Hrsg. Siegfried Arnim Neumann Den Spott zum Schaden Prosaschwänke aus fünf Jahrhunderten Frühe Prosaschwänke in deutscher Sprache Heinrich Steinhöwel Äsop 1474 Von dreien Gesellen, einem Bauren und zween Bürgern Oft geschieht, daß einer selber in ein Gruben fällt, die er einem andern hat gemachet; davon höre ein Argument Beispiel : Drei Gesellen, zween Bürger und ein Bauer, gingen miteinander kirchfahrten andächtiglich in die Stadt Mech. Unterwegen ward ihnen Speis gebrechen, daß sie nit mehr Mehl hatten, denn daß sie ein einziges, nit sehr großes Brot daraus machen mochten. Die zween Bürger waren böslistig und sprachen zusammen: »Wir haben nicht Speis denn nur zu einem kleinen Brot. So ist dieser Bauer fräßig. Wir sollten einen Weg finden, daß wir zween das Brot allein behalten.« Da der Teig geknetet ward und das Brot geformet in den Ofen gelegt, gedachten die zween, wie sie den dritten von dem Teil schielten, und sprachen zusammen: »Wir haben ein kleines Brot, das uns allen dreien nit genugsam ist. Wir wollen also, daß wir uns alle drei schlafen legen, und welcher unter uns allen den wunderlichsten Traum sieht, der soll das Brot allein haben.« Das gefiel ihnen allen. Da aber die zween meinten, daß der dritt hart entschlafen wäre, legten sie es miteinander an, daß der ein sprechen wollte, wie er geträumet hätte, daß ihn zween Engel hätten aufgeführet durch die offenen Pforten der Himmel vor den Thron Gottes. Da sprach der ander: »So will ich sagen, wie mich zween Engel in Weiß wie dich haben durch das gespalten Erdreich ab in die Hölle geführet. Wunderlichere Träume mag der Bauer nit erdenken.« Da aber der Bauer das erhöret, stund er heimlich auf und nahm das Brot aus dem Ofen, ehe das genug gebacken war, und aß das ganz und legt sich wieder schlafen. Nicht lang danach ruften die zween Gesellen den dritten. Der stellet sich in Maß, als ob er aus dem Schlaf sehr erschrocken wäre, und sprach: »Wer rufet mich?« Sie sprachen: »Wir sind dein Gesellen.« Der Bauer sprach: »O lieben Gesellen, wie sind ihr wiederkommen?« Sie antworten und sprachen: »Wir sind doch nie von dieser Statt geschieden. Wie fragst du denn, wie wir wiederkommen sind?« Da sprach der Bauer: »Mich hat bedünket, wie zween Engel den einen aufgeführt haben vor den obersten Gott in die Himmel. Und zween ander Engel haben den andern abgeführt durch die Klunsen der Erden in die Hölle. So ich aber nit gehört habe, daß jemand aus dem Himmel oder aus der Hölle wiederum auf das Erdreich komme, so bin ich aufgestanden und hab das Brot allein gessen.« Also schlug Untreue ihren eigenen Herrn. (1) Von der Frauen und ihrem Mann in dem Taubenhaus Der Frauen Aufsatz und Böslist kränken die starken Gemüt der Mannen. Davon höre ein Schimpfred Poggii: Petrus, sein Gesell, hatt zu tun mit einer Frauen, die einen Bauren zum Mann hatte, nit übrigens weise, der von Geldschuld wegen nicht wohl getorst durft in der Stadt und seinem Haus bleiben, sondern lag er manche Nacht auf dem Feld. Auf ein Zeit, als ihr Buhl in das Haus zu ihr kommen war, kam von geschicht ungefähr an dem Abend ihr Mann auch angegangen. Zuhand verbarg sie ihren Buhlen unter das Bett, kehret sich gegen den Mann und strafet ihn schwerlich, warum er wiederkommen wäre, sie meinet, er wollte gern in dem Kerker liegen, denn die Richterknecht wären erst dagewesen und hätten das ganz Haus durchsucht, ihn zu fangen und einzulegen. »Und mit Worten«, sprach sie, »hab ich sie gemachet hinweggehn, denn ich sprach, du lägest allweg aus der Stadt; doch dräuten sie, bald herwieder zu kommen.« Der gut Mann erschrak und sucht Weg, wie er entrinnen möcht, aber das Tor der Stadt war geschlossen. Da aber der gut Mann zitternd das Weib bat um Hilf und Rat, sprach sie: »Bald steig auf in das Taubenhaus, da bleibest du wohl diese Nacht, so beschließe ich die Tür auswendig und tu die Leitern von dannen, daß dich niemand geargwohnen mag, daß du darin seiest.« Der gut Mann folget dem Rat des Weibes und stieg auf in das Taubenhaus. Die Frau beschloß das auswendig gar wohl, daß der Mann nit herausmocht, und nahm die Leitern hinweg. Und ließ da raus ihren verborgenen Buhlen, der erzeiget sich ungestümlich mit lautem Gebrächte Lärm in Maß, als ob die Richterknecht wiederkommen wären und mit der Frauen von des Mannes wegen redeten. Damit sie dem verborgen Mann große Furcht einstießen. Da aber das Gebrächt ward gestillet, legten sie sich zusammen in das Bett und dienten der Göttin Veneri nach ihrem Vermögen und ließen den Mann in dem kotigen Taubenhaus verborgen liegen, daß er nit gefangen würde. (2) Augustin Tünger Facetiae 1484 Von zween Priestern Überschrift vom Herausgeber Es sind gewesen zween Priester auch zu Straßburg, die zweien schönen Frauen Geld ausgaben, ein Nachtmahl zuzurichten und daß sie sie über Nacht beherbergten. Und da sie warteten des Nachtmahls, belanget es sie übel und war ihnen der Tag viel zu lang, bis daß es Abend ward. Und als sie nun meinten, daß die Zeit da sei, sich mit den Frauen zu lieben, fielen eilends in das Haus zween Ryfion Strolche , dieser Ding vorhin von den Weibern unterrichtet, und nahmen sich an, sie wären der Weiber Ehemann und merkten, daß andere Mann im Haus wären. Die Priester, als sie diese hörten, wurden sie jählings mit großen Ängsten umgeben. Denen zu entrinnen und am letzten mit Rat der Weiber, so sich auch großer Furcht annahmen, fielen sie zu den Stubenfenstern hinaus mit nit weniger aller Freuden. Da sich die Priester freuten, daß sie diesen entronnen, so freuten sich die andern, daß sie hungrig ein köstlich Mahl ohn ihren Schaden fanden. (3) Von einem Dieb, der gab sich für den Teufel aus Überschrift vom Herausgeber Ein Bürger zu Trier vermerkt einen Dieb in seinem Haus. Also stund er auf mit allem seinem Gesind, den Dieb zu suchen. Als aber der Dieb mit dem Diebstahl beladen zunächst zu dem Herrn des Hauses kam und sah, daß er nicht mehr mocht entrinnen, fing er an und schrie, was er schreien mocht: »Fliehen! Fliehen! Ich bin der Teufel!« Von diesem Geschrei der Herr im Haus und das ganz Hausgesinde also erschraken, daß der Dieb also ungeschädigt hinweg kam. (4) Von Mutter und Tochter Überschrift vom Herausgeber In dem Dorf Mals, ein Meil Wegs von Chur, ist gewesen ein Frau, die, wiewohl sie einen Ehemann hatt, nichtsdestominder wider die Satzung der Ehe andern Mannen in Liebe verwilliget. Und wiewohl es dem Mann unleidlich war, doch daß er dem Weib nicht zu hart zu sein gesehen würd, verhob er die ziemliche Straf und ward zu Rat und sagt es dem Schwäher Schwiegervater . Der Schwäher aber, wiewohl er wußt, die Tochter schuldig zu sein, jedoch daß er dem Tochtermann seinen Kummer und der Tochter die Straf desto geringer machte, neigt er sich, den Tochtermann zu trösten, und sagt, das war nicht an der Tochter zu betrauern, wenn sie in solchem ihrer Mutter nachschlug; sie würd aber in den Jahren davon lassen, denn ihre Mutter sich auch also in der Jugend gehalten hätt, aber da sie sechzigjährig worden wäre, hätt sie davon gelassen; also würd die Tochter ohn Zweifel auch tun, wenn sie sechzig Jahr alt würd. (5) Von einem Armen, der metzget ein Schwein Überschrift vom Herausgeber Es ist ein alte Gewohnheit an etlichen Orten in teutschen Landen, daß, wenn die Leut Schwein metzgen, daß sie dann den Freunden und Nachbarn Wurst schicken. Derselben Gewohnheit nach etlich Bauren eines Dorfes bei Memmingen pflogen unter sich selbst zuzeiten Wurst zu teilen, ausgenommen einen Armen, der auch also arm war, daß er nicht vermocht ein Schwein zu kaufen. Desselben auch zuzeiten, so man Wurst austeilet, ganz niemals gedacht ward. Und wenn dasselbe der Arme betrachtet, erbarmet er sich selbst und setzt sich doch vor, er wollt erlernen, ob solches aus rechter Liebe oder Gütigkeit unter den andern ginge, und bracht kaum so viel zuwegen, daß er ein klein Schweinle kauft. Dasselbe ließ er vor allen andern metzgen und mit ihnen teilen. Hiermit er schuf, daß sie ihm dasselbe Jahr auch alle Wurst schickten. Das ander Jahr aber danach erzog er sich ein kleines Färkli von Jugend auf. Und wenn seine Nachbarn dasselbe täglich vor sich sahen, meinten sie, er würd aber tun wie zuvor, und schickten ihm aber alle. Der arm Mann verzog aber sein Schwein zu metzgen bis in die Fasten, so unserm Gesetz nach verboten ist, Fleisch zu essen. Da war er von solcher Austeilung genug wohl entschuldiget und tat nicht desto minder die andern, so sich auf sein Säuli gespitzt hatten, betrügen. (6) Von einem Metzger, der sprach mit den Gehängten Überschrift vom Herausgeber Ein Metzger von Hagenow, vier Meil von Straßburg, ging eilends vor den Galgen daselbst an einem Abend, als sich eben Tag und Nacht schied, und führt mit sich an einem Seil ein Rind, so er auf dem Land kauft halt. Und als er die toten Leichnam da sah hängen, redet er schimpflich mit ihnen und warnet sie, wollten sie noch in die Stadt, so wäre not, daß sie eilten, oder sie würden sonst vor der Stadt ausgeschlossen. Und als er schnell gegen die Stadt tat ziehen, folget ihm von fern einer nach, der auch desto fester eilt, daß er Sorg halt, daß die Tor geschlossen würden, daß er nicht in die Stadt käme, und schrie den Metzger an, daß er seiner beitet wartet und ihn mit sich ließ. Und als aber der Metzger um sich sah, gedacht er an die Wort, die er mit denen am Galgen gebraucht halt, und meint, dieser, so ihm nachlief, wäre derselben einer. Und so sehr dieser schrie, so sehr floh der Metzger und ward mit solcher Furcht umgeben, daß er das Rind ließ laufen und kaum halb lebendig, triefend von Angstschweiß, in die Stadt kam. (7) Von einem Zunftmeister, der träumt, er hätte ein Kalb bracht Überschrift vom Herausgeber Ein Zunftmeister aus einer Stadt in Schwaben, die mir jetzo nicht geziemet zu nennen, ward ausgeschickt in Botschaftweise und kam also auf dem Weg gen Buchhorn an dem Bodensee, da auch dazumal etlicher Fürsten und anderer Städte Botschaften waren. Damit es sich macht, daß der Wirt sie nicht all könnt in Betten legen. Also blieb der Zunftmeister mit seinem Knecht in der Stuben, in der Meinung, am Morgen vor Tag hinwegzureiten. Und als aber der Wirt ein Kalb, so dieselbe Nacht geboren worden war, in die Stuben trug und es neben den Zunftmeister legt, denn es gar kalt war, daß es nicht erfrür, und aber der Zunftmeister mit Schlaf beladen war, träumt ihm, er hätt ein Kalb bracht, was er, sobald er erwachet, begann dem Knecht zu sagen. Dazu der Knecht sagt: »Herr Zunftmeister, der Traum ist der Wahrheit eben nach, denn das Kalb liegt da bei uns.« Welche Wort dem Zunftmeister ein solche Furcht und Scham tat reichen, daß der dem Knecht einen merklichen Lohn verhieß, die Ding zu verbergen. Als aber der Knecht das annahm, nahm er das Kalb auf den Rücken, derweil es noch finster war, und warf es in den See. (8) Von einem Goldschmied Überschrift vom Herausgeber Ein Goldschmied einer Stadt in unsern teutschen Landen kauft auf dem Land ein Schwein. Dasselbe Schwein ihm der Bauer verschlossen in einem Sack heimbrachte. Das Schwein aber, als es in der Stadt frei umging, lief es wieder hinaus auf das Land zu dem Bauren. Als aber der Bauer das sah, entschuldiget er sich gegen den Goldschmied, das wäre ohn sein Schuld geschehen, und gab dem Goldschmied die Wahl, das Geld oder das Schwein wieder zu wollen. Aber der Goldschmied wollt des Schweins nimmer und sagt, es ziemt ihm nicht, daß er ein solch witzig Tier an eines Schweins Statt in seinem Haus hätt. Denn warum? Das Schwein übertraf mit Gewißheit alle die Zunftmeister, so in der Stadt wären; denn keiner unter ihnen war, wenn man ihm die Augen verbände und beschlösse und ihn an ein Ort führt, ihm unbekannt, der wieder heim könnte kommen, als die Sau hätt getan. (9) Schwänke in Humanistenlatein – rückübersetzt Heinrich Bebel Facetiae 1508-1512 Von einem Edelmann und einem Mönch Ein Edelmann, so meinen Vorfahren wohlbekannt war, ein redlicher Kriegsmann, erwischet, als er auf ein Zeit einer Reichsstadt öffentlicher Feind war, einen Mönch, der in die Stadt hineingehn wollt und ein Ballen Tuch trug, seine Brüder zu bekleiden. Da nahm er dem Mönch ein Teil vom Tuch, damit er sich auch selbst könnte bekleiden. Der Mönch ward unwillig und dräuet ihm im Weggehn, er müßte das Tuch am Jüngsten Gericht wiedergeben. Als der Edelmann solches höret, nahm er ihm auch das übrig Tuch und den Mantel dazu und saget: »So du mir so einen langen Verzug zugibst, dich zu bezahlen, wollt ich dir das Kloster dazu nehmen, wo ich's anders tun könnte.« (10) Ein feine Histori von einem Edelmann Ich kenn ein Edelmann, der, als er mit viel andern Edelleuten bei einem Wohlleben war, seinen Knecht heimlich hinwegschicket, daß er ihm sollt zuführen ein gutes Töchterlein, die bei ihm über Nacht lieget; und wenn er's brächt, sollt er zu einem Wahrzeichen sagen, es war ein Fuchs da, wo aber nicht, sollt er sagen, ein Has. Wie der Diener die Sach nach Wunsch und Begehren des Herrn ausgerichtet hatt, ging er zu ihm, hatt aber vergessen, was Fuchs und was Has bedeutet. Wie nun der Herr fraget: »Ist's ein Fuchs oder Hase«, antwortet er: »Ich weiß bei Gott nicht, ob es Fuchs oder Has sei, aber die Hur ist unten im Stall.« – Machet also allen die Sach offenbar, die der Edelmann hat heimlich halten wollen. (11) Ein schwänkige Antwort eines Weibs Im Schwabenland war ein Graf, ein mächtig und hochberühmter Mann. Als er auf ein Zeit zur Jagd ausritt, begegnet ihm ein Bäuerin, die auf einem Roß saß und mit: lauter Stimme sang. Da saget er zu ihr: »Woher kommt dir solche Freud, liebe Frau? Ich glaub, du seiest heute nacht eine Braut gewesen, was ich aus deiner fröhlichen Weis abnehm.« Wie die Bäuerin fraget, ob denn aus dieser Sach ein Fröhlichkeit und Freud käme, saget der Graf: »Ja.« »Ei, guter Gesell«, sprach die Bäuerin, denn sie kannt den Grafen nicht, »so halse mein Mähren, auf daß sie fröhlicher werde und baß vonstatten gehe.« Darauf der Graf mit viel Lachen: »Wohl hast du mir geantwortet, zieh hin in Frieden!« (12) Von einem Kaufmann und einem Edelmann Ich bin neulich in einer Zech gewesen, darin wir uns mit gar kurzweilig Possen ergötzet haben, und vornehmlich war da ein Edelmann, der spottet eines Kaufmanns, daß er oft hinauszöge in fremde Lande und sein Weib dieweil daheim ließe in der Stadt, wo doch ein große Meng schöner, junger Gesellen war, wie er also mit viel Sorg geängstigt würde, daß sie nicht dieweil neben den. Weg treten möchte. Mit den Edelleuten hätt es ein viel besser Gestalt, deren Weiber dieweil müßten in den Schlössern bleiben, abgesondert von den Leuten. Darauf antwortet der Kaufmann gar höflich: »Verzeiht mir, bitt ich, und laßt mich auch ein wenig mit Euch schwanken. Ihr wißt, wie bei uns das Sprichwort ist: Der Adel ist ungestalt, und die Häßlichkeit folgt ihm auf der Fersen; der Bürger Kinder sind aber schöner.« Als der Edelmann solches zugab, sprach wieder der Kaufmann: »In Abwesen derer, so in Städten wohnen, kommen die schönsten. Gesellen zu ihren Weibern, derhalben die auch schöne Kindlein bringen; aber in Abwesen der Edelleut werden dieweil Eure Weiber von Koch und Stallbuben versehn, davon danach solch Ungestalt herkommt.« Also ist die Sach mit Lachen und Scherzen beendiget worden. (13) Von einem Gaukler Als einem Gaukler, der mit etlich Edeln zu Tisch saß, die kleinen Fischlein, ihnen aber die großen vorgelegt wurden, fing er an, viel Fischlein zu betasten, jetzt zum Mund, jetzt zu den Ohren zu heben, mit sich selbst heimlich zu reden und letztlich zu weinen. Und wie ihn die Edelleut fragten, warum er solches tat, saget er: »Mein Vater war vor Zeiten auch ein Fischer und ist in einem Wasser ertrunken; wie ich jetzt die Fischlein frag, ob sie ihn nirgends gesehn haben, sagen sie, sie seind noch viel zu jung, daß sie von solcher Sach wissen könnten, ich sollt die ältern darum fragen.« Als die Edelleut solches verstunden, haben sie ihm die großen vorgelegt, sie zu fragen oder vielmehr zu essen. Das ist ein Fabel meines Vaters Henrici Bebelii, der gestorben ist am 26. März des Jahres des Herrn 1508, dessen Seel ruhen mög im heiligsten Frieden. (14) Von einem, der sich eitel Adel anmaßet Kam ein verlumpter und unflätiger Mensch in ein Wirtshaus und fing an, als niemand sein acht hatt, sich seines Adels und uralten Geschlechts zu rühmen, und die andern Gast wären grob und unverständige Leut, daß sie ihm nicht die gebührlich Reverenz bewiesen. Da er nun also gar lang im Rühmen seines Adels verharret, hub einer im Verdruß ob der hoffärtigen Anmaßung an und saget: »Ich bitt dich, verkriech dich mit deinem Adel! Unsers Müllers Esel ist viel edler denn du. Dann der zeucht allwegen daher mit einem Knecht, der ihn begleitet; du aber hast niemand, der dir dienete.« (15) Von einem Abt Ein Abt hatt ein Maidlein geschwächt, die er dann, weil er ihrer satt war, unbegabt und aller Notdurft bar von sich gestoßen hatt. Das Maidlein ging im Verdruß von der Verstoßung, ihrer Armut und verlernen Jungfrauschaft wegen zu ihrem natürlichen Herrn, der ein Edelmann ist und mir wohlbekannt, und klaget ihm den ganzen Handel. Da des Edelmanns Unterhändler weder mit Bitten noch mit Dräuen etwas für die Schmach der Jungfrau konnten herauszwingen, ging er endlich selbst zu dem Abt hin und fordert für das Maidlein mit aller Dringlichkeit vierzig Gülden. Saget der Abt erschreckt, dann ihm die Wildheit, Zorn und Halsstarrigkeit des Ritters wohl zu wissen war, in seinen Satzungen und, wie sie's nennen, in der Regel war enthalten, daß keiner einem Maidlein für die Jungfrauschaft mehr zu reichen schuldig war denn zwanzig Gülden. Darauf fraget der Edelmann: »Das steht in eurer Regel? Bei Gott und Menschentreu, was ist das für ein Flegel, was ist das für ein Orden, der nicht fürs mäßige und heilig Leben, sondern für schändliche Ärgernis Satzungen, gibt, deren Stifter dann niemand anders als der ärgest Schalk und gottlosest Betrüger kann gewesen sein.« »Red nicht so heftig«, spricht der Abt, »wider die heiligen Väter, sonderlich, wo der Papst alles bewilligt und bestätigt hat.« Nun der Edelmann: »Bei Botz Haut« – so schwören nämlich etliche bei uns –, »dann sind weder die Patres noch der Papst ehrlich. Und was geht es mich an, was der Papst dir erlaubt hat? Hab ich's bestätigt, daß euch der Papst etwas zu meinem und der Meinen Nachteil und Schaden erlaubt hat? Nicht also, frommer Vater! Wenn du mir nicht in kurzem wirst ein Genügen tun, so wird dich weder Papst noch Regel vor mir zu schützen vermögen!« Ging also hinweg und saget dem Abt öffentliche Feindschaft an, versöhnet sich auch nicht eher mit ihm, bis nicht der Abt hundert Gülden, ein Haus und Bauerngut zur Heimsteuer dem Maidlein geben hatt, die doch im Anfang von ihm nicht mehr denn zehn Gülden gefordert hätt. (16) Von einem Franziskanermönch, der ein Klosterfrauen geschwängert hat In ein Frauenkloster war einmal ein Mönch kommen, der fing, dann sie ihn sehr wohl hielten, statt einer Danksagung an, ihnen von dem Glauben und der Lehr Christi zu predigen. Und wie er sie hatt mit höchster Wohlredenheit zur Tugend ermahnet, wußten sie ihm kein ander Ehr zu erzeigen, denn daß sie ihm in ihr gemeines Schlafhaus ein Bett bereiteten. Wie es nun aber in die Nacht hineinkam, hob der Bruder an, mit heller Stimme zu rufen: »Ich tu's nicht, ich tu's nicht, ich tu's nicht!« Die Nonnen wurden munter, liefen hin und beruhigten den Bruder, fragten ihn auch, warum er so weinete und schrie. Da antwortet er: »Es ist eine Stimm vom Himmel kommen, ich soll der jungen Nonnen eine halsen, damit sie einen Bischof gebäre, aber ich schlag's ab.« Wie die Schwestern das vernahmen, führten sie ihm eine jüngere zu. Da aber die den Bruder sah, wollt sie sich aus Scham weigern und zurücktreten; die andern aber sagten, als sie das sahen, sie wollten sämtlich willig sein, wenn man von ihnen solches begehrete. Zum letzten gehorchet sie und gebar, da ihr Zeit da war, eine Tochter. Der Mönch, derhalben beredet, verantwortet sich: »Darum, daß sie nicht gehorsam gewesen ist und dem göttlichen Willen nicht hat gewillfahret, hat sie zur Straf der Sünd ein Mägdlein geboren.« (17) Von einem Mönch, der sein Unvermögenheit beweinet Mir hat einer erzählt, was er erlebt hab, da er einem alten Mönch hab im apostolischen Ablaß gebeichtet und bekennet, wie er sich mit Buhlerei mit aller Art Weiber nicht hab gesäumet. Darauf hat der Mönch angehebet gar bitterlich zu weinen, so daß der ander in große Betrübnis kommen ist und dafür gehalten hat, er weine um seiner großen Missetat willen, derhalben er, schier verzagt, nicht gewußt hat, wie er's anfangen oder wo er weiter Rat suchen solle. Zuletzt ist der Mönch wieder zu sich selber kommen und hat sich getröstet und gesprochen: »Fürcht dich nicht, lieber Sohn, sintemal es um deine Seelen und ihr Heil kein Not hat, wo du dir deine Sünden lassest leid sein. Ich wein um nichts anders, denn daß ich, von deinen Worten beweget, hab an mein vergangen junges Alter gedacht, darin ich auch hab für einen Mann bestehen können. Jetzt aber bin ich, o Jammer, nicht mehr nütz dazu, in der Weis zu kämpfen.« Mein Gesell hat mir mit einem Eidschwur bekräftiget, daß ihm das so geschehen sei. (18) Von der Beicht einer Klosterfrauen Eine Klosterfrau beichtet einem Priester und bekennet unter anderm, sie hätt sich unterweilen mit einer fremden Kutten zugedeckt. Saget der Priester: »Das schadet nichts. Was ist aber darunter gewesen?« Antwortet sie: »Ein Mönch.« Sprach der Priester: »Hüte dich fortan vor diesen Kleidern, auf daß du nicht befleckt werdest; denn allerlei Unflats liegt unter diesem, kleinen Mäntelchen verborgen.« Saget die Nonne: »Ein Mohr macht keinen Mohren schwarz.« Darauf ward der Priester zornig und schrie: »Ei, so bleib ein Hur wie zuvor!« Antwortet die Nonn: »Wirf aber nicht du den ersten Stein auf mich.« (19) Eine Fabel von einem Meßner War ein Meßner mit Namen Allewelt, der bei einem Frauenkloster gedient hat. Als der auf ein Zeit ward angefochten von der Geilheit des Fleisches, nahm er ein Rohr, redet dadurch mit erschrecklicher Stimme bei einem Ofen hinein und verkündet als ein Geist solche Worte: »O ihr Nonnen, höret das Wort Gottes!« Die Schwestern aber erschraken darob und gaben dem Meßner kein Antwort. Als er aber in der andern Nacht wieder kam und dieselben Worte sagte, fielen sie auf ihr Antlitz, vermeineten, es war ein Engel vom Himmel. Da sie endlich hatten ein Herz gefaßt, stunden sie auf und sangen: »O Engel Gottes, zeig uns an den Willen des Herrn.« Darauf sang der Meßner durchs Rohr: »Das ist der Wille des Herrn, daß sich alle Welt auf euch lege.« Wie sie dies vernommen hatten, zweifelten sie ob dem Handel; daß es ein Engel wäre, glaubeten sie darum nicht, daß er ihnen verkündiget, sie sollten sich hingeben allen Menschen. Hatten darüber reiflich Rat und legten endlich den Willen des Engels also aus, daß der Meßner, der genannt ward Allewelt, ihres Beischlafs genießen sollt, ob vielleicht etwan, wie sie rieten, ein Bischof oder ein Papst von ihnen sollt geboren werden. – Beriefen also den Meßner und schlössen ihn in ein Kammer. Von ersten ging hinein die Äbtissin, die, so sie der Stimme des Engels hatte gehorsamet und die Gnade, auf daß ich so red, empfangen, beim Herausgehn sang: »Ich hab mich erfreuet an den Dingen, die mir sind gesagt worden.« – Nachfolgend ist hineingegangen die Priorin, wie es dann die Ordnung der Würden hätt erfordert; als sie hatt empfangen die Gnade, sang sie mit lieblicher Stimme: »Großer Gott, wir loben Dich.« Die dritte aber sang: »Der Gerechte wird sich erfreuen im Herrn«, und die vierte: »Alle sollen wir uns freuen.« Des Meßners Kräfte aber waren erschöpfet und vernichtet, er brach zur Tür hinaus und heulet grausam: »Mir aber ist's zuviel.« – Doch die Schwestern schrien und riefen ihn zurück: »Wer wird uns nun der Gnaden teilhaftig machen!« (20) Von einem Priester Ein Priester, so mir wohl bekannt ist, mit Namen Fysilin, war bestellt von denen von Dornstetten, zu sammeln das Almosen für die Bruderschaft Sankt Sebastians, den sie andächtig ehren. Den fraget einer, was sein jährlich Besoldung war, und er antwortet: »Zwanzig Gülden.« Da saget ein andrer, das war sehr wenig. Darauf wieder Fysilin: »Es sind der Nutzbarkeit der Menschen mancherlei, denn was mir geschenkt wird und was ich heiß mitgehn, ist auch mein; dazu ist Sankt Sebastian ein gut Gesell: Was ich immer für ein Teilung zwischen mir und ihm mache, so läßt er's gut sein und schweigt dazu.« (21) Derselbe trug einmal zur Zeit der Pestilenz und eines Sterbens etlich Heiligtum hin und wieder, und wohin er kam, prediget er allezeit dein Volk und verhieß mit andächtig Worten, wer sein Heiligtum küßte, würde desselben Jahrs nicht an der Pestilenz sterben, dafür er mächtig viel Geld zusammenbrachte. Zuletzt ward er vermahnt von einem Doktor, er sollt nicht mit so aufsätzigen Worten reden, noch das Volk zu Aberglauben bringen, und woher er solch eitel Wähnen herhätt. Antwortet er fein füglich: »Ich hat recht und wohl gesagt, ein jeder, so das Heiligtum küssen würde, sollt der Pestilenz ledig sein. Die Bauren haben aber allein das Glas geküßt und nicht das Heiligtum; denn ich wollt sie eher all dem Teufel« – damit ich mit seinen Worten red – »schenken, eh sie mir sollten mein Heiligtum küssen«, von dem doch viele glaubten, daß es Roß- oder Eselsbein sei. (22) Wie derselbe auf ein Zeit aus seinem Sack wollt herausnehmen sein Heiligtum, mit dem er pfleget die Bauren zu betrügen, fand er nichts denn Heu, denn die Bauren hatten ihm die Nacht vorher das Heiligtum heimlich herausgenommen und von guten Possen wegen dafür Heu hineingeschoben. Zog Fysilin das Heu heraus und saget mit geschwinder Arglist, es war das Heu, darauf geruhet hätt unser Heiland in der Nacht seiner Geburt, und wäre auch von einer solchen Kraft, daß weder Ehebrecher noch Ehebrecherin dürfte hinzugehn. Derhalben liefen, wiewohl es viele gedeuchte, es war ein Lüge, Weiber und Männer haufenweis hin, zu ehren das Heu mit ihrem Opfer, auf daß niemand auf sich selber Argwohn brächte. (23) Derselbe wettet mit einer Wirtin um ein herrlich gut Mahl, sie müßt auch hingehn zu seinem Altar, und hat's auch gewonnen. Denn die Wirtin wollt lieber das Mahl bezahlen, denn in den Argwohn des Ehebruchs kommen, mit dem Laster er alle bezichtiget, die seinem Heiligtum nicht opferten. (24) Derselbe kam auf ein Zeit zu unserm Fürsten, dem Barteten, und begehret von ihm eine Pfründ. Der Fürst, der unwillig war auf ihn von seiner Leichtfertigkeit wegen, saget: »Wenn meiner Pfründen tausend ledig wären, so wollt ich dir nicht die mindest verleihn.« Darauf antwortet Fysilin unverzagt und von ungefähr: »Und wenn ich" auch tausendmal Mess' läse, so wollt ich dein, darin nimmer gedenken noch für dein Heil bitten.« (25) Von einem Prediger Ein Pfaff wollt seinen Bauren predigen und hebet also an: »Es grüßt euch Lukas, der Arzt«, wie es denn in der Heiligen Schrift steht. Hernach verstummet er aber also, daß er kein Wort mehr könnt herausbringen. Da stund einer von den Altern auf und saget: »Habt Dank, und wenn Ihr etwan solltet wieder mit ihm zusammenkommen, so sagt ihm in unser aller Namen unsern freundlichen Gruß.« (26) Von einem Pfaffen und einem Schüler Ein Pfaff hatt einen bettelnd Schüler gespeiset, damit er ihm in der letzten Fastenwochen sollt in der Kirche helfen singen. Als der Schüler nun vorbrachte, wie verlumpt und schmählich sein Kleider wären, tat er ihm auch einen neuen Rock an. Am Morgen der Auferstehung Christi saget der Pfaff dem Schüler, er sollt sich in das Grab hineinstellen, auf daß er für den Engel antwortete, wenn er – wie es der Brauch ist – an der Marien Statt fragen würde. Wie der Schüler aber den neuen Rock anhatt und die Finsternis gar bequem war davonzustreichen, lief er hinweg. Der Pfaff, der vermeinet, er war drinnen, kam mit dem gewöhnlichen Gesang zum Grab. Und weil ihm niemand antwortete, rief er: »Wo hat dich denn der Teufel hingeführt? « Da fing männiglich an zu lachen, da sie erachteten, er rede von Christo, so er doch nur den Schüler gemeinet hat. (27) Von einem Pfaffen und einem Meßner Ein Pfaff und ein Meßner waren um. ein Stück Geld übereingekommen, daß der Meßner an einem Fest- und Feiertag das Opfer aller der Weiber, bei denen der Pfaff gelegen war, sollte zu sich nehmen; und wie deren eine zum Altar hinzutrat, saget der Pfaff: »Nimm!«, nämlich das Opfer. Wie letztlich nach vielen auch des Meßners Weib hinzuging, saget der Pfaff: »Nimm!« Der Meßner sprach erschrocken: »Das ist mein Weib.« Darauf der Pfaff: »Nimm nur, lieber Bruder; ich will dich in der vereinbarten Sach' nicht betrügen.« Also geschieht den Spöttern, daß sie oft den andern zu Spott werden. (28) Ein anders War einmal ein Ziegelbrenner, der, als er in seiner höchsten Krankheit einem Priester sein Sünden gebeichtet hart, seinen Feinden und Widersachern die Unbill nicht wollte vergeben und nachlassen. Da saget der Priester: »So du das nicht tust, mußt du in die Höll fahren.« »Wenn dem also ist«, sprach der Brenner, »so gang von mir hinweg, ich bedarf der letzten Ölung nicht; so werden mich die Höllischen in tausend Teufel Namen« – so pflegen unsere zu fluchen – »roh und ohne Schmer verschlingen müssen.« (29) Von einem einfältigen Bauren Als ein Bauer beichtet, ward er gefragt von der Dreifaltigkeit; aber er hielt und wußt nichts davon. Nach einer lang Unterweisung, auf daß er ihn im Glauben festigte, gab ihm der Pfaff ein solches Gleichnis: »Setz, als ob du Gott der Vater wärst, dein Sohn Gott der Sohn, und dein Weib der heilig Geist.« In der andern Beicht ward der Bauer wieder gefragt, ob er jetzt an die Dreifaltigkeit glaubete. Da antwortete er: »Nicht gänzlich. An die ersten zwei Götter glaub ich wohl, an den heiligen Geist aber nicht. Denn was der Vater und der Sohn mit harter Arbeit gewinnen, das vertut alles der heilige Geist.« Verstund damit sein Weib, die alles vertat, was sie mit Arbeiten gewännen. (30) Ein Spruch eines ungeschickten Menschen Zur Zeit der Ostern fraget ein Schneider in Reutlingen sein Knecht, ob er auch war zum heiligen Sakrament gewesen und empfangen hält den Leib des Herrn Christi. Antwortet der: »Ja, ich bin dazu gangen, und das mit gutem Recht, denn ich hab es teuer genug kauft.« – Und da er weiter gefragt ward, wie er's kauft hätt, sprach er: »Ich bin zum Altar gangen und hab für ein klein Bißlein ein guten Pfennig geopfert.« Da strafet der Schneider den Knecht von seiner Unwissenheit wegen, denn fürs Sakrament kein Schatz und die ganz Welt nicht genügsam war. Darauf hinwieder der Knecht: »Hör auf, also zu wähnen: Wenn es dermaßen also ein edel Ding war, es würd weder Euch noch mir jemals geben werden.« (31) Von einem Bauren, der Sankt Niklasen anrief Ein Bauer, der im Kot des Weges mit einem beladenen Wagen so tief war stecken blieben, daß er ihn mit den Rossen nicht könnt herausziehn, wendet sich an die Macht der Heiligen und rief die Hilf des Sankt Niklasen an, dem er zu seiner Ehren eine Kerze verlobet, die so schwer als der Wagen war. Wie ihn ein andrer vermahnet, Roß und Wagen wären nicht so viel wert als das Wachs, sprach er: »Schweig, wenn er mir zu Hilf käme, die Kerzen würde schon kleiner werden.« So machen wir's alle: In Nöten verheißen ,wir viel und sind gar freigebig mit den Opfern, die wir den Heiligen verloben. Kommt's aber zur Ausführung, dann sind wir karg und trag. (32) Von einem, der sollt gehenkt werden Einem Dieb, der zum Galgen geführt ward, war, wie es der Brauch ist, ein Priester der Stärkung und Tröstung halber zum Begleiter geben worden; der verhieß ihm, wo er zur Büß für seine Missetaten den Tod willig auf sich nehme, die ewige Seligkeit und beteuert ihm auch, er würde das Abendmahl im Himmelreich essen. Da wendet sich der Dieb zum Pfaffen: »Ist es also, lieber Herr, so bitt ich, Ihr wollet für mich das Nachtmahl essen, ich will Euch zwei Plappert Groschen an Zusteuer geben.« (33) Von einem Advokaten Ein Advokat ward, nachdem er viel Händel gewonnen hatt, ein Mönch. Und da ihm die Händel des Klosters anvertraut wurden, ging das meist verloren. – Fraget ihn der Abt, warum er allweg die Sachen verlieret, antwortet er: »Ich darf nicht mehr lügen als zuvor, derhalben verlier ich.« (34) Ein schwänkliche Fabel von einer hübschen Frauen Im Wildbad war eine reiche hübsche Bürgerin, deren Schöne und Zierlichkeit des Leibs keinerlei Krankheit anzeigen tat. Darum forschet ein Priester von ihrer Dienerin, von was Ursach wegen die Frau, an der doch nichts, das einer Krankheit gleich wäre, erschiene, in dem Bad säße. Da antwortet die Magd, die Frau würde geplagt von der Sehnsucht, daß sie ein Kindlein gebäret. Darauf saget der Priester: »Ich will dir ein bessern Rat geben: Zu Tübingen sind viel junger Gesellen, die man Studenten nennet, und zu Stuttgart viel Chorherrn. An denen Orten möcht etwan einer funden werden, der ihrer Natur gemäß war, von dem sie empfangen könnt. Sind auch noch gar viel Klöster, wo sie etwan einen glatten Mönch bekommen möcht, der zu der Handlung tauglich war.« Da antwortet die Magd mit Seufzen: »Alles haben wir versucht, aber nichts hat helfen wollen.« Spricht wieder der Priester: »Ei, man hätt das öfter und auf mancherlei Weg versuchen müssen.« »Ich besorg eben«, saget die Magd, »ob uns nicht gerade das geschadet hab.« (35) Von der Listigkeit der Weiber ein wahre Geschieht Ein Ehebrecherin hat einem Priester gebeichtet, ein Kindlein hätt sie von einem Buhler und nicht vom Mann. Sie ward mit dem Geding absolvieret, daß sie es ihrem Manne, der es erzogen hätt, anzeiget. Das Weib verwilliget sich drein, verhieß, sie wollt es tun, und hat's auch mit solcher List getan. Sie hat beredet den Mann, daß er das weinend Knäblein in einer Verkleidung schrecken sollt, auf daß es durch die Dräuung vielleicht aufhörete zu weinen. Der Mann trat, der List unbewußt, in die Stuben und dräuet dem Knaben, wo er nicht schweigen würde, so wollt er ihn wegtragen. Da nahm das Weib das Kind auf den Arm: »Zeuch weg, du arger Mann, das Kind ist nicht dein.« – Hat auch diese Wort zu often Malen wiederholet und sich überred't, sie hätt also dem Priester ein Genügen getan. (36) Von einem Weibe, das da aufs ehest nach Absterben ihres ersten Mannes ein andern nahm War ein Wirt zu Innsbruck, der, als er ein halb Jahr war krank gelegen, nachmals gar starb. Und sein Weib gehub sich, da sie mit der Leich ging, so kläglich mit elendem Weinen und Heulen, daß sie ihr Knecht fuhren mußt, der sie auch tröstet nach all seinem Vermögen. Als sie aber klaget – wie es der Weiber Brauch ist, daß sie sehr und viel klagen –, wie sie niemand hätt, der ihr die Herberg aufhalten hülfe, redet sie der Knecht, nachdem er sich vorhin herausgestrichen und seines guten Gerüchts Meldung getan hatt, wegen der Eh an. Dem antwortet sie unter Tränen: »Ach, du hast es viel zu spät begehret, denn ich hab's schon zuvor einem andern verheißen.« (37) Von einem gefälschten Wein An dem Bach Schmich in meiner Heimat liegt ein Dörflern, das den Namen von dem Wasser hat. Da war ein Wirt, den man auch argwöhnisch dafür hielt, er führete sein Wein oft in die Tränk. Aus dem Grund warfen ihm etlich gute Gesellen in das Gefäß, darin er ihnen den Wein auftrug, kleine Fischlein hinein. Als nun der Wirt in das Glas einschenket, ward er der Fischlein gewahr, wendet sich derhalben zu den Gästen: »Fürwahr, jetzt bekenn ich's frei, ich hab zuviel Wasser in die Weinfässer gössen, anders wären die Fischlein nicht hereingeschwommen.« (38) Von dreien Bayern Drei Bayern waren miteinander auszogen, fremde Land zu besuchen, daß sie möchten gute Sitte lernen. Kamen auch bis ins Niederteutschland, wo die Leut so leicht und kurz reden und die Wort so behend herausbringen, daß sie die Oberteutschen kaum und schwerlich können verstehn. Wie sie nun einer Stadt naheten, schickten sie einen von ihnen, der für den kundigsten der fremden Sprach wollt gehalten sein, voraus hinein, auf daß er ihnen sollt die Herberg bereiten und ein guts Mahl bestellen. Als er nun in die Stadt kam und mit seiner langsamen, groben und harten Sprach viel mit dem Wirt geredet hatt, der Wirt aber nichts davon verstund, deutet er endlich mit dem Finger auf die Zahn, damit er anzeiget, er hätte Lust zu essen. Der Wirt aber meinet, ihm täten die Zahn weh, ließ ihn zu einem Barbierer weisen, und auch dort stund der Bayer nicht ab, auf die Zahn zu zeigen. Da riß ihm der Barbierer von des Wirten Spruchs wegen zwei Zahn heraus. Zornig und traurig lief der Gesell aus der Stadt und kam zu seinen Gefährten, zu denen er saget: »O lieben Brüder, bei meiner Treu rat ich euch, nicht in diese Stadt zu gehn; denn sobald ihr werdet zu essen begehren, bricht man euch alle Zahn aus. Mir sind, wie ihr sehet, der Sach halber zwei ausgerissen, und war ich nicht so kundig und erfahren ihrer Sprach gewesen, so war ich gar zahnlos wieder zu euch kommen.« Durch des Narren Rat erschrecket, kehrten die guten Menschen schier tot vor Hunger um und zogen nüchtern wieder heim in ihr Bayerland. (39) Von dem Aberglauben der Bauren Ist ein alter Wahn und Aberglauben der Bauren, daß einem, dem des Morgens ein Has über den Weg lauft, desselbigen Tags ein Fährlichkeit zustoße. Wie solches einmal einem Bauren, der mit seinem Knecht, Rossen und Karren in den Wald um Holz gefahren war, zustund, führet er die Rosse wieder heim. Als der Bauer am andern Tag wieder hinausging als den Tag vorher, sah der Knecht einen Wolf vor dem Wald und zeiget's dem Herrn an. Der saget darüber: »Das ist ein Glück und ein gut Anzeichen« (wie denn auch Plinius bezeugt). Wie danach die Ross' hin und her und ohne Hüter auf der Weid gingen, kam. der Wolf, warf eins von ihnen nieder und riß ihm den Leib auf von wegen Fressens. Wie das der Knecht ersah, rief er eilends den Herrn, saget, das Glück war im Rosse, weil der Wolf sein Kopf in des Roß Bauch stecken hatt. Als aber der Bauer das sah und innen ward, daß er mit dem falschen Anzeichen betrogen war, ist er in jedermanns Mund kommen und hat Schaden und Spott miteinander müssen leiden, wie man in einem alten Sprichwort sagt. (40) Vom Predigtmärlein zum Schwank Johannes Pauli Schimpf und Ernst 1522 Von Hans Werner Ich, Frater Johannes Pauli, Schreiber dies Buchs, ein Barfüßer, hab ein Bauren kennt, und war ein grober Kegel zu Villingen, da ich Lesmeister da war, der hieß Hans Werner. Der könnt lesen und könnt schier die ganz Bibel auswendig, und wo er hinkam, so disputiert er mit den Priestern: »Wo steht dies in der Bibel und jenes?« Auf einmal kam er an des von Württembergs Hof gen Stückgarten. Die Doctores kannten ihn wohl; er war dick oft bei ihnen gewesen, denn er zog dem Disputieren nach gegen den Winter, wenn er seine Äcker gesäet hatt und nichts mehr zu gewinnen war. Der Fürst wollt ihn auch hören und lud ihn zu Gast. Und was ihn die Gelehrten fragten aus der Bibel, so könnt er guten Bericht geben, daß der Fürst ein Wohlgefallen an ihm hatt. Hans Werner, der Bauer, sprach zu dem Herrn: »Herr, wisset Ihr, wie groß Gott ist?« Der Herr sprach: »Wer wollt es mir sagen?« Der Bauer sprach: »Er ist so groß, als ein Prophet spricht: ,Der Himmel ist mein Sessel, und das Erdreich ist ein Schemel meiner Fuß und reicht mit seinen Armen von einem Ort zu dem andern.' Nun ratet Ihr, Herr, wieviel müßt er Tuchs haben zu einem Rock, so er so groß ist?« Der Fürst sprach: »Das weiß ich nit.« Der Bauer sprach: »Er bedarf nit mehr denn ich, denn er spricht: Was ihr einem armen Menschen tut in meinem Namen, das habt ihr mir getan.' Darum wenn Ihr mir ein Rock gebt, so habt Ihr ihn Gott geben.« Der Herr sprach: »Bist du auf Mittfast hie, so ich mein Hofgesind bekleid, so will ich dir auch ein Rock geben.« Hans Werner verschlief es nit und macht sich auf und kam wiederum in des Fürsten Hof, da ward ihm auch ein Rock. (41) Den Bischof überdisputiert ein Bauer Es ritt auf einmal ein Bischof über Feld wohl mit vierzig Pferden. Der sah ein Bauren zu Acker gehn, der ließ den Pflug stehn und lehnt sich auf den Stecken und sah den Reitern zu. Der Bischof ritt zu ihm und sprach: »Lieber, sag mir die Wahrheit! Was hast du gedacht, da du mich mit meinem Zug sahest reiten?« Der Bauer sprach: »Herr, ich hab gedacht, ob Sankt Kilian zu Würzburg auch sei also geritten mit vierzig Pferden.« Der Bischof, der sprach: »Ich bin nit allein ein Bischof, sondern auch ein weltlicher Fürst. Jetzt siehst du ein weltlichen Fürsten. Willst du ein Bischof sehen, so komm auf Unser Frauen Tag gen Würzburg, so wirst du ihn sehen.« Da fing der Bauer an zu lachen. Der Bischof sprach, was er lacht. Der Bauer sprach: »Wenn der Fürst des Teufels wird, was tut der Bischof dazu?« Da ritt der Bischof von ihm und hatt sein genug. (42) Der stumm Diener der Fürstin Es ritt auf einmal ein Fürst durch sein Land mit seiner Hausfrauen und blieben bei einem Edelmann auf seinem Schloß zu Herberg. Der Edelmann hatt ein Sohn, der war ein Stummer. Da man aß, da dient der Stumme so höflich und so adlig zu Tisch und stund ihm alles wohl an, was er tat. Der Fürst wollt mit ihm reden. Der Vater sprach: »Gnädiger Herr, er kann nit reden, er ist ein Stumm.« Die Fürstin gedacht: »Das war ein Diener für dich, der war verschwiegen, vor dem dürftest du dich nit schämen.« Sie lag dem Herrn an, er sollt ihr den Stummen erwerben zu einem Diener. Der Edelmann könnt es dem Fürsten nit versagen. Die Fürstin nahm den Stummen mit sich heim. Und wann der Fürst danach hinwegritt, so trug der Stumme der Frauen Wein auf, und kam da der Mann, da der Ritter, der Edelmann. Da sah der gut Stumme wohl, was die Rüben galten. Und nach einem Jahr oder zweien ritt der Fürst abermals zu des Stummen Vater und nahm den Stummen mit sich, daß er einmal seine Freund sähe. Der Stumme dient dem Fürsten aber zu Tisch. Der Fürst sprach zu seinem Vater: »Ist dein Sohn ein Stumm von der Art oder von Siechtagen, oder wie ist es ihm ergangen?« Der Vater sprach: »Er ist kein Stumm, er kann wohl reden. Aber er kann nit schimpfen, er sagt heraus, was er weiß, und schmäht die Leut, er sagt die Wahrheit. Da hab ich ihm auf einmal verboten, er soll schweigen, also hält er Schweigen.« Der Herr sprach zu dem Vater: »Lieber Herr, laßt ihn reden! Ich bitt Euch darum.« Der Vater sprach: »Wohlan, Sohn, sag unserm gnädigen Herrn etwas!« Der Sohn sprach: »Herr, Euer Frau ist die allergrößt Hur, die in dem Land ist.« Der Fürst sprach: »Schweig! Du hast zuviel gered't, ich hab es zuvor wohl gewußt.« (43) Gott war Bürg, ein Abt bezahlt Es war einmal ein Edelmann, der hatt in einem Krieg eines Bürgers Sohn gefangen und führt ihn mit sich heim in sein Schloß und legt ihn in ein Turm. Da er ein Zeitlang in dem Turm lag, da ließ er den Junkern bitten, daß er zu ihm kam, er hätt etwas mit ihm zu reden. Da er zu ihm kam, da sprach er: »Lieber Junker, ich lieg hier und bin weder Euch noch mir nütz; so wollen mir meine Freund, die hundert Gulden nit schicken, damit ich mich selbst lösen möcht. Und tut als wohl und laßt mich selbst heimziehen! In acht Wochen will ich mich wiederum stellen und Euch das Geld bringen als ein frommer Gesell.« Der Junker sprach: »Wen willst du mir zu einem Bürgen geben?« Der Gefangene sprach: »Ich hab niemand, ich will Euch Gott den Herrn zu einem Bürgen geben und will Euch einen Eid schwören, bei demselbigen Bürgen das zu halten.« Der Junker sprach: »Den Bürgen will ich annehmen.« Und ließ ihn ein Eid schwören und ließ ihn heimfahren. Da fuhr der arm Knecht heim und verkauft alles sein Gut, das er hatt, und bracht das Geld auf, und mocht es doch nit zuwegen bringen in den acht Wochen, als er dann gelobt hatt, und blieb wohl drei Wochen über das Ziel aus. Es fügt sich auf ein Zeit, daß der Junker über Feld ritt, und zwei Knecht ritten mit ihm. Da begegnet ihnen ein Abt oder ein Prior auf zweien hübschen Pferden mit einem Knecht. Und der Junker sprach zu seinen zweien Knechten: »Sehet, ihr lieben Gesellen, wie reitet der Mönch mit zweien rassigen Pferden und reitet als köstlich als ein Ritter. Er sollt auf einem Esel reiten. Seid gewarnt, wir wollen ein Tat tun..« Da er nun zu ihnen kam, da greift er dem Pferd in den Zaum und sprach: »Herr, wer seid Ihr, wer ist Euer Herr?« Der Mönch sprach: »Ich bin ein Gottesdiener, und Gott ist mein Herr.« Da sprach der Edelmann: »So kommt Ihr mir eben recht. Ich hab ein Gefangenen gehabt und hab ihn ledig gelassen, der hat mir Euren Herrn zu Pfand gelassen und zu einem Bürgen geben. Nun. kann ich ihm nichts abgewinnen, er ist mir zu mächtig, darum so will ich seine Diener angreifen.« Und nahm den Mönch zu Fuß mit sich auf das Schloß, und nahmen ihm, was er hatt. Es fügt sich, daß sein gefangen Mann wiederum kam. und fiel dem Junkern zu Fuß und wollt ihm das Geld geben und sagt, er hätt das Geld nit eher von den armen Leuten mögen bringen, er sollt nit zürnen. Der Junker sprach: »Gut Gesell, stand auf und behalt dein Geld und fahr, wohin du willst! Denn dein Bürg hat dich wohl gelöset.« (44) Der Sauhirt ward ein Abt Auf ein Zeit war ein Abt, der hatt ein Edelmann zu einem Kastenvogt. Der Edelmann war dem Abt nit hold und könnt doch kein Ursach wider ihn finden und beschickt den Abt und sprach zu ihm: »Mönch, du sollst mir drei Fragen beantworten in dreien Tagen. Zu dem ersten sollst du mir sagen, was du von mir haltest. Zu dem andern, wo es mitten auf dem Erdreich sei. Zu dem dritten, wie weit Glück und Unglück voneinander sei. Beantwortest du die drei Fragen nit, so sollst du kein Abt mehr sein.« Der Abt war traurig und kam heim und ging auf das Feld spazieren und kam zu einem Sauhirten. Der sprach: »Herr, Ihr seid gar traurig. Was brist Euch?« Der Abt sprach: »Das mir anliegt, da kannst du mir nit helfen.« Der Sauhirt sprach: »Wer weiß es? Sagt mir es!« Der Abt sagt es ihm: »Die drei Fragen muß ich beantworten.« Der Flirt sprach: »Herr, seid guter Ding und fröhlich! Die Fragen will ich alle wohl beantworten. Wenn der Tag kommt, so legt mir ein Kutten an!« Der Tag kam, und der Abt mit seinem Bruder kam, oder er schickt ihn dar in seinem Namen. Der Edelmann sprach: »Äbtlein, bist du hie?« »Ja, Junker«, sprach der Abt. »Wohlan, was sagst du auf die erst Frag, was haltest du von mir?« Der Abt sprach: »Junker, ich schätz Euch für 28 Pfennig.« Der Junker sprach: »Nit besser?« Der Abt-Hirt sprach: »Nein.« Der Junker sprach: »Warum?« Der Abt sprach: »Darum. Christus ward für 30 Pfennig geben, so acht ich den Kaiser für 29 Pfennig und Euch für 28 Pfennig.« »Das ist wohl beantwortet. Auf die ander Frag: ‚Wo ist es mitten auf dem Erdreich?‘« Der Abt sprach: »Mein Gottshaus ist mitten auf dem Erdreich. Wollt Ihr es mir nit glauben, so meßt es aus.« »Auf die dritt Frag: ‚Wie weit ist Glück und Unglück voneinander?‘« Der Abt sprach: »Nit weiter denn über Nacht, denn gestern war ich ein Sauhirt, heut bin ich ein Abt.« Der Junker sprach: »Bei meinem Eid, so mußt du Abt bleiben.« Und blieb auch also Abt; er hielt aber den alten Abt auch in Ehren, als auch billig war. (45) Zwölf Nonnen für zwölf Pfaffen Auf daß wir so viel von den Mönchen gesagt haben, so ziemt sich wohl, daß wir auch etwas von den Nonnen schreiben, denn als die Lehrer sprechen, so gehören Mönch und Nonnen zusammen. Es war ein Kloster, soll man es anders ein Kloster heißen, ein Stift, da waren Freifrauen in, als ihrer viel in unsern Landen sein, der Edlen Spital etc. Da war ein Edler, der dem Gottshaus ab wollt ziehen und nehmen, das sein Eltern dar hätten geben. Sie lagen in dem Rechte miteinander, und war viel draufgangen. Der Äbtissin ward geraten, sie sollt vier der allerhübschesten Frauen, die sie hätt, wohl ausstreichen und sollt sie mit sich nehmen und mit ihnen selber vor den Fürsten kommen, sie würd ein gnädigen Herrn finden. – Sie folgt dem Rat. Da sie nun also vor dem Fürsten stund mit den vier stolzen Frauen, da fragt sie der Fürst und sprach, wieviel Gestühle und Chorfrauen sie hätt. Die Äbtissin antwortet dem Fürsten und sprach mit Züchten: »Unser sein vierundzwanzig Frauen.« Der Fürst sprach: »Wieviel habt Ihr Pfaffen und Kaplän?« Die Äbtissin antwortet und sprach: »Gnädiger Herr, wir haben zwölf Pfaffen.« Der Fürst lacht und sprach: »Das ist übel geordnet, es sollt umgekehrt sein.« Die Äbtissin verstund, wo der Fürst hinaus wollt und daß er sie für Huren schätzt. Da sprach die Äbtissin: »Nein, gnädiger Herr, es ist wohlgeordnet. Es sein zwölf Pfaffen und hat jeglicher sein Frauen, und die übrigen zwölf Nonnen sein für die Gast.« Da lacht der Fürst und sprach: »Frau Äbtissin, Ihr habt wohl geantwortet. Geht heim, so wollen wir mit dem Edelmann verschaffen, daß er euch in Frieden läßt.« (46) Ein alt Weib begehrt den Segen Auf einmal ritt ein Papst über Feld; da kam ein alte Frau, ein Bettlerin, zu ihm und begehrt um Gotts willen ein Schilling von ihm. Er sprach: »Nein, es ist zu viel.« Die Frau sprach: »So gebt mir ein Plaphart Groschen !« Er sprach: »Nein.« Die Frau sprach: »Gebt mir ein Kreuzer!« Er sprach: »Nein.« Die Frau sprach: »Macht den Segen über mich!« Er macht das Kreuz über sie. Die Frau sprach: »War mir Euer Segen eines Hellers wert, so hättet Ihr ihn mir auch nit geben.« Also fuhr die Frau davon. (47) Einer absolviert von künftigen Sünden Es war einer in das Teutschland kommen mit falschem Ablaß und Briefen und hört Beicht und absolviert die Menschen von zukünftigen Sünden, die sie würden tun; und hob viel Gelds auf. Es kam ein Edelmann zu ihm und bat, ihn auch zu absolvieren von einer Sund, die hätt er Willen zu tun. Der Legat heischte von ihm drei Kronen. Der Edelmann gab sie ihm. Der Legat absolviert ihn. Da er nun aus dem Land wollt und meint, er hätt Gelds genug gesammelt, und fürchtet, sein Falschheit möcht an den Tag kommen, und kam in eines Grafen Land, da nahm ihm der vorgenannt Edelmann, was er hätt. Da klagt es der Legat dem Grafen. Der Graf beschickt den Edelmann und fraget ihn, ob er den beraubt hätt. Der Edelmann sprach: »Ja, er hat so viel Leut betrogen und geabsolviert von zukünftigen Sünden und mich auch. Ich hab ihm auch drei Kronen geben zu Verzeihung der Sund, die ich in dem Willen hätt zu tun,. Da liegt der Brief, und das ist die Sund gewesen, die ich in dem Willen hätt zu tun.« Der Graf sprach zu dem Legaten, ob es also war. Der Legat könnt es nit leugnen. Da sprach der Graf: »Mach dich bald aus dem Land, oder ich laß dich in ein Wasser werfen. Er hat dir recht getan.« Also nahm der Graf auch ein Teil davon, und war der Krieg gerichtet. (48) Vier Gulden wollt einer zeigen Es beichtet einmal ein Gerber, wie er des Willens war gewesen, einen zu Tod zu schlagen, aber er hätt es nit getan. Der Beichtvater sprach: »Du mußt gen Rom für den Totschlag, oder du mußt mir vier Gulden geben, dich zu absolvieren. Denn ich des Papstes Gewalt für vierzig Personen hab, und du bist sein notdürftig.« Er sprach: »Ich hab doch den Totschlag nit getan, ich hab ihn nur in dem Sinn gehabt.« Der Beichtvater sprach: »Gott nimmt den Willen für die Werk.« Der Gerber sprach: »Wenn es nit anders mag sein, so will ich Euch die vier Gulden geben. Absolvieret mich!« Da absolviert ihn der Priester, da gab ihm der Gerber den Beichtpfennig. Der Beichtvater sprach: »Wo sein die vier Gulden?« Er sprach: »Nehmt den Willen für die Werk. Ich hab in dem Sinn gehabt, Euch die vier Gulden zu geben.« (49) Der Bauer gab dem Pfaffen ein Kuh, daß er ihm hundert gab Es war ein armer Bauer, der hatt nit mehr denn ein Kuh. Und auf einmal war die Frau in der Predigt und der Mann nit. Da predigt der Priester, wer ein. Kuh oder was es war um Gottes willen gab, dem würd Gott hundert dafür geben. Da die Frau heim kam, da sagt sie es dem Mann, wie der Priester gepredigt hätt, und sie wollt raten, daß sie die Kuh dem Priester um Gottes willen gäben, daß ihnen hundert dafür würden. – Der Mann tat es und bracht dem Priester die Kuh. Der Priester behielt sie ein Zeitlang daheim, ehe daß er sie fürtrieb. Darnach band er die zwo Kuh zusammen, auf daß des Priesters Kuh die ander heimführt. Aber es kehrt sich um, des Bauren Kuh führt des Priesters Kuh mit sich in des Bauren Haus. Da es Abend ward, da hatt der Priester seine Kuh beid verloren, und man sagt es ihm, wo sie wären. Der Priester kam zu des Bauren Haus und hieß ihn seine zwo Kuh geben. Der Bauer sprach: »Ich hab kein Kuh, die Euer ist. Gott der Herr ist mir hundert Kuh schuldig, ist es anders wahr, was Ihr gepredigt habt, und ist mir noch neunundneunzig schuldig.« Sie kamen an das Recht miteinander, aber der Priester mußt dem Bauren die zwo Kuh lassen. (50) Der Bauer tauft ein Kind, und der Sohn bracht ein Kalb Auf einmal war einem Bauren ein Kind worden, das mußt man nottaufen. Das tauft er selber. Denn wenn ein Mann da ist, so soll es kein Frau taufen. Wenn ein Geweihter da ist oder ein Priester, so soll es derselb taufen. Doch so soll einer nit sein eigen Kind taufen. Da es nun getauft ward, da starb es. Der Bauer tat es in ein Schindellad und bracht es dem Priester und sprach zu seinem Sohn: »Nimm das Kalb in dem Stall an einem Seil und bring es hernach!« – Da der Bauer mit dem Kind zu dem Priester kam, da bat er ihn, er sollt das Kind in das Geweihte vergraben, er hätt es getauft. Der Priester sprach: »Wie sprachst du, da du es tauftest? Ich will es wissen.« Der Bauer sprach: »Also sprach ich: ‚Ich tauf dich in dem Namen des Vaters und des Heiligen Geistes, amen.‘« Der Priester sprach: »Wo bleibt der Sohn?« Der Bauer sprach: »Der Sohn kommt hernach und bringt ein Kalb, das will ich Euch schenken, daß Ihr es mir in dem Kirchhof vergrabt.« Der Priester nahm das Kalb – das Kind war ihm wohl getauft und ließ es vergraben. (51) Bauren wollten ein lebendigen Gott haben Auf einmal kamen drei Bauren zu einem Maler und hätten gern ein Kruzifix, ein Gott an dem Kreuz, auf dem Kirchhof gehabt. Und da er verdingt war wohl für sechzehn Gulden, da sprach der Maler: »Wollt ihr ein lebendigen oder ein toten Gott haben?« Sie sprachen: »Wir wollen zu Rat werden«, und traten neben ab. Und da der Rat aus war, da sprach einer: »Lieber Meister, wir wollen ein lebendigen Gott haben. Gefällt er den Bauren nit, so können wir ihn selber wohl zu Tod schlagen.« (52) Ob Doctores über die Ritter sein Auf einmal war ein König, der hatt Doctores und Ritter in seinem Rat. Nun war ein Doktor, den schlug er zum Ritter, als man manchen find't, der Doktor und Ritter ist. Auf ein Tag, da hatt er seine Rät berufen, und stunden die Doctores auf einer Seiten, die Ritter auf der andern Seiten. Dieser, der Doktor und Ritter war, da er in den Rat kam, da stellt er sich zu den Rittern. Da er ein Weil in dem Rat gesessen war, da sprach der König: »Herr Doktor, Ihr solltet nit da sein, Ihr "solltet Euch zu den Würdigern stellen. Ein Doktor übertrifft ein Ritter; denn ich kann in einer Stund hundert Ritter machen, aber meiner hundert könnten nit einen Doktor machen.« (53) Untreu schlug ein Zimmermann, als er 800 Gulden fand Es hat sich auf ein Zeit begeben, als wahrhaftig Leut gesagt haben, um die Jahr ungefährlich, da man zählt 1506. Da ist ein Kaufmann geritten gen Frankfurt in die Mess', da ist ihm der Wetschger Lederbeutel von dem Sattel entfallen, darin waren achthundert Gulden. Da ist ein Zimmermann kommen und hat denselbigen Wetschger funden und hat ihn mit sich heimgetragen. Und da er heim ist kommen, da hat er den Wetschger aufgetan und hat gesehen, was darin war, und er hat ihn heimlich behalten, ob jemand danach fragen würd. An dem nächsten Sonntag danach hat der Kirchner in demselbigen Dorf, da der Zimmermann in daheim war, auf der Kanzeln verkündet, es seien achthundert Gulden verloren worden, und wer dieselbigen funden hat, dem will man hundert Gulden schenken, wenn er es Wiederkehr. Und der Zimmermann ist nit in der Kirchen gewesen zu demselbigen Mal, und da man über Tisch saß, da sagt sein Hausfrau, wie achthundert Gulden verloren wären. »Ach«, sprach sie, »hätten wir den Sack funden, daß uns die hundert Gulden würden.« Der Mann sprach: »Frau, gang hinauf in unser Kammern! Unter dem Bank bei dem Tisch, auf dem Absatz von der Mauern, da Hegt ein ledern Sack. Den bring herab!« Die Frau ging hinauf und holt ihn und bracht ihn dem Mann. Der Mann tat den Sack auf, da waren die achthundert Gulden darin, wie der Priester verkünd't hatt. Der Zimmermann ging zu dem Priester und sagt ihm, wie er verkünd't hätt, ob es also war, daß, man einem hundert Gulden schenken wollt. Der Priester sprach: »Ja.« Da sprach der Zimmermann: »Heißt den Kaufherrn kommen! Das Geld ist da.« Da war der Kaufherr froh und kam. Nachdem, als er das Geld gezählt, da warf er dem Zimmermann fünf Gulden dar und sprach zu ihm: »Die fünf Gulden schenk ich dir. Du hast selber hundert Gulden genommen und hast dir gelohnt. Es sein neunhundert Gulden gewesen.« Der Zimmerrnann sprach: »Mir nit also! Ich hab weder ein Gulden noch hundert genommen, ich bin ein frommer Mann.« Das Geld ward hinter das Gericht gelegt, und sie kamen miteinander an das Gericht. Nach manchem Gerichtstag ward ein Tag gesetzt des Ausspruchs. Da kamen viel fremder Leut dar, die wollten den Ausspruch hören. Und man fragt den Kaufmann, ob er das Recht dürft darum tun und ein Eid schwören, daß er neunhundert Gulden verloren hätt. Der Kaufmann sprach: »Ja.« Da sprach das Gericht: »Heb auf und schwör!« Der Kaufmann schwor. Danach fragt das Gericht den Zimmermann, ob er ein Eid möcht schwören, daß er nit mehr denn achthundert Gulden funden hätt. Der Zimmermann sprach: »Ja«, und schwur auch ein Eid. Da erkannten die Urteilsprecher, daß sie beid recht hätten geschworen, der die neunhundert Gulden verloren hätt, und der Zimmermann, der nur achthundert funden hätt. Und sollt der Kaufmann einen suchen, der neunhundert Gulden funden hätt, es war nit der Sack, er hätt nit rechte Wortzeichen gesagt; und der arm Zimmermann sollt das Geld brauchen, bis daß einer kam, der achthundert Gulden verloren hätt. Das Urteil lobt jedermann, und ist auch zu loben. Denn Untreu schlug seinen eignen Herrn, und ward das Sprichwort wahr: Wer zu viel will, dem wird zu wenig. (54) Der ein schenkt ein Wagen, der andre zwei Pferd Es war ein Bürger, der hätt ein Sach an dem Rechten hangen und kam zu dem Richter und schenkt ihm ein neuen Karren oder Wagen. Sein Widerpart ward es gewahr, was sein Widerteil dem Richter geschenkt hätt, da schenkt er ihm zwei Pferd für den Wagen. Da es zu der Sentenz kam, da ging das Urteil wider den, der dem Richter den Wagen geschenkt hätt. Da sprach er: »O meins Wagens, du gehst nit recht.« Da sprach der Richter: »Er kann nit anders gehn, dann ihn die Ross' ziehen.« (55) Eine schrie, als man sie beraubet Auf ein Zeit war ein große Tochter, die kam zu dem Richter, zu dem Offizial, und klagt ein jungen Gesellen um die Blume an, er hätt sie verfällt zu Fall gebracht und notzwungen. Der Richter sprach: »Liebe Tochter, ich kann die Sache nit ohn ihn ausrichten, er muß auch da sein. Darum gang heim und komm morgen wiederum zu dieser Stund, so will ich ihn auch her lassen gebieten.« Die gut Tochter ging heim. Der Richter, der Offizial, schickt ihr ein Knecht nach , der sollt tun, als wollt er sie berauben und ihr den Schleier wollt nehmen und den Säckel etc. Das geschah. Da die Tochter morgen wiederum kam und sah den Räuber da stehn, da verklagt sie denselbigen Räuber, wie er sie auf freier Straßen hätt wollen berauben, wenn sie sich nit gewehrt hält. Der Richter sprach: »Konntest du dich denn sein erwehren;« Sie sprach: »Ja, ich schrie, daß die Leut auf der Gassen und aus den Häusern herzuliefen und mir zu Hilf kamen.« Da antwortet ihr der Richter: »Hättest du auch also geschrieen, da dir der Gesell den Kummer wollt antun und dich zwingen, seinen Willen zu tun, und die Blume nehmen, so war man dir auch zu Hilf kommen, Darum fahr hin, liebe Tochter, dein Straß! Der Gesell ist dein ledig.« (56) Ein Frau gab ein Ochsen um dritthalb Rappen, ein Hahn um zwölf Gulden Es war ein reicher Bauer, der sprach zu seiner Frauen, da er sterben sollt: »Ich laß dir Guts genug und will kein Testament machen, nur ein Ding will ich dich bitten: den Ochsen, der März heißt, den sollst du verkaufen, und was du für Geld daraus löst, das sollst du den armen Leuten geben.« Die Frau sprach: »Ja, ich will es tun.« Da nun der siebent Tag kam, da nahm die Frau den Ochsen an ein Seil und band ihm ein Hahn auf den Schwanz und fuhr damit zu Markt. Die Metzger kamen und griffen den Ochsen, wie feist er war, und fragten die Frauen, wie sie den Ochsen gab. Sie sprach: »Wer den Ochsen kauft, der muß den Hahnen auch kaufen, ich verkauf keins ohn das ander.« Sie bot den Hahn um dreizehn Gulden und den Ochsen um ein Kreuzer. Der Kauf ward gemacht, und man gab ihr zwölf Gulden für den Hahn und ein Kreuzer, der tat fünf Heller, für den Ochsen. Die zwölf Gulden behielt die Frau, und die fünf Heller gab sie fünf armen Menschen um Gottes willen, wie sie es verheißen hatt. Darum lug jedermann selber zu seiner Seelen und verlaß sich niemand auf seine Freund, denn man tut dir als wenig nach, als man mag. Versiehe dich wohl! (57) Volksschwänke im Volksbuch Verfasser unbekannt Till Ulenspiegel 1515 Wie Ulenspiegel alle Kranken in einem Spital auf einen Tag ohn Arznei gesund macht Auf ein Zeit kam Ulenspiegel gen Nürnberg und. schlug groß Brief an die Kirchtüren und an das Rathaus und gab sich aus für ein guten Arzt zu aller Krankheit. Und da war ein große Zahl kranker Menschen in dem neuen Spital daselbst, da der hochwürdig heilig Speer Christi mit andern merklichen Stücken rasten ist liegt . Und derselben kranken Menschen, der war der Spittelmeister einesteils gern ledig gewesen und hätt ihnen Gesundheit wohl gegönnt. Also ging er hin zu Ulenspiegel, dem Arzt, und fragt ihn nach laut seiner Brief, die er angeschlagen hätt, ob er den Kranken also helfen könnt, es sollt ihm wohl gelohnt werden. Ulenspiegel, der sprach, er wollt ihm seiner Kranken viel gerad machen, wenn er wollt zweihundert Gulden anlegen und ihm die zusagen wollt. Der Spittelmeister sagt ihm das Geld zu, sofern er den Kranken hülf. Also verwilliget sich Ulenspiegel, wo er die Kranken nit gerad macht, so sollt er ihm nit ein Pfennig geben. Das gefiel dem Spittelmeister wohl und gab ihm zwanzig Gulden darauf. Also ging Ulenspiegel ins Spital und nahm zween Knecht mit sich und fragt die Kranken, ein jeglichen, was ihm gebrest, und zuletzt, wenn er von einem Kranken ging, so beschwor er ihn und sprach: »Was ich dir offenbaren werd, das sollst du bei dir heimlich bleiben lassen und niemand offenbaren.« Das sagten dann die Siechen Ulenspiegel bei großem Glauben zu. Darauf sagt er dann einem jeglichen besonders: »Soll ich nun euch Kranken zu Gesundheit helfen und auf die Fuß bringen, das ist mir unmöglich, ich verbrenn denn euer einen zu Pulver und geb das den andern in den Leib zu trinken, das muß ich tun. Darum, welcher der Kränkst unter euch allen ist und nit gehn mag, den will ich zu Pulver verbrennen, auf daß ich den andern helfen mög damit, euch all auf zu bringen. So würde ich den Spitalmeister nehmen und in der Tür des Spitals stehn und mit lauter Stimm rufen: ,Welcher da nit krank ist, der komm heraus!' Das verschlaf du nit!«So sprach er zu jeglichem allein: »Denn der letzt muß die Ürten Zeche bezahlen.« Solcher Sag nahm jeglicher acht, und auf den gemeld'ten Tag eilten sie sich mit Krücken und lahmen Beinen, als keiner der letzt wollt sein. Da nun Ulenspiegel nach seinem Anlaß rufte, da begannen sie von Statt zu laufen, etlich, die in zehn Jahren nit vom Bett kommen waren. Und da das Spital nun ganz leer war, da begehrte er seines Lohnes von dem Spittelmeister und sagt, er müßt an ein ander End eilen. Da gab er ihm das Geld zu großem Dank. Da ritt er hinweg. Aber in dreien Tagen, da kamen die Kranken all herwieder und beklagten sich ihrer Krankheit. Da fragt der Spittelmeister: »Wie geht das zu, ich hatt ihnen doch den großen Meister zubracht, der ihnen doch geholfen hat, daß sie all selber davongangen waren.« Da sagten sie dem Spitalmeister, wie daß er ihnen gedroht hätt, welcher der letzte war zu der Tür hinaus, wenn er derzeit ruft, den wollt er verbrennen zu Pulver. Da merket der Spittelmeister, daß es Ulenspiegels Betrug war. Aber er war hinweg, und er könnt ihm nichts angewinnen. Also blieben die Kranken wieder im Spital wie zuvor und war .das Geld verloren. (58) Wie Ulenspiegel zu Braunschweig sich verdingt zu einem Brotbäcker für ein Bäckerknecht und wie er Eulen und Meerkatzen buk Da nun Ulenspiegel wieder gen Braunschweig kam zu der Bäckerstuben, da wohnt ein Bäcker nah dabei, der ruft ihn in sein Haus und fragt ihn, was er für ein Geselle war. Er sprach: »Ich bin ein Bäckerknecht.« Der Brotbäcker, der sprach: »Ich hab eben keinen Knecht, willst du mir dienen?« Ulenspiegel sagt: »Ja.« Als er nun zween Tag bei ihm war gewesen, da hieß ihn der Bäcker backen auf den Abend, denn er könnt ihm nit helfen bis an den Morgen. Ulenspiegel sprach: »Ja, was soll ich aber backen?« Der Bäcker war ein schimpfig Mann und war zornig und sprach im Spott: »Bist du ein Bäckerknecht und fragst erst, was du backen sollst. Was pflegt man zu backen, Eulen oder Meerkatzen?« Und ging damit schlafen. Da ging Ulenspiegel in die Backstuben und macht den Teig zu eitel Eulen und Meerkatzen, die Backstub voll, und buk die. Der Meister stund des Morgens auf und wollt ihm helfen, und da er in die Backstuben kam, so findet er weder Wecken noch Semmeln, nur eitel Eulen und Meerkatzen. Da ward der Meister zornig und sprach: »Wie der Jahrritt, was hast du da gebacken?« Ulenspiegel sprach: »Das Ihr mich geheißen habt, Eulen und Meerkatzen.« Der Bäcker sprach: »Was soll ich nun mit der Narretei tun? Solch Brot ist mir nirgends zu nütz, ich mag das nit zu Geld bringen.« Und ergriff ihn bei dem Hals und sprach: »Bezahl mir mein Teig!« Ulenspiegel sprach: »Ja, wenn ich Euch den Teig bezahl, soll dann die War mein sein, die davon gebacken ist?« Der Meister sprach: »Was frag ich nach solcher War, Eulen und Meerkatzen- dienen mir nit auf meinem Laden.« Also bezahlt er ihm sein Teig und nahm die gebackenen Eulen und Meerkatzen in ein Korb und trug sie aus dem Haus in die Herberg »Zu dem Wilden Mann«, und Ulenspiegel gedacht bei sich selber: »Du hast oft gehört, man könnt nit so seltsams Dings gen Braunschweig bringen, man löst Geld daraus.« Und war an der Zeit, daß am andern Tag Sankt Niklaus' Abend war, da ging Ulenspiegel vor die Kirchen stehn mit seiner Kaufmannschaft und verkauft die Eulen und Meerkatzen alle und löst viel mehr Geld daraus, dann er dem Bäcker für den Teig hatt geben. Das ward dem Bäcker kundgetan; den verdroß es, und er lief vor Sankt Niklaus' Kirchen und wollt ihn anfordern um das Holz und für die Kosten, die Ding zu backen. Da war Ulenspiegel erst hinweg mit dem Geld, und hatt der Bäcker das Nachsehen. (59) Wie Ulenspiegel sich verdingt zu einem Schmied und wie er ihm die Bälg in den Hof trug Zu Rostock in dem Land Mecklenburg, da kam Ulenspiegel hin und verdingt sich für ein Schmiedknecht; und derselb Schmied hatt: ein Sprichwort: Wenn der Knecht mit den Bälgen blasen sollt, so sprach er: »Haho, folge mit den Bälgen.« Also stund Ulenspiegel auf den Bälgen und blies. Da sprach der Schmied zu Ulenspiegel mit harten Worten: »Haho, folg mit den Bälgen nach!« Und er ging mit den Worten hinaus in den Hof und wollt sich seines Wassers entblößen. Also nahm Ulenspiegel den einen Balg auf den Hals und folgt dem Meister nach und sprach: »Meister, hier bring ich den einen Balg, wo soll ich ihn hintun? Ich will gehn, den andern auch bringen.« Der Meister sah sich um und sprach: »Lieber Knecht, ich meint es nit also. Gang mir hin und leg den Balg wieder an sein Statt.« Das tat Ulenspiegel und trug ihn wieder an sein Statt. Also gedacht der Meister, wie er ihm das wieder belohnen möcht, und ward mit sich selber eins, wie daß er fünf Tag lang wollt alle Mittnacht aufstehn und den Knecht wecken und arbeiten. Da weckt er die Knecht und ließ sie schmieden. Ulenspiegels Gespann begann zu sprechen: »Was meint unser Meister damit, daß er uns so früh weckt, das pflegt er nit zu tun.« Also sprach Ulenspiegel: »Willst du, so will ich ihn fragen.« Der Knecht sprach: »Ja.« Da sprach Ulenspiegel: »Lieber Meister, wie geht es zu, daß Ihr uns so früh weckt, es ist erst Mitternacht.« Der Meister sprach: »Es ist mein Weis', daß zum ersten mein Knecht acht Tag nit länger sollen liegen denn ein halbe Nacht.« Ulenspiegel schwieg still, und sein Kompagnon dürft nit sprechen bis in die ander Nacht, da weckt sie der Meister aber. Da ging Ulenspiegels Kompagnon arbeiten. Da nahm Ulenspiegel das Bett und bindet es auf den Rücken, und als das Eisen heiß war, so kommt er von der Bühne laufen und zum Amboß und schlägt mit zu, daß die Funken ins Bett stoben. Der Schmied sprach: »Nun, sieh, was tust du da, bist du toll worden? Mag das Bett nit bleiben liegen, da es soll liegen?« Ulenspiegel sprach: »Meister, zürnet nit, das ist mein Weis' zu den ersten Worten, daß ich ein halb Nacht will liegen auf dem Bett, und die ander halb Nacht soll das Bett auf mir liegen.« Der Meister ward zornig und sprach zu ihm, daß er das Bett wieder hintrüg, da er das genommen hätt. Und sprach fürder zu ihm in jähem Mut: »Und gang mir droben aus dem Haus, du verzweifelter Schalk.« Er sprach »ja« und ging auf die Bühn und legt das Bett nieder, da er es genommen hatt, und bekam ein Leiter und stieg in den First und brach das Dach oben aus und ging auf dem Dach auf den Latten und nimmt die Leiter und zieht sie nach sich und setzt sie von dem Dach ab auf die Straß und steigt also hinab und geht hinweg. Der Schmied hört, daß er poltert, und geht ihm nach auf die Bühn mit dem andern Knecht und sieht, daß er das Dach hat aufgebrochen und war dadurch ausgestiegen. Da ward er noch zorniger und sucht den Spieß und lief ihm nach aus dem Haus. Der Knecht ergriff den Meister und sprach zu ihm: »Meister, nit also, laßt Euch sagen, er hat doch nit anders getan, denn das Ihr ihn geheißen habt. Denn Ihr spracht zu ihm, er sollt Euch droben aus dem Haus gehn, das hat er getan, als Ihr denn seht.« Der Schmied ließ sich berichtigen, und was wollt er dazu tun i Ulenspiegel war hinweg, und der Meister mußt das Dach wieder lassen Hetzen flicken und mußt dessen zufrieden sein. Der Knecht sprach: »An solch Kompagnon ist nit viel zu gewinnen. Wer Ulenspiegel nit kennt, der hab nur mit ihm zu tun, der lernt ihn kennen.« (60) Wie Ulenspiegel zu Quedlinburg Hühner kaufte und der Bäuerin ihren eignen Hahn zu Pfand ließ für das Geld Alles Dings waren die Leut etwan nit so schalkhaftig als jetzt, sonderlichen die Landleut. Auf ein Zeit kam Ulenspiegel gen Quedlinburg, da war zu der Zeit Markt, und hatt Ulenspiegel nit viel Zehrung (wie er sein Geld gewann, so ging es wieder hinweg) und gedacht, wie er wieder Zehrung wollt bekommen. Also saß ein Landfrau da zu Markt und hatt ein Korb voll guter Hühner mit einem Hahn feil. Also fragt Ulenspiegel, was das Paar gelten sollt. Sie antwortet ihm: »Das Paar um zween Stefansgroschen.« Ulenspiegel sprach: »Wollt Ihr sie nit näher billiger geben?« Die Frau sprach: »Nein.« Also nahm Ulenspiegel die Hühner mit dem Korb und ging gen dem Burgtor zu. Da lief ihm die Frau nach und sprach: »Kaufmann, wie soll ich das verstehn? Willst du mir die Hühner nit bezahlen?« Ulenspiegel sprach: »Ja gern, ich bin der Äbtissin Schreiber.« »Danach frag ich nit«, sprach die Bäuerin, »willst du die Hühner haben, so bezahl sie; ich will zu Hof bei Abt oder Äbtissin nichts zu schaffen haben. Mein Vater hat mich gelehrt, ich soll von denen nit kaufen noch ihnen verkaufen oder zu Borg geben, vor denen man sich muß neigen oder die Kugel Hut ab muß ziehen. Darum bezahl mir die Hühner, hörst du das wohl.« Ulenspiegel sprach: »Frau, Ihr seid von kleinem Glauben. Es war nit gut, daß all Kaufleut also wären, es müßten die guten Stallbrüder sonst übel gekleidet gehn; und damit daß Ihr des Euren gewiß seid, so nehmt hin den Hahn zu Pfand, bis ich Euch den Korb und das Geld bring.« Die gut Frau meint, sie war wohl versorgt, und nahm ihren eignen Hahn zu Pfand, aber sie ward betrogen, denn Ulenspiegel blieb aus mit den Hühnern und mit dem Geld. Da geschah ihr ebenso als denen, die unter Zeiten ihr Ding allergenauest wollen versorgen, die bescheißen sich zuzeiten allererst. Also schied Ulenspiegel von dannen und ließ die Bäuerin fast zürnen über den Hahn, der sie um die Hühner hatt bracht. (61) Wie Ulenspiegel dem Pfarrer zu Kissenbrück sein. Pferd abred't mit einer falschen Beicht Böser Schalkheit ließ sich Ulenspiegel nit verdrießen zu Kissenbrück in dem Dorf, in dem Asseburger Gericht. Da wohnt auch ein Pfarrer, der gar eine schöne Kellnerin hatt und dazu ein klein säuberlich wacker Pferd. Die hatt der Pfarrer alle beide lieb, das Pferd als wohl als die Magd. Da war der Herzog von Braunschweig zu der Zeit zu Kissenbrück und hatt den Pfarrer durch ander Leut lassen bitten, daß er ihm das Pferd wollt lassen zustelln, er wollt ihm dafür geben, was ihm genügt. Der Pfarrer verneint allzeit dem Fürsten, daß er das Pferd nit wollt verlassen. So dürft ihm der Fürst auch das Pferd nit nehmen lassen, denn das Gericht war unter dem Rat von Braunschweig. Also hatt Ulenspiegel die Ding wohl gehört und verstanden und sprach zu dem Fürsten: »Gnädiger Herr, was wollt Ihr mir schenken, daß ich das Pferd zuwegen bring von dem Pfaffen zu Kissenbrück?« »Kannst du das tun«, sprach der Herzog, »ich will dir den Rock geben, den ich hier anhab.« Und das war ein rot Schamlot mit Perlen bestickt. Das nahm Ulenspiegel an und ritt von Wolfenbüttel in das Dorf zu dem Pfarrer in Herberg, und Ulenspiegel war wohl bekannt in des Pfarrers Haus, denn er war oft da bei ihm vorzeiten gewesen und war ihm willkommen. Als er nun bei dreien Tagen dagewesen war, da gebärdet er sich, als ob er krank war, und ächzet laut und legt sich nieder. Dem Pfaffen und seiner Kellnerin war leid darum und wußten nit Rat, wie sie den Sachen tun sollten. Zuletzt ward Ulenspiegel ja krank also, daß ihn der Pfaff ansprach und bat ihn, daß er sollt beichten und nehmen Gottes Recht. Ulenspiegel war fast dazu geneigt, also daß der Pfarrer ihn selbst wollt Beicht hören und fragen auf das schärfste, und sprach, daß er sein Seel bedächt, denn er hätt sein Tag viel Abenteuer getrieben, daß er sich bewährt, daß ihm Gott sein Sund vergeben wollt. Ulenspiegel sprach ganz kränklichen und sprach zu dem Pfarrer, er wüßt nichts mehr, das er getan hätt, sonder einer Sünde, die dürft er ihm nit beichten; und daß er ihm ein andern Pfaffen holte, dem wollt er sie beichten. Denn so er ihm sie offenbarte, so besorgt er, daß er darum zürnen würd. Da er das hörte, da meint er, da war etwas unter verborgen, und das wollt er auch wissen. Er sprach: »Ulenspiegel, der Weg ist fern, ich kann den andern Pfaffen nit so bald bekommen; und ob du in der Zeit stürbst, so hättest du und ich vor Gott dem Herrn die Schuld, wo du darin versäumt würdest. Sag nun mir das, die Sund soll so schwer nit sein, ich will dich davon absolvieren. Auch was hülf es, daß ich bös würd, ich muß doch die Beicht nit melden.« Ulenspiegel sprach: »So will ich das wohl beichten.« Sie war auch so schwer nit, sonder ihm war nur leid, daß er bös würd, denn es treff ihn an. Da verlangt den Pfarrer noch mehr, daß er das wissen sollt, und sprach zu ihm, hätt er ihm etwas gestohlen oder Schaden getan, oder was es war, daß er's ihm beichte, er wollt es ihm vergeben und ihn nimmer darum hassen. »Ach, lieber Herr«, sprach er, »ich weiß, daß Ihr darum zürnen werdet. Doch ich empfind und furcht, daß ich bald von hinnen muß scheiden. Ich will Euch das sagen, Gott geb, Ihr werdet quad oder bös. Und lieber Herr, das ist das: Ich hab bei Eurer Magd geschlafen.« Der Pfaff fragt, wie oft das geschehen war. Ulenspiegel sprach: »Nur fünfmal.« Der Pfaff gedacht: »Da soll sie fünf Drüsen für bekommen.« Und absolviert ihn bald und ging in die Kammer und hieß sein Magd zu ihm kommen und fragt, wann sie bei Ulenspiegel geschlafen hätt. Die Kellnerin sprach, nein, es war gelogen. Der Pfaff sprach, er hätt ihm doch das gebeichtet, und er glaubt es auch. – Sie sprach »nein«, er sprach »ja« und erwischt ein Stecken und schlug sie braun und blau. Ulenspiegel lag im Bett und lacht und gedacht bei sich selber: »Nun will das Spiel gut werden und will sein Recht bekommen.« Und lag den ganzen Tag also. In der Nacht ward er stark und stund des Morgens auf und sprach, es würd besser, er müßt in ein ander Land, daß der Pfarrer rechnet, was er verzehrt hätt. Der Pfaff rechnet mit ihm und war so irr in seinem Sinn, daß er nit wußt, was er tat, und nahm Geld und doch kein Geld und war dessen zufrieden, daß er nur wanderte von dannen, desgleichen die Kellnerin auch, die war gleichwohl um seinetwillen geschlagen. Also war Ulenspiegel bereit und wollt gehn. »Herr«, sprach er, »seid gemahnt, daß Ihr die Beicht geoffenbart habt. Ich will gen Halberstadt zu dem Bischof und will das offenbaren von Euch.« Der Pfaff vergaß seiner Bosheit, da er hört, daß Ulenspiegel ihn wollte in Beschwernis bringen, und bat ihn mit großem Ernste, daß er schwieg; es war geschehen in jähem Mut; er wollte ihm zwanzig Gulden geben, daß er ihn nit verklagte. Ulenspiegel sprach: »Nein, ich wollt nit hundert Gulden nehmen, das zu verschweigen, ich will gehn und will das vorbringen, als sich das gebührt.« Der Pfaff bat die Magd mit weinenden Augen und sprach, daß sie ihn fragte, daß er ihr sagte, was er ihm geben sollt, das sollt sie ihm geben. Zuletzt sprach Ulenspiegel, wollt er ihm das Pferd geben, so wollt er schweigen und sollt es unvermeldet bleiben, er wollt auch anders nichts nehmen denn das Pferd. Der Pfaff hatt das Pferd ganz lieb und hätt ihm lieber all sein Barschaft geben, als daß er das Pferd sollt verlassen, und verließ das ohn seinen Dank, denn die Not bracht ihn dazu, und gab Ulenspiegel das Pferd und ließ ihn damit hinreiten. Also ritt Ulenspiegel mit des Pfaffen Pferd gen Wolfenbüttel. Also kam er auf den Damm, da stund der Herzog auf der Ziehbrücken und sah Ulenspiegel mit dem Pferd dahertraben. Von Stund an zog der Fürst den Rock aus, den er Ulenspiegel gelobt hatt, und ging ihm unter die Augen und sprach: »Sieh hin, mein lieber Ulenspiegel, hier ist der Rock, den ich dir gelobt hab.« Also fiel er von dem Pferd und sprach: »Gnädiger Herr, hier ist Euer Pferd.« Und war dem Herzog groß zu Dank und mußt ihm das erzählen, wie er das Pferd von dem Pfaffen gebracht hätt. Dessen lacht der Fürst und war fröhlich davon und gab Ulenspiegel ein ander Pferd zu dem Rock. Und der Pfarrer betrübte sich um das Pferd und schlug die Magd oft übel darum, also daß ihm die Magd entlief, da ward er ihrer beider ledig. (62) Wie Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen malet und ihm weismacht, wer unehelich war, der könnt es nit sehen Abenteuerliche Ding trieb Ulenspiegel in dem Land zu Hessen, da er das Land zu Sachsen fast um und um gewandert hatt und fast wohl bekannt war, daß er sich mit seiner Büberei nit wohl durchbringen mocht. Da tat er sich in das Land zu Hessen und kam gen Marburg an des Landgrafen Hof. Und der Herr fragt, was er könnt. Er antwortet und sprach: »Gnädiger Herr, ich bin ein Künstler.« Dessen freut sich der Landgraf, denn er meint, er war ein Artist und könnt mit der Alchimie, denn der Landgraf hatt groß Arbeit mit der Alchimie. Also fragt er, ob er ein Alchimist war. Ulenspiegel sprach: »Gnädiger Herr, nein, ich bin ein Maler, desgleichen in viel Landen nit funden wird, denn mein Arbeit übertrifft ander Arbeit weit.« Der Landgraf sprach: »Laß uns etwas sehen.« Ulenspiegel sprach: »Gnädiger Herr, ja.« Und hatt etlich Tüchlein und Kunststück, die er in Flandern kauft hatt, die zog er hervor aus seinem Sack und zeigt die dem Grafen. Die gefielen dem Herrn so wohl, und er sprach zu ihm: »Lieber Meister, was wollt Ihr nehmen und wollt Uns Unsern Saal malen, von dem Herkommen der Landgrafen von Hessen und wie die befreundet waren mit dem König von Ungarn und andern Fürsten und Herren und wie lang das bestanden hat, und wollt Uns das auf das allerköstlichste machen;« Ulenspiegel antwortet: »Gnädiger Herr, also mir Euer Gnad das vorgibt, wird's wohl vierhundert Gulden kosten.« Der Landgraf sprach: »Meister, macht Uns das nur gut, Wir wollen Euch das wohl belohnen«. Ulenspiegel nahm das also an, doch so mußt ihm der Landgraf hundert Gulden daraufgeben, damit er Farben kaufte und Gesellen bekam. Als aber Ulenspiegel mit dreien Gesellen will die Arbeit anfangen, so dingt er dem Landgrafen an, daß niemand sollt in den Saal gehn, dieweil er arbeitet, denn allein sein Gesellen, damit er in seiner Kunst nit verhindert würd. Das verwilliget ihm der Landgraf. Also ward Ulenspiegel mit seinen Gesellen eins und überleget mit ihnen, daß sie stillschwiegen und ließen ihn machen, sie durften nit arbeiten und sollten dennoch ihren Lohn haben, und ihr größte Arbeit sollt sein im Brettspielen. Das nahmen die Gesellen an, daß sie mit Müßiggehn gleichwohl sollten Lohn verdienen. Das währt also ein Woch oder vier, daß den Landgrafen verlangt, was doch der Meister mit seinen Kumpanen mochte malen, ob es doch so gut wollt werden als die Prob, und sprach Ulenspiegel an: »Ach, lieber Meister, Uns verlangt gar sehr, zu sehen Eure Arbeit, Wir begehren, daß Wirt mit Euch mögen gehn in den Saal und Euer Gemaltes besehen.« Ulenspiegel sprach: »Ja, gnädiger Herr, aber einerlei will ich Euer Gnaden sagen, wer mit Euer Gnaden gehet und das Gemäld beschaut: Wer dann nit recht ehelich geboren ist, der mag mein Gemäld nit wohl sehen.« Der Landgraf sprach: »Meister, das war Großes.« Indem gingen sie in den Saal. Da hatt Ulenspiegel ein lang leinen Tuch an die Wand hingespannt, da er malen sollt. Und da zog Ulenspiegel das ein wenig hinter sich und zeigt mit einem weißen Stäblein an die Wand und sprach also: »Seht, gnädiger Herr, dieser Mann, das ist der erste Landgraf von Hessen und ein Columneser von Rom gewesen und hat zu einer Fürstin und Frauen gehabt des milden Justinians Tochter, eine Herzogin von Bayern, der danach Kaiser ward. Sehet, gnädiger Herr, von dem da ward geboren Adolfus. Adolfus, der gebar Wilhelm den Schwarzen. Wilhelm gebar Ludwig den Frommen, 'Und also fort hin bis auf Eure fürstliche Gnad. Also weiß ich das fürwahr, daß niemand mein Arbeit strafen kann, so künstlich und auch von so schönen Farben.« Der Landgraf sah anderes nit denn die weiß Wand und gedacht bei sich selber: »Sollt ich immer ein Hurenkind sein, so sehe ich doch anderes nit denn ein weiße Wand.« Jedoch sprach er (ums Glimpfs willen): »Lieber Meister, Uns genügt's wohl, doch haben Wir sein nit genug Verstand, zu erkennen.« Und ging damit aus dem Saal. Da nun der Landgraf zu der Fürstin kam, da fragt sie ihn: »Ach, gnädiger Herr, was malet doch Euer freier Maler? Ihr habt es besehen, wie gefällt Euch sein Arbeit? Ich hab schwachen Glauben dazu, er sieht aus wie ein Schalk.« Der Fürst sprach: »Liebe Frau, mir gefällt sein Arbeit säuberlich wohl; und tut ihm doch recht!« »Gnädiger Herr«, sprach sie, »müssen Wir es nit auch besehen?« »Ja, mit des Meisters Willen.« Sie ließ Ulenspiegel fordern und begehrt auch zu sehen das Gemälde. – Ulenspiegel sprach zu ihr wie zu dem Fürsten, wer nit ehelich war, der könnt sein Arbeit nit sehen. Da ging sie mit acht Jungfrauen und einer Törin in den Saal. Da zog Ulenspiegel das Tuch abermals hinter sich wie zuvor und erzählte da der Gräfin auch das Herkommen der Landgrafen, je ein Stück nach dem andern. Aber die Fürstin und die Jungfrauen schwiegen alle still, niemand lobt oder schalt das Gemäld. Jeglicher war leid, daß ihr Unrecht war von Vater oder von Mutter her, und zu dem letzten da hub die Törin an und sprach: »Liebster Meister, nun seh ich nichts von Gemäld, und sollt ich all mein Lebtag ein Hurenkind sein.« Da gedacht Ulenspiegel: »Das will nit gut werden, wollen die Toren die Wahrheit sagen, so muß ich wahrlich wandern.« Und zog das in ein Gelächter. Indem ging die Fürstin hinweg wieder zu ihrem Herrn. Der fragt sie, wie ihr das Gemäld gefiel. Sie antwortet ihm und sprach: »Gnädiger Herr, es gefällt mir als wohl als Euer Gnaden. Aber Unsrer Törin gefällt es nit, sie spricht, sie sah kein Gemäld, desgleichen auch unsre Jungfrauen, und ich besorg, es sei Büberei in der Sach.« Das ging dem Fürsten zu Herzen, und er gedacht, ob er schon betrogen war, ließ doch Ulenspiegel sagen, daß er sein Sach schickt, das ganz Hofgesind müßt sein Arbeit besehen. Und der Fürst meint, er wollt sehen, welcher ehelich oder unehelich unter seiner Ritterschaft war, deren Lehen wären ihm verfallen. Da ging Ulenspiegel zu seinen Gesellen und gab ihnen Urlaub und fordert noch hundert Gulden von dem Rentmeister und empfing die und ging indem davon. Des andern Tags fragt der Graf nach seinem Maler; der war hinweg. Da ging der Fürst des andern Tags in den Saal mit allem seinem Hofgesind, ob jemand etwas Gemaltes sehen könnt, aber niemand konnte sagen, daß er etwas sehe. Und da alle schwiegen, da sprach der Landgraf: »Nun sehen Wir wohl, daß Wir betrogen seind, und mit Ulenspiegel hab ich mich nie bekümmern wollen, dennoch ist er zu Uns kommen. Doch die zweihundert Gulden wollen Wir wohl verdulden, so er dennoch ein Schalk muß bleiben und muß darum Unser Fürstentum meiden.« Also war Ulenspiegel von Marburg hinwegkommen und wollt sich fürder des Malens nit mehr annehmen. (63) Das klassische Schwankbuch des 16. Jahrhunderts Jörg Wickram Rollwagenbüchlein 1555 Ein Maler wußt keinen teutschen Mann in seiner Kleidung zu malen Ein Edelmann verdingt einen Maler, ein Saal zu malen, welcher gar ein kunstreicher, guter Maler war. Des Edelmanns Verding war, daß er ihm allerlei Nationen und Völker malet mit ihrer Kleidung und wie sie gehn mit Wehren und ihrer gewöhnlichen Kriegsrüstung. Das alles malet er ihm gar artlich und künstlich, so daß Juden, Tatarn, Heiden, Türken, Griechen, Sarazener, Araber, Indianer, in summa kein Volk ausgenommen, außer die Teutschen. Als nun der Edelmann das Gemäld besichtiget und ihm all Ding gar wohl gefallen, hat ihm allein gemangelt, daß er die Teutschen in ihrer Kleidung nit gesehen. Darum er verursacht war, den Meister zu fragen, was die Ursach sei, daß er die Teutschen ausgelassen hätt. Darauf hat der Maler geantwortet, es sei ihm nit möglich, denn er wiss' ihm kein Kleidung zu machen. Als aber der Edelmann die auch haben wollte, hat der Maler einen ganz nackenden Mann gemacht und ihm ein große Bürden Tuch auf den Rücken gemacht. Hat der Edelmann gefragt, was er damit gemeint, daß er einen Nackenden dahin gestellt hab. Darauf hat er geantwortet: »Junker, die teutsch Kleidung zu malen ist keinem Maler in der ganzen Welt möglich, denn sie allen Tag etwas Neues herfürbringen. Man kann schier teutsch noch welsch voreinander erkennen. Dies Tuch aber hab ich ihm darum auf den Rücken geben, daß ein jeder mag davon nehmen und ihm, dem nackenden Teutschen, ein Kleid nach seinem Gefallen machen!« Mit dieser Verantwortung war der Edelmann gesättiget und mußt dem Maler gewonnen geben. Das ist ungefährlich vor dreißig Jahren geschehen. Nun wollt ich gern wissen, wenn jetzund einer einen Teutschen malen wollt, wie er doch die Sach angreifen wollt; also gar ist die Welt entwichtert. Man sehe doch nur an den großen überschwänglichen Mutwillen und die Unkosten der schändlichen und lästerlichen Pluderhosen. (64) Von einem einfältigen Bauren, der da beichtet und könnt nit beten Ein einfältiger Bauer beichtet einem Pfaffen, und als er schier alle seine böse Stück erzählt hatt, als nämlich, wo er sah ein andern zween rote Nestel in den Hut ziehen, so zog er allweg drei darein, und beim Tanz lugt er allweg, daß ihm die hübscheste Metz aufzuziehen ward, und so ihm das geriet, lugt er allweg, daß er höher dehn ein anderer sprang, und solche schwere Sünden bekannt er ihm viel, da sprach der Pfaff zu ihm: »Kannst du auch beten?« Der Bauer sprach: »Nein.« Der Pfaff sprach: »Du mußt es lernen.« Der Bauer sagt: »Ich kann's nit lernen, ich hab's oft versucht.« »Wohlan«, sprach der Pfaff, »so geb ich dir zur Büß, daß du ein ganz Jahr lang all Tag wollest sprechen: ‚O du Lamm Gottes, erbarm dich über mich!‘ Und wenn du das in einem Jahr lernest, so will ich dich danach mehr lehren.« Der Bauer sagt: »Ich will's tun.« Also war er absolviert. Da er nun die Buß anhub zu beten, sprach er allweg: »Du Lamm Gottes, erbarm dich mein!«, bis um Sankt Johannistag, da sprach er danach: »O du Schaf Gottes, erbarme dich mein!« Und da es weiter ins Jahr hineinkam bis auf den Herbst, sprach er: »O du Hammel Gottes, erbarme dich mein!« Auf das ander Jahr in der Fasten kam er wieder zu dem Pfaffen, seinem Pfarrer; der fragt ihn, ob er auch seine Buß hätte gebetet, die er ihm hätt aufgesetzt. Der Bauer sagt ihm, wie er die Namen dem Jahr nach verwandelt hätte. Der Pfaff sprach: »Warum hast du es getan?« Der Bauer sagt: »Ist es nit zum ersten ein Lamm und danach ein Schaf und zuletzt ein Hammel?« Da lacht der Pfaff und gedacht: »Hat dich bisher niemand können lehren beten, so will ich's auch nit unterstehn.« Und ließ ihn gleich also beten, was er wollt. Es steht auch wohl darauf, der Bauer sollt frömmer sein gewesen denn der Pfarrer. (65) Von einem laut schreienden Mönch auf der Kanzeln und einem alten Weib Zu Poppenried wohnet ein Mönch, der dieselbig Pfarr sollt versehn. Er hatt ein überaus grobe Stimm. Wenn er auf der Kanzeln stund, wer ihn vormals nit gehört hatt, der meinet, er war von Sinnen kommen gewesen. Eines Tages hatt er abermals ein solch jämmerlich Geschrei. Da war ein gute alte Wittfrau in der Kirchen, die schlug beide Hand hart zusammen und weinet gar bitterlichen. Das nahm der Mönch gar eben wahr. Als nun die Predigt ausging, der Mönch zu der Frauen sprach, was sie zu solcher Andacht bewegt hatt. »O lieber Herr«, sagt sie, »mein lieber Hauswirt selig, als er aus dieser Zeit scheiden wollt, wußt er wohl, daß ich mit seinen Freunden sein verlassen Hab und Gut teilen müßt. Darum begabt er mich voraus mit einem hübschen jungen Esel. Nun stund es nit sehr lang nach meines Mannes seligem Tod, der Esel starb mir auch. Als Ihr nun heut morgen also mit einer großen und starken Stimm auf der Kanzeln anfingt zu schreien, gemahntet Ihr mich an meinen lieben Esel; der hat gleich ein solche Stimm gehabt wie Ihr.« Der Mönch, so sich eines gar guten Geschenks bei dem alten Mütterlein versehen hatt und dabei eines großen Ruhms von ihr gewärtig war, fand ein gar verächtliche Antwort, also daß sie ihn einem Esel vergleichen tat. Also geschieht noch gemeinhin allen Ruhmgierigen; wenn sie vermeinen, großen Ruhm zu erlangen, kommen sie etwan zu allergrößtem Spott. (66) Von einem Pfaffen, der sich erbot, sein Untertanen das Sakrament in dreierlei Gestalt zu geben Ein armer ungelehrter Pfaff stellt einer guten reichen Pfarr nach, denn er hört, wie sie so viel Einkommens hätte, derhalben sie ihm so wohl gefiel. Es war ihm nit um das Schäflein weiden zu tun, sondern er verhofft, viel Gelds darauf zu bekommen. Und als er nun viel und oft darum gebeten und gelaufen hatte, ward er von den Bauren auf ein Sonntag beschieden, so wollten sie mit ihm handeln und auf die Pfarr annehmen. Da nun derselbig Sonntag kam, erschien der Pfaff vor dem Schultheiß und ganzen Gericht im Beisein des Amtmanns. Und als nun alle Ding waren bestellt, was er sollt zu Lohn haben, als Behausung, den kleinen Zehnten und etlich Viertel Früchte als Roggen, Weizen, Gersten, Habern, Wein und Geld, dessen der Pfaff sehr wohl zufrieden war, abgered't und beschlossen war, nahm ihn der Schultheiß auf ein Ort und sagt ihm insgeheime: »Lieber Herr Pfarrer, nachdem Ihr bisher im Papsttum Euch habt gehalten, sollt Ihr wissen, daß es in diesem Dorf ein andere Gestalt hat, denn wir sind hier gut eigenwillisch evangelisch . Darum müßt Ihr uns das Sakrament in zweierlei Gestalt reichen, nämlich in Brot und Wein.« Der gut Pfarrer fürchtet, wo er sich dessen weigert, die Bauren gäben ihm wieder Urlaub. Derhalben war er gutwillig und sprach zu dem Schultheiß: »Das will ich gern tun. Damit ihr sollt sehen, daß ich's treulich und gut mit euch meine, so will ich's euch in dreierlei Gestalt geben, als nämlich in Brot und Wein und dem Käs dazu.« Das gefiel dem Schultheißen gar wohl, und er sagt, er wollt es an seine Bauren hinterbringen, ob sie sich damit wollten lassen genügen. (67) Von einem Mönch, der die Lutherischen mit einem Pantoffel wollt geworfen haben In einer Stadt, im Etschland gelegen, war ein Observanzer-Mönch im Barfüßerkloster, welcher allweg ein groß Geschrei auf der Kanzel trieb und allen Menschen konnte, wie man sagt, ein Spöttlein anhängen, und es verdroß ihn sehr übel, wenn man nit zu seiner Predigt wollt gehn. Derhalben ihm alle Menschen, die nicht zu seiner Predigt kamen, mußten lauterische Ketzer sein. Es waren aber zween ehrliche Bürger in der Stadt, welche von Unfalls wegen in Schaden kommen waren, also daß der ein auf der Fechtschul war um ein Aug kommen, der ander von einer Büchsen, die zersprungen war und ihm ein Schenkel hinweggeschlagen hatt, derhalben er auf einer Stelzen gehn mußt. Als nun dieser Mönch aber an die lauterischen Ketzer kam und sich sehr wild stellt, begab es sich, daß diese zween von ungefähr auch in die Kirchen kamen, vielleicht, daß sie sein seltsame Weis hören wollten. Das merkt dieser Mönch, und sobald er sie sieht zu der Kirchtür hineingehn, fing er behend ein solche Materie an und sprach: »Lieben Freund, ihr seht, wie es ein Ding um die lauterischen Ketzer ist, daß sie sich von der Mutter, der heiligen christlichen Kirchen, und dem Heiligen Stuhl zu Rom haben abgeteilt und gesondert, welches der recht Leib und Körper des heiligen christlichen Glaubens ist und wir die Glieder. So wir uns nun von diesem Körper absondern und in die lauterisch Ketzerei fallen, so haben wir ja den Körper geschänd't. Also nehmt ein Exempel: Wenn ein gesunder Mann um ein Schenkel kommt, ist nit sein ganzer Leib geschänd't? Oder so ein schöner Mann ein Aug verliert, ist ihm nit sein ganz Angesicht verderbt? Darum, lieben Freund, geht der lauterischen Ketzerei müßig! Ich weiß wohl, daß ihrer etlich hierinnen sind, wiewohl sie es nit gestehn wollen.« Und mit diesen Worten zeucht er geschwind ein Pantoffel von seinem Fuß und spricht: »Was gilt's, ich will ihrer dort einen treffen!« Und holt zum Wurf aus, als ob er wollt werfen. Und da ein jeder fürchtete, er treffe ihn, duckten sich ihrer viel, und ward ein Gelächter in der Kirchen. Also sprach der Mönch: »Ach daß Gott erbarme! Ich straf und lehre euch alle Tag; aber noch will es nichts erschießen fruchten , weil ich sehe, daß noch so viel lauterischer Ketzer hier sind.« Also ließen sie den Mönch auf der Kanzel toben und wüten, und gingen alle Menschen aus der Kirchen zu Haus. (68) Von einem Pfaffen, der nit wollt leiden, daß sein Bauren einander hießen lügen, sondern so einer etwan nit die Wahrheit sagt, sollt der ander nur mit dem Maul wispeln oder pfeifen, damit dieser selbst merke, daß er danebengered't hätte Ein Pfarrer in einem Dorf predigt auf ein Zeit seinen Bauren gar heftig wider ihr unzüchtig Leben, daß sie sich also voll soffen: »Denn aus dem Zutrinken kommt dann, daß ihr einander heißet lügen, danach so schlaget ihr einander und geratet etwan zu einem Totschlag. Das kommt dann alles aus dem, daß ihr einander so freventlich heißet lügen. Darum will ich euch gewarnt und gebeten haben, ihr wollet euch um euer Seelenheil willen davor hüten und abstehn. Wenn aber es sich etwan begibt, daß etwan einer ein Unwahrheit sagt, so mag der nächst bei ihm etwan mit dem Maul pfeifen, auf daß der ander merke, daß er danebengered't hat, und davon absteht. Das war fein und brüderlich.« Wie er nun der Predigten so viel macht, ringen die Bauren sich an zu bessern. Und nit lang danach kam dem Pfarrer die Materie zu predigen, wie Gott im Anfang alle Ding hätte geschaffen. Also bedacht er sich auch nit weiter (dann er vielleicht die Nacht davor auch fast nit darauf studiert hatt), hub an und sagt, wie Gott der Herr den Adam anfänglich, da noch kein Mensch noch Kreatur auf Erden wäre gewesen, aus einem Lehmklotzen geschaffen hätt und ihn an ein Zaun gelehnt, bis er die Eva aus seiner Ripp gemacht hätte. Also hub der nächst Bauer, so bei ihm stund, an und pfiff. Das merket der Pfaff und sah ihn an und sprach: »Wie ich mein, meinst du, ich lüge.« Der Bauer sagt: »Nein, mein Herr. Ich wollt aber gern wissen, wer den Zaun gemacht hatte.« Der Pfaff sprach: »Da laß ich ihn um sorgen; vielleicht ist er also behend und schnell gewachsen.« Danach lag dem Pfaffen nichts mehr daran, die Bauren logen oder nit, dieweil sie ihm auch konnten pfeifen. (69) Wie zween Dieb einem Pfaffen das Podagra vertrieben Zween Dieb hatten lange Zeit in Gemeinschaft miteinander gestohlen und allweg tugendlich, was sie bekamen, miteinander geteilt. Auf ein Zeit kamen sie in ein kleines Städtlein, aber konnten darin ihrer Gattung nicht bekommen. Zuletzt wurden sie zu Rat, gingen hinaus auf ein groß Dorf und bewarben sich um ihren Kaufmannsschatz versuchten ihr Geschäft , damit sie sich mit Ehren durch möchten bringen. Sie erkundigten sich so wohl, daß der ein einen Haufen Nüss' auf einer Hürden ersehen, zu denen er nachts wohl kommen mocht. Der ander fand einen Schafstall im Dorf, darin waren viel guter feister Schaf und Hammel, unter denen wollt er einen stehlen. Des Morgens wollten sie Nüss' und Hammel in dem Städtlein verkaufen. Sie wußten aber kein sicher Ort im Dorf, dahin sie ihren Kram, so sie nächtlicherweile bekämen, tragen mochten. Zum letzten besannen sie sich auf den Gerner oder das Beinhaus; daselbst sollt der, so am ersten sein Diebstahl überkäme, des andern warten. Nun war ein sehr reicher Pfaff im Dorf, der lag gar hart an dem Podagra und hatt zween starke junge Knecht, die seiner warten mußten und ihn hin und wider heben und tragen. Es begab sich, als es ganz finster worden war, daß die zween Dieb jeder nach seiner War ging. Der mit den Nüssen war zuerst fertig, trug einen großen Sack voll auf die Totenbein. Der ander aber, weiß nicht, was ihn verhindert, könnt nit zum Genist Ziel kommen. Sein Gesell aber, damit ihm die Zeit verging, saß auf den Totenbeinen und aß Nüss', warf die Schalen hin und wider im Gerner. Nun begab es sich, daß dem Pfaffen in der Nacht das Licht auslöschet. Er ward zornig über seine Knecht, denn sie waren beide entschlafen, hatten die Ampel nicht geschürt. Als sie aber kein Licht schlagen konnten, sagt der Pfaff zu dem einen, er sollt ins Beinhaus gehn und ein Licht anzünden. Der gut Gesell war geschwind auf den Füßen, lief dem Beinhaus zu, und als er jetzund die Stiegen hinabkommt, so hört er den Dieb Nüss' knacken und die Schalen hin und wider werfen, davon ihm ein großer Schrecken zustund. Er lief eilends wieder zu Haus ohn ein Licht. Der Pfaff ward zornig. Als aber der Knecht die Ursach anzeiget, schickt er die beiden Knecht miteinander. Als sie aber auch nahe hinzukamen, hörten sie beid den Dieb auf den Beinen. Sie liefen behend wiederum zu Haus. Als sie aber kein Licht brachten, ward der Pfaff über die Maßen zornig und befahl seinen Knechten, gute weiche Kissen auf ein Mistbahren zu legen und ihn darauf in den Gerner zu tragen. Das geschah alles nach seinem Befehl. Sie kamen zu dem Gerner. Der Dieb auf den Totenbeinen meint, sein Gesell kam mit dem Hammel, und schrie von den Gebeinen herab: »Tu gemach, tu gemach! Ich will dir ihn helfen heben.« Die Knecht meinten, es war der Teufel, ließen den Pfaffen fallen und liefen davon. Der Dieb rumpelt über die Totenbein herab und sagt mit leiser Stimm, meint, sein Gesell war da und hätt den Hammel. Er fragt: »Ist er auch feist»« Dem Pfaffen ward so angst, daß er des Podagras vergaß, lief dahin, als war er unsinnig, der Dieb ihm nach, meint, sein Gesell wollt den Hammel allein behalten, und schrie ihm nach: »Hab ich kein Teil daran;« »Nein«, sagt der Pfaff, »du böser Geist, dir soll kein Teil werden.« »So sollst du auch kein Teil an den Nüssen haben.« Der Pfaff sagt: »Oh, ich will mich gern aller Nüsse in Ewigkeit entziehen.« Des Morgens schickt er nach allen Bauren und gab ihnen all die Nüsse wieder, so ihm. zum Zehnten worden waren, und verging ihm also sein Podagra. (70) Von einem Pfaffen, der Köpf könnt machen In Friesland in einem großen Dorf hat's sich begeben, daß ein wohlhabender Kaufmann wollt reisen gen Sankt Jakob, ein Fahrt dahin zu vollbringen. Auf ein Zeit redet er mit seiner Hausfrauen, die mit einem Kind ging, welche auch nit aller Dingen gescheit war, von seiner Fahrt, wie er die verheißen hätte und müßte einmal die vollbringen. Die Frau ungern es verwilliget, doch bei langem gibt sie den Willen drein, und der Mann fährt dahin. So das der Pfarrer vernimmt, macht er sich zu dem Weib und spricht: »Liebe Frau, wo ist Euer Mann?« Sie antwortet: »Gen Sankt Jakob.« »Ei nein«, spricht der Pfaff, »was gedenkt er, daß er Euch also läßt sitzen mit dem großen Bauch und fährt so weit von Euch in fremde Land?« Die Frau antwortet: »Er hat mir Hab und Gut genug gelassen; ich hoff zu Gott, er werde mit Freuden wieder heimkommen.« Der Pfaff spricht: »Mein liebe Frau, es ist nit allein an dem gelegen, sondern es ist viel ein anderes, daß Ihr nit wißt, daran Euer Mann säumig ist; das wird Euch und ihm zu großen Schmerzen gereichen.« Die Frau antwortet: »Was ist doch das, mein lieber Herr? Was sind mir doch und meinem Mann für Schmerzen?« Der Pfaff spricht: »Ich darf's nit wohl vor Euch sagen.« Die Frau antwortet: »Hei, lieber Herr, sagt's! Es schadet nichts.« Er spricht: »Geht Euer Mann so von Euch, und Ihr mit einem Kind geht, und aber das Kind noch kein Haupt hat. Wer will dem Kind das Haupt ansetzen?« Die einfältige Frau spricht: »Wie sollt das mögen sein, so ich schier genesen soll?« »Ja«, spricht der Pfaff, »desto böser ist's.« Die Frau fraget ihn, wie ihm zu tun wäre. Der Pfaff antwortet: »Ich wüßt wohl Rat, so Ihr mir folgen wolltet.« Die Frau antwortet einfältig: »Das wäre doch gar ein Ungestalt, sollte ich ein Kind ohn ein Haupt bringen. Was hat doch mein Mann gesinnet, daß er von mir hinwegschied! Herr, helft Ihr mir, so Ihr könnt, beizeiten!« Und der Pfaff beschlief sie, verschuf dem Kind ein Haupt. Etwa in acht Wochen genas die Frau und gebar ein jungen Sohn, dessen sie sehr erfreuet ward. Über ein Zeit kam der Mann wieder mit Gesundheit heim, daß die Frau noch in dem Kindbette lag, und demnächst kehrt er sich zu der Frauen und spricht: »Sei Gott gelobet, mein liebe Hausfrau, daß ich dich mit Gesundheit wiederseh und du mir ein jungen Sohn gebracht hast.« Die Frau schweigt still und dankt ihm nit, doch nach langem spricht sie: »Du bist ein feiner Gesell, gehst von mir in ferne Land und läßt mich mit meinem großen Bauch also sitzen. Wäre unser Pfarrer nit gewesen, ich hätte das Kind ohn ein Haupt müssen bringen.« Der Mann vermerkt gleich, wie es ergangen war, und tat ihr nichts um ihrer Einfalt willen und spricht: »Liebe Frau, ich hab gemeint, die Sach sei recht versehen.« Und hielt sie lieb und wert. Aber dem Pfaffen trieb er's wieder ein. Auf ein Zeit im Sommer früh vor Tag bei Mondschein steht der Kaufmann auf von seinem Weib, geht in des Pfaffen Wiesen; da weideten zwölf des Pfaffen Schaf, denen er die Köpf all abschneidet. Als das der Pfaff vernahm, schalt er den übel, der seinen Schafen die Köpf hätt abgeschnitten; so er's wüßte, wollt er ihn auch köpfen lassen. Der Kaufmann redet es unverhohlen, er hätte es getan. Der Pfaff verklaget ihn vor dem ganzen Rat, so daß er mit heftiger Klag gefänglich vor den Rat geführt wird. Nach langer Klag verantwortet sich der Kaufmann und spricht: »Pfaff, du kannst wohl Köpf machen; mach deinen Schafen auch Köpf!« Da das der Pfaff hört, erschrak er und wäre gern hinweg gewesen, mußt aber verharren. Der Kaufmann erzählet dem Rat des Pfaffen Schelmenwerk vom Anfang bis zum End; und sie straften ihn um all sein Gut, stießen ihn auch von der Pfründ und jagten ihn hinweg. (71) Von einem Abenteurer, der bewies, daß der Teufel zu Konstanz und der groß Gott zu Schaffhausen, auch die Maria zu Einsiedeln und er verschwistert wären Zu Einsiedeln in dem Schweizerland hat es sich begeben, daß viel Leut, ihre Wallfahrt zu vollbringen, dahin kommen sind. So hat es sich zugetragen gegen die Nacht in einem Wirtshaus, wie man aß, daß die Pilger haben gered't von der lieben Maria zu Einsiedeln, wie sie gar so gnädig wäre, auch von ihren Wunderzeichen, die sie getan hätte. Unter die Pilger war auch ein guter Gesell geraten, der nit der Wallfahrt, sondern seiner Geschäfte halben dahin kommen war, der aß auch mit ihnen zu Nacht. Als nun die Pilger so viel Gutes der lieben Maria zusprachen, redet er auch das Sein dazu, sprechend: »Wie würdig schätzt ihr sie doch, sie ist mein Schwester.« So das die Pilger, auch der Wirt, hörten, erstaunten sie über diese Red, und es ward so lautbar, daß es dem Abt auch kundgetan ward, welcher diesen guten Gesellen, so er vom Tisch aufstund, fangen und über Nacht in den Turm legen ließ. Morgens vor den Rat er mit heftiger Klag den Übeltäter bestellen ließ, wie daß dieser die liebe würdige Mutter Gottes geschmäht hätte und gered't, sie wäre sein Schwester. Nach langer Klag fragt man den Übeltäter, was er damit gemeint hätte. Antwortet: er: »Ja, die Maria zu Einsiedeln ist mein Schwester, und was noch mehr ist, der Teufel zu Konstanz und der groß Gott zu Schaffhausen sind meine Gebrüder.« Der Rat entsetzt sich ob dieser Red, und sie stießen die Köpf zusammen, sprechend: »Gewiß ist dieser ein Heiligenschmäher.« Der oberst: Richter fragt ihn weiter, um. etwas mehr aus ihm zu bringen: »Wie darfst du die schnöden Wort allhie ausstoßen, so von allen Landen jetzt Pilger hier sind und es allenthalben erschallen wird?« Antwortet: der Übeltäter: »Ich hab recht gered't. Denn mein Vater ist ein Bildhauer gewesen, der den Teufel zu Konstanz gemacht hat und auch den großen Gott zu Schaffhausen und eure Maria, auch mich; darum sind wir verschwistert.« Also lachen sie all und ließen ihn ledig. (72) Ein Stadtvogt trank Lauge für Branntwein In einer Stadt im Schwabenland war ein Abenteurer, ein seltsamer Fatzmann; und wiewohl es nit seines Handwerks war, hatt er alle Morgen gebrannten Wein feil neben seiner andern War und hatte aber seinen Laden zunächst an der Kirchtüre. Und alle Morgen sammelten sich eine gute Bursch Gruppe von Handwerksgesellen und Meistern und allerlei Volks bei seinem gebrannten Wein, also daß sie so mancherlei Geschwätz und neuer Mären da ausrichteten. Und da die Pfaffen da aus und ein gingen, wurden sie auch etwan von ihnen gespeiet verspottet . Derhalben die Pfaffen verschufen, daß ihm durch die Obrigkeit verboten ward, auf keinen Sonntag mehr Branntwein feil zu haben. Dies hielt er nit lang, sondern fing allgemach wieder an, den Laden am Sonntag aufzutun. Derhalben ihm der Vogt oft dräuet, er wollt ihm die Gläser samt dem Branntwein nehmen. Da dieser obgemeld'te Abenteurer das vernahm, rüstet er ein groß Glas zu mit Laugen und ein wenig Safran, oder was er dann darunter tat, weiß ich nit, in summa, daß es aller Gestalt einem Branntwein gleich sah, und stellt das auf ein Sonntag auf den Laden. Solches ward dem Stadtvogt durch seiner Diener einen von Stund an zu wissen getan. Also eilte der Vogt in einem großen Zorn mitsamt seinen Dienern dem Branntwein zu. Als ihn aber der Abenteurer von fern sah kommen, tat er alle anderen Gläser und Schüsseln hinweg und ließ das Glas mit dem gemachten Trank stehn. Und da der Vogt zu ihm kam, fuhr er ihn mit zornigen Worten an, aber der Branntweinmann stellt sich einfältig, als ob er erschrocken wäre. Indem erwischt des Vogts Diener das Glas und meint, er hätte eine Beut geholt. Als aber der Vogt samt seinen Knechten zu Haus ankamen, brachten sie ein große Schüssel hervor und schütten den Branntwein darein und säten Zucker darauf und vermeinten, ein gute gebrannte Suppen zu essen. Wie aber der Vogt als der Herr den ersten Bissen aß und die Knecht geschwind hintnach, sah einer den andern an und ward ein groß Ausspeien und Fluchen unter ihnen. Wie sie aber recht lugten, was in dem Glas war, so fanden sie, daß es ein alte Laugen war. Also schickt der Vogt zween Diener hinfür, sie sollten den Schalk fangen; aber er hatte sich hinweggemacht. Morgens verklagt ihn der Vogt vor den Herren. Also ward nach ihm geschickt und ihm Geleit geben. Da er vor die Herren kam, sagten die Herren: »Sag an, du Schalk, wie darfst du einem solchen ehrlichen Mann einen solch wüsten Trank für Branntwein geben?« Er antwortet und sprach: »Gnädige Herren, ich habe ihm den Trank nit geben, sondern er hat mir das mit Gewalt genommen. Hätte er von mir einen guten Branntwein geheischet, ich wollt ihm wohl ein haben geben. Denn das Glas, so er mir genommen hat, ist nur also ein Schaufall, daß man seh, daß ich Branntwein feil hab, auch wo es mir zerbrochen würde, daß mir nit ein großer Schad geschehe.« Also hießen die Herren den Abenteurer heimgehn, bis daß man wieder nach ihm schickt, und hat der Vogt samt seinen Knechten den Schleck versucht. (73) Von einem, der einen Fürsprech überlistet, und hau ihn der Fürsprech das selbst gelehrt Einer ward vor dem Gericht um ein Sach angesprochen, deren er sich wohl versah, er würd ohn Geld nicht davonkommen. Das klagt er einem Fürsprech oder Redner. Der sprach zu ihm: »Ich will dir zusagen, dir aus der Sach zu helfen, und dich ohn alle Kosten und Schaden davonbringen, sofern, du mir willst vier Gulden zum Lohn für mein Arbeit geben.« Dieser war zufrieden und versprach ihm die vier Gulden, sofern er ihm aus der Sach hülfe, zu geben. Also gab er ihm den Rat, wenn er mit ihm vor das Gericht käme, so sollt er kein ander Antwort geben, Gott geh, was man ihn fragt oder schilt, denn das einzig Wort »bläh«. Da sie nun vor das Gericht kamen und viel auf diesen geklagt ward, könnt man kein ander Wort aus ihm bringen denn »bläh«. Also lachten die Herren und sagten zu seinem Fürsprech: »Was wollt Ihr von seinetwegen antworten?« Sprach der Fürsprech: »Ich kann nichts für ihn reden, denn er ist ein Narr und kann mir auch nichts berichten, das ich reden soll. Es ist nichts mit ihm anzufangen. Er soll billig für ein Narren gehalten und ledig gelassen werden.« Also wurden die Herren zu Rat und ließen ihn ledig. Danach heischte von ihm der Fürsprech die vier Gulden. Da sprach dieser: »Bläh.« Der Fürsprech sprach: »Du wirst mir das nit abblähen; ich will mein Geld haben«, und entbot ihn vor das Gericht. Und als sie beide vor dem Gericht stunden, sagt dieser all weg: »Bläh.« Da sprachen die Herren zum Fürsprech: »Was macht Ihr mit dem Narren? Wißt Ihr nit, daß er nit reden kann?« Also mußt der Redner das Wort »bläh« für seine vier Gulden zum Lohn haben, und traf Untreu ihren eigenen Herrn. (74) Einer litt mit seiner Frauen Lieb und Leid Ein Schneider, ein gar zänkischer Mensch, welchem die Frau, wiewohl sie fromm und treu war, so könnt sie ihm doch nimmer recht tun, er war allweg mit ihr zu Unfrieden, schlug und rauft sie stets. Deshalb die Obrigkeit darein sehen mußt und legt ihn ein Zeitlang ins Gefängnis. Und als man meint, er hätte nun wohl gebüßt, er sollt witzig vernünftig werden und mit seinem Weib forthin freundlich leben, ließ man ihn wieder heraus. Er mußt aber ein Eid schwören, das Weib nimmer zu schlagen, sondern sollt freundlich mit ihr leben, auch Lieb und Leid mit ihr leiden, wie es sich unter Eheleuten gebührt. Der Schneider schwor. Als er nun ein Zeitlang friedlich mit ihr lebt, kam ihn seine alte Weis wieder an, daß er mit ihr zankt. Er dürft sie aber nit schlagen, darum wollt er sie bei dem Haar erwischen. Das Weib aber war ihm zu geschwind und entsprang. Da erwischt er die Scher und warf's ihr nach, jagt sie im Hof rum, und was er erwischt, warf er ihr nach. Wenn er sie traf, so lachet er, und wenn er ihrer fehlt, flucht er. Das trieb er so lang, bis ihr die Nachbarn zu Hilf kamen. Der Schneider ward wieder vor die Herren beschickt, die hielten ihm vor, ob er nit wüßt, was er geschworen hätt. Antwortet der Schneider: »Liebe Herren, ich hab mein Eid gehalten, hab sie nit geschlagen, sondern, wie Ihr mir befohlen habt, ich soll Lieb und Leid mit ihr leiden, das hab ich getan.« Die Herren sagten: »Wie kann das sein; Sie führt doch ein große Klag.« Er antwortet und sprach: »Ich hab sie nur ein wenig bei dem Haar wollen ziehen, also ist sie mir entwichen. Da bin ich ihr nachgeeilt, hab nach ihr mit Bengeln Knüppeln und was ich erwischt hab geworfen. Wenn ich sie hab troffen, ist es mir heb gewesen und ihr leid; wenn ich hab gefehlt, ist es ihr lieb gewesen und mir leid. Also hab ich ihr Lieb und Leid mit ihr gelitten, wie Ihr mir befohlen habt.« Solch Fantasten find't man etwan, mit denen man ein ganz Jahr zu schaffen hätt, so man ihnen losete zuhörte . Die Herren geboten ihm, er sollt sie nit mehr schlagen, auch kein Lieb noch Leid in solcher Gestalt mehr mit ihr leiden, sondern lugen, daß das Weib kein Klag mehr über ihn führt, es würde ihm niemals wieder mit einem Scherz ausschlitzen. (75) Von einem Fuhrmann, der nit die recht Straß gefahren war Ein Wirt (es soll im Elsaß geschehen sein) nahm eines andern Wirts Tochter, ein hübsche schöne Jungfrau, als er meint. Und da er mit ihr zur Kirchen gangen war und auf zween Monat oder ein wenig länger mit ihr Haus gehalten, fing der guten jungen Trauen an das Bäuchlein aufzugehen und zu schwellen, denn der Schad war lang davor geschehen. Also fing der gut Mann ein Argwohn zu gewinnen, daß die Zeit so kurz war, denn er hatt sie nit lang gehabt, es mocht's noch nit geben, daß der Bauch so groß sollt aufgehn. Und auf ein Zeit, als er allein bei ihr war, sprach er zu ihr: »Maidlein, Maidlein, die Sach geht nit recht zu, daß dir der Bauch also bald groß wird. Ich merk, daß du dich übersehen hast. Darum wirst du mir die Wahrheit sagen, wie es ist zugangen; und wenn das nur kein Pfaff oder Mönch oder Jud hat getan, so will ich dir's verzeihen und beim nächsten lassen bleiben und dich bei Ehren behalten. Wo du aber leugnen willst und mir die recht Wahrheit nit willst sagen, so will ich dich von mir jagen und vor aller Welt zu Schanden bringen.« Die gut jung Frau bedacht sich auch kurz und sprach: »Ach mein herzlieber Hauswirt, ich bitt dich um Gottes willen, du wollest mir's verzeihen. Ich will mich alle meine Lebtag desto besser halten und dir bei meiner Treu die recht Wahrheit sagen!« Und sprach: »Es hat's fürwahr ein Fuhrmann getan, der ist in meines Vaters Haus zur Herberg gelegen.« Der Mann sprach: »Hei, daß dich Gott schänd in den Fuhrmann hinein! Hast du Fuhrmann also ein weite Straß und mußt du eben meiner Frauen, ich weiß nit wohin, fahren!« Und ließ es gleich also ein gute Sach sein. Also blieb er und sie, auch ihr Vater und Mutter, bei Ehren, und ward ihr Schänd nit ausgeschrien und den Leuten die Mäuler nit gefüllt. Es war schier gut, daß mancher also tat. Man find't aber etlich Narren, wenn sie ihre Weiber genug schänden und in ihr eigen Nest scheißen, nehmen sie die dann wieder zu sich und setzen sich dann beide ins Bad. (76) Von einem Landsknecht und »Herrgott, behüt uns« Im Schweizerland gen Zürich ist kommen ein Landsknecht in ein Wirtshaus und hat den Wirt begrüßt um Herberg, dem hat der Wirt Herberg zugesagt. Zum Nachtessen hat der Wirt dem Landsknecht gar ein sauren Wein vorgestellt, der von einem übel geratenen Jahr war, und so die Leut ihn tranken, sprachen sie: »Herrgott, behüt uns, wie ist der Wein so sauer!«, also daß der Wein von dem Jahr den Namen behielt »Herrgott, behüt uns«. Als nun der Landsknecht aß und auch den sauren Wein versucht, spricht er: »Potztaubenast, Herr Wirt, wie ist der Wein so sauer!« Antwortet der Wirt: »Unsere Wein sind der Art, daß sie erst im Alter gut werden.« Spricht der Landsknecht: »Wirt, ja, wenn er so alt würde, daß er auf Krücken ginge, würde nichts Gutes daraus.« (77) Von einem Landsknecht, der nur drei Wort begehrt mit seinem Hauptmann zu reden Ein armer einfacher Landsknecht litt großen Hunger. Wiewohl Proviant genug im Lager war, so hatt er doch kein Geld, daß er's kaufet. Derhalben trieb ihn die Not dahin, daß er vor den Hauptmann begehrt in Hoffnung, er sollt ihm etwas vorsetzen. Es hatt aber der Hauptmann etlich groß Hansen zu Gast geladen, weshalb die Trabanten diesen armen Knecht nit vor ihn lassen wollten. Als er aber nun ohn Unterlaß bat, man sollt ihn doch vor den Hauptmann lassen, er hätte nit mehr denn drei Wort mit ihm zu reden, war da auch ein nasser Vogel unter den Trabanten. Den wundert, was er doch mit drei Worten könnte ausrichten, und sagt es dem Hauptmann in der Läng, wie sich die Red hat zugetragen. Der Hauptmann mitsamt seinen Gästen, die auch wohl bezecht waren, sprachen: »Laß ihn herein! Und redet er mehr denn drei Wort, so wollen wir ihn in die Eisen schlagen lassen.« Also ward er vor den Hauptmann in den Saal gelassen, der ihn fragt: »Was begehrst du, das du mit drei Worten willst ausrichten?« Antwortet der Landsknecht: »Geld oder Urlaub.« Da lachet der Hauptmann und alle seine Gast, und setzt ihm der Hauptmann ein Monatssold vor bis zur Bezahlung. (78) Von einem, so in Wassersnot Sankt Christoffel ein groß wächsern Licht verhieß Es hat der hochgelehrt und lobwürdigen Gedächtnisses Doktor Erasmus von Rotterdam in seinen Colloquiis beschrieben ein grausamen Schiffbruch, denselbigen auch dergestalt herausgestrichen, also wer den liest oder hört, dem muß darob grausen. Unter anderen, so in solchem Schiffbruch und Fortun Sturm gewesen, setzt erzählt er von einem, so vielleicht ein Kaufmann möcht gewesen sein. Als derselbe von anderen seiner Mitgefährten ein ziemlich Schreien und Rufen hört – der ein ruft und verhieß sich zu Sankt Jakob, der ander zu Sankt Nikolaus du Port, der dritt zu Sankt Katharinen von Siena –, da waren gar wenig, so zu dem rechten Schiffsmann ruften, welcher mit seinem Bedräuen Wind und Meer augenblicklich stillen könnt. Diese aber, als sie in ihren größten Nöten waren, sucht sich ein jeder ein besonderen Heiligen. Und namentlich dieser, als er sieht, daß man alles Gut aus dem Schiff wirft, die Mast und Segel zerrissen, die Schiffsleut ganz verzagen, ein jeder sich 'umsieht nach ein Dielen oder Brett, womit er sich dem grausamen wütenden Meer ergeben will, so fängt der gute Kerl auch an mit lauter Stimm zu rufen: »O du heiliger Sankt Christoffel, hilf mir in diesen meinen großen Wassersnöten, damit ich wieder ans Land kommen mög. Dagegen versprech ich dir ein wächsern Kerzen, so lang und groß, als da ist dein Bildnis zu Paris in der Hohen Kirchen!« Diesen Ruf erneuert er zu mehreren Malen. Zuletzt sagt einer seiner Gesellen: »O mein lieber Kumpan, du versprichst sehr große Ding. Denn wahrlich, wenn dein ganze Freundschaft und Geschlecht zusammentäten, Hab und Gut daran streckten, sie möchten .das Wachs nit bekommen.« Dieser aber, so zuvor sehr laut geschrien, sagt zu seinem Gesellen heimlich in ein Ohr: »Mein lieber Gesell, hülf mir nur Sankt Christoffel ans Land, ich wollt mich wohl mit ihm vertragen; er sollt ein Schandel oder Unschlittlicht dafür nehmen.« Ach der groben Einfalt! Er meint, Sankt Christoffel hätt Gewalt, ihm aus Nöten zu helfen, hätt auch sein grausam Schreien und Rufen, so er getan, erhört, er möcht aber die Wort, so er seinem Gesellen heimlich gesagt, nit hören. O du arme Welt, was tust du! (79) Ein Bayer aß Salz und Brot, damit ihm der Trunk schmecken sollt Auf ein Zeit fuhr ein mächtig Schiff auf dem Meer, mit großem Gut und Kaufmannsschatz beladen. Es begab sich, daß ein großer Fortun oder Torment Sturm oder Orkan an sie kam, also daß sich männiglich zu sterben und zu ertrinken ergeben tat. Auf dem Schiff war ein grober und gar ein ungebackener Bayer. Als er von männiglichem hört, daß sie sich zu versinken und zu ertrinken ergeben hatten, ging er über seinen ledernen Sack, nahm daraus ein gute große Schnitten Brot, rieb ein gut Teil Salz darauf, hub an und aß das ganz .gütiglich in sich, ließ ander Leut beten und Gott und seine Heiligen anrufen. Als nun auf das letzt der Torment verging und alles Volk auf dem Schiff wieder zu Ruhen kam, fragten sie den Bayer, was er mit seiner Weis gemeint hätt. Der gut Bayer gab auf ihr Fragen Antwort und sagt: »Dieweil ich von euch allen hört, wie wir untergehn und gar ertrinken sollten, aß ich Salz und Brot, damit mir ein solcher großer Trunk auch schmecken möcht.« Dieser Wort lachten sie genug. (80) Von einem Bauren, der wachend schlief Zween Bauren waren gute Nachbarn und die Häuser zunächst aneinander, und auf einem Morgen, doch nicht gar zu früh, kam der ein vor des andern Fenster und klopfet mit einem Finger daran. Aber der ander lag noch hinter dem Ofen in der Höll und mocht vor Faulheit nicht aufstehn, und wie dieser also am Fenster klopft, schrie er mit lauter Stimm hervor und sprach: »Wer da?« Der vor dem Fenster sprach: »Ich bin's. Nachbar Konrad, was tut Ihr?« Der im Bett gab ihm wieder Antwort: »Ich lieg hier und schlaf. Was war Euch lieb, Nachbar?« Der vor dem Fenster sprach: »Wenn Ihr nit schlieft, wollt ich Euch um Euren Wagen bitten; ich will aber schier, wenn Ihr erwacht, wiederkommen.« Solche einfältige Bauren findet man nit viel als diesen, der meint, darum er noch im Bett läge, schlief er auch. (81) Von zweien Bauren, die einem Abt schuldig waren Auf ein Zeit waren zween Bauren einem Abt schuldig etlich versessen Zins und wurden zu Rat, den Abt um länger Ziel zu bitten. Sie kommen vors Kloster und wurden von dem Pförtner eingelassen; es war aber um die Essenszeit. Die zween eilten der Konventstuben zu, vermeinten, den Abt allda zu finden. Der Abt saß mit seinen Edlen zu Tisch und seine Diener an einem besonderen Tisch. Nun wie die zween Bauren die Tür auftaten und den Abt also zu Tisch sitzen sehen, erschrickt der ein Bauer, tritt hinter sich und geht hinweg. Der ander aber geht frevlich hinein und drang zwischen die Diener hinein zum Tisch und aß, als hätt er Zins bracht. Der Abt, sobald er das erblickt, spricht er zu einem Edlen, der neben ihm saß: »Da sitzet ein schamper Bauer. Wie hat er sich hineingeflickt zum Tisch! Er ist mir nichts mehr schuldig.« Solches faßt der Bauer in sein Ohr und macht sich, nachdem er gessen hat, wieder heim. Als er aber nachmals wieder von dem Abt angesucht ward um die Schuld, spricht der Bauer zum Abt: »Gnädiger Herr, es ist Euer Gnaden wohl kund, daß ich Euch nichts mehr schuldig bin. Denn Ihr beim vorigen Mal im Essen spracht zum Edelmann, der neben Euch saß: ‚Der Bauer ist mir nichts mehr schuldig.‘« Und der Abt ließ es auch also beruhen. (82) Von der Bäuerin und der süßen Martinsmilch Ein reicher Bauer saß in einem Dorf, der hatt gar ein großen Brauch Bedarf von Knechten und Mägden. Nun begab sich auf Sankt Martinsnacht, daß er seinem Hausgesind die Martinsgans gab, und er hat ein sehr gut Mahl zugerichtet von Gesottenes, Gebratenes, Hühnern, Gänsen und Schweinebraten. Dazu hat er die allerbesten und stärksten neuen Wein, so er ankommen mocht. Das Gesind mußt allesamt voll sein und nur tapfer bausen schlemmen . Zuletzt, als der Tisch aufgehoben, bracht die Bäuerin erst ein groß, Kar Schüssel mit guter süßer Milch. Darein stiegen sie mit den Löffeln und hatten gar ein guten Schlemm. Insonderheit die Bäuerin tat nit anders, dann wenn ihr die Milch entlaufen wollt. Der Bauer sagt: »Gemach, mein liebe Greta! Denn dir die Milch sonst weh tun wird, wenn du schlafen gehst.« Die Bäuerin kehrt sich nicht an den Bauren und aß nur desto fester. Als aber nun die Drescher schlafen gangen waren, hat in der Nacht den einen Drescher sehr angefangen zu dürsten. Als er aber im Bett gelegen und gar findlich mit dem Maul geschmatzt, hat ihn sein Gesell zuletzt gefragt, was ihm angelegen wäre. Da hat er ihm. seinen großen Durst angezeigt. »Schweig«, sagt der ander, »ich will dir bald helfen, denn die Milchkammer steht noch offen. Ich will uns gehn ein guten Hafen mit Milch zuwegen bringen.« Nun war die Milchkammer zunächst an der Drescherkammer, und auf der ander Seiten war des Bauren Kammer, die stund auch noch offen. Als nun der ein Drescher in die Milchkammer kommen war, gropet griff er so lang, bis er die Milch fand. Er trank, sich recht genug satt, nahm danach ein große Milchkachel voll, wollt die seinem Gesellen bringen, damit er seinen Durst auch löschen mocht. Und als er aus der Milchkammer ging, verfehlet er des Wegs. Denn als er meint, er ging wieder zu seinem Gesellen, »kam er in des Bauren Kammer. Da lag die Bäuerin mit bloßem Hintern unbedeckt. Der gut Drescher meint, es war sein Gesell, der war wieder entschlafen, hob ihr die Milch vor den Arsch. Indem ließ die Bäuerin einen Blas von sich gehn. Der Drescher sagt: »Du Narr, was blasest du an der kalten Milch? Ich mein, du seiest noch voller Wein seit nächtens.« Indem entfuhr der Bäuerin noch ein Blästerling. Da ward der Drescher erzürnet, erwischt die Milch, vermeint, die seinem Gesellen in das Angesicht zu schütten, und schüttet sie der Bäuerin in den Hintern. Davon erwachet die Bäuerin und wußt nit, wie ihr geschehen war. Sie gehub sich übel davon. Der Bauer, auch aufgewacht, fragt sie, was ihr geschehen war. »O weh«, sagt die Bäuerin, »ich weiß es nit, ich lieg ganz naß in dem Bett.« Der Bauer sprach: »Sagt ich dir's nit nächtens, als du der Milch so viel essen tatest? Dir ist eben recht geschehen.« Der Drescher schlich aus der Kammer, befand erst, daß er grob gefehlt, kam wieder zu seinem Gesellen. Der war gar zornig über ihn, sagt, wo er so lang ausbliebe, der Durst möchte einem in so langer Zeit dreimalen vergangen sein. »Lieber Gesell«, sagt dieser, »du weißt nit, wie es mir gangen ist. Als ich mit der Milch aus der Kammern gehn wollt, kam mir die Bäuerin entgegen, schalt mich ein Dieb und ging mich fast übel an, wiewohl sie mich nit erkannt. Damit sie mir aber nit nachfolget bis in unser Kammer und mich erkennt, nahm ich die Milch und schüttete ihr die in das Angesicht. Also komm ich ohne die Milch.« Also beschiß dieser Drescher der Bäuerin ihr Bett und bered't seinen Gesellen auch, daß der ihm glaubt, wie er ihm gesagt hat. (83) Von einem armen Studenten, so aus dem Paradies kam, und einer reichen Bäuerin Durch ein Dorf ging einmal ein armer Student, welcher wenig Zehrung im Säckel bei sich trug und aber die Fuß lieber unter dem Tisch hatt, denn daß er sollt in einem Buch studieren, als man deren noch viel findet. Als er aber nun wohl in das Dorf hineinkommt, geht er gegen eines reichen Bauren Haus, welcher nit daheim war, sondern in das Holz gefahren. Die Frau aber, welche zuvor auch einen Mann gehabt, so Hans geheißen und ihr vor wenig Jahren gestorben war, weshalben sie jetzt den anderen Mann hatt, dieselbig Frau steht in dem Hof vor dem Haus. Und so sie den Studenten ersieht, spricht sie ihn an, fragt ihn, wer er sei und von wannen er komm. Antwortet; der Student: »Ich bin ein armer Student und komm von Paris.« Die gut einfältig Frau verstund's nit recht, vermeint, er hatt gesagt, er komm aus dem Paradies, deshalben sie ihn noch einmal fragt: »Kommt Ihr aus dem Paradies?« »Ja, liebe Frau«, sprach der Student, denn er merkt von Stund an wohl, wen er vor sich hatt. Da sprach die Bäuerin: »Lieber guter Freund, kommt mit mir in die Stuben! So will ich Euch etwas weiteres fragen.« Als er nun in die Stuben kam, da hieß sie ihn niedersitzen, fing an und sprach: »Mein guter Freund, ich hab zuvor auch einen Mann gehabt, hat Hans geheißen, der ist vor dreien Jahren gestorben. Ach du mein lieber Hans, Gott tröst dein liebe Seel! Ich weiß, daß er im Paradies ist; er ist wohl so ein frommer Mensch gewesen. Lieber Freund, habt Ihr ihn nicht im Paradies gesehen; Oder kennt Ihr ihn nit?« Der Student sagt: »Wie heißt er mit dem Zunamen?« Sie sprach: »Man hat ihm nur Hans Gutschaf gesagt; er schielet ein wenig.« Der Student besinnt sich und sprach: »Botz ja, ich kenn ihn jetzt wohl.« Die Frau sprach: »Ei, lieber Freund, wie geht's ihm, meinem guten Hansen;« Der Student antwortet und sprach: »Schlechtlich genug. Der arm Tropf hat weder Geld noch Kleider. Wenn gut Gesellen nit das best getan hätten bisher, er war wohl Hungers gestorben. Denn wo etwan gut Gesellen beieinander zechen, so holt er Wein und Brot und schenkt ihnen ein.« Da die Frau das hört, fing sie an zu weinen und sprach: »Ach du mein Hans, nun hast du nie keinen Mangel bei mir gehabt und mußt erst in jener Welt Mangel leiden! Hätt ich das gewußt, ich wollt dich wohl versorgt haben mit Kleidern und mit Geld, daß du auch andern gleich hättest mögen zehren; denn du von Gottes Gnaden noch gute Kleider hast. Hätt ich nur einen Boten, ich wollt dir's schicken und ein guten Zehrpfennig dazu.« Der Student, als er solches hört, sprach er zu der Frauen: »O liebe Frau, seid guter Ding! Wenn es nur an einem Boten mangelt, so will ich Euch wohl so viel zu Gefallen tun und ihm's bringen. Denn ich jetzt demnächsten wiederum ins Paradies will; ich hab etlichen mehr Geld zu bringen.« Als die Bäuerin solches hört, war sie froh und bracht dem Studenten zu essen und trinken und hieß ihn redlich zechen. »Denn ich will«, sprach sie, »dieweil ein Ding zusammensuchen.« Also geht sie hinauf in die Kammer über den Kasten, da des Hansen Kleider lagen, und nimmt etliche Hemder, zwei Paar Hosen und den gefüllten Rock samt etlichen Fatzenettlein Tüchlein , macht's auf das geschmeidigst ein, daß es fein kommlich zu tragen ist. Danach hat sie etlich alt ungarisch Gulden und gut alt gestampft Plapphart Groschen , bindet's in ein weiß Lümplein, gibt's dem Studenten mitsamt der Bürde und schenkt ihm auch etwas, damit er's desto fleißiger ausrichte. Als er nun gessen und trunken hat, nimmt er die Bürde mit den Kleidern auf den Hals, dankt der Frauen und zeucht damit davon. Nun war es eben um Mittag, daß der Bauer aus dem Holz heimkam, lief ihm die Frau entgegen und sprach: »Lieber Hauswirt, soll ich dir nit Wunder sagen? Es ist ein Mann bei mir gewesen, der kommt aus dem Paradies und kennt mein Hansen selig wohl; er hat mir gesagt, wie er so arm sei und großen Mangel leide. Da bin ich hingangen, hab ihm seine Kleider geschickt samt etlichen ungarischen Gulden und gestampften Plappharten, welche du nit gewußt hast, und sollt dich der Ritt schitten.« Der Bauer erschrak und sprach: »Ei, du hast es dem Teufel auf den Kopf geben!« Sitzt schnell aufsein besten Hengst und eilt dem Studenten nach. Der Student aber stets hinter sich luget (denn er versah sich wohl, es würd also gehn). Als er den Bauren sieht hernach eilen, wirft er geschwind die Bürde in ein Heck und find't ungefähr ein Paar Heckhandschuh und ein Schaufel; die legt er an. Als nun der Bauer zu ihm kam, fragt er, ob er nit einen mit einer Bürde gesehen hab. »Ja, alsbald er Euch gesehen, ist er über den Heck gesprungen und dem Holz zugelaufen.« Der Bauer sprach: »Lieber, halt mir's Roß! So will ich ihm nacheilen.« Springt damit über den Heck dem Holz zu. Der Student nimmt die Bürde, sitzt aufs Roß und reitet davon. Als nun der Bauer niemand fand, kehrt er wieder um. So find't er weder das Roß noch den, der's ihm gehalten hat; da gedacht er wohl, wie es zugangen war. Als er nun heimkommt, fragt ihn die Frau, ob er ihn gefunden hab. Er sagt: »Ja, ich hab ihm das Roß dazu geben, daß es ihm desto bälder werde.« (84) Blütejahre der Schwankliteratur (1556-1660) Jakob Frey Gartengesellschaft 1556 Von einem, der niemandes denn seines Vaters Narr wollt sein In der Stadt Kaisersberg war ein Schulmeister, in den Künsten ein freier, geschickter, gelehrter Mann, in Weis, Gebärden, Worten und Werken aber grob, wüst und unflätig, also daß man ihm den Namen Wüst gab; war sonst Paulus geheißen. Dieser Paulus Wüst ward auf ein Zeit von wegen seiner närrischen Zoten und Possen, die er morgens, abends und alle Zeit reißen tat, auch zuweilen sehr unflätig war, von einem Fürsten angeredet, er sollte sein Hofgesind und Diener werden, sollte allemal also gute närrische Possen zutag bringen. »Nein«, sprach Paulus Wüst, »gnädiger Herr, mein Vater hat sich selbst ein eignen Narren gemacht. Will Euer Fürstliche Gnaden auch einen haben, so mach Sie sich selbst auch einen eigenen Narren, wie er getan hat. Glaubt Euer fürstliche Gnaden, daß es ohn Schnaufen sei zugangen, da ich gemacht bin worden? Das würd ich nimmermehr glauben. Denn jedermann sagt, ich sei wohl als ein großer Unflat.« Ist damit abgeschieden. (85) Von einer Goldschmiedin zu Augsburg und einem jungen Edelmann, wie sie ihm ein gülden Ketten abbuhlet und wiedergab Auf dem Reichstag zu Augsburg war ein Edelmann, der des Kaisers Hof nachzog, in einer schönen großen Herberg, der hatt vier oder fünf Pferd. Wenn er wollt spazierenreiten, so saß er im Hof auf und rannt vor die Tür und warf das Roß einmal oder etlichemal herum. Es war ein hübscher, gerader Edelmann und hatt ein schöne güldene Ketten am Hals. Nun war neben der Herberg ein Goldschmied, ein reicher Bürger, der hatt ein schönes Weib. Und wenn der Edelmann also vor das Haus rannt und macht gute Pössle Kunststücke , so lag des Goldschmieds Frau am Fenster und sagt: »Ich wollt, daß ich mit dem Edelmann sollt ein Paar Leinlachen zerreißen.« Das hört der Edelmann, der sprach: »Da wollt ich mein gülden Ketten um geben.« Das vermerkt die Frau. Als nun über drei oder vier Tag ihr Mann nit daheimen war, ließ sie den Edelmann beschicken und sagt: »Junker, seid Ihr noch der Wort, die Ihr das ander Mal gered't habt, eingedenk?« »Ja, Frau«, sagt der Edelmann. Damit führt sie ihn in ein besonderes Gemach, zog sich aus bis auf das Hemd und sprach: »Junker, Ihr wißt wohl, worum es zu tun ist.« Der Edelmann sprach: »Ja, es ist um die Ketten zu tun«, zog sie von dem Hals, gab sie der Frauen. Sie verschloß die Ketten behend in einen Trog Truhe auf ihre Kleider. Wohlan, die zwei tanzten die Nacht den Tannhäuser. Morgens früh ward der Edelmann ausgelassen, war traurig um sein Ketten. Sein Knecht sah, daß der Junker traurig war, sprach: »Junker, was liegt Euch an?« Der Edelmann sagt: »Mein Anliegen kann ich niemand klagen.« Der Knecht sprach: »Ei Junker, es ist all wegen gewesen, wenn einer bekümmert ist, daß er solches seinen guten Freunden klaget und offenbaret. Nun bin ich Euer Diener, ich will mein Haut dran strecken, es muß Euch geholfen werden.« Der Junker erzählt dem Knecht, wie es ihm mit der Goldschmiedin und der gülden Ketten gangen sei. Der Knecht sagt: »Dem ist wohl zu tun. Die Frau hat uns zum nächsten ein Mörselstein geliehen, da ein Gaul krank war, etwas darin zu stoßen; den will ich ihr wiederbringen. Laßt mich machen, Eure Ketten soll Euch wieder werden.« Am andern Tag zu dem Imbiß, als der Goldschmied und sein Frau zu Tisch saßen, klopfet der Knecht an der Tür, ward eingelassen, stund vor dem Tisch und sagt: »Herr, da schickt Euch mein Junker den Mörselstein, dankt Euch sehr und begehrt die gülden Ketten, die er Euer Frauen dafür zu Pfand hat gelassen.« Der Goldschmied war zornig über die Frau, sagt, warum sie um ein so klein Ding also ein köstlich Pfand nahm. Die Frau sprach: »Herr, ich hab kein Ketten empfangen.« Sagt der Herr: »Nun hörst du wohl, was der Knecht sagt.« Die Frau leugnet wie ein Mörder, aber der Knecht sprach: »Zum Wortzeichen legt sie die Ketten in ein Trog unten am Bett auf die Kleider.« Der Herr ward zornig, nahm die Schlüssel, schloß den Trog auf, fand die Ketten und gab sie dem Knecht. Der nahm sie und ging sein Straß. Die Frau ging dem Knecht nach und sprach: »Sag deinem Junker, er müßt mir zum nächsten nimmermehr in meinem Mörselstein stoßen. Ich will ihm auch kein Häfeli Topf mehr leihen, daß er darin kochen solle, und sollt er Hungers sterben. Wie er gewollt und es ihm gefallen hat, habe ich ihm Geschirr geliehen; das hat er mir gelöchert und zerstoßen. Nun muß ich die Stück mir selbst behalten.« Der Knecht gab dem Junker die Ketten. Der ritt hinweg mit Freuden, und war das Paar Leinlachen auch zerrissen. (86) Von einem Bauren, der sterben wollt und klagt, daß er zielten müßt und hätt noch vier gute Pferd im Stall Bei Aarau im Schweizerland auf einem Meierhof, da saß ein Bauer, der hieß Cleuwe Bertschy, ein wunderbarlicher Speivogel. Der ward auf ein Zeit krank und fast schwach, daß jedermann meint, er wollt sterben. Sein Frau fragt ihn, ob er den Pfaffen haben und beichten, auch sich verrichten lassen wollt. Er sagt: »Ich bin doch mit niemand uneins; mit wem wollt man mich dann verrichten»Ich möcht aber wohl leiden, daß der Pfaff hier an meiner Statt läge; so wollt ich ihm lieber Beicht hören, denn daß ich ihm beichten sollte.« Ließ ihn doch holen. Der Pfarrherr kam und sagt: »Cleuwe, ein guten Tag.« Cleuwe sagt: »Ihr habt ein guten Tag, aber ich habe einen bösen.« Der Pfarrherr sprach: »Cleuwe, mir ist dein Krankheit leid.« Der Bauer sagt: »Sie ist mir noch viel leider, denn ich hab's am Hals.« Der Pfarrherr sagt; »Wo beklagst du dich?« Sagt Cleuwe: »Hier in dem Bett.« Sprach der Pfarrherr: »Wo ist dir weh?« Cleuwe sagt: »Hier zwischen den Wänden.« Der Pfarrherr: »Ich sehe wohl, du bist nit fast stark.« »Ja«, sagt der Bauer, »war ich stark, so wollte ich mit Euch ringen. Mir ist, ich wollt's Euch abgewinnen.« »Wohlan«, sagt der Herr, »willst du dich zu Gott bekehren, so mußt du anders tun.« Sprach der Bauer: »Wo ist er?« Darauf antwortet der Pfarrherr: »Ich hab ihn mit mir hergetragen!« »Oh«, sprach der Bauer, »ist er also schwach, daß man ihn tragen muß, so ist er wohl kränker, als ich bin. Zween Kranken helfen selten einander. Ich will nichts mit ihm zu schaffen haben, bis er oder ich stark werde.« Also ging der Pfarrherr sein Straß, war wohl vexiert und hatt nichts ausgerichtet. Nichtsdestoweniger aber war der Bauer mit dem Speiwerk und unnützen Geschwätz also blöd und schwach worden, daß sich jedermann seines Todes versah, wie auch geschah. Da sprachen die Frauen zu ihm: »Cleuwe, sollen wir dir ein Kerzen anzünden?« »Nein«, sprach er, »es ist heiter, ich sehe noch genug.« – Wie er aber noch schwächer wird, sagt er zu ihnen: »Wohlan, zündet recht die Kerzen an; es will doch am letzten Sankt Veits Tanz haben.« Also lief man bald, zündet die Kerzen an und gab sie ihm in die Hand. So kommt sein Nachbar Vinzenz. Als der sieht, daß er so schwach ist, spricht er zu den Frauen: »Er zeucht schon; Gott helf ihm!« Das höret Cleuwe, wie schwach er war, und sagt: »Nun muß es Gott treulich erbarmen, daß ich noch vier so guter, starker, ausgeruhter Ross' im Stall hab stehn, und ist deren keins, es möcht besser ziehen denn ich, und wird mir als dem schwächsten die größte Bürde aufgelegt, also daß ich allein ziehen muß. Ich gedenk, ich werd am Sielen ersticken.« Das geschah, denn er starb gleich. (87) Ein Landsknecht teilt mit einem Mönch Im Jülicher Land zog ein armer Landsknecht daher über das Feld und hatte nit überänzige überflüssige Kleider an. Dem begegnet ein alter Barfüßermönch, der trug viel Tuchs, sich und seinen Brüdern zu Kutten und sonst Kleidern. Der Landsknecht sprach ihn an und sagt: »Herr, teilen wir nit miteinander? Ihr braucht das Tuch nit alles zusammen, so habt Ihr auch noch ein gute, feiste Kutten an. Ich aber bin nackend und bloß. Darum ist hier kein anders, wir müssen das Tuch miteinander teilen.« Der Mönch sagt: »Lieber Gesell, zeuch du dein Straß! Ich bin ein geistliche Person, und laß mich zufrieden! Ich geb dir nichts.« »Wie, Mönch«, spricht der Landsknecht, »wolltest du ein geistlich Mann sein und wolltest den Nackenden nit kleiden und hast so viel übriges Tuch? Wolltest du dich von dem Teufel also verführen lassen, daß du den Befehl Gottes übertreten solltest, den Nackenden zu kleiden; Da sei Gott vor! Du sollst meinethalben nit zum Teufel fahren.« Indem erwischt er das Tuch und sagt zu dem Mönch: »Ich bedarf nit mehr als drei Ellen, das übrige behalt du.« Der Mönch könnt ihm nit widerstehn. Der Landsknecht nahm das Tuch, tat es voneinander und maß mit seinem halben Spieß drei Ellen davon (es wären zu Frankfurt wohl sechzehn Ellen gewesen), wickelt das zusammen und zeucht mit davon. Der Mönch war traurig, raspelt das ander Tuch auch zusammen, schrie ihm nach und sprach: »Du verloffener Bub, du mußt mir das Tuch am Jüngsten Tag bezahlen und Gott dem Allmächtigen Antwort darum geben. Dessen sollst du dich von mir versehen.« Der Landsknecht wendet sich um und geht zu dem Mönch und sagt: »So du mir also ein lang beraumt Ziel zu der Bezahlung bis an den Jüngsten Tag setzest, so will ich eben das übrig Tuch dazu nehmen. Es kommt doch alles in ein Rechnung, Verantwortung und Bezahlung. Und, Mönch, zeichne du es daheim fleißig auf! Ich möcht leiden, ich hätte das Kloster miteinander auf diese Zielsetzung.« Also nahm er ihm das ander Tuch auch und zog davon, ließ dem Mönch das Nachsehen. (88) Zween Studenten betrogen einen Scharwächter Zu Basel war ein Goldschmied, ein freier Künstler, der hieß Urs Graff, war ein guter Studentenfreund. Der richtet stiftete einmal zween Studenten an, daß sie nächtlicherweil am Kornmarkt von seinem Haus über die Gassen ein Seil, das er ihnen gab, heimlich spannen sollten und danach ein Lärmen anfangen. So würden die Scharwächter dazulaufen, da würd einer ein hübsch Fallen sehen. Die Studenten folgten, es war ihnen wohl damit. Sie kamen auf ein Nacht, richteten mit Hilf ihres Bubenvaters die Seil zu. Nach aller Handlung, Aufrichtung und ihrer Wachtbestellung gehen sie an einem Haus heimlich her, so finden sie ein Scharwächter an der Wand sitzen, der schlief hart und hatt sein Backanetlin Helm und Handschuh von sich gelegt. Die zween nehmen das Häublein bald, tragen's auf ein Ort, scheißen's und brunzen's voll, legen's ihm still und heimlich wieder dahin, gehen danach gegen die Eisengassen zu, zücken vom Leder, haben machen ein groß Gebrächt Lärm , schlagen die Degen zusammen. Die Scharwächter stoben von allen Orten herzu dem Lärmen nach, und als sie an den Kornmarkt kamen, fielen sie über die gespannten Seil: da lag ein Hellebard, da der Mann, da das Backanetlin, da zween oder drei auf einem Haufen. Und der Scharwächter, so geschlafen, wischt auch aus dem Schlaf, will sein Backanetlin flugs aufsetzen und zu dem Lärmen laufen; so ist's vollgeschwitzt, und stürzt der Dreck und Seich alles über den Kopf ab; das war zum Erbarmen. Der Goldschmied saß in seinem Kellerhals und hatt die gespannten Seil bei sich an besonderen Riemen in der Hand. Dieweil sie sich wieder zusammenlasen, die Hellebarden und anderes in der Finsternis suchten, zog er die Seil zu sich und durch den Keller ins Haus hinein, nahm ein Licht, läuft hinaus und zündet leuchtet den Scharwächtern, daß sie ihre Dinge wiederfanden. Damit konnte er auch sehen, wer sie waren. Er stellt sich häßlich, sagt, er war erst vom Bett aufgestanden, und führt sie also auf dem ganzen Kornmarkt herum, und sie suchten die Seil, auch die, so es getan hätten. In derselbigen Weile waren die Studenten in des Goldschmieds Haus wieder heimlich kommen. Da er das vermerket, nahm er Urlaub von den Scharwächtern, ging heim. Sie dankten ihm fleißig, daß er so guten Ernst mit ihnen gebraucht hätt. Hätten sie die recht Wahrheit gewußt, würden sie sich ohn Zweifel anders gegen ihn gehalten und den armen Judas auf der Borkirchen ihm gesungen haben. (89) Michael Lindener Katzipori 1558 Ein edle Geschieht, einem Edelmann widerfahren von einer Obrigkeit Neben einer fürstlichen Stadt im Land zu Meißen wohnet ein Edelmann, der war eines guten Auskommens und ziemlich reich, doch ganz karg, daß es ein Schande war. Wenn er in die Stadt reisete, so ging er in Stiefeln hinein; und wenn er schier nahe hinzu kam, gürtet er Sporen an, als sollt man gedenken, er wäre hineingeritten, wie er denn wohl zu reiten gehabt. Das verschmäheten die vom Adel und machten eine Practica mit einem Pächter in derselbigen Stadt, daß er ihn sollt fordern lassen und sagen, wie daß in der Gassen, da er pfleget hinein- und hinauszugehen, ein Kind zertreten war worden, welches er mit seinem Gaul getan sollt haben. Der Edelmann vernimmt die Rede und entschuldiget sich. Endlich, wie der Richter auch ein guter Raudy-Maudy war, und von wegen der guten Gesellen, die ihm solches befohlen hatten, mit Fragen anhielt, fuhr der Edelmann heraus, er hätt kein Kind gesehen, geschweige denn zertreten; und zu allem Wahrzeichen sei er gangen und nit geritten. Sei auch in keinem Jahr auf kein Roß gekommen; darum bedürft es nit viel Klementzens. Der Richter fängt an zu lachen und saget: »Mein lieber Junker, habt Ihr doch noch Stiefel und Sporen an, wie könnt Ihr es denn sagen»« »Ja«, spricht der Edelmann, »was ich gesagt hab, das ist wahr, und kann es mit Leuten dartun, die mit mir gegangen sein. Und daß ich Stiefel und Sporen trage, das tu ich von wegen meines Adels, den ich dadurch erhalte.« Dessen mocht der Richter wohl lachen. (90) Ein geschwinder Bescheid eines Hausknechts, einem Edelmann gegeben Ein Edelmann, der kam in ein Reichsstadt und zog zu einem stattlichen Wirt ein, zeiget an, wie er der und der wäre, in summa: ein großer Hans vom Adel und gut vom Adel, doch blutarm dabei und kein Heller im Säckel. Der hieß sich voll auftragen, lud Gast und hielt sich wohl mit dem Prangen, wie denn die Leut darauf ausgelernet haben und sonst nichts können. Wie er aber einmal wiederum zu Gast eingeladen und in die Herberg toll und voll heimkam, macht er. sich ganz mausig, als war er allein allda, vermeinet auch, unser Herrgott hieß Hermann. Wie ihn aber ein Knecht des Hauses zu Bett weiset, ließ er ein Grolzer über den andern gehn, farzet auch dazu wie ein grobe Kuh. Da sprach der Hausknecht: »Das lautet und hat eine Stimme und ging schier zusammen; wenn es nur ein Sekunde niedriger stünde, so möcht es mir gefallen.« Der Edelmann, mit Verlaub ein Junker, der seinen Adel im Speien und Parzen sehen ließ und nichts anders könnt denn Schlemmen und Dämmen, Fressen und Saufen, wie jetzund die heiligen Taten des Adels sein, hebt an zu crysimieren: »Was schnarchst du viel e Du weißt nicht, wer ich bin. Es ist ein ander Ding, ein Edelmann und ein Baurendremmel, die weder reiten noch reden können.« Der Knecht, der auch voller Mücken war, saget: »Junker, ich glaub's wohl, daß Ihr geschlafen habt, bis Essenszeit gewesen ist.« Der Junker läßt ein großen Grolzer herausgehn, ziemlich ungefähr neun Ellen lang. Der Knecht spricht: »Säuberlich, Junker, Ihr mögt stolpern.« Fängt der Edelmann an: »Ich dürft dir wohl ins Angesicht speien.« Antwortet der Hausknecht: »Nein, Junker, wenn Ihr mir so lohnen wollt, so bleib ich nit. Aber wenn Ihr ja speien wollt, so speiet mir in den Arsch und lecket mir danach die Schüssel, so werde ich wieder sauber und rein.« Ging also davon. (91) Ein billige Antwort, von einem Baderknecht einem Oberrichter gegeben In einer fürstlichen Stadt war ein Oberrichter, der war ein rechter Bluthund und Schindfessel; übernahm die Leut wider Gott, Ehr und Recht ohn alle Gnad und Barmherzigkeit, schrieb Lügen ein und beschuldiget die Leut mit der Unwahrheit, daß sich ein jedermann seines unbilligen Übernehmens beschwert und beklaget. Es kam aber ein Baderknecht vor ihn, der ward hart beklaget, daß er bei nächtlicher Weil mit seinem Geschrei erschrecket habe, daß sich ein reiche Jungfrau darüber bekleckert hätt, das heißt auf deutsch ,beschissen'. Das hält der Bluthund dem armen Baderknecht vor und begehrt von ihm. drei Taler. Der Baderknecht sagt: »Lieber Oberrichter, ich habe so gar grausam nit geschrien, sondern lieblich gesungen, wie man denn bei Nacht pfleget, als eine Eule, und glaube auch nicht, daß sie sich meines Gesangs halben beschissen habe, wenn sie nit zuvor vier Wochen aneinander die dünne Scheißen gehabt hätte, wie man es ihr denn ansiehet an der Farb, und ganz gelb ist wie ein wächsener Götze.« Der Richter will die drei Taler (da stinkt ihm das Maul nach) nur haben. Darauf der Baderknecht antwortet: »Es ist ein Schinder, der den Kühen und toten Rossen die Haut abziehet, nicht so arg als dieser, der den Leuten das Blut aus der Haut und das Mark aus den Beinen sauget.« Das mußt der Oberrichter von einem Baderknecht hören, der teutsch mit ihm redete vor aller Welt. Das zeigt hernach der Oberrichter dem Bürgermeister an. Der Bürgermeister wußte wohl, wieviel es geschlagen hatt, und sagte zum Oberrichter: »Lieber Herr, unser Herrgott hat seltsame Leut auf Erden, Ihr müßt Euch ihrer gewöhnen und Geduld haben.« (92) Ein abgeriebene Mück, von einem Bauren seiner Braut gerissen Zu Schruditz war ein Bauer, der hatt ein einfältiges, frommes Weib, die plaget er sehr und hielt sie übel, buhlet auch fast bei ihrem Leben und kam oft voll und toll bei Nacht heim und jaget das Weib hinaus. Gott aber erhöret sie und nahm sie zu seinen Gnaden. Begab sich aber, daß der Bauer wiederum heiratet und eines andern Bauren Tochter nahm. Und wie die Hochzeit geschehen, daß Braut und Bräutigam zu Bett gingen und die Braut schon im Bett lag, schrie der Bräutigam seiner Knechte einem, mit Namen Matz: »Matz, hörest du nit? Mätzlein!« Der Knecht antwortet und spricht: »Was wollt Ihr, Herr?« Sagt der Bauer: »Bring mir eilends und bald ein Schlegel herauf!« Der Knecht erschrickt und vermeint, der Bräutigam wolle die Braut zu Tod schlagen, und fraget den Bauren, was er mit dem Schlegel tun wolle. Saget der Bauer: »Ich will ihn der Braut hineinschlagen.« Denn der Bauer war voller Possen und Kurzweil. Die Braut vernimmt solchen Ernst und hebet an: »Mein Bräutigam, Ihr bedürft keines Schlegels oder Axt, Beil, Barten: Meines Vaters Knecht Jäckel ist jetzund ganze sieben Jahr bei mir gelegen, hat nie nichts dergleichen gebraucht, hat ihn allezeit mit der Arschkerben hineingestoßen. Ihr dürftet solche große Mühe nit haben, seid ohne Sorge!« So ward der Bauer bezahlet. (93) Ein unerhörter Betrug, von einem jungen Mägdelein einem Mönche getan Ein junges Mägdelein beichtet einstmals einem Barfüßermönch, welche die allerheiligsten sein wollen, und befindet sich doch nit also in der Tat, wie denn ein Nollbruder des Ordens sich übet und an Tag gab, der ein Bäuerin um ein paar Eier und Käs strohpurzelte. Einem solchen heiligen Vater bekennete das gute Dirnlein seine Sünde. Wie aber der gottlose Mönch anhielt und wollt alle Heimlichkeit wissen, sie auch fragete, ob ihr dergleichen nit träumte, denn dieselbigen nichtsdestominder Sünde wären, die man ihm auch offenbaren müßte und in keinem Wege vorenthalten, sprach sie: »Ja, lieber Herr, es hat mir wohl etwas vorlängst geträumt, aber ich schäme mich, solches zu sagen.« Der Mönch hielt an und wollt es wissen, denn er gab vor, er könnte ihr sonst keine Absolution sprechen. Fing das Mägdlein an: »Mein lieber Herr, es hat mir geträumt, wie daß einer bei mir gelegen sei und hab ihn mir, mit Verlaub vor Euer Heiligkeit, hineingetan.« Der Mönch antwortete: »Mein Tochter, das ist eben so viel, als hättest du es mit der Tat vollbracht. Du mußt auch darum büßen, als wäre es rechtschaffen geschehen.« Das Mägdlein erschrickt und bittet den Mönch, daß er das Beste tun wolle, denn er gab vor, sie müßte gen Rom oder sonst zu einem Pönitenzer, und saget, sie wolle ihn wohl lohnen, ließ ihn auch zween Gulden sehen. Dem Mönch stank das Maul nach den Goldgulden, und er sprach: »Es ist wahr, mein Tochter, wir haben soviel Gewalt als der Papst oder ein Pönitenzer, derhalben Sankt Franziskus ebensowohl fünf Wunden hatt als Christus. Aber mein Tochter, wir dürfen kein Geld anrühren. Auf daß du aber nit so ferne und weit ziehen dürftest, denn es jetzund unsicher auf der Straßen ist, so stecke sie mir allhie in das Löchlein.« Denn der Mönch ein zerrissene Kappen anhatt und im linken Ärmel ein Löchlein. Der Mönch sah übel, und das Mägdlein tat, als steckte sie ihm die zween Goldgulden in den Ärmel, und behielt sie nichtsdestoweniger. Der Mönch absolviert sie geschwind wie der Wind. Das Mägdlein wird froh und wutscht davon. Wie nun das Mägdlein hinauskommt, suchet der Mönch die Goldgulden in dem Löchlein, findet sie aber nit und merket den Betrug, ruft das Mägdlein eilends wieder zurück und sagt: »Sie seind nit drinnen, mein Tochter.« Antwortet das Mägdlein: »Ja, mein Herr, er ist mir auch nit drinnen gewest, sondern hat mir allein also geträumt.« Ging also das gute Töchterlein absolviert davon. (94) Michael Lindener Rastbüchlein 1558 Ein Frau sagt, wenn sie schlottert, müßt sie bei dem Pfaffen liegen Ein Pfaff in einem Dorf hatt große Kundschaft in eines Bauren Haus in seiner Pfarr, und auch der Bäuerin zulieb mehr in das Haus ging, als daß er die Kinder lehret das Vaterunser beten. Und eines Tags, als er den Bauren abwesend wußt, er in sein Haus zu der Bäuerin ging, die er eben fand ein Mus oder Haberbrei essen; da er bald zu ihr saget: »Bäuerin, lug, schütt nit! Du mußt sonst bei mir liegen.« Als solches die Bäuerin höret, schüttet sie den Löffel voll Mus gar auf den Tisch, damit der Pfaff Ursach hab, sie weiter anzutasten. Und da der Pfaff sah, woran es der Frauen lag, sie bei dem Arm nahm und auf das Bettstattlein, so in der Stuben stund, führet. Was er da mit ihr machet, weiß ich nit. Ich bin nit dabei gewesen. Nun saß aber ein kleines Büblein auf dem Tisch, das mit der Bäuerin Mus gessen hatt und alle Wort gehört hatte, was der Pfaff mit der Frauen geredet, und auch wohl sah, was für seltsam Abenteuer er mit ihr im Bettlein brauchet, aber sich, als da es nichts um solche Sach wußt, nichts bekümmern ließ, sondern für sich aß und eben luget, daß es nit schlottert, sonst müßt es auch beim Pfaffen liegen. In solchem der Bäuerin Mann kam, den aber die Bäuerin, ehe er zum Haus kam, gesehen hatte, und den Pfaffen bald im Stubenofen verstecket. Und sie sich wieder niedersetzet, anfing zu essen, in gleicher Weis, als war sie nie aufgestanden. Und der Bauer, der hungrig war, ein Löffel nahm und weidlich aß. Nun das Kindlein, das für seinen Vater auch Übel fürchtet, zu ihm sagt: »Mein lieber Vater, lug, daß du nit schlotterst, du mußt sonst auch beim Pfaffen liegen. Unsre Mutter hat geschlottert, da hat sie müssen beim Pfaffen liegen.« Als solches der Mann höret, fraget er: »Wo ist der Pfaff?« Dem das Knäblein bald antwortet: »Er steckt im Kachelofen.« Die Frau, die wohl wußt, was ihr Mann für ein Künzlein war, bald hervorwischet und sagt: »Lieber Mann, tu ihm nichts, denn er ist ein heilig Mann! So sollst du deine Hände nicht in heiligem Blut verunreinigen. Und wenn du ihn schon zu Tod schlügest, so müßtest du auch darum sterben. Wäre dir dann so wohl geholfen? Aber wenn du je solche Schmach, die er dir an mir bewiesen hat, nicht willst ungerächt lassen, so dünket mich dies der best Rat, und ihm auch kein größere Bosheit tun kannst, denn du nähmest ihm sein Hütlein, daß er ohn ein Hütlein müßt heimgehn. Ei, wie würden dann die Leut sein spotten, wenn er ohn ein Hütlein ging!« Dieser Rat gefiel dem närrischen Jäckel wohl, vor den Ofen kam, den Pfaffen hieß herausgehen. Der Pfaff, so beider Red in der Stuben wohl gehöret hatte, unverzagt aus dem Ofen kroch. Dem der Bauer alsbald sein Hütlein nahm und zu ihm sprach: »Ziehet hin, mein Herrlein! Also soll man euch Gesellen tun, die einem beim Weibe liegen.« Nun der Pfaff zog ohne sein Hütlein bis vor die Tür. Und wie er vor die Tür kam, sagt die Frau zu dem Bauren: »Keine größere Schalkheit könntest ihm jetzt tun, als wenn ihm das Hütlein nachwürfest, daß es die Leut sehen, so würden sie erst sein gar heftig spotten.« Dessen der Gulemeier auch wohl zufrieden war, dem Pfaffen sein Hütlein nach zu der Türen hinauswarf. Dessen der gut ehrbar Herr wohl zufrieden war und sich hernach ohn alle Sorg bei der Frauen einfand, Gott gebe, sie hält geschlottert oder nit. (95) Valentin Schumann Nachtbüchlein 1559 Von einem Bauren und dreien Pfaffen, auch einem Landsknecht In dem Bayernland, da liegt ein großes Dorf nicht weit von Straubingen. Darin da saß ein Bauer, der hatte ein schöne Frauen. Nun waren aber drei Pfaffen, die hätten alle drei die Bäuerin gern im Hintern geleckt und gingen ihr nach Tag und Nacht, daß sie kein Ruh halt vor ihnen, und sie wollt Hoch ihrer kein Gnad haben. Zuletzt sagt sie es ihrem Manne. Der sprach: »Nun wohlan, so tu ein Ding und bescheide sie alle drei, einen immer ein Stund später denn den anderen! So will ich unser großes Weinfaß aufrecht stellen, da gehen etwa bei fünfundzwanzig Ohm darein, und will das voller Wasser gießen. Und wenn der eine kommet, so gib ihm gute Wort! Alsdann so will ich anklopfen; so sprich: ,Ach Herr, es kommet mein Mann. Steiget flugs in das Faß, so will ich ihm auftun.' Und so er will hineinsteigen, so hilf ihm, daß er hineinfalle! Alsdann so will ich kommen und ihn gar darin ertränken.« Die Frau sprach: »Ach, sollen wir also drei Mord vollbringen? Ich will mich sonst vor ihnen hüten.« »Hörst du nicht«, sprach der Mann, »was ich dir sag?« Die Frau mußt also dem Gebot ihres Mannes folgen, wollt sie nicht, daß ihr Mann gedacht, sie buhlet mit ihnen, zielet bestellte also einen nach dem anderen. Sie waren froh, und es kam der erste. Als er kam, waren sie fröhlich, und der Pfaff wollte immer auf den Ofen steigen. Als aber den Bauren nun deucht Zeit zu sein, klopfet der Bauer an, und alsbald erschrak der Pfaff. Da sprach die Frau: »O mein Herr, es kommet mein Mann.« Er sprach: »Mein liebe Frau, wo soll ich hin?« Sie sprach: »Mein Herr, steiget in das Faß, bis er wieder aus dem Haus kommt.« Der gute Pfaff meinet, er wollte flugs hineinsteigen. Da half ihm das Weib, daß er mit dem Kopf zum ersten hineinfiel, und ertrank der gut Pfaff. Also ging es auch mit dem andern und dritten. Nun, als die drei Pfaffen waren ertranken, wußt der Bauer nit, wie er sie sollt mit Ehren aus dem Haus bringen. Es trug sich zu, daß ein guter Bruder durchs Dorf auf der Gart Bettelfahrt zog, der kam auch vor des Bauren Haus, bat um ein Ritterzehrung. Sprach der Bauer: »Mein lieber Bruder, ich hätt ein Bitt an dich. Wenn du mir wolltest folgen, ich wollt dir zehn Gulden schenken.« Der Landsknecht sprach: »Was ist es?« Da fing der Bauer an und sprach: »Es ist ein Pfaff in mein Haus kommen, hat mir mein Weib wollen notzwingen. So bin ich dazu kommen und hab ihn gleich in das Faß geworfen, darin ist er ertrunken.« Zog damit den einen aus dem Faß. »Wenn du ihn nun wolltest in das Wasser tragen, das die Mühl treibet.« Der Landsknecht sprach: »Ja, das will ich tun.« Nahm also den Pfaffen auf den Rücken und lief mit ihm zum Wasser zu, warf ihn hinein, daß das Wasser über ihm zusammenschlug, und sprach: »Wohl einher in aller Teufel Namen! Willst du buhlen und weißt den Reimen nicht!« Ging also wieder dem Bauren zu, wollt sein Lohn fordern. Dieweil so hatte der Bauer den andern auch aus dem Faß getan; und als der Landsknecht kam, sprach der Bauer: »Hast du ihn hineingeworfen?« Er sprach: »Ja.« Da sprach der Bauer: »Er ist aber wieder da.« Da sprach der Landsknecht: »Ei, er ist des Teufels.« »Sieh zu, ob er nicht hinter der Tür stehet.« Und als ihn der Landsknecht sah, sprach er: »Ei nun so schänd dich Gott! Ich weiß, daß ich dich hab hineingeworfen.« Nahm damit den andern auch und trug ihn dahin und warf ihn wohl in das Wasser, sprach hiermit: »Da liegest du schelmischer Pfaff. Du sollst nimmer herauskommen.« Ging damit wieder zu des Bauren Haus. Da lief ihm der Bauer entgegen und sprach: »Wie tust du doch? Es stehet der Pfaff wieder hinter der Tür.« Der Landsknecht sprach: »Hat uns der Teufel mit dem Pfaffen beschissen? Nun so will ich ihn hinaustragen und will nit davon, bis ich den Lauren nimmer sehe.« Nahm hiermit den dritten Pfaffen, trug ihn hinaus und warf ihn in das Wasser, nahm ein Stangen und stieß ihn wohl hinunter, sprach: »Nun glaub ich nicht, daß du werdest wieder herauskommen; es muß dich nur der Teufel herausfuhren.« Als er im Heimgehen war, da kam von ungefähr ein Pfaff geritten, der wollt gen Straubing hinein. Als ihn der Landsknecht sah, meint er, es wäre der Pfaff, den er hatte in das Wasser sollen werfen, fing an zu fluchen und zu schwören: »Du verzweifelter Schelm und Bösewicht, ja vonnöten hat's dich – die Franzosen! – allezeit eher in des Bauren Haus geführet denn mich, weil du zu reiten hast.« Nahm ihn hiermit und riß ihn von seinem Pferd und mit ihm zum Wasser. Der gut Pfaff schrie, er sollt gemach tun; aber es half nichts, und mußt auch ertrinken mitsamt den dreien. Der Landsknecht saß auf das Roß, ritt des Bauren Haus zu. Der gab ihm die zehn Gulden, und ritt der gut Landsknecht davon. Nun siehe, wie das Glück so seltsam ist! Die Pfaffen müssen sterben, und der Landsknecht bekam zu reiten und Geld dazu. Derhalben so soll keiner keinem Weibe vertrauen, sonderlich wo er mit ihr buhlen will und sie ein Eheweib ist; denn sie sein in ihren Sinnen wankelbar. Obschon die Bäuerin kein Buhlerin ist gewesen, hat sie doch dazu geholfen, daß die armen Pfaffen seind umkommen. Gott erbarm's, wem es leid ist. Aber dem Landsknecht geriet ein Beut. Darum soll keiner verzagen; wer weiß, wo das Glück liegt! Obschon Sorg und Angst dabei war, erfreuet ihn doch zuletzt das Roß samt dem Geld. Dabei bleibe es. (96) Ein Fabel von einem Edelmann, der seiner Tochter wollt kein Mann geben, er mähet denn weiter, als sie könnt brunzen, auf einen Tag Auf ein Zeit ein Edelmann saß nicht weit von Kowerck, der hatt ein außermaßen schöne Tochter; die hatt sehr viel Heirat Bewerber , aber sie wollt keinen haben, er könnt denn weiter auf ein Tag mähen oder grasen, wie man's dann nennet, denn sie brunzen könnte. Denn sie hatt ein so enge, daß sie schier ein ganze Meil brunzet, wenn es weiter war. Wie man denn jetzt zu unsern Zeiten auch viel solcher Jungfrauen findet, die so enge haben, daß einer meinet, man könnt kaum ein Saubürsten hineinbringen; wenn man's bei dem Licht besieht, sein wohl zween oder drei Kindskopf herausgefallen. Das red ich nicht von den frommen Jungfrauen, sondern von solchen, die so sein. Nun aber unterstund sich mancher Edle, auch Unedle, die Jungfrau zu bekommen. Wenn dann einer einen Tag hatt gemähet, so kam die Tochter mitsamt dem Vater zur Nacht, wenn's Feierabend war, und brunzt weit über das hinaus, das einer hatt den langen Weg gemäht. Darum so könnt sie keinen bekommen. Nun war aber ein seltsamer Abenteurer, der unterstund sich auch, die Jungfrau zu bekommen, ging auch zu dem Edelmann, sagt, er wollt auch um sein Tochter mähen. Da weist er ihn auf eine Wiesen auf Bamberg zu. Nun tat der gut Gesell ein Ding und nahm mit sich ein gute Flaschen mit Wein und ein gut Braten, auch ein Schüssel voll Küchlein samt einem großen Weck, fing an und mähet einen viereckigen Platz, setzt in ein jegliche Ecken ein Richtzeichen, den Weck, die Flaschen, den Braten und die Küchlein, zog sich danach mutternackend aus. Nun kam die Jungfrau um den Mittag auf die Wiesen zu spazieren, sah den Mäher nackend und sein Zipfel an dem Bauch; der begann ihm zu wachsen, als die Jungfrau vor seinen Augen herumging. Das ward sie sehr verwundern; sie sprach: »Ei, mein lieber Mann, was habt Ihr da für ein Dinglein? Was ist es nur für ein Tier?« Der Mäher sprach: »Jungfrau, es ist ein Zeiger.« »Ei«, sprach sie, »das ist ein seltsamer Zeiger. Ich habe nie kein solchen Zeiger gesehen. Lieber Mäher, was zeiget er?« Der Mäher wandte sich zu dem einen Winkel, sprach: »Dort zeiget er, daß ein Flaschen voll Wein stehe.« Die Jungfrau lief flugs und fand es, wie er ihr gesagt, sprach: »Das ist ein feiner Zeiger.« Indem so wendet er sich zu einem anderen Winkel. Sprach die Jungfrau: »Lieber Mäher, was zeiget er jetzt?« Antwortet er: »Dort in jenem Winkel, zeiget er, stehet ein Schüssel voll Küchlein.« Sie lief abermals und fand es. Dessen lachet sie, und er wandte sich zum dritten und vierten gleich wie zuvor. »Ei behüt mich Gott«, sprach sie, »wie ist das so ein feiner Zeiger!« Und sprach zu dem Mäher: »Mein lieber Mäher, was ißt aber der Zeiger? Ich sehe wohl, daß er ein Maul hat.« Flugs antwortet der Mäher: »Jungfrau, er ißt nichts denn Zucker von Eurem Bauch!« Da lief sie heim und holet ein Handvoll Zucker, sprach: »Lieber Mäher, da gebt ihm zu essen! Es ist wohl so ein feiner Zeiger.« Er nahm den Zucker und leget sie in das Gras und streuet ihr den Zucker auf den Bauch, leget sich oben darauf, ließ sein Zeiger auf dem Bauch umkrabbeln; die Jungfrau meint, er esse also. Nun indem kam der gute Zeiger baß hinab und fand, darein er dann kroch. Da sprach die Jungfrau: »Ei, was suchet er da drinnen?« Antwortet der Mäher: »Jungfrau, es ist ihm ein Körnlein darein gefallen; dem sucht er so nach.« »Oh«, sprach die Jungfrau, »laßt ihn nur weidlich essen! Es hat mein Vater ein ganzen Karren voll Zucker; ich will ihm den allen zu essen geben.« Da nun der gut Gesell oder Zeiger hatte sein Zuckerkorn ertappet, kroch er wieder heraus. Der Mäher leget sich wieder an, als wollt er mähen, und die Jungfrau ging heim. Als es nun Nacht ward, kam der Vater mitsamt der Tochter, sah, was sein Mäher gemähet hatte, deucht ihn nit viel zu sein, sprach: »Nun, Tochter, kannst du darüberbrunzen, so fange an!« Die gut Tochter meint, sie wollt darüberbrunzen, übersah es und brunzet auf die Schuh. Da ward der Mäher lachen und sprach: »Junker, hab ich die Tochter gewonnen?« Dessen ward der Edelmann zornig, doch gab er ihm die Tochter. Also ward aus einem Bauren ein Edelmann. Aber jetzt, so der Adel abstirbet, so wollen die Schneider und Metzger miteinander um den Adel streiten; wiewohl die Metzger haben die Hunde und Rosse zuvor, welche die Schneider erst müssen machen. (97) Ein Geschicht von einem Edelmann und einem Maler zu Augsburg Vor etlichen Jahren ein reicher Herr oder Edelmann gen Augsburg kam zu einem Maler. Der hatt sich lassen ein hölzernes Täfelein machen bei einem Schreiner, das bracht er ihm, dem Maler, und sprach: »Mein lieber Meister, ich wollt, daß Ihr mir hättet auf dieses Täfelein gemalet ein schönes Bettstättlein.« Der Maler sprach: »Ja, Herr.« Und als das gemachet war, auf den andern Tag kam der Herr wieder und sah das Bettstättlein. Das gefiel ihm wohl, und er sprach: »Meister, jetzt malet mir ein schönes Bett darein und darauf ein schönes Fräulein!« Der Maler machet es auch. Als er, der Herr, des andern Tages auch kam und fand, wie er das hatte bestellt, als er das sah, da gefiel es ihm von Herzen wohl, und sprach, er sollt es ihm auf das allerschönest machen – er wollt's ihm wohl zahlen – nach seinem. Willen und sollt ihm unten auf das Bettstättlein ein fein zinnen Brunzkächelein malen und alles nur auf das allerschönest. Solches der Maler tat und machet das aufs allerfleißigst, daß es hätt kein übel Auge sollen ansehen. Und auf dem fünften Tage, als es war trocken und fertig, da kam der gut Herr wieder und fand alles, wie er das hatt angefrümt angegeben , das Bettstättlein mit schönen seidenen Betten und darauf ein außermaßen schönes nacktes Fräulein, das war doch mit Farben gar schön und lieblich erhaben herausgehoben , und unten auf dem Bettstättlein ein feines Brunzkächelein. Als er das hatt nach dem fleißigsten besehen, sprach der Maler: »Herr, gefällt es Euch?« »Ja«, sprach der Herr, »jetzt so tut ein Ding und malet mir's über und über mit einem feinen grünen Vorhang!« »Ei Potz Marter, Herr«, sprach der Maler, »das wird sich nicht schicken. Kaufet ein grün seiden Tüchlein und hänget es darüber; so könnt Ihr es hinwegtun, wann Ihr wollt.« Der Herr sprach: »Meister, hört Ihr nit, was ich Euch sag? Macht mir's also! Ich will Euch Eure Arbeit wohl bezahlen. Wenn nur ich weiß, was dahinter ist, es darf sonst niemand wissen.« Und mußt ihm der Maler also ein grünen Vorhang über das Bett und schöne Fräulein malen, weil er dabeistund. Das tat der Maler und ließ ihn's zahlen, gab dem Narren oder Herrn das Täfelein, Gott geb, wo er hinkam. Und dachte der Maler, wie man pfleget zu sagen: »Wenn mir einer Geld gab, so wollt ich ihm Stein in den Arsch werfen, und wenn er mir wieder Geld gab, so wollt ich sie ihm auch wieder herausklauben.« Denn Geld macht allen Kauf schlecht, und wird das Sprichwort auch allhie erfüllt: »Einem jeden Narren gefällt sein Kolben wohl.« Also war diesem Edelmann auch. Wenn er hätt das Täfelein zum ersten lassen grün färben, war ebenso viel gewesen als danach. Darum ist es ein seltsames Ding, wo ein Überfluß an Geld ist. Hätt der Edelmann so wenig Geld gehabt als ich oder sonst mancher arme Teufel, er hätt dem Maler lang nicht fünf oder sechs Gulden für ein grünes Brettlein zu machen geben, hätt es wohl mit vier oder fünf Batzen ausgerichtet. Aber der Maler mußte seinen Teil auch bei seinem Gut haben, und es trägt sich oft bei mancherlei Handwerken zu, daß einem ein Arbeit über hundert Meil kommet, da er sein Leben lang nicht hätte hingedacht, und muß desselben Gelds auch haben oder verdienen. (98) Von einem guten Studenten, der nicht viel Geld hatte, wie daß es ihm zu Nürnberg ging Es zog auf ein Zeit ein guter Gesell seiner Schulen nach, welcher war von Bregenz. Als er war weit umher zogen, kam er auch gen Nürnberg, hatt weder Heller noch Pfennig und zog also auf Gottes Rat bei dem Weißen Turm ein in ein Wirtshaus, das man heißt »Zum Blauen Schlüssel«, bat die Wirtin um die Herberg. Die sprach: »Ja, wenn du Geld hast, so bist du mir ein lieber Gast.« Und tat die Wirtin da ein Red, wie man saget: »Geld, du bist mir lieb.« Gleichwohl nicht unbillig; denn welcher wollt ein Wirt sein, wenn ihm ein jeder Gast wollt kein Geld geben! Der gut Schüler sprach zur Wirtin: »Ja, Gelds genug«, und hatt kein Heller im Beutel. Nun hatt der gut Schüler ein Bündel; das gab er der Wirtin, sie sollt es ihm aufheben. Das tat sie. Als es nun Abend ward und daß man zur Nacht wollt essen, so gibt man in den Wirtshäusern einem jeden, was er haben will, das Pfannbrett Gedeck einem allein oder zweien miteinander. Da fraget die Wirtin den guten Studenten, ob er auch wollt etwas essen. Der Student hatt kein Geld, doch hieß er sie ihm ein Maß Bier bringen, auch ein Suppen und Fleisch. Das tat die Wirtin, bracht ihm auch zwo bratene Wurst. Der Student aß, und schmecket ihm sehr wohl, hieß sie ihm noch zwo Wurst bringen. Die aß er auch, ließ sich noch zwo bringen und noch ein Maß Bier. Das trieb er so lang, bis daß er genug hatt, zechet also hinein auf Gottes Rat und auf eines anderen Beutel. Als er sich wollt legen, hieß er sie ihm die Zech machen; da hatt er in das Bier vertrunken und in die Wurst verfressen achtzig Pfennig. Der Student sprach: »Morgen will ich Euch bezahlen.« Die Wirtin war zufrieden. Er ging schlafen und schlief die Nacht wohl, ließ die kleinen Waldvögelein sorgen. Als das Tag ward, stund der gut Gesell auf, sah, woher er das Geld bekam, das er hatt verfressen die vorige Nacht, ging zu etlichen Herren, auch Predikanten, und bracht zuwegen, daß er der Wirtin bezahlet ihre achtzig Pfennig, und blieben ihm wohl fünfunddreißig Pfennig über. Der gute Gesell setzt sich nieder und verfraß zur Nacht die fünfunddreißig Pfennig und blieb der Wirtin noch zweiundvierzig Pfennig schuldig, ging an dem Morgen wieder auf die Terminei Bettelei . Das trieb er bis auf den vierten Tag. Da hatte er schier ausgeterminiert und sprach zu der Wirtin: »Wirtin, gebt mir mein Bündel!« Die Wirtin tat es. Er, der Student, tat das Bündel auf und nahm ein altes Büchlein daraus, sprach: »Wirtin, ich muß auf die Schul gehn. Hebt mir das Büchlein auf! Ich will fein kommen und Euch bezahlen.« Die Wirtin nahm das Büchlein, war wohl zufrieden, vertrauet ihm alles Gute zu. Aber der Lecker beschiß sie, blieb also noch wohl acht Wochen zu Nürnberg, soll das Büchlein noch holen. Auch ich bin ein Weil derzeit zu Augsburg bei ihm gewesen. Er hat oft zu mir gesagt, er wollt, daß der Wirt das Geld hatt, er wollt es gern geben. (99) Martin Montanus Wegkürzer 1557 Ein Landsknecht lehret ein Edelmann, wie er es tun solle, daß ihn nit friere Auf ein Zeit ritt ein Edelmann über Feld, den aus der Maßen, wiewohl er wohl bekleidet war, fror; denn es heftig schneite. Dem begegnet ein armer zerrissener Landsknecht, welcher nichts um- oder anhatt denn ein altes Fischernetz, das er vielleicht kürzlich von einem Fischer gartet erbettelt hatt, und hat ihn dennoch nit gefroren. Als der Edelmann den zerrissenen Landsknecht sah, er sich sehr verwunderte, daß er nicht erfriere, und ihn fragen ward, ob es ihn nit friere, dieweil er so gar nackend ginge. Friere ihn doch auf dem Roß, wiewohl er wohl kleidet wäre. »Wie?« sprach der Landsknecht: »Ist es denn kalt?« Tat also ein Finger zum Netz hinaus, zuckt den alsobald wieder zurück und sprach: »Hautsch, hautsch, ist es so kalt!« Das der Junker wohl sah und ihn fragen ward: »Lieber, lehr mich, wie du es tust, daß dich nit friere! So will ich dir ein Kleid schenken.« Der Landsknecht war damit wohl zufrieden, und wie er das Kleid hatte, sagt er zum Junker: »Wohlan, fester Junker, so Ihr wollt, daß Euch nicht friere, so leget all Eure Kleider an! Denn ich all meine Kleider anhabe, darum mich nicht frieret.« Zog also davon und hat mit seiner Kunst ein Kleid bekommen. (100) Martin Montanus Ander Teil der Gartengesellschaft 1560 Schellenhenker zu Mühlhausen sucht ein Roß und reitet darauf Ein Dorf liegt bei Weißenburg, heißt Mühlhausen. In demselben Dorf wohnet ein Stuter oder Hirt, welcher die Rosse hütet. Ich weiß nicht, was dem guten Tölpel in Sinn kam oder weshalb er irr ging; das weiß ich wohl, daß er sich einbildet, wie er ein Roß verloren hätt, hinging und eben das Roß nahm, das er meinet verloren zu haben, sich darauf setzt und von einem Ort an das ander ritt, sein Roß zu suchen. Letztlich also auf dem Roß vor sein Haus kam und seiner Frauen klagt, wie er ein Roß verloren hätt und hätt es den ganzen Tag gesucht, könnt es nirgends finden und fürchte, er müsse es bezahlen. »O weh, lieber Mann«, sagt sein Frau, »was ist es für ein Roß?« »Ei, es ist des und des Bauren.« »Ei, du Narr«, sprach die Frau, »was suchest du das Roß? Du reitest doch darauf.« Als solches der Hirt hört, ab von dem Roß sprang, es besah und wohlgemut war, daß er es wieder funden hätt. Hernach ein Sprichwort ward: Du bist eben Schellenhenker von Mühlhausen, suchst das Roß und reitest darauf. (101) Ein Bauer sagt zu seiner Frauen, Fett, Schmalz und Brot wären sein Tod Ein Bauer hätt ein Weib, die ihm auch nicht nach dem besten zu essen geben wollt, sondern es viel eher und lieber guten Gesellen gab als ihrem Mann. Und auf ein Zeit war der Mann im Holz gewesen und gar spät fast sehr hungrig heim kam. Die Bäuerin, die ohnedas nicht gern viel kochet, ihrem Mann ein Schmalz und Brot machet und es ihm zu essen gab. 124 Dem Bauren schmeckt das Schmalz und Brot so wohl, daß er es ganz auffraß. Hernach sprach er zu seiner Frauen: »O liebe Frau, gib mir nicht so viel Fett, Schmalz und Brot! Denn sie sind mein Tod.« »Ach Gott«, dacht die Bäuerin, »wenn du nur tot wärest! So könnt ich doch fröhlich mit dem Pfaffen Buhlschaft pflegen.« Anfing und ihrem Mann die allerbesten Schmalz und Brot gab, die man finden möcht; davon der Bauer so feist ward als ein Mastsau. Als aber die Bäuerin sah, daß er allein feist davon ward, wollt sie ihm keins mehr geben, sondern nach einem anderen Weg lugt, wie sie des Pfaffen halben ihrem Willen ein Genügen tun möchte. (102) Ein Rebknecht beschläft seines Meisters Weib Ein Rebmann arbeitet auf ein Zeit mit seinem Knecht in den Reben. Und als es um Mittag war, sagt er zu seinem Knecht: »Knecht, geh heim und heiß dir Eier in Schmalz schlagen und iß, danach komm wieder heraus! So will ich dieweil draußen warten.« Der Knecht ging heim zu der Frauen und sprach: »Frau, der Meister hat gesagt, ich soll bei Euch liegen.« »Ei«, sprach das ungesalzen Fraulein, »du wirst's etwa wähnen.« Demnächst hinaus in die Reben zum Mann lief und sprach: »Mann, soll ich's tun?« »Ei du Närrin«, sprach der Mann, »hast's noch nit getan? Geh eilends heim und tu es!« (Er meinet aber, sie sollt ihm Eier in Schmalz geben). Die Frau nicht weiter fraget, demnächst heim lief und zum Knecht saget: »Jetzt glaub ich dir's erst, denn der Meister hat mich's selbst geheißen.« Der Knecht das Fraulein nahm, auf den Tisch leget, daselbst ihr ein gutes Fell herabhacket, danach sie laufen ließ. Da nun der Meister heim kam, da fing der Knecht an und beklagt sich, die Frau hätte ihm die Eier nit genug gebacken. Da das der Meister hört, ward er erzürnt und sprach zu der Frauen, sie sollte gedenken und die Eier ein andermal besser backen. Dessen der Knecht und die Frau wohl zufrieden waren und danach oftmals solche Eier buken und miteinander aßen. (103) Von einem Pfaffen, einem Meier, seinem Weib und einem fahrenden Schüler Ein Meierhof war nit weit von einer Stadt gelegen. Derselbig Meier hatte ein jung, gerad, stolz Weib, welche den Pflug zu Bett auch gar wohl führen könnt. Nun war in derselbigen Stadt, bei dem Meierhof gelegen, ein junger, frecher Pfaff, Pfarrherr zu Sankt Brixen; derselbig machte Kundschaft zu dem Meier. Er hat sich wohl gedacht, wenn er des Mannes Huld und Freundschaft hätte, so wollte er der Frauen Huld und Freundschaft auch bald bekommen und sie zu seinem Willen bringen, wie denn auch geschah. Nun hatte der Meier diesen Brauch: Wenn er in die Stadt kam, so soff er sich den Boden voller Weins, kam auch nit heim, es wäre denn finster Nacht, wie man denn derselbigen Bauren noch viel find't. – Wenn dann der Pfaff den Meier in der Stadt ersah, verfügt er sich schnell auf den Meierhof, besang der Meierin die Kapellen und gab ihr eins, sie hätt zwei dafür genommen. Einsmals begab es sich, als der Meier abermals in die Stadt gefahren und der Pfaff ihn gesehen hatt, vermeinte er, er würde abermals seiner alten Gewohnheit nach vor Nacht nicht heim kommen. Da machte er sich auf und dem Meierhof zu, überzog die Meierin geschwind ein-, zwei-, dreimal aufeinander, denn er hungrig und begierig war. Danach saßen sie zusammen, zechten und waren leichtsinnig, vermeinten nit, daß der Meier so bald zu Haus kommen sollt. Als sie aber also beieinander sitzen, kommt ein armer Schüler, singt vor der Tür und begehrt etwas um Gottes willen. Die Meierin sagt zu dem Pfaffen: »Ich will ihn hereinlassen, so zecht er auch mit; es möchte auch noch etwan ein frommer Priester aus ihm werden.« Der Pfaffe sagt: »Ach, Liebe, laß ihn draußen und gib ihm etwas vor die Tür! Er möchte sonst gedenken, was wir zwei also einig miteinander zu tun hätten.« Die Frau sprach: »Was wollt er gedenken? Er ist ein junger, einfältiger Knab. Ich will ihn hereinlassen.« Also gesprochen und getan ein Ding war. Als sie aber im besten Zechen waren, kommt der Meier zum Hof herein, find't die Haustür verschlossen, klopft an und begehrt hinein. Wer war in größeren Ängsten als der Pfaff und die Frau. Sie hat aber gar behend ein List erdacht, wie ihr dann hören werdet. Auf denselbigen Morgen hatte die Frau ein Bauch Wäsche ausgewaschen und die Bauchbütten zu ihrem Glück in die Stuben nit weit von der Türen gestellt. Darunter sie den Pfaffen verbergen tat, ging schnell hinaus, tat dem Mann die Tür auf, empfing ihn freundlich und sagt: »Hätte ich gewußt, daß du so bald kommen wärest, ich wollt dein mit dem Essen gewartet und länger verzogen haben. Aber du findest dennoch noch dein Teil.« Mit dem beide in die Stuben gingen. Da er in die Stuben kam, fand er den Schüler am Tisch sitzen, fragt, wie er herein kommen oder was sein Geschäft wäre. Er antwortet und sprach, er wäre ein fahrender Schüler und käme aus Frau Venus' Berg, wäre vor den Hof kommen, das Almosen zu heischen, da hätte ihn die Frau hereingelassen, das Morgenmahl mit ihr zu essen. Der Meier fragt ihn weiter, wie es in Frau Venus' Berg stünde, ob der Tannhäuser noch lebte und ob er auch etwas mit der schwarzen Kunst könnte. Der Schüler sagt, ja, er könnte sehr wohl damit, und so er ihm etwas schenkte, so wollte er den Teufel beschwören, welcher kurz an verschiedenen Tagen auf den Hof kommen und ihm ohn sein Wissen viel Leids zugefügt; und zu besorgen war, wo er nit beschworen würd, noch weiteres tun würde. Der Pfaff saß unter der Bütten und war in tausend Lasten, besorget, wo er ihn verrate, würde er vom Meier totgeschlagen. Als nun der Meier solches gehört, sagt er: »Wohlan, ist ihm dann, wie du gesagt hast, so beschwör den Teufel, daß er nit wieder hereinkomm, hinaus! So will ich dir zehn Gulden schenken.« Der Schüler sagt weiter, er müßte zu solchem Beschwören Gold und Silber in der Hand haben. Da das der Meier hört, gab er ihm ein Goldgulden und ein Taler in die Hand. Als er nun das Geld in der Hand hatt, nahm er ein Kreid, machte viel seltsame Kreuz und Charakter auf den Tisch, an die Erd, an die Wand, an die Stubentür und auf die Butt, darunter der Pfaff saß, fragte den Pfaffen hiermit in Latein, was er ihm schenken wollt; so wollte er ihm davonhelfen. Der Pfaff fing unter der Bütten an zu reden mit einer grausamen Stimm, verhieß ihm auch zehn Gulden zu geben, sagte ihm hiermit, daß er in der Stadt daheimen und Pfarrherr zu Sankt Brixen wäre. Als aber der Meier den Pfaffen unter der Bütten reden hört, vermeinte er nit anders, denn es wäre der lebendig Teufel, machte viel Kreuz für sich, bat den Schüler, Sorg zu haben, damit niemand an dem Leben geschädigt würd. Der Schüler sprach, er sollte ohn Sorg sein, er wüßte wohl mit der Sachen umzugehn. Auf solches sagte der Schüler weiter zum Pfaffen, jetzt wollte er hinausgehn und die Haustür weit aufsperren, danach wieder hinein in die Stuben gehn, die Bütten allgemächlich der Stubentür zurücken und alsdann ihn mit der Bütten zur Stubentür hinausstoßen und die Tür zutun; da sollte er sich davonpacken. Der Pfaff gab aber mit grausamer Stimm Antwort und sprach, er sollte der Sach also nachkommen. Auf solches ging der Schüler hinaus, tat die Haustür auf, ging wieder in die Stuben, machte abermals wie zuvor viel seltsames Gaukelwerk, rückte hiermit die Bütten der Türen zu, stieß sie samt dem Pfaffen hinaus, schlug die Tür zu und sagt: »Fahr aus, du böser Geist, und laß dich forthin zu dem Meier nit mehr hinfinden! Anders wird es dein übel gewartet werden.« Hiermit lief der Pfaff für tausend Teufel der Stadt zu. Als aber der Meier den Pfaffen ein wenig erblickt, sagt er: »Pfui dich, du schändlicher Teufel, wie siehst du dem Pfarrherrn zu Sankt Brixen so gleich! Und wenn ich ihn heut am Morgen nit in der Stadt gesehen, hätt ich gänzlich vermeint, du wärest's. Aber Gott sei Lob, daß der schändlich Teufel hinweg ist!« Gab hiermit dem fahrenden Schüler sein verheißen Geld und ließ ihn davonziehen. Ob aber der Teufel danach wieder auf den Hof kommen, weiß ich nit; denn ich bin nit so lang da blieben. (104) Geld begehrt eines Bauren Sohn von seinem Vater Ein Bauer hatt ein Sohn studieren. Derselbig ihm auch ein wüst Loch in den Säckel macht und die roten Pfennig tapfer ausblies und doch nichts studiert; da es der Vater nicht verstund. Und auf ein Zeit kam der Sohn wieder heim und wollt mehr Geld holen. Den guten Mann schier die große Vergeudung seines Sohns verdrießen ward und war auch seinem Säckel schier zuviel gewesen. Und eines Tages lud er Mist. Da stund der Sohn vor der Türen und sah ihm zu. Da sagt der Vater: »Sohn, was heißt ein Gabel auf Latein ?« Antwortet der Sohn: »Gäbelinum.« »Was heißt Mist?« Antwort: »Mistelinum.« »Was heißt ein Wagen?« »Wagelinum.« »Ei«, sagt der Vater, »so nimm in tausend Teufel Namen das Gäbelinum und wirf das Mistelinum auf das Wagelinum!« Dem Sohn die Mistgabel in die Hand gab und sprach: »Das sei forthin dein Schreibfeder, und laß Studieren Studieren sein!« (105) Ein Vogt fährt aus einer Stadt auf einem Wagen und muß in der Kotlachen absitzen Nahe bei einer Stadt in einem Flecken saß ein Vogt, der auf ein Zeit von einem Rat in die Stadt gefordert ward. Ich weiß nicht, was der gut Gesell gegessen oder getan halt; das weiß ich wohl, daß man ihn des Amts entsetzt und ein andern Vogt an seiner Statt verordnet. Dessen der gut Herr Vogt traurig ward und also in einem großen Unmut zur Stadt hinaus heimwärts ging. Als er nun ein Weglein gangen, fuhr ein Bauer aus seinem Dorf, der ohn Zweifel nichts darum wußte, daß sein Vogt abgesetzt war, hernach und schrie den Vogt an: »Herr Vogt, sitzet auf den Wagen und fahret mit mir heim!« »Ei, liebes Bäuerlein«, sagt der gewesen Vogt, »ich will fein allgemach heimziehen. Fahr du nur hin! Ich mag nicht fahren.« »Ei, mein Herr Vogt«, sagt der Bauer, »sitzet auf den Wagen! Was wollt Ihr lang gehn und müd werden? Fahrt mit mir fein allgemach heim!« Nun, der Vogt ließ sich nicht lang bitten, setzt sich auf den Wagen und fuhr dahin. Und als sie eine Weile gefahren waren, fing der Vogt an und sagt: »Bäuerlein, weißt du nichts Neues?« »Nein, wahrlich, Herr Vogt«, sagt der Bauer, »ich weiß nichts Neues, ich hab nicht gefraget. Wißt Ihr nichts Neues; Ihr Vogt wisset allwegen etwas Besonderes.« »Ja wahrlich, Bäuerlein«, sagt der Vogt, »ich weiß wohl etwas Neues: Ich bin nicht mehr Vogt. Heutigentags hat mich ein Rat abgesetzt.« Nun war der Bauer eben in ein große Lachen mit dem Wagen kommen, da der Vogt solche Wort gered't hatt. Und da er hört, daß er nicht mehr Vogt war, sprach er: »Wie, bist du nicht mehr Vogte« »Nein, wahrlich«, sprach er, »ich bin nicht mehr Vogt.« »Bist du denn nicht mehr Vogt, so mußt du auch nicht mehr fahren.« Also mußt der gut Vogt in der Lachen absitzen, Gott geb, er sehe sauer oder süß dazu. (106) Einer gibt dem Schultheißen fünf Schilling und schlägt ihn an den Hals, daß er zu Boden fallt Ein seltsamer, wunderbarlicher Abenteurer war auf ein Zeit, der ein Neid Haß zum Schultheißen in seinem Flecken trug, doch denselbigen gegen ihn nicht dürft ausziehen austragen , denn er weitere und größer Straf besorgen mußt. Nun auf ein Zeit es sich begab, daß sie beieinander in einer Zech saßen und fröhlich und guter Ding waren. Und nun der gut Gesell einen guten Trunk überkommen, stund er auf, hinaus ging und sich (mit Gunst zu melden) des Wassers entblößt. Nun lag aber dem Kerl die Schmach noch im Sinn, so er ihm vielleicht bewiesen hatt, derhalben hinein ging, vor dem Schultheißen stund und fraget: »Herr Schultheiß, was ist der Frevel, wenn einer dem andern an den Hals schlägt;« Der Schultheiß, der da nicht meint oder hoffet, daß der Gesell um Arges wider ihn fraget, antwortet und sprach: »Es ist fünf Schilling der Frevel.« Der seltsam Kunde den Säckel bald aufzog, fünf Schilling heraus zählt, den Schultheißen damit an den Hals schlägt, daß er über den Stuhl abfiel, und ihm fünf Schilling darlegt und sprach: »Sieh hin, da hast fünf Schilling!« Ach Gott, was wollt der gut Schultheiß tun? Die fünf Schilling hinnahm, wohl gedacht, wenn er ihn schon verklagt, daß er verlieren würd und dazu den Spott zum Schaden haben müßt, hinzog und forthin nicht mehr saget, was der Frevel wäre. (107) Ein Gast sagt zum Wirt, er sollt ihm das Fleisch aufschneiden Auf ein Zeit kam ein Gast in eines Wirts Haus, ohn alle Wahl Zweifel ein abgefeimtes Kind. Dem bracht oder stellt die Wirtin Fleisch vor, daran der meiste Teil Bein war. Als solches der Gast sah, steckt er beide Hand in den Busen, zugleich, als ob er lahm wäre, ruft den Wirt und sprach: »Herr Wirt, kommt her und schneidet mir mein Fleisch auf. Denn ich in den Händen nicht so stark bin, noch das vermag aufzuschneiden.« Der Wirt dem Gast gern willfahren und das Fleisch vorschneiden wollt, da war es lauter Bein. Und er sagt: »Lieber Gast, darum hast du das Fleisch nicht können zerschneiden.« Ihm ein ander und besser Stück Fleisch bracht und danach die Zech schenket und ließ ihn hinziehen. (108) Die erste große Erzählstoffsammlung Hans Wilhelm Kirchhof Wendunmut 1563-1603 Ein reicher Bauer heiratet zum Adel In dem Land zu Thüringen wohnete ein sehr reicher und betagter Bauer, der hatt nicht mehr denn einen Sohn, Parcius genannt, der nach dem Tod seines Vaters mit der Mutter haushielt und solcher großen Güter einziger Erbe, doch dabei ein rechter Narr, Phantast und unverständig Schaf war. Nachdem gewann er, nicht weit von ihm daheim, eine edle Jungfrau heftig lieb, gelanget an ihre Eltern, daß sie ihm werden möchte, er wollt sie zum Weib nehmen. Ob nun schon die Eltern dieser Jungfrau von Adel, doch aber geringen Vermögens waren und wohl besorgten, daß ihres Stands niemand bald ihrer Tochter begehren würde, derhalben durch diesen Reichtum bewegt, nahmen sie nicht lang Bedenkzeit, ihm seine Bitt zu gewähren und »ja« zu sagen. Die Mutter aber dieses Wenigwitzigen, der am besten seine Geschicklichkeit bewußt war, auf daß nicht vielleicht die Jungfrau ihn wegen seines Unverstands verschmähe, gab sie ihm, so gut sie vermochte, Unterricht, was für Sitten und Gebärden an denen Enden sich geziemten und er gebrauchen müßte. Und sonderlich dadurch bewegt, wie ihr Sohn zum ersten Mal bei der Jungfrau und die Heirat beschlossen gewesen, hat sie ihm von neuer Freundschaft wegen ein Paar weiße Handschuh von dem subtilsten und köstlichsten Fellwerk, Fehen genannt, geschenkt, welche er im Heimgehen, als es einen sehr großen Regen tat, gar zunicht machet und verderbet. Darum ihn sein Mutter strafet, und »Lieber Sohn«, sprach sie, »solche Handschuh solltest du fein in deinem Busen bis heim getragen und von deiner lieben Braut wegen lang behalten haben.« »Nun seid zufrieden, Mutter«, sagt er, »ein ander Mal will ich sorgfältiger sein.« Und als er in kurzem wieder bei seiner Braut zu Gast gewesen, beehret ihn ihr Vater mit einem Habicht, sprechend, daß er von guter Art und solches an seinen Anzeigungen zu sehen war. Der gut Bräutigam gedacht an seiner Mutter Unterricht und, daß er nicht abermals von ihr gefilzt, den Vogel besser denn die Handschuh zu verwahren, und steckt ihn in sein Ärmel. Wie er aber heimkommen, sprach er: »Mutter, ich bin Eurer Worte nicht allerdings vergessen und habe das, so mir jetzund geschenkt, fleißiger aufgehoben.« Wollt ihr damit den Vogel zeigen, da hatt er ihn erdrückt. Wer war leidiger denn sie beide? »Ach«, sagt die Mutter, »du solltest das selbst wohl gedacht haben, daß er also nicht lebendig bleiben könnte, und ihn fein auf der Hand getragen haben.« Zum dritten Mal wollt er besehn, wie es um seine Vertraute getan sei, und reitet dahin, sagt und bekennet alles, wie es ihm mit den Handschuhen und dem Vogel gangen war. Darum sie wohl abnehmen konnten, was er für ein Mann war. Und wie er wieder abscheiden wollte, begabt ihn seine Schwiegermutter mit einem hübschen neuen Sieb. Das führt er auf der Hand, wie er den Habicht sollt tragen haben. Derwegen ihn sein Mutter abermals straft, sagend, er sollt es fein hinter sich auf das Pferd gebunden haben. Ihm war aber wie den Narren allen, die kein Laufen verdrießt. Denn sobald er zu seiner Mutter Haus kommen, waren dies seine ersten Gedanken, wann er wieder zu seiner Braut reiten wollt, wie er denn noch zum vierten Mal auch tat. Dieselbige samt ihrem Vater und Mutter merkten wohl, daß ihr Bräutigam mit einem Geck beladen und ihm nichts Köstliches nütz war. Doch aber, daß sie ihn nicht leer und unbegabt von sich ließen, schenkten sie ihm ein schöne und große Seiten Speck. Es ward ihm aber seiner Mutter Red, daß er das Sieb sollt hinter sich auf den Gaul gebunden haben, eingedenk, und er band den Speck seinem Pferd an den Schwanz. Darum, ehe er heim kam, hatt er den an den Sträuchern und Dornen allerdings zerrissen, dazu im Kot, was noch daran hing, verwüstet und beschmieret. Die Mutter erschrak über ihres Sohns Torheit und befürchtete, daß vielleicht derhalben die Freierei gar durch den Korb fallen und sie ihm würd abgeschlagen werden. Ging selbst zu der Jungfrau und ihren Eltern, mit ihnen, wann das Beilager sein sollte, sich zu unterreden, und befahl ihrem Sohn, dieweil sie aus wäre, im Haus alles zum fleißigsten zu versehen. Als er aber ganz allein, denn das Gesind alles auf dem Feld und an seiner Arbeit war, gedacht er auch einmal einen guten Mut zu haben und Herr zu sein, ging in den Keller, Wein zu holen. Und wie er ihn aus einem Faß lassen wollte, entfiel ihm der Zapfen in die Kanne. Darum hatte er Sorg, sollt er den Zapfen wieder heraus haben, müßt er den Wein ausschütten, und ließ den Wein aus dem Faß immer laufen, so lang, bis nichts mehr darin blieb. Daß solches sein Mutter nicht sehen sollte, nahm er ein Sack mit Mehl und streuet das in den Keller. Nachdem dieser Rat gestiftet, gehet er nach der Stuben. Unter der Stiegen aber saß ein Gans und brütet Eier aus. Die erschreckt er mit seinem Rollen und Hin- und Widerlaufen, daß sie schrie: »Gag gag gag.« So verstund der Tölpel, die Gans sprach: »Ich will's sagen.« Nämlich was er im Keller ausgerichtet. Erwischet sie und hieb ihr den Kopf ab. Nun besorgt er, die Eier würden verderben. Dasselbig aber zu verhüten, nahm er ein Fäßlein mit Honig, das in der Speiskammer stund, bestrich seinen ganzen Leib damit, schneidet danach etliche Bettkissen und Pfühlen auf, klebt die Federn an sich und saß anstatt der Gans auf den Eiern. Indem kommt sein Mutter wieder, klopfet an die Tür (denn er hatt sie hart verschlossen) und ruft ihn bei seinem Namen. Antwortet er immerdar »gag gag«, denn er meinete, dieweil er auf den Eiern saß, war er auch ein Gans. Letztlich nach vielen Dräuworten seiner Mutter macht er ihr die Tür auf. Da befand sie allenthalben, wie ihr Sohn hatt hausgehalten. Doch darum, daß kurz nach ihr die Braut auch kommen würde, mußt sie in diesem allen Geduld tragen und erweiset ihn, mit was für Zucht und Gebärden er die Braut empfangen, auch wie er sich über Tisch mit Vorlegen und anderer Höflichkeit halten, nämlich, daß er seine Augen freundlich und fröhlich gegen die Braut werfen sollte; über Tisch, wenn er ihr wollt vorlegen, müßt solches fein sittlich, mit einem Messer geschehen; die Erbsen mit Löffeln zu essen und die Eier in vier Teil, wenn sie hart wären, zu zerschneiden war der Gebrauch. Die Bein von dem Fleisch gebührten sich fein auf den Teller zu legen. Und wie sie es wußt, kehret sie allen Fleiß an. Dies alles vollbracht er wie folgt: Gehet sobald in seiner Mutter Schafstall, stach mehr denn hundert Schafen die Augen aus, und wie sein zukünftig Ehegemahl kommt, wirft er ihr dieselben alle nach dem Kopf, daß sein Mutter genug hatt, ihn hinwegzuziehen. Danach, wie sie zu Tisch gesessen und Erbsen mit Speck (denn auf den Dörfern sein wenig Feigen zu kaufen) aufgetragen, langet er mit dem Messer ein Erbse auf seinen Teller, schneidet sie in vier Schnitt und leget seiner Braut eins vor. Sein Mutter ersah es und sprach: »Lieber Sohn, die Erbsen isset man mit Löffeln.« – »Gut ist es«, antwortet er, »daß Ihr mich daran erinnert. Wer kann aber immerdar alle Ding gar in Acht haben?« – Nach den Erbsen brachten sie Eier, die wollt er da mit einem Löffel essen, vermocht aber doch nicht mehr denn eins zumal darin zu behalten. – Wie das Fleisch und Gebratenes auf dem Tisch stund, nahm er sich vor, sich hoch zu verbrechen gut zu verhalten und weislich zu stellen, griff in die Schüssel mit der Hand, langt ein Stück Fleisch heraus, steckt es an sein Messer und legt es vor seine Braut. Also auch das Salz nahm er mit den Fingern aus dem Salzfaß und legt es danach auf das Messer, stieß daneben mit beiden Händen ein, daß er schäumet wie ein Eber. – Indem fährt ihm etwas in die unrechte Kehlen, daß er anhebt zu husten und ihm ein großer Kengel aus der Nasen vorn auf ein Ärmel fiel. Vorhin aber hatt ihn sein Mutter unterweiset, da es ihm vonnöten, sollt er sich in ein Tüchlein, das er bei sich trug, schneuzen. So verstund er das Tischtuch und klebt darein ein ziemlichen Spiegel. – Fürder, als die Mahlzeit schier geschehen, gedacht er abermals an seiner Mutter Lehr, die Bein auf den Teller zu legen, rüstet und strecket seine Bein und bäurische Schuh unter dem Tisch hervor, sie auf den Teller zu bringen. Dies kam ihn aber so sauer an, daß ihm ein großer Komphart Furz entwischet. Wiewohl er nun, wie gehört, ein ungehobelter, phantastischer Büffelskopf war, bracht doch sein großes Gut, welches die meiste Freierei zuwegen bringet, fürder es dahin, daß er die Jungfrau behielt und mit ihr Hochzeit hatt. O was für eine Freude wird sie bei ihm gehabt haben, wie ein Hund im Brunnen! (109) Von einem Bürgermeister und seinem Küraß Dieweil es dahin kommen, daß die Bürger auch edel sein und alles, was dem Adel zustehet, nit allein nachtun, sondern auch in vielem denselben übertreffen wollen, wird durch solche Affenhoffart mancher Pfennig unnütz ausgespildet. Jetzt, gemeldeter Weis, hat einen Bürgermeister zu Duderstadt der Hund Ladunken nicht ein wenig verletzt (wie ich manchmal von meinem Vater gehöret). Denn er vermeinet ja sowohl ein rittermäßiger Mann als die vom Adel zu sein und ließ sich zu Erfurt einen ganzen Küraß schlagen. Als derselbig gemacht und der Plattner ihn dem Bürgermeister heimbracht, er ihn ihm anlegt, zu besehen, wie er sich schickte. Nachdem aber alle Schrauben und Band, wie sich gehöret, verschlossen und zugemacht, fraget der Bürgermeister den Plattner: »Meinet Ihr auch, wenn ich also gewappnet bin, daß mir jemand Schaden möge zufügen?« »O gar mitnichten!« antwortet der Meister. »Fürwahr also ich auch«, saget der Bürgermeister, »kann mir jetzund niemand was tun, ich noch einem andern viel weniger.« (110) Von einem Bauren und seinem Panzer Harnisch ist gut, spricht man, wer es zu brauchen weiß; wie jener Bauer getan hatte, der ein Hufeisen fand und steckt's untern Gürtel. Danach schoß einer mit einem Pfeil nach ihm und traf ungefähr das Eisen, sonst hätt es sein Leben gekostet. Dieser Meinung war auch ein Baurenknecht, in der Artillerie Anno 1546 vor Gengen. Derselbig fand im Lager ein Stück Panzer, etwa eine Handbreit, gedacht dasselbe besser zu gebrauchen, bracht es dem Schneider, der ihm ein Paar Kriegerhosen (wie sie die hessischen Bauren nennen) machte, und befahl ihm, das Stück Panzer ins Wams vor das Herz zu nähen. Der Schneider sagt ihm das zu, und als das Kleid fertig, nähet er den Panzer zwischen das Futter an den Hosen hinten am Gesäß. Der Bauer aber, wie er die neuen Hosen und Wams anlegt, suchet und greift er fast mit Fragen nach dem Panzer. Antwortet der Meister, er soll zufrieden sein und, daß ihm's nicht am rechten Ort gemacht, gar keinen Zweifel tragen, damit er sich schweigen beschwichtigen ließ und froh war, wo auch der Panzer bliebe. Nun weiß ein jeder, der im selbigen Zug mit gewesen, daß der großen Menge und langwierigen Lagers halber daselbst die Fütterung zum letzten drei Meilen und weiter mußt geholet werden. Wer läßt sich aber gern das Sein mit Gewalt nehmen, voraus, wenn er's wenden kann? In solchen Händeln macht der Schmerz und der Güterverlust, daß auch die Kleinmütigen, der Räch begierig, mit Gefahr ihres Lebens sich verwagen. Also taten die verderbten Bauren auf den umliegenden Dörfern diesmal auch; wo sie die, die aus dem Lager nach Stroh, Heu, Habern usw. kommen, nit mit Worten abschrecken konnten, gaben sie ihnen am Hundshabern zu dreschen. Samt andern wenigen Wagen hatt sich Obgemeld'ter mit dem Panzer zu weit vertan, und als sie schon ohn vorhergemachte Bedingung die Frucht aufladen wollten, wischten die, so sie zustund, mit Flegeln und Gabeln plötzlich hervor, ihnen den Kauf dazuzuschlagen. Die aus dem Lager hatten zu wenig Geld mit sich genommen und mochten diesen Markt nicht halten, liefen derhalben weidlich um den Barchent. Oh, wie ging es dem einen so übel! Der blieb mit seinen Kriegerhosen, wie er über einen Zaun springen wollt, behängen, einer aus dem Gegenteil säumt sich nicht lang, sticht diesen hinten vor, daß die Schnitt Nähte an den Hosen brachen, er herab fiel und also entlief. Von solchem Stoß empfand er Schmerzen, vernahm doch nit, daß er wund war, besah derhalben seine Hosen, wird des Panzers, der den Stich aufgehalten hat, gewahr; und sobald er ins Lager wiederkommen, ging er zum Schneider, tat sein Hut ab, dankt ihm und sprach: »O lieber Meister, Euch soll ich billig Lob nachsagen: Ihr seid der rechte Mann und wisset, wo mein Herz liegt.« (111) Einer errettet sich selbst vom Tod Einer ward auch in der Belagerung von Schweinfurt, um daß er etwas wider den Articul verbrochen, dem Profossen zu verwahren befohlen. Nun hatt er wohl Sorg, daß das Wasser über die Körb gehen und seiner Gans den Kragen kosten würde; darum gedachte er es aufs Geratewohl zu wagen. In einer Nacht, als er wahrgenommen, daß der Profoß, seine Diener und sonst jedermann, weil sie trunken waren, schliefen, zog er die Hand, damit er eingeschlossen war, aus den Eisenbanden (denn er hatt es vorhin probieret und bis zu gelegener Zeit gesparet), erwischet ein Glas, darein er in der Eil sein Wasser ließ, ging danach stillschweigend zu des Profossen Pferden, nahm das, das er pflog selbst zu reiten, saß da auf und macht sich davon, daß es niemand innen ward. Dieweil er aber überall Bescheid wußte, ritt er zu der Wache, da er am wenigsten mocht erkennet werden, sprach ernsthaft, daß sie ihn reiten ließen, der Profoß war so heftig krank worden, daß man sich seines Lebens verwege sorge , und sei er darum mit seinem Harn in dem Glas nach Coburg, daselbst vom Doktor Rat zu fragen, eilends abgefertigt. Diese Red (denn er wußte sie so nötig auszuspitzen) hielten sie als wahrhaftig und gestatteten ihm durch die Wache, auch dieweil sie des Profossen Pferd kenneten, davon zu reiten. Kein Mensch war dessen mehr denn er selbst erfreuet, ließ den Gaul laufen, was er aus den Bügen vermocht, bis es Tag und ihn fern genug zu sein deuchte. Da stieg er ab, befahl einem Bauren, das Pferd im Lager dem Profossen wieder zu überliefern, auch daneben, daß er ihm's so weit geliehen hätte, freundlichen Dank zu sagen. Ob dies zu schelten sei, weiß ich nicht und laß es einen, der verständiger ist, beurteilen. Wem das Wasser an den Mund geht, muß schwimmen lernen oder ertrinken. Zwar ich bin diesmal nicht in diesem Lager, aber bei dem andern Haufen vor Plassenburg gewesen; doch hab ich die erzählte Historie, als die mit der Wahrheit übereinstimme, im Beisein vieler ehrlicher Leut einen gehört rezitieren. Also schreib ich auch davon. (112) Ein Landsknecht bittet Sankt Nikolaus Sehr lang ist es her, daß ich glaub, es sei nimmer wahr, da kam im Herbst und großen Regenwetter ein armer Bruder, der gern auf der Bletzmühlen zu mahlen pflegte, in ein Dorf, übel gekleidet und krank im Säckel. Derhalben er von des großen Gewässers wegen etlich Tag daselbst verharrete, mittlerzeit aber einmal, zwei oder drei vor Langeweil in die Kirchen spazierte und vor einem großen Bild des Sankt Nikolaus betete und sprach: »O heiliger Herr Sankt Nikolaus, bescher mir armem Schlucker, in Betrachtung, daß ich dir all mein Tag gedienet und deinen Tag geehret hab, einhundert Goldgulden; und wo ein Pfennig daran mangelte, so nahm ich's nit.« Solch Gebet und Wort sprach er, sooft er in die Kirchen kam, und wiederholet sie zum vierten oder fünften Mal. Ein reicher alter Pfaff, der allweg seine Frucht, bis es teuer ward, hielt und verkaufte, nahm dieses Menschen und seines Gebets Achtung und gedacht bei sich selbst: »Ein wunderbarer Hahn muß dieser sein, wollt er hundert Gulden, darum, daß ein Pfennig daran mangelt, nit nehmen ; Ich schlug's nit ab, wer mir ein Kreuzer schenkte, wollte ihm dafür auch ein Meßlein überrumpeln. Ich kann ihm seine Wort nit wohl glauben und muß es versuchen.« Des Morgens, als noch niemand in der Kirchen war, nahm er neunundneunzig Goldgulden und legt sie dem Sankt-Nikolaus-Bild in den Kopf, denn es war hohl, und wartet, was doch der ander tun würde. Es bestund nit lang, der Landsknecht kommt, gehet bei dem Bild her, siehet's über die Seiten an und sagt im Zorn: »O du karger und ohnmächtiger Nikolaus, ich merk, es muß das Geschrei, so von dir ausgebreitet wird, erlogen sein, oder du mußt nichts mehr haben, und sollst also keinen mehr betrügen.« Zog seinen Degen heraus und schlug das Bild, daß es zur Erden und die Gulden ihm aus dem Kopf fielen. »Sieh«, sprach der Landsknecht, »ist dir also zu helfen; Du tust noch wie die Reichen und Kargen all: Bitten will nit helfen. Drum, wer was von dir haben will, muß dich überschnarchen!« Hob also die neunundneunzig Goldgulden auf, steckt sie in seinen Säckel. Der Pfaff sprang zu und sprach: »Mir nit also! Das Geld ist mein, ich hab es dahin verborgen.« »Das wird nicht sein«, sagt der Landsknecht, »ich hab für mich allein gebeten, und es ist mir beschert. Willst du was haben, sieh selbst, wie du tust; hier wird dir nichts von werden.« Der Pfaff wollt nit nachlassen, bringt den Handel vor den Schultheißen, klagt diesen an, wie er ihm das Seine genommen und vorenthielte. Der Landsknecht aber erzählet dem Schultheißen, dem all des Pfaffen Aufsätzigkeit und Geldgierigkeit zu wissen war, allen Handel. Darum ward ihm von demselbigen das Geld zu behalten zuerkannt; darüber mußt ihm der Pfaff, daß er ihn fälschlich der Dieberei geziehen, ein Widerspruch tun und für die Schmach noch zehn Gulden geben. (113) Betrug der Stationierer Ein Stationierer gab vor, er könnte die Seelen aus dem Fegefeuer mit seinem Heiligtum und Ablaß, den der heiligste Vater, der Papst, dazu gegeben, erretten. Da trat zu ihm ein Landsknecht und sprach: »Herr, wenn ich gewiß wüßte, daß die Seelen meiner Eltern und Freunde erlöset würden, so hab ich noch zwei Gulden, die wollt ich daran wagen.« Der Stationierer aber sprach: »Was ist dein Vater für ein Mann gewesen?« Sprach der Landsknecht: »Er war ein frommer Mann.« Darauf sagt der Stationierer: »So ist er nit in der Hölle.« Und fragte weiter: »Tut er auch Wunderzeichen;« »Nein«, sprach der Landsknecht. Sprach der Pfaff: »So ist er im Fegefeuer.« Darum gab ihm der Krieger ein Batzen und erlöset damit seinen Vater. Danach fragt er seiner Mutter halben, ob's auch möglich, dieselbige zu erlösen. Da erforschet der Betrüger wie zuvor vom Vater und vermutet daraus, daß sie auch im Fegefeuer säße. Alsdann gab der Kriegsmann abermals ein Batzen und also fort für die andern seiner Freunde, daß er vierzehn Seelen mit vierzehn Batzen aus dem Fegefeuer erlöset. Darauf sprach er: »Herr, bin ich gewiß, daß sie nun erlöset und selig seind?« »Ja«, sagt der Pfaff, »ich schwöre dir dessen einen Eid.« »Wohlan«, sagt der Landsknecht, »Herr, Ihr habt gern Gold. Gebt mir die vierzehn Batzen wieder, so will ich Euch ein Goldgulden dafür geben!« – Da gehorcht ihm der Stationierer und gab sie ihm. Die nahm der Landsknecht wieder zu sich und sprach: »Die Seelen seind nun im Himmel, kommen nicht wieder heraus. Ich bedarf des Geldes baß denn Ihr, lieber Herr!« Behielt das Gold und die Münze miteinander und ging also davon. (114) Einem wird sein Tasch gestohlen Meßgewand und anderen – nach päpstlicher Ordnung – Kirchenornat hatte einer feil zu Frankfurt in der Messe. Ihrer kamen allenthalben her, die seine War begehrten. Ein Abenteurer, der abgemerkt, wie dieser Krämer viel Geld einnahm, kam in ehrbarer Gestalt, sich für einen Meßner oder Kirchner ausgebend, besah ein Meßgewand nach dem andern, und da er eins fand, das ihm beliebte, legt er dasselbig über seine Kleider an und gab vor, wie es ihn eben mit der Länge recht zu sein deuchte. Doch sagt er: »An einem andern könnte ich's besser sehen und urteilen, ob es auch für unsern Pfarrherrn wäre, der eben von Eurer Größe und Dicke ist. Herr Kaufmann, darum seid doch unbeschwert, es auch an zu versuchen, ob es fein glatt anliege! Eure große Taschen« – denn er hatte sie mit dem Gürtel an den Hals gehängt – »legt doch solang neben Euch auf ein Ort, die würde sonst vorn hoch auftragen und ein Ungewisses machen.« Der närrische Kaufmann glaubte diesem Betrüger und legt die Tasch, die voller Gulden und Geld war, von sich. Bald erwischt sie dieser und lief mit davon durch das Volk. Der Kaufmann vergaß das Meßgewand wieder abzulegen, so jach war ihm, diesem nachzueilen, lief und rief mit heller Stimme: »Halt, haltet den Dieb! Haltet den Dieb!« Der mit der Taschen rief eben auch also: »Haltet den Dieb!« Derhalben meinet jedermann, der das Meßgewand anhatt, wäre der Dieb, der es zu enttragen willens, fingen und hielten ihn mit Gewalt auf; und ehe sie von ihm gründlichen Verstand seines Rufens eingenommen, war unterdes der mit der Taschen sicher davon kommen. (115) Von der Mönche Geizigkeit Ein andächtiger Bruder und Mönch des Bettlerordens hatte einem sehr reichen Mann, der auf seinem Totenbett und in den letzten Zügen lag, Beicht gehöret. Nach der Beicht aber führet er des Mannes einzigen Sohn vor den Vater (denn in der Beicht waren sie gar allein gewesen) und erzählete ihm in Gegenwärtigkeit des Vaters mancherlei, so er seinen Ordensbrüdern für seine Seel zu bitten verheißen hätte zu geben; und daß er es selber hören sollte, wollte er den Vater, auf daß es möchte aufgezeichnet werden, noch einmal darum fragen, wie er auch tat. Der Kranke ward immerzu schwächer, und hatte ihm auch die Sprach nachgelassen; darum, als der Mönch fragte, ob er nit so und so viel in sein Kloster für Begängnis, Seelenmess', Jahrzeit, Kelche, Meßgewänder und viel anderes mehr zu geben verordnet, nickt er mit dem Haupt, ja zu bedeuten. Der Sohn aber vermerket nunmehr seines Vaters Unvernunft oder Verachtung der zeitlichen Güter, auch des Mönchs geizige Betrüglichkeit, sprach derhalben ihn also an: »Vater, soll ich den Mönch die Stiegen hinabwerfen?« Der gab darauf ein Zeichen mit dem Haupt, daß er es willig wäre. Derhalben nahm der Sohn den Mönch beim Hals, warf ihn zur Tür hinaus, daß er über und über purzelt, und sagt: »Siehe, dies hast du weg, und ist ohn Not, daß du es solltest aufschreiben und notieren.« (116) Zween Mönch wollen kein Fleisch, sondern Butter essen Bei einem Wirt auf einem Dorf kehrten ein zween junge Mönch des Bettlerordens, die Nacht über da zu bleiben. Der Wirt gedacht sie abzuschrecken und sagte: »Lieben Herren, Ihr kommet jetzund in ein kalte Küchen; ich weiß Euch nit nach Würden zu traktieren und hab, dieweil es weit von der Stadt und auf den Dörfern nichts zu bekommen ist, wenig kochen lassen.« »Lieber Wirt«, antworteten sie, »wir halten doch den Orden unseres Klosters, daß wir kein Fleisch essen. Wir wollen sonst mit dem, was Ihr uns gebt, vorlieb nehmen.« Der Wirt mußte zufrieden sein, setzet ihnen ein schönen frischen Butterwecken von etlich Pfund auf und langet ihnen zu trinken. Die schalkhaftigen Mönch aber merkten des Wirts Kargheit und daß er sie nicht gern beherbergte, wollten ihm derhalb ein geistlich Stücklein beweisen, nahmen die Butter, und schnitt ein jeder an einem Ort davon. Und da der Wirt sagte, warum sie nit an einem Ort zugleich schnitten, es wäre durchaus gute frische Butter, antworteten sie: »Es hat nit Not, frommer Wirt, solches schmecken wir wohl und wollen in der Mitte zusammen kommen.« – Diesen heiligen Männern hatte die Butter ein glatte Kehlen gemacht, derhalben auch der Wein desto besser fließen mochte und sie das Kännlein weidlich ließen umhergehen. Als sie nun die ganze Nacht bis an den hellen Morgen die Hundsmetten gesungen, unterstunden sie sich auch nach ihrem alten Gebrauch, mit einem »Gratias« zu bezahlen, weil sie vor dem Wirt anzeigten, daß sie kein Geld bei sich trügen. »Solchem widersprech ich mitnichten«, antwortet der Wirt, »ich hab die Gewohnheit, wer kein Geld hat, daß ich dem auch keins nehme, er muß mir aber sonsten dafür lassen, was ich bei ihm befinde; dergestalt werde ich mit euren Kappen jetzund handeln.« Neue Zeitung war dies den Mönchen, die ihnen nit gefiel, und begannen dem Wirt mit Dräuen und üblen Worten darum entgegen zu stehen. Derselbe aber rief zweien seinen Knechten, jedem, mit einem guten Tremmel Knüppel zu kommen, und sagt zu ihnen: »Nehm euer einer diesen und der ander jenen Mönch vor und sehet, daß ihr sie also treibet, bis ihr in der Mitte zusammen kommet! Ich will die Tür verwahren.« Jctzo wollte Lachen teuer werden, denn die Mönch mußten wider ihren Willen springen; und da ihnen das Bad wollte zu heiß werden, warfen sie mehr Geld von sich, denn sie verzehrt hatten und die Butter wert gewesen war, welche sie halb wieder fallen und dahinten ließen, sprangen zum Fenster hinaus und entliefen. (117) Von einem, der sich rühmt, edel zu sein Gen Sangerhausen, einer Stadt im Land zu Thüringen, da der notwendigsten und herrlichsten Bergwerk eins, so man zu menschlicher Notdurft gebrauchen muß, nämlich ein Salzwerk, ist, kam verjährter Zeit ein junger und von Person gerader und schöner Mensch, aber doch mit losen Federn, zerrissen Kleidern und übel angetan, fragt nach einem guten Wirtshaus, darin die vom Adel pflegten zu herbergen. Das ward ihm gezeigt. Er ging hinein, bat den Wirt, daß er ihn die Nacht beherbergte. Der Wirt sah ihn an, hatt wohl Sorg, daß ihn der Geldsack nicht hart beschweret, und fragt, was sein Hantierung war. »Lieber Wirt«, sprach dieser, »jetzund sehet Ihr allhier ein armen Gesellen. So Ihr aber, da ich daheim bin, wäret, würd vor Euch ein reicher Edelmann, der von altem und großem Geschlecht ist, stehen.« Der Wirt gedacht: »Ein Mahlzeit kann dich nit verderben.« Und hieß ihn in die Stuben, darinnen sonsten Bürger aus der Stadt saßen und fröhlich waren, gehen. Dieweil sie nun diesem Abenteurer nicht viel Ehr bewiesen, ihn nicht willkommen hießen oder den Hut abzogen, ward er nicht wenig bei sich selbst zu heimlichem Zorn bewegt, mußt doch schweigen so lang, bis daß ihm der Kopf heiß worden, und sprach, es wären unverständige, grobe und tölpische Leut in der Stadt, aus den Ursachen, daß sie einen Menschen vor dem andern und sonderlich einen Edelmann, wie er denn auch einer, nit zu halten und mit gebührender Ehrerzeigung zu empfangen wüßten. Diese Red wurde von den Bürgern etwas verdrießlich aufgenommen, und einer unter ihnen fragt und sprach, ob er denn ein Junker war. Antwortet der Fremde: »Ja, warum nit? Auch nit von dem geringsten Geschlecht einer.« »Lieber, verkreuch dich«, sagt der Sangerhäuser (denn man nicht wenig Speikatzen daselbst findet), »mit deinem Adel! Denn ich weiß einen Müller, dessen Esel ist viel edler denn du; so der Korn- oder Mehlsäck traget, wartet allwegen ein Knecht, der ihm nachgehet, auf ihn; du aber kommst daher, hast weder Esel noch Knecht, die dir dienen.« Was sollt der Junker hierzu sagen? Er gedacht: »Mit Stillschweigen kann man viel verantworten.« Unterdes redeten die andern von mancherlei Sachen und Kaufmannschaften; voraus der, so diesen, wie vermeld't, so spöttisch verhöret, rühmet von seinen Gütern und Reichtum, wie er des vorigen Tags mehr denn in die neunzig übergewichtige und kronenschwere Goldgulden eingewechselt und dieselbigen bei die anderen, mehr denn vierhundert, in ein schön eisern polieret nürnbergisch Kästlein, das inwendig mit rotem Samt bezogen, gelegt hätt. Diesem allen höret der Junker fleißig zu, erforschet von weitem von dem Hausknecht, wie dieser und etliche mehr hießen und wo er wohnet. Als nun jedermann fröhlich war und auf ihn kein Achtung gab, erwischet er heimlich des Rühmers gefüttert Barett, das bei dem Ofen auf seinem Rock lag, fügt sich heimlich zu dessen Haus, klopft an und sagt, er hätt mit der Frauen zu reden, welche sein Begehren anzuhören kam. Saget er: »O liebe Frau, Euer Hauswirt N., mein Herr, ist in meines Herrn N. Haus, da ich ein Knecht in bin, und hat N. sein Pfannenteil abgekauft, ihm – damit der Kauf nit hinter sich gang – etlich Gulden in Gold alsbald darauf zu geben sich verpflichtet und mich darum zu Euch hierher geschicket und befohlen, daß Ihr ihm vierzig Goldgulden aus dem polierten Kästlein, mit rotem Samt inwendig bezogen, durch mich senden wollet. Daß Ihr auch mir desto mehr Glauben gebt, hab ich zum Wahrzeichen allhie sein Barett.« Die gut Frau sah und hört, alles dieses war sein, unwissend aber des Betrugs reichet sie ihm die geforderten Gulden. Nachdem dieser wiederum (niemand war bewußt, wo er gewesen war) ins Wirtshaus kam, bestellet er, ihm ein große Kannen mit Wein zu langen, schenket dieselbig den Herren über den andern Tisch, setzet sich damit zu ihnen und sprach: »Niemand weiß, was in eines andern Beutel stecket, man soll auch keinen halten, wie man ihn ansiehet. Ich hab, gottlob, noch diese Nacht mein Zech zu bezahlen.« Langet und schmilzt allhand ein Goldgulden oder fünf auf den Tisch. Sie sahen einander an, sagten, er müßt ihnen die vorherige Vexation verzeihen, und baten, ob sie nicht die Gulden besehen möchten, denn sie gedeuchten sie sehr schön zu sein. »Von Herzen gern«, sprach er, »ich hab ihrer noch wohl mehr.« Langet derhalben noch bei zehn oder zwölfen aus seinem Wams. Sie fragten weiter, nachdem sie sich der guten Gulden verwundert hatten, ob er sie nit verwechseln wollte; er sollt etliche Groschen an jedem zu Gewinn haben. »Nit gern«, sprach er, »doch um Kundschaft zu machen, schlage ich's nit ab, denn ich behalte dennoch ein gut Teil.« Der ihm vorhin sein Armut verächtlich vorgeworfen, besah mit Fleiß diese Gulden, die gefielen ihm überaus wohl, bat die andern (dieweil er vorhin mehr Gulden solchen Schlags hatte und sie denselbigen ganz gleich), daß er diese allein möcht zu wechseln bekommen; er wollt ihnen allen ein gute Verehrung und für den auch, dessen die Gulden waren, die Zech bezahlen. Sie waren's willig, und bekam er von dem Fremden dieser Gulden zu großer Danksagung bei die dreißigen. Als aber solches geschehen, taten sie einen guten Schlaftrunk, daß der Bürger ganz wohl bezecht heimging und auch die andern allzusammen sich schlafen legten. Des Morgens tagt es diesem Edelmann gar früh, "und er packt sich hinweg. Der Wechsler aber, wie er erwacht, rühmt und zeigt seiner Frauen die schönen Gulden, fragt dabei, wie sie ihr gefielen, und berichtet ihr alle ergangenen Sachen. Wie heftig die gute Frau erschrak, ist nit zu sagen, denn sie merket bald, wie dies mit Hinterlist zugangen, mußte doch ihrem Mann Not halben, wieviel ihr hiervon bekannt und was sie dazu unwissend geholfen, anzeigen; der mit ihr derwegen übel zufrieden und gar nit zu versöhnen war, doch daß es nit jedermann erfahren würde, in ein sauren Apfel beißen, stillschweigen und den Spott zum Schaden haben mußte. (118) Ein reicher Karger schlachtet ein Sau Mit ganzer Wahrheit wird das Sprichwort gesagt, daß kein fröhlicher Tod denn einer Sau und eines kargen Reichen Tod sei, denn dieweil sie beid noch am Leben, nützen sie niemand, sind dagegen vielmehr beschwerlich. Die Sau frißt, wühlt, reißt und bricht um allenthalben, summa, kann nichts denn stinken und unflätig sein. Sobald sie aber geschlachtet, ist sie sauber und schön und mag man ihrer wiederum genießen; die Nachbarn freuen sich der Wurst und künftigen Gastereien, desgleichen die Kinder hoffen nach der Blasen. Also auch solang der Nimmersatt noch lebt, ist kein Mensch seiner gebessert; der Nutz, so von ihm entsteht, ist noch zur Zeit nichts wert und ist nicht so gut, dürft ich schier sagen, wie ein Sau. Ursach: Dieselbig frißt, was ihr vorkommt und gebracht wird, hinwieder ein Geiziger darf sich von seinem eignen Brot nit recht satt essen, kargt und sparet alles traurig zusammen, daß er hernach desto mehr lachende Erben machen kann. Dann eigentlich sieht man's, da ein solches Hellbrettlein in den Kalk gebracht, wie die Flaschen nach dem Weinkeller klingen, der Rost von den alten Gulden abgerieben und die lang verlegenen Kleider an die Sonn gebracht werden. Auf solche Art, wie vermeld't, wohnete in einem. Städtlein ein reicher Bürger, der allen Hunden, wenn ihm ein Kuh gestorben war, genug geben und um den Balg einem eine Laus geschindet hätte. Daselbst war ein Gewohnheit (wie auch sonst an vielen Orten), daß ein Nachbar den anderen, wenn er ein Schwein abgetan, zu Gast lud. Solche Kosten hätte der angeredete Bürger, Geizigkeit halber, gern vermieden, und da er selbst nit Wege, dazu dienlich, ausdenken mochte, ratfraget er darum einen seiner Gevattern. Derselbig sprach in Scherzerei: »Ich wüßt kein bessere Ausred, denn daß Ihr sagt, die Sau sei Euch des Nachts gestohlen.« Was geschieht? So schimpflich scherzhaft dieser seinen Gevatter, sich zu beschönigen, unterrichtet, also eben und billig traf Untreu ihren eignen Herrn. Denn es kommt einer des Nachts und stiehlt ihm sein Schwein, das wohlgemästet war. Des Morgens, als er gewahr wird, daß der Saustall ledig ist, läuft er schnell hin zu seinem Gevatter, mit lauter Stimm rufend, sein Schwein sei ihm über Nacht gestohlen. Der antwortet ihm: »Ja, recht, recht, lieber Gevatter, so sprecht nur sicher zu jedermann, ist eben, wie ich Euch gelehrt hab.« Als aber der Karg oft und bei Gott schwur, daß ihm also, antwortet doch stets sein Gevatter: »Besser könntet Ihr der Gasterei nicht überhoben sein, und tut nach meinem Rat.« So viel nun dieser sprach, er sollt bei der Meinung bleiben, repetiert jener doch immerdar mit festem Eidbekräftigen sein vorige Klag, daß es wahrhaftig also ergangen und ihm sein Sau diebischerweis entfremdet. Sprach sein Gevatter wiederum: »Ei, was bedarf es viel Wort? Seid Ihr doch noch auf meiner Meinung, und ich hätt Euch nicht besser, damit Ihr eitel Unkosten ersparet, unterweisen mögen.« Letztlich merket der Kalterbeiß, daß er nit viel Trost, aber Gespött genug bekommen würde, und ging hinweg. Das heißt den Regen fliehen und ins Wasser fallen. Es ist nur der zähen Haut zu wenig gewesen und sollt ihnen allen so widerfahren. (119) Einer macht selbst, daß sein Weib die Ehe bricht Honig zu lecken suchte auch in einer Stadt ein Bäcker (wie etliche, so dies lesen, wo er gewohnet, merken werden) Gelegenheit, der ihm doch in herberer Bitterkeit denn Galle geriet. Denn nachdem er seine Magd zu mehr Malen um ein Beischlafen ansuchte, stellete sie sich als eine, die mit Bitten überwunden wäre, und sagt, er sollte kommen, wenn es am geheimsten – daß es die Frau nicht erführe – geschehen möchte. Die Magd aber hatte es der Frau ohne alles Verhehlen zu wissen getan; die legte sich in einer Nacht, als der Mann backen wollte, in der Magd Bette. Derselbe fügte sich heimlich, als er den Teig zugerichtet, in die Kammer, und was er da getan hab, ist gut zu denken. Dergleichen geschah von ihm zum andern und dritten Mal. Wie nun seine unordentliche Brunst etwas abgekühlt, besorgte er, die Magd würde ihn mit einem Kindskopf werfen, tat derhalben seinem Knecht dieses Handels allergenugsame Anzeigung und überredet ihn, daß er auch (wie dann geschah) sich zur Magd legen und, so sie geschwängert, es auf sich nehmen sollte; dagegen er ihm ein Geldlein zu schenken zusagte. Wie gegen Tag der Meister sich in sein eigen Schlafbett zu ruhen legte, war sein Frau auch wieder da, die verwies ihn und warf ihm mit Scheltworten vor, daß er so und so oft die Nacht war zu der Magd in ihr Kammer gangen. Und da der Mann solches mit Leugnen von sich ablegen wollte, sprach sie: »Wie kannst du untreuer Ehebrecher das verneinen, bin ich doch selbst anstatt der Magd im Bett gelegen.« Und sagte ihm alle Wahrzeichen. Da der Meister dies verstanden und für gewiß hatte, daß er den Knecht selber zu ihr hatt heißen gehen, schalt er das Weib übel, schlug sie von sich und wollte ihrer kein Gnad mehr haben, sie beschuldigend, daß nicht er, sondern sie die Ehe gebrochen hätte. Daraus unter ihrer beider Freundschaft ein grimmiger Haß und Uneinigkeit sich erhob. (120) Von einem Bauren, der auf einmal hundert Taler verbuhlete Ein reicher, hoffärtiger Meier im Land zu Hessen hatte einem Weinschenken auf einem andern Dorf zu seinem Handel einhundert Taler um einen Zins geliehen und ging nach etlicher Zeit zu ihm, seinen Wein zu versuchen. Dieweil aber der Wirt eine ziemlich schöne Frau hatte, kramete der Meier mit ihr, daß sie der Wirt alle beid überm Haufen in der Schlafkammer sich raufend fand, wollte derhalben mit einem Schweinsspieß Fried nehmen. Und da ihm das Weib entwutschte, schmieret er dem Meier seine Lenden und Arm damit, daß er es nit verleugnen konnte, wollte ihn auch anders gebleuet haben, wo er nicht auf seine Knie gefallen und ihn, um Gottes willen, ihm das Leben zu fristen gebeten hätte, mit Verheißung, ihm die hundert Taler aller quitt und los zu geben; daneben die Verschreibung ward aufgehoben. Bei diesem aber ließ es der Wirt nicht bleiben, sondern schlug das Weib aus dem Haus und jagte sie ihrem Vater, der auch daselbst wohnete, heim. Der brachte es mit andrer guter Freunde Unterhandlung beim Wirt dahin, daß er von ihm, seinem Schwäher, mit hundert Talern gestillt ward und seine Frau, die ihm in anderthalb Tagen zweihundert Taler verdienet hatte, wieder aufnahm. Diese alle miteinander sein mir wohl bekannt, und geschah es Anno 1558. (121) Von einem hölzernen Johannes So lieb hatt ein Weib ihren Mann, daß sie sich vorsetzte, nach seinem Absterben sich von keinem andern weder freien zu lassen. Ließ darum ein hölzern Bild in der Form, Gestalt und Größe ihres Hauswirts schnitzen und mit Farben anstreichen, welches sie den hölzernen Johannes nennete; das sollte danach, so sie Witwe würde, an Statt eines Mannes bei ihr bleiben. Es trag sich zu, daß es, wie ihr Vermutung gewesen, zuging und ihr Mann den Geist aufgab. Nachdem sie aber fast ein halbes Jahr heftiglich getrauert, fing die Kümmernis an, etlichermaßen schmeidiger zu werden, und als sie, von ihren Anverwandten zu einer Wirtschaft geladen, gehen wollte, befahl sie ihrer Magd, ja nicht zu vergessen, daß sie, wenn der hölzerne Johannes warm worden wäre, ihn ins Bett lege und dann, sie heim zu geleiten, zu ihr käme. Denn es war ihr Brauch alle Abend, ehe sie sich schlafen legte, mußt man ihr den hölzernen Johannes, der sonst bei dem Ofen stund, ins Bette tragen. Die Magd gedacht, es würde jetzo Zeit sein, weil die Frau nach der Gasterei fröhlich sein würde, den Ihren zu raten. Derhalben beruft sie ihren Bruder, der ein schöner und gerader Jüngling war; den unterrichtet sie des Handels, führet ihn in der Frau Bett, verstecket den hölzernen Johannes auf ein andern Ort, ging nachdem zu ihrer Frauen, danach wieder mit ihr zu Haus, und da sie ihr in die Kammer gezündet geleuchtet , leget sie (die Magd) sich auch zum Ruhen nieder. Dieser Johannes wärmte die Frau so wohl, daß sie ihn nicht wie den andern, wenn er kalt worden war, vors Bette stellet, sondern behielt ihn bei sich bis an den Morgen. Nach Schaffung Anordnung der Frau kam alle Morgen, wie auch jetzt, die Magd und fragte, ob sie gen Markt gehen und etwas kaufen sollte. Sprach die Frau, daß sie zusehe, ob nicht ein gut Essen Fisch zu bekommen wäre. »Gern will ich's tun«, antwortet die Magd, »wenn aber ich sie schon bringe, haben wir nicht soviel dürres Holz im Haus, daß man sie möchte rechtschaffen dabei sieden.« »Ach«, sagt die Frau, »so nimm den hölzernen Johannes, der ist dürr genug, den zerhau und koch davon, so lang es währet!« Dergestalt bracht die Magd ihren Bruder in großen Reichtum, denn dieweil er die Frau so wohl wärmet, behielt sie ihn zu ihrem ehelichen Mann. (122) Schwankzyklen um Personen Wolfgang Büttner Claus Narr 1572 Ein Bauer mit einer Sau Ein Bauer hatte einen Garten an seinem Haus, darein gewöhnte sich seines Nachbars Sau. Der Bauer klaget, da ward nichts draus. Also kroch die Sau abermals durch den Zaun. Die schlug der Bauer mit einer Axt, daß sie starb. Es gelanget an den Hof und kam dahin, der Bauer sollte das Schwein bezahlen. Er wollte nicht. Der Landherr wollte die Parteien vergleichen. Da fing der Bauer an: »Gnädiger Herr, die Sau kam in meinen Garten. Man wollte nicht wehren. Nun hab ich die Sau erschlagen, die soll ich bezahlen. Ist das auch recht?« Der Landherr sprach: »Mein Männlein, sag die Sache noch einmal! Wir haben's nicht verstanden.« Der Bauer saget es noch einmal wie zuvor. Der Landherr sprach: »Sage es her zum drittenmale! Wir können es noch nicht vernehmen.« Der Bauer nahm Kreide, machet einen Strich und sprach: »Das sei der Zaun. Wenn nun Euer Gnaden die Sau wäre und wollte herneben in meinen Garten und ich stünde denn mit einer Axt auf dieser Seite und schlüge Euer Gnaden an den Hals, so würdet Ihr mich ja verstehen.« Der Landherr sprach: »Nun, wir verstehen die Sache. Gehe hin, du sollst die Sau nicht bezahlen!« (123) Ein guter Rat Überschrift vom Herausgeber Ein weidlicher Hofdiener sprach einen Bauren an, daß er ihm hundert Gulden vorsetze, und hatt es bald dazu gebracht, daß der Bauer einwilliget. Aber weil Claus dabeistund und zuhörte, sprach er zu dem Bauren: »Willst du mir gehorchen und folgen, so behalt dein Geld und leih es diesem, nicht. Denn wenn du es willst wiederhaben und ihn- darum mahnest und ansprichst, so mußt du deinen Hut vor ihm abnehmen und ihn ja so sehr und hoch bitten, daß er dich bezahle, als er dich bat, da du ihm liehest.« (124) Ein guter Koch gestorben Es war ein Fürst gestörten, den beklaget der Koch in der Küchen. Claus sprach: »Was machst du viel Wesens, daß ein Fürst gestorben ist? Mußte doch dein Vater sterben, der war eines Fürsten Koch und konnte gute, köstliche Suppen machen.« (125) Verderbt Essen Der Koch hatte ein Essen verderbt und durfte es nicht fürtragen. Claus [32}sprach: »Laß die Brüder wohl hungrig werden, so schadet's dem Essen nicht und schadet den Brüdern auch nicht, wenn es auch mit Hufnäglein gewürzt und gepfeffert wäre.« (126) Claus macht ein krank Mägdlein gesund Claus kam in ein Haus, da wartet die Mutter ein krankes Töchterlein und fraget: »Ach, mein Herzogin, was fehlet dir, was willst du doch haben? Sage mir, der Vater soll dir viel gute und schöne Gattung kaufen. Was soll dir dein Väterlein kaufen? Soll er dir Zucker kaufen, meine große Tochter?« Das Töchterlein war krank und wollte keinen Zucker haben. Da fraget das Mütterlein: »Willst du Mandeln haben?« Das Kindelein wollte nicht. Darum fraget die Mutter: »Willst du ein Rosenkränzlein?« »O nein«, sprach das Jungfräulein, »ich mag kein Kränzlein haben.« Solches hatte Claus alles gehöret und lehret die Frau, daß sie fraget, ob das Töchterlein wollte einen Reiter oder einen Schreiber haben. – Das tat die Mutter. Da ward das Töchterlein froh und sprach: »Ach ja, Mütterlein, ja, ein Reiterlein oder ein Schreiberlein möchte ich gern haben. Lasset den Vater Reiter und Schreiber kaufen, so viel er kriegen kann: Ich mag sonst nichts lieber haben!« (127) Bartholomäus Krüger Hans Clauert 1587 Wie Clauert drei Studenten gen Berlin führet Einsmals kamen drei Studenten gen Trebbin ins Wirtshaus zu Peter Müller, die begehrten einen Fuhrmann bis gen Berlin, wie denn dieselben Gesellen nicht gern weit zu Fuße gehen. – Zu denen saget Peter Müller, daß er für solche Leute gar einen bequemen Fuhrmann wüßte, der sie gar sanft führen möchte, und schickte nach Clauert. Der kam alsbald gegangen. Demselben tranken sie zu vollen und zu halben zu, der Meinung, daß er desto geringem Lohn von ihnen fordern sollte. Clauert trank so viel, daß er genug hatte, wünschet den Studenten ein gute Nacht und verhieß, sie des Morgens gen Berlin zu führen, darauf sie ihm einen halben Taler gaben. Clauert richtet einen Wagen zu und kam des andern Tages mit einem lahmen und magern Pferde vor die Herberg gezogen, ging hinein und fraget, ob sie aufsitzen wollten. Die Studenten hatten sich zur Fahrt bereitet und vermeineten, bald gen Berlin zu kommen. Da sagte Clauert: »Liebe Freunde, ich will euch gern führen, aber das will ich mich vorbehalten haben, daß ihr die Berge hinangehn, auch von den Bergen hinablaufen, und wo der Weg gleich und eben ist, beiherspazieren sollt, sonsten vermocht ich mit meinem Pferd dahin nicht zu kommen.« Die Studenten wurden unwillig, da sie sahen, daß sie betrogen waren, und begehreten, Clauert sollte die Zeche bezahlen und ihnen ihr Geld wieder zustellen. Clauert sagte: »Ich habe euch nicht gebeten, daß ihr mir sollet zu trinken geben, dazu so hat mein Pferd diese Nacht den halben Taler an Haber verzehret, da es doch sein Leben lang wohl keinen Haber gekostet hatte. Wollt ihr nun nicht fahren, so mögt ihr zu Fuße laufen, ich hätte euch sonsten gar gern geführet, so es euch gefällig wäre gewesen.« Die Studenten durften vor Scham nicht länger harren, bezahleten den Wirt und ritten auf ihrer Mutter Füllen gen Berlin. (128) Wie dauert den Bauren von Sperenberg Wein holete Auf eine Zeit begab sich's, daß ein Zimmermann, Heinrich Medeborch, zu Sperenberg bürtig, sich gen Trebbin begab. Und als er daselbst Hochzeit machte, hat er die Bauren von Sperenberg fast alle zur Hochzeit geladen, welche des andern Tages beim Frühmahl den neuen Wein gern gekostet hätten, wie es denn eben um Martini war. Derhalben sie acht märkische Groschen zum Wein aufbrachten, bei welchen dauert auch war, denn er sie desselben Tags auf sieben Schüsseln zu Gaste geladen hatte, auf drei ledige und in vieren nichts, allda sie auch schon gewesen und in den sieben Schüsseln, nichts gefunden. Mit denen war Clauert wiederum zur Hochzeit gangen und erbot sich, den Bauren für ihr aufgebrachtes Geld Wein zu holen, dem die albern Leute Glauben gaben, da sie doch zuvor sein Abenteuer erfahren hatten, indem sie bei ihm zu Gaste gewesen und aus ledigen Schüsseln hatten essen sollen. Als Clauert das Geld bekam, nahm er zwo große zinnern Kandeln, füllet sie mit Wasser und bestellet einen bekannten Freund, der ihm ein Bein stellen sollte, wenn er zur Tür hineingehen würde, damit er Ursach zu fallen hätte. Alsdann sie beide das Geld vertrinken wollten, wie es geschah. Denn da Clauert zur Stubentür hineingehet, hält ihm der ander ein Fuß vor, darüber Clauert mit den beiden Kandeln in die Stuben hineinfiel und goß das Wasser so rein heraus, daß nicht ein Tropfen in den Kandeln blieb. Wischt doch eilends wieder auf und fiel dem andern in die Haar, warfen einander nieder und stelleten sich, ob's lauter Ernst gewesen wäre. Die Bauren liefen alle hinzu, brachten sie beide voneinander und baten, sie möchten nur Friede halten, das Geld wollten sie gern vergessen. Die beiden gingen im Zorn weg, jedoch nicht weiter, als da der Weinkranz ausgesteckt war, und vertranken die acht Groschen. Wollten nun die Bauren den Wein kosten, so mußten sie wieder zu Beutel fahren und ander Geld aufbringen. (129) Wie Clauert von einer Magd betrogen ward Wenn Clauert so viel Geld verdienet oder bisweilen geborget hatte, daß er etliche Haupt Vieh bezahlen konnte, so blieb er nicht gerne zu Haus, sondern zog seinem Handel nach, Vieh zu kaufen, und trieb's dann auf die fürnehmsten Jahrmärkte, da er's nach Vorteil einzulösen wußte. Wie er denn auch einmal auf Bartholomäi mit Vieh gen Zerbst kam und, demnach er's gut verkauft, auch einen guten Rausch von Zerbster Bier zu sich genommen hatte und über den Gewinn, so er an dem Vieh gehabt, sehr fröhlich war, beginnt ihn auch der Kitzel zu stechen, vergißt seine alte Margareta und gedenkt an das Sprichwort: Varietas delectat (wie der Teufel sagte, da er die Buttermilch mit einer Mistgabel aß). Ging hin zu des Wirtes Magd, vermeinet sie gar höflich anzusprechen und sagt: »Junges Mensch, wollt Ihr mich nicht einmal auf Euer Hemd knien lassen, Ihr sollt eine Tasche für einen halben Taler zu Lohn bekommen.« Die Magd bedacht sich bald und sagt: »Wenn Ihr den Jahrmarkt bringen werdet, so kann es vielleicht wohl geschehen.« Clauert ging hin und kaufte die Tasche und fraget noch einmal, ob er seiner Bitte sollte gewähret sein. Die Magd antwortet, da sie den Jahrmarkt sah: »Ja, wenn mein Herr und Frau ist schlafen gangen, so will ich Euch wohl rufen.« Clauert war der Antwort sehr froh, ließ sich Bier auftragen und gedachte der Stunden mit Freuden zu erwarten. – Da nun der Wirt, die Frau und alle anderen Gäste im Hause zu Bette waren, zog Clauert die Tasche hervor und gab sie der Magd mit freundlicher Bitte, sie möcht ihm halten, was sie zugesagt hätte. Die Magd nahm dauert bei der Hand und führet ihn ohne Licht im Finstern mit sich auf den Boden, mit Verwarnung, daß er ja heimlich und doch nicht weiter gehen sollte, als sie ihn führen würde, damit ihr Herr und Frau solches nicht hörten. Clauert folget also der Magd in aller Furcht bis vor ihre Schlafkammer. Da hieß sie ihn stille stehen; sie wollt erforschen, ob ihr Herr und Frau auch entschlafen wären, daß sie beide nicht in Unglück kämen. Solches gefiel dauert wohl, und indem er also wartet, zeucht die Magd ihre Kleider aus und nimmt letztlich das Hemde, wirft's Clauert vor die Kammertür heraus und spricht: »Da habt Ihr mein Hemde nach Eurer Bitte! Darauf mögt Ihr nun knien, solange es Euch gefallen wird.« Und schließt damit ihre Kammer zu. In was großen Nöten allda Hans Clauert stund, hat jedermann wohl abzunehmen, sintemal er oben im Hause nicht bekannt war und besorgen mußte, daß er herabfallen und den Hals zerbrechen oder auch wohl vor des Wirtes Kammer kommen möchte, der ihn vielleicht übel empfangen würde, wie er denn in solcher Furcht und Gefahr fast die halbe Nacht von einem Winkel zum andern auf allen vieren kroch, ehe er die Treppen finden und ein Lager erreichen konnte, daß ihm vor Kälte die Zahn im Munde klapperten, und daneben seine Tasche in die Schanze setzen mußte, welche ihn doch nicht so sehr gereuet, als daß er von einer Magd war betrogen worden. Derentwegen er sich gar frühe aufmachte und den Tag daselbst nicht erwarten wollte. (130) Wie Clauert mit purpurianischem Tuch einen guten Markt hielt Wenn Clauert etwan an einem bekannten Ort war, so sammelten sich ihrer viel daselbst, aus der Ursachen, daß sie viel kurzweilige Dinge von ihm hörten. Und sonderlich war die Karte nicht weit von ihnen, weil sie wußten, daß Clauert dieselbe liebhatte. Wie er denn einmal gen Teltow zu einem guten Freund kam, dahin ihrer etliche sich verfügten, die alle seine guten Zechbrüder waren. Und als sie vernahmen, daß dauert Geld bei sich hätte, ließen sie bald die Karten holen, setzten sich mit Clauert zusammen und gewannen ihm sein Geld so gar ab, daß er keinen Pfennig mehr hatte. Da setzt er vier Ellen purpurianisch Tuch zu, der Hoffnung, daß er etwas von seinem Gelde wiederum bekommen möchte. Aber das Unglück war so groß, daß er die vier Ellen Tuch auch verlor. Da ging er des Abends vor die Tür heraus, sah sich weit um und sprach: »Du lieber Gott, bin ich so alt geworden und habe nicht gewußt, daß die Leute allhie zu Teltow das purpurianische Tuch so wohl kennen und daß es so wohl abgehet, und habe eben nicht mehr als die schlechten vier Ellen bei mir gehabt und hätte vor langer Zeit an solchem Tuch viel Gelds erwerben mögen, so ich gewußt hätte, daß es so wohl allhie verkauft wäre gewesen. Wohlan, sie sollen mir's ein andermal teuer genug bezahlen.« Ging also traurig hin, leget sich auf eine Bank und vermeinet zu schlafen, aber das purpurianische Tuch machet ihm so viel schwere Gedanken, daß er nicht einschlafen konnte. Es war aber in derselben Herberge ein ander, der beim Tage wohl gesehn hatte, daß Clauert einen vollen Beutel gehabt, wußte doch nicht, daß er alles verspielt hatte, sondern vermeinet, daß dauert entschlafen wäre, und gedachte eine gute Beut davonzubringen. Schlich heimlich hinzu und griff dauert in den Beutel. Dazu Clauert stilleschwieg, unangesehen, daß er's wohl höret und fühlet, fing doch letztlichen an und saget: »Suche du, mein lieber Sohn, suche, ob du etwas finden könnest. Ich habe den ganzen Abend gesucht und keinen Heller mehr finden können.« Darüber der Dieb vor Schrecken seinen Mantel und Hut liegen lassen und davongelaufen, daß Clauert also noch seine Zeche davon bezahlen konnte, da er sonst wohl seinen eigenen Mantel im Stich hätt lassen müssen. (131) Wie Clauert an seiner Statt den Kerkermeister gefangenleget Nach dem großen Brandschaden zu Trebbin, der Anno 65 geschah, war den Bürgern von ihrem Landesfürsten und Herrn, dem Kurfürsten zu Brandenburg, vergönnet, auf der Zoss'nischen Heiden etliche Schock Stücke Bauholz zu hauen, weil zur Erbauung der Stadt auf der Trebbinischen Heiden nicht genugsam Holz zu finden war. Da nun ein jeder seine Anzahl gefället, waren ihrer viel, die Armuts wegen das Holz von der Heiden nicht zu Haus schaffen konnten, daß also viel daselbst verfaulet. Darüber Eustachius von Schlieben, Hauptmann zu Zossen, sehr zornig ward, schwur und sagte, den nächsten, so von Trebbin käme und ihn um Holz ansprechen würde, wollt er lassen ins Gefängnis werfen. Solches ward dem Rat zu Trebbin angesagt, die sich wohl fürchteten, was der Hauptmann geschworen hatte, das würde er gewißlich halten. Wußten derhalben nicht, wen sie doch wohl zu dem Hauptmann abfertigen möchten, der Gunst bei ihm hätte, weil die Stadt noch unerbaut war, bis endlichen das Los auf Clauert fiel, der bei dem Hauptmann angenehm war. Denselben schickten sie, verhießen ihm wohl doppelten Lohn und die freie Zehrung, daß er dem Hauptmann einen Brief gen Zossen bringen sollte. Clauert gedachte nicht, daß die Sache so gar gefährlich wäre, ließ sich den Botenlohn gefallen und nahm den Brief an. Da er nun gen Zossen kam und das Schreiben überantwortet hatte, sagte der Hauptmann zu ihm: »Du loser Hurensohn, mußt du eben der erste sein, der zu mir kommt, um Holz zu werben. Nun wohlan, ich habe geschworen, das muß ich halten.« Und sagt zu dem Wächter: »Geh her und führe mir diesen in den Turm hinauf.« Unangesehen, daß Clauert sonsten daselbst gar wohl gehöret war. – Denn auf dem Schlosse zu Zossen hält man stets zween Wächter, die des Tags auch Wasser in die Küchen tragen und die Gefangenen verwahren müssen. Der Wächter tat nach des Hauptmanns Befehl und führet, Clauert zu dem Turm, der sehr hoch ist und dazumal nur auswendig zwo Leitern hatte, darauf man hinaufsteigen mußte, daß es auch wohl hinaufzusteigen gefährlich war. Clauert stellet sich als ein Gehorsamer, ging bis zu den beiden Leitern und sagt zu dem Wächter: »Lieber Peter, steige du voran, so will ich dir folgen, und zeige mir doch, wo ich zum Turm hineingehen soll, daß ich nicht hinabfalle, denn ich mich gar wenig mit dem Gesichte behelfen kann, und wie ich gehöret habe, soll oben im Turm ein Loch sein, da man die Übeltäter hinunterläßt.« Da er doch die Gelegenheit besser wußte, als man ihm hätte sagen mögen. Der Wächter glaubte seinen einfältigen Worten, stieg vor ihm hinauf, bis er in die Tür kam, und sagte: »Hans, hieher folgt mir, hieher, wo ich gehen werde!« Unterdes ergreift Clauert die Tür und schlug sie hinter dem Wächter zu, achtet seines Geschreies nicht, stieg herab und ließ seinen Kerkermeister sitzen. Weil es aber um die Zeit war, daß man zu Abend essen wollte, setzet sich Clauert zu des Hauptmanns Knechten, schwieg still und gedachte die Mahlzeit zu vollbringen. Das Gesinde aber konnte das Lachen nicht verhalten. Darüber die Hauptmannsfrau dahin zu schauen verursacht ward, und da sie Clauert siehet sitzen, spricht sie zum Hauptmann: »Junker, habt Ihr Clauert lassen gefangenlegen?« Er sagte: »Ja, mich wundert, was der Schalk gedenken wird.« Die Frau sagte: »Sitzet doch Clauert beim Gesinde überm Tisch.« Der Hauptmann drehet sich mit seinem Stuhl herum, darin er vorm Tische saß, und sprach: »Siehe, Clauert, was machst du hie? Hab ich dich nit lassen in den Turm stecken?« Clauert antwortet: »Ach ja, Herr Hauptmann, aber ich habe einen andern an meine Statt gebracht, der will so lang für mich sitzen, bis ich gegessen habe, denn das Abendmahl war bereitet, und ich habe den Tag nicht viel gessen, derhalben ich auf Wege gedenken mußte, wie ich zur Mahlzeit käme.« Der von Schlieben sagte: »Ich dürfte wetten, Er hätt mir den Wächter eingesperret?« Dem Clauert antwortet: »Ja, Herr Hauptmann, ich habe sonsten keinen nahem finden können, der mir diesen Dienst bestellen wollte.« Der Hauptmann sprach zu seiner Hausmutter: »Catharina, das kann nicht ungestraft bleiben, ich will ihn dir übergeben.« Die Hauptmannsfrau fordert Clauert an ihren Tisch und ließ eine kupferne Kandel voll Wein herauf bringen, welche Clauert zur Strafe austrinken sollte. Clauert sagte: »Ach, Frau, solche Strafe wollt ich alle Tag leiden.« Der Wächter aber mußte an Clauerts Statt zween Tage und zwo Nacht im Turm liegen. (132) Verfasser unbekannt Das Lalebuch 1597 Wie die Lalen das Gras auf einer alten Mauer durch ihr Vieh wollen lassen abäsen Die Lalen waren ernsthaft in ihrem Tun, sonderlich in Betrachtung des gemeinen Nutzens, damit derselbe allenthalb aufging und zunehme und nirgends Schaden litte. Auf ein Zeit gingen sie hinaus, ein alte Mauern zu besehen, welche von einem alten Gebäude noch überblieben war, ob sie vielleicht die Stein davon zu Nutz anwenden könnten. Nun war auf der Mauer schön lang Gras gewachsen, das dauert die Bauren, daß es sollte verloren werden und niemand zu Nutz kommen, hielten derowegen Rat, wie man es sollte zu Ehren ziehen. Davon fielen nun vielerlei Meinungen: Die einen vermeinten, man sollt es abmähen, aber niemand wollt sich eines solchen unterstehn und sich auf die Mauern wagen. Andere vermeinten, wenn Schützen unter ihnen wären, so wäre am besten, daß man es mit einem Pfeil abschösse. Endlich wischet der Schultheiß herfür und riet, man sollt Vieh darauf lassen gehn, das würde es abäsen, so dürfte man es weder abmähen noch abschießen. Solchem Rat, als dem besten, fiel die ganze Gemeinde zu, und zur Danksagung ward ferner erkannt, des Schultheißen Kuh sollt die erste des guten Rats genießen, welches der Schultheiß gern gestattet. Also machten sie der Kuh ein starkes Seil um den Hals, werfen's über die Mauern und fangen am andern Orte an zu ziehen. Als aber der Strick zuging, fing die Kuh an zu erwürgen, und wie sie schier hinaufkam, streckt sie die Zunge heraus. Solches' sah ein großer Lale, der schrie: »Zieht, liebe Lalen, zieht, Leib und Seel hängt aneinander!« »Zieht noch einmal, zieht«, sprach der Schultheiß, »sie hat das Gras schon geschmeckt und die Zunge danach ausgestreckt. Zieht, zieht, sie ist bald droben; sie ist so tölpisch und ungeschickt, daß sie sich selber nicht helfen kann. Es sollt sie euer einer zu vollem hinaufstoßen.« Aber vergebens war's. Die Lalen konnten die Kuh nicht hinaufbringen, ließen sie herab, da war sie tot. Des waren die Lalen froh, nur daß sie etwas 7u schinden und zu metzgen hätten. (133) Die Laleburger verbergen ihr Glocken in dem See Auf ein Zeit, als Kriegsgeschrei einfiel, fürchteten die Lalen ihrer Hab und Gütern sehr, daß ihnen die von den Feinden nicht geraubt und hinweggeführt würden; sonderlich aber war ihnen angst für ein Glocken, welche auf ihrem Rathaus hing; gedachten, man würd ihnen dieselbe hinwegnehmen und Büchsen daraus gießen. Also wurden sie nach langem Ratschlag eins, dieselbe bis zum Ende des Kriegs in den See zu versenken und sie alsdann, wenn der Krieg vorüber und der Feind hinweg wäre, wiederum herauszuziehen und wieder aufzuhängen; tragen sie derowegen in ein Schiff und fuhren's auf den See. Als sie aber die Glocke wollen hineinwerfen, sagt einer ungefähr: »Wie wollen wir aber den Ort wiederfinden, da wir sie ausgeworfen haben, wenn wir sie gern wieder hatten?« »Da lasse dir«, sprach der Schultheiß, »kein grau Haar wachsen«, ging damit hinzu, und mit einem Messer schneidet er eine Kerb in dem Schiff an den Ort, da sie die hinausgeworfen, sprechend: »Hier bei diesem Schnitt wollen wir sie wiederfinden!« Ward also die Glocke hinausgeworfen und versenkt. Nachdem aber der Krieg aus war, fuhren sie wieder auf den See, ihr Glocken zu holen, und fanden den Kerbschnitt an dem Schiffe wohl, aber die Glock konnten sie darum nicht finden noch den Ort im Wasser, da sie solche hineingesenkt. Mangeln sie also noch heut diesen Tages ihrer guten Glocken. (134) Eine merkliche Geschieht, so sich mit einem Krebs zu Laleburg zugetragen Ein unschuldiger armer Krebs hat sich auf ein Zeit irregegangen, und als er vermeint, in sein Loch zu kriechen, kam er zu allem Unglück gen Laleburg in das Dorf. Als ihn etliche Lalen gesehen hatten, daß er soviel Füße gehabt, hinter sich und vor sich gehen könnt und was dergleichen Tugenden mehr ein ehrlicher, redlicher Krebs an sich hat, erschraken sie über die Maßen sehr drob, denn sie vormals keinen nie mehr gesehen, schlugen derowegen Sturm an, kamen alle über das ungeheure Tier zusammen, zerrieten sich, was es doch sein möchte. Niemand konnt's wissen, bis letztlich der Schultheiß sagt, es werde gewißlich ein Schneider sein, dieweil er zwo Scheren bei sich habe. Solches zu erkundigen, legten ihn die Bauren auf ein Stück Kindisches Tuch, wie die Bauren ihre Wölfe daraus machen, und wo der Krebs darauf hin- und herkroch, da schneidet ihm einer mit der Scher hinten nach. Denn sie vermeinten nit anders, denn der Krebs als ein rechtgeschaffener Meisterschneider entwerfe ein Muster eines neuen Kleides, welches sie, inmaßen unsere Lalen auch tun, nachäffen wollen. Zerschnitten also endlich das Tuch ganz, daß es nirgends zu mehr nutz war. Als sie nun gesehen, daß sie sich selbst betrogen hätten, da tritt einer unter ihnen auf und spricht, er habe einen sehr wohlerfahrenen Sohn, der sei in dreien Tagen zwo Meilen Weges weit und breit gewandert, habe viel gesehen und erfahren, es zweifle ihm nit daran, er werd desgleichen Tier mehr gesehen haben und wissen, was es sei. Also ward der Sohn berufen. Derselbige besah das Tier lang, hinten und vornen, wußte nit, wo er's angreifen sollt oder wo es den Kopf hätte. Denn wenn der Krebs hinter sich kroch, so meint er, er hätt den Kopf beim Schwanz; könnt sich also gar nicht drein richten, sprach doch endlich: »Nun hab ich doch mein Tag hin und her viel Wunders gesehen, aber desgleichen ist mir nit vorkommen. Doch wenn ich sagen soll, was es für ein Tier sei, so sprech ich nach meinem hohen Verstand: Wenn es nicht ein Taube ist oder ein Storch, so ist es gewißlich ein Hirsch. Unter diesen muß es eins sein.« Die Lalen wußten jetzt ebensoviel als zuvor, und als ihn einer angreifen wollt, erwischet er ihn mit der Scher dermaßen, daß er anfing, um Hilf zu rufen und zu schreien: »Es ist ein Mörder, ein Mörder.« Als solches die andern gesehen, hatten sie schon genug, besetzten derowegen alsobald gleich ohne Verzug von Stund an auf der Statt eilends allda am selbigen Ort auf dem Platz, da der Bauer gebissen worden, das Gericht und ließen ein Urteil über den Krebs ergehen, das lautet ungefährlich solchermaßen: Sintemal niemand wisse, was dieses für ein Tier sei, und aber sich's befinde, dieweil es sie betrogen, indem es sich für ein Schneider ausgegeben und's doch nit sei, daß es ein leutbetrügendes und schädliches Tier sei, ja ein Mörder, so erkennen sie, .daß es solle gerichtet werden als ein Leutbetrüger und ein Mörder mit dem Wasser und was dazugehört. Solchem Urteil stattzutun, ward einem unter ihnen befohlen. Derselbe nahm den Krebs auf ein Brett, trug ihn dem Wasser zu, und ging die ganze Gemeinde mit. Da ward er im Beisein und Zusehen jedermänniglichens hineingeworfen. Als aber der Krebs in das Wasser kommen, sich wiederum empfunde, zappelt er und kroch hinter sich. Solches ersahen die Bauren; deren hüben etliche an zu weinen und sprachen: »Nun sollt eins wohl fromm sein. Schauet doch, wie tut der Tod so wehe!« (135) Bürgerliches Schwankgut nach 1600 Johann Friedrich von Harten Historien und Geschichten 1603 Von einem Bauren, der Gans gestohlen hatte, und wie sie der Schultheiß wiederbekam In einem Dorf im Schwabenland waren einem Schultheiß etliche Gans gestohlen, der ließ viel Kundschaft darauf gehen. Letztlich kam er so weit, daß es ein Bauer, so sein Gevatter war, getan hatte. Er beruft ihn an einem Morgen zu sich und stellt ihn darum zur Rede: Hab er's getan, so solle er sie nur in der Still wiedergeben, es sollt es kein Mensch gewahr werden. Der Bauer aber entschuldigte und verschwur sich so hoch, daß der Schultheiß von ihm ablassen mußte. Nun hatte der Schultheiß ein Kraussen Krug mit Wermutwein (wie denn alle Morgen sein Gebrauch war) für sich, brachte dem Bauren, seinem Gevatter, einen und bat ihn, daß er ihm's verzeihen wolle, denn er sei auch also berichtet worden. Und nachdem er getrunken, stellte er's dem Bauren zu. Der nahm's alsbald in die Hand, verschwur sich, wenn er's getan habe, so solle dieser Trank Gift und Galle in seinem Leib werden. – Sobald der Bauer, der zuvor nie keinen Wermutwein getrunken, trank, fing er an zu zittern und beben, fiel nieder auf die Knie und sprach: »O allmächtiger Gott, verzeih mir meine Sund!« Zum Schultheiß aber sprach er: »O Herr Gevatter, gebet mir ein Tiriacks Theriak , der mich von dem Gift entledige! Ich bekenne, daß ich die Gans gestohlen habe.« Also bekam der Schultheiß durch diesen Trunk Wermut seine Gans wieder. (136) Von einem Bauren, der einem Doktor ein Leckkuchen bringen sollt Es saß ein reicher vermöglicher Edelmann in der Schlesing auf einem Schloß, der hatte hin und wieder etliche Rechtssachen, zu welchen er einen Doktor in der Stadt (so nur zwei Meil vom selben Schloß gelegen), der ihm hierinnen diente, gebrauchte. Auf ein Zeit kamen ihm etliche Brief und Acta vom Gericht zu. Als er nun solche übersehen und verlesen, schickte er solche bei einem Untertanen seinem Doktor zu und schrieb ihm sein Bedenken dabei. Und dieweil es eben um die Neujahrszeit war, verehrte und schickte er dem Doktor einen Leck- oder Pfefferkuchen dabei und bat im Schreiben, der Herr Doktor wolle also damit vorlieb nehmen. Als der Bauer auf den Weg kam, gedacht er: »Du hast dein Lebtag kein Leckkuchen gessen. Wie sollte er doch schmecken?« Wagte es derhalben und schnitt ein Stück davon. Es schmeckte ihm so gut, daß er zum andern und dritten Mal davon schnitt, bis daß nichts mehr vorhanden war. Nichts destoweniger ging er hin, überlieferte seinen Brief und machte sich bald davon. Als er nun über den Hof hinausging, hatte der Doktor den Brief schon eröffnet und vom Leckkuchen gelesen, rufte derohalben den Bauren und sprach: »Bauer, es steht auch ein Leckkuchen im Brief!« Der Bauer antwortet geschwind: »Herr Doktor, derselbe ist Euer. Den andern hab ich schon gessen.« Machte sich darauf alsobald zum Haus hinaus und davon. (137) Von einem Edelmann, der den frömmsten Müller henken ließ Ein Müller dienet einem Edelmann eine gute Zeitlang. Der Edelmann merkte etliche Zeit wohl, daß die Sachen nit recht zugingen, wollte doch nichts sagen, sondern ging ihm sonst auf den Sachen nach, bis er ihn ertappt, und als er's genugsam zu beweisen hatte, ließ er ihn einziehen, und wurde mit Urteil und Recht erkannt, daß er mit dem Strang vom Leben zum Tod solle gerichtet werden. Als er nun hinausgeführt und zuoberst auf die Leiter durch den Nachrichter gebracht worden war, ruft ihm der Edelmann zu: »Nun, Müller, du siehst, daß du sterben sollst und mußt und kein ander Mittel vorhanden ist. So ermahne ich dich noch einmal, du wollest mir vor deinem Ende einen frommen und getreuen Müller zuweisen.« Der arme Sünder gab zur Antwort: »O lieber Junker, das kann ich nit tun, wenn ich schon noch einmal hängen sollte. Das weiß ich aber, daß Ihr den frömmsten Müller auf fünfzig Meilen Wegs weit heut diesen Tag henken laßt.« Als der Edelmann diese Antwort vernommen, sprach er: »Dieweil ich dann mit Dieben beladen sein muß und damit ich nit ein ärgern Dieb bekomme, so steig du wieder herab und arbeite mir fleißig!« Also ließ ihn der Nachrichter wieder ledig, und er ging wieder in sein Mühl. (138) Von einem Landsknecht, der einen Fuhrmann auf dem Weg fand Ein guter armer Soldat zog auf der Gart herum und kommt auf einen Fahrweg. Da fand er einen Fuhrmann (welcher ohne Zweifel mehr Wein als Verstand bei sich gehabt) schlafend liegen. Der hatte ein schwere Taschen an der Seiten hangen, die band ihm der Soldat ab und machte sich davon. Als nun der Fuhrmann ausgeschlafen hat, sieht er sich um und mangelt seiner Taschen, macht sich derhalben alsbald auf die Fuß und fragt in allen Flecken, ob man nirgend keinen gesehen, der eine solche Tasche mit diesem und jenem Geld (gibt sein Anzeigen, was er bei sich gehabt) getragen. Zuletzt kommt er auf die Spur und bringt's so weit, daß der arme Soldat eingezogen und ihm dieses als ein Diebstahl vorgeworfen wird. Ist er dessen, daß es ein Diebstahl sei, nit geständig, sondern sagt, er habe sein Lebtag gehört, was einer auf dem Weg finde, das sei von Rechts wegen sein. So habe er den Fuhrmann da gefunden, der wäre ja sein, doch habe er sich mit der Taschen begnügen und den Fuhrmann liegen lassen, damit ein anderer, der nach ihm komme, auch etwas finde. Mit dieser Red machte sich der gute Soldat ledig, mußte aber dem Fuhrmann sein Taschen wieder zustellen, doch schenkt ihm der Fuhrmann ein Zehrpfennig. (139) Von einem Landsknecht, der einem Pfaffen das Opfergeld nahm Auf ein Zeit kam ein Landsknecht, als eben der Pfaff Mess' hielt, in die Kirchen und sah, daß viel Geld auf dem Altar vor dem Pfaffen lag. Dieweil der gute Gesell nun Geldes sehr bedürftig war, gedachte er, wie er doch dazu kommen möchte, erdachte eine List, ging hin zum Pfaffen und sprach: »O Herr, wie hab ich so ein schwer Anliegen. Wenn Ihr mich durch Euer Gebet davon entledigen könnt, wollte ich Euch diesen Taler« (mehr Geld hatte der gute Gesell nicht) »schenken.« Der Pfarrherr war geizig und sagte ihm's zu. Er solle ihm's nur anzeigen, was es für ein Anliegen wäre. Der Landsknecht sagte: »Herr, es kommt mich bisweilen an, daß ich den nächsten Menschen, der mir ins Gesicht kommt, ermorden muß.« Der Pfaff gedacht: »Wenn ich nur den Taler bekäme, es helfe gleich oder nicht!« Kniet nieder und betet, hieß den Landsknecht auch niederknien. Indem der Landsknecht also kniet, fing er an zu zittern und zu beben, ruft und schreit: »O Herr, es kommt mich an, o Herr, es kommt mich an!« Zog hiermit die Wehr aus. Der Pfaffe fürchtete sich, ließ alles Geld auf dem Altar liegen, und lief er und der Meßner samt allem Volk zur Kirchen hinaus. Der Landsknecht raffte das Geld auf dem Altar zusammen und macht sich auch davon. (140) Von einem Pfarrherrn, der das Evangelium ans dem Eulenspiegel gelesen Aus einer vornehmen Reichsstadt, allda es ein stattliche Domkirchen hat, mußte alle Sonntag ein Pfarrherr in ein Dorf, der Gemeinde zu predigen, hinausgehn. Das geschah auch auf den Sonntag, als man das Evangelium »Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist« verlesen sollte. Als nun der Herr Pfarrer etwas zu früh hinaus ins Dorf kam, ließ er sich Branntwein für einen Batzen herlangen. Indem er daran trinkt, kommen zween gute Gesellen auch hinaus ins Wirtshaus. Der Pfarrer beut ihnen ein Trunk Branntweins, den sie auch nit abschlugen. Von dem Branntwein aber kamen sie auf den Ungebrannten, tranken desselben in der Eil auch ein Maß oder etliche. Als der Pfarrer hörte, daß man das letzte Zeichen in der Kirchen läutete, wollte er davon. Die andern zween Gesellen tranken ihm jeder noch einmal zu, deren sich der Pfarrer Bescheid zu tun unternahm. Als er nun diese zween in aller Eil verfertiget, wollte der eine Gesell noch mit einem Glas an ihn, dessen sich aber der Pfarrer weigerte, zur Stuben hinauslief und sein Buch hinter dem Tisch stehenließ. Als er nun in die Kirchen kam, mangelt er erst seines Buches, schickt geschwind den Glöckner oder Meßner darum hinab ins Wirtshaus. In dieser Weil aber waren die zween Gesellen gewahr, daß der Pfarrherr sein Buch hatte stehen lassen, suchten alsbald unter des Wirts Büchern, deren er sehr wenig über der Tür stehen hatte, und fanden zugleich den Eulenspiegel in schwarz Leder eingebunden, inmaßen des Pfarrers Buch auch war. Wie nun der Glöckner oder Meßner kommt, fragte er nach seines Herrn Buch. Die zween Gesellen stellten sich, als ob sie nichts davon wüßten. Zuletzt fragte der Meßner, wo denn der Pfarrer gesessen wäre. Da ward ihm solches gezeigt. Also nimmt er das Buch, läuft zu der Kirchen zu und übergibt's dem Herrn Pfarrer. Als der nun solches aufmacht, findet er den Eulenspiegel und daß er betrogen war, erinnert sich aber so viel, daß er das Evangelium auswendig konnte und den Bauren vorlas, auch in der Auslegung den Zinsgroschen tapfer hervorrückte. Wie er aber wieder zu der Gesellschaft kam, verwies er ihnen solches mit allem Ernst neben angehängter Bitte, solches nicht von ihm zu offenbaren. Er wolle diesen Tag bis auf den Abend fröhlich mit ihnen sein und bis gegen den andern Tag redlich Bescheid tun. Welches auch also geschehen. (141) Von eines Hirten Tochter, die einen Knecht vor der Kirchen verbieten ließ In einem andern Dorf auch fränkischen Gebiets setzte sich auch ein Baurenknecht des langen Wegs zu des Hirten Tochter, verspricht ihr wohl die Ehe, hält aber solches nicht, sondern nimmt eine andere zu der Ehe. Wie er nun mit der andern zur Kirchen gehen will, verbietet ihm's des Hirten Tochter und spricht ihn um die Ehe an. Die Freundschaft aber, so der Hochzeit beiwohnen sollten, legten sich darein und kommen mit des Hirten Tochter vor der Kirchentür überein, was er ihr für die Ehe geben sollte, damit die Hochzeit ihren Fortgang habe. Als nun Bräutigam und Braut miteinander schlafen waren, fragte die Braut den Bräutigam, was es doch gewesen war, daß es sich so lang mit dem Zusammengeben verzogen hätt. Wiewohl er ihr's nun erstlich nicht sagen wollte, jedoch auf ihr vielfältig Anhalten offenbart er ihr's, daß ihn des Hirten Tochter, da er doch nur einmal des blinden Kunzen mit ihr gespielt, vor der Kirchen hab verbieten lassen. »Ei, welch ein Hur«, sprach die Braut, »meines Vaters Knecht ist nun drei Jahr lang fast alle Nacht bei mir gewest, und ich hab's keinem Menschen nie eröffnet als dir jetzt in dein vertrautes Herz.« Der gute Fatz mußt schweigen und also damit vorlieb nehmen. (142) Von zwei Eheleuten, die Käs und Brot zu Haus wollten gebracht haben In einem Dorf im Frankenland war ein Baurenknecht, welcher bisher zwölf Mägde visitiert und jede, als wenn er sie zur Ehe nehmen wollte, beredet. Welches er also eine gute Weil getrieben, gedachte er in sich selbst, es möchte zuletzt kein gut tun, nahm sich derhalben vor, zu der Ehe zu schreiten, und verlobte sich also in einem andern Dorf mit eines Bäckers Tochter. Als nun der Hochzeitstag angestellt war, wollte er gleichwohl die Guttat, so ihm von den zwölf Mägden in seinem Dorf erzeigt worden, nit vergessen oder das Laster der Undankbarkeit gegen jene gebrauchen, lud sie derhalben alle zwölf zur Hochzeit. Die Mägde entschuldigten sich gegen ihn mit Vermelden, sie hätten dieser Zeit kein Geld, so sie auf der Hochzeit schenken könnten. Der Bräutigam antwortete ihnen, sie bedürften keines Geldes. Wenn ihm jede einen Käs schenkte, sei er wohl zufrieden. Die Mägde waren damit auch content zufrieden und erschienen zur Hochzeit. Und als man nun schenken sollte, kamen sie alle zwölf, jede mit einem Käs, aufgezogen und verehrten die Braut. Die Braut schwieg hierzu still, bis sie mit dem Bräutigam des Nachts zu Bett kam. Da fragte sie: »Lieber, wie kommt's, ist's in deinem Dorf der Brauch, daß die Mägde nur einen Käs zur Hochzeit schenken ?. In diesem Dorf schenken sie Geld, Flachs und anderes.« Der Bräutigam antwortete: »Nein, es ist gleichwohl nicht der Brauch, aber es sein gute arme Tröpfe. Also hab ich ihnen befohlen, daß sie mehr nicht als einen Käs schenken sollen. Es hat auch sonst noch ein Ursach.« Die Braut begehrte dieselbe Ursach zu wissen, welches er ihr aber lang nit sagen wollte. Da sie aber solches zu wissen nicht nachlassen wollte, fing er an und sprach: »Ich hab's mein Tag nie keinem Menschen offenbart, weil du aber je nicht nachlassen willst, sag ich dir's in dein vertrautes Herz: Ich hab bei allen zwölfen geschlafen.« »Ei«, sprach die Braut, »wie bist du ein Narr! Hättest du mir es vor der Hochzeit gesagt, so hätte ich vierundzwanzig Bäckerknecht geladen, die alle bei mir geschlafen haben. Es hätte mir jeder gern einen Kuchen geschenkt. So hätten wir doch Käs und Brot zu Hause gebracht.« War also dieser gute Baurenknecht, wie er in seinen ledigen Tagen gehauset, mit doppelter Münze bezahlet. (143) Von einer Kammermagd zu Hof und einem Schneider An einem fürstlichen Hof hätte eine Kammermagd etliche Jahr lang gedient und – wie man anders nit weiß – sich wohl und ehrlich verhalten. Als sie aber anfing, alt zu werden, und auch gern einmal des Nachts lustig gewesen wäre, nimmt sich ein Schneider, ein Witwer, ihrer an und freiet sie, dem sie auch versprochen und in kurzer Zeit die Hochzeit gehalten ward. Als sie nun zusammengelegt wurden und der Bräutigam den Tanz verrichten wollte, darauf er etliche Wochen gewartet hatte, wußte sich die Braut in allen Sachen so hurtig und geschicklich zu stellen, daß der Bräutigam anfing und sprach: »Katharina« (also hieß die Braut), »Ihr wißt Euch so fein artig in den Handel zu stellen.« »Ja, lieber Peter« (das war des Mannes Name), »was lernet man zu Hof nit.« Der gute Schneider merkte wohl, wieviel Uhr es wäre, mußte aber doch Ehren halben schweigen. (144) Von einem Schiffmann, dem alle seine Voreltern ersoffen waren Ein Kaufmann wollt einsmals von Köln aus den Rhein hinabfahren, bestellte hierzu einen jungen Schiffmann, der ihn in einem Nachen führen sollte. Als sie nun ein Weil gefahren, kommt ein großer Wind und Ungestüm an sie, also, daß der Kaufmann sehr zaghaft wurde, der Schiffmann aber seiner nur dazu lachet und spottet. Dieses Ungewitter währet also ein gut Weil; als es aber stille worden, sprach der Kaufmann zum Schiffer: »Wie kannst du so verrucht sein? Du hast gesehen, in was Gefahr wir gestanden sein, und hast nur das Gespött daraus getrieben. Gedenk, was Elend es gewesen, wenn wir also ersoffen wären!« »Ei«, sprach der Schiffmann, »soll es mir besser gehen als meinen Eltern?« Der Kaufmann sprach: »Wie ist es deinen Eltern ergangen? Wie ist es deinem Vater und Mutter ergangen?« »Die sein ersoffen«, sagt der Schiffer. Der Kaufmann fragte weiter: »Wie ist es deinem Großvater gelungen?« Der Schiffer antwortet: »Der ist auch ersoffen und noch mehr andere meiner Freunde.« Der Kaufmann sagt: »Wie magst du denn ein Schiffmann sein, da deine Voreltern alle ersoffen?« Der Schiffer sprach: »Herr, verzeihet mir, wie ist Euer Vater, Mutter, Ahnherr und andere Freunde gestorben?« »Die sein«, sagte der Kaufmann, »alle in ihrer Ruhe auf ihren Betten gestorben.« »Wie möchtet Ihr denn«, sagt der Schiffmann, »auf einem Bett schlafen, da alle Eure Freunde darauf gestorben sein?« Der Kaufmann mußte der geschwinden Antwort lachen, und fuhren also fort. (145) Otho Melander Joco-seria 1605 Von einem Studenten, der Martinsabend hielt Zu Leipzig war ein Student, der gern Martin hätt halten mögen, hatt aber weder Heller noch Pfennig. Es wohnte aber ein Bäcker ihm gegenüber, dem stiehlt er ein Gans, rupfet sie und schickt sie in desselben Bäckers Haus zum Braten. Die Federn verkauft er derselben Bäckerin für zwei Groschen, dafür läßt er sich gleich drei Maß torgauisch Bier holen. Wie die Gans gebraten ist, holt er sie selber ab. Weil aber noch viel Leute im Haus sein, welche auch gebraten Gans im Backofen haben, und etwas Gedränge ist, geht der Student mit seiner Gans davon, fragt nicht, was er soll davon fürs Braten geben, weil man auch kein Achtung auf ihn gab. Weil er aber nun die Gans und das Bier, aber doch kein Brot hat, geht er vor des Bäckers Haus, weil es schon Nacht und finster, daß ihn niemand kennet, klopfet an und begehret für einen Groschen Semmeln. Da sie ihm der Bäcker zum Fenster hinauslanget und die Hand aufhielt, meinend, der Student werde ihm das Geld geben, aber der Student läuft davon, gehet heim und hält seinen Martinsabend. Da nit allein die Gans des Bäckers gewest, sondern er sie auch umsonst gebraten, das Geld zu Bier gegeben wie denn gleichergestalt die Semmeln. (146) Von einem Studenten und seiner Buhlerin Zu Marburg in Hessen war auf ein Zeit ein Student, welcher mit eines Schuhmachers Weib buhlet, die auch damals seine Wäscherin war. Einsmals gehet der Schuhmacher über Feld auf einen Markt. Da solches das Weib vernimmt, hitzet sie eine Badstuben, welche sie im Hause gehabt, und bittet denselben Studenten, daß er mit ihr badet. Auf dem Weg aber begegnet dem Schuhmacher einer, welcher ihm saget, daß der Markt acht Tage aufgeschoben wäre, mußte deswegen mit seinen Schuhen wieder anheim ziehen, kommt, wie der Student noch bei seiner Frauen im Bad sitzet. Das Weib aber, wie sie höret ihren Mann rufen, gibt sie Antwort und bittet ihn, er soll zu ihr in das Bad kommen und mit ihr baden. Dem Studenten aber wird bang in der Badstuben, er befürchtet, so der Mann hineinkomme, werde er's ihm übel gesegnen. Wie der Mann aber die Tür aufmachet und hineingucket, hat das Weib ein Kübel voll kalt Wasser, gießt's dem Mann ins Gesicht, daß er nicht sehen könnt, wer bei ihr in der Badstuben war, und spricht: »Du Narr, hast du dein Leben lang gesehen, daß man in Kleidern in die Badstuben gehet? Ziehe dich aus und komm alsdann herein!« Der gute Schuhmacher nimmt solches von dem Weib für Scherz auf, weiß nicht anders, gehet hin und ziehet sich aus. In der Zeit hilft das Weib dem Studenten davon, dem die Zeit sehr lang in der Badstuben gewesen, da der Schuhmacher hat hineinkommen sollen. Über etliche Tage begegnet derselbe Student des Schuhmachers Weib auf der Gassen, gibt ihr zu verstehen, wie sie ihm so häßliche Possen in der Badstuben gemacht habe, weil sie ihren Mann habe hineingerufen. Das Weib verlacht den Studenten und spricht, er soll sich schämen, daß er seinen Eltern so viel Geld verstudieret hätte und nicht so viel gelernet, daß er einen also unvermerkten Betrug anstellen könnte, gleich wie sie ihrem Mann .damals getan. Der Student nimmt solches in acht, denkt sie wieder mit gleicher Münze zu bezahlen, damit sie sehen sollt, daß er seinen Eltern das Geld nicht umsonst verstudierte. Er bat einmal etliche Studenten auf seine Stuben des Morgens zum Branntwein, schicket dem Schuhmacher auch einen Boten (doch daß sein Weib nichts darum wußte), welcher dann ein guter Zechbruder war. Die Studenten haben ihm auch ziemlich zugetrunken. Der obgemeldete Student schicket des Schuhmachers Weib als seiner Wäscherin auch einen Boten, sie sollt eilends kommen und etwas zu waschen holen. Das Weib kommt, der Student führt sie in sein Kammer, legt sie in sein Bett und spricht, sie soll liegen bleiben, er wolle bald wiederkommen und sich zu ihr legen. Gehet hiermit in die Stuben, trinkt dem Schuhmacher noch eins zu und spricht wider ihn, so er ihm verheiße, daß er schweige, wolle er ihm etwas melden und anzeigen. Der Schuhmacher verspricht sich und sagt hiermit zu, er will reinen Mund halten und niemand nichts davon sagen. Der Student sagt, er habe eine Hur in seiner Kammer, derselben soll er ein Maß an den Füßen nehmen und ihr ein Paar Schuhe machen. Der Student führet also den Schuhmacher in sein Kammer, gehet aber doch vorher, hebt das Bett etwas auf und wirft's ihr auf das Angesicht, spricht: »Hur, streck den Fuß heraus und laß dir die Schuh anmessen!« Das Weib muß den Fuß herausstrecken und von ihrem eigenen Mann sich die Schuh lassen anmessen. Nach solchem führet der Student den Schuhmacher wieder in die Stuben, läßt ihm noch eins oder etliche Mal zutrinken, das Weib aber schickt er wieder zu Haus. Bald hernach geht der Schuhmacher auch heim, findet sein Weib über einem grünen Mus schabend, die auch schon daran geschabt hatte, wie er war hinausgangen, zu ihr sprechend: »Wahrlich, Frau, der Student N. hat ein Hur bei sich gehabt, der hab ich ein Maß genommen, soll ihr ein Paar Schuh machen, die hat eben so gleiche Füße und deine Leisten wie du. Und hätt ich dich nicht noch über dem Krautschaben gefunden, so hätt ich tausend Eide geschworen, du wärst es gewest.« Hätt es leicht mögen erraten haben. Weil er's aber nicht gewußt, so hat's ihm auch nicht geschadet. (147) Von einem betenden Edelmann Überschrift vom Herausgeber Ein frommer Edelmann pflegte allweg vor und nach dem Essen mit seinem Weib und Kindern zu beten. Der Knecht lachte. Da nun das Weib solches zu unterschiedlichen Malen wahrgenommen hatte, zeigte sie's ihrem Junker an. Derselbe gab gleichfalls unter dem Gebet acht auf seines Knechts Gebärden und sah ihn auch lachen, fragt ihn deswegen ernstlich, warum er gelacht hätte. Der Knecht sagt: »Was soll ich nicht lachen, daß Ihr betet gleich wie die Bürger, da Euch doch solches nicht nötig ist, denn die Bauren müssen Euch alles zuführen.« (148) Von einem Grafen Ein Superintendent hielt bei seinem Grafen an, daß er ihm gestatten wolle, in seiner Herrschaft den Bann wieder einzuführen, welches ihm dann der Graf willig zuließ. Was geschieht aber? Der Graf lebt bisweilen nach seinem eigenen Gefallen, deswegen schalt ihn der Pfarrer und sprach: »Gnädiger Herr, so Ihr Euch nit werdet bessern, so wird's anders nit sein, ich muß Euch in Bann tun.« Der Graf erzürnt sich heftig und sprach: »Den Teufel magst du exkommunizieren und in Bann tun, mich nit. Ich hab dir gestattet, die Bauren zu bannen, desgleichen auch die Bürger. Aber wahrlich, du sollst mich lassen nach meine Weis leben!« (149) Michael Kaspar Lundorf Wiesbadisch Wiesenbrünnlein 1610/11 Von einem Bauren, der Doktor Drachen von einem Pfarrherrn einen Hasen bringen sollte und den Namen vergessen hatte An einem unbekannten Ort im Hessenland wohnte ein Pfarrherr, der da mit Doktor Drachen in guter Kundschaft stund und zwischen der Zeit nach Gelegenheit den Doktor mit Käs, Butter und dergleichen verehren tat. Auf ein Zeit aber verschickte der Pfarrherr erstgemeld'tem Doctori durch einen Bauren desselbigen Orts einen schönen Hasen. Dem Bauren war, wiewohl er den Namen fast bis in die Stadt im Maul geführet, der Name unterdessen ins Gäßlein gefallen, fragt derowegen, wer ihm : fürkam, ob er ihm nicht sagen könnte, wo doch Doktor Lindwurm wohnen täte. Jedermann konnte ihm von Doktor Lindwurm nichts sagen, bis endlichen da fraget ihn einer, ob er denn kein Schreiben von dem Pfarrherrn an Doktor Lindwurm hätte, so sollte er ihn die Überschrift lesen lassen. Der Bauer antwortet: »Ja«, zeucht das Schreiben raus und übergibt's ihm. Der ander lachend sagt: »Ja, Doktor Drach heißt er. Hättest noch wohl weiters laufen müssen, bis du Doktor Lindwurm angetroffen hättest.« Der Bauer sagt hinwiederum: »Gib her, gib her! Es gilt gleich Doktor Drach oder Doktor Lindwurm, sind bei meinem Eid beides zwei böse Tier.« Ward also mit großem Lachen zurechtgewiesen, und kam der Has an den rechten Erben. (150) Von einem, welchem seine Frau ertrunken Anno Christi 1595, als das Wasser beider, des Mains und Rheins, allenthalben sehr überhand nahm, also daß hiervon alle Bach, Teich und Gräben mit Wasser erfüllet und dannenhero, wegen großer Meng und Überfluß des Wassers, an Menschen, Vieh, Äcker und Wiesen großer Schaden gespüret wurde, hatte hierzwischen auch einer seine Frau verloren, konnte derohalben anderst bei sich nicht gedenken, als daß das ungestüme Wasser dieselbige ohnversehens weggerissen und ersticket hätte. Darum er auch verursachet ward, dieselbige nach abfließendem Wasser allenthalben zu suchen. Als er aber mit emsigem Suchen nichts ausgerichtet, so gehet er das Wasser hinaufwärts, suchet so fleißig, als er immer konnte. Indem er aber auch daselbsten nichts ausgerichtet und ihn einer, so ihm ungefähr begegnete, vermahnet, daß er hinabwärts des Wassers die Frau suchen sollte, antwortet er: »Ja, wohl hinabwärts? Sie hat bei ihrem Leben allzeit mit mir wider den Strom gehandelt, so ist auch billig, daß ich sie das Wasser hinauf- und nit hinabwärts suche.« (151) Von einem Soldaten, so niemals auf einem Federbett geschlafen hatte Ein alter Soldat war von Jugend auf in Kriegen auferzogen und war niemals so glückselig gewesen, daß er auf ein gutes Federbett hätte kommen mögen. Sondern weil er ja zum Pfennig geboren, konnte er auch zu keinem Taler kommen, und weil er im Stroh unterm freien Himmel gehecket worden, konnte oder mochte ihm auch noch zur Zeit kein Bett gebühren. Endlichen, als er einsmals nach Vollendung des Kriegs in ein schlechtes Bauren-Wirtshaus eingezogen und über Nacht daselbsten herbergen wollte, trägt ihm nach dem Essen der Wirt ein frisches Stroh und gülden Bett in die Stuben. Zu allem Glück aber, wie den Soldaten bedeuchte, findet er unter denselbigen Säufedern auch eine einzige Gänsfeder, ist froh, will einmal nunmehr versuchen, wie er auf Federn oder aber im Stroh besser ruhen könnte, legt die gefundene Feder auf eine Bank unter sein Haupt. Als er aber fast ein Stund oder etliche geruhet und der Kopf ihm wegen der harten Bank, die er so freundlich gedrücket, um und um gangen, wirft er mit großem Fluchen und Schwören die gefundene Feder hinweg, sagend: »Liegt einer so übel auf einer Feder, daß einem der Kopf dormelt, was sollt erst geschehen, wenn einer erst auf einem ganzen Bett voll läge? Es sollte wohl einer auf einem solchen Haufen gar rasend und voll Teufel werden.« (152) Julius Wilhelm Zincgref Facetiae Pennalium 1618 Eine Quittung Überschrift vom Herausgeber Ein einfältiger Pennal, als ihm der Schneider ein Wams gemacht und er es ihm nicht bezahlen konnte, bat er, er sollt ihm den Macherlohn borgen. Als aber der Schneider ein Handschrift haben wollt, schrieb er ihm eine dergestalt: »Ich, Jost Schütz, bekenne, daß das Wams mein ist, welches mir Meister Ehrhart gemacht hat. Was das Macherlohn anlangt, das hat sein Weg, das wird sich wohl schicken.« (153) Der verwechselte Kahlkopf Überschrift vom Herausgeber Einmal reisten ein Student, ein Scherer und ein Kahlkopf miteinander. Als sie nun nachts im Wirtshaus übel trauten und einer um den andern wachen sollt, traf das Los den Balbierer zum ersten, welcher, indem er also wachte, nahm er sein Schermesser und schor dem Studenten ganz bloß auf der Haut alle Haar hinweg und weckt ihn hernach auf, als die Zeit an ihn kommen war zu wachen. Welcher, da er also vom Schlaf aufwachte und, sich auf dem Haupt kratzend, keine Haar befand, fing er an und sagt: »Der arge Hudler, der Balbierer, hat sich geirret, hat den Kahlkopf für mich aufgeweckt.« (154) Julius Wilhelm Zincgref Apophthegmata 1626 Von einem Jüngling, der kein Schalk war Überschrift vom Herausgeber Ein teutscher Jüngling hatte bei zehn Jahren zu Rom verzehret, damit er etwa ein gute Pfründ erlangen möchte, mußte aber unverrichteter Sach, mit leerem Beutel, wieder heimziehen. Und weil er sonst redlich und geschickt war, hätt ihm seiner Mitbürger einer gern ein Tochter verheiratet, besorgt jedoch, weil er so lang zu Rom gewesen, er wäre zu einem Schalk geworden. Wie er sich derohalben mit seiner guten Freund einem beratschlagt, antwortet ihm derselbig: »Lasse dich dieses nicht irren, sondern gebe sie ihm kecklich: Denn wenn er zu Rom ein Schalk worden wäre, so hätte er gewißlich auch ein feiste Pfründ davongebracht.« (155) Von Wein und Wasser Überschrift vom Herausgeber Ein Wirt hatte einem Fuhrmann ein Fuder Wein zu kaufen geben. Der Fuhrmann fragt ihn, wieviel das Fuder könnte Wasser leiden. Der Wirt antwortet: »Zween Eimer.« Der Fuhrmann gießt zween Eimer darein. Als er aber den Wein verkaufen will und ihn niemand kaufen wollt, weil er fast alles Wasser war, kommt er wieder zu dem Wirt und will ihn mit Recht vornehmen. Der Wirt fragt ihn, wieviel er denn Wasser hineingeschüttet hätte. Er antwortet: »Zween Eimer.« »Ja«, sagt der Wirt, »so hab ich zuvor auch zween hineingegossen, das sein vier. Nun hab ich Euch nur von zween Eimern gesagt, die das Fuder leiden könnte, und nicht von vieren.« (156) Erkannte Domherren Überschrift vom Herausgeber Auf ein Zeit spazierten zween Domherren zu Mainz im Kreuzgang des Doms, von ihren Köchinnen redend, nämlich H.R.P. und einer von E. Ein blinder Bettler, so dabei saß, ruft ihnen zu: »Ach, ihr hochwürdigen Domherren, gebt einem armen blinden Mann etwas um Gottes willen!« Sie fragten ihn, woher er wisse, wer sie wären, angesehen er stockblind wäre. Denen antwortet er: »Ach ihr Herren, soll ich's nicht an Eurem christlichen Gespräch abnehmen?« (157) Von gutem und schlechtem Geld Überschrift vom Herausgeber Als vor kurzen Jahren bei Anfang des Kriegswesens die leichten Münzen aufkamen und ein Durchreisender in der Markgrafschaft einen Bauren, bei dem er gezehrt, mit seines Herrn, des Markgrafen, neuen Sechsbätznern, die schon etwas kupfericht aussahen, bezahlen, der Bauer es aber nicht annehmen wollte, sagte der Gast, es wäre ja seines Landesherrn eigne Münz, es stünde ja desselben Bildnis darauf. Der Bauer leugnet, es wäre nicht seines Herrn Bildnis. »Denn«, sagt er, »unser Herr hat keine so rote Nase.« (158) Literarische Bemühungen um die Gattung Johann Talitz von Lichtensee Kurzweiliger Reisegespan 1645 Wie zwei Soldaten mit einem Priester um Geld beten Überschrift vom Herausgeber Stehlen halten etliche für ein Kunst, wie bei den Zigeunern zu sehen. Man stiehlt auch unter vielen Praetexten und Schein. Man gibt ihm. auch viel andere Namen und Titel. Zwar bei den kleinen Dieben heißt es gemeinlich stehlen, wie dieselbigen auch gemeinlicher gehenkt werden denn die großen, sonderlich wenn sie es am besten können. Aber bei den großen heißet es das Messer brauchen, trucken, klemmen, unter den Arm nehmen wie der Normanier den Apfel, eins über ein Äug geben, kniepen, scheren und dergleichen. Eine andere Manier aber ist das jetzige alamodische edelmännische und soldatische Stehlen, das denn auch seine sonderbaren Ehrennamen hat als holen, beuten, tauschen, abspannen, sich muntieren oder berittenmachen, absetzen, mitteilen und dergleichen, wie folgende Historien melden: Als ein Priester während dieser Reichsunruhe ein ansehnlich Geld empfangen, welches zween Soldaten ausgekundschaftet und ihm auf dem Weg, da sie wußten, daß der Priester fürzureisen hatte, aufgewartet. Als nun das gute Herrlein zu ihnen kam, sprachen sie denselbigen um eine Reiterzehrung an. Der gehub sich sehr arm, daß er ohne Geld und ihnen nichts zu geben hätte. Darüber sprach der eine Soldat: »Ei, wie seind dann drei arme Teufel zusammen kommen, da keiner was hat. Aber mein Rat wäre, daß wir hie in weitem Feld niederknien sollten, Gott den Herrn zu bitten, daß er uns doch etwas bescheren wolle. Und dieweil wir Soldaten arme Sünder und unser Herrgott uns vielleicht schwerlich erhören möchte, wird er doch ungezweifelt diesen frommen Priester erhören.« Der Rat gefiel dem andern Soldaten auch, derowegen knieten sie nieder, nahmen den Priester zwischen sich in die Mitten und beteten alle drei ein Weil miteinander. Nachmain sprach der ein Soldat zu dem andern: »Bruder, ist dir noch nichts zukommen?« Er sucht in seinen Hosen und sprach: »Nein.« Da wandte er sich zu dem Priester und sprach: »Herr, ist Euch was zukommen?« Als der Herr ein Weil gesucht, sprach er auch: »Nein.« Darauf sagt der Soldat: »Nun wohlan, so wollen wir noch einmal beten, denn manchesmal wird an einer Tür geklopft und ihm nit alsobald zum erstenmal aufgetan. Darum, lieber Herr, betet fein tapfer! Es wird das meiste Teil an Euch gelegen sein, und ich weiß, Gott wird uns durch Euch erhören.« Auf solches huben sie wieder an zu beten, und da sie ein Weil also gebetet, fragt der Soldat seinen Bruder wie auch den geistlichen Herrn, ob ihnen was zukommen sei. Und nachdem sie gesucht, sprachen sie: »Nein.« Darauf der Soldat sagt: »Es ist unmöglich, daß uns Gott nicht was bescheret habe, ihr wollt mir sonst die Sachen verleugnen. Laßt mich selbsten in euern Säcken suchen, denn ich eigentlich getraue, unser Herrgott habe dieses frommen Priesters Gebet erhöret.« Darauf ersuchet er seinen Mitgesellen, fand nichts, hernach den Priester, bei welchem er das Geld fand. Derowegen mit Unwillen, wie er dergleichen täte, zu demselben sprach: »Wie, mein lieber Herr, wolltet Ihr uns dasjenige, so uns Gott miteinander zugeschicket, verschwiegen haben? Wahrlich, es wäre nicht ein Wunder, wenn wir Euch schon kein Teil davon gäben. Aber weil wir erkennen, daß durch Euer Gebet uns dies Glück zugestanden, so wollen wir doch getreulich mit Euch teilen.« Damit macht der Soldat aus dem Geld drei Teile, gab einen dem Priester, seinem Mitbruder den andern, er aber nahm den dritten und sagte zu dem Priester: »Ziehet hin mit Gott, lieber Herr! Jetzt habt Ihr Geld, hat mein Bruder Geld und hab ich Geld, und da wir zusammen kamen, hatte keiner nichts.« Also hatten sie redlich mit ihm geteilt. (159) Ein Bauer wollte die Soldaten aus dem Haus beten Es sind auch die Soldaten gottesfürchtig, denn sie beten schier täglich das welsche Paternoster mit den großen Korallen. Unlängsten lagen etliche Soldaten in Württemberg, die waren einem Hausvater sehr beschwerlich, und der gute Mann betet zu Gott Tag und Nacht, er wolle ihm doch die schwere Bürd und die verruchten Soldaten von dem Hals und aus dem Haus nehmen. Als aber sein Gebet nichts half und er besorgt, er würde auf diese Form nicht erhöret, betet er ein andern Weg, also sprechend: »Ach mein Herrgott und Schöpfer, dieweil du mein Gebet zweifelsohne meiner Sünden halben nit erhören willst, so bitte ich dich, du wollest doch der Soldaten alltägliches und stündliches Gebet oder Fluchen erhören!« Damit verhoffte er entledigt zu werden. Wieso? Der Soldaten täglich Gebet war anders nicht dann »Hol mich der Teufel! Verblind, verlahm ich, sterb ich des jähen Todes! Komm ich nicht lebendig da hinweg! Schlag mich der Hagel, der Donner!« usw. Hiermit nicht zu bezweifeln, wenn unser Herrgott der Soldaten Wunsch und Gebet erhöret, der Bauer oder Hausvater wäre ihrer abkommen. (160) Ein Richter wird von silbernen Kürassieren überwunden Ein Richter oder Bürgermeister hatte einen wichtigen Ausspruch zwischen zweien wohlhablichen Kaufleuten zu tun. Der eine kam zu ihm und bat, er sollte den nachgehenden Tag das Urteil zu seinem Favor Vorteil fällen. Darum wollte er ihm eine ansehnliche Verehrung tun. Der Richter aber wollt ihm nichts versprechen. Da sprach der Kaufmann: »Herr Richter, so Ihr das Urteil für und nicht wider mich fället, will ich Euch alsobald hundert Reichstaler in specie liefern.« Da aber der Richter noch nicht eingewilliget, sondern zwischen Ja und Nein stund, nahm der Kaufmann die hundert Reichstaler und schüttet sie dem Richter auf den Tisch. Und sie waren alle eines Schlags, nämlich auf einer Seiten ein Adler und auf der anderen ein gewappneter Mann. Da nun der Richter solche ein Weil ansah, sprach er: »Quis potest resistere tot armatis? Wer kann so viel gewappneten Männern widerstehen;« Hiermit ergab er sich, denn er ward mit diesen Gewappneten überwunden und fället das Urteil nach des Kaufmanns Willen. Ist kein Wunder, wenn hundert Gewaffnete wider einen Unbewehrten. Wo man mit silbernen Kugeln schießt, da ist ein Festung bald gewonnen. Wenn man groß Fisch will fangen, so muß die Angel stark sein und ein rechte Größe haben. Man muß auch acht haben, was sie gern essen. Davon muß man ihnen ein Aas machen. (161) Ein Bauer kam des Bürgermeisters Befehl lächerlich nach Im Schwabenland in einer Stadt hat ein voller Bauer ein wildes Getümmel auf der Gassen gemacht, und der Bürgermeister ließ ihm durch den Schergen anzeigen, er sollte die Gassen räumen. Der Bauer nahm sein Pferd, so er im Wirtshaus hatte, setzt sich darauf und ritt in allen Gassen herum, hielt ein Stecken in Händen und mahnet damit männiglichen ab den Gassen, vermeldend, daß solches des Bürgermeisters Befehl wäre. Als nun niemand wußte, was solches zu bedeuten hatte, und es dem Bürgermeister zu Ohren kam, fordert er den Bauren, filzt ihn aus und wollt wissen, was er gemacht hätte. Der Bauer sagt, wie ihm sein, des Herrn Bürgermeisters, Weisheit Selbsten befohlen, die Gassen zu räumen, das hätt er besten Fleißes verrichtet. Der Bürgermeister ward zornig und sagt ihm, er soll sich aus dem Staub machen, oder er will ihn lassen einsperren. Damit nun der Bauer sich aus dem Staub machte, lief er hin, sprang in ein Brunnen und fing darin ein solch Geschrei an, daß männiglich hinzulief und des Narren lachte. Da solches der Bürgermeister vernahm, ließ er ihn fragen, was er doch damit meinte. Da antwortet er, dieweil ihm der Bürgermeister befohlen, er sollt sich aus dem Staub machen, hätt er gedacht, nirgends minder in dem Staub zu sein als eben im Wasser. Auf solches ward ihm geboten, er soll sich nicht mehr sehen lassen. Da ging er hin, ließ sich in ein groß Faß einschließen, sich ein paar Schlegel in die Hand geben, das Faß auf einen Wagen legen und in der Stadt herumführen. Darin hatt er ein solch Getümmel, daß männiglich zu eng in den Häusern ward. Abermals ließ ihn der Bürgermeister herfordern und fragt ihn, was er damit meinte. Da antwortet er, man hätte ihm befohlen, er sollt sich nicht sehen lassen. Das hätte er getan, und er meinet, ihn hätte niemand gesehen, alldieweil er in dem Faß gewesen. Da sprach der Bürgermeister ganz zornig zu ihm, er sollte nunmehr sein Schalkheit unterwegen lassen und nicht wieder in die Stadt kommen, sonsten wollte er ihn seinem Verdienen nach abstrafen. Der Bauer setzt sich abermals aufsein Pferd, ritt in der Stadt herum und sang und johlte nach seinem Gefallen. Auf solches ließ ihn der Bürgermeister fangen und vor sich bringen. Zu dem sprach er: »Du schalkhafter Mann, was hab ich dir letztlich befohlene Weißt du es nicht mehr?« Er aber sagt: »Herr, ich weiß es gar wohl: Ihr habt mir befohlen, ich soll nicht wieder in die Stadt kommen. So bin ich ja gehorsam gewesen: Ich bin nicht wieder in die Stadt kommen, denn ich war zuvor hier.« Aber der Bürgermeister kehret sich nicht mehr an sein Verantwortung, ließ ihn drei Tage und Nächte einsperren, ihm nichts geben denn Wasser und Brot, ihn nachmalen zu der Stadt hinausführen, da er dann den Weg nach Haus gar bald fand. Gottes Barmherzigkeit und der Bauren Schalkheit ist unerforschlich. (162) Ein Bauer weist der Obrigkeit den rechten Weg Man sagt von einem Bauren, daß, da derselbige einmal in seinen Weinreben gearbeitet, seien etliche vornehme Herren und Häupter seiner Obrigkeit bei ihm vorbeigeritten und hätten, als sie ihn gegrüßet, beinebend gefragt, ob sie auf dem rechten Weg an diesen oder jenen Ort wären. Da habe er gesagt: »Nein.« Darüber habe der vornehmste dieser Gesellschaft gesagt: »Wie sollen wir denn der Sach tun? Müssen wir wiederum hinter uns reiten?« »Nein«, sprach der Bauer, »reitet nicht hinter Euch, Ihr Herren, denn solches war gefährlich. Aber wendet die Pferd um und reitet wiederum vor Euch bis an diesen oder jenen Weg.« Der Herr spüret heraus, daß der Bauer ein rechter Spötter war, fraget ihn deshalben weiter, sprechend: »Wieviel Wein hast du das verschieden Jahr gemacht?« Er antwortet: »Mein groß Faß voll.« »Wieviel«, sprach der Herr, »gehet in das groß Faß?« Er antwortete: »So viel, bis es voll ist.« Der Herr ward unwillig und sprach: »Gesell, Gesell, wenn du in unsere Stadt kämest, wir dürften dir -wohl den Wein verehren.« Er aber sagte: »Nein, nein, lieber Herr, es ist nicht vonnöten, mir den Wein zu verehren, weil mein groß Faß voll ist.« Damit schieden sie voneinander. Fromme Obrigkeit ziehet verschlagene Untertanen. (163) Kapuziner dürfen kein Geld tragen Ein possierlicher Edelmann ging mit zweien Kapuzinern über Feld, und es war den Tag zuvor ein groß Gewässer gewesen, welches etliche Brücken und Stege hinweg genommen. Und als sie zu einem Bach kamen, da auch weder Brück noch Steg vorhanden, also daß man durchwaten mußte, war der Edelmann unwillig, da er mit schönen seidenen Kleidern und Strümpfen angetan war. Aber einer unter diesen Brüdern bot sich an, ihn durchzutragen. Das nahm der Junker an und setzt sich auf den Bruder. Als sie nun mitten in den Bach kommen, fragt der Bruder den Junker, ob er auch Geld bei sich hätte. Der antwortet: »Ja freilich.« »O wehe«, sprach der Bruder, »ich darf kein Geld tragen, denn es ist wider mein Regel.« Damit warf er den Junker mitten in den Bach. Der zappelt aber fein hinaus. Gott gesegne ihm das Bad. (164) Ein Diener vergilt seinem Herrn den Geiz Ein Herr war so karg oder klug, daß er seinen Dienern den Wein gar stark wässerte. Und wenn er ihnen noch dazu die Zahn hätte ausreißen können, damit sie desto minder äßen, hätte er es nicht gespart. Eines Tages, als einer seiner Diener sehr tröstlich aß und ihm seine Mühle unter der Nasen ganz geschwind ging, sprach er zu demselbigen: »Landsmann, wann wird dein Mühle auch einmal stillstehen?« Der antwortet: »Herr, diese Mühle wird so bald nit stillstehen, denn Ihr laßt ihr kein Mangel an Wasser.« Der Herr mocht es wohl merken. Wer einem geizigen Herrn dienet, der hat davon größer Beschwernis denn vom Zahnwehe. Guter Lohn, getreuer Diener: Gute Präsents machen andächtig Priester. (165) Ein Gast soll den Geschmack bezahlen An einem Abend spät kam ein Reisender in ein Wirtshaus, welches so voller Gast war, daß er nicht zu dem Tisch konnte, deswegen auch nichts zu essen übrig fand, mußte er selbige Nacht ungegessen bleiben. Da es nun Tag worden war, nahm er Urlaub von dem Wirt und wollt damit fortgezogen sein. Aber der Wirt hielt ihn auf und sprach zu ihm: »Wie, wolltest du hinziehen und mir nichts geben?« Der Gast saget zu ihm: »Was soll ich dir geben, so ich doch von dem Deinigen nichts gessen hab?« »Holla, holla«, sprach der Wirt, »hast du deinen Hunger nicht gestillet von dem überflüssigen Geschmack so vieler Speisen?« »Ja, wahrlich, du hast recht«, sagt der Gast, zog hiermit einen Dukaten aus dem Säckel – denn er stellet sich, als ob er keine Münze hätte – und warf ihn auf den Tisch, den Wirt fragend, ob der Dukaten gut war. Der Wirt sprach, ihn gedünkte, er hätte ein guten Ton. Da nahm der Gast sein Dukaten wieder und sagt dem Wirt: »So nimm denn hin den Ton dieses guten Dukaten um den vielfaltigen Geschmack deiner guten Speisen!« Und zog damit davon. Wohl bezahlt. (166) Wirtin und Gast wollten der Zech nicht warten Ein Gartknecht oder Landstreicher setzt sich dorten in die Zech, und als die Wirtin von einem jeden das Geld aufnahm, kam sie auch zu dem Gartknecht. Da sprach er zu ihr: »Frau Wirtin, wie wollt Ihr der Sach tun? Ich hab kein Geld, Ihr müsset mir warten, so will ich Euch bezahlen.« Sie sprach, sie könnte nicht warten, müßte das Geld haben und wollte bezahlt sein. Der Gartknecht stund auf und fragte die Wirtin, ob sie auf ihn doch gar nicht warten wollte. »Nein, gar nicht«, sagt sie. »Wohlan«, sprach er, »wenn Ihr denn gar nicht warten wollet, so will ich auch nicht warten.« Damit sprang er die Stiegen hinab und macht sich davon. Wie lang er gelaufen, mag ich nicht wissen, aber das weiß ich, daß die Wirtin lang gewartet, ob sie schon gesagt, sie wolle gar nicht warten. Ist sie nicht tot, so wartet sie noch. (167) Des Goldschmieds jung macht schier zween taub Ein Goldschmied zu N. hatte Anno 1618 einen Lehrjungen mit Namen Vestel (sonst Sylvester), ein Ausbund eines Schalks. Zu diesem kommt auf ein Zeit ein grober bayerischer Bauer mit etlichen Loten Bruchsilbers, der sprach zu ihm mit sehr lauter und starker Stimme: »Mein Jung, wo ist der Herr?« Der Jung verwundert sich des Schreiens und sagt: »Was begehrest du des Herrn?« Der antwortet: »Ich wollt ihm dies Silber zu kaufen geben.« Da sprach der Jung: »Ei, mein lieber Bauer, ich sorg, du könnest nicht mit dem Herrn reden, denn er hört sehr übel, und du müßtest sehr laut schreien.« »Ei, laß mir ihn hergehen«, sagt der Bauer, »ich will das Maul schon auftun.« Da ging der schalkhaftige Jung hinauf und sagt dem Herrn, wie daß ein Bauer vor dem Laden sei, so etliche Lot Silber zu verkaufen hätte, jedoch so hörte derselbige gar übel, müßte deswegen der Herr laut mit ihm reden. Der Herr glaubt dem Jungen, geht hinab, will dem Bauren das Silber abkaufen, hebt ganz laut an zu schreien. Der Bauer aber noch viel mehr, also daß die Nachbarn allenthalben zu Läden und Fenstern ausschauten, teils auch herzuliefen, denn sie vermeinten nicht anders, denn diese zween haderten miteinander. Da solches der Goldschmied sah, ward er zornig und sprach zum Bauren: »Ei, wie schreist du so greulich, du Narr? Meinst, daß ich so übel höre als du?« »Wie?«sagt der Bauer. »Ich höre nicht übel; wohl hat mich Euer Jung berichtet, daß Ihr nicht wohl höret.« Da sah der Goldschmied den Jungen an, welcher sich des Lachens nicht enthalten mocht, und sprach: »Ei, seht doch, wie der Stuckschelm in die Faust lacht!« Nahm damit ein Riemen von der Wand und wollt den Jungen ansalben, aber derselbige macht sich aus dem Staub. Weit von dannen ist Schutz frei. (168) Ein Edelmann trank ein Klistier wegen Kopfweh Ein junger Edelmann aus Deutschland erkrankte in Frankreich, hatte große Schmerzen in dem Kopf. Die Ärzte hießen ihm ein Klistier zurichten, und als der Apotheker sein Arbeit verrichten und ihn klistieren wollte, ward er sehr zornig und sprach: »Ich muß bei dem Rasperment sehen, daß die Welschen rechte Narren seind. Sie wollen mir den Arsch kurieren, und mir ist wehe im Kopf.« Nahm damit das Klistier und soff es in einem Trunk aus. O Narr. (169) Huren machen Pferde stolpern Ein teutscher Edelmann reist in ein vornehme Reichsstadt, und als er auf die Brücke kam, stolpert sein Pferd und fällt halb auf die Erden. Daselbsten stund ein jung frech Weib, die lachet und spottet des Edelmanns. Er aber sprach zu ihr: »Verwundert Euch nicht! Mein Pferd tut nicht anders, wenn es ein Huren siehet.« Zu dem sagt das Weib lachend: »Mein lieber Junker, wenn Ihr nicht wollet den Hals zerbrechen, so reitet mit diesem Pferd nicht in die Stadt, denn daselbsten alle Gassen voll Huren sind. Ich rate Euch deswegen, daß Ihr heimreitet und ein solch übel geartet Pferd verkaufet, wenn Ihr je Euer Leben fristen wollet.« Wenn alle Pferde vor Huren stolperten, wäre besser zu Fuß gehen als reiten. (170) Ein Weib wollt vor Kümmernis beim Toten liegen Nun kommen wir wieder auf die Weiber: Ein Handwerksmann starb, und sein Frau gehub sich sehr übel um ihn, sonderlich aber, da man den Mann aus dem Haus trug und ihn begraben wollt, sprach sie: »Daß Gott erbarm, daß Gott erbarm! Ach leget mich zu ihm, ach leget mich zu ihm!« Aber ihr Meinung war nicht, daß man sie zu ihrem verstorbenen Mann legen sollt, sondern zu dem Knecht, mit welchem sie gleich acht Tag danach Hochzeit hielt. Weiber nehmen oft ein Drescher für ein Tröster. (171) Georg Philipp Harsdörffer Artis apophthegmaticae continuatio 1656 Manier Eine Jungfrau fragte einen Märleinträger, was er Neues habe. Er sagte: »Nichts anderes, als daß man den Jungfrauen, welche kleine Mäuler haben, jeder zween Männer geben will.« »Ist das möglich?« sagte die Jungfrau und zog den Mund ein, ferner fragend: »Was wird man aber denen tun, die große Mäuler haben?« »Man wird ihnen«, sprach der Befragte, »drei Männer geben.« Da sperrte sie den Mund mit einem großen Gelächter auf. (172) Stärke und List Unlängsten ist der lange Bauer zu Calw gestorben, welcher ein solche Stärke gehabt, daß er allein einen Eimer Weins auf einen Wagen heben konnte. Hat auch manchem parlierenden Reiter seine Faust zu versuchen geben. Im Jahre 33 hat ihn ein schwedischer Reiter bei Calw in der Staig angetroffen und mit Gewalt Geld von ihm haben wollen. Weil er sich aber anfänglich entschuldiget, daß er keines bei sich hab, und doch endlich bekannt, er hätt etwas Geld bei sich versteckt, mußte er alle seine Kleider ausziehen und schämete sich, solches auf offener Straßen zu tun. Da bat er ihn, er sollt nur mit ihm ein wenig in den Wald hineinreiten. So ließ sich der Reiter bereden, folgte ihm und vermeinte, ein gute Beut bei ihm zu erhaschen. Der Bauer suchte in den Kleidern, zeucht endlich sein Säckel hervor und reicht ihn dem Reiter dar. Alsbald aber der Reiter danach greift, so erwischt ihn der Bauer bei dem Arm, reißt ihn vom Pferd herunter, und nachdem er ihn allerorten, wo er es seines Erachtens bedurft, genug abgeschmiert, läßt er ihn endlich liegen, sitzt aufs Reiters Pferd und reitet damit auf die Heimat zu. Eben dieser Bauer war in seiner Jugend ein eifriger Liebhaber der Bauren-Mägdlein, wie er denn so guten Kredit bei ihnen gehabt, daß er sieben nacheinander die Gürtel zu eng gemacht. Weilen aber die Sache anfing, lautbar zu werden, und er samt solchen sieben Hetzen nach Stuttgart vors Ehegericht beschieden wurde, hat er sein Reis' mit ihnen sämtlich auf eine Zeit angestellt, unterwegs eine nach der andern auf eine Seiten geführt und ihr unvermerkt zugesprochen, sie sollte vor dem Ehegericht nichts wider ihn klagen und ihn in kein Unglück bringen, so wollt er sie nach diesem Handel alsbald ehelichen und zur Kirchen führen. Mit diesem war ein jede wohl zufrieden, und begehrte oder klagte vor dem Ehegericht keine wider ihn. Weil er aber auf solche Manier vor dem Ehegericht für frei und ledig gesprochen worden, so hat er hernach einer so viel als der andern gehalten. (173) Gegenlist Ein Bauer fragte einen Goldschmied, was er ihm für ein Stück Goldes einer Hand groß geben wollte. Der Goldschmied vermeinte, daß er dergleichen habe, ließ ihm zu essen und zu trinken vorsetzen und gab ihm viel guter Worte. Endlich sagte der Bauer auf Befragen, er wollte ihm ein solches Stück Goldes verkaufen, wann er etwan eines finden werde. Der Goldschmied sah sich betrogen und fragte, was ein Fuder Rüben koste. Der Bauer sagt, das Hundert gelte vier Groschen. »Wohl«, versetzte er, »so bringt mir eins!« Der Bauer verstand ,ein Fuder', und als er solches gebracht, nahm der Goldschmied hundert, so viel er zu bringen begehrt, und scherzte also den Bauren mit solcher Gegenlist. (174) Gleiches mit gleichem Ein Goldschmied hatte einen Gesellen und suchte Ursach, ihm. Urlaub zu geben, weil er wenig zu arbeiten hatte und doch solches nicht gerne sagen wollte. Es fügte sich nun, daß eine fremde Katz durch das Haus lief, und der Meister sagte, daß es ein Künnlein oder Kaninchen gewesen. Der Gesell sagte, daß es eine Katz gewesen. Der Meister sprach: »Du mußt mir gestehen, daß ich recht habe, oder mußt mir diese Stund aus dem Hause.« Der Gesell antwortete: »Es kann sein, daß ich die Katz für ein Kaninchen angesehen habe.« Als nachgehender Zeit die Arbeit nötig worden, sah der Gesell einen Bauren einen Esel durch die Gassen treiben und sprach: »Schauet doch das schöne Maultier!« Der Meister sagte, daß es eine Eselin und kein Maultier. Der Gesell wollte sich rächen und versetzte: »Meister, Ihr müßt mir gestehen, daß es ein Maultier, oder ich gehe diese Stunde aus der Arbeit.« Der Meister sagte endlich: »Es kann sein, daß es ein Maultier ist«, weil er des Gesellens vonnöten hatte. (175) Ernst Wolgemuth Vergüldete Hauptpillen 1669 Ein Schuhknecht, kein guter Ochsenbegreifer Ein Schuhmacher zu F. ging mit seinem Knechte auf den Ochsenmarkt, um, wie es daselbst der jährliche Gebrauch ist, einen Ochsen einzukaufen und selbigen teils in Sulper Salzlake zu legen, teils aber in Rauch aufzuhenken, damit er auf den Winter mit gesalzenem und geräuchertem Fleische versehen wäre. Der Meister machte sich an ein Tier, begriff dasselbige auf den Rippen und andern Orten und sprach zum Knechte: »Dieser ist ein feiner fetter Ochse!« Der Knecht begriff den Ochsen auch, aber unten auf den Rohr-Beinen, und fand wenig Speck auf den Knien, derhalben er das Tier wenig loben wollte. Der Meister verwies ihm solches als einen großen Unverstand und sprach: »Du Narr, du mußt nicht da fühlen, sondern hier an diesen Orten!« »Ja«, sagte der Knecht, »Meister, daselbst freßt Ihr davon, aber ich muß dieses allhie essen.« (176) Nahrhaftes Handwerk Ein alter Korporal und Stutzer unter den Studenten hatte alle berühmten Akademien in Teutschland durchwandert, alles vertan und allenthalben unbezahlte Schulden gelassen, daher ihm auch die Wanderschaft notwendig oblag. Zu Rostock ging er in Kleidern, die allenthalben Tagfenster hatten, so aber der Mantel bedeckte. Die Schuh forderten etwas Neues, aber er wollte sie nur flicken lassen und ging in eines Schuhmachers Laden. Da saß seiner Landsleut einer, der ihn wegen der bekannten Sprach bewillkommnete, und das wegen der neuen Kundschaft. »Ja«, sprach der Herr Domine Studiosus, »wie bist du dazu kommen, daß du ein so schlechtes Handwerk gelernet hast?« Das verdroß das Handwerksbürschlein und antwortete höflich: »Ich sah, daß die Leute Schuh trugen, auch oft neue kauften. Darum erachtete ich, solches Handwerk wäre nötig und sollte einen ehrlichen Gesellen wohl nähren.« Da hast du's, Herr Domine Magister, mit den zerrissenen Kleidern und geflickten Schuhen. (177) Eine Hellebarde ist allezeit gut Barthel Held ging mit seiner Hellebarde in das nächste Dorf, da hätte ihn ein Hund schier übel gebissen, wenn er denselben nicht hätte vom Leib gehalten, aber so gefährlich, daß der Hund drüber vom kalten Eisen verwundet ward und tot blieb. Des Hunds Herr wollte ihn bezahlt haben und schlug ihn in hohem Preis, wegen der bekannten Treu und Wachsamkeit. Barthel antwortete, es wäre ohne Vorsatz geschehen und nur, seinen Leib zu schützen. Darüber kamen sie vor den Richter, der sagte zum Vorurteil; »Du hättest die Hellebarde sollen umwenden und nicht die Spitz vorhalten!« »Ja«, sprach Barthel, »wenn mir der Hund auch den Schwanz gekehrt hätte.« Der Richter lachte und zählte ihn ledig ohne Entgelt. (178) Gebilligter Betrug Hans Nimmernüchtern ging zu einem Krämer und borgte Tuch für ein Kleid, das er eben gleich nicht zahlen konnte, weil von dem. ersten Advent an bis zu Ostern er wenig Verdienst hätte, denn er war ein Geiger und fiedelte zu den Hochzeiten, deren wenig zwischen dem Neuen Jahr und Ostern gehalten werden. Da nun der Krämer fragte, wann er dann das Geborgte zahlen wollte, sprach er: »In den letzten Fasten.« Weil nun auf viel Mahnen nichts erfolgte, kamen sie vor die Obrigkeit. Die Schuld neben dem Termin der Zahlung wurd von dem Beklagten erkannt und gestanden. Aber man konnte sich wegen der letzten Fasten nicht vergleichen, bis der Amtmann den Possen merkte und den Beklagten nicht eben ledig zählte, doch mit einem Schalk von sich ließ, den Krämer aber auslachte, daß er nun witziger wäre. (179) Schelmen-Vater Ein Bauer stund mit seinem Sohne in der Scheuer dreschen, und weil es noch Sommer war, hatte er sich oben her entblößt, so daß die Schnaken und Mücken Freundschaft zu ihm suchten und sich seines Fleisches und Blutes teilhaftig machten. Der Vater beklagte sich gegen dem Sohne über dieses Ungeziefers Unverschämigkeit, daß sie ihm so scharf durch die Haut stächen. Der Sohn sagte: »Ei, Vater, sie riechen Schelmen-Fleisch.« Der Bauer, als der Vater, erzürnete sich hierüber heftig und sprach: »Was sagst du, du Schelmen-Diebskind? Du hast dein Lebtage keinen so ehrlichen Vater gehabt, als wie ich gehabt habe.« Der Sohn mußte es glauben und stillschweigen. (180) Die lustige Gesellschaft und ihr Gefolge Peter de Memel Lustige Gesellschaft 1656-1700 Eine schmeichelhafte Antwort Überschrift vom Herausgeber Der Junker von Strip Stril kam zu Hamburg. Nach dem Essen ward diskutiert, ob es besser wäre, zornig oder lächerlich auszusehen. Der erwähnte Junker sprach zu seinem Jungen: »Hans, wie sehe ich aus?« Antwort: »Junker, als ein Löw.« Junker: »Hast du Schelm dein Lebtag wohl ein Löwen gesehen?« »Ja, Junker, weren det keene Löwen, dee uns hüüte bejegneten?« Junker: »Du dummer Teufel, das waren Schafe.« Hans: »Ja, Junker, so sehe Je ok ut.« (181) Auf der Kanzel Überschrift vom Herausgeber Ein Priester Nikolaus war des Freitags zur Kindtaufen, das Bier hatte ihm wohl geschmecket, er ging des Sonnabends wieder hin. Des Sonntags frühe kam der Küster, fragte, ob er läuten sollte. Der Pastor: »Ritt dick de Düüwel, wat willst du lüen? Is et hüüte Sonndag?« Küster: »Ja.« Pastor: »Det glööwe ick nich, segge, dat de Schulte herkummt!« Der kommt. Pastor: »Is es hüüte Sonndag?« Schulze: »Ja, Herre.« Pastor: »Et is nich mäglich.« Schulze: »Ja, Herre, den Friedag und gestern weren wi ja to Kinddoope.« Pastor: »Det is wahr. Nu, Köster, lud weg, willt sehen, wo wi to kamen.« Der Küster fing an zu läuten und zu singen, ein Gesang nach dem andern, bis auf den Glauben. Da hielt er stille, lief zum Pastorn und sprach: »Herre, Je mütt opstahn! Nu fang ick den Gloowen an.« Pastor: »Ja ja, nu käme ick ok, fang man an!« Der Küster fing den Glauben an und sang zwei Vers weg, hielt mit dem dritten ein, lief noch eins zum Pastor, sagte: »Herre, nu fang ick den letzten Vers an.« Pastor: »Ja, nu käme ick ok.« Sprang aus dem Bette, zog die Pantoffeln an, hing den großen Schafpelz um, nahm die Hosen und das Evangelienbuch drunter und lief also nach der Kanzel; meinte, wenn das Vaterunser gebetet würde, da die Männer das Gesicht in die Hüte, das Frauenvolk aber gegen die Erde haben, wollte er die Hosen anziehen. Er machte den Eingang und sagte: »Hierauf laßt uns ein Vaterunser beten.« Nun hatte die Kanzel ganz oben noch ein klein Türchen, welches man nur in die Klinke tun konnte, war aber dieses Mal nicht in der Klinke, sondern nur angetan. Wie man nun das Vaterunser betete, wollte der Pastor die Hosen anziehen, lehnete sich an die Wand und stach den einen Fuß hinein, wollte sich nun wenden und den andern Fuß auch hineinstechen, kam aber im Umwenden mit dem Rücken an die Tür, so diesmal ihm unwissend nicht zugemacht war, und fiel mit den halben Hosen auf den Kopf die Treppen herunter. (182) Was das für zwei gewesen Überschrift vom Herausgeber Herr Alexander hatte das Evangelium von den zween Jüngern, die nach Emmaus gangen waren, welches Evangelium auf den Ostermontag fällt. Nun trug sich's zu, daß, indem eine Frau in die Kirchen gehen wollte, zwei Fleischhauer kamen und die Frau fragten, ob sie Kälber zu verkaufen hätte. – Da dann die Frau eben ein Kalb zu verkaufen hatte, ging sie derowegen mit zu Hause und verkaufte ihnen ihr Kalb. Meinte hernach, es wäre noch Zeit zur Kirchen, und ging dahin. Nun fragte und erklärte Herr Alexander den Text oder das Evangelium selber, in dem er nun bei den Worten »Was waren denn das für zwei, die mit nach Emmaus gangen waren?« ein wenig still hielt. Da kam eben diese Frau in die Kirchtür, meinte, Herr Alexander fragte, was das für zwei gewesen, da sie mit heimgangen wäre. Sagte sie bald: »Herre, det weren zwei Fleischhauer, dee köfften mi een Kalw af.« Herr Alexander aber verstund unrecht und sagte: »Et waß di de Düüwel up dienen Kopp! Es waren die zween Jünger Christi!« (183) Der Schüler aus dem Paradies Überschrift vom Herausgeber Einer Bauersfrauen war ihr erster Mann gestorben. Sie hatte zum andern Mal wieder gefreiet, derselbe ander Mann war im Felde beim Pfluge. Unterdessen kam ein Pädagogus oder Schüler, bat um ein Bissen Brot. Die Frau fragte, wo er herkäme. Er sagte: »Von Paris.« Sie meinte: »Paradiese« »Ja.« »Wat maket mien erste Manne Kenne Je em?« »Jawohl, er ist noch wohlauf, aber er hat nichts zu verzehren und ist übel bekleidet.« »O kämet in, Je gode Fründ! Kenne Je mienen Mann?« Sie gab diesem Essen und Trinken und Zehrgeld und Kleider, für ihren Mann aber viel Geld, und ließ ihn gehen. Der ander Mann kam zu Hause. Die Frau lief ihm mit Freuden entgegen, sagte: »Mann, ick hebbe Post gehabt von mienen ersten Mann.« »Du hest dick den Düüwel!« »Ja, Mann, hier was een Gades-Kind, dee kam ut 'n Paradies, dee kenne em wohl, dee säde, he hädde nichtes to vertähren. Ick hebbe em wat medeschicket.« »Du hest dick den Düüwel schicket! Wo ging de Kerl hen?« »Da nah den Holte.« Der Mann nahm ein Pferd und ritt ihm nach. Der Schüler sah, daß ihm einer mit dem Pferd nacheilete, warf den Bündel übern Zaun und setzte sich von ferne nieder. Der Mann kam geritten, fragte diesen, ob nicht einer mit einem Pack dahin gangen wäre. Dieser sagte »ja«, er wäre allererst da übern Zaun gestiegen, würde nicht weit sein. Nun konnte der Mann mit dem Pferde nicht übern Zaun kommen, bat derowegen diesen, daß er ihm das Pferd ein wenig halten möchte. Das geschah. Wie nun der Mann über den Zaun gestiegen war und ins Holz ging, unter solchem suchte der Schüler seinen Beutel wieder, setzte sich aufs Pferd und ritt also nach dem Paradies zu. Der Mann kam wieder, war sein Pferd auch losgeworden. Die Frau sprach: »Wo hefft Je Juu Perd latens« »Ei, ick sach, det de Gades-Mann mit dem Pack nich fortkamen kunnte. Darum gaff ick em det Perd mit.« – Er durfte nicht sagen, daß er auch betrogen wäre. (184) Der Pfaff auf dem Esel Überschrift vom Herausgeber Ein Pfaff wurde einsmals berufen, zu einem Kranken ins nächste Dorf oder Flecken zu kommen. Nachdem er sich nun auf den Weg machte und unterwegs über ein Wasser mußte, kam er dahin und sah, daß der Steg, darüber man gehen mußte, abgeworfen war, wurde aber in selbiger Gegend eines Müllers ansichtig, welcher einen Esel bei sich hatte. Denselben bat er, daß er ihm doch seinen Esel leihen möchte, damit er durchs Wasser reiten könnte. Der Müller gab ihm zur Antwort, seinem Esel wäre nicht gar wohl zu trauen, er wollte ihm solchen sonst gerne leihen. Der Pfaff hielt inständig an, daß er ihm damit willfahren wollte, welches der Müller geschehen ließ. Nachdem nun der Pfaff aufsaß und durch das Wasser hindurch kam, fing der Esel an, nach seiner Gewohnheit in vollem Currier zu laufen, denn die Mühle nicht weit davon war. Als nun der Pfaff so spornstreichs durch das Dorf, dahin er kommen sollte, ritt, denn er den Esel nicht aufhalten konnte, riefen ihm die Leute zu: »Herrchen, hierher, hierher! Wo wollt ihr 'naus?« »Oh«, sagte der Pfaff, »das weiß Gott und der Esel.« (185) Die große Wurst Überschrift vom Herausgeber Eine Bauersfrau lag krank, und niemand konnte ihr sagen, was sie für eine Schwachheit hätte. Ihr Mann, der Bauer, sagte, sie sollt ihr Wasser fangen, er wolle solches zum Doktor tragen und vernehmen, was eigentlich ihre Beschwerung sei. Als er nun zum Doktor kam, saß er eben über der Mahlzeit. Der Doktor ließ ihn vor sich kommen. Der Bauer sagte: »Guten Tag, Herr Doktor, ich komme von Eche und bring meiner Frauen ihre Seche.« »Es ist gut«, sprach der Doktor, »geht sitzen, ich soll Euch bald abfertigen.« – Über eine Weile fragt ihn der Doktor: »Wie steht's denn mit Eurem Weibe? Hat sie auch heut, ehe Ihr weggangen, ein Stuhlgang gehabt?« »Auweh, ja«, sagte der Bauer, »daran fehlet's ihr nicht. Denn kurz zuvor, ehe ich wegging, schiß sie einen Dreck, der gern so groß und dick war als des Herrn Doktors Wurst, so in der Schüssel lieget.« »Die esset«, sagt der Doktor und gab ihm die Wurst. (186) Eine merkwürdige Strafe Überschrift vom Herausgeber Ein ehrbarer Mann heiratete ein schönes junges Weib, welches er dermaßen liebte, daß er vielmals in Gesellschaften sich herausließ und sagte, er wollte ehender das Leben lassen als gestatten, daß sie ein anderer in Unehren berühren sollte. Als er nun einsmals mit ihr über Feld ging oder reiste und durch einen Wald mußte, begegnete ihnen ein Reiter, welcher ihn hart anfiel und sagte, er sollte sein Pferd und Mantel halten, er müßte bei seiner Frauen schlafen. Der gute Mann mußte solches aus Zwang verwilligen. Als nun der Reiter seine Leichtfertigkeit vollbracht und wieder aufsein Pferd saß und davonritt, fragte das Weib ihren Mann, wie er doch habe können zusehen, was der Reiter mit ihr verübet, und ihr nicht sei zu Hilf kommen. Da sprach er: »Schweig still, mein liebes Weib, ich hab ihm schon auch einen Possen gerissen. Ich habe ihm heimlich das Futter in seinem Mantel alles zerschnitten. Er wird den Schaden schon finden, wenn er nach Haus kommt.« Ist wohl bezahlt. (187) Das ersehnte Pfeifen Überschrift vom Herausgeber Ein gelehrter Mann war jedesmal gar emsig über seinen Büchern. Der hatte ein schönes, rasches, junges Weibchen, welches unterweilen gerne wäre geliebt gewesen; gab dannenhero ihrem Herrn hierzu unterschiedliche Mal Anlaß, indem sie öfters kam und ihn auf allerhand Arten liebkosete, den Bart kraute und seine Haar strich. Der Herr aber, welcher schon ziemlich bei Jahren, wollte solches gar nicht verstehen, sondern sprach zu ihr: »Junge Frau, mein, lasset mich doch jetzo ungehindert! Wenn ich Euer werde vonnöten haben, will ich schon pfeifen.« Als es aber dem guten Weibchen allzulang wurde, ehe ihr Herr pfiff, kam sie vielmals gelaufen und sagte: »Herr, was wäre Euch lieb? Gelt, Ihr habt, gepfiffen?.« Der Mann war hierüber ganz unwillig und sagte: »Ihr irrt Euch. Ich habe an kein Pfeifen gedacht, geschweige, daß ich sollte gepfiffen haben.« Als aber ihr Herr mit dem Pfeifen gar zu lang innehielt, kam sie einsmals und sagte: »Herr, wenn Ihr nicht pfeifen wollt, so hat der Schneider unten in der Küchen schon das Maul gespitzt und will pfeifen.« (188) C.A.M. v.W. Kurzweiliger Zeitvertreiber 1668 Neue Brillenmacherkunst Zu einem Grafen kam neulicher Zeit ein Brillenmacher und sprach ihn an, er möchte doch einem armen Handwerksmann einen Zehrpfennig steuren, damit er mit Gott und Ehren könnte weiter fortkommen. Der Graf fragte, was er denn für ein Handwerk gelernet. Er antwortete: »Ich bin meines Handwerks ein Brillenmacher, und gehen die Brillen heutzutag nicht mehr ab, weil man jetzo allerorten durch die Finger siehet.« (189) Der trockene Bauer Der Herzog von Bayern fuhr einsmals von Nürnberg nach Haus. Unterwegs stund ein Bauer am Wasser und fischte. Der Herzog fragte, was er für Fisch finge. Der Bauer sagte: »Allerlei Fische, groß und kleine.« Der Herzog fragte ihn weiter, ob er auch Stockfische finge. Der Bauer sagte: »Nein, solche kommen von Nürnberg.« – Und der Herzog kam eben von Nürnberg. (190) Der nicht heuchlende Hofprediger Ein Fürst ward von seinem Hofprediger in der Predigt wegen seines üblen Lebens verdeckt gestrafet, also daß er es wohl merken konnte. Nach gehaltener Predigt ließ ihn der Fürst zur Tafel berufen. Als sie nun im besten Essen waren, sprach der Fürst: »Herr Hofprediger, Ihr schösset mich heut in der Predigt ziemlich auf den Pelz.« Der Hofprediger antwortete: »Gnädigster Herr, es ist mir herzlich leid. Ich habe aufs Herz gezielet, nun aber vernehm ich, daß ich nur den Pelz getroffen.« (191) Priester und Junker Überschrift vom Herausgeber Ein Dorfpriester, so einen feuerroten Bart hatte, ward von einem von Adel, welcher einen schwarzen Bart hatte, gefragt, ob er ihm nicht sagen könnte, was doch Judas für einen Bart müsse gehabt haben. Der Pfarrer merkte bald, wo dieser hinaus wollte, und gab ihm zur Antwort: »Da Judas des Herrn Christi Jünger war, hatte er einen roten Bart, gleich als meiner ist. Da er aber zum Schelmen wurde und seinen Herrn und Meister verriet, bekam er einen schwarzen Bart, wie der Junker hat.« (192) Die seltsamen Reimer Ein deutscher Edelmann ritt anliegender Geschäfte halber mit seinem reisigen Knecht nach Speyer. Als ihm nun die Zeit etwas lang wurde, sagte er zum Reiter: »Hans, wovon reden wir eine Weile, daß uns die Zeit kurz wird? Ich denke, wir wollen miteinander reimen und zusehen, wer solches am besten kann zu Markt bringen.« Der Knecht antwortete, er wäre seines Teils wohl zufrieden. Also fing der Junker an, nachfolgenden Reimen zu machen: »Ich heiße Sylvester Und schlaf bei deiner Schwester.« Der Knecht antwortete: »Junker, ich heiß Hans Und schlaf bei Eurer Frau.« »Ja«, sprach der Junker, »das reimet sich aber nicht.« »Es reime sich oder reime sich nicht«, antwortete der Knecht, »so tue ich's doch.« Jagte damit dem Junker so viel Argwohns ein, daß dieser , sobald er nach verrichteter Reise wieder heim kam, dem Knecht seinen Lohn zuzählte und sprach: »Gehe hin, ich bedarf deiner nicht mehr, du bist mir im Reimen überlegen.« (193) Der gefährliche Strich Überschrift vom Herausgeber Ein alter betagter Hofrat hatte ein junges Weib und einen wackern Jüngling zum Schreiber. Wo nun die Frau an den Schreiber kam, gab sie ihm Anleitung, daß er wohl merken konnte, was sie suchte. Einsmals war der Hofrat nicht zu Hause. Da kam die Frau in die Stube, wo der Schreiber innen war und tat nach ihrer vorigen Weise. Der Schreiber, weil er gar keine Ruh haben konnte, ihm vielleicht auch damit gedienet war, machte einen Strich mit der Kreiden auf die Erden und sagte: »In Wahrheit, Frau, wenn Sie mich nicht wird zufrieden lassen und noch einsten über diesen Strich zu mir herüberkommen, will ich tun, was ich sonsten wohl bleiben ließe.« Die Frau wagt's und ging über den Strich und sagte : »Mein, was wollt Ihr doch wohl tun?« Der Schreiber, nicht faul, wirft sie auf das in der Stuben stehende Bett und gab ihr, was sie suchte. Solches sah des Hofrats Söhnchen von ungefähr fünf Jahren. Und als der Vater kurz darauf nach Hause kam und in die Stuben ging, lief ihm das Kind entgegen und sagte: »Ach Vater, Vater, geht nicht über den Strich, der Schreiber tut Euch sonst wie der Mutter!« »Wie denn, mein Sohn?« fragte der Vater. »Er wirft Euch aufs Bett und schüttelt Euch.« (194) Schon ein Advokat ist zuviel Überschrift vom Herausgeber Von einer Clevischen Jungfrauen wird gesagt, daß sie einsmals sei durch eine Stadt gereiset, in welcher eine Universität war. Und da man eben alle Glocken gezogen und geläutet, habe sie gefraget, was doch das viele Geläute bedeute. Habe man sie berichtet, daß die Juristenfakultät Doctores der Rechten machen wollte. Sie hat weiter gefragt, wieviel denn derer wären, so solche Würde bekämen. Ward ihr gesagt: »Sieben.« Worauf sie mit höchster Verwunderung sprach: »Wie, sieben? Behüte Gott, wir haben bei uns nur einen Doktor der Rechten, und der macht dem ganzen Lande genug zu tun. Diese sieben sollten wohl die ganze Welt verwirren und in Unruh bringen.« (195) Verfasser unbekannt Fasciculus Facetarium novissimarum 1670 Wie ein Wirt einen anderen prellte Überschrift vom Herausgeber Ein Wirt von Herborn reiste in seinen Geschäften über Land und kam unterwegs nach Friedberg, in der Wetterau gelegen, allwo er über Nacht blieb. Und begab sich daselbst in ein Wirtshaus, in welchem eben viel vornehme Gast eingekehret waren. Als es nun Zeit war, daß man mit den Tellern klappern und den Pappenheimer schlagen oder essen wollte und allerhand Speisen aufgetragen wurden, fragte der Wirt diesen Herborner, ob er mit den anwesenden Herren zu Nacht essen wollte. Da sprach er: »Mein Beutel vermag solches nicht zu bezahlen. Ich begehr nur ein Stücklein Fleisch und ein Hälbchen Wein, im übrigen bin ich schon zufrieden.« Der Wirt aber nötigte ihn und sprach, er sollte nur mit am Tisch sitzen und essen, es würde nit viel machen, er wollte es bei ihm nit so genau suchen. Der Herborner ließ sich erbieten, setzte sich mit zu Tisch, ließ sich's wohl schmecken, und nach geendeter Mahlzeit begab er sich zur Ruhe. Als er nun des andern Tags mit dem frühesten wieder fort wollte, begehrte er vom Wirt, daß ihm die Zech gemacht würde. Der Wirt nahm die Kreiden und rechnete ihm drei Kopfstück. »Ei, behüte Gott, Herr Wirt«, sprach der Herborner, »ich hab's ja Euch gestern abends gesagt, daß ich kein Geld hätte. Warum habt Ihr mich also hart genötiget? Ich habe keineswegs wollen zu Tisch sitzen, sondern hab nur ein Stücklein Fleisch begehrt, ich kann so viel nicht zahlen.« Der Wirt sagte: »Einmal, Ihr müßt mich bezahlen oder den Rock zurücklassen.« Der Herborner sprach: »Herr Wirt, Ihr wisset vielleicht nicht, wer ich bin.« Da fragte der Wirt: »Wer seid Ihr denn?« Gab er zur Antwort: »Ich bin der Schinder von Herborn.« Dessen erschrak der Wirt und sagte, er sollte nur schweigen und sich fortmachen, die Zech sollte ihm geschenkt sein, damit die vornehmen Herren, so mit ihm gespeiset, solches nicht höreten, denn er dadurch auf einen großen Stumpf laufen möchte. Dessen war der Herborner wohl zufrieden und reiste ungezählt wiederum fort. – Allhier ist ein Schinder zu dem andern kommen. (196) Von einer reisenden Pfandleihe Überschrift vom Herausgeber Ein Handwerksgesell reisete mit einem Juden von Heidelberg bis nach Frankfurt, bat den Juden, er möchte ihm doch einen Taler löhnen, denn er auf der Reise sich ganz ausgezehret hätte, er wollte ihm dafür den Mantel zum Unterpfand geben. Der Jud gab ihm einen Taler und nahm den Mantel. Als sie nun nach Frankfurt an das Tor kamen, gab jener dem Juden seinen Taler wieder und bedankte sich, daß er seinen Mantel, welcher ihm auf der Reise sehr beschwerlich gewesen, so weit hätte tragen wollen. (197) Schinder und Richter Überschrift vom Herausgeber Ein Schinder kam einsmals zu einem Juristen und sprach zu ihm: »Glück zu! Gott ehre das Handwerk!« Hierüber ward der Doktor sehr zornig. »Ja«, sprach der Schinder, »wir seind billig eines Handwerks, wiewohl wir eines Grads leichter und nicht so große Schinder seind als ihr Juristen, ob ihr gleich den Namen nit haben wollt. Denn wir schinden tote Tier, ihr aber lebendige Menschen.« (198) Die arme Frau und der eitle Müller Überschrift vom Herausgeber Ein arme Frau kam vor eine Mühl und bat den Müller um Gottes willen um ein paar Hand voll Mehl, und als derselbe ihr solches versagte, hielt sie noch heftiger an, liebkoste ihn und strich ihm ein Federlein durch seinen Judasbart mit diesen Worten: Er wäre ja so ein lieber Mann als wie unser liebe Frau, er sollte ihr doch etwas geben. Den Müller kitzelte dieses bis auf die kleinen Zehen hinab, er ging in die Mühle und gab ihr ein paar Handvoll, hätte aber auch gern wissen mögen, worin er denn unser lieben Frauen gleich wäre, fragte derohalben die Frau, die schon aus der Mühl auf dem Weg war, warum. Die dann dieses mit ihm ausdingte, daß, wenn es ihn nicht verdrösse, sie es ihm sagen wollte. Weil er nun zufrieden war, sagte sie: »Gleich wie unser liebe Frau vor der Geburt, in der Geburt und nach der Geburt eine Jungfrau geblieben, also ist ein Müller vor der Mühl, in der Mühl und nach oder hinter der Mühl ein Dieb – doch die redlichen davon ausgenommen.« (199) Da laßt sich Rat schaffen Überschrift vom Herausgeber Ein groß begüterter, aber zu der nächtlichen Arbeit ohnvermögender Edelmann spielte einstmals zur Abendzeit mit seiner Liebsten Karten. Als nun die Frau fragte, was das Spiel gelten sollte, sprach der Junker: »Jegliches ein Dukaten.« »Nun«, sagte die Frau, »mit Geld ist mir nichts gedient. Ich spiele um kein Geld, sondern wenn ich das Spiel gewinne, so sollt Ihr mich diese Nacht dreimal dafür liebhaben.« Der Edelmann schüttelte den Kopf und sagte, er dürfte es auf solche Art nicht wagen. Der Knecht stund hinter der Frauen, davon sie nichts wußte, und sagte zum Junker: »Mein Herr, wagt es nur getrost! Wenn Ihr's nur einmal tut, die andern zwei Gänge will ich schon für Ihn abnehmen.« Hierüber ward die Frau ganz schamrot, damit der Junker diesmal der Hörner nicht gewahr wurde. (200) Der Widerruf Überschrift vom Herausgeber Auf einem Dorf, Niederscheld genannt, nicht weit von Dillenburg, war ein Müller, ein verzweifelter Bub. Als er auf eine Zeit ein Weib hatte ein Hur gescholten, ward er deswegen vor der Obrigkeit verklaget, vorgefordert und examiniert. Dieweil er aber wußte, daß Zeugen vorhanden, hat er es bekannt, doch gesagt, er hab es in Trunkenheit getan, wisse nichts Böses von ihr. Da nun die Frau gegenwärtig war und er den Widerruf tun sollt, sprach er also: »Daß ich hab gesagt, Ihr seid ein Hur, das ist wahr, daß Ihr aber ein ehrliche Frau seid, das muß ich sagen.« (201) Von der Süßigkeit der Liebe Ein junger Gesell heiratet ein schönes Mädchen, deren Mutter allbereits mit Tod abgangen war. Als sie nun die erste Nacht mit ihrem Liebsten das Brautbett beschritten und den Krieg, welchen solche Verliebten anzufangen pflegen, vielmals versuchte und die Süßigkeit der Liebe mit Vergnügen empfunde, sprach sie zu ihrem Liebsten mit folgenden Seufzern: »Ach mein Schatz, ich glaube sicherlich, wenn es mein Vater meiner seligen Mutter so wohl gemacht als Ihr mir jetzo getan, sie würde hoffentlich so bald noch nicht gestorben sein.« »O Närrin, schweig, damit es deine Schwestern nicht inne werden, sonsten möchten sie allzufrüh männern und diese Lust gleichfalls wie du erfahren wollen!« (202) Ernst Immerlustig Lieblicher Sommerklee und anmutiges Wintergrün 1670 Was Gott zusammenfüget, soll der Mensch nicht scheiden Überschrift vom Herausgeber Ein Schneider gab seinen Gesellen viel zu arbeiten und wenig zu essen auf folgende Weise: Erst ließ er einen Brei oder Grütze kochen, ringsum kleine, in der Mitten aber ein groß Stück Butter stecken. Wie dieses Gericht auf den Tisch gebracht ward, sagte er, der Meister: »Haltet still, hier will ich euch des Himmels Lauf weisen!« Nahm auf Brotbissen eine Butter nach der andern heraus, sagte: »Sehet, dieses ist Mars, jener Venus, dieser Mercurius, jener Saturnus«, und so fortan. Endlich nahm er auch den großen Bissen aus der Mitten und sagte: »Das ist die Sonne, die ist in der Mitte.« Zog die Schüssel herum und sagte: »Rund ist die Welt. Esset nun!« Da die Butter herausgefischt war. Nach diesem ward Fleisch aufgetragen. Alle Stücken aber hatte er draußen mit einem Zwirndraht eins ans ander geheftet. Sagte derowegen: »Halt, mir als dem Meister gebührt das erste Stück!« Wie er aber das in die Höhe hub, siehe, da hingen alle Stücken zusammen, eins an das ander, und er sprach: »Siehe, siehe, was Gott zusammenfüget, soll der Mensch nicht scheiden.« Behielt das Fleisch für sich und sagte: »Frau, hole Butter und Käse für die Gesellen!« Die dachten auf ihre Revanche. Es trug sich zu, daß ein Fremder des andern Tages kam, wollte ein neu Kleid machen lassen, fragte nach dem Meister. Der war eben in den Hof gangen. Die Gesellen sagten: »Herr, unser Meister machet zwar gute Kleider, aber er hat einen wunderlichen Kopf. Sehet Euch nur vor! Wenn er mit der Faust auf den Tisch schlaget, so kommt's ihn an.« – Wenn die Schneider die Schere so bald nicht sehen oder finden können, klopfen sie gemeiniglich auf den Tisch. Ist sie dann da, so klingt es. Der Meister kam gegangen, hieß ihn willkommen, fragte nach seinem Begehr. Der ander sagte, er wollte ein Kleid machen lassen. »Ja«, sagte der Meister, »da wollen wir bald zu kommen. Junge, wo ist die Schere?« Schlug unterdessen auf den Tisch. Jener bekam große Augen, vermerkte auf seine Meinung unrecht, zog den Meister beim Kopf und schmiß ihn zur Erden. Der Meister rief: »Gesellen, helft, helft!« Sie sagten: »Was Gott zusammenfüget, soll der Mensch nicht scheiden.« (203) Die kluge Köchin Überschrift vom Herausgeber Der Pastor hatte den Schulzen zu Gaste gebeten, sagte derowegen zu der Köchin, sie sollte ein Paar Hühner braten. Die Köchin hatte den Knecht zum Bräutigam, der mußte die Braten wenden. Dieser tunkte zuzeiten in das abgedrüppete abgetropfte Fett, das schmeckte ihm so wohl, daß er nolens volens gezwungen ward, die Hühner anzugreifen. Die Magd wollte den Bräutigam gern bei Ehren erhalten, erdachte alsobald einen Rank. Der Schulze kam an, die Köchin hieß ihn willkommen, sagte: »Mein lieber Schulze, mich jammert Euer.« »Wie das?«sagte er. Sie sprach: »Ich habe gehöret, Ihr habet unserm Herrn einsten was zuwidergetan. Also hat er beschlossen, nachdem Ihr wohl gegessen und getrunken, will er Euch beide Ohren abschneiden.« Der Schulze sagte: »So mag er sein Gastgebot allein behalten.« Und ging zum Hause hinaus. Indem dieser wegging, lief die Köchin zur Stuben hinein, rief den Herrn und sagte, wie der Schulze in die Küche gekommen, beide Hühner vom Spieß genommen und zum Hause hinausgangen wäre. Der Pastor lief zu der Haustür, rief dem Schulzen nach und sagte: »Nur eins, nur eins!« (D.h. sollte er wiedergeben.) Der Schulze aber sprach: »Nein, ich will sie beide behalten.« Er meinte die Ohren und lief, was er laufen konnte. (204) Pastor und Schmied bei der Bauersfrau Ein Pastor und ein Schmied in einem Dorfe gingen beide nach eines alten Bauern jungem Weib. Der Priester hatte Appetit, machte derowegen dem alten Bauern weis, die Welt würde noch einst im Wasser vergehen, und das dürfte morgen eher als übermorgen geschehen. Er wollte derowegen ihm, als einem guten Freund, guten Rat geben, wie er möchte erhalten werden. Er sollte ein Teigtrog oben im Hause an den Giebel binden, ein Messer zu sich nehmen und sich dreinlegen. Wenn er nun hören würde, daß ein Geschrei oder Getümmel würde, sollte er losschneiden: So würde er oben schwimmen. Der gute Tropf ließ sich da hineinbringen. Nun vermeinte der Pastor gut Pleiß zu haben, ging derohalben des Abends zu der Frauen. Ein wenig danach kam der Schmied, klopfte sanft an und sprach: »Catrinichen, machet auf!« Der Pastor antwortete behende in der Frauen Sprach, sagte: »Kommet wieder, mein Mann ist noch nicht zu Bette.« Der Schmied sagte: »Ei, so gebet mir ein Schmätzchen!« Der Pastor lösete die Hosen und langete ihm ein Schmätzchen durchs Fenster. Der Schmied vernahm den faulen Atem, ging heim und machte ein Eisen glühend, kam wieder, tat und bat wie zuvor. Wie nun der Pastor die posteriora wieder herstellete, stieß jener mit dem glühenden Eisen zu. Der Pastor rief: »Oh, oh, Wasser her!« Der oben im Teigtrog meinte, das Wasser käme, schnitt eilends los und fiel mit dem Teigtrog auf den Boden. (205) Wie eine Jungfer um einen Bräutigam bat Überschrift vom Herausgeber Eine Jungfer ward im Beichtstuhl gefragt, ob sie nicht bisweilen um einen Bräutigam bäte. »Ja«, sagte sie. »Wie heißet das Gebet;« fragte der Pastor. Sie sagte: »Unser tägliches Brot gib uns heute.« »Da wird ja keines Bräutigams gedacht«, sagte der Pastor. »Ja«, sprach sie, »wie heißet denn die Erklärung ‚Was heißet täglich Brot?‘: ‚Alles, was zur Leibes Nahrung gehöret.‘« (206) Schwänke in Studenten- und Soldatenkreisen Verfasser unbekannt Gepflückte Finken oder Studentenkonfekt 1667 Schul- und Studentenpossen Ein Schulfuchs wurde gefragt, wieviel Elemente wären. Er antwortete: »Vier.« Der Präzeptor fragte weiter: »Wie heißen sie?« »Feuer, Wasser, Luft.« Das vierte wollte ihm nicht einfallen. Da blies ihm einer ins Ohr: »Darauf du stehest.« Fuhr er geschwind heraus: »Die Schuhe.« (207) Infunde Überschrift vom Herausgeber Etliche Studenten saßen in der Schenke und zechten. Da kam auch ein Edelmann hinein und ließ sich eins langen. Als nun die Studenten nach Gewohnheit das Gläslein hurtig herumgehen ließen und dem Aufwärter jedesmal zuriefen »infunde«, vermeinte der gute Edelmann, der Einschenker hieß Infunde, ruft ihn und sprach: »Mein lieber Infunde, schenkt mir auch einmal ein!« (208) Listige Possen, wie umsonst zu zechen Acht Studenten gingen in ein Wirtshaus, zechten guten Muts. Jeder gab im Reden vor, als trunken sie Valet oder die Letzt, als wenn sie voneinander reisen wollten. Wie die Wirtin die Zech rechnete, sagte einer nach dem andern: »Bruder, ich will bezahlen. Wer weiß, ob wir unser Lebtag mehr zusammen kommen.« Letztlich sagte einer nach langem Streiten: »Wir wollen der Wirtin ein Schnupftuch vor die Augen binden. Welchen sie zum ersten ergreifet, der soll für uns die Zech bezahlen.« Als aber die Frau das Tuch vor Augen hatte, schlich einer nach dem andern fein sittsam davon, also daß alles leer ward. Der Wirt kommt aus dem Keller, ging stracks hinein und sagte: »Wahrlich...« Die Frau, die ihn bald hörte, griff auf ihn und sagte: »Herr, Ihr müsset die Zech bezahlen!« Der Wirt war vor Zorn ergrimmet, konnte sich aber des lustigen Possens halber des Lachens nicht enthalten. Und der war auch der rechte, der die Zech bezahlt hat. (209) Drei Gäste bei einem Wirt Ich muß hier erzählen, was mir ein Schultheiß bei Kreuznach erzählet von einem Wirt und dreien Gästen: Es kamen eines Abends spät drei Gäste zu einem Gastwirt, einer von Adel, einer ein Soldat und einer ein Pfarrer. Der Wirt hatte nur ein einzig Bettlein, wo kaum eine Person drauf schlafen konnte. Er traktierte seine Gäste, so gut er mocht, fragte hernach, was sie für Herren wären. Der Edelmann sprach: »Ich bin einer von Adel und habe meinen adeligen Sitz so viel Jahre im Lande von der Mark gehabt, bin aber jetzt durch das Kriegswesen vertrieben.« Der Soldat sprach: »Ich habe viel Jahr in Holland in der und der Schanz gelegen.« Der dritte sagte: »Ich bin ein Prediger und habe vierundzwanzig Jahr in Holland auf dem und dem Ort gestanden.« Der Wirt sprach: »Weil dann der Junker so lang gesessen und der Soldat so lang gelegen, der Prediger aber vierundzwanzig Jahr gestanden, so ist billig, daß ich ihn auf das Bett lege und ihr Herren mit Schweinsfedern von sieben Schuh lang vorliebnehmet.« (210) Ein Pfaffe vergleicht die dreierlei Religionen einer grünen Nuß Ein katholischer Pfaff verglich im Predigen die drei Religionen einer grünen Haselnuß, zog dieselbe aus dem Sack und wies sie dem Volk mit dieser Auslegung: »Sehet ihr, Geliebte in dem Herrn, diese Haselnuß begreift drei Stücke in sich, die sehr wohl mit den drei Religionen können verglichen werden: Das erste Stück ist diese grüne Schale« – damit brach er sie von der Nuß ab –, »die ist nichts nutz, und das ist die calvinische Religion. Das andere Stück ist die andere Schale, die ist noch etwas nützlicher, denn die alten Weiber wickeln noch Garn darauf, und das ist die lutherische Religion, die ist noch in etwas besser als die calvinische. Das dritte Stück aber, und zwar das allerbeste, das ist der zuckersüße Kern, den kann jedermann genießen, und das ist unsere wahre katholische Religion.« Hiermit biß er die Nuß auf und wollte den Kern vor dem Volk zeigen und aufessen. Allein sie war zu allem Unglück ganz bös und ein Wurm drinnen, so daß er anstatt des zuckersüßen Kerns was anders ins Maul kriegte und wieder ausspeien mußte. Doch wußte er dem Ding, weil das Volk heftig lachte, bald wieder zu helfen und legte es also aus, nämlich, der Wurm wäre der Teufel, der pflegte auch bisweilen in ihrer katholischen Religion und Religionsgenossen also zu wüten, gleich wie der Wurm in 'dieser Nuß getan. (211) Ein Pfaff säuft auf der Kanzel eine Kanne Wein aus Ein Predicant schlug mit einem Amtsverwalter eine Wette an, er wolle eine Kanne Wein auf der Kanzel austrinken, daß es keiner merken sollte, und wolle dem Schaffer auf der Kanzel die Kanne weisen, daß sie leer wäre. Der Schaffer sagte, er wolle ihm die Kanne mitsamt dem Wein schenken, wo er's täte. Der Predicant nahm die Kanne voll Wein unter dem Rock mit hinauf. Wie nun das erste »Vaterunser« gebetet wurde, kniet dieser nieder und soff es bald aus, den Rest aber bei dem letzten »Vaterunser«. Wie er nun alles verkündiget, zog er zuletzt die Kanne umgekehrt hervor und sagte: »Es ist gestern die Kanne gefunden worden. Wem sie gehört, kann sich bei mir anmelden.« (212) Soldaten nehmen Zehrgeld von einem Pfarrer Nun will ich die andere drauf sagen auch von einem Pfarrer, der aus oder durch das Westrich nahe Zweibrücken kam: Dieser ritt ein Pferd und hatte seinen Küster und Glöckner zu Fuße neben sich gehen. Da sie nun bei einem Dorf, das Berneseins genannt wird, herauskamen, begegneten ihm drei Reiter. Herrchen erschrak heftig, hatte im Sinn, das Reißaus zu nehmen, aber der Reiter Pferd hätten ihn bald ereilet. Ritt also fort in Gottes Namen. Die Reiter, als sie sahen, daß Domine die Farb verloren, mutmaßten sie, er müßte Geld bei sich haben, ritten derowegen zween neben ihn, und der dritte blieb vor ihm halten. Sie sagten: »Der Herr ist ja ein Pfarrer.« »Ja.« »Und der Mann sein Küster?« »Ja«, antwortet er. Er sollte ihnen doch eine Reiterzehrung spendieren! Herrchen nahm sich an, als wenn er keinen Heller hätte. Da sie aber nicht nachließen, ihn zu bitten, auch zu befehlen, zog er seinen Beutel heraus und gab ihnen mit tiefgeholten Seufzern neun Batzen, womit sie nicht wollten content sein. Sie sagten, ihrer wären drei und hätten einen weiten Weg zu reiten. Da er aber sich sehr wehrte und sprach, er müsse auch etwas haben, daß er seinem Pferd ein Futter kaufen könnte, und den Beutel unterdessen in der Hand behielt, ergriff der eine den Beutel, und er zählete dem Herrchen neun Batzen. Das übrige behielten sie, welches noch fünf Dublonen waren, und sprachen, wenn er meinte, daß er sein Pferd damit nicht könnte ausbringen, so wollten sie damit schon Rat finden, griffen indem nach dem Zaum. Da dies Herrchen sah, dankte er den Herren, wünschete ihnen eine gute Reise und ritt fort. Seithero hat er die Dublonen nicht mehr nachgetragen. Mit Schaden wird man weise. (213) Rittermäßige Tat einer Magd In der münsterischen Belagerung ging eine Magd aus der Stadt, eines und anders zu sammeln, welche ein bischöflicher Reiter gewahr ward, der sie besprang, ehe sie es innen ward. Er begehrte, sie sollte ihm doch einen Reiter-Dienst tun, welches die Magd nicht eingehen wollte, weilen sie, wie ich dafür halte, um deswillen eben nicht vors Tor gehen dürfte, sondern daheim eben so wohl zurecht kommen könnte. Die Magd stritt wohl und ritterlich, denn es war eine starke Person. Endlich sprach sie: »Wenn's ja so sein soll und muß, so schicket Euch zuvor recht dazu.« Da nun der Soldat seine Kleider teils von sich warf und die andern auflösete, lief die Magd beiseit, sprang auf das Pferd und rannte zur Stadt zu. Der Reiter stund dort im Hemde und konnte nicht folgen. i Die Magd brachte neben dem Pferd großes Lob davon, aber der Soldat mußte es von seinen Kameraden wohl leiden, daß er sich von einer Magd habe betrügen lassen. (214) Konstantinopel im Bett gestürmt Ein Trompeter vermerkte, daß ein Hofjunker mit der Herzogin zuhielt, versteckte sich deswegen einmal hinter die Tapezerei, solches recht zu erkundigen. Als nun der Herzog auf die Jagd ritt, verfügte sich dieser Edelmann, seiner Gewohnheit nach, wieder zur Herzogin, welche ihn dann freundlich empfing und mit einer braven Collation traktierte. Nach vielen freundlichen Gesprächen und Scherzreden sagte endlich er zu ihr: »Geliebt, Ihr Liebden, so wollen wir Konstantinopel stürmen?« »Sehr wohl«, antwortete die Herzogin, und verfügten sich beide aufs Bette. Der Trompeter, als er nun sah, daß sie sehr hitzig stürmten, fing er an hinter der Tapezerei, aus voller Macht Lärm zu blasen. Hierüber erschraken beide Verliebten heftig und liefen davon. Der Trompeter kroch indessen hinter der Tapezerei hervor, ging zur Tafel und nahm von silbernen Schalen, Pokalen und anderm Silbergeschirr so viel zu sich, als er hinwegbringen konnte. Nachmals bat er einsmals den Herzog, der ihn sonst sehr liebte, die Herzogin, etliche vornehme Hofjunker zu Gast und traktierte sie aus diesen silbernen Gefäßen. Die Herzogin und ihr Liebhaber, ob sie gleich solch Silbergeschirr kannten, durften sie doch nichts sagen, wie sie höreten, daß der Herzog den Trompeter fragte, wie er zu dem Silbergeschirr käme. So antwortete dieser, er hätte es bekommen, als man Konstantinopel hätte eingenommen. Die Herzogin wie auch der Junker merketen gleich, daß er's müßte gesehen haben, winkten ihm derowegen und verehrten ihm andern Tages solches nicht allein, sondern noch eine große Summe Geldes, daß er stillschwiege. (215) Marcus Alexius Zorobatel Leyer-Matz 1670 Die vielen Magister Überschrift vom Herausgeber Auf einer wohlgenamten Universität wurden einsmals fast zwanzig Magistri der freien Künste. Wie sie nun mit dem Klang der Posaunen und Instrumente gar herrlich über die Gasse geführet wurden, sah solches ein Bäuerlein, das fragte, was da gutes Neues wäre. Als ihm nun berichtet ward, daß jetzo neue Magistri, und zwar etliche zwanzig, gemacht würden, ging er wieder mit dieser Antwort befriedigt seines Weges. Nach einem halben Jahr kommt dieser Bauer eben wieder in die Stadt, als sie von neuem so viele feuer-neue Magister über die Gassen führten, worauf der Bauer einen von den Zuschauern fragte, was da gutes Neues wäre, und ihm geantwortet wurde, daß sie jetzo etliche neue Magister gemacht hätten. »Was nu«, sagte der Bauer, »zum sechsten Valten, machten sie doch nur vorm halben Jahr bald dreißig und nun wieder so viel! Wo haben sie jene gelassen, sind die schon verbraucht, daß sie neue machen müssen e« »Nein«, sprach Leyer-Matz, »man machet sie in Vorrat, wie die Assistenzräte.« (216) Der begossene Licentiat Überschrift vom Herausgeber Jene Magd zu H. wurde verklaget, daß sie aus Unvorsichtigkeit einem Licentiaten mit dem Tau, so des Nachts von dem Brunzberge ablaufet, aus dem Fenster, an dem er vorbeigegangen, den Hut besudelt habe. Darum sie dann Strafe geben sollt. »Ach«, rief die Magd, »ist das nicht zu beklagen? . Man kann nicht mehr einen Scheißtopf ausgießen, man trifft ja allewege leider einen Licentiaten oder Doktor!« »Ist das ein Wunder?« fragte Leyer-Matz. »Eher kann man einen Licentiaten bekommen als einen Karrenführer.« (217) Der diebische Kaplan Überschrift vom Herausgeber Eine Hohe von Adel fand ihren Kaplan, welcher oft in ihren Garten über den Zaun stieg, auf einem hohen Birnbaum, tat aber, als sähe sie ihn nicht, sondern ging hin und holte den Pfarrherrn, um ihm des Gartens Früchte zu zeigen. Man ging eine Weile herum. Indessen duckte sich der Kaplan in den dicken Blättern, so gut er konnte. Wie nun die von Adel endlich zu diesem Baum kam, brach sie einige Birnen unten ab und gab sie dem Pfarrherrn, daß er die kosten möge. Wie er nun der Birne Geschmack lobete, verehrte die von Adel ihm den Baum, sagend, sie hätte nur Ärgernis davon, da der Baum nur Diebesfrucht trüge, so ein jeder gerne abstöhle, welcher Ursache sie ihn nicht achtete. Sie rief auch gleich den Gärtner, welcher eben mit dem Beile kam. Zudem sagte sie: »Hauet mir den Baum flugs bei der Wurzel ab, denn das Holz habe ich dem Pfarrherrn verehret!« Der Kaplan fiel vor Angst, als er dies hörte, vom Baum, sprang über den Zaun und kam seine Lebtage nicht wieder, Birnen zu mausen. »Das heißet: ‚Bei ihren Früchten sollt ihr sie erkennen‘«, schrie der Lustige Heerpauker. (218) Konfessionsgespräch Überschrift vom Herausgeber Ein katholischer Bischof fragte seines Fürsten lutherischen Kanzler, was er für einen Glauben hätte. Der Kanzler sagte, er möge nur recht auf fein kindisch mit ihm die Fragstücke vornehmen. Der Bischof fuhr fort und fragte: »Was bist du?« Der Kanzler sprach: »Ich bin ein Narr.« »Ei mein, ich meine so nicht. Was glaubest du?« sagte der Bischof. Der Kanzler antwortete: »Daß Ihr auch einer seid.« »Ihr versteht mich nicht«, versetzte der Bischof und fuhr mit Fragen fort: »Wie und wo bist du getauft?« Der Kanzler gab den Bescheid: »Auf den Kopf, mit Wasser.« (219) Disput am Wege Überschrift vom Herausgeber Ein kurzweiliger Graf fand auf der Reise einen mecklenburgischen Bauren gleich über den Weg liegend und rief ihm aus der Karete zu: »Du, Bauer, was bist du für einer?« Der Mecklenburger sagte: »Ick bün een Euer.« »Ei«, sprach der Graf, »in dem Bauer scheißt der Vogel.« »Mit Verlööw«, fragte der Bauer, »wat sünd Ji för een Kumpann?« »Ich bin ein Grafe«, antwortete er. »Oho«, sagte der Bauer und sprang auf, »in den Grawen schitt de Buer.« (220) Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Ewigwährender Kalender 1670 Der beritten Bauer Springinsfeld wurde einsmals vom Simplicissimo gar übel bekleidet angetroffen; derowegen nahm er ihn alter Kundschaft halber mit sich auf schien Hof, ihm alles Gute zu erweisen. Unterwegs begegnet ihnen ein wohlberittener Bauer, der sagt zum Springinsfeld: »O Landsmann, du bedürftest wohl wieder einen guten Krieg, damit du wieder ein wenig zurecht kämest.« (Denn die Bauren können's nicht lassen, sich zu freuen und der Soldaten zu spotten, wenn es ihnen übel gehet.) Aber Simplicissimus antwortet dem Bauren: »Mein Freund, wenn er nur ein kleines Krieglein hätte, so wäre es genug, dir wieder auf die Fuß zu helfen.« (221) Vergebliche Promessen Ein reformierter Hauptmann, der selbst wenig übrig, gleichwohl aber, nicht weiß ich, aus was für einer Neigung, Simplicissimum gern um sich hatte, sagte einsmals zu ihm: »Wenn ich einmal ein großer Herr werde, so will ich dich zu meinem geheimen Rat machen.« »Und ich«, antwortet Simplicissimus, »wenn ich Römischer Kaiser werde, so sollt Ihr meiner Trabanten Hauptmann sein.« (222) Das Pfaffenbissel Er nahm einsmals im Lager vor Magdeburg einem Offizier, als er in seinem Kalbskleid vorm Tisch aufwartet und sich zugleich für einen kurzweiligen Rat gebrauchen ließ, ein gutes Stück vom Teller und sagte: »Das ist ein delikat Pfaffenbissel!«Und mit solchen Worten verschlang er's. Der Offizier sagte: »Ja, das war's. Es ist aber schad, daß es in einen Narren kommen soll.« »Das gedachte ich auch«, antwortet Simplicissimus, »denn eben darum nahm ich's, damit's dem Herrn nicht zuteil würde.« (223) Schafsdärm Bei einer Soldatenhochzeit ward Simplicissimus zu Philippsburg zum Tanzen angemutet. – Er aber als einer, der sein Tage dem Tanzen nichts nachgefragt, sagte, es sei genug, daß er dem Kalbfell folgen müßte. Sollt er ererst am Ende auch den Schafsdärmen nachhüpfen? (224) Ungleich Paar Ein alter Greis und eine junge Dirn gingen miteinander zur Kirchen, sich kopulieren zu lassen. Da sagte einer: »Simplicissimus, mein, was gedenket dies junge Blut?« Er antwortet: »Sie gedenkt, sich bei bösen Nächten gute Tag zu schaffen und endlich um ein alten Keßler Kesselflicker ein neuen zu kaufen.« Darauf sagte jener: »Der Hochzeiter ist aber so reich nicht.« »So gedenkt sie«, sagt Simplicissimus, »ihn mit Hörnern zu ziern.« »Was gedacht aber der Alte?« fragte jener wieder. Simplicissimus antwortet: »An nichts wenigers als an solche Krönung.« (225) Leibsüberfluß Simplicissimus und sein Knan Vater wurden von einem jungen Bauerskerl, der ihm wegen seines Weibs verwandt war, erbeten, den Augenschein im Kinzger Tal von der Beschaffenheit einer reichen Tochter, die ermeld'ter Kerl zu heiraten gedacht war, einzunehmen. Weil nun Simplicissimus und sein Knan solche Heirat für seinen Vetter für erwünscht hielten, brachte er soviel als das Jawort davon und lobte zu seiner Wiederkunft dem Vetter Hegel das Mensch über alle schwangre Bauren hinaus, verschwieg aber daneben, daß sie beides, einen Kropf und einen Buckel, hatte; ja er schwur noch dazu, daß sie ohn einige Leibsmängel sei. Als nun der Hochzeiter beides, den Kropf und den Buckel, selbst sah, verwies er Simplicissimo, daß er ihm die Unwahrheit vorgebracht, indem er gesagt hätte, sie wäre ohne einige Leibsmängel, da er doch jetzt ein anders sehe. »Du unverständiger Knopf«, antwortet Simplicissimus, »dies seind keine Leibsmängel, sondern Leibsüberfluß.« (226) Die drei besten Ding Bei einer lustigen Gesellschaft wurde gefragt, was die besten Ding auf Erden wären; und als die Reihe an Simplicissimus kam, seine Meinung auch zu öffnen, sagte er: »Essen, trinken und schlafen; denn wenn uns deren eins entzogen würde, so war's um uns geschehen.« Ihm hielt ein sogenannter Geistlicher Widerpart und wollte behaupten, das liebe Gebet sei besser und nötiger, als wodurch sich die Seel zu Gott erhebe und ihrem Ursprung nähere. Dem antwortet Simplicissimus: »Ihr widersprecht mir zwar mit Worten, aber mit den Werken bezeuget Ihr, daß ich recht habe, sintemal Ihr mehr und lieber meine drei Stück übet als Beten, Fasten und Wachen.« (227) Ein Papierer Simplicissimus hatte einen Wagen voll Lumpen samt dem Papierhändler von Bruchsal anderwärtshin zu convoiren. Derselbe vexierte ihn wegen seiner zerrissenen Kleider. Ihm antwortet Simplicissimus: »Herr, wenn die Lumpen nicht das Ihrig täten, so hättet Ihr vielleicht auch keinen so köstlichen Mantel um.« (228) Schwänke als barocke Predigtmärlein Abraham a Santa Clara Predigten 1707 Mit gleicher Münz Überschrift vom Herausgeber Die Welt bezahlt zuweilen auch mit gleicher Münz, und. ist solche Straf poena talionis genannt worden. Es wird erzählt von einem Bauren, welcher in der Stadt beim Wein sich also wohl befunden, daß er im Wirtshaus unter dem offnen Fenster ganz sanft eingeschlafen. Indem ist aber jäh ein Getümmel entstanden, von welchem der berauschte Bauer erwacht; und weilen der Kopf von gar zu schwerem Gewicht, ist er vom hohen Fenster hinabgefallen und hat gleich dazumalen einen vorübergehenden Menschen zu Tod geschlagen. Wie solches der Freundschaft dieses Tropfes zu Ohren kommen, hat sie alsobald den unbehutsamen Bauren in starken Verhaft genommen und die Sach so weit durch einen Advokaten getrieben, daß er auch, dieser verübten Tat halber, sollte vom Leben zum Tod verurteilt werden. Wie solches der Bauer von dem Gericht vernommen, hat er um Erlaubnis zu reden gebeten, sie auch unschwer erhalten. »Ihr Herren«, sprach er, »ich bin erbietig, auch zu sterben, weil ich dieses Menschen Tod ein Ursach bin gewesen, und begehr auch mit gleicher Münz gestraft zu werden: Wohlan denn, so tue sich dieser Advokat auch rauschig antrinken, schlaf unter dem hohen Fenster wie ich und falle gleichmäßig vom Fenster herab auf mich!« Solches Anerbieten wollte dem Actori gar nit gefallen, ließ also den ungefähr erschlagnen Menschen ungerochen und nahm von dem gesamten Gericht nit ohne Gelächter den Abtritt. (229) Von einem Esel Überschrift vom Herausgeber In einer vornehmen Stadt trieb einsmals ein Bauer einen wohlbeladenen Esel bei einem hochfürstlichen Hof vorbei. Weilen er aber das langohrige Tier mit so heftigen Streichen und Schlägen geplagt, also hat ein Kavalier von der Ritterstuben oder dem Hofsaal hinuntergeschrien und gegen den Bauren mit harten Worten verfahren, daß er so tyrannisch mit dem armen Tier umgehe. Worauf der schlaue Bauer geantwortet: »Gnädiger Herr, verzeihet mir's, ich habe nit gewußt, daß mein Esel einen Befreundeten zu Hof habe, der sich seiner so eifrig werde annehmen.« (230) Ein Schulmeister soll schönes Wetter machen Ein Schulmeister und zugleich Meßner (anderwärts nennet man's Küster) wollte sein Stück Brot vermehren oder verbessern, hielt demnach bei einem reichen Dorf an um ein solchen Dienst. Damit er aber desto leichter dazu gelangen möchte, gab er vor, daß er könne schönes oder Regenwetter machen, wie man's von ihm verlange. Die Bauren waren in der Sach gar wohl zufrieden und schafften ihren Schulmeister ab und täten diesen annehmen. Wie aber nun eine geraume Zeit verflossen und dieser kein anderes Wetter gemacht, also kommen die Bauren zu ihm und beklagen sich, daß er seinem Versprechen nicht nachkomme. Der gute Meßner entschuldigt sich höflich, daß sie sich derenthalben nie haben angemeldet und ihn derenthalben hätten angesprochen, sondern sie sollten sich untereinander vergleichen und ihm nur sagen, wie sie es haben wollten. Die Bauren endlich erscheinen sämtlich; sie konnten aber derentwegen sich gar nicht vereinigen: Denn einer wollte wegen seines dürren Landes oder Erdreichs einen Regen, der andere aber, weil sein Acker in einem mossigen moorigen Grund liegt, verlangte schönes Wetter. Dieser so, der andere anders wollte das Wetter haben. Der Meßner sagte endlich: »Weil ihr euch nicht könnt vergleichen, so kann ich euch auch kein anderes Wetter machen.« (231) Andreas Strobl Predigten 1698-1708 Ein reicher Geizhals verbirget seinen Schatz unter sein Haus-Altärlein Lächerlich ist anzuhören, was einsmals einem reichen Geizhals widerfahren. Dieser Geld-Lümmel hatte nach und nach einen großen Schatz von Talern und Dukaten zusammengeschunden, und war sein größte Freud auf der Welt. Nun stund er aber in Sorgen und wußte nicht, wo er dies sein Geld sollte hinlegen oder eingraben, daß ihm niemand darüber käme, weilen er wußte, daß auch oftermal dem Hausgesind und nächsten Verwandten nicht zu trauen, auch kein Gschloß so stark und gut, welches nicht könne zerbrochen oder aufgesperret werden. Spintisierte derowegen Tag und Nacht darüber, und machte ihm viel hundert Mucken, wo er doch seinen Schatz sollte hinlegen. Endlich fallet ihm ein und resolviert sich, solchen an ein so vorteilhaftiges Ort zu tun, allwo es kein Mensch entrauen oder argwohnen möchte, daß ein Geld darin verborgen war. Er hatte in seinem Haus ein kleines andächtiges Kapellel und Haus-Altärlein. »Dahinein«, gedacht er, »will ich meinen Schatz verbergen.« Zu diesem Ziel und End laßt er alldort das Grab Christi zurichten, nach dem Modell und Form des wahren Heiligen Grabs, in welchem Christus der süßeste Heiland gelegen ist. »Da«, gedacht er bei sich selbst, »wird mein Geld am sichersten sein.« Tut darauf ein Truhen voller Gold und Silber dort hineinsetzen; und damit niemand einigen Argwohn eines verborgenen Schatzes haben sollte, ließ er außen her an dies Grab hinan schreiben: »Hic jacet Christus sepultus. Da lieget Christus begraben.« Dieses Grab tat der reiche Hudler den Tag hinum öfter als vormalen mehr goldselig als gottselig besuchen, welches einer aus seinen Dienern vermerket. Dieser ging einsmals dahin vor selbige Kammertür, hielt die Ohren heimlich hinzu, schauet auch zum Schlüsselloch hinein, höret das Geld klingen und siehet, daß er anstatt der Bettergrällel Perlen des Rosenkranzes Dukaten und Taler durch die Hand laufen lasse. Schöpfet darauf den Argwohn, daß er gewiß da sein Schatz verborgen habe, gehet derowegen, als sein Herr einsmals ausgereist, hinein, durchsuchet den Altar und das Grab und findet alldort die Schatz-Truhen. Entdecket solches hernach den andern Dienern, seinen Kameraden, beratschlaget sich mit ihnen, was zu tun. Wurden aber bald eins, eröffnen die Kammer und das Grab samt der Truhen, nehmen alles Geld heraus, löschen hernach den vorigen Grab-Titel aus, schreiben anstatt der vorigen diese Wort hinan: »Surrexit, non est hic. Er ist auferstanden und ist nicht hier.« (232) Hofnarr eines Fürsten verwundert sich über die lange Nase eines Edelmanns Übermäßige große und lange Nasen stehen weder Mann noch Weibern wohl an. Dergleichen große und dicke lange Nasen hat gehabt jener Edelmann, welcher von seinem Fürsten neben anderen Hofherrn zur angestellten Mahlzeit eingeladen worden. Als diesen der Hofnarr des Fürsten unter anderen Gästen dort bei der Tafel sitzen gesehen und dessen große und pfündige rote Nasen erblicket, hat er sich lächelnd darüber verwundert, sagend: »Das ist ein Nasen! potz tausend allemodi! das ist ein Nasen!« Über welches der Edelmann sich von Herzen geschämt. Der Fürst aber schaffet den Narren gleich von Stund an hinweg. Über ein Weil aber kommt der Narr wieder, wollte die alte Scharten ausschleifen, und weilen er gehört, daß er wegen Meldung der großen Nasen bei seinem Fürsten ziemlich eingebiest, stehet er vor dem Tisch und sagt: »Ei, das ist ein schöns Näsel, ein schöns kleines Näsel!« Der Edelmann wurde noch mehr hierdurch disgustiert. Der Narr mußte sich wiederum fortpacken, kommt doch bald wiederum und gedenkt bei sich selbst: »Ich hab grob eingebiest, da ich gesagt, er hab ein große Nasen, und hab nicht recht gered't, da ich gesagt, er hab ein kleine Nasen; was muß ich dann tun?« Steht derowegen vor dem Tisch, deutet auf den Edelmann, sagend: »Der hat gar kein Nasen.«Worüber großes Gelächter entstanden und der gute Edelmann ziernlichermaßen beschimpft worden. (233) Mauritius Nattenhusanus Homo Simplex et rectus 1701 Ein Weib vermeint, es soll alles nach ihrem Kopf gehen Ich hoffe heut bei denen Weibern ein Ehr einzulegen, wie jener Prediger NB., welcher an dem heutigen heiligen Osterfest von Fried und Einigkeit geprediget. Unter anderen Ständen hat er auch von der Lieb und Einigkeit des heiligen Ehestandes gemeldet, diese Liebe aber und Einigkeit zwischen denen Eheleuten zu erhalten, müsse auch der Mann zuzeiten dem Weib etwas nachgeben, sie auch was gelten und nach ihrem Kopf hinaus gehen lassen (wie ich es auch rate). Diese Predigt gefiel den Weibern über die Maßen wohl, und regalierten diesen Prediger mit den schönsten Ostereiern. Ein gewisses Weib aber, die mißbrauchte diese Höflichkeit und Diskretion dieses Predigers und wollte die Hosen gar haben, hudelte und kahlmäusete ihren Mann entsetzlich. Wenn der Simpel etwas sagte, rupfte sie ihm geschwind die Predigt herfür: »Hast* s nicht gehört, was der Prediger gesagt hat! Ei, nach meinem Kopf muß es hinausgehen. Der Prediger taugt für uns Weiber! Die anderen seind nur lauter Kahlmäuser; wenn sie nichts studieren, so beschnarchen sie die armen Weiber. Gelt, der Prediger kann's euch Männern recht sagen. Es bleibt dabei, nach meinem Kopf muß es gehen!« Dieses Predigen und Pochen seines Weibs wurde dem guten Mann schier zu lang. Einsmals, als es schon Zeit zum Essen war, das Weib aber nicht die Speisen wollte auftragen, sprach der Mann: »Weib, richt an, es ist Zeit!« »Ist noch nicht Zeit«, sprach sie, »weiß schon, wann's Zeit ist, ich richt nach meinem Kopf an.« Als sie endlich zu dem Essen kamen, war die Suppen versalzen, das Fleisch nur halb gesotten, das Kraut verbrannt. »Weib«, sprach der Mann, »was ist das für ein Kocherei: Die Suppen ist versalzen, das Fleisch nicht halb gesotten, das Kraut verbrannt.« »Willst du nicht fressen, laß stehen!« sagt das Weib. »Ich koch's nach meinem Kopf, nach meinem Kopf muß es gehen.« »Nun«, spricht der Mann, »so muß dann diese Kocherei als nach deinem Kopf gehen?« »Ja«, sprach sie. »Nun, so sei's«, nimmt darauf die Suppen, wirft sie ihr an den Kopf: »Es gehe dann die Suppen nach deinem Kopf, es gehe dann das Fleisch und Kraut nach deinem Kopf!« Hier hat der Mann und das Weib den Prediger nicht recht verstanden; ich rede von keinen solchen Weibern, sondern von frommen... (234) Johann Laurenz Helbig Alveare Catholicum 1715 Historie von dem Eulenspiegel Es will sich zwar nicht wohl geziemen, daß ich in eine ernstliche Red den Eulenspiegel mit einbringe; weilen es sich aber zu meinem Vorhaben wohl schicket, was von ihm gedichtet wird, erzähle ich es kurz: Nämlich wenn er einen Berg hat steigen müssen, sei er gutes Muts und wohl aufgereimt gewesen, sich tröstend; daß er nach mühseliger Besteigung des Bergs bald darauf den Berg ab ohne sondere Mühe gehen werde. Ging er aber von einem Berg herab, sei er traurig und trostlos gewesen, vorsehend, daß ihm nun bald ein anderer Berg zu besteigen vorstehe. Es haben sich die Heiligen Gottes mehr erfreuet in ihrer Trübsal und Widerwärtigkeit als eben in ihrem Glück und Wohlfahrt, denn in jener haben sie dieses gehofft und in diesem haben sie jene besorgt. (235) Schwänke in gehobener Unterhaltungsliteratur Verfasser unbekannt Der kurzweilige Arlequin 1691 Die unglückliche Untersuchung Ein Beichtvater kriegte eine Frau in den Beichtstuhl, die der Zauberei wegen verdächtig war, und fragte, ob sie nicht könne diese oder jene Krankheit vertreiben. Sie antwortete: »Ach nein.« Der Confessionarius forschte weiter: »Nun, könnet Ihr's etwa nicht mit Kräutern oder Salben, so werdet Ihr's etwa mit Wörtern verrichten können oder mit Kreuzen und Handstreichen.« Sie leugnete aber alles, und je mehr er fragte, je fremder und unwissender sie sich stellte. Endlich sagte er, sie würde ja was davon wissen. Sie sollte doch nur einmal es für die Langeweile versuchen und sich so stellen, als wenn sie es sonsten machte. Sie sollte etwa die Hände so etliche oder dreimal kreuzweise auflegen und mit dem Maule so etwas heimlich reden: ‚Hülfe es denn nicht, so schadet es auch nicht viel‘. – Aber dieses Versuchen war alles umsonst, denn die Frau war unrecht angegeben und beschuldigt worden. Nichtsdestoweniger, als sie nachgehends von ihren Nachbarn gefragt worden, ob sie nicht ein geschwindes Mittel hätte wider das Fieber und andere Krankheiten, hat sie es bejaht und begehret, sie sollten die Kranken herzubringen, sie wollte ihnen alsobald helfen, welches auch etliche Mal wohl angegangen, und hat sie ihrer viel von allerhand Krankheiten befreit, aber allzeit des Priesters Mienen nachgemacht, die Hände dreimal kreuzweise aufgeleget und dazu gemurmelt: »Hilft es nicht, so schadet es nicht.« Bis endlich die Sache aufgebracht und sie als eine Hexe gerichtlich eingezogen worden. Sie hat sich aber bald auf den Beichtvater berufen, den man vorgefordert und gar auf die Folter gespannt. Allein er hat seine Unschuld dargetan, daß er, die Frau nur auszuforschen, dieses alles vorgebracht, nicht aber als Mittel, die Krankheit zu vertreiben. Auf diese Erkenntnis sind beide wieder loskommen. (236) Der bezahlte Apotheker In einer gewissen Provinz, so nicht weit von derjenigen gelegen, in welcher der Streit unter den meisten Fürsten der Christenheit glücklich geendet worden, begab sich dieser artige Possen: Ein Apotheker sah einen jungen Bauerskerl, der ziemlich einfältig schien, mit einem Häslein zu Markt gehen, solchen zu verkaufen, und sagte zu denen, die bei ihm waren: »Ihr Herren, ich muß diesem Bauren eins anmachen und sehen, wie ich das Häslein bekomme. Ich will Euch sagen, wie: Ich will ihn bereden, es sei eine Katze, und will mich hernach auf Euch berufen.« Der Fund schien gut zu sein, und der Apotheker sagte zum Bauren: »Vater, wo tragt Ihr die Katze hin?« »Wie?« antwortet der Bauertölpel. »Sehet Ihr dieses Häslein für eine Katze an?« »Du albern Tropf«, sagte der andere, »willst du mich bereden, daß diese Katz ein Has sei? Wen meinst du wohl, daß du vor dir hast; Ich will mit dir wetten um so viel, als der beste Has wert ist, daß dieses eine Katze sei, und wir wollen jene Herren, die dorten beim großen Kreuz stehen, zu Richtern annehmen.« Der Bauer zog seine fünf Sinne zu Rate, traute seinen Augen und ging die Wettung auf gemeldetes Beding ein. Er war aber ziemlich bestürzt, als diese Richter sagten, daß er verloren hätte. Sie bildeten ihm ein, es sei eine Katze, schickten ihn mit leeren Händen nach Haus und verzehrten den Hasen, da sie dann der dummen Einfalt des Bauren genug lachten und spotteten. Wie der Bauer nach Haus kam, fragte ihn seine Frau, wie teuer er den Hasen verkauft und wo das Geld wäre, so er dafür bekommen. Aber sie bekam Ohrfeigen zur Antwort, daß sie ihn dargesetzt und ihm eine Katze anstatt eines Hasen gegeben. Der Streit ward endlich so hart, daß die Nachbarn zuliefen und genug zu tun hatten, sie voneinander zu bringen. Und mußte der Tölpel unrecht haben, welcher bekannte, daß ihn der Apotheker betrogen hätte, und erzählte, wie es hergangen. Die Frau, so ziemlich verschlagen war, sagte, man müßte dem Apotheker auch eins anmachen, und bedachte sich auf einen andern Possen. Sie füllte ein kleines Fäßlein fast ganz voll Menschenkot und tat oben ungefähr eine Handbreit Honig darauf, welches ihr Mann zu dem Apotheker trug und fragte, ob er Honig kaufen wolle. Er wolle ihm denselben um einen billigen Preis lassen. Sie wurden des Kaufs eins, und der Bauer ging mit seinem Geld fröhlich nach Haus, weil ihm sein Possen, so wohl angangen. Als derselbe offenbar worden, wurde der Apotheker von seinen Mitbürgern ausgelacht, welche seiner spotteten und fragten, ob die Katze den Hasen gefressen und Honig geschissen hätte. (237) Verfasser unbekannt Curieuser Zeitvertreib 1693 Medicus und Geistlichkeit Überschrift vom Herausgeber Es war ein junger Medicus, welcher seine Patienten mit Fleiß lang aufhielt und hernach so fein sanft in die andere Welt sendete. Es begab sich, daß ihm einsmals in den Hundstagen sehr viel Leute starben und er dahero den Geistlichen ein ziemliches Geld zuschanzte, welches ihn dann verdroß, weil er, wie er sagte, diesen faulen Leuten feind war. Und da sie einstens viel Leichen miteinander einzuscharren gingen, sprach er mit etwas entrüsteten Worten zu ihnen: »Die Herren haben eine gute Lese.« »Ja, mein Herr«, gaben jene zur Antwort, »dem Himmel und Euch sei dafür gedankt.« (238) Der Esel und die Schüler Überschrift vom Herausgeber Als einsmals ein Bauer auf einem Esel vor der Schul vorbeiritt, eben zu der Zeit, da die Schüler aus der Klasse gingen, fing der Esel an zu schreien. Da dies die Schüler hörten, sprachen sie zu ihm: »Du grober Flegel, kannst du das Tier nicht besser abrichten und ihn ein wenig Höflichkeit lehren? Leidest du, daß es einen solchen Lärmen machet, wenn es bei solcher Gesellschaft ist?« »Ihr Herren«, antwortete ein alter Bürger, da er sah, daß der Bauer nichts zu sagen wußte, »der Esel ist so froh, so viel seiner Gesellen anzutreffen, daß er vor Freuden singt.« (239) In Auerbachs Keller Überschrift vom Herausgeber Zu Leipzig kam ein Bauer in Auerbachs Hof und sah sich gewaltig um, doch getrauete er sich nicht, in ein Gewölbe zu gehen. Deswegen rufte ihm ein Kaufdiener zu: »Kommt herein, Vater! Was wollt Ihr haben?« Der Bauer ging hinein und fragte: »Was habt Ihr denn?« »Seht Ihr's nicht ?« antwortete der Kaufdiener: »Eselsköpfe.« »Je mein«, sagte der Bauer, »Ihr müßt haben guten Abgang gehabt, sehe ich doch keinen mehr als Euren.« (240) Disput über Schädel Überschrift vom Herausgeber Ein Edelmann ritt mit seinem Diener bei einem Kirchhofe vorbei, allwo sie eine ziemliche Menge Hirn-Schädel liegen sahen. Der Edelmann fragte den Diener, ob er auch den Unterschied wüßte zwischen den Köpfen der Edelleute und der Bürger oder Bauren. Der Diener sagte, das könnte kein Mensch wissen, denn im Tode würden wir alle gleich. »Nein«, sprach der Edelmann, »ich will dir's sagen: Die weißen Köpfe sind die Edelleute, die andern schwarzen und häßlichen aber die Unedlen.« Nicht lange hernach kamen sie bei einem Galgen vorbei, da allerhand weiße Totenknochen lagen. Da sprach der Knecht: »Mein Herr, sagt mir doch, sind diese auch alle Edelleute gewesen?« (241) Der schlafende Knecht Überschrift vom Herausgeber Da einsmals ein Herr zu Mittag auf seinem Meierhof spazierenging, fand er einen seiner Knechte schlafend unter einer Eichen liegen. Zu dem sprach er ganz zornig: »Du bist nicht wert, daß dich die Sonne anscheint.« »Herr«, sprach der Knecht, »darum habe ich mich auch in den Schatten gelegt.« (242) Nicht zuständig Überschrift vom Herausgeber Ein Kavalier spazierte mit seiner Liebsten ins Tollhaus, darin die Wahnwitzigen und Narren verschlossen werden. Ehe er aber noch recht hineinkam, begegnete ihm eine Närrin, die fragte er, ob sie diese Dame, die er bei der Hand führte, wohl kennte. »Nein«, sagte sie, »denn ich komme nicht aus dem Hurenhaus, sondern aus dem Tollhaus.« (243) Eine wahrhaftige Ehebeichte Überschrift vom Herausgeber Paulwitz hatte ein ungetreues Weib, die ihm unstreitig Hörner aufsetzte. Allein sie wußte es so künstlich zu machen, daß der Mann auch nicht das geringste davon erfahren konnte. Endlich besann er sich auf diesen Possen, er wolle eine Kutte anziehen und sein eigen Weib Beichte hören, weil er wußte, daß sie sich dazu bereitet. Als sie nun beichtete, bekannte sie, sie hätte einmal mit einem Edelknaben, mit einem Hofmanne und mit einem Mönche gebuhlet. Der Mann ergrimmte über diese Beichte, gab sich zu erkennen und bedrohete Lucinam deswegen zur Strafe zu ziehen. Sie erschrak zwar ein wenig, doch besann sie sich bald und sagte: »Lieber Mann, ich wußte wohl, daß Ihr es wäret: Darum habe ich mich vexieret. Und ist denn nicht alles wahr? Habe ich Euch nicht, als Ihr noch ein Edelknabe wäret, einmal geküsset? Und seid Ihr nicht der Hofmann und nun auch der Mönch, bei dem ich noch diese Nacht geschlafen?« (244) Prügel mit Maßen Überschrift vom Herausgeber Es redete einsmals ein Hutmacher einen Schneider in seiner Nachbarschaft an: »Gevatter, ich höre, daß Ihr Euer Weib seit Martini her sehr oft geprügelt habt.« »Es ist wahr«, antwortete der Schneider, »ich gebe ihr je zuweilen Stöße. Allein ich will dadurch mein Fleisch nur bändig machen, denn Mann und Weib sind ja eins.« »Aber hört, Nachbar«, sprach der Huter, »ich weiß wohl, daß man bisweilen die Weiber schlagen muß, aber man muß sie nicht gar zu Boden schlagen.« »Bei meiner Treu, Gevatter«, versetzte der Schneider, »ich schlage meine Frau nur mit Maß, denn ich nehme allemal die Ellen dazu.« (245) Die Hilfe des Briefstellers Überschrift vom Herausgeber Es wollte einsmals ein junger Mensch, der nichts studieret hatte, seiner Liebsten einen Brief schreiben. Und weil er selbst keinen machen konnte, kaufte er sich ein Briefbuch. Und nachdem er lange Zeit in solchem Buche gelesen hatte, fand er einen Liebesbrief. Den schrieb er ab und schickte ihr denselben mit angehängtem Postscripto: »Sie antworte mir doch ehestens.« Weil sie aber eben dieses Buch hatte und diesen Brief zusamt der Antwort darinnen fand, schrieb sie ihrem Aufwärter bloß mit diesen Worten zurück: »Ich habe Seinen Brief wohl erhalten, mein Herr. Er kehre nur das Blatt um, da wird Er die Antwort finden.« (246) Verfasser unbekannt Lyrum Larum Lyrissimum 1701 Der schwerhörige Bauer Überschrift vom Herausgeber Es war ein Bauer, der hörete nicht wohl. Derselbe hatte zu Bingen am Rhein ein paar Sau eingekauft, denn er sollte bald Hochzeit machen. Als er nun dieselben heimtrieb, begegnete ihm sein Junker und sprach zu ihm: »Grüß dich Gott, Peter!« Der Bauer antwortete: »Junker, ich komm von Bingen.« Der Junker sagte: »Was gelten die zwo Sauf« Der Bauer antwortete: »Bis Sonntag über vierzehn Tag, ob Gott will.« Der Junker sagte: »Wann willst du Hochzeit halten?« Der Bauer sagte: »Sieben Gulden, weniger ein Ort.« Der Junker sagte: »Man scheiß dir in den Hals, du tauber Esel!« Der Bauer sagte:»Und Euch desgleichen, lieber Junker, wir dürften beide wohl Glück haben.« Vermeinte, der Junker wünsche ihm Glück zur Hochzeit. (247) Sprüche beim Fischgericht Überschrift vom Herausgeber Drei Edelleute reiseten miteinander und kamen unterwegs zu einem Soldaten. Sie kauften miteinander einen großen Fisch, gaben ihn dem Soldaten zu tragen und ließen selbigen nachmals in dem nächsten Wirtshaus zurichten, mit der Bedingung, daß ein jeder ein Stück nehmen und einen Spruch dazu sagen sollte. Der Stück aber waren nur drei, und sagte der erste: »Was dem Haupt gebühret, das gehört nicht für andere Glieder!« Nahm damit den Kopf. Der zweite sagte: »Die Tugend stehet in der Mitten!« Und nahm das Mittelstück. Der dritte sagte: »End gut, alles gut!« Und nahm das Schwanzstück. Der Soldat sah, daß nichts auf ihn kam, nahm derohalben die Schüssel, goß ihnen die Brüh ins Gesicht und sagt: »Ich bespreng euch mit Isoppen!« (248) Der weintaufende Bauer Überschrift vom Herausgeber In Hessen war ein Bauer, so seiner Sauferei wegen überall berühmt war. Dieser hatte sich einst so voll gesoffen, daß er sich im Kot herumwälzete wie eine Sau. Da ihn aber einer fragte, was er da im Kot suchte, sprach er: »Ich suche meine fünf Sinne, die ich zuvor versoffen habe.« Eben dieser Weinsack sollte einmal rheinischen Wein in Hessen führen, soff aber unterwegs etliche Eimer mit guten Gesellen aus dem Faß heraus. Des andern Tages fuhr er an einen Brunnen, willens, das Faß mit Wasser vollzufüllen. Als ihn nun einer darauf ertappte und fragte, was er machte, gab er zur Antwort: »Ich stehe hier an Gottes Statt und will Wasser zu Wein machen.« (249) Ein Zusammenstoß Überschrift vom Herausgeber Es trug ein Bauer- eine große Bürd Heu, daß er kaum gehen konnte. Weil er nun über den Markt ging, da ihm viel Leut begegneten und er sie nicht alle sehen konnte, rief er laut: »Weichet, weichet!« Eines reichen Mannes Sohn aber wollte nicht ausweichen, also stieß er ihn mit der Bürd Heu – doch wider seinen Willen in den Kot, daß er ziemlich parfümiert wurde. Dieser verklagte den Mann. Der Bauersmann aber schwieg still und antwortete nichts auf die Anklag. Der Richter sagte: »Was wollen wir mit dem Mann anfangen? Er kann ja nicht reden.« »Ja«, sagte der Jüngling, »auf dem Markt konnte er wohl reden, dann er überlaut geschrien: ‚Weichet, weichet!‘« »Nun wohlan«, sagte der Richter, »hat er dies gesagt, so hat er nicht schuld, sondern Ihr, daß Ihr nicht gewichen seid.« Mußte also dieser Stölzling den Spott zum Schaden haben. (250) Friedrich Julius Rottmann Lustiger Historienschreiber 1717 Der treu vermeinte Diener Ein Edelmann sprach von seinem Diener sehr groß, daß er ihm so getreu wäre. Die Frau wollte seine Treue probieren, bat ihren Junker, er möchte sich stellen, als wollte er auf die Jagd reiten, sollte aber bald wiederkommen. Wie der Junker weg war, bat die Frau den Diener, er sollte zu ihr ins Bette kommen. Er ließ sich auch bereden. Indem kam der Junker die Treppe herauf. Sie sprach aber geschwind zum Knecht: »Potz tausend, der Junker kommt, ducke unter!« Wie nun der Junker zur Kammer herein kam, fragte er sie, ob sie den Diener probiert hätte. »Ja«, sagte sie, »er ist wohl ein loser Schelm!« »Wie das?« fragte der Junker. Sie wieder antwortet: »Er hat mich auf den Abend in unseren Garten beschieden, da will er mir was sagen. Nun weiß ich guten Rat. Ihr sollt auf den Abend meine Kleider anziehen und tun, als ob ich's wäre. Da werdet Ihr sehen, was für einen treuen Knecht Ihr habt.« – Womit der Junker Abschied nahm und sich aus der Kammer begab. Da ließ die Frau den Diener aufstehen, der sie vorhero wohl deponiert hatte, und sagte zu ihm: »Du sollst hingehen und diesen Abend den Junker mit Prügeln empfangen.« Als es nun Abend und die bestimmte Zeit da war, verfügte sich der Diener nach dem abgeredeten Ort, allwo der Junker im Frauenhabit auch angezogen kam. Der Diener sprach darauf: »Kommet Ihr?« »Ja«, sprach der Junker. Der Diener faßte hierauf den Prügel, schlug weidlich auf den Junker und sagte: »Du lose Hure, bist du meinem ehrlichen Junker nicht getreuer?« Der Junker voller Schmerzen schrie laut: »Halt, Claus, ich bin's!« »Ja«, sagte er, »das weiß ich wohl, daß du lose Hure es bist.« Und schlug tapfer fort. Der Junker entlief endlich und kam wieder zur Frauen. Die fragte ihn, wie ihm widerfahren sei. »Ja«, sagte er, »Ihr solltet dagewesen sein, so solltet Ihr erfahren haben, daß ich einen getreuen Knecht habe.« (251) Der Käs essende Bauer Ein Bürger kaufte von einem Landmann ein Fuder Holz. Wie nun der Bauer das Holz abgeladen, nötigte jener ihn hereinzukommen, da er ihm denn nebst Butter und Brot einen feinen holländischen Käse vorsetzte. Wie nun der Bauer solchen gekostet, merket er, daß er gut sei, schneidet derohalben weidlich hinein und speiset mit großer Begierde. Der Bürger hätte den Käse gerne verschont gesehen, sagte dannenhero: »Mein Freund, es ist Eidamer Käse.« Dieser versetzte: »Das schmeck ich wohl.« Jener sprach weiter: »Man kann auch leicht zu viel davon essen, daß man gar davon stirbt.« Vermeinet denselben dadurch zu schrecken, daß er aufhören sollte. »Ei«, sagte der Bauer, »das ist gut, daß ich solches höre«, schnitt darauf noch ein gut Stück davon und fuhr, zu reden fort: »Ich will dieses meiner Frau zu essen geben, denn ich wollte doch die alte Donnerkatzen gern los sein.« Steckte darauf das Stück in die Taschen und ging davon. (252) Der wohl bezahlende Bauer Ein Bauer hatte an einem Amte eine Rechtssache, welche ihn ziemlich viel gekostet. Als sie nun zu Ende war, erbat er die Acta vom Gerichtsschreiber, welcher ihm solche gab. Da sah der Bauer, daß die Schrift sehr weit gestellt und fast der dritte Teil des Papiers nicht beschrieben war, fragte dannenhero, wie das doch käme, daß soviel Platz gelassen wäre, und er hätte doch das Papier müssen teuer bezahlen. Der Gerichtsschreiber antwortete: »Ei Bauer, das verstehst du nicht, das heißt Acta geschrieben.« Der Bauer merkte solches, und weil er nicht wohl bei Gelde war, erbot er sich, die Belohnung dem Gerichtsschreiber mit Arbeit abzuverdienen. Welches der Gerichtsschreiber gar wohl zufrieden war, gab ihm die Acta und ließ ihn gehen. Nach einer Zeit bestellte ihn der Gerichtsschreiber in seine Scheuren zu dreschen. Der Bauer kam an, ging nach der Scheure, legte die Garben ziemlich weit voneinander, schlug oben gar leicht darauf herum und ließ das halbe Getreide in den Ähren. Der Gerichtsschreiber kommt endlich gegangen, und als er solches sieht, hebt er an heftig zu schelten, sagend: »Du loser Vogel, was machst du» Das ist nicht gut gedroschen, das halbe Korn sitzt noch in den Ähren.« Der Bauer wollte ihn mit gleicher Münze bezahlen, sagte dannenhero: »Ei, Herr Gerichtsschreiber, das versteht Ihr nicht, das heißt Acta gedroschen.« Lief damit von der Tennen. (253) Das wohl vollstreckte Urteil Ein Bürger schickte nach einem Bäcker in derselbigen Stadt einen Kalbsbraten, solchen in dem Ofen gar zu machen. Als solcher nun gebraten ist und wieder aus dem Ofen gelanget wird, mag sich der Bäcker durch den angenehmen Geruch haben verleiten lassen, ein Stück vom Braten zu schneiden. Der Bürger läßt darauf den Braten wieder holen, befindet aber, daß etwas davon geschnitten, und weil der Bäcker in Güte den Braten nicht bezahlen wollte, also wurde der Bürger ihn zu verklagen genotsachet. Der Bäcker ist in diesem Fall behutsam, verfüget sich zum Bürgermeister, erzählet ihm den Handel, stopfet ihm aber mit einer frischen Semmel den Mund. Wie nun beide Parteien des andern Tages vor Gericht erscheinen, sagt der Bäcker auf des Bürgers angebrachte Klage kürzlich, daß, wie er den Braten aus dem Ofen gelangt, sich sogleich ein Haufen Fliegen darauf gesetzt und solches Loch darein gefressen. Der Bürgermeister konnte eben nicht so reden, wie es wohl recht gewesen, gestalt ihm die frischen Semmel im Halse waren stecken blieben, sagte dannenhero mit heisriger Stimme: »Haben es die Fliegen getan, so rächet Euch an denselben und schlaget sie tot, wo Ihr sie findet.« Der Bürger, welcher ein loser Schalk, sah eben eine in des Bürgermeisters Angesicht sitzen und meinet dem Urteil ein Genügen zu tun, schlug ihn damit ins Gesicht, daß das Blut aus der Nase lief, sagend: »Herr, da saß eben eine.« (254) Der listige und doch betrogene Schneider Ein Schneider hatte die Gewohnheit an sich, daß er, sooft seine Hausfrau Kohl gekocht oder Erbsen mit Butter oder anderem Fett zugerichtet, allemal ein tiefes Kreuz vor sich in das Gericht machte, damit das Fett sich daselbst hinziehen könnte. Ob nun wohl sein Hausgesinde meinete, daß er solches aus Frömmigkeit täte, da der gemeine Mann in dem Aberglauben steckt, daß er meinet, wenn er ein Kreuz worüber macht, daß solches gesegnet sei. So begab es sich, daß er einsten einen Gesellen, welcher vielleicht klüger als der Meister selbst war, in Arbeit bekam. Als er nun seine Gewohnheit jedesmal in acht nahm, merkte der Geselle gar leicht, warum er solches tat. Wie er nun einsmals solch Kreuz in das Gericht Kohl gemacht, auch das Fett sich dahin gezogen, nimmt der Gesell einen Löffel, rühret ihn wieder durch und drehet die Schüssel auf dem Tisch herum. Hierüber erzürnet Meister Schneider so heftig, daß er sich gerne mit dem Gesellen, falls ihnen nur die Hörner nicht gefehlet, gestoßen hätte. Stehet auch in solchem Eifer auf, ergreift die Schüssel und schmeißt sie zum Fenster hinunter. Als der Gesell solches gesehen, ergreift er das Tischtuch mit alledem, so noch auf dem Tisch gestanden, und wirft es gleichergestalt hinunter, dabei sagend: »Meister, wollen wir heute da unten essen?« Der Meister aber antwortete nichts und ging zur Stuben hinaus. (255) Der betrogene Pfaffe In Würzburg visitierte einsmals ein Pfaff in der Fasten, ob die Leute auch Fleisch äßen. Derselbe kam auch unter anderm in einer Witwen Haus, die saß über Tisch und hatte eine Schüssel voll Fleisch vor sich und aß. Solches empfand er gar hoch und wollte sie strafen. Sie aber sprach ihm freundlich zu und bat, er möchte sich doch belieben zu setzen und seinen Mantel ablegen, sie hätte eins und das andere mit ihm zu reden. Er ließ sich's gefallen und setzte sich nieder. Mit der Weile praktizierte sie seinen Mantel hinaus und schickte ihre Magd damit in des Pfaffen Haus, ließ dabei sagen, daß der Pfaff begehrte, daß man ihm das Essen senden sollte, davon er zu Mittag gegessen hätte. Der Mantel wäre das Wahrzeichen seines Willens. Die Magd kam wieder und brachte einen stattlichen welschen Hahn in der Schüssel, so gebraten und gespickt war, dabei noch des Pfaffen Messer und Gabel lagen. Solchen setzte sie ihm wider Vermuten vor, worüber er sehr erschrak und sagte: »Oh, alle arme Sünder!« (256) Der zum Küsterdienst untüchtige Bauer Wie zu Prata, ein Dorf in Mähren gelegen, der Küster daselbst Todes verfuhr, gab sich ein Bauer, welcher, weil er etwas bei Mitteln und wohl ehemals des Habermanns Gebetbuch gesehen, sich keine Sau dünken ließ, bei dem Pastor des Dorfs wieder an, um den Küsterdienst zu überkommen. Da ihn denn, wie nicht unbillig, der Pastor zuvor fragte, ob er schreiben und lesen könnte. Worauf er denn sagte: »Wenn ich das nicht könnte, was wollte ich denn für ein Küster werden.« Der Pastor fragte darauf weiter, ob er denn auch wohl in der Bibel belesen sei. Er antwortet: »Ja.« Der Pastor hierauf: Wer Noah gewesen? Er wieder antwortet: Der Mann, so in den Kasten gangen wäre. Der Prediger: Wieviel derselbe Söhne gehabt? Er: »Drei, nämlich Sem, Cham und Japhet.« Der Prediger hierauf: Wer denn Japhets Vater gewesen? Er antwortet, das wüßte er nicht und wäre solches eine wunderliche Frage, er hätte ja dazumalen noch nicht gelebet. »Ja«, sagte hierauf der Prediger, »so könnet Ihr auch nicht Küster werden.« Hierauf ging der Candidatus des Küsterdienstes betrübt nach Hause, klagte seiner Frauen, daß er aus oberzählten Ursachen nicht Küster werden könnte. Die Frau, welche viel witziger und verständiger als der Mann, verstand den Irrtum bald, wollte ihren Mann mit einem deutlichen Gleichnis zurechtweisen und sagte: »Wo nun, mein lieber Mann, könnet Ihr das nicht einst verstehen» Sehet doch: Unser Müller Heinrich, wieviel hat der Söhne?« Er sprach: »Drei, Dreves, Claus, Stephen.« Sie fragte weiter: »Wer ist nun Stephen sein Vater?« Er wieder antwortet: »Wo! Das ist Heinrich, unser Müller.« »Und so ist es auch mit Noah«, sagte die Frau. Da denn der Stümper sich wieder nach dem Prediger begab, anzeigend, daß er nun besser studiert hätte. Worauf der Pastor eben wie zuvor frug, welches er auch also wieder beantwortete. Als aber der Prediger zuletzt fragte, wer denn nun Japhet sein Vater gewesen, antwortete dieser: »I! Herre, das ist Heinrich, unser Müller.« Und diese Antwort machte, daß er nicht ist Küster worden. (257) Die übel sehende Jungfer Eine Jungfer, welche von Natur ein blöd Gesicht hatte und kaum so viel sehen konnte, daß sie einem beladenen Wagen aus dem Wege ging, hatte einen Bräutigam. Damit nun selbiger solchen Fehler nicht merken sollte, stach ihre Mutter eine feine Nähnadel in die Wand, welchen Ort die Braut gar wohl bemerken und fast alle Tage etlichemal zufühlen mußte, damit sie ohne Irrung nachgehends darauf zu gehen könnte. Wie nun einsmals der Bräutigam sie besucht, stehet sie auf, gehet nach dem Ort und sagt im Gehen: »Wer mag doch die Nähnadel haben so weit in die Wand gesteckt?« Ziehet sie damit heraus, worüber sich der Bräutigam höchst verwundert, daß sie in der Ferne habe so scharf sehen können. Wie sie sich nun des Mittags zu Tische setzen und eine frische Butter auf einer etwas erhobenen Schüssel zuletzt aufgesetzt wird, meinet die Jungfer, daß solches ihre weiße Katze sei, sagt dannenhero mit lauter Stimm: »Katz ut!« und schlägt damit an die Butter, daß solche vom Tisch fällt. Wie dieses der Bräutigam siehet, sagt er: »Ihr konntet allererst eine gar kleine Nähnadel sehen, nun aber könnet Ihr nicht einst eine Butter und Katz unterscheiden. Das gehet nicht mit Recht zu.« Stund derohalben auf und ging davon. (258) Schwänke als literarische Tagesware Johann Paul Waltmann Wohlstudierter Pickelhering 1720 Die wirtschaftliche Frau Überschrift vom Herausgeber Zwei arme Leute, welche kein Geld hatten, auch wenig Kredit bei den Leuten, waren dennoch dem Trunk sehr ergeben und gingen oftmals miteinander zum Bier. Es geschah auf eine Zeit, daß der Mann nicht anheim war, und die Frau wußte nicht, wie sie Bier bekommen sollte, fand also einen Rat und ging hin und verkaufte ihr Hemd für sechs Stüber und ging hernach hin und holte eine große Kanne Bier für das Geld, setzte die so lang in das Bett, bis ihr Mann zu Haus kam. Wie sie nun im Bette lagen, kam den Mann ein heftiger Durst an, und er sagte zu der Frauen: » Ach Frau, ich habe einen solchen mächtigen Durst, ich verschmachte schier.« Da kriegte die Frau die Kanne mit Bier hervor und sagte: »Mann, es gilt auch einmal.« Er nahm die Kanne und tat einen guten Zug daraus, fragte hernach die Frau, wo sie das Bier bekommen. Die Frau sagte: »Ich hab mein Hemd für sechs Stübers verkauft, dafür habe ich Bier geholet.« Der Mann begann sich darüber zu freuen, preisete seine Frau und sagte: »Ach Frau, Ihr seid eine feine Haushälterin! Wie klüglich wisset Ihr ein Ding anzustellen!« Vermeinten, es wäre besser, der Arsch leide Frost als der Hals Durst. (259) Die sieben Sinne Überschrift vom Herausgeber Zu einem Priester kam ein Bauer, der wollte beichten, sagend, wie er sich gegen Gott und seinen Nächsten so schwerlich an seinen sieben Sinnen versündiget hätte. »Wie«, sprach der Priester, »hast du sieben Sinne r Du irrest dich sehr, mein guter Freund: Sowohl die christliche Kirche als die Natur-Kündiger finden nicht mehr dann fünf Sinne.« Da sagte der Bauer: »Herr, ich irre mich nicht, dann Ihr sollt wissen, daß ich ein Untervogt in diesem Dorf bin und zween Sinne mehr haben muß als ein gemeiner Bauer.« Darüber der Priester ihn fragte, welches dann die übrigen zween Sinne wären, die er mehr hätte als ein gemeiner Bauer. Da antwortete er, es wäre der Schlaf und der Müßiggang, denn er schliefe, wenn andere Bauren wachten, und wenn sie arbeiteten, so ginge er müßig. (260) Das Jüngste Gericht Überschrift vom Herausgeber Ein Bauersmann sah einsten das Jüngste Gericht in der Kirchen abgemalet. Hierzu kamen zween große Herren, die fragten, ob er wüßte, was das wäre. »Ja, das Jüngste Gericht.« Wie es ihm gefiele? Daß er sehe, daß mehr große Herren als seinesgleichen Bauren zur Höllen fahren. (261) Ein Pferdetausch Überschrift vom Herausgeber Auf eine andere Zeit kam ein Priester auf einem guten Pferd zu zweien Reitern, welche miteinander zum Unfrieden kamen, und der eine schoß dem andern sein Pferd zu Boden und rannte darüber davon. Der andere aber bearbeitete sich, seinem Pferd wieder aufzuhelfen, band seine Pistolen ab. Der Priester sah ihm zu und hatte ein Mitleiden mit ihm. Der Reiter bat ihn, er sollte ihm wieder helfen sein Pferd aufheben. Der gute Herr stieg ab und wollte auch sein Bestes tun. Als aber der Reiter sah, daß alles umsonst wäre, nahm er seine Pistolen an den Arm, kehrte sich zu dem Priester und sprach: »Herr, ich bin ein Reiter, und ich soll reiten. Ihr aber seid ein Priester, und nach dem Text des Evangelii sollt Ihr gehen in alle Welt, zu predigen das heilige Evangelium.« Schwang sich damit auf des Priesters Pferd und rannte also davon. – Doch sagte er, daß er dem Priester sein Pferd nicht genommen, sondern nur mit ihm getauschet hätte, dann er demselbigen das seine, so mehr als des Priesters gekostet, hinterlassen. (262) Verfasser unbekannt Der ergötzende Schimpf und Ernst 1723 Bedenklicher Roßhandel Überschrift vom Herausgeber Man sagt im gemeinen Sprichwort: Es kommt immer ein Schelm über den andern. Ein durchtriebener Gast kam in ein vornehmes Wirtshaus und bestellte eine gute Mahlzeit mit dem Vorwand, es kämen etliche Kutschen voll Leute hinter ihm her. Der Wirt glaubte ihm und richtete stattlich zu. Wie aber niemand kam, stellte sich der Gast, als wenn es ihn groß Wunder nähme, und verlangte unterdessen etwas. Der Wirt trug ihm wohl auf, und jener ließ es sich wohl schmecken. Nach der Mahlzeit sagte er: »Kann mir der Wirt nicht ein Pferd schaffen? Ich will hinausreiten und sehen, wo sie bleiben, es muß ihnen gewiß ein Unglück begegnet sein.« Der Wirt antwortete: »Ich habe zwei Pferde in meinem Stall. Wenn es dem Herrn beliebt, steht eines zu seinen Diensten.« Jener nahm es an, ließ es satteln und ritt immer zum Tor hinaus. Als er nun zwo Meilen von der Stadt war, begegnete ihm ein Jud, ein Roßtäuscher, der auf einem kleinen Klepper ritt. Diesem stach des Wirts Pferd in die Augen. Er ritt hinzu und fragte, ob es feil wäre. Der Gast bejahete es und ward mit dem Juden eins, daß er ihm fünfzig Taler und seinen Klepper dafür geben sollte. Der Jud lieferte beides alsobald, und da er das neugekaufte Pferd probierte, gefiel es ihm sehr wohl, und er wünschte, daß er noch so eines haben möchte. Der Verkäufer wies ihn hierauf in die Stadt, und zwar in eben das Wirtshaus, darinnen er gelegen, mit der Versicherung, daß er noch eines finden würde. Darauf ritt er mit seinem Klepper fort und lachte ohne Zweifel in die Faust, daß ihm sein Betrug so wohl gelungen. Der Jud ritt auch in das benannte Wirtshaus und fragte bei dem Eingang den Wirt, ob er ein solch Pferd hätte. Dieser sagte »ja« und hieß ihn sein Pferd in den Stall zu jenem ziehen. Da sie aber hinausgingen, schloß er die Tür zu und sagte: »Ich danke, daß ich mein Pferd wieder habe. Ihr mögt sehen, wie Ihr Eures wieder bekommet!« Da sah der Jud, daß er betrogen war. (263) Daniel Elias Helmhack Fabel-Hans 1729 Der entdeckte Messerdiebstahl Überschrift vom Herausgeber Als einem Wirt ein paar Messer gestohlen wurden, klagte er es einem guten Freund, welcher sich erbot, gegen eine freie Zeche ihm die Messer wieder zu schaffen. Der Wirt versprach die Zeche, und der Gast sagte: »Gilt's, ihr Herren, ich will's noch herausbringen, welcher unter Ihnen dem Wirt aus Kurzweil seine Messer genommen! Verbindet mir die Augen, ich will ihn greifen!« – Hierauf sagte er: »Nun stecket alle die Köpfe unter den Tisch!« – Nach einer kleinen Weile sagte er: »Habt Ihr die Köpfe alle drunten?« Sie sagten alle: »Ja.« »Auch der, welcher die Messer hat?« Er schrie: »Ja.« Und damit ward offenbar, wer die Messer hatte, und gaben sie dem Wirt wieder. (264) Die strafbare Nachricht Überschrift vom Herausgeber Ein junger Edelmann hatte einen Papagei, der ihm allerhand Kurzweil machte. Als er nun auf eine Zeit eine weite Reise antrat und eine Braut suchen wollte, dazu er alle seine Bedienten mitnahm. Unterdessen aber befahl er seinen Bauren, wechselweis den Vogel zu warten, und befahl ihnen auf das allerschärfste, sie sollten ihn ja nicht verhungern noch verderben lassen, denn wer bei seiner Wiederkunft kommen und sagen würde: »Der Vogel ist tot«, der solle ohn alle Gnade zwanzig Taler Strafe geben. Darauf zog der Edelmann fort, und der Vogel verdarb und starb alsobald bei dem ersten Bauren. Dieser Bauer nun wußte vor Jammer nicht, was er anfangen soll, wenn sein Junker wieder nach Haus kommt. Allein der Müller tröstete ihn und sagte, er wollte die Sache schon gut machen, man sollte ihn nur gehen lassen. Wenn der Junker wiederkam, so wollte er in das Schloß hinaufgehen und mit dem Junker des Vogels wegen schon einen Diskurs führen. Indessen kam der Junker. Der Müller ging gleich zu ihm und bewillkommte ihn mit einem freundlichen Gruß und meldete anbei, daß der Vogel bei ihm wäre. »Was macht er denn?« fragte der Edelmann. Der Müller antwortete: »Ich weiß nicht: Er sauft nicht, er frißt nicht, er spielt nicht, er pfeift nicht, er springt nicht, er singt nicht...« »Ei, der Vogel ist tot«, fiel ihm der Edelmann in die Rede. Darauf sagte der Müller: »Haha, Junker, gebt nun zwanzig Taler Straf her: Ihr habt bei Eurer Abreise ausdrücklich gesagt, wer bei Eurer Wiederkunft sagen würde: ,Der Vogel ist tot', der soll ohne Gnad zwanzig Taler Straf geben.« (265) Bauren-Arglistigkeit Als in langwierigen Kriegszeiten die Leute ziemlich in Armut geraten waren, gingen zween ganz im Grund verderbte Bauren in eine vornehme Stadt, Hilfe zu suchen, daß sie ihr Hauswesen wieder anfangen konnten. Einer unter ihnen sprach seinen guten Freund und Bekannten an und bat, so hoch er immer konnte, ihm mit etwas Geld an die Hand zu gehen, er wollte es mit großem Dank wieder erstatten. Der Bürger entschuldigte sich und sagte, daß er jetzt selbst nicht bei Geld wäre, er könnte ihm nicht helfen. Ungeachtet dessen hielt er doch immer auf das beweglichste an. Als dieses sein Nachbar hörte, sagte er zu dem Bauren: »Wie magst du diesen Mann so hoch bitten? Und wenn er mir so viel schenken sollte, ich wollte das nicht tun.« Dem antwortete der Bauer: »Ihr versteht den Handel nicht. Könnte ich ihn nur bereden, daß er mir in dieser Not hülfe und das Geld vorstreckte, er sollte mich wohl tausendmal höher und inständiger bitten, bis ich es ihm wieder geben wollte.« (266) Johann Paul Waltmann Der lustige Teutsche 1729 Der geplagte Schultheiß Überschrift vom Herausgeber Ein Bauer, der unlängst Schultheiß geworden, ging in die Badstube und saß daselbst ganz tiefsinnig. Als nun der Badergesell zu ihm kam und fragte, ob er sich schon habe den Kopf waschen lassen, hub dieser neugebackene Dorfregent an: »Ach mein Freund, ich weiß es nicht, denn ich habe so viel mit den gemeinen Sachen zu tun und zu gedenken, daß ich nicht fühle, wo mir der Kopf steht.« (267) Der tröstlich gemachte Ring Ein Baurenknecht hatte sich in seinem Dorf mit einem Mädchen versprochen. Als er aber nach der Hand auf ein ander Dorf in Dienste gehen wollte, bat ihn seine Liebste, er sollt ihr doch einen Ring, daran sie sein unterdessen gedenken könnte, machen lassen. Der Bauer, durch Liebe bewegen, ging zum Goldschmied, bezahlte einen Ring und verlangte, man möchte in denselben inwendig eingraben diese Worte: »Gute Nacht, liebes Gretchen!« Und das fein tröstlich und auch kläglich. Der Bauer wurde auf den folgenden Tag verwiesen, daß er alsdann sollte fertig sein, findet sich auch auf die bestimmte Zeit ein und bittet, man möchte ihm die Schrift vorlesen. Der Goldschmied lieset solche frisch weg. Der Bauer aber wird zornig, sagend, er hätte es ja fein tröstlich und kläglich bestellet, dieses aber wäre zu freudig. Zog auch noch einen Reichstaler heraus und befahl, man sollte es anders und zwar kläglicher machen. Der Meister sah, daß er einen rechten Kaufmann vor sich hatte, nahm den Taler und hieß ihn nach ein paar Stunden wiederkommen. – Als dies geschah, las der Meister die Worte recht kläglich, indem er den Kopf in die Hände nahm, die Augen betrübt verkehrte und unter oftmaligem Schlucken sagte: »Gute Nacht, liebes Gretchen!« Und also war es auch dem Bauren recht. (268) Johann Paul Waltmann Belustigung für Frauenzimmer 1747 Der erste Gedanke in der Früh Überschrift vom Herausgeber Eine Magd in einem bekannten Fürstentum fragte der Probst in der Kirchen, woran sie sich des Morgens halte, wenn sie aufstehe. Er vermeinte, sie sollte antworten: »An meinen Erlöser Jesum Christum.« Aber sie sprach: »Herr, an den Bettstollen.« Wie die Frage, so war die Antwort. Der Superintendent wollte deutlicher fragen und sprach: An wen sie des Morgens allererst gedenke, wenn sie erwache. Sie wollte lange nicht antworten. Endlich mußte sie und sprach: »Herr, an meines Edelmanns Schreiber.« (269) Von der Speisung der Fünfhundert Überschrift vom Herausgeber Ein Studiosus sollte das Evangelium, wie Christus mit fünf Broten fünftausend Mann gespeiset habe, erklären, versprach sich aber und sagte nur von fünfhundert Mann. Darüber stieß ihn der Küster an und sprach: »Herr, das Evangelium saget, es seien fünftausend Mann gewesen.« Aber er antwortete: »Mein Gesell, es ist genug an fünfhunderten. Die Leute werden diese kaum glauben.« (270) Odilo Schreger Nützlicher Zeit-Vertreiber 1753 Ein Bauer schmähete seine Landesfürstin Ein vornehmer Fürst verirrte sich auf der Jagd in dem Wald. Ein Bauer zeigte ihm, den er für einen gemeinen Reiter ansah, den Weg hinaus. Als sie nun aus dem Wald kamen, fragte der Fürst den Bauren: »Vater, wer ist dein Landsfürst?« Dieser sagte: »Der Fürst von NB.« Da verstund der Fürst, daß dieser Bauer sein Untertan wäre, fragte also weiter: »Mein, was hältst du wohl von deinem Fürsten?« »Unser Fürst«, versetzte der Bauer, »wäre schon recht, aber seine Frau, die böse Hure, ist kein Schuß Pulver wert. Sie drucket uns, wo immer sie kann.« Der Fürst lächelte, und sobald er nach Haus kam, erzählte er dieses seiner Gemahlin. Die Fürstin entrüstete sich sehr darüber und wollte nichts als den Tod dieses Calumnianten wissen. Der Fürst stellte ihr aus Gespaß diesen Bauren vor und fragte ihn in Gegenwart der Fürstin, ob er nicht wüßte, was er vor etlich Tagen zu einem Reiter von der Fürstin gesagt hatte. Der Bauer antwortete: »Was wußt ich, daß der Schelm, dem ich's sagte, mich verraten sollte.« Die Fürstin fing an, herzlich zu lachen, und sagte: »Ich meines Orts bin zufrieden. Der Bauer soll Gnad haben, der Fürst kann seinen Schelmen gleichwohl im Sack schieben.« (271) Die lustige Zeit Einer von Adel fragte einen Bauren, um welche Zeit die Bauren am lustigsten wären. Der Bauer sagte: »Im Winter, dann da haben wir nicht viel zu arbeiten.« Der Bauer fragte auch den Edelmann, wann denn sie am fröhlichsten wären. »Wir von Adel«, versetzte er, »seind im Frühling am lustigsten, absonderlich im Mai.« »Ei, ei«, schrie der Bauer auf, »so macht ihr's grad wie mein Esel; denn eben um diese Zeit schreiet er immer vor Freuden: ‚Iha, iha!‘« (272) Die Dieb seind Soldaten worden Ein Obrister unter den Soldaten sah in einem Wirtshaus zum Fenster hinaus und konnte eben auf den Berg sehen, wo der Galgen stund, welcher zu selbiger Zeit ganz leer war. Fragte also den Wirt, warum sie keinen auf henken ließen. Der Wirt antwortete: » Herr, wir haben keine Diebe mehr; dann unsere Diebe seind alle Soldaten worden.« (273) Es kommt nichts Bessers nach Ein alte Frau betete täglich für ihren Stadtrichter, daß er doch lang leben möchte. Der Richter, als er's erfahren, ließ sie zu der Mahlzeit laden. Wie sie nun miteinander zur Tafel saßen, da sagte die Alte: »Mein Herr Stadtrichter, wie hab ich dieses um Euch verdienet?« Dieser antwortete: »Ihr verdient es noch täglich an mir. Nun wollte ich gern wissen, was ich Euch Guts getan, daß Ihr täglich für mich betet?« Worauf sie antwortete: »Dieses, mein Herr, ist die Ursach: Ich hab Euren Großvater als einen Richter gekennet, das war ein Mann, der nicht viel nutz war. Ich hab Euren Vater gekennt, der noch viel schlimmer war. Ich kenne auch Euch, mein Herr, daß Ihr der ärgste Schelm auf der Erden seid. Darum bete ich für Euch, daß Ihr möget lang leben, denn ich fürchte, es möchte noch ein ärgerer Schelm nach Euch kommen.« Dieses gute Weib wollte sagen, es komme selten etwas Besseres nach. (274) Wer schmiert, der führt Ein Metzger und ein Kürschner führten lang miteinander Prozeß. Dem Metzger ratete sein Doktor, daß wenn er einen guten Bescheid haben wollte, so sollte er dem Richter einen guten feisten Ochsen verehren. Der andere Advokat aber ratete dem Kürschner, er solle der Frau Richterin ein schönes Zobelfutter zu einem Wintermantel verehren. Als nun des Metzgers Advokat vermerkte, daß der Bescheid wider ihn ausfallen wollte, schrie er: »Ochs, brüll! Ochs, brüll!« Der Richter aber sagte darauf: »Er kann nicht, es ist sein Hals mit Pelz verstopft.« Gewann also der Kürschner das Recht. (275) Ein Müller zahlt einen Advokaten trefflich aus Es war einstens eine Gesellschaft beieinander, unter welcher auch ein Advokat und ein Müller waren. Der Advokat war lustig und stichelte immer den Müller. Unter anderm erzählte er von den Müllern dieses: »Einsmals kam. ein Müller zu der Himmelsporten und begehrte durchaus in den Himmel hinein, aber Sankt Peter wollte ihn nicht hineinlassen, weil die Müller insgemein Dieb wären.« »Man sagt zwar insgemein«, sagte darauf der ausgestochene Müller, »daß die Müller Dieb sein sollten; es gibt aber auch fromme Müller, wie denn derselbe auch ein frommer Müller gewesen, der zu der Himmelsporten kommen ist. Und als ihn Petrus nicht hineinließ, fing er mit Peter einen Prozeß an. Dahero begehrte er, man sollte ihm einen Advokaten aus dem Himmel kommen lassen, der ihm seine gute Sachen verfechte. Als aber Petrus alle Winkel in dem Himmel durchsehen und keinen Advokaten gefunden, sagte er zu dem Müller: ,Ich kann dir nicht helfen, dann es ist kein einziger Advokat im Himmel.'« Hierauf mußte alles herzlich lachen, daß der Müller den Advokaten so künstlich ausgezahlet. (276) Bürgerliches Schwankgut um 1770 Verfasser unbekannt Neuer Bienenkorb voller ernsthafter und lächerlicher Erzählungen 1768-1772 Das Erkennungszeichen des Königs Überschrift vom Herausgeber Ein König verirrte sich einsmals auf der Jagd und wurde dadurch von seinen Hofleuten getrennt. Als er nun wieder auf den rechten Weg kam und ganz allein ritt, begegnete ihm unterwegens ein Bauer, welcher gleichfalls auf eben diesem Wege zu Markte ging. Der König fragte ihn: »Bauer, wo willst du hin?« Er antwortete: »In die Stadt.« Nach unterschiedlichen Reden fing endlich der Bauer ganz trocken an: »Ich möchte doch auch einmal den König sehen, er ist mir noch niemals zu Gesichte gekommen.« Der König sagte zu ihm: »Komm mit, ich reite jetzo gleich zum Könige hin!« Der Bauer fragte: »Wie kann man denn wissen, welches der König ist?« Er antwortete ihm:»Sobald wir in die Stadt kommen, so gib Achtung: Welcher unter allen den Hut aufbehält, derselbe ist der König.« Indessen kamen sie an das Stadttor an. Da warteten alle königlichen Bedienten auf ihren König und empfingen ihn mit entblößten Häuptern. Der Bauer aber aus Unverstand behielt samt dem Könige den Hut auf dem Kopfe. Nun sagte der König zum Bauer: » Siehest du nun, wer König ist»« Der Bauer antwortete: »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich denke, einer von uns beiden müsse es unfehlbar sein.« (277) Der reiche Klingelbeutel Ein alter Herzog von Braunschweig kam an einem Sonntage in Hamburg an und stieg an dem Hause eines Bankiers ab, welcher aber nicht zu Hause war. Man ging eben in die Kirche. Der Herzog entschloß sich, auch dahin zu gehen, und ließ sich in den Stuhl seines Wirts führen, in den noch etliche andere Kaufleute gingen. Ein junger Kaufmannssohn, welcher erst kürzlich von Reisen gekommen war, trat nach ihm hinein und sah den Fremden, welcher in seinen Reisekleidern eben keine sonderliche Figur machte, über die Achseln an. Der Klingelbeutel ließ sich hören. Der Herzog legte einen Gulden vor sich. Der junge Mensch sah es für eine Ausförderung an und wollte einem in seinen Augen so geringen Nebenbuhler des Stolzes seine Macht zeigen. Er zog einen Dukaten heraus und legte ihn, so wie jener seinen Gulden, vor sich. Der Herzog, welcher nun seinen Mann kennenlernte, wollte ihn weiter probieren und legte auch einen Dukaten zu seinem Gulden. Jener holte zum Trotz noch einen hervor, und so stiegen sie beide, bis jeder zwölf Dukaten vor sich liegen hatte. Der Klingelbeutel kam. Der junge Herr, welchem er zuerst präsentieret wurde, warf mit einem heldenmütigen Großmut seine zwölf Dukaten hinein. Aber der Herzog, welcher klüger war, strich die zwölf Dukaten ein und gab nur den Gulden hin. (278) Wer einander aus der Not helfen soll Überschrift vom Herausgeber Ein Hofmann schalt einen Bettler, welcher ihn um eine Gabe ansprach, einen Müßiggänger. Der verschlagene Bettler versetzte darauf: »Eben deswegen bitte ich mir von Ihnen besonders eine Gabe aus, denn das Hofleben ist so gut ein Müßiggang als das meinige, nur mit dem Unterschiede, daß jenes besser in die Reguln der Kunst gebracht ist. Kollegen sollten also einander am allerersten aus der Not helfen.« (279) Der unerbittliche Hutmacher Überschrift vom Herausgeber Ein vornehmer Herr, welcher ungern bezahlte, ging einstmals zu einem Hutmacher und suchte sich einen anständigen Hut aus. Wie er mit dem Hutmacher des Preises wegen einig worden war, so sagte er seiner löblichen Gewohnheit nach: »Meister, Ihr werdet mir wohl auf einige Zeit dieses Hutes wegen Kredit geben, indem ich etwan Euch von Person bekannt genug bin und Ihr wohl wisset, daß ich Geld habe.« »Gnädiger Herr«, antwortete der Hutmacher, »ich setze in dero Person kein Mißtrauen, allein ich kann dem ohngeachtet nicht borgen.« »Wie?« versetzte der vornehme Herr. »Erkühnet Ihr Euch, mir einen Hut auf Kredit abzuschlagen?« »Gnädiger Herr«, erwiderte der Hutmacher, »ich bitte meiner Grobheit wegen um Verzeihung. Die Ursache beruhet darauf, weil ich das Geld sehr nötig brauche, übrigens auch nicht gewohnt bin, vor meinem Hute alle Tage eine Reverenz zu machen.« Diese spitzige Rede hatte so viel Wirkung, daß ihro Gnaden den Hut sogleich bezahlten. (280) Wie ein Ochse feilgeboten ward Überschrift vom Herausgeber Ein General war bei einem Edelmanne, der von einem Ochsenhändler ein Stück in die Küche kaufen wollte. Dieser fragte den General: »Was meinen Sie, Herr General, dienet der Ochse wohl zum Schlachten?« Der Ochsenhändler wandte sich darauf zu ihm und sagte: »Da sehen Sie, Herr Patron, daß es ein rechter Generalochse ist, der wohl drei Steine Talg im Leibe hat.« Über den Titel »Generalochse« mußte der Edelmann lachen. Wie es aber der General merkte, sprach er: »Ich verstehe mich nicht auf diesen Handel. Da redet mit diesem Herrn, das ist der Prinzipal, welcher den Ochsen kaufen will.« Sogleich wendete sich der Ochsenhändler zu jenem, schlug mit der Hand aufs Rind und sprach: »Sehen Sie doch, mein Herr, ist das nicht ein Prinzipalochse, er muß wie ein gespickt Rebhuhn durchwachsen sein!« (281) Das geborgte Gesicht Ein Offizier ersuchte den Kriegsminister um die Bezahlung seines rückständigen Soldes, mit dem Beifügen, daß er sonst Gefahr laufe, vor Hunger zu sterben. Der Minister, welcher sah, daß er ein fettes und blühendes Gesicht hatte, antwortete ihm: »Das wird nun wohl, dem Ansehen nach, keine Not haben, Ihr Gesicht ist mir Bürge dafür.« »Sie irren sich, gnädiger Herr«, versetzte der Offizier, »dieses Gesicht gehöret nicht mir, sondern meiner Wirtin, welche mir schon geraume Zeit borget und es auf ihre Kosten bis jetzt unterhält.« (282) Eine gleiche Antwort Zween Husaren, welche an einem Felde vorbeiritten, bemerkten einen Bauern, welcher säete. Der eine sagte zu ihm: »So, mein guter Mann, säet nur immer, aber die Frucht Eurer Arbeit soll uns zu Nutze kommen.« »Ja, ja«, sagte der Bauer, »das kann wohl sein; denn ich säe Hanf.« (283) Die schwäbische Schildwache Ein Schwabe sollte einst im Felde bei einer Kanone Schildwache stehen, er hatte aber seinen Posten verlassen und war in ein benachbartes Wirtshaus gegangen. Nachdem man ihn aufgesucht hatte und ihn der Offizier fragte, warum er seinen Posten verlassen hätte, so sagte er: »Herr Hauptmann, ich habe an der Kanone probiert und hinten und vorne gehoben: Einer trägt sie nicht weg. Kommen aber mehrere, so bin ich auch nichts nutze dabei.« (284) Der eitle Bettelvogt Überschrift vom Herausgeber Da ein Bettelvogt die Straßen von den Bettlern reine halten wollte, traf er eine alte Frau bettelnd an. Er nahm sie bei den Armen und wollte sie ins Zuchthaus mit diesen Worten führen: »Wißt Ihr nicht, daß das Betteln verboten ist ; Fort mit Euch ins Zuchthaus!« Die Bettelfrau antwortete ganz unerschrocken: »Freundlicher Herr Bettelvogt, lasse Er mich doch nur noch ein Viertelstündchen betteln!« Er versetzte: »Wenn man seinen gebührenden Titul kriegt, kann man noch wohl ein Auge zudrücken.« Die alte Frau sprach darauf: »Nun ja, wenn Er das tun will, kann ich noch einen ganzen Tag herumgehen.« – Denn er hatte nur ein Auge, und wenn er solches zugetan, hätte er gar nicht sehen können. (285) Die Rangordnung unter den Dielen Ein Dieb sollte gehenket werden. Als er nun unter den Galgen trat und gewahr wurde, daß der Kloben an dem obersten Balken befestiget werden sollte, bat er den Henker, ihn etwas niedriger aufzuknüpfen, indem es nicht lassen schicklich sein würde, wenn er mit dem Herrn Richter, welcher ein viel größerer Dieb als er wäre und gewiß nächstens das ähnliche Schicksal haben würde, in gleicher Höhe hinge. »Nein«, antwortete der Henker, »mache dir keine Sorge: Als Richter ist er schon dem Galgen entwachsen.« (286) Galgenvogel bleibt Galgenvogel Überschrift vom Herausgeber Ein Bauer hatte an einen Advokaten, der Raabe hieß, etwas zu bestellen. Unterwegs vergißt er den Namen und fragte nachgehends in der ganzen Stadt, wo der Advokat Krähe wohnete. Endlich sagte ihm einer, daß kein Advokat Krähe, wohl aber Raabe vorhanden wäre. »Ja, der ist es«, fing der Bauer an, »ich wußte wohl, daß es so ein Galgenvogel war, ich hatte nur den Namen verwechselt.« (287) Die doppelte Frage Ein Bauer ging zu einem Advokaten, zog ihn über einen Prozeß, welchen er bekommen hatte, zu Rate und fragte ihn, ob seine Sache gut sei. Der Advokat dachte die Sache ein wenig durch und sagte zu ihm, daß sie gut sei, aber einige Kosten erfordert würden. Wenn er diese bezahlte, so wolle er seinen Prozeß ausführen. Der Bauer gab ihm das Geld und sagte: »Mein Herr, da Sie nunmehro bezahlt sind, so bitte ich Sie, mir aufrichtig zu sagen, ob Sie nun noch der Meinung sind, daß meine Sache gut sei.« (288) Warum der Sattel ein Maulesel ist Überschrift vom Herausgeber Zween Studenten waren ausgeritten und begegneten einem Bauern auf der Landstraße. »Halt«, sagte der eine, »den Kerl müssen wir eins vexieren: Hört, guter Freund, wißt Ihr wohl, daß wir gelehrte Leute sind? Wir können beweisen, was wir wollen. Wir wollen Euch zum Exempel beweisen, daß Ihr ein Krautstengel seid.« »Das glaube ich wohl, ihr Herren«, sagte der Bauer, »ich kann Euch auch beweisen, daß Euer Sattel ein Maulesel ist.« »Ein Maulesel«, rief der eine, »wie kann das sein?« »Freilich. Was zwischen einem Pferde und einem Esel ist; ist ein Maulesel.« (289) Der Eselsdieb Drei schelmische Studenten gingen einsmals auf das Feld spazieren und fanden einen Kerl in einem Graben schlafen und einen mit einem Sacke voll Getreide beladenen Esel, dessen Zügel der Schlafende in seiner Hand hielt. Einer von diesen Studenten sagte zu den andern: »Wenn ihr mir Hilfe leisten wollet, so will ich euch zu etwas Geld verhelfen, welches wir jetzt, da wir davon sehr entblößet sind, wohl nötig haben.« Sie versprachen ihm ihren Beistand. »Nun«, sagte er, »so wollen wir diesen Esel wegnehmen und ihn verkaufen. Weil eben morgen Markttag ist, werden wir leicht einen Käufer dazu finden. Nehmet also die Ladung ab, und tut sie mir auf meinen Rücken, und leget mir den Zügel über meinen Kopf, und dann führet den Esel zu Markte, und lasset mich mit diesem Kerle allein!« Dieses geschah alles. Eine kurze Zeit nachher wachte der arme Kerl auf und war sehr erstaunet, seinen Esel so verwandelt zu finden. »Ach, um Gottes willen«, sagte der Student, »nehmet diesen Zügel aus meinem Munde und diese Last von meinem Rücken!« »Potz Henker, wie seid Ihr hierher gekommen;« fragte der Kerl. »Ach«, sagte der Student, »mein Vater, welcher ein Hexenmeister ist, hatte mich, weil ich ihm einen üblen Streich spielete, in einen Esel verwandelt. Nun aber ist sein Herz erweichet worden, und er hat mir meine vorige Gestalt wiedergegeben. Deswegen bitte ich Euch, mich nach Hause gehen zu lassen, damit ich meinem Vater dafür danken könne!« »Sehr gern«, antwortete der einfältige Kerl, »ich will nichts mit der Hexerei zu tun haben.« Er setzete also den Studenten in Freiheit, welcher sofort zu seinen Kameraden ging und sich mit denselben mit dem für den Esel gelöseten Gelde lustig machte. Der Kerl ging den folgenden Tag auf den Markt, um sich einen andern Esel zu kaufen, und – nachdem er verschiedene besichtiget hatte – wurde er seinen eigenen gewahr und sagte : »Oho, hast du dich wieder mit deinem Vater gezanket? Nein, nein, ich will mich nicht mehr zwischen euch mengen.« (290) Der Hundelehrer Ein Mann, der mit Abrichtung der Hunde sein Brot verdiente, hatte über seine Türe ein Schild ausgesteckt mit der Aufschrift: »Hier unterrichtet man vierfüßige Jugend.« Diesen ließ eine Dame zu sich fordern und sagte zu ihm: »Wieviel soll ich Ihm geben, wenn Er meinen Silvia abrichtet?« »Das wird monatweise bezahlt«, sagte er, »denn es kommt dabei vieles auf die Gelehrigkeit der Tiere an.« »Und wieviel bekömmt Er denn monatlich?« fragte die Dame. »Einen Louisdor«, sagte er, »das ist ein gesetzter Preis.« »Wie, einen Louisdor?« erwiderte sie. »Ich habe geglaubt, ein paar Taler des Monats würde genug sein.« »Pfui, Madame«, versetzte der Hundelehrer, »halten Sie mich denn für einen Magister, der mit den Studenten die Philosophie repetiert?« (291) Ein Papagei nennt jemanden einen Hahnrei Eine gewisse Demoiselle hatte einen Papagei, welcher alle Worte, die er reden hörete, auffing und nachmals oft wiederholte. Einmal hatte sie einen gewissen Doktor einen Hahnrei genennet, welches der Papagei aufgeschnappet hatte. Einsmals stand er bei ihr am Fenster, und der Doktor ging auf der Straße vorbei. Sogleich nannte ihn der Papagei mit Namen und rief dabei: »Hahnrei!« Sofort stand der Herr Doktor stille und fragte die Demoiselle, ob sie das den Papagei gelehret habe. Sie antwortete: »Nein, mein Herr, vielleicht hat er sich's so eingebildet.« »Oh«, versetzte der Doktor, »vermutlich denkt er, daß Sie meine Frau sind.« (292) Das Küchenmesser Ein etwas bejahrter Bürger hatte eine junge Frau geheiratet. Sein Knecht, welcher sich einbildete, der Frau besser als ihr Mann gefallen zu können, hatte verschiedene Mal ihre Gunst gesucht, aber nie erhalten können. Als der Mann einige Tage lang in Geschäften außer dem Hause bleiben mußte, glaubte der Knecht, die beste Gelegenheit zu haben, seine Begierden zu stillen, und als die Frau in der Küche allein war, sagte er ihr ohne Umschweife, daß er sich diesen Abend, wenn sie zu Bette würde gegangen sein, ganz sachte in ihre Kammer einschleichen wollte. »Ja, komm nur«, sagte sie, »aber nimm dich in acht, ich werde dieses große Küchenmesser mit ins Bette nehmen.« Die Frau hatte sich niedergelegt, so kam er wirklich in ihre Kammer. Weil er sich aber vor dem Küchenmesser fürchtete, getrauete er sich nicht, an das Bette zu kommen. Indessen fragte die Frau, wer da sei. Er antwortete: »Ich bin da und wollte wohl zu Euch ins Bette kommen, aber ich denke an das große Messer.« »O ich dummes Tier«, antwortete sie, »habe es in der Küche liegen lassen.« (293) Die Hälfte glaubet und glaubet es nicht Eine Komödiantin stellete auf der Schaubühne eine Mannsperson vor. Als säe ihre Rolle ausgespielt hatte, sagte sie zu einer andern: »Ich glaube, daß die eine Hälfte der Zuschauer mich wirklich für eine Mannsperson hält.« Diese antwortete: »Aber Madame, die andere Hälfte weiß zuverlässig das Gegenteil.« (294) Keine voreilige Schuldenbezahlung Ein Komödiant wollte vieler Schulden wegen sich ersäufen. Er ging deswegen nach dem Wasser. Weil es aber im Winter und der Fluß zugefroren war, so stand er auf der Brücke und sah immer mit starren Blicken hinunter. Endlich fragte ihn die Schildwache, was er da wollte. »Ich will mich ersäufen«, war die Antwort. Der Soldat versetzte, er sähe wohl, daß das nicht anginge, und es würde wohl noch ziemlich lange dauern, ehe das Wasser aufginge. »Das tut nichts«, versetzte der Komödiant, »ich soll auch erst in vier Wochen bezahlen.« (295) Das Fiebermittel Ein Bauer, dessen Frau das Fieber hatte, kam zur Stadt und wollte zu einem Apotheker gehen, daß er ihm etwas für dieselbe geben sollte, hatte aber unterwegs den Namen ‚Apotheker‘ vergessen. Er fragte daher auf der Straße nach einem Quacksalber. Ein guter Freund von dem Apotheker wies ihm die Apotheke. Wie der Bauer hineinkam, machte er einen Kratzfuß, rückte an seinem Hute und sagte: »Goden Dag. Wohnt hier een Quacksalwer;« Den Provisor, welcher allein in der Apotheke war, verdroß diese Anrede, er versetzte daher mit einem verdrießlichen Tone: »Kerl, was wollt Ihr?« Der Bauer wiederholte die vorige Frage und setzte hinzu: »Ick wull wat för 't Freeren hebben.« Der Provisor, welcher glaubete, daß der Bauer seiner spottete oder wenigstens von einem Schalke abgesandt sei, um ihn zum besten zu haben, geriet in Eifer und gab ihm ein paar derbe Ohrfeigen, daß ihm die Backen feuerten. Der Bauer, welcher empfand, daß dieses ein gutes erwärmendes Mittel sei, gedachte bei sich selbst, daß es seiner Frauen wohl helfen würde, und fragte: »Wat kriegt Ji daför?« Der Provisor antwortete: »Wo du nicht bald gehest, so will ich dir mehr geben.« »Nee«, sagte der Bauer, »et ward all nog' sien, dat sall mien Fruu woll helpen, se is noch jung.« Und damit ging er seiner Wege. Wie er zu Hause kam, saß seine Frau im Bette und hatte den heftigsten Frost. »Mann«, sagte sie, »best du mi wat för dat Freeren mitbröcht?« Er antwortete: »Ja, Fruu«, trat zu ihr vor das Bette und gab ihr eine Ohrfeige, daß ihr Hören und Sehen verging. Von diesem Schrecken verließ sie das Fieber. Als die Frau wieder zu sich selber kam, sagte sie: »Mann, ick heff di jo nicks dan. Warum schlöggst du mi denn?« Der Bauer antwortete: »Fruu, dat hett mi de Quacksalwer in de Stadt gewen, ick hebbe dor ünnerwegs brav nah schweetet, un de gode Mann wull dor nicks för hebben.« Wie nun der Bauer einige Tage darauf wieder zur Stadt mußte, sagte die Frau zu ihm: »De Quacksalwer hett nicks hebben wullt, et hett mi awerst doch holpen. Kumm, nimm em een Paar Hahns mit.« Der Bauer steckete ein Paar junge Hähne in einen Korb und ging wieder zu dem Apotheker. Diesesmal traf er den Herrn selbst an. Weil er ihn aber nicht kannte, so sieht er sich weitläufig nach dem Provisor um. Der Apotheker fragte ihn, was er wolle. Der Bauer antwortete: »Ick hebbe letztens wat haalt för 't Freeren, dat was awerst een ander Kerl as Ji, un he wull nicks daför hebben. Nu hett mi mien. Fruu een Paar Hahns mitgewen, dee schall he hebben.« Der Herr sagte: »Gebt mir die nur her!« Er erwiderte: »Ropt doch den andern Kerl her!« »Ei«, versetzte jener, »es ist einerlei, wem Ihr sie gebt. Ich bin der Herr, und der andere ist mein Provisor.« »So is 't got«, antwortete der Bauer, gab ihm die Hähne und fügete hinzu: »Ick hebbe man de Hälfte davon bruukt, daför gew ick Juu de Hahns, un de andere Hälfte gew ick Juu wedder.« Hiermit gab er dem Apotheker eine Ohrfeige, daß er nicht wußte, wie ihm geschah, und ging zur Apotheke hinaus. (296) Das krumme Maul Ein Spaßvogel begegnete einem Bauer, welcher sich eine Wurst gekauft hatte auf dem Markte, und fragte ihn, was er dafür gegeben hätte. Der Bauer antwortete: »Einen Groschen.« »Ei«, versetzte dieser, »das ist noch nicht für sechs Pfennige, Bauer, gib die Wurst her und komm mit mir, der Fleischer soll ankommen, der dich so betrogen hat.« Er ging mit der Wurst voraus und der Bauer hinterher. Wie sie beide ans Rathaus kamen, ließ der Spaßvogel den Bauer stehen und machte sich unsichtbar.. Der Bauer, unwissend, wo die Wurst mit dem Manne hingekommen war, blieb bestürzt stehen. Jener aber ging mit der Wurst nach einem Bierhause, um sie zu verzehren. Da er aber es sich am besten schmecken ließ, sah er den Bauer auch zur Türe hereinkommen. Geschwind machte er ein schiefes Maul und aß ganz ruhig fort. Da der Bauer ihn in die Augen bekam, fragte er ihn: »Wie lange habet Ihr das krumme Maul?« Dieser antwortete ganz gelassen: »Alle meine Lebtage.« »Nun, wenn das ist«, versetzte der Bauer, »ich hätte sonst schwören wollen, Ihr wäret der Mann, der mir meine Wurst genommen hat.« (297) Die heiße Pastete Ein junger Bursche saß mit mehreren Leuten zu Tische. Er nahm ein Stück von einer Pastete, welche noch ganz heiß war, in den Mund und verbrannte sich denselben so, daß die Tränen danach flössen. Ein anderer, welcher bei ihm saß, fragte ihn, warum er weine. Er antwortete: »Weil es mir einfällt, daß es heute eben ein Jahr ist, da meine Großmutter starb.« »Ha, ist das alles e« sagte der andere. Hierauf nahm dieser auch ein Stück von der Pastete in den Mund und mußte ebenfalls das Wasser aus den Augen laufen lassen. Nun fragte ihn jener mit einer geheimnisvollen Miene, warum er denn weine. »Daß du junger Schelm nicht bist an dem Tage, da deine Großmutter starb, gehenket worden!« antwortete dieser. (298) Eine ganz besonders merkwürdige Beichte Zur Osterzeit kam ein katholischer Bauer bei seinem Pfarrer zur Beichte, und nachdem er verschiedene Sünden bekannt hatte, so ließ er sich in folgenden Worten vernehmen: »Es liegt mir noch etwas Sonderbares auf meinem Herzen, allein ich getraue mir es nicht zu bekennen, woferne der Herr Pfarrer mir nicht vorher versprochen, daß Sie mir es vergeben wollen.« Der Pfarrer antwortete: »Mein Sohn, man muß alles beichten, nur sage frisch, ich verzeihe dir's.« Darauf fing er wieder von neuem an, folgendergestalt zu beichten: »Ich bin derjenige, welcher Ihnen vor elf Wochen ein Schwein gestohlen hat. Aber bedenken Sie nur, Herr Pfarrer, daß Sie es mir schon vergeben haben.« »Es ist ganz gut, mein Freund«, antwortete der Pfarrer, »jedoch muß ich dabei gedenken, daß man ohne Wiederersetzung nicht vergibet.« Der Bauer sagte: »Ich würde in großer Verlegenheit sein, wenn das Schwein von mir wieder sollte ersetzet werden, denn dasselbe ist schon lange aufgegessen und verzehret, und überdies bin ich noch dazu ein sehr armer Mann.« »Dem sei nun, wie ihm wolle«, replizierte der Pfarrer, »so muß doch dem ohngeachtet zum wenigsten die Ehrlichkeit verschiedener in Verdacht gezogener Personen meines Kirchspiels wieder hergestellet werden, weil ich einige derselben dieses Diebstahls wegen beschuldiget habe. Also sollst du nach der Predigt zur Pönitenz vor der ganzen Gemeinde bekennen, daß, indem du der Dieb des Schweins wärest, ich diejenigen um Verzeihung bäte, welche ich fälschlich beschuldiget hätte.« Und als er dieses versprochen, so ließ er ihm die Absolution widerfahren. Beim Beschlüsse der Predigt sagte der Pfarrer: »Ich habe befohlen, der und der soll hernach meine Gemeinde wegen einer Ungerechtigkeit, die ich gegen dieselbe begangen, um Vergebung bitten, wie sie denn auch seinem Bekenntnisse völligen Beifall geben kann.« Der Bauer, welcher ein durchtriebener Vogel und sozusagen fast mit allen Hunden gehetzt war, trat also, ohne Umstände zu machen, jedoch voller Schalkheit, nach der Predigt auf und sagte: »Der Herr Pfarrer will, nachdem er die Beichten seines ganzen Kirchspiels angehöret, auch dagegen seine Beichte an dieselbe ablegen und um Vergebung seiner Sünden bitten. Er hat mir also aufgetragen, euch zu sagen, daß er oft bei euren Weibern geschlafen habe.« (299) Eine Predigt über das sechste Gebot Ein Kandidat predigte über das sechste, Gebot und stellte daraus vor: »Die Sünde wider das sechste Gebot, 1. Hurerei und Unzucht, 2. eigentlicher Ehebruch.« Er machte aber diesen seiner Meinung nach witzigen Übergang von dem ersten zum andern Teile: »Nachdem wir uns nun, Geliebte, lange genug mit der Hurerei und Unzucht beschäftiget haben, so laßt uns weiter gehen und nun auch zum Ehebruche schreiten!« (300) Der in Furcht gesetzte Priester In einer gewissen großen Stadt, wo vielerlei Religionsverwandte wohnen, die katholische aber die herrschende ist, hielt einsmals ein katholischer Geistlicher eine Kontroverspredigt wider die Protestanten. Er vertiefte sich vorzüglich in dem Beweise, daß alle Protestanten verdammt sein würden, und in seinem großen Eifer rief er aus: »Der Teufel hole mich, wenn ein einziger selig wird!« Und warf mit dem Ärmel, ohne daß er es gewahr wurde, seine Bibel von der Kanzel herunter. Ein vornehmer Herr befahl seinem Mohr, das Buch aufzulangen und es dem Priester auf die Kanzel zu tragen, indem er glaubte, daß derselbe es nötig haben würde. Der Mohr nahm das Buch und ging ganz stille hinter den Leuten herum und zur Kanzel herauf. Der Geistliche, welcher noch immerfort mit den verdammten Protestanten viel zu schaffen hatte, erblickte den Mohren an der Treppentüre und, da er ihn für den Teufel hielt, der ihn wegen seiner wider die Protestanten ausgestoßenen Lästerungen holen wolle, veränderte er seinen lärmenden Ton und sagte etwas ängstlich: »Es könnten wohl einige.« Als er aber über die Schulter sah, daß der Mohr mit ausgestreckter Hand die Treppe heraufkam, rief er: »Und vielleicht viele selig!« Indem kam der Mohr ganz nach oben, und der Jesuit schrie: »Alle selig! Alle selig!« (301) Die alte Bekanntschaft Ein Bauer ging vor dem Bilde eines Heiligen vorüber, welcher prächtig geschminkt in seiner Nische stand. Wie er nun die Ehrerbietung sah, welche ihm das Volk erwies und welche der Heilige mit einer steifen Miene anzunehmen schien, so erinnerte er sich der Zeit, da der Bildhauer ihn verfertiget hatte, und sagte: »Du hast nicht nötig, so stolz zu tun. Ich habe dich schon gekannt, wie du noch ein Klotz von einem Pflaumenbaume wärest.« (302) Kurzweiliges Gespräch zweier Schwarzröcke Es fügete sich einsmals, daß ein gewisser Landpriester, welcher in einer benachbarten Stadt, gewisser Verrichtungen wegen, gewesen, bei seiner Rückkehr nach seinem Dorfe, einem alten und dabei lustigen Schornsteinfeger, mit welchem er gern Kurzweil zu treiben gewohnt war, begegnete. Als er denselben zu Gesichte bekam, fragte er ihn, wo er herkomme. »Von Ihrem Hause«, antwortete der Schornsteinfeger, »denn ich habe heute alle Ihre Schornsteine gefegt.« »Wie viele waren es?« fragte der Geistliche. »Nicht mehr denn zwanzig«, antwortete jener. »Gut, und wieviel kriegst du dafür?« fragte jener. »Ich kriege für jeden Schornstein einen Schilling«, antwortete er. »Ei«, rief der Geistliche, »so habt Ihr in einer so kurzen Zeit ein ziemliches Stück Geldes verdienet!« »Ja ja, Herr«, versetzte der Schornsteinfeger, »das ist mehr als zu wahr, wir Schwarzröcke verdienen unser Geld leicht genug und ohne große Mühe.« (303) Der neidische Beichtvater Überschrift vom Herausgeber Ein Katholik beichtete dem Pater unter andern Sünden, daß er kürzlich auf einer Hochzeit gewesen wäre, und weil er etwas zu viel Wein getrunken gehabt habe, so hätte er dem Bräutigam bei der Braut etwas Eintrag getan. Der Pater sagte: »Die Sünde ist zwar groß, doch soll sie dir vergeben sein!« Der Beichtende fuhr fort: »Es blieb dabei nicht: Ich traf auch einmal der Braut Schwester alleine an und küßte sie.« »Ei ei, das ist zuviel, dafür mußt du Pönitenz tun!« »Herr Pater«, sagte der Beichtende ferner, »es ist noch nicht alles: Ich weiß nicht, wie es zuging, daß ich auch mit der Braut ihrer Mutter zu tun hatte.« Hier schrie der Pater, indem er sein Käppchen auf die Erde warf: »Das ist ja gar was Entsetzliches! Warum komme ich denn nicht einmal auf eine solche Hochzeit?« (304) Man tut es um die Hälfte Ein Edelmann konnte mit seiner Frau kein Kind bekommen,, und da wahrscheinlicherweise hiervon die Schuld in und an ihm lag, weil er schwächlich war und beständig kränkelte, so hatte er seiner Frau, welche von munterem Temperamente war, teils um den Hausfrieden zu erhalten, teils um einen Erben zu bekommen, erlaubt, sich einen zu erwählen, welcher seine Stelle im Werke des heiligen Ehestandes vertreten könnte. Hierzu hatte sie sich den Kutscher, einen jungen raschen Kerl, ausersehen. Hinter dieses Verständnis der Ehefrau mit dem Kutscher war der Herr Kaplan gekommen, und sein heiliger Eifer trieb ihn an, sie zu beobachten, welches ihm leicht wurde, da er fast täglich in dem Hause war. Einsmals entdeckte er durch das Schlüsselloch solche Dinge, die ihn nicht weiter zweifeln ließen. Sein Gewissen ermahnete ihn zu der Schuldigkeit, seinem Kirchenpatrone hiervon Nachricht zu geben. Er erzählete ihm, daß er nicht leiden könne, wie seine Frau ihn auf eine so niederträchtige Art beleidige. Hierauf sagte der Edelmann: »Stille, stille, Herr Kaplan! Das ist ein Geheimnis. Ich gebe meinem Kutscher für diesen Dienst noch außer seinem ordinären Solde jährlich zwanzig Dukaten.« Der ehrwürdige Mann rief aus: »O schade, daß Sie mir das nicht gesagt haben: Ich hätte es für die Hälfte getan.«# (305) Das ins Kloster gehende Fräulein Ein angesehener Edelmann in einem katholischen Lande hatte eine seiner Fräulein Töchter zum Kloster bestimmt. Als nun die Zeit herbei kam, daß sie ihren neuen Stand antreten sollte, so wurde sie von ihren nächsten Anverwandten und guten Freunden nach dem Kloster begleitet. Sie nahm von einem jeden Abschied und empfahl sich 7u gutem Andenken. Endlich kam auch die Reihe an den Kutscher, einen lustigen Kerl. Nachdem sie ihm wohl zu leben gewünscht hatte, so antwortete er darauf nichts als: »Gnädiges Fräulein, ich heiße Peter.« »Das weiß ich wohl«, versetzte das Fräulein, »allein, was willst du jetzt damit sagen?« »Ich will nur bitten«, antwortete er, »daß Sie meinen Namen nicht vergessen, denn ich befürchte, es möchte eine Zeit kommen, wo Sie sagen werden: ‚Der Teufel hat mich ins Kloster geführet!‘« (306) Die Mätresse Ein reicher Edelmann hielt sich eine Mätresse. Sein Pächter folgete seinem Vorbilde und legte sich gleichfalls eine zu. Die Frau des Pächters, welche diese vornehme Lebensart ganz und gar nicht nach ihrem Geschmacke fand, beschwerete sich darüber bei dem Herrn des Guts. Dieser ließ den Pächter vor sich fordern, verwies ihm seine Aufführung auf das schärfste und sagte ihm, daß es nur vornehmen Herren erlaubet sei, Mätressen zu halten, daß sich aber dieses für seinen Stand gar nicht schicke, daß er ein Ärgernis gebe und daß endlich alle Bauern Kebsweiber würden haben wollen. Anbei befahl er ihm ernstlich, sein Mägdchen unverzüglich abzuschaffen. Der Pächter versprach ihm dieses und ging mit dem festen Vorsatze hinweg, es nicht zu tun. Indessen fand er doch für gut, seine Mätresse seiner Frauen aus den Augen und nach einem nahegelegenen Meierhofe, welchen er gleichfalls in Pacht hatte, zu bringen. Zu dem Ende setzte er sie einige Tage darauf hinter sich auf das Pferd und trat seinen Weg mit ihr an. Unterwegs begegnete ihm der Herr des Guts, welcher nach der Stadt wollte, in seinem Staatswagen und hatte seine Schöne neben sich sitzen. Der Edelmann ließ halten und sagte: »Was sehe ich? Hat Er diese Person noch bei sich? Weiß Er nicht, was Er mir versprochen hat?« Der Pächter antwortete: »Gnädiger Herr, wenn ich eine Kutsche hätte, so sähe man sie nicht.« (307) Von einem Bauer, der zwölf Wiegen kaufte Überschrift vom Herausgeber Einem Bauer kam seine junge Frau gleich im ersten Monate in die Wochen. Er fuhr daher in die Stadt und kaufte zwölf Wiegen. Auf dem Heimwege begegnete ihm sein Edelmann, der ihn fragte, was er geholt hätte. »Zwölf Wiegen«, antwortete der Bauer. »Warum denn so viel?« fing der Edelmann wieder an. »Damit ich«, versetzte dieser darauf, »nicht so oft in die Stadt zu fahren und Wiegen zu holen brauche, wenn meine Frau alle Monate in die Wochen kommt.« »Einfältiger Kerl«, fuhr der Edelmann fort, »wenn du erst vor vier Wochen Hochzeit gehalten hast, so ist das Kind nicht deines!« Der Bauer wurde darüber böse und sagte zum Edelmanne: » Gesetzt, Sie kauften heute eine Kuh, die in vier Wochen ein Kalb bekäme, und ein anderer spräche, das Kalb wäre nicht Ihres, würde Ihnen das gefallen?« (308) Der Bauer, welcher seine Frau und Kuh verlor Ein Bauer hatte sich in einem Dorfe niedergelassen und die Freundschaft seiner Nachbarn in kurzer Zeit gewonnen. Kaum war das erste Jahr verflossen, so starb ihm eine schöne Kuli, welche unter seiner ganzen Herde die beste war. Es ging ihm nahe, aber seine Frau hatte sich darüber dermaßen betrübt, daß sie krank wurde und starb. Der Bauer betrauerte sie aufrichtig. Seine Nachbarn unterließen dabei nicht, ihn zu trösten. Der eine von denselben sagte zu ihm: »Eure Frau, mein Freund, war eine brave Frau, das ist wahr. Aber man hat gute Mittel: Ihr seid ein junger und ehrlicher Kerl, Ihr bekommet leicht wieder eine Frau. Für mein Teil habe ich drei Töchter, und eine davon will ich Euch geben, wenn Ihr mein Schwiegersohn werden wollet.« Ein anderer bot ihm seine Schwester und wieder ein anderer seine Muhme an. »O Himmel«, sagte der Witwer, »nun sehe ich, daß es in diesem Dorfe besser ist, eine Frau als eine Kuh zu verlieren. Meine Frau ist kaum tot, so bietet man mir schon ein halb Dutzend andere an. Und zum Henker! Als meine Kuh starb, kam kein einziger, mir eine andere anzubieten.« (309) Die ungefähre Entdeckung Ein Mann ging mit seiner Frauen zur Beichte. Die Frau ging zuerst in den Beichtstuhl. In der Zeit, da sie ihre Beichte hersagte, schlief der Pater ein. Wie sie fertig war, wartete sie noch eine Weile, und weil sie glaubte, daß das Geräusch der Orgel sie verhindert habe, die Absolution zu hören, so stund sie auf und ging weg, um ihre gewöhnliche Buße, die sieben Psalmen, zu beten. Der Mann trat an ihre Stelle, und wie er den Pater schnarchen hörete, sagte er: »Mein Pater, Sie schlafen.« Dieser wachte plötzlich auf und antwortete noch halb träumend: »Nein, Madame, ich schlafe nicht. Sie waren so weit, da Sie sich anklagten, dreimal bei dem jungen Offizier, der bei Ihnen wohnet, geschlafen zu haben.« (310) Der Dieb und die zwei Verliebten Es hatte sich jemand in einen Garten geschlichen, um Birnen zu stehlen. Als er auf dem Birnbäume saß, kamen ein junger Mensch und ein junges Mädchen unter denselben. Dieses nötigte den Birnendieb, sich auf dem Baume so stille zu halten als möglich. Als die beiden Verliebten ihre Wollust miteinander ausgeübet hatten, sagte das Mädchen: »Nun, Hans, habe ich dir deinen Willen gelassen, aber wenn ich nun von dir geschwängert worden, wer wird sich des Kindes annehmen?« »Dort oben ist einer«, antwortete er, »der sich desselben annehmen wird.« »Denn müßte ich viel zu tun haben«, schrie der Birnendieb, »wenn ich alle Hurenkinder versorgen sollte!« (311) Wer ist der Vater? Überschrift vom Herausgeber Ein Mädchen wurde schwanger. Sie hatte zwei Liebhaber, unter welchen ein Streit entstand, wer von beiden der Vater sei. Der eine derselben hatte ein hölzernes Bein. Dieser entschied den Streit also: »Wenn das Kind«, sagte er, »mit einem hölzernen Beine in die Welt kommt, so will ich es für mein Kind erkennen. Ist das aber nicht, so seid Ihr der Vater dazu.« (312) Die zernichteten Anschläge Ein junges Bauernmensch ging mit einem Eimer voll Milch nach dem Markte. Unterwegs überdachte sie, wie sie damit ihr Glück machen könnte: »Für diese Milch«, sagte sie, »werde ich so viel Geld kriegen. Für dieses Geld will ich so viele Eier kaufen. Aus diesen Eiern werden so viele Hühner kommen. Diese verkaufe ich und schaffe mir denn ein Spanferkel an. Dasselbe wird zu einem großen fetten Schweine werden, welches ich wieder verkaufe und mir denn eine Kuh mit einem Kalbe anschaffen will. Wenn denn ein Liebster kommt, vielleicht ein Pächter, so heirate ich den. Meine Nachbarn werden zu mir sagen; ‚Gott grüße Euch, wie gehet es?‘ Ich werde antworten: ‚Ich danke Euch, Nachbar, was machet Ihre‘ Wenn aber mein Liebster ein eigen Haus hat, so werden sie sagen: ‚Wie befinden Sie sich, Frau N.?‘ Ich werde antworten: ‚Schönen Dank.‘ Aber gesetzt, es heiratete mich ein vornehmer Herr, denn werden sie sagen: ‚Gehorsamer Diener, Madame.‘ Denn werde ich mit dem Kopfe nicken und nichts antworten.« In diesen entzückenden Gedanken nickte sie mit dem Kopfe, der Eimer fiel auf die Erde, und die Milch lief alle aus dem Eimer und machte ihrem System von den Eiern, den Hühnern, dem Spanferkel, dem großen fetten Schweine und ihrem Manne auf einmal ein Ende. (313) Die Wasserprobe Überschrift vom Herausgeber Ein Vater hatte drei schöne wohlgewachsene Töchter. Ein Junggeselle bat ihn, ihm eine von denselben, welche er wollte, zur Ehe zu geben. Der Vater gab ihm zur Antwort, er wollte zuvor die Töchter fragen, welche unter ihnen Lust hätte zu heiraten. Aber alle sagten, sie hätten noch nicht Lust, ob sie gleich anders dachten als redeten. »Nun wohlan«, sagte der Vater, »wir wollen drum losen.« Der Vater ließ einen Eimer Wasser holen und befahl den Töchtern, alle miteinander die Hände darein zu stecken und auch miteinander wieder herauszuziehen. Wessen Hände am ersten trocken würden, die sollte einen Mann haben. Als aber die Jüngste die Hände wiederum aus dem Wasser zog und schrie: »Ich will keinen Mann, ich mag gar keinen Mann«, schleuderte sie ihre Hände also, daß sie am ersten trocken wurden. (314) Der Einspruch Ein Schiffskapitän hatte in seiner Kajüte für seinen Mund einen Korb feinen Wein stehen. Wie er einsmals seinen Vorrat überzählte, fand er, daß mehr daran fehlete, als er sich getrunken zu haben erinnern konnte. Der Verdacht fiel auf den Schiffsjungen, der ihm aufwartete, weil dieser am meisten in der Kajüte zu tun hatte. Um nun hinter die Wahrheit zu kommen, verbarg er sich in der Nebenkammer, gegen die Zeit, daß jener den Tisch decken mußte. Der Junge kam, und wie er seine Sachen in Ordnung gebracht hatte, ging er über den Korb, nahm eine Bouteille heraus und sagte: »Jan van Dörsten, gebürtig aus Rotterdam, ist gewilliget, mit Jungfer Rosina Klairet, gebürtig aus Bourgogne, sich zu verehelichen, und wird hiermit zum ersten, andern und dritten Male aufgeboten, und wenn keine Einrede geschiehet, soll die Trauung gleich hierauf vor sich gehen.« Hiermit setzte er die Bouteille vor den Hals, soff sie in einigen Zügen leer und warf sie zum Fenster hinaus. Der Kapitän ließ sich während der Mahlzeit nichts merken. Nach Tische aber versah er sich mit einem wichtigen Ende Schiffstaue und rief den Jungen auf das Verdeck. »Jan«, sagte er, »ich habe dir etwas Lustiges zu erzählen. Ich will dich verheiraten.« »So«, versetzte der Junge und machte große Augen, wie er das Tau sah. »Ja«, antwortete der Kapitän, »höre nur zu, es soll alles ordentlich zugehen.« Nun fing er an:»Gegenwärtiger Jan van Dörsten, gebürtig aus Rotterdam, soll mit Jungfer Barbara Strips, gebürtig aus Rußland, kopulieret werden und wird desfalls hiermit zum ersten, andern und dritten Male proklamiert, und wenn keine Einrede geschiehet, so soll die Trauung sogleich vor sich gehen.« Hiermit hub er den Arm auf, um die Trauung zu vollziehen. »Halt, Kapitän!« rief der Junge. »Ich tue Einspruch!« »Was, Schurke«, antwortete dieser, »hast du meinen Wein nicht gesoffen?« »Ja«, versetzte der Junge, »wenn Sie aber dieses wissen, so wissen Sie auch, daß alles in der Ordnung geschehen ist. Warum haben Sie nicht Einspruch getan, wie ich jetzt tue, so hätte die Trauung unterbleiben müssen.« Der Kapitän mußte über den Einfall lachen und sagte: »Dieses Mal mag es dir geschenkt sein, aber ich rate dir, nie wieder an die Jungfer Klairet zu gedenken, sonst soll deine Trauung mit der Jungfer Strips so feierlich vollzogen werden, daß du zeitlebens an den Hochzeitstag gedenken wirst.« (315) Schwankrezeption im Zeichen der Aufklärung Friedrich Nicolai Vade Mecum für lustige Leute 1764-1792 Ein Feind ist so gut als der andere Im letzten Kriege ward ein sächsischer Bauer gefragt, wen er sich von seinen Feinden lieber wünschte, die Österreicher oder die Preußen. »Ich wollte«, erwiderte derselbe, »daß die Österreicher alle in der Elbe ersöffen und die Preußen sähen zu und lachten sich darüber zu Tode!« (316) Grund, genug, eine Oper zu sehen In der Residenz eines kleinen Fürsten wurden bei einer gewissen Gelegenheit Bälle gegeben und Opern mit vielen Kosten aufgeführt. Ein Bauer, der eben in der Stadt war, wollte doch auch gern zusehen, um seiner Frau etwas davon erzählen zu können. Er drängte sich also vor bis an die Türe. Hier stieß ihn aber die Schildwache zurück. »Laß Er mich doch herein!« sagte er nun. »Ich wollte doch auch gern sehen, wie der gnädige Landesherr unser Geld vertut.« (317) Der Kurfürst und die Kurfürstin Zwei Bauern, die schon längst gern ihren Landesvater gesehen hätten, wurden endlich ihres Wunsches gewährt und sahen noch obendrein ihre Landesmutter. Sie waren über die schönen Kleider, den Stern und das Gepränge der Hofstatt ganz wie versteinert. Nachdem sie lange genug gegafft hatten, stieß einer dem andern in die Seite und sagte: »Du! Sollte denn auch der gnädige Herr Kurfürst wohl wie unsereiner bei seiner Frau schlafen?« »Wo denkst du hin, Narre?« sagte der andere. »So ein vornehmer Herr wieder Herr Kurfürst! Wofür hätt er denn seine Kammerherren?« (318) Die eheliche Pflicht' Zween Kavaliere stritten miteinander darüber, ob die eheliche Pflicht eine Lust und Vergnügen oder eine Arbeit sei, und erwählten im Vorbeigehen einen Bauer zu ihrem Schiedsrichter. Dieser entschied die Frage sehr gründlich, und zwar also: »Wir Bauren halten es für eine Lust, denn wenn es eine Arbeit wäre, so würden wir sie schon längst haben zu Hofdienste verrichten müssen.« (319) Unterschied zwischen einem Schuhknecht und einem Prinzen Ein gewisser deutscher Fürst stellte in seinem Lande eine gewaltsame Werbung an. Unter anderm ward auch einer Schusterwitwe ihr einziger Sohn genommen. Sie lief in der Angst auf das Schloß und hatte das Glück, den Fürsten selbst zu treffen, dem sie die dringendsten Vorstellungen tat. »Ich kann Euch nicht helfen«, erwiderte der Fürst, »müssen doch meine eigenen Prinzen dienen!« »Das glaub ich«, versetzte die Witwe, »Euer Durchlaucht Prinzen haben auch nichts gelernt, aber mein Sohn kann sein Handwerk.« Der Fürst mußte lachen und gab Befehl, ihren Sohn wieder auf freien Fuß zu stellen. (320) Kennzeichen der Unschuld Eine Frau beklagte sich über einen Diebstahl, der in ihrem Hause von Soldaten begangen worden sei. »Haben die Diebe denn alles mitgenommen?« fragte der Kapitain. »Nein, mein Herr«, antwortete die Frau, »etwas haben sie dagelassen.« »Nun«, erwiderte der Kapitain, »so können es meine Leute nicht gewesen sein, denn die nehmen alles.« (321) Die übertriebene Höflichkeit Ein gewisser bekannter Minister, sagt man, reiste einmal in Geschäften durch eine Provinz. Unweit P. brach die Achse an seinem Wagen. Er mußte also still halten lassen und nach der Stadt schicken, um sich von hier aus Hilfe zu verschaffen. Der Bote, den er schickte, traf den ganzen hochweisen Rat in Corpore schon am Tore, denn er wollte den Minister empfangen. Sie fanden, daß es zu lange werden würde, ehe ein Schmied den Wagen wieder in Ordnung brächte, und fielen deshalb auf ein anderes Mittel. Sie wollten nämlich fürs erste dem Wagen mit Stricken helfen. Sie gingen selbst hinaus und ließen, nach vielen vorhergegangenen Komplimenten, das Zerbrochene wieder zusammenbinden. Der Wagen kam auch wirklich insoweit zustande, daß der Minister fortfahren konnte. Er dankte nun den Herren für die geleistete Hilfe. »O Ihre Exzellenz«, nahm der regierende Herr Bürgermeister das Wort, »haben gar nicht Ursach, uns zu danken; Sie haben wohl schon mehr als einen Strick um uns verdient.« (322) Den Herrn Bürgermeister ausgenommen Ein Fremder aß in einer kleinen Stadt in einem Wirtshause und sagte, wie er fertig war: »Wahrhaftig, Herr Wirt, ich habe so gut gegessen wie kein Mann im ganzen Lande.« »Den Herrn Bürgermeister ausgenommen«, erwiderte der Wirt. »Nein, ich nehme keinen Menschen aus.« »Den Herrn Bürgermeister müssen Sie ausnehmen.« »Nein, durchaus nicht!« »Ja, Sie müssen.« Der Streit ward so hitzig, daß der Wirt, der selbst ein Ratsherr war, den Fremden vor den Herrn Bürgermeister brachte. Dieser ließ sich den Fall vortragen und sagte ganz gravitätisch: »Mein Herr, die Gewohnheit, bei allen Sachen den Bürgermeister auszunehmen, ist an diesem Ort seit undenklichen Zeiten hergebracht; und da Sie sich derselben nicht haben, unterwerfen wollen, müssen Sie einen Gulden Strafe geben.« »Sehr wohl«, sagte der Fremde, »hier ist mein Gulden. Aber denn muß ich doch auch sagen, der Kerl, der mich hier vor Gericht gebracht hat, ist der größte Narr in der ganzen Christenheit – Sie, Herr Bürgermeister, ausgenommen.« (323) Das beißende Gleichnis Auf die Amtsstube zu Leipzig kam ein Bauer des Morgens, um seine Steuern zu bezahlen. Weil es noch frühe war, so war, außer einigen Schreibern, noch niemand von den Einnehmern da. Wie nun der Bauer auf dem Vorsaale mit starken Schritten auf und nieder ging, kam einer von den Schreibern heraus und sagte: »Guter Freund, Ihr habt noch lange Zeit, die Herren werden so bald nicht kommen. Setzt Euch derweile!« Der Bauer, welcher wohl sah, daß man ihn zum besten haben wollte, weil weder Stuhl noch Bank in dem Saale war, antwortete: »Hm! Hier gemahnt mich's eben wie zu Hause in meiner Scheune. Da sind auch keine Stühle und Bänke, aber desto mehr Flegel.« (324) Der Rat für sein bares Geld Ein Bauer kam durch eine reiche Erbschaft auf einmal zu einem ansehnlichen Vermögen. Nun ward ihm sein voriger Stand zur Last, und er beschloß, sich einen Titel zu kaufen. Der Küster im Dorfe mußte ihm eine Bittschrift an seinen Landesherrn aufsetzen, worin er darum anhielt, doch mit dem Zusatz, es müsse so ein Rat sein. Man nahm sein Geld und gab ihm den Titel »Rat«. Voll Freuden lief er nun zu allen seinen Bekannten und zeigte ihnen sein Diplom. »Ja«, sagte endlich einer davon mit Kopfschütteln, »was ist denn das für ein Titel? Der ist ja so gut als gar keiner. Da sollte doch noch ein Wort dabei sein, zum Exempel wie ‚Hofrat‘, ‚Kriegsrat‘ oder sonst so etwas ähnliches.« Unser Herr Rat, der sich nun besann, daß er noch niemanden mit dem simplen Titel »Rat« gekannt hatte, ließ sich von seinem Küster eine neue Bittschrift machen, in welcher er um ein oder ein paar Vorsilben zu seinem Titel anhielt. Er bezahlte von neuem sein Geld und ward nun, laut eines andern Diploms, »Titularrat«. »Man hat dich zum besten«, sagten seine Freunde, als er ihnen seine Würde bekannt machte, »Titularrat, das heißt ja nichts anders, als du hast den Titel ,Rat', bist es aber nicht wirklich.« Das Ding leuchtete endlich dem Herrn Titularrat ein. ,Er schrieb daher zum drittenmal an seinen Landesherrn, er bäte, daß er doch ein wirklicher und nicht ein bloßer Titularrat werden möchte. Er mußte diesmal noch um ein gut Teil mehr bezahlen als die beiden ersten Male und erhielt nun den Charakter »Wirklicher Titularrat«. (325) Abraham von Santa Clara Eine vornehme Gräfin zu Wien schickte ihr Kammermädchen in das Augustinerkloster, um nachzufragen, ob der Pater Abraham predigen würde. Da das Mädchen an die Pforte kam, stand eben Pater Abraham an der Türe, und weil das Mädchen glaubte, daß es der Pförtner wäre, so fragte sie ihn im Namen ihrer Gräfin, ob denn der Fabelhans – denn so hieß man ihn allgemein in Wien – morgen predigen würde. »Sagt Eurer Gräfin«, versetzte der Pater, »daß sie diesmal ja nicht ausbleiben soll! Denn der Fabelhans predigt wirklich und predigt von Huren und Ehebrechen.« (326) Bestrafte Eitelkeit Ein Kandidat predigte seiner Meinung nach überaus rührend. Aber die ganze Gemeinde verriet die größte Langeweile. Viele schliefen ein, andere plauderten miteinander, noch andere schlichen aus der Kirche. Nur eine einzige Frau vergoß bittere Tränen und weinte je länger, je heftiger. Dieser Frau ging der Kandidat, nach geendigtem Gottesdienste, auf dem Fuße nach und bat sie, ihm zu sagen, was in seinem Vortrage ihr so vorzüglich rührend gewesen sei. Sie weigerte sich lange. Als er aber nicht aufhörte, in sie zu dringen, antwortete sie: »Ach lieber Herr, ich habe auch einen Sohn auf Universitäten, der nun bald zurückkommen und sich hören lassen soll. Und da dachte ich: ‚Lieber Himmel, wenn der nun auch so predigt wie dieser Schafskopf, so ist ja alle dein saurer Schweiß dahin.‘« (327) Die ungerade Zahl Ein junger lustiger Bursche beichtete dem Pater, daß er seit seiner letzten Absolution sechsmal bei einem Mädchen gewesen wäre. Der Beichtvater legte ihm auf, einen Rosenkranz durchzubeten. Nach diesem kam ein anderer und beichtete ihm, daß er neunmal da gewesen wäre. Diesem gab er anderthalb Rosenkranz zur Strafe. Endlich kam noch ein dritter und beichtete, daß er es elfmal getan hätte. »Elf s« sagte der Priester. »Das ist eine dumme Zahl, die ist mir noch nicht vorgekommen. Gehet nur hin, mein Freund, und tut es noch einmal, und denn betet zwei Rosenkränze!« (328) Das fünfte und das siebente Gebot Ein Soldat in einer Reichsstadt lag auf dem Sterbebette. Der Geistliche besuchte ihn. »Nun, mein Sohn«, redete er ihn an, »wie hast du denn gelebt» Hast du auch das Gesetz des Herrn, deines Gottes, erfüllt?« »Je nun, Herr Prediger«, war die Antwort, »beim siebenten Gebote hapert's freilich, aber dafür habe ich alle meine Tage das fünfte ehrlich gehalten.« (329) Das Testament des Hundes Überschrift vom Herausgeber Es hatte ein reicher Mann einen Hund, den er ungemein liebte. Als nun dieser gestorben war, ging er zum Pfaffen und gab ihm fünfzig Gulden, damit er seinen Hund auf dem Kirchhofe an der geweihten Stelle begraben lassen dürfte, weil er klüger gewesen wäre als andere Hunde. Der Pfarrer nahm das Geld und gab ihm diese Erlaubnis. Nachdem dies dem Bischof zu Ohren gekommen, ward der Pfarrer darüber zur Verantwortung gezogen. Dieser, aus Furcht, um seine Pfründe zu kommen, nahm die fünfzig Gulden, welche ihm der Mann gegeben hatte, brachte sie dem Bischof und sprach: »Gnädiger Herr! Des Bürgers Löwe (also hieß der Hund) hat in dem Testamente verordnet, Ihnen fünfzig Gulden zu geben, damit er an die geweihte Stelle begraben würde.« Der Bischof fragte, wie er denn begraben worden wäre. Der Pfarrer sprach: »Man hat ihn mir des Abends in einem Sacke gebracht.« »Das ist unrecht«, erwiderte der Bischof, »Ihr müßt mir noch zwanzig Gulden geben, daß Ihr den Hund nicht mit dem Kreuze eingeholet habt.« (330) Witzige Antwort eines Fuhrmanns Ein Fuhrmann kam auf öffentlicher Straße der Karosse eines Bischofs in den Weg. Der Kutscher rief dem Fuhrmann zu, daß er auf die Seite fahren sollte, und schimpfte und drohte ihm, aber dieser wich nicht einen Schritt und blieb ihm nichts schuldig. Der Prälat steckte endlich den Kopf heraus, und da er einen großen starken Kerl vor sich sah, sagte er zu ihm: »Mein Freund, Ihr sehet mir aus, als ob Ihr mehr gegessen und getrunken als gelernet hättet.« »Das kann wohl sein«, antwortete er, »denn Essen und Trinken geben wir uns selbst, und den Unterricht geben uns die Herren Geistlichen.« (331) Die Gesellschaft Jesu Als der General Kyau einst etwas unpäßlich war, so kamen zwei Jesuiten zu ihm und wollten ihn bekehren. Er fragte, wer sie wären. Sie gaben zur Antwort, sie wären Patres Societatis Jesu. »Ja«, sagte er, »die Herren müssen deutsch reden, ich verstehe kein Latein.« Worauf sie erwiderten, sie wären von der Gesellschaft Jesu. » So«, sprach der General, »von welcher sind Sie denn? Es sind mir zwei Gesellschaften Jesu bekannt. Sind Sie denn von der ersten oder von der andern?« Sie sprachen ferner, sie wären von der Gesellschaft Jesu. »Nun wohlan, Jesus hat zwo Gesellschaften in seinem Leben gehabt, die erste bei seiner Geburt, das waren Ochsen und Esel, die andere war bei seinem Ende, und das waren Diebe und Mörder. Unter welche gehören nun die Herren also?« Sie schwiegen hierauf stille und gingen sachte wieder weg. (332) Der arme Bauer Ein Bauer in Mecklenburg, das heißt ein Leibeigener, ward auf dem Totenbett von dem Geistlichen mit trostvollen Aussichten in die frohe Ewigkeit unterhalten. Er schien daran keinen Glauben zu haben, und da dies den Geistlichen immer beredter und poetischer machte, sagte der Kranke endlich: »Ach, Herr Paster, He weet nich, wo 't met uns Buuren is, wi möten jümmer arbeiden.« »Aber' lieber Jens, es gibt da gar nicht mal solche Arbeit, die euch beschwerlich sein könnte. Ihr werdet in Abrahams Schoß ruhn und ...« »Arbeiden möt wi gewiß, un wenn 't nicks anners gifft, so möt wi den leewen Herrgott donnern helpen.« (333) Als wenn es darauf angekommen wäre! Ein Geistlicher, der einen kranken Bauer besuchte, fand denselben so sehr schlecht, daß er ihm zuredete, er möchte sich nur in den Willen Gottes ergeben. »Nee«, antwortete der Bauer, »dat do ick nich, ick gäwe mi nich!« Der Geistliche stellte ihm vor, daß sein Sträuben ihm doch nichts helfen könne, und suchte ihn in Ansehung des Todes zu beruhigen. Allein der Kranke blieb dabei, er ergäbe sich nicht. Nach etlichen Wochen fand der Geistliche denselben Mann auf seinem Dache sitzen, wo er eine schadhafte Stelle mit Stroh ausbesserte. »Guten Morgen, Christian«, rief er ihm zu, »es freut mich, daß ich Euch wieder so munter sehe!« »Na sieht Er, Herr Pfarrer«, antwortete jener, »wenn ick mi nu gäwen hadd'!« (334) Der offenherzige Bauernjunge In einem katholischen Lande schickte ein Bauer dem Pater durch seinen Sohn eine Schüssel voll Würste. Der Pater sagte zu dem Jungen: »Ei ei, mein Sohn, das ist ja gar zu viel.« »Ja«, versetzte dieser, »mein Vater sagte es auch, aber meine Mutter gab ihm zur Antwort: ‚Man weiß nicht, wo man den Schelm wieder braucht.‘« (335) Der Pferdehandel Ein Pater suchte einen Bauern mit einem schlechten Pferde zu hintergehen. Er ritt es ihm deswegen vor und pries es ihm mit vieler Beredsamkeit an. Allein seine Bemühung war umsonst und der Bauer zu schlau, welcher mit einem Kopfschütteln den Kauf ausschlug und ganz gelassen sagte: »Herr Pater, wenn Sie mich betrügen wollen, müssen Sie auf keinem Pferde, sondern auf der Kanzel sein.« (336) Priester und Wegweiser Ein Maler malte eine Landschaft, in derselben ein Dorf und vor dem Dorfe einen Wegweiser. Dieser war eine Art von Säule, auf welcher oben das Brustbild eines Priesters stand, der den Arm von sich streckte. Man fragte ihn, was er mit dieser Erfindung gewollt hätte. »Priester und Wegweiser«, sagte der Maler, »haben die größte Ähnlichkeit miteinander, denn beide weisen den rechten Weg, aber sie gehen ihn nicht.« (337) Es ist ein Unterschied unter den Kunden Ein Richter hatte einen Missetäter zum Galgen verurteilt und schickte den Scharfrichter zum Zimmermann, um einen neuen Galgen zu bestellen. »Ei was«, sagte der Zimmermann, »ich habe schon zwei oder drei gemacht und noch keinen Pfennig erhalten.« Der Scharfrichter brachte hiervon dem Richter keine Antwort, weil er glaubte, der Zimmermann würde sich wohl noch besinnen. Unterdessen kam der bestimmte Tag heran, und die Hinrichtung mußte aufgeschoben werden, weil der Galgen nicht gemacht war. Der Zimmermann, auf den der Scharfrichter alle Schuld schob, mußte vor dem Richter erscheinen, welcher ihn fragte: »Warum habt Ihr den Galgen nicht gemacht, da ich ihn doch schon vor vierzehn Tagen habe bestellen lassen?« »Ich bitte um Vergebung«, sagte der Zimmermann. »Der Scharfrichter hat mir nicht dabei gesagt, wer ihn bestellen ließe, und weil ich schon einige ohne Geld gemacht habe, so wollte ich nicht gern noch einen so machen. Hätte ich aber gewußt, daß er für Sie sein sollte, so würde ich alle andere Arbeit haben liegen lassen.« (338) Ein merkwürdiger Rechtsfall Ein Mensch, der in der Kirche einen Beutel mit Goldstücken gefunden hatte, war mit einigen Freunden in ein Wirtshaus gegangen, um sich lustig zu machen. Unterdessen hatte man dem wahren Besitzer in der Kirche die Person des Finders beschrieben. Er eilte ihm also nach und erfuhr durch vieles Nachfragen, daß er eben in einem gewissen Wirtshause wäre. Nachdem er sich einen Gerichtsdiener zu Hilfe geholt hatte, ging er in die Gaststube hinein, wo er die Freunde bei einer vergnügten Mahlzeit fand. Derjenige, welcher das Geld gefunden hatte, konnte die Sache nicht leugnen und gab daher den Beutel unverzüglich heraus, woran, wie er sagte, mehr nicht fehlte als ein Taler, den sie verschmaust hätten. Hierüber fing der Herr des Beutels einen entsetzlichen Lärm an, und weil er darauf bestand, sein volles Geld wiederzuhaben, so verlangte er, daß der Gerichtsdiener jenen angreifen sollte. Doch dieser entkam durch Hilfe seiner Freunde auf die Straße, und der Gerichtsdiener immer hinterher. Mitten im Laufen rannte der Verfolgte eine schwangere Frau über den Haufen, der es darüber unrichtig erging. Dies gab Gelegenheit, ihn mit noch mehr Hitze zu verfolgen. Schon war man im Begriff, ihn festzuhalten, als er sich hinter den Esel eines Bauern rettete, an dessen Schwänze er sich festhielt und sich, indem er den Esel rund um ihn herumzulaufen zwang, dadurch so lange verteidigte, bis der Schwanz ausriß. Nun lief er die Leiter, die an ein neugebautes Haus angesetzt war, hinauf, um so zu entkommen. Aber ehe er völlig hinaufkam, faßte der Gerichtsdiener die Leiter unten an, so daß er herunterfiel und diesem Werkzeuge der Gerechtigkeit den Arm zerbrach. Jetzt hielt man ihn fest und schleppte ihn vor den Richter. Dieser erkannte, nachdem er alle Kläger angehört hatte, für Recht, daß Beklagter den Beutel so lange behalten sollte, bis die Summe wieder ganz da wäre. Bei der verunglückten Frau sollte er, nachdem der Mann sie würde haben heilen lassen, so lange schlafen, bis sie ein anderes Kind bekäme. Den Esel ohne Schwanz sollte er ebenfalls behalten, bis demselben ein anderer gewachsen wäre. Und was endlich den zerbrochenen Arm beträfe, so sollte der Gerichtsdiener auf die Leiter steigen und ihm wieder einen zerfallen. (339) Wie die Frage, so die Antwort Ein Zimmermann, ein launigter Kerl, ward in einem Prozeß wegen gewalttätigen Angriffs als Zeuge vor Gericht gebracht. Ein Rat, der sich was darauf zugute tat, die Zeugen verwirrt zu machen, fragte ihn, wie weit er von den Parteien abgestanden, als der Angriff geschehen. Er antwortete schnell und steif: »Vier Fuß, fünf und einen halben Zoll.« »Wie kommt Ihr dazu, Meister, das so genau zu wissen?« »Ich dachte gleich, ein Narr könnte mich danach fragen, und darum maß ich es.« (340) Rangstreitigkeiten Bei einer Leichenprozession zankten sich ein Jurist und ein Medicus um den Vorgang. Endlich wurde es verglichen, daß der Jurist den Vorzug davon trug. »Das ist auch nicht mehr als billig«, sagte einer von den anderen Begleitern, »denn da neulich die Obrigkeit einen Übeltäter zum Tode verurteilet hatte, ging der, welcher das Geld genommen hatte, voran, und der, welcher das Leben zu nehmen pflegt, folgte nach. (341) Die gesunde Zeit Ein Arzt kam im Anfange des Sommers in eine Apotheke, um etwas zu verordnen. »Ei, leben Sie noch, Herr Doktor? .« redete ihn der Apotheker an. »Ich habe Sie ja so lange nicht gesehen.« »Das macht, daß jetzt wenig zu tun ist«, antwortete der Arzt. »Jawohl«, erwiderte jener, »es ist jetzt leider Gottes eine recht gesunde Zeit.« (342) Sinnreiche Entschuldigung Ein Schneider, der gefährlich krank lag, sah im Traume ein unermeßlich langes Stück Tuch fliegen, aus allen den Stücken von mancherlei Farbe zusammengesetzt, die er in die Hölle geworfen hatte. Das hielt der Engel des Todes in der einen Hand, und mit der andern schlug er auf ihn mit einem Stabe von Eisen. Der Schneider erwachte in der Angst und tat das Gelübde, wofern er wieder gesund würde, nichts mehr in die Hölle zu werfen. Er kam auch wieder auf. Da er aber sich selbst nicht traute, gab er seinem Lehrjungen auf, ihn an seinen Traum zu erinnern, sooft er ein Kleid zuschnitte. Einige Zeit über folgte er diesen Ermahnungen treulich. Als sich aber ein Lord ein Kleid aus überaus reichem Zeuge zuschneiden ließ, konnte seine Tugend der Versuchung nicht widerstehen. Umsonst erinnerte ihn der Lehrjunge an seinen Traum. Er antwortete ihm: »Ich habe dein Geschwätze satt. In dem ganzen Teppiche, den ich im Traum sah, war kein Stück von solcher Art; hernach so bemerkte ich auch eine Lücke, wo ein Stück fehlte.« (343) Die Begierde zum Gewinst läßt leicht verführen Ein Bootsmann, der aus Ostindien gekommen war, wollte einmal eine gute Mahlzeit halten und ging kurz vor Tische zu einem reichen Goldschmied. Er verlangte mit ihm zu sprechen, und weil dieser eben mehr Leute bei sich hatte, so sagte er ihm heimlich ins Ohr, wieviel wohl ein Klumpen Gold, ungefähr halb so groß als sein Schenkel, wert wäre. »Sehr wohl, mein Herr«, erwiderte der Goldschmied, »wollen Sie wohl so gütig sein und mir die Ehre erweisen, mit mir zu speisen? Ich habe jetzt noch einige notwendige Geschäfte, nach Tische aber wollen wir weiter miteinander sprechen.« Der Bootsmann dankte und nahm dieses Erbieten an. Als die Mahlzeit geendigt und die übrige Gesellschaft weggegangen war, so sagte der Goldschmied zu dem Schiffer: »Apropos wegen des Goldklumpens, wovon Sie vor Tische sprachen.« »Ja«, erwiderte dieser, »ich möchte gerne wissen, wieviel so ein Ding wert wäre.« »Haben Sie denn ein so großes Stück?« »Nein«, versetzte der Bootsmann, »noch habe ich's nicht, allein wenn's der Mühe wert wäre, so wollte ich mir Mühe geben, eins zu bekommen.« (344) Die Kaution In einem katholischen Lande, wo man strenge Fasten hält, verlangten zween Reisende ein paar junge Hühner zum Abendessen. Die Frau im Gasthofe sagte ihnen, daß sie in der Fasten kein Fleisch zubereiten dürfte, aber etwa eine Meile davon könnten sie alles haben, was sie verlangten. »Ei«, sagte einer von den Reisenden, »warum auch nicht hier wie dort?« Die Wirtin antwortete: »Jene haben nur einen Eid geschworen und können also tun, was sie wollen, ohne etwas dabei zu wagen. Wir aber haben Kaution gestellet und würden gänzlich ruinieret werden, wenn wir solches täten.« (345) Der vom Tisch gefallene Truthahn Ein Landmann hatte einige Gäste bei sich und schnitt ihnen bei Tische einen gebratenen Truthahn vor. Er war aber so ungeschickt, daß er ihn gleich an die Erde fallen ließ, da er eben den einen Flügel abschneiden wollte. Alles hatte sich auf den Braten gefreut und war daher nicht wenig bestürzt über diesen unvermuteten Querstrich. Der Wirt aber blieb ganz ruhig und sagte: »Laßt nur gut sein, lieben Freunde! Er ist auf meine Schuhe gefallen, die sind rein, ich hab sie erst heute schmieren lassen.« (346) Ehrwürdige Redlichkeit Im Kanton Schwyz kam, bald nach Errichtung des Schweizerbundes, an einem Abend der Bauer Velten zum Bauer Kaspar, der auf seiner Wiese arbeitete, und sagte: »Nachbar, es ist jetzt die Zeit der Heuernte, und du weißt, daß wir zusammen Streit wegen einer Wiese haben. Ich habe die Richter zu Schwyz zusammenrufen lassen, weil wir beide nicht gelehrt genug sind, um zu wissen, wer von uns recht hat. Komm also morgen mit vor das Gericht!« »Du siehst, Velten, daß ich die Wiese gehauen habe, und morgen muß ich notwendig das Heu in Haufen bringen, ich kann also unmöglich kommen.« »Und ich kann die Richter nicht wieder gehen lassen, da sie diesen Tag gewählt haben. Auch kann die Wiese nicht eher gemähet werden, bis wir wissen, wem sie gehört.« Nach einigem Besinnen sagte Kaspar: »Weißt du, wie wir's machen wollen? Gehe morgen nach Schwyz und sage den Richtern meine und deine Gründe, so brauche ich ja nicht dabei zu sein.« »Wenn du dies Zutrauen zu mir hast, so kannst du dich darauf verlassen, daß ich für dein Recht reden will wie für mein eigenes.« Nach dieser Abrede ging Feiten den folgenden Tag nach Schwyz und trug seine und Kaspars Gründe vor, so gut er konnte. Am Abend kam er wieder zu Kaspar und sagte: »Die Wiese ist dein, die Richter haben sie dir zugesprochen. Ich wünsche dir Glück und bin froh, daß wir nun aufs reine sind.« (347) Das hatte er nicht sonderlich überlegt Ein Bauer, den ein Mädchen als den Vater ihres unehelichen Kindes angegeben hatte, ward von dem Richter befragt, ob er gegen die Aussage der Person etwas einzuwenden habe. Da er »nein« antwortete, so sollte er sich erklären, ob er sie heiraten oder eine gewisse Summe, die nachmals genauer bestimmt werden sollte, an sie bezahlen wollte. Er bat sich einige Tage Bedenkzeit aus. An dem neuen Termin fragte der Richter ihn, wozu er sich entschlossen habe, ob zum Heiraten oder zum Bezahlen. »Nein«, antwortete er, »ich habe mir's nun überlegt, ich will es ihr lieber abschwören!« (348) Die Bedenklichkeit Eine Gesellschaft aus der Stadt, welche sich auf dem Lande belustigte, traf beim Spazierengehen einen ziemlich großen Bauernjungen an, welcher die Schafe hütete. Ein junges munteres Frauenzimmer aus der Gesellschaft wollte sich mit diesem Jungen eine Lust machen. Sie ging also zu ihm und fragte ihn, ob er schon eine Frau habe. Er antwortete: »Nee.« »Desto besser«, sagte sie, »so will ich dich heiraten.« Der Junge wies die Zähne, schüttelte den Kopf und antwortete: »Nee.« Einer aus der Gesellschaft stellte ihm vor, wenn er die Demoiselle nähme, so bekäme er eine schöne Frau, käme nach der Stadt und kriegte schöne Kleider und gutes Essen und Trinken. Er lachte schalkhaft und sagte: »Ick mag nich.« »Warum willst du mich aber nicht haben?« fragte das Frauenzimmer. »Ei«, versetzte der Junge, »wenn ick Jun nahm, da kreeg' ick woll mehr to höden als mit allen mienen Schapen.« (349) Vorsichtigkeit eines Mädchens Eine Frau nahm wahr, daß sich ihre Magd schwanger befand. Sie fragte sie deswegen, wer der Vater davon wäre. Das Mädchen antwortete, ihr Herr. »Wo ist es denn geschehen?« fragte die Frau weiter. »In Ihrer Schlafkammer, nachdem Sie schon zu Bette gegangen waren und schliefen.« »Und konntest du Bestie denn nicht schreien?« »Ich wollte keinen Lärm machen, damit Sie nicht aufwachen möchten«, antwortete das Mädchen mit Tränen. (350) Die verwechselten Personen Ein Mann verliebte sich in die Kammerjungfer seiner Frauen und gab sich alle Mühe, einige Gunstbezeugungen von ihr zu erhalten, aber vergebens. Eines Tages, wie er diesem Mädchen außerordentlich zugesetzt hatte, klagte sie es ihrer Frauen und forderte ihren Abschied. Die Dame weigerte ihr selbigen, versprach ihr aber, die Sache schon so einzurichten, daß ihr Mann sie künftig in Ruhe lassen sollte. Diesem zufolge ward unter ihnen verabredet, daß das Mädchen ihrem Herrn eine geheime Zusammenkunft in der Scheune auf einem gewissen Abend verstatten sollte, daß Madame alsdann an ihrer Statt dahin gehen und ihren Mann dergestalt beschämen wollte, daß er sich nicht getrauen werde, die Augen gegen sie aufzuschlagen. Die ersten Punkte dieser Abrede wurden also ins Werk gerichtet. Wie nun der Herr auf dem Wege nach der Scheune begriffen war, fielen ihm die Folgen ein, die diese Zusammenkunft haben könnte, es gereute ihn, sich so weit eingelassen zu haben, und er war schon willens, das Mädchen vergebens warten zu lassen, als ihm sein Diener auf dem Hofe begegnete. Diesem sagte er: »Johann, Lisettchen ist in der Scheune und erwartet mich.. Willst du hingehen und meine Stelle vertreten; Du mußt aber kein Wort reden, damit sie dich nicht erkennt.« Dem Diener war dieses angenehm, er lief nach der Scheune und verriegelte sie hinter sich. Die Dame sprach gleichfalls kein Wort, um sich nicht zu erkennen zu geben. Unterdessen traf der Herr zu seiner größten Verwunderung Lisetten im Vorzimmer an. »Was«, sagte er, »bist du nicht in der Scheune gewesen?« »Nein, Madame ist an meiner Stelle da.« Er lief, als wenn ihm der Kopf brennete, in den Hof zurück und schrie vor der Scheune: »Holla! Johann, es ist nicht Lisette!« Johann antwortete: »Lisette oder nicht Lisette, es ist mir nun einerlei!« (351) Unerwartete Entdeckung einer doppelten Untreue Ein Ehemann hatte ein junges, hübsches Mädchen in seinem Dienste. Sie machte Eindruck auf ihn, da seine Frau nicht gar zu reizend gebildet war. Er tat ihr Anerbietungen, sie nahm sie an, und beide lebten nun in einem ganz vertrauten Umgange. Einmal hatte er sie auch auf seinem Zimmer und konnte gar nicht aufhören, sie zu herzen und zu küssen. Endlich sagte er im Übermaß seines Entzückens: »Mädchen, du bist ein herrliches Geschöpf! Deine Küsse sind noch einmal so süß als meiner Frau ihre.« »Das mag wohl wahr sein«, erwiderte sie, »Ihr Bedienter sagt das auch.« (352) Schwänke in populären Volksbüchlein Verfasser unbekannt Die neue lustige Gesellschaft 1813 Bildliche Erklärung Überschrift vom Herausgeber Ein Bauer hatte eine Klage, konnte aber von seinem Amtmann kein Recht bekommen, resolvierte sich derowegen, die Sache bei dem höhern Gerichte vorzubringen. Ging also gen Hofe, fragte, wo der Mann wäre, der nächst dem Fürsten regierte. Er meinte aber den Kanzler. Als er nun zu demselben gewiesen wurde, ward er endlich vorgelassen und redete ihn also an: »O allerunwürdigster Herr Statthalter.« Hier fiel ihm der Statthalter ins Wort und sagte: »Du titulierst mich sehr wohl.« »Ja«, sagte der Bauer, »Herre, Ji sind et ok wert«, fuhr damit fort und sprach: »Eck hure, wenn use Fürst nich tau Hues is, sau sind Ji de Düüwel sülwest. Eck bidde Juu, helpet mi doch von miener Sake.« »Nun, nun«, sagte der Kanzler, »ich will dir davon helfen. Sage an!« Der Bauer sagte hierauf: »Uses Nabers Sue hat mi den Kohl obgefreten, un hei will meck den Kohl nich betahlen.« Hierauf frag der Kanzler: »Wie das?« Der Bauer antwortete: »Eck höre wohl, dat Ji dat nich recht innehmet. Seiht, wenn dit de Tuen wäre« (hiermit zeigte er an die Wand) »un Ji wören die Sue un kröpen da dörch un freten mi den Kohl af. Seiht, sau is et.« Der Kanzler fing hierüber an zu lachen und ließ ihm Recht widerfahren. (353) Eignung zum Advokaten Überschrift vom Herausgeber Ein lustiger Mann, der ehedem Advokat gewesen war, erzählte die Geschichte, wie er zu diesem Stande gekommen war, folgendergestalt: »Ich war schnell auf den Füßen. Mein Vater glaubte, daß ich zu nichts besser als zu einem Läufer taugen würde. Ich ward in die Lehre gegeben. Vor allen Dingen mußte mir die Milz ausgeschnitten werden. Der fatale Chirurgus aber, der die Operation vornehmen sollte, versah sich und schnitt mir statt der Milz das Gewissen aus. Was war zu tun? Nun taugte ich zu nichts als zum Advokaten.« (354) Das gute Gesetz Überschrift vom Herausgeber Ein Straßenräuber hielt einen Fremden mit der Pistole an und nahm ihm all sein bares Geld ab. »Wahrhaftig«, sagte der Beraubte, »das ist eine schöne Art, Geld zu erwerben, wenn nur kein Gesetz dagegen wäre.« »Gott sei Dank, daß das Gesetz dagegen da ist«, sagte der Kerl, »denn sonst würden so viele sich drauf legen, daß kein ehrlicher Mann mehr was damit verdienen könnte.« (355) Die glückliche Exekution Überschrift vom Herausgeber Ein Soldat, der schon zum drittenmal desertiert war, sollte nunmehr hängen. Er stand unterm Galgen, der Henker legte ihm den Strick um und zog ihn in die Höhe. Ehe er aber ganz hinauf kam, riß der Strick, und der Kerl stand wieder unten. Der Henker fluchte und sagte: »Tausend Teufel, das ist mir in meinem Leben nicht passiert!« »Mir auch noch nicht«, erwiderte der Soldat. (356) Verfasser unbekannt Der lustige und possierliche Historienschreiber ca. 1830 Die rechten Berufe Überschrift vom Herausgeber In einer gewissen Stadt klagte ein Vater seinem Nachbarn, wie daß er drei übel geratene Söhne hätte und wüßte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Der Nachbar fragte, was sie denn für Untugenden hätten. »Ach«, antwortete jener, »ich schäme mich, dieses zu sagen.« Dieser aber machte ihm ein gut Herz, er sollte ihm solches offenbaren, vielleicht könnte er ihm einen guten Rat mitteilen. Hierauf fing der Vater an und erzählte ihm die bösen Gewohnheiten seiner drei Söhne und sprach, der älteste sei ein Lügner, der mittlere ein Schmarotzer und der dritte mache lange Finger. Wie nun der Vater ausgeredet, sprach der Nachbar, er sollte sich's nicht leid sein lassen, der Sache könnte schon geholfen werden, und gab ihm einen Anschlag, was er machen sollte, nämlich: Er sollte den ersten einen Prokurator werden lassen, denn die könnten brav lügen. Aus dem zweiten sollte er einen Wirt machen, so könnte er mit seinen Gästen immer schmarotzen. Den dritten sollte er das Müllerhandwerk lernen lassen, so könnte er nach der Müller Gewohnheit seine langen Finger gebrauchen. Und damit wären alle drei versorget. (357) Der vorausschauende Ehemann Überschrift vom Herausgeber Ein Edelmann hatte sich in eines vornehmen Kaufmanns Frau verliebet, konnte aber derselben Gegenliebe nicht erhalten, wollte sich dennoch mit bloßem Anschauen und Andenken belustigen, schickte also einen Porträtmaler in des Kaufmanns Haus, daß er dessen Frau abkonterfeien sollte. Als nun der Maler in der besten Arbeit begriffen war, kommt der Kaufmann dazu, ergreift einen Prügel und schlägt den Maler aus dem Hause, sprechend: »Es ist nicht ratsam, daß ich solches gestatte. Denn wenn dein Junker die Kopie bekäme, so möchte er hernachmals das Original mit größerer Begierde verlangen und abdrucken wollen, welches ich für mich allein behalten will.« (358) Der Hut des Hahnreis Überschrift vom Herausgeber Ein gewisser Herr hatte einen Gärtner, der sehr einfältig und wohl nicht mit zu vielem Witz beschlagen war. Den wollte er eines Tages vexieren und sprach: »Sage mir, Gärtner, wo hast du diesen Hut bekommen» Es muß ihn gewiß ein Hahnrei getragen haben?« Der Gärtner sagte: »Ach lieber Herr, Eure Frau hat ihn mir gegeben, und ist einer von den alten Hüten, so Ihr getragen habt.« (359) Ludwig Aurbacher Ein Volksbüchlein 1835-1839 Der lustige Schuster Wer zu allen Kirchweihen, Dinzelfesten und sonstigen Eß- und Trinkgelagen von allen Seiten her eingeladen wurde, das war Fips, der lustige Schuster. Er verstand zwar nichts von den sieben freien Künsten und blutwenig von seinem Handwerk, aber er hatte vielen Mutterwitz und war unerschöpflich an Schnaken und Schnurren und besonders an Rätseln. Deshalb warb man gern um seine Gesellschaft, und er schlug auch keine Einladung aus, da, wo es wohl zu essen und zu trinken gab, umsonst und um nichts, Einsmals lud ihn auch ein reicher Kaufherr zu Tische, welcher mehrere gute Freunde bei sich bewirten wollte. Fips erschien, wie sich's ziemte, im Feiertagsrocke und war nicht der letzte, der sich setzte. Suppe und Rindfleisch schmeckten ihm wohl, das sah man; aber er tat kein Maul auf, außer zum Essen. Die Gäste warteten vergebens auf die Schnaken und Schnurren und auf die Rätsel. Der Hausherr schenkte ihm ein Glas Wein ein, verhoffend, daß der Geist den Geist wecken werde. Der Schuster soff ein Glas um das andere aus und aß viel, aber es kam kein Wörtle aus ihm. Endlich forderte ihn der Hausherr auf, seine Witze loszulassen. Fips erwiderte: »Laßt mich doch erst einen Grund legen; dann werden schon die Witze aufwachsen wie Pilze. Aber naß muß vor allem der Boden sein.« Und er trank und aß fort. Zuletzt, als man ihm gar keine Ruhe mehr ließ, wischte er sich das Maul, trank noch ein Gläslein und fing sofort an zu erzählen, wie folgt: »Ein König schickte eines Tags seinen Narren aus in die Welt mit dem Auftrage, er solle nach drei Dingen forschen und nicht eher an den Hof zurückkehren, als bis er sie gefunden. Und er legte ihm drei Fragen vor: ‚Zum ersten, welches Fleisch ist fetter als Schweinefleisch? Zum zweiten, welches Brot ist weißer als Ulmerbrot? Zum dritten, welches Holz ist härter als Hagebuchenholz?‘ Auf dies ging der Narr fort.« Fips hatte dies kaum geredet, als er wieder über die Schüssel herfiel und sich eins ums andre tief zu Gemüt führte. Die Gäste hatten unterdessen angefangen, über den Rätseln zu sinnen, die dem Narren aufgegeben waren. Und der eine riet dies und der andere jenes. Fips aber schüttelte zu allem, was sie vorbrachten, den Kopf und aß und trank weiter, so lang es reichte. Endlich verleidete den Gästen das Raten, und sie forderten den Schuster auf zu sagen, was fetter sei als Schweinefleisch und so weiter. Fips, ohne lange nachzusinnen, sagte, er für seine Person wisse es eigentlich auch nicht und man müsse drum schon warten, bis der Narr zurück sei von seiner Reise um die Welt; der werde es dann sagen, wenn er's eben wüßte. Der Hausherr und die Gäste merkten nun, daß sie die Gefoppten seien; doch verhielten sie's dem lustigen Schuster nicht, sondern lachten fein einander aus. Fips hielt sie auch von nun an, als er satt geworden, schadlos mit seinen Schwanken und Possen, so daß zuletzt alle zufriedengestellt wurden. Und wenn's der Leser nicht ist, so mag er den Narren machen und selbst Umfrage halten in der Welt. (360) Die sieben Züchten In einer ehemaligen Reichsstadt war ein Gericht von sieben ehrlichen Bürgern gesetzt, die man die sieben Züchten nannte, in welchem allerhand geringe Schmach- und Zankhändel erörtert und geschlichtet wurden. Nun begab es sich einmal, daß zwei Bürger auf offener Gasse in Streit gerieten; und als sie nach langem Gezänk voneinander gingen, sagte der eine zum andern: »Man kennt dich wohl, was du für ein Vogel bist.« Der andere legte ihm diese Worte übel aus, ließ ihn vor die sieben Züchten bieten und klagte ihn deswegen an. Der Beklagte gab zur Antwort, er könne nicht in Abrede sein, daß er die Worte geredet, vermeine auch nicht, daß er übel geredet, denn sein Kläger heiße Fink. Nun wisse aber jedermann, was Fink für ein Vogel sei. Ungeachtet dieser Entschuldigung wurde er um einen Schilling (6 Kreuzer) gestraft. Er erlegte die Strafe willig, sagte aber beineben, ob er etwas fragen dürfte. Die Herren sagten: »Jawohl.« Darauf sprach er: »Meine günstigen Herren, ich bitte euch um Verzeihung: Da ihr euer sieben seid, so möcht ich wohl wissen, wie ihr die sechs Kreuzer miteinander teilet.« Die Herren hielten dies für ein Gespött und straften ihn abermals um einen Schilling. Nachdem er das Geld erlegt, ging er fort und schlug die Tür aus Unwillen etwas hart hinter sich zu. Die Richter ließen ihn wiederum holen und straften ihn wegen dieses Trotzes abermals um einen Schilling. Er zahlte und ging seines Weges fort, tat auch die Tür gar sanft zu, öffnete sie aber bald wieder und sagte: »Ihr Herren, ist es so recht?« Die Richter hielten es für einen spitzigen Stich und straften ihn deshalb wieder um einen Schilling, worauf er denn fein still hinausging. Als er draußen war, sagte er: »Ich glaube, wenn unser Herrgott vor die sieben Züchten käme, er würde von ihnen gestraft.« Dies hörte ungefähr ein Stadtknecht und zeigte es seinen Herren an. Die ließen ihn wieder zurückrufen, gaben ihm einen scharfen Verweis und straften ihn abermals um einen Schilling. – Hierauf ist er gar bescheiden hinweggegangen. (361) Schutzschrift für die Bauern Da sagt man gemeiniglich, die Bauern seien dumm und grob. Wie falsch dies sei, mag unter anderm folgende Geschichte beweisen: Ein Bauer hatte in einem Städtlein Honig feil auf dem Markte. Sowie er aber den Honighafen öffnete, flog ein Schwarm von Fliegen herbei und bedeckte über und über das Gefäß, und es half kein Abwehren und Verscheuchen, und die Leute, welche kaufen wollten, wendeten sich mit Ekel ab und gingen weiter. Da beschloß der Bauer in seinem Ärger, die Fliegen zu verklagen beim Bürgermeister, und er tat's. War das dumm? Nein. Dumm war es gewesen, wenn er den Bürgermeister verklagt hätte beim Bürgermeister, daß er das Städtchen vom Unrat nicht säubern ließe und so das Fliegengeschmeiß hegte und pflegte zum Schaden der Verkäufer, die doch ihren Marktpfennig zu bezahlen hatten. Also mußte dem klagenden Bauern der Bürgermeister Recht verschaffen, er mochte wollen oder nicht. Und er sprach: »Ich erkläre hiemit alle Fliegen in der Stadt für vogelfrei, und du magst sie tot schlagen, wo du sie nur triffst.« Der Bauer war mit dem Urteilsspruch zufrieden; und da soeben eine Fliege dem Bürgermeister auf der Nase gesessen, so schlug sie der Bauer sogleich tot von Rechts wegen. War das grob? Nein. Grob wäre es gewesen, wenn er die Nase des Bürgermeisters gemeint hätte und nicht die Fliege. So aber konnte er noch um Verzeihung bitten, was er auch tat. Und da er einmal, sagte er, das Recht erhalten habe über Leben und Tod aller Fliegen, so wolle er nur gleich damit anfangen, das Rathaus zu säubern von dem Geschmeiß. Und in demselben Augenblick hatte auch der Schreiber seine Maulschelle, der ihn ausgelacht. Kurzum, wollten sie nicht alle die Faust des Bauern fühlen, so mußten sie ihm den Honig abkaufen, um seiner los zu werden. Weiteres wollte eben der Bauer nicht, und er dankte für die gute Bezahlung. (362) Vom Schwank zur Kalendergeschichte Johann Peter Hebel Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes 1811 Der schlaue Husar Ein Husar im letzten Kriege wußte wohl, daß der Bauer, dem er jetzt auf der Straße entgegenging, hundert Gulden für geliefertes Heu eingenommen hatte und heimtragen wollte. Deswegen bat er ihn um ein kleines Geschenk zu Tabak und Branntwein. Wer weiß, ob er mit ein paar Batzen nicht zufrieden gewesen wäre. Aber der Landmann versicherte und beteuerte bei Himmel und Hölle, daß er den eigenen letzten Kreuzer im nächsten Dorfe ausgegeben und nichts mehr übrig habe. »Wenn‘s nur nicht so weit von meinem Quartier wäre«, sagte hierauf der Husar, »so wäre uns beiden zu helfen; aber wenn du hast nichts, ich hab nichts, so müssen wir den Gang zum heiligen Alfonsus doch machen. Was er uns heute beschert, wollen wir brüderlich teilen.« Dieser Alfonsus stand in Stein ausgehauen in einer alten, wenig besuchten Kapelle am Feldweg. Der Landmann hatte anfangs keine große Lust zu dieser Wallfahrt. Aber der Husar nahm keine Vorstellung an und versicherte unterwegs seinem Begleiter so nachdrücklich, der heilige Alfonsus habe ihn noch in keiner Not steckenlassen, daß dieser selbst anfing, Hoffnung zu gewinnen. Vermutlich war in der abgelegenen Kapelle ein Kamerad und Helfershelfer des Husaren verborgen? Nichts weniger! Es war wirklich das steinerne Bild des Alfonsus, vor welchem sie jetzt niederknieten, während der Husar gar andächtig zu beten schien. »Jetzt«, sagte er seinem Begleiter ins Ohr, »jetzt hat mir der Heilige gewinkt.« Er stand auf, ging zu ihm hin, hielt die Ohren an die steinernen Lippen und kam gar freudig wieder zu seinem Begleiter zurück. »Einen Gulden hat er mir geschenkt, in meiner Tasche müsse er schon stecken.« Er zog auch wirklich zum Erstaunen des andern einen Gulden heraus, den er aber schon vorher bei sich hatte, und teilte ihn versprochenermaßen brüderlich zur Hälfte. Das leuchtete dem Landmann ein, und es war ihm gar recht, daß der Husar die Probe noch einmal machte. Alles ging das zweitemal wie zuerst. Nur kam der Kriegsmann diesmal viel freudiger von dem Heiligen zurück. »Hundert Gulden hat uns jetzt der gute Alfonsus auf einmal geschenkt. In deiner Tasche müssen sie stecken.« Der Bauer wurde todesblaß, als er dies hörte, und wiederholte seine Versicherung, daß er gewiß keinen Kreuzer habe. Allein der Husar redete ihm zu, er sollte doch nur Vertrauen zu dem heiligen Alfonsus haben und nachsehen: Alfonsus habe ihn noch nie getäuscht. – Wollte er wohl oder übel, so mußte er seine Taschen umkehren und leer machen. Die hundert Gulden kamen richtig zum Vorschein, und hatte er vorher dem schlauen Husaren die Hälfte von seinem Gulden abgenommen, so mußte er jetzt auch seine hundert Gulden mit ihm teilen, da half kein Bitten und kein Flehen. Das war fein und listig, aber eben doch nicht recht, zumal in einer Kapelle. (363) Der Handschuhhändler Ein Handschuhhändler, welcher eine Kiste voll feiner Handschuh aus Frankreich nach Deutschland bringen wollte, gebrauchte folgende List. Nämlich es ist ein Gesetz an den französischen Zollstätten, daß, wer mit einer Ware hinüber oder herüber will, der muß angeben »Wie hoch schätzest du sie?« wegen dem Zoll. Schätzt er sie nun, daß es gehen und stehen mag, gut, so zahlt er den Zoll, so viel oder so wenig. Sieht aber der Zollgardist, daß der Kaufmann oder der Krämer seine. Ware viel zu gering anschlägt, damit er nicht viel dafür entrichten muß, so darf der Zollgardist sagen: »Gut, ich gebe dir so viel dafür, ich geh dir auch zehn Prozent mehr«, so muß sich's dann der Krämer gefallen lassen. Der Krämer bekommt das Geld, und der Zollgardist behaltet die Ware, die alsdann versteigert wird in Kolmar oder in Straßburg oder so. Solches ist listig ausgedacht, und man kann nichts dagegen sagen. Aber der Listigste findet seinen Meister. Ein Kaufmann, welcher zwei Kisten voll Handschuh über den Rhein bringen wollte, verabredete zuerst etwas mit einem Freunde. Alsdann legte er in die erste Kiste lauter rechte Handschuhe, nämlich für die rechte Hand, je zwei und zwei, in die andere lauter linke. Die linken schmuggelte er bei Nacht und Nebel herüber. Siehst du nichts, merkst du nichts. Mit den andern kam er an der Zollstätte an. »Was habt Ihr in Eurer Kiste?« »Pariser Handschuhe.« »Wie hoch schlagt Ihr sie an?« »Zweihundert Franken.« Der Zollgardist betastete die Handschuhe: Zart war das Leder, fest war es auch, fein die Naht, kurz, sie waren vierhundert Franken wert zwischen Brüdern. »Ich gebe Euch zweihundertzwanzig Franken dafür«, sagte der Zollgardist, »sie sind mein.« Der Krämer sagt: »Sind sie Euer, so sind sie mein gewesen. Zehn Prozent sind auch Profit.« Also nahm er zweihundertundzwanzig Franken und ließ die Kiste im Stich. Freitags drauf in Speyer im Kaufhaus, es war noch in der alten Zeit, kamen die Handschuhe zur Versteigerung: »Wer gibt mehr als zweihundertundzwanzig?« Die Liebhaber besichtigten die Ware. »Es scheint mir«, sagte der Freund des Krämers, »die linken seien etwas rar.« »Par bleu!« sagte ein anderer, »es sind lauter rechte.« Kein Mensch tat ein Gebot. – »Wer gibt zweihundert? – Hundertundfünfzig? – Hundert e – Wer gibt achtzig?« – Kein Gebot. »Wißt Ihr was?« sagte endlich der Freund des Krämers. »Es kommen vielleicht viel Leute mit einsechten Armen aus dem Feld zurück.« – Es war Anno 13. – »Ich geb sechzig Franken«, sagte er. Wem zugeschlagen wurde, war er. Wer vor Zorn des Henkers hätte werden mögen, war der überrheinische Zollgardist. Der angestellte Käufer aber hat hernach die rechten Handschuhe ebenfalls über den Rhein geschmuggelt – siehst du nichts, merkst du nichts – und hat sie in Waldangelloch mit seinem Freund wieder zusammen separiert, je einen linken und einen rechten, und haben sie in Frankfurt auf der Messe für ein teures Geld verkauft. An dem Zollgardist aber hat der Krämer gewonnen: einhundertundvierzig Franken und den Zoll. Item, wie sagt die Schrift? »Ich wüßte nichts von der Lust, so das Gesetz nicht hätte gesagt: Laß dich nicht gelüsten!« (364) Ein Wort gibt das andere Ein reicher Herr im Schwabenland schickte seinen Sohn nach Paris, daß er sollte Französisch lernen und ein wenig gute Sitten. Nach einem Jahr oder drüber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch nach Paris. Als der junge Herr den Knecht erblickte, rief er voll Staunen und Freude aus: »Ei, Hans, wo führt dich der Himmel her? Wie steht es zu Hause, und was gibt's Neues?« »Nicht viel Neues, Herr Wilhelm, als daß vor zehn Tagen Euer schöner Rabe krepiert ist, den Euch vor einem Jahr der Waidgesell geschenkt hat.« »O das arme Tier«, erwiderte der Herr Wilhelm. »Was hat ihm denn gefehlt?« »Drum hat er zu viel Luder gefressen, als unsere schönen Pferde fielen, eins nach dem andern. Ich hab's gleich gesagt.« »Wie! Meines Vaters vier schöne Mohrenschimmel sind gefallen;« fragte der Herr Wilhelm. »Wie ging das zu?« »Drum sind sie zu sehr angestrengt worden mit Wasserführen, als uns Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts geholfen.« »Um Gottes willen!« rief der Herr Wilhelm voll Schrecken aus. »Ist unser schönes Haus verbrannte Wann das?« »Drum hat man nicht aufs Feuer achtgegeben, an Ihres Herrn Vaters seliger Leiche, und ist bei Nacht begraben worden mit Fackeln. So ein Fünklein ist bald verzettelt.« »Unglückselige Botschaft!« rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus. »Mein Vater tot? Und wie geht's meiner Schwester?« »Drum eben hat sich Ihr Herr Vater seliger zu Tod gegrämt, als Ihre Jungfer Schwester ein Kindlein gebar und hatte keinen Vater dazu. Es ist ein Büblein. Sonst gibt's just nicht viel Neues«, setzte er hinzu. (365) Die falsche Schätzung Reiche und vornehme Leute haben manchmal das Glück, wenigstens von ihren Bedienten die Wahrheit zu hören, die ihnen nicht leicht ein anderer sagt. Einer, der sich viel auf seine Person und auf seinen Wert und nicht wenig auf seinen Kleiderstaat einbildete, als er sich eben zu einer Hochzeit angezogen hatte und sich mit seinen fetten roten Backen im Spiegel beschaute, dreht er sich vom Spiegel um und fragt seinen Kammerdiener, der ihn von der Seite her wohlgefällig beschaute: »Nun, Thadde«, fragte er ihn, »wieviel mag ich wohl wert sein, wie ich da stehe?« Der Thadde machte ein Gesicht, als wenn er ein halbes Königreich zu schätzen hätte, und drehte lang die rechte Hand mit ausgestreckten Fingern so her und hin. »Doch auch fünfhundertundfünfzig Gulden«, sagte er endlich, »weil doch heutzutag alles teurer ist als sonst.« Da sagte der Herr: »Du dummer Kerl, glaubst du nicht, daß mein Gewand, das ich anhabe, allein seine fünfhundert Gulden wert ist?« Da trat der Kammerdiener ein paar Schritte gegen die Stubentüre zurück und sagte: »Verzeiht mir meinen Irrtum, ich hab's etwas höher angeschlagen, sonst hätt ich nicht so viel herausgebracht.« (366) Das wohlfeile Mittagessen Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selber darein. – Aber der Löwenwirt in einem gewissen Städtlein war schon vorher darin. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und trotzig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsuppe. Hierauf forderte er auch ein Stück Rindfleisch und ein Gemüs, für sein Geld. Der Wirt fragte ganz höflich, ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe. »O freilich ja«, erwiderte der Gast, »wenn ich etwas Gutes haben kann für mein Geld.«- Nachdem er sich alles wohl hatte schmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche und sagte: »Hier, Herr Wirt, ist mein Geld.« Der Wirt sagte: »Was soll das heißen? Seid Ihr mir nicht einen Taler schuldig?« Der Gast erwiderte: »Ich habe für keinen Taler Speise von Euch verlangt, sondern für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab ich nicht. Habt Ihr mir zuviel dafür gegeben, so ist's Eure Schuld.« Dieser Einfall war eigentlich nicht weit her. Es gehörte nur Unverschämtheit dazu und ein unbekümmertes Gemüt, wie es am Ende ablaufen werde. Aber das Beste kommt noch. »Ihr seid ein durchtriebener Schalk«, erwiderte der Wirt, »und hättet wohl etwas anders verdient. Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier noch ein 24-Kreuzerstück dazu. Nur seid stille zur Sache und geht zu meinem Nachbarn, dem Bärenwirt, und macht es ihm ebenso.« – Das sagte er, weil er mit seinem Nachbarn, dem Bärenwirt, aus Brotneid in Unfrieden lebte und einer dem andern jeglichen Tort und Schimpf gerne antat und erwiderte. Aber der schlaue Gast griff lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Geld, mit der andern vorsichtig nach der Türe, wünschte dem Wirt einen guten Abend und sagte: »Bei Eurem Nachbarn, dem Herrn Bärenwirt, bin ich schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein anderer.« So waren im Grunde beide hintergangen, und der dritte hatte den Nutzen davon. Aber der listige Kunde hätte sich noch obendrein einen schönen Dank von beiden verdient, wenn sie eine gute Lehre daraus gezogen und sich miteinander ausgesöhnt hätten. Denn Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt. (367) Eine sonderbare Wirtszeche Manchmal gelingt ein mutwilliger Einfall, manchmal kostet's den Rock, oft sogar die Haut dazu. Diesmal aber nur den Rock. Denn obgleich einmal drei lustige Studenten auf einer Reise keinen roten Heller mehr in der Tasche hatten, alles war verjubelt, so gingen sie doch noch einmal in ein Wirtshaus und dachten, sie wollten sich schon wieder heraushelfen und doch nicht wie Schelmen davonschleichen, und es war ihnen gar recht, daß die junge und artige Wirtin ganz allein in der Stube war. Sie aßen und tranken guten Mutes und führten miteinander ein gar gelehrtes Gespräch, als wenn die Welt schon viele tausend Jahre alt wäre und noch ebenso lang stehen würde und daß in jedem Jahr, an jedem Tag und in jeder Stunde des Jahrs, alles wieder so komme und sei, wie es am nämlichen Tag und in der nämlichen Stunde vor sechstausend Jahren auch gewesen sei. »Ja«, sagte endlich einer zur Wirtin, die mit einer Strickerei seitwärts am Fenster saß und aufmerksam zuhörte, »ja, Frau Wirtin, das müssen wir aus unsern gelehrten Büchern wissen.« Und einer war so keck und behauptete, er könne sich wieder dunkel erinnern, daß sie vor sechstausend Jahren schon einmal dagewesen seien, und das hübsche freundliche Gesicht der Frau Wirtin sei ihm noch wohlbekannt. Das Gespräch wurde noch lange fortgesetzt, und je mehr die Wirtin alles zu glauben schien, desto besser ließen sich die jungen Schwenkfelder den Wein und Braten und manche Bretzel schmecken, bis eine Rechnung von fünf Gulden sechzehn Kreuzer auf der Kreide stand. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, rückten sie mit der List heraus, worauf es abgesehen war. »Frau Wirtin«, sagte einer, »es steht diesmal um unsere Batzen nicht gut, denn es sind der Wirtshäuser zu viele an der Straße. Da wir aber an Euch eine verständige Frau gefunden haben, so hoffen wir als alte Freunde hier Kredit zu haben, und wenn's Euch recht ist, so wollen wir in sechstausend Jahren, wenn wir wiederkommen, die alte Zeche samt der neuen bezahlen.« Die verständige Wirtin nahm das nicht übel auf, war's vollkommen zufrieden und freute sich, daß die Herren so vorlieb genommen, stellte sich aber unvermerkt vor die Stubentüre und bat, die Herren möchten nur so gut sein und jetzt einstweilen die fünf Gulden sechzehn Kreuzer bezahlen, die sie vor sechstausend Jahren schuldig geblieben seien, weil doch alles schon einmal so gewesen sei, wie es wieder komme. Zum Unglück trat eben der Vorgesetzte des Ortes mit ein paar braven Männern in die Stube, um miteinander ein Glas Wein in Ehren zu trinken. Das war den gefangenen Vögeln gar nicht lieb. Denn jetzt wurde von Amts wegen das Urteil gefällt und vollzogen: Es sei aller Ehren wert, wenn man sechstausend Jahre lang geborgt habe. Die Herren sollten also augenblicklich ihre alte Schuld bezahlen oder ihre noch ziemlich neuen Oberröcke in Versatz geben. Dies letzte mußte geschehen, und die Wirtin versprach, in sechstausend Jahren, wenn sie wiederkommen und besser als jetzt bei Batzen seien, ihnen alles, Stück für Stück, wieder zuzustellen. Dies ist geschehen im Jahr 1805 am 17. April im Wirtshause zu Segringen. (368) Willige Rechtspflege Als ein neu angehender Beamter zu Zeiten der Republik das erstemal zu Recht saß, trat vor die Schranken seines Richterstuhls der untere Müller, vortragend seine Beschwerden gegen den obern, in Sachen der Wasserbaukosten. Als er fertig war, erkannte der Richter: »Die Sache ist ganz klar. Ihr habt recht.« Es verging eine Nacht und ein Räuschlein, kam der obere Müller und trug sein Recht und seine Verteidigung auch vor, noch mundfertiger als der untere. Als er ausgeredet hatte, erkannte der Richter: »Die Sache ist so klar als möglich. Ihr habt vollkommen recht.« Hierauf, als der Müller abgetreten war, nahte dem Richter der Amtsdiener. »Gestrenger Herr«, sagte der Amtsdiener, »also hat Euer Herr Vorfahrer nie gesprochen, solange wir Urteil und Recht erteilten. Auch werden wir dabei nicht bestehen. Es können nicht beide Parteien den Prozeß gewinnen, sonst müssen ihn auch beide verlieren, welches nicht gehn will.« Darauf antwortete der Beamte: »So klar war die Sache noch nie. Du hast auch recht.« (369) Farbenspiel In einer Schule saßen zwei Schüler, von denen hieß der eine Schwarz, der andere Weiß, wie es sich treffen kann; der Schullehrer aber für sich hatte den Namen Rot. Geht eines Tages der Schüler Schwarz zu einem andern Kameraden und sagt zu ihm: »Du, Jakob«, sagt er, »der Weiß hat dich bei dem Schulherrn verleumdet.« Geht der Schüler zu dem Schulherrn und sagt: »Ich höre, der Weiß habe mich bei Euch schwarz gemacht, und ich verlange eine Untersuchung. Ihr seid mir ohnehin nicht grün, Herr Rot!« Darob lächelte der Schulherr und sagte: »Sei ruhig, mein Sohn! Es hat dich niemand verklagt, der Schwarz hat dir nur etwas weis gemacht.« (370) F.W. Gubitz Deutscher Volkskalender 1835-1842 Der examinierte Knabe Ein Schul-Examinator im Mecklenburgischen besuchte die Dorfschule seines Filials. Dort fragte er unter anderm einen dickstämmigen Knaben: »Christian, weißt du, was Recht und Unrecht ist?« »Nee!« Der Examinator schüttelte bedenklich sein, Haupt und wollte den Knaben mit einem Beispiel aufklären: »Sieh, Christian«, sprach er, »wenn Steffen dort von seiner Mutter eine Semmel bekommt und du nimmst sie ihm weg – denke einmal nach: Was tust du da?« »Ick frät se up!« war die Antwort. (371) Jeremias Gotthelf Neuer Berner Kalender 1845-1848 Mecklenburger Witz Als die Cholera zum ersten Mal anrückte aus Polen hervor, hatten auch die Mecklenburger Katzangst, und sie verordneten eine strenge Sperre, und wer in ihr Ländchen wollte, mußte dreimal vierundzwanzig Stunden an der Grenze warten, damit, wenn er die Krankheit im Leibe hätte, sie unter der Zeit ausbrechen könnte. Ein Roßhändler kam unangefochten über die Grenze und ritt zwei Tage im Lande herum. Am dritten wurde er aufgegriffen, und als er keinen Schein vorweisen konnte über seinen Aufenthalt an der Grenze, wurde es allen in Mecklenburg drinnen noch einmal so katzangst. Endlich wurden sie rätig, das sicherste Mittel sei, den Roßhändler wieder an die Grenze zu führen, damit er seine drei Tage noch absitzen könne. Sie führten ihn nun auf einem andern Wege der Grenze zu, wo sie am fünften Tag gesund und wohlbehalten ankamen. Und erst jetzt, als der Roßhändler in der Quarantäne saß, wurde es allen wieder wohl in Mecklenburg drinnen. (372) Wie man zu einer Frau kommt Zu einem Pfarrer kam ein Mann und gab seine Verlobung zur Verkündigung an. »Aber Christen, wie lange ist es, daß man deine Frau begraben hat?« sagte der Pfarrer. »O Herr Pfarrer!« sagte Christen, »in vierzehn Tagen sind es schon drei Wochen.« »Aber wie hast du es gemacht, so schnell eine Frau zu finden?« »O Herr Pfarrer!« sagte Christen, »das hat mir gar keinen Kummer gemacht. Wo ich von der Gräbt heimgekommen bin, warteten daheim schon drei auf mich.« (373) Wie man doch erschrecken kann Da, wo man von einer schönen Hügelseite hinübersieht gegen den Schwarzwald, wo man den Rhein sieht, wie er schwermütig sich dreht und windet und langsam, langsam nur sein liebes Schweizerland verläßt, da zog einmal ein schwermütiger Zug langsam und schwarz einer Kirche zu. Voran auf einem Schlitten fuhr ein Sarg, der eine weibliche Leiche barg, und vor dem Zuge schritt wie schwermütig der Leiche Mann und tat nötlich wie üblich. Bergab geht es immer rasch, aber ob das Wirtshaus zog oder die Kirche, ich weiß es nicht, kurz, der Schlitten kam in Schuß, fuhr an einen Pfahl, der Sarg sprang voneinander, die Leiche in den Schnee hinaus, sitzt da mir nichts, dir nichts und fängt an, sich die Augen zu reiben und zu gähnen wie jemand, der von langem Schlafe erwacht. Da fehlte nicht viel, der ganze Zug hätte Reißaus genommen dem Rhein zu; der betrübte Witwer zeigte viele Lust dazu. Doch faßte er sich endlich, bewillkommnete die teure Erwachte und zog mit ihr den Berg wieder auf. Ums Jahr kommt akkurat der gleiche Zug wieder den Berg ab, der gleiche Schlitten, die gleiche Leiche, der gleiche Mann voran. Der tat gleich nötlich wie's vorig Mal und hatte das Nastuch fast immer vor den Augen und wischte ab, daß es eine strenge Sache war. Er achtete sich keines Menschen, nicht einmal der Steine, die im Wege lagen, und stolperte hinter dem Schlitten her, daß es ein jämmerlich Luegen war. Schon war man dahin gekommen, wo letztes Jahr das Unerwartete begegnet war, und der Pfahl steht vor dem Roß, da fährt auf einmal der gebeugte Witwer auf und schreit: »Hott, hott vom Pfohl! Sust goht's wie's vorig Mol!« (374) Ein anderes Kaputtwerden Kürzlich erschienen zwei junge Ärzte in einer kleinen Stadt, welche wahrscheinlich in einer großen keine Anstellung erhalten hatten, und wollten dort Wunder tun, denn sie kündigten an, daß sie nicht nur fast jede Krankheit zu heilen imstande wären, sondern auch Tote wieder zu erwecken vermöchten. Anfangs lachten die Leute in der kleinen Stadt, aber die Bestimmtheit, mit welcher die beiden Fremden von ihrer Kunst sprachen, machte die Leute bald bedenklich; als dieselben gar erklärten, sie wären bereit, nach drei Wochen an dem und dem Tage auf dem Gottesacker irgendeinen Toten, den man bezeichne, wieder in das Leben zu rufen, und als sie zu größerer Sicherheit selbst darauf antrugen, man möchte sie drei Wochen über bewachen, damit sie nicht entweichen könnten, geriet das Städtchen in eine seltsame Aufregung. Je näher der entscheidende Tag herankam, um so mehr wuchs erst geheim, dann öffentlich der Glaube, bis endlich die Vernünftigen nicht einmal mehr ihre Zweifel äußern durften. Am Tage vor dem großen Wunder auf dem Kirchhofe erhielten die beiden Freunde einen Brief von einem angesehenen Manne der Stadt, darin hieß es: »Ich hatte eine Frau, die ein Engel war, aber mit vielerlei Leiden und Gebrechen war sie behaftet. Meine Liebe zu ihr war unbeschreiblich; aber eben um dieser Liebe willen gönne ich ihr die ewige Ruhe, es wäre schrecklich für sie, die jetzt so glücklich sein wird, wenn sie in ihre zerrüttete Hülle zurückkehren müßte. Ich zittere vor dem Gedanken, daß es vielleicht gerade meine Frau sein könnte, welche Sie bei Ihrem Versuche auf dem Kirchhofe wieder ins Leben zurückbringen. Verschonen Sie um. Gottes willen die Selige mit ihrer Kunst und erlauben Sie mir, daß ich Ihnen bei-? liegende fünfzig Louisdor zustelle, als ob die Sache wirklich geschehen wäre!« Dieser Brief war der erste, eine Menge ähnlichen Inhalts folgte ihm nach. Ein Neffe war schrecklich besorgt um seinen Onkel, den er beerbt hatte. Schrecklich sei es dem lieben Onkel sein Lebtag gewesen, schrieb er, wenn ihn jemand geweckt hätte; was er erst jetzt empfinden müßte, wenn jemand ihn aus dem Todesschlaf wecken würde! Er halte es in seiner Pflicht, ihn vor solcher Gewalttat zu schützen, indessen erbiete er sich zu einer ansehnlichen Entschädigung. Untröstliche Witwen erschienen persönlich mit inständigen Bitten, nichts gegen Gottes Willen, in den sie sich mit unglaublichen Anstrengungen zu schicken begönnen, zu tun, es könnte nicht gut kommen. In der allergrößten Angst jedoch waren die beiden Ärzte des Städtchens; sie liefen umher wie brönnig Manne, sie fürchteten, ihre Patienten, welche sie unter die Erde gebracht, möchten wieder zum Vorschein kommen und ausschwatzen, was sie jenseits vernommen. Der Bürgermeister, der noch nicht lange im Amt war und manchen Vorgänger unterm Boden hatte, erhob sich endlich auf einen allgemeinen Standpunkt; er bedachte, daß unter so bewandten Umständen die Ruhe der Stadt durchaus nicht zu erhalten wäre, wenn die Toten wieder zum Vorschein kommen sollten. Er erließ daher ein halb offizielles Schreiben an die beiden Wundermänner, in welchem er sie aufforderte, in der ihm von Gott anvertrauten Stadt von ihrer Kunst keinen Gebrauch zu machen, sondern sogleich abzureisen und hier es beim alten bewenden zu lassen. Dagegen erbot er sich, ihnen viel Geld aus dem allgemeinen Säckel zu zahlen und ihnen ein Zeugnis auszustellen, daß sie wirklich imstande seien, Tote aufzuerwecken. Die beiden Wundermänner antworteten, aus Gefälligkeit und weil er es wäre, wollten sie sich mit dem Anerbieten begnügen, nahmen Geld und Zeugnis und schoben sich. Es heißt, sie hätten ihren Weg nach der Schweiz genommen. (375) Der Müller als Kapuziner Überschrift vom Herausgeber Der Müller zu X. trank einmal lustig und in Freuden unter lustigen Zechbrüdern, bis er unterm Tische lag. Da zogen ihm die fidelen Brüder seinen weißen Müllerrock aus, zogen ihm eine braune Kapuzinerkutte an, trugen ihn vor das Städtchen hinaus und legten ihn dort am Wege ab. Bald darauf kamen zufällig einige Kapuziner daher und waren ganz erstaunt, einen ihrer Brüder in solchem Zustande an der Straße zu finden. Sie schämten sich vor den Leuten, die an einer dunkeln Kutte alles sehen und, was sie sehen, nicht vergessen können, hoben den Bewußtlosen auf und trugen ihn in ein benachbartes Kloster. Dort legten sie ihn zweg auf einen Tisch; das ganze Kloster sammelte sich um den trunkenen Bruder, aber niemand wollte ihn kennen, daher man kaum warten mochte, bis er erwachte, um ihn zu fragen, wer er sei und woher er komme. Endlich geschah es. Man kann sich den Schreck denken, als der arme Schelm erwachte, sich in einer Kapuzinerkutte sah und Kapuziner ringsum, denen er Bescheid geben sollte, aus welchem Kloster er komme und wie er heiße. Er staunte, er rieb sich die Augen, er sann, wußte lange nichts, es war ihm, als sei er vom Himmel herabgekommen. Endlich stotterte er, sie sollten doch in die X.-Mühle gehen, und wenn sie dort den Müller antreffen sollten, so könnte er ihnen wahrhaftig nicht sagen, woher er komme und wer er sei. (376) An den Hosen liegt es nicht Überschrift vom Herausgeber Es ließ einmal ein Herr Hosen machen, und der Schneider nahm wie üblich das Maß. Als der Herr die Hosen probierte, brachte er sie nicht ans gehörige Ort und sagte: »Die Hosen sind mir viel zu eng!« Das schoß dem Schneider in Kopf, er stellte sich bockgerade und sagte: »Die Hosen sind recht, aber Ihr verfluchter Arsch ist viel zu dick!« (377) Drei Witze von schlechtgesinnten Leuten, nütnutzige Säubube. Erster Witz Auf einem Markt wurde ein Länder ergriffen, des Diebstahls angeklagt und vor den Oberamtmann gebracht. Dort machte er den Unschuldigen, leugnete keck alle Schuld; »leugnen hets«, wird er gedacht haben. Der Oberamtmann gab sich alle Mühe, ihn zum Bekenntnis zu bringen mit Fragen und Zusprechen. Aber das Reden ging ihm genug, und manchmal mußte er siebenmal ansetzen, ehe er ein kleines Wörtlein hervorbrachte. Der Beklagte sah behaglich den Äußerungen des Richters zu und sagte endlich in gutmütiger Freundlichkeit: »Hab nit Mühy, Landvogt! Du bringst ja doch nit füre!« (378) Drei Witze von schlechtgesinnten Leuten, nütnutzige Säubube. Zweiter Witz Ein schlechtes Rößlein zog ein Wägeli mit großer Anstrengung einen Berg auf, hinten auf dem Wägeli saß der Fuhrmann. Oben am Berg erschienen zwei stattliche Männer, es war der Ammann und der Weibel des nächsten Dorfes, und kamen langsam dem Fuhrwerke entgegen. Sobald sie sich näherten, sprang der Fuhrmann ab, sprang hervor zum Rößlein, hing sich an dessen Kopf, verhielt ihm das Auge auf der Seite, an welcher die Männer vorbeigingen, und schrie aus Leibeskräften: »Uha! Uha! Na! Na!« »Was Dolders, Joggi, machst«, fragte der Ammann, »warum vrhest dem Roß dsAug?« »Verzieht!« sagte der Fuhrmann, »es ist gar grusam schelme-schüch!« (379) Drei Witze von schlechtgesinnten Leuten, nütnutzige Säubube. Dritter Witz Vierspännig rollte ein mächtiger Postwagen auf harter Bernerstraße dahin, und vom hohen Bocke nieder lenkte ein kleiner, handlicher Postillion die etwas unwirschen Rosse. Bekanntlich traktiert man sonst die Pferde mit der Geisel, den Geiselstecken hat man bloß der Geisel' wegen und aus Hochmut, um klepfen zu können. Nun schlug aber dieser Postillion ganz handlich mit dem Geiselheft auf das Roß los, welches von der Hand an der Deichsel lief, und prätschte ihm seine Hinterbacken so weidlich trotz einem alten Schulmeister vom vorigen Jahrhundert. Endlich sagte ein Passagier, der im Cabriolet saß: »E, Postillion, dGeisle, dGeisle, nit drStecke!« »Da Donner tut nüt um dGeisle«, schnauzte der Postillion, »aber wart er nume, da Donner! Sobald ih drDirekter gseh, su säg ihs ihm, da Hagel muß mr i dRegierig!« »Postillion, nehmt Euch in acht!« sagte der Passagier, »denkt, wie es denen geht, welche den schuldigen Respekt vergessen! Und wenn ich auch in der Regierig war?« »Mira, meinetwegen«, sagte der Postillion, sah aber doch dem Passagier ins Gesicht. Der fragte: »Warum aber soll das Roß in die Regierig?« Da sagte der Postillion: »He, dert chas de da Hung mynethalb a di angere la«, drehte sich wieder um, knallte mit der Geisel, daß einem die Ohren surreten, kehrte die Peitsche um und karbatschte wieder darauf los, als ob er noch profitieren wollte, ehe das Roß in den Schutz des Achtungsgesetzes käme. (380) Berthold Auerbach Der Gevattersmann 1845-1848 Wenn er das Sieden verträgt Der Herzog Karl von Württemberg, der im vergangenen Jahrhundert gelebt hat, war ein gar gestrenger Herr und wollte alles in der Welt, d.h. in seiner, württembergischen Welt, nach seinem eigenen Kopf ummodeln. Einstmalen reitet der Herzog Karl auf einem schönen Schimmel durch das Städtchen Calw im Schwarzwalde. In dieser Stadt war ein sehr berühmter Färber, er steht eben vor dem Hause und zieht seine Mütze ab. »Hör Er einmal«, sagt der Herzog, »kann Er mir den Schimmel da blau färben?« »Ja, Durchlaucht, wenn er das Sieden verträgt«, antwortet der Färber. Der Herzog ist still davongeritten. Diese Geschichte hat aber in unseren Tagen auch noch eine Bedeutung, und zwar eine besondere. Viele möchten gerne das ganze deutsche Volk und die Menschen überhaupt ganz andern, durch allerlei – wenn sie nur das Sieden vertragen würden. Und es geht da leicht wie bei einem einzelnen Menschen, man kann einen zu Tod doktern. Gottlob aber, das deutsche Volk ist gesund und braucht nicht so viele Verordnungspflaster, und albern ist der, der es modeln möchte, wie er's gerade gern hätte. (381) Besonderer Tisch Der vorhin erwähnte Herzog Karl hat einmal im heißen Sommer in dem Städtchen Nagold zu Mittag gegessen oder eigentlich gespeist, wie die großen Herren tun. Kommt eine Unzahl von Fliegen und speist mit, uneingeladen, und summen miteinander und laufen hin und her – und gehören doch gar nicht an eine fürstliche Tafel. Da wird der Herzog bös und sagt zu der Wirtin: »Ins Teufels Namen, deck Sie den Mücken besonders!« Die Wirtin ist still und tut, wie ihr befohlen. Nach einer Weile tritt sie wieder vor den Herzog und macht einen Knicks und sagt: »Gedeckt ist, befehlen jetzt Eure Durchlaucht, daß sich die Mücken setzen.« Hiervon kannst du selber die Anwendung machen. (382) Was suchst du? War ein Mann bös mit seiner Frau, wie das ja so oft vorkommt, weil sie ihm in alles dreinredete, oder sonst aus einem Grunde; kurzum, der Mann schmollte mit ihr und nimmt sich vor, eine lange Zeit auch kein Sterbenswörtlein mit ihr zu reden. Er hält das auch ein paar Tage ganz streng. Eines Abends liegt er im Bette und will schlafen; er zieht die Schlafmütze über die Ohren, und die Frau mag nun reden, was sie will, er hört's nicht. Da nimmt die Frau das Licht und leuchtet damit in alle Winkel und Ecken, sie rückt Stühle und Schränke weg und schaut, was dahinter. Der Mann richtet sich im Bette auf und sieht fragend umher, er meint, das Stöbern muß doch endlich und endlich einmal aufhören. Aber weit gefehlt. Die Frau macht in einem fort. Nun bricht dem Mann die Geduld, und er fragt: »Was suchst du denn?« »Deinen Mund«, antwortet sie, »und den habe ich jetzt gefunden. Jetzt sag, warum bist du denn bös?« Und sie sind wieder gut miteinander geworden. Nachschrift des Doktor Gscheitle: Diese Geschichte hat auch noch einen tiefern Sinn: Die Frau ist die Zeitung oder, wie man's sonst heißt, die Presse, kurzum, die Stimme des Volkes, der Mann – die Regierung, die selber nicht erklären will, warum und weswegen das und das geschieht, und die überhaupt nicht will, daß man ihr dreinrede, sondern bloß, daß man ihr gehorche. Nun schmollt sie und spricht gar nicht. Nun kommt die Zeitung mit ihrem Licht und leuchtet überall hin, bis die Regierung fragt: »Was suchst du denn?« Dann gibt eine Red die andere, und es ist schön, wenn man sich dann verständigt. (383) Der unbequeme Weg Auf einem Rathause, in dem es vormals viele Mäuse gegeben haben soll, bis man in neuerer Zeit die Mauslöcher zustopfte und Öffentlichkeit und helles Licht einführte, was den Mäusen gar nicht paßt – auf diesem Rathause ließ sich ein Dieb freiwillig einsperren, das heißt, er war bisher kein Dieb, sondern machte sich jetzt erst dazu. Als abends alle Türen geschlossen wurden, duckte sich der Diebskandidat in eine Ecke, und spät in der Nacht, da alles still geworden war, wollte er auch keinen Lärm machen, öffnete ganz leise die Türe und darauf die Kasse, drin die Gemeindegelder waren. Um ja die Menschen nicht aus ihrer Ruhe aufzustören, hatte er sich die Stiefel ausgezogen; und nachdem er sich alle Taschen gefüllt hatte, belegte er sich noch die Sohlen inwendig mit doppelten Talern, und er ward auch ganz stolz, da er so auf Talern ging und stand! Nun ward er aber herablassend, indem er ein Seil an das Fensterkreuz gebunden hatte, sich hinausschwang und hinabzurutschen suchte. Aber das Seil schnitt ihm tiefe Schrunden in die Hände, fast bis auf die Knochen, und noch ein Stockwerk hoch vom Boden entfernt, ließ er vor Schmerzen los und stürzte herab. Wie weh tat das jetzt, als das Talerpflaster und das Steinpflaster aufeinanderstießen! Der arme Reiche knackte zusammen, wie wenn er nie auf zwei Beinen gestanden hätte. Nun da er zu Falle gekommen war, sprang das Geld aus den Taschen wie treulose Freunde. Da lag er jetzt und konnte kein Glied rühren; und als es Tag wurde, versammelte sich eine große Menge Menschen um ihn. Es war leicht zu sehen, was da vorgefallen oder eigentlich herabgefallen war. Der Doktor Gscheitle war auch mit unter den Versammelten, und er sagte zu dem vormaligen Kandidaten, der jetzt sich zum Dieb examiniert hatte: »Aber guter Mann, warum habt Ihr den sonderbaren Weg genommen, warum seid Ihr nicht auch die Treppe heruntergegangen wie die anderen Herren auch?« Er ist ein Pfiffikus, der Gscheitle, er weiß seine Bosheiten anzubringen, daß man ihm nicht beikommen kann. (384) Volkskundliche Sammlungen des 19. Jahrhunderts Volksschwank Der gute Handel Ein Bauer, der hatte seine Kuh auf den Markt getrieben und für sieben Taler verkauft. Auf dem Heimweg mußte er an einem Teich vorbei, und da hörte er schon von weitem, wie die Frösche riefen: »Ak, ak, ak, ak.« – »Ja«, sprach er für sich, »die schreien auch ins Haberfeld hinein: sieben sind's, die ich gelöst habe, keine acht.« Als er zu dem Wasser herankam, rief er ihnen zu: »Dummes Vieh, das ihr seid! Wißt ihr's nicht besser? Sieben Taler sind's und keine acht.« Die Frösche blieben aber bei ihrem »Ak, ak, ak, ak«. – »Nun, wenn ihr's nicht glauben wollt, ich kann's euch vorzählen.« Er holte das Geld aus der Tasche und zählte die sieben Taler ab, immer vierundzwanzig Groschen auf einen. Die Frösche kehrten sich aber nicht an seine Rechnung und riefen abermals: »Ak, ak, ak, ak.« –»Ei«, rief der Bauer ganz bös, »wollt ihr's besser wissen als ich, so zählt selber«, und warf ihnen das Geld miteinander ins Wasser hinein. Er blieb stehen und wollte warten, bis sie fertig wären und ihm das Seinige wiederbrächten, aber die Frösche beharrten auf ihrem Sinn, schrien immerfort: »Ak, ak, ak, ak«, und warfen auch das Geld nicht wieder heraus. Er wartete noch eine gute Weile, bis der Abend anbrach und er nach Haus mußte, da schimpfte er die Frösche aus und rief: »Ihr Wasserpatscher, ihr Dickköpfe, ihr Klotzaugen, ein groß Maul habt ihr und könnt schreien, daß einem die Ohren weh tun, aber sieben Taler könnt ihr nicht zählen! Meint ihr, ich wollte da stehen, bis ihr fertig wärt?« Damit ging er fort, aber die Frösche riefen noch »Ak, ak, ak, ak« hinter ihm her, daß er ganz verdrießlich heimkam. Über eine Zeit erhandelte er sich wieder eine Kuh, die schlachtete er und machte die Rechnung. Wenn er das Fleisch gut verkaufte, könnte er so viel lösen, als die beiden Kühe wert wären, und das Fell hätte er obendrein. Als er nun mit dem Fleisch zu der Stadt kam, war vor dem Tore ein ganzes Rudel Hunde zusammengelaufen, voran ein großer Windhund. Der sprang um das Fleisch, schnupperte und bellte: »Was, was, was, was.« Als er gar nicht aufhören wollte, sprach der Bauer zu ihm: »Ja, ich merke wohl, du sagst: ,Was, was', weil du etwas von dem Fleisch verlangst; da sollt ich aber schön ankommen, wenn ich dir's geben wollte.«- Der Hund antwortete nichts als: »Was, was.« »Willst du's auch nicht wegfressen und für deine Kameraden da gutstehen.« – »Was, was«, sprach der Hund. »Nun, wenn du dabei beharrst, so will ich dir's lassen; ich kenne dich wohl und weiß, bei wem du dienst. Aber das sage ich dir: In drei Tagen muß ich mein Geld haben, sonst geht dir's schlimm. Du kannst mir's nur hinausbringen.« Darauf lud er das Fleisch ab und kehrte wieder um; die Hunde machten sich darüber her und bellten laut: »Was, was.« Der Bauer, der es von weitem hörte, sprach zu sich: »Horch, jetzt verlangen sie alle was, aber der große muß mir einstehen.« Als drei Tage herum waren, dachte der Bauer: »Heute abend hast du dein Geld in der Tasche«, und war ganz vergnügt. Aber es wollte niemand kommen und auszahlen. »Es ist kein Verlaß mehr auf jemand«, sprach er, und endlich riß ihm die Geduld, daß er in die Stadt zu dem Fleischer ging und sein Geld förderte. Der Fleischer meinte, es wäre ein Spaß, aber der Bauer sagte: »Spaß beiseite, ich will mein Geld! Hat der große Hund Euch nicht die ganze geschlachtete Kuh vor drei Tagen heimgebracht?« Da ward der Fleischer zornig, griff nach einem Besenstiel und jagte ihn hinaus. »Wart«, sprach der Bauer, »es gibt noch Gerechtigkeit auf der Welt!« und ging in das königliche Schloß und bat sich Gehör aus. Er ward vor den König geführt, der da saß mit seiner Tochter und fragte, was ihm für ein Leid widerfahren wäre. »Ach«, sagte er, »die Frösche und die Hunde haben mir das Meinige genommen, und der Metzger hat mich dafür mit dem Stock bezahlt«, und erzählte weitläufig, wie es zugegangen war. Darüber fing die Königstochter laut an zu lachen, und der König sprach zu ihm: »Recht kann ich dir hier nicht geben, aber dafür sollst du meine Tochter zur Frau haben. Ihr Lebtag hat sie noch nicht gelacht, als eben über dich, und ich habe sie dem versprochen, der sie zum Lachen brächte. Du kannst Gott für dein Glück danken.« »Oh«, antwortete der Bauer, »ich will sie gar nicht. Ich habe daheim nur eine einzige Frau, und die ist mir schon zuviel; wenn ich nach Hause komme, so ist mir nicht anders, als ob in jedem Winkel eine stände.« Da ward der König zornig und sagte zu ihm: »Du bist ein Grobian.« »Ach, Herr König«, antwortete der Bauer, »was könnt Ihr von einem Ochsen anders erwarten als Rindfleisch!« »Warte«, erwiderte der König, »du sollst einen andern Lohn haben. Jetzt pack dich fort, aber in drei Tagen komm wieder, so sollen dir fünfhundert vollgezählt werden.« Wie der Bauer hinaus vor die Tür kam, sprach die Schildwache: »Du hast die Königstochter zum Lachen gebracht, da wirst du was Rechtes bekommen haben.« »Ja, das mein ich«, antwortete der Bauer, »fünfhundert werden mir ausgezahlt.« »Hör«, sprach der Soldat, »gib mir etwas davon! Was willst du mit all dem Geld anfangen!« »Weil du's bist«, sprach der Bauer, »so sollst du zweihundert haben; melde dich in drei Tagen beim König, und laß dir's aufzählen.« Ein Jude, der in der Nähe gestanden und das Gespräch mit angehört hatte, lief dem Bauer nach, hielt ihn beim Rock und sprach: »Gotteswunder, was seid Ihr ein Glückskind! Ich will's Euch wechseln, ich will's Euch umsetzen in Scheidemünz, was wollt Ihr mit den harten Talern;« »Mauschel«, sagte der Bauer, »dreihundert kannst du noch haben, gib mir's gleich in Münze, heut über drei Tage wirst du dafür beim König bezahlt werden.« Der Jude freute sich über das Profitchen und brachte die Summe in schlechten Groschen, wo drei so viel wert sind als zwei gute. Nach Verlauf der drei Tage ging der Bauer, dem Befehl des Königs gemäß, vor den König. »Zieht ihm den Rock aus«, sprach dieser, »er soll seine fünfhundert haben.« »Ach«, sagte der Bauer, »sie gehören nicht mehr mein; zweihundert habe ich an die Schildwache verschenkt, und dreihundert hat mir der Jude eingewechselt, von Rechts wegen gebührt mir gar nichts.« Indem kam der Soldat und der Jude herein, verlangten das Ihrige, das sie dem Bauer abgewonnen hätten, und erhielten die Schläge richtig zugemessen. Der Soldat ertrug's geduldig und wußte schon, wie's schmeckte; der Jude aber tat jämmerlich: »Au weih geschrien! Sind das die harten Taler?« Der König mußte über den Bauer lachen, und da aller Zorn verschwunden war, sprach er: »Weil du deinen Lohn schon verloren hast, bevor er dir zuteil ward, so will ich dir einen Ersatz geben. Geh in meine Schatzkammer und hol dir Geld, soviel du willst!« Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen und füllte seine weiten Taschen, was nur hinein wollte. Danach ging er ins Wirtshaus und überzählte sein Geld. Der Jude war ihm nachgeschlichen und hörte, wie er mit sich allein brummte: »Nun hat mich der Spitzbube von König doch hinters Licht geführt! Hätte er mir nicht selbst das Geld geben können, so wüßte ich, was ich hätte; wie kann ich nun wissen, ob das richtig ist, was ich so auf gut Glück eingesteckt habe!« »Gott bewahre«, sprach der Jude für sich, »der spricht despektierlich von unserm Herrn; ich lauf und geb's an, da krieg ich eine Belohnung, und er wird obendrein noch bestraft.« Als der König von den Reden des Bauern hörte, geriet er in Zorn und hieß den Juden hingehen und den Sünder herbeiholen. Der Jude lief zum Bauer: »Ihr sollt gleich zum Herrn König kommen, wie Ihr geht und steht.« »Ich weiß besser, was sich schickt«, antwortete der Bauer, »erst laß ich mir einen neuen Rock machen; meinst du, ein Mann, der so viel Geld in der Tasche hat, sollte in dem alten Lumpenrock hingehen?« Der Jude, als er sah, daß der Bauer ohne einen andern Rock nicht wegzubringen war, und weil er fürchtete, wenn der Zorn des Königs verraucht wäre, so käme er um seine Belohnung und der Bauer um seine Strafe, so sprach er: »Ich will Euch für die kurze Zeit einen schönen Rock leihen aus bloßer Freundschaft; was tut der Mensch nicht alles aus Liebe!« Der Bauer ließ sich das gefallen, zog den Rock vom Juden an und ging mit ihm fort. Der König hielt dem Bauer die bösen Reden vor, die der Jude hinterbracht hatte. »Ach«, sprach der Bauer, »was ein Jude sagt, ist immer gelogen, dem geht kein wahres Wort aus dem Munde; der Kerl da ist imstand und behauptet, ich hätte seinen Rock an.« »Was soll mir das?« schrie der Jude. »Ist der Rock nicht mein? Hab ich ihn Euch nicht aus bloßer Freundschaft geborgt, damit Ihr vor den Herrn König treten konntet?« Wie der König das hörte, sprach er: »Einen hat der Jude gewiß betrogen, mich oder den Bauer«, und ließ ihm noch etwas in harten Talern nachzahlen. Der Bauer aber ging in dem guten Rock und mit dem guten Geld in der Tasche heim und sprach: »Diesmal hab ich's getroffen.« (385) Dat Mäken von Brakel Et ging mal 'n Mäken von Brakel nah de Sünt Annen Kapellen unner de Hinnenborg, un weil et gierne 'n Mann hewwen wulle un ok meinde, et wäre süss neimes in de Kapellen, sau sang et: »O hilge sünte Anne, Help mi doch bald to'm Manne. Du kennst 'n ja wull: He wuhnt var'm Suttmerdore, Hett gele Hoore: Du kennst 'n ja wull.« De Köster stand awerst hünner den Altare un höre dat. Da reep he mit 'ner ganz schrögerigen Stimme: »Du kriggst 'n nig, du kriggst 'n nig.« Dat Mäken awerst meinde, dat Marienkinneken, dat bie de Mudder Anne steiht, hedde um dat toropen. Da wor et beuse und reep: »Pepperlepep, dumme Blae, halt de Schnuuten un lat de Möhme kühren die Mutter reden !« (386) Der dumme Hans Ein Wirt hatte einen einzigen Sohn, der hieß Hans; der mochte nichts arbeiten und nichts lernen und blieb in allen Dingen dumm. Da sagte sein Vater zu ihm eines Tages: »Hör mal, Hans, du bist nun groß und stark, verstehst aber noch nichts; du mußt jetzt fort von hier und in der Welt dich umsehen und wandern, damit du auch gescheit wirst.« »Ja, Vater«, sagte Hans, »das will ich tun; gib mir nur Geld, daß ich leben kann!« Das versprach ihm der Vater ; sagte aber, daß er vor der Abreise erst noch beichten müsse. Nachdem Hans nun gebeichtet hatte, gab ihm der Pfarrer folgende vier Punkte als Buße mit auf den Weg: erstens, er solle sieben Jahre lang keinen Wein trinken; zweitens, sieben Jahre lang kein Fleisch essen; drittens, sieben Jahre lang in keinem Federbett liegen, und viertens, diese sieben Jahre hindurch bei keinem Mädchen schlafen. – Darauf füllte ihm sein Vater einen Beutel mit Geld, und dann wanderte er wohlgemut in die Welt hinaus. Es dauerte aber gar nicht lang, da war der Geldbeutel leer, und Hans konnte in kein Wirtshaus mehr einkehren und sah sich genötigt, die Klöster aufzusuchen. So kam er eines Abends auch ganz ermüdet und hungrig in ein Kloster und bat um ein Unterkommen und um ein Nachtessen. Da holte ihm die Klosterfrau sogleich eine Flasche Wein her und sagte, er solle sich daran einstweilen erquicken. »Ach«, seufzte Hans, »der Pfarrer hat mir als Beichtbuße für sieben Jahre den Wein verboten!« Sprach die Klosterfrau: »Hat er dir auch Champagner verboten?« »Nein«, sagte Hans, »den hat er mir nicht verboten.« »Nun gut«, sagte die Frau, »so trink du nur in Gottes Namen, denn das ist Champagner!« Darauf holte sie einen Braten, zerschnitt ihn und nötigte Hansen zum Essen. »Ach«, sagte Hans wieder, »der Pfarrer hat mir als Beichtbuße auferlegt, sieben Jahre lang kein Fleisch zu essen!« Fragte die Frau: »Hat er dir auch Braten verboten?« »Nein«, sagte Hans, »bloß Fleisch hat er mir verboten.« »Nun«, sagte die Klosterfrau, »so laß dir in Gottes Namen den Braten schmecken!« Als es endlich Zeit war, zu Bett zu gehen, führte ihn die Klosterfrau in eine Kammer an ein schönes Bett. Wie Hans das aber sah und anfühlte, seufzte er und sprach: »Ach, der Pfarrer hat mir als Beichtbuße auferlegt, sieben Jahre lang in keinem Federbett zu liegen!« »Hat er dir«, fragte die Klosterfrau, »auch verboten, auf Flaumen zu schlafen?« »Nein«, sagte Hans, »das hat er mir nicht verboten.« »Nun, so leg dich in Gottes Namen hinein! Denn dies ist ein Flaumenbett.« Nachdem Hans sich ausgekleidet und in das weiche Bett gelegt hatte, kam die Klosterfrau noch einmal zu ihm in die Kammer und fragte, ob er schon schlafe. »Nein«, sagte Hans, »noch nicht; aber ich war eben daran, einzuschlafen.« »Nun«, sagte die Frau, »so rück ein wenig an die Seite und laß mich bei dir schlafen! Das Bett hat Platz für uns beide; denn wenn zwei beieinander liegen, so wärmen sie sich. Wie kann ein einzelner warm werden? sagt der Prediger Salomo.« »Ach«, seufzte Hans wieder, »der Pfarrer hat mir als Beichtbuße aufgelegt, sieben Jahre lang bei keinem Mädchen zu schlafen.« »Hat er dir auch verboten, bei einer Klosterfrau zu schlafen?« fragte die Frau. »Nein«, sagte Hans, »das hat er mir nicht verboten«, und ließ die Klosterfrau getrost an seiner Seite schlafen. Das Leben im Kloster gefiel dem Hans aber so gut, daß er gar nicht forteilte; und da die Klosterfrau ihn ebenfalls gern bei sich behielt, so blieb er da, aß Braten und trank Champagner und schlief bei der schönen Klosterfrau, bis die sieben Jahre herum waren. Da gab er vor, er müsse seinen Vater einmal besuchen, worauf ihm die Klosterfrau ein schönes Reitpferd mitgab und ihm den Geldbeutel füllte, und so ritt er hin vor das Wirtshaus seines Vaters. Der aber erkannte ihn nicht und sagte: »Wenn so doch auch einmal mein Hans aus der Fremde heimkehrte! Aber der wird alles verputzt und wenig verdient haben.« Wie aber die Mutter hereintrat, erkannte sie ihren Hans sogleich wieder, und nun waren alle vergnügt miteinander. Auch der Pfarrer wurde gerufen, und dem mußte Hans viel von seiner Reise erzählen. Zuletzt erinnerte der Pfarrer ihn noch, daß er jetzt auch wieder beichten müsse. Als Hans am nächsten Sonntag zum Pfarrer ging, um zu beichten, fragte ihn dieser: »Nun Hans, sag mir einmal aufrichtig : Hast du alles gehalten, was ich dir auferlegt habe? . Hast du in diesen sieben Jahren keinen Wein getrunken?« »Nein«, sagte Hans, »keinen Tropfen Wein, sondern immer nur Champagner.« »Ei, um Gottes willen«, rief der Pfarrer, »das ist ja noch schlimmer! Das ist ja der vornehmste Wein! – Aber Fleisch wirst du doch nicht gegessen haben?« fragte er weiter. »Nein«, sagte Hans, »kein Bröckele Fleisch, sondern immer nur Braten.« »Ei, das ist ja das vornehmste Fleisch!« sprach der Pfarrer. »Aber in Federn hast du doch nicht geschlafen?« »Nein«, sagte Hans, »in keinen Federn, sondern immer nur in Flaumen.« »Ei, das sind ja die vornehmsten Federn! – Aber bei keinem Mädchen wirst du hoffentlich geschlafen haben?« »Nein«, sagte Hans, »ich habe niemals bei einem Mädchen, sondern immer nur bei einer Klosterfrau geschlafen.« »Um Gottes willen«, rief der Pfarrer, »das ist ja das Allerschlimmste! Die Klosterfrau ist ja unsers Heilands Schwester!« »Ei, so ist der Heiland ja mein Schwager«, sagte Hans, »der wird mir schon weiterhelfen.« (387) Der Müller Hillenbrand Ein Müller namens Hillenbrand war eifersüchtig auf seine Frau und glaubte, daß sie allzu freundlich gegen den Herrn Pfarrer sei. Um seiner Sache gewiß zu werden, unternahm der Müller eine Reise nach Seebronn, traf unterwegs einen Mann mit einer »Krätze« auf dem Rücken und bat ihn, daß er ihn in die Krätze nehmen und unvermerkt in die Mühle tragen und daselbst mit ihm übernachten möge. Der Mann war dazu bereit und brachte ihn wohl verborgen wieder in die Mühle und hing seine Krätze an die Wand. Da kam alsbald auch der Pfarrer und setzte sich mit der Frau zu Tisch, und beide aßen und tranken und wurden so lustig miteinander, daß sie zuletzt ein Lied anstimmten. Da sang zuerst der Pfarrer: »Wenn wir gegessen und getrunken hab'n, Dann liegen wir auf Stroh. Viderallala, Viderallala!« Darauf sang die Frau: »Mein Mann, der ist nach Seebronn aus, Ist zehn Stund weit von hier. Viderallala, Viderallala!« Dann fiel der Krätzemann ein und sang nach derselben Weise weiter: »Dort steckt ein Nagel in der Wand, Dort hängt mein lieber Hillenbrand. Viderallala, Viderallala!« Da regte sich's auf einmal in der Krätze, und der Müller selbst sang zum Schluß: »Jetzt kann ich aber nimmer schweigen, Jetzt muß ich aus meiner Krätze steigen. Viderallala, Viderallala!« Und dann kam er heraus und nahm einen Stock und jagte den Pfarrer zur Mühle hinaus. (388) Der Gang zur Apotheke Es wurde einmal ein Knabe in die Apotheke geschickt, um ein Nichts im Wasserl zu holen. Er fürchtete, den Namen der Arznei zu vergessen, und sagte daher auf dem Wege immer vor sich hin: »Nichts im Wasserl – nichts im Wasserl.« Einige Fischer, die am Wege saßen und seine Worte hörten, wurden darob überaus zornig, gaben ihm eine gute Zahl Ohrfeigen und sagten, er müsse nicht sagen: »Nichts im Wasserl«, sondern: »Einen nach dem andern.« Der Bube merkte sich das, absonderlich wegen der Ohrfeigen, und sagte nun immerfort: »Einen nach dem andern – einen nach dem andern.« Bald kam er an einem Haufen Leute vorbei, die zusahen, wie einer gehängt wurde. Er ließ sich nicht irre machen und wiederholte fleißig sein: »Einen nach dem andern.« Die Leute, die das hörten, wurden zornig, verwiesen ihm seinen Mutwillen und sagten: »Du mußt sagen: Gott tröste die arme Seel!« Der Bube ließ sich nicht zweimal warnen und sagte in einem fort: »Gott tröste die arme Seel – Gott tröste die arme Seel!« Mit diesen Worten ging er seines Weges, und es begegnete ihm bald ein Schinder mit einem krepierten Rosse. Dieser ward zornig über den Buben seiner gottlosen Rede wegen und prügelte ihn tüchtig durch. Dann gab er ihm Weis und Lehre und sagte: »Du mußt sagen: Das Sauleder stinkt.« Der Bube merkte sich die Worte fleißig, absonderlich wegen der Prügel, und sagte nun immerfort: »Das Sauleder stinkt – das Sauleder stinkt.« Da kam des Weges ein Herr mit einer schönen Frau am Arme, und als der die Worte des Buben hörte, ward er krebsrot vor Zorn, wichste ihm mit seinem Stocke ein paar Ordentliche auf und gab ihm dann neue Weis und Lehr, indem er sagte: »Du mußt sagen: Dieses ist ein schönes Ding.« Der Bube merkte sich die Worte fleißig, absonderlich wegen der Streiche, und sagte immerfort: »Dieses ist ein schönes Ding – dieses ist ein schönes Ding.« Sein Weg führte ihn an einem Schusterhaus vorbei, an dessen Fenster der Meister gerade Schuhe nagelte. Wie dieser den vorbeigehenden Buben ein- um das anderemal sagen hörte: »Dieses ist ein schönes Ding«, ward er neugierig und schaute zum Fenster hinaus. Während er die Augen anderswo als bei der Arbeit hatte, schlug er sich einen Nagel in den Finger. Deshalb wurde er über den armen Buben zornig, lief hinaus und haute ihn tüchtig durch. Der Bube getraute sich nun nimmer zu sagen: »Das ist ein schönes Ding.« Und weil ihn der Schuster auch nichts anderes dafür gelehrt hatte, so hatte er gar nichts zu sagen, und er wußte nicht, was er in der Apotheke verlangen sollte. Er kehrte also um und schleimte beeilte sich sich nach Hause zurück, zu Vater und Mutter. Diese verlangten von ihm die Arznei, und weil er keine mitgebracht hatte, so ging die Musik aufs neue los, und der Bube bekam Schläge, daß sich ein Stein über ihn hätte erbarmen mögen. (389) Das Pferdeei Es war mal ein Bauer, der hieß Hans, der ging in die Stadt zu Markte. Und als er da so herumschlenderte, sah er einen Händler sitzen, der hatte ein paar große Kürbisse zu verkaufen; da fragte er ihn: »Bruder, was sind das für Dinger, die du da zu Markte gebracht?« »Pferdeeier«, antwortete der andre. »Ei du liebe Zeit«, sagte Hans, »Pferdeeier? Die sind wohl sehr teuer?« »Nun, bezahlen lassen sie sich schon noch; sieh mal hier das rotbraune, das gibt einen prächtigen Fuchs und kostet nur zehn Taler!« Das dünkte den Hans nicht allzuviel für einen schönen Fuchs, und schnell borgte er das Geld und kehrte zu dem Händler zurück. Nun wollte er aber auch genau wissen, wie es ausgebrütet werde. Und der andre sagte ihm, er müsse es selbst ausbrüten und es daure volle vier Wochen; während dieser Zeit dürfe er ja nicht von demselben aufstehen, oder, müsse er es ja einmal tun, so möge er's doch ja recht warm zudecken und solle sich auch lieber die ganze Zeit über von seiner Frau füttern lassen, damit er auch eine recht hitzige Brut habe. Das prägte sich Hans alles ganz genau ein und eilte nun mit seinem Pferdeei nach Hause, wo er seiner Frau mit großer Freude erzählte, was er für einen schönen Handel gemacht, und gar nicht die Zeit erwarten konnte, bis sie ihm das Nest zurecht gemacht. Zu dem Ende legte sie sogleich ein paar Bund Stroh im Stall zusammen, machte in der Mitte eine Vertiefung, in welche sie das Ei legte, und nun setzte sich Hans drauf, und seine Frau mußte ihn füttern und noch ein paar Bund Stroh um ihn schütten, damit er nur eine recht hitzige Brut hätte. Endlich, als aber nun die vierte Woche zu Ende kam, da sprang er auf und horchte an dem Ei und klopfte dran, aber der Fuchs wollte sich noch nicht rühren. Da konnte er seine Ungeduld nicht länger zügeln, nahm das Ei und ging damit hinters Haus, wo ein großer Stein lag, gegen den warf er es. Und da der Kürbis innen schon ganz verfault war, so flogen die Stücke weit umher, und eins davon fiel in ein kleines Gesträuch, in dem grade ein Fuchs lag und schlief; der sprang auf und lief eilig davon. Da glaubte Hans, es sei sein rotes Fohlen, und rief immer »Hiß! Hiß!« Und meinte: »Wenn's müde ist, wird's schon zurückkommen.« Aber es kam nicht, und Hans ging endlich betrübt wieder ins Haus und nahm sich vor, wenn er wieder ein Pferdeei kaufe, hübsch im Stall zu bleiben, damit das Fohlen nicht entwischen könne. (390) Die alte Slüksche Die alte Slüksche hatte eine rechte Schnüffelnase und konnte gleich alles riechen, was im Dorfe gebacken oder gebraten wurde. Nun wohnte da auch ein junger Bauer mit seiner Frau, der fing, da er eines Tages auf dem Felde pflügte, einen Hasen, gab ihn dem Knechte und schickte ihn damit zu seiner Frau, daß sie ihn auf den Mittag traten und zurichten sollte. Die Frau kriegte den Hasen auch zu Feuer, und als er nun recht briet und brutzelte und schön braun wurde, so hatte es die alte Slüksche gleich gewittert, kam in die Küche und schnüffelte mit ihrer langen Nase um den Braten herum. »Ach Gott, Nachbarin«, sprach sie zu der Bauersfrau, »das riecht mal schön und ist so appetitlich, lasse Sie uns mal ein Stück davon probieren!« »Nein, nein«, sagte die Frau, »wenn das mein Mann merkt, so kriege ich Schläge.« »Ach Gott«, sagte die alte Slüksche und hielt ihre Schnüffelnase dicht über den Braten, »nur ein ganz kleines Stückchen, das merkt er ja nicht.« Da ließ sich die Frau bereden und schnitt ein Stück von dem Braten ab, und das schmeckte so schön, daß sie noch ein zweites Stück abschnitt, und als sie erst in den Geschmack kamen, da verzehrten sie endlich den ganzen Braten. »O weh«, sprach da die Frau, »was soll ich nun sagen, wenn mein Mann zu Hause kommt und findet den Braten nicht.« »Och«, sagte die alte Slüksche, »wenn er fragt, so sagt nur, Ihr wüßtet von nichts; er möchte wohl geträumt haben.« Damit wischte sie ihr Maul und ging weg. Den Mittag, da der Bauer zu Hause kam und die Frau ihm sein gewöhnliches Essen vorsetzte, fragte er, wo denn der Hase wäre, den sie ihm auf den Mittag hätte zurichten sollen. »Ich habe keinen Hasen gesehen«, antwortete die Frau und stellte sich ganz verwundert. »Ei!« sprach der Mann, »ich habe dir doch diesen Morgen durch den Knecht einen Hasen geschickt und dabei sagen lassen, du solltest ihn auf den Mittag zurechtmachen, und nun weißt du von nichts?« »Ach Mann, das hat dir die Nacht wohl nur geträumt; besinne dich nur recht, so wird es dir wohl einfallen.« »Es ist doch sonderbar«, dachte der Bauer, »daß man so lebhaft träumen kann; meinte ich doch, ich hätte meiner Frau einen leibhaftigen Hasen geschickt, und nun ist es doch nur ein Traum gewesen.« Eine Zeit danach trug es sich zu, daß der Bauer auf dem Felde eine Wachtel fing; da schickte er sie durch den Knecht zu seiner Frau und ließ ihr sagen, sie sollte die Wachtel auf den Mittag braten und zurechtmachen. Die Frau kriegte das Wachtelchen auch gleich in die Pfanne, und als es nun recht briet und brutzelte, so hatte es die alte Slüksche mit ihrer Schnüffelnase gleich gewittert und kam in die Küche geschlichen, und als sie da das Wachtelchen so schön braun in der Pfanne liegen sah, sprach sie zu der jungen Frau: »Ach Gott, Nachbarin, das riecht so schön und ist so appetitlich; lasse Sie uns doch ein Stückchen davon probieren.« »Ach nein!« sagte die Frau, »wenn das mein Mann merkt, so kriege ich Schläge.« »Ach, nur ein kleines bißchen«, sprach die alte Slüksche, »das merkt er ja nicht.« Da ließ sich die Frau bereden und schnitt dem Wachtelchen erst ein Bein ab und dann das andere, und endlich verzehrten die beiden das ganze Wachtelchen, daß nichts davon überblieb. »O weh«, sprach da die Frau, »was fange ich nun an, wenn mein Mann zu Hause kommt und findet das Wachtelchen nichts« »Och«, sagte die alte Slüksche, »wenn er fragt, so sagt nur, das möchte ihm wohl geträumt haben.« Damit wischte sie ihr Maul und ging weg. Den Mittag, da die Frau ihrem Manne sein gewöhnliches Essen brachte, fragte er, wo denn das Wachtelchen wäre, das er ihr diesen Morgen geschickt hätte. »Du hast wohl wieder geträumt«, sprach die Frau und tat ganz verwundert, »ich habe kein Wachtelchen gesehen.« »Ei!« sagte der Bauer, »es ist doch sonderbar, daß man so lebhaft träumen kann.« – Aber diesmal hatte er doch gemerkt, daß ihn seine Frau zum besten hatte, und dachte: »Warte nur, dich will ich anführen«, schnitt sich drei Haselstöcke und brachte sie heimlich in die Kammer. »No ja«, dachte die Frau, die es gesehen hatte, »nun geht's mir aber schlecht.« Sie wußte sich aber doch zu helfen. In der Abendzeit, während ihr Mann nicht zu Hause war, ging sie zu der alten Slükschen und sagte zu ihr: »Wißt Ihr was? Ihr könntet diese Nacht wohl mal bei meinem Manne in der Kammer schlafen.« »Liebend gern«, sagte die alte Slüksche, »das will ich wohl tun.« Und den Abend ging sie hin und legte sich in der Frau ihr Bett. Bald danach kam der Bauer, der meinte, seine Frau läge da im Bette, im Dunkeln hereingeschlichen, schnitt ihr die Haare ab und prügelte sie so lange, bis die drei Haselstöcke in Stücken waren. Dann gab er ihr noch einen Schub, daß sie aus der Türe flog. Am andern Morgen aber brachte die Bauersfrau ihrem Manne ganz vergnüglich den Kaffee. Sprach der Mann: »Nun Frau, wie haben die Schläge geschmeckt?« »Welche Schläge?« »Nun, die mit den drei Haselstöcken.« »Ich glaube gar, du hast wieder geträumt; ich hab keine Schläge gekriegt.« »So? Dann habe ich dir auch wohl die Haare nicht abgeschnitten? Setz mal gleich deine Mütze ab!« Das tat die Frau, und da sah der Bauer, daß sie noch alle Haare auf dem Kopfe hatte. »Hol mich der Kuckuck«, rief er da, »nun sehe ich doch wohl ein, daß alles nur ein Traum gewesen ist.« Die alte Slüksche mit der Schnüffelnase hatte aber noch lange einen blauen Buckel zu tragen und schnüffelte so bald nicht wieder. (391) Die dümmste Frau Es war einmal ein Schlachter, der machte Bankrott. Da sagte er zu seiner Frau: »Nun will ich graben und auf Tagelohn arbeiten.« Als er aber ein paar Tage gegraben hatte, da waren ihm seine Hände wund, und er sprach zu seiner Frau: »Ich muß nur wieder schlachten.« Er ging also aufs Land, sich ein Kalb zu kaufen, und als er in ein Dorf kam, fragte er, ob sie nicht ein Kalb zu verkaufen hätten. »Nein«, sagten die Leute, »wir haben nichts; aber hier nahebei wohnt ein Müller, der hat fünf Ochsen.« Da sagte der Schlächter: »Die kann ich auch brauchen«, und ging nach der Mühle. Als er nun nach der Mühle kam, war der Müller nicht zu Hause. Der aber hatte, als er ausging, zu seiner Frau gesagt: »Wenn da jemand kommen sollte und wollte auf die Ochsen handeln, so kannst du sie nur für fünfzig Taler das Stück losschlagen; für weniger aber sind sie nicht feil.« Nun kam der Schlächter; er fragte die Frau, ob sie nicht die Ochsen verkaufen wollte? »Ja«, sagte sie, »für fünfzig Taler das Stück, für weniger aber nicht.« Der Schlachter war's zufrieden und wollte so viel geben. »Aber«, sagte er, »ich habe jetzt nicht so viel bar Geld bei mir; wenn ich alle fünf auf einmal nehme, so können wir's ja so abmachen, daß ich zwei gleich mitnehme und dafür die drei übrigen Ihr so lange zum Pfände lasse, bis ich komme und das volle Kaufgeld bringe.« Die Frau sagte, daß er's machen könnte, wie's ihm eben paßte, und war froh, einen so schnellen und vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben. Als nun ihr Mann nach Hause kam, fragte er sie gleich: »Na, hast du die Ochsen verkauft?« »Jawohl«, sagte die Frau, »alle fünf auf einmal an einen Schlachter aus der Stadt, das Stück für fünfzig Taler und um keinen Schilling weniger.« »Das ist ein guter Handel«, dachte der Mann, aß erst ein wenig, und nachdem er gegessen, verlangte er das Geld zu sehen. Da antwortete die Frau: »Das Geld habe ich noch nicht bekommen, der Schlachter aber wird es in vierzehn Tagen bringen, wenn er die drei letzten Ochsen abholt; die hat er so lange zum Pfand hier gelassen, zwei hat er gleich mitgenommen.« »Nun«, sagte der Mann, »da ist doch auf Gottes weiter Welt kein dümmeres Frauenzimmer, als du bist«, und er ward ärgerlich genug. »Ich will noch vierzehn Tage warten, aber kommt binnen der Zeit der Schlachter nicht, so reise ich weg und komme in meinem Leben nicht wieder, wenn ich nicht eine dümmere finde, als du bist.« – Der Müller wartete nun noch vierzehn Tage; aber wer nicht kam, das war der Schlachter; der Müller reiste also fort. Er war nun schon ziemlich lange gereist, und nirgends in der Welt hatte er noch eine dümmere Frau gefunden als die, welche er zu Hause gelassen. Endlich aber kam er bei einem Schlosse an, wo eine verwitwete Gräfin wohnte; da sprang der Müller immer hoch auf und gaffte in den Himmel. – Die Gräfin ward ihn vom Fenster aus gewahr und schickte gleich ihre Kammerjungfer hinunter, ihn zu fragen, was er doch da vorhätte oder was ihm fehle. Der Müller sagte: »Wir haben eben im Himmel einen Tanz gehalten, da kam ich der Luke zu nahe und bin heruntergefallen; nun kann ich gar nicht den rechten Sprung wieder kriegen, um hinauf zu kommen. Ich muß nur weiter gehn und suchen, ob ich nicht anderswo die rechte Fährte wiederfinde.« Er tat nun, als wenn er fortginge, und dabei sah er noch immer in den Himmel. Aber die Kammerjungfer hatte der Gräfin kaum die Nachricht von dem Müller gebracht, so kam diese selber ihm nachgelaufen und fragte; wenn er aus dem Himmel gefallen sei, ob er denn auch ihren verstorbenen Mann kennte. »Ach ja«, sagte der Müller, »den kenne ich ganz gut, ich habe noch eben mit ihm getanzt.« »Wenn das ist, lieber Mann«, sagte die Gräfin, »so kann Er mir auch wohl sagen, ob mein seliger Herr noch Seine großen Stiefel trägt mit den goldenen Sporen und seinen grünen Rock?« Da antwortete der Müller: »Gnädige Frau, der gnädige Herr hat neulich die goldenen Sporen aus Not verkaufen müssen, die Stiefel hat er noch, aber sie sind schon ganz entzwei, den grünen Rock trägt er auch noch, aber da guckt der Ellenbogen schon heraus.« »Gott sei mir gnädig«, rief die Gräfin, »das ist ja eine Schande, wie schlecht es ihm. da geht. Höre Er, Er könnte mir einen großen Gefallen tun, wenn Er für den seligen Herrn etwas Zeug zu einem neuen Rock mitnehmen wollte. Mein Sohn trägt gerade noch ebensolche. Ich will Ihm dann auch noch vierhundert Dukaten mitgeben und ein bißchen Gutes zu essen und trinken.« Der Müller sagte, daß er das alles herzlich gern besorgen wolle; und die Gräfin gab ihm nun alles mit auf den Weg. »Das wäre doch eine, wie ich sie suchte«, sagte er und ging fort. Bald darauf aber kam der Junker zu Hause und fand seine Mutter ganz traurig und in großer Betrübnis. Er fragte sie nach der Ursache. »Ach«, sagte die Gräfin, »da war hier eben ein Mann aus dem Himmelreich, der hat mir so schlechte Nachricht vom seligen Papa gebracht; der hat seine goldenen Sporen schon aus Not verkauft, seine Stiefel sind entzwei und sein Rock ist zerrissen; ich habe nun dem Mann etwas Zeug und vierhundert Dukaten mitgegeben; es tut mir wirklich so herzlich leid um den seligen Papa.« Der Sohn sah gleich, wie es damit wäre, ließ schnell seinen Schimmel satteln und jagte dem Müller nach. Es dauerte nicht lange, so merkte der Müller, daß einer hinter ihm drein käme. Verstecken konnte er sich nirgends; aber da begegnete ihm eine alte Frau. Die fragte er, was er ihr geben sollte, wenn sie ruhig eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, unter seinem Mantel auf der Erde sitzen wollte. Die Frau verlangte fünf Taler, aber der Müller gab ihr zehn, wenn sie nur genau das tun wollte, was er verlange. Das versprach sie und kroch unter den Mantel. Nach einem Augenblick so war der Junker auf dem Pferde bei ihnen und fragte den Müller, ob er einen Mann habe eilig vorüberlaufen sehen. Da sagte der Müller: »Ja, vor einer Viertelstunde ging hier einer rasch vorüber, und zuweilen lief er sogar. Er nahm den Weg da quer übers Moor; aber wenn Ihr nur auf meinen Bienenkorb hier sehen und die Bienen mir hüten wolltet, so lange bis der ausgeflogene ganze Schwarm drinnen ist, so wollte ich den Mann Euch bald wieder einbringen.« Der Junker versprach ihm noch ein gutes Trinkgeld obendrein, stieg ab und wollte die Bienen hüten; der Müller aber saß schnell auf und jagte mit dem Schimmel davon. Da sah der Junker bald, daß es kein Bienenkorb, sondern eine alte Frau wäre, und nun ging er nach Hause ohne den Schimmel. – Und als ihn seine Frau Mutter fragte, ob er denn den Mann gefunden, so sagte er: »Ja, ich habe ihn bald gefunden und habe ihm auch noch den Schimmel mitgegeben, damit er eher hinkommt.« Der Müller aber reiste wieder zu seiner Frau. Und als er bei ihr ankam mit dem Schimmel und mit den vierhundert Dukaten und mit dem Zeug zu einem neuen grünen Rock und mit all dem guten Essen und Trinken, das er dem seligen Herrn nach dem Himmel hatte mitnehmen sollen, da sagte er zu ihr: »Nun will ich bei dir bleiben, denn ich habe doch eine dümmere gefunden, als du bist, und habe sogar noch mehr verdient, als alle fünf Ochsen wert sind.« (392) Die Sündflut Es war einmal ein Bauer, der ging zur Kirche. Der Herr Pastor predigte über die Sündflut und daß Noah in einem Kasten sich gerettet, er ermahnte auch seine Zuhörer zur Wachsamkeit. Als der Bauer nun nach Hause ging, so dachte er über die Predigt nach. Das Ding ging ihm gewaltig im Kopfe herum. »Wie«, dachte er bei sich, »wenn nun abermals eine Sündflut käme?« Dann sagte er laut: »Dat schall mi nich beschuppen.« – Er nahm seinen großen Backtrog, befestigte an jedem Ende einen Strick und zog ihn nun mit Hilfe seines Knechts auf den Boden, wo er die beiden Stricke um zwei Hahnenbalken schlang, so daß der Backtrog in freier Luft schwebte. Darauf trug er Butter, Brot, Wurst, Schinken und Speck hinein, und aus Vorsicht, daß ihn das vielleicht zur Nachtzeit plötzlich anschwellende Wasser im Bette nicht überraschte, schlief er jede Nacht oben in seinem Backtrog. Der Bauer hatte aber eine hübsche Frau, die es nicht wenig verdroß, jede Nacht allein zu sein. Auf der Nachbarschaft wohnte ein Schmied. Der erriet sehr bald ihre Gedanken und hoffte, das Spiel zu gewinnen. Er besuchte in der nächsten Nacht die Frau, allein trotz aller Bitten konnte er es nicht weiter bringen, als daß er ihr die Hand küssen durfte. Damit war er schlecht zufrieden. Doch er kam in der nächsten Nacht wieder, und auch in der dritten, aber konnte es immer nicht weiter bringen als bis zum Handkuß. Da ging er ganz erbittert weg und dachte sich zu rächen. Am nächsten Abend kam er wieder, und als sie ihm abermals bloß die Hand zum Kuß reichte, zog er schnell ein glühend Eisen hervor, das er in der linken Hand hinter dem Rücken gehalten hatte, und verbrannte der armen Frau die ganze Hand, indem er sprach: »Betrügst du mich, betrüge ich dich.« Da fing die Frau gar ängstlich an zu schreien: »Wasser! Wasser!« Sie meinte wegen ihrer verbrannten Hand; aber der Mann oben im Backtrog meinte, daß die Sündflut käme und seine Frau schon ertrinken wollte, schnitt die Stricke ab, damit sein Schiff flott würde, und der Backtrog fiel – und fiel durch die Luke auf die Diele, und der Bauer, der darin war, brach den Hals. (393) Der Edelmann und der Bauer Dar is mal 'n Eddelmann weß, dee hett twee Schimmels halt, un 'n Buurn is dar weß, dee hett uk twee Schimmels hatt. Nu hett de Eddelmann so geern all veer Schimmels hebb'n wullt, un de Buur hett uk so geern all veer hebb'n wullt. Do maakt se sick af, se wullt sick wat vertell'n, un dee denn toeers seggt: Dat 's Lögen, dee hett verspelt. Nu geiht't Vertell'n je los. Toeers kümmt de Eddelmann. He hett Roben hatt, seggt he, op sien'n Kamp, un dar is een so 'n grot Röw mank weß, dee hebbt söben Mann to Wag' bohr'n müßt. »Oha«, seggt de Buur, »dat wer awer 'n Röw!« »Nu hebbt se ehr je hen to Huus föhrt«, seggt de Eddelmann, »un hebbt ehr aflad't. Un nu hebbt se 'n öl Sog' hatt, dee hett dar ümmer vun freten. Do hebbt se de Sog' mal verlarn hatt un hebbt dar ümmerlos nah söcht. Un do hebbt se ehr toletzt in de Röw funn'n. Dar hett se sick so wiet rinfreten hatt un hett dar mit veerteihn Farken in seten.« »Oha«, seggt de Buur, »dat wer awer 'n Röw!« Nu kümmt de Buur je an 'e Reehg'. Em hett dröömt, seggt he, he wer dotbleben un wer in 'n Himmel kam'n. Do hadd' dar linker Hand den Eddelmann sien Mudder seten und hadd' Gös' hott, un rechter Hand hadd' den Eddelmann sien Vadder seten un hadd' Swien hött. »Dat 's Lögen!« seggt de Eddelmann. »Ja«, seggt de Buur, »Lögen schüllt 't uk sien, all veer Schimmels sünd mien.« Nu is de Eddelmann je so falsch weß op den Buurn, dat dee all veer Schimmels kregen hett, un he luur't dar ümmer op, wo he em dat mal trüchbetahl'n kann. Nu geiht he mal in 't Holt op 'e Jagd, de Eddelmann. Do springt dar 'n Hasen vor em op, un de Eddelmann schütt achter den Hasen her. De Has' springt dör 'n Knick un löppt nah de Koppel rop, wo de Buur grad' bie to harken is, un dat liek up den Buurn to. Do nimmt de Buur sien'n Harkenstöl un leggt so op den Hasen an, as wenn he em dotscheeten will. Un bootz! fall't de Has' vor em hen un is dot. Do meent de Buur, he hett em dotschaten. Un he besücht sien'n Harkenstöl un seggt: »Dööwel! Dat hadd' 'ck ne dacht, dat dat dar ruutgahn hadd'!« Nu ward de Eddelmann je schimpen un seggt to den Buurn, dar mutt he Straf för hebb'n, dat he em den Hasen dotschaten hett. Un he schall nah 'n Sloß henkam'n un schall Prügels hebb'n. As de Buur nu ringeiht nah 'n Sloß, do kümmt he dör so 'n siden Gang hendör, dar hebbt Specksieden un Wüß hängt. Do kümmt he gau bie un kriggt sick 'n Siet Speck heraf, un dee stickt he sick op 'n Puckel ünner 'n Kittel. Un do geiht he dar je hen, wo he sien Prügels hebb'n schall. As he nu wa' ruutkümmt, do luurt de Eddelmann all op em un freit sick. Un do sucht he, dat de Buur so 'n dicken Puckel hett. Do meent he, de Puckel is em swull'n vun de Prügels. Un do seggt he: »Na, heß nu nog'?« »Ja«, seggt de Buur, »so vel heff ick, dat ick un mien Fruu un Kinner dar 'n veer Weken vun leben künnt.« De Eddelmann hett de Prügels meent, un de Buur hett dat Speck meent. (394) Der Bauer und der Professor Dar is mal 'n Buurn weß, dee is mit 'n Föhr Holt to Stadt. Un do verköfft he dat eers op een Sted' un naher op 'n anner Sted' un kriggt sien Holt je duwwelt betahlt. Do högt he sick je, wat he eenmal för 'n kloken Mann is. Nu sitt dar Studenten vor 't Weertshuus, de drinkt dar Beer. Do seggt he to de Studenten: »Jungs«, seggt he, »nu seggt mi mal, wo geiht dat eenmal to, dat ji hier in de Stadt so lang' nah Schol gähn möt? Wilk vun juu hebbt je all örntli so 'n bäten Bartwarks ünner de Nes'. Bie uns«, seggt he, »op'n Dörp'n, wenn de Jungs kunfermeert sünd, denn sünd se dar je mit liekut, mit dat öl Quälkram.« »Ja«, seggt de Studenten, »in de Stadt, dar möt se mehr lehrn äs op'n Lann'. Darför sünd se denn uk je so veel klöker naher.« »Och, ji grön'n Bengels«, seggt he, »wat ji juu inbild't! Ick bün klöker äs ji. Ich bün noch klöker äs juun Professer.« Oho, seggt se un lacht, denn schall he man mal mitkam'n nah ehr'n Professer; denn schall he dat wull to sehn kriegen. »Ja, man to!« seggt de Buur. De Studenten drinkt ehr Beer je ut, un de Buur geiht mit ehr. As se bie den Professer sien Huus kaamt, do geiht de een Student eers mal rop un seggt den Professer Bescheed, dat dar 'n Buurn is nedd'n, dee will klöker wesen äs he is. Ja, denn schüllt se man mal mit em rop kam'n, seggt de Professer. As de Studenten mit den Buurn rin kaamt, »na«, seggt de Professer to em, »und Sie wollen klüger sein als ich?« »Ja, dat bün ick uk«, seggt de Buur. »Ja, wollen wir mal fünf Taler wetten?« seggt de Professer. »Ja, man to!« seggt de Buur. De Professer leggt fif Daler op 'n Disch, un de Buur sett dar fif Daler gegen. »Na«, seggt de Professer, »dann sagen Sie mir mal, wie hieß Jesus seine Mutter»« »Dee hett Maria heeten«, seggt de Buur. »Ja, die Frage war zu leicht«, seggt de Professer, »ich will Ihnen eine andere vorlegen.« »Nee, holt puß!«seggt de Buur. »Nu bün ick an de Reehg'. Nu segg'n Se mi mal, wo hett mien öl Grotmöhm heeten?« »Ja, mein lieber Mann, wie kann ich das wissen?« »Ja, dat heff ick je seggt«, seggt de Buur, »ick bün klöker äs Se. Mien Grotmöhm heet Else Katrin, un de teihn Daler sünd mien.« Un darmit raakt de Buur sick dat Geld vun'n Disch, un datut de Dör herut. (395) Der Neujahrsglückwunsch Dor sünd eens twee Eddellüüd' wäst. De een het sien Buern got hollen, un de anner – dee het dree Buern hatt –, dee het se slicht hollen. As nu Niejohr rankümmt, het de ierst Eddelmann den annern to Gast laden, un äs se bie Disch sitten, kamen den Eddelmann sien Buern an un wünschen em 'n fröhliches Niejohr. Dit geföllt jo den annern, un he seggt to sien Buern, dat nächste Johr süllen se dat bie em ok maken. Na ja. Niejohr kümmt wedder ran, un de tweet Eddelmann het jo nu ok sien Nahwers to Gast laden. De dree Buern hebben dat so unnereenanner afräd't: De ierst will den Spruch herbäden, de beiden annern soelen blot seggen: »De gnädig Fruu ok« un »de Gesellschaft ok«. As nu de Buern ringahn willen nah de Stuw', hackt de ierst Buer mit sien Stäwel – dee sünd intwei wäst – an den Süll fast un sleiht jo nu pardautz rin nah de Stuw'. Dor denkt he nich an sienen Spruch un röppt: »Hal di de Deuwel!« »De gnädig Fruu ok!« röppt dor de tweet. »Un de ganze Gesellschaft!« Dat is de Buern ehr Niejohrsglückwunsch wäst. (396) Der tote Hund Een Herr kümmt eens bie sienen Scheper antorieden un süht, dat dee wat in sienen Sack het. Den Herrn is dat verdächtig, un he fröggt den Scheper, wat he dorin hadd'. Sienen dodigen Hund, seggt de Scheper. De dodig Hund künn em doch nicks nützen. »Oh, Herr, wenn he nich bitt, so schuugt he doch«, anwuurt't de Scheper. Denn süll he em mal utschürren, he wull em sehn. Ja, dat künn he jo don. – De Scheper schurrt den Hund ruut ut 'n Sack. Dat Pierd verfihrt sick, springt bie Siet un smitt den Herrn af. »Sehn Se woll«, het de Scheper wedder seggt, »wenn he nich bitt, so schuugt he doch.« (397) Der faule Mäher Een Buer het so 'n faulen Knecht hatt, den het he eens mit twee Arbeitslüüd' to 'n Meinen up 't Feld schickt. As se nu een Swadd afmeiht hebben, seggt de Knecht: »So, nu will'n w' man ierst 'n bäten Frühstück äten!« As se dormit fardig sünd, drieben de annern an, nu müßten se woll wedder meihen. »Nee«, seggt de Knecht, »will'n 't man ierst 'n bäten sacken laten.« So blifft dat den ganzen Dag bie. »Dat will ick woll up mi nähmen«, seggt de Knecht. As dat Abend is, packt he sick sien Kiep vull Pierd'dung, un se gähn af. As se bie den Buern kamen, seggt de Knecht, he hadd' 'n groten Schatz funnen, de ganze Kiep wir vull Gold. Dor seggt de Euer, dat wull he hebben. Nee, seggt de Knecht, dat gew' he nich ruut. Dor fängt de Euer an to schimpen: Wat up sienen Acker funnen wir, dat wir sien, he süll dat nu up de Städ' hergäben. Dor seggt de Knecht, wenn de Euer em dat nähmen wull, denn wull he, dat dat ganze Gold in de Kiep to Pierd'dung würd un dat all dat Kuurn up 'n Feld, wat se afmeiht hadden, wedder upstünd' bet up dree Swadd. De Buer find't jo nu ok den Pierd'dung in de Kiep un schickt de Diern ruut, se sall nahsehn, ob dat Kuurn ok wedder upstahn wir. De Diern löppt immer de dree Swadd entlang un vertellt naher den Buern: »De dree Swadd heff ick noch redd't, rögen deden s' sick ok all. Oewer all dat armer Kuurn stund' wedder upricht't dor.« (398) Jochem Ochs Es waren einmal ein Paar Bauersleute, die hatten keine Kinder, und so sehr sie auch den lieben Gott darum baten, er schenkte ihnen keins. Da kalbten eines Tages zwei schöne Kühe des Bauern zu gleicher Zeit, und als er die Kälberchen so ansah, kam ihm der Gedanke: »Wie war's, wenn du die Tierchen an Kindes Statt annehmen würdest!«Er rief Muttern herbei, und da diese sich mit der Sache einverstanden erklärte, so wurde Kindelbier gefeiert, und die beiden Kälber wurden Jochem und Krischan genannt. Sie wuchsen und gediehen, daß es eine Freude war, die Sache mit anzusehen. Doch Jochem. schien der Bäuerin besser geraten zu wollen als Krischan; deshalb hing ihr Herz an ihm. Und als die Tiere drei Jahre alt geworden waren und der Bauer sie vor den Pflug spannen wollte, sprach sie darum: »Wie kann ein Vater seinen Kindern so tun; Und wenn es noch Krischan wäre! Aber Jochem ist zu gut zum Ziehen.« Doch der Bauer dachte: »Wenn's auch deine Söhne sind, lernen müssen sie etwas«, wischte aus dem Auge eine Träne und fuhr mit den Ochsen zu Acker. Als er die erste Furche gezogen hatte und den Pflug umdrehen wollte, sah er am Grenzrain unter dem Baume fünf junge Herren sitzen, die taten sich gütlich bei Brot, Braten und Wein. »Heda, Bauer«, rief einer von ihnen, »will Er auch ein Glas Wein mittrinken?« »Recht gern, liebe Herren«, antwortete der Bauer, ging hin und trank einen guten Schluck; dann fuhr er fort: »Was habt Ihr denn für ein Handwerk gelernt?« »Wir sind Studenten«, sagten die Herren. »Ach, das ist gewiß ein schönes Leben!« meinte der Bauer. »Ja, das ist es«, sprachen die Studenten, »es ist sogar das schönste Leben!« »Ich bin wohl schon zu alt dazu?« fragte der Bauer weiter; und als die Studenten gesagt hatten, mit ihm ginge es nicht mehr, fuhr er fort und sprach: »Was meint Ihr aber, werte Herren, sollten meine beiden angenommenen Söhne das Studieren wohl noch lernen? Von Jochem hält Mutter immer so große Stücke und meint, es sei Sund' und Schande, daß er in dem Pflug gehen und den Acker bestellen müsse. Krischan ist nicht so gut geraten.« Als die Studenten merkten, daß es dem Bauer Ernst sei mit seiner Rede, sprachen sie zu ihm: »Ei, warum sollte Jochem nicht ein Student werden können, wir sind es ja auch!« »Nun, dann nehmt ihn gleich mit!« antwortete der Bauer froh. »Nein, lieber Bauer, so geht das nicht«, entgegneten die Studenten, »erst müssen wir sehen, ob auf der hohen Schule auch noch Platz für ihn ist. Und dann kostet das Studieren Geld. Vierhundert Taler und einen Wispel Kartoffeln und einen Wispel Gerste muß Er schon daran wagen.« »Das will ich gerne tun«, versetzte der Bauer. Da sprachen die Studenten, sie würden ihm schreiben, wenn Jochem ankommen könne, sagten ihm Lebewohl, drückten ihm auch noch zum Abschied die Hand, und dann machten sie, daß sie in die Stadt zurückkamen. Dort setzten sie einen großen Brief auf, darin schrieben sie dem Bauern, Jochem sei angenommen und könne ein Student werden, er möge ihn nur bald bringen. Da spannte der Bauer den großen Wagen an und lud einen Wispel Gerste und einen Wispel Kartoffeln darauf, dann steckte er vierhundert Taler in die Tasche und fuhr in die Stadt; Jochem und Krischan trotteten hinterher. »Guten Tag, Ihr Herren«, sagte er zu den Studenten, »hier ist mein Jochem! Den Krischan habe ich auch mitgebracht, damit sich das arme Kind nicht zu sehr nach Muttern bangt.« »Hat Er auch das Geld nicht vergessen?« sprachen die Studenten. »Wie werd ich das Lehrgeld zu Hause lassen!« antwortete der Bauer und zählte die vierhundert Taler auf den Tisch. Darauf wurden der Wispel Gerste und der Wispel Kartoffeln abgeladen; und nachdem der Bauer sich noch schön bei den Studenten bedankt hatte, daß sie Jochem auf die hohe Schule verholfen, und als er erfahren hatte, übers Jahr könne er einmal nachfragen, was aus seinem Jungen geworden sei, stieg er wieder in den Wagen und fuhr auf das Dorf zurück. Die Studenten aber verkauften Jochem und Krischan an den Schlächter und die Gerste an den Bierbrauer, die Kartoffeln behielten sie für sich; von den vierhundert Talern jedoch und dem Gelde, das sie für die Ochsen und die Gerste bekommen hatten, lebten sie ein ganzes Jahr hindurch lustig in Saus und Braus. Als das Jahr zu Ende gegangen war, sprach der Bauer wieder in der Stadt vor, um seine Kinder zu besuchen. »Er ist ein gutes Vierteljahr zu spät gekommen«, sagten die Studenten, »Krischan hat die Stadtluft nicht vertragen können und ist gestorben.« »Ach, was frag ich nach Krischan«, antwortete der Bauer, »was mein Jochem macht, will ich wissen!« »Der hat schon ausstudiert«, erwiderten die Studenten, »und ist in der nächsten Stadt Bürgermeister geworden.« Das sagten sie aber, weil dort wirklich ein Bürgermeister war, der Jochem Ochs hieß. »Und das schreibt mir der Schlingel nicht einmal!« rief der Bauer voll Zorn. »Hab ich das schwere Geld an ihn gewagt, und nun ist er so! Na, warte nur, Junge, dir werd ich's besorgen!« Dann lief er spornstreichs nach Hause, nahm einen neuen Strang mit sich und die gute dreifachgeflochtene und mit schwarzem Leder überzogene Peitsche und ging damit in die Stadt, wo Jochem Ochs Bürgermeister war. »Wohnt der Schlingel, der Bürgermeister Jochem Ochs, hier?« fragte er den Nachtwächter, als er zum Rathaus gekommen war. »Ist Er des Teufels!« antwortete der Nachtwächter. »Wenn das unser Bürgermeister hört, so läßt er Ihn in Ketten legen und bringt Ihn an den Galgen.« »Das fehlte noch gerade!« schalt der Bauer, stieß den Nachtwächter beiseite und ging die Treppe hinauf in des Bürgermeisters Zimmer. Da saß er und hatte ein Paar große Vatermörder umgebunden und fuhr den Bauer strenge an, daß er so ohne weiteres in sein Zimmer gedrungen sei. Doch der Bauer verstand keinen Spaß. »Du nichtsnutziger Lümmel!« rief er zornig. »Kannst du deinem alten Vater, der dich studieren ließ, nicht einmal einen guten Morgen bieten?« Dann warf er dem Bürgermeister den neuen Strang über den Nacken, zog ihn vom Stuhle herab und schlug mit der dreifach geflochtenen Peitsche auf ihn ein, daß ihm Hören und Sehen verging. »Jetzt kommst du mit nach Hause; und da mag Mutter sagen, was sie will, du wirst wieder vor den Pflug gespannt ! Vierhundert Taler für ihn bezahlt, und dann schreibt er noch nicht einmal und wird Bürgermeister und bietet seinem alten Vater keinen guten Morgen!« Und indem er das sprach, schlug er unaufhörlich auf ihn ein. Der Bürgermeister schrie, als wenn er am Spieße stäche, aber es kam niemand, ihm zu helfen; und da der Bauer immer von vierhundert Talern redete, die er für ihn ausgegeben, rief er in seiner Angst: »Ich will Euch ja gerne die vierhundert Taler wiedergeben.« »Das ist etwas anderes«, antwortete der Bauer, »dann magst du meinetwegen im Amte bleiben; aber mein Sohn bist du nicht mehr.« Der Bürgermeister war froh, daß ihm der Bauer den Strang abnahm und die Peitsche in Ruhe ließ, lief zum Geldschrank und zahlte die vierhundert Taler auf den Tisch. Der Bauer strich das Geld ein, gab ihm noch zu guter Letzt einen Hieb mit der Peitsche, daß er daran denken konnte, und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Rathaus heraus und kehrte auf seinen Hof zurück. »Mutter«, sagte er, als er dort war, »wenn ein Ochse erst ein großer Herr wird, dann kennt er seinen eigenen Vater nicht mehr. Unser Jochem ist Bürgermeister geworden, trägt zwei Vatermörder und bot mir nicht einmal einen guten Morgen. Aber ich habe ihm die Peitsche zu schmecken gegeben; da rückte er wenigstens die vierhundert Taler heraus.« »Das ist doch noch ein Trost, Vater«, antwortete die Bäuerin, »aber soviel weiß ich, wir lassen nie wieder einen Ochsen studieren und Bürgermeister werden.« (399) Wie der Schulze in Teterow gepredigt hat As eis dei Preisters so knapp wiren, doon kemen dei Tetrowschen moeglich in dei Klemm. Denn ehr ull Paster wir dotbläben, un sei künnen narends ein'n annern herkriegen. Tauletzt föl ehr in, sei wullen den Schulten tau'n Preister maken. Un dei deer dat uck. As hei nu sien erst Prädigt hullen harr, kem em tau Uhren, dat dei Buern nich recht darmit taufräden wiren. – »Is mien Prädigt denn nich gelihrt naug'?« frög' hei sienen Nahwer. »Nee«, seggt dei, »so äs ick hüürt heff, fahlen dar latiensche Wüürd' mang.« »Ja«, seggt dei Schult, »denn möt ick mi man eis nah 'n Köster maken, ob dei kein weit. Ick heff kein up Lager.« Dei Köster wüßt twarst uck kein, säd' oewer tau em: »Kumm man mit nah 'n Hult, dar ward'n wi woll weck finnen!« Sei wiren noch nich wiet gahn, doon säd' dei Schult: »Wat is denn dat von 'n hohgen Boom?« »Jetzüh!« seggt dei Köster: »Dar hebben wi ja all ein: Hohg'boomus!« Dat duert nich lang', doon platzt dei Schult wedder ruut: »Dar is ja 'n Kraihgennest up dei Eik!« »Kraihgennestus!« säd' dei Köster. Ein End' wierer, dar leg' ein afräten Schauhschlarm. »Kiek«, seggt dei Schult, »ein afräten Schauhschlarm!« »Schauhrietrantus!« föl em dei Köster in't Wuurt. Am letzten End' kemen sei an ein lütt Huus. Vor dei Dör spalten dei Gören un steken darbie den Hund in 'n Sack. »Wat maken dei dar?« reep dei Schult. »All wedder ein«, seggt dei Köster: »Kruupindeisacktus! Un nu hest naug' Wüürd'!« Un doon gingen sei nah Huus. Den Schulten danzten sien Wüürd' den ganzen Dag in'n Kopp rüm, un hei künn gar nich uthullen, bet dei Sünndag kem. As hei nu endlich dar wir un dei Lüüd' nah dei Kirch gingen, stund' dei Köster all an dei Kirchendör: »Hüüt riet't man Näs' un Muul up«, säd' hei tau jederein'n, »hüüt ward 't juuch woll gefallen!« Dei Schult deer ja nu uck, wat hei künn. Un as hei ball tau End'n wir mit dei Prädigt, doon smeet hei sich in dei Bost un schreeg' mit luure Stimm: »Hohg'boomus, Kraihgennestus, Schauhrietrantus, Kruupindeisacktus. Amen!« As hei nu von dei Kanzel runner wir, kloppten em dei Buern up dei Schullern un säden: »Süh, Vaddermann, so 'n Prädigt laten wi uns gefallen!« (400) Vom Teufel, der den heiligen Geist aufgefressen hat Ein Pastor, der in seiner Gemeinde wenig beliebt war, versuchte lange Zeit vergeblich, sich die Zuneigung seiner Gemeindemitglieder zu verschaffen. Endlich glaubte er, ein wirksames Mittel dazu gefunden zu haben. Am folgenden Sonntag wollte er eine Predigt über des Teufel und über den heiligen Geist halten, und beide sollten der Gemeinde dann in leibhaftiger Gestalt erscheinen. Er rief den Küster zu sich und wies diesen an, am nächsten Sonntag einen schwarzen Kater und eine weiße Taube mit in die Kirche zu nehmen; während der Predigt solle er beide freilassen, und zwar zuerst den Kater bei den Worten: ‚Der Teufel komme über euch!‘ und dann die Taube bei den Worten: ,Der heilige Geist komme über euch!' Der Küster kam dem Wunsche des Pastors nach. Er verschärfte sich einen pechschwarzen Kater und eine weiße Taube, sperrte beide in einen Deckelkorb und nahm sie am nächsten Sonntag mit in die Kirche. Der Pastor betrat nach der Liturgie die Kanzel, um die Predigt: zu halten. Da er von der Wirksamkeit seines Mittels überzeugt war, begann er mit sicherer Stimme und in eindringlichem Tone von der Macht des Teufels zu sprechen. Als er dann an die Stelle kam: »Der Teufel komme über euch!«, siehe, da sprang plötzlich zum großen Entsetzen der Gemeinde ein feister, schwarzer Kater durch das Gotteshaus. Der Pastor hielt mit der Predigt einen Augenblick inne, damit die Wirkung um so größer sei; dann ging er zum zweiten Teile über, der vom heiligen Geist handelte. Mit beredten Worten sprach er von der Wirksamkeit des heiligen Geistes, des von Gott gesendeten Trösters, und schloß mit den Worten: »Der heilige Geist komme über euch!« Nun sollte die Taube erscheinen; sie blieb aber unsichtbar. Der Pastor wiederholte daher mit nachdrücklicher Stimme die Worte: »Der heilige Geist komme über euch!« Als sich aber auch jetzt noch keine Taube sehen ließ, wendete er sich mit verwunderter Miene nach der Seite hin, wo der Küster saß. Dieser verstand seinen Vorgesetzten und versetzte: »Ach, Herr Paster, de Düwel het den heiligen Geist upfräten!« So war denn auch dieses Mittel des Pastors, sich beliebt zu machen, fehlgeschlagen. (401) Der Pastor und der Bürgermeister Überschrift vom Herausgeber Dor was mal ees een Paster, dee besöcht eenen Schwerkranken, um em to trösten. As se nu beid' in 't Vertelln kamen wiren, säd' de Kranke to'n Paster, em harr de letzte Nacht dröömt, he wir storben, un doon wir he an de Himmelsdör kamen un Petrus harr em fragt, wer he wir und wat he wull. He harr antwuurt't, ob woll de Paster so un so dor wir, un dorbie harr he den Paster sienen Namen nennt. Oewer Petrus harr seggt, in'n Himmel wiren oewerhaupt keene Pasters. Oewer disse Red' ärgert sich de Paster natürlich nich wenig. He stund' baff up un ging fuurt. As he in't Wirtshuus kem, truff he dor den Burgemeister un verteilt den', wur em dat gähn wir. Donn ging de Burgemeister nah den Kranken hen un fohrt em hart an, wur he den Paster so wat seggen künn. »Je«, säd' de Kranke, »he hett mi jo nich to End' vertellen laten.« »Na, wat is denn noch wiere passiert?« frog' de Burgemeister. De Kranke säd': »As ick in'n Himmel nich rinlaten würd, ging ick nah de Höll, un äs de Düüwel mi ankamen sehg', begrüßt he mi all von wieden as ollen Bekannten un makt mi de Puurt glieks apen. As ick intreden wir, sehg' ick dor 'n Stohl stahn un dacht so bie mi: ‚Dor kannst du di jo 'n bäten verpusten.‘ Denn ick was von den wieden Weg sihr möd' worden. Mit eenmal oewer kreeg' ick 'ne bannige Uhrfieg', un de Düüwel schull up mi los: ‚Wur kannst du di up den' Burgemeister sienen Stohl setten!‘« Donn harr de Burgemeister ok sien Deel weg un künn jo nu ok afgahn. (402) Kopfarbeit ist hart Überschrift vom Herausgeber »Es der Harr Pastor ze Huus? Ich sollt im Jet bestelle«, fragte ein Bauer des Pastors Köchin. »Ja«, antwortete diese, »er sitzt droben auf seinem Studierzimmer; aber es ist heut Samstag, da studiert er seine Predigt, und dann darf ihn niemand stören.« »Wat«, sagte der Bauer, »es dann dat esu en harde Arbeit, wa' mer een Prädig mäht?« »Das versteht ihr dummen Bauern nicht«, erwiderte die Köchin, »weil ihr nur mit den Händen arbeitet; der Herr Pastor aber muß mit dem Kopf arbeiten.« »Do hat Ehr Räch dren«, sagte der Bauer, »esu en Kopparbeit es jet Hardes; dat sihn ich wall an mingen Oss, wann ich plöge.« (403) Kopfarbeit Überschrift vom Herausgeber Ein Bäuerlein fuhr für seinen Pastor einen Karren Holz und verlangte dafür einen Taler. »Einen Taler? Das ist zu viel!« sagte der Pastor. »Wat, zo vill?« erwiderte das Bäuerlein. »Ehr loßt Üch jo 'nen Daler för en Leichprädig bezahle, die doch gar kein Möh mäht.« »Ja, Mann Gottes, das ist auch Kopfarbeit.« »Kopparbeit?« rief das Bäuerlein. »Meint Ehr dann, mingen Oss dät de Kar m'em Stäzz träcke?« (404) Geistliche Gemeinsamkeit Überschrift vom Herausgeber Ein Pastörchen in der Eifel besaß neben dem Nieschen – seiner braven Köchin – und anderen guten Dingen auch eine Kuh, die er zuweilen in seinem Gartenbungert grasen ließ. Eines Tages aber war die Kuh auch in sein Kappusfeld Kohlfeld geraten, worüber sich das Nieschen sehr ärgerte. Es sagte daher zum Herrn Pastor: »Lot doch Öhre Koh nit esu eröm laufe! Se veruenet Üch noch Öhre ganze Garde.« »Do haß de Räch«, erwiderte dieser, »äwwer Niesche, sag doch nit immer Öhr Koh, Öhre Garde; daför sin mer doch zu lang beienander, sag leewer uns Koh, unse Garde. Dat hört sich och vill besser an.« Dies beherzigte das Nieschen auch; denn kurze Zeit darauf, als der geistliche Herr, der sich nach einigen gemütlichen Fläschchen mit ein paar Konfratern aus der Nachbarschaft auf einen Augenblick absentiert hatte, wieder ins Zimmer trat, flüsterte sie ihm vorwurfsvoll ins Ohr: »Äwwer, Harr Pastor, mäht doch uns Knöpp zo!« (405) Mißglückte Überführung Überschrift vom Herausgeber Es war einmal eine vornehme Frau, die war überaus eifersüchtig auf ihren Mann. Sie glaubte aber auch, Grund dazu zu haben, denn sie hatte erlauscht, daß wiederholt an ganz bestimmten Abenden leise Tritte nach der Kammer ihrer Dienerin gingen, und gerade an solchen Abenden, wo ihr Eheherr vorgab, einen kranken Freund besuchen zu müssen. – Ein solcher Abend war es auch, als der Mann zärtlich Abschied nahm und ihr eine recht gute Nacht wünschte. Als er, mit dem Hausschlüssel versehen, die Wohnung verlassen hatte, da sprach die Frau zu ihrer Dienerin: »Gehe und lege dich rasch in mein Bett, ich will mich in das deinige legen!« Und so geschah es auch; die Frau legte sich in das Bett ihrer Dienerin, und die Dienerin legte sich in das Bett ihrer Herrin. Als nun diese eine Zeitlang gelegen, da hörte sie auch den leisen Tritt ihres Eheherrn herannahen; die unverschlossene Kammertür wurde vorsichtig geöffnet und mit dem Schieber wieder verschlossen. Was da weiter geschah, konnte wegen der Dunkelheit nicht gesehen werden. Die Frau aber hatte ihren Mann auf frischer Tat ertappt und fing an, ihm eine tüchtige Strafpredigt zu halten. »Härrjeses, sinn Sie et, Madam?« rief der Diener Franz. »Han ich doch glich da Lavendel geroche.« (406) Der Scheidungsgrund Überschrift vom Herausgeber Eine Frau wollte sich von ihrem Mann scheiden lassen und ging deshalb zum Advokaten. »Aus welchem Grunde»«fragte dieser. »Well ich in nit mih ligge kann.« »Dat es keine Grund. Hat Ehr dann nicks anders? Schleiht ha Üch?« »Enä.« »Es hü v'leech 'ne Söffer?« »Dat künnt ich nit sage.« »'ne Verschwender?« »Och nit.« »Un wie steiht et dann met der eheliche Treu?« »Met der eheliche Treu?« rief die Frau. »Harr Dokter, jitz ha' mer et. Unser Kleinste es, nit vun im.« (407) Quellennachweise 1: Steinhöwels Äsop (1474), hrsg. von Hermann Österley. Tübingen 1873, Nr. 146 2: Steinhöwels Äsop (1474), hrsg. von Hermann Österley. Tübingen 1873, Nr. 157 3: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr. 4 4: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr.13 5: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr. 28 6: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr. 22 7: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr. 9 8: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr. 44 9: Augustin Tüngers Facetiae (1484), hrsg. von Adelbert von Keller. Tübingen 1874, Nr. 54 10-40: Heinrich Bebels Schwänke (1508-1512), zum ersten Male in vollständiger Übertragung hrsg. von Albert Wesselski. Bd. 1 bis 2 (drei Bücher), München, Leipzig 1907. Konkordanz der Nrn.: 10: 1,73; 11: 2,69; 12: 2,147; 13: 1,71; 14: 2,21; 15: 2,37; 16: 1,37; 17: 2,113; 18: 2,106; 19: 3,7; 20: 3,27; 21: 1,59; 22: 1,62; 23: 1,63; 24: 1,64; 25: 1,61; 26: 3,84; 27: 2,36; 28: 2,40; 29: 1,20; 30: 2,34; 31: 1,12; 32: 2,4.1; 33: 2,42; 34: 1,104; 35: 2,68; 36: 2,62; 37: 2,71; 38: 3,32; 39: 3,138; 40: 2,59. Neudruck des lateinischen Originals: Heinrich Bebels Facetien. Drei Bücher. Historisch-kritische Ausgabe von Gustav Bebermeyer. Leipzig 1931. 41-57: Schimpf und Ernst von Johannes Pauli (1522), hrsg. von Hermann Österley. Stuttgart 1866. Neuere Ausgabe: Johannes Pauli: Schimpf und Ernst, hrsg. von Johannes Bolte. Bd. 1-2, Berlin 1924. Konkordanz der Nummern: 41: 325; 42: 158; 43: 219; 44: 59; 45: 55; 46: 65; 47: 344; 48: 301; 49: 298; 50: 324; 51: 155; 52: 409; 53: 106; 54: 115; 55: 125; 56: 15; 57: 462. 58-63: Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel (1515). Nach: Till Eulenspiegel, hrsg. von Hermann Knust. Halle 1884, Nr.:17, 19, 39, 36, 38, 27. 64-84: Jörg Wickram: Das Rollwagenbüchlin (1555). Nach: Georg Wickrams Werke, hrsg. von Johannes Bolte. Bd. 3, Tübingen 1903. Konkordanz der Nummern: 64: 101 (Ausgabe 1557); 65: 39; 66: 63; 67: 34; 68: 26; 69: 38; 70: 56; 71: 79; 72: 5; 73: 29; 74: 36; 75: 17; 76: 25; 77: 7; 78: 15; 79: 2; 80: 58; 81: 22; 82: 9; 83: 62; 84: 107. 85-89: Jakob Freys Gartengesellschaft (1556), hrsg. von Johannes Bolte. Tübingen 1896, Nr. 28, 76, 10, 42, 90. 90-95: Michael Lindeners Rastbüchlein und Katzipori (1558), hrsg. von Franz Lichtenstein. Tübingen 1883. Nr.90-94 = Katzipori Nr. 17, 76, 85, 30, 96; Nr. 95 = Rastbüchlein Nr. 13. 96-99: Valentin Schumanns Nachtbüchlein (1559), hrsg. von Johannes Bolte. Tübingen 1893, Nr. 19, 7, 38, 35. 100: Martin Montanus: Wegkürtzer (1557), Nr. 17 101-108: Martin Montanus: Das Ander theil der Gartengesellschafft (1560), Nr.70, 72, 73, 101, 10, 8l, 19, 39. Nach: Martin Montanus' Schwankbücher, hrsg. von Johannes Bolte. Tübingen 1899. 109-122: Wendunmuth von Hans Wilhelm Kirchhof (1563-1603), hrsg. von Hermann Österley. Bd. 1-4 (7 Bücher), Tübingen 1869. Konkordanz der Nummern: 109: 1,81; 110: 1,153; 111: 1,95; 112: 1,101; 113: 1,105; 114: 5,34; 115: 2,176; 116: 1(2),47; 117: 1(2),43; 118: 1,192; 119: 1,181; 120: 1,331; 121: 1,332; 122: 1,348. 123-127: Wolfgang Büttner: Von Claus Narren (1572), Ausgabe Frankfurt 1602, S.208, 455, 9, 15, 53. 128-132: Hans Clawerts Werckliche Historien von Bartholomäus Krüger(1587), hrsg.vonTheobald Raehse. Halle 1882, Nr. 19, 20, 16, 27, 32. 133-135: Das Lalebuch (1597). Mit den Abweichungen und Erweiterungen der Schiltbürger (1598) und des Grillenvertreibers (1603), hrsg. von Karl von Bahder. Halle 1914, Nr. 32, 39, 41. 136-145: Johann Friedrich von Harten: Fünfftzig Newer vnnd zuvor im Truck nie außgangner Historien vnnd Geschichten. Ursell 1603, S.85, 29, 23, 31, 72, 39, 54, 52, 60, 95. 146-149: Otho Melander: Joco-seria. Das ist Schimpff vnd Ernst. Übersetzt von Wolfgang Ketzel. Lieh 1605, Teil 1, Nr. 295, 293, 73, 71 150-152: Raphael Sulpicius (Pseud. für Michael Kaspar Lundorf;: Wißbadisch Wisenbrünlein. 2 Teile, Frankfurt 1610, 1611. Teil 1, Nr.26, 87; Teil 2, Nr.93. 153-154: Julius Wilhelm Zincgref: Facetiae Pennalivm. Das ist Allerley lustige Schulbossen, o. O. 1618, S.21, 3. 155-158: Julius Wilhelm Zincgref: Der Teutschen Scharpfsinnige kluge Spruch. Teutscher Nation Apophthegmata. Straßburg 1626, S.364, 357, 369, 347. 159-171: Johann L. Talitz von Lichtensee: Kurtzweyliger Reyßgespahn. Wien, Luzern 1645. Konkordanz der Nummern: 159: 148; 160: 156; 161: 22; 162: 90; 163: 91; 164: 56; 165: 41; 166: 125; 167: 128; 168: 64; 169: 27; 170: 186; 171: 119. 172-175: Quirinus Pegeus (Pseud. für Georg Philipp Harsdörffer): Artis apophthegmaticae continuatio. Fortgeleite Kunstquellen, Denckwürdiger Lehrsprüche und Erfreulicher Hofreden. Nürnberg 1656, Nr.452l, 3903, 4966, 3970. 176-180: Ernst Wolgemuth: 500 Frische und vergüldete Haupt-Pillen. o. O. 1669, S.156, 134, 144, 135, 208. 181-184: Johann Petrus de Memel: Lustige Gesellschaft. (1656). Wieder erneuwerte und augirte Lustige Gesellschafft, o. O. 1660, Nr. 604, 4, 7, 50. 185-188: Johann Petrus de Memel: Gantz umbgekehrte Und Neuvermehrte anmüthige Lustige Geselschafft. o. 0.1700, S. 171, 268, 288, 303 = Fasciculus Facetarium novissimarum, Schnatterberg 1670, S.33, 144, 156, 167. 189-195: C.A.M. v.W.: Kurtzweiliger Zeitvertreiber (1666), 2. Aufl. o.O. 1668, S.41, 33, 31, 82, 13, 292, 87. 196-202: Fasciculus Facetarium novissimarum. Schnatterberg 1670, S. 108, 289, 216, 225, 161, 70, 196. 203-206: Ernst Immerlustig: Lieblicher Sommer-Klee und Anmuthiges Winter-Grün. o.O. 1670, Nr.27, 76, 192, 162. 207-215: Gepflückte Fincken oder Studenten-Confect. Franckenau (1667), 8.317, 321, Nr.204, 189, 131, 212, 36, 163, 222. 216-220: Marcus Alexius Zorobabel: Des Uhralten jungen Leyer-Matzs Lustiger Correspondentz-Geist. Lirum Larum Lülckendey 1670, Nr.89, 102, 157, 289, 311. 221-228: Des Abenteuerlichen Simplicissimi Ewig-währender Calender (1670). Nach: Grimmelshausens Werke, hrsg. von Hans Heinrich Borcherdt. Teil 4, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart (1927), S.106, 104, 88, 90, 96, 99, 92, 107. 229-230: Abraham a Santa Clara: Judas Der Ertz-Schelm. Teil 3, Salzburg 1692, S.208, 249. 231: Abraham a Santa Clara: Huy und Pfuy der Welt. 1707, S.104. 232: Andreas Strobl: Noch ein Körbel voll Oster-Ayr. Das ist: Ovi Paschalis der Anderte Theil. Salzburg 1698, S. 123. 233: Andreas Strobl: Außgemachter Schlüssel Zu dem Geistlichen Karten-Spihl (1708). Nach: Elfriede Moser-Rath: Predigtmärlein der Barockzeit. Berlin 1964, Nr. 98. 234: Mauritius Nattenhusanus: Homo Simplex et Rectus (1701). Nach Moser-Rath Nr. 171. 235: Johann Laurenz Heibig: Alveare Catholicum, Per Mysticas Apes Melle et Cera (1715). Nach Moser-Rath Nr.208. 236-237: Der Kurtzweilige und Noch niemals auff der Schau-Bühne dieser Welt aufgetretene Arlequin. Leipzig 1691, S.78, 381. 238-246: Curieuser Zeitvertreib. Cölln 1693, Nr.201, 205, 386, 393, 188, 86, 77, 328, 202. 247-250: Lyrum Larum Lyrissimum. o.O. 1701, Nr.246, 158, 321, 147. 251-258: Friedrich Julius Rottmann: Lustiger Historien-Schreiber. Freystadt 1717, S.39, 106, 187, 305, 248, 122, 26, 123. 259-262: Halecius Eyer-Platz (Pseud. für Johann Paul Waltmann): Der in allen Wissenschafften erfahrne und wohlstudirte Pickelhering, o.O. 1720, Nr.37, 13, 203, 58. 263: Der Ergötzende Schimpf und Ernst. Hall 1723, Nr. 498. 264-266: Daniel Elias Helmhack: Der Neu-vermehrte, lustige und Curiose Fabel-Hannß. Hall 1729, Nr.61, 59, 68. 267-268: Gottfried Rudolph von Sinnersberg (Pseud. für Johann Paul Waltmann): Der Lustige Teutsche. Hall 1729, S.298, 179. 269-270: Rudolph von Sinnersberg (Pseud. für Johann Paul Waltmann): Belustigung Vor Frauenzimmer und Junggesellen. Rothenburg 1747, Nr. 537, 591. 271-276: Odilo Schreger: Lustig- und Nützlicher Zeit-Vertreiber (1753), 6. Aufl. München 1765, S.504, 506, 522, 513, 544, 550. 277-315: Neuer Bienenkorb voller ernsthaften und lächerlichen Erzählungen. Bd. 1-9, Cöln 1768-1772. Konkordanz der Nrn.: 277: 1,191; 278: 6,191; 279: 7,141; 280: 1,178; 281: 1,132; 282: 7,166; 283: 4,119; 284: 6,146; 285: 1,192; 286: 7,139; 287: 1,223; 288: 5,1; 289: 4,148; 290: 4,150; 291: 7,131; 292: 4,167; 293: 7,84; 294: 9,59; 295: 9,27; 296: 4,64; 297: 6,59; 298: 7,177; 299: 8,32; 300: 6,52; 301: 8,58; 302: 4,80; 303: 8,48; 304: 6,50; 305: 7,82; 306: 7,151; 307: 4,53; 308: 1,227; 309: 4,149; 310: 8,79; 311: 7,174; 312: 7,178; 313: 7,176; 314: 1,64; 315: 8,97. 316-352: Friedrich Nicolai: Vade Mecum für lustige Leute. Bd. 1-10, o.O, 1764-1792. Konkordanz der Nrn.: 316: 4,190; 317: 9,145; 318: 7,28; 319: 3,13; 320: 7,125; 321: 7,70; 322: 9,27; 323: 8,130; 324: 5,61; 325: 9,136; 326: 7,165; 327: 9,43b; 328: 4,26; 329: 9,168; 330: 3,116; 331: 4,42; 332: 3,109; 333: 8,156; 334: 10,103; 335: 6,319; 336: 5,15; 337: 7,137; 338: 6,321; 339: 6,88; 340: 8,139; 341:6,143; 342:5,164; 343: 8,138; 344: 4,212; 345: 5,44; 346: 9,245; 347: 10,150; 348: 10,95; 349: 5,36; 350: 4,290; 35l: 5,131; 352: 9,238. 353-356: Die neue Lustige Gesellschaft. Cüstrin 1813, S.32, 36, 58, 57. 357-359: Der lustige und poßierliche Historienschreiber. Köln o.J. (ca. 1830), Nr.24, 43, 9. 360-362: Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein (1827, 1829). 2 Teile, 2. vermehrte Aufl. München 1835, 1839. Teil 2, Nr. 54; Teil 1, Nr. 42; Teil 2, Nr. 55. 363-370: Johann Peter Hebel, Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes (1811). Nach: Hebels "Werke, hrsg. von Otto Behaghel. Teil 2, Berlin, Stuttgart (1883), Nr. 22, 283 (aus dem Nachlaß), 79, 109, 12, 44, 238, 286 (aus dem Nachlaß). 371: Deutscher Volks-Kalender für das Jahr 1835-1842, hrsg. Von F.W.Gubitz. Berlin, Königsberg in der Mark 1835-1842, 1837 Januar. 372-380: Neuer Berner Kalender für das Jahr 1840-1845. Nach: Jeremias Gotthelf: Sämtliche Werke in 24 Bänden. Bd.23 und 24, hrsg. von Rudolf Hunziker und Hans Bloesch. Erlenbach-Zürich 1931,1932. Bd.23, S.210, 207, 326, Bd.24, S.217,108, 106, 222f. (Nr. 378-380). 381-383: Der Gevattersmann. Eine Volksschrift für 1845. Karlsruhe 1845, S.4, 5, 25. 384: Der Gevattersmann. Neuer Kalender für den Stadt- und Landbürger auf 1847, hrsg. von Berthold Auerbach. Braunschweig 1847, S.24. 385-386: Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm (7. Aufl. 1856). Berlin 1957, Nr.7, 139. 387-388: Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Stuttgart 1852, Nr.21, 41. 389: Ignaz und Joseph Zingerle: Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland. Regensburg 1854, S. 10. 390: Adalbert Kühn und Wilhelm Schwartz: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Leipzig 1848, S.330. 391: Wilhelm Busch: Ut oler Welt. Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime. München 1910, Nr.27. 392-393: Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Kiel 1845, S.413, 589. 394-395: Wilhelm Wisser: Plattdeutsche Volksmärchen. Jena 1914, S.187,66. 396: Oskar Dähnhardt: Schwänke aus aller Welt. Leipzig, Berlin 1908, S.151. 397-398: Richard Wossidlo: Aus dem Lande Fritz Reuters. Leipzig 1910, S. 135, 128. 399-400: Ulrich Jahn: Schwänke und Schnurren aus Bauern Mund. Berlin 1889, S. 54, 60. 401-402: Alfred Haas: Schnurren, Schwänke und Erzählungen von der Insel Rügen. Greifswald 1899, Nr. 15, 11. 403-407: Heinrich Merkens: Was sich das Volk erzählt. Deutscher Volkshumor. Bd. 1-3, Jena 1892-1901. Bd. 1, Nr. 121, 111; Bd. 2, Nr. 101; Bd. 1, Nr.152; Bd. 3, Nr.111.