Christian Graf zu Stollberg 1748 – 1821 Blutig fleusst der Bach im Tal In des Morgens grauem Schleier kehrt heim zum Felsenschloß, wo die feile Wage schwebte, wo die Unschuld jammernd bebte, Wolfenschieß auf seinem Roß. Auf der Wies' am Erlenbache, wo sie bei dem Morgensang häuslich ihre Gewebe tränkte sah er Adelheid und lenkte schnell den Pfad zu ihr entlang. Adelheid, der Weiber schönste, Roß und Lilie, Wang und Brust, blau ihr Auge, Krokosblüten ihre Locken. Plötzlich glühten Wut in ihm und Frevellust. Blickte dir der jungen Frühe Unschuld nicht ins Angesicht? Lispelten des Sees Lüfte dir nicht? noch des Tales Düfte? Sang dir Lerch und Drossel nicht? Ihm, dem Wüterich? Sonn und Sterne schaut nicht, Mond und Berg und See, der die Unschuld kränkt, die Kette Freien schmiedet, der das Bette höhnt der Jungfrau und der Eh! »Ha! willkommen! nicht vergebens find ich, schönes Weib! dich hier; mit mir in des Baches Welle steigst du, und der Freuden Quelle – kommt! – ergeußt sich mir und dir. Säumst du? meines Fürsten Rechte sind mit seinem Schlosse mein! Widerstrebst du mir, so fließet deines Mannes Blut, so schließet dich des Zwingers Kerker ein.« Sprach's und warf den Mantel nieder, riß den Purpurwams sich ab: »Tue, Weib, wie ich, enthülle deiner Schönheit ganze Fülle, komm mit mir ins Bad hinab!« »Ach, nicht hier im Strahl des Tages! Weiber schmückt, wie euch der Mut, Zucht und Scham; die Welle webe mir den Schleier; Schatten bebe auf die stillverborgne Flut! Harr' im Bade, wo das Bächlein schlängelnd unter Haseln schlüpft.« Sprach's und auf der Eile Flügel war sie, wo ihr Mann am Hügel nebenan die Stäbe knüpft. »Komm sei unserer Schande Rächer!« Wenig Worte taten's kund, doch Erröten und Erbleichen, Tränen und des Busens Keuchen sprachen lauter als der Mund. Harre, Wolfenschieß, es nahet Adelheid! – Des Frevlers Stahl hebt sie aus dem Haselschatten, fleht zu Gott, gibt ihn dem Gatten – blutig fleußt der Bach ins Tal.