sprach er, »so ist es vielleicht ein Geist gewesen, der auf die Erde kam.« »Sagt an,« drangen die Alten in ihn, »wie hat sie es denn gemacht, daß sie die Blüten rettete?« Als Tschou Schian alles erzählt hatte, erstaunten sie noch mehr und wollten das Wunder mit eigenen Augen sehen. So gingen sie denn zusammen hinein bis vor die Bäume: »Es muß in Wahrheit ein Geist gewesen sein!« riefen sie aus, von Bewunderung übermannt. Sogleich machte Tschou Schian einen Krug mit Wein zurecht und dankte dem Mädchen zum Himmel hinauf. »Ihr habt die Blumen immer so herzlich und mit Inbrunst geliebt,« sprachen nun die Alten, »daß ein Geist um Euretwillen herabgekommen ist. Djang We wird sich zu Tode schämen, wenn er morgen die Blüten wiedersieht.« »Laßt das,« erwiderte Tschou Schian, »solch ein Mensch gleicht einem bissigen Hunde, man soll sich schon aus der Ferne vor ihm hüten, was lockt Ihr ihn noch herbei?« »Da habt Ihr recht«, bestätigten die Alten. Tschou Schian, in seiner großen Freude, kochte nun den Krug Wein vom vergangenen Tage, ließ die beiden nicht fort und trank mit ihnen unter den Blumen, bis es Abend geworden. Dann erst nahmen die Alten Abschied von ihm und erzählten nun überall die wunderbare Geschichte, die sich bald über das ganze Dorf verbreitete. Am nächsten Morgen wären gerne alle hingegangen, das Wunder zu betrachten, doch fürchteten sie, Tschou werde es nicht zulassen. Wer von ihnen hätte auch denken sollen, daß Tschou Schian es schon lange in seinen Gedanken trug, selber ein Geist zu werden, und nun, da einer zu ihm gekommen, entschlossen war, die Welt unter sich versinken zu lassen? Die ganze Nacht war er nicht schlafen gegangen und hatte unter den Blumen gesessen, denkend, das Erlebnis mit Djang We sei nur gekommen, weil er so engen Herzens gewesen, dafür sei er nun gestraft worden. Würde er aber so frei und groß an Sinn und Herzen, wie die Geister sind, und gleich ihnen fähig, alles zu dulden, was könnte ihm dann noch widerfahren? Am andern Morgen öffnete er die Tür und ließ die Neugierigen nach Laune alles betrachten und im Garten lustwandeln. Er hatte eben die Tür aufgemacht, als einige hereinkamen, um zu fragen, da sahen sie Tschou Schian bei den Pfingstrosenbäumen sitzen, und er sprach zu ihnen: »Kommt, wie Ihr wollt, und sehet an! Nur brecht mir keine Blüten ab!« Als sie dies vernahmen, berichteten sie es überall: Mann und Weib, Jung und Alt drängten sich nun herzu, um zu betrachten und anzustaunen. Unterdessen hatte sich Djang We früh von seinem Lager erhoben und sprach zu seinen Leuten: »Gestern hat mich der Alte zu Boden gestoßen, aber ich werde es nimmermehr dulden. Er gibt mir nun den Garten oder wir gehen dahin und schlagen sämtliche Bäume in Stücke.« »Der Garten ist nicht weit,« erwiderten die andern, »wir fürchten nicht, daß er sich weigern wird. Doch besser wäre es gewesen, wir hätten nicht alle die Blüten heruntergeschlagen und einige übrig gelassen zur Augenweide.« »Was kümmert uns das?« entgegnete Djang We, »sie werden im nächsten Jahre schon wieder blühen. Laßt uns jetzt eilen, ehe der Alte Zeit hat, sich zum Widerstand zu bereiten!« Als sie nun aus ihrem Dorfe herauskamen, hörten sie, in Tschou Schians Garten sei ein Geist gewesen, alle Blüten stünden wieder an ihrem Orte und seien noch mannigfaltiger an vielerlei Farben als zuvor. Djang We mochte es nicht glauben: » Welcherlei Tugend«, sagte er, »hätte der Alte, daß ein Geist, sich zu ihm bemühen möchte? Und warum geschah dies nicht früher noch später, sondern eben jetzt, da wir die Blüten herabgeschlagen haben? Stehen Geister bereit, wann man gerade ihrer bedarf, oder hält man sie vielleicht im Hause? Er fürchtete uns wohl, so erfand er geflissentlich diese Fabel und sorgte dafür, daß sie Verbreitung fand, damit auch wir davon vernehmen und ängstlich werden sollten.« »Da habt Ihr recht, Junker!« stimmten die andern bei. Nicht lange, so standen sie vor dem Garten an der aus Zweigicht geflochtenen Tür, durch deren weit geöffnete Flügel die Menschen aus- und einströmten und mit tausend Mündern alle das Gleiche erzählten. »Kann es dergleichen geben?« riefen Djang We's Leute aus, Djang We aber sagte: »Ohne Furcht! Und wenn Geister in dem Garten wohnen, so will ich ihn dennoch besitzen!« Sie gingen hinein und stracks bis zu dem Grashäuschen, wo sie denn mit eigenen Augen sahen, daß es keine Fabel war. Djang We erstaunte darob in seinem Herzen, aber seine Gier, sich des Gartens zu bemächtigen, ward darum nicht geringer. Eine andere Bosheit fiel ihm ein, so daß er zu seinen Leuten sprach: »Wir wollen einstweilen gehen.« Als sie zur Gartentür wieder hinausgetreten waren, fragten ihn seine Kumpane, weshalb er denn nicht wegen des Gartens gefragt habe? Da entgegnete Djang We: »Ich weiß eine List, sagt ihm nichts davon, so wird der Garten morgen schon mein sein.« »Was für eine List?« fragten die andern. »Ihr wißt,« erwiderte Djang We, »seit einiger Zeit unternimmt Wang Tsai einen Aufstand, indem er das Volk durch Zaubereien an sich lockt. Die Regierung hat eine Botschaft über das ganze Land erlassen, man möge die Zauberer und ihre Helfershelfer gefangen nehmen. In unserem Bezirke sind dreitausend Taëls Belohnung ausgesetzt worden für denjenigen, der die Leute unter bestimmten Beweisen zur Anzeige bringt. Welchen Beweises bedürfte es aber noch, als der Blüten, die wieder an ihre Zweige zurückgekehrt sind? Ich werde also Djang Pa in die Stadt gehen lassen, den Alten anzuzeigen, daß er das Volk mit Zaubereien zum Aufstande verlockt habe. Kann er die Folter nicht ertragen, so wird er seine Schuld einbekennen und ins Gefängnis geworfen werden. Der Garten wird von Amts wegen verkauft, doch wird außer mir niemand es wagen, ihn zu kaufen, und auch die dreitausend Taëls Belohnung sind mein.« »Dies ist eine treffliche List, Junker«, sagten Djangs Leute, begaben sich sofort nach der Stadt und ließen daselbst eine Anklage schreiben. Tags darauf ging Djang Pa zu Gericht und brachte Tschou Schian zur Anzeige. Djang We hatte just diesen unter seinen Dienern dazu ausersehen, weil Djang Pa bei Gericht überall wohlbekannt war. Der Beamte, stets in Bereitschaft, die Bande von Zauberern zu verhaften, vernahm, daß alle Leute im Dorfe die Zauberei mit Augen gesehen hatten, und konnte nicht anders, als Djang Pa Glauben schenken. Sogleich sandte er die Amtsknechte mit Djang Pa dahin, um Tschou Schian gefangen zu nehmen. Djang We bezahlte im Amte, was er schuldig war, und folgte mit seinen Leuten den Amtsknechten nach. Diese begaben sich geradewegs in Tschou Schians Garten, der alte Tschou aber glaubte, es seien Leute, die wegen der Blumen gekommen seien, und achtete ihrer nicht. Da stürzten sich mit einem Schrei alle Amtsknechte zugleich auf Tschou und banden ihn mit Stricken. Tschou erschrak heftig und fragte: »Welche Schuld habe ich?« Die Männer aber schimpften ihn Zauberer und Friedensstörer, ließen nicht zu, daß er sich verteidige, und stießen ihn aus der Tür. Als die Nachbarn dies gewahrten, erschraken auch sie und fragten die Amtsknechte nach dem Grunde. »Wagt Ihr's noch zu fragen?« erwiderten diese. »Sein Verbrechen ist von solcher Art, daß geargwöhnt werden muß, das ganze Dorf habe sich daran beteiligt.« Als dem armen Volke auf diese Weise gedroht wurde, hatten sie Furcht und flohen von dannen, um nicht mit Tschou Schian gemeinsam bestraft zu werden. Nur Yü und Schien, die beiden Alten, und wenige gute Freunde folgten dem Zuge, um zu sehen, was weiter geschah. Unterdessen begab sich Djang We, kaum daß Tschou Schian weggeführt worden war, mit seinen Leuten zu dem Garten, um ihn zu verschließen. Da er fürchtete, es könne noch jemand darin zurückgeblieben sein, suchte er noch einmal alle Wege und Stege ab, versperrte die Tür und eilte den Amtsknechten nach. Kurz darauf schon wurde Tschou Schian vor Gericht gebracht und mußte vor dem Richtertische niederknien. Neben sich gewahrte er einen andern Knienden, kannte ihn aber nicht. Den Ankläger Djang Pa. Die Amtsknechte und Gefängniswärter, von Djang We reichlich bestochen, brachten allerlei Foltergeräte herbei und erwarteten die Befehle des Richters. Da fragte dieser: »Woher kommst Du? Wie wagtest Du es, die Bürger durch Zaubereien zu verlocken und wie viele sind Deine Helfershelfer? Sage es an und rede die Wahrheit.« Tschou hörte diese Worte, wie wenn einer in der Finsternis einen jähen Donnerprall vernimmt, und wußte nicht, wie die Rede darauf kam. »Ich bin aus dem Dorfe Tsiang-Lo,« erwiderte er, »kein Zauberer von irgendher und kenne keinerlei Zaubereien.« »Hast Du nicht in diesen Tagen die abgefallenen Blüten durch Zauber zurück an ihre Zweige gebracht oder leugnest Du dies?« fragte der Richter. Als Tschou Schian dies hörte, wußte er nun, daß es ein Betrug von Djang We war. Sogleich erzählte er dem Richter alles, was ihm mit jenem und dem Geiste begegnet war. Doch der Richter war kurz angebunden und glaubte ihm nicht. »Es gibt viele,« sagte er, »die durch Jahre lernen und sich mühen, einem Geiste zu begegnen, und gelingt ihnen dennoch nicht. Wie sollte denn nun wegen Deines Weinens ein Geist auf Erden erscheinen? Und warum nannte er seinen Namen nicht, damit man ihn erkenne, und ging ohne Abschied fort? Du lügst und bist gewißlich ein Zauberer. Flink, klemmt den Alten mit dem Doppelgestänge!« Die Amtsknechte gleich Wölfen und Tigern kamen heran, schlugen Tschou Schian unter sich und hielten der eine seine Arme, der andere seine Beine fest. Als sie aber mit Klemmen beginnen wollten, befiel den Richter ein jäher Schwindel, so daß er fast unter den Gerichtstisch gesunken wäre. Da er sich im Kopf und vor den Augen unwohl fühlte und kaum aufrecht zu sitzen vermochte, befahl er den Amtsknechten, Tschou Schian mit dem Halsbrett zu schließen und ins Gefängnis zu schaffen, er werde morgen über ihn zu Gerichte sitzen. Die Amtsknechte führten den bitterlich weinenden Greis hinaus. Als er Djang We's ansichtig wurde, sagte er: »Wann wäre ich Euer Feind gewesen, daß Ihr so grausam seid und wollt mich aus dem Leben zum Tode bringen?« Aber Djang We antwortete nicht und ging mit Djang Pa und den andern davon. Nur Yü und Schien, die beiden Alten, gingen hin, erfragten die Ursache und sprachen zu Tschou Schian: »Gibt es solch Unrecht auf der Welt? Morgen wollen wir samt allen Leuten vom Dorfe einen Brief an den Richter schreiben und um Euren Freispruch bitten.« »Ich hoffe auf Euch«, erwiderte Tschou Schian, doch im selben Augenblich mengten die Gefängniswärter sich ein und schrien: »Todverbrecher, gehst Du noch nicht fort? Warum weinst Du immerzu?« Da ging Tschou Schian weinend in das Gefängnis. Nun sandten die Nachbarn ihm etwas Trank und Speise hin, aber die Gefängniswärter behielten alles für sich und gaben ihm nichts davon. Des Nachts lag Tschou Schian auf einer Pritsche wie ein Toter, konnte weder Arme noch Beine frei bewegen und versank in eine tiefe Traurigkeit. »Weiß nicht,« dachte er, »welcher Geist das war, der meine Blüten rettete, damit ich nun selbst durch Djang We zugrunde gehe! Lieber Geist, wenn Du Dich meiner erbarmtest und rettetest nun auch mein Leben, so wollte ich gern mein Haus verlassen und in das Tao eingehen.« Eben lag er noch in solchen Gedanken, da war es ihm, als nahte sich der Geist wieder langsam zu ihm her. Schnell rief Tschou Schian: »Rette mich, großer Geist!« aber das Mädchen lachte: »Wollt Ihr der Not entkommen?« Mit einem Winke der Hand befreite sie ihn von dem Folterbrett, er aber näherte sich ihr und fragte nach ihrem Namen. »Ich bin eine Blumenwächterin,« antwortete der Geist, »gesandt von der Königin-Mutter des südwestlichen Himmels. Da Dein gutes Herz mich erbarmte, ließ ich die Blüten wieder an die Zweige wachsen. Wer hätte gedacht, daß der böse Mensch dies wider Dich mißbrauchen könnte? Doch ist auch dies Notwendigkeit, morgen aber wirst Du der Not entrinnen. Denn Djang We hat Blumen gekränkt und Menschen betrogen. Schon hat es der Blumengott dem Himmelsgotte berichtet, so wird Djang We's Leben verkürzt und seine Leute sollen gestraft werden. Du aber hast Deine Zeit stets herzlich der Tugend geopfert, so will ich Dir in einigen Jahren helfen, unter die Gottmenschen einzugehen. Wenn Du nichts mehr issest als Blumenblätter, so wird Dein Leib leicht werden, daß es ihn flaumgleich in den Himmel hebt.« Dann lehrte sie ihn, auf welche Weise die Blumenblätter gegessen werden müßten, Tschou Schian aber kniete vor sie hin und dankte ihr. Als er aufstand, sah er das Mädchen nicht mehr. Er hob den Kopf und gewahrte sie oben auf der Kerkermauer stehen, wie sie mit der Hand winkte und rief: »Komm mit!« Tschou Schian ging hin und begann hinaufzuklimmen, aber ob er gleich klomm und klomm, war er noch kaum bis zur Mittelhöhe der Mauer gelangt. Er schien immer schwerer zu werden und fühlte, daß er nicht weiterklettern könne. Mit einem Male vernahm er den Schlag eines Gongs und eine Stimme rief: »Der Zauberer ist geflüchtet, auf, suchen wir ihn!« Da erschrak er, seine Hände zitterten, seine Füße erstarben, schwer fiel er von der Mauer zu Boden. In diesem Augenblick erwachte er vor Schreck und sah, daß er noch auf der Pritsche lag. Er überlegte lange das Traumerlebnis, das noch mit voller Klarheit vor ihm stand. Denn nun glaubte er, es würde alles noch zu gutem Ende gelangen, und wurde ruhig. Als Djang We sah, daß der Richter mit Tschou Schian als einem Zauberer verfuhr, konnte er sich nicht genug des gelungenen Planes freuen und sagte: »Der Alte war immer ein sonderlicher Mensch, heute aber muß er auf der Pritsche liegen und kann nicht verhindern, daß wir uns in seinem Garten nach Gefallen ergötzen.« »Das letzte Mal«, erwiderten die Kumpane, »gehörte der Garten ihm, so konnten wir seiner nicht nach Herzenslust genießen. Heute aber ist der Garten unser, so laßt uns darin hausen und zechen, wie unsere Laune es will.« »Recht so!« bestätigte Djang We, ging mit ihnen sogleich aus der Stadt und hieß die Diener Speisen und Getränke besorgen. Als sie vor Tschou Schians Garten anlangten, öffneten sie die Tür und traten ein. Obwohl die Nachbarn Djang We allesamt für einen bösen Menschen hielten, wagten sie es dennoch nicht, etwas dawider zu sagen, denn sie fürchteten ihn. Nun ging Djang We mit seinen Gesellen geradewegs bis zu dem Grashäuschen: da gewahrte er, nicht eine einzige Pfingstrose stand mehr an ihrem Zweig, kreuz und quer lagen die Blüten auf der Erde, genau, wie sie damals abgeschlagen worden. Die Leute erstaunten, Djang We aber sagte: »Seht doch, ob der Alte nicht in Wahrheit Zaubereien besitzt, wie vermöchten sonst die Blüten in einem halben Tage wieder ihre Lage zu ändern? War dies am Ende auch ein Geist, der sie nun vom Stamme geschlagen hat?« »Vielleicht wußte er«, meinte einer von dem Gesindel, »daß wir hierherkommen würden, seine Blumen anzusehen, da hat er sie verzaubert, um uns Ärger zu bereiten.« »Sind die Blüten durch Zauber vom Baume geschlagen«, sprach Djang We, »wohl, so laßt uns den abgeschlagenen eine Trinkweihe bringen.« Nun breiteten sie Teppiche auf die Erde, ließen sich darauf nieder und tranken in wildester Ausgelassenheit, Djang We schenkte Djang Pa allein zwei Krüge mit Wein. So zechten sie weiter bis zum späten Nachmittag, und als die Sonne gen Westen ging, war nicht einer unter ihnen, der nicht trunken gewesen. Mit einem Male erhob sich ein jäher Wirbelwind und wehte alle die Blüten empor: sie standen auf und waren im Nu in lauter kleinwinzige Mädchen, nicht höher als einen Fuß, verwandelt. »Was ist dies?« riefen Djang We und seine Leute erschrocken aus. Kaum aber hatten sie das Wort gesprochen, da wuchsen die Mädchen im stiebenden Wind in die Höhe, als habe dieser sie groß geweht, und waren alle fein und lieblich an Gestalt und glänzten in bunten und berückenden Gewändern. Sie stellten sich in die Runde, die ganze Meute, geblendet von ihrer Schönheit, starrte sie an. Da sprach eines von den Mädchen in rotem Gewande zu den andern: »Schwestern, wir wohnen hier mehr denn zehn Jahre, von Herrn Tschou auf das innigste geschützt und betreut. Wer hätte denken mögen, daß diese Bösen uns also kränken würden? Sie haben Herrn Tschou durch ihre List ins Gefängnis gebracht und wollen sich dieses Gartens bemächtigen. Jetzt steht der Feind vor unseren Augen, warum schlagen wir ihn nicht mit Kraft unsres Lebens, dankbar gegen Herrn Tschou und rachelustig für uns selber?« »Du hast recht, jüngere Schwester,« erwiderten die andern, »laßt uns schnell beginnen, ehe der Feind entflieht!« Kaum gesagt schwangen sie ihre mehrere Fuß breiten Ärmel, die waren wie ein Windsegel, der eisige Hauch, den sie erzeugten, bohrte sich kalt bis ins tiefste Gebein. »Geister!« schrien die Leute und liefen in tödlicher Verwirrung, ohne mehr einer den andern zu gewahren. Diesen rissen die Zweige blutig, jener fiel hin, stand auf, fiel wieder hin, und der Wirrwarr war so grenzenlos, daß sie erst nach langer Zeit wagten, stehen zu bleiben. Nun zählten sie die Zahl der Anwesenden, keiner fehlte, nur Djang We und Djang Pa waren nicht mehr da. Der Sturm hatte aufgehört und es war Abend. Da deckten alle ihren Kopf mit den Händen zu und entfernten sich wie die Mäuse. Sie bedurften langer Zeit, sich zu erholen. Erst dann nahmen sie einige Feldarbeiter mit sich und kehrten mit diesen in den Garten zurück, um nach Djang We und Djang Pa zu suchen. Als sie an einem großen Aprikosenbaum vorüberkamen, vernahmen sie ein lautes Geschrei und hielten die Laternen vor, da war es Djang Pa, der über eine querwachsende Baumwurzel gestürzt und schwer am Kopf verletzt war. Da er sich nicht erheben konnte, ließen ihn die Leute von einigen nach Hause tragen und suchten weiter nach Djang We. Nun war es still im Garten, die zehntausend Geräusche des Tages schienen eingeschlafen. Bei den Pfingstrosenbäumen sahen sie, daß die Blüten wieder an ihrem Orte standen und kein Blättchen mehr auf der Erde lag. Im Grashäuschen gab es Becher und Geschirr in Haufen, der übriggebliebene Wein war über den Estrich vergossen. Vor dem Anblick streckten die Leute aus Angst die Zunge heraus. Die einen räumten die Scherben zusammen, die andern gingen, um weiter nach Djang We zu suchen. Aber ob der Garten auch nicht groß war und sie ihn drei- oder viermal nach allen Richtungen durchsuchten, war doch von Djang We keinerlei Spur zu entdecken. Hatten die Geister ihn gefressen oder der Wind ihn verweht? Zuletzt, als sie ihn auf keine Weise finden konnten, blieb ihnen nichts andres übrig, als zurückzukehren und bis morgen zu warten, um dann das Suchen von neuem zu beginnen. Eben wollten sie aus der Tür treten, als ihnen noch etliche Menschen mit Laternen in der Hand entgegenkamen: es waren die beiden Alten, Yü und Schien. Sie hatten gehört, man habe im Garten Geister getroffen, Djang We könne trotz eifrigen Suchens nirgends gefunden werden, und wußten nun nicht, was sie davon halten sollten. So hatten sie sich denn in Begleitung einiger Nachbarsleute aufgemacht, um selbst danach zu sehen. Als sie nun von Djang We's Dienern erfuhren, was sich zugetragen, erschraken sie sehr und sprachen zu jenen: »Kehrt noch nicht zurück, wir wollen euch noch einmal suchen helfen.« Die Diener waren es zufrieden und suchten an allen Ecken und Enden, doch war es auch diesmal vergeblich, so daß man sich zuletzt dennoch entschließen mußte, nach Hause zu gehen. »Wenn Ihr heut nacht nicht mehr hierher zurückkommen wollt,« sagten die beiden Alten, »so werden wir die Tür verschließen. Denn es ist niemand hier, wir denken, dies sei Nachbarspflicht.« Die Dienerschaft, die ihren Kopf Djang We verloren hatte, war wie eine Schlange, ohne Kopf kann sie nicht gehen. Aller Übermut und Treulosigkeit war den Leuten vergangen, als sie nun antworteten: »Tut, was Ihr wollt!« Aber noch hatten sich die Menschen von hüben und drüben nicht entfernt, als einer von den Feldarbeitern laut aus einem Winkel der Ostmauer herüberrief: »Hier ist unser Herr!« Wie Bienen stoben die Leute an die Stelle, da sagte der Feldarbeiter: »Ist das nicht unseres Herrn weicher Hut da auf dem Baumzweig?« »Wenn der Hut da ist, so kann auch der Herr nicht ferne sein«, antworteten die Leute. Sie leuchteten einige Schritte die Mauer entlang, da vernahmen sie deutlich einen Weheruf unterhalb des Gemäuers. Unweit der Ostmauer befand sich nämlich eine Mistgrube: als sie zusahen, erblickten sie darin zwei menschliche Füße senkrecht gegen den Himmel gestreckt. Die Diener erkannten Djang We's Stiefel und wußten nun, daß kein anderer als ihr Herr in der Mistgrube lag. Mühsam arbeiteten sie sich durch Schmutz und Stank und holten Djang We hervor, Yü und Schien aber, die beiden Alten, dankten heimlich dem Himmel für die gerechte Strafe und entfernten sich mit den Nachbarn. Unterdessen trugen die Diener Djang We's Leichnam an einen Brunnen und wuschen ihn, nachdem sie ihres Herrn Angehörige von dem Unglück verständigt hatten. Djang We wurde begraben, auch Djang Pa erlag seinen schweren Verletzungen. Tags darauf, als der Richter wieder genesen war, wollte er eben Tschou Schian vor sich bringen lassen, um über ihn zu Gericht zu sitzen, als ihm einer der Amtsknechte den Tod der beiden Ankläger Djang We und Djang Pa meldete, indem er zugleich aller Umstände Erwähnung tat, unter denen der Tod erfolgt war. Der Richter zweifelte noch an ihren Worten, da erschienen an hundert Bürger aus dem Dorfe Tsiang-Lo und brachten dem Richter ein Schreiben, worin sie sich sämtlich unterschrieben und auf das ausführlichste aufgezeichnet hatten, wie Tschou Schian stets die Blumen geliebt und der Tugend gepflegt habe und keineswegs ein Zauberer sei, Djang We aber habe ihn zugrunde richten wollen, doch bereits die Strafe des Himmels erlangt. Dies alles war von Anfang bis zu Ende mit großer Klarheit in dem Schriftstück niedergelegt. Da der Richter tags zuvor unwohl geworden, glaubte auch er, es läge etwas Verhängnisvolles dazwischen, ließ Tschou Schian aus dem Gefängnis bringen und sprach ihn frei. Zugleich ließ er an Tschou's Gartentür eine Bekanntmachung anheften, worin er verbot, daselbst Blumen zu pflücken oder zu beschädigen. Darauf dankten ihm die Bürger und entfernten sich. Nachdem Tschou Schian auch seinerseits den Nachbarn gedankt, kehrte er mit Yü und Schien, den beiden Alten, nach Hause zurück, schloß den Garten auf und trat ein. Als er seine Pfingstrosen wieder blühend fand, verharrte er in einer tiefen Ergriffenheit. Die Nachbarn rüsteten ein Festmahl und luden Tschou Schian dazu ein, um die Wiederherstellung seines Glückes zu feiern. Tschou Schian erwiderte mit einer ähnlichen Festlichkeit, auf diese Weise ging es mehrere Tage lang hin und her. Seit dieser Zeit aber aß Tschou Schian täglich von den Blättern der hunderterlei abgefallenen Blüten, entwöhnte sich allmählich der Speisen, die über Rauch und Feuer zubereitet werden, und gab alles, was er durch den Verkauf des Obstes erwarb, dahin, um Gutes zu tun. Schon in wenigen Jahren färbte sein weißes Haar sich wieder schwarz und eine neue Jugend glättete sein Antlitz. Eines Tages, als in der Mitte des August das Fest des Mittherbstes gefeiert wurde, die Sonne strahlend am Himmel stand und über zehntausend Meilen kein Fleckchen Wolke im reinen Blau erschien, saß Tschou Schian gerade unter den Blumen, da begann ganz leise der segenbringende Wind zu wehen und baute bunte Wolken wie siedenden Dampf in die Lüfte, aus denen das Schalmeien süßer Musik herunterscholl. Ein wunderbarer Wohlgeruch erfüllte den Atem, blaue Phönixe und weiße Störche flogen und tanzten in der Luft und senkten sich allmählich in den Garten herab. Auf einer Wolke aber saß die Blumenwächterin, die von der Königin-Mutter des südwestlichen Himmels gesandt worden, und zu ihren beiden Seiten bewegten sich zwei Reihen bunter Fahnen und gestickter Schirme, während einige von den Schirmträgerinnen auf mannigfaltigen Instrumenten musizierten. Als Tschou Schian des Anblicks gewahr wurde, warf er sich sogleich vor der Blumenwächterin auf die Knie, sie aber sprach: »Deine Tugend ist nun zu ihrem Gipfel gelangt, ich habe dem Himmelsgott davon berichtet. Er verleiht Dir den Namen des Blumenbeschützers, Du sollst künftig Herrscher über alle Blumen der Erde sein und nun gen Himmel fliegen. Wenn einer von den Menschen die Blumen liebt, mußt Du ihm Segen schenken, wenn einer die Blumen kränkt und verletzt, mußt Du ihm Not geben.« Tschou Schian dankte ihr und bestieg mit all den andern Geistern die Wolke; das Grashaus und alle Blumen und Bäume schwebten ihm langsam nach und wandten sich gegen Süden. Yü und Schien, die beiden Alten, und die übrigen Leute vom Dorf sahen dies und warfen sich alle zur Erde. Auch gewahrten sie noch deutlich, wie Tschou Schian von der Wolke herunterwinkte, die allmählich entschwand. Später wurde dann der Ort Tsiang-Lo das Dorf des Geisteraufstiegs, oder der hundert Blumen genannt. Der Augenkranke Ein Mann aus dem Lande südlich des Flusses, namens Ku, wurde, während er auf Reisen in Tsi weilte, von einer schmerzhaften Augenkrankheit befallen. Beide Augen waren ihm dick geschwollen, stöhnend lag er Tag und Nacht, aber weder Ärzte noch Arzneien halfen. So vergingen zehn und mehr Tage, ohne daß seine Qualen sich verminderten. Wenn er die Augen schloß, tauchte stets ein mächtiges Gebäude vor ihm auf: er blickte in vier oder fünf Höfe, Tor hinter Tor stand flügelweit geöffnet und ganz hinten schien es, als bewegten sich allerlei Menschen daselbst durcheinander. Aber sie waren zu weit entfernt, man vermochte nicht zu unterscheiden, was sie trieben. Eines Tages sah er mit scharf gesammelten Gedanken in das Bild hinein: da war es ihm mit einem Male, als befinde er sich inmitten des Gebäudes. Er durchschritt drei Höfe hintereinander. Alles war menschenleer. Dann kam er an Sälen vorbei, die waren einander gegenüber gen Norden und Süden gebaut und mit roten Teppichen bedeckt. Kaum aber hatte er dies in acht genommen, als ihm auffiel, daß die Zimmer erfüllt waren von einer Schar kleiner Kinder, von denen einige aufrecht saßen, andere auf Knien krochen, und waren so viele, daß keine Zahl sie zählen konnte. Ku staunte und wußte nicht, was er davon denken solle, da kam ein Mensch aus dem Hause hinten hervor, sah sich suchend um und sprach: »Der junge Königssohn sagte soeben, irgendwo fern muß ein Gast an der Türe stehen. Wahrhaftig, da ist er.« Sogleich lud er ihn ein, hineinzukommen, doch wagte es Ku nicht, der Einladung Folge zu leisten. Der andere aber nötigte ihn so sehr, daß er zuletzt mit ihm hineinging. Er fragte, wo er sich befände? »Im Schlosse des neunten Königssohns«, erwiderte der Führer, der Prinz sei eben von einem fieberhaften Leiden neu gesundet, da kämen nun Verwandte und Freunde, Glück zu wünschen. »Ihr habt es gerade gut getroffen«, setzte er hinzu. Noch hatte er seine Rede nicht geendet, als schon ein zweiter herbeigelaufen kam und die beiden zur Eile antrieb. Endlich gelangten sie in eine Gegend, wo sich, einem geschnitzten Fenster mit rotem Geländer gegenüber, ein Saal erhub, der nach königlicher Art von neun Säulen getragen wurde. Dort stiegen sie die Treppe hinauf und sahen, daß die Tafel schon voll von Gästen war. Ein Jüngling, der mit dem Gesicht gen Norden saß, fiel Ku in die Augen: er erkannte sogleich, daß dieser des Königs Sohn sein müsse, und warf sich unverzüglich auf die Knie nieder. In dem überfüllten Saale hatten sich alle erhoben, der Prinz aber hieß Ku, sich neben ihn mit dem Gesicht nach Osten setzen. Der Wein hatte schon gekreist, Trommeln und Musik erschollen, dann erschien eine Schar Schauspielerinnen, um das Stück »Hua Fung Tsu« aufzuführen. Drei Akte des Schauspiels waren vorüber. Da vernahm Ku plötzlich die Stimme des Wirtes, bei dem er wohnte, und seines Dieners: sie riefen ihn zum Mittagsmahl. Sie standen am Bettkopf und riefen mehrere Male. Seine Ohren hörten den Ruf sehr deutlich, er setzte ihn in Verlegenheit, denn er fürchtete, der Prinz werde etwas davon merken. Doch niemand schien den Laut zu hören. Da gab Ku vor, sich umziehen zu wollen, und ging hinaus. Er schlug die Augen auf und merkte, daß die Sonne sich eben im Zenith befand. Sein Diener stand vor dem Bette. Er sah es, dann wurde ihm bewußt, daß er die Herberge ja gar nicht verlassen hatte: ein Schmerz durchdrang ihn, rasch wollte er noch einmal zurück. So befahl er denn dem Diener, die Tür zu schließen und zu gehen, und machte wieder die Augen zu. Da tauchte das prächtige Gebäude wieder vor ihm auf, genau wie vorher. Hastig begab er sich hinein und schritt die alten Wege dahin. Aber wo zuvor die vielen kleinen Kinder gewesen waren, gab es deren nicht mehr. Statt ihrer gewahrte er zahllose Greise in den Zimmern: sie hatten Haare wie Seegras, ihre Hand war gedörrt wie Fischrücken, und saßen oder lagen rings in dem Saale umher. Als sie Ku's ansichtig wurden, greinten sie ihn an: »Was ist denn das für ein Hergelaufener? Kommt er nicht daher, uns anzugaffen und auszuhorchen?« Ku erschrak, wagte gar nicht zu antworten und lief schnell nach den hinteren Trakten des Schlosses. Als er in den Saal gelangt war, nahm er Platz. Des Königssohnes Kinn, merkte er, war nun mit einem Barte von mehr als Fußeslänge bewachsen. Als er Ku erblickte, fragte er ihn lachend, wo er gewesen? Das Spiel des Stückes war unterdessen über sieben Akte fortgeschritten, so befahl er ihm denn einen großen Becher zur Strafe zu leeren. Als dann das Schauspiel zu Ende war, reichte man ihm die Liste der Stücke, aus der er »Fung Tsu's Hochzeit« auswählte. Dann kredenzten die Schauspielerinnen mit Wein gefüllte Kokosschalen von fünf oder mehr Maß Inhalt, Ku aber erhob sich und lehnte ab, mehr zu trinken, indem er sich auf die Krankheit seiner Augen berief, die ihm verbiete, über Maß zu zechen. »Ihr seid augenkrank?« sagte der Prinz. »Hier ist ein Arzt mit an der Tafel, laßt Euch von ihm untersuchen.« Sogleich erhob sich am Osttisch einer der Gäste, verließ seinen Platz und kam zu Ku: mit den Fingern öffnete er ihm die Lider, dann träufelte er ihm mit einer Edelsteinnadel eine weiße, unschlittartige Salbe hinein. Darauf hieß er ihn, die Augen schließen und ein wenig schlafen. Sogleich befahl der Prinz einigen Hofdienern, ihn ins Hinterzimmer zu führen und ruhen zu lassen. So lag er einige Zeit, er spürte, daß der Bettumhang weich und wohlriechend war, und schlief endlich ein. Als er kurze Zeit so geschlummert hatte, hörte er wieder die Musik: Kling, klang! und erwachte. Er vermeinte, das Theater sei noch nicht zu Ende, schlug die Augen auf und blickte um sich: er befand sich in der Herberge, ein Hund leckte an dem Öltrichter, der sich kling, klang! in der Kanne bewegte. Aber die Augenkrankheit war wie fortgewischt. Noch einmal machte er die Augen zu: doch von jenem Hause war nichts mehr zu sehen. Das Mädchen mit dem grünen Kleid Ein Jüngling, namens Yü King aus Itu mit dem Beinamen Sung der Jüngere, lebte als Schüler in dem Tempel von Litsüan. Es war Nacht, er saß gerade beim Lesen, da vernahm er plötzlich eine Mädchenstimme draußen vor dem Fenster, die lobte ihn und sprach: »Ihr lest fleißig, Herr Yü!« Betroffen fuhr er in die Höhe und sah nach: das Mädchen trug ein grünes Kleid und einen langen Rock und war zierlich und fein ohnegleichen. Ahnungsvoll, daß sie nicht von Menschenart sei, fragte er sie eindringlich nach Ort und Wohnung. Sie aber entgegnete: »Bin ich nicht da? Sehe ich aus, als bisse oder fräße ich Menschen? Was müht Ihr Euch so mit Forschen und Fragen?« Yü liebte sie von Herzen und sie blieb die Nacht bei ihm. Ihr Unterkleid war von durchsichtiger Seide, und als er es aufgenestelt hatte, waren ihre Hüften so schmal, eine Hand hätte sie umfassen können. Als aber die Nachtuhr abgelaufen war, flatterte sie vom Lager und entschwand. Von nun an verging kein Abend, daß sie nicht gekommen wäre. Eines Abends saßen sie beieinander, tranken und aßen dazu und redeten über dies und das. Er merkte, daß sie viel von den Tönen und Melodien verstand: »Deine Stimme ist so zart und dünn,« sprach er, »wenn Du ein Lied singst, muß von Deinem Singen die Seele entfliehen.« Sie lächelte: »Ich wage kein Lied zu singen,« erwiderte sie, »ich fürchte, die Seele entflöhe Dir davon.« Als er sie aber immer dringlicher bat, sagte sie: »Ich bin nicht geizig. Aber mir ist bang, andere Menschen möchten mich hören. Doch da Du es nicht anders wünschest, so will ich Dir gern mit meinen armen Künsten dienen.« Dann klopfte sie mit den Seerosenhaken den Takt, lehnte am Bette und sang: Der schwarze Falk im Baume hier bei tiefer Nacht mich nicht schlafen läßt und ruft und singt mich zu Dir! Ich denk nicht an meine seidenen Schuh, wie sie der Regen mir ganz durchnäßt, ich denke nur: Wie allein bist Du! und laufe, laufe zu. Ihre Stimme war dünn wie Seide, man vernahm und unterschied sie kaum. Doch reglos hörte er zu, wie Tiefe und Höhe wechselten und die Melodie lief oder zerbrach: sie schmeichelte dem Ohr, sie schüttelte das Herz. Als das Mädchen geendet hatte, öffnete sie die Tür, blickte hinaus und sagte: »Mir ist so bang. Es sind Menschen draußen vor dem Fenster.« Sie sah sich um, rings um das Haus und überall, und ging dann wieder hinein. »Was zweifelst Du?« fragte der Jüngling, »was ängstigt Dich so sehr?« »Das Sprichwort sagt: Geister leben verstohlen und fürchten den Menschen«, entgegnete sie lächelnd. »So ist es wohl auch mit mir.« Als sie darauf zu Bette schlafen gegangen waren, seufzte sie viel und kläglich. »Das Glück zu leben,« sagte sie, »wer weiß, vielleicht ist es nun zu Ende.« Hastig fragte Yü, sie aber antwortete: »Mein Herz klopft. Wenn mein Herz klopft, muß ich sterben.« Er tröstete sie und redete ihr zu, wenn das Herz klopfe oder das Auge zucke, dies sei nichts Schweres. »Warum denkst Du nun so darüber?« fragte er. Da wurde sie wieder froher und sie verbrachten die Nacht zusammen und liebten einander. Als aber mit dem nahenden Morgen die Wasseruhr aufhörte zu rinnen, erhob sie sich, kleidete sich an und wollte eben die Tür öffnen, als sie langsam und zögernd wieder zurückkam. »Ich weiß nicht, warum,« sprach sie, »aber mein Herz ist voll Angst. Ich flehe Dich an, geleite mich hinaus!« Yü stand auf und begleitete sie bis vor die Tür. »Bleibe hier stehen«, sagte sie, »und sieh mir nach! Und kehre nicht wieder ins Haus zurück, als bis ich um die Mauer verschwunden bin.« »Wohl«, entgegnete Yü, dann sah er das Mädchen um die Ecke des Hauses verschwinden. Als sie nicht mehr zu sehen war, gedachte er umzukehren, plötzlich aber vernahm er ihre Stimme wieder: ein lauter Hilferuf drang an sein Ohr. Ein Schmerz durchfuhr ihn, rasch eilte er nach der Stelle, aber soviel er sich auch umsah, keines Menschen Spur war zu entdecken. Der Laut kam unter dem Vordach herab: er hob den Kopf, um genauer hinaufzuspähen, da gewahrte er, wie eine Spinne, groß wie eine Kugel, eben im Begriffe war, ein Insekt zu fangen. Traurig klang der Ruf herab und war schon im Erlöschen. Da zerriß Yü das Netz, nahm das Tierlein in die Hand und befreite es von den Fäden und Hüllen. Es war eine kupfergrüne Biene, kraftlos und dem Tode nah. Er nahm sie mit sich zurück in die Stube und setzte sie auf den Tisch. Ausgeruht, erholte sie sich nach einer Weile und begann bereits wieder mit Füßen zu gehen. Langsam kroch sie auf die Tuscheplatte, versank fast in der flüssigen Tusche, hub sich aber wieder nach dem Rand und kroch auf den Tisch zurück. Im Gehen schrieb sie das Zeichen, das »Dank« bedeutet, dann aber lüpfte sie die Flügel und war im nächsten Augenblicke durch das Fenster davongeflogen. Seither ward sie nicht wieder gesehen. Der Tiger Hiang Kao aus Tai Yüan, mit dem Ehrennamen Tsu Tan, und dessen Halbbruder Tsing waren einander in unverbrüchlicher Liebe ergeben. Da verliebte sich Tsing mit solcher Glut in ein käufliches Mädchen, namens Pe Si, daß er geschworen haben würde, sich um sie das Fleisch aus dem Arme schneiden zu lassen. Weil aber die Mutter, bei der Pe Si sich aufhielt, einen zu hohen Preis verlangte, blieb sein Wunsch, das Mädchen zu kaufen, unerfüllt. Nun wollte es der Zufall, daß die Mutter, des sittenlosen Lebens satt, sich in ein bürgerliches Dasein zurückziehen und zu diesem Zwecke vorerst Pe Si aus dem Hause haben wollte. Da war nun ein Junker, Tsuang mit Namen, der Pe Si seit langem liebte, dem bot sie das Mädchen um Geld zur Nebenfrau an. Pe Si aber sprach zu der Mutter: »Wenn wir zusammen dieses Haus verließen, so wäre es mir nicht anders, als ob wir aus dem irdischen Kerker in den Palast des Himmels hinaufstiegen. Wenn ich aber eines Mannes Nebenfrau sein soll, wo liegt da der Unterschied? Willst Du tun, was ich begehre, so gib mich dem Jüngling Hiang.« Die Mutter war es zufrieden und ließ Tsing ihre Absicht mitteilen. Dieser hatte gerade seine Frau verloren und noch nicht wieder geheiratet. So freute er sich denn, gab alles dahin, was er besaß, und nahm Pe Si in sein Haus. Als Tsuang davon vernahm, wurde er zornig über Tsing, daß dieser ihm die Geliebte weggenommen hatte. Zufällig begegnete er ihm unterwegs und stellte ihn fluchend zur Rede. Tsing widersprach, da befahl er seinem Geleit, Baumzweige zu brechen und Tsing zu schlagen. Tsing fiel bewußtlos zu Boden, dann entfernte sich Tsuang. Als Tsings Stiefbruder Kao dies hörte, lief er an die Stelle, um nachzusehen, aber sein Bruder war schon tot. Da konnte er sich des Schmerzes und der Wut nicht ersättigen, setzte eine Klage auf und ging damit vor den Richter. Tsuang aber hatte bereits allerseits Bestechungsgelder bezahlt, so daß Kao sein Recht nicht bekommen konnte. Da erfüllte geheimer Zorn seine Brust, er mochte ihn nicht klagen noch aussprechen. Sein einziger Gedanke war, wie er Tsuang am Wege ermorden möchte. So nahm er denn jeden Tag einen scharfen Dolch zu sich und verbarg sich in den Büschen des Bergwegs. Aber allmählich kam auf, was er beabsichtigte, und Tsuang erhielt Kenntnis von seinem geheimen Plan. Wenn er nun ausging, ließ er sich stets auf das schärfste bewachen. Zudem vernahm er von einem gewissen Tsiao Tung, der im Bezirke Fen lebte, einem tapferen und schießkundigen Manne: diesen dingte er sich um teures Geld und ließ sich von ihm begleiten. So vermochte Kao seine Absicht nicht auszuführen, doch lag er immer noch auf der Lauer, Tag um Tag. Einmal nun, im Hochsommer, ergoß sich plötzlich ein so heftiger Regen, daß alles rings umher und oben und unten in Wasser schwamm. Kao fror und zitterte gar kläglich, da kam unter prasselnden Hagelschauern aus allen vier Himmelsrichtungen ein beißender Wind daher. Der Körper begann ihn zu schmerzen und von der Nässe zu jucken, er fühlte seine Glieder nicht mehr. Auf dem Gebirgsgipfel stand von altersher eine Kapelle des Berggottes, dorthin gedachte er in seiner Not zu flüchten. Als er in die Kapelle hineintrat, fand er daselbst einen Priester, der ihm schon bekannt war. Er hatte früher oft im Dorfe gebettelt und Kao ihn stets gespeist. Darum kannte er nun auch Kao. Als er sah, daß Kao's Kleider gänzlich durchnäßt waren, nahm er seinen tuchenen Mantel und gab ihn ihm. »Nehmt diesen einstweilen um«, sagte er. Kao schlug sich den Mantel um die Schultern, litt Frost und saß wie ein Hund. Plötzlich gewahrte er, wie Haare aus seiner Haut wuchsen und sein Körper sich in einen Tiger verwandelte. Der Priester aber war verschwunden. Ein Schrecken faßte Kao, ihn reute die Wandlung. Doch dachte er nun: Bekomme ich jetzt den Feind, so fresse ich sein Fleisch. Der Plan dünkte ihn gut, rasch eilte er hinab an den Ort, wo er sich früher versteckt gehalten hatte. Da sah er, daß sein Leichnam dort unter den dichten Gebüschen lag. Er glaubte nun, sein Leib sei gestorben, doch fürchtete er, Falken und Raben möchten ihn bestatten. So blieb er an dem Ort und bewachte den Leichnam Tag und Nacht. Es war tags darauf, da kam Tsuang gerade dort des Weges vorüber. Plötzlich setzte der Tiger aus dem Gebüsch, zerrte Tsuang vom Rosse, biß ihm den Kopf ab und verschlang ihn. Tsiao Tung wandte um und schoß. Er traf den Leib des Tigers, der sogleich tot zu Boden fiel. In diesem Augenblicke war es Kao unter dem Gebüsch, als ob er aus einem Traum erwache. Noch eine Nacht, so vermochte er wieder zu gehen. Mühsam begab er sich nach Hause. Weil er einige Nächte nicht zurückgekommen war, fand er gerade alle seine Angehörigen in Jammer und Verzweiflung. Als sie ihn erblickten, freuten sie sich und fragten getröstet, wo er gewesen? Aber Kao lag nur da, seine Zunge war schwer und konnte nicht sprechen. Nach einiger Zeit vernahm man, was mit Tsuang geschehen war. Da kamen sie gedrängt an Kao's Bett und brachten ihm freudestrahlend die Kunde. Da sprach Kao: »Der Tiger bin ich selbst.« Dann erzählte er die ganze Wundergeschichte, die sich bald überall verbreitete. Zwar versuchte Tsuangs Sohn, den der Tod seines Vaters bitter schmerzte, Kao zu verklagen, doch hielt der Richter die Sache für zu märchenhaft und unbeweisbar und wies die Klage zurück. Möge jeder ein Tiger werden, dem Unrecht geschah! spricht der Dichter. Die Heilige Kin Ta-Yung, ein Sohn aus alter Familie, heiratete die Tochter des Bürgermeisters Yu, namens Keng Niang, ein liebliches und tugendhaftes Mädchen, das ihn ebenso herzlich liebte wie er sie. Als nun infolge der Räuberwirrnisse die ganze Familie zersprengt wurde, nahm Kin Vater, Mutter und Weib mit sich, um nach Süden zu fliehen. Unterwegs traf er mit einem Manne zusammen, der sich gleichfalls mit seiner Frau auf der Flucht befand und sich mit Kin bekannt machte. Er nannte sich Wang aus Kuang-Ling, der achtzehnte Sohn seiner Familie, und erbot sich als Wegführer. Kin war darüber sehr erfreut, und sie wanderten nun und rasteten gemeinsam, bis sie an den Fluß gelangten. Da sprach Kins Frau heimlich zu Kin: »Laß uns nicht mit dem Manne auf einem Schiffe fahren! Er sieht oft heimlich nach mir, bewegt die Augen und verfärbt sich. In seinem Herzen lauert etwas Böses.« Kin wollte ihr willfahren, als aber Wang höchst dienstfertig ein großes Schiff mietete, selbst Kins Gepäck auflud und sich keine Mühe und Geduld verdrießen ließ, wagte Kin nicht, es abzuschlagen, zumal er dachte, jener habe auch eine Frau bei sich und es werde weiter nichts Übles geschehen. Die Frau bezog mit Keng Niang dieselbe Kajüte und war in Worten und Gedanken gleich freundlich und angenehm. Unterdessen saß Wang auf dem Vorderdeck des Schiffes und flüsterte leise mit dem Steuermann, mit dem er bekannt oder verwandt zu sein schien. Nach einiger Zeit ging die Sonne unter; die Fahrt auf dem Strome schien sich ins Uferlose zu bewegen, finster lag das Gewässer, Norden und Süden waren nicht mehr zu unterscheiden. Kin blickte um sich, alles war einsam und schreckenvoll und bedrängte die Seele mit Zweifeln und Bildern. Spät erst erhob sich der klare Mond am Himmel, doch weithin war nichts zu sehen als Schilf und Gras. Als sie landeten, lud Wang Kin und seinen Vater ein, aus der Tür zu treten, um der frischen Luft zu genießen. Dabei ergriff er die Gelegenheit und stieß Kin in den Strom. Kins Vater, der dies gesehen, wollte schreien, da schlug ihn der Steuermann mit dem Ruder nieder, daß er in das Wasser stürzte und ertrank. Kins Mutter hatte den Schrei vernommen, eilte hinaus und sah, was geschehen war. Da traf auch sie das Ruder des Steuermanns, und sie fand den Tod bei ihrem Gatten. Nun rief Wang: »Zu Hilfe!« da trat Keng Niang heraus. Sie wußte sogleich, was sich zugetragen. Als nun Wang vorgab, alle ihre Angehörigen seien ertrunken, schien keinerlei Schrecken sie zu befallen. Sie weinte nur und klagte, daß sie nun nicht wisse, wohin sich wenden. Wang ging hinein zu ihr und sprach: »Junge Frau, laßt von Eurer Betrübnis! Kommt mit mir nach King-Ling, zu Hause habe ich Äcker und Häuser und reichlich zu leben. Ich versichere Euch, daß Ihr keine Not leiden sollt.« Da ließ sie ab zu weinen und sagte: »Wenn mir dies vergönnt ist, so bin ich glücklich.« Wang freute sich sehr und pflegte ihrer mit Sorgfalt. Als es wieder Nacht geworden, zog er sie mit sich fort und flehte um ihre Liebe. Die Frau entschuldigte sich mit Unwohlsein. So ging er zu seiner eigenen Frau und übernachtete bei ihr. Eben hatte die erste Nachtglocke geschlagen, da geriet das Ehepaar in Streit, Keng Niang wußte nicht, aus welchem Grunde. Sie hörte die Frau nur sagen: »Der Donner wird Dich erschlagen um eine solche Tat.« Da schlug Wang das Weib. »Lieber sterben,« rief sie laut, »als mit dem Mordbuben im Ehebett liegen.« Wang ward zu Tode zornig, schleppte die Frau hinaus. Dann vernahm Keng Niang einen plumpenden Laut, wie wenn etwas Schweres ins Wasser schlüge. Nicht lange, so kamen die Schiffahrer in King-Ling an, und Wang führte Keng Niang in sein Haus. Seine Mutter wunderte sich sehr, daß er eine andere Frau mit sich brachte, als die er zuvor gehabt, doch Wang sagte, jene sei in den Strom gestürzt und ertrunken, er habe sich nun mit dieser verheiratet. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück und begann sie aufs neue zu bedrängen. Da lachte Keng Niang und sagte: »Ein Mann, schon über dreißig Jahre alt, und kennt noch nicht die gemeine Sitte! Jeder hat seinen Becher Weins in der Brautnacht, nur Dir, der Du reich und wohlhabend bist, sollte dies schwer fallen? Wie sollten wir voreinander bestehen, ohne daß zuvor der Wein die Scham betäubte?« Da freute sich Wang und ließ einen Trunk bereiten, um mit ihr zu trinken. Keng Niang ergriff den Becher, redete ihm zu, zu trinken, und feuerte ihn an mit vielerlei Reden und Zärtlichkeiten, so daß Wang allmählich trunken wurde und sich weigerte, mehr von dem Weine zu sich zu nehmen. Aber Keng Niang nahm einen noch größeren Becher, drängte sich an ihn, schmeichelte und sprach ihm zu. Da wagte er nicht, Nein zu sagen, und leerte den Becher nochmals. Nun war er völlig trunken, zog sich aus und bat sie, schnell zu Bett zu kommen. Keng Niang deckte den Tisch ab und verlöschte das Licht. Sie wendete vor, daß sie sich die Hände waschen wolle, ging aus dem Zimmer und kehrte dann mit einem Küchenmesser zurück. Im Finstern tastete sie nach Wangs Halse, Wang griff noch nach ihrem Arm und stöhnte wollüstig. Da schnitt Keng Niang mit Todeskraft zu, aber er lebte noch und erhob sich brüllend. Noch ein Schlag, dann fiel er tot zu Boden. Seine Mutter schien etwas vernommen zu haben, kam herein und wollte fragen, was geschehen sei. Die Frau tötete auch sie. Unterdessen war Wangs neunzehnter Bruder erwacht. Keng Niang wußte, daß sie ihm nicht entfliehen könne, und wollte sogleich sich selber töten. Aber das Messer war stumpf und schnitt das Fleisch nicht an. Da öffnete sie die Tür und entfloh. Der neunzehnte Bruder verfolgte sie, aber sie stürzte sich in einen Teich. Er rief die Nachbarschaft, um sie herauszuholen. Doch sie war schon gestorben und sah im Tode lieblich aus und wie lebendig. Als nun alle hingingen, Wangs Leichnam zu untersuchen, sahen sie auf dem Fenster einen Brief liegen. Sie öffneten ihn und lasen: Da erzählte die Frau ihr ganzes Unglück darin. »Sie ist eine Heilige!« riefen alle und beschlossen, Geld zu sammeln, um sie zu beerdigen. Als es tagte, drängten sich zahllose Zuschauer herzu, betrachteten ihr Gesicht und fielen vor ihr nieder. An einem einzigen Tage kamen hundert Taëls zusammen, und so begrub man sie im Süden der Stadt. Einige ruhmliebende Leute hatten ein Perlendiadem und prunkvolle Gewänder geschenkt, und alles, was zu der Bestattung vonnöten war, floß in Fülle und Reichtum herbei. Als Kin ins Wasser gestoßen worden war, gelang es ihm, ein Brett zu fassen, so daß er dem Tode entging. Als der Abend nahte, gelangte er an den Huaifluß, wo er von einem kleinen Boote an Land gerettet wurde. Das Boot gehörte einem reichen Manne, dem greisen In, der es zu keinem andern Zwecke ausgerüstet hatte, als um Ertrinkende darin zu retten. Als Kin wieder zu sich selber kam, begab er sich zu dem Greise, um ihm zu danken. Der Alte sah ihn freundlich an und behielt ihn bei sich, als Lehrer seiner Söhne. Da Kin aber keinerlei Nachricht von den Seinen besaß, wäre er gerne fortgezogen, um nach ihnen zu forschen, und konnte sich nicht entschließen. Kurz darauf kam die Botschaft, ein alter Mann und eine alte Frau seien ertrunken aufgefunden worden. Kin gedachte seiner Eltern, lief hin und sah, sie waren es wirklich. Der Alte ließ ihnen Särge anschaffen, Kin befand sich in Verzweiflung, da kam abermals Botschaft, ein junges Weib sei aus dem Wasser gerettet worden und sage selber aus, sie sei die Frau des Herrn Kin. Kin wischte sich die Tränen von den Wangen, erstaunte und ging hinaus. Da kam eben das Weib des Weges daher, es war aber nicht Keng Niang, sondern die Frau jenes achtzehnten Sohnes. Heftig begann sie zu weinen, als sie Kins ansichtig wurde, und flehte ihn an, sie nicht von ihm gehen zu lassen. »Mein eigenes Herz ist schon verwirrt,« sagte Kin, »wie vermöchte ich noch andern zu raten?« Da weinte sie noch heftiger. Als nun In die ganze Sache erfuhr, freute er sich, denn dies sei ein Gewebe des Himmels, und redete Kin zu, das Weib zu sich zu nehmen. Doch Kin weigerte sich der Trauer wegen, dann aber auch, weil er den Tod der Seinen zu rächen gedachte und fürchtete, das schwache Weib würde ihm zur Last fallen. »Wenn Keng Niang nun aber noch lebte?« sagte da die Frau, »würdet Ihr auch sie wegen Eurer Trauer und der Rache von Euch gehen lassen?« Der Alte, dem ihre gütigen Reden gefielen, bat nun Kin, sie wenigstens vorläufig zu behalten. Damit war Kin denn einverstanden. Bei der Bestattung von Kins Eltern trauerte und weinte das Weib, als ob sie ihre eigenen Schwiegereltern verloren hätte. Nach der Beerdigung aber nahm Kin Messer und Topf, um sich nach King-Ling aufzumachen. Da hielt das Weib ihn zurück und sagte: »Ich heiße Tang, schon meine Vorfahren haben in King-Ling gelebt und ich bin mit dem Sohn des Wolfes aus derselben Gegend. Wang aus Kuang-Ling ist ein Betrüger und die Räuber auf Flüssen und Seen sind fast alle seine Genossen. Suche keine Rache, denn Du wirst nur Unheil finden.« Nun wußte sich Kin keinen Rat mehr. Zu dieser Zeit verbreitete sich die Kunde von der Frau, die ihren Feind getötet, und wurde weit und breit unter genauer Nennung aller Namen erzählt. Auch Kin kam die Geschichte zu Ohren, seine Freude war groß, aber größer noch sein Schmerz. Er gab dem Weibe eine Absage und sprach: »Dem Himmel sei Dank, ich bin um nichts beraubt worden. Eine Heilige hat sich unter den Meinen befunden, diese Frau, wie ertrüge ich es gegen mein Herz, mit einer andern zu leben?« Die Frau aber meinte, er habe ihr ein Versprechen getan und wollte nicht, daß es mitten im Zuge gebrochen würde. Sie war es zufrieden, seine Magd oder Nebenfrau zu sein, wenn er sie nur behielt. Nun lebte zu dieser Zeit ein General, namens Yüan, ein Bekannter von In, der, als er nach Westen fahren wollte, bei In Aufenthalt nahm und den jungen Kin kennen lernte. Er gefiel ihm sehr wohl, Yüan bat ihn sich zum Schreiber aus. Kurz darauf machten Räuber einen Ausfall, Yüan vollbrachte eine gewaltige Heldentat, und da Kin ihn bei dem Geschäfte gut beraten, ernannte er ihn zum Hauptmann und kehrte zurück. Dann feierte Kin die Hochzeitsgebräuche mit Tang und nahm sie mit sich nach King-Ling, um Keng Niangs Grab zu besuchen. Sie kamen über den Djinfluß, beabsichtigten, zuvor die schöne Gegend des Kinschan zu besehen, und fuhren eben mitten auf dem Strome. Da fuhr ein kleines Boot an ihnen vorbei, in dem sich eine alte und eine junge Frau befanden. Kin wunderte sich sehr, wie ähnlich die Jüngere Keng Niang sei, doch das Boot fuhr rasch vorüber. Währenddessen sah die jüngere Frau durch das Fenster nach Kin hin, da schienen ihm ihre Gesichtszüge noch bekannter. Staunend und zweifelnd wagte er es nicht, zu fragen, schnell rief er laut: »Die Entenschar fliegt über den Himmel!« Die junge Frau vernahm dies und antwortete gleichfalls mit lauter Stimme: »Will die gefräßige Gans die Fische fressen, nach denen die Katze schnuppert?« Dies nämlich waren Scherzworte gewesen, die sie sich in vergangenen Zeiten heimlich im Zimmer zugeworfen hatten. Kin erschrak heftig, ließ das Schiff umkehren und näherte sich dem Boote. Es war in Wahrheit Keng Niang. Die ältere im schwarzen Kleide stützte sie, um ihr beim Hinübersteigen behilflich zu sein: Dann umarmten sich Keng Niang und Kin und weinten vor Freude und Leid. Alle Mitreisenden wurden gerührt. Tang näherte sich der Frau, indem sie ihr alle Ehren erwies, die der Hauptfrau zukommen. Keng Niang wunderte sich darüber und fragte, was es zu bedeuten habe. Kin erzählte nun alles, wie es sich zugetragen, da faßte Keng Niang Tangs Hand und sagte: »Nur einmal haben wir auf dem Schiffe miteinander gesprochen, aber im Herzen mußte ich oftmals Deiner gedenken. Du hast meine Schwiegereltern begraben helfen, ich selbst bin Dir zu großem Danke verbunden. Was sollen mir gegenüber diese Ehrengebräuche?« Es sollte nach dem Alter gehen, Tang war ein Jahr jünger als Keng Niang, deshalb nannte diese sie ihre jüngere Schwester. Lange schon hatte Keng Niang im Grabe gelegen und wußte selber nicht, wie viele Jahre darüber hingegangen waren. Plötzlich rief eine Stimme: »Keng Niang, Dein Mann ist nicht gestorben, Du kannst Dich wieder mit ihm vereinigen!« Sogleich erwachte sie wie aus einem Traume, fühlte zu allen vier Seiten nichts als Wände, glaubte, ihr Leib sei gestorben und begraben: sie empfand nur eine leichte Dumpfheit, aber keinerlei Leid. Nun gab es in der Gegend einige Elende, die hatten gesehen, wie reich und wertvoll die Gaben waren, die mit ihr begraben worden, öffneten das Grab und zerschlugen den Sarg. Eben wollten sie suchen, was es zu rauben gab, da fanden sie Keng Niang, zu ihrem Schrecken, noch am Leben und wurden von Furcht befallen. Keng Niang hatte Angst, sie würden sie töten, bat und sprach: »Dank Euch, daß Ihr gekommen seid und ich noch einmal Himmel und Sonne sehen darf! Nehmt allen Schmuck von meinem Haupte! Dann geht hin und verkauft mich an ein Kloster, so könnt Ihr zu Gelde kommen. Ich aber werde Euch nicht verraten.« Die Räuber warfen sich mit der Stirn zur Erde und sagten: »Heilige und heldenhafte Frau, Geister und Menschen ehren Euch allesamt! Wir sind kleine Leute, arm und haben nichts zu leben, deshalb taten wir dieses Unmenschliche. Verratet uns nur nicht, so wollen wir schon zufrieden sein. Wie wagten wir es, Euch an ein Kloster zu verkaufen!« »Aber ich will es selbst«, entgegnete Keng Niang. Da antwortete einer von den Räubern: »Es gibt hier eine Frau, Keng aus Djin Kiang mit Namen, verwitwet und kinderlos. Wenn sie Euch sieht, wird sie sich sicherlich von Herzen freuen.« Keng Niang dankte ihm für den Rat, nahm selbst ihre Perlen und Schmuckgegenstände vom Haupte und schenkte alles den Räubern. Die Räuber wagten nicht, die Geschenke anzunehmen, sie aber drang sie ihnen auf: da fielen sie vor ihr zur Erde und nahmen an. Dann brachten sie sie sogleich nach Frau Kengs Hause und gaben vor, der Sturm habe ein Schiff zerbrochen und vernichtet. Frau Keng entstammte einer wohlhabenden Familie, war Witwe und lebte allein. Sie war erfreut, als sie Keng Niang erblickte, und hielt sie wie ihr eigenes Kind. Jetzt hatten Mutter und Tochter eben vom Kinschan nach Hause kehren wollen. Keng Niang erzählte die Geschichte mit allen Einzelheiten. Dann begab sich Kin auf das Boot, um die Mutter zu begrüßen, die ihn sogleich wie ihren Schwiegersohn ansah. Er lud sie zu sich in sein Haus, sie verharrte einige Tage und kehrte dann zurück. Sie blieben Zeit ihres Lebens in ununterbrochenem Wechselverkehr. Die treue Dienerin Tsing aus Pe war offen von Wesen, großzügig und jeder Kleinlichkeit abhold. Eines Tages kam er von auswärts nach Hause; als er eben seinen Gürtel binden wollte, war es ihm, als sei das eine Ende schwer, wie wenn ein Gewicht daran hinge. Nachsehend vermochte er an dem Gürtelbande jedoch nichts zu bemerken. In diesem Augenblick trat hinter seinem Kleide ein Mädchen hervor, hielt das offene Haar in der Hand und lächelte ein wenig. Sie war sehr lieblich und Tsing hielt sie für eine Fee. Aber das Mädchen sagte: »Ich bin keine Fee, sondern ein Fuchsgeist.« »Ei,« meinte Tsing, »wenn ich nur eine hübsche bekommen könnte, so fürchtete ich auch eine Fee nicht, warum sollte ich mich vor einem Fuchsgeist scheuen?« und nahm sie sogleich in sein Haus. Nach zwei Jahren gebar sie ihm ein Töchterchen, das mit dem Hausnamen Tsing Me genannt wurde. Oft beschwor ihn die Mutter, sich keine zweite Frau zu nehmen, so werde sie ihm auch ein Söhnchen schenken. Tsing versprach es ihr und heiratete nicht wieder. Als aber alle Verwandten und Bekannten ihn deshalb auslachten, änderte er seinen Sinn und heiratete Wang vom Osten des Sees. Als die junge Frau dies vernahm, wurde sie zornig, ging hin, um das Töchterchen zu tränken, übergab es Tsing und sagte: »Diese Tochter gehört Dir und Deiner Familie allein, ob Du sie leben oder sterben lässest, daran habe ich kein Teil mehr. Warum sollte ich für andere die Amme machen?« Damit entfernte sie sich und kehrte nicht wieder. Als nun Tsing Me heranwuchs, war sie nicht nur ungewöhnlich klug, sondern auch schön und zierlich von Gestalt, und ähnelte in allem ihrer Mutter. Nach Tsings Tode verheiratete sich ihre Stiefmutter Wang aufs neue, sie selbst aber wurde zu einem Oheim in Pflege gegeben. Dieser nun war böse und unredlich und gedachte, sie zu verkaufen, um sich selber davon fett zu machen. Ein Magister, namens Wang, der gerade zu Hause auf ein Amt wartete, erstand sie um schweres Gold und gab sie seiner Tochter A Hi zur Dienerin. Hi war eben vierzehn Jahre alt und ein Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Sie freute sich herzlich über Me und arbeitete und schlief mit ihr zusammen. Me verstand es aber auch gar wohl, zu dienen, hörte mit den Augen und sprach mit den Augenbrauen und wurde von allen, die im Hause waren, auf das herzlichste darum geliebt. Nun wohnte daselbst in der Gegend ein Jüngling namens Dschang, mit dem Ehrennamen Kie-Schou genannt, der so arm war, daß er gar kein eigenes Grundstück besaß und als Mieter in einem Wang gehörigen Hause lebte. Gehorsam gegen die Eltern, Bescheidenheit und Zurückhaltung waren die bedeutendsten Züge seines Wesens, dazu der größte Fleiß in den Studien. Eines Tages kam Tsing Me in sein Haus: da sah sie, wie er dort an einen Stein gelehnt stand und eine grobe Suppe schlürfte, während drinnen, Tsing Me bemerkte dies beim Eintreten wohl, junge Schweinsfüße auf dem Tische standen. Dschangs Vater war gerade bettlägerig krank, da kam der Jüngling herein und trug ihn auf den Schultern, damit er seine Notdurft verrichte. Dabei wurde Dschangs Kleid beschmutzt, der Vater, der es in acht nahm, wollte vor Scham und Schmerz vergehen, aber der Jüngling ließ sich nichts merken, ging schnell hinaus und säuberte sich, damit dem Kranken die Beschämung erspart bleibe. Darob bewunderte Me ihn sehr, ging nach Hause und sprach zu A Hi: »Unser Mieter ist ein Mensch von ungewöhnlichem Wesen. Wenn Ihr keine Sehnsucht habt nach einem guten Lebensgefährten, so braucht Ihr nicht auf mich zu hören. Wünscht Ihr Euch aber einen Gatten, der wahrhaft gütig ist, so sollte es kein anderer sein als der junge Dschang.« Das Mädchen fürchtete, ihre Eltern würden ihn um seiner Armut willen hassen, aber Tsing Me sagte: »Nein, es hängt nur von Euch selber ab. Wenn Ihr denkt, es ist gut, so werde ich insgeheim hingehen, um ihm zu sagen, er möge kommen und um Euch anhalten. Eure gnädige Frau Mutter wird Euch sicherlich rufen lassen, um mit Euch darüber zu sprechen, dann braucht Ihr nur ja zu sagen und alles ist richtig und in guter Ordnung.« Nun fürchtete aber das Mädchen, sie würde immer arm bleiben und zuletzt noch von der Welt verlacht werden. Me jedoch meinte, es sei der edelste Mensch auf Erden, den sie kennen gelernt, so könne unmöglich etwas Unrechtes daraus entstehen. Tags darauf begab sie sich zu Dschangs Mutter und brachte ihr die Botschaft. Frau Dschang erschrak heftig und sagte, dies seien unglückbringende Reden. Aber Me bestand darauf und sprach: »Meine junge Herrin hat von der Tugend Eures Sohnes vernommen, und ich bemerkte wohl, daß dies zu tun ihre Absicht war. Wenn Ihr eine Mittelsperson hinsendet, so werden wir beide ihr beistehen. Gelingt es, so ist es von Vorteil, gelingt es nicht, was vermöchte es Eurem Sohne zu schaden?« Die Frau war es zufrieden und sandte eine Blumenverkäuferin, namens Ho, dahin, um es zu sagen. Als die gnädige Frau Mutter die Botschaft vernahm, lachte sie. Sie teilte es Wang mit und auch dieser lachte heftig. Sie riefen die Tochter herbei und erzählten ihr Ho's Meinung, aber noch ehe A Hi zum Antworten kam, lobte Me Tsing Dschangs Tugend mit eifrigen Worten und versicherte, er werde hoch hinaufkommen. Nun sprach die gnädige Frau wieder zu der Tochter: »Es ist eine Angelegenheit Deines eigenen Lebens. Wenn Du Dich von Körnerschalen nähren kannst, so will ich in Deinem Namen meine Zusage geben.« Die Tochter hielt den Kopf gesenkt, dann blickte sie nach der Wand und entgegnete: »Armut und Reichtum sind nur Dinge des Glücks. Wer das Glück hat, wird nicht lange arm bleiben und seines Reichtums Zeit wird dann ohne Ende sein. Wer aber das Glück nicht hat – jene in Seiden und Stickereien einherwandelnden Söhne der Adligen, die nun nicht Raum für eine aufrechtstehende Nadel haben, gibt es deren nicht genug? Ich lege es in Eure Hände, Vater und Mutter.« Wang hatte seine früheren Worte aber nur zu Scherz und Spott gemeint und war erzürnt, als er nun seiner Tochter Antwort vernahm. »Du willst also zu der Familie Dschang gehen?« fragte er. Die Tochter antwortete nicht. Er fragte noch einmal, aber sie antwortete wieder nicht. »Ei, Du wohlfeiler Knochen!« rief da die Mutter, »willst Du denn ewig in dem gleichen Stande bleiben? Einen Korb an den Arm hängen und das Bettelweib spielen? Müßtest Du Dich denn nicht zu Tode schämen?« Der Tochter schlug das Blut in die Wangen, ihr Atem ging schwer. Weinend ging sie aus dem Zimmer. Auch das Botenweib entfernte sich. Als Me sah, daß es mißlungen war, gedachte sie, sich selbst um den Jüngling zu bewerben. Nach einigen Tagen, bei Nacht, ging sie zu ihm. Er saß gerade beim Lesen, erschrocken fragte er sie, warum sie gekommen sei. Sie antwortete in Verlegenheit, da bat er sie mit ernstem Gesicht, zu gehen. Sie aber brach in Tränen aus: »Ich bin vornehmer Leute Kind«, sagte sie, »und keine gemeine Dirne. Nur um Eurer Tugend willen möchte ich Euch angehören.« »Wenn Du mich liebst um meiner Tugend willen,« entgegnete der Jüngling, »was schweifst Du hier in der Nacht umher? Ist dies Dein Stolz und Deine Reinheit? Der Edle verführt die Frau nicht, die er zur Ehe begehrt. Kann ich Dich aber nicht besitzen, wie sollen wir länger leben auf dieser Welt?« »Und wenn nur ein Zehntausendteil Möglichkeit bestünde,« antwortete Me, »willst Du mich begnaden, und nimmst mich zu Dir in Dein Haus?« »Bekäme ich ein Weib wie Dich,« sprach der Jüngling, »was könnte ich dann noch begehren? Doch stehen drei Schwierigkeiten im Wege, die nicht vermieden werden können. Deshalb wird es mir nicht leicht, Dir ein Versprechen zu geben.« »Welches sind die Schwierigkeiten?« fragte Me. »Du bist eine Sklavin und kannst nicht über Dich selbst bestimmen,« erwiderte Dschang, »wenn es also nicht ginge, was sollten wir dann noch dawider tun? Kannst Du aber über Dich selbst bestimmen, so wollen es meine Eltern nicht, dann wäre es abermals unmöglich und was wäre ferners dawider zu tun? Wollen es aber meine Eltern, so ist Dein Preis zu hoch, daß ich ihn nicht erschwingen kann, so geht es zum dritten Male nicht, und ich frage von neuem: was wäre dawider zu tun? Kehre Du schnell nach Hause zurück, damit Du nicht dem Verdachte der Leute verfällst. Denn man soll seinen Hut nicht ordnen unter den Pflaumenbäumen und sein Schuhband nicht binden zwischen den Melonen.« Doch ehe Me ging, ermahnte sie ihn noch einmal: »Wenn es Dir ernst ist,« sagte sie, »laß uns gemeinsam das Geld aufbringen!« Der Jüngling stimmte ihr zu und Me kehrte nach Hause zurück. Nun aber forschte ihre junge Herrin, wo sie gewesen sei? Da warf sie sich auf die Knie und gestand freiwillig alles. Die Herrin zürnte, daß sie vielleicht eine Schlechtigkeit begangen, und wollte sie bestrafen. Me aber erzählte ihr weinend, nichts andres sei geschehen, und berichtete sogleich das ganze Erlebnis. Da seufzte die Herrin und sprach: »Ein Mädchen nicht verführen, ist edle Sitte. Zuvor es den Eltern sagen, ist Gehorsam. Nicht leicht ein Versprechen geben, ist Aufrichtigkeit. Es genügt schon, diese drei Tugenden zu besitzen, so wird der Himmel ihm helfen. Dieser wird die Not der Armut nicht zu leiden brauchen.« Dann fragte sie Me, was sie zu tun gedenke, Me antwortete: »Ich heirate ihn.« Da sagte das Mädchen lachend: »Närrische Magd, kannst Du über Dich selbst bestimmen?« »So wird mein Tod dem Mißlingen folgen«, entgegnete Me. Da sprach das Mädchen: »Dein Wunsch soll erfüllt werden«. Me aber, mit der Stirn die Erde berührend, warf sich vor ihr nieder. Einige Tage später redete Me nochmals zu ihrer Herrin und sprach: »Ist das Wort, das Ihr jüngst gesprochen habt, ein Scherz gewesen? Oder wollt Ihr wirklich Barmherzigkeit an mir üben? Wenn es Euch ernst ist, so habe ich Euch noch etwas zu sagen, erbarmt Euch, flehe ich, auch über dies!« »Was ist es?« fragte die Herrin. »Der junge Dschang kann den Preis nicht erschwingen,« entgegnete Me, »und ich, eine Sklavin, bin ohne Mittel, mich selber auszulösen. Wenn Ihr es nicht anders tun wollt, als um den vollen Preis, so ist Euer Wort, mich heiraten zu lassen, als wäre es nicht gegeben.« Die Jungfrau seufzte und sprach: »Was kann ich da tun? Schon wenn ich meinen Eltern sage, sie möchten Dir die Heirat erlauben, fürchte ich, es wird nicht gehen, sage ich aber, daß Du kein Lösegeld hast, so werden sie es nie und nimmer gewähren. Ich getraue mich nicht einmal, ihnen davon zu sprechen.« Als Tsing Me dies vernahm, rollten ihr die Tränen über die Wangen, flehend bat sie um nichts als um Hilfe und Rettung. Die Herrin überlegte eine Weile, dann sprach sie: »Wenn es nicht anders geht, ich besitze noch einiges erspartes Gold. So will ich denn meinen Sack ausschütten, um Dir zu helfen.« Me beugte sich, dankte ihr und sagte es gelegentlich dem Dschang. Dschangs Mutter war sehr erfreut, wieder borgte und schaffte man von allen Seiten, bis am Ende ein stattlicher Betrag beisammen war, der so lange im Hause aufbewahrt blieb, bis gute Nachricht käme. Um diese Zeit nun wurde Wang zum Bürgermeister von Kü-U ernannt. Die Gelegenheit nutzend, sagte Hi zu ihrer Mutter: »Tsing Me ist nun erwachsen, und da wir eben zum Amte reisen wollen, dünkt es mich besser, sie fortzuschicken.« Die Mutter hatte längst geglaubt, Me wisse zu viel und könne zuletzt ihre Tochter zum Bösen verleiten. Sie wollte sie je eher, je lieber mit einem Manne verheiraten, nur hatte sie bisher ihrer Tochter Weigerung gefürchtet. Als sie nun das Wort vernahm, war sie hocherfreut. Zwei Tage darnach erschien eine Arbeiterfrau und übermittelte Dschangs Meinung. Da lachte Wang und sagte: »Für meine Magd ist er wohl recht. Warum ist er auch früher so anmaßend gewesen? Wenn wir sie aber als Nebenfrau an ein reiches Haus verkaufen, können wir den doppelten Preis erhalten, als wir selbst für sie gezahlt haben.« Da trat die Tochter rasch auf ihn zu und sprach: »Tsing Me hat mir lange gedient, sie als Nebenfrau zu verkaufen, wie sollte ich dies dulden?« So ließ denn Wang dem Bewerber Nachricht zukommen, der nun die Kaufurkunde zu dem einfachen Preise ablöste. Auf diese Weise geschah es, daß Tsing Me Dschangs Gattin wurde. In Dschangs Haushalt getreten, war sie gut gegen die Schwiegereltern, noch gehorsamer und freundlicher als der Sohn, und arbeitete mit unermüdlichem Fleiße. Sie aß die elende Kost, ohne je zu klagen, und es war niemand im Hause, der Tsing Me nicht geliebt und geehrt hätte. Zudem beschäftigte sie sich mit Sticken und verkaufte immer so rasch, daß die Händler, ängstlich, nichts mehr zu bekommen, gedrängt vor der Haustür warteten. So verdiente sie einiges Geld, um der nackten Armut zu wehren, bat jedoch Dschang, über den Sorgen des Hauses die Studien nicht zu vernachlässigen, und besorgte alles mit eigenen Händen, was es im Haushalte zu schaffen gab. Als ihre Herrschaft zum Amte verreisen wollte, ging sie noch einmal zu A Hi, um Abschied zu nehmen. Hi sah sie an und sagte weinend: »Du bist an einen guten Ort gekommen, ich habe es bei weitem nicht so gut wie Du.« »Ich werde nie zu vergessen wagen,« entgegnete Me, »wessen Geschenk mein Glück ist. Wenn Ihr aber sagt, Ihr hättet es nicht so gut wie Eure Magd, so fürchte ich, mein Leben wird davon verkürzt werden.« Dann nahmen sie Abschied voneinander in Weh und Bitternis. Als Wang ein halbes Jahr in Kü-U war, starb seine Gattin, und die Leiche wurde in einem Buddhatempel aufgestellt. Abermals nach zwei Jahren wurde Wang wegen einer falschen Übernahme aus dem Amte gejagt und mußte mehr als zehntausend Taëls Buße bezahlen. Allmählich verarmte er so sehr, daß er nichts mehr zu essen hatte und seine ganze Dienerschaft ihn verließ. Um diese Zeit verbreitete sich die Pest, auch Wang erkrankte und starb bald darauf. Das Mädchen, mutterseelenallein geblieben, fühlte sich noch jammervoller als zuvor. Eine Nachbarsfrau suchte sie zu bereden, sie möge sich verheiraten. »Wer die Leichen meiner Eltern für mich beerdigt,« sagte das Mädchen, »dem will ich mich geben.« Die Nachbarsfrau erbarmte sich über sie, schenkte ihr einen Scheffel Reis und entfernte sich. Einen halben Monat darauf kam sie wieder und sprach: »Ich habe mir um Dich die größte Mühe gegeben, doch will es sich auf keine Weise fügen. Die Armen vermögen es nicht, die Leichen für Dich zu bestatten, die Reichen aber scheuen sich, weil Du das Kind jenes untergegangenen Hauses bist, wie soll ich es nun richten? Zwar wüßte ich einen Rat, doch fürchte ich, Du wirst es nicht über Dich bringen, ihm zu folgen.« »Was ist es?« fragte das Mädchen, da entgegnete die Frau: »Es ist da ein Jüngling, Li geheißen, der will eine Nebenfrau haben. Wenn er Dich angenehm und hübsch erfände, so will er deine Eltern bestatten, mit aller Pracht und ohne zu geizen.« Da weinte das Mädchen und sagte: »Ich, adligen Hauses Kind, und sollte eines andern Nebenfrau sein?« Da wagte es die Nachbarin nicht, noch weiter zu sprechen, und entfernte sich. Nun hatte A Hi nicht mehr als eine einzige Mahlzeit am Tage und wartete in Leid und Jammer des Mannes, der den Preis bezahlen mochte. Als wieder ein halbes Jahr vergangen war, versagten ihr die Kräfte. Eines Tages kam die Nachbarsfrau zu ihr, da sprach das Mädchen in trostlosem Weh: »Ich lebe so bitter und jammervoll, oft schon wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Doch hänge ich daran, weil ich zuvor noch zwei Leichen zu beerdigen habe. Ist dies geschehen, so werde ich mich in eine Schlucht stürzen. Wer aber ist der Mann, der das Gebein meiner Eltern begrübe? Deshalb denke ich, es ist besser, ich folge dem Rat, den Du mir zuletzt gegeben hast.« Nun brachte die Nachbarsfrau Herrn Li daher, der das Mädchen heimlich betrachtete. Da sie ihm wohlgefiel, nahm er sogleich das Geld hervor und ließ die Leichen der Eltern beerdigen. Als alles geordnet war, kam er, das Mädchen abzuholen, damit sie der Hauptfrau einen Besuch abstatte. Diese aber war sehr mißgünstig und voll Eifersucht, Li hatte zuerst gar nicht gewagt, von einer Nebenfrau zu sprechen, und vorgegeben, er wolle eine Magd kaufen. Als sie nun des Mädchens ansichtig wurde, geriet sie in Zorn, trieb sie mit Stockhieben hinaus und ließ sie nicht über die Schwelle. Das Mädchen, mit aufgelöstem Haar, weinend und wehklagend, wußte nicht ein noch aus. Da kam eben eine alte Klosterfrau vorüber und lud sie ein, mit ihr zu gehen. Das Mädchen freute sich und folgte ihr. Als sie im Kloster angekommen waren, warf sie sich vor der Alten nieder und bat, ihr das Haar abzuschneiden. Die Klosterfrau aber weigerte sich und sprach: »Ich sehe wohl, Ihr seid der Mensch nicht, lange auf der Erde und vor dem Winde zu liegen. Im Kloster gibt es Lehmgerät und grobes Getreide, eben genug, um davon zu leben. So bleibt denn einstweilen hier und wartet ab, um wieder fortzugehen, wenn Euer Glück sich wendet.« Sie war noch nicht lange im Kloster, als einigen rohen jungen Leuten aus der Gegend ihre Schönheit auffiel. Seither kamen sie oftmals, schlugen lärmend an die Tür und verübten allerlei höhnischen Unfug, um sich zu belustigen. Die Alte konnte nichts dawider ausrichten, das Mädchen, schreiend, wollte sich selber töten. Erst als einer von den Gesellen die Klostermauer untergraben wollte und die Alte ihn anzeigte und bestrafen ließ, trat wieder Ruhe ein. Unter solchen und ähnlichen Leiden verging ein Jahr. Da kam eines Tages wieder ein adliger Junker in das Kloster, sah das Mädchen und wurde sogleich von einer heftigen Bewunderung für sie erfaßt. Er zwang die Alte, ihr seine Liebe zu gestehen, und wollte sie mit einem großen Geldgeschenke bestechen. Die Alte dankte ihm mit listigen Worten: »Sie ist ein Kind aus adligem Hause«, sagte sie, »und wollte nicht einmal Dienerin oder Nebenfrau sein. Geht jetzt nur fort, ich werde Euch noch Nachricht geben.« Als er sich entfernt hatte, wollte das Mädchen Gift nehmen. Doch in der gleichen Nacht träumte ihr, ihr Vater trete mit dicht verschlossenen Brauen vor sie hin und spräche: »Ich habe damals Deinem Wunsche nicht nachgeben wollen, so bist Du in Elend und Jammer geraten, doch zu spät kommt die Reue. Wenn Du aber nur noch kurze Zeit dulden willst und bleibst am Leben, so wird sich noch erfüllen, was Du damals gewünscht hast.« Das Mädchen wunderte sich sehr über diese Worte. Als es Tag geworden und sie sich gewaschen hatte, betrachtete die Klosterfrau sie mit Verwunderung: »Ich sehe,« sagte sie, »aus Deinem Antlitz ist alle Farbe des Grams geschwunden. Nun ist kein Unheil mehr zu fürchten und Dein Glück ist auf dem Wege. Dann, bitte ich Dich, vergiß auch meiner nicht!« Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als man draußen ein Klopfen vernahm. Das Mädchen erbleichte, denn sie glaubte nicht anders, als ein Bote des adligen Hauses sei vor der Tür. Die Alte öffnete, da war er es wirklich. Er forderte sogleich Antwort, die Alte sprach ihm aber immerfort mit warmen Worten zu und bat noch um drei Tage Frist. Der Bote erklärte seines Herren Meinung, wenn es nicht würde, so solle sie selber hinkommen und es ihm sagen. »Gewiß, gewiß«, antwortete die Alte und bat ihn nur, einstweilen fortzugehen. Da verfiel das Mädchen in eine tiefe Trauer und wollte sich selber töten. Die Alte hielt sie fest, doch A Hi fürchtete, wenn er nach dreien Tagen wiederkäme, so würden sie keine Antwort für ihn haben. »Solange ich hier bin,« entgegnete die Klosterfrau, »werde ich Deinen Kopf zu schützen wissen.« Am nächsten Morgen begann es plötzlich so heftig zu regnen, als ob das Wasser aus Wannen geschüttet würde. Mit einem Male vernahm man draußen einige Leute heftig an das Tor pochen und lärmend Einlaß begehren. Das Mädchen, in der Meinung, nun komme das Unglück, wußte vor Schrecken und Angst nicht, was sie beginnen solle. Die Alte, während unaufhörlich der Regen strömte, öffnete das Tor und sah, daß eine duftende Sänfte vor der Tür stand, aus der einige Dienerinnen eine schöne junge Dame herausstützten. Das Gefolge, das diese mit sich führte, war sehr zahlreich, die Schirme und Fahnen aus kostbarem Zeuge. Als die Alte verwundert fragte, erklärten die Dienerinnen, die Dame sei die Frau eines Richters und wolle hier Schutz vor Wind und Regen suchen. Als die Klosterfrau sie ins Empfangszimmer geführt hatte, nahm die Dame mit ernster Miene Platz, während die Dienerinnen sich ins Nebengemach entfernten, um sich nach Gelegenheiten zum Ruhen umzusehen. Als sie dort eintraten, sahen sie das Mädchen drinnen stehen und liefen, da dessen Schönheit sie in Erstaunen setzte, sogleich zurück, um es ihrer Herrin zu erzählen. Weil nun der Regen bald nachließ, erhob sich die Dame und bat, die anderen Räume besichtigen zu dürfen. Die Alte führte sie hinein, wo das Mädchen war, da erschrak die Fremde heftig und hielt ihre Augen starr und reglos auf A Hi gerichtet. Auch diese starrte den Gast lange an, denn die vornehme Dame war niemand anders als Tsing Me. Nun schluchzten die beiden, bis ihre Stimmen heiser wurden, und erzählten einander alles, was sie unterdessen erlebt hatten. Der alte Herr Dschang war gestorben, nach der Trauerzeit stieg der Jüngling Schritt für Schritt bis zum Richter auf. Nun war er mit seiner Mutter bereits zum Amte nach Kü-U gefahren, Tsing Me aber war eben unterwegs, um ihm mit dem ganzen Hausstande nachzufolgen. Das Mädchen seufzte auf: »So sehen wir einander heute wieder,« sagte sie, »und ist ein Unterschied zwischen uns wie zwischen Himmel und Erde.« »Schönen Dank!« lachte Tsing Me. »Durch Euer widriges Schicksal mußtet Ihr freilich allein stehen, doch der Himmel wollte uns beide wieder zusammenbringen. Wenn es nicht geregnet hätte, wie würden wir uns jemals begegnet sein? Dahinter verbirgt sich zuverlässig die Wirkung der Geister, keines Menschen Kraft vermöchte es so zu fügen.« Sogleich befahl sie, einen Perlenhut und ein seidenes Gewand auszupacken, und hieß das Mädchen sich umziehen. Aber A Hi ließ den Kopf sinken und sann nur immerfort vor sich hin. Die Alte suchte ihr zwischendurch zuzureden, doch A Hi fürchtete sich, mit Tsing Me zusammen zu bleiben, wußte sie doch nicht einmal, wie sie sie anreden sollte. Doch Tsing Me sprach: »Es ist alles geblieben, wie es war. Eure Dienerin kann Eure Wohltat nicht vergessen, glaubt Ihr denn, Dschang werde sich des Dankes entschlagen wollen?« Gezwungen mußte A Hi sich umziehen, dann nahm sie Abschied von der alten Klosterfrau und entfernte sich. Als die beiden in die Amtsstadt kamen, freuten sich Mutter und Sohn gleichermaßen, das Mädchen aber sank in die Knie und sprach: »Ich schäme mich, Euch, Mutter, zu sehen!« Die Mutter tröstete sie lächelnd. Nun beabsichtigten sie, einen glückverheißenden Tag auszuwählen, um die Hochzeit zu feiern. »Hätte es im Kloster nur einen fadendünnen Weg gegeben, sein Leben weiterzufristen,« sagte das Mädchen, »ich wäre nicht mit der Herrin hierhergekommen. Wenn Du nicht vergessen kannst, daß ich einst gütig zu Dir war, so gib mir ein Stübchen, den Betteppich darin unterzubringen, so will ich zufrieden sein.« Me lachte, sagte aber nichts. Als die Zeit gekommen war, brachte sie dem Mädchen ein wunderbar schönes Kleid daher, so daß A Hi nicht wußte, wohin sie sich wenden und was sie beginnen sollte. Plötzlich vernahm sie draußen im Flur den Schall von Musik und geriet darüber in eine noch tiefere Befangenheit. Nun führte Me die Dienerinnen herein, die ihr, ohne ihrer Gegenwehr zu achten, das Kleid anziehen mußten; dann zogen und schoben sie die Widersetzliche hinaus. Als diese den Jüngling in Festgewändern vor sich knien sah, fiel auch sie unwillkürlich auf die Knie. Dann brachte Me sie in das Brautzimmer und sprach: »Diesen Sitz habe ich schon lange für Euch gerichtet und Eurer geharrt.« Darauf wandte sie sich wieder an den Jüngling und sagte: »Heute nacht erst wirst Du ihre Wohltat ganz erwidern dürfen. Sei gut zu ihr!« Damit wandte sie sich um und wollte gehen. Das Mädchen faßte sie am Kleide, um sie zurückzuhalten, Me aber lächelte: »Haltet mich nicht zurück, ich könnte es nicht verantworten.« Leise löste sie A Hi's Finger von ihrem Gewande und ging hinaus. Seit dieser Zeit verhielt sich Tsing Me so unterwürfig gegen die junge Frau, daß sie es nicht einmal wagte, den Abend mit ihrem Gatten zu verbringen. A Hi fand aber keine Ruhe, so daß die Mutter zuletzt befahl, sie möchten einander gegenseitig mit Herrin anreden. Doch änderte Tsing Me sich nicht und betrug sich der andern gegenüber unwandelbar als eine Dienende. Als drei Jahre später Herr Dschang in Amtsangelegenheiten nach der Hauptstadt mußte, kam er auch an dem Kloster vorbei. Er machte der Klosterfrau ein Geburtstagsgeschenk von vierhundert Taëls, doch weigerte sich die Alte und nahm erst auf vieles Zureden zweihundert Taëls davon an. Von dem Gelde erbaute sie dann einen Tempel des Buddha und ließ ein Grabmal für Frau Wang errichten. Dschang brachte es später bis zum Minister. Frau Dschang aus dem Hause Tsing gebar zwei Söhne und eine Tochter, Frau Dschang aus dem Hause Wang vier Söhne und eine Tochter. Dschang berichtete die ganze Geschichte dem Kaiser, der beiden Frauen den gleichen Ehrentitel einer Fuin Frauentitel, etwa Exzellenz. verlieh. Die Sintflut In uralter Zeit gab es einmal ein Brüderlein und ein Schwesterlein, nicht älter als sechs, sieben Jahre, die mitsammen in die Landschule gingen. Dabei mußten sie an einem alten Tempel vorbei, wo sie eines Tages einen greisen Priester fanden, der vor dem Tempel saß. Er hatte einen verschwollenen Kopf und schwielige Füße und schien an einer schweren Krankheit zu leiden. »Ich habe schon drei Tage lang nichts gegessen,« sagte er zu den Kindern, »bin krank und hungrig und dem Tode nah. Sättigt mich!« Als die Kinder dies sahen, erbarmten sie sich seiner und gaben ihm alles, was sie Eßbares mitgebracht hatten. Am andern Tage trafen sie den Priester wieder, und abermals geschah es, wie am Tage zuvor, und also einige Male hintereinander, ohne daß selbst auch nur die Mienen ihres Gesichts die Gabe verweigert hätten. Einige Tage später fanden sie den Priester sitzend wie zuvor, aber seine Augen waren geschlossen, sein Kopf gebeugt und seine Lippen stumm. Er sprach kein Wort. »Seid Ihr nicht hungrig, Priester?« fragten ihn die Kinder. Der Priester öffnete ein wenig die Lider, blinzelte nach ihnen hinauf und sagte: »Ich habe nicht gegessen, was auf dem Feuer bereitet wird, mehr denn zehn Jahre lang. Was Ihr mir zu essen gegeben habt, liegt noch aufbewahrt in meinem tuchenen Sack. Aber ich empfinde Euer kindlich barmherziges Mitleid und will Euch aus der Not erretten.« Da erwiderten die beiden Kleinen: »Die Welt ist ruhig und friedlich. Wo gäbe es Not?« Er entgegnete: »Ich habe den Himmel betrachtet, nicht viele Tage werden vergehen, so wird die Welt sich in ein Wasserreich verwandeln. Bereitet ein Schifflein und nehmt Speise und Brennzeug für neunundvierzig Tage mit hinein! So könnt Ihr dem Unheil entgehen.« »Und an welchem Tage wird dies geschehen?« fragten die Kinder. »Ihr seht den steinernen Löwen,« sprach der Priester, »der vor dem Tempel steht. Wenn aus seinem Haupte Blut rinnt, so besteigt schnell Euer Schifflein, doch darf es nicht früher noch später geschehen.« Die Kleinen empfingen sein Geheiß, nahmen kniend Abschied von dem Priester und wollten gehen. »Denkt daran!« wiederholte er nochmals, »denkt daran!« Als sie nach Hause kamen, bereiteten sie das Schifflein, die Speisen und alles, wie es ihnen der Priester befohlen. Jedesmal, wenn sie nun an dem alten Tempel vorüberkamen, kletterten sie hinauf und sahen nach dem Löwenkopf. Die Landleute, die vorbeigingen, wunderten sich darüber und fragten sie nach dem Grund. Da erzählten die Kinder die ganze Geschichte. Es befand sich aber ein Witzbold unter den Landleuten, der hörte die Sache: zur Zeit, als die Kinder aus der Schule kommen sollten, nahm er etwas Paprikabrei und bestrich damit den Löwenkopf, um sie zu betrügen. Als Brüderlein und Schwesterlein kamen, kletterten sie hinauf und sahen, daß es von dem Löwenkopf wie Blut so rot heruntertroff. Da eilten sie feuerschnell zurück, packten die Speisen zusammen und bestiegen das Schiff. Gleich darauf veränderte sich der Himmel und der Regen goß wie aus Fässern. Im Nu stand das Wasser einige Djang hoch und das Geschrei von Menschen und Tieren erschallte schauervoll, daß man es nicht ertragen konnte. Gebirge, Wälder, Städte und Dörfer ertranken, nur das Schifflein der beiden Kinder stieg mit dem Wasser, so daß es außer Gefahr blieb. Als neunundvierzig Tage vorüber waren, ging die Flut zurück und das Schifflein blieb auf dem trockenen Lande sitzen. Sie suchten und sammelten nur ein, was irgend übrig geblieben, um davon ihr Leben zu fristen. Hunger, Durst, Kälte und Krankheit, nichts Bitteres blieb ihnen erspart. Zehn Jahre waren vergangen und Brüderlein und Schwesterlein herangewachsen. Da sagte der Bruder zu der Schwester: »Kein Mensch lebt mehr auf der Welt, nur ich und du. Wenn wir sterben, stirbt die Welt. Dies kann nicht nach dem Herzen und dem Zwecke Himmels und der Erde sein. Wenn wir Mann und Frau würden, möchte die Welt aufs neue erstehen. Nichts könnte wohltätiger sein.« Aber die Schwester bekümmerte dies um der Blutsverwandtschaft willen. Als einige Tage vorüber waren, bat sie der Bruder noch heftiger. Doch die Schwester sagte: »Es würde uns verwirren und wir wären einander nicht mehr verwandt. Es wäre denn, daß der Himmel selbst es wollte. Ich darf es Dir nicht versprechen. Geh hin, nimm zwei Mühlsteine, bringe sie, wo eine Schlucht abstürzt, und lege die beiden einander gegenüber auf die Ränder der Schlucht. Dann wollen wir sie im gleichen Augenblick hinunterrollen lassen, und wenn die Mühlsteine einander unten wieder so begegnen, daß Mitte gegen Mitte paßt, so will ich Dein Weib sein.« So wurde denn der Versuch gemacht: da rollten die Steine zusammen. »Des Himmels Wille ist sichtbar geworden,« sagte der Bruder, »was kannst Du nun noch dawider reden?« Da entgegnete die Schwester schweren Herzens: »Dies kann zu leicht geschehen, daß die Steine zusammenrollen. Ob es wirklich des Himmels Wille ist? Nimm Du einen Faden, so will ich eine Nadel nehmen. Von den beiden Rändern der Schlucht werfen wir sie dann zugleich gegen die Mitte. Trifft der Faden in das Öhr, so will ich es als himmlisches Gebot betrachten und nichts mehr dawider reden.« So versuchten sie es zum zweiten Male: und wieder traf der Faden das Ohr. Da beteten sie Himmel und Erde an und wurden Mann und Weib. Alle Menschen, die auf der Welt leben, sind ihre Nachkommen. Die Lehre der Gottmenschen In uralter Zeit lebte einmal ein junger Bauer, der den Vater schon in der Jugend verloren hatte. Deshalb führte er seine Frau hin zu seiner Mutter, daß sie sie pflege, und war in allen Dingen so gehorsam und freundlich, wie man es selten finden mag. Seine Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit waren so groß, daß er jedem Armen oder Alten, dessen er ansichtig wurde, gerne half, ob er selbst auch nicht viel mehr als seine vier Wände im Hause hatte. Eines Tages nun kam ein Mönch daher und bat um ein Almosen. »Wenn Ihr hungrig seid,« sagte der junge Bauer, »im Hause ist noch etwas übriggebliebene Speise, eßt Euch einmal satt daran!« »Ich möchte nichts anderes essen«, erwiderte der Mönch, »als den Hahn, den Ihr in Eurer Steige habt. Er ist so bunt und glänzend und erregt das Verlangen. Wollt Ihr mir diesen schenken, daß ich meinen Magen an ihm ersättige?« »Wenn Ihr es durchaus wünscht,« sagte der Bauer, »warum sollte ich nicht?«, nahm sogleich den Hahn aus der Steige und gab ihn dem Mönche. Kaum hatte dieser ihn ergriffen, so zerriß er ihn und aß ihn sogleich, so daß in kurzem kein Federchen noch Knochen davon übrig war. Als der Mönch dann fertig gegessen hatte, machte er sich wieder auf den Weg. Als der Bauer am nächsten Morgen erwachte, hörte er das Krähen eines Hahns und wunderte sich sehr darüber. Er erhob sich und sah nach, da war der Hahn noch in der Steige. Sogleich ahnte ihm, daß der Mönch kein gewöhnlicher Mann gewesen und die Lehre der Gottmenschen besitzen müsse. Da wollte auch er sie erlernen und nahm Abschied von Mutter und Frau. Er wanderte durch Gebirge, schritt durch Gewässer, nächtigte unterm Tau und aß vor dem Winde. Überall suchte und forschte er, aber niemand hatte den Mönch, den er beschrieb, gesehen. Nach einem Monat war sein Reisegeld verbraucht, sein Kleid zerrissen und seine Schuhe durchlöchert. Bettelnd ging er weiter, ohne zu klagen. Wieder war etwa ein Monat vorübergegangen, als er in ein Dorf kam und eben betteln wollte. Plötzlich rief eine Stimme ihm zu: »Seid Ihr nicht der junge Bauer aus jenem Lande? Warum seid Ihr so elend geworden?« Der Jüngling sah dem Sprecher ins Gesicht, da war es der Mönch, den er suchte. Sogleich erzählte er ihm alles, aber der Mönch sprach: »Ihr habt Mutter und Weib zu Hause, wie ertragt Ihr's, sie zurückzulassen, um ein Gottmensch zu werden?« »Auf Erden,« erwiderte der Jüngling, »gibt es kein ewiges Zusammensein. Ob hundert Jahre oder ein Tag – in der Stunde des Abschieds ist es gleich schwer. Wenn Ihr mich nicht gering schätzt, so möchte ich Euch den Sack tragen und mit Euch gehen. Ich werde es bis zu meinem Tode nicht bereuen.« »Es sei!« sagte der Mönch und übergab ihm sogleich seinen tuchenen Sack. So folgte ihm der Jüngling auf Schritt und Tritt, auf ihrem Wege trafen sie nur selten eines Menschen Spur. Sie gruben nach Kräutern zum Essen und schöpften ihren Trunk mit der Hand. Hungernd und dürstend wanderten sie wohl ein halbes Jahr, bis sie endlich an ein Gebirge kamen. Dieses war mehrere tausend Djang hoch, die Bäume darauf berührten beinahe den Himmel. Gräser bedeckten den Boden, Felsen standen steif wie Wände, Wasserfälle blinkten weiß wie Schnee. Kein Mensch hatte je diese Gegend betreten. Als sie in das Gebirge stiegen, hörte er, wie die Bäume sausten. Vögel flogen und Löwen und Tiger brüllten und mischten ihre Stimmen furchterregend in die vielerlei Laute der Einsamkeit. Der Jüngling aber, entschlossen, ein Gottmensch zu werden, fürchtete sich nicht und wanderte immer mit weiter. Wieder vergingen einige Tage, da waren sie endlich inmitten des Gebirges und schritten auf ein Tal zu. Da erblickte der Jüngling eine aus Gras geflochtene Hütte, die aus drei Räumen bestand. Ringsum war Bambus gepflanzt und ein kleines Bächlein floß vor der Hütte, dessen klares Wasser unaufhörlich dahinrann. Als sie bis an die Tür gelangt waren, öffnete der Mönch und trat ein. Auch der Jüngling folgte, aber die Tür dünkte ihn so klein wie die einer Hundehütte und schien für einen Menschen keinesfalls groß genug. Jedoch als er eintrat, ging er hindurch, ohne sich zu zwängen. In der Hütte selbst gab es nur wenige Gegenstände, außer einem von Lehm gemachten Herd und einem Strohlager war nichts darin als einige Lappen, Besen und ein Feuerhaken. »Wir sind den ganzen Weg durch Wind und Reif gegangen«, sprach der Mönch zu dem Jüngling, »und sind durch die unbewohnte Gegend gekommen, ohne ein einziges Mal satt zu werden. Im Kruge ist noch etwas übriggebliebener Reis, nimm einige Körner davon und koche sie zur Abendmahlzeit!« Der Jüngling nahm den Reis heraus und sah den Topf nicht größer als einen Löffel. Er dachte nur, wie können zwei Menschen von einigen Körnern Reis satt bekommen? Doch hatte der Mönch es so befohlen, und er traute sich nicht, weiter zu fragen. Als der Reis nun gar gekocht war, aß er mit dem Mönche so lange davon, bis sie völlig gesättigt waren, und ohne daß der Reis auch nur um ein Geringes weniger geworden. Von nun an war seine Beschäftigung, zu kochen und zu fegen, Tag für Tag immer das gleiche. So vergingen einige Monate, da sagte der Mönch eines Tages: »Etwas gegen Westen befindet sich ein Hügel, darauf liegen viele gestürzte Bäume. Man könnte sie zusammenschlagen, damit wir Heizung für den Winter gewinnen. Geh morgen früh dahin, vergiß es aber nicht!« Als der Morgen gekommen war, nahm der Jüngling sein Gerät und begab sich fort, bis er auf den Hügel gelangte. Da sah er mit einemmal ein liebliches Mädchen auf einem Steine sitzen, schön wie die Blumen und der Herbstmond, bunt und edel gekleidet, so daß man über ihren Anblick von Sinnen werden konnte. Aber der Jüngling begehrte nichts, als ein Gottmensch zu werden, sah sie gar nicht an und sprach kein Wort mit ihr. Da hub das Mädchen ihre Augen, langsam wie die Welle im Herbst, und sprach zu ihm: »Ich bin allein hier im tiefen Gebirge, Wölfe und Tiger machen mir Angst. Erbarmt Euch über mich und nehmt mich zu Euch, so will ich Eure Dienerin sein beim Kämmen und Waschen.« »Ich habe die Meinen verlassen,« antwortete der Jüngling, »um die Lehre der Gottmenschen zu erlernen. Soll ich noch einmal ein Weib zu mir nehmen und ihre Last tragen auf meinem geistigen Wege?« Das Mädchen hielt die Tränen in den Augen zurück: »Ihr seid doch ein mitleidiger und barmherziger Mensch,« sprach sie, »wollt Ihr dulden, daß ich den wilden Tieren zum Fraße diene? Hundert Jahre lebt der Mensch wie eine Stunde, er freue sich, wenn es ihm vergönnt ist, und ergötze sich an der Lust! Was soll ihm die Lehre der Gottmenschen? Warum sollte er sich der Leidenschaften und der Liebe abtun und sein Leben in Kummer und Schmerzen dahinbringen?« Da entgegnete der Jüngling: »Die Freude der gewöhnlichen Menschen ist die Freude des Leibes, die Freude der Gottmenschen aber ist die Freude der Seele. Die Freude des Leibes schwindet dahin mit dem Tode, aber die Freude der Seele wird zehntausend Jahre bestehen. Ich bin entschlossen und kann Euch nicht gewähren.« Das Mädchen sprach ihm noch mit vielerlei zärtlichen Reden zu, doch der Jüngling hörte nicht darauf und entfernte sich. Er hatte Holz zusammen gesammelt und brachte es mit nach Hause. Der Mönch blieb stumm. Einige Tage später ging er fort, um Heilkräuter zu sammeln, verlor aber unterwegs seinen Haarring. Da befahl er dem Jüngling, den Weg entlang, den er gegangen, nach dem Ringe zu suchen. Der Jüngling suchte und suchte wohl einen halben Tag, ohne eine Spur zu entdecken, da trat plötzlich ein Tiger aus dem dicken Walde hervor, und an seinem Halse hing der Ring. Er wetzte die Zähne und spielte die Tatzen, als bereite er sich zum Fraß. Der Jüngling war heftig erschrocken, aber da er nun einmal den Befehl des Mönches empfangen hatte, wagte er es nicht, unverrichteter Dinge heimzukehren. Mit Todesmut ging er auf den Tiger zu, nahm ihm den Ring vom Halse und kehrte nach Hause. Da sprach der Mönch: »Nun bist Du wohl schon ein halbes Jahr hier, ohne etwas über die Mittel der Gottmenschen erfahren zu haben. Morgen gedenke ich jemand zu besuchen, inzwischen magst Du ein klein wenig den Nebenraum fegen, damit ich Dich darin, so oft Gelegenheit sich findet, spät und früh belehre.« Tags darauf ging der Mönch fort. Der Jüngling wollte dem Auftrag gemäß das Zimmer säubern: als er aber damit fertig war und das Fenster öffnete, erblickte er draußen sein eigenes Haus. Seine Mutter lag schwer krank im Bett und schrie so schmerzlich, daß man ihr Schreien nicht ertragen konnte. Die Frau, schön und still, aber ein wenig bleich und mager, ging mit gesenktem Haupte, eine Kanne in der Hand, im Hause umher. Da bebte er vor heraufquellendem Weinen und die Tränen rannen ihm über die Wangen. In diesem Augenblicke kam der Mönch zurück und sprach: »Ob Dein Gebein schon ein klein wenig gottmenschlich geworden, von der Verwandtenliebe kannst Du nicht lassen und wirst so lange vergeblich die Wege der Gottmenschen suchen.« »Längst schon wollte ich Euch fragen,« erwiderte der Jüngling, »doch wagte ich es nicht. Schon so lange bin ich hier, doch habe ich nichts getan, als Euch den Haushalt führen. Wenn Ihr mich zum Gottmenschen machen wollt, warum lasset Ihr mich nicht einiges über die Lehre der Gottmenschen erfahren?« »Noch ist die Zeit nicht da,« sagte der Mönch, »noch etwas habe ich Dir aufzutragen. Bist Du imstande, es zu vollführen, so sollst Du unter die Gottmenschen eingehen.« »Sprecht ruhig!« antwortete jener, »um ein Gottmensch zu werden, will ich mich nicht weigern, in siedendem Wasser zu baden oder in die Flammen zu springen.« Da nahm der Mönch ein Schwert zur Hand, reichte es ihm und sprach: »Nimm dies, ziehe damit nach Deiner Heimat und töte noch diese Nacht Deine Mutter und Dein Weib! Zum Zeichen sollst Du dann das Schwert vor die Türe hängen, sobald es abgetan ist!« »Ich will es tun,« entgegnete der Jüngling, »aber nach meiner Heimat ist es mehr denn zehntausend Meilen. Wie könnte ich es heute schon vollbringen!« Da nahm der Mönch einen Stab zur Hand, reichte ihn ihm und sagte: »Dieser Stab soll Dir als Fahrzeug dienen. Nur schließe die Augen, während Du fährst, bis der Stab sich zur Erde senkt. Dann öffne sie wieder, und tue ebenso auf der Heimkehr!« Da nahm der Jüngling das Schwert, schloß die Augen und setzte sich rittlings auf den Stab. Plötzlich flog dieser von selber hoch, er fühlte nur noch den Wind um seine Ohren sausen. Nicht lange, so senkte sich der Stab wieder mit ihm hinab. Er öffnete die Augen und schon stand sein Haus dicht vor seinem Blick. Als er leise die Tür auftat und hineinging, war es Mitternacht. Er ging zuerst nach seinem Zimmer, auf Zehen schleichend, bis vor das Bett. Im Dunkeln tastete er und suchte das Haupt seiner Frau. Als er es unter den Händen fühlte, wandte er sein Gesicht und biß die Zähne aufeinander. Dann hieb er mit Todeskraft der Frau das Haupt vom Rumpfe. Darauf ging er in das Zimmer seiner Mutter und tat ebenso. Als es vollbracht war, troff seine Stirn von Schweiß. Mit großen Schritten ging er hinaus, hängte das Schwert vor die Tür und ritt, nachdem er die Augen geschlossen, auf dem Stabe eilends durch die Lüfte davon. Am andern Morgen erwachten die beiden Frauen aus dem Schlafe und die Schwiegertochter sprach zu ihrer Mutter: »Heute nacht träumte mir, Dein Sohn sei gekommen.« »Mir träumte das gleiche«, erwiderte die Mutter. Sie standen auf und fanden in jedem Bette einen kopfgroßen Klumpen Gold, sahen einander an und erbleichten, denn sie wußten nicht, wie dies sich zugetragen. Als sie aber die Tür öffneten, fanden sie den Jüngling am Türhaken erhängt. Nun dachten sie, er habe vielleicht ein Verbrechen begangen und sich aus Furcht aufgehängt. Sie weinten und wehklagten, kauften einen Sarg und ließen ihn sogleich begraben. Da sie aber das Gold besaßen, vermochten sie ohne Sorge zu leben. Als der Jüngling sich mit dem Stabe zur Erde gesenkt und die Augen geöffnet hatte, befand er sich wieder auf dem Gebirge, wo er zuvor gewesen. Nur die Hütte sah er nicht mehr und auch der Mönch war verschwunden. Aber das Schwert, das er gebraucht, lag auf der Erde, man konnte noch die frischen Blutspuren daran erkennen. Eben stand er noch in Schrecken und Verwunderung, da vernahm er plötzlich das Gebrüll wilder Tiere in der Nähe. Er ging hin und sah nun, daß vier oder fünf Bestien sich dort befanden und an seinem eigenen Leichnam fraßen. Da wurde ihm klar, daß er bereits unter die Gottmenschen eingegangen. Plötzlich unterschied er nichts mehr von dem, was um ihn war, nicht Gebirg noch Meer, weder Pflanzen noch Getier. In den Lüften schwebend, glitt er hin und wieder über Himmel und Erde, leicht und frei wie Nebel und Wolken. Zinnober im Schnee Ein Jüngling aus Taian, namens Tao, machte sich auf, das Septemberfest mitzufeiern, und stieg, mit Wein wohl versehen, in das Taischan Schan = Gebirge. hinauf. Inmitten seiner Wanderung geriet er in eine Gegend voll schroffer Wände und spitzer Gipfel, wunderlicher Fichten und bösartiger Felsbildungen: alte Tempel standen auf dem Gefilde und zerbrochene Denkmale lagen umher. Alles schien so mannigfaltig, seltsam, glänzend und außerordentlich, als läge es nicht mehr in der Menschenwelt. Als die Sonne auf der Höhe stand, ergriff Müdigkeit den Wanderer. Auf einen kleinen Gipfel gelangend, nahm er einen Fels zum Sitz, griff nach seinem Weine und trank allein. Ein klarer Wind blies ihm ins Gesicht, all seine Gedanken schwanden. Unten lag sichtbar das Pemeer, Wasser und Himmel berührten einander. Fast schien es ihm, als sei er nur ein Leib in einem gemalten Bilde. »Wie«, sprach er zu sich selber, »vermöchte der Mensch zu bewirken, daß sein ganzes Leben nicht anders wäre als dieser Augenblick!« Nach einiger Zeit, als der Wein ihn trunken gemacht, erhob er sich wieder und gelangte, ein wenig mühsam, in ein tiefes Tal, in welchem ein alter Buddhatempel stand. Äußeres und inneres Gemäuer war halb verfallen, die geborstenen Torflügel standen beide offen. Davor befand sich ein steinernes Denkmal mit verwitterten und verwischten Schriftzügen, aus denen das Jahr der Erbauung nicht mehr zu erkennen war. Durch die nach der Bergseite gerichtete Tür trat er ein: in einem dunstigen Nebel lagen da verworrene Gräser, rundes Moos, und der Mist von Vögeln hatte weithin den Hof und das Pflaster bedeckt. Er sah sich nach allen vier Seiten um, alles war einsam und kein Mensch in der Nähe. Nur einige Raben schrien laut von dem hohen Fichtenbaum, der inmitten des Vorhofs stand. Er trat in das Innere des Tempels: alle vier Wände waren mit Malereien überdeckt, aber die Spinnen hatten sie mit ihren Netzen und Fäden zugesponnen Die aus Lehm gemachten Buddhabilder waren einst mit Gold und Weiß gemalt worden, doch die Farben waren abgebröckelt oder erloschen. Als er gerade im Begriffe stand, sie zu betrachten, und bald hierin, bald dorthin blickte, hörte er plötzlich das Lachen einer Menschenstimme. Er eilte hinaus, um vor der Tür nachzusehen, doch keines Menschen Spur war zu entdecken: nur einige graue Fichten und greise Tannen standen da, sonst nichts. Eben wollte er wieder umkehren, da rief eine Stimme hinter einem der Bäume hervor: »Hat Augen und kann nicht sehen! Ihr seid wohl blind?« An der Zartheit des Tones erkannte er, daß es eine Mädchenstimme war. Er lief und entdeckte bald eine Sechzehnjährige, die noch offenes Haar und ein violettes Kleid mit gesticktem Brustbesatze trug. Sie hatte den Mund mit dem Ärmel bedeckt, während sie das errötete Gesicht zur Erde geneigt hielt. Sie schämte sich so sehr, es war zum Erbarmen. Als Tao dies sah, schwoll sein Herz von Trunkenheit. Er verbeugte sich tief und sagte denn: »Dicht ist der Wald, hoch wächst das Gras in dieser Gegend. Fürchtet Ihr Euch nicht vor den Tigern und Wölfen, daß Ihr so allein hier umhergeht?« »Wer sich vor Tigern und Wölfen fürchtet, muß nicht hierherkommen«, erwiderte das Mädchen scherzend. Er merkte, daß sie Scherz mache, näherte sich und wollte sie am Arm berühren. Aber da stob sie davon, als ob sie flöge, der Jüngling immer hinter ihr drein, durch ein größeres Gebäude, über viele Höfe, zuletzt durch ein Parktor. Darin befanden sich einige junge Mädchen und unterhielten sich mit Schaukeln. »Ei,« riefen sie der Heranstürmenden zu, »ei, kleine Magd, was gibt es so Dringendes? Was läufst Du so?« Sie hatte noch keine Zeit gehabt, zu antworten, als auch schon der Jüngling nachgestürmt kam. Ein wunderbarer Wohlgeruch, dessen der Park voll war, schlug ihm entgegen und drang ihm jäh in Lunge und Herz hinab. Von den vier Mädchen war das eine in Weiß, das andere in Lichtrot, das dritte purpurn gekleidet, während das vierte ein Gewand von dem Rosa einer Eierschale trug, und waren alle schön und lieblich ohnegleichen und da und dort mit Perlen und Edelsteinen geschmückt, deren Glanz die Augen blendete. Eine Ahnung ergriff ihn, daß diese nicht gewöhnliche Menschen seien, flehend warf er sich auf die Knie zur Erde und sprach: »Ich bin noch jung, bin vom Wein trunken und weiß nicht, was ich tue. Ich verlief mich im Park, verzeiht, ich will zehntausend Tode darum erleiden.« Da entgegnete Weißkleid: »Hier seid Ihr in dem Schlosse der vielen Farben. Kein Mensch vermag hierherzukommen, auch Ihr kamt nicht aus Willen, sondern weil der glückliche Zufall Euch geführt. Wir wollen für heute abend etwas Wein und Speisen zurichten und all unsere jüngern und ältern Schwestern zu einem hübschen Feste laden. Wenn Ihr es nicht verwehrt, so bemüht Euch, bitte, uns zu begleiten.« »Ist es nicht schon tausendfältiges Glück, Verzeihung empfangen zu haben,« erwiderte Tao, »wie wagte ich es, Euch auch noch Umstände zu bereiten?« »Wir halten Euch für einen Mann von edler Bildung,« sagte die Schöne, »deshalb bitten wir Euch zu uns, hoffend, Ihr werdet es nicht übel aufnehmen.« Damit drängten oder zogen die vier Mädchen ihn mit sich fort, nach rückwärts, wo das Haus stand, in dem es Treppen von Edelgestein und kristallene Böden gab, so daß der Fuß stets nahe daran war, auszugleiten. Vor der Tür standen vier Dienerinnen, öffneten den gestickten Seidenvorhang und ließen die Ankömmlinge ein. Die Einrichtung der Zimmer war wunderbarer, als er je dergleichen gesehen: an dem Fuß der Wände stand Topf bei Topf, und die herrlichsten Blumen und Prachtpflanzen waren dareingesetzt. Als der Tag zur Neige ging, flammten die Lampen und Feuer auf und verbreiteten ihren Schimmer. Die Edelsteine und Geschmeide funkelten wie Strahlen der Sterne. Bald war auch die Tafel gedeckt, eine Dienerin erschien und verkündete die Ankunft der Gäste. Die vier Jungfräulein eilten die Treppe hinab zum Empfang, ihre Geschmeide klirrten und gaben, eines mit dem andern, das Bild einer lieblichen Melodie. Dann kamen sie wieder in das Zimmer zurück: es waren zehn oder mehr junge Mädchen, und jedes von ihnen trug ein Kleid von anderer Farbe. Weißkleid stellte den Jüngling ihren Schwestern vor, unter denen befand sich aber eine Lilafarbene, die sagte sogleich: »Ich dachte, wir seien zu einem einfachen Feste hierher geladen, nun zeigt es sich, daß wir zu einer Hochzeit Glück wünschen sollen.« Damit drehte sie sich um und rief einer Magd zu, sie möge schnell Wein bringen, damit das neue Paar den Hochzeitsbecher miteinander trinke. Da sagte eine im dunkelgelben Kleid zu der Sprecherin: »Nun bist Du schon achtzehn Jahre, Pfirsichgesicht, und immer noch leichtfertig und ausgelassen wie ein Kind. Hast doch dein Lebtag noch keinen Mann gesehen, aber wie man den Hochzeitsbecher trinkt, darüber weißt du vortrefflich zu reden.« »Laßt uns nicht länger sprechen,« fiel ihnen die Hellrote ins Wort, »die Tafel ist gedeckt und fertig. Laßt uns unsere Plätze einnehmen, trinken und essen und ein liebliches Fest begehen!« Nun führte Weißkleid den Jüngling und ließ ihn an ihrer Seite sitzen, er spürte, wie ein Dufthauch von ihr kam, fein wie eine Nadel, deren Stich ihm bis in Mark und Bein hinunterdrang. Welches von den Mädchen er immer ansah, es war keins darunter, vor dem ihm nicht die Sinne vergehen wollten. Eine von ihnen trug ein goldenes Gewand, sie mochte fünfzehn bis sechzehn Jahre zählen, ihr langes Haar hing bis über den Nacken hinab, ihr Aussehen war zart und schmeichlerisch, und sie schien ihm lieblicher als die Frau im Monde. Er betrachtete sie, und seine Augen starrten wie bewußtlos. Weißkleid forderte ihn auf, ihr zuzutrinken, er aber hörte nicht. Da tauchte Weißkleid den kleinen Finger in den Wein, schnellte ihm einen Tropfen an die Stirn und sagte: »Bist Du um den Verstand gekommen?« Der Jüngling geriet in Verlegenheit: »Sie ist eine Fee,« antwortete er, »wahrlich, sie ist eine Fee.« Da zeigte Pfirsichgesicht mit dem Finger auf das Mädchen im goldenen Kleid und sprach zu Weißkleid: »Nun ist es kaum einen halben Tag her, daß unser Schneefräulein einen Mann bekommen hat, und schon wandelt sich seine Liebe. Schämst Du Dich nicht?« Weißkleid entgegnete nichts, heimlich aber faßte sie mit ihrer Hand des Jünglings Arm und sprach ihm zu, zu trinken. Er lehnte ab, er wolle nicht mehr trinken, er spürte nur die flaumige Zartheit ihrer Haut wie frische Keime und feine Knospen und dachte bei sich selber: »Bekäme ich ein Weib wie dieses, ich müßte sie in einem goldenen Zimmer verschließen.« Da sagte Weißkleid: »Eben noch hat er um ein verwirktes Leben Gnade erhalten und schon wachsen ihm die Gedanken ins Phantastische. Magd, bringe einen großen Becher her, Herr Tao muß zur Strafe trinken!« Der Jüngling wehrte sich, sie aber bestand auf ihrem Willen, und so trank er denn. Als der Morgen nahte, die Nachtwache aufhörte zu trommeln und der Wein getrunken war, verabschiedeten sich alle Schwestern, und Schneefräulein befahl einer kleinen Magd, den Jüngling ins Schlafzimmer zu führen. Kissen und Decken, dies fühlte er, waren wohlriechend und weich wie Pfirsiche, Blumen oder die Blüten des Weidenbaums. Aber der Wein, den er getrunken, ließ ihn nicht schlafen, er ging hinaus. Wolkenschatten glitten am Himmel dahin, der Glanz des Mondes war wie Wasser. So ging er allein in dem stillen Hof auf und ab, ließ den Kopf hängen und seufzte leise. Mit einem Male stieß er an eine junge Magd, die dort neben dem Wege stand: ihre schwarzen Haare flossen lang herab, ihr Kleid war zinnoberrot mit weißen Sprenkeln, ihr Gesicht traurig und die ganze Erscheinung voll tiefen Jammers. »Was stehst Du hier«, fragte der Jüngling, »in dünnen Kleidern bei tiefer Nacht? Fürchtest Du Dich nicht vor Reif und Tau?« »Ach,« entgegnete die junge Magd, »mein Glück ist von je so ärmlich gewesen. Vater und Mutter verlor ich schon, als ich noch ein Kind war. So wurde ich neben den Weg geworfen, niemand erzog mich, niemand erbarmte sich mein. So stehe ich immer hier in tiefer Nacht und stöhne lange gegen den Mond. Mir wäre besser, zu sterben, wie sollt' ich mich da fürchten vor Reif und Tau?« Der Jüngling betrachtete die Züge ihres Gesichts und ihre Gestalt: sie war fein und gebrechlich, lieblich und zart. Ihre Augen waren wie Herbstwasser, ihr Antlitz gleich den Blüten des Pfirsichs, und die zwei Reihen ihrer Tränen glänzten darauf wie Morgentau auf Frühlingsblumen. Schon als er ihre traurig-kalten Worte vernommen, war es ihm gewesen, als schwänge seine Seele sich gen Himmel, denn ihre Stimme zitterte vor Leid, daß man sie gar nicht zu Ende hören mochte. Nun faßte er das Mädchen am Arm und sprach: »Zwanzig Jahre bin ich alt und noch nicht verheiratet. Bekäme ich eine Frau wie Dich, ihr mein Herz mitzuteilen, die mich begleitet und mit mir liest, wär' ich ein Fürst, ich wollte keine andere. Sprich, möchtest Du es mit mir wagen?« – »Wenn Du mich rettest,« entgegnete sie, »entflöh' ich dem Meer der Bitternis, darein ich versunken bin. Und würde ich nichts als Deine Magd und Dienerin, so wollt' ich es auch von Herzen tun. Wie tät' ich es nicht als Frau und Freundin?« Da umfing er sie, zog sie an seine Brust und wischte ihr mit seidenem Tuch die Tränen fort. Eben wollte er noch etwas sagen, da hörte er sich beim Namen gerufen und eine kleine Magd hieß ihn, zu Schneefräulein zu kommen, sie warte seiner schon lange in ihrem Schlafzimmer. »Nachher magst Du wieder andere Mädchen belästigen«, sagte die Magd. Der Jüngling erschrak heftig über dieses Wort, und der Schweiß brach ihm in Tropfen aus aus allen Poren. Mit einem Male erwachte er aus dem Traum und fand sich schlafend immer noch auf dem Felsen droben. Nur von jenem Wohlgeruch war etwas übriggeblieben, sein Ärmel und Vorkleid dufteten. Er wunderte sich darüber, stand auf und sah nun, daß schon die Abendröte an den Gebirgen fraß. Die Luft war kühl. Er wanderte einige Meilen weit vorwärts und wählte einen alten Tempel, der dort stand, zum Nachtquartier. Darin waren die Tische voll von Gästen, und einer sagte: »Fünfzehn Meilen nach Südwesten befindet sich der Park und das Landhaus der Familie Tan, die dort wohl viele tausend Arten Chrysanthemum gepflanzt hat. Jetzt ist die Zeit der Hochblüte. Drei Tage vor und nach dem Septemberfest aber ist es gestattet, das Wunder anzusehen und zu betrachten.« Der Jüngling war von Kindheit an ein leidenschaftlicher Liebhaber der Chrysanthemen gewesen und freute sich über die Kunde, doch war er immer noch von jenem Traum wie befangen. Schon hatte die Uhr viermal geschlagen, aber er vermochte immer noch nicht einzuschlafen. Morgens erhob er sich früh, nahm Abschied von seinem Wirt und machte sich auf nach dem Blumenpark der Familie Tan. Als er sich bereits seinem Ziele näherte, kam er an einem verfallenen Tempel vorbei und bemerkte, daß es genau der gleiche war, den er in seinem Traum gesehen. Darob staunte er, noch mehr und ging weiter. Da spielten vier Mädchen auf einer Schaukel, genau an demselben Traumort. Verwundert ging er auf den Fußwegen umher und betrachtete die Blumen, da gab es rote, gelbe, violette, weiße, keine Farbe fehlte. Der Park war mehrere Morgen groß und allüberall mit Chrysanthemen bestanden. Weit sandte er seine Blicke aus, um die Herrlichkeit anzusehen, die wie eine Stickerei aus bunter Seide den Boden bedeckte, aber von dem Traum waren ihm seiner Seele Gedanken wie benommen, und es duldete ihn nicht, überall stehen zu bleiben. An Geländern ging es vorbei, um Bäume herum, stets auf dem Wege. Als er so in Gedanken vor sich hinschritt, sah er neben dem Kiespfad ein vereinzeltes Chrysanthemum stehen, das eine einzige ärmliche Blüte trug. Sie war zinnoberrot mit weißen Sprenkeln, wie roter Sand, auf den es geschneit hat. Die Vorübergehenden hatten sie zertreten, und sie war dem Tode nah. Da faßte den Jüngling Liebe zu der Blume. Er ging und wollte den Besitzer des Parkes um sie bitten. »Ihr seid ein Mann von edler Bildung,« sagte dieser, »wenn Ihr Chrysanthemen liebt, so will ich Euch einige auswählen und zum Geschenke machen. Diese eine unter allen ist wild neben dem Wege gewachsen und weder gepflegt noch begossen worden. Wie sollte ich es wagen, Euch ein so erbärmliches Stück zu schenken?« Da entgegnete Tao: »Ich liebe nur diese.« Der Besitzer war es zufrieden, Tao empfing die Blume und nahm sie mit sich nach Hause. Dort pflanzte er sie in einen Porzellantopf, stellte sie auf seinen Büchertisch, wartete ihrer und begoß sie sorgfältig. Aber es waren kaum zehn Tage vergangen, so schoß die Blume in Blüten auf, deren sie zwanzig, dreißig so groß wie Schüsseln trug. Von fern und nah strömten die Menschen herbei, sie zu betrachten, sie aber blühte ohne Unterlaß. Jene Chrysanthemumart, die jetzt in der Ostprovinz den Namen Zinnober im Schnee trägt, ist fast ausschließlich aus der Familie Tao hervorgegangen.   Gedruckt in der Didot-Antiqua in der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig, im Herbst 1922