Blumenlese – Zweiter Band aus den neuern Schweizerischen Dichtern. Herausgegeben von Heinrich Kurz 1860 Johann Jakob Reithard Die Geister von Greifensee Dort über'm Berg im Thale, in finst'rer Wälder Näh', Liegt in umkränzter Schale der blaue Greifensee; Nächst dem beschilften Strande hebt sich ein Hügel gäh, Drauf stand die vielbekannte Burg Alten-Greifensee . Links unter'm Hügel breitet sich eine Wiese bunt; Die Heerdenglocken läuten im weidereichen Grund; Doch mitten in der Weide starrt ein verlehmtes Moor, Gleich einer wüsten Haide, aus dunkelm Grün hervor. Es geht an selber Stelle ein Jeder schnell vorbei, Als ob ein Geist der Hölle des Raumes Meister sei; Und graut ihm schon am Tage, wie mehr noch in der Nacht, Wenn mit dem zwölften Schlage Vergangenheit erwacht. Wohl Mancher in der Runde hat grausend dann geschaut, Wie zu derselben Stunde das Schloß sich wieder baut; Wie Brücke, Thor und Warten aus ihren Trümmern gehn, Und wie in Hof und Garten die Linden auferstehn. Wie dann der Nebel gleitet am Strande, trüb und schwer, Und donnernd ihm entschreitet ein stattlich Kriegerheer; Gestalten, wie – bei Räfels, an Lorze, Sur' und Aa – Die Zeit verjährten Frevels und junger Freiheit sah. Dumpf schweigend steh'n die Schaaren um das verwahrte Schloß; Ein Führer, grau von Haaren, hält finster da zu Roß; Schaut auf, als ob er mahne, den, der im Schloße haust, Und schwingt die weiße Fahne hoch in der Eisenfaust. Und rasselnd sinkt die Brücke, es knarrt das feste Thor; Mit tief gesenktem Blicke schritt die Besatzung vor: »Und fiel das Schloß – die Ehre bleibt ewig uns verwahrt!« Doch ein große Zähre rollt' in des Hauptmanns Bart. Wenn sie zur Stelle kommen, wo sonst der öde Plan, Fällt, der die Burg genommen, die Waffenlosen an; Zerreißt die Gnadenzeichen, und giebt's dem Winde frei; Ein Wink – die Reihen weichen – der Henker tritt herbei. Von hundert Fackelbränden erleuchtet wird der Kreis. Mit festgeschnürten Händen kniet allererst der Greis; Er hebt die Heldenaugen empor mit frommem Muth, Die Klinge zischt – es saugen die Blumen rings sein Blut. Und Diener theilt um Diener des alten Meisters Noth: Stets freudiger und kühner geht Jeder in den Tod; Schon spritzt zu fünfzig Malen die Fluth, so roth und reich, Empor in lichten Strahlen, und sammelt sich zum Teich. Welch' ein entsetzlich Schauen! Das Blut erstarrt zu Eis, Auch packt zuletzt ein Grauen der Fackelträger Kreis; Sie löschen, still entweichend, im Blut der Fackel Brand; Der Henker selbst, erbleichend, hebt flehend Blick und Hand. Doch mitten aus den Leichen herrscht ihm der Finst're zu: »Fahr' fort, daß nicht desgleichen an dir ein And'rer thu'!« Und nochmal sinken Zehne , – vollendet ist der Mord – Mit einer stummen Thräne eilt auch der Henker fort. Als ob dieß Blut ihn stärke, weilt noch im Sternenschein Bei seinem Höllenwerke der grimme Greis allein; Hoch hält er da zu Rosse, schlägt an sein Schwert mit Schall, Blickt höhnisch bald zum Schlosse, bald auf den Leichenwall. Jetzt zieht's wie tiefes Stöhnen durch's blut'ge Leichenfeld, D'rauf fängt es an zu dröhnen, wie die Trommete gellt; Des Sees Fluthen schäumen, als wie im höchsten Zorn, Und in des Waldes Bäumen rauscht's grausenhaft, verworr'n. Und das Entsetzen schüttelt, wie unter'm Kreuzesholz, Die Erde wild, und rüttelt den Greis aus frechem Stolz; Er sieht die Thürme wanken, die Todten aufersteh'n Und ihn mit grausem Schwanken in weitem Kreis umgeh'n. Hoch in den starren Fäusten sein Haupt ein Jeder schwingt, Dieweil das Blut der Treusten hellflammend ihn umringt. Und drei Mal zieh'n die Leichen die flammenreiche Bahn, Und drei Mal droh'n die bleichen Gesichter stumm ihn an. Dann wandeln sie zurücke ins alte Schloß, zur Ruh'; Es fliegt empor die Brücke, die Pforte schmettert zu; Weit gähnt der Erde Rachen, verschlingend – horch und schau! – Mit ungeheurem Krachen den riesenhaften Bau. Doch eng und immer enger schließt sich der Feuerkreis Um den entsetzten Dränger, der keine Hülfe weiß. – Der Ritter sammt dem Rappen sind beide festgebannt; Schon leckt an Helm und Wappen der rächerische Brand. Und lange, lange währet das nächtliche Gericht, Eh', wie zu Staub verzehret, das Bild zusammenbricht; D'rauf wann die Gluth verkühlet, wird Alles wie zuvor, Und wo der Brand gewühlet, da breitet sich das Moor. Doch eine Donnerstimme tönt mahnend durch die Nacht: »Weh', wer unedlem Grimme das Herz zu eigen macht! Weh', wer in eigner Sache als Richter sitzt und spricht! Weh', wer aus Haß und Rache das Wort der Gnade bricht! »Wo er auch immer schliefe – er ist der Völker Graus; Ihn speit des Grabes Tiefe, ihn stößt die Nachwelt aus. So grausen Fluch zu tragen, o Reding! hast auch du; Dir aber, Wildhanns, schlagen die besten Herzen zu!« Die beiden Gemsjäger Ein schöner Tag ist aufgegangen, Und groß hat sich die Alpenwelt, Noch eben rings vom Schlaf umfangen Zu frühem Leben hingestellt; Der Hain erklingt, die Bäche rauschen, Die Wiesen schmückt ein tiefes Grün, Das Alphorn tönt, die Heerden lauschen, Die Sonne naht, die Firne glüh'n. Und sieh', den niedern Thalrevieren Entsteigt ein rüstig Jägerpaar, Der flinken Gemse nachzuspüren, Die ihnen längst verfallen war. Vereint in alter Schweizertreue, Ist auf der Berge Zinken schon, Zunächst des Himmels reiner Bläue, Den beiden mancher Tag entfloh'n. Gespräch und Jodel-Rufe süßen Den Steig, der sauer sich erklimmt, Indeß gemach zu ihren Füßen Das tiefe Thal in Duft verschwimmt, Doch auf des Tschingels höchster Schräge, Da stehen sie zum Scheiden still: Weil Jeder heut' auf eignem Wege Sein Weidmannsheil versuchen will. »Mit Glück! Nun geh' ich da hinüber«, Spricht Hanns zum Bläsi wohlbedacht; »Doch in der Hütte von Valzüber , Da treffen wir uns auf die Nacht.« Und Bläsi lacht: »Ich werde kommen, Zähl' auf mein Wort, wenn etwa nicht Mein Unstern zu der Gemsen Frommen Mir irgendwo den Nacken bricht.« Sie drücken sich die Hand, sie steigen – Der Eine hier, der And're dort – Auf schmalem Pfad in tiefem Schweigen Zu unwirthbaren Höhen fort. Hanns dorthin, wo, wie Silber funkelnd, Der Hausstock zu den Wolken strebt, In dessen Schlünden, tief und dunkelnd, Der Sernft sein Felsenbett sich gräbt. Doch von St.Martins Felsenhallen Klimmt Bläsi keck hinan die Wand, Bis wo der Dons mit Eiskristallen Das königliche Haupt umspannt, Und wo von seiner Krone Zacken, In Fäden, die der Berggeist spinnt, Die Fluth ihm über Stirn und Nacken Hellklingend in die Thäler rinnt. Der Jäger lugt mit scharfen Blicken – Da plötzlich sieht nach langem Späh'n Er auf des nächsten Vorsprungs Rücken Die schönste Gems zur Weide geh'n. Wie pocht das Herz! – Er kauert nieder. Wo sich ein Felsen vor ihn stellt; Er zielt, die Berge hallen wieder. Hellt pfeift das Wild – schnellt auf und fällt. Und jauchzend mit beschwingten Sohlen Eilt er, von Weidmannslust durchbebt. Die fette Beute einzuholen, Eh' sie aufs Neue sich belebt. Zu spät! Wie er sich schwingt nach oben, Hat sich vor seinen Augen schon Das Wild aus seinem Blut erhoben Und jagt mit Windeseil' davon. Der Schütze beißt sich in die Lippe: »Die Ladung«, brummt er, »war zu schwach.« Er eilt durch Schlucht und Eis und Klippe Des Flüchtlings Spuren zürnend nach, Wohl ist das Thierlein am Verenden, Und dennoch strebt's in raschem Flieh'n An unwegsamen Felsenwänden Dem Feindesblick sich zu entzieh'n«. Doch Bläsi folgt ihm sonder Säumen, Ihn treibt sein böser Stern, er muß ! Und schon in nie betret'nen Räumen Bewegt sich sein verweg'ner Fuß, Schon für die letzte Zehenspitze Gewinnt er kümmerliche Bahn; Dem schmälsten Stein, der engsten Ritze Vertrauet er sein Leben an. Jetzt steht vor ihm auf Klafterweite Hart an des Felsenthales Schluß, Kaum eine Hand in Läng' und Breite – Ein Riff, auf das er springen muß. Er springt – erreicht's – und mit Entsetzen Erkennt es der verlorne Mann, Daß er den Fuß nicht fürder setzen, Nicht wieder rückwärts lenken kann. Denn vor ihm starrt in schroffer Glätte Und neben eine Felsenwand, Und unten ist sein Todtenbette In schwarzem Grausen ausgespannt. So schwebt er, einsam und alleine. Befiehlt die Seele Gott dem Herrn; Denn keine Menschenhülfe, keine. Kann er sich denken, nah und fern. Doch ist der Mensch dem Bischen Leben So unaussprechlich treu und hold. Daß er sich nimmer will ergeben. Selbst wenn der letzte Sand entrollt; Der Kranke glaubt sich meist gesunder, Und wenn ers nicht mehr glauben mag, So glaubt er eher an ein Wunder, Als an den bittern Sterbetag. So auch der Bläsi, schau', es klammert Sich seine Hand am Felsen fest: Er zürnt und betet, hofft und jammert, Er blickt und späht nach Ost und West. Doch keine Zehe darf er rühren, Fest muß er steh'n und leichenstill. Wenn er die Wage nicht verlieren, Nicht in die Tiefe stürzen will. Die Sonne sengt mit heißen Strahlen Jetzt in die grause Schlucht herein: Sie bringt ihm hundert neue Qualen, Doch nirgends einen Hoffnungsschein. Er ruft umsonst, die Berge klingen Die laute Stimme höhnend nach. Er sieht nur ferne Gemsen springen Und hört den wilden Gletscherbach. »Du grimmer Tod ! der schon so lange Auf jedem Steig mich lockt und neckt, Und jetzt zu meinem Untergange Die Hand aus jenen Schlünden streckt – Noch steh' ich da und will mich halten, Mich klammern fest so lang ich mag; O stärkten himmlische Gewalten Mich nur bis auf den nächsten Tag! »Ich weiß, daß, wenn ich ausgeblieben, Mein treuer Hanns von Schlucht zu Schlucht, Und endlich auch, von Gott getrieben, Mich hier an diesen Wänden sucht! Allein was hoff ich, Thor, den Morgen Des neuen Tages noch zu sehn? Wo möcht ich Muth und Kräfte borgen, Die lange Nacht zu überstehn?« Indessen sinkt die Sonne tiefer; Noch glüht, in Höhenrauch gemischt, Ihr Gold an Freibergs grauem Schiefer, Zuletzt am Tödi , – und erlischt. Und trüber, dunkler wird es immer, Und Wolken ziehen schwarz und schwer, Gesäumt vom bleichen Mondesschimmer, Mit einem Hochgewitter her. Und sieh! Nach langem, schwülem Schweigen Eröffnet sich des Wetters Mund. Es thut den schreckenvollen Reigen Erst durch ein fernes Tosen kund; Doch immer röther gähnt sein Rachen, Schon rollt der Donner ernst und groß. Der Gletscher dröhnt, die Schluchten krachen. Und jeder Sturm wird fessellos. »Herr! du bist schwer in deinem Zorne Und dein Gericht ist schauerlich! Gibt's denn in deinem Gnadenborne Kein Tröpflein Vaterhuld für mich? Ha, nein! Du flammst in diesen Wettern, Du schüttelst mich in diesem Sturm, Du selbst, o Herr, willst mich zerschmettern, Mich niedertreten, wie den Wurm!« In Nacht und Sturmwind heult's der Arme; Kaum kann er mehr, – er hält sich schwach; Und sieh'! als ob es sich erbarme, Verrauscht das Wetter allgemach; Die Wolken fliehn; der dunkeln Bläue Entstrahlt der Steine mildes Licht, Das stärkt und muthigt ihn aufs Neue, Doch ihn erretten mag es nicht. Denn wo die Sinne, wo die Sehnen, Die unerschöpft und unbesiegt, In solchem Kampf das Schicksal höhnen, Wo Schrecken sich an Schrecken fügt? Sieh' dort den Kühnen wanken, beben, Schau, wie der Strahl des Auges bricht. Wie aus dem Antlitz ohne Leben Der Jammer der Verzweiflung spricht! Doch endlich glimmt es auf den Firnen; In mildem, rosenfarb'nen Schein, Zieht auf erbleichenden Gestirnen Der junge Tag ins Leben ein. »Und mocht' ich es bis jetzt bestehen, Ertrag' ich's wohl auch länger noch; Gewiß erhört der Herr mein Flehen, Und endlich findet Hanns mich doch! »Bis Mittag mag er wohl erscheinen, Doch wenn umsonst die Frist verrinnt – Dann fahret wohl ihr lieben Meinen, Auf ewig wohl, mein Weib und Kind!« Er seufzt es, drückt von seiner Klippe Sich fester an den kalten Stein Und saugt mit trockner bleicher Lippe Den bittren Reif des Felsens ein. Doch wie die Sonne immer höher, So steigt auch höher seine Qual; Er lugt umher, allein dem Späher Verschwimmt allmälig Berg und Thal; Er fühlt die letzte Kraft verschweben, Der Odem wird ihm heiß und schwer: »Jetzt ist es aus«, spricht er ergeben, »O Herr, mein Gott! ich kann nicht mehr ...« Und wie er wankt zum Niederfallen, Da tönt es plötzlich über ihm, Und » Bläsi, Bläsi !« hört er's hallen Mit liebevollem Ungestüm. Mit matten, zweifelvollen Blicken Schaut er empor; – er täuscht sich nicht: Dort ob der Felswand, welch' Entzücken! Erscheint des Freundes Angesicht. »Hanns, Hanns! Du bist's, Gottlob, du Treuer! Wie hab' ich sehnlich dein begehrt! Doch eile, Freund! die Zeit ist theuer. Ich fühle jede Kraft verzehrt.« »Da bin ich schon! sei nur gelassen; Du stehst in Gottes treuer Hut! Vermagst du wohl dies Tau zu fassen? – Schling's um den Leib und schürz' es gut!« Und endlich, glücklich ist's geschehen Mit zitternder, erschöpfter Hand. Schon siehst du mählig ihn erhöhen – Schon schwebt er mitten an der Wand – Schon naht er dem ersehnten Ziele – Er hat's erreicht! – In Wonn' und Schmerz Voll unaussprechlicher Gefühle, Sinkt er dem Treuen an das Herz. »Gott half, daß ich dich noch erreichte«. Spricht Hanns, »mir zeigt dein weißes Haar, Das in der einen Nacht erbleichte, Wie schauerlich dein Leiden war.« Und drauf, nach langem, stummem Beben, Der Bläsi: »Hanns, nimm dies Gewehr Nebst meinem Dank für's ganze Leben! Ich, Bruder! jage nimmermehr!« Er spricht's, und streckt sich auf die Erde, Erschöpft von Allem, was geschah; Noch liegt die gräßliche Gefährde Dem tiefgebeugten Muth zu nah': Allein ein Trunk aus Hannsens Flasche, Ein Trunk von edlem Rebensaft Und Waizenbrot aus Hannsens Tasche Giebt seinem Leben frische Kraft. Und wie sie liegen, traulich kosen – Fährt Bläst hastig auf: »Ein Thier Aetzt hinter jenen Alpenrosen – Ein fetter Gemsbock sag' ich dir! Er scheint sich recht in Schuß zu stellen –, Der Wind verheißt uns Weidmannsglück – Hör', Hanns, die Gemse muß ich fällen, Gieb schnell die Büchse mir zurück!« Der Eierhagel Der Schneider von Plaffeien zu seinem Sohne sprach: »Gieb Acht, dich wird's gereuen, läufst du der Liese nach; Sie hext gleich ihrer Mutter, kommst du ihr ins Geheg – Dir's Geld im Unterfutter mit sammt den Hosen weg. Traun, jeglicher Plaffeier kennt ihre Hexerei; Sie zaubert Hühnereier zu Tausenden herbei; Doch hörst du's niemals gackern und siehst bei ihr kein Huhn; Mit der ist nicht gut ackern: drum laß von deinem Thun!« Er predigt tauben Ohren, denn Joggel bleibt dabei; Die Winke sind verloren der weisen Schneiderei, Wenn spät der Aetti träumend noch Kundentücher stiehlt, Schleicht Jogg, nicht länger säumend, in's Himmelreich der Kilt. Sein wartet einst das Mädel mit einem heißen Schmatz; Wie pocht's in Joggli's Schädel und unterm rothen Latz! »Lieb' Joggeli« »»Lieb' Lise!«« Ei, welch' ein süß Gekos! Nach Stunden erst reißt diese vom Nickenden sich los. Doch wie zu einem Fasse sie hinter'n Ofen juckt, Ein Glas mit braunen Nasse behend hinunterschluckt, Und drauf, mit raschen Zügen, ein zweites schlürft im Nu – Mit Staunen und Vergnügen blinzt dem der Joggel zu. »Geduld! ich schnarch' und passe,« denkt donnersfein der Gauch, »Den Saft in jenem Faße, schön Lisel, kost' ich auch! Ei, hast du etwas Rares, das ich nicht schmecken darf; So rath' ich dir, verwahr' es mit Schloß und Riegel scharf!« Als drauf im Hui verstohlen die Maid sich fortgedrückt, Ist Jogg auf leisen Sohlen an ihren Platz gerückt. Und der verschleckte Zecher dreht rasch das Hähnchen, guck! Und den gefüllten Becher leert er in einem Schluck. Da fängt's ihn an zu schütteln: »Verhageltes Gebräu Aus hundert Doktormitteln zu einer Schweinerei!« Ihm wird's so schwül im Leibe, er hält's nicht länger aus. Und, wie nach einer Deube, verließ er stracks das Haus. Und spie und maladeite den langen Weg bis heim; Dann klebt an Vaters Seite sich Jogg wie Tischlerleim. Der Alt' an seinem Orte schnarcht wie ein Elephant, Der Junge bohrt' und bohrte und drängt ihn an die Wand; Denn ach, dem Unbeglückten wuchs schauderhaft sein Leid; Fegfeuerqualen zwickten sein armes Eingeweid: Es rumpelt in den Därmen des Zappelnden, es kracht, Bis endlich ob dem Lärmen der alte Herr erwacht: »Bub, reitet dich der Teufel?« – und liest ihm derb den Text. Jogg wimmert: »Sonder Zweifel hatte Liese mich behext. Seit ich von ihrem braunen gefeiten Safte trank. Fühl' ich in den Kaldaunen mich krank, – ach, sterbenskrank!« »Ei,« ruft der alte Schneider: »ist das der ganze Witz?« Und fähret in die Kleider vom Strohsack, wie der Blitz, Holt eilig einen Kratten vom Hühnerstall herauf, Und setzt den Todesmatten mit einem Rucke d'rauf. Und züchtig dann umhüllet der Vater ihn mit Flor, Und während Joggel brüllet, pfeift ihm der Schneider vor. Bald hebt der Sohn den Schleier und zählt, verstimmt und kurz, Zweihundert Hühnereier dem Alten in den Schurz. Trotz dieser Eierernte schwur Jogg den Trennungseid; Sein frommes Herz entfernte sich von der Hexenmaid. Die Welt wird stets gescheidter, doch Jogg bleibt, ruhmbedeckt, Der erst' und letzte Schneider, der Eier ausgeheckt. Die Schlacht bei Näfels Noch eh' auf Wiggi's Zinnen erschien das Morgenroth, Stand dort ein andrer Engel: es war der bleiche Tod; Der sah so ernst herunter vom finstern Felsenriff, Und stützte beide Hände auf seiner Sense Griff: »Noch sanft im Schooß der Berge und friedlich ruht dies Thal, Wie anders wird es liegen noch vor dem Mittagsstrahl! Schwertlilien werden röchelnd im jungen Grase starrn, Blutstropfen werden glänzen aus Güldenklee und Farn. Und Hörner werden schmettern und Pauken schallen dazu, Und Pfeile und Speere schwirren, und donnern wird die Fluh; Des Rauti wallend Silber wird dunkler Purpur sein, Sein Rauschen wird verhallen in Schlachtgewühl und Schrei'n. Auch du, den stillen Hallen von Tödi's Silberdom Entwallend, wirst dich röthen, jugendlicher Strom! Doch ist's die erste Farbe der jungen Freiheit, glaub's! Und rothe Scham der Feinde ob des verfehlten Raubs!« So sprach der bleiche Engel; da blitzt das Morgenroth, Und feierlich umarmen sich Leben jetzt und Tod, Und schauen schweigend nieder; denn unten wird es reg', Und eine Schaar von Mannen zieht durch den Felsenweg. Zwei Hochgestalten schreiten mit Ernst dem Zug voran; Ein Schwert schwang hoch die Eine, die Andre eine Fahn'. Grad vor dem Rautikessel begann der Schwertgesell: »Halt an, ihr werthen Freunde! halt an, wir sind zur Stell! Hier steht die alte Letze, sie schirmt ein freies Thal; Dort hör' ich Ketten rasseln – der Zwischenraum ist schmal. Horch, näher klingt's und näher im frischen Morgenwind – Doch droben lebt der Herrgott, hierunten Weib und Kind! Die Treu' an unsrer Fahne ist auch an Gott die Treu', Der den Verrath zerstäubet, wie den Wirbelwind die Spreu. Bei ihm gilt Recht, nicht Menge, er kämpft uns heut voran, Wie er in diesem Felde vor Jahren auch gethan! Ja, Gott wild uns beschützen im Kampf für Weib und Kind Und für die alte Freiheit, wenn wir des würdig sind!« So rief der Ammann Vogel, und Alle knieten hin Und flehten gläubig: » Ora pro nobis «, Fridolin!« Da fing es an zu rauschen im Banner geisterhaft. Der Heil'ge schien zu steigen aus dem geweihten Tafft; Sein treues Auge winkte: »Scheut nicht Gefahr, noch Spott!« Auf seiner Bibel glänzte: »Dann hilft der alte Gott!« Jetzt springt Mathias Ambüel , die Fahne schwingend, auf – Die Andern lehnen betend noch an der Schwerter Knauf – Der Venner jauchzt: »Ihr Mannen, hei! wie sie freudig weht! So wird sie immer rauschen, wenn ihr sie treu umsteht!« Kaum hat's der Held gerufen, da rasselt's dumpf herbei, Da glänzt es hinab von Weesen von Fußvolk, Reiterei, Ein Strom von Stahl und Eisen im ersten Morgenlicht: Ob wohl in solcher Brandung die Glarner Klippe bricht? Sie bricht – allein die Stücke vereinen sich zum Bau. Vergebens stehn die Glarner ob Letze und Verhau: Denn ihrer sind zu wenig, die Feinde zwanzigfach; Drum schwingt Ambüel die Fahne und donnert: »Folgt mir nach!« Und von der Fahne winkt Sankt Fridli wohlgemuth, Als ob er mahnen wollte: »Was der euch sagt, das thut!« Bei Schneisingen erhebt sich noch heut die steile Fluh: Derselben Felsenzinne klomm jetzt der Venner zu. Und wie Magnet das Eisen, wie reine Fluth den Schwan, So lockt die theure Fahne des Landes Söhne an; Sie nah'n von allen Winden, sie kämpfen bald im Chor, Bald einzeln über Leichen sich löwenstark empor. Das seh'n die stolzen Ritter – und nach auf schwerem Roß, Und dann die feigen Knechte, ein ungeheurer Troß; Sie streben sämmtlich schnaubend, des Weges ungewohnt. Nach jener Felsenzinne, wo ihr Verderben thront. Denn horch, was kracht und donnert im dumpfen Wiederhall? Ist's etwa der Lawine verderbenvoller Fall? Nein, das sind Riesenblöcke, die von des Berges Rand Zermalmend in die Feinde der Hirten Faust versandt! Hei, wie der schwere Würfel, womit der Senne spielt. So manches Loos entscheidet, so manches Müthlein kühlt! Er düngt mit rothen Strömen den Boden, wo er rollt, Und schleudert den herunter, der erst herauf gewollt. Verwirrung packt und Grausen die Feinde ringsumher; Sie straucheln, heulen, weichen nach kurzer Gegenwehr, Doch in die offenen Reihen dringt, wie Gewitterschein, Mit Schwert und Kolb' und Lanze das Heldenvölklein ein. Ha, wie von seiner Schläge zermalmender Gewalt Die Helm' und Schädel krachen und taumelt Jung und Alt! Hier gilt nicht Gold, nicht Adel, da bettet sich der Knecht Dem Ritter kalt zur Seite, und so ist's eben recht. Doch, wie der Muth der Glarner so große Dinge schuf, Erdonnert durch die Schluchten ein kriegerischer Ruf, Und aus dem Schwyzerlande durch Eis und Frost und Schnee Erscheinen dreißig Freunde, getreu in Wohl und Weh. Und wilderes Entsetzen ergreift bei ihrem Nah'n Die erst noch wilden Stürmer; sie sind im Schreckenswahn, Es kämen hergezogen in voller Heeresmacht Die alten Eidsgenossen zur rächerischen Schlacht. Noch streben sie zu wenden das gräuliche Geschick; Vergebens! immer weichen sie wieder scheu zurück: Denn traun, der Herr der Schlachten vertheilt gerechten Lohn, Und zeigt den stolzen Rittern den Geist des Stadion. Und wie gewandte Mäder die Blumen niedermäh'n, Muß unterm Schwert der Glarner das Feindesheer vergeh'n; Schau nur, wie tausend Wunden das warme Blut entrinnt, Sieh, wie die Besten fallen und wilde Flucht beginnt! Drei Landenberge sterben – drei Schooß von jenem Baum, Den Unterwalden stürzte – in eines Gartens Raum; Er ward ihr Todtengarten, wie jener Wiese Plan Den dreißig Rapperswylern; die reih'n sich neben an. Herr Klingenberg , der Ritter, und seiner Knechte drei, Trotz der erprobten Klingen – und Ringgenberg , der Frei; Der tapfre Hans Bonstetten , der Thierstein stolz und kühn, – Wie starren kalt und schaurig sie aus dem jungen Grün! Mit Fünfzig von Schaffhausen sank, hart am Limmatstrand, Der Ulerich von Waldkirch , »Schönlöwe« zubenannt; Des Rheinfalls donnernd Rauschen vernimmt er nimmermehr. Nächst ihm hat sich gebettet der Sax mit Schwert und Speer. Auch vierzig Frauenfelder hat hier der Tod erreicht; Die lange Menschenmahde liegt ruhig und erbleicht; Zunächst bei ihnen schlafen auf blutgetränkter Flur Vierhundert Tockenburger und viel' aus Winterthur . Den prahlerischen Thorberg reißt's fort zu wilder Flucht, Er schleudert ehrlos von sich des Banners heil'ge Wucht; Auch Tockenburg und Montfort – mit wirren Augen sah'n Sie erst das Feld von Näfels – denn mit dem Rücken an. Das war ein wildes Jagen, ein Drängen, Hetzen, Keuchen! Jedweder sucht die Brücke von Weesen zu erreichen; Der Knecht kennt keinen Herrn: die Furcht vor gleicher Fahr, Den Hohen macht sie niedrig, den Niedern ehrfurchsbaar. Doch Allen eilt die Rache gewaltig hinterdrein, Die Flüchtigen zu haschen, dem Tode sie zu weih'n: Sieh' Helm' an Helme stürzen, und – schreckliches Gericht! – Wie dort die Rettungsbrücke mit Hunderten zerbricht! Wie selbst der Werdenberger im sichern Hinterhalt Mit Tausenden erzittert vor dieser Schlachtgewalt! Beglingen heißt das Dörflein und liegt auf einer Fluh, Von dort sah er dem Morden mit seiner Nachhut zu. Und dann – erfaßt von Aengsten, von Todesängsten bang, Eilt er mit seinen Schaaren dem Kirenzberg entlang; In jeder Glarnertanne erschaut er seinen Sarg, Bis endlich ihn die Veste von Grepa longa barg. Die frommen Glarner knieten nach ausgefochtnem Streit Vor Gott, dem ein'gen Herrn, dem sich ihr Dienst geweiht; Ihm und des Landes Schirmern, Sankt Fridolin , entbrennt Ihr Dank, und Sankt Hilario , nach dem sich Glaris nennt. Und Riesengräber gruben sie auf dem blut'gen Plan, Die füllten sie mit Leichen der Herrn und Diener an. Noch schaust die Todtenhügel du allernächst der Linth, Obgleich viel Ritterleichen herausgenommen sind. Eilf Angriffsteine zeigen dir noch zu dieser Zeit, Wo sich mit frischem Ringen der Löwenkampf erneut; Zu diesen Steinen pilgern noch jetzt mit frommem Sinn Am Jahrestag der Fehde die Glarnermannen hin. Und auch erzählt die Sage, daß in derselben Nacht Die Riesengräber bersten und ihnen still und sacht Entsteigen deren Geister, die hier das Volk erschlug, Und durch das Schlachtfeld schreiten in schauerlichem Zug. Voran Rutenums Mönche mit langem Silberbart, Ein dumpf profundis summend, je zwei zu zwei gepaart; Auf sie die edeln Ritter, die in Ruteno nun. Durch jene frischbegraben, im düstern Kreuzgang ruhn. Und drauf die andern Edeln, und all der Kämpfer Schwarm Mit den empfangnen Wunden in dumpfem, trübem Harm; Doch schlägt in Mollis drüben die Kirchenglocke Eins. Versinken All' im Hügel des eilften Angriffssteins. Hauptmann Arnold Schick von Uri in der Schlacht bei St. Jakob im August 1444 Der Himmel glänzte purpurroth Und purpurroth das Feld, Auf welchem ihren Heldentod Die Schweizer sich erwählt; Der Tag war heiß, das Lager hart, Doch strahlt's in ew'gem Glanz; Denn traun um jeden Schweizer starrt' Ein bleicher Feindeskranz. Die Riesenglieder lang gestreckt, Noch todt der Franken Graus, So ruhen sie, mit Preis bedeckt, Von saurer Arbeit aus; Noch manches letzte Röcheln rang Aus breiter Brust sich auf; Doch ungehört und still verklang Er in des Stromes Lauf. In Trümmer stürzt das Siechenhaus, Das manchen Tapfern barg; Ein schwarzer Schleier quillt heraus. Umrollt den Riesensarg ... Zu Birs, hinab die Leichenau, In rothen Wellen rinnt's ... Doch vor den bleichen Schweizern, schau! Entblößt sein Haupt der Prinz.... Und mitten unter Leichen ruht Der Hauptmann Arnold Schick , In seinem warmen Urnerblut, Mit fast gebroch'nem Blick, Zu Gott und Himmel betet er Und uns'rer lieben Frau, Wischt aus den Augen schlummerschwer Den rothen Todesthau. Da reitet Herr von Münchenstein . Der Frankenfreund, gemach – Das Herz voll Gift, den Kopf voll Wein, Dem Delphin lachend nach. Zunächst wo Arnold sterbend lag, Hält er und jauchzt erfreut. Den Fuchsbart streichend, »Gold'ner Tag! In Rosen bad' ich heut!« Drob rollt des Blutes letzter Rest In's Urnerangesicht; Die glimmen Blicke heftet fest Der Hauptmann auf den Wicht; Den nächsten Stein faßt er im Nu, Schwingt über'm Haupt ihn hoch. Und donnert laut dem Ritter zu: »» Friß diese Rose noch! «« Ha, wie der ungefüge Stein Auf Stirn und Nase schoß! Tief drang er in den Schädel ein – Der Ritter sank vom Roß. Dann lehnt' auf des Gefall'nen Brust Sein Haupt der Arnold Schick, Und sieh', in stolzer Siegeslust Bricht jetzt des Helden Blick. Benedikt fontana Dort, wo der Innstrom scheidend aus Rhätus Thälern stürmt, Den Thälern, grün sich kleidend, von Gletschern rings geschirmt, Genüberliegen Gauen – der Schweizer kennt sie wohl – Es sind die Berg' und Auen des freundlichen Tirol. Dort auf der Malserheide liegt ein Graubündnerheld, Der schuf mit scharfer Schneide aus ihr ein Erntefeld; Dort stritt er für's bedrohte geliebte Vaterland, Und sah vor seinem Tode noch, wie es frisch erstand. Fontana , reiche Quelle, du tränktest uns mit Sieg, Du, der auf Oestreichs Wälle, ein Todesengel, stieg; Ach wie du schrittst den Schaaren voran so muthiglich – Da kam ein Speer gefahren, der traf durchbohrend dich. Doch rissest rasch zur Stunde heraus die Lanze du Und hieltest dir die Wunde mit deiner Linken zu. Und von der Rechten Streiche sank Mancher noch zerspellt: So tödtet eine Eiche oft den, der sie gefällt! Dann fing es an zu schwanken um dich, du Tapfrer, her; Es folgte den Gedanken der matte Arm nicht mehr, Du rief'st, und sank'st darnieder auf den erstürmten Wall: » Laßt Euch nicht irren, Brüder, des Einen Mannes Fall! « Sie ließen sich's nicht irren, wie sehr's ihr Herz zerriß,- Die Bündnerspeere schwirren in den gemachten Riß. Die Bündnerschwerter sausen in's Herz der Feinde tief, Die dort zur Flucht ein Grausen und hier zum Tode rief. Fünftausend Feinde deckten das Schlachtfeld Hauf' an Hauf'; Die Siegesjubel weckten den Helden nicht mehr auf; Doch ob sein Leib verweset, sein Grab verloren sei – Euch, die ihr dieses leset! euch lebt er ewig frei. Der Traum Mir träumte jüngst von einem Strom, Wie ich noch keinen kannte; Um den der ganze Himmelsdom Die hehre Kuppel spannte; Gleich Silber schoß die stolze Fluth Von unsichtbaren Hügeln; Und Sternenglanz und Sonnengluth Sah ich im Strom sich spiegeln. Und sieh', aus unbekanntem Land Erschien ein schöner Nachen, Ein Knabe , der am Ruder stand. Befuhr den Strom mit Lachen, Die Woge, die ihn hergebracht. Sie hätt' ihn auch begraben: Allein der Mutterliebe Macht Beschützte treu den Knaben. Und eine zweite Woge kam Hellrauschend hergestossen; Da war der Knabe wundersam Zum Jüngling aufgeschossen. Der Strom erglänzte frühlingsmild. Als ob er Blüthen triebe. Und d'rüber schwebt ein Engelsbild: Das Bild der ersten Liebe. Und eine dritte Woge kam. Gleich Wettersturm aus Norden; Da war der Jüngling wundersam Ein ernster Mann geworden. Er lenkt den Nachen fest und kühn, Wie auch die Woge zürne, Denn Gattenliebe kräftigt ihn Und kühlt ihm Brust und Stirne. Und eine vierte Woge kam, Die drohend sich entfaltet; Da hat der Mann sich wundersam Zum Silbergreis gestaltet. Die Woge schnob, das Schiff zersprang; Ihn schien es nicht zu kümmern; Doch Kindesliebe weinte lang An seines Kahnes Trümmern. Allein die gleiche Woge trug Aus dunkler Wasserwüste Den Redlichen im Windesflug An Edens Blumenküste, Nicht zürnt er Wog' und Felsenwand, Die seinen Kahn zerschlagen; Der sollt' ihn ja zum Heimatstrand; Und nimmer weiter tragen. Und keine fünfte Woge kam, Ihn weiter zu gefährden. Ich sah den Alten wundersam Zum lichten Engel werden. Mild lächelnd schaut von oben Er, Wie man sein Schiff begrübe; Und gleich dem Aar im Sonnenmeer, Schwamm er in Gottes Liebe . Lebensbilder Bald glückverwöhnt, bald Raub des Schmerzens Starrst blind du in die Welt des Herzens, Wo Wunder sich an Wunder drängt; Umringt von wechselnden Gestalten, Die herrschend mit dir selber schalten, Lebst du von dichtem Flor umhängt. Zerrissen ward mir früh die Binde, Es schmückte schon dem zarten Kinde Geheimnißvoll sich das Gemach. Zwei heil'ge Sterne sah ich lächeln. Zwei weiche Hände fühlt' ich fächeln, Und alle Sinne wurden wach. Die Kammer ward zum Paradiese; Voll Schmetterlinge hing die Wiese – Bis an die Brust wallt' ich im Gras; Ein freudig Jauchzen allerwegen Und Schmelz und Duft quoll mir entgegen, Wo ich nur ging und stand und saß. Den blauen Himmel sah ich leben, Sah Engel auf- und niederschweben, Ihr Kosen hört' ich früh und spat; Sie zeigten mir mit weißen Fingern Den lieben Heiland sammt den Jüngern, Hinwandelnd durch die gold'ne Saat. Ich wuchs. Die Räume wurden größer. Bald schaut' ich Dörfer, Städte, Schlösser, Sah Menschen, Völker, Land um Land; Ergriff das Neue stets mit Feuer, Doch blieb mir über Alles theuer Der Ort, wo meine Wiege stand. Denn, weilt' ich nahe, schweift' ich ferne – Dort leuchteten die beiden Sterne, Die mir zuerst gestrahlet klar; Und and're liebe Sterne schlossen, Als treue, freundliche Genossen, Sich um der ersten lichtes Paar. Mich zog's zurück an tausend Fäden; Bald hört' ich alle Stimmen reden: Willkommen! scholl's aus Busch und Baum Und Orgelklang und Blüthenregen, Geschwisterliebe, Elternsegen Erquickten mich nach langem Traum. Aus zarten Wolken, Blüthenzweigen, Sah ich die Engel wieder steigen In der Verklärung hellerm Licht; Der schönste küßte traut und innig Mir Stirn und Mund und reichte sinnig Mir Lorbeer und Vergißmeinnicht. Und lehrte mich der Bäume Rauschen, Der Vögel Sang versteh'n, belauschen, Erklärte mir die Sternenschrift, Verklärte meiner Seele Tiefen Und lockte Blumen, welche schliefen, Auf meines Daseins grüne Trift. So blieb ich gleich und ward ein And'rer. Der Engel zog den jungen Wand'rer In einen Tempel: »Horch und schau!« Ein donnernd Lied hört' ich Betäubter, Altäre schaut' ich, deren Häupter Sich tauchen in des Himmels Blau. Das schlanke Opfer, ohne Fessel, Sprang selbst heran. Dem Riesenkessel Entfloß der jungen Ströme Schwall, In Marmorschalen weit sich breitend, Die – grünend, blühend, duftend, läutend – Umschlang der Alpen heil'ger Wall. »Hier opf're deinem Vaterlande!« Rings rauschten Fahnen, Lichtgewande; Anbetend sank ich auf die Knie. Was in der alten Zeit geschehen – So tief empfunden, klar gesehen – O Gott im Himmel! hab' ich's nie. Noch lag ich schauernd auf den Stufen; Da hört' ich eine Stimme rufen: »Jetzt waffne dich und sei ein Mann !« Und schwarze Wolken sind gekommen, Des Aufgangs Sterne, ach! verglommen – – Die erste, heiße Thräne rann. Und Stern um Stern sah ich erblassen, Und aus den düstern Wolkenmassen Schoß wetterleuchtend Strahl um Strahl; Die Flamme schlug an's Herz; mir lohnend Und Wesen – lockend bald, dann drohend – Umschwirrten jetzt mich ohne Zahl. Und was der Engel mir bescheeret: Die blaue Blüthe, ward verzehret, Den Lorbeer raubte mir der Wind; Ich glitt, als der Orkan ertoste. Der Engel blieb mit Rath und Troste: »Kämpf' als ein Mann, vertrau' als Kind! Wird auch, was ich dir gab, zu Staube – An mich, an mich, die Liebe , glaube, Die ihre Blüthen stets verjüngt; Die Ewigkeit ist allem Schönen. Du mußt den Staub dir abgewöhnen, Der deinen klaren Blick verschlingt. Nicht die Erscheinung, die du hegtest – Nein, was du in sie niederlegtest, Ist gut und schön, und schwindet nicht; Klag' nie um Körper, welche starben. Verehre weislich statt der Farben, Was sie bedingt, das heil'ge Licht.« Wie Himmelsthau die welke Blüthe, Traf solche Rede mein Gemüthe; Die Blicke hob ich trostgewiß – Sah still, wie sich die Wolken ballten, Sah sie von höhern Mächten spalten, Und Sterne strahlen durch den Riß .... »Sie sind's, die ich erloschen wähnte!« Ich schlug das Auge, das bethränte, Zu Boden, voll von Reu' und Scham: »Wie ging ich selber denn verloren? Zur Erde kehrt, was sie geboren, Zum Himmel, was vom Himmel kam.« Und als ich gläubig so gesprochen. War mir ein Morgen angebrochen – Schön, wie er einst dem Kind erglüht. Voll Sang und Klang und Blüthenregen, Voll Freundschaft, Liebe, Elternsegen: Es war der Himmel im Gemüth. Bergfahrt Wo die blaue Enziane Mit dem Bergvergißmeinnicht Auf dem grauen Felsenzahne Ein vertrautes Wörtchen spricht; Wo aus dunkelm Blättergrün – Flammen gleich im Fichtenwalde An des Grates schroffer Halde, Tausend Alpenrosen glüh'n, Klopft das Herz so frei, so kühn! Firnenluft, um dich zu trinken. Klimmen wir auf rauhem Steig Zu der Neige Höh'n und Zinken Ueber Schlucht und Felsenzweig. Da stand ja der Berge Geist, An der Freiheit Riesenwiege, Und erzog sie für die Siege, Die noch heut die Erde preist. Habe Dank, du guter Geist! Wo die blaue Enziane Mit dem Bergvergißmeinnicht Auf dem grauen Felsenzahne In geheimen Lauten spricht; Spricht wohl auch zum großen Geist Gern ein schweizerisch Gemüthe, Wir sind oben – zieht die Hüte, Und, von Firnen hehr umkreist, Dankt dem guten, großen Geist! Klage und Trost Es ist ein Traum, den alle Menschen träumen. Und eine Lust, die jedes Herz empfand; Der Hoffnung Blüthen duften von den Bäumen, Ein reiner Himmel wölbt sich über's Land... Doch ist's ein Traum; er stirbt in seinen Keimen, Dem Rasen gleich in heißem Wüstensand. Kennst du den Traum und seine Seligkeiten? Es sind der Jugend wonnevolle Zeiten. Hast du des Adlers kühnen Flug gesehen? Hoch über alle Berge braust er hin; Und hörtest du der Eiche stolzes Wehen? Zu jenen Wolken stieg ihr frisches Grün. Der Adler sank herab von seinen Höhen, Die Eiche brach, die unzerstörbar schien... Es flieht die Zeit und ihre Blüthen fallen, Und traurig steht das Leben vor uns Allen. Trink immerhin aus ihrer gold'nen Schale Den Mohntrank, welchen dir die Jugend reicht, Träum' immerhin den Traum der Ideale, Bis dich die kalte Wirklichkeit beschleicht. Bald drängt die Sorge dich vom Freudenmahle, Von herben Leiden wird dein Auge feucht – Und Nichts blieb dir von jener schönen Jugend, Als die Erinnerung nur und deine Tugend. Bewahr' sie treu in deines Herzens Tiefen, Als das Vermächtnis einer theuern Zeit! Doch jene holden Stimmen, welche riefen: »Einst reist die Blüthe, die dich jetzt erfreut, Und Segen wird auf deine Saaten triefen...« Sie bleiben deinem Zweifelsturm geweiht. Du trittst in's Leben – sieh', das Leben richtet – Und deiner Hoffnung Keime sind vernichtet. Ja, es verbleicht, gleich jenem Rosenschimmer, Der scheidend erst am Horizonte hing; Und blutend birgt das Herz die letzten Trümmer Der schönen Welt, die es mit Lust umfing; So warm, wie damals, schlägt es wahrlich nimmer; Des süßen Wahnes Nebelbild verging – Die Liebe stirbt ... es kommen finst're Pflichten, Um ihr ein Kreuz als Denkmal aufzurichten. Auch ich ließ von der Hoffnung mich verlocken. In stolze Träume wiegt' ich mich so gern! Auch ich erwachte dann, und sah erschrocken Von dem geträumten Paradies mich fern; Die kalte Wahrheit streute ihre Flocken Und fernhin schwand des Irrthums Wandelstern. O nimm mein Liebstes, Schicksal! meine Lieder, Nur jene gold'nen Träume gib mir wieder. Mag's thöricht sein, die Binde zu verlangen. Die unserm Aug' des Tages Licht verhüllt – O, jene Täuschung, die mich einst umfangen, Sie war so süß, so wonnevoll, so mild! In ew'gen Reizen schien die Welt zu prangen, Und meine Phantasie erschuf ein Bild – Ein Himmelsbild in jenen Weihestunden ... – Im Außenleben hab' ich's nie gefunden. Nie werd' ich's finden, nie es warm umfassen, Das Ideal, dem meine Sehnsucht ruft, Die Erde scheint das Himmlische zu hassen: Sie liebt die Blume nur und nicht den Duft. Die Menschen werden, leben und erblassen , Sie essen Staub und sinken in die Gruft – Dann haben sie gelebet und genossen Und ihre Erdenrechnung ist geschlossen. So laß uns denn den Blick gen Himmel richten, Wo's, wie in uns, so ahnungsreich erglüht! Dort über'n Sternen soll die Nacht sich lichten, Wenn uns're Lebensblume abgeblüht, O ahnungreiches Hoffen, süßes Dichten! Wenn nur dein stilles Lämpchen nie verglüht! Doch nein! der Gott, der eine Welt gegründet, Hat's nicht umsonst verheißend angezündet. An meine Brust Wo bist du, stilles Plätzchen, wo? An welchem einst mein Lebenskahn, Nach langer, wechselvoller Bahn, Geborgen liegt. Ich frage froh: Wo bist du, stilles Plätzchen, wo? Genesungsort, wo bist du, wo? Der endlich dieses müde Herz, Von Gram gedrängt, zerfleischt von Schmerz, Mit Erde kühlt. Ich frage froh: Genesungsort, wo bist du, wo? Wo bist du, ernste Pforte, wo? Durch die mein Wesen, leicht beschwingt, Zum heil'gen Born des Lichtes dringt? Der Leib zerstiebt; doch frag' ich froh: Wo bist du, ernste Pforte, wo? Wo bist du, Garten Gottes, wo? In dem die Freundschaft einst bethränt Das Haupt an meine Urne lehnt, Und mein gedenkt? Ich frage froh: Wo bist du, Garten Gottes, wo? Wo bist du, theures Plätzchen, wo? Das sich den edlen Ruhm gewann: »Hier liegt ein tugendhafter Mann!« O sei mein Grab! Dann frag ich froh: Wo bist du, theures Plätzchen, wo? Frühlingsahnung Der Winter schüttelt stumm das Haupt, Er fühlt der Stärke sich beraubt; Er strengt sich an – es fruchtet nicht. Sein Schnee zerschmilzt, sein Eis zerbricht – Und was er mühsam sonst gethan, Natur mit Banden zu umfah'n, Das muß nun, flüssig aller Enden, Den Frühlingskeimen Nahrung spenden. Schon künden rings die Märzenglocken: »Sie eilt dahin die Zeit der Flocken; Mit Klang und Duft und Farbenschein Zieht bald der Frühling wieder ein!« So, in des Lebens Sturm und Drang Verkündet uns der Glocken Klang: Es sei des ew'gen Frühlings Prangen Auch wieder Einem aufgegangen. Im Sommer Der Tag ist schwül und Wolken zieh'n Schwarzgrau am Rand der Berge hin; Jetzt jagen sie sich wild und graus Und breiten sich am Himmel aus. Bald bricht der Blitz aus ihrem Schooß In rothen Feuerströmen los; Der Donner rollt, es braust der Sturm, Der Firn erbebt, es stürzt der Thurm. Doch fest im Sturme steht der Mann, Wenn auch der Blitz ihn treffen kann; Er blickt voll Klarheit himmelwärts, Und heil'ges Staunen fühlt das Herz. Und wenn das Wetter sich gelegt Und alles Leben frisch sich regt. Im Sonnenlichte Busch und Baum Sich schütteln, wie nach schwerem Traum; Wenn Alles sichtbar fast gereift. Wenn Segen sich auf Segen häuft; Dann spricht der Mann mit frommem Muth: Der Herr ist auch im Sturme gut! Im Herbst Der Winter naht, ein rauher Nord durchzieht Die welken Bäume, ach, und Laub für Laub Entsinkt den Zweigen. Alles Leben flieht. Und was das Herz erfreute, wird zu Staub. Die Lerche schweigt, längst schwieg die Nachtigall. Tief hinter Nebeln weilt der Sonne Licht; Die Heerde selbst, die sonst am Stromesfall Sich Moos und Kräuter suchte, siehst du nicht. Aus Millionen Kinderleichen webt Die Mutter Erde sich ihr Sterbgewand, Bald unter Sturmesbrausen ach, begräbt Der bleiche Seraph sie mit kalter Hand. Was engt die Brust? Was treibt die Seele hin, Gleich seinen Vögeln, in ein fernes Land? Ach, in ein Land, wo um des Lenzes Grün Die Ewigkeit den Kranz der Dauer wand! O Sehnsucht, die auf Glockentönen du Uns weinend zwischen Erd' und Himmel trägst; Im Blick auf Gräber unser Herz zur Ruh', Im Blick nach oben es zur Lust bewegst! Du, die, wenn uns der Seele Liebling stirbt. Der Wehmuth Thau in's düst're Auge träuft; Du, die uns für ein bess'res Leben wirbt; Ach du, in deren Strahl die Hoffnung reift. Und uns mit heil'gem Ahnungsschauer füllt, Der jede bange Todesfurcht entfernt; Du sprichst zum Gram, der uns in Wolken hüllt, Daß unser Loos den Wechsel einst verlernt. Ja, ob auch Alles um uns her verblüht, Und ob wir selbst, wie welkes Laub, verwehn; Der Heimatsbrief im sehnenden Gemüth' Verbürgt uns Auferstehn und Wiedersehn. Der Schweizer muß singen Dem Schweizerknaben ziemt Gesang: Vor eines guten Liedes Klang Flieht all' der wilde Bubenscherz, Erschließt sich ahnungsvoll sein Herz, Und wie ein milder Frühlingsschein Ziehn seines Hochlands Geister ein. Dem Schweizerjüngling ziemt Gesang: Es stürmt ihn auf zu Thatendrang. Schau, wie des Schlachtenliedes Geist, Gleich Wettersturm ihn vorwärts reißt; Da rollt die Stimme riesenhaft, Das ist der alten Ahnen Kraft. Dem Schweizermanne ziemt Gesang; Ernst, wie sein Aug', fest, wie sein Gang; Er singt, des Höchsten klar bewußt. Aus starker, ruhevoller Brust, Und singt er donnernd, singt er weich, Des Liedes Quelle bleibt sich gleich. Dem Schweizergreise ziemt Gesang; Er bleibt sich treu sein Leben lang. Und scheint er kalt und bebt sein Arm, Im Herzen sitzt es jung und warm. Und wie aus hallenreichem Dom Entrauscht ihm dumpf des Liedes Strom. Euch, Schweizerfrauen, ziemt Gesang: Schlingt nicht der Anmuth holder Zwang Sich um die Kraft und wandelt sie Zur allerschönsten Harmonie? Und Frauensang, zu Männersang Stimmt wie zu Bergsturm Glockenklang. Uns Schweizern allen ziemt Gesang. Wen je der Freiheit Hauch durchdrang, Wer einmal nur im Alpenland So schöner Heimat Glück empfand, Wer je die Hände dankend hob, Der sing' des Vaterlandes Lob! Wasserfahrt Auf des See's sanften Wogen Gleitet unser leichte Kahn; Wie des Himmels weiter Bogen, Blau und klar ist seine Bahn. Sieh', der Wimpel flattert munter. Prangt in Farben manigfalt; Ruder tauchen auf und unter. Und der Schiffer Jubel schallt. Traun, wie hier Vereinte gleichen Einem häuslich frohen Bund; Anker thun und Wimpelzeichen Aller Freud' und Hoffnung kund; Blau der Himmel, klar die Fluthen – Lieb' als Steuer, Glaub' als Mast; Froh die Fahrt – die Fahrt der Guten Ist ja immer fröhlich fast. Bergeshöhe Wie steh'n in tiefem, tiefem Blau Der Berge Höh'n so heiter! Es steigt empor ihr Riesenbau Gleich einer Himmelsleiter. Zum Silbergipfel zieht's uns fort; Es ist, als steh' der Himmel dort Mit Allem, was wir hoffen. Uns offen. Allein schon Mancher fühlt' und sah Wie rauh der Pfad sich windet; Kaum daß der Waller hie und da Ein Alpenröschen findet, Doch wer mit Willenskraft und Muth Auf steiler Fahrt das Seine thut. Der schaut bald, lichtumwoben. Von oben. Er schaut die Länder ringsumher, Sieht ihre Ströme fließen; Die traute Heimat findet er Tief unter seinen Füßen, Dann hebt er seine Blicke klar Und nimmt die bess're Heimat wahr, Sieht ihre blauen Weiten Sich breiten. Wie sich nun all' des Steigens Müh'n In Leib und Geist verwischen! Und wie die blauen Wogen ihn, Die Himmelslüft' erfrischen! Wie tief und innig fühlt er jetzt.- Wer redlich will , wird auch zuletzt Das Ziel in jenem Leben Erstreben. Der Weltlauf Ein Baum mit Aepfeln voll und schwer Stand auf der Ebne winkend; Ein armer Pilger kam daher. Vor Hunger fast versinkend. Er schüttelt' hastig, doch gewann Er nichts bei dem Geschäfte; Den Baum erklettern wollt' er dann. Doch fehlten ihm die Kräfte. Nun wankt' er fort in tiefem Gram, Fort durch die dürre Heide; Kaum war der Arme weg, da kam Ein Mastschwein von der Weide. An's Schattenplätzchen unter'm Baum Will es die Treber tauschen; Doch ist es hingelagert kaum, Beginnt der Wind zu rauschen. Am Boden dehnt die Sau sich faul. Lugt grunzend zu den Aesten, Die Aepfel fallen ihr in's Maul, Und zwar die allerbesten. Verhängniß Auf zur Sonne blickt die Gegne Mit den welken müden Augen: Sieh', mich dürstet, ich verschmachte; Sag' der Wolke, daß sie regne! Und die Sonne sagt's der Wolke. Nein! läßt diese dumpf sich hören, Soll ich denn für fremdes Leben Stets mein eigenes zerstören? Fester ballt sie sich zusammen. Regt gewitterhaft die Schwingen. Was in Liebe sie nicht thun mag. Muß im Zorne sie vollbringen. Eulenweisheit Der Geier senkte sich zur Erde Bei lichtem Vormittag, und trug Frech mitten aus der frommen Heerde, Ein Lamm heraus in raschem Flug; Drauf zwischen Felsen stürzt er's nieder, Daß er's zerfleische, grausam nieder. Und wie er da mit scharfer Klaue Im warmen Eingeweide wühlt, Naht sich ihm rasch und leis' der schlaue, Verweg'ne Jägersmann und zielt – Und mit gelähmtem Schwunggefiedér Sank der getroffne Räuber nieder. Als dies dem Uhu ward berichtet, Der noch in finst'rer Spalte hing, Sprach der! »Er hat sich selbst gerichtet; Was war er auch so dumm und ging Bei Tag am Raube sich zu mästen? Nachts stiehlt und mordet sich's am besten!« Höhe und Niedrigkeit Klagend schaut ein Regentropfen Aus der Nachtviole Schooß; »Ach, wie tief bin ich gesunken, Und wie niedrig ist mein Loos!« Und die Sonne hört ihn klagen, Reckt hinein die Strahlenhand, Zieht empor ihn hoch und höher Ueber alles Erdenland, Giebt ihn drauf dem Gletscherwinde, Der ihn wie mit Tod durchschauert. Oben starrt jetzt eine Flocke Und ein Veilchen unten trauert. Alfons von Flugi Der Brautzeuge Grafensohn und Hirtin ruh'n im kühlen Weidenschatten an des Baches Rand! Ihre Herzen schon bei Kinderspielen Fest die Liebe aneinander band;                   Wollen Hochzeit nun,                   Wie die Kinder thun, Halten, geben sich die kleine Hand. »Aber wenn du gross und reich bist, Lieber, Denkst wohl nicht mehr an den Kindesscherz!« – »Weißt doch, daß ich niemals Jemand lieber Hätt' als dich, und dir auch bleibt mein Herz.« –                   »Ja, so wollen wir                   Uns versprechen hier, Schönen Ernst zu machen aus dem Scherz.« »Aber, Theurer, bei dem Ehversprechen Sollte däucht mich doch ein Zeuge sein.« – »Will von dieser Weid' ein Zweiglein brechen Und als Ring dir thun an's Fingerlein.« –             »Zweiglein welkt und bricht             Gar zu leicht; drum nicht Kann es uns ein guter Zeuge sein.« – »Wie's mich hat erschrecket! – Hast gesehen Dort das Schlänglein kriechen schnell vorbei?« »Schlänglein, Schlänglein, lieblich anzusehen Unsrer Beider Liebe Zeuge sei;             Kommest wie bestellt,             Haben dich gewählt, Uns zu mahnen an versprochne Treu!« – Sind seitdem verflossen lange Jahre, Hat der Graf vergessen ganz und gar Sein Versprechen; kniet den Kranz im Haare, Bei ihm eine Andre am Altar;             Und die Hirtin treu             Stehet bang und scheu Dort in der geschmückten Schwestern Schaar. Und der Priester hat es schon gesprochen, Auf den Lippen schwebt, dem Paar das: »Ja«, Plötzlich sind die Reihen da gebrochen Schaurig drohende Gefahr ist nah.             Durch den Kirchengang             Rollet eine Schlang', Groß wie man noch niemals eine sah. Wie die Farben schillern, Kämme wogen! Wie sie züngelt, wie die Augen glühn! Zum Altar in stolzgehobnen Bogen Zieht sie durch die stumme Menge hin;             Wie der Graf sie schaut             Wird' im Herzen laut Ihm Erinn'rung an die Schäferin. Gleich hat er die rechte Braut gefunden, Führt sie freudig zum Altare fort, Kündet laut, wie sie sich einst gebunden, Wie er jetzt nur lös' gegebnes Wort;             Frei der Zeugenpflicht             Weilet länger nicht Die geheimnißvolle Schlang' am Ort. Das Prättigau Es braust die wilde Landquart durchs Thal in stürmendem Lauf, Da steigen von beiden Seiten die grünen Berge auf,         Mit Dörfern, Gärten, Höfen und Alpen mannigfalt,         Dazwischen Aecker und Wiesen, und Bäume und Fels und Wald. Das ist ein kräftig Leben, das ist ein frisches Blüh'n, Die Wiesen und die Weiden so kräuterreich, so grün, Und all der kühlenden Bäche weißes, blaues Band; Wie wär' es nicht mit Rechten das Wiesenthal genannt? Der Ritterburgen Trümmer im dunkeln Epheukranz, Im rosigen Morgenlichte der weißen Firnen Glanz,         Der Berge schroffe Spitzen, so kahl, so altersgrau,         Wohl sehnend hinab sie schauen zur heitern grünen Au. Und ringsum weit erschallet ein friedereicher Klang, Der Heerdenglocken Läuten, der Hirten froher Sang;         Und ringsum weit erschallet, wenn kaum die Nacht entflieht         Der Sensen lustig Klingen, der Mähderinnen Lied. Du Land der sonnigen Wiesen, der kühlen Waldeslust, Wie ziehst du starke Kinder auf an der freien Brust;         Die Männer fest, wie Felsen, mit löwenkühnem Muth,         Die Frauen frisch und blühend, wie Alpenrosengluth. Das ist ein Land der Dichter: da geht wie Mondenstrahl Ein leises Geisterwehen zaubervoll durch's Thal.         Da webt um Wirklichkeiten so blühend und so hold         Die lichten, leichten Schleier der Sage Abendgold. Dort springt vom Fels ein Ritter auf feuerschnaubendem Roß Dort wallt ein holdes Fräulein nächtlich durch's graue Schloß,         Dort sieht man auf den Alpen im Nebel Sennen gehn,         Und unten im grünen Thale die Jungfrau von Schanen. Und in den Höhlen wohnen der wilden Männlein viel, Schwarzlockig, bräunlich, blitzschnell treiben sie dort ihr Spiel,         Und unten schaurig wandelt des Todtenvolks Gebraus,         Sie gehn zu Nacht, wie Schatten, die Dörfer ein und aus. Es springen Quellen perlend aus tiefem Wiesengrund, Da kommt aus fernen Thälern, wer werden will gesund;         Ich meine nicht besser treff' es, wer lüften will die Brust,         Als auf den sonnigen Wiesen, in kühler Waldeslust. Das ist ein Thal der Wunder, der hehren Alpenpracht, In das die liebe Sonne am liebevollsten lacht;         Doch fehlt die beste Perle in ihrem lichten Kranz,         Die glänzt wie eine Thräne schimmernd in Himmelsglanz. Es drang durch heitre Lüfte ein reiner Harfenton, Der Klang von Lenz, von Freiheit, von süßem Minnelohn;         Es glänzte am klaren Himmel ein wehmuthsanfter Stern,         Der tauchte in den Aether so still, so erdefern. Der Ton der ist verklungen, der Stein der fiel herab; Auf Seewis in dem Kirchhof da steht ein grünes Grab;         Dort schwieg des Tones Klingen, dort losch des Sternes Gluth;         O laßt den Dichter ruhen; dort ruht es sich so gut. Augustin Keller Auf der Gislifluh          Fremder Was thürmt sich dort in blauer Ferne Die Riesenschaar im Bogenkreis? Sie flimmern hell wie Wandelsterne, Und stehn doch strack und starr wie Eis.          Führer Das ist von Dichtern hochgepriesen, Der grauen Alpen altes Heer; Der Himmel hat den mächt'gen Riesen Geschmiedet Helm und Schild und Speer, Drum siehe, blinken sie so sehr.          Fremder Was glänzt wie blanke Silberfaden, Im grünen Grund gewoben, hier, Worin sich Thal und Hügel baden Und holen ihre Blumenzier?          Führer Das sind die Bäche und die Flüsse, Die wirken ohne Ruh und Rast; Dem Lande bringen ihre Güsse An Gold und Silber schwere Last; Drum glänzen sie mit solchem Glast.          Fremder Weß ist der reiche, schöne Garten, Wo Hügel grün an Hügel schwillt, Und Lust und Segen aller Arten, In Tiefen und auf Höhen quillt?          Führer Das Land gehöret einem Volke, Deß frohes, freies Schweizerblut Bei Sonnenschein und Regenwolke In Haus und Felde nimmer ruht; Drum blüht der Garten auch so gut.          Fremder So sind das, denk ich, Schattenhaine, Die in den Thalen blühend stehn; Das Gartenhäuser, wie ich meine, Die ringsum ab den Bergen sehn?          Führer Nein, Dörfer sinds in grünen Bäumen, Und frohe Städtchen allzumal, Und Burgen das mit öden Räumen; Einst hausten Herren drin im Saal, Nun stehn die Mauern wüst und kahl; Die Herren wohnen jetzt im Thal. Der Hallwyler See Da glänzt der alte blaue Spiegel, In den der Hans von Hallwyl sah; Der Held ruht unter Stein und Riegel, Der Spiegel ist noch immer da. Und sieh', in ihrer Hauben Glanze Sah'n mit ihm auch Gletscher drein; Der Held erlag dem Todtentanze, Die Gletscher schaun noch immer drein. Was schaut ihr denn so lang hinunter? Korallen find't ihr drinnen nicht, Doch tausend Fischlein froh und munter In stiller Freiheit Lust und Licht. Die Ufer kränzen sich mit Eichen, Und Wasserrosen gelb und weiß; Und was von selbst sie nicht erreichen, Das zwingt des Landmanns treuer Fleiß. Und höher an den frischen Hügeln, Wie legt sich Kranz auf Kranz im Kreis! Gefilde, Matten, Reben spiegeln Im See, und Blust an jedem Reis. Und sieh', im Kranz die mächt'gen Sträuße, Die Dörfer traut im Apfelwald, Draus je ein Tempel Gott zum Preise Als goldne Immortelle strahlt! Und nieder, nicht auf hohen Stegen, Da ruht des alten Helden Schloß; Da schliff er still den guten Degen Und tränkte still am Bach sein Roß. Drum glänze, alter blauer Spiegel, In den der Held von Murten sah! Erbrich der Grabes morschen Riegel, Und bring sein Bild uns wieder nah'! Der Heimatlose Von Dorf zu Dorf bin ich gejagt, Mit Weib und Kind durch Sturm und Schnee, Von Frost und Hunger durchgenagt, Gescheucht, als wie des Waldes Reh, Und preisgegeben jedem Weh. Verstoßen aus der Menschheit Schooß, Erbarmt sich keine Seele mein; Der Wald nur beut mir Reis und Moos, Das Wild nur läßt mich fromm herein, Der Mond nur giebt mir Lampenschein. Und bricht die kalte Nacht herein, Schließ ich die Kindlein in den Arm, Die laut nach Brod und Bettlein schrei'n, Und weine sie am Herzen warm, Und fühl' mich arm zum Gotterbarm. O Menschenbrüder, kommt herbei! Und sehet euer Bruderbild, Und hört der Kindlein Blutgeschrei, Das härter euch, als Wald und Wild, Und wilder, als Barbaren schilt! Tango Um 800 Im Kloster lebte zu St. Gallen Ein Meister vor den Meistern allen. Er goß, in jedem Ding gewandt, Die ersten Glocken auch im Land. Als Kaiser Karol das vernommen. Ist er selbst zu ihm ins Kloster kommen. Er hörte der Glocken vollen Klang; Sie mußten ihm ziehen jeden Strang. Drauf ließ er sich auch eine gießen, Und einen Zentner Silber fließen. Doch Tango verbarg das Silber schnell, Und mischte Kupfer an dessen Stell'. Sonst ward die Glocke schön vollendet, Und jede Zeit an sie verschwendet. Der Meister freut sich still der List, Hängt sie zur Probe ins Gerüst. Und steht, sie innen zu beschauen, Sogleich darunter voll Vertrauen. Doch sieh', er fand drin sein Gericht, Die Krone reißt, und springt und bricht. Die Glocke stürzt ins Loch zurücke, Und bricht dem Meister das Genicke, Da sprach der Abt, er sprach's nicht gern: »Das Unrecht schlägt den eignen Herrn!« Die Brücke bei Bischofzell Um's Jahr 1360 Wer steigt vom Schlosse nieder? Wer ist das kühne Paar? Wer sind die jungen Ritter dort mit dem blonden Haar? Es sind die beiden Brüder, die Herrn von Hohenzorn, Der eine trägt die Falken, der andre bläst das Horn. Die Ritter wollen jagen im Walde hochgebäumt, Wo tief im wilden Thale die Thur durch Felsen schäumt; Sie setzen durch das Wasser und steigen aus dem Kahn; Sie schreiten in die Tannen und streifen durch den Plan. Und sieh', die Falken steigen, es flieht der Auerhahn; Die Hörner wiederhallen, die Hunde schlagen an: Die Rehe und die Hirzen, sie flieh'n durch Busch und Bach; Die Hasen und die Häslein, der ganze Wald wird wach. Die flinken Jäger zielen und machen guten Fang; Es wird von ihren Würfen jedwedem Wilde bang; Da that sich Gott erbarmen der Thiere in dem Wald: Ein rabenschwarz Gewitter erhebt sich alsobald. In Splitter schlug er Eichen, der Regen floß wie Meer, Aus jedem Tobel rauschte ein wilder Strom daher; Die Thierlein haben Ruhe, den Jägern wird es graus, Sie greifen nach der Beute und kehren bang nach Haus. Die Thur ist angeschwollen und furchtbar ihre Wuth; Im Grunde wälzt sie Felsen, und Tannen auf der Flut; Die Ritter stehn am Ufer und sehn den Gräuel an, Sie lösen kühn die Kette und steigen in den Kahn. Sie kämpfen mit den Wogen und treiben frisch hinaus; Sie halten mit dem Strome auf Tod und Leben Strauß; Da faßt ein Baum den Nachen und reißt ihn in den Grund, Und wirbelt auch die Ritter hinunter in den Schlund. Die Mutter sieht im Schloße der Söhne letzte Noth; Ihr Jammer ist vergebens, man bringt ihr beide todt; Die Falken fliegen traurig um ihre Herren her. Und trostlos klagt die Wittwe, hat keine Söhne mehr. Ein Kloster will sie bauen, wo sie das Leid erlitt; Da sprach der Schloßkaplan! »Frau, Ihr helft Niemand damit;. Wer betet je für Kinder baß, als ein Mutterherz, Schützt lieber andre Mütter vor Eurem eignen Schmerz!« Da rief die edle Mutter zwei Meister gleich herbei, Und ließ die Brücke bauen, von Zoll und Weggeld frei. Und einen Denkstein setzen am Fluße dort zur Stell, Seit bald fünfhundert Jahren beim Städtchen Bischofzell. Niklaus Thut Gen Sempach zog für Oestreichs Macht Zofingens Fähnlein in die Schlacht, Das Fähnlein aber trug mit Muth Voran der Schultheiß Niklaus Thut. Bald war mit Schwert und Hellepart Ihr Harst um Leopold geschaart. Bald standen sie zum heißen Streit In grünem Wiesengrund gereiht. Bald brachte aus des Waldes Nacht Der Feind die wilde Männerschlacht. Bald schien dem Adel, felsgekeilt, Glorreich schon gar der Sieg ereilt. – Da kam der Eidgenossen Heil, Struth Winkelried, und brach den Keil, Er sprang in Oestreichs Speerwald ein, Und riß den Seinen Bahn darein, Und wie ein Blitzschlag fuhr sogleich Der Tod ins Herz von Oesterreich, Und Eich' auf Eiche schlug er hin, Kein Schild, kein Panzer hemmte ihn; Und selbst der Herzog hochgemuth Sank sterbend in sein junges Blut. Doch in des Kampfes höchster Gluth Stand immer noch der Schultheiß Thut. Er stand als wie ein Riesenthurm, Und hielt sein Fähnlein fest im Sturm. Und um ihn, trotzend der Gefahr, Stritt leugleich seine treue Schaar, Doch Alles schwankt zuletzt und fällt; Er steht Von Allen los geschält. Da trifft der grimme Tod auch ihn: Er stöhnt und stürzt aufs Fähnlein hin; Und röchelnd reißt er's noch vom Schaft, Zu retten es der Bürgerschaft. Tags drauf da zieht man klagend aus, Holt seine Todten still nach Haus. Man fand die ganze treue Schaar Gefällt, wo sie gestanden war. Der Schultheiß lag im Blut gesumpft, Das Schwert bis an die Faust gestumpft, Und in der Linken hielt, mit Kraft Gefaustet, er des Panners Schaft: Allein das Panner mißte man. Und fand dafür sein Blut daran. So werden sie nach Haus geführt, Und schlicht mit Kreuz und Kranz geziert. Man trägt mit Sang und Glockenklang Sie Mann für Mann die Stadt entlang. Man stellt sie All' ins Todtenhaus Zu öffentlichen Ehren aus; Und klagend widerhallt's im Chor, Daß Haupt und Panner man verlor. Drauf hielt der Weibel treu die Nacht Bei seinem Schultheiß Leichenwacht: Der schlief auf seiner Todtenbahr So schön in seinem grauen Haar. Er sah den Herren weinend an, Von dem er einst so viel empfahn; Er strich den Bart ihm aus dem Mund, Auf daß er ihn noch küssen kunnt'. Da nahm er, siehe, wunderbar Im blassen Mund ein Tüchlein wahr. Er faßt es an, er zieht's hervor, Ei schaut es an, er hält's empor; Er ruft, als er das Wappen sah: »Glück auf, das Panner ist noch da!« Gesungen ward's in Spruch und Reim: »Der Schultheiß bracht's im Munde heim!« Sogleich vernahm von Thor zu Thor Die frohe Kunde jedes Ohr, Und staunend lief die Stadt herbei. Und pries des Pannerherrn Treu. Und noch erzählt sich's Jung und Alt, Daß Jeder treu des Amtes walt'; Und ob er hoch, ob niedrig steh'. Wie Niklaus Thut zum Fähnlein seh'. Das Brieflein (um 1430) Vom Zugerlande zog daher Ein frischer Knab' von ungefähr; Er kam nach Zürich kreuz und quer Zu einem Gerber in die Lehr'. Da trat der Meister einst herein: »Gesellen, he, wer ist so fein, Und schreibt mir gleich ein Zeddelein? Nach Basel muß geschrieben sein!« Der Andern konnt' es keiner nicht. Sie machten All' ein lang Gesicht; Da heischt der Knabe Zeug und Licht, Und schreibet, was der Meister spricht. Er bringt, geschrieben schön und rein, Den Brief dem Meister dann hinein; Der spricht erstaunt: »Ei, ei, wie fein, Du mußt ein Bürgermeister sein!« – Und sieh, was Wunder drauf geschah! Er ward ein Bürgermeister da, Wie Zürich nie noch einen sah: Der Knabe hieß Hans Waldmann ja. Die Heimat Der fromme Niklaus von der Flüb' War satt des Lebens Last und Müh'. Es war daheim ihm nicht mehr recht. Das Leben däuchte ihm zu schlecht. Drum schied von Weib und Kind er ab, Und griff getrost zum Wanderstab. Er hat gen Nord ein Licht gesehen, Er wollte nach dem Lichte gehen. So kam er auf den Hauenstein, Und drauf gen Liestal und den Rhein. Da sah er hinter seinem Pflug Ein Bäuerlein mit schwachem Zug. Der fromme Pilger grüßte ihn. Und frug: »Wo geht der Weg hier hin? Ich will in fremde Lande fort Mit Gott mein Heil zu suchen dort.« Da schaut das Bäuerlein ihn an: »Mein Freund, ihr seid auf irrer Bahn! Habt ihr den Spruch nicht mehr im Sinn? Verbleib' im Land und nähr' dich drinn! Der Häller gilt zu jeder Frist Das Meist' wo er geschlagen ist.« Als Bruder Klaus den Rath gehört. Hat er nicht weiter mehr begehrt. Er ließ den fremden Honigseim, Und ging zufrieden wieder heim. Der Meister Hämmerlein (um 1463.) Wer seine Sache kann und fein versteht Und jedem Ding auf Grund und Boden geht. Der heißt von Jedermann Land aus und ein Von Alters her ein Meister Hämmerlein . Der Chorherr Meister Felix Hämmerlein Studirte Tag und Nacht im Kämmerlein; Kein Chorherr war in Zürich so gelehrt. Und keiner, weit und breit, wie er geehrt. Im finstern Aberglauben lag das Land, In Lug und Laster tappte jeder Stand. Verdunkelt war das lichte Wort des Herrn, Dem Weisen nur erglänzte noch sein Stern. Da grub er kühn, trotz Schweiß und Ungemach, Im dunkeln Schacht dem Gold der Wahrheit nach; Er zog es frei, wo er das Kleinod fand. Ans Licht, geklärt von Schlacken und von Sand. Die Eule aber liebt die Sonne nicht, Sie schreit und sticht vor ihrem Himmelslicht; Und wer der Welt zu laut die Wahrheit zeigt. Wird mit dem Fiedelbogen traun geschweigt. Doch wie sich's ziemt dem treuen Schweizermann, Er zeigte sie und kehrte sich nicht dran; Bis mit Verläumdung sie ihn überspien, Als Zauberer und Ketzer ihn verschrien. Und als er war ein hochbetagter Greis, An Kräften schwach, an Bart und Haaren weiß; Da trat des Bischofs Knecht zu ihm herein. Und band den frommen Meister Hämmerlein. Gottlieben heißt im Thurigau ein Schloß, Drin, Gott zu Leid, man Huß in Fesseln schloß; Da warf man, wo's nach Molch und Leichen roch, Auch Hämmerlein ins tiefste Kerkerloch. Da lag der kranke Greis bei Molch und Wurm, Geblockt, auf nassem Stroh im kalten Thurm, Und blieb, der falschen Lehre falsch verklagt, Mit Gott vor seinem Bischof unverzagt. Ei sprach zu ihm: »Die Wahrheit ist nicht mein, Der Welt ist sie, der Ewigkeit gemein; Sie widerrufen kann ich ewig nicht, Nur wieder rufen Jedem ins Gesicht.« Der Bischof sprach ihn frei, doch war es klar, Daß Hämmerlein kein Freund der Klöster war. Und schickt ihn, abgezehrt auf Haut und Bein, Zur Haft den Mönchen nach Luzern hinein. Hier saß der arme Meister Hämmerlein Nun lang im engsten Klosterkämmerlein. Man gab, zu längern seinen Hungertod, Dem Kranken Wasser nur und schwarzes Brod. Nun rief er todtschwach einst den Guardian, Und hielt bei ihm um den Gefallen an, Daß er, den Baslern Eintrag nicht zu thun, Die Reuß verbiete jedem Klosterhuhn. »Es endet mit ihm!« denkt der Pater gleich. Und tröstet ihn: »die Reuß fließt also reich, Daß wohl ein Hühnlein aus ihr trinken kann. Kein Basler Müller spürt's dem Rheine an!« »So gnadet,« bat der Greis, »ein Gleiches mir. Und gönnt von Eurer Tafel reicher Zier Mir nur ein Bißlein je, so klein es ist, Das weder Herr noch Knecht bei Tisch vermißt!« Da brach des kranken Greises scharfer Scherz Dem Guardian das felsenharte Herz; Er ließ ihm täglich werden ab dem Tisch Zu Brod und Wein nach Wunsche Fleisch und Fisch. Und ob er ihm auch Fleisch und Fisch nun gab, Kein Mäuslein nahm darum im Kloster ab; Und heut noch trinkt manch Hühnlein aus der Reuß, Wovon kein Basler Müller Etwas weiß. Die Glarnerin Die Eidgenossen zogen mannlich aus Im Schwabenkrieg einmals zu Sturm und Strauß, Und stürmten auf dem Schwarzwald kühn und keck Bald Stadt und Schloß des Herrn von Roseneck. Der hatte ihnen manches Leid gethan. Drum griffen sie Stadt Blumenfeld ihm an, Und säten rings herum zu Leid und Noth Ins Feld ihm manches Blümlein weiß und roth. Doch fünfmalhundert Helden ab dem Wald Ergaben Blumenfeld nicht alsobald, Sie schlugen ab der Feinde Drang und Sturm Mit Steinen und Geschoß von Thor und Thurm. Da fiel der Hunger in das Städtlein ein, Daß sterbend Weib und Kindlein thäten schrein, Und man dann ohne längere Waffenthat Den Feind um Frieden und um Gnade bat. läßt der Sieger Stadt und Schloß in Ruh Und spricht der Mannschaft freien Abzug zu; Auch dürfen tragen Weib und Kind vom Platz, Was Jedes mag, von seinem liebsten Schatz. Nur den von Roseneck, das ist vorbei. Verlangen sie zum Tode mit Geschrei; Das Urtheil hört sein Weib mit Schauer an, Und sinnt, zu retten den geliebten Mann. Und wie jetzt Weib und Kind in buntem Zug Zur Stadt hinaus sein liebstes Kleinod trug; Ließ Frau von Roseneck all Gut zurück. Und kam daher im ärmsten Kleidungsstück. Doch kam die edle Gattin nicht so leer; Sie schwankte langsam hinterm Zuge her, Und hatte, auf dem Rücken eingesackt, Den Mann als theu'rstes Kleinod aufgepackt Da freut der Sieger sich der Frauen Treu. Gibt ihr gerührt ihr theures Kleinod frei. Und schenkt zum Lohne ihr noch obendrein Auch ihren Schatz von Gold und Edelstein. Und Alles pries die wack're Rittersfrau Und frug nach ihrem Stamm und Heimatgau; Da sprach der Rosenecker dankgerührt: »Ich habe sie aus Glarus heimgeführt!« Franz Krutter Das glückhaftige Schachspiel Des Grames Wolke nimmermehr von Abul's Fürstenstirne weicht. Der Kummer hat dem Königssohn das jugendliche Haar gebleicht. Schön ist das Schloß, worin er wohnt, die Säle reich, die Aussicht frei; Doch mahnen Thor und Mauer ihn, daß ein gefang'ner Mann er sei. Wohl dehnen sich auf Stunden weit die Mauern um das Lustrevier, In Gärten springt der Wasserstral, im Haine graset Jagdgethier. Doch mag er nicht im Garten geh'n, das Jagen ist ihm kein Genuß; Wie weit er wandelt, jagend schweift, die Mauer bleibt und der Verschluß. Verstimmt und müßig an der Wand die Laute schläft von Ebenholz; Im Bauer singt die Nachtigall, das Lied ist freien Mannes Stolz. Das Schachspiel einzig ihn erfreut, da träumet er von Königsmacht; Und auf dem Brette ordnet er mit klugem Sinn und lenkt die Schlacht. Er hat gethan den ersten Zug. – Durch's Fenster scheint der Morgen hell. Da öffnet sich die Thür; es tritt herein ein widriger Gesell: »Dein Bruder, Abul, sendet mich, der Herrscher auf Alhambra's Thron. Du lebst – im Kerker, doch du lebst; auf seinem Haupte wankt' die Kron': Ich bringe dir den Seidenstrick; du weißt es, was der König will: Nicht zittern will er fürderhin, bereite dich und dulde still; Doch hast du einen letzten Wunsch, so bring' ich dessen Vollgewähr.« Mit trübem Lächeln Abul spricht: »Zum Spiele saß ich eben her: Das Spiel vollenden möcht ich gern. Weil alles Leben eitel Spiel, So sei derselbe Augenblick des Spielens und des Lebens Ziel.« »Dein Spiel so bringe das zum Schluß, wo du's vermagst, mit Seelenruh! Dem Spieler dräut die Schlinge nicht; das schwör' ich beim Propheten zu.« Zum Spiele wendet Abul sich, als hinge nicht sein Leben dran. Und winket dem Genossen zu, von diesem wird ein Zug gethan. Sie schauen sinnend auf das Brett und prüfen klug und prüfen lang Und ziehen voll Besonnenheit; das Spiel geht seinen ernsten Gang. Der Bote starret auf das Brett mit schlauem, regem Kennerblick, Bewundert beider Spieler Kunst, nimmt Theil an Glück und Mißgeschick. Der Fürst, sein Henker und sein Freund, ins Spiel versunken alle drei, Sie achten's nicht, sie ahnen's nicht, wie Stund um Stunde rinnt vorbei. Die Sonne steigt im Mittag hoch, sie wissen's nicht; sie geht zu Thal; Sie spielen fort im Dämmerschein, sie spielen fort im Mondenstrahl. Sie hören nicht den Cymbelklang, der, wie die ferne Brandung, braust, Sie hören nicht den Jubelsang, der, wie der Sturmwind, näher saust. Sie hören's nicht, wie mit Geschrei durchs Thor ein Menschenhaufe dringt. Sie hören's nicht, wie Trepp' und Gang von Sporentritten wieder klingt. Auf springt die Thür', sie hören's nicht. Es stürmt ein Ritterschwarm herein. »Granada's König liegt im Sarg und Abul muß sein Erbe sein. Dem neuen König Huld und Heil!« Der Ruf erfüllt das weite Haus. Herr Abul wirft das Schachbrett um: »Der König matt! Das Spiel ist aus.« Der Herr von Castelnau (Anno 1560.) Der Morgen kömmt mit blut'gem Schein, Er kündet eine blut'ge That: Das Urtheil soll vollstrecket sein, Das nächtlich fand der Richter Rath. Hart an Amboise's Thore ragt Ein finster Mordgerüst empor; Neugierig halb und halb verzagt Umdrängt es rings der Menge Chor. Schon treibt zurück des Volkes Schwall Der Leibtrabanten ehrner Troß. Der König und die Großen all', Sie nah'n und halten hoch zu Roß. Nun bringen sie der Opfer Schaar, Wohl fünfzehn edle Junker, schaut! – Gott tröste manches Elternpaar! Gott tröste manche junge Braut! Der Herold ruft: »Dem König Heil: Verfallen ist um Hochverrath Der Friedensbrecher Haupt dem Beil. Den armen Seelen Gott genad'!« Und Mann für Mann an seinem Seil Der Henker schleppt auf's Hochgericht Und zwinget ihn zum Block, derweil Ein kurz Gebet der Pater spricht. Und als der erste niederkniet. Da seufzt er auf aus tiefster Brust: »Wie jung mein Leben, ach! verblüht. Und bot mir schier noch keine Lust!« Der zweite weinte lang und laut: »So muß dem Tod ich sein Genoß; Und hofft' um Pfingsten meine Braut Zu führen in mein lustig Schloß!« Der Dritte mit gelass'nem Blick Vom jungen Leben Abschied nahm: »Mich reut mein blutiges Geschick Nur wegen meiner Mutter Gram.« »Ich achte nicht,« der Vierte sprach: »Des grimmen Todes Nacht und Schmerz; Doch um des Henkertodes Schmach Zersprengt der Zorn das muth'ge Herz.« Der Fünfte lächelt still vor sich: »Gescheh' es denn nach Gottes Schluß; Ob auf dem Feld, im Bette ich, Ob auf dem Block ich enden muß.« Der Sechste sprach: »Und muß es sein, So sterb' ich als ein ächter Christ, Und will dem Feinde gern verzeih'n Die Bosheit und die Hinterlist.« Der Nächste sprach: »Für welche That Soll an den Todesblock ich knien? Nach Pflichten mußt' ich als Soldat Mit meinem Lehensherren zieh'n.« Der Achte rief: »Ich bin Franzos Und aus der Lotharinger Macht Wollt' ringen ich mein Frankreich los; Das hat mich an den Tod gebracht!« – »Dem König wahrt' ich meine Treu' Durch eines Aufruhrs Waffenthat,« Der Neunte rief's: »Ihn wollt' ich frei Und sah umgarnt ihn von Verrath.« – »Und wenn des Königs Frevel bricht. Des Landes gutes, altes Recht,« So sprach der Zehnte: »ruft die Pflicht Des Landes Bürger zum Gefecht.« »Weil's für die Glaubensfreiheit galt,« Der Eilfte rief, »das Seelenheil; So troßt ich kühn der Herrschgewalt; Was kümmert mich mein irdisch Theil? »Eins ist mir,« – sprach der Zwölfte: »Leid! Wir gaben uns auf Ehrenwort Für unsrer Leiber Sicherheit: Ein Fürstenmeineid stiftet Mord.« Der Nächste sprach: »Mich ärgert nur. Daß wir so gläubig dumm getraut. Auf eines Höflings eitlen Schwur Als auf ein Ritterwort gebaut!« »Deß tröst ich mich,« der Nächste spricht. »Wenn unser Werk auch untergeht; Es bringt die Zeit das Weltgericht, Wo Recht und Freiheit aufersteht,« Der Letzte dann von Allen rief. Das war der Herr von Castelnau: »Wir haben eines Fürsten Brief; Sagt, Herzog, ist es nicht also? Als Schloß Noizai Euch widerstand. Da botet Ihr die Seligkeit Der eignen Seel' als Unterpfand Für unsrer Leiber Sicherheit. Mit Brief und Siegel treibt Ihr Spiel! Vor Gott erheb' ich meine Klag' Auf euer Pfand, das uns verfiel, Und lad' Euch auf den dritten Tag.« Der Herzog rief von seinem Roß: »Mit Siegel und mit Unterschrift Gewann ich Euch und euer Schloß, Wofür mich deine Klage trifft. Ich gab mein Wort in guten Treu'n Auf Vollmacht seiner Majestät; Und lebenslänglich soll's mich reu'n. Daß Königswort der Wind verweht. Der Kanzler hat mein Wort zerspellt; Der Kanzler log dem König vor, Daß nichtig sei vor Gott und Welt, Was man den Hochverräthern schwor. Die Ladung, die du mir gebracht, Vor Gottes hohen Richtersitz, Sie sei dem Kanzler übermacht: Ihn treffe der Verdammung Blitz!« Der Herzog schwieg. Es fiel das Beil; Es fiel das Haupt des Castelnau. Die Menge schrie: »Dem König Heil!« Des Kanzlers Blut der Wang entfloh. Er sank vom Roß in Pein und Noth; Man trug ihn krank nach seinem Haus, Und bei dem dritten Morgenroth Da haucht' er seine Seele aus. Sonntagsabendstille Weg die Akten für einmal! Meine Arbeit kömmt ins Stocken, Dein Geplätscher, Brunnenstrahl, Will mich an das Fenster locken. Wie das liebe Thal so weit Meinem Blicke sich entfaltet, In dem grünen Mattenkleid! – Sonntagsabendstille waltet. Dort des Hügels wald'ger Saum, Dort der Jura, duftumschleiert. In der Brust ein stiller Traum, Der entschwund'ne Träume feiert. Dort versteckt am Waldeshang Muntre Aarenwellen schweifen. Fern verrathen ihren Gang Gluthgefärbte Silberstreifen. Ueber Tag und über Jahr Sollen rasche Dampfer schießen Auf der unsichtbaren Aar', Durch den grünen Plan der Wiesen. Sonntagabendsstille dann Flüchtet fort aus diesen Räumen, Und gestöret ist fortan Mein idyllisch süßes Träumen, Du gefeierte Kultur! Forderst du mein Herz zum Kampfe? Doch ich schwärme für' Natur Selber bei Cigarrendampfe. Rigi Aus dem dumpfen Stubenleben Floh ich auf die freien Höhen, – Frei? Ja, wenn die Wolken flöhen. Nun, das wird sich endlich geben. Nebelbilder sah ich keine, Aber Nebel, mehr als billig, Und ich hoffe fromm und willig, Daß zuletzt die Sonne scheine. »Wer da hofft, der ist betrogen«, Sagt ein Spruch, ein alter, wahrer, »Dem zu trauen ist ein baarer Unsinn, das einmal gelogen.« Doch was frommen weise Lehren? Und was nützen Wetterzeichen? Weil sich doch die Hoffnungsreichen Bitt'rer Wahrheit stets erwehren. Nicht die Hoffenden getadelt! Denn wie schaal ist alles Leben, Alles Dichten, Trachten, Streben, Wenn es nicht die Hoffnung adelt. Das Zauberbad Sagt, was drängt durch Jolkos Gassen sich die Menge, Hauf' an Hauf'? Sieh, ein Weib in ihrer Mitte hebt ein Bild zum Himmel auf, Und sie spricht Orakelsprüche, heulet ein Prophetenlied, Wie die Göttin aus dem Norden zu dem Silberstrande schied, Fern von Kolchos Nebeltriften zu dem schönen Jolkosstrand, Artemis mit ihrem Füllhorn, Segenbringerin dem Land. – Und die Menge hört's begeistert, Jubelruf die Luft erfüllt; Hymnen schallen, Blumenkränze regnen duftend auf das Bild! Und das Volk vom Volke fordert für die Göttin Götterehre, Will ihr Hekatomben schlachten, bauen Tempel und Altäre. – Schleunig trägt der Ruf die Kunde zu des Königs Ohren hin. Der alsbald vor sich berufen läßt die fremde Priesterin. Lange wallende Gewande hüll'n der Seherin Gestalt, Zitternd und gebückt sie schreitet, sieben Menschenalter alt; Runzeln ohne Zahl bedecken ihr beeistes Angesicht, Draus in ernsten Flammen funkelt dunkelblauer Augen Licht; Ueppig, wie in Jugendfülle, doch gebleicht wie Hämus Haupt, Das, beschneit auf Haine schauet, die der Wettersturm entlaubt, Quillt das Haar von ihrem Scheitel, durch die Lüfte wild zerstreut. Pelias neiget sich in Ehrfurcht, als ein Mann, der Götter scheut, Da die Seherin der Göttin wundersames Ebenbild Ihm entgegenhielt, des Reiches künft'gen Hort und Zauberschild! Alles unbescheid'ne Fragen auf der Zunge ihm erstarb, Und der Artemis Gesandte ihre hohe Botschaft warb. Heiser, wie aus Grabestiefen, tönte ihrer Stimme Laut: »Heil dir, Pelias! Gebieter! den der Himmel gnädig schaut! Du, auf dessen Haupt vor Allen höchste Gunst die Göttin häuft. Die, geschürzt mit Pfeil und Bogen, jagend durch die Wälder schweift. Von der Scythen rohen Bräuchen, von der Menschenopfer Graus Hat sie sich im Zorn gewendet, und verläßt ihr altes Haus, Und ihr Heiligthum hinfürder übergibt sie deiner Macht, Daß die Reiche der Barbaren kommen in der Griechen Macht. Doch vor allen Griechensöhnen fiel ihr Aug' auf dich, o Held, Hat zu ihrem hohen Liebling, ihrem Streiter dich bestellt. Aber mich hat sie gesendet mit dem herrlichen Gebot, Von dem Freunde abzuwenden Altersschwäche, nahen Tod. Denn in neuen Jugendreizen soll dein alter Leib erblühn, Jugendkraft und Feuer sollen in des Greises Adern glühn. Daß ich Glauben bei dir finde, geb' ich dir der Zeichen drei. Meine Sendung zu bekunden, Artemis! herbei! herbei!« – Und sie hat das Wort gesprochen, hat geschwenkt den Zauberstab: Sieh, da senket schwarz und schwärzer sich die Wolkennacht herab; Und es heult ein seltsam Stöhnen nieder aus den höchsten Lüften, Hohle Antwort braust entgegen aus der Erde tiefsten Klüften. Und es rauschen auf dem Meere Riesenwellen fessellos; Blitze sprühen, Donner hallen in das wilde Sturmgetos. Selbst der Erde Tingeweide bersten in furchtbarem Kampf; Aus den meilenweiten Schlünden wirbeln Flammen auf mit Dampf, Wälder fallen. Berge stürzen von der unterird'schen Macht; Wundersame Schreckgestalten schleichen ächzend durch die Nacht: Durch der Elemente Toben schlägt ihr Wimmern an das Ohr; Aber aus entlegnen Forsten schallt's wie Hundgeheul hervor. Und die Priesterin gebietet: da zerreißt der Wolken Zelt. Und des Mondes bleiches Antlitz grinst auf die zerstörte Welt. In dem blut'gen Zauberlichte wird der Schrecken offenbar: Larven schwanken, schweifen, schleichen, Hekate's Gespensterschaar. Nah und näher jagt die Meute, heulend bricht sie aus dem Tann: Rasch gezogen von der Drachen flammenschnaubendem Gespann, Rauscht hernieder durch die Lüfte in des Orkus düstrer Pracht Artemis in ihrem Wagen als Gebieterin der Nacht. Daß sie von der Gottheit Nähe nicht zermalmt, verzehret werde. Stürzt die Menge mit dem König voll Andachtsgraun zur Erde. Als sie sich nach langem Zagen endlich wiederum erhoben. Sind die Wunder und die Schrecken in die leichte Luft zerstoben. Und die Sonne leuchtet wieder an dem Himmel rein und klar; Seine Blüthen treibt der Frühling, wo noch kaum Zerstörung war. – Und nun redet zu dem König der Prophetin weiser Mund: »Ward dir, König, meine Sendung und die Macht der Göttin kund, Lerne nun der Göttin Milde, lerne der Verheißung trau'n, Wenn du meinen welken, greisen Leib verjünget wirst erschau'n. Schließ in deines Königshauses heimlichstes Gemach mich ein, Und ein Bad laß mir bereiten, reich gewürzt mit Spezerei'n, Wonnig duftend, die der Schiffer hergeholt vom fernsten Meer: Zauberkräuter, Zaubersegen bring ich selber mit mir her. Harret an des Hauses Schwelle eine kurze Stunde lang, Daß nicht euer Ohr vernehme meines Zaubers Weihgesang.« Alles ward, was sie befohlen, flugs gethan nach ihrem Wort. Die Prophetin schließet ein sich am geheimnißvollen Ort: Welchen Spruch sie da gesprochen, keiner Seele ward es kund. Doch als sie herausgegangen wieder kam in kurzer Stund, Will der König mit dem Volke kaum den eignen Augen trau'n, Weil sie statt der alten Gäa Hebe's Jugendreize schau'n. Statt der tiefgebückten Greisin eine Jungfrau hoch und hold. Statt des Winterschnee's der Locken ein Geflecht von Sonnengold, Statt der eingeschrumpften Wangen und der Runzeln ohne Zahl Ein Gesicht, das wohl den Donnrer niederzog vom Göttermahl, Leuchtend wie der Schnee der Firnen, wenn ihn küßt der Abendglanz, Statt der eklen, fahlen Farbe, gleich dem abgewelkten Kranz; Auch der Stimme Rabenkrächzen ist verkehrt in süßen Laut. Also kommt sie angeschritten in dem Festgewand der Braut, Und der König ruft begeistert: »Laß dein drittes Zeichen, Weib! Dieser Wunderanblick g'nüget, zu verjüngen meinen Leib.« – »Glaubst du, König«, spricht die Jungfrau, »an des Bades Zauberkraft, Folge mir zu deinen Hallen, trinke diesen Wundersaft, Daß ein schönrer Grabesschlummer hülle deine Sinne ein. Wenn du wiederum erwachest, wird das Werk vollendet sein! Und ihr, Königstöchter, eilet! macht des Vaters Bad zurecht! Denn es ziemet nicht zu leisten also hohen Dienst dem Knecht!« Von der Königstöchter Händen wird das Bad zurecht gemacht; Und der König hat getrunken; schwer umfängt ihn Schlafes Nacht. »Holet Beile, Königskinder! Daß das Zauberwerk uns glücke, Und verjünget er erstehe, haut den morschen Leib in Stücke!« Vor dem gräßlichen Befehle steh'n sie zaudernd und entsetzt. »Fluch dem Kinde«, ruft Alkastis, »welches Vaters Haupt verletzt! Nimmermehr, du blut'ge Göttin, wie es auch das Schicksal wende, Legt Alkastis hier an Diesen frevelhaft unheil'ge Hände!« »Warum bebet ihr?« ruft Jene; »durftet ihr nicht Zeichen schauen? Schenkt ihr göttlicher Verheißung ein so ärmliches Vertrauen? Daß ein neues, frisches Leben jugendkräftig sich gestalte, Muß mit allen Schwächen, allen Keimen erst vergehn das alte. Eure Zweifel zu besiegen, nehmt mein drittes Zeichen wahr: Bringt aus allen euern Heerden schnell den ältsten Bock mir dar. Seine Glieder sei'n zerstückelt in das Zauberbad gestreut; Und dann trauet, wenn ihr sehet, wie das Thierlein sich erneut.« Dem Prophetenwort vertrauend nun die Königstöchter eilen, Selbst den ältsten Bock zu holen und in Stücke zu zertheilen. Doch mit seltsamen Gebärden und mit fremder Worte Banne Weiht die Priesterin das Wasser, weihet auch die Badewanne, Drinn sie dann des Thieres Stücke alle sorgsam niederlegt, Drob mit wunderbarem Murmeln kräuselnd sich die Fluth bewegt. Und es zischelt, und es brodelt, steiget dichter Qualm empor; Aber munter aus der Wolke springt ein junges Böcklein vor. Rasend heben sie die Beile in des tollen Wahnsinns Wuth; Von der Kinderhände Streichen fließt des Vaters heil'ges Blut. Jede hofft, je mehr verstümmle sie des alten Mannes Leib, Desto frischer sei die Jugend, die verhieß das Zauberweib. Von den Schwestern allen hält nur rein Alkastis ihre Hand. Sieh! mit wildem Jubel reißet vom Altar den Opferbrand Die Prophetin, und begeistert stürmt die Treppen sie hinan Zu des Hauses freiem Giebel, steht auf ragendem Altan. Alle hoffen Segensworte: aber sie in tiefer Brust Rüstet diesem Hause Jammer, labt sich an der Rache Lust; Mit erhobnem Arme schwinget sie der Fackel lichte Gluth: Schau! wie durch zerrissne Küsten Pontes unbezähmte Fluth, Sieht man Schaaren fremder Krieger, scharf bewehrt mit Speer und Klingen, In die Stadt, ins Haus des Königs durch gesprengte Thore dringen. »Kennt ihr diese? Durch die Nacht her rief sie meiner Fackel Schein! Kennt ihr sie? Es führet Jason sie, mein Bräutigam herein! Kennt ihr mich? Ich bin Medea! Auf! zu ihm! zur Brautnachtfeier! Bin Medea, Jasons Gattin! Rache bring' ich ihm zur Steuer! Der sein Reich ihm hat gestohlen, seine Krone hat getragen, Der ihm Vater, Mutter, Brüder, mit verruchter Hand erschlagen. Ja ihn selbst zu Tod und Schande hat geschickt zum fernen Strand, Pelias liegt hier zerfleischet von der eignen Töchter Hand! Herrlich hat gewirkt mein Zauber! Lernt Medea's Rache kennen! Ewig, Vatermörderinnen! wird euch eitle Reue brennen! Wer die Feinde nur am Leben strafet, ist ein schwacher Thor! Gift für Seelen, Herzensnattern zieh ich eurem Blute vor!« Also ruft sie triumphirend, wirft sich an die Brust des Gatten; Aber trüb am Himmel hüllet sich der Mond in Wolkenschatten. Hektor Zollikofer Aetna Flocken versilbern mein Haupt und Flammen verzehren den Busen, So unter bleichendem Haar tobet zuweilen ein Herz. St. Bernhard Mitten auf starrendem Eis erhebt sich mein wirthliches Kloster, Blume der Tugend du grünst mitten auf starrendem Eis. Ochsenkopf Freudig schau ich hinaus in alle vier Winde der Erde, Denn dem Himmel sei Preis! meiner Verwandten giebt's viel. Sinai Gott der Allerheilige spricht von tausend Gebirgen in Wettern, Aber auf tausende nicht steiget ein Moses hinauf. Adolf Sarasin Der Schwesternborn Als noch im Schwyzerlande der stolze Vogt regiert, Hat er drei frommen Schwestern in Küßnacht nachgespürt; Sie aber fliehn behende aus ihrer Mutter Haus, Und wandern mit einander im Wintersturm hinaus. Wohin nun aber fliehen vor Geßlers Tück' und Macht, Der ringsum diese Thale mit scharfem Aug' bewacht? Sie fieh'n zu Gott um Hülfe und suchen eine Bahn Durch Schnee und über Felsen zum Rigiberg hinan. Da wo jetzt Tannen stehen beim Haus zum kalten Bad, Da leitet in die Höhle sie ein verborgner Pfad; Dort sind sie wohl geborgen, kein Sturm durch Felsen weht; Dort werden sie vom Häscher auch nicht so bald erspäht. Wohl schützet sie der Felsen, den sie zum Dach erwählt; Doch ist's der Durst, der bitter die drei Verlass'nen quält; »Wird uns kein Trunk geboten, so sind wir morgen todt! O Gott, erbarm' dich gnädig der armen Schwestern Noth!« Und sieh! da kömmt gequollen aus tiefem Felsenspalt, Die Jungfraun zu erretten, ein Brunnen frisch und kalt. Als dann bei Küßnacht unten kein Geßler mehr regiert. Da hat der Weg zur Heimat sie wiederum geführt. Noch heut' kommt diese Quelle so kalt, so klar und rein Hervor mit sanftem Murmeln aus tiefem Bett von Stein. Ein Löffel auch von Eisen, der schwimmet in der Fluth, Aus dem ein jeder Pilger den Trunk mit Freuden thut. Ein Kirchlein bei der Quelle steht dort verborgen still. Und winket einem Jeden, der allda beten will. Dort hingen viele Pilger Denktafeln an die Wand; Und diese alte Sage ich da geschrieben fand. Alfred Hartmann Der treue Gefährte Es war ein gutes Rebenjahr, Das Jahr, als ich geboren war. Mein Vater legt in Keller ein Ein Faß vom allerbesten Wein. Als ich verließ das Vaterhaus, Leert' ich die erste Flasche aus. Da war mein Muth gar wohl bestellt: Wie schön schien mir die ganze Welt. Und als ich meiner süßen Braut Durch Priesters Hand ward angetraut, Da tranken wir aus einem Glas Allbeide von dem edlen Naß. Nach einem kurzen Flitterjahr Mein Weib mir einen Sohn gebar: Ich schenkt' mir einen Becher voll Und trank ihn auf des Sohnes Wohl. Es rann mir mancher Tag im Glück, Und mancher brachte Mißgeschick; Stets fand ich frischen Lebensmuth. In meinem goldnen Rebenblut. Da kam der Tod und klopfte an; Mein liebes Weib führt' er von dann. Kaum fort, kehrt er zurück geschwind Und nahm mir auch mein liebes Kind. Ich saß in meinem Haus allein. Von meinem Wein schenkt' ich mir ein, Und manche Thräne floß hinein, Und bitter ward der edle Wein. Ich und mein Wein wir sind nun bald An volle hundert Jahre alt; Und ist die letzte Flasche aus, So leg' ich mich ins finstre Haus. Conrad Meyer Erhebung Gottes Kinder wir! Gottes Kinder wir! Er hat Gnade uns gegeben; Und ein ewig selig Leben, O, wie dank' ich dir! o, wie dank' ich dir! Herz, sei unverzagt! Herz, sei unverzagt! Wenn sie dich auch fliehen, hassen, Sollst du doch von Gott nicht lassen. Gutes frisch gewagt! Gutes frisch gewagt! Lebe du dem Herrn! lebe du dem Herrn! Denen, die ihn kindlich lieben, Ist er niemals ausgeblieben; Ist er ja nicht fern, ist er ja nicht fern. Nach dem stillen Land, nach dem stillen Land Locken mich der Sehnsucht Saiten, Walle, walle! dich wird leiten Gottes Vaterhand, Gottes Vaterhand. Nach der Ewigkeit, nach der Ewigkeit, Nach der Heimath aller Weisen, Die den Herrn und Heiland preisen, Sei du stets bereit, sei du stets bereit. O mein holder Stern! o mein holder Stern! Leuchte, leuchte, geh' nicht unter. Denn ich folge frisch und munter: Ja, ich komme gern, ja, ich komme gern! Zuversicht Ich stehe fest und wanke nicht! Der Herr ist meine Zuversicht Auf diesem Pilgerpfade, Er schützet mich, er schirmet mich So liebreich und so väterlich; Wie groß ist seine Gnade! Ich stehe fest und wanke nicht! Die Stimme die so mächtig spricht, Sie soll mein Herz erheben. Die Glocke, die so mahnend ruft, Sie läutet nicht zur kalten Gruft, Sie läutet uns zum Leben. Ich stehe fest und wanke nicht! Ob auch der Leib zusammenbricht – Im Glauben will ich scheiden. Ich stehe fest in Freud' und Schmerz; O Christenseele himmelwärts! Ja dort sind deine Freuden; Ich stehe fest und wanke nicht! Bis an das große Weltgericht Will ich den Herrn verehren, Will ich ihn lieben tief und heiß, Will ich ihm bringen Dank und Preis, Will ich ihm Treue schwören. Sommerlust Steht auf, steht auf, die Sonne lacht Schon auf den Alpenzinnen; Viel tausend Vöglein sind erwacht, Ein Dankfest zu beginnen. Welch heilig Lied von Hag zu Hag, Welch wunderlieblich Klingen! Hier Lerchenruf, dort Amselschlag, Wer möchte nicht lobsingen?             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. Hebt euch empor zum lieben Gott, Frohlockt mit Engelszungen! Steht auf, steht auf, das Morgenroth Hat uns schon vorgesungen. Wer bringt den Tag? wer ruft der Nacht? Wer heißt die Sternlein glühen? Dem Herrn sei Lob und Dank gebracht Mit heitern Melodieen!             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. O Bächlein, spring und hüpfe nur, Lauf' freudig hin zum Meere, Sag überall zu Wald und Flur: Dem Höchsten Preis und Ehre! Du, Quelle, sollst ein Spiegel sein Für meines Herzens Bronnen; Ach, bin ich nur fromm, gut und rein, Hab' ich mein Glück gewonnen.             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. O kommt, ihr Blumen, kommt zu mir, Geschwind! muß euch was fragen: Wer gab euch diese Farbenzier? Wer heißt euch Honig tragen? Wer hat die Kelchlein aufgethan Den frühen und den späten? O kommt, ihr Blumen, kommt heran, Ich will euch lehren beten.             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. Mein Betbuch ist der Himmel klar, Die Sternlein sind Buchstaben, Da steht's auf jedem Blatt so wahr: Sollst Gott vor Augen haben. Herbei! Kind, Jüngling, Mann und Greis, Im Guten sich zu üben; Wach auf, wach auf, o Erdenkreis, Zum brüderlichen Lieben!             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. Wie prangt das Feld, ein gülden Meer, Was ist das für ein Knistern! Die Aehren, o so voll und schwer, Loblieder sich zuflüstern. Mohnblüthen und Kartoffelzier, Kleeblumen aller Orten, Cyanen dort, Saatrosen hier. Komm fast nicht mehr zu Worten.             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. O kühler Wald, mein Aufenthalt, Zu dir will ich nun kehren. Grüß Gott! ihr Eichen, jung und alt, Ihr Tannen und ihr Föhren. O kühler Wald, o schmucker Hain, Wie heilig ist dein Schweigen! Ha! in mein Loblied stimmen ein Die Vöglein auf den Zweigen,             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth.             Der Schöpfer ist so mild und gut. Nun steig ich auf den Berg hinan, Das Haupt entblößt, o Freude! Was hat der Herr an uns gethan? O süße Augenweide! Rebhügel, grünend, traubenschwer, Hochwachsig Flachs und Rüben, Der Gärten Viel, und keiner leer, Wer möchte Gott nicht lieben?             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. Und durch die Wiesen zieht der Fluß In schlängelnden Gewinden, Schickt bald dem Rhein den Bundesgruß, Um lustig einzumünden. Die Fischlein tanzen auf dem Grund, Ob ihnen die Libellen; Gibt Alles seine Freude kund. Die Fischlein und die Wellen.             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. O schöne Welt, o Gottespsalm, O Herr! wie hehr und mächtig! Dich lobt der Baum, dich lobt der Halm, Die ganze Schöpfung, prächtig; Dich loben Meer, Blitz, Donner, Sturm, Die Blümlein auf den Wiesen, Dich lobt der Aar, Dich lobt der Wurm, Sei auch von uns gepriesen!             Frohlocke, Herz, sei wohlgemuth,             Der Schöpfer ist so mild und gut. Herbstfeier Was Frühling jung und lächelnd hat besungen. Erzählt der Herbst uns falb und toddurchdrungen,           Sein Grüßen ist ein Sterbeton. Mein Lieben, all' mein Jauchzen ist verschollen, Was frommt dem Herzen mehr, dem klagevollen,          Da über's Meer die Schwalben flohn? Mein Lieben, all mein Jauchzen ist verklungen, Denn Nebel lagert in den Niederungen           Und spinnt des Sommers Todtenkleid. O Herbst, zum letzten Male will ich schleichen Tief in den Wald, und bei den alten Eichen           Ausweinen all mein tiefes Leid. Kein Laut, kein Ton! o welch ein heilig Schweigen! Entlaubt die Buchen, nur die Tannen zeigen          Mit grünem Finger himmelwärts; Der Hoffnung Farbe! Mitten im Verwesen, Kannst du die freudenvolle Botschaft lesen:           Süß Wiederseh'n auf Trennungsschmerz! Noch hie und da steht einsam eine Blume, Einsiedlerinnen im Waldheiligthume,          Die bald erdrückt der kalte Schnee. Der Schlehdorn zeigt noch seine schwarzen Beeren, Reckholder will Arzneien mir bescheeren –           Sie kennen, Herz, dein tiefes Weh. Laubteppiche, Moosgänge, Epheuranken. Sie leiten auf und nieder die Gedanken,          O Selt'nes hör' ich da im Hain! Wie rauscht das Laub so dürr zu meinen Füßen, Mein Herz vernimmt sein letztes Mahnen, Grüßen,           Und sinkt mit ihm in's Grab hinein. O sieh der Sonne bluthroth Untergehen! Im Purpurmantel ruft ab allen Höhen          Die Abendröthe zum Gebet. Und Engel schweben in des Landmanns Hütte, Und singen da in frommer Kinder Mitte           Von Gottes Huld und Majestät. Sieh, wie die Bäume schweigen, wie sie lauschen, Wenn aus den Dörfern all vorüberrauschen           Der Abendglocken Silbertön'. Und spiegelt sich im Bach des Mondes Blende, Dann jauchz' ich laut, dann falt' ich meine Hände:           O Erde, wie bist du so schön! Selig sind, die reines Herzens sind O Einsamkeit, o süße Feierstunden, Willkommen mir im stillen Tannenhain; Hier kann in deiner Nähe ich gesunden, O Gott, und würdig dein Anbeter sein. So still und andachtsvoll in Waldes Runde, Nur auf den Blättern spielt und tanzt der Wind, Und zu dem Wand'rer spricht die Abendstunde: O selig sind, die reines Herzens sind! Begraben alle Sorgen, alle Mühen, Der grüne Rasen ist mein Freudentisch, Ab allen Wipfeln rauschen Melodieen, Und Jubellieder flattern im Gebüsch. Noch heiliger im Walde, will es dunkeln, Balsamisch Weh'n, o Säuseln, sanft und lind! Hold rufen mir Waldrosen und Ranunkeln: O selig sind, die reines Herzens sind! O Einsamkeit! o hehre Gottesstimmen! Wer euch nicht hört, der ist für Alles taub. Wie auf den Gipfeln Andachtsfeuer glimmen! Es zittert vor dem Herrn das Espenlaub; Die Eiche weist empor, die Tannen reden Von Tod und Grab, o lausche Menschenkind! Hold rufen dir Violen und Reseden: O selig sind, die reines Herzens sind! Das Goldland Mich lockt noch nicht der Schätze Fülle Weit über's Meer an goldnen Strand, Nein, ruhn soll meine ird'sche Hülle In deinem Schoos, mein Vaterland. Mich führt nicht irr' des Reichthums Glänzen, Und zieht Ihr aus mit Sang und Tänzen: Mein Goldland such' ich in dem Herrn! O Glück, o Glück zur weiten Reise! Gott schirm' Euch wohl auf salz'ger Fluth; Und tritt zu Euch das Heimweh leise, Faßt, fern der Heimat, frischen Muth. Sucht Euer Heil im Gold der Erden, – Laßt hinter Euch Noth und Beschwerden, – Mein Goldland such' ich in dem Herrn! Hier quillt der ächte Freudenbronnen. Hier fließt der einz'ge Trost der Zeit, Hier wächst im milden Strahl der Sonnen Das Blümchen der Zufriedenheit. Kein Weh und keiner Feinde Tücke Ziehn nach dem Westland meine Blicke: Mein Goldland such' ich in dem Herrn! Da ist es grün bei Frost und Dürre, Da ziert ein ew'ger Mai die Flur, Da geht der Waller niemals irre, Froh folgt er des Allgüt'gen Spur. Kein Mißgeschick mag ihn ermüden. Er ruft, im ärmsten Stand zufrieden: Mein Goldland such' ich in dem Herrn! O leb' ich nur in seiner Gnade. O bin ich nur sein treues Kind, So wird der krummste Weg gerade Mir, und der Gram entfleucht geschwind. Grollt, Wand'rer, mit dem Herrn verwegen, Drängt nach des Schiffes schwanken Stegen – Mein Goldland such' ich in dem Herrn! Hier ist der Liebe Meer zu finden, Hell, ohne Riff, voll Perlen rein, O diesen Reichthum zu ergründen Ist aller Weisheit Macht zu klein. Treib' Euch der Golddurst ewig weiter, – Ich bleib' im Land und jauchze heiter: Mein Goldland Hab' ich in dem Herrn! J. A. Minnich Eremitage Ich lob' den Klausner mir In seiner stillen Zelle, In grünem Waldrevier Am Ufer einer Quelle. Er hat in Waldesraum Viel trauliche Gesellen, So viel als Zweig' am Baum' So viel das Bächlein Wellen. Sie führen freundlich Red' In ihrem frohen Rauschen; Der Klausner sie versteht, Mag gern nach ihnen lauschen. Gar manches liebe Wort Es spricht aus grünen Zweigen, Die Quelle spricht es fort, Will er sein Ohr ihr neigen. Mit Blättern hoffnungsgrün Die Aest' zu ihm sich bücken, An's Herz sie wollen zieh'n An Freundesbrust ihn drücken. Und auch die klare Quell' Gehört zur Freundschaftsgilde, Es theilt die laut're Well' Sein Leid wie Freud' im Bilde. Und in der Quelle Schaum Und durch den Raum der Bäume Sieht er des Lebens Traum, Hinauf in Himmelsräume. Bei'm stillen Sternentanz In leisen, dunkeln Nächten Die Bäum' ihm einen Kranz, Die Quelle Lieder flechten. Drum ist er nicht allein In menschenleerem Raume, In Waldes Dämmerschein, An seines Bächleins Saume. Nur wird der Eremit Nicht menschenfalsch belogen, In stillem Waldesfried' Nicht um sein Glück betrogen. Am Luzerner See Der Rigi zart und freundlich, Pilatus starr und feindlich, So raget hoch das Riesenpaar; Inmitten zwischen beiden Weilt Seees Ruh', zu scheiden Die Ungleichen auf immerdar. Der Baum Sah einen Baum im Lenze, Wie war er blüthenweiß; Sah ihn mit Frucht im Herbste, Wie bog sich jedes Reis! Die Millionen Blüthen, Die hab' ich nicht gezählt; Die Frucht in wenig Körbe Gar leicht ward eingestellt. Die Jugend ist der Pläne, Der Wünsche Frühlingszeit: Wie viele treiben Blüthen? Wie viele Frucht gedeiht? Mittelalterliche Sage Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen, Der Himmel so blau und rein, Und Vöglein ganz in Blüthen verborgen, Besangen den Sonnenschein. Die Berge so freundlich, so hehr erglänzten Wohl in der bläulichen Luft; Wohl tausend Blumen die Flur bekränzten. Und athmeten süßesten Duft. Da kam ein Schäfer die Straße gegangen, An der Hand sein süßes Lieb ', Die Heerd', deren Glöcklein so fröhlich klangen, Er auf die Matten trieb. Und er schaut voll Andacht auf zur Sonne, Zum Vater himmelwärts; Und, entzückt von des Lenzes unendlicher Wonne, Drückt er Elwira an's Herz. »Wie gut ist Gott! ein jegliches Leben.« Ruft er, »lebt in ihm allein. Er ist die Liebe , er hat mir gegeben Elwira die Traute mein!« – Da kam ein Mönch die Straße gegangen, Mit seinem schweren Brevier , Darauf ließ er düster die Blicke hangen. Lieb' Pater! was fehlet dir? Er betet zu Gott nach den todten Zeichen ; Umsonst ihm der Frühling blüht. Er fühlt nicht den Gott in seines Gleichen, Und nicht in seinem Gemüth. Und der Vater im Himmel hat Alles gehöret, Und also sprach er zu sich: »Du, guter Schäfer , hast recht mich verehret, »Du, Pater, du dauerst mich!« – Das Kaltbad Romanze. Eine Hirtin ging des Morgens früh Wohl auf die Fluh hinaus. Da suchte sie mit sonder Müh Den allerschönsten Strauß, Um mit dem frischen Maien Den Liebsten zu erfreuen. O Hirtin, wie bist du so schön und hold Im Wangenpurpur und Lockengold! Da sieht sie ein Fluhblümelein, Will's brechen mit kecker Hand. O Hirtin, laß Blume Blume sein, Gefährlich ist die Wand. Ach Gott! sie fällt hernieder, Sucht keine Blume wieder! O blühende Ros'; o schöne Gestalt, Wie bist du worden so bleich und kalt! Doch auf der Jungfrau stillem Grab Ein reiner Brunnen entquoll. Der Hirte stieg wohl täglich hinab, Von Gram und Thränen voll, Um aus der Quelle zu trinken, Bis auch ihm die Augen sinken. O Quell, der aus dem Felsen wallt, Wie bist du so eisig und so kalt. J. J. A. Pfyffer zu Neueneck S' Heimweh All's ist trurig wo n' ih chume. Was ih g'hüre, was i g'seh, Und ih finde i der Fremdi Nie keis freudigs Stündli meh. Menge thäts hie ortli finde, Menge würd' hie z'friede sy; Aber mir wird nühme gefalle, Bis ih i der Heimeth bi. Geld ist i der Fremdi z'finde, Das ist wohr, das gib i zu; Doch was hilfts? – me chauft mit Duble Nie kei rechte Freud' und Ruh. – G'hör i vo der Heimeth rede, Sprengt mer's Herz schier von enand. Und wenn And're öppis lobid, Rüohm i nur mi's Vaterland. S' Wasser schießt mer de i d'Auge Und ih möcht vor Leid vergoh; Ach der Chummer hed mer lang scho Mini rothe Backe g'noh! – Wenn ih wüßt, daß's lang fett dure, Oder daß ih nie meh hei zu chäm, Wett i lieber, daß der Himmel Mih grad jetzt scho zu sich nähm'. 'S ist nid z'glaube, was me usstohd, Ih für mich, ih gönn' es keim, Tag und Nacht, de denkt men immer: Wäri, wäri doch de heim! – Und es drückt eim ufem Herze Und es nimmt eim Freud und Ruh, Und me luegt mit naß'ne Auge Trurig geg der Heimeth zu. – Heimweh, nennid d'Lüt die Chranked; 's ist es starchs, unsichtbars Band, 's lohd nid grad, zieht über 's Meer selbst, Menge z'rück is Vaterland. – Laß' nid los, o Band der Liebe, Das mich a mi Heimeth bindt, Bis des Lebens letzter Othem Us mim Schwyzerherz verschwind't. Beim Anblick des Rigi bei Weggis Aus bemoostem Felsenborne Dort ein helles Bächlein quillt, Das mit seinen kühlen Wellen Gern den Durst des Wand'rers stillt. Bächlein fließe nicht so eilig In das tiefe Thal hinab; Denn es harret dir da unten Nur das allzufrühe Grab! Dort im Schatten alter Tannen Eine Waldkapelle steht, In die mancher Lebensfrohe, Mancher Tiefgebeugte geht. Strebt nach oben, müde Pilger! In der Höhe wohnt die Lust; Denn dort schließt des Weltalls Mutter Ihre Kinder an die Brust. Was bedeutet doch das Sehnen Bald nach oben, bald in's Thal? Bald nach einer stillen Hütte, Bald nach Gütern ohne Zahl? Es bedeutet, daß wir Menschen Einem andern Ziel zugeh'n. Und hienieden blos als Wand'rer In der Zukunft Hallen stehn! Salomon Tobler Der Zehntenwein           Naht Kamönen!           Helft mir krönen Mit Gesang den Zehntenwein! Länger sollst du nicht dich freun,           Bendlikon!           Wisse! schon Ist dir Preis und Kranz entwunden, Dein Besieger ist gefunden.           Tragt ihn leise!           Pfropft ihn weise, Diesen meinen Zehntenwein! Denn ihr würdet's sonst bereun:           Dieses Naß           Kennt nicht Spaß, Frißt sich durch die dickste Bohle, Nagt sich durch die zähste Sohle,           Daß die Lauge           Besser tauge, Schnell zu waschen, blank und rein, Gießt mein Weib vom Zehnten drein;            Nur ein Glas,           Mehr als das Müßt im Nu den Lein zerbeißen. Wie Kartätschen Löcher reißen.           Frechen Gästen,           Die sich mästen Von des Pfarrers Brod und Wein, Schenk ich meinen Zehnten ein.           Siehe! wund           Ist ihr Mund; Ohne Säumen, ohne Weilen Seh' ich sie der Thür enteilen.           Wie sie husten.           Wie sie pusten, Die da tranken meinen Wein! Keiner schenket zweimal ein.           Dummkopf wähnt           Süß den Zehnt, Würgend schnüret er die Kehle, Füllt mit Todesangst die Seele.           Sündenrächer!           Dem Verbrecher, Leugnet er die Missethat; Gießet ihr auf meinen Rath           Zehntenwein           Künftig ein: Gleich wird er sich schuldig nennen, Alles, was man wünscht, bekennen.           Manch Jahrhundert           Wird verwundert Preisen meinen Zehntenwein, Und die Nachwelt sein sich freun.           Mächt'ge Zeit!           Ewigkeit! Hoffe nicht, ihn je zu zähmen. Ja den Stachel ihm zu nehmen.           Ihr, des herben           Späte Erben! Laßt euch Vorsicht heilig sein! Grabt dem Faß die Inschrift ein:           Zehntenwein!           Höllenpein! Daß doch Niemand davon nasche. Er zernagt zu Staub und Asche. Auf Unterwaldens Höhen Empor, wohin die frohen Töne rufen, Geleite, holder Pfad, des Fremdlings Gang; Leicht trägt auch über deine Felsenstufen Am tiefen Abgrund hin der Sehnsucht Drang, Jetzt will er schlau den Blicken sich verstecken In dichten Büschen blühnder Rosenhecken, Doch schaut er wieder lächelnd dort hervor, Und schlingt sich, Bändern gleich, am Berg empor. Ha! wie die Felsen dort in Purpur glühen! Empor, empor durch Waldesnacht und Kluft! Die grüne Trift hinan zu jenen Flühen! In Rosen tauchet sie der Abendduft. Ich steh am Ziel; die trunknen Blicke schauen Auf Thäler, Seen, Gebirge, Wälder, Auen, Auf Städte, Hütten, Dörfer ohne Zahl, Und Bach' und Ströme hin mit Einem Mal. Da unten ruhn im Felsenkranz die Wellen Des See's, dem Tell durch kühnen Sprung entrann; Dort stehn zum Ruhm des Helden die Kapellen, Dort fiel durchbohrt vom Pfeile der Tyrann. Bei Sempach dort hat Winkelried das Leben Zum Wohl der Enkel freudig hingegeben. Und dort an Aegri's spiegelklarer Fluth Fiel Oesterreichs Stolz vor armer Hirten Muth. Dort in den Hütten Beckenrieds vereinte Zu manchem großen Tage sich der Bund, Dort schimmert Stanz, wo Mancher reuig weinte, Versöhnt durch von der Flüe's beredten Mund. Und dort am stillen Ufer – heil'ge Fluren Vom Rütli, seid gesegnet! da beschwuren Die hohen Retter einst mit Hand und Mund Der ew'gen Brudertreue heil'gen Bund. O schönes Land, wo sich an jede Stelle Ein groß Gedächtniß hehrer Thaten schließt. Und Freiheit ihres Stroms lebend'ge Welle Beseligend durch jede Flur ergießt! Und diese Berge, Gottes ew'ge Mäler, Dieß holde Labyrinth der schönsten Thäler, Die Auen in der Lieblichkeit Gewand – Wie pocht das Herz! – sie sind mein Vaterland! Karl Steiger Erfüllter Wunsch Das war seit früh sein täglich Sehnen: Ein eignes Haus! ein eignes Haus! So rief er laut mit bittern Thränen Zum Himmel flehend täglich aus. Umsonst war all sein Schaffen, Sparen, Er konnte Niemand hungern sehn. Und mußte lang vergeblich harren Und aus und ein bei Andern gehn. Nun hast ein eignes Haus am Ende, Kein Mensch jagt dich aus ihm mehr fort. Zwar enge sind die niedern Wände. Doch liegts an einem schönen Ort. Auf grünem Anger unter Flieder, Dem Kirchlein und den Eltern nah, Ringsum die armen theuren Brüder, Und doch so stille ist es da. Aus den Liedern eines Schweizers Neuestes aus China China ist ein gesegnet Land, Wie sattsam männiglich bekannt: Den Leuten wachset drin am Schopf, Grad mitten drauf, ein langer Zopf; Drum, pars pro toto , heißt zum Ruhme Das heilge Reich der Mitte Blume, Da gibt's auch Vögel wunderbar, Die sind erpicht auf Fische gar; Was anderwärts wohl auch passirt; Doch jene sind gar gut dressirt Und wohl gezähmet und daneben Auch ihren Herren ganz ergeben. Die Herren legen nun gar fein Um deren Hals ein Ringelein, Als ob's so wäre nur zur Zier; Doch hindert es die Vögel schier. Selbst den gestohlnen Fisch zu schlingen. Statt ihn nur ihrem Herrn zu bringen. Doch selbst die Vögel sind so dumm In China nicht! so höret drum: Sie wollen auch was von dem Raub, Sonst machten sie sich aus dem Staub; Das sehn die Herrn wohl ein bei Tische, Und geben ihnen – faule Fische. Gebet eines Pharisäers Ich dank' dir Gott und bin gar froh. Daß ich nicht bin ein Sünder so, Daß ich gern geh' zur Kirche hin Und sitz' im eignen Kirchstuhl drin. Auch dank' ich für die Taufe gar. Dadurch ich bin ein Christ fürwahr. Und nicht ein Türk und Heide blind, Die allesammt verdammet sind. Ich dank' dir, daß die Obrigkeit Mir Schutz und Sicherheit verleiht, Und daß ich hab' das Bürgerrecht Und bin ein Herr und nicht ein Knecht. Ich danke dir, daß mich die Welt In Ehren und in Ansehn hält. Und daß gesetzlich ist mein Sinn Und ich nicht ein Aufrührer bin. Ich danke dir, daß ich auch Geld Hab' hier und dorten ausgestellt. Und daß die Schuldner ohne Frag' Mir richtig zinsen auf den Tag. Dann endlich noch sag' ich dir Dank Gar tief gerührt für Speis und Trank. Daß ich versorgt bin bis an's Grab – Und drum auch keine Zweifel hab. Der Wilddieb Man schalt mich einen Schelmen gar Und jagt' mich von der Thür; Doch nur ein armer Kerl ich war; Was konnt ich denn dafür? Es quälte mich der Hunger sehr. Doch Niemand gab mir Brot; Es hieß, der Richter mein Vater wär'. Die Mutter, die war todt. Da lief ich in den dicken Wald, Weil ich so Hunger hatt'. Und Has und Vögel schoß ich bald Und wollt' mich essen satt. Der Jäger aus dem Försterhaus Kam grad nun auch dahin; Den Fänger zog er da heraus Und hatte Schlimm's im Sinn. Doch weil er fett und rund sich aß Und ich war dürr und schlank. So meine Kugel schneller was Als wie sein Messer blank. Den Jäger in sein Försterhaus Trug man verwundet schwer, Das Blut quoll ihm zum Herzen aus, Er fluchte nimmermehr. Nun kamen viele, viele Leut', Und ich war doch allein; Es hetzt mich lang die wilde Meut', Bis in die Nacht hinein. Da war ich müd und blutet' stark, Ich saß am dunkeln Bach; Im nassen Busch fror mich durch's Mark, Die Wunde brannt' und stach. Gefangen ward ich und geschnürt Und nach der Stadt gebracht. Und hin und her vor's Amt geführt, Von Häschern dann bewacht. Den Abend leis der Wächter sprach Zum Kameraden hin: »Heut halten wir die letzte Wach Dem armen Teufel drin.« Ich aber biß in's harte Brot, Stieß um den Krug von Stein: Und soll denn nun Spitzbubentod Mein letztes Ende sein? – – Du Narr, was schadet Sterben dir? Hast dann nicht Hunger mehr; Nicht Vater, Mutter weint nach mir Und Niemand weit umher. Nur Eins noch sag' ich, wer ist satt, Kann leicht auch ehrlich sein, Und Manchen ehrt die ganze Stadt, Der sollt gehangen sein! Sonett an's Vaterland 1840. Die Völker schaun, die Fürsten auf dem Throne Auf dich herab und achten dich geringe. Sie meinen, daß man leichtlich dich bezwinge Und beug' dein Haupt dem Purpur und der Krone. Ein Schein nur sei die Freiheit noch; zum Hohne Dem Enkel nun der Ahnen That erklinge, Der sie, als wären's Fremde, jetzt besinge. Sein Leben fristend nur vom Gnadenlohne. Es zweifeln klagend viel selbst deiner Söhne, Ich aber will voll Glauben dir vertrauen. Den ich in meinem Busen groß gezogen. Gewiß, einst strahlst du noch in Siegerschöne, Ich glaub' es fest und werd's vielleicht noch schauen, Daß mich des Herzens Stimme nicht belogen. C. Wälli Der freie Rhein Was singen sie vom Rheine, Dem freien Alpensohn? Schäumt er vom Felsgesteine Doch ihrem Liede Hohn! Der Rhein gehört dem Lande, Das freie Männer hegt. Nicht dem, wo man in Bande Den deutschen Barden legt. Drum, wenn sie künftig fragen, Gehört der Rhein uns an? So wird man ihnen sagen: Er ist ein Schweizermann, So lang er niederfallend Die Felsensprache weckt, So lang ein Stutzer knallend Das Wild am Ufer schreckt. Der Rhein gehört dem Lande, Das Freiheit noch beglückt. So lang am Felsenrande Man Alpenrosen pflückt; So lang ein Lamm noch gehet, Auf hoher Alp zumal; So lang ein Hüttchen stehet Im grünen Alpenthal. Der Rhein gehört dem Lande, Dem donnernd er entspringt, So lang an seinem Rande Ein freier Schweizer singt; So lang die Firnen krachen Vom Abendroth begränzt, So lang die See'n lachen Von Dörflein rings umkränzt. Man wird den Rhein nicht geben In eine fremde Hand, So lang wir Schweizer leben Im freien Alpenland. Ein Toast auf dem Gipfel der Jungfrau Hoch auf der Jungfrau Stirne Im gold'nen Frühlingsschein Umstarrt vom ew'gen Firne, Da standen wir zu Drei'n. Da standen wir verschlungen Und drückten Hand in Hand, Und beteten durchdrungen Von Gott und Vaterland. Mit dumpfem Donnern krachte Der Schneesturz durch's Gestein; Die Morgenröthe lachte Uns in die Seel' hinein. Das Eisgebirge blühte, In Gletscherduft getaucht, Helvetia erglühte, Von Rosenluft umhaucht. Hoch über'm Weltgewühle, Dem ew'gen Gott so nah', Welch' heilige Gefühle Durchschauerten uns da? Des Sonntags Glockenmahnung Fern durch die Thäler scholl, Daß uns in Himmelsahnung Die Brust voll Andacht schwoll. Es glänzt am Felsenthurme Ein Wort, das Gott einschnitt, Als er im Völkersturme Das Hochgebirg durchschritt. Das Wort, wie glüht es mächtig Uns in der Seele Grund, Das Wort, wie klingt es prächtig In jedes Braven Mund! Ein Becher ward geschwungen Dort in der Lüfte Reich, Dazu ein Lied gesungen, Das scholl dem Sturme gleich. Und was der Herr gemeistert Hoch in der Jungfrau Firn', Wir riefen es begeistert Von ihrer Silberstirn. Theodor Meyer-Merian Auf der Wanderung Still ist's im Bergthal, nur der Wind Streicht durch die höchsten Tannen, Ein Wölklein mit dem Wind gelind Am Himmel zieht von dannen. Ich seh' im Schatten auf dem Moos Die Sonne draußen scheinen, Da löst sich ein Gedanke los Und schwebet zu den meinen. Die Wolke thaut ob ferner Au Auf eine Blume nieder, Die Blume fängt dann auf den Thau, Beut ihn als Perle wieder. Und aus der Heimat rückgekehrt Ist wieder mein Gedenken, Mit einem lieben Gruß beschwert Sich mir an's Herz zu senken. So ganz alleine Ich ging so ganz alleine, Dahin beim Sonnenscheine Im heitern Thalesgrund, Und freute still mich dessen: Ich hatt' der Welt vergessen Wohl manche liebe Stund. Ich dachte nicht der Sorgen, An gestern nicht und morgen, Ich sah nur rings umher Die sanften grünen Matten, Der Bäume milden Schatten Den Himmel drüber her. Da ward es mir so sonnig Im Herzen drin und wonnig Erschloß es sich, wie weit! So weit, daß Gott voll Güte Mocht' einziehn in's Gemüthe Mit seiner Herrlichkeit. Nachts Ueber'n See in finstrer Nacht Schlummernd sich die Weide neiget, Nicht ein Sternlein oben wacht, Drunten Alles schläft und schweiget. Da mit einem Male bricht Aus den Wolken Mondeshelle: Durch die Zweige zuckt es licht, Blinket auf der dunkeln Welle. Und es neiget sich das Rohr, Wie ein Flüstern tönt's und säuselt, An den morschen Kahn empor Schlägt die Welle, leicht gekräuselt. Wieder lischt der helle Schein, Still das Flüstern und das Schwanken: – Leise durch die Nacht allein Zog dahin ein Traumgedanken. Die Knospe Ein Knösplein sah ich sprossen An meinem Weg zur Seit', Vom grünen Kelch beschlossen In tiefer Einsamkeit. – Noch bleibe still verborgen Bis du erst aufgeblüht, Bis nach der Nacht am Morgen Dein Aug' erschlossen glüht. Steh' heut noch ungepflücket, Im Busch auf grünem Plan; Ich schau' nur still entzücket Nach dir hin dann und wann: Eh' du die Blüthe lüftest, Doch bist du jetzt schon mein, In meine Zukunft düftest, Du heute schon hinein. – Von des Hügels Rand           Von des Hügels Rand           Dehnt sich weit das Land, Unten liegt der See im blauen Duft, Kräuselt spielend tausend tausend Wellen Silberglänzend in der sonnenhellen, Frischbewegten Morgenluft.           Still vorüber da           Schwimmt ein Schifflein nah, Leicht gebläht das Segel, und es ruht Drin der Schiffer, lässig hin und wieder Taucht sein Ruder, Tropfen fallen nieder Leuchtend in die grüne Flut.           Hinterm Nachen drein           Folgt ein lichter Schein, Dehnt sich länger, immer länger aus. Wenn das Schifflein mit dem Winde fliehet Schwinden Ruder, Schiffer, einsam ziehet In die Weiten es hinaus.           Nur das Segel fern           Wie ein bleicher Stern Blinkt noch aus dem blauen Dufte dort. Voller Sehnsucht folgen meine Blicke: Führe dich ein freundliches Geschicke, Schifflein nach dem fremden Port! Hochwald Durch den alten Buchenhain Blickt der Himmel blau herein, Und vom Himmel her geschwind Fliegt der kühle Morgenwind. Alle Blätter rührt er, dann Schlägt er auch die Zweiglein an, Grüßend neigt bei seinem Hauch Krone sich und Busch und Strauch. Und es murmelt alsobald Tausendfach der alte Wald, Rauschend jetzt, dann wie im Traum Zieht es durch den grünen Raum. Von dem fernen Waldesrand Lugt ein Bäumlein weit ins Land, Aus dem Wald der rasche Wind Saust an ihm vorbei geschwind, Und er stürzt mit einemmal Jählings sich ins flache Thal, Und darin von Weg und Steg Fegt den Staub er allen weg. Fegt ihn weg und weht ihn dicht Den Philistern ins Gesicht, Die die breite Straße dort Keuchend, schleppend ziehen fort. Auf dem Berg am Waldessaum Schauet alles das der Baum, Und er wundert sich dabei. Daß derselbe Wind es sei, Der den Hochwald voller Pracht Hier prophetisch rauschen macht, Und im Thale dort zu Hauf Staub nur rührt vom Boden auf! Der Schweizerknabe Wir stiegen zu den Flühen, Ich in des Vaters Huth; Mocht' auch die Sonne glühen, Doch hatt' ich frischen Muth. Dann schauten wir von oben Ins weite Land hinaus Und sahen, hoch erhoben, Viel Berge ragen draus. Der Vater wies die Wipfel Mir alle mit der Hand: Wie viele stolze Gipfel Hat er mir da genannt! Und Schnee lag auf den Stirnen Und manchem Felsenschooß; »– Hei! bis zu jenen Firnen Einst steig' ich, wenn ich groß! Kein Abgrund soll mich schrecken, Und keine Felsenwand. Den Muth nur soll mir wecken Das schöne Vaterland! Und ein Gewehr auch laden Und Zielen lern' ich dann. Daß ich vor Feindesschaden Das Land beschützen kann!« – So jauchzt' ich, und zur Seiten Der Vater sah mich an. Und sprach: in alle Zeiten Denk, Schweizerknabe, dran! – Das Reislein Wie steht das Maienreislein So schmuck auf deinem Hut! Mein Schatz, du hast mir nimmer. Im ganzen Leben nimmer Gefallen noch so gut. Dein Auge blickt so treulich! Ich liebte wohl dich sehr. Doch jetzt erst, will mir scheinen. Heiß' ich dich recht den Meinen Und lieb dich noch vielmehr. Dein Küssen ist so süße! – Ach, sollt' ich sein allein, So würd' ich bald verderben, So wollt' ich lieber sterben, Als ohne dich zu sein! – – »Mein Lieb, thu nicht so sprechen Und schau mich nicht so an: Mein Aug' nur wollt' dich grüßen, Mein Mund nur that dich küssen, Weil ich's so oft gethan. Und auf dem Hut das Reislein, Gefällt dir das so sehr, Dann wiss' was es bedeute: Ich zieh' in Krieg noch heute, Und seh' dich nimmermehr.« – Die Schildwache Die Bäume stehen all entlaubt, Nur seufzend wiegt die Ficht' ihr Haupt, Als wie im tiefsten Keime wund, Dieweil den harten, weißen Grund Gefrorner Schnee und Reifen Im Nachtwind rieselnd streifen. Die Schildwach' schreitet hin und her Am Thor im Arme das Gewehr, In tiefster Ruhe liegt die Stadt, Der Bursche nickt, als wär' er matt, Und lehnt sich, – still ist Alles – Sacht an das Bord des Walles. Er schaut in die Decembernacht: Orions Gürtel blitzt voll Pracht, Durchsichtig blau der Himmel hängt, Das kleinste letzte Sternlein drängt Sich in den Kranz der Sterne Aus seiner tiefsten Ferne. Und ob die Glieder müd' und schwer, Die Seele schweift durchs blaue Meer Der stillen Nacht, so weit, so frei, An tausend Steinen rasch vorbei; Tief unten liegt entschwunden Die Welt, vom Tod gebunden. Die Nacht entfloh, der Tag brach an. Und lautes Treiben rings begann; Es haucht der Bürger sich die Hand, Das Tagblatt kam und drinnen stand: Heut Nacht sei an den Thoren Eine Schildwach' erfroren. – Die Waschfrauen (Sage) Wie klatschen und platschen am grünen Teich Die Mägde so wacker, wie sprudelt so reich Das Wasser, und ärmer nicht vom Mund Die schallende Red' in später Stund! Dem kräftigen Wasser gebühret Preis: Das Herze wird leicht und das Linnen wird weiß, Kein Ecklein, kein Flecklein noch so klein Im Dorf, heut muß es gewaschen sein. Von Dem und von Jener, von Frau und Mann, Da greifen die Wasche gar sie wacker an, Sie reiben gar scharf, sie klatschen fest, Sie ziehen sie durch aufs allerbest. Sie drehen sie hin, sie drehen sie her, Sie helfen einander, wird's Einer zu schwer; Was Grethe nicht weiß, die Liese kennt's, Was Mariann fragt, die Barbel nennt's. Was mag denn da plötzlich die Eine sehn? Ihr bleiben die Hände, die Zunge bleibt stehn; Bald folgt ihrem starren Blick die Zweit', Die Dritte, die Viert' und schaut zur Seit. Zur Seit aber jetzt an dem Teiche, wer Steht dort? und wo kam denn die Fremde nur her? Wer ist die? Sie waschet stille fort Und sieht sich nicht um und spricht kein Wort. Sie ziehet gerad aus dem dunkeln Bach Ein triefendes Linnen, und wie sie gemach Es hebt aus der Fluth, o gnädiger Christ! Ein Todtenhemde das Linnen ist. Es sehen's die Weiber, sie werden bleich, Verstummt ist das Klatschen und Platschen sogleich, Und Jegliche packt zusammen sacht Die Wasche, die sie zum Teich gebracht. Und Jede, die geht drauf still nach Haus, Schaut nimmer zurück nach dem nächt'gen Graus, Und Jede bedenkt beim Heimweg: – Mag Bedeuten dieß meinen Todestag? Lied vom Winter und Frühling Die Sonne war unwohl und ging gar schwer Und langsam am Himmel hin und her. Sie hatte Kopfweh und Schwindel bald, Bald wurd' es ihr heiß, dann wieder kalt, Es fuhr ihr reißend durch die Glieder, Sie legte sich zu Bette nieder. Die Sonne hatt' einen Buben toll, Hieß Winter und war der Tücken voll, Sie hielt ihn zu Haus den ganzen Tag, Doch als sie unpaß im Bette lag, Entwischt ihr aus der Kinderstube Und floh hinaus der lose Bube. Aus den Wolkenkissen schüttelt' er aus Die Federn alle mit Saus und Braus, Und streut in die Luft sie tausendfach, Er selber eilte den Flocken nach, Zerriß sein Schulbuch mit Ergetzen Und blies umher die weißen Fetzen. Auf den Feldern rannt' er hin und her, Zertrat das Gras und die Blumen sehr, Verscheuchte die Vöglein allzumal, Und rupfte die Bäume, die Büsche kahl, Von seinen Stübern auf der Erden Roth-blau die Nasen alle werden. Er jagte draußen von Feld und Hain Die Leut' in ihre Häuser hinein; Das klagten sie all der Sonne gar, Der's wieder inzwischen besser war: Aus dem Guckfensterlein von oben Sah sie des Buben wildes Toben. Sie stieg aus dem Bett von Wolken weiß, Da ward's dem frechen Buben heiß; Sie zündet ihm heim mit guter Art, – Sein Starrsinn völlig zu Wasser ward; Sie jagt' ihn fort trotz allem Jammer Und sperrt ihn wieder in die Kammer. Als Sonne darauf zum ersten Mal Spazierte wieder durch Berg und Thal, Da trug sie sachte auf ihrem Arm Ein Wickelkindlein und hielt es warm, Da ist mit einmal aller Orten Ein neues Leben wach geworden. Da wurden die Matten weich und grün, Da mußten die Blümlein alle blühn, Da lachte der Himmel hell und klar, Da sangen die Vöglein wunderbar; Was Alles zu des Kindes Wonne, Des Frühlings so bestellt die Sonne. Dem Kindlein auch Alles wohl gefällt; Doch fragt ihr, wie es gekommen zur Welt? So wisset nur, daß es über Nacht Der Klapperstorch der Sonne gebracht, Der ernsthaft bei dem Jubiliren Geht auf der Wiese dort spazieren. Frühlingssunne Lug use: der Winter Isch uf und dervo, Im Sunneschyn z'mitze Jetz d'Vögeli sitze Und pfyfen em noh. Mach uf an dym Herzli Au 's Lädemli bald, Und d'Sunne laß schyne Dry yne, tief yne In hinterste Falt. Wie wird's gly so heiter Im Kämmerli do! 's lacht Alles drin inne, Me muß st schier b'sinne: Isch's 's vorig au no? Feg d'Spinnpuppe use, Der Staub und der Ruß! Geschwind mach di derhinter! Der Winter, der Winter Jetz use muß. Kum us jetze! d'Sunne Isch Meister im Hus Und was ihr im Weg stoht Wirf, wenn's sunst kei Weg goht, Zum Fensterli us! E voll Herz Isch der dy Herzli voll Freud und Weisheit Wo de witt usen u ane dermit, Menisch es möcht 's ueberg'wicht eppe beko: Fang nur a z'singe, es lychteret scho. Witt aber singen und weisch de nit was? Lug nur durch's Fenster: Wie grün isch nit 's Gras! D'Bäumli voll Blätter und d'Blümli voll Pracht Thünd der's scho sagen, u d'Sunne, wo lacht. Schynt aber d'Sunne nit, lyt duße Schnee, Siehsch e kei Läubli, kei Blümeli meh; He so mach d'Auge zu, juchzge druf zu! Für e voll Herz isch e Juchzger scho gnu. E jung Blut Bin e junges Blut, Han e frohe Muth Und mit Niemeds tuscht i gern In der Näh' und i der Fern; In der wyte Welt Fehlt mer nyt as Geld! Alles sunst isch my, Was es au mag sy; Wenn i's grad nit selber ha, Han i doch my Freudli dra; In der wyte Welt Fehlt mer nyt as Geld! Goht's mer hite knapp, Wird's mer öd und schlapp: Morn ka's wieder besser sy Und i byß nur kecker dry; In der wyte Welt Fehlt mer nyt as Geld! Kutsche nit und Roß Han i und kei Schloß, Aber e Paar g'sunde Bei Und zum Schlafe Strau und Heu; In der wyte Welt Fehlt mer nyt as Geld! Just es fehlt mer au No bis hit e Frau. Doch i weiß e Hüsli scho, 'S lugt mer drus e Maidli noh; In der wyte Welt Fehlt mer nyt as Geld! Zünderlen My Mutter wehrt mer's Zünderle: 'S syg mit em Für nit z'g'spasse! Do wo-n-i hinter d'Schüre kumm, Wer rüft mer au? i draih mi um: Do thut mer's Gretheli passe. Am Bode sitzt's und g'vätterlet: Strauhälmli het's und Sache. »Sag Friedli, hesch du Fürzüg nit?« – Sait's fründlig, – »lych mer's, wenn de witt, Und hilf mer e Fürli mache!« I hätt nit sage könne: Nei! I hätt jo müsse lüge; Das Lügen aber isch e Sünd Und's Gretheli isch's Nochberskind, Das möcht' i z'letzt betrüge. So händ mer denn e Fürli g'macht Selbander, lysli, lysli; 's isch nur e kleis: das Einte trait E Hälmli zuhe, 's Ander lait E Spänli dra, e Rysli. Und jetz blost's Gretheli, nohe y, Mer kömmen in Ifer z'samme, Und's weiß e keis wie's nur isch ko, Es brennt uf eismol lichterloh: Fürjo! wer löscht au d'Flamme! Mer tappe druf, mer trampe dry, 's wird allewyl nur schlimmer; Do lauft mer's Gretheli dervo, I lauf im pure Schreck ihm noh. Und in's Gartehüsli simmer. Und dinne, was doch d'Angst nit macht! Mer thünd is kum meh kenne: Eis fallt im Andren um der Hals, Vor Schlecke küsse mer is als, Und Fürli – lehnd mer brenne! Z'singe für wer e Schatz het Früh Morges frog i d'Sunne, Sobald sie nur verwacht: »Frau Sunne, worum as i bitt, Sag, kunnt ächt hit my Schätzli nit? My Schätzli nit?« – Do het sie numme g'lacht. Und's Bächli uf der Matte, Das frog i hintedry: »Lieb Bächli, sieh-n-i hit my Schatz?« Das Bächli aber nimmt e Satz, Jo, nimmt e Satz, Und goht druf gly verby. Au an die grüne Linde Han y mi g'wendet no: Die grüne Linde het nur g'schwind Sich hin und her bewegt im Wind, Im Wind, im Wind; – Isch Nei das oder Jo? Z'letzt frog i frei no 's Spätzli – 'S het wäger nit der Zit, 'S flegt grad zum Nestli in den Wald Und zwitschert unterwegs: »Wie bald, Wie bald, wie bald Bin y so wyt, so wht!« Hätt' y nur au zwei Fegde Und wär' i so ne Spatz! I frogte währli nit so viel, Und thät so meng Mol, as mer's gefiel, Jo as mer's g'fiel Furt fliege zu mym Schatz! D'Hummele und's Immli Was brummt und surrt und schnurrt derher Und schüttlet d'Glöckli hin und her Am Blumestiel in aller Hast? Me meint, sie wotte stürme fast! Es isch e Hummele, sie borzt In's Blüemli yne, druckt und knorzt, Schießt links und rechts und schlicht mit G'walt An Kelch: sie wott's erzwänge halt. 'S isch g'münzt drin uf der Blumestaub! Du bisch kei Narr, nur thuesch de z'taub; 'S Best muß e so verlore goh, 'S fallt ab und du hesch nyt dervo. Lug do das Immli nebe dra, Wie süferlig nit foht's es a! Subtil sitzt's uf em Bluemerand, Streckt's Züngli use mit Verstand, Und's schleckt nur do und's schleckt nur dört, Es het si kum e Blätti kehrt, 'S isch niene grob, potscht niene-n a, Manierlig, was me sage ka! Glaub Niemeds, daß es drum nit b'schieß: Do lug me nur e mole d'Füß! Pumphose het's, wie Gold so gäl, Vom allerfynste Bluememähl. Es stiegt demit zum Blüemli us Wyt, wyt und heim in's Immehus; Wie summt's vor Freud, daß es so E Schatz vo Hunig het beko! Und jetz deheime b'schließt's en gly In nagelneue Käste-n y: 'S isch für der Winter g'sorgt, wenn's waiht Und kuttet und e Schnee duß lait. – Kind, sag jetz, wer vo beide g'fallt Dir besser? denk, de waisch es bald Und b'sinnsch di nit, und weles do Es isch, he nu, dem miech i's noh! Johann Georg Müller Die ewige Burg Der Meister, der sie baute, Stand auf dem höchsten Thurm Vom Blitz umflammt und schaute Hernieder in den Sturm. Der Blitz erbrach die Krallen, Sich an der Felsenzinn', Umsonst an Säul' und Hallen Warf sich der Donner hin. Da rief der alte Meister Den Bauvers über's Haus, Daß selbst des Donners Geister Verstummten voller Graus: »Von Vesten und Burgen allen Bist du zu höchst gestellt, Du sollst nicht brechen noch fallen Vor'm Untergang der Welt!« Viel Burgen sind erbauet Seitdem zu Schutz und Streit; Doch allesammt erschauet In Trümmern bald die Zeit. Nur noch die Eine raget Zum Himmel mächtig auf, Roth, wann die Sonne taget, Roth, wann sie schließt den Lauf. Felshöhen sind die Dämme, Die Gräben – blaue See'n, Die Zinnen – Bergeskämme, Die Erker – blum'ge Höh'n. Engpässe sind die Thüren, Die Zimmer, Thal an Thal; Und Höf' und Gärten zieren Springbrunnen ohne Zahl. Und Männer sind die Hüter, Ihr Zeichen ist das Kreuz, Freiheit ihr Gut der Güter, Ihr Name heißt: Die Schweiz. Schweizerisches Lied Neidet nur, so lang ihr wollt, Fremde recht- und linkerseits, Uns'rer Berge altes Gold: Freiheit durch die ganze Schweiz. Frei wie unser Gletscherstrom, Stark wie Uri's mächtiges Thier, Kühn wie unser Alpendom, Frei und kühn und stark sind wir. Leugnet nur, so lang ihr mögt, Fremde recht- und linkerseits, Die in unsern Herzen schlägt: Eintracht durch die ganze Schweiz. Einig sind wir! kleiner Zwist Kommt auch in der Liebe Mund. Wo ein Feind zu schlagen ist, Da erkennt den Schweizerbund! Ha, begehrt, so lang ihr wollt, Fremde recht- und linkerseits, Nach der Hirtin hehr und hold, Nach der freigebornen Schweiz. Nein, will's Gott! euch wird sie nicht, Da man noch die Kugeln kennt, Und ein Freiheit-Feuerlicht In den Hochsignalen brennt. Prophezeit als sicher wahr, Fremde links- und rechterseits, Unserthalb auf's nächste Jahr Schon den Untergang der Schweiz: Wenn uns Gott nur nicht verläßt, Und wir steh'n zu seinem Kreuz, Steht sie wie die Alpe fest, Unsre frohe, freie Schweiz. Das Brautbett Der Schreiner hobelt und hämmert froh. Was freut den jungen Meister so? Er macht ein Bett für sich und die Braut; Drum hobelt und hämmert er so laut. Und zwischen die Schläge sein Lied er singt, Daß flinker der Hobel und Hammer springt. Das Bett steht gezimmert schön und blank, Da wird die Braut zum Sterben krank. Und wie er eintritt in der Liebsten Haus, Da ist es mit ihrem Leben schon aus. Und wie er hobelt den Todtenbaum, Da umzieht's ihn so seltsam, als wie ein Traum. Sie kam und sprach: »Du mach'st ihn zu klein Wir müssen ja alle beide hinein! Denk' an die Worte zwischen uns zwei'n, Im Leben und Tod uns treu zu sein!« So sprach ihn die bleiche Erscheinung an: Am Morgen – da war's um ihn gethan. Deutsche Treue Es steht eine Lind' an des Weges Höh'n, An deren Stamm zwei Namen steh'n; Die schnitten vor Jahren zwei deutsche Leutchen, Ein junger Bursche und sein Bräutchen. Er sprach: »In drei Jahren bin ich zurück. Dann bring' ich zur Liebe auch noch das Glück!« Sie sprach: »Und möchtest du ewig wandern: Bis du wiederkömmst, nehm' ich keinen Andern!« Nach drei Jahren ging sie zur Linde hinaus. Ihr Bräutigam kömmt heute nach Haus; Und wie sie so saß im grünen Grase, Da zog ein schmucker Reiter die Straße. Er war gar braun; sie kannt' ihn nicht, Da hält er sein Rößlein an und spricht: »Schöne Jungfrau! wenn ich Euch betrübe, So muß ich's einem Freunde zu Liebe. An des Weges Höh', unter dieser Lind Verließ er vor Jahren ein schmuckes Kind: Seid Ihr es, so wißt, daß mein Freund mich sendet, Er hat einer Andern sich zugewendet. Wohl dacht' er mit Freuden oft an Euch; Doch das Weib, das er nahm, war eben reich! Habt Ihr ihm etwas auszurichten, So sagt es, ich will es ihm berichten.« Das Mädchen ward in den Tod betrübt; Sie hatte den Knaben so treu geliebt! – »Sagt ihm, ich wünsche ihm stets das Beste, So viel Lieb', als an uns'rer Linde nur Aeste! Auch wünsch' ich ihm so viel gute Zeit, Als Sand am Meere weit und breit! Auch wünsch' ich ihm so viel Wohlergehen, Als Sternlein Nachts am Himmel stehen!« Da sprang der Reiter von seinem Pferd: – »O Liebchen, du hast dich ächt bewährt! Wie konnt' ich dich so schwer versuchen: Ein Herz, wie deines, kann nicht fluchen!« Und freundlich steckt er an ihre Hand Ein Ringlein, d'rauf sein Name stand; Und zog, ihre Thränen abzuwaschen, Ein seidenes Tuch aus seiner Taschen. »Sei getrost! nun bin ich für immer zurück, Und bringe zur Liebe auch noch das Glück! Die Welt gab mir Zweifel, nun glaub ich auf's Neue, Herzlieb! an die alte deutsche Treue.« Der Schicksalsring Die Königin ließ liegen Am Fenster ihren Ring; Ein Falke sah im Fliegen Das runde, glänzende Ding. Er trug ihn zu den Lüften, Ließ ihn fallen in den Rhein; Da in den feuchten Grüften Ein Hecht ihn schluckte hinein. Nichts war der Königin lieber. Als der Ring, den der Falke stahl, Sie bekam ihn in Freuden über Von ihrem nun todten Gemahl. Da erschien er ihr in Träumen: »Der den Ring dir wieder fand, Dem darfst du zu geben nicht säumen Deine Lieb und deine Hand!« – Es fuhren in stolzem Kahne Wohl auf und ab den Rhein Edle Herrn und Kastellane, Und tranken gold'nen Wein. Und wie sie so fröhlich thaten, Da sprang in's Schiff ein Hecht: »Ei, wärest du wohl gebraten, Du kämst uns eben recht!« »Fort! frei im Rheine schwimm' er!« Sprach da der Graf Gulik; – »Nicht doch! verwerfe nimmer, Was dir zuwirft das Geschick!« Sprach Karl, der junge Weise; »Ich bringe den stolzen Fisch Als eine zarte Speise An der jungen Königin Tisch.« – »Ei, seht mir die liebe Gabe!« Sie sprach's und sah ihn an: – Ihrem Herzen hatte der Knabe Stille Liebe angethan. Man bringt den Hecht zu Tische. – Was glänzt da für ein Ding? Ei, seht! sie findet im Fische Den lieben, verlorenen Ring. Sie sprach. –»Nun Karl! laßt hören, Ihr habt gefunden mein Glück, Nun wünscht, wie zahl' ich in Ehren Euch so hohen Fund zurück?« Da erhub sich der junge Weise: »O Königin, Ihr führt Mein Herz auf glattem Eise, Gebt mir, was mir gebührt!« Drob sprach sie, tief betroffen, Als sie die Worte fand: – »Wohlan! ich bekenn' es offen, – Euch gebührt meine Lieb', meine Hand!« Wirkung der Musik Mich bedeckte der Wehmuth Flügel, Mich erregte das Schweigen der Nacht, Der Mond stieg über die Hügel, Der Springquell plätscherte sacht. Da hört' ich Musik und Klänge Fernher wie hüpfenden Tanz, Wie fröhliche Brautgesänge, Durchknüpft mit der Liebe Kranz. Ein Stein fliegt aus den Händen; Man weiß nicht, wo er sich legt: So der Ton nach allen Enden, Man weiß nicht, was er erregt. Die Töne geh'n weit im Kreise Und treffen der Herzen gar viel; Das stark, das andere leise, Das zum Weh, das zum heiteren Spiel. Mir brachen die hellen Thränen Aus beiden Augen hervor: Es sprach aus den fröhlichen Tönen Das Glück, das ich verlor. Letzter Trost Sei du still und laß' das Weinen, Armes Herz, vergiß die Qual! Einst noch wird ein Stern dir scheinen. Deine Liebe reift einmal. Rosen wird die Zeit dir geben. Darum wisch' die Thränen ab! Lächeln keine dir im Leben, Blüh'n sie doch auf deinem Grab. Künstlerloos Weß Herz geweiht ist zu der Künstlersendung, Der schwankenden Gesinnung zu erschließen Ein sanftes Bett, das sie verlockt zu stießen Zu weiser Lehre segensreicher Spendung: Der möge nicht verzagen, wenn Verblendung Und Hohn in seine Gluthen Wasser gießen! Der möge nicht verlangen, zu genießen Der großen Menge laute Lobverschwendung. Sie murrten ja, als Moses trocknen Fußes Durch's Meer sie führte zum gelobten Lande, Als Enderfüllung göttlichen Beschlusses. Und lös't ein Gottmensch ihre Sklavenbande, So holen sie mit dem Betrug des Kußes Zu Kerker ihn und Kreuz und Feuerbrande. Letzter Wille Wenn ich einst sterben werde, Dann legt auf die todte Brust, Meine Lieder aus Leid und Lust, Und senkt mich in die Erde. Ich will nach dreien Tagen, Seien kurz sie oder lang, Beseelt vom göttlichem Drang, Mein enges Grab zerschlagen. Und wieder auferstehen. Und was ich in Liedern sang, Wird als ein Erinnerungsklang Neu meinen Geist umwehen. Würde der Kunst Dir ward, o Kunst, der Bildung hehre Pflicht, Daß deiner Priester Hand uns die Bezüge Des ird'schen Daseins zu des Himmels Licht In fühlbar lebensvolle Formen füge. – Zum Seelenaufruhr ward dir – das Gedicht , Zum Dienst der Wahrheit des Gemäldes Züge ; Und daß der Geist sich recht vom Niedern trennte. Schufst du der Baukunst ew'ge Monumente. Beruhigung und fröhliche Belebung Birgst du, o goldne Kunst, in deinem Schooß; Ob wir mit Hoffnung nah'n, ob mit Ergebung, Voll Freundlichkeit beschenkst du Klein und Groß! Gibst festen Halt dem Starken; dem Ergebung, Der sein Verzagen klagend dir erschloß; – Und wo vom Wunsch unmöglich die Vollführung, Entschädigst du mit hoffnungsvoller Rührung. So stehst du da, o Kunst, des Lebens Pflicht Mit Ahnung hohen Lohnes auszugleichen. – Doch solches Ziel erreichst du scherzend nicht, Nur Ernst und Würde werden es erreichen; Und wie die Myrthe um dein Haupt sich sticht, So sei sie deines Sinnes ächtes Zeichen: Ob du auch fröhlich in das Leben schauest, Sei ernst und ruhig, wenn du einsam bauest! Der großen Schöpfung herrliche Gestaltung Sei höchstes Muster dir allüberall, In ihres Wirkens himmlischer Verwaltung Erforsche der Gesetze Wechselfall. Es zeigt das Werk der Göttlichkeit Entfaltung, Schwebt Gott auch ungeseh'n ob seinem All. – Und bei der großen Bildung wie der kleinen, Siehst du den Einen Grundzug dir erscheinen: Den klaren Sinn , der sich so leicht erklärt, Wenn du die Bildung aufmerksam betrachtest, Des Sinnes Hoheit , die dir Lust gewährt, Wenn du der Bildung Einfalt nicht verachtest. Der Hoheit Frucht , die dir dein Herz bescheert. Wenn du der Bildung Inhalt wohl beachtest: So nach und nach wird der Natur Betrachtung Nicht bloß Genuß, nein! auch des Schönen Achtung. Hieran, o Kunst, hast du dich erst zu weihen, Durch Lieb' am klaren Walten der Natur, Bis nach und nach die Nebel sich zerstreuen Und dich durchs Dickicht führt die schmale Spur; Durchstreifst du dann auch ganze Blumenreihen, Stets findest du die gleiche Regel nur, Und der Geweihte sieht in jeder Pflanze In hohem Ebenmaße stets das Ganze. – So sei dein Wesen auch, o Menschenkunst, Willst du dich selber und den Geber ehren. Es ward umsonst dir des Talentes Gunst, Soll es nur schaffen – aber nicht belehren; Und deine Schöpferkraft wird eitler Dunst, Läßt sie von kleinen Zwecken sich bethören: Zu leichtem Tand und zartem Unterhalten Nur wohlgefäll'ges Spielzeug zu gestalten. Weh euch, ihr Meister, die ihr auserkoren. Der Welt gesteigerte Natur zu sein, Geht euch die Würde des Berufs verloren Ob der entnervten Menge Schmeichelei'n! Wär's besser nicht, ihr wäret nie geboren. Als eurer Schüler Sclaven so zu sein? Nein, fasset euch, Ihr habt die Zeit zu leiten, Erhebt das Werk, und laßt die Welt es deuten! Ja, die Erhabenheit sei euer Siegel, Und jedem Werke sei sie aufgedrückt! Dem großen Bild, dem Weltgeschichtenspiegel, Dem kleinen Lied, am Thränenbach gepflückt! Nicht! daß zum Zarten sich der Dichtung Flügel Nicht senken darf, wenn Adlerflug nicht glückt. Nur Eines sei euch fremd – das Sünd'ge, Kleine, Das Menschenherz Entehrende, Gemeine! Johann Baptist Müller Tells Kapelle am Vierwaldstättersee Vor allen Zeichen der Erinnerungen Bist du mir werth, bescheidene Kapell', Erbaut zur Stätte, wo sich Wilhelm Tell Aus Todesnoth zum Freiheitsfels erschwungen. Glaubt der Tyrann im Sturme sich verschlungen. Der Held steht fest, sein Auge strahlet hell; Entschluß und That sind wie ein Pfeil so schnell; Ein kühner Sprung – die Rettung ist gelungen. Wer ist, dem nicht aus bösen Feindes Rachen Zuweilen Untergang entgegen klaffe? Da gilt's auch dir zu beten und zu wachen. Daß alle deine Kraft empor sich raffe; Treib hin zum Fels, zu Christus deinen Nachen Und rette dich mit deines Glaubens Waffe. Maria Sonnenberg, über dem Rütli Auf hohem Berg am See thront die Kapelle, Geweiht der Gottes-Mutter, deren Wachen Und treue Fürbitt schirmet Schiff und Nachen, Daß weder Blitz noch Felsriff sie zerschelle. Wie mancher Seufzer aus empörter Welle, Wie mancher Angstschrei bei des Botes Krachen, Wie manch Gelübde aus des Todes Rachen Steigt da empor zur heil'gen Segensstelle. Die sel'ge Himmelskönigin voll Gnaden, Tritt vor den ew'gen Sohn und steht zu wenden Vom Fluthgepeitschten Todesnoth und Schaden! Da hilft der Herr, wie er den Sturm hieß enden, Vom Angstgebet der Jünger eingeladen, So auf Maria's mütterlich Verwenden. Ludwig Ettmüller Wie Leuthold von Regensberg die Nase Rudolfs von Habsburg behauen wollte Der junge Habichtsburger Graf Fand nimmer Ruh und nimmer Rast, Es war dem Herren nirgends wohl Als unter seiner Waffen Last. Wer Leid zu klagen hatte, stets An ihm den schnellen Rächer fand; Drum hieß er »Aller Welt Schirmherr« Auf jeder Burg im Schweizerland. Der stolze Regensberger Herr Den Zürchern schnöde Bande flocht; Da fand denn Rudolf einen Strauß, Wie lang er keinen lieber focht. Als ihm die Boten stehend nahn Der hart vom Feind bedrängten Stadt, Da beut er lachend seine Hand Und spricht: »Da, Freunde, schaff ich Rath!« Flugs zeucht gen Kyburg er zum Ohm Mit seiner treuen Knechte Schaar; Dort weilt er nun und lugt und forscht, Und nimmt des Feindes sorglich wahr. Einst sitzt er nach vollbrachtem Werk Des Abends mit dem Ohm beim Schach, Da springt des Regensbergers Narr Mit Hast ins stille Burggemach. Starr blickt und lang dem edlen Graf Der kecke Narr ins Angesicht: »Nun, so mir Gott! was meint mein Herr? Sie scheint doch überlang mir nicht!« »Was schaffst du, Narr, was willst du mein?« Erwiedert ernst der milde Graf; »Wer, Männlein, hat dich hergehetzt? Was störte dich von Bett und Schlaf?« »Ich wollte, Gräflein, mit Vergunst, Nur deine Nase mir beschaun; Es meint mein Herr, sie sei zu lang; Man müsse, sprach er, sie behaun. Und viele Herrn von nah und fern Zur Burg der Ritter heut entbot. Und viele, viele kamen auch Zur Burg seit frühstem Morgenroth. Sie brachten Schwert und Spieß und Beil Und manchen blanken Morgenstern, Und deine Nase, schwuren sie, Behiebe wahrlich Jeder gern. Da meint' in meiner Einfalt ich. Die mußt du selber doch beschaun; Wie groß muß nicht die Nase sein. Die man mit Aexten will behaun!« Und Rudolf lächelt still und spricht: »Hab, Lieber, Dank für den Bescheid! Gern magst du meine Nase schaun. Gar sonder Furcht und Fahr und Leid. Und schaust du heute nicht dich satt, So schaue sie nur morgen mehr; Jetzt aber geh zur Ruhe, Freund, Mich dünkt, dich schläfert sehr!« Zu Bette ging der Narr; der Graf Jedoch, der ging zu Bette nicht, Der ging und legt' sein Streitgewand Sich an bei falbem Kerzenlicht. Und seine Knechte weckt er auf: »Ihr Knechte, munter! rüstet schnell! Wir reiten diese Stunde noch; Es scheint der Mond zum Weg uns hell!« Bald ziehn die Reis'gen schweigend aus. Von Rudolf klug und still geführt; Sie treffen ein, eh' noch der Hahn Zum Ruf die frühen Flügel rührt. Der Graf bezieht den Hinterhalt Und harret da des Feindes still; Den edeln Herrn den Hauerlohn Er voraus gern entrichten will. Und als die Sonne morgen frisch Sich aus den lichten Wolken schwang. Da zieht heran des Freiherrn Harst, Geschaart, unübersehbar lang. Und Keiner aus der lauten Schaar Bemerkt des Grafen Hinterhalt; Sie reiten schallend ihren Weg Hin durch den grünen Tannenwald. Da stößt der Graf mit Macht ins Horn Und ruft die Seinen muthig an. Und durch des Feindes langen Zug Bricht er sich eine breite Bahn. Die Knechte folgen wacker ihm. Kein Spieß, kein Schwert, kein Beil ist stumpf; Hier fliegt ein Arm vom Leibe weg, Dort fliegt ein Kopf weit weg vom Rumpf. Und bald nach allen Winden fliegt Des stolzen Regensbergers Troß; Dem Grafen lassen sie geschwind das Feld, Und manch ein leeres Roß. Er nimmt die Beute freudig auf; Und manch ein muthig stolzes Pferd, Das seinen Reiter herrlich trug, Trägt jetzt nur Harnisch, Helm und Schwert. Nach Kyburg zog des Grafen Schaar, Und pries mit Bang ihr gutes Glück; Der Regensberger aber schlich Beschämt und still zur Burg zurück. Und als der Graf nun abgethan Der schweren Eisenringe Last, Beruft den Narren er zu sich Und spricht zu dem erstaunten Gast: »Geh, Lieber, jetzt zu deinem Herrn, Und meld' ihm freundlich meinen Rath, Wer Rudolfs Nase will behaun, Der schweige klüglich vor der That!« K. L. Schuster Der Eherichter Gegenüber von dem Richter stehen Zwei sich, Weib und Mann; Bittre Klage, bittre Rede, manche bittre Thräne rann. Viel von Streit und Eigensinne, kargem Glauben, falscher Treu', Viel von eitler Hoffnung tönte, Vieles auch von später Reu'. Zum Vergessen, zum Vergeben und zum Opfern schreitet Keins: »Unsre Herzen sind geschieden, werden ewig nimmer Eins!« Doch geduldig mahnt der Richter: »Waget nochmals den Versuch! Warten bringet oft den Frieden, thöricht Eilen bringt den Fluch. Eure Herzen zu erweichen, sollt Ihr warten noch ein Jahr: Dann, das Urteil, zu empfangen, stellt euch wieder vor mir dar!« Mann und Weib in gleichem Schiffe, er am Steuer, sie am Bug, Fuhren heimwärts auf der Aare, welche trüb die Wellen schlug. Will der Strom, der hochgeschwollne, tragen kein entzweites Paar? Soll die Schuld vergeßner Liebe Strafe trinken in der Aar? Umgeschlagen hat das Schifflein, in den Wellen kämpfen sie, Männer, Weiber, laut verzweifelnd, wer der kalten Noth entflieh'. Aber sieh, den Fels am Ufer faßt mit krampf'ger Hand ein Mann, Scheint es nicht für Heil zu achten, daß er einsam hier entrann; Stürzt sich wieder in die Fluthen, trägt im Arm heraus ein Weib, Und beseelet wohl mit Pflege kümmernd den erstarrten Leib. Sie mit Staunen, sie mit Thränen händefaltend grüßt das Licht; »Gott im Himmel konnte scheiden, Gott im Himmel schied uns nicht! Ob du liebest, ob du hassest, diese Stunde hat's gelehrt: Gottes Huld in deiner Liebe hat den Fluch von uns gewehrt.« Mann und Weib die Herzen schließen an einander eng und warm. Gehen heimwärts Eines Sinnes, Aug' in Aug' und Arm in Arm. Mag nun warten auch der Richter, der das Wort des Friedens gab. Schaut ein Richter ob den Wolken selig auf sein Werk herab. Der Vogt von Rappersweil Im alten Schloß zu Raprechtsweil Erhob sich festlich Leben; Mit neuem Glanz und Duft in Eil Ward alte Pracht umgeben. Um Eisenwehr und Goldgeschirr Der Blüthen zart Geschlinge, Und um der Zofen Lenzgeschwirr Der Knappen Schaar im Ringe: Graf Rudolf galt's, dem edeln Herrn, Der von der Reise lang und fern Zur Burg der Väter kehrte. Durch's blaue Heldenauge bricht Von tief ein Strom der Thränen: »Gegrüßt mein Leben du, mein Licht, Du meiner Stunden Sehnen! Manch Schlachtgestürm hat mich umweht, Mich hoher Glanz umflossen; Doch auch im Schirm der Majestät Hat sich mein Schmerz ergossen, Weil stets zu dir, o Preis der Frauen, Wie Gottes Frühling anzuschauen, Die Sehnsucht stets begehrte!« Und in der schwarzen Locken Fluth Wallt seine blonde Locke, Indeß ihr dunkles Auge ruht Am eis'gen Alpenstocke. Er bebt vor Lust und fühlt es nicht, Wie Hand in Hand erzittert; Er schlürft sein Glück und ahnt es nicht, Was ihres still verbittert. Denn weh! entweiht ist Herz und Mund, Sie hat der Treu beschwornen Bund In schnöder Lust gebrochen. Doch an der Thüre steht der Mann, Der tief im Innern blutet, Und nicht die Sorge zwingen kann, Die herzempörend fluthet. Dem treuen Dienerauge war Verborgen Nichts geblieben; Und zittert auch das graue Haar, Es hat ihn fort getrieben; Es folgt ihm Tag und Nächte nach, Er kann nicht ruhen, bis die Schmach Entlarvt sei und gerochen. Vor seinen Herren stellt er sich Und bricht das bange Schweigen: »Ein Ding gar ernst und treffenlich Hab' ich euch anzuzeigen. Es ist der Treue schwerste Pflicht, Und gar nicht süß zu wählen; Doch wenn mir auch das Herz zerbricht, Ich darf's Euch nicht verhehlen!« Erschrocken war das Wort gethan – Erschrocken hört der Graf es an, Und spricht mit blassen Zügen. »Sag' an, mein lieber Vogt, sag' an, Was dich zu sagen dränget; Nur nicht, daß Böses die gethan, An der mein Leben hänget; Denn wo in aller Welt ich bin Und ihrer Huld gedenke, So wird erquicket mir der Sinn, Je mehr ich drein mich senke. In aller Sorg und Widerwart Ist das zum Trost mir aufgespart, Und einzig mein Vergnügen!« Das war dem Vogt ein Schreckenswort, Und lähmt ihm fast die Zunge. Doch kam ihm guter Rath sofort Und Kraft zu neuem Schwunge: »Mein Herr, Ihr seid so stark und reich, Als all die Herrn und Grafen, Die je zu Rath und Schwerterstreich Im Reich zusammentrafen. Euch grünt ein wunderlieblich Land, Und Unterthan ist Eurer Hand Unzählig Heer von Leuten. Die Höfe stehn in Eurer Macht, Die March ist Euer eigen, Euch muß Einsiedels heil'ge Pracht Und Kastvogtei sich neigen; In Uznach und durch's Weggithal Gebieten Eure Hände; Euch huldigt Uster's Au zumal Und Greifensee's Gelände. Was soll – zu sagen wagt's der Knecht Für so erhabenes Geschlecht Dieß morsche Schloß bedeuten? Des Landes scharfe Zunge hier, Weist sie nicht laut nach drüben? Und deutet, daß in höhrer Zier Sich dort die Zinnen hüben, Wo auf des rechten Ufers Horn Ein Hügel sanft sich ründet, Und sich mit Schamgefühl und Zorn Als nackten Herrscher kündet? Seit Christo tausend neunzig Jahr Steht dort der Fürst der Hügel baar Und seufzt ob armen Hütten!« In Freuden leuchtet auf der Graf, Und schüttelt ihm die Rechte: »Fürwahr, dein kluger Sinn betraf Mit Nichten, Vogt, das Schlechte. Ja, Freund, es soll im jungen Jahr, Wo jetzt die Büschlein wehen, Dort auf dem Hügel ob der Fahr Ein schimmernd Schloß erstehen, Und soll, wo Ending ärmlich ruht, Ein Städtlein, reich an Volk und Gut, Mit Freuden überschütten! Und du, der ernst und treffenlich Mir solchen Rath erfunden, Sollst meiner Hulden Dank für dich Zu aller Zeit erkunden. Du sollst mich fürder nimmermehr Den Sinn zu künden scheuen, Und höher soll des Amtes Ehr Sich drüben dir erneuen. Gerochen sei, was je du klagst, Erwogen, was du rächst und fragst, Und du mein Freund auf immer!« Und also ward's. Neu-Rappersweil Stand da in hellem Strahle; Und Rudolf saß in süßer Weil Im Schloß mit dem Gemahle. Denn still vom alten Vogt ein Wort Und treffenlich erklungen War durch des Weibes Ohr sofort In Nerv und Mark gedrungen. Von Scham und Reu ist's tief entbrannt, Das Herz hat ganz sich umgewandt: Des Vogts vergaß sie nimmer. Adrian von Arr Die Aechter Für das Vaterland zu sterben, – wahrlich, das ist göttlich groß. Und es nennen alle Freien es ein wünschenswerthes Loos. Aber für ein Land zu sterben, das verachtend uns verstieß, O unendlich rühmenswerther, edler, größer noch ist dieß. Brecht denn aus der Zeiten Dunkel ihr Hochherzigen hervor. Tretet aus der grauen Vorwelt an der Enkel Blick empor. Die, gehöhnt ihr und vertrieben, und von Allen schwer verkannt, Heldenkräftig habt gestritten fürs geliebte Vaterland. Zahllos wie goldnen die Sterne schimmern in der Frühlingsnacht, Wogte auf Morgartens Fluren Oestreichs sieggewohnte Macht: Zählet wer die Helmesbüsche, die so hoch im Winde weh'n? Zählet wer die kühnen Recken, die so dicht gereihet steh'n? Und die wen'gen Eidgenossen schauen bang und ahnungsvoll, Wie dem See entlang der Feinde Heerschaar unabsehbar schwoll. Betend sinken sie darnieder vor Allvater in den Staub: »Gib die erst so schwer errungne Freiheit nicht dem Feind zum Raub!« Sieh da nahen fünfzig Aechter, fünfzig Männer stark und kühn. Denen Allen kampfesmuthig ihre Heldenherzen glüh'n. Alle find sie wohl bewehret und mit Waffen angethan. Und der älteste von ihnen mannlich dieses Wort begann: »Brüder! Eine That zu büßen, die des Landes Recht verhöhnt, Ist uns – o der schweren Sühnung! – Heimat, Herd und Haus verpönt! In dem Vaterland zu leben hindert uns Eu'r Machtgebot, O so gönnt uns, Eidgenossen, für das Vaterland den Tod!« Da erhebt sich Walter Fürsto – »Schande ihr für Eu'r Geschlecht Wendet den verhaßten Rücken! Unsre Sache ist gerecht, Und ihr sollt sie nicht beflecken, kämpfend unsern guten Spahn! Unsre Hoffnung ist, der droben lenkt der Sterne stille Bahn.« Und der Aechter Schaar bezwinget, was im treuen Herzen schlägt. Zwingt den Schmerz, den ungeheuern, der in Aller Brust sich regt, Fluchet nicht den harten Brüdern, trägt stillduldend sein Geschick, Wendet schweigend seine Schritte, eine Thräne nur im Blick! Herzog Leupolds stolze Schaaren nahen dem Gestad entlang. Nahen sich voll Siegeshoffnung schon des Berges jähem Hang; Todtenstille herrscht im Häuflein, das für seine Freiheit ficht. Banger schlug da mancher Busen, blasser ward da manch Gesicht! Mit Geschrei, das herzdurchschauernd aller Hörer Mark durchdringt. Das die tiefste Schlucht durchdröhnet, und von Berg zu Berg sich schwingt. Bricht das Heer der Oesterreicher auf die kühne Schaar hervor. Die zu seinem wackern Kämpen sich der Freiheit Gott erkor. Fest, wie ihre Brust die Klippe der empörten Brandung beut, Steht der Eidgenossen Häuflein im ungleichen heißen Streit. Manches stolzen Ritters Auge brach im wilden Todesschmerz, Doch auch manches Eidgenossen Seele schwang sich himmelwärts! Ob das Schwert des kühnen Hirten manche dichte Reih' auch brach, Immer drängen racheschnaubend neue Feindesschaaren nach, Auf dem Rumpfe des Gefallnen stets ein neuer Kämpe ficht, Und des kühnen Hirtenhäufleins Kraft und Muth und Hoffnung bricht. Siehe! von den Bergen nieder rollen Stämme groß und schwer, Rollen in der Oesterreicher schon des Siegs gewisses Heer! Siehe, von den Bergen nieder kommen Steine hergebraust, Ha, wie schwinget sie so kräftig der verhöhnten Aechter Faust! Schrecken reißt des edeln Herzogs oft erprobte, tapfre Reih'n, Aengstlich suchet Jeder Rettung vor dem malmenden Gestein, Unbeachtet schallt der Führer Ruf – die Ordnung wird Gewühl, Viele finden in des Sees Wassern ihres Daseins Ziel! Scheue Ritterrosse sprengen rückwärts in des Fußvolks Reih'n, Und wie Wetterstrahl zermalmend dringt der Schweizer Schwert hinein. Ringsum Tod, Geschrei und Röcheln! Ringsum würgt der Schweizer Schwert, Bis das Heer des stolzen Leupolds hoffnungslos zur Flucht sich kehrt. Also ward die Schlacht geschlagen! Und als frei die Wahlstatt war – »Wo sind die verhöhnten Aechter?« – klang es durch die Siegerschaar! »Unsre Arme sind euch offen, Groll und Feindschaft sind gesühnt! Kommt! empfangt den Dank den eure Heldengröße hat verdient!« Und sie nahen ernsten Schrittes! Bruder sinkt in Bruders Arm! Wessen Busen hätte damals nicht geschlagen hoch und warm! Freudig scholl des Dantes Jubel auf zu Gott, der Rettung gab, Und auf die versöhnten Helden lächelt segnend er herab! Tells Tod Vor seinem Haus zu Bürgeln saß sinnend Vater Tell; Sein Arm war nimmer kräftig, sein Fuß war nimmer schnell. Es hatten achtzig Winter die Kräfte ihm geraubt. Sie hatten ihm gebeuget das sonst so stolze Haupt. Er trug die Armbrust nimmer, er schwang das Schwert nicht mehr. Es hingen graue Haare um seine Schläfe her. Er sehnte sich von hinnen hinab ins kühle Grab, Er streifte längst wohl gerne die morsche Hülle ab. Er saß in Baumes Schatten, den er an jenem Tag Gepflanzt, als seinem Pfeile des Geßlers Stolz erlag. Er brach ihn jenes Tages, ein zarter, dünner Schoß – Jetzt war's ein Baum geworden, der dichte Schatten goß. Er saß so gerne drunter, der alte graue Held, Es mahnte ihn sein Rauschen an alte Zeit und Welt, Da sah im Geist er wieder, die einst auf Rütli's Flur Mit ihm, das Land zu retten, gethan den heil'gen Schwur. Da winkte ihm vom Himmel der edle Stauffach zu. Da rief ihm Walter Fürsto: »Wie lang, Tell, weilest du? O komm zu uns in Himmel! Wir sehnen uns nach dir! Sieh', Attinghausen, Arnold, und Alle sind schon hier!« Da mocht' er gerne sitzen, die Enkel um ihn her, Die horchten so bedächtig des grauen Vaters Mähr', Sie horchten ernst und schweigend wohl manche Stunde lang, Sprach er von alten Zeiten, von Kampf und Schwerterklang. Einst wälzte wild der Schächen der Wogen Schwall daher. Vergebens baute ängstlich der Landmann Wehr auf Wehr: Nichts mochte Schranken setzen des Stromes Riesenschritt; Er wälzte Bäum' und Felsen, und manche Hütte mit! Tell schaut besorgten Sinnes den wilden Wogen zu, Sie hatten ihn geschrecket aus seiner süßen Ruh. Da scholl durch's Thal hernieder ein greller Hülferuf, Der wohl das Herz des Stärksten vor Schreck zu Eise schuf. Und wie noch Jeder fragend den Andern treibt und stößt, Da zeigt sich eine Mutter, die Haare aufgelöst. Den Blick voll Angst erhoben zu des Erbarmers Thron, Sie zeigt den wilden Schächen und drinnen ihren Sohn! Da knieeten wohl Manche hin an des Ufers Rand, Sie hoben auf zum Himmel die Herzen und die Hand; Da rief wohl Mancher bebend: »Hat Keiner so viel Muth, Den Knaben zu erretten aus dieses Wassers Wuth?« Doch furchtsam bebte Jeder vor solcher That zurück. Die Mutter hebt verzweifelnd zum Himmel ihren Blick; Es tönt des Knaben Stimme nur schwach vom Wasser her, Sie tönet schwach und schwächer, sie tönet gar nicht mehr! Der Tell hat sich erhoben, der achtzigjähr'ge Held: Wie könnte Tell noch feiern, wo solcher Nothruf gellt? Er wirft sich in den Schächen mit jugendlichem Muth, Er theilt mit kühnem Arme die ungestüme Fluth. Doch sollt' ihm nicht gelingen sein großes Wagestück: Es sollte hier sich schließen im Tod des Helden Blick. Es öffnet sich der Himmel, es ruft der Engel Schaar: »Willkommen, Tell, du Starker, der Aller Engel war!« Wohl faßt er schon den Knaben, doch wie er ringt und schafft. Er fühlt, es ist gebrochen des Armes letzte Kraft. Noch Einen Blick voll Lächeln auf seinen Heimatort, – Dann wälzten still die Wasser des Tellen Leiche fort! So ist der Tell gestorben! Das war ein Eidgenoß! Dem schlug ein Herz im Busen, das schlug unendlich groß! Das schlug für alles Schöne, war ohne Falsch und Trug, Das schlug für alles Große, für das ein Herz je schlug! Fr. Jos. Schild Der Bäs'ris-Dönel Wenn d'Bure mit der Arbet fertig si, Wenn's Winter isch, wenn's chutet und wenn's schneit, Und's Jörgibeth bis Fenner's Lächema Am Spinnrad sitzt, so bringt's is jedi Nacht Bim Obesitz es G'schichtli uf's Tapet, Grad nächti het's e-n-ernsti Mine g'macht, Het's Spinnrad nöcher zunim g'noh Und druf im Chunkleglas der Finger g'netzt, Und g'seit: »Jo wägerli, uf Ehr und Treu! Wer sett's vo-n-euch nit wüsse-n – und wer het's I g'wüsse Nächte nit scho mänggisch g'hört? So wie's am Chilchthurn z'Grenche zwölfi schlat, Wenn dört der letschti Gloggeschlag verchlingt, Isch uf der Egg bim unger Grencheberg Es G'johl und G'schrei, das eim dür d'Glieder dringt. Do meint mer mänggisch, 's rief e-n-alte Ma, Der duß im feistre Wald verirret isch Und nümme weiß, wo's ane goht, und doch Die selbi Nacht no gern i d'Heimet möcht. Druf brüelet do und dört im Wald e Chutz, Und do und dort e Wiggle-n-und e Spächt, Die selbem Rüefe flißig Antwort gä, As wette si-n-ihm ordlig säge, wo Der rechte Weg zur rechte Heimeth führt. Und wieder jutzget druf e Sennebub Und betet dann und wann am Englisch'-Gruß. Doch's Bete geit nit recht, dä fluecht er druf, Schlat mit 're-n-Achs a d'Tannli hi und chlopft, Und thuet, as müeßt der Wald i churzer Zit Bim Stümpli g'haue sie, und do was geit? Es chräschlet wie der Donner düre Wald Und helli Flamme brönne d'Tanne-n-uf. Und husch, es fachle Liechtli uf der Weid So viel und dick, wer bchönnt derfür kei Zahl. Die Lichtli tanz-n-übr'n Bode weg. Sie werde groß und werde wieder chli, Und husch, es zeigt si mitz im helle Für Der Bäs'ris-Dönel ime Chüetherchleid; Er treit e Fachle-n-i der rechte Hang, Und uf sir Achsle lit e halbi Chueh, Der Dönel schwingt fi Fachle-n-i der Luft, Nimmt uf der Weid die allerschönsti Chueh Lauft mit der große Schärmetanne zu Und hänkt se z'oberst dri a d'Hörner uf. Und husch, der Dönel steit bim Sennehus, Macht weidli 's unger Rebepfeister uf, Schlüft ine, düselet vor's Meisters Bett, Schlot mit der Fust a d'Glogge-n-a der Wang, Daß Meister, Chnecht' und Mägd' erwache thüe. Und husch, do g'hört mer druf der Cheßitanz, Und's Ankefaß im Ankeschrage gigst, Und dreiht si notno g'schwinger z'ringetum. Wenn grad es Chäsli i der Chuchi isch Das i der Prößi lit, so springt der Järle. Au d'Chäller blibe nit verschont, au dört Verderbt dä unbeliebig Gast no mängs. Und isch es Chnechtli oder's G'striehl im Stall, So tribt er au no dört si Geisterspuck, Bingt zwei und meh a glichlig Stumpe-n-a, So daß si mänggisch fasch nit z'löse si. Und wenn es Chnechtli uf der Bühni lit. Das nit i-n-alle Theile guet uf Gott Vertraut und nit das besti G'wüsse het. So lauft der Dönel g'schwing der Hoge-n-uf Und wörgt und quält di armi Seel uf's Bluet. Und seit der Chnecht i-n-alter, frommer Wis E-n-ernste, fromme Bibelspruch doher, So brüelet drümol nochenand die Chueh, Die wo der Dönel üfem Rügge het, Und husch, mir g'seht und ghört kei Dönel meh.« Und's Jörgibeth, das het e Süfzger g'lo, Het d'Chunkle wieder nocher zue-n-ihm gnoh, Im Chunkleglas der Finger wieder g'netzt Und g'seit: »Jo Wäger, mini guete Lüt! Es isch doch gäng e Strof, e g'rechti Strof, Die chunt, wenn Eine öppis Ung'rechts macht. Jo halt' der Dönel doch zuer selbe Zit, Wo-n-er as Senn vom unger Grencheberg Mit Chnechte-n-und mit Mägde g'huset het. Am Mößtag d'Wog lo si und nit verfälscht, So hätt' au jede Bur, der berget het. A Chäs und Anke-n-übercho, was recht Und billig isch, doch i sir schwarze Seel Het Lug uf Lug und Trug uf Trug si g'hüft, Eis Laster het das anger g'nährt und groß Erzoge, bis es gnue g'si-n-isch am End Und bis Verzwiflig ihn zur Tanne g'füehrt, Zuer Schärmetanne, wo-n-er ame Seil Sie eige Richter g'macht, Gott b'hüetis doch Dervor! und as e Sünder g'endet het. Doch, lieber Gott, er mueß no mänggisch cho. Bis alles Guet i rechte Hänge-n-isch, Das er uf schlechti Art erworbe het.« Edward Dorer-Egloff Der Fächer Holde, du fächelst mir zu, doch stärker glüh' ich. Du staunest? Spielt mit den Funken der Hauch, schlagen die Flammen empor. Im Sturm Sturm durcheilt das Gefild, er zertritt manch liebliches Blümchen: Doch für den künftigen Lenz streut er den Samen auch aus. Vergeltung Neidend der Rose den Glanz, verwehet der Sturm ihr die Blätter; Aber im Sterben den Feind segnet mit Düften sie noch. Das Alpenröschen Alpenröschen, du blickst mir entgegen in leuchtender Schönheit, Ob auf dem Felsen du stehst, ob dich die Stürme umwehn. Sei mir von Herzen gegrüßt, du freundliches Zeichen dem Wandrer, Daß in dem herbsten Geschick nimmer die Freude verblüht. Göthe's Hermann und Dorothea Dorothea's Geschick sang Göthe; ihm lauschten die Musen; Jede verlangte entzückt, daß er ihr widme das Werk. Aber es ordnete klug, daß keine ihm zürne, das Ganze Göthe in Lieder und gab Jeder der Holden ein Lied. Im höhern Dienst Fröhlich in sonnigem Lenz umschwärmst du die Blumen, o Mücke; Diesen schwelgend im Schooß, träumst du von Freiheit und Lust. Doch an das Füßchen dir schmiegt sich der Staub, und Höherem dienend, Trägst unwissend in ihm jenen Befruchtung du zu. Gesetzesauslegung Sinnst du auf Strafe, mein Kind, weil ohne Verlaub ich dich küßte? Laß von dem forschenden Ernst; höre die Stimme des Rechts: Gleiches um Gleiches, so spricht das Gesetz urältester Zeiten. Dein ist, o Mädchen, die Macht; übe gestrenge dein Recht. Nutzanwendung Sprich, was frommt dir ein Schatz, voll Sorgen verschlossen in Kisten? Nutze ihn klug und mit Maß, daß dich umblühe die Lust! Sei freigebig und fliehe den Geiz, die häßlichste Sünde! So von der Kanzel herab mahnte der Pastor mit Ernst. Mädchen, du hast ihn gehört; o erwäge die heilige Rede, Daß nicht Reue dereinst trübe dein reines Gemüth! Dir verlieh die Natur die Kraft zu beglücken mit Küssen; Spendetest tausende du, bliebe dein Reichthum sich gleich. Spute dich, Kind! daß nicht der würdige Pastor dich schelte, Reiche dein rosiger Mund willig ein Küßchen mir nur! Das erste graue Haar Zürnst du dem Härchen, mein Freund, weil licht in der Locke es glänzend Gleich Zeitlöschen im Blüh'n, kündigt den baldigen Schnee? Willst du es tilgen im Groll, gehoben den haschenden Finger? Alles umsonst! Im Versteck lacht es den Suchenden aus. Schalkhaft neckt es dich jetzt, wie einst dich das Mädchen genecket. Wenn da listig es floh, dort dann von Neuem erschien. Banne den grollenden Ernst! Was frommet des Einen Verfolgen? Fiele das Einzelne auch, sproßten ihm andere nach. Raufst im Feld Zeitlöschen du aus, doch scheuchest du nimmer Nahenden Winter hinweg, nimmer den kommenden Schnee. Folge dem Härchen, mein Freund! Ihm bleichten die Jahre die Schwärze, Aber, o siehe! sein Loos trägt es mit heiterm Sinn. Mittel und Zweck Lieder, mein liebliches Kind, verlangst du vom säumenden Dichter? Tadle mich nicht! Es trifft selbst dich ein Theilchen der Schuld. Wandelt in luftigen Höh'n der Mond nicht freundlich und helle, Hüllt in den Schleier der Nacht düster und still sich der See. Sendet jedoch vollglühend der Mond ihm küssende Strahlen, Siehst manch lichtes Gebild blüh'n dir auf silbernem Plan. Nun, was frommet das Bild? fragst, Holde, du lächelnd und sinnend, Traun! der spiegelnden Fluth gleichet des Sängers Gemüth. Nahet ihm nicht die Maid, im Auge die Strahlen der Liebe, Trauert in Stille sein Herz, bleiben die Lippen ihm stumm. Aber sobald sie in Liebe umkost den Busen des Sängers, O! da sprossen in Lust Lieder auf Lieder hervor. Soll ich singen, o Maid! so mache das Singen mir möglich; Nahe in Liebe mir, dann bist du der Lieder gewiß! Frauenemancipation Herrschte das schöne Geschlecht und müßten die Männer gehorchen. Besser wäre, fürwahr! Alles auf Erden bestellt. Glaubst du, ich schwärme, mein Kind, ein Träumer, in künftigen Zeiten? Nein! die Erfahrung allein spricht in dem Worte sich aus. Mochte herab von der Kanzel voreinst mir der Pfarrer mit Salbung Sprechen von höllischer Qual, sprechen von himmlischer Lust, Lächelte still ich; mir schien es ein Märlein, zur Täuschung ersonnen. Aber du hast mich, mein Kind, trefflich des Bessern belehrt. Zürnt mir dein Blick, dann seh' ich und fühl' ich die Leiden der Hölle Wie mir, dem Knaben, voreinst eifernder Ernst sie gemalt. Aber sobald du mir freundlich erscheinst im Glanze der Schönheit, Und auf den sehnenden Mund, Gute, mir drückest den Kuß, O dann wird mir die Welt vom himmlischen Lenze beseelet. Und die seligste Lust kehrt in das Herz mir zurück. Wärest der Papst du, mein Kind, wer spräche von Ketzer und Bannstrahl! O ein einziger Blick machte uns gläubig und gut! »Herrlich!« rufst du, »ein Mädchen als Papst! wie wäre das möglich!« Eine Johanna, mein Kind! saß auf dem heiligen Stuhl; Was vor Zeiten geschah, kann jetzt und künftig geschehen, Ei! du lächelst dem Wort! Reizt die Tiara dich nicht? O wie strahlte ihr Gold so schön auf den wallenden Locken, Und wie schimmerte dir licht in dem Händchen der Stab! Wie umschlänge in Lust die Stola dir Nacken und Busen! Und wie weckte dein Blick heilige Glut in der Brust! Nun? – du schüttelst das Köpfchen? es scheint dir eitel mein Reden? Ist dir der römische Stuhl etwa vor Alter zu morsch? Oder erscheinen dir nur die Zeichen der Herrschaft entbehrlich? Sei's, was immer es sei! nimmer bestreite ich dich. Beugte den Papst nicht schon Napoleons mächtiger Zepter? Jagte Mazzini's Getrieb nicht ihn als Flüchtling aus Rom? Werden die Zeichen der Macht nicht allerorten befeindet? O ich verstehe dich jetzt, sträubendes, schweigendes Kind! Schönheit und Güte im Bund sind einzig die sichre Tiara; Ihnen zu jeglicher Zeit bleibet die Schlüsselgewalt. Der Wunderglaube Gerne verweilet der Sänger im Reich voll Glauben und Wunder, Wie sich die Blume in Lust wieget im schimmernden Thau. Mag, wie immer, die Welt mit Spott die Wunder verfolgen, Und dem Verstand allein gönnen den Scepter und Thron, Kann, was selbst er erfuhr, doch nimmer bezweifeln der Sänger; Was ihm die Seele bewegt, trauet dem Liede er an. – Müde am lachenden See, wo Zürich, das emsige schimmert, Ruhte ich unter dem Baum, welcher die Schenke umwölbt. Schon auf dem ländlichen Tisch stand blinkend die Flasche des Weines, Den als Landesgewächs höchlich die Wirthin mir pries. gierig ergriff ich das Glas, zu kühlen die Gluthen des Sommers, Und sein freundlicher Rand nahte den Lippen sich schon. Doch wie Einer in Angst vor der Schlange in Blumen zurückfährt, Wandte mein durstender Mund schnell von dem Glase sich ab, »Mütterchen«, sprach ich zur Schenkin, »du hast dich im Fäßchen versehen; Zapftest mir Wein nicht; nein, zapftest mir Essig für Wein.« – »Ei, was redet der Herr! Er trinkt«, so schmollte die Alte »Wo er auch Einkehr hält, Besseren nirgends am See.« – »Schlimm! recht schlimm!« so sprach ich. Ein Schauer durchbebte mein Innres; Und schon war ich bereit, durstend von dannen zu gehn. Aber das lieblichste Kind, das je ein Auge gesehen, Trat mit bezauberndem Reiz zwischen uns Neckende ein. Lächelnd warf in das Glas sein Händchen ein Knöspchen der Rose, Welche den künftigen Glanz kaum durch die Ritzen verrieth. Staunend stand ich, und kaum blieb Muth mir, zu flüstern die Worte: »Schade, das Röslein verdirbt hier in der Säure, o Maid! Sprich, was hat es gefehlt, daß ach! so hart du es strafest? O an der lieblichen Brust wäre so gern es verwelkt!« – »Laß mich, ich bitte, den Wein, den verschmähten, gewissenhaft prüfen, O das Knöspchen hat, trau ich, sein Bestes gethan!« Also die Maid; ich reichte das Glas der Verlangenden willig, Und ihr purpurner Wund nippte mit forschendem Sinn. »Koste! du ärgerst fürwahr! jetzt tadelnd mein Mütterchen nimmer, Bot dir die Freundliche doch, was ihr das Fäßchen verschloß!« Als die bezaubernde Maid die ahnenden Worte geflüstert, Reichte den Becher des Weins freundlich und hold sie zurück. Zweifelnd ergriff ich das Glas; ich schlürfte, und schlürfte von Neuem, Und mit jeglichem Zug fühlte den Zweifel ich fliehn. Süß, ja süßer sogar als Rahm auf der würzigsten Alpe, Süßer als Honigseim floß in den Mund mir der Trank. »Kehrte zum Lichte«, so sprach ich, »der Wunder gelehrtester Läugner. Doctor Paulus zurück, wahrlich er würde belehrt. Herrlicher scheint mir das Wunder in Wein zu wandeln den Essig, Als in Kanaum einst Wasser zu wandeln in Wein.« – Ist es ein Wunder nunmehr, daß fast an die Wunder ich glaube? Was so hold sich bewährt, glaubet ein Jeder mit Lust. Keiner vermuthe jedoch, daß ernstliche Forschung ich hasse; Nein! ich dachte und noch denke dem Wunder ich nach. Hat, so fragte ich oft, das Röslein den Wein mir versüßet? That es ihr purpurner Mund? that es ihr glühender Blick? That es ihr Odem, erfüllt von den Düften der Blüthen des Frühlings? That es ein Wörtchen von ihr, heimlich geflüstert zum Wein? Emsig forschte ich so; zur Gewißheit wurde mir Eines: O dem Röslein gelang nicht, mir zu süßen den Wein! Oft, wenn einsam ich saß an dem See in anderen Schenken, Warf in den sauren Saft prüfend ich Röschen hinein; Aber es blieb der Wein, wie früher er immer gewesen, Und den Röslein entging jegliche Zaubergewalt. O die ruhet allein in dem Wesen des holdesten Mädchens; O sein küssender Mund löste das Räthsel gewiß! Der Gang zum Liebchen Klirrte das Riegelchen nicht? – Wohl müht sich das Mädchen zu öffnen; O der Treue zum Lohn naht sich die seligste Lust! Spute dich, Pförtchen, im Dienst! sei doch der Liebe gefällig! Kannst du der holdesten Maid trotzen mit feindlichem Sinn? Willig erschließt sich die Muschel, der Welt die Perle zu zeigen, Willst du den reizendsten Schatz halten in ewiger Haft? Denke der Knospe! sie spaltet sich gern zur Freude der Rose, Daß sich auch andere noch freuen an Farbe und Duft – Ach! mich täuschte der Wunsch; das Pförtchen bleibet geschlossen. Und ihm nahte sich nicht, leise zu öffnen, die Maid. – Ruhig liegt sie und schläft. – Läßt glühende Liebe uns schlafen? Drängte sie nicht mich hinaus selbst in die frostigste Nacht? Schweige, o Zweifel! und schmähe mir nicht das Reinste auf Erden; Treu ist Liebchen; es brach nie das gegebene Wort. O es schürte gewiß das Lämpchen, den Tag ihm zu heucheln, Stützte das Köpfchen und rieb fast sich die Aeugelein wund; Aber es sank auf das Kissen ermattet das Köpfchen ihm nieder, Und das Lämpchen verglomm, als es verlassen sich sah. Ach! wie wird beim Erwachen sein Herz mit Schmerzen sich füllen, Sieht es verschlafen sein Wort, steht es verschlafen mein Glück! – Fernher tönet ein Ruf! der Wächter rufet die Stunde, Nennet die Stunde uns erst, welche die Maid mir versprach. Nun! es eilte mein Wunsch voraus den flüchtigen Stunden; Fesseln der Zeit und des Raumes bricht ja die Liebe so gern! Siehst du das Lämpchen erglühn dort oben im Stübchen des Liebchens! Zweifel und Sorgen vergehn rasch vor dem freundlichen Strahl! Froher als hier ich das Lämpchen, begrüßt kein Schiffer die Sterne, Die ihm nach irrendem Sturm zeigen die richtige Bahn. Dulde dich, Herz! gleich naht sich die Maid! Wohl ordnet in Eile Noch sie die Locken, es hat lose der Schlaf sie verwirrt. Sieh! dort schwindet das Licht; da tiefer erscheint mir es wieder; O! es steiget die Maid wirklich die Treppe herab. – Aber, o Himmel! da biegt um die Ecke der finstere Wächter; Wie er sich sputet und eilt! Bleib ich? Entflieh ich vor ihm? Fehl' ich am Pförtchen der Maid, da wird getäuscht sie sich wähnen, Wird mir zürnen, doch bald lächelnd auch wieder verzeihn. Sähe der Wächter das Liebchen bei mir, dann gäb es Geschichten: Basen und Vettern zumal schälten die Freundliche aus. Auf! den Dieb nun gespielt, den scheuchet das böse Gewissen! Gut! Wie eifrig er folgt Gassen und Gäßchen hindurch. O! er strauchelt; er fällt; ich laß ihn liegen und brummen, Kann ein Sieg mich erfreun, welcher Entbehrung mir bringt? – O wie Vieles verspricht uns die Liebe, verspricht uns das Leben! Aber das Wenigste nur wird von dem Schicksal gewährt! Unsere Hoffnungen sind vergleichbar den Blüthen des Frühlings; Wenige werden zur Frucht; viele verwehen im Wind! Liebe und Zeit Nie dem Herzen triffst du, Zeit, das Recht; Immer leiten ach! dich finstre Mächte, Wenn ich, wie die Flur nach Lenzeswehen, Heiß mich sehne, nah mein Lieb zu sehen, Scheinst du, taub den Bitten, still zu stehen. Wenn ich dann im Arm der Holden weile, Scherz' und küsse, daß der Gram sich heile. Fliegst du hin – ein Blitz in wilder Eile, Nie dem Herzen triffst du, Zeit, das Rechte; Immer leiten ach! dich finstre Mächte. Nachgenuß Ach, die holden Rosen schwinden; Neidisch hüllt die Nacht sie ein! Süße Düfte nur verkünden Ihr verborgnes liebes Sein. Floh auch, wie der Rosen Schimmer, Ach! der Liebe süße Lust; Duftet hold erinnernd immer Noch sie nach in stiller Brust. Der Steppenwanderer Du magst, o Sturm, mit arger Wuth Gewohnten Pfad verwehn! Es wankt mein Fuß, doch nicht mein Muth; Die Sterne werd' ich sehn. Die Sterne hoch am Himmelszelt, Die mußt du lassen stehn! Bald ruht in ihrem Licht die Welt, Und sicher werd' ich gehn! Das Bienchen Kam ein Bienchen auf die Haide, Sah die Röslein lustig blühen. Eines schien zu seiner Freude Scheu vor allen zu erglühen; Und es eilten seine Lippen Aus dem süßen Kelch zu nippen, Röslein konnte nicht es wehren, Thut ihm Alles gern gewähren. Bienchen aber war bescheiden. Brachte Röslein nicht in Leiden. All sein Kosen, all sein Trinken Trübte nicht des Holden Blinken; Nicht ein Thränchen, keine Wunde Zeugte von der süßen Stunde, Selig pries ich da die Beiden: Weisheit würzt und wahrt die Freuden. Immer lieben Nur der Jugend ziemt die Liebe, Hör ich junge Spötter sagen. Wie? dem Zauber süßer Triebe Soll des Alten Herz entsagen? Knospen schwellen, Rosen prangen, Wonne ist es, sie zu sehen! Keine Knospe trägt Verlangen, Daß die Rosen da vergehen. Alle Herzen müssen glühen; Liebe gleicht dem Frühlingsscheine; Läßt die Reben frisch er blühen. Regen sich die alten Weine. Junge Liebe, alte Liebe Müssen freundlich sich vertragen: O! dem Zauber süßer Triebe Kann kein Menschenherz entsagen. Am Rheinfall Immer von Oben Drängend und kämpfend, Stürzen und toben Wogen auf Wogen. Aber die Sonne Webt in den Schauer Friedlicher Wonne Schimmernde Kränze. Siehe! das Wilde Grollender Wellen Löst sich, und milde Wallen die hellen Fluthen im Frieden Unten im Thale. Sollte ich beben. Sollte ich klagen, Wenn es im Leben Woget und stürmet? In das Getriebe Lächelt die Hoffnung, Tröstend in Liebe, Lichtere Bilder. Rasch, wie die Welle, Werden wir schwinden; Ach! nur zu schnelle Werden wir finden Ruhe im Schooße Heiliger Erde! Der Flüchtling Der Flüchtling liegt im Sterben In fernem fremdem Land; Er blicket an noch lächelnd Den Ring an seiner Hand. »Dich hat in schönern Tagen Die Liebe mir geweiht; Vor deinem Strahle blieben Mir Aug und Herz gefeit. Vertrauter meiner Wonne, Du bleibst mein Trost in Leid! Umsonst verlangte lockend Nach dir so manche Maid. Vom Leben scheidet gerne, Doch nicht von dir mein Herz, Und trüge dich ein Andrer, Mir wär' im Grab es Schmerz. Ich kann von dir nicht lassen; Du machst mir leicht das Grab. Ihr lieben fremden Leute, O senkt ihn mit hinab!« Er küßt das Pfand der Liebe; Der Hauch entflieht dem Mund. Ihn senken mit dem Ringe Sie in den kühlen Grund. Der alte Zecher In der Halle beim Pokale Weilt der Jungen muntre Schaar; Ernst und stille blickt der Alte Aus dem weißen Lockenhaar. »Sprich, was hast du, guter Alter? Was durchzittert dir die Brust? Deine Augen gehn dir über; Brachte Schmerz dir unsre Lust?« – »Nein, o nein! das Leben schimmert In der Freude wie der Thau, Wenn der Sonne goldne Strahlen Spielen auf der Frühlingsau. Mit den Lieben meiner Jugend Saß ich oft in diesem Saal; O wie blühten Kuß und Lieder! O wie glühte der Pokal! Aber ach! die Lieben schieden Und ich wandle nun allein, Oede ist für mich die Erde, Blaß ihr schönster Blüthenschein!« – Zu dem Becher greift der Alte, Trinkt mit Hast den vollen leer. Lächelt heiter, wankt und sinket, Trinkt und lächelt nimmermehr. Mahnung Aus des Herzens Heiligthume Laßt die Liebe frei erblühn! O des Lebens schönste Blume Läßt sich künstlich nicht erziehn! In dem Topfe, in dem Garten Sprießt die Alpenrose nicht! Nur auf freien Felsenwarten Blüht mit Lust sie rein und licht. Setzt sie unter Glas und Glocken, Dennoch wird sie nicht erglühn, Ihre Säfte werden stocken Ob dem übereilten Mühn. Freiheit will die Rose haben, Freie Sonne, freie Luft: Wo sie diese nimmer haben Weht und herrscht nur Moderduft. Wie die Rose, sinkt die Liebe, Fehlt der Freiheit Frühlingsschein; Ihre schönsten Blumentriebe Sterben, schränkt die Welt sie ein. Aus des Herzens Heiligthume Laßt die Liebe frei erblühn! O des Lebens schönste Blume Läßt sich künstlich nicht erziehn! Sankt Augustinus Beim Lampenlicht im Kämmerlein Sitzt Augustinus stumm, allein; Und wehn auch Lüftchen leicht und kühl. Ihm ist es gar so schwer und schwül. Er sinnt und forscht aus dunkelm Drang, Was ihm getrübt des Lebens Gang. Der Zweifel treibt ihn kreuz und quer: Er findet nicht gerecht sich mehr. Wie oft ein Blitz die Nacht erhellt, Ein Gottesstrahl ins Herz ihm fällt, Und klar er schaut, daß Sinneslust Ihm stört und löscht das Licht der Brust, Verblieb auch schön und treu bis heut, Was lang das Herz ihm hold erfreut, Doch will in frommem Herzensglühn Er gleich dem Zauber sich entziehn. »Keusch«, seufzt er, »mache mich, o Gott, Daß werde nicht mein Geist zu Spott!« Wie auf der Au ein sanfter West, Ein Rauschen nah sich hören läßt. So zu ihm schwebt ins Kämmerlein Mit trautem Gruß die Maid herein. In Locken stiegt ihr schönes Haar, Die Aeuglein glühn wie Sternlein klar. Es wallt der Busen voll und rund Und gibt das tiefste Sehnen kund. Er blickt sie an; so hold, so mild Noch nie sah er das Frauenbild; Nicht kann sein Auge satt sich sehn. In Wonne will sein Herz zergehn. »Laß, Gott, mein Bitten,« fleht er nun, »Ein Weilchen noch auf sich beruhn!« Und schnell er schließt zu sichrer Ruh Für Scherz und Kuß das Stübchen zu. Dichter und Derwisch              Derwisch. Gottlos bist du, Dichter, worden; Treffe dich des Himmels Haß! Nur Suleika, deine Schöne, Singst du ohne Unterlaß. Weh! du kehrst dich von dem Glauben, Von des Lebens sicherm Hort; Und für Allah's Glanz und Liebe Hast du nie ein preisend Wort.              Dichter: Von dem Schöpfer selbst zu singen, Wagen ja die Engel nicht; Schweigend neigen sie die Blicke Vor dem unnahbaren Licht. Denn den Schöpfer würdig loben Kann der Wesen All allein; Doch ich wage, ihn zu singen In dem milden Wiederschein. Sieh! das Herz des Dichters gleichet Nur dem Thau; er fasset nicht Ganz die Sonne, doch er spiegelt Einen Strahl von ihrem Licht. Wolltest du, gestrenger Richter, Einmal nur Suleika sehn, O du würdest schnell des Dichters Frommbescheidnen Sinn verstehn! Denn von Allah's Lichtglanz leuchtet Mir in Liebchens Aug ein Strahl, Und wer seinen Abglanz ahnet, Ehrt den Ewigen zumal. Der Fischer und die Maid Des nahen Sturmes Boten, Die Mövenschwärme ziehn; Zum Ufer will der Fischer Mit seinem Mägdlein fliehn. Bei heiterm Himmel fuhren Zur Lust sie auf die See, Und Scherz und Kuß verscheuchten Die Furcht vor Sturm and Weh. Die Wolken ziehn; ein Schatten Bedeckt den weiten Plan; Und rasch und immer rascher Durchgleitet ihn der Kahn. Noch rascher sind die Lüfte; Sie nahn in wildem Lauf; Schon thürmen schäumend, tosend Die Wogen rings sich auf. Scharfspähend führt der Fischer Das Ruder auf dem Schiff. Verderben droht zur Stelle Gar manches Felsenriff. Dem Mägdlein blaßt die Wange, Und schneller schlägt sein Herz; Es schmiegt sich an den Trauten Zum Trost im bangen Schmerz. Da bricht und sinkt das Ruder; Der Nachen schwankt; es kracht; Die Wellen schlagen über, Sie dringen ein mit Macht. Der Fischer ohne Zagen Umfaßt sein Lieb geschwind. Er stürzt sich in die Brandung, Er ringt mit Fluth und Wind. »Was hält dein Arm mir, Trauter, Den Leib so fest umfaßt? O laß du frei mich schalten, Dich hemmt, dich stürzt die Last!« – »Vermag ich nicht dein Retter Aus dieser Noth zu sein. So werde denn uns beiden Im Meer ein Grab gemein!« – Die wilden Lüfte brausen Daher in schnellerm Lauf; Die Wogen schlagen höher Und immer höher auf; Die Lüfte und die Wogen Erschüttern Fels und Strand; Sie werfen Schiffestrümmer Wie höhnend an das Land. Da steigen aus den Fluthen Der Fischer und die Maid; Sie athmen frei nun wieder Nach mühevollem Leid. Das Mägdlein sinkt zum Danke Dem Trauten an die Brust, Und Lippe ruht auf Lippe In selig stiller Lust. Kindlicher Sinn Es suchet die Mutter mit sorglichem Blick Den Knaben, den fernen, ihr einziges Glück. »Wie bitter die Schmerzen der Mutter doch sind! O sprechet, ihr Nachbarn, wo säumt sich mein Kind?« »Im Felde es Blumen zum Strauße sich brach, Und jagte den Faltern, den schimmernden, nach. So eilte es weiter im Spiele entzückt; Bald war es den folgenden Blicken entrückt.« Die Mutter enteilet in Hoffnung zur Flur, Doch findet sie nimmer vom Knäblein die Spur. »Trafst nicht du mein Knäblein, o Wanderer, an? Was schaust du so bange zurück auf den Plan?« – »Ich ruhte auf Blumen mit heiterem Muth, Da nahte die Schlange in giftiger Wuth; Mich faßte ein Grauen, ich eilte davon. O bliebe dem Orte doch ferne dein Sohn!« – Die Mutter vernimmt es mit wachsender Qual, Und spähend durcheilt sie die Gründe im Thal. »Kam, Fischer, gesprungen zu dir an den Strand Ein Knabe mit Blumen in spielender Hand?« – »Wie wäre für Kinder die Stelle gemacht? Es schwellen die Wogen des Stromes mit Macht; Sie schwächen und brechen die dämmernde Wehr, Und bringen Verderben den Saaten umher.« Die Mutter verzaget; sie eilet zum Hain; Schon brechen die nächtlichen Schatten herein. »Sahst, Jäger, im Walde den Knaben du nicht. Mit Locken so golden, mit Aeuglein so licht?« – »Wohl führte zum Wald ihn vor Stunden sein Gang, Und wahrlich! es ist für den Zarten mir bang; Da hauset der Wolf und mit wildem Geheul Entfloh er so eben dem drohenden Pfeil.« – Und dichter und finstrer der Wald sie umfängt, Und Schauer auf Schauer im Busen sich drängt; Da lächelt der Mond aus den Wolken so mild, Und zeiget im Walde ein süßes Gefild. Da schlummert der Knabe und träumet vom Spiel; Gebrochene Blumen ihm dienen zum Pfühl. »Was säumst du, o Herzchen, so ferne, allein? Ich suchte dich lange in sehnender Pein.« – »O Mutter, o Mutter!« so tönt es in Lust; Ihr stürzet der Knabe entzückt an die Brust. »Ich spielte im Felde, am Fluß, in dem Hain; Was brauchtest für mich du in Sorge zu sein? Es stunden zur Seite zum Spiel und zur Hut Mir leuchtende Knaben so freundlich und gut. Schau, Mutter, die Blumen, so duftig und schön, Sie brachten sie alle von himmlischer Höhn! O hättest du nicht aus dem Schlaf mich geweckt! Es hat sie dein Rufen verscheucht und erschreckt. Sie suchet vergebens mein sehnender Blick, Wohl kehren die Lieben mir nimmer zurück.« Die Edelfrau von Auenstein Auf seinem Schlosse trauert Der Herr von Auenstein; Der Feind zertritt die Fluren Und schließt die Veste ein. Kein leiser Strahl der Hoffnung Belebt des Ritters Muth: »Bald wirst du, Burg der Väter, Ein Raub der wilden Gluth! Schon rufen laut zum Kampfe Die Hörner auf dem Plan; Schon woget siegestrunken Der Feind zum Sturm heran! Ich werde kämpfen, fallen; Mein Weib doch bleibt zurück; Ihr droht der Hohn des Siegers: O bittres Mißgeschick!« – Dort drängt die Schaar zum Walle; Da öffnet sich das Thor; Und aus dem Schlosse schreitet Die Edelfrau hervor. Wie in des Frühlings Milde Sich stillt des See's Fluth, Besiegt der Schönheit Zauber Der Krieger laute Wuth. »O Gnade!« fleht die Holde; »Ich trage keine Wehr; Ein Weib zu tödten ziemet Dem Manne nimmermehr! Laßt ungefährdet scheiden Mich aus der Ahnen Haus, Und nur Ein Kleinod hole, Mir dort ich noch heraus!« – »Wir führen,« wird entgegnet, »Mit Frauen keinen Krieg; Des Schwachen Blut verdunkelt; Des Starken schönsten Sieg! Dir ist gewährt die Bitte, Und, was dein Herz erfreut. Das wähle frei und trag' es Von dannen ungescheut!« – Wie strahlen Lust und Wonne Aus ihrem schönen Blick; Sie eilt, sie fliegt zum Thore, In ihre Burg zurück. Gar Mancher spottet lächelnd: »O seht die Eitelkeit; Sie ist allein die Seele Der Frauen unserer Zeit!« Die Holde kehret wieder, Sie trägt an ihrer Brust Auf zartem Arm den Gatten, Des Herzens stäte Lust. Voll Staunen sehn die Krieger, Sie sehn sich fragend an; Da jauchzt ihr Herz vor Freude: »Es hält sein Wort der Mann!« »Die Frauenminne segnet Den Mann mit Lust und Heil; Und edle Frau, dir bleibe An diesem Ruhm dein Theil! Wo Schönheit strahlt und wirket Mit Güte fest im Bund, Da wird dem Menschenherzen Der Gottheit Wille kund!« Liebchens Augen Die folgenden Gedichte sind den »Volksliedern aus Italien nebst einer Ballade zu Shakspeare's Romeo und Julia, Von Edward Dorer-Eglof.« Baden (1860). Es sind zwar Uebersetzungen, aber als solche so vortrefflich, daß wir glaubten, einige derselben mittheilen zu müssen. Es steht der Mond am Himmel mit düsterm Angesicht; Zwei Sterne, klagt er, fehlen; wo mögen wohl sie stehn? Ich weiß es, wo es stehet, das Pärchen schön und licht: Es ist in deinen Augen, mein Liebchen, ja zu sehn. Hoffnung und Wirklichkeit Ich höre noch die Worte, auf die ich einst gebaut: »Zum Paradiese führet ein ehliches Verbinden.« Ich war da frohen Muthes, und bin schon längst getraut, Doch ließ vom Paradiese noch immer Nichts sich finden! Schmerz der Zaghaftigkeit Wohl ist es zum Verzweifeln! Was kann darüber gehn? Im Mund die Zunge haben und Nichts zu reden wagen! Ich kam in Liebchens Nähe, ja, sah sie vor mir stehn; Ich sah sie da und konnte doch nicht ein Wörtlein sagen. Frommer Entschluß Ich habe meinen Liebsten – ich klage nicht! – verloren; Mir bangte nur, das würde mir großen Gram bereiten. Stirbt Einer, wird zum Papste ein Anderer rasch erkoren; So recht! ich will von Neuem zur Wahl des Liebsten schreiten. Liebe ohne Maß Wenn allerwärts die Bäume zum Sprachvermögen kämen, Und jedes Blättchen gäbe als Zunge dann sich kund; Wenn man des Meeres Fluthen als Dinte könnte nehmen, Und jeder Halm zur Feder, und ganz das Erdenrund Zu Pergamente würde, doch reichte nie es hin, Dir treulichst zu berichten, wie gut ich, Herz, dir bin! Verzauberung Da meine Augen nahe zum erstenmal dich sahn, Da schien das Paradies sich von Neuem zu erschließen; Ich sah die Engel alle in einem Zuge nahn, Ich sah die Engel alle zum Ziel dein Aug' erkiesen, Und alle dicht umschweben dein ganzes Angesicht! Der Zauber, den du übtest, er wich von mir noch nicht! Ich sah den schönen Busen sie alle dir umschweben: Den Zauber, den du übtest, vermag ich nicht zu heben! Der Kapuziner als Arzt Ich trug von einer Maid Das Bild in meinem Herzen. Im Bettlein lag mein Lieb, Es hatte große Schmerzen. »Wie kann es wohl geschehen, Mein leidend Lieb zu sehen? Als Kapuziner will Sofort zu ihm ich gehen,« Der Kapuziner that Von Haus zu Haus sich wenden; »O Herrin hier im Haus Wirst wohl ein Schärflein spenden!« »O geht! es walten hier Nur Schmerz und Klaggewimmer: Die Tochter liegt im Bett, Sieht wohl den Morgen nimmer!« »Wenn die Gefahr so groß. So will ich Beicht sie hören; Ihr eilt indeß zum Arzt Und thut ihn herbeschwören! Doch schließt die Thüre gut Und auch die Fenster innen, Daß fremde Leute nicht Auf freches Lauschen sinnen!« Ich stellte meine Fragen; Die erste Frage war: »Wie viele Schätze zählst du? O sag' es treu und wahr!« »Ich weiß von Einem nur; Wie könnten zwei mir taugen? Es steht mein erster Schatz Am Bett vor meinen Augen.« Die Maid verließ das Bett, Der Bruder that enteilen: »O Mutter, Mutter mein, Der wußte traun! zu heilen!« »Gepriesen sei der Mönch, Die Kutte nicht vergessen! Er hat mein Kind geheilt; Ihr Schmerz war unermessen! Gepriesen sei der Mönch, Die Kutte auch daneben! Ja! hätte der gefehlt, Wie thät mein Kind noch leben!« Lombarda »Lombarda, hehrste aller Frauen, O liebe mich! o werde mein!« – »Wie darf ich Solches mir getrauen? Noch lebt mein Mann, Wie kann es sein?« – »Lombarda, hehrste aller Frauen, Er sterbe mir zum Hochgewinn!« – »Was fang ich an, ihn todt zu schauen? Was führt zum Ziele da mich hin?« – »Ich sann darüber oft und lange; Das beste Mittel sann ich aus: Es weilet eine kleine Schlange Im Garten hinten an dem Haus. Nimm ihres Kopfes Fleisch und Beine, Zerstoße sie so ganz und gar, Dann mische sie mit dunkelm Weine, Und reiche so zum Trunk es dar, Wenn voller Durst und müd vom Jagen Zum Haus zurück der Mann dir kehrt!« – – »Ich schmachte, kann es kaum ertragen, Dem Durste sei mit Wein gewehrt! Lombarda, sprich! Was ist geschehen? Es hat der Wein so trüben Schein!« – »Vom Meere her des Windes Wehen Mag wohl der Grund der Trübung sein!« – »Lombarda, nimm das Glas zur Hande, Und trinke, trinke selbst den Wein!« – »Wie wäre das ich wohl im Stande? Ich müßte erst doch durstig sein!« – »Zu trinken soll mein Schwert dich lehren! Du trinkst den Wein! Nun! trinke gleich!« Lombarda that den Schluck, den ersten, schweren, Und ihre Wangen wurden bleich; Sie that zum zweiten Schluck sich zwingen, Sie wollte beichten in der Noth; Sie that den dritten Schluck verschlingen; Sie sank dahin erstarrt und todt. Gottfried Keller Abendlied. An die Natur Hüll' ein mich in die grünen Decken, Mit deinem Säuseln lull' mich ein! Bei guter Zeit magst du mich wecken Mit deines Tages jungem Schein. Ich hab' mich müd in dir ergangen, Mein Aug' ist matt von deiner Pracht: Nun ist mein einziges Verlangen, Im Traum zu ruh'n, in deiner Nacht. Des Kindesauges freudig Leuchten Schon singest du mit Blumen ein, Und wollte junger Gram es feuchten Du scheuchtest ihn mit buntem Schein. Ob wildes Hassen, maßlos Lieben Mich zeither auch gefangen nahm, Doch immer bin ich Kind geblieben, Wenn ich zu dir in's Freie kam! Geliebte, die mit ew'ger Treue Und ew'ger Jugend mich erquickt, Du einz'ge Lust, die ohne Reue Und ohne Nachweh mich entzückt: Sollt' ich dir jemals untreu werden, Dich kalt vergessen, ohne Dank: Dann ist mein Fall genaht auf Erden, Mein Herz verdorben, oder krank! O steh' mir immerdar im Rücken, Bin ich im Feld mit meiner Zeit! Mit deinen warmen Mutterblicken Ruh' auf mir, auch im schärfsten Streit! Und sollte mich mein Stündlein finden, Schnell decke mich mit Rasen zu; O selig Sterben und Verschwinden, Zu neuem Kampf nach kurzer Ruh'! Morgen So oft die Sonne aufersteht, Erneuet sich mein Hoffen, Und bleibet, bis sie untergeht, Wie eine Blume, offen; Dann schlummert es ermattet, Geduldig mit ihr ein: Doch fröhlich wacht es wieder auf Mit ihrem ersten Schein. Das ist die Kraft, die nimmer stirbt Und immer wieder streitet, Das gute Blut, das nie verdirbt, Geheimnißvoll verbreitet. So lang noch Morgenwinde Voran der Sonne wehn, Wird nie der Freiheit Priesterschaar In Nacht und Schlaf vergehn. Abend In Gold und Purpur tief verhüllt, Willst du mit deiner Leuchte scheiden, Und ich, noch ganz von dir erfüllt, Soll, Sonne, dich nun plötzlich meiden? Du hast mein Herz mit Lust entzündet: Du allerschönste Königin; Wenn mir dein Strahlenantlitz schwindet, Ist nicht das Feuer todt und hin? O reiche mir noch Einen Strahl, Der labend, leuchtend auf mich falle, Daß ich aus diesem Dämmerthal An deiner Hand hinüber walle! Ich will dein treuer Page bleiben, Dein Spiegel, wie das blaue Meer, Als Schäfer deine Lämmer treiben, Die Morgenwolken, vor dir her. Als leichte, leichte Wolke nur Laß mich an deinem Hofe weilen, Als deines Glanzes letzte Spur Von deinem Siegszug kündend eilen! Ich präg' als Lehrer neue Lieder Den Lerchen, deinen Kindern, ein – Du willst mich nicht? Du tauchest nieder? – Ich bin im Schatten, bin allein! Verlassen, bang wend' ich mich ab, Die Welt ist eine todte Kohle; Was jüngst nur Klarheit wiedergab, Stäubt, Asche, unter meiner Sohle. – Doch schau: wie ich gen Osten kehre, Taucht mir ein neues Wunder auf: In rosig mildem Nebelmeere Beginnt der Silbermond den Lauf. Leis, magisch kommt der Riesenstern Auf grünen Wipfeln hergegangen; Er ist nicht kalt, er ist nicht fern, Nein, warm und nah wie zum Erlangen. Ist er der Sonne Aehrenleser, Der nach verlornen Strahlen jagt? Ist er der Sonne Reichsverweser, Bis wieder sie im Osten tagt? – Es ist auf Erden keine Nacht, Die nicht noch ihren Schimmer hätte, So groß ist keines Unglücks Macht, Ein Blümlein hängt in seiner Kette! Ist nur das Herz von rechtem Schlage, So baut es sich ein Sternenhaus, Und schafft die Nacht zu hellem Tage, Wo sonst nur Asche, Schutt und Graus. Sommer Das ist doch eine üppige Zeit, Wo Alles so schweigend blüht und glüht, Wo des Sommers stolzirende Herrlichkeit Langsam durch die schwelgenden Lande zieht. Das Himmelblau und der Sonnenschein, Die zehren und trinken mich gänzlich auf! Ich welke dahin in üppiger Pein, Im Blumenmeer versiegt mein Lauf. Die Schnitter so stumm an der Arbeit stehn, Nachdenklich und lahm auf brennender Au; Ich hör' ein heimliches Dröhnen gehn Fern in des Gebirges dämmerndem Blau. Wie sehn' ich mich nach Gewitternacht, Nach Sturm und Regen und Donnerschlag, Nach einer tüchtigen Freiheitsschlacht, Nach einem entscheidenden Völkertag! Im Herbst Im Herbst erblichen liegt das Land Und durch die dichten Nebel bricht Ein blasser Strahl vom Waldesrand, Den Mond doch selber sieht man nicht. Doch schau! Der Reif wird Blüthenstaub, Ein Myrthenhain der Tannenwald. Das falbe, halberstorbne Laub In bunten Blumenwogen wallt. Welch Traumbild durch das Herbstgrau lacht? Ist's Frühlingstraum vom neuen Jahr? – Die Freiheit wandelt durch die Nacht Mit wallend aufgelöstem Haar! Und wandelnd späht sie rings und lauscht, Die bleiche hohe Königin; Und ihre Purpurschleppe rauscht Leis über dunkle Gräber hin. Sie hat gar eine reiche Saat Verborgen in der Erde Schooß: Sie forscht, ob die und jene That Nicht schon in zarte Keime sproß. Sie drückt ein Schwert an ihre Brust, Es blinkt in weißem Dämmerlicht: Sie bricht in wehmuthvoller Lust Manch blutiges Vergißmeinnicht. Es ist auf Erden keine Stadt Es ist kein Dorf, deß stille Huth Nicht einen alten Kirchhof hat, Darin ein Freiheits-Märtrer ruht. An einen Schulgenossen Wohin hat dich dein guter Stern gezogen, O Schulgenoß aus ersten Knabenjahren? Wie weit sind auseinander wir gefahren In unsern Schifflein auf des Lebens Wogen! Wenn wir die Untersten der Klasse waren. Wie haben wir treuherzig uns betrogen, Erfinderisch und schwärm'risch uns belogen Von Aventüren, Liebschaft und Gefahren! Da seh' ich just, beim Schimmer der Laterne, Wie mir gebückt, zerlumpt ein Vagabund Mit einem Häscher scheu vorübergeht –: So also wendeten sich unsre Sterne? Und so hat es gewuchert, unser Pfund? Du bist ein Spitzbub worden, ich – Poet! Wirklichkeit So manchmal irre werd' ich an der Stunde, An Tag und Jahr, ach, an der ganzen Zeit; Es gährt, es tost: doch mitten auf dem Grunde Ist es so still, so kalt, so zugeschneit. Habt ihr euch auf ein neues Jahr gefreut, Die Zukunft preisend mit beredtem Munde? Es rollt heran und schleudert, o wie weit, Euch rückwärts! – Ihr versinkt im alten Schlunde. Und dennoch kann die Hoffnung nie verlieren! Sind auch noch viele Nächte zu durchträumen, Zu schlafen, zu durchwachen – zu durchfrieren. So wahr erzürnte Wasser müssen schäumen, Muß, ob der tiefsten Nacht, Tag triumphiren, Und sieh: schon bricht es roch aus Wolkensäumen! In der Stadt Wo sich drei Gassen kreuzen, krumm und enge, Drei Züge wallen plötzlich sich entgegen Und schlingen sich, gehemmt auf ihren Wegen, Zu einem Knäul und lärmenden Gedränge. Die Wachparad' mit gellen Trommelschlägen Ein Hochzeitzug mit Geigen und Gepränge, Ein Leichenzug klagt seine Grabgesänge: Das Alles stockt, kein Glied mehr kann sich regen. Verstummt sind Geiger, Pfaff' und Trommelschläger; Der dicke Hauptmann flucht, daß Niemand weiche, Gelächter schallet aus dem Hochzeitzug. Doch oben auf den Schultern schwarzer Träger, Starrt in der Mitte kalt und still die Leiche Mit blinden Augen in den Wolkenflug. Warnung Ja, du bist frei, mein Volk! – von Eisenketten; Kein Fürst, kein Adel schmiedet dir die Bande; Frei von des Vorrechts unduldbarer Schande Und fröhlich magst du deinen Wohlstand betten. Doch nicht kann dies dich vor der Knechtschaft retten. Der schwarzen – die im weißen Schafsgewande An allen Thüren lauscht im Schweizerlande, Sich als Polyp an jedes Herz zu kletten! Wenn du nicht tapfer magst den Geist entbinden Von alles Dunsts erstickender Umhüllung, Nicht heilig deiner freien Einsicht pflegen: So wird der Feind stets offne Thore finden, All deiner Hoffnung rauben die Erfüllung, All dein gefördert Werk in Asche legen! Die zwei Tellenschüsse Ob sie geschehn? Das ist hier nicht zu fragen; Die Perle jeder Fabel ist der Sinn. Das Mark der Wahrheit ruht hier frisch darin, Der reife Kern von allen Völkersagen. Es war der erste Schuß ein Alleswagen, Kind, Leib und Gut, am köstlichen Gewinn: »Blick' her, Tyrann! was ich nur hab' und bin. Will ich beim Ersten in die Schanze schlagen! Und du stehst leer und heillos , wie du bist, Und lässest fühllos dir am Herzen rütteln, Und spiegelst höhnisch dich in meinem Blut? Und immer: Nein?! – verlaufen ist die Frist! Verflucht sei deines Hauptes ewig Schütteln! O zweiter, heilger Schuß, nun triff mir gut!« Liebeslied Sitzt man mit geschlossnen Augen Einsam in dem dunkeln Zimmer, Blitzt oft durch die zarten Lider Plötzlich rother Kerzenschimmer; Weiß ich doch, daß Sonnenstrahlen Durch die Augendeckel dringen Und in flimmernden Gebilden Sich um unsre Seele schlingen. Also saß ich in der Dämm'rung, Müd' vom Erdenlärm und Staube, Eingelullt vom Abendsäuseln, Schlummernd in der grünen Laube: Da begann von Licht und Blumen Gar ein seltsam schimmernd Weben Und ein Ranken um die Augen, Wie von goldnen Zauberreben. Rothe Rosen, weiße Rosen, Primeln, Tulpen und Narzissen, Dahlien von hundert Farben Sah ich durcheinander sprießen. Purpur, Gold, Azur und Silber Flimmerten in Wechseltönen, Lila, Rosa, heit'res Meergrün Mußten Glanz mit Glanz versöhnen. O, das war ein prächt'ger Reigen, Wie die Farben all' ihn tanzten; Wie die Blüthenstern' und Glocken Ringelnd sich in Beete pflanzten! Aber in den Wundergarten Senkte eine Jakobsleiter Von zwei Strahlen sanft sich nieder Aus zwei Sternen, bläulich heiter! Kleine blonde Liebesengel Schwebten daran auf und nieder, Stiegen in den Sternenhimmel, Kehrten in mein Herze wieder; Weckten and're hübsche Knaben, Die darinnen träumend schliefen Und darauf mit ihnen spielend, Kosend durch die Blumen liefen. Und die aus dem Himmel kamen, Wollten meines Herzens Kinder Ringend mit sich aufwärts ziehen; Aber diese auch nicht minder Hielten Stand und kämpften wacker, Als sie jene dicht umschlangen, Hielten sie in meines Herzens Tiefstem Grunde bald gefangen. Oben an der Himmelsleiter Eine klare Seele schwebte, Die halb zornig, halb mit Lächeln, Sie zurückzulocken strebte; Doch es schien mir im Gefängniß Ihnen leidlich zu gefallen: Denn ich sah, der Herrin trotzend, Bunt sie durcheinander wallen. Und sie mußte sich bequemen. Endlich selbst herabzusteigen. Sah sich plötzlich dann gefangen Mitten in dem frohen Reigen. Doch für all' den Liebesjubel Ward mein Herz zu eng und nieder: Klingend sprangen auf die Pforten, Sprangen auf die Augenlider! Sieh! da standest du, auf meine Schläferaugen schweigsam schauend, Vorgebogen, unbefangen, Auf den festen Schlaf vertrauend; Wurdest roth und flohst vorüber, Ungeschickt ein Liedlein summend, Und vergeblich dein Geheimniß In der Dämmerung vermummend! Fliehe nur, verrath'ne Seele, Trostlos durch des Gartens Blüthen! Such' dir bessre Zauberdrachen, Deines Busens Schatz zu hüten! Thöricht Kind! nun magst du immer Dreifach mir dein Herz verschließen: Unerbittlich seh' ich innen Für mich rothe Rosen sprießen! Feuer-Idylle 1. Wild hallt der Schrei der Glocken durch die Nacht Und Schüsse dröhnen von des Berges Wacht; In allen Gassen tönt's: »Es brennt! es brennt!« Und Jeder angstvoll an sein Fenster rennt. Der erste Blick: ist es in unserm Haus? Der zweite mindert schon den Schreck und Graus, Wenn weit, o weit die wunderschöne Gluth Behaglich dort am fernen Himmel ruht. Nun strömt der Neugier Bächlein ungehemmt. Und ungewaschen wohl und ungekämmt, Der ohne Strümpfe, Jener ohne Schuh', Läuft Alles rings dem seltnen Schauspiel zu. Und manchem ehrlichen Philister bangt, Es könnte enden, eh' er angelangt; Auch der Poet, er watschelt mit hinaus Und sendet seinen Kennerblick voraus. Da wallt vom Berg mit ungebrochnem Lauf Die Eine Flamme hell zum Himmel auf; Von Feuerlilien ein gewalt'ger Straus: So blüht und glüht das große Bauernhaus. Es ist die allerschönste Maiennacht, Von Gold durchwirkt, tiefblau der Himmel lacht; Eng zwischen Gärten voller Frühlingsflor Klimmt der Poet zur Feuerstätt' empor. Da sitzt der helle Geist auf seinem Raub Und macht den morschen Kram zu Asch' und Staub; Umsonst belästigt ihn der Menschenschwarm, Er wehrt ihn ruhig ab mit glühem Arm. Es brennt der Hof dem reichen Bauersmann, Der nie genug seh'n und erhaschen kann; Längst hat der Sohn ein neues Haus begehrt, Wogegen sich der Alte stets gewehrt. Nun steht er da und schlottert jämmerlich, Weiß nicht zu rathen noch zu helfen sich; Doch Alle sind in guter Sicherheit, Kein Nachbarhaus gefährdet weit und breit. Drum laßt uns keck ein wenig näher gehn, Die heiße Wirtschaft besser zu besehn, Zu lesen in des Feuers Angesicht, Und was es heimlich mit den Steinen spricht. 2. Von Holz und Reisig eine hohe Wand Seit langen Jahren um die Scheune stand: Schon Vieles ward vom Regen unbrauchbar, Doch jeder Herbst bringt neue Lasten dar. Der letzte Winter brachte große Noth. Und manche arme Wittwe, frierend, bot Ihr armes Geld dem Mann für wenig Holz – Er gab's nicht her in seinem Bauernstolz. Nun flammt es auf in wildem Feuerflug Mit Scheun' und Stall, Pferd, Wagen, Vieh und Pflug; Die armen Weiber stehn und schaun es an, Und wärmen lächelnd ihre Hände dran. Dies Lächeln mag die bleichste Blume sein, Die einstens ziert des Mannes Todtenschrein. – Weh' dem, der solchen Blüthenflor gesät. Wenn einst die Saat in reifen Früchten steht! 3. Seit alter Zeit her war des Hauses Wand Von wuchernd dichtem Epheu überspannt: Den liebt der Bauer, sonst so liebeleer. Weil er so gierig, alt und zäh, wie Er! Nun brennt das dunkle Unkraut lichterloh Und flackert in die Luft wie leichtes Stroh; Wer glaubte, daß der alte schwere Kranz So lustig hielte seinen Todtentanz? Ei, was fliegt da für Ungeziefer aus! In ganzen Schwärmen fliegt die Fledermaus; Kreuzspinnen, Käfer, was da kriechen mag. Kommt sterbend in der hellen Gluth zu Tag. Was von Gespenstern und von Koboldsbrut, Von alten Sünden auf dem Hause ruht. Und was es sonst für Spuck und Sagen gab Brennt mit den alten Epheuranken ab. Was mag wohl schimmern dort, und, seh ich recht? Was löst sich aus dem brennenden Geflecht Und poltert da zu meinen Füßen her? Ein tüchtig Kruzifix, von Golde schwer! Einst riß der Ahn, vor manchem hundert Jahr, Das Kreuz als Bilderstürmer vom Altar; Es blieb im grünen Rankenwerk versteckt. Nun endlich hat's das Feuer aufgedeckt. Zwar munkelt man, daß in verschloss'ner Brust Die Enkel jederzeit davon gewußt; Sie hätten's nächtlich auf den Tisch gesetzt Und sich an dem Geflunker oft ergötzt. Eins thut mir leid – manch' zierlich Schwalbennest Hing traulich in den wirren Ranken fest; Wenn nun die liebe Schwalbe wiederkehrt, So findet sie ihr kleines Haus verheert. Doch tröste dich, o Schwalbe zart und traut! Ist erst der neue Giebel aufgebaut. G'nug Winkel noch und Ecken findest du, Daran du bauen kannst in guter Ruh. 4. Da ist ein Buch, geschwärzt und halb verbrannt. Wonach der Mann in Todesangst gesandt; Ein Jüngling wagte dran sein junges Blut Und trug's mit kecken Händen aus der Gluth. Und gierig stürzt der Mann sich auf das Buch Und – wirft es weg mit einem derben Fluch. Sein dickes Schuldnerbuch hatt' er gemeint, Nun liegt – – die Bibel vor dem guten Freund! Wie arg und undankbar ist diese Welt, Wie schmählich nun der alte Mann sich stellt! Erinnert ihn die Bibel nicht mehr dran, Wie gütlich er sich oft an ihr gethan? Wenn er am Sonntagabend vor ihr saß Und schmunzelnd dann von dem Kameele las, Dem Nadelöhre und dem Himmelreich, Wie ward ihm das Gemüth da froh und weich! Wie manchen Bettler, hungerig und matt, Macht' er mit schönen Bibelsprüchen satt, Betheuernd hoch und feierlich dabei, Daß dies sein reichster Trost und Hausschatz sei. Nun liegt das alte Buch zertreten hier, Im Feuer blieb der Ecken Silberzier; Zerriss'nen Angesichtes liegt im Koth Das einst so hochgepries'ne Lebensbrot. 5. Ich denke dran mit wehmuthsvollem Schmerz, Wie rettungslos ein königliches Herz, Indeß das Haus in Rauch und Schutt verfliegt, Tief unter ihm in schnöden Banden liegt. Goldfarbner Löwe, seufzt der edle Wein Seit Jahr und Tag im dunkeln Eichenschrein, Und ob ihm trampelte der graue Wicht, Ließ keinen Tropfen an das Tageslicht. Wenn still der Sonnenschein das Haus umfing Und singend ein Gesell vorüberging. Ein fröhlich dürstender mit heißem Blut, Dann wallt' es unten auf mit süßer Wuth: »O laßt mich an des Tages goldnen Blick, Ich bring' euch Freiheit, Freude, Lieb' und Glück! Laßt schäumend mich entgegensprühn dem Lied, Das aus der hellen Menschenkehle zieht!« Umsonst verhieß er reichen Minnelohn, Gefesselt blieb der goldne Sonnensohn; Nicht wahr, ihr Alle, die ihr Herrscher heißt, Es ruht sich süß auf unterdrücktem Geist? Nun wankt und stürzt das morsche Sündenhaus, Doch unter seinen Trümmern athmet aus, Vergessen, was so lang das Licht gesucht, – Heil unsrer jungen Reben süßer Frucht! 6. Ein Apfelbaum in voller Blüthe steht, Ein leichter West in seinen Zweigen weht; Er schaut, verklärt vom blutigrothen Schein, Verwundert auf den wilden Brand herein. Es ist, als ob der helle Glanz ihn freut', Weil Blüthenblätter in die Gluth er streut; Er athmet ein des Feuers heißen Hauch, Um seine Krone spielend zieht der Rauch. Da plötzlich langt herüber aus dem Brand In seine Aeste tief die Flammenhand: Zu Kohlen brennt der schöne Blüthenbaum – Hier ist ein dichterlicher Lebenstraum! 7. Dort gegen Westen, traulich unterm Dach, Liegt hoch und abgeschieden das Gemach, Das sich des Hauses Töchter jederzeit Zum stillen Allerheiligsten geweiht. Es ist ein eng und niedrig Kämmerlein Mit runden Scheiben und uraltem Schrein, Drin Bänder, Kettlein, Herzchen aller Art In mannigfachen Kästlein wohl verwahrt. Am Fenster steht das Spinnrad und davor Der zartgepflegte bunte Blumenflor, Gelbveiglein, Nelken, Rosen ohne End', Und wie man all das liebe Zeug benennt! Manch nächtlich Lied hat hier heraufgetönt Und diese Fensterlein sind dran gewöhnt, Geräuschlos blinkend, heimlich aufzugehn, Geöffnet ganze Nächte durch zu stehn. Und manche Leiter wurde aufgethürmt Und auf die Liebeswarte kühn gestürmt; Ob stets das Rosengitter widerstand. Gehört zu den Geheimnissen im Land. Auch jetzt ist eine Leiter angelegt, Die einen Schwarm geschwärzter Männer trägt; Im rothen Mantel stürmet in die Thür Ein Freiersmann mit flammendem Panier. Und vor ihm fährt ein Knäuel, wirr und kraus, Erschreckter Liebesgötter fliehend aus; Das flattert irrend in der Frühlingsluft, Verfliegend wie verbrannter Ambraduft. Das ganze Fenstergärtlein stürzt herab Und findet in der Gluth sein feurig Grab; Ob all' die stille, schöne Liebeswelt Wohl rettungslos zugleich in Asche fällt? Mir ist nicht bang; ist neu das Haus erbaut. Man sicher wieder dran ein Fenster schaut Mit Rosen, Gelbveiglein und Nelkenzier: Denn Solches muß man haben für und für. 8. Welch' lieblich Wunder nimmt mein Auge wahr! Dort fließt ein Brünnlein, gar so frisch und klar. Ein holzgeschnitzter Meergott gießt den Trank In eine ausgehöhlte Eichenbank. Der Westwind hat die Gluth herangeweht, Der alte Gott in vollen Flammen steht, Und aus der Feuersäule quillt der Schwall, Des Wasserstrahls lebendiger Krystall. Wie fröhlich tönt der schöne Silberstrang, Gleich jenem Kleeblatt, das im Feuer sang! Du klares Leben, ew'ger Wellenschlag, Wer sendet aus der Tiefe dich zu Tag? Ich glaubt', ein Brunnenhaus sei feuerfest – Nun ist ein Häuflein Kohlen hier der Rest: Die Quelle aber rieselt frisch und rein Auch über Kohlen in die Welt hinein. Wer weiß, wie lange schon der Bergquell springt? Wer weiß, wie lang er noch zum Lichte dringt? Auf! schnitzelt einen neuen Brunnenmann, Der wieder hundert Jahr ihn fassen kann. 9. Zu loben ist der Männer kühner Muth, Womit sie ringen mit der heißen Gluth, Zu retten, was man irgend retten kann; Doch ist nicht redenswerth was man gewann. Das Beste ist ein alter Todtenkranz, Erinnerung an hohen Jugendglanz, An irgend einen frühgestorbnen Sohn, An einen längst verhallten Harfenton. Mit welken Blättern liegt er in der Au, Und auf ihn fällt der milde Maienthau; Die blassen Bänder wehn im Morgenwind, Daneben zitternd wacht ein schwaches Kind. Wie leicht und dürr der alte Kranz mag sein. Man wird ihm wieder eine Stelle weihn Im neuen Bau, hoch an der Stubenwand, Als des Vergangnem letztem, welkem Pfand. Da wird er still auf's junge Leben sehn, Und dieses ehrend ihm vorübergehn, Bis auch sein letztes leichtes Blatt zerstiebt Und man den nackten Reif dem Feuer giebt. 10. Die Flamm' ist todt, der Krater ist verglüht, Die Himmelsrose drüber aufgeblüht; Sie glänzt auf Kohlen, wo die Wohnung stand, Verschwunden ist das morsche Werk der Hand. Woran der Mensch die kalten Hände legt Und was er diebisch scheu zusammenträgt: Hin ist nun Alles, was nach Richt' und Maß Gefügt, gebunden aufeinander saß. Doch ihr erglänzet mir unwandelbar, Ihr Morgenlande, wonniglich und klar! Ihr Berg' und Thäler voller Knospendrang, Voll Quellenrauschen und voll Frühlingssang! O Ueberfülle, die zum Lichte schwillt, O Blüthenwirbel, der da überquillt Und überwuchert, wo die Sünderhand Ihr Maß will legen auf das reiche Land. Das ist die Nachhut, die den Rücken deckt: Drum auf zum Werke, Menschheit, unerschreckt! Bau auf, reiß' nieder und bau' wieder auf: Das Jahr geht immer seinen Segenslauf. An mein Vaterland O mein Heimatland, o mein Vaterland, Wie so innig, feurig lieb' ich dich! Schönste Ros', ob jede mir verblich, Duftest noch an meinem öden Strand! Als ich arm, doch froh, fremdes Landes durchstrich, Königsglanz mit deinen Bergen maß, Thronenflitter bald ob dir vergaß: Wie war da der Bettler stolz auf dich! Als ich fern dir war, o Helvetia! Faßte manchmal mich ein tiefes Leid; Doch wie kehrte schnell es sich in Freud', Wenn ich Einen deiner Söhne sah! O mein Schweizerland, all' mein Gut und Hab! Wenn dereinst mein banges Stündlein kommt, Ob ich Schwacher dir auch Nichts gefrommt: Nicht versage mir mein stilles Grab! Werf' ich ab von mir dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott dem Herrn: »Lasse strahlen Deinen schönsten Stern Nieder auf mein irdisch Vaterland!« Wanderlied Glückauf! nun will ich wandern Von früh bis Abends spät, So weit auf dieser Erde Die Sonne da mit mir geht. Nichts nehm' ich mit, als den Becher, Mein leichtes Saitengetön; Ich wundre mich über die Maßen, Wie's überall doch so schön! Oft ist die Ebene schöner Als meine Berge noch, Und wo kein blauer Himmel, Gibt's pupurne Wolken doch. Wo keine schmachtenden Lotos, Wächst blühendes Haidekraut, Wo keine gothische Dome, Sind jonische Tempel gebaut. Und bin ich des Griechischen müde, Mich lockt die luft'ge Moschee: Ich kleid' in maurische Schnörkel Mein europäisches Weh. Nur Einer süßen Blüthe Ermangel' ich überall, Von Einem süßen Namen Den silbernen Zauberschall. Hallo, du muntrer Jäger! Sag' an, du Bergmann traut! Hast du, mein stiller Fischer! Mein Liebchen nirgends geschaut? Mein Liebchen, das ist die Freiheit, Die such' ich kreuz und quer – Sie ist doch nicht ertrunken Im alten falschen Meer? Am Vorderrhein Wie ahnungsvoll er ausgezogen, Der junge Held, aus Kluft und Stein! Wie hat er durstig eingesogen Die Milch der Freiheit frisch und rein! Nun wallt der Bergessohn hernieder, Hin in mein zweites Heimatland: O grüß mir all' die deutschen Brüder, Die Herrlichen, längs deinem Strand! So grüß' auch all die deutschen Frauen Mit deinem feinsten Ritterbrauch, Und wenn du wirst die Dome schauen, Die lieben Käuze, grüß sie auch! Sonst weiß ich Niemand just zu grüßen, Als etwa noch die Loreley Und deiner Reben freudig Sprießen, Den Dreißigen – geh' still vorbei. Es taucht ein Aar in's Wolkenlose Hoch über mir im Sonnenschein: Ich werfe eine Alpenrose Tief unten in den wilden Rhein; Führ' nieder sie, führ' sie zu Thale, Du grüner Held zum Meeresthor, Und halt' dem Volk im Eichenthale, Dem Harrenden, dies Zeichen vor! Am Sarg eines neunzigjährigen Landmanns vom Zürichsee. So bist du eine Leiche! So ist die alte Eiche Doch endlich abgedorrt! Es ist ein lang Stück Leben, Das wir dem Staube geben, Ein ausgeklungen Gotteswort. Da wir vor zwanzig Jahren Als Kinder um dich waren, Standst du schon silberweiß: Und noch ein Jünglingsleben, Ein zwanzigjähriges eben, Trankst du begierig, durst'ger Greis! Des Mittelalters Schwingen, Mit letztem, bebendem Klingen, Umfachten die Wiege dir: Jetzt, voll von Sturmesahnen, Umrauschen die dunklen Fahnen Der neuen Welt dein Bahrtuch hier. Darin wir uns vertieften, Die aber hundert Schriften, Was uns erfüllt die Brust: Das zog dir all vorüber, Dämmernd heran, hinüber, Du aber hast es nicht gewußt. In jenen fernen Tagen – Ich hör' die Finken schlagen – Als durch den grünen Wald Herr Geßner las im Brockes: In's Herz des Föhrenstockes Hat deiner Jugend Axt geschallt. Hast du dem deutschen Sänger, Dem edlen Schlittschuhgänger Den Stahlschuh hier gereicht? – Du hast vor fünfzig Jahren Den See hinaufgefahren Den fünfzigjährigen Göthe vielleicht? Vorüber deiner Leiche Flieht heut der zornesbleiche Poet den See entlang; Verschwunden sind die Spuren, Wo heitere Dichter fuhren, Und anders tönt des Flüchtlings Sang! Die Scherben stolzer Kronen, Zwei Revolutionen, Die haben dich umklirrt; Erdbeben und Kometen, Sturmglocken und Schlachtdrommeten Sind deiner Stirn vorbei geschwirrt. Der unsre Welt gewendet Wie seine Hand, geendet Im Meere, still und fern: Mit seinem ehrnen Tritte Fiel just er in die Mitte Des Lebens dir, ein irrer Stern. Du sahst auf deinem Felde Erstaunt die fremden Zelte, Die Flucht durch's Saatengrün: Und als sie abgezogen, Zum alten Steinenbogen Der Väter Haus – in Flammen sprühn! Doch Alles ist in trüben Gebilden dir fern geblieben, Ein Räthsel dir und Traum; Auch die vorüber jagten, So wenig nach dir fragten. Als dort nach deinem Apfelbaum. Doch in dir hell erglühte Das Urlicht und erblühte Ein grünes Urwaldreis: Oft sah ich dein Auge scheinen, Als ob's in heiligen Hainen Noch ruht' auf der Runensteine Kreis. Du hast den Stier gezwungen, Du hast das Beil geschwungen, Daß Dorn und Eiche fiel: Wer diese harte Erde Mit eiserner Pflugschar kehrte, Erlernt auch leicht des Krieges Spiel. Es schliefen heimliche Sagen Von grauen Heidentagen Auf deines Gemüthes Grund; Du sangst noch hin und wieder Verschollne Schwänk' und Lieder, – Freund' Uhland wohl ein guter Fund. Vom Weltend' die vier Winde Durch deiner Heimat Gründe Sahst wallen du und wehn: Doch jener nahen Firnen, Die ragen zu den Gestirnen, Hast selber den Fuß du nie gesehn. Und dennoch ist's das ächte, Das bleibende Volk, das rechte, Das auf der Scholl' erblaßt, Auf der es ward geboren! Das Schifflein geht verloren, Deß Anker diesen Grund nicht faßt. Propheten, lernt euch neigen! Nicht auf zu euch soll steigen Der Kronen kalte Pracht: Hernieder laßt uns dringen, Demüthigen Herzens bringen Licht in der engsten Hütte Nacht! Der junge Bettler Ich wandle taumelnd, wie im Traum, Der Frühling tanzt auf Berg und Haide, Und zierlich schürzt die Birk' den Saum An ihrem grünen Seidenkleide; Mein Bettelsack, tanz' mit den Reigen, Schwing' dich hinauf zum tollen Ritt! O Birke, wieg' auf deinen Zweigen Mein armes Ränzel freundlich mit! Was macht mein junges Bettlerherz Der Haide grüner Glanz so traurig? Was bettelt es und was begehrt's, Was weht durch mich so süß und schaurig? Rasch möcht' ich in den Himmel greifen Und meine Lippen zucken leis – O könnt' ich singen oder pfeifen. Was mir im Blute zählt so heiß! O traute Birk! im Morgenstrahl Sah ich am Quell mein Mädchen stehen, Dann aber froh aus unserm Thal Mit Wanderschritten eilend gehen; Sie ist dies Jahr so schön geworden, Ich sah's mit süßem Schrecken ein! Was aber soll bei Bettlerhorden Der reichen Schönheit Prunk und Schein? Beschränke dich, du eitle Brust! Was schiert dich all' dies stolze Blühen? Umsonst! mich will die fremde Luft Weit in die goldne Ferne ziehen! O süße Schwester Birke, senke Mein Säcklein wieder mir herab, Und einen deiner Aeste schenke Mir noch zum Wanderbettelstab! Das Leben ist doch schön! Wie schön, wie schön ist dieses kurze Leben, Wenn es eröffnet alle seine Quellen! Die Tage gleichen klaren Silberwellen, Die sich mit Macht zu überholen streben. Was gestern freudig mocht' mein Herz erheben, Das muß ich lächelnd heute rückwärts stellen; Wenn die Erfahrungen, sich drängend, schwellen, Erlebnisse, wie Blumen sie umgeben! So muß ich breiter stets den Strom erschauen, Auch tiefer mälig seh' den Grund ich winken, Und täglich lern' ich mehr der Fluth vertrauen. Nun goldene Geschirre, sie zu trinken, Gebt, Götter! mir und Marmor, um zu bauen Den festen Damm zur Rechten wie zur Linken. Erkenntniß Willst du, o Herz! ein heitres Ziel erreichen. Mußt du in eigner Angel schwebend ruh'n; Ein Thor versucht zu geh'n in fremden Schuh'n, Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen! Ein Thor, der aus des Nachbars Bubenstreichen Sich Trost nimmt für das eigne schwache Thun! Der immer um sich späht und lauscht und nun Sich seinen Werth bestimmt nach falschen Zeichen. Thu frei und offen, was du nicht kannst lassen, Doch wandle streng auf selbstbeschränkten Wegen Und lerne früh nur deine Fehler hassen! Dann gehe mild den Anderen entgegen; Kannst du dich selbst nur fest zusammenfassen, So hängt an deine Schritte sich der Segen. Gaselen 1. Der Herr gab dir ein schönes Augenpaar, Du weißt damit zu blicken lieb und klar. Mit seiner Hand hältst du in schönen Banden, Das er dir gab, dein anmuthsreiches Haar. Wie eine Palme aus den Morgenlanden Ließ er dich wachsen, der im Anfang war. Du aber weißt dich köstlich zu gewanden, Daß sich verdunkelt deiner Schwestern Schaar. Wie dankbar du des Schöpfers Sinn verstanden, Legst du in reizbewußtem Wesen dar. 2. Als ich an deiner Frühlingsbrust zwiefachem Himmel geruht, In königlicher Ruhe stolz hinwogte unser Blut: Von diesem Himmel unverwandt sah ich zum andern auf Und schaute in den Hesperus mit frohem, stillem Muth. Dann drückte müd' die Augen ich an deinem Busen zu, Doch immerfort sah ich den Stern in seiner schönen Gluth. Er ging in deinem Herzen auf, wie es der Widerschein Luna's in einem spiegelnden und tiefen Brunnen thut. Wasser Wie strahlet ihr im Morgenschein, Du rosig Kind, der Blüthenbaum Und dieser Brunnen, frisch und rein – Ein schön'res Kleeblatt gibt es kaum. Wie dreifach lieblich hat Natur In euch sich lächelnd offenbart! Aus deinem Aug' grüßt ihre Spur Des Wandrers stille Morgenfahrt. Es ist, als käm' aus deinem Mund Das Lied, das dort die Quelle singt, Es ist, als thät' der Brunnen kund, Was tief in deiner Seele klingt! Und wie der weiße Apfelbaum Mit seinen Zweigen euch umweht; Dieß Schau'n, zart wie ein Morgentraum, Ersetzt mir jedes Frühgebet. Reich' einen Trunk, du klare Maid, Vom Quell, der deine Kindheit sah! Sein Rauschen sei dir allezeit, Die Klarheit deinem Herzen nah! Ich wünsche Segen deiner Hand Zur Arbeit, wie zum Liebesbund, Dem bravsten Burschen hier zu Land Den ersten Kuß von deinem Mund! Heimweh An den schönen Limmatborden, Die so grün in's Wasser hangen, Bin ich manches Mal gegangen. Wenn die Erde jung geworden Und den Frühlingsmantel wob. Wenn die Wasser voller klangen Und bis vor die Füße drangen, Daß der Pfad sich schwellend hob. Wenn die Welle singend flieht, Ist's, als höre man Geschichten, Was im Oberland geschieht, Weit ins Niederland berichten. Und wenn man stromaufwärts sieht, Will es scheinen, daß die ganze Inn're Schweiz im Firnenglanze Auf der Fluth herniederzieht. Ausgespannte Netze schimmern Zwischen blüthenweißen Bäumen, Perlend in der Sonne flimmern Sie von feuchten Wasserschäumen. Und ein Knäblein schläft im Kahn, Wiegend sich in jungen Träumen; Ohne Hast und ohne Säumen Schafft der Vater nebenan. Ja, mit ruhig festem Schritte Schreiten dort die Männer hin! Klar und einfach ist die Sitte, Klug und ernst der freie Sinn. Und in ihrer sich'ren Mitte Wuchsen Recht und Freiheit groß; Das Gesetz schmückt jede Hütte, Jeden Herd ziert ein Geschoß. Etwas Wein auch pflanzt der Bauer An der Berge grünen Füßen, Wenn auch manchmal etwas sauer: Arbeit weiß ihn zu versüßen. Längst schon wohnt an jenen Flüssen Rasche That, entschloss'nes Handeln, Daß vor ihrem heitren Wandeln Gram und Sorge schwinden müssen. Hier an diesem fremden Strand, Sind die Weine stark und süß, Und es gleicht das edle Land Auch wohl einem Paradies; Aber dumpf und ungewiß Sind die Herzen und die Blicke Und verworrene Geschicke Walten in der Finsterniß! Der alte Bettler Nun legst du, alte knorrenvolle Föhre, Den allerletzten Jahresring dir an, Da ich mit seiner Axt rumoren höre Im Walde schon den grauen Zimmermann. Er wird so wenig mit mir federlesen, Als Jemand über mein Verschwinden klagt – Ein alter Lump ist wohl das einz'ge Wesen, Dem man des Alters Ehrenzoll versagt! Sei's immerhin! ich liebe d'rum nicht minder Dieß schöne Land, mein gutes Vaterland, Und segne seine frohen stolzen Kinder Mit der verworfnen todten Bettlerhand! Ich segne euch, o Strom, Gebirg und Auen, Die ihr im Lenzgold heiter vor mir schwimmt! Ein Reichthum ist dieß selig klare Schauen, Den Niemand auch dem ärmsten Manne nimmt. Als meine Brüder einst vor vierzig Jahren Das alte morsche Vaterhaus verkauft, Um nach der fernen neuen Welt zu fahren, Wo man sich mit der alten Erde rauft, Da bin ich ganz allein zurückgeblieben. Bald war es um mein kleines Erb gethan; Weiß nicht, wie weit sie drüben es getrieben, Ich aber fing darauf zu betteln an. Denn weder Noth noch Mühsal konnten scheiden Mich aus den Marken meines Vaterlands – Wer will mich zwingen, seinen Schooß zu meiden, Zu missen seiner Ströme blauen Glanz? Hier will ich wandeln, wo ich bin geboren, Und sei's auch in zerriss'nen Bettlerschuh'n! Ging drob die Bürgerehre mir verloren: Ich will und muß bei meinen Vätern ruh'n! Dich sollt' ich meiden, trautes Netz der Wege, Das mein Volk auf des Landes Boden spann? Und dich Gebirg, wo ich des Abgrunds Stege Auch mit verbundnem Aug' beschreiten kann? Wo ich der Quellen tiefen Ursprung kenne, Und jeden Stamm im dunkeln Forst gezählt, Und jede Trift bei ihrem Namen nenne – Den Boden, wo mir nie ein Tritt gefehlt? O meines Vaterlandes gute Erde, Wie kriech' ich gern in deinen warmen Schoos! Mir ahnet schon, wie süß ich ruhen werde In dir, von allem Druck und Irrsal los! Wie will ich meine müden Beine strecken, Wegwerfend meiner Armuth dürren Stab! Wie selig mich von West nach Osten recken Und unverwüstlich ruh'n in meinem Grab! Doch, spinnt sich weiter meiner Seele Leben, So möge sie, im grauen Schattenkleid Vergnügt und still dieß gute Volk umschweben, Noch immer treu, in Freude wie in Leid! Als leichte Mahnung neckend umzugehen In seines Glückes hellem Sonnenschein: Möcht' meine Seligkeit darin bestehen, Einst seines letzten Bettlers Geist zu sein. Aus dem Leben Flack're, fernes Licht, im Thal Durch die Nacht mit leisem Blinken: Noch vor Morgen wird dein Strahl Endlich in sich selbst versinken! Rausche, singe, schöner Fluß! Dein Gesang wird fortbestehen; Aber jede Welle muß Endlich doch im Meer vergehen. Nachtviolen süß und stark Duftet ihr durch diese Lauben; O, wie wißt das feinste Mark Ihr der Erde schnell zu rauben! Von der warmen Nacht geküßt, Wißt ihr schnell es auszuhauchen, Eh' ihr selber wieder müßt Eure Köpflein untertauchen! Aus dem tiefen blauen Raum Perlt ihr leuchtend, goldne Sonnen, Kommt und schwindet, wie ein Traum; Doch gefüllt bleibt stets der Bronnen. Und nur du, mein armes Herz, Du allein willst ewig schlagen, Deine Lust und deinen Schmerz Ewig durch die Himmel tragen? And're Blumen, and're Wellen, And're Sterne, and're Herzen, And're Freuden, and're Schmerzen Werden unerschöpflich quellen. Und, eh' wir noch gar verglommen, Ganz uns auszulöschen kommen. Ewig ist, begreifst es du, Sehnend Herz? nur deine Ruh! Eduard Dößekel Die Steineiche Siehst du den Felsen aus dem Thale ragen? Hinan in Wolken düster, grau zerklüftet, Aus seinen Spalten wilde Sträucher schlagen, Die Blätter weh'n vom Abendhauch durchlüftet. Da rankt, der Riesenschlange gleich gewunden, Ein Eichbaum sich mit zwergeknorr'gen Zweigen; Wie hat er wohl den Weg hinauf gefunden, Den nur des Bergs verschwiegne Geister zeigen? Mir ward – als ich an tiefster Herzenswunde Geirrt auf Graten und auf schwanken Stegen – Mir ward vertraut auf Windeshauch die Kunde: Verwandter Sinn versteht auf halben Wegen. »Da weil' ich – flüstert es – seit langen Jahren, In diesem Steinreich freud- und weltverlassen; In düsterm Brüten bin ich wohl erfahren, Das mag die Brust, die Triebe hat, nur fassen. Einst als ich, noch umhüllt im Schooß der Schale, Als Eichel ahnungsvoll geruht, geträumet, Trug mich ein Fittich, rauschend überm Thale, Und setzt' mich ab, wo dieser Fels sich bäumet. Es schwoll der Kern, die Schale mußte springen, Ein Blättlein guckt' in schüchternem Entzücken, Und höher bald sah man das Stämmchen dringen, Ringsum mit Zweigen jugendlich sich schmücken. Und emsig drang die Wurzel nach dem Grunde, Und flocht und wob ein künstliches Geschlinge: Das bohrt' und saugt' so durstig in der Runde, Daß es nach oben Kraft und Wachsthum bringe. Doch wie es weiter seine Fasern spann – o Schrecken, Stieß es auf Felsgezacke sonder Ende; Da war kein Quell der Nahrung zu entdecken, Wohin es auch die Augen suchend wende. Ein wenig Erde, Thau und Schnee und Regen War Alles, um zu fristen dieses Leben: Da ging der Puls in immer mattern Schlägen Verkümmert stockt' ein frohentfaltend Leben. Siehst du im Waldesdunkel jener Halde Gewaltig einen Eichbaum sich erheben – Weittragend – selbst ein Wald aus niederm Walde – Die breiten Aest' wie Riesenflügel schweben? Um seinen Gipfel kreist der Adler wiegend, In seinen Zweigen schläft die scheue Eule, Und unten tief, im würz'gen Schatten liegend, Gemächlich kaut der Hirsch auf müder Keule. Die Krone glänzt lichtgolden an der Sonne, Und wirft die Schatten weithin in die Gründe; Darunter braust des Baches Jugendwonne Und eilt zum Rad in lieblichem Gewinde. Einst lagen wir, des gleichen Stamms Genossen, Zwei Eicheln, brüderlich auf kühler Erde. Uns trennt das Loos – und jener konnte sprossen, Dieweil ich kam auf karge Felsenerde. In sand'gem Grund, in Sonne, Licht und Stürmen Konnt' ungehemmt er seine Kraft entfalten; Und jedes Jahr sah ich kühner ihn sich thürmen, Auslangen weit in knorrigen Gestalten. Doch ich – da seufz' ich, eingeklemmt, gefangen; Mir hilft kein Drehen, Winden und kein Ringen, Und krüppelhaft muß ich vom Felsen hangen, Statt kraftbewußt das Haupt im Sturm zu schwingen. In unserm Herzen schliefen gleiche Triebe, Als wir noch weilten in den engen Schalen: Mir ward versagt der Fügung Gunst und Liebe; Ach höh'res Sehnen wurde mir zu Qualen! Und wenn am Sommerabend golddurchleuchtet Die schlanken Gipfel in den Lüften schwanken Und wenn die Fluren leis der Thau befeuchtet. Da brüt' ich still ob schmerzlichen Gedanken.« Fernes Ziel Aus Wolken leuchtet in geweihter Stunde, Wenn leise dich des Gottes Stab berührt, Ein reines Bild, es weist mit stillem Deuten Des Pilgerlebens fern gestecktes Ziel. Es glühet mild, es naht, es scheint dir klarer, Und selig glaubst du schon es zu erfassen; Dein Auge leuchtet ob gefund'ner Wahrheit, Und wie der Schiffer freudig, rufst du – Land! Doch wachst du kaum aus erstem Schlummer wieder, Da schwebt das Bild in duftgehauchter Ferne. Du regst die Kräfte, und dem kühnen Streben Scheint hold das Glück, und wieder bist du nah! Da brechen vor aus düstern Hinterhalten, Die längst gelauert an des Lebens Pfad: Es schleicht die Sorge blaß in grauen Haaren An deiner Seite schattenartig nach; Es welkt die Lust, der hohe Drang des Muthes. – Doch ringt die Kraft, jetzt hebt sie sich gewaltig; Sieg! ruft sie froh, und hinkend flieht die Alte. Doch unbemerkt hat mälig sich gethürmet Am Horizont der Wolke dunkle Burg. Sie zieht heran hoch über deinen Scheitel, Horch! des Geschickes Donnerschlag erschallt, Zerstört, zerrissen ist dein schönstes Fühlen; Verwirrt, betäubt, wie gott- und weltverlassen Erhebst du taumelnd dich und blickst umher. Ach, lange geht es, bis die Wunden heilen, Bis neue Kräfte junge Sproßen treiben. Verschwunden war das Ziel in trübe Nacht; Doch unerschöpflich ist der Quell des Lebens, Gewohnheit überzieht mit frischem Moose, Und auf die Zukunft richten sich die Triebe. Da hebt sich leis' das halb vergeßne Bild, Entfallene Fäden werden aufgenommen, Und frischer Wind bläst in die neue Segel, So rückt es fürder – unversehens bricht Aus ungekannter, ungeahnter Tiefe Die Leidenschaft in hellen Flammen aus. Es hüllen Rauch und Qualm ringsum die Räume Und in dem Kerne haust Zerstörung ein. Zwar wird die Gluth gelöscht und ausgebessert Der Schaden, den die Brandstatt düster zeigt. Von Neuem geht's ins frische Leben aus, Gewitzigt als ein neugeschaffner Paul. In düst'rer Ferne zeigt sich abermals, Wie lichterloschen, der verlorne Punkt. Und wie's nun ebner geht, gemäßigt, ruhig Wie stiller Fortschritt mehrt das Streben, Da kömmt geheimnißvoll auf leisen Schwingen Durch schwang're Luft ein gift'ger Hauch geflogen; Es schüttelt dich, es glüht in deinen Gliedern, Und reißt dich tobend an des Grabes Rand. Nach zähem Ringen siegt das Leben wieder, Genesung keimt mit frischem Trieb empor. Mit vollen Zügen schlürfst du ein die Gaben, Die dir die Welt in reicher Fülle reicht; Nie schien sie dir so wonnig hold, so labend. Und jenes Bild so klar erfaßlich nah. Ja, endlich doch gelingt's, die Winde schweigen, Du segelst glücklich schon der Erde zu, Und reine Wonne haucht dich duftend an, Der Himmel wölbt sich blau und ewig heiter, Die Erde athmet stille Seligkeit. Du stehst entzückt, du ruhest sinnend, Da bringt der Schlaf auf leiser Zehe nahend Dir dumpfen Sinn und kindisches Vergessen. Und wenn du aufwachst, sieh! erloschen schon Sind an der Firn des Tages letzte Strahlen! Die Trägheit stahl den schönen Abend weg. Ein andermal treibt geistesleerer Zeitvertreib, Des Ernsten schlimmster Feind, ein launig Spiel. Und so vermagst du, ach! so selten nur Zu fassen, zu erhalten im Besitze, Was du als wahr, als rein, als ächt erkannt; Was hoch den Adel deiner Seele trägt. Wenn wild des Lebens Woge um dich schlägt; Was dir am Ziel durchlaufener herber Tage Den Lorbeer auf die kühle Stirne drückt. Und dennoch lasse nie vom edeln Streben! Es ist das Beste, was du bist und hast, Prometheus Feuer wahre keusch und heilig, Es ist den Göttern des Olymps entwandt. Und kannst du nicht zum Ganzen dich erschwingen, Wie's still vor deinem Geistesauge schwebt, So reiche du das Gute zu dem Guten, (So wachsend schlingt sich eine Perlenschnur) Und schätze früh, dieweil die Kräfte halten, Den Werth der Zeit, der seltnen goldnen Stunden, Die hold ein Gott in deine Hand gelegt. Der Unzufriedene Kranken Sinnes, Brust verschlossen, Schweift ich trüb durch Dorn und Fohren, Wo sich jeder Pfad verloren Fortgehetzt von inn'rer Hast. Und ich klagte tiefverdrossen: Alles ist mir stets entgegen, Fahret hin denn – meinetwegen! Jeder Tag ist mir zur Last. Und am allerstillsten Orte Setzt ich mich in meinem Kummer, Und versank in Fieberschlummer Auf geknicktes Tannenreis. Und da war's, als hört' ich Worte, Hört' ein Klingen durch die Räume, Und die Schatten meiner Träume Flüsterten ins Ohr mir leis. Willst du alles Danks vergessen, Zweifeln an des Vaters Güte, Der des Lenzes holde Blüthe Eben duftend ausgestreut? Willst du dessen Weisheit messen. Der die Raupe still entfaltet. Der die Firnenwand gestaltet, Ewig Nacht und Tag erneut? Jedes Ding hat seine Weise: Wie der Pappel dort am Bache, Wie der Schwalbe unterm Dache Wild das Deine dir zu Theil. Reine lenkt die Fügung leise, Schwache muß das Feuer stählen, Böse muß der Teufel quälen. Wie es paßt zu Jedes Heil. Laße du dein weichlich Grämen, Wisse denn: du sollst entbehren, Sollst dich regen, sollst dich wehren. Bis du deiner Kraft bewußt. Lasse nicht im Kampf dich lähmen, Trage muthig die Beschwerde: Willst du, daß sie leichter werde. Such' den Sieg in deiner Brust. Die Himmelsbraut Die Kerze brennt! Wie ist es still im Zimmer, Wie feierlich im matten Dämmerschein! Ein silbern Kreuz erglänzt in mildem Flimmer, Ich wag's! Auf leiser Zehe tret' ich ein. Da liegt sie sanft! Im reinen Feierkleide, Den Brautkranz in der marmorweißen Hand, Und Myrth' und Rosen blühen als Geschmeide; Es schlingt sich zart manch farbig Wasserband. Sie schläft! wie spielt so hold, so engelmilde Ein himmlisch Lächeln auf dem Angesicht: O kniet leis vor dem Marienbilde! O störet ja den schönen Traum ihr nicht! Ach nein, sie wird aus diesem tiefen Traume Erwachen erst in jener andern Welt. Fern an des Morgenrothes goldnem Saume Ist ihre heitre Wohnung schon bestellt. Wir ahnten's längst, ein leichter Engel walle Hier unter uns in ird'scher Huldgestalt. Sie war so gut, so lieblich gegen alle, Und herzgewogen war ihr Jung und Alt. Sie trug den Zug zur Heimat in dem Herzen, Wenn sie als Meisterin am Flügel sang, Aus ihrer Rede, aus dem milden Scherzen Drang geisterhaft der Heimat ferner Klang. O seht! o stets verklärter wird dies Lächeln, Ihr inn'res Auge hat schon aufgeschaut; Sie fühlts, wie Himmelslüfte sie umfächeln. Sie hört Gesang: »Willkommen reine Braut.« Der Orangenbaum Im Garten hangen thauend die Gebüsche, Sie duften Gruß dem frühen Sonnenstrahle, Es glüht aus Grün und farbigem Gemische Die Goldorange mit der würz'gen Schale. Da steht der Baum. In seiner dunklen Krone Durchschlingen Früchte sich mit zarter Blüthe, Ein seltsam Kind aus einer andern Zone, Den ew'gen Lenz im sinnigen Gemüthe. Da steht er wohl! – doch aus den grünen Zweigen Entflüstern Schmerzenshauche, leises Trauern, Die goldnen Früchte und die Blüthen neigen Schwermüthig sich, durchweht von kühlen Schauern. Aus seiner Nacht da summt ein heimlich Klingen, Wie Kinderträume aus vergangnen Zeiten. Das ist ein Flismen, Flüstern und ein Singen, Als wollten Engelschwärme sich verbreiten. Vernimm, vertrauter Sinn, die selt'nen Töne: In tiefer Fern am thauigen Gestade Da glänzt ein Land von zauberhafter Schöne; In Schatten ruht die blühende Najade. Es prangt und duftet rings, ein Feengarten, Durch den sich Grotten, klare Bäche schlingen, Wo hinterm Busche junge Faunen warten, Und Philomelen auf den Zweigen springen. Es wölben sich ob Quellen dunkle Haine, Um Felsen ziehen Kaktus, Myrth und Feigen; Und zauberhaft in stillem Mondenscheine Paläste hoch aus schatt'ger Tiefe steigen. Es ruht das Meer im leichten Spiel der Wogen, Es säuseln linde abgekühlte Lüfte, Die Welle plätschert an der Brücken Bogen Und rauscht zurück, nachhaltend durch die Klüfte. Dort duften sie die Brüder all', die lieben, Dort weilt auch ich in meines Lenzes Tagen, Von rauher Hand ward dort ich früh vertrieben, Und ach, ins ferne kalte Land verschlagen. – Da weht kein Hauch für meines Herzens Fühlen; Die Winde ziehn vom Berge her, dem kahlen, Und frieren muß ich in der Nacht, der kühlen, Und selbst die Sonne hat nur matte Strahlen. Und ob es grünen mag in meinen Zweigen, Ob Blust und Flüchte spärlich auch erglühten, Es ist nicht Trieb, nicht frohes Lusterzeigen Es sind der Sehnsucht karge Schmerzensblühten. Tasso auf Sorrent 1. Vereinsamt sitzt am hohen Fensterbogen Im Wittwenkleid Cornelia Sersale, Sie blickt hinunter auf des Meeres Wogen, Wie sie erfunkeln in des Morgens Strahle. Ein Fremder meldet sich. Es kommt geschritten An Tracht ein Hirte aus Albaniens Bergen; – Ein Antlitz düster, frostig, schmerzdurchschnitten, Wie scheu gejagt vor aufgehetzten Schergen. Und schweigend reicht er einen Brief der Frauen; Sie liest und liest, und auf die blasse Wange Tritt tief're Blässe; leise Thränen thauen, Ein Seufzer zittert aus dem Busen bange. O weiches Herz, o sinn'ge Dichterseele, Von Aeolsseiten tausendfach durchzogen. Dem Ohr der Menschen eine Philomele, Und für dich selbst zum Schmerze nur erzogen. O Bruderherz, unglücklicher Torquato! Dich quält der Dämon in der Schöpferstirne; Verbannt selbst aus dem Staate deines Plato, Ach stehst du heimatlos gleich einer Firne. So klagt die Dame, wendet dann gemessen Zum Hirten sich: »Ihr wißt noch mehr der Kunde?« Und der erzählt – es scheint ihn schwer zu pressen, Des Bruders Leiden mit beredtem Munde; Wie er geschmachtet in Bologna's Thurme, Der Großen kaltes Launenspiel erfahren, Wie er verfolgt, benagt vom gift'gen Wurme Des Neids, umstrickt von Falschheit und Gefahren; Wie er im Fieberwahne krank gelegen, Der Liebe Schmerz ohn' Hoffnung still getragen, Gehöhnt – gezückt in Königshall' den Degen, Und wie sie dann in Bande ihn geschlagen; Wie ruhlos er; umdüstert, weltverlassen. Nun irre aufgescheucht von Stätt' zu Stätte, Bestaunt von Pöbeljungen auf den Gassen, Die seiner herzlos spotten um die Wette. So weiß der Hirt in immer grellern Zügen Zu schildern Weh' und Schmach des flücht'gen Armen. Da neigt es leise sich – mit kalten Zügen, Ohnmächtig liegt die Frau in seinen Armen. »O süßes Schwesterherz, erwach', erwache! O hier schlägt warme Liebe für mich Kranken, So find ich Labung unter deinem Dache, Um deine Treue will ich grünend ranken.« Und wie den Blick sie aufschlägt wie in Träumen, Da blickt sie in ein Auge glühend milde, Auf eine Stirn', die dunkle Locken säumen; Als täusch' ein Gott sie mit des Bruders Bilde. »Ich bin es Schwester, Herz voll Lieb und Reine! An deinem Trost mag ich vielleicht gesunden; Hier in Sorrento's ew'gem Sonnenscheine; Will heilen ich des Seelenschmerzes Wunden.« 2. Sorrent, du blüthenduft'ger Himmelsgarten, Hoch hinter Felsen traulich still geborgen, Geschaffen ganz, gewählter Ruh' zu warten, Und wegzuträumen Erdenschmerz und Sorgen; Verwundert sieht dein Völklein Tagelange Den düstern Fremdling in den Hainen weilen; Der trübe Blick, die abgehärmte Wange, Sie scheinen weder Freud noch Leid zu theilen. Einsam verbirgt er sich in nächt'gen Grotten, Wo Quellen hüpfen vom gezackten Steine, Wo Vögel sich auf schwankem Zweige spotten. Durch Schatten fliegt ein Licht im Zitterscheine. Dann steigt er nieder zu des Meeres Buchten, Da schaukelt läßig er rücklings im Kahne, Die Blicke starr, als ob sie Sterne suchten; Er sieht die Engel wohl im Dichterwahne! Und wenn der Abend sinkt zum Meeresbette Da sitzt er hoch auf steilem Felsgetrümmer. Er schaut im Glanz Kapellen, Kirchen, Städte, Neapels Golf im rosenduft'gen Schimmer. Er weilt vertieft im innersten Geheimen, Belauscht Natur in ihrem ew'gen Walten; Er hört das Herzblatt in der Knospe keimen, Und folgt dem stillen Wandel der Gestalten. So liegt er selig an dem Mutterbusen, Es singen Quell' und Vögel Wiegenlieder; Doch seine Träume wandeln leis' die Musen, Sie träufeln Nektar auf den Schläfer nieder. Umweht vom duft'gen Hauch der frischen Lüfte, Erholen mälig sich die welken Kräfte; So bringt der Lenz der Eich' im Felsgeklüfte Hinauf durch Äst und Wipfel neue Säfte. Und wieder regt sich Lust und Weltverlangen, Und wieder spornt des Dämons scharfe Spitze, Zur frühen Stunde kommt er rasch gegangen, Im Aug des Seelendranges dunkle Blitze. »O Schwester! habe Dank für Sorg' und Güte, Mit deinem Segen laß mich weiter wallen!« Sie schaut ihm nach: »Du wunderlich Gemüthe, Du bist des Ruhmes Flamme, ach, verfallen!« Fra Diavolo Die Kette klirrt! die Mauer starrt und feuchtet, In stillen Pausen fällt ein Tropfen schwer. Ins düstre Dunkel durch die Scharte leuchtet Ein blasser Schein vom goldnen Tage her. Was regt sich? Ha! welch frostig Fiebergrauen Hat wie ein Blitz die Glieder dir durchschreckt! Der Räuberhauptmann mit den düstern Brauen, Da liegt er wild ins feuchte Stroh gestreckt. – Da liegt er. In der Rechten wiegt er brütend Das sonnverbrannte thatenstolze Haupt, Bald seufzt er auf, – bald sprüht sein Auge wüthend; Es zuckt die Faust noch blutig und bestaubt. Es ziehen hell und trüb vor seinen Blicken Die wilden Tage, die er durchgestürmt; Noch trotzt sein Sinn den mächtigen Geschicken, Ob drohend auch die Strafe sich gethürmt! Wie zog er kühn voraus den treuen Schaaren, Frei durch's Gebirge an den Alpenpaß, Wie stürzt er sich inmitten von Gefahren, Und war ihm Kampf und Sieg ein Morgenspaß. Wie schön war er – die Flinte auf dem Rücken, Die Feder lässig auf dem breiten Hut, Hinschleichend, wo am Fenster Blumen nicken, Zur Mühle, die sich spiegelt in der Fluth. – Wie schreckt er weit die Städte und die Gauen! Dem Ruhme glich des Namens stolzer Ruf. – Wie ritt er keck durchs Thor, sich umzuschauen, Und flog zurück auf sturmbeschwingtem Huf. Kein Häscher wagt's, den Kolben anzulegen; Ein schönes Auge blickt ihm glänzend nach. Wer zählt's, wie oft ihm Frauengunst verwegen In stiller Nacht des Ganges Schloß erbrach. Doch jetzt! Des Kerkers riesig Eisengitter, Des ew'gen Dunkels ekle Moderluft, Des Richterspruches ernstes Strafgewitter, Und gähnend schon des Todes finstre Gruft! Verlassen, ausgestoßen in die Tiefen, Weit aus der Schöpfung innigem Verband, Besucht vom Mönche nur, dem ränkeschiefen. Der frostig leiert hohlen Wortes Tand. – Horch! Wer da! Rostig Schloß und Riegel knarren! Die schwere Thüre drückt sich langsam ein. – Still in die Wölbung tritt – in weißen Haaren Ein blaßes Weib bei mattem Lampenschein. Der Räuber stutzt, erhebt sich leis, betroffen Späht er die Züge, gramerfüllt, doch traut. Jetzt springt er auf, stürzt hin, die Arme offen: »O Mutter, Mutter!« schluchzt er tief und laut. – Er, der mit Angst und Blut und Menschenleben Seit Jünglingsjahren frevles Spiel gespielt, An dessen Waffen tausend Morde kleben, Die scharf sein wilder Räuberblick erzielt; Er, den nicht Scheu, nichts Heiliges verhindert. Der höhnisch trotzend fröhnte jeder Lust, Der Tempelgut und Priester ausgeplündert: Er weint an gramerfüllter Mutterbrust. – Und sie, die, unbekannt, ihr langes Leben Im stillen Bergthal fleißig zugebracht, Die, ungeplagt von ruhelosem Streben, Den kleinen Hof, die Heerde nur bewacht: Sie hat von Stadt zu Stadt sich durchgefunden, Das letzte Ziel mit nassem Blick erspäht, Durch Wachen sich zum König hingewunden, Und für den Sohn die letzte Gnad' erfleht. Da sitzen sie, o trauervolles Schauen! Am Himmel glänzt die Nacht so hehr, so rein, Sie wissen's nicht in dieses Kerkers Grauen; Er sieht ihn nicht den letzten Sternenschein. Sie sprechen lang. Der Mutter ernstes Mahnen – Man hört's gebrochen draußen noch im Gang – Da sitzen sie und scheinen nicht zu ahnen, Daß längst die Sonne aus dem Osten drang. Horch, Glockenklang! Gefüllt sind die Balkone; Aus Fenstern strotzt die Neugier bunt heraus. Die Trommel schwirrt; es rücken die Plotone: Des Walles Krachen schüttert Grund und Haus. Weit unabsehbar in den langen Straßen Steht Kopf an Kopf und Brust an Brust gekeilt, Das Aug' des Volks auf Dächern und in Gassen Auf Einem Punkte athemstockend weilt. Da schreitet festen Schrittes zum Schaffotte Der Räuberhauptman durchs Gedräng heran. Kein Sündertrotz! Versöhnt mit seinem Gotte, Hat er die Weltlust reuig abgethan. Er steht bereit: er hat den Sieg erfochten In der durchwachten langen, langen Nacht – Was Priesterwort und Satzung nicht vermochten. Das hat die Mutterliebe still vollbracht. – Der Bettelbube Horch Geklingel, horch Geschelle Hinter jenem Hügel dort! Sieh! da beugt's mit Flugesschnelle Um der Felswand jähes Bord! Wie die Schlitten lustig gleiten Durch des Feldes Winterglanz! Silberschmuck und Fähnchen streiten Um der Mode Ehrenkranz. Hier den Fußweg kommt geschlichen Scheu ein Bettelbub daher, Bütteln ist er ausgewichen, Ob sein Säcklein auch noch leer. Und er rupft die wilde Schlehe Hungrig von dem dürren Reis. Aus den Schuhen guckt die Zehe, Strauchelt auf dem harten Eis. Hörner, Geigen, Flöten dringen Von dem Saale lustig aus. Auf des Taktes flücht'gen Schwingen Fliegt der Galloppade Braus. Manche Holde muß verluften, Manchem wird der Athem schwer. Hei, es dringt ein Brodeln, Duften Von der regen Küche her. Auf der Treppe schlotternd kauert Wieder da der Bettelknab', Und mit fleh'ndem Blicke lauert Er sich eine Gabe ab. Ach, es ging kein warmer Bissen Heute noch in seinen Mund, Und es hat der Dorn gerissen Ihm die blaue Zehe wund. Horch, es klingelt, Peitschen knallen, Liebchen steckt in Pelz und Schmuck! Zecherlieder thalwärts schallen, Und es wechseln Kuß und Druck. Kommt nicht schon heraufgezogen Dämmernd dort der Morgen an? Nacht, wie warst du bald verflogen! Liebchen, so ist's wohlgethan! Doch was stutzt der stolze Rappe? Was liegt Dunkles da im Schnee? Gott – ein Kind in dünner Lappe! Und im Antlitz Gram und Weh! Wieder ist's der Bettelknabe. – Als sich Keiner sein erbarmt, Bracht' der Todesengel Labe, Hat im Schlaf ihn still umarmt. Der Handwerksbursch In seiner Werkstatt sägt und hämmert Der Schreinermeister für und für; Und wie der Abend leise dämmert, Da pocht es zweimal an die Thür. Den staub'gen Fuß hebt auf die Schwelle Ein Handwerksbursche, jung und zart, Die Wangen blüh'nd, die Augen helle, Von schlankem Wuchs, bescheidner Art. »Vergebt! bin ich wohl recht gewiesen? Den Meister Konrad such' ich da! Man zeigt das Haus mir in den Wiesen.« Der Meister winkt ein ernsthaft Ja. »So sagt mir, Herr, wart Ihr vor Jahren Geselle nicht im Schweizerland?« »So ist's! wie hast du das erfahren? Noch seh' ich See und Firnenwand!« »Kennt Ihr ein Dorf – im weiten Thale Liegt's in den Bäumen halb versteckt, Und wie es heißt liest man am Pfahle?« Was blickt der Meister halb erschreckt? »Kennt ihr ein Häuschen, rein und heiter? Es zieht vorbei ein muntrer Bach; Ins Kämmerlein führt eine Leiter, Sie hängt sonst ruhig unterm Dach. Nicht wahr! des Morgens kam zur Quelle Ein Mädchen mit dem Wasserkrug? Und mancher schaut' gebannt zur Stelle, Wie sie den Zuber zierlich trug. Sie war die schönste in der Runde, So schlank der Wuchs, so voll der Arm, Zur Arbeit flink, von holdem Munde, Doch war sie Magd, doch war sie arm. Der Fremde, den sie liebgewonnen, Er zog davon, ließ sie im Stich. – Versiegt war ihr der Freudenbronnen. – Nun Meister Konrad kennt Ihr mich?! Man sagt, ich sei von Euch geschnitten Vom Kopf zur Zehe auf ein Haar. Da seht dies Buch! es hat gelitten, Benetzt von Thränen manches Jahr.« Dem Meister flimmert's vor den Blicken; Im Herzen sitzt sein Strafgericht. Er ist sonst recht in allen Stücken – Doch bald gefaßt er heiter spricht: »Bist du mein Sohn, fast sollt ich's meinen, Mich dünkt, du schlagest ins Geschlecht: Da möcht' ich keinen Punkt verneinen! Bei Gott, das Werk ist nicht so schlecht. Und aus ist's jetzt mit deinem Wandern; Komm, Knabe, gib mir einen Kuß! Du theilst hinfort mit allen andern Bei Tisch und Erb des Sohns Genuß. Ei, Nachbar, schauet da den Jungen! Mein Sohn ja auf den ersten Blick! Aus ganzem Holze gut gelungen, Probhaltig Jugendmeisterstück! Wie hab' ich's gut! Ihr müsset wiegen. Und Monden geht's, bis sie gestellt. Mir kommen sie – Beweise liegen, Ihr seht's! mit Stock und Bart zur Welt!« S'Wienecht-Chindle So ihr Chinder, jetz wär de Tisch do unten am Ofe; Sind jetz still und loset! Ich will Ech es bitzli erzehle – Händ Er doch scho mengmol gfrogt und gnöthet und gwundret, Wie denn s'Wienecht-Chind dur Thür und Schlösser daher chöm. Bisch scho, Karli, dert oben am Berg im dunkele Wald gsi? Wenn de Schnee uf de Matten, uf Bäume, uf Stude und Stöck lit. Und d'Iszäpft am Mühlrad, a Röhre und Dächere hange? Das isch es Luege! do stönd der Tanne a Tanne i Reihe, All's voll Schnee und Duft. Vo luter silbrige Franse Senke die dunkele Aest si aben und überenandre. S'ist, as flüstere se vo tieft heimlige Sache. Und bricht d'Sunne z'Mittag es Stündli dur d'Nebel und Wulke, O da glitzeret's dir vo tusig und tusig Diamante! Höch i der bläuliche Luft do funkelt's vo Wipfel zu Wipfel, S'glicht enere andere Welt. Vo rosige Bildre und Farbe Glänzt wie e Tempel de Wald, und Alles isch still und fyrlich; Selten e Gloggeschlag, und hin und wieder wie's tröschet Unten im Thal uf em Hof, denk wohl bim Rothsherr vo Seenge, Susch ke Ton und Lut. I der Höche seglet e Vogel. Los do rieselet öppis! es ruschet vo witem, es flüstret! Jo e beladene Ast het lisli dert sie erschüttet – Lueg, wie's silberig fließt, dur d'Nodlen abe zum Bode. Isch echt e Geist vorbi, und het er e bitzli no agstreift? S'chönt no si – umsust nit fyret und funklet de Wald so! – Wunderbars goht jetz vor i sinem geheiligte Dunkel. Wo-n-am verborgene Ort verwachsene Distle und Gstrücher Vor ere felsige Chluft Wacht halte gege de G'wunder, Dert wär öppis z'gseh für eue Auge, ihr Chinder! Lieblige Elfe, Bergmännli, Alrune und listige Hexli Huse zäme jetz do in luter christallige Hüsli! Wit scho funklets vo Gold und Silber und herrliche Sache; Rings a der Wand vo Spiegle, uf Bänke und sidige Stüehle Hanget's, was hange nur mag, vo jeder Gattig und Sorte. Dußen im Gärtli do stöhnd gar seltene Wese vo Blueme, Wenn me nur liis sie-berührt, so föhnd sie a chlinge und singe, Alle Gebüsch und Bäum sie stimme dezue und singe und chlinge, Und verzauberet blibt, wer unberuefe derzue tritt. Aber die Zwergli und Elfe, das sind gar herzige Gästli, Lieblig und chli, chum höcher as dert selb Tischli vo Nußbaum. Wänd sie spaziere, do chöme der z'trotte vier lustige Räppli, Alle mit guldigem Gschirr und s'Zwergli führt sie am Zügel, S'Gutschli, was meinsch? es isch vo purem Gold und Diamante, Wie das funklet und blitzt, wenn's sust im Galopp wie bsesse! Nebedra billt es Hündli, nit großer schier as es Müsli. Jo do sitze sie drin, wie d'Engel so schön und fründli; Doch das schönste vo alle, wie Materose und Alpschnee, O wie lächelt's so hold! Los s'Wienechtchindli sie heiße's! S'Wienechtchindli? so rüefet Er us! Io ebe das meini. Dert im christallige Hus het's währli im Winter si Wonig. Und i der heilige Nacht, won euse Herr Jesus isch worde, Wo vo bsunderem Glanz die Sterne am Htmmel thüend lüchte, Wo i der Chammer elei, wenn d'Mitternacht lisli herannoht, S'Mägdli hindertst wüscht, z'verneh ob's ächters e Ma krieg, Do nimmt's Chindli si Flug herab zu Dörfre und Städte. Und wo im ene Hus de Chindersäge deheim isch, Do ime Bett rothbaggige Buebe si dreie und chere, Do i sidige Löckli es liebligs Meiteli schnüüflet, Macht's grad Halt, und sacht mit em guldige Rüetli Schlot's nur einisch a Thür, so thuet si lisli si öffne; Hurtige Schritts ischs droben im warme fründlige Stübli, S'suumt si und gaffet nit lang. Mit niedlige gleitige Fingre Leit's uf e Tisch sine Chröm. Potz tusig, wie werde sie luege! Druf het d'Muetter am Morge die Buebe und Meiteli ufgweckt. Nei wie zablets und gohts do hinte im heimelige Schlofgmach! Sind si doch nie so gschwind in de Hosen und i de Rock gsi! Lueg do stöhnd sie jo scho mit früschen Bagge und Auge, Nume de Langsam dert het näumis no z'byste und z'greste. Psyt! Was g'hört me so fins? Es chlinglet es silberigs Glöggli, Wäger es isch's. I kenne's im Wienechtchindli si's Zeiche! Wie doch die Chline si schmuckt uf em Arm der gschäftige Muetter! S'förchtet si fast und 's versteht nit, was si da trybe und vorhänd. S'isch vorem Johr no gläge im Wiegli im dämm'rige Schlummer, Und zum erste Mol jetz blickt's i de heilige Morge. Sacht goht Thür ich uf; hei, wie si gugge und drücke! O wie schön! wie schön! Wie glänzt und lüchtet doch d'Stube! Liechtli a Liechtli brönnt am rich behangene Bäumli, Güldige Oepfel und Nuß und Mannli vo Zucker und Bäre! Nei wie hange die Aestli so schwer! es tropfe die wächsige Cherzli. Doch uf em Tisch lueg erst, do liegen die köstliche Sache. Alles isch gordnet und theilt, ich glaub no de Chöpfen und Plätze. Föhnd wer denn a und luege: es Buech mit schöne Figure, Wißes Papier vom glättste und wieder Bleistift und Fedre, Farben und Schäleli au, und gar es Messer derzue no. S'isch für e Aeltest do, er isch e Meister im Zeichne. Ueb jetz fliißig di Chunst, und schärf dine Auge am Schöne! Lieblig isch es und fin, und wär's im niedrigste Hüttli, Won e niedlige Sinn verschönt und ordnet im Stille. Spreng me, so wiit de witt, me Hotsche und rueßige Gsichtre! Aber was gsehni denn do? es Huttli und Schufle und Gable Uebernand verchnüpft mit farbige Nestle vo Siide; S'Huttli no gar voll Nuß und drüber e mächtige Lebchue. Lueget de Karli, doch a! nüt gseht er as Huttli und d'Schuufle. Hexli, du Hexli! du hesch gwüß heimli glost a der Thüre! Oder es hets vernoh, wie gern und wacker er werchet. Hänks denn nume grad a. Potz tusig wie paßt der das Huttli! Wär's jetz nume scho Früehlig und chönntest der Muetter go helfe. Wenn si im Garte handtiert mit Bluemezwieblen und Setzlig. Karli, du hesch es errothe, was Mueth und e freudige Sinn macht, S'het der's en Engel gseit a der Wiege liislig is Oehrli. Arbet und Fliiß i freier Luft und uf sunnige Feldre, Drüber goht nüt; es chiimet und wachst der und grothet Alles so still und schön i glicher ewiger Ordnig. Lügen und Trügen und Knüff und Firlefanzen und Rede, S'nützt Alls nüt und s'Chörnli loht si am Wachsthum nit störe; Ehrliche Fliiß erhaltet die Güetli einzig bim Säge. Liseli, chum jetz du! Was finde mer unterm Tüechli? Lueget, nei lueget, do gilt's! e Chuchi, es Stübli, e Wiege, S'Bäbeli drin im Schlof – i glaube im ene feste. Wiege wend sie gar bald, die gschäftige, gschwätzige Meitschi, Heige selber schier erst die eigene Windeli abgstreift! S'ist en Ahnig künftiger Ziit. So rueht im schlöfrige Sömli Lang scho vorus der Halm und s'hundertchörnige Aehri. Anderes liit no do; für Jedes im Huus es Grüeßli, S'Wienechtchindli verstohts, s'weiß's alle z'breiche noch Herze, Jo e fründliche Sinn, de mueß em schlage im Brüstli. Aber wo isch's? Wie isch es denn cho? wie isch es verschwunde? Thüre isch bschlossen und jedes Riegeli wäger no gstoße, Niene ke Spur! Wie gester am alten Oertli no Alles! Doch was gsehni? E lueg! wie blüeht so lieblig das Zinggli Do uf em duftige Sims; es het i der Nacht si entfaltet: O i merk und verstoh – es isch mis Chindli vorbii gschwebt, Und mit himmlischem Huuch het's s'Blümli geweckt us de Träume. J. J. Honegger Die Fata Morgana in der Wüste Stille zogen sie. – Vor ihren Blicken lag die gelbe Fläche Oed und wüst. Des Sandes Wellen starrten wie erstorb'ne Bäche. Sand und Sand! Müd die Kameele schleppten sich in langem Zuge. Hoch – ein Todesbote – stürmte hin der Strauß im Wetterfluge. Lautlos zog die Karawane. Flammend röstete die Glieder Sonnengluth. Im heißen Grabe sanken Thier und Reiter nieder. Trübe wie der Herbstwind strömten auf gen Himmel dunkle Klagen: »Will kein Moses uns erscheinen, Fluthen aus dem Stein zu schlagen?« »Auf, ihr müden Schläfer! Rüttelt wach euch aus dem wüsten Traume! Stolze Marmorhallen steigen schimmernd auf am nahen Saume; Sanft zu ihren Füßen spielen eines Meeres feuchte Fluthen. Palmen schütteln ihre Wipfel grüßend in des Morgens Gluthen, Minarets zu'n Wolken ragen – Meilenzeiger nach dem Himmel. In den Straßen glühen Säbel und Turbane durch's Gewimmel. Grün! lebendig grün! Die Helme hell im Morgenthaue blitzen. Süße Quellen sprudeln murmelnd aus umblümten Felsenritzen.« Heiser rief's der greise Emir. Lauschend regte sich die Menge. Dumpf die Worte schollen wie der alten Seher Klaggesänge. 'S strich ein Lüftchen. In der Ferne sank die Palmenstadt zusammen. Dürr lag's Meer, als hätt's der Samum aufgeleckt mit seinen Flammen, Sand und ewig Sand! Kameele lagen müd' in langem Zuge. Hoch – ein Trauermährchen – stürmte hin der Strauß im Wetterfluge. Das war die Morgana. Träumend nickten sie im heißen Sande. Eine Leichenfackel flackte roth die Sonn' am Wüstenrande. Schilflaute Es zieht mich so geheimnißvoll An's öde Schilfgestade. Ein matter Strahl vom bleichen Mond Fällt auf die dunkeln Pfade. Ein Nachtgeist flüstert mancherlei Am schwarzen Schilf im Rohre. Die Halme hören's, schütteln sich Und klagen schwer im Chore. Ich lausche: Weh wird mir zu Muth. Die Melodie klingt trübe. Sie ist ein dumpfer Grabgesang Auf meine todte Liebe. Stille Größe Sonne sprach zum Mond: »Im Einen Reinen Blau wagst du's zu scheinen Sonnengleich? – Sieh, Jubellieder Rauschen mir so Palm' als Flieder. Leben werf' ich in die Lüfte, Warmes Leben, Licht und Düfte. Mein, mein harren alle Wesen, Junger Liebe zu genesen, Neu zu kosen, neu zu scherzen. Und du?« – Sprach der Mond: »Weltmüden Herzen Lächl' ich Ruh' von Oben zu.« Friedrich Oser O weißt du, wie's die Blume macht O weißt du, wie's die Blume macht, Wenn sie erwacht Vom süßen Traum in kühler Nacht? Sobald der Sonne erstes Licht Grüngolden durch die Blätter bricht, Schlägt sie ihr Auge auf sogleich Noch thränenreich, Und schaut mit freudevollem Sinn Hin nach des Tages Königin. Und wiss', es wendt' die Blume licht Ihr Angesicht Niemalen von dem Sonnenlicht, Bis daß die Sonne niedersinkt, Mildleuchtend durch die Haine blinkt; Dann schließt die Blum' ihr Auge zu Zur süßen Ruh, Und träumet in der Frühlingsnacht Noch von der Sonne heller Pracht. Doch weißt du, wie's der Blume geht, Ihr Glanz verweht, Wenn traurig sie im Dunkel steht, Und nimmer, nimmer schauen kann Die Sonne an der Himmelsbahn? Sie senkt ihr Antlitz matt herab, Und welket ab, Und – o des Leids! in kurzer Frist Die arme Blum' gestorben ist! So schau auch ich mit Liebesmacht Wenn ich, erwacht Aus Träumen wiederum der Nacht, Nach dir mein süßes Lieb gleich hin, Du meines Herzens Königin! Und kann den ganzen Tag fast nicht Mein Augenlicht Von dir, du Holde, wenden ab, Die neu mir Licht und Leben gab. Und Abends spät, mein Lieb, wenn du Zur süßen Ruh Die müden Augen schließest zu, Da muß zuletzt ich immer doch Dein wonnig Antlitz schauen noch; Und schau ich's einstens nimmermehr, Ob ringsumher Mein thränend Auge nach dir späht, Ist auch mein Leben bald verweht! Die Witwe Die Wittwe sitzt im Kämmerlein Bei ihrem todten Kind, Und ringt die Händ' in wilder Pein, Weint sich die Augen blind. »Dahin nun auch die letzte Freud, Mein letzter Trost dahin; Hilf Gott, daß nicht vor all dem Leid Verwirret sich mein Sinn! Und bin so arm, o gar so arm!« Aufschreit sie todtenbleich – »Wie kauf ich – o daß Gott erbarm! Ein Särglein für die Leich'? Mein Hab und Gut ja alles fort, Ach fort – für's liebe Brot! Blieb Eins mir nur, mein liebster Hort, Hier dieses Ringlein roth. Der mir's einst gab, der schlummert nun Tief unterm Rosenstrauch. O könnte doch bei ihm ich ruh'n, Bei ihm ich Aermste auch! Ich wollt' es tragen bis zum Tod Mein theures Brautringlein, Viel lieber litt ich Hungersnoth, Jetzt aber muß es sein!« Sie eilt voll Gram zum Goldschmied hin, Verkauft um schnödes Geld Mit nassem Aug', halb irrem Sinn Ihr Liebstes auf der Welt. Und kaufet schnell ein Särglein schmuck, Trägt's freudig stolz nach Haus; – »Drin ruh von allem Erdendruck Mein süßer Engel aus!« Und bald mit saurem Angesicht Der Küster kommt voll Hast, Und trägt im Abenddämmerlicht Zum Grab die theure Last. Geht Niemand mit als nur allein Die Mutter schluchzend laut, Ein Sternlein, wie in Thränenschein, Auf sie herniederschaut. Für Arme ist zu theuer wol Ja auch der Glockenklang, Ein Vöglein nur singt mitleidsvoll Dem Kind den Grabgesang. Scheinleben Einer Eiche Riesenstamm Sah ich liegen an der Halde, Den zur Winterzeit die Axt Niederhieb im nahen Walde. Und, o Wunder, nun im Lenz Aus des todten Stammes Rinde Uepp'ge Schosse wuchsen auf, Wiegen freudig sich im Winde. Ach, ein holder Trug ist's nur! – Sahst du's nie mit eignen Schmerzen, Wie noch taglang lebt ein Mensch, Und hat schon den Tod im Herzen? Herbststurm Heulend raßt der Sturm durch's Thal Tobet durch der Bäume Wipfel, Die voll Früchten allzumal Prangen bis zum höchsten Gipfel. Bald mit süßen Früchten roth Ist der Rasen hoch bedecket, Kaum ein Aepflein noch mit Noth In der Krone blieb verstecket. Ha! wie Morgens in der Früh' Alle Leute freudig nicken, Die da kamen, um mit Müh' Frucht um Frucht vom Ast zu pflücken; Daß so mühlos, wie im Traum, Liegt die Frucht zu ihren Füßen, Der geschüttelt du den Baum, Herbstwind, laß zum Dank dich grüßen. – Du mein Herz und ist's nicht so Gleicherweis auch dir ergangen? Danktest deinem Herren froh Für den Leidenssturm, den bangen! Was du ohne Rast und Ruh Suchtest in des Glückes Stunden, Was mit saurer Mühe du Jahre lang nicht hätt'st gefunden. In der dunkeln Leidensnacht Ward's dir unversehns gegeben, Als der wilde Sturm mit Macht Einbrach in dein stilles Leben. Luft und Liebe Strömst du nicht aus die Luft, und athmest sie nicht ein, So wird dein Lebensdocht alsbald verglommen sein. Die Lieb', die Himmelsblum, so reich an Glanz und Duft, Ist deines Lebens Licht, ist deines Lebens Luft. Strömt sie nicht ein mit Macht in deines Herzens Grund, So schlägt ihm alsobald die letzte Lebensstund. Ward aber deine Brust der reinen Liebe voll, Such' dir ein zweites Herz, darein sie strömen soll. Weh! wenn du sie in dir als todten Schatz verschließest, Und sie nicht jeden Tag als hellen Quell ergießest! Denn wiss', den reichsten Schatz wirst du gar bald verlieren, Dein armes Herz wird elendiglich erfrieren! Wem Niemand Liebe schenkt, wohl nennest du ihn arm, Als wenn kein Herz du weißt, dem du die Lieb kannst schenken. An diesem Gram, o glaub's, gar viele Menschen sterben, Gar manches warme Herz mußt' also schon verderben. Die Lieb', fürwahr, die tief in deinem Busen brennt, Die Lieb' ist wie die Luft des Lebens Element. Die Wirthin Wilder Lärm tönt in der Schenke, Wer wollt heut' nicht fröhlich sein, Da zur Stadt, der reichgeschmückten, Zog des Festes Jubel ein? »Freut des Lebens euch, ihr Brüder!« Schallt ein kräft'ger Männersang, Und die vollen Gläser läuten Drein mit lustig hellem Klang. Aber droben, weh, im Sterben Liegt des Wirthes junge Frau; Erst vor Kurzem noch so blühend, Wie die Ros' im Morgenthau. Und die frohen Klänge dringen Zu dem Sterbebett hinauf, Bitter lächelnd schlägt die Kranke Einmal noch die Augen auf. »Freut des Lebens euch!« schallt's wieder, »Alsolang das Lämpchen glüht!« Droben aber in der Kammer Eine Rose lag verblüht. Frühlingswolken Siehst du, mein Kind, die schneeweißen Wölklein, Hinter jedem von Engeln ein Völklein Lauschen herab von den seligen Höhn, Schwingen verwundert die glänzenden Flügel, Seh'n sie die blühenden Thäler und Hügel, Singen: wie ist doch die Erde so schön! Schade, mein Kind, jetzt könntest du schauen, Tief in den Himmel da droben, den blauen, Sehen die Engelein stehen im Chor, Schade, mein Kind, darfst nimmer es hoffen, Grad wo am Himmel die Fensterlein offen, Ziehen die Engel ein Wölklein davor. Das Amulet Nimm dieses Kleinod hier, Mein Lieb, von seinem Gold, Ist auch dem goldnen Schmuck Die Demuth wenig hold. Wohl reicheres Geschmeid Trägt keine Königin; Von meiner Mutter Haar Ein Löcklein ist darin, Von ihr, um die noch stets Mein Aug' in Thränen steht, Ein Heimweh bang und tief Die Seele mir durchweht; Von ihr dieß Einz'ge noch, Was ich dem Tod geraubt, Als sie zur ew'gen Ruh Geneigt das müde Haupt. Trag' sie am Halse nun, Mein Lieb, die edle Zier, Ein heilig Amulet Für immer sei sie dir! Geheime Zauberkraft Ist fortan drein gebannt, Trägst du's, die Muttertreu Bleibt ewig unverwandt. Trägst du's, dein Glaube kann Niemalen untergehen, Wirst fest in Noth und Tod Bei deinem Herren stehn. Und trägt's verblichen einst Die fernste Enkelin, Noch haust geheimnißvoll Der Mutter Segen drin. Frühlingspädagogik Ich hatt mir viele Müh gemacht, Und um ein schön Stück Geld gebracht, Hatt' unten, oben und mitten Meine jungen Bäume beschnitten. Und dachte, wie wird jeder Ast. Sich biegen unter der Früchte Last, Und grämte mich schon: zu enge Wird mein Keller sein für die Menge. Und als im Lenz auf die Wies' ich ging. Mit einem Stolze nicht gering, – Schön grün war der Bäume Krone, Kein Blüstlein fand ich zum Lohne. Doch des Nachbars Bäume, wie beschneit, Glänzten und dufteten in die Weit, Streckten mit ihrem Blüthengewimmel Wie zum Hohn mir die Zweige zum Himmel. Waren doch, weiß kein Mensch wie alt, Und ganz verkrüppelt an Gestalt, Und traun auf jeglichem Aste Waren Moos und Mistel zu Gaste! Ihr Herren Pädagogen seht, Wie's mit dem vielen Schneiden geht. Zum Blühn kommt nimmer die Jugend. Und Blühn ist auch eine Tugend! Wie lachen die Alten die Jungen aus Mit den Herzen noch voll Jugendbraus, Mit den Wangen, die so frisch noch blühen, Mit den Seelen, die so arm noch glühen. Eure Buben aber schon voll Gram, Und wie erschrecklich lahm und zahm! Ob noch so voll die Köpfe, Die armen, armen Tröpfe! Frau Käthes List Der Luther in schweren Nöthen war, Versunken in Kleinmuth ganz und gar, Der Teufel wollt den kühnen Glauben Voll arger List dem Helden rauben. Der sonst so froh die Gnade pries, Und alle Welt zum Kreuze wies, Wie Jakob rang mit seinem Gotte, Ihm ward sein Glaube, weh! zum Spotte. Verzagen will er an seinem Herrn, Und in das Dunkel fällt kein Stern, Ob tröstet ihn, ob zürnt Frau Käthe, Und um ihn weinet im Gebete. Vergebens! fort mit Weh und Ach Sitzt Luther trostlos im Gemach, Den langen Tag verstimmt und müßig Und gar des Betens überdrüßig. Da räth sein Weib ihm: »Aus dem Haus In Gottes Welt zieh doch hinaus, Vielleicht mag dir das Reisen frommen, Dem bösen Geiste zu entkommen.« Der Doktor wandert zagend fort, Doch mit sein Gram von Ort zu Ort; Kommt heim, du lieber Gott, noch trüber, Die Wolken zogen nicht vorüber. Und als er in die Stube tritt Mit finstrem Sinn und müdem Schritt, Vor Schrecken that er jach erblassen, Und mag vor Beben kaum sich fassen. Denn Käthe, sieh, in schwarzem Kleid Am Fenster sitzt mit bittrem Leid, Das Thränentüchlein in den Händen, Thät sie sich grüßend gen ihn wenden. »Um Gott, lieb Weib, was ist geschehn, Daß ich dich muß in Trauer sehn? Sag an, wem gilt dein banges Klagen, Liegt eins der Kinder auf dem Schragen?« Fein lächelnd Käthe drauf begann: »Weißt du's noch nicht, mein guter Mann? Der Herrgott ward zu Grab getragen, Er starb gar schnell vor wenig Tagen.« Da wich mit eins des Doktors Gram Und schluchzend rief er aus voll Scham: »Vergieb mir, Herr, die arge Sünde, Und deine Gnad mir wieder künde! Ei ja! noch lebt der alte Gott, Und macht des Teufels List zu Spott! Hab Käthe Dank, daß deine Treue Den Glauben mir geschenkt auf's Neue!« Und unverweilt stimmt seinem Herrn Ein Lied er freudig an zu Ehr'n, Und in sein Herz zieht mit dem Liede In reichem Strom der alte Friede. Ferdinand der Vorgeladne Aus dem Schlosse zu Palenza Ritt Fernando von Castilien, Sanchos Sohn, auf schwarzem Hengste, In der Rüstung goldverzieret. Weithin überragt der König Alle, die zur Seit' ihm sprengen, Ob in jugendlicher Schöne Seine Wange noch erglänzet. Plötzlich hält mit starkem Arme An sein Roß er im Galoppe, Denn ein Blutstrahl, sieh, ganz nahe Spritzet auf in hohem Bogen. Als er reitet durch's Gedränge, Liegt ein Edelmann erstochen, Doch es war mit Windesschnelle Weit der Mörder schon entflohen. Und der König wuthbleich hebet Auf zum Himmel seine Rechte, Schwöret laut: »Bei meiner Ehre, Schrecklich sei die That gerächet!« In des Jünglings Herzen wohnte Sonst die Großmuth wohl und Milde, Doch, gereizt einmal zum Zorne, War er grausam unerbittlich. Tags darauf die Häscher führten In die Königsburg, gefesselt, Vor Fernando hin zwei Brüder, Carvajal war'n sie genennet. Diese zeihte man des Mordes; Doch ihr Auge sagt es deutlich, Das umherschaut klar und offen, Daß geredet falsch die Zeugen. Finster aber blickt der König, Spricht also zu den Gefangnen: »Wer so frech mein Wort verhöhnet. Dem gebührt die schwerste Strafe! Von dem Fenster dort die Frevler Stürzet mir herab zur Stunde, Ha, ich schwur's bei meiner Ehre, Unabwendbar ist das Urteil!« Weh! ob bei des Heilands Wunden Ihre Unschuld beid' beschwören, Gegengründe bringen hundert, Unerbittlich bleibt der König. Und die Häscher, selbst erweichet, Führ'n die Armen hin zum Tode; Horch, noch ruft, der Brüder Einer Rückgewandt die ernsten Worte: »Nun, so laden wir, Fernando, Vor den Stuhl des ew'gen Gottes Dich von heut in dreißig Tagen, Anzuklagen dich des Mordes!« Noch in selber Stund zerschmettert In der Schlucht die Brüder lagen, Hauchten aus ihr junges Leben Unter grausenvollen Qualen. Bald darauf nach Andalusien Zog der König mit dem Heere, Hatt' in seinem Jugendmuthe, Was geschehen, bald vergessen. Keiner focht wie er so tapfer Und so kühn im Schwarm der Feinde; Wunderbar blieb er bewahret Allezeit vor jedem Pfeile. Eines Tages aber ging er In sein Zelt zur Mittagsruhe, Abends fand ihn todt ein Ritter, Niemand wußt des Todes Ursach. Grad am dreißigsten der Tage Wars seit jenes Urteils Gräuel. Ferdinand der Vorgeladne Heißt der König drum noch heute. Balthasar Reber Die beiden Alten Dort an des Gießbachs steilem Rand Einsam ein hölzern Hüttchen stand; Von alten Leutchen wars bewohnt, Und Gottes Friede drinnen thront! Der Vater zählte neunzig Jahr, Die Mutter nicht viel jünger war, Und beide freuten inniglich Auf Gottes schönen Himmel sich. Nur Eine Sorge drückt' sie leis: Sie lieben Beide sich so heiß! Wenn nun das Eine stürb vorher. Das trüg das Andre nimmermehr. Drum beteten sie jedes Mal. Beim Morgen- und beim Abendstrahl: »Ach Herr! nimm in dein Himmelreich Uns alle Beide doch zugleich.« Und einst in einer schwülen Nacht Ist im Gebirg der Föhn erwacht, Er löst die Gletscher, löst den Schnee, Das Wässerlein schwillt auf zum See, Zum Strom das Bächlein, reißt hinab Die Hütten all ins Wassergrab, Trägt auch hinweg der Alten Haus, Sie hören Nichts von dem Gebraus. Sie schlafen selig wie noch nie, Und Beide träumend beten sie: »Ach Herr! nimm in dein Himmelreich Uns alle Beide doch zugleich!« Poetische Wirkung Ich saß in meinem Zimmerlein, Schon brach die Mitternacht herein, Die Lampe brannte düster, Ein Pfeifenqualm, ein wüster, Umwölkte meine müde Stirn, Drang mir benebelnd ins Gehirn. Horch! rings um welch Geflüster? Vom Werke, das ich fiebernd las, Auffahr' ich: durch den Dunst, ha was – Was seh' ich dort? Mein netter, Mein Bücherschrank und Bretter, Strotzend von Bänden roth und grün – Als einen Wald seh ich erblühn Voll Papageigeschmetter! Und hier mein grauer Ofen gar – Ein Elephant, stracks auf mich dar Mit schwerem Klumpfuß strebt er, Und majestätisch hebt er Das hochgeschwungne Eisenrohr Als Rüssel gegen mich empor, Gleich einem gnäd'gen Scepter! Und fern im Winkel an der Wand, Wo sonst mein scheckigt Sopha stand, Da ringelt sich, o Greuel, Der Boabauchgeknäuel! Da schrie ich auf in grausem Weh: »Verwandelt du, mein Kanapee, Zu einem Schlangenscheuel!« Und, weh, auf meinem Schreibetisch Herankriecht ein Gewürmgemisch Von krötenart'gen tollen Schriftdrückern bleigeschwollen! Das Sandfaß knirscht aus fahlem Mund, Das Tintenfaß, ein schwarzer Hund, Hat höllisch drein gebollen! Und nah und näher meiner Brust Drängt sich des Tisches gift'ger Wust! Der Boa Bauch im Schwunge Bläht sich als wie zum Sprunge! Des Elephanten Rüssel saust An meinem Ohr! Wie Sturm erbraust Des Papageiwalds Zunge! Da starrt mein Augenstern verwirrt Ins Spiegelglas, das vor mir flirrt Gleich eines Sumpfes Grauen, Und aus dem Sumpfe schauen Seh ich mein eigen Todtenbild, Den bleichen Leib umpranket wild Von eines Tigers Klauen! Mein Lehnstuhl mit dem Armepaar, In den ich tief gesunken war Gelähmt vom Fuß bis Nacken, Schien mir wie Tigers Packen! Und hinten, meines Stuhles Kopf, Geschnörkelt, will nach meinem Schopf Mit Tigerszähnen hacken! Da schlägt die Münsterglocke hell, Nachbläst's der Thürmer auf der Stell; Und meine Urwaldsscenen Sie enden jetzt mit Gähnen. Doch, Freiligrath, ich schwur es, nie Das Lesen deiner Poesie Bis Nachts mehr auszudehnen! Der erste Waldgang Da vom Boden sprang ich auf, Wie ein Reh, so leicht und munter, In den Wald nahm ich den Lauf, Hügel an und Berg hinunter; Einem neuen König gleich. Der bereiset seine Gauen. Also wollt ich nun mein Reich Auch, das dämmernde, beschauen. Bäume fand ich da geschaart, Greise, halbjahrtausend Alte, Deren Rindenleib ein Bart Von ergrautem Moos umwallte. Doch der Wurzeln Knorrenkraft Und die Kronen stolz erbrausend Strotzen noch von Jugendsaft Für ein volles ganz Jahrtausend. Wiesen fand ich hin geschmiegt Zu der prächtigen Riesen Füßen; Rings von ihnen eingewiegt Schattig, schlummerten die süßen; Aus dem Grünen blickten licht Weiß und rothe Blumenchöre, Wie ein Kindesangesicht Eingehüllt in leise Flöre. An die Stämme lehnt' ich mich Mit erhabenem Behagen, In die Matten dehnt' ich mich Mit bescheiden scheuem Zagen; Jene stählten mir die Brust, Daß mein Herz wie Eisen pochte, Diese reizten mir die Lust, Daß zu weinen ich vermochte. Menschen! o, wie seid ihr klein Neben diesen Waldesriesen, Wie seid ihr von kaltem Stein Neben diesen warmen Wiesen! In die Arme schloß ich traut Die geliebten Waldgebilde; Jeden Strauch begrüßt' ich laut, Pilgernd durch mein Waldgefilde. Jetzt verschwunden um mich her War das lebensvoll belaubte, Und ein schwarzes Tannenmeer Wogte über meinem Haupte; Immer finstrer wand der Pfad Sich zur Höhe, immer gäher, Plötzlich thürmet schroff gerad Sich ein Felsen vor den Späher. Ha, Granit! zurückgeprallt Hob in Ehrfurcht ich die Blicke, Und die schwindelnde Gestalt, Wahrlich, mir erschien's, sie nicke! Ja, sie nickte, beugte sich Als ein Wasserfall hernieder, Und sie sang gewaltiglich An mein Ohr melod'sche Lieder. »Freund des Waldes!« scholl ihr Sang, »Sei in meiner Kluft willkommen, Wohl hab' ich den Echoklang Deiner Grüße hell vernommen, Die dem Walde du gebracht, Meinem Sohne, meiner Ehre, Den aus meines Busens Schacht Ich mit meiner Milch ernähre. Freund des Waldes! steig herauf An mein Antlitz sonder Bangen, Und von meiner Schultern Knauf Ueberschau des Waldes Prangen! Hier, vom hohen Vogelsitz, Wird die Schönheit ohne Fehle Deines Freundes wie ein Blitz Treffen deine trunkne Seele!« Oben stand ich, sah hinaus Auf den Wald, den ungeheuern, Sah hinab zum Felsenbraus, Der ihn tränkte, meinen theuern, Sah empor zum Himmelsblau, Das verklärend uns umschwebte, Bis um Fels und Waldesau Gott den Sternenmantel webte. Die Schlucht von Näfels (1388. 9. April.) Der Winter deckt die Lande Der hohen Alpenwelt, Das schien den Herrn vom Adel, Als hätt' es Gott bestellt: Nun armes Ländchen Glarus, Du trotz'ger Eidgenoß! Hoff Nichts von deinen Schwyzern, Der Schnee liegt thürmegroß. Nun armes Land von Glarus, Mach' deine Augen auf, Von fünfzehntausend Mannen, Ein auserwählter Hauf! Wir kommen her von Weesen, Und klopfen an dein Thor, Hier an dein Thor von Näfels, Laß uns nicht steh'n davor. Was ist das Thor von Näfels? Ist eine Schanzenwand, Die langt von Berg zu Berge Quer durch das niedre Land; Auf dieses Thores Zinnen Da stehn Zweihundert kaum, Ihr Vaterland zu schützen, Sie haben reichlich Raum. Zwar drunten stehn viel Tausend, Ein stundenlanger Schwarm, Der Schnee schmilzt unter ihnen, Sie stehn so dicht und warm; Das kleine Häuflein droben Nur wen'ge Spannen mißt's, Sie stehn in kaltem Winde, Doch warm im Herzen ist's. Am heißesten wohl brannte In Am Buols Herz die Gluth, Es steht der wackre Hauptmann Zuvorderst auf der Hut. Er und sein treues Häuflein Sie haben dort gekämpft, Daß Feindes Blut vom Walle Wie vom Altare dämpft. Dann ziehn sie von der Wehre In's hintre Land zurück, Mit hochgeschwungnen Waffen, Mit Thränen in dem Blick; Wie hundert Waldesströme Hat sie umwogt das Heer, Der Wall ist überbrauset, Nun wallt ins Land das Meer. Und aus dem Meere raget Vom Platz, den er erkor, Am Buol mit seinem Banner Hoch wie ein Fels empor, Er steht am Berge Reuti, Läßt von den eis'gen Höh'n Schlachtruf ins Thal erschallen, Das blut'ge Banner weh'n. Sie haben ihn gehöret Zuhinterst im Gebirg, Geschauet auch sein Banner Hellroth von dem Gewürg; Auch hören sie vom Thale Herauf ein Jammerschrein, Auch sehen sie am Himmel Von Flammen Widerschein. Da bricht aus allen Schluchten Ein zornig Volk hervor, Sie sammeln sich um Am Buol, Wo's Banner weht empor, Sie werfen weg die Waffen, Hellbart und Morgenstern, Sie stürzen auf die Kniee Und flehn zu Gott dem Herrn! Dann von des Reuti's Gipfeln, Da brechen sie mit Macht, Herab die Felsenzacken, Daß all der Berg erkracht; Sie schwingen hoch in Händen Das zackige Geschoß, Laut saust es durch die Lüfte, Zerschmettert Mann und Roß. Herr'n Ritter! solcher Hagel Seid ihr doch nicht gewohnt, Im milden Osterlande Bleibt ihr davon verschont; Gott läßt dort allzugnädig Euch Herren in der Ruh; Allein der Glarner Bauer, Hat keinen Grund dazu! Er reißet Fels auf Felsen Von seinem Röuti los; Gibt's keine mehr am Röuti, O Glarisland ist groß, Es hat noch viele Berge, Felswand an Felsenwand, Die strecken selbst sich freudig Dem Bauer in die Hand. Da war es in dem Grunde Ein Grausen anzusehn, Wie lagen da in Trümmern Rüstungen blank und schön! Rüstung von Roß und Mannen, Zermalmte Leichen drin, Von schweren Leichensteinen Ein Saatfeld drüber hin! Ja, schrecklich kämpft der Glarner, Wenn es sein Glarus gilt; Doch auch die Herrn vom Adel Sind nicht so bald gestillt: Sie wollen endlich rächen, Heut fing sie an die Rach', Von Morgart bis auf Sempach Die siebzigjähr'ge Schmach. Manch Tausend liegt erschlagen, Mehr Tausend' stehen noch, Mehr Tausende, als Felsen Auf eurer Berge Joch! Laßt eure Felsen alle Ihr fliegen auch wie Laub, Wir bleiben doch genug noch, Zu drücken euch in Staub! Drum vorwärts schnaubt, ihr Hengste! Der Kampf beginnt auf's Neu. Eilf Mal hat er begonnen; So kämpft nicht Leu und Leu. Um vier Uhr war's am Morgen, Da klopften sie an's Thor; Jetzt ist es Mittag worden, Jetzt reißt der Wolken Flor. Jetzt bricht hervor die Sonne, Sieht staunend über Nacht Ihr weißes Ländchen Glarus Erblüht in Rosenpracht; Sie weilet ob dem Glärnisch, Verklärend seinen Kranz: Des Berges Eisgefilde Verbreiten mächt'gen Glanz. Da war der hohe Glärnisch Von Weitem anzusehn Als wie ein Ries' im Panzer, Der in den Kampf will gehn! Und horch! von seinen Häupten Da klingt's wie Jubelgruß. Es schien der Berg zu jauchzen Vom Gipfel bis zum Fuß. Es sind die Schwyzer Helden, Die haben durch den Schnee Sich eine Bahn gebrochen Durchs Thal und durch die Höh'; Gerad als ob dem Berge Die Sonne grüßend stand, Sind sie auch durchgebrochen Und grüßeten das Land. Da war der hohe Glärnisch Von Weitem anzusehn Als wie ein Ries' im Panzer, Der in den Kampf will gehn! Und horch, von seinen Häupten Da klingt's wie Jubelgruß; Es schien der Berg zu jauchzen Vom Gipfel bis zum Fuß. Da stehen starr die Hengste Und starr die Ritter drauf, Die Schwerter sinken nieder, Die Helme schaun hinauf: Stets heller strahlt der Glärnisch, Stets näher hallt sein Gruß, O schaut, jetzt auf die Hügel Vor uns setzt er den Fuß! Als ob aus allen Gauen Die Eidgenossenschaft Im West wär' aufgebrochen In allgewalt'ger Kraft, Als ob die Grimm'gen alle Da stünden als ein Mann, So schritt aus blauen Lüften Der Riesenberg heran. Laßt ruhen eure Felsen, Ihr starken Glarner jetzt, Gott steht auf euern Bergen; Die Feinde flieh'n entsetzt. Dumpf dröhnet aus den Tiefen Die Flucht wie Donnerton, Von Röutis Höhen steiget Dank auf zu Gottes Thron. Das glückhafte Schiff von Zürich (1456.) Der Dampf ist König unserer Zeiten Sein Flammenscepter lenkt die Welt; Wir können wie die Riesen schreiten, Weil uns der Dampf von dannen schnellt. Seht! wie die Schiffe Flügel tragen Und Flügel tragen unsre Wagen; Seht! wie die Welt zusammenrückt; Entgegen rollen sich die Städte, Den Ozean auf kurzem Brette, Wir überhäufen ihn entzückt! Ja, du mein fliegendes Jahrhundert, Du ausgespreizter Riesenaar, Du sonnst dich, ob dir selbst verwundert, In deiner Thaten Strahlenschaar; Du hast dich schwindelnd aufgeschwungen Hoch über alle Niederungen Der nebligen Vergangenheit; Schaust du nach jenen trüben Thalen Zurück in mitleidvollem Prahlen, Dehnt deine Brust sich doppelt weit. O blick', du stolzer Aar des Dampfes, O blick' doch einmal scharf hinab In jene Zeit des Zwergenkampfes, In der Vergangenheiten Grab; Schau' rückwärts viele hundert Jahre Und rühr' an jener Zeiten Bahre, Draus siehst du Geister auferstehn, Die haben Höheres geleistet Und zu noch Größerm sich erdreistet. Als was durch deinen Witz gescheh'n. Was mit den finsteren Gewalten Des Dampfes keuchend dir gelang, Das haben jene Kraftgestalten, Vollbracht mit heiterm Seelendrang; Sie haben Flügel sich gewoben Aus Manneskraft, die stammt von oben, Sie wühlten nicht im Höllenreich; Sie waren Adler, echt erhaben, Damals die wackern Schweizerknaben! Du bist nur einem Drachen gleich. Von Straßburg scholl die frohe Kunde In's große Eidgenossenland: Ihr lieben Brüder, auf zur Stunde! Die Büchs', die Armbrust von der Wand, Wir geben euch ein Freudenschießen, Wir wollen eure Treu' genießen; Die schönsten Gaben sind erwählt, Bekränzet harren unsere Thore; Aus Straßburgs reichem Töchterflore Die Blüthe winkt euch gluthbeseelt. Da ist im Land der Eidgenossen Ein reges Leben auferwacht, Da hat auf Wagen, hat auf Rossen Das munt're Volk sich aufgemacht; Denn wie mein Volk vom Schießen höret, Ist freudig gleich sein Herz empöret, Das ist ein wahres Zauberwort; Und fehlt ein Feind mit breitem Leibe, So nimmt es sich zum Feind die Scheibe, Und schießet grimmig hier wie dort. Und vor den Schweizergauen allen Hat Zürich seine Schaar bestellt; Die Zürcherfahne sie darf wallen Voraus der kühnen Schweizerwelt, Wir sind der Vorort der Genossen; Drum ward's im Zürcherrath beschlossen: Der erste Freund muß Zürich sein, Der Straßburgs edlem Volle zeiget, Wie treu die Schweiz ihm sei geneiget, Im Wetter wie im Sonnenschein. Da haben sie ein Schiff gerüstet, Das glänzt wie eine Siegeskron', Und Zürichs Herrscherfahne brüstet Sich oben auf des Schiffes Thron; Und zu des Ehrenbanners Fuße Da glüht ein Topf mit Hirsenmuße, Den kochten Zürichs Frau'n zu Haus; Ihn sollen ihre schmucken Gatten, Die flugs das Schiff bestiegen hatten, Gen Strasburg bringen warm zum Schmaus. Auf nun und weckt, Trommetenzungen, Mit euerm Hahnenschrei den Tag! Und wie die Sonne aufgesprungen, So rauch im Takt der Ruderschlag. Du Sonne, Rennerin dort oben, Hör', was wir Zürcher hochgeloben: Mit dir beginnen wir den Streit! In Einem Tage kannst umkreisen Die halbe Erde du, wir reisen Nach Straßburg wohl in gleicher Zeit! Die Sonne horcht empor und staunet Das Schifflein an mit vollem Glanz; Doch sie ist trefflich heut gelaunet, Und freut sich auf den Wettetanz: »Mit den gewalt'gen Schweizermannen, Vor deren Blick in Nacht zerrannen Die Fürstensonnen dieser Welt. Mit diesen ist's der Himmelssonne Zu kämpfen eine wahre Wonne: Mich schlagt ihr doch nicht aus dem Feld!« Sie läßt dem Schiffe das vermelden Durch ihren besten Morgenwind; Der kommt und flüstert um die Helden Und ihre Fahne pfeilgeschwind. Er dringt in ihre wärmsten Adern, Da werden sie so frisch zum Hadern, Sie heben an ein Kriegsgeschrei, Das dröhnet mächtig durch die Lüfte, Und reißt die scharfen Nebeldüfte Auf Flur und Bergen rings entzwei. Sie waren alle feuerhelle Gehüllt in lichtes Seidengold, Sie hatten auf der Heimat Schwelle Schon diesen kühnen Kampf gewollt; Drum trugen sie der Sonne Zeichen Und waren Sternen zu vergleichen Auf ihres Schiffes Himmelsrund. Ha, prächtige Sterne, Schweizersöhne! Wie sind wir stolz ob eurer Schöne, Auf, schlagt die schön're Sonne wund! Die Limmat war zuerst erschrocken Vor solchem Schwane, den sie trug, Sie wollte schwinden, wollte stocken Und hemmen bang des Schiffes Flug; Die Ruder schlugen sie zu Häupten, Daß ihre Wasserfunken stäubten, So schwoll sie wieder hoch daher: Nein, das sind keine Kaufmannsgüter, Das sind ganz andere Gemüther, Als wenn ganz Zürich drinnen wär'! Jetzt flogen sie vorbei an Baden, Dem Garten zürcherischer Lust; Da war's noch still auf allen Pfaden, Das Städtlein lag an Schlummers Brust, Da lag gar mancher Zürcher Zecher Und träumte von dem süßen Becher, Den er geleeret in der Nacht; In diesen köstlichen Revieren Beginnt das Schiff zu jubiliren, Daß Baden plötzlich ist erwacht. Das Paradies will taumelnd schauen, Doch jene sind schon längst davon. Da fängt's der Limmat an zu grauen Vor diesem neuen Wassersohn; Es ist nicht bloß ein Menschenbangen, Wie es im Anfang sie umfangen, Ein Geisterschreck ergreifet sie, Daß frisch lebend'ge Zürcherknaben Durch Baden schiffen, sich nicht laben, Das hat sie noch erfahren nie! Schon höret sie der Aare Rauschen, Sie muß das Wunder schau'n zuvor, Sie rafft zusammen sich, zu lauschen, Sie spitzt das breite Wellenohr; Doch wie sie ihre Wasser hebet Und an des Schiffes Wänden strebet Emporzuklimmen mit dem Haupt, So ist das Schiff in ihren Armen Nur höher immer ohn' Erbarmen Und reißender dahingeschnaubt. Da wird vor Ungeduld sie grimmig, Zur Aare stößt sie es mit Macht; Die Limmat hat ihm dunkelstimmig Halb nachgeweint, halb nachgelacht. Doch Zürichs Söhne, froh gerühret, Daß sie die Limmat so geführet, Sie neigen dankend sich ihr zu, Zum Mütterlein, dem treuen, guten! Und sie hebt segnend ihre Fluthen Empor noch in versöhnter Ruh. Und jene riß die Aar von dannen; Sie thut des Namens Adel kund, Der Bernerherr, den Zürchermannen: »Ich heiße Aar mit gutem Grund, Ein Adler bin ich, der darf horsten In des gewalt'gen Bären Forsten, Die Limmat war ein Täubchen bloß.« Die Zürcher gönnen ihr das Rühmen Und lassen von dem Ungestümen Sich wiegen in des Rheines Schooß. Und nun dem Rheine zugewendet, Umarmen sich die Helden stolz. Im Strome, der zum Weltmeer sendet Den Schnee, der fern im Gotthard schmolz. Im großen Strom der Schweizergauen, Im großen Strom der deutschen Auen, Im Strom so lang, breit wie ein See, Da ist viel größer auch geworden Ihr Herz, und sprenget auch die Pforten Vor Kampfeslust und Kampfesweh! Das Schiff zugleich, es dehnt die Seiten Am Bauche rings gewaltig aus, Und in die Höhe wie die Breiten Steigt's auf, ein Rheines-würdig Haus; Die Fahne auch löst alle Binden, Sie hat erst vor den Rheines-Winden Ihr ganzes Prangen aufgebläht: So schwimmt in ihrem Wellendome Vom Bürgerfluß zum Kaiserstrome Hinüber Zürichs Majestät. Und auf des Thurmes Zinnen droben Schwenkt Zürich der Trommeten Strahl, Und hat zu blasen angehoben: Der Ton durchfährt des Rheines Thal. Er fährt bis an die Felsenwände Zurück, die ihre Zackenhände Vorstemmen trutzig seinem Drang, Er fährt zurück bis gen Schaffhausen; Man hört den Ton bei Basel brausen; Trommeten-Donner war's, kein Klang! Das war ein Gruß, der hat dem Rheine Behagt bis in den tiefsten Grund. Er hebt im hellen Sonnenscheine Sein grünes Haupt empor zur Stund', Dann sprach er, der smaragdne Riese: »Ihr Herren, Dank! ich kenne diese, So grüßt mich nur ein Eidgenoß; Fürwahr, ich bin auch Eidgenosse, Des ew'gen Gotthardt's erster Sprosse, Heil, Brüder, euerm Wasserroß! Heil Zürcher! ich fass' es am Zügel, Ich geb' ihm meiner Wogen Sporn, Ich schwing' mich selber in die Bügel, Ich stoße in mein Reisehorn, So woll'n wir, meine Zürcherknaben, Recht brüderlich gen Straßburg traben, Noch vor der Sonne sind wir dort; Sagt's nur der schnellen Frau im Blauen, Im grünen Rhein, sie könn' es schauen, Da wandle man noch schneller fort.« Hei! wie hat doch die Zürcherherzen Das fromme Bruderwort erbaut! Wie hat die Sonne heiß in Schmerzen Dem grünen Söhnlein zugeschaut. Sie wandelt hoch schon über ihnen Und ihre gradsten Strahlen schienen Um sie als wie ein Glorischein; Da wird der Feind nur schöner immer, Sie sucht nach Wolken, findet nimmer Ein Wölklein, sich zu bergen drein. So sprengt in gold'nem Panzerstrahle Wie ein St. Georg hoch zu Roß, Mein Zürich spiegelnd durch die Thale; Die Wellenflur von Blumen sproß; Und Silberlilien, Silberrosen, Sieht man den Herrlichen umkosen, Auf seinen Spuren seufzend blühn; Die andern Wellen fern am Strande Erzählen singend es dem Lande: »Saht ihr das Roß? die Hufe sprühn?« Weh, da verkündet Donnerrollen Bei Laufenburg den gähen Schuß, Weil vor zwei Berglein, neidisch tollen, Der hohe Strom sich bücken muß. Und ob er noch so zornig schäumet Und noch so zornig auf sich bäumet, Die Berglein schau'n geruhig zu; Der breite Riese muß sich zähmen, Zum schmalen Bache sich bequemen. Und auf ihn nieder lacht die Fluh. Jetzt aber mit den Eidgenossen, Im Bund der starken Männerzucht Kommt er in höherm Schwall geflossen, Kommt er mit unerhörter Wucht; Er nimmt den Anlauf, dehnt die Flügel, Und siegreich über's Haupt der Hügel Schwingt er sich selbst und Zürich mit. »Ha! wack're Brüder, eure Stärke Sie gab mir Kraft zu diesem Werke, Zum Danke renn' ich schnellern Schritt.« Dem Oesterreicher sind die Lande, Drum hassen sie den Schweizerrhein, Und schlagen tückisch ihn in Bande Mit stumpf und spitzer Felsenpein. Drum Schwarzwald fort, und fort Seckingen! Fürwahr, uns fehlt zum Messesingen, Sankt Fridolin, heut' alle Zeit! Und doch: ein Opfer könnt' nicht schaden, Hört, wie's im Strom, dem glatten, graden, Von neuen grausen Strudeln schreit. »Da ist es, schaut! der Höllenhaken, Seht, wie er greifet nach dem Schiff Und lechzt, uns auf sein Rad zu packen, Wie Mehl zu malmen uns am Riff! Haut mit den Rudern auf die kalten, Die nassen Teufel, sie zu spalten, Haut, Schweizerbrüder!« ruft der Strom, »Das ist nur eine falsche Hölle, Dies wässerige Stromgerölle, Die wahre brennt ja, lehrt uns Rom.« Rheinfelden! herzlich uns willkommen; Hier wird der Rhein ein eben Feld, Und keine Felsenhöll' den Frommen Fortan mehr in den Klauen hält. Bis hieher schlichen wir an Krücken, Jetzt soll es geh'n wie Blitze zücken! So sprich: was weilst du, Bruder Rhein? Warum urplötzlich denn so sachte? Wär's Basel schon, das dort uns lachte? Der Bruder Rhein, er sagt nicht nein! Der Reißende, hier muß er stille Bei dieser Pracht vorübergehn; So zwingt im Busen ihn der Wille. Sein Basel muß er gründlich sehn. Zwar schau'n viel prunkendere Städte Ins Aug' ihn lockend, eine Kette Von goldnen Jungfrau'n wunderhold; Doch keine schaut der Gotthardt-Riese So gegenliebend an wie diese; Seht, wie er hier so wonnig rollt! Ich hab's im Busen ihm gelesen, Als ich auf seiner Brücke stand, Was seiner Liebe Grund gewesen: Hier scheidet er vom Vaterland! Hier wirft er sich zum letzten Male Mit Augen naß vom Heimwehstrahle Dem Schweizerboden an das Herz; Und Basel auch, das treue, warme, Es nimmt ihn traut in beide Arme, Und fühlet tief der Trennung Schmerz. Die Edeln haben's auch empfunden. Auf ihrem Schiff des Stromes Weh'n, Als zu den Ufern sie, den bunten, Und zu der Brücke aufgesehn. »Sie sind es werth! nehmt die Trommeten, Laßt einen Scheidegruß uns beten Ins Ohr der letzten Bruderstadt; Ist sie die letzte auch des Landes, Ist sie im Rang des Liebesbandes Die erste doch, die Zürich hat!« Der Rhein benetzt mit hellen Thränen, Da er vernimmt den sanften Klang, Der ganz das Wort ist für sein Sehnen, Er netzt die Ufer mild entlang; Die Basler auch auf den Gestaden Und auf der Brücke engen Pfaden, Sie haben brüderlich gegrüßt: Die Theuern können jetzt nicht weilen, Zum Glücke ist's, wohin sie eilen! So ward der Abschied schön versüßt. Jetzt ist das Schwerste überstanden: Der Bruder Rhein nun doppelt stark Umfaßt sein Schiff mit Liebesbanden, Und leihet ihm sein tiefstes Mark; Sie sind die Einzigen, die Lieben, Die in der Fremde ihm geblieben, Auf And'res ist er nicht bedacht, Als dieser Lieben Wunsch zu stillen, Als nur zu leben ihrem Willen, Er schießt dahin mit Wundermacht. Ha, welch ein Dorf-, welch Stadtgewimmel An Elsaß' Ufern Hand in Hand, Das ist ein Ländchen wie ein Himmel Im azurblauen Duftgewand! Alsatia, Frau von deutschem Blute, Halt an dem Gatten fest mit Muthe Am deutschen, den dir Gott getraut. O dürften doch wir Schweizermannen Dich schirmen, nimmer trüg' von dannen Der welsche Buhle Deutschlands Braut! Laßt, laßt ihr Männer diese Träume, Bald kommt die Nacht zum Traumesspiel; Schaut aufwärts in des Aethers Räume, Die Sonne neigt zu ihrem Ziel! Seht, wie schon die Vogesenfürsten, Auf ihren Burgen feurig dürsten, Die Himmelsfürstin zu empfah'n In ihren königlichen Betten. Es gilt, den Schweizerruhm zu retten, Wir müssen vorher Straßburg nah'n! »Jetzt, Bruder Rheinstrom, gilt's zu rennen!« Der Rheinstrom nickt mit seinem Haupt; »Jetzt, Brüder, laßt die Ruder brennen In Händen, krönt sie siegbelaubt! Jetzt, Banner, zeig' uns Zürich's Schilder, Die niegebeugten Wappenbilder In ihrer Drohung ganzer Gluth! Jetzt ihr Trommeten, die zum Gruße Ihr nur erklangt bisher zur Muße, Jetzt sprüht uns an zur Kampfeswuth!« Sie ordnen sich als wie zu Schlachten, Umfah'n die Ruder Schwertern gleich. Des Schiffes Eichenhüften krachten, So holeten sie aus zum Streich! Vom Schwerterstreich sieht man die Fluthen Des Stromes bis zum Grunde bluten, Bis in die Knochen hauen sie. Und schaut der Angesichter Dräuen, So blicken nur die Schweizerleuen, Wie sie des Kampfes Gischt umspie! Das Schiff wie eine Wetterwolke Geschleudert durch den Sturm des Herrn, So fleugt's dahin mit seinem Volke, In weißem Flor ein dunkler Kern. Und aus der Wolke zuckt's von Blitzen: Es sind des Zürcherbanners Spitzen, Die leuchten aus dem Nebelduft! Und aus der Wolke feuchten Hüllen Erschallet es wie Donners Brüllen: Die wetternde Trommete ruft! Und droben in den Himmelsauen, Da rollt des Weltgestirnes Pracht; Die Strahlgewänder hat im Blauen Die Sonnen-Jungfrau losgemacht; Weit flattern hin die Lichtgewande Und sinken schimmernd auf die Lande Rückwärts von ihrer Sohlen Sprung; Die Sonne in des Kampfes Gluthen Wird zum Komet mit Schweifesruthen Und peitscht die Welt im Zornesschwung! Und mit der Ruthen allerschlimmsten Schießt sie hinunter in den Rhein, Des Schweifes Strahlen, sie die grimmsten, Sie zucken in das Schiff hinein; Sie will die Augen ihnen blenden. Versengen sie an Häuptern, Händen, Daß finst're Schrecken sie umweh'n, Daß heißer Wahnsinn sie erfasse, Daß ihre Faust das Ruder lasse Vor Qual im Strome untergeh'n. Ha Zürich, ja, du kämpfst in Aengsten, Die große Stunde sie ist da; Doch jetzt, da dir's am allerbängsten, Halt fest, halt fest, dein Ziel ist nah'! Sieh deinen Rhein: der wack're Bruder, Er spritzet doppelt hoch am Ruder, Kühlt dich mit seinem tiefsten Thau! Umsonst, der Feindin rothe Ruthen Sie brennen kochend auch die Fluthen: Schon jauchzet Sieg die Sonnenfrau. Ha Zürich, ja, du kämpfst in Aengsten, Die große Stunde sie ist da; Doch jetzt, da dir's am allerbängsten, Halt fest, halt fest, dein Ziel ist nah! Laß du die Sonne triumphiren, Du darfst noch lauter jubiliren, Die Augen auf: siehst du den Stern? Siehst du den Stern? er steigt und steiget: Der Münster Straßburg's ist's! er neiget Dem Sieger froh sich zu von fern. Ja, nun hat Zürich ausgelitten: Der Münsterthurm, er ist mein Hort! Ja, nun hat Zürich ausgestritten: Die Siegespalme winket dort! Ja, Münsterthurm! du Siegespalme, Begrüßt von meinem Siegespsalme, Schon fass' ich dich mit meiner Hand, Ein Ruck noch mit dem Siegesruder, Ein Stoß noch, Rhein, du Schweizerbruder, Ein Ruck, ein Stoß, sie sind am Land! Die Sonne strahlt am Himmelsbogen, Sie sind bei hellem Sonnenschein In Straßburg's Thore eingezogen! Die ganze Stadt trug sie hinein; Da sah im Sonnenstrahl, dem hellen, Man noch die Freudenthränen quellen Als Perlen in den Ehrenwein; Die Zürcher aber, die Pokale Sie heben sie zum Sonnenstrahle: »Heil Straßburg, schön im Sonnenschein!« Die Sonne wankt, in's Herz getroffen: Das ist des Tellensohn's Geschoß! Ein Wolkenbett ist wallend offen, Darein ihr Blut in Strömen floß. So ist sie sterbend hingesunken, Verglühend stets in mattern Funken, Zu der Vogesenfürsten Zelt. Die hüllen sich in finstre Schleier, Und halten stumm die Todtenfeier Des schönsten Helden dieser Welt. Auf den Surenen Hier ist es still, hier muß es stille sein! Wo ist ein Laut, der wagte hier zu tönen? Der Geier selbst, er wagt's hier nicht zu schrein, Die Stimm' versagt den kühnsten Alpensöhnen. Sie, die so gerne singen, sind hier still: Dort wandelt eine Reih' von kräftigen Hirten. Sie gehn allein, so wie ein Jeder will, Sie rufen sich nicht an, auch wenn sie irrten. Ja Gottes Kraft ist es, die herrschet hier, Ihr huld'gen ehrfurchtsvoll die Kreaturen Vom kühnsten Menschen bis zum kühnsten Thier; Hier merk' ich ungestört des Schöpfers Spuren. Nur wenn Er selbst aufthun will seinen Mund, Dann wird es laut hier: wenn die Donner grollen Und wenn hinunter tief in nächt'gem Schlund Die stäubenden Lawinen niederrollen! Und doch, an diesem stillen Gottesziel – Siehst du die Bächlein dort, die zarten, hellen? Die Sonne treibt darin ihr lustig Spiel, Sie tanzt in dieser Wildniß auf den Wellen, Ja, sie des großen Gottes schönstes Kind, Sie darf auf diesen Höhen sich ergötzen, Sie darf, mit leisen Strahlen spielend lind, Sich auf die Alpenbächlein scherzend setzen. Franz Faßbind Wolf von Ringgenberg 1. Der Fischer Klaus . »Wer schauckelt dort sich durch die Fluth? Ein Mädchen, sieh! wie Milch und Blut! Wer führt sie durch die Wellen?« Also zum Jagdgesellen Spricht Ritter Wolf und spornt sein Roß; Ihm folgt der wilde Jägertroß Im Flug zum Strand des Sees. »Ach! Vater, sieh des Wolfes Zug! Er sprengt heran im Windesflug!« – »Laß zittern seine Knechte, Frei bin ich von Geschlechte.« Und zischend fliegt der leichte Kahn Dem Ufer zu, der stolze Mann Steigt aus mit seiner Tochter. Und schäumend stampft des Ritters Roß, Um ihn der wilde Jägertroß, Schon an des Sees Strande: »Bist du aus meinem Lande?« – »Am Thunersee dort, arm und klein. Steht meine Hütte, fast allein, Das Erbe meiner Väter.« »Wer gürtete das Schwert dir um?« – »Es ist des Freien Heiligthum.« Der Ritter hört's mit Grauen, Doch spielt er noch den Schlauen: »Wohlan! des Freien stolzer Muth Darf darben nicht bei armem Blut, Das will sich nicht geziemen. Heut ist in meinem Felsenhaus Zum Namenstag ein froher Schmaus; Wohlan! du zierst beim Feste Mit deinem Kind die Gäste.« Der Fischer gibt das Wort zurück.- »Mir ziemet nicht ein solches Glück, Laß mich in meiner Hütte.« – »Ich halte Den für meinen Feind, Der so mein gütig Wort verneint.« – »Du willst's, ich werde kommen; Es mag das Fest dir frommen.« Der Ritter hört's, er sprengt davon. Ihm folgt der Troß mit wildem Hohn Durch Fluren und durch Wälder. »Ach! Vater, stürze mich hinab, Im grausen Sturm in's Wellengrab, Nur trau nicht jenem Worte, Bleib fern des Ritters Pforte!« Das Mädchen ruft's in bangem Schmerz, Ein Thränenstrom am Vaterherz Entstürzt den zarten Wangen. »Sei ruhig, holdes Töchterlein! Denn, bei der Sonne heil'gem Schein, Ich werd' es furchtbar rächen, Wenn sie das Gastrecht brächen!« Doch ward das Mädchen nimmer froh, Und wie gar schnell der Tag entfloh, Da ward ihr Herz nur schwerer. Es senkt', des Sonnenstrahls beraubt, Der Tag im fernen West sein Haupt, Als Ritter Wolf im Saale Schon schwelgte an dem Mahle; Um ihn in schmucker Rüstung Glanz Der Ritter und Vasallen Kranz, Des Wolfes Jagdgenossen. Halloh! erschallt ihr Lustgesang, Der gold'nen Becher reiner Klang, Und trägt des Festes Kunde Muthwillig in die Runde. Doch nicht der Freude Himmelslicht Erglänzt in Ritter Wolfs Gesicht, Sein Lachen ist erzwungen. »Verderben auf den Fischerknecht! Verderben über sein Geschlecht!« So ruft mit lautem Gellen Jetzt Einer der Gesellen. »Hoch leb' des Fischers Töchterlein!« Fällt schnell ein zweiter Ritter ein; Wolf glüht bei diesen Worten. Das kommt auch zu des Fischers Ohr, Er steht schon an des Schlosses Thor, Er hört den Klang der Becher, Den Hohn der wilden Zecher. »Mach' auf! mach' auf! Hier ist dein Gast!« Ruft er, und schlägt in grimmer Hast Sein Schwert an das Gelände. »Was willst du in des Herren Saal? Ein Knecht am hohen Rittermahl? Ein Knecht mit seiner Dirne?« So höhnt mit frecher Stirne Der Schloßbub mit geschliffnem Beil, Und hacket in geschäft'ger Eil' Das Holz für seine Küche. »Der Fischer Klaus sei mit dem Kind – So sag dem Ritter Wolf geschwind – Gekommen zu dem Feste, Zu zieren seine Gäste.« Und wie der Blitz vom Himmel blickt, So ist des Fischers Schwert gezückt, Zerhaut den Holzblock zischend. Er faßt der Tochter weiche Hand, Und eilt zurück an Sees Strand, Und sieht in sanftem Wiegen Den Kahn von dannen fliegen. Doch schneller ist des Sklaven Mund, Des Fischers Trotz, schon ist er kund Dem Ritter Wolf im Saale. »Es stocke meiner Ahnen Blut In meines Busens heißer Fluth, Wenn, eh' er mir entweichet, Mein Arm ihn nicht erreichet!« Des Wolfes Zunge stöhnt den Spruch, Begleitet von der Gäste Fluch; Sie stürzen aus dem Saale. »Sieh dort den lust'gen Wellentanz, Sieh' dort den Kahn im Mondesglanz! Was hilft dein eitles Drohen? Dein Gast, er ist entflohen.« So scherzt auf hohem Schloßbalkon Des Wolfes Freund in lust'gem Hohn; Ihm lachen nach die Gäste. Leicht schaukelnd, wir des Schwanes Tritt, Das Schifflein durch die Wellen glitt. »Ach! Vater, siehst das Winken Wie einer Rüstung Blinken? Hörst, Vater, wie der Ritter lärmt, Wie sein Geschrei die Luft durchschwärmt?« Das Mädchen ruft's mit Beben. »Der Rüstung Glänzen ist das nicht; Es ist das helle Mondeslicht; Und durch die Fenster schwärmen, Hörst du der Gaste Lärmen.« Wohl sieht der Fischer, wer ihm winkt, Die Rüstung kennt er, die dort blinkt; Doch tröstet er die Tochter. Und zischend schnurrt es durch die Luft: »Hilf Gott!« das arme Mädchen ruft, Und todt sinkt sie darnieder, Und ihrem schmucken Mieder, Entströmet eine dunkle Fluth, Des jungen Herzens warmes Blut; Tief steckt ein Pfeil im Busen. Des Fischers starke Faust erschlafft, Und ihr entsinkt des Ruders Schaft; Hin kniet er zu dem Kinde, Daß er die Wunde binde. Er wäscht das Blut vom Busen ab; Doch schon gehört es an dem Grab, Sein Kuß weckt nicht die Todte. Und todesmuthig steht er auf: »Du hast geendet deinen Lauf! Das Blut, das da geflossen, Ein Wüthrich hat's vergossen. Ein Gott hat diesen Mord geseh'n: Du wirst der Rache nicht entgeh'n, Du Mörder meines Kindes!« Er schleicht zu seinem Ruder hin. Sieht traurig still das Schifflein flieh'n, Und bei des Morgens Röthen, Da senkt er mit Gebeten Die Tochter in die kühle Gruft, Und: »Rache!« heult es durch die Luft; Weit fliehet Klaus, der Fischer. 2. Der Burgbau. »Ich bin geeilt, des Herren Willen Zu thun und seinen Wunsch zu stillen, Durch manche Stadt, durch manches Land, Erforschte viele große Geister, Der Fürsten Zierd', der Künste Meister, Vom Rhein bis zu der Seine Strand. Ein Haus will Ritter Wolf sich bauen, Deß Thürme in die Wolken schauen – So sagt' ich manchem Bauherrn an – Ein Haus, an dessen Felsenwällen Die Stürme ihre Macht zerschellen, Zum Trotz der Zeit ergrimmten Zahn. Da mahnte Jeder an die Fabel: »›Du kennst den tollen Bau zu Babel; Dort hat der Menschen stolz Geschlecht Ein ewig Werk sich gründen wollen, Doch Menschen sind und Bau verschollen; Dein Ritter hat kein größer Recht.‹« Das hört an seinem langen Stabe Ein greiser Pilger nach dem Grabe, Der ruft mir zu: »›Verzage nicht! Was diese Blöden nicht erjagen. Ein Greis wird kühn und frisch es wagen. Wovon die späte Nachwelt spricht. Ich bin geweilt am Tiberstrome, Und an Sankt Petri großem Dome, Da ward mein Haupt im Lernen grau. Was ich dem Ritter Wolf errichte, Geschrieben steht's in der Geschichte, Geschrieben seines Hauses Bau.‹« – Der Bote spricht's; mit Wohlgefallen Ruft Wolf: »Von meinen Knechten allen Wirst du mir nun der nächste sein! Der Pilger sitz' im Rittersaale Zur Rechten mir am hohen Mahle, Er koste deines Herren Wein!« Und eh' der Tages Purpurgluthen Sich tauchten in des Westes Fluthen, Verläßt der Ritter Wolf sein Schloß. Sein Auge schielt voll finst'rer Tücke, Er weidet sich an seinem Glücke, An seiner Knechte feigem Troß. Ihm folgt, umwallt von Silberhaaren, Ein Pilger, mustert ernst die Schaaren, Die schaffen an des Ritters Werk. Dort stürzen hundertjähr'ge Eichen Und Felsen unter ihren Streichen; Es zittert selbst der greise Berg. Im Takte hämmern ohne Ende Des Maurers wund geriebene Hände Am ungeheuern Quaderstein; Da trägt mit emsiger Geberde Die mühsam aufgeworfne Erde Der Söldner fort in langen Reih'n. Und sinnend hemmet seine Schritte Der Pilger in der Sklaven Mitte, Und scherzend ruft sein schlauer Mund: »Des Holzes und des Steins Gedränge, Hier seh' ich's: daß der Bau gelänge, Ihm mangelt noch des Planes Grund.« – »Das wird der Meister kühn vollbringen, Und deiner Hand wird es gelingen, Zu ordnen meines Hauses Plan. Hier soll, vom steilen Fels getragen, Des Walles Kamm zum Himmel ragen: Er blicke stolz die Wolken an. Ein Thurm an jeder Mauerecke Verrathe treu des Feindes Zwecke, Der sich am Fuß des Berges zeigt. Ein Riesenthor mit weitem Rachen Soll dort des Wolfes Burg bewachen, Dort, wo der Berg sich gählings neigt. Von seinem Felsenring umgeben, Wird sich in Siegesfei'r erheben Des Ritterhauses stolzes Dach; Der Gothenfenster prächt'ge Spiegel, Sie seien meines Glanzes Siegel, Nicht Fürstenhäusern steh'n sie nach. Nicht müde werde meiner Stimme!« Höhnt Ritter Wolf mit falschem Grimme – »Sie mahnet dich an deine Kunst. Das Wichtigste, es darf nicht fehlen Zu meines Schlosses prunken Sälen, Es stellt dich hoch in meiner Gunst. Ein Haus noch sollst du mir errichten, Tief in des Bergs geheimen Schichten, Der Rache fürchterlichen Sitz; Es koste nicht des Tages Wonne, Verbannt von jedem Blick der Sonne, Zu ihm dring' nicht des Himmels Blitz. Umgrinset nur von feuchten Mauern, Mag Sklavenbrut den Tag vertrauern, Hinbrütend in der ew'gen Nacht; Und an den festen Eisenringen, Mag sie den eiteln Trotz bezwingen, Bis ihr des Kerkers Angel kracht.« – Jetzt zückt es durch des Greises Glieder, Er beugt sich tief zur Erde nieder, Ergreift des spitzen Hammers Schaft; Als prüfte er des Steines Rücken, So hämmert er, daß Funken zücken, Und weit des Steines Lücke klafft. »Das ist der Grundstein meiner Veste, Von allen Felsen wohl der beste, Wer löscht die Funken, die er sprüht?« – »Wie wird die Welt dein Haus erkennen? Den Riesenbau, wie willst ihn nennen?« Der Pilger fragt's; sein Auge glüht. » Tyrannenburg soll mein Haus heißen!« Und wild, als wollt' es ihn zerreißen, Stiert Wolf den greisen Pilger an. Wie vor dem Sturm des Felsen Firne, Umwölkt sich schnell des Greises Stirne, Und staunend sieht es der Tyrann. »Nein! Freiburg sei des Hauses Namen!« Und Ritter Wolf – er stürzt zusammen. Die Erde trinkt sein schwarzes Blut; Denn tief hat des Gehirnes Falten Des Pilgers Hammer durchgespalten; Er röchelt in der letzten Wuth. Den blut'gen Hammer in der Rechten, Ruft stolz der Greis den müden Knechten: »Der Unschuld Rache macht euch frei . Wolf hat ihr kindlich Blut vergossen, In meinem Arm ist es geflossen; Zum Himmel drang ihr Todesschrei. Den Schwur an meines Kindes Grabe, Hab' ich gelöst am Pilgerstabe; Gebaut ist des Tyrannnen Haus.« – Er steigt zu den Befreiten nieder, Sie kennen den Gefund'nen wieder, Den Rächer in dem Fischer Klaus . Johann Kübler Die Schlacht bei Granson Als kaum dem nächt'gen Dunkel entwunden sich der Tag, Die Schaar der Eidgenossen schon auf den Knieen lag Mit aufgehobnen Armen, demüth'ger Andacht voll, Indeß dem tiefsten Herzen ein still Gebet entquoll. Und wie sie brünstig flehten zum allgewalt'gen Gott, Erscholl mit grimmem Lachen der stolzen Feinde Spott; Wohl trotzt' auf Wehr und Waffen ihr kecker Uebermuth, Deß zahlten sie die Sühne mit ihrem heißen Blut. Wie Wetterwolken ballet der Sturm in wilder Eil, So drängt sich der Burgunder zuhauf in dichten Keil, Mit hellem Kriegsgejauchze rennt er zum Kampf heran, Durchs Schweizerheer zu brechen die rothe Siegesbahn. Dem Löwen gleich, der grimmig, wenn laut die Dogge bellt, Von dem umbuschten Lager empor zum Kampfe schnellt; So springt der Eidgenosse vom Boden hastig auf, Und hemmt mit langer Lanze der Feindesrosse Lauf. Im Viereck eng geschlossen das Heer der Schweizer steht, Der Flügelschlag der Banner hoch in der Mitte weht, Der alten, stolzen Banner von Lorbeern dicht bekränzt, Von blanken Hellebarden, vom Flammberg rings umglänzt. Hervor aus Rottengassen der Büchsendonner knallt Und rollend durch die Berge vielstimmig wiederhallt. Der Kugelsaat entsprossen der Todesfrüchte viel; Denn wacker sind die Schützen und vielfach ist das Ziel. Umsonst, daß der Burgunder um gleichen Mord sich müht, Und aus der Feldschlang Rachen fortwährend Feuer sprüht; Der Welsche zielt auf Riesen, er feuert in die Luft, Umsonst aus seinen Büchsen die Todesstimme ruft. Was strahlt auf hohem Rosse dort für ein Heldenbild In goldgefügtem Panzer mit silberhellem Schild? Er trägt das wehnde Banner hoch in der linken Faust, Aus dem bekrönten Helme die schwanke Feder rauscht. Der Held ist Karl der Kühne, des guten Philipp Sohn, Ihm fiel das feste Lüttich, ihm bebte Frankreichs Thron; Im kriegerischen Feuer der vollen Jugendkraft Beweiset er im Kampfe wohl ächte Ritterschaft. Wild spornet er den Rappen und legt die Lanze ein, Zu brechen mit den Rittern der Schweizer dichte Reihn; Doch vor der Lanzenmauer aufbäumet sich das Roß, Abprellt von ehr'nen Schilden der Ritter mächt'ger Stoß. Chateauguyon indessen, der kampfbewährte Held, Rasch mit sechstausend Pferden den Berg herunter fällt. Wohl mächtig ist der Ingrimm, den er im Herzen hat; Vom Feind ward ihm entrissen Granson die eigne Stadt. Ha! wie er kampfesfreudig auf seinem Rosse sitzt! Wie grimm aus seinen Augen des Muthes Feuer blitzt! Wohl färben viele Wunden sein Koller blutigroth; Sein flammend Schwert entsendet allum den kalten Tod. Zweimal das Schwyzerbanner faßt seine Eisenfaust, Zweimal wird's ihm entrissen, zerschlissen und zerzaust, Und rasch entwindet Elsner aus dem Luzernerland Das farbenbunte Banner des Ritters eigner Hand. Und wie der Ritter rasend sich nach dem Räuber kehrt, Und ragend hoch im Bügel auf Elsner schwingt sein Schwert, Alsbald hoch in den Lüften ein Morgenstern erblinkt, Und auf sein Haupt im Fluge mit Rasseln niedersinkt. Zum Tod getroffen stürzet der Ritter in sein Blut, In plötzlichem Erblassen löscht seiner Wangen Gluth. Das war Hans in der Gruoben, der grub noch manches Grab An jenem Werkeltage vom hohen Roß herab. Nun erst mit rechtem Wüthen der Eidgenosse ficht: Es trüben die Hellbarten wohl manches Helmes Licht. Vom Schwerterschlag durchblitzet, vom Morgenstern zerschellt Wohl mancher edle Ritter vom fliehenden Rosse fällt. Urplötzlich von den Höhen Schlachthörnerruf ertönt, Und durch der Feinde Reihen wie Todesruf erdröhnt. Es wallt ein neuer Heerstrom vom Berg herab zu Thal, Daß blaue Wogen blitzen im hellen Sonnenstrahl. Und bebend spricht der Herzog zu Brandolf, Herrn von Stein: »Das werden doch, so hoff' ich, nicht Eidgenossen sein?« »Das erst ist,« spricht Herr Brandolf, »der alten Schwyzer Heer: Dort ziehn der Zürcher Schaaren mit Macht vom Berge her. Dort führt der hohe Tschudi der Glarner rüst'ge Schaar, Dort ziehen die Schaffhauser in Waffen hell und klar; Uri und Unterwalden die bleiben auch nicht fern Und dräun vom Bergesjoche mit Schwert und Morgenstern. Das sind dieselben Männer, die Oestreichs Heeresmacht So oft im Freiheitskampfe zum blut'gen Fall gebracht, Wo oft die Pfauenfeder, sonst golden, grün und blau, Gewann die vierte Farbe im purpurrothen Thau.« Er spricht's, und dreimal dröhnend der Uristier erbrüllt, Daß rieselndes Entsetzen des Feindes Seele füllt. Das Unterwaldner Landhorn gar wundersam erschallt, Der Ruf der Rolandshörner von Berg zu Berge wallt. »Was wird aus uns noch werden?« ruft Philipps mächt'ger Sohn, Die kleine Schaar des Vortrabs hat uns ermüdet schon!« Doch den Augenblick erfassend, der zur Entscheidung drängt, Er ordnend und ermahnend hin durch die Reihen sprengt. Und wieder tödtend Feuer die Schweizerbüchsen spein, Und wieder streckt die Kugel zu Boden ganze Reihn, Und aus Hohlwegen schreitet stets Mann auf Mann hervor, Und aus dem Buschwerk tauchet stets Schaar auf Schaar empor. Jetzt packt der Feinde Herzen des Schreckens kalter Zahn, Aus dunkler Seelentiefe steigt auf Verzweiflungswahn. Das ist des Weltgeists Schütteln, das durch die Seele dringt, Und durch der Heere Säulen die Eisesflügel schwingt. Umsonst, daß jetzt der Ritter durch schlau verstellte Flucht Den Schweizer seiner Stellung klug zu entlocken sucht; Denn der Burgunder Fußvolk, unkundig solcher List, Glaubt bangend, daß das Zeichen zur Flucht gegeben ist. Wie wüthend auch dem Flüchten Karl sich entgegendämmt, Wie Manchen auch sein Schwertschlag im vollen Laufe hemmt – Wer mag die Flucht verwehren, dem's Schwert im Nacken gleißt, Wenn's Leben oder Sterben für Sklavenseelen heißt? Wie Wogenwuth sich bäumet im wachsenden Orkan, So schwillt der Strom der Flücht'gen stets stark und stärker an, Und Karl – im Mordgewühle verhallt sein Feldherrnwort – Wird von dem Schwall der Seinen jetzt selbst gerissen fort. Nachdringt der Eidgenosse mit Wettersturmsgewalt, Im lust'gen Jagdgewühle des Harsthorns Ruf erschallt, Da stürzt in hast'gem Rennen so manches edle Wild, Da dampft vom Feindesblute das wogende Gefild! So währet fort das Würgen, so tost die wilde Schlacht, Bis daß im bunten Schleier erscheint die frühe Nacht. Und unterm Sternenflimmer der Sieger danket Gott Jetzt ungestört, denn nimmer schallt todter Feinde Spott. Die Schlacht bei Murten 22. Brachmonat 1476. Im Angesicht der Feinde da steht mit seiner Schaar Hans von Hallwyl , der Berner, im silbergrauen Haar, Im Herzen jene Flamme, die Siegerwege bahnt, Der schlachtenfrohe Ritter also zum Kampfe mahnt: »Auf, biedre Eidgenossen! da ist der Rache Zeit, Um die das Blut der Brüder zu Brie und Granson schreit. Dort dräun die Frevlerhände, aus denen jüngst im Spiel Um Eure Lieben losend der laute Würfel fiel! Heut ist der Schlacht bei Laupen ruhmvoller Jahrestag, In der vor alter Zeit uns Albrechts Heer erlag. In Euch wallt Blut der Väter, derselbe Gott lebt noch, Der dort mit Allmachtstärke zerbrach der Feinde Joch. Daß er auch heute breche der stolzen Dränger Macht, Daß er auch heute schlage für uns die Freiheitsschlacht, Fallt nieder, Brüder, sendet empor ein still Gebet Zu Gott, des Siegesodem in Heldenherzen weht!« Er sprichts, und tausendstimmig Gebet zum Himmel wallt, Daß wie von fernen Donnern Gemurmel rings erschallt, Und plötzlich bricht die Sonne in voller Glorienpracht Huldlächelnd, siegverkündend durch düstrer Wolken Nacht. Auf springt der greise Feldherr in lodernd wilder Glut, Sein Schwert er schwingt's in Lüften und rufet wohlgemuth: »Wohlauf! Ihr biedern Männer, Gott leuchtet uns zum Sieg, Gedenkt an Weib und Kinder; den Welschen gilt der Krieg.« Und als dem Heldengreise entflohen kaum das Wort, Rückt er mit seinen Schaaren zum Angriff mächtig fort, Und ihm zur Rechten schreitet Hans Waldmann's Haufen vor, Der hält aus langen Lanzen die Banner hoch empor. Den Beiden folgt die Nachhut des alten Hertenstein , Wohl mocht' er jungen Kriegern ein rechter Führer sein; Denn wenn Erfahrung lenket des Jünglings Löwenmuth, Dann ist's der junge Löwe, der Schlachtenwunder thut. Urplötzlich aus der Feldschlang die Feuerzunge blitzt, Die in des Grünhags Schatten längst auf der Lauer sitzt. Nachzüngeln ihn die Schwestern, vielstimm'gen Donnerknall', Wuthbrüllen, Todesächzen verbreitend überall. Zerschmettert fällt vom Rumpfe manch goldgelocktes Haupt, Das nach dem Gransonsiege der Eichenkranz umlaubt, Manch tapfrer Lotharinger herab vom Sattel fliegt Und knirschend in dem Blute des eignen Pferdes liegt. Rene , dem Karl entrissen das Lotharingerland, Der hält mit kaltem Muthe dem Kugelregen Stand. Wohl unter ihm dumpf röchelnd das Pferd zusammenbricht, – Sein Land, das muß er haben und rastet fürder nicht. Wie wenn von Alpenstirnen die Laue thalwärts fällt, Mit Felsen Fichtenstämme weit durch die Lüfte schnellt, Und unter Muthgejauchze mit rasendem Sturmsgebraus Den langgeschmückten Thalgrund füllt mit Verwüstungsgraus; So stürzt der Schweizer vorwärts mit flügelschnellem Fuß Und unterlauft anstürmend des Feindes Büchsenschuß. Im Strahl der Mittagssonne des Mordbeils Lohe kreist, Zur Rache hochgeschwungen die Hellebarde gleißt. Ein Schweizertrupp indessen den Grünhag schnell umringt, Mit mordbegier'gem Jauchzen er in den Graben springt, Haut ein, – in seinem Blute der Büchsenmeister schwimmt, Das Leben mit der Lunte sterbend zugleich verglimmt. Nun Schrecken und Verwirrung und Angst und kaltes Grau'n, Nun Kriegsgeschrei und Feuern und rasches Nicderhau'n. Bald um des Feindes Büchsen entschieden ist der Kampf, Die fliehenden Konstabler verbirgt der Pulverdampf. Jetzt schnell des Feindes Büchsen dem Feinde zugewandt, Jetzt rasch mit Feindes Pulver die Schlangen losgebrannt – Die alte Schlangentreue bewahrt sich wahrlich gut; Sie säuft am gleichen Tage so Freunds- wie Feindesblut. Ihr Berneroberländer, und Ihr vom Städtchen Thun , Die Schlangentreu' zu prüfen, das war ein herrlich Thun; Im wehnden Thunerbanner den dunkeln schwarzen Stern Mit einem rothen Sterne vertauscht' ich gar zu gern. Rene, im Mitteltreffen entflammt von Rachewuth, Der kühlet seinen Ingrimm in der Burgunder Blut, Thierstein und Greierz lichten der Feinde ehrne Reihn, Da keltern ihre Schwerter heißen Burgunderwein. Waldmann mit seinen Zürchern, in Farben weiß und blau, Der sprach zu Karl, dem Herzog, viel Worte wild und rauh, Viel Worte scharf und schneidend mit seinem guten Schwert: O, hätt' ihn andre Worte der Welsche nie gelehrt! Auch Bubenberg in Murten, er feiert wahrlich nicht: Wie rasch mit seinen Kriegern er aus den Thoren bricht! Da pflüget tiefe Wunden die »Bauernschaar von Bern«, Durch schimmernde Kürasse den blanken, schmucken Herrn. Und immer wilder rasend der Schweizer vorwärts drängt, Und in des See's Fluthen so manchen Ritter sprengt, An dem des See's Welle die Rache übernimmt, Daß bald auf seinem Spiegel ein Heer von Leichen schwimmt. Doch wo die Hauptstandarte Karl's Helmeszier umweht, Allda der Schweizer Schlachtsturm am heftigsten ergeht. In blanken Silberbrünnen die tapfre Garde ficht; Das Unglück auch den Helden noch Ruhmeskränze flicht. Wie manchem auch der Britten die Todeswunde klafft, Sie weisen wohl im Kampfe des Fechtens Meisterschaft. Auf Helmen klirrt die Keule, die stählerne Armbrust klingt; Der Pfeil im Schwalbenfluge durch Heldenherzen dringt. Von Somerset der Herzog nach tapfrer Ritter Art Gar manchen schönen Sennen beraubt der Bergesfahrt. Der Senne stürzt, durchstochen die liederreiche Brust, Und stirbt im heitern Antlitz des Heldentodes Lust. Doch mächt'ger stets zum Angriff der Eidgenosse stürmt, Und hoch und immer höher die Feindesleichen thürmt. Es weicht die wackre Garde der Alpenfelsen Stoß, Es wankt des ganzen Heeres vielarmiger Koloß, Noch einmal sich ermannend, der Herzog Somerset, Ein Felsenthurm im Meere, der Wuth der Schweizer steht; Als sausend eine Kugel durch seinen Panzer schwirrt, – Er stürzt; im schweren Falle weitum die Rüstung klirrt. Und wie die schwarze Hippe stets rascher schwingt der Tod, Und wie auf blut'gen Schwingen stets näher fliegt die Noth; Um seinen Leib Herr Jakob von Mäs das Banner flicht, Und kämpft, bis ihm ein Speerstoß die treue Brust durchsticht. Wie eine Rieseneiche fällt des Orkanes Macht, So stürzt der große Bastard umwölkt von Todesnacht. Trauernd aus seiner Linken das stolze Banner sinkt, Und auf der fremden Erde das Blut der Herren trinkt. Was ist's, das dort im Walde, der grün die Höhn umkränzt, Sich regt und vielfach leuchtend im Strahl der Sonne glänzt? Es woget schnell und schneller, es strömt herab mit Macht, Läßt Siegesjauchzen tönen und stürzt sich in die Schlacht. Er ist's mit seinen Jungen, der alte Hertenstein; Was Männerkraft errungen, das heimst der Jüngling ein. Das mähet in den Feinden, als gält' es dürrem Gras, Nur wurden alle Schochen vom rothen Regen naß. Da fällt dem kühnen Herzog in seiner Brust der Muth, Sein Pferd, er reißt es rückwärts mit stummverbiss'ner Wuth, Er flieht, dreitausend Ritter mit ihm und seinem Glück; Fern glänzen ehrne Hufen im wilden Flug zurück. Jetzt allgemeines Flüchten hin durch das Feld erbraust. Wie, wenn die Stämme beugend, der Wind den Wald durchsaust, Also der Eidgenosse des Feindes Schaaren drängt, Daß mancher Ritter fliehend das Fußvolk übersprengt. Wie da, als der Burgunder bang zu entfliehen strebt, Die Schaar der Schweizerbanner in seinem Rücken schwebt In stolzem Siegesfluge, vielfarbig bunt gemengt, Von rother Morgensterne Siegesreigen rings umdrängt! Umsonst, daß der Besiegte auf seine Kniee fällt, Und, um Erbarmen heulend, den Arm des Siegers hält; »Brie! Granson!« ruft die Rache aus Aller Mund zugleich, Zu Boden streckt den Flehnden vielfacher Todesstreich. Viel Tausend der Lombarden, die auf beschilftem Grund In schwerer Rüstung stehen, verschlingt des See's Schlund. Ein trüber Wasserwirbel sich weit im Kreise dreht, Und seufzend durch das Schilfrohr ein leiser Südwind weht. Und ringsum Todesstille, kein Feind mehr nah und fern, Die Morgensterne ruhen, es glimmt der Abendstern, Und freudig dankend liegen die Sieger auf den Knien, Umschwebt von ihrer Hörner siegesfrohen Melodien. Das Lied vom neuen Bund (1848). Und zittert rings die ganze Welt Mit ihren morschen Thronen, Ob auch die letzte Stütze fällt, Wir werden sicher wohnen. Die neue Burg steht unentwegt, Mit Mauern, Wall und Thürmen, Den Grundstein hat Gott selbst gelegt, – Wer will sie niederstürmen? Die Mauern sind die Herzen all, Die für die Freiheit schlagen, Und unsre Leiber sind der Wall Aus Marmor aufgetragen. Die Thürme unsre Führer sind, Des Bundes treue Wächter, Trotz Schlossenschlag und Wirbelwind Der freien Burg Verfechter. Das Kreuz von allen Zinnen weht, Der Bruderliebe Zeichen, Ob Zwietracht rings nach Raube geht In aller Fürsten Reichen. Die Liebe schafft die freie Schweiz, Drum aus Europa's Blute Erglänzet sie als weißes Kreuz Mit freiem, stolzem Muthe. So stehe fest, du neuer Bund, Gebaut aus Bruderherzen, Und strahle durch das Erdenrund Gleich tausend Sternenkerzen! Bleib ewig neu und stark und rein Und laß die Schlossen wettern; An dir, Europa's Edelstein, Wird jedes Korn zerschmettern. Meta Heußer, geb. Schweizer Die Sprache der Natur Seid mir gegrüßt, ihr grünen Schatten, Du wildes, ernstes Felsenthal, Ihr Alpen und ihr Blumenmatten, Verklärt vom Abendsonnenstrahl. Es forscht mein Herz mit Kindesfragen In deiner Bilderschrift, Natur: In Hymnen aufgelöste Klagen – Sein Echo – tönen Hain und Flur. Als, reich an Blumen und an Träumen, Hell vor mir lag der Kindheit Bahn, Da wurde unter meinen Bäumen Ein Gotteshaus mir aufgethan. Zu frühe schloß sich seine Pforte, Das Leben wurde schal und leer; Mein Ohr vernahm die Gottesworte Am Busen der Natur nicht mehr. Da war ich mir der tiefen Wunden Des armen Herzens nur bewußt; Auf Erden war kein Heil gefunden, Kein Frieden in der eignen Brust; Es schien des Morgenlichtes Helle Mir trüb' in den getrübten Blick Und die bewegte Silberwelle Gab meine Klagen nur zurück. Doch als in wunderbarer Klarheit Der Freund vor meine Seele trat, Der uns verklärt' in Lieb' und Wahrheit Des ewigen Erbarmens Rath; Als er die treue Hand mir reichte, Die einst für uns geblutet hat, Durch Kampf und Tod den Weg mir zeigte Zur Heimat in die Gottesstadt, – Und nun den Frieden wieder brachte, Den Sturm beschwor in süßer Ruh': Da ward es Licht um mich, da lachte Mir Erd' und Himmel wieder zu. Nun scheint die Welt mir rings verkläret, Sie ist ja meines Gottes Welt! Des Vaters liebe Stimme höret Des Kindes Herz in Wald und Feld. Die Morgenröthe lächelt wieder, Die Botin frohen Auferstehns; Es gehn die Sterne auf und nieder Zum Bilde süßen Wiedersehns; Es spricht nach der Gewitterstunde Des hohen Bozens Farbenpracht Von Gottes ew'gem Friedensbunde, Den mit uns Armen Er gemacht. Du Lieb' und Huld, die nimmer endet, Und unser keines je vergißt! Dir sei mein Leben zugewendet, Bis sich mein Auge brechend schließt, Dann weht dein Hauch um meinen Hügel, Und schmückt ihn mit der Hoffnung Grün; Die Liebe trägt als Engelsflügel In ihre Heimat still mich hin. Herbstwanderung »Von dem Herbste sollst du mir Heute, Kind, ein Liedchen singen!« Sprachst du, als am Abend wir, Vater, längs dem Strome gingen. Sieh', wie Frühlingsblumenpracht Glänzt der Wald im lichten Rothe; In den Felsenhainen lacht Helles Leben aus dem Tode. Lächelnd feiert uns're Flur, – Wie der Glaube sterbend lächelt, – Feierabend der Natur, Von des Friedens Hauch umfächelt. Feierabend! o wie schön Winkt das milde Wort den Müden, Sabbath Gottes, einzugehn Aus dem Streit in deinen Frieden! Wie so still das Blättchen fällt! Eingeweiht zum Auferstehen Sehn wir diese Pflanzenwelt Todesstoß in's Sterben gehen. Keimt die grüne Saat nicht schon Zwischen den verwelkten Matten? Rauscht nicht wie Prophetenton Hier der Strom im Bergesschatten? Wort vom Anfang? Wunderbar Sprichst du in der Schöpfung Walten, Heißest Leben rein und klar Aus dem Sterben sich entfalten. Thränen fließen, – aber heut' Ist die Seele nicht beklommen, Denn das Wort der Seligkeit Hat die lauschende vernommen. Wir auch werden untergeh'n Nach den Stürmen, die uns trafen, Nicht den ew'gen Frühling seh'n, Eh' wir welken und entschlafen. Aber heiter wie die Flur Scheiben wir; den theuren Glauben Und des ew'gen Lebens Spur Kann kein Winterfrost uns rauben. Nichts vergeht in Gottes Reich, Wo die starke Liebe waltet, Die aus der Verwesung Reich Unverwesliches gestaltet. Auf den heimatlichen Höh'n, Wo erst uns're Thränen flossen, Werden wir einst wandelnd geh'n Von Verklärungsglanz umflossen. Und erfüllt ist dann das Fleh'n, Das Jahrhunderte von Allen, Die hier liebend untergeh'n, Hören himmelan erschallen: »Herr, dein Wille soll gescheh'n, Wie im Himmel auf der Erde! Laß dein Reich uns kommen seh'n, Daß verklärt dein Name werde!« Sieh der Sonne letzten Blick Auf das Land der Hoffnung fallen! Ueberall glänzt Licht zurück, Wie ein Strahl aus Salems Hallen. Heim in's Hüttchen nun! – geschaut Haben wir des Todes Schöne; Mit des Lebens Wort vertraut, Froh vernommen seine Töne. Mit der Schöpfung innig Eins Decken uns der Liebe Flügel; Tief im Busen alles Seins Ruht des ew'gen Lebens Siegel. Am Bache Haben sie Alles dir geraubt, Armer, murmelnder Bach, Was du treueigen dein geglaubt? Klagst du Verlorenem nach? Dir im Innersten, klar und mild, Wohnte sanft Eines mit dir, Deiner trauten Umgebung Bild; Drüben Gebüsch und hier. Aexte klangen, die Esche fiel, Erl' und Flieder verschwand, Und der säuselnden Birken Spiel, Innig dir sonst verwandt, Kahl und öde ist's hier und dort; Ueber grauses Gestein Eilst du klagend und suchend fort, – Wärst du denn ganz allein? Waren sonst tief im Herzen dein Liebe Bilder zu Haus: Siehe, so glänzt nun der Himmel hinein, Füllet er selbst dich aus. Klage nimmer! die Welt ward leer. Aber der Himmel ging auf; – Geh' nur! Bald in's unendliche Meer Mündet, Bächlein, dein Lauf. Der Mönch Sie haben sie vertrieben, Die Mönche dort im Thal; Doch einer steht da drüben Gar fest im Sonnenstrahl. Den lassen sie wohl stehen Im weißen Chorgewand; Mit priesterlichem Flehen Das Haupt zu Gott gewandt. Zwar hüllt in Wolkenflöre Er oft sein altes Haupt, Daß er nicht seh' und höre, Was seinen Fuß umschnaubt. Nicht mag er niederschauen, Wie alte Schlangenlist In Herzen, Hütten, Gauen Stets neu erweckt den Zwist. Er steht ja abgeschieden, Ein Mönch, dem Herrn geweiht, In ewig stillem Frieden, Erreicht von keinem Streit. Doch früh zur Morgenfeier, Wenn rings noch schläft die Welt, Dann flammt sein Opferfeuer Empor zum Himmelszelt. Das sollen sie ihm wehren, Die Männlein in den Gau'n! Er wird ja bald mit Ehren Auf ihre Gräber schau'n. Jahrtausende der Gleiche, Sieht er aus blauen Höh'n, Wie Burgen, Klöster, Reiche Entstehen und vergeh'n. Einst wird er selbst sich beugen, Der Ungebeugte dort; Wird willig dann sich neigen Vor seines Gottes Wort. Und ob der Mönch veraltet, Und ob vergeht die Welt: Die Liebe, die da waltet, Wenn Berg und Hügel fällt, – Sie führt zum ew'gen Frieden Hinaus den alten Streit, Und was die Zeit geschieden, Das eint die Ewigkeit. Bis dahin, Alter, stehe Dem Lande betend vor, Und zieh zur Himmelshöhe, Noch manchen Blick empor! Aus unsrer Zeit Der Morgen rang mit Finsternissen, Tief unten lag der Wolken Grau! Ein Falter, der sein Grab zerrissen, Durchschwebte leicht die Blumenau. – Aus langer Nacht zum ersten Tage, Zum Leben aus dem Traum geweckt, Hat er mit jedem Flügelschlage Sich eine neue Welt entdeckt. Die Vöglein fingen an zu loben Des Lichtes Quell, der Sonne Strahl: »Der Tag ist da, er kommt von oben, Deckt gleich die Wolke noch das Thal.« Des Sanges wundert sich der Falter: »Die Sage lautet wunderbar! Der Sänger Geist ist stumpf vor Alter, Mein junges Auge schauet klar. – Von oben soll das Licht uns kommen, Aus jener Mauer schwarz und dicht? In unsrer Näh ist es entglommen; – Schaut ihr die goldnen Lichter nicht?« Es birgt in einer Sonnenblume Goldhellem Stern der Falter sich, Und ruft aus seinem Heiligthume: »Im Quell des Lichtes wieg' ich mich!« Die Sonne droben hat's gehöret, Hat freundlich nur dazu gelacht, Die Morgennebel still zerstöret Und eine Welt voll Licht gemacht! – Hirtenknaben Der Hirtenknab' am Alpensee Inmitten seiner Heerde Spricht auf den Knie'n das ABC Mit betender Geberde. Ihm naht der Pfarrer ungesehen: »Was, Kind, soll das bedeuten?« – »O Herr, ich hör' auf allen Höh'n Zur Abendandacht läuten, Da möcht' ich auch den Antheil mein An all' der Andacht haben.« – »Doch, Knabe, soll dies Beten sein? Du lallst ja nur Buchstaben!« – »Ich weiß nicht wie ich beten soll. Da bring ich meine Sachen Dem lieben Gott, – der weiß ja wohl D'raus ein Gebet zu machen.« Ein Gespräch »Was willst du, Kleiner, noch so spät Im Gärtlein ganz allein?« – »Lieb Mütterchen, der Abend weht So mild, so engelrein! Die Sternlein leuchten und der Mond Vom Himmel blau und klar. Und ob den goldnen Sternen wohnt, Der lieben Engel Schaar. Dein Vater auch, der liebe Greis, – Wie liebt' ich ihn so sehr! Mit seinen Locken silberweiß Spielt nun dein Kind nicht mehr. Ich ging allein und dachte sein, Und weich ward mir das Herz; Da dacht' ich: Hätt' ich Flügelein, Zu fliegen himmelwärts, – Wo unsrer Todten Heimat ist, In lichter Himmelspracht, Und unser Heiland Jesus Christ, Der selig sie gemacht! In's Auge flossen Thränen mir, So süß, weiß nicht, woher? Sieh, Mütterchen, da hab' ich hier Gebetet, o so sehr: Du liebster Heiland! mache mich Von allem Bösen los, Und laß mich ruhen ewiglich In deinem treuen Schooß!« – »Komm, liebes Kind, an meine Brust! Ja bete, bete du! Dein Engel sprach, dir unbewußt, Sein Amen selbst dazu. Die unsichtbaren Flügelein Von Himmelsduft umweht, Die uns zur Heimat tragen ein, Sind Liebe und Gebet. Die pflege Gott in dir und mir, Bis sie uns hingebracht, Wo schöner, als die Landschaft hier, Der Garten Gottes lacht!« Bad Pfäffers In die Tiefe mußt du steigen, Der Genesung Quell zu trinken, Dich zum dunkeln Grunde neigen, In des Heiles Schooß zu sinken. Droben wohnt das frische Leben, Steh'n Palaste, blühen Auen; Doch das Elend wohnt daneben, Und der Gräber düst'res Grauen. Wende dich und geh' hinunter! In den dunkeln, engen Klüften Rinnt der Quell, der ewig munter Ihren Staub entreißt den Grüften. Hier ist's stille, hier ist's dunkel; Doch in wunderbarer Klarheit Flammt herab das Lichtgefunkel Aus dem hohen Land der Wahrheit. Darfst nicht in der Tiefe bleiben Für die Höhe du Gebornes! Höher, denn die Wolken treiben, Liegt dein Erbe, dein verlornes. Einer fand für dich es wieder, Stieg, es blutig zu erringen, Tiefer in den Abgrund nieder, Als wo ird'sche Quellen springen. Seine wunderbaren Pfade, Abwärts erst auf dunkeln Stufen, Führt nun die verborgne Gnade, Die zur Höhe sie berufen. Weg von Festen, Spiel und Reigen, Fühlst du sterbend krank dein Wesen; Wo die Menschenstimmen schweigen, Rinnt der Quell dir zum Genesen. Aus der Tiefe, bang und trübe, Wo das Herz sich selbst erkannte, Dann, durchblitzt von Seiner Liebe, Seinen Retter stammelnd nannte, – Schwebt es, selig im Gesunden, Aufwärts in die Himmelslüfte. Bahn hinauf hat Er gefunden, Der das Siegel brach der Grüfte. Birg mich denn im dunkeln Grunde, Fern dem irdischen Getriebe, Heiland, daß auch ich gesunde, An dem Heilquell Deiner Liebe! Und in diesen Felsentiefen, Wo mir tausend stumme Zeugen Deinen großen Namen riefen, Dem sich alle Knie' einst beugen, Bürg' es mir im schönen Bilde, Daß, wo Du zur Tiefe leitest, Aus dem Felsen göttlich milde Lebenswasser Du bereitest. In Pfäffers Moose. Hier, tief im Erdenschooß, soll in die Gruft ich steigen? Nein! neues Leben wird im Felsengrab dein eigen. Rings ist der Blick gebannt, das drängt ihn himmelwärts: So kehrt zu Gott allein, sich im Gedräng' das Herz. Dem rauhen Fels entblüht der Alpenrose Roth, Wie Lieb' und Hoffnung sproßt aus starrer Erdennoth. Die Felswand wird zu Gold im Abendsonnenblick: So mahlt Erinnerung entschwundner Jahre Glück. Wie klein steh ich vor dir, o Riesin, Felsenwand, Die aufwärts meinen Blick mit stummer Macht gewandt! Hier steigt des Herzens Fleh'n geraden Laufs empor, – Tamina rauscht dazu ein Lied im höhern Chor. Nacht ist's in meiner Kluft; Tamina sonder Ruh' Trägt ferner Stimmen Laut dem wachen Träumen zu. Heb' auf das Haupt! es wirft den goldnen Himmelsschein In deiner Felsennacht ein lichter Stern herein. O Wega, sei gegrüßt, die jetzt so mild und traut Auf meines Hüttchens Dach, auf meine Kindlein schaut! Wie schmilzt der Trennung Leid, wie wird die Ferne nah', Wenn Himmelsnähe sich erweiset dort und da! O Auge, treu und nah, das ob uns Allen wacht, Mich labt ein Gruß von dir in deines Sternes Pracht! Wie manche Wohlthat liegt in Gottes Welt versteckt! Doch ist ihr Zugang uns von Nacht und Graus bedeckt. Nicht tiefer Forschung Fleiß, es fand die Einfalt nur, Der Gemsenjäger schlicht der Wunderquelle Spur. Verschlossen blieb sie wohl den Leidenden noch heute, Wenn nicht die kühne That das Heiligthum befreite. So kann das Himmelreich die Huld des Herrn nur schenken, Doch ihm Gewalt zu thun, muß Er die Herzen lenken. Lieb' Mägdelein, wie so leicht hüpfst du von Höh' zu Höh'! Macht dich die Alpenwelt zum Gemslein oder Reh? Trinkst du auch Lebenssaft aus dieser Bergesluft, Aus Fels und Hain und Strom und Alpenblumenduft? O Kind, ich seh' dich gern in Gottes Buche blättern, Spricht er dir gleich noch jetzt in unverstandnen Lettern. Wir ahnen alle nur die Zeichenschrift, und sind, Wenn wohl es um uns steht, vor ihr ein lernend Kind. Doch »Gottes Lieb' und Näh'« – des Buches erstes Wort – Das töne, Kind, auch dir durch's ganze Leben fort! Wie rein ist die Natur, von Menschen nicht entweiht! Verlornen Edens Hauch durchweht die Einsamkeit. Doch wird mir die Natur durch Menschen auch beseelet, Wo Blick und Wort von Dem, der sie erneut, erzählet, Da weht Sein Lebenshauch, es steht der Liebe Hoffen Das ew'ge Paradies erlöster Seelen offen. Gestalten, die ihr euch im bunten Kreise regt, Was ist es, daß mein Herz so warm euch Allen schlägt? Wir Alle suchen Heil an dieses Brunnens Rand; – Wie fühlt sich gleiche Noth und gleicher Wunsch verwandt! Welch wunderbarer Zug das Herz zu Menschen zieht, Indeß der scheue Blick sie fremd und ferne sieht! O reiches Menschenherz! dir ist die Macht geblieben, Die Andern ungekannt und unbemerkt zu lieben. Willst du des Lebens Bild in diesem Saale sehn? Wir kommen, schau'n uns an – oft erst zu spät – und gehn. Das Leben flieht, gefüllt von lockenden Gestalten, Bei wenigen nur darf der flücht'ge Fuß sich halten. Lebt wohl! mag spurlos euch mein Bild entschwunden sein: Das eure grub sich tief ins tiefe Herz mir ein. Ein Bethel ist der Ort, wo meines Gottes Hand, Sein Schau'n auf meinen Gang ich nah und klar empfand. Du lässest treuer Herr, es mir an Manna fehlen, Doch giebst Du's, wie Du willst, nicht so wie wir es wählen. Bereichert zieh' ich fort, mit manches Anfangs Spur. – Was ist auf Erde mehr ? wir selbst beginnen nur. Leb' wohl, geliebter Quell, du meine dunkle Schlucht, Und segne Jeden, der in dir Genesung sucht! Leb' wohl, Tamina's Strom, du meine Felsenwand, Du heil'ger, dunkler Dom, du reiches Wunderland! Du steiler Felsenpfad, ihr Plätzchen meiner Ruh', Euch sendet leisen Gruß bald die Entfernte zu! Gall Morell Ostermorgen Auf, empor von Erdensorgen, Schwinde hin Charsamstagsnacht! Fröhlich strahlt der Ostermorgen, Hell, in unermeß'ner Pracht. Deines Kummers Leintuch lasse In der Felsengruft zurück, Dort mit Neid und Stolz und Hasse Ruhe auch das Sinnenglück. Aber frei und immer freier Schwinge sich der Geist empor, Daß zur wahren Osterfeier Ihn empfang' ein Engelchor! O der Wonne, es zu wissen, Daß der Geist lebendig webt, Daß sein Grab nicht Siegel schließen, Daß er ewig, ewig lebt! Ja das hat Er uns errungen, Der uns Freund und Bruder ward, Der so liebend uns umschlungen, Uns so klar sich offenbart; Der die Steine aller Grüfte Wie den seinen einst erhebt, Wenn sein Banner durch die Lüfte Vor dem Weltgerichte schwebt. Jauchzet – auch von unsern Grüften Wälzt der Herr den schweren Stein; Die Gebeugten, Vielgeprüften Werden einst noch glücklich sein, Wo die Seelen rein sich lieben, Menschenqual sich nicht mehr fühlt, Wenn der Leib zurückgeblieben, Und der Geist mit Engeln spielt. Die Glashütte Intra Wie das glüht und sprüht und knittert! Wie der Qualm die Nacht durchzittert! Ha, in diesem Höllenreich Werden Felsenblöcke weich! Wie in solchen rothen Gluthen Die geringste Mackel weicht, So wird in des Unglücks Fluthen Engelrein der Geist gebleicht. Seh' ich Glas, sonst so gebrechlich, Das im Ofenschlund gemächlich Dort der Bursch wie Bänder biegt? Dem es sich so willig schmiegt? Durch des Elends Gluth gezogen Stählet sich das Herz zur Pflicht, Manchmal wird es wohl gebogen, Doch gebrochen wird es nicht. Und so ist's – nur weich und milde Fügt das Glas sich zum Gebilde; Im durchglühten Feuerheerd Wird der Edelstein bewährt; Drum, wenn auch der große Meister Seine Treuen läutern will, Laßt euch bilden, edle Geister, Duldet, harret froh und still! Welch Gefäß sich hier bereite, Weiß der Meister nur allein, Ob er's für die Freude weihte Oder für den Leidenswein. Eines wolle nicht vergessen: Ein Juwel bewahrest du, In gebrechlichen Gefäßen Trägst du es dem Himmel zu. Der Blumenmarkt in Mailand Den 5. Oktober Wie mein Aug' erstaunt durchflieget Diese Gassen fern und nah! Eine Welt von Steinen lieget Ausgebreitet vor mir da. Alles lächelt meinen Blicken, Alles will mein Herz entzücken, Da vermiß' ich Eines nur, Dich, du liebliche Natur! Zwar der blaue Himmel schauet Auch in dies Gewühl herab, Doch die Fluren sind verbauet Und die Blumen welkten ab. Aber nein, sie blühen wieder, Und die Straßen auf und nieder Zieht so bunt von Ort zu Ort Ein belebter Garten fort. Zwischen todten Marmormassen Seh' ich holde Rosen blühn. Wie in Häusern und in Straßen Zierlich ihre Farben glühn! O Natur, du ewig milde, Deine rosichten Gefilde Mag dein Sohn dem Licht verbauen, Doch es wird ihm selber grauen. Was die Fluren reichlich gaben, Sucht er einzeln wieder auf; Blumen muß er wieder haben, Wär's auch nur im Marktverkauf. Was bei Sonnenschein und Regen Frei geblüht mit Gottes Segen, Muß er, daß es wieder blühe, Pflegen nun mit saurer Mühe. Auf der Eisenbahn Als ich im Wagen ein neben seiner Mutter schlummerndes Kind sah Kind, wie schlummerst du süß zur Seite der sorgenden Mutter, Zugeschlossen das Aug', sanft in die Ecke gelehnt! Tiefer wird, immer tiefer dein Schlaf und sanfter dein Athem, Hörst du es nicht, wie's kocht dort in dem eisernen Bauch, Nicht, wie verborgene Kraft hinreißt die gewaltigen Wagen, Daß sie rollend im Sturm eiserne Bahnen durchziehn? Siehst den Wald dort nicht und die Häuser im Fluge verschwinden? Ach so schnell ist der Zug, ach und die Reise so kurz! Du aber schlummerst, und erst am Ziele des Laufes erwachst du, Erst wenn die Gluthen verglüht, wenn sich die Dämpfe verziehn. Also rollet der Mensch dahin im Wagen des Lebens, Schnell wie der nächtliche Blitz, welcher die Wolke zerreißt. Immer kocht's in der Erde Schlund von verborgenen Flammen, Ströme brausen und Sturm zieht in den Wolken dahin, Oben und unten und rechts und links hinfliegen die Welten, Tausend Begleiter mit uns fanden im Wagen sich ein, Menschen seh'n wir am Weg und Stadt' und Bäume entfliehen, Laut ertönet des Markts, laut der Gerichte Gelärm. Uns aber kümmert das nicht und wir ruhn vom Schlafe gezwungen; Hin in die Ecke gelehnt, träumen wir kindisches Spiel. Taub dem gewaltigen Klang harmonisch rollender Sphären, Deren erhabenes Lied Wiegengesang uns bedünkt, Fliegen schlafend wir hin durch des Aethers unendliche Räume, Fest verschließend das Aug', fest verschließend das Ohr All' den unsäglichen Wundern, die rings wie die Luft uns umwallen. Erst am Ende der Bahn schlagen das Auge wir auf, Finden erstaunt uns drüben im fernen fremden Gebiete. Ach und so schnell war der Zug, ach und die Reise so kurz! Wohl dem Schlafenden, wohl, daß der Vorsicht heilige Mutter Sorglich neben ihm wacht, sanft aus dem Wagen ihn hebt! Wohl ihm, daß den gewaltigen Lauf ein Stärkerer zügelt, Welcher mit sorgender Hand nimmer die Pfade verfehlt. Das Wunder der Schöpfung Schon war der Bau der Welten fast vollendet, Die Sonnen rollten rasch auf sichern Bahnen, Die Ströme brausten und die Blumen blühten, Der Vogel schwang sich singend durch die Luft, Im Brautgewande lachte schon die Erde. Da rief Jehova seiner Engel Erste Vor seinen Thron. Sie kamen rasch gehorchend, Verneigten sich, das Antlitz still verhüllend, Und also sprach Jehova: »All die Wunder, Die meine Hand erschuf, habt ihr gesehn. Was soll ich Bessres noch und Größ'res schaffen Als meines Werkes Preis und höchste Krone?« Da hob das Haupt der Engel der Gewässer, Und seine Summe rauscht' wie Wasserbäche: »Der Wunder viel, o Herr! hast du geschaffen In deinen Wassern ohne Maß und Zahl, In deinen Strömen, die die Länder tränken, Und Quell und Meer und Bach lobt deinen Namen; Doch todt sind die Gewässer, und die Quelle Vertrocknet oft, und dem Gebot der Schwere Dient knechtisch jede Fluth. Erschaffe noch Den Quell, der aus sich selbst die Säfte sprudelt, Die nie versiegend, lebenhauchend strömen In Tiefen wie in Höhn, in Au'n und Wüsten, In Millionen Betten lustig rinnen; Den Springquell, der sich selbst erzeugt, sich selbst Bewegt und wie ein flammend Sonnenrad Die Lebenfluth nach allen Enden gießt.« – So sprach der Engel der Gewässer. Drauf Erhob der Sonnenengel seine Augen. In ihren Glanz vermag kein Mensch zu schauen, Doch vor dem Ewigen erbleichten sie. Er sprach in Flammenworten: »Herr des Lichtes, Du hast in deiner Schöpfung weitem Saale Des Lichtes wunderbaren Herd gegründet, Mit Kraft und Wärme Alles zu durchdringen; Doch mit dem Tage kämpft die dunkle Nacht, Dem warmen Sommer folgt der eis'ge Winter, Und von der Sonne bettelt Alles Wärme. Geuß deine Flammen in ein Erdgefäße, Das nicht erkaltet, wenn auch Sonnen schwinden, Das auch im starren Eisgebirge glüht, Und das von keiner Fluth gelöscht, vielmehr Die Fluthen selbst mit rother Gluth entstammt.« – Er sprach's und schwieg. Nun nahte sich voll Ehrfurcht Der Erden Engel – eilend sprach er also: »Der Wunder ohne Zahl hast du in Höhlen, In dunkeln Kammern deiner heil'gen Berge Den Engeln zum Entzücken aufgehäuft, Hast dir die heil'gen Tempel selbst errichtet, Mit Ehrensäulen selber sie gestützt Und Edelsteine rings um sie gelegt. Doch todt und starr und fühllos sind die Höhlen, Kein Laut des Lebens schallt in diesen Kammern. Erbau' uns eine Höhle, die da lebt, Und froh und unerschlafft in ihrer Wölbung Die Kammern selber öffnend und verschließend, Mit wunderbaren Thüren unaufhörlich Zu deinem Ruhm sich reget und beweget.« – Der Erde Engel neigte sich und schwieg. Da klangen goldbesaitet Himmmelsharfen, Und sieh, der Engel Erster hob das Haupt In schöner Majestät; mit Abendröthen War seines Kleides Saum gewirkt. Er sprach: »Die Himmel all' erzählen deine Ehre, Der Schöpfung tausend Riesenharfen klingen Und jeder Stern und jede Blume wird Zur Saite, die von deinem Lobe singt. Herr, eine Wunderharfe bautest Du; Doch ach, sie selbst versteht ihr Loblied nicht, Und Geister müssen ihre Saiten schlagen; Denn fühllos ist sie für des Höchsten Ehre, Gefühllos für die himmlischen Gefühle, Die beim Gedanken Deiner sanft sich regen. So baue denn aus Thon dir eine Leier, Die selbst erzittert, wenn dein Hauch sie rühret, Die jeden Laut der Schöpfung wiederklingt, Wenn er an ihre Saiten rührt, die Dank Und Liebe, Mitgefühl in Schmerz und Freude Und alles Schöne aus sich selber hallt. Das wird der Schöpfung höchstes Wunder sein.« – Kaum war das Wort gesprochen, da durchzuckte Ein Lichtstrahl alle Himmel, alle Geister – Die Schöpfung schwieg, die Cherubim verstummten, Jehova sprach. – Sein Wort vermöchte nicht Ein Mensch zu hören und sein Leben retten. – Er sprach: »Wohlan, was ihr begehrt, soll alles In Einem Wunderwerk vollendet sein.« Und Gott der Herr erschuf das Menschenherz . – Noch springt sein Lebensquell in tausend Adern, Noch strömt es Gluthen selbst in Eisgebirgen, Noch zittern seine Kammern, seine Höhlen, Noch klingt es, wie die Aeolsharfe klingt, Vom Hauch des tausendfachen Geist's erregt, Der Schöpfung allerhöchstes Wunderwerk. Drei Engel Drei Engel einst zusammen kamen, Wohl Mancher hörte ihre Namen, Doch Wenige verstehen sie; Sie heißen Glaube, Hoffnung, Liebe – Und wenn ich tausend Bücher schriebe. Ihr Lob erschöpft' ich dennoch nie! Der Glaube sprach: »Die Menschen haben Verachtet meine Himmelsgaben, Verschmäht mein alldurchdringlich Licht; Wegreißen wollt ich ihre Binden, Da schmähten mich die Ewigblinden: Wir brauchen deiner Leuchte nicht!« Die Hoffnung sprach: »An meinem Stabe Stützt' ich die Armen selbst am Grabe; Den Stab zerbrach der Erdensohn. Er wollte nichts von Hoffnung wissen, Des Himmels Burgrecht ward zerrissen, Nun buhlt er nur um Erdenlohn,« Die Liebe sprach: »Verhöhnt, vertrieben Hat mich die Menschheit, die nicht lieben, Nur hassen, freveln, fluchen kann. Mein Blut hab' ich für sie vergossen; Doch sie, sie hat mich weggestoßen, Hohnlachend als mein Herzblut rann.« Da sprach der Glaube: »Nun, die Thoren, So seien sie in Nacht verloren, Die nie ein Himmelsstrahl durchbricht! Mein Licht, sie wollten's nicht ertragen, So soll's denn einstens schrecklich tagen, Wenn Engel rufen zum Gericht.« Dann sprach die Hoffnung: »Das Verbrechen Der Hoffnungslosen streng zu rächen, Sag' ich mich heut von ihnen los; Doch sie, die nun so hoch sich tragen, Sie werden in der Noth verzagen, Denn finster ist des Grabes Schooß.« Jetzt sprach die Liebe: »Mag des Armen Sich Glaub' und Hoffnung nicht erbarmen, Die Liebe bleibt ihm ewig treu ! Ich kann den Irrenden nicht hassen, Nicht seinem Loos ihn überlassen, Denn meine Treu ist ewig neu. Ich stieg für ihn vom Himmel nieder, Dem Sklaven gab ich Freiheit wieder, Zum Himmel zeigt' ich ihm den Lauf. Er bleibt mein Sohn, wenn auch verloren. Mit Schmerzen hab' ich ihn geboren. Und such' ihn noch mit Schmerzen auf. Und find' ich ihn, den Langverlornen, In Schmerzen abermal Gebornen, So führ' ich euch ihn wieder zu. Ich lehr' ihn wieder glauben, hoffen; Und steht ihm einst der Himmel offen, So folg' ich ihm zur ew'gen Ruh.« Wie drei Bursche sich zurecht fanden Es fuhren drei Bursche durch Waldesnacht, Die hatten den Tag wohl vieles gelacht. Jetzt wurden sie still und forchten sich sehr, Denn sie fanden den Weg und den Steg nicht mehr. Da plötzlich von fern ein rettendes Licht Durch dicht bewachsnes Geäste bricht. Und freier athmen die Bursche nun auf Und richten dem Licht entgegen den Lauf. Der Leuchtthurm ist's, wie der Aelteste meint, Der im Sturm zum Troste der Schiffer erscheint. Der Andere spricht: »Der Magister wird's sein, Der studirt was Rechtes beim Lampenschein.« Der Dritte meint: »Das Licht ist so fern, Am End' ist's gar nur der Abendstern. Oder ist's Frau Martha, die Tag und Nacht An der Wiege des kranken Kindleins wacht?« Jetzt traten sie endlich durch Nacht und Graus Mit erleichterter Brust ins Freie hinaus. Da haben sie gleich das Kirchlein erkannt, In welchem das ewige Licht hat gebrannt. Das Licht, das so spät noch der lustigen Schaar Durch gefährliches Dunkel ein Führer war. Tief ward betroffen des Aeltesten Herz, Er sprach: »Fürwahr durch die Seele mir fährt's. Mir ist, ich sollte das Räthsel verstehn, Wir haben wohl alle ein andres gesehn; Wir haben gefaselt von mancherlei Licht, Und das rechte, das Eine, erkannten wir nicht. Und doch dieß Eine der Leuchtthurm ist, Der leuchtet im Sturme zu jeder Frist; Und die Lampe des weisesten Meisters blinkt, Die aus Nebel und Nacht zur Erkenntniß winkt. Und der Stern ist's, der über der Erde hängt, Zu dem sich des Menschen Gemüth hindrängt; S'ist die Mutter, die über der Wiege der Welt In den Atmen die kranke Menschheit hält.« Jetzt flackert die Lampe im Heiligthum Und die Lustigen werden ernst und stumm, Und treten aus Nebel und Nacht hinein In das Kirchlein voll lieblichem Lampenschein. Deutscher Dichterwald »Singe, wem Gesang gegeben In dem deutschen Dichterwald; Das ist Freude, das ist Leben, Wenn's von allen Zweigen schallt.« Seit der Meister das gesungen, Freute sich der Sänger Schaar, Einer wandert von den Jungen In den Wald hinaus sogar; Predigt dort den Vögelschaaren, Predigt recht mit Herzensdrang, Was der Meister wohlerfahren In besagten Versen sang. Und sein Wort fiel nicht daneben, Kam den Vögeln eben recht: »Mir ist auch Gesang gegeben,« Dachten Sperber, Fink und Specht. Da kam Freude, da kam Leben, In den deutschen Dichterwald, Als die Vögel sich erheben, Und ihr Aller Lied erschallt. Kukuk, groß in den Cadenzen, Rein, unsträflich in dem Reim, Glaubt mit diesem Reim zu glänzen, Süß und hell wie Honigseim. Spatz, mit selbstzufriednen Blicken, Zwitschert laut durch Hain und Flur, Allen Spatzen zum Entzücken: »Spätzchen, Spätzchen, Spätzchen« nur. Und der Storch auf hohen Stelzen, Hat mit seines Schnabels Wucht, Pracht und Anmuth zu verschmelzen, Jetzt zum ersten mal versucht. Doch des Hahnes lautes Krähen Kräht: »Wir sind für Freiheit reif!« Stolz wie ihre Fahnen wehen, Weht dabei sein bunter Schweif. Uhu tief im Burgesschatten, Mit gelehrtem Angesicht, Heult ein Epos mit Citaten Von Muspillis Weltgericht. Hänfling, Zeisig, Wachtel singen, Selten Lerchen zwischenein; S' war ein Krähen, Klappern, Klingen Durch den ganzen Dichterhain. Leider bei dem lauten Schallen, Das von allen Seiten gellt, Haben nur die Nachtigallen Ihre Lieder eingestellt. Jetzt erschrack sogar der Meister, Der den Zauberspruch gethan. Und die losgelass'nen Geister Nimmermehr beschwören kann. Jeder Vogel noch zur Stunde Um des Liedes Lorbeer wirbt; Sang und Unsang macht die Runde, Bis der letzte Vogel stirbt. Das Werdende Nicht das Fertige, das Reife Ist es, was ich gern ergreife, Weil ich der Verwesung nah Stets die reifsten Früchte sah. Gebt mir jugendliches Gähren, Das sich erst muß brausend klären. Gebt mir frisches Morgenroth, Dem zunächst nur Mittag droht. Fertiges taugt nicht auf Erden, Alles muß hienieden werden , Keimen, sich entfalten, blühn, Zehrend glühen, und verglühn. Alles Leben ist ein Wachsen, Ist ein Wechseln, um die Achsen Dreht sich, was in's Auge fällt, So Natur als Geisterwelt. Wohl besteht das Wandellose, Nimmer wechselnd wie die Rose, Wie der Stern am Firmament; Doch wer ist's, der's ganz erkennt? Was nur Ein's und unvergänglich, Bleibt dem Sinne unzugänglich, Der am Erdenstaube klebt Und in stetem Wechsel lebt. Doch in wandelnden Gestalten Wird ihm kund der Gottheit Walten, Wesen wird ihm durch den Schein, Und im Werden blüht das Sein. Nur der Wandelkreis beschreibet, Was da ewig ist und bleibet. In bewegter Wogen Nacht Fühlen wir des Meeres Macht. Mag es drum ein Bischen stürmen; Wie sich auch die Wogen thürmen, Steure fest dem Hafen zu, Nach dem Sturme kommt die Ruh. Nächtliche Seefahrt Durch dunkle Nacht der Dämpfer saust, Im Räderschwung die Woge braust: Da sitz ich still und blick' hinauf Und laß den Thränen freien Lauf. So steure Geist auf dunkler Bahn Durch den empörten Ocean: Es bricht des Herzens reger Schlag Sich Bahn durch Sturmesnacht zum Tag. So einsam ist's hier im Gewühl, Zurückgepreßt ist mein Gefühl; Die Schiffsgenossen kenn ich nicht, Weiß nicht, was ihre Sprache spricht. Da plötzlich seh ich Stern an Stern, Mein Heimatstädtchen ist nicht fern; Der lähmend bange Trübsinn weicht, Gottlob, der Hafen ist erreicht! Durch enge Gäßchen geht mein Lauf, Zwei Stiegen eil ich leis hinauf, Da öffnet sich ein kleines Thor, Und mich empfängt der Meinen Chor. Verstehst du Freund mein klein Gedicht? Aus Nacht und Nebel Freud und Licht, Aus Sturm und Wogen sanfte Ruh! Ha, kühner Schiffer, fahre zu. Der Baum Schlage als kräftiger Baum in den Boden die Wurzel der Demuth, Dann erst schwinge dich auf gegen das Himmelsgewölb. So nur wirst du ein Stamm, an welchen der Schwache sich anlehnt: Frucht und Schatten zugleich spendet der gastliche Zweig. Von Innen aus! Wer ernstlich was zu werden sucht, Bricht aus sich selbst heraus sich Bahn. Von Innen reift die süße Frucht, Von Außen fault sie an! Erinnerung Was Außen schön ist, gut und groß, Das schaffe neu im Innern, Dann bleibt es nicht Gedächtniß bloß, Dann wird es ein Erinnern. Das griechische Feuer Im großen Sturm der Völkerwanderungen Losch manches Licht; brach manches Steuer, Doch brannte stets, von keinem Sturm bezwungen, Des Griechengeistes edles Feuer. Hausmittel gegen Hochmuth Dem großen Manne blicke gern Tief in die Seel' hinein, Du siehst in seinem Augenstern Dein eignes Bild – doch klein. Der Lärmmacher Wem gleicht der Mann, der großen Lärm nur macht? Dem schlechten Rad, das immer knarrt und kracht; Dem leeren Halm, der stolz und aufrecht steigt; Indeß der volle sich bescheiden neigt; Dem leeren Faße, das so mächtig schallt; Dem Waldbach, der im Sturme niederwallt Und lärmend Leut' und Land verschlingt, Indeß das stille Bächlein Segen bringt. Der Zagende Wo wir auch sind im Erdenraum, Wir wandeln über Todtengrüfte, Ein Sargbett wächst in jedem Baum, Als Todesseufzer weh'n die Lüfte, Und jeder Glocke Stundenschlag Verkündet uns den letzten Tag, Und wo ein Stern durch Wolken bricht. Ist's unser stilles Todtenlicht. Der Hoffende Nein – wo wir geh'n im Erdenraum, Sproßt überall ein reiches Leben, Es wächst ein Kreuz in jedem Baum, Zur Hoffnung unser Herz zu heben, Und jeder Kirchenglocke Klang Ist froher Auferstehungssang, Und jeder Stern am Himmelszelt Beleuchtet eine bess're Welt. Aussicht von der Höhe Wer ganz die Zeit will übersehen, Und sie im tiefsten Grund verstehen, Muß auf des Wissens Gipfel gehen. Nur von den höchsten Geisteshöhen Gewinnt das Einzle den Gehalt, Gewinnt das Ganze die Gestalt. Alpenstimmen Ich war vom Vetter Präsident geladen, 'S war eben seiner Tochter Namensfest, Und Abends ausgesuchte Soiree. Herminia, Lutgarda, Hildigunda, Elisa, Frida, Bertha, Isabella Und andre Viele prangten da im schönsten Schmuck; Von Düften eine ganze Musterkarte Erfüllt den Saal; es rauschen Crinolinen. Man setzt sich: Hildigunda an den Flügel! »Du Herrliche, du Unvergleichliche, Du mußt uns heute was zum Beßten geben!« Sie läßt sich zehnmal bitten, endlich aber Beim eilften Mal entschließt sich Hildigunda, Und wie die Schleusen einmal sind geöffnet, Ergießt sich auch ein Strom von Polkas, Mazurkas, Scherzo's ohne Scherz, Und Variationen ohne Wechsel, Von Meistern, die Paris am beßten zahlt. Dazwischen bläst zuweilen auf der Flöte, Erminio, des Präsidenten Neffe; Auch deklamirt die siebenjähr'ge Emma Den zarten Löwenritt von Freiligrath, Und Alles klatscht ihr Beifall zum Ersticken. Nach jedem Stücke kehrt das Klatschen wieder, Und dann ein grelles, obligates Schnattern. Mir war, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, »Als ging ein Mühlrad mir im Kopf herum« Bei diesem Potpouri von Salonstimmen . Bald schnappte mir das Aug nach frischem Grün Und bald der Mund nach unverfälschter Luft, Am Meisten doch das Ohr nach Kraft und Wahrheit. Zum Glück, als eben monoton und herzlos Von Herz das neuste Stück geklimpert wurde, Entschlief ich sanft und sank in's Reich der Träume. Ich träumte, und das werd' ich nie vergessen, Ein holder Engel packte mich am Haar Und zog mich rasch empor, hinaus in's Dunkel. Es ging der Flug dem Alpgebirge zu. Da stellte mich der Engel auf ein Felsjoch, Das schwarz aus mondesbleichem Schneefeld aufstarrt, Das war ein and'res Schau'n, ein and'res Duften. Ich trank mir erst so recht die Lunge voll, Trank einen Rausch von Alpenlust mir an. Das Auge schweifte gierig hin und her Und folgte droben schwarzen Wolkenzügen Und unten den zerrissenen Wolkenschatten; Da sprach der Genius: »Nun merke auf! Vernimm mit rechter Lust die Alpenstimmen, Die sich zur Riesenharmonie vereinen!« Er schwieg; ich lauschte. Da begann's zu brummen Im tiefen Basse, wie wenn ferne Donner rollen. Die Lauwe war's, die niederdonnerte, Daß weit an Flüh'n das Echo wiederhallte. Dann immer schwärzer ward der Himmel; Der Föhn begann sein grelles Lied zu blasen; Das pfiff gewaltig durch die starren Firnen. Dann wieder dumpfes Brausen, ein Gestöhn Wie Hilferuf Versunkner in den Klüften. Zum Lauwensturz gesellt sich ferner Donner Und tiefes Tosen des empörten Waldbachs, Ein Orgelsturm auf Gottes Alpenorgel, Ein Pfiff dazwischen, 's war ein Murmelthier, Das seinen Wächter auf den Grat gestellt, Ein Schrei, es war der Schrei des Lämmergeiers, Der hungernd über mir im Kreise flog; Nun wieder plötzlich ein gewaltig Krachen, Als würde jach der Firnen Grund gespalten, Der Gletscher war es, der dem Katarakt Der Lauwe und dem Donner Antwort gab. Mir schwoll das Herz von übersel'ger Lust, Und von dem rohen Widerstreit der Töne Lauscht ich hinauf zur Harmonie der Sterne, Wo, rein von Mißton, auf den goldnen Saiten Der Sternenharfe Gott sein Weltlied singt. »Ich trag's nicht mehr,« sprach ich zu meinem Führer, »Mich drückt der Alpen Donnerklang zu Boden.« »So komm',« erwiederte darauf der Engel, »Du wirst noch and're Alpenstimmen hören.« Dann ging es niedwärts von den höchsten Firnen, Hinab, wo weiches Grün die Höhen schmückt, Die Alpenrose an den Felsen saugt Und mählig sich der Zweig der Tanne spreizt. Dann ging's auf grüne Matten, neben Bächen, Die ringsum lustig neben Runsen sprudeln. Da weilten wir am Fuß der Wettertanne. Die Sonne war indessen aufgegangen, Die Scheitel des Gebirgs mit Rosen kränzend. Da sang der Alpengeist ein sanftres Lied. Von naher Fluh vernahm ich frohes Jodeln Im Wechsel mit des Alphorns Melodie. Die süßen Töne meiner Heimat hört' ich, Und bald darauf den Klang der Heerdenglocken. Das Rind, nach frischen Morgenlüften schnuppernd, Muht auch sein Lied, begleitet von der Ziege, Die meckernd über Stock und Steine hüpft. Dazwischen rieselten die hundert Bächlein, Der Urhahn balzt, die Vöglein flöten; Es war ein wunderschönes Pastorale. Und als ich so den Stimmen allen lauschte, Scholl oben von dem Kirchlein bei der Klause Das Glöcklein hell zu mir herab, und unten Vom nahen Thaldorf Morgenglockenklang Herauf. Da sank ich betend auf die Kniee, Auch meine Stimme in dies Lied zu mengen, Und ich vermocht' es nicht; – nur stilles Ahnen Von bess'rer schweizerischer Harmonie, Von frisch urkräftigem und ächtem Sang Ergriff mich, – als ein ungestümes Klatschen Mich aus dem wunderschönen Traume weckte. Das Klatschen galt der neusten Fantasie Der fadesten und leersten Salonstimmen . Carl Morell Erinnerung Die Abendröthe leis und leiser Schmiegt sich an grüne Tannenreiser, Es flammt und glüht der ernste Baum, Er singt noch einen Jugendtraum. Durch's Auge bis in's Herz hinein Schleicht sich der freundliche Abendschein Und weckt, – was besser unten bliebe, Verschwundnen Lenz, verlorne Liebe. In die Berge In die Alpen hinein, in das schöne Land! In der Berge dunkelschattige Wand! In die Alpen hinein, in die schwarze Schlucht Wo der Waldbach toset in wilder Flucht!             Hinauf zu der Matte warmduftigem Grün,                       Wo sie blüh'n             Die rothen Alpenrosen. Schon schließen die starren Wände mich ein. Es tropft der Quell vom grauen Gestein; Der Tannzweig peitschend die Welle schlägt, Der Sturm hat die Nadeln hinweggefegt.         Und oben, hoch in den Lüften, kreist                       Wie der Wildniß Geist,         Der graue Lämmergeier. Und enger und enger schließt sich das Thal; Nur oben ein blauer Streifen schmal. Da schießt hervor aus dem feuchten Gestein Der Bach und stürzt in die Schlucht hinein.       Ich klimme hinauf – und aus Waldesnacht                       hat mich angelacht       Duftweiche Alpenweide. So ruh' ich träum'risch im warmen Grün, Seh' die Wolken hoch oben am Himmel zieh'n, Hör' unten tief um des Waldbach's Tosen Das helle Vogelgezwitscher kosen.             Und – ein Bote aus stillem Wunderreich –                       Anschmiegt sich weich             Die rothe Alpenrose. Verrathenes Geheimniß Geh' ich über Feld und Wald, Geh' ich ganz alleine; Doch die Vögel wissen bald, Was ich sinn' und meine. Horch! Was haben sie gesagt? »Bursche, nimm dein Herz in Acht!« Das ist doch eigen! Springen in die Welt hinein Lebensfrische Quellen; Meine Blumen werf' ich drein, Haben doch die Wellen Nicht gedankt und nur gelacht: »Bursche nimm dein Herz in Acht!« Das ist doch eigen! Schau, da winden sich durch's Thal Duft'ge Rosenhecken, Doch die Rosen allzumal Flüstern schlau und necken: »Helle Glut ist schon entfacht; Bursche, nimm dein Herz in Acht!« Das ist doch eigen! Hab' es Keinem doch erzählt; Ist Geheimniß blieben; Und doch weiß die ganze Welt Mein geheimes Lieben, Und ich hab's mit keinem Laut, Keiner Seele doch vertraut! Das ist doch eigen! Sehnsucht Ich weiß nicht, wie mir worden – Und weiß nicht, wie mir ist – Ich weiß nur noch von Allem, Daß du nicht bei mir bist. Im Wald sind viele Blumen, Es singen die Vögel all'. Es springt ob hellen Steinen Der fröhliche Wasserfall. Doch seh' ich nicht die Blumen, Ich höre die Vögel nicht, Kaum hörbar ist's verrauschet, Was flüsternd die Quelle spricht. 's ist mir wie'n Traum geworden Alles, was um mich ist; Ich weiß nur noch von Allem, Daß du nicht bei mir bist! – Ein Blumenstrauß In dem Moose schlank und fein Zittern blaue Glocken, Wollen in den duft'gen Hain Junge Herzen locken. Heimlich tönt's an meine Brust, Weiß, was es bedeute: 's ist der Lieb- und Maienlust Fröhlich Festgeläute. An dem Hage roth wie Blut Wilde Rosen prangen, Als der Lenz- und Liebesglut Feuriges Verlangen. Rosenbrand und Glockenruf, Holdes Lenzgetriebe, Kommt! zu schönerem Beruf Weiht euch meine Liebe. Was im Herzen ich gedacht, Meine stillen Flammen, Haltet es in duft'ger Pracht Farbig mir zusammen. Und so mög't ihr euch zu Haus Um die Holde ranken, Als ein frischer Blumenstrauß Seliger Gedanken. Vorfrühling Aus kaltem Boden steigt der Baum, Doch leise seine Wipfel beben, Als ob er aus dem Wintertraum Erwachen wollt' zu neuem Leben. Unwirklich ist noch rings die Welt; Doch aus den trostlos nackten Zweigen Schon manche grüne Knospe schwellt, Den nahen Frühling anzuzeigen. Mahnt ihr mich doch an dieser Zeit Geheimnißvolles Schöpfungsregen, An Herzen, die aus wildem Streit Dem Menschheitsfrühling glüh'n entgegen; Zerstreuten Geistesblüthen gleich Gesproßt am Baume der Geschichte, Die voll aufblühen, wunderreich An einem künft'gen Freiheitslichte. Dauer im Wechsel Was sinnst du, Herz, und kümmerst bang In dunkeln Winternächten, Als lauschte dir der Glockenklang Vergangner Tage Abschiedssang, Verfallen finstern Mächten. Sie rauschen da, sie rauschen dort. In stetem Wechselspiele, Und reißen in dem Strome fort Des Herzens unbewachten Hort Beglückender Gefühle. Laß ziehen, was nicht bleiben will! Du kannst es nimmer halten. Kehr' ein in's Herz und harre still: Dort ruht des Guten noch so viel, Um schön sich zu gestalten. Was zu verlieren du geglaubt, Du hast es nie besessen. Der Kranz, der schön geschmückt dein Haupt, Und den der erste Sturm entlaubt, Er bleibe dir vergessen. Nicht trübe dir den heitern Blick So schmerzliches Verlassen. Gib es dem Schicksal gern zurück, Um jenes, was dir blieb von Glück, So fester zu erfassen. Und ob die Rosen all' verblüh'n. Das Schifflein zieht zur Ferne Mit deiner Hoffnung Schätzen d'rin – In dunkler Nacht am hellsten glüh'n Der Liebe ew'ge Sterne. Laß ziehen, was nicht halten will! Fremd wär' es, auch wenn's bliebe. Kehr' ein in's Herz und harre still, Und halte fest, wie's kommen will, O Herz, an deiner Liebe. Bundeslied Wie uns hier zu guter Stunde Hält ein guter Geist gebannt, Schall' es frisch aus Herzensgrunde, Dem die Herzen zugewandt. Freier Kräfte regem Streben, Brudersinn in Lust und Leid, Einem schön geeinten Leben Sei der volle Kelch geweiht. Lassen wir das bange Quälen Um ein unbestimmt Geschick. Oeffnen heiter wir die Seelen Dem geweihten Augenblick. In verstärkter Flamme lohe Uns, was gut und schön und wahr, Und als einzig Leiden drohe Scheiden aus der Freunde Schaar. Lächelnd winkt das Glück des Lebens Uns aus lieben Augen zu. Zaud're nicht! Du harrst vergebens, Denn dein Glück, das schaffst nur du. Hange fest am rothen Munde, Lädt zu sel'gem Kuß dich ein Liebe Lippe: nur die Stunde, Nur der Augenblick ist dein. Alles Schöne, das da wallte Hin durch den beseelten Raum, Schwindet rasch, als ob's gestalte Deine Seele, Welt, im Traum. Wie die bunten Farbentöne Auf des Falters Schwinge glüh'n, Lebt im Fluge nur das Schöne. – Doch der Geist darf ewig blüh'n. Ein's d'rum soll für uns nur taugen: Laßt uns Alle, treu geeint, Mit den hellen Geistesaugen Halten, was vergänglich scheint, Frisch und schön die Welt genießen, Lieben Alles, ohne End, Bis wir uns in's All ergießen, Neuen Lebens Element. Der Kelch in der Runde Nur Todtes ist, was gesättigt ruht, Doch rastlos das Leben auf Erden: D'rum bring' ich die ambrosische Fluth, Dem ew'gen Bewegen und Werden. Wie der Bergbach rauscht vom Felsenhang, Und wächst von Stunde zu Stunde, Und nimmer zaudert im eilenden Hang, So mache du, Becher, die Runde. Schon rollt er in prächtigen Wogen daher, Und schlägt sich durch Felsen und Riffe. Da schimmert auf das unendliche Meer Und die weithin segelnden Schiffe. Die Möven fliegen, die Wolken ziehn Hoch über dem gräulichen Schlunde – Zum seligen Lande der Zukunft hin: Herum, o Pokal, in der Runde! In der Rebenlaube, dem heimischen Ort, Sitzt Einer glückselig beim Andern, Wo im Wechselgespräch das geflügelte Wort Von Lippe zu Lippe muß wandern. Vom freien Leben, vom Männerstreit, Vom Höchsten geben sie Kunde; Und mit den Gedanken in treuem Geleit, Macht der volle Becher die Runde. Und herüber klingt ein verlockender Ton Von jubelnden Hörnern und Geigen, Und unter den Linden da tanzen sie schon Den seligen, nächtlichen Reigen. Da leuchten die jungen Augen auf, Da lispelts von Munde zu Munde. Wie sie im kreisenden, schwebenden Lauf, Mache du auch, o Becher, die Runde. So wandelt in ewigem Wechsel die Welt Ein ruh'los Vergehen und Werden. O wüßt' ich nur Eines, so fest aushält Im stürmischen Kreislauf der Erden. »Und ist's nicht ein Herz, hingebend und treu?« So flüstert's von rosigem Munde. Hurrah! Jetzt füllt mir den Becher auf's Neu Und jubelnd mach' er die Runde! Erlösung Ob du mich liebest, möcht' ich fragen – Und ob dein Auge, mild und klar, Wie du es schüchtern aufgeschlagen, Ein Stern für meine Liebe war. Ein Leitstern, der dem müden Herzen Hell leuchtet mit verklärtem Schein, Aus seinem Wanderzug voll Schmerzen Zur lieben Heimat führet ein. Ach: tiefes Herz – herumgeschlagen Ein Schifflein auf der wilden See, Das doch ein hohes Gut getragen, Des Menschenschicksals stilles Weh. Die Wellen tragen dir's entgegen, Die Segel schwellen voll und rund; O, laß mich ruhig Anker legen In deiner Liebe sichern Grund! – Würtemberg-Husaren 1849. Wo fern der blauen Donau Uferweite Das Schloß Komorn beherrscht, ein Felsenaar, Da steht, die kampfgestählte Wehr zur Seite Noch eine kleine, stolze Männerschaar. In dichten Reihen stehen sie zusammen Und krampfhaft preßt dem Kamerad die Hand Der Schlachtgenoß. Vom Auge brechen Flammen. Denn ach, verloren ist das Vaterland, Vergebens stürmt' der Honved Ofen's Mauern, Vergebens flog ins Schlachtfeld der Husar Und sandte vor sich her ein Todesschauern Ins Herz der kaiserlichen Söldnerschaar. Vergebens wogten reich der Ehre Saaten Im Ungarland, wo jeder Mann ein Held, Denn Görgey hat die Heimat ja verrathen Dort in Vilago's fluchbeladnem Feld. Und auch Komorn –, das felsenfest gestanden Und Oestreichs Heere schleudert' in die Waag, Wenn seine Mauern Racheengel sandten Ins Feld – erfährt der Freiheit letzten Tag, Den letzten Tag des heil'gen Ungarrechtes, Geschützt durch Kossuth's heererweckend Wort. Die herrlich strahlt' im Feuer des Gefechtes, Die gute Waffe liegt am Boden dort. Und um die Männer zieht als Eisenmauer Sich rings das österreichische Carré; Doch kalt schaut Haynau's Auge, ohne Trauer Um dieses Volkes namenloses Weh. Da stellt' Held Klapka sich vor die Husaren Und sprach in seines Volkes Feuergluth Ein letztes Wort des Dankes zu den Schaaren Für ihre Treu' und ächten Mannesmuth. Aus jenen Augen quellen heiße Tropfen, Die ruhig in der Schlachten Graus geseh'n, Doch bricht des Herzens ungestümes Klopfen Aus in ein langes, donnerndes »Eljen«! Doch wie die stolzen Töne leiser schallten. Trat Haynau höhnisch vor die Reiterschaar Und sprach: »Es möge seine Wehr behalten, Wer jetzt sie braucht für Oestreichs Doppelaar. Doch keine Antwort ward ihm von den Freien, Und Keiner griff nach dem verwaisten Stahl. Da, plötzlich, rief ein Graukopf aus den Reihen Mit fester klarer Stimme: »General! Vor Oestreichs Solde mag uns Gott bewahren! Doch wenn uns wieder braucht das Vaterland, Dann rufe man nur freudig den Husaren; Und Keiner fehlt von uns. Mein Kopf sei Pfand!« An die Nacht O Nacht, du stille, wolkenlose, O Zeit der milden, ernsten Ruh', Wie webt mir doch aus deinem Schooße Ein seliges Geheimniß zu. Des Tages wilde Pulse feiern Wenn Thaueskühle niederfällt, O stille Nacht mit deinen Schleiern Birg meine Liebe vor der Welt! Du hältst in deinem dunkeln Grunde Der Lustgestalten bunten Chor, Bis er in frischer Morgenstunde Sich bebend ringt aus dir hervor. In deinem Mutterschoß, dem theuern, Des Lebens erste Regung schwellt. O stille Nacht mit deinen Schleiern, Birg meine Liebe vor der Welt! Gern magst du, Herz, dich d'rein ergeben, Was ihre Sterne dir gebracht. Auch dieses neue, sel'ge Leben Ist leis entsprossen in der Nacht. Geheime Liebe darf ich feiern, Wo nur mein Aug die Wache hält, O stille Nacht mit deinen Schleiern Birg meine Liebe vor der Welt. Auf dem Missisippi Fern von des Urwalds säulenschlankem Dom, Der schützt des Missisippi reine Quellen, D» wogt, ein wandelnd Meer, der breite Strom Mit seinen dicken, gelben, trägen Wellen. Kein Waldesvöglein flöge drüber bin. Nur morsche Stämme aneinander krachen. Und zwischen ihnen hebt sich schlammig-grün Des Alligators Schweif und offner Rachen. Vergebens hallet ein verirrter Ruf; Rings ist nur Schlamm und gelber Tod zu sehen, Als sollte, was der frische Morgen schuf, In Todesgluth des Tages untergehen. Doch schau wie vorwärts in der trüben Fluth Sich eines Dampfers Schaufeln mächtig regen, Ringt mit des Geistes siegessichrem Muth Dem tückisch-plumpen Element entgegen. Ein schlankes Schifflein, dessen scharfer Kiel So leicht die wandermüde Fluth durchschneidet Als trieb er mit dem Gegner nur sein Spiel. Auf dem Verdecke drängt sich bunt gekleidet Ein wunderliches Volk, Das Lederwams Hüllt jenes Mannes eisenstarre Glieder, Vor ihm ein Tragkorb, voll des bunten Krams. Drauf sieht er hie und da verächtlich nieder Und mürrisch von den schmalen Lippen grollt: »Ist es auch elend Zeug, so bringt's doch Gold Und Büffelfelle mir von kind'schen Wilden.« Nicht fern von ihm seht einen Kreis sich bilden: Wie schwirren durcheinander nicht die Töne Gleich wilden Bienen – Aechte Frankensöhne, Verhandelnd – Zucker nicht und Wollenstück – Nein, ihres Vaterlandes wahres Glück. Ein Mann mit hoher Stirn und Falkenaugen, Doch zuckt Gemeinheit um die schmalen Lippen, Auf hohlem Fasse stehend schreit: »Es taugen Die jetzigen Herren nichts und ihre Sippen.« Er grollt ob Jener schmählichem Gewinn, Die an des Staates Honigwaben naschen: Und dennoch steht nach Anderm nicht sein Sinn, Als selbst ein solches Aemtchen zu erhaschen; Und jeder Höhre ist dem Manne hold, Denn jeder Sinn, wie seiner, geht nach Gold. Der Redner packt sie schlau bei Geld und Ehren; Er kennt sie trefflich, die Kentukybären, Und dreht der Redeblumen üpp'ger Strauß Beim Mangel geistigen Bandes zu zerfallen, So hilft ein Schlagwort glücklich ihm heraus Und neu gewonnen hat er es bei Allen. Denn kaum hat er die Rede noch geendet So wird ein donnerndes Hurrah gespendet, Und stürmisch bricht der ganze wilde Rudel Aus in den nationalen Yankeedudel. Doch ehe noch der wilde Sang vorbei, Mischt sich in ihn ein banges Klaggeschrei. Erschrocken halten Alle plötzlich an Und forschen, was das Rufen will bedeuten. – Am Dampfer fest gebunden ist ein Kahn, Schier überfüllt von kupferfarb'gen Leuten, Sind Seminolen, die der »weiße Vater« Vom alten, heim'schen Jagdgebiet vertrieb. Dort fällt die alten Eichen jetzt der Squatter. Es knattert in den Wäldern Hieb auf Hieb. Geschleppt vom stolzen Schiffe segeln sie Der neuen, ungewissen Heimat zu, Am Boden kauernd, Knie gepreßt an Knie, Hinbrütend in verzweiflungsmatter Ruh. Sie hören nicht des Yankee frohes Singen, Sie sehen nicht das helle Abendroth, Wie kranke Adler senken sie die Schwingen Denn grimmig haust in ihren Reih'n der Tod. Bewußtlos starren Augen in die Leere, Die in der Feinde Augen Blitze schossen; Matt sinkt die Faust, die einst des Beiles Schwere Leicht schwang, wie Kinder schwingen Blüthensprossen. Den armen Leuten steht nur hülfreich nah Im Todeskampf die braune, treue Squaw. Doch, wo das Schiff zum Landen Halt gemacht Wird Einer stets zur Ruhe weggebracht. Dem Krieger gaben sie die Flinte mit, Den Frauen Hausgeräthe und Geschenke, Dem Kinde Spielzeug, schimmernde Gehenke Und bunten Schmuck der Jungfrau – also quitt Zu werden mit dem Leben. Unter ihnen Lag stumm ein Greis mit ernsten, strengen Mienen. Der Alte war ein Häuptling und die Narben Auf Brust und Armen künden deutlich an, Wie manches Wild und mancher kühne Mann In seiner eisernen Umarmung starben. Vom Fieberschauer krampfhaft angerüttelt, Enthüllte sich sein mächtiges Skelett. Die Hand, die einst der Tomahawk geschüttelt, Sank kraftlos nieder auf das Buchenbett. Sie war so zart, so klein, des Mannes Hand, Die er wie spielend hin und her bewegte; Dann packt er grimmig an des Schiffes Wand, Als ob die alte Schlachtenlust sich regte. Die Sonne, die schon tief gesunken war. Beschien den Alten so mit vollem Glanze, Und wie verklärt vom goldnen Strahlenkranze Aufleuchtete sein silberweißes Haar. Da flog ein Lächeln über seine Züge, Und sanft bewegten seine Lippen sich, Als ob das sinkende Gestirn er früge: »Sag, führst du zu den grünen Feldern mich?« In scheuer Ehrfurcht Alle rings verstummen, Von seinen Lippen nur tönt leises Summen, Das zögernd hinstirbt in dem Abendwind. Zu stärkren Wogen schwellen an die Töne, Drob wachen auf die stolzen Waldessöhne; Wie flüssig Feuer durch die Adern, rinnt Der Schlachtgesang. Sie steigen von den Sitzen Und kampfesheiß die dunkeln Augen blitzen, Als ob der tiefgebeugte Sinn erwache Zu neuer Hoffnung und zur alten Rache. Und weiter sang der Alte; mächtig hob Er seine Axt, so daß sie Funken stob Im Abendsonnenschein. Mit wilder Gluth Hinschleudert er die Waffe in die Fluth. Noch einmal bricht vom Aug ein Zornesflammen – Da aber knickt der müde Leib zusammen; Ein letztes Lächeln fliegt noch übers bleiche Antlitz – und stille liegt er – eine Leiche. Es lagern, wie sein treues Aug geschlossen, Sich träumend um ihn her die Stammgenossen; Noch einmal muß ihr Blick zu ihm sich neigen – Und sie versinken in ihr altes Schweigen, Die drüben lautlos zugeschaut vom Schiff, Von ihren Lippen schwillt ein geller Pfiff. Und Einer rief: »Ich hab' es wohl errathen, Er prahlte noch mit seinen Höllenthaten. Und seine Worte trank die rothe Brut. Wie ein cuban'scher Schweißhund Menschenblut.« Drauf schritt er mit den Andern schweigend weg Und spritzt die Tabaksjauche aufs Verdeck. Philipp Hindermann Basel, wie es ist Basel isch e schöni Stadt Mit Kirche-n-und Paläste; Nur muesch nit uf der hinter Bach, Wo Hüser sind mit Preste. Basel isch e großi Stadt Mit viele tusig Seele; Denn Algier, Tunis, Tripolis Thüend au zue Basel zähle. Basel isch e-n- alti Stadt, Die mag scho langher denke; Me sicht's jo siner Rhibruck a, Di thuet der Lempe henke! Basel isch e riche Stadt Mit Millione Gulde; Wo's Lyt git, die kei Krizer hend Und alles volle Schulde. Basel ist e fine Stadt. Zuem Handel userkohre; Denn dert wird mit em Eimoleins Scho jedes Kind gebore. Basel isch e g'scheidti Stadt, Vom Kopf bis zue de Füeße; Und dennoch het's e-n-eige Hus Für d' Narre baue müeße. Basel isch e g'lehrti Stadt Mit viele Professore; Doch trotzdem git's au Mensche dert Mit grisli lange-n-Ohre. Basel isch e frommi Stadt, Wo Heilige floriere. Die allemol, wenn d'Fasnacht kunnt In's Badisch retiriere, Basel isch e b'rüehmti Stadt Dur ihre Zuckersache; Denn d'Leckerli vo Basel ka Me niene nohemache. Basel isch e-n- edli Stadt. Sie thuet's Verdienst belohne; Drum het sie au der Lohnhof baut, Wo, wer's verdient, ka wohne. Basel isch e gueti Stadt, Das hend die Arme z'gnieße; Doch kunnt's nur meistes dene z'guet, Die an de Glocke riße. Basel isch e wach b're Stadt, Loßt d'Schanze visitiere; Me sieht sie paarwis in der Nacht Dert obe patroullire. Basel isch e niedri Stadt, Der Rhi ka durelaufe; Er thuet em mithi fini Wi Im Keller unte taufe. Basel isch e g'schützti Stadt; Meinsch wege sine Schanze? Nei weger! – Gott nur isch si Schutz! Und das isch's Best vom Ganze. Robert Weber Auf dem Rigi Sieh', wie er steiget aus dem Thale, Der Fremdling aus dem fernen Land, Wie er dem heitern Himmelssaale Sich nahet an des Abgrunds Rand! Er athmet leicht und mit Behagen Der Alpenkräuter würz'gen Hauch, Er muß nicht um Erlaubniß fragen. Es ist des Landes guter Brauch. Zurück im Thal sind ihm geblieben Der Unmuth und der finst're Groll, Er lernt auf Bergen wieder lieben, Wovon ihm einst die Seele schwoll! Das ist ein Läuten, Jubeln, Klingen Wie in der schönen Jugendzeit, Wo uns der Lenz mit Rosenschwingen Von jedem Harme schnell befreit! O Menschenherz, wie ist dein Hassen So schnell im Sonnenschein verzehrt. Wie kannst du liebend wieder fassen. Was du mit Schmerzen lang entbehrt; Siehst du den stolzen Adler fliegen? Er dringet zu des Lichtes Quell, Denn wo des Himmels Grenzen liegen Wird uns die Welt erst klar und hell! Hinauf, hinauf, in's Reich der Lüste, Wo Lauterkeit und Sonnenglanz; Hinauf, hinauf! des Thales Klüfte Verhüllen uns der Berge Kranz. Es lebt in uns ein stilles Hoffen, Denn unser liebster Wunsch vertraut. Wo wir den Frieden angetroffen. Da sei die Hütte uns erbaut! Und ihr, die ihr mit Zweiflerblicken Den Hort des Glückes euch beseht, Dem ihr nie werdet Beifall nicken. Weil ihr im feuchten Thale steht – Verflucht sei dieses Truges Binde, Die euch der Wahn um's Auge legt, Daß eures Herzens starre Rinde Nur von dem Golde wird bewegt! Nicht höret ihr die Bronnen quellen Urkräftig aus der Berge Grund, Die Ströme nicht, die wasserhellen, Erbrausen in vereintem Bund! Wer diese Wunder will erfassen, Er muß – den Gott in seiner Brust – Die kalte Niederung verlassen Und steigen zu des Berges Lust! Die erste deutsche Pantomine Zu Augsburg an der Tafel da saßen wohlgemuth Herr Kaiser Karl der Fünfte und seiner Ritter Hut, Und neben ihm sein Bruder, der junge Ferdinand, Da ward beim guten Mahle vergessen das deutsche Land. Rings fröhliche Gesichter, rings hoher Freude viel, Den Herren allen weidlich der edle Wein gefiel. Wie kreiste da der Becher, wie glänzt' der Schüsseln Zahl, Welch Schallen und welch Tönen im weiten Fürstensaal. Und wie der Braus auf's Höchste gestiegen eben war, Da dringt zum hohen Kaiser ein Diener schnelle dar: »Hier unten weilt im Hofe ein lustig Häufelein, Will mit des Schauspiels Gaukel Euch Aug' und Herz erfreun.« Der Herr vernimmt die Kunde mit heiter'm Angesicht: »Des Witzes feiner Kitzel, ein würzig Nachgericht, Das aller Sinne sammelt vom starken, edlen Wein, Drum sollen auch die Bursche gleich eingelassen sein.« Und stille wird's im Saale, der Humpen ruhet schnell, Und eine Bühne hebet sich alsobald zur Stell', Die vollen Zecher harren der losen Narrethei – Nun walten in ihrem Reiche die Künste frank und frei. Im Angel knallt die Thüre von schwerem Eichenholz, Ein Mann im Doctorkleide erscheint mit edlem Stolz, – Holzscheite unter dem Arme von Tannen und Buchenart, Wie sich's im grünen Walde von selbst zusammenpaart. Zu Boden wirft er alle, zerstreut sie hier und dort Und wie er's schnell verrichtet, so eilt er wieder fort, Auf seinem Rücken las man: »Reuchlin, seu Capnio « – Wurd' doch von seinem Holze der keines Räuchleins froh! Und wieder knallt die Thüre, ein Andrer tritt herein, Ein Männchen wohl gesittet, die Züge wunderfein. Ein schalkhaft Lächeln breitet sich um den kleinen Mund, Und thut sein ganzes Wesen alsbald dem Schauer kund. Der mühet sich, die Scheite zu ordnen säuberlich, Was krumm und was gerade, das sondert er für sich, Dann fängt er an zu schichten und leget lang und quer Das Holz, das immer wieder einfällt von oben her. Deß wird der Feine müde und zeigt ein bös Gesicht, Verdunkelt wird sein mildes und strahlend Augenlicht; Bedächt'gen Schrittes zieht er, von wannen her er kam, Von hinten war zu lesen: »Erasmus Rotterdam.« Ein Dritter schreitet rüstig in brauner Kutte her, Von Bränden, Kohlenbecken die starke Schulter schwer, Bald brennt von seinem Eifer der Holzstoß lichterloh. Er blies aus vollen Backen, bis ihm der Athem floh. Drob freuet sich das Mönchlein und wirft in volle Gluth Papier und Pergamente, die lodern hell und gut, Und füllen alle Räume mit solchem Würzeduft, Daß jede Nase schnappet nach frischer, reiner Luft. Vergnügt und selbstzufrieden zieht jetzt das Mönchlein heim, Von hinten war zu lesen ein wunderlicher Reim: »Wer nie geliebet Weiber und Wein und den Gesang, Der bleibt, so Gott mir helfe, ein Narr sein Leben lang!« Und wieder geht die Thüre, ein Vierter tritt heran, Ein hagerer und blasser, bartloser, düstrer Mann; Die eck'gen Glieder decket ein kaiserlich Gewand, Den Knauf des reichen Schwertes umfängt die gelbe Hand. Und wie er sieht die Lohe und ihre Siegesgluth, Entraffet er der Scheide das Schwert in hast'ger Wuth Und hauet in die Flammen, als wär's ein Türkenfell, Drob knistert's und drob flammet's noch siebenmal so hell. Ihm eilt mit Schreckensmiene zu Hülf' ein Cardinal, Bespricht die Wuth der Flamme, das Antlitz erdenfahl; Und wie er angstvoll sinnet, zu dämpfen solche Gluth, Erschaut er in der Ecke zwei Eimer mit Wasserfluth. Behende gießt er beide in vollen Strömen aus, Doch wehe, weh', es mehret sich nur der Flammen Graus, Statt Wasser war im Eimer des Oeles tück'sche Macht, Die wild im weiten Raume ein Feuermeer erfacht. Das Spiel das war zu Ende, der Kaiser faßt es schnell; Es funkeln seine Augen vom rothen Zorne hell: »Auf, Knappen, greift die Frevler,« herrscht er den Knechten zu, »Daß uns in Bälde Keiner mehr störe unsre Ruh!« – Doch weithin über die Berge die Fünfe sind entfloh'n, Sie gehren keines Ruhmes, sie buhlen nicht um Lohn; Die erste Pantomine war das im deutschen Land, Die erste Pantomine voll Wahrheit und Verstand! – Welt und Herz Nur in des Lebens vielbewegtem Treiben Wirst du den eignen Werth an dir gewahr; Ein schwankes Laub wird der auf ewig bleiben, Der niemals draußen in dem Sturme war. Dort bildet sich des Mannes wahre Stärke, Im Widerstreite wird die gute Kraft, Die, wie ein Gott, des Menschen beste Werke Aus des Gedankens tiefer Fülle schafft. Doch wahre draußen dir die treue Brust, Dein Heiligthum, von oben her geweiht, Sie ist so süß des Herzens reinste Lust, Die Sonne uns'rer Erdenseligkeit. So vieles zieht im Sturm an dir vorbei, Du weißt es kaum, was vorher eben war; Doch, daß im Wechselfall dein Herz es sei, Das dich erhält, das strebe immerdar. In der Fremde Zur Nacht im fernen Lande Kam mir's im Traume vor, Wie ich sie hätte verlassen, Der ich einst Treue schwor. Es war ein heit'rer Morgen, Die Vögel sangen all', Die Bäume grünten und blühten Und tönten vom Liederhall. Da thät sie mir winken und nicken, Trug weiße Rosen im Haar, Ich mochte den Augen nicht trauen, So lieblich und hold sie war. Sie blickt so klar, so wonnig, Die Stirne glänzte so hell, Ihr Antlitz war verkläret Vor mir zur selben Stell'. Sie schaute mich an so innig, und streckte die Hand mir her, Und sprach mit weicher Stimme: »So liebst du mich denn nicht mehr?« Ich aber, ich weinte bitter, Und wachte in Thränen auf – Der Mond ging bleich am Himmel Den alten, nächtlichen Lauf. Emil Zschokke Schweizerehre (Im Mai 1853, als Oesterreich die Schweizergrenze wegen Tessin bedrohte.) Für jedes Volk in weiter Völkerrunde Muß schlagen einmal der Erprobung Stunde; Damit es zeige mit dem blanken Schwert, Ob es der Ehre seines Namens werth. O Schweizervolk, dir hat in diesen Tagen Ihr ernstes Mahnen an das Ohr geschlagen. Der alte Feind, der sich in Waffen reckt, Hat dich aus deinem Friedenstraum geschreckt; Des Volkes Erbfeind, wie zu Geßlers Zeiten, Möcht' deinem Namen blut'ge Schmach bereiten, Und hat von Neuem seinen Hut erhöh't, Daß sich ihm beuge, wer vorübergeht. Und wir? Wir sollten unsern Nacken beugen, Den Hohn ertragen und mit Zittern schweigen? Brennt in den Adern uns kein Feuer mehr Des edeln Zorns ob tief gekränkter Ehr'? Des Zorns, der in der Väter Brust gelodert, Wenn sie vom Erbfeind Rechenschaft gefordert; Des Zorns, der auf der Trift am Schornathurm Die Dränger niederwarf wie Donnersturm? Hat er nun ausgeflammt? So hör' ich fragen; Ward in des Friedens langem Wohlbehagen Das Volk entnervt und feig und matt, Daß es kein Herz mehr für die Ehre hat? O dann sei unser Wappenschild zertrümmert, Das einst im Glanz des höchsten Ruhms geschimmert! Dann sei zerbrochen unser altes Schwert, Das oft vom Lande Unbill abgewehrt! Dann geh' zerrissen ewiglich zu nichte, Die Heldenchronik unserer Geschichte! Und, nicht zu überleben deine Schand', Versink' in Abgrund, armes Vaterland! Doch nein! Fort mit des Zweifels Schmachgedanken! So lange nicht Helvetiens Berge wanken, So lange wird bestehen fest und frei Im Schweizerbusen auch die Schweizertreu! Auf, auf, mein Volk! Vor des Tyrannen Hute Bleib' ungebeugt in stolzem Freiheitsmuthe; Und will dich zwingen seiner Häscher Troß, So greife wie der Tell nach dem Geschoß. Das Horn der Alp, die Glocke auf dem Thurme Soll heil'ge Losung geben zu dem Sturme; Zum Heereslager werd' das ganze Land, Zur Waffe selbst der Feldstein in der Hand. Dem Tode gilt's dann kühn in's Aug' zu schauen! Ihr Kinder betet für uns, betet Frauen! Der Herr, der einst zu uns'rer Väter Tagen Durch seinen Arm der Feinde Macht geschlagen, Er lebet noch und selbst im Schwachen schafft, Der Blick auf Ihn zum Siege Riesenkraft. Und wird auch Mancher nicht mehr wiederkehren, Der auszog auf das blut'ge Feld der Ehren, So mag's in Gottes Namen auch gescheh'n: Der Tod für's Vaterland ist ewig schön! Rings um die Gräber Derer, die gefallen, Wird Ruhmesklang das Weinen überhallen! Ja, lieber sterben, als mit Schande leben! Vor diesem Schlachtruf soll der Feind erbeben. Laßt wallen hoch las heil'ge Kreuzpanier! Wo es vorangeht, dahin folgen wir! Frühling Nur wieder vor mein Gartenhaus gestellt Die grüne Bank, daß ich zum ersten Male Mich freuen kann der schönen neuen Welt, Mich sonnen kann am warmen Frühlingestrahle! Schon schimmerts lichtgrün durch den Wiesenplan, Schon treibt der Wind mit Knospen sein Gekose, Und sieh', ein frühes Bienchen summt heran An das Geländer zu der Pfirsichrose. Der Brunnen, seiner Strohumhüllung baar, Er plätschert fröhlich in sein Beckchen wieder; Mir däucht, es klingen daraus wunderbar Des Brunnengeistes leise Frühlingslieder. Und auch das Finkenpaar ist wieder da; Es badet Fuß und Brüstchen in der Rinne; Dann schwirrt es flugs auf Zweige fern und nah' Und schnäbelt dort in süßer Frühlingsminne. Der Brunnen plätschert mich in Träumerei; Mir fehlt noch was zum vollen Lenzgenusse, Da kömmt mein Weibchen aus der Stadt herbei Und weckt mich lächelnd auf mit einem Kusse. Ein Blick zu den Sternen Ein Frühlingsgarten blühet in überird'scher Pracht Hoch an dem Himmel oben zu jeder Mitternacht; Die Sternenblumen glänzen vom Licht der bessern Welt Und ihre Myriaden hat noch kein Mensch gezählt. Wenn hier im Erdenthale all' Pracht und Lust vergeht, Dort blüht es ohne Welken in ew'ger Majestät; Wenn hier der Strom des Lebens zerrinnt in flücht'ger Klag', Dort gelten tausend Jahre als wie ein einz'ger Tag. Drum auf zu jenen Lüstern das Aug so gerne blickt; Wenn hier auf dunkeln Pfaden die Sorge uns erdrückt; Dort möchten Rath wir holen, der uns hienieden fehlt. Dort suchen wir Gewißheit, wenn uns hier Zweifel quält. Und mit der Geistersprache, die nur das Herz versteht, Aus jener fernen Heimath die Antwort uns ergeht: »Harr' fröhlich aus! Der Vater dort oben in dem Licht, Der alle Sterne zählet, vergißt auch deiner nicht!« C. Widmer Das Emmenthal Niene geit's so schön u lustig Wie daheim im Emmenthal, Dert ist allergattig Rustig, Daß eim schwer wird die Uswahl; Manne het es, ehrefesti, Wiber – brav u hübscher Art, Meitschi – wed se g'sehst, so hest di Dry verliebt – so schön und zart. Da ist nüt vo Complimente, Allem seit me numme »Du«, Sig's e Milchbueb mit der Brente, Oder trag' er Rathsherr'-Schuh; D'Städter frili – cheus nit lidi, B'sunders – Herre ohni Geld! – Doch i mein, dä sig nit g'schide. Wo sie für so Sache quält. Rebe wachse frili keiner, Doch, kei Hauptsach ist de Wy; Milch und Käs ist Unsereiner Ordinäri längste gsi; Wer si nit so dri will schicke, Cha – wenn er's grad sauft verma – Vo de Welsche Wy la b'schicke, Oder cha is Wirthshus ga. So wie d'Chüjer uf de Berge Mache d' Bure Chäs im Thal, U das de – nit chlini Zwerge, U nit weni a der Zahl. Holz und Lade fergge d'Flößer D'Emme ab – uf Basel zue, – Chunt im Frühlig d's Wasser größer, Hei si – bis es flätscht – kei Ruh. Chöme albe Engiländer U süst Herrschaft o daher, Trage d'Fräuli goldni Bänder U vergliche Zierrath mehr, Hei si Diener – hei si Wächter – Si si hübsch u rich derbi, – Müßt en Emmethaler-Tächter Mir doch geng no lieber si. Die meu de der Pantsch erlide, Wes scho a-n-es Aerstha geit; – Arme hei si, wiß we Chride, Bei – i hätt bal öppis g'seit; – Bäckli hei si – früsch wie Rose, Auge – wie der Morgestern; Und – jetzt werdet ihr erst lose – Sie hei d'Buebe grüsli gern. Julius Caduff Liebeslied Jüngst als ich an deinem Garten Lauschend wollt' vorübergehn, Glaubt' ich hinter'm Strauch von Rosen Halb verborgen dich zu sehn. Schüchtern grüßt' ich, und recht freundlich Nickt's mir zu, – nur wußt' ich nicht – Waren es die blüh'nden Rosen, Oder war's dein Angesicht. Warum weinen denn die Reben? Wenn des Frühlings Lüfte wehn, Können sie zum neuen Leben Nur mit Thränen auferstehn? – Oder ist es nur das Sehnen Nach vergang'nem Lebensglück, Rufen etwa diese Thränen Nur den reichen Herbst zurück? – 'S ist das ahnungsvolle Bangen Vor des Frühlings Herrlichkeit, Nur das schwellende Verlangen Nach der Liebe Glück und Freud! – Wandelst du in trüben Sinnen Einsam deines Lebens Pfad; – Denk', die Thränen müssen rinnen, Wenn des Herzens Frühling naht! – An eine Stumme Wer je dein Antlitz hat geschaut, Dein Auge, strahlend wie Azur, Dem sagt die inn're Stimme laut, Du bist nicht stumm, du schweigest nur! So schweiget nur die heil'ge Nacht, Wenn erst des Tages Lärm verhallt, Und nur des Mondes Licht noch wacht, Das Frieden auf die Erde strahlt. So schweigt das weite, tiefe Meer, Das Perlen birgt in seinem Schooß, Worin des Himmels Sternenheer Sich spiegelt rein und einfach groß. – Du bist nicht stumm, du schweigest nur Zu all' dem irdischen Gered' – Das Gotteswort in der Natur Doch deine Seele ganz versteht! – Und reden Gottes Engel einst Mit dir in ihrem Himmel dort, Vor inn'ger Liebeslust du weinst, Und sprichst erst dann dein erstes Wort! – Nina Camenisch Der Heinzenberger Grat und Versam Wie schön von dieser Alpenhöh' Malt sich das weite Land! Doch steh' ich hier in stillem Weh, Den Blick dorthin gewandt. Denn jenes kleine Dörflein nur Füllt meine Seele ganz; Dort blüh'n so lieblich Baum und Flur Im dunkeln Waldeskranz. Dort sieht das Haus, wo rosig mir Der Kindheit Traum entflog; Zu dem es mich so oft von hier Mit heißem Sehnen zog; Wo treue Liebe mich gepflegt, Die nun im Grabe ruht. Auf jenem Friedhof, dicht umhegt Von gold'ner Aehren Fluth. Du Raum, wo ich als Kind gespielt, Sei mir gegrüßt von fern! Du, meiner ersten Heimat Bild, Bist meines Lebens Stern, Bist meine Welt, mein Paradies, Willst du mein Grab auch sein? Hier muß selbst Todesruhe süß Wie sanfter Schlummer sein. Die barmherzige Schwester O Vaterhaus, seit Jahren schon verlassen, O Mutter, Schwestern, noch bewein' ich euch. Zu späte Reu' will oft mein Herz erfassen, Dann dünkt mir meine Zelle Grabes gleich. Dir, mein Erlöser, weihte ich mein Leben; Komm, stärke mich! Ach, meine Pflicht ist schwer! Ich soll ja Muth und Trost den Kranken geben, Und Muth und Trost bedarf ich selbst so sehr. Drum fleh' ich deine Güte an: »Erbarme Du deines schwachen Kindes dich, o Herr!« Ich schlinge weinend um dein Kreuz die Arme – Um meine Mutter schling' ich sie nicht mehr! – Ihr hüpft um sie, euch lächelt ihre Liebe, Beneidenswerthe Schwestern, Gott mit euch! O gebt doch Acht, daß keine sie betrübe, Ach Mutterliebe macht so froh, so reich! Sie flicht euch Rosen in die blonden Haare, Hat euch und eure Freuden treu gepflegt; Führt euch bekränzt zum bräutlichen Altare, Indeß mein Haupt die Dornenkrone trägt. Doch schöne Blumen sind auch ihr entsprossen, Sie zu verläugnen wär' Undankbarkeit. Wohl tausend Thränen hab' ich hier vergossen; Allein wie innig mich auch hier gefreut! Wie oft sah ich den Todesengel leise Vom Lager fliehen, das ich treu bewacht; Dem Kinde Mutter, pflegend Kind dem Greise, Hab' ich so gern mich opfernd hingebracht. Wie oft verscheuchte ich den armen Kranken Als Gottes Magd in Demuth und Geduld Mit frommem Lied die quälenden Gedanken, Gab ihm Vertrauen auf des Himmels Huld. Muß sich mir nicht der düst're Raum verklären, Wo ich des Sünders hartes Herz gerührt, Wenn er mit seinen heißen Reuezähren Die Hand benetzt, die sanft zum Grab ihn führt? Ihr Seelen, die beruhigt hingeschieden, Von mir getröstet, und ihr Lebenden, Die ich gepflegt, ihr gebt dem Herzen Frieden: Denk' ich an euch, wird mir mein Dasein schön! Ruhe und Liebe Die Ruhe und die Liebe, Die stritten sich einmal; Sprach Ruhe zu der Liebe: »Bist doch der Menschen Qual! Ich bringe ihnen Frieden Und du oft tiefen Schmerz; Ich lächle sanft dem Müden, Und du brichst ihm das Herz. Kannst selten Freuden spenden, Von Thränen nicht benetzt; Wo du ein Herz beseligst, Da hast du's auch verletzt.« »Das eben ist mein Wesen«, Sprach drauf die Liebe mild, »Daß Wehmuth aus der Wonne Und Wonn' aus Wehmuth quillt. Als mich den Erdenkindern Ihr großer Vater sandt', Gab er ein strahlend Sternlein Mir mit in's Prüfungsland. Sprach: Das umhülle weise Mit Wolken; thust du's nicht, Ist schwachem Menschenkinde Zu blendend hell sein Licht; Es würde dann vergessen In seiner Seligkeit, Daß eine höh're Liebe Sein harrt in Ewigkeit. So kam ich auf die Erde, Von Himmelshuld umschwebt, Und brachte auch manch Leiden; Doch Leiden, das erhebt. Vom Himmel stamm' ich, führe Zum Himmel wieder hin; Es muß mich Alles lieben, Weil ich die Liebe bin.« – »Seh' wohl, ich muß dir weichen«, Sprach Ruhe, freigesinnt, »Dein Gruß, weit mehr als meiner, Beglückt das Erdenkind. Doch Eins mußt du mir lassen: Daß ich mit milder Hand Von dir geschlag'ne Wunden So Manchem schon verband. Hast du ein Herz gebrochen, Nehm' ich's in meinen Arm, Bett' es in kühle Erde; Da schläft es sonder Harm.« Des Mädchens Klage Ein Mädchen saß im Grase, am grünen Waldessaum, Dacht' an vergang'ne Zeiten; es ward ihr wie ein Traum, Daß hier vor einem Jahre ein Jüngling, treu und gut, Als seine Braut sie grüßte, der nun im Grabe ruht. O du, der einst mein Leben, wie bist du jetzt mein Schmerz! Und ob du auch gestorben, an dich nur denkt mein Herz. Todt ist für mich die Erde, umwölkt der Sonne Licht, Dich will ich still beweinen, bis mir das Auge bricht. Komm um dein treues Mädchen! was soll mir diese Welt? Mir ist sie eine Wüste, seit deine Liebe fehlt. Nimm mich in deinen Himmel, o nimm mich auf zu dir! Bei dir nur find' ich Ruhe, was soll ich länger hier? Da weht es durch die Zweige wie Maienabendwind, Und aus dem Wald tönt's leise: »So komm, geliebtes Kind!« Da lächelt sie so selig, da wird sie todtenblaß: Ein Engel pflückt die Lilie, sie sinkt verklärt in's Gras. Vergißmeinnicht Vergiß mein nicht! so spricht die kleine Blume, Die hier sich in des Bächleins Fluthen senkt; Vergiß mein nicht! so spricht's im Heiligthume Des treuen Herzens, das an dich nur denkt. Vergiß mein nicht! mein Alles auf der Erde, Komm oft zum Bächlein, wenn ich ferne bin, Daß dir die Blume zur Erinn'rung werde An meinen ewig dir ergebnen Sinn. Vergiß mein nicht! wenn Jahre uns nun scheiden, Wenn Sturm das Heitre deiner Tage trübt. Bleibt dir mein Bild, bleibt's dir in Lust und Leiden? Dir bleibt mein Bild, hast du wie ich geliebt. Die Tanne Wenn die Erd' im Grabgewande, Trage ich mein grünes Kleid, Schmück' mich mit dem Perlenbande, Das der Himmel abgeschneit; Schmück' mich mit der goldnen Krone, Die die Wintersonn' gewährt, Rausche Trost dem Erdensohne, Daß der Frühling wiederkehrt. Kehrt er wieder, tritt bescheiden All mein Schmuck in dunkles Grün, Und ich sehe ohne Neiden Baum und Blume herrlich blühn. Rausche dann dem Erdensohne: »Sei genügsam in der Lust! Doch in Leidenstagen wohne Himmelsglanz in deiner Brust!« Das sterbende Mädchen Ach Mutter, seh' dich wohl verstohlen weinen: Der Doktor schreibt dir, daß ich sterben muß. Ach, arme Mutter, möchtest ruhig scheinen Und kannst es nicht! – wie brennt dein langer Kuß! Und bleich bist du, und deine Lippen beben: Willst Etwas sagen, Mutter – thu es nicht! Willst fluchen dem, der deines Kindes Leben Gebrochen hat, wie man ein Blümlein bricht. Er hat's gebrochen – war von ihm wohl böse! Doch zürnen kann ich nicht, kann lieben nur Und weinend beten, daß ihn Gott erlöse Vom Sündendienst, ihn führ' auf Hlmmelsspur. Von dir zu scheiden, Mutter, ist mein Leiden: Ach, weiß es wohl, daß ich Dein Alles bin! Sonst aber gäbe ich mit tausend Freuden Noch diese Nacht mein junges Leben hin. Ich werde dann ja auch ein Enge! werden, Und Engel wandeln, wie du mich gelehrt, Zuweilen leisen Trittes auf der Erden, Und haben da manch sündig Herz bekehrt. Sein Engel werd' ich, schwebe ihm zur Seiten, Unsichtbar schirmend, warnend immerdar; Durch's lange Leben will ich ihn geleiten, Bis gut er wird, so wie er's früher war. Vor Gottes Thron will ich demüthig beten. Der ja auch Franz in's Buch des Lebens schrieb: So läßt er mich wohl eine Seele retten – Ach eine, die mir unaussprechlich lieb! Der Wald Liebe, schöne Waldesstille, Nimm mich auf in deine Ruh! Send' aus deines Friedens Fülle Mir nur Einen Tropfen zu! Lebensfrost und Lebensgluthen, Die vergess' ich mehr und mehr, Fühl' ich deinen Geist, den guten, Um mich säuseln mild und hehr. Hör' ich deine Bäume lauschen, Rauschen sie mir Frieden zu; Kann ich deinen Sängern lauschen, Singen sie mir Herzensruh; Breitet sich dein grüner Schleier Ueber meinem Haupte hin, Ist es mir wie Sonntagsfeier, Wo ich fromm und stille bin. Mild, wie eine heil'ge Ampel, Blickt gedämpft der Sonne Licht Ein in diesen Friedenstempel, Stört die grüne Dämm'rung nicht. Moosesdecke, Säulenhallen, Schönes, blaues Himmelsdach! Hier, wenn sie auf Erden wallen, Wär' der Engel Schlafgemach. Der Sonnenuntergang Wie herrlich dort die Abendsonne sinkt! Ihr letzter Strahl noch scheidend lächelnd winkt; Sie grüßt ihr Kind, die trauernde Natur, Und Thauesperlen weint sie um die Flur. So stirbt der Held mit lächelndem Gesicht Den schönsten Tod – für Vaterland und Pflicht; Sein letzter Blick noch auf den Brüdern ruht, Er weiß es: Heldenblut weckt Männermuth. So stirbt die Mutter in der Kinder Arm, Für die sie hier gewirkt so treu und warm; Sie hat gelebt, gelitten für ihr Glück, Und scheidend segnet noch ihr letzter Blick. So stirbt der Menschenfreund, der unverwandt Sein eignes Glück in dem des Nächsten fand, Der sich voll Liebe seinen Brüdern weiht', Und, gleich der Sonne, Segen um sich streut'. So starb der Märtyrer, voll Glaubensmuth, Zum Saatkorn wurde sein vergoss'nes Blut, Und tausend Herzen hob sein Opfertod Zum Mensch gewordnen unsichtbaren Gott. So schön wird jedes Edlen Ende sein. Sei jedes Wirkens Kreis auch noch so klein: Nicht bloß dem Tag voll lauten Ruhmesklang Folgt ein verklärter Sonnenuntergang. Die Arme »Vater, Mutter hab' ich nicht, Schwester, Bruder hab' ich nicht, Niemand, Niemand auf der Welt, Der so recht mich lieb behält. Schönes Antlitz hab' ich nicht, Kluge Rede hab' ich nicht; Nichts, gar Nichts bringt Lieb' mir ein; Liebe ist mein Glück allein! Geld und Güter hab' ich nicht, Reiche Kleider hab ich nicht; Armuth wär' für mich kein Schmerz, Gäb's für mich ein liebend Herz.« Und sie weint, die arme Magd – Und sie hat sich müd geklagt – Und sie hört ein Wort, das spricht: Liebe, Liebe fehlt dir nicht. Liebe hat die Welt befreit, Liebe sich dem Tod geweiht! Jene Liebe – kennst du sie? – Liebt dich und verläßt dich nie. J. J. Weber Warte nur! Warte nur! Gottes ist die rechte Uhr; Ungeduld mußt du bezähmen, Kannst von deinem Gott Nichts nehmen, Er nur weiß die rechte Zeit; Wache stets und sei bereit. Warte nur! Warte nur! Schau hinaus in Feld und Flur! Sieh, der Landmann streut den Samen, Harrt der Ernt' in Gottes Namen: Der den Samen ihm verlieh'n. Wird auch groß die Früchte ziehn. Warte nur! Warte nur! Ueberall des Ew'gen Spur! Sieh, das Saatfeld bangt in Wettern, Stürme rauschen, Blitze schmettern; Ob die Hoffnung zagend sinkt, Doch zur Zeit die Sichel blinkt. Warte nur! Warte nur! Lenkest du denn die Natur? Willst du ihm die Wege sagen, Der die ew'gen Berge ragen, Der die Sterne glänzen hieß, Und das Gräschen nie verließ? Warte nur! Warte nur! Hörst du nicht des Ew'gen Schwur? Berge weichen, Hügel wanken. Ewig steh'n des Herrn Gedanken, Ewig seine Gütigkeit, Aber er nur weiß die Zeit. Warte nur! Edmund Dorer Wahres Eigen Die Liebe däucht uns arm nach äußerm Schein, Doch liegt in ihr des Reichthums Schatz verborgen; So taucht aus bleicher Luft der goldne Morgen, So ruht in dürft'gem Grund der Edelstein. Nur, was du liebest, nennst mit Recht du dein! Was Denken dir errang, was dir in Sorgen Der Arm erschafft, hat dir Natur geborgen, Das wird Besitz, nicht Eigenthum dir sein. Was du gedacht, das magst du schätzbar finden; Was du erwarbst, das magst du froh empfinden; Doch was du liebst, das kannst du überwinden. Und was du liebst, muß ganz sich dir ergeben, Es waltet fort und fort in deinem Leben, Wie Sonnengluth und Feuersaft der Reben. Nähe und Ferne Vergleiche ich, was ich von dir gedichtet, Mit deiner Anmuth, deiner holden Nähe, Scheints mir, als ob ein leichter Hauch verwehe Des Liedes Leben, das von dir berichtet. Von deiner Schönheit wird mein Licht gerichtet. Und keine Kunst verhindert, wie ich sehe, Daß ihm es besser, als dem Monde gehe, Den stets der Sonne nahender Strahl vernichtet. Doch wie der Mond, dem ich das Lied verglich, In Klarheit leuchtet, wenn in Westes Dunkeln Die Tageskönigin in Schlummer ruht, So scheint's mir, hält die finstre Ferne mich Von dir getrennt, das blasse Licht zu funkeln, Es glänzt in ihm ein Strahl von deiner Gluth. Dezember Es herrscht Dezember wolkenfeucht und rauh; In Nebelschleiern, die sich rings ergossen, Liegt jetzt der Schöpfung bunter Schein verschlossen; Das Auge kränkelt in dem Nebelgrau. Entbehrt der Blick des Himmels süßes Blau, Verlangt er nach den glühenden Geschossen Des Frühlings, ihren blühenden Genossen, Und was sie beide stärkt, dem Morgenthau. Doch wenn mein Blick in deinem ruhen könnte, In dem er lebt, wie in der Lüfte Fächeln Die Brust, er würde nicht in Sehnsucht glühen. Wenn Solches ihm die Huld des Schicksals gönnte, Vermißte willig er der Sonne Lächeln Und was ihm Antwort gibt, der Erde Blühen. Metamorphose Der Sterne Reich, die irdischen Gefilde Beherrschte einst der Märchengeist; als Blüthe, Als Stern verschied das Herz, das schmerzlich glühte, Zum Menschen ward der Rose Duftgebilde. Des Märchenschicksals launigbunte Milde Hegt noch Natur im innersten Gemüthe, Die Wunder einer längst verklungnen Mythe Erblickt die Gegenwart in klarem Bilde. Der Sehnsucht Macht entfesselt von den Schranken; Des Staubs Genosse wird vom Strahl sich trennen, Bald ruht der Schmetterling im Duft der Rosen. Zum Liede werden liebende Gedanken, Das Lied verstummt im Kuß, daß wir erkennen Der Liebe liebliche Metamorphosen. Geist und Herz Bald schwebt der Geist mit kühnen Adlersschwingen In der Gestirne Reich, dem heiterschönen, Und lauscht im Sphärenkreis den reinen Tönen, Die auf den goldnen Bahnen wiederklingen. Bald strebt er, in der Erde Schacht zu dringen, Denn gleich der Küste muthigstolzen Söhnen Taucht er ins Meer, mag auch der Abgrund dröhnen, Um auf dem Grund die Perle zu erringen. Doch eitel bleibt das Streben der Gedanken; Dem Geiste steht die Hoffnung ewig ferne, Des Friedens feste Eiche zu umranken. Das Herz weiß besser, sich der Welt zu fügen; Die Perlen und die Sterne mißt es gerne, Da ihm ein Lächeln und ein Blick genügen. Blumensprache Da Worte mir gewohnten Dienst versagen, So will ich mit den Blumen mich verbünden; Sie mögen, was ich fühle, dir verkünden, Und den Gedanken sinnig übertragen. Und solltest du die stummen Blumen fragen, Wirst du im Duft die stille Antwort finden: Die Blumen lassen unsern Geist empfinden, Was nie die Worte zu erfassen wagen. Da sich das schwache Wort vergebens mühte, Zu schildern, was das Innerste entglühte, So ward zur Sprache uns der Blumen Blüthe. Die Blume spricht dem Schweigenden zum Horte, Für Liebe, Schmerz und Freude hat sie Worte, Und sie verstummt nicht an des Todes Pforte. Der Blumen Streit Ich lauschte in des Abends Dämmerungen. Die Nelke sagte: »Blumen, huldigt mir! Ich bin der Schönheit auserwählte Zier, Hat sie des Geistes Sonnenglanz durchdrungen.« Und die Granate hat mit ihr gerungen: »Ihr Schwestern, zügelt eure Herrschergier; Erglänze ich nicht strahlender als ihr? Ich bin dem Licht am leuchtendsten entsprungen.« »Wer ringt mit mir?« – die stolze Rose sprach – Ich prange als die königliche Blume, Und als Vasallen dient ihr meinem Ruhme!« Ich hörte still der Blumen Streit und brach Die Hadernden für dich. Was sie entzweite. Vergaßen bald sie, da ich dir sie weihte. Wellen und Gedanken Beglückte Nacht! Ich wandle jetzt allein Am Strand des See's; es flüstern nur die Wellen, Kein Lärm kann sich dem sanften Ton gesellen, Und in der holden Stille denk' ich dein. Klar strahlt des Mondes lichter Widerschein Im Spiel der Fluth; die leisen Wogen schwellen; Sie drängen sehnend sich zum Licht, dem hellen, Um Spiegel seiner milden Gluth zu sein. Und wie die Wellen ohne Ruhe beben, Um in des Mondes Abglanz hold zu prangen, Und in dem Schimmer seines Lichts zu weben, So wogen die Gedanken mir und streben, Um deiner Schönheit Strahlen zu empfangen, Da sie von dir verklärt zu sein verlangen. Gelöbniß Wenn in dem Osten Sonnenstrahlen siegen, Begeistert ihre Gluth den Edelaar; Er rauscht empor mit kräftigem Schwingenpaar, Um in dem Gold des Aethers sich zu wiegen. Der Staub indeß bleibt in der Tiefe liegen, Erscheint des Tages Wonne noch so klar; Er trübt mit häm'scher Freude liebebaar Die Strahlen, die zur Erde leuchtend fliegen. Siehst du, o Geist, der Schönheit Sonne funkeln, Gelobe, nie dem niedern Staub zu gleichen, Der tückisch strebt, das Höh're zu verdunkeln. Und kannst du nicht dem Aare gleich begehren, Das Schöne liebend, Höchstes' zu erreichen, Bleibt dir das Glück, das Hohe zu verehren. Des Traumes Glück Zum Traume verwandelt Phantasie das Leben, Doch dieses Traumes Traum beglückt die Minne; Und ob der Traum im Neid des Lichts zerrinne, Wer sehnt sich nicht nach seiner Huld zu streben? Des Traumes Schwingen mögen mich umschweben, Daß ich durch seine Gunst mir Glück gewinne; Der süße Mohn umfange meine Sinne, Und luft'gen Bildern sei mein Geist ergeben. Ein wahrer Schlummer ist des Menschen Loos, Und Keiner wand, wie Mancher sich auch möchte, Von der Gewalt der Dämmerung sich los. Doch reiht zur Wahrheitsfrucht des Traumes Blüthe Und dauert fort, wenn in der Urne Schooß Der Aschenstaub des kurzen Traums verglühte. Fr. Furger Rütlimonument Dem Sieger auf dem Schlachtgefilde, Der Tausende dem Tod geweiht, Ist in dem hehren Marmorbilde Ein ewig Denkmal schnell bereit. Doch du, o Schweiz, hast deiner Ahnen, Die bestes Leben dir gebracht, Die einst gekämpft auf edlern Bahnen, In keinem Denkstein noch gedacht. Und den verwegensten Tyrannen, Die, jede Missethat im Sold, Sich Macht und Kronen einst gewannen, Belegt die Gräber man mit Gold. Doch jene Helden ohne Gleichen, Die dir gepflückt den Freiheitskranz, Begrubest, Schweiz, du ohne Zeichen, Begrubst du ohne Sang und Glanz. Wo niederschlug die Schicksalsruthe, Da steht ein golden Monument; Die Orte roth von Völkerblute An stolzen Malen man erkennt. Doch unsrer Freiheit heil'ge Wiege, Des Rütlis einsam stille Flur, Der Ort des Edelsten der Siege, Trägt nur den Zierrath der Natur. Da stehen keine Marmortempel, Da strahlet kein vergoldet Erz; Die Kunst schlug ihre schönen Stempel Nicht auf des Schweizerlandes Herz. Dort sieht man statt der Edelsteine Ein Kalkgebirge wettergrau; Nur Tannen sprossen in dem Haine, Nur Moos gedeihet auf der Au. Und würde nicht im Kleid der Sage Die Freiheit singen immerdar Von jenem gottgeschenkten Tage, Von jenem Ort, der sie gebar; Man fände nimmer diese Erde, Die einst die Ahnen eingeweiht Zu einem ewig warmen Heerde Des Glückes für die fernste Zeit. Frisch auf, mein Volk! erricht' ein Zeichen, Ein Denkmal für den Rütlibund! Laß deine Tage nicht verstreichen, – Frisch auf, voran! – und leg' den Grund, Und laß ein Denkmal sich erheben, Wie es der Heldenväter werth, Ein Denkmal für das höchste Streben, Ein Denkmal für das beste Schwert! Doch lasse nicht von kalten Meistern Entwerfen einen öden Plan! Den besterfahrnen von den Meistern, Bewährte Weisheit frage an! Geh zu dem Geiste der Geschichte, Und seine Stimme frag um Rath, Wie man das Monument errichte Für deiner Ahnen beste That. s' ist mir, als ob aus weiten Fernen Ich höre einen ernsten Mund, Als klang herab von hohen Sternen Ein Wort zum tiefen Erdengrund: »Ein Denkmal willst du nun errichten O Schweizervolk, dem Rütlischwur? Willst Gold und Erz auf Marmor schichten Auf allberühmter Wiesenflur? – Laß ab von Steinen und von Erzen, Hast ja der Felsen schon genug! Verewigt man die warmen Herzen Durch hart Gesteine denn mit Fug? – Der Felsenbrust, die, nie erweichet, Dem Volke Stein statt Nahrung bot, Der sei ein Opfer dargereichet Von starrem Marmor, wenn sie todt. Doch jenen Männern, deren Sinnen Nur Opfer, Lieb und Treue war, Die, Völkersegen zu gewinnen, Sich weihten jeglicher Gefahr; Doch jenen Männern, deren Streben Von jeder schnöden Selbstsucht rein, Die ausgeschenkt das beste Leben, Den ewig milden Freiheitswein: Doch jenen Männern sollst vergelten Das Gleiche mit dem Gleichen du! Und glänzen soll vor allen Welten Die Wiese an der Alpenfluh, Weil dort ein Denkmal sich erhebet, Das nach der Wahrheit und mit Recht Empor zum Sterngefilde strebet, Empor zum himmlischen Geschlecht. Bring deine Herzen statt der Steine, Helvetia, für's Monument, Und jene Treue, jene reine, Die in den Herzen lebt und brennt, Soll diese Herzen dann vereinen; Es soll der Liebe Flammenwort In goldner Inschrift dann erscheinen, Und strahlen weit von Ort zu Ort. Willst du vernichten altes Hassen, Vergessen all die Zänkerei; Willst du der Liebe Geist erfassen, Zur Eintracht stehen fromm und frei; Willst du die Hand zusammenlegen Zu einem neuen Bruderschwur: So ruht fürwahr ein neuer Segen Auf unsrer schönen Alpenflur. Der Fremdling, dem mit Sonnenschimmer Entgegenblickt dieß Monument, Der Fremdling frägt dann wahrlich nimmer, Welch Ufer man das Rütli nennt; Er rufet: Wo in solchem Bunde Ein frommes Volk zusammenhält, Da kam in gottgeweihter Stunde, Da kam die Freiheit zu der Welt.« Immanuel Stockmeier Im Pfarrgarten Im Garten wandelt' ich still allein In Abendwinds Gekose, Da rankt sich mir in den Weg herein Die erste brechende Rose. Beträufelt hat sie bei stiller Nacht Und heute der pfingstliche Regen; Nun duftet die halb schon enthüllte Pracht Vom schwanken Zweig mir entgegen. Die erste Rose, ich breche sie dir Zu einem glücklichen Zeichen; Es scheinet unsre Gemeinde mir Dem Rosenbaum zu vergleichen. Laß dich die verhüllte Knospe doch Und laß dich den Dorn nicht schrecken; Pfingstregen kann manch Röslein noch Aus stechenden Dornen erwecken. Posthornklänge 1. Wie durch die kalte Sternennacht So hell das Horn erklingt, Und mit den Lüften sich so sacht, So leis zusammenschlingt. Es fließt der Töne Zaubermacht So süß in meine Brust, Ist in den Tönen doch entfacht Des Herzens Leid und Lust. Das Horn durchbricht die kalte Nacht, Es streift die Kreuz und Quer: Doch in unwandelbarer Pracht Ziehn Sterne drüber her. Und ist mein Herz in kalte Nacht Auf irren Pfad gebannt, Unwandelbar ist Liebesmacht Darüber ausgespannt. 2. Du liehst der Taube raschen Flug, Der frohen Wanderlust, Als mich die alte Sehnsucht trug An treue Freundesbrust. Du rissest mich aus seinem Arm Du schmerzlich süßer Klang, Und übertäubtest meinen Harm Mit schmetterndem Gesang. Doch wenn im Schooß der stillen Nacht Das bunte Leben schweigt, Und treue Liebe, neu erwacht, Aus ihrem Dufte steigt: Dann fährt dein Lied im Windeszug An meinem Ohr vorbei. Zu zeigen, daß dein Wunderflug Nicht matt noch müde sei. Und wenn die rechte Stunde schlägt, Dann darf ich mit dir gehn, Dein Flügel mich von hinnen trägt Zu frohem Wiedersehn. Eduard Suter Die Waise Scharf pfeift der Wind, rauh ist die Nacht, Kein Himmelslicht ist angefacht, Und einsam irrt durch Schnee und Wind Stillweinend ein verwaistes Kind. Verlassen in der fremden Welt, Blieb eigen ihm das Sternenzelt, Und jetzt vom Menschenkreis so fern, Blickt tröstend ihm kein lichter Stern. Erstarrt vor Frost, erschöpft vom Weh, Kniet's nieder in den kalten Schnee; Sein letztes Ach verhaucht im Wind: »O Mutter, hör dein armes Kind!« Die Aeuglein sinken thränenleer, Die Stimm' erstirbt, es seufzt nicht mehr, Die Hände faltet's, sinkt ins Grab Der starren Winternacht hinab. In den Wald In die Waldnacht will ich gehen, Auf das weiche Moos mich betten, In der stillen Geister Wehen Aus des Lebens Spiel mich retten. Draußen zieht die Welt die Gleise Und du treibst nach allen Winden; Hier in diesem stillen Kreise Wirst du selbst dich wiederfinden. Wenn du in der Welt Gedränge Gottes Stimme hast verloren, Säuseln dir die Waldesklänge Seinen Namen laut zu Ohren. Und du fühlst im Wipfelwehen, Das um dich herum sich reget, Gottes Geist herniedergehen, Dessen Geist sich selbst beweget. Von dem Rauschen gibst du Kunde, Lässest es zur Sprache werden, Und es hallt aus deinem Munde: Alles nur ist Gott auf Erden! Der Geist des Waldes Es tönt im Wald ein stiller Laut, Durch's Dunkel geht ein leises Säuseln; Das Blatt am Zitterespenbaum Wiegt sich wie leichtes Wellenkräuseln. Urplötzlich braust ein tiefer Ton, Die Waldeslüfte steigen, wehen; Es rauscht im Laub, und drüber scheint Ein Riesenschattenbild zu gehen. Das ist des Waldes alter Geist; Du kannst sein Ziehen fast erspähen: Du siehst wie silbern fließt sein Bart, Und sich des Kleides Falten blähen. Der Ton, er klingt so tief, so voll, In nie gehörten Melodieen; Gebannt, bezaubert lauscht das Ohr Dem Singen im Vorüberziehen. »So hab' ich denn nicht Ruh, nicht Rast Im Gang der alten, ew'gen Zeiten, Und glaubt' ich mich den ew'gen Gast In diesen Waldeseinsamkeiten. Da ist der Stumpf des Riesenbaums, Drinn meinen Sitz ich aufgeschlagen; Den Stamm, den Wipfel und sein Mark, Die haben sie hinweggetragen. Sonst standen Reihe sie an Reih, Die Riesen in den hohen Hallen; Dem kleinen Menschen allzu hoch – Und dieser letzte mußte fallen. Und ich, der Geist von jenem Geist, Von dem ein Fünklein er, ein Funken, Ihm mußt' ich weichen, seiner Axt Sind meine Tannen all gesunken. Und will die neue gier'ge Zeit Am guten Mark der alten zehren, Und mir mein grünes heil'ges Reich, Den tausendjähr'gen Forst verwehren; Sie wird es nicht; wie sie es ist, So bin ich ewig, werd' es bleiben, Mein Wald wird fallen ihrem Beil, Mich wird sie nimmermehr vertreiben. Und wenn die Pflugschaar Furchen zieht, Wo meiner Söhne Häupter blühten, Sie wird zerreißen meinen Leib, Verderben in den Gliedern wüthen; Und doch zerstören wird sie nicht, Und neu verjüngt werd' ich erstehen, Und ewig wie die Ewigkeit Als Geist durch diese Erde wehen. F. v. Tschudi Vierzeilen 1. Es hat der Mensch nach Wahrheit stets begehrt; Wir haben einen Arm und auch ein Schwert – Zum Kampfe denn! Du siegest oder fällst, Es ist ein Menschenleben wenig werth. 2. Es wohnt im Herzen der Völker ein guter Geist, Vielfältig zwar, doch sucht er ein Ziel zumeist. Des Kompaß' buntes Scheibchen, du kannst es drehn, Indeß die Nadel ewig nach Norden weist. 3. Zum Verwundern hört man singen manchen Herrn von Weltschmerz nur; Denn dem kranken Geist der Hörer, weiß man wohl, gefällt Schmerz nur. Spaßhaft nennen Weltschmerz sie's, weil aller Welt sie schuldig sind, Und der Schmerz, den sie versingen, ist ein jäher Geldschmerz nur. 4. Den Klang der Seele versteht kein ödes Gemüth, Den Schwung des Geistes verfolgt kein blödes Gemüth, Wenn dich der Grazien Anmuth freundlich erquickt, Sieht schöne Jungfern nur ein schnödes Gemüth. 5. Wofür der Mensch die kalten Schwerter wetzt – ist's Glück? Was eine ruhmesgier'ge Seele letzt – ist's Glück? Und wenn im Seelenkampf das Auge schmerzlich flammt, Und über Nacht ein bittrer Thau es netzt – ist's Glück? 6. Fühlen und Erkennen. In deiner Hütte ist's, in deinem Thal so traulich warm, Der Erde Mutterbrust, der Sonne Strahl so traulich warm. Du steigst hinan zum hohen Bergeshaupt, der Blick ist frei, Doch ist dirs in dem Aether deiner Wahl so traulich warm? 7. Mit des Geistes Hammer unerweicht Brichst des Lebens Formen du so leicht; Aber sieh, ob nicht aus deinem Geist Mit der Form das Leben auch entweicht? 8. Laß vergehen, was sich nicht mag halten, Laß im Froste das Gefild erkalten; Ruht in ihm des Lebens ächter Same, Wird er sich zum Frühling neu gestalten. 9. Du glaubst an deines Zieles Werth und Reinheit, Und strebst ihm muthig zu mit Kraft und Einheit – Allein wie ziemt's, die Königsbraut zu freien Im schmutzigen Gewande der Gemeinheit? Ohne Trost Was sinnest du, was weinest du? Was ist dein Aug' so trüb? Der Vogel wiegt auf dem Zweig sich in Ruh, Er singt dir so heiter – o höre ihm zu, – Dein Auge, was ist es so trüb? O sieh mein Herz voll Maienlust, Was ist dein Herz so trüb? Inmitten des schönen Lebens du ruhst, O öffne ihm deine bange Brust, Dein Herz so schwer und trüb. Das Licht ist blau, die Welt ist weit, Was ist dein Sinnen so trüb? Durch Wolken scheinet die Sonne zur Zeit, Das Ewige hüllt sich ins irdische Kleid – Was ist dein Denken so trüb? »Die Welt ist weit, das Licht ist klar, Doch ist mein Denken trüb. Was ewiglich ist und ewiglich war, Wann wird es dem Menschen offenbar? Drum ist mein Sinnen trüb. Hab' Acht zu deinen Blumen im Mai! Mein Herz, mein Herz ist trüb. Es kommt ein Frost, sie sind vorbei, O Blumen meines Lebens, vorbei! Drum ist mein Herz so trüb. Der Vogel singt, es schwankt der Ast! Mir ist das Auge trüb. Ich schwanke, ein Schifflein sonder Mast, Habe Blumen gesucht und Dornen erfaßt – Deß ist mein Auge trüb. Placid Plattner Der Junker von Fragstein »Gesellen auf, zur edlen Jagd, Ein Hirsch muß heut mir werden, Wie hell und froh der Morgen tagt, Greift hurtig zu den Pferden. Die Sonn' erstand in goldner Pracht, Sie glüht am Rhätikone; Der alte Kuonz ist längst erwacht, Frisch auf zur Alpenkrone.« Der Junker gab dem Roß den Sporn, Und hurtig flogs von dannen: Er stieß ins helle Jägerhorn, Laut tönt' es durch die Tannen. Und eilig ging's, wie Windesflug Durchs Thal beim Morgengrauen; Es folgte ihm ein muntrer Zug Durch Wälder und durch Auen. Als hoch die Sonn am Himmel stand Im Glühn der Mittagsstunden, Da hielten Rast im Alpenland Die Jäger mit den Hunden. Und wie der Junker Jagens müd Einschlief auf grünem Moose; Erklang ein helles Alpenlied, Tief aus des Waldes Schooße. Es fährt der Junker aus dem Schlaf Empor und lauscht den Tönen, Und wie er lauscht und lauscht, da traf Sein Herz ein wildes Sehnen. Und heller, immer heller klang's Und näher, immer näher; Und tiefer, immer tiefer drang's Ins Herz dem kühnen Späher. »Wildschütze droben auf der Fluh, Du meines Herzens Freude, Es jauchzt den Morgengruß dir zu Die Sennrin auf der Haide. Komm', komm und schwenk mir froh den Hut, Wo bleibst du denn so lange? Wildschütze, treues Jägerblut, Heut ist mir um dich bange.« Der Ritter lauscht des Liedes Stimm, Es lauschen Bäum' und Moose; Er blicket auf, es steht vor ihm Der Alpen schönste Rose. Die schönste Maid im Prätigau Mit wehnden, blonden Locken, Die Augen quellenfrisch und blau, Blüht vor ihm hold erschrocken. Der Junker reckt nach ihr die Hand, Er will die Maid umfangen; Die Maid ist fort, die Maid verschwand, Er glühet von Verlangen. Er blickt ihr nach voll Lust und Wuth, Und schwingt sich rasch zu Pferde. »Der Hirsch, bei Gott hat scheuen Muth! Fort, fort, daß er mir werde!« Gesagt, gethan; erreicht im Lauf War bald die Maid im Walde, Er schwang sie auf sein Roß hinauf, Und flugs hinab die Halde! Sie sträubt sich, schreit um Hilf' und weint: Er hält sie fest umschlungen; Ob sie sich wehret, ob sie greint. Sie bleibet doch bezwungen. »Die Landquart rauscht, dort gähnt die Klus, Wir nahen schon dem Schlosse; Auf Fragstein, Sennrin, ha, dort muß ...« Der Junker stürzt vom Rosse. Er stürzt, er stöhnt: »Gerechter Gott, Dein Arm hat mich erreichet!« Die weiße Brust wird blutigroth, Die Wangen sind erbleichet. Der rasche Pfeil, er fand sein Ziel, Er schwelgt in Junkers Blute; Der Schütze schoß, der Ritter fiel, Der Maid ward wohl zu Muthe. Sie wußte, wer den Pfeil gesandt, Der sie vor Schmach befreite; Sie jauchzt empor zur Felsenwand, Der Schütze baß sich freute. »Grüß Gott, grüß Gott zu tausendmal!« Er steigt zur Klus hernieder; »Grüß Gott, grüß Gott, aus Angst und Qual Hol' ich mein Liebchen wieder!« Es lebt die That noch von der Klus Im Thal seit jenen Tagen; Silberne Pfeile seit dem Schuß Im Haar die Jungfraun tragen. Der Ozean und die Alpen Als zum ersten Mal die Hülle Alter Nebel wich und Wonne Scholl durch aller Welten Chor, Sah in heitrer Frühlingsfülle Zu dem Strahlenmeer der Sonne Jungfräulich die Erd' empor. Nieder auf der Berge Krone Strömte von des Lichtes Bronnen Morgenfrohes Flammenroth, Opferbrand vorm Aetherthrone Dessen, der das Werk begonnen, Der dem Nichts das Sein gebot. Donnernd drang von Süd und Norden Sturmgesang und Kampfestoben An die Felsen rings heran; Seine Wogen, Löwenhorden, Deren Mähnen wild erhoben, Trieb der stolze Ozean. In der Alpen Zauberarme Zog ein stürmisches Verlangen Den gewalt'gen rastlos fort; Und er pocht' in wildem Harme, Bis des Westens Riegel sprangen Oeffnend ihm der Erde Hort. Welch ein Drängen, welch ein Stürmen In die sonnentrunknen Lande Durch Iberiens Felsenthor! Von Trinakrias Felsenthürmen Stieg in lichtem Flammenbrande Ihm manch froher Gruß empor. Jetzt erblickt er all' die Zinnen, Die des Aethers Wellen trinken, Vom Rhodan bis zum Strymon; Er umbraust die Apenninen, Die Pelasgergipfel winken Und er stürmt nach Tänaron, Fort zum Athos, weiter immer! Zu des Ida wald'gen Hängen! Dann zum Kaukasus hinan! Welche Welt voll Pracht und Schimmer Welche Wunderwerke drängen Sich vor seine stolze Bahn! Hundert blaue Ströme rollen Ihre berggebornen Wellen Dem Gewalt'gen an die Brust; Er umarmt die Jugendtollen, Hei wie aller Busen schwellen, Jubelnd in Bachantenlust! Rastlos vorwärts, immer tiefer In das stolze Herz der Berge Drängt's den Mächtigen hinein. Abend wird's; nun ist's, als schlief' er; Träume nur, du rascher Ferge. In des Abends Purpurschein! Welch ein götterselig Kosen! Welch ein Glühen, Flüstern, Hangen! Wie sich Fels und Welle küßt! Was ihm träumt, dem Ruhelosen, Von den Alpen keusch umfangen Und vom Kaukasus begrüßt? – Träumt von Völkern, die sich trennen An dem fernen Ararate Um die stolze Babylon. Diese ziehn, wo Wüsten brennen, Jene fort durch Steppenpfade, Meerwärts trachtet Japhet's Sohn. Denn er gleicht der raschen Welle: Reges Schaffen ist sein Sehnen, Nur am Meere blüht er auf; Ob's im Ost, im Westen schwelle, Wo sich seine Ufer dehnen, Dahin geht's in raschem Lauf. Und von Kämpfen träumts dem Alten, Von gewalt'gen Völkerschlachten Und von stolzem Heldensang; Dann von Städten und vom Walten Stolzer Herrscher, die verachten Eines freien Volkes Drang. Und ihm wird, als hört' ein Rauschen Er von tausend Ruderschlägen Und von Kielen schlank und kühn. Angstvoll rings die Inseln lauschen; Scharen Perserschiffe, trägen Laufes, segeln zu dem Athos hin. Plötzlich kommt ein Sturm gezogen; Wild empören sich die Wellen, Schäumend bricht am Fels die Flut. Sie die Flotte! auf den Wogen Treibt dem Berg sie zu; zerschellen Wird sie dort des Sturmes Wuth. Und sein Traum wird immer wilder, Wuthentbrannte Perserhorden Ziehn auf's neu nach Hellas hin; Hell erglühn die Wappenschilder, Der Spartaner Schwerter morden Freiheitsmuthig, todeskühn. Und ihm ist's, als säh im Westen Er ein Felseneiland ragen Und darauf ein Königshaupt, Düster blickend nach den Resten Seines Weltheers, das, geschlagen, An der Freiheit Wunder glaubt. Was dem Alten sonst sich zeigte Durch des Traumes offne Pforten, Das thun tausend Bücher kund. Segnend sich der Weltgeist neigte Auf die Völker aller Orten Wo Gebirg und Meer im Bund. Philipp David Der grüne Prinz »Verehrte Herren, allzumal, Aus meinem Reich versammelt, Der Römer schäumt und der Pokal Und manche Zunge stammelt; So sage Einer frei heraus, Warum – wenn ich spaziere – Das Volk bricht stets in Lachen aus? So daß ich mich geniere!« Da sehen sich betroffen um Die Herrn aus den Provinzen, Sie wissen alle wohl warum Man lächelt ob dem Prinzen. Der Prinz, sonst ganz ein guter Mann, Hat eben einen Fehler, Er hat halt einen Mackel an, Deß sind sie alle Hehler. »Frisch auf, ihr Herr'n, ich zürn es nicht, Am wenigsten beim Weine, Gebt Antwort frisch mir in's Gesicht, Sei's, was es woll' für Eine!« So fährt er fort, der –ne Prinz, Doch keiner thät sich regen, Nur stumme Marmorstatuen sind's, Kein Mund will sich bewegen. Am End' fängt Einer an und läßt Der Zunge freien Zügel: »Herr Prinz, es wäre wohl das Best', Ihr säht in einen Spiegel.« Doch Spiegel sind nicht in der Näh' Weil einst aus guten Gründen, Damit Er nie sich drinnen säh'. Man alle ließ verschwinden. Ein Zweiter spricht: »Bös ist die Welt, Wie sonst, so hier zu Lande, Indem sie Das für schimpflich hält, Was weiter keine Schande; Im Gegentheil, es leuchtet ja, Hoffnung aus Dero Zügen ...« Doch da der Prinz just an ihn sah, So hat der Mann geschwiegen. Ein Dritter sprach nur: »Hoher Herr,« Da war sein Spruch zu Ende; Ein Vierter sagt' auch nicht viel mehr, Rieb sich nur scheu die Hände, Ein Fünfter fing beherzt wohl an, Da fuhr ihm drein der Sechste, Am End' lag Aller Zung in Bann, Als wären sie Behexte. Jetzt fährt der Prinz gewaltig auf: »Ihr Herrn, ich meine Jeden, Was stocket Eurer Zunge Lauf? Nicht schweigen sollt Ihr – reden! Heiß ich Euch schweigen – so seid still, Ihr wißt, daß ich nicht spaße, Jetzt aber redet, weil ich will, Ansonst ich Euch entlasse. Das wurmt die Herrn, sie fürchten sich Vor ihres Herren Grimme, Und endlich Einer kräftiglich Ruft mit beherzter Stimme: »Ja, Hoheit, wenn Ihr's doch verlangt Und alle schweigen – diese, So wißt, daß Dero Antlitz prangt Grasgrün wie eine Wiese!« Es stutzt der Prinz, es that ihm weh; Das war ihm sonst verborgen, Sein Zorn flammt auf, steigt in die Höh', Wie ein Gewitter-Morgen, Und plötzlich greift er nach dem Schwert, Den Frevler zu bestrafen, Als grell ein Blitz herniederfährt Durch alle Herrn und Grafen. Vom Donnerschlag erbebt das Haus, Es zittern, beben Alle; Wo will das hin? Wie geht das aus? Da mit Posaunenschalle Ruft eine Stimme: »Sehet hin, Der Zauber ist gebrochen, Weil Einer mit beherztem Sinn, Die Wahrheit hat gesprochen! « Was weiter folgt' in jenem Saal, Ward uns nicht aufgeschrieben, Wir können höchstens die Moral Daraus ziehn nach Belieben: Manch böser Zauber fiel zur Stund', Wie einst in jenen Tagen, Wenn man den Fürsten nett und rund Die Wahrheit dürfte sagen! Die Gschicht vom Wilhelm Tell Von einem beliebigen Schulmeister seinen Jungen erzählt So ungefähr sagt es der Schiller auch Ein wenig nur mit andern Worten. Wo sie mer bliebe in der letschte Stund? I frage n Alli zemme in der Rund, Wo si mer bliebe? He, gänd Antwort schnell? »Bim Wilhelm Tell.« – Jo, jo bim Wilhelm Tell. Das hend Er bhalte, doch jetzt saget no, Was het dä Wilhelm Tell de gmacht? Was hei er do? »Er het, er het ....« Was het er denn? I g'sieh Do isch's mit eurer Gschidheit scho vorbi, Ihr wüßet nüd, – – – doch wartet nur, i will Die G'schicht jetzt wieder afo, sied gäng still. Im Urnerländli isch vor viele Johre En Landvogt gsi e so mit rothe Hore As wie 'n e Judas und e Mönsch derbi, Dä gschunde hat ufs Aergsti Groß und Chli, Und alli Hochmuet gha het in sim Kropf, Und Alles isch nur gange no sim Kopf. Es Mol do stellt er au en Stange 'n uf, Und setzt e 'n alte Huet no obe druf Und sait: Es sig denn Jederma so guet, Dä dure got, und lüpf' dervor si Huet! Jetz frogi all mini liebe Kind, Isch so n e Mönsch nit dümmer as es Rind? Sisch fast unglaubli, dennoch isch's passiert, So wie n üs Tschudy's Chronik refe–ri–ziert. Und was das Aergst' isch gsi bi dem Sgandal, Die dure sind, die händ' si bukt fast All. Do zletscht kunnt aber au e rechte Ma, Der Wilhelm Tell, und luegt di Dummheit a, Und zue sim Bübli sait er kurz und gut: »Dä ka mir gstohle wärde mit sim Huet,« Und got verbi; do kömme zwee Schnurrante Oder, wie me sie denn eigentli heißt »Krabante«, Und packet uf der Stell Dä Wilhelm Tell. Und grad so trifft si 's daß zur säbe Stund Dä Landvogt Gäßler mit sim Gsindel chunt, Und frogt, was got? do heißt es denn: »Dä Ma Het vor dem Huet dert der Despekt nit gha.« »So!« sait der Gäßler: »So, isch das e so. Dä Ma, dä soll sie rechti Strof biko.« Und will er grad si Pfil und Armbrust bi si trait, So hat dä Gäßler also zu n em gsait: »Wilhelm Tell Du trutzige Ribell Gält, das isch dert woll dis liebstes King, Gang, schieß em der Aepfel ab em Gring.« Nai, sait der Tell, i bi n e gute Schitz, Doch so n e Schutz, das wär e schlechte Witz. Lönd 's lieber si, und stecket denn mi i. Nai, sait der Gäßler, grad jetz mues es si, Und will du mir denn gar no wöttisch trutze So schieß nur jetz gli dur dä Aepfelbutze.« – Doch, halt i glaub, dert gsieh i Ein im Schnuf, Wart nur, du Galgenstrick, di weck i uf. Do hesch de Eini, gäll de hesch si gspiert – – Da alles wird denn natürlich abgespielt, hernach ... Doch halt; jetz bin n i scho wieder in der Gschicht verirrt. – – He jo, der Tell, dä schießt, und trifft denn grad Der Aepfel mitte durch ganz akurat Und alles schreit denn scho bravissimo, Do isch denn au der Gäßler häre ko Und sait: »Der Schuß isch guet, doch ha n i gseh Du hesch dert no e Pfil in dim Schileh Me brucht zu aim Schuß ai Pfil und nit zwee. Do sait der Tell, und bsinnt si au nit lang: »Das isch e so der Bruch, me nennt's Gommang«. »Nai,« sait der Gäßler, »Säll isch denn nit wohr, Gib Antwort, Tell, es isch derbi kai Gfohr.« – Do sait der Tell denn frei und unschenirt: »He, wenn Ihr d' Antwort mir denn permittirt, So wüßet: Wenn i troffe hätt mis King, So stäck dä zweiti Pfil Euch längs im Gring,« Der Gäßler, dä macht Auge, wie n e Türk, »Tell, Tell, gib Acht, daß i di nit verwürg?« Ich dank dir für di fruendlichi Belehrung, Doch will i di zuer witere Bekehrung Jetz lasse uf mi Bundesfestung bringe, Wo Frösch und Krotte dir dis Nachtlied singe. »Krabante paked a!« Und so wird denn dä Biderma An Hand und Füße bunde, und derno Do händs e mit si in es Schiffli gno, und fahre mit em furt – doch halt i mueß jetzt denn e Prise neh Es darf jetz woll e Mol e kleine Pause gscheh– – Schnupft mit Grazie, nachher fährt er fort ... – Was hani zletschte gsait? – – sie fahre furt, Jo, jo sie fahre n also mit em furt. – Do aber chunnt e Sturm, schlot alli Welle uf Und Alli strecket d' Händ zuem Himmel uf, Und schreie: »Mutter Gottis hilf.«– – Jo, jo, Dem Lumpegsindel sott sie helfe no. Der Donner und der Blitz, die brüle nur viel meh Und Alli denke, s' wär scho um si gscheh; Do sait zletscht Ein: der Tell, das wär der Ma, Der uns alleinzig jetz no helfe ka. Ma bind't e los, und denn mit starker Hand Führt er das Schiff bis noch derzu ans Land, Und Alli glaube scho, si sige grettet, »Nai, denkt der Tell, so hem wer denn nit gwettet.« Er also in der größte Il, Nimmt d'Armbrust und si letschte Pfil, Springt us em Schiff ... und lacht si tüchtig us. – Die Andre aber in dem Sturm und Grus Tribts uf dem Meer (oder dem See ... no mengi Stund umher, Bis endli wie von ungefähr Si au no kömme dört ans Land Und stiged us, die ganzi schöni Band. Es isch e Hohlweg dört; me nent's »die hohli Gaß,« Krabante gehnd vorus und mache Platz Der Gäßler kunnt, Trompeter blose Tusch, Der Tell steckt aber lang scho hinterm Busch, Dä het scho lang dert gwartet uf si Ma, Und will er denn au langi Zit het gha, So het er mengs so bi si denkt und gsait Was uns der Schiller het in Verse übertrait ... Do kunnt der Gäßler uf sim stolze Roß Der Tell, dä gsieht e, faßt e scharf, druckt los, Und sieht au gli zu siner größte Fraid, Wie n im der Pfil stekt grad im Ingewaid. Do lacht der Tell: Gäll, gäll jetzt het's di gä, Jetz wirsch mi nimme an der Gurgele nä. Und stimmt da druf e schöne Jodler a, Und singt derzu: »Heil dir Helvetia.« Und sit der Zit im Johrgang drizehhundert und siebe, Do hett die Schwiz das fremde Volch vertriebe! So hend Er, mini King, die Gschicht denn wieder ghert. I hoffe, daß es Jedes usse lehrt. I denk, Er sottet 's wol begriffe ha Wonit, so fangi wieder vorne a. – – Händ Er 's bgriffe? – »Jo« – so wem mer schließe Ihr könne wer eure Eltern fründli grieße. Jakob Burkhardt Aussichten aus einem Fenster Ueber'm Rheine, in den Reben Regt sich's in der Mittagsstille Aufwärts durch die stille Halde – Kinder eine ganze Fülle. Wie sie klettern durch die Hecken Katzen gleich auf scheuen Sohlen! Denn die Traube schmeckt zwar immer, Doch am besten nur gestohlen. Knaben ziehn empor die Mädchen, Bis die Halde ist erklommen; Nun zum Plündern! helft einander, Rasch, bevor die Winzer kommen! Und es taucht der alte Rheingott Lachend aus den grünen Tiefen; Aus dem grünen Barte sieht man Wasser wie Cascaden triefen: »Wohl bekomm's, ihr lieben Kleinen! 'S kommt die Zeit, ihr werdet sagen: Wein taugt mehr als Trauben – jetzo Nur verderbt euch nicht den Magen!« Vom Vierwaldstättersee Abendliche Purpurgluth Wallt hinauf von Flühn zu Flühen, Und du siehst ihr bebend Bild Roth im dunkeln See erglühen. Rosenwolken ziehn einher, Feuriger, dann wieder bläßer; In der Tiefe fluthen sie, Zart gespiegelt vom Gewässer. Liebe, die der Sonnengott Bergen, Wolken hat gegeben. Lockt aus der geliebten Fluth Dieses sanfte Purpurleben. Liebe lodert hell entflammt In Gebirgs- und Wolkengluthen, Liebe strahlt verschämt zurück Aus dem Zittern dunkler Fluthen. Nyt Eiges meh Was wie-n-e Flamme-n-uf mym Scheitel rueht, Du bisch die Glueth! Was wie-n-e helli Wulke-n-um mi wallt, Du bisch die Gwalt! Und 's Morgeroth schynt dur e Rosehag, Du bisch der Tag! Und d'Sterne glänze-n-in der hellste Pracht, Und du bisch d'Nacht! Es ghört mer weder Denke, Gseh noch Thue Meh eige zue – Wer het mi au mit Allem, was i bi, Verschenkt an Di? Red und Antwort. Sag, was isch uf der liebe Welt Noch azfoh, Mensch, mit dir? De stuunsch in's Blau, wie d'Wulke ziehnd Und bisch bald hinterfür. »So loß mi stuune. Denk, i suech E Stern, wo d'Wulke deckt. Giduld nur, bis sie übrezieht Und 's Liecht mi wieder weckt.« De thuesch nyt meh, du redsch nyt meh, Und stiehlsch em Herrgott d'Zyt. »I red im Stille zue dem Stern, Bis Antwort kunnt – 's isch wyt,« Und Tag für Tag laufsch ganz allei Zum Thor uus dur de Schnee. »I suech die Stell, wo i dä Stern zuem leschte Mol ha gseh. De darfsch es wisse, 's stoht am Hag E große-n Apfelbaum: Dört wach i uf; was i mit euch Jetz red und thue, isch Traum.« Jakob Mähly Uf em Kirchhof Allewile waiht der Wind so schurig Ueber d'Gräber uf em Kirchhof hi, Und die Pappelwide luege trurig Wie vom Gram verzehrti Seele dri, Gend nur hie und do e Lebeszeiche Mit de Blättere, de fahle, bleiche – Allewile waiht der Wind so trurig. Isch's der Geisterhuch, dä dinne waltet Und si Ton in Blatt u Zwig zerstreut, D'Immortellen-n-us enander faltet, Und der Duft vo Blume zu-n-iß trait? Sieht me suest kei Huch kei Blatt biwege, Uf em Kirchhof mueß sich's bständig rege – Isch's der Geisterhuch, dä dinne waltet? Und der Ton isch nit e-n-eifach Sysle, Wie me's sust in Baum und Wipfel hört, 'S lit e ganze Trurgesang in sim Glisle, Und nur Seele, die, vom Gram verzehrt, Zue de Todte-n-ihre Gräber walle, Die verstehnd si Sinn allei vo-n-alle – 'S isch e Sprooch, und nit e-n-eifach Sysle. Und die Sprooch stimmt zämme mit der Seele, Ernst und voll Gidanke; denn wer trurt Uf de Gräber, darf sich nit verhehle, Daß si Lebe-n-au nit ewig durt. Und er hört si dytli zue n-em sage: »Di au wird me bald do umme trage!« – Denn sie isch im Iklang mit de Seele. Lebes Freud und Lust ka-n-eim zerrinne, Wem-me's hört, und 's zieht enn schmerzlich hi Zue der Muetter und der Schwester dinne In der Gruft – me möcht sie selber si – 'S schadet nyt, denn uf em Kirchhof ebe Müend au die's vernemme, die no lebe: »Alli Lust mueß doch emol zerrinne.« Am Brunnen Lueg's Wasser, wie's sprudlet so voll und so frisch Mit Lärme und Grysch, Und plätscheret unter de Röhre. Und hoch uf em Brunne-n-e steinene Ma Luegt's allewil a. Und mueß es au allewil höre. Zwor 's Wasser allei wär nonig so arg, Sini Nerve sind stark Und könnte's am End no vertrage. Sie sind ja vo Stei, und früehjer au scho Hät er höre ganz anderi Kläng aschlo, Und het nit dörfe verzage. E Held isch's gsi; in bluetiger Schlacht, Wo's tost het und kracht, Het er's Lebe für d'Freiheit verlore: Seevogel heißt er, dä schwizerisch Held, Si Name-n-isch prise-n-und gfirt in der Welt, Und z'Basel isch er gibore. Du hättsch noh dim Tod ebbis Bessers verdient, As 's Loos, wo der grüent Uf em Brunnestock. Nebe-n-em Tose Vom Wasser 's Geplauder, 's Geschnatter, 's Geschnärr Vo de Mägd, die der Brunne kei Augeblick leer Am Tag leend, au mit azlose. Was Jedere lastet und druckt uf em Herz, Vo Kummer und Schmerz, Das spart si gewiß bis an Brunne: Do kömme die Gschichtli, wohr oder nit, Ueber d'Frau und der Herr oder anderi Lyt In classische Forme-n-an d'Sunne. Und 's Anneli, Bäbeli, 's Liseli weißt Ebbis extra und heißt Au die Andere-n-ebbis erzelle. Und sie finde kei End, 's Mul stoht ene nit, Im Plappere, Klappere halte sie Schritt Mit der immerfurt sprudelnde Quelle. Nur sind ihri Rede nit allewil rein, Wie's Wasser; i mein, D'Verlümdung git ene Flecke. Meng ehrbari Frau, wenn si 's höre könnt An 's Seevogels Platz, wie me dunte sie nennt, Wurd sterbe vor Zorn und vor Schrecke. Lueg selbi, si het der Züber scho voll, Doch lot si ihr Groll No us gege d'Frau und Consorte; Si stämmt bed Händ gege d'Site, me sieht, Wie sie gellt und Gift und Galle-n-usprüht, As wenn sie wott alli ermorde. Die Andere-n-alle sind Aug und Ohr, E förmlige Flor Vo Mägde, u äne-n-am Brunne Isch ä Ma, dä thuet, as hörti er nyt, Und as wott er numme-n-es Tränkli zuer Zit Sim Rößli, dem Schimmeli gunne. Doch hinter em Brunne duckt si versteckt E Bueb, und er heckt E Streich us, sott me fast glaube. Er wartet. Jetz het si der Zuber scho uf, Die Schreiere, aber si hört nonig uf, Und isch im Zug mit em Schnaube. »I sag ych, es isch e Schand und e Spott, Mi Frau deheim sott –« Doch bringt si der Satz nimme ferig – »Herr Jeses!« schreit si uf eimol und schießt Mit der Hand in Nackte-n-und über si gießt Sich der Zuber mit finer Bischeerig. Der Bub springt füre-n-enanderno Und macht si dervo: Mit sim bleierne Spritzerli het er Der Spuck agrichtet; u luegt jetz zue Vo witem und lacht u hört in Rueh Das Geschrei u das Gschimpf u dä Zetter. »Das isch der Sündeschuld für Ihr Gschwätz,« Sait plötzlich jetz Der Ma mit em Rößli am Brunne. »Wer uestheilt, Jumpfere, kriegt au si Theil, 'S dient Ihre zuem Heil: I mag's Ere-n-emmel wohl gunne.« No-n-emol uf em Kirchhof Er het nit länger chönne warte, – 'S isch no-n-e Stund, bis Vieri schlot, Und alle Lyt der Kirchhofgarte Zue freiem Itritt offen stoht – Er isch vo wit, mueß wieder go, Doch hätt er sich's nit nemme lo, An's Grab vo siner Muetter z'trette, Und an em z'grine, an em z'bette. 'S isch scho-n-e Johr, do isch si gange, Und lot en einzig uf der Welt, Wie isch er an der Muetter g'hange, Wie bet sie uf si Stütze zellt! Jetz sprosse Veieli scho frisch Uf ihrem Hügel, und er isch Bi fremde Lyt, uf ferne Wege, Allei, nur mit sim Muettersege. Dört lit si – 's trennt en nur e Mure, Und – ine mueß er, 's zieht en a, Er ka das Gfühl nit überdure, Er luegt zrings um si, eb er ka. Kei Mensch isch in der Nächi z'seh Am Mureecke lit no Schnee; Dört stoht er druf – und kei Sekunde Het's bruucht, so isch er äna dunte. E-n-eifach Kryz isch ufpflanzt worde Uf's Grab, kei Namme, wer do lit, Kei Schmuck, kei Blueme-n-a de Borde Als die, wo in der Wonnizit Ungruefe vor em selber stehnd An jedem Fleck und's Köpfli leend Im warme Sunnestrahl sich wiege: Mit dene mueß si sich bignüege. Doch d'Thräne, wo jetz abe falle Uf d'Veietli, sind Perlethau, Mehr werth as uf de Gräber alle Zringsum der Marmor, wiiß und grau; Uf viel sind schöni Blueme gsetzt, Doch – eb si je e Thränli netzt? Vilicht sind selber d'Bluemespende Zum Schin, und nit us liebe Hände. Er stoht und stuunt, und lehnt a d'Mure, Und d'Zit vergeht, er merkt si nit, Denn wahre Schmerz mueß überdure D'Erinnerung an Ort und Zit. Wit hinter em isch d'Thüre scho Ufgange, Lyt sind ine ko. Jetzt isch's erlaubt, 's darf Jede-n-ine, Und zue de Gräber go und grine. Er gsieht es nit. – Plötzlig aber schlot em E Hand uf d'Achsle; und zerpflückt Si Traum – er luegt si um, und's droht em E Gstalt, die het e Wope gstickt Uf ihrem Kleid – Er kennt si scho; »Wie bisch du in der Kirchhof ko, Du Bettelbueb? Bisch überegsprunge?« Er lärmt und schreit mit volle Lunge. »'S kost Strof; i will euch Pack scho lehre, Zahl uf der Stell, und kaasch de nit –« Der Gärtner het's au müeße höre, Er kunnt, und hilft getreuli mit! Hilft nieme denn dem arme Knab? Stiegt nit si Muetter us em Grab? Soll er für treue Liebesspende No büeße-n-in so ruuche Hände? Er jomeret, er fleht – vergebe, Denn mit em Grine zahlt er nit, Und endlig ohni Widerstrebe Ergit er sich und will scho mit Uf d'Polizei – do, lueg, was ruscht Dort uf em Weg, kunnt näher, tuscht E Blick mit im, e mitlidvolle, Daß d'Thräne hinterem Schleyer rolle? E Dame-n-isch's in schwarzer Side Uf ihrem bleiche Gsicht wohnt's Leid, Si frogt, si forscht, si hört si Lide Und isch zue schnellem Trost bereit, 'S erbarmt si ab dem treue Herze, Si zahlt si Strof, si heilt si Schmerz. – Het sich um sie in schöne Stunde Au scho der Kranz vo Treui gwunde? Jo, dorum weißt si d'Treui z'schätze, Isch Muetter au: dort lit im Grab Ihr Kind; und soll si nit ersetze Der Wais ihr Muetter, sich ihr Knab? Uf eimol kunnt das Gfühl si a, S'isch Gottes Stimm, der si nit ka, Der si nit will entgegestrebe, Denn 's isch e Ruef zue neuem Lebe. Si zeigt em's Grab, si füehrt en ane: »Do lit mi Knab, mi einzig Kind; Witt! du mi wieder an en mahne, Wenn mir jetz Kind und Muetter sind?« Er sait kei Wort, sinkt an ihr Brust. Und sie, in neyer Muetterlust, Goht mit em hi, wo d'Veietli sprieße, 'S Grab vo der alte Muetter z'grüeße. August Corrodi Liedlein vom Scheiden 1. Fliege fort, fliege fort. Du klein Waldvögelein! Die Röslein sind verglommen. Die Lieb' hat Abschied g'nommen Gestorben, verdorben Sind all' meine Blümelein. Fliege fort, fliege fort. Du klein Waldvögelein! Flieg' aus nach allen Winden Wirst's immer wieder finden – Gestorben, verdorben Ist all' die Freude mein. Fliege fort, fliege fort, Du klein Waldvögelein! Such' dir dein Heim bei Zeiten. Der Winter will anschreiten – Gestorben, verdorben Sind Blum' und Läubelein. Fliege fort, fliege fort, Du klein Waldvögelein! Möcht' mir ein Bettlein werden Wohl in der kühlen Erden – Gestorben, verdorben Ist all das Glücke mein. 2. Es singt ein Vogel im Tannenbaum, Singt leide, leide, leide, Ich hab' geträumt einen bösen Traum, Ich sollt von dem Liebsten scheiden. Und als ich erwacht in der dunklen Nacht, Da kam der Sturm geflogen, Und als ich erwacht in der dunklen Nacht, Der Liebste war fortgezogen. Und wer einen Liebsten im Herzen trägt, Dem ist sein Herz voll Wunden, Und wem der Liebste scheiden geht, Der mag nit mehr gesunden. Es singt ein Vogel im Tannenbaum – Singt leide, leide, leide. 3. Wem Gott ein braves Lieb bescheert, Der soll von ihm nit scheiden, Er soll es halten treu und fest; Denn wenn er's wieder scheiden läßt, Dann gehet auch sein Herze mit, Und Frieden findt er nimmer nit – Wem Gott ein braves Lieb bescheert, Der soll von ihm nit scheiden. Wem Gott ein braves Lieb bescheert, Der soll von ihm nit scheiden. Die Welt, ist sie wohl schön und groß, Ist sie doch kalt und liebelos. Und wem sein Liebstes scheiden geht, Wie 'n Vöglein ohne Bettlein steht – Wem Gott ein braves Lieb bescheert, Der soll von ihm nit scheiden. Wem Gott ein braves Lieb bescheert, Der soll von ihm nit scheiden. Ein Stündlein lang, ein Stündlein weit, Und zwischen liegt die Ewigkeit. Und der euch sang dieß Liedlein gut, Der klagt es Gott, wie weh das thut – Drum, wem ein braves Lieb bescheert, Der soll von ihm nit scheiden. Novelle Von meiner Liebe Sagt' ich ihnen, Von meiner Liebe Sagten sie dir. Von deiner Liebe Sagtest du ihnen, Von deiner Liebe Sagten sie mir. Gingen zusammen Ueber die Felder: Gingen zusammen, Du und ich. Kannte des Einen Liebe das Andre, Brannten die Augen In heimlicher Gluth. Aber die Lippen Mieden zu künden Unserer Augen Flammende Schrift. Sprachen die Lippen Kühles und Fremdes, Sprachen von Englands Literatur. Kamen im Dörfchen Endlich allein an; Flammte vom Himmel Stolz der Komet. Sprachen noch lange Von englischen Büchern, Ließen entfliehen die Köstliche Zeit. Bangte vor dir mir, Liebe zu sagen, Bangte vor mir dir, Liebe zu hören. Kamen die Andern, Lächelnd und spähend, Trennten uns wieder Dich und mich. Von meiner Liebe Sagt' ich ihnen, Von meiner Liebe Sagten sie dir. Von deiner Liebe Sagtest du ihnen. Von deiner Liebe Sagten sie mir. Lachten die seligen Götter im Himmel, Lachte vor Allen Eros, der Schelm. Es ist so spät geworden Es ist so spät geworden, Die Sternlein schlummern lind Im weiten Wolkenbette – Schlummre auch du, mein Kind. In stillen Wiesenblumen Träumet der müde Wind Von rothen Morgenrosen – Träume auch du, mein Kind. Nur meine Lieb' und Treue Beide noch munter sind, Und schwingen sich über die Wälder Im Wachen bei dir, mein Kind. Mittags Ich stieg von grünen Waldeshöh'n In's kühle Thal hernieder, Ein Bächlein sang mit Lustgetön Im Geh'n mir muntre Lieder. Ich folgte froh des Bächleins Spur, Um seinem Sang zu lauschen; Doch als wir kamen auf die Flur, Verstummete sein Rauschen. Und als ich schaute, lag es tief In bunten Blumendecken; Ob seinem Singen es entschlief – Ich mocht' es nicht erwecken. Kindesschlaf Saß einst im stillen Kämmerlein An eines Kindes Bett allein; Da spürt' ich's heimlich mich umwehen, Weiß nicht, wie mir so mocht' geschehen. Es ging von diesem schlummernden Kinde Ein Friedenshauch, so leise, linde, Der um mein Herz, das vielbewegte, Fächelnde weiche Schwingen legte. – Und alles Leid und alle Lust Verschwammen schweigend in meiner Brust, Und tief in sinnendem Gemüthe That auf sich mir des Wortes Blüthe: »Wer nicht mag sein wie solch ein Kind, Dem alle Himmel verschlossen sind.« Ein Werk Es ging ein Meister wandern Hinaus in die weite Welt, Gott Vater hatte bei ihm Ein großes Werk bestellt. Vom Himmel nahm er die Sonne Und flimmernde Sternengluth, Er nahm des Sturmes Sausen, Des Meeres hallende Fluth. Den Wiesen entführt' er lächelnd Den duftigen Blumenschein, Dem Quell sein muntres Rauschen, Dem Walde die Vögelein. Und als er all gesammelt. Der Erde bunte Lust, Da griff der Meister kräftig Hinein in die Menschenbrust. Zum Werk auch mußt' ihm dienen Das tolle Menschenherz, Mit seinem klagenden Sehnen, Mit seinem jubelnden Scherz. Und als das Werk des Meisters Zu seinem End gedieh, Da nannte es Beethoven Die A-dur -Symphonie. Wiegenlied Schlafe, mein Kindchen, schlaf' ein geschwind, Ueber den Tannen gehet der Wind, Wehet der Sonne die Augen kühl; Treibet der Wolken wallend Gewühl, Spielet und streifet über die Weiten, Himmelweit will er heute noch gleiten. Schlafe, mein Kindchen, schlaf' ein geschwind, Ueber den Tannen gehet der Wind. Schlafe, mein Kindchen, schlaf' ein geschwind. Ueber den Tannen gehet der Wind. Tannen, die wachsen zum Himmel hinan, Schauen die Sonne wandeln die Bahn, Schauen die Sternlein sinken und steigen, Nicken und rauschen, wiegen und neigen. Schlafe, mein Kindchen, schlaf' ein geschwind, Ueber den Tannen gehet der Wind. Schlafe, mein Kindchen, schlaf' ein geschwind, Ueber den Tannen gehet der Wind, Vögelein sitzt auf glänzigem Ast, Pfeift sich ab das Herzelein fast, Sitzet beim Nestchen und hütet die Seinen, Hütet die lieben schlummernden Kleinen, Pfeift hinein in Sonne und Wind: Schlafet, ihr Kindlein, schlaft ein geschwind. Den Philistern »Und hast du denn nichts Bessers zu thun. Als immer Federn zu spitzen? Als immer, wie ein brütend Huhn, Auf poetischen Eiern zu sitzen? O mehre nicht auch noch die Dichterbrut, Die überall uns in Weg tritt! Wo fände man endlich, bei Gottes Blut. Genug Hennedarm, Hanfsamen, Wegtritt? Bewirb dich um ein praktisch Amt Oder wähl' eine Facultät dir. Was nützet dem Staat so ein verdammt Hinbummelndes Poetthier?« O du gestrenger, du weiser Chor, Wie gönn' ich dein Gequack dir! Nicht neid' ich dich um dein langes Ohr Und nicht um den Titel: Packthier. Ich neide dir nicht den beschlagenen Huf Und nicht deine duftenden Pferche; Laß du mich bleiben, wie Gott mich schuf: Eine lustig trillernde Lerche! Sonst und Jetzt Hinauf aus den Tiefen, aus Korn und Klee, Hinauf aus dem flimmernden Blühen, Hinauf in die Berge zu Eis und Schnee, Hinauf in die felsigen Flühen! Wo die Geier kreisen, das Schneehuhn schwirrt, Wo die Wasser donnern und tosen, Wo der Birkhahn balzt, der Apollo flirrt Durch der Alpen leuchtende Rosen! Wie jauchzt' ich hinaus von der schwindelnden Wand, Hinaus in die blauenden Weiten, Wie winkt' ich so stolz in's qualmende Land Aus den prächtigen Einsamkeiten. Wie ruht' ich so wolig auf wildem Gestein, Wie pries ich die Tiefe der Stille – Allein zu sein, ach, so selig allein. War all mein Wunsch und mein Wille. – Die Nebel ziehen und die Zeiten fliehen Und die Wasser wandern und schäumen – Wohin ist die Lust, wohin, wohin: In den Gletschern zu gehn und zu träumen? Das war: ich fand im Alpengrund Einen Garten, funkelnd im Thaue, Ich fand einen liebholdseligen Mund, Zwei Augen, leuchtende, blaue. Mein Herze sprach: »Hier machst du Halt, Hier hat dein Weg ein Ende; Laß fahren die Gletscher, wild und kalt, Laß fahren die schwindelnden Wände! Was beut dir droben das Urgestein, Was lehrt dich der Wasser Tosen? – Bleib' unten im duftigen Blüthenschein Und kränze dein Haupt mit Rosen. Aus dieser Augen Alpensee Sollst du deine Seele tränken, Und all dein einsam Leid und Weh Wonniglich drein versenken.« – So hat meinem Weg in's Urgestein Und auf zu Gletschern und Schrunden Ein jung jung Hochlandtöchterlein Ein selig End gefunden. Who ist that at my bower-door? (Nach Robert Burns.) Wer böpperlet a der Chammer a? Nu ich bi's, seit de Heiri. Se pack di hei, was witt du da? Nu öppis, seit de Heiri. De schlichst ja, wie wann d' gstohle hettst – Chumm lueg nu, seit de Heiri; De machst na Stämpeneie z'letzt – Cha scho sy, seit de Heiri. Und lies i di i's Chämmerli – O las mi, seit de Heiri; So wär's dänn mit mim Schlaf verbi – Natürli, seit de Heiri. Und wärist i mim Chämmerli – O wäri, seit de Heiri; Se wettst bis 's taget, bimer sy – Bis 's taget, seit de Heiri. Und wettist die Nacht bimer sy – Die ganz Nacht, seit de Heiri; Se fürchi, chämist wieder gli, Gli wieder, seit de Heiri. Was gscheh mag dänn im Chämmerli – Las gscheh nu, seit de Heiri; Das rathider, das bhalt für di! – Verstaht si, seit de Heiri. O lassic, art thou sleeping yet? (Nach Robert Burns.)           Er. O Vreneli, los, säg, schläfst du scho? O Vreneli, los, bist wachber no? I möcht es bitzeli zueder cho, O Vreneli, thuemer uf! O thuemer uf nu das mal. Das einzigmal, nu dasmal, I bitte di, gwüß nu dasmal, Stand uf und thuemer uf! Los nu wie's guslet und wie's macht, Lueg nu, kes Sternli schünt dur d'Nacht, Mini Bei hämi nümme wiiters bbracht – Chumm, lami understah, Chind! Und ghörst dänn nid da Chuuti gah? Er gstabet und verschniidt mi na! De chönntist doch Verbärmket ha – Iszapfe, thuemer uf! 0 thuemer uf nu dasmal, Nu das, nu das, nu dasmal, I bittedi, nu dasmal Stand uf und lami ine, gäll?           Sie. O schwätzmer nid vu Schnee und Wind, Säg nid, i seig e gruusams Chind, Mach, gangmer vu der Thüre gschwind, I thuene der nid uf, nei! I sägder iez, nid dasmal Nid das und das und dasmal Und eimal iez für allmal I thuene der nid uf, nei! De bißigst Wind, won um ein pfüüst. De cheltist Gutz, wo abegüüßt Isch nüt gege wie es Chind aschüüßt. Wo me falsche Bueb trout, weißt. – Hütt lueget man es Blüemli a, Morn butzt mä sini Stifel dra – Das chönnedmer as Bispiil ha, Wie's eusereim gieng, weißt! Es Vögeli pfifft im Sunneschii, Morn föhtmäs in es Chefi i – Das Vögeli mag is Warnig sy, Wie's eusereim gieng, weißt! I sägder iez, nid dasmal, Nid das, nid das, nid dasmal, Nid eimal und nit keimal Thuenider uf, iez lauf! –