Einleitung Der Öffentlichkeit werden hiermit die von Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking geschriebenen Briefe übergeben, die sich in seinem Nachlasse vorfanden. Leider haben sich von seinen eigenen an die Dichterin gerichteten nur einzelne und auch diese nicht immer vollständig erhalten. So sind es vor allem die mit der mikroskopisch kleinen Schrift Annettens bedeckten Blätter, denen wir den Einblick in ein Freundschaftsverhältnis verdanken, das nicht nur für das Schaffen der Dichterin die höchste Bedeutung gewann, sondern das auch eine Kraft der Empfindung, einen Reichtum des Gemüts in sich barg, wie sie der moderne Mensch in seiner Unrast und Zersplitterung nur schwer nachzufühlen vermag. Annette von Droste war um viele Jahre älter als ihr junger Freund. In einem nach ihrem Tode in Memoriam geschriebenen Büchlein L. Schücking, Annette von Droste. Ein Lebensbild. Hannover, Carl Rümpler, 1862; zweite Auflage, 1871. sowie in seinen »Lebenserinnerungen« berichtet Levin Schücking von seinem ersten Besuche, den er im Jahre 1830 als Münsterscher Gymnasiast der Freundin seiner Mutter machte. Erst acht Jahre später, als er seine juristischen Studien beendet hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, trat er Annetten näher. Ein reger persönlicher Verkehr entspann sich. Allwöchentlich am Dienstage wanderte er um die Nachmittagszeit hinaus nach dem ungefähr eine Stunde westlich von Münster gelegnen kleinen Edelhofe Rüschhaus, wo die Dichterin lebte. Der Weg führte zuerst über Ackerkämpe und Heidestrecken, dann durch ein Gehölz. Dort stand eine alte Bank, bis zu der ihm Annette gewöhnlich entgegenging. Einmal in jeder Woche, am Samstage, brachte auch die alte Botenfrau dem jungen Freunde einen Brief, ein Paket mit durchgelesenen Büchern und nahm eine neue Sendung mit hinaus. Auch Arbeiten der beiden wurden zwischen Münster und Rüschhaus hin- und hergesandt; aus gemeinsamen Neigungen und Interessen erwuchs gemeinsames Schaffen. Für das damals von Levin Schücking herausgegebene »Malerische und romantische Westfalen« dichtete Annette von Droste die meisten ihrer herrlichen Balladen. Für dasselbe Werk beschrieb sie auch einzelne ihr besonders bekannte und vertraute Landschafts- und Ortsszenerien, und der kleinen Schrift, in der Levin Schücking für die Vollendung des Kölner Doms eintrat, fügte sie den Meister Gerhard von Köln ein. Unterdessen hatte das Verhältnis zwischen ihnen eine Vertiefung erfahren, die ihm von da an seinen charakteristischen Zug verlieh. Annette erfuhr von einer Liebesneigung ihres Freundes zu einer anmutigen jungen Frau. Nach ihrer ganzen Lebensanschauung, ihrer hohen Auffassung der Ehe mußte sie diese Neigung als eine schwere sittliche Gefahr für ihn betrachten. Ihrem Einflusse gelang es denn auch, die beiden jungen Menschen allmählich in die Bahn einer gehaltenen, reinen Freundschaftsempfindung hinüberzuführen. Dabei hatte sie zum erstenmale den mütterlichen Ton angeschlagen, der fortan in ihrem Verkehr weiterklang, und ein Spiel der Natur trug dazu bei, die mütterliche Beraterin ihrem jungen Genossen besonders teuer zu machen: sie glich im Äußern sehr seiner verstorbenen Mutter. Den Winter von 1841 bis 1842 verlebten die Freunde gemeinsam auf der Meersburg am Bodensee. Annettens Schwager, der Gatte ihrer einzigen Schwester Jenny, Freiherr Joseph von Laßberg, hatte Levin Schücking mit der Katalogisierung seiner wertvollen und umfangreichen Bibliothek betraut. Der weitaus größte Teil von Annettens lyrischen Poesien entstand in jener Zeit. In seiner Einleitung zu ihren »Gesammelten Schriften« erzählt Schücking, wie die Wette, die sie ihm antrug, daß sie in einigen Wochen einen Band lyrischer Gedichte zu schreiben vermöchte, den äußern Anlaß zu dieser Produktivität ohne gleichen gab. Wie schon oft in früheren Tagen fanden auch damals zwischen dem Freundespaare lebhafte Gespräche über den Mangel an Klarheit und Glätte des Ausdrucks in Annettens Gedichten statt. Schücking suchte die Freundin immer wieder zu emsigerer Feile zu veranlassen, aber immer wieder ohne Erfolg. Viele Jahre später bemerkte er in der oben genannten Einleitung: »Heute würde ich es nicht mehr thun, weil die Form viel mehr zum charakteristischen Wesen dieser unvergleichlichen Poesie gehört, als ich damals einsah. Auch drang ich mit meinen Wünschen wenig durch. Sint ut sunt! sagte selbstbewußt die Dichterin.« Im April 1842 endete das Zusammenleben auf der romantischen alten Burg. Levin Schücking folgte dem anscheinend sehr vorteilhaften Antrage, die Erziehung der Söhne eines fürstlichen Hauses in Bayern zu übernehmen. In jenen Tagen lebendigsten persönlichen Verkehrs auf der Meersburg, von denen Schücking sagt, daß er damals »mit Empfindungen, die über sich nicht ganz klar gewesen seien, in das große und leuchtende Auge der besten Freundin geblickt, die er im Leben gefunden habe« – in jener Zeit war es auch, daß sein erster Roman »Eine dunkle That« entstand. Die Schilderung des Stiftsfräuleins, die Annette von Droste für diesen Roman schrieb, giebt uns in manchen Zügen ihr Selbstporträt, wie uns hinwieder in Bernhard, dem jungen Freunde des Stiftsfräuleins, der Verfasser selbst begegnet. Auch gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen hat Schücking in diesen Roman eingewoben. Und hier läßt er das Stiftsfräulein zu Bernhard Worte sagen, die, vielleicht einstmals von Annettens eignen Lippen gesprochen, uns einen Schlüssel für das Verhältnis der Dichterin zu Levin Schücking geben, das so eigentümlicher Art ist, daß es nicht leicht wird, es mit einem gangbaren Worte zu bezeichnen, geschweige denn zu erschöpfen. »Ich will wie eine Verwandte für Sie sorgen; ich will Sie wie einen Bruder liebhaben; ich will jemand haben, für den ich sorgen kann wie ein Weib; an dem ich eine geistige Stütze habe, denn meine Umgebung reicht nicht für mich aus; meine Gedanken gehen darüber hinaus und bewegen sich in einem Felde, das nur Sie auch betreten; aber wenn ich auch so gedankenarm wäre wie meine Köchin – es wär' doch dasselbe, ich will jemand haben, der mein ist, und dem ich wie einem geduldigen Kamele alles aufpacken kann, was an Liebe und Wärme, an Drang zu pflegen und zu hegen, zu beschützen und zu leiten in mir ist und übersprudelt! . . . Aber wenn Sie Kamel deshalb glauben oder jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre eine Thörin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie nicht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres; ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Verhältnis keinen Begriff hat.« So rein und edel Annettens Verhältnis zu ihrem Freunde auch war, seine Innigkeit mußte dennoch vor ihren Angehörigen verschleiert bleiben. Ihre Mutter war eine gescheute, energische Frau von gebietendem Auftreten, das ihrer Umgebung eine gewisse Zurückhaltung aufzwang. Annette von Droste liebte und verehrte diese Mutter von ganzer Seele, aber sie hat, so lange sie lebte, niemals die Befangenheit im Verkehre mit ihr überwunden. Auch ihrem gelehrten, ritterlichen Schwager gegenüber vermochte sie sich nicht frei gehen zu lassen. Aus dieser Scheu, die Ihrigen in die ganze Tiefe ihrer Freundschaftsempfindung blicken zu lassen, erklärt sich der Umstand, daß so wenige von Levin Schückings Briefen an sie und unter ihnen nur einzelne intimer Natur enthalten sind. Zu den letzten gehören vornehmlich die von Münster nach Hülshoff und Rüschhaus geschriebenen Billets am Anfange des vorliegenden Buches. In dem Briefe Annettens vom 11. September 1842 findet sich die Erklärung, warum die ihren aus jenen Jahren fehlen. Aus der Zeit wöchentlicher Korrespondenz zwischen Münster und Rüschhaus stammen außerdem noch einige an Annette gerichtete kurze, lateinisch geschriebene Zettel, wie z. B.: Nil nisi salutem pro tam splendida matutina diei hujus hora tibi dicere volui, nunc dum jam in itinere ad ecclesiam migras et equidem vix e lectulo resurrexi evectus nuntio tuo. Usque ad diem dei Ziu (Dienstag) vale sine capitis dolore ubi circa 2 horam in sylva ante villam tuam sedens in banculo isto te peto. O gravissimum exercitium in intoxicatione somni adhuc. Ich wollte Dir nur meinen Gruß senden um diese schöne Morgenstunde, jetzt wo Du bereits auf dem Wege zur Kirche bist und ich, geweckt durch Deinen Boten, kaum aus dem Bette aufgestanden bin. Lebe wohl ohne Kopfschmerz bis Dienstag, wo ich gegen zwei Uhr im Walde vor Deinem Landhause auf jener Bank sitzend Dich erwarte. O höchst mühsames Exerzitium, noch in der Schlaftrunkenheit! Nach Annettens Tode wurde von ihrer Familie die Aufforderung an Levin Schücking gerichtet, ihre Briefe zurückzugeben. Dieser Forderung durfte er nicht nachkommen, da die Verstorbene zeitlebens die tiefe Innigkeit dieser Freundschaftsbeziehung so sorgfältig vor den Ihrigen verdeckt hatte. Er sagte deshalb, um dem Ansuchen der Auslieferung auszuweichen, die Vernichtung der Briefe zu. Vielleicht hat nur ein glücklicher Zufall den kostbaren Schatz vor diesem Schicksal gerettet. Aber die größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß eine spätere mündliche Verständigung zwischen Schücking und Annettens Bruder, dem Freiherrn Werner von Droste-Hülshoff, diese Zusage aufhob. Das Vorhandensein der Briefe war jederzeit allgemein bekannt, wie u. a. auch aus den von der Freiin Elisabeth von Droste-Hülshoff herausgegebnen »Gesammelten Werken von Annette Freiin von Droste-Hülshoff,« S. 470, hervorgeht. Schücking selbst hat sie in seiner Einleitung zu den »Gesammelten Schriften« als noch vorhanden erwähnt, indem er eine Stelle aus einem der Briefe mit Angabe des Datums wörtlich anzieht. Was die Art der Herausgabe der vorliegenden Briefe betrifft, so muß noch gesagt werden, daß sie den Wortlaut unverändert und treu wiedergiebt; nur ein paar Stellen sind mit Rücksicht auf noch Lebende ausgelassen worden. Neben den Provinzialismen, in denen beide Briefsteller sich offenbar mit bewußter Behaglichkeit gehen lassen, finden sich bei Annette Absonderlichkeiten der Orthographie und Unebenheiten der Sprache, die als Fehler erscheinen könnten, die aber ohne Zweifel dem Sprachgebrauche Annettens entstammten, und an denen deshalb nichts geändert worden ist. Daß es gelang, einen so genauen Abdruck herzustellen, ist größtenteils der freundlichen Unterstützung Dr.  Gustav Eschmanns, des Herausgebers des »Geistlichen Jahres»« zu verdanken. Mit bereitwilliger Güte unterzog er sich der Mühe, die Abschrift, die dem Drucke zu Grunde liegt, mit dem Originaltexte auf das sorgfältigste zu vergleichen. Außerdem sei ihm warmer Dank ausgesprochen für manchen wertvollen Rat in Bezug auf andre Schwierigkeiten der Herausgabe. Professor Hermann Hüffer, der Biograph Annettens, hatte ebenso die Güte, durch liebenswürdig erteilte Auskunft zur Vervollständigung der Fußnoten beizutragen. T. S. Unkel am Rhein, Sonnabend, den 12ten September 1840. Liebes Fräulein! Der alte deutsche Stromgott mit dem grünen Haar, dem rebenumkränzten, läßt das deutsche Fräulein, die blondlockige Schwanhilde in der Ferne grüßen – es ist doch ein prächtiges, altes, wenn nicht bemoostes, doch betangtes Haupt, der Rhein, an dessen Ufern mit ihrer sonnig heitren, reinen Luft, mit dem Glast des Abendrotes auf ihren Felsenmassen mir unendlich leicht und heiter zu Muthe geworden ist. Während Freiligrath der Post entgegenspaziert, schreibe ich Ihnen nun zum ersten Male aus der weiten Welt heraus, und bin dabei so eigentümlich froh, daß ich Ihnen einmal förmlich schreiben kann, so was man schreiben nennt – denn von Münster aus gab es immer nur Billets, wenn auch noch so lang, jetzt aber schreib ich Ihnen zum erstenmal, wie meinem Täntchen, das mir böse wird, wenn der leichtsinnige Neffe nichts von sich hören läßt. Ich kam erst Montag Morgen von Münster weg, Abends in Wesel an, Dienstag mit dem Dampfschiff weiter, die Nacht durch, bis ich Mittwoch Morgen in Cöln anlangte. Hier wurde mir im Laden bei Dumont ein merkwürdiges Kerlchen mit einem wunderlichen Gesichtchen als Dr . . . vorgestellt, und ich hatte dann in den nächsten fünf Minuten das Vergnügen zu vernehmen, wie seine Gedichte bei Cotta erschienen sein, aber horribile dictu! dreißig Druckfehler hätten. Ich ermangelte nicht, meine dialectische Begabtheit bis aufs äußerste anzustrengen, um ihn zu trösten. Es liegt immer eine eigentümliche Art von Satisfaction darin, wenn junge Autoren über Druckfehler und Nachdruck klagen! Das Kerlchen scheint sonst eine gutmüthige Haut zu sein. In Cöln hatte ich den Ärger, meine »Poetischen Frauen«, ein Aufsatz, der Ihnen gefallen wird und deshalb mir Spaß macht – weil ich hier doch sicher bin, daß Sie nicht sagen, es läge etwas Verletzendes für Sie darin, – verworren und durch die Nachlässigkeit eines Redacteurs des Jahrbuchs verstümmelt abgedruckt zu sehen; doch war ich nach einiger Zeit getröstet genug, um mir mit dieser Schnelligkeit des Trostes, der Eitelkeit (wegen solchen Mangels an Schriftstellereitelkeit), einige Befriedigung verschaffen zu können. – Um wahr zu sein – ich habe auch diese Eitelkeit nicht gehabt, aber ich habe das so hingeschrieben, weil es eine hübsche psychologische Bemerkung war. Abends fuhr ich nach Unkel, wo ich um zwölf in der Nacht ankam. Die Löwenburg war im Schlummer, und ein Spektakel, daß ganz Unkel erwachte, mit aufgebrochenen Fensterläden u. s. w., konnte sie nicht wecken. Da erschien eine lange, hagere und vermummte Gestalt hinter mir, ein wahrer Busemann, der sich anheischig machte, mich einzuquartiren; ich folgte ihm zu einem düstren Gebäude, mit vergitterten Fensterlöchern und einer niedren Spitzbogenthür, durch die ich in einen düstren Raum trat, wo mir plötzlich die Überzeugung als einziges Licht aufging, daß ich mich in der Schaarwache, in einer malhonesta custodia als nächtlicher Ruhestörer befände, was mich laut lachen ließ ob des unerhörten Abenteuers, das ich nun doch daheim erzählen könnte. Aber ach, die Zeit der Aventiuren ist vorbei! Es war eine ganz gemeine Herberge, wahrhaftig eine ganz gemeine. – Freiligrath freute sich sehr, mich wiederzusehen und ich auch, als ich am andren Morgen sein Quartier betrat; es ist ein allerliebstes Häuschen, das er allein bewohnt, mit einem rebenbeschatteten poetischen Gartensalon, worin ich jetzt sitze und in mein Heimathland diese Grüße an mein heimatlichstes Herz entsende. O schreiben Sie mir einmal, liebes Fräulein – ich harre mit Schmerzen auf einige Zeilen von Ihnen, von wegen der Schweiz! – Der Westphälische Frieden ist geschlossen – ich schreibe den Text, Freiligrath gedenkt einige Gedichte dazu zu liefern, und weil ich ihm erzählt habe, daß Sie so viele Stoffe wüßten, hofft er von Ihnen durch mich einige zu erfahren. Ich habe mich so darüber gefreut, daß Freiligrath so solide geworden ist. Wodurch, erzähle ich Ihnen mündlich; es sind sogar alle Aussichten vorhanden, daß er fleißig wird. Er reist über acht Tage nach Stuttgart; ich möchte in seiner Villa dann noch einige Tage bleiben und arbeiten. Es wird Einem so wohl hier; ich war mit meiner Gesundheit sehr herunter in Münster, so denke ich vor dem fünfundzwanzigsten nicht wieder zu kommen, wenn ich nicht Contre-Ordre von Ihnen bekomme. Ich wollte, Sie wären auch hier in diesem wunderschönen Herbst – können Sie Ihre Mutter nicht bis Bonn hinauf begleiten? Ich freue mich auf die »Dichter, Verleger und Blaustrümpfe!« Denken Sie auch ein bischen an mein Westphalen, und lassen sich allenfalls von der Botenfrau von einem Münsterschen Buchhändler zur Ansicht Dingelstedts »Malerisches und romantisches Weserthal« oder Simrocks »Maler. und romant. Rhein« holen, nicht, um es so machen zu können, sondern um zu sehen, wie es nicht werden muß. Ich lege einen Anfang einer Kritik, die Freiligrath einmal angefangen über Ihre Gedichte zu schreiben, bei; ich wollte, daß Sie einmal den prächtigen, lieben Poeten sähen. Er hat hier eine Popularität ohne Grenzen. Responde, precor, solum quod deficit adhuc ad omnis curae defectum est ut mihi dicas quomodo sim. tuus Lebuinus. Donnerstag. Münster den 19ten November 1840. Es ist acht – nun sind Sie doch allein, mein liebes, liebes Mütterchen, daß ich etwas mit Ihnen plaudern kann, – ich wollte, es könnte Sie so aufrichten, wie ich es möchte, so recht Ihnen allen Kummer für eine halbe oder ganze Stunde fortschwatzen – es ist heute Ihr Namenstag ja, ich denke deshalb auch, Sie sind heute in einer Stimmung, die so ernst beschaulich und großartig ist, daß alles Unangenehme um Sie her nicht mehr auf Sie wirken kann, daß es zu Ihrer Höhe nicht hinaufkann; halb freue ich mich, daß Sie diesen Abend nicht schon diese Zeilen zu lesen bekommen, denn ich bin bange, mein Geschwätz käme auch nicht bis zu Ihrer Stimmung hinauf. Soll ich Ihnen Glück zu Ihrem Namenstage wünschen? Das würde sich schön machen, lächerlich in Ihrem Trubel, Ihrem Schmerz um die Ihrigen, egoistisch von mir, der sich selber damit Glück wünschte – soll ich Ihnen was schenken? Ich habe kaum den Muth – doch, einige vertrocknete Blumen, womit es also zusammenhängt: sie sind gestern, Mittwoch, schon aus dem Schloßgarten geholt, ich wollte heute Morgen sie Ihnen schicken, wenn keine Gelegenheit wäre, expreß, da höre ich gestern Abend von der Bornstedt, Luise von Bornstedt, geb. 1807, trat 1830 in Berlin zur katholischen Kirche über und kam Ende der dreißiger Jahre nach Münster. L. Schücking sagt von ihr in seinen »Lebenserinnerungen« (Breslau, 1886): . . . . »und die âme damnée unseres Kreises war eine Convertitin, ein Frl. v. Bornstedt aus Berlin, die unter dem Titel »Pilgerklänge einer Heimatlosen« Gedichte herausgegeben hatte – einer der wunderlichsten Frauencharaktere, der mir je vorgekommen ist . . . Ein wirkliches lyrisches Naturell, Gemüt und aufrichtiger Enthusiasmus vereinigten sich in ihr mit Schlauheit, Komödiantentum und einem Geist der Intrigue, der alles gegeneinander zu hetzen liebte . . . Später im Leben ist sie Karl Gutzkow begegnet, und er hat ihr Züge zum Charakter seiner Lucinde in dem Zauberer von Rom entlehnt.« Nach einem von allerlei Schicksalen bewegten Dasein starb sie 1870 im Bade Rehme. daß Ihr armer kleiner Ferdinand todt ist, und nun hatte ich keinen Muth mehr, so gern ich auch mit Ihnen geplaudert hätte – ich bin so bange, daß Sie sich zu sehr abäschern und plagen und als einzige Person, die den Kopf frei behält in jeder Lage, für Alle und Alles nun sorgen müssen. Um Gottes willen, Mütterchen, Sie sollen sich etwas mehr schonen, meinetwillen schon, darf ich das nicht fordern? Und weil ich mich immer mehr anlasse, als hätte ich die Litteratur im Münsterlande allein gepachtet, so verbiete ich Ihnen hiermit irgend etwas jetzt zu schreiben, außer Briefen an mich. – Freitag Abend. Die Blumen halten sich passablement frisch, drum sollen Sie sie auch haben, zudem ein Exemplar vom Malerischen. Was haben Sie mit meinem Heiligen vor? Wollen Sie mir den ungehärmt lassen? Das ist gar so'n »Schryer« nicht, wie Sie glauben: in Wittii hist. Westph. finden Sie eine schöne Legende von ihm, wie er vor den rohen Heiden von einem großen Baume schützend umschlossen wird. Wahrscheinlich hat er sich drin verkrochen, daran erkenn' ich meine Pappenheimer! Ferner ist er Patron von Gent und Deventer V. vitq ejus a Bonifacio apud Mabillon saecul: II p. 251. Le Cointe Annal. Franc. ad annum 651. Fleury's hist. eccl. I 38 und 58. Le Mire festi Belg. Das ächte Leben des h. Livin, Lebuin, Levin von Huchauld, Mönch von Elnon oder St. Amand unter der Regierung Carls des Kahlen. Ekloge auf ihn von Radbod, Bischof von Utrecht. Wollen Sie noch mehr Quellen, woraus hervor geht, daß der erste Bischof von Utrecht, oder der von Augsburg, ebenfalls ein heiliger Levin, ein rechter ächter Heiliger ist? Bönhase! Sie sollen schön ankommen. Er ist mir noch weit lieber, als Ihre berühmten gefeierten Heiligen: Sancta Elisabeth z. B. oder Antoinetta, die ja wohl gar nicht existirt. Grade weil ihn kein Mensch kennt, darum ist er desto poetischer: es ist eine verkannte Seele, würde die Bornstedt sagen. A propos des bottes: worum ich Sie neulich bat, sollen Sie mir jetzt nicht schreiben; Sie sollen sich nicht noch mehr plagen. Die Bornstedt hat's wieder gut mit mir vor; sie will mir eine Novelle schreiben, ganz nach meinem Geschmack – die ich dafür dann an's Morgenblatt senden kann – einen Roman ferner, worin ich der Held sein soll, – dann soll ich bei einer großen Tragödie ihr zu Gevatter stehn – mit der kommt man doch sein Lebtage nicht aus, ich bin wahrhaftig kalt, zurückschreckend, grob, genug gewesen, und was ich damit erlangt habe, ist nichts als ihre vollkommene Zufriedenheit mit sich selbst, daß sie doch Alles überwinde. Zuweilen denk ich freilich, sie ist nicht imputationsfähig, man muß sie nicht richten, da sie doch gutmüthig ist – aber lästig ist sie doch bis zum todtgehen. Ich schicke Ihnen einen Brief von Gutzkow mit, der von dem sonst so menschenfeindlich verschlossenen Menschen merkwürdig ist. Seinen Telegraph hab' ich aber gar keine Lust zu nehmen . . . . . Zudem ist der Telegraph ein Organ von allerhand ultra liberalen Ansichten, die ich nicht als Redacteur gutheißen und in die Welt senden mag; verbanne ich die daraus, so bekomme ich ein Wespennest litterarischer Feinde auf den Hals, alle frühern Mitarbeiter. Ich hatte Gutzkow geschrieben, ich ginge im Frühjahr vielleicht nach Weimar, wenn Freiligrath dort bliebe als solider Mensch: er macht eine hübsche Schilderung davon! Und dann das schlimme kaufmännische Hamburg! Können wir nicht zusammen nach dem Rhein, oder nach Berlin etwa, wo die Grimms hinziehen und Hassenpflug? Bin müde, Mütterchen, erzählen Sie mir etwas; ich will die Augen zumachen und hören, wie Sie sprechen, oder von Ihnen träumen. Gestern Nacht träumt' ich von Ihnen, Sie saßen und schrieben, ich fragte Sie mehrmals ob Sie denn wüßten, wie es zusammen hing, daß die Drosten früher von Tekenbroch sich genannt? Ob Sie wohl was von Hermann Manenschien wüßten? . . Sie sagten nichts und schrieben weiter, hinter zwei Wachskerzen wie die weiße Frau. Mütterchen, lieb Mütterchen, ich habe gewiß im Schlafe Sie gesehen und bin magnetisch bei Ihnen gewesen, wie Sie an mich geschrieben haben. Bekomme ich morgen das? Gottes Segen über Sie, mein armes geplagtes Mütterchen. Sonnabend Morgen. Guten Morgen, lieb Mütterchen, wie haben Sie geschlafen? Wunderbar, daß man immer in seinen Fragen banal wird, wenn man Jemand recht lieb hat. Wie geht's Ihnen? dieser gemeinste aller Gemeinplätze ist meine reichste Gefühlsäußerung, die Sie, glaub ich, je von mir gehört haben, ohne es vielleicht zu wissen. Mir geht's gut; ich hoffe, ich bekomme heute einen Brief von Ihnen, ein paar Zeilen, mehr haben Sie gewiß nicht schreiben können. Vorigen Samstag war ich erschreckt förmlich, daß Sie nicht etwas wenigstens geschrieben: der Brief kam Sonntags. Ich habe mich frisch und wohl an's Tageslicht gemacht: denken Sie, ich schlafe jetzt wie ein Einsiedler auf einem Strohsack, als Remplaçant für nicht zu habende Matrazen. Das muß ich meinem Mütterchen deshalb erzählen, weil ich denke, wie das meine Mutter freute, wenn ich es ihr erzählen könnte. Die hätte so gern mich auf dem kühlen Roßhaar früher gebettet, weil ich immer ein etwas schwächlich und zart Gebäude war, konnte mich aber nicht dazu bringen, weil es sich in den weichen Federn so hübsch bis in den hellen Morgen tief hinein schlief – bis sie mir endlich eine Vogelflinte, prächtig und kostbar gearbeitet mit allen möglichen modernsten Zierrathen und Percussionsschloß von unsrem Dorfvulkan, dem tausendkünstelnden Meister, dafür versprach. Ich weiß noch lebhaft, wie ich ihr meine Verse – die sonst Niemand zu sehen bekommen hätte, für die ganze Welt nicht – zeigte, und wie sie eines Abends, indem ihre kleine zarte Figur sich auf meine Schulter stützte und mit mir die lange Allee nach dem Dorfe hinabwandelte, sagte, wenn ich nun nächstens wieder solch eine mittelmäßige Charade machte und mich anstrengte, sie noch besser zu machen, dann sollte sie in den Merkur geschickt werden. Ich hatte eine merkwürdige Freude darüber, denn daß meine Verse in dies so höchst gediegene und geistreiche Blatt kommen sollten, wo die ihrigen standen, mein Gott, welche Ehre, an die ich nicht im Traume gedacht. Merkwürdig war ihre Art, mich zu ermuntern, ohne je zu loben. Das that sie nie, dafür mußte ich bei jeder passenden Gelegenheit hören, wie häßlich ich armer Teufel sei, daß ich oft seelenbetrübt wurde. Zum Troste hieß es dann, das schadete einem Mann nicht, wenn der nur edler Haltung und gelehrt sei. Ich rangirte nun danach alle Gesichter in zwei Categorien; die mir im Habitus ähnlichen waren häßlich, die ganz verschiedenen, ovalen, mit einer Habichtnase versehenen, schön – und kam nur mit meiner Ansicht in's Gedränge, als einmal behauptet wurde, der Gilou sei ein so hübscher Bursche (ein belgischer Lakai); den hatte ich schon längst von der Natur so stiefmütterlich behandelt erklärt, wie gewisse andre Leute. Die Großen fragten mich kleinen Kerl aber doch immer, ob Einer hübsch oder häßlich sei, wenn die seltne Rede darauf kam; ich mußte auch immer Stahlen aussuchen helfen. Hatte dann Einer ein regelmäßiges Gesicht, das Geist aussprach, und ungewöhnliche Züge, so war er schön; Sie hätte ich für die dame souveraine de la beauté erklärt. Meine gute arme Mutter! Ich wollte, sie lebte noch, wir wohnten zusammen, und ich hätte sie durch meine Feder zu ernähren! Dann wollt' ich einmal mit Lust arbeiten – Sie, mein lieb Mütterchen, bekämen gewiß so lange Briefe voll unsinnigen Geplauders nicht – sie sollte erst Alles durchsehen, und ich hätte dann auch nie etwas geschrieben, was Ihnen nicht recht gewesen wäre. Dann kämen Sie mal oft hierher und besuchten uns, nicht wahr? Und wie freute meine Mutter sich, daß Sie mich auch lieb hätten – S. An der Stelle wo Gutzkow's Brief liegt, steht etwas über Adele Schopenhauer, Freundin Annettens, geb. 1797, Tochter der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, Schwester des berühmten Philosophen. In Weimar aufgewachsen, hatte sie im Hause Goethes, der sie früh zu sich heranzog, viel verkehrt. Sie war sehr begabt und versuchte sich in spätern Jahren auch als Schriftstellerin. Sie starb zu Bonn am 25. August 1849. was Sie interessiren dürfte. Schreiben Sie mir Ihr Urtheil über mein Westphalenheft. Montag Abend. Ende November 1840 geschrieben. Ich wollte, Sie wären eben ein Viertelstündchen hier gewesen, mein Mütterchen, es war so wunderhübsch hier auf meinem Zimmer. Durch meine Wappenscheiben warf der Mond die tageshellen, blanken Strahlen wie in ein Gemach aus dem 15 ten  Jahrhundert, ein Funke glühte auf dem Rande Ihres Bechers wie ein goldner Tropfen, das rothe Licht aus dem Ofen in der Ecke huschte über die Wände und Bilder her, der Sonderrath Scherzname für Freiligrath. sah ganz düster schwarz von seiner beschatteten Mauer herab und – nun, wenn ich so malen könnte wie Sie, könnte ich Ihnen einen Begriff geben, wie hübsch es war. Lieb Mütterchen, malen Sie mir doch in Ihrem nächsten Brief einen Grundriß von Ihrem Zimmer, ich möchte so gern wissen, wie Sie so zuhalten, ich will Ihnen meines auch hier hin malen. Hier schließt sich im Original eine Federzeichnung an. Die Art brauner Tapete, die einmal im bon vieux temps ihre Geschmackvollheit behauptet haben mag, ist noch jetzt so übel nicht, daß man sie nicht für eine Couleur halten sollte, wie in Clemenswerth in der Klosterkirche herrschte, die »seit den Tagen des Guardian Nicolaus,« wie es in Scott's Kloster heißt, »nicht mehr geweißt war.« Nun müssen Sie, liebes Mütterchen, mit Ihrer blühenden Phantasie die Vorhänge so hübsch einräuchern, wie ich es mit meinen Pfeifen thue, die grellgemalten Wappenscheiben blitzen lassen, vornehmlich die Drostesche Karpfe, die Bücher etwas in Unordnung bringen, die grüne Wolldecke des Tisches mit diversen Papieren, Heften, Federn, Pfennigen, Lack, Briefen, Ringen, Karten, das Kanapee ebenso mit Büchern und Sachen wie Ihr Klavier in Rüschhaus belasten, und voilà tout ! Wenn wir doch einmal zusammen wieder sagen könnten: »Es war tief in die Nacht hinein, und draußen heulte noch der Sturm«, so wäre das in den mannigfachsten Beziehungen sehr ersprießlich. Denn erstens hörte ich Sie wieder so hübsch plaudern, und das höre ich so gern, und dann wäre das so bequem, o so bequem, Sie glauben's gar nicht, und endlich würde ich dabei so nett schläfrig, wie nur je ein unartiger Junge, wenn ihm seine Mutter gute Lehren giebt; und dann hätt' ich mich auch gleich gegen den Vorwurf vertheidigen können, ich sei ein Windbeutel mit allen meinen Citaten. Das ist ein schreiendes Unrecht, sie sind ächt wie 24karätiges Gold, alle mit großer Mühe aus ich weiß nicht mehr welchem Schweinsleder zusammengesucht auf der Münchener Universitätsbibliothek, wo ich nur zu viele Stunden mit solchen fruchtbringenden Studien verquängelt habe. Den Zettel, worauf ich's aufgeschrieben habe, könnte ich Ihnen mit beilegen, wenn Sie's noch nicht glauben. Ein Andres ist's mit meinem Handbuch der Strickkunst; die sind aus der Maue, oder vielmehr dem Strumpf geschüttelt. Ich habe zum Merlin einen ausführlichen Brief von Schnaase, Immermann's gelehrtem Freund in Düsseldorf, bekommen, den ich nächstens Ihnen beilege. Ihr Levin. Wahrscheinlich stammt dieser Brief aus den ersten Dezembertagen 1840. Der Anfang ging verloren. –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   – Ich habe mir auch vorgenommen, mal meinem Körper mich zu widmen; es ist doch eine Hauptsache, denn alle Kraft und Schaffensfreudigkeit kommt von ihm. Bei mir wenigstens, ich kann keine Verse machen, als wenn ich etwas Uebermaß von Gesundheit habe. Wenn ich gesund bin, sing' ich auf der Stelle was mir einfällt, und schmetternd ströme ich es aus, »das Sehnen meiner Nachtigallenbrust!« das unmusikalische Menschen mit allerhand schlechten Eigenschaftswörtern benennen, als da sind: heiser, quäkend, heulend, greulich u. s. w. Wenn ich aber Uebermaß von Gesundheit habe, dann mach ich mir die Verse selber, und nun laß Einen mir mit Eigenschaftswörtern kommen! Ich bin so triumphesfreudig dann, daß ich über alle Eigenschaften in der Welt hinausschmettre; es wird wahrhaft grandios. Es ist bald elf, Mütterchen; schreiben Sie noch? Sie müssen zu Bett, und nicht in der Kälte waschen. Mütterchen, helfen Sie mir, ich habe so viel zu thun. Bis 15 ten  December muß ich meinen Aufsatz über Merlin fertig haben für das Immermanns-Album von Freiligrath, dann einen Aufsatz für den historischen Verein hier, dann haben sie mich zum Mitglied des Westfälischen großen Vereins für Alterthumskunde erwählt oder ernannt vielmehr, dann soll ich weiß der Himmel was Alles für die Bornstedt thun und die ganze Welt besuchen. Neulich war eine prächtige große Gesellschaft bei der Lombard. Karoline Lombard, geb. 1802, lebte zu Münster als Witwe des Geh. Rates Aug. Lombard, des Sohnes von Johann Wilhelm Lombard, dem bekannten Geh. Kabinetsrate. Sie übersetzte Werke von Malebranche, Ozanam und St. Martin, Sie starb zu Cöln 1881. Die Leute unterlassen nichts, mir meinen guten goldnen Stolz in die schlechte Kupfermünze der Eitelkeit umzuschlagen, und darüber wird die arme Bornstedt unglücklich, wie's Wasser tief. Ich war dieser Tage bei ihr, sie war bis in die Unendlichkeit froh, denn sie hatte sich ausgedacht, ein alter schmeichelhafter Brief von einem Unbekannten aus Schwaben über ein Gedicht von ihr im Morgenblatt sei – vom König von Bayern! Gründe? Keine! Was der Mensch wünscht, das glaubt er. Darauf fragte sie nach den Damen, die ich auf der Reise kennen gelernt, und ich erzählte viel von der Liebenswürdigkeit der Stolterfoth und Freiligraths Braut. Siehe da – keine fünf Minuten, und das gnädige Fräulein beschweren sich über ihre großartige Melancholie! Zuweilen kommt mich ein Grauen an vor der Eitelkeit, wozu die Menschen das Versemachen bringt! Auch du Brutus – Zeddel? – nein, nimmermehr. Brutus schläft – wie viel mehr der faule Zeddel! Auch du, Bruta? – Bruta nicht, sie wacht – über sich mit Herrengewalt. Liebes Mütterchen! (dies sprech ich mit einer sehr kleinlauten Stimme) – mein lieb, lieb Mütterchen, ich habe was kaput gemacht – bist Du auch böse – ich will's ja nicht wieder thun, mein Leben nicht – ich habe Dir was kaput geschmissen, eine Ballade! »Wenn's weiter nichts ist«, hör' ich die wachende Bruta sagen, »ich dachte schon, es wäre die holländische Theetasse mit den schönen gemalten, blauen Blumen darauf!« Es ist von einer Dame doch unendlich edler, schöner, weiblicher über eine kaputte Theetasse sich zu ärgern, als über eine kaputte Ballade. Überhaupt ist der Stoicismus eine schöne Sache, wenn man ihn auf seine Balladen anwendet: virtus est in nobis , was gehen uns also unsre Balladen an, die außer uns (d. h. geschrieben und fertig) sind? Auch die Quelle der Balladen ist in uns, die cvirtus balladificandi , und wir lassen eine neue wachsen, wenn eine alte kaput geht. Die Stoa ist eine unendlich erhabene Philosophie; die Kritik vermag nichts gegen sie. Die Kritik ist die Verneinung, d. h. mit andren Worten, die ewige Negation, der Teufel – gegen wen nun der Teufel nichts vermag, ist der nicht selig? Gegen den Stoiker vermag aber der Teufel oder die verneinende Kritik nichts; er läßt eine neue Ballade wachsen, wenn man ihm die alte kaput gemacht hat. Ich will morgen zu Fräulein Bornstedt gehn, damit zu dieser expreß für Poeten erfundenen Weltweisheit sie sich bekehre. Aber Sie lassen mich nicht entschlüpfen – ich muß gestehen – doch denk ich, Sie sind jetzt vorbereitet und dürfen nichts mehr sagen: ich habe nämlich Ihre Ballade »Der Graue« in's Westphalen gesetzt und daraus, um Raum zu gewinnen, die Verse von Nr. 3, »Den Brüßler Kaufherrn freut es kaum« – (kommt darin vor, ich habe die erste Zeile von Nr. 3 vergessen) bis: »Es war tief in die Nacht hinein« weggelassen! Wenn Sie's aber übel nehmen, ist's noch früh genug, in die Presse gesandt ist's noch nicht. – Gute Nacht – Gottes Segen über mein Mütterchen. Ihr Levin. Montag Abend. Montag. Ebenfalls aus dem Dezember 1840. Liebes Mütterchen, nun wollte ich Ihnen noch gern diesen ganzen Bogen voll schreiben, aber ich muß an die Arbeit; ich habe gestern und heute nichts gethan, als Briefe geschrieben. Eben lese ich in Gustav von Heeringen, der das Malerische und romantische Franken beschrieben hat, und sauge daraus die erneute Überzeugung, daß Westphalen von allen diesen Sectionen die gediegenste wird; der Text von den andren ist gar nicht zu lesen, dies Franken ist noch das Beste, aber auch wie lahm, wie müde geschrieben! Ich bin jetzt bei Münster, gehe dann nach Cappenberg, Dortmund, Soest, Paderborn und Lippstadt. Über den Freiligrath habe ich gestern einen Brief vom Maler Schlickum bekommen, der in Unkel ist und schreibt, ein sehr leichtsinniger Bursche, Dralle, der lange schon an Freiligrath sich gehängt hatte und fast nur auf seine Kosten lebte, sei nun von Unkel aufgebrochen unter dem Vorgeben, nach Stuttgart zu gehen, aber richtig in Weimar angelangt, wo Freiligrath das alte Leben führe und Champagnerkorkmelodienexperimente mache, auch im Frühjahr heirathen wolle. Doch ich will das Blatt beilegen. Auch den Merlin schicke ich Ihnen nebst Schnaase's Brief; meine Abhandlung ist abgegangen. Schlüter Christoph Bernhard Schlüter, geb. 1801, Professor an der Akademie zu Münster, erblindete schon vor seinem dreißigsten Lebensjahre. Ein schönes Denkmal der Freundschaft, die Annette für ihn hegte, bilden ihre Briefe an ihn. (Münster, 1877 und 1880). Zusammen mit Wilhelm Junkmann gab er nach dem Tode der Dichterin aus ihrem Nachlasse »Das geistliche Jahr« heraus. (Stuttgart, 1851.) Er starb 1884 zu Münster. war wie noch mit keiner meiner Arbeiten zufrieden damit. Wenn nur der Freiligrath sein Gedicht macht auf den Immermann; sonst kommt unser Andenken zu spät und ist auch todt, ehe es lebendig ward. Schreiben Sie nicht so viele Briefe, Mütterchen, man verzettelt Kräfte und Stimmungen damit, es ist eine abscheuliche Sache. Denken Sie mehr daran, für sich zu sorgen, als immer für Andre – ausgenommen Ihren kleinen Jungen, das dumme Pferd, der nicht genug von Ihnen hören kann. Es ist doch Tebelholmer wunderbar mit unsrer Ähnlichkeit! Grade so wie Ihnen mit dem Lachen ist es mir gegangen; ich weiß noch, daß es einmal in unsrem Hause hieß, ich hätte den Lachkrampf, weil ich im Bette liegend vor lauter Lachen um nichts Ersichtliches gar nicht wieder zur Vernunft zu bringen war. Daß unsre Ähnlichkeiten noch herab gehn, bis auf die Eselliebhaberei, es ist kurios! Ich will's Ihnen übrigens erklären: es ist erstens die westphälische, zweitens vielleicht auch etwas von Dichternatur in mir, wenn Sie wollen – zudem etwas weiblich Geduldiges, Anschmiegsames in meiner Natur, was mich unter meinen Freunden immer die philisterhaften Charakter- und Gesinnungfesten hat aussuchen lassen, die gewöhnlich sehr beschränkt, aber durch Fleiß und markirtes, festes Wesen sich auszeichneten.. Mit Junkmann Wilhelm Junkmann. geb. 1811 zu Münster, studierte Philologie und Geschichte, war von 1839–1843 Hilfslehrer am Gymnasium zu Coesfeld und starb 1886 als Professor der Geschichte zu Breslau. »Die lyrische Poesie, eine weiche und schwermütige Poesie der Gemütsinnigkeit, vertrat ein junger Dichter, W. Junkmann, eine reiche Seele voll Romantik und paradoxer Lebensanschauungen« . . . L. Schücking. »Lebenserinnerungen.« z. B. komme ich gar nicht aus, der ist mir viel zu weiblich, nicht Mann genug. Sie dagegen haben zu weiblicher Beobachtungsgabe einen männlich klaren, ordnenden Verstand bekommen, einen Geist, der mit dem weiblichen Interesse für das Einzelne, Geringe, die Miscelle, – den männlichen Aufschwung von diesem Einzelnen zum Ganzen, von der Miscelle zum System möcht' ich sagen, verbindet. Darum ist mein Mütterchen so'n Genie, und ich will mich angeben, auch so klug zu werden. Es ist aber keine Freude; das Bewußtsein, nun so Vieles zu kennen, zu durchschauen, dadurch ein Gefühl von Macht, die man aber doch nicht ausüben kann, hat etwas Trostloses. Ich habe neulich schon eine Viertelstunde darüber verdrießlich in die Wolken geschaut und dachte dabei, wie langweilig das Ihnen erst sein müßte. Hätte man bei solchem eigentlichen Klugsein wieder eine so große geistige Begabung wie Shakespeare, um, was man erkannt, auch gleich lebendig werden zu lassen in sprechender Figur, dann wär's schon angenehm: so aber ist's nur ein gemischtes Gefühl von Kraft und Schwäche und Illusionenflucht. Nun habe ich doch den Bogen bald vollgeschrieben. Was wird der Vater Langewiesche Der Verleger des Malerischen und romantischen Westfalen. sagen! Ihr Levin. In Beziehung auf die Ballade: die Veränderungen habe ich so gemacht, wie Sie wünschten – alte Garde war nicht gut, weil man dabei an die alte Garde Napoleons auf der Stelle denkt, graue ist viel besser. Wie dank' ich Ihnen für den blonden Waller! Die Ballade »Der Graue.« Wenn der aber in die Damenzeitung kommt, so ist er ja juris publici geworden und ich brauchte mich dann an Ihrem Zorn gar nicht mehr zu stören! Soll ich Ihnen die Memoiren der Markgräfin von Baireuth senden, oder kennen Sie sie? Schelmuffsky? Simplicissimus? Oder neue Sachen? Was sagen Sie zum Merlin? Vielleicht im Januar 1841 geschrieben. Mütterchen, ich wollte, ich könnte einmal in Ihres Bruders Bibliothek kommen, da fänd' ich gewiß viel. Es ist schlimm überhaupt, daß ich mich so beeilen muß mit meinem Westphalen; von Brenken ist ausgeblieben und wird wohl erst zum Landtage kommen, zu welchem gewiß noch manche prächtige lebende Quelle hierherkommt. Die Jungfer Eli hab' ich schon in Kürze erwähnt; des Arnsbergers Tod ist wohl nicht begeisternd, er ist unästhetisch, so viel ich davon weiß. Was ist mit dem Dortmunder Bäcker? Wo steht was über ihn? Sagen Sie mir auch, liebes Mütterchen, was meinen Versen noch fehlt, mir schadet's nicht, ich kann mich danach verbessern; Junkmann dürfen Sie nicht auf Freiligrath, diesen nicht auf Junkmann weisen – obwohl Freiligrath ganz außerordentlich viel Victor Hugo nachmacht –, ich habe nur Talent, und das ist wie Wachs und läßt sich bilden, biegen, das Genie ist Cristall und bricht. – Adieu, Mütterchen, morgen und übermorgen erzähl' ich Ihnen wieder was, wenn Sie die kindischen Reminiscenzen, die uns selbst so angenehm sind, aber Andren so langweilig scheinen möchten wie erzählte Träume, anhören mögen. Ihr Levin. Montag. Wahrscheinlich ist dieser Brief in das Frühjahr 1841 zu verlegen. O Mütterchen, nun nehmen Sie mir die Wevelsburg nicht wieder, was kümmern uns die Spiegel? Hab' ich darum mein Lebenlang in keinen gesehen, um ihm nun so viel zuzugestehen? Die Wevelsburg ist viel zu schön, die wird gedruckt und ist schon abgegangen. Das ist auch gar nicht aristocratisch von Ihnen, daß Sie meinen, die Spiegel kränke das, – einen ächten Aristocraten kränkt es nie, wenn schon in frühern Jahrhunderten sein Name vorkommt, es sei unter welchen Umständen es wolle. Bin nicht auch ich stolz auf meinen Urgroßvater, den Friedrich der Große ehrte – weil er die Theilung von Polen sehr geistreich und sehr elegant vertheidigte? So sind die Spiegel stolz darauf, daß der Kurt ein Marschalk war, und daß die Leute davon lesen und sagen, es ist doch 'ne alte Familie, die Spiegel. Sehen Sie, Mütterchen, das begreifen Sie nicht, weil Sie eigentlich gar keine Aristocratin sind, sondern eine Monocratin. Und nun gar für Ihren Arnsberger, den greulichen Schlingel, soll ich den kecken Kurt geben! Nein, Mütterchen, der Arnsberger, der könnte schön sein, aber es fehlt ihm, was Hutterus »die Pojente« nennt: der ist zu rasch gemacht, bei allen Federn meines Helms! Dabei ist mir ein Vers aus Shakespeare eingefallen, der ist zu hübsch: Dichten? ich wär' ein Kitzlein lieber und schrie Miau Als einer von den Versballadenkrämern. Ich hör' 'nen ehrnen Leuchter lieber drehn, Oder ein trocknes Rad die Achse kratzen, Das würde mir die Zähne so nicht stumpfen, So sehr nicht, als gezierte Poesie. – Singen – führt euch grades Wegs dazu, Schneider zu werden oder Rothkehlchen abzurichten. Lieben? Ist dies 'ne Welt Zum Puppenspielen und mit Lippen fechten? Es ist doch ein einzig humoristischer Mensch, der alte William! – So, liebes Mütterchen, nun ich Ihnen den Arnsberger recht schlecht gemacht habe, daß Sie Ihren Augen nicht trauen und denken: O fromme Poetin, was ließest so hoch Deiner Kritik frevelen Muth du steigen? will ich Ihnen auch sagen, wie mich gerührt hat, daß Sie mir so viel machen, schicken und arbeiten; wenn ich Ihnen danken sollte, ich käme ja nie zu Ende! Und vor Ihren Balladen hab' ich innerlich so viel Respekt – denken Sie, auf Ihre Verheißung von mehreren noch, hab' ich, um desto mehr Raum dafür zu haben, auf der Stelle ein eigenes langes Gedicht mit großartig kräftigen Zügen im Manuscripte durchgestrichen. Sind Sie nun wieder zufrieden, mein Mütterchen? Mehr kann ein Poet des 19ten Jahrhunderts doch nicht thun, und ich weiß auch nicht, ob ich dies über mich vermocht hätte, hätte der Tieck oder der Lenau sich erboten den Raum zu füllen. Sehen Sie, Mütterchen, das kommt daher: ich habe Sie zwar so lieb, daß ich leichter als andre Menschen geneigt bin, Ihre Gedichte schlecht zu finden – grade weil ich meine, was Sie machten, müßte immer gleich ein Wunder von Fürtrefflichkeit sein. Aber trotzdem glaube ich, daß unter unsren Zeitgenossen Niemand mehr ist, der eigentlich classisch schreiben kann, Sie allein ausgenommen. Ich weiß Ihnen nicht ganz auszudrücken, wie ich das fühle. Bei allen Dichtern unsrer Zeit fühle ich ein Dilettantenhaftes, hier und da Mattes, Gemachtes, Freiligrath und Lenau nicht ausgenommen. Das ist nie bei Ihren Sachen der Fall: was Sie schreiben gehört in das Ganze, wie jede einzelne Zacke in einen Dom. Der Dom ist auch nicht aus der Erde gewachsen, sondern von Menschenhänden aufgeführt, aber er ist doch ein Ganzes, Organisches, der außer dem Bereiche aller Willkür liegt, die hier und da einen Stein auch anders hätte setzen können. Und dann ist s noch etwas mit Ihren Gedichten. Les ich ein's vom Freiligrath, vom Dingelstedt, so ist's etwa, als wenn ich etwas läse, was ich mir verwandt, ebenbürtig fühle – es kann mich wohl überraschen, aber nicht mir den Eindruck des Tiefen und Gediegenen , mit wunderbarer Intuition auf einem fremden Felde Gepflückten machen, was Poesien von Shakespeare, W. Scott (Byron nicht, Coleridge zuweilen) und von Ihnen für mich haben. Ich muß dabei bleiben, sie sind classisch, Ihre Gedichte. Vielleicht kann ich so mich expliziren: wie der Jünger Tieck zum Meister Goethe, wie der Jünger Immermann in seinen frühern Sachen zum Meister Tieck, so kommt mir Alles, was jetzt an Sagen und Balladen gedichtet wird, zu Ihren Gedichten sich verhaltend vor. Ihre Sachen sind mir jetzt noch, nachdem alle litterarischen Illusionen mir geschwunden sind, was dem Menschen, der nie einen Vers zu machen sich erkühnt hat, Gedichte überhaupt sind, wunderbare Sachen, von deren Entstehen er recht keinen Begriff hat, und von denen er zu glauben geneigt ist, sie werden wie die Kinder aus dem Brunnen geholt. Was ich aber sagen wollte, Mütterchen, so was Schönes, wie Sie machen können und im » Grafen von Thal ,« in der » Vorgeschichte « und andren gemacht haben, das in seiner Art eben so vollendet ist, wie ein Werk Shakespeares, macht sich nicht ohne Mühe . Shakespeare selbst hat unendlich ausgearbeitet und gefeilt. Wenn Sie mir auch einwerfen: aber ich habe den Grafen von Thal, die Vorgeschichte in zwei Stunden gemacht, so täuschen Sie sich selbst. Der Zeitraum mag nur zwei Stunden lang gewesen sein, aber in dieser kurzen Zeit sind Sie so intensiv lebendig dann gewesen, daß Ihr Leben in diesen zwei Stunden so gut ist wie ein Leben von acht Tagen in weniger angeregter, angespannter Stimmung. Sie irren, wenn Sie schließen: ich habe den Grafen von Thal in zwei Stunden gemacht, also kann ich jetzt von zwei bis vier Uhr auch ein ähnliches Gedicht machen, weil von zwei bis vier zwei Stunden sind. Sie mögen bei Ihrer Geisteskraft und Lebendigkeit immer drei Stunden verleben in zwei; wenn Sie ein Gedicht machen, vier bis fünf in den zwei. Aber zu einem von Ihren schönen Gedichten kommen Sie doch mit vier bis fünf nicht aus. Deshalb müssen Sie mit mehr Muße die Sache überlegen, wenden, feilen, liebes Mütterchen, und ich bin überzeugt, Sie schaffen in jedem neuen Gedicht eine Art von ganz exclusiver Poesie, die Ihnen Niemand nachmacht, ein Meisterstück. Wie wunderschön würde Ihr Arnsberger geworden sein, hätten Sie ein paar Tage den Stoff erst im Kopfe herumgetragen! Jetzt ist er für die Weiberzeitung ein glänzender Beitrag. Mütterchen, sind Sie mir auch bös, daß ich so kritisch scharf werde? Ich will auch kein Wort mehr sagen, sondern ganz egoistisch denken, es kommt ja nicht darauf an, daß Sie fremden Leuten schöne Gedichte machen, sondern nur, daß Sie thun, was Ihnen Freude macht, nach dem Kopf ist, Sie amüsirt. Der Arnsberger, der dies hervor gerufen hat, der Streitbare, der noch im Grabe die Leute beunruhigt, ist eigentlich ein ganz schönes Gedicht; ich freute mich wahrscheinlich außerordentlich darüber, läs' ich es irgendwo, ich hielte es für meisterhaft gelungen, hätte es die Bornstedt gemacht. Denn es ist keine Schmeichelei, wenn man der Leute Gedichte gleich so schön findet, man liebt sie dann nicht, oder traut ihnen so viel nicht zu: daher die Verwunderung. Liebes Mütterchen, nun hab' ich auf meine dumme Art wieder einen dummen Streich gemacht, daß ich Ihnen das Alles geschrieben habe. Warum hab' ich nicht gleich geantwortet, als ich Ihren letzten Brief bekam, in der ersten vollen Freude über mein lieb sorgsam Mütterchen, das mir so schöne Balladen macht! Jetzt werden Sie sagen: der Tebelholmer, wenn ich dem kleinen Pferde noch eine Zeile wieder schreibe, da es, statt zu danken, kritisirt! Unterdrück mal Einer seine Natur. Sie haben ja selbst geschrieben, ich sei ein Kritiker – Pardon deshalb, Mütterchen. Der Eugen Aram ist, so viel ich weiß, wieder da; er steht wenigstens nicht mehr auf meinem Blatte in der Bibliothek. Diesen Morgen hab' ich endlich einen sehr kurzen Brief von Besser erhalten; er bittet mich seine Proclamation mit der ehrenreichen Jungfrau Elisabeth Schleiermacher in der hiesigen Kirche zu besorgen, da er im Begriffe stehe zu heirathen. Das ist Alles was der Brief enthält, nebst Grüßen an seine Bekannten und der Versicherung, daß er öfter an Münster denke, als dahin schreibe. Gute Nacht, Mütterchen, ich will zu Bett, es ist spät geworden und das Licht ist am Erlöschen. – Guten Morgen, liebes Mütterchen, haben Sie gut geschlafen und auch hübsch lange genug? Ich habe bis an den lichten Tag geträumt und muß jetzt zur Bibliothek laufen, um zu sehen, ob ich den Nöggerath bekomme, damit ich dies Packet früh genug nach Ahlers schaffe. Mütterchen, wie kommt es, daß alle meine Verse sich um Dome und Kirchen bewegen: es ist merkwürdig, aber meine Stoffe wachsen einzig wie altes Lauch auf den Schieferdächern und aus den Mauerspalten der Cathedralen. Wie vor des Grales sagenhafter Schale Die Hände einst Templeisen fromm gefalten, So steh ich scheu im Chor der Cathedrale, Vor ihren mondbeglänzten Steingestalten, Umhuscht, umathmet wie von Geisterweben, Vor dem die riesenhaften Schatten schweben Gleich eines Vorhangs wallend langen Falten. Rings um wie still! – ich hör' des Funkens Sprühen, Schür' ich der ew'gen Lampe bleiches Glimmen, In das des Mondes Lichter überglühen, Um gelb und matt die Quadern zu umschwimmen; Die Schatten selbst, wag' ich den Docht zu schaukeln, Beginnen hörbar am Gewölb zu gaukeln, Und auf und ab die Gurten anzuklimmen. Die beiden ersten Strophen des Gedichts. »Nachts im Dome.« Gedichte von Levin Schücking. Stuttgart und Tübingen, 1846. Mütterchen, ich wollt' ein Gedicht für Sie machen, aber ich komme nicht weiter, ich muß zur Paulinischen. Adieu, Adieu. – Denken Sie, von der Bibliothek ist der Nöggerath gestohlen! Que faire maintenant ? Hätten Sie nur Ihre Beschreibung nicht zerrissen! Wollen Sie sie mir noch einmal machen? so gut wie's geht? Mein Onkel wird mir schon sagen, was nicht recht ist. Ich habe eben Ihren Arnsberger wieder gelesen: er ist doch schön – der Stoff taugte nur wenig. – Die Geschichte vom Kurt habe ich in Bessen Joseph Bessen, Geschichte des Bistums Paderborn. Paderborn, 1820. gefunden, der Bischof ist Ferdinand von Fürstenberg. Liebstes Mütterchen, in Eile sag ich Ihnen noch tausend Dank für Ihr Packet von diesem Morgen und antworte nächstens ausführlich. Heut will ich Ihnen nur noch sagen, wie lieb ich Sie habe, und wie gut Sie sind, und wie Ihr französisches Motto eben ein französisches ist, und wie ich gar nicht aus Gefälligkeit Ihre Gedichte will, sondern aus Noth, und denke, der Engelbert ist der beste Stoff, der interessanteste, – der Vollmer ist unsichtbar und hat deshalb kein eigentliches menschliches Interesse. Wegen der Geschichte mit dem Engelbert lassen Sie mich nur machen, wenn ich das Gedicht voraussende und die Historie als Erläuterung daran knüpfe, so macht sich das schon. Die andren Sachen sind nicht gut, der Bäcker, das ist zu spät, die Glocke etwa, das stell ich Ihnen anheim. Wie gesagt, der Engelbert ist mir der liebste, weil ich weiß, daß er Sie am Meisten inspiriren wird. Ebenso stelle ich Ihnen das »Fegefeuer« anheim; es hat aber Zeit (bis Sonnabend nur müßte ich das Fegefeuer haben, die andren Sachen eilen nicht). Noch einmal Adieu, liebes Mütterchen, den Grimm will ich ganz schön wahren. Ihr Levin Wohl ebenfalls aus dem Frühjahr 1841. Liebes, liebes Mütterchen, um Gotteswillen, plagen Sie sich so nicht, das muß ich Ihnen noch heute sagen und hoffe, daß Sie diese Zeilen morgen früh bekommen. Mit dem, was Sie mir aufschreiben wollen, hat's jedenfalls Zeit bis Sie Zeit haben, ich bin bange, Sie machen sich krank mit Ihrem nächtlichen Arbeiten, und das könnte ich mir nie vergeben, wenn ich mit Schuld daran wäre. Schreiben Sie mir, wenn Sie so viel zu thun habend nur die eine Linie, daß Sie mich noch lieb haben, und wenn Sie sich erholen, an mich zuweilen denken, aber plagen dürfen Sie sich so nicht mehr! Ich schicke Ihnen hier Nr. 4 und 5 von den Heften des Malerischen und romantischen. Bitte, lesen Sie jetzt es durch; um die vielen Abschweifungen darin schelten Sie mich nicht, ich bereue sie jetzt schon. – Adieu Mütterchen, es ist bald halbzwei, ich muß zu Tisch. Ihr treues Pferd. Sonntag Morgen, oder Nachmittag vielmehr. Montag Abends. Daß ich auch Alles von Ihnen erben muß, mein liebes Mütterchen, sogar jetzt auch das Briefschreiben! Sechs Briefe müssen noch morgen fertig werden, aber ich mache sie freilich nicht so ausführlich, wie Sie es thun, und komme deshalb schon eher durch. Sie sind auch so gar schlimm daran mit den kleinen Schriftzügen, die freilich Ihrer elfenhaft kleinen Hand schon adäquat sind, aber Sie zwingen unendlich viel mehr als andre Leute zu schreiben, daß es wie ein ordentlicher Brief aussieht. Es thut mir so leid, daß dieser Brief am Sonntag zu spät nach Ahlers kam; ich habe das Packet wieder aufgebrochen, und da also meine Abmahnung vom Schreiben zu spät kommt, schwanke ich zwischen der Befürchtung, Sie seien so fortgefahren, sich zu quälen und das um meinetwillen, der Hoffnung, Sie haben's mit der Ungeduld gekriegt und Papier und Feder fortgeworfen, um sich zu verschnaufen (schöner Ausdruck für so'n Elfenmütterchen!) und dem leisen, frohen Erwarten, daß ich morgen doch wenigstens eine Zeile noch von Ihnen als Begleitung vom Manuscript bekomme. So mischt sich der egotism , wie die Engländer sagen, in unsre gentlest sensations , aber ich hoffe, diesmal waschen Sie mir den Kopf nicht so wieder über das Geständniß, wie in Ihrem letzten Briefe mit der ätzenden savon à la August Wilh. von Schlegel. Das ist doch ein Kopfwaschen gar zu schreckhaft, und es hat mir lebhaft frühere Samstagabende zurückgerufen, wo Mutter uns waschen ließ und wusch, daß Einem Hören und Sehen verging; dann wurde Einem die ganze Wochenladung von Staub und Schmutz »abgeschwemmset«, und schon am Mittwoch stieg dämmernd eine trübe Ahnung in uns auf bei dem Gedanken an das Ende der Woche, am Donnerstag verdüsterte sie sich, am Freitag wurde man unruhig, der Samstag wurde hingebracht mit Plänen, wie sich einmal die Sache noch auf acht Tage vertagen ließ, aber das ging nur selten durch, – es war aber auch 'ne Wonne, wenn man nun geschwemmset war und im Bette sich dehnen konnte, daß die weidengeflochtenen Korbwände krachten. Es war doch 'ne Lust, als man noch ein Kind war und im Bette lag! – Abends wurde bei uns vorgelesen aus W. Scott meist, dann setzten wir uns an den Ofen oder Kaminfeuer und hörten erzählen von der alten Klosterherrlichkeit von »Märrjenfeld« und Liesborn, oder von der Wahl von Victor Anton. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie unendlich genußreich diese kurze Zeit für mich gewesen ist, wenn wir vor dem Zubettgehen uns erst die Füße wärmen durften und unterdeß hörten, wie der Domprobst vom Apostelgange den neuen Fürsten proclamirt, wie dann der gedrängt volle Dom von Vivatjauchzen erschollen, wie die Kanonen von allen Wällen gedonnert und eine Reihe auf dem Domplatz aufgestellter Estafetten die Kunde in alle Ämter zu bringen, auseinandergesprengt seien. Ich habe nur einmal wieder etwas Ähnliches empfunden: es war zu Mannheim, als Eßlair den Wallenstein spielte, aber kein Glanz, keine Hoheit, die moderner Zeit angehört, kann mir das träumerische Hangen an früherer Reichs- und Stiftsherrlichkeit verdrängen, und Alles was dahin gehört . . . . Münster den 17ten August 1841. Ich habe die Vision »Notturno« genannt und den armen Organisten sie allen denen who have music in themselves vorspielen lassen. Sie ist in der That unvergleichlich schön. Übrigens ist sie schon fort. Das »schwirbelt« hab' ich stehen lassen, bekomm' ich aber die Correctur, so will ich die beste Lesart aussuchen. Salve usque ad diem martis . – Der Familienschild Der Familienschild von L. Schücking. Morgenblatt 1841. Von dieser Arbeit schrieb Annette ein Stück des zweiten Teils. erfolgt hierbei vollständig – er ist doch zu flüchtig geschrieben, ohne tiefere Charakteristik! – Nach L. Schückings Abreise von der Meersburg geschrieben. Der Anfang fehlt. –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   – Das wäre von hiesigen Zuständen so ziemlich Alles, was ich zu erzählen wüßte und deßhalb gehe ich dazu über Ihnen, liebes Fräulein, Bericht über meine Stuttgarter Verrichtungen zu erstatten. Nachdem ich in Friedrichshafen noch das Vergnügen gehabt, näher mit dem wackern Reuchlin bekannt zu werden, dessen erstes mit besondrer Lebhaftigkeit geäußertes Wort war: ob Sie noch da seien? worauf er eben so rasch seinen Entschluß aussprach, nun allernächstens die Meersburg besuchen zu wollen – Sie haben in der That eine Eroberung an dem guten Geschichtschreiber von Port Royal gemacht –, fuhr ich halbvier Uhr von Friedrichshafen fort und kam am andern Tag um Mittag nach Stuttgart. Dort besuchte ich zuerst Gustav Pfizer, mit dem ich sehr warm befreundet worden bin – er war zweimal bei mir im Hôtel Marquard –, Menzel war nicht zu Hause; eine Zusammenkunft mit A. Schott und Pfeiffer mißglückte, dagegen fand ich in dem Prof. Ludwig Bauer eine sehr biedere und angenehme Persönlichkeit; nur für sein Unternehmen: Deutschland im 19ten Jahrhundert, scheint es mir, fehlt ihm wohl die nöthige Redacteur-Energie. (Auch Reuchlin hat ihm eine Beschreibung des Bodensees dazu geliefert.) Ich habe ihm meinen Beitrag: »Westphalen« zugesagt und, außer einigen Freiexemplaren, 33 Gulden Honorar verlangt und zugesichert erhalten. Den Plan, den ich ihm mittheilte und den Sie kennen, werde ich beibehalten. Am andren Morgen nun besuchte ich Hauff, eine gute anspruchlose Haut, den ich mich freue kennen gelernt zu haben, weil er von allen Litteraten der am wenigsten litteratenhafte ist. Sodann Drallum. Dieser war wie aus den Wolken gefallen; er hatte eine große Freude, mich wiederzusehen, und nachdem er diese ausgedrückt, fing er an, auf's Greulichste zu renommiren. Er lebt ganz anständig dort. Mit Drallus war nun aber der große Litteratenschwarm in Stuttgart aufgeweckt. Zu Tisch hatte ich im Gasthaus einen ganzen Haufen um mich, worunter ich nur zwei nenne, den Oberregisseur Moritz, den Bühnengewaltigen in Stuttgart, dessen Bekanntschaft mir sehr ersprießlich werden kann bei späteren dramatischen Arbeiten, und Hackländer, einen ganz prächtigen Menschen, ein andres Exemplar von Freiligrath, obwohl er freilich nicht dessen Talente hat. Ich bin sehr befreundet mit ihm geworden und habe zum Andenken seine »Vier Könige« mitgenommen für meine Sammlung dona autorum . Meine Steinsammlung hat sich diesen Morgen vermehrt mit einem ganz unzweifelhaft antiken, sehr hübschen, vertieft geschnittenen Karniol, einem Rococoring und zwei merkwürdigen Steinen, die ich für Sie gekauft habe – alles zusammen für einen Gulden. Auch Pflanzenabdrücke habe ich schon für Sie. In Engelszell, wohin wir von hier gehen, hat der Fürst eine Perlenfischerei, auf die ich begierig bin. Ihre Erzählung, gnädiges Fräulein, habe ich Hauff gelassen und lege Ihnen bei, was er mir darüber schrieb. Ich hatte nicht die Zeit, einen Titel zu erfinden und habe es ihm überlassen müssen. Mit dem Cotta aber ist nichts anzufangen, wenn man ihm nicht das ganze Manuscript geben kann. Auf dies ganze Manuscript freue ich mich nun ganz außerordentlich; es ist die erste bedeutende Freude, welche ich jetzt von meiner einförmigen nächsten Zukunft hoffen darf. Das Immermanns-Album, welches ich fertig mitzunehmen gedachte, liegt noch in weitem Felde. Krabbe, der Verleger, verzweifelte ganz und gar an seiner jemaligen Vollendung. Es muß Ihnen, liebes gnädiges Fräulein, dieser Brief einen eigentümlichen Eindruck von Trockenheit und Herzensdürre machen, aber er wird ganz dem Zustande entsprechen, in welchen mich immer die Versetzung in eine neue Lage bringt. Ich bin unfähig zu denken und zu fühlen, ich könnte keine Zeile schriftstellern, mein Kopf ist mir förmlich ausgesaugt, und ich habe so wenig Gemütsbewegungen wie ein glückseliger Dummkopf. Ich bin deshalb bange, daß es mir unmöglich sein wird, an Herrn von Laßberg zu schreiben, da es bei einem Briefe an ihn mir hauptsächlich darum zu thun ist, wenigstens etwas von der Verehrung und Dankbarkeit und dem Gefühle herzlichster Anhänglichkeit auszudrücken, womit dieser edle, ritterliche und kenntnißreiche Mann, der in unsrem Jahrhundert doch eine Erscheinung ganz einzig in ihrer Art bildet, mich für immer erfüllt hat. Der Abschied von Meersburg ist mir außerordentlich schwer geworden! Für diesmal also bitte ich Sie, mir zu vergeben, wenn ich Ihnen nichts als diese trockenen und gefühllosen Notizen überschicke und keine Worte finde, um Ihnen und Ihrer verehrten Frau Schwester Alles das auszudrücken, was ich möchte und was mir hoffentlich das nächste Mal möglich sein wird, wenn ich aus meinem wachenden Traum, diesem stupor , der mich befangen hält, aufgerüttelt bin. Jetzt demnach nur noch, daß ich nie die Meersburg und alle ihre Bewohner vergessen werde, vielmehr mit meinen Gedanken mehr dort als hier bin, und ewig sein werde Ihr dankbarster und gehorsamster L. Schücking.. Eßlingen den 12ten April 1842. Meersburg den 4ten Mai 1842. Hiermit setzen Annettens Briefe ein. Es muß meinem guten Jungen, an den ich doch fortwährend denke, wohl sehr unerwartet sein, daß ich erst heute den ersten Brief an ihn beginne, und doch ist nichts Schuld daran, als der Wunsch, ihm nur einen recht guten, recht erfreulichen zu schreiben, worin ich von vielen langen und schönen Gedichten prahlen und aus dieser Ferne in einem hübschen Nimbus leuchten könnte. Bis jetzt habe ich aber nur ein sehr schwaches Scheinchen um mich, bin eigentlich erst in den letzten Tagen recht fleißig gewesen und darf mit der Antwort nicht warten, bis die Glorie sich gehörig ausgebildet hat. Weshalb ich so spät wieder an die Arbeit komme? Hör zu! In den ersten acht Tagen war ich todbetrübt und hätte keine Zeile schreiben können, wenn es um den Hals gegangen wäre; ich lag wie ein Igel auf meinem Kanapee und fürchtete mich vor den alten Wegen am See wie vor dem Tode; dann kam Louise Streng, die mich fast keine Minute allein ließ, mich immer hinauszog, und binnen der ganzen Woche, die sie hier blieb, mich auf eine freilich keineswegs angenehme Weise, durch ihre werthe Begleitung und aus endlosen Fragen bestehende Unterhaltung, über die schwersten Momente gewaltsam wegspazierte. Jetzt kam aber eine andere Noth: Dein Brief von Ellingen hätte längst da sein können – d. h. der versprochene, gleich nach der Ankunft – und du nachlässiger Schlingel bist es wirklich gar nicht werth, wie wir uns um Dich geängstigt haben. Jeden Morgen habe ich an der Treppe dem Postboten aufgelauert, und Jenny und Laßberg waren fast ebenso bekümmert als ich. Letzterer war schon entschlossen dem Fürsten zu schreiben, bei seiner Umständlichkeit gewiß ein großer Beweis von Liebe und Sorge – »ob denn bewußter Jüngling wirklich angekommen sei, oder ob man seine betrübten Reste in einem See, Hohlwege oder sonstigem Mordloche aufzusuchen habe?« als Dein Ellinger Brief ankam. Da war denn große Freude im Hause! obwohl Laßberg wohl den ersten Brief für sich erwartet hätte; für den zweiten erwartete ich selber seine Adresse und sage Dir hiermit an, daß Du Dich nur auf der Stelle hinsetzen und das Versäumte nachholen magst; denn Du darfst nicht undankbar scheinen für die seltne Anhänglichkeit und wahrhaft väterliche Liebe, die dieser alte Mann Dir zugewendet hat. Deine Entschuldigung im vorigen Schreiben, wo Du Dich für simpel erklärst, hat er nur für den Augenblick gelten lassen, und wirklich kann Dich auch nichts von der Verpflichtung, ihm wenigstens einmal zu schreiben, lossprechen; also nur frisch und gleich ans Werk! Jetzt weiter in meiner einfachen Chronik. Gleich nach Empfang Deines Briefes, als ich eben die Federn spitzte, um mit frischem Muthe an die Arbeit zu gehn, kam Gaugreben, entführte mich nach Berg, erkältete sich auf dem See, mußte sich gleich am Abende mit geschwollenem Halse legen, und ich habe vierzehn Tage nichts Anderes thun können, als von einem Bette zum andern wandern, in dem einen die lahme Frau, im andern der dem Ersticken nahe Mann. Vor zehn Tagen nun bin ich unter Donner und Blitz zurückgekehrt und habe seitdem zwei Fahrten – nach Heiligenberg und Langenargen –– und zwei Besuche –– Wessenberg und Starzen – abmachen müssen. NB. Auch die beiden Brenken waren hier; sie kamen gleich nach Deiner Abreise und blieben zehn Tage; ich weiß nichts davon zu erzählen, als daß sie mir in meiner damaligen Stimmung furchtbar lästig waren. Du kannst denken, daß ich unter diesen Umständen nicht viel habe arbeiten können; doch habe ich grade jetzt einen guten kräftigen Anlauf genommen und seit einigen Tagen das angenehme Gefühl wieder etwas zu leisten, habe aber heute, mit Deinem Briefe zugleich, einen von der Mama bekommen, der mich bestimmt, alles Andre bei Seite zu legen, um unverzüglich meinen Antheil an Deinen Beiträgen fürs »Deutschland im 19ten Jahrhundert« auszuarbeiten. Meines Bleibens hier wird nämlich nur noch kurze Zeit sein; Mama schreibt, daß sie sich sehr nach mir sehne und einsam fühle, und daß ich deshalb mit den Fräulein von Wintgen, die den Rhein hinauf bis nach Meersburg reisen, am 15ten Juni bei uns eintreffen und von da zurückreisen würden, zu ihr heimkehren möge. Ich bleibe also nicht volle sechs Wochen mehr hier, und da meine Muße so sehr von Umständen abhängt, muß ich drauf denken, das durchaus Nothwendige vorerst zu vollenden; mit dem Andern komme ich dann so weit es geht. Vielleicht schicke ich Dir das zweite Manuscript – die Gedichte – noch von hier, vielleicht erst von Rüschhaus, das erste –– Deutschland –– schicke ich jedenfalls von hier ab, sobald es fertig ist. Ob ich mich freue nach Haus zu kommen? Nein, Levin, nein – was mir diese Umgebungen vor sechs Wochen noch so traurig machte, macht sie mir jetzt so lieb, daß ich mich nur mit schwerem Herzen von ihnen trennen kann. Hör, Kind! Ich gehe jeden Tag den Weg nach Haltenau, setze mich auf die erste Treppe, wo ich Dich zu erwarten pflegte, und sehe, ohne Lorgnette, nach dem Wege bei Vogels Garten hinüber. Kömmt dann Jemand, was jeden Tag ein paarmal passirt, so kann ich mir, bei meiner Blindheit, lange einbilden, Du wärst es, und Du glaubst nicht, wie viel mir das ist. Auch Dein Zimmer habe ich hier, wo ich mich stundenlang in Deinen Sessel setzen kann, ohne daß mich Jemand stört, – und den Weg zum Thurm, den ich so oft Abends gegangen bin, – und mein eignes Zimmer mit dem Kanapee und Stuhl am Ofen – ach Gott, überall! – kurz, es wird mir sehr schwer von hier zu gehn, obendrein noch zweihundert Stunden weiter als wir jetzt schon getrennt sind. Solltest Du es wohl recht wissen, wie lieb ich Dich habe? Ich glaube kaum. Von Elisen Elise Rüdiger, geb. 1812, Tochter des Frh. L. v. Hohenhausen und der Schriftstellerin Elise v. H., Gattin des Oberregierungsrats Rüdiger in Münster. Sie war mit Annette v. D. eng befreundet und hat in spätern Jahren unter dem Namen Fr. v. Hohenhausen vieles über die Dichterin veröffentlicht. habe ich zwei Briefe, den ersten schon vor einigen Wochen; doch mir fällt eben ein, daß Du noch hier warst und ich ihn Dir mitgetheilt habe. Jetzt nun habe ich einen zweiten, vom 18ten April; er betrifft den jungen Braun, den sie gern zu Deinem Nachfolger machen möchte. Der ganze Brief ist fast ausgefüllt mit der Lebensgeschichte, den Verhältnissen, Kenntnissen \&c. dieses jungen Mannes; es war mir äußerst leid, ihr diesen Wunsch so unbedingt zerstören zu müssen, daß ich nicht einmal mit Laßberg davon habe reden mögen; Du weißt selbst, wie wenig man Jemand zweihundert Stunden weit zu dem noch übrigen Restchen Arbeit und Einnahme einladen kann. Jenny, mit der ich doch, um Elisen wenigstens möglichst gefällig zu sein, davon sprach, meinte auch, die Sache sei so gänzlich unmöglich, daß es bei Laßberg nur mein sanum judicium in Mißcredit bringen würde, wenn ich davon anfinge. Ich habe also der guten Elise, die eine ganz falsche Ansicht von diesem Geschäft hat, was sie für eine bleibende Versorgung zu halten scheint und »die Bibliothekarstelle bei Ihrem Herrn Schwager« nennt, gleich geantwortet und alle ihre schönen Pläne mit ein paar Federstrichen zerstören müssen. Du weißt, sie schrieb schon im vorigen Briefe so obenhin von dieser Idee, und hat sie zur selben Zeit ihrer Mutter mitgetheilt, die nun nichts eiliger zu thun wußte, als mit erster Post den Braun zu benachrichtigen, aus dessen Antwort mir Elise einen Auszug gemacht hat, der mich wirklich betrübt; so voll Jubel und Glückseligkeit ist der arme Mensch über die Aussicht zu einer festen Versorgung, wofür er das offenbar hält. Da sieht man, was aus einer Sache werden kann, wenn sie durch mehrere Hände, respective Federn, geht; sowohl Du wie ich haben doch Elisen die Verhältnisse dieser Stellung deutlich genug mitgetheilt, und nun ist sie schon in der dritten Feder zu einem förmlichen Amte geworden. Übrigens schreibt Elise sehr gefaßt, kritisirt meine – ihr von Dir geschickten – Gedichte, unter denen ihr »Die junge Mutter« am Besten gefällt, aufs Ausführlichste, schreibt von Büchern, die sie gelesen \&c. Ferner schreibt sie: »Lutterbeck ist nun auch fort, als Professor nach Siegen, wie Sie im Merkur werden gelesen haben; er soll sehr froh sein. Die arme Bornstedt hat ihr Quartier gekündigt, ihre Möbeln anderwärts untergebracht und sich selbst für den ganzen Sommer nach Herbern exilirt. Der Schweizer scheint abermals umgeschlagen zu sein, doch soll sie noch immer auf die Heurath im Herbste hoffen. Die Einladung der Gräfin Bocarmé war auch nicht weit her, und so mag die Arme denn verstimmt und bedauernswerth genug sein. Schlüters sind wieder in Grefrath. Annchen Junkmann sagte neulich seufzend: Ja, wenn man nur immer jung bleiben könnte, dann wollte ich gewiß lieber nicht heurathen!« ( NB. Levin, Du weißt doch schon daß Annchen den Schulte, ihres Bruders Freund, heurathet?) »Hierbei fällt mir ein, daß ich schon seit langer Zeit einen alten Brief von Junkmann an Schücking für Sie zurecht gelegt habe; wenn dieser nicht zu dick dadurch wird, will ich ihn beilegen.« Dieser Brief lag nun wirklich bei, und ich schicke ihn Dir; steinalt ist er, aber schön –– denn ich habe, nachdem ich aus dem auf der einen Seite von Elisen Hinzugefügten gesehn, daß sie ihn gelesen, mir gleichfalls diese Freiheit genommen; der Junkmann ist doch ein ganz eigentümlich liebenswürdiges Naturproduct! Von den darin berührten Gedichten ist mir aber nichts zugekommen; hast Du sie schon auf anderm Wege erhalten, oder liegen sie noch in Elisens Schreibtisch? Es ist ein kleiner schlauer Streich von Elisen, Dir auf diese Weise indirect zu schreiben. Sie ist ein liebes Herz, und ich habe ihr auch gleich Alles von Deiner Abreise, und aus Deinem Briefe so viel mitgetheilt, als ich ohne Indiscretion glaubte thun zu können, und ihr noch dabei eingeknüpft, Niemanden zu sagen, wenn ich ihr schreibe, und noch weniger eine Silbe aus meinen Briefen, wem es auch sei, mitzutheilen. Obwohl ich nun viel Vorsicht gebraucht und in dem Auszuge sehr Vieles fortgelassen habe, wünschte ich doch von Dir, liebes Herz, in Zukunft angemerkt, was ich ihr nicht sagen soll. Nach unserer Uebereinkunft bei Deiner Abreise sollte ich ihr eigentlich Alles zu wissen thun, was Deine Lage beträfe, da Du früher doch wohl gewohnt warst Dich vollkommen auf ihre Verschwiegenheit zu verlassen, und es war nur mein eigner Instinct, der mich veranlaßte Manches nicht zu berühren. In Deinem letzten Briefe scheint aber der Ausdruck »Keinem, wer es auch sei«, auch Elise von mancher Mitwissenschaft ausschließen zu wollen; ich wünsche also, daß Du fortan dasjenige, auf Deine Lage und Stimmung Bezügliche, was auch sie nicht wissen soll, mir durch Einklammern bezeichnest. – Ich freue mich darauf, Elisen das Filigranbüchschen zu geben, von dem ich ihr schon geschrieben, des lockigen Inhalts aber nicht erwähnt habe, theils aus Vorsicht, theils um ihr noch eine Überraschung aufzuheben. Von der Versetzung ihres Mannes schreibt sie nichts dieses Mal, – hoffentlich ein Zeichen, daß dieser Plan gescheitert ist, was mir sowohl um ihret- als meinetwillen sehr lieb wäre; mag sie anderwärts ihr mehr zusagenden Umgang als den meinigen finden – möglicher Weise – sie wird doch Niemanden finden, dem sowohl natürliche Neigung als Verhältnisse es so zur Pflicht und Vorsatz gemacht haben, unter allen Umständen an ihr zu halten. Auch würde ich sie selbst sehr schwer entbehren; besonders jetzt, wo von Allem, woran ich mich vier Jahre erfrischt und geistig genährt habe, sie und Schlüters mir allein geblieben sind. Gott, was können ein paar Monate Alles mitnehmen! Ich habe wohl Recht, an jedem Neujahrstage zu schaudern. Man findet zwar in jedem Jahre wohl irgend etwas Gutes und Ungeahndetes, – wie Du Deine Stelle, den Reuchlin, Uhland, alle die Stuttgarter Freunde, und Deine zwei lieben Jungens, – aber weiß Gott, man verliert auch, was Einen ganz niederdrücken würde, wenn man es so mit einem Male voraus wüßte. Aber man kann doch ungeheuer viel vertragen, wenn es allmählig kömmt, und man arbeitet sich doch durchs Leben voran, ungefähr wie durch den Winter, wenns mit dem Sommer ab und alle ist. Levin, wenn Du kannst, wenn Du immer kannst, bleib bei Deinem Plane, in zwei Jahren nach Münster zu kommen; meine Gesundheit ist jetzt nicht so übel, ich werde dann wohl noch am Leben sein. Hörst Du? Denke, daß ich alle Tage zähle. Es ist schlimm, daß ich den Winter nicht hier bleiben kann; aber ich will auch nicht in Rüschhaus bleiben, sondern nach Hülshoff, und mir täglich Bewegung machen, dann denke ich wird es schon gehen. Wenigstens einmal wirst Du mir doch noch hieher schreiben? Es muß aber wieder auf dem alten Fuße sein; Laßberg bekömmt alle Briefe zuerst in die Hände und ist viel zu begierig nach Nachrichten von Dir, als daß ich ihn mit trocknem Munde könnte abziehn lassen; aber verkürze den officiellen Bericht und laß dieses dem privaten zu Gute kommen. Schreib mir aber nicht eher nach Rüschhaus, bis ich Dir von dort meine Ankunft gemeldet; eine so weite Reise kann hundert Zufällen und Verzögerungen unterworfen sein. NB. Mama schreibt mir von einem dicken Briefe, der für mich von Bielefeld von einem Buchhändler – woraus sie dieses schließt, sagt sie nicht – angekommen, und ob sie mir ihn nachschicken solle? Antwort: ja. Was könnte das sein? Weißt Du etwas davon? Ich gehe jetzt täglich ins Museum, setze mich auf Deinen Stuhl am Fenster und sehe, was das Morgenblatt bringt. Vorgefunden: erstens Dein Gedicht auf die Meersburg, was mir aber schon eine schöne Verlegenheit zugezogen hat, und zwar eine wohlverdiente, da die Idee, den guten Laßberg nebst Uhland auszumerzen zwar nicht von mir ausgegangen, aber doch approbirt worden ist; und jetzt fiel es mir wie ein Stein aufs Herz: Gott, das sieht ja ganz aus, als ob Levin sich öffentlich seiner schämte, als zu unbedeutend für ein Gedicht; und nun grade im Morgenblatt, das Laßberg gleich vor Augen kömmt! Es währte auch nicht lange, so waren die Puppen am Tanz; von allen Seiten wurde dem alten Herrn die schmeichelhafte Nachricht von Levin Schückings schönem Gedicht auf seine Dagobertsburg zugetragen, schriftlich und mündlich; Pfeiffer, Baumbach, Stanz, die Meersburger Honoratioren, – Jeder wollte ihn zuerst darüber becomplimentiren, und ich wußte mir nicht anders zu helfen, als indem ich gestand es gelesen und von der Redaction des Morgenblattes – die ja auch von Deinem »Jagdstreit« über die Hälfte eigenmächtig gestrichen – auf eine Weise verkürzt gefunden zu haben, daß alle Strophen, die sich nicht auf das bloß Landschaftliche und Historische bezogen, ausgelassen worden. Der arme Laßberg, der so kindisch froh war, sich vor aller Welt besungen zu sehn, daß er mich fast aus dem Bette ins Museum gejagt hätte, um »das Blatt seiner Glorie« zu holen, war, wie mir schien, fast dem Weinen nah, als er dies hörte, und sagte mit der kläglichsten Stimme von der Welt: »Wenn auf diese Art vielleicht Uhland und ich auch ausgemerzt sein sollten, so sollte mich das sehr freuen; denn ich mag nicht, daß man von mir spricht.« Er dauerte mich ordentlich, aber ich glaube nicht, daß er Verdacht auf Deine eigne lieblose Hand hat; Jenny eben so wenig, die auch ganz grimmig auf die perfide Redaction ist; ich weiß aber auch wirklich nicht, wo wir Beide unsre Gedanken gehabt haben, da wir doch Laßberg so gut kannten und dies Alles an den Fingern abzählen konnten. Um desto nöthiger ist es, daß Du ihm jetzt gleich schreibst, und zwar recht herzlich. Das menschliche Gefühl geht wunderliche Wege! Laßberg fühlt sich, aus Veranlassung Deines Gedichts, geärgert und gleichsam beleidigt, und ich meine, davon wird immer ein kleiner Schatten auf Dich zurückfallen, wenn Du dem nicht durch einen Beweis Deiner Hochachtung und anhänglichen Erinnerung zuvor kömmst. Am Besten wäre es, wenn Du das Gedicht, in seiner ersten Gestalt, noch einem andern Blatte, was Laßberg vor Augen oder wenigstens nach Meersburg kömmt, – z. B. dem Unterhaltungsblatt des Merkur oder der Didaskalia, – gäbst; dann wäre das Unglück ziemlich reparirt und allem etwa nachträglichen Verdachte vorgebeugt. Ferner fand ich im Morgenblatt mein Gedicht an Junkmann, was sich ganz gut macht; und dann füttert es seit 10–12 Tagen sein Publikum so unbarmherzig mit meiner Erzählung –– von Hauff »Die Judenbuche« getauft –, daß alle Dichter, die sich gedruckt sehen möchten, mich verwünschen müssen; denn ich und noch ein anderer Prosaist haben vorläufig das Blatt unter uns getheilt und werden wohl in diesem ganzen Monat auch nicht ein fremdes Hälmchen aufkommen lassen. Ich finde, daß sich meine gedruckte Prosa recht gut macht, besser und origineller als die Poesie, aber anders wie ich mir gedacht, und Dein früheres Urtheil hat sich, im Gegensatz zu dem meinigen, bestätigt. Der Dialog – dem ich jetzt einsehe durch Betonung beim Vorlesen sehr nachgeholfen zu haben – ist gut, aber doch unter meiner Erwartung und keineswegs außerordentlich; dagegen meine eignen Gedanken und Wendungen, im erzählenden Stile, weit origineller und frappanter als ich sie früher angeschlagen, und ich hoffe darin mit einiger Übung bald den Besten gleich zu stehn, – wenigstens nach meinem Geschmacke, der freilich immer ein Privatgeschmack bleibt, aber übrigens mir nicht schmeichelt, und nur mit dem zufrieden sein wird, was ihn auch bei Andern völlig befriedigen würde. Lachst Du mich aus, impertinenter Schlingel? Wer zuletzt lacht, lacht am Besten! Es wird doch etwas Tüchtiges aus mir. Aber Du mußt zuweilen per Feder nachschieben – weiß der Henker, was Du für eine inspirirende Macht über mich hast; seit ich bei diesem Briefe sitze, brennts mir ordentlich in den Fingern, sobald das Siegel darauf ist, wie eine hungrige Löwin über die mir zugewiesenen Stoffe – Deutschland im 19ten Jahrhundert – herzufallen, und dann, meine ich, müsse es nur so in einem Strome fortgehen: Gedichte, Lyrisches, Balladen, Drama, was weiß ich Alles, – das leibhaftige Eiermädchen! Wärst Du noch hier, mein Buch wäre längst fertig, denn jedes Wort von Dir ist mir wie ein Spornstich. NB. Die Cölner Zeitung kömmt Dir wohl nicht zu Gesichte? Es steht eine anonyme Recension Deines »Doms« darin, die ich Dir abschreiben will; das Blatt kann ich nicht schicken, da Laßberg jetzt die Cölner Zeitung auch aufhebt. Also: »Der Dom zu Cöln« \&c. Die Anzeige dieses vortrefflichen Büchleins, welches als Vorläufer des von Tag zu Tag sich immer großartiger kund gebenden Nationalinteresses für den Ausbau des Cölner Doms erschien, kommt etwas spät; der Verfasser dieser Zeilen hatte, aufrichtig gesprochen, nichts Anderes erwartet, als daß des geistreichen Schücking Schrift in Cöln, wo sie der Natur der Sache nach am Lebhaftesten anklingen mußte, ja, wo sie gedruckt worden ist, von der dortigen Tagespresse nicht unbeachtet bleiben würde. Da dieses nun doch bis jetzt der Fall war, so kömmt auch unsere Anzeige noch immer nicht zu spät, – eine Anzeige, die nicht zum Zwecke haben kann, die Eigentümlichkeit des Autors in allen Phasen seiner reichen Ideenentwicklung zu beobachten und zu zeigen, wie seine dichterische Weltanschauung das Thema nach allen Seiten hin auf eine geistreiche und glänzende Weise beleuchtet, sondern sie gewisser Maßen bloß einzuregistriren in das Zeitbuch, worin alle Bestrebungen für einen großen religiösen und nationalen Zweck verzeichnet sind; es wäre eine Ungerechtigkeit, stände Levin Schückings Name nicht darin, und diese Ungerechtigkeit wäre um so größer, da dieser Autor in seiner Schrift sein religiöses Lebenselement, das katholische nämlich, nicht verläugnet. Wie schön z. B. weiß er die Symbolik der Kirchenbaukunst nachzuweisen! Wie wahr sind und bleiben die Worte, mit denen er die lebendige Idee von der bloßen Mode, von der Ostentation zu trennen versteht, die sich leider bereits hier und da in die Dombausache mengt. Es ist nicht genug, sagt Schücking, ein dürftig Almosen herzugeben, um mit der Idee sich abzukaufen \&c.« (hier folgt ein kurzer Auszug bis zu »das Himmelreich für eine That!«) »Wahrlich, dieses Büchlein sollte in der Kajüte jedes Dampfschiffs zu finden sein, und jeder Deutsche, der den Rhein befährt, sollte, wenn er der heiligen Stadt ansichtig wird, wenn der Krahn auf dem Dome vor ihm auftaucht, das herrliche Eingangsgedicht Schückings »Der Bettler am Rhein« lesen, welches wir seiner Vortrefflichkeit wegen zum Schlusse unserer Anzeige vollständig mittheilen. Wir sind überzeugt, daß er dann, wenn er gelandet, gewiß seine Gabe, sei sie groß oder klein, in den Gotteskasten legt!« (Dann folgt »Der Bettler am Rhein«). NB. Ich bemerke eben, daß der Auszug aus dem Deinigen, den ich aus Faulheit nicht abgeschrieben, nur einzelne Phrasen enthält, vielleicht weit getrennte, ich will ihn also nachholen. »Es ist nicht genug,« sagt L. S., »ein dürftig Almosen herzugeben, um mit der Idee sich abzukaufen, um desto ruhigeren Gewissens dann das ganze Sein der Materie zuzuwenden. Ihr sollt aus innerem Drange und aus Liebe um des Glaubens willen euer Opfer bringen; ihr sollt euer bestes Silbergeräth in den Tiegel werfen, um den Klang der neu zu gießenden Glocke des deutschen Geistes wohl und volltönender zu machen . . . Alle sollen ihren Namen in das Buch des Lebens schreiben, das mit sieben Siegeln verschlossen war, und das die dreiste Hand des Jahrhunderts vor ihnen aufreißt. Eine That, eine That! Das Himmelreich für eine That!« – Lachst Du über meinen Eifer, Dir dies kleine Stückchen Lorbeerkranz zu schicken? Du steckst es doch ganz gern in Dein Strohdach zu dem Übrigen! Auch in der Constanzer Zeitung (leider ist das Blatt zerrissen) beklagt ein anonymes Genie – ich denke, es ist der Baumbach – von Meersburg datirend »die Abreise des geistreichen Verfassers des Doms \&c., Levin Schücking, den wir so glücklich waren während der Dauer des Winters in unsern Mauern, in der Dagobertsburg unseres Laßberg, zu besitzen, und der jetzt einem ehrenvollen Rufe nach Bayern gefolgt ist« – es sind nicht genau die Worte, aber doch der Inhalt –, und der Merkur –– man hält also auch in Münster die Constanzer Zeitung –– hat sich beeilt es aufzunehmen, so daß wir es jetzt schon zweimal verspeist haben. NB. Mein Gedicht »An die Weltverbesserer« ist auch, zuerst von der Carlsruher Zeitung, dann vom Merkur abgedruckt worden; das macht wohl die Tendenz – oder ist es so viel besser als die übrigen? Den 5ten. Guten Morgen, Levin! Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an Dich gedacht; ach, ich denke immer an Dich, immer. Doch punctum davon, ich darf und will Dich nicht weich stimmen, muß mir auch selbst Courage machen und fühle wohl, daß ich mit dem ewigen Thränenweiden-Säuseln sowohl meine Bestimmung verfehlen als auch Deine Theilnahme am Ende verlieren würde; denn Du bist ein hochmüthiges Thier und hast Einen doch nur lieb, wenn man was Tüchtiges ist und leistet. Schreib mir nur oft, mein Talent steigt und stirbt mit Deiner Liebe; was ich werde, werde ich durch Dich und um Deinetwillen; sonst wäre es mir viel lieber und bequemer mir innerlich allein etwas vorzudichten. Sobald ich diesen Brief geschlossen, gehts con furore ans Werk; ich bin wieder in der fruchtbaren Stimmung, wo die Gedanken und Bilder mir ordentlich gegen den Hirnschädel pochen und mit Gewalt ans Licht wollen, und denke Dir die Beiträge sehr bald schicken zu können, obwohl gewiß der Psalm wieder um zwei Drittel zu lang werden wird, die Du dann mit wahrer Chirurgen-Kälte amputirst. Mich dünkt, könnte ich Dich alle Tage nur zwei Minuten sehn, – o Gott, nur einen Augenblick! – dann würde ich jetzt singen, daß die Lachse aus dem Bodensee sprängen, und die Möwen sich mir auf die Schulter setzten! Wir haben doch ein Götterleben hier geführt, trotz Deiner periodischen Brummigkeit! Ob ich Dir bös bin? Ach Du gut Kind, was habe ich schon für bittere Thränen darüber geweint, daß ich Dir noch zuletzt so harte Dinge gesagt hatte! Und doch war viel Wahres darin. Aber mich vergißt Du doch nicht, was die Zeit auch daran ändern mag; wenn der eine Haken bricht, so hält der andre: Dein Mütterchen bleibe ich doch, und wenn ich auch noch vierzig Jahre lebe; nicht wahr, mein Junge? mein Schulte, mein kleines Pferdchen, – was hängen alles für Erinnerungen, die nie verlöschen können, an diesen Titeln! Schreib mir, daß Du mich lieb hast; ich habe es so lange nicht ordentlich gehört und bin so hungrig darauf, Du dummes, nichtswürdiges kleines Pferd! Aber an Laßberg mußt Du auch schreiben, an Laßberg, ich kann Dich nicht dringend genug antreiben. Jenny war schon zweimal hier aus demselben Grunde, da sie weiß, daß ich Dir grade schreibe; das arme Ding ist ordentlich kümmerlich darüber, in der doppelten Noth um Laßbergs Betrübniß – ich kann dir sagen, er ist betrübt, denn er hat Dich wirklich lieb – und um Deine Unehre; also: \&c. – Ich habe Dir schon gesagt, daß Wessenberg hier war. Seine Persönlichkeit ist jetzt weder angenehm noch bedeutend; indessen habe ich ihn zu spät kennen gelernt, da er offenbar schon sehr stumpf ist. Man sagt, er behandle Frauen gewöhnlich mit großer Geringschätzung und fast wie unmündige Kinder; mit mir hat er aber eine ehrenvolle Ausnahme gemacht, und nachdem er mir schon durch Baumbach viel Verbindliches über meine Gedichte und den Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen, hatte zukommen lassen, trat er mir jetzt, ziemlich taktlos und geziert, mit den Worten entgegen: »Sie sind also die Dichterin! Wahrlich, Sie haben eine herrliche Ader, von seltner Kraft! \&c.«, und Du glaubst nicht, mit welcher koketten, kleinlichen Ostentation er mich den übrigen Tag, halb protegirend, halb huldigend, zu unterhalten suchte, was ihm offenbar bitter schwer wurde; denn er muß jeden fremden Gedanken einige Minuten verarbeiten, ehe er ihn capirt, und kömmt dann hintennach mit seinem schallenden Beifalle, wenn längst von Anderm die Rede ist. Zudem scheint er mir unbegrenzt eitel; jede Miene, jede Kopfbewegung hat etwas Gnädiges; sein Gespräch ist durchspickt mit Hindeutungen auf seine litterarische und kirchliche Stellung, erlebten Verfolgungen \&c., und er bringt, passend oder unpassend, überall »seinen intimen Freund, den Erzbischof Spiegel« an, dem er sich auch so genau im Äußern nachgebildet hat, daß die Ähnlichkeit wirklich frappant ist, nur daß der angeborne unnachahmlich schlaue Blick in Jenes Gesichte in diesem sich fast lächerlich ausnimmt, weil die natürlichen Züge dagegen protestiren. Kurz, ich meine, diese große Eitelkeit und die allzeit damit verbundene Kleinlichkeit und Schwäche müssen Wessenbergs Bedeutendheit doch immer sehr geschadet haben, und ich kann mich, seit ich ihn gesehen, nicht enthalten, weit mehr diese für das Motiv seiner auffallenden Schritte zu halten als irgend etwas Anderes. Er hat mich, bei meiner nächsten Fahrt nach Constanz, aufs Höflichste zu Tische geladen; ich werde aber wohl keinen Gebrauch davon machen. Und doch – soll ich es gestehn? – doch habe ich mich bemüht, liebenswürdig und geistreich vor ihm zu erscheinen, des Rufes wegen, den er nun einmal hat. So sind wir Menschen; wir lassen uns auch eine papierne Krone gefallen, wenn wir wissen, daß Andere sie für Gold halten. Laßberg hat mich nach Heiligenberg Schloß Heiligenberg, ehemalige Besitzung der Fürstin-Witwe Elisabeth von Fürstenberg, geborene Fürstin von Thurn und Taxis. Sie starb 1822. geführt, – eine kalte, schlechte Partie! – überall nichts Merkwürdiges dort zu sehn; das Schloß recht schön, aber gewöhnlich, die Anlagen unbedeutend, Regenwetter, die Aussicht völlig bewölkt, in den leeren Sälen eine wahre Kellerluft, und obendrein mußte ich den ganzen Tag die Kinder hüten, weil Jenny zu Hause geblieben war. Laßberg dagegen war höchst bewegt, was mich halb stieß, halb rührte. Er führte mich durch alle Appartements, die seine Fürstin nach einander bewohnt, zog alle Schiebläden los, die sie gebraucht, und berührte, ich möchte sagen liebkoste Alles, was er als ihr früheres Eigenthum erkannte. Endlich, in einem kleinen Kabinette, fragte ich ihn: »Wo ist die Fürstin Elisabeth gestorben?« ich meinte, es sei in Italien gewesen. Da sah er mich starr an; legte die Hand in eine kleine Mauernische neben uns, sagte: »Hier! hier lag ihr Kopf!« und hinkte fort, so schnell er konnte. Später zeigte er mir ein hübsches, freundliches Haus, mit einer breiten Linde davor: »Dort habe ich vierzehn Jahre lang mit meiner Frau gewohnt; die oberen Fenster dort waren unser Wohn- und Schlafzimmer; unter dem Baume haben meine vier Jungens den ganzen Tag gespielt.« Es war sonderbar, daß ihn diese Erinnerung äußerst friedlich und wohlthuend zu berühren schien; es mußte das Bewußtsein des Rechtmäßigen, vor Gott und Menschen Ehrenwerthen des Verhältnisses sein, was so alles Andere versöhnend wirkte. Einige Tage später fuhren wir über Friedrichshafen nach Langenargen, acht Stunden von Meersburg, dieses Mal Jenny mit. Wie habe ich da an Dich gedacht, altes Herz, wie hundertmal habe ich Dich hergewünscht! Da hättest Du erst erfahren, was ein ächt romantischer Punkt am Bodensee ist. Von so etwas habe ich durch hier noch gar nicht mal eine Idee erhalten. Denk Dir den See wenigstens dreimal so breit wie bei Meersburg, ein ordentliches Meer, so breit, daß selbst ein scharfes Auge, Laßberg z. B., von jenseits nichts erkennen kann als die Alpen, die nach ihrer ganzen Länge, sogar die Jungfrau mit, in einer durchaus neuen und pittoresken Gruppirung wie aus dem Spiegel auftauchen. Du sitzest auf dem sehr schönen Balkone eines stattlichen Hauses – früher Kloster, jetzt Gasthof –, hinter Dir die Flügelthüren des ehemaligen Refectoriums geöffnet, was seiner ganzen Länge nach mit den lebend großen Bildern der alten Grafen von Montfort, in schweren goldenen Rahmen, wie getäfelt ist; unter Dir, über ein Stückchen flachen Strandes weg, die endlose Wasserfläche, wo Du 10–12 Kähne und Fahrzeuge zugleich segeln siehst, denn hier ist die Fahrt anders belebt wie bei Meersburg; links der sehr reiche und städtisch elegante Marktflecken; tief im See ein Badehaus, zu dem ein äußerst zierlicher schmaler Steg führt, der sich im Wasser spiegelt, und gleich dahinter ein Seebusen, voll Segel und Masten, ganz wie ein Hafen, aber ohne das unangenehme Gemäuer; und endlich rechts, nicht zweihundert Schritte vom Gasthofe, der Hauptpunkt, die herrliche Ruine Montfort, auf einer Landzunge, die schönste, die ich je gesehn habe, mit drei Thoren, zackichten Zinnen und einer dreifachen Reihe durch ihre Höhe und Tiefe ordentlich imponirender Fensternischen, in denen die herrlichste Stuccaturarbeit dem Winde und Regen noch zum Theil widerstanden hat und man sie so mit einem Male, über die Nischen streifend, wie eine grandiose Stickerei übersehen kann. Die Ruine ist als solche noch nicht alt, obwohl sonst ein sehr altes Gebäude. Vor fünfzig Jahren wohnte noch ein Schaffner darin; dann ward das Schloß zum Abbruch verkauft, und nachdem das Dach und die innern Mauern niedergerissen waren, kam ein Befehl von Stuttgart – es ist württembergische Domaine – damit inne zu halten. Seitdem steht es nun in seiner verfallenden Pracht und läßt sich nach und nach von den Wellen unterminiren, die schon viele Fuß tief in die Mauern gewühlt haben und, wenn man drinnen ist, wie unterirdisch brausen, weshalb auch ein Anschlag vor dem Hineingehen als gefährlich warnt; man thuts aber doch. Jetzt hat sich ein armer Blumenhändler mit Frau und Kind dort angesiedelt; in der nothdürftig hergestellten Pförtnerstube unter dem Thorgewölbe hockt die Familie zusammen; auf den Mauern und Basteien, wo nur ein Fleckchen Erde ist, steht alles voll Blumen in Beeten und Töpfen; aus einem der Kellerlöcher meckert eine Ziege, und ein halbes Dutzend weißer Kaninchen schlüpft zu den untern Fensternischen aus und ein. Du kannst Dir das Malerische des Ganzen nicht denken; es ist so romantisch, daß man es in einem Romane nicht brauchen könnte, weil es gar zu romanhaft klänge, und ein fremder Kaufmann, den wir gestern beim Figel trafen, und der grades Weges aus dem südlichen Frankreich durch Italien und in letzter Station von Langenargen kam, war ganz entzückt davon und sagte, er könne es nur den schönsten Aussichten bei Genua und Neapel vergleichen. Auch ich kann Dir nicht sagen, wie klein und armselig mir seitdem die hiesige Landschaft vorkömmt. Wenn Du mit Deinen Zöglingen übers Jahr kömmst, versäume ja Langenargen nicht. Laßberg meint, in höchstens ein paar Jahren werde die Unterminirung vollendet sein, und an einem schönen Tage die ganze Ruine zusammenprasseln. Lieber Himmel, warum habe ich einen so schönen Tag ohne Dich genießen müssen! Ich habe immer, immer an Dich gedacht, und je schöner es war, je betrübter wurde ich, daß Du nicht neben mir standest und ich Deine gute Hand fassen konnte und zeigen Dir – hierhin – dorthin – – Levin, Levin, Du bist ein Schlingel und hast mir meine Seele gestohlen; Gott gebe, daß Du sie gut bewahrst. Aber Du hast mich auch lieb und denkst auch an mich an Deiner Donau, – suchst Muscheln, die wahrscheinlich nicht da sind, und hast schon Pflanzenabdrücke und zwei Steine für mich zusammen gehütet, – so ists recht! und wären es am Ende auch simple Kiesel, so soll man immer für einander denken und schaffen, um die Liebe in sich selbst frisch zu erhalten; ich will auch für Dich zusammenscharren, geschnittene Steine, Pasten, Rococo, wie ich nur kann. Sobald man soviel zusammen hat, daß man es auf die ordinaire Post geben kann, ist es das Porto immer leicht werth, und es ist eine gar zu große Freude, das Empfangen wie das Geben. Du altes Herz, Deine Müschelchen, die Du mir hier gesucht und in den Schwefelholzkästchen gegeben hast, kann ich kaum ohne Thränen ansehn, und sie sind mir lieber wie alle die schönen seltnen Meermuscheln in meinem Glasschranke zu Rüschhaus. Adieu, Levin, behalt Dein Mütterchen lieb, stelle Dir oft vor, daß ich bei Dir wäre und Du mir Alles erzähltest und vertrautest, wie da wir zusammen waren; bitte, denk das oft, so wird in Deinem Herzen nie eine Falte gegen mich kommen; ich will Dir auch immer Alles sagen. Adieu, lieb Herz. Was Du von der Beichte und Kommunion sagst, ist gewiß sehr richtig, und es liegt ein großes, tiefes Heil in dieser unumwundenen Selbsterforschung und Anklage; meinst Du, ich fühlte das nicht? An der Heilsamkeit habe ich nie gezweifelt, und auch der Glaube an die Heiligkeit kömmt häufig wie eine unwiderstehliche Gewalt über mich. Adieu! Hier ist Alles beim Alten; aber in Münster ist der alte Bürgermeister Münstermann gestorben, sonst Niemand, den Du kennen könntest. – Laßberg, Jenny, die Kinder grüßen herzlich. – Ich habe bei meiner alten Trödlerin für einen Gulden ein altes Leben Christi mit fünfundvierzig herrlichen Kupfern von Sadeler, demselben, von dem die Eremiten in Rüschhaus sind, gekauft. – Schreib mir doch, was Du vom Vater hörst, auch von Freiligrath, und wo er sich am Rhein aufhält; ich reise sonst durch und weiß es nicht. Hast Du ihm schon die fünf Thaler geschickt? Ich fürchte, Du vergißt es bei dem unruhigen Leben, und er ist gewiß in Noth darum. Mondsee den 13ten Mai 1842. Es sind jetzt sechs Wochen, seit ich von Meersburg fort bin – mir scheinen es sechs Monate – und bis auf diese Stunde habe ich noch keine Zeile von Ihnen erhalten . . . was ist das? Wissen Sie, daß ich recht ängstlich besorgt deshalb bin? Mein einziger Trost ist die Annahme, daß Sie das schöne Wetter benutzt haben zu Ihrer intendirten Mailänder Reise – oder hat man Ihren Brief auf der Post verloren? Oder sind Sie krank? Bitte, wenn Sie können, nur ein paar winzige Zeilen, daß ich nicht länger unruhig sein brauche! Ich hoffe, Ihr Brief ist verloren gegangen, – der Portier in Ellingen, der mir Briefe nachschicken soll, ist sehr im Stande dazu – ich hoffe es, so traurig es auch wäre, wenn mir eine Zeile von dem verloren ginge, was Sie mit so viel Mühe zu Stande bringen müssen: deshalb bitte ich ja auch nur um ein paar kurze Zeilen, um eine Seite höchstens, daß es Ihnen wohl geht. Unterdeß muß ich fortfahren, Sie von mir zu unterhalten. Am 24sten vorigen Monats bin ich von Engelszell mit den beiden Prinzen nach Wien abgereist und am andren Tage Nachmittags angekommen, aber krank. Die schwere Krankheit, welche ich zu Heidelberg im Mai 1834 zu überstehen hatte, kam von Erkältung und Aufenthalt in frisch gefärbten Zimmern. Das war jetzt wieder die Ursache, denn in Engelszell war ein frischer Farbengeruch nicht zum aushalten, und dazu kam eine Erkältung auf der Donau. Nun denken Sie sich einen Menschen, der sehr krank ist, und trotzdem den ganzen Tag durch das Gewühl einer ungeheuren Stadt fiakern und Merkwürdigkeiten sehen muß, zum Theil in winterlich kalten, wüsten Räumen – der grimmiges Zahnweh hat und die Mundfäule dazu! Und nun des Nachts diese quälenden Träume von ungeheuren, nie endenden Sälen mit Merkwürdigkeiten und lauter Merkwürdigkeiten bis in die aschgraue Unendlichkeit hinein! – Was habe ich geseufzt, aus dieser Tortur fort, in Rüschhaus aus Ihrem Fenster nur eine Viertelstunde lang die grüne Wiese ansehen zu können und keinen Laut zu hören – es wäre ein Himmel für mich gewesen! Was ich gesehen habe oder vielmehr angestarrt in Wien, ist folgendes: Die k. k. Bildergallerie im obern Belvedere; die Ambrasersammlung im untern Belvedere, – ganz was Herrliches!! – eine Kunstausstellung, die Gallerie des Fürsten Liechtenstein. Die Bibliothek. Den k. k. Marstall. Die Galawägen. Das Naturalienkabinet. Den k. k. Schatz mit der Krone Carls des Großen. Das Antikenkabinet mit Medaillen und Münzen – o die hätten Sie sehen sollen! –, mit der kostbarsten erhabenen Gemme der Welt, einer Apotheose des August, – und köstlichen andren Sachen. St. Stephan; zweimal den Prater; Schönbrunn; das k. k. Zeughaus, das bürgerliche Zeughaus u. s. w. und endlich Wien, eine köstliche Stadt! Übrigens sieht man nicht viel in Wien. Jede dieser Sammlungen ist an irgend einem Tage offen und dann strömt eine ganze Menschenmasse zusammen, der man sich anschließen muß, um von dem Ciceronen rasch durchgeführt zu werden, der nur eilt, ein andres Hundert Neugieriger einzulassen und dazu sind alle diese Sammlungen so unendlich, so fabelhaft reich, daß man sich bald ganz stumpf sieht. Das Einzige, was mich trotz meines Zustandes recht freute, war die Bekanntschaft Lenau's. Ich trieb ihn in einem Kaffeehause auf, wo er am Billardspiel war; er war sehr freundlich, sogar so sehr, meine Gedichte zu loben. Leider war ich nicht im Stande, länger als eine Viertelstunde mich mit ihm zu unterhalten. Auch den Dichter Seidl lernte ich kennen; er ist Custos des Antikenkabinets. Sonst habe ich von berühmten Leuten Niemand gesehen, mit Ausnahme des Erzherzog Carl im Burgtheater. Am Montag waren wir angekommen, am Samstag fuhr ein Dampfschiff die Donau hinauf, und dies benutzte ich zur Rückkehr, da es mir nicht möglich war, länger auszuhalten und meine Krankheit drohte mich außer Stand zu setzen, die Prinzen in Wien beaufsichtigen zu können. Die Donaufahrt ist schön, doch nur stellenweise das, was der Rhein ist. Vor Allem interessant waren mir Mölk, Göttweih, Klosterneuburg und die Ruinen von Dürrenstein, worauf Richard Löwenherz gefangen saß, gehütet von den Chuenringen. Dann die schöne Gegend von Linz. Von diesem letzteren Ort gings landeinwärts nach Mondsee, wo wir am Montag Nachmittag ankamen, leider noch hundert östr. Gulden Reisegeld in der Tasche, die ohne meine Krankheit mit uns nach Ungarn gewandert wären. Nachdem ich hier nun acht Tage einsam und verlassen das Bett gehütet, bin ich wiederhergestellt, nur noch etwas angegriffen, und ich glaube, daß über eine schwere Krankheit die Aufregung des Wiener Aufenthalts mir hinübergeholfen hat. Wie habe ich mich während dieser acht öden Tage nach der Meersburg gesehnt und mir ausgemalt, wie Sie mich gewiß nicht so allein liegen lassen würden, wie Sie mir freundlich was vorplaudern würden, wenn ich auch keine Silbe hätte antworten können, um Ihnen zu danken, denn diese »Stomachace«, wie der Arzt es nennt, macht einem das Sprechen unmöglich. Hier in Mondsee ist es wunderschön, das ist wahr, aber öde! Ich bin bange vor dem Heimweh, oder mindestens davor, daß ich meine fortwährende leise Wehmuth im Andenken an alle fernen Freunde nicht wieder los werde. Aber sonst bin ich zufrieden: il faut supporter la vie . Haben Sie Freiligraths Denkmal – sein »1862« und eine Notiz über mich in Nr. 117 der Cölnischen gelesen? Daß letztere von ihm herrührt, muß ich voraussetzen. Ihre »Warnung« steht auch in der Cölnischen (1. April). Smets ist Domherr in Aachen geworden, Lutterbeck in Gießen; ich wollte, Junkmann wär' auch etwas geworden! Aber nun geht mir der Muth zum Schreiben aus, im Gedanken an Ihr beunruhigendes langes Schweigen: o bitte, bitte, reißen Sie mich heraus! Meine Adresse ist jetzt: »Mondsee bei Salzburg in Östreich, frei Grenze.« Wie stehts mit Lasaregg? Hier weiß Niemand von diesem Gute. Bitte, schreiben Sie mir doch, liebes Fräulein, vor Allem schreiben Sie mir, daß Sie und Alle auf der alten Meersburg gesund sind. Ich möchte verzweifeln, wenn ich denke, wie weit es noch hinaus ist, bis mir der Bote, der zweimal in der Woche von hier nach Salzburg geht, eine Antwort auf diesen Brief mitbringen kann. Ich weiß gar nicht, was ich dem Lewald für seine Dombausteine schicken soll; ohne Bibliothek hier, in einem großen nackten Zimmer, ist es mir unmöglich, irgend einen Stoff aus der Luft zu greifen; und doch drängt Lewald. Wie gehts Ihrer Arbeit? Von Lenau kommen nächstens die Albigenser bei Cotta in die Presse. Was macht das Morgenblatt? Hat es Ihre Novelle schon? Ich bekomme nur die Cölner Zeitung hierher. Was haben Sie Neues aus Münster gehört und was macht der Merkur? Gott segne Sie, liebes Fräulein, mit seinem besten Schutze und aller Liebe, die Sie verdienen. Könnten die tausend herzlichen Grüße, die ich Ihnen zurufe, so warm an Ihr Ohr klingen, wie sie mir aus dem Herzen kommen! Apropos. Während meiner Krankheit habe ich den ganzen Washington Irving wieder gelesen. Er ist doch ein angenehmes Talent, aber gar kein bedeutendes. Sein Bracebridge ist höchst gemüthlich aufgefaßt, aber auch höchst arm an Erfindung. Irving ist ein weiblich empfänglicher, aber gar kein schaffender Geist. Von Ihrem »Westphalen« erwarte ich weit mehr, als sein Bracebridge ist. Die Dinte geht mir aus, ich kann nur noch aufs Angelegentlichste »der edlen Burgfrau« mich empfehlen lassen und daneben sein Ihr treuergebenster S. Meersburg den 25sten Mai 1842. Soeben habe ich Deinen guten, lieben Brief erhalten, mein altes Herz, und antworte auf der Stelle, obwohl ich Dir einige Tage später den Aufsatz fürs Deutschland hätte mitschicken können, der fast beendigt ist. Aber es geht hier jetzt so bunt zu, fast kein Tag ohne Besuch ( NB. zumeist Damen), wo meine Unterhaltung das Beste thun muß, da Jenny den ganzen Tag in der Erde kratzt, – daß man beim Aufstehen Morgens nie weiß, ob man nach der Dampfbootstunde noch zu einer einzigen Zeile kömmt, und es ist mir jetzt um Deinen klugen Rathschlag noch vor meiner Abreise zu thun. Der Buchhändlerbrief ist nämlich angekommen und war wirklich ein solcher, von der Compagnie Velhagen \& Klasing, und bereits vom 5ten April datirt. Da er kurz ist, schreibe ich ihn ab, damit Du den Grad ihres guten Willens, in litterarischer und pecuniairer Hinsicht, selbst abmessen kannst. »Ew. Hochwohlg. vor einigen Jahren erschienene Gedichtsammlung erregte schon damals unsre höchste Aufmerksamkeit, und zwar nicht bloß als Product eines vaterländischen, sondern überhaupt sehr bedeutenden dichterischen Talentes; die Absicht, welche beim Lesen des Bändchens in uns aufstieg, der Verfasserin die Gefühle der Freude und des Danks für so viel Genuß auszusprechen, kam im Drange der Geschäfte nicht zur Ausführung, wurde aber jetzt beim Lesen Ihres Gedichts an die Weltverbesserer, welches im Morgenblatt so wie in der Cölnischen Zeitung stand, wieder angeregt. Sollten Sie, hochgeehrteste Dame, für fernere litterarische Productionen unsere Dienste als Verleger annehmen wollen, so würden wir uns dadurch geehrt fühlen. Vielleicht darf dieses Anerbieten mit einigem Rechte den Charakter der Uneigennützigkeit ansprechen, da Gedichtsammlungen wohl nur in den seltensten Fällen zu den gewinntragenden buchhändlerischen Unternehmen gezählt werden können. Hier mindestens ist das Motiv persönlicher Genugthuung dasjenige, welches uns geleitet hat. Genehmigen Sie, hochgeehrteste Dame, die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung, mit der wir verharren Ew. Hochw. gehorsamste Velhagen \& Klasing.« Was sagst Du dazu? Fürs Erste: Ist die Buchhandlung reell und von gehöriger Ausbreitung? Viel zahlen scheint sie nicht zu wollen, am Liebsten gar nichts. Und wie stehts eigentlich mit dem Cotta? Du mußt nach dem Gespräche mit ihm und Hauff dieses so ziemlich wissen oder mindestens ahnden, nämlich ob ihm meine bereits eingesandten Gedichte, nebst denen aus dem »Malerischen und romantischen«, »Cölner Dom«, »Musenalmanach«, – so gut gefallen haben, daß er, wenn das Ganze ihnen entspricht, wohl zur Annahme geneigt wäre, oder ob er umgekehrt hierauf noch nichts giebt und ganz andere Zeichen und Wunder erwartet, in welchem Falle man die Sache für abgemacht ansehn müßte, da Du selbst jene Gedichte ja als die besseren ausgelesen hast und ich auch wohl nie eine schönere Ballade machen werde als den Grafen von Thal, den Erzbischof Engelbert von Köln, den Geierpfiff und das Second Sight . Schreib mir doch, ich bitte, ganz offen hierüber; du weißt, dieses ist nicht meine Achillesferse. Grade als ich den Bielefelder Brief bekommen, ließ sich ein Landsmann bei mir melden. Ich flog wie ein Pfeil hinüber und stand vor einem wildfremden Menschen, den ich um seinen Namen fragen mußte, zu seiner größten Verlegenheit, da er mir glaubte eine Karte geschickt zu haben, die aber Laßberg gebracht worden war. »Er sei Bernhard Meyer«, – nun wußte ich so viel wie zuvor, und er mußte mir wieder selbst erzählen, »daß er ein Litterat sei, Dichter, Recensent, Mitarbeiter an verschiedenen Blättern, und geglaubt habe, mir durchreisend seine Aufwartung machen zu müssen.« Was ist denn an dem Menschen? Hat er denn wirklich mit seinen zweiundzwanzig Jahren schon einen Ruf und ist im Stande, reife Schriftsteller zu beurtheilen? Dich hatte er auch flüchtig gesehn, bei einem münsterischen Pseudogenie, was unter dem Namen Achat schreibe, meine ich, oder gar beim Fraling, ich weiß selbst nicht mehr. Er schien mir unmäßig eitel, taktlos, auch habe ich ihn im Verdacht der Prahlerei; aber offen war er übrigens, und ein Gedicht auf Napoleon, was er uns vordeclamirte, wirklich hübsch, sofern man etwas durch einen begeisterten Vortrag Gehobenes richtig beurtheilen kann. Er kam aus Zürich, wo er sich sechs Monate aufgehalten, und ging nach Stuttgart, wo er vom Cotta die eben vacante Redaction eines Blattes zu erhalten hofft. Er schien des Erfolgs, falls die Stelle nicht grade jetzt vergeben, und jedenfalls einer Beschäftigung durch Cotta ziemlich gewiß zu sein, wie er überhaupt wie einer sprach, der durch seine bisherigen Erfolge über seine künftige pecuniaire Stellung völlig beruhigt ist. Am Telegraphen war er auch beschäftigt und machte sein nahes, wie er sagte vertrautes Verhältniß zu Gutzkow auf eine Weise geltend, die mich glauben machte, es sei sein einziges. Kurz, er ließ alle seine Künste vor mir spielen, vernachlässigte aber Laßberg dermaßen, daß dieser höchst pikirt sich in seine Fensterecke zum Schreiben krümelte, und ich nöthig fand, ihn – den Meyer – auf den »Herausgeber des Liedersaals« aufmerksam zu machen, wo er dann etwas höflicher und in Folge dessen zu Tisch geladen wurde. Er will nächstens eine Tragödie herausgeben, Julius Caesar, rein antirepublikanischer Tendenz, wo er den Brutus am Ende seine Irrthümer einsehen und die Portia bewundernd vor dem Caesar niederknieen läßt. Ich habe ihm gradezu gesagt, wie wenig Erfolg ich dieser crassen Neuerung prophezeie, und vermuthe, dieses wird mir noch mal eine schlechte Recension eintragen. Schon früher hatte ich ihm, da er mich um meine gegenwärtigen Arbeiten fragte, von meinen Unterhandlungen mit Cotta, so wie von dem Bielefelder Brief gesagt; von Velhagen und Klasing rieth er mir ohne Weiteres ab, nannte sie eine untergeordnete Firma, die sich fast nur mit Übersetzungen befasse und noch kein einziges bedeutendes Originalwerk gegeben habe; vom Cotta dagegen sprach er eben so windbeutelig in Beziehung auf mich wie auf sich selbst, nämlich, daß es mir gar nicht fehlen könne, daß Cotta sich glücklich schätzen müsse \&c. Ich erwarte von Dir nun die eigentliche Wahrheit. Gottlob, daß ich die litterarische Prosa dieses Briefes hinter mir habe und von etwas Anderem reden kann. Also krank bist Du gewesen, mein armes gutes Herz, und so verlassen und gelangweilt dazu! Es ist jetzt vorüber, aber ich werde die Angst, daß Du wieder krank werden könntest, nicht los werden, besonders wenn ich noch zweihundert Stunden weiter fort bin. Gott, was ist das Getrenntsein doch für eine harte Sache! Wäre ich dagewesen, Niemand hätte mich von Deinem Bette fortgebracht, und Dir wäre auch wohler gewesen, wenn Du Dein Mütterchen gesehen hättest. O ich kann wohl Kranke pflegen und bin dann gar nicht hülflos, sondern, ich darf es wohl sagen, recht entschlossen und ausdauernd, wie überhaupt in allen Fällen, wo es Noth thut; Du hast mich nur noch in keinem solchen gesehn. Und Deine schöne Wiener Reise ist Dir mit der Gelegenheit auch so lumpig verhunzt worden! Jenny und Laßberg, bei denen Du Dich durch Deinen schönen langen Brief wieder ganz weiß gewaschen hast, sind auch ganz betrübt darüber und trösten sich nur damit, daß Du die Tour wohl bald mal wieder unter besseren Umständen machen würdest. Beide haben Dich herzlich lieb, und Laßberg ergreift jede Gelegenheit von Dir zu sprechen, wäre es auch nur, um mich auf eine harmlose Weise ein wenig mit meinem »Seelenfreunde« zu necken. Von meiner Abreise habe ich weiter nichts gehört, da die Wintgens gegenwärtig in Frankreich sind, zweifle aber nicht, daß sie, bei ihrer großen Pünktlichkeit, am festgesetzten Tage – den 15ten Juni –– wirklich wie Steine vom Himmel fallen und mich mit sich fortkollern werden. Dann bin ich wieder in Rüschhaus, und für die jetzigen Erinnerungen treten die alten ein, wo Du mein Schulte warst; – denkst Du noch an mein Kanapee mit den Harfen, – meine Bank unter den Eichen? von der ich so schwer Abschied genommen habe, als ob es mich geahndet hätte, daß ich Dir dort nie wieder mit meinem Fernrohr auflauern würde, wenn Du durch den Schlagbaum trabtest, Deinen Rock auf dem Stocke. Das Vergehen und nie so Wiederkommen ist etwas Schreckliches! Wenn Du wieder nach Rüschhaus kömmst, bin ich ein altes Madämchen, und auch Dir sind derweil hundert Dinge durch den Kopf gegangen, und meine dicke Milch und zusammen gespartes Obst werden Dir nicht halb so gut mehr schmecken.. Weißt Du schon, daß mein Onkel Werner Haxthausen Graf Werner v. Haxthausen, geb. 1780, studierte in Münster und Prag die Rechte, in Göttingen und Halle orientalische Sprachen und Medizin. Er gehörte zu den Stiftern des Tugendbundes, mußte von Kassel über Schweden nach London flüchten, kehrte 1812 zurück, um an den Freiheitskriegen teilzunehmen, wurde Offizier und zuletzt Generaladjutant Wallmodens. Auf dem Wiener Kongresse verkehrte er mit Stein, dem Grafen Münster, Arndt und verlegte sich auf die Sammlung neugriechischer Volkslieder, der auch Goethe seine Teilnahme zuwandte. 1815 kam er als preußischer Regierungsrat nach Köln. Nach seinem Austritt aus dem Staatsdienste gab er sein Buch: »Über die Grundlagen unsrer Verfassung« heraus. Er starb 1842 auf seinem Gute Neuhaus in Franken. gestorben ist? Am Schlagflusse; Mama wußte in ihrem letzten Briefe noch nichts davon, obwohl sie es der Zeit nach längst hätte wissen können, sondern schrieb nur: »Sie erwarte täglich ihre Schwester Zuidtwig, die plötzlich den charmanten Einfall bekommen, sie zu besuchen.« Ohne Zweifel ist diese abgesandt, ihr die Nachricht beizubringen, und ich bin recht unruhig. bis ich einen Brief von Hause habe. Mama ist apprehensiv, namentlich vor dem Schlage, an dem nun schon binnen einem Jahre der zweite ihrer Brüder stirbt; zudem hatte sie Wernern sehr lieb. Mir hat dieser Tod einen mehr ernsten als traurigen Eindruck gemacht. Werner hatte sich gänzlich überlebt und schlich umher als eine klägliche Ruine glänzender Fähigkeiten und zahlloser im Keime verdorrter Entwürfe. Gott, wenn ich bedenke, was der Mann Alles vorgehabt, und dagegen halte, was er wirklich geleistet und erstrebt hat! Vanitas vanitatum! Und doch hat er sich geplagt und intriguirt, wie er schon kaum mehr auf den Füßen stehn konnte, und gewiß sind ein Dutzend solcher unreifen Embryone mit ihm zu Grabe gegangen. Vom August Haxthausen Frh. August v. Haxthausen, Bruder des Vorhergehenden, gleich ihm ein genialer, hochbegabter Mann, der »insbesondre sich einen rühmlichen Namen durch seine Forschungen und Studien über älteste Agrarverfassungen, über Rußland und über die Länder jenseits des Kaukasus machte.« Schücking, Einleitung zu den Ges. Schriften v. A. v. Dr.-H. erzählte Reinhard Brenken grandiose Dinge, »wie gnädig er in Berlin vom Könige aufgenommen sei,« und sprach von ich weiß nicht mehr was, Präsidentur, Gesandtschaft oder gar Eintritt ins Ministerium; kurz, es lautete fabelhaft, und da Mama keine Silbe davon schreibt, habe ich es auch ohne Weiteres ins Reich der fabelhaften Metamorphosen verwiesen. Den Tod der Thielmann Wilhelmine Thielmann, geb. 1772, Witwe des aus den Freiheitskriegen rühmlich bekannten Generals v. Thielmann. Aus Freiberg in Sachsen stammend, war sie der Hardenbergschen Familie befreundet, ihre Schwester Julie v. Charpentier war die Braut von Novalis gewesen. Sie starb 1842 zu Godesberg am Rhein. wußte ich schon; requiescat in pace! Sie war mal sehr liebenswürdig und beinahe glücklich, seit Jahren aber keines von beiden mehr, da eine periodische Geistesverwirrung, die alle 7–8 Jahre auf einige Wochen eintrat und früher nur ein gesteigertes inneres Leben, einen höchst anziehenden Phantasie- und Gemüthsreichthum hinterließ, nach dem letzten Anfalle (vor 3–4 Jahren) ihr einen fortwährenden Zustand von Confusion und Grillenhaftigkeit zu Wege gebracht hatte, so daß sie sich selbst und Andern zur Last war und mein letztes Zusammentreffen mit ihr auf unsrer Herreise mir einen traurigen und unheimlichen Eindruck hinterlassen hat. Uebrigens hat sie unendlich viel erlebt, ihren Mann als Unterlieutenant gegen den Willen ihrer Verwandten geheurathet, ihr erstes Kind in einer elenden Hütte auf Stroh geboren, und ist eine sehr glückliche arme und sehr unglückliche reiche Frau gewesen. Ihre Erfahrungen, sowohl was Lebens- und Zeitverhältnisse als Beziehungen zu bedeutenden Menschen betrifft, waren höchst merkwürdig und ausgebreitet; sie hat mir früher Vieles davon mitgetheilt, was ich aber nie benutzen möchte, nicht weil es Geheimnisse wären, sondern weil es mir wie eine Grausamkeit vorkömmt, Poesie aus dem Unglücke seiner Freunde zu pressen. Requiescat! Ihr ist wohler unter der Erde als darüber. Den 26sten (Fronleichnamstag). Ich schreibe Dir unter Kanonendonner, unter Pauken- und Trompetenschall. Die Bürgermiliz hat sich vor der Pfarrkirche aufgepflanzt und läßt ihr Geschütz, wirklich ordentliche Kanonen, seit vier Uhr Morgens, sechs Messen lang, so unbarmherzig zu Gottes Ehre knallen, daß fast in jedem Hause ein Kind schreit; und wir auf dieser Seite haben alle Fenster aufsperren müssen, damit sie nicht springen. In den Schwaben ist doch mehr Lust und Leben wie in unsern guten Pumpernickeln! Stiele hat sich in eine Uniform gezwängt, die aus allen Nähten bersten möchte, und maltraitirt die große Trommel mordmäßig. Als ich aus der Kirche kam, salutirte er höchst militairisch und sagte dabei höchst bürgerlich: »Guten Morgen, gnädiges Fräulein!« Da höre ich soeben die Prozession kommen. – Sie ist vorüber gegangen, meine gute Jenny mitten drin, zwischen lauter alten Frauen, unter denen sie, mit ihren zwei schneeweißen Kinderchen an der Hand, ordentlich wie ein frommes anmuthiges Madönnchen aussah; sie kann mich oft recht rühren, besonders wenn ich denke, wie bald sie Wittwe sein wird. Stell Dir vor, Laßberg machte sich, wie ich von den Strengs erfahren, bedeutend jünger als er ist; sein Bruder Alexander, der zwei Jahr jünger war und schon vor drei Jahren starb, hat, wie auf den Todtenzetteln stand, das Alter von zweiundsiebzig Jahren erreicht; also muß Laßberg nahe an achtzig sein. Ich kann ihn, seit ich dieses weiß, nie ohne Sorge ansehn, und seine Eigenheiten scheinen mir verzeihlicher sowie seine innere Frische viel bewundernswerter als zuvor, und ich fühle, daß ich von einem so steinalten Manne viel zu viel verlangt habe. Um so mehr leid ist es mir, daß Carl Laßberg jetzt plötzlich nach Böhmen versetzt ist, und ich begreife Laßbergs große Verstimmung bei dieser Nachricht, da er jetzt den Sohn wohl schwerlich in seinem Leben wiedersehn wird; auch ich denke jetzt: einmal in Meersburg, zum ersten und letzten Male. Die Kessels werden wahrscheinlich fortziehn, da seit der Eleven-Entlassung um Pfingsten ihr junges Personale auf zwei oder drei zusammen geschrumpft ist, und nach ein paar Jahren würde ich hier wahrscheinlich keinen Menschen mehr finden, der mir nur einen Stuhl böte; der gute Herr Hufschmidt möchte denn noch am Leben sein und mir »ä Täßle Kaffee« präsentiren. Das ist auch Vanitas vanitatum! Was dann aus Jenny und den Kindern werden wird, muß ich mit Geduld und geringer Hoffnung abwarten, da es leider nur zu gewiß ist, daß Laßberg sein Vermögen nicht angelegt hat; und mit Lasaregg ist es auch nichts, die Besitzer dürfen bürgerlich sein, und so tritt der Sohn der Erblasserin ohne Hinderniß ein. Viele meinen, Laßberg hätte früher große Summen eingepökelt, und es würden sich ganze Tonnen voll Geld finden. Gott gebe es! aber ich glaube nicht daran, obwohl man aus seinem oft ausgesprochenen Wunsche, daß Jenny nach seinem Tode die Meersburg behalten möge, schließen sollte, daß er auch ohne dieses ihre Zukunft gesichert wüßte. Aber wer so leichtsinnig Geld vertrödelt wie er, pflegt sich überall mit der Rechenkunst nicht viel abzugeben. Neues giebt es hier sonst nicht. Unser Liebhabertheater hat um Ostern seine letzte Darstellung, den Till Eulenspiegel, gegeben, wo Herr Grimm zum letzten Male als Till alle Herzen bezaubert, dann Jennyn seine Nachtigall verkauft hat und am folgenden Tage auf den Thränen aller Meersburgerinnen nach Karlsruhe geschwommen ist, wo ihn weniger Ruhm, aber ein hübsches Ämtchen erwartet, was er leider keine unserer schönen Damen eingeladen hat mit ihm zu genießen. Herr Stiele scheint etwas betroffen über den Verlust seiner glänzenden Theaterstellung, macht sich aber desto breiter bei andern Späßen und hat z. B. am vorigen Sonntage, wo beim Figel große Fete mit türkischer Musik war, aus reiner Kunstliebe die große Trommel gehandhabt, daß alle Bänke zitterten; er sah köstlich aus in seinen Hemdärmeln, seine dicken Arme schwingend, roth um den Kopf wie ein Puter, und die Wahlverwandtschaft mit seinem Instrumente war gar nicht zu verkennen. Jetzt habe ich seit vierzehn Tagen seine angenehme Nachbarschaft; es ist nämlich ein langer Tisch in mein Vorzimmer gestellt worden, auf dem er für Laßberg den Bauriß des Cölner Doms illuminirt. Ich gäbe für das Ding keinen Gulden, und er bekömmt zwölf Kronen dafür, ist aber so faul, daß er wenigstens sechs Wochen darüber pinseln wird und also doch dabei Hunger leiden muß; denn Laßberg hat ihn dieses Mal nicht in Kost und Logis genommen, wie früher beim Copiren seiner beiden Missale-Deckel, wo Stiele es möglich gemacht hat, vier Monate drüber zu arbeiten, so daß Laßberg ihn vor Ungeduld fast zum Hause hinaus geworfen hätte. Es ist doch ein Windbeutel in folio . Er ist so kühn, daß er anfangs unter allerlei Vorwänden mehrere Male in mein Zimmer kam; jetzt habe ich mich aber abgesperrt, gehe durch das Kämmerchen und die Küche aus und ein, und er kann seiner Allemannskoketterie nur durch die künstlichsten Arien und Läufe Lust machen, die er während der Arbeit so gleichsam hinwirft, und die oft seltsam verunglücken. Ich habe seit Kurzem enormes Glück mit Kaufen und Schenken gehabt. Z. B. im vorigen Jahre wünschte der arme Sprick Der Maler Sprick in Münster, der, mit einer zahlreichen Familie gesegnet, schwer mit Lebenssorgen zu ringen hatte. Annette stand ihm und den Seinen treulichst und oft über ihre Kräfte hinaus bei. zwölf köstliche alte Kupferstiche zu verkaufen, für die er – wie er meinte ein Spottpreis –– fünfzehn Thaler gegeben hatte, sie aber aus Noth für fünf wieder ablassen wollte. Jetzt lasse ich auf ein mir unbekanntes Kupferwerk in Schaffhausen bieten; es kömmt vorigen Dienstag an, drei Folianten, Preis vier Gulden, und enthält – außer den zwölfen noch hundert gleich herrliche Kupfer, alle von demselben Meister. Wat segst du over nu? Noch wohlfeiler wären die Geschenke, wenn ich nicht den hinkenden Boten, ich meine die frühere oder spätere Revanche, fürchtete. Wären die guten Leute alle Sammler, dann hülfe ich mir mit meinen Doubletten durch, nun aber wird noch mancher Groschen im Laden springen müssen. Alles macht mir Abschiedsgeschenke und Abschiedsbesuche, so daß ich mein Leben mit melancholischem Lächeln und Händedrücken hinbringen muß; lächerlich wär es, wenn die Wintgens nun ausblieben. Lottchen Ittner hat mir zweiundzwanzig prächtige Kupferstiche geschenkt, Stanzen, eine Medaille, die sich öffnen läßt und zwölf wunderhübsch gemalte Augsburger Trachten enthält, Rüplins eine ganz ähnliche mit neunzehn Legendendarstellungen, der Oberst Ensberg Muscheln, Mineralien, Mosaik, Helene Laßberg, Fritzens Wittwe, dito Muscheln; kurz, ich bin überreich, und werde in Folge dessen bald blutarm sein, wenn ich mir nicht mit dem Dir so verhaßten Ausschneiden theilweise durchhelfe. Du siehst, an Besuchen hat es uns nicht gefehlt; außerdem war Reuchlin – der Dich herzlich grüßt – zweimal hier und will vor meiner Abreise noch einmal kommen. Strengs haben uns vier Tage etwas vorgegähnt, und dann noch zwei alte Freunde von Laßberg mit Frau und Kind, die auch mehrere Tage blieben; ich bewundere mich selber, daß ich doch noch etwas derweil gearbeitet habe. Ob viel? »Den Umständen nach«, wie es in den ärztlichen Bulletins heißt. Die bewußten Aufsätze erhältst Du indessen ganz nächstens; antworte mir nur ja jetzt gleich, wegen Cotta und Velhagen, was ich von dem Ersteren zu erwarten habe, um meine nothwendig baldige Antwort an den Zweiten danach einzurichten. Soll ich etwa, wenn es mit dem Cotta sehr zweifelhaft und Velhagen nicht annehmbar wäre, bei Adelen wegen des ( nescio ob Jenaers oder Leipzigers) anfragen? Es ist doch immer etwas, daß er sich mal angeboten hat, und zwar »für jedes Genre«, wie der Brief ausdrücklich sagte, was doch ein gutes Vertrauen auf meine Feder verräth. Im Museum war ich seit einigen Tagen nicht, bis dahin war meine Judenbuche beendigt, von der ich nur das im vorigen Briefe Gesagte wiederholen kann, nämlich: daß ich den Effekt fand, wo ich ihn nicht suchte, und umgekehrt, das Ganze aber sich gut macht. Es ist mir eine Lehre für die Zukunft und mir viel werth, die Wirkung des Drucks kennen gelernt zu haben. Gestrichen hat man mir nur einmal ein paar Zeilen, nämlich das zweite Verhör ein wenig abgekürzt; wenn Du es nicht schon gethan hattest, worüber ich ungewiß bin. Zuerst war ich zürnig, grimmig wie eine wilde Katze, und brauste im Sturmschritt nach Deisendorf; auf dem Rückwege war ich aber schon abgekühlt, und gab dem Operateur – Hauff, Dir, oder gar mir selbst – Recht; sonst ist Wort für Wort abgedruckt. Unmittelbar hinterdrein erschien »Die Judenstadt in Prag« von Kohl. Ich erschrack und dachte, es sei eine gute Erzählung, mit der man die Leser für meine schlechte entschädigen wolle; statt dessen war es aber ein meiner Geschichte gleichsam angereihter Aufsatz über die Stellung der Juden überall und namentlich in Prag. Jetzt schien mir eher etwas Günstiges darin zu liegen, als ob man das Interesse der Leser durch meine Judenbuche für diesen Gegenstand angeregt glaube; habe ich Recht oder nicht? Auch die »Bilder aus dem Soldatenleben im Frieden« fangen wieder an sich fortzuspinnen. Poetisches? Sehr schlechte Deutsche Lieder von Knapp und ein Gedicht von Freiligrath; den Titel habe ich leider vergessen, es hat mir aber durchaus nicht gefallen. Der Held aus der Reformationszeit, ich glaube Ulrich v. Hutten, würfelt auf einer Felsplatte mit Felsblöcken, wo jetzt ein Bad steht, und auch die Würfel klingen; der Refrain: »ich habs gewagt« zuweilen ziemlich bei den Haaren herbeigezogen; von Dir oder mir noch keine Zeile. Der Merkur ist seit einigen Tagen ausgeblieben; was mag das bedeuten? Nach den vielen Bränden überall wird man ordentlich apprehensiv. Bisher stand, außer dem Hamburger Unglück, was alle Blätter anfüllt, nichts darin als Heringe und Bücklinge und diverse Schuster und Schneider, die die Welt durch ihr Abscheiden betrübt oder mit Nachkommenschaft erfreut hatten. Den 27sten. Soeben komme ich vom Museum, voll Jubel über Dein Westphalen, was in Nr. 122 (23sten Mai) steht und sich ganz köstlich macht. Du bist doch ein Baasjunge! Meine Mütze kann ich nicht in die Luft werfen wie Freiligrath, weil ich keine trage, aber ich möchte Dich zu Brei zusammen drücken, wenn ich Dich nur hätte! Du Schlingel, warum bist Du nicht bei mir! Es ist doch sonderbar, wie das Drucken metamorphosirt; für so unendlich schöner wie Deine »Meersburg« hätte ich das Gedicht nicht gehalten, obwohl Du dieser auch Unrecht thust, die immerhin eine hübsche Poesie bleibt. Deine Idee mit den Reisebriefen, wo Du dem guten Laßberg seinen Verlust erstatten willst, lobe und billige ich; laß ihn aber nur nicht in der Feder bleiben. Daß Du so dumm geworden bist und nichts für den Lewald weißt, thut mir leid; ich habe dieses aber schon an mehreren alten Leuten erlebt, z. B. dem Wessenberg, und mir, die auch nichts für den Lewald weiß, – wenn ich ihm nämlich noch was liefern muß, worüber Du mich bisher im Dunkel gelassen hast. Von Elisen habe ich einen neuen Brief, wo sie mir für meine Nachrichten dankt und große Freude über meine nahe Zurückkunft äußert. Die Bornstedt ist nicht in Herbern geblieben, – auf Anrathen ihrer Freunde, wie sie sagt – sondern fortwährend in Münster, wo sie Elisen und mir alles gebrannte Herzeleid anzuthun sucht. Aber wart, du schwarze Hexe, ich will dich schon zusammensetzen, wenn ich erst da bin! Rüdigers Versetzung liegt im weiten Felde, und Elise glaubt nicht mehr daran. Aber – wie doch der litterarische Geschmack verschieden ist! – meine »Weltverbesserer«, das einzige meiner Gedichte, was mir auswärts wirkliche Beachtung zu Wege gebracht hat, scheint in Münster höchst klatrig fortzukommen; wenigstens giebt mir Elise allerlei verschleierte Winke über »Unverständlichkeit« und »vernagelte Köpfe«. – Im Lafleur hat sie die Bornstedt auf der Stelle erkannt und meint, es werde Jedem so gehn, außer ihr selbst. Schlüters sind mit etwas besseren Hoffnungen von Grefrath zurückgekommen. Die Bornstedt scheint sich ganz dort eingenistet zu haben, wie sie jetzt auch höchst intim mit der Lombard ist; es wird doch etwas dazu gehören, sie in die Luft zu sprengen. Mit Junkmann geht es schlecht; zweimal hat er gehofft, befördert zu werden, und zweimal ist Einschub gekommen. Adieu, mein liebes altes Herz; ich habe Alles so vollgequackelt, daß ich Dir kaum noch sagen kann, wie unmenschlich lieb ich Dich habe, und wie ich immer an Dich denke. Adieu. Jenny und Laßberg grüßen tausendmal. Meersburg den 13ten Juni 1842. Vorgestern habe ich Deinen Brief erhalten, mein gutes Herz, und heute sitze ich schon wieder hinter der Feder, und zwar auch einmal »in flüchtigster Hingeschmissenheit«, damit mein Brief wo möglich noch vor oder mindestens zugleich mit demjenigen anlangt, den Dir Laßberg schreiben wird. Dieser hat nämlich soeben einen Brief vom alten Hug aus Freiburg erhalten, des Inhalts: daß ihm eine Anfrage vom Regierungsdirector von Recke in Freiburg geschehn hinsichtlich der moralischen und politischen Richtung des Levin Schücking, dem man, im Falle man hierüber gleich sichre und günstige Zeugnisse zu erhalten vermöge, als man bereits über andre erwünschte Eigenschaften eingeholt, die Redaction der Freiburger Zeitung anzubieten gedenke. Laßberg, der natürlich eine gelehrte Beschäftigung jeder andern vorzieht, auch, nach seinem Charakter, Selbständigkeit höher als jeder Andre anschlagen muß, und endlich, obwohl Hug nicht das Geringste über die Verhältnisse jener Stellung sagt, diese sich doch als sehr vorteilhaft – z. B. etwa fünfzehnhundert Gulden Gehalt, und nach gewissen Jahren eine schöne Pension – vorstellt, ist außer sich vor Freude, und da Hug ihn als Mann von Ehre, dessen Zeugniß den Ausschlag giebt, befragt, sitzt er in diesem Augenblicke hinter seinem Schreibtisch und giebt dem Herrn von Recke sein Ehrenwort hinsichtlich Deiner moralischen und politischen Ansichten, und mit diesem zugleich soll ein Brief an Dich abgehn, worin er Dir alles dieses und das Bevorstehen des Antrages mittheilt. In dem Schreiben an Recke wird er die Vortheile Deiner jetzigen Stellung und vorzüglich die Gewißheit lebenslänglicher Pension nach acht Jahren hervorheben, um ihre Anträge dadurch zu steigern. Lieber Levin, ich kenne Dich zehnmal besser wie Laßberg und weiß, daß Du, obwohl weder Demagog noch Freigeist, doch nicht zur Hälfte so loyal und orthodox bist, wie der gute alte Herr es meint; bedenke, daß ein Mann, der Dich liebt und allgemein geachtet ist, sein Ehrenwort für Dich giebt, und geh auf nichts ein, wenn Du fühlst, es nicht erfüllen zu können. Vielleicht ist das Blatt gänzlich von der Regierung abhängig, und eine entgegengesetzte Handlungsweise würde Dich sehr bald um Deine Stelle bringen, wo Du dann zwischen zwei Stühlen säßest. Vielleicht steht es auch frei da, die Regierung mischt sich unberufen hinein, Du hättest bloß die Verpflichtung, Inserate aufzunehmen, und könntest ihr übrigens, wenn Du erst fest säßest, ein Schnippchen schlagen; dann bleibt aber immer meines Schwagers Ehrenwort, was Du nicht in Schande bringen darfst. Meine Zweifel Laßberg mittheilen konnte ich natürlich nicht, und es hätte auch nichts bewirkt, als daß ein Antrag rückgängig geworden wäre, der Dir doch jedenfalls angenehm sein muß und Dich in mancher Beziehung vorteilhafter stellt, beim Fürsten wie in der litterarischen Welt, und der, wenn er Dir nicht ansteht, mit einem Lobe Deiner jetzigen Stellung so leicht zurückzuweisen ist, was noch zugleich ein schönes Kompliment für den Fürsten wäre und Dir einen guten Stein im Brette gäbe. Hug schreibt übrigens, wie gesagt, nicht das Geringste, weder über die pecuniairen noch litterarischen Verhältnisse des Blatts, weder über seine Verbreitung noch Haltbarkeit; ich spreche also allerdings wie die Blinde von der Farbe, bis auf den Punkt des Ehrenworts, der klar und einfach daliegt. Das Übrige wird der Brief des Herrn von Recke an Dich ohne Zweifel hinlänglich beleuchten, bis auf das Letztere, die Haltbarkeit, die jedes Blatt natürlich hofft und mindestens seine Zweifel darüber Niemanden mittheilt. So kann es mir auch nicht einfallen, Dir eigentlich ab- oder zuzurathen, da ich die Freiburger Verhältnisse gar nicht und Deine jetzigen jedenfalls nicht halb so gut kenne wie Du selbst; aber Du wirst Deinem Mütterchen nicht böse werden, wenn sie Dich daran erinnert, daß Du jetzt in dem Alter stehst, wo eine gesicherte Stellung anfängt äußerst wünschenswerth zu werden, und daß Du Dir in keinem Falle das Brett unter den Füßen wegziehen darfst. Du kannst noch fünfzig Jahre leben; so lange muß das Blatt also noch bedeutend floriren, wenn Dir nicht Deine Pension – ohne diese würde ich mich auf keinen Fall einlassen – übers Freiburger Münster fliegen soll, und Du vielleicht in einem Alter brodlos werden, wo Dir Muth und Kraft zu einer neuen Carriere längst gebrochen sind. Kömmt das Blatt aber vielleicht unter Garantie der Regierung heraus oder wird mindestens so von ihr protegirt, daß es nicht wohl je eingehen kann, so dürfte Deine Stelle bei demselben allerdings einem festen Amte nahe stehn. Ich bin nur neugierig, ob die Anerbietungen wirklich so verlockend lauten werden, wie Laßberg es sich denkt; anderseits – werde nicht ungeduldig, liebes Herz – liegt es mir sehr im Kopfe, ob Deine Stellung beim Fürsten auch wohl so gesichert ist, wie sie scheint. Man hat mir gesagt, er sei sehr verschuldet, und was Du mir Alles schreibst von den vielen Reisen \&c., scheint mir eben nicht zur Verbesserung seiner Lage geeignet; man kann ein prächtiger Mann und doch ein sehr schlechter Wirth sein, und in solchen Fällen sieht es, selbst bei dem größten Grundbesitz, mit den Zahlungen der Pensionen wenn nicht gradezu unsicher, doch mindestens sehr unregelmäßig und beengend aus. Ich habe dieses beim Grafen Plettenberg-Nordkirchen gesehn, dessen Tochter dem guten alten Steinmann einen zwanzigjährigen Pensionsrückstand grade wollte auszahlen lassen, als er am Tage zuvor begraben war. Es muß Dir ja leicht sein, hierüber Auskunft zu erhalten, und der Fürst ist doch wohl ein Mann, der von selbst an seine Anerbieten denkt, oder wenigstens leiden kann, daß man ihn daran erinnert? und nicht etwa wie z. B. mein Herr Schwager, von dem, so viel er von »Festmachen und Schriftliches in Händen haben« spricht, doch durchaus nichts Schriftliches in die Hände zu bekommen ist? Denke vor Allem daran, wenn das halbe Jahr um ist, und daß eine Vormundschaft mit dem besten Willen Dir nicht einen Heller auf bloß mündliche und selbst briefliche Versprechungen herausrücken dürfte. Auch gäbe ich Vieles darum, daß die Fürstin schon da wäre; diese Art Junggesellen-Wirthschaft hört dann auf – wenn sie bleibt, für immer –, und es mag leicht ein solcher Abstich eintreten, wie beim Freiligrath vor und nach seiner Heurath. Denn eine tugendhafte Frau hat immer großen Einfluß auf ihren Mann, wenn er sie auch nicht liebt; und jedenfalls ist sie die gebietende Fürstin und hat den geselligen Ton anzugeben, der möglichen Falls so ungesellig ausfallen könnte, daß er Dir Alles verleidet. Kurz, liebes Herz, ich bitte Dich dringend, tappe nicht blind zu, nach keiner Seite; mache es nicht wie die jungen Mädchen, die die ersten Freier en bagatelle behandeln, weil sie meinen, jetzt müßten sie nur so schockweise nachkommen; suche Dich über die schwierigen Punkte beider Stellungen möglichst ins Klare und Sichere zu setzen, und dann werden ja wohl Ehre und Vortheil den Ausschlag nach irgend einer Seite geben. Bist Du ungeduldig? Hast Du den Brief schon zehnmal fortgeworfen? Levin, ich bin Dein treues Mütterchen, was Dich lieber erzürnt oder sich von Dir auslachen läßt, als schweigt, wo sie denkt, Reden könnte gut für Dich sein. Es hat schon drei geschlagen, mein Brief muß auf der Stelle fort; also nur noch: die Arbeit für das »Deutschland« ist fertig und muß nur noch abgeschrieben werden; Du erhältst sie ganz nächstens. Elisen hat Dein Lafleur gefallen, doch, wie mir scheint, nur lau, da ihr wirklich der Sinn fürs Humoristische abgeht. An Adelen werde ich sofort schreiben und nach erhaltener Antwort Dir, wie Du vorgeschlagen, mein Manuscript zur Verfügung übersenden; an die Bielefelder schreibe ich also vorläufig gar nicht. Meine Abreise zieht sich in die Länge; die Wintgen schreiben vom »Ankommen zu Ende dieses Monats und dann noch Ausflügen in die Schweiz«, sodaß ich noch wohl vier Wochen bleiben und Dir hoffentlich binnen dieser Zeit das Manuscript überschicken werde. Lewald möchte ich aber von dem Vorhandenen nicht gern etwas geben, da, wie Du weißt, die Lieferanten der Bausteine sich verbindlich machen müssen, das Gelieferte nie in ihrem Leben anderwärts zu benutzen; wenn ich kann, mache ich noch etwas Eigenes für ihn. – Freiligrath werde ich in St. Goar aufsuchen, den Aufsatz von Dingelstedt mir verschaffen, wenn ich kann . . . Adieu, bestes Herz; es schlägt halbvier, und die Feder zittert mir in der Hand vor Eil; Adieu, Adieu, Gottes Segen tausendfach über Dich. Ich habe von Deinem letzten Briefe nichts an Laßberg gesagt, so wenig wie er weiß, daß ich Dir jetzt schreibe; denke daran, wenn Du ihm antwortest – auf den Brief, den er jetzt eben schreibt; der an Recke ist schon fort. Vergiß aber nur ja das Antworten nicht, an Laßberg meine ich. Nächstens mit dem »Deutschland« mehr; ich habe Dir tausenderlei zu erzählen. Meersburg den 7ten Juli 1842. Ich bin gewiß, mein guter Junge ist nicht nur ungeduldig, sondern auch besorgt wegen meines langen Stillschweigens. Es hat auch einen recht schlimmen Grund gehabt, nämlich die furchtbarsten Gesichtsschmerzen, an denen ich jetzt schon über drei Wochen Tag und Nacht leide, und die erst seit gestern so weit nachgelassen haben, daß ich heute hoffe, dieses Blättchen ohne Unterbrechung vollschreiben zu können; bisher war mir, sobald ich mich zum Schreiben bückte, grade als wenn ich den Kopf in siedendes Wasser steckte. Unter welchen Schmerzen und in wie einzelnen Zeilen ich die beikommende Abschrift zusammen gestoppelt habe, kannst Du sonach wohl denken und wirst mir deshalb nicht nur die Verzögerung, sondern auch die vielen Correcturen verzeihn, da ich oft kaum wußte, was ich schrieb, und jedenfalls nicht wagen durfte, das Geschriebene nachzulesen oder gar darüber nachzudenken. Da ich nun den ersten Aufsatz nur flüchtig hingeworfen und mich hinsichtlich der feineren Ausführung, sowohl was den Stil als die Folgenreihe betrifft, hauptsächlich auf den freieren Überblick während des Abschreibens verlassen hatte, so weiß Gott, aber ich nicht, wie es damit aussehn mag, und Du mußt Dir den Rummel arrangiren, so gut Du kannst. Vielleicht rundet es sich auch schon so ziemlich; im Einzelnen ist wenigstens wahrscheinlich, soviel ich im halben Dusel darüber urtheilen kann, das Meiste zu gebrauchen, wenn auch vielleicht erst anders zusammengestellt und mit Stilverbesserungen. Ich habe übrigens keineswegs, wie Du mir riethest, »hübsch zusammengedichtet«, was mir doch für ein geschichtliches Werk zu gewagt schien, sondern mich streng an Thatsachen gehalten und, wo ich mich selbst als Augenzeugin anführe, sie auch wirklich miterlebt. Dieses brockenhafte Niederschreiben hat eine Menge Beschreibungen und Auslassungen zur Folge gehabt, und diese vieles Durchstreichen und Bekreuzen, so daß Du Dich erst ordentlich herein oder vielmehr heraus lesen mußt, ehe Du selbst wissen kannst, was daran ist. Wäre es etwas Anderes gewesen, so hätte mir Jenny die Abschrift machen können; so aber durfte ich meine Collegenschaft mit Dir doch nicht kund werden lassen. Die Wintgens sind jetzt angekommen, vorgestern. Sie bleiben noch einige Tage und machen dann Touren in die Schweiz, die auch einige Wochen hinnehmen werden; ich bleibe derweil hier und erwarte ihre Zurückkunft. Unsere Abreise wird demnach wohl nicht vor Ende dieses Monats oder dem Anfang des folgenden Statt haben; wenn Du mir also gleich antwortest, kann ich den Brief noch bequem hier erhalten. Laßberg ist auch sehr gespannt auf eine Antwort von Dir, und als ich ihm vorstellte, Du würdest wahrscheinlich erst den Antrag von Freiburg abwarten, um dann, nach Einsicht der Bedingungen, ihm Deinen Entschluß mittheilen zu können, sagte er »er habe Dich um Zurücksendung eines Briefes gebeten, und darauf hättest Du doch antworten müssen.« Sei nicht so saumselig, liebstes Herz, und verschleudre nicht so muthwillig goldne Meinungen, die doch immer wenigstens so viel werth als uns die Personen lieb sind. Meine Mutter hat kürzlich geschrieben, aber kein Wort von unsern Freunden. Die Wintgens konnten mir nur sagen, daß die Bornstedt sich in Münster gewaltig lebendig und kraus macht und unzertrennlich von der Lombard ist; ferner daß Schlüter so blind nach der Operation wie vor derselben ist, aber fortwährend von Grefrath aus mit Hoffnungen gefüttert wird; daß die Spricksche Familie mit Sack und Pack nach Brüssel gezogen, und Elise, grade vor der Wintgens Abreise, von einem längeren Aufenthalt in Oldenburg zurückgekommen sei und recht wohl ausgesehn habe; dies sind meine vaterländischen Nachrichten alle. Hier gehts einen Tag wie den andern; das Gespräch dreht sich ohne Abwechselung um die Kinder, die Blumen, die Vögel und die Manuscripte. Ich habe auch zwei halbe oder ganze Gelehrte kennen gelernt. Erstlich Bothe, den Herausgeber vieler Classiker, einen wunderlichen, schnauzigen, dürren, alten Kauz, mit einem Stelzfuße, der nur einen Tag blieb, und den Jenny, nachdem sie ihn einen Augenblick allein gelassen, antraf, wie er mitten im Zimmer stehend sich meinen Grafen von Thal laut vordeclamirte und ganz entzückt davon schien, worauf ihm Jenny das Buch mit nach Constanz gab, von wo er es mit einem so begeisterten Briefe zurück geschickt hat, daß ich eitel darauf werden könnte, wenn ich wüßte, ob der Mann Geschmack hat. Ferner Albert Schott, der vor acht Tagen ankam und längere Zeit bleiben wird, um allerlei Excerpte für irgend ein Werk, was er unter der Feder hat, zu machen. Er ist noch jung, oder scheint es, hat ein feines, blondes, kränkliches Aussehn, ist im Umgang etwas überzart, aber gemüthlich und spricht vorzüglich gern von seiner jungen Frau und seinen drei Kinderchen, was mir bei meiner Denkweise natürlich einen sehr angenehmen Eindruck macht und mich auf recht freundlichen Fuß zu ihm gestellt hat. Er ist ein großer Verehrer Freiligraths und der beste Freund Reuchlins. Ad vocem Freiligrath: diesen werde ich freilich nicht sehen können, da das Dampfboot an St. Goar vorbei schnurrt, was mir äußerst leid ist; ich hätte dem guten dicken Patron so gern mal in seine treuherzigen Augen gesehn. Wenn meine Gesichtsschmerzen jetzt wirklich dauernd nachlassen, werde ich weiter an meinen Gedichten schreiben und hoffe sie Dir doch noch vor meiner Abreise schicken zu können. Schott ist übrigens dagegen, daß ich mich viel um den Cotta abmühe; die bei ihm erscheinenden Bücher hätten bei Weitem nicht mehr den Credit wie früher, und er sei gleich mißtrauisch und mache schlechte Bedingungen, sobald er sehe, daß man ihm nachgehe. Mache aber ja Schott keinen Verdruß dadurch, daß Du etwas hiervon gegen Hauff äußerst. Und nun Adieu, mein bestes, theuerstes Herz; meine Gedanken sind viel, viel bei Dir und immer auch in den größten Schmerzen gewesen. Aber ich kann nicht mehr schreiben, mein Kopf siedet. Liebes Herz, wundere Dich nicht, wenn ich Dich fortan Sie nenne und Dich um ein Gleiches bitte; die gefährliche Zeit unserer Correspondenz fängt jetzt an, und es ist mir zu empfindlich, alle Deine lieben Briefe des Du's wegen verbrennen zu müssen. Ellingen den 29sten August 1842. Ich habe so lange nichts von Ihnen vernommen, daß ich ganz unruhig deshalb bin. Doch hoffe ich, es ist die zwischen Ihren letzten Brief und jetzt fallende Reise Schuld daran, mein liebes Fräulein, sonst könnte ich nicht denken, daß Sie mich so lange vergessen haben.. Daß Sie nach Westphalen abgereist sind, und zwar am 10ten dieses Monats, habe ich aus einem gnädigen Handschreiben von Laßberg gesehen, welches vorgestern bei mir einlief, begleitend sein neuestes Opus: »Der Oettinger«, in welchem mich die Vorrede wegen ihrer classischen Gemütlichkeit ungemein gefreut hat. Es ist außerordentlich viel kindlich Liebenswürdiges in dem alten Herrn, so scharf er auch sonst sein kann, wie ich neulich erfahren habe, wo er böse war, daß ich den Brief von Hug nicht gleich zurückgeschickt, und wo nur mein Armmalheur Ein durch einen Sturz vom Pferde herbeigeführter Armbruch. mich gerettet hat vor ewiger Ungnade. Wie es mir geht? Gut und auch nicht. Ich bin oft melancholisch und sehr traurig, so allein zu sein »zwischen den Ungläubigen«, aber dann auch wieder heiter und körperlich sehr wohl. Werde ich von Ihnen dasselbe hören? Ich habe so oft an Sie gedacht und an Ihre abscheulichen Gesichtsschmerzen! Wenn Sie die Reise nur nicht wieder so angegriffen hat, daß die Wirkung des guten Meersburger Climas erschüttert ist, da Sie dieselbe noch für den ganzen langen Winter nöthig haben! Ich habe unterdeß zwei kleine Schächtelchen, eine mit Münzen, die andre mit Salzen, für Sie zusammengespart. Dagegen sind meine Mondseer Mineralien noch nicht angekommen; jene hoffe ich Ihnen sehr bald durch einen nach Hamburg reisenden Stallmeister senden zu können. Für die Dombausteine habe ich meinen ganzen Roman hergegeben. Leider erscheint das Taschenbuch erst gegen Neujahr. Freiligraths Immermanns-Album ist noch immer nicht da! Sehr begierig bin ich, was Sie mir in Ihrem nächsten Briefe von Ihren Gedichten schreiben. Ihren litterarischen Bekannten B. Meyer habe ich wiederholt in der Augsburger Allgemeinen von Zürich aus verfolgt gefunden; dort hat er als Schauspieler agirt und scheint durchgegangen wie Courion Moris, schäbigen Andenkens, aus Pforzheim. Ich muß sehr mit diesem Briefe eilen, denn ich spare die Zeit dazu meinen Stunden ab. Deshalb will ich rasch einige Bitten, die ich an Sie habe, mein liebes gnädiges Fräulein, vorausschicken, um zu sehen, was dann an Zeit übrig bleibt. Auf der Hohenhausenschen Auction hab' ich die Bücher gekauft; dieselben liegen, wie mir Frau v. Hohenhausen Elise v. Hohenhausen, geb. 1789, Tochter des Generals v. Ochs, Gattin des Regierungsrats Frh. v. Hohenhausen. Als Dichterin und Schriftstellerin ihren Zeitgenossen wohl bekannt, bethätigte sie sich außerdem auch als Übersetzerin. schreibt, bei ihrer Tochter in Münster, und ich soll auch an diese den Betrag dafür einsenden. Nun habe ich neulich respondendo nach Münster geschrieben, und da ich nicht gern so bald einen zweiten Brief nachfolgen lassen mag, bitte ich Sie, den anliegenden Betrag von sechs Thalern ihr zukommen lassen zu wollen. Von den Büchern ist eins Manuscript. Damit möchte ich Laßberg eine Freude machen, und deshalb geht mein Ansuchen dahin: ob Sie von Münster aus ihm dasselbe (eine Wiedertäufergeschichte – ist was dran?) bald zukommen lassen zu wollen die Gnade haben? Die übrigen Bücher erbitte ich mir nebst einem Exemplar des Bornstedtschen Ludgers, L. v Bornstedt, »Der h. Ludgerus, erster Bischof von Münster, und die Bekehrungsgeschichte der Friesen und Westfalen.« Münster, 1842. und ferner: Ich werde wegen meines Westphalens gedrängt und habe gar kein Material. Wenn Sie einmal Rüdiger sprächen, daß er vielleicht manche Quelle für die Abtheilungen: Industrielle Verhältnisse, Statistisches, Verdienste und Fehler der jetzigen Regierung, mir angeben, oder für mich erhalten könnte. Der alte Hüffer hat auch gewiß Manches, was er Rüdiger gern mittheilte. Junkmann würde mir Materialien wegen der Eisenbahnen geben können; Wirksamkeit der Landstände und Gesetzgebung sind Punkte, die ich auch berühren möchte, wenn ich die Quellen hätte. Ich möchte in dieser Beziehung wohl Ihren Onkel August um Materialien bitten, – was meinen Sie dazu? Bitte, erkundigen Sie sich einmal, und wenn Einer oder der Andre etwas Taugliches hat, so würde es mich sehr glücklich machen, wenn es mit den in Münster liegenden Büchern von irgend einer mitleidigen Seele eingepackt und mir baldmöglich direct hierher geschickt würde. Wie geht's Adelen? Grüßen Sie recht herzlich, wenn Sie schreiben. Ich bin zwei Tage in München gewesen. Wenn wir nur nicht nach Mondsee brauchen, diesen Winter! Der Fürst kann's kaum mehr abwarten, in seine Löwengrube zurückzukommen. Doch hat er hoffentlich die Rücksicht, seine Kinder hier zu lassen. Es muß im Winter schrecklich dort sein! Mit tausend Wünschen für Ihr Wohl und tausend Grüßen bin ich in großer Spannung auf Ihren nächsten Brief von allen die Welt durchstreifenden Dichterstrolchen wer am zuverlässigsten und treuesten ist Ihr Levin Schücking. Es ist hier kein Fleck im Hause gemüthlich. Diesem Brief werden Sie's ansehen; er ist ein Philister, den man als Calculator bei einem Eisenbahnbüreau anstellen sollte. Lassen Sie mich bald von Ihren Gedichten hören; haben wir nur das Manuscript erst, der Verleger ist Nebensache. Herzliche Grüße an Alle, besonders an die beiden Junkmann, dem Wilhelm laß ich danken für einen Brief, den ich in Mondsee bekam, und der mich sehr gefreut hat; er soll mich nicht vergessen – dann vor Allen an Schlüters. Meine gehorsamste Empfehlung an Ihre Frau Mutter. Rüschhaus den 11ten September 1842. Endlich ein Brief von dem kleinen Pferde! Wissen Sie, Levin, daß ich ganz zürnig war? Obwohl ich es generöser Weise, vielleicht auch mit aus Hochmuth, in meiner königlichen Brust verschlossen hielt und that, als könne ich noch gar keinen Brief erwarten. Wer hätte denken sollen, daß der Klüngelpeter von Laßberg sein Breve, dem schon bei meiner Abreise nicht viel mehr als das Couvert fehlte, erst nach Wochen vom Stapel lassen sollte! Mein Junge darf sich also nicht wundern, daß ich mich wunderte, etwas ängstete und ziemlicher Maßen erzürnte; denn eine innere Stimme sagte mir, daß er gesund wie ein Fisch und rund wie ein Kegel sei, und bloß grenzenlos faul. Ich gäbe viel darum, liebes Herz, wenn Sie grade dieses Mal so recht offen und ausführlich geschrieben hätten, ganz wie zu Ihrem Mütterchen; denn ich sitze hier seit sechs Wochen mutterseelenallein, und weder Hahn noch Huhn kräht nach den Briefen, die ich bekomme, und mich verlangte so nach einem recht langen, warmen, lieben; aber das konnten Sie freilich nicht wissen, das Erstere nämlich. Von der Mitte dieses Monats an bin ich nicht mehr allein, also schon in der Woche, die heute beginnt. Daß Briefe an mich erbrochen würden, ist fortan gar keine Gefahr mehr vorhanden, selbst wenn ich grade abwesend sein sollte; aber ich wünsche dennoch dringend sie allein zu bekommen, um nicht genöthigt zu sein, sie vorzulesen, wo man dann, noch unvertraut mit dem Inhalte, beim Übergehen so leicht ungeschickt stockt, was allerlei Fatalitäten nach sich ziehn könnte. Lassen Sie uns also, wenn es Ihrerseits möglich ist, einen regelmäßigen Briefwechsel verabreden, wo es mir dann leicht wird den Moment abzupassen; schreiben Sie den ersten jedes Monats, ich will dann jeden fünfzehnten die Antwort zur Post schicken; so fällt auch das fatale Kreuzen fort, was Einen desperat macht, wenn man so eben sein Schiff mit defekter Ladung hat absegeln lassen. Liebes Herz, Sie werden von Elisen einen Brief erhalten haben, worin sie ihre Briefe und Portrait, so wie auch Beides von mir, zurück wünscht. Sie können sich auf mein Wort verlassen, daß diesem Wunsch Elisens keine Bitterkeit zum Grunde liegt, sondern nur eine natürliche Furcht vor dem Schwerte des Damokles, das ihr durch die Klatscherei der Bornstedt erst recht sichtbar geworden ist. Daß diese Klatscherei, die übrigens nur Wenigen bekannt war, fast in der Geburt erstickt ist, haben wir theils Schlüters zu verdanken, theils dem Umstande, daß die Bornstedt mich ganz auf dieselbe Weise angegriffen und dadurch ihrem boshaften Plane zwei Köpfe gegeben hat, die sich einander auffraßen. Ich habe übrigens Elisens Wunsch nicht angeregt, aber ihr allerdings Recht gegeben: Beides ist besser bei ihr aufgehoben. Dazu kömmt der fatale Umstand, daß Jedermann das Bild kennt; Rüdiger glaubt, es sei in Minden, ihre Eltern, es sei in Münster, und so muß sie sich damit durchlügen, was auf die Dauer gar nicht geht, sobald die beiden Parteien zusammen kommen; es liegt also Alles daran, daß sie es gelegentlich vorzeigen kann, während es doch Dein Eigenthum bleibt. Ich habe Elisen über Erwartung gut gefunden, wohl aussehend, und nicht trübsinniger, als dieses einmal in ihrer Natur liegt. Sie hat Deine Absicht vollkommen begriffen und geht mit einer Klarheit darauf ein, die ich hauptsächlich dem durch die Klatscherei der Bornstedt gewonnenen Gefühl, wie wenig sie dazu gemacht sei, der Meinung der Welt zu trotzen, zuschreibe; doch haben auch ihre religiösen Ansichten, die jetzt sehr klar und bestimmt sind, großen Antheil daran. Sie ist Dir vielleicht herzlicher zugethan als je, aber in einer andern Weise. Auch in ihrer äußern Lage hat sich Manches besser gestaltet. Sie hat das Band mit Schlüters – mit Thereschen Therese, Schwester des Professor Schlüter, die von Junkmann später als Gattin heimgeführt wurde. duzt sie sich jetzt –, mit Annchen Junkmann und Louise Delius, die jetzt mit ihr gemeinschaftlich schriftstellert, was Beiden viel Erheiterung giebt, viel enger gezogen und in Nanny Scheibler eine neue Freundin gewonnen. Sie liest viel, schreibt, wie gesagt, zuweilen kleine Aufsätze, wozu ich sie möglichst ermuntere, obwohl ihr Talent sich nicht so entwickelt, wie ich es erwartete, und vielmehr sie gleich anfangs die Grenzen ihrer Leistungen scheint erreicht zu haben, was aber immer schon ganz hübsch und hinlänglich ist, ihr eine angenehme gesellige Stellung zu sichern. Auch hat sie jetzt die Hoffnung, beide Kinder ihrer Schwester in Kost und Erziehung zu bekommen, worauf sie sich sehr freut. Daß ich ihr getreuer Pylades bin, darfst Du wohl voraussetzen; ich habe sie sehr, sehr lieb, und sie mich auch. Wir schreiben uns jede Woche, und sie wird übermorgen, schon zum drittenmal in dieser kurzen Zeit, auf mehrere Tage zu mir kommen – ich denke, der Gewinn ist auf beiden Seiten –, wir sind dann froh wie Kinder, fangen allerlei dummes Zeug an, reden fast immer von Dir, und es thut mir unsäglich wohl, anzuhören, wie heiter, herzlich und doch ganz im Gefühle ihrer jetzigen Stellung Elise von Dir spricht. Darüber, daß Du mir auf vier Briefe nicht geantwortet, schien sie mir pikirter, als sie es sich gegen mich wollte dünken lassen, und vielmehr behauptete, es müsse ein Brief verloren gegangen sein; ich dagegen machte auch bonne mine à mauvais jeu und sagte, Du seist bloß ein fauler Schlingel, obwohl mir innerlich schlecht genug dabei zu Muthe war. Zu Deiner Rechtfertigung habe ich ihr nun, nebst dem Gelde, den ganzen Brief geschickt, sie aufmerksam darauf gemacht, daß Laßbergs Brief mit meiner Aufforderung an Dich statt vor sechs Wochen erst jetzt eingelaufen, einige Reue über eine Pikirtheit, die ich wohl nicht ganz verbergen können, geäußert, schließlich alle Deine Aufträge, nach denen sie nur die Hand auszustrecken braucht, da Junkmann in Münster ist, ich aber meine armen Füße durch Regen und Koth treiben müßte, bei ihr nieder gelegt und erwarte nun stündlich die Antwort. Du wunderst Dich wohl, daß ich auch mein Bild und Briefe zurückverlangt habe? Mein gutes Herz, das habe ich bloß aus Rücksicht für Elisen gethan; mich dünkte, es war ein Opfer, was ich ihrem Selbstgefühl schuldig war, um der Sache so ganz das trübe Ansehn eines Austausches alter Liebespfänder zu nehmen. Zum Glücke ist jetzt von ihr selbst die Idee ausgegangen, daß dieses ja gar nicht nöthig sei, und sie ist in ihrem letzten Briefe ganz der Meinung, daß ich Dir mein Portrait doch ja lassen solle; ich brauche Dir nicht zu sagen, wie angenehm mir dieses zu lesen war, und mit wie betrübtem Herzen ich es würde haben wieder anrücken sehn. Mit den Briefen ist es ein Andres; manche sind gefährlich für Elisen, und diese müssen durchaus aus der Welt – auch dieser Brief darf das Leben nicht behalten; deshalb lasse ich mich auch so ruhig gehn mit dem lieben alten Du, dem es mir recht schwer wird fortan zu entsagen. – Wenn ich sicher wüßte, daß Du Deine Faulheit so weit bezwingen könntest, sie alle, d. h. die meinigen, gewissenhaft wieder durchzulesen und nebst jenen, worin von Elisen die Rede ist, noch alle zu verbrennen, worin ich Dich duze, oder die sonst Mißverständnisse und Spöttereien über mich schütten könnten, so wollte ich Dir die andern gern lassen. Aber das kannst Du nicht, Du kannst keine alten Briefe lesen, das geht gegen Deine Natur; darum sind sie Dir auch zu nichts nütze. Wenn die vor-Meersburglichen aber noch in Münster sind, und Du auf Elisens Vorschlag, daß wir, mit einem Passe von Dir versehn, hingehn und Jeder das Seinige zu sich nehmen soll, eingehst, so kann ich nach geschehener Auswahl Dir den Rest ja zuschicken, wenn Du es wünschest, obwohl Du noch neue Briefe genug von mir bekommen wirst. NB. Richte Deine Briefe von jetzt an doch so ein, daß ich sie, wenigstens zuweilen, Elisen zeigen kann; es wird Dir nicht schwer werden, denn da sie einerseits Dein volles Vertrauen besitzt und anderseits wohl weiß, wie lieb Du mich hast, so kannst Du Dich ja fast ganz gehn lassen, und willst Du mir ein Extrablatt einlegen, nun, so läugne ich nicht, daß dies mir um so lieber ist, und ich es wohl eher lesen werde als alles Übrige. Mein altes Kind! mein liebes, liebstes Herz! Ich denke in meiner Einsamkeit alle Tage wohl zehnmal an Dich und wette, Du Schlingel denkst alle zehn Tage kaum einmal an mich; darum mag ich es Dir auch gar nicht sagen, wie lieb ich Dich habe, denn »Spiegelberg, ich kenne Dir!« Ich bin zwar eine unvergleichliche Person, und Rüschhaus ist ein höchst grandioses Schloß, aber die zuletzt aus dem Nile gestiegenen Kühe Pharaonis fraßen auch die alten auf, so hundsmager und schäbicht sie selbst waren, und so schön fett und gleißend die andern. Und NB. was stellt das für, daß Du behauptest, gar kein Material zu haben? Wo sind denn diejenigen glänzenden, poetischen, gediegenen, mit (Gesichts-) Schmerzen gebornen »jüngsten Kinder meiner Laune«, die ich Dir in meinem letzten Briefe von Meersburg gesendet? Heißt es hier wirklich: parturiunt montes, nascetur ridiculus mus? zu Deutsch: kannst Du wirklich ganz und gar nichts davon brauchen? Mich dünkt, es kamen doch eine Masse schöner Gebräuche darin vor, die es nicht verdienten, so ganz für die Hunde zu gehn; wirklich, konntest Du nicht wenigstens Einiges umarbeiten? Sag' es mir nur frei heraus; Du weißt, ich hülle mich dann in meine Größe und tröste mich mit Deinem schlechten Geschmacke. Wegen meines Onkels August kann ich nichts sagen, bis ich durch Mama erfahre, wo er steckt; ob noch in Berlin, berauscht von der neuen Gnade und bis über die Ohren in Acten, in welchem Falle nichts von ihm zu hoffen ist, oder ob für kurze Zeit in Abbenburg, wo er dann ebenfalls nur Geschäfte halber und zu Extraarbeiten weder fähig noch lustig sein wird, aber vielleicht aus früherer Zeit noch halb ausgearbeitetes Material vorräthig haben könnte, wie Du es eben brauchst. In diesem Falle – wenn er in Abbenburg ist – will ich ihm selbst sogleich schreiben, da er gewiß nicht lange bleibt, und hoffe ihm mit Hülfe Deines Briefes und Erläuterung des Zwecks der ganzen Schrift Deine Wünsche schon begreiflich zu machen. Da kömmt soeben Hermann mit Elisens Antwort. Das ist schlimm. Sie will, daß ich nichts von Zurückgabe ihres Bildes schreibe – ein Zeichen, daß sie also auch nichts davon geschrieben –, sondern bloß von den Briefen, und ich kann doch mein langes Sendschreiben deshalb nicht zerreißen; thue also, als wüßtest Du nichts davon. Nach meiner Meinung ist das Bild zwar geeignet, nicht den größten, aber wohl den nächsten Verdruß herbeizuführen; indessen – wie sie will! Übrigens zeugt es freilich nicht so entschieden wie Briefe, besonders wenn es nicht gleicht. Es scheint, sie fürchte, Dich mit diesem Wunsche, obschon die Gründe dazu auf der Hand liegen und durchaus nichts Kränkendes haben, doch zu beleidigen.. Ich soll Dich auch fragen, ob Du den Brief quaestionis , vom 5ten September, dem sie einen hübschen Thomas a Kempis als Namenstagsgeschenk hinzugefügt, auch erhalten hättest. Man hatte Annchen Junkmann, die ihn zur Post gebracht, dort das Überkommen der Entfernung halber als sehr bedenklich vorgestellt; schöne Posten! Ferner soll ich Dir ausdrücklich sagen, daß sie nie einen Augenblick daran gezweifelt, daß Du Deine guten Gründe zu dem langen Stillschweigen gegen mich gehabt; ich sei ihr dieses wahrlich schuldig, zur Rechtfertigung einiger Stellen ihres Briefes, die sie unter meinem zweifelsüchtigen Einflusse geschrieben; sie freue sich jetzt doppelt, daß sie noch ein herzliches Blättchen über meine Sorge um Deinen Kahlkopf und unser letztes Zusammensein in Rüschhaus hinzugefügt habe. Ferner: Rüdiger würde gern Statistisches beitragen, – Anderes schwerlich, – verreise aber morgen auf acht Tage, könne also nicht sogleich; an Hüffer möchtest Du doch ein paar Worte schreiben, der würde sich dadurch grenzenlos geschmeichelt fühlen und könnte Dir gewiß die pikantesten Details geben; ferner: mit Junkmann wolle sie reden, die Bücher für Dich seien soeben angekommen, und sie werde sie übermorgen mit hieher bringen; und endlich: sie habe wegen Paulinen an Antonie Ziegler geschrieben, die ihr, da sie katholisch sei, in Frankreich vielleicht eine gute Stelle verschaffen könne. Und jetzt bin ich müde, als ob ich gedroschen hätte; es ist auch elf Uhr vorüber. Gute Nacht, mein liebstes Herz, Gott segne Dich. Den 12ten. Guten Morgen, Levin, es regnet draußen, in mir aber ist heller Sonnenschein, weil ich bei Dir bin und Dein gutes Affengesicht mir so recht vor Augen tritt. NB. Dein Portrait ist mir doch jetzt von großem Werthe, und ich gäbe es um Vieles nicht hin, obwohl Du mich ansturst wie ein grimmiger Leu, daß ich immer sagen möchte: friß mich nicht, kleines Pferd! Um jetzt auch mal auf mich selbst zu kommen: es geht mir denn so leidlich; von meinen Gesichtsschmerzen bin ich, Gottlob, total geheilt, durch eine wahrhaft wunderbar wirkende Salbe, die mir ein altes Laienschwesterchen in Meersburg gegeben. Aber übrigens ist mir doch zuweilen hundsschlecht, und ich kann des Climas noch ganz und gar nicht gewöhnen, obwohl ich alle Tage renne wie ein Postbote, immer den Weg durch die Haide entlang, bis zu dem Schlagbaum, wo ich Dich zuerst konnte kommen sehn, – ich denke doch auch jedesmal daran! – was zusammen anderthalb Stunde macht, siebenmal auf und nieder nämlich; dennoch ist mir häufig übel, schwindlig, ohrensauserig, und auch zuweilen beklemmt; doch ists schon etwas besser geworden, und ich habe es für den Anfang gar nicht anders erwartet. Zu meinem Gedichten ist noch manches recht Gelungene hinzugekommen, und die Pastete bald gar. Dann habe ich aber einen Plan damit, den ich Dir nur im Vertrauen mittheile, und über den ich voraussehe, sehr ausgeschumpfen zu werden. Liebes Herz, die arme – freilich nicht besonders schätzbare – Bornstedt ist sehr, sehr unglücklich, von Jedermann verlassen, in eine Melancholie versunken, daß man allgemein für ihren Verstand fürchtet, von ihrem Liebhaber fortwährend schändlich betrogen und geplündert – während man in ihrem jetzigen Zustande es nicht wagen darf, eine Aufklärung herbeizuführen – und gewiß in großer Geldnoth, vielleicht hungernd, obwohl sie alle dergleichen Andeutungen mit stolzer Empörung zurückweist; aber sie hat keine einzige Stunde mehr. Nähern werde ich mich ihr nie wieder, aber ich müßte ein Stein sein, um kein Mitleid zu fühlen. Zum letzten Mittel, dem Erwerb durch Schriftstellerei, ist sie jetzt auch unfähig, obwohl sie sich noch einmal zusammen gerafft und bei Anwesenheit des Königs ins Unterhaltungsblatt ein gar nicht schlechtes Lobgedicht hat rücken lassen, auf das sie die glänzendsten Luftschlösser von Gnade, Pension \&c. baute, was ihr aber nichts eingebracht hat als Spott und einen dummen, unverdienten Ekelnamen vom Publikum. Nun hat sie sich, gewiß mehr aus Noth als Eitelkeit, an Velhagen und Klasing um eine zweite Auflage ihrer »Pilgerklänge« gewendet – durch Nanny Scheibler – und die furchtbar demüthigende Antwort erhalten, »daß er dieses nicht anders übernehmen könnte, als wenn sie ein Empfehlungsschreiben von mir beibrächte.« (Ich bitte Dich, Levin, sei jetzt nicht malitiös, sondern setz Dich einmal in ihre Lage und was sie leiden muß.) Nanny hat ihr dieses getreulich wieder gesagt, und es versteht sich, daß die Bornstedt lieber erfriert und verhungert, als mir darum ankömmt. Was meinst Du nun, liebes Herz, – Du bist doch, Gottlob, auch einer von denen, die den glimmenden Docht nicht verlöschen und das geknickte Rohr nicht zerbrechen, – soll ich nicht, unter Forderung der strengsten Verschwiegenheit, Velhagen meine Gedichte umsonst anbieten, falls er der Bornstedt ein ordentliches Honorar zukommen läßt, ohne ihr den Grund anzugeben? Da mir dieses Rettungsmittel einmal eingefallen ist, glaube ich es, nach meinem Gewissen, nicht zurückweisen zu dürfen und gewissermaßen verantwortlich zu sein für Alles, was aus einem Übermaß von Bedrängniß entstehn könnte. Elise und Schlüter, in deren Gegenwart mir der Einfall kam, wissen darum und billigen ihn, haben aber die gewissenhafteste Verschweigung gelobt und auch so nöthig gefunden, daß Elise meint, ich dürfe selbst Dir nicht sagen; das geht aber nicht anders, da Du die Sache unter Händen hast, und ich bitte Dich nur dringend, Dich gegen sie nichts merken zu lassen. Velhagen scheint, seinem Briefe nach, zwar mir selbst nichts geben zu wollen, Cotta giebt mir aber gewiß nichts, und von Velhagen denke ich, er wird sich schon dazu herbeilassen; denn aus bloßer Liebe zur Litteratur verlangt kein Buchhändler so demüthig einen Verlag. Wenigstens kann ich es versuchen, und weigert er sich, dann immer noch zu Cotta übergehn; ich brauche ja Velhagen auch nur die erste Auflage zu überlassen, und jedenfalls wird mein Buch über Westphalen schnell nachfolgen, was dann Cotta bekommen kann. Ruf, oder wie Du es lieber nennst, Ruhm, bekomme ich doch, dessen bin ich jetzt sicher; denn ich habe ihn schon zum Theil, Dank dem von mir so verachteten Morgenblatt, und es ist mir seit Deiner Abreise in dieser Hinsicht viel Angenehmes passirt. Daß Wessenberg nach Meersburg gekommen ist, eigens meinetwegen, wie er selbst an Laßberg schrieb, habe ich Dir schon früher gesagt, aber auch Bothe, der bekannte Herausgeber der Klassiker, hat einen förmlich exaltirten Brief an Laßberg geschrieben, worin es fortwährend heißt: diese objective Anschaulichkeit, diese Naivetät und Innigkeit, diese Kraft der Sprache, diese Lebendigkeit der Darstellung, fern von aller Manier \&c.; doch ich fürchte Dir auch dieses schon einmal abgeschrieben zu haben. Was Du aber sicher noch nicht weißt, da ich Dir seitdem noch nicht geschrieben, ist, daß, wie ich in Münster gehört, eine Kritik über meine Judenbuche in der »Revue« stehn soll, wo sie dem Besten, was Immermann in seinem Münchhausen geleistet, an die Seite gestellt wird; selber gelesen habe ich sie nicht. (Sie ist doch nicht am Ende von meinem kleinen Jungen? Ich bin verhenkert mißtrauisch in solchen Dingen.) Ferner hat mich auch Pfeiffer in Stuttgart aufgesucht, nachdem er sich vorher durch Schott die Erlaubniß dazu erbeten, und Simrock, mein alter Feind, hat mir nun vollends die unerwartetere Ehre angethan, indem er, während meiner Anwesenheit in Bonn verreist und erst am Vorabend meiner Abreise zurückkommend, mir durch seine Frau schreiben ließ, »daß er so dringend wünsche, meine Bekanntschaft zu machen, daß, falls ich mit dem frühesten Dampfboot reise, er, obwohl er schon am Abend wieder in Coblenz sein müsse, mich doch bis Düsseldorf begleiten wolle.« Ich mußte dies ablehnen und ging statt dessen gleich zu Simrocks, wo ich Ursache hatte, mit meiner Aufnahme vollkommen zufrieden zu sein, und Simrock mir, als auf meine Judenbuche die Rede kam, und ich sagte, sie sei nur ein Bruchstück eines größeren Werks, dessen Inhalt ich andeutete, äußerte, – wie es schien, mit großem Ernste – er sei überzeugt, daß ich in diesem Genre das Beste leisten würde, was sich nur leisten ließ. Ich muß Dich aber ernstlich bitten, nichts hierüber an Freiligrath zu schreiben; Du würdest mich doch ungern lächerlich machen? Und dies Ausposaunen einzelner Schmeicheleien müßte mir nothwendig einen miserabeln, kleinlichen Anstrich bei ihm geben und könnte auch Simrock verdrießen und seine alte Aversion wieder herbeiführen. Aber kurz, Du siehst, liebes Herz, daß ich Cottas wenigstens nicht so dringend und augenblicklich bedarf, um in ein gutes Gleis zu kommen, und die Bornstedt das Nachschieben jetzt unendlich nöthiger hat. Selbst der Narr Fraling Fraling, ein in Münster lebender Journalist. Mit seinen Versuchen in der Literatur hatte er ebenso wenig Glück wie mit einem von ihm konstruirten Perpetuum mobile und einem nach seinem Plane gebauten Schiffe, das sofort verunglückte. als es auf der Ems auslaufen sollte. hat, wie ein rechter Esel, der verscheidenden – zwar nicht Löwin – noch einen Nackenschlag gegeben und in ich weiß nicht welchem Blatte den armen hochmüthigen Wurm so arg zertreten als mich hervorgehoben; das Beste ist noch, daß er sie »die schöne (groß gedruckt) F. v. Bornstedt, mit ihrem hochadligen Schwanenhalse« nennt – freilich eine bittre, furchtbar gemeine Ironie, von der Elise und Schlüter meinen, daß sie der Bornstedt eben das Härteste sein müsse; ich aber bin überzeugt, daß sie es à la pied de lettre nimmt und daraus noch einigen Trost saugt. Nun muß ich Dir noch sagen, daß Simrock mit mir über Freiligrath sprach, dessen Umständen mit der kleinen Pension noch lange nicht aufgeholfen sei, und ob Du ihn nicht irgendwo empfehlen könntest; Simrock meint, als Hofmeister. Kenntnisse besitze er hinlänglich und sei übrigens jetzt sehr verändert und von den wilden Ranken gesäubert. Ich machte ihn aufmerksam darauf, daß dieses nicht hinlänglich sei, und ein Hofmeister gradezu vorleuchten müsse durch musterhafte Ordnung, musterhafte Sitten, Consequenz \&c., und endlich ein feines, höchst taktvolles Benehmen unerläßlich sei. Simrock schien es hierbei etwas gelb und grün vor den Augen zu werden, doch meinte er, Manches hiervon habe sich bereits durch den Umgang mit der Frau eingefunden, die ihm auch immer hülfreich und überwachend zur Seite stehn würde, und – der Hauptgrund blieb, daß die Sache sehr erwünscht wäre. Lieber Levin, der arme Freiligrath dauert mich selber, Du kennst ihn durch und durch: kannst Du ihm mit Ehre und gutem Gewissen anhelfen, so brauche ich Dich gewiß nicht dazu anzutreiben; aber gieb Dich nicht ans Recommandiren ins Zeug hinein; bedenk, daß Deine eigne Stellung noch sehr unsicher ist, und Du diese und Dich selbst arg compromittiren könntest, ohne dem Freiligrath dauernd zu nützen, wenn Du ihn unter eine Bürde schöbst, die vielleicht durchaus nicht für seine Schultern gemacht ist. Du würdest als thöricht und unzuverlässig erscheinen – grade in Deiner Stellung zwei fatale Voraussetzungen –, und Freiligrath würde, einmal als unbrauchbar fortgeschickt, es auch nachher weit schwerer finden, irgendwo unter zu kommen. Nicht wahr, da ist Dein Mütterchen wieder recht im Zuge? Aber wozu wäre sie auch sonst da, als, wie es alten Leuten zukömmt, zu moralisiren und die Erfahrungen ihrer schönen langen Jahre für das junge Volk in Münze auszuprägen. Bist Du nicht mein kleiner Junge? Und hast Du nicht zwei Schächtelchen mit Münzen und Salzen für mich zusammen gespart? Gutes, gutes, liebes Herz! Du glaubst nicht, wie mich dieses gerührt und in dem Glauben an Deine treue Anhänglichkeit und Erinnerung gestärkt hat. Ich habe auch allerlei für Dich, Du wirst schon sehn; jetzt kriegst Du's noch nicht, aber etwas später. Laß mich doch etwas von Vater hören! Paulinchen schreibe ich, sobald ich wieder Geld habe, um ihr das bewußte Foulardtuch zu kaufen; ich habe noch genug bei Werner zu fordern, kann es aber nicht sogleich kriegen. Wahrscheinlich einige Tage später geschrieben. Über unsre pseudonyme Dichterin sind wir jetzt im Klaren, sie heißt Louise Michels und ist allerdings von der Natur wenig begünstigt, aber doch weder bucklig noch einaugig, wie ich so liebevoll vorausgesetzt hatte, sondern eben wie andre Leute, die nicht jung und hübsch sind, auch, übrigens wohlhabend, doch darüber wird Dir Elise gewiß geschrieben haben. Sie muß sich seit ihrem romantischen Auftreten in Meersburg ungemein heraus gemacht haben; denn die von Dir mitgetheilte Strophe ist vortrefflich und hat mich gereizt, ihre alten Gedichte wieder vorzunehmen, die mir aber jetzt gar und ganz nicht zusagen wollten. – Sonderbar! Ist denn mehreres so Gutes in der neuen Sendung, oder ist dieses eine einzelne dem Pegasus ausgefallene Feder, die sie aufgelesen hat? Die meisten der alten Sachen sind wirklich recht gründlich elend, wie ich mich jetzt, wo ich sie aufmerksam und mit günstigem Vorurtheil durchlas, habe überzeugen müssen. Ich habe das Packet durch Elisen und demnächst die Tabouillot ihr wieder zukommen lassen, aber sie interessirt mich seitdem, ihres Janusgesichts halber; eine Schwalbe macht zwar keinen Sommer, doch ist die Strophe zu durchgeführt schön, um das einzige Lamm zwischen so vielen Böcken zu sein. Schreib mir doch mehr über die neue Sendung! Adelen habe ich noch nicht schreiben können und muß erst ihre Adresse durch die Mertens Frau Sibylle Mertens-Schaafhausen, geb. 1797 zu Köln, eine originelle Frau, die eine Fülle gelehrter Kenntnisse besaß. Auf ihrem Landsitze bei Plittersdorf nächst Bonn hat Annette sie oft besucht und einmal sechs Wochen zugebracht, um sie in einer schweren Krankheit zu pflegen. Der Erinnerung an diese Zeit gilt das schöne Gedicht: »Nach fünfzehn Jahren.« Frau Mertens-Schaafhausen starb am 22. Oktober 1857 zu Rom. abwarten, da sie grade nach Carlsbad reiste, als ich in Bonn war, und der Mertens diese dann zu schicken versprochen. – Ich werde dieser doch in den nächsten Tagen schreiben, da ich einen in Betracht der Umstände sehr langen Brief von ihr erhalten, wenige Tage, nachdem man ihren Mann, der mir in Bonn schon sehr bedenklich vorkam, auf einer kleinen Geschäftsreise Morgens todt im Bette gefunden. Sie ist doch sehr erschüttert, und mit Recht, denn sie haben eine wahre Höllenehe geführt, und die Schuld stand ganz zu gleichen Theilen. Vielleicht wird sie jetzt wieder liebenswürdiger, da der wenigstens angebliche Grund zu dem ewigen innern Grimmkochen wegfällt; doch fürchte ich, es sei ihr mehr Natur, wie überhaupt das Unglück dem Menschen gewöhnlich fester angewachsen ist, als er sich selber zugeben will, und sich selten mit einem einzelnen Blocke aus dem Wege rollen läßt. Auch der arme Sprick ist todt, und die Umstände dabei sind so traurig als rührend. Es ist ihm nämlich so elend in Belgien gegangen, daß er kaum das trockne Brod erschwingen konnte; dennoch hat er seiner Frau, die mit den Kindern in Hohenholte saß und wieder gesegnet war, aus Schonung immer sehr heiter und hoffnungsreich geschrieben und auch zuweilen ein paar Thaler geschickt, die er sich mit Hungern abdarbte. Den Briefen nach hat nun Jedermann gemeint, er könne zehnmal so viel schicken, und so hat er sich noch müssen in Münster grundschlecht machen lassen, wie der ärgste Lump; endlich hat die Frau die Geduld verloren und ist ihm nachgereist, wo sie ihn dann im höchsten Elende gefunden und durch ihre Ankunft so erschüttert hat, daß er einen Blutsturz bekam und binnen vierzehn Tagen todt war Sit illi terra levis! Er hat ein trauriges aber ehrenvolles, pflichtgetreues Ende genommen und einen jugendlichen Fehltritt furchtbar gebüßt. Was nun aus der Frau und den – bald sieben – Kindern wird? Es heißt, sie werden wieder nach Münster kommen, weil sie als Stadtkind Ansprüche auf Unterstützung auf den Fonds hat. Ich fürchte, mein Päthchen wird mir zufallen; was fange ich dann damit an? Es zur Dienstmagd erziehen lassen, das geht doch nicht, und ein Institut kann ich nicht bezahlen; Gott weiß wie ich geplagt bin, als hätte ich Tausende zu verzehren. Seit ich zurück bin, hat schon Alles wieder an mir gerupft, und ich habe mir überall mit geliehenem Gelde durchhelfen müssen. Tangermann, der Gottlob jetzt nach München abgezogen ist, meinte gar, »ich solle ihm gefälligst selbst 130 Thaler geben oder sie zusammen terminiren, um sie seinen Eltern zu hinterlassen«; der aber hat grade nichts bekommen, weil ich nichts mehr hatte und auch aus einer von Mama hinterlassenen Note sah, daß sie 25 Thaler, die während meiner Abwesenheit mir Jemand unerwartet nachbezahlt, ihm schon fast ganz in meinem Namen gegeben hat. Gottlob, daß er fort ist, er hatte sich wirklich eine Art Possessionsrecht fortwährender Steigerung bei mir usurpirt. Junkmann habe ich noch nicht gesehn, hoffe aber täglich auf besseres Wetter, das mir seinen Besuch bringt. Er soll wohl, aber äußerst aufgeregt sein; der arme Schelm sitzt wieder gleichsam umsonst in Münster, da sein Ferienaufenthalt mit Schlüters Ferienreise zum Bruder Arnold wieder zusammentrifft, und diese seit Sonnabend fort sind. Schlüters sind die alten treuen Freunde, ohne Falsch und durch nichts wankend zu machen. Ich traf die Lombard bei ihnen, die sich fast überschlug vor Bestreben geistreich zu sein und auch vor Freundlichkeit gegen mich sowohl wie Elisen, die ihren Augen und Ohren kaum traute; denn sie ist sonst jetzt unser Beider entschiedene Feindin, was aber, wie Elise sagt, auf Schlüters nicht mehr Eindruck macht noch je gemacht hat, wie ein Sandkorn auf einen Felsen. Solche Zuverlässigkeit ist doch nicht hoch genug anzuschlagen! Die Bornstedt läßt sich jetzt vom gleichfalls etwas einsam stehenden Sohne des Vaterlandes fleißig besuchen, unter vier Augen schmeicheln und hinterm Rücken greulich durchziehn; sie ist doch wirklich durch und durch unglücklich und selbst von denen, die noch ihr letzter Trost und Stolz sind, verrathen und mißbraucht. Doch freue ich mich immer, wenn ich noch von irgend einer glücklichen Täuschung höre; es hilft ihr doch das Leben ertragen, wie z. B. der Bräutigam, der Sohn des Vaterlandes, und gewiß auch der »hochadlige Schwanenhals«. Jetzt ist sie in Herbern, und Manche meinen, sie werde ganz dort bleiben, aus Liebe zum Landleben, da sie in Münster durchaus nicht mehr subsistiren könne. Von Meersburg habe ich vor drei Wochen die letzte Nachricht, wo Jenny mir schrieb, daß Laßberg Dir den »Oettinger« geschickt, und sie hoffe, Du werdest doch gleich antworten. (Du hast es doch gethan?) Das gute Ding schreibt so herzlich und kläglich, wie betrübt es ihr sei, so oft sie die Vögel füttere, meine verschlossene Thür anzusehn und dann meinen leeren Platz bei Tisch; sie ist doch sehr herzig! Sonst war Alles beim Alten, nur das Kesselsche Institut macht so unglückliche Rückschritte, daß es wohl nächstens vor dem Thore stehn wird; ich glaube, sie haben jetzt noch eine Pensionaire, und die geht auf Michaelis fort. Herr Stiele hat, während ich noch dort war, seinen Malergeschmack auf eine glänzende Weise bekundet, indem er sich in eine häßliche, ältliche Kammerjungfer verliebt hat, die auf einen Tag nach Meersburg zum Besuch kam. Sie ging durchs Vorzimmer, in dem er den Cölner Domriß illuminirte, um mit ihren schönen Händen mein Haar zu flechten: venit, vidit, vicit! Am Nachmittage suchte er sie beim Figel auf, am andern Tage folgte er ihr nach Constanz und giebt seitdem alle Zeichen tiefster Erschütterung von sich: Reue über sein voriges Leben, Tiefsinn, Begeisterung, und die ernstesten hausväterlichen Pläne. Kann das einem andern Künstler passiren, als der wie Stiele ein geborner Schneider ist und vor zehn Jahren statt mit dem Pinsel mit dem Bügeleisen hin und her fuhr? Ich glaube wohl, – Künstler und Dichter nehmen gewöhnlich Frauen, vor denen sich jeder Andre bedanken würde. Nun komme ich zu etwas, was mir eigentlich am Meisten auf dem Herzen liegt, weshalb grade ich es bis zuletzt verschoben habe, Deine Lage nämlich. Wüßtest Du es, wie viel ich an Dich denke, wie manche Stunde ich wach in meinem Bette liege und mich über Deine Zukunft zergrübele und zersorge! Levin, mein einziges geliebtes Kind, Du bist in sehr schlimmer Umgebung. Das Herz ist mir so voll, ich möchte Dir so Alles auf einmal sagen, und doch ists am Besten, ich warte ab, wie sich die Dinge gestalten; was nutzt's Fälle zu erörtern, die vielleicht nicht eintreten! Aber ich fürchte, mit dem Tode der guten, wahrscheinlich todtgequälten Fürstin weicht das letzte sittlich edle Bild, an dem sich eine ehrliche Seele noch aufrichten kann, aus Eurem Hause; mehr will ich für jetzt nicht sagen und Dich nur noch bitten, ihres Sterbebettes und dessen, was sie darauf gebracht hat, nie zu vergessen und Dich fest zu Deinen Zöglingen zu halten. Es ist die ehrenvollste und in Zukunft vielleicht die einzig ehrenvolle Stellung, die Du nehmen kannst, wenn Jeder voraussetzen darf, Du seist da aus Liebe zu den armen Kindern und um ihnen reell zu nützen. Ich wollte, ich könnte bei Dir sein, dann wär mir nicht bange; was mir vielleicht an Klugheit abginge, würde meine Liebe und Sorge ersetzen, die Dein Bestes zehnmal schärfer im Auge hält, als ihr eigenes. Könnte ich Dich nur einmal eine Stunde wieder hier haben, hinter dem Teller mit aufgesparten Birnen und Nüssen! Es ist doch ein lieber, heimlicher Ort, das Rüschhaus! Zwar klein kam es mir nach dem großen Meersburger Schlosse vor, klein wie ein Mauseloch, aber doch sehr lieb. Ich hatte es so kurz nach Dir verlassen, daß mir war, als wärst Du gestern erst fortgegangen und Alles, Bücher, Papiere, noch von Deiner Hand so hingelegt, was auch mit Einigem sein mochte; denn mein Zimmer ist seitdem unbewohnt geblieben und war noch nicht aufgeräumt; mein Alleinsein – Mama ist noch immer in Abbenburg – nährt diese Täuschung fortwährend. Neulich war mir so ungewohnt wohl zu Muthe, ich wußte selbst nicht warum, endlich merkte ich, daß es Dienstag war und ich Dich erwartete. Lieber Gott, wo sind die Zeiten hin! Ich konnte es denn doch nicht lassen, mit meinem Fernrohr zu meiner Bank zu wandern, und das Herz klopfte mir ordentlich, als ich etwas durch den Schlagbaum kommen sah; es war aber nur ein sehr schäbiger Bauer mit einem noch schäbigeren Hunde. Habe ich Dir nun thörichtes Zeug genug vorgeschwätzt? Bist Du ungeduldig, alter Philister? In Deinem nächsten Briefe, den ich nun etwa am fünften nächsten Monats erwarte, mußt Du mir aber mal recht ausführlich schreiben. Die anfangs vorgefundene Hausgesellschaft hast Du so genau portraitirt, und von der neuen sagst Du kein Wort, auch schon in Deinem Briefe an Laßberg nicht, wo sie doch schon da war. Als ich Laßbergs Brief mit mir zugleich abgesegelt glaubte und in Folge dessen mich als nächstens antwortend dachte, summte mir die schönste Reisebeschreibung im Kopfe, die mir jetzt aber so trocken und abgestanden scheint, daß ich Dir keinen Brocken davon schicken mag, außer einen Gruß vom Reuchlin, der jetzt nicht weit von Tübingen wohnt und, als ich Morgens zwischen Vier und Fünf auf der Schnellpost durchkam, schon eine Stunde auf Schusters Rappen abgetrabt hatte, um uns an der Landstraße zu erwarten und noch eine Stunde weit als blinder Passagier mitzufahren, von wo er dann mit Siebenmeilenschritten seinem Dorfe zustieg, wo er noch um Neun predigen sollte. Ich habe versprochen, ihm ein oder anderes Mal zu schreiben; es wird aber wohl nicht viel daraus werden, denn ich bin gar faul, außer wenn ich an Dich schreibe. – Ob es wohl gehn wird mit unsrer Verabredung? Ich weiß, es ist Dir schwer, einen Brief zu beantworten, wenn er schon etwas alt ist; Du siehst dann nicht mehr hinein und schreibst nur, was Dir dann grade einfällt: ist es Dir vielleicht lieber, mir immer auf der Stelle zu antworten? Das geht auch. Oder bist Du gar so tugendhaft, Dir mehr als einen Brief im Monate zuzumuthen? Das wäre sehr schön, ich traue es Dir aber nicht zu; mir wohl, mir ist Alles recht und lieb, sobald sich nur die Briefe nicht kreuzen. Auch werde ich wo möglich Vorsorge treffen, daß mir alle Briefe allein zugestellt werden, so daß ein irregulairer auch ziemlich gesichert ist. Adieu, mein lieb Herz, Du merkst wohl, ich kann es eigentlich nicht abwarten, daß Du schreibst. Adieu! Rüschhaus den 10(?)ten October 1842. Die bösen kurzen Tage sind jetzt gekommen, lieber Levin, und die noch schlimmere Heizungszeit, wo mein warmer Ofen – NB. nicht mehr der mit dem Loche, durch das man die Flamme so artig spielen sah, sondern ein ganz prosaischer, rund um zu, wie andre gemeine Öfen – mir jeden Augenblick Gäste bringt; so fange ich heute schon an, Ihnen zu schreiben, um durch alle Interruptionen, durch zahllose Stürme und Quarantainen diesen Brief doch sicher bis zum fünfzehnten in den Hafen der Poststube zu bringen. Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder in's Clima eingeübt, qualifizire mich täglich mehr zur Schnellläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze Alle außer Athem, die Schritt mit mir halten müssen. Qu'en dites-vous? Ich denke, die acht und achtzig Jahre, die Sie mir angewünscht haben, werden mir wirklich nach und nach auf den Rücken steigen. Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, im Garten die letzten Rosen, die mich immer rühren, wenn ich denke, wie ich sie Ihnen vor nun schon zwei Jahren beim Abschiede gab; als Sie Ihr Schultenamt niederlegten und ich nach Hülshoff zog, um den einen kleinen Ferdinand sterben und den andern geboren werden zu sehn. – Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiß die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor. Ich war, um das bewußte Packet zu holen, in Münster bei Ihrer Tante, die ich noch immer hübsch und sehr angenehm finde. Ich hoffte, bei dieser Gelegenheit Manches von Ihren Sachen, woran mir liebe Erinnerungen hängen, mal wieder vor Augen zu bekommen, Ihr Schreibzeug, Ihre Bücher, alle die kleinen Andenken von Ihrem Nippestische: aber wahrscheinlich war Alles in einer Plunderkammer aufgestapelt, denn die Tante setzte mich in den Kanapee und holte das Bezeichnete herbei. Ich that natürlich, als sei mir der Inhalt unbekannt, und als wünschten Sie nur Ihre wichtigsten Papiere an einem Ort, wo sie binnen den acht Jahren nicht durch Umziehn dem möglichen Verlust ausgesetzt wären; doch schien die Tante etwas pikirt und meinte, auf die Discretion Ihres Onkels könnten Sie sich sonst verlassen. Ich fand das natürlich ganz unzweifelhaft und machte nebenbei auf die guten festen Siegel aufmerksam, die eine derartige Sorge gar nicht zuließen. Sonst war die Tante sehr freundlich, fand mich Ihrer Mutter sehr ähnlich, bat, ich möge Sie der Zögerung Ihres Onkels wegen beruhigen, Alles geschehe in der größten Ordnung, nur etwas langsam; auch das geschickte Geld sei nach Ihrer Anweisung verwendet, und wir schieden mit dem ausgesprochenen Wunsch und Willen, uns öfter zu sehn. Sollte Ihnen dennoch ein pikirtes Wort zukommen, so, bitte, geben Sie mir kein Dementi; denn meine Kenntniß des Inhalts würde dann gleich viel Stoff zu Grübeleien geben, weil ich sie verläugnet habe. Schlüters sind jetzt wieder in Münster, der arme Professor fast blinder als vorher und doch fortwährend in einer Kur, die ihn sehr angreift, ich glaube mit weniger eigner Hoffnung und mehr aus Gewissenhaftigkeit, um nichts versäumt zu haben. Wenn ich die Kraft sehe, mit der er seine Schmerzen und trübe Stimmung bewältigt, immer gleich heiter, geistig angeregt, theilnehmend bleibt, so kann ich mich zuweilen ordentlich ehrfurchtsvoll gegen ihn fühlen. Junkmann war zweimal hier, zu Anfang und Ende der Ferien; das erste Mal furchtbar verändert, stockmager, das ganze Gesicht eine Falte, und so nervös aufgeregt, daß mir ängstlich dabei wurde. Annchen und die Rüdiger waren mit ihm; sie sahen, wie es in ihm kochte, und ließen uns allein; da brach sogleich der Lavastrom los: Ob? wann? wie? und ich mußte ihm zum tausendsten Male wiederholen: Ja, ja, sie hat Sie lieb; ja, Sie bekommen sie, sobald die Umstände es zulassen! Ich war froh, als die Andern wieder hereinkamen, wo er dann umgänglich wurde und mich bat, meine Haidebilder vorzulesen, von denen er fürchtete, sie möchten auf seinem Acker schmarotzen, und sehr froh war, sie durchaus auf eigenem Boden zu finden. Das zweite Mal war er ein andrer Mensch, hatte wieder sein feines Jungferngesichtchen, seine schüchternen Augen, war theilnehmend und geistreich, überall höchst liebenswürdig, und versicherte, in diesen sechs Wochen jeden Morgen bis zwölf geschlafen zu haben, was ihn frisch wie eine neugehäutete Raupe gemacht. Es heißt jetzt in Münster, Thereschen habe sich dahin erklärt, ihn heurathen zu wollen, falls ihr Bruder geheilt werde, andern Falls aber diesen nie zu verlassen; ich glaube dieses nicht, Junkmann würde dann nicht so wohlgemuth sein, da er durchaus keine Hoffnung für Schlüter hat. Das Verhältniß ist übrigens jetzt allgemein bekannt, obwohl Schlüters meinen, außer Gott und ihnen wisse es nur ihr Beichtvater, und fast komisch vorsichtig sind. Auf Annchens Hochzeit z. B., die in der vorigen Woche stattfand, durfte Thereschen nicht erscheinen, um dem möglichen Argwohn vorzubeugen, und der Professor ging allein hin, obwohl außer mir, die auch geladen war, alle Freunde Junkmanns dort versammelt waren; auch die Rüdiger, die mir sagte, man habe allen Leuten die Verwunderung über Thereschens Abwesenheit sehr anmerken können, und der Pastor von Martini habe laut gerufen: »Aber wo bleibt denn Junkmanns Thereschen?« Sie habe sich erschrocken nach dem Professor umgesehn, der aber grade zur Thür hinausgewesen. Es war doch gut, daß Thereschen nicht da war; der fidele Pastor hätte vielleicht die Gesundheit des zweiten Brautpaars ausgebracht und die ganze Sache rückgängig gemacht; denn der Papa und Stoffer sind nur schwankend geworden, aber durchaus noch nicht zur bestimmten Anerkennung geneigt, und ein öffentliches Widersprechen hätte nothwendig Alles traurig beendigt. Man muß ihnen Ruhe lassen, dann macht sich Alles von selbst; das sage ich Junkmann hundertmal, er scheint es auch jedesmal zu begreifen und sündigt doch in der nächsten Stunde dagegen. Die Rüdiger ist wohl; sie war gestern hier, und wir sprachen viel von Ihnen; Mama hat sie sehr lieb. Sie erzählte viel von Annchens Hochzeit, von Nanny Scheibler, mit der sie sich immer näher tritt, auch von Nanny Brockhausen, mit der sie zwar weniger eng, aber doch auch befreundet ist. Meine Liebe zu ihr und die Enge unsers Verhältnisses steigt fortwährend; sie hat mir ihr Bild zum Aufheben gegeben und ich ihr das meinige, so sind beide nöthigen Falls immer zur Hand, wenn Nachfrage darnach geschehn sollte, und zwar an einem ganz passenden Orte. Das gute Herz hätte jetzt wohl eine Stelle für Paulinchen, in Belgien, mit schönem Gehalte; aber Katholizismus und musikalische Fertigkeit und Kenntnisse sind streng geforderte Requisite, und die Rüdiger wird sich deshalb bei ihrer Tante erkundigen, wie es mit Letzterem steht, da eine Antwort von Ihnen zu spät kommen würde, weil schnelle Auskunst gefordert wird. Man scheint viel zu verlangen, eine Art Meisterschaft, und ich fürchte sehr, daß hieran die sonst sehr lockende Aussicht scheitert; deshalb wird die Rüdiger auch schwerlich der Sache gegen Sie erwähnen, aber gewiß ihr Möglichstes thun. Sie können überhaupt auf ihre unwandelbare Freundschaft und Sorge für immer und in jeder Beziehung rechnen, obwohl sie völlig im Klaren ist, so fest wie auf die meinige, deren Sie doch wohl hinlänglich versichert sind, und Ihre Lage, ob gut oder schlimm, geht und wird uns immer zu Herzen gehn wie die eigne. Doch Sie suchen mit Ungeduld nach Auskunft über Ihre Bücher (die gekauften) und das Material zum Deutschland. Wenn dieser Brief den Ersteren und dem bis jetzt mobil gemachten Theile des Letzteren nicht beigeschlossen ist, so werden sie fast unmittelbar folgen. Rüdiger und Junkmann schicken, was sie haben; mit meinem Onkel August ists mir verkehrt gegangen: er ist in Abbenburg, und ich adressirte, da er oft abwesend ist, und die Briefe dann lange liegen, den meinigen an die Tante Sophie, die der Haushaltung wegen sonst nie fort kömmt, damit er ihm sogleich nöthigen Falls nachgeschickt würde; statt dessen ist er nun zu Hause, die Tante gegen alle Regel in Hannover, und mein Brief macht einen Fleischergang, muß aber doch jetzt längst angekommen sein. Deshalb hoffe ich, der Onkel schicke etwas, weil ich ihn gebeten, widrigen Falls auf der Stelle zu antworten, damit Sie andern Rath schaffen könnten; auch sonst hatte ich ihn zur Eil angetrieben, aber das Ordnen und vielleicht Abschreiben verlangt seine Zeit. Doch ist mein Brief vor mehr als drei Wochen abgegangen, und ich hoffe immer noch auf eine Sendung vor Abgang der Bücher; wo nicht, schicke ich sogleich nach, was mir zukömmt. Das Manuscript über Westphalen ist leider nur eine späte Übersetzung des Kerssenbrock, den Laßberg schon mehrfach, deutsch und lateinisch, gedruckt und handschriftlich besitzt; ihn kann es also nicht freuen, Ihnen aber vielleicht jetzt nützen, und die Rüdiger ist der Meinung, daß man es den übrigen Büchern beipacken solle, was wohl geschehn wird. An einem andern der Bücher, was eine Menge sehr roh vorgetragener Geschichtchen enthält, nahm die gute reine Seele großen Skandal und möchte es lieber gar nicht abschicken; viel verloren wäre nicht daran. Was ich Ihnen über die Bornstedt und meine Plane für sie geschrieben, scheint von selbst zu zerfallen; sie ist unsichtbar geworden, nicht in Herbern, wie Jedermann glaubte, auch nicht dort gewesen, sondern seit zwei Monaten total verschollen, so daß sie von Velhagens fataler Antwort, die mündlich durch Nanny Scheibler ging, nichts weiß und vielleicht nie darum nachfragt; denn ich vermuthe sehr, sie habe Münster für immer verlassen, obwohl ihr einsames Quartier fortwährend auf sie wartet. Ob, wie Einige behaupten, der Schweizer ihr rein abgeschrieben, und sie, um ihre Scham und den Verdruß zu zerstreuen, zu einer entfernten Verwandten an den Rhein gegangen? Ob, wie Andre meinen, über das bloße Trainiren ungeduldig, in die Schweiz, um der Sache selbst auf den Grund zu fühlen? Nescio! und Keiner weiß es, sie hat Keinem etwas vertraut, von Keinem Abschied genommen; nur der Pastor von Herbern scheint im Geheimniß. Ist sie in Luzern, so freue ich mich tausendmal, weder Zunge noch Finger verbrannt zu haben, sonst möchte Gott dem armen Liebenau beistehn; jetzt mag sie selber zusehn, und kann sie Kiesel herunter bringen, so ists nicht meine Schuld, wenn sie ihr nachher im Magen liegen. Jedenfalls, Frau oder Exbraut, haben wir wenig Aussicht, sie wieder zu sehn, und mit ihren »Pilgerklängen« wird sie sich dann auch wohl anderwärts umsehn, wo ich, mit dem besten Willen, keine Hand darin haben kann. Meine Gedichte werden denn doch gegen Ostern erscheinen können. Bis vor Kurzem habe ich wenig daran gethan, aber seit es draußen kalt und kothig geworden ist, habe ich mich in meine Winterpoesie gehüllt; es ist doch sonderbar, daß zum Dichten eigentlich schlechtes Wetter gehört, – ein neuer Beweis, daß nur die Sehnsucht poetisch ist und nicht der Besitz. Säß mein liebstes Kind mir noch gegenüber, ich würde wieder zwei Gedichte täglich machen; jetzt lasse ich es langsamer angehn, aber es giebt doch was, und ich bin neugierig auf Ihr Urtheil über das Spätere. NB. Velhagen scheint doch an dem Verlage meiner Gedichte etwas gelegen; die Rüdiger sagt, daß er Nanny Scheibler angegangen, ihm denselben zu verschaffen; dies zur Nachricht, wegen Cotta, der nicht halb so bereit scheint, und Sie mögen nun selbst bestimmen, was ich thun soll. An Adele habe ich, Gott sei's geklagt, noch nicht geschrieben, aber will es nun ganz ganz gewiß morgen thun und dann wegen des Leipzigers oder Jenaers nachfragen; bisher war sie auch wohl noch in Karlsbad, und ich hatte ihre Adresse nicht. Daß meine Beisteuer zum »Deutschland« viel verrufene Münze enthält, habe ich weniger bei der Absendung gefühlt, wo ich viel zu krank zum Nachdenken war, als jetzt bei Durchlesung des Brouillons; es ist wahr, Sie werden unendlich mildern und Manches ganz streichen müssen. Auf das procul a Jove verlassen Sie sich ja nicht; Ihre Lage scheint mir nicht halb so fest, als sie sich anfangs anließ, und Sie könnten unversehends wieder fulmini proximus werden. Sie haben doch wohl, bei Beendigung des Halbjahrs, nicht versäumt, sich bündig fest zu stellen? Ich bitte, antworten Sie mir hierauf, denn ich bin in großer Unruhe deshalb; ohne dieses könnten Sie um Alles kommen, und selbst ein schriftlicher Contract kann unter Umständen trügen, wie ich Ihnen früher ein Beispiel vom alten Steinmann angeführt. Sind Sie aber noch nicht gebunden und fürchten Veränderungen, die Ihre ohnedies delicate Lage bis zum Bedenklichen, ich wage es zu sagen: bis zum fast Unehrenhaften steigern könnten, so bitte ich Sie, um alle der treuen Sorge und Liebe willen, die ich Ihnen immer bewiesen, sprechen Sie es ehrlich gegen mich aus, und ich will dann mein Möglichstes thun, Ihnen durch August, der ja jetzt alle sein Connexionen wieder im Gange hat, eine gleich gute Stellung aufzufinden; er hat Sie lieb und vermag viel, wenn nicht politisch und im Allgemeinen, doch im Einzelnen und mündlich durch den klaren bon sens seiner Darstellungsgabe. Die sehr gute Secretair- und späterhin Justizrathstelle bei der Gräfin Stolberg-Stolberg z. B. wäre Ihnen nicht entgangen, wenn die Agnaten nicht mit einem lange vorher gewählten Bewerber durchgedrungen wären. In diesem Falle dürften Sie jedoch den einen Faden nicht loslassen, bis Sie den andern in der Hand hielten, und könnten nur die Saumseligkeit des Fürsten benutzen. Sind Sie aber schon gebunden, nun, dann muß ich Alles in Gottes Hand stellen und hoffen, daß er mir nicht den für meine Kräfte zu schweren Kummer auflegen wird, Sie durch meinen Rath ins Unglück gebracht zu haben. Für Ihren Charakter fürchte ich nichts, einem edlen Gemüthe kann diese crasse Verderbtheit nur Ekel erregen, und die Freundin und Stellvertreterin Ihrer Mutter ist Ihnen hoffentlich auch zu lieb, als daß Sie nicht immer gern mit freiem Muthe an sie denken möchten. Aber Ihre Stellung wird und muß in Mondsee sehr einsam sein, denn es würde doch gar zu miserabel lauten: »der Mann, dem die Kinder der seligen Fürstin anvertraut sind, ist der Pylades des Bruders, der Schwester, des Vettern jener Person, die der Fürstin den Sarg gezimmert hat«, und deshalb betrübt mich Ihre Einsamkeit. Doch vielleicht giebt's noch honnette Leute dort, die unter wenig Politur wo nicht Kenntnisse, doch einen regen Geist und klaren Verstand verbergen; mir wäre dieses nun hinlänglich und grade als Schriftstellerin das Naturwüchsige interessanter als ein Anstrich von Bildung ohne eigentlichen Fond. Sie haben sich um so mehr zu hüten, da Leute wie der Fürst immer, von ihren Günstlingen angetrieben, voll fataler Plane für diese stecken und ihnen ein Sort machen, wie und wo sie können. Ich rede nicht von den Liebschaften des Fürsten, d. h. in directer Beziehung zu Ihnen, obwohl Sie auch hierbei nicht glauben dürfen, heraus zu wittern, was man Ihnen und Jedem, sobald ein Plan da ist, gewiß auf's Schlauste verbergen wird; aber möchten Sie der Pseudo-Schwager, Vetter, Neffe des Fürsten werden? Heute lachen Sie über diese Frage, und in Kurzem sind Sie vielleicht so umsponnen – es könnte wenigstens so kommen –, daß Sie weder vor noch rückwärts wissen; ich habe leider ein Haus genau gekannt, wo es Jedem so ging, der sich hineingab, grade den Besten und Arglosesten am Ersten. Lieber Levin, mein liebstes Kind, werfen Sie dieses Blatt fort? Oder sehe ich Sie noch mit den Augen Ihrer Mutter an, hören Sie noch die Stimme derjenigen aus mir, die mir jetzt vielleicht eingiebt, was ich schreibe? Ich weiß, Sie thun es und nehmen meine dargebotene Hand als Zeichen der Anerkennung freundlich an. Mein Wille war immer gut; habe ich in der Weise zuweilen gefehlt, so wäre die Strafe zu hart, wenn meine Worte dadurch alle Kraft verloren hätten. Bedenken Sie, daß ich mich im Innern für Sie verantwortlich gemacht habe, sowohl für Ihr äußeres als inneres Wohl, und jeder Ihrer Fehlschritte mir mitten durchs Herz geht. Gott weiß, wie gern ich Sie unter diesen Umständen von einer honnetten Neigung befangen säh, aber nur von einer recht honnetten. Ich will Sie nicht ermüden und bitte nur noch, denken Sie recht oft an mich, es ist gewiß gut; ich denke sehr, sehr viel an Sie. Mein Stübchen ist jetzt so traulich, so ganz wie für Sie geordnet, das flackernde Feuer im Ofen, auf dem Tische am Fenster ein Teller voll Vergißmeinnicht, auf dem vor mir einer mit den besten Pflaumen, die ich je gegessen, – es kömmt mir fast unnatürlich vor, daß sie nicht für Sie da stehn. – Dann noch ein Busch Blumen, aus denen ich ein Kränzchen für Mama winden will; denn morgen ist ihr Namenstag, und ich habe mir durch die Bückersche Die alte Botenfrau zwischen Rüschhaus und Münster. Geschenke eingeschmuggelt, von denen ich großen Effekt erwarte: eine Wärmflasche, einen Rococo-Ring, ein silbernes Kruzifix, hübsche Kupfer, – ich sollte, es wäre schon morgen, Geben ist doch viel seliger als Nehmen! Ich freue mich auch darauf, Paulinchen das Foulardtuch zu schicken, was die Rüdiger für mich einkaufen wird; denn in meinem Geldbeutel sieht es jetzt wieder ziemlich brillant aus, und ich darf mir schon ein Plaisir erlauben; schreiben Sie mir dann doch, ob es ihr gefallen hat, sonst werde ich nichts davon gewahr. Hören Sie nichts von Freiligrath? Was macht Dralle? Schlickum? Es kömmt mir wunderlich vor, jetzt von allen diesen Leuten so ganz abgeschnitten zu sein. Sobald ich nach Münster komme, will die Rüdiger mir den Hutterus bitten, und ich freue mich schon auf seine Manieren, die Sie mir so oft voragirt haben. Auch Nanny Scheibler werde ich kennen lernen und hoffentlich schon das gute Tante Ittchen Henriette von Hohenhausen, lebte einige Jahre zu Münster und starb daselbst am 21. April 1843. Sie schrieb Erzählungen, Gedichte und Jugendschriften. treffen, was auf einige Zeit zur Rüdiger kömmt, aber dieses Mal noch ohne die Düringschen Kinder. Hier erwarten wir nächstens viel Besuch: einen weiblichen Goliath, Fräulein v. Dücker, meine Tante Ludowine und endlich Tony Galieris, die leider das schlesische Clima nicht vertragen kann und deshalb ihre gute Stelle beim Grafen Schaffgotsch hat aufgeben müssen. Die Gräfin war sehr zufrieden mit ihr, hat beim Abschiede sehr geweint und ihr tausend Thaler geschenkt, – ein schönes Präsent, aber freilich keine Versorgung, und da Tonys Gesundheit überall dem Lehramt nicht gewachsen scheint, wird Rüschhaus in Zukunft wohl ihre beste Zuflucht bleiben, und Mama rechnet schon gar nicht anders. Von Meersburg habe ich keine neueren Nachrichten; nach den letzten war Alles wohl und beim Alten. Und nun Adieu, mein lieber Levin, ich freue mich schon auf den fünften, wo ich Ihre gute Pfote wieder sehn werde; bis dahin habe ich schon fleißig gearbeitet und denke in meinem nächsten Briefe resolut zu prahlen. Ich habe nur keine rechte Freude an der einsamen Begeisterung; es rollte doch anders, wie wir jeden Abend vor einander triumphirten, und ich kann nicht ohne Erbitterung daran denken, daß jetzt vielleicht irgend ein dicker Schweizer auf meinem Kanapee seine knolligen Glieder streckt. Tempora mutantur et nos mutamur in illis! Das Letztere kann ich indessen von mir nur äußerlich zugeben; nicht wahr, Levin? Gott segne Sie mit seinem besten Segen. Adieu, Adieu. Sie wollen ein Roman-Messias werden und thun gar nichts; was sage ich aber dazu? Die gebratenen Tauben fliegen Einem nicht in den Mund! NB. Sie haben doch meinen letzten Brief von der Mitte September erhalten? Ich bin etwas unsicher mit der Adresse. Rüschhaus den 15ten November 1842. Ich komme soeben von Münster, wo ich mich einige Tage bei meinen Freunden habe sehn lassen, damit sie nicht denken, ich sei gar todt und begraben, und sehe nun mit Schrecken, daß mir derweil der fünfzehnte heimtückisch über den Hals gekommen ist. Sie werden deshalb dieses Mal meinen Brief einige Tage später erhalten, was mir schon ganz recht ist; warum? Das will ich Ihnen nachher sagen. Also: guten Morgen, mein liebstes Kind! si vales, bene est, ego valeo; Gottlob daß wir uns Beide so glücklich durchgebissen haben, aber Unkraut vergeht nicht. Von unsern Lieben in Münster kann ich leider nicht ganz dasselbe sagen; Alles hustet, halsweht, katarrht, auch in Hülshoff sind nicht weniger als vier Kinder unwohl, eins sogar ernstlich an einem gastrischen Fieber; in den Kirchen überwältigt das Nießen, Schneuzen und Räuspern sogar die falschen Orgeltöne, – also doch ein Gutes beim Uebel – kurz: ich allein bin gesund, Mama klagt über Schwindel und Herzklopfen, drei unsrer Leute haben sich in dieser Woche die diversesten Zähne ausziehn lassen, und zwar von der Schmiedstochter, einer so hübschen Amazone, daß ein zweiter Ulrich von Lichtenstein wahrscheinlich sein ganzes Gebiß geopfert hätte »Um einen Blick, ein süß Berühren dieser selgen Frauen«. Was sagen Sie dazu, – kriegen Sie nicht selbst Lust auf Ihrem Schimmelchen herzutrotten, um Ihre Kinnlade zu präsentiren? Bei Schlüters fand ich auch Alles im herrschenden Stile; Thereschen, mit einer dicken Halsbinde, sah aus wie ein artiges Fahnenjünkerchen; mein lieber Professor, den ich übrigens sehr wohlaussehend und fast schön fand, klagte, daß seine Körperdürre sich auf den Geist geworfen habe und alle Welt ihn langweile, er selbst sich am Allermeisten. Zum Glück war in seiner Unterhaltung nichts davon zu spüren, vielmehr zeigte er Interesse für Dinge, die ich längst bei Seite geschoben glaubte, z. B. seine Mineralien \&c.; auch begönnert die gute treue Seele, die sich an jedem unerwarteten Geistesfunken ihrer Freunde so kindlich freut, wieder ein paar miserable Heckenpoeten, – ein namenloses Fräulein, deren noch ungedruckte Gedichte wie Spülwasser schmecken, und einen gewissen Lappe – den Namen mit der That –, der sich Gottdank nur in einem kleinen Bändchen blamirt hat, wo unter andern die Ode des Horaz Integer vitae und eine des Anakreon in plattdeutscher Übersetzung vorkommen, – der Gipfel des monströs Lächerlichen! Ich habe die ganze Zeit bei Elisen logirt, die auch katarrhös unwohl war und über Magenschmerzen klagte. Die grenzenlose Verwirrung der Düringschen Angelegenheit und die vielen fatalen Briefe, die sie fortwährend darüber erhält, wo der Concurs immer von Neuem an die Thür gepocht hat und wieder auf einige Wochen abgeschoben ist, lassen sie gar nicht aus der Sorge kommen, da die Kinder ihr jetzt fast am Herzen liegen wie eigne. Ich wollte, das Unvermeidliche wäre erst geschehn, Düring wieder wohlbestallter Lieutenant, die Kinder bei der Rüdiger, mit der Aussicht auf das großelterliche Erbe; denn diese Lage zwischen Hängen und Würgen ist schlimmer als Alles was kommen kann. Wir haben eine sehr liebe Zeit zusammen verlebt; Tante Ittchen war noch nicht da, und ich kroch derweil in ihr Bette, vor das sich Elise dann jeden Abend setzte, wo uns unter Ernst und Lachen oft die Mitternacht über den Hals kam, ehe wir es dachten; ich denke recht bald wieder hin zu gehen; es sollte mich wundern, wenn einem gewissen kleinen Pferdchen die Ohren nicht fleißig geklungen hätten, besonders, obwohl wider Verdienst, das rechte. Einen Brief erwartet Elise eigentlich nicht von Ihnen, da sie die an mich geschriebenen als für uns Beide bestimmt ansieht, doch würde er sie gewiß sehr freuen. Die Ausführlichkeit des letzten an mich hat ihr sehr wohl gefallen, und sie hat es mir in Rechnung gebracht, durch ihre Mercuriale so viel dazu beigetragen zu haben. Ja wohl ist sie seelengut; ich weiß sonst Niemanden, der so durch und durch gut und mild wäre, außer etwa Schlüter, und ich glaube auch nie eine Freundin so, ohne Schwärmerei, herzlich und wie mein eignes Blut geliebt zu haben; und von ihr glaube ich das Gleiche zu empfangen. Sie freut sich an jedem meiner kleinen Triumphe dreimal mehr, als wäre er ihr selbst zu Theil geworden, sammelt alle einzelnen Lobsprüche wie Kleinode, schrieb mir sogleich ein Stück Briefes ihrer Mutter ab, worin diese meine Judenbuche hochstellt \&c. Gott gebe, daß sie nur immer in Münster bleibt, ich würde sie sehr schwer vermissen. Louise Delius brachte ein paar Abende mit uns zu; sie ist doch ein gutes und auch gescheutes Persönchen, das nur ganz in Andern lebt, und somit auch le bois dont on fait les anges . Nanny Scheibler mußte zweimal absagen, weil ihr Vater ernstlich krank geworden ist, an der Brustentzündung, die ihn jedes Jahr befällt und jedesmal auf gefährliche Weise; er war, als ich fortging, etwas besser, und es thut mir leid, Sie für heute so gleichsam in der Crisis von ihm scheiden zu lassen, da er Ihnen wahrscheinlich bekannt und lieb ist. Schnittger war einen Abend bei der Rüdiger, aber so steif und verlegen, daß er sich völlig ausnahm wie ein anderer Mensch und sich nicht ein einziges Mal in die Seite griff; es war Schade darum, – ich hätte so gern, der Erinnerung halber, das Original zu Ihrer Copie gesehn! Jetzt muß ich Ihnen sagen, daß Sie von meinem Onkel August leider keine Aushülfe bei Ihrer Arbeit erwarten können; es ist ihm aber selbst so leid, und die Verzögerung der Antwort so ohne seine Schuld, daß Sie ihm deshalb nicht zürnen dürfen. Mein Brief an ihn ist nämlich in Münster ohne mein Wissen in eine Hutschachtel gelegt worden, die auf der Stelle abgehn sollte, durch eine Verkettung von Umständen aber erst nach Wochen geöffnet ist, wo August dann am selben Tage geantwortet hat, »daß er zwar über die fraglichen Gegenstände wohl ein dickes Buch schreiben könne, bis jetzt aber noch keine Zeile darüber niedergeschrieben habe, außer was sich in seinen gedruckten Werken zerstreut finde; und jetzt, auf dem Lande, ohne Hülfsbücher, etwas irgend Gründliches darüber aufzusetzen fühle er sich mit dem besten Willen doch nicht im Stande; es thue ihm sehr leid, denn er würde sich Herrn Schücking sehr gern gefällig gezeigt haben, – Ich hoffe, das Ausfallen dieser Nachrichten giebt keine gar zu große Lücke, da Sie doch nur von »flüchtigem Berühren« sprachen. Rüdiger hat, wie ich höre, Einiges geliefert, und Junkmann Vieles; aber haben Sie nicht an Hüffer geschrieben? Der hätte gewiß recht Tüchtiges beigesteuert. Von Meersburg haben wir neuerlich Nachrichten, aber wenig Erhebliches. Der alte Direktor Napholz ist gestorben, an dem letzten seiner zahllosen Schlaganfälle, sonst Alles beim Alten, nur das Kesselsche Institut täglich kümmerlicher und hoffnungsloser. Die alte Burg und der See fallen mir doch hundertmal ein, wenn ich die Regentropfen so an den trüben Scheiben niederrinnen sehe und denke, wie farbig, winterklar und poetisch dort Alles war; – wohl, wohl war es eine schöne Zeit! – und so Alles zusammen: die himmlische Gegend, die fast fabelhafte Burg, – und drinnen die »fruchtbringende Gesellschaft«, der alte Ritter, Sie und ich; – es waren die schönen Tage von Aranjuez; habe ich Ihnen nicht immer gesagt, Sie seien sich des traumartigen Glücks Ihrer Lage nicht halb bewußt? Den 16ten. Gestern, als ich von Kopfweh überwältigt eben die Feder weggelegt hatte, kam Ihr Kistchen an. Mein altes, gutes Herz, wie haben Sie sich geplagt, das Alles zusammen zu bringen! Sie sind doch ein gar liebes kleines Pferdchen, – bloß klein, weil klein lieb ist, – und wie schön ist Alles, besonders die Münzen! Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß eine ganz vortreffliche altgriechische darunter ist: die kleine grasgrüne; die übrigen sind römisch, alle so prächtig erhalten, und mehrere darunter von der größten Seltenheit; auch die neugriechischen Münzen sind mir sehr lieb, und fast noch mehr die Mineralien und Versteinerungen, weil mein gutes Kind sie theilweise mit seinen eignen guten Händen für mich herausgeklopft hat. Lieber Levin, Deine treue Sorge und Liebe thut Deinem Mütterchen sehr wohl; sie hat ja auch nur den einen Jungen, auf den sie Alles, was von Mutterliebe in ihr ist, concentriren muß. Gott segne Dich, mein Kind, Du weißt nicht, wie es mich rührt, daß Du so oft an mich gedacht und Deine Freude in der meinigen gefunden hast. Ich bin etwas mißtrauisch und gar nicht eitel, darum glaube ich immer, schnell vergessen zu sein. Die beiden Bücher werde ich sofort besorgen, und Schlüter wird sich fast eben so sehr freuen wie Elise. Als ich ihm Ihren langen und herzlichen Gruß aus dem letzten Briefe vorlas, ging es wie Verklärung über sein armes Gesicht, und er sagte: Das thut mir recht im Innersten wohl. Sie haben hier einfache, aber treue Menschen zurück gelassen, Levin, – gründlich in ihrer Liebe wie in ihrem wenn auch etwas einseitigen Wissen. Das niedliche Kistchen mit der allerdings sehr schönen und wohlfeilen Tuchnadel werde ich, nebst dem Briefe, jetzt mit dem Foulardtuche zusammen packen und nicht dazu schreiben, da mein Brief das fünfte Rad am Wagen sein würde, wo jetzt Alles in einem Male unter Ihrem Namen gehn kann. Sie fragen nach der Bornstedt? Die ist hoffentlich für immer von unserm Horizonte verschwunden; ihr Flügel, Briefe, Bilder sind wohlverpackt fortgerumpelt, alles Übrige verkauft, und keine Seele hat darauf geboten, außer der Rüdiger und Schlüters, so daß ihr wohlbekanntes Schmachtkanapee für fünf Thaler fortgegangen ist, was mir doch leid thut. Wissen Sie schon, daß der bewußte Saumaige ganz anders heißt und ein ziemlich genauer Bekannter der Rüdiger ist? Ein uninteressanter, höchst roher Mensch, der zwei Frauen geprügelt, aber nicht die geringste Lust zur dritten hat. Die Rüdiger hatte diesen Argwohn schon ein paarmal gegen die Bornstedt ausgesprochen, die dann aber immer schnell geantwortet: Nein, nein, der Meinige heißt Saumaige! Jetzt, bei der Auction, hat seine Karte auf dem Boden gelegen, und, um jeden Zweifel zu heben, auf der Rückseite mit Bleistift jene fatale Aufkündigung: Il m'est de toute impossibilité etc.; was sagen Sie zu dieser Charlatanerie? Die gute Rüdiger war ganz betrübt nach der Auction, ganz ergriffen von dem völligen Ausscheiden eines so bekannten und stereotyp gewordenen Bildes; es war ihr fast wie Heimweh, und sie hätte eigentlich gern nach Luzern geschrieben; ein Besuch meines Bruders hat aber diese Gefühle – ich glaube für immer – todtgeschlagen. Er erzählte so viele thörichte und boshafte Streiche (mir bis dahin auch noch unbekannt), mit denen die Bornstedt seine und seiner Frauen Freundlichkeit vergolten: wie sie sie bei allen Leuten schlecht gemacht; wie sie, auf feine und grobe Weise, mich mit ihnen in Unfrieden zu bringen gesucht; wie sie die Gouvernante bei ihnen verschwärzt und anderseits dieser in den Ohren gelegen, »diese stupiden Leute zu verlassen, denen sie ja doch nur fatal wäre«, wobei sie ihre eignen boshaften Worte meiner Schwägerin in den Mund gelegt hat; wie sie endlich, und zwar am Begräbnißtage der kleinen Anna, nachdem sie den beiden trostlosen Eltern durch ein Benehmen, das an Verrücktheit grenzt, durch tolles Lachen, Umherhopsen, Händeklatschen und den immer wiederholten Schrei: »O glücklicher Tag! o schönster Tag im Leben! ein neuer Engel im Himmel!« fast das Herz gebrochen hatte; endlich, aus Depit über die geringe Wirkung ihrer Künste, erzählt hat, Sie hätten von Meersburg geschrieben, Sie stürben vor Langeweile bei den beiden alten, stumpfen Leuten; worauf ihr Werner geantwortet: »Gnädiges Fräulein, ich erinnere mich meiner eignen jungen Jahre noch hinlänglich, um zu wissen, wie einsam man sich dann ohne einen Umgang gleichen Alters fühlt; zudem ist mein Schwager etwas taub, meine Schwester von sehr wenigen Worten; wenn Herr Schücking also wirklich dergleichen Jemandem im Vertrauen geschrieben hat, so nenne ich das noch keine Beleidigung; wissen Sie aber, wie ich Ihr Benehmen nenne? Ohrenbläserei!« Worauf die Bornstedt sich in die Brust geworfen, gesagt, das thäten viele Leute, und eine lange Reihe angeführt hat, wo ich und die Rüdiger oben an gestanden. Mein Bruder hat ihr, noch immer gelassen, geantwortet: »Ich wollte als ganz junger Mensch einmal auf der Jagd etwas Widerrechtliches thun und führte das Beispiel eines guten Bekannten an; da sagte mir mein eigner Jäger, ein sehr ehrlicher Mann: ›Gnädiger Herr, wenn der Herr von . . . ins Wasser springt und sich ersäuft, müssen Sie es deswegen auch thun?‹ und das habe ich dem Manne nicht übel genommen, sondern ihn deshalb sein Leben lang in Ehren gehalten.« So hat ein Wort das andre gegeben, und das Ende vom Liede war, daß die Bornstedt mit dem würdevollen Anstande einer verkannten Seele heimgefahren ist. Welche Perfidie wohnt doch in dieser schwarzen Katze! Gott Lob und Dank, daß sie unsre gute westfälische Luft nicht mehr verpestet! Elise sagt mir, daß etwas ganz Anderes, nur schwach hiermit Verwandtes und keineswegs Beleidigendes in einem Briefe an sie gestanden, – ich wußte dieses schon; Werner hatte mir vor der Thür die Rüdiger genannt, was er nur in ihrer eignen Gegenwart aus Discretion nicht anführen mögen, – den sie mehreren Leuten vorgelesen, da er durchaus unverfänglich gewesen, und das gute Ding hat jetzt rechte Noth und Sehnsucht, mir den Brief zu zeigen, der in Tante Ittchens Händen ist. Die verläumderischen Briefe, über welche die Bornstedt klagt, haben sich übrigens jetzt als verläumderische Nachrichten herausgestellt und mögen ihren Grund haben, da Carvacchi, mit dem sie seit einem Jahre in offner Feindschaft lebte, binnen dieser Zeit in Luzern war. Doch genug von dieser Person, und Übles wollen wir ihr auch nicht wünschen, vielmehr, daß die schwere Strafruthe, die über ihrem Haupte hängt, nicht allzuhart niederfalle; denn ein solches Elend kann kaum Jemand verdienen. Ich glaube schwerlich, daß ihr in Luzern Aufklärung werden wird; wer will die Kastanien aus den Kohlen holen für eine wildfremde Person? Und die Verwandten denken sich ein großes Glück an dieser reichen Braut; wer soll da sprechen? Es dauert mich doch! Von Adelen habe ich Antwort, eine höchst unerwartete: mein buchhändlerischer Verehrer ist – ein Schlagschatten, ein Doppelgänger, kurz, Velhagen und Klasing, der sich vor drei Jahren hinter Adelen steckte, wie jetzt hinter Nanny Scheibler. Adele schreibt: »Der Buchhändler, der vor ein paar Jahren O. L. B. Wolff in Leipzig traf und sprach, der so entschieden den Wunsch aussprach, Ihr Verleger zu werden, durch mich und Wolff sich Ihnen anbot, ist – eben Ihr Bielefelder. Der Mann hat wenigstens eine seltne Ausdauer. O. L. B. Wolff trägt mir auf, Ihnen zu sagen, der Mann sei redlich, die Firma solid und nicht unbedeutend; indessen seien sowohl Ihre Gedichte wie Ihre Novelle ›Die Judenbuche‹ mit so großem Beifalle aufgenommen worden, daß er Ihnen ganz entschieden rathe, Cotta den Verlag zu geben. Er bemerkt Ihnen als Sachkundiger, daß eine etwa abschlägige Antwort in einer rein kaufmännischen Angelegenheit Sie weder verletzen noch ärgern könne, da der Vortheil ja auf Seiten beider Kontrahenten sei; also möchten Sie doch vor Allem bei Cotta anfragen lassen; Sie seien jetzt schon ganz bekannt, höchst vorteilhaft erwähnt und recensirt; Honorar für Gedichte bekomme man schwer, doch möchten die Ihrigen wohl eine Ausnahme machen. Also, liebe Nette, frisch voran! Einzelne Ihrer Gedichte im Morgenblatt habe ich mit großer Freude gelesen, nicht alle, da ich viermal in Carlsbad war. Ihre Judenbuche ist überaus schön, Sie haben eine himmlische Wahrheit in Ihrer Darstellung; bloß etwas massenhafter gearbeitet wünschte ich die Geschichte, die Hauptmomente treten, dünkt mich, nicht scharf genug vor; die Details sind wunderbar wahr und schön gegeben. Ich in Ihrer Stelle, liebe Nette, würde vielleicht beide Bücher – die Gedichte und das prosaische ›Bei Uns zu Lande‹ \&c. – zugleich herausgeben.« So weit Adele; was sagen Sie zu dem letzten Vorschlage, lieber Levin? Ich glaube, Adele hat Recht; Cotta würde denken, daß entweder das eine oder das andre der Bücher bestimmt reüssiren werde, und deshalb vielleicht beide gut honoriren. Aber in diesem Falle kann ich kaum unter Jahresfrist auftreten und dann doch nur mit dem ersten Bande des Prosaischen; wenigstens fürchte ich nicht weiter zu kommen, da es im Frühling wieder nach Abbenburg geht, und ein Buch, in einem fremden Hause geschrieben, schon alles Mögliche ist. Adele schreibt auch von Ihnen, mit vieler Liebe, und meint, unser Zusammenleben und Dichten in der alten Burg müsse etwas fabelhaft Schönes gewesen sein. Sie ist übrigens leider noch immer nicht geheilt, obwohl besser, und eben jetzt einer ärztlichen Consultation wegen in Bonn. Den 17ten. Guten Tag, Levin; endlich ist angekommen, was meinen Brief jedenfalls einige Tage verzögern mußte. Vivat Sünte Kloos! Er hält seinen Umzug etwas früher wie gewöhnlich, wahrscheinlich des guten Frosts wegen, der seit gestern eingetreten ist; freut es Dich auch? Nicht wahr, der Ring ist hübsch gefaßt? Der Stein freilich etwas unbedeutend, aber gut zum Siegeln. »Toujours sincère« – das ist mein liebstes Kind gegen mich und wird es immer bleiben; wo sollte es sich besser hinwenden, ein Mutterherz ist nicht so leicht aus dem Aermel zu schütteln. Wahrscheinlich lege ich noch eins meiner beiden Exemplare des Ludgerus bei, werde mich aber erst erkundigen, ob nicht schon eines für Sie abgegangen ist: ein Rüthchen darf auch nicht fehlen, obwohl es immer kleiner wird, je größer die Kinder. Auf dem Teller vor mir blühn im Moose so prächtige Vergißmeinnicht, daß ich mich kaum enthalten kann, ein Paar mitzuschicken; aber sie würden doch nur als Stroh ankommen. Das sind aber nicht meine Künste alle; ich habe noch ganz niedliche Niedlichkeiten, die ich für eine andre Gelegenheit aufspare, – ich will zweimal Plaisir davon haben. Tragen Sie den Ring nicht immer; ich habe ihn zwar stark bestellt, aber solche Ringe sind immer mehr oder minder hohl, verbiegen und schaben sich ab, wo dann alle Schönheit und Freude herunter ist. Nun noch zur Beantwortung einzelner Punkte Ihres Briefes. Brentanos Todtenamt von Freiligrath habe ich gelesen und jetzt auch das Gedicht im Immermanns Album; das Erstere finde ich wohl hübsch, das Zweite kaum; hier ist wirklich mitunter nur »gereimte Prosa«, und wenn ich das finde, die selbst so sehr nach dieser Seite neigt, so muß es wohl auffallend sein. Ich fürchte, Freiligraths Ader fängt an sich zu erschöpfen; auch das erste Gedicht hat mich mehr durch seine Pietät gerührt, als durch eigentliche Kraft oder Lieblichkeit erfreut; doch ist es noch immer besser, als was man so gewöhnlich sieht. Ihr Aufsatz über den Merlin ist desto schöner, und Adele meint »Meersburg mit all seiner feenhaften Romantik« herauszufühlen; andre Urtheile habe ich noch nicht gehört. Auch das überschickte Lied ist recht schön und mein junger Adler Gottlob wieder im frischesten Fluge. Einzelne Worte möchte ich wegwünschen, z. B. knirscht eine Saite nicht, wobei wir unwillkürlich an Zähne denken müssen; »schwirrend«, »klirrend« wäre besser; auch das »höh'r« statt »höher« macht sich etwas ungeschickt; ich glaube: »er reckt sich hoch empor«, »stolz empor«, »wild empor \&c.« würde nichts verderben und viel besser ins Ohr fallen. Sonst wüßte ich nichts zu tadeln und bin seelenfroh, Ihren Pegasus wieder so stolz und lustig traben zu sehn. »Frisch auf, mein edler Zweig!« wie's im Minneliede heißt; lassen Sie die Lethargie nicht wieder über sich kommen, sie verdirbt Seele und Leib. Auf Ihren Strandroman bin ich unmaßen neugierig; der Stoff ist freilich schon zweimal bearbeitet, aber vor uralten Zeiten, wie der Teufel noch ein kleiner Junge war, und beide Male schlecht: von Kotzebue als eins seiner Legion kleiner Theaterpiecen »Das Strandrecht« und von einem – nescio – als Roman »Der Baron von Ungst«, den ich mit etwa dreizehn Jahren als schon veraltetes Buch las. Aber was brauchen Sie sich mit allen Schriftstellerinnen anzulegen? Mein kleines Pferd schlägt mir über die Stränge! Die Michels noch in vollem Flor, und nun gar die Gall dazu! Elise hat Ihnen gleich eine der Beiden als Frau zugedacht; meinetwegen, ich gebe meinen edelmütigen Consens. Die Michels soll wohlhabend sein und viel interessanter, wie man sie uns anfangs geschildert; von der Gall wissen wir nichts, können sie uns also so reizend denken, wie wir wollen; wer weiß, ob sie nicht ein gebratener Engel ist! Ich schrieb gern noch Vieles: über den Tod der Fürstin, Ihr seltsames Nachtgesicht, vor Allem über Ihren guten Vater, der mir sehr am Herzen liegt; aber ich darf kein neues Blatt anlegen, sonst kömmt der Brief gar nicht fort. Adieu, mein lieb Kind, meine beste Freude auf der Welt. Gott segne Dich. Im Morgenblatte sind noch zwei meiner Gedichte erschienen: »Die Taxuswand« und »Junge Liebe«. – Die Judenbuche hat endlich auch hier das Eis gebrochen und meine sämmtlichen Gegner zum Übertritt bewogen, so daß ich des Andrängens fast keinen Rath weiß, und meine Mama anfängt, ganz stolz auf mich zu werden. – O tempora, o mores! Bin ich denn wirklich jetzt besser oder klüger wie vorher? Hülshoff den 27sten December 1842. Es ist schon fast dunkel, lieber Levin, und ich fange doch noch an Ihnen zu schreiben; denn die Augenblicke sind rar. Schon mehrere Tage vor dem fünfzehnten mußte ich nach Münster, um meine Tante Ludowine zu pflegen, die dort recht krank geworden ist und erst gestern hat hieher gebracht werden können; deshalb meine Zögerung und die wahrscheinliche Kürze dieses Briefes; ich werde jetzt hier bleiben bis zum h. Dreikönigstage, auf den Ludowinens Abreise festgesetzt ist. In Münster traf ich Schlüters am Umziehen; der alte Scheffer, Arnold Schlüters Schwiegervater, ist vor ein paar Monaten gestorben, seine Tochter Marie dadurch ganz einsam gestellt und so trostlos, das elterliche Haus zu verlassen, daß Arnold die Seinigen bewogen hat, zu ihr zu ziehn, damit sie anständig bleiben kann. In Zukunft müssen Sie sich also diese guten Leutchen aus dem alten Steinwege denken und Marie Scheffer als stehendes Familienglied. Unser armer Professor hat ungern daran gewollt und wird sich noch manche Beule holen. Das Local ist auch, obwohl hübsch, besonders ungünstig, voll Krümmen, Winkel und Schrankecken; vor Allem macht mir eine tückische Stiege, grade neben seiner Thür, Sorge; er sah auch ängstlich und beklommen aus, und doch anderseits kregel, weil es was Neues gab, – sein Leben ist so einförmig! Grüßen Sie ihn doch in Ihrem nächsten Briefe; ich theilte ihm aus Ihrem letzten Einiges mit und sah mit Betrübniß, wie er auf ein freundliches Wort für sich lauerte, was leider nicht darin stand. Denken Sie sich das Malheur: die Bornstedt kömmt wieder!! und ich möchte schreien wie Frau Kratzefoot im Reineke de Voß: O waih, o waih, se is allerdinge do! Da ist sie zwar noch nicht, aber wir können sie jede Stunde erwarten, und ich glaube jetzt beinahe, daß sie schon lange im Klaren ist und nur gehofft hat, die desperaten Umstände durch eine vom Könige ersungene Pension noch heurathbar zu machen; Sie wissen, daß sie bei der Anwesenheit desselben sich in Neufchatel eingestellt, mit scharfen Recommandationen dem General Pfuhl ein Gedicht übergeben, und dieser ihr dafür hundert Thaler vom Könige verschafft hat. Zum Dank dafür hat sie ihm jetzt einen groben Brief geschrieben: »So seis nicht gemeint gewesen! was ihr die lumpigen hundert Thaler helfen könnten? Sie hätte wohl eine Pension verdient, und er hätte sie ihr auch verschaffen können! Wie die Umstände jetzt wären, würde wohl aus ihrer Heurath nichts werden und sie nach Münster zurückkommen« \&c. Gegen die Madame Glaß hat sie allmählicher eingelenkt; zuerst ein Brief voll Überdruß der Schweiz: »die Alpen machten ihr Blut erstarren, das Clima sie krank und noch melancholischer wie in Münster«; dann einer: »die Verwandten ihres Nicolaus seien fatale, habgierige Leute, die Hindernisse aufthürmten, er selbst aber beharre in heißer, standhafter Liebe und bemühe sich mit allen Kräften um ein Amt«; und zuletzt vor vierzehn Tagen: »es sei ein Familienrath gehalten, wo man herausgebracht, daß sie wohl kein sicheres Einkommen habe; somit sei, wenigstens vorläufig, Alles aus, und sie werde wahrscheinlich nach Münster zurück kommen«. Sie dauert mich doch vom Herzen; wovon soll das arme Ding leben, da ihre paar Stunden jetzt längst besetzt sind! Und ihre Möbel sind auch hin, für so elendes Spottgeld, daß sie nicht mal ihren müden Körper dafür wieder in ein Bette bringen kann. Daß sie sich der schweren und dabei nutzlosen Aufgabe unterwirft, wieder in Münster aufzutreten, wo sie weder Brod noch Freunde findet, kann ich mir nur daraus erklären, daß ihr Flügel noch dort steht, – ihr Wagen und Pflug, ohne den sie gradeweg betteln oder verhungern muß, und zu dessen Transport sie gewiß kein Geld hat; denn sie lebt schon lange nicht mehr bei Verwandten in spe sondern im Gasthofe. Der Schrecken in Münster ist so allgemein, daß Einem überall wie ein Freimaurergruß entgegenkömmt: »Haben Sie schon gehört! Um Gotteswillen, die Bornstedt kömmt wieder!« Alle, die, so lange sie hier war, aus Barmherzigkeit noch gut von ihr sprachen, haben nachher ihr Herz so derb ausgeschüttet, daß sie sowohl ihrer eignen Reden als dessen, was sie jetzt von Andern erfahren, wegen sich nicht mehr mit ihr befassen können; kurz, sie ist in der öffentlichen Meinung gänzlich ruinirt und fortan ein so armes Geschöpf, daß man viel schlimmer sein müßte als sie selbst, um ihr etwas nachzutragen. Umgehen werde ich nicht mehr mit ihr, aber – wird mein gutes Kind mir böse, nennt es mich eine langweilige, inconsequente Person, wenn ich wieder auf den alten Velhagenschen Plan zurück komme? Sie ist so gar arm, und mein Beutelchen sonst viel zu klein! Wollte mir Cotta ein ordentliches Honorar geben, so könnte ich dieses an Velhagen schicken mit der Bitte, es der Bornstedt unter der bewußten Rubrik einzuhändigen, und das Versprechen einer späteren Arbeit für seinen Verlag hinzufügen. So wäre der Sache nach allen Seiten genug gethan; aber Cotta wird mir nichts geben! Jedenfalls muß ich erst abwarten, ob die Bornstedt wirklich kömmt, wie sich ihre Lage gestaltet, und ob sie die Unterhandlung mit Velhagen wieder aufnimmt; durch Nanny Scheibler erfahre ich das Alles, d. h. indirect, durch die Rüdiger, denn Nanny weiß natürlich nichts von meinem Plane. Bis dahin arbeite ich rüstig voran, und zur Ostermesse kann jedenfalls das Buch erscheinen. Ich habe soeben ein größeres Gedicht beendigt von ohngefähr 600–700 Versen, »Der Spiritus familiaris des Roßtäuschers«, sieben Abtheilungen, eine Grimmsche Sage zum Grunde; sie gefällt sehr. Meine späteren Gedichte sind fast alle zu lang, um Ihnen eins davon zu schicken; ich habe mich Ihrer Mahnung erinnert, die Sammlung durch einiges recht Hervorstechende zu completiren. NB. Die Auflage bei Hüffer Gedichte von Annette Elisabeth v. D . . . . H . . . . Münster, 1838. ist vergriffen, und Werner meint, ich soll jetzt Alles zusammen herausgeben; was meinen Sie? Den Grafen von Thal mal gewiß, auch die Schlacht im Loener Bruch; ich hätte aber auch Lust, die andern Sachen durchzuarbeiten und nur die geistlichen Lieder fortzulassen. Qu'en dites-vous? Im Morgenblatte sind noch zwei Gedichte von mir erschienen, »Junge Liebe« und »Am Thurme«, also sieben im Ganzen, und fehlen nur noch zwei, »Der Corse« und »Am See« – mehr haben wir nicht geschickt –; legt mir dieses eine Verbindlichkeit auf, jene zwei nicht drucken zu lassen? Ihre Gedichte in der Europa – glaub ich – habe ich gelesen, sie machen sich sehr gut und finden großen Beifall. Vom »Paul« Auf welches Werk L. Schückings sich diese Äußerungen beziehen, ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen, sie passen aber durchaus auf »Paul Bronckhorst,« der freilich erst 1859 veröffentlicht wurde. habe ich bis jetzt nur das erste Blatt erhalten. Sie nehmen einen prächtigen Anlauf; können Sie es so durchhalten, dann giebt es ein sehr schönes Buch, das Beste, was ich in Prosa von Ihnen kenne. Nur die Anekdote vom tapfern Rekruten, der sich wundert, daß der Feind scharf ladet, hätte ich, – da sie hübsch ist, – anderwärts angebracht gewünscht, wozu sich gewiß noch Gelegenheit gefunden hätte; hier fühlt man ihr das gewaltsame Einschalten an; mein Junge ist immer eiliger wie sein Pferd, und wenn er was Nettes weiß, so hat die arme Seele keine Ruhe, bis er es auf den ersten besten Zaun gehängt hat. Deshalb drängen Ihre Erzählungen auch leicht übereilt dem Ende zu; der»Paul« z. B. läßt sich jetzt so gemächlich an wie ein dreibändiger Roman, und ich fürchte, Sie schlagen uns mit einem Male die Thür vor der Nase zu, wenn wir meinen, es solle erst recht angehn. Bitte, schlagen Sie dieses nicht in den Wind; Ihr Stiftsfräulein Diesen Titel führte Schückings erster, 1843 in den »Dombausteinen« abgedruckter Roman; er erschien als »Eine dunkle That« als Buch. (Leipzig 1846.) leidet auch etwas an dem Fehler, hundert Federn in den Gang zu setzen und sich dann davon zu machen, ehe die Maschine ihre gehörige Wirkung hat thun können. Beim Paul haben Sie jetzt noch alle Fäden in der Hand, lassen Sie keinen fallen; ich weiß, Sie verstehn es recht gut, Jedem seinen wirksamen Platz im Gewebe anzuzeigen, wenn Sie sich nur Zeit und Ruhe dazu gönnen. Ich bin sehr begierig auf den Paul, der Anfang ist wirklich köstlich. – Die Tabouillot Mathilde v. Tabouillot, geb. Giesler, 1817 geboren, war in erster Ehe mit dem Weinhändler A. v. T. zu Mülheim und in zweiter mit dem Artillerieleutnant Annecke zu Münster verheiratet, mit dem sie 1850 nach Amerika auswanderte. Sie gab neben Übersetzungen aus dem Englischen einen Damenalmanach sowie zwei Gebetbücher heraus. hat neulich ein Stück auf die Bühne gebracht; den Titel habe ich vergessen, es ist ein Männername,* der Held Architekt, baut eine Cathedrale, die von seinen Neidern untergraben wird und zusammenstürzt; es soll über alle Beschreibung erbärmlich gewesen sein. Das Publikum ist outrirt, dennoch hat es ihr Alles gebracht, was sie wünschen konnte: ein volles Haus, Lob und Geld. Sie hatte das Manuscript einem etwas obscuren Verleger, ich glaube in Detmold oder Minden, angeboten und die Übereinkunft getroffen, daß, falls sie es zur Ausführung bringen könne und dann der allgemeine Beifall sich heraus stelle, er ihr zweihundert Thaler dafür geben, widrigenfalls aber Jeder das Seine behalten solle. Das Erste gelang ihr durch Hegels, mit denen sie durch Amelunxens scharf liirt worden ist. Der Verleger kam also zur Aufführung herbei, das wußte die ganze Stadt, und Jeder interessirte sich mehr für die arme Tabouillot wie für den dummen Teufel von Verleger, der dem Stücke nicht selbst ansehn konnte, was daran war. Das Haus füllte sich zum Ersticken, ihre besten Freunde nahmen hinter dem guten Schafskopf Platz und wurden fast ohnmächtig vor Entzücken, alle Andern klatschten sich die Hände wund. Am andern Morgen erschien eine lobende Recension; kurz, mein Verleger hat von seinem Geldsacke scheiden müssen und wird, zur Vermeidung größeren Schadens, am Besten thun, sein heilloses Manuscript in den Ofen zu stecken. Mein Bruder hatte auch, um Gotteswillen, Billets für sich und die Seinigen genommen und sagt, er wisse nicht, was kolossaler gewesen sei, die Dummheit oder Langweiligkeit des Stücks. * Jetzt fällt mirs ein: Oithono. Fraling hat neulich einen Hahnenkampf mit einigen Schauspielern gehabt – von der hiesigen Truppe –, die er in einem Leipziger Blatte grundschlecht gemacht hatte, grade als sie von der Truppe abgingen, Engagements suchten und deshalb nirgends ankommen konnten. Sie sind zurückgekehrt, haben ihn überall aufgesucht, anfangs aber nicht finden können, weil seine Eltern, ehrliche Bauersleute aus Nordwalde, ihn beim Kragen genommen und zu Hause eingespundet hatten. Endlich bittet er seine Mutter so lange, daß sie ihn einmal mit nach Münster nimmt; da grade packen ihn die Komödianten auf der Straße, und es ist ein Lärm gewesen, daß alle Fenster und Thüren aufgeflogen sind. Die alte Frau hat bitterlich geweint und immer gerufen: »Frans, ik bidde Di um Goertswillen, schwyg still!« und er dagegen: »Moder, Moder, Jy wiettet dat nich; ik mott kritiseren oder sterven!« Jetzt will er nach Bremen, wo er auf eine Lehrerstelle hofft. – Den 29sten. Erst heute komme ich dazu, meinem guten Jungen mal wieder guten Tag sagen zu können; das Haus wimmelt wie ein Bienenstock, gestern sind sechs Gäste abgezogen, und es hilft noch nicht viel; ich behaupte, die Zimmer werden ordentlich finster von alle den Köpfen, die zwischen Mauer und Licht stehn. Zuerst also: den Auftrag für Prosper habe ich in so weit erfüllt, daß ich ihm in Ihrem Namen ein hübsches Reißzeug geschickt habe, aber nicht aus dem Laden, sondern mein pröperliches Eigenthum, womit mich die Mertens mal beglückt hat, und was, da ich bisher keine Anstellung als Geometer finden konnte, noch nagelneu ist. Leg also Deine zwei Thaler nett in Dein Sparbeutelchen, mi fili; ich wollte, ich könnte Heckthaler daraus machen, id est ich wollte, ich hätte den Muth dazu; denn können kann ich es, vermöge eines greulichen Schweinsleders, das mir neulich in die Hände gefahren ist, fürchte mich aber vor dem Klauenkasper, dem gläumigen glühenden. In der Volkssprache ist »gläumig« stehendes Eigenschaftswort des Teufels. Kuhschwanz. Ferner: Mein Conterfei ist und bleibt Dein eigen, mein lieb Herz, nur hängt die gute Elise so sehr daran, daß sie es nicht uncopirt abgeben will, und kann doch in diesem Augenblicke keinen Maler herbei hexen. Die Wenning verändert sehr unter dem Copiren und ist theuer dazu; es kann aber nicht fehlen, daß bald irgend ein vacirendes Genie einrückt, und dann, lieber Levin, wissen Sie selbst wohl, daß mich darnach verlangt, mich, wenigstens gemalt, mal wieder recht freundlich von Ihnen ansehn zu lassen; es ist mir ganz betrübt, wenn ich denke, Sie könnten vergessen, wie Ihr Mütterchen aussieht. Neulich traf ich bei der Rüdiger den neuen französischen Lion, M. Cherouit; das Bild wurde umher gezeigt, und Monsieur meinte, »die Züge seien da, die Seele aber fehle«. Der Mann hat sich in einem Male dadurch bei mir ruinirt; wollte Gott, ich sähe so edel aus wie das Bild! Aber der geistreichste Franzose meint, Damen gegenüber zuweilen fade werden zu müssen. Dieser gute Mann, Hofmeister des Prinzen Hatzfeld, macht jetzt in manchen Kreisen Regen und Sonnenschein. Daß er sehr geliebt wird, glaube ich kaum; denn er ist scharf, sentenziös, sehr moquant, dabei ziemlich alt und garstig; aber sein Urtheil, dem der feinste Geschmack zugeschrieben wird, stellt die geistige wie moralische Renommee der Damen fest, und es ist deshalb eine Ehrensache, ihm zu gefallen. Er schließt sehr vom Äußern – Stimme, Haltung, Kleidung – aufs Innere: ob zu gesucht oder zu nachlässig, zu modern oder zu altfränkisch; und ich glaube, daß keine Dame aus jenen Kreisen, bei Du-Vigneaus, Scheiblers \&c. – sich mit gleicher Ängstlichkeit für einen keimenden Liebhaber putzt wie für das funkelnde Inquisitorauge des Herrn Cherouit. Nur Elise macht eine rühmliche Ausnahme, giebt sich unbefangen, wie sie ist, und wird ihm deshalb ohne Zweifel am Besten gefallen, d. h. nächst Nanny Brockhausen, die er so vorzieht, daß Jedermann die Beiden wie ein Brautpaar en herbe betrachtet. Ich muß Ihnen doch von jenem Abende bei Elisen erzählen, wo ich viele Leute kennen gelernt, Nanny Scheibler, ihre schöne Schwester Frau v. Tabouillot (Schwägerin der schreibenden), Nanny Brockhausen und M. Cherouit. Ich wollte ein paar stille, gemüthliche Stunden mit Elisen und Tante Ittchen zubringen, war im ordinairsten Costüm, dabei noch verregnet und verpluddert; an der Treppe kömmt mir Elise hastig entgegen, führt mich durch die Küche ins Kabinetchen, wo mir schon der französische caquet vom Saale entgegen schallt, und bittet mich vom Himmel zur Erde nicht umzukehren; Gott behüte! linksum kehrt Euch! Tante Ittchen und Nanny Scheibler werden zur Hülfe gerufen, und ich fahre endlich in den Saal, grimmig wie eine wilde Katze, unter der Bedingung, mir Niemanden vorstellen zu lassen und kein Wort französisch zu sprechen. So pflanze ich mich möglichst weit ab zwischen Tante Ittchen und Nanny Scheibler, drehe den ganzen Abend dem Franzosen den Rücken zu und mache zur Rechten deutsche Konversation, während er zur Linken französische. Das war zu viel für einen Lion! Mit en Mal läßt er seine Damen sitzen und plumpt wie ne Bombe in unser Gespräch, mit dem halsbrechendsten Deutsch. Ich gerieth in eine wahre Bärenlaune, antwortete ihm nur grade das Nöthigste und war aus Malice desto freundlicher gegen alle Übrigen. Als die Gesellschaft auseinander gegangen war, thaten Elise und Tante Ittchen doch ein bischen kleinlaut; an dem Cherouit war ihnen nichts gelegen, aber sie fürchteten seine Zunge für mich – und was geschah? Hören Sie mein Urtheil! Ich sei »une véritable dame de qualité«, habe »l'air noble d'une reine«, habe (hört! hört!) in meiner Kleidung »une simplicité du meilleur goût« und sei überall la femme la plus aimable et intéressante qu'il eût jamais vue« . Nichts natürlicher als das! Der Franzose war durch alle die Augendienerei bis ins Mark blasirt, ergo! Nanny Scheibler gefällt mir sehr wohl; sie ist eine idealisirte Louise Delius, gleich liebevoll und begeisterungsfähig wie diese und weit gescheuter und selbstständiger; sie ist von großer Ressource für Elisen, der sie mit Leib und Seele zugethan ist. Ihre Schwester ist eine frische Schönheit, soll mitunter schnippisch und hochmüthig sein können, war aber an diesem Abende das Gegentheil, natürlich, freundlich und fast demüthig, so daß ich ein recht liebenswürdiges Bild von ihr bekommen habe. Nur daß sie so auf ihre Schwägerin hackte, mißfiel mir, und ich verfocht das arme Ding deshalb, so viel man es unbekannter Weise kann; ich dachte, sie hielt mit dem Schwager zu, aber Gott behüte! sie findet ihn abscheulich, sein Betragen gegen die Frau gräßlich. Der durchgefallene Oithono ist aber schlimmer wie ein Laster; das hat mich denn doch empört! Nanny Brockhausen muß mal recht schön gewesen sein; gegen ihren Franzosen war sie sehr redselig, wovon ich aber nichts verstanden habe; nachher war sie still, sprach wenig und in etwas gesuchten Ausdrücken, hat mir aber doch einen sehr anständigen und fast würdevollen Eindruck gemacht; sie sieht wahrhaft vornehm aus. Louischen Delius hatte Kopfweh und hielt sich den ganzen Abend so still wie ein Heimchen im Herdloche. Tante Ittchen war dagegen sehr aufgeregt und gab eine Menge mitunter recht guter Bemerkungen von sich, die aber leider nicht gemeinnützig wurden, da ihr Grillenstimmchen in dem caquet förmlich verdunstete; hätte ich nicht neben ihr gesessen und mein Gehör angestrengt, so wäre Alles für die Hunde gegangen. Die Lombard hat vielen Verdruß von ihren Buben, die weder lernen noch sonst gut thun wollen; vielleicht ist sie deshalb noch starrer wie früher. Mit der Bornstedt hat sie zuletzt impertinente Briefe gewechselt, wo beide mal die gründliche Wahrheit, leider wohl ohne Nutzen, gehört haben. Eifersucht wegen Cherouit, um dessen Votum sich Beide mit gleich wüthendem Ehrgeize beworben haben, ist der eigentliche unsichtbare und doch allbekannte Zankapfel gewesen und an keinen Rückschritt zu denken; denn die Bornstedt hat die Lombard »langweilig« und diese jene »lächerlich« genannt, – das sind Sünden, die selbst der Papst nicht vergeben kann. Jetzt verheurathet das Gerücht die Lombard mit einem gewissen Franzius; es soll aber von beiden Seiten nichts daran sein. Ebenso macht es ein Paar aus Nanny Scheibler und Schnittger, auch ohne Grund und zu Elisens Ärger, der dies Gerücht für Nanny lange nicht brillant genug ist. Da die Zeitungen jetzt nichts Wichtiges enthalten, müssen die Leute sich mit Klatschen behelfen. NB. – aber dieses ist ein großes Geheimniß – die Lombard schriftstellert, daß es pufft, nur anonym, und Übersetzungen erbaulicher Werke aus dem Französischen, die ihr aber ein horrendes Geld einbringen, mehr wie uns jemals alle unsre Original-Kleinodien; sie kömmt mir vor wie Hüffer, der durch Fastendispensen und Katechismen ein reicher Mann geworden ist. Junkmann bekomme ich dieses Mal nicht zu sehn, obwohl er unfehlbar zu den Weihnachtsferien in Münster ist. Ihr allerliebstes Gedicht habe ich Annchen übergeben, die das artigste Ladenröschen von der Welt darstellt und anfängt, förmlich Furore zu machen, so daß Alles hinströmt pour ses beaux yeux« ; sie ist auch wirklich wieder recht hübsch, scheint recht zufrieden und macht sich in ihrer neuen Stellung so keck, originell und zugleich bescheiden, daß ihr Mann immer in Bewunderung steht und mit leuchtenden Augen ihre Triumphe einerntet. Ihr Laden ist in dem Gäßchen vom Markte zum Domplatze, grade zwischen Coppenrath und Kellermanns ehemaliger Bude. Von der armen Adele habe ich einen recht trüben Brief; sie ist noch in Bonn; Wolff, der ihr Übel immer am Günstigsten beurtheilte und in einer Kur zu heben hoffte, hat jetzt leider diese Ansicht aufgegeben und schiebt sie von sich ab, wie die Übrigen, dem Carlsbade zu. Ich fürchte mit ihr, daß an Heilung nicht zu denken ist, nur an Hinhalten, vielleicht Lindern, auf längere oder kürzere Zeit; es geht mir sehr nahe. Vielleicht kömmt sie auf einige Zeit nach Rüschhaus; Mama hat sie wenigstens dringend einladen lassen, und der Umweg ist unbedeutend; ich wünsche es natürlich sehr. Sie hat mir von eigner Hand ein wunderschön gemaltes Blatt geschickt, Randgemälde: ein Blumenkranz mit den zierlichsten Insekten durchsprenkelt, Alles in Gold und brennenden Farben; es ist das Schönste, was ich je in dieser Art gesehn, und so mühsam ausführlich, daß ich mich eben so viel darüber betrübt wie gefreut habe. Aber so lange sie ihre armen kranken Hände noch rühren kann, wird sie es für Andre thun. Weiß Gott, sie hat bei einigen zwar auffallenden aber harmlosen Schwächen doch ein großes Theil vom Engel in sich! Auch den zweiten und leider letzten Band des selig entschlafenen Frauenspiegels schickt sie. Er ist etwas besser wie der erste, hauptsächlich durch eine ganz hübsche Erzählung von Adelen selbst, – etwas im Tieckschen Stil, wie man sie vor zwanzig Jahren würde himmlisch gefunden haben, jetzt ein wenig veraltet, doch mit guter Charakterzeichnung. Ich glaube, in Prosa könnte Adele etwas ganz Artiges leisten: beliebte Damenlectüre, von Männern freilich wenig beachtet; etwa so viel wie Caroline Pichler, doch in anderm Genre, weniger verständig, aber geistreicher. Kraft hat sie nicht, aber Geschmack, und jene minutiöse Zierlichkeit, die Frauen eben so anziehend wie der männlichen Kritik fatal ist. Kennen Sie Laubes Roman »Die Gräfin von Chateaubriand«? Adele empfiehlt mir ihn zu lesen und warnt dagegen vor der Paalzow neuestem Product (Thomas – \&c. – nescio ), was übrigens wieder fureur macht, worin die Böhmen sämmtlich Rheinländer seien, sogar im Dialect. Nach Ihnen frägt sie mit großem Interesse. Jetzt habe ich Ihnen so viel vorgeklatscht, lieber Levin, daß mir kaum Raum zu viel Lieberem und Nöthigerem bleibt. Vorerst: Wollen Sie nicht mal einen kleinen offnen Zeddel an Elisen einlegen? Einen Brief erwartet sie nicht und wünscht ihn wohl kaum, da die Correspondenz, wie Sie selbst fühlen, vorläufig noch etwas Peinliches haben würde und sie durch meine Briefe viel ungenirter au courant Ihrer Lage bleibt; aber dieses wäre doch eine Freundlichkeit. Zwingen sollen Sie sich indessen nicht; beengt es Sie, so lassen Sie es. Dann eine Bitte, mein Kind: Du hast Deinen Brief zerrissen, um mir das Herz nicht schwer zu machen; meinst Du, daß mir etwas schwerer auf dem Herzen liegen könnte wie die Angst ohne bestimmten Gegenstand, wenn Du mir nicht offen mehr schreibst? Ein Glück magst Du allenfalls für Dich behalten, aber Deine Prüfungen will ich theilen und mit tragen, wie es einer ehrlichen Mutter zukömmt. Und nun segne Dich Gott, mein liebes, liebstes Kind, meine Gedanken sind immer bei Dir. Adieu. Mein Brief wird jetzt gegen den 5–6ten ankommen; am Besten ists, mir wechseln nun: Sie schreiben am fünfzehnten, ich fortan am ersten. Leider habe ich Ihre Adresse nach Mondsee vergessen; der Brief, in dem sie steht, liegt in Rüschhaus; ich muß Elisen bitten, sie zu berichtigen. Adieu. Von der Gall habe ich noch nichts gelesen; schreibt sie gut? Auch hübsche Briefe? Und ists dieselbe Dame, von der Ihnen Freiligrath mal schrieb? Schreiben Sie mir doch etwas Genaueres über sie; wie sind Sie mit ihr bekannt geworden? Rüschhaus den 15ten Februar 1843. Ich denke mir, mein gutes Kind ist besorgt über mein langes Schweigen, und auch mit Recht; denn ich bin wirklich sechs Wochen lang wieder recht miserabel daran gewesen, habe mich halbtodt gehustet, mitunter Fieber gehabt und sogar die Leute dahin erschreckt, daß sie einige Nächte bei mir gewacht haben. Unerwartet kam mir das freilich nicht, da ich wohl weiß, daß man einen kurzen Aufenthalt in besserem Clima immer schwer nachbezahlen muß, aber doch sehr unbequem. Jetzt ists um Vieles besser, ich bin von Herzen wieder gesund, und der Husten läßt auch nach. Die Fatalität kam recht mal à propos mitten in der Arbeit, und ich habe sechs Wochen meines Lebens gleichsam in den Brunnen werfen müssen. Vielleicht ists gut; denn ich fand des Dichtens und Corrigirens gar kein Ende, sehe jetzt aber wohl ein, daß ich mit dem Vorhandenen vorläufig zufrieden sein und nur rasch die Vollendung der Abschrift besorgen muß, ein Entschluß, zu dem ich sonst wohl nicht so bald gekommen wäre. Ihr Brief, lieber Levin, kam grade im schlimmsten Augenblicke an, und die Ungeduld und Unruhe, Ihnen nicht zur rechten Zeit antworten zu können, hat mich vielleicht eher gestärkt und heraus gerissen, wenigstens zu vernünftiger Schonung gebracht, als dieses sonst wohl meine widerhaarige Natur gestattet hätte. Ich darf mich nicht bücken, das ist das Elend, sonst hätte ich weit eher geschrieben; denn eigentlich krank bin ich nur acht Tage lang gewesen, und das Übrige, Husten, Andrang zum Kopfe \&c., sind nur Kongestionen aus Mangel an Bewegung, da dieser ohne Gleichen warme, dreckige Winter leider meine schwachen Spazier-Entschlüsse überwunden hat. Ich sehe, wie Sie die Stirn runzeln; aber bedenken Sie: bis an die Knöchel im Kothe! und obenher feucht von Nebel und Staubregen wie eine unglückliche Najade, die halbtrocken aus ihrem verschlammten Weiher flieht! Kälte hätte ich gewiß nicht gescheut. Wie ist der Winter bei Ihnen drüben? Der hiesige verdient den Namen gar nicht, und vor mir im Glase stehn blühende Vergißmeinnicht, die gar nicht fort gewesen, und Schneeglöckchen, die bereits da sind. Das lautet ganz romantisch und sonnicht, und ist doch nur die kothigste Prosa. – In Münster kranken gar viele Leute, doch keine nähere Bekannte. Haben Sie den Kaplan Bormann gekannt, den ausgezeichneten Prediger? Oder den Pastor Halsband? Ich glaube wohl kaum. Beide hat das Nervenfieber hingerafft, und sie werden sehr betrauert. Desgleichen Herrn Ester, der hintennach sehr gelobt wird, als vortrefflicher Sohn gegen seine alte und kränkliche Mutter, um derentwillen er unverheurathet geblieben. Er ist im Unglauben an die Bornstedtische Glorie gestorben, was ihm hoffentlich in der andern Welt nicht schaden wird. – Das älteste Fräulein v. Druffel, Lisette, was schon seit einem Jahre verrückt war, hat seinem Leben durch einen Sprung vom dritten Stocke herab ein Ende gemacht; die Verwandten sind sehr niedergebeugt. – Das sind lauter traurige Nachrichten, aber eine sehr, sehr erfreuliche kann ich von unserm lieben Schlüter melden, dem der König zweihundert Thaler Gnadengehalt giebt. Sie können denken, wie glücklich und sonnenhell jetzt Alles in diesem Hause ist; Mama Schlüter hat alle ihre Ängsten verloren und weint nur noch Freudenthränen, um so mehr, da auch Junkmann eine bedeutende Zulage erhalten soll. Mich verlangt recht, mal in ihren Sonnenschein herein zu fahren; es muß ein liebenswürdiger und rührender Anblick sein, diese frommen Menschen in ihrer dankbaren Freude, ich kann mir nichts Lieberes denken. Ihre Grüße habe ich noch nicht ausrichten können und darf auch in den ersten vierzehn Tagen nicht daran denken, weiß aber, daß ich große Sensation damit machen werde; denn diese Familie ist wirklich ganz Liebe und wehmüthige Treue gegen Alle, die ihnen je nahe gestanden, und man muß eben eine Bornstedt sein, um sich nicht weich und, gradezu gesagt, klein zwischen ihnen zu fühlen. Jenes angenehme Muster – die Bornstedt – hat wieder neue Schicksäler, die aber zu unserm Vortheile ausfallen; sie kömmt jetzt nicht nach Münster, sondern hat sich für den Winter eine Einladung von der Bocarmé zu procuriren gewußt, bei der sie wahrscheinlich schon in Paris sitzt; im Sommer will diese sie dann nach Luzern zurück bringen, wenigstens lautet ihr Brief an die Präsidentin Scheibler so. Ich wette, sie hofft dort auf eine Gelegenheit, ihren Nicolaus mit Vortheil zu vertauschen. Nach demselben Briefe soll die Tante Bismarck eine schriftliche Erklärung von sich gegeben haben, sie zu ihrer Erbin einzusetzen. Das kann allerdings Sensation machen, – wahr oder unwahr, wenn sie es nur geschickt ausbeutet – sowohl in Luzern als Frankreich, wo es Aventuriers genug giebt, die für zehntausend Thaler des Teufels Großmutter heurathen würden, und ich glaube jetzt wirklich, sie bringt ihr rostiges Räderwerk noch in Gang. Ich wünsche ihr all das Gute, das sie nicht verdient, nur weit weg! – Das Verhältniß zwischen Cherouit und Nanny Brockhausen hat Jedermann falsch beurtheilt: der Franzose ist bereits als Bräutigam hier gekommen; Nanny kannte seine Braut, eine Düsseldorferin war die Vertraute Beider; daher diese offne Annäherung und sehr merkliches Einverständniß. In diesem Augenblicke ist Cherouit bereits verheurathet, und man erwartet mit einiger Spannung seine Rückkehr mit der jungen Frau, an der man Alles zu finden hofft, was man einmal überein gekommen war, als Forderungen seinerseits vorauszusetzen. Fingen die Bornstedt und das Reden über sie nicht an mir gründlich langweilig zu werden, so könnte ich Ihnen einige höchst lächerliche Efforts erzählen, die sie gemacht hat, um dem Franzosen zu gefallen, und die so über alle Beschreibung klatrig ausgefallen sind; als Bornstedtiana hat das Alles kein Interesse mehr, aber für einen komischen Roman gäb' es himmlische Scenen. Die Rüdiger war gestern hier, und wir haben einen sehr angenehmen Tag verlebt. Das gute Herz hat viele Sorgen; ihr Schwager Düring steht durchaus zum Bankrutt, und sie fürchtet jetzt die Kinder nicht zu bekommen, da die Mama Hohenhausen sich verrathen hat, daß sie nur auf diesen Augenblick warte, um zuzufahren und sie selbst an sich zu nehmen, wogegen Düring aufs Äußerste ist und es nun nicht mehr wagt, die Kinder von sich zu lassen. Für Elisen selbst kann eine Sache so kaum mehr wünschenswerth sein, die ihr in der Perspective völlige Spannung mit den Eltern zeigt. Die Hohenhausen ist doch eine egoistische, gewaltthätige Person! Mich freut nur, daß Tante Ittchen dagegen sich fast überschlägt vor gutem Willen und Liebe gegen Elisen; sie ist noch immer in Münster, wird wohl bis zum Sommer bleiben, und das Verhältniß ist überaus zärtlich und erheiternd für Beide. Ihren Brief habe ich gleich übergeben und denke, Sie werden wohl bald Antwort erhalten. Über Ihre Lage ist Elise ebenso betrübt und empört wie ich. Sie haben auch an Laßberg darüber geschrieben, und Jenny meint, er werde Ihnen zu einer offnen Erklärung mit dem Fürsten rathen, und zu der Forderung, entweder Sie mit den Kindern zu entfernen oder Ihres Amtes zu entlassen. Das ist leicht gesagt, aber wohin dann? Ich würde zu einer so halsbrechenden Katastrophe nicht rathen, bevor es Ihnen gelungen ist, sich irgend eine Aussicht zu eröffnen; dahin aber muß freilich aus allen Kräften gearbeitet werden. – Elise meint, Sie sollten sich an die verschiedenen österreichischen oder auch bayerischen Gesandtschaften um eine Stelle als Gesandtschaftssecretair wenden, das sei ein leichtes Amt mit schöner Einnahme; ich denke mir aber, darum bewerben sich Hunderte, und die Eingebornen und von Empfehlungen Unterstützten laufen Ihnen den Rang ab. Zudem müßten Sie dann eine Menge Menschen zu Vertrauten – Ihres Vorhabens wenigstens – machen, auf deren Verschwiegenheit Sie um so weniger rechnen dürften, da diese doch nothwendig Erkundigungen über Sie einziehen müßten; und mißlingt es dann, so ist Ihre Lage bedeutend verschlimmert, und Sie haben erst völlig die Hölle im Hause. Mein Onkel August steht zwar jetzt sehr gut beim Könige, wird aber schon in den nächsten Wochen auf königliche Kosten eine Reise nach Persien antreten, die ihn wohl mehrere Jahre auswärts halten wird; doch habe ich ihm geschrieben; will das Glück, daß ihm grade eine Gelegenheit vor der Hand liegt – so wird er gewiß sein Möglichstes thun; das wäre aber ein Zufall, auf den ich wenig rechne. Ein paar andre Aussichten sind noch zu windig und unbestimmt, als daß ich sie Ihnen schon mittheilen möchte; mein gutes Kind weiß aber wohl, daß ich unermüdet sinnen und suchen werde, und vielleicht segnet Gott meinen guten Willen. Am 16ten. Guten Morgen, mein alter Levin, ich habe so eben das gestern Geschriebene nachgelesen, und es kömmt mir sehr abgerissen und dürre vor; ich war aber auch gestern hundskrank und ungefähr in der angenehmen Lage eines Halberdrosselten. Jetzt weiß ich, daß es in der Luft lag; denn in dieser Nacht ist eine dicke Schneedecke gefallen, und wir sind mit einem Male mitten im Winter. Die Blumen und gelben Schmetterlinge – denken Sie, deren gab es schon! – müssen alle erfrieren; das ist ein perfider Streich von unserm Herrgott! Wieder auf Ihren Fürsten zu kommen: ich bitte Sie dringend, liebes Herz, nehmen Sie sich etwas mit ihm zusammen, sagen Sie ihm keine absichtlichen Anzüglichkeiten und zeigen sich nicht durchweg nachlässig gegen alle seine Wünsche, – ich meine auch solche, denen Sie bei einem achtungswerthen Hausherrn gewiß die feinste Berücksichtigung schenken würden. Sie gerathen sonst auch Ihrerseits ins Unrecht, und ich möchte doch gern, daß Sie so nobel als möglich aus diesem Conflict hervor gingen, und Ihre Delicatesse und taktvolle Haltung so leuchtend als möglich ihm gegenüber stände. Daß er Sie haßt, daran zweifle ich nicht, und auch nicht daran, daß er seine Augen schon lange nach einem Subject umher wirft, das Sie ihm entbehrlich machen könnte, und ich denke mir, wenn er sich wieder in's Ausland wendet, wo man sein Privatleben nicht kennt, werden sich talentvolle junge Leute genug finden, die diesen Antrag so gut für ein Glück halten, wie Freiligrath und Sie dies gethan haben. Es wäre aber nicht gut, wenn die Trennung von ihm ausginge, am Wenigsten, wenn Sie ihm durch absichtliche Grobheit oder Willkür zu einem Scheine Rechts verhülfen, da er gewiß so klug sein würde, seine Löwin \&c. aus dem Spiel zu lassen und als Anlaß des Bruchs eine Gelegenheit zu benutzen, wo ihm vielleicht jeder Hausherr beistimmen würde. Lieber Levin, mein liebstes Herz, Sie haben noch immer Alles freundlich aufgenommen, was Ihr Mütterchen Ihnen gesagt hat; Sie wissen wohl, daß es aus einem treuen, für Sie unablässig sinnenden und sorgenden Herzen kömmt. Nicht wahr, mein lieb Kind, Du wirst mir nicht tückisch? Wenn ich anfing, meine Sermone einzupacken, dann könnten Sie nur denken, daß es auch anfing mit der Liebe schlecht zu stehn; denn es ist mir immer hart, Ihnen dergleichen zu schreiben, und ich würde es schwerlich um jemand Anderes thun; aber Du bist mein einzig lieb Kind, und ich will Dir lieber mal lästig und langweilig erscheinen, als mich durch Schweigen an der Treue zu versündigen. Noch Eins muß ich Dir sagen, und zwar wieder als Dein Mütterchen: wie ists, daß Du so wenig Liebe zu den Kindern hast? Rühren Dich diese armen Geschöpfe nicht, deren einziger Halt und einziger moralischer Leitstern Du bist? Es kömmt mir vor, als sähst Du die Pflicht, ihre Unschuld zu überwachen und ihren Geist zu entwickeln, fast als eine unbillig aufgebürdete Last an, und doch bist Du deshalb da, und grade dies ist dasjenige, was Deine Stellung adelt und sie in allen honnetten Augen ehrwürdig und schön macht. Mich dünkt, ich in Deiner Lage würde die Kinder schon aus Mitleid lieb haben, und wenn sie Cretins wären, und das sind sie doch wahrlich nicht; ich habe noch gestern einen Deiner früheren Briefe nachgelesen, wo Du sagst, Beide seien sehr gehorsame, gutartige Kinder; Carl besitze viel Talent, sein Bruder zwar keins, aber dafür eine wahrhaft rührende Herzensgüte. Unterricht geben ist zwar, wie ich aus Erfahrung weiß, eine höchst unangenehme Sache, besonders wenn man andere Arbeiten vor der Hand hat; aber Du hast es doch einmal übernommen, und die Kinder dürfen nicht dabei zu kurz kommen, daß Du lieber schriftstellerst. Ich zweifle zwar nicht, daß Du Deine Stunden pünktlich abhältst, aber mit Ungeduld: die Kinder sind Dir hinderlich, und dadurch werden Dir die armen unschuldigen Dinger fatal; ich wette, Du hältst sie Dir außer den Stunden so weit vom Leibe, wie Du kannst, und doch liegt ein so unendlicher Schatz von Liebe in Kinderseelen. Selbst wenn sie – wie z. B. diese, beim Tode der Mutter – etwas dickhäutig erscheinen sollten, so liegt das in den Umgebungen, die ihre Gefühle eher unterdrückt wie geweckt haben; die Weichheit steckt doch heimlich drinnen; Du brauchst ihnen nur halbweg entgegen zu kommen, so werden sie sich in Kurzem für Dich todtschlagen lassen, und Du wirst dann mehr Trost und Milderung Deiner Lage hierin finden, als Du es Dir jetzt denkst. Schlag das nicht so über die leichte Achsel, Levin, es ist ein sehr ernsthafter Gegenstand, für Dein Gewissen sowohl wie für Deine eigne innere Ruhe und Selbstachtung. Und nun gieb mir Deine Hand und sag mir, daß ich immer Dein liebes Mütterchen bin und bleibe. Die Memoiren des H. v. Lang habe ich gelesen; das ist sauberer Janhagel unter einander, und der Schriftsteller selbst, der sich z. B. von schlechten Weibern Geld schenken läßt, eben so gemein und verkommen wie seine Herrschaften, so daß man nicht weiß, wem er die klatrigste Schandsäule gesetzt hat, sich oder ihnen. – Elise hat mir gestern die Abschrift zweier Gedichte von Alfred Tennyson – übersetzt von Freiligrath, im Morgenblatte – überschickt, von denen sie meint, sie seien genau wie von mir. Es ist wahr, die Ähnlichkeit in Sprache und Bildern ist sehr auffallend; aber ich wollte, ich schrieb so schön. Wissen Sie etwas von dem Patron, so theilen Sie es mir mit, wo er lebt, ob er schon Mehreres geschrieben oder ein ganz neues Licht ist. Vergessen Sie ja nicht hierauf zu antworten; es ist Elise, die sich auf diese Nachrichten entetirt und mir die Frage dringend ans Herz gelegt hat. Ihren Syndikus von Zweibrücken habe ich jetzt auch gelesen; er ist außerordentlich gut geschrieben, und ich habe nichts daran auszusetzen, als daß er, wie alle Ihre Erzählungen, wieder zu kurz ist. Sie werden diese Bemerkung bei einer »Anekdote« – wie Sie ihn mir selbst bezeichnet haben, wahrscheinlich damit er mir durch den Contrast desto länger vorkommen möchte – unpassend finden; aber es liegt etwas in allen Ihren Anfängen, ein gewisses bequemes Austreten, ein leises Schürzen von hundert Knoten, das uns unwillkürlich dreimal so viel, d. h. so Langes erwarten läßt, als Sie nachher geben; so erregen Sie hier z. B. ein zu großes Interesse für die Liebenden, als daß Sie nachher ihr Schicksal so en bagatelle behandeln und übers Knie brechen dürften, wie Sie thun. Nehmen Sie sich nur mit dem »Paul« in Acht, der so wunderschön, aber – ich sage es Ihnen, weil es noch Zeit ist – so breit und Vieles versprechend wie ein Bozscher Roman anfängt, und bleiben Sie mir ja mit Ihrem Galopp zum Ende und Ihrem Alexanderschwerte fort; der gordische Knoten ist nur einmal mit Beifall zerhauen worden, und dann waren es noch Schmeichler, die das sagten. Paul muß durchaus eine lange und nach allen Verschlingungen mit Ruhe und Geschick ausgearbeitete Geschichte werden, sonst ärgere ich mich todt über Ihr mulier formosa superne, quae atram desinit in piscem . Es ist mir fast lieb, daß die Sache eine Weile ruht, so fangen Sie mit neuer Lust und Geduld an; denn es ist keineswegs Mangel an Erfindungsgabe, sondern reinweg Ungeduld, was Sie am Ende mit beiden Füßen hereinspringen läßt, und da es nur bei Ihnen steht, das Beste zu leisten, so wäre es doch ne Schande, wenn Sie sich mit dem bloß Hübschen begnügten. Der Syndikus ist übrigens mehr als hübsch, da der Humor hier doch schon zu bald als Hauptnerv hervortritt als daß man noch viel Anderes erwarten sollte, – meiner Bemerkung unbeschadet, die sich auf den Anfang bezieht; aber eben deshalb ist und bleibt er eine »Kleinigkeit«, und Ihr Paul muß eine Größe werden, worauf Sie selbst und Ihr Mütterchen stolz sein können. Das Schicksal des »19ten Jahrhunderts« ist schwer zu beklagen; ich meine aber, die Skizzen dürfen anderwärts nicht erscheinen. Sie sind zu scharf, und mir war ohnedies schon bange dabei, doch ists ein himmelweiter Unterschied, ob in einem gewichtigen Geschichtswerke, was strenge Wahrheit bedingt, nur von ernsten Männern gelesen wird, obendrein wahrscheinlich nie nach Westphalen gekommen wäre, und wo sich endlich ein einzelner Aufsatz zwischen so vielen andern halbwege versteckt, oder in einem Journale, wo alle Laffen und Weiber drüber kommen und der Aufsatz sich nach meinem eignen Gefühle als eine taktlose Impertinenz machen würde, die unser Beider hiesige Stellung gänzlich verderben und mir wenigstens tausend Feinde und Verdruß zuziehn würde, da, selbst wenn Sie den Sündenbock machen wollten, meine Mitwirkung hier zu Lande gar nicht bezweifelt werden könnte, der vielen Anekdoten wegen, die grade nur mir und den Meinigen passirt sind. Es thut mir leid um Ihren gewiß schönen Kragen, aber er muß in der That zerrissen werden, wenn Sie ihn nicht anderwärts brauchen können. Unverschuldeter Verdruß ließ sich noch allenfalls tragen, aber hier würde er uns mit Recht treffen; denn wer giebt uns die Erlaubniß, Leute, die uns nie beleidigt haben, in ihrem eignen Lande zu höhnen, außer etwa unter der Ägide eines tiefernsten, wissenschaftlichen Zweckes. In meinem Westphalen kann ich allerdings mit Auswahl Manches von den Skizzen brauchen; aber Sie trauen mir wohl zu, daß dieses nicht den geringsten Einfluß auf meine Ansicht hat, da ich überreich an Material bin und Ihnen von Herzen gern noch Mehreres abgäbe, wenn Sie es irgend brauchen könnten. Nun zu der Gall; ob sie zu meiner Schwiegertochter paßt? Das könnte ganz wohl sein; schön und geistreich scheint sie wenigstens unwidersprechlich, und ich wäre sehr begierig, sie zu sehn; wo steckt sie denn jetzt? Nach Darmstadt denkt sie schwerlich so bald zurück zu kommen, da sie ihren Flügel verkauft hat. Es ist mir äußerst erfreulich, Levin, daß Sie in Ihrer jetzigen Verlassenheit einen geistigen Anhalt und Trost in ihr gefunden haben, und wenn es Gottes Wille ist, kann sie Ihnen allerdings dereinst vielleicht noch mehr werden. Dennoch muß ich Dich bitten, liebstes Kind, sei vorsichtig mit der Feder und hüte Dich vor jedem Worte, was Dich binden könnte; die Liebe wird weder durch Schönheit noch Talent noch selbst Achtbarkeit bedingt, sondern liegt einzig in den eignen Augen und eignem Herzen, und wo diese nicht das gewisse Unbeschreibliche finden, was sie grade anspricht, da hilft alle Engelhaftigkeit nichts. Was meinst Du, wenn Freiligrath Dir seine Franziska oder seine Frau hätte zufreien wollen? Von der Letzteren wenigstens ist er gewiß noch mehr begeistert gewesen wie von der Gall, und sie hat ebenfalls für bildschön passirt, ist geistreich, talentvoll, gut und schreibt gewiß vortreffliche Briefe. Oder gar die Bornstedt, von der Du selbst mir gesagt, sie würde ihm besser gefallen wie eine von uns Andern, und er sich wahrscheinlich rasend in sie verlieben? Ich sage dieses nicht zum Nachtheil der Gall, von der ich mir das beste und liebenswürdigste Bild mache, sondern nur um Dich vor blinden Schritten zu warnen; denn sie kann vollkommen schön, überhaupt tadellos liebenswürdig sein und doch irgend einen kleinen Haken haben, – einen Zug um den Mund, Blick, Ton der Stimme, – der es Dir gänzlich unmöglich macht, sie zu heurathen; der gleichen kommt ja alle Tage vor. Übrigens ist mir Dein Verhältniß zu ihr sehr lieb, da sie schlimmsten Falls doch immer eine werthvolle Freundin bleiben muß. Aber mehr laß sie Dir um Gotteswillen vorläufig äußerlich nicht werden; – was sie Dir vielleicht jetzt schon innerlich ist, darüber habe weder ich ein Recht, noch Du selbst Macht – denn Du bist am wenigsten der Mann, der sich, einmal verwickelt, zu einer Ehe gegen seinen Geschmack resigniren und leidlich glücklich darin leben könnte. Doch wünsche ich mir nichts Besseres und Lieberes, als daß die Gall wirklich, nach Freiligraths Ausdruck, »die rechte Casawaika« sein möge. NB. Ihr Freund Schwarz hat mir neulich einen ganzen Ballen seiner Gedichte zur Ansicht überschickt; sie sind, einzeln genommen, mitunter ganz hübsch, als Ganzes aber äußerst einförmig, und es ängstet mich, etwas darüber sagen zu müssen, um so mehr, da ich den guten Mann gar nicht kenne. Sie müssen Ihren Freunden viel Gutes von mir gesagt haben; denn wieder ein Andrer, Hase, englischer Sprachlehrer, wünscht, wie er sich geäußert, so sehr mich kennen zu lernen, daß er deshalb Tony Galieris angeboten hat, diesen Sommer wöchentlich zweimal hieher zu kommen, für nicht höheren Preis, als wenn er ihr die Stunde in der Stadt gäbe. Das habe ich gewiß meinem guten, treuen Jungen zu danken; und nun Adieu, lieb Herz, Gott segne Dich tausendmal. Schreib mir bald, aber die Mineralien schicke vorerst nicht; wenn ich nach Meersburg kommen sollte, ists näher, und ich packe sie dann nachher mit andern Sachen zusammen. Adieu, Adieu. Mit meinen Gedichten bin ich nun bald in Ordnung. – Ich habe diesen Winter Ihren alten Tischgenossen, den verrückten Herrn v. Kainach sive Kanne auf dem Halse gehabt, ungefähr wie früher den Plönnies, und er lag hier immer auf den Kämpen zu lauern, weil wir ihn nicht im Hause haben wollten; jetzt bin ich ihn Gottlob los; ich weiß nicht, was sich in meinen alten Tagen alle verrückten Wittwer auf mich entêtiren. – Adele hat geschrieben; sie ist noch recht krank und sehr niedergeschlagen. – NB. Wenn ich meine früheren Gedichte alle wieder durcharbeiten und folglich abschreiben muß, so giebt das noch ein gutes Stück Arbeit; denn auf dem Druckpapier läßt sich doch nicht bedeutend corrigiren; oder lege ich weiße Blätter ein? Münster, den 24sten April 1843. Es ist mir sehr drückend gewesen, Ihnen, liebes Kind, so lange nicht schreiben zu können; aber ich bin seit zwei Monaten sehr krank, – im März höchst elend, so daß ich jeden Tag zu sterben glaubte; man hat mich hierher gebracht, um immer unter den Augen des Arztes zu sein, und jetzt ist es seit zehn Tagen bedeutend besser. Was mir fehlt? Ich habe es für Schwindsucht gehalten; es sollen aber nur innere Nervenkrämpfe sein, und jetzt scheint es auch so, da ich mich so plötzlich und rasch bessere und bei Weitem weder so kraftlos noch mager geworden bin, wie zwei Monate unausgesetzten Leidens ohne Nachtruhe und fast ohne Nahrung dies voraussetzen ließen. Noch am Tage vor der glücklichen Wendung konnte ich vor Schwäche das Glas mit Haferschleim kaum halten, und am folgenden Morgen, nach ein paar Stunden gesunden Schlafes und mit einigem Appetite genommener Bouillon und Semmel, bin ich auf Wunsch des Arztes gleich in die – sehr warme – Luft gegangen, und zwar fast eine halbe Stunde weit, ohne sonderliche Anstrengung, was außer dem Arzte Allen ein halbes Wunder schien, und mir am Meisten. Ganz so gut hat sichs nun zwar nicht gehalten; ich bekomme fortwährend Rückfälle, die aber nur Stunden währen, und die ich im Vergleich mit dem Früheren kaum beachte. Gesund bin ich noch lange, lange nicht, – huste noch sehr, habe immer Halsweh, jeden Abend noch Fiebermahnungen, und mit Schlaf und Appetit gehts auch nicht über das Notdürftigste hinaus; dennoch fühle ich mich gegen früher wie im Himmel und sehe an der unverhohlenen Freude des Arztes, daß ich wirklich auf entschiedener Besserung bin. In Rüschhaus hätte ich mich nie erholt; denn unser armes Mariechen wird sterben, an Skropheln in der Lunge, die jetzt ausbrechen, und da das gute Ding, die, wie alle wirklich Schwindsüchtigen, nicht im geringsten apprehensiv ist, sich nicht abhalten ließ, sich täglich einigemal zu mir herauf zu quälen, um mich mit der Ähnlichkeit unsrer Zustände zu trösten, so können Sie denken, wie dies auf mich wirkte. Menschen mochte ich gar nicht sehn außer Wenigen, und diese grade konnte ich nicht haben: Junkmann war nicht da, Schlüters kamen nicht, und auch mein bester Trost, meine liebste Elise, konnte nicht kommen, da sie selbst in großer Noth steckte mit dem Tantchen, die schwer bei ihr erkrankt war und sie kaum eine Stunde von sich lassen mochte. Das ging mir denn auch sehr nah; hatte ich keine Nachrichten, so war ich voll Unruhe, und die ich bekam, konnten mich leider selten trösten. Hier hat mich nun freilich in dieser Beziehung ein harter Schlag erwartet; während ich dieses schreibe, wird der Körper, den eine so reine, milde Seele bewohnt hat, der Erde wiedergegeben; am Freitag Abend um Neun hat sie vollendet, an der Wassersucht und zuletzt hinzugetretenem Lungenschlage; Elise ist überaus betrübt, aber gefaßt. Zum Glück sind vorgestern ihre beiden Eltern angekommen; ich hoffe, die jetzt eintretende Ruhe nach so langer Körperanstrengung wird ihr bei allem Schmerze doch wohl thun und schlimme Folgen für ihre Gesundheit verhindern; auch giebt ihr der Arzt nervenstärkende und calmirende Mittel, um dem vorzubeugen. Ich bin sehr froh, grade jetzt hier zu sein. Nanny Scheibler und Louise Delius haben sich Elisen in dieser Prüfungszeit sehr treu bewährt, sind ihr fortwährend zu Trost und Hülfe zur Hand gewesen, und ihr Freundschaftsverhältniß ist natürlich dadurch noch um Vieles inniger geworden, was mir überaus lieb ist. Daß ich zu ihrer Aufrichtung thun werde, was meine armseligen Kräfte gestatten, und vielleicht noch etwas drüber, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Elise ist mein zweites Ich. Lieber Levin, Sie werden sich natürlich jetzt sehr geneigt fühlen, Elisen zu schreiben; thun Sie es nicht, ich bitte dringend darum; sie erwartet es nicht, wie sie mir selbst gesagt hat, da sie ja eben einen Brief von Ihnen erhalten, und Ruhe, Ruhe, – Entfernung jeder Nervenaufregung ist ihr jetzt das einzig aber streng Nöthige. Ich habe ihr immer, wie Sie es ja selbst wünschten, Ihre Briefe an mich mitgetheilt; kein inniges oder ehrendes Wort, deren allzeit ja so viele für sie darin verstreut waren, ist je verloren gegangen, und wo die Ausdrücke schwankend waren, ist Ihr Mütterchen ehrlich genug gewesen, nach all der Wärme, aus der sie sie hervor gegangen wußte, auszulegen und aus unsern Meersburger Gesprächen zu ergänzen. So ist Elise immer Ihrer allertiefsten Anhänglichkeit gewiß gewesen; aber es ist besser, sie trägt diese Überzeugung ruhig und wohlthuend in ihrem Innern, als daß sie durch Briefe aufgeregt wird, jetzt, wo wir Alle uns nur absorgen, sie im möglichst ruhigen Gleise zu erhalten, damit ihre nach so langem Wachen und Sorgen unvermeidliche Nervenreizbarkeit sich nicht als Nervenschwäche festsetzt. Zum Überfluß habe ich Elisen noch gesagt, daß ich Sie dringend bitten würde, ihr vorläufig nicht zu schreiben, und sie ist ganz mit mir einverstanden gewesen, so wie sie sich überhaupt jetzt vor jedem etwas ungewöhnlichen Briefe fürchtet, weil sie weiß, wie schlecht er ihr bekömmt. Legen Sie ihr dieses ja nicht als Mangel an Theilnahme aus; Elise ist Ihnen mit so warmer und inniger Freundschaft zugethan, daß Ihr Mütterchen sich hierin nicht mal den Platz über sie anzumaßen wagt. Sie hat meine Sorge getheilt, daß in jenem Sodoma und Gomorrha irgend eine ränkevolle Person unter erborgter Tugendglorie Eingang in Ihre arglose Theilnahme finden und Sie betrügen möchte, – ein Gedanke, der Ihnen, der Sie Jede einzeln kennen und verachten, vielleicht empörend scheint; Sie müssen aber bedenken, daß wir, so lange die Fürstin lebte, uns doch auch einen anständigen Kreis, wenigstens von Besuchenden, um diese ehrenhafte Frau denken mußten, und doch schien uns – eigentlich recht weiblich inconsequent –, in einem solchen Hause könne Alles nur Lug und Trug und zu Ihrem Verderben sein. Elise hat auch zuerst Ihnen die Gall bestimmt und die Andeutungen eines steigenden Interesses in Ihren Briefen mit der wärmsten Theilnahme verfolgt; Ihr endliches bestimmtes Aussprechen dieses Verhältnisses ist uns Beiden zu gleicher Beruhigung und Freude gewesen. Ich war schon krank, meinte aber doch zur gewöhnlichen Zeit antworten zu können, und Elise schickte mir in der warmen Theilnahme ihres Herzens ein Briefchen zum Einschluß; ich wurde aber von Tag zu Tag elender, – konnte nicht mal die empfangenen Briefe ohne Verschlimmerung lesen, um so weniger selbst welche schreiben. Ach, Levin, ich habe schrecklich ausgestanden und oft gemeint, es ging über meine Kräfte; auch jetzt schreibe ich schon den dritten Tag über diesen paar Zeilen, aber es geht doch, und mir wird nicht schlimmer darnach. Liebes Kind, wie ich diesen Brief anfing, glaubte ich Elisens freilich etwas alt gewordene Zuschrift vor mir in der Lade zu haben und entdecke nun mit Schrecken, daß ich ein anderes gleich geformtes Briefchen an mich selbst dafür mitgenommen. Was ist zu machen! Den Schlüssel zu meinem Schreibtische kann ich unmöglich hergeben; Sie müssen sich gedulden, bis ich wieder in Rüschhaus bin, wo ich Ihnen das Blatt jedenfalls schicken werde, wenn es auch steinalt geworden ist. Elise, der ich meine Noth geklagt, sagt, ich möge Ihnen schreiben, der Hauptinhalt sei gewesen, daß sie Ihnen ihre Freude über jene nach ihrer Ansicht sehr passende Wahl ausgedrückt und Sie angetrieben, die Gall jetzt möglichst bald persönlich kennen zu lernen; das Übrige seien Tagesneuigkeiten gewesen, z. B. daß Hutterus sein drittes Examen glänzend bestanden, auch schon etwas von der Tante Krankheit und einige Bornstedtiana . Genug, Sie sollen den Zeddel haben! Es ist Elisen sehr leid, daß Sie ihn nicht erhalten, um so mehr, da sie in ihrer jetzigen Lage an Beantwortung Ihres letzten Briefes vorläufig gar nicht denken kann und mir deshalb die gewünschten Journale, die schon lange für Sie bereit lagen, nebst den freundlichsten Grüßen zur Besorgung an Sie überschickt hat; sie sind unter Kreuzband und werden hoffentlich mit diesen Zeilen zugleich ankommen. Der Fraling ist aber doch unter aller Kritik; namentlich was den Stil betrifft, steht er doch Gottlob einzig in der neueren Litteratur. – Marggraf hat eine Sammlung politischer Lieder herausgegeben und meine »Warnung an die Weltverbesserer« darin aufgenommen; so muß ich armes loyales Aristocratenblut da zwischen Herwegh, Hoffmann von Fallersleben \&c. paradiren. Freiligrath und Geibel sind aber auch darin, so giebts doch noch gute Gesellschaft. – Der Redacteur des Feuilletons der Cölner Zeitung, Püttmann, trägt Elisen bei Gelegenheit der Uebersendung einiges Honorars die Bitte vor, daß, da sie mich vielleicht persönlich kenne, sie doch suchen möge, mich zu seinen Gunsten dem Morgenblatt abwendig zu machen, und zählt, um mich zu reizen, seine neuen berühmten Mitarbeiter her: Freiligrath, Geibel, Gutzkow, König, Marggraf \&c. Ich kann jetzt wohl daran denken, ins Cölner Feuilleton zu schreiben; hätte ich nur die Abschrift für Cotta fertig! Doch das macht sich jetzt vielleicht sehr gut; neben meiner Thür (Zimmerthür) wohnt ein armer Theolog, Markus, der gewiß den Verdienst gern vorlieb nimmt, und wo ich die Bequemlichkeit habe, unter seinen freien Stunden täglich die mir passendste zu wählen, da ich nur an seine Thür pochen darf. Wer hätte gedacht, daß von dem Dichten und Abschreiben das Letztere die größten Schwierigkeiten machen würde! – Denken Sie, Junkmann und Schlüter spannen alle Stricke an, mich zu bereden, Hüffern auch diese zweite Auslage zu geben; »ich solle nur dreist 500 Thaler fordern, – Hüffer werde sie geben, – aber nicht diesen Verdienst einem Fremden zukommen lassen.« Die guten Leute radotiren, zuerst wenn sie meinen, Hüffer werde es verstehn, den möglichen Vortheil heraus zu schlagen, und dann, ich werde dümmer sein wie der Esel, der sich doch nicht zweimal an demselben Steine stößt. Von der Bornstedt wissen wir nur, daß es ihr wahrscheinlich kläglich geht. Ihre Briefe von Paris waren brillant; sie paradirte in der haute volée in von der Gräfin geborgter Garderobe, rothem Sammt und Brillanten, badete sich in Eau de Cologne und gab sich selbst als von den ersten litterarischen Notabilitäten auf Händen getragen an. Balzac habe behauptet, nachdem er ihren Ludgerus gelesen, die Westphalen müßten doch ein greulich dummes Volk sein, daß sie einen solchen Schatz nicht anzuerkennen gewußt \&c. Mit einem Male wurde sie mäuschenstill, und von Arnsberg, wo eine Schwester der Gräfin Bocarmé wohnt, kam die Nachricht, daß diese sich gänzlich mit ihr überworfen und sie ohne Weiteres vor die Thür gesetzt habe; was sie nun anfängt, weiß Gott. Von hier läßt sich sonst durchaus nichts Neues schreiben: Junkmann, Schlüters, Carvacchi, die Lombard, Alles im alten Train, ohne die kleinste Variante. – Der Präsident Scheffer ist gestorben und hat, außer 80 000 Thalern Legaten, seiner Wittwe 200 000 Thaler zu freier Disposition hinterlassen. – Junkmanns Ferien sind gestern zu Ende gegangen; ich habe ihn wohlaussehend und heiter gefunden, obwohl seine Stellung sich noch ganz anders verbessern muß, ehe er an sein Thereschen denken darf. – Lutterbeck ist noch hier und recht zufrieden mit seiner neuen Stellung. Lieb Herz, ich bin sehr, sehr müde und angegriffen, meine Kräfte sind total zu Ende, und ich habe das Wichtigste kaum noch berührt; es geht mir wie Einem, der sein Testament zu lange verschoben hat und sich nun quält, daß er es nicht mehr machen kann, – nur zwei Worte: suchen Sie die Gall persönlich kennen zu lernen, ehe Sie sich zu weit mit ihr einlassen; und dann heurathen Sie nicht ohne ein festes, wenn auch bescheidenes Einkommen Ihrerseits; unter diesen beiden Bedingungen haben Sie den vollständigsten Segen derjenigen, die mit aller Liebe und Treue einer Mutter für Sie fühlen wird, so lange noch eine Athemzug in ihr ist. Adieu, schreiben Sie bald und adressiren Ihre Briefe nach wie vor nach Rüschhaus; die Bückersche bringt sie mir gleich von Damms hieher. Adieu, Adieu, Gott segne mein Kind. Bitte, inhibiren Sie doch den Druck des Westphalens; ich fühle mich gänzlich außer Stand, den Verdruß zu tragen, den es mir unfehlbar bereiten würde. – Trauen Sie meinem Gesundheitsbericht nicht recht und wünschten auch von Anderen darüber zu hören, so schreiben Sie an Schlüter; er und Thereschen kommen fast täglich zu mir und würden gewiß eine dringende Aufforderung sogleich beantworten. Sie können denken, wie ich gespannt auf Ihren nächsten Brief bin. – Ich kann kaum erwarten zu hören, wie es mit Ihnen und Ihrem Fürsten abgelaufen. – Die Gedichte der Michels sind abgeschickt. Mondsee den 1sten Mai 1843. Der erste Mai heute, und am letzten Februar hab' ich geschrieben, und noch immer keine Antwort! Sie glauben nicht, wie ich darüber in Unruhe bin; ich hätte schon längst wieder geschrieben, hätte ich nicht befürchtet, Sie wären sehr krank, und mein Brief käm' nicht in Ihre Hände gleich. Sed non potuisti per alium quendam in tam longo temporis spatio me certiorem facere de tua valetudine et quod mei non oblita es? Nescisne quantopere tuarum literarum cupidus sim, nescisne quod scriptum sit: »an potest mater filii oblivisci«? Et none tu mater mihi etsi parvula? Aber konntest Du nicht in so langer Zeit mir durch irgend jemand Nachricht geben von Deinem Befinden und daß Du mich nicht vergessen hast? Weißt Du nicht, wie sehr ich mich nach einem Briefe von Dir sehne? Weißt Du nicht, daß geschrieben steht: »Kann wohl die Mutter des Sohnes vergessen«? und bist Du nicht mein Mütterchen? Weiß Gott, es ist recht bös von Ihnen, mich hier in Mondsee ohne eine Zeile zu lassen. Denn wenn auch ein Brief verloren ist, so ist es doch so lange, daß ich schon eine Anfrage hätte bekommen können, ob er verloren sei? Nur etwas weiß ich von Ihnen. Carvacchi hat mir am ersten April geschrieben, die Frau Mertens sei da und führe alle Tage zu Ihnen. Ist sie's in Schuld, daß Sie nicht schreiben, so steh' ihr Gott bei. Mit dem Fürsten bin ich im Reinen. Ich scheide freundlich von ihm. Ich hab ihm gesagt, unter den hier bestehenden Verhältnissen müßten die Kinder aus dem Haus; er hat mir durch ein langes Geschwätz geantwortet, das auf meine einfachen Gründe paßte wie die Faust auf's Auge, und das Ende war, daß ich ihm sagte, er möge mir einen Nachfolger geben. Er hat mich gebeten, ihm einen zu verschaffen. Ich schrieb deshalb an Stieve, hab' aber noch keine Antwort. Ich gehe mit großer Freude von hier fort; ich bin sehr angegriffen, es ist wunderbar, wie Melancholie so heftig auf meine Nerven wirkt – ich habe im letzten Briefe darüber geschrieben, glaub' ich, und bin immer noch nicht viel besser. Ich glaube, ich bin in dem einen Winter ein anderer Mensch geworden! – Für's Erste geh ich nach St. Goar, um im Juni und Juli dort Rheinbäder zu nehmen. Ende Mai denk' ich von hier abzureisen und werde danach – rathen Sie einmal, was? – vielleicht Redacteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Wenigstens hat mir Dr. Kolb, der erste Redacteur, dahin gehende Eröffnungen gemacht und mich um ein Rendezvous gebeten. Ich habe ihm dies auf den 29sten in München, wohin er von Augsburg kommen will, zugesagt, und ich will Ihnen dann gleich schreiben, was das Resultat war. Es ist zwar eine schlimme Sache mit dieser Augsburger; sie würde mich ganz absorbiren, befürcht' ich, – doch ich muß erst den Kolben anhören. Meinen Roman hab' ich fix und fertig; er wird in einigen Wochen, hoff' ich, erscheinen. Es ist zu angenehm, so etwas ohne größere Weiterungen in die Presse schicken zu können. Jetzt beschäftigt mich eine Novelle für die Urania; bin aber bange, daß sie zu spät kommt. Könnt' ich doch Ihnen die Arbeiten alle erst zeigen! Sie würden doppelt so gut. Übrigens seh' ich zu meiner Freude, daß mir die reinen Erfindungen jetzt ganz anders aus dem Ärmel gehen als früher. Ich werde morgen mit meinen Jungens nach Berchtesgaden gehen, um dies erst noch zu sehen; bis Salzburg im Wagen, von da wollen wir zu Fuß; es soll wunderschön sein. Überhaupt hat dies Land Schönheiten! Diese Vegetation sollten Sie sehen! Alle Tage finden wir die Masse neuer prachtvoller Blumenarten; nur keine Nachtigallen giebt's. Aber die Kehlen der Almerinnen ersetzen sie. Ich hab' in der Augsburger Zeitung – vom 14ten April glaub' ich – darüber etwas mitgetheilt unter dem Titel: Ein Album aus Oestreich ob der Enns. Ich muß aufhören – o Gott, wann seh ich Sie wieder, um einmal wieder mit Ihnen Alles von Anfang bis zu Ende durchschwatzen zu können, ich habe Ihnen so unendlich viel zu erzählen – es wär' eine wahre Wonne! O Harfen Sions, weshalb hangt Ihr nicht an den Weiden des Mondsee! – Tausend Grüße an Alle, an Sie zuerst und in zweiter Reihe an Junkmann, Schlüters und wen Sie sonst noch sehen, das gute Täntchen nicht zu vergessen. Ich habe wieder eine Poetin aufgetrieben. Ein Ladenmädchen in einem Tabakladen in Salzburg, die ein großes Talent hat. Unter den Östreichern bin ich schon bekannt; einer hat mir sein Werk über das Mozartfest in Salzburg dedicirt. Vive la plume! Auch 'ne Frau werd' ich am Ende ihr verdanken – bloß meiner Feder! – Gottes reichster Segen über Sie, – vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, was ich damit sagen will und nicht sage, weil ich nicht weiß, ob Sie diesen Brief bekommen – vielleicht sind Sie ja nach Abbenburg oder nach der Meersburg verreist. Bis zum 27sten ist meine Adresse noch Mondsee, danach St. Goar am Rhein, poste restante . Ihr Levin. Am Pfingstmorgen werde ich in Frankfurt a. M. die Gall sehen – Die Münze ist in den Ruinen der nahen Burg Hüttenstein gefunden. Hülshoff den 11ten Mai 1843. Vorgestern habe ich endlich Ihren Brief erhalten, mein liebstes Kind, der mich von großer Unruhe befreit hat. Schlüters hatten nämlich aus Ihrem Briefe an Stieve zu lesen geglaubt, Sie würden schon am ersten Mai abgehn; so wußte ich Sie nirgends zu finden, und es drängte mich doch um so mehr zum Schreiben, da ich meinen letzten Brief in die Löwengrube versunken glaubte, wo er, nach Verhältniß des mehr oder minder feindlichen Abschiedes, besten Falls sehr versäumt, schlimmsten erbrochen und mißbraucht werden konnte; wer gemein und neugierig genug ist, an der Thür zu lauschen, der kann sich auch eines nachzügelnden Schreibens bemächtigen. Sie sehn wohl schon aus meinen Federzügen, lieb Kind, daß ich wenigstens theilweise hergestellt bin; der Aufenthalt in Münster hat mir sehr wohl gethan, was ein halbes Wunder ist, unter den täglichen Erschütterungen, die ich am Sterbelager und Sarge des guten Täntchens mit Elisen theilte. Ich that mir über Macht Gewalt an und dachte, der hinkende Bote würde nachkommen; statt dessen hat diese Widersetzlichkeit gegen mein Nervenübel es gleichsam in Confusion gebracht, die so übel behandelten Anfälle sind es müde geworden, wieder zu kommen, und jetzt bin ich wohl noch schwach, schändlich reizbar, aber doch nicht eigentlich krank mehr. Freuts meinen Jungen nicht? Es ist mir ordentlich ein Fest, es ihm zu schreiben, da ich weiß, wie mir zu Muthe wäre, wenn ich ihn so elend wüßte. Lieber Levin, ich wollte, Sie hätten mein Krankenlager gesehn und jetzt meine rasche Genesung, um sich über Ihr eignes Befinden aller Apprehensionen zu entschlagen. Die Nerven sind schändliche Biester, zu denen Gott gesagt hat, wie zum Satan im Buche Hiob: »Plag ihn, schlag ihn, zehre ihm das Fleisch von den Gebeinen, aber über sein Leben sollst du keine Macht haben.« Drei Wochen freiwilligen Zwanges haben mich erlöst, Sie werden vierzehn Tage glücklicher Ungebundenheit am Rhein – der Main ist doch auch ein schöner Fluß? – kuriren. Jetzt bin ich seit acht Tagen hier; Rüschhaus habe ich noch nicht gesehn, weshalb ich Ihnen das bewußte Blatt nicht schicken kann, denke aber Sonntag hin. Unser armes Mariechen bessert sich etwas; ich habe ihr ein silberbeschlagenes Gebetbuch geschickt, wo sie sich halbtodt daran gefreut hat, das gute Ding. Mein treuloser Abschreiber hat sich so lange in den Ferien verlustirt, daß ich ihn in Münster nur noch einen Tag habe packen können; um Pfingsten kömmt er aber auf 8–14 Tage nach Rüschhaus, und von da an bin ich jede Stunde bereit, meine Künste auf dem schlaffen Seile zu produziren. »Ei, was werden die Leute die Augen aufreißen, was der Schelmuffsky für ein brav Kerl ist!« Übrigens erwarte ich, ernstlich gesprochen, keinen so schlagenden Erfolg, wie Ihre Liebe Ihnen vorspiegelt; zuvörderst keinen schnellen, ich muß Zeit haben und mich, wie andre schlechte Poeten, mit der Nachwelt trösten. Ich wollte, wir könnten unsern Nachruhm wie einen Pfauenschweif hinter uns ausbreiten und beäugeln; aber da würde freilich Mancher einen traurigen Gänseschwanz zu sehn bekommen oder gar nichts. Gleich nach Pfingsten gehn wir nach Abbenburg und im Herbste nach Meersburg; könnten wir uns nicht unter Weges irgendwo treffen? Mich verlangt sehr darnach. Schreiben Sie mir gleich, wie Ihnen die Gall gefallen hat; bin ich schon in Abbenburg, so wird mir der Brief doch unmittelbar nachgeschickt. Wir, Elise und ich, sind natürlich äußerst gespannt darauf, und unsre Wünsche und Gebete werden Sie an jenem Tage begleiten. – Gott gebe, daß die Gall ist, wie wir sie uns ausmalen, namentlich Elise: feurig ohne Exaltation, neben ihrem Geiste voll bon sens , und obwohl glänzend in Gesellschaft, doch ruhig und wohlthuend im häuslichen Leben. Lieb Kind, Dein Mütterchen hat carte blanche , zu sagen, was es will, nicht wahr? So bitte ich Dich, wie ich bitten kann, suche die Gall genau zu ergründen, ehe Dein Wort und Urtheil unwiederbringlich gefangen sind; es geht hier ums ganze Leben. Ich bin voll der besten Hoffnungen und so herzensfroh, daß Deine Neigung sich so ehrenvoll fixirt hat, und doch ist mir jetzt, wo die Entscheidung bevorsteht, so ängstlich und ernst zu Muthe, als sollte ich selbst heurathen. Sollte die Gall – ich hoffe es nicht, aber möglich war es, und Deine eignen Beschreibungen widersprechen dem wenigstens nicht – zu jenen Menschen gehören, denen das Bedürfniß steter Aufregung – ob sentimental oder leidenschaftlich, kömmt zu Einem aus – angeboren ist, so bedenk Dich zehnmal, eh Du Dich bindest. Du bist ein Westphale, deshalb ein geborner Philister, und das Bedürfniß nach heitrer Ruhe ist bei Dir auf die Dauer das allervorherrschendste. Du bist zart von Nerven, deshalb auch kurzen Aufregungen sehr zugänglich, aber bald überreizt; eine derartige Frau würde Dich im ersten Vierteljahre vielleicht bis zur Vergötterung exaltiren, im zweiten und dritten bedeutend ermüden, und endlich würdest Du lieber in die erste beste Pfahlbürgerkneipe gehn, um nur mal eine ruhige ordinaire Stunde zu verleben. Auch ihre Anforderungen an die Welt sind, bei Deiner vorläufig bescheidenen Lage, sehr zu prüfen; sie scheint mir glänzend erzogen und an einen bewundernden Kreis gewöhnt; dergleichen entwöhnt sich nicht leicht. Ihre Unlust an Hofbällen und der großen Welt will nichts beweisen; sehr lebhafte und dabei, wie Du selbst sagst, etwas eitle Personen, die an einen engern Cirkel, wo sie die erste Rolle spielen, gewöhnt sind, fühlen sich nie wohl, wo sie sich schmählich geniren und mit so vielen pari gehn müssen. Aber diese täglichen kleineren Cirkel im eignen Hause sind grade das Geldfressende, und ich weiß kaum, was kläglicher ist: in Schulden gerathen oder jeden Mittag Wassersuppe essen, um Abends die Leute mit Zuckerbrezeln bewirthen zu können. Mein gutes Herz, Du darfst mir nichts übel nehmen und begreifst die Angst Deines Mütterchens, wo ihr einziges liebes Kind auf dem Punkte steht, über seine ganze Zukunft zu entscheiden. Beobachte die Gall zwischen Menschen, und wie sie Dir da zuerst erscheint, ehe sie sich noch ausschließlich mit Dir beschäftiget; nachher ists zu spät. Völlig Verliebte oder gar Verlobte sind immer einsamer Natur und möchten nur in einer Hütte unter vier Augen leben; aber das hält nicht an, und die alte angeborne Natur kömmt über kurz oder lang immer wieder durch. Es sind noch zwei Umstände, die ich jetzt, wo Dein Geschick an einem Haare schwebt, nicht übergehn darf, magst Du meine Liebe darin nun erkennen oder verkennen. Die Gall ist protestantisch; das macht zwar mir wenigstens für ihre Person nichts aus; aber sie könnte fordern, daß ihre Kinder in gleicher Religion erzogen würden. Wärs möglich, Levin, daß Du in einem Augenblicke der Leidenschaft oder des Leichtsinns darauf eingingst? Ich weiß, Du bist kein orthodoxer Katholik, hast es aber doch oft gegen mich und Andre ausgesprochen, daß Du Deine angeborne Glaubensform bei Weitem für die bessere und der Moralität zuträglichere hältst. Darum bitte ich Dich, wie ich bitten kann, Levin, gieb kein solches öffentliches Zeichen einer Schwäche, die Dich in Deinen eignen und Andrer Augen herabsetzen müßte. Bedenk, was Du Alles für den Besitz eines Herzens aufgäbst: alle Deine hiesigen Lieben, die Du tödtlich betrüben und den freien Äußerungen ihrer Zuneigung fast unübersteigliche Hindernisse in den Weg wälzen würdest. Mein liebes, liebes Kind, Du weißt, daß dieses keine Drohung sein soll, nur ein Auffrischen des Dir wohl Bekannten, ein Erinnern an Verhältnisse, die Du vielleicht halb vergessen hast, deren Resultate aber wenigstens Einer fast das Herz brechen würden. Nun zu dem andern Punkte. Lieber Levin, Du bist leichtsinnig, oder vielmehr, wenn Du etwas lebhaft wünschest, so machst Du Dir selbst was weiß und siehst, im umgekehrten Sprichwort, ein Kameel für eine Mücke an. Du bist Deiner beiden Eltern achtes Kind; ich will hiermit Deinem armen guten Vater nicht zu nahe treten, den ich vielleicht grade deshalb so lieb habe und begreife, weil ich an Dir sehe, wie man ihm in manchen Stücken ähnlich und doch großer Anhänglichkeit werth sein kann. Deshalb bitte ich, wie nur eine Mutter bitten kann, verlobe Dich, wann Du willst, heute – morgen – aber heurathe nicht ohne recht festen Grund unter den Füßen, nicht auf einige hundert Gulden, die bei sparsamer Wirthschaft allenfalls für Zweie ausreichen. Gott kann Dir elf Kinder geben wie meinem Bruder, und es ist nichts schrecklicher, wie Frau und Kinder darben zu sehn oder, in Schulden versunken, alle Tage erwarten, ausgepfändet zu werden; und hast Du einmal leichtsinnig angefangen, so mußt Du, wohl oder übel, allen bittern Ernst mit durchhalten. Aus Deine Schriftstellerei darfst Du nicht zuviel rechnen; jede Kränklichkeit kann Dich unfähig dazu machen, und grade Sorge und Niedergeschlagenheit würden diese Quelle gewiß sogleich verstopfen. Auch Dein eigentlicher Broderwerber, Dein Amt, muß sicher sein, von der Regierung oder sonst vermögenden Kräften garantirt; ich weiß nicht, ob die Augsburger Zeitung dies ist, aber jedenfalls würde ich, faute de mieux , hier zugreifen, wenn die Bedingungen irgend annehmlich wären; Du hast vorläufig für Dich und die nächste Zukunft zu sorgen, und diese ist jedenfalls eine Stelle, die Dich sehr an's Licht heben und eher wie jede andre den Weg zu einer wirklich genügenden Lage bahnen wird. Nun genug hiervon, liebstes Kind, ich habe offner zu Dir gesprochen als je und hätte es schon gern im vorigen Briefe gethan; aber da war ich noch äußerst matt, hatte mich an andern Dingen todtmüde geschrieben und nur noch eben die Kraft, Dir zu einer Verbindung, die mir im Ganzen, aufrichtig, überaus erwünscht ist, meinen Segen zu geben. Denn, lieb Kind, ich glaubte nicht an meine Genesung und dachte, dies wäre der letzte Brief, den Dir Dein Mütterchen schreiben könnte; jetzt bin ich aber wirklich fast hergestellt. In Münster ist Alles beim Alten, Elise die meiste Zeit über ziemlich wohl, nur nach jeder Gemüthsbewegung sehr angegriffen, aber immer von Nanny und Louischen umgeben, die dergleichen zu verhüten suchen. Sie läßt Sie herzlich grüßen und ist äußerst gespannt auf Ihre Zusammenkunft mit der Gall. Diese indirecten Mittheilungen regen sie keineswegs auf, sondern erheitern und beruhigen sie, da die Sprache in Ihren Briefen an mich durchgängig heiter, ruhig und herzlich ist, und die jetzige Wendung Ihres Schicksals sie wahrhaft freut, um so mehr, da es ihr fast vorkömmt, als habe sie die Sache gemacht, da sie schon lange von den Schriften der Gall eingenommen war – »Die Maske« im Morgenblatt – und bei Ihrer ersten flüchtigen Erwähnung derselben sich gleich in den Kopf gesetzt hatte, diese müsse Ihre Frau werden und keine Andre. Kurz, lieber Levin, der Himmel hat es auch hier sehr gnädig mit Ihnen gemacht, verderben Sie nur selbst nichts! Von der Bornstedt ist kürzlich ein ellenlanger Brief an die Lombard gekommen, der den Zweck erreicht hat, diese tiefbeleidigte Frau wieder vollkommen auf ihre Seite zu bringen, des Inhalts: »Sie habe Paris, wo es ihr anfangs so gefallen, und wo sie so sehr fetirt worden, aus Ekel über dessen Immoralität und Irreligiösität verlassen. Die Gräfin Bocarmé habe den Franzosen weiß gemacht, sie sei gegenwärtig die berühmteste deutsche Schriftstellerin, und diese, in ihrer grenzenlosen Unwissenheit und Unkenntniß des Auslandes, hätten es auch geglaubt. Sie habe Chateaubriand, Balzac und Anderson Wahrscheinlich der dänische Dichter Hans Christian Andersen. kennen gelernt, von denen ihr aber nur der Letzte zugesagt; Balzac habe ihr Gedicht von den »Todtenschädeln im Schreine« am Schönsten gefunden, Chateaubriand das, wo die mit ihrem Kinde halberfrorne Frau darin vorkömmt. Dennoch sei es ihr bald öde und ekelhaft dort geworden, und sie sei bereits wieder in Luzern. Mit ihren Aussichten stehe es sehr schwankend, wenn es ihrem Nicolaus nicht gelinge, in der Schweiz – civil– angestellt zu werden oder in Rom unter der Garde des Papstes, so könne aus der Heurath nichts werden. Ersteres, in Luzern, wünsche sie schon gar nicht mehr; in Rom, das wäre freilich herrlich, und sie würde dann im Vatikan wohnen; doch ach, im Grunde gehe doch nichts über Deutschland und die alten Freunde \&c.« Die Lombard schwört jetzt wieder nicht höher wie bei der Bornstedt, der Tugendhaften, Herrlichen, die alle Triumphe Sodomas von sich stößt, alle Lorbeerkränze aus unreinen Händen verschmäht, nennt sie die glücklichste Schweizerbraut, da ihr Nicolaus gewiß ein herrlicher Mensch sei \&c. Ist diese Frau, die so gut wie wir Andern weiß, daß die Bornstedt noch vor Kurzem die Franzosen zu Engeln gemacht und uns armen Münsterschöpfe mit Hohn überschüttet hat, daß ihr Abzug aus Paris keineswegs freiwillig und höchst klatrig, und daß der liebe Nicolaus ein vollkommnes mauvais sujet ist, – ich sage, ist diese Frau wirklich so stupide oder nur bis zur Absurdität tugendhaft und bemüht, glühende Kohlen auf das Haupt ihrer Feindin zu sammeln? Wir Andern sehn in diesem Briefe leider nur ein Vorspiel zu der Tragödie: »Die Bornstedt zum zweiten Male in Münster«, und der Schrecken ist allgemein, doch nicht so groß wie früher; da per Klatscherei jetzt Jeder dahintergekommen ist, daß er sie mit gutem Gewissen negligiren darf, und sie es um jeden Einzelnen verdient hat, so sind die Leute jetzt im Klaren mit sich, und die Bornstedt wird von einer Mauer gefällter Speere erwartet. Ihres Bleibens wird nicht lange sein, doch wird sie gewiß noch Übels anrichten, wie und wo sie kann, und gleich der Pferdefuß durch ein unheilbares Loch in der Mauer abziehn. Meine einzige Hoffnung ist noch, daß sie mit Nicolaus nach Rom kömmt; er war ja schon mal Schweizergardist in Paris, und wenn seine ganze angesehne Sippschaft nachschiebt, könnte dies, mein' ich, noch am ersten glücken; Gott gebe es! Schlüters, Junkmann, Carvacchi et Comp. Alles wohl, und so sehr im alten Gleise, daß ich auch nicht ein Wörtchen darüber zu sagen wüßte. Die Mertens war allerdings vier Wochen lang in Münster; hören Sie die Veranlassung, und Sie haben ihren Charakter von der besten und schlimmsten Seite. Ich hatte ihr in Bonn griechische Münzen versprochen, die ich nicht alle für ächt halte, aber doch einige darunter, hatte sie ihr auch geschickt und den dankbarsten Brief erhalten, worin sie zugleich mein Urteil über Ächtheit und Nichtächtheit bestätigte. Hierauf verhinderte mich meine Krankheit, zu antworten, und nun erhielt ich den allerimpertinentesten Brief; sie schickte mir die Münzen zurück: »sie seien alle unächt und nichts werth, würden auch, wenn sie ächt wären, von so großer Seltenheit sein, daß sie dann kein Sammler, selbst als Doubletten, verschenkt hätte.« In diesem Tone gings fort, schließlich: »da ich ihr, wie es scheine, sonst nicht mehr zu schreiben denke, bitte sie sich wenigstens der Ordnung halber einen Empfangschein über die Münzen aus.« Ich ärgerte mich so schmählich, daß ich Fieber bekam wie ein Pferd, und antwortete ihr, so krank ich war, mit ein paar Zeilen, wie elend ich sei, daß ich deshalb nicht geschrieben \&c. Am fünften Tage war sie in Rüschhaus, in Thränen zerfließend, mit Geschenken bepackt, hatte sich gleich nach Empfang meines Briefs aufs Dampfboot gesetzt, Tag und Nacht durchgefahren, noch keine Stunde geschlafen; bei Nölken hatte sie Quartier bestellt und fuhr von dort jeden Tag zu mir heraus, mit dem besten Willen, wenn auch nicht sonderlichem Geschick, mich zu pflegen. Sie ist eine sonderbare Frau; es sind grandiose Elemente in ihr, aber wunderlich durcheinander gewürfelt und mit Widersprechendem versetzt; sie erläutert mehr als sonst Jemand, wie sich die Extreme berühren. Sie hat mich dringend nach Bonn eingeladen und erwartet mich jetzt wohl stündlich; es ist aber nicht daran zu denken, ich bin noch zu sehr an ein Regime gebunden und muß auch gleich nach Pfingsten nach Abbenburg. Lieber Levin, mein Onkel August hat mir ein Blatt für Sie geschickt, die Antwort auf ein früheres Zuschreiben; es ist sehr freundlich, enthält aber nichts als Entschuldigungen, daß und weshalb er Ihnen nichts über Westphalen schicken könne. Es ist schon steinalt und von so wenigem Interesse, daß ich anstehe, es Ihnen zu senden; wollen Sie es noch? Dann schicke ich es nach St. Goar, wo es wenigstens nicht so viel weggeworfenes Porto kostet. – Ich habe Ihnen noch nicht für die sehr gute, mir bisher unbekannte Münze gedankt, und doch, liebes Kind, hat mich dieses Zeichen Deiner Anhänglichkeit tief gerührt; Du bist und bleibst mein guter kleiner Junge, daran können Jahre Gottlob nichts ändern. – Ihren Aufsatz in der Augsburger habe ich mir gleich verschafft, finde ihn sehr gut geschrieben und erwarte nun mit größter Spannung den Roman und die Novelle. Frisch zu, mein Falk, Deine Schwingen tragen gut, und Dein Mütterchen macht sich vor Hochmuth drüber so breit wie ein Truthahn; das Leben, was man in Andern lebt, ist doch das liebste und lohnendste! – Sie werden im Cölner Feuilleton wahrscheinlich einen poetischen Nachruf an Tantchen von mir finden; sie selbst hatte vor ihrem Tode noch so naiv geäußert, daß sie dergleichen erwarte, weshalb Elise an der Erfüllung dieses fast letzten Wunsches hing; er ist sehr einfach, aber das Tantchen war auch einfach, ihr Lorbeer höchstens ein Blatt, und kaum von ihrem Sterbebette kommend, tief ergriffen, war es mir auch nicht möglich, mich in schönen Phrasen zu ergehn. Lieber Levin, Sie schreiben mir nichts von dem Schicksale des Aufsatzes über Westphalen; ist er in ein Journal gekommen? Gott gebe, nein! Jedenfalls aber muß ich nun die Wahrheit wissen. Und nun Adieu; ich bin noch schwach und habe es mir mit diesem Briefe recht sauer werden lassen; möge er mein lieb Kind froh und gesund antreffen. Grüße kann ich ihm, außer Elisens, keine neueren schicken, denn nach Hülshoff kommen die Bekannten nicht, aber alte eingepökelte genug, von Junkmann, Lutterbeck und vor Allem sämmtlichen Schlüters, die mir so zahllose Freundlichkeiten für Sie gesagt haben, daß ich Eins über das Andre vergessen. Nur Eins weiß ich noch: Schlüter läßt Ihnen sagen, wie hoch er Sie deshalb schätze, daß Sie ihrem reinen moralischen Gefühle eine sonst vorteilhafte Stelle so unbedenklich aufopferten. Und nun, lieb Kind, antworte mir bald, Dein Mütterchen weiß nichts Lieberes wie Deine Briefe. Gott segne Dich. NB. Duzen Sie mich nicht in den Antworten, es nöthigt mir eine Vorsicht mit den Briefen auf, die sonst mitunter ganz unnöthig wäre; Du oder Sie, ich weiß doch, daß ich Dir immer gleich nahe stehe, lieb Kind. Am Montag gehe ich nach Rüschhaus zurück. Darmstadt, Diesen Brief, den Annette Fr. v. Hohenhausen damals zur Einsichtnahme übergeben hatte, veröffentlichte diese im Hannoverschen Courier vom 10. September 1884. Vermutlich wurde er am 3. oder 4. Juni 1843 begonnen. Zimmer Nr. 21 in der Traube. Seit vier Tagen bin ich hier – und eines jener verwunderlichen Geschöpfe, welche man »Bräutigam« nennt! Mein Mütterchen, mein herziges, gutes, liebes, mein ewiges Mütterchen, was sagst Du dazu? Ich will Dir Alles der Reihe nach erzählen! Als ich meinen vorigen Brief auf die Post brachte, fand ich den Ihrigen und sah daraus zu meinem Schrecken, wie schlecht es Ihnen erging. O Gott, mein Mütterchen, wär' ich doch bei Dir, um den Arzt zu machen, ich meine, ich verstände es zu leisten, daß Du gesund bliebest – wenn wir zusammen spazieren liefen und ich Dir die kalten Pasteten aufessen hülfe, wie in Meersburg, bloß aus der sorgfältigen Rücksicht, daß mein Mütterchen sich nicht den Magen verderbe! Gott Dank, daß es nun vorüber ist. Nur über Eins muß ich mit Ihnen zanken, weshalb gehen Sie nicht, wie andere angegriffene Leute, in ein Bad? Ich muß auch in eins, können wir nicht zusammen hin? Mit Ihrem Briefe marschirte ich ins Gebirge und war drei Tage in Berchtesgaden, wo ich zum Zeichen, daß ich stets an Sie denke, eine Schachtel voll prachtvoller Mineralien für Sie einkaufte; ich habe noch zwei Kistchen voll für Sie, die aber noch in Mondsee stehen und mir erst im Herbst von dort nachgesendet werden. Am 20sten ging ich mit meinen beiden Jungens nach Ischl, Gmunden am Traunsee und über den Abersee zurück. Von diesen Naturherrlichkeiten, die mir den Geschmack an allen anderen verdorben haben, sage ich diesmal nichts, denn sie sind über alle Beschreibung erhaben. Der Bodensee imponirt mir nur noch durch seine Größe. Da mir der Fürst schrieb, daß mein Nachfolger, Herr Löbker, demnächst eintreffen würde, ließ ich mich nicht mehr halten. Am 23sten bin ich abgereist, war anderen Tags in München, zwei Stunden später in Augsburg, wo ich die näheren Verhältnisse der Allgemeinen Zeitung kennen lernte. Der Redacteur en chef ist ein höchst liebenswürdiger Mann. Meine Stellung an der Zeitung würde mir anfangs aber alle Muße nehmen und mich ganz in eine mir noch fremde politische Laufbahn ziehen. Um zu sehen, ob ich's aushalten kann, gehe ich nun wahrscheinlich auf einige Monate nach Augsburg. In Stuttgart kam ich am 25sten an und besuchte Herrn von Cotta; er war nicht anwesend, schickte mir aber gleich nachher eine Einladung für den anderen Tag zum Diner, zu dem er auch Menzel, Hauff und einige andere Leute geladen. . . . . . Ich bin gut mit ihm ausgekommen, er hat mir auch ein Exemplar von einem neuen Gedicht Zedlitzens, »Das Waldfräulein«, geschenkt, er war außerordentlich aimable gegen mich. Hauff behauptete, Ihre »Judenbuche« hätte ich geschrieben – der Pinsel! (Am zweiten Pfingsttage 1843 fortgesetzt.) Seien Sie mir nicht böse, daß ich Ihnen so fahrig und hastig schreibe, – meine Hand hat das Schreiben verlernt, mein Kopf das Denken. Stellen Sie sich aber auch diesen Contrast vor; in Mondsee lebte ich völlig wie ein Gefangener, der Niemanden sieht und immer allein in seiner Zelle sitzt – und nun seit vierzehn Tagen diese ewige Aufregung durch hunderterlei Menschen und Dinge, dies Besuchen, Sprechen, Abäschern: so lange ich hier bin, werde ich täglich zu einem andern Diner gebeten und gehe in Darmstadt herum wie ein armer Student, der in sieben Häusern die Kost hat! Daß ich Eins nicht vergesse; ich finde, daß Sie unterdeß rasend berühmt geworden sind! Alles spricht von Ihnen, Menschen sogar, von denen man gar nicht glauben sollte, daß sie für Litteratur sich interessirten. Und nun lassen Sie Ihre Gedichte wieder sorglos in Abbenburg liegen, wie Schade ist das! Ich fahre in den Stuttgarter Erlebnissen fort; ich besuchte noch am Abend meiner Ankunft Dingelstedt, ein Mensch, so liebenswürdig, wie es ein etwas blasirter, eitler Mensch sein kann. Entsetzlich lang, nervenschwach von allerlei Abenteuern in Europas Hauptstädten und von den bitteren Angriffen der Journale, ist er recht geistreich, Vorleser des Königs mit 1500 Gulden jährlich. Er führte mich zur Frau Obristin von Suckow, Emma von Niendorf, wo auch seine Freundin, Stiftsfräulein von Seckendorf, war; die Freundschaft ist von ihrer Seite sehr rosenroth. Er aber gibt vor, in die reiche Sängerin Jenny Lutzer verliebt zu sein. Mit Emma Niendorf, einer jungen, sehr hübschen und liebenswürdigen Frau, bin ich in dicke Freundschaft gerathen, ich darf kaum erzählen, wie sehr! Sie hat mir ihr Bild und ihr neuestes Buch geschenkt, und wir haben uns zwei Abende im Theater lauter Gespenstergeschichten erzählt. Wir versprachen uns auch, dieselben zu bearbeiten und drucken zu lassen, wozu ich aber schon wieder die Lust verloren habe. Brentano nannte dieses kindlich harmlose Wesen einst eine Anmuthstrampel! Sie führte mich auch an einem Abend zu Reinbeck's, wo Lenau wohnt. Letzterer besuchte mich am andern Tage und blieb mehrere Stunden bei mir. Seine Freundschaft ist mir außerordentlich erfreulich gewesen, denn er ist der erste eigentlich tiefe, gedankenunergründliche Mensch, den ich nach Ihnen und Freund Junkmann kennen lernte. Freilich ist Letzterer mehr einem stillen Gebirgssee zu vergleichen, während Lenau einen Vulkan in sich birgt. Nachdem ich drei Tage lang in Stuttgart Cotta den Brodherrn cultivirt hatte, reiste ich am 29sten ab und stand am 30sten um sechs Uhr Abends vor meiner Dame, deren nähere Bekanntschaft Sie mit Folgendem machen sollen, denn ich gehe jetzt zu ihr, um diesen Brief bei ihr zu vollenden. Werden Sie nicht bange, wenn Sie hier plötzlich eine andere Handschrift erblicken, ich lasse mein Hühnchen weiter schreiben.   Ich muß Ihnen gestehen, mein liebes Fräulein, daß mir das Herz gewaltig klopft, indem ich Levin die Feder aus der Hand nehme, um mich Ihnen persönlich vorzustellen. Meine Scheu vor Ihnen ist durch seine Schilderung von Ihnen entstanden, ich wage kaum, um ein geringes Theilchen jener Liebe Sie zu bitten, wodurch Sie meinen Freund so glücklich und so stolz gemacht haben. Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, wenn ich mir Ihre Theilnahme und Ihren Rath erringen könnte. Sie kennen meinen Levin so gut und sind ihm eine so treuliebende Freundin, daß Sie gewiß die bangen Zweifel beseitigen würden, die mich oft bestürmen, ob ich sein Herz auch für immer zu fesseln vermag. Ich würde Ihnen eine aufmerksame und gelehrige Schülerin sein, denn mein Wille ist gewiß sehr gut. Doch wage ich nicht, Sie länger zu belästigen, liebes, theures Fräulein, leben Sie recht wohl. Ihre ergebene Louise.   Mein Hühnchen kann aus Angst nicht weiterschreiben, ich muß also fortfahren, sie setzt sich unterdessen an den Flügel und spielt mir etwas vor. Denken Sie sie sich aber nicht als ein schüchterns Backfischchen, sie ist schon siebenundzwanzig Jahre alt. Was für ein Staatsmädel sie aber ist, davon haben Sie aber gar keinen Begriff, aber auch gar keinen Begriff. Unser erstes Sehen war indessen doch im höchsten Grade peinlich. . . . Für mich, glaube ich, weniger, obwohl ich nicht recht wußte, wo mir der Kopf stand. Nach ein paar Stunden war ich aber rein weg, durchaus verschossen in mein Hühnchen, das nebenbei auch meine Königin ist – und das ist heilsam, denn Sie wissen, ich habe Anlage zum Tyrannen, es ist gut, wenn man mir zu imponiren versteht. Aber im Ernst, meine Louise ist eine ganz außerordentliche Erscheinung, sie ist etwas größer als ich, stark und doch sehr schlank, höchst lebhaft und überhaupt zum Glänzen geboren. Sie zeichnet sehr hübsch, schreibt, wie Sie bereits gedruckt gelesen haben, und singt, – ja außer Ihnen habe ich noch Niemand so singen hören, ganz wundervoll, und bei alledem ist sie so gut, so kindlich, so lieb, so mein treues, süßes Lieb, daß ich's gar nicht begreife – in einigen Dingen habe ich doch rasendes Glück – wie ich in dieser Brust, die früher nie geliebt, mit dem Mosesstab die Quelle eines Gefühls habe sprudeln machen können, das mich so unmaßen glücklich macht. Glauben Sie nicht, ich sei exaltirt: Sie wissen, das kann ich eigentlich gar nicht werden, ich weiß mit dem kältesten kritischen Bewußtsein, daß Niemand wie Louise zu mir paßt, – da diese Mischung von äußerem Glanz der Erscheinung und tiefem dichterischen Gefühl, vereint mit vernünftigem, ruhigem Wesen, was mir Hauptsache ist, immerdar mein Ideal sein wird. Louise ist an Glänzen gewöhnt, aber sie dürstet nicht darnach, sie ist fern von jener lächerlichen Unersättlichkeit nach Eitelkeitstriumphen, welche leider jetzt so oft vorkommt. Louisens ganzer Charakter ist in großen, noblen, einfachen Zügen gezeichnet, sie ist mehr Statue als Oelbild, mehr classisch als romantisch. In der Familie bin ich sehr freundlich aufgenommen; ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon schrieb, daß Louisens Vater großherzoglich hessischer General war, daß er todt ist, ebenso wie ihre Mutter, und daß sie bei einem Onkel, dem Landjägermeister von Gall, wohnt. Ich bin nun zwar in der Familie erklärter Bräutigam, der alte Onkel hat uns höchst rührend seinen Segen gegeben und sich naiverweise dahin geäußert, daß er unter einem Schriftsteller sich einen weit weniger soliden und manierlichen Patron gedacht hätte, – aber eigentlich bekannt gemacht wurde die Verlobung nicht, nur dem preußischen Gesandten bin ich officiell als Bräutigam vorgestellt. Ich verkehre hier mit lauter intelligenten Leuten, mit Felsing, Buchners, Jaups, mit Frau von Plönnies u. A. Auch Freiligrath ist mit seiner Frau hier zum Besuche. . . . Nun leb wohl, mein liebes Mütterchen, wenn die Leute nach mir fragen, erzähle ihnen, daß ich verlobt sei, aber sage nicht mit einer Schriftstellerin, das würde eine verkehrte Idee von meiner Louise geben. Ach, hätte ich doch meiner theuren verstorbenen Mutter meine Braut und meinen ersten Roman zeigen können! Nicht wahr, Du weißt, wie viel Freude ihr das gemacht haben würde! Ihr treuergebener Levin. Abbenburg den 24sten Juni 1843. Ihren Brief, liebster Levin, habe ich grade bei meiner Abreise empfangen, oder vielmehr auf der ersten Station, in Münster, habe ihn gleich Elisen ganz und Schlüters größtenteils mitgetheilt und Letztere in der Confusion teilnehmender Verwunderung stehn lassen, um mich durch zwei regnichte Reisetage und nachher ein solches Volumen von Besuchen, Erzählen, sogar sehr ernsten Geschäften zu arbeiten, daß eben heute der erste freie Augenblick, und auch nur zufällig, eintritt, wo ich wenigstens den Anfang zu einer Antwort machen kann. Sie sind also Bräutigam, und zwar einer höchst wahrscheinlich sehr guten und ganz gewiß höchst liebenswürdigen Braut, die nach Ihrer Beschreibung wirklich grade das zu besitzen scheint, was zu Ihrem innern Glück und äußeren Wohle Noth thut, und wonach mein Auge lange ängstlich für Sie umher gesucht hat. Nun, Gott segne Sie und gebe Ihnen alles Glück, was Ihr Herz so reichlich verdient; wenn meine Wünsche für Sie nur erfüllt werden, dann will ich auch nicht zanken, daß Sie meinen warmen, angstvollen Rath, wie gewöhnlich, mit aller Hochachtung bei Seite geschoben und dem Schicksal den Handschuh gradezu ins Gesicht geworfen haben. Jetzt bittet Dein Mütterchen Dich aber noch einmal, und es ist die letzte Bitte, von deren Erfüllung noch Vieles abhängen kann; nachher ist Alles abgeschlossen, und was Dich Schweres treffen mag, muß hoffnungslos getragen werden: heurathe nicht so leichtsinnig, wie Du Dich verlobt hast. Hat der Himmel es gnädig mit Dir gemacht, statt Deiner geprüft und gewählt und Dir in Louisen ein Kleinod gegeben, was Du wohl ahnden, aber durchaus noch nicht als ächt erkennen konntest – bei Deiner Verlobung –, so fordre ihn nicht zum zweiten Male heraus, durch den Bau einer Häuslichkeit auf den armseligen lockern Triebsand bloß litterarischer Erfolge. Sieh Freiligrath an; Du sagst, er sei glücklich –, es mag sein; soviel weiß ich aber, daß er trotz seiner Pension, die Deiner Braut Vermögen ungefähr aufwiegt, und trotz seiner Kinderlosigkeit in sehr beengter Lage ist, und Alles, was Dich an ihm stört, seine veränderte Stimmung so wie die bittre seiner Frau, sind ohne Zweifel theilweise, wo nicht ganz Folgen derselben. Ach Levin, mir sinkt unter dem Schreiben aller Muth, wenn ich selbst fühle, wie schwach meine Stimme unter dem Jubel des Glücks und der Leidenschaft an Dein Herz rühren wird. Wär ich eine Millionairin, wie ich Deinetwegen, einzig Deinetwegen sehnlichst wünschte, so ließ ich Dich gewähren und wartete ruhig den Augenblick ab, wo der Sohn sich mit einem » mea culpa « in die immer offnen Arme seiner Mutter flüchtete; aber meine eigne Hülflosigkeit für den schlimmsten Fall macht mir das Herz centnerschwer. Ich bitte Dich mit gefalteten Händen: suche festen Grund, ehe Du Dein Haus baust; vergegenwärtige Dir nur einmal recht lebhaft Deine frühere Lage, und doch hattest Du da für keine Familie zu sorgen. Ich mag nicht mehr darüber sagen, mein letzter Brief enthält Alles, was sich darüber sagen läßt, und diesen hast Du wahrscheinlich schon verworfen oder mindestens gewiß vergessen, und so wird es diesem auch gehn, und ich finde mehr Trost in dem von Dir gerühmten praktischen Sinne Deiner lieben Braut, die von selbst meine Ansichten theilen muß, als daß ich hoffte, großen Eindruck auf Dich zu machen. Du wirst es natürlich finden, daß ich mich mit dem höchsten Interesse nach dem Gegenstande Deiner Wahl erkundigt habe, jedoch ohne Jemand treffen zu können, der mehr von ihr kannte als ihre Arbeiten im Morgenblatt; so bleiben außer Deinem Zeugniß, dem ich gern und freudig trauen will, ihre wenigen, aber Gottlob höchst herzlichen und einfachen Zeilen an mich das Einzige, was meiner Phantasie und den Hoffnungen für Deine Zukunft die Richtung giebt. Sag Louisen, daß ich ihr danke, daß ich sie schon jetzt herzlich liebe und das feste Vertrauen habe, sie immer mehr zu lieben, weil sie Dich immer glücklicher machen wird. Wann und wie uns das Schicksal zusammen führen wird, weiß Gott allein; aber der hoffentlich gegenseitige lebhafte Wunsch wird die Gelegenheit schon herbei zu führen wissen. Sag ihr, daß ich sehr viel an sie denke und ihr Bild mir so vertraut und lieb vor Augen steht, wie die vereinte Liebe eines Bräutigams und einer Mutter es nur malen können, und daß ich sie bitte, mir für das persönliche Zusammenfinden einen offnen Platz in ihrem Herzen zu bewahren, wie ich ihr mit aller Treue einen in dem meinigen bewahren werde. Du, Levin, mußt ihr bezeugen, daß dies keine leeren Worte sind, und wie wenig ich mich überall mit leeren Worten befasse. Und somit Gottes Segen über Euch Beide! Von Münster kann ich Ihnen wenig sagen. Schlüters sind gesund und, seit die Geldsorgen von ihnen gewichen sind, sehr heiter; sie thun sich etwas zu Gute, machen kleine Reisen, sogar – mirabile dictu  –! bis Aachen, kaufen Spielkästchen, Kupferstiche, Bücher und freuen sich kindlich an einer gräßlichen Daguerrotypplatte, von der Einen die ganze Familie wie ein Nest voll gemarterter Katzen anschaut; Gott weiß, die Leute haben keinen Funken von Eitelkeit, und ihr unendlich liebenswürdiges Ergötzen an all den kleinen bescheidenen Befriedigungen, die sie sich bisher haben versagen müssen, thut Einem in der Seele wohl. Junkmann dagegen hat wieder einen argen Spleen-Anfall; die Gehaltserhöhung bekömmt er, obwohl er noch nicht in den Genuß getreten ist, aber die Hoffnung auf eine höhere Stelle ist ihm fehl geschlagen und diese einem seiner Collegen, entfernten Verwandten des Directors Sökeland – somit auch Lutterbecks, dessen Schwester Sökelands Frau ist –, zugetheilt worden. Schlüter findet die Sache höchst natürlich und billig, da Jener, ein überaus verdienter Mann, bereits sechs Jahre länger als Junkmann auf Beförderung wartet; Junkmann hingegen träumt von nichts wie Kabalen, begreift nicht, wie Lutterbeck und Sökeland so schwarz an ihm handeln können, verzeiht ihnen jedoch aus christlicher Liebe, ist aber, vor Kummer, in den Pfingstferien nur auf einen Tag nach Münster gekommen und hat Schlüters nicht besucht. Bei der Rüdiger war er und läßt Sie bitten, ihm doch einmal zu schreiben, da er sehr verstimmt sei, und ein Wort der Liebe sowie der Anblick fremden Glücks ihm Noth thue; von dem Grunde seines Kummers sollten Sie nichts wissen, da er Lutterbeck schonen will. Wie seltsam vereinen sich in diesem problematischen Gemüthe die edelste Offenheit mit dem thörichtesten Mißtrauen, die höchste weichste Milde im Vergeben mit dem ungerechtesten Erdichten der Anlässe zum Vergeben! Es ist ebenso schwer, mit ihm auszukommen, wie natürlich, ihn zu lieben und zu bewundern. Die Bornstedt hat sich jetzt mehr als halb entschlossen, ihre Zuflucht zur Tante Bismarck zu nehmen – Gottlob! Übrigens sollen Sie sehn, wir erleben noch, daß irgend ein hübscher Prediger, dessen Herz sie, irriger Weise, gerührt zu haben glaubt, sie wieder protestantisch macht und in demselben Buchladen von derselben Hand Katharine und Ludgerus und eine wüthende reuige Controversschrift sich grimmig anblicken. Meinetwegen! An ihr ist nichts weder zu gewinnen noch zu verlieren, und wo sie immer sein mag, die Rolle des räudigen Schafes wird nicht von ihr weichen. Schlüter hat jetzt einen sehr netten schöngeistigen Vorleser, der ein faux air von Ihnen hat, wie Sie so vor fünf Jahren zuerst auftraten. Er soll bedeutende Kenntnisse besitzen, ist ein Hannoveraner, dem Verstand und ein brennender Ehrgeiz aus den Augen leuchten, und der sich gewiß noch mal in der Litteratur versuchen wird. Es thut mir leid, daß ich seinen Namen vergessen habe; sonst könnten Sie sich meine Prophezeiung notiren, und es würde uns Beiden Spaß machen, nach Jahren mal wieder darauf zurück zu kommen. Den 26sten. Guten Morgen, Levin; es regnet – regnet – regnet – den Blumen (Pensées) vor meinem Fenster sind ihre Sammtkleider so platt und fleckicht geregnet, als hätten sie drei Generationen mitgemacht, und die Vögel flattern so windschief und mühselig wie verunglückte Luftballons; pfui! ich habe mich schwer entschlossen, aufzustehn. Soeben wird mir ein Brief mit dem Postzeichen »Dresden« gebracht, von dem neuen Redacteur der Abendzeitung, – Steigmieder – wenn ich die Hahnenfüße recht lese. Er bittet um Beiträge, und es ist komisch zu sehn, wie darin financielle Vorsicht mit der Furcht, durch ein schlechtes Gebot zu entfremden, kämpfen. Schönes Papier hat er genommen, mit Goldschnitt und Vignette: dafür muß ich wenigstens einen Thaler per Bogen nachlassen; demüthig ist er wie eine Schuhbürste und weiß das »Unterthänigst« und »Gehorsamst« nicht genug anzubringen: dafür mindestens zwei Thaler Rabatt. Aber nun kömmt es zum Klappen: »Indem wir Hochdenenselben zwar die Stellung der Bedingungen, behufs definitiver Einigung, lediglich überlassen, offeriren wir Ihnen doch im Allgemeinen vorläufig ein Honorar von mindestens fünfzehn Thaler à einen Bogen, in der Voraussetzung, daß das der Redaction überlassene Manuscript vor Ablauf eines Jahres, von der Zeit des Abdrucks in der Abendzeitung an gerechnet, nicht anderweitig abgedruckt wird \&c.« Finden Sie das unterstrichene »mindestens« nicht komisch? Mir kömmt es vor wie der Aussatzpreis bei Auctionen, worauf nun gesteigert wird. Ich habe aber keine Lust zu dem Handel. Fürerst wüßte ich nicht zu mäkeln, dann auch nicht, was ich geben könnte; meine Gedichte müssen zusammen bleiben, und aus meinem »Bei uns zu Lande« habe ich schon die Judenbuche fortgegeben und darf es nicht ferner zersplittern, wenn das Ganze noch Werth behalten soll. Dann habe ich auch etwaige spätere Nachzügler an Gedichten schon halbwege dem Cölner Feuilleton zugesagt, obwohl ich gar nicht weiß, was dieses giebt; aber Elise wünschte es, weil die Redaction sie um ihre Vermittlung gebeten hatte. Noch Eins, der gute Herr Steigmieder schreibt schließlich: »Indem wir uns der schmeichelhaften Hoffnung hinzugeben wagen, daß Hochdies. unsre Bitte erfüllen und uns bald geneigte beifällige Erklärung werden zukommen lassen, erlauben wir uns schon jetzt, und bis zu einer gegentheiligen Benachrichtigung, Hochd. den Mitarbeitern der Abendzeitung zuzuzählen«; id est : ich werde auf dem neuen Schema stehen, wenn ich auch keine Zeile liefre. Qu'en dites vous? – Nun aber zu andern Dingen. Doch noch Eins: die Abschrift meiner Gedichte ist fast fertig, Alles mit meiner eignen Pfote. Die Interpunctionen? Kyrie eleison! Da muß der Corrector nachhelfen. Aber mit den Abschreibern das war nichts; der Eine ließ mir z. B. die Thränen in »den Winter« steigen und »die Räder« bellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nun noch zur Beantwortung einiger Stellen des Briefes. Sie schreiben mir, Hauff habe behauptet, die Judenbuche sei von Ihnen; folglich ist die Rede von mir und ohne Zweifel auch von meinen Gedichten und meiner Absicht, sie Cotta anzubieten, gewesen. Warum schreiben Sie mir nichts Näheres darüber? Ich begreife dieses nicht; günstige Äußerungen würden Sie sich gewiß eine Freude gemacht haben mir mitzutheilen, und ungünstige mir eben so wenig vorenthalten haben, da Sie mich doch gewiß nicht der Demütigung einer abschlägigen Antwort oder eben so demüthigender schlechter Bedingungen aussetzen wollen, während mir doch jetzt, Gottlob, hoffentlich viele Buchhandlungen Deutschlands offen stehn. Hüffer und Velhagen sind mir gewiß, und ich glaube auch auf die Verleger der Cölner Zeitung und des Abendblatts rechnen zu können; wer sich so eifrig um einzelne Brocken bewirbt, wird das Ganze nicht von der Hand weisen. Vergessen Sie doch nicht, mir hierauf zu antworten. Auch haben Sie mir nichts Näheres von den Verhältnissen eines Mit-Redacteurs der Augsburger Allgemeinen gesagt: was die Stelle einbringt, ob sie vom Staate garantirt oder wenigstens direct vom Verleger ausgehend ist oder nur vom Haupt-Redacteur als Privathülfe zu seiner Bequemlichkeit, und der Wechsel lediglich von seiner Laune abhängend. Ich bin weit entfernt, sie Ihnen in diesem Falle abzurathen, da sie immer ein guter Leuchter ist, um sein Licht darauf zu stecken, auch vielleicht ein gutes Brod; aber ich möchte doch gern wissen, in wie fern Sie sich ihrer als einer reellen Versorgung freuen könnten. – Adieu, lieb Kind, grüß Deine Louise tausend und wieder tausend Mal von mir; ich habe jetzt Eine mehr, für die meine Gebete täglich aufsteigen; sag ihr dies aber nicht, sie möchte es sentimental finden. Du weißt aber wohl, wie es gemeint ist, nicht wahr, mein guter kleiner Junge – Adieu, Adieu. Wir haben heute schon den 30sten, so abgebrochen habe ich schreiben müssen; Sie glauben nicht, wie ich hin und her gezogen werde, beinahe wie Sie in Darmstadt. – Im Merkur steht ein Artikel, wo Sie lang und breit als Verlobter einer Schriftstellerin ausposaunt werden; denken Sie also nicht, daß ich Sie so aufgeführt habe, wenn etwa Ihre Freunde Sie in dieser Art beglückwünschen. Augsburg den 2ten November 1843. Ich habe bis jetzt aufgeschoben, Ihnen zu schreiben, liebes Mütterchen, aus allerlei Gründen, die ich hier unangedeutet lasse. Nun aber – nachdem ich so lange nichts von Ihnen gehört, drängt mich's, Sie recht von Herzen um einige Zeilen zu bitten, wie es Ihnen geht? Was mich betrifft, mir geht's gut, wie es nicht anders kann! Ich bin ganz glücklich und so gesund und wohl wie seit Jahren nicht mehr; wenn mich etwas drückt, so ist's nichts anders, als nicht zu wissen, was Sie machen, und ob Sie noch mein gut Mütterchen sind? Gelt, ja? Sie verlassen Ihren Jungen nicht, der Sie so lieb hat! Wie oft sprach ich nicht von Ihnen, es vergeht kein Tag – und wenn ich's nicht noch mehr thue, so ist es nur die Furcht, daß man mir doch nicht glaubt, wenn ich so voll von Ihnen bin, bis Sie mal siegreich Ihre Gedichte losgelassen haben. Seit ich Ihnen zuletzt schrieb, hab' ich folgendes gethan und erlebt: Zuerst eine Tour nach Frankfurt mit meiner Braut und ihrer Cousine. Den wunderbar schönen »Huß in Constanz« von Lessing gesehen. Gutzkow bat ich zu uns zu Tisch . . . . . . . . . . . . . . Mit dem Warten auf eine Resolution von Cassel wards mir endlich zu lange. Von Augsburg wurde ich gedrängt, und so entschlossen wir uns, diesem provisorischen Verweilen in Darmstadt, wo ich zu nichts kam, ein Ende zu machen, zu heirathen und abzureisen. Meine nöthigen Papiere dazu kamen an, und so ließen wir uns denn am 7ten Oktober Mittags um ein Uhr trauen, in der katholischen Kirche durch den Oberschulrath Lüft, der eine treffliche Rede dabei hielt. Meine Zeugen waren zwei Vettern Louisens, ein Kammerherr v. Gall und ein Hofgerichtsanwalt Sues; eine Menge Leute waren in der Kirche, der preußische Gesandte und seine Frau »und andre Excellenzen«, von der Litteratur Duller und Frau, Justizrath Buchner und Professor Felsing. Vor Allem war Buchner über die Maßen gerührt. Meine Braut sah, kann man sagen, ideal schön aus, in einfachem Kleide von ostindischem Musselin und weißem Atlas darunter, den reichen Myrthenkranz à la Ceres . Nach der Trauung – das Ganze erfüllte mich mit einer douce émotion , einer sehr angenehmen Aufgeregtheit, und ich sage seitdem, es thut mir leid, daß ich mich nicht noch mal trauen lassen kann – gab uns der Oberstjägermeister, der Guteste, bei dem ich auch die Zeit in Darmstadt zwar nicht logirte, aber doch den ganzen Tag zubrachte, ein kleines Diner, und danach reisten wir fort. Die drei nächsten Tage brachten wir bei Justinus Kerner zu, wo auch Geibel war. Dieser Brief ist angefangen am Todestage meiner Mutter, wo ich zuerst wieder mit meinem Mütterchen sprechen wollte; ich wußte, an dem Tage wär's ihr am liebsten, daß ich ihr nach langer Pause wieder schrieb – an mein Mütterchen, das mir selber so lieb und heilig ist wie das Andenken an meine Mutter! Seitdem bin ich abgehalten weiter zu schreiben; hier herrscht ein Typhus, an dem zwei Redacteure erkrankt sind, und da habe ich nun eintreten müssen, gehe Morgens bei Zeiten fort und komme oft erst gegen drei Uhr wieder. Abends giebts Schreibereien zu Haus, oder Kolb ist zum Thee bei uns. Ich habe Großbrittanien und fange allmorgendlich mit den Riesenspalten der Times an. Um diesen Brief zu Ende zu bringen, erzähle ich kurz weiter. Von Weinsberg über Ellwangen und Nördlingen hierher. Äußerst freundlich aufgenommen. Kolb, der Redacteur en chef , der eine Art litterarischer König hier ist, ist fast täglich bei uns. Ebenso Binzers. Sie, die Binzer, ist eine Art Bornstedt, gemildert, liebenswürdiger, weil ruhiger. Ein sehr interessanter Hausfreund ist der Oberstleutnant v. Hailbronner, Verfasser von Morgen- und Abendland; er lügt zwar viel, ist aber im höchsten Grade unterhaltend. Dieser Tage habe ich endlich die Dombausteine mit meinem Roman: Das Stiftsfräulein erhalten. Leider hat Lewald die davor stehende Dedication an Ihre gute, verehrte Schwester fortgelassen. Das muß mich gegen diese in ein falsches Licht setzen; bitte, sagen Sie es ihr; als ich sie darum fragte, wollte ich das Buch noch für sich allein drucken lassen. Die Geschichte macht sich gut. Was machen aber Ihre Gedichte? Zaudern Sie doch nicht länger, liebes Mütterchen!!! – Junkmann hat ja auch seine zweite Auflage gegeben. Wenn er sie mir doch schickte! Ich habe neulich von Herrn v. Laßberg einen Brief bekommen, der mich außerordentlich gefreut hat; danken Sie ihm doch auf's Herzlichste dafür – vergeßt mich auf der Meersburg nicht! Ich denke so viel an den Kreis dort! Meine Chiffre in der Allgemeinen Zeitung ist S. vor dem ersten Wort jedes Aufsatzes. Dieser Tage – übermorgen – erscheint einer über einen Aufsatz der Revue des deux mondes , den Sie lesen müssen. Ich war sehr geneigt, den französischen Kritiker glimpflich zu behandeln, weil er mich mit Simrock zu den hoffnungsvollen Poeten Deutschlands rechnet. Will mein Mütterchen die Dombausteine lesen, so schicke ich sie ihr. Ich habe sie nicht beigelegt, weil Manches darin, was sie unangenehm berühren könnte. Tausend Grüße von Ihrem treuen Jungen. Mit Cotta hab' ich noch keinen Contract abgeschlossen; er kommt dazu nächstens hierher. – Das Morgenblatt bringt dieser Tage ein Gedicht von mir: Ludwig vor Augsburg. Meersburg den 14ten December 1843. Lachen Sie nicht über die wahrscheinlich ungehörige Aufschrift dieses Briefes, mein guter Levin; Sie haben vergessen, mir Ihre Augsburger Adresse zu geben, und da ich nicht denken kann, daß nach so kurzem Aufenthalte der »Levin Schücking« allein ausreichen sollte, muß ich versuchen, ob der »Redacteur« mir durchhilft. Warum ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Liebes Kind, zwischen Ihren zwei ersten und dem letzten Briefe liegen zwei Reisen, zwei Krankheiten und Geschäfte so ernster und anhaltender Art, wie ich nie daran gewöhnt und deshalb doppelt ungeschickt und von ihnen beschwert war. Nehmen Sie dazu, daß ich schweren Herzens Sie an der Katastrophe Ihres Schicksals sah, mit dem Gefühl, bei meiner durchaus oberflächlichen Kenntniß aller äußern und innern Verhältnisse, kein Wort – weder pro noch contra – sagen zu können, was mich nicht vielleicht nachher bitter gereut hätte, d. h. falls es berücksichtigt worden wäre, was freilich unter diesen Umständen kaum zu erwarten war. So schwieg ich lieber und überließ Alles der Fügung des Himmels und dem Urtheile derer, die die Sache in der Nähe sahen – Ihnen, Ihrer lieben Braut und den vielen Freunden und Verwandten, deren Rath Ihnen so nahe zur Hand wie ihre Theilnahme unbezweifelt war. . . . . . . . Ich habe mich durch die Billigkeit des Preises verleiten lassen, das am Wege »zum Frieden« liegende Fürstenhäuschen mit allen dazu gehörigen Reben zu kaufen, – allerdings wohlfeil, aber doch um weit mehr als einen jährlichen Betrag meiner Leibrente, weshalb ich eine Anleihe bei meinem Bruder machen mußte. Dafür habe ich nun freilich bei allen denkbaren Wechselfällen ein niedliches Asyl von fünf Zimmern, einer Küche, Keller, Bodenraum, und zwar in der Luft, die mir allein zusagt und endlich wohl meine heimische werden muß, – dabei in guten Jahren einen Weinertrag von etwa vierzig Ohm. Die Vortheile des Kaufs kommen erst später, die Reben sind schlecht gehalten – zuerst alles gute Sorten gewesen, aber die ausgegangenen durch ganz gemeine ersetzt, so muß ich sowohl an Verbesserung des Bodens als junge edlere Stöcke noch Vieles verwenden, auch im Hause Einiges repariren lassen, und darf mich freuen, wenn in den ersten Jahren der Ertrag die Ausgaben deckt und ich nicht zuschießen muß. Am härtesten ist es mir, so viele reichlich tragende Stöcke ausroden und durch solche ersetzen zu lassen, die mir noch Jahre lang nichts einbringen, aber es muß sein! Die schlechten Trauben zwischen den guten verderben den ganzen Wein, der sonst der Lage nach zu den besten hiesigen gehören könnte. Das sind Schattenseiten! – Dennoch bin ich über glücklich, und die Aussicht auf mein künftiges kleines Tusculum macht mir alles leicht! Was soll ich Ihnen sonst von hier und Münster schreiben? Dort ist Alles beim Alten, nur Louise Delius sehr betrübt über den plötzlichen Tod ihres Onkels, der eine zahlreiche unversorgte Familie hinterläßt; sie ist den ganzen Tag im Trauerhause, ihre Freunde bekommen sie fast nicht zu sehn. Junkmann hat aus, wie ich glaube, übertriebener Empfindlichkeit, wegen vermeinter Zurücksetzung, seine Stelle in Coesfeld aufgegeben, obendrein einen derben Brief an die Regierung geschrieben und sitzt nun mit sehr knappen Aussichten wieder bei seinen Eltern. Die Lombard verbreitet geflissentlich, Thereschen Schlüter mache sich nichts aus ihm, und an eine Heurath sei nun und nimmermehr zu denken. Ersteres ist freilich nicht wahr, Letzteres aber, fürchte ich, ominös, da die Lombard muthmaßlich im Einverständnisse mit Schlüters handelt. Junkmann thut mir herzlich leid, obwohl ich selbst immer mehr des Glaubens werde, daß er nie festen Grund unter den Füßen bekommen wird. Ich las kürzlich eine Biographie Heinrichs von Kleist, wo fast jede Zeile mich an ihn erinnerte: überwallend von Liebe, und doch mit Jedermann in Zank und Mißverständniß, bis zur Peinlichkeit solide und um die Zukunft sorgend, und doch aus kränklichem Mißmuth jedes kümmerlich Erworbene wieder von sich stoßend. Auch seine Liebe zu Thereschen würde mir wenigstens eine Geißel sein; sie ist die überschwenglichste Geduld und Milde gegen ihn, und doch weiß er aus jedem ihrer Worte Gift zu saugen und geht nie anders als grimmig von ihr. Dergleichen Menschen können sehr liebenswürdig sein und sind gewöhnlich edler und wärmer als Andre; aber Gott gnade dem, der sein Leben mit ihnen hinbringen muß. Glück würde ihm schwerlich helfen, – dann giebts ja noch Fliegen an der Wand und Grübeleien über des Kaisers Bart – aber Gesundheit, und die kann ihm nur Gott geben, wozu ich leider noch keine Anstalten sehe. Von der Bornstedt weiß man nur, daß sie ohne Zweifel lebt, da sie Gedichte ins Abendblatt geben kann. Sonst sind die neuesten Nachrichten steinalt und des Inhalts, daß vor mehreren Monaten der Generalvikar von Luzern ihrem Freunde, Pastoren von Herbern, geschrieben hat, »er möge, wenn er einiges christliches Interesse für dieses Frauenzimmer fühle, sie bereden, Luzern zu verlassen, wo alle Umstände – ihre einsame aventurière -mäßige Stellung, der greuliche Ruf ihres ganz herabgekommenen Bräutigams und die Abneigung und das Gerede seiner Verwandten über sie – ihren Aufenthalt zu einem völligen Skandal machten«; worauf dieser ihr etwas derb zugeredet, respective geschrieben und, als letzten schlagenden Grund seiner Gewalt, eine gewisse Pension – von der sie, wie es scheint, in Münster zumeist gelebt – einzuziehen erwähnt, was sie dann auch richtig nach Magdeburg zur Tante Bismarck getrieben hat, doch nicht ohne zuvor ihr Herz in einem langen Briefe an Madame Glaß zu entladen, der von nichts als »Neid und dem schwarzen Complott gegen zwei Beneidete, dem sich sogar hohe Geistliche angeschlossen«, spricht. Hoffentlich erwähne ich hiermit ihrer zum letzten Male, sie möchte sich denn noch durch einige Erfolge in der Litteratur uns bemerklich machen, was ich dem armen Dinge doch von Herzen gönnen möchte, da die Feder am Ende ihr einziger Wagen und Pflug bleibt, und bisher ihre kurzen Triumphe immer von so langen und reellen Leidensperioden gefolgt wurden, daß das Schicksal ihr wirklich einige nachhaltige Freude schuldig ist. Lieber Levin, ich weiß, Sie werden nie von selbst darauf kommen, etwas von ihr zu recensiren, weder gut noch schlimm, aber sie könnte Ihnen als Theil eines Ganzen, in Taschenbüchern \&c., unter die Feder gerathen; dann bitte, seien Sie nachsichtig, bedenken Sie, daß Sie ihr mit ein paar Worten das Brod aus dem Munde nehmen können. Schämt sich Wolfgang Menzel nicht, L. Wieses greulichen Märchenwald und Beda Weber uns als Muster vorzustellen, werden sogar Laurian Moreis und Fraling (!!!) hier und dort als Autoritäten angeführt, so darf man doch auch der Bornstedt zuerkennen, was ihr wirklich gehört: immer viel Phantasie, zuweilen Lebendigkeit, und mitunter sogar einige Feinheit in Salon-Charakteren. Ich sehe hier Ihr Gesicht, Levin, – etwas spöttisch, etwas verdrießlich. Sie haben das Alles auch mal gefunden und schämen sich dessen beinahe. Lieb Kind, die ausgezeichnete Schreibart Ihrer Frau hat Sie verwöhnt; es geht Ihnen wie einem table d'hôte -Gaste, der wieder Hausmannskost versuchen soll und nun nicht begreift, wie er dergleichen jemals hat herunter bringen können; aber hinter vortrefflich folgt noch gut und dann noch löblich in Einzelheiten. Von Ihrer lieben Frau habe ich die Reisebilder, die Maske und die Primadonna gelesen und mich an Allen sehr gefreut. Ich sollte es vielleicht nicht sagen, daß ich der Maske den Vorzug gebe, da die letzte Arbeit, als noch im Gemüthe nachklingend, uns vorläufig die liebste zu sein pflegt; aber die Fabel dieser Geschichte ist einfacher, anspruchloser als die der andern, so auch der ganze Gang, deshalb spricht sie mich vorzugsweise an. Sie sehn, mein Privatgeschmack macht sich wieder laut, man kann nicht aus seiner Haut hinaus; doch habe ich mich durch diese dreifache Lectüre überzeugt, daß aus der Feder Ihrer Frau nur Ausgezeichnetes kommen kann. Gott erhalte Sie so glücklich, wie Sie es jetzt sind, und ich habe Gottlob allen Grund, dies zu hoffen. Sie können vermuthen, daß ich mir alle Mühe gegeben, über Ihre Lage klar zu werden, und der Erfolg hat meinen wärmsten Wünschen entsprochen; ich bin über Louisens Fähigkeiten, mein liebstes Kind glücklich zu machen, durch unparteiische Zeugnisse völlig beruhigt, und dazu gehört nicht wenig für das Herz einer Mutter. Sagen Sie der lieben Frau, daß ich ihr für jede frohe Stunde, die sie Ihnen macht, tief dankbar bin und unsrer persönlichen Bekanntschaft mit freudiger Spannung entgegensehe. Sie können mir nichts Lieberes erzählen als von ihr und überhaupt Ihrem häuslichen Leben, was, wie Sie wissen, mir unendlich höher steht als alle äußern Verhältnisse, so ruhmvoll und glänzend sie sich je gestalten möchten. Für Ehleute giebts nur einen Himmel und eine Hölle im eignen Hause, alles Andre ist fortan nur Zugabe – selbst die bestgemeinte Liebe Anderer –; das ist die Ehe in ihrer vollen Heiligkeit, und wer nur um ein Haar davon ändern möchte, kennt sie nicht oder hat nicht nachgedacht. Ihr »Schloß am Meere« habe ich gelesen und recht schön gefunden; es ist ein höchst brillanter Roman, voll Geist und Leben, der, wie ich höre, auch schon überall gelesen wird. Nur von Einem, was Ihren Schriften allzuleicht anhängt, ist auch diese nicht ganz frei: Sie halten sich nicht immer in gleicher Höhe; große Wahrheit wird mitunter durch Affectirtes – oft nur einzelne Ausdrücke – gestört; Scenen voll der tiefsten Feinheit durch solche, nach denen man wenig Menschenkenntniß voraussetzen sollte. Zu den letzten gehört die Unvorsichtigkeit der Gräfin, ihr schweres politisches Geheimniß schiffbrüchig, auf feindlichem Boden, und nachdem sie noch eben von der Gefahr der Entdeckung gesprochen, dem ersten Besten preis zu geben, und zwar einem Manne, der ihr fatal und unheimlich erscheint, und ganz ohne Noth, da er ihr auch als einer Fremden die Aufnahme nicht verweigert und sie sonst nichts von ihm will. Ich denke mir, Levin, Sie haben diese Scene und die damit verbundene, von der etwas weniger aber doch hinlänglich unstatthaften Offenherzigkeit Louisens, in einer verdrießlichen Stunde geschrieben, wo Ihnen die Arbeit zum Halse heraus hing und Sie nur eilig etwas von der Hand schlagen wollten. Ich kenne meine Pappenheimer! Sie greifen dann gleichsam mit der vollen Hand in die Dinte und setzen dem reizendsten Gesichte einen Flecken auf, der schwerlich für ein Schönpflästerchen durchgeht. Danken Sie Gott, daß so viel Vortreffliches diesem entgegenwirkt; aber warum soll ich nicht mal etwas ganz Vollkommenes von Ihnen sehn? Warum spielen Sie sich selbst solche Streiche? »Nur keine Liebe« in der Urania ist höchst anmuthig und, wie mich dünkt, fehlerlos; dennoch rechne ich es unter Ihre leichteren Producte. Das »Frauenherz« hat mehr Tiefe, größere Schönheiten; aber das Ende, der Heilungsplan der Heldin, ist allzu excentrisch, kopfloser unternommen, als man es der glühendsten Phantasie einer sonst so gescheuten Person zumuthen darf; doch hat grade diese Scene wieder ihre große Schönheit in dem Unterscheiden von Wahn und Wirklichkeit. Jetzt eben lese ich in den neu angekommenen Dombausteinen Ihr »Stiftsfräulein«. Sie haben Recht, es macht sich gedruckt sehr gut und bezeichnet, neben das Spätere gehalten, genau Ihren Uebergang aus einer Schreibart in die andre, aus dem wilden westphälischen Wuchs in die anmuthige Form der heutigen Litteratur. Sie haben einerseits bedeutend gewonnen an Geist, Stil, klarer Form und Harmonie des Ganzen; das Stiftsfräulein hat noch viel Zerstückeltes, viel, wenn nicht den Schüler, doch den angehenden Doctor legens Verrathendes, aber auch große Originalität: es steht noch der Hauch der Haide mit ihren abgeschlossenen Charakteren, ihren bald barocken, bald träumerischen Wolkenbildern darüber; hüten Sie sich, ihn ganz zu verlieren – das Eine behalten, und das Andre nicht lassen! –, er ist Ihr eigenstes Eigenthum, mit dem ersten Hauche eingesogen, und kein Fremder machts Ihnen nach. Ich will damit nicht sagen, Ihre Gestalten sollten und müßten auf westphälischem Boden wandeln, sondern bringen Sie die westfälische Naturwüchsigkeit in die Fremde mit, sehn und hören Sie – d. h. lassen Sie Ihre Gestalten hören und sehn – mit der unblasirten Gemütlichkeit westphälischer Sinne, reden Sie mit den einfachen Lauten, handeln Sie in der einfachen Weise Ihres Vaterlands, und die Überzeugung wird sich immer mehr in Ihnen befestigen, daß nur das Einfache großartig, nur das ganz Ungesuchte wahrhaft rührend und eindringlich ist. – Ich habe mich ganz warm gesprochen, Levin, und eigentlich umsonst; Sie denken wahrscheinlich ganz wie ich und sind auch nur wenig von diesem Wege abgewichen; aber ein Wort zur rechten Zeit mag es doch sein, denn Sie werden fortan in Umgebungen leben, die Ihnen keins der alten Bilder zurückrufen, und es hält schwer, mitten durch einen reißenden Strom graden Strich zu halten. Wegen der weggeschnittenen Dedication machen Sie sich keine Sorge, selbst wenn Sie es gradezu vergessen hätten, würde Ihnen dies bei einer so gutartigen Person wie Jenny keinen Eintrag thun; sie sowohl wie Laßberg denken fortwährend mit dem herzlichsten Wohlwollen an Sie, haben mir tausend Grüße aufgetragen und freun sich mit mir auf Ihre Herüberkunft im Frühling. Ich bin recht gern hier, obwohl außer Laßberg und Jenny, der alten Burg und dem See eben Alles anders ist wie vor'm Jahre, als läge ein Decennium dazwischen: lauter neue Domestiken, außer Augusten und dem alten Fasser, der noch immer seinen Kopf aus dem Guckloche unter der blutigen Hand hervorstreckt; – die Kinder sehr langbeinig und verändert, Hildel auch moralisch sehr zu ihrem Vortheile, äußerlich Beide durch Zähne und eine hübsche Haartracht; – das Kesselsche Institut fort, nach Carlsruhe verlegt, am neuen Schlosse alle Läden zu, nichts als Gefangene und Ratten darin; – der unermüdliche maître de plaisir , Stiele, in Constanz verheurathet, nur einmal, mit dem Dampfboote, als sehr dicker, ernster Hausvater sichtbar geworden; – Doktor Luschka und der Physikus beide fort; – das Liebhabertheater aufgelöst; – Mama hier, und im untern Stock drei Zimmer für sie eingerichtet, die mir wie ein ganz neues Stück Welt vorkommen; – Figel fast bankrutt, will sein Häuschen verkaufen; Niemand besucht ihn mehr, wir sind nur einmal aus alten Erinnerungen hingegangen, fanden Niemand dort und konnten kaum etwas erhalten; sein Zöpfchen steht vor Melancholie ganz schief, während seine gezwungenen Späße in der traurigen Lage einen unheimlichen Eindruck machen und ich nicht wieder habe hingehn mögen; – meine alte Trödlerin Bankrutt gemacht; – ich in das neue Thurmzimmer logirt, das damals für Sie ausgebaut wurde, und das jetzt, möblirt, gar nicht mehr an die leeren Wände erinnert, die wir anguckten; – mein früheres Zimmer sowie das Ihrige jetzt als Fremdenzimmer immer verschlossen, also für mich so gut wie gar nicht mehr da; – ebenso die Gewölbe, in denen wir herumkletterten, und Ihr Thurmzimmer, in dem Sie den Lafleur und das Stiftsfräulein schrieben; in beide letztere habe ich bei einer allgemeinen Hausschau mal einen Blick gethan, und es war mir wie »eine Geschichte vergangener Zeiten.« Das sind doch viele Veränderungen für ein kurzes Jahr! denn grade ein Jahr nach meiner Abreise bin ich wieder hier eingezogen. Freilich ist auch Manches geblieben; vor Allem heimelte mich das Speisezimmer an, Alles als wärs gestern: das kleine Kanapee am Ofen, unter dem die Lachtauben gurren, – das Klavier, ganz mit denselben Notenblättern, die ein Jahr Rast gehalten, – Laßbergs Noli me tangere -Winkel, – die alte Uhr auf dem Schreibtische, die immer Zwölf schlägt. Dort ist die Zeit eben so unbegreiflich still gestanden, wie sie anderwärts unbegreiflich gerannt ist. Herr Hufschmid, um keinen Tag älter geworden, kömmt noch jeden Abend im selben braunen Rocke, spielt langen Puff und bittet uns, nicht zu früh aufzustehn. Und jeden Nachmittag geh ich meine alten Wege am Seeufer, zwar mutterseelenallein, aber doch vergnügt, weil mich nichts stört, nicht mal ein neuer Rebpfahl. Ungestörtheit habe ich überhaupt hier, so viel mein Herz verlangt; ich bin in meinem Thurm wie begraben und komme nur hervor, wenn ich nach dem Läuten des Dampfboots alte Freunde habe die Steig herauf traben gesehn, was aber selten vorkömmt. Herr v. Baumbach ist ganz fort, nach Carlsruhe gezogen; Gaugrebens waren einmal hier, Stanz ein paarmal und erkundigte sich sehr eifrig nach Ihnen – er hat Jenny'n eine sehr schöne Scheibe geschenkt, gothische Bogenhallen, darunter eine Frau mit zwei Kindern in blauen und rothen Kleidchen –; sonst waren Besuche genug hier, meistens fremde Gesichter und Namen und mir nur sichtbar, wenn sie über Tisch blieben. Was ich in meiner Einsamkeit treibe? Ich lese, beendige die Abschrift meiner Gedichte und sehe mir in der Dämmerung über den See das Abendroth an, was eigends mir zu Liebe in diesem Jahre unvergleichlich schön glüht; ich wollte, Sie könnten's mit ansehn; auch der See und die Alpen waren im September und October fast täglich mit Tinten überhaucht, von denen ich früher keine Vorstellung gehabt: alle Zacken der Alpenreihe roth wie glühendes Eisen und scheinbar durchsichtig, andre Male der See vollkommen smaragdgrün, auf jeder Welle einen goldnen Saum. Es ist mir unbegreiflich, daß ich habe ein rundes Jahr hier sein können, ohne daß nur ein solcher Moment eintrat, und jetzt war es mindestens ein um den andern Tag, und ich habe mir fast die Augen schwach daran gesehn. Ach, es ist doch eine schöne, schöne Gegend! Sie kennen sie nur noch gar nicht in ihrem beau jour . Sie sehn, die Natur thut Alles, mir an Poesie von Außen zu ersetzen, was mir in den Mauern fehlt; denn in dieser Beziehung stehe ich hier allein, wie Sie am Besten wissen. Zwar soll's hier jetzt ein Genie in der Stadt geben, Dichter, Musiker, der meine Bekanntschaft eifrig sucht und unter Herrn Jungs Auspicien schon zweimal an verschlossene Thüren – ich war spazieren – gepocht hat; aber ich habe kein Zutrauen zu dem Handel hier zu Lande, habe mich auch nach gar nichts erkundigt und das zufällig Gehörte vergessen, so daß ich ihn nicht weiter bezeichnen kann, weder nach Namen, Stand, Alter, noch ob er poetischer Dilettant oder bereits unter der Presse gelegen. Doch werde ich ihn wahrscheinlich im Laufe der Zeit sehn, da er Mitglied eines wöchentlichen – neuetablirten – Liebhaber-Concerts ist, zu dem ich höflichst eingeladen bin und doch wohl einigemal hin gehn werde; ich werde dann ja sehn, ob ich mir einige geistige Ressource von ihm versprechen kann; einen Junkmann darf ich hier nicht erwarten, höchstens einen Lutterbeck oder Schnittger, was aber in dieser Dürre schon Gold werth wäre. Nun noch ein Wort von meinen Gedichten. Die Abschrift ist fast fertig, aber Sie, mein armes gutes Kind, sollen sich damit nicht plagen; Sie haben jetzt eine immer wachsende Haushaltung in Aussicht, müssen zu diesem Zweck Ihre eignen und Ihrer lieben Frau Schriften zu poussiren suchen, ohne sich Ihrem Verleger durch Protection Fremder, deren Erfolg noch sehr zweifelhaft ist, unangenehm zu machen. Ich habe dies längst gedacht und muß mich schämen, daß Laßberg es mir zuerst hat deutlich aussprechen müssen, der sich dann auch erboten hat, sobald Alles fix und fertig, meinetwegen mit Cotta zu unterhandeln. So ists am Besten, und ich bitte Sie nur, mir zu sagen, was ich nach Hauffs Äußerungen etwa von Cotta zu erwarten hätte. Sie haben damals in Stuttgart mit ihm von mir geredet, wenigstens von meiner Judenbuche, und müssen so mindestens Ahndungen darüber geschöpft haben; einer abschlägigen Antwort mag ich mich nicht aussetzen, eben so wenig mein Buch umsonst geben; soll ich mich nicht einem der Andern zuwenden, die mir nachgehn, statt ich ihnen? Vergessen Sie die Antwort hierauf nicht und senden Sie Ihrem Mütterchen recht bald einen lieben, freundlichen Levinsbrief. Gott segne mein gutes Kind und die, welche ihm am Nächsten und Theuersten ist. Adieu. Ihr Gedicht im Morgenblatt habe ich noch nicht lesen können, so wenig wie Ihren Aufsatz in der Allgemeinen, will mich aber gleich morgen darum bemühn. – Sind Sie mit Cotta noch immer nicht im Reinen? Und wenn, so theilen Sie mir doch die Bedingungen Ihrer Stellung mit. Meersburg den 8ten Januar 1844. Dieser Brief, mein guter Levin, ist der Vorläufer eines größeren, den ich absenden werde, sobald ich auf diesen Antwort erhalten. Zuerst tausend, tausend Dank, mein gutes Kind, für die Liebe, mit der Sie Ihres Mütterchens gedacht und ihr eine Freude bereitet haben, eine recht große Freude, und das würde es immer bleiben, selbst wenn die Mineralien nicht so schön und die Autographen nicht so zahlreich und mir sonst so unmöglich zu erhalten gewesen wären. Vor Allen freut mich Zedlitz, auch Laube und Duller sehr, und für die Stolterfoth haben Sie längst ein persönliches Interesse in mir angeregt, was mir ihre Handschrift sehr werth macht. Und wo hat mein Junge den guten Steingeschmack hergenommen? Das hat ihm ein Anderer eingeblasen, er selbst ist viel zu dumm dazu. Die Verfeinerungen sind köstlich, und alle die Spathe ganz vollkommen in ihrer Art. Aber wie haben Sie sich von etwas trennen können, was so complet wie brauner Zucker aussieht? Es muß Ihnen zu Muthe gewesen sein, als sollten Sie das Portrait Ihrer Geliebten fortschenken. Unter uns: was war Ihre erste Bewegung, als Sie ihn, den Spath, in die Hand bekamen? So sollten Sie lithographirt und Ihren sämmtlichen Werken beigegeben werden, als schlagender Beweis der Kindlichkeit eines Poetenherzens. Während Ihr, liebes Volk, so freundlich an mich dachtet, habe ich indessen auch an Euch gedacht, d. h. für diesmal zumeist an Ihr Frauchen, der ich so gern ein Zeichen meiner herzlichen Zuneigung geben möchte. Wär ich nur in Rüschhaus, dann wär mir hunderterlei zur Hand, – Levins Mütterchen hat wohl schöne Sachen! – aber hier bin ich arm wie eine Kirchmaus. Da habe ich denn meine Feder der ersten besten Gans in den Flügel gesteckt, meine blauen Strümpfe ausgezogen und ganz ordinairweg ein Paar Pantoffeln gestickt, die auch fertig sind, und die ich schicken will – kleines Pferdchen, jetzt stell Deine langen Ohren auf! – die ich schicken will mit der gleichfalls fertigen Abschrift meiner sämmtlichen Gedichte, sobald ich sicher bin, daß selbiges Hotto weder ausschlägt noch durchgeht. Ausschlagen heißt hier greulich raisonniren, wogegen ich allerdings ziemlich verhärtet bin; aber Durchgehn ist schlimmer, dann wird in der Regel der Reuter abgeworfen, und grade die kleinen Pferdchen sind dann die schlimmsten mit Abgrasen, Vertrampeln \&c. Ernstlich, Levin, ich erkenne Ihre Güte herzlich an, und sie ist mir Gottlob nichts Neues, bin auch jetzt selbst der Ansicht, daß es für alle Parteien am Besten sein möchte, wenn meine Unterhandlungen mit Cotta durch Sie gehen. Laßberg ist hierin mit mir einverstanden; er hat sich anfangs sehr freudig angeboten, und nun kömmts ihm wie ein Riesenwerk vor, – Sie kennen seine Umständlichkeit, – er liest schon seit acht Tagen an dem Manuscripte, und mir kömmts vor, als blieb sein Zeichen, eine fladdrige Carlsruher Zeitung, die fast mit dem Hefte fortfliegt, immer auf derselben Stelle; und doch sagt er: »Ich beeile mich bestens, aber nachher wollen wir das Ganze etwas umständlicher durchgehn.« Sie sehn, es wird mir gehn wie den Heiligen, die erst nach dem Tode zu Ansehn kommen; zudem wird ihm der Gedanke, Cotta'n Geldforderungen zu machen, jede Stunde beklemmender, – kurz, er paßt miserabel zu seinem Amte und wirds so gern niederlegen wie Sancho Pansa seine Statthalterschaft. Daß mir dann auch besser geholfen ist, versteht sich von selbst, und Ihnen , mein guter Levin, wollen wir suchen, die Sache möglichst vortheilhaft zu stellen, und ich möchte um Ihretwillen herzlich wünschen, daß Cotta recht große Lust zu dem Handel hätte, d. h. nicht nur zu diesem, sondern auch zu den westphälischen Gemälden, woran ich nun gleich fortarbeiten werde, und was mir sonst noch prädestinirt ist. Sie könnten dann immer für denjenigen gelten, durch den ich allein mobil zu machen wäre, und ich würde jederzeit – und will auch jetzt – auf Bedingungen eingehn, wie ich sie mir von keinem Andern würde gefallen lassen; d. h. so lange Ihr Schicksal von Cotta abhängt, sonst, gestehe ich Ihnen, bin ich um einen Verleger gar nicht verlegen, und war mir unter gegenwärtigen tristen Umständen der Meistbietende der liebste. Machen Sie ihm, Cotta, also gemäßigte Forderungen, und geht er nicht darauf ein, so sagen Sie ihm, aber erst hintennach, daß ich nicht der Art wäre, dergleichen unvernünftiger Weise übel zu nehmen – einen plausiblen Vorwand wird er ja schon stellen – und deshalb seinem Morgenblatt nach wie vor Beiträge schicken würde; kurz, erhalten Sie ihn möglichst bei guter Laune und sich in dem Ansehn einer höchst einflußreichen Person. Laßberg will jetzt, daß ich seinen »Liedersaal« – heißts nicht so? – verhochdeutschen soll, und zwar unter seinen Augen, wo er dann für die Richtigkeit und ich für die Harmonie zu stehen hätte; dies könnte dann Cotta auch bekommen, d. h. wenn ihn darnach gelüstet, sonst nimmts ein Anderer, oder ich lasse die ganze Arbeit, die mir doch nicht sonderlich ansteht, auf der langen Bank liegen. Sie sehn, Levin, ich möchte gern Alles für Sie thun, was ich kann; nun geben Sie mir dagegen aber auch ein Versprechen, und zwar ein ernstes, unverbrüchliches, Ihr Ehrenwort, wie Sie es einem Manne geben und halten würden, daß Sie an meinen Gedichten auch nicht eine Silbe willkürlich ändern wollen. Ich bin in diesem Punkte unendlich empfindlicher, als Sie es noch wissen, und würde grade jetzt, nachdem ich Sie so dringend gewarnt, höchstens mich äußerlich zu fassen suchen, aber es Ihnen nie vergeben und einer innern Erkältung nicht vorbeugen können. Habe ich bei Ihrem romantischen und malerischen Westfalen über Manches weggesehn, so traten dort Umstände ein, die besondere Berücksichtigung verlangten: wir waren uns noch um Vieles fremder; Sie, ein angehender Schriftsteller in unbequemen Verhältnissen, der seine ganze Hoffnung auf diese Arbeit setzte, hatten mich um die Balladen gebeten – von den prosaischen Notizen spreche ich nicht, das waren eben nur Notizen, zu beliebigem Gebrauch – und waren nun, sobald sie Ihnen mißfielen, in der verzweifelten Lage, aus Höflichkeit mit blutendem Herzen Ihr eignes Werk, nach Ihrer Ansicht, verderben zu müssen. Fühlen Sie nicht, daß, sobald ich dies einsah, meine Lage noch viel epinöser war als die Ihrige und ich meinen Schultern um keinen Preis eine solche Verantwortung aufladen durfte? Sie können also keine Parallele von damals zu jetzt ziehn, und wenn Sie es dennoch thun, so täuschen Sie sich auf eine für unser so liebes und fruchtbringendes Verhältniß höchst traurige Art. Haben Sie mir aber Ihr Ehrenwort gegeben, so stelle ich Ihnen Alles mit dem vollsten Vertrauen zu und will Ihnen dann die Sache möglichst erleichtern. Sie mögen mir nämlich, da ich sämmtliche corrigirte Brouillons bewahrt habe, nur Gedicht, Strophe und Zeile bezeichnen, wo Sie Veränderungen durchaus nöthig finden, – eine Arbeit, die sich beim Durchlesen auf einem zur Seite liegenden Blatte schnell und leicht macht, – und ich schicke Ihnen dann mit der nächsten Post wo möglich mehrere Lesarten zur Auswahl. Diese Correcturen dürfen aber nicht von Ihrer Hand gemacht werden, d. h. im Manuscript, was Cotta geschickt wird, sondern eine fremde muß es thun. Den Grund begreifen Sie: hat Hauff seinen Glauben an meine Charlatanerie so weit getrieben, Ihnen meine Judenbuche zuzuschreiben, so würde er hiernach keinen Augenblick zweifeln, daß Sie meine Gedichte erst durcharbeiten, eh sie sich dürfen sehn lassen, und einen so kränkenden und, wie Sie am Besten wissen, so durchaus ungerechten Argwohn werden Sie doch nicht auf Ihr Mütterchen bringen wollen. Es mag mir mitunter schaden, daß ich so starr meinen Weg gehe und nicht die kleinste Pfauenfeder in meinem Krähenpelz leide; aber dennoch wünschte ich, dies würde anerkannt. Es wäre mir deshalb lieb, Sie könnten Kolb, der ja doch so oft zu Ihnen kömmt, auf eine ungezwungene Weise meine eingeschickten Varianten zeigen; sonst bleibt es doch immer verdächtig, daß eine fremde Hand drüber her gewesen ist. Nun sagen Sie mir noch, wie ich mich bei Cottas schönem Geschenke zu benehmen habe. Die Herrn Verleger sind zwar keine Freunde von überflüssigen Zuschriften, aber hierauf gehört doch wohl eine Antwort? Und schreibe ich in diesem Falle an den Herrn v. Cotta selbst oder an seine Buchhandlung? Wird der Brief den Gedichten fürs Morgenblatt – die ich Ihrer Auswahl überlasse – beigelegt oder, da die Redaction des Morgenblatts etwas Getrenntes ist, einzeln abgeschickt? Hierin, wie in Allem, was zum litterarischen Verkehr gehört, überlasse ich mich gänzlich Ihrer Leitung und mache durchaus keinen Anspruch auf Gedankenoriginalität. Und nun, mein liebstes Kind, Adieu; dieser Brief kömmt je eher je besser zur Post. Tausend Liebes an Ihre bessere Hälfte, der ich in der nächsten Woche, id est sobald ich Ihre Antwort habe, mit der ganzen Sendung so herzlich schreiben werde, wie es mir zu Muthe ist, und sie es durch ihre Freundlichkeit um mich tausendmal verdient hat. Adieu. Augsburg den 11(?)ten Januar 1844. Mein liebes und theures Mütterchen, soeben erhalte ich Ihren prächtigen Brief, und eile nun auf der Stelle zu antworten, obwohl mir von der Kälte die Hände klamm sind. Also das Manuscript ist fertig? Victoria und nochmals Victoria! Ich habe solche Freude drüber, daß ich's gar nicht sagen kann! Ich muß jetzt nur rasch Ihre Befürchtungen stillen, also: wenn Sie mir das Manuscript schicken, lese ich's durch und notire mir, was ich vielleicht fürzutragen hätte als unterthänigstes Bedenken. Dann geht auf der Stelle das Manuscript, wie es aus Ihren Händen kommt, nach einem Tage an Cotta ab; er läßt es drucken, vielleicht hier, jedenfalls besorge ich die Correctur, und wenn Sie dann unterdeß über Correcturen mit mir einverstanden geworden sind, so mache ich diese in die Correcturbögen. Da letztere nun in Niemands Hände, als meine kommen, so wird auch Niemand sagen, ich hätte irgend an Ihren Gedichten etwas gethan, überhaupt eine ganz kuriose Befürchtung bei Ihrer die meinige so anerkannt, zweifellos und entschieden überragenden poetischen Begabung. Ich werde auch Kolb Ihre Varianten zeigen. Nur die Kommas und Punkte \&c. müßte ich wohl auf eigne Gefahr in die Correcturbögen machen? Daß die Sache durch mich an Cotta geht, möchte wohl schon deshalb besser sein, weil er mein, als seines Kritikers an der Allgemeinen Zeitung Urtheil, dann als das Urtheil eines Dritten (nicht Verwandten) gewiß anzuerkennen und darauf zu bauen geneigt ist. Die Honorarforderung will ich höher stellen; jedenfalls so, daß Sie erfreut die Früchte Ihrer Mühen besser in Ähren stehen sehen, als Sie gedacht. Mich freut das Alles so, was ich hierin für Sie thun kann! Mit Schreibereien belästigen Sie sich nicht. Wollen Sie auf das Geschenk antworten – erwartet wird es nicht –, so schreiben Sie ein paar Zeilen an »Hrn. Baron Georg von Cotta zu Stuttgart« selbst, kurz und wie an den Mann von Stande, nicht wie an den Buchhändler, was Ihre Gedichtsammlung angeht, nur andeutend, daß ich ihm das dahin Gehörende vortragen würde. Sie müßten dann nur gleich direct schreiben, aber wie gesagt, erwartet wird es nicht! Was wollen Sie sich mithin plagen? Seine Briefe an mich über den Antrag Ihrer Gedichte will ich Ihnen später gleich zukommen lassen. Mit dem Namen »Freiin v. Droste« ist bei ihm schon von vornherein viel gewonnen. Was wollte ich Ihnen nun noch in der Eile sagen? Ja, Louise ist tief gerührt über die Pantoffeln, und außerordentlich froh über Ihre Güte; sie sagt, sie hätte sich grade danach gesehnt, da sie ein Paar in unsrer kurzen Ehe schon aufgebraucht! Sie sehen, wie's mir geht! – Auch von meinem Vater habe ich gute Nachrichten. Er ist litterarisch jetzt thätig; in der Allgemeinen Zeitung habe ich in Nr. 2 und 12 dieses Jahres und Monats »Briefe über amerikanische Poesie« von ihm abdrucken lassen, welche Kolb sehr gefallen haben. Nr. 13 enthält von mir ein Wort über G. Sand. Meine kurzen Aufsätze über die »Dorfgeschichten« – kennen Sie sie? – und die »Bernsteinhexe« haben Sie wohl nicht gelesen? Sie standen im December drin. Die beiden genannten Bücher will ich Ihnen schicken, wenn Sie sie nicht kennen, da Sie sie durchaus lesen müssen. Was die Mineralien angeht, so freut es mich, daß sie Ihnen Freude machen, mein liebes Mütterchen scheint sogar mehr darüber froh, als über die Prachtausgabe der Nibelungen, die doch viel werthvoller ist! Haben Sie auch bemerkt, daß in einem der Steine – einem mittelgroßen schwarzen – kleine Smaragde sitzen? Das ist aber »mein Best noch nicht«, wie die Penäle sagen, wenn man ihre Schönschriften bewundert: anbei erfolgt ein zweiter Kasten Mineralien, den ich aber freilich nicht selbst, sondern der Apotheker Hinterhuber in Mondsee gesammelt und für Sie gestiftet hat. (Die Sie schon haben, sind aus Berchtesgaden hergeholt.) Dann habe ich auch wieder Autographen für Sie, die mit den Steinen kommen, und zwar nicht schlechte: Varnhagen, Heine, Fürst Pückler, Fürst Felix Lichnowsky; Letzterer war lange in Spanien, General des Don Carlos und schrieb »Erinnerungen aus der pyrenäischen Halbinsel«, »Erinnerungen aus Portugal«. Nächstens schicke ich Ihnen auch Lenau und vielleicht Jean Paul, dann, da ich vorhabe, mit Geibel einen Musenalmanach für 1845 herauszugeben – welche von allen möglichen Poeten. Von Ihnen hätte ich gern durch Adele Schopenhauer gelegentlich und mit der Zeit mal Schiller, Herder, Wieland, wenn sich das möglich machen ließe? Wo ist Adele Schopenhauer jetzt? Und wie geht's ihr? Wie geht's Ihrer andern Freundin Male Hassenpflug? Hassenpflug, heißt's, würde wieder Minister des Innern in Cassel. Nun zum Schlusse also noch das geforderte Ehrenwort, daß ich nichts corrigire, ändere, flicke, und ich bin, wenn ich einmal mein Wort gegeben, so gewissenhaft, daß Sie mir dagegen versprechen müssen, sobald Ihnen doch im Abdruck Ihrer Gedichte etwas geändert vorkommt, mir es grade heraus gleich zu erklären, damit ich durch Ihr eigenes Manuscript, das ich dann einfordere, mich rechtfertigen kann. Es könnte das leicht geschehen. Ich habe Cotta bemerklich gemacht, daß ja Ihre »Corsenrache« noch nicht gedruckt sei im Morgenblatt. – Wenn ich für's Morgenblatt fünf bis sechs Gedichte noch wähle, wär's zuviel? Taufend herzliche Grüße von Louise! Empfehlen Sie mich herzlichst! Ich bin, was immer, das treueste Pferd, so je gewesen. Wir müssen eilen mit Ihren Gedichten, da Cotta daran gelegen sein wird, sie noch zur Ostermesse bringen zu können. – Den Liedersaal übersetzen? Das kann nicht Ihr Ernst sein! Ich bitte Sie!!! Meersburg den 17ten Januar 1844. (An Louise Schücking.) Zürnen Sie mir nicht, meine liebe junge Freundin, wenn ich Ihre mir so herzlich lieben Briefe dieses Mal nur sehr kurz beantworte. Diese Zeilen sollen keinen Brief weder bedeuten noch dafür gelten. Sie sind nur ein flüchtiges Zeichen, daß ich Sie liebe und Ihrer gedenke, – ein Gruß, ohne den ich das Packet, mit dem es, wie Levin behauptet, große Eile hat, dennoch nicht mag abgehn lassen, und vor Allem eine Warnung, die Pantoffeln doch ja nicht zu schonen. Ich bin eine Person, die gern zu guten Zwecken beiträgt, und werde mit Vergnügen fortwährend den nöthigen Bedarf liefern. Deshalb brauchen Sie sie, liebe Louise, brauchen Sie sie muthig und wachsam! Es werden schon neue heranwachsen. Striegeln und streicheln Sie das kleine Pferd wenigstens bis zum Zebra. Er ist zwar – um Ihnen zu zeigen, daß ich auch in andern Zweigen der Naturwissenschaft kein Hund bin – im Grunde edles Metall, aber Sie wissen auch, wie das traktirt und mit Spitzhacke und Schüreisen noch anders gestriegelt werden muß. Ich freue mich schon darauf, Ostern in selbige Stufe hinein zu sehn wie in einen goldenen Becher. Freuen Sie sich nicht auf Ostern, Louise? Freuen Sie sich nicht auf mich? Ich freue mich ungeheuer auf Sie, und da müssen Sie schon aus Billigkeit ein Übriges thun. Dann kennen Sie nachher Alles, was mir lieb ist: die Meinigen, mein Zimmer, meine Beschäftigungen, sogar meinen dicken, schwarzen Überrock, und vor Allem meine Gedanken und kleinen Freuden, und es giebt fortan so manche Erinnerung, so unzählige Berührungspunkte zwischen uns, daß ich fürchte, der arme, kleine Junge wird nachher an Briefen zu kurz kommen. Halten Sie bis dahin die Liebe warm; die Levin in Ihnen zu mir angeregt hat, ich halte es treulich so mit der meinigen zu Ihnen. Adieu, meine theure Louise, dies ist, wie gesagt, kein Brief, nur ein Gruß, ein ehrliches Handreichen in die Ferne, – der Brief soll in einer ruhigen Stunde nachfolgen. Gott segne Sie, mein gutes neues Kind, eben so warm und reichlich wie den, der Ihnen der Allernächste und uns Beiden so werth ist. Nicht wahr, er ist ein guter Junge? Adieu. Ihre Annette. Meersburg den 17ten Januar 1844. Ich schreibe Ihnen aber jetzt nur eben das Nöthige, lieber Levin, denn das Packet muß wirklich fort; Gottlob, daß ich es Laßbergs Fingern entwunden habe; er machte aber die Pfoten ganz artig auf, als er hörte, daß es ein Anderer aufhocken wollte, und hat kein Wort mehr von »zusammen durchnehmen« gesprochen. Ich habe deshalb – der Eil wegen – auch nur sehr kurz an Louisen geschrieben; aber wenn sie nur halbweg Herzenssprache versteht, so muß sie wohl sehn, daß ich es ächt mit ihr meine und sie schon ganz viel lieb habe. Was ich noch vorläufig über das Manuscript zu sagen hätte, habe ich auf dem Blatte, das wahrscheinlich aus diesem gefallen ist, notirt; ich bitte jedes Einzelne zu beherzigen und beantworten und erwarte Ihre Zusätze. Wundern Sie sich nicht über die Cölestine; die Erklärung werden Sie auch in selbigem Blatte finden. Das Buch gehört übrigens meiner Schwester, sie muß es zurück haben und wo möglich in erträglichem Zustande; die Druckfehler habe ich mit Bleistift verbessert, um es nicht zu verderben. An den gedruckten Gedichten habe ich überall wenig corrigirt, aber doch Einiges, zumeist nur einzelne Worte, die leicht übersehn werden können, aber nicht dürfen, da es oft crasse Druckfehler sind, die den Sinn entstellen. Ich habe im Manuscript überall, wo ich sie hinrangirt wünschte, dies auf einem weißen Blatte bezeichnet, auch ein Inhaltsverzeichniß nach der Folge beigelegt, zur Erleichterung des Ordnens, wenn mal ein Blatt davon fliegen oder die ganze Pastete vom Tische rutschen sollte. Kleckse sind genug auf dem Manuscript, – es ist so viel umher geschleppt! Correcturen noch mehr: besser so bunt wie eine Elster, als schlechtes Zeug stehn lassen. Wollen Sie die Gedichte anders ordnen, so steht dies bei Ihnen; Sie werden es aber schwieriger finden, als Sie denken. Ich habe sie auf hunderterlei Weise durcheinander probirt, und immer wurden die Nachbarn zu ungleich oder zu ähnlich, oder es trafen zwei gleiche Versmaße zusammen; wie es jetzt ist, geschieht, wie mich dünkt, jedem noch am ersten sein Recht. Zuerst hatte ich die Gedichte an und über Verstorbene zusammen rangirt, es nahm sich aber greulich monoton und trübselig aus; man hätte denken sollen, sie seien die schlechtesten im ganzen Buche, während sie doch alle zu den bessern gehören. Ich fürchte, mit den »Zeitbildern« ists derselbe Fall – siehe einliegendes Blatt –, vielleicht sogar mit »Fels, Wald und See«; wenigstens nehmen sich die »Vermischten Gedichte« unendlich besser aus und sind doch an sich nicht schöner; aber ich merke leider selbst, daß ich über ähnliche Gegenstände auch immer in ähnlichem Tone schreibe und deshalb kein Zusammenstellen vertragen kann. Hätte ich jede Abtheilung in einem Anlauf gemacht, wie die »Haidebilder«, so wär mir dies nicht passirt; ich hätte es gemerkt und ihm vorgebaut. Nun habe ich Alles ohne Plan durcheinander gemacht und, wenn recht Fremdartiges dazwischen lag, gemeint, Gott weiß wie neu zu sein, und es war doch zuweilen nur das Echo eines alten, halbvergessnen Gedichts, das in der Kommode lag. Sehen Sie selbst, was Ihnen am Besten scheint, und theilen Sie mir Ihre Ansicht mit. Die Interpunctionen bitte ich Sie sehr zu machen; es steht gewiß keine einzige recht. Cotta'n schreibe ich nicht, wenn es nicht nöthig ist; aber danken Sie ihm in meinem Namen. Freiexemplare, außer dreien: für Sie, Jenny und mich selbst, wünsche ich ganz und gar nicht; das ist nur eine theure, unbequeme und undankbare Geschichte. Erstlich werden sie doch gewiß das Honorar schmälern; dann sinds natürlich nur rohe Ballen, die man erst muß für sein theures Geld einbinden lassen, und dann, nachdem man sich an Briefen halb todt geschrieben, alle die dicken Packete noch frankiren, wenn man nicht den Leuten mehr zur Last als zur Lust sein will. Und wem müßte ich sie schicken? Meinen Freunden, die sich daran freuen würden? Gott bewahre! Da giebts eine Menge Verwandter und alter Bekannter, die sich die Haare ausreißen möchten, wenn sie das Ding kriegen – der Antwort halber –, und doch rabiat würden, wenn ich sie überging. Da gehts wie mit den Condolenzbesuchen, über die Jedermann jammert und sie doch verlangt. Fürs Morgenblatt nehmen Sie nach Gutdünken Gedichte, aber nicht alle die besten heraus, daß das Übrige nachher nur Ausschuß scheint; mich dünkt, das könnte Cotta'n selbst nicht lieb sein; es ist doch, leider, schon gar Vieles gedruckt: das ganze Bändchen und Alles, was im Malerischen und romantischen Westphalen, im Morgenblatt, im Frauenspiegel, Musenalmanach, Cölestine, Cölner Dom und seine Vollendung steht. Übrigens hat das Morgenblatt nicht nur »Den Corsen« – jetzt » Die Vendetta «; scheint Ihnen das nicht besser? –, sondern auch »Am See« und »Das alte Schloß« erhalten und nicht eingerückt; ich hoffe, sie haben Alles verloren, dann kann man es ihnen zum zweiten Male geben oder gewinnt drei Gedichte neu für die Sammlung. Der »Corse« hat sich übrigens etwas verändert, ist vom Esel aufs Pferd gestiegen, weil der Delinquent an »den Schecken« gebunden wird, was für ein Maulthier doch eine neue Farbe sein möchte. Die guten Nachrichten von Ihrem Vater haben mich außerordentlich gefreut; Gottlob! mein Junge ist jetzt recht im Glücke, und daß er mir noch mehr Mineralien und Autographen schicken will, ist fast allzu gut und rührt mich. Die beiden Bücher, Bernsteinhexe und Dorfgeschichten, schicken Sie mir aber nicht; der Weg ist zu weit für Sachen, die man zurückschicken muß. Ich will schon sehn, daß ich sie irgendwo auftreibe; wahrscheinlich hat sie die Leihbibliothek in Constanz, die sich sehr herausgemacht hat. – Von Adelen habe ich lange keine Nachrichten, will ihr aber jetzt der drei gewünschten Autographe wegen schreiben. – Male Hassenpflug gehts leidlich; sie kann ihre rheumatischen Übel noch immer nicht los werden, ist gegenwärtig in Hannover und wollte im Frühling wieder nach Berlin zu ihrem Bruder; sie wird überglücklich sein, wenn sie statt dessen wieder mit ihm ihr liebes Cassel beziehen kann; ich kann nur noch nicht an diesen Wechsel glauben. – NB. Wissen Sie, daß Reuchlin seit einem halben Jahre auch verheurathet ist? Sehr glücklich, hat eine reiche und liebenswürdige Frau, die er sehr liebt. Schotts habens mir in Stuttgart erzählt. – Den Brief Ihres lieben Vaters in der Beilage zur Allgemeinen haben wir gestern erhalten und Alle sehr hübsch gefunden, sehr einfach, klar und gedrängt. Sie sollen sehn, er wird allgemein Glück mit seiner Schreibart machen; das Hochtrabende hat sich überstürzt, und der Umschwung des Geschmacks vom Blumenreichen zum Klar-Concisen ist bereits mehr als halbvollendet und wird es in Kurzem ganz sein. – Adieu, liebes Kind, ich darf nicht auf die andre Seite, wenn nicht die Feder mit mir davon laufen soll; sonst sagte ich noch gern etwas über Ihren schönen Aufsatz über die Dudevant, jetzt muß ichs aber für den nächsten Brief aufheben. Adieu, Gott segne meinen lieben Jungen. Ich siegle die Briefe in die Cölestine ein, weil Laßberg das Packet selbst zumachen will und es also vielleicht ein paar Stunden offen auf seinem Schreibtische bleibt. Meersburg den 6ten Februar 1844. Soeben erhalte ich Ihr Packet, lieber Levin, und eile, es auf der Stelle zu beantworten; da ich so schwerfällig im Briefschreiben bin, darf ich mich kaum darauf einlassen, den mir sonst so lieben Inhalt einzeln zu berühren, wenn dieser Brief noch heute zur Post soll, was ich doch dringend wünsche. Nehmen Sie also vorerst nur meinen flüchtigen aber warmen Dank für die Handschriften, sowie für alles Liebe und Wohlthuende, was diese Sendung sonst in Ihren und Ihrer Louise Worten für mich enthält; ich hoffe Zeit zu gewinnen, später darauf zurück zu kommen, muß aber zuerst mir das Nöthigste von der Seele schreiben, sonst packt mich die Post noch an Ihrem Theetisch. Ich habe Laßberg die beiden Cottaischen Briefe und aus dem Ihrigen das Betreffende mitgeteilt, und, sollten Sie es denken? es war ihm Alles nicht halb recht, d. h. von Cottas Seite. Von 550 Gulden mochte er mal gar nichts hören, selbst 700 schien ihm wenig, da dann, falls die Sammlung, wie Uhlands Gedichte, achtunddreißig Bogen enthielt, nicht mal zwei Louisdor auf den Bogen kämen, da mir doch selbst die obscure Abendzeitung schon drei Louisdor vorläufig geboten und sich obendrein einer willkürlichen Steigerung meinerseits unterworfen habe; auch Hüffer habe mich ja durch die dritte Hand wissen lassen, daß er den Verlag wünsche und, wenn ich es verlange, 500 preußische Thaler geben würde; von Velhagen sowohl wie Dumont lasse sich zwar nichts Bestimmtes sagen, da sie mir die Forderung überlassen, doch berechtige mich besonders der Eifer des Ersteren zu günstigen Voraussetzungen. Auch fand er die Auflage von tausend Exemplaren sehr stark, meint, ich müsse selbst im günstigsten Falle mehrere Jahre lang warten, ehe sie vergriffen; jene Auflagen, von denen man zuweilen lese, daß sie in 6–8 Wochen vergriffen worden, hätten immer nur 200–300 Exemplare enthalten; das Gewöhnliche sei 750, was drüber, schon eine starke Auflage, und ich müsse, falls Sie sich schon auf 700 Gulden eingelassen, mindestens um keinen Heller davon abgehn und eine Auflage von 750 Exemplaren verlangen; so schenke ich Cotta doch noch 200 Gulden, die mir Hüffer mehr geboten \&c. Ich bin dadurch in die peinlichste Verlegenheit gerathen und kann nun wirklich nicht unter 700 Gulden fordern, wenn ich es mir nicht nachher täglich soll vorhalten lassen, da natürlich Mama und Jenny nun auch ganz auf seiner Seite sind und ich ihnen, da ich grade sehr schwach bei Kasse bin, in Betreff dessen, was ich erhalte, nicht durch geheime Ergänzungen ein X für ein U vormachen kann. Wegen der Stärke der Auflage hat es weniger zu bedeuten, davon werden sie nichts gewahr, und wenn auch – falls dies wahrscheinlich im Contract vorkömmt, den ich gewiß nicht vorzuzeigen vermeiden kann –, so möchte ich um deswillen keineswegs mit einem Manne in Spannungen gerathen, dem Sie jetzt so nahe stehn. Das Schlimmste, d. h. mir Unangenehmste, was erfolgen könnte, wäre, daß Cotta späterhin so sehr unter den Anträgen anderer Buchhändler blieb, daß ich schon Friedens halber genöthigt wär, bei späteren Productionen oder auch nur späteren Auflagen meiner Gedichte von ihm zu diesen überzugehn. Ich lege übrigens Alles in Ihre Hände, mein guter Levin, glaube nicht, daß Cotta von der Zahl der Exemplare abgehn wird, verlange deshalb auch keineswegs, daß Sie einen derartigen Vorschlag machen sollen; nur wünschte ich, daß Sie einmal in einem Briefe darauf hindeuteten, als hätten Sie ihn gemacht, damit die Geschichte nicht eine Leier wird, die ich mein Lebenlang muß spielen hören. Ich erkenne übrigens Ihre Bemühungen ganz vollkommen an und bin Ihnen höchst dankbar dafür, und auch die Andern sehen wohl ein, wie eifrig Sie, mein gutes Kind, sich für mich bezeigen, und haben Sie deshalb doppelt lieb. Das können Sie mir glauben, ihr ganzer Unwille trifft den Cotta. Ich begreife übrigens sehr wohl, daß ein Verleger die erste Auflage einer Gedichtsammlung nicht bezahlen kann wie gute Beiträge zu einem Journal, wo für jeden Geschmack gesorgt und jeder Abonnent das Eine oder Andere finden muß, was ihn reizt, das Blatt zu halten, da hingegen, sobald einer der Mitarbeiter für sich allein auftritt, mit Sicherheit nur auf so viele Käufer zu rechnen ist, als sich für ihn im Journal interessirt haben, – vielleicht kaum der zehnte Theil der Leser, allerhöchstens die Hälfte. Und auch dies kann trügen, da sich Manches zur Abwechselung sehr angenehm liest, was in größeren Massen bald ermüdet, und man auch in der Regel für einzelne Einsendungen das Ansprechendste auswählt. Kurz, ich bin, wie Sie sehn, ganz vernünftig, – eben so zweifelhaft über den Erfolg meiner Gedichte, wie Cotta selbst es nur irgend sein kann, da sie noch lange, lange nicht das erreichen, wornach ich strebe und immer gleich gewissenhaft streben werde, so lange Körper und Geist mir ihre Kräfte nicht versagen. Machen Sie also nur nach Ihrer Weise voran, ich habe das vollkommenste Vertrauen nicht nur zu Ihrem Eifer, sondern auch zu Ihrer Kenntniß der Sachlage und dessen, was vernünftig zu erwarten steht. Gott gebe indessen, daß Cotta auf die 700 Gulden eingeht; jedenfalls müssen Sie, falls er es nicht thut, auch nicht contrahiren, bevor Sie mir darüber geschrieben. Und bitte, machen Sie, daß das Exemplar, was ich behalte, auf recht gutem Papier abgedruckt wird; ich möchte es gern als Andenken in die Hülshofer Bibliothek stiften. Ach, es liegt mir so auf dem Herzen, Ihnen recht gründlich zu sagen, wie ich Ihre Liebe und treue Sorge für mich fühle; aber ich muß mit dem Flederwisch drüber weg, sonst unterbleibt das augenblicklich Nöthigere. Also zu Ihren Anmerkungen. 1. Gegen die Versetzung der Einleitungsgedichte habe ich nichts. 2. Bei Ungastlich oder nicht? mag immerhin »in Westphalen« zugesetzt werden, aber, wie mich dünkt, eingeklammert als eine Art Erläuterung; als Stück des Titels scheints mir etwas albern zu lauten; ich meine so: »Ungastlich oder nicht? (In Westphalen)« – oder wie meinten Sie es eigentlich? 3. Bei Meinem Beruf scheinen mir die beiden Strophen nicht unverständlich; die eine schildert ein Ehepaar, das die Liebe, die andre einen innerlich früh Gealterten, der die Empfänglichkeit theilweise, aber nicht das Gefühl seiner Lage verloren hat. Ich habe dieses Gedicht Vielen vorgelesen, sowohl einfachen als fast überbildeten Menschen; es wurde von Allen für eins der besten gehalten, und obwohl ich selbst fürchtete, es sei nicht hinlänglich klar, hat dies doch bis dahin noch Niemand zugeben wollen. Sie müssen also einen besondern Gesichtspunkt gefaßt haben, aus dem es Ihnen so vorkömmt, glaube aber wirklich, daß dies bei Wenigen der Fall sein wird. 4. Katharine Schücking mag »zusammen« statt »selbander« stehn, obwohl das letztere nicht so veraltet ist, als Sie denken; Stolberg, Bürger \&c. bedienen sich häufig seiner. 5. Der Prediger , Strophe 3. Hier ist »Stock und Brille« allerdings unzweifelhaft besser. 6. Stadt und Dom . Strophe 1 ist »der Liederklänge Frohn« so ganz im Anfange allerdings verkehrt und eine Vorausnahme der späteren Stimmung; denn wenn auch Jeder glaubt, ehrenhalber dazu frohnen zu müssen, um »seinem Herzen das Diplom« zu sichern, so war doch an dieser Stelle das Gedicht noch weit von dieser Enttäuschung entfernt. Setzen Sie: »Und wer die Liederklänge schon« oder »Die Liederklänge wer, die schon Den Nachhall (das Echo) dieses Rufs ergänzt?« Ferner: Str. 2 habe ich die bereits angekommenen, sich fast erdrückenden Proviantschiffe, – wie dies bei Hamburg wirklich der Fall gewesen, wo man die Lebensmittel, wie es heißt, hat endlich in den Strom werfen müssen, der Fäulung halber, – wollen »Mast an Mast ragen« lassen, doch machts mir nichts aus, wenn sie statt dessen »ziehen« oder »kommen.« Str. 4 ist wahrscheinlich durch verkehrte Interpunction undeutlich geworden; es heißt: »O werthe Einheit, bist du Eins?* Der Lorbeerkron, des Heil'genscheins Wer steht dann würdiger als du, Gesegnete, auf deutschem Grund! Du trägst den goldnen Hier fehlt das Wort »Schlüssel.« zu Des Himmels Hort in deinem Bund!« Ich denke, so ists nicht unverständlich; in schlichter Prosa: Werthe Einheit, wenn du wirklich Eins bist, wer stände dann auf deutschem Grunde würdiger der Lorbeerkron und des Heilgenscheins als du \&c. * Eigentlich hier kein Fragzeichen, sondern nur Komma oder desgleichen, als nach einem Vordersatz; aber ein Fragzeichen macht es vielleicht verständlicher. Wie es Ihnen am Besten scheint. 7. Vor vierzig Jahren , Str. 6. Ein Schreibfehler; es heißt nicht »überwehrte«, sondern (ironisch) »überwerthe«, soviel wie übervortreffliche, überglückliche. 8. Knabe im Moor hat früher auch gestanden »die Ranke häkelt am Strauche« statt »vom Strauche«, und dies war an sich offenbar besser; weshalb ich es geändert, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich kömmt das Wort »am« sehr nah dabei nochmals vor; sehn Sie, bitte, nach, und wenn das nicht ist, so stellen Sie die alte Lesart her. 9. Das öde Haus . Str. 4 setzen Sie statt »einzle« »wirre (graue)«, obwohl es nicht ganz denselben Sinn giebt und dies Herabrutschen einzelner Schober das Verfallne mehr andeutet; »einzle« statt einzelne« ist allerdings nicht hübsch, und ich würde es nicht gesetzt haben, wenn ich es nicht grade zuvor in einem andern sehr hübschen Gedicht – ich meine von Uhland oder Schwab [Vermutlich ist "Sehn'n Sie, Bester, dort um's Eck" in den "Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters" von Franz Dingelstedt gemeint, die 1842 erschienen waren.] – auch gefunden hätte. »Schluft« ist vielleicht ein Provinzialismus, aber kein westphälischer, da es schon in der alten bekannten Romanze: »Zu Steffen sprach im Traume« heißt: »Gespenster quiekten aus Schluften«; aber setzen Sie statt dessen »Schlucht«. NB. Wär es nicht vielleicht besser, wenn die vierte Strophe zur dritten würde? Man weiß nicht, wie man auf einmal aus der Schlucht an den Heerd kömmt; nach dem Fensterloche wär dies natürlicher, – oder meinen Sie nicht? 10. Die beste Politik , Str. 5. »Fortun« ist nicht hübsch, aber was soll ich statt dessen setzen? »das Glück« kömmt unmittelbar nachher und zwar als Reim; vielleicht: »Daß dem Geschick zumeist gewogen«? oder: »das Heil«? Wissen Sie ein anderes Wort, das den gleichen Gedanken giebt? Mir fällt keins ein. »Geschick« kömmt gezwängt heraus, »das Heil« auch etwas gesucht und bringt drei »das« in dieselbe Strophe. Doch mögen Sie selbst entscheiden, und können Sie gar ein anderes Wort auffinden, so theilen Sie es mir doch ja mit. Was sagen Sie zu: » die Welt zumeist gewogen, Der sie am mindesten gehetzt«? oder: »Jeder dem zumeist gewogen, Der ihn \&c.«? oder: »Daß dem die Gunst zumeist gewogen, Der sie \&c.«? 11. Cappenberg , Str.3. »Doppellasten« ist viel hübscher, und ich hatte es selbst schon mal gewählt, dann schien es mir undeutlich, wird aber doch wohl besser sein. 12. Der Fundator , Str. 7. »Der Familie Nutz« ist allerdings spießbürgerlich, sollte es aber auch sein, als feststehender Kanzleistil, wie ich diese Formel in derartigen Stiftungsurkunden aus dem 17ten Jahrhundert immer gefunden habe. »Dessentwegen fundire und vermache ich zu der Familie Nutzen \&c.«; wenn es Sie aber sehr stößt, setzen Sie »Geschlechtes«. –»Der Sessel knallt «: da haben Sie sich verlesen oder ich mich erbärmlich verschrieben; es heißt » knackt «, – weil das Gespenst ihn angreift; – ein knallender Sessel!! – »Der Lade Spalten«. Ich habe mir eine halbgeöffnete Schieblade gedacht, wie mans wohl thut, wenn man verstohlen liest, um das Buch rasch hinein schieben zu können, wenn Jemand kömmt, und dachte mir dabei die Lade des »güldenen In der Ausgabe der Gedichte vom Jahre 1844 heißt es im »Fundator« Str. 3 »Der güldne Tisch.« Als Druckfehler hat sich in die vom Jahre 1879 »grüne« anstatt »güldne« eingeschlichen. Tisches«, vor dem er sitzt; setzen Sie aber: »des Faches Spalten«, so kann man sich ein Büchergestelle an der Wand denken.. 13. Der Barmekiden Untergang . »Rosenöl« ist allerdings ein Buch und machte vor zwanzig Jahren Aufsehen; meine Onkels Haxthausen besaßen es, waren entzückt davon, und es wurde damals in allen Zeitschriften rühmlich erwähnt, als höchst werthvoller Beitrag zur Kenntniß orientalischer Sitten und Sagen; leider habe ich den Namen des Verfassers vergessen. Was ist da zu machen? Wahrscheinlich weiß Cotta ihn, denn es war ein damals berühmter Gelehrter, der es aus dem Arabischen entweder übersetzt oder die Sagen selbst im Oriente gesammelt hatte. [Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall: Rosenöl. Erstes Fläschchen und Zweytes Fläschchen Oder Sagen und Kunden des Morgenlandes aus arabischen, persischen und türkischen Quellen gesammelt. Stuttgart und Tübingen 1813.] 14. Der zu früh geborne Dichter . »Und Alles, was er sah, das sang Von einem Weidenstumpfen.« Hier fällt mir das Unverständliche nicht auf, Laßberg und Jenny auch nicht. Der im Zeitalter des schlechten Geschmacks geborne Dichter findet nirgends Anleitung zu Höherem; er sieht »ringsum keine Palme«, deshalb klimmt er an der Weide auf und jauchzt in die Alme (singt Idyllen \&c.); und wenn ihm dies kläglich scheint (zuweilen), so nennt man es Hochmuth, Schwulst, Schwärmerei, und Alles, was er ringsum von Dichtervolke sieht, sitzt auch nur auf Weidenstümpfen und singt von dort herab. Wirds vielleicht deutlicher, wenn es heißt: »Und Alles, was er sah (oder »hörte«), das sang Herab vom Weidenstumpfen«? Mich dünkt nicht. 15. Nach fünfzehn Jahren . Str. 4 setzen Sie statt » boulingreene « »Rasenstreifen (Blüthenraine)«, wenns Ihnen besser scheint. 16. Schloß Berg lassen Sie ganz fort; es ist doch mordschlecht; den Verfehlten fr. Roman desgleichen, auch allenfalls Die Mutter am Grabe , obwohl diese ihre großen Liebhaber hat – sogar Adele Schopenhauer –, besonders die letzten Strophen Manchem sehr gefallen. Aber ich habe doch so viele trübselige Gedichte, daß dieses, wie mich dünkt, die Trübsal nur auf eine unangenehme brühige Weise verlängert. Ich habe es schon hin und her geschoben, und überall schlossen die Gedichte besser an einander, wenn ich es wieder heraus nahm; doch bleibt dies Ihrem Gutdünken überlassen. – Der Spekulant muß auch fort. – Das Lied vom braven Manne heißt besser: Ein braver Mann . Ihre Bemerkung ist ganz richtig; aber was ist undeutlich darin? Der Eid? So schreiben Sie als Note: Der Huldigungseid, den er als Grundbesitzer hätte leisten müssen. – Was mir mit der Schmiede machen, weiß ich selbst noch nicht; soll sie nicht ganz bleiben, was mir selbst bedenklich scheint, so muß auch alles Plumpe daraus fort. Ob dann die ersten Strophen bleiben können? Ich meine bis zum »langen blonden Knaben«. So ist kein Schluß daran; ich will sehn, ob mir noch eine oder ein paar Strophen einfallen, die dies Fragment abrunden; in diesem Augenblicke fehlt mir die Zeit dazu; schicke ich sie mit dem nächsten Briefe nicht ein, oder gefallen sie Ihnen nicht, – da es bekanntlich schwerer ist, einen alten Rock aufzustutzen wie einen neuen zu machen, – so mag dies Schmiedefeuer total ausgehn. Von Des Pfarrers Woche haben Sie mir nicht geschrieben, was darüber bestimmt worden ist; soll sie bleiben, so verliert sie an der Schmiede eine sehr günstige Folie und kann dann, wie mich dünkt, nur auf die Stubenburschen folgen, und zwar noch knapp genug; lesen Sie es selbst mal nach. – Auch was Sie sonst von bereits Gedrucktem in Händen haben, z. B. die Gedichte im Morgenblatt, besonders die Balladen im Malerischen und romantischen Westphalen, hätte ich sehr gern durch Sie mit meinem Manuscripte verglichen, da ich der Güte meiner Abänderungen keineswegs sicher bin und dies lieber Ihrem Urtheile überlassen möchte, jedoch die Lücke im Grauen ausgenommen. Überhaupt hätten Sie, mein braves kleines Pferdchen, dieses Mal nur mehr Courage haben und mir ihre ferneren »rechtlichen Bedenken« nur kecklich fürtragen sollen; hilfts nicht immer, so hilfts doch zuweilen, und hätte mir noch wohl einigen Vortheil und meinem guten Jungen, dem mein Ansehn fast so lieb ist wie sein eigenes, noch eine oder die andre Herzenserleichterung gebracht. Jetzt wirds wohl zu spät sein, sonst nähme ich Ihre Gutachten noch gern entgegen. Sie dürfens mir nur nicht übel nehmen, wenn ich nicht mehr davon verwende, als mir selber in den Kopf gehn will. Aber es ist immer sehr gut, eine Sache von mehreren Seiten zu betrachten, besonders wenn man durch zu öfteres Überlesen stumpf geworden ist; deshalb ist auch das Corrigiren so schwer, weil der alte Gedanke immer wieder kömmt. Sie müssen nur genauer angeben; Ihr »ist mir undeutlich« mag Ihnen ganz deutlich sein, giebt mir aber, wenns zuweilen ganze Strophen betrifft, nur gar geringe Anleitung, wenn ich gar nicht ahnde, wo das Undeutliche steckt, und ich würde oft Ihrer Absicht sehr schlecht entsprechen, wenn ich Eins mit dem Andern todtschlüg, während Ihnen nur ein einzelner Ausdruck anstößig war. Soeben fallen mir ein paar Schlußstrophen für die Schmiede ein; sie sind nicht besonders, aber ich glaube nicht, daß sie mir ein anderes Mal besser gelingen. Also (das Ende war: »Gekrümmt zu Hufes Ringen«): »Am Pförtchen scharrt der Rappe, schnaubt Dem Schlackenstaub entgegen, Wo hinterm Hagen dichtbelaubt Sich Liederklänge regen. (Nun kann das Lied folgen oder auch wegbleiben.) 'S ist eine Stimme fest und klar, Wie Morgenfrische heiter (oder »Morgenluft so heiter«); Nun durch die Spalten (Zweige) fliegen gar Maßlieben, Dold' und Kräuter. Da wilder scharrt der Rappe, schwallt Am Dach der Funkenreigen, Und eine dunkle Nachtgestalt Scheint aus dem Schlot zu steigen. Und lockend (zitternd) schwankt (sucht) der Äpfel Schein Den Hagen zu berühren: Will Pluto hier am Blüthenrain Proserpina (oder »der Ceres Kind«) entführen?« oder: »Will etwa Dis vom Blüthenrain Persephone entführen?« Besser weiß ichs nicht zu machen; gefällts Ihnen nicht, so mag die Schmiede springen; denn die ersten Strophen allein werden Ihnen doch auch wohl gar zu fragmentarisch vorkommen? – Noch fällt mir ein, daß ich zweierlei an den Haidebildern ändern wollte und es vielleicht vergessen habe. Erstens in der Vogelhütte , wie er das Backwerk findet, würde da nicht besser »Brezel« stehn?»Backwerk« lautet so holprich. Dann beim Hirtenfeuer Str. 1: »Nur das rieselnde Rohr Neben der Schleuse wacht, Und an des Rades Speichen Schwellende Tropfen schleichen« – begreift man da gleich, daß vom Mühlenrade die Rede ist, oder muß ich statt der»Schleuse« lieber »Mühle« setzen? Aber es macht sich nicht ganz so gut, da die Schleusen vorzugsweise mit Rohr umwachsen sind und dies dort so hübsch einsam flüstert. Machen Sie es, wie Sie wollen. Jetzt habe ich das Nöthige gesagt, wenigstens fällt mir nichts mehr ein, und zugleich ists mit Papier und Zeit auf die äußerste Neige gekommen. Bei Ihnen, mein guter Levin, der mich so durch und durch kennt, brauchts wohl keiner Entschuldigung, daß ich Ihre lieben Geschenke und noch liebere Sorge für mich diesmal so leichthin überfahren muß; Sie wissen, wie schwer es mir selbst werden mußte, schon weil ich viel lieber schwätze als arbeite, und dies Corrigiren oder wenigstens nach möglichen Correcturen Fischen mir immerhin schon eine Arbeit ist. Bei Ihrem Frauchen müssen Sie es für mich gut machen; ich erwarte jetzt erst von Ihnen eine Antwort hierauf, und dann kann ich mich mal recht wieder gehn lassen. Ihrer lieben Frau schreibe ich schon wohl früher, wenn nämlich Ihre Antwort hierauf nicht sehr rasch kömmt; sagen Sie ihr vorläufig tausend Liebes von mir. Gottlob, Gottlob, daß Sie es so glücklich getroffen haben! Deshalb lebe ich, glaube ich, wenigstens zehn Jahre länger. Nun Adieu, mein bestes, liebstes Kind; seien Sie nicht verdrießlich über das, was ich wegen Cotta geschrieben; ich konnte nicht anders, es wurde gradezu von mir verlangt, und ich hatte nichts Schlagendes dagegen zu sagen. Gott segne Sie, und antworten Sie mir doch recht bald, denn ich bin nicht ohne Sorge um den Handel; wenns nur keinen Verdruß giebt, d. h. für Sie, für mich wär mir weniger daran gelegen. Überwerfen Sie sich um Gotteswillen nicht mit Cotta um der dummen 700 Gulden, 's ist zehnmal besser, ich gerathe in Spannung mit ihm. Hätte ich doch Laßberg die Briefe nicht gezeigt; aber er hatte sie schon vor mir in Händen gehabt, da konnte ich nicht anders. Wenn Sie das Malerische und romantische Westphalen nicht bei sich haben, so kann ich es Ihnen ja von hier schicken. – Laßberg und Jenny grüßen Sie herzlich. – Uebersehn Sie doch nichts beim Lesen, es ist so durcheinander geschrieben; z. B. überschlug ich eben selbst beim Überlesen die Worte: »Der Spekulant muß fort«, was doch grade sehr gelesen werden muß. Meersburg den 6ten Februar 1844. Sie wundern sich wohl, mein guter Levin, fast zugleich zwei Briefe von mir zu erhalten; aber der von diesem Morgen war mir selbst so unangenehm zu schreiben und muß Ihnen nothwendig so unangenehm zu lesen gewesen sein, daß ich es weder mir selbst noch meinem kleinen Jungen zu Leide thun mag, ihn ohne einen verbessernden Appendix zu lassen. Ach, Sie glauben nicht, wie geplagt man ist, sobald man Laßberg einige Einmischung gestattet hat, gleichviel in welcher Sache, – was hier schon durch Annahme seines früheren Anerbietens geschehn war; er meints gut, nur zu gut, sieht die Sache dann ganz wie seine eigne an und wird zu einem unerschöpflichen Bronnen unbrauchbaren Raths, den er gleich in praxi sehn will und es nicht leicht vergiebt, wenn man ihn auch nur einmal ad acta legt. Doch Sie kennen ihn ja hinlänglich. Heute Morgen war er eigends zwei Stunden früher aufgestanden, – sobald er die Cotta'schen Briefe gelesen, – um mir dies köstliche Förderungsmittel in meinen Thurm zu bringen. Es ist ihm gewiß sauer geworden, da er noch obendrein seit drei Wochen erbärmlich hustet, und hintennach rührt mich dieser Eifer im Grunde; aber er hat mich doch so confus und verdrießlich geschwatzt, daß ich die ganze Geschichte lieber aufgegeben hätte und, um nur wenigstens vorerst zur Ruhe zu kommen, mich gleich hinsetzte und noch in seiner Gegenwart die erste Seite des vorigen Briefes schrieb; da war er denn zufrieden und ging. Übrigens sagte Mama heute Nachmittag mir zu meinem größten Erstaunen, denn ich glaubte sie durchaus auf Laßbergs Seite, sie würde sich in meiner Stelle gar nicht an Laßberg kehren, sondern Ihnen die Sache unbedingt überlassen; Sie verständen derartige Dinge weit besser als Laßberg, der sich bei seinen litterarischen Unternehmungen noch immer selbst in Schaden gebracht hätte \&c. Somit ist mir der schwerste Stein vom Herzen, und ich kann Ihnen nun ganz leichten Muthes sagen: »Machen Sie es ganz nach Ihrem Gutdünken, so weiß ich, daß ich nicht nur treulich, sondern auch verständig versorgt bin«; und da Mama diese Ueberzeugung theilt und, wie ich jetzt merke, Jenny auch, – der die dicken Ballen von Laßbergs Liedersaal im Magen liegen, – so sehe ich eben keinen sonderlichen Kämpfen mehr entgegen und fühle mich so leicht wie diesen Morgen beengt. Mir kommen 700 Gulden als recht viel vor, und ich habe sie nicht erwartet; Mama und Jenny finden es auch ganz honett; und die Verbindung mit einer so bedeutenden Firma hat so große anderweitige Vortheile, daß ich auch mit Cottas Gebot würde zufrieden gewesen sein, dann aber freilich lieber eine sofortige Annahme als Zurücktreten von einmal gemachter Forderung – der 700 Gulden – gewünscht hätte. Sollte indessen Cotta Ihre freundlichen Hoffnungen zu Schanden machen und sich weigern, so schreiben Sie mir ungescheut, ohne Beklemmung, – denn es wird mich nicht so arg afficiren, – und Ihre Ansicht dabei, die ich dann vermutlich zur Richtschnur nehmen werde; denn so eigensinnig ich in Dingen sein mag, die ich zu verstehn glaube, so wenig fällts mir ein mitsprechen zu wollen, wo ich mich als Ignorantin fühle. Mir ist derweil auch noch eine Variante für eine anstößige Stelle der »Stadt und Doms« eingefallen, die mir allgemeiner verständlich scheint: »O werthe Einheit, bist Du Eins, – Wer stände dann des Heil'genscheins, Des Kranzes würdiger als Du, Gesegnete, auf deutschem Grund! \&c.«; ist das nicht besser? Wahrscheinlich fallen mir noch andre Aushülfen gegen Ihre Seelenschmerzen über meine Mängel ein; ich war diesen Morgen zu bedrängt und eilig und mußte recht eigentlich aus dem Ärmel schütteln. Manches, was mir – und auch den bisher Befragten – verständlich schien, hat doch in Ihnen zu sehr den Repräsentanten einer zu großen und achtbaren Gegenpartei zu respectiren, als daß ich nicht eine Klarmachung wenigstens ernstlich versuchen sollte. Nur müssen Sie berücksichtigen, wie schwer dies ist, – zehnmal schwerer als ganz neu. Nun, der Druck geht ja langsam, und die ersten Bogen sind ja nun nach Ihrem Wunsche gesäubert. NB. Wegen des »Schnarchens der Schwäne« im » Fundator « habe ich noch nicht geantwortet. Ich ließ hier den Ausdruck »tauschen« ungern fort; denn er ist sehr bezeichnend. Schwäne haben keine andre Stimme als ein leises Schnarchen, mit dem sie sich einander anrufen, was man im Sommer – zu Hülshoff nämlich – die ganze Nacht durch hört, da sie fast gar nicht schlafen, sondern am Ufer umherziehn, wo sie sich im Dunkel einander verlieren und dann auf diese Weise durch Wechselrufe orientiren, – es lautet hübsch und graulich, – und wäre hier »tauschen« nicht die passende Bezeichnung für Wechselrufe? Das meine ich doch. Sollte aber »Schnarchen« zu dem Begriffe von Schlaf verleiten, so kann man ja »dumpfes Schnarren« setzen; da merkt hoffentlich doch Jeder, daß es ein Ruf ist, – oder meinen Sie nicht? Mich dünkt, Schwäne sind doch so bekannte Vögel, daß man sich nicht scheuen darf, ihre gewöhnlichen Manieren als der Überzahl bekannt anzunehmen. – Ich bin diesen Abend besonders klüftig von Kopf, da fällt mir ein, von wegen des Weidenstumpfen im »zu früh gebornen Dichter« Str. 4, würde Ihnen mehr zusagen: »Doch ließ man dies als Schwärmerei (krankes Blut) Und Hochmuth ihn entgelten; Da mußt' er wohl mit bittrer Reu (Muth) Sich einen Thoren schelten«? Dann käm der Weidenstumpf ganz fort. Ferner von wegen der »Fortun« in der »besten Politik«, ob man nicht doch zuerst »Glück« setzen und nachher »Geschick« substituiren könnte; z. B. »Daß dem das Glück zumeist gewogen, Der es am Mindesten gehetzt, Und daß wo Handeln (Wirken) ein Geschick Nach eigner Willkür mag In dem Manuskripte, das dem Drucke der Gedichte zu Grunde lag, hat Annette hier anstatt »mag« das Wort»kann« niedergeschrieben. bereiten, Nur Offenheit zu allen Zeiten Die allerbeste Politik«., So wären ja wohl die ärgsten Steine schon beseitigt, wenn Sie dazu nehmen, was der vorige Brief schon nachgiebt; notiren Sie sichs nur ja zusammen, damit die corpora delicti nicht durch Ihr eignes Versehn über der Erde bleiben. Sie denken wohl, ich sei heute Abend nicht nur besonders erleuchtet, sondern auch ungewöhnlich guten Willens. Ja, lieb Kind, das bin ich auch: ich habe meinem armen guten Jungen weh gethan, und zwar grade wie er so froh war, mir eine Freude gemacht zu haben; das kann ich mir nicht vergeben. Hochmüthig war ich? Gewiß nicht, wo ich mich im Unrecht fühle; das ist eine so niedrige und grausame Art von Hochmuth, daß ich deren Gottlob nicht fähig bin. Benutzen Sie diese gute Stimmung, Levin, und schicken noch mehr rechtliche Bedenken ein, wenns nicht zu spät ist; wo mir Veränderung nicht gradezu Verschlimmerung scheint, werde ich Sie zu befriedigen suchen, Sie habens wohl um mich verdient. Auch kann ich Sie versichern, und zwar auf Ehre, daß ich mich diesen Morgen königlich über Ihre Sendung gefreut habe, über Alles, Ihren, Ihrer Frau Brief, die Autographen, die Cottaischen Nachrichten, und sogleich Jenny habe rufen und sie im Triumph mit den Letzteren nach Laßberg wandern lassen. Wie es dann weiter ging, wissen Sie und begreifen, daß, obwohl ich noch immer 700 Gulden für recht viel hielt, mir doch diese Scene als häuslicher Verdruß zu fatal war, als daß sie mich nicht hätte verstimmt werden und in Gottes Namen Alles hinschreiben lassen, was man verlangte. Aber es ist spät, lieb Kind, und für ein Mütterchen habe ich mich lange genug gegen meinen kleinen Jungen entschuldigt; so gehts, wenn man nichtsnutzig gewesen ist. Morgen beantworte ich nun recht eigentlich Ihren Brief, da der meinige doch erst am Nachmittage abgehn kann. Gott schütze Euch liebes Volk. Den 7ten. Guten Morgen, Levin! Guten Morgen, Louise! Eure Briefe liegen vor mir, und von Euren lieben Gesichtern sehe ich wenigstens das eine recht deutlich; von dem andern meine ich es auch, es wird aber wohl eine optische Täuschung sein; ein liebes Gesicht ists jedenfalls und hoffentlich recht bald auch ein bekanntes und heimisches. Liebe Louise, ich weiß, daß, was ich dem Einen von Euch schreibe, der Andre auch liest; dennoch mag ich Sie lieber von Mund zu Mund grüßen als durch das kleine Pferd, was erst das Beste davon liest. Es drängt mich innerlich, hier wenigstens auf einige Stellen Ihres lieben, warmen Briefes einzugehn, aber ich darf nicht; der Anfang wär leicht zu finden, das Ende gewiß nicht; so nehmen Sie vorläufig nur meinen wärmsten Händedruck bis zum nächsten Correspondenz-Termin, wo ich Ihnen statt Levinen schreiben werde. Es ist im Grunde dasselbe, und doch so ganz anders, daß ich mir eine neue große Freude davon verspreche. Sie wissen nicht, wie lieb ich Sie habe, wie viel Gutes ich Ihnen wünsche und anthun möchte, dafür, daß Sie meinem armen Jungen, dems oft schlecht und nie vollkommen gut gegangen ist, ein so ächtes friedliches Glück bereiten. Ich wollte, Sie hätten meine nicht genug zu schätzende Freundin, seine Mutter, gekannt, das würde mich eine gute Stufenzahl in Ihrer Liebe voran bringen; denn Levin hat Ihnen ja wohl gesagt, daß wir uns äußerlich sehr gleichen. Ich muß abbrechen, sonst schreibe ich wider Willen Ihnen statt Levinen, dem ich doch so Manches zu sagen habe, ehe die Post anschirrt. Adieu. Lieber Levin, jetzt kann ich Ihnen erst recht herzlich für die Autographen danken, – die statiösesten Premierminister! Meine Sammlung wird sich am Ende vor Hochmuth selber nicht mehr kennen. Der Heine! Und Pückler, der Schlingel mit seiner Cirkassierin! Aber als Autograph doch ein Baas! Auch die drei Andern sind sehr gut und wenigstens wirkliche Geheimeräthe. Aber wie ist das mit dem Lichnowsky? Träume ich oder ist Lynar seine eigne Pseudonymität? Das wäre doch arg. Gotts Wunder, was bekömmt man für Dinge zu sehn, wenn Einem mal die rechte Linse für das litterarische Treiben vorgehalten wird! Ich möchte mich todt wundern, wills aber doch verschieben, bis ich weiß, daß kein crasser Irrthum vorwaltet. O Schlüter, o Junkmann, was würdet Ihr sagen! O Münster, dein Lambertithurm würde gleich vor Schrecken auf die Nase fallen und dein Drübbelchen noch einmal so dicht zusammen kriechen! Ad vocem Junkmann: er hat mir geschrieben, einen so originellen Brief, wie er einem Andern seine Lebtage nicht eingefallen wäre, – ist seelenvergnügt, da sein Anstellungsgesuch beim Ministerium liegt und er sich nun bewußt ist, nichts weiter thun zu können und reinweg in Gottes Hand zu stehn, – hofft jedoch einigermaßen auf eine Privatdocentschaft und widrigenfalls wenigstens auf eine Kapuzinerkutte; so ist ja jedenfalls für ihn gesorgt, wie er meint. Ich versichere Sie, das ist nicht Ironie, er ist wirklich brillanter Laune, wie immer, wenn er sich dem Schicksal überlassen darf; nur sorgen, eingreifen mag er nicht, das macht ihn krank. Ich glaube nicht, daß es unserm Herrgott gelingt, nochmal einen Dito zu erschaffen. Alle unsre Bekannten sind wohl, doch wüßte ich von keinem Besonderes zu melden, Jeder lebt in der gewohnten Weise fort; ich will nächstens an Schlüter schreiben, dann erfahre ich noch wohl Einzelheiten, die Sie interessiren könnten. Aber hier ist ein Fall, der uns des guten Herrn Hufschmids wegen sehr nahe geht: seine Frau hat vorgestern einen Schlaganfall bekommen, ist anfangs sprachlos gewesen und noch immer auf der einen Seite gelähmt. Wir schicken täglich zweimal hin; denn vom langen Puff kann natürlich keine Rede sein. Der alte Mann sitzt ganz rathlos neben dem Bette seiner alten Frau, mit der er sehr glücklich gelebt hat, und es ist zweifelhaft, ob sie binnen einigen Tagen sterben oder noch Jahre lang so hinsiechen wird. Für sie wär gewiß das Erstere am Besten; von ihm glaube ich aber kaum, daß er es ertragen würde, sie nicht wenigstens noch zu sehn, und daß sie ihn bald nachholen würde. Es sind ein Paar ehrenwerther Leute, und ich mag mir Meersburg ohne den guten Hufschmid gar nicht denken. Die Stadt hat überhaupt gar sehr abgenommen, wie ich Ihnen schon früher geschrieben, und es ist mir lieb, daß ich immer in so geringer Verbindung mit ihr gestanden, sonst würde es mir wirklich weh thun. Auch Herr Vogel sieht so trübselig aus und sein Laden noch trübseliger; man sagt, er werde Bankrutt machen. Das kömmt vom Lotterieglück! Da werden gleich Plane gemacht, die doch nur durch zwei Drittel Borg realisirt werden können: neues Haus und Laden, was den Kunden ganz gleich ist; elegante Artikel, für die es hier keine Käufer giebt; in die ärgste Pfütze hat ihn Stiele geritten, mit der Badeanstalt, die, wie sich jetzt auszeigt, in den warmen Monaten trocken liegt und Winters durch den Sturm abgedeckt und unterspült wird. Es thut mir leid; ich habe den Vogel gern, er ist so freundlich und fleißig. Pour comble de malheur thut sich jetzt ein gewisser Zimmermann in denselben Artikeln viel reeller und großartiger hervor, und Alles läuft ihm zu – nur ich nicht; ich will lieber etwas schlechtere Chokolade trinken \&c. als ein Gesicht noch betrübter machen, was ich so freundlich gekannt habe. Mir fällt aber eben ein, daß Vogel Vieles in Commission haben soll, was ihn vielleicht jetzt allein noch hält; Augsburg ist nicht so weit, vielleicht bezieht er auch von dorther: lassen Sie deshalb doch nicht zufällig etwas von seiner – vermutlichen – Lage über die Lippen gleiten. Ich weiß, es ist keine Sache zum Erzählen, aber die unbedeutendsten Dinge können zufällig ausgesprochen werden. Ihr sehr schönes Gedicht in der Allgemeinen (1. Februar) habe ich gelesen, – erst gestern, da ich wieder seit vier Tagen Hustens halber im Thurme stecke, – und kann Ihnen sagen, daß ich es für eins Ihrer allerbesten halte; da ist mal Leben und Feuer darin! Laßberg ist auch ganz enthousiasmirt davon, wie er Sie denn überhaupt so lieb hat wie wenig Menschen. Noch gestern, als er, ein zweiter Zevs, über den Cotta seine Locken – hier etwas kurz und dünn gerathen – schüttelte, daß mein Thurm zitterte, und Jenny sagte: »Aber Schücking hat es doch sehr gut gemeint«, rief er grimmiglich: »Schücking? Wer könnte am Schücking zweifeln? Ich möchte wissen, wer es versuchen möchte, des Schückings Eifer in der Sache nahe zu treten! Aber man redet vom Cotta; vom Schücking denkt jeder das Allerbeste.« Dann sah er herausfordernd umher und setzte nachdrücklich hinzu: »hoffe und setze ich mit Grund voraus, oder man müßte ihn nicht kennen.« – Es war lächerlich und rührend zugleich, dieses Fechten in leerer Straße von dem alten Manne. Auf Ihren Günther bin ich sehr neugierig; aber warum verlassen Sie den Roman? Diese Form sagt Ihrem Talent doch so sehr zu, was von der dramatischen, nach den früheren Proben, mir noch keineswegs ausgemacht scheint. Ihr Lustspiel hatte allerdings einzelne sehr gelungene Scenen, gute Prognostica für die Zukunft, aber das Ritterschauspiel war nicht viel werth; seitdem haben Sie freilich erst den rechten litterarischen Cursus durchgemacht, – kurz, ich bin sehr gespannt. Den Novellen Ihrer Frau sehe ich dagegen mit ruhigem Vergnügen entgegen; ich weiß, sie werden schön sein. Aber können Sie mir nicht mal eins von ihren Gedichten zusteuern? Oder kann ich sie nächstens im Morgenblatt antreffen? Lieber Levin, Sie mußten durchaus grade diese Frau haben, Sie sind eine Art Amphibie, die zum Leben mehr Elemente bedarf als andre Creaturen, und ich habe immer für Sie das Ermüdende einer gewöhnlichen oder das Überreizende einer poetischen Ehe gleich sehr gefürchtet. Aber der Himmel hats gnädig mit Ihnen gemeint, und mit Ihrem Mütterchen auch, das nun mal seine Wünsche und Sorgen in dem kleinen dummen Jungen concentrirt hat. Wüßte ich nicht, daß Ihre Frau jede Zeile dieses Briefes liest, so würde ich vielleicht breiter darüber werden, wie lieb und ansprechend ich mir ihr Bild ausmale, und wie und was ich Alles darüber in meinem Thurme träume; aber nun schäme ich mich – Ihr seid liebes Volk, Ihr Theetrinker und Spazierläufer! Da kann der Levin den Mund wohl zu etwas Anderm aufthun als: »To, to, to, Möderken; ajas, nich still stohn, dat is niks; un den Mund tohollen, süs verfrüst dat Hert in nen Live«. Schöne Reminiscenzen! Wenn im Frühling die Louise dabei ist, dann sollen Sie wohl anders artig gegen mich thun, daß sie nicht merkt, was sie für einen ehemaligen Ajas zum Manne hat. Aber die Stiegen haben Sie mich doch immer schön herauf geleitet; das fällt mir jeden Sonntag ein, wenn ich auch grade gar keine Luft habe, an Sie zu denken, – altes Kind! liebes Kind! – Und jetzt hat er sich wieder so für mich geplagt! Er ist doch brav! Ärgern Sie sich nur nicht, wenn mir der Cotta die 700 Gulden nicht giebt; ich gestehe Ihnen, ich glaube nicht, daß ers thut, und nun ich wegen Mamas sicher bin, mag der Laßberg sein Haupt meinetwegen schütteln, daß der Dagobertsthurm einfällt. Es schlägt Zwölf, ich muß zu Tische, mein Fix zieht mich schon am Kleide. NB. Ich habe jetzt einen kleinen Fix; Race: Wachtelhund, – Farbe: schwarz, weiß und gelb, wie ein dreifarbiger Kater, – sehr schön, wie Andre, und sehr klug, wie ich selbst behaupte, – stiehlt Nachts meine Pantoffeln und trägt sie in seinen Heukorb, um den Kopf darauf zu legen. Nachmittags. Ich habe Ihren letzten Brief; es ist Alles sehr gut und schön so, Laßberg auch hintennach zufrieden, – ein wunderlicher Patron, aber doch gut. Also Cotta hat nachgegeben! zwar wie ein schlauer Fuchs, und auch gleich die Auflage verstärkt. Aber es macht nichts, ich raisonnire so: Verkauft sich die Auflage sehr langsam, so hat Cotta doch wenig Profit, und es ist eigentlich eine verunglückte Spekulation für ihn, wo es mich dann freuen muß, daß ich ihn nicht wenigstens gradezu in Schaden gebracht; verkauft sie sich gut, so kömmts ja auch wohl zur zweiten, wo mir dann ja ganz freie Hand gelassen ist; und ich finde 700 Gulden viel, besonders da sie mir jetzt so überaus gut zu statten kommen, d. h. im Verlauf des Jahres, auf ein paar Monate kömmts hier gar nicht an. Wissen Sie noch, wie Sie im vorigen Winter meinten, ich solle dem Cotta, wenn er nichts biete, mein Manuscript umsonst geben, nur um in seinen Verlag zu kommen? Wie soll ich mich denn nun nicht freuen, wenn er mir 700 Gulden giebt, wo ich sie grade so nöthig brauche? Ich freue mich – und freue mich sehr, und Niemand solls mir wehren. Aber es wehrts mir auch Niemand; tout le monde ist hintennach zufrieden. Aber jetzt dürfen wohl ohne Cottas bestimmte Einwilligung keine Gedichte aus der Sammlung genommen werden? Will er z. B. den Spekulanten, als sein Portrait, nicht umkommen lassen, meinetwegen! Aber es ist sein eigner Schade, wenn das schlechte Zeug drinnen bleibt. NB. Wenn ich so etwas über Cotta sage, was mehr cavalièrement als höflich gesagt ist, so hüten Sie sich, es Jemanden, z. B. dem Kolb, mitzutheilen. Kolb mag ein ganz guter Mann sein, vielleicht eine Perle von einem Manne, aber er bleibt immer Cottas rechte Hand, und man kann Niemanden stechen, ohne daß die Hand, wenigstens heimlich, mitzuckt. Ein Mann, der sich zwischen so vielen Leuten und ihren corrupten Grillen durchwinden muß, kann seiner Stellung nach unmöglich das Herz auf der Zunge tragen, obwohl ein scheinbares Eingehn auf die Ansichten Anderer ebenso nothwendig ihm zur andern Natur werden muß. Ich zweifle nicht, daß Kolb den Cotta im Grunde gern hat, wenigstens sehr empfindlich für dessen Ehre ist, und möchte Sie dringend bitten, dieses, selbst in den freundschaftlichsten Verhältnissen, nie zu vergessen; jedenfalls gebrauchen Sie in Rücksicht auf meine etwaigen Äußerungen der Art die größte Vorsicht, wenn nicht aus Überzeugung der Nothwendigkeit, doch mir zu Liebe, weil ich es wünsche und Sie darum bitte. Es liegt für mich etwas Schimpfliches in jedem, selbst einem bloßen Geschäftsverhältnisse, wo nicht jeder Theil von der Achtung des andern überzeugt zu sein glaubt, und ich würde mich auf eine solche Veranlassung augenblicklich herausziehn, so weit mir Freiheit gelassen wäre. Zwar habe ich gar keinen Grund, Cotta'n nicht zu achten, aber ich möchte doch nicht genöthigt sein, jedes Wort gegen Sie auf die Goldwage zu legen. – Sagen Sie mir, um noch einmal auf das Geschäft zurückzukommen: muß ich denn nichts unterschreiben? Haben Sie für mich unterschrieben? Und ist die Handlung damit zufrieden? Wissen Sie wohl, daß ich von Ihren Gedichten eigentlich nur sehr wenige kenne? Vielleicht nicht zwanzig Stück im Ganzen. So würde Ihre Sammlung also sehr viel Neues für mich enthalten, und Sie können denken, daß ich gespannt darauf bin. Ich will jetzt auch nur wieder fleißig an mein »Bei uns zu Lande« gehn; ich denke, es wird gut; aber wie sich die Ansichten ändern – hoffentlich reifen –! Das Buch wird gewiß ein ganz anderes, als es vor zwei Jahren, wo ich den Entwurf machte, geworden wäre, und doch lag es auch damals wahrlich nicht an meinen Kinderschuhen. Aber die Manier Washington Irvings und einiger französischen Genremaler hatte doch mehr auf mich influirt, als ich mir bewußt war, und keine Manier hält vor; ist sie nach einigen Jahren verbraucht, so wird sie vorläufig um so viel widriger als die eigentliche veraltete Schreibart, wie altmodig widriger ist als altfränkisch, und jeder, dem damals ein Plan stecken geblieben ist, freut sich hintennach, daß er den Purzelbaum nicht hat mitmachen müssen. Nun Adieu, mein lieb Kind, Gott segne Sie und Ihre Louise und Alles, was Ihnen lieb ist. – Louise meint, Sie hätten mich ihr Wohl verschrieben anstatt »sie mir.« zu vorteilhaft beschrieben; ich mag mit keiner Retourchaise fahren, aber was wird Louise sagen, wenn sie mich altes, dickes Madämchen sieht – Ich wette, Sie haben eine Fürstin, eine Glorienträgerin aus mir gemacht, und ich bin doch wirklich nichts als ein altes, krankes, dickes Madämchen, – was das Äußere anbelangt. Adieu, Adieu. Schreiben Sie mir bald wieder, besonders wenn ich noch über Veränderungen nachsinnen soll; das geht oft rasch, oft fällt mir erst nach acht Tagen zufällig das Passende ein. NB. Sagen Sie mir, wie viele von den Freiexemplaren Sie nöthig zu haben glauben. Bekomme ich einige, so ists mir lieb, wo nicht, schwätze ich mich drum weg. Aber für Jenny muß ich eins haben, und für Pauline Droste in Bonn, den Beiden hab' ich es zugesagt. Die Cölner Zeitung wird hier noch gehalten; weshalb fragen Sie darnach? Schreiben Sie oder Louise zuweilen hinein? Die Allgemeine auch. Meersburg den 29sten Februar 1844. (An Louise Schücking.) Zum ersten Male, meine liebe junge Freundin, setze ich mich mal recht fest hin, um Ihnen in Ruhe zu schreiben; dieser Brief gilt natürlich für Levin mit, aber Sie sind es doch, an die ich meine Gedanken eigentlich richte, und Ihre Augen, groß, klar und freundlich, wie ich sie mir denke, sehen mich an, während ich zu Ihnen rede. Es ist etwas Seltsames um einen vertrauten Briefwechsel, ohne sich persönlich zu kennen, etwas höchst Reizendes und doch wieder Beklemmendes, da selbst die glücklichste Phantasie uns grade über die feinsten und reizbarsten Seiten des Andern nichts sagen kann. Sie habens darin besser wie ich: Levin kennt mich sehr genau, weiß immer voraus, was ich denken werde, und erräth vielleicht aus einem halben Worte mehr, als ich mir selbst klar bewußt war; ich hingegen bin ganz mir selbst überlassen und einer Phantasie, die mich vielleicht irre führt. Nur Eins steht fest, liebe Louise, daß ich den wärmsten Wunsch und Willen habe, ein möglichst nahes, liebes Verhältniß unter uns zu begründen; Sie haben dies ja auch, – was wollen wir mehr für den Anfang? Daß Ihr beiden Leutchen reich werden wollt, ist prächtig, und mehr als die Hälfte des Wegs dazu; kennen Sie das spanische Sprichwort, daß jeder Papst werden kann, der einen festen Willen dazu hat? Sagen Sie Levin doch, daß ich wegen Uhlands mit Laßberg gesprochen habe; dieser meint aber, so wie er Uhland kennt, würde es weit sicherer zum Ziele führen, wenn ihm Levin selbst darum schrieb. Fürs Erste sei Uhland viel zu bescheiden und zu wenig von der Anerkennung der modernen Litteraten überzeugt, anderseits zu bekannt mit Laßbergs alter Vorliebe für ihn, als daß er nicht leicht glauben sollte, Laßberg habe Levinen zu diesem Ansuchen stimulirt oder es ihm gar halbwege in den Mund gelegt; dann erleichtre ihm Levin durch die Vermittlung eines Dritten gar sehr die abschlägige Antwort, zu der er sonst auf directem Wege zu schüchtern und freundlicher Natur sei, um so mehr, da er Levinen persönlich kenne. Ich glaube, Laßberg hat Recht, und Levin wird dies wahrscheinlich auch finden, wenn er sichs recht überlegt. Daß Cottas Generösetät mich höchlichst überrascht und gefreut hat, können Sie denken; ich würde mich außerordentlich darüber freuen, wenn ich nicht fürchtete, Levin habe mir zu seinem eignen Nachtheile genutzt. Ach, Louise, Cotta ist verdrießlich, sehr verdrießlich! Die Worte: »Ziehen Sie aber vor, den Contract ganz aufzuheben, so steht dies auch zu Dienst« sind mir schwer aufs Herz gefallen. Was helfen mir alle Vortheile, wenn es dem armen Jungen nachher heimkömmt! Geschäftsleute pflegen zwar zumeist auf Brauchbarkeit zu sehn, ohne sich viel mit Sympathien und Antipathien abzugeben; aber ich sehe aus dem Briefe, daß Levin selbst mit Cotta in Unterhandlungen wegen des »Günthers« steht, und da, fürchte ich, behandelt dieser ihn fortan wie einen hartnäckigen Forderer, dem man sich entgegen stemmen und ihn vor Allem nicht verwöhnen muß. Wie mache ichs nur wieder gut? Ich denke, am Besten ists, ich liefere eine Zeitlang unentgeltlich ins Morgenblatt und helfe ihm dieses etwas altersschwache Journal wieder auffrischen. Es liegt mir doch allerlei im Sinne, was ich nur heraus schreiben muß, um es los zu werden, und dann doch nichts Anderes damit anzufangen weiß, da es sich meiner gegenwärtigen größeren Arbeit nicht anpassen läßt, z. B. einige Stoffe zu kleineren Gedichten (5–6 Strophen), die mich plagen, und wo es auch Schade darum wäre, wenn ich sie verkommen ließ, da sie mir zusagen. Dann hat Laßberg mich gradezu ersucht, ein altes Gedicht – nicht Manuscript –»Kaiser Otto mit dem Barte« in unser heutiges Deutsch zu übersetzen, und ich kanns ihm durchaus nicht abschlagen. Es ist auch eine geringe Arbeit, etwa 700 Verse; Reim und Vers können fast unverändert bleiben, und doch ist es in seiner jetzigen Gestalt nur gar Wenigen zugänglich. Auf diese Arbeit rechne ich, das Abschreiben eingeschlossen, höchstens vierzehn Tage. Endlich will mir eine englische gar hübsche Gespenstergeschichte nicht aus dem Kopfe, seit ein Sir Pearsall sie mir erzählt hat, und wohin soll ich sonst mit diesem Findling? Ich werde nie etwas schreiben, dem ich ihn anpassen könnte. Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich wahrscheinlich schon mit der einen oder andern dieser kleinen Arbeiten im Zuge, und wenn Levin nicht ganz besondere Gründe hat, mir abzurathen, so möchte ichs sehr gern mit ihnen machen, wie ich eben gesagt, um doch dem Cotta nicht gar zu lumpig gegenüber zu stehn, und vor Allem um den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, ich sei eben für seinen Geldbeutel eine miserable Acquisition. Wachen Sie etwas über unsern guten Jungen, liebes Frauchen, wenn er seine generösen Anfälle bekömmt, sonst opfert er den Rock vom Leibe und geht selbst in Hemdärmeln. Ein Philister ist er freilich wohl, wer zweifelt daran! – aber eben deshalb ein um so besserer Ehemann, und je weniger sich seine westphälische Natur lange in den Wolken halten kann, ohne seekrank zu werden, um so fester wurzelt sie in Allem, was ihr einmal heimisch und eigen geworden ist. Bei ihm liegen sich der Poet und der Philister immer in den Haaren; der Erste trägt, wie billig, den Sieg davon, läßt aber doch vom Andern noch genug übrig, um das Leben zu würzen, ohne es zu versalzen oder verpfeffern. Er hat mich oft miserabel en bagatelle behandelt, und doch hat der Schlingel anderseits etwas Herzliches an sich, weshalb man schon anderthalb Augen zudrückt. Wir wollen einander unser Leid klagen, da trägt sichs leichter, und hinter seinem Rücken rathschlagen, da rathen oder schlagen wir vielleicht einige Besserung heraus. In unsre Briefe wird er seine indiscrete Nase stecken, das kann ich mir ganz klärlich vorbilden; aber wenn wir erst mal beisammen sind, dann gnade ihm Gott! Wären wir erst beisammen! Der Frühling scheint so langsam zu kommen, und ich fürchte, Sie treffen die Gegend noch im halben Negligé, was mich doch ärgern würde, denn sie kann süperbe Toilette machen, das kann ich Sie versichern! Doch spürt man auch den Winter hier weniger als anderwärts; das immer lebendige, rollende Gewässer und die immer gleich grau durchklüfteten Alpen ersetzen Vieles. Mein Thurm ist köstlich, d. h. meinem Geschmacke nach: einsam, graulich, – heimliche Stiegen in den Mauern, – Fensterscheiben mit Sprüchen von Gefangenen eingeschnitten, – eine eiserne Thür, die zu Gewölben führt, wo es Nachts klirrt und rasselt, – und nun drinnen mein lieber, warmer Ofen, – mein guter, großer Tisch mit Allem darauf, was mein Herz verlangt, Bücher, Schreibereien, Mineralien, – und als Hospitant mein klein Kanarienvögelchen, das mir aus der Hand frißt und die Federn verschleppt. O es ist ein prächtiges Ding, der runde Thurm; ich sitze darin wie ein Vogel im Ei, und mit viel weniger Lust herauszukommen. Mein Wachtelhündchen habe ich abgeben müssen; Laßberg meinte, es würde endlich Flöhe bringen, obwohl es noch so rein und seiden war wie eine Boa von petit-gris . Es ist mir leid gewesen, aber mein Vögelchen ist auch gut und singt unendlich besser als Ali, so oft die Glocken läuteten. Sie sehen, ich thue dick mit meinen Schätzen, aber das muß man reichen Leuten schon übersehn. Meersburg fängt übrigens seit Kurzem an sich heraus zu machen; wir haben ein Theater, und – denken Sie! – ein sehr gutes. Das Local ist allerdings lächerlich elend, eine große Tanzstube im Wilden Manne, – Levin kennt ihn, dem Schiffe gegenüber, – wo die Schauspieler zwei Fuß über dem Boden agiren und doch mit den Federbüschen die Decke fegen; aber die zwölf Mann starke Truppe ist wirklich gut und im Lustspiel sogar vorzüglich. Der Direktor, Herr Wurschbauer, ein Schauspieler von Ruf, früher verhätscheltes Mitglied eines bedeutenden Theaters – ich meine in Dresden – dem's aber wie der Geis »zu wohl im Stalle« geworden ist, und der jetzt mit seiner Familie und einigen andern gleich freiheitsdürstenden Freunden zur Abwechslung mal eine Art Vagabundenleben versucht. Ich denke, es wird nicht lange währen, so haben sie es satt; die Besseren kriechen wieder bei ordentlichen Theatern unter, und die Andern kommen auch schon fort; denn entschieden schlecht spielt Keiner. Gestern gaben sie den »Heurathsantrag auf Helgoland«, ganz vortrefflich. Ihre Garderobe ist noch gut, die Decorationen nicht störend, und sie beschränken sich auf kleine Stücke. So habe ich seltsamer Weise Gelegenheit, wöchentlich dreimal für vierundzwanzig Kreuzer einen Komiker zu sehn, bei dessen Auftreten noch vor drei Jahren in Dresden die Preise erhöht wurden. Dergleichen romantische Wunderlichkeiten können nur in Meersburg passiren; sie gehören zum wunderlichen alten Schlosse mit dem wunderlichen alten Gerümpel darin, zu Laßberg, den Alpen und dem Herrn Figel, der NB. auch wieder aufblüht, d. h. seine Schulden bezahlt, und wieder con amore mit seinem Zöpfchen wedelt. Ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht, die mir zusagen; nur liegt leider ein Stückchen Weges zwischen uns, was mich doch für die meiste Zeit auf meine gewohnte Einsamkeit beschränkt. Die eine, Fürstin Salm, anderthalb Stunde von hier, kömmt jeden Sonntag, ist eine sehr gute und durchaus fein gebildete Frau von etwa sechsunddreißig Jahren – eine geborne Hohenlohe –, malt sehr hübsch, liest viel, ist passionirt für Musik und möchte mich, da sie furchtsam im Fahren ist, viel lieber auf einige Zeit herüber verlocken, als jeden Sonntag unter Stöhnen und Zittern den Berg hinan fahren; ich habe aber keine Zeit und weiß wohl, was es mit den schönen Redensarten von »ganz ungenirt, ganz für sich, soviel man will, sein« auf sich hat, – man kömmt doch zu nichts; sonst habe ich sie sehr gern und freue mich schon am Samstag auf ihren Besuch. Noch lieber ist mir die andre, Miß Philippa Pearsall, Tochter eines englischen Baronets, der sich im Canton St. Gallen angekauft hat, ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von zwanzig Jahren, in der eine tüchtige Malerin und Gesangcomponistin steckt. Sie entwirft ganz reizende Skizzen, sowohl im Genre als nach der heiligen Geschichte, ist von ihrem Vater, einem originellen Musikenthousiasten, in alle Geheimnisse des Contrapunkts eingeweiht und singt ihre einfachen aber rührenden Kompositionen mit einer wunderbar tiefen, erschütternden Stimme. Hübsch ist sie nicht, aber sehr angenehm, bescheiden und geistreich, und so frisch in allen ihren Gefühlen, daß es Einem wohlthut, nur ihr Gesicht zu sehn, wenn sie etwas interessirt. Die Gelegenheit wird bestimmen, ob sie noch mal einen bedeutenden Ruf erlangen oder ihre Talente halb ausgebildet fürs Haus verbrauchen wird. Es wär jammerschade, wenns beim Letzten bleiben müßte! Vater und Tochter waren auf vierzehn Tage hier, und es wird wohl lange anstehn, bis sie wiederkommen, – vielleicht gar nicht vor unsrer Abreise, obwohl Philippa Himmel und Hölle in Bewegung setzen will; denn sie scheint mir eben so attachirt, als ich es ihr in der kurzen Zeit wirklich geworden bin. Warum haben die Leute nur nicht das neue Schloß gekauft, wie sie anfangs Willens waren! Aber Sir Pearsall wollte ein Landgut, und so wohnen sie jetzt in einer alten bethurmten Ritterburg – Wartensee –, sehr romantisch, wie ich höre, aber ohne alle Mittel zu Philippas Talentausbildung, d. h. im Malen; denn was Musik betrifft, besitzt der Papa die Kenntnisse von einem und den Eifer von sechs Lehrern; aber sie hört nie ein Orchester, das ist doch schlimm! Meine männliche halbe Bekanntschaft in Meersburg, von der ich Levinen schrieb, habe ich kaum angeknüpft und wieder aufgegeben. Der gute Mann ist allerdings ein Schöngeist, aber ein sehr gezierter und, ich fürchte, auch oberflächlicher. Seine größere Eleganz in Sprache, Anstand und auch Geschmacksrichtung zeichnen ihn freilich hier vortheilhaft aus; aber ich glaube, damit ists auch all, und so halte ich mich lieber an meinen alten Freund, Herrn Jung, der doch gründliche Kenntnisse und eine frische, lebendige Begeistrung für sein Fach – Musik – hat. Doch sehe ich diesen auch nur selten und zufällig, da ich keine Besuche mache, in meinem Thurme keine annehme und bei den Besuchen droben im Hause nur zufällig zugegen bin; so bleibe ich denn auf die wöchentlichen Zusammenkünfte mit der Salm reducirt. Es ist mir aber auch genug so; ich habe zu arbeiten, auszuruhn und viel, viel zu denken nach Augsburg und Münster hinüber. Wir sind jetzt grade sehr besorgt wegen Mangel an Nachrichten von Hause. Meine Mutter hatte ihrer Kammerjungfer, die sie Kränklichkeit halber zurück lassen mußte, Schreibtermine gesetzt, die bis jetzt pünktlich eingehalten wurden; Fastnacht war nun wieder einer gewesen, und der Brief bleibt aus; entweder ist das arme Ding selbst viel kränker geworden, oder sonst etwas passirt, vielleicht meiner Alten Annettens Amme, eine alte Bauernfrau, die seit dem Jahre 1834 ständige Hausgenossin in Rüschhaus war und dort im Februar 1845 starb. Ihr ist die vorletzte Strophe der »Grüße« und die letzte des Gedichtes »Was bleibt« gewidmet. – Levin wird Ihnen sagen, wer diese Person ist, und wie vielen Grund ich hätte, mir ihren Verlust sehr nahe zu nehmen –; ich will mich indessen nicht vielleicht unnöthig abängsten und schlage es mir aus dem Sinn, so gut ich kann. Zu etwas Anderem! Den 4ten März. Wir haben Damenbesuch gehabt, keinen der Rede werthen, aber um desto zeitraubenderen, da ich natürlich um so mehr muß ziehen helfen, je schwerer die Unterhaltung rutscht; so komme ich erst heute wieder zum Schreiben. Wir hatten die ganze Woche durch ein Mordwetter; meine Fenster klirrten und krachten Tag und Nacht wie Vogelscheuchen, und ich hörte sogar durch die fünf Fuß dicke Mauer hinter meinem Bette den Schneeregen anschlagen, als wenn Mäuse im Stroh knisterten. Gestern, Sonntag, nun vollends schneite es ganze Wolkenfetzen und regnete Ziegel, so daß ich gar nicht auf meine gute Salm rechnete, und doch kam sie, aber halbtodt vor Kälte und Angst. Sie ist eine gute, freundliche Seele, und ich habe ihr nun auch versprochen, auf einige Tage zu ihr zu kommen, wenns erst sonnig und grün draußen ist, obwohl ich meine Zeit sehr nöthig habe. Nicht als wenn ich so fleißig wäre; Sie würden mich faul nennen, liebe Louise; es geht mancher Tag hin, wo ich keine Feder ansetze. Aber dann bin ich unwohl, nicht grade krank, aber auf dem Punkt es zu werden, und muß ohne Gnade meinen Tag zwischen Spazieren und Ausruhen vertheilen, um über solche halbe Anfälle weg zu kommen. Die Zeiten, wo ich arbeiten kann, sind mir gar zu karg zugemessen und ein Schatz, den ich nur mit blutendem Herzen auswärts verschleudere, während es doch doppelt fatal ist, in der Schwebe zwischen gesund und krank unter Fremden noch charmant sein zu müssen; deshalb hake ich mich in meinem Stalle fest wie eine störrige Geis. Nun zu einigen Punkten aus Levins soi-disant Brief. Zuerst wunderts mich, daß ich noch nirgends eine Anzeige meiner Gedichte lese, oder geschieht dies nicht vor vollendetem Drucke? Cotta ist doch nicht in Differenzen mit Levin gerathen und hat den Contract aufgehoben? Antworten Sie mir doch hierauf, denn es macht mich besorgt. Mit den beiden Veränderungen in »Stadt und Dom« bin ich schon deshalb zufrieden, weil mein Einspruch gewiß zu spät gekommen wäre, da der bewußte erste Druckbogen dies Gedicht unfehlbar enthielt; auch mag »Weltensinn« statt »Weltsinn« (irdischer Sinn), ein Ausdruck, der mindestens in religiösen Schriften oft vorkömmt, mehr als gewagt, nämlich gradezu unverständlich sein. Mir schiens selbst halbwege so, und der »irdische Sinn« hat schon mal dagestanden; aber mein Bruder et Consorten stimmten für den weicheren Vers, da ihnen als frommen Leuten der »Weltsinn« sehr bekannt war und sie der allerdings mehr freisinnigen als praktischen Ansicht waren, auf eine Handvoll Buchstaben komme es nicht an, wenn Jeder doch merke, was die Glocke geschlagen: so ließ ichs gut und lasse es jetzt besser sein. Dem Niagara hätte ich jetzt aber wohl einen andern Remplaçanten als »wie ein gewaltger Wogenschwall« gegeben. Die Zeit ist soeben ein »Strom« genannt, und nun gleich darauf: »wie ein Wogenschwall«, das ist eine matte Wiederholung, ein Pleonasmus und keine Vergleichung, wie der Niagara doch sein sollte; etwa als wenn man statt: »Der Aafluß fließt einer Gassenrinne gleich« sagen wollte: »Der Aafluß fließt einem trägen Flusse gleich«. Ich würde, wäre ich zur Hand gewesen, entweder einen ganz andern Vergleich gesucht oder vielleicht gesagt haben: »Es ist ein Zug, es ist ein Schall, Ein ungemessner Wogenschwall«; so wäre es nur eine Erweiterung des alten Bildes gewesen, kein Anspruch auf ein neues, was nicht da ist. Doch macht es nicht viel aus und wird dem ganzen Gedichte nicht schaden. – Zweitens kann das achte Haidebild nicht »Die Raben« heißen, sondern muß wieder zu dem Früheren »Krähen« degradirt werden. Levin hat diese Abänderung damals gemacht, ohne sich des Inhalts recht zu erinnern, wo Krähen und Raben einander gegenübergestellt werden, – nämlich ein Schwarm Haidekrähen, geschwätzig, gemein, und dem Alter nach nur noch Kinder gegen den vornehmen, ernsthaften, tausendjährigen Raben, der sie von seiner dürren Fichte mit Verachtung betrachtet; dieses ist der Haupthumor des Gedichts und, da er durch das Ganze geht, durchaus nicht wegzuschaffen, selbst wenn er nichts taugte. Die Überschrift »Raben« ist also gradezu dem Inhalt widersprechend; lesen Sie es nur selbst nach. – Drittens. Im »Traum«, Str. 5, Z. 7–8 heißt es: »Und meinen Namen ließ im Flug Sie sacht durch ihre Spalte gehen«; was meinen Sie, könnte man sagen: »Sie über ihre Spalte gehen«? Gleich nachher kömmt: »Mit leisem Schlage dich zu strafen«; das »sacht« und »leise« so schnell nach einander macht sich nicht gut. – Viertens. Im »zu früh gebornen Dichter« darf vor Allem die Variante: »Doch ließ man dies als krankes Blut \&c.« nicht gebraucht werden, wo dann immer derselbe Reim in selber Strophe und sogar zweimal »Muth« als Endreim vorkam, was mir erst hintennach aufgefallen ist. (Levin soll mich nicht auslachen, daß ich ihn aufmerksam darauf mache; ich habe es ja selbst erst hintennach bemerkt.) Vielleicht wäre aber die ganze Strophe am Besten so: »Zwar dünkt ihn oft in krankem (düsterm) Muth Im Manuskripte der Gedichte: »Zwar dünkt ihn oft bei trütem Muth \&c.«  \&c.«, und zuletzt: »So mußt er wohl in (mit) trüber Scheu Sich einen Thoren schelten.« Oder nicht? Aber das »kranke Blut« kann jedenfalls nicht bleiben. – Fünftens. Im » Spiritus familiaris «, Nro. II, Str. 6, Z. 3 heißts: »Ein irres Leben . . [ nescio ] . . und klingelt.« Habe ich dort vielleicht »zieht« gesetzt? Dann muß es fort; »zieht« kömmt in der vorigen Strophe vor und in der folgenden wieder. Es hieß zuerst: »Ein irres Leben schwirrt und klingelt«; weil aber gleich nachher das »Glöckchen schwirrt«, wollte ich es ändern; mich dünkt »streift« oder»streicht« wär schon gut, »zieht« darf aber nicht bleiben, wenns da steht. – Ich wollte, liebste Freundin, Levin schrieb alle die verschiedenen in so viele Briefe zerstreuten Anmerkungen auf ein Blatt zusammen, sonst übersieht er vielleicht grade das Passendste, und es ärgert ihn nachher selber. Über die Abänderungen in meinen bereits gedruckten Gedichten habe ich kein klares Urtheil; man wird durch zu öfteres Überlesen abgestumpft, gegen Gelungenes wie Verfehltes; auch Levinen sind diese Gedichte fast zu bekannt, und ich möchte mich hier am Liebsten auf Ihr noch ganz frisches Urtheil verlassen. Stellen Sie, ich bitte darum, von dem Alten her, soviel Ihnen entschieden besser dünkt als das Neuere. Aber »Der Graue« darf mir nicht wieder auf die alte Weise verstümmelt werden, damit mache ich eine feierliche Ausnahme. Sie denken wohl, ich packe Ihnen da eine Last auf, ohne Sie nur zu fragen: ja, lieb Herz, Levins Frau steht mir viel zu nahe, als daß ichs auch nur einen Brief lang in halbweg ceremoniösem Tone mit ihr aushalten könnte; packen Sie mir wieder aus, wo ich irgend kann tragen helfen, und Sie sollen sehn, wie freudig ich es thun werde. Ich meinte anfangs, ein Blättchen für Levin einlegen zu müssen, über Dinge, die Sie zwar lesen, die ich aber doch nicht gradeweg zu Ihnen sagen dürfe; nun ists mir aber unter dem Schreiben zu Muthe geworden, als kennte ich Sie bereits seit Jahren, und so sage ich Ihnen denn, meine Louise, daß ich mit Ihrem Vorschlage, für längeren Aufenthalt in Meersburg ein Quartier zu nehmen, völlig einverstanden bin. Nicht als ob ich glaubte, Sie bedürften dessen; ich zweifele viel mehr nicht, daß Laßberg Ihnen sofort freundliche Vorwürfe hierüber machen und Sie schon in den ersten Tagen ins Schloß holen wird, wohin Sie ja auch aufs Herzlichste eingeladen sind und mit Freuden erwartet werden; aber für so lange Zeit – sechs Wochen bis zwei Monate – ists doch besser, seine bestimmte Einladung abzuwarten, die gewiß nicht ausbleiben wird. Levin weiß das Alles eben so gut wie ich, und zugleich, welch ein lieber Gast man dem gutlaunigen, nur etwas pünktlichen alten Herrn ist. Wahrscheinlich werden Sie ein paar Zimmer ganz hier zunächst, beim Herrn Hufschmid erhalten können, dessen Frau leider nur noch wenige Tage zu leben hat, oder im Schussenriether Hofe am Schloßplatze; ich würde Ihnen dann rathen, nur wöchentlich zu miethen, und werde Ihnen Alles in Ordnung bringen, wenn die Zeit heranrückt, wo wir Gottlob endlich mal beisammen sind. Dann frage ich Sie auch gradezu, ob Levin Gedichte von mir für seinen Musenalmanach wünscht? Er weiß, wie herzlich gern ich sie ihm gebe, und andrerseits auch, wie wenig Ambition ich habe, so daß mein Antrag sich lediglich auf die Frage reducirt, ob ich mich ihm nützlich machen könne. Gelingts ihm, so viele Celebritäten zusammen zu bringen, wie er braucht, so darf ich jetzt noch nicht darin erscheinen, – ob später, muß die Zeit lehren; vielleicht fehlts ihm aber an Beiträgen, oder wenigstens an unentgeltlichen, um doch auch einigen Vortheil bei der Sache zu finden. Sagen Sie dem guten Jungen, daß mich seine Bemühungen für mich so rühren, daß ich nicht mal darüber schreiben mag; ich fühle, daß es scheinbar geziert und überschwenglich herauskommen würde; aber Gott segne ihn für seine Treue, ich habe ihn außerordentlich lieb, außerordentlich, und Sie auch schon sehr, meine gute Herzenslouise, meine Levinsfrau! Gottlob, das Eis ist gebrochen, ich habe Ihnen vertraut geschrieben wie einer Tochter, und könnte jetzt eben so wenig in einen noch halb fremden Ton zurück, wie es mir anfangs schwer war, die rechte Linie zwischen vertraut und doch wieder fremd zu treffen; es ist vorüber, und ich wüßte jetzt kein Wort, was ich nicht eben so frei gegen Sie aussprechen würde wie gegen Levin selbst. Adieu, meine liebe Freundin, antworten Sie mir bald, oder lassen Sie Levin antworten: mein nächster Brief wird an ihn sein, da ich nicht Stoff genug habe für zwei Briefe an Zweie, die nur Eins sind. Adieu, Ihre treue Annette. O die Stolterfoth! So habe ich sie mir nicht gedacht. Mama, Jenny, Laßberg, Alle grüßen tausendmal. Meersburg den 24sten März 1844. Ich schreibe Ihnen nur ein paar Worte, lieber Levin, nur um Sie selbst zum Schreiben zu bringen. Warum lassen Sie mich so ganz ohne Nachricht? Sollte mein Brief an Ihre liebe Frau vom Ende Februar oder Anfange März, – ich notire leider dergleichen nie – der doch so vieles der Antwort Benöthigte enthielt, verloren gegangen sein? Ihr Schweigen beunruhigt mich ungemein; es ist mir wahrhaftig, als wären Sie todt oder doch nicht mehr in Augsburg oder mindestens ganz aus allen Geschäften mit Cotta geschieden. Ihre Chiffre ist seit lange aus den Beilagen zur Allgemeinen verschwunden, die Ihres Vaters ebenfalls, die Erzählung Ihrer Frau läßt sich auch vergebens im Morgenblatt erwarten, sowie eine Annonce oder Probegedichte, die das Fortrücken meiner eignen Angelegenheit zeigten: Alles gleich todt und stumm, während die Ostermesse vor der Hand ist! Sollten Sie in Differenzen mit Cotta geraten sein, welche die Zurücknahme meines Manuscripts oder gar das Aufgeben Ihrer Stellung oder Beides zur Folge gehabt hätten? Jedenfalls muß ich doch dringend wünschen, davon benachrichtigt zu werden, und will Gott tausendmal danken, wenn die Unannehmlichkeit mein Manuscript allein betroffen hat. Schreiben Sie also nur frisch von der Leber weg; schlimmer, wie ich es mir denke, stehts doch schwerlich, und leicht besser. Noch Eins veranlaßt mich, auf schleunige Antwort zu dringen, Ihr lieber uns angekündigter Besuch, über den einige Verabredungen nöthig geworden sind, um nicht mit einem andern Besuche zu caramboliren, der uns die ganze Freude verderben würde. Das Fräulein Minna v. Ochs aus Cassel hat nämlich in den nächsten Monaten eine Rheinreise vor, und ihre Nichte aus Münster, die Räthin Rüdiger, die sie begleitet, hat ihr zugeredet, dieselbe bis Meersburg auszudehnen, wo sie einige – ich denke etwa acht – Tage bleiben und dann die Rückreise antreten werden. Letztere schreibt mir hierüber: »Der Plan stehe fest, den Zeitpunkt aber möge ich bestimmen, wie er Laßbergen am bequemsten und mir am passendsten sei, um mich einer Rigi-Tour anzuschließen, bei der sie ganz sicher auf meine Gesellschaft rechneten; am Liebsten würden sie kurz vor unserer Rückreise eintreffen, um diese gemeinschaftlich mit uns zu machen \&c.« Ich brauche Ihnen nicht auseinander zu setzen, lieber Levin, wie durchaus fatal und Alles verderbend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde; mich wenigstens würde es höllenmäßiger Laune machen und keins der Andern guter. Mit einem Worte: es geht gar nicht. Die beiden Damen ahnden nichts von der Lage der Dinge, und ein Wink von mir würde allerdings hinreichen, den Plan in seine früheren Schranken zurückzuführen, wozu ich mich aber um so weniger entschließen kann, da Beide sich eine große Freude dabei denken. Können Sie mir nun, genau und unabänderlich, fest stellen, wann und auf wie lange wir Sie hier erwarten dürfen, so bestelle ich meine Damen vor oder nachher. Steht dies nicht in Ihrer Macht, so muß – Laßberg wird alt und schwach, ein lieber Besuch ist ihm sehr lieb, aber Alles, was an Getreibe grenzt, macht ihn durchaus confus und unglücklich – jener Wink gegeben werden, was am Ende auch nicht so viel ausmacht, da den Beiden doch immer eine schöne Rheinreise, wahrscheinlich dann vermehrt durch eine Mosel- oder Neckarfahrt oder einen Ausflug nach Brüssel, bleibt. Nur Antwort muß ich sogleich haben, denn ich bin selbst um schleunige Antwort angegangen. Unsre Rückreise wird wohl im Juni stattfinden – ist wenigstens vorläufig so festgestellt –, sich aber jedenfalls nach Zeitpunkt und Dauer Ihres Aufenthalts modificiren. Die Damen sprechen von April oder Mai, weil sie sich dann die Zeit unsrer Rückreise denken; das scheint aber der einzige Grund und ihnen sonst jeder Monat gleich zu sein. Antworten Sie mir doch sogleich, liebster Levin, und zwar so, daß ich mit Sicherheit darnach handeln kann; doch dies hätte ich nicht zweimal sagen dürfen, da Ihnen alle hierbei zu berücksichtigenden Umstände und Stimmungen ja eben so bekannt sind als mir. Adieu, mein liebstes Kind, Gott segne Sie und Ihr Frauchen! Adieu, Adieu, – es ist gleich fünf Uhr, dann wird die Post geschlossen. Aber nur gleich Antwort. A. D. Madame Hufschmid bessert sich, wenn man den Übergang von schneller Erlösung zu wahrscheinlicher Wassersucht Besserung nennen kann. Doch giebts noch genug andre statt dieses Quartiers, sobald ich nur Auftrag habe. Ich habe schon ein halbes Dutzend Gedichte liegen fürs Morgenblatt, – vide den Brief an Frau Louise, der überhaupt bei Ihrer Antwort zur Hand genommen werden muß. Vergessen Sie nur nicht übers Letzte das Erste, nämlich mir wegen des Manuscripts zu antworten, und sein Sie vor Allem, ich bitte aufs Herzlichste darum, ganz offen gegen mich hinsichtlich Ihrer Stellung zu Cotta. Laßberg und Jenny grüßen tausendmal. Meersburg den 17ten April 1844. Ich bin krank gewesen, Levin, schon vor der Charwoche piano angefangen, und die Charwoche hat mich ganz kaput gemacht, seit Ostermontag im Bette, mit zugeschwollenem Halse und Fieber, vorgestern zum erstenmal aufgestanden, gestern die Gedichte abgeschrieben, und heute noch geschwind ein Appendix und dann zur Post! Wozu viel schreiben, da es mich noch sehr angreift, und Gottlob, Gottlob wir uns in vierzehn Tagen Alles mündlich tausendmal besser sagen können? Ein Quartier habe ich, klein, aber reinlich und billig, und immer See und Alpen vor Augen. Die Sache war schwieriger, als ich gedacht: Niemand wollte anders wie halbjährig vermiethen; zudem überall Zimmer genug, im Schussenriether Hof \&c., aber leere Wände, blank und baar, und auch anderwärts fast nirgends Möbel, und gar nirgends Betten und Weißzeug, außer in der Traube, was, wie Sie wissen, früher ein Wirthshaus war. So hatte ich eigentlich gar keine Wahl und habe nun dort das Quartier für Sie genommen, was früher nacheinander Stiele, Hannea und die Räthin Waldmann bewohnten: zwei Zimmer, gar nicht zu klein, wenn sie nicht an der hier unvermeidlichen Niedrigkeit litten, das kleinere mit zwei sehr guten neuen Betten, in beiden kein Sopha, aber das Nöthige an Tischen, Stühlen, Kommode, Kleiderschrank \&c., und Weißzeug dazu, das Ganze wöchentlich für zwei und einen halben Gulden – das scheint mir doch nicht theuer! und das ganz gleiche Quartier unter Ihnen hat eine sehr elegante Frau von Friedrichs aus Constanz, die Seebäder brauchen will, gemiethet und ist froh, es zu haben. Man hat mir hier für um nichts bessere, unmöblirte und lange nicht so reinlich gehaltene mitunter mehr abgefordert, was ich freilich auch unverschämt gefunden habe. Frühstück können Sie im Hause bekommen, so oft Sie wollen, Mittagsessen aber nicht, haben aber ganz nahe zum Löwen. Die Tochter vom Hause – der Traube – wird sich gewiß besonderer Aufmerksamkeit befleißigen, da sie hier im Schlosse das Kochen gelernt hat; kurz, ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte, und meine, es gehe auch schon recht gut so. Von den Gedichten Dieser Brief ist von Annette auf zwei Dritteile der zweiten Seite eines einzelnen Blattes niedergeschrieben, dessen erste Seite mitsamt dem ersten Drittel der zweiten durch die letzten Zeilen des Gedichtes » Silvesterabend ,« die Gedichte » Einer wie Viele und Viele wie Einer « (in den »Letzten Gaben« als »Stille Größe« erschienen), und » Der Nachtwandler « ausgefüllt sind. nehmen Sie, was Ihnen ansteht. Sie sehn, an Varianten habe ich's nicht fehlen lassen, bald darüber, bald daneben geschrieben, wie es der Raum mit sich brachte. Sie müssen hierbei immer die vorhergehende und folgende Strophe berücksichtigen und können – vielleicht – nicht alle Ihnen besser scheinenden Lesarten zugleich benutzen, sonst könnte es Wiederholungen geben, – Endreime oder einzelne Ausdrücke, die an beiden Stellen offenbar bezeichnender wären, aber der Nachbarschaft wegen einmal geopfert werden müssen, und es fragt sich nur wo? Kurz, brechen Sie die Sache nicht gar zu arg übers Knie; es sind ja nur sechs Gedichte, die können Sie mir zu Gefallen wohl ein paarmal überlesen. Wenn ich von einem Dutzend geschrieben habe, so war dies halbwege nur in spe ; ich habe zu sechs oder achten noch die Ideen und die eine oder andere Strophe fertig und wollte nach Ihrem letzten Briefe gleich Alles klar und nett machen, um nicht wie ein Prahlhans dazustehn; das ist aber Alles in Haferschleim untergegangen, und ich habe, wie gesagt, statt Poesie Trübsal blasen müssen. Ich mache übrigens die Dinger doch noch fertig, da sie mir mal im Kopfe rumoren; aber dann ists zu spät für Ihren Almanach. NB. Die überschickten müssen Sie in dieser Reihenfolge lassen; ich habe sie oft genug anders probirt. wo sie dann immer zu heterogen oder zu ähnlich zusammen kamen. Der »sterbende General« z. B. nimmt sich nach jedem der andern – durchgängig etwas sentimentalen – plump aus, steht vornan aber recht gut. Der »Nachtwandler« macht sich auch nirgends als am Ende, am Wenigsten neben dem »General«, wohin er sonst seiner Balladennatur nach gehörte, und » Gemüth « und »Einer aus Vielen« haben zu große Ähnlichkeit, sogar in einzelnen Ausdrücken, um neben einander zu stehen. Auch macht sich, wie ich es geordnet, die Abwechslung des Versmaßes bei Weitem am Besten. Sollten Sie aber das eine oder andere Gedicht ganz ausmustern, so entstehen freilich wieder verbotene Annäherungen, und ich muß mich dann auf Ihren Geschmack verlassen, da ich nicht weiß, wen die schwarze Kugel trifft. Aber mit meinen andern Gedichten geht der Cotta mal artig um! Das ist mal saubres Papier! und auch nicht viele Druckfehler. Ich will Ihnen die gefundenen hersetzen, obwohl ich meine, Niemand sieht die Liste nach, wenn ihm nicht grade etwas Sinnentstellendes aufgefallen ist, weshalb sie Ihnen auch entgehn mußten, da Sie das Manuscript nicht zur Hand haben. Also: S. 7 Z. 15 statt »trugst« lies »trügst«. – S. 10 Z. 3 st. »Zinnenhang« l. »Zinnenhag« (dies haben Sie auch angestrichen). – S. 16 Z. 10 st. »ein Geist im echten Gleise« l. »ein Christ im echten Gleise« (ein fataler Druckfehler, da das Gedicht dadurch einen eben so modern philosophischen Anstrich bekömmt, als ich es grade orthodox christlich zu halten wünschte). – S. 20 Z. 24 st. »Singt, aber zitternd wie vor'm Weih die Tauben« l. »wie vom Weih« und auf derselben Seite Z. 26 st. »Ihr ward die Zeugen« l. » wart die Zeugen.« – S. 48 Z. 10 ist eigentlich kein Druckfehler, sondern eine in der Feder gebliebene, mir besser scheinende Variante, die ich auf diese Weise einschmuggeln möchte. Es heißt nämlich: » Fundus! Bei Gott, ein Fund das Backwerk drin!« da hat mich das holprige »Backwerk« immer gestoßen; wärs nicht fließender: »die Brezel«? oder lasse ich's beim Alten? – S. 51 Z. 16 st. »Ufergrün, hab gute Wacht« l. » halt gute Wacht.« – S. 64 Z. 8 (die Krähen) st. »Mich dünkt, man müßt' es hören, wenn nur ein Kranker schlich« l. »ein Kanker « (die langbeinigen Spinnen im Haidekraut). – S. 73 Z. 7 st. »Haideweisen« l. »Haideweise« (sonst reimt sichs nicht). Das ist Alles, aber freilich habe ich auch nur ein kleines Stück vom Ganzen unter Händen gehabt. Lachen Sie nicht, daß ich immer die ganzen Stellen anführe; das ist nur für Sie, zu Ihrer Beruhigung, damit Sie nicht denken, ich corrigire Fatalitäten hinein. Übrigens ist im »Prediger« eine ganze Strophe weggeblieben, offenbar, weil ich selbst sie ausgelassen habe, ob absichtlich oder aus Versehen, weiß ich nicht. Ich erinnere mich, daß ich einmal Lust hatte, sie zu streichen, und sie mir dann wieder sehr gut schien. Wenn Sie hier kommen, will ich sie Ihnen vorsagen; jetzt ist doch nichts mehr daran zu machen. Ich will sie Ihnen doch zum Spaß hersetzen; es war die vorvorletzte: »Enthüllt hat er der Rechnung Moderschimmel, Mit der wir abgeschlossen für den Himmel, Die feige Güte, halbe Rechtlichkeit. Es waren Worte wie der Lava Gluten, Man hörte seines Herzens Adern bluten, Wie ein Prophet stand er der alten Zeit.« Das »Blutenhören« gefiel mir nicht, weil man schon früher »seines Heilands Blut tröpfeln« hört; sonst wärs schon gut. Aber Gott im Himmel, das Papier ist zu Ende, Postschluß vor der Thür, und ich habe Ihnen noch nichts über Ihren Günther gesagt. Mit ein paar Worten geht das jetzt nicht mehr; denn er hat keine fehlerhaften Stellen, ist überhaupt unvergleichlich besser als Ihre früheren Proben in diesem Fache, und doch möchte ich, daß Sie ihm noch im Ganzen etwas nachhülfen. Das läßt sich aber eigentlich nur mündlich, das Buch zur Hand, bereden, wenn Sie erst hier sind. Ach, Levin, ich freue mich viel zu arg auf unser Beisammensein, sodaß es mir oft vorkömmt, als könnte deshalb nichts daraus werden, und dann scheints mir doch wieder so nah vor der Hand, daß ich gar nicht schreiben mag. Hätte es nicht mit den Almanachsgedichten und vor Allem den Correcturen auf den Nagel gebrannt, ich hätte wahrhaftig nicht mehr geschrieben oder höchstens: Guten Tag, Levin, kommen Sie, kommen Sie! Wenn ich nur wüßte, um welche Stunde am ersten Mai Sie ankommen, ob per Post oder Dampf! Tausend Liebes an Louise; Alles freut sich hier auf Sie – auf alle Beide. Adieu, Adieu, mein Kind. Gottes Segen über Euch. Wenn Sie per Dampf kommen, denken Sie doch an die Zollgeschichten, daß man nichts Neues einführen darf und Alles durcheinander geworfen wird. Laßberg, Mama, Jenny, Alle grüßen viel tausendmal. Das Journal mit der brillanten Recension schließe ich nicht bei; Sie kommen ja! NB. »Mondesaufgang« und »Gemüth« haben auch etwas zu viel Ähnliches; was meinen Sie, wenn das Letzte (Gemüth) und »Einer aus Vielen« die Plätze wechselten? Sehn Sie mal selbst nach. Augsburg den 26sten April 1844. Tausend Dank, mein geliebtes Mütterchen, für Ihre Vorsorglichkeit, was Musenalmanach und Quartier angeht! Es thut mir nur immer so leid, daß Sie sich so plagen und nun trotz Ihrer Krankheit sogar sich aufgerappelt und die Verse abgeschrieben haben, – Gott Dank aber, daß Sie wieder auf und wohl sind; ich nehme das Letztere wenigstens an, der Sommer kommt so schön in's Land, und die reine, ungetrübte Luft muß Ihnen wohl thun, nicht wahr? Für die Verse danke ich noch einmal, denn sie sind sehr schön, besonders aber der » Nachtwandler «, und » Einer wie Viele «. Ich denke sie in der Ordnung, wie Sie sie angegeben haben, abdrucken zu lassen, wenn überhaupt der Musenalmanach gedruckt wird. Es scheint, daß dazu E. Geibels Name zu anrüchig bei den Poeten ist, denn bis jetzt laufen wenig Beiträge ein, und so ist die Sache immer noch precair. Lenau, der neulich einen Abend bei mir war, nannte ihn die »letzte Eule auf den Trümmern von Thron und Altar«, und nach ihm scheint man ein großes Vorurtheil gegen ihn zu haben. Nun, mündlich mehr von dem Allen. Was ich Ihnen heute nur sagen wollte, ist, daß wir unser Kommen nicht fest auf einen Tag bestimmen können, und daß darüber das Ende der folgenden Woche kommen wird, wenn nicht Sonntag oder Montag der andern, nämlich der 5te oder 6te Mai. Montag den 29sten ziehen wir um, und das dauert doch immer einige Tage, bis wir so weit in Ordnung sind, um reisen zu können. Natürlich dränge ich Alles, was ich kann, aber eher ließ es sich nicht thun. Gott, was haben wir uns Alles zu erzählen, vom Hundertsten ins Tausendste, zwei Jahre liegen zwischen heut und der Zeit, wo ich Sie zum letztenmal sah, und was ist darin für mich Alles passirt! Wie ist es mir schlecht und wie gut ist es mir gegangen in der Zeit! Aber ich will nicht anticipiren. – Leben Sie wohl, liebes treues Mütterchen, – also bis über ein paar Tage, wo wir per Dampfer von Lindau her in Meersburgs Thore ziehen werden! Ihr treuester Junge. Über die Druckfehler hab' ich mich weidlich geärgert; die zweite Hälfte des Buches werden wir zusammen in Meersburg revidiren. Bekommen Sie Bogen zugeschickt, so lassen Sie dieselben nur liegen, bis ich komme, ich will sie an Sie adressiren lassen. Meersburg den 20sten Juni 1844. Ich schreibe Ihnen in einer gelinden Verzweiflung, liebe Louise; Sie haben wohl schon vorausgesetzt, daß ich so liebe Geschenke und herzliche Worte nur so lange unbeantwortet ließ, um Paulinen's Adresse beifügen zu können, die ich eigentlich schon vor Ihrer Sendung hätte erwarten dürfen. Soeben kömmt der Brief an: nichts wie Geschäfte, Familienscenen, zuletzt einige Worte über Pauline, aber keine Adresse, und ich hatte doch so dringend darum gebeten, in Brief und Nachschrift, und so dick unterstrichen! Aber es ist eben zu viel Anderes und Wichtiges dazwischen gekommen und mein Brief beim Schreiben nicht zur Hand genommen worden. Von Neuem zu schreiben nutzt nichts; die störenden Geschäftsverwickelungen dauern fort und werden sogar meine Correspondentin, die deshalb auch ihre Tour hieher aufgegeben hat, zu allerlei Hin- und Herreisen nöthigen, so daß ich sie vorläufig gar nicht zu finden wüßte. Ihnen bleibt also jetzt nichts übrig, als der Tante Louise zu schreiben, die ohne Zweifel Auskunft wird geben können und vielleicht in diesem dringenden Falle einmal von ihrer gewohnten Saumseligkeit abgeht. Ärgern und reden Sie sich erst ein Bischen hierüber aus, ehe Sie weiter lesen! Daß und wie sehr ich Sie vermisse, brauche ich nicht zu sagen; ich bin sehr fleißig, lese, lerne, zeichne, habe aber zum Dichten erst die halbe Stimmung wieder gewonnen; ich finde eben keine Theilnahme, weiß nicht, wem ich Freude damit machen könnte, und so möchte ich es lieber bloß denken. Doch habe ich gestern und vorgestern wieder Einiges zu Stande gebracht, und hoffe nun im Zuge zu bleiben. Ihre Erzählung im Morgenblatte habe ich gelesen, von so weit an es mir möglich war; die Blätter liegen nämlich nur bis zum Schluß des Monats im Museum vor, wo sie dann geheftet werden und fortan nur im Lesecirkel zu erhalten sind, in dem die schlechte Gewohnheit herrscht, daß man die neuesten Hefte, statt sie wieder einzuliefern, einander leiht, so daß sie oft Monate lang nicht zu haben sind: so stehn Ihre ersten Nummern im Maiheft, und ich habe sie noch nicht erwischen können. Doch enthalten, denke ich mir, die Juniblätter wohl den größeren Theil, und hiernach zu urtheilen, muß ich diesem Ihrem neuesten Product unbedingt den Vorzug vor allen früheren, auch der Maske, geben; es liegt eine tiefe Herzlichkeit, eine einfache Natürlichkeit und Richtigkeit der Gefühle darin, die mir wenigstens über Alles geht. Ob mein Urtheil mit dem allgemeinen übereinstimmt, weiß ich freilich nicht, da ich zu wenig Neues lese, um genau zu wissen, bis zu welchem Punkte der gegenwärtige Geschmack seinen Cyclus durchlaufen hat; seine nächste Richtung läßt sich zwar mit Gewißheit voraussagen, ich weiß aber nicht, wie weit er schon das Übergewicht dahin genommen hat. Jedenfalls wird Ihre Erzählung binnen Kurzem völlige Anerkennung finden, und wahrscheinlich findet sie es jetzt schon. Eugène Sue und namentlich seine Mystères de Paris haben so viele Nachahmungen hervorgerufen, das Geschraubte und Überreizende ist so auf die Spitze getrieben worden, daß der Umschwung nothwendig ganz nahe sein muß. Über des Schwarzburgers glückliche Erfolge in Oldenburg habe ich mich sehr gefreut und wenigstens insofern recht prophezeit, daß ich das Stück für sehr geeignet zur Darstellung gehalten habe; auch ist es überhaupt ein gutes Stück; nur meinte ich bisher, Levins Talent für den Roman und das Lustspiel sei noch bedeutender als das zum ernsten Drama, und kann auch noch nicht von diesem Glauben lassen. Glänzende Poesie in Gedanken und Stil nebst Humor scheinen mir so vorherrschend seine starken Seiten, daß ich meine, er müsse sich am Besten auf dem Terrain befinden, wo diese am Freiesten walten können. Nun zu Euern Geschenken. Ihr gutes Volk, ich habe mich recht tüchtig darüber gefreut; kindisch, würde Louise vielleicht sagen, aber das schadet nicht, die Freude bleibt mir doch. Louise hat übrigens Recht, die Lorgnette ist mir zu lieb, als daß ich sie nicht immer bei mir haben sollte, wenn auch nicht immer an mir. Beim Schreiben und Zeichnen liegt sie neben mir auf dem Tische, weil ich sie an der Kante zu verbiegen fürchte; aber sowie ich aus meinem Thurm tauche, wird sie umgehängt und verläßt mich selbst des Nachts nicht, wo sie, wie ein treues Hündchen, auf einem Seidenpapier-Kissen neben meinem Bette schläft. Es ist aber auch ein gar niedliches Ding, mit seinem Blumenkränzchen wie ein Bräutchen, und ich werde mich eigends ihm zu Liebe mal herausputzen, d. h. mein schwarzseidnes Kleid anziehen, denn höher kann ich es nicht treiben. Auch die Kupfer sind gar hübsch; ich habe sie in meinem grünen Kasten auf der Kommode bewahrt und bis jetzt noch alle Tage ein paarmal besehn. Die beiden oberen Blätter habe ich zwar den Kindern gegeben, aber – werdet nicht böse darüber – ihnen sogleich wieder für Spielsachen abgetauscht, weil ich mich nicht davon trennen konnte. Louisen wird dies vielleicht ein Bischen thöricht scheinen, aber Levin kennt meine Passion für dergleichen kleine Kupferstiche; ich habe eine ganze Sammlung davon, und diese sind gar nicht in Münster zu haben. Welch eine Menge Sachen habe ich jetzt von Euch: Mineralien, Versteinerungen, Autographen, Münzen, Kupfer, Lorgnette – ich hatte sie neulich hübsch ausgelegt und geordnet; es war ein ganzer Tisch voll, und ich schämte mich ordentlich. Ich habe jetzt auch einen famosen Kauf gethan, eine ohngefähr, mit dem Piedestal, zwei Fuß hohe Statue des heiligen Bruno, von Alabaster, wunderschön von Figur und Faltenwurf, und Kopf und Hände noch schöner; sie ist von einem bedeutenden Meister und das Modell – aber aufs Vollkommenste ausgeführt – zu einer größeren Statue in Salmansweiler. Und was habe ich dafür gegeben? Sieben Gulden. Sie hat dem Abt von Salmansweiler gehört und war bei der Ausplünderung und Verschleuderung der Klostereffekten für noch geringeren Preis an eine Wittwe gekommen, eine reiche, ungebildete Frau, die keinen Sinn für dergleichen hat und, echt schweizerisch, sie für ein paar Gulden Profit mit Freuden hingab. Jetzt macht mir nur der Transport Sorge. Könnte Louise doch einmal in Rüschhaus sein, um alle meine Siebensachen zu sehn; ich zeige sie so gern! Hier wäre Alles schon in der Ordnung, wenn nicht das ganze Haus hustete, ich obenan, und habe wieder Zimmerarrest. Jenny hat Ihren Brief erhalten, Laßberg dito, und grüßen herzlichst. Jenny war ganz angegriffen nach Eurer Abreise; sie hält große Stücke auf Levin und ist auch schon in dem Alter, wo man weiß, wie unsicher und jedenfalls wie ganz unähnlich dem früheren jedes spätere Zusammenleben ist. Der Laßberg hingegen ist ein leichtsinniger Patron, meint, das Leben sei in ihm eingerostet, und pflanzt Obstkerne, um nach dreißig Jahren satt Kirschen essen zu können. Er spricht wohl mal von Nichtwiedersehn, aber es ist ihm kein Ernst, oder wenigstens nur momentan, und dann gehts wieder mit allen Segeln in die Unendlichkeit, – er spricht von Eurem nächsten und nochmaligen und unendlich multiplicirten Wiederkommen, als wäre dies sicher wie das Neujahr und er der ewige Jude. Ich glaube, dieser sorglose Sinn läßt ihn auch so alt werden und rüstig bleiben. Gottlob! Wir werden jetzt, da wir allein reisen, vor der Mitte nächsten Monats nicht fortgehn. Gott gebe, daß wir jetzt nur nicht durchs Paderbörnische müssen, zu einer Rundtour bei allen Verwandten! Das würde bis zum Herbst hinhalten und ist ein fatales Hängen zwischen Himmel und Erde – überall in den allerengsten Beschlag genommen und doch nirgends heimisch und bequem, ein Reisesack die stehende Equipage und keine Minute für sich zum Arbeiten oder Ruhen –; dagegen wart Ihr doch noch Könige in Eurer Traube! Ad vocem »Traube«: das Haus ist mir förmlich fatal, seit Ihr nicht mehr darin seid. In den ersten Tagen wäre ich gern hinein gegangen, um Eure zurückgelassenen Papierschnitzel und Bindfäden zu sehn, ehe sie ausgefegt wurden; ich habe es aber versäumt, und jetzt wäre es mir schrecklich öde darinnen, und es ist mir nur lieb, daß die Läden zu sind, – also noch kein neuer Miethsmann! Lieber Levin, ich besuche jetzt unsre alten Plätze am See sehr selten oder vielmehr gar nicht. Die alten Erinnerungen sind nothwendig durch neue verdrängt, und da prädominiren die Figelei und der öde Stein; solche Plätze sind eben nur, was man selbst hineinlegt. Ich wollte, ich wäre in diesem Augenblicke gesund und könnte auf dem öden Stein stehen, – am Liebsten mit Euch. Es stürmt furchtbar, der See wirft haushohe Spritzwellen und ist von einem Farbenspiel, wie ich ihn nie gesehn, – im Vordergrund tief smaragdgrün, dann eine dunkelviolette Bahn und am Horizont wie junges Buchenlaub, und alle Farben von der größten Reinheit und Bestimmtheit. Das ist nur so bei starkem Sturme mit Sonnenschein dabei und war im vorigen Herbste öfters, aber seitdem nicht wieder; Ihr habt es recht übel getroffen, keinen solchen Tag hier erlebt zu haben; dann sieht man erst, was die Landschaft sein kann. Aber Levin ist keineswegs mein guter Junge, sondern ein kleines Pferd; was braucht er mir die schlechte Recension jenes Schnorr oder Schorr – ich kann's nicht recht lesen – unter die Nase zu reiben, mir, die ich nicht mal gute mit Anstand verschnupfe? Und wenn er sie nun mal zu einem Versuche heilsamer Besserung verwenden wollte, warum hat er dies nicht schon hier gethan, wo er nur die gute Seite, die Aufnahme des Grafen von Thal, herauskehrte? Da hätte ich doch noch gegen ihn losprusten können, statt daß ich es jetzt gegen die vier Wände habe thun müssen. Ist das nicht perfide, mir die Sache anfangs als eine Ehre vorzustellen und mir hintennach, gleichsam im Postscript, zu melden, daß es eigentlich eine Blamage ist? Babah!!! Ich wollte übrigens, ich käm erst wieder recht ans Schreiben; ich habe seit einigen Tagen enorme Lust dazu, aber durchaus keine Zeit. So lange dieser nervöse Husten anhält, darf ich nicht, weil es ihn sehr verschlimmert, und dann gehen die Vorqualen der Abreise schon an, das Packen meiner verschiedenen Kisten und die Abschiedsbesuche nach Berg, Herschberg und Wartensee, – Gaugreben, Salms und Pearsalls – nach jedem der Orte für mehrere Tage, auch noch nach Constanz und Bischofszell. Mir wird schon im Voraus schwarz vor den Augen; es ist doch traurig, daß Einem überall die letzte Zeit, die man grade noch recht voll und friedlich genießen möchte, so verdorben wird. Um nochmals auf Paulinen zurück zu kommen, so wird mir jetzt doch auch sehr viel Löbliches von ihr geschrieben: »Sie habe zwar allerdings ihre Fehler, namentlich eine starke Überschätzung ihrer selbst, und sei sehr unpraktisch \&c., übrigens aber doch ein gutes unschuldiges Kind, umgänglich und sanft, schließe sich leicht an und zeige kindlichen Frohsinn, wenn man ihr freundlich entgegenkomme, sei auch, wenn sie die Sentimentalität bei Seite setze, oft recht gescheut und angenehm in der Unterhaltung; ihr Gesicht sei jetzt, wo sie unbefangen und heiter geworden, oft zu hübsch, wie für ihr Alleinreisen gut und gefahrlos scheine \&c.« Soll ich mich, wenn ich wieder zu Hause bin, nach Reisegesellschaft für Augsburg oder bis zur möglichsten Nähe erkundigen? Auch in Cöln könnte ich dies – und wann? Auf den Herbst oder Frühling? NB. Wenn der Druck meiner Gedichte vielleicht eher vollendet sein sollte, als wir es jetzt denken, und man Ihnen die Freiexemplare sendet, so schicken Sie dieselben nicht, bevor Sie mir geschrieben. Die meisten sollen ja doch versendet werden, und es wäre unnützes Porto, sie erst nach Rüschhaus gehn zu lassen; es wäre mir also viel lieber, wenn Sie, Levin, so gütig wären, sie direct zu befördern, – die zu verschenkenden unfrankirt, – die für die kritischen Bureaux müssen freilich wohl frankirt werden. Wenn Sie mir ungefähr angeben könnten, was es machen wird, so schickte ich Ihnen das Nöthige gern gleich; sonst müßten Sie freilich so freundlich sein, diese Auslage für mich zu machen und sie nachher vom Honorar abzuziehn. Das Honorar wünschte ich übrigens an meine Schwester nach Meersburg geschickt. Für die Erzählung und früheren Gedichte im Morgenblatte habe ich übrigens, wie ich meine, das Honorar erhalten; Sie müssen es ja wissen, Levin, es muß durch Ihre Hände gegangen sein; in die meinigen ist es zwar nicht gekommen, weil ich schon fort von Meersburg war und, wie mich dünkt, einige Auslagen damit habe decken lassen. Sollte es aber dennoch wirklich nicht eingekommen sein, so überlasse ich Ihrem eigenen Ermessen, ob ich es nachfordern kann oder nicht; ich fürchte dann, Cotta hat es seit zwei Jahren als geschenkt angesehn und mir deshalb als Entschädigung die Nibelungen geschickt, – oder meinen Sie nicht? Und nun Adieu, meine theuren Kinder, schreibt mir bald und gedenkt meiner mit Liebe; der kleine Junge ist gut und die Louise auch, alle Beide sehr lieb, und Levins Mütterchen ist sehr beruhigt und glücklich, ihn mit ihren eignen Augen so glücklich gesehn zu haben, und mit so begründeter Aussicht, es immer zu bleiben. Adieu. Gott segne Euch alle Tage Eures Lebens. Eure Annette. Der Barbier hat seinen Gulden erhalten. Gloggers haben vor einigen Tagen ihr jüngstes vierzehntägiges Kind an Convulsionen verloren, schon das vierte in gleichem Alter und am gleichen Übel; der Vater ist sehr angegriffen. Daß Sie mir die Schnur selbst geklöppelt haben, ist mir fast noch lieber als die Lorgnette selbst, und ich möchte Ihnen über den See meine Hand dafür reichen, – meine alte gute Louise! Mama läßt freundlichst grüßen. Wir vermissen Euch Alle, und Ihr kommt täglich im Gespräch vor. Rüschhaus den 29sten September 1844. Lieber Levin! Erst gestern Abend hier angekommen, und mit einem Kopfweh, von dem mir die Augen überlaufen, schreibe ich Ihnen doch schon heute, um die Realisirung des Wechsels nicht aufzuhalten, da die Bestätigung meines Meersburger Kaufs noch immer sich verzögert, und es deshalb möglich wäre, daß das Geld noch grade recht zum Zahlungstermine käme, was mir sehr angenehm wäre, weil sonst Laßberg für mich eintreten muß. Beeilen Sie deshalb, ich bitte, die Auszahlung und Absendung möglichst; Jenny wünscht dieses auch. Leider sehe ich eben, daß ich bei Endossirung des Wechsels statt »Rüschhaus bei Münster« bloß »Rüschhaus« geschrieben habe; ich hoffe, das bringt doch keine Schwierigkeiten? Jedenfalls ist's nicht mehr zu ändern. Das Bücherpacket habe ich noch nicht erhalten, kann dieses aber schon abwarten, um so mehr, da ich weiß, daß kein Brief von Euch Lieben beigeschlossen ist. Lieber Levin, Sie sehen also jetzt der allerwichtigsten Veränderung Ihres häuslichen Lebens entgegen; ich freue mich herzlich darüber und weiß, daß es grade für Sie ein unbeschreiblich festes Band an Frau und Haus sein wird. Jetzt geht erst das rechte Glück an und bringt freilich auch erst die rechten Sorgen mit, die aber noch Niemand mit dem Glücke zugleich hätte los sein mögen. Es wäre ein Wunder, wenn die in Ihrer Familie ohnedies schon erbliche Poesie jetzt nicht doppelt aufschießen sollte. Sechs schriftstellernde Schückinge giebt es schon, Ihre Eltern, Sie und Louise, Alfred und Pauline; das wird werden wie bei den Grafen von Reuß, »Schücking XVII.–XVIII.« Hüten Sie Louisen jetzt nur wie Ihren Augapfel; Sie müssen bedenken, daß sie selbst noch unerfahren ist, nicht weiß, was ihr gut oder schädlich sein könnte, und ihr keine Mutter mit Rath zur Hand geht. Vor Allem lassen Sie sie nichts Schweres heben und überhaupt nie über sich hinauf heben oder langen; es soll schaden, wenn man es nicht für möglich hielt und gar keine Anstrengung fühlte. Ich habe in Meersburg noch allerlei namhafte Leute kennen gelernt, unter Andern Guido Görres, der mit seiner eben angetrauten Frau, einer Tochter der berühmten Metzger-Vespermann, drei Flitterwochen bei uns verlebte. Er hat eine ungeheure Ähnlichkeit mit meinem Onkel August Haxthausen, und zwar, auf den ersten abord , nicht von der vortheilhaftesten Seite, gewinnt aber ungemein im Umgange, wo er bedeutenden Geist nebst großer Gutmüthigkeit und Offenheit entwickelt. Sie ist blutjung, hat la beauté du diable , und nichts Bedeutendes, aber so viel Kindliches und Neulingartiges in Physiognomie und Benehmen, daß Einem dadurch Alles, was sie sagt, auch das mitunter recht Gescheute, fast kindisch vorkömmt. Wir hatten sie gern, und ihr schüchternes Gemüth hatte sich uns so angeschlossen, daß sie beim Abschiede bitterlich weinte. Seltsam macht sich zu ihrem kleinen blonden Figürchen ein ausgezeichnetes musikalisches Talent; sie spielt nicht nur süperbe Clavier, sondern phantasirt auch ganz hinreißend und war eben daran, eine Sammlung sehr schöner Liedercompositionen auf Texte ihres Mannes heraus zu geben. Sie arbeiten überhaupt gern gemeinschaftlich; Görres machte ein Gedicht auf die alte Meersburg, und nach einer halben Stunde war ihre Komposition mit Klavierbegleitung fertig; zu einem Gedichte, das er mir niederschrieb, setzte sie sogar in einem Morgen die durch alle Strophen gehende Musik. Es ist sonderbar, daß unter allen Talenten grade die Musik, das zarteste und unkörperlichste von allen, sich häufig bei scheinbar unbedeutenden Persönlichkeiten einquartiert; denn so lieb und gut die Görres ist, kann ich sie doch unmöglich für durchgängig genial halten. Sie fragen nach Junkmann? Schlüters? Lieber Freund, wir sind gestern bei stockfinstrer Nacht durch Münster gekommen, und ich weiß noch von nichts. Über Johanna Droste aber kann ich Ihnen genaue Auskunft geben; denn mein Bruder ist hier, und der Mund ihm noch warm vom Erzählen. Die Sache ist unläugbar und auch durch die Kraft des Glaubens bewirkt, die freilich aber noch kein Wunder bedingt. Die verstorbene Gräfin Droste war sehr schwächlich und hat – außer einem – lauter schwächliche Kinder hinterlassen, einen blindgeborenen Sohn und vier Töchter, von denen bereits drei, durch allerlei Übel, Lähmungen, Nervenschwäche \&c. gepeinigt, abgezehrt und gestorben sind. Johanna ist die letzte Überlebende, achtzehn Jahr alt, und schon seit Jahren am Beine gelähmt, was zugleich im Knie bereits ganz krumm gewachsen und verknorpelt war; auch im Übrigen war ihre Gesundheit höchst elend, und man legte ihr schon seit zwei Jahren immer nur wochen-, höchstens monatsweise Lebensfristung zu. Dennoch brachte man sie diesen Sommer in ein Bad am Rhein, – welches, habe ich schon vergessen, obwohl ich es erst eben hörte, – ohne Hoffnung, nur um Alles versucht zu haben. Dort hörte sie von der Ausstellung des heiligen Rockes (Christi) in Trier, einer Reliquie, die für gewöhnlich in einer Nische vermauert ist und nur nach beträchtlichen Zwischenräumen – ich glaube alle fünfzig Jahr – in der aufgebrochenen und vergitterten Nische auf einige Wochen ausgestellt wird. Sie sah das beständige Vorüberfahren der Wallfahrter in Kähnen und auf großen Flößen, mit aufgepflanztem Kreuze in der Mitte, und in ihr setzte sich die Überzeugung fest, sie werde vor dem heiligen Schreine unfehlbar geheilt werden. Ihre Begleiter waren gegen dies Unternehmen, das weit über ihre Kräfte zu gehn schien: als aber die Ärzte erklärten, keine Anstrengung könne ihr so schaden wie diese unbefriedigte Sehnsucht, ward sie mit großer Beschwerde nach Trier transportirt, in die Kirche getragen und dort vor dem Schreine auf ihr gesundes Knie niedergelassen. Daß sie dann mit großer Inbrunst und Aufregung gebetet hat, läßt sich denken. Man hatte ihr erlaubt, die Reliquie zu berühren; es kam aber nicht dazu, weil grade eine Prozession in die Kirche zog. Dennoch kömmt ihr auf einmal unter dem Beten die Überzeugung, sie sei geheilt; sie richtet sich an ihren Krücken auf, streckt das gekrümmte Bein aus, stellt sich dann grade hin und ruft: »Jesus Maria, ich stehe auf beiden Füßen!« Man springt zu, sie zu stützen; aber sie weist Alle zurück, lehnt sich nur leicht auf den Arm ihrer Großmutter, der alten Erbdrostin, und die ganze Gesellschaft verläßt laut weinend die Kirche, nachdem Johanna ihre Krücken dort zurück gelassen hat. Seitdem ist das krumme Knie ganz grade, gelenkig und so brauchbar wie das andere; nur hinkt sie stark, da sich der eine Fuß jetzt als bedeutend kürzer als der andre ausgewiesen hat, und ist auch sonst fortwährend ein schwaches Persönchen geblieben. Indessen ist die Streckung und Wiedergelenkigkeit eines bereits ganz verknorpelten und verkrümmten Gliedes etwas, bei dem sich bis jetzt sowohl die Macht der Arzneikunst als die der Phantasie als gänzlich erfolglos bewiesen haben, und der Fall gehört jedenfalls unter die alleraußerordentlichsten. Dies ist der wahre Hergang einer Begebenheit, die fast in jedem Munde variirt und selbst in öffentlichen Blättern so seltsam entstellt worden ist. Lieber Levin, ich kann diesen Brief nicht beendigen; wir haben uns mit der Bückersche brouillirt und deshalb nur zufällige Gelegenheit nach Münster, und die heutige will auf der Stelle fort. Adieu, Adieu; das nächste Mal schreibe ich mehr und Sie mehr Interessirendes, dann auch, wie es mit dem Doctoriren in Münster steht, wornach ich mich jetzt natürlich noch nicht habe erkundigen können. Tausend Liebes an Louisen, Gott segne Euch Beide. Mit alter Treue Eure Annette.           PS. Wenn meine Gedichte sollen recensirt werden, so ists allerdings besser, wenn dies von einem Andern als Sie ausgeht. – Liebes Kind, dieser Brief ist kurz und hölzern; aber theils kann ich vor Kopfweh kaum einen Gedanken fassen, theils dachte ich, das rechte Schreiben solle noch erst angehn, und muß nun unversehends abbrechen. Das nächste Mal solls besser werden, jetzt bin ich zu kaput und zu eilig. Augsburg, an meinem Trauungstage, den 7ten October 1844.           Mein liebes, gutes Mütterchen! Ich schreibe Ihnen diesmal nur, um Ihnen kurz den richtigen Empfang Ihres Briefes und des Wechsels anzuzeigen; der letztere ist abgegeben, und übermorgen, am 9ten October, wird das Geld ausbezahlt und nach Meersburg abgehen. Wie geht es Ihnen nach der Reise? Schreiben Sie uns ja bald darüber, die Reisen haben Sie noch immer so angegriffen! Wir sind wohl, Louise klagt vor und nach, das ist aber unter ihren Umständen nicht anders zu erwarten. Gestern Morgen war Zedlitz bei uns; er war ganz außer sich vor Entzücken über Ihre Gedichte, – Frau v. Binzer säße zu Hause darüber mit Thränen in den Augen, sagte er. Er war sehr bereit, eine Besprechung derselben für die Allgemeine Zeitung zu übernehmen, und ich habe ihm zu dem Ende ein Exemplar geschenkt. Meine Sachen habe ich jetzt von Münster bekommen, – aber nicht Ihr Bild, mein liebes Mütterchen, und bis ich das wiederhabe, werde ich in jedem Briefe schreiben: Caeterum censeo  – \&c. Was machen die Freunde in Münster? Sagen Sie Schlüter, er glaube nicht, wie oft und mit welcher herzlichen Liebe ich ihn in Gedanken grüßte. Wie geht's Junkmann? Außer Ihren Gedichten wird die Welt mit dem »Glaubensbekenntniß« Freiligraths und »Neuen Gedichten« von H. Heine beschäftigt sein. Was sagt man bei Ihnen zu Freiligrath? Ich höre noch immer nichts von ihm. – Wollen Sie nicht jetzt ein paar Zeilen an Cotta schreiben, um ihm für seine Bücher und seine Bemühung, Ihre Gedichte in Zug zu bringen, zu danken? Louise grüßt tausendmal; sie hat jetzt zwei Mädchen und eine Gehülfin im Haushalt, mithin zweimal so viel zu thun wie früher! Empfehlen Sie aufs Angelegentlichste mich Ihrer Mutter und Ihrem Bruder. Ihr treuester Levin S. Einen Freund habe ich von Stuttgart hierher gezogen, Dr. Röse aus Lübeck, auf dessen »Lebensbilder«, Stuttgart bei Hallberger, ich Sie aufmerksam mache. Rüschhaus den 31ten (letzten) October 1844. Lieber Levin! Nun in Eil zwei Zeilen Antwort auf Ihren Brief, der mich natürlich aufs Unangenehmste überraschen mußte. Ich habe ihn gestern Abend erhalten, heute früh meinen Bruder herüber bitten lassen und schicke Ihnen jetzt statt aller Auseinandersetzung die Copie des Briefs, den derselbe so eben beendet und an Herrn Hüffer geschickt hat; wollen Sie dieselbe gefälligst vorläufig der Cottaischen Buchhandlung mittheilen, so wird die Sache dadurch ohne weitere Weitläufigkeiten erklärt und zugleich die Buchhandlung aller Sorge enthoben werden. Ich bitte, daß Sie derselben mein Bedauern über einen Vorfall ausdrücken wollen, der durch meinen Mangel an Geschäftskenntniß herbei geführt worden ist. Übrigens muß ich auch so anständiges Lehrgeld bezahlen, daß mir in Betracht dessen ein durchaus unwillkürliches und bei einem Frauenzimmer begreifliches Versehn wohl zu verzeihen ist. Werners Brief, dessen Entwurf er mir zur Durchsicht zurückgelassen, ist übrigens in der Eil unrichtig vom 28sten datirt. Es ist eine ekelhafte Geschichte, bei der Hüffern, wie mich dünkt, ein großer Mangel an Rücksicht zur Last bleiben muß, da er doch nicht zweifeln konnte, daß eine Anzeige der Sachlage und des vorhabenden Schrittes, gleichviel ob an mich oder meinen Bruder, ihm den letzteren erspart und die Geschichte weit anständiger beendigt haben würde. Es kömmt mir vor, als habe er es darauf angelegt, mich zu blamiren, – weshalb weiß Gott. Ich mag nicht weitläufiger über die Sache werden, sie ist mir zu ärgerlich; sonst könnte ich Ihnen mehr als eine Äußerung von Hüffern selbst, z. B. gegen meinen Bruder, anführen, die mir die Aussage des Buchhalters, »es seien nur etwa noch 17–18 Exemplare vorhanden«, – denn dies war die genannte Zahl, – als ganz glaublich erscheinen lassen mußte. Da ich das meiner Bestimmung überlassene Honorar mit der Bemerkung, ich fürchte, ihn in Nachtheil zu bringen, völlig abgelehnt hatte, so will ich gern glauben, daß Delicatesse und Schonung ihm nun seinerseits diese Versicherungen der Zufriedenheit mit dem Geschäft eingegeben hatten; um desto schlimmer ist es, daß er zuletzt so schmählich aus der Rolle gefallen ist. Genug von der Sache! Übrigens ist mir jetzt höchst ärgerlich und drückend, daß Cotta durch meine, freilich nicht zu dem Zwecke gegen Sie geäußerte Bemerkung, »Hüffer würde mir fünfhundert Thaler gegeben haben«, zu einer Aenderung des Contracts bewogen ist; denn seit gestern glaube ich dies selbst nicht mehr, obwohl der Freund, der ihn deshalb sondirte, mit so fester Überzeugung, die Sache sei abgemacht, zurückkam, daß er lebhaft in mich drang, Hüffern nur sofort das Manuscript einzuhändigen, wo dann der Druck sogleich beginnen solle. Ich hatte dem guten Manne keinen Auftrag gegeben und längst alle Lust am Hüfferschen Verlage verloren; so machte ich es wie die Spröden und schlug mich in einer, wie ich jetzt fürchten muß, leeren Straße. Ach, Levin, ich bin ganz betrübt, daß Alles zusammen kömmt, um mich in Jedermanns – wahrhaftig, fast in meinen eignen – Augen als eine Renommistin erscheinen zu lassen, während doch, bei allem Hochmuth, die Furcht, meine Verleger durch die geringe Popularität meiner Werke in Schaden zu bringen, mich nie verlassen hat. Was Hüffer eigentlich damals gesagt hat, weiß ich nicht und mag es auch jetzt nicht wissen; dem freiwilligen Unterhändler schien es eine Zusage, d. h. kein Antrag, sondern eine Äußerung seiner entschiedenen Geneigtheit, mir fünfhundert Thaler zu geben, wenn ihm die Gelegenheit geboten würde. Alles wohl nur Wind vor der Hofthür! Trösten Sie mich ein wenig, mein gutes Kind, ich gehöre jetzt zu den leider von mir so oft verlachten »verkannten Seelen«. Punktum, es ist mehr zum Hängen wie zum Lachen. Wollen Sie mich trösten, so schreiben Sie mir einen recht langen, lieben Brief, einen rechten Kleinejungensbrief an sein Mütterchen. – Ists denn wahr oder doch wahrscheinlich, daß die Redaction der Allgemeinen von Augsburg fortkömmt und Sie natürlich mit? Es stand im Merkur. Und wohin würden Sie dann Ihren Stab setzen? Hier giebts wenig Neues. Herr von Wintgen ist sehr unerwartet gestorben, aber das interessirt Sie nicht. Junkmann ist seit vier Wochen in Bonn, wo er für ein Jahr ein königliches Stipendium zur Vollendung seiner Studien für das Doctorexamen genießt; später will er nach Berlin. Ich erhielt vor seiner Abreise einen durchaus unverständlichen, aber ganz desperaten Brief von ihm, der mich gewaltig erschreckte, und erfuhr von andern Seiten, daß Thereschen ihn entschieden und für immer ausgeschlagen haben soll; ich wär gern nach Münster geflogen – hatte aber schon meinen Winterhusten, der mich noch heute plagt, zwar nicht heftig, aber unausgesetzt, und mich in meinem betrübten, aber längst gewohnten Stubenarrest hält. Könnte ich nur irgend Einen von Schlüters sprechen! Der arme Schelm dauert mich schrecklich und liegt mir bleischwer auf dem Herzen. Denken Sie, ich habe Münster noch nicht gesehn, außer im Mondschein, als ich vor drei Monaten um Neune durchfuhr; Alles der Husten in Schuld, den ich vom Dampfboot mitbrachte. Wegen Ihres Doctorirens habe ich mich bei Schlüter erkundigen lassen, d. h. im Allgemeinen, und leider nur mündliche Antwort erhalten, bei der ich schon nach einer Stunde meinem Gedächtnisse nicht recht mehr traute und deswegen neue und auch ausführlichere Antworten abwarten wollte, Alles in der Hoffnung auf Besserung, von einem Tage zum andern. Jetzt glaube ich an kein Münstergehn vor dem Frühling mehr und will nochmals schreiben, wenn Ihnen wirklich an der Auskunft gelegen ist. Soviel weiß ich noch: das Doctoriren kostet hundert Thaler, und es müssen zwei Abhandlungen dazu eingesandt werden, eine philosophische, dünkt mich, und die andre? nescio! Wollen Sie auch von der Bornstedt hören? Ein junger Arzt, Verwandter von Scheiblers, hat die neuesten Nachrichten gebracht. Sie hat sich mit der Tante so schlecht vertragen, daß diese mit Freuden ein anderes Quartier für sie bezahlt und sie dort unterhält. Ihre Stellung ist wo möglich noch schlimmer als in Münster, und Paris scheint nicht vortheilhaft gewirkt zu haben. Sie hat dort ein flammenrothes Sammtkleid und einige Toques mit Schwungfedern acquirirt, die viel Aufsehn und wenig Beifall erregen, und bricht jede Gelegenheit vom Zaun, zu erklären, ihr Nicolaus sei zwar durch ein schriftliches Eheversprechen an sie gebunden, sie dagegen sei frei und könne jeden andern Antrag annehmen. Entweder ist der Herr Doctor ein Witzbold, dem es auf eine Hand voll Worte nicht ankömmt, oder wir haben die Bornstedt im goldnen Zeitalter gekannt, und sie ist jetzt mindestens zum bronzenen gediehen. Der Glaß hat sie geschrieben, »sie habe ihren Nicolaus Gott aufgeopfert«; dergleichen ekelt mich doch sehr – tausendmal besser hautement kokett und unverschämt! Jetzt auch einige Worte von meinem Treiben. Mit den Erzählungen will es nicht recht voran, ich bin noch an der ersten, – recht schöner Stoff, aber nicht auf westphälischem Boden, und nun fehlen mir alle Quellen, Bücher wie Menschen, um mich wegen der Localitäten Raths zu erholen; so fällt mir alle Augenblicke der Schlagbaum vor der Nase zu. Wär ich in Hülshoff! Aber hier kucken mich meine kahlen Wände an und sagen kein Wort, und von Schlütern ist nichts zu haben; der ist, seit Sie, Lutterbeck und Junkmann ihn verlassen haben, selbst hülflos wie ein Kind und weiß sich selbst nichts zu verschaffen, viel weniger Andern. Hätte ich diese Erzählungen nicht versprochen – und bald –, ich ließ sie wenigstens vorläufig ruhn; nun aber quäle ich mich umsonst ab, wie ein im Traum Laufender. Zwischendurch mache ich Gedichte; die gerathen gut, ich werde sie aber zum Theile ins Cölner Feuilleton geben müssen, und zwar umsonst, um eine schlechte Erzählung der Frau v. Hohenhausen flott zu machen; diese weiß aber NB. nichts davon. Die arme Frau ist sehr betrübt, hat nach vielen Kämpfen das Söhnchen ihrer verstorbenen Tochter an sich gebracht, und nach drei Wochen stirbt ihr das Kind; da kömmt nun Alles zusammen, Kummer, Verdruß, Nachrede, um sie fast verrückt vor Schmerz zu machen. Die Ihrigen reden ihr zu, sich durch gemeinnütziges Wirken aufzurichten, und da hat sie nun eine Erzählung geschrieben, die fast noch langweiliger als tugendhaft ist, was hier viel sagen will. Nun heißts aber: Flottgemacht! Aber wie? Da will ich denn versuchen, der Cölner Zeitung, die sich wiederholt um meine Mitwirkung bemüht hat, dieselbe für einige Zeit unentgeltlich anzubieten; dafür muß sie die Erzählung gegen anständiges Honorar nehmen. Das Letztere der Ehre wegen, denn es wäre doch zu hart für eine früher so beliebte Schriftstellerin, jetzt höchstens umsonst geduldet zu werden; noch härter freilich, wenn sie diese kleine Intrigue ahnden könnte. Deshalb, um Gotteswillen, Levin, lesen Sie dieses Niemanden vor, auch Louisen nicht; es gereut mich schon durch und durch, daß ich es geschrieben habe. Schreiben Sie mir doch in Ihrem nächsten Briefe, den ich hoffentlich bald erwarten darf, recht viel von Louisen, – was sie treibt, was sie schreibt, sonst arbeitet, – kurz, führen Sie mir Ihre Häuslichkeit mal wieder recht vor Augen, daß ich mich daran erquicken kann. Mein Leben ist immer das gleiche, abgeschlossen, heimlich, ganz wie ich es mag; zög nur der Husten fort und statt dessen zuweilen etwas Neues aus der Litteratur ein, oder ein freundlicher Besuch, der mich ein bischen au courant mit dem Weltlaufe hielt, ich wollte es mir nicht besser wünschen. So werde ich freilich am Ende so eckicht werden wie meine Kristalldrusen. »Wollte Gott, auch so klar!« denkt der Levin – Spiegelberg, ich kenne Dir! Nun Adieu, mein lieb Kind, tausend Liebes an Louise. Meine »zwei Zeilen« haben sich vermehrt wie die Blattmilben, und doch möchte ich noch nicht aufhören; aber ich muß, die oben berührte »Copie« ist noch gar nicht gemacht, und es ist zehn Uhr, und morgen in aller Frühe soll Hermann mit dem Briefe fort. Gute Nacht. Mit alter Treue Ihr Mütterchen. Ich habe Cotta'n vor etwa drei Wochen oder vierzehn Tagen für sein Büchergeschenk schriftlich gedankt; es hat mich auch wirklich sehr gefreut, namentlich Lenaus Gedichte. Aber, ach Gott, welch schreckliches Unglück mit dem! Wissen Sie etwas Näheres über seinen jetzigen Zustand? Augsburg den 20sten December 1844. Sollten Sie denken, liebes Mütterchen, daß ich in einer Kinderstube sitze und diesen Brief unter dem Geschrei eines Prachtstücks von einem Buben anfange? Gestern Abend sieben Uhr ist Louise niedergekommen; hauptsächlich seit ein Uhr – obwohl schon um drei Uhr in der Nacht zur Hebamme geschickt war – litt Louise gewaltig, denn die Geburt war eine schwere, doch ganz regelmäßige. Der Bube wurde mit 'ner Haube geboren, an Louisen's Glückstag, dem 19ten, und hatte die Discretion, sich erst durch die Wehen grade in dem Augenblicke anzukündigen, als das Mädchen die letzte Hand an die Herrichtung der Wochenstube legte. Er ist auffallend groß und stark, und lange Hände, Füße und Ohren kündigen an, daß er in die Familie der baumlangen Galls schlagen will. Tant mieux! Auch sein Gesichtchen gleicht Louise, und eine Stimme zum Criölen hat er – ich sage Ihnen, wie'n Alter! Sie können sich meine Freude denken! Gott erhalte ihn nur und laß ihn mir nur recht gesund werden! Und Sie – Mütterchen, Sie müssen ihn lieb haben und ihn segnen, das wird ihm gut thun, wissen Sie, und da Sie nun doch sein Großmütterchen sind, so müssen Sie ihm ein Gedicht in seine Wiege legen als Talisman! Wenn Sie sich ihn dazu vorstellen wollen, so denken Sie sich nur einen kleinen rothen Chinesen, der schon seine eignen eigensinnigen Allüren hat, obwohl er nicht vierundzwanzig Stunden alt ist, und der fürchterlichen Appetit besitzt. Sie haben mir geschrieben, ich sollte Ihnen einen kleinen Jungensbrief schicken – und sehen Sie, da haben Sie einen im eigentlichsten Sinne der Rede; ich könnte Ihnen den ganzen Brief vollschreiben von allen seinen Künsten, Manieren und Eigenschaften. Louise ist fürchterlich stolz auf ihn – ich bin es auch, und Kolb, der für sein Mädchen ums Leben gern einen Buben hätte, beneidet uns überaus. Jetzt, liebes Mütterchen, müssen Sie auch bald zu uns kommen, damit ich Ihnen mein Prachtstück zeigen kann! Aus dem Kerl, denk' ich, soll was Rechtes werden, vor allen Dingen ein braver Mensch und kein Genie! Ne vous en déplaise! Sie wissen aber auch Beides zu vereinigen, und das wissen nicht Alle! Schreiben Sie mir doch, was Sie von Freiligrath und seinem Glaubensbekenntniß halten. Das fällt mir bei Genie ein. – Auch, daß Sie durchaus Stifters »Studien« (Pesth bei Heckenast) lesen müssen. Was hören Sie über Ihre Gedichte? Werden sie viel gekauft? Die Kritik in der Allgemeinen Zeitung war von Zedlitz; jetzt wird noch eine von Kühne kommen; Sie haben doch jene gelesen? Die Urtheile, die ich höre, stimmen darin überein, daß Sie am größten in den kleinen ernsthaften Gedichten sind, auch An dieser Stelle ist die untere Hälfte des Blattes abgeschnitten.  . . . . . Sie müssen mir recht bald schreiben, wie es Ihnen geht, liebes Mütterchen, denn nach Ihrem letzten Brief bin ich beunruhigt darüber. Sie sollten doch so vernünftig sein und keinen Winter mehr in Westphalen zubringen – es ist ja eine Sünde von Ihnen. Den folgenden Winter wohnen Sie bei uns in Augsburg, das sag' ich Ihnen hiermit feierlich an! Nicht wahr, Sie thuen's? Ihr treuester Levin. Augsburg den 14ten Februar 1845. Um Gotteswillen, was ist das, mein liebes Mütterchen, daß Sie gar nicht schreiben, – anfangs dachte ich, Sie unterließen es aus sündigem Hochmuth, denn ich habe Sie oft sagen gehört, wenn den Leuten ganz was Besonderes passirt wäre, so schrieben Sie ihnen anfangs nicht, damit Ihr Brief nicht im Trubel anderer Gedanken in Mißachtung und Vergessenheit fiele, jetzt wird mir's aber zu lang! Mein kleiner Junge ist fast schon dem Puck entwachsen und im Discuriren der große Kerl geworden und Sie haben mir noch nicht einmal dazu gratulirt! Und wissen obendrein noch nicht einmal, daß Sie Pathin sind: ja, denken Sie, als zweite Pathin habe ich, um neben dem Hauptpathen, dem Landjägermeister v. Gall, der die Prosa des Lebens bei dem Jungen vertreten muß, auch das poetische Element, das westphälische verwandte Blut nicht fehlen zu lassen – habe ich Sie keck in's Kirchenbuch schreiben lassen, Ihrer Erlaubniß sicher, und so sind Sie nun mit uns in geistige affinitas und Verwandtschaft gekommen! Louise war recht vernünftig bei der Taufe, und obwohl es ihr freilich eine kleine Alteration machte, daß ihr Lothärchen nun ein »katholisch Bübchen« werden sollte, gab sie sich doch mit Geduld darin. Er heißt Carl Lothar Levin, der kleine Schlingel, befindet sich à merveille , wird alle Tage dicker und schöner und ist ein Prachtkerl; ißt aber auch alle Tage sechs Zwiebäcke und trinkt anderthalb Maß Milch dazu, obwohl er erst acht Wochen alt ist. Louise konnte ihn nicht stillen, weil er zu große Ansprache zu machen begann. O ich könnte Ihnen noch drei Seiten lang Geschichten von ihm erzählen, wenn ich wüßte, daß es andere Leute so interessirte wie den glücklichen Papa. Gott erhalte uns den Jungen! Für den Pathen hat Doctor Kolb und für Sie die Doctorin Kolb ihn auf die Taufe gehalten, die im Hause ganz ohne weitere Feierlichkeit abgemacht worden ist. Louise hat sich sehr erholt. Anfangs war sie sehr herunter; jetzt aber geht es ihr nach Wunsch, und ihr früheres Magenleiden hat sie verloren. Gegen Ostern wird die Cotta'sche Buchhandlung die Sammlung meiner Gedichte herausgeben. Auch Dingelstedt's werden gedruckt. Da fällt mir ein, sagen Sie doch Ihrem Bruder, wenn er, wie viele Leute hier, auch noch an der Wirklichkeit der preußischen Verfassung zweifelt, daß wir hier an der Allgemeinen Zeitung so gut wie officiell wissen, daß der König zur Ertheilung derselben entschlossen ist. In Berlin glaubt man es auch noch nicht. Es wird Ihren Bruder interessiren, da es auch auf Westphalen von großen Folgen sein wird. Nun beschwöre ich Sie aber, mir recht bald mit ein paar Zeilen zu sagen, was Ihnen ist, liebes Mütterchen, damit ich beruhigt darüber werde. Einen langen Brief, wenn Sie unwohl sind, verlange ich ja nicht – nur ein paar Zeilen! Louise fragt auch täglich: warum nur Annette nicht schreibt? – Das westphälische Clima hat Ihnen in diesem Winter gewiß wieder recht zugesetzt, nicht wahr? Der Winter ist aber auch so streng, hier ist's fürchterlich kalt, und eine ungeheure Masse Schnee gefallen. Mir geht es sonst gut, ich bin sehr thätig an einem großen dreibändigen Roman. Haben Sie meine Kritik über die Paalzow gelesen? Welches Abkommen haben Sie nun mit Hüffer getroffen? Ein großes Genie aus Westphalen ist hier: Beermann aus Osnabrück, ein wirklich bedeutendes Talent. Er hat einen Abend in einer Gesellschaft bei uns Proben seines Talents abgelegt und giebt morgen eine öffentliche Akademie. Ein Improvisator aus Westphalen, wer hätte das gedacht! – Neulich las ich in der Leipziger Allgemeinen Zeitung, daß Frau Mertens in Rom Aufsehen mache durch ihre Kunstkennerschaft und ihre Ankäufe. Ein Herr Dräxler-Manfred hat für ein hübsches Taschenbuch, das Rheinische, um Gedichte von mir und um Ihre Adresse gebeten, um Sie auch um einen Beitrag ersuchen zu können. Ich habe nun von den Gedichten, die Sie mir für den Musenalmanach geschenkt haben, ihm das herrliche »Mondesaufgang« gegeben. Sie bekommen dafür ein schönes Exemplar mit ausgezeichneten Stahlstichen, und so, denke ich, werden Sie nichts dawider haben, nicht wahr? Sonst sagen Sie mir's recht bald! Von Prosper habe ich gute Nachrichten. Es ist mir eine wahre Freude, etwas zu opfern, um ihm ein Sort zu machen. Welchen Eindruck hat Prosper auf Sie gemacht? Ihr treuer Levin. Rüschhaus den 5ten März 1845. Sie denken wohl nicht, mein guter Levin, daß Ihr Brief erst gestern in meine Hände gekommen ist. Der Dräxler Manfred hat ihn erst am 24sten vorigen Monats abgeschickt, und hier hat er auch einige Tage brach gelegen, weil ich Gesundheits- oder vielmehr Krankheitshalber bis gestern in Hülshoff war. Ich habe eine lange recht schwere Zeit verlebt, krank, sehr betrübt und gänzlich unfähig zum Schreiben, was mir auf der Stelle Erbrechen zu Wege brachte. Wie oft habe ich an Euch Lieben gedacht und mich abgesorgt um Louise und das Kindchen, von denen mir auch Niemand etwas sagen konnte. Ihr Brief an Hutterus gab mir die erste und einzige indirecte Beruhigung, da doch wohl Alles gut stehn mußte, wenn Sie an die Herausgabe Ihrer Gedichte denken konnten. Gott segne Mutter und Kind und lasse was Gutes wachsen aus dem kleinen dicken Fresser! Levin, schreiben Sie mir doch, wie der Junge jetzt aussieht. Ich muß den Schlingel sehen, wenn ich nach Meersburg komme, auf die eine oder andre Weise, – Sie zu uns oder ich zu Ihnen. Mein Pathenjunge! Sobald ich soweit zu Verstande komme, will ich ein schönes großes Gedicht auf den Jungen machen, der wird mal besungen werden! Papa, Mama und Pathin gegen einander an. Ich will ihm auch ein Pathenstück schenken, etwa einen hübschen silbernen Becher oder dergleichen; aber dazu muß er erst etwas größer sein, daß er wenigstens die Hände ausstrecken und darnach zappeln kann, sonst macht es mir nur halbes Vergnügen. Ich wollte, der Junge gliche mir ein klein wenig mit; aber da wird wohl nichts aus werden, er möchte denn auf seine Großmutter kommen. Schreiben Sie mir nur fleißig von ihm, es wird mir nie zuviel. Hier ist Alles wohl, nur ich habe viel Trübsal gehabt: schon vom Dampfboot einen Husten mitgebracht, meine liebe alte Amme sehr kümmerlich gefunden; nach einigen Wochen brach die Brustwassersucht völlig bei ihr aus, und seitdem habe ich ein Leben gehabt, wie ich es keinem Türken gönnen möchte, – Tag und Nacht das Jammern gehört, und das Elend vor Augen. Mama wollte mich umquartieren, aber die Köchin, die neben der Alten schlief, hatte einen gar zu festen Schlaf und konnte es auch der Alten nicht recht machen; so setzte ich es durch, unten zu bleiben. Es ist überstanden, aber es war eine harte Zeit, vom Ende Octobers bis zum 23sten Februar, wo wir meine gute Alte begraben haben. Mama brachte mich gleich nach Hülshoff, denn ich war die ganze Zeit über krank gewesen und die letzten Wochen bettlägerig – schreiben konnte ich schon seit dem November nicht mehr –; dort habe ich mich in acht Tagen unglaublich erholt und bin kaum noch krank zu nennen, nur sehr schwach, – ein sichrer Beweis, daß Alles rein nervös war. Von Meersburg haben wir ganz gute Nachrichten; der alte Laßberg hält sich wie ein Held gegen den kalten Winter und hustet nicht mal so viel wie sonst. – Hier ist die alte Frau v. Aachen gestorben, steinalt, ich glaube in den Neunzigern. Die Anzeige in der Zeitung sprach viel von dem großen Kummer der Ihrigen und der allgemeinen Verehrung, die sie mit ins Grab genommen; das Papier ist geduldig! – Der arme Junkmann ist wirklich rein um sein Thereschen; es ist nichts mehr zu hoffen, denn sie liebt ihn nicht mehr. Seine jahrelang unausgesetzte Verstimmung, Bitterkeit und wirklich nicht zu ertragende Susceptibilität – wenigstens in Beziehung auf sie – haben endlich ihre Liebe todt gemacht oder ihr wenigstens die Überzeugung gegeben, daß sie eine höchst unglückliche Frau mit ihm sein würde. Ich habe es ihm lange vorausgesagt; hätte er sich ruhig verhalten, er hätte sie so sicher gekriegt, wie zweimal zwei vier sind. Anfangs hat er sehr über Unrecht geschrien: »Schlüter habe ihn mißbraucht, seine theure Zeit an sich gerissen zu Übungen in Sprachen \&c.« (Wieder verschiedene Lesarten: Schlüter glaubt gleichfalls seine Zeit geopfert und Junkmann quasi unentgeltlich Privatstunden gegeben zu haben.) Jetzt ist Junkmann in Bonn, wo er für ein Jahr ein königliches Stipendium genießt und dann promoviren will. Er soll ganz heitre Briefe schreiben; ich habe noch keinen von ihm, weil ich seinen letzten desperaten – gleich nach der Entscheidung – schon nicht mehr beantworten konnte; jetzt aber will ich ihm schreiben, denn ich merke, es geht wieder, mir ist noch gar nicht übel. Junkmann bleibt immerhin mit seiner Treue, Reinheit, Gewissenszartheit und tiefen Religiösität ein nicht genug zu schätzender Charakter, und wer weiß, vielleicht wird er jetzt noch hintennach fröhlich und gesund, da seine ärgste Selbstqual keine Nahrung mehr findet. Gott gebe es! – Daß Schnittger verheurathet ist, werden Sie wissen. Eine wissenschaftlich gebildete, vermögende Frau, so originell wie er selber; 's ist eine langjährige Liebe oder doch Verbindung gewesen; sie haben sich schon einige Brautjahre durch gezankt und zanken sich jetzt in die Ehe hinein. »Ach Gott, hätte ich Dich so gekannt, ich hätte Dich mein Lebtage nicht genommen!« ( NB. hautement , vor allen Leuten). Eine Hauptgeschichte, die sie sehr ernsthaft und kläglich vorträgt: »wie sie, eine halbe Stunde vor der Copulation, Schnittgern habe ganz fürchterlich auf dem Gange schreien und toben hören, und ihn gefunden im Schlafrock, beide Hände in den Haaren, weil ihm die Bräutigamshosen gestohlen worden, und wie er da so widerspänstig gewesen und sich nirgends nach einem Surrogate habe umhören wollen \&c.« Dennoch gilt die Ehe nicht für unglücklich; Beide sollen sich keine zwei Stunden entbehren können, und ihre besten Freunde sind nicht bekümmert, sondern wollen sich todt lachen. – Bei Schlüters ist Alles beim Alten, – immer gleich wohlwollend, mildthätig und ehrenwerth, nur hat die Lombard – die alle französischen Theologen nach einander übersetzt – den steif gelehrt frommen Ton dort sehr gesteigert, – wenigstens giebt sie ihn an und hält ihn fest, wenn sie dort ist, d. h. täglich; und zudem leidet die frühere Harmlosigkeit des guten Schlüterchens jetzt sehr unter Autor-Ärger und Sorgen, denn er ist überaus ehrgeizig, und von seinen vielen gelehrten oder frommen Brochuren, bald Übersetzungen, bald propre crû , hat noch keine besonders Glück gemacht. NB. Die endlosen Sonette »Welt und Glaube« sind auch von ihm; er läugnets zwar, aber ich und viele Andre wissen es aus ganz sichrer Quelle, nämlich von Demjenigen, dem er sie dictirt hat; nur einige wenige darunter sollen von der Lombard sein. Man hat mir gesagt, Sie seien um eine Recension angegangen worden, aber vergebens; Sie haben sich doch nicht allzuhart ausgedrückt? Obwohl die Sonette zum Sterben langweilig sind. Dennoch habe ich ihnen, ihrer Tendenz und theilweisen Derbheit halber, bei einer gewissen Klasse einigen Erfolg prophezeit, und es trifft auch schon ein. Die »wohlfeile katholische Bibliothek«, ein Ihnen wahrscheinlich unbekanntes, aber viel gelesenes, endloses Werk, das im Ganzen nicht ohne Geschmack wählt, hat in ihrem letzterschienenen Bändchen drei der Sonette abgedruckt und bedauert »Raumes halber nicht Mehreres aufnehmen zu können, aus einem so schätzbaren Buche voll der tiefsten, nicht genug zu beherzigenden Wahrheiten \&c.«; das freut mich doch! – Wollen Sie auch von der Bornstedt hören? Es ist doch immer eine alte Bekannte. Sie ist nicht mehr in Magdeburg, – mitsammt der Tante fortgezogen, ich meine nach Leipzig oder Dresden, – und schreibt der Madame Glaß: »Alle möchten doch fleißig für sie beten; sie sei in größter Gefahr, wieder protestantisch zu werden, da ein höchst liebenswürdiger, steinreicher Vetter sich um ihre Liebe bewerbe und offenbar nur durch ihre Religion genirt werde.« Schlüters waren sehr bekümmert über diese große Versuchung, aber die Lombard sagte ganz trocken: »Lassen Sie sich nicht bange machen, der Vetter denkt nicht daran!« und Doctor Gräver: »So gewiß nicht, wie ich eine Nase vorm Kopfe habe; aber es kann ihr doch gehn, wie dem Hunde mit dem Stück Fleisch: sie wird protestantisch, und der Vetter empfiehlt sich«; und so kann es auch leicht kommen, wenn er ihr nicht etwa noch zur rechten Zeit von seiner Braut erzählt. Meinetwegen! – Die Tabouillot ist jetzt in besserer Lage; ihre Eltern sind nach Münster gezogen, sie wohnt bei ihnen und genießt überhaupt viele persönliche Theilnahme. Aber von ihrer Prosa habe ich neulich die erste Probe gelesen, eine Erzählung im Unterhaltungsblatt des Merkurs; – o weh, o weh! Sie hat mich so oft um Beiträge zu ihrem westphälischen Jahrbuche angehn lassen, daß ich endlich ein paar Gedichte versprochen habe; Gott weiß, wie ich sie noch aus dem Ärmel schütteln werde, denn zu Kopfanstrengungen bin ich noch viel zu schwach, und doch drängt die Zeit. – NB. Der Dräxler-Manfred mag das Gedicht nur gern behalten; aber es wäre mir hart, wenn ich seinen allerdings sehr höflichen Brief beantworten müßte, jetzt, wo mich das Schreiben noch so angreift. Lieber Levin, Sie schreiben gewiß oft nach Darmstadt, könnten Sie das nicht für mich ausrichten? Und auch, daß ich – worum Dräxler-Manfred mich ersucht hat – zu den künftigen Jahrgängen beitragen wolle. Bitte, thun Sie es, lieb Kind, es würde mir so sauer werden. – Aber wer ist denn der Doctor Boas, der mir vor etwa vierzehn Tagen einen langen Brief, datirt »Landsberg an der Warthe«, schreibt, des Inhalts: »daß er im Verein mit dänischen, schwedischen und niederländischen Dichtern ein Werk – vielleicht ein Jahrbuch? – betitelt »Die Stammverwandten«, herausgeben wolle, wozu Sie, lieber Levin, ihm eben jene Gedichte, von denen jetzt Dräxler-Manfred eins bekömmt, zugesagt hätten \&c.«? Wahr muß es wohl sein, obwohl Sie seiner mit keiner Silbe erwähnen; wie wüßte er sonst von den Gedichten in Ihren Händen? Lieb Kind, Sie wissen in dieser Hinsicht am Besten, was mir gut und nütze ist; wenn es Ihnen recht ist, ists mir auch recht. Nur Eins möchte ich gern: der Boas spricht selbst nur von einem Plane, – somit, da die Teilnehmer so zerstreut wohnen und Boas gewiß nicht mit Allen in näherer Verbindung steht, eine weitaussehende Geschichte, die sich vielleicht erst nach Jahren realisirt. Bis dahin wäre es doch immer möglich, daß die erste Auflage meiner Gedichte vergriffen wäre, wo ich dann gern geringere ausmerzen und durch bessere aus den späteren ersetzen möchte; und dann würde ich diese, wenigstens einige derselben, z. B. » Halt fest « und » Der Nachtwandler «, ungern vermissen, wenn der Boas vielleicht noch immer über seinem Plane brütete und vielleicht sein und mein Leben lang am Brüten bliebe. Dem möchte ich nun gern vorbeugen; läßt sich nichts darüber festsetzen? Hierbei fällt mir Hüffer ein; hören Sie, wie es mir mit dem gegangen ist. Er antwortete sehr höflich, daß er keineswegs den Ladenpreis verlange, sondern sich als meinen Commissionair ansehe und neben Druck- und sonstigen Kosten nur gewisse Procente – ich weiß nicht mehr wie viel – nehmen werde. Die Bücher kamen an, – es waren statt 300 nur 172, – dabei die Rechnung, und diese machte, trotz der minutiösesten Berechnung, nur 63 Thaler; im Laden kostete das Buch 25 Silbergroschen. Die Auflage war 500* Exemplare stark. Hüffer hat also 328 Exemplare verkauft und dafür 272 Thaler eingenommen; so war er doch längst wieder zu seiner Auslage oder vielmehr hatte schon entschiedenen Profit gehabt, was mir sehr tröstlich ist. Denn die 63 Thaler waren bei Weitem nicht die Druckkosten für die 172 Exemplare; das krümelte sich so zusammen, seine Abzüge für den sämmtlichen Verkauf, Porto – die ganze Pastete lag in Leipzig – \&c. Werner hat ihn auf der Stelle bezahlt, und nun, bitte, wenn Sie mich lieb haben, reden Sie gegen Niemanden darüber; die Sache ist und bleibt mir schimpflich, und hier in Münster weiß, glaube ich, Niemand darum. * Eben fällt mir ein, daß ich dem Hüffer eine Auflage von 500 Exemplaren erlaubt habe, jedoch nicht sicher weiß, ob er sie gedruckt hat, meine dies aber doch gewiß. In der Berechnung hat es wohl gestanden, die habe ich aber nicht zur Hand. Nun sagen Sie mir doch auch, wie es dem Cotta mit dem Verkaufe meiner Gedichte geht. Hier in Münster werden sie, gegen meine Erwartung, sehr stark gelesen; ob gekauft, ist eine andere Frage, und ich weiß darüber nichts zu sagen. Es ist leider münsterische Manier, sogar bei den reichsten Leuten, sich auf das Leihen zu verlassen und, selbst wenn sie sehr begierig auf ein Buch sind, ganz naiv zu sagen: »Ich habe mich schon Jahre lang um das Buch bemüht und kann es noch immer nicht bekommen«, während es in allen Läden am Fenster steht. Auch jetzt haben mir ein paar sehr vornehme und reiche Damen geklagt, daß ihre Exemplare von all dem Ausleihen schon ganz zerlumpt wären, und meinten mir noch ein Compliment damit zu machen, während mir doch Cotta's wegen ein Stich durchs Herz ging. Doch höre ich auch ab und zu, daß Jemand sie gekauft oder geschenkt bekommen hat. – NB. Ich erhielt vor etwa sechs Wochen einen zuerst an die Cottaische Buchhandlung gekommenen und dann von Ihnen richtig adressirten Brief aus Paris; der hat Sie gewiß neugierig gemacht. Er war von einem gewissen Theodor Klein, einem poetischen Dilettanten, wie mir scheint, – denn er spricht von seinen »Geschäften entübrigten Stunden der Muße, in denen er sich mit Poesie beschäftigt«, – dem »im Gewühle der Weltstadt, wo er seit Jahren zu leben gezwungen ist«, meine Gedichte zu Händen gekommen sind und ihn zu einliegenden Strophen begeistert haben, in denen er mir den unverwelklichen Lorbeer aufs Haupt setzt. Das Gedicht war mittelmäßig, d. h. so, wie man es vor fünfzehn Jahren würde allerliebst gefunden haben, der Brief etwas schwülstig, aber doch rührend durch sein offenbar vom Herzen kommendes Gefühl und eine große Nüchternheit. Er hatte seine Adresse fast unleserlich klein und verstohlen beigefügt; ein paar freundlich anerkennende Zeilen würden ihn gewiß ungeheuer gefreut haben, und da es mir nach einigen Ausdrücken schien, er müsse ein Westphal sein, war es mir fast leid, daß ich ihm diesen unschuldigen Spaß doch nicht machen konnte. Hätte ich nur irgend etwas über ihn gewußt, so hätte ich es vielleicht gethan. Hier im Merkur erschien mit einem Male auch eine Recension meiner Gedichte, so ungemein partheiisch, daß ich mich schämte und meinte, nur Schlüterchen könne so blind sein; sie war aber von einem Schlesier, einem gewissen Kynast, der seit vier Wochen als Assessor nach Münster gekommen und gleich für mich ins Geschirr gegangen war. Ich habe ihn nachher einmal gesehn und gesprochen, – einen seltsamen, heftigen Menschen, der vor Aufgeregtheit zitterte wie Espenlaub. Sie schrieben mir früher, Kühne werde noch eine Recension in die Allgemeine rücken; hat er es ausgeschlagen, oder ist sie so unvorteilhaft, daß Cotta sie nicht hat einrücken wollen? Wenn das Letztere ist, so sagen Sie es mir doch; ich sehe gern klar und kann es ganz wohl tragen. Ich fürchte mich jetzt – in litterarischer Hinsicht – vor nichts als vor unrichtigen und thörichten Ansichten in Betreff meiner Erfolge; das hat mir zuviel Beschämung bei Hüffer eingetragen. Lieber Levin, hier in Rüschhaus kömmt es mir jetzt ganz öde vor; ich kann mich noch nicht daran gewöhnen, daß meine Alte fort ist. Ich wohne nun oben im Hause, auf dem kleinen Zimmer, vis-à-vis von Ihrem Quartier dort; in meinem Zimmer unten ist die gute Alte auf dem schwarzen Kanapee gestorben, und ihre Leiche hat da gestanden; so ist es jetzt gescheuert und verschlossen, und ich soll fürs Erste nicht wieder hinein. Ich wollte, ich wäre vier Wochen weiter; jetzt liegt es mir noch sehr im Sinne. Von Adele weiß ich nur, daß sie in Rom bei der Mertens ist; ich habe leider – durch eigne Schuld, denn ich hatte ihren letzten vor anderthalb Jahren erhaltenen Brief nicht beantwortet – ihre Adresse nicht, weiß sie auch nirgends zu bekommen und hörte doch so gern mal wieder von ihr. Diese Nachricht habe ich durch meine Cousine in Bonn. Wie schnell doch in diesen umtreibenden Zeiten Alles auseinanderstäubt! Adele hat zehn Jahre in Bonn gewohnt, ist erst seit vier bis fünf Jahren fort, und schon giebts dort Keinen ihres früheren Kreises mehr, bei dem ich nachfragen könnte. Auch die Mertens hat ihre Haushaltung auseinandergehn lassen und ihr Haus zum Verkauf ausgesetzt, ebenso ihr Gut Plittersdorf, ihr früheres bijou und Herzblatt, wo ich sie so manchen Tag habe selbst im Garten arbeiten sehn; wahrscheinlich denkt sie ganz in Italien zu bleiben. Sie fragen, wie mir Prosper gefällt? Das will ich Ihnen sagen: er gefällt mir gut, wird mir aber nach zehn Jahren viel besser gefallen. Er ist jetzt in der Zeit, wo die Knaben gern über ihr Alter hinauswollen, – sieht aus wie zwölfjährig und möchte gern keck und schöngeisterisch thun wie ein Zwanziger; das macht sich etwas seltsam. Übrigens darf er nur wachsen und Farbe bekommen, um recht hübsch zu sein, sieht klug und entschlossen aus, und ich glaube, es steckt viel in dem Jungen. Sie können denken, daß es mich freute und sehr bewegte, ihn zu sehn; leider kam er erst Nachmittags und mußte bald wieder fort. Schreiben Sie mir doch immer, was Sie von ihm hören. Ihre Recension über die Paalzow ist mir noch nicht zu Augen gekommen; aber auf Ihre Gedichte bin ich äußerst begierig, ich kenne eigentlich erst höchstens ein Dutzend derselben. Und wie heißt denn der dicke Roman? Wie weit sind Sie? Weß Inhalts? Wer verlegt ihn? Sie müssen nicht so kurzab sein; schickt sich das für einen kleinen Jungen seinem Mütterchen gegenüber? Aber jetzt denkt der kleine Junge an nichts als an den allerkleinsten Jungen! Adieu, lieb Kind, tausend Liebes an Louisen. Mama läßt Euch Beide herzlich grüßen; sie ist Gottlob sehr wohl, ihr Herzklopfen viel geringer als in Meersburg. Nochmals Adieu, und nehmen Sie beim Antworten meinen Brief zur Hand. Gott segne Euch alle Drei. Antworten Sie bald. Ihr treues Mütterchen. Sagen Sie mir doch, wer mein Antheil am Taufgelde ausgelegt hat und wie viel es macht; vergessen Sie aber doch nicht. Augsburg den 15ten Juni 1845. Mein liebes Mütterchen! Es ist 'ne wahre Schande, daß ich Ihnen bis jetzt auf zwei liebe freundliche Briefe noch nicht geantwortet habe. Erst war's Mangel an Zeit und seitdem Aufschub, da ich Ihnen gern genau den Zeitpunkt sagen wollte, wann wir an den Rhein kommen werden. Dies ist jetzt festgesetzt, nämlich in den ersten Tagen des Juli. Könnten Sie dann nicht nach Cöln oder Bonn kommen? Es wäre gar zu schön! Am liebsten wäre es mir, wenn ich Sie dann ganz mitnehmen könnte, nämlich nach Ostende, wo wir einen Monat zu bleiben gedenken. Wenn Sie auch nicht Seebäder nehmen wollten, so denk' ich, müßte Ihnen doch die Seeluft allein wunderbar gut thun! Von Ostende haben wir stark vor, nach Paris zu gehen und dort die Herbstmonate zu bleiben, nur ist da der große Umstand: das Kind, das wir nicht gern zurücklassen und doch auch nicht mitnehmen können. Obwohl Louise Verwandte in Hanau hat, denen sie es mit gutem Vertrauen lassen kann, so fürchtet sie doch alles Vergnügen der Reise vergällt, wenn der Junge nicht da ist. Was diesen selbst angeht, so danken wir Gott täglich dafür und bitten, ihn uns nur so zu erhalten, denn bis jetzt macht er uns nur Freude. Er ist dick und stark und lacht den ganzen Tag, wenn er nicht schläft, heißt das, was seine Hauptbeschäftigung ist. Abends um halb acht schläft er seit fünf Monaten schon ein und in einem Stück fort, bis am andern Morgen um sechs Uhr, was, wie alle Welt sagt, etwas Unerhörtes ist. So hat er uns bis jetzt noch keine Sorge und Last, sondern nur Freude gemacht. Er ist sehr lebhaft, sehr hochmüthig und sehr gefräßig und gleicht mir auf ein Haar, sagen die Leute. Jetzt leidet er etwas am Zahnen, und merkwürdiger Weise kommen, scheint es, die Augenzähne zuerst. Ich bin den Winter sehr fleißig gewesen und habe nicht allein meine Aufsätze für die Allgemeine Zeitung und die Ergänzungsblätter derselben geschrieben, sondern auch einen Band Gedichte fertig gemacht, der nun bei Cotta im Herbst erscheint, und ferner einen Roman geschrieben, der im Herbst bei Brockhaus herauskommt und »Die Ritterbürtigen« heißt; er hat drei Bände, war also ein hübsch Stück Arbeit. Er spielt in Westphalen; eine ehrgeizige, politische Dame steht im Vordergrunde; der Roman ist überhaupt halb politischer Roman, halb Intriguenstück. Na, Sie werden sehen. – Jetzt bin ich beschäftigt, zwei Bände Novellen zusammen zu stellen, die gegen Weihnachten erscheinen. Der Roman »Die Ritterbürtigen« beginnt den Reigen eines Cyclus von Romanen unter dem Gesammttitel »Zeiten und Sitten«; nach ihm, sehr bald, wird kommen: »Eine dunkle That«, ein andrer Name für das Stiftsfräulein, das ich wieder abdrucken lasse. Das Juniheft der Monatblätter zur Ergänzung der Allgemeinen Zeitung enthält einen Aufsatz über Gutzkow von mir, den Sie lesen müssen. Haben Sie auch den Stifter gelesen, den ich in der Allgemeinen herausgestrichen habe? Das ist ein Buch, welches Ihnen Vergnügen machen würde, liebes Mütterchen – eine merkwürdige Naturmalerei. Eben lese ich den »Paul« von Sternberg, der fürchterlich langweilig ist. »Anna« von der Adele Schopenhauer hat Louise gelesen und lobt es sehr. Von Ihnen habe ich in der Cölnischen Zeitung die Pyrenäengedichte gelesen, die sammt und sonders sehr schön sind! Sind Sie hübsch fleißig? Und wie geht es Ihnen jetzt? Wenn Sie irgend angegriffen sind, faulenzen Sie ja und thun sich einen rechten guten Tag an, liebes Mütterchen, – das Schreiben greift doch gewaltig die Nerven an! Was hören Sie von Laßbergs? Und wie geht es Schlüterchen und Junkmann? Grüßen Sie sie recht herzlich von mir. Auf Ihre Fragen, liebes Mütterchen, ob Sie Gedichte, die Sie Dräxler-Manfred oder E. Boas in Berlin für sein Album geben, auch später wieder drucken lassen können, antworte ich Ihnen schon gar nicht mehr! Bis den ersten Juli treffen Briefe mich noch hier, dann ist meine Adresse während des Juli: Ostende, royaume des Belgiques . Gute Nacht, liebes Mütterchen, – ich bin todtmüde, ich bin ein Faulenzer im Briefschreiben, aber halten Sie nicht weniger lieb darum Ihren alten treuen Levin. Tausend Herzliches von Louise. Meine Frau und ich lassen uns angelegentlichst Ihrer Frau Mutter empfehlen. Von Louise Schückings Hand hinzugefügt. Ich muß Ihnen auf dem kleinen freien Plätzchen noch guten Abend sagen und daß Ihr Pathchen jetzt schon, obgleich noch nicht ein halb Jahr alt, Papa und Ma– sagt, Papa, wenn er satt ist, und Ma–, wenn er Hunger hat. Er sieht aus wie ein kleiner Westphale, son père tout craché . Wir haben ein unmenschliches Plaisir mit ihm; geben Sie ihm auch etwas von Ihrem reichen Herzen und behalten Sie mir mein Theilchen. Ihre Louise. Abbenburg den 25sten August 1845. Ich habe Ihnen einen ellenlangen Brief schreiben wollen, mein liebster Levin; aber Gott weiß, es ist mir nicht möglich gewesen, und ich muß jetzt nur eilen, was ich kann, dieses Wenige zur Post zu schicken. Machen Sie damit, was Sie wollen, d. h. drucken Sie es oder nicht; ich mache gar keine Prätensionen mit diesen Gedichten Das obere Drittel des einzelnen Blattes, auf dem dieser Brief steht, ist auf beiden Seiten mit Versen beschrieben, es sind dies die letzten einundzwanzig Zeilen des erzählenden Gedichtes » Das verlorene Paradies « und – mit II bezeichnet – das geistliche Lied » Gethsemane .« , die in einem Wirrwarr gemacht sind, wie ich desgleichen nie erlebt und nie wieder zu erleben hoffe. Seit zwei Monaten, wo der Onkel so weit hergestellt ist, daß er täglich einige Stunden Besuch ertragen kann, ists hier zum Schwindligwerden. Alle Tage 3–4 Besuche und jeder 3–4 Mann stark: neun verwandte Familien, vier benachbarte, nebst diversen Pastoren, die sich Alle einbilden, jede Woche wenigstens einmal nachsehn zu müssen, wie die Besserung fortschreitet. Der Onkel hats bequem: sobald ihm der Lärm zu arg wird, zieht er sich als Reconvalescent in seine Privatzimmer zurück, wohin Niemand folgen darf; aber Mama und ich führen ein wahres Schenkwirthsleben, – wir liegen oft noch im Bette, wenn schon ein Wagen anrollen kömmt, und Alle bleiben bis zum späten Abend. Denken Sie, Mama'n bekömmt dies Leben à merveille ; sie ist so kregel wie ein Bienchen geworden, und wenn ich an Rüschhaus denke, wo ihr eigentlich jeder Besuch zu viel war, so steht mir der Verstand still. Ich hingegen kanns gar nicht aushalten; ich bin den ganzen Sommer leidend gewesen und muß mich täglich über Nacht aufrappeln. Wenn ich mich darin zugäbe, könnte ich jeden Abend bitterlich weinen. Gegen den 20sten nächsten Monats denkt Mama indessen abzureisen, NB. wenn sie es durchsetzt; der Onkel weiß noch nichts davon, und ich sehe bedeutenden Widerspruch voraus. Schreiben Sie mir also später nicht mehr hierhin, sondern wieder nach unserm guten Rüschhaus, was mir jetzt wie ein Paradies vorkömmt; ein Brief nach unserer Abreise ankommend wäre so gut wie sicher verloren, denn der Onkel ist über die Maßen vergeßlich, und es giebt Eckchen oben auf seinem Schreibtisch, wo er Alles hinsteckt, und woraus keine Erlösung zu hoffen ist. Ich habe die Gedichte Abends im Bette machen müssen, wenn ich todtmüde war; es ist deshalb auch nicht viel Warmes daran, und ich schicke sie eigentlich nur, um zu zeigen, daß ich für Sie, liebster Levin, gern thue, was ich irgend kann. Zum Durchfeilen ist mir nun vollends weder Zeit noch Geistesklarheit geblieben, doch sind mir, wie Sie sehen, unter dem Schreiben allerlei Varianten eingefallen, unter denen Sie, – falls Sie die Gedichte aufnehmen, was ich aber, aufrichtig gesagt, nicht erwarte, – wählen mögen. Am Liebsten wäre es mir, wenn in diesem Falle meine liebe Louise die Auswahl träfe. Sie, lieber Levin, sind gar zu sehr mit Arbeiten überhäuft, um lange kreuz und quer zu überlegen, wie sämmtliche Abänderungen sich zu einander verhalten müssen, damit sich nicht dasselbe Bild wiederholt, oder dasselbe Wort zu schnell wiederkehrt. Und meine Arbeit ist doch schwach genug auch ohne solche Verstöße. In die späteren Jahrgänge will ich wenn Sie es wünschen, größere Aufsätze liefern, prosaische, weil Ihnen das am liebsten ist, – ich denke, westphälische Sittenschilderungen, entweder in Erzählungen oder Genrebildern. Wenn ich diesen Winter nicht zu krank werde, werde ich tüchtig in Rüschhaus arbeiten können; denn ich habe jetzt Niemanden mehr, der mich besucht, da Rüdigers, die nach Minden versetzt sind, schon vor meiner Ankunft fort sein werden, und Schlüter gar nicht mehr über Land geht. Ich hoffe, Letzterer hat Ihnen Beiträge geschickt; ich habe es ihm früh genug geschrieben und weiß auch schon, daß er sehr erfreut und bereitwillig gewesen ist. Im Frühling gehn wir wieder nach Meersburg; ich freue mich recht darauf, dort bin ich immer viel gesünder und kann auch viel mehr und leichter arbeiten; Ruhe, poetische Umgebung und besseres Befinden wirken dann zusammen. Auch in Ihrer Nähe bin ich dann, höre oft von Ihnen und kann es vielleicht möglich machen, Sie zu besuchen und mein lieb Pathenjüngelchen zu sehn, – lauter Dinge, wornach ich mich herzlich sehne, aber in diesem Augenblicke lange nicht Kraft und Muth genug habe, es recht lebendig zu hoffen. Sie glauben nicht, wie confus mich diese Lebensweise macht; ich bin so schwindlig wie eine Eule – nicht metaphorisch, sondern wirklich, körperlich; es klingelt mir seit lange fortwährend in den Ohren, und ich sehe Alles doppelt. Wie würde es mich interessiren, die mir von Ihnen bezeichneten Aufsätze zu lesen; aber, lieb Kind, hierhin kommen keine Journale und auch keine Zeitungen außer der Cölner und dem Merkur; ich muß schon noch vier Wochen warten und dann in Münster Jemanden aufzutreiben suchen, der mir ab und an etwas zukommen läßt. Aber, lieber Levin, soll ich fortan alle Briefe an Sie nach Cöln schicken? Sie schreiben mir: »Bis zum 20sten ist meine Adresse Ostende \&c., Ihre späteren Briefe bitte ich nach Cöln, Adresse \&c. zu schicken.« Dazu Ihre lange Abwesenheit von Augsburg, – der Plan, den Winter in Paris zuzubringen: sind Sie vielleicht aus der Verbindung mit Cotta getreten? Bitte, antworten Sie mir doch hierauf; Sie können denken, wie es mich interessirt. Nun habe ich noch einen Auftrag von meinem Onkel August, d. h. einen Auftrag für mich, für Sie nur eine Anfrage. Er hat mir die Hauptpunkte notirt, und ich lege den Zeddel bei, da er mir hinlänglich ausführlich scheint, um Ihnen, mit einigen Erläuterungen von mir, klar zu machen, was er zu wissen wünscht. Er hat nämlich erstens ein bereits sehr vorgeschrittenes Werk über russische Zustände unter der Feder, das Ergebniß seiner auf Kosten der Regierung gemachten Reisen in Rußland; er will es auf eigene Kosten herausgeben, in deutscher und französischer Sprache, und wünscht nun den Betrag dieser Kosten und dann ferner zu wissen, ob vielleicht Cotta oder sonst eine Ihnen bekannte bedeutende Buchhandlung geneigt sein dürfte, beide Auflagen in Commission zu nehmen, und wie die Verhältnisse des Herausgebers zu dem Commissionair (Procente und sonstige Verbindlichkeiten) zu sein pflegen, oder noch besser – wenn Sie sich entschließen könnten, direct anzufragen – grade in diesem Falle sein würden. Das Buch beschäftigt sich mit den verschiedensten Interessen, – bald politisch, bald wissenschaftlich, mitunter hochpoetisch, wenn es auf die Sitten, Gebräuche, Volksglauben, Volkspoesie kömmt. Ich habe hier und dort darin gelesen; es ist gut geschrieben, nicht sehr fließend, aber lebendig und mit vielem Geist. Die Illustrationen sind unbedeutend, meistens Häuser, Geräthe \&c. der verschiedenen Stämme, vielleicht ein paar Trachten, Alles in sehr kleinem Format, um so an der Seite oder zwischen den Zeilen angebracht zu werden. Dann hat August zweitens einen einzelnen Aufsatz ähnlichen Inhalts: »Über die freien Kosacken-Gemeinden« – möglicher Weise nur als Probe aus dem größeren Werke entlehnt, was ich nicht weiß und ihn jetzt nicht fragen kann –, den er irgendwo einzurücken und zu diesem Behufe die Honorare der verschiedenen bei Cotta erscheinenden Zeitschriften zu erfahren wünscht. Diesen Aufsatz habe ich ganz gelesen und daraus Alles anwendbar gefunden, was ich über das größere Werk – so weit ich es kenne – gesagt. Mit dem Beiblatt zur Allgemeinen ists nichts; der Aufsatz läßt sich nicht in kleine Absätze theilen, er muß in einem Stück durchgelesen werden. Desto passender scheint er mir aber für irgend eine politisch-wissenschaftlich-belletristische Vierteljahrsschrift oder Jahrbuch, nur nicht für das Rheinische, dessen Tendenz zu ausschließlich belletristisch ist. Bitte, helfen Sie ihm doch mit einiger Auskunft aus, damit er weiß, wo er sich am Passendsten hinwenden kann; Sie können mir die Antworten schreiben, oder wenn lieber ihm selbst, so ist seine Adresse in den nächsten Monaten »Bökendorf bei Brakel« (liegt sieben Stunden von Paderborn). Nun Adieu, liebster Levin, ärgern sie Sich nicht über meinen Papiergeiz; ich habe so gar kleine Couverts und kann selbst keine andern machen. Tausend Liebes an Louisen; zuerst von mir, und dann von Mama. Sie wollen mich recensiren? Ach, Sie sind gar gut, aber ich bin auch Ihr treues Mütterchen. Cöln den 6ten Februar 1846. Liebes Mütterchen! Ich weiß wohl, weshalb Sie mir nicht schreiben: Sie meinen, Sie müßten mir einen ganz langen Brief schreiben, wenigstens eine Seite Entschuldigung und Erklärung, weshalb Sie nicht geschrieben, und das Schreiben greift Sie an. Das sollen Sie aber nicht – nur ein paar Worte, wie es Ihnen geht, und daß Sie uns nicht ganz vergessen haben. Meine Louise hat mich mit einem Töchterchen beschenkt. Diesmal ist es rascher und leichter gegangen als das erste Mal. – Louise hat sich auch ziemlich wieder erholt und ist schon wieder auf. Das Kindchen ist sehr hübsch und stark und gesund und heißt Gerhardine nach der Tante in Kiel, die Pathe ist. Junkmann war gestern bei uns, er war lustig und wohl. Der Minister hat ihm zu Weihnachten vierzig Thaler zum Ersatz seiner Kosten in der Wasserkuranstalt in Rolandseck geschenkt. Wir leben den einen Tag so wie den anderen, in stiller Häuslichkeit, – in so weit eine Häuslichkeit, die zwei kleine Schreihälse beleben, still genannt werden kann. Ich habe ein neues Lustspiel geschrieben: Drei Landesväter oder die Belagerung von Graßlingen betitelt, das in den nächsten Tagen hier gegeben wird. Fr. Dingelstedt hat einen Artikel über mich in der Allgemeinen Zeitung geschrieben, den ich Sie einmal sich zu verschaffen bitte, in Nr. 6 und 7 laufenden Jahres. Sie werden an Arbeiten während des Winters nicht viel haben denken können, nicht wahr, mein armes Mütterchen –? Darum habe ich Sie auch nicht um Beiträge für mein Feuilleton geplagt. Ich hoffe, dies Blatt, das voll der wärmsten Anhänglichkeit in die Einsamkeit von Rüschhaus flattert, trifft Sie möglichst wohl, sonst kommen Sie – fort aus schädlicher Luft – zu uns, die wir Sie treulich pflegen wollen! Ihr alter Levin. Rüschhaus den 7ten Februar 1846. Mein lieber Levin! Ich habe soeben einen Brief zerrissen, weil er sich gar zu kläglich ausnahm, – einen bereits fertigen Brief an Sie, mein gutes Kind, worin ich zur Entschuldigung meines Stillschweigens das ganze Heer von Trubeln und wirklichen Unfällen, das uns seit vier Monaten verstört hat, aufmarschiren ließ. Wozu das? Es ist ja jetzt vorüber, Manches am Ende nur leere Angst gewesen, und Anderes bereits halb verschmerzt. Lassen Sie mich lieber Ihnen danken für Ihr liebes Geschenk. Wie es mich gefreut hat, mögen Sie daraus abnehmen, daß ich es unter Umständen, die wohl geeignet waren, mich allen Interessen, außer den allernächsten, zu entrücken, bereits dreimal durchgelesen habe. Es ist ein schönes Buch, kein einziges schlechtes oder auch nur mittelmäßiges Gedicht darin, und dagegen Vieles von überraschender Schönheit; z. B. unter den Balladen: »Ebbo Wittingau, Hiarni, Herzog Ludwig vor Augsburg, Sage von Boppard, Ein Besuch, Mißklänge«; unter den andern: »Linde und Eiche, Der Titel dieses Gedichtes ist »Waldsprache«. Warst Du im Wald, Meinen Lothar, O'Connell, Westfalen, Das alte Stift, Die politischen Dichter, Die Prozession, Landsknechtslieder«. NB. Warum haben Sie denn über Ihrem Gedichte an Junkmann ihn nicht mit vollem Namen genannt, wie ich? Junkmann hat ein zwar abnormes und deshalb nur von Wenigen goutirtes, aber sonst doch unbestreitbares Talent. Vielleicht geht er im Strom der Zeiten völlig unter, d. h. wird völlig unsichtbar durch Verlorengehn der sehr geringen Anzahl cursirender Exemplare seiner Gedichte; vielleicht dagegen gräbt man ihn nach einem paar hundert Jahren wieder auf, und er wird dann als höchst merkwürdige Reliquie hoch geehrt. Jedenfalls ist seine völlige Anerkennung erst von der Zukunft zu erwarten; er wird sie nicht mehr erleben, und doch ist grade ihm Anerkennung ein so großes Bedürfniß. Warum haben Sie ihm die kleine Freude nicht gemacht, die wahrscheinlich für ihn eine sehr große gewesen wäre? Bürger, Stolberg und Matthisson haben durch ihre poetischen Zuschriften den sonst ganz obscuren Namen Boie zu einem fast klassischen gemacht. Es setzt schon eine bedeutende Persönlichkeit voraus, der Freund eines geachteten Schriftstellers zu sein: der mehrerer hat einen Firman, der anerkannt wird, so weit jene Namen reichen. Hüten Sie sich aber, diesen Brief nicht etwa aus Vergessenheit des Inhalts Junkmann in die Hände zu geben; diese absichtliche Nachhülfe seines Ruhms würde ihn höchlich empören, und wir wissen ja auch Beide, daß er unendlich Besseres werth ist, aber – il faut faire son mieux! Oder ist er am Rhein jetzt bekannter? Hier, in seinem Vaterlande, noch immer kein Prophet. Wie gehts Louisen? Wann sieht sie denn ihren neuen Mutterfreuden entgegen? Ich denke sehr viel an Euch und habe immer zwischendurch an Euch gedacht, wenn mir auswärtiges Denken sonst wohl vergehen mußte. Wir haben binnen wenigen Monaten viel Angst ausgestanden, doch ist Gottlob nur ein Schlag niedergefallen: wir haben den guten Onkel Fritz Haxthausen verloren, – ein recht betrübender Verlust, jedoch einer, wie viele im Leben vorkommen, und womit man sich abfinden muß. Aber daß Mama und ich, seine einzigen Pfleger – denn er war zuletzt hier in Münster – zwei Monate voraus wußten, er sterbe an Magenkrebs und werde wahrscheinlich zuletzt verhungern, das war sehr hart und überstieg zuweilen, wenn er so geduldig und voll Hoffnung war, wirklich unsre Kräfte. Der Himmel ließ es nicht zum Äußersten kommen, ein Schlagfluß trat früher hinzu. Wohl ein Glück, aber doch ein mit vielem Schrecken verbundenes. Seitdem – auch schon früher – waren Mama und ich Beide sehr unwohl und konnten uns auch nicht erholen, da das Unglück es förmlich auf uns gemünzt zu haben schien und ein Schlag nach dem andern drohte, jedoch, wie gesagt, Gottlob keiner mehr niederfiel. Manches nimmt sich hintennach fast lächerlich aus, z. B. daß Werner glaubte, von einem tollen Hunde gebissen zu sein. Das Beest hatte ihn ohne zu bellen und mit hängendem Schwanze angefallen, ihm förmlich ein Stück aus der Wade gerissen, war dann, den Schwanz zwischen den Beinen, von seinem Bauernhofe herunter getrottet und seitdem verschollen. Das sah doch verdächtig aus! Werner ließ sich die Wunde ausbrennen. die natürlich dadurch sehr schlimm und schwärend wurde. Das halbe Dienstpersonale war immer auf der Jagd nach dem verschollenen Hunde; Wunde und Angst brachten Fieber mit ungeheuren Wallungen, der Arzt war selbst nicht wenig beängstet und unsicher. Mit einem Male stellt sich der Bauer ein, seinen ganz gesunden Hund am Stricke – der am vorigen Abende wieder gekommen war –, und stammelt ganz verlegen von des gnädigen Herrn großem Barte und wunderlichem Hut und Rock (Tirolerhut und Paletot), und daß der Hund alle Bettler beiße. Werner machte ein Gesicht wie Bürgers Kaiser, als Hans Bendix ihn zu neunundzwanzig Silberlingen anschlug, und damit war die Sache zu Ende, wir aber drei Wochen lang mehr todt als lebendig gewesen. Wie uns überhaupt das Pech zu Leibe wollte, mögen Sie aus einem Beispiel sehn. Werner bemerkt vor etwa vier Wochen, daß sein sechsjähriger Moritz stark hinkt; man sieht nichts an dem Beinchen, aber das Kind ist skrophulös und das furchtbare »freiwillige Hinken« der zunächst liegende Gedanke. Während der Junge zu Bette gebracht wird, tritt Werner vor die Hausthür, rutscht auf dem Glatteise aus und verletzt sich so hart am Knie, daß ihn zwei Menschen ins Haus führen müssen. Wie er sich eben gesetzt hat und man daran ist, die Verletzung zu untersuchen, wird ihm ein Brief von München gebracht, »Heinrich sei so schwer am Schleimfieber erkrankt, daß man ihn ins Hospital gebracht habe«. Lautet das nicht fabelhaft? Wir sind zwar immer zumeist mit der Angst davongekommen: Werner und Moritzchen sind hergestellt, auch von Heinrich laufen immer bessere Nachrichten ein, obwohl er das Hospital noch nicht verlassen kann, und so hat sich noch manches Andre, zum Schreiben zu Weitläufige, passabel beigezogen; aber die Angst ist selbst ein großes Übel, und ohne einigen Verdruß oder Schmerzen ist es doch nirgends abgegangen. Den 11ten. Soeben erhalte ich Ihren Brief. Also ein Mädchen! Nun, Gott segne Mutter und Kind. Ich bin herzlich froh, daß Alles so weit ist. Aber mein Lotharchen kömmt nun ganz drunter, der ist nun fortan »der große Junge« und soll viel verständiger und artiger sein, als er kann. Das leide ich aber nicht. Sie erwähnen des armen Stümpchens gar nicht in Ihrem letzten Briefe; das geht nicht, ein Brief ohne meinen Pathenjungen! Versucht er schon, sich auf seine Beinchen zu stellen? Wie gehts mit dem Zahnen? Und wie mit dem Sprechen? Das nächste Mal muß ich einen ordentlichen Bericht haben, oder die Freundschaft hat ein Ende. Wie gern wäre ich in Cöln und sähe Ihr Lustspiel aufführen! Aber hierhin kömmt nichts; nach Münster schon wenig, und nach Rüschhaus – ich meine Bücher und Zeitungen – gar nichts, seit alle meine Eliasraben fortgeflogen sind. Ich habe mir zwar einen neuen angeschafft, einen gewissen Assessor Kynast, der den besten Willen, aber blutwenig Gelegenheiten hat oder sie nicht zu benutzen weiß. Er faßt meine Wünsche mit dem brennendsten Eifer auf, rennt sich die Beine ab und berichtet mir sehr umständlich seine Erfolge in der stereotypen Form: »Ich war dort, dort, \&c, habe aber bis jetzt noch nicht das Glück gehabt \&c.« Auch Nanny Scheibler und Louischen Delius, mit denen ich eine zwar etwas nachlässig cultivirte, aber doch von Zeit zu Zeit sich regende Verbindung unterhalte, bieten mir nur zum Erschrecken gelehrte Werke: Dahlmann, Thiers \&c., an. Ob sie selbst keine andern lesen oder sie mir nicht anzubieten wagen, meiner übersoliden Jahre wegen? Ich glaube fast das Letzte und studire auf eine gute Manier, vom Throne meiner Ehrwürdigkeit herab zu steigen. Überhaupt ist dieses Verhältnis obwohl gewiß von beiden Seiten herzlich wohlgemeint, noch zu wenig unbefangen, als daß es mir eigentliche Erholung bringen könnte; es war zu wenig vorbereitet, sollte mit einem Male, wie ein Pilz über Nacht, da sein, und nun fühlen sich die guten Mädchen genirt, meinen wie die schönsten Bücher sprechen zu müssen und haben neulich über eine Viertelstunde vor unserer Hausthür gestanden, ohne den Muth hineinzutreten. Wenn sich das erst gegeben hat, hoffe ich noch viel Erfreuliches von ihrem Umgange. Der langen Rede kurzer Sinn ist, daß ich somit vorläufig etwas auf dem Trocknen sitze und allerdings nur vom süßen Merkur gespeist werde. Ich habe auch in den vier Monaten, seit wir von Abbenburg zurückgekehrt sind, mich nach keiner bloß unterhaltenden Lectüre umsehen mögen; es kam mir bisher noch fast unschicklich vor. Heute kömmt indessen unser Assessor und wird mir ja die Nummern der Allgemeinen doch wohl verschaffen können, hoffentlich auch Louisens Frauennovellen; auf das Rheinische Jahrbuch ist jedoch schon diverse Male die oben berührte stereotype Form angewendet worden. Wissen Sie denn, daß Nanny Brockhausen den Wittwer Zurmühlen, Paulinens Bruder, geheurathet hat? Und haben Sie in der Allgemeinen die verrückte Anzeige von meines armen Onkels Tode gelesen, wo Mama und ich und Laßberg bei den Haaren hinein gezogen sind? Diesen verunglückten Liebesdienst soll mir die Tabouillot erwiesen haben, die mir noch immer nachstellt wie der Teufel der Seele und mich noch immer nicht erwischen kann. Mama wünscht diese Bekanntschaft zu vermeiden, und ich fühle eben auch keine große Sehnsucht, wenn ich ihre Gedichte lese, und die Prosa ist noch schlechter. Von Schlüters höre ich blutwenig; das Professorchen wird älter, kälter, und immer kränklicher, mag keine Fußtouren mehr unternehmen, – schreiben hat es nie gemocht, – ich kann jetzt auch weder schreiben noch kommen: so bleibt es beim Hinundhergrüßen, wenn sich die seltne Gelegenheit dazu findet. Doch weiß ich, daß Schlüterchen vergnügt ist, – vergnügt in seinem Gott, seinem Bewußtsein, »Welt und Glauben« geschrieben zu haben, und der Dictatur über ein neues Elf-Uhr-Kränzchen, das dem früheren bedeutend nachsteht und ihm somit ein um so angenehmeres Gefühl von Überlegenheit giebt. Das soll kein Spott sein, Levin: ich habe Schlüterchen von Herzen lieb, stelle seinen Charakter und seine Kenntnisse sehr hoch; so war es mir sehr leid, daß er sich in ein Feld wagte, wo keine Lorbeern für ihn wachsen konnten, und freut es mich jetzt sehr, daß die Umstände eine angenehme und natürliche Täuschung herbeiführen; denn seine jetzige Umgebung schwört nicht höher als bei den endlosen Sonetten. Die Lombard ist unzertrennlich von ihm und hat mit an dem Buche geschrieben. Dies zur Nachricht, wenn Sie mit ihr zusammentreffen sollten, wie auch, daß fortwährend die strengste Anonymität behauptet wird und Schlüterchen von den grausamsten Unglücksfällen – Verlust seines Gnadengehalts, gänzliche Leere seines Hörsaals \&c. – phantasirt, wenn er auf der Poeterei ertappt würde. Bewahren Sie also dieses öffentliche Geheimniß, ich mag nicht als die Verrätherin genannt werden. Daß Sie Ihre Gedichte nicht wohl nach Meersburg schicken können, sehe ich ein; doch wäre es sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie dem alten Laßberg mal schrieben und dies anführten. Das ehrt ihn, er sieht dann, daß Sie an ihn gedacht, und ist vielleicht so hitzig auf das »Donum Authoris« , daß er es sich dennoch ausbittet; vielleicht auch läßt er es statt dessen aus Tübingen kommen – in Konstanz ist ja nichts – und schreibt hinein »Ex Intentione Authoris« . Wir gehn diesen Sommer wieder hin. Diese öftere Wiederkehr ist doch merkwürdig! Bei meinem ersten Aufenthalt dort habe ich wahrlich auf keinen dritten zu rechnen gewagt. Sie werden sich erinnern, wie oft ich gesagt, man müsse die Gegend recht genießen, die Wahrscheinlichkeit des Wiedersehns verhalte sich wie eins zu hundert. Das sind ein paar eiserne Naturen, mein Mamachen und der Laßberg! Die Eine würde, mit ihren dreiundsiebzig Jahren, noch vor keiner Reise nach Amerika erschrecken, und der Andre hustet sich zwar jeden Winter halbtodt, aber es schadet ihm nichts; Gott erhalte Beide noch lange so rüstig! Ich weiß nicht, wie Mama sich darin finden will, wenn endlich das gar zu hohe Alter sie weniger mobil macht. Da kömmt Besuch von Hülshoff! Also in schnellster Eile Adieu, lieber Levin; der Brief muß heute fort, morgen und übermorgen ist keine Gelegenheit. Tausend Liebes an Louisen von Ihrem treuen Mütterchen