Verschiedene Autoren Das Ghettobuch Inhalt Vorwort. Ben Jacob: Denkst du noch ... Schalom Asch: Der Vater und sein Sohn. David Pinksi: Der Erdgeist. M. Spector: Die Jugendfreunde. I. Zangwill: Die Lastträgerin. I. L. Perez: Die Verstoßene. Scholem Aleichem: Die Assentierung. Hermann Blumenthal: Der Sängerknabe. F. Brodowski.: Simches Kind. Hermann Menkes: Mein Freund Hamlet. Marek Scherlag: Eli, der Schaffer. Oskar Levertin: Kalonymos. L. Feierberg: Das Kälblein. Jehudah Steinberg: Schimschon der Greis. David Pinski: Im Sturm. Abraham Reisen: Die beiden Brüderchen. I. L. Perez: Volkstümliche Erzählungen. Schalom Asch: Sie hat vergessen... David Pinski: Ausgezeichnete Birnen A. S. Rabinowicz: Der Rabbi im Kerker. R. Zdziechowski: Die Enkelin. Hermann Menkes: Das Wunderkind. Hermann Blumenthal: Ein Frühlingsopfer I. L. Perez: Im Mondenschein. David Pinski: Gut jom tow wünschen. I. Zangwill: Joseph, der Träumer. G. Danilowski: Am Felsabhang. Von David Rothblum: Lose Blätter. Von David Pinski: Doch einmal geweint. I. L. Perez: Eine Schreckensnacht. J. E. Poritzky: Schachmedrogge. I. L. Perez: Mit gesenkten Augen. Schulem Alejchem: Die Wette. Vorwort. Hier etwa in einem breiten Vorwort erläutern, was unter Ghettonovellen zu verstehen ist, hieße, dem vorliegenden Bande sein Todesurteil sprechen. Man lese die Geschichten – und man wird es wissen. Aus der reichen Literatur das Typische und zugleich künstlerisch Wertvolle herausheben und zu einem Bande vereinigen, war meine Aufgabe. Daß eine solche Auswahl naturgemäß nach subjektiven Gesichtspunkten erfolgen mußte, versteht sich. Oft ist mir die Wahl schwer genug geworden. Hermann Blumenthal, der erfolgreiche Romancier, hat sie mir erleichtern helfen. Mit Verständnis und Hingabe hat er mir immer neues Material zugänglich gemacht, mir Übersetzungen geliefert, mir Hinweise gegeben, die oft sehr schwierigen Verbindungen mit Dichtern und Übersetzern hergestellt. Novellen aus dem Jüdischen, bei denen kein Übersetzer genannt ist, hat er ins Deutsche übertragen. Nun noch ein paar Worte über die Dichter. Hinsichtlich Zangwills , der längst Weltruhm erlangt hat, erübrigt sich eigentlich jeder Hinweis, wer seine Werke nicht kennt, wird sie nach den beiden Proben, die dies Buch gibt, kennen lernen wollen. Bei Siegfried Cronbach sind sie erschienen und von Dr. Hanns Heinz Ewers ins Deutsche übertragen. »Tragödien des Ghetto«, 2 Bände, 1907. »Träumer des Ghetto«, 2 Bände, 1908. »Komödien des Ghetto«, 1910. Der Dichter hat bei der Herausgabe selbst mitgewirkt, so daß die Ewerssche biographische Skizze, die dem Bande »Träumer des Ghetto« vorangeht und der ich die folgenden Sätze entnehme, als von Zangwill autorisiert gelten kann. Unter den in allen Ländern wohnenden Juden gibt es heute kaum eine so prominente Persönlichkeit wie die des Engländers Israel Zangwill. 1864 wurde er zu London als Sohn armer russischer Einwanderer geboren. Seine Jugendjahre verbrachte er in Bristol und London, wo er eine jüdische Freischule besuchte. Sein Vater war ein rabbinischer Jude alten Schlages – Zangwill hat ihm in dem »Palästinapilger« ein Denkmal gesetzt –, und der Sohn mag nicht wenig unter dem Zwiespalt des modernen Lebens da draußen und der engen Ghettoatmosphäre zu Hause gelitten haben. Noch heute lebt Zangwills Vater in Jerusalem als einer der alten Leute, die, Gott wohlgefällig, dort ihr Leben beschließen und tagtäglich an der Klagemauer zu sehen sind. Aber der Sohn wuchs in der freien Luft Englands aus dem engen Kaftan heraus, er zeigte früh genug, daß der positive Kampf, nicht das negative Dulden seine Eigenart sei. Er studierte in London Philosophie und errang dort seine akademischen Grade, um dann zuerst als Lehrer tätig zu sein. Doch mußte er diese Tätigkeit bald aufgeben; er versuchte alte Mißstände zu beseitigen und kam dadurch in scharfen Gegensatz zu den Behörden, insbesondere zu Lord Rothschild. Hungernd schlug er sich weiter durch, indem er für alle möglichen Zeitungen Kleinigkeiten schrieb. Seinen ersten großen Erfolg hatte Zangwill mit seiner politischen Satire. Der Roman, der zuerst die Augen weiterer Kreise auf ihn lenkte, war »Die Kinder des Ghetto«. Hier entrollte Zangwill ein Bild, das bis dahin nur sehr wenigen bekannt war: eine östliche, mittelalterliche Welt mitten in dem westlichen modernen London. – Auch sein bestes und reifstes Werk ist dem Ghetto entnommen, freilich nicht dem kleinen Londoner Ghetto von heute, sondern dem großen Ghetto der Jahrhunderte, das bald in Rom, bald in Smyrna, das in Frankfurt, in Berlin, in Venedig, in Paris und Amsterdam seine Heimat hat. Es ist das sein Buch »Träumer des Ghetto«. Hier gibt Zangwill fein empfundene Bilder aller großen Juden seit der Diaspora. Da wird uns der ewige Renegat Uriel Acosta lebendig, da entsteht vor unserem Auge der andere Konvertit Sabbatai Zewi, der jüdische Messias. Moses Mendelsohn tritt vor uns, wir hören von dem strengen Schwärmer Spinoza und von Heinrich Heine in seiner Matratzengruft. Lassalle, Disraeli und vielen anderen Juden hat Zangwill hier ein Denkmal gesetzt. Immer versucht er dem Rein-Menschlichen der großen Männer nahe zu kommen und mit seinem Verständnis spürt er in ihnen stets dem Spezifisch-Jüdischen nach, aus dem heraus er sie erklärt und poetisch verklärt. Kein Wunder, daß dies Werk Zangwills Feder am besten gelang, ist er doch selber ein »Träumer des Ghetto«. Wie durch die Brust eines jeden Träumers, so geht auch durch seine der uralte Zwiespalt, der ihn bald zu der modernen Welt, in der er lebt, treiben, und bald zurückziehen möchte zur dumpfigen und doch so heimatteuren Luft des Ghetto, die seine Väter atmeten. Und wie alle diese Träumer aus Rom und Berlin, aus Venedig und Smyrna, so verfolgt auch dieser Träumer eine Idee, von der er eine endliche Erlösung des Volkes Israel erhofft. Freilich: Zangwill lebt mitten im modernen London, und er hat es von den Engländern gelernt, seiner Idee Fleisch und Blut zu geben, während die Ideen so mancher anderer Ghettoträumer nur blutleere Schemen waren. Nicht plötzlich, sondern erst langsam und allmählich reifte in ihm der Gedanke zur Verwirklichung des Ideals: – ein jüdischer Nationalstaat. Die Tätigkeit, die er im Verfolg dieses Zieles als Politiker entwickelt und die in einem Gegensatze zu den Palästina-Zionisten steht, kann uns hier, wo wir es mit dem Dichter Zangwill zu tun haben, nicht beschäftigen. – Ich wende mich also den anderen Dichtern des Ghetto zu. In den letzten Jahrzehnten hat sich im Osten Europas eine Literatur entwickelt, die bei uns zum großen Teile noch unbekannt ist. Es ist das die neuhebräische und jungjüdische Literatur. In Galizien und Rußland leben Dichter, die nur Hebräisch oder nur Jüdisch schreiben. Ihre Namen sind den Ostjuden geläufig, aber nur wenige im Westen kennen einen Smolenski, Bialik, Abrahamowicz oder I. L. Perez. Die Juden des Ostens sind ein Naturvolk und haben ihre eigene Kultur. Das Land der Wunder steht ihnen noch offen; ihre Welt ist voller Poesie; ihre frohen Feste haben Reize von ganz eigener Schönheit und die Trauer an ihren Fasttagen, für deren Wiedergabe Gott noch keinem Dichter die Kraft gab, hat in der Geschichte keines Volkes ihresgleichen. Mit einem Erbauungsbuch für Frauen: »Zeena ureena«, hat die Jargonliteratur begonnen. Später folgten Schundromane für das ungebildete Volk, »Maaßebüchlech« (Geschichtenbücher), die starke Verbreitung fanden, und Übersetzungen populärer Romane; das Singspiel entwickelte sich, das von Goldfaden geschaffen wurde, später viele Nachahmer fand und sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Der erste Erzähler, der dem Volke mehr als bloße Unterhaltungslektüre bieten wollte, war S. I. Abrahamowicz (Pseudonym Mendale mocher Sforim). Sein Landstreicherroman »Fischke, der Krumme« und der symbolische Roman »Die Schindmähre« geben ein anschauliches Bild vom Leben und Treiben in den russischen Judengemeinden. Hier leben die Juden in ihrer eigenen Welt, haben ihre eigenen Gesetze und leben glücklich von den wenigen Groschen, die sie sich verschaffen. Die jüdischen Bettler schilderte Mendale, diese Stoiker, bei denen das Betteln ein Beruf ist. Seine Bücher sind Schöpfungen, deren sich die jüdische Literatur stolz rühmen darf. Ein Meister der jüdischen Novelle ist I. L. Perez . Er hat unzählige Erzählungen geschrieben, die uns einen Begriff vom Leben und Treiben im Ghetto geben. Bilder aus dem Leben der Chassidim (Strenggläubige), mystische Erzählungen, Geschichten fürs Volk, Märchen und Legenden hat Perez geschaffen, und alles atmet Leben – wie es nur im Ghetto möglich ist. Seine besten Arbeiten hat Matthias Acher übersetzt und in zwei Bänden »Ausgewählte Erzählungen und Skizzen, 1905« und »Volkstümliche Erzählungen, 1913« im »Jüdischen Verlag, Berlin« herausgegeben. Schalom Asch gehört zu den begabtesten unter den jungjüdischen Literaten. In seinen Erzählungen führt er uns in die Judenstädtchen seiner Heimat. Asch kennt dieses Leben wie kein Zweiter. Am besten gelingen ihm die Naturschilderungen. Die Natur wirkt auf ihn wie eine Offenbarung. Sie lebt und atmet. Die Bäume »beten« und die Gräser blicken andächtig zum Himmel. Die »Urwüchsigen« des Ghetto haben in Asch ihren beredten Schilderer gefunden – die Fuhrleute und die Dorfjungen. Derb ist ihr Wesen, aber sie sind voller Gottvertrauen und reich an Empfinden. Ein sentimentaler Zug, der selbst dem gröbsten Bauernjungen noch als Merkmal seiner Rasse anhaftet, wie fühlt Asch die Judenstädtchen seiner Heimat, die er uns am liebsten in der verklärten Schönheit ihrer Sabbatruhe zeigt. Asch hat mit kleinen Erzählungen begonnen, die in Jargonzeitungen erschienen und später ins Russische und Polnische übersetzt wurden. Dann wandte er sich der Bühne zu und schrieb die Dramen: »Messiaszeiten«, »Heimgefunden«, »Gott der Rache«, die in Petersburg und Warschau mit großem Erfolge über die Bühne gingen. Bekanntlich hat auch Max Reinhardt die Begabung Aschs frühzeitig erkannt und schon vor Jahren den Berlinern das Drama »Der Gott der Rache« vorgeführt. In dem rührigen Jüdischen Verlag und bei S. Fischer hat Asch dann die Verleger gefunden, die seine Werke dem deutschen Leserpublikum übermittelten. Heute kennt ihn jeder gebildete Deutsche. Sein bestes Buch »Das Städtchen«, der Auswandererroman »Amerika« und der Roman aus der russischen Revolution »Die Jüngsten« sind viel beachtet worden. David Pinski führte sich in Deutschland durch seine Komödie »Der Schatz« ein, die vor wenigen Jahren in Berlin, und zwar ebenfalls im Deutschen Theater zur Aufführung gelangte. Er hat seine Jugend in Rußland verbracht und lebt jetzt als freier Schriftsteller in Neuyork. Er hat außer den Theaterstücken »Eisik Scheftel« und »Jacob der Schmied« eine Reihe charakteristischer Erzählungen aus dem jüdischen Arbeiterleben geschrieben, in denen er sich als ausgezeichneter Beobachter der unteren Volksklassen zeigt. M. Spector ist ein Satiriker, der mit Vorliebe die kleinen Leute schildert, die das Schicksal eines Tages zu Ansehen und Wohlstand brachte, und die sich nun im Schweiße ihres Angesichtes mühen, auch innerlich den armen Menschen aus- und den wohlhabenden anzuziehen. Spector war auch der erste, der jüdische Sprichwörter gesammelt hat. In Deutschland ist er durch die oft nachgedruckte Erzählung »Der Streik der Schnorrer« bekannt geworden. Den »jüdischen Mark Twain« hat man S. Rabinowicz getauft, der unter dem Pseudonym »Scholem Aleichem«: »Friede mit Euch«, seine an Humor reichen Arbeiten schreibt, mit denen er sich auch bei uns zahlreiche Freunde erworben hat. Blätter, wie die in Wien erscheinende »Neue National-Zeitung« haben uns die Bekanntschaft mit den Arbeiten des in Lausanne lebenden Dichters vermittelt; der in seiner Nähe wohnende ausgezeichnete Kenner der jüdischen Literatur, Silberroth, hat wichtige Beiträge über Scholem Aleichems Arbeiten geliefert. Einen richtigen Eindruck von dem Wesen seiner ungewöhnlichen Erzählungskunst aber wird man erst gewinnen, wenn man das von Dr. N. Birnbaum im Jüdischen Verlage in Vorbereitung befindliche Buch Scholem Aleichemscher Erzählungen, auf das ich ganz besonders hinweisen möchte, zur Hand nimmt. Die Erzählung »Der Talles-Ruten« ist ein Vorabdruck aus diesem Buche. Den Dichter zu übersetzen, bietet große Schwierigkeiten. Birnbaum darf das Verdienst in Anspruch nehmen, dem Original näher gekommen zu sein als alle, die sich vor ihm um Aleichem mühten. Auf dem Gebiete der feinstilisierten Skizze hat sich Abraham Reisen einen Namen gemacht. Seine kleinen Ausschnitte aus dem traurigen Leben der Ghettojuden sind Meisterstücke knapper, mit wenigen Strichen das Wesen treffender Erzählungskunst. Sein Herz gehört denen, die ohne Licht und Sonne leben. Er ist der Empfindsamsten einer. Braucht da noch gesagt zu werden, daß er sich auch als Lyriker versucht hat? Zahlreich ist die Zahl junger Talente, die sich regen und teils schon wertvolles geleistet haben, teils zu schönen Hoffnungen berechtigen. So Steinberg und Onauchi , Nomberg und Weißenberg , die vielversprechenden Hermann Menkes , M. Scherlag , D. Rothblum , sowie die hebräischen Schriftsteller Berdyczewski und Feierberg . Letzterer ist leider nicht mehr unter den Lebenden. Noch hat die jungjüdische Literatur zwar kein epochemachendes Werk hervorgebracht. Aber in der kurzen Erzählung, in Stimmungsbildern und in der Skizze kann sie mit Leistungen aufwarten, die selbst vor strengster Kritik bestehen können und die der Literatur jedes Kulturvolkes zur Ehre gereichen würden. Den Beweis hierfür soll dies Buch erbringen. Als eine der schönsten Novellen dieser Sammlung hat Oskar Levertins »Ralonymos« zu gelten. Sie ist dem im Jahre 1905 im Inselverlage erschienenen Novellenbuch des Dichters »Aus dem Tagebuch eines Herzens und andere Rokokonovellen« entnommen, der wohl seine Freunde, aber längst nicht die Verbreitung fand, die er verdiente. Auch J. E. Poritzkys sei besonders gedacht. Aus seinem Bändchen »Abseits vom Leben« steht hier eine Probe. Diesen längst nicht nach Gebühr bekannten Dichter, der in deutscher Sprache schreibt und dessen Novellenbände »Herz der Nacht«, »Gespenstergeschichten«, »Liebesgeschichten«(bei Georg Müller, München) bleibenden Wert besitzen, zählt man in literarischen Kreisen längst zu unseren besten. Schließlich sei hier noch auf den vor zehn Jahren etwa im Jüdischen Verlage erschienenen »Jüdischen Almanach« hingewiesen, wer nach den hier gegebenen Proben tiefer schürfen und weiter in die Gefühlswelt des Ostjudentums eindringen will, dem sei die Lektüre des Almanachs empfohlen. Auch auf die literarisch und künstlerisch wertvollen Beiträge der Winzschen Monatsschrift »Ost und West« sei verwiesen. Dr. Artur Landsberger. Ben Jacob Denkst du noch ... Denkst du noch an das weiße Häuschen mit dem Strohdach, dort in dem engen Gäßchen unweit vom Bache? Wie ein blühender Kranz umringt es das Gärtchen mit jungem Rettich, Zwiebeln und Schoten. Es ist Samstag »nach Tisch«. In der hellen, geräumigen Stube ist es still, daß man nur das Summen der Fliegen hört. An dem Tisch, dem weißen, reingescheuerten Tisch, sitzest du und schaukelst dich über dem »Traktat Raduschin«. Durch die rot- und blaugefärbte Tischdecke, die vor dem Fenster hängt, kommen die Sonnenstrahlen herein und übergießen alles mit allerlei weichen, matten, zauberischen Farben. Es ist ein warmer Julitag und du fühlst dich etwas matt nach der ungewöhnlich reichen Sabbatmahlzeit. Einige Male schon hast du den Abschnitt begonnen, den der Rabbi dir für heute aufgegeben, doch es geht nicht. Deine Lippen bewegen sich und du murmelst gedankenlos »Tanun Rabanan ...«: »Die Rabbis haben gelehrt ...« Doch deine Blicke wandern müd und träumend durchs Zimmer. Dort in dem halbdunklen Alkoven schläft der Rabbi, den aufgeschlagenen »Sefer-Chassidim« auf dem Polster und die Brille auf der Stirn. Und drüben, zu deiner Rechten, dir gegenüber, sitzt Gietele. Ihr Haar glänzt wie Gold und ihre Lippen erinnern dich an frische, rote Beeren. Hie und da blickt sie auf und euere Augen begegnen einander. Dann wird es dir heiß im Gesicht und dein Herz klopft. Schnell senkst du dann die Augen auf das Buch und murmelst: »Tanu Rabanan ...«: »Die Rabbis haben gelehrt ...« Auf der Straße singt eine weibliche Stimme ein Lied. Es ist ein ruthenisches Volkslied; es handelt von einem Bächlein, das einsam hinabläuft ins Tal ... Dann wird es wieder still. Dein Blick fällt auf Gietele, euere Augen begegnen einander und wie ein Zittern geht es durch deinen Körper. Ein Gedanke ergreift von dir Besitz – ein dunkler, unverständlicher Gedanke. »Ma jafit uma naim, ahwa b'tamigim«: »wie schön bist du, wie süß bist du, Liebe, mit deinen Wonnen.« Du hast es gestern im Hohelied gebetet und dann mit deinem Vater gesungen – warum kommt es dir jetzt plötzlich in Erinnerung? Du hast einmal die Erklärung gelesen, daß mit den Worten die Thora gemeint sei, ein anderer Kommentar will bestimmt wissen, daß es das Judentum sei, das der königliche Dichter besingt – doch wie kommt dazu deines Rabbi Töchterchen, wie kommt Gietele dazu ...! In deinem Herzen läßt sich eine Stimme vernehmen. Es ist, scheint es dir, eine Antwort auf deine Frage – doch du verstehst sie nicht. Es ist, scheint es, eine Antwort in einer jener siebzig Sprachen, die deine siebzehnjährige Unschuld noch nicht gelernt. Doch es ist eine Antwort! Und wie das Wiegenliedchen das Kind beschwichtigt, obgleich es davon kein Wort versteht, so wirkt die sanfte, stille, geheimnisvolle Sprache auf dein junges Herz. Und während deine Augen auf der jungen, blühenden Gestalt haften, wird es vor dir hell und immer heller und du sagst plötzlich mit halblauter Stimme: »Itti milebanon Kalle. Itti milebanon taboi ...«: »mit mir vom Libanon kommst du, o meine Braut ...« Du hast die Worte niemals gründlich verstanden. Jeden Freitagabend, wenn du, das Hohelied betend, an diese Stelle gelangt warst, hieltest du inne und blicktest auf vom Gebetbuch. Wie oft überkam dich eine mächtige Sehnsucht nach jenem stolzen, herrlichen Berg. Du wußtest selbst nicht recht, woran du dachtest, dir schien es eine Phantasie, ein zaubervoller, unbegreiflicher Traum. Doch wie gut verstehst du jetzt die süßen, göttlichen Worte ...! »Mit mir vom Libanon, o meine Braut, wirst du kommen, herunterblicken vom Gipfel Aman á s, vom Gipfel des Snir und des Hermon ...« Und auf der höchsten Spitze des Berges Hermon steht ihr Hand in Hand und es lacht und strahlt auf euch glänzender Sonnenschein ... Um euch blüht und rauscht und duftet der Palmenwald und über eueren Häuptern lächelt und winkt mit tausend Wonnen der reine blaue Himmel ... Du beugst dich zärtlich über die neben dir stehende Gestalt, drückst sie an dein Herz und sie erhebt den Blick zu dir aus den großen, braunen, feuchten Augen. »Gietele ...!« Ein halb unterdrücktes Lachen schreckt dich aus deinem süßen Traum empor. Der heilige Baal-Schem hat einen so guten Witz gemacht, daß Gietele den schlummernden Vater vergessen hatte. Der Rabbi macht eine Bewegung und erwacht. Dabei wirft er den »Sefer-Chassidim« zur Erde. Rasch hebt er das heilige Buch auf, küßt es andächtig und reibt sich die verschlafenen Augen ... Und du, vom Berge Hermon herabgestürzt, kehrst zurück zum »Traktat Reduschin«. Noch einen Blick wirfst du auf die ruhig dasitzende Gietele, verschluckst einen tiefen Seufzer und beginnst dich wieder zu schaukeln und mit hörbarer Stimme zu singen: »Tanu Rabanan ...«: »Die Rabbis haben gelehrt ...« Schalom Asch Der Vater und sein Sohn. Aus dem Hebräischen von Ernst Müller. Sein Glaube war dem Rabbi Jechiel Meir von selber gekommen, ohne Gründe und Erklärungen. Würdest du ihn fragen: »Was sahst du denn, Rabbi Jechiel Meir, daß du so sehr an die Wundertaten deines »Rebbe« glaubst – du bist doch selber nur ein armer, gequälter Mensch dein lebelang, über dich kam doch nicht einmal eine Stunde der Ruhe?« – dann hätte dich Rabbi Jechiel Meir verwundert angeblickt. Er selber weiß nicht, warum er glauben muß, er hat sich in seiner Seele noch nicht Rechenschaft darüber gegeben, was Glaube ist. Fr glaubt, weil er sich die Wesensart der ungläubigen Menschen gar nicht vorstellen kann. »Ein Mensch ohne Glauben«, sagt er beständig, »ist ein Körper ohne Seele, eine Schale ohne Inhalt.« Rabbi Jechiel Meir selber ist ein kleiner Jude, just wie ein Zwerg sieht er aus oder wie ein einfältig Kind, das plötzlich vom Greisenalter befallen wurde. Schmächtig und dürr ist er, nur sein Bart ist übermäßig groß, er reicht bis an seinen Gürtel. Sein Gesicht ist klein und voller Falten und verschwindet fast unter einer hohen, stark gefalteten Stirn. Aber seine Augen, die wie Feuer glühen, beweisen jedermann den hohen Wert dieses Menschen. Wenn du Rabbi Jechiel Meir zum ersten Male siehst, wirst du ihn wie nichts abtun. Betrachtest du ihn aber genauer, erst dann gewahrst du einen gewissen Adel über seinem Gesicht, der sich besonders auch durch seinen Bart kundgibt. Ich bin überzeugt, daß, wenn Rabbi Jechiel Meir einem gänzlich unbekannten Manne befehlen wird, dies oder jenes für ihn zu tun – so ist es auch seine Gewohnheit – der fremde Mann die Bitte erfüllen wird. Anfangs wird er vielleicht denken: »Was habe ich mit ihm zu schaffen? – Ich Narr! – Bin ich sein Diener?« Doch kaum dies denkend, wird er in Wirklichkeit den Wunsch des Rabbi Meir schon zu erfüllen beginnen. So erinnere ich mich, daß eines Tages meine Zimmertür geräuschvoll aufgerissen wurde: Rabbi Jechiel Meir kam in Eile zu mir. Er hieß mich ihm ein Glas Tee bringen. »Ich hörte, daß es bei dir wunderbaren Tee geben soll«, sagte er atemlos. Ich sah ihn verwundert an. Und er nimmt einen Stuhl und setzt sich zu Tisch. Betastet alle Gegenstände, sieht mich unverfroren an, fragt mich nach meiner Beschäftigung, und so ins Gespräch, läßt er versteckte Mahnungen einstießen, daß ich mein Leben nicht in Gottesfurcht führe. Zuerst dachte ich daran, ihm die Tür zu weisen, erkannte aber, wie ich ihn anblickte, daß im Grunde er schon der Herr im Hause geworden sei und ich tun müsse, was er mir sagt. Ich konnte es nicht verweigern und ging gegen meinen willen, sein Gebot zu erfüllen. Selbstverständlich, daß sich ein solcher Mensch nicht mit Dingen der Welt abgibt, er sitzt und ist der Thora beflissen, oder er weilt im Kreise der Chassidim und erzählt Wunder des »Rebben«. Der Lebensunterhalt – auch selbstverständlich – ist die Sorge seines Weibes Sara Gitel. Den ganzen Tag geht sie in die Häuser, mit Bündeln voll gewirkter Ware. Und Sara Gitel ist doch glücklich. Wohl den jüdischen Frauen, denen das Joch der Thora und das Joch der Gebote abgenommen ist, damit sie das Joch des Lebensunterhaltes tragen! Und Sara Gitel ist kein Weib, das ihres Gatten Wert nicht zu schätzen wüßte. Auch sie ist bewandert in den »kleinen Buchstaben«, und an den Sabbaten liest sie das Gebet den anderen vor in der Weiberschul'. Doch weiß sie auch, wie nichtig sie ist gegenüber Rabbi Jeckiel, ihrem Gatten, denn das Weib ist nur erschaffen, um ihren Gatten zu ernähren, damit er in Ruhe sitzen und sich der Thora widmen könne – und darum wird sie auch in der künftigen Welt ihren Lohn empfangen, ein Fußschemel ihres Gatten zu sein im Garten Eden. Und weil sie ihn so schätzt, empfängt sie in Liebe die Nöte und Bedrängnisse des harten Erwerbs und klagt, Gott behüte, nicht darüber. Den ganzen Tag arbeitet sie wie ein Lastesel, jede Kopeke kostet sie Blut ihres Herzens, doch zu ihrem Manne spricht sie nicht davon, um ihn nicht zu betrüben. Manchmal muß sie Geld leihen, um nur für ihn kochen zu können. »Jechiel Meir, Jechiel Meir, warum issest du nicht! Warum! Nur für dich habe ich mich gemüht«, so bittet sie ihn, wenn er abends nach Hause kommt. »Und du?« fragt sie Jechiel Meir, blickt in ein Buch und streicht mit den Fingern durch seinen Bart. Sie sitzt auf dem Bette, ihr Haupt in die beiden Hände gestützt, und blickt voll Friede und Liebe auf ihren Gatten. Ein so braver Mann ist nicht in der Welt zu finden! Er wird nicht essen, bevor auch sie gegessen hat. »Ach, sorge nur nicht um mich«, sagt sie in liebevoller Ärgerlichkeit. »Es gerate dir zur Gesundheit!« »Genug, genug für mich. Das übrige lass' für Jakob David! Er wird gleich aus dem Beth-ha-Midrasch kommen!« Wohl den Eltern, die eines solchen Sohnes gewürdigt sind! Die ganze Stadt ist voll seines Lobes, alle Mütter segnen sich an ihm und beneiden seine Mutter. Jakob David sitzt den ganzen Tag im Beth-ha-Midrasch und lernt in der Lehre des Herrn. Sein längliches Gesicht ist sehr blaß, seine Wangen dürr und eingefallen, die schwarzen Augen liegen tief in ihren Höhlen. Der Todesengel hat schon sein Siegel auf sein Gesicht geprägt, Ein ganz zarter Bartanflug gießt über sein Gesicht den Ausdruck melancholischer Schönheit. Er leidet an der Schwindsucht. Und er sitzt und lernt, von Morgen bis Abend. Wenn die Sonne durch die Fenster hereinstrahlt und alles erhellt, sitzt er unter den Jünglingen; Stuhl an Stuhl gedrängt – sitzen sie und lernen, ihre Stimmen erfüllen das ganze Haus. Wie er so sitzt und lernt, empfindet er nicht, daß seine Kräfte immer mehr hinschwinden. Er lernt und sucht bis in die Tiefen der Gebote einzudringen, sein Herz und Leben ist der Lehre hingezogen und sonnt sich am Glanze ihres Lichts. Plötzlich muß er sein Lernen unterbrechen, denn er fühlt ein heftiges Stechen im Herzen, doch er wendet seine Aufmerksamkeit davon ab, hustet mit gekrümmten Lippen und wendet sich zum Lernen zurück. Noch einmal ein heftiger Schmerz. Er faltet sein Gesicht, lernt weiter – im Lernen vergißt er alles. Noch einen Augenblick mahnt ihn sein Herz: »Jakob David! warum schweigst du? Du bist es deinem Leben schuldig. Denke daran!« Doch er lernt weiter .... Alle Leute des Städtchens sind seines Lobes voll. »Ein junger Mann wie dieser war noch nicht in unserer Stadt.« Nicht umsonst ist sein Gesicht so blaß, nicht umsonst ist er so schwach. Die Thora nimmt ihm die Kraft. Die Angesehenen der Stadt, welche Töchter haben, trachten danach, ihn heranzuziehen. Die jungen Mädchen, die im Alter der Verheiratung stehen, erröten, wenn sie ihn sehen und blicken ihm klopfenden Herzens nach. Endlich hat der Rabbiner des Städtchens, Rabbi Jechiel Meir, im Vertrauen mitgeteilt, daß sogar er bereit ist, die Tochter seinem Sohne zu geben, Er verspricht, das Paar zeitlebens an seinem Tische zu verköstigen – über hundertundzwanzig Jahre, versteht sich, wird der junge Mann sein Nachfolger werden. Rabbi Jechiel Meir weigert sich, denn er gehört nicht zu seinem Kreise, der Rabbiner fährt zum Rabbi von Skernowitz – und er ist von den Chassidim von Gur... Zu Hause, in kalter und dunkler Stube – sitzen die Eltern im Gespräch. Ein kleines Lämpchen erleuchtet das Zimmer. Rabbi Jechiel Meir am Tische, neben einem Buche, die rote Kappe im Schoße, das Haupt in die eine Hand gestützt, mit der anderen faßt er seinen Bart. »Weißt du, Sara Gitel, daß Gedaljah, der Vermittler, heute zu mir gekommen ist? Er zeigte einen Brief von dem Schwiegervater aus Lonschitz. Der Schwiegervater verpflichtet sich zu zweihundert Rubel und zu vier Jahren Verköstigung. Auch die Mitgift soll eine sehr gute sein.« Die Frau sitzt auf dem Bette. Ein zufriedenes Lächeln ist in ihrem Gesicht, die Liebe des Vertrauens erweist ihr der Gatte: er berät sich mit ihr über die Verheiratung ihres Sohnes. Ja, es ist ihr Sohn! Aber was versteht eine Frau wie sie von solchen Angelegenheiten? In großer Liebe blickt sie auf ihren Gatten und sagt mit verhaltener Freude: »Jechiel Meir, wir müssen ihm einen Anzug machen lassen, einen schönen Anzug. Es paßt nicht für einen jungen Mann wie ihn, in solchen Kleidern zu gehen. Nicht so?« »Was kümmern mich deine Geschäfte! – Tu' nach deinem Willen.« Das ist im Beth-ha-Midrasch. – Abend, Dunkel und Todesschweigen. Ein Licht brennt am Gebetpult. Vor diesem steht Jakob David, den Kopf in beide Hände gestützt, und betet. Im Herzen fühlt er einen furchtbaren Schmerz. Ar weiß, daß es um sein Leben geht. Er muß es erzählen – Rat suchen. Doch wem! – Seinem Vater? Aber sein Vater ist arm und gedrückt. Auch er ist krank, sehr krank – das zeigt sein bleiches Gesicht. Mehr als einmal hat er seine bitteren Seufzer während des Lernens gehört, mehr als einmal das schwere Stöhnen des Nachts. »Vater! warum seufzest du?« »Ach! was kümmert es dich?« Es scheint, daß auch der Vater ihm sein Geheimnis nicht vertrauen will. Soll er es der Mutter sagen! Aber sie geht den ganzen lag mit den Bündeln Ware in die Häuser, ihr Herzblut gibt sie um das tägliche Brot. Mehr als einmal sah er sie am Abend, wie sie mit der Ware vom Markte kommt, auf ihrem Bette; Schweißtropfen fließen von ihrer Stirn, und sie kann nur schwer Atem finden. »Was hast du, Mutter!« fragt er, indem er sie voll Liebe und Erbarmen anblickt. »Nichts, mein Kind, gar nichts.« Sie beruhigt sich, trägt schweigend ihr Los, arbeitet in harter Fron und nährt dadurch ihr Haus. Und er muß denken: Ich sitze und lerne, und meine Mutter arbeitet – ihr Fleisch und Blut ist's, an dem ich zehre. Dann blitzen wohl Tränen in seinen Augen – er aber wischt sie fort – er will nicht weinen. Doch sein Herz hämmert in ihm, und er empfindet schrecklichen Schmerz. Soll er noch Kummer auf ihren Kummer häufen? Nein – so beschließt er bei sich – ich werde es nicht meiner Mutter sagen. Komme, was da wolle, der Herr ist barmherzig und weiß von allem, auch von seinem Schmerz. Nur eines tut er: Er nimmt eine Kreide und schreibt auf das Gebetpult mit großen Buchstaben seinen eigenen Namen: »Jakob David, Sohn der Sara Gitel – zur vollkommenen Heilung.« Er kehrt zu seinem Gebete zurück und nennt noch seinen Namen im Achtzehngebet .... Er öffnet die Tür und kommt ruhig nach Hause. »Iß doch, mein liebes Kind, iß doch!« Und er weiß, daß seine Mutter noch nicht einmal von dem Fleisch gekostet, sondern es nur für ihn aufbewahrt hat. Und wieder nagt in ihm der bittere Gedanke: Sie arbeitet und ich esse. – Kann er der Mutter sagen, daß er krank ist? Daß sie nach einem Arzte schicken soll? In seinem Herzen spricht es: »Tor! du bist es, deinem Leben schuldig.« »Und den Preis des Arztes und der Medikamente!« Alle Bewohner des Hauses schlafen schon. Nur in seinem Herzen ist es traurig und dunkel. Er sitzt an dem Tische und sieht die Schatten an den Wänden. Ein Lämpchen steht auf dem Tische und erleuchtet das Dunkel – ein wenig noch und das Öl im Lämpchen wird versiegen, der Docht vertrocknen. Die Flamme wird verflackern und erlöschen. Noch einmal hebt sie sich kräftig in die Höhe – doch bald wird sie erlöschen. Im Dunkel sitzt Jakob David und denkt. Bittere Gedanken nagen ihm im Kopfe – und bittere Seufzer entsteigen seinem Innern. Wenn kein Öl in der Lampe ist, dann wird sie verlöschen.– Das Öl ist ausgegangen, der Docht versiegt und die Flamme ist erloschen. Jakob David fühlt heftigen Schmerz, und Blutstropfen sind auf seiner Zunge. Er wischt, er wischt sie fort, immer mehr und mehr ... Am Versöhnungstage geschah es: Jakob David fiel hin – ohnmächtig. Leibke, der immer Rat wußte, erklärte, es sei dies die Folge des Fastens, und man begann ihn zum Leben zu wecken. Dann wurde er zu Bett gebracht. Sara Gitel verpfändete die letzten Kissen, ihr Mann ging zum Rabbi. Als einen echten Chassid' ließ man ihn sofort vor. Der Rabbi ging im Zimmer auf und ab, hob die Augenwimpern und sprach dann: »Wollte sich Gott doch erbarmen!« An der Antwort erkannte Rabbi Jechiel Meir die Gefährlichkeit der Krankheit. »Rabbi«, rief er mit zitternder Stimme. Der Rabbi seufzte. Er sprach zu Rabbi Jechiel Meir kein Wort mehr – dieser eilte nach Hause. Am Abend des Laubhüttenfestes, als er bei eingetretenem Dunkel nach Hause kehrte, kam er noch gerade zurecht, beim Sterben anwesend zu sein. »Ich wußte es«, antwortete er auf alle Fragen. Der Jüngling starb. Sie breiteten eine schwarze Decke über ihn. Sara Gitel sitzt ganz nahe dem Toten, sie weint, schreit, schlägt die Hände an den Kopf. Ihre Wangen sind weiß, ihre Augen brennen, ihre Lippen sind bleich. Rabbi Jechiel Meir erhob seine Hände, stellte sich neben den Toten und sprach gelassen und in großer Andacht den Segensspruch: »Gepriesen der Richter der Wahrheit!« Bei Rabbi Jechiel Meir sah man nicht eine Träne. Er ging und nahm seine Sabbatkleider und setzte den Samthut auf. »Sara Gitel,« rief er »steh' auf, man darf an Festtagen nicht trauern.« Sie sitzt und hebt die Augen zur Decke empor. Sie erhebt Klage gegen den Heiligen, er sei gepriesen: »Herr der Welt, einen ›Kaddisch‹ Einziges Kind, das nach dem Tode der Eltern das »Kaddisch« Gebet, das Gebet der Waise, verrichtet. hast du mir gegeben, einen Sohn mir gelassen von fünf, und nun nimmst du auch ihn hinweg. Herr der Welt, die ganze Welt ist dein, was hättest du, wenn du ihn mir gelassen hättest!« Ein Tränenstrom bricht aus ihren Augen hervor. Und Jechiel Meir, angetan in Sabbatkleider, steht ihr zur Seite und spricht strenge: »Ich, dein Mann, Jechiel Meir, heische von dir als Gatte, den du hören mußt, daß du aufhörst zu weinen, dein Gesicht waschest und die Festkleider anlegst. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen! – hörst du's?« »Mein Kind, mein Leben, – alles hast du mir genommen, die Krone von meinem Haupte. Ach, was willst du von mir, von Sara Gitel, deiner Magd?« »Hör' auf, Sara Gitel, hör' auf!« Er ist gerötet vor Aufregung und verläßt das Haus. Rabbi Jechiel Meir betritt das »Stübel«, um zu beten. Er steht und betet, in großer Andacht, singt die einzelnen Gebete, nach hergebrachter Sitte. Dann begegnet er allen freundlich, segnet sie zum Feiertag. Einem der ihm befreundeten Chassidim bietet er sich an, heute in seiner Laubhütte zu speisen, er geht mit ihm, ißt, trinkt und kommt in Festesstimmung. Dann kehrt er ins »Stübel« zurück, um zu lernen. Schatten und Stille ringsum, nur er steht am Pult und lernt. Alles ringsum ist wie in ewigen Schlaf versunken. Selbst die Schatten an den Wänden stehen bewegungslos. Er allein steht und lernt. Vor seinen Augen hat er den Sohn, mit den bleichen Wangen – bedeckt mit dem schwarzen Tuch – er stößt einen schreienden Seufzer aus und kehrt zum Studium zurück. Was er jetzt im Talmud lernt, ist der Traktat »von der Laubhütte« – das hat er immer an diesem Tage mit seinem Sohne begonnen, um am Thora-Freudenfeste abzuschließen. Alle die Schwierigkeiten, Fragen und Erklärungen kommen ihm in den Sinn, die sein Sohn gefunden, Er erinnert sich plötzlich, daß sein Sohn tot ist. – tot! – Da tritt er vor den Altar und spricht mit erhobener Stimme: »Gerecht bist du, o Herr, du hast gegeben und du hast genommen.« Eine große Träne rollt aus seinen Augen über sein faltiges Gesicht. »Er wischt sie schnell fort, rafft sich auf und lernt. Die Kerze wirft ein trübes Licht über das ganze Zimmer. David Pinksi Der Erdgeist. Es war vor vielen Jahren einmal! Damals schien auch der Mond – vielleicht reiner in unserer Zeit, weil ihn die Menschen mit reineren Augen betrachteten ... Still schwamm er am klaren Himmel und alle Sternlein lächelten und grüßten ihn mit ihren sanften Strahlen. Auf der Erde war eine warme, duftende Frühlingsnacht, eine Nacht voll Leben, Lust und Liebe ... Man atmete frei, und in der Luft lag ein Sehnen; ein Sehnen nach Leben, Lust und Liebe ... Auf einem Hügel, hinter dem Städtchen, stand der Erdgeist, hob die Arme über dem Kopf und streckte sie weit von sich. Sein Herz schlug heftig und die Brust war ihm beengt. Er rang nach Atem, sein Körper zuckte und krümmte sich und er bettelte um Leben, Lust und Liebe ... Aber die Juden im Städtchen merkten nichts von all dem. Für sie existierte die Außenwelt nicht, denn es war in der Schewues-Nacht. Die Männer sagten daheim oder im Bethause den Tikin her, während die Frauen mit Backen beschäftigt waren, damit die Männer nach der durchwachten Nacht frische, warme Plätzchen vorgesetzt bekämen ... Den Männern und den Frauen war schrecklich heiß, aber sie blieben bei ihren Verrichtungen und kämpften gegen den Schlaf. Sie wußten, daß der Erdgeist ihnen den Schlaf schickt und waren sicher, daß sie ihn besiegen werden ... Aus den offnen Fenstern drangen die singenden Stimmen der Tikinbeter auf die Gasse, bald munter und schnell, bald schläfrig und schleppend, von Zeit zu Zeit hörte man ein lautes Gähnen oder die Stimme einer beschäftigten Frau und die Luft war vom heißen Atem der Erde erfüllt ... Ein Haustor öffnete sich und ein Jüngling von achtzehn Jahren trat auf die Gasse. Sein Gesicht war bartlos, aber dünne, gekräuselte Pejes reichten ihm bis über die Ohren. Er trug einen langen Rock und hatte einen Samthut auf dem Köpfe. Die Hosen steckten in den Stiefeln und unter dem Arme trug er ein Tikin-Schewues . Zu Hause sagte er, daß er ins Beth-ha-Midrasch gehe, aber er schritt nach einer ganz anderen Richtung hin. Die Lüge bedrückte ihn und seine Augen waren verschämt zu Boden geheftet, aber er schritt kräftig aus. Bei einer Gartenmauer, in einem engen, stillen Gäßchen hielt er inne, sah sich erst nach allen Seiten um und klopfte an die Mauer ... Sie hat im Garten gewartet. Es war ein Mädchen in weißem Kleide von sechzehn Jahren. Sie stand unter einem Kirschbaum und blickte durch eine Spalte ins Gäßchen. Sie erkannte seinen Schatten und seine Schritte und ihr Herz fing lauter zu schlagen an. Sie drückte sich fest an die wand, damit ihr keine Bewegung von ihm verloren gehe. Auf ihren Lippen lag ein breites, glückliches Lächeln und sie hatte Lust, laut aufzulachen, von Herzen, vor Glück und Liebe zu lachen ... Sie näherte sich der Stelle, wo er stehengeblieben war und rief: »Hier bin ich, Meierl!« Im Nu überwand er alle Scheu. »Chanele«, rief er voll Entzücken und kletterte über die Mauer in den Garten. Chanele lachte laut. Sie hätte am liebsten vor Freude aufgeschrien, aber sie hielt ihre weiße Hand vor den Mund und kicherte in sich hinein. Die Anstrengung und die ungewöhnliche Zusammenkunft machten ihn verlegen. Er klopfte den Staub von seinen Feitertagskleidern und fühlte sich sehr glücklich. Sie stürzte sich auf ihn, umarmte ihn und lehnte ihren Kopf an seine Brust. »Oh, oh, oh«, stieß sie hervor und drückte sich noch fester an ihn. Dann zog sie seinen Kopf zu sich und küßte ihn auf den Mund. Er lachte und war glücklich, aber immer noch verlegen. »Schau, Meierl,« sagte sie, »dort unten neben dem Apfelbaum habe ich ein Plätzchen zum Sitzen hergerichtet. Der Mond wirft seine Strahlen dorthin und wir werden den ganzen Himmel sehen können. Ein so süßer Duft ist dort und wir werden ruhig sitzen und warten.« Sie nahm seinen Arm und führte ihn zum Apfelbaum. Fester drückte sie sich an ihn und er fühlte, wie ihr Körper zitterte. Er nahm das Buch in die linke Hand und umarmte sie. Er wollte sie heftig küssen, aber er schämte sich vor dem Tikin und berührte ihren Mund nur schüchtern mit seinen Lippen ... Doch Chanele verstand ihn, und es fiel ihr ein, daß sie zu ausgelassen war, – gar nicht so, wie es sich für ein junges Mädchen geziemt. »Siehst du«, begann sie mit ernster Stimme. »Von hier werden wir sehen, wenn der Himmel sich öffnet, Einer uralten jüdischen Sage nach spaltet sich in der Schewues-Nacht der Himmel, ein in diesem Augenblick gehegter Wunsch geht in Erfüllung. so frei und offen liegt der Himmel vor uns ... Hier schläft gewöhnlich der Großvater und ich schlafe dort hinter den Stachelbeerbüschen ... Es wird hier gut zu sitzen sein ... Such' dir ein Plätzchen aus! Hier liegt mein Bettzeug. Oder darfst du auf dem Kissen eines Mädchens nicht sitzen ...? Aber auf meinem darfst du, denn es wird doch auch bald deines sein, nicht?« Chanele war ein wenig befangen, aber mit Inbrunst wünschte sie, daß er sich auf ihr Polster niederlasse ... Nacht für Nacht würde sie es an sich drücken und mit heißen Küssen bedecken ... Verlegen lächelnd blickte Meierl auf den Tikin in seiner Hand. Eine unbestimmte Angst überkam ihn und er fragte sich, ob es nicht besser wäre, jetzt im Bethause zu sitzen, aber dann schämte er sich dieses Gedankens und verspürte gar keine Lust, fortzugehen. Sie setzten sich, er auf ihre Polster und sie auf die Polster des Großvaters. »Ist es nicht schön hier?« fragte Chanele. »Sieh' nur, wie schön der Himmel heute ist! Sag', Meierl, blicken die Sterne nickt auf uns herab? Jener helle Stern dort links vom Mond sieht mir direkt ins Auge. Heute ist nur Halbmond und ich liebe den Vollmond so sehr. Ist es nicht wie ein Frauenantlitz? Wahrhaftig, ein Frauenantlitz? warum schweigst du, Meierl ...? Sie wollte seinen Kopf in ihren Schoß legen, aber sie bemerkte den Tikin in seiner Hand und wagte es nickt. »Gib mir das Buch. Ich habe einen guten Platz dafür«, sagte sie und legte den Tikin-Schewues auf einen Stachelbeerstrauch. Da er das Buch aber von dort sehen konnte, nahm sie es weg und legte es etwas weiter hin. Es fiel ihr ein, daß sie das heilige Buch beleidigt haben könnte und sie küßte es andächtig. Dann kehrte sie zum Apfelbaum zurück und tat so, als ob ihr der Gedanke, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen, ganz entfallen wäre. Meierl war froh, daß sie ihm das Buch abgenommen hatte, aber jetzt fürchtete er sich, so ohne »Zeugen« mit ihr allein zu sein. Ernst sah er zum Himmel auf und fragte sich, ob er nach dem Orte, wohin sie das heilige Buch gelegt, sehen soll. Chaneles Gesicht strahlte. Mit einem Sprung saß sie auf den Polstern, legte den Kopf Meierls in ihren Schoß und drückte ihn fest, fest ... Er erschrak. Er wollte ihr sagen, daß man das nicht tun dürfe, daß es sich nicht schicke. Er machte eine Bewegung, aber Chanele drückte ihn noch fester an sich, neigte sich zu ihm herab und küßte ihn auf den Mund. »Oh, der Himmel hat sich aufgetan«, rief sie aus. Sie legte ihre Hand auf seinen Mund, damit er nicht schelte, lehnte sich an den Baum und sagte mit ernster Miene: »So, jetzt wollen wir ruhig auf den Himmel blicken.« Meiert küßte ihre Hand und beruhigte sich mit dem Gedanken, daß sie ihn festhalte und jeder Versuch, sich ihr zu entwinden, nutzlos wäre ... Chanele neigte sich oft zu ihm und küßte ihn. »So werden wir ja nicht sehen können«, sagte er. Chanele konnte aber nicht ruhig sitzen. Eine unendliche Zärtlichkeit stieg in ihr auf. Sie wollte ihn immer nur küssen und vor Freude laut aufschreien. Nach einer Weile rief sie: »Meierl!« »Was?« »Wann werden wir unsere Hochzeit feiern?« »In vier Monaten.« »Wieso?« »Siwan, Tamus, Aw, Ellul und zwei Wochen in Tischri.« »Der wievielte Tag in Siwan ist heute?« »Weißt du nicht, wann Schewues fällt?« »Wann?« »Sechs Tage in Giwan.« »Also noch vier Monate und eine Woche.« »Ja.« Eine Weile war es still. Dann sagte Chanele bittend: »Diese eine Woche wollen wir nicht zählen. Eine Woche vergeht doch so schnell.« »Hm. Eine Woche ist eine Woche«, antwortete er. Chanele seufzte und sah betrübt zum Mond auf. Dann sagte sie tieftraurig: »Noch mehr als vier Monate.« Doch gleich darauf fuhr sie etwas heiterer fort: »Aber dann werden wir immer beisammen sein. Stets, stets, stets. Nicht wahr, Meierl!« Und still ward es, so still, als könnte man das sanfte Schweben des Mondes hören. Die Blütenknospen waren straff und dick dem Aufspringen nahe. Die Luft war erfüllt vom süß-sauren Duft der Apfelbäume und dem Geruch der Kirschblüten, der an bittere Mandeln erinnerte ... Die beiden hörten ihre Pulse hämmern und sie fühlten sich so glücklich und frei und doch so tieftraurig, voll Sehnsucht nach etwas Unbewußtem und Unerfülltem ... Chanele unterbrach die Stille: »Meierl!« »Was, Chanele?« »Tut es dir nicht leid, daß du gekommen bist?« »Aber Närrchen!« »War es gut von mir, das ich dich gebeten habe zu kommen?« Er drückte seinen Kopf fester an sie. »Wir werden die Gelegenheit nicht sobald wieder haben«, fuhr sie fort. »Morgen und den ganzen Sommer wird der Großvater wieder hier schlafen ... Ach, ist das eine schöne Nacht, nicht, Meierl?« »Während du sprichst, Chanele, kann sich der Himmel auftun und wir werden versäumen, uns etwas zu wünschen.« »Gut, ich werde still sein. Aber, nicht wahr, es ist schön heute? Sag!« Sie küßte ihn und blickte mit lächelndem Gesicht zum Himmel auf, aber nach einer Weile rief sie wieder: »Meierl!« »Was?« »Sag' mir die Wahrheit.« »Worüber?« »Du glaubst.« »Woran?« »Daß sich der Himmel spalten wird.« »Was denn? Aber natürlich.« Er sprach es nicht mit vollster Überzeugung aus. Chanele lachte und fragte weiter: »Hast du es irgendwo gelesen?« »Nein, es kommt nirgends vor, aber man sagt ...« Chanele lachte noch mehr. »Mir scheint, du glaubst gar nicht daran«, sagte sie. »Weiß ich? Man spricht so. Eigentlich dürfen wir Juden an Zeichen nicht glauben ...« »Wenn du nicht glaubst, warum bist du denn hier!« »Ich dachte, daß du glaubst.« – Und mit weicher Stimme fügte er hinzu: »Ich wollte mit dir zusammen sein, Chanele. Verstehst ...« Sie sah ihn mit großen Augen an. Dann nahm sie seinen Kopf in beide Hände und sagte lächelnd: »Du Lump! Und wann wirst du den Tikin sagen?« »Mehr als die Hälfte habe ich am Tage bereits gesagt ..« »Du Schwindler!« »Wirklich, so wahr ich ein Jude bin ...« »Und wann wirst du die zweite Hälfte sagen ...?« »Oh, das ist bald erledigt«, sagte er mit Selbstbewußtsein. »Ich bete sehr schnell. Ich habe vorgestern mit einem Freund gewettet, daß ich mit dem Morgengebet früher als er fertig werde und er hat volle zehn Minuten mehr gebraucht als ich ...« Lächelnd sahen sie einander an. »Ich will jetzt schlafen«, sagte er im Spaß und schloß die Augen. Und Chanele sprach zu ihm, wie zu einem Kinde: »Schlaf nur, schlaf! Ich werde dir ein Geschichtchen erzählen: Es war einmal ein weißes Zicklein – ein schwarzes Bärchen und eine rote Kuh ... Meierl ist ein Narr ... Kitsch, kitsch, kitsch ...« Sie kitzelte ihn am Halse, daß er lachen mußte. Dann erzählte sie ihm eine Geschichte nach der andern: von einem Rabbi und seiner Frau, von einem Königssohn und einer Prinzessin ... Bei sich dachte sie aber, daß noch über vier Monate bis zur Hochzeit sind, vier Monate und eine Woche ... Aber dann werden sie immer zusammenbleiben. Sie werden beim Großvater wohnen und sie wird stets Meierls Kopf in ihren Schoß legen; hier im Garten und in der Stube drinnen ... wie schön wird sich die Stube ausnehmen, die Wände werden weiß und golden gestreift sein ... Ein Glücksempfinden durchströmte sie und eine unendliche Sehnsucht ... Plötzlich hielt sie im Erzählen inne. Meierl war eingeschlafen und die Mondstrahlen ruhten auf seinem reinen, weißen Gesicht. Es war wie das Gesicht des Prinzen aus dem Märchen ... Chanele fühlte sich von der Gegenwart entrückt ... Meierl öffnete die Augen und lachte. Er streckte die Arme nach ihr aus, aber sie fühlte sich jetzt so müde. Ihre Hände und Füße zitterten. Erschrocken sprang er plötzlich auf und rief: »Der Morgen graut schon.« Und er begann hinter den Büschen seinen Tikin-Schewues zu suchen. Chanele reichte ihm das Buch und umarmte ihn. Vorsichtig blickte er durch die Spalte ins Gäßchen und kletterte dann über die Mauer. »Auf Wiedersehen, Chanele«, sagte er zärtlich und entschwand ihren Blicken. Chanele stürzte zur Spalte und sah ihm nach. Ihr war so traurig zumute, und nur der eine Gedanke erfüllte sie: »Noch mehr als vier Monate!« Dann ging sie zum Apfelbaum, warf sich auf die Polster und weinte ... ... Die Frauen in der Stadt schliefen schon und die Männer murmelten immer noch müde und verschlafen den Tikin. Auf dem Hügel hinter dem Städtchen stand der blasse Erdgeist und sah dem kommenden Morgen entgegen. Er hob die Arme über den Kopf und streckte sie weit von sich. Sein Herz schlug kaum und die Brust war ihm beengt. Er rang nach Atem und sein Körper zuckte ganz schwach vom Betteln nach Leben, Lust und Liebe ... M. Spector Die Jugendfreunde. I. Seit fünf Jahren wohnt Feiwels in der großen Stadt Warschau und jeden Abend spaziert er auf dem Marschalkowski-Prospekt, denn er wohnt in der Nähe dieser verkehrsreichen Straße. Seine Bücher und Feuilletons bringen ihm so viel ein, daß er sorgenlos leben kann. Die Zukunft erscheint ihm im rosigsten Lichte, denn er ist erst siebenundzwanzig Jahre alt und man erwartet noch viel von seinem Talent. Außerdem ist er ein schöner, gesunder, junger Mann. Kein Wunder also, daß er auf jedermann einen guten Eindruck macht. Wenn er am Abend durch die Straßen schlendert, denkt er oft mit Stolz daran, daß er sein Glück nur sich selbst und seiner Begabung zu danken hat. Er ist in den fünf Jahren, seitdem er das Provinzstädtchen verlassen hat, ein anderer geworden. Er ist fröhlicher und lebhafter und macht den Eindruck eines Menschen, der sich seinen Platz im Leben erobern wird. Sein Auftreten ist sicher und selbstbewußt und er ist überall als erfolgreicher und berühmter Schriftsteller bekannt. II. Als Feiwels eines Abends auf dem Marschalkowski-Prospekt spazierte, erblickte er inmitten der Straße einen Juden in einem langen, alten Winterrock gehüllt, einen Sack unter dem Arm. Der Jude sah sich nach allen Seiten um, als suche er jemand. Ab und zu verließ er seinen Platz und machte einige Schritte; kehrte aber immer wieder unentschlossen zurück. Er rannte bald rechts und bald links, bald lief er einem Tramwaywagen nach und winkte dem Kondukteur, daß er halten lassen soll. Die Tramway fuhr aber jedesmal weiter und der Jude blieb, müde vom Laufen, zurück, um auf den nächsten Wagen zu warten. Feiwels merkte, daß es ein Jude aus einer Kleinstadt sei, der zum ersten Male nach Warschau gekommen war. Er näherte sich ihm und erklärte ihm, daß er zur Haltestelle gehen müsse. Sie sprachen eine Weile und Feiwels erfuhr, daß der Jude aus Szticzin gekommen sei. »Auch ich bin ein Szticziner«, sagte Feiwels. Verwundert betrachteten sie einander und erkannten, daß sie Kameraden im Cheder in Szticzin gewesen. Sie waren auch entfernte Verwandte ... Feiwels bat nun seinen Jugendfreund Jossel Leibalis, daß er bei ihm Wohnung nehme. III. »Du wohnst sehr schön, Simon«, sagte Jossel, als die Freunde in Feiwels Wohnung beim Abendessen saßen, verwundert betrachtete er die schönen Möbel und die tapezierten Wände. – – »Ich habe heute noch etwas zu besorgen«, fuhr er nach einer Weile fort und begann in den Taschen nach einer Adresse zu suchen. »Jetzt am Abend wirst du doch nichts mehr ausrichten können. Laß es für morgen«, meinte Feiwels. »Es ist richtig, wichtige Geschäfte sind es nicht«, erwiderte Jossel. »Ich möchte aber gern alles erledigen, um morgen mit dem Mittagszug abreisen zu können. Ich bin schon zehn Tage vom Hause weg und mein Weib und die Kinder sind allein zurückgeblieben ...« »Was hast du für ein Geschäft und wozu bist du nach Warschau gekommen?« fragte Feiwels. »Die Besorgungen kannst du für morgen lassen ...« »Vielleicht hast du recht«, entgegnete Jossel. »Ich habe schon drei Nächte kein Auge geschlossen. – Das heißt, eigentlich habe ich schon zehn Nächte nicht geschlafen – seitdem ich auf der Reise bin. Kann man denn auf der Bahn schlafen ...? Man nickt höchstens ein wenig ... Gut, ich werde die Geschäfte für morgen lassen und mich diese Nacht ausschlafen, wer kann denn auf der Reise die Zeit ausrechnen ... Soll schon sein auf morgen ...! Was hast du gefragt? Womit ich handle? Mit Leid und Unglück handle ich! Heutige jüdische Geschäfte! Steins gesagt! Die Eisenbahn steckt meinen ganzen Verdienst ein und ich plage mich rein umsonst – das ist mein Erwerb. »Aber was führt dich nach Warschau?« »Was ich hier mache? Ich soll so wissen von Schlechtem, ob ich es weiß! Was habe ich in Berdytschew und in Lodz gesucht ... Verflucht soll dieses Lodz werden! ... Nicht einen Sack habe ich dort kaufen können, habe umsonst Spesen gemacht. Und die ganze Welt schreit: »Lodz! Lodz! Pfui soll es werden! Aus Berdytschew habe ich doch einige hundert Säcke mitgebracht, aber aus Lodz nicht einen ... Nun bin ich in Warschau! Weiß ich, was ich hier suche! Morgen werden wir ja sehen!« »Du handelst also mit Getreide?« fragte Feiwels. »Nein, mit Getreidesäcken handle ich. Bei uns sind jetzt neue Säcke nicht zu bezahlen und so fahre ich herum, um alte, gebrauchte Säcke einzukaufen. Das führt mich auch nach Warschau. Man sagt, daß hier alte Säcke massenhaft zu haben sind – aber von Lodz hat man das auch behauptet ... Morgen werde ich wissen, was für eine Stadt dieses Warschau ist und warum die ganze Welt schreit: »Warschau! Warschau!« »Trägt das Geschäft auch etwas«, unterbrach ihn Feiwels. »Allen unseren Feinden gesagt! Man verdient kaum das trockene Stückchen Brot und manchmal auch das nicht. Wer weiß, ob mir diese Reise etwas einbringen wird. Die Eisenbahn will aber von nichts wissen. Für die Reise muß man zahlen und das Weib und die fünf Kinder wollen essen ... »Fünf Kinder hast du schon?« fragte Feiwels verwundert. »Mir scheint, wir sind im selben Alter, – siebenundzwanzig Jahre, nicht?« »Was wunderst du dich! Ich bin ja schon zehn Jahre verheiratet. Bald kommt das sechste Kind. – Gebe Gott, daß es ein Mädchen sein soll. Ein Briß fehlt mir noch bei diesen goldenen Geschäften ...« Jossel schwieg und aß weiter, nur von Zeit zu Zeit seufzte er tief. Feiwels betrachtete ihn jetzt genauer. Jossel sah gealtert aus. Sein Gesicht war abgehärmt und eingefallen. Er schien ein geplagter, lebensmüder Mensch zu sein. Feiwels begann zwischen sich und seinem Freunde Vergleiche anzustellen: Zwei Jugendfreunde waren sie, zwei Schüler in demselben Cheder, doch ihre Wege waren auseinander gegangen – und nun war Jossel ein müder, halbkranker Mensch, der mit alten Säcken handelte und der ein Weib mit fünf kleinen Kindern zu ernähren hatte, welch ein Leben stand ihm noch in diesem armen Städtchen Szticzin bevor ...? Und er – er wohnte in der schönen Stadt Warschau und war ein talentierter, berühmter Schriftsteller ... Er war gesund und sah jünger aus als er in Wirklichkeit war. Die Zukunft sollte ihm aber erst das wahre Lebensglück bringen. Nach wenigen Jahren wird ein Werk von ihm Aufsehen erregen. Seit einem Jahre arbeitete er bereits an diesem Buche ... »Jeder hat sein Schicksal«, dachte Feiwels, und wenn er Jossel anblickte, war ihm traurig zumute. »Wenn wir uns nicht zufällig getroffen hätten, wüßtest du gar nicht, daß ich in Warschau wohne«, sagte Feiwels nach einer Weile. »Wer weiß nicht, daß du hier eine große Rolle spielst«, entgegnete Jossel. »In Szticzin spricht man in einem fort von dir, und am Sabbat wird ein Beth-ha-Midrasch über deine Werke debattiert. Ich habe einmal mit meinem Weibe ein Buch von dir gelesen und wir haben sehr viel gelacht ...« Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, das sich in seinem vertrockneten Gesicht sehr schlecht ausnahm. »Wir haben uns gefragt, woher du das hast«, fuhr er nach einer Weile fort. »Wenn du gewußt hast, daß ich in Warschau wohne, warum hast du mich nicht aufgesucht?« fragte Feiwels. »Ich will dir die Wahrheit sagen«, entgegnete Jossel. »Ich habe mir gedacht, daß du dich mit mir schämen wirst, wenn du wüßtest, was man in Szticzin von dir spricht ... Aber wenn ich nach Hause komme, werde ich den Leuten schon erzählen, wie du wirklich bist ...« »Eine sehr schlechte Meinung habt ihr, wie es scheint, von mir in Szticzin«, unterbrach ihn Feiwels. »Im Gegenteil! Ich freue mich sehr, daß du mich nicht vergessen hast«, sagte Jossel. Er dachte an einen Szticziner Bankier, der auch sein Jugendfreund gewesen war und der sich schämte, mit ihm auf der Straße zu sprechen. Und Simon, von dem die ganze Welt spricht, behandelte ihn wie seinesgleichen. Ganz Szticzin soll erfahren, wie ihn Simon aufgenommen hat. IV. Am nächsten Tag mietete Feiwels eine Droschke und brachte seinen Freund zur Bahn. Jossel schimpfte auf dem ganzen Wege über Warschau. »Hat man je so etwas gehört«, rief er ein um das andere Mal. »Für geflickte, alte Sacke verlangen sie hier denselben Preis wie bei uns in Szticzin für neue, tadellose. Und nun kommt noch das Reisegeld hinzu. Die Eisenbahn fahrt einen nicht umsonst. Diese Warschauer Ware und diese Warschauer Juden! Steins gesagt! Wer kann denn mit ihnen handeln, von einem Lutwak möchten sie die Haut herunterziehen ... Als sie den Bahnhof erreichten, hörten sie schon das erste Läuten. Schnell lösten sie das Billett und eilten auf den Perron, denn das zweite Läuten ertönte. Jossel begann sich von seinem Freund zu verabschieden. Er dachte daran, wie gut und freundlich Feiwels zu ihm in dieser großen, fremden Stadt gewesen war. Eine Rührung überkam ihn und mit Tränen in den Augen rief er aus: »Sei gesund, Simon, ich danke dir für die Aufnahme und für deine Freundlichkeit ... Es soll dir immer gut gehen und du sollst glücklich sein! Und Gott soll dir helfen, daß du diese Narrischkeiten aufgibst ...! Büchlech – das ist kein Geschäft! Gott soll dir einen besseren Beruf bescheren ...!« Schnell sprang er ins Kupee, denn das dritte Läuten ertönte. Wie erstarrt blieb Siegmund Feiwels mit ausgestreckten Armen stehen. Er wollte Jossel festhalten, ihn fragen: »Narrischkeiten? warum? ... Warum«, murmelte er für sich traurig, und als der Zug davonfuhr, ging er verstimmt, mit gesenktem Kopf seiner Wohnung zu. I. Zangwill Die Lastträgerin. (Autorisierte Übersetzung von Dr. Hanns Heinz Ewers.) Als ihre Fanny endlich heiratete, war Natalia – wie jeder die alte Trödlerin nannte – nicht sehr erfreut darüber. Natalia hatte früher immer gedacht, daß, wenn eine fast schon matronenhafte Tochter von dreiundzwanzig Jahren, die beinahe über das Heiratsalter hinaus war, dennoch in die Ehe träte, sie unbedingt eine gute Partie machen würde, die für Mutter und Tochter Vorteile bringe. Als aber der zukünftige Schwiegersohn sich ihr vorstellte, befriedigte er ihre Ansprüche keineswegs; er bestand durchaus nicht vor dem kritischen Auge der alten Trödlerin. Sie blieb dabei, daß Henri Elfmann kein richtiges jüdisches Aussehen habe. Schon der Schnitt seiner Kleider schien ihr verdächtig und regte die Vermutung in ihr an, daß er am Ende gar an Wettrennen teilnehme. Ganz vergebens versuchte Fanny ihr klarzumachen, daß Henri niemals zu den Rennen ginge, daß seine Pflichten als Buchführer in S. Cohns Warenhaus ihn viel zu sehr in Anspruch nähmen, um an solchen Vergnügungen teilzunehmen, und daß der elegante Schnitt seines Anzuges von ihm gefordert wurde, um Reklame für das Geschäft zu machen. »Ach, das kenne ich schon; natürlich wird er dich nicht mit zu den Rennen nehmen,« erklärte sie in jüdischem Dialekte, »aber alle diese jungen Leute mit karrierten Anzügen und mit Blumen in ihren Knopflöchern wetten und spielen und tun noch viel schlimmere Dinge, und nachher müssen dann ihre Frauen und Kinder die Hilfe ihrer alten Mütter in Anspruch nehmen.« »Ich werde dir ganz gewiß niemals zur Last fallen«, erwiderte Fanny ärgerlich. »Wem denn sonst? Du bist eine nette Tochter! Möchtest du denn Fremden zur Last fallen? Oder solltest du vielleicht gar daran denken, die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch nehmen zu wollen?« Ein Schauder durchrieselte ihren mageren Körper. Sie war schon mit sechzig Jahren ein hageres, altes Weibchen gewesen und hatte das Ansehen der ehrwürdigen Großmutter gehabt, die sie nun allmählich geworden; nur war ihr Haar tiefschwarz geblieben, denn als strenggläubige Jüdin trug sie natürlich eine Perücke. Das Leben war immer unsanft mit ihr umgegangen. Seit dem Tode ihres Mannes und seit Fannys frühester Kindheit hatte sie sich ihren kargen Lebensunterhalt dadurch verdient, daß sie mit alten Sachen handelte und diese etwas teurer verkaufte, wie sie sie erstanden hatte. Sie pflegte sich an den Hintertüren der Villen einzustellen, um dort mit gewinnsüchtigen Frauen und Damen zu handeln, die sich deshalb mit der alten Trödlerin einließen, weil sie selbst ein Geschäft dabei zu machen hofften. Natalia pflegte die vor ihr auf dem Boden liegenden alten Kleider und Putzgegenstände mit verächtlichen Blicken zu prüfen und wohl gar mit dem Fuße fortzustoßen. »Wie könnte ich solches Zeug wieder los werden?« fragte sie. »Ich habe Ihnen das letztemal zu viel gezahlt, ich habe bei dem Handel zugesetzt.« Wenn sie dann den Preis hartnäckig bis auf das äußerste herabgedrückt hatte, zog sie einen alten schäbigen Lederbeutel aus ihrem Busen und zahlte den Betrag in klappernden Silber- und Kupfermünzen. Dann packte sie die erhandelten Sachen so schnell sie konnte in ihren großen Sack und schwankte fröhlich davon. Die Herrenkleider verschacherte sie ohne weiteres an kleine Geschäfte, in denen man mit getragenen Sachen handelte, aber die Frauenkleider wußte sie geschickt zu reinigen, zu wenden und aufzuarbeiten, um sie dann in erneutem Glanze Sonntag morgens in Petticoat-Lane zu verkaufen. Sie gehörte zu den bescheidenen Agenten des großen ökonomischen Prozesses, durch den abgetragene Kleider ein neues frisches Ansehen erhalten, um dann aus den höheren Gesellschaftskreisen in immer tieferstehende Regionen überzugehen. Als sie zuerst ihren Handel begann, da konnte sie nur gerade so viel Englisch, um sich notdürftig durchzuhelfen. Aber durch den fortgesetzten Verkehr mit Engländern hatte sie dann ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes mehr Englisch gelernt als in den fünfundzwanzig Jahren, die sie vorher in dem Ghetto von Spitalfields verbracht hatte. Es war Fannys Obliegenheit gewesen, während die Alte handeln ging, das Haus zu versorgen und das Abendessen zu bereiten. Der Widerstand der Mutter gegen ihre Heirat entsprang keinen selbstsüchtigen Motiven. Sie machte sich nichts daraus, nachdem sie den ganzen Tag herumgelaufen und endlich heimgekehrt war, selbst das Feuer anzuzünden und sich mit einem gebratenen Hering zu begnügen. Fanny hatte ihr freilich angeboten, sie solle zu ihr ziehen in das elegante, zwei große Zimmer enthaltende Häuschen in der Nähe von Kings Croß, das Henri einrichtete. Sie könnte dort ganz gut nachts auf einem zusammenlegbaren Bette im Wohnzimmer schlafen. Aber der Unabhängigkeitsgeist der alten Frau und ihr Mißtrauen gegen den Schwiegersohn bewogen sie, ihr bescheidenes Ghettozimmerchen vorzuziehen. Trotz aller Gründe, die Fanny dagegen aufbrachte, konnte sie eine gewisse Antipathie gegen die Art, wie Henri sich kleidete, ja selbst gegen seine ganze Beschäftigung nicht überwinden – vielleicht war es der ihr unbewußte Antagonismus der alten Kleider gegen die neuen, der fast symbolisch war für die alte Generation und die pietätlosen Kinder der Neuzeit, die die Alten niedertreten. Henri selbst war im geheimen erfreut darüber, daß die Alte das Anerbieten ihrer Tochter nicht annahm. In der ersten Zeit seiner Verlobung hatte er, da er wirklich sehr verliebt in Fanny war, die alte polnische Jüdin, die seltsamerweise die Mutter der hübsch und rosig aussehenden Fanny war, mit in den Kauf genommen. Aber wenn es etwas in der Welt gab, das ihm Ekel und Abscheu erregte, so waren dies alte Kleider. Er fühlte sich wie ein Teil der großen englischen Welt der Mode und des Geschmacks, deren Taillenweite er von seinem hohen Stuhle herab registrierte, und sogar in gewisser Beziehung zu dem beliebten Komiker, dessen zwar nicht teuren, aber stilvollen Abendanzug er bis in die kleinsten Details beschreiben mußte. Die Jahre gingen dahin, und es schien wirklich beinahe so, als ob die Befürchtungen der alten Frau grundlos gewesen. Henri ging nicht zu den Rennen, und Fanny und ihre Kinder Becki und Joseph hatten es nicht nötig, die Unterstützung der Mutter in Anspruch zu nehmen. Seine Stellung verbesserte sich vielmehr, und er konnte es sich leisten, ein nettes Häuschen mit vier Zimmern in der Holloway Street zu mieten; das war besonders angenehm, da es so nahe bei dem Warenhaus S. Cohns gelegen war, daß er des Mittags zum Essen nach Hause kommen konnte. Aber ach! die arme Fanny sollte die Annehmlichkeiten ihrer verbesserten Lage nicht lange genießen. Sie zog in das enge Grabeskämmerlein, und nachdem sie heimgegangen, schien das vier Zimmer enthaltende Häuschen den Hinterbliebenen unglaublich leer und kahl zu sein. Selbst Natalias Dachstube in dem Ghetto, die Fanny doch schon seit sieben Jahren nicht mehr geteilt hatte, erschien der armen Mutter öde und leer. Sie fühlte sich unsäglich einsam, und dabei wurden dennoch die Besuche bei ihren Enkelkindern immer seltener. Nachdem das verbindende Glied ihrer Tochter fehlte, fühlte sie sich keinen Augenblick mehr wohl in dem Hause, dessen ganze Einrichtung ihre eigene soziale Stellung weit überragte. Henri behandelte sie auffallend steif und frostig, und die Kleinen näherten sich nur ungern dieser ernst und streng aussehenden alten Frau, die sie danach fragte, ob sie regelmäßig ihre Gebete verrichteten, und die so unangenehm nach Heringen roch. Allmählich ging sie gar nicht mehr in das Haus ihres Schwiegersohnes. Dann plötzlich erwies es sich, daß das Mißtrauen, das sie stets gegen Henri Elkmann empfunden hatte, nur zu gerechtfertigt war. Ehe nur das Trauerjahr vorüber, ehe er berechtigt war aufzuhören, den Kaddisch für ihren Liebling Fanny zu sprechen, hörte sie, daß der Elende wieder verheiratet sei! Verheiratet, und zwar, um das Maß des Greuels vollzumachen, mit einer Christin! Natalia erfuhr diese Neuigkeit von einer plauderlustigen Dame, einer ihrer Klientinnen; sie bohrte mit ihrem Messer Löcher in den übervollen Sack, um den Strick hindurchzuziehen; sie bohrte verzweifelt mit ihrem Messer hinein, als ob der Sack Henri Elkmanns Herz gewesen sei. Sie kannte die Details des pikanten zarten Verhältnisses nicht, das sich zwischen ihm und der hübschen Gehilfin in dem großen Tuchgeschäft, das in der Nähe des Holloway-Warenhauses gelegen war, entwickelt halte, und sie hatte nicht das geringste Verständnis für die allmähliche Umwandlung, die sich in Henri vollzogen hatte. Wie er, nachdem er anfangs nur die Reize der hübschen Britin bewundert hatte, allmählich dazu gekommen war, sein Judentum aufzugeben, das rührte sie nicht. Es war ihr zum Glück nickt bekannt, daß selbst ihre Fanny in den letzten Jahren den Pfad der Tugend oft genug verlassen und am Sabbat nachmittag mit ihrem Manne Landpartien gemacht hatte, um etwas Landluft zu atmen. Sie war rücksichtsvoll genug gewesen, ihr solche Dinge zu verschweigen. In den Augen der strenggläubigen alten Trödlerin war Henri Elkmann einfach ein Ungeheuer von Schlechtigkeit, sie glaubte sogar, daß er sich habe taufen lassen, und daß er in einer christlichen Kirche getraut sei, obwohl die Vermittlerin der schlimmen Nachricht sie über diesen Punkt zu beruhigen suchte und ihr versicherte, daß der Ehebund nur auf dem Standesamt geschlossen sei. »Möchten alle Plagen Pharaos ihn ereilen«, rief sie in ihrem pittoresken Jargon. »Möchten seine schönen Kleider ihm vom Fleische und das Fleisch ihm von den Knochen fallen! Möge Fannys beleidigte Seele vor dem ewigen Gerichtshof gegen ihn zeugen! Sie aber, dieses Heidenweib, soll von einem jähen Tod betroffen werden.« Sie zog die Enden ihres Strickes fest zusammen, als ob es um den Hals der Frau wäre. »Still doch, stille, Sie böse alte Hexe,« rief die Plauderin entrüstet, »was sollte dann wohl aus Ihren eigenen Enkelkindern werden?« »Für die kann es gar nicht schlimmer werden, als wie es jetzt ist, nachdem eine Heidin in das Haus gezogen ist. Ihr Judentum wird dadurch vernichtet werden. Vielleicht wird sie die armen Geschöpfe sogar taufen lassen. Oh, Vater im Himmel!« Der Gedanke lastete schwer auf ihr. Sie stellte sich vor, wie ihre unschuldigen Enkel Becki und Joseph das Kruzifix küßten. Es würde ganz sicher sein, daß sie kein koscheres Essen mehr bekämen, wie sollte diese Fremde etwas von den Geheimnissen der Fleischzubereitung wissen, und wie man Fleischteller stets sorgsam von den Buttertellern zu trennen habe! Endlich konnte sie die auf ihrem Herzen ruhende Last nicht mehr länger ertragen. Sie nahm ihren Weg an Elkmanns Haus vorbei, und tief unter ihrem Sack gebückt, pochte sie an die ihr so wohlbekannte Tür. Es war um die Frühstückszeit, und als man ihr öffnete, kamen ihr ungewohnte kulinarische Düfte entgegen. Ihre aufgeregte Einbildungskraft spiegelte ihr vor, daß sie Speck röche. Das immer noch an der Türpforte angebrachte jüdische Amulett vermochte ihr keinen Trost zu verleihen; es war einfach dort vergessen worden, ein stummes Symbol des früheren Judentums. Eine sehr hübsche, freundliche, junge Frau mit blauen Augen und wie Rosen prangenden Wangen öffnete die Tür. Vor Natalias Augen tanzte alles, sie konnte kaum etwas sehen. »Alte Kleider?« frug sie mechanisch. »Nein, danke Ihnen«, erwiderte die junge Frau. Ihre Stimme war süß, aber Natalien klang sie wie die Stimme Liliths, der Räuberin neugeborener Kinder. Ihre rosigen Wangen hielt sie für Schminke. Im Hintergrunde drang der Duft unkoscheren Essens aus der früher so rituell geführten Küche, die der christliche Eindringling profaniert hatte. Zwischen Natalia und ihren Enkeln aber stand diese fremde, mädchenhafte Gestalt und schien sie unerreichbar weit von der Großmutter zu trennen. Sie konnte die Schwelle nicht wieder überschreiten, ohne eine weitere Erklärung zu geben. »Ist Herr Elkmann zu Hause?« fragte sie. »Sie kennen seinen Namen?« sagte die junge Frau etwas überrascht. »Ja, ich kenne ihn ziemlich genau.« Der spöttische Ausdruck dieser Worte wurde glücklicherweise von der jungen Frau nicht verstanden. »Es tut mir leid, daß jetzt nichts zu verkaufen da ist«, sagte sie höflich. »Nichts? Nicht einmal ein Paar alter Schuhe!« »Nein.« »Aber die Schuhe der toten Frau? Oder – tragen Sie die vielleicht?« Diese Worte kamen so unerwartet, wurden mit so seltsamem Ausdruck gesprochen, und die Augen des alten Weibes leuchteten dabei so unheimlich, daß die junge Frau mit einem leisen Schrei zurückbebte. »Henri«, rief sie. Mit der Gabel in der Hand, kam Elkmann aus dem Speisezimmer und blieb erschrocken stehen, als er Natalia erkannte. »Was willst du hier«, murmelte er. »Fannys Schuhe«, rief sie. »Wer ist das?« fragte die junge Frau, ihren Mann erstaunt ansehend. »Ein halb verrücktes altes Weib, dem wir aus Mitleid zuweilen etwas zu verdienen geben«, flüsterte er zurück, führte sie dann rasch in das Zimmer. »Laß mich allein mit ihr fertig werden«, sagte er leise und schloß die Tür. »So, das also ist deine geschminkte Puppe«, zischte die Schwiegermutter in jüdischem Jargon. »Geschminkt«, sagte er ärgerlich. »Gretchen geschminkt! Sie ist so wenig geschminkt wie ein rosiger Apfel. Sie ist ein Landmädchen, und ihre Mutter war eine Lady.« »Ihre Mutter vielleicht! Aber sie! Du siehst im Schaufenster einen glänzenden Zylinderhut, der zu 16-1/2 Schilling ausgezeichnet ist, und bildest dir ein, er wäre neu. Aber ich weiß es besser, woher er stammt. Er ist aus dem Rinnstein aufgelesen worden. Ach, wie ist es nur möglich, daß du dich von ihr bestricken ließest, während es doch so viele rechtschaffene Jüdinnen gibt, die keinen Mann haben.« »Es tut mir leid, wenn sie dir nicht gefällt, aber es ist das meine Angelegenheit und nicht die deine.« »Nicht die meine! Nachdem ich dir meine Fanny gegeben, die Sklavenarbeit für dich verrichtet und dir zwei Kinder geboren hat!« »Es ist ihrer Kinder wegen, daß ich wieder zu heiraten gezwungen war.« »Was! Du mußtest wegen Fannys Kindern eine Christin heiraten? O möge Gott dir deine Sünde vergeben!« »Wir sind hier nicht mehr in Polen«, sagte er verdrießlich. »Ach! Ick habe es stets gesagt, daß du ein Sünder in Israel bist. Meine Fanny hat um deiner Sünden willen sterben müssen. Ob, möchte der schwarze Tod auch dich vernichten!« »Wenn du jetzt nicht aufhörst zu fluchen, werde ich einen Polizisten rufen.« »Oh, sperr' mich nur ein, sperr' mich nur ein – die Schmach kommt über dich. Die ganze Welt soll es wissen.« »So geh' ruhig fort. Du bist nicht berechtigt, hierherzukommen und Gretchen – meine Frau zu erschrecken. Sie ist sehr zart und muß geschont werden.« »So mag sie für uns alle geopfert werden. Ich habe das Recht, hierherzukommen, soviel es mir beliebt.« »Das Recht hast du nicht.« »Doch. Ich habe ein Recht auf die Kinder. Mein Blut fließt in ihren Adern.« »Du hast kein Recht auf sie. Die Kinder gehören ihrem Vater.« »Ja, ihrem Vater im Himmel«, sagte sie, die Hand erhebend und mit dem pathetischen Ausdruck einer Prophetin, während sie mit der anderen Hand den Sack auf ihre Schultern lud. »Die Kinder sind die Kinder Israels, und sie müssen sich unter das Joch des Gesetzes beugen.« »Was willst du denn eigentlich hier?« sagte er, sie zornig anblickend. »Gib mir die Kinder, ich werde sie in der Furcht des Herrn erziehen, wandle du deine eigenen gottlosen Wege, frei von jeder Last – du und deine christliche Puppe! Du gehörst nicht mehr zu uns. Gib mir die Kinder, und ich werde ruhig gehen.« Er sah sie spöttisch an. »Du hast wohl getrunken, meine gute Schwiegermutter?« »Ja, das Wasser der Trübsal. Gib mir die Kinder.« »Aber die würden gar nicht mit dir gehen wollen. Sie lieben ihre Stiefmutter zärtlich.« »Sie lieben diese geschminkte Dirne? Sie, in deren Adern jüdisches Blut fließt, und in deren Adern das Gedächtnis an ihre Mutter noch so lebendig ist! Unmöglich!« Er öffnete leise die Zimmertür. »Becki, Joseph, kommt doch mal her, nein, du nicht, Gretchen, mein Liebling. Es ist alles in Ordnung. Die alte Frau möchte nur so sehr gern den Kindern guten Tag sagen.« Die zwei Kinder trippelten in den Hausflur; ihre Servietten waren noch umgebunden und ihre Mündchen noch nicht abgeputzt, aber sie waren ungewöhnlich sauber und zierlich gekleidet. Beim Anblick ihrer Großmutter, die sie ernst und mit gerunzelter Stirn anblickte, blieben sie verdutzt stehen. »Meine Lämmer,« rief Natalia in zärtlichstem, aber darum doch nicht gewinnendem Tone, »wollt ihr nicht zu mir kommen und mir einen Kuß geben?« Becki, ein sehr verständiges Persönchen von sieben Jahren, trat mutig näher und hielt der Großmutter die Backe hin. »Wie geht es dir, Großmama«, sagte sie steif. »Und du, Joseph,« sagte Natalia, ohne ihr zu antworten, »mein Herzblatt und meine Krone, willst du nicht zu mir kommen!« Der kleine Joseph, der erst viereinhalb Jahre alt war, stand verlegen da und steckte den Finger in den Mund. »Bring ihn zu mir, Becki. Sage ihm, daß ich gekommen bin, euch mitzunehmen, und daß ihr von jetzt an bei mir wohnen sollt.« Becki zuckte die Achseln. »Er kann es tun, wenn er will. Ich will es nicht «, sagte sie lakonisch. »O, Becki«, erwiderte die Großmutter. »Du wirst doch nicht hierbleiben wollen und deine arme Mutter dadurch quälen?« Becki stutzte. »Meine Mutter! Sie ist tot«, sagte sie. »Ja, aber ihre Seele lebt und wacht über euch. Komm, Joseph, mein Augapfel, komm mit mir.« Sie gab ihm die schönsten Schmeichelworte, aber der kleine Junge, der zu glauben schien, daß sie ihn in ihren Sack stecken und darin forttragen wolle, erhob ein entsetzliches Geheul. Darauf kam die junge Frau erschreckt aus dem Eßzimmer, und das Kind stürzte ihr entgegen und drückte sie eng an sich, als suche es Schutz bei ihr. »Mama, Mama«, rief es. Henri sah die alte Frau mit triumphierendem Lächeln an. Natalia wurde es abwechselnd heiß und kalt. Nicht allein, deshalb, weil ihr kleiner Joseph sich in die Arme dieses Geschöpfes flüchtete, selbst nicht, weil er ihre Mütterlichkeit anerkannte. Es war das Wort Mama , was sie so tief verletzte. Das Wort schien ihr ein Beweis dafür, daß aus diesem Hause der alte Glaube für immer verschwunden sei. Mama , so hörte sie die Kinder christlicher Eltern ihre Mutter anreden, an deren Türe sie handelte. Fanny war eine Mutter gewesen, eine liebe häusliche, jüdische Mutter . Dieses Wort Mama, das man ihre Enkel gelehrt, erschien ihr wie ein Triumph des über das Grab ihrer Tochter wegschreitenden Christentums. »Wenn Mamas Schuhe verkauft werden sollen, so laßt es mich wissen«, zischte sie. »Ich werde euch den höchsten Preis dafür zahlen!« Es graute Henri, aber er antwortete, indem er sie dem Ausgange zudrängte: »Gewiß, gewiß. Guten Morgen.« »Ich werde dir dafür geben, was du forderst – ha, ich weiß es gewiß, sie kommen – kommen in meinen Sack!« Die Tür schloß sich hinter der grotesken alten Sibylle, und Henri zog sein zitterndes junges Weib zärtlich an die Brust und drückte einen langen Kuß auf ihre frischen Kirschenlippen. Später erklärte er ihr, daß die halbverrückte alte Trödlerin den Kindern wie der ganzen Nachbarschaft unter dem Namen »die Großmutter« bekannt sei. Die zweite Frau Elkmann starb, als sie ihrem ersten Kinde das Leben gab. Das rosige Antlitz verblaßte und sah aus wie ein weißes Engelsgesicht; die zarte zierliche Gestalt lag wie ein aus Marmor gehauenes Bild still und regungslos, und das Geschrei eines winzigen kahlköpfigen Geschöpfchens war der Preis ihres Sterbens. Henri Elkmann war überwältigt von Schmerz und abergläubischem Grauen. Ihm summte eine althebräische Redensart durch den Kopf: »Es gibt drei Dinge, um deretwillen die Frauen im Wochenbett sterben.« Er erinnerte sich nicht genau, was für Dinge es seien; nur das fiel ihm ein, daß es eine Frau niemals unterlassen dürfe, ein Stückchen des Teiges, aus dem das Sabbatbrot gebacken wurde, in das Feuer zu werfen. Aber solche Unterlassungssünden konnten doch kaum einer Christin angerechnet werden, dachte er traurig. Das einzige, was ihn etwas von seinem Kummer abzog, war die Sorge um das neugeborene Kindchen. Es dauerte ein paar Tage, ehe die traurigen Nachrichten die alte Frau erreichten. »Es ist eine gerechte Strafe«, sagte sie mit einer gewissen feierlichen Befriedigung. »Nun wird die Seele meiner Fanny Ruhe finden.« Aber sie weidete sich nicht an der Gerechtigkeit des Gottes Israels und kam auch nicht, um die alten Kleider der gestorbenen jungen Frau zu erhandeln. Sie war einfach zufrieden, daß eine ihr sündhaft erscheinende Verbindung durch höhere Gewalt aufgelöst sei, und sie klopfte dann ohne ihren Sack bescheiden an der Tür Elkmanns an, um zu fragen, ob sie ihm in dieser tragischen Krisis irgendwie behilflich sein könne. »Aus meinen Augen, du mit deinem bösen Blick«, rief Henri und schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Da brach Natalia, von ihren Gefühlen überwältigt, in heiße Tränen aus. So sollte sie immer noch ausgeschlossen bleiben! Die nächste Neuigkeit, die Natalia zu Ohren kam, war ebenso aufregend wie Gretchens Tod. Henri hatte abermals geheiratet, wahrscheinlich hatte er sich des schon bei seiner ersten Ehe benutzten Vorwandes bedient, daß er dies seinen Kindern schuldig sei; jedenfalls hatte er auch diesmal die übliche Trauerzeit nicht abgewartet. Seine dritte Frau war jedoch eine Jüdin, wie die erste. Henri war zu seinen Glaubensgenossen zurückgekehrt, war es sein Gewissen, das ihn dazu veranlaßte? Niemand wußte es. Was aber jeder wußte, das war, daß die dritte Frau Elkmann eine jüdische Schönheit reinster Rasse sei, die dem orthodoxen Glauben angehörte, und die ihre fünfzig Pfund Sterling in bar und außerdem eine reiche Aussteuer von Betten, Leinen und anderen nützlichen Dingen mitbrachte, die ihre Eltern für sie zusammengerafft hatten, ohne vorauszusehen, daß sie einen Mann heiraten würde, der zum zweitenmal Witwer war, und der daher schon überreich mit Möbeln und Hausinventar versorgt war. Die Gefühle der alten Trödlerin waren gemischter wie je. Sie hatte eine Empfindung, als hätte der jüdische Geistliche nicht so leichthin Elkmann unter den Heiratsbaldachin zulassen dürfen. Ihr schien die Erinnerung an Fanny aufs neue entweiht durch diese so rasch aufeinanderfolgenden Ehen. Auf der anderen Seite freute es sie, daß die neue Stiefmutter ihrer Enkel eine orthodoxe Jüdin sei, die sie lehren würde, die Gesetze der Religion heilig zu halten, und die ihnen keine Mama, sondern eine jüdische Mutter sein würde, die sie lieben und treu pflegen würde. Dieser Gedanke tröstete sie einigermaßen dafür, daß sie aus ihrem Hause ausgeschlossen blieb; sie fühlte, daß dies notwendig sei, selbst wenn Henri ihr freundlicher gesinnt gewesen wäre. Diese dritte Frau hatte sie natürlich dem Hause noch mehr entfremdet, sie fühlte, wie ihre Beziehungen immer loser wurden. Sie war in den Rang einer Cousine entfernter Verwandten zurückgedrängt, wagte es kaum mehr, ihre Rechte als Schwiegermutter geltend zu machen. Die Tage gingen vorüber, und wieder beschäftigte sich der Klatsch mit Elkmanns Haushaltung. Die Nachrichten darüber, die, wie alles, was zu ihr kam, aus zweiter oder dritter Hand stammten, wurden von Natalia auf ihren Rundwanderungen begierig gesammelt. Es schien, als ob Henri mit seiner dritten Frau ganz elend hereingefallen sei. Sie war zänkisch, sie schlug ihre Stiefkinder, und was die schlimmste und seltenste Sünde bei einer jüdischen Hausfrau ist – sie trank. Man sagte, daß Henri in Verzweiflung darüber sei. »Nebbich, die armen kleinen Kinder«, rief Natalia entsetzt. Sie sann vergebens darüber nach, wie ihnen zu helfen sei; aber wie sehr sie auch ihr Gehirn zermarterte, sie konnte keinen Ausweg finden. Wochen vergingen, und von allen Seiten trug man es der Alten zu, wie schlecht die dritte Frau Elkmann sich betrage. Dann kam der Zusammensturz – Henri war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen! Die schlechte Frau und die unschuldigen Kinder saßen verlassen in dem vierzimmerigen Hause. Er erschien nicht mehr in dem großen Kleidergeschäfte S. Cohns. Einige wollten wissen, daß er Selbstmord begangen habe; andere behaupteten, daß er nach Amerika geflohen sei. Benjamin Beckenstein, der Zuschneider des Geschäftes, der die letzte Hypothese aufgestellt hatte, erzählte, daß er ihm gesagt habe: »Nachdem ich mit zwei Engeln gelebt habe, ist es mir unmöglich, mit einem Dämon zu leben.« »Ach! Endlich also sieht er doch ein, daß Fanny ein Engel war«, sagte Natalia, ohne der Vermutung, daß er vielleicht nach Amerika gegangen sei, irgendwelche Bedeutung zu geben und auch über den anderen Engel weggleitend. Ihre Gedanken beschäftigten sich nur noch mit diesem einen Thema. Wie konnte auch ein Mann, der es kennen gelernt, welcher Segen eine nüchterne, gottesfürchtige Frau ist, nun das Leben an der Seite eines Weibes ertragen, das trank und die Kinder schlug! »Nein, es war kein Wunder, daß er sich selbst ums Leben gebracht hatte!« Die Klatschbasen bedeuteten sie, daß Elkmanns Bemerkung mehr darauf hinweise, er habe sich seiner unglücklichen Ehe durch die Flucht entzogen. »Sie haben recht«, gab Natalia unlogischerweise sofort zu. »Das ist die Handlungsweise eines Feiglings, wie er es ist; er überläßt die armen Kinder der Gnade und Barmherzigkeit eines Weibes, mit dem er selbst es nicht aushalten konnte. Um Gottes willen, was soll nun aus den armen kleinen Wesen werden.« »Oh, ihr Vater, der Kürschner, wird sich um sie zu kümmern haben«, versicherte man ihr. »Er hat seine Tochter damals doch auch anständig ausgestattet. Sie wissen, daß sie fünfzig Pfund in barem Geld und dazu Betten und Hausrat mit in die Ehe brachte. Oh, Elkmann hat sich das schon überlegt! Er weiß recht gut, daß seine Kinder nicht verhungern werden.« »Ich bin dessen nicht so sicher«, sagte die alte Frau und schüttelte sorgenvoll ihr Haupt mit der schwarzen, glänzenden Perücke darauf. Was sollte sie anfangen! Ach, wenn nun der Kürschner sich eine solche Last nicht aufbürden ließe? Sie fühlte, daß durch Henris Flucht ihre eigenen Beziehungen zu dem Hause Elkmanns noch loser geworden. Wenn sie jetzt käme, um auszuspionieren, wie es um die Kinder stände, würde sie der Frau zu trotzen haben, in deren rechtmäßiger Obhut sie standen. Aber nein, bei reiflicherem Überlegen fand sie, daß es eben diese andere Frau war, die durch Henris Flucht den Kindern zur Fremden geworden war. Was verband diese schlechte Person noch mit den Kindern! Sie war nur ein Eindringling. Heraus mit ihr oder, wenn das nicht ging, heraus mit den Kindern. Ja, sie wollte dreist hingehen und sie fordern. Die arme Becki! der arme Joseph! Ihr Herz blutete. »Ihr sollt geschlagen werden, nachdem ihr die Liebe einer Mutter kennen gelernt habt!« Natürlich würde es ihr nicht leicht werden, die Kinder durchzubringen. Aber wenn sie noch mehr arbeitete, noch fleißiger umherlief und abends etwas länger nähte und die alten Kleider auffrischte; wenn sie etwas weniger und nicht ganz so luxuriös essen würde, dann, meinte sie, würde es schon gehen. Tagsüber würden die Kinder beide ja meistens in der Schule sein und sie nicht hindern, die gewohnten Rundgänge zu machen, und wenn sie dann abends die eingekauften Sachen sortierte und ausbesserte, würden sie bei der Großmutter sein. Ach, wie köstlich, daß dann endlich die Bürde der Einsamkeit von ihr genommen würde; die hatte schwerer auf ihr gelastet als der schwerste Sack. Ein solcher Preis lohnte schon die Arbeit und Sorge, vor dem Schlafengehen würde sie mit ihnen die hebräischen Nachtgebete sprechen und sie dann warm zudecken, genau so, wie sie dies einst mit Fanny getan. Wie aber, wenn diese Frau ihre Kinder nicht gutmütig abtreten würde – und Natalia glaubte beinahe, daß sie es nicht tun würde – nur aus Tücke und teuflischer Bosheit. Wie, wenn ihre wohlhabenden Eltern sie reichlich versorgten und sie die Kinder behalten wollte, um sich an ihnen für die Flucht des Vaters zu rächen oder sie als Geisel zu behalten, die ihr für seine Rückkehr bürgten? Nun, dann war Natalia fest entschlossen, sie zu überlisten – wenn es sein müßte, die Kinder gewaltsam zu entführen! Waren sie erst in den Händen ihrer Großmutter, dann wollte sie die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen; das würde ihr schon beistehen und die armen Kinder nicht dieser Fremden, diesem dem Trunke ergebenen, wüsten Weibe ausliefern, das keine Rechte an sie hatte. Aber erst an einem Sonntagnachmittag, während sie die alten Kleider einer in Holloway wohnenden jüdischen Familie erhandelte, gestaltete sich der Gedanke an eine gewaltsame Entführung ihrer Enkel bei ihr rasch zum festen Entschlüsse. Sie mußte einen Wagen nehmen, um die eingekauften Sachen in ihre sehr entferntliegende Wohnung zu bringen. Welch herrliche Gelegenheit, gleichzeitig die Kinder mit fortzunehmen! Elkmanns Haus lag auf ihrem Heimwege. Es reizte sie, die Kinder möglichst billig zu holen und darum überschätzte sie die Chancen. Sie packte ihren Kram, der in großen Haufen an der Erde lag, so schnell wie möglich in ihren Sack, preßte die Kleider immer fester aufeinander, bis es schien, als habe sie einen Wundersack, der das ganze Kleidergeschäft in Holloway in sich aufnehmen könne. Natalias Hirn erhitzte sich mehr und mehr bei dem Gedanken an das kommende Abenteuer. Sie ließ ihren Sack in dem Hausflur stehen und eilte davon, einen Wagen zu holen. Wenn Natalia zu anderen Gelegenheiten zur Fortschaffung ihrer Einkäufe eine Droschke nehmen mußte, so beschäftigte diese Angelegenheit sie wenigstens eine halbe Stunde. Sie feilschte um den Preis, klagte den christlichen Kutschern ihre große Armut und bot ihnen eine lächerliche Summe dafür, sie und ihren Sack nach Hause zu fahren. Aber heute war sie so aufgeregt, daß sie nur einen mittelmäßigen Handel abschloß. Der umfangreiche Sack wurde in der Droschke verpackt, Natalia sprang ihm nach und sagte dem Kutscher mit fester Stimme, er solle sie nach Elkmanns Haus fahren. Die unerwartete Erscheinung eines Wagens lockte Becki vor die Haustür, ehe noch die Großmutter Zeit gefunden hatte, auszusteigen. Die Kleine war noch nicht zehn Jahre alt, aber sie war früh entwickelt, sowohl körperlich wie geistig. Es war etwas unbeabsichtigt Freches in der altklugen Art, mit der sie Erwachsene wie ihresgleichen behandelte; aber jetzt nahm ihr Gesicht einen völlig kindlichen Ausdruck an, und mit einem freudigen Schrei: »O Großmutter«, sprang sie in die Arme der alten Frau. Es war die Genugtuung für des kleinen Josephs »Mama«. Reichliche Tränen flossen über die Wangen der Alten, als sie ihr verlorenes Lamm an die Brust drückte. Das schmerzliche Weinen eines ganz kleinen Kindes drang aus dem Innern des Hauses, ohne daß aber Großmutter und Enkelin Notiz davon nahmen. »Wo ist deine Stiefmutter, mein armer Engel?« fragte Natalia halblaut. Beckis Stirn legte sich in häßliche zornige Falten. Ihr Gesicht sah aus wie das eines erwachsenen Mädchens. »An den Sonntagen werden die Wirtshäuser um ein Uhr geöffnet.« »Oh, mein Gott«, rief Natalia entsetzt, in dem Augenblicke vergessend, wie günstig dieser Umstand ihrem Vorhaben sei. »Eine Jüdin! Du willst doch nicht im Ernste sagen, daß sie in die Wirtshäuser geht, um zu trinken!« »Du wirst doch nicht glauben, daß ich sie hier trinken ließe«, sagte Becki. »wir haben hier schöne Auftritte, das kann ich dir sagen. Der einzige Trost ist, daß sie immer besser gelaunt ist, wenn sie total betrunken ist.« Das Schreien des Kindes wurde lauter und schmerzlicher. »Still doch, stille, du armes kleines Tierchen«, rief Becki und trat mechanisch in das Haus, wohin die Großmutter ihr folgte. In dem einst so sauber gehaltenen stattlichen Wohnzimmer sah es schmutzig und unaufgeräumt aus. Natalia schien es, als ob alles so röche wie die Sachen in ihrem Sacke. In einer muffigen, unsauberen Wiege lag ein Kind, das aus vollem Halse jämmerlich schrie. Becki beugte sich über das kleine hilflose Wesen und suchte es zu beruhigen, ehe die alte Frau recht begriffen hatte, wie es eigentlich hierhin käme. Selbst, nachdem sie sich darauf besonnen, bedurfte sie einiger Sekunden, um sich zu sammeln. Ach, dieses Baby war es, das der geschminkten Puppe das Leben gekostet hatte! So, lebte es also immer noch und erinnerte durch sein Geschrei in unliebsamer Weise an jene kurze, aber schmachvolle Episode. »Verstumme wie deine Mutter«, murmelte sie gehässig, welch ein Elend hatte Henri Elkmann zurückgelassen! Wie recht hatte sie gehabt, da sie ihm von Anfang an mißtraute. »Wo aber ist mein kleiner Joseph!« sagte sie laut. »Er spielt irgendwo auf der Straße.« »Ach, mein Gott. Er spielt, während er wie dieses Kind der Schande weinen sollte. Geh und hole ihn sofort herein!« »Was willst du denn von ihm?« »Ich will euch alle beide mitnehmen, diesem Elende hier entreißen. Möchtest du gern mit mir gehen und bei mir bleiben, was, mein Lamm?« »Aber sicher; alles ist besser, als das Elend hier.« Natalia umarmte sie stürmisch. »Geh und hole mir meinen Joseph, aber schnell – mach schnell, ehe die Wirtshausläuferin nach Hause kommt.« Becki eilte davon, und Natalia sank erschöpft in einen Stuhl, ganz überwältigt von Ermüdung und Gemütsbewegung. Das Baby in der Wiege neben ihr fing wieder jämmerlich zu schreien an, und fast automatisch begann sie, das arme Ding hin und her zu schaukeln und dabei, sich selbst unbewußt, ein althebräisches Schlafliedchen zu singen: »Schlafe, Kindchen, schlaf du ein, Ein Rabbi ist der Vater dein; Die Mutter bringt dir Mandelkern, Die ißt das liebe Kindchen gern. Sie sieht zum Herrn andachtsvoll, Daß er ihr Kindchen segnen soll.« Als das klägliche Weinen verstummt und das kleine Wesen beruhigt schien, vergegenwärtigte sich die Alte plötzlich mit einem gewissen Schrecken, daß sie das Kind einer Ketzerin mit einem jüdischen Wiegenliedchen zur Ruhe gesungen habe. Sie zog ihren Fuß so rasch von der Wiege zurück, als ob sie plötzlich glühend heiß gewesen wäre. Da aber ertönte gleich wieder das gellende Geschrei, und sie stellte ihren Fuß ärgerlich auf die Wiege zurück. »Nu, nu,« rief sie, das Kind ärgerlich hin und her schaukelnd, »so schlafe doch endlich ein.« Als es ruhiger wurde, schaute sie es verstohlen an und bemerkte, daß es das Saughütchen seiner Flasche verloren hatte. »Da, da, trinke«, sagte sie, es ihm wieder in das Mündchen schiebend. Das Baby öffnete seine Augen – es waren selten schöne, große blaue Augen – blickte sie vertrauensvoll an und lächelte freundlich. Natalia zitterte. Es waren dieselben blauen Sterne, die einst die dunkeln Augen ihrer Fanny in Vergessenheit gebracht; das Mündchen, das jetzt so zufrieden an seiner Flasche sog, war genau so gebildet wie die Kirschenlippen jenes jungen Weibes, das sie »die geschminkte Puppe« nannte. »Nebbich! Das arme, verlassene Waislein«, entschuldigte sie sich vor sich selber. So also erfüllte eine jüdische Stiefmutter ihre Pflicht an ihren Stiefkindern! Da hätte sie ebensogut eine Christin sein können. Und ganz plötzlich kam ihr die Erinnerung, daß die Christin ihre Enkelkinder treu versorgt, und daß sie eine tadellose Stiefmutter gewesen sei. Während sie über diesen Gedanken grübelte, kehrte Becki zurück, die Joseph herbeizerrte, der einen Papierdrachen mit langem Schweife hinter sich herschleifte. Der Knabe, ein stämmiges Bürschlein von sieben Jahren, begrüßte die Großmutter nicht so freudig, wie Becki dies getan. Wahrscheinlich litt er weniger unter den häuslichen Verhältnissen. Aber er ließ sich willig von Natalia an das Herz ziehen. »Hat sie dich geschlagen,« murmelte sie zärtlich, »hat sie meinen lieben kleinen Joseph geschlagen?« »Verliere keine Zeit, Großmama,« sagte Becki in übermütigem Tone, »wenn wir wirklich fortgehen sollen.« »Nein, mein Liebes, wir wollen sofort gehen«, und während sie den Knaben losließ, fiel ihr Blick auf seine halbgeöffnete Weste. »Was,« rief sie tragisch, »du trägst kein Arba Kanfos? Sie sieht nicht einmal danach? Ach, es wird eine gute Tat sein, wenn ich euch aus diesem gottlosen Hause führe.« »Aber ich habe gar keine Lust, mit dir zu gehen«, sagte der Junge verdrossen, da ihm plötzlich einfiel, wie streng sie darauf hielt, die üblichen Gebete zu sprechen. »Du kleiner Narr«, sagte Becki. »Wir werden fahren in dem Wagen, der vor der Tür steht.« »In dem Wagen?« rief er fröhlich. »Ja, mein Augapfel. Und du wirst nicht mehr geschlagen werden.« »Ich! Ihre Prügel tun mir nicht weh«, rief er verächtlich. »Sie hat ja nicht mal einen ordentlichen Stock wie der Lehrer in der Schule.« »Aber sollen wir nicht unsere Sachen mitnehmen?« sagte Becki. »Nein, kommt mit mir, wie ihr geht und steht. Sie soll keinen Vorwand haben, euch zurückzufordern. Ich werde euch Kleider genug verschaffen, so gut wie neu.« »Und die kleine Daisy?« »Oh, ist es ein Mädchen? Eure Stiefmutter wird danach sehen. Sie kann sich nicht darüber beklagen, wenn ihr nur eins von euch zur Last fällt.« Sie ließ die Kinder in die Droschke steigen und folgte ihnen; mit dem dicken Sacke, der darin schon untergebracht, war diese nun ganz voll. »Es ist nicht vorher abgemacht worden, daß noch mehr Passagiere einsteigen sollen. Das geht nicht für das geringe Fahrgeld«, brummte der Kutscher. »Sie können doch unmöglich für die Kinder etwas rechnen,« sagte Natalia, »die sind doch beide noch keine sieben Jahre alt.« Der Kutscher fuhr ab. Becki starrte durch das Fenster. »Ob wir wohl Frau Elkmann begegnen werden?« sagte sie amüsiert. Joseph beschäftigte sich damit, den in Unordnung geratenen Schweif seines Drachens zu entwirren. Natalia aber war so in Gedanken vertieft, daß sie keine Notiz von ihnen nahm. Die arme kleine Daisy! Sie konnte das Bild des Kindes mit den schönen blauen Augen nicht los werden. Welch tragisches Schicksal, den Händen einer Trinkerin, die sich in Wirtshäusern umhertrieb, preisgegeben zu sein! Wer wußte, was da alles passieren konnte! Was, wenn sie die Flucht Beckis und Josephs entdeckte und in ihrer betrunkenen Wut der armen Kleinen ein Leid zufügte? Unter allen Umständen konnte man einer so tief gesunkenen Person nicht die Sorge für ein unschuldiges Kind überlassen. Freilich sie selbst hatte kein Anrecht auf dieses Kind – es floß ja nicht einmal rein jüdisches Blut in seinen Adern. Da lag es nun, lächelnd und die schönen, blauen Augen aufschlagend. Es hatte sie so freundlich angelächelt, ohne zu ahnen, daß sie es seinem grausamen Schicksale überlassen würde. Und jetzt schrie es wieder! Sie hörte es trotz des durch den davonfahrenden Wagen verursachten Geräusches. Aber wie sollte sie es möglich machen, ein so kleines Kindchen aufzuziehen, da sie doch zu ihren täglichen weiten Rundgängen gezwungen war? Die anderen Kinder waren schon größer, sie waren tagsüber in der Schule. Nein, es war unmöglich. Sie bildete sich ein, daß das Schreien des Kindes lauter und immer lauter wurde. Sie steckte den Kopf aus dem Fenster. »Fahren Sie zurück, schnell zurück, ich habe etwas sehr Wichtiges vergessen.« Der Kutscher fluchte. »Haben Sie mich für die ganze Woche engagiert!« »Ich gebe Ihnen ein Extratrinkgeld. Fahren Sie schnell zurück.« Der Wagen wurde umgedreht, das unschuldige Pferd bekam einen Schlag mit der Peitsche und lief schnell zurück. »Was hast du denn nur vergessen, Großmütterchen!« fragte Becki, »es war sehr dumm von dir.« Die Droschke hielt vor der Tür von Elkmanns Haus. Natalia blickte nervös um sich, sprang heraus und stieß dann einen verzweifelten Schrei aus. »Ach! wir haben die Türe zugeschlagen.« Ihr Wunsch, sich des Kindes zu bemächtigen, wurde durch die scheinbare Unerreichbarkeit noch gesteigert. »Oh, das tut nichts,« sagte Becki, »du brauchst nur die Türklinke herumzudrehen.« Natalia tat es und lief rasch in das Haus. Da lag das Kind – es schrie nicht– sondern schlief friedlich. Natalia riß es leidenschaftlich an sich und eilte, so schnell sie konnte, damit in den Wagen zurück. »Was, du nimmst auch Daisy mit?« rief Becki. »Aber sie gehört dir nicht.« Natalia aber schloß die Wagentür, und die Droschke fuhr rasch dem Ghetto zu. Die Tatsache, daß Natalia sich der Kinder bemächtigt habe, konnte natürlich kein Geheimnis bleiben, aber die Familie der Stiefmutter tat nicht den kleinsten Schritt, sie zurückzuerlangen. Die Frau selbst ging bald den Weg, den ihre beiden Vorgängerinnen gewandelt; man hat nie erfahren, ob sie eine Nachfolgerin gehabt hat, und wo Henri Elkmann geblieben ist. Der plötzliche Wechsel von einer allein lebenden, alten Eigenbrödlerin in eine mater familias war übrigens durchaus nicht so reizend, wie Natalia dies geglaubt hatte. Sie war dazu gezwungen, Daisy in Pflege zu geben, und das verursachte große Ausgaben. Aber diese Sorge war nichts gegen den fortwährenden Ärger, den ihre legitimen Enkel ihr verursachten. Gleich am ersten Abend murrten sie über die Ärmlichkeit und Schäbigkeit ihrer Speicherwohnung. Was ihre Großmutter auch für sie tun mochte, es gelang ihr nicht, ihre Ansprüche zu befriedigen; sie sprachen immer nur von den früheren guten Tagen. Sie waren durch den Vater und den unregelmäßigen Haushalt in Grund und Boden verdorben. Der Einfluß der christlichen Stiefmutter hatte zwar verfeinernd auf sie gewirkt, war aber doch von zu kurzer Dauer gewesen, um nachhaltig zu sein. Er hatte gerade lange genug gedauert, um Joseph den religiösen Pflichten, die Fanny ihn gelehrt, abtrünnig zu machen, und es war keine der kleinsten Aufgaben der alten Frau, ihn dem alten Glauben zurückzugewinnen. Das einzige, was Natalia über die Misere des Lebens hinweg half, war ihre Liebe zu der kleinen Daisy, die täglich schöner, graziöser und herzgewinnender wurde. Natalia hatte in ihrem ganzen Leben kein so entzückendes Kind gesehen. Alles, was Daisy tat und sagte, schien ihr vollkommen zu sein. Ihr Gehorsam, ihr Verständnis für die Großmutter waren einfach bewunderungswürdig. Eines Tages, als Daisy drei Jahre alt war, erzählte die Kleine der Großmutter, daß, als sie abwesend gewesen, Becki Joseph an den Haaren gezogen habe. »Still! Du mußt nicht klatschen«, sagte Natalia verweisend. »Becki hat Joseph nicht an den Haaren gezogen«, korrigierte Daisy sich sofort. Becki, die sich über das Ghetto erhaben fühlte, obwohl sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, dessen schlimmste Eigenschaften ererbt hatte, ärgerte sich sehr darüber, daß Daisy sich all die jüdischen Worte und Redensarten, die aufzugeben Natalia zu alt war, schnell aneignete, obwohl Becki stets dagegen protestierte. Es war dies nicht der einzige Grund heftigen Wortwechsels zwischen Becki und der Großmutter, die von ihrer Enkelin offen beschuldigt wurde, daß sie Daisy vorziehe. Becki war kaum fünfzehn Jahre alt, als sie mit einem Unabhängigkeitsbedürfnis, das sonst sehr lobenswert war, in dem Pelzgeschäft des Vaters ihrer zweiten Stiefmutter Arbeit suchte und dann Unterkommen bei einer Familie fand, die ihr, wie sie sagte, nicht so auf die Nerven fiel wie ihre Großmutter. Ein oder zwei Jahre später folgte Joseph ihrem Beispiele. So geschah es durch unvorhergesehene Schicksalswendung, daß die alte fünfundsiebzigjährige Trödlerin allein mit dem siebenjährigen Kinde zurückblieb. Aber dieses Kind entschädigte sie für alles, was sie durchgemacht hatte, und ließ sie alle überstandenen Sorgen und Mühen vergessen. Als ihre scharfen Augen schwächer zu werden anfingen, fädelte Daisy ihr abends die Nadeln ein und saß bei ihr, wenn ihre geschickten Hände alte Kleider in neue verwandelte. Daisy las ihr dabei aus ihren englischen Erzählungsbüchern vor. Natalia interessierte sich lebhaft für diese Kindergeschichten, die sie in ihrer zweiten Kindheit zum erstenmal hörte. Jack, der Riesentöter, Aladin und Aschenbrödel waren für sie entzückende neue Geschichten. Die Lieblingsgeschichte beider aber war das Märchen vom Rotkäppchen, mit seinem stets wiederkehrenden Satz: »Großmutter, was hast du für große Augen!« Das ließ sich so drollig sagen; es schien besonders für sie geschrieben zu sein. Oft sah Daisy plötzlich auf und sagte: »Großmutter, was hast du für einen großen Mund!« »Damit ich dich besser fressen kann,« antwortete die Großmutter flugs, und dann umarmten und küßten sie sich zärtlich. Der Freitagabend war der große Abend, der einzige Abend in der Woche, an dem Natalia nicht arbeitete. Nur die Religion war stark genug, sie zu bestimmen, die fleißigen Hände ruhen zu lassen. Auf dem weißen Tafeltuche standen zwei Kupferleuchter mit Kerzen darin, die angesteckt wurden, sobald die ersehnte Dämmerung das Nahen des Sabbats verkündete, um mit ihrem Schein das Fischgericht und das rituell geflochtene Brot festlich zu beleuchten. Nach dem Abendessen sang Natalia das hebräische Dankgebet mit großer Andacht. Dann erzählte sie Daisy von ihrer Jugendzeit in Polen, komische Geschichten oder auch traurige Erinnerungen an die dort erlittene Unterdrückung und Verfolgung. Daisy horchte aufmerksam, lachte, weinte und schauderte bei ihren grotesken Erzählungen. Die Vermischung der Rassen war vielleicht Grund dazu, daß sie sich zu einem ganz ungewöhnlich sensitiven und intelligenten Kinde entwickelt hatte, und Natalia war durchaus dazu berechtigt, zu glauben, daß ihr eine glänzende Zukunft bevorstehe. Aber nach achtzehn Monaten dieses köstlichen Lebens ließ plötzlich Natalias wunderbare Leistungsfähigkeit nach. Sie verdiente immer weniger. Neben der Dankbarkeit gegen Gott, daß er die Last, Becki und Joseph zu erhalten, von ihren Schultern genommen hatte, schlich sich langsam eine geheime Furcht in ihr Herz. Wie, wenn sie aus dem Leben gerufen würde, ehe Daisy alt genug war, sich selbst durch das Leben zu bringen? Wie, wenn sie unfähig würde, die Last der Arbeit bis zum Ende zu tragen? Was die Lage noch ernster machte, war, daß so viele Emigranten nach London kamen und der Hauswirt die Miete um einen Schilling die Woche erhöht hatte. Wenn Daisy schlief, lag die alte Frau noch lange wach im Bette und flehte zum Herrn, er möge ihr Kraft verleihen und ihr Leben erhalten. Es war ein schwüler Sommer, und das machte die Last, unter dem immer mehr anschwellenden Sack den ganzen Tag von Tür zu Tür zu ziehen, beinahe unerträglich. Eine unbedeutende Sache war es, die es Natalia grausam zum Bewußtsein brachte, daß ihre körperliche wie finanzielle Kraft im Abnehmen war. Die Ferienzeit nahte, und Daisy gehörte zu den glücklichen Kindern, denen von dem Schulkomitee ein Aufenthalt auf dem Lande bewilligt wurde. Sie sollte vierzehn Tage in Kent auf einem kleinen Gute verbringen; indessen erwartete das Komitee, daß ihre Eltern oder ihre Pflegerin die kleine Summe von vier Schillingen für die Reisekosten beitrügen. Daisy wäre wohl auch ganz frei mitgenommen worden, wenn die Großmutter ihre absolute Armut erklärt hätte. Aber dann hätte man erst Nachforschungen über ihre finanzielle Lage angestellt, und vor solch einer Demütigung bebte Natalia zurück. Fast mehr noch zitterte sie davor, dem armen Kinde selbst ihre Armut zu enthüllen. Am allerpeinlichsten war der Gedanke, Daisy den ländlichen Aufenthalt versagen zu sollen, auf den sich das Kind schon lange gefreut hatte, und von dem es sich die schönsten Vorstellungen machte. Natalia selbst hielt nicht viel von dem Landleben, da sie in einem armen polnischen Dorfe geboren worden war, in dem die Bewohner ihre elenden Baracken mit den Schweinen teilten. Sie wollte aber Daisy nicht enttäuschen. Durch rastloses Umherwandeln in der Hitze, durch unermüdliches Handeln mit den Hausfrauen gelang es Natalia, die vier Schillinge aufzubringen, und die nichts ahnende Daisy stieg fröhlich in den von glücklichen, lärmenden Kindern erfüllten Zug, während die Großmutter ihr mit ihrem bunten Taschentuch den Abschiedsgruß zuwinkte. Der erste Abend, den sie ohne ihren kleinen Sonnenschein verlebte, erschien der alten Trödlerin ganz schrecklich zu sein. Aber schon am folgenden Tage erhielt sie eine fröhliche Postkarte von Daisy, die der Gemüsehändler unten im Hause ihr vorlas. Das erfüllte sie mit neuem Mute. Natalia nahm unverdrossen ihren Sack auf und wanderte durch die erstickend schwülen Straßen. In der zweiten Woche schrieb das Kind einen Brief, in dem es erzählte, daß es eine ganz besondere Freundin in einer alten Dame gefunden habe, die sehr gut zu ihr sei und wohl reich sein müsse; sie holte Daisy zum Spazierenfahren ab und erwies ihr viel Freundliches. Diese alte Dame schien eine Zuneigung zu ihr gefaßt zu haben von dem Augenblicke an, da sie das Kind vor dem Hause hatte spielen sehen. »Vielleicht hat Gott in seiner Gnade ihr jemand geschickt, der sich ihrer annimmt, wenn ich dahingegangen sein werde«, dachte Natalia, der die Aufgabe, die Treppe hinunter- und dann wieder heraufzugehen, um sich den Brief vorlesen zu lassen, heute so schwer erschien, daß sie ein Gefühl hatte, als würde sie nie wieder ihr Tagewerk aufnehmen können. Ganz elend und zerschlagen legte sie sich zu Bett. Ihre Zimmernachbarin, die Frau des Flickschusters, nahm sich ihrer an, pflegte sie und schickte zum Armenarzt. Aber sie wollte durchaus nicht, daß man Daisy von ihrer Krankheit schreiben solle, und daß dieser die Ferien verkürzt würden. An dem Tage, als Daisy zurückerwartet wurde, bestand sie, trotz ärztlicher Widerrede, darauf, aufzustehen und sich anzukleiden. Dann schickte sie alle fort und lag still auf ihrem Bette, bis sie Daisys leichten Fußtritt hörte; dann sprang sie auf, um sie in scheinbarer Gesundheit zu empfangen. Aber das Geräusch anderer Fußtritte sowie der Eintritt einer brillentragenden silberhaarigen vornehmen Dame, die das Kind begleitete, verdarben ihr die Freude des Wiedersehens. Sie hatte das, was Daisy von ihrer neuen Freundin geschrieben, vollständig vergessen und schaute nun mit pathetischem Blicke auf die fremde Dame und das sonnenverbrannte Kind. »Oh, Großmutter! was hast du für große Augen!« rief Daisy und lief fröhlich lachend auf sie zu. Aber die gewohnte Antwort blieb aus. »Das Zimmer ist nicht ordentlich geputzt«, sagte Natalia in vorwurfsvollem Tone und putzte sorgsam den Stuhl ab, den sie ihrem Gaste anbot. Aber die alte Dame nahm ihn nicht an. »Ich bin gekommen, um Ihnen selbst zu danken für alles, was Sie für meine Enkelin getan haben.« »Ihre Enkelin!« Natalia fiel auf ihr Bett zurück. »Ja. Ich habe gewissenhafte Nachforschungen angestellt, es ist ganz gewiß. Daisy ist sogar nach mir getauft worden. Ich freue mich so sehr darüber.« Ihre Stimme zitterte. »Sie sind hergekommen, um sie von mir fortzunehmen«, schrie die Alte entsetzt. Daisys frisches Aussehen schien ihr schon ein Zeichen dafür zu sein, daß sie in eine andere Welt gehöre. »Nein, nein, beruhigen Sie sich doch. Ich habe genug durch meine Selbstsucht gelitten. Es ist meine Unduldsamkeil, durch die meine Tochter sich mir entfremdet hat.« Sie senkte demütig ihr weißes Haupt, bis ihre Gestalt beinahe so gebeugt wie die Natalias erschien. »Was kann ich tun, mein Unrecht gutzumachen, Buße zu tun! Wollen Sie nicht mit mir kommen, bei mir auf dem Lande leben und mir erlauben, für Sie zu sorgen. Ich bin nicht reich, aber doch so gestellt, Ihnen jede Bequemlichkeit bieten zu können.« Natalia schüttelte den Kopf. »Ich bin Jüdin. Ich könnte nicht mit Ihnen essen.« »Das habe ich ihr ja auch gesagt, Großmutter«, meinte Daisy eifrig. »Dann soll das Kind bei Ihnen bleiben, aber Sie müssen mir gestatten, dafür zu sorgen«, sagte die alte Dame. »Aber wenn es doch so sehr gern auf dem Lande ist ...« murmelte Natalia schwach. »Ich will aber am liebsten bei dir sein, Großmutter«, und Daisy drückte ihre rosige Wange fest an das verwelkte Gesicht der Alten, das von hellen Freudentränen benetzt wurde. »Daisy nennt Sie Großmutter und mich nicht«, sagte die alte Dame mit einem Seufzer. »Ja – – und ich – ich habe dereinst ihrer Mutter den Tod gewünscht – oh, möge Gott mir die Sünde vergeben.« Natalia brach in leidenschaftliches Schluchzen aus und wiegte sich hin und her, Daisy fest an das Herz drückend. »Was sagen Sie da!« Daisys Großmutter flammte auf, und der alte Grimm erwachte in ihr. »Sie haben Gretchen den Tod gewünscht?« Natalia nickte. Ihre Arme fielen schlaff herunter. »Tot, tot, tot«, erwiderte sie mit seltsam summender Stimme. Dann glitt ein starrer Ausdruck über ihr Gesicht, und sie fiel auf ihr Bett zurück. Trotz der glänzend schwarzen Perücke hatte sie plötzlich ein verändertes, unendlich altes Aussehen. »Sie ist krank«, rief Daisy entsetzt. Die Frau des Flickschusters eilte herbei, half Natalia ordentlich in das Bett und erzählte, mit welchem Eigensinn sie darauf bestanden habe, aufzustehen. Natalia lebte noch bis zum nächsten Nachmittag, und Daisys wirkliche Großmutter stand neben der jüdischen Totenwächterin an ihrem Totenbette. Gegen elf Uhr morgens sagte Natalia: »Stecke die Kerzen an, Daisy, der Sabbat naht.« Daisy legte ein weißes Tischtuch über den alten hölzernen Tisch, stellte die Kupferleuchter darauf, zog ihn ganz nahe an das Bett und steckte die Kerzen an. Sie brannten mit seltsamer Unnatürlichkeit im hellen Augustsonnenschein. Ein heiliger Friede leuchtete von dem Antlitze der alten Trödlerin. Ihre vertrockneten Lippen murmelten hebräische Gebete, mit denen sie den Sabbat begrüßte; allmählich aber verstummte sie – – – »Daisy,« sagte ihre Großmutter, »bete das Gebet, das ich dich gelehrt habe.« »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken«, schluchzte das Kind gehorsam. I. L. Perez Die Verstoßene. Den ganzen Mai hatte man von Regen und Kälte zu leiden. Es schien fast, als würde kein rechter Sommer mehr kommen, aber gegen Schewues war plötzlich die Sonne da. »Wissen ist Licht«, sagte der Vater von Stolz erfüllt und begann den Tikin-Schewues hervorzusuchen. »An die Arbeit, dem Feiertag zu Ehren«, sprach die Mutter freudig und ging mit frischer Kraft an das Backen von Butterteigkuchen. »Gelbe Feiertagsbrote werde ich auch backen«, rief sie uns zu. Es dauerte nicht lange und der Duft von frischem Teig, Zimt und heißer Butter erfüllte die Stube. Meine jüngere Schwester Chane kümmerte sich um nichts. Sie saß beim Fenster über ihrem Roman, doch ohne zu lesen, und blickte unruhig auf die Straße. Die Mutter spornte sie einige Male zur Arbeit an, aber Chane antwortete nicht einmal. Auf ihrem blassen Gesicht erschien ein spöttisches Lächeln. Sie öffnete die Lippen, als wollte sie etwas sagen, aber sie sprach kein Wort und begann zu lesen. »Faules Ding,« brummte die Mutter, »immer hockt sie über ihren Büchern, was weiß sie von einem Feiertag.« Als der Vater den Tikin-Schewues gefunden und abgestaubt hatte, legte er sich nieder, denn er mußte die Nacht im Bethause wachend zubringen. Die Mutter gab mir ein paar Groschen und schickte mich, grüne Zweige und buntes Papier zum Schmuck der Stube einzukaufen. Gott allein weiß, wie leid es mir tat, die Küche, in der es jetzt so viel Süßigkeiten gab, zu verlassen. Aber der Gedanke, daß ich selbständig einkaufen sollte, reizte mich sehr und ich rannte auf die Gasse ... Es wurde ein trauriges Schewues bei uns. Meine Schwester Chane verschwand. Am Abend, als ich mit dem Vater ins Bethaus ging und die Mutter auf dem Sofa eingeschlafen war, gab man ihr ein Zeichen (die Mutter hörte im Schlafe einen lauten Pfiff), und fort war Chane – zu unseren Feinden. Und gerade Schewues, das Fest der Thora-Verkündigung, hat sie sich zu ihrer Flucht ausersehen ... ... Alles vergeht! Im Laufe der Zeiten verblassen Glück und Unglück – Gutes und Böses. – Wir nähern uns immer mehr dem Orte des Vergessens und unsere Erlebnisse bleiben hinter uns, wie Steine am Wege, wie Grabsteine, unter denen Freunde und Feinde ruhen ... ... Das neue Leben, zu dem Chane geflüchtet war, hat sie wieder ausgestoßen. Ja, schnell hat sie ihre Hoffnungen vernichtet gesehen und die erträumten Blumen sind zu stechenden Dornen geworden. Und zurück konnte sie nicht mehr. Das Gesetz und zwei Grabsteine stellten sich ihr in den Weg: Die Grabsteine von Vater und Mutter. Wo ist sie jetzt... ? Jeden Schewues-Abend erscheint sie mir. Ich sehe sie auf der Straße vor dem Fenster, als fürchte sie sich, einzutreten oder als wage sie es nicht, in ein jüdisches Haus zu kommen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie in die Stube und erblickt nur mich allein. Voll Angst, bittend und anklagend, sieht sie mich an und ich verstehe in ihren Mienen zu lesen. »Wo sind sie?« fragt ihr angsterfüllter Blick. »Verzeiht mir«, bittet sie. Zornig beschuldigt sie uns und beklagt ihr trauriges Los: »Was wußte ich von eurem blutigen Haß und Hader! Du hast es im Cheder gelernt, aber meine Romane erzählten mir nichts davon. Daheim habe ich ein fremdes Leben geführt, ein fremdes, schönes Leben – doch tausendmal schöner hat es sich mir in den Büchern widergespiegelt ... Wen habe ich denn verraten? Ich habe nur unsere gelben Feiertagsbrote mit Safran gegen anderes süßes Backwerk und die Abschnitte aus Mutters › Ze' nuur' neu ‹ gegen schönere interessantere Geschichten vertauscht ... Das bißchen Feiertagsgrün der Stube haben mir die frischen Wälder und Felder ersetzt und den ernsten traurigen Gebeten habe ich die Scheinwelt der Erzählung vorgezogen. – Anstatt des engen, dumpfen, weltabgeschiedenen Lebens habe ich Sonne und Blumen und Freunde gesucht ... Ich habe euch nicht verraten, denn ich habe euch nicht gekannt und von euren Schmerzen nichts gewußt. Ihr habt mir von euch nie ein Wort erzählt ... Warum habt ihr zu mir nicht von eurer Liebe gesprochen, von der Liebe, die sich von eurem Blute nährt? Warum habt ihr mir von eurer Schönheit, von eurer düstern Schönheit nicht erzählt ...? Alles Schöne, Große und Gewaltige habt ihr Männer für euch behalten ... Von mir, von uns, die wir mit der Jugendkraft dem Leben zustreben, von uns habt ihr süßes Backwerk, gelbe Feiertagskuchen verlangt ... Uns habt ihr aus eurer Welt verbannt ...« So sprach Chane zornig! ... Soll er sie richten, der über allen Völkern thront, der über ihren Streit und ihre Kämpfe entscheidet ... ! Scholem Aleichem Die Assentierung. »Von wannen ich fahr'? Ach, weh ist mir: Ich fahre von der Assentierung. Das dort ist mein Sohn, der junge Mann, der da ausgezogen auf der Bank liegt. Mit ihm fahr' ich von Jehupetz. Bin beim Advokaten gewesen, mit ihm zu beraten, und auf dem Wege habe ich bei Professoren gehorcht, was sie etwa sagen möchten. Eine Assentierung hat mir Gott zugeschickt! Viermal habe ich dort gestanden und bin noch nicht fertig. Und gerade er ist ein einzigdiger Sohn, der einundeinzigdige, ganz echt, wahrhaftig, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungs-Privileg ... Was kuckt Ihr mich an! Ihr glaubt nicht? Ihr mögt zuhören, mögt Ihr! Das Begegnis von der Geschichte ist nämlich die Mahße : Ich selbst bin ein Meseretscher von Meseretsch. Geboren bin ich in Masepewka und zugeschrieben bin ich in Worotiliwka. Einmal bin ich nämlich – nicht gedacht soll es heute werden! – in Worotiliwka ansässig gewesen. Heute aber wohne ich in Meseretsch. Wer ich bin und wie ich heiße, macht Euch wohl nicht viel aus, meine ich. Doch meines Sohnes Namen muß ich Euch sagen, denn das gehört zur Hauptsache, sehr sogar, Er heißt Itzig, das heißt Awrohom Itzchok, aber man ruft ihn Alterchen. Den Namen hat sie ihm gegeben, meine Frau, sie soll gesund sein, weil er ein Angstkind ist, ein einzigdiger, ein einundeinzigdiger. Das heißt, wir hatten außer ihm noch einen Jungen gehabt, um ein Jahr oder anderthalb Jahr jünger als jener, ihm zu längeren Jahren, Eisik hat er geheißen, Eisik. Ist ein Unglück gekommen. Man hat ihn, nämlich Eisik, einmal allein gelassen – ich bin damals, es soll nicht gedacht werden, noch ein Worotiliwkaer gewesen, das heißt, ich hatte mich in Worotiliwka ansässig gemacht – und da hat er, nämlich Eisik, sich niedergesetzt und ist unter den Samowar gekrochen und hat den siedigen Samowar – nicht für Euch soll es gedacht werden – auf sich gegossen und sich zu Tode gebrüht – jenem zu längeren Jahren. Von der Zeit an ist er, Itzig nämlich, das heißt Awrohom Jitzchok, unser einzigdiger gewesen, und sie hat ihn verzogen, meine Frau, sie soll gesund sein, und hat ihm den Namen Alterchen gegeben. Werdet Ihr fragen: Wie heißt? Ein Einzigdiger ein Einundeinzigdiger, was hat der mit der Militärgestellung zu tun? – Hört nur, das ist doch eben mein ganzer Verdruß! Ihr glaubt vielleicht, er ist, Gott soll hüten, ein gesunder Jung, wie es einmal vorkommt bei Kindern, die im Überfluß aufwachsen. Seid Ihr auch im Irrtum! Nicht zwei Groschen möchtet Ihr für ihn geben. Ein Versehnis ist er, ein kranker Jung. Das heißt, krank, Gott soll hüten, ist er auch eigentlich nicht; aber gesund ist er gewiß nicht. Schade, er schläft jetzt, ich will ihn nicht wecken. Wenn er aufsteht, werdet Ihr sehen: ein Schatten von einem Menschen, Haut und Knochen, lang und schmal, ein Gesicht, wie die ausgespiene Feige, die Rebi Zadok verschluckt hat, und eine Gestalt – Steins geklagt! – dünn wie ein Lulew, im ganzen nach ihr geraten, nach meiner Frau, sie soll gesund sein, auch hochgeschossen und mager. Nun frage ich Euch: brauche ich etwa an eine Militärgestellung zu denken, so lang und dünn wie er ist. Und tauglich ist er auch nicht, und ein Befreiungsprivileg hat er! Es ist zur Mlilitärgestellung gekommen. Wie heißt »Befreiungsprivileg«? Was ist mit dem Befreiungsprivileg? Es fängt sich gar nichts an. Und was war die Ursache? Ganz einfach: mein anderes Jüngelchen, Eisik, der sich als Kind – nicht für Euch soll es gedacht sein! – mit dem Samowar zu Tode gebrüht hat, war nicht in der Matrikel gestrichen worden; man hatte es vergessen! man hatte es vergessen! Bin ich hingelaufen zum Kronsrabbiner, dem Schaute, und habe geschrien: »Halunke, Spitzbube, was habt Ihr getan? Warum habt Ihr meinen Eisik nicht ausgestrichen?« Fragt mich der Narr: »Wer ist der Eisik gewesen?« »Wie heißt?« frag' ich, »Ihr wißt nicht, wer Eisik ist? mein Sohn Eisik, der den siedigen Samowar über sich gegossen hat!« – »Was für Samowar!« fragt jener. – »Guten Morgen?« sag' ich; »ein guter Kopf auf Euch! So ein Kopf ist gut, Nüsse darauf zu knacken! Wer kennt nicht die Geschichte von meinem Eisik, der sich mit dem Samowar zu Tode gebrüht hat! Ich verstehe nicht, was Ihr für ein Rabbiner in unserem Städtchen seid. Mit Schales kommt man nicht zu Euch, dafür ist ein Row da, lang soll er leben – sollet Ihr wenigstens Achtung geben auf die Gestorbenen! Zu was hat man Euch und Euere Taxen?...« Endlich stellt sich heraus, ich habe den schönen Row ganz umsonst heruntergemacht; denn die Geschichte mit dem Samowar war gar nicht in Meseretsch passiert, sondern zu der Zeit, wo wir – nicht gedacht soll es heute werden – in Worotiliwka gewohnt haben. Das war mir ganz wie aus dem Kopf herausgeflogen. Kurz, was soll ich Euch erzählen! – Ich habe mich gerührt und umgetan, Papiere her, Papiere hin, – mein Awrohom Jitzchok, das heißt Itzig, den man Alterchen ruft, war um sein Privileg gekommen. Das ganze Privileg war fort. Ach und Weh und Gewalt! Denkt Euch: ein einzigdiger Sohn ein, einundeinzigdiger, ganz echt, wahrhaft, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg – und keine Spur von einem Privileg! Nun geh und schrei um Hilfe und Erbarmen – aus! verfallen! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Geht mein Alterchen, das heißt Itzig, und zieht die höchste Losnummer 699! Die Militärkommission hat sich gewiegt vor Freude. Der Vorsitzende selbst hat ihm einen Stoß in die Rippen gegeben und hat gerufen: »Bravo, Itzig, tüchtiger Junge!« Die ganze Stadt hat mich beneidet. Nummer sechshundertneunundneunzig! Was für ein Glück! Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Genau, als wenn ich mit dem großen Los von 200 000 Rubel herausgekommen wäre! Aber unsere Jüdchen! ... Wie man ist gekommen zur Untersuchung, sind auf einmal alle wüste, finstere Krüppel geworden. Der hat den Fehler gehabt, jener hat plötzlich zu hinken angefangen, einem anderen war es auf die Augen gefallen, der hat das Pfeifen bekommen, bei jenem hat sich eine Wunde aufgetan, bei wieder einem hat sich, mit Respekt zu sagen, ein Aussatz auf dem Kopf gezeigt... Kurz, was soll ich Euch lang erzählen –, man ist bis zu meines Sohnes Nummer gekommen, und mein Itzig, das heißt Alterchen, hat sich nebbich gemußt zur Aushebung stellen. Bei mir in der Stube hat sich ein Gewein erhoben, ein Gewein und Geschrei. Finsterkeit! Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht, Wie heißt? Wo ist das erhört gewesen! Ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, und kein Stückchen Privileg! Und er, das heißt mein Sohn, ist ganz gleichgültig, als ginge die Sache ihn gar nichts an. »Was wird sein mit Kol Jisroel, wird sein mit Reb Jisroel!« sagt er. Nur der Magen zittert ihm dabei. Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Der Doktor betrachtet meinen Itzig, das heißt Alterchen, mißt ihn aus in der Länge und in der Breite, beklopft ihn, bekuckt ihn, dreht ihn her und hin und sagt: »Er taugt nicht, der Hund«, das heißt, er taugt schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Er mißt keine dritthalb Werschok in der Breite... Wieder einmal eine Freude, ein Jubel: Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Die Familie ist zusammengekommen, man hat einander » lechajim « zugerufen, man hat Gott gedankt, man war die Gestellung los! Aber unsere Jüdchen! ... Meint Ihr, es hat sich nicht ein Scheikez gefunden, der bei der Regierung angezeigt hat, ich hätte »geschmiert«? Was soll ich Euch sagen – noch nicht zwei Monate vorüber, kommt ein Papier, worin mein Itzig, das heißt Alterchen, gebeten wird, er soll noch einmal zur Gestellung in die Gouvernementsstadt kommen, zur »Revision« heißt man das. Wie gefällt Euch die Mahße? Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt! Wie heißt! Zweimal zur Gestellung ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg! Kurz, was soll ich Euch erzählen! – wenn man zur Regierung gerufen wird, darf man nicht ausbleiben, muß man fahren. Sind wir zur Regierung gefahren. Bin ich herumgelaufen hin und her. Vielleicht hilft das Verdienst der Väter, ein gutes Wort, das, jenes. Geh, schrei! Ich erzähle einem die Geschichte – ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, und nicht einmal gesund. – Der erhebt ein Gelächter. – Und mein Sohn? – Man hat schon schönere begraben, sagt er, eine Revision ist eine Lotterie, die reine Lotterie! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Man hat meinen Itzig, das heißt Alterchen, hineingeführt zu der Regierungsrevision und hat wieder von vorn angefangen, ihn zu betrachten in der Länge und in der Breite, hat ihn wieder beklopft und bekuckt, gedreht hin und her. Was? Steins geklagt! »Taugt nicht, der Hund?« Das heißt, taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Einer hat widersprochen und gesagt: »Tauglich«. Hat der Doktor geschrien: »Nicht tauglich« ... Der sagt »tauglich«, der sagt »nicht tauglich«, tauglich, nicht tauglich, hin und her, bis der Gouverneur selbst sich von seinem Bänkchen erhoben hat, herankommt und sagt: »Ganz und gar nicht tauglich«, das heißt, er taugt auf neunundneunzig Kapores ... Hab' ich sofort weggeschickt eine Depesche nach Haus in verstellter Sprache: »Masel tow, die Ware ist für vollkommen unbrauchbar erklärt.« Jetzt muß ich noch einmal zu der Zeit zurückkehren, wo ich – nicht gedacht soll es heute werden – in Worotiliwka ansässig gewesen bin, und mein Itzig, das heißt Alterchen, noch ein ganz kleines Kind gewesen ist. Kommt da eine Geschichte, etwas wie eine Revision in der Stadt. Von Stube zu Stube ist man herumgegangen und hat aufgeschrieben von jedem, Klein bis Groß, wie er heißt und wie alt er ist, wieviel Kinder er hat, ob Jungen oder Mädchen, und wie man sie ruft. Ist man auch zu meinem Itzig gekommen fragen, wie man ruft ihn. Sagt meine Frau, sie soll gesund sein: »Alterchen«. Jener ist zufrieden und geht und schreibt auf: »Alterchen«. Genau ein Jahr nach der Militärgestellung kommt eine neue Schickung: man sucht meinen Sohn Alterchen; er soll, Gott erbarme sich, zur Gestellung kommen in Worotiliwka. Hab' ich denn geträumt jene Nacht und diese Nacht und das ganze Jahr hindurch! Kurz, was soll ich Euch erzählen! – man ruft Itzig, das heißt Alterchen, noch einmal zur Gestellung. Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Ist so etwas je erhört worden Eck der Welt zu Eck der Welt, daß ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, dreimal zur Gestellung kommen muß! Nun sieh du zu, red' Türkisch, red' Tartarisch! Was tut man da? Bin ich hingelaufen zu unserer Gemeinde, habe Gewalt geschrien, daß zehn Juden sollen beschwören und schriftlich geben, daß sie wissen, daß Itzig ist Awrohom Jitzchok, und Awrohom Jitzchok ist Alterchen, und daß Alterchen und Itzig und Awrohom Iitzchsk alle zusammen ein Mensch sind. Das Papier habe ich bekommen und bin damit nach Worotiliwka gegangen. Dort trifft mich ein Jud Reb Jossel, und fragt mich: »Was tut Ihr hier?« Will ich ihm doch nicht sagen – wozu auch; es ist schon besser, er weiß es nicht – sage ich ihm: »Ich habe zu tun mit einem Edelmann.« – »Wegen was!« fragt jener. – »Wegen Kleie«, sag' ich. »Ich habe Kleie gehandelt und habe Handgeld gegeben. Nun habe ich keine Kleie und kein Handgeld; verfallen die Kuh mit dem Kalb!« – Nun gehe ich in die Militärkommission. Wie ich hereinkomme, treffe ich einen Schreiber. Dem gebe ich das Papier. Der liest das Papier und wird ganz wild, der Schreiber nämlich, und schmeißt mir mit Gewalt das Papier ins Gesicht, behütet und bewahrt soll man werden! »Geht zu allen Teufeln mit Euren Namen und Euren jüdischen Faxen! Ihr wollt Euch nur um die Gestellung drücken, verdammte Juden! Bei Euch wird Jitzchok aus Awrohom, und Itzig aus Jitzchok, und Alterchen aus Itzig. Nein, solche Stückchen gehen bei uns nicht an, solche Schachermachei!« – Nun überlege ich mir: Mit Schachermachei meint er vielleicht einen Rubel. Nehme ich einen Rubel heraus und will ihn ihm in die Hand drücken und sage leise zu ihm: »Entschuldigen Sie, Euer Hochwohlgeboren!« Da erhebt er ein mächtiges Geschrei: »Bestechung!« ... Sind gelaufen gekommen die Schreiber, und was soll ich Euch sagen, man hat mich rausgebracht. So ein Unglück! Muß ich gerade auf einen treffen, der nicht nimmt! ... Nu, zwischen Juden ist man nicht verloren. Ich fand einen Jud, durch den man nimmt. Geholfen hat es, wie einem Toten Schröpfköpfe helfen, und es ist dabei geblieben, daß ich noch einen Sohn habe, der Alterchen heißt, und der soll sich stellen in Worotiliwka zum Militär. Ein gut Päckel! Ich muß starker sein als Eisen, daß ich das Jahr überlebt habe. Freilich, wenn man zurückdenkt: was brauchte ich Schaute Furcht zu haben? Zehnmal zur Gestellung – ich weiß, er taugt doch nicht, der Hund! Das heißt, wieso taugt er nicht! Taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht ... Und da man ihn schon zweimal ausgemustert hat. Aber das überlegt man sich erst nachträglich. Damals, in einer fremden Stadt, ein Amt mit Leuten, die nicht nehmen – da soll man sagen! Wir haben aber doch noch einen großen Gott auf der Welt! Mein Alterchen, Itzig heißt das, hat wieder einmal eine hohe Nummer gezogen, hat sich wieder gestellt. Gott hat ein Wunder getan, die Militärkommission in Worotiliwka hat wieder gesagt »nicht tauglich« und hat ihm ein weißes Billett gegeben, ein Freischein. Hatten wir schon mit Gottes Hilfe zwei weiße Billette. Nach Hause gekommen. Freude und Wonne. Eine Mahlzeit hergerichtet. Dazugerufen fast die ganze Stadt. Gejubelt bis an den lichten Tag. Mit wem brauch' ich jetzt zu reden! Wer ist mir gleich? – Ein Kaiser! Jetzt wollen wir zu meinem Eisik zurückkehren, er liegt und ruht, der, dem anderen zu längeren Jahren, als Kind den Samowar über sich gestürzt hat. Nun werdet Ihr ein Stückchen hören. Ein Prophet müßte man sein. Der schöne Row, der Kronsrabbiner von Worstiliwka hatte vergessen, ihn in der Matrikel auszulöschen, den Verstorbenen nämlich; und mir wird als Schuld gerechnet, ich hätte noch einen Sohn Eisik, der sich dieses Jahr zum Militär stellen müßte. Eine Bombe war das. Was ist das für ein Unglück auf mir? Eisik ist schon lange auf jener Welt, so spreche ich zu mir, und berede mich mit unserem Rabbiner, was man tun soll. – »Die Sache ist nicht gut«, sagte er. – »Wieso?« sag' ich. – »Sie ist nickt gut,« sagte er, »weil Itzig und Eisik derselbe Name ist.« – »Wieso!« sage ich, »ist Itzig und Eisik derselbe Name?« – Sagt er: »Itzig ist Iitzchok, Iitzchok ist Issak, Issak ist Isak und Isak ist Eisik.« – Gut gedreht. Kurz, was soll ich Euch sagen! – man sucht meinen Eisik, man bringt mir die Order, er soll sich stellen zum Militär. In meiner Stube hat sich neues Gewein erhoben, was sag' ich. Gewein? Als wäre das Heiligtum zerstört! Erstens hat meine Frau, sie soll leben, sich des Verstorbenen erinnert, die alte Wunde hat sich wieder aufgetan. Besser, sagte sie, er lebte und müßte sich jetzt zum Militär stellen, als daß sein Gebein in der Erde liegt. Zweitens hat sie Angst, vielleicht, am Ende doch, Gott soll hüten, nicht werden soll es und nicht kommen, ist es so, wie der Rabbiner sagt, daß Itzig ist Iitzchok und Iitzchok ist Issak und Issak ist Isak und Isak ist Eisik, und das wäre wirklich nicht gut. So sagt sie, meine Frau, sie soll gesund sein, und legte die Welt ein, die Schwiegertochter fällt in Ohnmacht, wie gewöhnlich. Ist es denn auszureden: ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, hat sich dreimal gestellt, hat zwei weiße Billette und ist noch nicht fertig ... Habe ich die Füße in die Hand genommen und bin nach Jehupetz gegangen, um mit einem richtigen Advokaten zu beraten. Meinen Sohn habe ich mitgenommen, mit ihm zu einem Professor zu gehen, um zu hören, was der Professor sagen wird, ob er tauglich ist oder nicht. Zwar weiß ich allein ganz gut, daß er nichts taugt, der Hund. Das heißt, taugen taugt er schon. Nur zum Soldaten taugt er nicht... Und wenn ich werde hören, was der Advokat sagen wird, werde ich schon ruhig schlafen können, werde nicht mehr mit der Militärgestellung zu tun haben. Aber es stellt sich heraus, die Advokaten und die Professoren wissen alle zusammen nichts. Der eine sagt so, und der andere sagt so; was der eine sagt, hält der andere für falsch – meschugge könnte man werden. Der erste Advokat, den ich traf, war ein großer Kopf, ein stumpfer, trotz der großen Stirn mit einer mächtigen Glatze, wie um Lockschenteig darauf auszurollen. Er hat nicht einmal verstehen können, wer Alterchen ist und wer Itzig, und wer Awrohom Jitzchok ist, und wer Eisik gewesen ist. Ich erzähle ihm noch einmal und noch einmal: Alterchen und Awrohom Jitzchok und Itzig sind ein Mensch, und Eisik ist der, der den Samowar über sich gegossen hat, als ich noch in Worotiliwka gewesen bin. Wie ich meine, daß ich mit ihm fertig bin, fragt er mich eine ganz neue Frage: »Sagt nur, wer ist der älteste, Itzig oder Alterchen oder Awrohsm Jitzchok?« – Hat man schon so was gehört! Sag' ich ihm: »Ich hab' Euch schon fünfzehnmal gesagt, daß Itzig und Awrohom Jitzchok und Alterchen ist alles eine Person: das heißt, sein wirklicher Name ist Itzig, das heißt Awrohom IJitzchok, nur rufen ruft man ihn, seine Mutter, meine ich, Alterchen. Seine Mutter hat ihn so verzogen. Und Eisik ist der, der den Samowar über sich gegossen hat, als ich noch ein Worotiliwkaer gewesen bin.«– »Und wann,« fragte jener, »in welchem Jahr ist Awrohom Alterchen, ich meine Jitzchok Eisik zur Militärgestellung gegangen?« – »Was schwatzt Ihr da?« frag' ich, »was bringt Ihr da durcheinander Graupen und Borschtsch? Zum ersten Male in meinem Leben treffe ich einen Jud mit einem so goischkischen Kopf! Man sagt Euch doch, daß Jitzchok und Awrohom Jitzchok und Itzig und Eisik und Alterchen, das ist alles ein Mensch!« »Scha,« sagte er, »schreien Sie nicht so? Was schreien Sie?« .... Verstehen Sie eine Sprach'? Nun soll er gar nicht recht haben!.... Kurz, ich habe selbstverständlich ausgespuckt und bin weggegangen zu einem anderen Advokaten, der war gerade ein guter Kopf, ein talmudischer Kopf war er, nur ein wenig überchochem, überklug ein wenig. Er rieb sich die Stirn und »lernte«, den Text des Gesetzes lernte er, drehte sich, folgerte, zog Schlüsse, daß nach diesem und diesem Paragraphen der Meseretscher Magistrat gar nicht berechtigt war, ihn einzuschreiben. »Dagegen«, sagte er, »ist vorhanden ein Gesetz, daß, wenn er hier eingeschrieben worden ist und dort nicht ausgeschrieben worden ist, so muß er ausgeschrieben werden; und wieder ist vorhanden eine ,Kassation', daß er, wenn er hier eingeschrieben ist, und dort nicht ausgeschrieben wurde, so ...« Kurz, so ein Gesetz und so ein Gesetz, so eine Kassation und so eine Kassation; er hat mir »kassassiert« den Kopf voll, und ich mußte gehen zu einem dritten, mußte ich. Da hab' ich gerade angetroffen auf einen Schlemiehl, ein ganz junges Advokatchen, ein funkelnagelneues, das erst vor kurzem sein »juris« beendet hat, ein sehr gutes Menschchen mit einem Züngelchen wie ein Glöckchen. Wie es scheint, lernte er sich reden, reden lernte er sich; denn wenn er sprach, merkte man's ihm an, daß ihm das Vergnügen machte, das Reden, heißt es. Also der wurde voll Begeisterung, hielt mir eine lange Predigt, so daß ich ihn unterbrechen mußte und sagen: »Alles sehr schön und sein,« sehr– sag' ich –, »Sie haben vollständig recht, aber was nützt es mir,« sag' ich, »daß Sie mich beweinen, wozu beweinen Sie mich! Geben Sie mir lieber eine Eize , sag' ich, was ich mit meinem Sohn machen soll, vielleicht, Gott behüte, ruft man ihn doch, vielleicht?« Kurz, was soll ich Ihnen lange erzählen, ich kam endlich zu einem richtigen, wirklichen Advokaten. Das ist, verstehen Sie mich, ein Advokat von den alten Advokaten, ein Advokat, der einen Sachverhalt versteht, verstehen Sie mich. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Aleph bis Thow. Er saß die ganze Zeit mit geschlossenen Augen und hörte mir zu. Dann meinte er: »Schon? Sind Sie fertig? Fahren Sie nach Hause, es ist Mumpitz, mehr als dreihundert Rubel Strafe werden Sie nicht bezahlen.« – »Das ist das Ganze?« sag' ich, »eh, wenn es mit den dreihundert Rubeln getan wäre! Aber ich habe Maure für meinen Sohn, Maure hab' ich!« – »Was für Sohn?« – »Was heißt,« sag' ich, »was für Sohn? Mein Alter, Itzig heißt es.« – »Was hat dies alles«, sagte er, »mit Itzigen zu schaffen?« – »Was heißt,« sag' ich, »vielleicht ruft man ihn wieder einmal?« – »Er hat doch, sagen Sie, ein weißes Billett?« – »Zwei,« sag' ich, »hat er, zwei.« – »In diesem Falle,« sagte er, »was wollen Sie denn?« – »Wollen,« sag' ich, »will ich gar nichts, was soll ich denn wollen? aber Maure habe ich,« sag' ich, »denn man sucht jetzt Eisiken, und Eisik ist nicht da, und Alter, Itzig heißt es, ist eingeschrieben Awrohom Jitzchok, und Jitzchok – so sagt unser Herr Rabbiner – ist Issak, und Issak ist Isak, und Isak ist Eisik; könnte man, Gott behüte, glauben, daß mein Itzig, oder Awrohom Jitzchok, Alter heißt es, ist Eisik.« – »Nun, was schadet's,« sagte er, »was schadet's? Im Gegenteil, desto besser, dann werden Sie überhaupt nicht bestraft. Er hat doch, sagen Sie, ein weißes Billett?« – »Zwei,« sag' ich, »zwei weiße. Aber die hat doch Itzig, nicht Eisik.« – »Sie sagen doch,« sagt er, »daß Itzig ist Eisik!« – »Wer sagt das,« sag' ich, »daß Itzig ist Eisik?«–»Sie haben es doch selbst gesagt?«– »Ich,« sag' ich, »wie konnte ich so was gesagt haben? Wie kann ich sagen,« sag' ich, »daß Itzig ist Eisik, wenn Itzig ist Alter, und Eisik ist der, der den kochenden Samowar auf sich umgestürzt hat, zur Zeit, als ich noch ein Worotiliwkaer war, in Worotiliwka heißt es« .... Er, der Advokat, wird rot wie ein Feuer und befiehlt mir, zu gehen: »Entfernen Sie sich,« sag' er, »Sie langweiliger Ebräer«, sagt er!.... Verstehen Sie, was das heißt! Ich bin ein langweiliger Jud, heißt es. Haben Sie Worte?« Ich und langweilig? Ich?. ...«« Hermann Blumenthal Der Sängerknabe. Eine eisigkalte Winternacht. Bleigrau hing der Himmel über dem Städtchen und Schnee wirbelte in großen dicken Flocken zur Erde. Die eng aneinandergeschmiegten Häuschen standen einsam und traurig in der Schneelandschaft. Im Vorhause zum Beth-ha-Midrasch war es warm und still. Ein prächtiges Feuer brannte im Ofen. Zwei arme Juden schliefen auf rohgezimmerten Bänken und in einem Winkel saß David, der sechzehnjährige Sängerknabe, still vor sich dahinträumend. Er konnte keinen Schlaf finden. Mannigfache Bilder umschwebten ihn und seine Phantasie schwang sich aus dem halbdunklen Räume weit hinaus. David träumte; wie er als Kind auf dem Schoße seiner Mutter saß. Langsam dämmerte der Sabbat herüber. In der kleinen Stube wuchsen die Schatten ins Ungeheuerliche, während am Himmel der große, volle Mond aufstieg. Von der Gasse drang Lachen und Lärmen in die Kammer und dem Knäblein ward es bange in der Dämmerstille. Da sagte die Mutter: »Ich will dir die Geschichte von dem Hirten David erzählen, der später König der Juden wurde ...« Und die Mutter erzählte dem gespannt aufhorchenden Kleinen von dem lustigen Hirtenknaben, der den Riesen Goliath zu Boden warf. David war nur schwach und unansehnlich, aber der Allmächtige hat seinen Arm gestählt, wenn David sang, so konnte er die Zuhörer zu Tränen rühren, Er trieb die Herden vor sich her und sein Gesang erfüllte die klare Luft ... Die Mutter hielt plötzlich inne. Ihr Blick verlor sich in dem Silberschein des Mondes. Sie träumte von der Zukunft ihres Knaben und ihrer Träume Inhalt war ihm nicht fremd. wie oft hatte ihn die Mutter in Stunden der Einsamkeit mit ihren geheimsten Gedanken vertraut gemacht. Auch seine Stimme hatte Klang und er sollte ein Sänger, ein Priester in Israel werden, wie ein Meer, erhaben und gewaltig, wird seine Stimme dahinbrausen und die Herzen mit unendlicher Seligkeit erfüllen. Wie berauscht werden die Andächtigen dastehen, mit zitternden Lippen und heißen Zähren in den Augen ... Und vor ihren geistigen Blicken wird die alte Herrlichkeit Israels neu erstehen. Den Tempel Salomos, ganz aus purem Gold gezimmert, sollen sie vor sich sehen, und Jerusalem – Jerusalem im Morgenglanz ... An das wundervolle Land ihrer Vorfahren werden sie wieder denken und von den blühenden Getreidefeldern Kanaans die fröhlichen Lieder der Schnitter hören ... Und in ihnen wird die Frage erwachen, ob nicht Israel schon genug Leid und Elend durchgemacht ... Der Jüngling durchlebte in Gedanken noch einmal seine Kindheitstage. Bis zum zehnten Lebensjahre blieb er bei der Mutter. Sie war arm, aber voll Zuversicht und Gottvertrauen; nie schlich sich Traurigkeit bei ihnen ein. »Gott ist groß und seine Taten sind gerecht«, pflegte die Mutter zu sagen, »Er sieht die Leiden seines Volkes. Eines Tages wird er die Juden in das Land ihrer Väter zurückführen ...« Und David dachte daran, wie er sich von seiner Mutter verabschiedete, um zu dem berühmten Chasen Reb Jankel zu ziehen. Es war ein klare Sommernacht. Alle Bäume standen in Blüte ... Ein Stück Weges gab ihm die Mutter das Geleite; dann stand sie noch lange unbeweglich da und blickte ihm nach ... Langsam und still weinend ging David über die Landstraße dahin ... Er mußte an die einsam Zurückgebliebene denken... Sechs Jahre waren es nun, daß David bei seinem Lehrer ein zweites Heim gefunden. Wie einen Sohn hielt man ihn im Hause, und Esther, die Tochter Reb Jankels, die um ein Jahr jünger war als David, ist ihm zur Schwester geworden. Wie David an Esther dachte, ward ihm so warm und sein Herz schlug rascher. Er sah Esther vor sich, wie sie ihn am vergangenen Abend zum Schlitten geleitete. Ihr Gesicht war weiß wie der Schnee, durch den sie wateten, wie Perlen schimmerten einzelne Schneeflocken in ihrem schwarzen Haar, und in ihren Augen lag ein überirdischer Glanz ... »Auf Wiedersehen, David,« flüsterte sie, ihm ihre kleine Hand reichend, als sie beim Gefährt anlangten. »Auf baldiges, recht fröhliches Wiedersehen ...« Er warf sich ins Heu und fand kein Wort des Abschieds; nur seine Lippen bebten ... krampfhaft hielt er Esthers zarte Hand umschlungen, bis die Pferdchen anzogen ... Nun sollte David nach langen Jahren der Trennung seine Mutter wiedersehen. Die Mutter verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihm. Sie wollte ihn noch einmal umfangen, noch einmal seine süße Stimme vernehmen, bevor es vielleicht zu spät würde ... David war plötzlich voll banger Sorge um sie und hätte sich gern sogleich auf den Weg gemacht. Nun mußte er jedoch, kaum zwei Meilen von seinem Heimatsorte, wegen des Schneesturms hier übernachten. Und die Zeit war ihm so lang. Er sehnte sich schon danach, der Mutter in die treuen, liebevollen Augen blicken und ihre müden, abgearbeiteten Hände küssen zu können. Die beiden Schläfer waren erwacht. Der eine erzählte eine grausige Geschichte von Raub und Plünderung. Der andere hörte ihm schweigend zu; nur von Zeit zu Zeit entrang sich ein schmerzlicher Seufzer seiner Brust... David schüttelte die Erinnerungen von sich und horchte auf. Er hörte wiederholt den Namen seiner Heimatstadt nennen und bald war ihm der Zusammenhang klar: Am Nachmittag waren plötzlich, von Agitatoren aufgehetzte Bauern ins Städtchen gedrungen. Sie mißhandelten die Juden und plünderten deren Geschäfte. – Eine dunkle Unruhe erwachte in David. Er dachte an seine Mutter und heiße Tränen stürzten über seine Wangen. Er mußte sofort zu ihr. Es duldete ihn nicht länger in dem schwülen Räume, vielleicht lag sie draußen irgendwo im Schnee und rief laut – laut nach ihm ... David konnte nicht bis zum Morgen warten. Zu Fuß wollte er sofort hin. Er war ja jung und stark und fürchtete sich nicht vor der Kälte ... David überlegte nicht, griff nach seinem Bündel und eilte auf die Gasse. Wie ein Märchen rein und weiß, lag die Welt vor ihm. Immer noch schneite es. Die Wege waren ganz verweht. David eilte aus dem Städtchen. Endlos zog sich die Schneefläche hin. Es war ein schrecklicher Frost. Die Schneeflocken tanzten um den Wanderer. Er konnte kaum vor sich sehen. Davids Gedanken waren bei der Mutter: welche Freude wird ihr seine Ankunft bereiten! Ob sie ihn wohl wiedererkennt! Er kämpfte wacker gegen Frost und Schneesturm; doch gar bald verließen ihn die Kräfte und er konnte sich nur mühsam weiter schleppen. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, holte tief Atem und rieb sich die erfrorenen Hände. Die glitzernde Schneefläche blendete ihn und die Landschaft begann vor seinen Augen einen Tanz aufzuführen ... Nach wenigen Schritten schon fiel David leise stöhnend in den Schnee. Er wußte nur noch, daß er sehr müde war, streckte sich der Länge nach hin und schloß die Augen, – wundervolle Träume umgaukelten ihn ... David sah sich mit seiner Mutter auf dem Wege zu Reb Jankel. Esther stand am Fenster. Sie erkannte ihn schon in einiger Entfernung und eilte, trotz Schnee und Kälte, auf die Gasse hinaus. »willkommen, David«, rief Esther freudig. »Ich habe mich schon so sehr nach dir gesehnt.« Zusammen betraten sie das Haus. Lächelnd kam ihnen Reb Jankel entgegen und er sprach, zur Mutter gewendet: »Die Kinder haben sich so herzlich lieb. Geben wir ihnen unseren Segen.« Die Mutter zog Esther an ihr Herz und rief glückstrahlend aus: »So sei es denn mit Gott. Sie sollen uns viel Freude machen.« Und David sah sich vor einem mächtigen Palaste. Die Tore öffneten sich und er betrat einen weiten gewölbten Gang. Zu beiden Seiten standen Krieger in glänzenden Rüstungen und sie verbeugten sich tief, tief vor ihm ... David gelangte in einen prächtigen Saal. Auf einem Throne aus Elfenbein saß der König. Er war grau und alt an Jahren... Und der König küßte David auf beide Wangen, Er setzte ihm seine Krone aufs Haupt und überreichte ihm die Armbrust. Sie gingen auf einen großen Platz, der voll von Kriegern war. David bestieg ein Pferd und im Galopp ging es durch Wiesen und Wälder dahin, hinter ihm Tausende und aber Tausende. Sein Harnisch blinkte im Sonnenlicht... Hei, wie die Trompeten schmetterten. David war ganz berauscht vor Glück. Über den kleinen Schläfer legte sich die Schneedecke weich und warm ... F. Brodowski. Simches Kind. Übersetzt von A. Scherlag. Es war eine kleine stille Station, – ein Winkel, der trotz Nähe einer großen Stadt wie mit Brettern vernagelt war, – ein Loch, in das selten nur ein Fremder kam. Schon allein die Häuser, hier eigentlich hölzerne Hütten, sahen außen und innen unwohnlich aus. Die nackten Wände und die komischen Möbel starrten einem so gleichgültig, ja unfreundlich entgegen, daß einem die Lust verging, sich auch nur einige Tage hier aufzuhalten. Ich weiß nicht, ob die Hütte unweit von dem Dörfchen N., wo ich mich im Sommer einige Zeit aufgehalten hatte, ihr damaliges Aussehen beibehalten hat, denn sie war schon damals ganz baufällig. Vor dem Häuschen befand sich ein kleiner Garten, ohne Blumen, ja sogar ohne Rasen, ohne Unkraut, ein großes, kaum von den vorjährigen Blättern gereinigtes Stück Erde. Die Bäume wuchsen schief, trugen höchstens einige Blätter, so daß sie wie Strohwische aussahen, wie die Bäume, so die Menschen. In den einen und den anderen wurzelte eine tiefe Trauer der unbewußten Gefangenschaft. Weder von den einen noch von den anderen war ein Wort, das mit dem Inhalt ihres Schmerzes zusammenhing, herauszubringen, aber sie sprachen es unbewußt aus – die ersten mit den unwillkürlich angenommenen Formen und erstarrten Gebärden, die anderen mit den umschatteten Augen, der Schwerfälligkeit des Ganges und dem Ton der Sprache. Doch die Natur, die große, allumfassende Mutter, vermag auch aus den Herzen der betrübten Wesen einen Teil der Traurigkeit hervorzuzaubern. Das wiederholte ich mir vor einigen Jahren in N. beim Anblick eines jungen Mädchens, dessen Leben jeglicher Freude zu entraten schien. Das war eine Jüdin von sechzehn oder achtzehn Jahren, gemeinsam mit ihrer Mutter beschäftigte sie sich mit Gebäckaustragen in N. und einigen umliegenden Dörfern, wo außer Landbauern Arbeiter aus der benachbarten Ziegelei und einer Vorstadtfabrik wohnten. Eines jener göttlichen Geschöpfe, die man täglich sehen kann, ohne sie dennoch zu bemerken. Ich bin überzeugt, daß viele Leute, die täglich Semmeln aus ihrem Körbchen entnahmen, weder den Klang ihrer Stimme, noch ihre Gesichtszüge kannten. Waren sie ihr begegnet ohne Körbchen, anders gekleidet, nicht in dem alltäglichen, verblichenen, unten ausgefransten Rocke und zumal ohne das schwarze wollene Tuch, das sie sonst um den Kopf gebunden trug, so hätten viele nicht gewußt, daß sie an ihrer Brotausträgerin vorübergehen. Man kannte sie, wie man eine Sache kennt. Jeder begreift wohl, daß der Korb mit Semmeln allein von Haus zu Haus nicht fliegen kann. Selbstverständlich muß ihn jemand tragen. Aber aufrichtig gesagt, interessierte die Leute nur der Inhalt des Korbes. Es gab ständige Gebäckabnehmer, die nicht einmal wußten, wie Mutter und Tochter hießen. Jüdinnen. Die alte und die junge Jüdin. »Ich habe gestern kein Brot gebacken, ich muß es bei der Jüdin nehmen«, sagte man, oder: »Habt Ihr nicht wo die Jüdinnen mit dem Brot gesehen?« Gingen sie einmal nicht zusammen durchs Dorf, so fragte man sich: »Bei welcher Jüdin habt Ihr heut Brot genommen?« »Bei der jungen, nein, bei der alten. Doch nein, gewiß bei der jungen. Übrigens weiß ich's nicht bestimmt.« Zwar waren sie gleich gekleidet, aber, freilich bei einer etwas gespannten Aufmerksamkeit wäre dieser Zweifel unmöglich. Wenn er also vorkam, so beweist es, wie sehr die Personen der Austrägerinnen den Leuten gleichgültig waren. Da mich jedoch weder die Form der Brotlaibe, noch deren Gewicht angingen, so konnte ich mit um so größerer Aufmerksamkeit die Austrägerinnen beachten. »Gebäck aus der Stadt – Semmeln, Brot! – nehmen Sie!« Vor dem Fenster standen zwei Frauen, jede mit einem großen Korb in der Hand. Obwohl es ein warmer Junitag war, waren ihre Köpfe mit dicken wollenen Tüchern umgewickelt, wie bei Menschen, die hochgradig an Zahnschmerzen leiden. Aus den unverhüllten Öffnungen blickten nur die Augen mit einem Teil der Stirn und der Nase hervor. Ein Paar hatte das Weiße von einem Adernnetz gerötet, etwas Trübes in der braunen Irisfarbe und im Blick, einen tiefgegrabenen Ring unter jedem Auge und schwere welke Lider, die unablässig zwinkerten. Das zweite Augenpaar hatte Anmut. Diese Anmut war sehr weich, sehr zart von einer Zartheit, darin etwas vom Weibe und etwas vom Kinde war, seine ganze Schüchternheit und keusche, scheue Lust, zu gefallen. Ein gutes und schüchternes Kind war in diesen Augen, das eben hatte ich zunächst bemerkt, und dann erst das herrliche Schwarz der großen Iris, das von bläulichen Schatten gesättigte Weiße und die Schönheit der langen Wimpern. Einige Dorfweiber traten an die Körbe heran. »Frisches Brot, frische Semmeln!« pries das Mädchen an. Nach beendetem Feilschen entfernten sich die Jüdinnen. Ich blickte ihnen nach. Trübselige Silhouetten! Graue, elende Röcke; schwarz umwundene Köpfe; schier gebrochene Gestalten. Des Korbes Last an der Rechten zwingt sie, den Rumpf nach links zu biegen und die Linke auszustrecken. Barfuß schritten sie mühsam, mit den Fersen den Sand aufwirbelnd. So sah ich sie täglich, und zuweilen begann ich mit ihnen ein Gespräch. »Aber mir tun ja die Zähne überhaupt nicht weh!« Meine Zumutung, daß sie eine Geschwulst habe, hatte sie belustigt. Indem sie das Tüchlein unter das Kinn hinabschob, enthüllte sie ihre zarten Wangen, das Gesicht war das eines schmächtigen Mädchens, anmutig, aber ohne die kernige Frische der Gesundheit. Auch die Lippen sprachen deutlich von Blutmangel. »Häßlich bin ich in diesem Tuch«, fuhr sie in lieblicher Beschämung fort, »und immer kommen mir die Leute mit einem Mittel gegen Zahnweh.« »Warum entstellst du dich also zum Fleiß?« »So, aus Gewohnheit. Weiß ich's denn übrigens? Die Mutter könnt' es Ihnen erklären.« Ich wandte mich fragend an die Alte, doch die begann, statt zu antworten, schneller zu blinzeln, in den Augen den Ausdruck der Verlegenheit verbergend. Ich drang nicht in sie. Später kam es von selbst, daß mir Frau Simche bisweilen ziemlich willig, ohne Fragen, von sich, ihrer Tochter und ihrer Not erzählte. Diese ihre Not hatte sich empfindlicher eingestellt in dem Augenblick, als Simche in einem schwarzen Wagen auf den Friedhof überführt worden ist. Er war ein von Mißerfolg im Handel und durch eine lange Krankheit sehr abgeplagter Mann gewesen, so zart und schwächlich, daß er nur ganz behutsam aufzutreten pflegte, als trüge er in sich ein überaus zerbrechliches und kostbares Gefäß. Endlich mußte es trotz aller Fürsorge brechen, was Simche derart kränkte, daß er starb. Nach dem Tode des Mannes verblieb der Frau ihr eigener Krug der Gesundheit, ganz und unangegriffen. Was wahr ist, für das ganze Vermögen, wie sie hinzufügte. In ihrem Töchterchen aber steckte ein sehr zartes Gefäßchen, sehr zerbrechlich, vielleicht aus Glas, vielleicht aus Kristall, das außerordentliche Sorge und Obhut erforderte, damit es nicht zerbreche. Bis zum elften Lebensjahre durfte Estherchen gar keine Arbeit anrühren. Aber bald begann sie sich dagegen aufzulehnen. »Wie sieht das nur aus, wenn so ein großes Mädchen wie ich, der Mutter nicht aushilft? Ich wachse zum Gespött der Leute heran, und wird dann einer mich heiraten mögen, wenn man erfährt, daß ich zu nichts bin! Ich werde dich überzeugen, daß ich einen Korb voll Brot von unserer Wohnung bis zur Ziegelei tragen werde, und nichts wird mir geschehen.« »Tu' das nicht, Esther, ich bitt' dich sehr.« »Just tu' ich's«, versetzte sie mit einem zornigen Blick auf die Mutter und ergriff den Korb. Bis zur Ziegelei war es nicht sehr weit. Das Mädchen trug bis dorthin die Last, der Mutter zuvorkommend, und verbarg sehr geschickt ihre große Erschöpfung. »Auch nur eine Kunst!« rief sie, die Tränen zurückhaltend. »Wenn du willst, trag' ich's noch weiter.« Die Mutter wollte natürlich davon nichts wissen. Später aber kaufte sie selbst ein kleines Körbchen für Esther, und nahm sie im Bereich des Städtchens mit sich, schickte sie jedoch heim, sobald sie weiter in die umliegenden Dörfer gehen sollte. Freilich drückte auch dieses Körbchen die Kleine zuweilen so sehr, daß sie weinte, aber niemand sah es. Einige Jahre verstrichen. Simches Tochter hatte sich vollends emanzipiert, das heißt, daß sie überallhin mitging mit ihrer Mutter, auch bis ins letzte Dörfchen, wenn Aussicht bestand, daß man ihr etwas abkaufte, daß ihr Körbchen nicht kleiner war als der Korb ihrer Mutter und daß sie jetzt verstohlen aus dem Korb der Mutter einige Laibe in den ihren herübernahm, um der Alten die Last zu erleichtern. Zuviel lichte Seiten hatte diese neue Lage der Dinge, als daß Simches Witwe zu klagen Grund gehabt hätte. Vornehmlich freute sie der Anblick des Kindes, das nun der Last des Brotkorbes gewachsen war. Und war doch einmal ein so schwächliches Ding ... seht nur, was für starke Aushilfskraft aus ihr geworden. Ferner erfüllte die ständige Gegenwart der Tochter auf diesen Wanderungen die Mutter mit einem angenehmen Gefühl einer stillen innerlichen Freude. Wenn in der bleichen Abenddämmerung Esther als erste aufstand und an der Bettkante ein Weilchen bloß im Hemdchen saß, fühlte die Mutter, wie von ihrem Kinde eine duftige Frische ausströmte, die Frische der jungen Jahre und des jungfräulichen Körpers. Schön ist mein Kind, dachte sie dabei. Aber schon flüsterte die giftige Sorge: was soll die Schönheit einem Mädchen, das der Tagesanbruch hinaustreibt auf Waldpfade, auf Wege durch stumme Felder, die öde und, was schlimmer, von verdächtigen Menschen aus der Vorstadt heimgesucht sind! Der Vorstadtvagabund, der sich jeden Augenblick in einen Räuber verwandeln kann, war stets das Schreckgespenst der Witwe. Vor den Bauern in den Dörfern, vor den Arbeitern aus der Ziegelei hatte sie keine Angst, nur vor den ungewissen Gestalten, die so schwer zu durchschauen waren, wie ihre Beschäftigungen, vor den scheuen Individuen, die von ferne nach Schnaps riechen und zum Anbandeln geneigt sind. Einem solchen auf ödem Felde ein junges hübsches Gesicht zeigen, – war zu gefährlich. Das war der Grund, daß Mutter und Tochter auf ihrer täglichen Wanderung immer ganz gleich gekleidet, ihre Köpfe ewig in Tücher fest eingemummt waren. Sie trugen sich beide grau und elend, so daß man die junge von der alten kaum unterscheiden konnte. Am liebsten hätte die Witwe ihre und der Tochter Kleider mit Straßenstaub bestreut, um auf dem grauen Grunde ganz unsichtbar zu werden. »Ich habe keine so große Angst«, sagte mir einmal Esther. »Manchmal gehe ich allein: Freitag haben wir daheim etwas mehr zu tun, müssen also früher mit dem Brotaustragen fertig werden, darum geht die Mutter in die eine Richtung und ich in die andere.« »Und ist Ihnen da nie etwas passiert?« fragte ich sie. »Nichts. Nur einmal hat mich ein Betrunkener verfolgt. Es war damals nach einem Regen ein großes Wasser an der Straße, da bin ich hinübergewatet und dort habe ich ein Stück Ziegel gefunden, damit hab' ich dem Kerl gedroht. Da gab er mir Ruh'. Vielleicht ist er mehr vor dem Wasser erschrocken, als vor dem Stein«, meinte sie vergnügt. »Wenn er aber auch durch die Pfütze hinübergewatet wäre, hätten Sie ihn mit dem Ziegel getroffen, hätten Sie sich zu verteidigen vermocht?« »Aber wo! Vielleicht wäre ich gar sofort vor Schreck gestorben oder ich hätte gefleht, daß man mich so rasch wie möglich töte.« »Das ist nicht gut. Man soll nie sofort seine Sache aufgeben; verteidigt man sich, so kann man wenigstens Zeit gewinnen, vielleicht kommt dann wer zu Hilfe.« Estherchen schwieg eine Weile nachdenklich. »Gewiß,« sagte sie schließlich, »wenn's schon gar schlecht sein sollte, vielleicht hätte ich da keine Angst mehr, vielleicht würde ich mich wie eine Katze wehren mit Nägeln und Zähnen! Aber Gott sei Dank, niemand überfällt mich, niemand sieht mich auch nur an. Sie denken sich ein altes Weiblein mit umbundenem Kopf!« »Und doch ist's angenehm, aus sich eine Vogelscheuche zu machen«, bemerkte ich. Sie lachte lustig auf. »Oh, nicht immer tu' ich's. Samstag kleide ich mich schon anders.« In der Tat, als ich später einmal an einem Samstag ihr begegnete, hatte ich sie kaum erkannt, so fein war sie angezogen. Es war gerade vor der Ankunft des Zuges. Am Perron und im nahen Wäldchen spazieren vorwiegend Jüdinnen und Kinder. Auch Mädchen waren zu sehen. Darunter Esther in einem schwarzen Rock und einer blaßrosa Bluse, wahrscheinlich aus Seide. Wieviel Anmut war in ihr! Auf einer Bank saß ihre Mutter in einer Feiertagshaube mit Bändern. Wohl mochte sie bei sich denken: Entweder sind meine Augen nichts mehr wert ober mein Kind ist die schönste unter all den Mädchen und Frauen! Gern gab ich ihr im stillen recht. Tags darauf früh, als ich Esther in ihrem werktägigen Aufzug in der Gestalt einer dunkelgrauen Raupe traf, konnte ich mich nicht enthalten, ihr zu sagen, wie schön sie gestern ausgesehen und wie vorteilhaft sie sich von den anderen Mädchen abhob. »Wirklich? Ich danke Ihnen. So. Das hab' ich noch von niemand gehört.« Die Arme – also das war ihr erstes Kompliment im Leben. Ich erinnere mich nicht, noch einmal je mit ihr geplaudert zu haben. Nein – gewiß, das war das letztemal gewesen. Wie ich sie in der Folge sah – war sie nicht mehr die frühere Esther, war sie nicht mehr die schöne Blume, nur ein armseliger lebloser Körper, zusammengeduckt in dem reif- und gelbschimmernden Korn, am schmalen Rain, mit einer Strohmatte zugedeckt. Auf dem nahen Grenzhügel saß, eine Pfeife rauchend, ein alter Mann, der beauftragt war, die Leiche zu hüten, bis die Behörde und der Arzt kämen. Ich hob die Matte ein wenig; trotz meines großen Schmerzes mußte ich von Simches gutem Kinde Abschied nehmen. – Ah, diese Tränenspur auf der von Erde beschmutzten Wange! Was war da nur geschehen? Nichts Außerordentliches. Ich entsinne mich genau, daß es mit kleinem Druck in der Zeitung beschrieben war: »Auf den Feldern des Vorstadtdorfes fand man die Leiche eines jungen Mädchens, einer Jüdin, mit Spuren eines gewaltsamen Todes. Nach dem Übeltäter wird gefahndet.« Man hat ihn auch erwischt. Es war ein Vorstadtvagabund. Auf einem wenig besuchten Seitenpfade im Felde – so lautete sein Geständnis – war er der Jüdin begegnet. Betrunken, riß er ihr das Tuch vom Kopfe und erblickte ein junges Mädchengesicht. Gewehrt hatte sie sich bis aufs Blut – gebissen hat sie ihn und zerkratzt. Nur um sie einzuschüchtern, hat er das Messer gezogen; wie sie sich in die Spitze verrannt hat, er kann's nicht recht begreifen. – Die Untersuchung ergab, daß ein Gewaltakt nicht stattgefunden hatte. Armes Kind, keine Brillanten dieser Erde wiegen deine letzte Träne auf. Schlafe wohl! Hermann Menkes Mein Freund Hamlet. Mein Freund Hamlet war natürlich kein Königssohn, sondern ein armer, mißgestalteter Jude. Er war ein kleiner Schreiber im Geschäft meines Großvaters, scheu, schüchtern, zumeist verschlossen und unsagbar schamhaft. Er war ein Genie, eines von den verlorenen, und hatte die Güte und Seele eines Kindes. Darum liebte ich ihn. Ihre Liebe wenden Kinder den Unscheinbarsten, den häßlichen Ausgeschalteten so gerne zu, und mir, der ich acht Jahre zählte, als er erschien, ist er gleich bei seinem Erscheinen ein geliebter Freund geworden. An den Tag, an dem er zu uns kam, erinnere ich mich nicht, denn die Welt war mir noch voll von Dämmerungen und Märchen. Menschen kamen und Menschen entschwanden mit einem Lächeln oder einer Träne und noch verschlossen war mir die Welt der Ursachen. Aus einem Kindertraum weckte mich mein neuer Freund, der erste, den ich hatte. Er lehrte mich, die Welt lieben, Menschen, tote Dinge, die Natur, alle Jahreszeiten, das Alltägliche und Wunderbare. Er war ein Poet, der nie etwas aufschrieb, ein Künstler ohne Kunstwerk. Ich hatte früh meinen Vater verloren, in unserem Heim herrschte Stille und Trauer, und wir Kinder glichen ganz von irgendeinem Sturme verschüchterten Vögeln. Da ich an meinem Freunde so sehr hing, wurde er ins Haus genommen, und in einem Kämmerlein, hoch oben unter dem Dache, richtete er sich ein. Es war dies ein kleines Paradies voller Köstlichkeiten für mich. Durch ein kleines Fenster hatte man einen Ausblick über die niedrigen Dächer des Städtchens, bis zum Wald und den grünen Hügeln. Es fehlte in dem kleinen Heim meines Freundes nicht an Topfgewächsen, in einem Versteck gurrten Tauben, in einem Vogelbauer zwitscherte ein Kanarienvogel. Hier weilte ich in heimlichen Abendstunden, jubelnd kam ich und wurde still und andachtsvoll wie im Gotteshause, wenn er mir Märchen und Geschichtchen erzählte. Eine neue Welt wurde mir lebendig. Der Wald begann zu singen, die Ähren im Felde neigten sich dem Herrn, der segnen kann, greise Könige gingen mit Goldkronen umher und Heilige saßen auf den Thronen des Paradieses. Mein Freund erklärte mir manches Naturgeheimnis, wenn er mit mir durch die Einsamkeit ging, brachte mir den Himmel näher, die Sterne, das ganze geheime Leben auf Feldern und wiesen. Er, der so arm an Glück war, kannte nichts, was ihn selbst so froh stimmte, als das kleine Glück eines Kindes. Aus Kartons und Karten konnte er Burgen, Schlösser, wunderbare Uhrgehäuse herstellen, und schnitt aus Papier mit der Schere die Gesichter der Menschen heraus, die ich kannte und die mich zum Lachen reizten. Ich konnte nickt einschlafen, wenn er an meinem Bette nicht saß und erzählte. Kam mit Sturm und Schnee der Winter, dann trug er mich früh auf seinem armen gekrümmten Rücken in die Schule. Er gab dem einfachsten Worte einen tieferen Sinn, legte in die kleinen Geschichten der Fibel eine ganze Welt. Ich war sehr glücklich. Warum nannte ich ihn, ohne daß ich es laut aussprach, Hamlet? Wie kam diese melancholische, grüblerische Gestalt in die Welt und in die Phantasie eines Kindes? Mein Freund war sehr still und befangen, wenn er sich unter Menschen befand. Er hatte Angst, Ehrfurcht oder Abscheu vor ihnen. Sein Mund blieb verschlossen und seine großen, dunklen Augen waren voll von Melancholie und Traum. Er verrichtete seine Arbeiten schweigsam, geriet in Verlegenheit, wenn man ihn ansprach, fürchtete seines Gebrechens wegen, dessen er sich schämte, den Spott und saß in unseren Stuben in irgendeiner Ecke halb versteckt und grübelte. Er fuhr auf, wenn sein eigener Schritt laut wurde, und erschrak über seine eigenen Worte. Er war ein Waisenkind und verlebte seine Knabenjahre in einem Dorfe. Er hatte eine traurige Jugend unter bitterster Entbehrung und Lieblosigkeit von seiten seiner Mutter verlebt und trug, obgleich er selbst noch jung war, einen tiefen Kummer mit sich herum. Er lächelte nur, wenn er allein oder mit mir war. Es war vielleicht ein frühes und tiefes Erlebnis, das ihn erschüttert hatte. Er sprach nie darüber. Er arbeitete rastlos und mit Liebe. Den größten Teil des Tages im Hause meines Großvaters, das voll war von Wunderbarkeiten, alten Dingen, bunten Waren, oder in den weiten Höfen und dunklen Magazinen. Bei uns wandelte er den verwilderten kleinen Garten in einen Park um, pflanzte Fruchtbäume, Rosenstöcke und errichtete eine Laube und allerlei heimliche Ruheplätze. Unsere Zimmer schmückte er mit den unscheinbarsten Dingen, in die eine Ecke brachte er Licht, in die andere Schatten, und alles leuchtete dann und schimmerte. Überall versuchte er die Trauer zu verscheuchen, die Trauer eines verwaisten Hauses. Meine Mutter lächelte zuweilen, zaghaft und ungläubig und wir Kinder auch. Es blühte, zuerst unbemerkt, Schönheit in unserer Mitte empor. Es war dies mit ihren siebzehn Jahren unsere älteste Schwester. Sie war groß und zierlich und hatte in ihrem gebräunten Gesicht große, dunkle, lachende Augen und eine Krone üppigen Haares auf dem jungen, stolzen Haupte, wir beteten sie an, wie man die Schönheit anbetet. Ging sie, früh bewußt und stolz, durch die engen, holprigen Gäßchen des Städtchens, so folgten ihr bewundernde Blicke derjenigen, die hinter ihr schritten. Kam sie, von Jugend und Duft umgeben, ins Zimmer, da bemerkte ich, wie eine zarte Röte sich über das bleiche Gesicht meines armen Freundes breitete, und sah, wie er geneigten Hauptes dastand und krampfhaft die Lehne eines Stuhles faßte. Sie hatte eine Abneigung gegen ihn, wie das Gesunde, Schöne vom Kranken und Verkümmerten sich abgestoßen fühlt, sprach ihn nie an, dankte ihm nie für seine zarten Dienste. Aber jetzt weiß ich es, daß er sie liebte mit der wunden, starken Liebe der Hilflosen, Demütigen und Armen, und weiß, warum ihm unser Haus so heilig war, heiliger als alles, was es in der Welt noch für ihn geben mochte. Hamlet.... Es war an einem Freitagabend im Winter, da diese wundersame, von Zauber umflossene Gestalt eines Poeten in unserem Kreis, in unserer stillen Welt und in unseren jungen Hirnen auftauchte. Wir saßen nach dem festlichen Mahle rings um den Tisch, auf dem die Kerzen brannten. Es war ein stiller Winterabend, mit Schnee auf allen Dächern und in allen Gassen. Meine älteste Schwester las uns das herrlichste Gedicht vor, erklärte es, und wir saßen da und wagten kaum zu atmen. Ganz leise, kaum, daß man ihn bemerkte, war mein Freund eingetreten und setzte sich in seinen verborgenen Winkel. Und wir lauschten und lauschten. Hamlet kam, seinen toten, beschworenen Vater zu sehen, seine furchtbaren Anklagen zu vernehmen. Ganz deutlich sahen wir das Geschehnis, den grauenden Morgen, die gespensterhafte, greise Königsgestalt, hörten Hamlets flehende, zürnende Stimme. Es war ganz still, wir Kinder lehnten uns mit geröteten Wangen aneinander und nur die vibrierende Stimme des hastig lesenden jungen Mädchens war vernehmbar, plötzlich hörten wir ein tiefes Stöhnen, einen jäh hervorgepreßten Wehruf. Da stand mein Freund mitten im Zimmer mit gesenktem Haupte, geschlossenen Augen und bleichem Gesicht, mit dem Gesicht eines tief Erschütterten, qualvoll Leidenden. Da war es mir, dem Kinde, gewiß: Der da stand, das war Hamlet, der Irrgewordene, Unglückliche, Einsame und Verwaiste, der ein peinvolles Geheimnis mit sich trug und nach Rache schrie. Wir starrten ihn an, merkten plötzlich diese weiße, silberne Winternacht, die uns märchenhaft erschien, wie alles, was wir vernommen. Ganz leise, mit bebendem Schritt hatte sich inzwischen mein Freund entfernt und schloß sich in sein Kämmerlein ein. Erst später erfuhr ich, daß er vaterlos aufwuchs, daß ein fremder Mann, der in sein elterliches Haus kam, ihn von dort vertrieben. Ja, er war Hamlet, und immer wieder schob meine Phantasie diese arme Gestalt in die Dichtung, so oft ich an sie dachte oder sie las ... Kurze Zeit darauf erkrankte mein Freund. Man erfuhr es erst, als er tagelang nicht zum Vorschein kam. Es kam keine Antwort, so oft ich an seine Tür pochte. Was war mit ihm geschehen? Das Kindesherz füllte sich mit tiefem Kummer, Endlich durfte ich an der Hand meiner Mutter und mit meinen Geschwistern in seine Kammer eintreten. Wir sprachen ganz leise zu ihm, er aber lag mit geschlossenen Augen und mit fahlem Gesicht da und glich ganz einem Toten. Ich sehe noch alles deutlich vor mir, das Sonnenlicht, das goldig in das kleine Zimmer drang, höre das verschüchterte Gurren einer Taube. War er tot? In mir begann es zu schluchzen. Da bemerkte ich, wie eine Träne langsam über sein Gesicht rann und wie ein glückvolles Lächeln jäh über seine trockenen Lippen huschte. Flüchtig blickte er uns an, wie von einer fernen Welt her, und schien den Duft einer unsagbaren Schönheit einzuatmen, ein flüchtiges Glück auszukosten. Dann wandte er sich ab. Einen Tag darauf war er verschwunden, um nie wiederzukommen. In aller Frühe hatte er sich aufgemacht und war krank und mit seinem Kummer von uns gegangen, in tiefer Scham darüber, daß wir ihn leidend und in seinem geheimen Gram gesehen. Denke ich an vergangene, tief in meiner Kinderzeit liegende Tage zurück, so erhebt sich aus vielen verblaßten Gestalten diese eine am deutlichsten, und ein armer, mißgestalteter Jude mit scheuem Lächeln erscheint mir umstrahlt und fast königlich mit all seinen Wundergaben wie jener dänische Prinz der Dichtung. Marek Scherlag Eli, der Schaffer. An der gebirgigen Grenze zwischen Galizien und Ungarn lag ein Landgut, aus mehreren Dörfchen und Gehöften stehend, einem reichen Juden gehörig, der in Budapest lebte. Die Verwaltung seines Besitzes hatte er in die Hände eines entfernten Verwandten, eines zugrunde gegangenen Gutsbesitzers gelegt, der wieder die eigentliche Bewirtschaftung ebenfalls einem weitläufigen Verwandten, einem zugrunde gegangenen Gutspächter, Eli, übertrug. Eli, der Schaffer genannt, war der geborene Agronom. Schon als Kind hatte er Gelegenheit, seine Talente auf diesem Felde zu entwickeln, er weidete nämlich die Gänse und Enten seines Vaters, eines kleinen Pächters eines polnischen Grafen, oder hütete die Schafe und Kühe bis zu seinem Jünglingsalter. Von da an überwachte er die Stallungen, die Bestellung der Äcker, die Aussaat und Ernte, die Tennen und Scheunen, griff oft selbst zu, besonders beim Dreschen. Sein Vater war mit ihm außerordentlich zufrieden, nur wurmte es ihn, daß der Junge so wenig »Jüdisches« lernte. Im Dorfe gab es aber keinen jüdischen Lehrer, so mußte er ihn denn selbst unterweisen: da er jedoch selbst keine Leuchte war und über wenig freie Zeit verfügte, trug sein Unterricht nur dürre Früchte. Als besonders schweren Schlag empfand er die Assentierung seines Sohnes. Bald darauf starb er. Nun kam Eli frei, als seiner alten Mutter einziger Erhalter. Nach einigen Jahren wurde er von einem Freunde, einem schielenden und sehr gelehrten Juden, ausgepachtet, mußte Not leiden und auf die Suche nach Brot gehen. In diese Zeit fiel der Tod seiner Mutter. Jetzt stand er ganz allem da und verließ grollend die Heimat, um seinen einzigen Verwandten in Ungarn, von dem er wußte, daß er ein Gut verwaltete, aufzusuchen. Bei dem blieb er auch und war zufrieden, als Schaffer tätig zu sein, sich im Freien zu regen, den Duft der Erde einzuziehen und die Leute zur Arbeit anzutreiben. Eines Tages bemerkte er in dem nächstgelegenen Landstädtchen auf dem Jahrmarkt ein Judenmädchen, das ihm auf den ersten Blick gefiel. Er trat entschlossen auf sie zu und fragte die Errötende, ob sie »von da« wäre und wo ihre Eltern wohnten. Mit der Hand wies sie ihm nach einer baufälligen Hütte. Dorthin begab er sich auch alsbald und fragte einen gebrochenen Greis, der in einem Lehnstuhl vor sich hinduselte, ob er ihm seine Tochter geben möchte. Da kam aus der Kammer eine alte Frau dazu. »Welche Tochter?« fragte sie. »Die ich jetzt auf dem Markt gesehen«, entgegnete Eli. »Frime!« rief die Frau dem scheinbar schwerhörigen Gatten zu. Und zu Eli gewendet, bemerkte sie: »Sie ist so gut wie versprochen mit unserer Nachbarin Sohn.« »Wer ist das!« fragte Eli. »Der erste Belfer in Cheder«, war die Antwort. »Der kann ja gewiß keine Frau ernähren. Und wer ich bin, wißt ihr vielleicht. Ich bin der Schaffer ...« »Ah – so!« Die Greisin wischte rasch einen wackligen Stuhl rein. Aber Eli setzte sich nicht. »Also einverstanden?« fragte er. »In ein paar Tagen komme ich, mir Ihre Tochter holen.« »Ich werd' mit ihr reden!« schmunzelte der Alte. »Ein Kind muß gehorchen!« sagte Eli und entfernte sich mit kurzem Gruße. Einige Wochen darauf wurde die Hochzeit gefeiert, denn Frime war ein gehorsames Kind ... Während Eli, der Schaffer, am weißgetünchten warmen Ofen saß, den Arbeitsplan für den nächsten Tag erwägend, lag auf dem grauen Sofa gegenüber sein junges Weib Frime in holder Gemütsruhe. Eine weiche, trauliche Atmosphäre schwebte über den schlichten Einrichtungsgegenständen der weißgetünchten Stube. Es war Nachmittagsruhe. Da wurde die Tür aufgerissen und herein stürzte ein rotbackiges Bauernmädchen. »Verkleidete sind da!« rief sie wie jemand, der eine Feuersbrunst meldet, »sie sind zum Herrn Verwalter gegangen, dort sind auch Musikanten und lustig geht's zu.« Damit verschwand sie wie der Wind. Frime erhob sich indessen behende, daß der Staub aus dem alten Herrschaftssofa sprühte, und trat leise zu ihrem Manne mit einem bittenden Lächeln um den weichen Mund. Der rauhe, schwarzbärtige Schaffer starrte auf dies anmutige Frauenbild mit den weichen und runden Formen wie entzückt, zumal da ihre Augen so sonderbar strahlten, als kämen sie aus dem Lande der Ahnungen und Träume. »Du, Frime, ein Junge muß es sein!« flüsterte er heiß, indem er sie zart und behutsam an den weißen Händen faßte. »Schon wieder, du Kindernarr!« sagte sie neckisch; »aber wenn du schon ja so lieb und gut bist, führe mich zum Verwalter hinüber, ich will Musik hören, sonst werde ich noch so trüb wie ein altes, verlassenes Weib und dies könnte jemandem schaden ...« »Nein, das geht nicht,« unterbrach er sie, »wirst dich erkälten, aufregen und weiß Gott was noch ...« Und sie, schmollend: »Den ganzen Winter hältst du mich wie in einem Kerker. Zwei Unterhaltungsabende mit Tanz waren schon hier, ich durfte nicht hingehen, ich wollte auch nicht, schon des Tanzes wegen. Aber heute, wo es bloß eine unschuldige Belustigung gibt, heute will ich hingehen. Es ist ja Purim. Mein Gott, was war das für eine Fröhlichkeit bei meinen Eltern ... alle die Maskierten, der eine als Haman, der andere als Ahasverus, und das Spiel ...« Dabei schlüpfte sie in den Mantel, der mit Pelz umbrämt war. Und bald darauf trippelte sie, beinahe vermummt, auf dem glattgetretenen Schnee dem stattlichen Wohnhaus des Verwalters zu. Unwillig, wie verschämt, hielt der ungeschickte Schaffer seine Hand unter ihrem Arm, denn daran war er nicht gewöhnt, und auch sie konnte sich eines Gefühles des Staunens nicht erwehren. Es berührte sie schier peinlich, daß der plumpe Mensch so folgsam und so zärtlich war, denn sie fühlte, daß es nicht ihr zuliebe geschah. Er war kein schlechter Mensch, aber roh und rauh. Wo hätte er auch weiche, feine Umgangsformen hernehmen sollen. Zu ihr war er ja sehr gut, doch zärtlich sein war ihm fremd. »Die Frau ist der Kinder wegen da«, wiederholte er. Eine Ehe ohne Kinder wäre kein richtig Ding. Er gestand es selbst ein, nach einem Kinde sehnte er sich wie ein Durstiger nach einem Trunke. Wie hatte er nach dem Tode des Erstgeborenen – vor einem Jahre war's – geschluchzt und gegen Gott gegrollt! Wie ein Heide hatte er in seiner Verzweiflung Gott gehöhnt, bis sie das erlösende Wort fand: »Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen.« Diese Erinnerungen abschüttelnd, trat sie in den heiteren Wohnraum, wo Musikanten spielten und Maskierte ihr tolles Wesen trieben. Die beleibte, schwerfällige Frau Verwalterin tat ganz verwundert und erfreut, wies der »Schafferin« freundlich den Platz neben sich und bewirtete sie mit Wein und Lebkuchen. Selbstverständlich hatten beide Frauen über dies und jenes zu flüstern. Der Schaffer stand an einen Kleiderschrank gelehnt und ließ seine Frau nicht aus dem Auge. Das Estherspiel war eben zu Ende. Ein verkleideter Junge johlte noch, mit den Händen vor einer rotgekleideten Kreatur fuchtelnd. »Lieber hob ech gar ka Numen, wie zu heißen Rosche Humen ...« Manche lachten, einige aßen und tranken, einige nahmen von der Hausfrau Almosen in Empfang, dankten und gingen. Während Frime vom Lebkuchen ein Stückchen spielend zerbröckelte, stierte sie der als Ahasver verkleidete Bocher an, als wollte er sie verschlingen. Es war der erste Belfer aus dem Nachbarstädtchen. Frime und er hatten als Kinder miteinander gespielt, dann hatten sie die ersten Jugendjahre zusammen verträumt, bis eines Tages der gutgestellte Schaffer das folgsame Mädchen heimführte. Der Belfer trug von diesem Tage an eine brennende Sehnsucht im Herzen. Und diese Sehnsucht lag in seinen Blicken, mit denen er Frime umschlang. Neid auf den glücklichen Eli erfüllte ihn. Ein Schaffer galt in dieser Gegend als ein gemachter Mann, was war ein Belfer dagegen? Auch imponierte es ihm, daß ein Jude sich auf die Bewirtschaftung eines Gutes verstand. Im stillen sagte er sich freilich: Er ist doch ein Bauer. Kann er denn Thora lernen? Und dieser Mensch hatte Frime in seiner Macht! Der Schaffer murrte und fletschte seine raubtierartigen Zähne, da ihm die Zudringlichkeit des »Königs Ahasver« nicht sonderlich behagte. Endlich näherte er sich seinem Weibe, beugte sich herab und flüsterte: »Frimeleben, verschau dich nicht, die Masken sind häßlich und rot, du weißt ja, du mußt vorsichtig sein.« Frime errötete, was den unverwandt starrenden »König« noch mehr lockte und reizte. »Schaffer, der Herr Verwalter ruft«, ertönte es aus dem anstoßenden Zimmer. Nie war der Schaffer unwilliger von seinem Weibe fortgegangen. Jetzt hatte Ahasver freien Spielraum, klirrte mit den Sporen, gierte mit den Augen und goß in sich den Wein unablässig und hastig, als wollte er ein inneres Feuer löschen. Doch glich er einem brennenden Hause, in das man ganze Ströme Wasser spritzt und aus dessen Winkeln und Räumen trotz alledem die Flammen immer wilder hervorlodern. Die Sehnsucht schrie: »Geh, nimm, was dir gehört, nimm, und sei es auch nur auf einen Augenblick.« Als die Aufmerksamkeit der Anwesenden in eine andere Richtung gewendet war, sprang er blitzartig an die begehrenswerte Frau heran, um sie zu umarmen ... Sie schnellte empor, eilte, wie verwirrt, zur Tür, noch ehe es jemand bemerken konnte, und lief hinaus in Frost und Wind; der Lehrer ihr nach, keuchend und glühend ... »Schaffer, Ihr Weib lauft nach Haus«, rief ein Bauer. Gleich einem verwundeten Eber stürmte der Schaffer hinaus, durchs Dorf dem Hause zu, über den glitschigen Weg, wo eine Gestalt die andere jagte. Seine Augen rollten, seine Schläfen schwollen an, seine Mundwinkel bebten, feucht vor Schaum der Wut. – »Ich erschlage dich«, schrie er wie besessen, »Lump, ich erschlage dich! ... Frime, lauf' nicht! ... Da rutschte sie aus, sank mit einem Aufschrei um und lag auf dem kalten schneebedeckten Weg. Der Belfer aber lief und hastete an ihr vorbei und rannte wie wahnsinnig weiter ... »Ich erschlage dich, wenn was geschieht«, donnerte ihm der Schaffer nach. Ängstlich hob er sein Weib empor und trug es besorgt auf seinen Händen ins Haus. Sein Blick verlor sich in dem hohen Raum, wo die Nachmittagssonne wie ein kalter Silberschild lag. Wie, wenn etwas geschähe ...? In der warmen Stube legte er seine Gattin sanft auf das graue Sofa. Es war an ihr keine Spur vom Fall zu finden, sie fühlte sich nur erschöpft und traurig. Weshalb sie weggelaufen war, konnte sie sich nicht erklären. Ihr war nur, als ob sie der Geist ihrer Kindheit vorwurfsvoll angesehen hätte ... Auch andere Gefühle waren in ihr ... aber so unklar und durcheinanderwogend ... Am ganzen Körper zitternd, saß der Schaffer neben seinem ruhenden, kreidebleichen Weibe und wiederholte ab und zu: »Wenn, Gott behüt', etwas geschieht, dann erschlag' ich den Elenden ...« Seit diesem Tage lebten sie in immerwährender Angst. Und als nach einiger Zeit – da die Bäume bereits Knospen trugen – ein Kind zur Welt kam und der Schaffer verhaltenen Atems seine fliehenden Hände, wie im Traum, danach streckte und kein Lebenszeichen, auch nicht das leiseste, vernahm, schwollen seine Schläfen mächtig an und seine Augen rollten fürchterlich. Er wollte es nicht glauben, und als er es glauben mußte, stürzte er hinaus, finster und stumm ... Eine Stunde mochte er über die einsame Fahrstraße gelaufen sein, bis er das Nachbarstädtchen erreichte, wo die Häuser und Hütten gleich Vogelnestern an den baumbestandenen Hügeln hingen. In eine der kleinsten Hütten trat er ein, finster und stumm. Freundlich und redselig bot ihm die Mutter des Belfers einen Sessel an. »Sie können ja hier auf meinen Sohn warten,« sagte das kleine greise Mütterlein, »er kommt bald vom Beten, er ist überhaupt so fromm seit dem letzten Purim.« Gedankenlos nickend verließ der Schaffer die Hütte und ging in das Bethaus. Das stand am Rande des Städtchens mit seinen hellen Wänden und Fenstern, wie ein Ausschnitt einer besseren Welt, lieblich winkend, und die Frühlingssonne breitete auf dem Wege dahin einen Strahlenteppich aus. Was will ich dort eigentlich! fragte sich plötzlich der Schaffer, werde ich denn beten können! Und wozu auch! Ihn aber – – – ihn sollte ich eher hier am Wege erwarten. Aug um Aug, Zahn um Zahn! Mag auch seine Mutter dann hilflos dastehen. Er hat mich um mein Kind gebracht. Tot ist es zur Welt gekommen. Getötet hat es der Elende schon im Mutterleib. Aus einem Gärtlein vor einem Bauernhause klangen Kinderstimmen. Die Kleinen spielten mit einer gutmütigen zottigen Ziege. Das Bild gab dem Schaffer einen Stich ins Herz. Der Elende! preßte er hervor. Ich hab' ihm den Tod geschworen ... Das Herz krampfte sich ihm zusammen, denn eben nahte gemessenen Schrittes der Jüngling, blaß und scheu, den Tefilinsack unter dem Arm. Die Augen des Schaffers blitzten, seine Rechte erzitterte und hob sich ... Aber keine Waffe, kein Werkzeug war in ihr, womit er töten könnte. Erst jetzt war er dessen inne. Und das Gelüst nach Rache schwand, wie Rauch im Winde dahin. Und die dunklen Flecke, die vor seinen Augen durcheinanderschwirrten, zerflossen wie Nebel in Licht und Klarheit. »Dein Glück, du kommst vom Bethaus«, stammelte er. – Aber der Jüngling, dem sein böses Gewissen und die einstige Drohung des Schaffers genug zu ahnen gaben, ergriff die Hand des finsteren Mannes und flehte: »Verzeihe mir, ich war damals wild und wahnsinnig. Zu Purim trinkt man soviel. Ich wollte dich früher um Verzeihung bitten, aber ich fürchtete mich vor dir. Jetzt kommst du zu mir ... sag', ist deinem Weib nur nichts geschehen! Ich fürchte ...« »Was geht es dich an, Lump«, rief der Schaffer. »Ist deiner Frau nichts geschehen?« wiederholte der andere. »Du schweigst ... ist, Gott bewahre, vielleicht ...?« Wie aus einem schweren Traum aufgerüttelt, stammelte Eli: »Du hast Recht ... daß du fragst.« »Wie?« schrie der Jüngling. »Dann kannst du mich totschlagen ... wie einen Hund! Dein Weib ... was hab' ich getan ... ! Warum schweigst du ...?« Und Eli sah ihn mit aufgerissenen Augen an und sagte wie zu sich: »Wer weiß, was mein Weib macht ... Gar nicht umgeschaut hab' ich mich nach ihr ... nur gelaufen bin ich, als ich's bestimmt wußte ... wozu, weiß ich nicht ... Mitgenommen hab' ich mir nichts ... und wenn auch, ich hätte nichts getan, denn wie du mir entgegengekommen bist ... und meine Faust sich ballte, da wurde sie kraftlos und es rief in mir: Tod und Leben ... das hängt von Einem ab!!! ... Du hast recht: ich muß schauen, was mein Weib macht.« Und der finstere Mann eilte nach Hause, zu sehen, ob seinem Weibe nichts geschehen sei. Sein Blick verlor sich in die hohen unergründlichen Welträume auf der Suche nach Gott. Wie eine goldene Schale voll zärtlicher Gluten hing die Sonne am Himmel, und keine Wolken trübten die Höhen. Eli aber lief dahin, schnell und atemlos, und es war ihm, als hörte er seine Frime flüstern: »Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen.« Schüchtern schlich er in die Stube, und da er sein blasses Weib gewahrte, wie sie still und verlassen traurig aus den Kissen schaute, jauchzte er wie ein Kind: »Du lebst ja.« Oskar Levertin Kalonymos. (Übersetzt von Francis Maro.) Es war in der roten Morgendämmerung, der Stunde der Träume, und Kalonymos träumte, während die Purpurstrahlen über seinen geschlossenen Augenlidern lagen. Kalonymos träumte, daß er ein Kind war und in seiner Mutter Kammer stand. Es war dunkel dort drinnen, aber nun entzündete sie die Wachskerzen in dem großen Chanukaleuchter aus Silber. Zuerst das einsame Licht, das vor der Reihe der anderen sieben an einem besonderen Arm steckte, und das Israels ewige Hoffnung bedeutete. Und mit dieser Kerze entzündete sie dann drei der anderen: Judiths Flamme, bebend wie eine Blutträne, Deborahs, die gleich einem brennenden Herz flammte, und Judas Makkabäus' Licht, das wie eine feurige Lanzenspitze gegen das Dunkel des Berges schimmerte. Der Schein der vier Lichter fiel über ihre hohe Gestalt. Sie war ein noch junges Weib, aber das Haar auf ihrem Scheitel war in einer einzigen Nacht weiß geworden, und eisgrau lag es nun in einer schweren Binde um die schmale Stirn gewunden. Ihre schwarzen Augen leuchteten tränenlos und groß, und mit einer Stimme, die von ferne kam und klang wie die der schwarzen Winterlandschaft selbst, sprach sie die Dankgebete für die Helden in Juda. Die nur halbverstandenen Worte schlugen an das Ohr des Knaben wie das Rauschen eines fernen Stromes an den sonnengelben Strand, sie murmelten und schläferten ein. Aber als die Mutter das Gebet beendigt hatte, nahm sie aus dem Wandschrank, der die wenigen Kleinodien des armen Heims, die Sabbatlampe und den Feiertagsbecher enthielt, einen großen, länglichen Stein. »Mit diesem Stein hier ward dein Vater getötet,« sagte sie, »aber ich habe Abend für Abend gesessen, und Jahr für Jahr, und habe ihn scharf geschliffen wie ein Messer, und das Messer sollst du, Kalonymos, als Mündigkeitsgabe haben.« Dann nahm sie den Stein, und mit seiner gleich einer Schneide scharfen Kante schnitt sie in die Hand des Kindes, so daß die Haut gespalten wurde und es blutete. Das Kind schluchzte laut. Aber die Mutter verband die Wunde nicht, sondern nahm den Knaben auf ihren Schoß und beschwichtigte ihn durch Erzählungen. Sie erzählte, wie Judith zu Holofernes Lager ging. »Es war ein klarer Sommermorgen,« sagte sie, »und die Lerche sang. Kleine, leichte, weiße Wölkchen tanzten über den Himmel, und die Tautropfen glitzerten, wie sie auf den Grashalmen hingen, die sich vor den Falten ihres Gewandes zur Seite neigten. Judith sah hinauf zur blauen Luft, mit starren, gebundenen Augen, als wollte sie aus einem Traum erwachen. In ihre Kehle kam eine unbezwingliche Lust zu jubeln, und sie wollte über die Wiesen dahintanzen, so daß die goldenen Fußringe an ihren Knöcheln blinkten. Sie hatte noch alte Eltern am Leben, und sie selbst träumte davon, Kinder unter ihrem Herzen zu tragen und langsam in den Armen eines Mannes zu altern. Aber sie konnte weder singen noch tanzen. Ihre Schritte führten sie den Weg, der ihr zu gehen vorgezeichnet war, und unter der Wolle des Mantels lag das Racheschwert eisigkalt an ihrem Herzen.« So erzählte Rahel Teura, des gesteinigten Baruch-ben-Esras Witwe, für sich selbst und das Kind die Geschichte von Judith, aber bevor sie fortfahren und auch von Judas Makkabäus erzählen konnte, dem fröhlichen Hirtenjüngling auf dem Berge Modin, ihm, der Israels Feinde vor sich hintreiben sollte wie aufgescheuchte Schafe und Ziegen, Gottes Hammer, der Judas Widersacher zu Staub und Asche zermalmte, war das Kind in ihren Armen eingeschlafen. Die kleine, verwundete Hand lag blutig auf ihrem weißen Rock, und der braune Lockenkopf hatte sich im Schlaf auf ihre Brust geneigt. Sachte küßte Rahel die verwundete Hand und lächelte schwach, als sie, während sie das Kind ins Bett hob, sein Herz so friedlich und ruhig an ihrer Brust schlagen fühlte. Dann nahm sie den großen Stein zwischen ihre beiden Hände, hielt ihn aufrecht wie ein Schwert, setzte sich und wartete im Lehnstuhl, daß die Lichter erlöschen und sterben sollten: Judiths Blutträne, Deborahs brennendes Herz, Judas Makkabäus' feurige Lanzenspitze. Schließlich flackerte nur gelb und schwach das einsame Licht, das von Israels Hoffnung Zeugnis ablegte. Dann brannte auch dieses herab. Ein Geruch von verbranntem Wachs erfüllte die Dunkelheit, die sie bis zu dem weißen Stirnhaar umwob. Die Morgenröte brannte ihre Spanne Zeit und verblich, ehe die Stunde der Träume zu Ende gegangen war, und Kalonymos träumte wieder, während der erste Tagesstrahl über seine Ruhe fiel. Kalonymos träumte, daß er eben von seiner Mutter Begräbnis heimgekehrt war, und nun, ein einsamer Jüngling, in dem einsamen, öden Hause in der engen Judengasse in Leeuwarden stand. Das Ritual des Leichenbegängnisses, dessen einförmig feierliche hebräische Klageworte mit ihrem schluchzenden Klang aus zusammengepreßten Herzen dumpf und seltsam in den Frühlingsnebel draußen auf dem Kirchhof gerauscht waren, hallte noch in seinem Ohr wider. Aber dazwischen hörte er schwer und dumpf durch die Dämmerung das Rollen der ersten Schaufel Erde, die er nach feierlichem Brauch selbst mit bebender Hand auf die nackten Bretter des Sarges der Mutter hatte fallen lassen, das Dröhnen der feuchten kalten Erde, in der die Samen des Sommers schon keimten, die aber die Mutter der Vernichtung weihte. Er wanderte auf und ab in den leeren Räumen und trug den Stein, den die Dahingegangene noch in ihrem Totenbett liegen gehabt hatte, von Ort zu Ort. Er hob ihn mit seinen beiden Händen, fand ihn schwer und wußte nicht, was er anfangen oder womit er beginnen sollte. Der Frühlingsnachmittag lächelte hell durchs Fenster herein, was konnte er ihm bringen? Zu Haß war er geboren und erzogen worden, und hart schlug er die Hände vor die Augen, um den strahlenden Abend nicht sehen zu müssen. Da ging die Türe, und herein trat in seinem schleppenden schwarzen Kaftan und dem spitzköpfigen Hute sein alter Lehrer, Abraham-ha-Rohen. »Sitzest du hier allein und trauerst, Kalonymos?« sagte der Graubart und sah mit seinen müden braunen Augen den Jüngling an. Des Alten Stirn war eine einzige große Runzel, sein Scheitel und sein Bart waren weiß, aber er wußte sich noch zu entsinnen, wieviel man leiden kann, wenn man jung ist. Kalonymos lehnte sein Haupt an die Schulter des Alten, und in einem Strom von Tränen und Worten brauste es hervor: sein Kummer, seine Einsamkeit und der Fluch des Hasses, der auf sein Haupt gelegt war und sein Leben fesselte. Abraham-ha-Rohen schüttelte den weißen Kopf. »Mein Sohn,« sagte er, »bevor es Abend wird und der Sabbat anbricht, wandere du wieder zum Kirchhof und lege den Stein der Rache auf das Grab der Alten. Er ist der ihre, und sie wollen ihn vielleicht am Tage der großen Rechenschaft vorweisen. Aber du sollst frei sein, denn siehst du, die Liebe ist das pure Gold, das Zinsen und Zinsen trägt, aber die Rache ist ein böses Erbteil, und niemand soll für eines andern Haß leben.« Ängstlich forschend sah Kalonymos dem Alten in die Augen. Eine Lästerung gegen die Toten dünkte ihn der Rat. Aber Abraham-ha-Rohens gealtertes Antlitz sprach mit der Macht der Weisheit, die gereift und ergraut war, und es kam Ruhe über den Jüngling, als der Rabbiner ein weißes Tuch auf seinen Scheitel legte und seine Wanderung segnete. Da nahm er den Stein und trug ihn zum Kirchhof, der zwischen den Feldern auf der weiten Ebene lag, von Steinmauern umfriedet. Aber die gewohnte Düsterkeit lag heute nicht auf Israels Garten, wie die Juden ihn nennen. Die Weide rauschte heute nicht wie sonst von den gefangenen Harfen an den Strömen Babylons, sondern raschelte fröhlich und lustig im Frühlingswinde. Der schwarze Holunder, der Baum des Abschieds und der Trennungen, wurde von großen weißen Blütentrauben eingehüllt, deren würziger Duft dem eingeschlossenen Platz den Geruch eines ruhigen und wohlverwahrten Heims gab. Durch die tiefblaue, durchsichtige Luft kamen Zugvögel auf flatternden Schwingen und brachten Botschaft, daß es wieder Sommer war in Kanaan, und daß die Blüten des Mandelbaumes und die Ranken der Weinstöcke wieder über der zerfallenen Tempelstadt des heiligen Berges leuchteten. Kalonymos fiel auf die Knie und betete: »Vater du, den ich niemals gekannt habe, aber stets im Abendschatten neben mir sehe, grau und gebeugt, wie ich einmal sein werde – Mutter du, die du eben noch die Haube um dein weißes Haupt geknüpft und dahingegangen bist, die ich aber wieder erwarte über die Schwelle treten zu sehen, sowie der Riegel an unserer Tür sich bewegt, seht, zu euern Füßen lege ich dieses Zeichen der Rache nieder, denn ich fühle jetzt, daß ihr selbst mein Herz erzogen habt, Liebe und nicht Haß zu teilen.« So, und mit anderen Worten und Gebeten, die seine Seele auf einsamen Wanderungen und unter stillen Nachtwachen gesammelt und gedichtet hatte, ohne daß er selbst darum wußte, die ihm aber nun unwillkürlich auf die Zunge kamen, legte er den Stein sachte auf das geschlossene Grab, das der Totengräber schon mit grünen, wachsenden Grashügelchen gedeckt hatte. Kalonymos ging durch den kühlen blauen Abend heim. Auf der ganzen Ebene, soweit man sehen konnte, blühten und dufteten weiße Hyazinthen – die ganze Welt tat sich auf und blühte. All die vielen Maste mit leichtem Takelwerk und weißen Segeln, die sich auf den Flüssen und in den Kanälen zeigten, führten nur weiter zu neuen weißen Blumenländern. Kalonymos sah lächelnd auf das gelbe Judenzeichen herab, das in das dunkle Tuch seines Rockes eingenäht war. Er hatte die Zaubermacht des Zirkels gelöst, er fesselte nicht mehr, und mit leichten Schritten trat er über die Türschwelle und entzündete die sieben Sabbatsflammen in seiner Eltern Haus. Stockholms scharfes Märzlicht, von dem Glanze sonnenbeschienenen Schnees erfüllt, und von bewegter Seeluft durchweht, weckte Kalonymos in seiner Dachkammer in der Österlanggasse. Er erinnerte sich seiner Träume nicht sondern begann sogleich, während er sich ankleidete, die Obliegenheiten des Tages zu überdenken. Zerstreut blickte er hinaus auf die Stadt, die in weißem Morgenfrost leuchtete, mit unbekannten Häusern, Treppen, deren Stufen er nie betreten hatte, und einem Glockenklang, der für den Fremdling kalt und ohne Erinnerungen ertönte. Aber ein jahrelanges Wanderleben hatte ihn der trauten Begegnungen mit wohlbekannten Orten entwöhnt, und die immer wechselnden Städte und Menschen, die, wenn er die Augen aufschlug, seinem Blick begegneten, bestärkten ihn in dem Pilgerberuf für den er lebte. Von Land zu Land, überall, wo eine Synagoge von düsteren Judenvierteln umgeben stand, war er umhergezogen, um überall die Worte der Liebe zu verkündigen, die ihm selbst Frieden und Stolz geschenkt hatten. Mit glühender Zuversicht hatte er die Fahrt begonnen und sie trotz Enttäuschung und Verfolgungen mit der nur gesteigerten Begeisterung des Wahrheitszeugen fortgesetzt, für den Dornenstiche und Peitschenhiebe nur die Heiligkeit der Sendung bekräftigen. Rabbiner und Schriftgelehrte hatten ihn vor den ausgebreiteten heiligen Thorarollen im Schimmer der ewigen Lampe verflucht. Türen hatten sich vor ihm mit Hohn und Spott zugeschlagen, an den schwarzen Regenabenden, wo der Sinn nach Wärme trachtete und das Haupt nach dem Kissen. Die Einsamkeit der Einsamkeiten – die des von seinen eigenen Brüdern ausgestoßenen Juden – hatte an langen, eisigen Wintertagen seine wunden Füße über sturmdurchwehte Felder geführt. Doch was verschlug das alles? Gab es einen einzigen Blick, der verstand, so war dies Lohn genug, und glücklicherweise fand er auch überall begreifende Herzen, alte, die in seinen Worten vergessene, aber teure Torheiten zu erkennen glaubten, deren sie gern noch einmal gedachten, ehe der Tod kam – junge, die der Packen auf dem Rücken oder das Zeremonienbuch in der Rabbinerschule nicht hinderte, mit den Bäumen und den Wolken zu träumen. So war Kalonymos trotz allem glücklich auf seiner Reise, und heute nacht sollte er nach einwöchigem Aufenthalt in Stockholm mit einem Schoner weiter nach Polen fahren. Kalonymos dachte an dies, als es an die Türe klopfte. Ein kleiner, krummrückiger, mahagonibrauner Alter mit einem wirren Bocksbart, der gleich altem Baummoos auf den Seehundskragen seines Mantels hing, trat ein. »Gesegnet sei dein Morgen, Kalonymos«, sagte er, »der Herr erhalte dich bei Gesundheit und Freude und mache dir den Eingang des Passahfestes gut.« »Gesegnet sei Euer eigner Morgen und der Anbruch der Feiertage, Herr Seidenschnur«, sagte Kalonymos und erkannte den Hühnerschlächter, wie er offiziell benannt wurde, oder den Judenschlächter, wie er beharrte, sich selbst zu nennen. Er wunderte sich über den Besuch des Alten, ohne doch nach dessen Ursache zu fragen, was der Ehrfurcht widerstritten hätte, die ein Jüngling wie er einem Manne von Seidenschnurs Alter und Ehrwürdigkeit schuldig war. Der Alte hatte es nicht eilig, seine Angelegenheit vorzubringen. Er plauderte über dies und das, bis er plötzlich fragte: »Habt Ihr die schimmernde Perle betrachtet, Kalonymos, den kostbaren Edelstein unter den Töchtern des schwedischen Zion?« Und der kleine braune Alte zog eine blanke Tuladose aus der Tasche und nahm mit tränenden Augen eine große Prise Schnupftabak, selbst über all die verborgene Poesie gerührt, die in ihm lag wie der Saft in der verschrumpften Schale der Apfelsine. »Wen meint der Herr Seidenschnur?« »Die schöne Esther natürlich, Esther, die Tochter des Jair Henoch.« Kalonymos schrak zusammen. Henoch war sein eigener Wirt, in dessen Haus er wohnte, und er begriff nicht, wo der Alte hinaus wollte. Seidenschnur schüttelte seinen braungebeizten Kopf über solche Einfalt. »Ein unverheirateter Jude ist kein Mensch,« sagte er, »denn es heißt: ›Zum Manne und zum Weibe schuf Er ihn und nannte ihn Mensch‹.« Und mit einem schwarzen Daumen drückte er den Deckel der Dose zu und sah den jungen Mann blinzelnd an. Da ging Kalonymos plötzlich ein Licht auf. Ein schelmischer Sonnenschein huschte über sein Antlitz. Die Zähne blinkten zwischen den jugendlich leuchtenden Lippen. Nur die braunen Augen waren wie gewöhnlich dunkel und abwesend. »Herr Seidenschnur ist also auch der Heiratsmakler der Gemeinde?« rief er aus. »Ja, mit der Gnade des Allmächtigen bin ich das, und berühmt als solcher obendrein. Doch still! Eine fremde Zunge mag dich loben, doch nicht dein eigner Mund! Aber der Herr allein weiß, wie viele ich in die Welt geschafft habe. Ja, ja, wenn man Schlächter ist, sieht man am besten ein, wie wichtig es ist, daß die Kreatur sich vermehrt.« Er wurde wieder gerührt, diesmal über seinen Tiefsinn, und war begierig, wer wohl alle Wahrheiten zählen könnte, die in ihm lagen. Es waren ihrer Legion, sowie die Kerne im Granatapfel. »Und nun meint Herr Seidenschnur?« fuhr Kalonymos fort, den es belustigte, den Alten seine Vorschläge ausbreiten zu hören. »Ich meine, daß Esther ihres Vaters Henoch – der Himmel erhalte ihn bei Gesundheit und Wohlsein! Freude und Stolz ist. Wie sie will, will er. Nun sah ich bei Tische, wie sie Euch, Kalonymos, betrachtete. Und da will ich Euch sagen, daß Henoch Hofjuwelier des Königs ist – lange möge er leben und siegreich sein Land regieren! – und der Reichste in der Gemeinde. Und allerdings sagt Rabbi Jochanan – denn niemand kann behaupten, daß Seidenschnur zu den Söhnen des Staubes gehört, die nichts gelesen haben –, daß man bei der Ehe weder an Schönheit noch an Geld denken soll. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß, wenn die Frau nur ein schönes Innere hat, man auch wünschte, daß sie sich wenden könnte wie der Basilisk. Und was Gold betrifft, so ist es ja bekannt, daß das Leben schön ist, aber Geld kostet. So will ich nun versprechen, die ganze Sache zu betreiben, und das bloß für die bei uns geltenden Prozente der Mitgift.« Kalonymos ergötzte sich an dem Eifer des Ehemaklers. »Aber bin ich nicht zu jung, um unter den Hochzeitsbaldachin zu treten?« sagte er. »Zu jung! Im Gegenteil. Man soll jung heiraten, das bewahrt Lebenskraft und Glück. Die, welche warten, bis sie alt werden, um Hochzeit zu feiern, gleichen dem Manne, der ein Haus besitzt und es nicht bewohnt, bevor es anfängt schimmelig zu werden.« »Aber ich muß reisen, Seidenschnur, zuerst nach Polen und dann weiter. Und es steht geschrieben, daß Reisende und Kaufleute, die lange fort sind, kein Weib allein lassen dürfen an kaltem Herd.« Seidenschnur wollte eben diesen Satz mit einer anderen alten Schriftstelle parieren, als der Hauswirt, der erwähnte Henoch, gerade ins Zimmer trat. »Schnur, Schnur«, sagte er und klopfte dem Alten vertraulich auf die Schulter. »Schon auf den Beinen! Welche von Israels Jungfrauen ist es, die dich als Bittsteller zu dem schönen Kalonymos geschickt hat?« Der Alte und der Jüngling wurden beide stumm und verlegen. »Nein, du mein Schöpfer, ist es vielleicht gar meine eigne Esther, die du hinter meinem Rücken verschacherst? Oder warum seid Ihr so bestürzt!« Und Henoch lachte warm und lebenslustig, so daß es seine ganze stattliche Erscheinung überleuchtete. »Nun, über diese Sache wollen wir später sprechen. Jetzt müssen Kalonymos und ich Seiner Exzellenz dem Oberstatthalter unsere Aufwartung machen, der ihn sehen will, bevor er fährt – falls er fährt. Und Baron Sparre, unser edler Beschützer, ist ein Mann, den zu sehen es wohl der Mühe lohnt.« Henoch und Kalonymos gingen in ihren weiten, schleppenden Pelzmänteln die Treppe hinab. Henoch sah aus wie ein Patriarch, der noch in der Landesflucht seine Würde bewahrt hat. Er trug den Zobel mit derselben ungezwungenen Haltung, mit der er in seinem Stammland den leichten weißen Wollmantel getragen hatte, und der große flache Hut mit der aufgebogenen Krempe kleidete seinen graugesprenkelten, aber noch jugendfrischen Kopf so gut wie das Samtbarett in der Stadt seiner Vorväter am gelben Ebro. Aber Kalonymos sah aus wie ein nach dem Norden geführter, gefangener assyrischer Prinz, ein Sanherib oder Tiglat Pileser, mit seinem schmalen Antlitz, in dessen bleichem Oval die braunen Augen leuchteten und der gerade schwarze Bart. Die beiden Fremdlinge gingen die Österlanggasse hinab. Die Frühsonne schimmerte durch die fliehenden Nebel des Morgengrauens. Der Tauwind rüttelte die alten Schilder an den Mauern: das Kupferbecken des Feldschers, den Willkommenbecher des Zinngießers, die Wergkunkel des Seilers, und der kleine Messingschutzengel des Kellers zum Goldenen Frieden pirouettierte in seinem Laubkranz vor den Windstößen. Bauern mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen fuhren mit Pferden, um die der Dampf wie eine weiße Wolke stand, ihre Milcheimer in die Stadt, und ein Fischer in geteerten Kleidern schrie seinen Fang nach einer choralartigen Melodie aus: »Eisgefischter Hecht! Eisgefischter Hecht!« Der Lehrjunge des Saffianmachers fuhr heulend auf die Straße, beide Hände auf dem Rücken, und begann die Rolladen aufzuziehen. Aber der Konstabler der Stadtwache stand blaugefroren in seiner blauweißen Uniform da und starrte drohend zum Hoftrakteur Fuhrmann hinein. Er sah nämlich den Alten selbst in bloßen Unterbeinkleidern und Nachtmütze am Schanktisch stehen und sich mit einem gewaltigen Bowlelöffel einen Morgentrunk mit schwimmenden Korinthen brauen. Mollberg und Bredström hatten sich offenbar schon mit der Last des beginnenden Tages versöhnt und drängten sich nun singend an die Hausmauern. Aber drinnen im Weinkeller saßen noch Appelstubbe und sein Freund, Branntweinbrenner Lundholm, und sahen zu, wie ein spanischer Malvasier, schimmernd wie Goldsand; aus der Pipe durch einen langen Glastrichter hinab in die Flaschen perlte. Vor dem Wirtshaus »Holländska Dyhn« schälte ein sanftmütiger Ehemann in einem Krimmerpelz, unterstützt von einem Lakaien, eine kleine Gnädige vom Lande aus den Massen Decken und Pelzen des Reiseschlittens. In der Baggensgasse waren die Nymphen eben erwacht und guckten aus den Fenstern, mit ungepuderten Köpfen, oder schnürten mit trägen Fingern die grünen Seidenbänder an ihrem Leibchen. Aber beim Ballhause stand schon eine Gruppe französischer Aktricen und plauderte eifrig, geschminkt und koloriert, und die ehrsamen Handelsfrauen, die zum Morgengesang in die Hauptkirche gingen, eilten so rasch sie konnten an den französischen Äffinnen vorbei. Im Portal des Oberstatthalterhauses stand Baron Sparres erster Lakai Anderzin und schüttelte eine graue Damenroberonde, über deren Seidenrundung er mit einer weichen und wohlgepflegten Hand liebkosend strich. Man sah, daß er der Domestik eines vornehmen Damenfreundes war. »Guten, Morgen, Jude Henoch,« sagte er, »Seine Exzellenz wird gleich kommen. Er geht ins Haus vis-a-vis«, und wies vertraulich auf das königliche Schloß. Anderzin liebte es, »von der Herrschaft hier und der Herrschaft vis-a-vis« zu sprechen. »Aber sieh da, da kommt Seine Exzellenz die Treppen herunter. Wenn Ihr in den Hof tretet, begegnet Ihr ihm.« Henoch und Kalonymos traten in den Tessinschen Hof, dessen feingestimmte Proportionen ihre klassische römische Stanze in den Stockholmer Sonnenmorgen sangen. Der Schnee auf dem Boden, die Eiszapfen am Dachfries und die entlaubten Baume nahmen sich hier drinnen fremd aus, so, als hätte ein unvorhergesehenes Unwetter plötzlich die abgeschlossene und selbstbegrenzte Sommerwelt des Gartens verwüstet. Aber im Fond zwischen den geschwungenen Flügeln, wo die Scheinperspektive ihre tiefe, sonnenbeleuchtete Loggia öffnete, entführte die blaue Luft die Träumer fort nach Italien. Kalonymos zuckte zusammen. Der Süden seiner Vorväter lag ihm im Blute, obgleich er selbst nie in Italien gewesen war. Die alte Exzellenz kam ihnen im pelzgefütterten Radmantel entgegen, auf einen Stock mit silbernem Griff gestützt. Er hatte soeben seinen Friseur entlassen und war noch nicht recht in Tageshumor gekommen. Trotz des sorgsamen Puderns und Schminkens sah er verwüstet und müde aus, so, als wäre er in seinem Zimmer im Negligé überrascht worden. Das Alter war herangenaht, aber seine leidenschaftliche Natur weigerte sich, zum Rückzug zu blasen, und wollte noch immer ebenso sorglos wie früher das Lebenslicht von beiden Enden mit Arbeit und Vergnügen verbrennen. Vergebens mahnte Archiater Schulzenheim, daß es Zeit sei, die Zügel anzuziehen und behutsam weiterzufahren. Als der verschwenderische Grandseigneur, der Karl Sparre immer gewesen war, vergeudete er die letzten Kräfte wie alles andere, und es lag ein Zug vom Hazardspieler über diesem kranken Greise, der tollkühn und unerschrocken den Jugendlichen spielte. »Guten Morgen, Henoch«, sagte Sparre und nickte freundlich. Er mochte den Hofjuwelier, der für seine großen Bedürfnisse an Nippes und Frauenzimmerschmuck sorgte, gut leiden, und Henochs Patriarchengestalt und weltweises Ebenmaß sagten ihm außerdem persönlich zu. »Das ist also der junge Jude, den die Damen der Stadt dieser Tage auf der Straße gesehen haben, und von dem sie soviel zu erzählen wissen, und den sie den schönen Kaufmann Sindbad, Ali-Baba und Gott weiß was nennen.« »Ja, Euer Exzellenz, das ist Kalonymos aus Leeuwarden,« sagte der Hofjuwelier, »der Sohn des berühmten und gelehrten Baruch-ben-Esra; Kalonymos hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alle jüdischen Gemeinden zu besuchen, in welchem Lande sie auch liegen mögen. So ist er auch hierher gekommen.« »Warum denn das?« fragte Sparre. »Ich glaube, meinen unterdrückten und unglücklichen Stamm lehren zu können, daß auch für ihn die Zeit des Hasses endlich vorbei ist, aber daß sie erst lernen müssen, alle wie Brüder zu lieben, welchen Glauben sie auch bekennen mögen, um selbst frei zu werden.« Kalonymos sagte diese Worte in dem trotzigen Bewußtsein, nicht verstanden zu werden. Nicht für den alten, geschminkten und parfümierten Greis in Hoftracht sprach er, sondern für den klaren Tag, den blauen Himmel und für sich selbst. Sein dunkler Blick war weit, weit weg. »Und Er hat keine Art Handel, keine Waren irgendwelcher Sorte mit?« sagte Sparre und betrachtete den Sprechenden verblüfft und mißtrauisch. Kalonymos lächelte schwach, wendete aber den Blick nicht dem Oberstatthalter zu; er schüttelte nur das Haupt, ohne zu antworten. Er fühlte beinahe Mitleid mit dem vornehmen alten Herrn, mit dem Palaste und den vielen Lakaien – so hoch oben schwebte in dieser Minute seine eigne Seele. »Was meint Er da? Alle wie Brüder lieben! Soll der Jude Henoch mich son cher frère nennen und ich Anderzin, der dort steht und meiner Mamsell Roberonde lüftet, wie einen Bruder lieben!« Sparres Stimme wurde scharf und heftig. Sein Kopf begann heiß zu werden. Kalonymos' Worte machten auf ihn einen Doppeleindruck, der um so behaglicher war, als er sich ihn im Augenblick nicht recht klarmachen konnte. Die Antwort des jungen Juden schlug eine Saite an, die erst kürzlich aufgehört hatte, in ihm selbst zu erklingen – die philanthropische Schwärmerei des allgemeinen Wohltuns –, und rief ihm gleichzeitig die verhaßten Aufruhrstifter in Paris ins Gedächtnis. Er sah den Redner scharf an und rief aus: »Er gehört doch nicht zu den Pariser Duzbrüderschreiern und Gassenbütteln? Sonst täte er wohl besser, flugs sein Bündel zu schnüren und der Stadt Valet zu sagen. Denn mit solchen Käuzen machen König Gustav und ich gar kurzen Prozeß.« Aus undeutlichem und halb phantastischem Hörensagen, von Ghetto zu Ghetto verbreitet und in den dunkeln Vorhallen der Tempel mit leiser Stimme wiederholt, war zu Kalonymos wohl eine Ahnung von der großen Revolution in Frankreich gedrungen und von den Hoffnungen der Juden darauf, wie auf den blutroten Streifen, der den neuen Tag kündet. Aber für ihn selbst waren diese Ereignisse nur Mahnungen, sein eigenes Schifflein weiterzusteuern, – Zeichen, die ihn in seiner Lebensaufgabe bestärkten, während ihn doch gleichzeitig der Glaube an die Hilfskraft der Gewalt mit jedem Jahre, das er lebte, falscher dünkte. »Wer zum Schwerte greift, wird durch das Schwert umkommen«, antwortete er bloß und schüttelte aufs neue das Haupt. Aber Henoch, der fand, daß das Gespräch eine unglückliche Wendung nahm, fiel mit diplomatischer Feinheit ein: »Euer Exzellenz, Kalonymos ist noch jung; gleich der Schlange wird er noch oftmals seine Haut wechseln, bevor er stirbt. Und seine Weisheit muß wie der frisch gekelterte Wein im Keller lagern und liegen, ehe er einem Gaumen wie dem Eurer Exzellenz geboten wird! Aber er spricht frei, denn er weiß, wie edelmütig Eure Exzellenz seine Glaubensgenossen geschützt hat, als sie Schutz und Schirm in Schweden suchten.« »Deine Rede ist Gold, Henoch, kostbar wie die Becher und Spangen in deinem Laden. Ja, ich habe euch gestützt, weil ihr betriebsam seid und euch auf den Kommerz und anderes versteht, das für das Reich profitable sein kann. Und meinethalben mag überdies gern ein jeder auf seine kleine Privatfasson selig werden. Alle guten Wege führen nach Rom und ins Himmelreich, und auf welchem man seine Kutsche rollen läßt, geht niemand etwas an, der nicht zur Geistlichkeit gehört. Ein sensibles Herz stützt auch gern den verfolgten Mitmenschen, und Milde gegen den Elenden und Bedrückten ist des aufgeklärten Menschen erste Tugend. Doch genug damit – und nun Gott befohlen. Und ja, mein lieber Henoch, da es mir gerade einfällt, schicke mir noch einen Brillantring wie den vorige Woche, aber kein Gemogel mit Rosensteinen, hörst du!« »Euer Exzellenz, wenn ich wie ein Schelm handeln wollte – was Gott und Israels Gesetz verbieten –, würde ich es nicht mit einem Connaisseur wie Euer Exzellenz versuchen.« »Hofmann auch, Herr Hofjuwelier! Aber mon Dieu , ich hätte beinahe das importanteste vergessen. Meine junge Nièce Julie will durchaus Ali Baba sehen.« Sparre ging zu dem rechten Flügel und rief zu den Fenstern hinauf: »Julie, Julie! Ma chère! Ma chère! « Die Balkontüre öffnete sich, und Sparres letzte Nièce – ein halbes Dutzend solcher war seit dem Tode der Baronin im Hause aufgetreten – kam heraus, ein junges, blondes, hellwangiges Mädchen, das eine mit Blaufuchs verbrämte »Saloppe« über ihr Nachtgewand geworfen hatte. Das ungepuderte blonde Haar fiel in runden goldenen Locken über eine niedrige weiße Stirn, und wenn sie sich bewegte, leuchtete ihre Brust aus der weißen Spitzenchemisette zwischen dem halbgeöffneten Pelzwerk hervor. Behutsam trat sie mit weißen Seidenstrümpfen und grünen Schuhen auf den beschneiten Balkon. Die Morgensonne umrahmte das Lockenköpfchen und bildete einen goldenen Besatz auf dem Plissee ihres Rockes. In der einen Hand hielt sie einen Zuckerkringel, den sie vom Frühstücksplateau genommen hatte, und mit dem sie die Sperlinge an sich locken wollte. »Was gibt es? Ich bin noch bei der Toilette und ganz nackt. Was gibt es, mon oncle – et ami !« fügte sie leise, mit einem Blick voll Schalkhaftigkeit hinzu. Sparre richtete sich, als er sie sah, wie ein altes Kriegspferd auf, das die Reveille hört. Er zwang Leben in sein schlaffes Gesicht und Spannkraft in seine müde Gestalt. Er heftete den Blick auf sie und fuchtelte mit dem Stock in der Luft herum. »Es sind nur die Juden, die du sehen wolltest. Der Alte ist dein und des ganzen schwachen Geschlechtes Freund, der Edelsteinhändler Henoch, ihn kennst du. Aber den Jungen sollst du dir angucken, Er scheint eine Art Priester zu sein, der umherzieht und seine Glaubensgenossen lieben lehrt. Solltest du nicht eine Lektion in der Kunst brauchen können?« »Zu lieben!« Die blonde Julie beugte sich eifrig über die Balustrade, blickte auf den Fremdling herab und lachte, das zarte, helle Gesicht von der scharfen Märzsonne beschienen. Henoch nahm kavaliermäßig den Hut ab und grüßte galant, mit dem Lächeln eines alten Weisen, dessen ruhige Nachgiebigkeit viel Verachtung birgt, eines Weisen, der seinen eigenen Wert kennt und anderer Hohn und Spott an seiner Selbstachtung zerschellen läßt, wie Wogenschaum an der Klippe. Aber Kalonymos, der diesen Besuch nur gemacht hatte, weil die Schmähungen zu dem gehörten, was er durchkosten sollte und was seinen Vorsatz nur noch glühender machte, stand unbeweglich wie eine Bildsäule und sah noch immer in die weite Ferne nach dem blauen Himmel. Nur bleicher als gewöhnlich war er. »Oncle,« sagte die junge Dame und winkte mit einem gekrümmten kleinen rosigen Zeigefinger Sparre zu sich, »Oncle,« flüsterte sie, als er ganz neben dem Balkon stand, »habe ich wirklich in der Kunst zu lieben noch so viel zu lernen übrig? Aber es ist kalt«, fuhr sie fort und erschauerte bei einem kalten Windstoß. Sie zog den Mantel enger um sich und mit dem ganz kleinen Köpfchen hinab in die Pelzverbrämung, so daß nur die blauen Augen im Sonnenschein blinzelten und leuchteten. »Meine Sperlinge,« rief sie und zerbröckelte den Zuckerkringel, »alle meine grauen Sperlinge!« Aber als diese sich auf dem beschneiten Balkon versammelt hatten, piepsend und zwitschernd, wie ein Schwarm grauer, hungriger Bettelkinder, schlich sie sich hinein, und das Gesicht an die verschlossene Scheibe plattgedrückt, stand sie da, ein neugieriges Schulmädchen, und betrachtete die Vögel, die, Brotkrümchen in den Schnäbeln, durcheinander hüpften. Sparre gab mit einer Handbewegung das Zeichen, daß die Audienz zu Ende sei, und ging rasch durch das Vestibül; als er verschwunden war, folgten die beiden Fremdlinge langsam nach. Als Jair Henoch in der Österlanggasse Kalonymos wieder durch seine Tür treten ließ, über der die langbeinigen Vögel des alten Bürgergeschlechts Trana in den dunklen Stein eingemeißelt standen, waren die letzten Spuren der Emsigkeit des Alltagmorgens verschwunden. Ein stilles, feierliches Haus harrte des jährlichen Gastes, für den Mutter und Tochter Tage hindurch gebraut und gebacken hatten, und für den das Heim vom Boden bis zum Keller gefegt worden war, – des Osterfestes. Das Erdgeschoß, das sonst von klirrendem Metall und dem Lärm der Gesellen der Goldschmiedewerkstätte widerhallte und wo der Handel unter unablässigem Kommen und Gehen sich in dem Verkaufsladen abwickelte, stand nun leer und stumm da, mit verschlossenen Türen, und erschien doppelt öde, weil in den Handelsbuden ringsumher Alltag war. Die enge Treppe, deren Geländer von Putzkalk glänzte, roch nach Weizenmehl und Öl. Aber aus der Wohnung selbst schlug einem schon von der Schwelle der Räucherduft des nahenden Festes von verbrannten Myrten entgegen, der Hauch des geträumten Paradieses, der an jedem Sabbat Geduld zu den Mühen des Arbeitstages gibt. Weiße Vorhänge schimmerten an den sonnenbeschienenen Scheiben, weiße Tücher deckten Tische und Schränke, und auf den eichenen Wandbrettern, von denen jeder Teller und jedes Tischgerät, das dem Alltagsjahre angehörte, entfernt worden war, leuchtete das weiße Osterporzellan aus Wedgewood. Frau Rosalie, die den Heimkommenden entgegenging, sah wie eine lebende Personifikation des Festes aus. Sie war in weiß gekleidet, weiße Jacke und weißer, schleppender Rock. Das waren die Kleidungsstücke, in denen sie als Braut unter der Chuppe gestanden hatte, und die auch ihr Totenkleid sein sollten, denn es ist dieselbe Tracht, und sie soll zu jeder Freudenstunde angelegt werden, wo Israel vergessen kann, daß sein Tempel in Staub und Asche liegt, und daß es selbst in Spott und Bedrängnis unter den Völkern umherirrt. Die alte Frau, die langjährige Krankheit abgezehrt und verfeinert hatte, sah wie eine kleine Elfenbeinpuppe aus in all dem weiß, mit ihrem schmalen, scharfgeschnittenen Profil und den mageren Händen, die bleich-gelb aus den Spitzenmanschetten der Ärmel hervorsahen. Das graue Haar lag glatt um den Scheitel, unter den Tollfalten der weißen Haube, deren breite Kinnbänder ungeknüpft über die schmalen, abfallenden Schultern flatterten. Ihre braunen Augen, das einzig Jugendliche in ihrem erstarrten Antlitz, leuchteten zu dem Manne auf. Alles im Leben war ihre Religion, aber diese knüpfte sie vor allem an ihn. Das alte jüdische Wort, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, hatte für sie buchstäbliche Wahrheit, und sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß derselbe Gott, der Rebekka von dem fernen Brunnen in Beth-El zu Isaaks lebendem Brunnen in Kanaan geführt, auch sie zu ihres Mannes Bett geleitet hatte, und daß der Herr, gleich nachdem sie geboren war, einem seiner Schreibengel geboten hatte, mit dem Griffel auf der Wachstafel anzuzeichnen, daß Rosalie Golda Hakkapar zum Ehegatten Jair Henoch haben sollte, und das, obgleich sie an der Donau geboren war und er am Rhein. »Da siehst du, Esther, daß Vater niemals zu spät kommt!« rief sie und lächelte der Tochter zu, die, hoch und schlank, ein paar Köpfe größer als sie selbst, neben ihr stand, auch in Weiß, die schweren schwarzen Flechten in einer Krone auf dem Scheitel geordnet. »Nein, noch fehlt eine Viertelstunde, ehe die Gebete gesprochen werden sollen«, sagte Henoch mit seiner lebenswarmen Stimme, und in einem Augenblick hatte er das Gebettuch über die Schultern geworfen und die Samtkappe aufs Haupt gedrückt. Das ganze Haus versammelte sich nun im Speisesaale: die zwei kleinen Söhne des Ehepaares in grünen Kittelchen, Fiken, die Haushälterin, die Frau Rosalie aus ihrem Kindheitsheim gefolgt war, eine freundliche, alte Wetterhexe mit noch ganz rabenschwarzem, wirren Haar, samt der flachsblonden, immer frischgewaschenen und mürrischen Stina, dem christlichen Dienstmädchen der Familie, das schon bald zehn Jahre im Hause war und, obgleich sie stets gegen »Aberglauben und Dummheiten« wetterte und protestierte, die Methodischste und Genaueste bei der Einhaltung der alten Bräuche des Hauses geworden war. Nun wandte sich Henoch der hebräischen Wandtafel zu, denn sie zeigte die Weltgegend des Morgens an, in der man den Schöpfer alles Lichts anrufen mußte, und er erhob in seiner Hand ein sorgfältig zugeknüpftes Tuch. Diesem entnahm er die Stücke des gewöhnlichen Brotes, die am Abend vorher bei der letzten Runde durch das Haus gefunden worden waren, als man in gesammeltem Trupp mit entzündeten Wachslichtern in jedem Winkel und jeder Ecke gesucht hatte, um zu verhindern, daß eine verbotene Nahrung im Hause bliebe. All die gefundenen Brotstückchen legte Henoch jetzt feierlich in die knisternde Kachelofenflamme. Während sie in der Flugasche verkohlten, sprach er das Gebet, wodurch aller Sauerteig und alles Gesäuerte vernichtet wurde, so daß nur das ungesäuerte Brot der Armut, das Gott zu Israels Wegzehrung durch die wüste bestimmt hatte, und das erst in den Herden des Heimatlandes mit den Würzen des Lebens versetzt werden sollte, im Hause blieb. Dann hieß er die Feiertage willkommen, mit den festlich ernsten Worten des Rituales, und segnete dem Alter nach die Anwesenden. Alle beglückwünschten einander. Kalonymos trat vor, um Esther seinen Wunsch des Wohlergehens zu sagen, aber die Worte des Heiratsmaklers am Morgen tönten ihm noch in den Ohren und raubten seiner Stimme und seinem Auftreten die gewohnte Sicherheit. Früher hatte er das junge Mädchen gar nicht betrachtet – nun konnte er es nicht lassen, sie zu beobachten. Da fühlte er, wie ihre tiefen, schwarzen Augen seinen Blick an sich zogen, und wie er in dem ihren unterging. Seine Hand bebte leise, als er sie ihr reichte. »Gesegnete Feiertage, Esther Hennoch«, sagte er, und der alltägliche Glückwunsch dünkte ihn selbst tief und voll verborgenen Sinns. »Möge der Herr dein eignes Osterfest segnen, Kalonymos«, antwortete Esther mit ihrem dünnen Sopran, der denselben spröden, leicht brechenden Ausdruck hatte wie ihre ganze zarte Gestalt mit dem schweren Haar, dessen Schatten dem schmalen, feinen Gesicht einen Ton gab, als stände sie stets in dem dunkeln, sterbenden Licht eines sinkenden Abends. Die beiden jungen Menschen waren gleich groß, wie sie da standen, etwas Verwandtes lag über ihnen, das zum Vertrauen verlockte. Esther lächelte so, als wünschte sie, daß Kalonymos ein Gespräch einleiten solle. Er merkte es, aber er fühlte seine Zunge gebunden, und in Scheu vor den Umherstehenden ging er wieder von ihrer Seite. Da half die Mutter ihrer Tochter, die leicht errötend mitten im Zimmer stand, indem sie sie zu einer häuslichen Besorgung zu sich rief. All die Versammelten zerstreuten sich wieder und gingen durch die weißen, myrtenduftenden Räume jeder in sein Gemach. Nach dem leichten Mittagessen, als die Sonne wie ein ausgebrannter Stern an Stockholms grauem Märzhimmel erlosch und die Dämmerung so dicht zwischen den Häusern der Osterlanggasse einfiel, daß die Luft in den gewölbten Räumen trübe wurde, wurden die letzten Anordnungen für den Abend getroffen. Die Frauen gingen durch die Türen ab und zu, und der Geruch von Rosinen und süßem Teig strich unter den niedrigen Decken durch die Zimmer. In einer Fensternische saßen auf einem perlengestickten Schemel die beiden zehn- und elfjährigen Knaben, dicht aneinandergeschmiegt, und hockten über einem großen Osterbuch mit altertümlichen Kupferstichen, das sie auf den Knien aufgeschlagen hielten. Der kleine, eifrige, hellwangige Michel sollte, unterstützt von seinem ein Jahr älteren, um vieles gesetzteren Bruder die Zeilen des hebräischen Abendtextes einüben, die der Jüngste in der Familie laut sagen mußte, und die die Frage der Kinder an die Eltern enthielten, warum das Fest gefeiert würde. Michel hatte mehr Lust, die Bilder anzusehen. Denn auf diesen sah man so mancherlei aus Moses' Geschichte. Man sah, wie er, ein kleiner Knirps in langem Rock und Pantoffeln, dem bösen Pharao die Krone vom Haupte riß. Sprachlos vor Staunen ließ der ägyptische Tyrann Zepter und Reichsapfel zu Boden fallen, wie er da unter den Fransen des Thronhimmels neben seiner Tochter Badjah saß, die mit den schwarzen Augen unter der burgundischen Haube hervorschielte; und sein Magiker stand daneben und balancierte den Sternenglobus wie eine Kegelkugel in der Hand. Man sah weiter, wie Moses, jetzt der Prophet des Herrn, mit struppigem Graubart bis hinab zur Magengrube und einer Rabbinerkapuze mit Pelzkante und Agraffe, das Osterlamm schlachtetete. Es blökte mit dem Messer im Buge, guckte aber doch, das gute Zickelchen, ebenso fromm und klaräugig zu Moses' Antlitz auf, wie Isaak in das Abrahams. Man sah schließlich, wie Israels Volk um Mitternacht mit Kind und Kegel das Land Ägypten verließ. Die beiden düsteren Sklavenstädte Pithom und Rameses, zu deren Götzentempel die Juden unter der Geißel des Vogtes Ziegel und Stroh geschleppt hatten, lagen nun verlassen, jede auf ihrem Bergesgipfel mit gotischen Türmen, Altanen und Wällen mit Schießscharten, zwischen denen die ägyptischen Wachen, an ihre Hellebarden gelehnt, schliefen. Aber unterhalb des Hügels drängten sich Israels Mägde und Knechte um einen ungeheuren Ochsenwagen, auf dessen Bock Moses mit Ziporah saß, während all die anderen Männer und Frauen zwischen die wackligen Bretter hineingestopft waren. Es gab noch mehr Bilder, die Michel betrachten wollte, aber Ephraim wendete die Blätter zu der richtigen Stelle zurück, und wenn der Bruder im Gebete strauchelte, half er nach. In ihren dünnen, schrillen Knabenstimmen wirkten die hart und schwer klingenden Worte wie Schwerter in allzu zarten Händen. Die schwarzkrauscn Locken fielen hinab auf ihre Stirnen. Sie wurden rot vor Eifer, wie sie sich auf den vergilbten Seiten des Buches weiterbuchstabierten. Das Nachmittagsdunkel hüllte sie ein, und die hebräischen Buchstaben schlängelten sich wie dunkle Zauberzeichen um ihre Finger. Nun ging Vater Henoch an ihnen vorbei, anscheinend ohne sie zu sehen, denn er sollte nicht wissen, daß sie sich für den Abend vorbereitet hatten. Aber Kalonymos nickte ihnen zu. Seine ganze Kindheit wurde lebendig, als er sie betrachtete. Er fühlte, wie die Blumenzwiebeln in hohen dunkelblauen Gläsern dufteten und Hollands sonnenerfüllte Nebelluft sanft in die Kammer glitt. Er hörte die Mutter mit ihrer düsteren Stimme erzählen: die Worte Strafe, Schlag, Blut und Tot fielen unaufhörlich in der sinkenden Dämmerung. Kalonymos wurde es so wehmütig ums Herz, daß er vorüberging, und in das Schreibzimmer seines Wirtes trat, in das Henoch ihn führte, damit sie noch einmal in Ruhe Zwiesprache pflegen konnten, ehe die Ostergäste ankamen. Dort drinnen in dem kleinen Hofzimmer brannte eine Flamme im Ofen. Der letzte Schimmer des Wintertages durch den Schnee verdämmerte in Streifen auf den grünen Kacheln, aber über das weiße Gitterwerk auf dem Kachelofenstein fiel ein schwacher Feuerschimmer, der aufloderte, wenn die Flamme das Birkenholz erfaßt hatte. Die Porträts und die Bücher an den Wänden verschwanden im Dunkel. Die Tabakluft drang überall durch die Füllung der Möbel hervor, und auch jetzt nahm Henoch sogleich eine lange, weiße Pfeife vom Wandsims. Es war ungewiß, ob es mit dem Gesetz übereinstimmte, um diese Zeit zu rauchen. Aber Henoch hielt an den alten Bräuchen ohne sklavische Unterwürfigkeit fest, und mit sichtbarem Wohlbehagen entzündete er seinen Knaster mit einem Fidibus aus Papier. Da Kalonymos nicht rauchte, nahm der Alte aus dem Eckschrank eine grünbauchige Flasche mit Danziger Goldwasser. »Wenn des Mannes Blut altert und erkaltet, hat es das Recht, Jugendwärme im Wein zu suchen,« pflegte er zu sagen, »und ein alter Körper, dem die Ruhe fern bleibt, muß das Schlafpulver in der Kanne suchen.« Er goß die kleinen Gläser voll und trank dem Gaste zu. Dann ließ er sich im Lehnstuhl nieder, sah einen Augenblick die goldenen Lichter des Trankes an und begann: »Kalonymos, ich bin alt genug, dein Vater zu sein, und einen Juden ohne Eltern, der unter meinem Dache schläft, will ich überdies immer als einen Sohn betrachten.« Der feierliche Anfang paßte gar wohl, wie er da im Halbdunkel in dem großen Lehnstuhl saß. Wie breit und reich war in seiner Gestalt nicht alles angelegt! Da war nirgends etwas sparsam bemessen. Der leicht graugesprenkelte, aber noch jugendliche Kopf war breit und mächtig, die Gestalt breitschulterig und kräftig, und der Bart fiel wie üppige weiße Seide hinab auf einen hochgewölbten Brustkorb. Sanft gefurcht leuchtete die Stirn unter der Kappe, und die Augen funkelten und glänzten feurig. So wenig man ihm auch den Sechzigjährigen ansah, mußte Henoch doch fühlen, daß er sich der Schlußwindung des schattigen Pfades näherte, denn er sagte: »Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und der törichte Seidenschnur, der heute morgen meine Esther ausbot, fand diesmal das Korn der blinden Henne, lkin Mann, der keinen Sohn hat, ist ein abgestorbener Baum, und wer sterben muß, bevor seine Söhne herangewachsen sind, ein Baum, der welkt, bevor die Frucht gereift ist. Meine beiden Söhne – der Himmel gebe ihnen verstand und langes Leben – sind noch klein, und obgleich es sehr gegen meinen Willen geschähe, kann ich vielleicht früher, als ich es ahne, den Todesengel mit seiner Kette rasseln hören. Du bist mir teuer, Kalonymos, darum will ich dich fragen, ob du, der du nicht Vater noch Mutter hast, uns Alte deine Eltern werden lassen willst. Und wir werden dir unsere einzige Tochter zum Weibe schenken, ohne daß du die sieben Jahre zu dienen brauchst.« Die ruhige Wärme, die die stille Hofstube erfüllte, der Tabaksrauch, der im Dunkel seine sich verflüchtigende und wiederkehrende Schrift von ineinander wallenden gleichen Jahren schrieb, der Feiertagsabend mit den Kindheitserinnerungen – alles versetzte Kalonymos in eine Gemütsstimmung, die ihm ganz neu war. Er hatte sonst eines Singvogels Natur, der unbewußt dazu getrieben wird, von Ast zu Ast zu fliegen, um auf jedem Zweig sein Lied ertönen zu lassen, und dann mit entfalteten Schwingen weiter zu ziehen. Nun empfand er zum erstenmal das Glück der engen Ufer, die den Strom sich in der Tiefe sammeln lassen, um still und spiegelklar zu werden. Der Schemel unter seinen Füßen und die Stuhllehne hinter seinem Rücken hielten ihn unmerklich fest. Wie er da saß, konnte er träumen, daß Esther schlank und stille zu seinem Stuhl träte, mit einem Kind, das schlief, auf ihrem weißen Arm. Aber unter den geschlossenen Augenlidern des Kindes leuchtete sein eigner Blick, gleichsam aus einer Weite, die noch nicht am Horizonte aufgetaucht war, deren ferne Luft aber, in der er selbst nur der Klang eines Namens sein würde, er doch mit den Augen des Knaben sah. »Du antwortest nicht, ob du Gefallen an meiner Esther gefunden hast«, fuhr Henoch fort. »Was sie betrifft, so glaube ich, daß ihr Sinn sich dir zuneigt, und die Neigung des Weibes ist der wahre Ehering, der sie der Gattin Sorge und der Mutter Bürde leicht wie die Goldspangen des Hochzeitsgürtels tragen läßt. Die Braut ist es, die das Bett heilig macht. So steht es auch in dem alten Buche Othiot – daß Gott Vater selbst Evas, der ersten Braut, Haar flocht.« »So sollte ich hier in diesem Hause bleiben?« Kalonymos sah sich mit einem verwunderten und fremden Blick um. »Ja, und du solltest Teilhaber an all dem Meinen werden, und ich würde dich selbst lehren, was du von allen edlen Steinen zu wissen brauchst, so daß du unserem Handel vorstehen kannst.« Kalonymos lächelte. »Ja, mein Sohn, nun lachst du darüber und denkst: »Was soll mir Handel?« Und du hast das Geld als die Schmach des Juden hassen gelernt. Aber wenn das Goldstück sprechen könnte, würde es sagen: »Gestohlen, bin ich der Stein, der in die Verdammnis zieht; gefunden, bin ich der Angelhaken, an dem die Sünde hängen bleibt; geschenkt, bin ich die Lockspeise, die zu Leichtsinn verlockt; aber im Schweiße des Antlitzes errungen, bin ich der Lohn, der dem Brote Würze und dem Hause Freude bringt.« Es ist gut, mit leerem Ränzel anzufangen, wenn man jung ist und leicht und weit wandern will, aber wenn du älter wirst, und einmal, bevor du stirbst, dich mit dem Leben verflochten fühlen willst, gibt redlich erworbenes Gut dir das Gefühl des Heims und des Glücks und versüßt dein Alter.« »Aber alle meine Fahrten, Vater Henoch, alle Tempel, die ich nicht gesehen, in denen ich mich aber sehne, zu stehen und die Zeit der Bruderliebe zu verkünden ...« »Ja, gebietet dir eine Stimme zu ziehen, so ziehe mit dem Herrn. Da wirst du dir anderswo eine Grabstatt kaufen, um auf den Messias und die Zeit der Bruderliebe zu warten. Rabbi Jehudah schrieb, daß die Zeit mit dem fünfundachtzigsten Jubeljahre der Welt kommen würde, das will sagen im Jahre 5480, dem Geburtsjahre meines eigenen Vaters. Mein Vater wartete seine achtzig Jahre, und er war kein glücklicher Mann, sondern ein Sturmgetriebener, der sein ganzes Leben lang wanderte und wanderte, bis er von hinnen ging, der kleine, graue Alte – gesegnet sei sein Andenken! Nun sage ich immer mit Rabbi Chainan, daß erst der Krieg zwischen Gog und Magog ausgekämpft werden und Rom und Konstantinopel fallen muß, bevor dieser Tag kommt. So haben wir Zeit vor uns, wir beide, du und ich, Kalonymos.« Die Stimme des Alten wurde dumpf und schwer. Er stellte die Pfeife von sich und schwieg einen Augenblick in der Dunkelheit. Dann nahm er seinen weißen Totenmantel hervor und legte ihn an, denn nun war der Erinnerungsabend der Befreiung, des Aufbruchs und der Wüstenwanderung angebrochen. Das Feuer war erloschen. Wie eine hohe, weiße Erscheinung stand er in der Schneedämmerung des kleinen, trüben Gemachs. »Nun wollen wir bloß an das Fest denken und fröhlich sein,« sagte er, »und willst du dann reisen, so sollst du an Bord gehen, bis die Abendfeierlickkeit vorüber ist.« Im Wohnzimmer warteten schon die Eingeladenen rings um die Hausfrau, die in der Sofaecke in ihrem weißen Gewande die Kommenden freundlich empfing. Neben ihr standen ihre beiden Brüder, Moritz und Martin. Beide waren Junggesellen und daher stets zu den Feiertagen bei der Schwester. Sie waren im übrigen einander so unähnlich und entgegengesetzt wie nur möglich. Moritz, der Schulmeister, war ein langer, knochiger Mensch mit spärlichem, roten Haar und Bart, starken, aber abgemagerten Zügen und glasartigen Augen hinter einer Brille. Er sprach mit leiser Stimme, dankte unnötigerweise und bat oft um Entschuldigung, während er mechanisch ein paar bleiche Hände aneinander rieb, als hätte er sich eben gewaschen, oder als fürchtete er sich beständig vor Staub. Kein Mensch wußte etwas anderes als Gutes von dem sanftmütigen Sonderling, der unter seinen Büchern und unter seinen Schuljungen lebte. Aber alles in ihm verriet den Selbstquäler, der sein Ich auf Gefängniskost gesetzt hat. Der Witzkopf der Gemeinde – Jakob, der Kleidertrödler, der gerade im Zimmer anwesend und der dritte in der Gruppe um Frau Rosalie war – hatte ihn einmal den zerbrochenen Krug genannt, und so brüchig war seine Seele zur Welt gekommen, daß die geringste Berührung den Kitt zwischen den Scherben löste. Wenn man mit ihm gesprochen hatte, konnte man sicher sein, gleich darauf einen Brief mit Erklärungen von Mißverständnissen zu erhalten, die nie vorgekommen oder mit Widerrufen, die nicht notwendig waren; und mehr als ein Haupt hatte sich verwundert über seine mit ängstlicher Schönschrift gemalten Buchstaben geschüttelt. Aber die Kinder liebten den mageren Mann mit der warmen Stimme, der ihnen den Arm um die Schultern legte, wenn er mit ihnen lernte – seine kalten, erfrorenen Finger berührten so gern etwas Lebendes – und aus dessen Schreibtischlade sie beim Nachhausekommen die Rocktaschen mit Brustzucker und Pfeffernüssen gefüllt fanden. Aber wenn es Abend wurde, sahen die Leute im Hause gegenüber den Schullehrer zwischen seinen vielen aufgeschlagenen Büchern auf und ab gehen, und im Scheine des qualmenden Talglichtes im Messingleuchter zeichnete sich der vergrößerte Schatten seines abgezehrten Gesichts und seiner sich aneinander reibenden Hände phantastisch auf der Tapete ab. Martin, der Hofschneider, der jüngere der Brüder, war hingegen ein Weltkind. Er hatte in Paris gelernt und sprach ein scharmantes Schneiderfranzösisch. Er war der erste in der Gemeinde, der die jüdische Tracht abgelegt hatte, und trat als der alamodischeste Jean de France auf, in gepuderter Perücke, Seidenröcken mit Stickereien und seidenen Strümpfen. Die leidenschaftlichen und unbeherrschten jüdischen Gebärden hatte er mit Mühe abgerundet und sich aus der Komödie und seinem Umgang mit den Domestiken der Vornehmen einige magnifique Marquisfassons eingelernt, sowie auf den Zehenspitzen in den feinen Seidenschuhen auf und ab zu wippen, während er mit dem Daumen und dem Zeigefinger ein fingiertes Schnupftabakskörnchen von der Halskrause wegknipste, oder sich mit gekreuzten Beinen an einen Kachelofen zu lehnen, den Ellenbogen auf den Kaminsims, den Zeigefinger gedankenvoll an die Schläfe gelegt. Der Reim »les affaires et Voltaire« umfaßte seine Existenz ganz und gar, und er sammelte mit unbefangenem und elegantem Weltzweifel Reichtümer an. In bezug auf das Judentum trug er philosophischen Kaltsinn zur Schau, über Sitten und Gebräuche die Achseln zuckend, ohne doch eine angeborene Vorliebe für die alten Zeremonien bezwingen zu können. Wie sehr er auch während der Woche Freidenker war, am Sabbat wurde er Jude, fand sich regelmäßig bei der Schwester ein und ließ die Familienglieder in erstauntem Ärgernis die Hände zusammenschlagen über die schwindelerregende Abwechslung an Seidenwesten, Berlocken und Uhrketten in seiner Toilette. Der dritte in der Gruppe, der schon erwähnte Kleidertrödler, Doppel-Jakob genannt, weil er der Sicherheit halber sowohl mit dem Vor- wie mit dem Zunamen nach dem Patriarchen hieß, war eine kleine Figur, die dem »Männlein in der Flasche« ähnelte, schwärzlich und zappelnd, mit einem Wald von Haar über ein Paar spielenden, listigen Augen. Er war sozusagen in einem Kleiderstand geboren, und nun besaß er selbst einen solchen gegenüber der deutschen Kirche. Sein ganzes Leben hatte er unter Kleidern und Hausgeräten zugebracht, die nach einer vergangenen Glanzzeit die Wanderung zu immer tieferer Erniedrigung angetreten hatten, bis sie in der egalité der Lumpen gelandet waren, die in einer halbdunklen Trödlerbude herrscht. Hierher kam des Kavaliers Reunionsrock aus Seidenserge, wenn die Tasche mit den abgeschabten Galons den Kamm des Lakais beherbergte, anstatt das Riechfläschchen des Elegants, und die Roberonde der Hofschönheit, wenn Lisette darin in Vauxhall getanzt und die Garnierungen zerrissen hatte. Die ziselierten Lichthalter vom Nachttisch der Exzellenz und die Lichtschere des Gerichtsschreibers, die geschwungene Zinnterrine des Aldermans und das Sonntagskrügel des Großbauern lebten hier in Nachbarschaft auf demselben Tisch, alle durch dasselbe Gesetz der Degradation vereint. Aber ganz rückwärts in der Bude saß Doppel-Jakob, und die Gewohnheit, die Welt durch all diesen Plunder zu sehen, machte ihn zu einer Art zynischem Philisophen. Wie so recht in seinem Element pfiff er vergnügt, in den zerschlissenen Sitz eines ehemaligen Salonfauteuils gesunken, und führte kleine philosophische Dialoge mit einem alten, großen, halb zerstörten Porträt, das ihm gegenüber aufgestellt war. Es war ein Ritter aus dem sechzehnten Jahrhundert, dessen Ritterharnisch und Ritterkette man auf der dunkeln, undurchdringlichen Leinwand unter einem gelbbleichen Kriegergesicht mit schwarzem Schnurrbart und zusammengebissenen Lippen, der Physiognomie eines spanischen Ketzermassakreurs, kaum ahnen konnte. »Guten Morgen, Herr Graf von und zu Gefressen von dem Wurm. Wie geruht der gnädige Herr sich zu befinden?« Doppel-Jakob starrte dem Porträt unverschämt zudringlich ins Gesicht. »Ach, Eure Herrlichkeit, hier ist Hoffart nicht gut am Platze. Wir sind ja all gleich vor unserem Herrgott, Schund und Plunder, rostige alte Kasserollen und buckelige alte Zinntöpfe.« Diese drei untereinander so unvereinbaren Menschen vereinte Frau Rosalie in diesem Augenblick in ihrer Sofaecke durch ihre stille, gemessene Freundlichkeit. Ihr elfenbeinbleiches, abgezehrtes Gesicht und ihre fernsehenden Augen hatten eine besondere Kraft, die Andacht und Versöhnlichkeit der Menschen wachzurufen. Gegensätze und Eckigkeiten verwischten sich von selbst in ihrer Gegenwart, Feindschaft und laute Stimmen wurden gemildert. Schon das Gefühl der Gemeinsamkeit mit dieser frommen Frau, für die alles im Leben die Zeichensprache der Religion war, heiligte sonst schadhafte Bande, und die sinnreichen alten Bibelworte, die die Seelen der Anwesenden an die ihre knüpften, einte sie auch untereinander. Die vielen Kinder, die sich um die Söhne des Hauses scharten und mit ihrem Lotto spielten – arme Kinder sind zu Ostern selbstverständliche Gäste –, sahen von ihren Nüssen, dem grünen Nummernbeutel und den Zifferkarten mit den Glasstückchen auf, um sie von einer armen, einfältigen Jüdin erzählen zu hören, die, als sie am Sabbat kein Öl für die Lampen hatte, Essig einfüllte, und siehe da, der das Öl brennen läßt, gab auch dem Essig Leuchtkraft. Esther allein hörte nicht auf die Rede der Mutter. Hoch und still stand sie an der Wand und blickte gedankenvoll nach der Schwelle, über die gerade jetzt ihr Vater und Kalonymos eintraten. Dann wanderten alle hinaus in den Saal. Der große Raum wurde ganz vom Ostertisch ausgefüllt. Das Tuch strahlte im Schein der entzündeten Wachskerzen der drei Silberkandelaber, und alle Silberbecher schimmerten gegen die flackernden Flämmchen. Aber an dem einen Tischende wurde die Festtafel zum Opferaltar. Da leuchteten zwei große Silberpokale, der des Vorsängers und der, welcher bis zum Rande für den immer erwarteten Gast, den Propheten Elias, den nächsten Vorboten des Messias, gefüllt stand, der auch an einem Osterfeste in der Abendglut herniedersteigen und Israel erlösen wird. Da lagen auf Silberschalen, in weiße Tücher gewickelt, die ungesäuerten Brote der Armut und der Wüstenfahrt, das Salzwasser, das die Plagen und die Knechtschaft im Lande Ägypten versinnbildlichte, der Schafsknochen, der an das Osterlamm erinnerte, und das hartgekochte Ei, das Symbol des Lebens in seiner Veränderung und Erfüllung. Vor diesen Schalen ließ Henoch, der Vorsänger und Hausvater, sich in dem hohen Ehrensessel nieder, seine Gattin neben sich, und die beiden Alten in den weißen Gewändern thronten wie ein Königspaar am Tischende. Ihnen zunächst saßen alle Kinder, krause schwarze Knabenköpfe, glattgekämmte, geneigte Mädchenköpfe in langer Reihe, und die kleinen Hände umfaßten eifrig die Becher, in denen der schäumende Rosinenwein der Jugend perlte. Nach den Kleinen saßen wieder ältere, Frau Rosalies Brüder und der ewig polternde Trödler Jakob. Ganz weit weg hatte Kalonymos seinen Platz, Esther gegenüber. Es wurde für eine Sekunde ganz still in dem großen Räume. Die weißen Vorhänge deckten die Doppelfenster. Kein Laut drang von der Gasse herauf. Man war weit weg von gewöhnlichen Orten und Jahren, auf einer Palmeninsel im Zeitenmeer, und am Wasserspiegel des Horizontes tauchte der Totenpalast der Pharaonen auf, die Sandklippen der wüste und Kanaans ferne Tempel auf abendbeglänzten, schilfumsäumten Bergen. Mit lauter, lebensvoller Stimme brach Henoch das Schweigen und las das Eingangsgebet: »Seht, dies ist das Brot der Armut, das unsere Väter aßen im Lande Ägypten. Wen hungert, der esse mit uns, wer bedürftig ist, halte Ostern mit uns – dieses Jahr hier, das nächste unter Israels Herrschaft, dieses in Sklaverei, das nächste in Freiheit.« Er verstummte, und die Mutter machte unter dem Tischtuch Michel, der nun mit seiner Frage einfallen sollte, ein kleines Zeichen. Mit kindlichem, unsicherem Tonfall sprach der Knabe die für alte Stimmen und gefurchte Gesichter passenden Laute. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Er kroch mit dem kleinen dunkeln Lockenkopf hinab in das Buch. Der Schatten seines begleitenden Fingers flog wie ein schwarzer Schmetterling über die Seite. Endlich war er fertig und rief mit schriller und glücklicher Stimme die Schlußworte hinaus. Alle nickten und rollten ihm quer über den Tisch Nüsse und Früchte zu. Aber nun begann Henoch die Erzählung von Ägypten. Sein Vortrag war weder Sprechen noch Gesang, sondern eine Mischung aus beidem. Er summte die Worte nach alten traditionellen Melodien, von Land zu Land geführt mit Bundeszeichen und Schmähworten, vom Vater auf den Sohn vererbt, mit den Zügen und Leiden, unausrottbar, wie die Hoffnung des Volkes, seltsam wie Beschwörungen aus dem Anfang aller Zeiten, feierlich wie Wiederholungen unverbrüchlicher, wenn auch noch so lange unverwirklichter Verheißungen. Aber an diese uralten Melodien knüpfte er alle anderen des Lebens: den Wiegengesang der Mutter für ihren Erstgeborenen, die Hochzeitschöre der Knabenstimmen im Heim der Braut, die Tischlieder der Freudentage, ja den Straßenrefrain des Savoyarden zur Harfe, alles floß in die große Flut, in deren eintöniges Murmeln Jahrhunderte und die Schmerzen von Jahrhunderten versunken sind. Aber je mehr Henoch in die Handlung hineinkam, desto dramatischer wurde sein Ton. Das Rituale verwandelte sich zu einem geistlichen Schauspiel, und die Gestalt des Vorsängers wandelte sich und wuchs. Und rings um die Tische stimmte man nach Gefallen ein, flüsterte oder lachte. Die religiöse Erzählung war ein heimischer Gast im Hause und wurde vertraulich ohne Konvenienz behandelt. Kalonymos hörte den Schulmeister halblaut und mit seiner tonlosen und gequälten Stimme im Texte mitfolgen, er hörte das Falsett des Hofschneiders, seine Komplimente an »sa belle nièce, sa chère Esther« einflechten und den schnarchenden Tonfall des Doppel-Jakob. Aber selbst faßte er nichts von all dem auf, und der Jubel der Kinder neben ihm klang für sein Ohr wie aus weiter Ferne. Er hatte das Gefühl, als läge er einsam ausgestreckt auf dem Sand seiner heimatlichen holländischen Küste, und während das Dunkel sich zu Nacht verdichtete, hörte er das Meereswogen Legenden von dem verödeten und zersplitterten Israel brausen. Die Ostererzählung begann mit der Sage von den weisen Meistern in Juda, den fünf Rabbinern aus der Zeit des Kaisers Hadrianus: Elieser, Josua, Eleasar-ben-Assarja, Tarphon und Akiba. Eines Passahabends saßen sie in Akibas Lehrstadt, der Traubenstadt Bene-Berak in Palästina, und diskutierten in Akibas dürftigem Landhause das Fest des Abends, eifrig sprechend, bis sie durch ein Klopfen gestört wurden. Es waren die Schüler der Rabbinerschule, die die Lehrstühle leer gefunden hatten und erstaunt riefen, daß es an der Zeit sei, das Morgengebet abzuhalten. Die fünf Rabbiner hatten nicht gemerkt, daß die Nacht unter ihren Gesprächen zu Ende gegangen war. Kalonymos sah sie vor sich, alle fünf. Da war der pfeilergerade Elieser mit dem großen, regungslosen Steinantlitz und einer vertrockneten Hand in dem tropfsteingrauen Bart. Er sprach nur in Gesetzesgeboten mit einer Stimme, die ein Echo aus vermauerten Grabkammern und zusammengestürzten Tempeln war. Aber auf alles, worauf das Gesetz keine Antwort gab, erwiderte auch er: »Davon weiß das Gesetz nichts, davon wissen unsere Vorväter nichts, davon weiß ich nichts«, oder er zwang den fürwitzigen Frager durch Gegenfragen zum Schweigen, wie diese: wie viele Muschelschalen wohl auf dem Strande zwischen Joppe und Askalon verwittert waren, oder wie viele Plagen das Volk Israels zu durchleiden haben würde. Wenn es dann still ward, wurde seine Stimme wieder die Kupfertafel mit der Weisheit des Gesetzes. Da war der kleine, bucklige und kuhbeinige Josua, der gelehrte Nadelschmied, mit den Zeichen der Armut und der niedrigen Geburt in dem zusammengedrückten Gesicht und den von Kneipzange und Hammer schwieligen Händen. Sein Gewerbe hatte ihn die Tugend der Bescheidenheit und die Ehrfurcht vor den Kräften des Lebens gelehrt. Fünfzig wohlgemessene Hammerschläge auf den Messingdraht erheischte der Nadelschaft und ebenso viele die Hohlkehle um das Öhr, aber wenn die Nadel endlich fertiggestellt auf dem Amboß lag, dann war sie geschaffen, um zu befestigen und zu vereinen, nicht um zu stechen und zu verwunden. Und wenn die Nacht einfiel, saß Josua am Eingang der schwarzen Schmiede und folgte der Wanderung der Sterne längs des Wendekreises. Wie flammte es nicht um ihre Himmelsbahnen, und was wären die Nacht, die Wüsten und die Meere ohne den Silberschein der Sterne! Aber, dachte er, auch die kleinen Nadelköpfe, die neugeschmiedet unter den schwarzen Kohlen in der erloschenen Esse blinkten, hatten ihren Glanz und ihre Aufgabe, und Josuas Herz wurde von der Anbetung des Unendlichen erfüllt. Aber Elieser und Josua waren alt, Eleasar-ben-Assarja war jung und trauerte darüber. Von beider Eltern Seite strömte unruhiges Königsblut durch seine Adern, und seine Mutter war eine holde Spielschwester der Berenice gewesen. Selbst war er schön und weise, wie der junge Salomo, und dennoch sahen seine Augen träumend fort von Schule und Predigerstuhl. Beim Sonnenuntergang pflegte er auf dem Dache seines Marmorhauses zu sitzen, beide Hände gen Westen ausgestreckt, während seine Lippen sich sachte regten. »Der fromme Gebetseufzer«, sagte das Volk, aber was Eleasar-ben-Assarja rezitierte, war Homer. Er hatte in Alexandria studiert, und Diotima war die heimliche Vertraute seiner Seele geworden. Aber die Bürde des Hasses und der Verachtung, die ihm von Geburt an auferlegt war, mit seinem Volke zu tragen, war er zu königlich stolz, abzuwerfen. So war er heimgekehrt und suchte nun, nur rasch alt zu werden über den alten Büchern. Der vierte, Rabbi Tarphon, war der gewaltige Donnerer und Bestrafer, der strengste in Israel. Der Zorn pflegte seine weiße Mähne um die olivengelbe Stirn zu schütteln, und die mächtigen Kinnladen knirschten, wenn er gegen Christen und Heiden raste. Aber er war auch nicht milde gegen sein eigen Fleisch und Blut. Den Fluch hatte er ebenso leicht zur Hand wie andere den Segen, und Söhne und Anverwandte, die die Vorschriften übertraten, hatte er mit eigener Hand hinaus über die Schwelle gestoßen. Wenn es spät wurde, hörte man noch seine Posaunenstimme durch den Abend, und Jünglinge, die auf den Wegen des Dunkels wandelten, beschleunigten den Schritt, wenn sie an seinem Hause vorbeigingen. Aber Rabbi Akiba, der Alldeuter, der Allkünder, war doch der Merkwürdigste von den fünfen. Schon als Knabe konnte er alle Schrift lesen und verstehen: die Linien und Falten in des Menschen flacher Hand, die Fibern der Blätter und die Schlingen der Spinngewebe. Als Hirtenknabe, als er hinter den Herden ging, lernte er die Sprache der Tiere, deutete Bienensummen und Vogelsang, sprach stundenlang mit dem weisen Panther oder den einsamen Schlangen der Nacht und verstand die Zeichen der fliehenden Wolken. Als er zum Manne wurde, ward er aller Schriftkundigen Überwinder. Moses und die Propheten hatten die großen Gebote gedeutet, Akiba legte jeden Punkt der Thora aus. Partikeln und kleine Worte, an denen andere vorbeigegangen, wurden für ihn die Goldketten der Wahrheit, und das doppelte Alphabet der Natur und der Schrift verkündete für seine Seele ein und dasselbe Wort von dem einzigen Gotte und seinem geprüften, aber einmal siegesgekrönten Volke. Das waren die fünf Rabbiner in Bene-Berak. Ringsumher erscholl Lanzengeklirr und Pferdegetrampel. Überall in Kanaan raste der ewige Kampf mit den Römern zur Verteidigung von Land, Frauen und Kindern und von Salomos Tempel, den Titus dem Boden gleich gemacht hatte, der sich aber nun wieder aus der Asche erhob und mit offenen Hallen von Zions Berg zum Himmel rief. Judas letzter Held, er, den Akiba, der Deuter, bei dem ersten Blicke, den er auf sein Antlitz warf, »den Sohn des Sterns« nannte, und dem er als Messias huldigte, Simon-bar-Cochba, in dessen Arm Simsons Stärke und in dessen Herzen Judas Makkabäus' Mut wiedererstanden war, er führte die Scharen zum Siege und entriß den römischen Adlern eine Stadt nach der anderen. Seht, das war die Ursache, warum die fünf Rabbiner mit einer Begeisterung wie nie zuvor dieses Mal den Ostertext auslegten, so daß die Nacht vorbeiglitt, ohne daß sie es merkten. Des achtzigjährigen Akiba jugendlicher Glaube berauschte die anderen. Der Tempelschein der Silberlampe fiel feierlich über das Tuch, und der Wein glühte in den Bechern. Die Gestalten der toten Helden tauchten im Dunkel auf und erhoben schwarze Häupter und blanke Klingen zum Dachgebälk. Das Rauschen aus der Stadt der sieben Hügel, das die fünf Rabbiner an einem Frühlingsmorgen, als sie Rom nahten, um den Cäsar anzustehen, zusammen gehört und das damals in der Morgenstille der Grasebene ihre Brust unvergeßlich mit der Verzweiflung über Edoms Übermacht erfüllt hatte, verrann wie eine ferne Brandung vor Josuas und Davids Siegesgerassel. Sollte der Herr nicht noch einmal den stärksten seiner Engel, den Todesengel, als den Bundesgenossen seines Stammes senden können, und das von Titus' Lanzen in Strömen vergossene Blut das neue Passahopfer werden lassen, das in der Befreiungsnacht an Türschwellen und Pfosten glühte? Konnte die Feuersäule nicht noch einmal aus dem Boden steigen, den Himmel erreichen und Israels Siegesfackel und der Feinde Mordbrand werden? Eine Osternacht – so lehrte die Schrift – sollte die Messiasnacht werden – war nicht Bar-Cochba der verheißene Rächer und Herr? So fragten die fünf einander und sahen mit brennenden Augen hinaus in die Dunkelheit. Sie schüttelten ihre großen Bärte. Die Sonne, die sich blendend aus dem Meere erhob und Bene-Beraks Dachfirste erglühen ließ, erfüllte ihre Herzen. Aber ach »der Sohn des Sterns« fiel auf der Walstatt und sollte bloß unter dem Spottnamen »der Sohn der Lüge« in der Erinnerung fortleben. Die halb aufgerichteten Säulen des Tempels wurden zum letzten Male zerstört, und Zions Berg wurde eine Steinhalde, ein Nest der Raben, eine Höhle der Schakale. Die fünf Rabbiner wurden alle gesteinigt oder verbrannt, Elieser mit dem Gesetze, Josua, der weise Nadelschmied, Eleasar, der Gedankenträumer, und Tarphon, der gewaltige Bestrafer. Zuletzt starb Akiba selbst auf dem Scheiterhaufen, von seiner getäuschten Hoffnung gebrochen, aber aufrecht. Ohne den feuchten Wollmantel vom Leibe zu reißen, der den Brand verlängerte, stand er in den Flammen, demonstrierend wie in seiner Rabbinatsschule, glücklich, wie er sagte, »dem Herrn das Leben zu weihen«, bis zum Letzten ein frommer Wortspieler. Das war der letzte Kampf, den Juda mit dem Schwerte kämpfte, und die Nacht in Bene-Berak eine neue Aufbruchsnacht für eine Wüstenwanderung länger als die ägyptische, ohne Mannaregen und klare Springquellen am Tage, ohne Feuersäulen des Nachts, ohne Tempel, die winkten, und ohne Ziel, – die Wüstenwanderung, die noch währte. So träumte Kalonymos während des Vorlesens, und wie Kindersorgen im vergleich mit denen Erwachsener dünkten ihn die Prüfungen der Moseslegenden gegen alles, was seither Israel getroffen hatte. Erst dann begann der schwarze Wald mit dem niemals verstummenden Klagerauschen. Man ging in die Irre, sowie man nur hereinkam. Kalonymos suchte seinen Gedanken Halt zu gebieten und sich an das Gegenwärtige zu klammern. Er sah sich um mit einem Blick, der von Antlitz zu Antlitz glitt. Dann erinnerte er sich seiner eigenen Zeit und wo er war und schöpfte tief Atem. Henoch war während Kalonymos' Grübeleien weit im Texte gekommen. Ägyptens bittere Kräuter hatte man gekostet und das Osterlamm geopfert. Das Rote Meer hatte seine Wogen geteilt und eine Straße für die Flüchtlinge der Nacht gebildet. Der Vorsänger sah vom Buche auf, mit einem knabenhaften Ausdruck in seinem gealterten und dennoch jugendlichen Patriarchengesicht. Er zog die Kappe schief, nickte den Kindern zu und rief das traditionelle Scherzwort: »Aber was geht das alles eigentlich uns an?« – um nach einer kleinen, von Lachsalven erfüllten Pause aufs neue daran zu erinnern, daß jeder der Anwesenden heute abend auch aus den Fesseln Ägyptens befreit wurde. Die Abendmahlzeit kam und unterbrach für eine Weile mit ihren Speisen und ihrer Heiterkeit die Vorlesung. Es duftete nach Öl und Sellerie, und man lachte laut ringsum über das mächtige Backwerk. Aber Kalonymos konnte die Stimmung nicht aufrecht erhalten. Die Alten suchten vergeblich den Fremdling in die Familienkette einzupassen, er selbst fühlte sich ferne. Er gehörte her und doch nicht mehr her, als er zu all den tausend Heimen, die über die Welt verstreut waren, in denen man mit derselben Wehmut dieselben Worte las und dieselben Scherzsprüche um dieselben süßen und gewürzten Gerichte ertönten. Sowie abgedeckt war und das Lesen wieder begann, war er aufs neue einsam und hörte abermals, in das Mitternachtsdunkel auf den Strandsteinen Hollands versunken, die Legenden der Meeresbrandung von Israel. Und Kalonymos sagte zu sich selbst: »Wirf eine Handvoll Späne ins Meer, und sie werden an Klippen geschleudert und verfaulen, oder die Wellen zerschellen sie; aber welche Stürme und Meereswogen haben diese Späne nicht umhergewirbelt, ohne sie zu vernichten! Gleich als ob die Alte Welt für ihre Not und ihre Irrfahrten nicht hinreichte, standen sie auf dem Verdeck um Christoph Columbus und spähten mit heimatlosen Augen nach der Neuen, auf daß es kein Fußbreit Erde gäbe, das sie nicht mit ihrem Blute und ihren Tränen benetzten.« Und Kalonymos sagte zu sich selbst: »Schwinge die gefüllte Getreidewanne durch die Luft, und die Samen schlagen Wurzel, wenn sie Erde haben, um darin zu wachsen. Sie keimen, wenn sie Sonne und Tau haben, und krönen sich mit Blüte und Frucht, wenn ihnen die nötige Zeit und Schutz vor den Winden vergönnt ist. Aber auf der Steinhalde und im Eisdunkel wächst nichts, und die Spreu wird zerstreut und stirbt im Winde. Aber es gibt Samen, die keimen müssen, wohin sie auch geworfen wurden, in wüsten und Felsenplatten, die im Dunkel gewachsen sind, von Blitzen gepeitscht, und Frucht getragen haben – oder nennet sie Spreu, obgleich man das nicht Spreu zu nennen pflegt, was grünen und Frucht tragen kann.« Und Kalonymos sagte zu sich selbst: »Lang ist die Wintersonnenwendenacht, mit Qualen, Durst und Alp. Die Zunge klebt am Gaumen fest, das Blut siedet an der Haut, und du träumst, daß eisenbeschuhte Fersen deine Brust treten, oder daß der Hammer schlägt und schlägt, der die Eisenspitze durch die Augenlider treibt. Aber diese Nacht und dieser Alp haben Hunderte von Jahren gewährt, und jedesmal, wenn die Wächter mit ihren Nebelhörnern die Morgenröte verkündeten, war es der Widerschein der Abendröte auf ihren Augenlidern, und die Nacht dauerte fort mit ihren Nächten.« Und Kalonymos blickte auf Henoch und sagte zu sich selbst: »Ergrauter, kann dein Herz noch schlagen? Du, der du gleich einer Bildsäule auf einem vergessenen Grab die Städte, die du bewohnt hast, zu Steinfeldern verwüstet sahst, du, der du in allen Sternennächten, das weiße Haupt an der Klagemauer, eingeschlummert und des Morgens unter dem Joch erwacht bist. Du Haft das tausendjährige Reich in den Schulsälen des alten Babylon prophezeit, du bist bei Roms Festen unter den Huf der Wettrennpferde geraten und mit Skorpionen gepeitscht worden. Pflug und Weinkelter ist aus deinen Händen gerissen worden, das Schwert aus deinem Gürtel, und der Erntemann und der Krieger ist zu Gewicht und Wage erniedrigt und gefesselt worden. Aber noch immer wurdest du von dem Engel aufrecht erhalten, der vor dem Anfange da war, ehe Licht und Dunkel sich schieden, und der dann über den Sinai und Hebron flog, dem Engel des Worts. So hast du, der Gefesselte und Geschmähte, um die Wette mit den Arabern meditiert, im Chor mit den Troubadours gesungen, die Kabbala und Averroes gedeutet, den uralten Glauben und die Weisheit des uralten Zweifels ausgelegt, bis dein Gedanke in der Vergöttlichung der Welt unterging, die dein Gefängnis war. Und von dem Engel des Worts an der Hand geführt, bist du zwischen Äquator und Pol gewandert, und nun sitzest du hier im Schnee und feierst die Befreiung aus – Ägypten.« Und Kalonymos blickte auf Esther und sagte zu sich selbst: »Warum sollte ich dich Braut nennen? Meine Schwester bist du, eine Leidensschwester durch Jahrhunderte. Wie viele holde Namen und traurige stolze Schicksale habe ich dir nicht zu schenken? Du hast Miriam geheißen, hast ein Goldnetz und Smaragde im schwarzen Haar gehabt, und hast im Marmorhofe das Opfermesser in deine Brust gestoßen, um die Schande deines Geschlechts nicht zu überleben. Du bist Tudelas schwarze Rose genannt worden und bist im Brokatmantel und olivenfarbenen Schläfenbändern in Myrtenhainen gewandelt. Jehuda ben Halevy hat dich in seinen Träumen gesehen und dich besungen, und dein Vater hat dich getötet, wie man ein entweihtes Tempelgefäß zerschmettert. Du hast Liebheid geheißen und in dem alten Worms gelebt, ein armes, ehrbares Weib, das in engen, trüben Gassen geht und in niedrigen Kammern Garn hechelt und spinnt. Ein armer Wollkämmer bloß war dein Mann, aber du sangst seine Armut fort und gebarst ihm Töchter, die du mit eigner Hand im Frauenbade zu Worms tötetest, als die Kreuzritter die Judenstadt in Flammen setzten. »Esther, willst du noch mehr Namen und Todeslegenden haben? Es gibt so viele, um darunter zu wählen. Aber nun begreifst du, Schwester, warum ich dir nicht den Namen Braut geben will. Braut – das ist die Verheißung errungenen Glücks, geflüsterter Lust und zweier Seelen Einverständnis eines frohen Geheimnisses. Aber Trauer ist unser beider Innerstes, und Heimlosigkeit unser beider Heimlichkeit. So, Schwester, tragen wir beide denselben Siegelring mit dem Bilde derselben zuckenden Flamme, und was sollten wir mit einem anderen Ringe?« Ein Zicklein hat mein Vater' kauft für rote Heller drei, Doch sieh, daher die Katze lauft Und reißt das Tier entzwei. Ein Zicklein, ein Zicklein. Doch in derselben Stund', wo Miez' das Zicklein biß. Sprang rasch dazu ein Hund, Der 's Kätzelein zerriß, Ein Zicklein, ein Zicklein. Doch wie der Hund nun kam gerannt, Und 's Kätzelein bedroht, Da sprang der Stecken von der Wand, Schlug 's Hündlein mausetot. Ein Zicklein, ein Zicklein. Doch da von einem Holzstoß schoß Ein rotes Feu'r herab. Und bald nur schwarze Kohle, Und keinen Stock es gab. Ein Zicklein, ein Zicklein. Das war der letzte Gesang des Abends und der Ostererzählung. In einem Augenblick legte sich der Sturm in Kalonymos' Brust, und alle seine Gedanken hielten inne. Das alte Kinderlied mit der Sinnlosigkeit seiner Litanei, dem Rhythmus eines langsam fallenden Landregens, seiner tränenlosen und klanglosen Eintönigkeit barg gleichsam die langen Reihen dumpf gemurmelter und wiederkehrender Worte, mit denen der Kranke auf seinem Schmerzenslager seine Qual und sich selbst in den Schlummer wiegt, alles, was er gefühlt, was er gemeint, alles, was er vergessen hat, und alles, was er niemals im Leben von dem Schicksale des Volkes ausdrücken könnte, dessen Sohn er war. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und mit einem kindlichen KIang in der Stimme fiel er ein: Doch eines Bronnens Quelle Ergoß ihr Wasser klar, Worauf gleich auf der Stelle Das Feu'r verschwunden war.     Ein Zicklein, ein Zicklein. Doch sieh, da kommt von einem Hag Ein Ochs gelaufen her, Der trinkt und trinkt so viel er mag Und trank das Brünnlein leer.     Ein Zicklein, ein Zicklein. Doch schon der Metzger hebet Das Messer auf zum Schlag. Der Ochse nicht mehr lebet, In seinem Blut er lag.     Ein Zicklein, ein Zicklein. Der Gesang war unisono geworden. Die abgenützten und müden Stimmen der Älteren und die hohen, klaren der Kleinen mischten sich, und in der eintönigen Wiegenweise des Kinderreims versanken all die alten Erzählungen von Leiden und Schwert. Die Kerzen in den Leuchtern waren beinahe niedergebrannt, und die schmäler werdenden Flämmchen flatterten wie blutige Fäden über den Dielen. Das Dunkel, das mit Gesang und Bibelworten gesättigt war, breitete sich feierlicher um das Tuch, in dessen Silber die Lichter sich gebrochen und flackernd widerspiegelten. Die Kinder wurden auf den Armen der Frauen ins Bett gehoben, und die Erwachsenen standen in Gruppen und wollten miteinander sprechen, doch ohne daß es ihnen gelang, den Alltagston zu finden. Henoch betrachtete Kalonymos einen Augenblick forschend mit seinen erfahrenen braunen Augen, die nach der Andacht des Abends doppelt klar leuchteten, und er sagte milde: »Und nun willst du an Bord gehen, Kalonymos?« »Ja, Vater Henoch, nun will ich euch allen danken, euch eine gesegnete Fortsetzung des Osterfestes wünschen, und – selbst meine Straße ziehen ... weiter.« Als Kalonymos dieses sagte, fühlte er aller Blicke auf sich geheftet; den Frau Rosalies verwundert, vorwurfsvoll, den des Schulmeisters flehend, mit der Ehrfurcht des Selbstanklägers vor einem festen Willen, die der anderen bloß befriedigt über seine Abfahrt und das Verschwinden eines fremden und störenden Mitgliedes aus dem Kreise. Aber Esther erhob sich aus einem Stuhl am Fenster, wo sie gesessen und auf die weißen Gardinen geblickt hatte, auf denen die Eisenstangen draußen sich wie Gefängnisbalken abzeichneten, und mit einer Stimme, die schwach und stille war, sagte sie: »Ich geleite Kalonymos zu seinem Fahrzeug.« Kein Hauch von Farbe flog über ihr bleiches Antlitz, obgleich sie die Gedanken der Anwesenden erriet. Aber mit weiblicher Feinheit versetzte ihr Vater: »Recht so, meine Tochter, erfülle deines Vaters Pflicht gegen den Gast, denn ich selbst bin müde und sehne mich nach dem Kissen. Aber ich bin ja auch den langen Weg zwischen Ägypten und Kanaan gewandert, und wenn mein Volk auch nicht gemurrt hat, so ist es doch recht beschwerlich, ein Vorsänger durch die Wüste zu sein ... Gute Nacht, meine Freunde! Der Knecht wird euch begleiten und euch mit der Laterne durch die Nacht leuchten, Esther. – Und nun lebe wohl, Kalonymos, wir wollen deiner an jedem Osterfest gedenken, wenn wir das Brot der Wüstenwanderung brechen – und Friede über alle deine Lebenswege!« In einem Augenblick war der Reisende bereit und hatte sein leichtes Ränzel am Arme. Mit einem langen Blick prägte er den Saal und seine Menschen der Erinnerung ein, und mit dem Abglanze der erlöschenden roten Osterlichter in den Pupillen kam er hinab in den dunklen Flur, wo Esther und der halbschlafende Knecht mit der Laterne warteten. So traten sie hinaus auf die Straße. Die Glocke der Hauptkirche hatte eben elf geschlagen, und die Laterne des Nachtwächters auf dem langen Stecken verschwand wie ein kleines Sternlein in einer weißen Gassenkrümmung, Es hatte so dicht zu schneien begonnen, daß man die kleinen Lichter an den Ecken kaum sah, aber der viele Schnee leuchtete selbst mit einem bleichen Schimmer über die Straße. Der Schnee fiel unaufhörlich, nicht in dem wirren Gekrausel des Wintertags, noch in den schweren Flocken der Winterdämmerung, sondern in den leichten weichen Fähnchen der Märznacht, und der Duft frisch gefallener Schneehaufen erfüllte die Luft. Die Häuser und die Straßen sah man kaum – alles war weiß, rein und unberührt. Es war, als wandelte man in einem geheimnisvollen arktischen Garten, wo die Schneerosen der Hecken ihre weißen duftenden Blätter zu Boden streuten. Kalonymus regte sich und atmete mit Wohlbehagen. Mit einem Gefühl der Befreiung kam er aus dem verschlossenen Saale und seinen aufreibenden Gemütsbewegungen hinaus ins Freie. Sein Wesen ward von jugendlicher Freude darüber erfüllt, nichts anderes mit sich zu führen, als das Ränzel, das er in seiner Hand schwang, kein Hab und Gut zu besitzen, kein Heim und keine Bande zu haben, sondern frei ziehen zu können, wie das Wort, dessen Träger er war, leicht wie die weiße Schneeflocke, die in ihrer launenvollen, aber vorgezeichneten Bahn durch den Raum an seiner Wange vorbeistreifte. Aber während sein Gesichtskreis wieder die Weite der Unendlichkeit bekam, erwachte auch gleichzeitig in ihm jener Strom aus der Quelle der Liebe, den das Schicksal seinem Innern hatte entspringen lassen, und dessen Rauschen im tiefsten Grunde seiner Seele vor all den Blut- und Todeserinnerungen des Abends verstummt war. Wie scheu und schwach war der kleine Strom, aber dennoch wie unzertrennlich eins mit dem Springquell der Verjüngung und Vergebung! In fröhlichem Wiedererkennen lächelte Kalonymos seiner alles auftauenden Wärme entgegen, so wie einer Trösterin, der die Macht eigen, alle Stacheln zu brechen. Ach, daß die Schuldsumme der Verunrechtungen und des Leidens in Mementobüchern gebucht werden konnte, bewies ihre Vergänglichkeit! Welcher Rechenmeister hatte auch nur daran gedacht, die Unendlichkeit der Liebestaten auszurechnen? Und im übrigen, was bedeutete die Rechnung von gestern für heute? Für jeden Menschen war das Leben neu, und die Liebe neu und unbefleckt. Die tiefe Freiheit, die in der Versöhnung liegt, durchdrang sein Wesen, und der letzte Stein von der Sorgenlast des Abends fiel ihm vom Herzen. Er sah stille auf Esther, die in ihrem Pelz an seiner Seite ging, und eines Bruders Sehnsucht, ihr von der Fülle seiner Seele mitzuteilen, überkam ihn. Wie bleich, wie zart, wie verfeinert von einer verborgenen und rastlosen Sehnsucht ging sie an seiner Seite, und wie wunderlich wirkte doch der Schnee, der mit einem Eisglitzern in ihrem schwarzen Haar hängen blieb, über diesem schmalen südländischen Kopfe! Rebekka von Eleasars Brunnenrand, Ruth von Boas' Feldern, das Sonnenweib der Rebengelände, mit ihren starken Gefühlen und Farben von Schnee umgeben! Und dennoch hatte sie vielleicht nur hier – was wußte er davon! – gerade hier in dieser Kühle und Einsamkeit jenes Wesen der Sehnsucht, der Leidenschaft und der stolzen Schwermut werden können, unberührt von allem Kleinen und Niedrigen – so wie er fühlte, daß sie war. Er sah fragend in ihr Antlitz, das von einem Schimmer der Laterne des Knechts schwach beleuchtet wurde, und das gegen die Nacht und die Flocken schimmerte. »Esther.« »Kalonymos«, sagte sie, und ihr Ausdruck war ein anderer als zuvor. Er fühlte, daß sie sich durch eine falsche Hoffnung durchgekämpft und daß sie seine verborgenen stummen Gedanken verstanden hatte. »Kalonymos,« sagte sie, und ihre Stimme war die der alles verstehenden Schwester, von der er eben zu sich selbst gesprochen, »glaubst du, daß es niemals anders wird, daß es stets so fortgehen soll, wie es gewesen ... Der Stock auf die Katze und die Katze auf die Maus und die Maus auf den Strick – sollen die Schmähungen nie ein Ende nehmen und Gottes Gerechtigkeit in der Welt klar werden?« »Das weiß ich nicht, Esther, aber ich weiß, daß es groß ist, die Ungerechtigkeit zu tragen, wenn man selbst der Rechtfertigkeit huldigt. Und außerdem – Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit? Wenn die Gerechtigkeit der göttliche Plan des Weltgebäudes ist, der in den Herzen der Besten und Auserwählten niedergelegt ist, und die Ungerechtigkeit die ganze Kette des Abfalls vom Plane, die während der Verwirklichung desselben auf unserer Erde hervortreten muß, dann muß es ja auch Ungerechtigkeit geben, und wer weiß, in welchem Grade sie eine Notwendigkeit des Opfers für den Bestand des Gebäudes ist. So wird es nur eine Ehre mehr für die treuen Schultern, die eingesetzt wurden, die heilige Bürde der Ungerechtigkeit zu tragen.« »Ich glaube nicht, daß ich dich recht verstehe, Kalonymos.« »Nein, Esther, aber wenn du einmal zwei Söhne hast von ungleicher Gemütsart, und verschieden in der Kraft, ihre eigenen und deine Sorgen zu tragen, aber beide gleich notwendig für dich und füreinander, wirst du mich vielleicht verstehen.« Die Wanderer hatten während dieses Gesprächs die ruhigen Gassen hinter sich gelassen und waren hinaus auf die windumwehte Schiffsbrücke gekommen. Durch den Schnee hörte man die Wogen gejagt und rastlos gegen das Ufer schlagen, und die Seebrise hauchte schon kalt und fremd zwischen ihnen. In wenigen Minuten schon sollten sie getrennt sein! Kalonymos sah aus, als wollte er dem, was er gesagt hatte, noch etwas hinzufügen, aber im selben Augenblick stießen sie mit einem Fußgänger zusammen, der ohne Laterne durch den Schnee tappte. Der Knecht erhob das Licht zum Antlitz des Kommenden, und dieser blieb jäh im Scheine stehen. »Mein Gott, Jungfrau Henoch, zu dieser Tageszeit aus«, sagte er und nahm artig den Hut ab, indes er Kalonymos verwundert betrachtete. Es war ein junger Mann von schönem, echt schwedischem Aussehen, eine hochgewachsene, blonde Gestalt, ein glückliches Lächeln in den klaren, blauen Augen. Die helle Freudigkeit eines Stockholmer Gesellschaftsabends umschwebte ihn mit einer Atmosphäre von Lebensmut und Munterkeit, und es sah aus, als freute er sich so recht an seinem abendlichen Kampf mit dem Winde von der Ostsee und all dem wirbelnden Schnee. Den großen Kragen seines Mantels hatte er nicht aufgeschlagen. Er ließ Wind und Flocken sein Antlitz peitschen, und in der Einsamkeit der Winternacht wurde seine Seele bis zum Rande von seiner eigenen Jugend und Lebenslust erfüllt. »Das ist meines Vaters Gast, Kalonymos, den ich zu seinem Fahrzeug geleite. Er soll ums Morgengrauen nach Liebau fahren und will an Bord.« Esther hörte ihre eigene Stimme verändert wie aus der Ferne, und sie fügte dann lauter für Kalonymos hinzu: »Das ist unser nächster Nachbar, Kauffahrteikapitän Trana.« »Soso, Fremdling,« sagte Trana mit seiner frischen, klingenden Stimme, »da werdet Ihr wohl tüchtig geschaukelt werden, denn es bläst von Nordwest her, da wird es morgen Sturm geben – doch glückliche Fahrt wie immer. Und gute Nacht und Gottes Frieden, Jungfrau Esther.« Seine Stimme nahm einen so warmen Tonfall an, als er sich an das junge Mädchen wandte, daß Kalonymos begriff, daß sie einen hohen Platz in seinen Gedanken einnahm. Esther selbst errötete, als sie den Kopf zum Abschied neigte. Und eine Bellmanmelodie summend, verschwand der Kapitän im Schnee, trotz der Dunkelheit den geraden Weg mit der Sicherheit eines Mannes weiterschreitend, den seiner selbst gewiß ist. Inzwischen hatten Kalonymos und Esther ihren früheren Gesprächsfaden verloren, und sie sollten ihn nicht wiederaufnehmen. Nur ein paar Schritte noch, und das grüne, zischende Wasser, auf dessen Wellenkämmen sich die großen, weißen Schneeflocken wiegten und wie untertauchende Seevögel verschwanden, schimmerte eisig in der Dunkelheit. Sie waren an der Bomslupsbrücke, an der Kalonymos' Schoner lag. »So schöne, blaue Augen,« sagte Kalonymos und sah noch einmal brüderlich das blasse, zarte Mädchen an. »Ja, Esther,« fuhr er fort, »Augen sind schließlich alles. Schwarze Augen und blaue Augen, Augen, die verstehen, und Augen, die noch nicht gelernt haben, einander zu verstehen. Aber überall auf Erden, wo es Menschenaugen gibt, gibt es auch die Liebe, die die Menschen leben und alles überwinden läßt.« Das waren Kalonymos' letzte Worte. Er ergriff beide Hände Esthers, drückte sie fest, während er ihr tief in die Augen sah, und verschwand auf dem Verdeck. Esther blieb am Ufer stehen und spähte ihm durch das Dunkel nach, aber ohne mehr als einen Schatten zu unterscheiden. Der Schnee fiel, der Meereswind wehte immer stärker mit seinen Stößen aus der Ferne, und das Boot riß an seinen Ketten und sehnte sich fort. Da drückte Esther beide Hände fest gegen die Lippen, streckte sie durch den Schnee nach dem dunkeln Wasser aus und wandte sich der Stadt zu. Der Fremdling war verschwunden, wie er gekommen war. Schon sah ihre Einbildungskraft nur undeutlich seine Gestalt, aber sein dunkler schwarzer Blick war ihr unvergeßlich eingeprägt, und still seine Worte von den Augen wiederholend, die verstehen, oder eines Tages verstehen lernen, folgte sie durch Finsternis und Schneefall der kleinen Laterne, die sie heim geleitete. L. Feierberg Das Kälblein. Aus dem Hebräischen von Dr. Ernst Müller. Es war Sommerzeit. Die Sonne neigte sich aus ihrer Höhe mit leuchtendem Auge in das düstere Cheder herein, warf spottend, als wollte sie den Melamed beschämen, ihren Blick auf seinen schmierigen Tallis-katan, verwob ihre Strahlen in seinen spitzen Bart, wie um ihn zu erschrecken, und goß übermütig ihren goldenen Glanz über Staub und Schmutz, und über den Wassergraben in der heiligen Straße, der Straße der Synagoge, der Melamdim, der Schächter, die gleichzeitig den Marktplatz bildete. Und mit dem tiefsten ihrer Zauber flüsterte sie uns lachend zu: »Törichte Kinder, was sitzt ihr da, eingesperrt mit dem Rabbi?« wahrlich, wie köstlich, wie segensvoll sind diese Sonnenstrahlen, die so voll Liebe und Anmut durch das Fenster schweben und tanzen! Und draußen, wie schön, wie hold! Die Spiele dort so hübsch! Wie duftig der Dunst, der von der Wiese aufsteigt! wie glücklich die Kinder, die jetzt draußen sich tummeln, am Boden sich wälzen, Erdkügelchen kneten und an der Sonne trocknen! Der Rabbi hingegen ist hart und grausam, er kennt keine Gnade, Er sitzt und lernt, Er sitzt und wiederholt. Schweißtropfen fallen auf die Gemara, der Rock ist feucht und klebt am Leibe, die Hände sind schwer, der Kopf schmerzt, die Stimme ist gedrückt. Aber der Rabbi wiederholt, lernt und wiederholt... Endlich wird auch er müde, Er unterbricht die Wiederholung, sagt uns einige ermahnende Worte und heißt uns ins Beth-ha-Midrasch gehen, um Mincha zu beten, wir eilen atemlos, in Haufen, auf die Straße. Da kommt uns eine Herde entgegen. An der Spitze wandeln gewichtige Lämmer, voll Seelenruhe und Selbstzufriedenheit, wie Rabbis oder angesehene Männer des Städtchens, wenn sie zusammen mit »gewöhnlichen Menschen« zu einer frohen Pflichterfüllung gehen: zum Empfang eines Bräutigams, zu einer Beschneidung, zu einem Begräbnis. Hinter ihnen kommen di Ziegen, dann die Kühe, die Kälber, Schweine und Füllen, jedes in seinem Lager. Der Staub dringt bis in den Himmel, und wir drängen und mengen uns mitten in die Schar. Der eine von uns setzt sich rittlings auf ein Lamm, der andere auf einen Ziegenbock, der dritte sucht die Tiere zu quälen, beunruhigt und erschreckt sie, damit sie wissen, daß ein Mensch da ist, ein Sohn jenes Geschlechtes, das mit seiner Kraft die Welt und ihre Fülle beherrschen soll. Am Ende des Heerlagers kommt noch unsere Kuh, ihr zur Rechten der Hirt, der auf den Schultern ein liebliches Kälblein trägt. Ich verstand plötzlich das Geheimnis dessen, was meine Mutter mehrere Male erzählt hatte: unsere Kuh sei trächtig. Jetzt erreichte meine Freude ihren Höhepunkt, und ich betrachtete nur voll sehnsüchtigen Neides den Hirten, der das schöne Kälblein direkt ins Haus meines Vaters trug. Aus ganzem Herzen wollte ich ihm nachlaufen, mich auf das Kälblein werfen und es vor Liebe küssen. – Doch wie? – Und der Rabbi? Und das Minchagebet! Was wird die Mutter sagen, wenn sie ihren Jungen sieht, der Talmud lernt und solchen Unsinn treibt? So entschloß ich mich mit Widerstreben, ins Beth-ha-Midrasch zu gehen. Das Gebet war verstrichen – ich lief eilig nach Hause – zum Kälblein. Wie ich kam, liefen mir schon die kleinen Brüder und Schwestern entgegen und verkündeten mir das frohe Ereignis. »Hättest du's gesehen, Chofni,« so sprachen sie aus einem Munde, »wie lieb dieses Kälblein ist, wie breit seine Stirn, sein Näschen, seine lange Zunge und seine roten, vollen Lippen, hättest du's gesehen . ..« Ich konnte nicht warten, bis sie zu Ende waren, sondern lief eilends in den Stall, warf mich vor dem Kälblein nieder, betastete seinen ganzen Körper, nahm es auf den Arm und trug es in die Küche, wo ich es beim Kerzenlicht betrachten konnte. Dann tauchte ich einige Bissen Brot in Salz und legte sie auf seine Zunge. Es aß mit Appetit und blickte dann auf mich voll Wohlgefühl und Dankbarkeit. Ich erkannte im Augenblick, daß ich dem Kälblein lieb geworden war und, seinen Blicken nach, mich als wert der Freundschaft erwies. Denn es bevorzugte mich vor allen Rindern, vor Brüdern und Schwestern, und blickte stets entweder auf mich oder auf alles, worauf mein Auge ruhte. Da empfand ich eine starke Liebe zu dem schönen Kälblein, allerdings untermischt mit Stolz, und ich bemühte mich, es mit vollem Herzen zu hegen und zu pflegen und ihm Liebe für Liebe zu vergelten ... »So wird es sein,« sagte abends meine Mutter zum Vater, als er nach Hause kam. »Ein guter Zufall: die Kuh hat ein Kalb geworfen. Nächste Woche werden wir es schlachten, so wird es nach deinem Wunsche ein Braten sein.« »Ist das möglich, Mutter!« rief ich voll Bestürzung, »kannst du dieses schöne und liebliche Kälblein schlachten lassen!« »Du bist noch ein Kind, ein Dummkopf und ein Narr. Sagtest du so etwas unter Männern, man würde dich auslachen.« Als ich wieder in die Küche kam, um das Kälblein zu besuchen, die Lust meines Sehnens und die Liebe meines Herzens, und als ick seine Blicke sah, die auf mich gerichtet waren und gleichsam um Milde und Erbarmen flehten, da strömten meine Augen von Tränen über, voll Inbrunst stürzte ich hin, betastete sein Fell – heiße Tropfen fielen auf seinen Hals – ick küßte es und hörte nicht auf zu weinen. In jener Nacht kamen mir viele Gedanken. Da empfand ich, was ich nie zuvor erlebt hatte, als ob ein Vogel tief in meinen Kopf sich eingebohrt hätte und darin mit scharfem Schnabel nagte. Und ich glaubte eine Stimme zu hören: »Chofni, wozu ist dieses Kälblein zur Welt gekommen! Um geschlachtet zu werden! Und wann wird man es schlachten? Und wenn es nur dazu geboren wurde, konnte es nicht häßliche Borsten tragen und schwarz wie Tinte sein! Wann will meine Mutter es schlachten lassen? Und wer gab ihr Erlaubnis, dieses schöne Kälblein zu schlachten?« In jener Nacht gelobte ich achtzehn Kopeken für die Kasse Rabbi Meirs, des Wundertäters, daß er das Herz meiner Mutter zum Guten wende für das Kälblein. Dann schlief ich ein. – Im Traume sah ich das Kälblein schon gebunden, der Schächter stand vor ihm, das Messer in der Hand; ein Augenblick – das Kälblein zuckte und verblutete. Am Morgen, als ich vom Bett aufstand, lief ich sofort in den Stall – und fand noch zu meiner Freude mein Kälblein daliegen in friedvollem Schlummer, lebendig und gesund; seine Mutter war darüber herabgebeugt und leckte sein Fell, strich durch seine Härchen, Reihe um Reihe. Jetzt, da ich dies schreibe, weiß ich, daß das Kälblein nicht den Mittelpunkt der Schöpfung bildet: Beweis, daß das Kälblein schon geschlachtet wurde und die Welt dennoch weitergeht. Damals aber hätte ich meinen mögen, daß alles Dasein sich im Kälblein konzentriert, daß alles nur gleichsam seine Verkörperung, ein Schatten seines Wesens sei. Am darauffolgenden Abend, als ich nach Hause kam, fand ich den Schächter in Unterhandlung mit der Mutter – im verlaufe des Gespräches kaufte er von ihr des Kälbleins Fell. Damals schwieg ich, denn meine Mutter hatte mir gestern gesagt, daß ich ein Tor sei –, aber mein Geist tobte in mir und mein Herz pochte wie ein Hammer. Dann dachte ich: »Bin ick denn ein Tor? Warum? Wer kann denn sagen, daß man sich dieses schönen Kälbleins nicht erbarmen soll? Meine Mutter sagte so oft, man solle sich aller Lebewesen erbarmen und nicht grausam sein. Nicht grausam sein und schlachten? Sich erbarmen und schlachten? Meine Mutter sagte so. Aber wer kann sagen, daß sie recht hat? Doch wie? Die Mutter? Kann eine Mutter irren? Herr der Welt! In deiner Hand sind beide, meine Mutter und das Kälblein, warum hast du den Hauch des Lebens in das Kälblein gegossen und ins Herz meiner Mutter den Wunsch, es zu töten? Herr der Welt! Dieses Kälblein, das du gebildet mit all seinen Gliedern und Adern, dem du die Kraft und Dauer verliehen hast, viele Jahre auf der Erde zu leben: warum wird es geschlachtet! Gott und Herr, vor dir ist es auch offenbar, daß dieses Kälblein geschlachtet wird und jenes nicht: warum hast du dann jene Kälber geschaffen, die nur zur Schlachtung da sind, und warum hast du ihnen Kraft gegeben, um noch Leben zu zeugen? Wenn du sie aber zum Leben erschaffen hast, warum können andere deinen Willen übertreten?« Und mein kleiner Bruder, der acht Tage nach seiner Geburt starb? Von ihm sagte die Mutter mit Bestimmtheit, daß ihm schon vor der Geburt im Himmel sein Leben vorgezeichnet wurde? Und warum wurde er mit der Vollendung eines Menschen geschaffen? Wozu brauchte er Füße, wenn er nicht gehen, Hände, wenn er sie nicht gebrauchen sollte? Was wäre er geworden, wenn ihn nicht die Hebamme erdrückt hätte? Und was war ihre Schuld, wenn ihn der Todesengel schlug? Und so sagte meine Mutter, der Todesengel hätte ihn eigentlich hinweggenommen, auch wenn die Amme seinen Tod verschuldete. Wozu der Todesengel? Und kann es sein, daß ein Mensch, gar daß ein Kind ohne Todesengel stirbt? »Mutter, kann ein Mensch ohne Todesengel sterben?« – »Bist du verrückt, Chofni?« Meine Mutter schämte sich vor dem Schächter, der über meine dumme Frage lachte. »Was brauchst du das zu wissen? Kannst du denn schon die ganze Gemara, daß du wissen mußt, wie ein Mensch stirbt?« Da erbleichte mein Antlitz und ich wurde voll Grolles. In jener Nacht floh mich der Schlaf und bittere, schreckliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich hüllte mein Gesicht in die Decke, denn ich erschrak vor meinen furchtbaren Gedanken mit ihren markerschütternden Fragen. Damals empfand ich, daß in meinem Innern etwas zusammenbrach, daß etwas von seiner Stelle gerissen und entwurzelt wurde. Damals empfand ich, daß ich kämpfte, nein, daß in mir verstand und Herz gegeneinander kämpften. Das Herz verkroch sich und floh vor dem Verstande, dann rüstete es sich mit seiner letzten Kraft zur Verteidigung – dann strauchelte und fiel es – und eine tiefe Wunde blieb in mir. Dann gelobte ich mir noch einmal achtzehn Kopeken für die Kasse Rabbi Meirs, des Wundertäters, und ich sprach mit Inbrunst und gebrochenen Herzens, wie ein Mensch, welcher weiß, wie schwer er gesündigt hat: »In deine Hände, o Gott, befehl' ich meine Seele.« Dann schlief ich ein ... Ein Augenblick jagt den andern, ein Tag erreicht den andern, Es kam der zweite, der dritte, vierte, fünfte Tag – das Kälblein soll am achten Tage geschlachtet werden – wohin aber bin ich geraten ...? Das Kälblein wuchs von Tag zu Tag – es strampelte mit seinen langen, dünnen Beinchen, und so oft es mich von ferne sah, lief es mir entgegen, hüpfte und tollte vor Herzensglück – ich empfing es mit stummem Seufzen und weinte und lachte zu gleicher Zeit. Der Schreckenstag, der achte, kam. Ich sehe die schrecklichen Augenblicke nahen und nahen. Die Zeit läuft rasend, die Sonne steigt, steigt – jetzt sinkt sie wieder nach Westen ... Ich weiß: das Kälblein wird nicht geschlachtet werden, es kann, es kann nicht sein – trotzdem hämmert mein Herz. Ich weiß: der Himmel wird heruntersteigen, ihm zu helfen, die Engel werden kommen, um es zu retten – das Messer wird zerbrechen oder sein Hals wird zu Stein werden. Auf natürlichem Wege ist eine Rettung nicht möglich – meine Mutter ist starrsinnig – aber ein Wunder wird geschehen, die einzige Möglichkeit. Das Kälblein ist so lieblich. – Ich gelobte viel, jede Stunde mehr und mehr ... Trotzdem – wer kann es wissen? Mein Herz pocht, meine Augen sind voll Tränen, meine Empfindungen toben, meine Gedanken jagen hin und her. Es ist schwer, hier einzugreifen, auch der Rabbi versteht es nicht. Nein, ich werde nicht den Rabbi fragen, auch er wird mich verlachen und einen Toren nennen, wie meine Mutter... Das Kälblein wurde geschlachtet. Jehudah Steinberg Schimschon der Greis. Aus dem Hebräischen von Dr. Ernst Müller. Weder Neumond noch Sabbat ist es heute, – und doch brennen im Hause Schimschons des Alten, große Kerzen in Silberleuchtern, die nicht aus der Lade genommen waren seit jenem Tage, da ihm Zirele, sein Weib, gestorben war. Über den Tisch ist eine weiße Decke gebreitet und über alles etwas wie ein Schatten von Festlichkeit. Seine verheirateten Söhne und Töchter samt seinen Enkeln haben sich bei ihm versammelt, dazu einige Bekannte und Leute, die ihm nahestanden. Nur er allein sitzt einsam an dem Kopf des Tisches, in Sabbatkleidern angetan, und blickt wie in Verwunderung auf seine Umgebung. »Ist es ein Scherz, den diese Menschen treiben!« Er will den versammelten ins Angesicht schauen, aber er fühlt, wie er sich schämt. Lang ist's her, seit er solch »kindisches« Fühlen gekannt! Bin Greis, der sich schämt! vor Jünglingen! vor Kindern! Er wendet seine Augen von ihnen und schließt sie von Zeit zu Zeit, damit jene ihn nicht ansehen. Und wie er seine Augen schließt, kommt ihm eine Nacht gleich dieser ins Gedächtnis, aus weiter Vergangenheit her. Damals aber war das etwas ganz anderes. Damals hat seine »Zirele« noch gelebt. Er war noch ein Knabe, hatte seinen ständigen Aufenthalt in der »Klaus« und kam ins Haus seiner Eltern nur mittags, um zu essen, und nachts, um zu schlafen. Aber er wußte, daß er einen »Mechutan« und eine »Mechutenet« hatte, die zuweilen in den Wohnort seiner Eltern kamen und ihm Geschenke brachten. Und er verstand, daß er dort, im Hause des »Mechutan« und der »Mechutenet« auch eine Braut haben müsse, – es scheint ihm, daß sie »Zirele« heiße. Und er erinnert sich, daß er um ihretwillen oft schon einen Kampf der Triebe auszufechten hatte, – weil ihm nämlich Gedanken über sie mitten im Lernen und Gebet den Kopf verwirrten ... Er sitzt zum Beispiel am Freitagabend bis nach Mitternacht in seines Vaters Hause und liest »Schir Haschirim«. »Mit mir, komm, o Braut, vom Libanon«,– sofort denkt er an sie, sieht sie mit allen jenen Merkmalen, die er der Braut aus »Schir Haschirim« gegeben hat. Oder er sitzt in der sechsten Nacht der Woche wach in der »Klaus«, wie es bei den Jüngern der »Klaus« Brauch ist, wandelt den »Raschi« des Wochenabschnitts durch und ist mit der Wertmessung der Schönheit unserer Stammesmutter Sara beschäftigt. Und sofort stellt sich jene, die Zirele heißt, vor seine Augen hin in der vollen Schönheit der Sara, unserer Stammesmutter. Und manchmal ging er ganz unschuldig an dem Hause des Dieners vorbei, der neben der »Klaus« wohnte, blickte in das Zimmer hinein und strauchelte an einer Versündigung des Blickes: denn er sah die Tochter des Dieners mit entblößten Armen stehen, die in einem Troge Wäsche wusch. Dann meinte er, daß Zirele an Schönheit der Tochter des Dieners gleichen könnte. Und nachher wieder, als er bei Ephraim, dem greisen Schächter, aus und ein ging, der nach dem Tode seines ersten Weibes ein ganz junges Mädchen zur Frau genommen hatte (und bei ihm lernte er die Kunst des Schächtens), dann stellte er sich – denn auf beide stieß er viele und viele Male – Zirele einmal in der Art der mannbaren Jungfrau vor und ein anderes Mal in der Gestalt der jungen Frau des Schächters. So kämpfte er immer mit seinen Gedanken und obsiegte dem bösen Trieb. Nur eines beschloß er fest bei sich: wenn er Zirele zum Weibe nehmen wird, dann wird er sie lieben. Und nach der Thora ist es doch erlaubt, sein Weib zu lieben. Und er erinnerte sich, daß, als er einmal nachts nach Hause kam, sein Vater ihm kund tat, daß seine Hochzeit – so Gott will – am nächsten »Trostsabbat« stattfinden werde. Er freute sich ausnehmend darüber. Nur schämte er sich vor sich selber und strengte sich an, etwas Trauriges in seine Gedanken zu bekommen, damit man ihm nicht anmerke, wie er sich der Nachricht freut, – doch gelang es ihm nicht. Was ihm nur einfiel, war Spaß und Fröhlichkeit. Und dann der Sabbat der Vollendung! Und wieder jene Reize, die er nie vergessen wird! Wieviel überschwengliche Wonne und wieviel Sorge und Angst empfand er auf jenem Wege. Er sorgte und ängstigte sich, es könnte am Ende auf dem Wege etwas passieren, um alles zunichte zu machen. Es könnten sie Räuber überfallen, – es könnte ein Unwetter kommen, das sie zur Rückkehr zwingt, – es könnte, – wer weiß es? –am Ende einer der Schwägersleute Reue bekommen. Und dann, wie er vor dem Schreiten unter den Trauhimmel auf sie blickte, wie es so sein soll, da sah er, daß sie wirklich sehr schön war. Dann unter dem Trauhimmel wurde er plötzlich zum Mittelpunkt aller Blicke, – Greise standen vor ihm auf, – die Reichen der Stadt taten ihm Ehre an! Das war wirklich des Glückes zu viel! ... Und dann begann er mit ihr zu leben. Er hielt sein Gelöbnis und liebte sie. Sie war auch ein musterhaftes Weib. Um ihretwillen war er gewürdigt, gottesfürchtige, vollendete Söhne in die Welt zu setzen und Töchter, wert, an Talmudgelehrte vermählt zu werden. Sein Herz klopfte ihm manchmal: man könnte dafür seinen Lohn im Jenseits verkürzen. Er wußte und fühlte bei sich, daß er in dieser Welt zu viel des Glückes genoß ... Die Leute redeten ihm nach, daß er ein »Geizhals« sei, weil er nicht, wie es einem richtigen Mann seines Standes ziemt, »Gäste ins Haus nahm«. Wer aber Verborgenes weiß, kennt die Wahrheit, daß er nicht aus Geiz Gäste von seinem Tische fernhielt, nur darum, weil er sich vor ihnen schämte, mit ihr zusammen bei Tische zu sitzen. Und sie den Gästen zuliebe vom Tische zu vertreiben, vermag er gewiß nicht. Wie wird er seinen Sabbat entweihen und allein mit den Gästen zu Tische sitzen! Und sie soll in der Rüche speisen? Dann aber – der Todestag! Ach! Er zweifelt, ob jene ganze Wonne gleichkam dem bitteren Schmerze jenes Tages und dem Schmerze der ganzen folgenden Jahre! Das erste Jahr, erinnerte er sich, war er wie vom Wahnsinn befallen. Er blickte auf seine zwei jungfräulichen Töchter, die ihm geblieben waren, und weinte; er blickte auf sein kleines Mädchen und weinte; er fetzte sich zu Tische und weinte, er ging an der Küche vorbei, warf einen Blick hinein – und weinte; er suchte ein Buch in der Lade, stieß auf Zireles Gebetbuch und weinte. Er weinte das ganze Jahr. Und dann begannen die Leute hinter ihm zu reden: »Ist es möglich! Ein »Schächter und Aufseher« in Israel, und bleibt ohne Weib? Und damals stand die Sache in Gefahr: er war fast von der Notwendigkeit gedrängt: »die Würdenträger der Gemeinde gegen den Schächter und Aufseher« – keine Kleinigkeit! Aber jedesmal, wenn es zur Ausführung kommen sollte, empfand er eine Art Ekel. Sein Herz bäumte sich mit aller Macht dagegen. Und er fing an, durch eine Ausrede zu entschlüpfen: »Ich will zuerst meine älteste Tochter verheiraten.« Und als er sie vermählt hatte, begann er sich mit seiner zweiten Tochter zu entschuldigen. Inzwischen wuchs auch das kleine Mädchen heran, und er begann vor den Würdenträgern zu klagen und wies mit dem Finger auf das Kind, das schon in seine Jahre gekommen war. Und als er das »Kind des Alters« vermählt hatte, versprach er seinem Schwiegersohne die Kost an seinem Tische, solange er lebe, in der Absicht, eine neue Ausrede zu haben gegen jene, die über seinen ledigen Zustand redeten. Indes verjährte sich die Sache; er wurde immer älter, kam in die Jahre des Greisentums und war vor der bitteren Versuchung gerettet. Jedenfalls achtete er nicht mehr dessen, was die Würdenträger über ihn redeten, weil er sich überhaupt nicht mehr mit dem Schächten befaßte. Er übergab sein Amt dem Schwiegersohne, der an seinem Tische speist. Dieser ist ein rechter »Schächter und Aufseher«, gottesfürchtig, fromm und stellte die Gemeinde zufrieden. »Was aber wollen diese Narren jetzt?« »Können sie die Jahre erneuern? Mir sie wiedergeben, sie, Zirele?« Und er weiß doch, daß nicht jene ihn dazu drängten, sondern er selbst hatte seinen Kindern die Absicht kundgetan, nach Erez Israel zu gehen, und er selbst hatte gestanden, daß er zu diesem Zwecke ein Weib nehmen müsse; denn, die Wahrheit zu sagen, wie kann ein Mann aus Israel, und gar einer, der schon in die Jahre kam, nach Erez Israel gehen ohne Weib? Er weiß dies alles und kann keine Schuld auf einen anderen lasten. Nur wenn er auf diese närrische Feier blickt, wenn er den Schadchen sieht, den Vorbeter, den Gemeindediener, mit eben dem nämlichen Trauhimmel, unter dem er damals gestanden hatte, – vor vierzig Jahren, – dann faßt ihn ein heftiges verlangen, aufzuspringen, die Lichter auszulöschen, all diese geputzten Gäste – sie einbegriffen – aus dem Hause zu jagen und ihnen nachzuschreien: »Verräter! Was wollt ihr, Kinder, Narren?« »Was aber wird mit Erez Israel sein!« ... David Pinski Im Sturm. Zur Warnung für leichtfertige junge Leute und Zweifler erzählte mir eine fromme Frau die nachfolgende Geschichte: Am klaren Himmel zeigten sich schwarze Wolken. Zuerst waren sie weit in der Ferne, hinter dem Walde zu sehen, doch bald bedeckten sie den ganzen Himmel über dem Städtchen, vom Wind gepeitscht kamen sie in wilder Eile daher. Der Sturm wirbelte Staubwolken auf und schleuderte sie bis zu den Wolken empor; entwurzelte Bäume und riß die Dächer von den Häusern. Eine drückende Finsternis senkte sich nieder, und der Tag ward zur Nacht. Die Menschen schlossen sich in ihren Häusern ein und verrammelten Türen und Fenster. Die Gesichter der Frommen wurden noch ernster und ihre Gemüter wurden noch mehr bedrückt. Gott grollt! Die traurigen Stimmen der Psalmbeter wurden noch inniger ... Eine alte Frau sah vom Gebetbuche auf, blickte durch die Brille zum Fenster hin und seufzte schwer. Eine weile saß sie so und blickte auf die Gasse hinaus. Draußen wollte es nicht heller werden. Immer neue Wolkenmassen kamen, und der Wind heulte. Die Alte konnte die Psalmen nicht weitersagen. Sie legte die Brille in das Buch, erhob sich und ging in das Zimmer ihrer Tochter. »Was sagst du zu ...« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, denn die Tochter war nicht im Zimmer. Die Frau ging in die Küche und wieder ins Zimmer, aber das Mädchen war nirgends zu sehen. Der Hut lag nicht am gewöhnlichen Platze. Mit zitternden Händen öffnete die Alte den Schrank – auch die Jacke fehlte ... Das Mädchen ist nicht zu Hause. Und die Mutter hat ihr doch ausdrücklich gesagt, daß sie wenigstens heute – am Schabbos-Tschuwoh – nicht zu jenem Abtrünnigen, jenem gewesenen Studenten gehen soll. Das Gesicht der Alten verdüstert sich wie der Himmel draußen. Ein Zorn erwacht in ihr, und sie blickt um sich, als wollte sie jemand schlagen oder etwas zerbrechen. »Oh, wär' sie doch nicht mehr meine Tochter«, schrie sie und erhob die Hände zum Himmel. Sie erschrickt nicht vor dem Fluch, den sie am Schabbos-Tschuwoh ausgestoßen hat. Sie hätte am liebsten noch mehr geflucht und geschrien. Wenn sie die Tochter hier gehabt hätte, sie hätte sie geschlagen und bei den Haaren gezogen. Rasch warf sie ein Euch über und lief in den Sturm hinaus. Sie wird die beiden aufsuchen und ihnen ihre Meinung sagen. Ein Blitz fuhr aus den Wolken und der Donner grollte. Dann folgte Blitz auf Blitz, Donner auf Donner ... Die Juden im Städtchen ängstigten sich sehr und ihre Seelen waren voll Andacht. Aber die Alte fürchtete sich nicht vor dem Gewitter. Sie hatte die Augen voll Staub und der Wind riß an ihrem Tuch und an ihrem Kleide. Sie schritt tüchtig weiter, sah und hörte nichts, und nur in ihrem Innern wühlte es. Ihre kleine Figur schrumpfte noch mehr zusammen. Es schien, als sei sie noch schneller als der Wind. Der Wind jagte hinter ihr, und wenn er sie einholte, stieß er sie vorwärts und sie schritt noch schneller aus. Sie erreichte die Wohnung des »Abtrünnigen«, riß die Tür auf und warf sie hinter sich zu. Die Menschen, die sich im Zimmer befanden, sprangen entsetzt von ihren Plätzen auf. Sie musterte sie mit einem wilden, feindseligen Blick und rannte in die anderen Zimmer, die Türen hinter sich zuschlagend, daß es nur so dröhnte... Und der Donner grollte unausgesetzt. Es schien fast, als habe sie mit dem Donner gewettet, wer die Fenster und Türen mehr erzittern machen werde ... Ein Knabe, der sich in einem Zimmer befand, erschrak so sehr vor ihr, daß er heftig zu weinen anfing. Und die Alte rannte von Zimmer zu Zimmer, aber sie fand hier weder ihn noch ihre Tochter. Sie eilte aus dem Hause, aber auf der Schwelle hielt sie einen Augenblick an, hob die Hände zum Himmel empor und schrie mit heiserer Stimme: »Verbrannt soll dieses Haus werden...!« Dann riß sie die Tür auf, ließ sie weit offen und stürzte davon. Die Menschen im Zimmer waren sprachlos vor Überraschung. Ein schwerer Regen, der mit Hagel gemischt war, stürzte nieder, und der Sturm peitschte den Regen, daß man keinen Schritt machen konnte. Aber die Alte lief immer weiter und suchte alle Häuser auf, in denen sie ihre Tochter mit ihrem Geliebten anzutreffen hoffte. Sie hielt sich nirgends auf, sprach nirgends ein Wort, sondern kam hereingestürzt und war im Nu wieder fort. Sie muß sie finden! »Aber wohin nun?« fragte sie sich, als sie das letzte Haus erreicht hatte. Sie machte sich wieder auf den Heimweg, denn sie hoffte, daß sie die Tochter zu Hause antreffen werde. Als sie nach Hause kam und die Tochter nicht vorfand, warf sie sich auf einen Stuhl und begann zu jammern. Da ertönte ein furchtbarer Donnerschlag, daß das Haus erzitterte. Die Menschen im Städtchen erschraken fürchterlich und blickten durch die Fenster, ob draußen nicht ein Unglück geschehen sei. Mit bebenden Lippen sagten die betenden Juden die Psalmen her. Die alte Frau hörte aber den Donner nicht. Sie saß da und weinte jämmerlich, doch plötzlich fing sie laut zu schreien an: »Sie soll nicht mehr lebend nach Hause kommen. Tot soll man sie mir bringen, Herr der Welt!« Und wie zur Antwort grollte der Donner, und der Sturm blies pfeifend um das Haus. Dann raffte sich die Alte auf und eilte noch einmal in den Sturm hinaus. Der Wind stieß sie vorwärts und bewarf sie mit Kot und Regentropfen. Sie eilte zum Wäldchen vor der Stadt. Gewiß sind sie dort spazierengegangen, und sie wird ihnen im Wirtshaus oder sonstwo begegnen. Auf der Dorfstraße, die ins Freie führte, hörten die Hunde ihre schnellen Schritte und begannen aus den Hütten, wohin sie sich verkrochen hatten, laut zu bellen. Aber die Alte achtete nicht darauf, sondern sah immer vor sich auf den Weg, der zum Wäldchen führte. Im Freien wütete der Sturm noch stärker. Der Weg war mit zerbrochenen Zweigen bedeckt und auch einige entwurzelte Bäume lagen da. Plötzlich hielt die Alte inne. Einige Schritte vor ihr lagen zwei Menschen auf der Erde, die vom Blitz getroffen waren. Die Gesichter der Toten waren kohlschwarz. Die Frau erkannte ihre Tochter. Die Hand des Mädchens lag unter dem Arm des jungen Mannes. Die Frau wollte einen Fluch ausstoßen. Ihre Augen leuchteten fieberhaft, und sie wollte ihrem Herzen Luft machen und laut herausschreien, daß das Mädchen dieses Ende verdient hatte. – Doch plötzlich sank ihr Kopf auf die Brust herab. Ihre Augen wurden matt und glanzlos, ein Zittern ging durch ihren Körper, und eine Müdigkeit übermannte sie, daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte ... Der Donner grollte. Blitze zuckten und der Sturm heulte – aber im Innern der alten Frau war es ganz still geworden. Sie ließ sich vor der Leiche ihrer Tochter auf die Knie nieder, breitete ihre zitternden Hände über die Tote und stöhnte mit heiserer, klangloser Stimme: »Henietschka. Mein Töchterchen ...!« Abraham Reisen Die beiden Brüderchen. Jankaly und Beraly – zwei Brüderchen, der erste vierzehn, der zweite sechzehn Jahre alt – lernen schon fast drei Monate in der Jeschiwa der großen Stadt N., die fünf Meilen von ihrem Geburtsstädtchen Dalessuwka entfernt ist. Jankaly ist zart und bleich und seine schwarzen Äugelchen blicken schlau hinter den schwarzen Brauen hervor. Beraly ist schlanker und voller. Er hat hellere Augen als sein Brüderchen und sein Blick ist strenger, als wollte er sagen: »Fangt mit mir nicht an. Ich mach' mir nichts aus euch.« Die Brüderchen wohnten bei einer armen Verwandten, einer Händlerin, die erst spät bei Nacht nach Hause kam. Ein Bett hatten die Knaben nicht und so schliefen sie auf dem Koffer, der breit genug für sie war. Sie hatten einen guten Schlaf und im Traume sahen sie ihr Heimatstädtchen, das Gäßchen, in dem sie wohnten, die Stube und den Vater mit dem langen Bart und dem gebogenen Rücken. Dann sahen sie die Mutter mit dem langen, bleichen, traurigen Gesicht und hörten, wie die kleinen Brüderchen und Schwesterchen um ein Stückchen Hering streiten. Noch andere Träume aus der Heimat hatten sie. Wenn sie in der Früh erwachten, sehnten sie sich sehr, und dann liefen sie in die Herberge zu den Fuhrleuten und fragten, ob sie nicht einen Gruß oder ein Briefchen für sie mitgebracht hätten ... Die Dalessuwkaer Fuhrleute waren gute Leute und hätten sicherlich Mitleid mit den armen Jungen gehabt, die so sehnsüchtig eine Nachricht von zu Hause erwarteten; doch waren sie zu sehr beschäftigt. Brachten sie doch Tausende Aufträge der Dalessuwkaer Krämer mit. Briefe hatten sie mehr als die Post zu befördern und Ordnung war bei ihnen viel weniger als bei der Post. Briefe pflegten daher verloren zu gehen und so manches Paket wurde nicht zugestellt. – Zerstreut pflegten sie jedesmal zu erwidern: »Da bald, bald, bald finde ich's... Nein... Mir scheint, für Euch habe ich heute nichts ...« So antworteten sie den Erwachsenen, die sie aufsuchten, aber die beiden Knaben pflegten zu warten, bis Leiser Bal-Eguly sie bemerkt und ihnen vielleicht etwas ausrichtet. Doch Leiser war sehr beschäftigt. Bald fütterte er das Pferd auf dem Hof, bald lief er auf kurze Zeit in die Wirtsstube und bald unterhielt er sich mit dem Diener eines Warenhauses, der ihm Waren für einen Dalessuwkaer Händler gebracht hatte. Und die Brüder standen immer und warteten, bis Beraly die Geduld verlor und aus gepreßtem Herzen hervorstieß: »Habt Ihr vielleicht, Reb Leiser, ein Briefchen vom Vater?« Doch Leiser hatte keine Zeit und der Knabe mußte noch lange warten, bis ihn der Fuhrmann beachtete. »Nichts da ... Nichts da«, gab er dann zur Antwort ohne den Knaben anzublicken. »Nichts da«, seufzte Beraly und zog den jüngeren Bruder mit sich fort. »Er muß die Briefe verlieren«, sagte Jankaly nach einer Weile. »Ein schlechter Mensch«, brummte Beraly verdrießlich. Eines Tages brachte ihnen Leiser ein Briefchen und ein kleines Paket. »Liebe Kinder,« schrieb der Vater, »seid brav und lernt fleißig. Wir schicken Euch Käse, ein Viertelpfund Zucker und ein Glas Himbeersaft. Laßt es such gut schmecken und streitet nicht. Von mir Euer Vater Chaim Hecht.« Da nannten sie Leiser Bal-Eguly den besten Menschen von der Welt. Wenn sie sich nicht geschämt hätten, so hätten sie ihn, das Pferd und den Wagen geküßt. Sie beantworteten den Brief sofort. Briefpapier verschafften sie sich, indem sie die ersten leeren Blätter aus den Talmudfolianten rissen. Ihre Herzchen klopften sehr vor Angst bei einer solchen Untat. Noch in der Nacht trugen sie den Brief zu Leiser, der ihn gleichgültig einsteckte und etwas murmelte, das wie »Gut« klang. »Was hat er gesagt, Berl?« fragte Jankaly angstbeklommen. »Gut – scheint mir«, erwiderte Beraly. »Auch mir scheint, daß er ›Gut‹ gesagt hat«, beruhigte sich Jankaly. Doch dann sagte er seufzend: »Er kann den Brief noch verlieren.« »Red' kein dummes Zeug«, schrie Beraly zornig, und betrübt entfernten sich die Knaben ... Dreimal in der Woche kam Leiser in die Stadt und jedesmal liefen ihm die Knaben entgegen und fragten, ob er ihnen keine Antwort auf ihren Brief bringe. Und der Fuhrmann wurde immer mürrischer. Seine Antworten waren ganz unverständlich, aber sie fürchteten sich, ihn noch einmal zu fragen. Doch eines Tages hörten sie ganz deutlich, was er sagte: »Was wollt ihr eigentlich von mir, Kinder! Laßt mich doch in Ruh'. Briefel, Stiefel ... Zahlt ihr mir was? Bin ich euer Postillion? was? Geht gesund ...« Die Knaben entfernten sich, aber nicht so »gesund«, wie der Fuhrmann ihnen wünschte. Sie fühlten einen großen Schmerz, ihre Füßchen zitterten und Tränentropfen standen in ihren Augen, die zur Erde fielen und von schweren menschlichen Tritten zertreten wurden ... Seit dieser Zeit suchten sie den Fuhrmann nicht mehr auf. »Soll ihn die Erde zudecken«, fluchten sie, trotzdem sie ihm in Wirklichkeit nichts Schlimmes wünschten; denn wie sehr sehnten sie sich danach ihn, das Pferd und den Wagen wiederzusehen... Ein paar Wochen darauf saßen die Knaben in ihrer ärmlichen Stube und sprachen von der Heimat. Es war an einem Freitag zur Sommerszeit. »Was macht wohl jetzt der Vater«, fragte Jankaly und blickte durch die Fensterchen auf die Gasse. »Er schneidet sich gewiß die Nägel von den Fingern«, erwiderte Beraly mit einem traurigen Lächeln. »Oder er macht Vorbereitungen für den Sabbat«, meinte Jankaly. »Und die Mutter wäscht gewiß Heinelen – und Heinele weint ...« »Wozu sollen wir Dummheiten reden«, unterbrach ihn Beraly. »wie können wir wissen, was sie dort machen. – vielleicht ist gar jemand gestorben«, sagte er, um Jankaly zu ängstigen. »Geh', geh', verrückter«, schrie Jankaly. »So etwas hätte man uns schon mitgeteilt.« »Vielleicht hat man uns geschrieben und der Fuhrmann hat den Brief nicht abgegeben.« »Dummes Zeug«, schrie jetzt Jankaly außer sich. »Aber Närrchen, ich spaße doch nur«, beruhigte ihn Beraly. Da wurde Jankaly wieder lustig. »Hör', Berl«, schrie er und sprang von seinem Sitze auf. »wir wollen doch mit der Post einen Brief nach Hause schicken ...« »Hast recht,« stimmte ihm Berl bei, »aber ich habe kein Geld ...« »Ich habe vier Kopeken, die mir von meinem Zehnkopekenstück, das ich doch an jedem Donnerstag zum Nachmahl bekomme, zurückgeblieben sind. »Eine Kopeke habe ich. Das reicht gerade für eine Postkarte.« »Wer wird aber schreiben!« fragte Jankaly. »Ich«, erwiderte Berl. »Ich bin doch älter.« »Ich gebe aber einen Vierer. – Nein, ich schreibe die Hälfte und die zweite Hälfte schreibst du. Was?« »Gut! Komm auf die Post, die Karte kaufen«, entschied Berl. »Da kann man so wenig schreiben«, sagte Jankaly, als sie die Karte gekauft hatten. »Wir werden ganz kleine Buchstaben schreiben«, entschied Berl. »Dann wird der Vater die Karte vielleicht nicht lesen können.« »O ja. Er wird die Brille aufsetzen.« »Nun komm, rascher«, rief Jankaly. Es drängte ihn sehr, seine Gefühle aufs Papier zu bringen. Sie kamen in die Stube und Berl begann als erster zu schreiben. Jankaly stand neben ihm und sah ihm zu. »Beginn etwas höher. Hier kann man noch eine Zeile schreiben«, schrie Jankaly. »Was geht's dich an. Ich lasse dir eine halbe Karte. Stör' mich nicht«, sagte Berl und schob den Bruder weg. Jankaly betrachtete den Bruder während des Schreibens; wie sehr seine Gedanken mit dem Briefe beschäftigt waren, wie er die Stirn runzelte, die Feder eintauchte, nachdachte und weiterschrieb. »Schon genug«, rief Jankaly nach einigen Minuten. »Ich habe noch nicht bis zur Hälfte geschrieben«, antwortete Berl. »Ich muß mehr als eine halbe Karte haben«, schrie Jankaly aufgeregt, denn die Lust, seine Herzensregungen den Seinigen kundzutun, überkam ihn zu sehr. Doch Beraly hörte gar nicht auf ihn, so sehr war er mit dem Schreiben beschäftigt. Er muß noch von Leiser Bal-Eguly erzählen. Dann muß er schreiben, wieviel Blatt Talmud er gelernt hat. Auch muß er andeuten, daß man ihnen wieder ein Paket schicken soll; denn Montags und Mittwochs haben sie sehr wenig zu essen und auch am Dienstag haben sie es nicht gar zu reichlich. Und Beraly schreibt und schreibt, Jankaly hält es aber vor Ungeduld nicht mehr aus, denn er sieht, daß der Bruder die halbe Karte schon beschrieben hat. »Genug«, schrie er und ergriff den Federhalter. »Nur noch drei Worte«, bat Berl. »Nun gut, aber kein Wort mehr«, rief Jankaly und seine Augen leuchteten. Beraly begann nun die drei Worte zu schreiben, aber der Gedanke, den er ausdrücken wollte, erforderte noch zehn bis fünfzehn Worte, und Beraly schrieb und schrieb – bis ein Stück von der zweiten Hälfte beschrieben war. »Horst du nun auf«, schrie Jankaly, und begann laut zu weinen. »Laß mich nur noch ›Von mir. Dein Sohn‹, schreiben« bat Beraly, »mehr nicht.« Doch als Jankaly daran dachte, daß er für die Karte, die Beraly zum großen Teil beschrieben hatte, seine letzten vier Kopeken hergegeben, überkam ihn ein solcher Zorn, daß er die Karte seinem Bruder zu entreißen suchte. »Laß mich doch nur ›Von mir. Dein Sohn‹ schreiben«, bat Beraly. »Es geht auch so«, schrie Jankaly, trotzdem er sich sagen mußte, daß die Worte unbedingt notwendig waren, aber der Zorn machte ihn ganz wild und er suchte dem Bruder die Karte zu entreißen. Beraly hielt die Karte fest, aber Jankaly zog sie heftig an sich, daß er sie in zwei Stücke zerriß. »Was hast du gemacht, Mörder!« schrie Berl ganz außer sich. »Ich wollte es so«, rief Jankaly. »Was hast du gemacht?« fragte Beraly und betrachtete verzweifelt die zerrissene Postkarte. Doch Jankaly konnte nicht antworten, die Tränen würgten ihn. Verzweifelt fiel er gegen die Wand und raufte sich das Haar. Da konnte auch Berl nickt länger an sich halten und bald war die Stube erfüllt vom Jammer der beiden Knaben. I. L. Perez Volkstümliche Erzählungen. I. Der Schatz. Es war in einer Freitagnacht zur Sommerszeit. Als Kalman, der Holzhauer, nach Mitternacht in der kleinen Stube, in der er, sein Weib und die acht Kinderchen schliefen, plötzlich erwachte, war es so schwül, daß er nicht Atem schöpfen konnte. Er wusch sich rasch die Hände, warf den Rock über und eilte barfuß auf die Gasse. Draußen war es still. Alle Läden waren geschlossen und hoch oben über dem Städtchen breitete sich der Sternenhimmel aus. Da schien es Kalman, als sei er ganz allein mit Gott und er erhob seine Augen zum Himmel und flehte: »Herr der Welt, jetzt ist es Zeit, daß Du Dich meiner Not erbarmst und mich mit einem Schatz segnest.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da erblickte er ein Lichtlein, das aus dem Städtchen tänzelte. Er wollte ihm nacheilen, erinnerte sich aber, daß es Sabbat sei und bewegte sich ganz langsam nach der Richtung hin. Aber auch das Lichtlein ging jetzt langsam und der Zwischenraum zwischen ihnen blieb sich immer gleich. Ab und zu sprach eine innere Stimme zu ihm: »Kalman, sei kein Narr! Zieh' deinen Rock aus, spring' hinzu und lass' ihn auf das Lichtlein fallen.« Kalman aber wußte, daß der Böse ihm diesen Gedanken eingab, und er zog den Rock nicht aus, machte jedoch noch kleinere Schritte, und es freute ihn zu sehen, daß auch das Lichtlein jetzt viel langsamer marschierte. Der Weg schlängelte sich an Feldern und Wiesen vorbei. Kalman folgte dem Lichtlein. wenn er den Schatz bekommen könnte, dann brauchte er kein Holzfäller mehr zu sein, sagte er sich. Er würde seiner Frau ein neues Kleid kaufen und die Kinder zu einem besseren Lehrer geben. Das älteste Mädchen könnte man bald verheiraten. So aber muß sie den ganzen Tag der Mutter die Obstkörbe nachtragen. Sie hat kaum Zeit, sich zu kämmen. Was für schöne lange Zöpfe hat sie doch und Augen wie ein Reh. Er sollte doch den Schatz einzuholen suchen! Der Böse gab ihm diesen Gedanken ein. Wenn es an einem Wochentage gewesen wäre, dann wüßte er schon, was er zu tun hätte, oder wenn sein Sohn Jankel mitgewesen wäre. Der würde es sich nicht lange überlegen ... Und Kalman ging immer weiter. Von Zeit zu Zeit erhob er den Blick zum Himmel und flüsterte: »Herr der Welt, wen willst Du auf die Probe stellen? Kalman Holzhauer? Wenn der Schatz mir gehört, dann gib ihn mir doch.« Da schien es ihm, als wenn das Lichtlein sich noch langsamer bewegen würde, doch gleich darauf hörte er einen Hund bellen. Kalman merkte, daß er das Dorf Wissoki erreicht hatte und erinnerte sich, daß er am Sabbat nicht weiter gehen dürfe. »Hier hat der Böse seine Hand im Spiele, aber ich lasse mich nicht verleiten«, murmelte er und machte sich rasch auf den Rückweg. Da regte sich in ihm eine Glückseligkeit ohnegleichen und er war froh darüber, daß er sich nicht hatte in Versuchung führen lassen. Plötzlich erblickte er das Lichtlein vor sich, das nun ebenfalls ins Städtchen spazierte. Die Sterne wurden matt und erloschen und im Osten zeigte sich ein roter Streifen. Das Lichtlein bewegte sich nach der Gasse, in der Kalman wohnte, und schlüpfte in sein Haus. Als Kalman in die Stube trat, sah er das Lichtlein unter seinem Bette und er warf rasch seinen Rock darüber. Niemand sah es, denn alle schliefen. Und Kalman schwor sich zu, daß er vor Sabbatausgang niemand etwas davon sagen werde. Es könnte sonst noch der Sabbat entheiligt werden. Als nun Kalman am Samstag abend unters Bett sah, lag da ein Sack, der eine große Summe Geldes enthielt. So wurde der Holzhauer ein reicher Mann und lebte fortan glücklich und in Freuden. II. Sieben gute Jahre. In Turbin lebte einst ein Lastträger namens Tewje, der sehr arm war. Eines Tages stand er auf dem Markte und blickte sich nach Arbeit um. Es war an einem Donnerstag und Tewje hatte kein Geld, um für den Sabbat Einkäufe zu machen. Es war aber nirgends etwas zu verdienen, und so erhob der Lastträger seine Augen zum Himmel und flehte um Hilfe, damit er, sein Weib und die Kinderchen am Sabbat nicht Hunger leiden sollten. Da zog ihn jemand beim Rock, und als er sich umblickte gewahrte er einen Jäger, der ihn in deutscher Sprache also ansprach: »Höre, Tewje, dir sind sieben gute Jahre bestimmt, sieben Jahre voll Reichtum, Glück und Segen, wenn du willst, können die sieben guten Jahre noch heute beginnen, und bevor noch die Sonne untergeht, wirst du ganz Turbin mit deinem Gelde kaufen können, aber nach diesen sieben Jahren wirst du wieder ein armer Mann. Die gute gesegnete Zeit kann aber – wenn du willst – auch zu Ende deines Lebens kommen und du kannst als der reichste Mann aus dem Leben scheiden.« Der Fremde war der Prophet Elias, der sich als Jäger verkleidet hatte. Der Lastträger aber meinte, daß er einen einfachen Zauberer vor sich habe, und so antwortete er: »Mein lieber Herr, mich laßt in Ruhe, denn ich bin ein armer Teufel. Ich habe nicht einmal Geld für die Sabbateinkäufe und ich werde Eure Mühe und Eure guten Ratschläge nicht bezahlen können.« Der Fremde aber ließ nicht von ihm. Er wiederholte seine Worte ein paarmal, bis sich Tewje mit dem Gedanken befreundete. »Wißt Ihr was!« erwiderte er. »wenn Ihr es wirklich ernst mit mir meint, so muß ich Euch sagen, daß ich mich in allem mit meinem Weibe Serel berate. Ich kann Euch, bevor ich mit meinem Weibe gesprochen, keine richtige Antwort geben.« Darauf erwiderte der Fremde, daß es sehr vernünftig sei, sich bei der Frau immer Rat zu holen. Er solle doch gleich zu ihr gehen und ihr den Fall erzählen. Tewje blickte sich nach allen Seiten um, und da es nichts zu tun für ihn gab, sagte er sich, daß er den Weg nach Hause riskieren könnte. So machte er sich gleich auf den Weg. Der Träger wohnte in einer Lehmhütte in der Vorstadt, wo das freie Feld begann. Als Serel ihren Mann durch die offene Tür erblickte, lief sie ihm freudig entgegen, doch er rief ihr zu: »Ich bringe dir kein Geld, Serel, denn Gott hat mir heute keinen Verdienst beschert, dafür aber hat mich ein merkwürdiger Mann aufgesucht.« Er wiederholte ihr die Worte des Fremden und erbat sich einen Rat von ihr. Doch Serel rief, ohne erst lange zu überlegen: »Sag' dem Herrn, daß die sieben guten Jahre noch heute beginnen sollen.« »Aber nach sieben Jahren werden wir wieder arm sein und nach der guten Zeit wird es uns sehr schwer fallen, wieder im Elend zu leben«, wendete Tewje ein. »Mach' dir keine Gedanken, sondern nimm, was man dir gibt und dank' dem lieben Gott dafür«, erwiderte Serel. »Sieh, man hat heute die Kinder aus dem Cheder geschickt weil wir das Lehrgeld nicht bezahlen konnten.« Tewje eilte gleich auf den Markt und erklärte dem Fremden, daß die sieben guten Jahre gleich jetzt beginnen sollten. »Überleg' es dir gut«, sagte der Jäger. »Jetzt bist du ein kräftiger Mann und kannst verdienen, aber dann wirst du die Strapazen nicht mehr so gut ertragen können.« Tewje aber sagte: »Mein Weib will es so haben. Erstens sagt sie, sollen wir dem lieben Gott für alles Gute, das er uns heute beschert, danken und uns für später keine Sorgen machen, und dann will der Lehrer die Kinder nicht mehr unterrichten, weil wir ihn nicht bezahlen können.« »Wenn es so ist, dann geh' nur nach Hause«, erwiderte der Fremde. »Bevor du die Stube betrittst, bist du ein reicher Mann.« Tewje wollte noch etwas fragen, aber der Jäger war plötzlich verschwunden. Der Träger ging also nach Hause, vor seiner Hütte spielten die Kinder im Sand, doch als er näher trat, erkannte er, daß es kein Sand, sondern pures Gold war. Für den Jäger begannen nun die sieben guten, glücklichen Jahre. Die Zeit jagt dahin und die sieben guten Jahre waren gar schnell vorüber. Eines Tages kam nun der Jäger zu Tewje und erklärte ihm, daß sein ganzes Geld am Vorabend verschwinden werde. Doch Tewje stand auf dem Markte wie vor sieben Jahren, hatte sein Trägergewand an und wartete auf Arbeit. Und Tewje erwiderte: »Sagt das meinem Weibe, denn sie hat das Geld während der ganzen Zeit verwaltet.« Die beiden gingen nun in die Vorstadt, denn Tewje wohnte immer noch in der alten Lehmhütte auf dem freien Felde. Serel stand vor der Tür und war ärmlich gekleidet; nur ihr Gesicht strahlte. Der Jäger sagte ihr nun, daß die sieben guten Jahre vorüber seien, aber Serel erwiderte, daß die gute Zeit bei ihnen noch gar nicht begonnen habe, das Geld hätten sie nie als ihr Eigentum betrachtet, »denn nur das, was ein Mensch durch seine Arbeit verdient, ist sein Eigentum. Ein Reichtum aber, der einem mühelos in den Schoß fallt, ist nur dazu bestimmt, die Not der Armen zu lindern«. So habe sie es die ganze Zeit gehalten, und wenn Gott jetzt für sein Geld einen besseren Verwalter wüßte, dann sei sie gern bereit, es zurückzugeben. Als der Prophet Elias diese Worte hörte, verschwand er und legte den Fall dem höchsten Richter vor. Gott aber wußte keinen besseren Verwalter für das Geld als Tewje und sein Weib, und so durften sie den Schatz weiter bewachen und sie waren glücklich bis an ihr Lebensende. Schalom Asch Sie hat vergessen... (Aus dem Hebräischen übertragen von Ernst Müller.) »Er schaute und ward getroffen« talmudische Bezeichnung der Verderbnis durch frühzeitiges Erwachen tieferer Erkenntnisse, hier auf die Folgen der Aufklärung angewendet. – er war auf üble Bahnen geraten. Nichts Neues mehr, alle wissen schon davon. Früher war er die Zierde der Familie gewesen, ihr Glanz und ihre Ehre, alle segneten sich an ihm. Eine Kleinigkeit! Baruch Joseph, der Gelehrte, der »Ilui«, ein »Sinai« und Bergentwurzler. Übliche Bezeichnungen für besonders begabte und scharfsinnige Talmudkenner. Selbst der Rabbi hatte Ehrfurcht vor ihm. Satanswerk – er geriet auf Abwege! Man sagt: sie , jene Frau, sei schuld, ein dummes Weib, die ihre eigenen Haare zur Schau trägt. Seine Angehörigen taten, was sie konnten, sie schwiegen nicht und ruhten nicht, kamen ein-, zweimal mit ihm zusammen, erzählten seine Taten vor vielen und ermahnten ihn öffentlich im Beth-Ha-Midrasch. Doch all dies nützte nichts – nicht einmal die Ermahnungen des Rabbi: der Satan hatte über ihn die schwarzen Schwingen gebreitet. Hier, solange er noch im Bereiche der Juden wohnte, mußte er tun, was einem Juden ziemt. Man konnte ihn zur Erfüllung der Gebote nötigen – wenn er erst alles auch ohne innerer Zustimmung tut, kann diese schließlich auch nicht ausbleiben. Da entfloh er und ließ sich in Warschau, der ausgelassenen Großstadt nieder. Dort löste sich das Band, denn da ist alles erlaubt, niemand kann etwas verbieten, da gibt es kein Gericht und keinen Richter. Am Ende aber, da die Sache verjährte, da man sah, daß seine Seele dem Satan schon preisgegeben war, versöhnte man sich mit ihm. Versöhnt? – das eigentlich nicht, wer hätte versöhnt mit ihm sprechen können, so wie ehedem ? Aber man grüßt ihn eben noch – von ferne; wenn er auch wie die Nichtjuden sich kleidete, so ladet man ihn doch zum Beispiel zu Hochzeiten – man erweist ihm die Liebe, sich seiner nicht zu schämen – denn wenn er auch gesündigt hat, so ist er doch von ihrem »Fleisch und Blut«, kein Fremder. Alle hatten sich mit ihm ausgesöhnt und ließen die Sache auf sich beruhen, mit Ausnahme eines Geschöpfes, das sich mit aller Kraft dagegen sträubte. Dies Geschöpf ist Zipa Debora, seine Schwester, die man auch einfach die »Dumme« nennt. Sie will nicht, daß ihr Bruder, ihr Fleisch und Blut, unter die Bösen gezählt werde, Wie wäre so etwas möglich? Sie – Zipa Debora, die »Dumme«, die nicht einmal ordentlich beten kann, wird bei den » heiligen Müttern « im Garten Eden sitzen und auf die Not ihres Bruders hinblicken, des ausgezeichneten Gelehrten, der sich jetzt dort unten in den sieben Kreisen der Hölle quält. Das muß geändert werden. Doch auf welche Weise? Schon hatte man ihm in furchtbaren Farben die bittere Strafe vorgezeichnet, die seiner dort harren sollte, die Hölle und ihre sieben Kreise mit den Engeln der Zerstörung. Und er lacht und sagt, daß auch der » Rambam « nicht daran geglaubt. Sie weiß wohl, daß er nicht auf sie hören, daß nicht sie ihn von seinen schlimmen Wegen abbringen werde; wenn die klugen Worte des Rabbi umsonst waren und aller Eifer der Eifernden nichts nützte – was könnte sie , das dumme Weib, den Worten jener hinzufügen? Dennoch – sie hatte es beschlossen und ging zu ihm. Zipa Debora, in zerrissenen Kleidern, ein Tuch auf dem Kopfe, dessen Zipfel in das Gesicht hereinhängt, – so blickt sie ihren Bruder an. Sein längliches, bleiches Gesicht, die lange, schmale Nase, die hohe und faltige Stirn – das ist ihr Bruder Baruch Joseph, der »Ilui«, der Gelehrte. Sie blicken beide schweigend aufeinander. Sie hält an sich, blickt ihn nur an, schüttelt den Kopf und seufzt leise. »Warum seufzest du? Die Strafe wird ja nur auf mich fallen«, sagt er mit gekünsteltem Lächeln. Sie seufzt und wiegt den Kopf. »Warum soll es so sein! Ich möchte, daß die Sache sich ändere, daß es nicht so sei.« Sie schweigt. Tränen rollen über ihre Wangen. Er erblaßt ... Sabbatabend ist's und das Dunkel schon hereingebrochen. Der Tisch ist mit einem weißen Tuche bedeckt, darauf blinken zwei silberne Leuchter. An den Kopf des Tisches sind zwei Sabbatbrote gelegt. An dem Tische sitzt Zipa Debora, in Sabbatkleider angetan, ein weißes Stirnband um den Kopf und goldene Ringe in den Ohren, das Gesicht frisch gewaschen und leuchtend im Sabbatglanze; ihr gegenüber Rachel, die Frau ihres Bruders, auch sie in Sabbatkleidern, doch ganz anderer Art – die Haare frisiert, so daß sie aussieht wie ein unverheiratetes Mädchen, dem das Haar rasch ergraut ist. Ein gemischtes Bild: Heiliges und Profanes. Zipa Debora betet, ihr Gesicht in die Blätter des Gebetbuchs vergraben, in das Tränen von ihren Wangen fallen. Sie kränkt sich darüber, denn das Gebetbuch ist noch ganz neu, ohne Falten und Flecke. Ein wenig noch – und sie vergißt den Kampf zwischen ihr und ihrem Bruder, die » Techinah « zieht ihr ganzes Herz an sich, sie vertieft sich ganz in ihr Beten. Sie vergißt, daß sie im Hause ihres Bruders ist. Ihr Gesicht ist in dem Gebetbuch verborgen, und sie betet unter Tränen: »Herr der Welt! Strahle Deine heilige Schechinah über dieses Haus an diesem heiligen Sabbat, und sende uns Deine guten Engel, daß Friede und Friedsamkeit in dieser Wohnung sei, in Ruhe zu feiern diesen heiligen Sabbat ...« Ihre Stimme erhebt sich, mit Tränen ringend. Ihr gegenüber sitzt Rachel, ordnet ihr Haar und scherzt. Jetzt steigen plötzlich verlorene Erinnerungen in ihr auf. Sie ist noch in ihrem Vaterhause. Der Tisch steht bereitet und geordnet, darauf ein weißes Tuch gebreitet, silberne Leuchter, funkelnder Wein in der Flasche, die Sabbatbrote zugedeckt, alles gut und schön, über alles ergossen die Huld und Gnade dieses heiligen Tages. Ihr Vater sitzt am Kopfe der Tafel; das weiße Haar seines Bartes fließt in Silberfäden auf seine Brust herab, über sein Antlitz ist Schönheit des Alters ergossen. Die Mutter sitzt zur Seite des Tisches, ihr Gesicht leuchtet von innerer Weitung der Seele, ihre Lippen bewegen sich unhörbar im Gebet, sie preist den Weltschöpfer für seine Güte und Liebe. Dann geht ihr Mann, im Seidengewand, die schwarzen Locken über die geröteten Wangen herabgelassen, langsam auf und ab, betrachtet sie und stimmt das Loblied von dem »wackeren Weibe« an. Und Rachel nimmt die Blätter des Buches, das vor ihr auf dem Tische liegt, und beginnt zu lesen. Die Buchstaben tanzen ihr vor den Blicken. Sie stützt ihr Haupt in die Hände und lauscht der Stimme Ziva Deboras. »Herr der Welt! wie ich diese Lichter zu Ehren des heiligen Sabbats entzünde, so erleuchte Du die Augen meines Mannes und meiner Kinder in den Wegen der Thora, sie zu verstehen und darinnen zu lernen, daß sie Wohlgefallen finden in Deinen Augen und in den Augen der Menschen ...« Andere Gedanken und andere Erinnerungen steigen jetzt in Rachel auf. Er sitzt am Kopfe des Tisches und lernt, mit so holder, so zarter und guter Stimme. Sie sitzt und hört zu, das Kind auf dem Arme – auch das Kind hört zu. Seine Stimme dringt ihr bis ins Herz. Und er blickt sie an, ein Lächeln schwebt über seinen Lippen – er blickt das Kind an, und sein Gesicht leuchtet. Und sie drückt das Kind an ihr Herz und betet im stillen: »Wann werde ich gewürdigt sein, die Stimme meines Kindes zu hören, das in Deiner heiligen Thora lernt ...!« So vergißt sie plötzlich, daß sich die Zeiten geändert haben. Andere Tage kamen ... Zipa Debora rückt ihren Stuhl näher an sie heran, und auch sie, ohne es zu bemerken, nähert sich Zipa Debora. Diese zeigt mit dem Finger auf die »Techinah« und bittet sie, zuzuhören. »Auch ich verstehe zu lesen«, sagt die Frau und beginnt mit leiser Stimme zu lesen: »Und schick' uns den Gegen durch den guten Engel ...« Und Zipa Debora nach ihr: »Und schick' uns den guten Segen durch den guten Engel ...« Und beide schließen: »Und wir seien gewürdigt des Tages, der nichts als Sabbat ist: dies sei Dein Wohlgefallen, unser Herr und Erlöser, Amen.« Zipa Debora küßt das Gebetbuch und schließt es. Die beiden Frauen blicken einander an. Rachel errötet, und langsam erhebt sie sich von ihrem Platze und stiehlt sich aus dem Zimmer. David Pinski Ausgezeichnete Birnen Chane Doby geht mit zwei vollen Körben Birnen über die Straße. Sie geht nach der linken Seite geneigt, denn der Kord in der reckten Hand ist groß und schwer. Mit derben Schritten bewegt sie sich vorwärts, von frohen Gedanken bewegt. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen. – Sie ist zufrieden mit Gott, mit sich selbst, ja, mit der ganzen Welt, und die Sonne lackt so hell und warm, weil ihr – Chane Doby – so fröhlich zumute ist ... Am liebsten hätte sie laut aufgelacht, und sie sieht sich nach allen Seiten um, ob keine Bekannte zu sehen ist, der sie von ihrem großen Glücke erzählen könnte. Und was für ein Glück! Wie kam ihr nur der Einfall, heute zu Swiderski, dem Gärtner, zu gehen! Sie glaubt, daß sie durch einen Traum darauf gekommen war. Hatte sie doch in der letzten Nacht soviel geträumt ... Doch nein! Ihr träumte ja nur, daß sie mit Beile, der Krämerin, wegen eines Pfundes Salz in Streit geraten war. Und Beile ist ja schon seit zwei Monaten tot. – »Ja, streiten, das konnte sie. Sie soll es mir nur verzeihen«, denkt Chane Doby. – Und am Morgen, als sie kaum die Augen öffnete, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß sie einmal zu Swiderski gehen könnte ... Gestern war Chane Doby noch voll Sorgen, und sie hatte zu Gott gefleht: »O Gott, allmächtiger Vater, gib, daß ich etwas verdiene!« Sie hatte Gott aufgezählt, wieviel Geld sie braucht und wozu sie es braucht, und er hat eingesehen, daß sie im Rechte war ... »Ja, wenn Gott will, kann er helfen!« All das möchte sie den Händlerinnen erzählen. Sie sollen wissen, was für einen barmherzigen Gott wir haben, und wie gut Chane Doby bei ihm angeschrieben steht ... Neben dem Trottoir steht Riwy Jente. »Sie gönnt niemand einen Groschen Verdienst und mit ihr darf man nicht viele Worte machen«, denkt Chane Doby, aber sie will ihr wenigstens das Obst zeigen. Erzählen wird sie ihr nichts. Und sie geht auf die Händlerin zu. Riwy Jente erkennt schon an Chane Dobys Gesicht, daß etwas Besonderes vorgegangen sein muß. »Was trägst du Gutes?« fragt sie und sieht Chane Doby forschend an. Diese steht stolz und vergnügt vor Riwy Jente, die Körbe in der Hand und lächelt, ohne zu antworten. Riwy Jente nimmt die Birnen in Augenschein und Chane Doby fühlt sich jetzt als die glücklichste auf der Welt. »Feines Obst! Wo hast du es gekauft?« fragt Riwy Jente. »Feines Obst«, wiederholt Chane Doby verdrossen – nur Riwy Jente kann sich so schmucklos ausdrücken. »Zuckerbirnen sind es und sie zerfließen auf der Zunge«, setzt sie stolz hinzu. »Wo hast du sie gekauft?« fragt Riwy Jente noch einmal. Chane Doby merkt, daß der Neid aus ihr spricht, und sie antwortet lakonisch: »Ich hab' sie halt gekauft.« Riwy Jente wird jetzt ernstlich böse und möchte Chane Doby beleidigen, aber sie hält sich zurück und fragt: »Wieviel hast du gezahlt?« »Oh, eine Kleinigkeit«, antwortet Chane Doby. »Vielleicht etwas teuer?« »Hahaha! Sie sind doppelt so viel wert, wie ich gezahlt habe. Verlaß dich darauf«, antwortete Chane Doby. Riwy Jente nennt nun einen Preis, aber Chane Doby ruft lachend: »Die Hälfte davon. Ich soll so leben mit dir, die Hälfte davon.« »Das ist halb umsonst«, stößt Riwy Jente hervor. »Da hast du recht«, sage Chane Doby. Ihr Gesicht strahlt vor Glück und Stolz, und sie will sich entfernen, aber Riwy Jentes Zorn reizt sie noch, ein wenig zu bleiben und ihr von Gott und von ihrem Traum in der vergangenen Nacht zu erzählen. So plaudert sie denn eine Weile und blickt vergnügt auf die Händlerin. »Nun erzähl' mir endlich, wo du die Birnen gekauft hast«, drängt Riwy Jente. »Wo? Ich habe sie nicht gestohlen! Mit gutem Geld habe ich sie bezahlt.« Riwy Jentes Augen sprühen Feuer und ihre Lippen beben. Chane Doby will sich nun entfernen, aber da kommen zwei andere Marktweiber mit vollen Körben daher. »Guten Tag«, ruft ihnen Chane Doby zu und kehrt Riwy Jente den Rücken. »Guten Tag«, antworten die Marktfrauen. »Was sagt ihr zu ihren Birnen?« fragt Riwy Jente voll Zorn. Stolz blickt Chane Doby auf die Händlerinnen, die die Birnen nicht genug loben können. »Schöne Birnen«, rufen sie. »Wie teuer hast du sie bezahlt?« Riwy Jente nennt den Preis, während Chane Doby lächelnd die erstaunten Gesichter der Marktfrauen mustert. »So wohlfeil«, rufen die Händlerinnen und können sich vor Überraschung nicht fassen. »Wo hast du sie gekauft?« Drei paar Augen sind erwartungsvoll auf Chane Doby gerichtet, aber sie fühlt, daß sie mit diesen Frauen von ihren Angelegenheiten nicht sprechen darf ... Und doch – wie gern hätte sie alles, alles erzählt. Wie ihr gleich beim Erwachen der Gedanke an den Gärtner gekommen war und wie zuvorkommend Swiderski sie behandelt hat. Sagte er doch, daß er nur ihr diesen billigen Preis gewähre. Die anderen werden viel mehr bezahlen müssen ... Die zwei Händlerinnen werden ungeduldig und sehen Riwy Jente fragend an. »Sie macht ein Geheimnis daraus«, sagt die und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. »Ein Geheimnis«, protestiert Chane Doby. »oh, nein! Es ist ganz und gar kein Geheimnis.« »Also, dann gestehe es endlich. Wenn du die Birnen nicht gestohlen hast, kannst du es ja offen heraussagen ...« Chane Doby sagt sich, daß sie hier nichts mehr zu suchen hat. Sie will fortgehen, aber die Weiber stellen sich ihr in den Weg. »Seht nur, wie sie es nicht gestehen will«, ruft Riwy Jente verdrossen. »Du hast wohl Angst, was!« »Warum sollte ich Angst haben! Ich habe wahrhaftig keine Angst«, entgegnet Chane Doby und will sich entfernen. »Wie gut sie ist! In jener Welt soll ihr so gut sein«, ruft Riwy Jente stichelnd. Am liebsten hätte sie Chane Doby einen Stoß versetzt, damit sie die Birnen verschütte. »Was du mir wünschst, soll dir allein begegnen«, gibt Chane Doby zurück, »Warum schimpfst du? Bin ich dir etwas schuldig? Habe ich bei dir etwas genommen?« »Mehr würde dir nicht fehlen«, ruft Riwy Jente wutentbrannt. »Mit dir würde ich schon fertig werden ... Die Augen würde ich dir auskratzen ...« Und Riwy Jente beschließt, wenn Chane Doby ihr näher kommt, ihr doch den Stoß zu versetzen. Es entsteht ein Streit. Chane Doby sagt sich, daß sie gut getan hat, diesen Weibern keine Geschichten zu erzählen, und sie freut sich, daß es ihr gelungen ist, sie zu ärgern. Sie hat schon einigemal vor ihnen ausgespuckt und den Versuch gemacht, davonzugehen, doch kehrte sie immer wieder zurück, um auf einen Fluch oder auf ein Schimpfwort zu antworten. Einige Müßiggänger bleiben stehen, und es bildet sich ein Kreis um die streitenden Frauen. Plötzlich schreit einer: »Ein Polizeimann!« Sofort kommen die Weiber zu sich und eilen nach verschiedenen Richtungen davon. »Heda, Jüdinnen!« schreit der Polizeimann und sucht die Weiber einzuholen. Er merkt gleich, daß Chane Doby mit den vollen Körben nicht so rasch laufen kann, und auf diese hat er es abgesehen. »Oh, Mütterchen, Mütterchen«, seufzt Chane Doby angsterfüllt, als sie sich vom Polizisten verfolgt sieht. »O Gott! O Gott! O Gott!« Inzwischen fällt eine Birne zu Boden. Dieser folgt eine zweite und eine dritte und bald fallen viele zugleich. »Gott im Himmel! Herr der Welt!« stöhnt Chane Doby und fühlt, daß die Füße sie nicht mehr tragen können. Sie hätte sich so gern umgesehen, um zu erfahren, wohin die Birnen gekollert sind, aber von allen Seiten wird sie ermuntert, weiterzulaufen: »Schneller! Schneller! Schneller!« Die Juden wollten nicht, daß sie in die Hände des Polizisten fällt. Sie dürfen ihn nicht zurückhalten, und so stehen sie gespannt und warten, während sie unausgesetzt schreien: »Schneller! Schneller! Schneller!« Chane Doby rennt in einen Hof und versteckt sich in einem Geschäft. Als der Polizeimann zum Tor kommt, ist sie verschwunden. Er bleibt stehen, wischt sich den Schweiß von der Stirn und blickt auf die Juden, die ihm gefolgt sind, mit bösen Blicken. Die Juden sind erfreut, daß ihm die Frau entschlüpft ist, doch hüten sie sich, ihn zu reizen. Sie sind schlau und verhalten sich ruhig. Dock er erkennt an ihren strahlenden Gesichtern, daß sie über ihn triumphieren. So treibt er sie mit Flüchen und Schlägen auseinander und beschließt, vor dem Tore stehen zu bleiben und zu warten. Einige Juden laufen in den Hof, um Chane Doby im Notfalle beizustehen. Chane Doby wagt in ihrem Versteck kaum zu atmen. Mt Schmerz denkt sie an die verlorenen Birnen. Das Obst ist ihr ganzes Vermögen ... Und sie war so glücklich gewesen, vielleicht straft sie Gott dafür, daß sie den Händlerinnen nicht die volle Wahrheit erzählt hat? ... Und sie verflucht die Marktweiber, die an dem ganzen Unglück schuld sind. Von den Birnen, die Chane Doby auf ihrer Flucht verloren hat, wird ein Teil von den Fuhrwerken zerquetscht, die übrigen werden von Lastträgern aufgehoben. Verlegen lächelnd blicken sie umher, als schämten sie sich des Gedankens, der in ihnen aufsteigt. Eine Weile betasten sie die Birnen und überlegen, ob sie dieselben der Händlerin nicht zurückgeben sollten. Doch als einer in eine Birne hineinbeißt, folgen die anderen seinem Beispiele. »Es sind ausgezeichnete Birnen«, ruft einer aus. Ein anderer hebt einige Birnen vom Boden auf, betrachtet sie von allen Seiten und steckt sie in die Tasche – für die Kinder. Dann geht er in den Hof, öffnet die Tür zum Geschäft, wo Chane Doby versteckt ist, steckt den Kopf hinein und sagt freundlich: »Bleibt noch drinnen, Frau. Der Polizeimann steht noch vor dem Tor ...« A. S. Rabinowicz Der Rabbi im Kerker. (Aus dem Hebräischen übersetzt von David Rothblum.) Als hinter dem Rabbi Schneor Salmen die schwere Tür des Kerkers krächzend und ächzend in die rostigen Riegel fiel, war es bereits Nacht geworden. Das Getöse der Torsperre schlug mechanisch an sein Ohr und er vernahm den Widerhall sich langsam entfernender Schritte. Drin in der Zelle war es finster, das traurige Licht im Winkel unter der Luke vermochte des Gelasses Düsterheit nicht zu erhellen. Die Insassen nahmen sich wie formlose Schatten aus. Nur hie und da ward ein raubtierartiges Gesicht sichtbar, mit brennenden, gierigen Augen, in denen der Hunger lauerte. Es waren harte Verbrecher in dieser Zelle, die sich nicht das erstemal in der Sünden Falle verstrickten und deren Leiber mit den sausenden Stockstreichen des strafenden Richters bereits vertraut waren. »Gar ein Judenmensch!« schrie Timoscha, das Verbrechertier, als er des Rabbis ansichtig wurde. Ein häßliches Lachen entrang sich den heiseren Kehlen der Häftlinge. Es erscholl aber nicht zu Ende, es stockte und erstarrte. Rabbi Salmen aber sah und hörte nicht. Er war in tiefe Trauer versunken ob der Schmach seiner Brüder, die ihn der Gewalt der Andersgläubigen übergaben. Was sollte denn mit ihm geschehen? Wie durfte er ein gerechtes Urteil von diesen Fremden erwarten, wenn die, deren Ahnen am Sinai gestanden, derart das Recht mit Füßen traten. Die Häftlinge, vorerst von der heiligen Gestalt des Rabbis ergriffen und gebändigt, schöpften, als sie ihn in sich versunken sahen, Mut. Die Bestie erwachte in ihnen und sie fügten ihm allerhand Bosheiten zu. Sie durchwühlten seine Kleider und raubten, was sie fanden. Er aber ließ sie gewähren; denn was wog ihre Schandtat gegen die seiner Brüder? Um diese Zeit geschah es, daß ein brennender Schmerz die Welt ergriff und in düstere Trauer hüllte. Sogar der Zaddik Tewi Izchak aus Beditsckew, der, wie bekannt, dem Herrn »aus Freude« diente, wurde von der schwarzen Sorge gepackt. Die Trauer verschlang ihn wie eine schwere Flut, in der sich seine Seele verfing wie Jonas im Gedärm des Walfisches. Schon kam die Stunde des Maariw-Gebetes, er aber konnte den Mund nicht öffnen, so hatte die Trauer von ihm Besitz genommen. Eine Leitung im Kosmos war unterbrochen, die Welt schien leblos ... Und die Zeit flog, fast wurde es Mitternacht... Er hebt an zu beten, es geht nicht, die Worte erstarren in der Kehle... Er sammelt sich – es geht nicht. Er fühlt, die Sache sei nicht einfach. Er ahnt: irgendein großer Zaddik befindet sich in Not, daher kann keine freudige Stimmung in die Erscheinung treten. Ist aber ein Zaddik in Nöten, dann geschieht es nicht wegen des eigenen Schicksals, sondern wegen des Loses der Gemeinheit, weil ein Unglück bevorsteht ... Rabbi Lewi Izchak sitzt, finster brütend, mit gesenktem Haupte da. Um ihn seine Gemeinde in teilnehmender tiefer Trauer. Da rafft er sich plötzlich zu einer Attacke gegen den Himmel auf (den er nicht zu schonen pflegte, wenn es galt, für Juden Rettung zu erstehen) und ruft: »Herre aller Welten! was hast Du eigentlich mit Deinem Zaddikim vor! Du hast sie in winziger Zahl in die Welt gepflanzt und auf ihre Schultern die ganze Last der Weltenbesserung gegeben, die sie doch nur durch Gebete erreichen können, wie sollen sie ihre Mission erfüllen, wenn Du selbst sie am Beten hinderst! wie sollen sie in die Schlacht ziehen, wenn Du sie des Schwertes und des Bogens beraubst! Was hast Du eigentlich mit Deinen Zaddikim vor! Du sehnst Dich nach ihrem Gebet, so hilf ihnen doch, daß sie beten können. ›Und das Heil der Frommen ist von Gott, ihrem Hort in der Stunde der Not, er hilft, er rettet, schützt sie vor dem Bösen, denn er ist ihr Heil.‹« Mit gewaltiger, donnernder Stimme schrie er diesen Bibelvers. Und die Chassidim merkten, daß die Scheidewand gefallen sei. Der Nebel zerfloß, die Finsternis schwand, eine Lichtflut erströmte und füllte das All mit Balsamdüften. Und sie begannen zu beten. Ein solches Gebet, sagten die Ältesten der Chassidim, hatten sie noch nie gehört. Es erbrach das Himmelstor. Unser Rabbi Schneor Salmen merkte sohin eine vollzogene Änderung in seiner Stimmung. Er erwachte aus seinem Brüten und es gereute ihn, daß er auch nur einen Augenblick seinem Volke grollte und fürchtete, daß irgend jemand durch ihn bestraft werden könnte. »Führt denn der Ewige nicht die Welt, übersieht er nicht das Geschehen? Er ist doch die Ursache aller Ursachen, und was er tut, wendet sich zu Gutem. Warum gräme ich mich so sehr über meine Verhaftung! Ist denn diese dicke Kerkermauer wirklich eine Scheidewand zwischen mir und dem, der alles ausfüllt? wenn ich zum Himmel mich erhebe, treffe ich Dich an, wenn ich in die Gruft versinke, bist Du dort, wenn ich zur Morgenröte, zum Meeresende mich flüchte, auch dort bist Du, auch dort ergreift mich Deine Rechte. Denn Deiner Herrlichkeit voll sind die Welten, kein Plätzchen ist ihrer bar. Es gibt keinen Ort, wo ein Aufgehen in Dir, in Deinem Licht nicht denkbar wäre.« Es geschah ein Wunder: Die im Kerker befindlichen Gojim änderten ihren Umgang mit dem Rabbi. Und noch mehr: ihren Umgang miteinander. Kein Fluch kam über ihre Lippen, ihre Hand erhob sich nicht mehr zum Schlag. Sogar Timoscha, dieser gefürchtete Raufbold, ließ seine Muskeln nicht mehr spielen. Zur Verblüffung aller Häftlinge lag er oft stundenlang auf seiner Pritsche stumm und in sich gekehrt. Ja, er übergab sogar dem Rabbi das geraubte Geld wieder. Der Rabbi wehrte wohl ab, wozu denn? Timoscha aber schrie: »Nimm zurück oder ich morde dich.« Der Rabbi nahm das Geld lächelnd entgegen, Timoscha aber kehrte zur Pritsche zurück. Der Rabbi gewöhnte sich immer mehr an die Häftlinge und die Häftlinge an ihn. Er ging in der Zelle oft auf und ab, Mischnajos oder Sohar rezitierend, oder er unterhielt sich mit den Seelen des Simon den Jochai, des Ari, des Bal-Schem, oder anderer Heiligen gesegneten Angedenkens, über die Erschaffung der Welt und das Geheimnis des Thrones. Zuweilen vergaß der Rabbi ganz und gar, wo er war, und sang mit tiefer Inbrunst und Selbstvergessenheit sein bekanntes vierstrophiges Liedchen vor sich hin, auf dem er wie auf einer unsichtbaren Leiter in den Himmel stieg, um dort zu lustwandeln. Die Insassen der Zelle saßen lautlos da und horchten. Und als er am ersten Chanukaabend die Lichter entzündete und mit innerer Freude und Händegeklatsch das Gebet hierzu hinausschmetterte, zog ein Freudenrausch in die Sinne der Gefangenen, so daß sie im Chore mitsangen. Sie reichten sich die Hände, bildeten einen Reigen um den Rabbi und tanzten. Der Kerkermeister stürzte aufgeregt in die Zelle, blieb einen Augenblick verblüfft stehen, um sich dann unbewußt dem Reigen anzuschließen und mitzutanzen. Im Kerker ward es immer fröhlicher und lustiger. Auf den Flügeln des Gesanges, der sich diesen Bruchstücken menschlicher Wesen entrang, erhob sich das ganze Haus in selige Regionen bis an den Gipfel, zu dem selbst ein Chassid im Schma-Gebete nicht gelangt. Es war der Zustand: Es sah die Magd an der See mehr, als Ezechiel in der Ekstase seiner Prophetie. Es geschah zuweilen, daß Timoscha den Rabbi gar merkwürdig betrachtete, wenn dieser seine Gebete verrichtete. Er fühlte sich klein, fast nichtig gegenüber der übergroßen Gestalt und fast kränkte es ihn, daß der heilige Mann seine wilden Leidenschaften zähmt und ihn beherrscht. Und wodurch? Nur mit seinem Blick, mit dem klaren und hellen Auge. Und doch liebt er den Zaddik, fest gebunden fühlt er seine Seele an die des frommen Mannes. Manches Mal kam es über ihn wie ein Neid, und er sehnte sich nach Freiheit, bald aber unterjochte er die tierischen Instinkte und war dem Rabbi ganz ergeben. Oft war es ihm, als müßte er den Heiligen, welcher seine Ruhe geraubt, mit einem Fauststreich niederschmettern. Er wäre nicht der erste Jude, der durch Timoschas Hand gefallen ... Bald darauf aber überwältigt ihn eine unsägliche Liebe zu dem Juden und er fühlt das Bedürfnis, sich vor ihm platt auf die Erde zu legen und ihm irgend etwas zu sagen. Doch wußte er nicht was ... Als der Zaddik eines Tages, im Gebete versunken, vor der Kerkermauer stand, lautlos wie von einem Meißel gehauen, seiner Umgebung ganz vergessen, stieß ein junger Häftling mit spöttischer Miene Timoscha an. Da versetzte ihm dieser einen Stoß, daß er schier das Zeitliche segnete. Da trat eines Tages Timoscha auf den Rabbi zu und sprach: »Sage mir, heiliger Mann, warum schuf Gott ein solch niedriges Wesen wie mich! Wem zu Nutze! Warum muß ich die Welt durch mein Sein verunreinigen! Sage es mir doch, o Rabbi.« Der Rabbi horte zu, mit großem Ernst, wie er denjenigen zuzuhören pflegte, die in schweren Sachen seinen Rat einzuholen kamen. Er wunderte sich über die Frage Timoschas nicht, nein, er hatte sie erwartet. Und er gab ihm sanft zur Antwort: »Es ist gut, Timoscha, daß du Gottes Wege erforschen willst, vorerst aber mußt du deine Seele reinigen, denn, der im Unrat watet, wird von all dem nichts verstehen, was ich sagen werde.« »Reinigen, sagst du,« schrie Timoscha, »das ist doch bei mir ganz und gar unmöglich.« »Du glaubst nur so,« sagte der Rabbi beschwichtigend, »in Wahrheit aber liegt die Sache anders. Die Seele eines Menschen, selbst die des größten Verbrechers, ist viel tiefer, als der Mensch selbst zu glauben vermag. Sie ist ein göttlicher Funke, der nie, selbst im Unrate nicht, gänzlich erlischt.« »Ich weiß nicht, was du sprichst«, gab Timoscha resigniert zur Antwort. »Ich weiß nur, daß ich ein Tier bin, ein elendes und unglückliches Tier, und ich möchte meiner Seele los werden, ich will Jude werden. Ich glaube, daß es nur in Israel einen Gott gibt, und im bist Gottes Mann. Ich beginne zu verstehen, weißt du, wieso? Vorerst haßte ich dich, ich neidete dir deine Reinheit, deine Gläubigkeit. Meine Niedrigkeit empörte sich gegen deine seelische Pracht. Fast wollte ich dich morden, ich brachte es aber nicht zustande. Jetzt aber gehöre ich ganz und gar dir, es gelüstet mich, dich zu umarmen, dich zu küssen. Meine Lippen aber sind dessen nicht würdig, meine Berührung könnte dich entweihen, wohlan, ich will deine Schuhe küssen, die Erde, auf der du trittst, dienen will ich dir, meine Liebe dir opfern ... Willst du frei werden! Ich will dich in stürmischer Nacht aus diesen Kerkermauern befreien, ich will die Wächter erwürgen, sie alle erschlagen ...« Timoscha mußte in seiner Rede innehalten, denn der Kerkermeister trat ein, um die Häftlinge zu zählen. Der Rabbi wurde zum Bedauern der Gefangenen in eine andere Zelle überführt. Diese war geräumiger und reiner als die erste. Seine Chassidim haben ihm diese Wohltat erwirkt. Als er die Zelle verließ, sagte ihm Timoscha: »Ziehe hin in Frieden, heiliger Mann. Ich werde dich nie vergessen, vergiß du auch meiner nicht und bete für meine sündige Seele.« Am nächsten Tage brach Timoscha aus. Und in einer kleinen litauischen Stadt trat er zum Judentum über und erhielt den Namen des Erzvaters Abraham. Er hatte nicht viel gelernt, nicht viel verstanden, nur die Bräuche des Judentums waren ihm geläufig, aber er war stark in seinem Glauben. Ganze Strecken und Dörfer bekehrte er zum Judentume. Das waren die Ahnen jener Gerim, die in Rußland wohlbekannt sind. R. Zdziechowski Die Enkelin. (Übersetzt von Amalie Scherlag.) Dem Kaufmann erster Gilde in Ugodzin, Abraham Perelmann, ging es in seinen Geschäften vortrefflich. Er besaß zwei Häuser, Kapitalsanlagen in gewinnbringenden Unternehmungen, außerdem hatte er jederzeit Bargeld in seiner Kasse, das er auf kurze Fristen, doch zu hohen Zinsen verlieh. Minder günstig verlief ihm sein Leben in anderer Beziehung, denn er hatte seit langem Söhne, Töchter und Enkel verloren, bis auf die einzige Enkelin Sara, die sein Augapfel, sein Herzblatt, sein Alterstrost war. Dennoch hielt Ugodzin Abraham Perelmann für einen sehr glücklichen Menschen; man beneidete ihn allgemein und umgab ihn mit jener ergebenen Hochachtung, die wir gewöhnlich für den Reichtum empfinden. Abraham Perelmann spielte in der israelitischen Gemeinde Ugodzins die Rolle eines Patriarchen, Schiedsrichters, Beraters und eines Sittenzensors. Abraham Perelmann genoß auch den Ruf eines guten Menschen. Er empfing bei sich alle herzlich, versagte nur selten seine Hilfe, kargte nicht mit Bemerkungen, Ratschlägen, Anleitungen – und er hatte einen scharfen Blick in Geschäftssachen, gestattete jedem, sich auszusprechen, redete selbst viel, zeigte nicht eine Spur von Hochmut, die bei jenen so üblich ist, die sich ein großes Vermögen erworben haben ... Und wie er sich selbst, so hatten auch die Menschen ihm nichts vorzuwerfen. Das Leben floß ihm an der Neige licht und leicht. Ein heiterer Sonnenuntergang ... Seine Tage waren einander ähnlich. Er stand früh auf, betete, nahm teil an dem Frühstück seiner Enkelin Sara, die das Gymnasium besuchte, packte ihr eine Semmel in die Schultasche, geleitete sie ins Vorzimmer, aufpassend, daß sie sich entsprechend kleide, horchte einen Augenblick auf ihre raschen Schritte auf der Holztreppe, bis unten das Tor ins Schloß fiel, dann kehrte er ins Zimmer zurück, setzte sich an seinen Platz, faltete die Zeitung auseinander und durchflog die Spalten: die Telegramme flüchtig, die Lokalnachrichten mit Interesse, den Handelsteil aufmerksam. Hierauf trat er ans Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Er betrachtete die vorüberrollenden Wagen und Vorübergehenden. Seit vielen Jahren in dieser Stadt heimisch, erkannte er die Menschen, erriet das Ziel ihrer Wanderung – und selbst gesichert, seiner Existenz gewiß, liebte er es, in dieses Treiben voll Hast, Kampf und Kummer zu blicken. »Kaplan hat heute einen Wechseltermin, womit wird er bezahlen! dachte er – er wird's nicht zahlen ... Und wenn er's zahlt ... Dort wird er's herauspressen und so geht's jeden Tag, es ist schwer ... Irim schließt den Kaufvertrag über den Wald ab ... ein gutes Geschäft ... Schmulowicz holt den Advokaten der Gegenpartei ein ... das macht man nicht auf der Straße ... so unvorsichtig ... Lejserowski ist schon zurückgekehrt ... oh, der wird sich herausarbeiten ...« So dachte er nach, seinen weißen Bart streichelnd, während die von der Decke herabhängende Lampe erzitterte, so oft ein Wagen am Hause vorüberrollte. Um drei Uhr kehrte Sara aus dem Gymnasium zurück, hungrig, mit glühenden Wangen und heiter, während des Auskleidens erzählte sie lachend, manchmal empört, oder auch mit Tränen (sie empfand alles sehr lebhaft) die Vorgänge in der Schule und erwähnte Dinge, die die Alten nicht verstanden. Und so ging es während des Mittagessens, wonach sich Abraham schlafen legte, Sara aber nach den Büchern griff. In der Dämmerung erwachte Abraham und ging dann noch in den Pantoffeln, in derangierten Kleidern in sein Kabinett, wo Schränke mit alten großen und bestaubten Büchern standen, und wo ihn Interessenten, Untergebene und Freunde erwarteten. Sie trugen ihm Tagesneuigkeiten vor, denen er gierig zuhörte, indem er seinen Bart glättete und lächelte. Das Zimmer füllte sich mit Rauch, Lärm, zuweilen drang auch die Stimme der Enkelin, die ihre Lektionen lernte – herein. Abraham erkundigte sich bei seinen Gästen nach protestierten Wechseln, Konkursen, Geschäftskniffen, geschickten Transaktionen, Krankheiten und Todesfällen. All das unterhielt ihn. Bald bedauerte er jemand, bald rügte er, bald unterschrieb er einen Wechsel, oder langte in die Tasche nach einem Goldstück, um einen Armen zu unterstützen ... Irgendwo in der Ferne floß das Leben in einem wechselnden, stürmischen Strom – und er sah ihm zu, aus sicherem Versteck, wie ein Zuschauer im Theater von seinem bequemen Sitz in der ersten Reihe dem Drama auf der Bühne zusieht. Abends gingen die Gäste auseinander und sie blieben wieder allein. Man brachte Tee, die Frau strickte. Sara nahm ein Buch und las. Der Großvater betrachtete sie, ihren Kopf mit dem dunklen, kurzgeschnittenen Haar, und die dunkelroten Lippen, – er freute sich, daß sie ins Gymnasium ging, daß sie studierte, gebildet war, daß er für ihre Erziehung Geld hatte und daß ihm nichts drohte ... Der Samowar brodelte und wieder klirrte die Lampe, wenn ein Wagen vorüberrollte. Dieses Treiben war ihr fremd, denn die Wagen fuhren ins Theater, zu Unterhaltungen und Bällen ... Es geschah auch zuweilen, daß sich Sara vom Buche losriß und mit funkelnden Augen den Inhalt der Lektüre erzählte, eifrig, feurig, verzweifelt, glückselig ... Er hörte zu – das war eine andere Welt, eine unbekannte, weite, gleichgültige, aber er hörte mit Interesse zu, weil sie, Sara, es erzählte, weil es von ihrer Bildung zeugte. Er streichelte seinen langen weißen Bart, lächelte und lauschte. »Weshalb lächelst du?« entrüstete sich die Enkelin, »all das ist ja so traurig, so schrecklich ... Arme Menschen ...!« Er aber vermochte nicht sein freudiges Lächeln zu unterdrücken. Und je älter Sara wurde, desto seltener sprach sie ihm von ihren Büchern. So fing er manchmal selbst an und fragte nach dem Titel oder dem Autor eines Buches; sie aber speiste ihn mit einigen Worten ab und las weiter. Ihr Wesen ärgerte und kränkte ihn, nichtsdestoweniger flossen weiter die Tage dahin, hell und ebenso leicht wie früher ... Kein Kummer, keine Erschütterungen. Die Tage des Lebens gingen gleichsam auf Zehen um ihn herum, Sorge und Trauer wagten nicht, in seine Wohnung zu treten ... Ein heiterer Sonnenuntergang ... Bis die Erschütterung kam ... Sara war bereits in der VII. Klasse. Seit einigen Monaten schweigsam und unwillig, brach sie eines Abends unerwartet los. Sie begann mit Kleinigkeiten: Mit der Krankheit irgendeiner Kollegin, der Tochter eines armen Uhrmachers, für die sie um eine große Unterstützung bat, um sie nach dem Süden zu schicken. »Ich werde geben,« sagte Abraham, »wenn auch andere geben. – Ich bin nicht der reichste! Alles kann ich nicht hergeben.« Sara erbebte vor Empörung. »Das ist nicht wahr,« schrie sie auf, »du bist der reichste! Ich weiß es ... schon seit langem weiß ich es! ... Alle sagen es ... und alle beneiden dich ... dich und mich ... das ist schwer zu ertragen! ... Du bist schlecht und geizig ... Sperrst dein Geld ein ... Um uns herum ist Elend ... Du siehst es und freust dich!« »Ich gebe, wenn es notwendig ist«, verteidigte sich der Großvater, das erstemal seiner Enkelin zürnend. »Ja, ein Almosen! Das ist soviel als nichts ...« Und den Kopf schüttelnd mit glänzenden Augen sprach sie lange und heftig von Geld und Elend, von Recht und Unrecht, von Unterdrückung und Leid ... Ihre Worte waren bitter, scharf und spitz ... »So kann das länger nicht gehen,« vollendete sie, »ich ertrage es nicht. Alle beneiden mich ... ich lese es in ihren Augen, daß sie dich hassen, und daß sie mich hassen ..« Und sie drohte ihm, das Haus zu verlassen. Im Zimmer herrschte nun Schweigen. Nur die Lampe klirrte, wenn ein Wagen vorüberrollte, nur der Samowar summte, nur die Uhren tickten ... Der Alte ließ den Kopf hängen. Er streichelte nicht mehr seinen Bart und lächelte auch nicht. Sara stand geärgert abseits und atmete schwer, wie ein Schwimmer, der nach einem langen Kampfe mit den Wellen endlich das Ufer erreicht hat. Sie sagte nichts mehr, sie lächelte bloß, in diesem Lächeln aber war Gift – und sie entfernte sich. Von nun an sprach sie nicht mehr mit ihm. Sie kam aus der Schule nach Hause, speiste zu Mittag und stahl sich dann in die Stadt hinweg, man wußte nicht wohin und wozu, kehrte spät heim und schloß sich in ihrem Zimmer ein. Ihr schöner, warmer Pelzmantel war plötzlich geheimnisvoll vom Vorzimmerrechen verschwunden. Sie trug jetzt eine leichte Herbstjacke, verkühlte sich und hustete. Abraham ließ nun ernstlich den Kopf hängen. Er seufzte oft und wurde aufbrausend gegen seine Bekannten; sah zwar auf die Straße hinaus, aber nur mehr aus Gewohnheit; sein Verdauungszustand verschlimmerte sich und auch der Arzt half nicht mehr. Endlich, eines Abends, konnte er nicht mehr an sich halten und fragte leise, ohne die Enkelin anzusehen: »Was soll ich also tun? ...« Sara blickte ihn mit ihren leuchtenden Augen an. »Fragst du im Ernst oder ...« »Im Ernst ...« »So hör' denn zu ...« Ein rascher, feuriger Redestrom ergoß sich von ihren Lippen. Sie sprang vom Sessel auf, schüttelte den Kopf, gestikulierte, griff in die Tasche des Großvaters und schüttete goldnen Regen ... »Geben, geben und immer geben«, flüsterte Sara und lächelte so hell wie ehemals. Er gab nach. Die Tochter des armen Uhrmachers fuhr nach dem Süden, der versetzte Pelzmantel wurde ausgelöst, aus Perelmanns Wohnung ergoß sich ein Geldstrom und floß immer reichlicher. Die Stadt wunderte sich. Abraham seufzte, indem er die Kassa öffnete, Schecks unterschrieb. Sein altes Weib starrte mit schlaftrunkenen Augen, aber in dem Hause brannte, wie ehedem, gleichsam wie eine verzauberte Lampe, das Glück ... Zu Perelmanns Ohren drangen Nachrichten über die außergewöhnliche Liebe der Kolleginnen und der Armen für Sara, die man »Perle« nannte. Sara lachte wieder, küßte ihre Großeltern und plauderte; der Alte freute sich über die Heiterkeit, die er bis nun nicht gekannt und nicht einmal verstanden hatte. Saras Forderungen wurden immer größer. Er seufzte, ward böse, führte zu Hause die größte Sparsamkeit ein, aber er gab nach. Sie hatten sogar eine eigenartige Sache besprochen. In der Zeit der strengsten Fröste fuhr er in einem kostbaren Pelz in das Städtchen, aus dem er stammte, wo er seine Karriere begonnen hatte, wo er ehemals noch als ein armes, unbekanntes »Jüdl« den reichen Gutsbesitzern nachgelaufen war. Beim Rabbiner erkundigte er sich nach den Ärmsten des Städtchens, die ließ er dann zu sich kommen, öffnete die Tasche, gab, half und unterstützte ... Dabei erfuhr er einiges, was ihn schmerzlich berührte, viele seiner Altersgenossen waren bereits gestorben, manche trugen die Last schwerer Krankheiten, manche waren in vollständiges Elend verfallen. Von allen Bewohnern des Städtchens war nur er allein emporgekommen, den anderen ging's schlecht. Alle Jüdinnen, die er noch als junge Frauen gekannt hatte, saßen in schmalen, armseligen Läden und wärmten die erstarrten Hände an glimmenden Töpfen. Arme Gewerbetreibende steckten weiter in ihrem Elend. Jedes Jahr kamen Kinder zur Welt ohne Zahl, ohne Ende ... Seiner Mildtätigkeit eröffnete sich ein ungeahntes Gebiet ... Er erzählte es Sara, und im nächsten Winter fuhr er wieder hin, mit einer gespickten Börse, schon aus eigenem Antriebe. Diesmal weilte er dort länger, besuchte alte Bekannte und altes Elend, streichelte Kinderköpfe und saß an Krankenbetten ... Und diesmal empfand er in dem Warteraum, wo am brennenden Ofen die arme Menge die erstarrten Hände wärmte, jene Freude, die er nun schon verstand ... Sara hörte ihm gespannt zu, mit einem seltsamen Zucken im Gesicht, und beschloß mit ihm zusammen die nächste Reise zu machen, und sie waren beide glücklich ... Aber diesen Herbst ward es traurig. Sara hatte das Gymnasium absolviert und fuhr in eine ferne Stadt auf die Hochschule. Und nun überzeugte sich Abraham Perelmann, wie notwendig zum Leben ihm seine Enkelin war. Eine bleierne Langweile lähmte die bis nun so leichten und raschen Schritte des Tages. Es unterhielten ihn weder Tagesklatsch noch Zeitungen, weder die eigenen Geschäfte noch das Treiben auf der Straße. Es freuten ihn nicht mehr die reichlichen Almosen, denn Saras Hände waren nicht da – und er gab immer seltener. Nur die Briefe seiner Enkelin belebten ihn. Anfangs kamen sie oft und waren lang, lebhaft, voll jugendlicher Freude und Begeisterung, die die Alten nicht verstanden; später wurden sie immer seltener, kürzer. Abraham wunderte sich gekränkt und zählte die Tage bis zu ihren nicht mehr fernen Winterferien. Endlich traf Sara ein. Blaß, abgemagert, ausgehungert, hustend, ohne Pelz und ohne die Hälfte der Sachen, die man ihr auf den Weg mitgegeben. Er fragte, weshalb sie so ausgehungert sei und wo alle Sachen hingekommen wären, doch sie gab ihm flüchtige Antworten. Sie war schweigsam, wie damals nach jener ersten Szene, nur noch viel trauriger. Der Anblick der Großeltern, der Geburtsstadt, der Bekannten freute sie nicht. Sie las die ganzen Tage hindurch, schrieb Briefe und ging selten aus. Abraham Perelmann zerbrach sich den Kopf über den Grund ihres Verhaltens, er beriet sich mit seinem apathischen Weibe. Er ließ einen Arzt holen, erfuhr aber nichts Wesentliches. Seine Lebensfreude wurde ihm zur Sorge. Es ging mit ihm abwärts. Abends vertiefte er sich in das Antlitz seiner Enkelin, die über Büchern und Briefen gebeugt dasaß, in ihre bleiche Stirn und die Schatten der umränderten Augen und ihre noch immer roten, aber verdrießlichen Lippen, und es ward ihm so schwer ums Herz, daß er bei dem leisesten Geräusch ungeduldig auffuhr. So verflossen einige Wochen und Saras Abreise stand bevor. Abraham beschloß, zum letzten Mittel zu greifen. »Ich lass' dich nicht fort, Sara«, sagte er eines Abends. Sie sah ihn mit ihren verträumten Augen an, wie es Menschen tun, die über Büchern hocken. »Ich kann nicht hierbleiben ...« »Ich werde kein Geld mehr hergeben und du bleibst«, wiederholte betrübt der Großvater. »Ich kann nicht bleiben,« sagte sie ohne Zorn, eher traurig, »ich werde auf eigene Kraft ...« Sie schwiegen. Nur die Lampe klirrte, wenn ein Wagen vorüberrollte, nur der Samowar summte und die Uhren tickten ... Die Großmutter seufzte, wie gewöhnlich, gedankenlos, Sara vertiefte sich ins Lesen, Abraham ließ traurig den Kopf hängen. »Was fehlt dir, Sara!« begann er wieder mit unsicherer Stimme. »Du bist mir böse? was hab' ich dir getan!« Die Enkelin unterbrach das Lesen, ihre Lippen bewegten sich eigentümlich, sie sagte aber nichts. »Du wolltest, daß ich mein Geld weggebe – ich tat's, die Hälfte meiner Einkünfte ging unter die Armen ... willst du, daß ich mehr gebe – ich tu's ... Ich werde nicht zögern .. Sag', was ist nötig ... Nur sei anders ... Ich habe noch viel Geld ...« Er fragte, flehte sie an, mit grenzenlos liebenden Blicken seiner alten Augen. »Es ist nicht das,« erwiderte kurz Sara, »das hilft nicht.« Und fügte nichts mehr hinzu. Wieder trat Stille ein. Abraham versuchte nicht mehr zu sprechen, langsam, leise und vorsichtig trommelte er mit den dicken Fingern auf dem Tisch, dann begab er sich, seiner Frau zunickend, auf sein Zimmer, gebeugt, müde und traurig ... Sara las bis spät in die Nacht. Als der Friede des Schlafes das ganze Haus erfüllte, schob sie das Buch beiseite und trat ans Fenster. Über der Gartenanlage glühten am dunklen, kalten Firmament zahllose Sterne. Unlösbare Geheimnisse schienen auf dem weiten Himmelsgewölbe zu träumen ... Die Unendlichkeit breitete über die Stadt ihre ewigen Fittiche aus. »Wann – oh, wann«, fragte Saras Sehnsucht, »wird von diesem fernen Himmel die Zukunft auf die Erde herabsteigen! Wann wird der neue Tag erwachen, wann wird sich der Traum der Jahrhunderte erfüllen, der Traum der Erde. Wann? Wann? ...« Die Traurigkeit ihres Großvaters kam ihr in den Sinn, ihre Kinderjahre, die mit ihm verbrachten zwei Jahre, wo sie das Geld an Arme verschenkt hatten, jene Enttäuschungen ... und sie weinte. Das erstemal seit vielen Jahren weinte jemand in der Wohnung des glücklichen und reichen Abraham Perelmann. Einige Stunden später regte sich etwas in Perelmanns Wohnung. Ein Wagen fuhr vors Haus, dann hallten Schritte auf den Treppen, der Wagen rollte davon ... Sodann trat völlige Stille ein. Plötzlich entrang sich in Abrahams Stube aus einer Menschenbrust ein Schmerzensschrei, der wie ein Heulen klang ... Hermann Menkes Das Wunderkind. Im Souterrain eines der morschen Häuser in der »Schulgasse« einer russischen Stadt, in einem kleinen, feuchten und lichtlosen Raum, wohnte Löbl, der Apfelhändler. Er war ein kleines Männchen und sah, trotzdem er erst fünfundvierzig Jahre zählte, mit seinem dichten, etwas ergrauten Bart und seinen welken Zügen schon greisenhaft aus. Er hatte von frühester Jugend an Not und schwerste, endlose Arbeit gekannt, konnte nie trotz seiner Anstrengungen auf einen grünen Zweig kommen und wurde nach kurzen, kümmerlichen Glücksjahren seiner Ehe Witwer. Solange seine Frau lebte, bildete sie seinen einzigen Stolz. Sie besaß einige Schönheit, und Löbl schaute mit Glück auf sie, da sie so stattlich aussah wie die Frauen der Wohlhabenderen und Gesegneteren. Auch half sie wacker mit im Arbeiten und Verdienen, wußte draußen auf dem Markte die Kundschaft durch feinere Art an sich heranzulocken, und solange sie lebte, ging alles leidlich zu. Es bildete lange beider Schmerz und Traurigkeit, daß sich Kindersegen nicht einstellen wollte, weil ihnen das unerträglich war und sie sich vor den Leuten, die sie mit ihren Fragen bedrängten, schämten, hatten sie unter Tränen nahezu sich entschlossen, ihre Ehe aufzulösen und voneinander zu gehen. Doch gerade um diese Zeit stellte sich der Segen ein. Die Frau gebar einen Knaben, aber nach wenigen Tagen innigster Glückseligkeit starb sie an den Folgen der Geburt. Von da ab ging es abwärts mit Löbl. Nicht nur, daß er seinen klaglosen, stillen Kummer nicht überwinden konnte, auch sein sonstiges Elend nahm zu. Er konnte nicht mehr »die Stell« mitten auf dem Marktplatz behalten, die bessere Kundschaft wandte sich ab, da die Frau mit ihren schmeichelnden Worten nicht mehr lockte, und Löbl wurde ein fliegender Händler mit zweifelhaften und schwer genießbaren Waren, mußte sich vom grauenden Morgen bis in späte Abendstunden bei Frost und Wetter noch mehr abrackern, und schlimmes, bitteres Leid fügte ihm das verlassene Kindlein zu, dessen sich nur die Nachbarn zuweilen annahmen und das ihm gar keine Freude bringen konnte. Oft saß er in später Nacht an der Wiege, mit geneigtem Haupt und geschlossenen Augen darüber nachsinnend, wie wenig Segen und Glück darin lag, was er so heiß ersteht. Mußte er bei grauendem Morgen an Wintertagen mit seinen Waren wieder hinaus und das Kind verlassen, da geschah es, daß sich der sonst resignierte Mann in Klagen erging und die Tote beneidete. War Löbl wieder unter den Leuten, da mußte all das vergessen werden, und aus einem versteckten Winkel seiner Seele holte er ein kleines Restchen von Humor hervor, das der arme Jude benötigte, um mit Welt und Menschen noch auszukommen. So lockte er mit Witzworten und humoristischen Zurufen die Leute, zumeist junges, dankbares Schulvolk, an sich heran und fand in dieser Weise kärglichen Verdienst. Gott hilft über alles hinweg. So war denn das Kind immer größer geworden, behielt nach einigen Krankheiten, die es überstand, eine dürftige Gesundheit und konnte in die Talmud-Thora, in eine armselige, religiöse Schule, gesteckt werden, die sich von Spenden reicher Juden und der Unterstützung der jüdischen Gemeinde erhielt. Löbl sah, daß der Knabe etwas von der Schönheit der Mutter hatte. Ja, vielleicht, daß seine Augen noch schöner waren, große, schwarze, traurige Augen. Seit dieser Zeit klagte Löbl nicht und dankte Gott noch mehr, daß er seine Frau all das viele Leid nicht erleben ließ. Von einem tieferen Glück war das Kind erfüllt. Hatte es an Frühlings- oder Sommertagen einige freie Zeit, so tummelte es sich auf jenem umfriedeten Platz, den sie den »Friedhof« nannten. Er war da am liebsten allein, und wie viel Glück schuf ihm diese Einsamkeit! Da gab es Sträucher, lärmende Spatzen und bunte Schmetterlinge, da und dort einen Hügel oder ein kleines Regenbächlein. Die bildeten seine Märchenreiche. Hie und da drang mit sausendem und musizierendem Wind Gesang aus der Synagoge zu ihm, und der Knabe musizierte mit, still und scheu und doch ein wenig wie von feierlichem Glück erfüllt. Kehrte aber das Kind nach Hause in den düsteren, schmucklosen Keller zurück, so war jener Zauber und alles Glück gewichen. Früh kam ihm die Ahnung, wie hart und freudlos das Leben ist. Sein Vater hatte einen Freund, den er nach den Gebetstunden in der kleinen Synagoge stets mit sich nach Hause brachte. Ein gewisser Gram und Zorn gegen das Leben hatte zwei Menschen zusammenzubringen vermocht, die sonst nichts miteinander teilen konnten. Löbls Freund hieß Ruben. Er verfügte über ein kleines ärmliches Amt als Aushilfsvorbeter. Es war nichts von Gemüt und Freundlichkeit im Wesen dieses Mannes. Ihm war der karge Humor fremd, mit dem sich ein armer Jude über Not und Tücken des Lebens zu helfen weiß. Seine Stirn war hart geformt und in seinen Augen war nie ein sonniger Schein. Der alternde Mann, der nichts von Glück wußte und der gegen alle Schönheit blind war, setzte sein ganzes Wünschen darein, als Sänger seine Gemeinde in Ergriffenheit und Begeisterung zu bringen. Stand er vor der Gotteslade, so sammelte er all das, was in seiner Seele an Gottesfurcht, Ergebenheit und stillem Kummer aufgespart war, und da er selbst in diesen Momenten, trotz der Sprödigkeit seines Wesens, sich ergriffen fühlte, glaubte er, daß etwas von all dem auch in seinen Gesang fließe. Aber seine Stimme klang rauh und nahezu heiser, und er quälte sie immerzu durch vergebliche Anstrengungen, zwang sie zu einem Weinen, das nicht kam, zu einer Fröhlichkeit, die grotesk und komisch wirkte. Er hörte oft, wie hinter seinem Rücken gelacht wurde und mußte dann boshaften Spott entgegennehmen, ohne sich recht wehren zu können. An den Feiertagen nach den Gebetstunden fanden sich die Freunde zusammen. Voll Trotz und verfinstert saß Ruben in der dunkeln, unfreundlichen Stube da und klagte nicht. Niemals beachtete er den Knaben, der Angst vor dem schweigsamen, häßlichen und unfreundlichen Mann empfand. Eines Tages geschah es, daß einer der berühmten Vorbeter aus der Fremde ins Städtchen kam und sich an einem Sabbattag in der Synagoge hören ließ. Das war allemal eine große künstlerische Begebenheit in der Judengemeinde. Ein Seelenlöser ist so ein Sänger, ein Glück- und Gnadenbringer. Es war knapp vor Ostern und eine warme, milde Sonne schien durch die hohen, verstaubten Fenster der alten Synagoge mit ihren schon geschwärzten Wänden und ihrem verblichenen Schmuck. Knapp vor der Gotteslade stand ein kleines, schon ergrautes Männchen von einem kleinen Chor umgeben und sang. Es war Jerichem, der berühmte Vorbeter aus Odessa. Das Lied, das er anstimmte, schwang sich empor, feierlich und ergreifend, und verlor sich dann in den dumpfen Klängen des Chors, tauchte wieder empor und siegte über all die begleitenden Männerstimmen. In eine Ecke gedrückt, lauschten Ruben und Löbl. Ruben fühlte sich von einem Mächtigen niedergeschlagen, überwunden, des letzten Glaubens beraubt. Noch nie hatte er diese Demut gefühlt, diese Scham über sich selbst, über seine Ohnmacht und Dürftigkeit. Er glaubte nicht länger leben zu können, da ihm eine bittere Erkenntnis durch einen Gottbegnadeten geworden. Ganz unbemerkt hatte er sich fortgeschlichen. In der Kellerstube Löbls war er auf eine Bank gesunken und stöhnte. Aber in der stillen Stube erhob sich zuerst scheu, leise und stockend, dann immer heller eine zarte Kinderstimme. Es war der Knabe, der sang. Das Lied klang rührend und ohne Kummer, und Ruben weinte und weinte, aber er fühlte, daß er glücklich wurde, weil, wie es ihm schien, ein Kind mit ihm Erbarmen empfand. Er sank hin vor dem Knaben und umfaßte ihn mit einer Zärtlichkeit, deren er bis dahin nie fähig gewesen. »Singe, singe!« schluchzte er flehend. Und so geschah es, daß der liebeleere und verbitterte Ruben etwas in der Welt gefunden hatte, das er mit aller Zärtlichkeit seines kargen Empfindens liebte: den zarten Knaben Löbls. Von ihm erhoffte er, daß er seine Seele erlösen werde. In die Einsamkeit des kleinen, alten und verlassenen Friedhofs führte er das Kind, und unbelauscht formte er hier dessen Stimme. Jubelte die Stimme des Kindes, so zitterte Vogelsang mit und die Schwalben erhoben sich und strebten durch die Lüfte der Sonne zu. Jetzt ging Ruben mit strahlendem Gesicht und wie mit einem heimlichen Glück herum. Er wartete und sah einem großen Tag entgegen. Inzwischen neigte sich und versank still der Sommer mit der dürftigen Schönheit, die er für die Judengasse übrig hatte. Der lag des Neujahrs war voll von strahlender Sonne und Köstlichkeit. Vor dem Almemor stand Ruben, von den wenigen Chorsängern umgeben, die er für sich werben konnte. Seine Stimme klang still und sanfter als sonst, als er die ersten Gebete hersagte. In Sterbekitteln, die Gebettücher tief über die harten oder gerunzelten Stirnen gezogen, die Arme bald stehend emporgestreckt, bald die Fäuste zu Schlägen gegen die eigene Brust geballt, standen die Beter. Es war das Schemonah-essra-Gebet, das sie still hersagten. Dasselbe Gebet griff dann der Vorbeter auf und kam zu dem strahlenden Lobgesang der Keduschah. Da erhob sich zuerst still und zart eine Knabenstimme. Die Greise neigten sich vor und lauschten, und es neigte sich manch zartes, trauriges Frauengesicht aus der Weiberschule durchs Fensterlein vor und folgte den Tönen, die süß und wie in einem innigen Erbarmen klangen. Wie Sonne kam es in die düstere Halle voll schwebender Kerzen und Seufzer. Ganz hinten, in einer Armenecke, in abgetragenem Feiertagsgewand und geflicktem Gebetmantel, stand Löbl. Und während die Stimme seines Kindes immer strahlender und voll wunderbarster Innigkeit emporwuchs, flüsterte er mit einem glückselig-wehen Lächeln: »Chane, Chane, warum konntest du das nicht erleben!« Hermann Blumenthal Ein Frühlingsopfer I. Es ist am Abend vor dem Versöhnungstage in einer kleinen galizischen Stadt. Früh ging der Tag zur Neige – und nun hüllt die Dunkelheit das Städtchen in tiefes Schweigen. Die Einwohner sind fast ausschließlich Juden, die jetzt vollzählig in der Synagoge und in den vielen kleineren Bethäusern versammelt sind. Nur selten hallen vereinsamte Tritte durch die stillen Gassen ... Die eng aneinandergereihten Häuschen ragen mit ihren ungleichmäßigen Giebeln gespensterhaft in den bewölkten Himmel hinein. Die Bäumchen, die dem Marktplatze entlang gepflanzt sind, nehmen sich im Finstern wie geballte ungeheure Fäuste an langen, hageren Armen aus – und der Wind, der sie bewegt und schüttelt, läßt sich wie eine klagende Stimme vernehmen; wie ein unterdrücktes Schluchzen, das die Schmerzen eines großen, leidenden Volkes zum Ausdruck bringt ... In der Luft liegt etwas von der Weihe des kommenden Tages. Etwas Gedrücktes und unsäglich Trauriges, das sich um das Gemüt legt – wie ein dichter Nebel. Eine tiefe Schwermut tritt an uns heran; ernste Probleme erheben sich im Hirn, und, von uns ganz Besitz ergreifend, recken und spinnen sie sich weiter fort – wir vermögen nichts dagegen zu tun ... Es ist uns, als würde es aus allen Ecken mit Donnerstimme erschallen: »... Denn an diesem Tage wird es beschlossen und besiegelt – wer lebe, wer sterbe; ... wer sein volles Ziel erreiche und wer vor der Zeit dahingehe ... wer erniedrigt, wer erhöht werde ...« In einem alten, im engen Schustergäßchen gelegenen Hause bewohnt der Synagogendiener Jerichim eine kleine Stube. In dem vom matten Licht einer Wachskerze erhellten Raume befinden sich jetzt nur seine beiden Kinder. Beim Tische sitzt der vierzehnjährige Isaak und betet, im Bette liegt der achtjährige Benjamin, an den Masern krank. Isaak betet mit großer Andacht. Nur ganz leise denkt er daran, daß es ihm an diesem heiligen Tage versagt ist, bei den anderen im Bethause zu sein. Das Bewußtsein, welch hohe Mission ihm zuteil ward, da man ihm die Obhut des kranken Bruders anvertraute, verbannt dieses geheime Sehnen und sein Gebet fließt innig und heißempfunden aus seinem Herzen. Hier und da läßt er den Blick zum Kranken hingleiten, und wenn er seine Augen wieder dem Gebetbuche zuwendet, ist in ihnen eine tiefe Wehmut zu lesen ... Bei jedem Abschnitte flüstert er, den Blick zur Decke gerichtet: »Lieber Gott, heile meinen Bruder Benjamin!« Nun ist Isaak mit dem Gebete zu Ende. Er setzt sich an das Kopfende des Krankenbettes und beginnt vor sich hinzuträumen. Das Träumen war stets seine liebste Beschäftigung, denn im stillen Winkel ging ihm seine innere Welt auf. Da vergaß er die rauhe Wirklichkeit, die ihm so viele Enttäuschungen gebracht, und gar vieles, das die große Welt nicht verstand, erwachte in ihm zu neuem Leben ... Isaak war ein Stiefkind der Gesellschaft und hatte Grund, die spöttelnden, übermütigen Menschen zu meiden. Auf seiner Schulter erhob sich ein Höcker, der seine Gestalt gekrümmt erscheinen ließ, und den rechten Fuß schleppte er nach. Diese Gebrechen übten einen großen Einfluß auf sein Seelenleben aus, denn er war gezwungen, vereinsamt und unbeachtet seine Jugend hinzubringen. Keinem seiner Altersgenossen fiel es je ein, mit ihm Freundschaft zu schließen. Als Kind mußte er als stummer Zuschauer auf den Spielplätzen stehen, und als er älter wurde und ins Cheder kam, war es um nichts besser. So wuchs denn Isaak einsam und verlassen auf, bemitleidet von den wenigen guten Menschen, verhöhnt und zurückgestoßen von den schlechten und boshaften ... Auch seine Eltern waren gegen ihn nicht besser als alle anderen. Isaak durchschaute sie ganz. Fr fühlte es deutlich, daß er nur gelitten wurde und daß sein Tod ihnen gar keinen Schmerz, wohl aber Erleichterung bringen würde. Isaak erfuhr nichts von Mutterliebe und elterlicher Fürsorge; die kleinen Aufmerksamkeiten und Liebkosungen, die das Band der Liebe zwischen Eltern und Kindern bilden, blieben ihm fremd. In seiner Zurückgezogenheit lernte Isaak jedoch klar denken. Den geschärften Sinnen prägte sich jede Kleinigkeit ein und allen Kindern seines Alters war er an klarer Auffassung voraus. Die anderen Kinder wollten nichts von ihm wissen – und was konnte er ihnen auch bieten! Sein Innenleben vermochte er ihnen nicht zu erschließen. Sie sahen bloß seine häßliche Gestalt ... Doch nur äußerlich ging Isaak gedrückt und traurig umher. In seinem Innern glühte und jubelte es. In jedes äußere Ereignis legte er seine Heimlichkeiten hinein und ging darüber hinweg zur innerlichen Veranschaulichung. Je tiefer er in der Wirklichkeit sank, desto höher erhob er sich in seinen Träumen ... Seine gewaltige Einbildungskraft hob ihn über die Tatsachen hinweg zu einem erträumten Glück, und Isaak wärmte sich an dieser falschen Sonne des Scheins, wenn ihn auch hier und da ein Frösteln an die kalten, bitteren Wintertage des wirklichen Lebens gemahnte ... Ihm aber genügte die erträumte Seligkeit. Wenn er auch durch Nacht und Sturm dahinkeuchte –; vor seinen geistigen Blicken erschien das lachende Morgenrot des Zieles. Mit verhängten Zügeln ritt er in tiefer Finsternis dahin. In seinen Sinnen aber waren alle Gefahren und Entbehrungen schon überwunden und er empfand im voraus die heitere Wärme und Befriedigung des Siegers ... Auf dem Dachboden war sein geheimes Reich. Unter allerhand Gerümpel hatte er sich dort ein Plätzchen zum Träumen ausgesucht und allen Gegenständen hauchte er seine Seele ein. Dort saß er mit geschlossenen Augen auf einer Tonne – das war der Thron – und regierte sein Land ... Er schwelgte in sonderbaren Ausmalungen. – Eine alte Wiege, die bei der kleinsten Bewegung jämmerlich ächzte, war die Staatskarosse und eine Menge Flaschen, die er in Reihe und Glied aufstellte, bildeten sein Heer. Wenn er mit den Füßen auf den Boden schlug, klirrten und klangen die Flaschen aneinander: das waren die Einzelgefechte. Auch der Kanonendonner durfte nicht fehlen. In der Hitze des Gefechts warf der Träumer eine Kiste um, daß es nur so dröhnte ... Einmal wähnte sich Isaak Simson zu sein, der gegen die Philister kämpfte ... Er schlug den Feind in die Flucht und durchstreifte dann als Sieger stolz und majestätisch den Kampfplatz ... Ein anderes Mal wieder war er Josua, der gegen die Kanaaniter auszog ... Auch dort triumphierte er; unter Posaunengeschmetter brach er mit seinen Getreuen in Jericho ein und eroberte die Stadt. Jeder Wochenabschnitt brachte ihm neuen Stoff zum Träumen. Las er von der Wanderung der Juden durch die Wüste, so ließ er im einsamen Winkel alle Einzelheiten noch einmal in seinem Geiste vorbeiziehen. Sich selbst aber sah er stets als Führer in der ersten Reihe. Las er vom Auszug der Juden aus Ägypten, so malte er sich jede Begebenheit klar und deutlich aus und lebte sich in eine Zeit, die Tausende von Jahren hinter ihm lag, hinein. Als Isaak älter wurde, nahmen seine Träume realere Grundformen an, aber phantastisch blieben sie dennoch. Das lag in seiner Natur. Isaak lebte nur in den heiligen Büchern. Da erschloß sich ihm das Leben der Vergangenheit, was war das doch für eine glorreiche Zeit, als sich noch Gott seinem Volke offenbarte und als die großen Wunder geschahen ... Wie schal und öde sah die Welt aus, in der er zu leben gezwungen war! Wo er nur hinblickte, begegnete ihm Armut und Elend und schmutzige Alltäglichkeit. Und was waren das für Menschen um ihn! Kalt und trocken, ohne Ziel und Ideale, gingen sie durchs Leben; gedrückt und müde, wie unter einer schweren Last gebeugt Es war zum verzweifeln! Tiefe Traurigkeit bemächtigte sich Isaaks, so oft er über all dies nachdachte ... Als Isaak zwölf Jahre zählte, traf ihn ein Schlag, den er nicht so leicht überwinden konnte. Seine Eltern rissen ihn aus dem Cheder und gaben ihn in die Zündhölzchenfabrik. Isaak war außer sich ... Die Nächte hindurch lag er schlaflos auf seinem Lager und weinte sich die Augen rot. Das große Sehnen mit den überirdischen Schwingen verflog und von nun ab war nur das Cheder der Zielpunkt all seiner Wünsche. – Dort hatte er es so gut gehabt! Den ganzen Tag über saß er in der warmen Stube mit den anderen Jungen und lernte. Und in seiner Phantasie regten sich liebe Bilder in bunter Reihenfolge, die ihm das Dasein erträglich machten. Und nun sollte er sich von früh bis abends in dumpfen, gesundheitsschädlichen Sälen bei einer so gefährlichen Arbeit aufhalten! Aber was halfen alle Bitten und Beweise? Er mußte in die Fabrik und alle seine Wünsche zerflossen und zerrannen. Diesen Schritt konnte er seinen Eltern nicht verzeihen. Noch ein Umstand trug zu seiner Verbitterung bei. Die Liebe, die seine Eltern ihm entzogen, übertrugen sie auf den jüngeren Bruder Benjamin. Dieser wurde verzärtelt und gehätschelt. Stundenlang saßen sie oft beisammen und träumten von Benjamins Zukunft. Der Vater sah ihn als Leuchte des Judentums vor sich ... »Er wird einmal hinausragen über alle Menschen und sein Name wird bei den Juden hochgepriesen sein, denn ihm ist es beschieden, ein Streiter für das Recht seines unterdrückten Volkes zu werden ...« So sprach der Vater des öfteren. Die Mutter hatte mit ihm andere Pläne. Sie sah ihn als reichen Kaufherrn vor sich, groß und erwachsen, und alle Frauen des Städtchens beneideten sie um ihren Sohn ... Aber beide waren sich darüber einig, daß er unbedingt »etwas Großes« werden müsse. Isaak mußte oft stundenlang diesen Hirngespinsten zuhören, und da bemächtigte sich seiner ein Zorn. »Alles, alles für Benjamin«, murmelte er vor sich hin, »für mich nichts ...« Wenn Isaak des Abends von der Fabrik müde und hungrig nach Hause kam, ließ man ihn stundenlang ohne Abendbrot und er mußte zusehen, wie man Benjamin mit den ausgesuchtesten Speisen fütterte ... Auch in der Fabrik häuften sich für ihn Unannehmlichkeiten von Tag zu Tag. Er war übervoll und hatte niemand, dem er sein Leid klagen konnte. Da begann Isaak alle Menschen zu hassen; auch seine Eltern und Benjamin verwünschte er aus tiefster Seele. Er bat Gott, daß er seine Blitze schicken möge, um das Städtchen zu vernichten, wie er es mit Sodom und Gomorra getan ... Jahr um Jahr ging so dahin. – Isaak wurde älter und klüger. Seine Entwicklung ging rapid vor sich. Es war nicht das langsam emporkeimende, mit jedem Tage sich entwickelnde Verständnis. Seine Reife glich einem kleinen Gebirgsflusse, der, durch Wolkenbrüche und Gewitter in den Bergen mit einem Male anschwellend, sein schmales Bett überschwemmt und sich weithin ausdehnt, was ihm im Wege steht verheerend und mitreißend ... Allmählich jedoch lernte es Isaak, sich in sein Schicksal zu fügen ... Er empörte sich gegen nichts mehr und wurde still und traurig. Wenn der Samstag kam, lebte er wieder auf, denn da war er frei. Am Nachmittag konnte er im Beth-Ha-Midrasch sitzen und sich mit den heiligen Büchern befassen. Isaak wurde ein anderer und fand Trost im Entsagen. Er begann seine Eltern zu bemitleiden und mit der Zeit lernte er es, sie wieder zu lieben ... Auch seine Träume wurden anders. Sie zeichneten sich durch einen lebenswahren Zug aus. Er malte es sich aus, wie er gerade Glieder hatte und ihm der Vater einen seidenen Kaftan und einen Samthut kaufte. Er war der schönste Jüngling der Stadt, dem alle Mädchen nachliefen, und verlobte sich mit der schönen Rahel, deren Vater der reichste Mann des Städtchens war ... An einem mondhellen Ssmmerabend gingen sie zur Vermählung. Alle Mädchen der Stadt jammerten, denn jede von ihnen wollte ihn zum Manne haben ... Zu anderer Zeit träumte er davon, einen großen Geldbetrag gefunden zu haben. Seine Eltern baten ihn um Verzeihung für alles Ungemach, das er durch sie erlitten hatte und versprachen ihm, ihn nunmehr wie Benjamin zu lieben ... Und er ließ sich erweichen, gab ihnen das ganze Geld und ein neues Leben begann für die Familie ... Am Markte besaßen sie ein großes Haus und lebten glücklich und ohne Sorgen. Der Vater konnte den ganzen Tag in der warmen Stube sitzen und die Mutter hatte es nicht mehr nötig, zu fremden Leuten waschen und kochen zu gehen ... Aller Groll gegen den jüngeren Bruder war verflogen. Isaak träumte jetzt auch für ihn ... In seiner Phantasie erhoben sich die kühnsten Projekte und Hoffnungen für Benjamin. Ja! Unzweifelhaft wollte es Gott, daß dieser sein Ziel erreichte, dachte Isaak. Er ist schön und die Eltern lieben ihn ... Für Benjamins Zukunft wollten sie ja jedes Opfer bringen. Und Isaak beschloß, den Eltern dabei zu helfen. Alle seine Wünsche übertrug er auf den Bruder. Sich sah er in seinen Träumen nur als dessen Sklaven und Untergebenen ... Nicht er, sondern Benjamin marschierte von nun ab als Held und Sieger durch seine innere Welt ... Er sah ihn groß und gewaltig in seiner Phantasie; wie er alle Schwierigkeiten überwand und triumphierend siegesstolz einherschritt. Er gab ihm die Namen aller Tapferen und Heiligen, von denen die Heilige Schrift zu erzählen weiß, und war glücklich in diesen Auslegungen, denn das Hoffen hielt ihn aufrecht und verbannte die Traurigkeit ... So waren die Verhältnisse beschaffen, als diese böse Krankheit plötzlich und unerwartet kam und sich gerade Benjamin aussuchte ... Wochenlang dauerte es ungeschwächt fort und von Tag zu Tag verschlimmerte es sich nur ... Es kam ein trauriges Erwachen für Jerichim und sein Weib. Die Luftschlösser sanken in die Tiefe und sie sahen wieder die Welt wie sie war. Anfangs konnten sie es gar nicht fassen, daß Gott Benjamin verlassen werde, aber als es immer ärger wurde, kam die Verzweiflung und ließ sie klar erkennen. Isaak betete zu Gott und verzagte nicht, wenn auch der Vater mit verstörter Miene umherging und die Mutter still vor sich hinweinte. Er wußte bei sich, daß Benjamin nicht sterben darf, da große Aufgaben seiner harren ... Auf der Gasse regte es sich und viele Stimmen drangen an Isaaks Ohr ... Er erwachte aus dem Hinbrüten, in dem er seine jungen Jahre durchlaufen, und näherte sich dem Fenster ... Aus den Bethäusern kamen die Leute. Bald verschlang sie die Dunkelheit und Isaak vernahm nur das Hallen der Tritte, das mit jeder Sekunde schwächer wurde, bis es ganz verstummte ... Benjamin erwachte plötzlich, setzte sich verschlafen auf und verlangte zu trinken. Isaak setzte ihm das Glas an die Lippen und Benjamin trank gierig daraus. Dann fiel er in die Rissen zurück. Isaak stand eine Weile da und blickte traurig auf den kranken Bruder. Dann näherte er sich dem Tisch, schlug die Bibel auf und begann halblaut zu lesen. Er nahm sich vor, nicht einzuschlafen, denn er war sich seiner Verantwortung wohl bewußt. Die Mutter, die seit einer Woche ununterbrochen beim Krankenbett wachte, war vor Schwäche und Kummer am Vorabend zusammengefallen und mußte zu ihrer Schwester gebracht werden, und der Vater blieb die ganze Nacht in der Synagoge. Der Knabe las von der Opferung Isaaks; er pries das Gottesvertrauen Abrahams und die Weisheit des Allmächtigen. Dann las Isaak von dem Traum Jakobs. Er legte den Kopf auf das Buch und bildete sich ein, Jakob zu sein, der auf den harten Steinen ruhte ... Er sah die Himmelsleiter und die vielen, vielen Engel, die auf und nieder stiegen. Sie kamen nahe bei ihm vorbei. Isaak konnte nach ihnen greifen ... Stundenlang saß er so in wachem Hinträumen und kämpfte gegen den Schlaf – aber vergebens. So oft er ihn auch verscheuchte – er kam wieder, und zwar in voller Rüstung; mit allen Künsten und Mitteln, die ihren Zweck nicht verfehlen – und endlich gelang es ihm, den widerstrebenden Knaben mit sich fortzuziehen in sein fernes, geheimnisvolles Reich. II. Isaak befand sich ganz allein in der Synagoge. Es war ein sonniger Morgen und im weiten Raume herrschte eine überirdische Helle. Da öffnete sich die Bundeslade ganz von selbst und ein Mann mit einem langen, wallenden Bart entstieg derselben. Langsam und sinnend kam er auf Isaak zu, blieb einige Sekunden schweigend vor ihm stehen und sprach dann leise: »Komm!« Isaak folgte ihm, denn er wußte, daß der Mann Moses war. Schweigend schritten sie nebeneinander durch das Städtchen. Isaak hatte gerade Glieder und bewegte sich fast hüpfend. Am Markte herrschte ein reges Treiben, Jetzt sollen sie mich nur ansehen, und sie werden es bereuen, mich einst verspottet zu haben, dachte Isaak, Gott hat meine Gebete erhört und jetzt wird es anders werden ... Wo ihn nur Moses hinführt? ging es weiter durch seinen Sinn. Vielleicht in den Himmel zu Gott ...? Ob er dann wohl wieder in das Städtchen kommen wird zu seinen Eltern und Benjamin ...! Ja, was war das nur mit Benjamin! – Der lag doch schwer krank ... was wohl aus ihm wird? Oh, er wird Gott kniefällig um seine Genesung anflehen ... Nur das eine war ihm nicht ganz klar: »Warum läßt Gott mich und nicht Benjamin zu sich kommen ...« Zu seiner Verwunderung beachtete sie niemand von den vielen Menschen, die ihnen begegneten. Bald lag das Städtchen hinter ihnen. Sie schritten rüstig vorwärts. Über weite, duftende wiesen, voll buntfarbiger Blumen, durch Dörfer kamen sie, bis ins Gebirge. Der Tag wollte gar nicht schwinden; immer war es sonnig und hell und doch fühlte Isaak, daß sie schon lange, lange Tage einherschritten ... Nach vielem Steigen erreichten sie den Gipfel des Berges. Er war ganz in Wolken gehüllt; von der Welt war nichts mehr zu sehen, sie war wo unten, weit – weit ... Nun machten sie halt. Moses nahm Isaaks beide Hände in die seinigen, drückte sie an sein Herz und küßte Isaak auf die Stirn ... Hierauf kniete er nieder, und die Erde küssend, sagte er einige Male einen Spruch vor sich her. Da erdröhnte der Erdboden. Isaak vernahm ein Krachen unter sich, gleich dem Donner ... Der Berg spaltete sich und eine große Kluft tat sich auf ... Isaak trat bis an den Rand derselben, und was sich dort seinen Blicken darbot, versetzte ihn in helles Entzücken ... Still und friedlich, in güldenes Licht gehüllt, lag eine geheime Welt, tief, tief unten ... Und die Menschen wissen nichts davon, sagte sich Isaak. Wie gebärden sie sich doch allwissend; dabei sind sie aber nur töricht und stolz ... Sie wissen nichts von der Allmacht Gottes und meinen, daß der Ewige nur ihre Erde geschaffen hat ... Aber er ahnte in seinen Träumen gar vieles, vielleicht gab es noch Millionen anderer Welten; alle prächtiger und schöner als die, die er bis nun bewohnte ... Und nun hielt ihn Gott für würdig, ihm seine Geheimnisse zu offenbaren. Moses nahm Isaak bei der Hand, und stehenden Fußes, wie von unsichtbaren Fittichen getragen, schwebten sie den Berg hinab. – Sie kamen durch Städte voll fabelhafter Pracht, über allen lag eine Sabbatruhe und ein süßer Friede. Soweit das Auge reichte, zogen sich glänzende Paläste aus Gold und Edelsteinen hin. Zwischen den einzelnen Städten befanden sich weite Gärten voll der seltensten Früchte. Auf der Straße lag köstliches Manna, das stets so schmeckte, wie man es gerade verlangte ... Nach langem Umherwandern langten sie in einer Stadt an, die die größte und herrlichste von allen war ... Isaak schien alles wohlbekannt, als ob er es bereits in einer anderen Welt gesehen hätte. – Er wußte auch, wo er sich befand. Das war das Reich, in das der Messias die Juden hinführen wird ... Es bestand schon, seitdem die Welt erschaffen wurde, aber Gott beschloß, daß es sein Volk erst nach langer, vieltausendjähriger Prüfung betreten sollte ... Und diese große Stadt war Jerusalem; genau so hatte sie sich Isaak vorgestellt. Auf den Straßen befanden sich viele Brünnlein aus Marmor, die seltene Weine enthielten. Auf allen Wegen standen Palmen und Olivenbäume. In der Mitte der Stadt erhob sich der neue Tempel ... Ganz aus Gold und Diamanten stand er groß und gewaltig im lachenden Sonnenschein und drinnen sangen die Engel so wunderlich. Dazwischen klangen Harfen- und Orgeltöne und erfüllten die Luft mit weichen, beseligenden Melodien. Isaak wurde es so heiß ums Herz. Er warf sich nieder, küßte die heilige Erde und pries die Größe Gottes. Als er sich erhob, sah er Moses zum Himmel emporschweben, und dieser rief ihm zu: »Höre, Isaak! Gott will es, daß dein Bruder Benjamin die Juden hierherführe ... Lange genug hat der Allmächtige gezögert, aber nun ist es an der Zeit. Aber du, Isaak, mußt für Benjamin sterben. – Dann wird er groß und stark werden, und sein sicherer Arm wird siegreich alle Feinde Israels zu Boden strecken ... stirb du seinen Tod ... Alle werden dich preisen und lieben ... Denke an dein armes Volk!« – Darauf verschwand Moses. Ein schwerer Nebel kam und verhüllte alles. Nach stundenlangem Wandern trat er endlich aus der Dunkelheit und sah vor sich eine weite Lichtung im schönsten Morgenrot. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen. Alle Bäume des Waldes waren mit weißen und rosigen Blüten bedeckt. Die Luft war durchwogt von Duft und Sonnenschein. Das junge Gras war weich und dicht. Isaak warf sich auf den Rasen und blickte zum Himmel empor, der in Purpur und Gold erglänzte, von den Bäumen sangen viele Vögel gar wunderliche Lieder. Sie riefen in Isaak längstverhallte Erinnerungen wach. Er summte vor sich Wiegenliedchen hin, die ihm seit seiner Kindheit bekannt waren. Ihm war es, als würden die Vögel mit ihm singen. – Die Klänge schmolzen zusammen zu einem großen hehren Liebe, das ihm die Tränen in die Augen preßte. Es lag ein so drängendes Sehnen nach Befreiung und Seligkeit in diesem Sang. Es zitterte und seufzte von Jammer und Elend, Not und Sorge darinnen. Isaak mußte plötzlich an sein armes Volk denken und an seine Eltern ... Dann erinnerte er sich seines kranken Bruders, für den er hinsterben mußte, und er wollte zu ihm ... Es bemächtigte sich seiner eine tiefe Traurigkeit, und er begann bitterlich zu weinen. Da verstummten die Vögel und finstere Nebel legten sich um die Sonne ... Es herrschte tiefe Stille. Aus weiter Ferne jedoch vernahm Isaak eine Stimme, die also sprach: »Wisse, Isaak, daß du der Sohn Abrahams und der Vater Jakobs bist. Gott wollte, daß du wieder auf die Erde steigst, um zu sehen, wie es den Juden ergeht und ob es Zeit ist, daß sie der Messias in ihr Land führe ... Darum schlug er dich auch mit Vergessenheit, daß du wie die anderen leidest ... Nun aber kehre in den Himmel zurück, stirb für Benjamin, denn er ist der Messias, den Gott entsandt hatte.« Tiefe Stille trat nach diesen Worten ein. Isaak warf sich auf die Knie und schrie laut, daß es weithin vernehmbar war: »Ja, ich will tun, was mir Gott geheißen ...« III. Isaak erwachte. Erschrocken sprang er auf und blickte um sich; es war ihm schwer, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden ... Betäubt rannte er durch die Stube. In seinem Hirn hämmerte es unablässig. Er erhitzte sich, jagte wie besessen herum und wußte sich keinen Rat ... In seiner Phantasie lebte er seinen Traum noch einmal durch und versuchte es, sich jede Einzelheit desselben zu deuten ... Aber er konnte zu keinem Resultate gelangen. Er hielt es in der Stube nicht länger aus und rannte auf die Gasse. Die frische Luft tat ihm wohl. Regen war gefallen. Der Himmel war unbewölkt und ganz mit Sternen übersät. Fast taghell lagen die Gassen da ... Isaak geht langsam in die schweigsame Nacht hinein und viele Gedanken sind mit ihm. Beim Flusse hält er dann. Die Fluten ziehen wie ein träger Strom geschmolzenen Silbers oder wie ein flüssiger Kristall, denn sie sind ganz durchsichtig und in ihrem Grunde ruht ein zweiter Himmel in großer Sternenherrlichkeit. Hier hat er oft gestanden und geträumt von unerhörten Märchenseligkeiten – damals, als er noch für sich träumen durfte. Nun war er lange schon hier und alle Gewalten seines Wesens waren wach geworden, wie er sich für Benjamin zum Opfer bringen sollte. Endlich aber nahm sein Wille Gestalt an und er wußte: dem Tode, der meinen Bruder bedroht, dem Dunklen und Gewaltigen, biete ich mein armes Leben an, damit er von dem Erwählten Gottes ablasse, damit uns der Erlöser lebe! Gott will es, Gottes Werkzeug bin ich! Er dachte der Mutter, die am vergangenen Sabbat in die Synagoge gekommen war, glühend vor Angst und Liebe zu ihrem Kinde, die vor der offenen Bundeslade den Herrn um Benjamins Genesung gebeten. – Wie ein gewaltiger Willensstrom schien der Mutter Begehren dem seinen sich zu verbinden und er wurde stark und wußte, was ihm zu tun geboten war. Isaak ging nach Hause. Das Städtchen ist schlafen gegangen und liegt nun tief in Ruhe versunken wie ein müdgespieltes Kind. Am Marktplatz hört man den Fluß rauschen und Isaak ist es, als wollten die Wellen ihm nacheilen, ihn einholen. Unwillkürlich geht er rascher. Da, ein Kinderweinen, vom Winde hergetragene kurze, abgerissene Laute. – Und nun nichts mehr. Eine wunderliche Verschollenheit weht um das alte ruthenische Kloster, das Gemeindehaus mit seinem niederen Turm taucht traumhaft auf. Auf der anderen Seite des Marktplatzes steht die Synagoge mit den hellerleuchteten Bogenfenstern und weiterhin dehnen sich die armseligen, baufälligen Judenhäuser. Und da drinnen dämmert nun ein tot elend gehetztes Volk ein paar Stunden hin, fährt gepeinigt aus dem Schlafe auf und sinkt seufzend wieder zurück. Bis der Morgen da ist, strahlend und unbarmherzig, um die große Fülle seiner Leiden zu beleuchten. Vor dem Bette des Bruders stand Isaak und betrachtete ihn, während ein Sturm von Gefühlen sein armes, mißhandeltes Herz erschütterte. Liebe und Heldentum und der ganze Jammer seines mißgestalteten, liebelosen Daseins und dann die Angst vor dem großen Vorhaben, die arme, kindliche Angst, die ihn schüttelte und seinen Hals mit der Bitterkeit, verhaltener Tränen füllte. – Ganz ausdrücklich hatte der Arzt gewarnt vor der großen Ansteckungsgefahr, vor dem Atem und der Körpernähe des Kranken. Dies erwog Isaak und das gab ihm die Sicherheit des Gelingens, und er kleidete sich aus und schlüpfte zu dem kranken Bruder unter die Decke, bettete sich still und eng neben ihm. Der schrie erst ungestüm auf, fiel dann aber wieder in tiefen Schlaf, sich dicht und begierig an den kühlen, gesunden Körper Isaaks schmiegend. Schließlich schlummerten beide. Isaak sah träumend die Wunderherrlickkeiten des kommenden Messias. Hoch zu Roß, im Purpurmantel, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, erschien ihm Benjamin an der Spitze seines Volkes ... Der zarte überreizte Körper vermochte die nahe Gefahr nicht zu überwinden, und Fröste und Fieber sagten dem Erwachenden, daß ihn der erbetene Gast wirklich heimgesucht. Wahrhaftig, das war eine schwere Zeit für den armen Synagogendiener Jerichim. Statt des einen nun beide Knaben krank! Isaak hatte man in das zweite, noch vorhandene Bett gebracht und die Eltern streckten sich des Nachts auf den Dielen aus. Schlaflos waren ihre Nächte ja ohnedies. Zwei kranke Kinder – welche Qual und Sorgen, und wie lange währten diese Nächte! Zuweilen tobten beide Kranke im Fieber. – In lichten Stunden lag der kleine Isaak still und glücklich da mit seinem Geheimnis, ganz erfüllt von der Süßigkeit des Opfertodes, den er herbeisehnte wie einen zärtlichen Freund. Aber dann kamen diese Fieberträume, wüst und verworren, und gaukelten ihm Ungeheuerlichkeiten vor. Er verlor alle vernünftigen Begriffe und sagte die unsinnigsten Dinge vor sich her – wie im Wahnsinn ... Und nie, nie hatte Isaak es so gut gehabt. In der Angst des Verlustes waren die Eltern so liebevoll zu ihm, wie früher niemals, sie waren nicht anders als zu Benjamin, sorgsam und freundlich. Und sie beteten gleich stürmisch um beider Leben und hofften gleich für beide. Das fühlte der Knabe und ein wundervoller, goldener Reichtum füllte sein Herz, denn er war glückselig in das Reich der Liebe eingegangen ... Wunderlich und den Menschen oft unverständlich sind die Wege des Allmächtigen, sagten sich die armen Eltern. Gott wird ein Wunder tun und die beiden Kinder wieder gesund machen. Aber es geschah kein Wunder – der Tod stand auf der Lauer und ließ nicht nach ... Eines Morgens erwachte der kleine Isaak zu hellem Bewußtsein, und alles war ihm klarer als je zuvor im Leben. Es war lichter, warmer Herbst und goldig warm auch in der dürftigen Krankenstube des Judenstädtchens. Stumm und von unendlicher Liebe bewegt, streichelten die Eltern seine Hände, in ihren feuchten Augen las er die süßesten Schmeichelnamen. Benjamin aber spielte schon frisch und ausgelassen in der Stube herum ... Neben dem Bette stand der milde Freund, den er gerufen, und winkte, ihm zu folgen. – Um die Mittagsstunde entglitt die Seele des kleinen Helden still und friedsam dem unholden Leben – ganz ohne Kampf. Es war ein gutes Sterben. I. L. Perez Im Mondenschein. (Autorisierte Übersetzung aus dem jüdischen Manuskript von Mathias Acher.) (Im Stadtpark, unter einem Baum, im Mondenschein, sitzen Jossel und Malke.) Jossel : Warum so sinnend, Malke? Malke : Ach ... Jossel : Was ach? Du bist ja in der Tat ganz nachdenklich, seufzest unaufhörlich ... Ein Geheimnis, wie? Malke : Geheimnis! Es ist einfach schrecklich ... Schrecklich, dieses Heiraten ... Jossel : Weshalb? Malke (die sich nicht unterbrechen läßt, mehr für sich) : Ein fremder, blutfremder Mensch, – zwei- oder dreimal sahen wir uns ... Jossel : Du wolltest ihn doch – Malke : Wollte ... Jossel : Hast ja gesagt ... Malke : Das Neinsagen wird einem endlich zuwider ... Man hat keine Lust, sitzen zu bleiben ... Kommt da ein blutfremder Mensch herein ... Jossel : Das heißt, er wird hineingestoßen ... Malke : Meinetwegen so ... Jossel : Nun? Malke : Nun! Schrecklich! (Pause.) Jossel : Gestern war ich im jüdischen Theater. Malke : Du willst mich ablenken ... Jossel : Nein ... Ich will dir nur von einer Szene erzählen, die in dem Stück vorkam: Ein junges Mädel, jünger als du, steht, nein, sitzt auf einem rotsamtenen Fauteuil, eigentlich liegt sie schon halb ... Da tritt ein junger Mann ein ... ein junger Mann, der sich sehen lassen kann ... also er tritt ein und grüßt. Sie nickt ... schämt sich gar nicht ... ist sogar ein bißchen erfreut ... er geht auf sie zu ... spricht zu ihr ... sie antwortet ganz keck zur Sache... er faßt eine ihrer Hände, dann beide ... – sie wird etwas rot, aber wehrt sich nicht ... er küßt ihr eine Hand, dann die zweite, dann beide zugleich; – sie lacht, ja sie erwidert seine Küsse, zuletzt nimmt er sie um die Mitte ... Malke : Und! Jossel : Närrchen ... Es ist doch das Publikum da ... Genug, sie schämt sich nicht ... spielt ihre Rolle ab, wie es sein soll, ganz wie sie der Dichter aufgeschrieben hat, so glatt ... Malke : Bah ... Jossel : Und weißt du, Malke, warum sie keine Angst hat, warum sie so fein, so geläufig spielt? ... Malke : Weil sie's gelernt hat. Jossel : Richtig! vor dem eigentlichen Spiel macht man Proben, die letzte, schon ganz Parade, ist die Generalprobe, wie man sie nennt ... Kurz, man spielt die Sache gründlich durch. Malke : Deshalb ist's ja Komödie. Jossel : Und bei dir vielleicht nicht? Du machst wirklich Hochzeit! Hast den jungen Menschen zwei- oder dreimal gesehen und – schon verliebt? ... Dir ist es wirklich Ernst? (Malke schweigt.) Jossel : Mir kannst du's doch sagen ... Ich bitte dich, sag' mir's, Malke: Eine Komödie, nicht wahr? Malke : Ja ... eine häßliche Komödie. Jossel : Ob schön oder häßlich, das kommt aufs selbe hinaus. Jedenfalls mußt du dich durchspielen; wenn du Angst hast, mußt du Proben machen ... Malke (lacht) : Er ist doch der vielbeschäftigte Kaufmann ... kommt nur zur Trauung ... Jossel : Spiel' die Probe mit mir, Schauspieler pflegen die Rollen zu wechseln. Malke (streng) : Jossel! Jossel (bittend) : Malke! Malke (traurig) : Ich leide, Jossel. Jossel : Und ich? (Pause.) Jossel : Ja, es schmerzt... Darum muß man eben Komödie spielen. Also, ich fange an ... Malke (weich) : Jossel! Jossel : Nur Geduld, es wird ganz gut gehn. Zuerst knie ich nieder... So eine große, kluge, schöne Malke läßt sich nicht so leicht erobern! Du bist groß, Malke, gar groß. Nein, heilig bist du! Und ich küsse den Saum deines Kleides! Malte (gerührt) : Jossef! Jossel : Gut, Jossef klingt schöner als Jossel... Du triffst schon den Ton! Jetzt gib mir die Hand, die weiße... die Finger sind zwar ein wenig zerstochen, aber das macht nichts... So, jetzt küsse ich dir die Hand. – Ah, wie gut! Die Hand einer wahren Malke ... Jeden Finger sollte man küssen, ich tu's, küsse jeden Finger ... Spiel' ich nicht gut, Malke? Malke (tonlos) : Gut! Jossel : Siehst, es ist gar nicht so schrecklich! Und nun hilf du mit. Leg' deine Hand auf meinen Kopf!... Malke (ein wenig streng) : Jossel! Jossel: Ach, verdirb die Komödie nicht mit deinen Launen! Stell' dir vor, daß es der Dichter so aufgeschrieben hat. Es muß so sein. Leg' die Hand hinauf! So! Aber sie darf nicht wie tot daliegen, sie muß sich rühren ... Es hat auch nichts zu sagen; wenn du mir das Haar zerraufst. Malke (tut es lächelnd) . Jossel : Du zitterst ein wenig. Aber du verstehst es, Malke, legst die Hand hin, wie es sein soll. So zart, wie eine Mutter auf ihres Kindes Kopf. Und von deiner Hand, Malke, – hörst, Malke – strömt etwas aus und rieselt mir durch den ganzen Körper! Ah! (er neigt seinen Kopf zu ihr.) Malke (seufzt). Jossel : Und dein Herz, Malke ... ich höre es klopfen ... Ja, es klopft ... oder kommt's mir nur so vor! Malke (sehr gerührt) : Und in dir, Josse!, dein Herz? Jossel : Oh, ich spiele gut ... ich geh' ja so oft ins Theater ... In mir klopft nicht allein das Herz ... Ich horche und glaube, daß mir das Blut in allen Adern klopft ... Malke (ernst) : Jossel? Jossel : Wie wenn's Ernst wäre! Und es ist doch Komödie. Und du! ... Ei, wie deine Äuglein glänzen! Lichtwürmchen, kleine, liebe Lichtwürmchen ... Gut gespielt, Malke! Doch, warum so blaß? Warum zittert deine Hand so? Malke : Und warum zittert deine Stimme? Jossel : Weil ich knie, warte, ich will aufstehen (tut es) , ich stehe auf, weil ich dich kniend nicht auf den Mund küssen kann, auf deine roten Kirschenlippen. Malke (bittend) : Jossel! Jossel : Ruhig! Ich spiele ganz genau, wie die Szene war! Der deinige wird's auch so tun ... auch ein Komödiant – (küßt sie) . Ach, wie deine Lippen brennen ... Du hast Feuer in mich gegossen ... Oh! Malke (weint) . (Pause.) Jossel : Du weinst, Malke ... Malke (schwach) : Nein ... Jossel : Du weinst! Ich weiß es, du weinst, ich möchte ja auch so gerne weinen ... Aber man darf doch nicht. Es ist ja nur Komödie, Malke! Malke (verzweifelt) : Warum? Jossel (ernst) : Willst du, daß es keine Komödie sei? Malke (läßt den Kopf sinken und schweigt) . Jossel : Reine Probe... Malke : Ach, Jossel, Jossel, wie du mich quälst; wenn du wüßtest, wie du mich quälst ... Jossel : So willst du also, daß zwei Tote tanzen gehen Malke : Ich würde wollen ... Jossel (entzückt aufschreiend) : Dein Ernst, Malke!? Malke (hebt den Kopf, ihre Augen leuchten) : Mein Ernst. Jossel : Malke, meine teure Malke ... (Kurze Pause.) ... Hör' doch. Malke! Malke : Was, Jossel? Jossel : Es wird eine Tragödie sein, aber es wird sein! Wir wollen gut und genau spielen. Malke : Gut und genau und – – Jossel : Und was, Malke? Malke : Und glücklich sein ... wenigsten ein bißchen, ein ganz kleines bißchen Glück! Jossel (sehr gerührt) : Närrchen, das hängt ja vom Dichter ab. David Pinski Gut jom tow wünschen. 1. Beim Prinzipal. Als Leiser, der Schlanke, Awrejmel, der Gelbe und Jankel, der Hagere, ihrem Prinzipal Toderos, dem Möbelhändler, gut jom tow wünschen kamen, war die Stube voll von Gästen. Die Arbeiter wurden verlegen, als sie sich von so vielen Menschen umgeben sahen, aber Leiser, der Schlanke, ermannte sich und schrie mit breiter, doch nicht allzulauter Stimme: »Gut jom tow!« »Willkommen«, antwortete die Prinzipalin. »Gut jom tow! Gut jom tow!« rief Herr Toderos. »Endlich seid ihr gekommen. Schöne Leute seid ihr!« »Willkommen«, schrie das Söhnchen des Hauses mit einem dünnen Stimmchen und schlug Leiser, den Schlanken, auf den Rücken. Leiser lächelte. Man wies den Arbeitern Stühle am Tischende an. Vorsichtig hoben sie die Rockschöße in die Höhe und setzten sich. Sie wußten nicht, was sie mit sich anfangen sollten, betrachteten die Bilder an den Wänden und streichelten verlegen die Stuhlsitze. »Warum sitzt Ihr so!« fragte plötzlich der Hausherr, sein Gespräch mit einem Gast unterbrechend. »Schenkt die Gläser ein und trinkt.« Leiser sprang auf und langte über den Tisch nach der Branntweinsflasche. »Oh, bei ihm sind zerrissen die ...« schrie der kleine Toderos und klatschte in die Hände. »Hinten sind sie zerrissen ...« Leiser wurde rot. Awrejmel und Jankel wurden ebenfalls verlegen. Der Knabe beugte sich vor, um den Gästen den Riß zu zeigen. Die Mutter sah ihn aber strenge an und er entfernte sich lachend. Leiser schenkte für sich und seine Kollegen die Gläser voll. » Lechajim «, ruft er zum Prinzipal. »Lechajim!« »Lechajim«, rufen auch Awrejmel und Jankel. Leiser lächelte – er fühlt, daß er jetzt etwas sagen muß. »Lechajim, Lechajim«, antwortet Herr Toderos, der sich gerade mit einem Gast, der einen Zylinder auf bat, unterhält. Leiser bewegt die Lippen. Awrejmel und Jankel sehen ihn an. »Lechajim«, ruft endlich Leiser der Prinzipalin zu. »Lechajim! Alles Gute ...! Trinkt gesund!« antwortet sie und führt ihr Gespräch mit der Nachbarin fort. »Auf Eurer Tochter Hochzeit sollen wir wieder fröhlich beisammen sein«, fährt Leiser mit einem unterwürfigen Lächeln fort, und auch seine Kameraden lächeln. Die Hausfrau neigt verbindlich den Kopf. Sie trinken und nehmen Backwerk. Herr Toderos spricht von seinen Geschäften und sie hören zu. »Ich kann nicht klagen«, sagt der Möbelhändler gut gelaunt. »Gelobt sei Gott, das Geschäft floriert... Menschen leben von mir ...« Er zeigt mit der Hand auf die Arbeiter. Lustig schlägt er auf den Tisch, »wir wollen trinken Lechajim!« Er gießt die Gläschen voll. »Hör' nur, Jankel«, ruft er plötzlich. »Sing' einmal dein Mechalkal Chaim , das Stückchen singt er nämlich ausgezeichnet«, wendet er sich an die Gäste. Alle sehen Jankel erwartungsvoll an. Auf Jankels Gesicht erscheinen rote Flecke. »Nun los«, kommandiert Herr Toderos. »Heute kann ich nicht singen«, antwortet Jankel. »Der Husten plagt mich und ich habe Herzschmerzen.« »Ach was, wann hustest du denn nicht!« ruft Herr Toderos. »Laß dich nicht bitten. Nimm ein wenig Branntwein und sing!... Schenk' ihm ein. Leiser ...!« Jankel trinkt und spricht kein Wort. Er sieht nur seine Kameraden an. »Ihr werdet mich doch begleiten«, sagt er leise, Er fängt zu singen an und die Arbeiter stimmen ein: »Pom, pom, pom ...« »Ein herrliches Stück«, ruft Herr Toderos und singt mit. Dock plötzlich fängt Jankel fürchterlich zu husten an. Er kann kaum atmen und drückt die Hand auf die Brust. Seine Stirn ist schweißbedeckt ... Besorgt sehen ihn die Arbeiter an und brummen ihr »pom, pom ...« Die Gäste wenden sich mit Widerwillen von ihm. »Ist das ein Jammer«, ruft Herr Toderos verdrossen. »Mit dem Gesang ist's für heute schon vorbei ... es ist ein wunderbares Lied, sag' ich euch ...« Jankel kann vor Husten keinen Ton hervorbringen. Er erhebt sich und die Kollegen folgen seinem Beispiele. »Ein schöner Mensch bist du«, murmelt der Prinzipal. »Man bittet dich, daß du singen sollst und du hustest uns etwas vor...« Die Hausfrau bemerkt jetzt, daß Awrejmel einen neuen Kaftan trägt. »Du hast ja einen neuen Rock«, sagt sie süß. »Trag' ihn gesund, was hat er gekostet!« »Acht Rubel«, antwortet Awrejmel und wird rot. »Ich habe ihn bei Ascher gekauft – in monatlichen Raten abzuzahlen.« »Ein schöner Rock, sieh nur, Toderos«, wendet sie sich zu ihrem Mann. »Fast schöner als der deinige ...« »Nun ja«, antwortet Herr Toderos mit süßem Lächeln und renommiert vor den Gästen, daß er es gerne sehe, wenn seine Angestellten reichlich verdienen. Die Arbeiter wünschen allen fröhliche Feiertage und entfernen sich. »Seht nur, seht den Riß,« ruft der Kleine, Leiser nachlaufend und dessen Rockschöße in die Höhe hebend. »Hört,« schreit Herr Toderos den Arbeitern nach, »trachtet, um Gottes willen, morgen so früh als möglich zur Arbeit zu kommen.« II. Beim Angestellten. Bei Szulim, dem Kommis Mojsze Karlins, haben sich schon viele Gäste eingefunden, aber es ist ihnen noch nicht feiertäglich zumute, wenn auch Hirschel, der Trommelschläger, der ein großer Spaßvogel ist, ab und zu seine Mätzchen zum besten gibt, Er kräht wie ein Hahn, wiehert wie ein Pferd oder verzieht den Mund, daß man lachen muß. Doch bald darauf wird es in der Stube wieder still und ernst, und alles blickt erwartungsvoll auf die Zimmertür. Szulem und sein Weib Dwosze sind auch nicht gut gelaunt. Ab und zu werfen sie eine Bemerkung hin und sehen ungeduldig zur Tür. Dwosze beeilt sich auch nicht die Gäste zu bewirten. Man wartet auf Szulims Prinzipal, Reb Mojsze Karlin. »Vor ihm darf man keinen Aufwand machen,« erklärt Szulim seinen Gästen, »sonst sagt er noch, daß man sein Fleisch ißt und sein Blut trinkt.« »Geht er denn, ›Gut jom tow wünschen‹«, ruft Dwosze erregt den Frauen zu, die auf der anderen Seite der Stube sitzen. »Er geht doch nur revidieren, ob man ihn nicht bestohlen hat.« Sie stößt einen Fluch aus. Auf dem gedeckten Tische sieht man nur eine Flasche Branntwein, einige Plätzchen, Heringe und Gurken. Den Frauen hat man überhaupt nichts vorgesetzt. Sie sitzen auf den Betten und Dwosze trägt ihnen Branntwein und Plätzchen zu. »Habt nur Geduld«, trösten Szulim und Dwosze ihre Gäste ... »Ein so gutes Jahr auf uns alle, was für gute Sachen in der Ofenröhre stehen – wenn nur erst unser Bal-Habonie fort ist. Dwosze verrät den Frauen die Schätze, die die Ofenröhre birgt: Ein Eierkuchen, eine gefüllte Gans, Würste und eine Apfeltorte. »Gott sei Dank, alles wie es sich für eine Hausfrau gehört,« schließt sie ihre Beschreibung, »und ich muß alles vor diesem Haman verstecken ...« Endlich öffnet sich die Tür und Reb Mojsze Karlin, ein kleiner, dicker Jude in mittleren Jahren, tritt ein. Die Gäste erheben sich, Szulim eilt ihm entgegen und hilft ihm den Mantel ablegen. Dwosze schneidet eine Grimasse. »Schlechte Luft«, sagt der Prinzipal und rümpft die Nase, »warum öffnet man nicht ein Fenster! Pfui ...« Szulim läßt ein Fenster öffnen. Der Prinzipal blickt sich in der Stube um und nimmt den Ehrenplatz ein. Die Frauen begeben sich in die Küche. »Du wohnst hier ganz hübsch«, sagt Reb Mojsze zu seinem Kommis, der neben ihm steht und ihn treu und unterwürfig anblickt, »Wirklich hübsch! Warum sündigst du?« »Wer sündigt denn! Ich klage doch nicht«, antwortete Szulim. »Wenn es etwas besser wäre, würde es auch nicht schaden ...« »Bes–ser,« stieß Herr Karlin ironisch hervor. »Siehst du, mit diesen Worten sündigst du schon ...« Dwosze warf ihm einen bösen Blick zu und ging zu den Frauen in die Küche, um sich durch einen Fluch zu erleichtern. Szulim goß inzwischen ein Gläschen für den Prinzipal voll. »Das ist meine Aufwartung«, sagte er. »Seien sie mir nicht böse, daß ich nichts Besseres vorsetzen kann ...« »Wieso? Es ist ganz gut«, antwortete Herr Karlin. Er trank ein wenig Branntwein und aß ein Stück von einem Plätzchen. »Setz' du das deinen Gästen vor«, brummte Dwosze und schleppte die Frauen zum Herd, wo ihr Schmaus vorbereitet war. Szulim wollte sich beim Prinzipal einschmeicheln. »Ich habe gestern Herrn Bassewitsch getroffen«, fing er zu erzählen an. Herr Karlin legte die Stirn in Falten und wurde aufmerksam. »Er gibt schon nach«, fuhr Szulim fort. »Er wird auf unser Angebot eingehen. Ich habe ihm einen Floh ins Ohr gesetzt.« Szulim erzählte nun, wie er den Mann für das Geschäft zu interessieren verstanden hat. Dwosze stand verärgert in der Küche. »Was ist das für ein überflüssiges Gerede«, brummte sie. Die Gäste saßen schweigend. Manche lächelten einfältig, andere begaben sich in die Küche, um mit den Frauen zu plaudern. »Der Dickwanst will sich gar nicht erheben«, sagte einer verdrossen. »Laß ihn doch ein wenig ausruhen; er hat schwer genug an seinem Bauch zu tragen«, meinte ein zweiter ironisch. »Was sagt ihr zu meiner Kesselpauke!« rief Hirschel mit komischer Miene. »Trommel uns etwas vor«, erwiderte man ihm. Man lachte und betrachtete die ›Kesselpauke‹ im Zimmer. Szulim ist nun mit seiner Erzählung zu Ende. Herr Karlin lächelt gnädig. »Warum sitzt man bei dir wie am Tische b'ow ,« rief er aus. »Warum singt man nicht etwas!« »Natürlich, singen soll man noch«, höhnte Dwosze. Szulim bat einige Gäste, daß sie ein Lied anstimmen sollen. Man begann zu singen, aber aus der Küche winkten die Frauen zum Aufhören. Gleich darauf erhob sich Herr Karlin. Szulim reichte ihm den Mantel, Er wünschte allen einen guten Jom tow und entfernte sich. Alle atmeten erleichtert auf. »Wozu hast du ihm noch Geschichten erzählt?« räsoniert Dwosze. »Hätte ich ihn fortjagen sollen!« erwiderte Szulim mit Achselzucken. Hirschel, der Trommler, krähte wie ein Hahn und die Unterhaltung begann ... I. Zangwill Joseph, der Träumer. I. »Wir können nicht länger warten, Rahel«, sagte Manasse mit leiser ernster, aber fester Stimme. »Es ist bald Mitternacht.« Rahel unterdrückte ihr Schluchzen und senkte andachtsvoll das Haupt, als Manasse die Dankgebete anstimmte. Aber ihr Herz war nicht mit frommer Freude erfüllt bei der Erinnerung, wie der Gott ihrer Väter sie und ihre Tempel gerettet hatte vor hellenischer Schändung. Ihr Herz bebte vor Angst um das Schicksal ihres Sohnes, des angehenden Rabbiners, der heute unerklärlicherweise zum ersten Male fern blieb von der häuslichen Feier des Weihefestes. Was tat er – außerhalb der Ghettopforten – in dieser großen, dunkeln, engen Stadt Rom, dem päpstlichen Gesetz Trotz bietend? Noch dazu in dieser Nacht, der unheilvollsten aller Nächte des Jahres, da durch eine Übereinstimmung der Zeitrechnung die christlichen Widersacher gerade die Geburt ihres Erlösers feierten? Tränenden Auges blickte sie zu ihrem Manne auf, der so ernst und trübe gestimmt war. Wie ehrwürdig sah er aus mit seinem wallenden, weißen Haar und Bart, als er sich jetzt anschickte, mit dem überzähligen Licht die Wachskerzen in dem neunarmigen Silberleuchter anzuzünden. Er trug einen langen Mantel, der ihn bis zu den Füßen einhüllte, vorn fiel er auseinander und ließ einen braunen groben Rock sehen, von einem Gurt gehalten. Diese dunkelfarbigen Kleider waren alt gekauft; so verlangte es die strenge Einfachheit der »Pragmatika«. Der jüdische »Rat der Sechzig« erlaubte seinen Leuten nicht, das Gewand in Falten zu legen, wie es die Römer jener Tage mit ihren purpurnen Prachtgewändern taten. Den jungen Leuten von Geblüt, denen es vom Christentum verboten war, sich »Signori« zu nennen, war es vom Judentum untersagt, mit den Signori an Luxus zu wetteifern. »Gelobet seist du, Gott, unser Herr«, sang der alte Mann. »König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, das Chanukalicht anzuzünden.« Mit zitternder Stimme fiel Rahel ein in die alte Hymne, die die Feier begleitete. »O Feste, Fels meines Heils«, sang die alte Frau. »Dir gebührt Lobpreisung; lasse mein Gotteshaus wieder erstehen, und dort will ich Dankgebete zu dir senden; während du den Feind, der dich lästert, vernichtest, werde ich mit Gesang und Psalm die Weihe des Altars feiern.« Aber ihr inneres Auge streifte zu den dunkeln, ölerleuchteten Straßen der düsteren Stadt, hellsehend geworden durch die Liebe. Verhaftung durch die »Sbirren« war gewiß, andere Gefahren drohten. Banditen und Mordgesellen gab es im Überfluß. Wohl war die Stadt Rom sicherer als viele andere für die Juden – diese Juden, die wie durch ein Wunder, das unleugbarer war als das, welches sie heute feierten, seit der Geburt Christi gerade im Herzen des Christentums gewohnt hatten – das ewige Volk in der ewigen Stadt. Das Ghetto Roms war nicht Zeuge solcher Greuel gewesen wie das Barcelonas, Frankfurts oder Prags. Die blutigen Orgien der Kreuzfahrer hatten weit ab von der Hauptstadt des Kreuzes gewütet. In England, Frankreich und Deutschland hatten die Juden, dieser Sündenbock der Nationen, die Brunnen vergiftet und den »schwarzen Tod« gebracht, die Hostie durchbohrt, Kinder getötet, um ihr Blut zu nehmen, die Heiligen gelästert, kurz, alles getan, was nur die Einbildungskraft von Schuldnern, die abrechnen wollen, ersinnen kann. Doch die römischen Juden galten nur als fluchwürdige Ketzer. Vielleicht war die relative Armut dieses Ghetto schuld daran, daß seine Tragödie weniger in häufigen Blutbädern als in immerwährenden Erniedrigungen bestand. Indes Blutvergießen kam wohl auch vor, und der Gesang erstarb bei dem Gedanken daran auf Rahels Lippen, während Manasse unentwegt weitersang. »Die Griechen hatten sich gesammelt gegen mich in den Tagen der Hasmonäer; sie brachen die Mauern meiner Türme nieder und entweihten das heilige Öl. Aber mit einem der übriggebliebenen Krüge geschah ein Wunder zu deinem Ruhme, Israel, und die Menschen, die solches sahen, bestimmten diese acht Tage zu Gebet und Lobgesängen.« Sie waren wohlhabende Leute. Rahels Kleidung zeigte die äußerste Grenze des von der Pragmatika erlaubten Luxus. Sie trug zwar ein altgekauftes Kleid, aber es war aus Seide und mit einer Nadel am Halse geschlossen, die mit einer Perle besetzt war. Sie hatte ein Armband, einen glatten Ring am Finger und ein einreihiges Halsband; ihr Haar wurde von einem einfachen Netz gehalten. Rahel blickte auf den neunarmigen Leuchter, und eine unerklärliche Trauer erfüllte sie. Ach, hätte sie doch neun Sprossen in ihrem Hause wie Miriams Mutter, eine wahre Mutter in Israel! Aber ach! sie hatte ja nur eine Leuchte – eine einzige – ein Hauch, sie war erloschen, und dunkel würde das Leben sein. Daß sich Joseph nicht innerhalb der Ghettomauern befand, war sicher. Mit Willen würde er ihr nie solche Angst verursacht haben. Ihr Gatte und Miriam hatten ja auch alle Plätze des Viertels abgesucht, selbst jene sumpfigen Alleen, in denen jede Überschwemmung des Tiber Schlamm zurückließ, der Malaria erzeugte. Dort, wo ein Haus zehn Familien beherbergte, wo verkrüppelte Männer und runzlige Frauen durch die Straßen schlichen und mit Krankheit behaftete, halbnackte Kinder sich an der Erde herumwälzten. Manasse und Rahel hatten wahrlich der Sorge genug gehabt mit ihrem eigenartigen Sprößling, aber nie solche Sorge wie heute. Joseph, »der Träumer« – das war der Spitzname ihres Sohnes – dieses hübschen Jünglings mit dem feinen, ovalen Gesicht, den zarten, gelblichen Zügen, der aus seinen schwarzen Augen so sorglos dreinschaute und sich nicht entschließen konnte, einen der beschränkten Handelszweige zu ergreifen, die im Ghetto erlaubt waren, sondern eines Tages Rabbiner der Gemeinde werden wollte. Ein Träumer war er, wenn er gelegentlich seine nüchternen Lehrer durch seine Geistesblitze blendete und plötzlich Gedanken aufgriff, die besser geruht hätten. Warum war er nicht wie andere Söhne, warum ging er mit verträumten Augen durch die Straßen, warum konnte er weinen über das profane Hebräisch der spanischen Minnesänger, als wären ihre Gesänge »Selichoth« oder Bußgesänge? Warum heiratete er nicht Miriam! Das Mädchen wünschte es, das sah man. Warum mißachtete er das, was im Ghetto Gebrauch war, und entzog sich stillschweigend einer so herkömmlichen Sache, wie die Heirat der Kinder zweier alter Freunde war! Es hätte ja so gut gepaßt; die beiden Alten waren gleich wohlhabend und besaßen beide das Jus Gazzaga , das heißt die Pachtung der Häuser, die sie bewohnten. Große, schöne Häuser waren es, die nur getrennt waren durch ein altes Gebäude mit einem geschnitzten Portal. Sie standen am Ende der großen Via Rua, wo sie mit der engen kleinen Straße Delle Azzimelle zusammenstieß, in der die Osterkuchen gebacken wurden. Miriams Familie war groß, sie bewohnte das ganze Haus allein, während ein großer Teil von Manasses Haus vermietet war; denn der Raum wurde immer kostbarer im Ghetto, das bei stets wachsender Bevölkerung nur einen bestimmten Platz einnehmen durfte. II. Sie gingen zu Bett. Manasse bestand darauf. Sie konnten unmöglich bis zum Morgen auf Joseph warten. So sehr Rahel gewöhnt war, sich der Energie ihres Gatten zu fügen, in diesem Augenblick schien ihr seine Festigkeit – Härte. Die Nacht war lang. Hundert fürchterliche Visionen zogen an ihrem schlaflosen Auge vorüber. Die Sonne ging auf über dem Ghetto und gab sich Mühe, ihre Strahlen durch die hohen, dichtgedrängten Giebel der gegenüberliegenden Häuser zu senden. Die fünf Ghettotore wurden weit geöffnet, aber durch keines trat Joseph. Die jüdischen Hausierer zogen hinaus, setzten ihre gelben Hüte auf und schoben kleine Karren vor sich her, die mit besonderen Weihnachtswaren beladen waren. »Hepp, hepp«, riefen sie aus, wenn sie durch die Straßen Roms zogen. Einige verkauften Kräuter und Tränke, auch Amulette in Gestalt von kleinen Mandolinen oder viersaitigen Lauten, die dazu dienen sollten, Kinder vor Krankheiten zu bewahren. Manasse ging in das Geschäft, sein Antlitz blickte noch finstrer. Er hatte verboten, daß bis zum Nachmittage irgendwelche Nachforschungen außerhalb des Ghetto gemacht werden sollten; das hieße ja nur Josephs Gesetzesbruch dem Feinde verraten. Inzwischen würde der Wanderer vielleicht heimkehren. Manasses Geschäft war auf der Piazza Giudea. Zahlreiche Läden engten die Zugänge ein. Sie dienten hauptsächlich dem Verkauf abgelegter Kleider, da der Handel mit anderen Sachen den Juden durch päpstliche Bulle verboten war. Aber von alten Sachen war hier alles zu haben; von dem groben Gewand eines Hirten der Abruzzen bis zu dem verschossenen Trödelkram eines Hofmannes. Im Mittelpunkte stand ein neuer Springbrunnen mit zwei Drachen, der dem Ghetto statt des schlechten Tiberwassers das gute Wasser aus der Leitung, die Paul V. anlegen ließ, zuführte. Er trug eine lateinische Dankinschrift. An den Ecken des Platzes erhoben sich einige Gebäude von baufälliger Pracht, um Abwechslung in die Eintönigkeit der Ghettobaracken zu bringen; der alte Palast Boccapaduli, ein Wohnhaus mit hohem Turm, und drei ehemalige Kirchen. Ein monumentales, aber häßliches Tor, das bei Sonnenuntergang geschlossen wurde, bildete den Zugang zu der zweiten Piazza Giudea, auf die die Christen kamen, um mit den Juden Geschäfte zu machen – sie war fast eine Vorstadt des Ghetto. Manasse hatte nicht weit zu gehen, denn dieser Teil der Via Rua mündete auf der Piazza Giudea. Das andere Stück der Straße machte, nachdem es eine Strecke mit der Via Pescheria und dem Flusse parallel gelaufen, plötzlich eine Biegung am Portikus der Oktavia und endete an der Brücke Quattro Capi. Das war das Ghetto des sechzehnten Jahrhunderts. Bald nachdem Manasse das Haus verlassen, trat Miriam mit verängstigtem Gesicht herein, um zu fragen, ob Joseph zurückgekehrt sei. Sie hatte ein schönes orientalisches Gesicht, aus dessen tiefen Augen das Licht der Liebe und des Mitleids strahlte. Es zeigte den Typ, den die Maler der Madonna gegeben haben, wenn sie daran dachten, daß die Mutter Maria eine Jüdin gewesen. In ein einfaches wollenes Gewand war sie gekleidet, ohne Spitze oder Stickerei; ein silbernes Armband bildete ihren einzigen Schmuck. Rahel erzählte ihr weinend, daß jede Nachricht fehle, doch Miriam stimmte nicht in ihr Weinen ein. Sie redete ihr zu, guten Muts zu sein. Wirklich, bald danach erschien Joseph. Aus seinem Gesicht sprachen Verzückung und Verstörung zugleich. Sein schwarzes Haar und sein Bart waren ungekämmt, seine Augen seltsam funkelnd in dem bestürzten, fahlen Gesicht; eine eigenartig poetische Erscheinung in seinem rötlichbraunen Mantel und dem dunkelgelben Hut. » Pax vobiscum «, rief er in hellen Jubeltönen. »Joseph, was soll diese trunkene Tollheit!« stammelte Rahel. » Gloria in altissimis Deo , und Friede auf Erden, allen Menschen, die ihn suchen«, beharrte Joseph. »Es ist Weihnachtsmorgen, Mutter.« Er fing an, den Vers eines Liedes zu singen: »Simeon, der gute Heilige aus alten ...« Heftig schlug Rahel auf ihres Sohnes Mund. »Lästerer!« schrie sie; aschfahl wurde ihr Antlitz. Sanft zog Joseph ihre Hand fort. »Du lästerst, Mutter«, rief er. »Freue dich, freue dich, an diesem Tage ward der teure Herre Christus geboren – er, der für die Sünden der Welt gestorben.« Von neuem brach Rahel in Tränen aus. »Unser Junge ist toll – unser Junge ist toll! Was haben sie mit ihm gemacht!« Die ganze furchtbare Angst, die sie ausgestanden, lag in diesem Ausruf. Schmerz verwischte die sanfte Ruhe auf Miriams Antlitz, als sie von der Fensternische aus Zeuge dieses Auftritts war. »Toll? Oh, Mutter, ein Auferweckter bin ich! Freue dich, freue dich mit mir. Laß uns einstimmen in die allgemeine Freude, laß uns eins sein mit dem Menschengeschlecht.« Rahel versuchte durch ihre Tränen zu lächeln. »Genug dieser Narrheit«, sagte sie einlenkend. »Es ist das Weihefest, nicht das Fest der Lose. Heute bedarf es keiner Maskerade.« »Joseph, was fehlt dir?« fiel Miriams sanfte Stimme dazwischen, »was hast du getan? Wo bist du gewesen?« »Bist du hier, Miriam?« Jetzt erst gewahrte er sie. »Wärst du doch mit mir dort gewesen!« »Wo!« »In St. Peter. Ach, die himmlische Musik!« »In St. Peter!« wiederholte Rahel tonlos. »Du, mein Sohn Joseph, der Gottesrecht studiert, du hast dich so befleckt?« »Nein, es ist keine Befleckung«, warf Miriam besänftigend dazwischen. »Hast du uns nicht selbst erzählt, wie unsere Väter an Sabbatnachmittagen in die Sixtinische Kapelle gingen?« »Wohl, aber das war damals, als Michelangelo Buonarroti seine Fresken aus der Geschichte Israels malte. Sie gingen auch dahin, um die Gestalt unseres Gesetzgebers an des Papstes Grabmal zu sehen. Auch habe ich sogar von Juden gehört, die sich heimlich nach St. Peter stahlen, um einen Blick auf die gedrehte Säule aus dem Tempel Salomos zu werfen, die diese Ungläubigen um unserer Vergehen willen behielten. Aber es war ja die Mitternachtsmesse, die dieser Epikuraeer dort gehört hat.« »Die war es,« sagte Joseph, leise wie im Traum, »die Mitternachtsmesse – Weihrauch, Lichterglanz, die Gestalten der Heiligen, wundervoll gemalte Fenster und eine große Menge weinender Andächtiger. Und die Musik schluchzte mit ihnen, bald in schrillem Ton, wie der heftige Schrei von Märtyrern, bald wie der Friedenshauch des heiligen Geistes.« »Wie wagtest du dich in den Dom?« stöhnte Rahel. »Wie sollten sie gerade an einen Juden denken in diesem ungeheueren Gedränge? Draußen war es dunkel, drinnen düster. Ich verbarg mein Gesicht und weinte. Sie blickten auf die Kardinäle in ihren kostbaren Gewändern, auf den Papst, auf den Altar, wer hätte Augen für mich gehabt!« »Aber dein gelber Hut, Joseph!« »In der Kirche trägt man keinen Hut, Mutter.« »Entblößtest du dein Haupt, du Gotteslästerer, und betetest an?« »Ich wollte nicht anbeten, liebe Mutter. Eine große Neugier zog mich dorthin – ich wollte sie mit eigenen Augen sehen und sie mit eigenen Ohren hören, diese Anbetung Christi, die meine Lehrer verhöhnen. Da fühlte ich mich von einer mächtigen Woge der Orgelmusik gepackt, und sie wallte von dieser niederen Erde auf zum Himmel. An dem Schemel Gottes in dem kristallnen Firmament, da brach sich die Woge. Und plötzlich erkannte ich, wonach meine Seele geschmachtet. Ich wußte, was das ruhelose Sehnen bedeutet hatte, das mich stets verzehrt, trotzdem ich nie darüber sprach – jene seltsamen Heimsuchungen, jene düsteren Empfindungen – jetzt plötzlich erkannte ich wie durch einen Blitz das Geheimnis des Friedens.« »Und das ist – Joseph?« fragte Miriam sanft, denn Rahel rang so nach Atem, daß sie nicht sprechen konnte. »Opferung«, sagte Joseph weich, hingerissen, »leiden, sich freiwillig der Welt opfern; hinsterben in köstlichem Schmerz, wie die letzten zitternden Töne der süßen Knabenstimme, die sich bei dem Lobgesang Mariä zu Gott emporschwang. Oh, Miriam, könnte ich doch unsere Brüder aus dem Ghetto führen, könnte ich sterben, um ihnen zum Glück zu verhelfen, sie zu freien Söhnen Roms zu machen.« »Ein guter Wunsch, mein Sohn, aber die Erfüllung steht bei Gott allein.« »Gleichviel. Laßt uns um Glauben flehen. Sind wir Christen, so werden die Tore des Ghetto fallen.« »Christen!« klang es wie ein Echo aus Rahels und Miriams Munde in gleichem Entsetzen. »Ja, Christen«, sagte Joseph unerschüttert. Rahel lief zur Tür und schloß sie fester. Ihr bebten die Glieder. »Still!« hauchte sie. »Laß deinen Wahnsinn nicht zu weit gehen. Gott Abrahams, wenn dich einer hörte und dein Geschwätz dem Vater berichtete.« Verzweifelt rang sie die Hände. »Joseph, komm zu dir«, bat Miriam, aufs tiefste betroffen. »Ich bin kein Gelehrter, sondern nur eine Frau. Aber du – du, der so viel gelernt – du hast dich doch nicht etwa von diesen Taschenspielern mit ihren heiligen Evangelien betören lassen? Sicherlich vermagst du ihnen auf ihre Verdrehungen unserer Propheten zu antworten!« »Ach, Miriam«, erwiderte Joseph sanft. »Bist du auch so wie unsere Brüder? Sie haben kein Verständnis dafür. Das Herz kommt dabei nur in Frage, nicht die Worte. Was fühle ich als das Höchste, Göttlichste in mir? Opferung. Daher muß er, der ganz Aufopferung, ganz Märtyrer war, göttlich sein.« »Verschwende kein Wort mehr an ihn, Miriam«, schrie die Mutter. »Ach, du Ungläubiger, den ich zur Strafe für meine Sünden geboren! Warum vernichtet dich nicht das himmlische Feuer hier auf der Stelle!« »Du sprichst von Märtyrertum, Joseph«, rief Miriam, sich selbst vergessend, »wir Juden sind die Märtyrer, nicht die Christen. Wie das Vieh sind wir eingesperrt. Mit schimpflichen Merkmalen sind wir gekennzeichnet. Unser Talmud ist verbrannt. Unsere Besitzungen sind uns abgenommen. Von jedem achtbaren Beruf sind wir ausgeschlossen. Nicht einmal unsere Toten dürfen wir ehrenvoll begraben oder ihnen eine Grabschrift widmen.« Die Leidenschaft in ihrem Antlitz kam der seinen gleich. Ihre Sanftmut hatte sich in Feuer verwandelt. Sie glich einer Judith, einer Jael. »Unsere eigene Feigheit macht, daß sie auf uns speien, Miriam. Wo ist der Geist der Makkabäer geblieben, dem wir am Chanukafeste lobsingen? Der Papst erläßt Bullen und wir gehorchen – äußerlich wenigstens. Unser Widerstand ist gelähmt, schweigt. Er befiehlt gelbe Hüte, wir tragen sie; doch allmählich werden die gelben Hüte dunkler, sie werden orange, ockerfarben, bis wir schließlich mit roten Hüten gehen, wie manche Kardinale, und ein neues Edikt heraufbeschwören. Wir werden auf eine Synagoge beschränkt; wir haben deren fünf für unsere Leute, aber wir bauen sie unter einem Dache und nennen vier davon Schulen.« »Schweig, du Judenhasser«, schrie die Mutter. »Sage so etwas nicht laut. Mein Gott! Mein Gott! wie habe ich mich gegen dich versündigt!« »Was willst du, Joseph!« sagte Miriam. »Mit Wölfen kann man nicht streiten, wir sind so wenige – wir müssen ihnen durch List beikommen.« »Doch wir geben uns ja für Zeugen Gottes aus, Miriam. Unser Glaube besteht nur daraus, Gebete zu murmeln und frommen Mummenschanz zu treiben. Die christlichen Apostel zogen verkündigend durch die Welt. Besser ein kurzes Heldentum als diese lange Schmach.« Er brach plötzlich in Tränen aus und sank erschöpft in einen Stuhl. Sofort war die Mutter an seiner Seite und beugte ihr tränenfeuchtes Antlitz zu ihm hinab. »Dem Himmel Dank! Dank!« schluchzte sie. »Der Wahnsinn ist gewichen.« Er gab keine Antwort. Er hatte nicht die Kraft, noch mehr zu streiten. Ein langes, gespanntes Schweigen herrschte. Jetzt fragte die Mutter: »Wo fandest du denn Unterkunft für die Nacht!« »Im Palast Annibales de Franchi.« Miriam stutzte. »Des Vaters der schönen Helena de Franchi?« fragte sie. »Demselben«, sagte Joseph errötend. »Wie kamst du dazu, dort Schutz zu finden, in einem so vornehmen Hause, unter dem Dache eines Vertrauten des Papstes!« »Erzählte ich dir nicht, Mutter, wie ich beim letzten Karneval seiner Tochter einen kleinen Dienst erwies! Sie hatte sich maskiert unter die Menge auf den Korso gewagt und wurde beinahe von den Büffeln niedergetrampelt, als sie von der Rennbahn flohen.« »Nein, ich erinnere mich an nichts dergleichen«, sagte Rahel, den Kopf schüttelnd. »Aber du erinnerst mich daran, wie diese Christen uns wettrennen lassen wie Tiere.« Er überhörte den Vorwurf, der darin lag. »Signor de Franchi hätte viel für mich getan«, fuhr er fort. »Aber ich bat ihn nur, seine große Bibliothek benutzen zu dürfen. Du weißt, wie schwer es für mich ist, daß die Christen uns Bücher verweigern. So saß ich manchen Tag dort und las, bis die Vesperglocke mich mahnte, ins Ghetto zurückzukehren.« »Ach! nur um dich abwendig zu machen, tat er das.« »Nein, Mutter, wir sprachen nicht über Religion.« »Und am letzten Abend hattest du dich zu sehr in dein Lesen vertieft!« warf Miriam dazwischen. »Ja, so war es, Miriam.« »Doch, weshalb warnte dich Helena denn nicht!« Jetzt stutzte Joseph; dann aber erwiderte er einfach: »Wir lasen im Tasso. Sie hat große Begabung zum Lesen. Zuweilen las sie mir Stellen aus Plato und Sophokles vor.« »Und du, unser zukünftiger Rabbiner, du hörtest zu!« rief Rahel. »Kein Wort von Christentum kommt darin vor, Mutter, auch befriedigen die Griechen die Seele nicht. Weise sang Jehuda Halevi: Halte dich fern von der Weisheit der Griechen.« »Saßest du bei der Messe neben ihr!« sagte Miriam. Offenherzig blickte er sie an. »Sie ging nicht hin«, sagte er. Miriam machte eine plötzliche Bewegung nach der Tür. »Nun, da du in Sicherheit bist, Joseph, habe ich hier nichts mehr zu tun. Gott schütze dich.« Heftig hob sich ihr Busen. Sie eilte hinaus. »Arme Miriam!« seufzte Rahel. »Sie ist ein liebes, zuverlässiges Mädchen; sie wird keinen Laut von deinen Lästerungen verraten.« Joseph sprang auf, wie elektrisiert. »Keinen Laut verraten! Aber, Mutter, ich will es ja von den Giebeln der Häuser in alle Welt rufen.« »Still! still!« hauchte seine Mutter, rasend vor Schreck. »Die Nachbarn könnten dich hören.« »Das wünschte ich.« »Jeden Augenblick kann dein Vater kommen, um zu sehen, ob du sicher zu Hause bist.« »Ich will zu ihm gehen, seine Angst zu beruhigen.« »Nein!« Sie hielt ihn am Mantel fest. »Ich lasse dich nicht fort. Schwöre mir, daß du ihn mit deinen Lästerungen verschonst, sonst könnte er dich auf der Stelle totschlagen.« »Willst du, daß ich vor ihm lügen soll? Er muß erfahren, was ich dir erzählt habe.« »Nein, nein, sage, du seist ausgeschlossen gewesen und habest dich versteckt gehalten.« »Wahrheit allein ist groß, Mutter. Ich gehe, ihm Wahrheit zu bringen.« Er entzog ihr sein Gewand und stürzte hinaus. Sie saß am Boden und wiegte sich hin und her, gemartert von Seelenpein. Träge schleppten sich die Stunden dahin. Niemand kam, weder Sohn noch Gatte. Schreckliche Bilder dessen, was sich wohl zwischen ihnen zugetragen haben könnte, quälten sie. Gegen Mittag stand sie auf und begann mechanisch das Mahl für ihren Gatten zu bereiten. Zur selben Minute, wie es seine jahrelange Gewohnheit war, kam er. Ihrem angstvollen Auge erschien sein strenges Antlitz bleicher als gewöhnlich, doch es verriet nichts. In gewohntem Schweigen wusch er seine Hände, sprach den Segen und setzte sich an den Tisch. Hundertmal schwebte die bange Frage auf Rahels Lippen, aber erst gegen Ende der Mahlzeit wagte sie die Worte: »Unser Sohn ist zurück. Hast du ihn nicht gesehen?« »Sohn! welcher Sohn? Wir haben keinen Sohn.« Er beendete sein Mahl. III. Der talmudgelehrte Apostel, der so von Verwandten und Freunden ausgestoßen war, wurde von der heiligen Kirche freudig willkommen geheißen; um so wärmer, da er aus eigenem inneren Antrieb gekommen war und die jährliche Geldbeisteuer verschmähte, mit der die Päpste wahre Religion belohnten – freilich auf Kosten des Ghetto, das dieses Einkommen seiner Abtrünnigen zu zahlen hatte. Es war Sitte, bekehrte Juden mit anderen zusammen zu taufen – zur größeren Ehre der heiligen Kirche. Da heimische Katechumenen selten waren, wurde den Juden manchmal ein türkischer Proselyt zugestellt. Aber in Anbetracht der Bedeutung dieses Übertritts, und da Epiphanias dicht bevorstand, ward es beschlossen, Joseph ben Manasse die Ehre einer Einzeltaufe zu gewähren. Die dazwischenliegenden Tage verbrachte er in einem Kloster, um seinen neuen Glauben zu studieren. So war es unmöglich, mit seinen Eltern und seinen jüdischen Glaubensgenossen in Verbindung zu bleiben, selbst wenn er oder sie es gewollt hätten. Ein Kardinalserlaß untersagte ihm, ins Ghetto zurückzukehren oder während der Vorbereitungszeit mit einem seiner Rassegenossen zu essen, zu trinken, zu schlafen oder zu sprechen; Peitsche oder Strang erwartete den Übertreter dieses Gebotes. Am Tage gingen Rahel und Miriam in der Nähe des Klosters umher, in der Hoffnung, seiner ansichtig zu werden; mehr als auf neunzig Ellen durften sie sich bei Strafe von Stockschlägen oder Verbannung nicht nähern. Ein Wort an ihn, eine Botschaft, die ihn erweicht, eine Unterredung, die ihn wieder zurückgebracht hätte, und der Missetäter wäre zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verdammt worden. Epiphanias kam heran. Eine große Menge füllte die Lateransbasilika. Der Papst selbst war anwesend, und inmitten scharlachnen Pomps und schallender Musik nahm Joseph, bewegt bis in die Tiefen seiner Seele, die Sakramente entgegen. Annibale de Franchi, dessen stolzer Familienname fortan auch der Josephs sein sollte, stand Pate. Der ausübende Kardinal wünschte in seiner feierlichen Predigt der Versammlung Glück zu dem Wunder, das sich unter ihrer aller Augen vollzogen. Dann wurde der Neubekehrte, gekleidet in weißen Atlas, langsam durch die Straßen Roms geführt, um so aller Welt zu bezeugen, wie eine Seele dem wahren Glauben gerettet worden sei. In der Begeisterung dieser Aufnahme in die menschliche Brüderschaft, die Gott zum Vater hat und Christus zu seinem Symbol, gewahrte Guiseppe de Franchi nicht die düsteren, verstörten Gesichter seiner Brüder in der Menge, nicht den Haß, der aus ihren ergrimmten Augen loderte, als die festliche Prozession vorüberzog. Auch ließ er es sich nicht träumen, als er an diesem Abend vor dem Kruzifix und dem Heiligenbild kniete, daß seinetwegen eine andere Zeremonie begangen wurde, dort in der Synagoge auf der Piazza des Tempels, auf halbem Wege vom Flusse; eine Szene, die in ihrer ganzen Düsterheit eindrucksvoller war als aller Glanz des Kirchengepränges. Die Synagoge lag versteckt, äußerlich nicht von den Nachbarhäusern zu unterscheiden. Innen glänzten Gold und Silber an den Paradiesäpfeln und Glöckchen der Gesetzesrollen und an der Stickerei des Vorhangs, der die Bundeslade verhüllte. Die Scheiben eines der Fenster, das in zwölf Farben leuchtete, nach den »zwölf Stämmen«, stellten die »Urim und Thummim« dar. In dem Hofe stand ein Modell des alten Tempels von Jerusalem, bis ins einzelne wunderbar ausgeführt, ein Andenken an entschwundenen Glanz. Der »Rat der Sechzig« hatte gesprochen. Joseph Ben Manasse sollte die äußerste Strenge des jüdischen Gesetzes erleiden. Ganz Israel war in den Tempel zusammenberufen. Schreckliche, angstvolle Schwüle brütete über der Versammlung; wie in Todesschweigen hielt jeder der Männer eine schwarze Fackel empor, die in dem Dunkel der Synagoge geisterhaft flackerte. Ein Widderhorn erklang schrill und fürchterlich, und beim Klange seiner urwüchsigen Töne ward der Kirchenbann verhängt, die schreckliche Verdammnis, die dem Geächteten jedes menschliche Recht entzog, im Leben wie im Tode. Dann verlöschte die Gemeinde ihre Fackeln und rief »Amen«, und ein gleich tiefes Dunkel breitete sich über Manasses Gemüt. Er wankte nach Hause, um dort mit seinem Weibe auf dem Fußboden zu sitzen und den Tod ihres Josephs zu beklagen, während das Sterbelicht in dem Ölgefäß matt leuchtete und die Gebete für den Seelenfrieden des Dahingeschiedenen sich leidenschaftlich in die verdorbene Luft des Ghetto schwangen. Miriam aber, das madonnengleiche Antlitz mit heißen Tränen benetzt, verbrannte den Gebetschal, an dem sie webte, in heimlicher Liebe zu dem Manne, der ihr eines Tages seine Liebe schenken sollte. Dann ging sie, den Trauernden ihr Beileid zu sagen und hielt Rahels rauhe Hand in ihren weichen, sanften Fingern, die nie ein Liebender umfangen sollte. Doch Rahel weinte um ihr Kind und war nicht zu trösten. IV. Helena de Franchi erzählte Guiseppe de Franchi von dem Banne. Durch eine ihrer Zofen hatte sie davon gehört, die diese Neuigkeit von Schlaume, dem Spaßvogel, erfahren hatte, einem unverschämten, spaßigen Schelm, der zwischen Jud und Christ seinen ränkevollen Weg zum Profit verfolgte. Guiseppe lächelte – ein sanftes Lächeln, dem die Tränen nicht fern lagen. »Sie wissen nicht, was sie tun«, sagte er. »Deine Eltern betrauern dich wie einen Verstorbenen.« »Sie betrauern den verstorbenen Juden; die Liebe des lebenden Christen soll sie trösten.« »Aber du darfst ja nicht zu ihnen, noch sie zu dir.« »Durch den Glauben werden Berge versetzt; im Geiste umarme ich sie. Wir werden uns doch gemeinsam freuen dürfen im Lichte des Erlösers, denn das Weinen mag währen eine Nacht, aber am Morgen kommt die Freude.« Sein bleiches Antlitz strahlte in himmlischem Glanze. Helena betrachtete ihn mit mitleidigem Staunen. »Du bist seltsam verzückt, Ser Guiseppe«, sagte sie. »Das ist nicht seltsam, Signora, ganz einfach ist es – wie eines Kindes Gedanke«, sagte er und begegnete ihren klaren Augen mit seinem tiefen, mystischen Blick. Groß und schön war sie; eher eine jener griechischen Statuen, wie sie die Bildhauer der Zeit nachahmten, als ein römisches Mädchen. Ein einfaches Kleid aus weißer Seide verriet die feinen Linien ihrer Gestalt. Durch das große Erkerfenster, in dessen Nähe sie standen, umspielte kaltes Sonnenlicht ihr Haar und schuf Lichtflecken auf den streifigen Tierfellen, die den Boden bedeckten, und auf den herabhängenden Teppichen an den Wänden. Die Gemälde und Elfenbeinschnitzereien, die Manuskripte und Büsten, alles trug dazu bei, das Gemach zu einer harmonischen Fassung für ihre edle Gestalt zu machen. Als er auf sie blickte, bebte er. »Was soll fortan dein Leben sein«, fragte sie. »Ergebung, Opferung«, sagte er, halb flüsternd. »Meine Eltern haben recht. Joseph ist tot. Sein Wille gehört Gott, sein Herz Christo. Mein Leben soll ein Dienen sein.« »Wem willst du dienen?« »Meinen Brüdern, Signora.« »Sie verstoßen dich.« »Doch ich verstoße sie nicht.« Einen Augenblick schwieg sie; dann rief sie leidenschaftlicher: »Aber, Ser Guiseppe, du wirst nichts ausrichten. Hundert Generationen konnten sie nicht aufrütteln. Die Bullen aller Päpste ließen sie unbeugsam.« »Keiner versuchte es mit Liebe, Signora.« »Du willst dein Leben wegwerfen.« Er lächelte bedeutungsvoll: »Du vergißt, daß ich tot bin.« »Du bist nicht tot – der Lebenssaft fließt in deinen Adern. Die Frühlingszeit des Jahres naht. Sieh, wie die Sonne schon am blauen Himmel scheint. Du sollst nicht sterben – du sollst dich an der Sonne und der Schönheit der Dinge freuen.« »Der Sonnenschein ist nur das Symbol der göttlichen Liebe, die aufbrechenden Knospen sind nur das Sinnbild der Auferstehung und des ewigen Lebens.« »Du träumst, Guiseppe mio. Du träumst, und doch sind deine wunderbaren Augen offen. Ich verstehe nicht deine Liebe, die sich von irdischen Dingen abwendet, die deinem Vater und deiner Mutter das Herz zerreißt.« Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Geduld! irdische Dinge sind gleich Schatten, die schwinden. Du gerade träumst, Signora. Fühlst du nicht die Vergänglichkeit aller Dinge – ja, selbst dieser weiten Erde, die von Dauer zu sein scheint, des sie überwölbenden Daches und der schönen Lichter, die daran strahlen, zu unserer vergänglichen Freude? Diese Sonne, die täglich am Firmament dahinzieht, ist nur ein gemaltes Trugbild, verglichen mit jenem ewigen Fels, der Liebe Christi.« »Deine Worte sind klingende Zimbeln meinem Ohre, Ser Guiseppe.« »Sie sind die Zimbeln deines Glaubens, Signora.« »Nein, nicht meines Glaubens«, rief sie heftig. »Du weißt, im Herzen bin ich keine Christin, noch ist einer unseres Hauses ein Christ, obgleich sie sich dessen kaum bewußt sind. Mein Vater fastet wohl zur Fastenzeit, doch der Heide Aristoteles erfüllt seine Gedanken. Rom betet seine Rosenkränze und murmelt seine Paternoster, aber dem schlichten Glauben der Entsagung ist es längst entwachsen. Unsere Prunkaufzüge und Prozessionen, unsere glänzenden Feste, unsere prächtigen Gewänder, was haben sie mit dem bleichen Erlöser zu tun, dem du törichterweise nacheifern willst!« »Dann gibt es ja selbst unter den Christen eine Aufgabe für mich«, sagte er mild. »Nein, du würdest nur Unheil anrichten mit diesem seelenlosen Glaubensgespenst. Die Künstler sind es, die der Welt die Freude wiedergebracht, die die Seele der Schönheit in allen Dingen entdeckt haben. Obschon sie vorgeblich die heilige Familie, die Kreuzigung, den toten Heiland und das heilige Abendmahl gemalt haben, des Lebens Lieblichkeit war es, die ihre Kunst begeisterte. Ja, seit dem andächtigen Giotto ist es ein Preislied des Lebens, die Erhabenheit der menschlichen Gestalt, die Freude an der Farbe, die Würde des Menschen, die Verehrung der Musen. Sind denn nicht unsere Edlen selbst als Apostel gemalt worden, haben sie nicht ihre Bilder in heiligen Szenen anbringen lassen, haben sie nicht verstanden, wofür diese religiöse Kunst ein Vorwand war? Ist Rom nicht voll von heidnischer Kunst? Wurden nicht Laokoon, Kleopatra und Venus im Orangegarten des Vatikans aufgestellt?« »Dennoch malten eure Maler am liebsten die Madonna mit dem Kinde.« »Nur Venus und Kupido in anderer Gestalt.« »Nein, dieser Spott paßt nicht zu der edlen Signora de Franchi. Du kannst nicht blind sein für das göttliche Sehnen, das eine Madonna Sandro Botticellis verrät.« »Du sahst nicht seine Fresken in der Villa Lemmi bei Florenz, die köstliche Anmut seiner Gestalten, die bezaubernde Farbe, sonst würdest du begreifen, daß es nicht geistige Schönheit allein war, die seine Seele begehrte.« »Aber Raffael da Urbino, Lionardo ...« »Lionardo?« wiederholte sie. »Hast du seinen Bacchus gesehen oder sein Schlachten-Fresko? Kennst du die späteren Werke Raffaels? Und was sagst du zu unserem Fra Filippo Lippi? Fürwahr, ein christlicher Mönch! Was sagst du zu Giorgione von Venedig und seinen Schülern, zu dieser Blütezeit des Liebreizes, zu unseren Bildhauern und Baumeistern, zu unseren Goldschmieden und Musikern? Ja, wir haben das Geheimnis Griechenlands wieder entdeckt. Wir leben Homer, Plato, die edle Einheit des Sophokles. Unser Dante sagte Unwahres, wenn er meinte, Virgil wäre sein Führer gewesen. Der Poet von Mantua führte nie die Sterblichen in jene Regionen des Schmerzes. Er singt von Herden und Bienen, von Vögeln und sprudelnden Bächen und von der einfachen Liebe des Schäfers. – Und wieder lauschen wir ihm und atmen die süße Landluft, die dem Gemüt wohltuender ist als jener Höllendunst, der für Jahrhunderte das Leben vergiftet. Apollo ist Gott, nicht Christus.« »Nicht Apollo, Apollyon ist es, der Rom so mit weltlichen und fleischlichen Lüsten versucht.« »Du entthronst die Königin Vernunft, Ser Guiseppe. Du weißt, diese Dinge erheben unsere Seelen, sie erniedrigen sie nicht. Warst du nicht mit mir hingerissen von der Schönheit eines gemalten Antlitzes, von der Glut der leuchtenden Farbe, von der weißen Glorie einer Statue!« »Ich sündige, wenn ich die Schönheit um ihrer selbst willen liebte, und – vergib, Herrin, wenn ich dir wehe tue – diese Verehrung der Schönheit ist für die Reichen, die Satten, die Wenigen. Was aber ist für den Armen, den Niedergetretenen, der in Trübsal weint! Welchen Trost hat dein Glaube für diesen bereit? All diese Wunder der Menschenhand, des Menschengeistes sind wie Spreu, abgewogen gegen ein reines Herz, eine gerechte Tat. Die Zeitalter der Kunst waren immer die der Greuel, Signora. Nicht im Können, sondern in der Einfalt offenbart sich unser Herr. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.« »Hier ist das Himmelreich.« Ihre Augen funkelten. Ihr Busen hob sich. Das Feuer ihres Blickes entzündete das seine. Ihre Lieblichkeit erregte ihn und die unvergleichliche Schönheit ihres Antlitzes, ihrer Gestalt, die in diesem Augenblicke die Reinheit einer Statue mit der Wärme eines lebenden Weibes vereinte. »Wahrlich, wo Christus ist, da ist das Himmelreich. Du hast dich in solcher Lichtfülle bewegt, Signora de Franchi, du wirst deines Vorrechtes nicht gewahr. Doch ich, der ich immer im Dunkel wandle, ich bin wie ein Blinder, der sehend geworden. Ich war ehrgeizig, wollüstig, zerrissen von Zweifeln und Fragen; nun bade ich in göttlichem Frieden; all meine Fragen sind beantwortet, mein stürmisches Blut ist beruhigt. Liebe, Liebe, das ist alles; das Unterordnen des Einzelwillens unter die Liebe, die die Sonne und alle Sterne bewegt, wie euer Dante sagt. Das ist der Endzweck, darum nur bewegen sich Sonne und Sterne, Signora – damit die Seelen der Menschen geboren werden und sterben in der Einheit mit der Liebe. Oh, meine Brüder« – verlangend breitete er die Arme aus, seine Augen waren voll Tränen, tränenvoll seine Stimme –, »warum feilscht ihr auf dem Marktplatze! Warum speichert ihr Gold und Silber auf? Warum jagt ihr den nichtigen Schatten irdischer Freude nach? Das nur, das ist wahres Entzücken, sich Gott zu ergeben, ganz und gar, nur danach zu trachten, das Werkzeug seines heiligen Willens zu sein.« Tiefes Staunen sprach aus Helenas Antlitz; einen Augenblick spielte darauf ein Licht des Verständnisses, als sehne sie sich nach dieser seltsamen Entrückung, die ihr fremd war. »Alles das ist reine Torheit. Deine Brüder werden ebensowenig jetzt auf dich hören wie jemals.« »Tag und Nacht will ich beten, daß heiliges Feuer meine Lippen berühre.« »Liebe ist auch ein heiliges Feuer, willst du ohne sie leben!« Sie näherte sich ihm; ihr Atem traf die schwarze Locke auf seiner Stirn. Er wich einen Schritt zurück, bebend. »Mich verlangt nach göttlicher Liebe, Signora.« »Hast du die Absicht, Dominikaner zu werden?« »Ich bin dazu entschlossen.« »Wird dich das Kloster befriedigen?« »Es wird der Himmel für mich sein.« »Da, wo es keine Ehre und kein Hingeben gibt. Was ist das für ein Samson-Glaube, der die Pfeiler der menschlichen Gesellschaft stürzt?« »Nein, Heirat ist nur Schema – das Symbol einer göttlicheren Vereinigung. Doch sie ist nicht für alle Menschen, nicht für jene, die göttliche Dinge anders versinnbildlichen, die ihren Mitmenschen das Fleisch gekreuzigt, die Seele erhoben darstellen. Sie ist nicht für Priester.« »Doch du bist ja kein Priester.« »Das ist nur eine Frage von Tagen. Und wenn mich der Orden selbst zurückweist, werde ich doch im Zölibat bleiben.« »Im Zölibat bleiben? Weshalb denn?« »Weil mein eigen Volk von mir abgeschnitten ist. Würde ich eine Christin heiraten, wie so viele jüdische Bekehrte, so wäre die Kraft meines Beispiels verloren. Sie würden von mir dasselbe sagen, was sie von ihnen sagten – daß es nicht das Licht Christi gewesen sei, sondern einer Christin Augen, die berückten und hinüberzogen. Hart sind sie, sie glauben nicht an die Möglichkeit einer wirklichen Bekehrung. Andere haben sich durch Abtrünnigkeit bereichert oder, wenn sie reich waren. Beisteuern und Gebühren, die ihren Reichtum mindern konnten, vermieden. Doch ich habe mein ganzes Erbe verloren und will nichts annehmen. Deshalb schlug ich deines Vaters gütiges Anerbieten aus, die Stelle im Siegelamt und selbst den bescheideneren Posten eines Stabträgers Seiner Heiligkeit. Wenn meine Brüder ferner sehen werden, daß ich von ihnen weder Pension noch irgendwelches Geld – auch nicht einen roten Heller – fordere, daß ich ihnen predige, ohne Lohn zu nehmen, nur allein aus Liebe zum Himmel; wenn sie sehen werden, daß ich rein und einsam lebe, dann werden sie mir lauschen. Vielleicht werden ihre Herzen bewegt, ihre Augen geöffnet.« Sein Antlitz leuchtete in bleichem Glanze. Daran hatte es wirklich bis jetzt gefehlt, das fühlte er. Kein Jude hatte je als einwandfreier Christ vor seinen Brüdern gestanden, über jeden Argwohn erhaben, ohne Furcht und Tadel. Oh, welch glücklicher Vorzug, diesen Apostelberuf erfüllen zu dürfen! »Aber vorausgesetzt ...« Helena zögerte; dann schlug sie ihre holden Augen auf und begegnete den seinen in furchtloser Offenheit, »sie, die du liebst, wäre keine Christin!« Er bebte, ballte die Hände zusammen, um die heiße Woge irdischer Erregung zurückzudämmen, die ihn überwallte unter der Glut ihrer Augen, wie wenn der Mond die Flut anzieht. »Ich würde gleichfalls meine Liebe ertöten«, sagte er tonlos. »Die Juden sind hart, sie machen nicht feine Unterschiede. Sie kennen nur Juden und Christen.« »Mir scheint, ich sehe meinen Vater die Straße heraufreiten«, sagte Helena und wandte sich zum Erkerfenster. »Das scheint seine Feder und sein braunes Berberroß zu sein. Doch die Sonne blendet mich! Ich will dich allein lassen.« Sie ging zur Tür, ohne ihn anzublicken. Dann wandte sie sich plötzlich zu ihm, daß seine Augen geblendet waren und sagte: »Mein Herz ist mit dir, was du auch wählen magst. Aber bedenke dich wohl, ehe du Kutte und Priestergewand anlegst, dieses lieblose Gewand, das, um in deinem Sinne zu sprechen, alles das kennzeichnet, was ohne Liebe ist. Addio!« Er folgte ihr, nahm ihre Hand, bückte sich herab und küßte sie ehrerbietig. Sie entzog sie ihm nicht. »Besitzest du die Kraft zu Geißel und Strang, Guiseppe mio?« fragte sie sanft. Er richtete sich auf, ihre Hand in der seinen haltend. »Ja«, sagte er. »Du sollst mich begeistern, Helena. Der Gedanke an deine strahlende Reinheit soll mich rein erhalten und nicht schwanken lassen.« Ein unergründlicher Ausdruck huschte über Helenas Antlitz. Sie entzog ihm ihre Hand. »Ich kann nicht zum Sterben begeistern,« sagte sie, »nur zum Leben.« Er schloß seine Augen in traumhafter Entrückung. »Es ist kein Sterben. Es ist die Auferstehung und das Leben«, murmelte er. Als er seine Augen öffnete, war sie fort. Er fiel auf die Knie nieder in heißem Gebet, in der Todespein der Kreuzigung des Fleisches. V. Wahrend seines Noviziats, bevor er sein Mönchsgelübde ablegen durfte, hielt er eine »Probepredigt für die Juden« in einem großen Betsaal in der Nähe des Ghetto. Eine Kirche wäre durch die Gegenwart von Ketzern besudelt worden, und selbst aus diesem Betsaal waren alle kirchlichen Gerätschaften, die dort lagen, entfernt worden. Da war eine glänzende Versammlung angesehener Christen, reichgekleidet in goldbefranste Mäntel, mit Seidenbändern geputzten Hüten, denn Guiseppes Beredsamkeit wurde gerühmt. Annibale de Franchi saß in pomphaftem Aufzug ganz vorn. Ein Jude erschien – Schlaume, der Spaßvogel. Auf seine Geschicklichkeit, sich aus dem Vorwurf des Bannbruchs herauswinden zu können, konnte er sich verlassen. Schlaume hoffte sogar, ein oder zwei Mahlzeiten dadurch herausschlagen zu können, daß er den »Fattori« und den anderen Würdenträgern des Ghetto über die Vorgänge berichtete – ihrer menschlichen Neugier konnte er wohl sicher sein. Schlaume war an Listen reich, war er nicht sogar monatelang vor aller Christenheit mit einem hochroten Hut umherstolziert? Hatte er nicht, als er schließlich vor die Caporioni gebracht wurde, vorgegeben, das sei nur ein Musterstück der Hüte, die er verkaufte, sein eigentlicher gelber Hut säße, ohne daß er ihn absichtlich verbergen wollte, darunter. Doch jetzt freute sich Guiseppe de Franchi, da er dieses Mannes ansichtig wurde. »Er ist schwatzhaft, er wird die Saat ausstreuen«, dachte er. Spät am Nachmittage des nächsten Tages ging der Priester durch die Via Lepida, nahe dem Dominikanerkloster. Da fühlte er sich am Mantel gezogen. Er wandte sich um. »Miriam!« rief er und prallte zurück. »Warum erschrickst du vor mir, Joseph?« »Weißt du nicht, daß ich unter dem Banne bin? Sieh, steht dort drüben nicht ein Jude, der uns beobachtet?« »Ich mache mir nichts daraus. Ich habe dir etwas zu sagen.« »Doch du wirst verflucht werden.« »Ich muß dir etwas sagen.« Seine Augen flammten auf. »Ach, auch du bist gläubig geworden!« rief er frohlockend. »Du hast das Heil gefunden.« »Nein, Joseph, das wird nie geschehen. Ich liebe den Glauben unserer Väter. Es dünkt mich, ich habe ihn besser verstanden als du, trotzdem ich nicht die heilige Wissenschaft erforscht habe wie du. Mit dem Herzen allein verstand ich ihn.« »Warum kommst du dann? Wir wollen hinab zum Kolosseum gehen; dort ist es ruhiger, auch ist es weniger von unseren Brüdern besucht.« Sie verließen die Geschäftsstraße mit ihrem lärmenden Getriebe, den Fuhrwerken, den Wasserträgern mit ihren Eseln, den Lastträgern, den Edelleuten zu Pferde mit ihrem Gefolge und den rauflustigen Kriegern, deren Beschimpfung Miriam ausgesetzt war; denn sie fiel auf durch ihre Schönheit und durch das Viereck aus gelbem Tuch, das anderthalb Handbreit über ihrem Scheitel saß. Schweigend schritten sie weiter, bis sie zum Titusbogen kamen. Unwillkürlich blieben beide stehen, denn da seine Reliefs auch einen Tempelleuchter als Beute zeigten, durfte kein Jude durch den Triumphbogen des Titus schreiten. Titus und sein Reich waren dahin, aber der Jude hegte noch seine Erinnerungen und Träume. Schwefelgelb ging die Sonne unter mit grünlichen Lichtern. So hing sie über den Tempelruinen der alten Gottheiten und über dem mit Gras bewucherten Forum Romanum. Wie mit Blut übergoß die scheidende Sonne die oberen Bruchstücke der Kolosseumsmauern, hinter denen Tiere und Menschen den Beherrschern der Welt zur Belustigung gedient hatten. Der Rest der riesenhaften Ruine lag im Schatten. »Geht es meinen Eltern gut?« fragte Joseph endlich. »Hast du die Stirn danach zu fragen? Deine Mutter weint den ganzen Tag, außer wenn dein Vater zu Hause ist. Dann scheint sie, gleich ihm, hart wie Stein, Er – ein Synagogenältester! – du wirst seine grauen Haare mit Leid in die Grube bringen.« Ein Seufzer entrang sich ihm. Dann sagte er mit einer Härte, die fast der seines Vaters glich: »Dulden läutert, Miriam. Es ist Gottes Waffe.« »Zeihe nicht Gott deiner Grausamkeit. Ich verabscheue dich.« Schnell fuhr sie fort: »Im Ghetto geht das Gerücht, daß du Dominikanermönch werden willst. Schlaume, der Spaßvogel, brachte die Nachricht.« »So ist es, Miriam. Bald werde ich das Gelübde ablegen.« »Doch wie kannst du Priester werden. Du liebst ja ein Weib.« Bestürzt blieb er stehen. »Was sagst du, Miriam?« »Nein, jetzt ist nicht die Zeit zu leugnen. Ich kenne sie. Ich weiß von deiner Liebe zu ihr. Helena de Franchi ist es.« Weiß wurde sein Antlitz in tiefer Erschütterung. »Nein, ich liebe kein Weib.« »Du liebst Helena.« »Woher weißt du das!« »Weil ich selbst ein Weib bin.« Schweigend schritten sie weiter. »Du kommst mir das zu sagen?« »Nein! Das, daß du sie heiraten und glücklich werden sollst.« »Ich – ich kann nicht, Miriam. Du verstehst das nicht.« »Nicht verstehen! Ich kann dich lesen, wie du das Gesetz liest – ohne Vokale. Du denkst, wir Juden werden voll Verachtung mit dem Finger auf dich weisen, wir werden sagen, daß es Helena war, die du liebtest, nicht der Gekreuzigte. Du fürchtest, wir könnten nicht auf dein Evangelium hören.« »Ist dem nicht so?« »So ist es.« »Dann...« »Doch es wird so sein, was du auch tun magst. Schneide dich in kleine Stücke, und wir werden nicht an dich und dein Evangelium glauben. Ich allein glaube an deine Wahrhaftigkeit, für mich bist du ein Mensch, der vom vielen Studieren wahnwitzig geworden. Joseph, dein Traum ist eitel. Die Juden hassen dich. Haman nennen sie dich. Gern würden sie dich am höchsten Baume hängen sehen. Dein Andenken wird ein Fluch sein bis zur dritten und vierten Generation. Du wirst sie nicht mehr aufrühren können wie die sieben Hügel Roms. Sie haben zu lange fest gestanden.« »Ja, fest wie ein Stein standen sie. Ich will sie schmelzen, sie retten.« »Du wirst sie zerstören. Rette dich lieber selbst – heirate diese Frau und werde glücklich.« Er blickte sie an. »Werde glücklich«, wiederholte sie. »Wirf nicht dein Leben weg für einen leeren Wahn. Werde glücklich. Das ist mein letztes Wort für dich. Von nun an achte ich den Bann als treue Tochter Judas, und wäre ich eine Mutter in Israel, so würde ich meine Kinder lehren, dich ebenso zu hassen, wie ich es tue. Friede sei mit dir.« Er hielt sie an ihrem Gewand fest. »Gehe nicht ohne meinen Dank, obschon ich deinen Rat von mir weisen muß. Morgen werde ich in die Brüderschaft der Gerechtigkeit aufgenommen.« In dem bleichenden Licht schien sein Antlitz überirdisch und geisterhaft, umwallt von dem schwarzen Haar. »Doch warum wagst du deinen guten Namen, um mir zu sagen, du hassest mich?« »Weil ich dich liebe. Lebe wohl!« Sie eilte fort. Er breitete seine Arme nach ihr aus. Seine Augen waren verhüllt wie von Nebel. »Miriam, Miriam!« rief er. Komme zurück, auch du bist eine Christin! Komm zurück, meine süße Schwester in Christo!« Ein trunkener Dominikaner wankte in seine offenen Arme. VI. Die Juden wollten nicht kommen, Fra Guiseppe zu hören. Seine ganze leidenschaftliche Begeisterung wurde an eine Zuhörerschaft verschwendet, die sich aus Christen und längst überzeugten Neubekehrten zusammensetzte. Enttäuscht fiel er auf scholastische Beweisführungen, doch vergeblich wandte er die Waffen talmudistischer Dialektik gegen die Talmudisten selbst. Auch seine Entdeckung durch kabbalistische Berechnungen, daß der Name und das Amt des Papstes im Alten Testament vorausgesagt waren, vermochten nicht die Juden heranzuziehen, und nur auf den Straßen stieß er auf die scheelen Gesichter seiner Brüder. Monatelang predigte er mit geduldigem Wohlwollen, dann suchte er eines Tages verzweifelt und erschöpft eine Unterredung mit dem Papst nach, um zu bitten, den Juden sollte befohlen werden, seine Predigten zu besuchen. Er fand den Pontifex im Bett, unpäßlich, aber in fröhlichem Geplauder mit dem Bischof von Salamanca und dem Prokurator der Schatzkammer; augenscheinlich besprachen sie einen spaßigen Unfall, der dem französischen Legaten begegnet war. Sein blasses, schülerhaftes Gesicht lag auf den weißen Kissen zurückgelehnt unter der purpurnen Nachtmütze, aber dieses Antlitz wies auch Linien auf, die von energischem Handeln zeugten. Guiseppe blieb schüchtern an der Tür stehen, bis der Kleiderbewahrer, ein vornehmer Herr aus adligem Hause, ihn aufforderte, näherzutreten. Ehrfürchtig trat er heran, kniete nieder und küßte den Fuß des Papstes. Dann stand er auf und trug seine Bitte vor. Aber der Beherrscher der Christenheit runzelte die Stirn. Er war ein Gelehrter und von vornehmer Gesinnung, ein großer Beschützer der Wissenschaften und Künste. Seine Politik war für das Judentum stets verhältnismäßig milde gewesen, weiser als die der weltlichen Könige. Die auswärtige Politik nahm seine ganze Kraft in Anspruch, sehr zum Nachteil seiner Beliebtheit in Rom. Während Guiseppe de Franchi einem gelangweilten Prälaten verzweifelt seine Angelegenheit vortrug und ihm auseinandersetzte, wie er die jüdische Frage lösen könnte, wie er seinen Brüdern aufspielen könnte, wie David auf der Harfe, wenn er sie nur erst in dem Zauberbann seiner Stimme hätte, brachte ein Kammerherr eine Erfrischung auf silbernem Teebrett herein. Der Vorkoster schmeckte die Speise, um zu versichern, daß kein Gift darin sei, obgleich sie aus der päpstlichen Küche kam; und auf ein Zeichen Seiner Heiligkeit mußte Guiseppe beiseite treten. Ehe noch der Papst sein Mahl beendet, gab es andere Unterbrechungen. Der Leiter seiner Musikkapelle holte sich Unterweisungen für das Konzert für den Serragosto am ersten August, und zwei Goldschmiede kamen mit ihrer Arbeit und den Konkurrenzmodellen für einen Knopf zum päpstlichen Chorrock. In Guiseppe tobte und gärte es, während der heilige Vater seine Brille aufsetzte, um das große silberne Prachtgefäß zu prüfen, das sein Tafelgetränk aufnehmen sollte, mit den Henkeln aus reicher getriebener Arbeit, den Gewinden aus Akanthusblättern und den sinnreichen Masken. Dann prüfte er das Seitenstück dazu, das auf der Kredenz Platz finden sollte und für Wasser bestimmt war. Die schöne Darstellung darauf zeigte den heiligen Ambrosius zu Pferde, wie er die Arianer in die Flucht schlug. Als der eine der Goldschmiede entlassen war, vom päpstlichen Kanzler reich mit Dukaten bedacht, blieb der andere noch eine unerträglich lange Zeit, denn Seine Heiligkeit schien an seinem Wachsmodell sehr viel Freude zu haben und bewunderte, wie fein der Künstler Gottvater in dem Flachrelief dargestellt habe, wie ungezwungen die Haltung sei und wie trefflich er gerade den schönsten Schliff des größten Diamanten in die Mitte gebracht. »Beeile dich mit deiner Arbeit, mein Sohn,« sagte Seine Heiligkeit, als er ihn endlich entließ, »denn ich möchte den Knopf noch gern tragen, bevor ich sterbe.« Dann richtete er sein freudiges Gesicht auf Joseph: »Willst du irgend etwas von mir, Fra Guiseppe? Ach, ich erinnere mich! Du willst gern deinen halsstarrigen Verwandten predigen. E bene , ein schöner Ehrgeiz! Luigi, erinnere mich, daß ich morgen eine Bulle erlasse.« Mit überströmenden Augen fiel der Mönch wieder dem Pontifex zu Füßen, küßte sie und murmelte unzusammenhängende Dankesworte. Dann ging er unter Verneigungen hinaus und eilte voller Freude ins Kloster zurück. Pünktlich kam die Bulle heraus. Die Juden hätten der nächsten Predigt Fra Guiseppes beizuwohnen. Er sah dem Sabbatnachmittage in fast wahnsinniger Begeisterung entgegen. Eine wundervolle Predigt bereitete er vor. Die Juden würden es nicht wagen, das Edikt zu mißachten. Es war zu bestimmt, es konnte nicht übergangen werden. Stets kam ihr passiver Widerstand später, erst nachdem sie Gehorsam geleistet. Die Tage verstrichen. Die Bulle war nicht widerrufen worden, trotzdem er sich darüber klar war, daß Hintertreppeneinflüsse von den Bankiers der Gemeinde nicht unversucht geblieben waren. Die Bulle war nicht einmal eingeschränkt worden unter dem Vorwande, sie genauer zu erklären, wie es sonst die Art der Päpste bei zu rigorosen Erlassen war. Nein, nichts konnte die Juden vor dieser Predigt bewahren. An dem Donnerstage brach eine Pest im Ghetto aus; am Freitag war ein Zehntel der Bevölkerung gestorben. Ein Übertreten des Tibers hatte die Fieberausdünstungen noch gesteigert in jenen zusammengedrängten Gassen, jenen dichtstehenden Häusern, die so recht zu Seuchenbrutstätten geschaffen waren. An dem Sonnabend wurden die Tore des Ghetto amtlich geschlossen. Die Seuche wurde eingesperrt. Drei Monate lang wurden die Ausgestoßenen der Menschheit in ihr verpestetes Gefängnis eingeschlossen, Tag und Nacht, für Leben und Sterben, wie es gerade kam. Als schließlich das Ghetto gesund war und wieder geöffnet wurde, waren es die Toten, nicht die Lebenden, die sich zusammengedrängt fanden. VII. Joseph, der Träumer, war halb betäubt durch diesen zweiten Stoß, der seine Träume vernichtete. Eine irdische Angst, die er sich nicht eingestehen wollte, verzehrte ihn, während die Seuche um sich griff und trotz aller Bemühungen über das Ghetto hinausging, als wollte sie die bestrafen, die solche Lebensbedingungen geschaffen hatten. Aber nicht für sich fürchtete er – sondern für Vater und Mutter und für die edle Miriam. Wenn er sich nicht gerade furchtlos der Pflege pestkranker Christen hingab, ging er in der Nähe der Totenstadt umher, von der keine Nachrichten kommen konnten. Als er endlich erfuhr, daß seine Teuren am Leben seien, traf ihn ein anderer Schlag. Die Bulle sollte doch durchgesetzt werden, aber das Ohr des Papstes war gegen die Überlebenden nicht so streng verschlossen. Er trug ihrem Haß für Fra Guiseppe Rechnung und achtete ihren Einwand, daß sie lieber jeden anderen Prediger hören wollten. Guiseppes Dominikanerbrüder sollten nun abwechselnd diese Pflicht ausüben, nur ihm wurde es untersagt zu predigen. Vergeblich versuchte er von neuem Einlaß bei Seiner Heiligkeit, ihm wurde der Zutritt verweigert. Damit begann jene seltsame Einrichtung, die Predica Coattiva , die aufgezwungene Predigt. An jedem Sabbat hatte sich nach ihrem Synagogengottesdienst ein Drittel der Ghettobevölkerung (einschließlich aller Kinder über zwölf Jahren) abwechselnd einzufinden, um in der Kirche San Benedetto alla Regola das Gegengift zu empfangen. Die Kirche wurde nur für sie bereit gehalten, und dort gab ihnen ein Mönch die rechte Auslegung der Kapitel aus dem Alten Testament, die von ihrem eigenen Kantor vorgelesen wurden. Seine Heiligkeit, die einsichtsvoller war als ihre Untergebenen, hatte den Priestern eingeschärft, die Namen Jesu und der heiligen Jungfrau, die für jüdische Ohren so verletzend sind, zu vermeiden oder sie ganz leise auszusprechen. Allein der milde Geist dieser Anordnungen war von den Kanzelinhabern vergessen, einer Gemeinde gegenüber, die ihrer Gewalt ausgeliefert, die sie angreifen und auf die sie lostoben durften mit der ganzen grausamen Macht ihrer Rednergabe. Viele Juden, die sich widersetzten, wurden mit Gewalt in die Kirche befördert. Ein Polizeiaufgebot trieb sie mit Peitschen in die heilige Hürde. Diese neue Kirchenprozession von Männern, Frauen und Kindern sollte zu einem Schauspiel für Rom werden. Für den Mob war ein neues Vergnügen erfunden worden. Diese erzwungenen Andachten waren mit nicht geringen Kosten verknüpft. Noch zum Hohn hatten die Juden selbst die Kosten für ihre Bekehrung zu tragen. Sich der Predigt zu entziehen, war unmöglich; ein Register, das an der Kirchentür befestigt war, verzeichnete die Abwesenden, denen Geldstrafe und Gefängnis drohte. Um dieses Verzeichnis zu führen, bedurfte es eines Neubekehrten, dem jeder einzelne bekannt war, und der die, die in Stellvertretung kamen, preisgeben konnte. Wer wäre dazu geeigneter gewesen als der neue Ordensbruder? Vergeblich protestierte Joseph. Der Prior schenkte ihm kein Gehör. So, statt das erhabene Schauspiel eines Apostels zu geben, der keinen Lohn sucht, stand dieser machtlose Anstifter allen Unheils über sein Pult gebeugt und stellte durch scheue Seitenblicke die Identität der unwillig Kommenden fest. Wohl empfand er, daß er zu all den Leiden seiner Brüder noch den Schmerz zufügte, mit einem ausgestoßenen Juden in Berührung zu kommen, dessen Feder für ihren Sabbat schamlos Verachtung ausdrückte. An so manchem Sabbat sah er, wie sein Vater, ein trauriges, weißhaariges Wrack, mutwillig mit der Peitsche angetrieben wurde, um ihn schneller in die Kirchentür zu treiben. Am meisten trafen Joseph diese Peitschenhiebe. Wenn der Kirchendiener, der darauf aufzupassen hatte, daß die Gemeinde aufmerksam zuhörte und besonders darauf, daß sie sich die Predigt nicht durch Schlaf entgehen ließ, Rahel mit einem Eisenstab aufmunterte, überlief kalter Schweiß ihren unglücklichen Sohn. Wenn an jedem dritten Sabbat Miriam an seinem Pult vorüberging und ihre Augen fest, voll Verachtung, auf ihn richtete, so wurde er von Fieber geschüttelt, und kalt und heiß rann es durch seine Adern. Sein einziger Trost war, Reihen andächtiger Gesichter zu sehen, die zum ersten Male in ihrem Leben dem Evangelium lauschten. So hatte er wenigstens etwas zustande gebracht. Selbst Schlaume, der Spaßvogel, schien umgewandelt, mit ernster Ehrfurcht lauschte er den Priestern. Joseph, der Träumer, wußte nicht, daß alle diese andächtigen Juden den launigen Rat, den Schlaume ersonnen, befolgt und sich die Ohren tief mit Watte verstopft hatten. Inzwischen erntete jedoch Fra Guiseppe auf anderen Kanzeln großen Ruhm. Von nah und fern strömten die Christen herbei, ihn zu hören. Er ging unter das Volk, und das lernte ihn lieben. Er predigte bei Hinrichtungen, sein schwarzer Mantel und sein weißes Skapulier wurden gern gesehen in den abscheulichen Kerkern – er erteilte dem Sterbenden Absolution, bannte die bösen Geister. Doch da war ein Sünder, dem konnte er nicht Absolution erteilen, weder durch Abscheren des Haares noch durch Geißelung – dieser Sünder war er selbst. Und einen Dämon gab es, den konnte er nicht bannen – den in seiner eigenen Brust, Eins konnte er nicht stillen – das Leid seiner eigenen Seele, denn beständig verwundete sie sich an den Wirklichkeiten des Lebens und wurde nun von den Mängeln des Christentums ebenso zerrissen wie vorher von denen des Ghetto. VIII. Wieder war es Karneval – die tolle Lästerwoche in Saus und Braus. Die Straßen leuchteten in allen Regenbogenfarben von buntem Tand und hallten wider von dem Geschrei und Gelächter der Menge, die durch einen riesigen Fremdenzuzug noch vollzähliger war. Aus den Fenstern und von den Dächern, die schwarz waren von dem Menschengewimmel, warfen ausgelassene Hände Honig und faule Eier und gossen Schmutzwasser und sogar siedendes Öl auf die Fußgänger und Reiter herab. Blutige Tumulte entstanden, kirchenräuberische Maskenzüge fielen in die Kirchen ein. Sie trieben ihren Spott mit menschlichen und mit göttlichen Dingen. Peitsche und Galgen, von denen reichlich Gebrauch gemacht wurde, vermochten nicht der Zügellosigkeit des Volkes Einhalt zu tun. Jeder Verbotserlaß wurde zum toten Buchstaben. In solcher Zeit mochten die Juden wohl Grund haben zu zittern, waren sie doch den Christen ausgeliefert, die toll waren vor Lust. Immer schon die Prellsteine des Witzes, dienten sie zu Karnevalszeiten noch besonders der Spottlust. Am ersten Tage führte eine Abordnung der angesehensten Juden, einschließlich der drei Gonfalonieri und der Rabbiner, den Zug vor die Senatoren, und in einem Kostüm, das halb rot, halb gelb gefärbt war, durchschritten sie die ganze Stadt, von der Piazza del Popolo bis zum Kapitol durch ein Kreuzfeuer von Scherz und Spott. Am Kapitol angelangt, schritt die Prozession in die Thronhalle, wo die drei Konservatoren und der Prior der Caporioni auf hochroten Samtsesseln saßen neben dem Verwalter des kapitolinischen Staatsschatzes, in seiner schwarzen Toga und Samtkappe. Der Oberrabbi kniete auf der ersten Thronstufe nieder, und indem er sein ehrwürdiges Haupt zu Boden neigte, sprach er die übliche Formel: »voll Ehrerbietung und Ergebenheit für das römische Volk stellen wir, die Häupter und Rabbiner der untertänigen jüdischen Gemeinde, uns vor den erhabenen Thron Eurer Eminenzen, um ehrerbietig Treue und Huldigung im Namen unserer Glaubensbrüder zu entbieten und wohlwollendes Erbarmen anzurufen. Was uns betrifft, so wollen wir nicht verfehlen, den Allerhöchsten anzuflehen, Friede und eine lange, ruhige Herrschaft zu gewähren dem päpstlichen Herrn, der zu unser aller Glück regiert, ebenso dem apostolischen heiligen Stuhl und Euern Eminenzen, sowie dem erlauchtesten Senat und dem römischen Volke.« Worauf der erste der Konservatoren erwiderte: »Wir nehmen mit Freude die Huldigung der Treue, der Unterwürfigkeit und der Hochachtung entgegen, der ihr heute im Namen der gesamten jüdischen Gemeinde von neuem Ausdruck gebt. Ihr versichert, daß ihr die Gesetze und Befehle des Senats achten und daß ihr, wie stets, den Tribut und die Abgaben, die euch obliegen, zahlen wollt. Wir bewilligen euch unseren Schutz in der Hoffnung, daß ihr euch dessen würdig zeigen werdet.« Dann rief er, seinen Fuß auf des Rabbiners Nacken stellend: » Andate! « (Geht weg!) Sich erhebend, reichte der Rabbi den Konservatoren mit einem Blumenstrauß einen Becher, der zwanzig Kronen enthielt, und erbat, die Plattform des Senators auf der Piazza del Popolo ausschmücken zu dürfen. Dann zog die Prozession in ihrem bunten Aufzug wieder durch die von Hanswürsten wimmelnden Straßen durch die Lästerallee, um ihre heuchlerischen Beteuerungen vor dem Thron des Senators zu erneuern. Spottzüge parodierten diesen Zug der Juden. Die Fischhändler, die durch ihre Nachbarschaft mit dem Ghetto dessen Gebräuche kannten, bereicherten den Karneval mit verschiedenen anderen Parodien. Da gab es eine Travestie auf das Begräbnis eines Rabbiners, dort eine lange Kavalkade von Juden, die auf Eseln galoppierten, angeführt von der Spottfigur eines Rabbiners zu Pferde. Er ritt, den Kopf dem Schweif des Hengstes zugekehrt, den er mit der einen Hand hielt, während er mit der anderen, zum Ergötzen des Mob, eine nachgemachte Gesetzesrolle darhielt. Wahrlich, das Quälen der Juden diente der Karnevalsausgelassenheit zur besonderen Würze. Man riß ihnen die Hüte ab und warf ihnen Kot ins Gesicht. In diesem Jahr hatte der Gouverneur Roms Einspruch erhoben und verboten, daß etwas auf sie geworfen wurde, außer Früchten. Ein edler Marquis erwarb sich Ruhm durch den lustigen Einfall, sie mit Tannzapfen werfen zu lassen. Doch erst am dritten Tage, nach dem Wettrennen der Esel und Büffel, sollte den Juden die schlimmste Erniedrigung zuteil werden, denn das war der Tag der Judenrennen. Der Morgen dämmerte herauf, klar und kalt, aber bald ballten sich Wolken zusammen, und die sich drängende, jubelnde Menge begrüßte mit Freuden die Aussicht auf Regen. An dem Bogen von San Lorenzo in Lucina, in der langen, engen Straße Via Corso, wo von den Torwegen, den Fenstern, Dächern und dem Pflaster Tausende von Gesichtern in neugieriger Spannung herabschauten, war auch etwa ein halbes Dutzend Juden unter der Menge. Eben war ihnen ein gutes Mahl verabreicht worden, aber sie blickten nicht gerade dankbar. Fast nackt, nur mit einem weißen Mantel bekleidet, was unschicklich und komisch zugleich aussah, geschmückt mit Flitter und Lorbeer, standen sie zitternd da und harrten des Kommandos: »Lauft!«, um Spießruten durch diese übelwollende Menge zu laufen, die sie mit dem lange aufgespeicherten Gift bespritzte, in der es gärte von Hohn und Roheit. Endlich gab ein Hauptmann zu Pferde das Zeichen, und unter dem lebhaften Freudengeschrei des Mob begannen die halbnackten, grotesken Gestalten mit den fremdartig orientalischen, kummervollen Gesichtern den wilden wettlauf den Korso hinab. Die Engelsburg war das Ziel. Ursprünglich endete der Wettlauf unten am Korso, aber das Ziel war beträchtlich weiter gesteckt worden, auf Wunsch eines früheren Papstes, der das Ende des Wettlaufes von seinen Fenstern mitanzusehen wünschte, wenn er dasaß in seinem halbverborgenen Schloßzimmer, dessen Fresken die Nacktheiten Giulio Romanos zeigten. Schnell, schnell rannten die Läufer, denn je früher das Ziel erreicht war, um so eher waren sie ja von diesem Hagel von Spottreden, mit dem sich der schwerer Steine mischte, befreit, und erlöst von den Stacheln, mit denen oft die Stöcke der Zuschauer besetzt waren, und die diese lebhaft gebrauchten, erlöst von der Beobachtung der feinen Leute, die dem Rennen trotz des Verbots von ihren Kutschen aus zuschauten. Um ihren Lauf noch anzutreiben, galoppierte der Hauptmann zu Pferde mit einem Trupp von Kopf bis Fuß bewaffneter Soldaten hinter ihren Fersen her, so daß sie Gefahr liefen, niedergeritten zu werden. Und sie liefen und liefen, pustend, mit Herzklopfen, in Schweiß gebadet, als könnte sie jeden Augenblick der Schlag rühren, denn zu dem Zwecke, daß sie beständig vor Seitenstichen zusammenzubrechen drohten, hatte sie der vorzügliche Festordner vorher mit Essen vollgestopft. Ach, wie komisch! wie köstlich! vortrefflich beim heiligen Antonius! Jetzt errang ein junger Mann, der durch sein abgezehrtes Gesicht und seine vorzeitige Kahlheit auffiel, den Vortritt unter dem Gejohle der Menge, waren die grotesken Läufer vorübergelaufen, so entfalteten die edlen Kavaliere ihre ganze Gewandtheit an dem Rennpfahl. Sie sandten ein keckes Lächeln zu den Balkonen der schönen Damen hinauf, die es ihnen mit seiner Tändelei erwiderten. Diese Schönen waren nicht maskiert, wie es in Frankreich Sitte, sondern unverhüllt in glänzendem Aufzuge. Da plötzlich brach das Unwetter los – herrliche Zugabe für das Fest – und ergoß sich lustig auf die halbnackten Läufer, vorwärts, vorwärts eilten sie, atemlos, wie blind, keuchend, mit Schmutz bespritzt, von den würfen der Menge getroffen, hinter sich die Hufe der Pferde, die ihre Fersen streiften. Vorwärts, vorwärts stürmten sie die tausend Meter der endlosen Rennbahn; vorwärts, vorwärts, wie gesotten, schweißtriefend und strauchelnd. Sie näherten sich dem Ziel. An San Marco, dem ehemaligen Ziel, waren sie schon vorbei. Noch lief der junge Jude voran, aber ein dicker, alter Jude war dicht hinter ihm. Die Erregung der Menge verdoppelte sich. Tausend spöttische Stimmen feuerten die Rivalen an. Sie waren auf der Brücke. Die Engelsburg, deren Bastionen nach den Aposteln benannt sind, war in Sicht. Der dicke, alte Jude lief zu, in Angst, jetzt, wo er schon so weit gekommen, sich nur ja die sechsunddreißig Kronen zu sichern, für die man den Preis verkaufen konnte. Da spornte sich der Nebenbuhler mächtig an. Er passierte des Papstes Fenster – und sein war der Tag. Das Firmament hallte wider von dem schallenden Gelächter, als die anderen Wettläufer ankeuchten. Mit großem Geschrei wurde das Niederfallen des dicken, alten Mannes auf der Heerstraße begrüßt, wo er nun hingestreckt lag. Der Amtsdiener überreichte dem Gewinner das Pallium, den Preis – ein Stück roten venetianischen Tuches. Der junge Jude nahm und besah es mit seltsamem, unergründlichem Blick, aber der Richter trat dazwischen. »Der Anführer der Soldaten sagt mir, daß sie an dem Bogen nicht richtig starteten. Sie müssen morgen noch einmal rennen.« Das war ein beliebter Kunstgriff, den Spaß zu verlängern. Doch unheilverkündend flammte es in des Gewinners Augen. »Nein, wir starteten wie Kugeln, die aus einem Falkonett geschossen sind.« »Ruhe, Ruhe, gib ihm das Pallium zurück«, flüsterte ein Läufer hinter ihm und zog ihn besorgt an seinem dürftigen Gewände. »Sie erkennen es immer wieder dem ersten Gewinner zu.« Doch der junge Mann blieb unbekümmert. »Warum hielt uns der Hauptmann dann nicht an?« fragte er. »Halte deine Zunge im Zaum«, entgegnete der Richter. »In jedem Falle wird der Wettlauf noch einmal stattfinden, denn das Gesetz befiehlt acht Läufer als Mindestzahl.« »Wir sind acht«, erwiderte der junge Jude. Ein durchbohrender Blick des Richters traf den Rebellen, dann zählte er, indem er jede dieser Jammergestalten mit dem Stock berührte: »Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs – sieben!« »Acht«, beharrte der junge Mann, der jetzt erst den achten Juden hinter sich auf der Erde liegen sah und bückte sich, ihn aufzuheben. »Dieser Mensch da zählt nicht mit, damit basta! Er ist betrunken.« »Du, Höllenhund du!« Und sich plötzlich gerade aufrichtend, zog der junge Jude ein Kruzifix aus seinem Mantel. »Du hast recht!« rief er mit Donnerstimme. »Es sind nur sieben Juden, denn ich – ich bin kein Jude. Ich bin Fra Guiseppe!« Nach allen Seiten schwenkte er das Kruzifix, und heilige Scheu breitete sich um ihn. Der Richter prallte zurück vor Überraschung und Schrecken. Die Soldaten saßen auf ihren Pferden wie versteinert vor Bestürzung. Die erregte Menge war für einen Augenblick still und verharrte in atemlosem Schweigen. Der Regenschauer war vorüber und ein matter Sonnenstrahl schien auf das Kruzifix. »In Christi Namen verklage ich dieses teuflische Possenspiel, das Gottes auserwähltes Volk höhnt«, rief mit Donnerstimme der Dominikaner. »Tretet zurück, will keiner diesem armen, alten Mann einen Trunk kalten Wassers bringen!« »Hat ihm der Himmel nicht genug kaltes Wasser beschert?« fragte ein Spaßvogel aus der Menge. Und niemand rührte sich. »So sollt ihr ewig im Fegfeuer brennen«, sagte der Mönch. Wieder beugte er sich hinab und hob sanft den Kopf des alten Mannes. Dann wurde sein Gesicht noch düsterer und bleicher, »Er ist tot«, sagte er. »Möge ihn Christus, den er nicht anerkannt, zu sich nehmen in seiner Barmherzigkeit.« Sanft legte er den Leichnam zurück und drückte ihm die gebrochenen Augen zu. Ein jäher Schreck packte die Umstehenden. Der Tod vermag selbst einem alten Juden würde zu verleihen. Er lag da, vom Schlage getroffen, der durch die schwere Mahlzeit, die ihnen aufgezwungen, herbeigeführt war. Grotesk funkelte der Flitterschmuck auf seinem weißen, durchnäßten Mantel; seine nackten Beine waren steif und kalt. Von fernher das Jubelgeschrei, das Brouhaha der tollen Bevölkerung und die ferne Musik von Lauten und Geigen boten seinen tauben Obren den Scheidegruß. Den Hauptmann der Soldaten überlief es heiß und kalt. Er hatte den fettleibigen Läufer aus besonderem Vergnügen angespornt, aber Mord hatte er nicht beabsichtigt. Reue überkam die Zuschauer. Doch der Richter faßte sich bald. »Ergreift den treulosen Priester!« schrie er. »Ein Abtrünniger ist er. Zu seinem Volke ist er zurückgegangen. Er ist wieder Jude geworden – er soll lebendig geschunden werden.« »Zurück, im Namen der heiligen Kirche!« schrie Fra Guiseppe, wandte sich um und sah dem Hauptmann fest ins Gesicht, der trotz des Befehls auf seinem Pferde sitzen geblieben war, ohne sich zu regen. »Ich bin kein Jude. Ich bin ein ebenso guter Christ wie Seine Heiligkeit, die jetzt hinter dem Vorhang sitzt und ihre Augen an dieser heidnischen Saturnalie ergötzt.« »Weshalb ranntest du denn mit den Juden? Du hast dich besudelt. Dein Priestergewand hast du befleckt.« »Nein, ich trage nicht mein Priesterkleid. Bin ich nicht halbnackt? Ist das ein Gewand, dem ich Achtung schulde – dieser lächerliche Trödel, den eure Bürger zur Zielscheibe des Schimpfes und des Beschmutzens gemacht haben!« »Du hast es dir selbst angezogen«, warf der Hauptmann begütigend dazwischen, »weshalb liefst du mit diesem verpesteten Volke?« Der Dominikaner beugte sein Haupt herab. »Es ist meine Buße«, sagte er mit bebender Stimme. »Ich habe gesündigt gegen meine Brüder. Ich habe ihren Kummer noch vermehrt. Deshalb wollte ich im Augenblick ihrer größten Demütigung mit ihnen sein; um ihr Martyrium zu teilen, bat ich einen Läufer um seinen Platz. Doch Buße ist nicht mein einziger Beweggrund.« Er schlug seine Augen auf, schrecklich flammten sie, und seine Stimme war wie ein Donner, der durch die Menge rollte und weit über die Brücke schallte. »Ihr, die ihr mich kennt, gläubige Söhne und Töchter der heiligen Kirche, ihr, die ihr so oft meiner Stimme gelauscht, ihr, in deren Häuser ich den Trost des Gotteswortes gebracht, vereinigt euch jetzt mit mir, das lange Martyrium der Juden, eurer Brüder, zu beenden. Durch die Liebe allein, nicht durch Haß regiert Christus die Welt. Ich glaubte, es würde eure Herzen rühren, wenn ihr mich sehen würdet, mich, den ihr liebet (das weiß ich), mit Schmutz bedeckt, den ihr nicht geworfen, wenn ihr mich in diesem seltsamen Aufzuge vermutet hättet. Doch sehet! Dieser arme, alte Mann spricht beredter zu euch als ich. Seine toten Lippen erschüttern eure Seelen. Gehet heim, gehet heim von dieser heidnischen Lustbarkeit, sitzet in Sack und Asche auf dem Boden und bittet Gott, daß er euch zu besseren Christen machen möge.« Eine unbehagliche Bewegung bemächtigte sich der Menge. Der kotbespritzte, phantastisch beflitterte Mantel, die nackten Beine des Sprechers vermehrten noch den Eindruck seiner Persönlichkeit; er schien ein seltsamer Prophet der alten Zeit, der aus fernen Enden der Welten und Zeiten erstanden. »Schweige, Gotteslästerer«, sagte der Richter. »Die Sportbelustigungen werden vom heiligen Vater begünstigt. Der Himmel selbst hat diese stinkenden Ketzer verflucht. Pah!« Er stieß den toten Juden mit dem Fuße. In der Brust des Mönches wallte es auf. Heiß stieg ihm das Blut zu Kopfe. »Nicht der Himmel, sondern der Papst hat sie verflucht«, erwiderte er heftig, »warum verbannt er sie nicht aus seinem Gebiet! Nein, er weiß zu gut, wie dienlich sie dem Staate sind. Als er sie von überall mit Ausnahme der drei Schutzstädte verbannte und die jüdischen Kaufleute der östlichen Seehäfen unseren Hafen von Ancona in den Bann taten, so daß wir keine Lebensmittel erhielten, rief da nicht Seine Heiligkeit die Juden schleunigst zurück und gab damit ihren Wert zu? Da dem so ist, sollten wir ihnen Liebe bieten, nicht Haß und Hunderte erniedrigender Erlasse.« »Für dieses Wort sollst du auf dem Forum verbrannt werden«, drohte der Richter, »wer bist du, daß du dich gegen Gottes Stellvertreter auflehnst?« »Er, der Stellvertreter Gottes! Nein, eher bin ich es! Gott spricht durch mich.« Sein bleiches, abgezehrtes Gesicht leuchtete in überirdischer Entrückung; dem ehrfürchtigen Volke erschien er wie ein Riese. »Das ist Verrat und Gotteslästerung, verhaftet ihn?« schrie der Richter. Fest und ohne zu weichen, blickte der Mönch den Soldaten ins Gesicht, obgleich nur der Leichnam des alten Juden ihn von ihren sich wildbäumenden Pferden trennte. »Nein«, sagte er sanft, und ein mildes Lächeln umspielte sein Antlitz, während aus seinen Augen ein seltsames Mysterium blickte. »Gott ist mit mir. Er hat dieses Bollwerk, den Tod, aufgerichtet zwischen euch und meinem Leben. Ihr sollt nicht kämpfen unter dem Banner des Antichristen.« »Tod dem Abtrünnigen!« rief eine Stimme aus der Menge. »Er nennt den Papst Antichrist.« »Ja, der nicht für uns ist, ist wider uns. Er beherrscht wohl Rom im Sinne Christi? Quält er nur die Juden? Hat nicht seine Sucht nach Macht den Feind an die Tore Roms gebracht! Haben nicht seine Banden fremder Hilfstruppen unsere Bürger gehöhnt? Ihr wißt, wie Rom unter den Ränken seines Bastardsohnes gelitten hat mit seiner wüsten Schar von Mordgesellen. Um Christi willen hat er wohl diesen Schrecken unserer Straßen gezeugt!« »Nieder mit Baccio Valori!« schrie eine Stentorstimme, und aus einem Dutzend enthusiastischer Kehlen schallte das Echo. »Ja, nieder mit Baccio Valori!« rief der Dominikaner. »Nieder mit Baccio Valori!« wiederholte die leicht zu beeinflussende Menge, deren Feststimmung schnell in eine andere Art von Zügellosigkeit überging. Einige, die den Mönch liebten, waren ehrlich empört, andere, die ihrer Tollheit und Verderbtheit so recht die Zügel schießen ließen, waren zu jeder Art von Zeitvertreib bereit. Manche, und zwar die lautesten, waren Raufbolde und Beutelschneider. »Ja, aber nicht nieder mit Baccio Valori allein!« schrie Fra Guiseppe mit Donnerstimme. »Nieder mit all dem Bastardgezücht, das in dieser Hauptstadt des Christentums sein Wesen treibt. Nieder mit dieser Höllenbrut, die Christus verleugnet; nieder mit dem Ablaßkrämer! Gott ist kein Handelsmann, der um die Vergebung der Sünden schachert – noch viel weniger – oh, diese Lästerung! – um nicht begangene Sünden. Unsere heilige Jungfrau braucht nicht eure Wachskerzen. Ein reines Herz, das Leuchten einer unbefleckten Seele verlangt die Gottesmutter. Fort mit eueren Rosenkränzen und euerem Mummenschanz, euerem Paternosterbeten und dem Auf-den-Knien-liegen! Fort mit euerem Karneval euerem gottlosen Entsagen des Fleisches! Unrein seid ihr! Das ist keine Stadt Gottes, sondern eine gedungener Banditen, ehebrecherischer Greuel und schwelgerischer Gastmähler, eine Stätte sinnlicher Begier und Fleischeslust. Nieder mit dem schändlichen Kardinal, der am Altar Reden hält und von den geschmähten Juden Geld borgt, um seine geheimen Laster zu befriedigen! Nieder mit dem Mönch, dessen Meßbuch Boccaccio ist! Nieder mit dem Statthalter Gottes, der mit Kardinalshüten Handel treibt, der nicht ohne Vorkoster das heilige Abendmahl zu nehmen wagt, der ganz und gar in profane griechische Texte vertieft ist, in kunstreiche Juwelenarbeit, in politische Manöver und häusliche Intrigen. Er, der in Scharlach und Samt gekleidet auf seinem stolzen neapolitanischen Rosse dahertrabt, gefolgt von seinen barhäuptigen Kardinälen und seinen Hunderten glänzender Reiter. Er soll der Stellvertreter des schlichten Herrn Christus sein, der auf einem Esel ritt und sagte: ›Verkaufe, was du hast und gib es den Armen; komm und folge mir nach!' Nein!‹ Die Leidenschaft der Gerechtigkeit durchbebte seine Gestalt und fesselte seine Hörer. – »Obschon er den Vatikan bewohnt, obschon Hunderte prächtiger Bischöfe sich neigen, seinen Fuß zu küssen, so erkläre ich hier, daß er eine Lüge, ein Fallstrick, ein übertünchtes Grab ist – kein Beschützer der Armen, kein liebender Vater der Vaterlosen, kein geistlicher Herrscher, kein Stellvertreter Christi, sondern selber der Antichrist.« »Nieder mit dem Antichristen!« brüllte die Menge. Der langunterdrückte Haß gegen die herrschende Macht schaffte sich endlich in einem Überschwang hysterischer Erregung Luft. »Hauptmann, tue deine Pflicht!« schrie der Richter. »Nein, der Mönch spricht die Wahrheit. Trage den alten Mann fort, Alessandro!« »Ist Rom wahnsinnig geworden? Eile nach der Stadtwache, Jacopo!« Schnell band Fra Guiseppe das Pallium an das Kruzifix, und indem er das rote Gewand durch die Luft flattern ließ, rief er: »Das ist das wahre Banner Christi! Das, ein Symbol des Martyriums unserer Brüder! Sehet, es ist die Farbe des Blutes, das er für uns vergossen. Wer für Jesus ist, folge mir!« »Für Christus, für Jesus! Viva Gesù! « wie von fern heranrollender Donner brach dieser Schrei aus tausend Kehlen. Sein Feuer entzündete sich noch heftiger an dem ihrigen. »Folget mir! Dieser Tag soll für Christus Zeugnis ablegen; laßt uns sein Königreich in Rom aufrichten.« Ein wilder Tumult entstand. Die Soldaten spornten ihre Pferde an, Leute gerieten unter ihre Hufe und wurden niedergetrampelt. Ein Moment der Raserei entstand. Der Dominikaner eilte weiter, immer das rote Pallium schwingend; seine Anhängerschar wuchs beständig, denn aus jeder Seitenstraße strömten sie ihm zu. Ungehindert erreichte er die große Piazza, auf der eine neue Papststatue weiß und majestätisch glänzte. »Nieder mit dem Antichrist!« schrie ein Beutelschneider. »Nieder mit dem Antichrist!« echote der Mob. Der Mönch breitete seine Hand aus und Schweigen entstand. Ein gelber Hut auf dem Kopfe eines Juden schimmerte durch die Menge; Fra Guiseppe rief dem Juden zu, ihm seinen Hut zuzuwerfen. Er wurde von Hand zu Hand weitergereicht. Fra Guiseppe hielt ihn hoch empor. »Männer Roms, Söhne der heiligen Kirche, sehet das schmähliche Merkzeichen, das wir unseren Mitbrüdern aufsetzen, so daß jeder Wüstling sie anspeien darf. Sehet das Gelb – die Farbe der Schande, das Brandmal der Weiber, die mit ihrem Weibertum Handel treiben – und damit brandmarken wir die ehrwürdigen Stirnen der Rabbiner, die Häupter ehrenhafter Kaufleute. Sehet! Ich setze den Hut auf das Haupt dieses Antichristen, als Symbol unseres Hasses gegen alles, was nicht Liebe ist.« Und indem er sich auf des Hauptmanns Steigbügel schwang, krönte er die Statue mit dem gelben Schandmal. Ein wildes Geschrei der Verachtung durchtobte die Luft. Es gab ein wüstes Durcheinander wilder Stimmen. »Nieder mit dem Antichrist! Nieder mit dem Papst! Nieder mit Baccio Valori! Nieder mit der Prinzessin Teresa!« Doch im nächsten Augenblick war alles ein wüstes Durcheinander. Ein Trupp der Stadtwachen – Pikenträger, Musketiere und Reiter mit zweihändigen Schwertern stürmte aus einer Straße auf die Piazza, die Papsttruppen aus der anderen. Sie stürzten sich auf die Menge. Die Soldaten des sich entgegenstellenden Hauptmanns revoltierten ihrerseits, schwenkten herum und trieben die Anhängerschaft zurück. Ein Babel entstand, Ächzen, Stöhnen und Angstgeschrei, Musketen in wildem Getöse, Dolche blitzten, Schwert und Pike prallten am Harnisch ab, Funken stoben, Rauch wallte auf. Der Mob zerstreute sich und eilte die Straßen hinab, fort von diesem Boden, der blutgetränkt und mit Leichen bedeckt war. Lange, ehe noch die erregten Leidenschaften des Gesindels sich beruhigt hatten und sich durch Plündern und Gewalttätigkeit in den entlegeneren Straßen Genüge getan, lag Joseph, der Träumer, in dem dunkelsten Kerker des »Nonaturmes« hingestreckt. Er lag auf einem Stück vermoderter Matratze, in seinen triefenden, beflitterten Mantel gehüllt, blutend aus zahlreichen Wunden. Zu erschöpft war er von dem wilden Kampfe mit seinen Angreifern, um an den Marterpfahl zu denken, der ihn erwartete. IX. Er hatte nicht lange zu warten. Die Krone des Karnevals war es, dem Pöbel das Schauspiel einer Einrichtung zu gewähren. Verurteilte Verbrecher wurden oft bis zum Fastnachtsdienstag aufbewahrt, und die Enttäuschung war groß, wenn es nur das Peitschen von Buhlerinnen zu sehen gab, die maskiert aufgegriffen waren. Das Peitschen eines Juden, der kein Merkzeichen getragen, war das nächstbeste und wurde nach der Hinrichtung eines Christen am liebsten gesehen, denn, der die Geißelung vollzog, wurde (auf Kosten des Angeklagten) doppelt bezahlt und verfehlte natürlich nicht, auch seinen Eifer zu verdoppeln. Aber das schönste von allem war doch die Hinrichtung eines Juden. Daß Fra Guiseppe Jude war, daran konnte kein Zweifel sein. Die einzige Frage war die, ob er ein Abtrünniger oder ein Spion sei. In jedem Falle gebührte ihm der Tod. Er hatte noch dazu den Papst geschmäht – schon an sich eine unverzeihliche Sünde. Der unbeliebte Pontifex verschonte wohlweislich die anderen vor Strafe – nur der Jude sollte sterben. Die Bevölkerung war früh auf den Beinen. Auf der Piazza del Popolo – dem Mittelpunkte des Karnevals – wo der Pfahl errichtet war, riß sich eine große Menge um die besten Plätze – ein fröhlicher, amüsanter Kampf. Der große Springbrunnen sandte seine munteren, silbernen Wasserstrahlen zum blauen Himmel. Als die Totenkarre auf die Piazza holperte, trafen wüste Gesänge des Pöbels die Ohren des Verbrechers, und seine wilden, verzweifelten Augen blickten auf manches fröhliche Gesicht, das noch vor wenigen Stunden ihm gefolgt war, um für Gerechtigkeit zu zeugen. Zwischen diesen Gesichtern gewahrte er die seiner früheren Glaubensgenossen, verdüstert und in hämischer Freude. Kein Mönchsbruder sprach ihm Trost zu oder hielt ihm das Kreuz vor Augen – war er nicht ein verdammter Ungläubiger, ein Ausgestoßener beider Welten! Der Hauptmann der Caporioni war anwesend. Truppen umstanden den Pfahl, denn der Wahnwitzige könnte ja vielleicht doch Anhänger haben, die eine gewaltsame Befreiung versuchen könnten. Aber die Vorsicht war überflüssig. Nicht ein Gesicht, das Sympathie bekundete. Die Leute, die der Mönch fortgerissen hatte, die dem Kreuz und dem Pallium gefolgt waren, übertrieben jetzt ihre Freude, damit man sie nicht wiedererkenne. Die Juden ihrerseits freuten sich über die himmlische Vergeltung, die den Abtrünnigen ereilt hatte. Der Dominikanerjude ward an den Pfahl gebunden. Sie hatten ihm eine Gabardine angezogen und den gelben Hut auf das abgeschorene Haupt gesetzt. Und darunter war sein Antlitz ganz ruhig, aber tieftraurig. Er begann zu sprechen. »Knebelt ihn!« schrie der Richter. »Er will lästern.« »Bitte nicht«, wandte ein roher Prahler aus der Menge ein. »Sonst würde uns ja des Schurken Geschrei verloren gehen.« »Nein, fürchtet nicht. Ich will nicht lästern«, sagte Joseph und lächelte voll Trauer. »Ich will nur meine Sünde bekennen und meine verdiente Strafe. Ich ging aus, in den Fußstapfen des Herrn zu wandeln – durch Liebe zu gewinnen und dem Übel nicht zu widerstreben. Doch sehet, ich habe Gewalt gebraucht gegen meine ehemaligen Brüder, die Juden, Gewalt gegen meine jetzigen Brüder, die Christen. Ich habe den Papst gegen die Juden aufgebracht und die Christen gegen den Papst. Ich habe Blutvergießen und Gewalttätigkeit verursacht. Es wäre besser gewesen, ich wäre nie geboren. Christus, nimm mich auf in deiner unendlichen Gnade. Möge er mir vergeben, wie ich euch vergebe!« Er biß die Zähne zusammen und sagte nichts mehr, ein Bild unendlicher Verzweiflung. Die Flammen loderten auf. Sie fingen an, seine Glieder zu erfassen, aber kein Schmerzenslaut suchte ihr Knistern zu übertönen. Doch unter der Menge hörte man weinen. Da plötzlich zuckte aus dem dichtbewölkten Himmel ein Blitzstrahl, dann ein Donnerschlag, dem ein heftiger Regenschauer folgte. Die Flammen erloschen. Der Frühlingsschauer war kurz, aber heftig gewesen, aber das Holz wollte nicht wieder anbrennen. Doch so ließ sich der Volkshaufe nicht abspeisen. Auf des Richters Befehl stieß der Henker ein Schwert in des Verbrechers Eingeweide, dann band er den Leib los und ließ ihn mit dumpfem Schall zu Boden fallen. Er rollte auf den Rücken und lag für einen Augenblick still, das weiße, abgezehrte Gesicht starr gen Himmel gerichtet. Dann ergriff der Henker ein Beil und vierteilte den Leichnam. Einigen wurde schlecht, und sie wandten sich weg, aber die Menge glotzte unentwegt. Nun sprang ein Franziskaner auf den Karren, und zu dem blutigen, verhängnisvollen Text, der offen vor aller Augen lag, predigte er eifrig Christus. Der Mob zerfloß in Tränen. X. In dem Hause Manasses, des Vaters Josephs, war große Lustbarkeit. Musikanten waren gemietet, den Tod des Renegaten zu feiern, wie es die Tradition vorschrieb. Alles, was nur die Pragmatika an Luxus zuließ, war vorhanden. Sie tanzten. Männer mit Männern und Weiber mit Weibern. Manasse bot seinen Gästen feierlich Früchte und Wein an, und die alte Mutter tanzte wie rasend, ein starres Lächeln auf dem runzligen Gesicht. Alle Augenblicke wurde ihre ganze Gestalt von schrecklichen Lachausbrüchen geschüttelt. Miriam floh aus dem Hause, um diesem Gelächter zu entgehen. Sie wanderte hinaus aus dem Ghetto und fand den Flecken ungeweihter Erde, wo die verstümmelten Überreste Josephs, des Träumers, hastig eingescharrt worden waren. Ein Haufen Steine, die von den Händen frommer Juden geworfen waren (als Symbol, daß nach dem Gesetze der Abtrünnige hätte gesteinigt werden müssen), bezeichnete sein Grab. Wildes Schluchzen entrang sich Miriams Brust. Ihre Augen waren geblendet von Tränen, die ihr die Schönheit der Welt verhüllten. Plötzlich gewahrte sie neben sich eine andere gebeugte Gestalt, fast ohne hinzublicken wußte sie: es war Helena de Franchi. »Auch ich liebte ihn, Signora de Franchi«, sagte sie einfach. »Bist du Miriam! Er hat von dir gesprochen.« Helenas Silberstimme klang leise und bebend. »Ja, Signora.« Unaufhaltsam flossen Helenas Tränen. »Wehe! wehe! über den Träumer. Er hätte glücklich werden können – glücklich mit mir, glücklich im Vollbesitz menschlicher Liebe, im Lichte der Sonne, in der Schönheit der prächtigen Welt, in der Freude an der Kunst, der Lieblichkeit der Musik.« »Nein, Signora, er war ein Jude. Er hätte glücklich werden können mit mir, im Lichte des Gesetzes, im ruhigen häuslichen Leben, das dem Gebet geweiht ist, dem Studium, der Barmherzigkeit, dem Mitleid und allen guten Taten. Ich würde für ihn die Sabbatkerzen angezündet und unsere Kinder auf seine Knie gesetzt haben, daß er sie segne. Wehe! wehe! über den Träumer!« »Keines dieser Geschicke sollte ihm werden, Miriam. Küsse mich, wir wollen einander trösten.« Ihre Lippen trafen sich und ihre Tränen flossen zusammen. »Von nun an sind wir Schwestern, Miriam.« »Schwestern«, schluchzte Miriam. Sie klammerten sich aneinander – die edle Seele der Heidin und das warme Herz der Jüdin, vereint über des Christen Grab. Plötzlich begannen in der Stadt Glocken zu läuten. Miriam fuhr auf und riß sich los. »Ich muß gehen«, sagte sie hastig. »Es ist nur das Ave Maria«, sagte Helena. »Du brauchst keine Vesper zu singen.« Miriam berührte das gelbe Abzeichen auf ihrem Kopf. »Nein, aber die Tore werden jetzt geschlossen, Schwester.« »Ach, ich vergaß. Ich habe gedacht, wir dürften von nun an immer zusammen bleiben. Ich will dich begleiten, so weit ich kann, Schwester.« Sie gingen eilig fort von dem einsamen, ungeweihten Grabe und hielten einander an der Hand. Schatten senkten sich herab. Als sie das Ghetto erreichten, war es fast dunkel. Kaum war Miriam hineingeschlüpft, als die Tore mit schrillem Klang geschlossen wurden – dunkle Nacht trennte die beiden. G. Danilowski Am Felsabhang. (Übersetzt aus dem Polnischen von Amalie Scherlag.) Auf einer flachen, von dem im Tal liegenden Städtchen etwas entfernten Anhöhe befand sich ein kleiner keilförmiger Obstgarten, zwischen zwei sich kreuzenden Wegen und einer Zickzacklinie eines steilen Felsabhanges eingeschlossen. Dieser Felsabhang bildete ehemals eine sanfte, mit Sträuchern und üppigem Gras bestandene Senkung; nachdem man aber dort guten fetten Lehm und nützliches Gestein vorfand, wurde er gänzlich verwüstet. Der nackte Abhang voll von Löchern, Spalten und traurigen Ritzen, die an Höhlen ausgestochener Augen gemahnten, bildete jetzt ein lockeres Geröll zerfallener Kalksteine, das gleich scharfen Bächen auf die in der Tiefe lagernden Felsstücke hinabzugleiten schien. Von dieser Seite bröckelte die Erde langsam ab, so daß die zusammengeschrumpften Wurzelverschlingungen des am Rande stehenden Apfelbaumes auf die Oberfläche heraustraten, während ein mächtiges Kreuz mit dem blechernen, verrosteten, schwarzen Christus sich auf dem äußersten Rande des Abgrundes befand und gebeugt darüber seine schützenden Arme ausbreitete. Der Grund gehörte der Gemeinde, darum beeilte sich jeder, davon Nutzen zu ziehen, und darum konnten die zu früh gepflückten Früchte nie zur Reife kommen. In diesem Jahre hatte sie zum erstenmal der dumme Leib um einige Rubel gepachtet. Leib war ehemals ein wohlhabender Obsthändler gewesen, dann verarmte er dermaßen, daß er seit einigen Jahren nicht nur keine Geschäfte machte, sondern sogar davon zu träumen unterließ, indem er wie eine Fliege von den Brosamen der Armentische des elenden Städtchens lebte. Sein einziger Kaftan, den er an Wochentagen und am Sabbat trug, hatte bereits die ganze Tonleiter der Farben durchgemacht und ward ein farbloser fetter Fetzen, der mit Leibs erdiger Hautfarbe, seinem gelblich grauen Barte, dem gekrümmten Rücken und den verblichenen Augen eines Bettlers harmonierte. Er selbst machte den Eindruck eines Greises, wiewohl er kaum fünfzig Jahre zählte. Das fortwährende Hungern hatte ihn so sehr heruntergebracht, daß er nicht nur arbeitsunfähig wurde, sondern auch keine lebhafteren Bedürfnisse mehr empfand. Zunächst und instinktiv suchte er Nahrung, und es genügte ihm, nur das Geringste zu verzehren, den Rest des Tages verfiel er in eine apathische, gedankenlose Erstarrung woraus ihn nicht einmal die verlockendste Aussicht auf Verdienst herauszureißen vermochte. Aus diesem Grunde gelangte Leib in den Ruf eines etwas dummen Juden. Und tatsächlich verkümmerte mit der Auflösung seiner physischen Kräfte ein Teil seiner angeborenen Intelligenz, und übrig blieb ein bescheidenes schläfriges Restchen. Leibs Unbeholfenheit, ihm selbst schon ganz gleichgültig, war lange ein großer Kummer für seine Frau Riwke, die er noch in besseren Tagen mit einer Partie Kinder versorgt hatte. Nach und nach gewöhnte sie sich an diesen Zustand ihres Gatten, und ihn dem Schicksal überlassend, erhaschte sie durch wahnsinniges Herumlaufen in der ganzen Gegend und durch blitzschnelle Umsätze des Kapitals von einigen Rubeln jene karg bemessene Dosis der Speise und der Wärme, die zwar nicht gestattet, menschlich zu leben, aber ausreicht, um nicht zu sterben. Die Kinder jedoch wuchsen mit den Jahren. Der Umfang der Magen nahm zu, während das Anlagekapital, die einzige Erhaltungsquelle, stets in einem und demselben Maße verharrte. Um die Einkünfte zu vergrößern, mußte Riwke ihre Energie immer mehr verschwenden und wurde ungestüm und hartnäckig beim Feilschen und Handeln. Doch das alles nützte nicht viel. Riwke erregte und erbitterte sich nur unnötigerweise und begann als zudringliche unausstehliche Schacherjüdin die Sympathien der Kunden zu verlieren. Die Lage wurde immer tragischer, als auf einmal im Juli, in der Zeit, wo sich die meisten Sommerfrischler einfanden, eine Menge Geld in die Hände des dummen Leib fiel. Er fand nämlich eine Börse, die ein Tourist verloren hatte. Befragt, ob er sie bemerkt hätte, stellte er sie unverzüglich zurück, worauf ihm der Eigentümer zwei Fünfrubelstücke als Finderlohn übergab. Die Kunde von diesem Ereignis durcheilte die Stadt und erreichte Riwke auf dem Jahrmarkte. Im ersten Augenblick hätte die betäubte Frau den Kober mit den Eiern beinahe fallen gelassen, dann wollte sie es um keinen Preis glauben und erst, als man ihr den triumphierend erschreckten und nun ganz verdummten Mann brachte, entriß sie ihm die Beute und weinte vor Glück. Einen Teil des Geldes verwendete sie auf den Einkauf eines Korbes und einiger Waren für die älteste Tochter, die die Sommerfrischler im Tale zu bedienen hatte, sich behielt sie das Gebirgsrevier vor, für Leib aber bestimmte sie den Obstgarten vor dem Kreuze. Es war dies ein vorzügliches Geschäft. Daraus konnte man auf zwanzig Pud Früchte rechnen, was auch bei dem geringsten Preise einen Riesengewinn ausmachte. Die schadhaften Sommerbirnen und einige verkrüppelte Pflaumenbäume konnten Leib ein glänzendes Auskommen sichern, der das ganze Hab und Gut bewachen sollte. Mit einem Worte, eine der ärmsten Familien des herabgekommenen Städtchens war plötzlich schier zu Patriziern gediehen, und für das Oberhaupt der Familie Leib wurde, wie ein goldener Baldachin, auf zwei Pfählen ein Strohdächlein errichtet, damit er sich nicht einen Moment von dem gepachteten Besitztum entferne. Leib versprach es feierlich, denn er fing an zu erfassen, was für eine günstige Änderung in seiner Lage eingetreten war. Nach und nach unter der Einwirkung der Sonne, der frischen Luft und besseren Nahrung, die aus dem faulen Obst, das wie Manna nach jedem Windhauche ihm zu Füßen fiel, bestand, erwachte er aus der Apathie und begriff immer mehr die Wichtigkeit seiner Mission. Als Leibs Frau sich überzeugte, wie gut er seines Amtes waltete, und als sie ihn Pläne und Geschäfte für die Zukunft eifrig entwerfen hörte, wurde sie erfreut und gerührt, schenkte ihm eine altbackene Semmel und widmete sich beruhigt ihren geschäftlichen Kombinationen. Indessen verbrachte Leib eine wonnevolle Zeit. Im Bewußtsein, daß sein Anblick genügte, Diebe abzuschrecken, streckte er sich bei Tage behaglich ins Gras und schlummerte oder gab sich Träumen hin. Und es träumte ihm, daß er einen großen Obstgarten in Pacht hat, und daß seine Frau und alle seine Kinder ihm helfen müssen ... Ein Feuerlein flackert, Pflaumen werden geröstet, die gesunde Frucht wird wie Gold in Barken geladen. Diese gleiten über die schimmernden Wellen der Weichsel, weit, weit, bis unter die Brücken von Warschau ... Der Pfiff eines Dampfers zerriß gewöhnlich das Gewebe der wiederkehrenden Erinnerungen an die vom Schiffe zerschmetterten Galeeren ... Leib erwachte erschüttert und verfolgte mit trübem Blicke den über den Fluß gleitenden Schlot und den dunkeln Rauchstreifen, wie ein Banner des Unglücks, das entschwunden war, nachdem es den Tribut des Schmerzes mit sich genommen hat und vielleicht nicht mehr zurückkehren wird. In diesem engen Bereiche der Vermutungen, Hoffnungen und Erwägungen kreisten träge seine Gedanken bis zum Sonnenuntergang. Gegen Abend schärfte sich seine Aufmerksamkeit und er wurde wachsam. In hellen Mondnächten war er seines Gutes sicher; auf den sichtbaren weiten Feldern, auf den weißschimmernden Wegen vermutete er keine Räuber. Dagegen ängstigten ihn bewölkte und dunkle Nächte. In jedem Geräusche witterte er einen Menschen, der ihm sein Hab rauben will. Er umkreiste daher den keilförmigen Erdfleck, räusperte sich laut, um seine Gegenwart anzuzeigen. Während eines Sturmes fürchtete er keine Diebe. Der Wind marterte ihn. Zusammengekauert hockte er in seiner Bude, gespannt horchend, während das Geräusch eines jeden herabfallenden Apfels in einem schmerzlichen Echo in seinem zerquälten Herzen nachhallte. Nach dem Sturm konnte man zuweilen hie und da auf dem dunklen Horizont Feuersäulen aufsteigen sehen, er aber sah dem gleichmütig zu, obschon er wußte, daß dieses Feuer Hab und Gut der Bauern zerstörte. Die »Goim« waren ihm außerhalb der Geschäfte vollkommen gleichgültig, und sie hätten vor seinen Augen in die Erde versinken können, so hätte er nicht einmal gezuckt ... in dem Maße waren sie ihm ein fremdes, jetzt sogar feindliches Element, denn nur von ihrer Seite drohte seinen Bäumen Gefahr. Um einen nichtigen Apfel käme kein Jude einen so weiten Weg her, denn er hat eine zarte Gesundheit und Verstand ... Aber der Bauer, der ist stark und zu allem fähig. So überlegte er, empörte sich, und wie es sich erwies, nicht ohne Grund. Es kamen kühle, ruhige, helle Augustnächte. In einigen Wochen konnte man schon das reife Obst pflücken. Leib dachte mit höchster Wonne an diesen Tag, denn es sollten da Frau und Kinder heraufkommen, um ihm dabei behilflich zu sein. Auch hoffte er, dann etwa fünfzehn Gulden zu verdienen und spann herrliche Zukunftspläne. Indessen glitt von den Schloßruinen am Seitenabhang etwas wie ein graues Felsstück herab, nahm eine menschliche Gestalt an und begann, schwer atmend, den hellen Hohlweg emporzuklimmen. Es war dies der allgemein bekannte Stumme, der zu den Raritäten des Städtchens gehörte. Den Winter verbrachte er in dem Gehöfte seines Bruders, wo er aus Angst vor Prügel arbeiten mußte. Im Sommer war er frei und umkreiste die Häuser der Sommerfrischler, wo man ihm dann und wann etwas schenkte. Nachts machte er die Obstgärten unsicher. Auf frischer Tat betreten, empfing er ergeben die angemessene Tracht Schläge von den Söhnen Israels. Juden konnte er überhaupt nicht ausstehen, nicht etwa wegen der erhaltenen Schläge, sondern ganz einfach, als hätte er die in seiner Umgebung kreisenden Miasmen der Abneigung in sich eingesogen. Zur Bezeichnung dieser Rasse verfügte er über einige ständige Gesten, bohrartiges Fingerdrehen an der Schläfe, was Pejes bedeuten sollten, Geldzählen auf der flachen Hand und Hinweisen auf den gekreuzigten Christus, wegen dessen Qualen er jeden Juden beschuldigte. Obwohl er manches ganz gut verstand und nicht einmal so dumm war, wie man vermutete, so machte er mit seinem abstoßenden platten Gesicht und blödem Lächeln doch den Eindruck eines abscheulichen Kretins. Leib, ganz in seinen Träumereien versunken, hörte nicht das Schreiten der nackten Füße, erst das Knistern der Zweige, die der Stumme samt dem Obst abriß, erschütterte ihn bis in die Tiefe. Erstarrt, erkannte er den Räuber. Der Stumme verwunderte sich ebenfalls, und einen Genossen vermutend, wies er ihm freundschaftlich den zweiten Baum, wobei er lachend sein häßliches Maul verzerrte. »Du Dieb, du Räuber. Das ist doch mein Garten!« schrie Leib erbost, endlich drohte er ihm mit dem Stock. Der Stumme begriff nun, verzog das Gesicht, zog aus der Tasche einen scharfen Stein und zielte nach Leibs Kopf. Leib wand sich vor Schmerz und ohnmächtiger Wut. »Fort von da, fort!« schluchzte er, indem er den Stummen am Ärmel zerrte. Der Stumme stopfte nichtsdestoweniger seine Taschen voll, und als er fertig war, schnitt er dem Juden Gesichter. Wie er weggehen wollte, hielt ihn Leib krampfhaft fest. In seiner letzten Verzweiflung an das Mitleid des fremden Gottes appellierend, deutete er mit fiebernden Händen den Stummen auf das Gebilde des Christus hin. Der Stumme wurde ernst, kreuzigte die Hände und stieß Leib vor die Brust, als wollte er damit andeuten, daß eben er die Qualen Christi verursacht habe. Dann schüttelte er ärgerlich den Kopf und entfernte sich lallend. Leib fiel auf die Erde, er fühlte sich wie von Hufen eines wilden Tieres zertreten. Der Schaden war zwar nicht groß, aber der verzweifelte Gedanke, daß sich das öfter wiederholen könnte, krampfte ihm das Herz zusammen. Am nächsten Tage, da der Regen die feindseligen Bauern vom Felde fern hielt, lief er ins Städtchen. Er traf Riwke nicht an, weil sie geschäftlich in einem Dorfe zu tun hatte, kaufte einige Zigaretten und kehrte eiligst zu dem ohne Aufsicht gelassenen Garten zurück, wo er sich wie ein von Hunden gehetzter Fuchs verärgert in die Bude verkroch. Gegen Abend heiterte es sich auf. Die graue Wolkenmasse löste sich in kleine Wölkchen auf, die den goldenen Mond teils verdeckten, teils enthüllten. Feierliche Stille umfing die Erde. Entzückend lag die Landschaft da, wie ein Bild aus den Träumen eines gerührten Herzens, das sich andächtig in Gott versenkt. Aber der von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert gehetzte, von jeder Freude ausgeschlossene Jude, der dem tiefsten Elend preisgegeben ist, gegen die Schönheiten der Natur abgestumpft, hatte nur Sinn für das Unrecht, das auf ihn in jedem Schatten und in jedem Geräusch der Nacht lauerte. Unrecht schlich an ihn heran, düster, finster, jedes Glück zerstörend. Leib hielt krampfhaft den Stock, denn er unterschied bereits die Fetzen, die wie Fledermausflügel um die heranschleichende Gestalt flatterten. Der Jude erbebte, trat aus dem Versteck und traf mit dem Angreifer unter dem Kreuze zusammen. Einige Schritte voneinander entfernt, blieben sie stehen und fixierten sich. »Na!« zischte endlich Leib, eine Zigarette vorweisend. Der Stumme, das erstemal mit einem Geschenk von einem Juden überrascht, verwunderte sich, dann griff er herbeispringend danach. Leib wich bis an den Rand des Abhanges zurück und reichte ihm ein Zündholz. Der Stumme kauerte sich nieder und rauchte. Wolken umringten den Mond. Es wurde so finster, daß Leib nur undeutlich die Umrisse seines Feindes sehen konnte. Und eine seltsame, abergläubische Angst und Unruhe ergriff ihn. Er änderte seine Absicht und begann fieberhaft gestikulierend dem Stummen Vorstellungen zu machen, daß in dem städtischen Obstgarten das Obst viel besser sei, und daß er es dort stehlen möge. Der Stumme bejahte und zeigte mimisch, wie er es dort stiehlt, wie er dafür Schläge kriegt, und verfiel in ein ekelhaftes Gekicher. Es entspann sich ein wunderliches, lautloses, beinahe freundschaftliches Geplauder. Sie fühlten sich so nahegerückt, daß, als der Stumme sich erhob, um in den Garten zu gehen, und Leib ihm den Weg vertrat, sie sich beide darob verwunderten, sich ungläubig und wie enttäuscht ansahen. Die eben erst harmonisch gestimmten Saiten spannten sich widerspenstig und mühevoll zu einem schmerzlichen Mißton. Der Stumme zog zögernd mechanisch einen Stein aus der Tasche. Leib erhob wie aus Pflichtgefühl unwillig den Stock, und erst bei dieser Bewegung knirschte in ihm rachsüchtiger Ingrimm. Er zielte gegen den Kopf, traf aber ungeschickterweise den Rand des Hutes, der in die Schlucht kollerte. Der Stumme, dessen ganzer Stolz dieser Hut war, heulte auf, griff nach dem anderen Ende des Stockes und sie begannen am Rande des Felsenabhanges zu ringen. Beider Kräfte waren gering und gleich schwach. Man hörte das beschleunigte Schnauben des Stummen und das pfeifende Atmen der eingefallenen Brust des Juden. Plötzlich ließ Leib den Stock los. Der Stumme taumelte, hielt sich aber am Kreuze fest und wieder stürzten sie sich gegeneinander. Und nun kämpften miteinander zwei kraftlose, gebrechliche, zwei elende Krüppel. Zu der Wut des gespensterhaften Kampfes entfesselten sich alle Kränkungen der Rassen, wurde der vergiftete Bodensatz der vieljährigen Anfeindungen aufgerührt und entfachte tödlichen Haß. Der Stumme trachtete die »Pejes« dem räudigen Juden auszureißen, Leib würgte diesen ihm fremden und jetzt verfluchten Goj. Jeden Moment rutschte einer aus, griff nach dem Kreuze und behielt so das Gleichgewicht. Plötzlich riß sich die Erde unter ihnen los. Sie blieben eine Weile hängen, indem sie sich am rettenden Pfahl festhielten, da hob sich das im Kampfe arg zugerichtete Kreuz heraus und stürzte mit der ganzen Last hinab. Beide fielen hinunter. Die Steine ertönten, die Erde ertönte, und die zwei Körper lagen da unbeweglich, formlos und grau wie Felsengestein. Das Kreuz glitt an der Seitenwand mit einem rauhen Geräusch des abbröckelnden Kiessandes, bis es an einem Vorsprung hängen blieb, oben mit einem dumpfen Krach barst, daß der ganze Oberteil mit einem dumpfen Getöse niederflog. Das Städtchen hatte seitdem eine Sehenswürdigkeit mehr, das seltsam geborstene Kreuz über dem steilen Abhang. Neu hergerichtet, aber ohne den blechernen Christus, der verschwunden war, und ohne den oberen Teil, sah es wie ein zweiarmiger Galgen aus. Beim Anblick der in dieser Öde ausgespannten schwarzen, ominösen Balken konnte man sich unmöglich dem Eindruck erwehren, daß dies irgendein fatales Zeichen der Drohung oder der Warnung sei. Mancher vorübergehende blieb hier stehen, in Gedanken versunken. Ein Unbekannter, zu Verallgemeinerungen geneigt, versah es sogar mit einer Inschrift: »Die Verkümmerten, Unbeholfenen, der Stimme beraubten, vom Schicksal entblößten Elenden hat das Urteil der Geschicke an diesen furchtbaren Abhang geführt. Der Grund entgleitet ihren Füßen, jede Stütze verschlingt der Abgrund, und sie, statt sich zu verstärken und zu festigen, und geeinigt gemeinschaftlich von den Bäumen des Vaterlandes die gereifte Frucht zu verzehren, entwurzeln im Eifer des Kampfes und in der Verblendung des Hasses die letzte Stütze: das heilige Symbol der Liebe gestalten sie in das Sinnbild der beiderseitigen Schmach um, mit der sich die Verhaßten in den Abgrund und in die ewige Vernichtung wälzen...« Diese Worte wurden rasch verwischt, nur die herbstlichen Winde, die über diesen leidenvollen Erdenwinkel dahinsausen, spielen zuweilen auf der Spitze des einsam ragenden Holzes eine so traurige Melodie, wie ein Choral einer Lohe, die, vom Rauch geschwellt, im Blutglanz aufflammt... Die Stimme klagt, steigt empor und fleht zu Gott, daß er die verbrecherischen Hände bestrafe, nicht aber das schuldlose Schwert. Der düstere Himmel schweigt, und die Menschen, vom Lärm des Lebensmarktes betäubt, vernehmen nicht die Töne des Gesanges: »Wem also singt ihn der Wind? Wer kann es erraten?« Von David Rothblum Lose Blätter. Sünden. Es war ein lachender Frühlingstag voller Sonnenschein, als der kleine Mendel mit seinem greisen Lehrer außerhalb der Stadt spazieren ging. Sie waren einander auf den Gräbern des alten Friedhofs begegnet, wo die Juden am Lag B'oomer unter freiem Himmel die Psalmen beten. Und da die Hitze gar so drückend und der Tag schließlich doch ein Feiertag war, lud der Alte seinen Lieblingsschüler, von dem er noch Großes erwartete, zu einem Spaziergange ein. »Wie es doch betrübend ist,« begann der Lehrer, gleichsam seine Gedanken vom Friedhof aus fortspinnend, »wie unendlich betrübend, daß wir in unserem verwaisten, unglücklichen Zeitalter nicht einen einzigen Mann besitzen, der jenen gliche, an deren Gräbern wir eben vorbeigeschritten sind. Das ist die größte Gottesstrafe, die uns trifft.« Der Greis seufzte aufrichtig und tief; der dreizehnjährige Knabe nickte verständnisvoll mit dem Kopfe. »Denkt man einen Mann zum Beispiel, wie es der heilige R'mo war,« setzte der Alte seine Rede fort, »so ist es nicht zu fassen, was dieser Geistesriese gewußt, gekonnt und geschrieben hat. Wir sinken heute in ein Nichts zusammen, alle miteinander, im Vergleiche zu diesem einzigen Manne. Und doch lebt unser Volk in der steten Hoffnung, daß vielleicht doch einer unserer Nachkommen jene Männer erreiche ...« »Ist es wahr,« fiel ihm der Knabe in die Rede, »daß der Baum am Grabe des R'mo von sich selbst zu sprießen begann am selben Tage, an dem man den R'mo in die Erde senkte?« »Unsere Eltern erzählten es, und die sprachen immer die Wahrheit, solche Wunder pflegten früher öfter zu geschehen. Jetzt freilich, wo die Welt im Körperlichen bis über die Ohren steckt, geschehen keine Wunder mehr. Das ist ja der Unterschied der Zeiten. Heute geht alles seinem Nutzen nach, es wird sogar des Nutzens wegen Thora gelernt. Und das ist doch die größte Sünde ...« Sie gelangten während ihres Gespräches an den Saum eines Fichtenwaldes. Die Bäume strömten einen kühlen, würzigen Duft aus, der die Sinne bestrickte. Aus dem Waldesdunkel vernahm man eignes Gesumme, leise und doch vernehmbar, ein Sich-Regen des erwachenden Lebens, Ein unsichtbarer Vogel ließ in kurzen Zeiträumen langgezogene, lockende Töne unendlich sehnsuchtsvoll erschallen. Die beiden Spaziergänger ließen sich auf dem Rasen nieder. Der Greis begann den Wochenabschnitt zu erklären. Er vertiefte sich in Talmud und Midrasch, interpretierte dunkle Stellen, brachte die Aussprüche der Weisen in Verbindung und fand bei seinem Schüler das vollste Verständnis. Inzwischen sang der Vogel in den Lüften. Die langgezogenen Töne wurden kürzer, inniger, sie erklangen fast wie Seufzer. Dann erstarben sie allmählich – es war, als sänge der Vogel sein eigenes Totenlied. Und wie wenn seine kleine Seele nicht mit einem Male den Körper verlassen könnte, stieß er dünne, klagende Töne aus, die der Wald auffing und wiedergab. Der Lehrer schien nichts zu hören. Er begann die Materie zu besprechen, die er mit seinen Schülern in der letzten Woche im Talmud durcharbeitete. Da gab es schwere Stellen, fast unüberbrückbare Klüfte, Klippen, an denen der Verstand zu zerschellen drohte. Er aber ruderte mit sicherer Hand über diesen bodenlosen Tiefen. Es vermochten wohl nur wenige ihm zu folgen, doch Mendel war überall dabei. Da ließ der Lehrer mit einem inneren Wohlgefallen sein Auge auf ihm ruhen. Er dachte sich immer dabei: Das ist der zukünftige Mann. Und während der Greis mit seinem Schüler diskutierte, begann der Vogel plötzlich von neuem sein Lied. Es war diesmal ein Jubelgesang, ein Lied der Auferstehung. Mächtig erscholl die Weise, herrlich in ihrer Art. Es war ja nur eine einzige winzige Kehle, und doch ertönte es wie von einem Chor. Es waren Töne, voll, laut und frohlockend, Jubelgesänge, die sich überstürzten, in rasendem Tempo gesungen, so daß es kaum dem Walde gelang, sie zum Widerhall zu bringen ... Und während der Greis unbekümmert weiter sprach, huschte der Vogel aus dem Walde ... »Da ist er!« schrie plötzlich der Knabe auf. »Da ist er!« Und mit einem Satze sprang er auf und lief dem Vogel nach ... Der Greis blieb wie versteinert auf seinem Platze. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Tiefbeschämt kehrte der Knabe zurück. Sein Leib zitterte vor Erregung. Die große Sünde kam ihm zum Bewußtsein. Und der Lehrer erhob sich vom Rasen und sprach kalt die Worte der Weisen: »Wer das Thorastudium unterbricht, sprechend: Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld! der kommt um sein Seelenheil.« Der Knabe begann bitterlich zu weinen. Und als er auf seinen Lehrer sah, da kam es ihm vor, daß sein Haupthaar weiß wurde wie Schnee ... Der Vogel aber begann sein Lied von neuem... Geschichte. In einem mit größtem Komfort ausgestatteten Gemach saß auf dem weichgepolsterten Diwan ein polnischer Graf. Neben ihm am Fenster stand, den Daumen der linken Hand im Gürtel, ruhig wie eine Statue ein polnischer Jude. »Eine solche Ungeheuerlichkeit ist noch nicht dagewesen, sage ich dir, ganz einfach noch nicht dagewesen!« begann wieder der Graf. Der Jude schwieg. »Etwas ganz anderes ist es ja, wenn ein gewöhnlicher Mensch seine Menschenpflicht verkennt. Und wieder etwas ganz anderes ist es, wenn man gegen einen einzelnen Menschen barbarisch verfährt. Aber ein Kaiser! Dem man mit größtem Übereifer jeden halbgeäußerten Wunsch erfüllt, dessen Wort ein Gebot, dessen Wille ein Befehl ist! Und gegen ein ganzes Volk ...« Der Graf erhob sich ungestüm von seinem Platze. Der Jude schwieg. »Und so redet ein Germane, der auf die Kultur seines Volkes pocht! Da ruft er seine Krieger zusammen und hetzt sie gegen eine machtlose Nation, er, der Mächtige, gegen ein unglückliches Volk, dessen Verbrechen darin besteht, daß es seine nationale Eigenschaft bewahren, seine idealen Güter beschützen, seine Sprache pflegen und seinem Gotte dienen will ...« »Nun ja«, sagte endlich der Jude. »Aber unser Blut, das wir für ihn und seine Dynastie bei jeder Gelegenheit vergossen, war ihm gut genug! In Zeiten der Not, da waren wir seine und seiner Väter Freunde. Jetzt sind wir die Übermütigen, die mit einem Stoße vom Erdboden zu vertilgen sind! Was?« Der Graf stellte sich vor seinen Juden und sah ihm empört ins Gesicht. »Es wundert mich nur, daß du dich darüber so aufhältst,« begann der Jude, der den Grafen mit »du« anzusprechen pflegte, wenn außer beiden sonst niemand zugegen war. »Wie oft sagte ich dir, daß es kein Ungefähr im Leben gibt. Und jedes Weshalb hat sein Deshalb. Und es gibt keine Ernte ohne Saat.« »Wie meinst du das?« »Wir hatten einen Weisen, und dieser sah einmal, als er am Ufer eines Flusses einherschritt, einen Menschenkopf auf den Wellen treiben. Da sprach er mit lauter Stimme: Weil du ersäuft hast, bist du ersoffen, und die dich ersäufet, werden ersaufen ...« »Oh, du bist diesmal auf einer falschen Fährte! Ich weiß ja, worauf du hinaus willst«, antwortete der Graf. »Wer hat die Juden mit größter Gastfreundlichkeit empfangen, als sie in Spanien gebraten und gebrannt, in Deutschland gemordet und geschlachtet wurden! Wer hat ihnen Rechte gegeben, als sie allerorten für vogelfrei erklärt wurden?« »Ich meinte ja nur,« sagte der Jude, »daß du keinen Grund zu jammern hast, da es doch schließlich der Anfang ist. Wenn er sein Volk gegen euch zusammenruft, dann achtet und fürchtet er euch. Ihr werdet Zeit und Grund zu jammern haben, wenn es so weit kommt, daß er euch ...« »Daß er uns – ?« fragte der Graf gespannt. »Daß er euch wird – Mah-Jufith »Mah-Jufith« ist der Titel eines Sabbat-Tischgesanges. Polens Adelige pflegten die von ihnen abhängigen Juden zu zwingen, dieses Gebet nach der traditionellen Melodie ihren Gästen vorzusingen. singen lassen«, schloß der Jude kühl. »Was sagst du, Jude!« »Nu, ich meine, daß er für die Erlaubnis, in seinem Lande atmen zu dürfen, euch wird Mah-Jufith singen lassen ...« Der Pole erschauerte. Der Jude verließ langsamen Schrittes das Zimmer. Und der Graf setzte sich abermals auf den Diwan und ließ den Kopf auf die Handfläche sinken. Und er dachte lange, lange nach. Und als die letzten Sonnenstrahlen wie blutige Streifen an den Tapeten erglänzten, da hatte er die Überzeugung, daß es zwei Methoden gibt, eine Nation zu unterdrücken, und daß an den Juden die schlimmere erprobt wurde. Und er wußte noch mehr ... Jeruscholajim. Er wohnte auf den Höhen der Tatra und war Besitzer einer Dorfschenke. Zehn Meilen in der Runde fand man keinen zweiten Juden. Er verließ die Berge nur dreimal im Jahre, am Pessach, Schewuoth und Sukoth. Da ging er zu Fuß zu seinem Rabbi nach Sandec. Sonst sah er durch das ganze Jahr keinen Juden. Wer hätte sich auch dorthin verirrt, so hoch hinauf, wo der Enzian blüht ... Was er von seinem Judentume wußte...? Nicht viel. Die Gebräuche waren ihm fremd. Außer der Waldschenke hatte er von seinem Vater die Kenntnis der jüdischen Gebete geerbt, und auch da war ihm nicht alles geläufig ... Aber eines wußte er, und das wußte er gut. Er wußte, daß sein Volk einmal ein Königreich hatte und die Hauptstadt dieses Königreiches war Jeruscholajim ... Und daß sein Großvater und sein Vater in den Nächten von ihren Lagern aufstanden und beim trüben Lichte einer Kerze Gebete aufsteigen ließen, heiße, sehnsuchtinnige Gebete um Wiedererbauung der verwüsteten Stadt ... um die Erlösung von Jeruscholajim ... In häßlichen Nächten, wo tausend böse Geister ihren Jammertanz in den Lüften ausführten, der Sturm seufzend um Einlaß bat und die Föhren aneinander gerieten ... da saßen sie am Fenster, gebeugt, aufgelöst und Tränen in Strömen vergießend um Jeruscholajim ... Und wenn in winterlichen Nächten die Bäume vor Frost erstarben, die Tiere des Waldes ihren Schmerzensruf ertönen ließen und die Hüttentür sich mit Weiß bedeckte ... da sah er sie beide auf niedrigen Schemeln sitzen, wie die Leidtragenden, die einen Toten beweinen, und tropfenweise fiel es ihnen aus den Augen, und hier und da vernahm er unter den fremden Worten das einzige, das er schon in seiner Wiege verstand ... Jerusckolajim ... Und wenn in Frühlingszeiten die Bäche erwachten und der Wind ihr Gemurmel an sein Bettchen brachte ... wenn im Sommer die Tage nie zur Ganze erblaßten, die Nächte nur wie eine Dämmerung auf den Bergen lagen ... da saßen sie beide, noch lag die Lerche im Schlafe, und beteten Chazoth »Chazoth« heißt Mitternacht. So heißen auch die Gebete, die von den frommen Juden um die Mitternachtstunde verrichtet werden. Sie enthalten größtenteils Klagen um Jerusalem und Bitten um baldige Befreiung aus dem Exil. für die gottvergessene Stadt, für das sündige, zertretene, ewig unvergeßliche Jeruscholajim ... Und als der Alte starb, da saß sein Vater allein ... Und dann weckte er auch ihn zu Chazoth. Und nach dem Tode seines Vaters saß er allein zu Chazoth. Da erfuhr er eines Tages etwas Gewaltiges, etwas Unfaßbares ... Da saß der Rabbi unter seinen Treuen und sprach ... Man stand dichtgedrängt, um alles zu hören, um kein Wort zu verlieren ... auch er horchte andächtig ... da sagte der Rabbi deutlich: »Solange Jeruscholajim trauert, ist auch die Gottheit in Trauer ... solange die Juden im Golus sind, ist auch die Schechinah im Golus ... Und der Golus kann nur durch die Erlösung Jeruscholajims beendigt werden ... deshalb muß jeder Jude trachten, Jeruscholajim zu erlösen ...« und dann schluchzte der Rabbi ... Und es schluchzte mit ihm die andächtige Gemeinde ... Und als er keuchend die Bergabhänge hinaufklomm, um in seine Hütte zu gelangen, da kam ihm die schwere Last zum Bewußtsein, die der Jude auf sich trägt ... Die der Jude seit undenklicher Zeit trägt, seitdem es dem König aller Könige gefiel, seine Residenz zu verderben und mit seinem Volke in die Gefangenschaft zu ziehen ... Die Last, die seine Ahnen getragen, die er seinen Großvater und seinen Vater tragen sah in den Nächten ... Die Last des einzelnen für das ganze Volk. Und er wollte diese Last mit Liebe tragen und mit Geduld, mit Hinopferung und Frömmigkeit ... Und die Sterne können es bezeugen, daß er es getan; denn sie sahen ihn auf der Erde sitzen und schluchzen. Und auch die Winde können es bezeugen, die seine Seufzer bis zum Jordan trugen ... Und auch die Tiere des Waldes ... Als er sterben wollte, standen zu beiden Seiten seines Lagers sein Weib und sein Sohn. Er drückte die Hand seines Erben ... dieser erwiderte, und sie haben sich verstanden ... Und er fiel zurück röchelnd: Jeruscholajim ... Das Herz hörte auf zu schlagen. Auf den Lippen aber zitterte es nach: Jeruscholajim ... Von David Pinski Doch einmal geweint. Ein lustiger armer Teufel ist Berl, der Lastträger. Seine Wohnung besteht aus einer Kellerstube mit Fensterchen, durch die man kaum die Füße der vorübergehenden sehen kann. Die Scheiben sind schmutziggrau, die Wände feucht und verraucht, und in den Winkeln glänzen große Schimmelflecke, aber wenn der Abend kommt, sucht Berl voll Freude sein Heim auf ... Bei der Wand – zwischen den Fenstern – steht ein Tischchen, von den Beinen sind nur zwei seine eigenen; die andern zwei sind durch Holzscheite ersetzt, die aber im Winter manchmal spurlos verschwinden ... Berl meint dann, daß das Tischchen; wenn man es an die Wand lehnt – mit Gottes Hilfe –, auch auf zwei Beinen stehen kann – und es steht! Drei Stühle befinden sich in der Stube, doch alle ohne Lehnen; diese mußten im vergangenen strengen Winter der Kälte zum Opfer gebracht werden. Zwei Betten stehen noch in der Stube. Auf den Betten liegen einige Lumpen, die Berl »Polster und Decke« nennt. In einer Kiste liegen noch andere Lumpen, die Berl als »Wäschestücke« bezeichnet. Berl ist immer guter Laune. »Was brauche ich mehr,« sagt er lächelnd, »wenn man nur lebt!« Vier Kinder hat er. Zwei schlafen mit ihm in demselben Bette, und zwei mit der Mutter zusammen. »Kinder«, sagt er, »sind eine Freude. Sie kosten viel. Das ist wahr, aber wenn ich am Abend nach Hause komme, kann ich nach Herzenslust mit ihnen umhertollen.« Von sieben Kindern sind ihm diese vier am Leben geblieben, und wenn er an die drei, die nun unter der Erde liegen, denkt, hat er Tränen in den Augen – aber sonst: was fehlt Berl, dem Lastträger! Mit seinem Weib ist er nicht ganz zufrieden, denn sie weint und klagt beständig. »Was will sie?« fragt er sich. »Hat sie einen Kontrakt mit Gott? Ist er ihr verpflichtet?« »Mein Weibel taugt aber schon zu gar nichts«, äußert er oft. »Ein Klageweib ist sie geworden!« Kaum bemerkt er Tränen in ihren Augen, so stellt er sich vor sie hin, ringt in Spaßmacherweise die Hände und macht ein weinerliches Gesicht. »Du möchtest immerfort nur lachen«, ruft Bassia erzürnt. »Ich zerfließe ja in Tränen«, antwortet er mit trauriger Stimme. »Um dich soll man schon weinen«, ruft sie und wendet sich von ihm ab. Doch Berl ist nicht beleidigt, was tut ihm ihr Fluchen? Ihm scheint es, daß er ohne dieses die Welt nicht mehr so lustig finden würde. Zornig wird er nur, wenn sie über sich selbst zu fluchen beginnt. Dann fängt auch er an zu schimpfen, besonders wenn sie den Tod herbeisehnt. Da gibt es ihm einen Stich durchs Herz. »Die Zunge soll dir verdorren«, schreit er und spuckt aus ... Bassia wird still und fängt zu weinen an, während er ihr wütende Blicke zuwirft. »Was nützt dir das Weinen!« ruft er. »Der Mensch soll nur am Versöhnungstage über seine Sünden weinen – sonst niemals ...« Eines Tages hat sich aber folgendes ereignet. Berl tollte mit den Kindern so lange in der Stube herum, bis er plötzlich rücklings auf sein Bett fiel und dieses unter ihm zusammenbrach. »Gelobt sei der Herr des Himmels«, stieß er lachend hervor. »Kommt, Kinder, wir wollen dem Bett eine Grabrede halten.« Er versuchte, sich die Figur des höckerigen Gemeindepredigers zu geben, und wollte seine Rede beginnen, aber Bassia griff sich an den Kopf und schrie auf: »Ich ertrage das nicht länger! – nun haben wir nicht mehr, wo den Kopf hinzulegen. Großer Gott, mache meinen Leiden ein Ende ...!« Berl wird zornig. »Was lamentierst du so wegen des Bettes?« schreit er. Bassia schimpft weiter, doch Berl ist wieder guter Laune. »Welch ein Lärm!« ruft er. »Das Bett ist zerbrochen! Wahrhaftig, die Welt geht unter ...! Das Böse, das uns widerfahren sollte, ist eben dem Bett geschehen! Wozu also das Jammern!« Die Erklärung leuchtet Bassia ein. Sie beruhigt sich langsam und denkt nach, wie der Schaden wieder gutgemacht werden kann. »Man wird den Kindern keine neuen Schuhe machen«, denkt sie. Für das erste Geld muß ein neues Bett angeschafft werden ... oder könnte man das Bett doch noch reparieren? Sie wird einstweilen mit zwei Kindern auf dem Fußboden schlafen. Ein anderer Ausweg fällt ihr nicht ein. Aber warum lacht Berl noch immer! »Wenn du dich erst einige Nächte auf der feuchten Erde herumgewälzt hast, wird dir das Lachen schon vergehen«, murmelt sie unwillig. »Nein, so was! Berl, der Träger, wird auf dem Fußboden schlafen«, ruft er laut lachend. »Kinder, bringt den Strohsack!« Bassia zeigt auf ihr eigenes Bett und sagt: »Dort leg' dich hin!« »Ich schlaf in keinem Weiberbett«, witzelt Berl. Er ergreift den Strohsack, doch Bassia stellt sich vor ihn hin und schreit: »Ich habe gesagt: nein, und dabei bleibt es.« »Gut, so lege ich mich auf den bloßen Fußboden«, ruft Berl lachend und zieht den Pelz aus. »Das wirst du nicht tun«, schreit Bassia außer sich und stürzt auf ihn mit drohender Gebärde zu. Ihre Wangen sind gerötet, und Funken sprühen aus ihren Augen. Berl blickt erstaunt auf sein Weib. Der Zorn hat sie verjüngt. »So hat sie vor zehn Jahren ausgesehen«, denkt er und lächelt. »Mein schönes Weibel«, ruft er und will sie umarmen. Sie aber denkt, daß er wieder seinen Spaß mit ihr treiben will, stößt ihn zurück und macht sich daran, für ihn ihr Bett herzurichten. Er benutzt den Moment und wirft sich rasch auf den Strohsack. »Hallo! Kinder, schlafen! Her mit euch!« ruft er. »Ins Bett legst du dich!« schreit Bassia. »Ja, morgen«, ruft er lachend. »Ich sage: ins Bett mit dir!« kreischt Bassia. »Fällt mir nicht ein«, sagt er gelassen. »Na wart!« schreit Bassia auf und beginnt im wilden Zorn mit den Füßen gegen ihr Bett zu schlagen, bis auch dieses zusammenbricht. Berl und die Kinder eilen erschrocken hinzu. Bassia ist außer sich. Sie stampft auf den Brettern herum, um das Bett ganz in Trümmer zu schlagen. Berl will sie zurückhalten, beruhigen, doch sie reißt sich von ihm los. Er hält sie fest. Sie versucht ihn zu beißen. »Bassia«, ruft er im höchsten Schrecken, »was ist dir, Bassia«.« Sie kommt langsam zu sich. Erschöpft setzt sie sich auf den Strohsack. Aus ihren Augen stürzen Tränen. Auch die Kinder beginnen nun vor Schreck und Bestürzung zu weinen. Berl blickt sie besorgt an. »Bassia, hör' auf zu weinen«, bittet er. Seine Stimme zittert. »Bassia«, sagt er noch zärtlicher. Eine Rührung überkommt ihn, und er spürt ein Würgen im Halse, und plötzlich – fühlt er, wie seine Augen feucht werden. Große Tropfen rinnen ihm über seine Wangen ... Da war es, daß Berl weinen mußte. I. L. Perez Eine Schreckensnacht. (Aus dem Hebräischen von Dr. Ernst Müller.) Herr Finkelmann, der Glückliche, der den Handelsgewinn des ganzen Bezirkes an sich gebracht hatte, er, der Beherrscher des Marktes, der die Preise willkürlich drückt und hebt, der durch Kredit über die Kaufleute schaltet, sie aufrichtet und zu Boden wirft, er, der Handelshäuser kauft und niederreißt, der Mann des Kapitals und vieler Baulichkeiten, er, der Raubfisch in dem Teich des Städtchens – erwacht erschrocken um Mitternacht. »Warum erwache ich!« Es gibt viele Menschen im Städtchen, die ihren Augen keinen Schlaf gönnen, um nur ihre Familie vor Schande und Hunger zu retten, andere, die sich vom Abend bis zum Morgen umherwälzen, denn morgen schon kann der Gläubiger mit dem Gerichtsbeamten kommen, sie zu pfänden. Nein, nicht zu diesen gehört Herr Finkelmann. Ihm braucht niemand zu borgen, er hat nichts zu fürchten, selbst wenn ihm bis zu seinem Tode nichts mehr gelingen sollte, warum erwacht er also um Mitternacht? Finstere, dichte Nacht, als hätte Gott Schwärze über alle Dinge der Welt gegossen, und Schweigen ringsum, als erwachte er unter Toten. »Was ist dies?« wundert er sich unausgesetzt. Er empfindet eine Angst im Kopfe und ein Zittern des Körpers. »Bin ich krank?« denkt er voll Schrecken. Nein, er ist immer gesund und fest. Ein einziges Mal, als Knabe noch, im Vaterhause, war er krank, vor Furcht – seit damals kannte er kein Leiden. Plötzlich beschleicht ihn ein Zweifel: »Liege ich denn zu Hause, in meinem Bette?« Wie er mit der rechten Hand die Wand betastet, ist sie nicht da, sondern links. »Liege ich so, dann ist die Wand doch rechts. Träume ich denn?« Nein, alle seine Sinne sind wach, seine Augen sind offen, aber sie sehen nichts, weil die Finsternis sie überwältigt, seine Ohren gespannt, aber sie hören nichts, denn rings herrscht Todesstille. Er beißt zufällig in die Unterlippe, und es schmerzt, er zieht den Fuß aus der Decke und ihn fröstelt, dann fällt ihm die Wand ein. Das macht ihn zittern. »Ich werde nicht beben, aber heute geschah mir ein Unglück. Nicht ohne Grund schwindelt es mir im Kopfe, und er ist schwer wie Blei, nicht ohne Grund zittert alles in mir vor verborgener Angst – das Herz kennt die Bitternis!« Tief, tief verbirgt sich die Tatsache, das Unglück, das ihn getroffen hat – nur sein Gedächtnis, der Eimer, der in den Brunnen tauchen soll, ist verdorben, versagt heute seinen Dienst. Kein Zweifel. Heute hat ihn das Unglück getroffen, das er plötzlich vergessen hat. Wieso? Schon öfter geschah es, daß er irgend etwas vergaß, warten mußte, bis es ihm einfiel – doch da vergißt er immer nur den Namen und nicht die Sache, das Wort schwebt auf der Zunge, hartnäckig und kann nickt heraus, doch, jetzt hat er die Tatsache vergessen. Hat sie mich gekränkt? Doch diesen Gedanken verabscheut er – ist sie nicht Leben seines Geistes und seiner Seele? Sie schläft gewiß. Finkelmann schärft sein Ohr, um den Atem der Schlafenden zu hören, umsonst – Todesstille ist um Miriam. Mühsam hebt er sein Haupt, sie zu sehen, er schärft seine matten Augen, lugt gleichsam nach einer Spur von Licht, um sie auf dem Bette zu sehen. Umsonst. Nur ein mattweißer Fleck zittert vor ihm in der Luft. »Furchtbare Nacht«, kommt es auf seine Lippen, er wagt es nickt, zu sprechen, um sie nicht zu wecken. Vielleicht betraf das Unglück sie, warum will er ihr die Heilung rauben, den Schlaf, den ihr der gute Gott in Erbarmen und Gnade gesendet, – soll sie schlafen, ruhen, die reine Taube. Sie ist nicht gesund. Gott weiß ihr Gebrechen. Ihm ist sie wie ein verschlossenes Buch, tief in ihrem Innern sitzt die verborgene Krankheit, in ihr nagt ein Schmerz ... Ja, sein Weib ist rätselhaft. Als sie seine Braut war, voll Heiterkeit und Freude wie ein freies Vöglein – auch nach der Hochzeit beseligte sie ihn noch lange mit ihrer Herzensfröhlichkeit. Doch plötzlich verstummte der Gesang, das Lächeln schwand von ihrem Angesicht, es ward ganz anders – blaß und dunkel unter den Augen, welche niedersanken, um sich nicht mehr zu heben. Kein Funke von Glanz mehr in ihnen, auf ihrer zarten Stirne Wolken. – vergebens fleht er: »Was ist dir, Miriam, was ist dir?« »Nichts«, sagt sie, »gar nichts.« Seit damals glich sie sich nicht mehr, verwandelte sich in ein Bild des Kummers, in ein Bild seiner verstorbenen Mutter. Ja – so denkt er voll Bitternis – meine Mutter war unglücklich, ein schwer bedrücktes Weib, krank und gequält, mein Vater warf beständig seinen Schrecken über sie, zertrat ihre Ruhe bis zum letzten Tag. Meine Mutter war keine Herrin, nur eine elende Magd des Hauses, doch sie war gut und die Freude aller Armen. Und ihr Mann, sein Vater, haßte sie mit seinem vollen Haß und mochte nie gütig mit ihr sprechen. Sie schlich wie ein Schatten, bis sie kummervoll ins Grab stieg, in der Mitte ihrer Jahre. – Doch sein Weib? Was wird mit ihr werden? Auch sie ist guten Herzens, auch sie versteht die Armen, auch ihr Haus ist geöffnet zur Freude der Bedrängten, auch sie ladet jeden Darbenden, daß er »komme und esse«. Aber sind ihr nicht auch alle Wünsche befriedigt, ist sie nicht Herrin und Finkelmann, der Raubfisch, ihr gefesselter Knecht, ihr Fußschemel, er, dem jedes Wort ihrer Lippen heilig, ihr Wunsch Gesetz ist, der ihr erfüllt, noch ehe sie fordert – was sollte ihr fehlen? »Sie liebt mich eigentlich nicht!« Aber sie liebte ihn doch sehr, als er, ihr Bräutigam, zu ihren Eltern kam. Wie zog ihn da ihre Herzlichkeit an. Und als er sie einmal heimlich küßte. Dann trafen sie sich im Garten unter einer Eiche, dort kündete sie ihm, daß er ihr Erwählter sei, der ihrer Seele gefällt, da nannte er sie das Bild seiner guten und frommen Mutter und schwor ihr ewige Treue: Er wird nicht in den Wegen seines engherzigen Vaters wandeln, hüten wird er ihre Rosenwangen, daß sie nicht welken, ihre Korallenlippen, daß sie nicht erbleichen, ihre blauen Augen, daß sie sich nicht röten, hüten wird er ihre klare Stirne vor allem schmerzlichen Gewölk und ihr reines Herz vor allem Seufzen. Hat er sein Wort nicht gehalten? Hatte er eine Schuld? Er erinnerte sich keiner ... Ihre Eltern gaben ihr die Mitgift nicht. Wäre sein Vater am Leben gewesen, dann wäre das Verlöbnis gelöst worden. Warum aber lebte seine Mutter nicht mehr? Warum verdiente sie es nicht, zu sehen, wie er Wechsel an Geldes Statt nahm? Daß sie es nicht sehen konnte, wie er seinen Götzen von sich warf, das schmerzte ihn. Und er tröstete sich nur damit, daß sie, im Schatten des Allmächtigen sich bergend, es aus den Höhen schaut, und ihm zum schirmenden Engel wird. Mehrere Jahre später, während sie beim Frühstück saßen, kam ein Bote mit der Meldung, daß sein Schwiegervater gefallen sei. »Sattle die Pferde!« rief er seinem Diener zu. »Was willst du tun?« fragte ihn Miriam. »Mein Geld retten«, sagte er hastig, aber sie wendet sich von ihm, ihm scheint es, als verdunkle sich die Sonne, als verlösche der Tag, rasch wird er ein anderer. Er zerreißt den Schuldschein vor ihren Augen. »Ich gehe, ihnen zu helfen«, ruft er erbarmungsvoll, kniet vor ihr hin und küßt ihre kleine, kühle Hand. Da fiel sie ihm an den Hals und weinte. So ging es immer. Er wäre viermal so reich, wenn Miriam nicht gewesen wäre. Aber kein Handel, wenn sie mit mir ist. Der Verkäufer ist mein Bruder, der Käufer ein Stück von mir, jeder, der das Haus betritt, ein Liebling und Bekannter. Alle sind willkommen, teuer und wert, denn ihre Augen wachen über der Wage, über dem Maß, dem Gefäß und der Schere. Aber er beruhigt sich nicht, er begehrt ihr Glück. Er will nicht, daß sie hinwelke wie seine Mutter, in der Mitte ihrer Jahre. Ihretwegen ist er Bürger unter Bürgern, ihretwegen kümmert er sich um die Gemeinde, ihretwegen opfert er deren Bedürfnissen, ihretwegen ist er bereit, die Träne aus jedem Angesicht zu löschen, die Waisen zu erheben, die Sache der Witwen zu führen und allen Hunger zu stillen. Was verlangt sie noch? Wunderlich sind die Frauen, ein schwaches Volk, Ameisen, und doch ihre Hand in allem, und was sie begehren, dahin lenken sie das Herz des Mannes. Aber es ist doch nicht immer so. Sein Vater herrschte über sein Weib mit erhobenem Arm, er hört manchmal von Männern, die ihre Frauen schlagen und züchtigen – und er ist ganz anders. Starke Naturen herrschen über ihre Frauen, nur er ... Nicht umsonst nannte mich mein Vater weichherzig, Hasenfuß, »Weib«. Trotzdem beruhigt er sich nicht. Doch, wenn sie ihr Auge wegwendet, wenn sie nicht mehr bei ihm im Hause ist, dann schwindet das leichte Lächeln von seinen Lippen. Wendet sie ihr Auge weg, dann wird er zu Lehm, dann befällt ihn der Geist seines Vaters, der wahre Schachergeist bindet ihn an seine Flügel, dann wird ihm Silber zum Magneten, Gold zum Schatz seines Herzens. Dann umfängt ihn Finsternis, sein Inneres ist dunkel, der Hölle gleich, die Kaufleute sind wie grausige Gespenster, sie raufen miteinander mit Fäusten, mit List, mit Betrug, mit Blendwerk – das gilt ein Wettringen auf Leben und Tod. Doch still! – Das Rascheln eines Kleides, der Tritt kleiner Füßchen an der Schwelle des Zimmers, – jedes Antlitz lächelt, jedes Auge strahlt. Keine List, keine Gewalt, nur Redlichkeit! Die Liebe ist Königin, die Brüderlichkeit und Freundschaft. Sie hat lange Zeit kaum einen Augenblick sein Zimmer verlassen – darum wich schon lange von ihm der Geist seines Vaters, nur die Seele seiner Mutter gibt ihm Leben, seiner Mutter oder Miriams Seele. Aus ihren guten Augen dringen Funken und Strahlen in sein Herz, in sein Innerstes, in seinen Verstand sogar, ihm wird warm und licht ... So ist es – er erkennt es klar. Ein ewiger Wechsel: einmal ist er die Verwandlung seines Vaters und einmal die seiner Mutter. »Und mein Selbst, wo ist meine Seele an sich? Bin ich als leeres Gefäß erschaffen? Hat Gott um meinetwillen keine Seele seinem Schatze entnommen?« Noch einmal gedenkt er verschiedener Dinge. Einmal hat er als Bräutigam seinen Nächsten betrogen. Es war nach dem Tode seiner Mutter, aber auch seines Vaters, er war schon selbständiger Kaufmann – der Betrogene zitierte ihn vor den Rabbi der Stadt, doch wer mag über den Stärkeren richten? Der Rabbi zittert und ängstigt sich, kommentiert und glossiert – und er ist fest wie Stein. Da ruft der Gegner, er werde die Sache seinem Schwiegervater erzählen. Da verwandelt es sich plötzlich in ihm, er bezahlt seinen Prozeßgegner. Die Geschichte verbreitete sich unter den Kaufleuten: seit damals flößen sie ihm Furcht ein. Ungefähr zwei Jahre nach der Hochzeit fuhr seine Frau ihre Eltern besuchen. Während sie dort weilte, hatten die kleinen Kaufleute keinen Frieden vor seinen Raubtierzähnen, alles ging ohne Recht und Richter – bevor sie kam, gab er den Raub zurück. Die Diener liefen hin und her, seine Wohnung vom Schmutze zu reinigen, so wie er sein Kaufmannsherz von aller Schuld. »Habe ich das wirklich getan?« stiehlt sich ihm eine verborgene Stimme aus den Tiefen der Erinnerung. Kalter Schweiß bedeckt seinen Rücken, eine Episode steigt vor ihm auf. Rabbi Samuel starb, die Waisen waren klein, wußten nicht aus noch ein, konnten sich noch nicht beklagen – kurz nachher zerstreuten sie sich in alle Winde. Die Witwe heiratete in einer anderen kleinen Stadt, die Waisen verdingten sich in die Hauptstadt – ich gab ihnen nichts zurück, obwohl ich nur fünfundzwanzig Rubel oder mehr schuldete. Ja, er für sich selbst ist ein leeres Gefäß, und darum das eine Mal wie eine Taube, das andere Mal wie ein Geier, jetzt wie ein Lamm, dann wie ein Tiger ... Plötzlich reißt der Faden seines Denkens, in seinem lastenden Hirn erwacht immer wieder die Frage: »Was für ein Unglück traf mich heute?« Wundern wir uns nicht über die Hartnäckigkeit der Frage, die von Finkelmann nicht weichen will. An ihm segnen sich ja alle Leute: »Gebe mir einer seine Sorgen, seinen Kopfschmerz, seine Speise, Trank und Schlaf!« Finkelmann ist ein sprichwörtlicher Segen, sein Behagen die Hoffnung der Menschen. Niemand fällt es ein, sich über Finkelmanns Hartherzigkeit zu beklagen. Er ist ein Herr, und sei er manchmal hart wie Stein, das ist Geschäftssache. Wäre seine Hand allen geöffnet, dann würde er bald verarmen. »Eine Hand, geöffnet für Güter und durchlässig für Wasser.« Sogar die Sünden gegen Gott werden Herrn Finkelmann verziehen – um seines Reichtums willen. »Er ward fett und schlug aus.« Auch dies der Lauf der Welt. Der Reiche muß doch mit den Leuten leben, vornehmen und einflußreichen Personen nahestehen, ihm nützte es nichts, alle sechshundertdreizehn Gebote zu halten mit allen Besonderheiten und Kleinigkeiten. Darum verziehen Herrn Finkelmann sogar die eifernden Gelehrten der Stadt, daß er Pflichten und Gebräuche mit Füßen trat, sie kränkten sich nicht darüber, daß sich in seinem seinen Mobiliar ein Klavier befand, daß er seine beiden Söhne in die Bezirksstadt studieren schickte. Auch daran erinnert er sich jetzt. Sie studieren in der Stadt, obwohl sie, das weiß er, nicht nach seinem Wunsche weggegangen sind. Er wollte ihnen Lehrer aus Litauen und Gelehrte aus Warschau bestellen, sie aber beharrte darauf, sie in die Schule zu schicken, – so erfüllte er ihren Wunsch. »Warum schickte sie meine Kinder von mir!« Auch das ist eine alte Frage, die ihn nicht ruhen läßt, seit ihrer Abreise. Manchmal beschuldigte er sie, daß sie ihre Kinder nicht liebt. Unsinn! Kommt ein Brief von ihnen, dann weint sie vor Freude, trifft durch mehrere Tage keine Nachricht ein, weint sie und ist krank vor Angst. Ihm scheint sogar, daß sie im verborgenen immer weint. Jeden Morgen sind ihre Augen rot, und manchmal hört er nachts ihr tränendes Schluchzen. »Was ist dies mit mir?« Die Gedanken, die jetzt seine Ruhe verscheuchen, sind ihm nicht fremd. Tag um Tag erwachen sie in ihm wie ein Blitz und verschwinden sofort – jetzt aber weichen sie nicht von der Stelle und zermartern unaufhörlich sein Gehirn. Kein Zweifel: diese Nacht ist anders als alle anderen Nächte. Denn sein Gebein zittert auf eine fremdartige Weise, ihn hat gewiß ein Unglück getroffen. Um zu finden, was er da aus seinem Gedächtnis verloren hat, will er sich den gestrigen Tag in seiner ganzen Reihenfolge zurückrufen, vielleicht erinnert er sich dann der peinvollen Tatsache. Nein – der ganze gestrige Tag ist völlig vergessen, ausgelöscht, als wäre er nicht gewesen. Ein ganzes Blatt ist ausgerissen aus dem Buche seiner Erinnerungen. Auch an vorgestern erinnert er sich nicht. Das Letzte, was ihm hastig ins Bewußtsein fällt, ist der erste Tag der Woche. Dieses Blatt liegt offen vor ihm, dann wird es öde und wüst in seinem Hirn. Sein Hirn ist wie eine Uhr, die damals, an jenem Abend, stehen geblieben ist. Ist das nicht merkwürdig und schrecklich? Mit krampfhaft gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgt er alle Ereignisse jenes Tages, spürt alle Quellen auf, was man bis zu jenem Abend im Hause sprach und hörte – alles steht deutlich wie ein Buch eingemeißelt, und jedes einzelne Wort steigt tönend vor ihm auf. So bis zum Abend. Und dann, als sie beide beim Tee sitzen, hören sie in der Küche ein Glas zerschellen, sein Weib zittert und erschrickt plötzlich, eine Blutwelle schießt in ihre Wangen, daß die Lilien zu Rosen werden – die Welle strömt zurück, ihr Antlitz ist weiß wie Kalk, dann wird es grünlich – ein Zittern und Kniewanken, sie droht zu fallen, er hält sie mit seinen Armen und legt sie aufs Bett, sie klammert sich an ihn, sie lehnt ihren Kopf an seine Brust, ihn erfüllt endlose Wonne, gemengt mit furchtbarem Grauen. »Fürchte nichts!« flüsterte sie, »fürchte nichts, der Schreck ist vorbei!« Fürchte nichts! sie beruhigt ihn immer wieder. »Aber schilt auch das Mädchen nicht, sie hat es nicht mit Absicht getan. Beruhige dich«, fügte sie hinzu mit singender Stimme. »Warum pocht dein Herz so heftig? Es ist ja nichts, der Schreck ist vorüber, du versprich mir nur, dem Mädchen nichts zu tun, und ihr den Schaden nicht vom Lohne abzuziehen.« Er versprach es ihr, obgleich er sie nicht verstand: sie ist doch die Frau, ihr obliegen Ausgaben und Einnahmen, sie bezahlt, warum verlangt sie das von mir? Und plötzlich bittet sie ihn mit der Süße ihrer Stimme, er soll ihr etwas aus dem Leben seiner Mutter erzählen. »Warum fragt sie plötzlich um meine Mutter?« so wundert er sich jetzt. Damals aber hatte er keine Zeit zum Staunen. Er erzählt, wie seine Mutter gut war, gleich einem Engel, schön, fromm und rein, wie ein Lichtstrahl, »ganz wie du«. Auf ihrem Antlitz spielte ein heiteres Lächeln, nur ihre Augen sind geschlossen. Er hofft, sie offen zu sehen, wie ein Irrender in der Wüste auf die Strahlen des Morgens. »Du bist gut wie meine Mutter, die Augen sind wie die Augen meiner Mutter, die Augen der Taube.« Aber sie öffnete die Augen nicht und ein heftiger Schmerz erfüllte sein Inneres. »Aber meine Mutter, Miriam, war krank und erreichte nicht die Hälfte ihrer Jahre.« Da erwacht sie von dem Zittern seiner Stimme und hebt leise, leise ihre Augenbrauen, daß sich vor ihm der Himmel öffnet. »Und du hast deine Mutter geliebt?« »Ob ich sie geliebt«, und die Worte drängen sich aus dem Schatze seiner Empfindungen. »Und deinen Vater!« fragt sie weiter, und leise, leise senken sich ihre Lider. »Auch ihn liebte ich, manchmal liebte ich ihn; wenn meine Mutter nicht im Zimmer war, saß ich gern auf den Knien meines Vaters, er lehrte mich lesen, schreiben und Kenntnisse des Lebens.« Und obwohl er fühlte, daß die Worte ihr nicht gut sein werden, konnte er sich nicht zurückhalten und erzählte weiter: »Mein Vater war ein arger Geizhals, aber auch ein großer und geschätzter Kaufmann. So wollte er auch mich zum Kaufmann machen, nicht zu einem Weichherzigen, Hasenfuß, wie mich die Mutter haben mochte.« Nach diesen Worten fügte er rasch hinzu, als wollte er das Krumme gerade biegen. »Mein Vater sagte: Geld magst du erwerben, Verstand kann ich dir nicht vererben. Erwirb Weisheit, List, erwirb auch Gunst und Wohlgefallen: durch Wohlgefallen baut man Häuser.« Wenn er aber das Gesicht seiner Mutter nur sah, wollte er nicht mehr zum Vater. Er mochte ewig im Zimmer seiner Mutter sitzen, auf seinem Kinderstuhl, das Haupt gelehnt an ihren Schoß. Sie glättete seine Haare, manchmal entfiel ihren Augen eine heiße Träne und rollte über ihre Wangen. Manchmal erzählte sie ihm verschiedene Geschichten. Indes sein Glück währte nicht lange, denn sein Vater behauptete immer, er wachse auf wie ein Wilder, ein Weichherziger, ein Hase oder ein Weib. So packte er ihn denn manchmal am Ohrzipfel und schleppte ihn in sein Zimmer. Sein Vater zürnte über die Erzählungen seiner Mutter, die immer durchwoben waren von Schrecken der Nacht, von Seelen Verstorbener, von Mondesstrahlen und Gräberschatten – und durch eine ganze Nacht sperrte er ihn in ein dunkles Zimmer, um ihm die falsche Furcht zu vertreiben. Am Morgen, da man die Tür seines Gefängnisses öffnete, fand man ihn schweben zwischen Leben und Tod. Damals hat er die Qualen der Hölle erduldet, alle Toten kamen aus ihren Gräbern und umringten ihn, Zerrgestalten und Geister des Dunkels zertraten seine Ruhe, bis er das Bewußtsein verlor. Und ihm schien es, als hätte er damals sein Selbst verloren, wäre ein Golem geworden, um abwechselnd die Seele seines Vater und seiner Mutter zu empfangen. Denn bis zu jener Nacht empfand er sich als ein Mittleres zwischen Vater und Mutter, unterschied sich zwischen beiden, fand das Gemeinsame und Trennende und wandelte doch einen eigenen Weg. Wäre er so weiter aufgewachsen, dann wäre er jetzt ein normaler Mensch und ginge den goldenen Weg zwischen Vater und Mutter. Damals aber floh seine Seele aus seinem Körper, er wurde jetzt nur noch wie sein Vater oder wie seine Mutter. Diese Gedanken verbarg er vor Miriam. Und er erzählte weiter: »Als ich wieder zum Bewußtsein kam, lag meine Mutter im Bette, das sie nicht mehr verließ. Grauen erfaßte mich, als ich wieder das Antlitz meiner Mutter sah.« Auch sein Antlitz hatte sich über Nacht verwandelt, und seine Mutter zitterte um ihn und brach in furchtbares Weinen aus. Der Anblick wirkte sogar auf seinen Vater, und er trennte nicht mehr, die zusammen gehörten. Seit damals saß er ununterbrochen auf dem Fußschemel vor ihrem Bette – die Mutter faßte seine Hand, küßte ihn, strich durch sein Haar ... Aber der Quell ihrer Tränen war schon versiegt, nicht eine rollte mehr auf seine Stirn ... »Miriam, du kannst dir nicht vorstellen, wie es damals in mir stürmte, wie mein Herz wogte.« – Da öffnete Miriam ihre feuchten Augen, die voll waren von verschlossenem Kummer. Hier versiegte gänzlich die Erinnerung, hier unterbrach sich die Reihenfolge des Tages. »Und nachher?« fragt er mit Zittern, »was geschah nachher?« Er weiß nur deutlich, daß man Miriam Sonntag abends ins Bett gelegt – was geschah dann bis heute? Wer dringt in diesen Abgrund, in dieses Dunkel, das vor ihm gähnt? »Bin ich denn krank und jetzt mitten in der Krankheit aufgewacht?« Ein schrecklicher Gedanke steigt in ihm auf: vielleicht ist er plötzlich gestorben – oder er schien nur zu sterben und ist jetzt im Grabe erwacht? Noch einmal tappt er nach der Wand und dem Gerüste seines Bettes. Noch einmal strengt er seine Augen an und erwartet, etwas im Zimmer zu sehen, außer dem mattweißen Fleck gegenüber in der Luft. Umsonst. »Vielleicht ist dies doch nur ein Traum?« Aber aus der Tiefe des Herzens dringt in sein Bewußtsein eine mächtige Stimme. »Nein, du lebst, du lebst, nur ein großes, ein furchtbares Unglück hat dich getroffen!« Da erinnert er sich, schon einmal in so furchtbarem Zustande gewesen zu sein – beim Tode seiner Mutter. Auch damals riß sich ein Tag oder zwei Tage aus dem Buche seines Gedächtnisses. – Ja, es waren zwei Tage: der Tag des Todes und der des Begräbnisses. Trotz der Trauerzeichen im ganzen Hause, ohne darauf zu achten, daß man abends und morgens um die Erlösung ihrer Seele betete, konnte er nicht glauben, daß ihm seine Mutter gestorben, und umfangen von Antrieben, die er nicht bannen konnte, irrte er in allen Ecken umher, seine Mutter zu suchen, ohne selbst zu wissen, was er suchte. Aber am Ende des vierten Tages, als die Tröstenden kamen und darunter der Diener, welcher mit der Büchse, hinter dem Sarg geschritten war und das Gebet gemurmelt hatte, da kehrte ihm plötzlich die Kraft seines Gedächtnisses zurück, aufstieg der Sarg aus dem Abgrund der Vergessenheit, da sah er zum zweiten Male die Versammlung der Männer, hörte ihre Worte und das Lob, das sie der Toten spendeten ... Da wußte er, daß seine Mutter gestorben, und wollte sich nicht trösten. Vielleicht brachte ein Unglück, furchtbar wie dieses, die Zerstörung in sein Hirn. Kalter Schweiß überfällt seinen ganzen Körper – und was ist mir heute geschehen? ... Da fällt ihm ein, es sei kein anderer Rat, als Miriam zu wecken, sie wird ihm sicherlich die Wahrheit sagen. Aber der mattweiße Fleck vor ihm schwebt hin und her und hindert ihn, den Schlaf der Armen zu stören. Und er fühlt, daß seine Stimme sich verbirgt, daß, wenn er sich zusammenraffte, einen Laut zu erzeugen, ihm ein Angstschrei entführe. Miriam könnte vor Schreck ohnmächtig werden. »Soll das Vöglein in Frieden schlafen, gebe ihr der Barmherzige liebe und süße Träume, soll sie blühen und frisch werden – in der letzten Zeit war sie so schwach, jedes plötzliche Geräusch erschreckte sie – wie meine Mutter ...« Wieder riß die Kette seiner Gedanken, denn in der Tür steht eine Gestalt. Er will seine Augen wegwenden, doch umsonst: die Gestalt zieht sie auf sich mit übermenschlicher Gewalt – er erkennt die Gestalt. Sie trägt das Antlitz seines Vaters, nur ist sie kleiner. Sein Vater stößt aus tiefem Herzen einen Schrei aus, da klebt seine Zunge an dem Gaumen, kein Laut entströmt ihm. »Nein, nicht mein Vater ist er, ich bin es, ich«, – er fährt plötzlich noch heftiger zusammen – die Gestalt, die regungslos vor ihm steht, wird jeden Augenblick furchtbarer. »Es wird nur ein Spiegel vor mir stehen.« Aber er liegt und die Gestalt ist aufrecht. Sie macht sein Blut in den Adern erstarren. Sie blickt auf ihn mit Seelenverachtung, mit Hohn, und ihre Blicke bohren sich in sein Inneres, wie kalte Schwerter. »Weichherziger, Hase, Weib«, ruft sie plötzlich und weicht von der Schwelle. Finkelmann stürzt sich jählings auf den Boden und läuft der Gestalt nach. Ohne darauf zu achten, kommt er nackt und barfuß ins zweite Zimmer – die Gestalt ist fort, er steht im Finstern, zitternd vor Kälte und Angst. Nach einigen Augenblicken ist wieder die Gedankenkette zerrissen, die Gestalt vergessen. Er steht da, besinnungslos, erschüttert, mitten in der Nacht, er weiß nicht wo. Warum steht er barfuß auf der kalten Erde? Was ist mit ihm? Um zu wissen, wo er ist, tappt er im Dunkeln, die Stelle zu erkennen. So kommt er wankend und tastend zum Bette, wo er Sonntag sein bestürztes Weib besänftigt hat. Hier erzählte er ihr von dem Leben seiner Mutter und vom Fanatismus seines Vaters. Ohne Kraft, weiterzugehen, fällt er aufs Bett und schließt die Augen, aber er schläft nicht, sein Herz ist voll Angst, sein Gehirn leer von Gedanken, wie ein Nest von Vögeln. Nur sein Kopf ist schwer, in seinem Hirn ist irgendein fremdes Getöse, ein Zittern und Brennen. Dann scheint es ihm, er höre ein Krachen im Kopfe, als spalte man Holz oder als spränge dort Glas. Er fühlt, wie seine Kraft schwindet, und seine Angst wächst, wächst. Kein anderer Rat, als Miriam zu rufen. Ja, wüßte sie seinen Zustand und seine Stelle, dann triebe es sie zu ihm. Wenn sie ihn auch nicht liebt, doch sie ist voller Erbarmen. Und er weiß es: würde Miriam vor ihm erscheinen, berührte sie sein Haar, käme von ihren Lippen nur ein leichtes Wort, gäbe sie ihm aus ihren Augen nur einen Strahl, dann wäre er bei vollen Sinnen, dann würde er auch ganz gesund. Ja, krank ist er – und nur bei ihr ist Heilung seiner Seele. Plötzlich hört er ein feines Rascheln – ein Zittern von Hoffnung und Freude gießt sich über seine Glieder – er hofft, daß Miriam einen Seufzer von ihm gehört, daß er sie rief und sie erwachte. Er lauscht ohne Angst und glaubt zu hören, wie sie aus dem Bette steigt. Jetzt zieht sie ihre Kleider an, jetzt hört er ihre Schritte, gleich wird sie in der offenen Tür erscheinen, gleich wird der bittere, jagende Zauber verschwinden, er steigt aus dem Dunkeln ans Licht ... Einige Augenblicke sind vorüber, Miriam ist nicht da. Aber das feine Rascheln kommt näher, und in der Tür erscheint eine andere Gestalt, ein Mann in der Mitte des Lebens, mit langem, schwarzem Barte; die kleinen Augen blitzen in ihren Höhlen, die Hand durchstreicht den Bart, – wer ist es? Ohne Furcht blickt er auf die Gestalt, er erkennt sie sofort. Das ist doch David, der Schadchen . Und David geht leise auf ihn zu, auf seinem Gesichte liegt ein leichtes Lächeln. Er steht neben ihm, setzt sich, ohne um Erlaubnis zu fragen, ans Fußende des Bettes und erzählt ihm, wie gut die Heirat sein wird, denn Miriam, seine Braut, ist ein Mädchen, brav und fein und gut, wie ein Engel Gottes. Sie ist ganz häuslich und spricht doch Französisch und schreibt Deutsch. Ihm aber ist weh bei dem Gedanken, daß ein so gutes Weib wie Miriam, einem so erblich geizigen Menschen wie ihm, angehören soll – er fürchtet, daß sie so sterben werde, wie seine Mutter. Und plötzlich denkt er: Ewiger Narr, Miriam ist schon längst mein Weib, und der kommt jetzt, sie als Braut anzupreisen. »Hast du zuviel getrunken?« fragt er laut, und die Gestalt verschwindet vor seiner Stimme. Finkelmann fällt plötzlich ein, daß dies schon die zweite Erscheinung war, welche vor ihm im Zimmer verschwand, doch er muß die Verlorene suchen. Ohne Licht tappt er umher. Auf dem Wege stehen Stühle und mancherlei Möbel, er wirft sie um, schiebt und stößt sie nieder, hört aber keinen Fall. Auf dem Tische, zu dem er tritt, liegen Schwefelhölzer, über denen es matt leuchtet, er sieht es nicht, beugt sich zu Boden, späht nach rechts und links, bis er vergessen hat, was er sucht. Und während der ganzen Zeit das Rascheln in seinem Ohr und dies ergreift jetzt seine Aufmerksamkeit. Es ist wunderbar, als spräche jemand aus weiter Ferne, sein Ohr kann keine Worte vernehmen, es hört nur den Klang von Worten. Aber die Stimme kommt näher. Langsam, langsam. Ein wenig noch, er hört und unterscheidet. Ja, er hört schon die Worte herausgeschnitten, jetzt kann er sie schon unterscheiden. Ein Mann kommt immer näher, er spricht vom bösen Trieb, von Engeln, die den Menschen leiten. Was ist das – er staunt und erschrickt – hört er das nicht schon zum zweiten Male? Hat er das nicht erst gehört? Wo? Wann? Doch der Tag entfliegt seinem Innern wie ein Blitz, und wie um das Ganze zu erhellen, erscheint eine andere Gestalt, auch sie sah er schon irgendwo ... Er sieht ringsum eine Menge von Menschen, fast die ganze Stadt – Kaufleute, große und kleine, Gläubiger und Schuldner, Reiche und Arme, Greise und Knaben – alle blicken auf ihn voll Mitleid – alle weinen. Was ist das? Hat jemand mit mir Mitleid? Warum? Weshalb? Dort steht, nicht weit, eine eiserne Kanzel, darauf der Rabbi der Stadt – er sieht ihn Angesicht zu Angesicht, die hervorspringende Gestalt – die Kappe nach rechts verschoben, wie es seine Gewohnheit ist. Sogar der Rabbi weint. Er ist es ja, welcher spricht. Dies alles sieht er doch zum zweiten Male. Hat er ja den Rabbi schon sprechen gehört über den guten und bösen Trieb, über die Engel, welche die Menschen leiten. Das aber ist eine Trauerrede. Für wen hielt er heute die Trauer? Wer starb denn? Vielleicht ein angesehener Mann, er kann sich nur nicht auf den Namen besinnen. Die Gestalt zerrinnt, sein Grübeln zerstört die Wirklichkeit. Nein, das ist nicht der Rabbi. Unmöglich, das war eine Täuschung. Zwar hat auch der greise Rabbi eine Stimme zart wie ein silbernes Glöcklein – aber diese Stimme ist noch feiner, noch süßer als die Stimme des Rabbis. Kein Zweifel, es ist die Stimme seiner Mutter. Und wie er an seine Mutter denkt, tritt ein neues Bild vor ihn. Er sieht das Bett seiner Mutter, das sie nicht mehr verlassen hat. Im Zimmer ist es halbdunkel, Dämmerung – ihre Augen leuchten und brennen durch das Dunkel – ihre Wangen sind erhitzt und schmächtig, die Lippen weiß. Er sitzt ihr zu Häupten, sie streicht ihm durch das Haar mit ihrer dünnen, feuchten Hand. Mit einer Stimme, wie Harfen süß und tränenfeucht, erzählt sie ihm vom bösen und vom guten Trieb, von den Engeln Gottes und den guten Seelen. – Das Geld – sagt sie ihm, ist nur Zauberei, Blendwerk, Spuk und Gespenster. Das Geld ist die Schlange, der böse Trieb. Das Geld, das ist das Blut der Armen! Er hört's und Tränen rinnen aus seinen Augen. Doch seltsam! Er fühlt, wie seine Augen weinen, und doch fällt keine Träne nach außen, sie triefen gleichsam in ihn hinein bis in sein Herz, dort fallen sie nieder und brennen wie Feuer. Und plötzlich – plötzlich kommen Fremde ins Haus – das Bett seiner Mutter beginnt zu wanken, von der Stelle zu rücken, und einen Augenblick ist es ihm, als liege nicht seine Mutter im Bette, sondern – – Miriam, sein Weib. Alles erstarrt in ihm vor Schreck – doch noch einmal zerreißen seine Gedanken, und neue Vorstellungen drängen sich in sein Hirn. Ja, das ist ein mißratenes Jahr, wäre nicht Miriam, so hätte ich viel Geld verdient. Ich hätte Massen von Weizen gekauft von Gutsbesitzern, Großhändlern und Maklern, alles wäre zu meinen Füßen gesunken. Sie aber bittet für alles, wenn der Marktpreis fällt, bezahle ich, und wenn er steigt, bittet sie. Bin ich nicht ein Weichherziger, ein Hase, ein Weib? Trotzdem erfüllt er all ihre Wünsche, nicht ein Bündel fällt zu Boden. Dennoch reizt es ihn zu wissen, wieviel er ihretwegen verliert. Ich will Rechnung machen. Die Rechnung ist groß, er addiert Tausende um Tausende, schon fünftausend, noch hundert – fünfundzwanzig beim alten Kaufmann Jokel, dessen Weib krank ist, noch, noch – viele Hunderte. – Sein Wille wird schwach, und trotzdem wächst die Rechnung, sie erzeugt sich selbst ohne seine Hilfe. Er sucht nicht mehr die Ziffern, er hebt sie nicht mehr in sein Bewußtsein. Sie kommen von selbst, sprechen, ehe sie gerufen sind, sie kommen und stehen in einer Reihe, geordnet und eng umschlungen. Er empfindet in seinem Gehirn etwas wie ein weißes Buch, worauf von außen schwarze Ziffern fliegen, und nah und fern, gedrängt und gepreßt, mit Getöse sich ausbreitend. Sie kommen und schreiben sich selbst ins Buch hinein, oder eine verborgene Hand beherrscht sie und schreibt: Einer um Einer, Zehner um Zehner, in die Hundert und Tausend. Sie kommen und wachsen, wird sie das Buch fassen können? Aber auch das Buch wächst, wächst mit ihnen, es hebt sich und niemals eine Endsumme. Und plötzlich verwandeln sich die Ziffern in verschiedenfarbige Scheine – das Buch wird zum offenen Kasten, die Scheine stiegen von allen Seiten und Ecken gleich Vögeln in sein Gehirn, eine stumme Hand legt sie in den Kasten. Aus dem Nichts drängt sie die Scheine und preßt sie hinein – sein Gehirn droht zu bersten. – Das Drängen wird immer heftiger, trotzdem kann er sich nicht ermannen, die Scheine mit Gewalt aus dem Kasten zu nehmen. Die Scheine fliegen und fliegen. Und langsam, langsam röten sich alle – viele triefen von Blut – auf vielen zeigt sich die Fratzengestalt des Asasel. Und der Bock hat lange und spitze Hörner. Noch einmal – in weiter Ferne – das Bild seines Vaters. »Nimm, nimm!« ruft die Gestalt, »nimm, sammle!« Aber wie schrecklich ist sein Vater! Sein Leichengewand voll von Pfeilen, zerrissen und zerlumpt. Durch die Löcher schimmert faulendes Fleisch, zwischen dem Fleisch Knochen weiß wie Kalk. Rings um den Leichnam kriechen Würmer und Schlangen, die ihn mit vollem Maule fressen. »Nicht fürchten, nicht fürchten! Sammeln, sammeln!« »Nein, nein, ich nehme nichts«, schreit Finkelmann voll Grausen und stürzt langhin auf den Boden, bewußtlos. – Der laute Sturz weckt seine Dienerschaft. Als Finkelmann allmählich das Bewußtsein wiederkehrt, liegt er auf seinem Bette. Vor ihm eine Lampe, von der Strahlen durch das ganze Zimmer gehen. Und das Zimmer ist voll von Trauer, alle Spiegel an den Wänden verhängt mit schwarzen Decken, auf dem Boden ein Schemel für Trauernde. Vor ihm Miriams Bett – leer ... J. E. Poritzky Schachmedrogge. Nein, ich werde von keinem Mädchen erzählen (gewöhnlich nennen die Dichter jedes Mädchen »Engel«). Der Engel, bei dem ich jetzt verweilen will, das ist meine Mutter. Meine Mutter ist eine der seltensten und edelsten Frauen, und wenn es nach dem Tode einen Himmel gäbe, wo Milch und Honig flösse, worauf die Frommen so sehnsüchtig lauern, so müßte der liebe Gott meiner Mutter den schönsten, himmlischsten Saal schenken, der aus reinem Marzipan wäre und die herrlichsten Engel müßten ihr die Füße waschen mit edlem Rosenöl. Selbstredend müßte der Saal eine gute Ventilation haben und in einem starkduftenden Tannenwald stehen, weil meine Mutter sehr asthmaleidend ist. Aber der liebe Gott weiß das schon. Er weiß auch jedenfalls, daß sie schon in frühester Kindheit Waise wurde und seitdem im Hause ihrer bösen Muhme wie eine gewöhnliche Köchin arbeitete. Als meine Mutter siebzehn Jahre alt war, heiratete sie ihren Vetter, der so mutwillig und bösartig war, wie ein junger Sturmwind; die Heirat erleichterte ihr das Leben absolut nicht, – im Gegenteil, sie mußte jetzt das Dreifache arbeiten. Darum hat sie auch keine Hände, die sich wie Samt anfühlen, sondern die zäh wie Leder sind und von schwärzlichen Linien durchfurcht werden, wie eine Eisenbahnkarte. Trotzdem habe ich noch keine Hand gesehen, die so gerne verschenkt. Ganz Lomza weiß, daß es in meiner Mutter die fleißigste und edelmütigste Frau besitzt, und es wird ihr auch niemand ein böses Wort nachsagen. Ja, wenn ich mich jetzt in die Heimat versetze, sorglos in den Straßen herumspaziere und dem Gezwitscher der Sperlinge zuhöre, die auf den Dächern hocken, so vernehme ich, wie sie sagen: »Und die beste Frau, die für uns, wie für ihren Muschinik sorgt, bleibt doch die Frau Moznjikow. Kommt, wir bringen ihr ein Ständchen.« Und stehe ich nachts in dem kleinen Hof und schaue hinauf zum blaunächtigen Himmel, wo die vielen Sterne blitzen, so ist mir's, als ob sich all die Myriaden Lichter über unserem Hofe zusammendrängen, um nur das Antlitz meiner teuren Mutter beleuchten zu können, als ob die Sehnsucht sie trage ihre wundersame Lichtflut nur über meine Mutter zu ergießen. Und ihre blauen Lichtstrahlen stehlen sich durch die kurze Tüllgardine in den schmalen, bläulichgetünchten Alkoven hinein, und das ganze Gemach erglänzt zauberhaft im blaugrünen, goldigsten Glänze, und da liegt meine liebe Mutter im Bette und ruht aus ... Wie süß das märchenhafte Mondlicht auf ihrem Antlitz schläft. Sie träumt ... vielleicht von ihrem Suninka! ... ach Gott im Himmel. Nein nein. Ich sehe schon, wenn ich an meine Mutter denke, rege ich mich zu sehr auf. Ich verzapfe mir dabei mein Blut. Übrigens ist sie mir auch viel zu heilig, als daß ich sie in den Kreis dieser Betrachtungen ziehen möchte. – ... Vor acht Wochen war der hinkende Schachmedrogge bei mir und brachte mir einen Gruß von meiner Mutter. Dieser Schachmedrogge hat ein seltsames Leben hinter sich. Er war ein ganz armer Mann, einer von diesen wandernden russischen Juden, die alle Jahre zwei- oder dreimal zu einer bestimmten Zeit die reichen Glaubensgenossen in Deutschland heimsuchen und das zusammengebettelte Geld entweder versaufen oder verspielen und verludern, oder es dem hungernden Weibe nach Hause schicken, damit es die Miete und den Melamed zahle. Den Melamed soll das Weib zahlen, damit der ihr Kind besser im Mischnajoth und in der Gemara unterrichte, und die Miete, damit man sie und ihr Kind nicht auf die Straße werfe. So denken aber die wenigsten dieser Schnorrer . Und einer von diesen wenigen, war der dreiundsiebzig jährige Schachmedrogge, oder wie ihn seine Sippe nannte: »der lahme David«. Er war aus Sokolow gebürtig, – hatte ein Weib und zwei Söhne; einer vierzehn, einer sechzehn Jahre alt; ein paar Teffillin und einen Tallis ; ferner ein Kistchen, das zehn halbverrostete Taschenmesser enthielt, mit denen er hausieren ging; ferner einen weißgelben Ziegenbart; enorme Kenntnisse im Hebräischen; Hämorrhoiden, Flöhe und eine kurze Stumpfnase, einem knorrigen Baumstümpfchen ähnlich, auf der eine blaue Brille saß, deren rechtes Glas zersplittert war. Schachmedrogge war kein gewöhnlicher Bettler. Er hatte das Bestreben, sich sein Geld ehrlich zu verdienen; zum Beispiel auf folgende Art: – wenn er in ein Haus kommt und den Hauswirt antrifft, so sagt er: »Guten Tag; Gott soll Ihnen Gesundheit geben, Herr Meier.« »Guten Tag,« antwortet der Hausherr, »was wollen Sie?« »Was ich will! Liebes Kind, was wird ein alter, blinder, krüppliger, tauber Mann wollen, der nagelneue, scharfe, feine Messer zu verkaufen hat!« »Ja, ich brauche kein Messer!« »Was haißt das? Hab' ich gesagt. Sie sollen ein Messer kaufen? Wer hat das gesagt! Sie können es sich doch ansehen. Kostet denn das Ansehen Geld! Zum Beispiel so ein Messer, scharf wie der beste Chalef , das kostet doch in der Stadt mindestens fünf Mark, und vielleicht auch noch mehr – das weiß Gott im Himmel. Aber bei mir kostet es nur zwei Mark. Und warum, weil ich einen großen Ramsch gekauft habe.« Und so weiter. Kurz und gut, der Hausherr wird so lange beschwatzt, bis er ein Messer kauft und vier Mark dafür bezahlt hat. Eigentlich ist es aber nicht das Messer, wofür der Käufer vier Mark zahlt, sondern die elende rührende Gestalt des alten David. David aber sagt sich so: »Das Messer kostet im Dutzend drei Mark, also das Stück zwei Zehner und einen Fünfer, das sind im ganzen fünfundzwanzig Pfennig; ich hab' dafür genommen vier Mark, also muß ich verdient haben drei einzelne Mark und sieben Zehner und einen Fünfer, das ist nach unserem Geld bald zwei Rubel ... nun, Gott soll weiter helfen, es geht » Boruch – Haschem «. Und doch, einen ehrlicheren, aber auch geriebeneren Menschen wie David kann man sich kaum denken. Wenn er hundert Mark auf der Medinoh zusammengekratzt hat, so sendet er das Geld eiligst nach Hause und behält kaum ein paar Groschen für sich zurück. Die anderen aber, die z. B. in der Herberge der Witwe Tuschansky in Frankfurt am Main zusammenkommen, spielen »Siebzehn und vier«, »Klabrias«, »Schafskopf«, saufen Bier wie Tolle, zanken und rauchen und singen Jargonlieder bis spät in die Nacht. Jeder dieser Bande hat, sooft er nach derselben Stadt kommt, immer wieder einen anderen Namen, einen anderen Rock und einen anderen Bart und führt beständig zehn oder fünfzehn Pässe mit, die auf, weiß der liebe Himmel, was für Namen ausgestellt sind. Die Verstellungskunst dieser Menschen ist ganz erstaunlich. Zum Beispiel heute heißt einer Chaim Todres; er hat einen langen Bart und einen weichen, braunen Filzhut; morgen ist aus ihm ein Fischl Fischbein geworden; sein Bart ist kurz, und der weiche Hut hat sich in einen hohen, steifen Deckel verwandelt; – in vier Wochen metamorphosiert sich dieser Fischbein zu einem Nathan Ziwiakowski, mit spitzem Bart; den nächsten Tag trägt er braune Cotelettes, und sein Paß lautet auf Moscha Stawisker, dann wird der Bart schwarz und zerzaust. Heute ist er blind, morgen stumm, übermorgen taub, das nächste Mal taubstumm, dann heißt er Lachmedudl, ist Vater von siebzehn Kindern (der Deutsche glaubt ihm alles) und hinkt auf beiden Beinen, oder er kommt eben vom Hospital, wo er ein Jahr am Typhus krank gelegen, oder er zeigt eine Offerte vor, worin man ihm in der Stadt X. Y. eine Stelle anbietet, er hat aber kein Geld dort hinzureisen, oder man hat ihn aus Rußland ausgewiesen und hat sein Haus verbrannt, oder er hat ein Weib, das eben in die Wochen kommt usw. usw. Solche Aussagen bekräftigen die Leute mit gesiegelten, gedruckten und gestempelten Schriftstücken – aber diese Schriftstücke, das sind bloße Fleppen . Von all diesen rentablen Betrügereien hielt sich der lahme David jedoch fern. – Jedes Jahr, etwa von Oktober bis März überwinterte er bei uns, wofür er unser Haus mit ganzen Säcken voll Segens und Dankes überschüttete. In Sokolow bei seinem Weib und Kind konnte er nicht bleiben, weil dort kein Platz für ihn war. Ein Zimmer – ich schäme mich zu sagen Schweinestall – das siebzehn Fuß lang und vierzehn Fuß breit war, bewohnen drei Familien. Jeder Familie gehört ein Drittel des Zimmers und ist durch eine leichte, halbverfaulte Bretterwand vom benachbarten Zimmerteil getrennt. In solch einem Stückchen Raum liegt ein schmaler Strohsack, von dem ein dumpfer Geruch ausströmt, daneben steht ein Stuhl und ein wackeliges Tischchen. Das ist die ganze Zimmereinrichtung. Auf so einem Strohsacke liegen des Nachts der Mann und die Frau. Zu den stinkenden Füßen des Mannes liegt ein Kind; zwischen Mann und Frau liegen zwei Kinder, und unter dem Tische auf einem bißchen Stroh, das man nachts aus dem Strohsacke zerrt und morgens wieder hineinstopft, liegt ebenfalls ein Kind. Alle sind dürftig bedeckt mit ihren lumpigen Kleidern und mit Bettdecken, die viel traurige Erfahrungen hinter sich haben. Trotz der Abzäunungen teilen die drei Familien doch Freud und Leid. Sie kochen und essen zusammen das Mittagbrot – das heißt Pellkartoffel und Salz – und niemals haben sie über eine Sache geteilte Meinungen. Zum Beispiel: sie sind alle darin einig, daß der Bürgermeister ein Rosche wie Haman ist, und daß den Polizisten die Erde lebendig verschlingen möge, wie sie Korach einst verschlang. Die Unterhaltung zwischen der Frau des hinkenden Schachmedrogge und seinem Sohne, der Rabbiner werden soll, bewegt sich etwa in folgender weise: »Beril, es gießt . Mach' zu die Tür.« »Ja, Mameschu .« »Hast du schon gedawent , Minche?« »Ja.« »Wasch' deine Füß', du gehst wie ein wilder Chasser .« »Mameschu weil draußen viel Blotte liegt.« »Sag' nicht immer ›ja Mameschu‹.« »Nein, ich sag' schon nicht mehr ›ja Mameschu‹. Mameschu, aber ich hab' starken Hunger; gib mir chotsch eine Kartoffel.« »Es is nischt da kein Brock .« »Aber ich hab' doch so stark Hunger.« »Du? Auf dir eine Rasche . Du bist überhaupt ein großer Seilleil We-Seiwei .« »Aber Mameschu...« » Halt den Pisk ! Achtzig Ruches auf dir . Hack' lieber Holz oder leg' dich schlafen.« »Wie soll ich Holz hacken, wenn ich hab' Hunger?« »Trink ein Glas Wasser.« »Aber hab' ich denn Durst, Mameschu?« » Geh schon in all die schwarze Johr , was willst du von mir? Soll ich mir schneiden Gebratenes von den Rippen! Du Fresser, kannst du nicht warten, bis der Tatte wird schicken Geld?« »Aber teure Mameschu, herzige, ich will ...« »Schah ... schah ... es donnert, mach' eine Broche .« So ist das Weib Schachmedrogges und so sein Sohn, den er über alles liebte, der künftige Rabbiner, für den er schon zehn Jahre in der Fremde umherbettelte und sich Wind und Wetter preisgab. Während der sechs Monate, die er bei uns weilte, suchte er sich durch allerhand Arbeiten nützlich zu machen; er spaltete Holz, reinigte den Hof schliff die Küchenmesser, besserte die Schirme aus usw. Nur Sonnabends ruhte er. Dann saß er auf dem Sofa und erzählte in seinem näselnden Tone Witze über Witze, oder er suchte alle durch seine Jargonlieder zu erheitern, die er mit urkomischer Mimik und mit der Stimme einer ungeschmierten Holzsäge vortrug, oder er saß gebeugt über dem Tehillim und brummte in merkwürdigem Singsang die Psalmen leise vor sich hin. Oder er erzählte von seinem lieben Sokolow; es war rührend mit anzuhören, mit welcher Innigkeit er von seiner Heimat und von den Seinen sprach. Sein Weib hielt er für eine Hexe und seine Armut für die gerechte Strafe auf dieser Welt, die ihn von einer Sühne der Sünden im Jenseits befreite. Vor acht Wochen, als er mich besuchte, schien er mir auffallend gealtert. Fr fand mich traurig im Bette liegend, schüttelte gleich eine Anzahl Witze aus dem Ärmel und ging nicht eher, bis ich in der heitersten Stimmung war. »Was macht Euer Weib?« fragte ich ihn. »Sie lebt noch, und wenn Gott gibt, gedenkt sie noch lang zu leben.« »Was ist mit Eurem Sohn!« »Der! hoho! Er fragt mich noch, was mit meinem Sohn ist; das weiß jeder ordentliche Mensch. David Schachmedrogges Sohn wird werden ein Rabbiner; das weiß die ganze Welt.« »Habt Ihr Appetit, Schachmedrogge?« »Was haißt das, Appetit? Wie hat ein Mensch keinen Appetit? Ich war heut bei einem Porez zu Gast, hat man mir dort Alkes gegeben, von vor acht Tagen Mittwoch. Der ganze Mittag war wert vielleicht zwei Kopeken. Die Alkes liegen mir im Magen wie Steiner; jetzt werd' ich mich lassen müssen operieren, wird mich kosten mehr, wie der ganze Porez wert ist. Aber Appetit hab' ich Boruch-Ha-schem einen ganz guten.« »Wir werden den Samowar aufstellen, David.« »Deswegen bin ich auch gekommen. Bin ich vielleicht gekommen, mich heiserig zu reden? Natürlich trinkt man Tee. Und Sie werden mir geben Geld, werd' ich zu schleppen bringen Zucker, Arak, eine Zitron', Kuchen. Sie brauchen gar nicht aufzustehen. Ich werd' schon alles allein besorgen und allein aufessen.« »Sie sind so ein alter Mann, David, und so gesund, und ich ...« »Ach was, ich bin kränker, wie ich ausseh' ... Meine Krankheit liegt im Beutel. Und das ist die schwerste Kränk. – was tut Ihnen weh? Der Bauch? Trinken sie einen guten Schnaps. – Verrückter Mensch. – Ständig liegt er in den Federn wie eine Kindbettern.« »Ich werde sowieso sterben, David.« »Ach, was haißt sterben. Man muß Ihnen den Hintern tüchtig ausgerben, dann werden Ihnen vergehen solche Dummheiten, oder nehmen Sie was ein zum Abführen.« Vierzehn Tage später aber war der hinkende Schachmedrogge tot. Ein paar Tage vorher wurde er arretiert, weil man ihn beim Betteln ertappte. Als ihn der Polizeileutnant verhörte, gab er so täppische, altersschwache Antworten, daß man ihn drei Tage inhaftierte. Zuvor rasierte man ihm jedoch den Bart – aus Gott weiß, was für einem Grunde – radikal weg, den er schon über fünfzig Jahre trug. Ich kann mir denken, wie sich der arme Mann grämte. Am zweiten Morgen, als man ihm den Kaffee in die Arreststube brachte, saß er in einem finsteren Winkel, geduckt, die Knie ans Kinn gepreßt, als ob er schliefe. Der Aufseher rüttelte ihn. »Sie! Pst!« David antwortete nicht. »He, der Kaffee!« Der Aufseher stieß ihn mit den Fußspitzen an, aber David schwieg. »Na, sind Sie denn taub?« Er stieß ihn mit dem Fuß in die Rippen. David fiel um – und schwieg ... denn er war tot. Schachmedrogge kam in unsere Anatomie, wo ihn drei französische Studenten präparierten. Der Professor hielt einen längeren Vortrag über ihn und meinte, daß er allenfalls einem Schlaganfalle erlegen sei. »Ja, wenn du es nur wüßtest«, lächelte der verunstaltete Mund Davids. »Du verstehst auch einen Quark von Psychologie. Ich an einem Schlaganfall! Hoho!« Zu Hause in Sokolow warten Frau und Kind auf die nächsten fünfzig Rubel von Schachmedrogge, denn der Wirt hat gedroht, beide in den Rinnstein zu werfen, mitsamt ihrem verfaulten Strohsack. Die Frau schwört aber beim »obersten Gott«, daß mit der nächsten Post das Geld auf alle Fälle eintreffen muß ..... sie kennt doch ihren David. I. L. Perez Mit gesenkten Augen. (Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Acher.) I. Vor langer, langer Zeit wohnte in einem Dorfe einige Meilen hinter Prag ein gewisser Chiel Michel. Da sein Gutsherr nicht ein Gutsherr wie jeder andere, sondern ein großer Herr, ein Graf war, ging es Chiel Michel, der das Dorfwirtshaus betrieb, sehr gut. Er kam zu Ansehen, übte Wohltaten und Gastfreundlichkeit, und wenn er zu den hohen Festtagen nach Prag fuhr, pflegte er sich's in der Stadt etwas kosten zu lassen. Da er kein ungelehrter Mann war, fand er auch Zutritt zum Rabbi und Jeschiwe-Vorstand . Er kaufte bei ihm Eßrojgim, Paradiesäpfel, die für das Zeremoniell des Ssukaußfestes (Laubhüttenfestes) benötigt werden. Mazze schmire und dergleichen und bat ihn um seine Fürsprache, damit er mit männlicher Nachkommenschaft gesegnet werde. Gerade diese Bitte lehnte der Rabbi rundweg ab. Denn kraft des Heiligen Geistes sah er voraus, daß Chiel Michel Freude an Kindern nicht beschieden sei. Und besser keine Söhne als solche, an denen man keine Freude erlebt, dachte er. Immerhin glaubte er jedoch den Mann, den seine Weigerung tief getroffen hatte, wieder trösten zu müssen und sagte: »Dafür will ich dir, wenn du mit Gottes Hilfe eine gehörige Mitgift beisammen haben wirst und dich an mich wendest, einen Schwiegersohn aussuchen, daß dich die Partie niemals gereuen soll.« Chiel Michel fuhr nun doch einigermaßen beruhigt nach Hause ... Gelehrte Schwiegersöhne sind ja auch nicht zu verachten ... Und Gott half ihm. Er sparte. Und als die ersten fünfhundert Taler erreicht waren, sagte er zu seiner Frau: »Dwosche, es ist Zeit, daß wir Nechume, unsere Ältere, verheiraten.« Dwosche war derselben Meinung. Und sie rechneten: Dreihundert – Mitgift und zweihundert – Kleider, Geschenke, Hochzeitskosten und so weiter ... Auch wollten sie ein Mahl für die Armen machen, daß Prag daran denken sollte! Aber es spricht sich schneller als sich's tut. Hindernisse kamen dazwischen. Der Gutsherr hatte Aufträge – einmal dahin, das andere Mal dorthin. Indessen brach der Winter herein, der Schnee verschüttete die Wege. Im Sommer gab es Regengüsse. Oder es waren christliche Feiertage und man konnte von der Schenke nicht weg ... mit einem Worte, es ging nicht so schnell und – der Mensch denkt und Gott lenkt. II. Nechume, die älteste Tochter des Pächters, ist ein goldenes Mädchen, eine gute, stille Seele. Die Güte leuchtet ihr aus den stillen Augen. Sie läßt sich lenken, merkt auf das, was der Vater und die Mutter und was alle die guten, frommen Leute sagen, die in der Schenke einkehren ... Sie nimmt andächtig Challe, Eine Zeremonie vor dem Backen des Sabbatbrotes, die an das Speiseopfer im Tempel zu Jerusalem erinnern soll. spricht schon den Segen über die Sabbatlichter, liest schon geläufig Iwre-Taatsch . Kein Zweifel, sie verdient einen Bräutigam aus der Prager Jeschiwe ... Mit der jüngeren Tochter geht es nicht so gerade. Man kann ihr, Gott behüte, nichts Schlechtes nachsagen. Aber ein sonderbares Geschöpf ist sie, versonnen, verträumt. Alles fällt ihr aus den Händen ... Zuweilen senkt sie die Augenlider, das Gesicht ist kreidebleich und wie auf einer anderen Welt geht sie daher. Ruft man sie dann an – als hätte man sie vom Jenseits zurückgerufen ... Sie zittert und hält sich kaum auf den Füßen ... Und manchmal hat sie merkwürdige Blicke, so stark und stechend, daß einem einfach unheimlich zumute wird. Auch zeigen sich gewisse verdächtige Anzeichen: Aus der Schenke ist sie nicht herauszubringen – zumal bei Nacht, wenn gespielt und getanzt wird. Ganze Nächte könnte sie so dasitzen und sich die Augen herausschauen, den jungen Bauern zusehen, wie sie mit den Dirnen spaßen, schwindelnd im Kreise sich drehen und ihre Lieder dazwischen hineinsingen, daß die Schenke nur so dröhnt und zittert ... Bringt man sie aber mit Gewalt in ihr Kämmerchen und legt sie zu Nechumale ins Bett, dann liegt sie mit geschlossenen Augen da, bis die Schwester eingeschlafen ist. Doch kaum ist dies geschehen, springt sie auf und stürzt barfuß – es macht ihr keinen Unterschied, ob es Sommer oder Winter ist – hin, um durch das Schlüsselloch oder eine Ritze in der Tür oder in der spanischen Wand in die Schenke zu gucken. Kommt dann die Mutter dazu und reißt sie weg, so brennt ihr der ganze Leib wie im Fieber und aus ihren Augen sprühen Funken. Dann erschrickt Dwosche und eilt zu Chiel Michel zurück, um ihm's zu erzählen. »Wenn man die jüngere früher verheiraten könnte«, seufzt er. »Man sollte doch fragen«, Den Rabbi antwortet die Frau. Inzwischen kommen neue Hindernisse, bis sich schließlich folgendes ereignet: III. Der Gutsherr hatte einen einzigen Sohn, den er nach der damaligen Sitte der großen Herren in Paris erziehen ließ. Nur einmal im Jahre, in der Ferienzeit, pflegte der junge Graf nach Hause zu kommen. Doch bekam man ihn auch dann wenig zu Gesicht, da er Tag und Nacht in den Wäldern auf Jagd war. Chiel Michel kriegte die Felle der Hasen und anderen Tiere, die er schoß, halb umsonst aus der Küche. Da geschah es einmal – es war eine große Hitze, wie wenn Feuer durch die Luft flöge – daß der junge Jäger an der Schenke vorbeiritt. Einem plötzlichen Einfalle folgend, sprang er von seinem milchweißen Rosse ab, band es an den Zaun, trat in die Schenke und verlangte ein Glas Met. Mit zitternder Hand stellt Chiel Michel das Glas vor ihn hin. Der junge Graf führt es an den Mund, kostet und verzieht das Gesicht. Bei seinem Vater im Keller gibt's wohl besseren, wer weiß wie alten Met. Vielleicht würde er auch Chiel Michel das Glas an den Kopf werfen, erblickte er nicht gerade Malkale, wie sie mit ihren starren Augen und ihrem bleichen Gesichtchen in einem Winkel der Schenke sitzt. Da stellt er das Glas gelassen hin, wirft einen harten Taler auf den Schanktisch und fragt: »Mojsche« – für große Herren heißen alle Juden Mojsche –, »ist das deine Tochter?« »Ja, ja, meine Tochter«, stammelt Chiel Michel, dem es sehr schwer ums Herz wird. Der junge Graf läßt kein Auge von dem Mädchen. Und ist am anderen Tage wieder da. Und ebenso am dritten und vierten ... Man versteckt das Mädchen vor ihm. Das bringt ihn auf, er sagt nicht warum, zwirbelt nur das schwarze Schnurrbärtchen und seine Augen blitzen. Und einmal wirft er hin, daß Chiel Michel zu wenig Pacht für das Wirtshaus zahle ... Prager Juden böten mehr ... Es ist sogar wahr, nur hat sie der alte Graf niemals über die Schwelle gelassen,– um solcher Bagatelle wegen soll sein Jud nicht ums Brot kommen ... Chiel Michel kriegt Angst, zumal Malkale noch verträumter wird. Er muß also wohl doch nach Prag fahren, um sich Rat zu holen. Aber es kommt wieder mancherlei dazwischen und unterdessen ist der junge Herr weiter täglicher Gast, und eines Tages sagt er plötzlich ganz unvermittelt: »Mojsche, verkauf mir deine Tochter!« Da zittert Chiel Michels weißer Bart und vor die grauen Augen legt sich's wie ein Schatten. Der junge Graf aber lacht. »Sie heißt doch Esterke?« fragt er. »Nein, Malke.« »Ach, so nimm an, daß sie Esther heißt,« meint er, »und du – Mordechai und ich – Ahasverus ... Wie? Eine Krone werde ich ihr ja nicht auf den Kopf setzen. Aber du kriegst das Wirtshaus umsonst, und zwar für immer, auch für deine Kinder und Kindeskinder!« Und er gibt ihm Bedenkzeit. IV. Chiel Michel sieht, daß er nicht mehr länger zögern darf. Ganz frühmorgens spannt er ein und fährt nach Prag, gleich zum Rabbi und Jeschiwe-Vorstand. Er trifft ihn überm Talmud, grüßt und fragt ihn sofort: »Rabbi, darf man die jüngere Tochter vor der älteren verheiraten!« »Nein«, antwortet der Rabbi, indem er sich mit dem Ellenbogen auf den Talmud stützt. »Nein, Chiel Michel, das tut man bei uns nicht. Das ist nicht jüdisch.« Und erinnert ihn an die Geschichte von Jakob und Laban. »Ich weiß,« sagt Chiel Michel, »aber wie, wenn man nicht anders kann!« »Das wäre?« Da schüttet der Pächter vor dem Prager Rabbi sein Herz aus, erzählt ihm die Sache, wie sie ist. Der Rabbi denkt nach. »Nun ja, wenn Gefahr im Verzuge ist ...« meint er. Chiel Michel berichtet nun über seinen Reichtum, die fünfhundert Taler, und erinnert den frommen Mann an sein Versprechen, ihm seinerzeit einen Schwiegersohn aus der Jeschiwe auszusuchen. Der Rabbi stützt den Kopf auf den Ellenbogen über dem Talmud und sinnt. Nach einer Weile hebt er den Kopf und sagt: »Nein, Chiel Michel, das kann ich nicht.« »Warum, Rabbi?« fragt Chiel Michel erschrocken. »Hat denn etwa mein Malkale, behüte Gott, eine Sünde auf ihrem Gewissen? Ein so junges Kind, ein junges Bäumchen! So, wie man es biegt ...« »Wer sagt was?« antwortet der Vorstand der Jeschiwe. »Ich sage nicht, daß sie, behüte Gott, gesündigt hat, das fiel mir gar nicht ein ... Nur paßt es nicht. Hör' mal, Chiel Michel, gesündigt hat deine Tochter nicht, aber, aber ... von der Sünde berührt, verstehst du, ein wenig berührt, ist sie doch ... Und was die Hauptsache ist, ich meine es dir gut. Denn vor allem hat deine Tochter Aufsicht nötig, – die Aufsicht eines Mannes, eines starken, tüchtigen Mannes, der sich in der Welt umtut, und außerdem – die Aufsicht von Schwiegervater und Schwiegermutter, von Hausgenossen überhaupt ... Es handelt sich darum, ihr gewisse Gedanken aus dem Kopf zu schlagen ... Darum muß sie in ein Haus kommen, das viel Ohren und Augen hat ... Wo sich der Versucher eingenistet hat, da heißt es; mit aller Macht gegen ihn Krieg führen ... Es ist eine Art bitteren Krauts, das man nur einmal sät und das dann ewig wächst ... Du reißt es aus und es wächst! ... Wie, ist es nicht so?« Chiel Michel muß leider kopfschüttelnd zustimmen. »Und nun, Chiel Michel,« fährt der Rabbi fort, »nimm an, ich will mein Wort halten, tu' dir deinen Willen und suche dir einen armen jungen Mann aus der Jeschiwe aus ... Sag' selbst, kann das gut ausgehen? Er wird sitzen und in den heiligen Büchern lernen ... Mehr weiß er ja nicht, will er und darf er nicht wissen ... Und wo sollen die jungen Leute wohnen? Zu dir ins Dorf wirst du sie ja nicht nehmen?« »Sicher nicht, solange der junge Graf da ist!« »Und wer kann wissen, wie lange er bleiben wird? Bei so einem Grafen ist doch alles möglich. Du weißt ja: Wenn ›ihnen‹ etwas in die Augen fällt! Hat er denn andere Sorgen? Etwa ums Brot zu kämpfen? wie? ... Kurz, zu dir kannst du sie nicht nehmen. Mußt sie also in Prag zurücklassen, ihnen dort eine Wohnung mieten – und ihnen schicken, was sie brauchen. Und sie, was werden sie dann tun? Er, der junge Ehemann wird Tag und Nacht im Beßmedresch sitzen, studieren, Gott dienen. Sie aber, die junge Frau? Welche Gedanken werden sie beschäftigen? Welchen Phantasien wird sie nachhängen?« »Ihr habt recht, Rabbi«, gibt Chiel Michel mit heiserer Stimme zu. »Was nun aber tun?« »Was möglich ist,« antwortet der Rabbi, »und ich will dich unterstützen. Ich will selbst einen Vermittler kommen lassen und ihm sagen, wohin er gehen soll. Es muß eine Familie von Ansehen sein, die etwas vorstellt, ein bißchen auf das Diesseits hält, – nur in den Grenzen des Erlaubten ... Du wirst sehen, es wird sich mit Gottes Hilfe machen ... Wenn du aber«, fügt er, um ihn zu trösten, hinzu, »mit Gottes Hilfe auch für die zweite Tochter eine Mitgift beisammen haben wirst und wieder zu mir kommst, dann kriegst du, sag' ich dir, ein Prachtstück von einem Schwiegersohn, der so viel Geld wert ist als er wiegt ... Jetzt aber mach' Hochzeit ...!« V. Und wirklich fand man mit des Rabbi Beistand für Malke einen Bräutigam aus gut bürgerlichem Hause. Die Sache wurde in größter Heimlichkeit durchgeführt. Bis zum letzten Augenblick wußte Malke nicht, warum Schneider zu ihr kamen und ihr Maß nahmen, und warum man sie noch vor Tagesanbruch weckte und nach Prag führte ... Als sie endlich begriff, was das alles zu bedeuten habe, sprach sie auch kein Wort. Ihre junge Seele verschloß sich in ihr. Niemand ahnte, was in ihrem jungen Herzen vorging. Nach außen sah sie aus – mögen alle jüdischen Töchter so aussehen! Ein wenig zu bleich wohl und immer die Augen gesenkt. Doch zuerst nannte man's bräutliche Anmut, später meinte man, Gott habe sie nun einmal so beschaffen, und sie sei ja trotzdem eine Schönheit! Einfach bezaubernd! Und übrigens machte sie keinen Schritt ohne die Schwiegermutter, hatte gar keine Ansprüche ... Aß, was man ihr vorsetzte, trank, was man ihr reichte, kleidete sich so, wie man es wünschte. Ein reines, stilles, schönes Weib, wenn sie am Sabbat das schwarze Atlaskleid mit der goldenen Spange anzog, die Perlen um den alabasterweißen Hals legte und an ihren Ohren die Brillant-Ohrgehänge zitterten, – blieben die Frauen auf der Straße stehen, gafften ihr nach und flüsterten: Wie eine Prinzessin! Sie aber ging weiter, als meinte man gar nicht sie, und still und züchtig trat sie zugleich mit der Schwiegermutter und den Schwägerinnen ins Bethaus. Dort stellte sie sich neben die Schwiegermutter, die am Gitter ihren Platz hatte, senkte die seidenen Wimpern, öffnete mit der kleinen weißen Hand die silbernen Klammern des Goldschnitt-Gebetbuches und ihre Lippen begannen zu beben, zu beben ... Und an den Wochentagen? Des Abends? »Wohin willst du heute spazieren gehen, Malke?« Sie habe keinen Wunsch. Sie wolle sich nach den anderen richten. Und wenn man an einem Schaufenster, in welchem Schmuck auslag, vorbeiging und alle stehen blieben, blieb sie wohl auch stehen, aber sah sich nichts an, sondern blickte in die Luft ... Die Leute sagten: Sie braucht keinen Schmuck, sie ist es selbst! Namentlich ihr junger Gatte fühlte ohne sie sein Leben nicht. Er hütete sie wie das Auge im Kopfe, wie den Augapfel ... Und so im ganzen ... Nach außen alles gedrechselt, geschnitzt und rein, wie schönes Kristall ... Aber innen? Innen war die Schenke mit Gesang, Tanz und Spiel ... In ihrem Herzen zwischen ihr und der Welt das Bild des jungen Grafen ... Kaum schloß sie die Augen, – sei es im Bethause am Gitter oder wenn der Sabbat zu Ende ging und sie »Gott Abrahams« sang oder wenn sie Freitag abends den Segen über die Sabbatlichter sprach – brauste das heiße Blut in ihr auf, drehte sie sich – erbarme sich Gott! – im Rad in der Schenke, tanzte sie mit dem Grafen oder ritt mit ihm selband auf weißem Roß durch Wald und Tal ... Und wenn ihr Mann sich ihr näherte, dann schloß sie die Augen und halste und küßte ... wen? Halste und küßte sie den jungen Grafen ... Er bat sie, ihr junger Gatte, denn er liebte ihre schönen Augen: »Mein Leben du, öffne doch deine schönen Augen, deine Tore zum Garten Eden!« Umsonst! Sie tat es nicht. Wollte er aber einmal seinen Willen durchsetzen, nach junger Männer Weise, und rückte von ihr ab, dann hielt sie ihn in ihren Armen wie mit Zangen fest. Und wenn er darob erschrak und sich losreißen wollte, dann flehte sie mit ersterbender Stimme: »Mein gnädiger Herr! Mein Adler!« Da dachte er, sie habe ihn so lieb, daß sie ihren gnädigen Herrn, ihren Adler in ihm sah. »Dorfsprache«, sagte er sich. Und mag sie die Augen geschlossen halten, wenn sie sich schämt! VI. So gehörte Malke in den Armen ihres Gatten einem anderen Manne. Und so lebte sie Jahr um Jahr. Kinder bekam sie nicht. So glich sie einem Apfel, der scheinbar gesund und frisch auf einem grünen Zweige an einem goldenen Apfelbaume hängt, – die Haut rötlich wie der Osten, ehe die Sonne aufgeht, und von einem frischen Hauch, wie aus dem Paradiese, überzogen, duftend, verlockend, – dessen Inneres aber vom Wurm ganz ausgehöhlt ist ... Das gerade Gegenteil von diesem Geschick war Chiel Michels älterer Tochter, Nechume, beschieden. Als Chiel Michel von Malkes Hochzeit aus Prag nur mit wenigen Geldstücken in der Tasche zurückkehrte und an die Grenze des Dorfes kam, sah er sein ganzes Hausgerät samt den Betten und samt den Tischen und Stühlen der Schenke auf freiem Felde liegen. Ein Bauer vom Hofe des Grafen stand als Wächter davor und versperrte ihm den Weg ins Dorf. Bald erfuhr er den Grund. Während er auf der Hochzeit getanzt hatte, war ein höherer Pachtzins angeboten und angenommen worden. Der junge Graf hatte es beim alten durchgesetzt. Und der neue Pächter saß sogar schon in der Schenke! Chiel Michel wollte sich zunächst noch an den Grafen wenden. Während Frau und Tochter wehklagten und in Ohnmachten fielen, bat er den Wächter, mit dem er bekannt war, ihn doch wenigstens zum Grafen vorzulassen. Aber der Mann nahm nur die Büchse von der Schulter. Er werde schießen, er werde schießen müssen. Befehl des Grafen! Dabei standen ihm die Tränen in den Augen. Da sah Chiel Michel, daß hier nichts mehr zu machen sei. Aber nach Prag konnte er auch nicht mehr zurückfahren. Dazu fehlte es ihm an Geld. Es waren ihm nach der Hochzeit nur wenige Dukaten geblieben. Auch wollte er der jungverheirateten Tochter nicht mit seiner Armut im Wege sein. So fuhr er denn zunächst mit seinen Leuten in ein anderes Dorf, noch weiter von Prag, zu einem anderen Gutsherrn, den er bat, einen Laden für Salz, Brot und andere kleine Waren eröffnen zu dürfen. Er erhielt die Erlaubnis, überließ dann das Geschäft der Frau und der Tochter, und zog selbst aus, um mit seinem früheren Gutsherrn wegen Kontraktbruchs zu prozessieren, und gegen den Mann, der ihn ausgemietet hatte, vor dem rabbinischen Gerichte sein Recht zu suchen ... Allein, die Sache ging nicht so schnell, zumal er leere Hände hatte. Jahre vergingen. Und schließlich verlor er den Prozeß gegen den Gutsherrn und mußte noch für die Gerichtskosten eine Zeitlang im Gefängnisse sitzen. In der anderen Rechtssache wieder, gegen den Ausmieter, siegte er zwar. Aber sein Gegner wollte sich dem Urteil nicht fügen. Der Rabbi, der die Kraft hatte, ihn zu zwingen, war gestorben, Prag suchte einen neuen Rabbi und konnte keinen passenden finden. Inzwischen gab es kein Recht. Gehetzt und verhungert kam Chiel Michel endlich nach Hause, fiel aufs Krankenbett und war nach einigen Wochen tot. Sein Weib überlebte ihn nicht lange. Und so blieb Nechume allein im Dorfe, allein, verlassen und in großer Not. Das Geschäft ging nicht ... Es war keine Ware drin ... Und dann ließen ihr die jungen Bauern, seit sie allein war, keine Ruhe, trieben Spaß und ärgerten sich, daß sie so unnahbar war, die jüdische Hungerleiderin ... In ihrer Verzweiflung schrieb sie ihrer Schwester in Prag einen Brief und einen zweiten. Aber wir wissen ja, daß die Schwester in einer Traumwelt lebte. Sie las keine Briefe und so kam keine Antwort. Da stand sie, die verlassene Waise, einmal des Nachts auf, verschloß den leeren Laden und stahl sich zu Fuß aus dem Dorfe heraus. Sie vertraute sich Gottes Führung an, hoffte den Weg nach Prag zu finden. Zur Schwester! Und eine Schwester ist doch kein Stein ... VII. Und so geht sie denn mit einem Stück Brot in der Hand zum Dorf hinaus. Sie kommt an den Wald und hat Angst vor den wilden Tieren. Drum will sie vorerst nicht tiefer eindringen, sondern warten, bis es Tag wird. Sie klettert auf den erstbesten Baum, um in seinen Zweigen zu übernachten. Gerade spricht sie das Nachtgebet, als sie Hunde bellen und laufen hört. Und das Gebell und Laufen kommt immer näher. Es wird ihr klar, daß Edelleute im Walde jagen und sie versteckt sich noch tiefer in den Zweigen. Aber schon ist die Jagd ganz nahe und ein ganzes Rudel Hunde springt an den Baum heran und beginnt wütend zu bellen. Zwei Reiter, junge Edelleute, sprengen herbei, nach der Ursache zu sehen. Sie klettern den Baum hinauf und holen das Mädchen mit Gewalt herunter, machen Feuer und betrachten es: Eine Jüdin! Eine schöne, sehr schöne Jüdin! Nur halbverhungert. Sie werden ihr nichts Böses tun, sagen sie, denn sie leuchte in der Finsternis wie der Morgenstern ... Man brauche ihr nur andere Kleider anzuziehen und sie werde wie eine Königin strahlen, wie eine Rose duften ... Die Worte erschrecken sie. Inzwischen hört sie, wie die jungen Leute in Streit geraten. Jeder will sie für sich. Jeder behauptet, daß sein Hund sie zuerst gewittert habe ... Sie einigen sich auf einen Zweikampf. Sie soll dem gehören, der den Kugelwechsel überlebt. Schon treten sie an, überlegen sich aber noch die Sache. Besser losen. Und sie losen. Und der Gewinner zieht sie zu sich aufs Pferd und führt sie im Galopp davon, in sein Schloß ... Bewußtlos ruht sie in seinen Armen. VIII. Als sie aber des Morgens im Schlosse des Edelmanns zu sich kam, auf seinem Schoße sich sah und seine Küsse auf sich brennen fühlte, da wußte sie, daß es keine Rettung mehr für sie gab. Und bat ihn nur: »Ich bin in deinen Händen, gnädiger Herr ... Und du bist zu stark, als daß ich mich gegen dich zur Wehr setzen könnte. So gewähre mir nur eine Bitte, hab' mit mir Erbarmen und versprich mir nur eins: Meinen Leib hast du befleckt! Beflecke mir wenigstens die Seele nicht! Laß mich bei meinem Glauben ... bei meinen Gedanken ... Laß mich sinnen und denken, was ich will ...!« Der Schloßherr verstand nun zwar nicht recht, was sie meinte. Aber da er sie ernstlich liebgewonnen hatte, gab er ihr das Versprechen, um das sie ihn bat ... Und was konnte es ihm auch schaden, da er ja ohnehin nicht die Absicht hatte, sie zu heiraten? Einmal brachte er ihr sogar ein Gebetbuch, das er bei einem Juden in Prag gekauft hatte. Voll Freude griff sie danach, um es aber bald wieder aus den Händen gleiten zu lassen: »Meine Hände«, sagte sie, »sind nicht wert, das reine Buch anzufassen ...« Der junge Edelmann schwieg verwundert. Im übrigen führte Nechume auf dem Schlosse ein Leben, das ganz der Gegensatz des Lebens war, das ihre Schwester in Prag führte ... Wohl pflegten beide die Augen zu schließen und beide gingen fremd und verträumt daher. Doch während Malte in reinem Leibe mit der Seele sündigte, gab Nechume den Leib hin und hielt die Seele rein ... Näherte sich ihr der Edelmann, dann schloß sie die Augen und dachte: Die Mutter küßt mich, die Mutter halst mich, lehrt mich beten, »Gott Abrahams« singen ... Wenn er sie bat, ihn lieb zu haben ... Ja, da liebte sie, liebte sie heiß – die Mutter. Die Mutter war es, die sie umarmte... »Noch einmal, Mameschi: Tojru ziwu luni  ...« flüsterte sie, und wagte nicht, mit den sündigen Lippen die Worte zu sprechen, die tief, tief innen in ihrer Seele leuchteten ... IX. Alles Leben hat ein Ende, und beiden Schwestern war kein langes Leben beschieden ... Als Malke, die jüngere, starb, kam ihre sündenbefleckte Seele wie eine schwarze Krähe aus ihrem weißen Leibe heraus und sank dann bald irgendwo zu den Qualen der Hölle hinab. Dagegen stieg die weiße, klare Seele Nechumes, sowie sie sich aus den Banden des sündigen Körpers befreit hatte, leicht und still, gleich einer Taube, zum hohen Himmel empor. Zwar hielt sie ängstlich zitternd vor dem Himmelstore inne, aber Gottes Barmherzigkeit selbst ließ sie ein, tröstete sie, trocknete ihr die Tränen aus den Augen. Freilich die Menschen auf der Erde wußten von alledem nichts ... Die angesehene Prager Bürgersfrau hatte ein großartiges Leichenbegängnis, das eine Unsumme Geldes kostete. Man hielt ihr eine große Grabrede und bestattete sie auf einem Vorzugsplatze, unter den edelsten, sittigsten Frauen. Und am ersten Jahrestage ihres Todes wurde ein großer Grabstein, auf dem allerlei Löbliches über sie zu lesen war, auf ihr Grab gesetzt ... Als dagegen der Schloßherr die Leiche der anderen nach Prag schickte ... da wollte keiner von denen, die den Totendienst versahen, dem sündigen Körper nahekommen, man mußte Träger zur Reinigung mieten. Und dann hüllte man die Leiche in einen alten Sack und warf sie irgendwo an der Friedhofsmauer in eine Grube ... Des Menschen Blick streift nur die Oberfläche ... X. Und später einmal, als man ein Stück des alten Prager Friedhofes zur Stadt schlug, um eine Gasse breiter zu machen, und daran ging, die Knochenreste auszugraben und nach einer neuen Ruhestätte überzuführen, – da fand der Totengräber im Grabe Nechumes an der Friedhofsmauer nur einen Schädel, vom Fleisch und den übrigen Knochen war nichts mehr da. Und als er unwillkürlich mit dem Fuße an den Schädel stieß, kollerte dieser davon, kam nicht mehr zum Vorschein ... und wurde nicht mehr begraben. Der Totengräber aber, der das Grab Malkes öffnete, fand sie unversehrt und frisch, fast mit einem frischen Lächeln auf dem weißen Antlitz ... »Oh, was für eine fromme Frau!« riefen die Menschen. »Die Würmer kamen ihr nicht bei...« Denn so denken und sprechen nun einmal die Menschen, die mit ihren Blicken nur obenhin sehen und niemals wissen, was im Herzen und in der Seele vorgeht ... Schulem Alejchem Die Wette. (Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Acher.) Ihr spracht gerade von den heurigen Bränden. Da kann ich Euch, wenn Ihr hören wollt, eine schöne Geschichte erzählen: von einem reichen Geizhals, der sonst keinen Heller hergibt, – er läßt sich lieber umbringen – und doch einmal einen Hunderter für Abbrändler gab. Wie man den von ihm herauskriegte, eben das will ich Euch erzählen ...« Mit diesen Worten sprach mich der Mann mir gegenüber im Eisenbahncoupé an, nachdem er sein Frühstück gegessen hatte. Und offenbar machte seine Geschichte ihm selbst Spaß. Denn er lachte im voraus, lachte wie ein Mensch, der sich an etwas sehr Drolliges erinnert, lachte, daß ihm schier der Atem ausging. Ich aber ließ ihn ruhig auslachen. Ich glaubte nämlich, daß dies das beste gegenüber solchen Leuten ist: wenn man nicht will, daß die Geschichte ein dummes Gesicht kriegt. Endlich und nach einigem Husten begann er folgendermaßen: »Ich hab' Euch schon mit einer ganzen Reihe von Typen in unserem Städtchen bekannt gemacht. Die Erzählung ist eine von vielen Erzählungen, die Schulem Alejchem selbst mit dem Sammelnamen »Eisenbahngeschichten« bezeichnet. Nun will ich Euch noch einen vorführen: Jojel Taschker. Wenn Ihr den anseht, gebt Ihr nicht drei zerbrochene Vierer für ihn. Ein kleines, dürres, trockenes Männlein mit einem schüttern Bärtchen, geht nicht, sondern läuft ... Und trägt sich – habt Ihr wo einen Feind, dem könnt Ihr's wünschen – wie der Ärmste! Wiewohl er reich ist. Was sage ich, reich? Sehr reich, schwerreich, ein Millionär! Das heißt, gezählt hab' ich sie natürlich nicht, seine Millionen. Es kann eine Million sein. Und vielleicht fehlt auch viel zu einer halben. Jedenfalls ist er das nicht wert, was er hat. Das könnt Ihr mir glauben. Der Filz! Das Rote Meer spalten war nicht schwerer, als von ihm eine milde Gabe herauszubekommen. Der Bettler existiert nicht, der sich erinnern sollte, von Jojel Taschker auch nur ein Stück Brot gekriegt zu haben. In der Stadt kennt man ihn schon, den Patron: Trifft sich's, daß ein Armer nicht mit dem zufrieden ist, was man ihm gibt, dann heißt es gleich: »Bemüht Euch zu Jojel Taschker, der wird Euch mehr geben.« Und dabei dürft Ihr nicht etwa glauben, daß er brutal oder unwissend oder einfach ein ordinärer Kerl ist. Ganz im Gegenteil, der Mann kann lernen , ist aus gutem Hause und obendrein ein ganz ehrlicher Mensch. Verlangt von niemandem was. Nur soll man auch ihn verschonen. Mein ist mein, und dein ist dein. Ihr versteht mich doch? Oder nicht? ... Sein Geschäft? Er ist Geldverleiher, hat Häuser und arbeitet mit Edelleuten. Hat Tag und Nacht keine Zeit: fährt herum, läuft herum, ißt nicht, schläft nicht! Und da er sich keinen Angestellten gönnt, überall allein! Hat nicht Rind, hat nicht Kind! Das heißt, Kinder hatte er einmal, aber er hat sie fortgejagt, als ihm die Frau starb. Man sagt, daß sie in Amerika sind. Die Frau soll übrigens Hungers gestorben sein. Das ist wohl nicht wahr. Oder am Ende doch. Denn ratet, weshalb er der zweiten Frau schon in der zweiten Woche den Scheidebrief gab? Wegen eines Glases Milch! Hahaha! Bei meinem Leben, wegen eines Glases Milch, bei dem er sie erwischte: »Eins von den zweien,« sagte er da zu ihr, »entweder du trinkst die Milch, weil du die Schwindsucht hast, wozu brauche ich dich dann? Oder du trinkst einfach so Milch, weil du Lust hast. Dann bist du doch eine Verschwenderin.« Aber eine gute Eigenschaft hat er doch (es gibt keinen Menschen, der nur Fehler hätte): Er ist fromm, schrecklich fromm! Und warum nicht, wenn's ihm beliebt! Schade nur, daß er auch die ganze Welt fromm haben möchte! Er spielt Gottes Polizei. Leidet's nicht, wenn man den Hut nicht aufhat. Erbost sich über die jungen Frauen, die ihr Haar tragen. D. h. es nicht abschneiden, um anstatt dessen eine Kopfbinde oder wenigstens eine Haarperücke zu tragen. Schlägt sich mit den Eltern herum, die ihre Kinder ins Gymnasium schicken. Und was noch weiter solche Dinge mehr sind. Nun muß es aber Gott gerade so fügen, daß im Hause Jojel Taschkers ein Advokat wohnt – so einer von den alten Advokaten – der sich nichts daraus macht, barhäuptig herumzugehen, den Bart zu rasieren und am Sabbat Zigaretten zu rauchen, kurz, alles das zu tun, was man nicht tun darf. Er heißt Kompanjewitsch, ist hoch und breit, ein bißchen vorgebeugt, hat eingefallene Wangen und Spitzbubenaugen. Führt, wie es scheint, ein liederliches Leben. Er erhält sich mehr vom Kartenspiel als von der Advokatur und alle lustigen jungen Leute, die für ein Spielchen, einen guten Schinken und ähnliche schöne Sachen Sinn haben, kommen bei ihm zusammen. Kurz, sicherlich kein Heiliger. Doch wieder dieselbe Geschichte! Was kümmert's dich? Ich meine den Jojel Taschker, mein' ich. Wirst dich halt nicht mit ihm verschwägern! Und basta! Aber nein! Er hält's nicht aus. Er kann's nicht ertragen, daß bei Kompanjewitsch am Sabbat der Samowar aufgestellt, am Tischebuw Fleisch gekocht, das neue Pejßach geschirr nicht vorschriftsmäßig gewaschen und noch viel anderes nicht gehalten wird. Und schimpft. Schimpft ganz laut: »Na, was sagt Ihr zu der Frechheit dieses Abtrünnigen? In meinem Hause zu wohnen und am Sabbat den Samowar aufzustellen!« Das hört der Kompanjewitsch und ist nicht faul. Am nächsten Sabbat stehen schon zwei Samoware da. Unser Jojel ärgert sich gelb darüber. Fast rührt ihn der Schlag. Aber Mensch! so kündige ihm doch die Wohnung, und du bist den Verdruß los. Nein, das doch nicht, es tut ihm um den Mieter leid. Er zahlt mehr Miete als alle anderen, sagt er. Und lacht: Hehehe. So, nun habt Ihr schon zwei Typen kennen gelernt. Jetzt will ich Euch noch einen dritten vorstellen, einen jungen Mann, der in dieser Geschichte auch eine Rolle spielt, was sag' ich, Rolle spielt? von ihm kommt ja die ganze Geschichte her. Frojke Schejgez – so nennt man ihn – ist ein Mann, der mit der ganzen Welt auf gutem Fuße lebt. Natürlich halb Chussid , halb Franzos, trägt einen langen Kaftan, aber gleichzeitig einen Hut ; eine weiße Hemdbrust und einen roten Schlips, aber auch einen Talles-kuten, Wörtlich: Kleiner Gebetmantel, ein viereckiges Kleidungsstück, das auf dem Oberkörper getragen wird, und an dessen Ecken sich die eigentümlich geknüpften (wollenen oder seidenen) Zizzes (Schaufäden) befinden. von dem eine Zizze heraushängt. Im Städtchen erzählt man etwas von einer verheirateten Frau ... Ins Bethaus jedoch rennt er wie besessen. Womit er sich beschäftigt? Er ist ein Makler, vermittelt Darlehen, bringt Wechsel an. Durch seine Hände geht viel Geld, Tausende und Tausende. So war er z. B. auch Jojel Taschkers Vertrauensmann. Der hat doch sonst Angst, einen Hunderter herauszulassen. Ein Wort aber von Frojke – und das Geschäft war gemacht. Und glaubt Ihr vielleicht, weil Frojke in Geldsachen wirklich so ein Heiliger ist. Ich möchte nicht für ihn einstehen. Nein, bloß weil er ein durchtriebener, geriebener Junge ist und ein freches Maul hat. In das hineinzugeraten – besser in die Hölle. Ihr könnt es ja daran sehen: heißt eigentlich Efroim Katz. Und niemand kennt ihn anders denn als Frojke Schejgez . Hahaha! Nun habt Ihr aber alle drei Typen beisammen. Jetzt müßt Ihr nur noch wissen, daß der Sommer begonnen hat und mit ihm die vielen Brände. Auch Draschne brennt ab, und es regnet Jammerbriefe und Depeschen: Man solle so schnell und soviel als möglich schicken. Die ganze Stadt kampiere im Freien und sterbe Hungers. Natürlich gerät unser Städtchen in Aufregung. Vorwürfe, Mahnungen: Warum rührt man sich nicht? Warum tut man nichts? Schließlich stellt man ein Komitee zusammen, das sammeln gehen soll. Und wer ist im Komitee? Natürlich ich, noch zwei, drei angesehene Bürger, von den besten und selbstverständlich auch Frojke Schejgez. Denn zu so was hat man ja einen Frechling nötig, wohin geht man zuerst? Selbstredend zu den reichen Leuten. Also auch zu Jojel Taschker. »Guten Morgen, Reb Jojel!« »Guten Morgen, gut Jahr! Was gibt es? Nehmt Platz?« Er ist sehr liebenswürdig. Liebenswürdiger kann man schon nicht mehr sein. Denn so im allgemeinen, müßt Ihr wissen, ist Taschker ein ganz gastfreundlicher Mensch. Kommt Ihr zu ihm hinein, so nimmt er Euch gut auf, läßt Euch einen Stuhl geben, bittet Euch Platz zu nehmen und unterhält sich recht schön und fein mit Euch. Aber nur, solange Ihr nicht von Geld redet. Doch kaum kommt Ihr darauf, kriegt er gleich ein anderes Gesicht. Eines seiner Augen schließt sich von selbst, und die linke Wange zuckt wie bei einem Menschen, den der Schlag gerührt hat. Es ist zum Erbarmen, sag' ich Euch, wie er in solchen Augenblicken aussieht. So ein Mensch ist das. Ja, wo halten wir denn eigentlich? Richtig, wie wir zu Taschker kamen. Das Komitee nämlich. »Guten Morgen, Reb Jojel!« »Guten Morgen, gut Jahr! Nehmt Platz! Was gibt's?« »Wir kommen um eine milde Gabe zu Euch.« Das Auge schloß sich, und die Wange zuckte: »Eine milde Gabe! So plötzlich, ganz unerwartet, eine milde Gabe?« »Ja, eine dringende«, antwortete Frojke, der Frechling, eine sehr dringende, Reb Jojel. Ihr habt ja wahrscheinlich schon gehört. Eine ganze Stadt abgebrannt. Draschne ...« »Was sagt Ihr? Draschne abgebrannt? Weh mir! Ich habe soviel Geld dort stecken! Ich bin ruiniert, zugrunde gerichtet...« Frojke will ihn beruhigen. Seine Kommittenten hätten durch das Feuer nicht gelitten. Nur arme Leute seien geschädigt worden. Aber umsonst! Der Mann will nicht hören, sondern rennt wie wahnsinnig im Zimmer auf und ab, ringt die Hände und schreit: »So ein Unglück! Ich bin ruiniert! Redet jetzt nicht mit mir! Ihr habt mich um den Verstand gebracht, wie soll ich das aushalten?...« Wir sitzen noch eine kurze Weile, dann stehen wir auf, sagen »Guten Tag, Reb Jojel«, küssen die Mesise und machen uns auf die Beine. Draußen aber sagt Frojke: »Hört, ich soll nicht Efroim Katz heißen, wenn ich von dem Hundekerl nicht doch noch einen Hunderter für die Draschner Abbrändler herauskriege!« »Schwatz nicht, bist wohl verrückt?« »Gar nicht! Ihr werdet ja sehen! Ich sag's, ich, Efroim Katz!« Und wirklich behielt er Recht, wie Ihr gleich hören werdet. Einige läge später fährt nämlich unser Jojel Taschker auf den Markt nach Toltschin. Kompanjewitsch ist im selben Coupé, ebenso viele andere Leute. Man spricht, man schwatzt, alles durcheinander, wie's schon so ist. Nur Jojel Taschker und Kompanjewitsch sind still. Taschker sitzt wie versteckt in einem Winkel und blickt mit einem Auge in ein frommes Buch. Was hat er mit allen den Leuten zu tun? Und gar mit Kompanjewitsch. Es ärgert ihn nur, daß dieser Mensch, dessen rasiertes Gesicht er nicht ausstehen kann, sich gerade ihm gegenüber hingesetzt hat. Herr Gott, denkt er, wie wird man ihn los, den Schweinefresser? In die zweite Klasse hinübergehen? Schade ums Geld. Dableiben? Sind ihm die rasierte Fratze und die Spitzbubenaugen zuwider ... während er so nachdenkt, tut Gott ein Wunder und läßt ihm auf der nächsten Station einen Bekannten zusteigen, wen denkt Ihr? Natürlich keinen anderen als Frojke Schejgez. Unser Taschker ist ganz glücklich. Er wird mit jemandem zu sprechen haben. »Wohin fahrt Ihr?« »Und Ihr?« Das Gespräch ist im Gang. Worüber? Über dies und jenes und alles und nichts, dummes Zeug. Bis man auf einen Gegenstand kommt, der nach Jojel Taschkers Geschmack ist: »Jugend von heute, alberne Burschen, ausgelassene Töchter, eine zuchtlose Welt!« Frojke Schejgez wärmt eine alte Geschichte auf – von der Schwiegertochter des Umaner Rebben , die mit einem Offizier davonlief. Dann noch eine Geschichte von einem jungen Mann, der in zwei Städten heiratete. Und schließlich noch eine dritte Geschichte, von einem Bürschlein, das nicht Tfillin legen wollte, und als ihn der Vater dafür schlug, den Hieb zurückgab. »Was, den Vater geschlagen! Den eigenen Vater geschlagen?« schrie es von allen Seiten. Das ganze Coupé ist in Aufregung und mehr als alle Jojel Taschker: »Na, hab' ich nicht recht? Eine zuchtlose Welt das! Die jüdischen Kinder wollen nicht beten, nicht Tfillin legen ...« »Tfillin legen schenk' ich euch«, mischt sich jetzt plötzlich Kompanjewitsch, der bisher geschwiegen hat, ein, »das mögt ihr halten, wie ihr wollt. Kümmert mich nicht. Dagegen, seht ihr, einen Talles-kuten! Da kann ich mich drüber aufregen, daß ihn unsere jungen Leute nicht tragen. Nicht Tfillin zu legen, kann ich verstehen. Man hat Arbeit damit, muß sie anlegen und abnehmen. Aber einen Talles-kuten, irgendwo unter dem Hemd tragen. Das ist doch gar nichts. Und wer sieht es?« Diese Worte sprach der Ketzer mit leiser Stimme, gemessen, und ernst. Wenn ein Blitz eingeschlagen hätte oder der Waggon umgefallen wäre, unser Taschker hätte nicht mehr überrascht sein können. Was hatte das zu bedeuten? Waren die Zeiten des Messias da? Daß ein solcher Schweinefresser von Talles-kutens redet ... Und er wendet sich zu Frojke – nicht etwa zu Kompanjewitsch: »Wie gefällt dir der Heilige, he, he? Spricht auch von Talles-kutens!« »Ja, warum denn nicht?« meint Frojke ganz naiv. Das war für Jojel Taschker schon zuviel. »Hehehe«, lacht er. »Auch schon ein Jude! Einer, der am Sabbat einen Samowar aufstellt! Am Tischebuw Fleisch ißt! Nicht einmal das Geschirr für Pejßach waschen läßt! Und das spricht von Talles-kutens!« »Ja, warum denn nicht!« sagt Frojke, wieder so unschuldig wie zuvor, was hat das eine mit dem andern zu schaffen? Herr Kompanjewitsch mag vielleicht alles das tun, was ihr da aufzählt, und trotzdem kann ich mir ganz gut vorstellen, daß er unter dem Hemd einen Talles-kuten trägt. »Wer, der Rasierte da,« schreit der arme Taschker, »der liederliche Mensch, der Gottesleugner?« Die Leute im Coupé sind ganz still geworden und blicken gespannt auf Kompanjewitsch. Der schweigt aber. Frojke auch. Bald fährt er jedoch auf, Frojke nämlich, wie ein Mensch, der sich entschlossen hat, etwas zu wagen: »Ich will Euch was sagen, Reb Jojel,« ruft er, »ich geh von der Ansicht aus, daß man eine jüdische Seele nie unterschätzen darf. Wenn ein Jude von einem Talles-kuten mit Respekt spricht, dann trägt er wahrscheinlich selbst einen. Ich lege einen Hunderter für die Abbrändler von Draschne ein. Ihr legt ebensoviel ein. Und dann wollen wir Euern Herrn Mieter bitten, daß er in unserer Gegenwart den Rock und das Hemd öffne und uns zeige, ob er einen Talles-kuten trägt.« »Ganz richtig, ganz richtig«, rufen alle andern ereifert und machen Spektakel. Es wird recht lustig im Coupé. Kompanjewitsch aber sitzt still da, wie einer, der mit der Sache nichts zu tun hat. Und unser Jojel Taschker? Schwitzt mächtig! Er hat noch niemals in seinem Leben gewettet, auch nicht um zwei Groschen. Und soll nun plötzlich einen ganzen Hunderter einsetzen? Wie, wenn der schlechte Kerl am Ende wirklich einen Talles-kuten trägt? Behüte Gott! Doch nein! Das ist ja gar nicht möglich, sagt er sich weiter. Kompanjewitsch – und ein Talles-kuten! Nein! Er kann ruhig selbst seinen Kopf wagen. Und er faßt sich ein Herz und zieht einen Hunderter hervor. Man wählt zwei bessere Leute aus, bei denen das Geld eingelegt wird. Dann erst nimmt man Kompanjewitsch in Arbeit. Er soll sich ausziehen. Aber es fällt ihm gar nicht ein, er will nicht. »Was bin ich denn«, ruft er plötzlich ganz gesprächig, »ein Bub oder ein Komödiant? Daß ich mich hier im Coupé am hellichten Tage vor einer ganzen Menge Menschen ausziehen soll...?« Jojel Taschkers Antlitz strahlt. »Aha,« ruft er Frojke zu, »wer hat recht? Ich oder du? Ich kenne meine Leute. So ein Mensch spricht von Talles-kutens! Hehehe!« Alle dringen nun in Kompanjewitsch. »Ihr müsset es tun! Bedenket doch! Wie es ausgehen mag, in jedem Fall kriegen doch die unglücklichen Abbrändler einen Hunderter.« »Ja, für die unglücklichen Abbrändler«, hilft Jojel Taschker den andern, ohne Kompanjewitsch anzusehen. »Die armen Leute liegen mit Weibern und Rindern draußen im Freien«, dringt man weiter in Kompanjewitsch. »Ach ja, draußen im Freien«, wiederholt Jojel Taschker. »Ein Jude soll doch Gott im Herzen tragen!« »Gott im Herzen tragen«, sagt Jojel Taschker nach. Nach langer Müh und Rede setzt man es endlich bei Kompanjewitsch durch, daß er Rock, Weste und Hemde öffnet. Und nun stellt Euch vor, trug der Mensch wirklich einen Talles-kuten unterm Hemd. Und was für einen Talles-kuten! Einen großen, kuschern , Berschader Fabrikat, mit blauen Streifen und dicken, starken Zizzes, wie bei einem Ruw . Hahaha! ... Nein, so was bringt nur so ein Gauner wie Frojke Schejgez fertig! Es hat ihn freilich Jojel Taschkers Kundschaft gekostet, er darf ihm nicht mehr unter die Augen kommen. Dafür hat er aber den Abbrändlern von Draschne einen Hunderter, einen ganzen Hunderter verschafft. Und von wem ihn herausgekriegt? Von einem Geizhals, einem Filz, der niemals in seinem Leben einem Armen ein Almosen, auch nicht einmal ein Stückchen Brot gegeben hat! Soll den Kerl nicht der Teufel holen? Ich meine natürlich den Frojke, mein' ich.