Verschiedene Autoren Altitalienische Liebesnovellen   Klassiker der Erotischen Literatur Vierter Band Herausgegeben von Walther Petry   Verlag die Schmiede Berlin Copyright 1926 Vorwort Die Novellen dieses Bandes beginnen in der Zeit der unmittelbaren Nachfolge des Boccacc; sie enden mit Marsili im Anfang des 18. Jahrhunderts. Ihre Abfolge ist chronologisch, soweit die manchmal ungewissen Lebensumstände der Autoren eine genaue Zeitsetzung ermöglichten. Ihr Beginn bezeichnet die Zeit, da das Erscheinen des Dekameron, dieser gültigsten Schöpfung der italischen Renaissanceprosa, mit eins die Maßstäbe für Prosadichtung, sowohl was die Form, das Novellenmäßige, als auch was das eigentlich Inhaltliche dieser Erzählungen betraf, höherrückte. Es sei sogleich gesagt, daß niemals, weder in einzelnen Stücken noch in Cyklen, jene völlige Geschlossenheit, organische Fügung des Ganzen, jene Leichtigkeit der Ordnung, Gleichgewicht und gefällige Bewegung der erzählerischen Massen, weder die Eleganz der Sprache noch die Ursprünglichkeit der Erfindung in späteren Werken wieder erreicht wurde. Boccaccio begann und vollendete im Dekameron die eine geistige Ausprägung einer Epoche, deren andere die Divina Commedia darstellt. Die unermeßliche Spannungsebene dieser Zeit ist mit den polaren Erscheinungen des Dante und des Boccacc bezeichnet. Kunstdichtung wie Populardichtung der Renaissance – wenn diese groben Begriffsbildungen stehen bleiben sollen – treten in diesen beiden originalen Schöpfungen zu ihren gültigsten höchsten Ausprägungen zusammen. So verbleibt also das Dekameron als eines der großrepräsentativen Dokumente dieser Zeit, dessen einzigem Wert sich eine Sammlung der späteren bedeutenden Novellistik nur im Sinne der Ergänzung, der Abwandlung – wenn auch in manchmal reichem, an sich beträchtlichem Ausmaß – anfügen kann. Stücke des Dekameron der Auswahl einzuordnen, ist einmal aus der natürlichen Achtung vor der Einheit dieses geschlossenen Kunstkörpers nicht möglich gewesen, es verbot sich zum andern aus der vorgesteckten Absicht der Herausgabe, die dem, allen Gebildeten zum selbstverständlichen Besitz gewordenen Zentralwerk des Boccacc die unbekannteren Stücke älterer italischer Novellendichtung hinzufügen wollte. Die Auswahl hatte zweifache Begrenzung, sie beschränkt sich auf das Wesentliche; und sie war gehalten, die erotischen Vorwürfe zu wählen. Sie ist also einmal keine fortlaufende, Glied an Glied fügende Sammlung des alten Erzählungsbesitzes; die zeitlichen Spannen zwischen den einzelnen Autoren sind manchmal groß; sie hat nur das Bedeutsame dieses reichen Produktionsfeldes zusammengestellt und erlaubt eine Überschau über den ganzen historischen Bereich von der Renaissance bis zum Rokoko nur in großen allgemeinen Grundzügen. Indessen ist, was in einem großen Kreis lebendige Anteilnahme noch wecken kann, was zur Bildung eines Totaleindruckes dieser literarischen Aera wesentlich gehört, in dem vorliegenden Bande enthalten. Die zweite Beschränkung, die der Stoffwahl, ist fast keine. Der Motivenkreis aller Erzähler faßt so durchgehend erotische Momente in sich ein, daß kein wichtiger Name ausgeschlossen werden brauchte, da das Werk aller sich um dieses Lebensphänomen beinahe wie um einen unbedingten Mittelpunkt zusammenschließt. Erotik war eine aus Zeit und Anlage der Rasse natürlich sich ergebende Atmosphäre nicht nur des vitalen, auch des geistigen und künstlerischen Bereiches. Die Darstellung und Abwandlung dieses Vorwurfes ist unbegrenzt; ihre Spiegelungen begreifen so weitgehend alle übrigen Lebensinteressen ein, empfangen von ihnen Rundung, Abschließung und leihen an sie Farbe und dauernde Lebendigkeit zurück, daß es klar wird, wie naturgemäß eine Auswahl altitalienische Novellen zugleich eine solche der Eroshuldigungen sein kann. Dieses Moment des Erotischen ist kein stoffliches, vorgefaßtes Motiv, sondern mehr ein Einbeziehen vorhandener elementarischer Kräfte im Sinne ihrer gestaltenden Begrenzung und ironischen Fesselung. Es ist vom Erosdienst des 18. Jahrhunderts wesentlich unterschieden durch die größere Naivität, Freiheit, Durchsichtigkeit seiner künstlerischen Spiegelungen. Die Liebeserzählungen bei Boccacc, Bandello, Firenzuola, Straparola sind unvergleichlich ursprünglicheren Wesens als etwa die der französischen Erotiker des Rokoko; ihre Heiterkeit vergeistigt sie; ihre Deutlichkeit bleibt in der einfachen linearen Schilderung liebenswürdig; das Moralische ihrer Unmoralitäten wird, wie früher von Lukian, Petron, wie später etwa noch von Rabelais, durch die Souveränität der Darstellung und die fühlbare Natürlichkeit ihrer Schöpfungen jedem unbefangenen Geist zur Gewißheit. Historische Anmerkungen beizufügen konnte füglich unterbleiben; über zeitlichen Bestimmungen, literarwissenschaftlichen Details steht die unmittelbar lebendige künstlerische Gestalt, sie allein sichtbar zu machen, war hier die Aufgabe. Den Übertragungen wurden, soweit nicht Neuverdeutschungen notwendig waren, Adalbert von Kellers Arbeiten zu Grunde gelegt. Alle von ihm übernommenen Novellen sind durchgehend revidiert; alle Texte blieben ungekürzt und folgen getreu den Originalen. Walther Petry.   Übertragung von A. v. Keller Giovanni Fiorentino Die Kunst zu lieben In Rom lebten in dem Hause der Savelli zwei Freunde und Gefährten, wovon der eine Bucciuolo und der andere Pietro Paolo hieß, beide von guter Herkunft und reich an irdischen Gütern. Diese beschlossen der Studien wegen nach Bologna zu gehen, wo der eine bürgerliches, der andere kanonisches Recht hören wollte; so nahmen sie Abschied von ihren Verwandten, kamen nach Bologna und studierten dort ihrem Vorsatze gemäß eine gute Zeit der eine weltliche, der andere geistliche Satzungen. Und wie ihr wißt, hat das kanonische nicht den Umfang wie das römische, weshalb Bucciuolo, welcher eben das erste studierte, früher fertig war als Pietro Paolo mit dem seinigen. Da er nun Lizentiat geworden war, beschloß er nach Rom zurückzukehren und sprach zu Pietro Paolo: Lieber Bruder, da ich es nun zum Lizentiaten gebracht habe, bin ich entschlossen, nach Hause zu reisen. Pietro Paolo antwortete: Ich bitte dich, laß mich nicht hier allein, sondern warte noch diesen Winter; im Frühling reisen wir dann zusammen. Du kannst inzwischen eine andere Wissenschaft lernen, verlierst also deine Zeit nicht. Bucciuolo war damit zufrieden und versprach ihm, zu warten. Um seine Zeit nicht in den Wind zu werfen, ging er zu seinem Meister und sprach: Ich habe mich entschlossen, auf meinen Kameraden und Vetter zu warten, und bitte euch, mich unterdessen irgendeine andere schöne Wissenschaft zu lehren. Der Meister gab zurück, er sei es zufrieden, und fuhr fort: Suche dir einen Zweig, welchen du willst, aus, und ich will dich gern darin unterweisen. Gab Bucciuolo zur Antwort: Lieber Meister, ich möchte sehr gern lernen, wie man sich verliebt und wie man sich dabei zu verhalten hat. Der Meister entgegnete lächelnd: Das gefällt mir nicht übel. Du hättest nicht leicht eine Wahl treffen können, über die ich zufriedener gewesen wäre. Begib dich also nächsten Sonntagmorgen in die Kirche der Minoritenbrüder, wenn alle Frauen dort versammelt sind, und gib acht, ob eine da ist, die dir wohlgefällt; findest du eine, so folge ihr unauffällig, bis du siehst wo sie wohnt; und komm dann wieder zu mir. Dies soll die erste Aufgabe sein in diesem Lehrgang. Bucciuolo ging und am folgenden Sonntagmorgen fand er sich nach der Anweisung seines Meisters in der Minoritenkirche ein, die Frauen zu mustern, die sich zahlreich genug versammelt hatten. Er sah unter ihnen eine, die ihm sehr gefiel; sie war ausnehmend schön und reizend. Als sie die Kirche verließ, folgte ihr also Bucciuolo, sah und merkte sich das Haus, wo sie wohnte, woraus die Dame schloß, daß dieser Student im Begriffe sei, sich in sie zu verlieben. Bucciuolo ging zu seinem Meister zurück und sprach: Ich habe getan, was ihr mir sagtet, und habe eine gefunden, die mir sehr zusagt. Der Meister hatte darüber eine große Freude und lachte heimlich über Bucciuolos Vorsatz, eine solche Wissenschaft zu lernen. Dann sprach er zu ihm: Jetzt, mein Sohn, mußt du versuchen, zwei- oder dreimal am Tage in guter Haltung an ihrem Fenster vorüberzugehen. Halte die Augen bei dir und laß niemand merken, daß du zu ihr hinblickst! Ergötze dich immerhin so lange an ihrem Anschauen, bis sie deine Neigung gewahrt; und komm dann wieder zu mir. Das soll deine zweite Aufgabe sein. Hierauf verließ Bucciuolo seinen Meister und begann mit kluger Vorsicht an dem Hause seiner Dame vorüberzugehen, bis sie deutlich erkannte, daß es um ihretwillen geschehe. Sie begann nun ebenfalls mit den Wimpern zu spielen, Bucciuolo fing an, bescheiden sich vor ihr zu verneigen, sie erwiderte auch da, woraus er schloß, daß die Frau ihn liebe. Er berichtete alles seinem Meister, worauf dieser sagte: Recht schön; ich bin mit dir zufrieden; du hast dich bis jetzt in Allem wohlgehalten. Nun muß es deine Sorge sein, ihr eines jener Weiber zuzuschicken, die in Bologna mit Spitzen, Börsen und dergleichen hausieren. Laß ihr sagen, du stehest ganz zu ihren Diensten; es sei niemand auf der Welt, den du mehr liebtest als sie; und du seiest gern bereit alles für sie zu tun, was ihr gefalle. Du wirst hören, was sie dir antworten läßt! Je nachdem du dann Bescheid erhältst, komm wieder her und erzähle es mir; ich werde dir sagen, was du weiter zu tun hast. Bucciuolo begab sich schnell hinweg und machte eine Hausiererin ausfindig, die für seine Zwecke tauglich schien. Ihr könnt mir einen außerordentlichen Dienst leisten, sprach er zu ihr, für den ich euch bezahlen will, daß ihr mit mir zufrieden seid. Die Alte antwortete: Ich will tun, was ihr von mir fordert, guter Herr, ich lebe nur von dem, was ich mir verdiene. Darauf gab ihr Bucciuolo zwei Gulden und setzte hinzu: So bitte ich euch, daß ihr heute in die Straße Mascarella geht, wo eine junge Frau des Namens Giovanna wohnt, die ich über alles in der Welt liebe. Empfehlt mich ihr und sagt ihr, ich sei bereit, alles, was ihr angenehm sein könnte, für sie zu tun. Das mögt ihr in allerlei zierliche süße Worte einwickeln, wie sie euch gewiß einfallen werden. Um diesen Dienst bitte ich euch also, inständig und mit ganzem Herzen. Und die Alte: Laßt mich nur machen! Ich will schon den rechten Zeitpunkt finden. Geht, antwortete Bucciuolo; ich erwarte euch hier. Die Alte setzte sich gleich mit einem Korb voll Waren in Trab, ging damit zu der Frau, die sie unter der Tür sitzend vorfand, begrüßte sie und sprach dann: Madonna, ist euch vielleicht etwas unter diesen meinen Waren genehm? Nehmt immer heraus, was euch gefällt. Dabei setzte sie sich zu ihr und begann, Schleier, Börsen, Schnüre, Spiegel und anderes dergleichen vorzuzeigen. Nachdem die Dame alles gesehen hatte, gefiel ihr unter allem besonders eine Börse und sie sagte: Wenn ich Geld hätte, würde ich gern diese Börse kaufen. Die Verkäuferin entgegnete: Madonna, darauf braucht ihr durchaus keine Rücksicht zu nehmen. Wählt, was euch von meinem Kram irgend gefällt! Es ist alles bezahlt. Die Frau wunderte sich über diese Worte und über die besondere Freundlichkeit der Alten und fragte: Was wollt ihr damit sagen, gute Frau? Was bedeuten diese Worte? Die Alte sprach darauf ganz rührsam: Das, Madonna, will ich euch wohl sagen. Ein Jüngling des Namens Bucciuolo hat mich hergeschickt. Er liebt euch, er ist euch mit ganzer Seele ergeben. Es ist nichts auf der Welt, das er nicht für euch tun würde, wenn es in seiner Macht stünde; er läßt euch sagen, daß ihm Gott keine größere Gnade erzeigen könnte, als wenn er ihm ein Gebot von euch zukommen ließe. In der Tat kommt es mir vor, als ob er sich ganz verzehrte vor lauter Begierde, mit euch zu sprechen; und doch habe ich vielleicht nie einen rechtschaffeneren jungen Mann gesehen als ihn. Als die Frau diese Worte hörte, wurde sie ganz rot im Gesicht, wendete sich mit Heftigkeit zu der Alten und rief: Wenn mich nicht die Rücksicht auf meine Ehre davon abhielte, wollte ich euch übel entgegnen! Schämst du dich nicht, kupplerische Alte, einer ehrbaren Frau solche Botschaft zu übermitteln? Möge dich Gott dafür strafen! Und mit diesen Worten hatte sie das Querholz der Türe ergriffen und tat, als wollte sie sie damit schlagen. Wenn du je wieder hierherkommst, wütete sie weiter, so werde ich dich bedienen, daß nicht mehr viel von dir zu sehen ist. Das Mütterchen nahm sehr behende ihren Kram zusammen, ging ihrer Wege und hatte große Angst, sie möchte jene Stange verschmecken, hielt sich auch nicht für sicher, bis sie wieder bei ihrem Jüngling angelangt war. Als Bucciuolo sie vor sich sah, fragte er sie, was sie bringe und wie seine Sache stehe. Ah, schlecht steht sie! antwortete die Alte; in meinem Leben bin ich nicht so erschrocken. Mit einem Wort, sie will nichts von dir hören noch sehen! Hätte ich mich nicht schnell aus dem Staube gemacht, so wäre wahrscheinlich mein alter Rücken mit einem Türbalken gesalzen worden, den sie recht gefährlich in der Hand schwang! Was mich betrifft, so habe ich keine Lust, mehr zu ihr zurückzulaufen und rate auch dir, mit dieser entschlossenen Dame dich nicht mehr zu befassen. Bucciuolo blieb ganz trostlos zurück; dann begab er sich zu seinem Meister und erzählte ihm, was ihm begegnet sei. Der Meister tröstete ihn und sprach: Nur Ruhe, Bucciuolo! Kein Baum fällt auf den ersten Streich. Geh heute Abend noch einmal vorbei und gib acht, was sie dir für ein Gesicht macht, ob sie aufgebracht scheint oder nicht! Dann komm wieder und gib Bericht! Bucciuolo machte sich also auf und ging nach der Wohnung seiner Geliebten. Diese hatte ihn kaum erblickt, als sie ihrem Mädchen rief und sprach: Geh dem Jüngling dort nach und bestell ihm in meinem Namen, daß er mich heute Abend besuche und ja nicht ausbleibe! Das Mädchen kam zu ihm und sprach: Mein Herr, Madonna Giovanna gibt euch die heimliche Botschaft, sie diesen Abend zu besuchen; sie wünscht euch zu sprechen. Bucciuolo war betroffen; doch antwortete er: Sage der Dame, ich werde mit Freuden kommen. Dann aber lief er zu seinem Meister und hinterbrachte ihm alles. Der Meister wunderte sich und begann plötzlich zu argwöhnen, ob dies nicht etwa seine eigene Frau sei, ein Gedanke, der, wie wir sehen werden, nicht jeglichen Grundes entbehrte. Schön, sprach er zu Bucciuolo, und du wirst hingehen? Bucciuolo: Freilich. Da sprach der Meister: Wenn du also zu ihr gehst, sage doch erst bei mir Bescheid. Bucciuolo sagte: Es soll geschehen. Damit ging er. Die junge Frau war aber wirklich die Gattin des Meisters. Bucciuolo wußte das nicht, aber der gute Meister fing schon an, Eifersucht zu empfinden; er schlief den Winter über in der Schule, um noch bei Nacht den Studenten Vorlesungen halten zu können, und die Frau war zu Hause mit ihrer Magd allein. Ich möchte doch nicht, überlegte er, daß man auf meine Kosten studiert. Muß doch sehen, dahinterzukommen. Am Abend kam Bucciuolo und rief hinein: Meister, ich gehe jetzt. Der Meister sagte: Nun ja, sei klug! Bucciuolo entgegnete: Laßt mich nur machen! Er lief schon. Er hatte sich einen dichten Panzer umgeschnallt, ein scharfes Schwert unter dem Arm, einen guten Dolch an der Seite, ging also nicht wie Hans Leichtsinn in sein Abenteuer. Als er weg war, folgte ihm der Meister, ohne daß Bucciuolo etwas davon merkte, auf dem Fuße. Er kam an die Tür der Dame, hatte kaum angeklopft, als man ihm aufschloß und ihn einließ. Wie nun der Meister wirklich merkte, daß es seine eigene Frau war, geriet er ganz außer sich und sprach: Nun sehe ich wohl, der studiert auf meine Kosten. Er beschloß, ihn zu ermorden, lief nach der Schule zurück, ergriff Schwert und Dolch und rannte in großer Wut wieder zu seinem Hause, mit dem festen Vorsatz, Bucciuolo umzubringen. Vor der Türe angelangt, begann er mit Ungestüm zu klopfen. Die Frau saß eben mit Bucciuolo am Feuer, da sie an die Türe klopfen hörte, dachte sie gleich, es sei der Meister, nahm den Knaben und versteckte ihn unter einem Haufen ungetrockneter Wäsche, der auf einem Tische neben dem Fenster lag. Dann lief sie zur Türe und fragte, wer da sei. Der Meister antwortete: Mach auf! Wirst es wohl wissen, liederliches Weib, das du bist! Die Frau schloß auf, und da sie ihn bewaffnet sah, rief sie: O Himmel, Herr, was soll das? Der Meister sprach: Du weißt wohl, wen du im Hause hast! Ich Unglückliche, sagte sie, was sprichst du? Bist du von Sinnen? Sucht nach, und wenn ihr jemand findet, so vierteilt mich! Wie sollte ich jetzt anfangen, was ich doch nie getan habe? Hütet euch, lieber Herr, daß euch nicht der böse Feind etwas vorspiegelt und euch um eure Seligkeit bringt! Der Meister ließ eine Kerze anzünden und begann im Keller zwischen den Fässern zu suchen, stieg dann empor, suchte die ganze Kammer durch, im und unter dem Bette, er durchstach den Strohsack nach allen Seiten und ließ mit einem Worte auch den kleinsten Winkel des Hauses nicht undurchforscht, ohne daß er doch Bucciuolo finden konnte. Seine Frau ging ihm dabei immer mit dem Licht in der Hand zur Seite und sagte oft: Lieber Meister, schlagt ein Kreuz, denn gewiß hat euch der Feind Gottes versucht und euch eine Sache vorgegaukelt, die nimmermehr geschehen kann; wenn nur ein Haar an meinem Leibe nach so etwas verlangte, so brächte ich mich selber um! Darum bitte ich euch um Gottes Liebe, laßt euch nicht betören! Wie nun der Meister Bucciuolo nicht fand und die Frau fortwährend so reden hörte, maß er ihr fast Glauben bei, blies endlich seine Kerze aus und ging wieder nach der Schule. Die Frau riegelte geschwinde die Tür ab, zog Bucciuolo unter der Wäsche hervor, fachte ein helles Feuer an, bei dessen Licht sie einen großen fetten Kapaun verspeisten und mehrere gute Sorten Wein dazu tranken. Während sie so eine vortreffliche Abendmahlzeit hielten, sagte die Frau wiederholt: Siehst du, mein schlauer Mann hat sich nicht träumen lassen, wo du seist. Nach Scherzen und Kurzweilen nahm ihn endlich die Frau bei der Hand, führte ihn in die Kammer, wo sie miteinander zu Bett gingen und sich in jener Nacht des Vergnügens ersättigten, welches beide Teile wünschten, und einander wiederholt mit vieler Inbrunst verschafften. Da so die ersehnte Nacht vorüber ging und der Morgen anbrach, stand Bucciuolo auf und sagte: Madonna, ich muß nun von euch scheiden. Habt ihr mir noch irgendetwas zu gebieten? Oja, sagte sie, daß du diesen Abend wiederkommst. Bucciuolo: Das soll geschehen! Hierauf nahm er zärtlichen Abschied, ging hinaus und kehrte zur Schule zurück, wo er zu dem Meister sagte: Ich habe euch etwas zu erzählen, Meister, worüber ihr genug lachen werdet. Nun? antwortete der Lehrer. Gestern Abend, sagte Bucciuolo, als ich bei ihr im Hause war, kommt plötzlich der Mann, schüttelt das ganze Haus durch, weiß mich aber doch nicht zu finden. Sie hatte mich unter einem Berg von Wäsche versteckt, die noch getrocknet werden sollte; wußte überdies so klug zu sprechen, daß er endlich die Tür von außen schloß. Wir haben, guter Meister, nachher einen dicken Kapaun verdrückt und feine Weine geschleckert, alles, wie ihr euch wohl denken könnt, mit der größten Heiterkeit und Wonne, und so blieben wir munter und machten uns guten Spaß bis zum Morgen. Da ich nun die ganze Nacht wenig geschlafen habe, will ich mich jetzt zur Ruhe legen, denn ich habe ihr versprochen, diesen Abend wieder zu ihr zu kommen. Der Meister gab mit vieler Mühe zur Antwort: Wenn du hingehst, so sage es mir doch an! Bucciuolo antwortete: Herzlich gern! Und er verließ ihn. Der Meister aber, von Zorn entbrannt, daß er sich vor Schmerz nicht zu fassen wußte, war den ganzen Tag nicht imstande, eine Vorlesung zu halten, so völlig war sein Herz in Anspruch genommen. Immer dachte er daran, wie er ihn am nächsten Abend erreichen werde, entwarf Pläne, und borgte sich zuguterletzt einen Panzer und eine Pickelhaube. Als es an der Zeit war, begab sich der sorglose Bucciuolo zu seinem Lehrer und sagte: Meister, jetzt gehe ich! Der Meister sprach: Geh nur und komm morgen früh wieder und erzähle mir, wie es dir ergangen ist! Bucciuolo: Das will ich tun. Also machte er sich ungesäumt auf den Weg nach dem Hause der Frau. Der Meister aber legte ungesäumt seine Waffen an, folgte dem Bucciuolo fast auf dem Fuße und gedachte ihn noch unter der Türe zu erwischen. Die Frau aber hatte ihren Liebhaber bereits erwartet, ließ ihn ein und verschloß die Türe wieder. Der Meister kam im Augenblick darauf und begann zu pochen und einen gewaltigen Lärm zu machen. Die Frau löschte schnell das Licht aus, schob den Bucciuolo hinter sich, schloß die Tür auf, umarmte ihren Gemahl, während sie mit dem anderen Arm den Bucciuolo hinaus schob, ohne daß ihr Mann es merkte, schrie dann: Herbei, herbei, der Meister ist toll geworden! ihn dabei immer fest umschlungen haltend. Die Nachbarn liefen auf den Lärm herbei und da sie den Mann bewaffnet sahen und die Frau rufen hörten: »Haltet ihn, er ist übergeschnappt vom vielen Studieren!« glaubten sie es und waren der Überzeugung, daß er von Sinnen sei. Sie fingen daher an und sprachen: Ei, Meister, was soll das bedeuten? Geht zu Bette, um auszuruhen, und strengt euch nicht weiter an! Der Meister sagte: Wie soll ich zur Ruhe kommen, wenn das schlechte Weib einen Mann im Hause hat, den ich selbst hereinschleichen sah? Da rief die Frau: Ich unglückliches Weib! Fragt alle diese Nachbarn, ob sie mir den geringsten Fehltritt nachsagen können! Da antworteten Männer und Frauen aus einem Munde: Meister, habt doch nicht solche Gedanken! Es ward ja nie eine bessere Frau geboren als diese, von reineren Sitten und unbefleckterem Ruf. Was? rief der Meister. Wenn ich nun selbst einen hereinschleichen sah und weiß, daß er hier ist? Unterdessen kamen zwei Brüder der Frau. Da begann sie zu weinen und sprach: Lieben Brüder, seht her, mein Mann da ist übergeschnappt und will mich ums Leben bringen, weil er behauptet, ich habe einen Mann im Hause. Ihr wißt doch wohl, daß ich nicht der Art bin, daß man mir derlei Schuld geben kann. Die Brüder sprachen: Wir wundern uns sehr, Freund, wie Ihr unsere Schwester hier ein schlechtes Weib nennen könnt. Was bringt Euch denn so plötzlich gegen sie auf, da sie doch schon so lange mit Euch zusammenlebt? Der Meister erwiderte: Ich sage Euch, es ist einer hier im Hause und ich habe ihn selbst gesehen. Wohlan, antworteten die Brüder, laßt uns ihn suchen! Und finden wir ihn, so wollen wir so bei ihr aufräumen und sie dergestalt bestrafen, daß Ihr zufrieden sein sollt. Einer der beiden rief die Schwester beiseite und sprach: Sage mir die Wahrheit, hast du einen im Hause? Die Frau erwiderte: Weh mir, was sagst du? Der Heiland bewahr mich davor und gebe mir eher den Tod, ehe ich auch nur mit einem Härchen mich so etwas gelüsten lasse. Weh, soll ich jetzt begehen, was nie eine beging aus unserem Hause? Schämst du dich nicht, mich nur danach zu fragen? Den Bruder beruhigte das sehr und sie begannen nun zugleich mit dem Meister Haussuchung zu halten. Der Meister stürzte plötzlich auf jene Wäsche los und durchbohrte sie, als fechte er mit Bucciuolo, denn er glaubte, da sei er verborgen. Hab ichs Euch nicht gesagt, rief die Frau, daß der Meister übergeschnappt ist? Die Waschleinwand zu verderben, die ihm nichts zuleid getan hat! Da sahen die Brüder, daß der Meister von Sinnen sei; und nachdem sie alles genau durchsucht und nichts gefunden hatten, sagte der eine: Er ist verrückt. Und der andere sprach: Meister, in der Tat, lieber Meister, Ihr habt sehr Unrecht, unsere Schwester ein schlechtes Weib zu nennen. Darüber geriet der Meister in die äußerste Wut, weil er doch wußte, was er gesehen hatte, und begann sich mit höchst leidenschaftlichen Worten gegen sie auszulassen, immer dabei das bloße Schwert jonglierend. Da nahmen die Brüder jeder einen derben Stock in die Hand und prügelten den Meister so inbrünstig durch, daß sie ihm die beiden Stöcke auf dem Rücken zerbrachen. Dann knebelten sie ihn als einen Verrückten, der, wie sie sagten, vom allzuvielem Bücherwälzen irrmeinig sei, und hielten ihn die ganze Nacht, während sie sich mit ihrer Schwester zur Ruhe begaben, gebunden. Am Morgen ließen sie einen Arzt rufen; der verordnete, ihm an der Feuerseite ein Bett zu machen, und befahl, man solle ihn mit niemand reden lassen, ihm auch auf nichts antworten und ihn so lange fasten lassen, bis er wieder bei Verstand wäre; was denn auch pünktlich vollzogen wurde. Das Gerücht durchlief Bologna, der Meister sei ein Narr geworden; jedermann bedauerte ihn deshalb und einer sagte zum anderen: Gewiß, ich habe es schon gestern bemerkt, denn er war nicht imstande, richtig seine Vorlesung zu halten. Ein anderer sagte: Ich sah es von Tag zu Tag, wie er ein anderer Mensch wurde. Und also erklärten ihn allesamt für einen Verrückten und verabredeten, ihn miteinander zu besuchen. Bucciuolo wußte von alledem nichts und kam zur Schule, um dem Meister auch seine neuesten Erlebnisse mitzuteilen. Da erfuhr er denn, daß der Meister kopfkrank geworden sei. Bucciuolo erstaunte, betrübte sich darüber sehr und begleitete die anderen nach dem Hause des Meisters. Jetzt begann er aber sich über die Maßen zu verwundern, ja er sank fast in Ohnmacht, als er erkannte, wie es um diese Sache beschaffen war. Damit aber niemand etwas merke, ging er mit den anderen hinein. Im Saale angelangt, sah er den Meister ganz erschöpft und gefesselt am Feuer im Bett liegen. Die Studenten drückten dem Meister ihr Beileid aus, ihm mannigfach erklärend, wie sehr sie sein Unglück bedauerten. Als aber die Reihe an Bucciuolo kam, sagte er zu ihm: Lieber Meister, Ihr tut mir leid wie mein Vater, wenn ich Euch in irgend etwas gefällig sein kann, so gebietet über mich, wie über einen Sohn! Der Meister antwortete und sprach: Bucciuolo, Bucciuolo, lauf mit Gott von dannen! Du hast auf meine Kosten studiert. Die Frau fügte hinzu: Achtet nicht auf seine Worte, denn er faselt und weiß selber nicht, was er spricht. Bucciuolo aber ging hinweg, suchte Pietro Paolo auf und sagte: Lieber Bruder, mein Bruder, gehab dich wohl! Ich habe so viel gelernt, daß mir für weiteres der Appetit vergangen ist. Er reiste auch sogleich ab und kam glücklich nach Rom. *   Übertragung von A. v. Keller Giovanni Fiorentino Wie ein Hahnrei durch Schläge getröstet wird In Florenz lebte einst eine sehr schöne Frau, Madonna Isabella geheißen, die an einen sehr reichen Kaufmann des Namens Lapo verheiratet war. Sie war die gefeiertste Frau in ganz Florenz, und wirklich war dazumal keine schönere zu finden. Ihr Ruf verbreitete sich durch ganz Toscana, so schön, anmutig und wohlgeartet war sie in jedem Stücke. Als nun ein reicher junger Mann von Perugia, des Namens Ceccolo von Cola Raspanti von ihrer Schönheit hörte, und vernahm, daß oft ihr zu Liebe Turniere veranstaltet wurden, bekam er Lust, sie zu sehen und auch um sie Lanzen zu brechen. Er kaufte also Pferde und Turniergeräte, kleidete sich anständig und zierlich, nahm hinreichend Geld zu sich und ging nach Florenz, wo er im Umgang mit den jungen Männern viel Aufwand machte. Er wollte sie sehen und sobald er sie sah, war er in sie verliebt und sprach bei sich selbst: Sie ist wahrhaftig noch weit schöner als ich glaubte. Von nun an umwarb er sie, ging häufig an dem Hause vorüber, machte Musik und Gesang und stellte Essen und Gastmähler an, alles ihr zu Ehren. Er ging auf Feste und Hochzeiten, und wohin immer die Frau kam, zeigte er sich in den Waffen und zu Pferde, kleidete seine Dienerschaft kostbar, schenkte Kleider und Rosse hin, alles ihr zu Liebe. So lange nun sein Vermögen und sein Geld vorhielt, war er gerne gesehen und es wurde ihm Ehre erwiesen. Jeden Tag schickte er nach Hause, um von seinen Besitzungen zu verkaufen und zu verpfänden und den Aufwand durchführen zu können, den er angefangen hatte. Das ging wohl eine Weile. Da es aber nicht mehr länger dauern konnte, sah er sich auf dem Punkte, daß er nichts besaß, konnte aber doch nicht von Florenz loskommen, so heftig war seine Liebe zu jener Frau. Als er nun nichts mehr zu leben hatte, beschloß er eines Tages, sich dem Gatten der Frau als Knecht anzutragen. Und wie er es sich vorgestellt geschah es; es gelang ihm, als Knecht bei Lapo, dem Gemahl jener Madonna Isabella, unterzukommen. Lapo benutzte ihn nun zu allem Möglichen, nahm ihn auf das Land und nach Florenz und bei allen Gängen mit. Er hatte an ihm einen guten Begleiter und ergebenen Diener, und wendete ihm große Liebe zu, da er seinen Witz und seine Erfahrung kennen lernte. So blieb Ceccolo eine gute Weile bei diesem Lapo. Nun war er aber fortwährend von der Liebe zu seiner Erwählten entflammt, und da er sie eines Tages allein fand, sprach er zu ihr: Madonna, ich bitte um Nachsicht. Es gibt kein Geschöpf auf dieser Welt, gegen das ich so viel Liebe und Verehrung geheget und noch hege als gegen euch, und ihr habt schon früher bemerken können, ob das wahr ist oder nicht; aus Liebe zu Euch habe ich Alles, was ich auf der Welt besaß, verschwendet und halte es für die größte Gnade, hier Euch als Knecht zu dienen; so habe ich wenigstens oft Gelegenheit, euch zu sehen. Glaube nicht, antwortete die Frau, daß ich vergessen habe, was du alles schon für mich getan hast; ich meinte aber, du habest es vergessen, da du nie etwas zu mir gesagt noch irgendeine Andeutung gegeben hast. Madonna, erwiderte Ceccolo, ich wollte nur die Zeit abwarten. Die Frau sprach: Mach, daß du heute Nacht zu mir ans Bett kommst! Tritt an die linke Seite! Wenn ich schlafen sollte, so berühre mich leise mit der Hand, nur daß Lapo dich nicht hört! Ich will die Türe offen lassen und das Licht auslöschen. Komm nur kecklich und unbesorgt und laß mich machen! Ceccolo sprach: Madonna, es soll geschehen. Als es Nacht war, ging Ceccolo um die bezeichnete Stunde hin, fand die Kammertüre offen und das Licht ausgelöscht, schlich sich daher an die linke Seite des Bettes, ganz nach Isabellas Angabe, und ergriff ihre Hand. Die Frau erwachte, faßte ihn leise beim Arm, hielt ihn fest und rief dann ihren Mann. Ich muß dir doch auch sagen, sprach sie, was du für wackere Diener im Hause hast. Da kam heute der Ceccolo zu mir und ging mich um unkeusche Liebe an. Damit du ihn nun packen könnest, sagte ich zu ihm, ich wolle heute Nacht zu ihm in die Laube kommen. Wenn du ihn also ertappen willst, so zieh meine Kleider an, nimm ein Handtuch, wickle es um den Kopf und geh hinab in die Laube. Du wirst sehen, er kommt hin in der Meinung, mich zu treffen, und du wirst finden, ob ich die Wahrheit sage. Lapo stand sofort auf, zog die Kleider seiner Frau an und ging in die Laube, Ceccolo zu erwarten. Sobald der Mann weg war, stürzten die Beiden sich in die Arme, gaben sich der Lust hin, die sie so lange ersehnt hatten, und beschenkten einander vielmals mit den holdesten Küssen. Dann sprach die Frau zu ihm: Du hast gehört, wie es eingeleitet ist. Geh nun hinunter, schilt ihn weidlich aus, nimm einen Stock mit und miß ihm eine salzige Tracht auf! Ceccolo sagte: Laßt mich nur machen! Er stand auf, nahm einen Prügel und ging hinab in die Laube, wo er den guten Narren seiner harrend fand. Schnödes Weib, rief nun Ceccolo, wie kannst du glauben, daß ich mich dazu verstehen würde, meinem Herrn eine solche Schmach anzutun? Was ich dir gestern sagte, tat ich nur, um dich auf die Probe zu stellen; aber wie hast du die Unverschämtheit, deinem Mann untreu zu sein? Schämst du dich nicht, da du den besten und rechtschaffensten Mann in der Stadt zum Gatten hast? Damit schwang er den Stock, den er in der Faust hielt, schlug ihm über Arme und Hüften und rief dabei: Wenn ich nur wieder die geringste Kleinigkeit bemerke, die du jemand in der Welt antust, so sage ich es dem Lapo und mache, daß er dir die Gurgel abschneidet. Und wenn ers nicht tut, so tue ich es. So zog der arme Mann ganz zerbläut ab; und als er in die Schlafkammer kam, sagte die Frau: Nun, wie ists? Schlimm ists, antwortete der Gatte, ich bin ganz zermalmt. Wehe mir, sagte die Frau, hat der verschlagene Bube gar gewagt, Hand an dich zu legen? Gott straf ihn und send' ihm die Pest! Klage nicht, antwortete der Mann; ich bin ihm so gut und besser als mir selber. Die Frau fragte: Wie kannst du ihn lieber haben als dich selber, wenn du sagst, er habe dich ganz zerhauen? Sie stand auf, zündete ein Licht an und untersuchte ihm Schultern und Arme, die ganz blau waren von den Schlägen, die er bekommen hatte. Die Frau stellte sich daher an, als wollte sie aufschreien. Sei still, rief ihr Mann, kein Geschrei! Wenn er mich totgeschlagen hätte, so ließe ich mirs gefallen nach dem, was er zu mir sagte. Gewiß, fügte die Frau bei, wird er nun nicht länger im Hause bleiben. Der Mann aber sagte: Hüte dich, so lieb dir dein Leben ist, ihm etwas zu sagen. Ich befehle dir vielmehr, ihn Tag und Nacht in deine Schlafkammer zu lassen nach seinem Belieben, da ich bemerkt habe, daß er mich aufrichtig lieb hat. Fürwahr, er soll nicht aus meinem Hause kommen, denn ich glaube, es hat nie ein treuerer Diener auf dieser Welt gelebt. Am folgenden Morgen ließ Lapo den Ceccolo rufen und sagte: Ich will, daß du dies als dein Haus betrachtest. Richte dich ein, hier zu leben und zu sterben; du magst in allen Zimmern aus- und eingehen nach deinem Belieben; denn ich hatte noch nie einen Diener, dem ich mehr zugetan war als dir. Messere, antwortete Ceccolo in edler Bescheidenheit, in Allem was ich getan habe oder tun werde, soll Liebe und Treue zu Euch mich leiten. Lapo versetzte: Dessen bin ich versichert. Nun blieb Ceccolo lange Zeit im Hause, er und die Frau lagen in größter Lust und Freude zusammen und Lapo hegte nie den mindesten Verdacht. Ging er über Feld, so befahl er immer dem Andern seine Frau an. So konnten diese lange Zeit alle ihre Wünsche erfüllen, und wenn auch öfters durch eine Stubenfrau Lapo hinterbracht wurde, daß jener ihm Schande antue, so wollte er es doch niemals glauben. Vielmehr sagte er öfters: Wenn ich ihn auf ihr fände, so glaubte ichs nicht. Also genossen Ceccolo und Isabella ihr Glück ihr Leben lang, und hatten gänzlich die Freude und Wonne dieser Welt. *   Übertragung von A. v. Keller Francesco Maria Molza Schlimmer und schlimmer! In Parma, einer sehr berühmten Stadt in der Lombardei, lebte vor nicht langer Zeit ein Wollkrämpler des Namens Ginese, und weil er von Mantua abzustammen behauptete, gab man ihm den Beinamen, der Mantuaner. Da sich dieser nun einsam fühlte, dabei im Verhältnis zu seinesgleichen wohlhabend war, entschloß er sich, ein Weib zu nehmen, und da ihm eine Nachbarin gefiel, wußte er, obwohl schon etwas bei Jahren, so geschickt um sie herumzuschwänzeln, daß er seinen Wunsch erreichte. Er heiratete sie so schnell wie möglich und führte sie heim mit ihrem Sohne, der Ghedino hieß und etwa achtzehn Jahre alt war; die Frau hatte ihn von einem früheren Gatten. Der Mantuaner begann, um seine Familie zu erhalten, mit dem Mitgebrachten seiner Frau Handel zu treiben, war hierin so tätig, daß er bei seiner Geschicklichkeit in seinem Handwerk froh und heiter leben und sich gute Tage machen konnte. Als er nun sah, daß es ihm in allen Stücken nach Wunsch ging, dachte er darauf, wenn sich Gelegenheit böte, auch seinem Stiefsohn Ghedino ein Weib zu geben, dann könnten sie alles mit der Mitgift von dessen Frau zusammenwerfen, ihren Wohlstand bedeutend erhöhen und mit der Zeit reich werden. Er rief ihn daher eines Tages beiseite und sprach zu ihm: Mein Sohn, wer heutzutage nicht Vermögen besitzt, der gilt für ein Vieh, der aber, der etwas hat, gilt viel; darum steht es jedermann wohl an, nicht nur zu erhalten was er hat, sondern auch, was er hat so viel als möglich zu mehren. Wie du siehst, bist du jetzt groß, darum wäre es wohlgetan, wenn du für dich und zugleich für unser ganzes Haus sorgtest, damit, wenn ich abgehe, du ohne fremde Hilfe allein imstande bist, deine Angelegenheiten zu besorgen und dein Leben zu erhalten. Um dies zu erreichen, weiß ich keinen Weg, der mir besser gefiele, als daß du dich dazu verstehst, ein Weib zu nehmen, um, versteh es recht, mit der Mitgift, die dir zufließt, und der Unterstützung, die ich andererseits dir gewähre, zu arbeiten, mit einem Erfolge, dessen bin ich sicher, daß keiner deinesgleichen hier besser steht, als du. Laß also diese meine Worte Eingang bei dir finden und nimm den Rat an, den ich dir treulich reiche! Ghedino nahm es zur Überlegung und sagte, er sei ganz einverstanden, vorausgesetzt, daß es mit Zustimmung von Monna Moneta (so hieß seine Mutter) geschehe, denn es sei diese Heirat sein eigener Wunsch auch. Es währte daher nicht lange, so nahm er ein sehr schönes frisches und äußerst kräftiges Mädchen zur Frau, die vielleicht für sein Wesen nur allzurüstig war. Nach der Hochzeit war er sorgfältigst bemüht, den Unterweisungen seines Stiefvaters nachzukommen. Während er nun täglich in die Bude ging und es sich sauer werden ließ, geschah es, daß der Mantuaner dermaßen mit dem Weibe Ghedinos vertraut wurde, daß er dachte, wenn ihm dieser seine Geschäfte abnehme, so dürfe er das junge Weib nicht unter der Abwesenheit des Gatten zu sehr leiden lassen; nahm sich daher vor, nach Leibeskräften die Lücke auszufüllen, die diese Frau seiner Meinung nach fühlen müsse. Er übertrug ihm daher jeden Tag neue Geschäfte und nötigte ihn damit, sich möglichst lange vom Hause entfernt zu halten; namentlich veranlaßte er ihn, morgens in aller Frühe aufzustehen. Der Mantuaner trieb diesen Handel schon eine gute Weile, bis einer kam und dem Ghedino ins Ohr raunte: Ghedino, ich weiß nicht, wie du dich wohlfühlen kannst, da du eine junge Frau hast, die so ganz frisch in dein Haus gekommen, und du dich so oft von ihr entfernst, zumal in der Zeit, welche die Männer dem Vergnügen der Weiber widmen sollen. Was würdest du machen, wenn sie, am Morgen so frühe von dir im Stich gelassen, sich an einen wendet, der ihr besser Gesellschaft leistet, als du? Bei alledem schöpfte der Strohkopf noch keinen Verdacht, fuhr vielmehr in der angegebenen Weise fort und ließ dem Mantuaner allen Spielraum, das zu erreichen, was er so sehnlich wünschte; nämlich teils durch den beständigen Ärger, den ihr ihr fahrlässiger Mann verursachte, teils durch die Bequemlichkeit und geschickte Gelegenheit, die er selbst ihr bot, das schöne Weibchen seinen Wünschen fügsam zu machen. So stellte er sich denn auch einmal nach der zwischen ihnen getroffenen Verabredung gegen Monna Moneta ganz tiefsinnig und nachdenklich und erklärte, er müsse in Geschäften von großer Wichtigkeit ausgehen. Sobald er daher merkte, daß Ghedino aufgestanden war, erhob er sich von der Seite der Monna Moneta, die nichts davon ahnte, und schlich sich heimlich an die Seite der jungen Frau, die in einem anderen Zimmer nicht weit von dem ihrigen schlief. Der Zufall wollte, daß an diesem Morgen Ghedino in der Eile ein paar Kardätschen vergessen hatte, die er den Tag zuvor neu gekauft; auch hatte er die alten nicht mitgenommen. Er bemerkte seine Vergeßlichkeit erst, als er mit leeren Händen an seiner Bude ankam, lief daher schnell zurück, öffnete die Haustür leise, kam, ohne von einem Menschen gehört zu werden, geraden Wegs an seine Stube, und trat ein, weil er sie ganz gut zu öffnen wußte und der törichte Mantuaner nicht so gescheit gewesen war, sie auf eine Weise zu schließen, daß man nicht öffnen konnte. Ohne sich zu rühren oder zu rufen, sah er denn so klar wie der Tag, welches Erbarmen der Mantuaner mit seinem Weibe hatte, um deren willen er den Acker der Monna Moneta zu pflügen unterließ, um einen fremden zu bepflanzen, nur aus dem mildherzigen Erwähnen heraus, daß die junge Frau nicht an Langeweile litte. Es schien ihm zwar nicht recht, sie zu stören, aber doch konnte er sich nicht enthalten, einen großen Lärm zu machen. Während er nun mit dem Stiefvater sich zankte, öffnete das junge Weib, da sie sich nicht anders zu raten wußte, aus Furcht, das Wetter möchte zumeist über ihren Kopf kommen, ein Fenster, das auf die Straße ging; und da es nicht hoch war, sprang sie hinaus, was auch leicht und ohne alle Verletzung vonstatten ging. Sie machte sich daher auf und eilte von dannen. Kaum war sie jedoch einige Schritte gegangen, so suchte sie Schutz in einem Nachbarhaus, das eben offen stand, denn sie meinte, der arme Schelm, ihr Mann, sei ihr immer auf den Fersen. Sie wußte sonst nirgends hin und suchte nur, sich so tief innen als möglich zu verstecken. Da kam sie zufällig an die Tür eines Zimmers, in welchem ein artiger und heiterer Jüngling ganz allein schlief, der Galeazzo Garimberti hieß, schon seit mehreren Monaten ihr den Hof gemacht und auf alle Weise ihre Neigung für ihn zu entzünden gesucht hatte, ohne je zu einem Ziele zu gelangen und wieder einigen Frieden zu erreichen. Es war ihm, als höre er Tritte wie von einem, der eilig läuft; er stand schnell auf, um zu sehen was es sei, und kaum hatte er die Türe des Zimmers geöffnet, als das junge Weib voll Angst und zitternd sich ihm in die Arme warf. Der Jüngling erkannte sie gleich und da er sie so im Hemd viel schöner sah, als er sie sich hatte vorstellen können, sich überdies nicht denken konnte, was das heiße, nahm er sie, legte sie sanft auf das Bett und fragte sie mehrmals umsonst nach der Ursache ihres Kommens. Er meinte daher, es sei Zeit, sie mit etwas anderem, als mit Worten zu trösten, und da nun sein Glücksfähnchen lustigen Stand hatte, setzte er sich, ohne ein Wörtchen weiter zu verlieren, in den Besitz dessen, was soeben dem Mantuaner war streitig gemacht worden. So sehr Ghedino mit seinem Stiefvater im Feuer war, bemerkte er doch, was sein Weib tat; es faßte ihn daher das größte Mitleid mit ihr und ohne weiter Zeit zu verlieren, eilte er hinaus, um zu sehen, was aus ihr geworden sei. Da er sie aber nicht auf der Straße fand, auch keine andere Tür offen sah, als die, in welche sie wirklich eingetreten war, folgte er ihr dahin nach, um zu erkunden, ob sie hier hereingekommen sei, denn er bildete sich wohl ein, daß sie so barfuß, und im Hemd wie sie war, nicht weit geflohen sein könne. Wie sie kam er auch an das Zimmer Galeazzos, fand die Tür unverschlossen, trat ein und fand das junge Paar beisammen. Ghedino, von diesem Anblick so betäubt, daß er nicht wußte ob er träume oder wache, sein Unglück so Schlag auf Schlag fallen und ihm unersetzlichen Schaden zufügen sehend an einer Stelle, wo er sich am leichtesten verletzlich glaubte, wußte gar nicht, was er anfangen sollte, floh zurück, fürchtend, wenn er schrie oder der Sache das geringste Hindernis in den Weg legte, könnte nur ein noch größeres Ärgernis daraus erwachsen, wie er doch jetzt schon, indem er den ersten verscheuchte, dem zweiten den Weg erleichtert hatte. Er dachte also, er wolle unter keiner Bedingung noch den dritten erwarten, ließ sie demnach allein und lief, soweit ihn seine Beine trugen. Galeazzo aber hatte auf dem zarten Erdreich seine erste Probe vollendet und da er nicht zum zweiten mal in seiner Ackerarbeit gestört werden wollte, schloß er die Zimmertüre, umarmte das junge Weib und bat und beschwor sie so lange, bis sie ihm zu seiner größten Ergötzlichkeit mitteilte, wie es zugegangen, daß sie um diese Stunde und in solchem Aufzug sich zu ihm begeben. Allmählich kam sie wieder zur Ruhe, sie lachten, scherzten und schalten auf die Kardätschen, Flachskanten, Hächeln und anderen Werkzeuge des Mannes und machten in freiem beiderseitigem Einvernehmen noch mehrere schöne Wettläufe zusammen. Ein paar Tage darauf leitete Galeazzo es ein, daß alle sich wieder versöhnten und Frieden schlossen, nachdem er zuvor mit dem jungen Weibe verabredet hatte, wie sie in Zukunft zusammenkommen könnten. *   Übertragung von A. v. Keller Giustiniano Nelli Giulio und Aurelios Frau Es sind erst wenige Monate, daß in unserem Siena ein Jüngling von achtzehn bis neunzehn Jahren, sehr schöner Gestalt, edlem Blut und preiswürdiger Sitten, des Namens Giulio, sich in eine sehr schöne, gewandte und über die Maßen reizende, nicht weniger sittsame als liebenswürdige junge Frau heftig zu verlieben anfing. Von dieser Liebe getrieben unterließ er nichts, von dem er meinte, daß es ihr gefalle oder daß es ihm dienlich sein könne, ihr Wohlgefallen zu erlangen. Diese Liebschaft war seine einzige Beschäftigung, wie das häufig bei jungen Leuten geht; er widmete sich dem Lautenschlagen, Flötenspielen, Hornblasen, Singen und Tanzen; es war kein Frühstück, Hochzeit, Mahlzeit oder andere Zusammenkunft, der Isabella beiwohnte, wo nicht Giulio alsbald auch hingegangen wäre; ich schweige von der Maskenlust, dem Limonenwerfen und Ausstreuen wohlriechender Sachen, wie es unsere jungen Leute in der Faschingszeit zu üben pflegen; aber es waren wenig Nächte, wo er ihr nicht eine Musik oder sonst eine artige Unterhaltung zu ihrem großen Vergnügen zu hören gab. Durch diese Kundgebungen merkte nicht bloß ihr Gatte Aurelio Giulios Liebe, sondern sie war fast allen jungen Leuten in Siena bekannt, weshalb auch häufig Aurelio mit seiner Isabella darüber scherzte, in vollem Vertrauen auf die Keuschheit und Treue seiner teuren Frau. Isabella andererseits war zwar aufs Beste gesinnt, teils wegen ihrer natürlichen guten Gemütsart, teils wegen des liebevollen Betragens, das ihr Gatte ihr angedeihen ließ, aber dennoch mißfiel es ihr nicht, sich von Giulio geliebt zu sehen; sie betrachtete es gegenüber den anderen Frauen als Vorzug, wiewohl sie sich stellte, als kümmere sie sich gar nicht darum, (wie wir das täglich schöne Frauen so machen sehen);denn so schön, reich, jung und edel auch ihr Gemahl sein mag, so sehr sie von ihm geliebt sein mögen, versäumen sie doch niemals, Alles ins Werk zu setzen, wovon sie glauben, von anderen für schön gehalten zu werden; und so schön sie auch die Natur mag hervorgebracht haben, so bestreben sie sich doch künstlich noch viel schöner zu erscheinen; ja sie würden sich lieber arm und sittenlos, als häßlich und alt nennen hören. Und fragt man eine solche, die dergleichen Anstrengungen machen: Warum tust du das? antworten sie: Um meinem Mann zu gefallen. Wenn sie ihm aber schon gefallen, so antworten sie: Um sein Wohlgefallen zu erhalten. Sie merken nicht, daß sie Vieles tun und treiben, was Männern weit mehr mißfällt; wie, sich die Haare aus der Stirne zu raufen, hohe Schuhe zu tragen und dergleichen Dinge, welche die Schönheit eher beeinträchtigen als erhöhen. Bei alledem aber, um auf Giulio zurückzukommen, hatte er nie mehr, als einige seltene Liebesblicke von ihr erhalten können. Er erfand verschiedene Wege, seine Liebe einem Ziel entgegenzuführen, wiewohl er wenig Hoffnung hatte; aber ein Verfahren gefiel ihm vorzugsweise und daran hielt er fest, nämlich ein gefälliges Frauenzimmer zu ihr zu schicken, um ihr auseinanderzusetzen, daß er in Liebe zu ihr glühe. Er nahm sich vor, keine Ausgabe zu scheuen. Er hörte denn von einer gewissen Bonda, welche in Camollia wohnte, einer zu ähnlichen Leistungen sehr geeigneten Person, sie hatte ihre Jugend im Dienste der Liebe hingebracht und war nun aus Menschenliebe gern anderen behilflich, die die ihre ebenso hinbringen wollten; sie hätte lieber die Messe nicht gehört, den Rosenkranz nicht gebetet oder die Predigt versäumt, als eine ihr aufgetragene Botschaft eines Verliebten nicht besorgt, wiewohl sie auch kein Mönchskloster einen ganzen Tag unbesucht ließ und wenig Vespern gehalten wurden, die sie nicht anhörte; sie war immer die letzte, die die Kirche verließ, um zu hören und zu sehen, was dieser und jener junge Mann sprach, wen er ins Auge faßte, was Base so und so mit ihrer Nachbarin plauderte; mit allen hatte sie zu tun; nie gingen ihr die Worte aus; immer wußte sie, was in der ganzen Stadt und in der Umgegend geschah. Diese Frau also suchte Giulio auf und sagte zu ihr: Monna Bonda, Euer guter Ruf hat mich gelockt, herzukommen und mich unter Euren Schutz zu stellen. Wie Ihr wißt, ist es nun so die Art der jungen Leute, daß sie verliebt sind, und mein Unstern will, daß ich meine ganze Liebe auf ein Weib gerichtet habe, von der ich ohne Eure Vermittlung nie ein gutes Wort zu bekommen hoffen kann. Ihr allein könnt mir helfen; in Eure Hände lege ich mein Heil. Helft mir, ich bitte Euch darum, und verfügt über mich, soweit ich vermag, über Habe und Person; ich bin nie undankbar gewesen gegen die, die mir Wohltaten erwiesen haben. Und weil ich Eure Klugheit kenne, vertraue ich Euch meine Liebe an, damit Ihr so gut seid und hingeht, mit Isabella Aurelios Frau zu sprechen, wenn Ihr sie kennt, und ihr, so gut Ihr immer könnt, mich empfehlt. Bonda setzte sich darauf nieder und antwortete bedächtig: Giulio, allerdings war es immer mein Bestreben, rechtschaffenen Männern Vergnügen zu verschaffen, sowohl als ich jung war, als auch jetzt; immer, so weit die Sittsamkeit zuließ. Aber so wahr der liebe Gott mir meine zwei Töchter erhalten möge, die der Stab meines Alters sind, ich habe solche Dinge nie gern getan. Und jetzt nun will ich die wenige Zeit, die mir noch zu leben übrig bleibt, dazu anwenden, nach Ablaß zu gehen, Kirchen zu besuchen und Gott zu dienen. Er weiß, daß ich oft um dergleichen angegangen worden bin, um meine eigenen Töchter selbst, denen ich aber niemals ein Wörtchen davon sagen mochte. Allerdings, wenn sie von selber sich einmal einen Freund erbeutet haben, bald um einen langen Schlafrock, bald um ein paar Ärmel zu erhalten, habe ich sie machen lassen; nur ich meinesteils will nicht in der anderen Welt darüber Rechenschaft zu geben haben. Ich sage dir, ich glaube, ich habe einen so guten Willen, als nur irgendeine meines Gleichen. Du sagst mir, ob ich Aurelio und seine Frau kenne. Welche Frau oder Mädchen von zehn Jahren und darüber gibt es in dieser Stadt, verheiratete oder unverheiratete, die ich nicht kenne? Es gibt wenige Häuser von Bürgern, wo ich nicht bekannt wäre und aus und einginge wegen der Spinnerei, die ich treibe; denn ich mag nicht, daß mir irgend sonst eine die Spindel aus der Hand nehme. Ich flicke Hemden für Studenten, Kapuzen für Mönche, warte den Nonnen auf; in der Sapienz und in der Stadt ist kein Student, der mich nicht kennt; bei Sanct Franz, Sanct Dominicus und Sanct Augustin kein Mönch, in dessen Zelle ich nicht tausendmal gewesen bin; von den Nonnen sage ich nichts; denn ohne Dispens habe ich Einlaß in alle Klöster; mit Gottes Hilfe bin ich nunmehr überall bekannt. Wisse überdies, daß deine Mutter mich so lieb gehabt hat, daß ichs gar nicht sagen kann; und alle Geschenke, die sie deiner Schwester Ginevra gegeben, habe ich mit diesen Händen gesponnen. Oh wie viel Gutes habe ich von jener Frau genossen, Gott habe sie selig! Aber seit sie tot ist, und ihr keine Frauen im Hause habt, mochte ich nicht mehr hinkommen; und es wundert mich nicht, daß du dich daran nicht erinnerst oder darauf besinnst, denn vor drei Jahren warst du noch ein Knabe, jetzt bist du ein schöner Jüngling geworden. Wie groß bist du! Du gleichst deinem Großvater, der war der schönste junge Mann in Siena. Gott segne dich, mein Sohn! Ja, ich wäre sehr ungerecht und müßte die empfangenen Wohltaten vergessen haben, wenn ich dir nicht dienen möchte, soweit ich kann. Wiewohl es nicht mein Gewerbe ist: dir zu Liebe will ich mein Leben daran setzen, und ich sage dir sogar, daß, wenn du mich selbst um meine eigene Töchter angegangen hättest, hätte ich kaum nein sagen können, so groß ist die Neigung und Liebe, die ich für dein Haus gehegt habe und noch hege. Dieser Schluß Bondas hatte Giulio ganz erheitert, während er bisher sehr zweifelhaft gewesen war, bei seiner Unkenntnis solcher Leute, welche Keuschheit predigen und denen doch kein Verbrechen zu groß scheint, wenn es überhaupt ein Verbrechen heißen kann, verliebte junge Leute zu unterstützen. Ihre Reden gaben ihm also Mut und er eröffnete ihr ausführlicher seine Gesinnung; nachdem sie hiernach verabredet hatten, daß sie am folgenden Tage sie aufsuchen solle, nahm er von ihr Abschied. Am anderen Tage kurz nach der Vesper, als Aurelio nicht zu Hause war, verfügte sich Bonda zu Isabella, trat ins Haus, erkundigte sich nach der Hausfrau und ging weiter in den Saal, wo bei ihrer Ankunft Isabella, die sie nicht kannte, nicht wenig verwundert war, daß sie so ohne Umstände in ihr Haus komme. Sie fragte sie, was sie suche. Bonda hatte feinen Faden für Handtücher zu verkaufen bei sich und antwortete, man habe ihr gesagt, sie bedürfe welchen. Damit zog sie aus dem Ärmel eine kleine Schachtel mit etwa vier Lot Faden, das Lot zu einem Gulden hervor, zeigte es ihr, fing ein langes Gespräch darüber an, setzte ihr auseinander, wie nützlich es sei, solche Handtücher zu machen, erzählte ihr, wie viele sie solche verkauft habe, flocht dann ein, wie sie mit ihrer Mutter sei befreundet gewesen, welche Gefälligkeiten sie von ihr empfangen habe und viel dergleichen Zeug. Darauf fügte sie hinzu: O welch ein trauriges Leben ist das doch heutzutage! Wie keck sind die jungen Leute jetziger Zeit! Während ich da in Euer Haus ging, kam mir ein junger Mensch, den ich nur dem Namen nach kenne, er heißt Giulio, der war so frech mir zu sagen, ob ich ihn mit ins Haus nehmen wolle, er wolle unter meinen Rock schlüpfen. Gott verdamm' ihn! Seht, was das für artige Streiche sind! Isabella antwortete nichts hierauf, lächelte nur etwas, ließ sich aber nicht einfallen, worauf das alles abziele. Bonda faßte dadurch neuen Mut und fuhr fort: Gott erhalte Euch! Ihr kommt mir schöner vor, als je, und seid frisch und voll wie eine Rose und doch noch so jung! Ich erinnere mich, wie von gestern her, daß Euch Eure Mutter in die Messe und überall wohin sie ging, mitnahm. Und was sagt Ihr dazu, daß dieser Bursche auch noch so keck war mir zu sagen: Empfehlt mich der Frau vom Hause! Und noch viel Anderes, was ich Euch nicht sagen mag. Isabella war ganz verwirrt; es machte ihr wohl Freude, von Giulio sprechen zu hören, da sie wußte, wie sehr er sie hebe, doch fürchtete sie, mit dieser Frau davon zu reden, um keine Irrungen zu veranlassen; sie traute ihr nicht und schmälte am Ende Bonda mit spröden Worten mit dem Beifügen, nie mehr in ihr Haus zu kommen. Bonda erwiderte, entschuldigte sich und ließ nicht nach, bis sie sie begütigt hatte, worauf sie wegging mit dem Versprechen wiederzukommen und anderen schöneren Faden mitzubringen. Sie suchte Giulio auf, erzählte ihm den ganzen Hergang und sprach ihm zu, guten Mutes zu sein; denn es sei die Art aller Frauen, in solchen Fällen immer abzuschlagen, so gern sie auch zusagen wollten. Er solle sie nur machen lassen, in wenigen Tagen werde sie ihn zufriedenstellen. Weil aber im ganzen Lande Soldaten seien, habe sie das Korn, das sie von einem Landmann im Arbiatale gekauft habe, nicht kommen lassen können, und er würde sie sehr verbinden, wenn er ihr etwas Korn oder Mehl leihen wollte. Giulio, der schon so weit zu lesen verstand, sagte, hieran, wie auch an Wein und Sonstigem werde er es ihr nie fehlen lassen, sie solle nur allen ihren Fleiß anwenden. Sie versprach ihm von Neuem und nur noch eindringlicher das Beste, und nahm Abschied voll Freude im Gedanken an das Mehl, das sie gewonnen hatte. Giulio sandte ihr am gleichen Abend einen Sack Mehl und ein Fäßchen Wein und erinnerte sie an ihre Arbeit. Monna Bonda ging am folgenden Tag um dieselbe Stunde zu Isabella und brachte ihr gebleichten Zwirn und Borten zum Geschenk und eine Flasche sehr wohlriechendes Gesichtswasser und etwas Zwirn ähnlich dem früheren. Als sie kam, machte ihr Isabella nicht eben das beste Gesicht; sie aber sagte ganz heiter und lächelnd: Madonna, ich habe seit gestern mich vielfach betrübt, wenn ich daran dachte, wie Ihr, um nichts Euch erzürnt habt. Es ist so meine Art, mit schönen Frauen, wie Ihr, zu plaudern, und ich würde Euch nicht zürnen, was Ihr auch sagen wolltet. Ich bitte Euch daher, seid mir nicht böse und seid versichert, sobald Ihr mich kennt, wird Euch mein Besuch nicht unangenehm sein; ich kann Euch vielleicht in Manchem helfen. Ich habe Geheimmittel, um Haare, wo immer man will, auf eine Art fortzubringen, daß sie nie wiederkommen. Ich kann Gesichtswasser machen von verschiedener Art, hell wie Kristall, und solches, das das Gesicht schön und frisch erhält, wie das Eure; anderes, das glänzen macht wie Elfenbein; wieder anderes, das die Hautrunzeln zusammenzieht, was Ihr freilich nicht nötig habt. Ich kann sublimiertes Quecksilber bereiten, ohne einen Fratino oder sonst einen Apotheker, was freilich nicht viel heißen will, denn das sind Schminken für die Unverständigen. Und damit Ihr mir glaubt, will ichs Euch mit der Tat beweisen. Damit zog sie ein Fläschchen hervor und gab es ihr. Nehmt das, sprach sie, als Andenken von mir! Es ist das, von dem ich zuerst sprach. Darauf gab sie ihr den Zwirn und die Borten und sagte: Und das gehört Euch auch; dieser Tage hat mirs eine befreundete Nonne von Santo Prospero gegeben, aber ich brauche es nicht und wüßte es nicht besser anzubringen, als bei Euch. Isabella betrachtete die Sachen, die ihr ausnehmend gefielen, und die Alte hatte sie so mit Worten umstrickt, daß sie nur zu erwidern wußte, daß sie nicht zornig sei und diese Sachen gern nehme. Sie dankte ihr und versicherte sie, sie dürfe sich auf sie verlassen. Sie rief die Magd, ließ ihr zwei Käslaibe geben und sagte: Ihr müßt in diesem Fasching mir zu Liebe die Bluttorten machen. Sie dachte nicht daran, wohin diese Freigebigkeit führen werde. Mutter Bonda kehrte zu ihrem Zwirn zurück und kam dann auf Giulio mit der Frage, ob es ihr Vetter sei, da er sich so eifrig nach ihr erkundige. Isabella antwortete nur allmählich und setzte auseinander, wie sehr sich die versündigen, die ihren Ehemännern die Treue brechen; sie würde sich lieber umbringen lassen, als sich hierzu zu verstehen. Bonda entgegnete darauf: Ihr sprecht fürwahr ganz wie eine rechtschaffene Frau und ich gehöre auch zu denen, die hiervon nie ein Wort hören wollten. Aber, wenn unsere Männer so viel Rücksicht auf uns nähmen, wie sie es von uns gegen sie verlangen, so wäre das noch vernünftiger. Dagegen sehe ich, die Frau mag schön oder häßlich sein, daß sie eher mit einer Hand, als mit einer Frau sich begnügen würden, und sich den ganzen Tag bald mit der Haushälterin, bald mit der Magd, bald mit der Pächterin und tausend anderen Sudeldirnen einlassen. Ja, was noch mehr ist, am Abend rühmen sich die Männer dessen vor einander in den Schenken und das Gesetz erlaubt ihnen, daß sie hierüber nicht zur Rechenschaft gezogen werden können, während die armen unglücklichen Frauen, wenn sie sich nur ein paar Male am Fenster zeigen, gleich in Aller Mund sind. So wahr Gott lebt, das ist Ungerechtigkeit; und wenn ich wieder jung würde, so weiß ich gewiß, daß mir kein Wunsch unbefriedigt bleiben sollte. Allerdings, da die Frauen so großer Beschämung ausgesetzt sind, tun sie wohl daran, mit Vorsicht zu Werke zu gehen, mit Heimlichkeit und mit Leuten sich einzulassen, die der Mühe wert sind wie eben jener junge Mann, von dem wir soeben sprachen. Ich bin überzeugt, daß eine Frau, die es macht, wie ich gesagt habe, nur dazu beiträgt, die Sünden ihres Mannes in der anderen Welt zu tilgen; denn wenn der Mann seine Pflicht gegen die Frau nicht einhält und die Frau sich ebenfalls versorgt, so ist klar, daß sie quitt sind und also hat keines von beiden gefehlt. Isabella konnte hierbei kaum das Lachen halten, stellte sich jedoch äußerlich verwirrt und sprach: Ihr redet, wie ein Magister der Theologie; aber es ist doch lauter unverständiges Zeug, Bonda! Wer es tun will, mags tun; ich aber meines Teils bin entschlossen, mit keinem Mann zu schaffen zu haben als mit meinem Aurelio, und ich will auch nicht wissen, ob er mit anderen Weibern zu schaffen hat. Bonda gab Worte zurück, Isabella entgegnete wieder, bis endlich die Alte mit der Erklärung hervortrat, sie gehe nicht weg, bis sie ihr eine Antwort an Giulio aufgetragen habe, damit er sie nicht weiter belästige. Darauf versetzte Isabella, als wollte sie sie zurechtweisen, sie solle ihm sagen, sie werde diese Dinge nicht tun ohne Erlaubnis ihres Gatten, und wenn er sie sprechen wolle, solle er zu einer Zeit zu ihr kommen, wenn Aurelio zu Hause sei, dann wolle sie ihn anhören, sonst nicht. Bonda meinte, das sei keine Antwort, die sie gebrauchen könne, und fuhr fort mit Bitten. Isabella entließ sie aber und ging in ihre Kammer. Bonda kehrte zu Giulio zurück und verlangte von ihm vorerst zwei Dukaten, die sie ausgegeben habe für Wasser, Zwirn und Borten, die sie seiner Isabella geschenkt, und sagte ihm sodann, sie werde ihm etwas sagen, was ihn glücklich machen werde. Giulio griff in die Börse und gab ihr zwei Golddukaten mit der Bitte, ihm zu sagen, was sie ausgerichtet habe. Bonda berichtete sofort alle ihre Gespräche mit Isabella, flocht auch noch manches aus dem Kopfe ein und sagte ihm dann den Schluß ihres Besuches. Und in wiefern, antwortete Giulio, wird mich das glücklich machen, wenn ich von ihrem Mann dazu Erlaubnis einholen soll? Ich habe mir eine gute Art ausgedacht, sagte Bonda, wie du ins Haus kommen sollst, der Ehemann soll dich selbst zu ihr in die Kammer bringen. Wenn du dir aber dann nicht weiter zu helfen weißt, so ist es deine Schuld. Weiter will ich nicht, sagte Giulio. Sie erzählte ihm, was sie ausgedacht habe, und nun verabredeten sie alles Erforderliche auf morgen. Um die Zeit des Frühmahls ließ sie den Giulio sich als Weib verkleiden nach Art einer Bäuerin, mit einem dicken Tuche auf dem Kopf, und darüber ein Knäuel Werg, einen silbernen Ring am Finger, einen Rocken an der Seite, einen Korb am Arm und eine Alte hinter sich, so machte er sich auf den Weg nach der Straße, die vom Tore herkam und auf Aurelios Haus zuführte. Als käme er zum Tore herein, trat er in Isabellas Haus und ging hinauf in einen Saal, ohne zu rufen. Dort angelangt fing Giulio fast weinend also zum Hausherrn zu sprechen an: Ich flehe Euch an, edler, Herr, gewährt mir Sicherheit in Eurem Hause! Aurelio, in hohem Grade erstaunt, sprach also: Madonna, fürchtet Euch nicht! Was habt Ihr? Die Alte, welche ihn begleitete, übernahm das Wort, damit Giulio nicht erkannt werde. Edler Herr, sagte sie, wenn gleich diese Frau der Tracht nach eine Bäuerin zu sein scheint wie ich, so ist sie dennoch von Adel und die Gemahlin von ... Hier nannte sie einen unserer Mitbürger, welcher seit ein paar Jahren von hier weggewesen war. Wie ihr wißt, ist ihr Gatte auswärts und wünschte, sie solle ebenfalls auf ihre Güter kommen. Da nun aber auf Befehl der Acht angeordnet worden ist, daß kein Bürger oder Bürgerin die Stadt verlasse, ist sie, um ihrem Mann zu gehorchen, auf den Einfall gekommen, diese Kleidung anzulegen, um unerkannt zu bleiben. Sobald wir aber am Tore waren, sei es, daß sie zu verlegen einherging oder was für ein Unstern sonst über uns waltete, fingen die Wachen an, sie so fest ins Auge zu fassen, daß sie gut merkten, sie sei nicht vom Lande. Ja, einer von ihnen sagte zu ihr: Madonna, kehrt nur um und gebt Euern Werg heim! Heut dürft Ihr es nicht zum Spinnen tragen. Wenn Ihr aber bei mir bleiben wollt, so will ich Euch nicht Werg, sondern Flachs zu spinnen geben. Wenn ich solche Pächterinnen hätte, die behielte ich in Siena und ließe sie nicht aufs Land; meiner Treu, euer Gesicht ist nicht der Art, als müßtet ihr bei Bauern schlafen. Darum bleibt Ihr besser in der Stadt. Wir antworteten nichts darauf, damit sie uns nicht erkennen, kehrten eiligst um und sind nun, ohne umzusehen, ob man uns nacheilt, hier in Euer Haus geflüchtet, damit sie uns nicht finden, wenn sie uns nachgeschickt und gesehen hätten, wohin wir gehen. Denn sonst hätten sie die arme Frau zu tausend Dukaten verurteilt, wie die Verordnung lautet. Wenn wir nun auch hier hereingekommen sind, könnt Ihr ja sagen, wir seien durch die Hintertüre wieder hinaus und Ihr habet uns nicht gesehen; es ist ja klar, daß Ihr keine solche Frauen bei Euch habt, die veranlaßt wären, in dieser Weise Siena zu verlassen. Während die Alte dies sprach, stand Giulio immer mit gesenktem Haupte da, tat, als weinte er und hielt bald diese, bald die andere Hand vors Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Aurelio, der ein Ehrenmann war, ließ sich von dieser Erzählung zu großem Mitleid rühren und befahl sogleich dem Burschen, die Haustüre zu schließen und niemandem ohne seine Erlaubnis zu öffnen. Madonna, sagte er, es tut mir sehr leid, daß Ihr auf so unangenehme Weise berührt worden seid; hier aber dürft Ihr ganz ohne Besorgnis sein. Ihr könnt so lange hier bleiben, als wenn Ihr meine eigene Schwester wäret, und ich weiß niemand, der Euch hier suchen würde. Ihr dürft daher nicht mehr weinen; niemand kennt Euch; betrachtet Euch hier ganz als zu Hause; Isabella wird nicht ermangeln, Euch gute Gesellschaft zu leisten. Er wies hierauf seine Gattin an, in die Kammer zu gehen, ihn mitzunehmen und ihm alle mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen, tröstete überdem die vermeintliche Frau, so gut er konnte, und ging sodann weg und seinen Geschäften nach. Isabella trat mit der neugebackenen Frau und mit der Alten in die Kammer und bat sie, so gut sie konnte, sich es nicht mehr leid sein zu lassen, sie sei jetzt an einem Orte, wo sie sich sicher nennen könne. Die gute Alte wandte sich, als es ihr Zeit schien, zu Isabella und zu ihrer Herrin und sagte: Madonna, es ist vielleicht besser, wenn ich an das Kloster der heiligen Maria Magdalena gehe, um Eurer Schwester mitzuteilen, wie die Sache ausgegangen ist, und ihr zu sagen, daß Ihr heut Abend oder morgen in aller Frühe zu ihr kommt, da ihr nicht mehr heimkehren wollt. Ich bringe Euch dann eure Kleider her, damit die anderen Nonnen Euch nicht in dieser Tracht sehen. Euch, Madonna Isabella, empfehle ich, so sehr ich kann, meine Gebieterin. Damit nahm sie Abschied und verließ das Haus. Isabella war nun mit der angeblichen Frau allein und fing an, mit ihr in aller Einfalt zu plaudern. Giulio antwortete nichts, stand auf und ging an die Türe, um sie zu schließen. Er nahm Isabella bei der Hand, riß sich das Tuch vom Kopfe, stand nun in einer seidenen Mütze da und gab sich zu erkennen. Sobald sie dies sah, war sie wie tot vor starrem Erstaunen und wollte zu schreien anfangen. Giulio aber sagte zu ihr: Madonna, schreit nicht! Ich bin nicht hier, um Euch irgend etwas Unangenehmes zuzufügen. Setzt nicht mit einem Male mein Leben und Eure Ehre in Gefahr, wiewohl ich mirs zum Ruhm anrechnete, um Eure Liebe zu sterben. Aber nur um Euch täte es mir leid, denn wenn ich hier gefunden werde, wer wird annehmen, daß ich ohne Anordnung von Euch hierhergekommen sei? Und je mehr Ihr Euch hierüber entschuldigen würdet, um so mehr würdet Ihr Euch anklagen. Da es nun so ist, so laßt es Euch gefallen, freundlich mit mir zu reden. Isabella suchte ihm fortwährend aus den Händen zu kommen und ihm zu entfliehen, aber sie konnte nicht, er hielt sie fest. Da sagte sie weinend: Ach, treuloser Verräter, wie hast du jemals die Keckheit gehabt, mich auf diese Art zu täuschen, wenn du mich so sehr liebst, wie du sagst? Jetzt weiß ich gewiß, daß du mich niemals geliebt hast, da du dich dazu hergibst, mir so beschwerlich zu fallen. Sobald ich von dir wegkomme, werde ich mit Messer oder Gift mein Leben enden, damit du mich nicht anderen mit dem Finger zeigend dich rühmst, du habest mich hintergangen. Darauf sprach Giulio, fast mit Tränen in den Augen: Meine Gebieterin, hätte die Natur mir Verstand gegeben, Euch meine Gründe auseinanderzusetzen, wie sie mir Anlaß gegeben hat, Euch zu lieben, so zweifle ich nicht, daß ich mit einem Schlage Euch von solcher Hartnäckigkeit, mich von solcher Pein befreien könnte, denn Ihr habt Unrecht, Euch über mich zu beklagen; denn wenn ich Euch über alles liebe, ist es Eure Schuld, wenn es Euch mißfällt, denn Ihr seid über Alles schön. Wenn Ihr meint, ich sei betrügerischer Weise ins Haus gekommen, so erinnert Euch, daß Ihr selbst es geraten und befohlen habt, daß ich kommen solle, solange Euer Mann zu Hause sei, da Euer Ruf gefährdet worden wäre, wenn ich auf andere Weise hätte kommen wollen. Mögt Ihr nicht den Befehlen Eures Mannes gehorchen, welcher Euch sagte, Ihr sollt mir in Allem, soweit Ihr könnt, gefällig sein? Ich bitte Euch, mein allerliebstes Herz, nehmt mich zu Eurem Diener an und schenkt mir Eure Liebe, denn es ist mir viel angenehmer, zu wissen, daß Ihr mich liebt oder wenigstens, daß es Euch gefällt, wenn ich Euch liebe, als ob mir die ganze Welt gehorchte. Und wenn Ihr auch für gut finden solltet, mir den Tod zu geben, bin ich bereit, Euch zu gehorchen in Allem, was Euch recht ist. Er umarmte und küßte sie und erwartete schweigend die Antwort. Isabella aber erwiderte nichts und blieb mit gesenktem Gesicht immer seufzend stehen. Giulio setzte daher seine Reden fort und sagte, Küsse unter die Worte mischend, also: Ach, warum, Madonna, bekümmert Ihr Euch so? Ihr seid nicht die erste und werdet die letzte nicht sein. Und glaubt Ihr, wenn Euer Aurelio sich so mit einem schönen Mädchen zusammen sähe, würde er sich so viel besinnen, ob er Euch mißfalle? Glaubt Ihr, andere Frauen machen es nicht ebenso? Es gibt keinen anderen Unterschied der Keuschheit der Frauen, als daß manche ihre Liebe geheim zu halten verstehen. Keuschheit bedeutet weiter nichts als vorsichtig sein. Weil einige so töricht sind, daß sie ihre Liebschaften nicht geheim zu halten wissen, werden sie von den Männern für sittenlos gehalten. Uns kann das nie widerfahren, denn wenn man es nicht erfährt, ist das ebensoviel, als wenn nie etwas gewesen wäre. Wenn es eine Sünde wäre, wie man sagt, würden die Gesetze diesem, wie anderem, vorbeugen. Habt Ihr aber je Frauen vor Gericht kommen sehen, weil sie mit ihren Liebhabern zusammen waren? Gewiß niemals. Und wenn jemand erführe, daß wir hier beisammen gewesen sind, was würde er anders denken, als daß wir einander genossen haben? Wenn aber niemand es erfährt, wie es niemand erfahren wird, wer kann uns darüber zur Rede stellen, ob wir gut oder übel getan haben? Ebenso wenig wünsche ich, da ich Eure Liebe so sehr schätze, daß es zu jemandes Kunde käme, wie lange wir hier beisammen gewesen sind, und daß ich unbefriedigt von Euch geschieden bin; jeder würde glauben, daß irgendein unschickliches Wesen oder Ungezogenheit von meiner Seite Schuld war, weshalb ich zu Recht von Euch abgewiesen würde; oder daß Ihr die grausamste und sprödeste Frau wäret, die es auf der Welt gibt. Da aber nun keines von beiden der Fall ist, so laßt Euch lieber als erbarmungsvoll loben, denn als grausam tadeln. Warum glaubt Ihr, daß die Frauen so manche Widerwärtigkeiten treffen, wie Entfremdung ihrer Männer ohne Grund, schlechte Aufführung der Söhne, Anfeindung in der Nachbarschaft und anderes Unangenehme, als weil sie undankbar sind gegen ihre Liebhaber? Durch diese Worte ward lsabellas Gemüt etwas besänftigt, sie leistete nicht mehr so entschiedenen Widerstand wie bisher. Bei meinem Mann, sagte sie, trifft mit Recht das Sprichwort ein, welches besagt: Der zu schnell Gläubige wird oft betrogen. Später sprachen sie noch vieles andere, was ich, weil sie es leise sagten, nicht verstanden habe, wiewohl ich aufmerksam an der Kammertüre wie bisher lauschte. So viel weiß ich, daß Giulio Kammer und Haus in derselben Kleidung verließ, in der er gekommen war; aber viel heiterer als beim Eintritt. Auch Isabella schaute von nun an recht kecklich drein und sie richtete es so, daß sie Bonda nicht mehr nötig hatten. Als Aurelio des Abends zum Essen heimkehrte, fragte er nach der Frau, welche er zu Hause zurückgelassen habe. Isabella antwortete, ihre Magd habe sie in das Kloster geführt und sie habe sich sehr über ihr Weggehen betrübt, denn sie hätten den ganzen Tag in so lebhaftem und anmutigem Gespräche miteinander zugebracht, daß sie wohl nie in ihrem Leben jemand gefunden habe, der ihr so wohl gefallen hätte; jene sei so klug und rede so verständig, als wäre sie ein Mann; hätte sie nicht gefürchtet, allzu begehrlich zu scheinen, hätte sie sie eingeladen, bei ihr zu essen und zu schlafen. Aurelio lobte sehr ihre gegen die junge Frau geübte Höflichkeit und war vergnügt, diesen Abend in die Familie der Hörnerträger einzutreten. Die Frau hatte den Unterschied zwischen den Umarmungen des Liebhabers und denen des Gatten geschmeckt; lebte lange Zeit mit ihm in Wonne und Freuden, wie sie jedem treuen Liebenden zuteil werden möge; andern aber nicht, weil diese es nicht verdienen. *   Übertragung von Walther Petry Girolamo Parabosco Wie ein Jüngling bei einer Dame liegt, die er liebt, dennoch eine nur angstvolle Nacht hinbringt Vor nicht langer Zeit lebten in der schönen und berühmten spanischen Stadt Valencia zwei italienische Jünglinge, die einiger Geschäfte wegen dorthin gekommen waren; Lucio der eine, Alessio der andere genannt; beide ihrem Heimatlande nach Sienesen. Da sie beide derselben Art Erwerb nachgingen, beide einer Stadt entstammten, war es natürlich, daß sie in kurzem als gute Freunde sich aneinander schlossen: man sah selten Einen ohne den Andern; im ganzen eine Brüderlichkeit, die ohne Beispiel war. Beide waren sie nun seit langem schon in zwei Edelfrauen verliebt, die, jung und schön, in der gleichen tiefen Freundschaft wie die Jünglinge einander zugetan waren. Lucio, einfallsreicher und in Liebeshändeln erfahrener als sein Freund, hatte bereits hundert Wege geglättet, das Herz seiner Dame zu erobern, hatte nichts unversucht gelassen, in Worten, Gebärden und sonstigem seine Liebe darzutun, ihre Größe zu erweisen, ohne daß die Angebetete jedoch anders als mit freundlichen Blicken ihre Geneigtheit bewiesen hätte, ihn zu verstehen. Die beiden Erkorenen waren zwei vornehmen Rittern verheiratet, was die beiden Jünglinge hinderte, geradezu, mit Briefen und Botschaften, sie zu bestürmen; indem sie sich also begnügten, wo sie konnten ihnen Blicke zu geben, lebten sie der Hoffnung, daß der Himmel selbst eines Tages Gelegenheit senden würde, ihre Qual zu entdecken und Mitleid dafür zu erbitten. Es dauerte auch nur kurze Zeit, daß das Glück, erzwungen durch ihre Standhaftigkeit und Treue, sich ihnen hold erwies. Als nämlich eines Tages die Geliebte des Lucio, Isabella, in die Kirche Santa Monarca tritt, findet sich Lucio, zufällig und durch einen heftigen Regensturz gezwungen Obdach zu suchen, hinzu, sieht sich mit der Dame an dem verschwiegensten Orte der Kirche allein, beschließt eine derart schöne Gelegenheit nicht ungenutzt zu lassen, und tritt also heran, bietet einen höflichen Gruß und erhält von ihr, die von ausgezeichneter Höflichkeit war, eine ebenso höfliche Antwort. Ihre Begleiterin tritt mit offensichtlicher Feinherzigkeit, als ob sie sich etwas ansehen wollte, zurück, vielleicht, weil von der Dame ihr die Neigung Lucios bekannt war und sie glauben mochte, daß ihre Herrin in der Absicht ihn zu sehen in diese Kirche gegangen sei; ihre zarte Rücksicht bemerkend, kommt dem Lucio, in nicht eben kühner Überlegung, der Gedanke, daß sie in ihn verliebt sein könne. Er tritt also vor und beginnt ohne Umschweife folgendermaßen zu sprechen: Schönste und liebenswürdigste Dame, wenn die Macht Eurer Augen und Eurer unglaubhaften Schönheit Euch ganz bewußt sind, werdet Ihr es nicht unfaßbar finden, daß ich Euch ergeben und in Verehrung Euch zugeneigt bin seit dem ersten Tage, wo ich Euch bewundern durfte; so stark ist der Zug meines Herzens, daß seither, und zwei Jahre sind darüber schon vergangen, nichts anderes mehr in meinem Kopf und Herz Raum hat. Merkwürdig, zu glauben, daß ich solange dieses verzehrende Feuer habe ertragen können, ohne bei Euch um Hilfe zu flehen, die Ihr allein sie mir doch gewähren könnt; aber meines Schweigens Grund war Eure Edelheit und die große Liebe, die unziemlich zu Euch sich nicht erhebt. Dies wars, daß ich mir solcher Gunst stets unwürdig erschien, dies ließ mich immer fürchten, ich möchte zum Schaden Eurer Ehre und zum Nachteil Eures Lebens etwas begehen. Und wirklich, hätte der Himmel mir nicht so in seiner Gnade es gewährt, ohne Gefahr mit Euch zu sprechen, ich wäre gestorben, ohne mich zu verraten, obgleich meine Leiden und Schmerzen, um Euch erduldet, in einigem Betracht mich Eures Mitleids würdig machen. Ich bitte Euch also, o einzige Hoffnung meines Lebens, daß Ihr anseht was ich um Euch erlitten; daß Ihr Nachsicht habt und mich erhört; daß Ihr aus dieser Gelegenheit, die ohne unser Zutun der Himmel uns schenkt, erschließt, daß es den Göttern unbillig scheint, ja, daß sie es für Sünde achten, wenn Ihr in Grausamkeit mich länger noch schmachten laßt. Die Dame, nicht weniger herzenserzogen und liebenswürdig als schön und durch das Vorige von Lucios übermächtiger Liebe überzeugt, wollte nicht länger als nötig die Hartsinnige spielen und gab ihm folgende Antwort zurück: Ich kann und mag es nicht leugnen, daß Eure unendliche Liebe schon aus tausend Zeichen zu mir sprach; Liebe, die ich um so höher achtete, für um so wertvoller anschlug, als ich Eure Verdienste und Eure Weisheit kenne, und sah, daß Ihr nicht durch Musik, durch Briefe oder ähnliche gefahrvolle Spiele meine Ehre bedrohtet; so also von Eurer Neigung überzeugt, bedarf es der Worte nicht, mir die erduldeten Leiden noch länger zu schildern. Ich ahne ihre Heftigkeit, ihre Stärke messend an dem Unmöglichen, sie zu offenbaren. Ich habe das alles an mir selbst empfunden, da ich von Sitte und Bildung Eurer Person nicht weniger als Ihr von meiner Schönheit ergriffen war, so Ihr mir hier nicht schmeichelt. Dem Himmel sei Dank für dieses Zusammentreffen, daß uns gefahrloses gutes Sprechen gestattet. Seid überzeugt, daß ich die Eure bin, und wenn sich mir Gelegenheit ergibt, Euch dies zu beweisen, soll keine Zeit mir zu kostbar, kein Mittel zu entlegen sein, es zu tun. Die Danksagungen, Vorschläge und Pläne, die der Jüngling ihr vorlegte, zu erzählen, würde zu weit führen; als wahrer und treuer Freund vergaß er nicht seines lieben Alessio sich zu erinnern, bat Isabella zu versuchen, daß auch er, der auf das Heftigste vor Liebe zu ihrer Freundin glühe, einige Linderung seiner langen Qual empfange; er sprach von ihm als dem wackersten Jüngling und dem treuesten Freund, den man finden könne. Die Dame versprach denn auch, sich auch für seine Herzensruhe und für Belohnung seines langen Dienstes zu bemühen. Wie nun der Regen aufhörte und wie, da es Vesper war, viele Leute in die Kirche strömten, nahm Lucio Abschied von der Dame, ging, und nach kurzem verließ sie ebenfalls die Kirche. Lucio lief zu seinem lieben Alessio, diesem mit überströmender Freude seinen ganzen Erfolg mitzuteilen, ihm versichernd, er habe auch für ihn so viel erreicht, daß er hoffen könne, den Lohn für seine Liebe bald zu ernten. Während nun die beiden Galane fröhlich auf Nachricht harrten, traf es sich, daß der Dame ein Einfall kam, wie sie auf sichere Art ihren und ihres Liebhabers Wunsch befriedigen könne. Sie ließ sogleich Lucio bestellen, daß er kommende Nacht um acht Uhr begleitet von seinem Alessio bei ihrer Tür sich einfinden solle; man würde sie zu ihrem größten Wohlgefallen und völliger Zufriedenheit einlassen. Nachdem die beiden beratschlagt und übereingekommen waren, beschlossen sie zu gehen; und nachdem die Nacht gekommen war, stellten sie sich zur richtigen Zeit und richtigen Orts ein. Sie waren kaum dort, als die Tür geöffnet wurde und sie eintreten konnten. Aber es war nur Isabella, die ihnen entgegentrat und nach der schuldigen Begrüßung so zu ihnen zu sprechen begann: Lucio, Amor weiß, wie ich tausend Wege und tausend Arten wieder und wieder überlegt habe, dir zu beweisen, wie deine untadeligen Sitten und deine Schönheit mich erobert haben, auch wie ich wünsche, daß du in allem, was dein Begehren ist, befriedigt werdest. Aber unter vielen Gedanken, die ich aufnahm und fallen ließ, konnte ich nur einen finden, dich zu beglücken. Mein Mann, ohne Sinn für weltliche Ehren, denkt nicht mehr daran an den Hof zu gehen, verläßt fast nie die Stadt, treibt nicht die Jagd oder anderes, das ihn aus seinen Wänden locken könnte, was alles große Schwierigkeiten sind; es bleibt deshalb nur übrig, jetzt wo alle Diener auf Jagd gegangen sind, die Lage, wie sie nun einmal ist, zu nutzen: Alessio, dein treuer Freund, muß sich entkleiden, und mir in meine Schlafkammer folgen; er muß sich dort neben meinen Mann, der die Gewohnheit hat, bei seinem häufigen Bewegen und Umdrehen seitwärts nach mir hinzufühlen, ins Bett legen, daß er jemanden findet und glauben kann, ich wäre es; im übrigen kann Alessio so sicher tun, als liege er in seinem Bett; mein Mann ist gewohnt derart bis in den Tag hinein zu schlafen, daß auch ein Erdbeben ihn nicht erwecken würde. Ich habe Euch alles gesagt; und Alessio verspreche ich als Dank für so großen und hingebungsvollen Dienst, daß er noch vor morgen Abend seine geliebte Dame in die Arme schließen wird; sollte er aber, was wir von ihm erbitten, ausschlagen, beweist er wohl, daß er uns nicht liebt, uns bleibt ein anderer Weg als dieser nicht offen und so müssen wir ihn denn wohl gehen. Der Vorschlag schien Alessio zunächst ein wenig gefährlich; aber überredet von seinem Freunde, getrieben durch die Furcht seine geliebte Dame zu verlieren und ermutigt durch die Hoffnung, die er aus den Worten Isabellas für sich entnahm, bald jedes Vergnügen der Liebe zu genießen, schwur er, alles zu tun, und sei es mit dem Einsatz seines Lebens, über welche Treuehaltung er von seinem Freund und der Dame vielfältig gelobt wurde. Er entkleidete sich also, stand in kurzem in einem schönen Hemd da und folgte der Dame, die ihn nach der gemeinsamen ehelichen Schlafkammer führte. Sie ließ ihn an ihrer Statt leise zu Bette gehen und ging dann zu ihrem wartenden Freund zurück, Alessio mit dem Versprechen tröstend, bald zurückzukehren und ihn heil wieder herauszubringen. Alessio war nun zwar der ergebenste Freund von der Welt, aber so groß sie immer war, ging seine Freundschaft doch nicht so weit, daß er nicht bald traurigen Mutes bereute, sich haben hierher führen zu lassen. Er wagte vor Furcht kaum zu atmen; beim geringsten Geräusch, das das Bett machte, oder das in der Kammer laut wurde, beim Knarren von Tür oder Fenster und beim Pfeifen des Windes empfahl er seine Seele Gott. Bis in den Grund seines Herzens erschrak er beim Gedanken an die Möglichkeit niesen oder gähnen zu müssen! Ach, hielt er mit sich selbst Zwiesprache, wie leichtfertig bin ich gewesen! Wer sagt mir, daß Isabella, der Liebe Lucios überdrüssig und um sich der Verkettung von Gefahr und Unannehmlichkeit zu entziehen, nicht jetzt ihn und mich in diese feingelegte Schlinge gelockt hat; daß ihr Mann, in alles eingeweiht, erst vielleicht noch zweifelnd, aber nun durch diesen offenkundigen Beweis überzeugt, nicht aufspringt und uns alle beide tötet? Indessen ging unter diesen Überlegungen ein Teil der Nacht hin; er sah nicht, daß das Versprechen, ihn aus seiner Lage zu erlösen, gehalten wurde, glaubte sich schon erdolcht und meinte fest, er und sein Kamerad seien hierher zur Abschlachtung geführt. So verbrachte der Unglückliche die ganze endlose Nacht in Not und Herzensangst, sah die Morgenröte sich am lichten Himmel andeuten, sah durch die Spalten der Läden die ersten Strahlen des aufsteigenden Taggestirnes, und begann sich jetzt nur noch mehr zu fürchten, weil ihm ein anderer Gedanke den Zusammenhang der Dinge noch gefährlicher zeigte. Er stellte sich vor, daß Lucio, von Müdigkeit besiegt, in den Armen seiner Herrin und sie in den seinen eingeschlafen sei, und daß deshalb die Dame ihr Versprechen nicht gehalten habe; und er folgerte weiter, daß Lucio, als er seine Verfehlung bemerkt, mit der Dame geflohen sei. Indessen gewann das Licht mehr und mehr an Kraft, durch alle Fenster spielten bereits die Sonnenstrahlen, als er, auf dem Gipfel der Verwirrung, sich schon die Worte zurechtlegte, die am besten seine merkwürdige Lage entschuldigen würden. Während er so halbtot seine Lage besann, öffnete sich die Tür heftig und mit solchem Lärm, daß er nicht nur, der zum Fürchten den ersten Anlaß hatte, sondern alles in der Kammer bebte und schwang. Als er durch den Bettvorhang hinausschielte, sah er seinen Freund und Isabella, beide in trauter Umarmung, hereintreten; unvermögend, den Sinn des Vorganges zu fassen, glaubte er zu träumen, aber bald wurde ihm von seinem Lucio bedeutet, daß die Dinge dieser Nacht, anders als sein angstbestürmtes Hirn es sich dachte, zusammenhingen. Denn Lucio, seinen Namen rufend, riß den Bettvorhang zur Seite, Isabella zog gleichzeitig die Decke fort und sagte mit ihrem zweideutigsten Lächeln: Habt Ihr Eurer Dame gute Gesellschaft geleistet? Und während er hierauf eine Antwort suchte, blickte er seitwärts und erkannte, daß er die ganze Nacht, die ihm höllenmäßige Qualen bereitet hatte, neben der gelegen, die ihm seit langem das Paradies seiner Wünsche bedeutete. Von großer Beschämung, größerer Freude besiegt, verschloß ihm Verwirrung den Mund; er warf sich, um irgendwie die Spannung zu lösen, schweigend, mit einer einzigen Bewegung der Geliebten um den Hals, küßte sie mehr als tausend mal; sie, die die Augen ebensowenig wie er während der ganzen Nacht geschlossen hatte. Und da erzählte dann die Dame Alessio, daß die beiden Ritter, ihre Eheherrn, gestern zu Hofe gegangen waren, was ihnen Zeit und Gelegenheit zur Ausführung ihres Planes gegeben hatte; sie bat ihn wegen der jammervollen Nacht, die sie ihm bereitet, um Verzeihung; ihn als den ergebensten und treuesten Kameraden preisend, der in der Welt nur zu finden sei; weiterhin dankte sie ihrer Freundin, daß sie ihr Versprechen gehalten und eine ganze langgedehnte Nacht sich dem Liebhaber nicht zu erkennen gegeben hatte, was, wie sie sagte, Zeichen eines festen und beständigen Herzens sei, von einer Art, wie man sie noch nicht gesehen. Dieses Ende hatte die Intrigue der klugen Isabella, und man kann wohl glauben, daß die beiden Jünglinge den beiden Frauen noch oft in herzlicher Liebe beilagen, ob ihre Männer nun zu Hofe gegangen waren oder nicht. *   Übertragung von Walther Petry Francesco Grazzini Wie List der Lust den Pfad bereitet Lebte da in unserer Stadt vor eben nicht langer Zeit ein Notar, der sich Ser Anastagio della Pieve nannte. Er kam als geringer Mann nach Florenz, wurde im Hause der Strozzi Erzieher, und erwarb dann, vorgerückten Alters, dieser Stadt Bürgerschaft; so beginnend in Ratsgeschäften zu verdienen, erwarb er mählich Vermögen; nun, schon sehr gealtert und Niemanden zur Seite, dem er was an Besitz da war hinterlassen konnte, wird es sein Entschluß, zu heiraten. Gar nicht auf die Mitbringschaft erpicht, erwischt er ein junges schönes Mädchen vornehmer Familie, das in Dingen des Ehbetts wie in allen andern, die zu verlangen ihr Recht war, mit ihm gütliche und liebevolle Einigung schloß, so, daß der Ser von Narrheit und Liebe doppelt angetrieben in eine Eifersucht ausbricht, und Zeit, dieser Leidenschaft zu opfern, mehr als für alle Kontraktgeschäfte und Kundenwerbungen aufbringt. Die Frau, Fiametta geheißen, wurde der Furcht und des unsinnigen Treibens ihres Gatten bald deutlich gewahr, in ihrer Edelheit und vornehmen Gesinnung aufs Äußerste dadurch gekränkt, wird, was ihr sonst nie beigefallen wäre, ihr fester Entschluß, nämlich, was er fürchtete, zu tun. Merkend, wie ein eben aus Paris zurückgekehrter Arzt in ihrer Nachbarschaft, fünfunddreißig Jahre und sehr elegant und wohlgefallend, ihr Blicke gibt, beginnt sie mit freundlichem Gesicht zu erwidern, was der Arzt wiederum zum Anlaß nahm, häufiger an ihrem Hause vorbeizuspazieren; wie sie nun fortfährt, ihn zu ermutigen, kommt mit eins über die Gebärde die unverstellte Liebe über sie. So einander zugetan, ist ihr einziger Wunsch Vereinigung; indessen gab es da eine alte Dienstmagd, die der Mann zum heimlichen Aufpasser tagsüber gesetzt hatte, (nachts hielt er selbst diesen Posten) die dem Wunsche Fiamettas und ihres Arztes Giulio entgegenstand. Trotzdem sann die junge Frau unermüdlich auf Mittel und Wege, ihr Verlangen zu stillen, und geriet endlich auf eine List, die sie in einem zierlichen Schreiben dem Arzte mitteilte. Nach getaner Verabredung begann sie eines Nachts im ersten Schlaf heftig zu stöhnen, und schrie: »Oh Anastagio! Oh lieber Mann, ich sterbe, ich sterbe! Weh mir! Hilfe, um Gotteswillen!« Ser Anastagio erwachte, fuhr im Hemd aus dem Bette, rief die Mägde herbei, die gleich mit der brennenden Laterne und Trost auf den Lippen herbeisprangen, indessen die Kranke in schwerem Wimmern und Seufzen sich nicht genug tun konnte, immerfort schrie, ihr ganzer Körper sei ein einziger Schmerzensherd und die Eingeweide schwöllen unbändig an. Man machte Tücher heiß und Umschläge aus allerhand Krautgekochtem, und wußte endlich nicht mehr was zu tun war angesichts der Schmerzen, die nach dem Schreien zu urteilen, immer heftiger wurden: »Ich Unglückliche,« rief die Gefährdete, »ich Arme! Oh liebster, bester Mann! Ich platze, ich platze, süßer Mann, hilf mir doch, hilf mir doch, ich bitte dich,« und es erfolgte ein Augenverdrehen, wie man es noch nie gesehen hatte. Anastagio kamen aus Zärtlichkeit und Furcht die Tränen, und gewiß, sie würde ihm unter den Händen sterben, brächte ein Arzt nicht Hilfe, beschloß er einen zu holen und sagte ihr das, meinend, das würde ihr Trost geben. Sie antwortet: »Ach nur schnell, mein guter Mann, um Gotteswillen! schnell sag ich, sonst ist es zu spät.« »Keine Angst,« unterbrach sie der Ser, »ich renne um die Ecke zum Doktor Giulio, unserm Nachbarn.« »Recht so,« erwiderte Fiametta, »ach zaudere nicht, ich bin eine Leiche, kommt er nicht gleich und schafft mir Linderung.« Der Notar war schon aus der Tür und lief eilig zu des Arztes Hause; der, ohne viel Worte und Aufklärung zu verlangen, antwortet, daß er im Augenblick bereit sei, und stand denn auch in kurzem in der Kammer, wo die Ärmste sich in Krämpfen wand. Der Doktor grüßte sie, sprach ihr Trost zu, klopfte sie vorn ab und betastete sie rückwärts, wendete sich zu dem Mann und sprach leise: »Es ist entweder eine Vergiftung oder ein inneres Frauenleiden. Wenn Ihr sie retten wollt, so lauft zur Herrenapotheke um eine Arznei, die ich hier aufschreibe, die gegen Gift, gegen Mutterweh, Verdrängungen und Schwellungen wunderbar und sicher hilft.« »Nur zu,« gibt der Ser zurück, und sagt noch, mit einem Fuß schon in der Tür, »bleibt, bis ich wieder zurück bin.« »Ich will ihr unterdessen, sagte der Arzt, ein Hausmittelchen auf den Magen packen, dazu sollen mir die Mägde helfen.« »Vorwärts,« sagt Ser Anastagio und schießt fort; der Doktor aber blieb bei Fiametta, die weiterhin mit geringen Änderungen in der Stimme schrie, noch lauter jammerte, noch heftiger klagte, als sie unten die Haustür ins Schloß springen hörte, und ganz so tat, als ob der Schmerz ihr innen den zarten Leib versengte. Der Arzt rief zu den Mägden um Öl und Mehl für das Magenpflaster, er wolle eine Sympathiekur versuchen, er sähe kein anderes Mittel sie zu retten, verlangte dann ein Glas mit Wein, ein anderes mit Wasser, bekam beides und nahm jetzt das eine in die linke, das andere in die rechte Hand und reichte sie unter geheimnisvollem Murmeln der Fiametta, den Wein mit der rechten und das Wasser mit der linken Hand, und drang darauf, sie müsse vier Schluck vom einen und genau vier Schluck vom andern nehmen, zu den Mägden sagte er, wenn ihrer Herrin Leben ihnen etwas wert sei, müßten sie gleich, die eine auf dem Boden, die andere im Keller des Hauses sich hinknieen, vier sorgsame Rosenkränze zu beten, für jeden der heiligen Evangelisten einen, und er setzte hinzu, sie müßten sie langsam, mit tiefer Inbrunst und ohne Auslassung des kleinsten Wortes sprechen, sich durch nichts von ihrem Ort rücken lassen, bis alles vollendet wäre. Die Mägde nahmen alles gläubig und getreu hin; wiewohl es ihnen kein Leichtes war, mitten in der Nacht diese Dinge zu tun, trösteten sie sich doch mit der Wichtigkeit der Sache; wollten auch zur Heilung ihrer Herrin, die immer heftiger schrie, was sie konnten beitragen; so gingen sie denn, die Alte in den Keller und die Junge auf den Hahnenbalken, jede fest in der Faust den Rosenkranz. Kaum daß sie ihren Fuß vor die Tür gesetzt hatten, stellte der Doktor Giulio Wein und Wasser und Sympathie zur Seite, ließ die gute Frau ihr Klagen und Wimmern sein und griffen dafür beide um so eiliger nach einer Sache, die ihnen Vergnügen machte, und die ihr euch wohl denken könnt; sie hatten Zeit, denn Ser Anastagio lief noch immer atemlos auf der Fiesolanischen Straße; ehe er bei der Apotheke war, in der Nacht das Rezept besorgt bekam, auf seinen alten Beinen dann wieder zurückstolperte, verging gute Weile und der geängstigte Mann meinte denn auch, sein gutes Weib, wenn er zurückkäme, weile schon bei den Engeln. Als es den Beiden deuchte, daß die Mägde oder der Notar zurückkehren könnten, legte sich die Frau auf die Seite in einer Stellung als schliefe sie, der Arzt kniete vor seinem Lager und las in seinem Doktorbuch, ebenda hatten die Mägde auch ihre aufgetragenen Rosenkränze herumgebetet und stiegen dem Zimmer zu, langsam die Alte von unten herauf, schnell vom Hahnenbalken die Junge herunter, und kamen zugleich in die Kammer, zu sehen, wie Gott es gefügt hatte; sahen nun den Arzt auf den Knien hocken und brummeln, die Herrin seitwärts gekehrt und still, wie im tiefen Schlaf, und es wurde ihnen klar, daß sie gestorben sei, und rissen schon den Mund auf, als der Doktor sie bedeutete, Ruhe zu halten, denn siehe, die Madonna sei geheilt, erhole sich nun und schlafe. Er fragte sie beide, ob sie ihre Rosenkränze gebetet, sie antworteten beide Ja, und er erhob sich, gerade im Augenblick, als Ser Anastagio unten auf die Klinke drückte, und da man ihn einließ, lief er dunklen Herzens zur Kammer, überhäuft von Angst, luftlos in der Lunge, in der Hand das Fläschchen, und meinend, er müsse nun seine Gattin schon zum Tode ausgestreckt sehen. Doktor Giulio trat ihm sofort entgegen: »Eurer Frau gehts wie dem Fisch im Wasser, der Himmel gab Gnade und sie wurde gesund, hat keine Arznei mehr nötig; dann erzählte er bis ins Kleinste, wie er, an jedem andern Mittel verzagend, zur Sympathie gegriffen hätte, und da sähe er nun, was das fruchte. Hier bewegte sich die Frau, spielte Erwachen, wandte sich heiter und lachend zu ihrem Mann und sprach: »O süßester Mann, daß Eure Fiametta nicht völlig zu Grabe gegangen ist, ist einmal durch Gottes Beistand geschehen, dem Ihr drum danken mögt, dann aber durch Meister Giulios Kur.« Da zögerte Anastagio nicht, laut den Gott und den Arzt zu preisen, und wollte, ganz weggehoben vor Freude, dem Manne einen ganzen Goldgulden geben, der wies ihn aber ab, sprechend, wie er für Sympathiekuren niemals Geld annehme, und nach Höflichkeiten hin und her und großen Danksagungen verabschiedete er sich, grüßte und ging in sein Haus. Der Mann mit seinem Weibe ließ alles zu Bette gehen und suchte dann selbst mit seinem Weibe den Schlaf. Andern Morgens hatte Anastagio wichtige Geschäfte beim Prokonsul, stand vor Zeiten auf, ließ die Frau ruhig, im richtigen Glauben, sie bedürfe wegen der Not und Anstrengung in der Nacht noch der Ruhe, kleidete sich an und trat leise ins Stiegenhaus. Wie er die erste Stufe nahm, will es das Unglück, daß er die zweite verfehlt, und die Treppe sich überschlagend schnell hinabkommt, mit einer Wunde an der Schläfe von einer Größe, die ihm die Ohnmacht schickte. Die Mägde liefen auf das Gepolter herbei und kamen mit Fiametta gerade zurecht, ihn unten eingeklemmt zwischen zwei Treppenpfeilern und blutig am linken Ohr liegen zu finden, meinten auch, er sei tot, heulten und brachten ihn unter großem Wehgeklage treppauf, ein Ding, worüber sich die ganze Nachbarschaft zusammenfand, packten ihn dann ins Bett und schickten nach den zwei besten Wundärzten von Florenz, ihm indessen den Puls solange mit kaltem Wasser und Essig reibend, daß ihm, gerade als die Ärzte kamen, wieder Besinnung anflog; die Männer untersuchten ihn, schüttelten die Häupter, es hülfe nichts mehr, der hier wäre hin, man müsse ihn beichten lassen, denn es könnte nicht mehr lange dauern. Keine Frage, wie kummervoll und gramzerrissen Fiametta war, was endlich dem Abscheidenden mehr brannte als sein eigenes Unglück, so, daß er sie zunächst einmal tröstete, und dann ein Testament aufsetzte, in dem er, da keine Erben vorhanden waren, alles seiner Frau hinterließ, sie zur Haupterbin alles beweglichen und unbeweglichen Guts sonder Verpflichtung noch Last machte, um ihr auf diese Art vor allen die tiefe und unvergleichliche Liebe zu beweisen, die er gegen sie fühlte. Fiametta, im Herzen voll heller Freude, heulte lauter, als wollte sie ihren Tränen gänzlich zerweichend, die Seele nachschicken, und dies auf eine Art, daß Ser Anastagio mit guten Worten ihr immer Trost und Geduldung zusprach. Er ließ sie ansehen, wie sie doch reich zurückbliebe, bat auch nur um einen Dienst, sie solle sich entweder nicht wieder verheiraten und in dem Falle alles dem Waisenhause hinterlassen, oder, wenn schon wieder verheiratet, solle sie ihrem Erstgeborenen zur Erinnerung an ihn den Namen Anastagio geben Die Frau schwamm in Tränen fort, versprach alles, die Wunde aber verschlimmerte sich, und eh die Sonne unterging verlor er die Sprache und starb zur Nacht. Fiametta, die vor Vater und Brüdern erschrecklich jammerte, brachte ihn am nächsten Tage auf die vornehmste Art zu Grabe; der alten Magd, die dem Hause so lange gedient hatte, gab sie reichlichen Lohn und entließ sie; die junge verheiratete sie. Sie selbst, reich nun und jung, beschloß, dem Willen ihres Vaters und aller anderen Verwandten entgegen, wieder zu ehlichen; sie erinnerte sich an ihren Doktor Giulio, hatte als einen treuen und franken Kavalier ihn immer vor Augen, leitete denn auch mit ihm die Verbindung ein, was leicht war, da er auch aus vielen Gründen die Heirat wollte; so beschlossen sie endlich ihre Ehe in der sittsamsten Weise; lebten lange zusammen in Eintracht, Wohlhabenheit, immer zufriedenem Herzen; mehrten ihre Habe und bekamen Kinder; Fiametta hielt ihr Versprechen, das sie ihrem Manne gegeben, und nannte ihrer neuen Ehe ersten Sohn, Anastagio. *   Übertragung von Walther Petry Girolamo Morlini Wie ein Ölausträger sich selbst an einem Glied bestrafte, das ihm zur rechten Zeit nicht dienen wollte Ein ölfleckichter, aber leiblich gutgefügter Jüngling wandte eines Tages seine ganze Stimme auf, die Waren um deren Verkauf er durch die Straßen fuhr, den Leuten anzupreisen, als an einem Fenster eine schöne Edelfrau auftauchte, die, kaum daß sie den in sichtbarster Stärke prangenden Burschen eräugelt hatte, ihn, nach unserer bescheidenen Meinung aus übermäßigem Liebesdrang, herbeirief und zu ihm sagte: »Ölträger, komm einmal ohn Verweilen herauf, wenn dein Öl gut ist, will ich mir etliches abfüllen lassen.« Er hörte sie kaum, als man ihn schon im Hause verschwinden sah, wo er von der keuschen Dame, die ihm freudig die Stufen hinab entgegengetrippelt war, empfangen wurde. Sie zog ihn ohne Umschweife in ihr Gemach, woselbst dieses freche und vor Lust brennende Weib, da sie sich allein wußte, kühnlich ihre Hand nach seinem Hängerchen ausstreckte und ihn, zart zwischen ihren elfenbeinernen Fingern drückend und streichelnd, aus seiner Mattigkeit zu voller versprechender Kraft emporzukitzeln versuchte. Aber merkend, wie wenig ihr doch so freudiges Versuchen fruchte, hob und schürzte sie die Röcke und bettete das ungelehrige Ding zwischen ihre weißen Schenkel, in dem menschlichen Hoffen, die Wärme dieses reizenden Ortes würde die schamhafte Knospe zum Erblühen bringen. Der Ölträger war jedoch so verblüfft und auf Dinge, die man im Augenblick von ihm verlangte, so wenig versehen, daß alles umsonst war. Als die züchtige Madonna endlich inne ward, daß er ihre lichterlohene Entbranntheit mit nichts zu löschen vermochte, fiel sie in heftigen Zorn, warf ihn, sie war kräftig, mit einem Schwung die Stiege herunter, und ließ an seiner nutzlosen Statt einen eben vorbeilaufenden Neger heraufkommen, dessen Bereitwilligkeit sie dann auch ersättigte; der Öltrogknabe aber entwich in eitel Bestürzung und voll Jammerns ob seinem Mißgeschicke. Da er nun wieder auf seinem Maultier saß, hob der Nichtsnutz zwischen seinen Beinen plötzlich hoffährtig das Haupt und stieg mit verschwenderischer Gebärde, leider zu spät, mächtig empor. Da sprach der Bursche zu ihm: »Zwischen den Schenkeln jener schönen Dame gelegen, schliefst du; jetzt, bar jeglichen Sinns, stehst du wie ein König auf und willst, was du versäumst, wieder auswetzen. Aber, eigensinniges Ding, ich will dirs geben!« Dabei zog er ihn über den Sattel und hieb ihn mit dem Messer ab; allerdings nicht, ohne an den heftigen Schmerzen in Kürze zu verscheiden. Die Weiber, wie denn Exempel zeigt, sind immer nur zu bereit, wenn ihre Feste in Brand steht, sich unter einen Esel zu legen, als nutzlos brennen zu lassen. *   Übertragung von Walther Petry Girolamo Morlini Von einem Pfeifer der zum Einzug pfiff Ein Pfeifer, arm wie ein Kirchenmäusgen, lebte in einer Hütte mit seiner jungen, von Gott mit den erdenklichsten Reizen begnadeten Frau; in diese aber hatte sich ein schlendrianischer Mönch verliebt. An Tagen, wo der Bauer auswärts war, schlüpfte dieser würdige Dickbauch heimlich zu ihr ins Haus und trieb mit diesem vergessenen Weibe vom ersten bis zum letzten Punkt der Lust verdammte Exerzitien. War mal so, daß der Mann ruhig auf seiner Pfeife ein Stücklein herblies, als das durchgesottene Weib ihm um den Bart gehend nahlegt, daß wichtige Geschäfte, deren längere Dauer sie wohl wußte, ihn übers Land riefen. Der Mann stand denn auch schon zum Gehen fertig da, wurde aber durch ein Bedürfnis, das ihm plötzlich ankam, gehalten, sich in einem Winkel der Hütte, von seinem Weibe ungesehen, auf den Abtritt niederzusetzen. Siehe, da kam auch schon der Pfaffe zur Tür hereinstolziert, rief das zuchtvolle Weib und fragt sie: »Wollen wir den Papst nach Rom schicken?«, und sie ohn Besinnen: »Gerne.« Völlig verwundert, hält sich der Gatte gleichwohl ruhig, um denn, was dieses Rätsel bedeuten möge, zu erfahren. Und es verging ein Augenblick, so schlug der Venuspriester der Frau die Röcke auf, warf sich ihre Schenkel auf die Schulter und stieß mit seinem natürlichen Dolch ihr recht kühnlich und zu sichtbarem Ergötzen in ihre Leibesmitte. Der Mann, dieses schamlose Tun sehend, aufspringend ruft aus: »Bei Gott, das will mir zu kläglich dünken, ihr keuschen Opferer, daß ein so großer Herr seinen Einzug in die heilige Stadt ohne Musik halten sollte,« und blies den Sack auf und begann zu pfeifen. Die Sünder gleichwohl über den Zwischenfall und vor nacktem Schrecken in Ernüchterung gestürzt, mußten, da sie sich so ertappt sahen, von ihrer Begierde abgehen. Der Mann langte nach einem Knorz und fing an mit kräftigen Armen so auf das Pärchen einzudreschen, daß es die nahrhaftesten Arzneien kaum vermochten, sie in diesem Leben zu halten; so rächte er sich wie ers konnte für das zerrissene Treuband und brachte die Frau, wie es mit üppigen Tieren auch zu geschehen pflegt, mit kräftigen Hieben von der freien Weide in die Hürde wieder zurück. Schamlosigkeit der Frauen, zeigt die Novelle, war niemals was Seltenes. *   Übertragung von Walther Petry Girolamo Morlini Von einem Ehebrecher, der einer Frau in Gegenwart ihres Gatten an einem gewissen Teile eine Höflichkeit erwies, die Zweien zur Lust, dem Dritten aber zum Geweih ausgeschlagen ist Ein Bauer, so arm, daß er seine Dürftigkeit zu steuern Zimmermannsarbeit übernahm, verwendete den ganzen Lohn, der ihm dafür ward, getreulich dazu, seiner Frau und sein eigenes Leben wie Gott es eben gab, zu bestreiten. Seine Frau aber war ein junges Weib, voller Reize und Zärte, untadeligen Wuchses doch nicht ebenso untadeliger Sitten. Als dieser brave Mann eintags in der Früh zur Arbeit ausrückte, drehte sich, kaum daß der andere den Rücken zeigte ein sehr gewandter junger Mann in das Haus; von denen einer, die alles vermögen und am vorzüglichsten jenes gewisse Spiel, drum sie bei aller Art Frauen in hohen Ehren gehalten werden. Dieser Buhle lag dem jungen Weibe eben bei und sie waren über die üblichen schmackhaften Versicherungen ihrer innigen Neigung zueinander kaum hinaus, als der Gatte unerklärlicherweise wieder vor seiner eigenen Tür steht. In Freude, daß das Haus so wohl verriegelt und verwahrt ist, was ihm ein Zeichen von seiner Frau Ehrhaftigkeit dünket, klopft er mit zärtlichem Knöchel ein paar Takte und ruft, daß er da sei. Ohne nur zu blinzeln schaukelt sich die mannigfach erprobte und durchgeübte Frau aus der Klammer sehr hitziger Umarmung auf den ebenen Boden, klopft sich zurecht, heißt den sehr enttäuschten Jüngling ein altes recht spinnenverdrecktes Faß zum Bette nehmen, und hüpft, da dergestalt alles plan und geordnet, mit freier Stirn zur Türe. Hier aber schlägt sie den Flügel zurück, tritt rückwärts und hebt vor dem Verwunderten so an: »Ei da, windig und ein wahrer Spaßvogel springst du also die Gassen hinauf und hinunter, tust die Hände hinter den Riemen, faulenzt wie nur die Kraft reicht und bist da wie ein Riese, aber die Arbeit und unser Unterhalt, Herr Grindkopf? Hier steh ich, ein schwach Weib, verdrückt von Gelaufe und Plackerei, Ruhlosigkeit tag und nächtens und spinn mich zu Tode, daß nur Licht in der Hütte sei.« – Der also zärtlich Empfangene gibt jetzt zurück: »Und was weiter? Da der Meister, weil er aufs Gericht muß, heute keine Arbeit gibt, hab ich doch immerhin für unser Mahl nicht vergessen. Das Faß da, dieser leere Klumpen, der so recht flezig das halbe Zimmer frißt, das hab ich um fünf Taler bar losgeschlagen und warte nur, daß der gute Mann es aufladet und die Silbernen mir in die Hand drückt. Schürz dir also den Rock auf und hilf es mir aus seiner Ecke hervorziehen, daß wir es gleich übergeben können!« Hier kommt er zu Atem und im selben Augenblick ist sie schon bis aufs Kleinste mit ihrer List fertig, hebt an zu lachen, daß dem ehrbaren Ehmann die Haare wehen und ruft: »Das heißt mir doch ein wackeres Herze von Mann, der Geschäfte anstellt, drüber man vor Freude hüpfelt. Ein Ding, das ich einfältig Weibwesen ohne erst die Stadt rundumzureisen für sieben Taler verkaufe, das hat er Mühe, für fünfe wegzuhandeln.« Ganz glücklich über den guten Tausch, fragt sie der Mann: »Und wer ist der, der das für dafür hinlegt?« »Pst,« macht die Scherzhafte da, »er ist drinnen im Faß und untersuchts, ob es ihm auch recht sei.« Und der Liebling nimmt mit einigem Verstande das Schöneingefädelte auf, steckt den Kopf heraus, und sagt zur Frau: »Die Wahrheit, Mutter, Euer Faß ist nicht mehr jung, ein wenig schimmlicht und sperrig oben und unten.« Und nun dreht er sich zum Gatten und sagt mit recht förmlichem Gehaben: »Guter Freund oder was Ihr immer seid, reicht mir bitte ein Lämpchen, ich will den Dreck lösen und den Wust wegschaben, zu sehen, ob es noch etwas taugt. Zu guterletzt wiegen sieben Harttaler ein Erkleckliches.« Unverzüglich brennt der schmerzlos Gehörnte ohne nur vorne ans Haupt zu fühlen das Licht an und antwortet: »Laßt das mich tun, Herr, und sitzt hier, bis ich es blank habe und Ihr es prüfen mögt.« So sprechend legt er Wams und Schnalle ab, rutscht in den Schlund, und müht sich, die filzige Borke von ihrem Gewächse frei zu kratzen. In der Zeit, wohl um nicht müßig zu sein, schwänzelt der üppige Jüngling, noch zornig wie ihn vorhin das Mißgeschick aus dem Flaum geschüttelt, hinten um die wackere Frau, die recht ein braves Weib mit halbem Leib über dem Faßrand hängend da und dort, in den Rillen und Ritzen, ihrem Zimmermann die Stellen weist, die auf seinen Scherben warten. Es ist so, daß also der Mann das Faß kratzt, sie dem Manne beisteht, der Buhle sie von hinten kühnlich bestürmt, bis dann in einiger Zeit alle drei mit etlichem Schweiße von ihrem löblichen Tun abstehen. Hier erhält der Zimmermann seine sieben Taler, wälzt sich das Faß bequem zwischen seine Geweihzacken und beeilt sich, es dem sauberen Herrn ins Haus zu schaffen. Und wiederum zeigt dies artige Geschichtchen, wie gegen Weiberlist noch der Herr kein Kraut hat wachsen lassen. *   Übertragung von Walther Petry Girolamo Morlini Wie auch bei Bäckerknechten man Gelehrigkeit findet Eine mit allen Reizen prangende Bäckerin, begnadeten Wuchses und alles andere denn spröde, war seit einiger Zeit zu ihrem eigenen Knecht, der von bestrickender Schönheit und noch in zarten Jahren war, in heftigstem Verlangen entglüht. Ob auch das gleiche Feuer ihn schon erfaßt hatte, war doch die Gelegenheit nie so günstig, ihr, was er im Herzen trug, aufzudecken, bis es der erbarmende Himmel denn eines Tages gab, daß der Meister aus seiner gewohnten Beschäftigung heraus eine ganze Nacht auswärts hintun mußte. In dieser Nacht, wie von einem Engel geweckt, erhob sich die Bäckerin so um die zweite Stunde von ihrem einsamen Lager und ging hin, den Sauerteig zu machen; und während sie das Brot nach Bäckerart rüstig befaustete, schwenkte sie ihre glanzvollen weißen Hinterbacken so lüstern, daß das Stroh des armen Jünglings im Nu in Flammen stand und ihn in Gefahr brachte. Durch den Anblick ihres beweglichen Rückenendes erregt, spannte sich seine vorhin so ruhsame Sehne, ohne daß er entschied, ob die Veste da vor ihm einen Angriff erwarte oder nicht. Bedenkend, daß dem Mutigen meistens das Glück gibt was er fordert, daß Stunde und Stellung seinem Angriff günstig waren, sprang er mit seiner respektablen Fuchtel im Sturm auf das Weib los, ließ sie zwischen den weichen Rundteilen verschwinden und traf, oh Anatomie! die hintere Pforte; einmal eingedrungen ließ es seine Lust nicht zu, das Stöckchen an einen anderen Platz zu tun und so spießte er, nicht ohne große Beschwer, die Frau wie einen Knaben auf. Schmerzhafteste Überraschung über die so erzwungene Einfahrt in ihren hinteren Gang ließ die Bäckerin, Zorn in Augen und Mienen, nach einem grad daliegenden Messer greifen und mit diesem ein paarmal des Jünglings glühende Wange furchen. So gedemütigt war es ihm nur eben recht den Überfall zu enden und er zog sich stumm, woher er gekommen war, wieder zurück. Die mitleidige Frau, in derlei Sachen gewiegt, nahm Eierhaut Salz und Werg und machte sich ans Verbinden. Da aber nun der Bäcker früh mit dem ersten Hahnenschrei ins Haus tritt, stößt er beim Eingange gleich auf den geschundenen Jüngling und fragt voll Erstaunens ihn um Art und Grund der Verletzung. Da spricht die keusche Gattin mit sehr feingezogener Schlauheit: »Dieser Hans Unvorsicht wollte der Stute Futter vorlegen, tritt aber, recht wie ein Dummlack, von hinten heran, wo es denn geschah, daß sie den Rücken wellte und mit dem Hinterhuf nach ihm trat, auf solche Art, daß er ob seines Leichtsinns wie ihr es da seht gestraft wurde, und mit dem Mal nun laufen muß. Hätt ers von vorne versucht, bin ich sicher, daß so etwas nicht geschehen wäre.« Diese glückliche Rede verstand der aufgeweckte Matz recht gut und schwor sich zu, käme noch einmal eine ähnliche Nacht, den Kampf anders zu führen. Es traf sich denn auch so glücklich, daß der Bäcker wieder eine Nacht draußen schlief. Wieder stand die listige Frau in stiller Nacht auf, um ihre Pflichten zu tun. Der Jüngling, darauf schon gespitzt, erhob sich voll Hurtigkeit, trat auf sie zu und begann, nachdem er sie umgewandt hatte, sie zu küssen und seinen jedes menschliche Maß übersteigenden Schwengel in das heiße Delta ihrer purpurnen, zitternden und honigtröpfelnden Einfahrt zu drängen; und in wechselseitiger inniger Umschlingung nahmen sie, was Venus ihnen bot, mit süßem Danke entgegen und beschenkten sich beide im selben Augenblicke mit der wonnesamen Frucht der Liebe. Unnatürlichkeit, wie hierin deutlich zu sehen, ist den Frauen, die lieber sterben denn vom rechten Wege abweichen, immer verhaßt gewesen. *   Übertragung von Walther Petry Girolamo Morlini Wie man mit guten Lehren sich die Erziehung versprechender Jünglinge in früheren Jahren angelegen sein ließ Ein artiger Jüngling mit Haaren wie Goldfäden, Augen voller Glanz, Lippen wie Purpurkorallen und elfenbeinernen Zähnen, den ganzen Körper weiß wie Milch, liebte irgendwo eine Frau, jung und ihm so ähnlich, daß es schöneres nichts gab, doch abgründig schlecht im Herzen. Sie war einem Edelmann dieser Stadt angetraut, einem duldsamen, überaus verdienstvollen Herrn, dessen Ehe sie trotzdem zur offenen Pein und schmutzigen Hölle verdarb; sicherlich hatte den Hochzeitssang ihm in der ersten Nacht die lichtscheue Eule gesungen. Eines jener verrunzelten Weiber, die mehr die Bahnbereiterinnen der Unzucht als die Pfadstreuerinnen der wahren Lust heißen können, hatte ihr treffliches Maulwerk in Gang gebracht, der jungen Frau die Schönheit, Erlesenheit, die Treue, Weichheit und Zartheit des Jünglings zu malen, hatte ihr erzählt, wie er gut, alle Wachsamkeit des tölpigen Gatten zu Schanden zu machen, imstande sei, und angehängt: »Wahrhaftig, er allein dünket mich würdig aller und vornehmlich der besten Frauen Schönheit zu genießen, er ist ausersehen, den Kranz auf seinen Scheitel zu bringen.« So pries diesen Knaben die Alte mit vollem Atem und versprach ihr endlich, diesen Adonis ihr vor die Augen zu liefern. Und die gänzlich keusche Gattin, flammend vor Begierde und schon ganz versessen auf den Gepriesenen, war es sehr zufrieden, bei Anbruch der Nacht ihn in ihre Kammer zu lassen; sie richtete ein Mahl, machte es köstlich, deckte den Tisch aufs Prunkvollste, tat kurzum, als hätte sie einen Gott zu bewirten und harrte nach alledem der Ankunft des Buhlen. Wie der Zufall es nämlich wollte, speiste ihr Mann auswärts bei einem Freunde. Als die Sonne schon in das Meer gestiegen war, die unterirdischen Gegenden mit ihrem Glanz zu erfreuen, war man dort und hier bereit, und kaum o! gesagt, kam auch schon die nichtswürdige Alte daher und ihr hing am Arm das Fäntlein, schier noch völlig ein Knabe, glatt ums Kinn und wohl ohne Mühen selbst noch fähig als Mädchen zu dienen. Die Frau labte ihn mit vielen Küssen, hieß ihn sich zur Tafel setzen, sättigte ihn und gab ihm zu trinken, zupfte sich und darauf ihm in unbilliger Eile alle Kleider vom Leibe, führte ihn in die Kammer und bereitete zwischen schneeigen Bettlaken alles Notwendige zum süßen Liebeskampf vor. Wachskerzen leuchteten durch das Dunkel, so daß das gierige Weib an ihres geliebten Knaben Schönheit auch mit den Augen sich genugsam letzen konnte; und der Glanz und die Glätte seines Leibes strahlten so hell, daß die Flammen der Kerzen davor erblichen. Die Unersättliche setzte sich mit kühnem Schwunge auf ihn, warf ihren Rücken zu mannigfachen Figuren und machte so erfreuliche Bewegungen, daß er an den Spielen dieser erfahrenen Venus bis zum Taumel, zur Erschöpfung und zur Flucht aller Kräfte sich ersättigte und sie in inniger Umschlingung endlich die Seelen ausseufzten. Beide überwältigte sie endlich, nachdem sie die Zeremonien noch einigemal freudevoll geübt, der Gott des Schlafs, gab ihren Begierden Ruhe und schloß so fest ihre Augen, daß selbst, ob sie noch lebend waren oder ihre Seelen schon entflohen, der delphische Gott selbst nicht hätte ermitteln können. Siehe, plötzlich, von den Umständen nicht verlangt, von niemandem erwartet, kommt so mitten der Nacht der Mann nach Hause, trommelt an die Türe, ruft und pfeift, um sich kenntlich zu machen, wie ein Vögelchen; da allen Versuchen aber, obgleich mit lautester Stimme getan, kein Erhören wird, beginnt er ein wenig gröber an die wohlverwahrte Tür zu schlagen. Der Argwohn steigt ihm zu Kopf und er bricht kurzer Hand, sich gegen die Fläche werfend, mit heftigem Ruck seiner enormen Schultern das ganze Tafelwerk der Tür aus dem Gefüge, daß ihn Forculus selbst, selbst der Gott Limentinus, ja endlich Cardina einzudringen nicht hätten verhindern können. Er springt ins Schlafzimmer und findet seine rosige Gesponsin mit ihrem Lustgenossen unter den Bettüchern. Nun ist zu sagen, daß sein Hahnreihtum ihm keine besonderen Schmerzen an der Stirne machte, er war ein Mann voll Verständigkeit, was aber die eben aus dem Schlafe Erwachten nicht gerade vermeinen konnten, die so in Schrecken gerieten, daß ihnen die Farbe aus den Wangen und alle Überlegung aus den Köpfchen schwand. Nun besah der Mann erst den artigen Ganymed, merkte sein liebliches Gesicht und beruhigte endlich den Zitterhasen mit folgenden Worten: »Keine Furcht, süßer Matz, ich bin kein Ungetüm und spüre keinen Appetit, für dein abscheuliches und offenkundiges Vergehen dich mit der Strenge des julischen Gesetzes an Leib und Leben bis auf den Tod zu peinigen. Du magst dich nur meinem Willen fügen, meine Kosereien erdulden, denn es scheint mir gerecht, dich nicht nur Unzucht treiben, sondern solche auch erdulden zu lassen. In allem Frieden will ich mit dieser guten Dame dich teilen und ein einziges Bett wird die Grenze unserer hübschen Figuren sein, die ersprießlich und ohne Hader gleich sich bilden werden. Ich kenne meiner Frau guten Charakter, stets fanden wir uns in Einmütigkeit zusammen, so daß, was mir süß schmeckte, auch ihr angenehm über die Zunge lief, und Billigkeit, gerechte Verteilung und das Gleichgewicht verlangt, daß man der Gattin an Rechten nicht mehr zuteile wie dem Gatten.« Unter diesen Trostreden hatte er Stück für Stück die Kleider abgelegt, entstieg endlich dem Hemde und sprang aufs Bett. Wie er den sich sträubenden Knaben umarmte, ihn sich lieblich zur Seite legte und mit seinem riesigen Pfeil in den üppigen zartfleischigen weißen Hintern zielte, der, vom Schmerz zerrissen, zurückschnellte! Er aber ließ nicht locker, drang auf Einlaß, überwältigte den Spröden und trieb ihm seine Kraft bis zur Wurzel hinein, unter fleißigem Bewegen, und nicht ohne zärtliche Blicke auf seine Gattin, genoß er dieser seltsamen Liebe, die die Empfindung der Rache für die Schmach seiner Ehe nur noch süßen konnte. Mit diesen und ähnlichen heiligen Riten vertrieben sie sich die Zeit bis zum Morgengrauen; kaum aber stand Aurora rötlich umflammt auf der Ebene niedersten Hügeln, so rief der mutwillige Gatte zwei Knechte, hieß sie eintreten, den Knaben hübsch in die Höhe halten und ihn brav und ohne Ermüden den Hintern auspeitschen. Dazu sang er: »Gelbschnabel du, wie denn, die Liebhaber willst du um die schönsten Bissen betrügen, willst selbst den Weibern nachhüpfen und wählst nicht etwa ledige, nein durch das Band der Heirat schon gebundene dir zum Spiel? Zu früh aufgestandener Ehenzerknitterer, Knöspchen, wir werden es dir zeigen!« Mit solchen lehrsamen Worten begleitete er den Takt der Hiebe und warf ihn endlich zum Hause hinaus; und dieses traurigste Schuftlein unter allen Lüstlingen dieser von Unrat strotzenden Erde trottete davon, bekümmert über die Schmach, die sein weißes Gesäß hatte leiden müssen, doch immerhin noch froh, sich überhaupt am Leben zu fühlen. Der Gatte aber ging daran, das geheime Pförtchen seines Weibes mit einem goldenen Gitter zierlich zu verschließen, meinend, daß so im Besitz eines einzigen Schlüssels er sicher sein konnte, die Früchte ihres Zuchtgärtleins allein und in Ehren zu genießen. Die artige Moral dieser Geschichte zeigt, daß Lust zu Lust in Sünden gern sich findet, und daß den Frauen, so lange sie allein über ihre Mysterien wachen, niemals zu trauen ist. *   Übertragung von A. v. Keller Matteo Bandello Frauentreue: Männertugend In meiner Vaterstadt Venedig die neben ihren Schätzen reich ist an schönen, holden Frauen wie nur irgendeine Stadt Italiens, lebten zu der Zeit, wo der weise Fürst Francesco Foscari die Herrschaft darüber führte, zwei junge Edelleute, deren einer Girolamo Bembo, der andere Anselmo Barbadico genannt wurde. Zwischen beiden bestand, wie das oft zu geschehen pflegt, die tötlichste Feindschaft und ein so heftiger bitterer Haß, daß sie nicht müde wurden, einander durch geheime Ränke zu schaden und auf alle ihnen mögliche Weise Schmach anzutun. Sie ließen Hader und Zwietracht so weit unter sich aufkommen, daß es beinahe unmöglich schien, sie jemals wieder zu vereinigen. Da geschah es, daß, als sie zu einer und derselben Zeit Weiber nahmen, der Zufall es wollte, daß ihre beiderseitige Wahl zwei sehr schöne und liebliche edle Jungfrauen traf, welche von der gleichen Amme ernährt und aufgezogen waren und sich so schwesterlich liebten, als wären sie aus einem Leibe hervorgegangen. Die Gattin Anselmos, welche Isotta hieß, war die Tochter von Messer Marco Gradenigo, einem Manne von größtem Ansehen in unserer Stadt, der zu den Prokuratoren von Sanct Marcus gehörte, deren Zahl damals noch nicht so groß war, wie heutzutage, weil nur die weisesten und besten Bürger zu einer so edlen und angesehenen Würde gewählt wurden und keiner durch Ehrgeiz oder Geld dazu gelangte. Luzia hieß die andere. Sie hatte zum Gatten den andern der beiden Edelleute genommen, von welchem ich bereits gesprochen habe, Girolamo Bembo. Sie war die Tochter des Ritters Messer Gian Francesco Valerio, eines gelehrten Mannes, welcher schon mehrere Gesandtschaften im Auftrag seiner Vaterstadt besorgt hatte und in jenen Tagen von Rom zurückgekehrt war, wo er zur höchlichen Zufriedenheit aller beim heiligen Vater das Amt eines Botschafters verwaltet hatte. Als nun die beiden jungen Frauen verheiratet waren und die zwischen ihren Gatten obwaltende Feindschaft wahrnahmen, empfanden sie dies mit großer Betrübnis und Verdrossenheit; sie erachteten es für einen unerträglichen Zwang, nicht länger ihr freundschaftliches Verhältnis fortsetzen zu dürfen, an das sie seit ihren zartesten Jahren gewöhnt waren. Klug und verständig aber, beschlossen sie doch, um des Hausfriedens willen nach außen hin auf gewohnte innige Vertraulichkeit zu verzichten und sich nur an gelegenen Orten und zu schicklichen Zeiten den Umgang zu gestatten. Das Glück war ihnen hierin insofern günstig genug, als ihre beiden Paläste dicht nebeneinander lagen und die dazu gehörigen kleinen Gärten hinter ihnen nur durch einen dünnen Zaun voneinander geschieden waren, so daß sie sich täglich sehen und häufig sprechen konnten. Überdies unterhielt die Dienerschaft des einen Hauses hinter dem Rücken ihrer Herren ganz freundlichen Verkehr mit der des andern. Den beiden Freundinnen machte dies das größte Vergnügen: sobald ihre Männer ausgingen, konnten sie mit bester Muße im Garten lange sich miteinander unterhalten, und sie taten dies oft. Unter solchen Verhältnissen vergingen etwa drei Jahre, ohne daß eine von ihnen schwanger geworden wäre. Mittlerweile hatte der Anblick der reizenden Schönheit Madonna Luzias in Anselmo eine solche Leidenschaft entzündet, daß er sich nicht beruhigen zu können meinte, bevor er nicht lange Zeit mit ihr geliebäugelt hätte. Ihr Scharfsinn und ihre Schlauheit versahen sich auch dessen bald, und da sie ihm weder Liebe, noch auch völlige Unbekümmertheit zeigte, hielt sie ihn zwischen Furcht und Hoffen in Ungewißheit, um besser erspähen zu können, worauf seine verliebten Blicke abzielten. Doch tat sie mehr, als ob sie ihn gern sähe, als umgekehrt. Auf der andern Seite hatte das sittsame Wesen, das kluge Betragen und die anmutvolle Schönheit Madonna Isottas Messer Girolamo so gefallen, wie die Vorzüge einer Geliebten nur jemals einem Liebenden. Er wußte nicht ohne ihren holden Anblick zu leben, und es wurde Isotta, die mit ihrem gescheiten Wesen sehr klar sah, sehr leicht, diese unerwartete Liebe zu bemerken. Sie war aber sehr keusch und ehrbar, liebte auch ihren Gatten im höchsten Grade, und machte daher Girolamo ein ebenso freundliches oder nicht freundliches Gesicht, wie im allgemeinen jedem Bürger oder Fremden, der sie ansah, und pflegte sich zu stellen, als kenne sie ihn gar nicht. Seine Leidenschaft entflammte sich aber mehr und mehr und er verlor ganz die Freiheit, wie einer, dem der Pfeil der Liebe das Herz getroffen hat; er konnte schließlich auf nichts anderes mehr seine Gedanken wenden, als auf sie. Die zwei Freundinnen waren gewohnt täglich zur Messe zu gehen, und zwar meist nach der Kirche San Fantino, weil diejenigen, welche später aufstanden, dort bis Mittag immer eine Messe fanden. Sie hielten sich dann jederzeit in einer kleinen Entfernung voneinander, und ihre beiden Liebhaber fanden sich auch ein und gingen der eine da, der andere dort umher, so daß sie beide für eifersüchtige Ehemänner verrufen wurden, da man sie so hinter ihren Frauen herkommen sah, während doch beide nur bemüht waren, einander auf die Festung Hornberg zu bringen. Es begab sich nun, daß die beiden getreuen Milchschwestern, von denen bis jetzt noch keine das Geheimnis der andern ahnte, sich vornahmen, einander ihre Eroberungen mitzuteilen, damit sie nicht etwa im Verlaufe der Zeit dem zwischen ihnen bestehenden guten Vernehmen Störung bereiten. Dieser beiderseitige Beschluß führte sie eines Tages, als ihre Männer beide ausgegangen waren, an der gewohnten Stelle am Gartenzaun zusammen. Als sie sich trafen, lachten sie einander zu gleicher Zeit ins Gesicht, und nach den gewohnten freundlichen Begrüßungen nahm Madonna Luzia folgendermaßen zuerst das Wort: Meine liebe Schwester Isotta, du weißt noch garnicht, daß ich dir eine allerliebste Geschichte von deinem Herrn Gemahl zu unterbringen habe. Und ich, fiel Madonna Isotta sogleich ein, habe dir ein Abenteuer von dem deinigen zu erzählen, das dich in nicht geringes Erstaunen, wo nicht gar in gewaltigen Zorn versetzen wird. Was ist denn? Und was ist denn? sprach eine zu der andern. Und am Ende erzählte jede, was ihr Gatte im Schilde führte. Obgleich voll Unwillens gegen ihre Gatten, mußten sie doch hierüber sehr lachen. Sie waren freilich der Meinung (und mit vollem Recht) sie seien vollkommen hinreichend und geeignet, die Wünsche ihrer Männer zu befriedigen; daher fingen sie an, diese zu schmähen, und behaupteten, sie verdienten es, daß ihnen Hörner wachsen, wenn sie ebenso unehrbare Frauen wären als sie unvorsichtige und pflichtvergessene Männer. Nachdem sie nun hierüber viel hin und hergeredet hatten, beschlossen sie unter sich, es sei das geratenste, gemeinschaftlich abzuwarten, wie ihre Männer ihre Absichten weiter verfolgen werden. Sobald sie dann unter sich verabredet hatten, wie es wohl am passendsten wäre, sich zu verhalten, auch wie sie sich täglich über alles Vorfallende in Kenntnis setzen wollten, ließen sie es ihre erste Sorge sein, ihre Liebhaber mit schmachtenden und verlockenden Blicken enger in ihr Garn zu locken und mit falschen Hoffnungen auf ihre Gunst zu erfüllen. Sie gingen daher aus den Gärten hinweg, und wenn sie in San Fantino oder in Venedig selbst zufällig einen erblickten, schlugen sie mit lächelnder Miene, lustig und keck ihren Schleier beiseite. Als nun die zwei Liebenden sahen, welche freundlichen Gesichter ihnen ihre Geliebten machten, meinten sie, da kein Mittel sei, mit ihnen zu reden, müßten sie zu Briefen ihre Zuflucht nehmen. Sie suchten daher gewisse Botinnen, an denen unsere Stadt immer sehr großen Überfluß hat, und jeder schrieb der seinigen einen Liebesbrief des Inhalts, daß jeder aufs Höchste wünsche, zu geheimer Unterredung sich mit ihr zusammen zu finden. Nach wenigen Tagen, fast gleichzeitig, schickten sie die Briefe ab. Die verschlagenen Frauen nahmen die Briefe an, erwiesen sich aber anfangs gegen die Kupplerinnen etwas spröde; nach gegenseitiger Übereinkunft jedoch erteilten sie ihnen eine Antwort, welche mehr Hoffnung, als das Gegenteil enthielt. Sie hatten einander die Briefe, sobald sie eingelaufen waren, gezeigt und viel darüber gelacht. Sie dachten, ihr Plan gelinge ihnen vortrefflich; jede behielt den Brief ihres Gatten für sich und sie verabredeten, ohne daß eine der andern zu nahe trete, durch eine köstliche List ihre Männer zu verführen. Und hört nun, auf welche Weise! Sie beschlossen nämlich, sich erst gehörig von ihnen bitten zu lassen und ihnen sodann zu wissen zu tun, sie seien bereit, ihre Wünsche zu befriedigen, so oft die Sache auf geheime Weise geschehen könne, ohne daß es jemand wisse, und so oft er sich getraue um eine Zeit, wo ihr Mann ausgegangen sei, in ihr Haus zu kommen, natürlich nur bei Nacht, da bei Tag, ohne Gefahr der Entdeckung, dies nicht möglich wäre. Dagegen hatten die scharfsichtigen und gescheiten Frauen mit ihren Dienerinnen, die vollständig ins Vertrauen gezogen waren, die Abrede getroffen, durch den Garten eine in der andern Haus zu kommen und daselbst, in die Schlafzimmer verschlossen, ohne Licht ihre Gatten zu erwarten, sich aber unter keiner Bedingung sehen zu lassen oder zu erkennen zu geben. Nachdem diese Abrede getroffen und festgesetzt war, ließ Madonna Luzia zuerst ihrem Geliebten sagen, er solle in der nächsten Nacht um vier Uhr durch die Haustüre nach dem Kai, die er offen treffen werde, ins Haus treten; dort werde eine Dienerin bereit stehen, um ihn in ihr Zimmer zu führen, da Messer Girolamo am Abend in der Barke nach Padua abfahren werde; sollte indes diese Reise nicht zustande kommen, so wolle sie ihn davon in Kenntnis setzen. Das Gleiche ließ Madonna Isotta Messere Girolamo sagen und bestimmte ihm als Zeit fünf Uhr, weil er alsdann bequem eintreten könne, indem Messer Anselmo heute Abend mit ein paar Freunden speise und in Murano übernachte. Die beiden Verliebten sahen sich auf diese Nachrichten für die beglücktesten Menschen an, als dürften sie die Sarazenen aus Jerusalem jagen oder dem Großtürken das Kaisertum von Konstantinopel entreißen und den Helm ihres Feindes mit einem besonderen Schmucke krönen. Sie wußten sich vor übergroßer Wonne gar nicht zu lassen und vor Sehnsucht nach der Nacht schien ihnen jede Stunde des Tages eine Ewigkeit. Als der von Allen so ersehnte Abend endlich genaht war, überredeten die vergnügten Ehemänner ihre Frauen, oder glaubten wenigstens sie überredet zu haben, wichtige Angelegenheiten verhindern sie, diese Nacht im Hause zuzubringen. Die schlauen Frauen, welche ihr Schifflein gut im Gange sahen, taten, als glaubten sie alles. Die jungen Männer nahmen jeder seine Barke, oder, wie es bei uns heißt, Gondel, fuhren, nachdem sie in einem Gasthause zu Nacht gespeist, in den Kanälen der Stadt spazieren und erwarteten die festgesetzte Stunde. Um drei Uhr kamen die Frauen im Garten zusammen und begaben sich, nachdem sie viel gescherzt und gelacht hatten, eine jede in der andern Haus, wo sie von den Dienerinnen in das Schlafgemach geführt wurden. Dort nahm jede bei brennendem Lichte das ganze Zimmer, seine Lage und was darin war, genau in Augenschein und prägte sich aufs Sorgfältigste alles Merkwürdige ins Gedächtnis. Darauf aber löschten sie das Licht aus und sahen mit Zittern und Zagen der Ankunft ihrer Männer entgegen. Punkt vier Uhr stand Madonna Luzias Dienerin an der Tür und erwartete die Ankunft Messer Anselmos. Er war nicht säumig, zu kommen, und ward von der Dienerin froh hineingeführt, an die Schlafkammer geleitet, hineingebracht und an das Bette gestellt. Hier war alles dunkel, wie in einem Wolfsrachen, und daher war keine Gefahr, daß er seine Gattin erkenne. Die beiden Frauen waren überdies an Größe und Sprache sich so ähnlich, daß man sie in dieser Dunkelheit nur äußerst schwer unterscheiden konnte. Der gute Anselmo entkleidete sich und wurde von der Frau liebevoll empfangen. In der Meinung, Girolamos Gattin zu umarmen, nahm er aber seine eigene Frau in die Arme, küßte sie tausendmal auf das Zärtlichste und wurde eben so oft von ihr hold wieder geküßt. Sodann machte er sich an den Genuß der Liebe und sie spielten mehrere Partien im Minnespiel, wobei immer die Frau verlor, zu Anselmos großem Vergnügen. Girolamo erschien ebenso um die fünfte Nachtstunde, wurde von der Zofe in die Schlafkammer geführt und schlief bei seiner eigenen Gattin, zu viel größerer Befriedigung seiner, als seiner Frau. Die beiden jungen Männer, in der Meinung ihre Geliebten im Arme zu haben, taten auch, um als frische und rüstige Ritter zu erscheinen, viel besser ihre Schuldigkeit, als gewöhnlich, und wohnten ihren Frauen mit so herzlicher Neigung und Liebe bei, daß nach dem Willen des Höchsten, wie die Geburt seiner Zeit erwies, die Frauen jede ein sehr schönes Knäblein empfingen, worüber sie, da sie bisher noch keine Kinder gehabt, beide sehr vergnügt und glücklich waren. Der geheime Umgang währte eine geraume Zeit, und es verging selten eine Woche, wo sie nicht eine Nacht zusammengekommen wären. Dessen ungeachtet erkannten die Betrogenen ihre Täuschung nicht und schöpften nicht den mindesten Verdacht und konnten auch um so weniger Argwohn schöpfen, als nie ein Licht in die Schlafkammer gebracht wurde und die Frauen bei Tag jede Zusammenkunft verweigerten. Ihre Schwangerschaft schritt mittlerweile bedeutend vor, und die Männer empfanden ungemeines Ergötzen daran, indem sie vollkommen überzeugt waren, jeder dem andern den Hörnerschmuck auf den Helm gesteckt zu haben. Und doch hatten sie nur ihren eigenen, nicht den fremden Acker gepflügt und ihre rechtmäßige Besitzung begossen. Als sich nun die treuen schönen Freundinnen in diesem verwirrten Liebeshandel schwanger geworden sahen, was ihnen früher noch nie begegnet war, fingen sie an, unter sich zu überlegen, auf welche Art und Weise sie sich von diesem Unternehmen losmachen könnten, besorgend, es möchte irgendein Ärgernis entstehen, welches Veranlassung werden könne, die Feindschaft zwischen ihren Männern noch zu vergrößern. Während sie so dachten, ereignete sich etwas, was ihnen aus der Verlegenheit half, und den Verkehr abbrach, wenn auch nicht auf eine Art, wie sie es wünschten. An demselben Strome und Kanäle, nicht weit von ihren Häusern, wohnte nämlich eine sehr schöne artige junge Frau, die noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, kurz zuvor durch den Tod ihres Gatten, Messer Niccolo Delfino, Witwe geworden war, die Tochter Messer Giovanni Moros; sie hieß Gismonda. Dieselbe besaß außer ihrer väterlichen, auf mehr als zehntausend Zechinen sich belaufenden Mitgift eine schöne Summe Geldes, viele Edelsteine, Silbergeräte und andere Kostbarkeiten, die ihr ihr Mann als Morgengabe zum Geschenk gemacht hatte. Aloise Foscari, der Neffe des Herzogs, hatte sich heftig in sie verliebt und gab sich alle Mühe, ihre Hand zu erwerben. Er beliebäugelte sie daher den ganzen Tag, und betrieb das Unternehmen durch fortwährende Botschaften und Freiwerbungen so ernstlich, daß sie sich dazu verstand, in einer Nacht, an einem Fenster ihres Hauses, das auf ein kleines Gäßchen sah, ihn anhören zu wollen. Aloise, äußerst erfreut über eine so ersehnte Nachricht, ging, als die Nacht kam, gegen fünf oder sechs Uhr mit einer Strickleiter (denn das Fenster war sehr hoch) ganz allein dahin. Dort angelangt machte er das angegebene Zeichen und wartete nach der Verabredung, bis seine Geliebte den Bindfaden herabließ, um die Leiter emporzuziehen, was auch in kurzem geschah. Nachdem er die Leiter an dem Bindfaden festgeknüpft hatte, sah er sie in kurzem emporziehen. Sobald Gismonda die Spitze der Leiter in der Hand hatte, befestigte sie sie irgendwo und machte dann dem Liebhaber ein Zeichen, empor zu steigen. Von der Liebe kühn gemacht, stieg er keck die Stufen hinan und hatte fast schon das Fenster erreicht, als er, aus übermäßiger Begierde, hineinzuspringen und die Geliebte zu umarmen, oder aus was immer für einem Grunde rückwärts hinunterfiel. Zwei oder dreimal versuchte er, sich wieder an der Leiter anzuklammern, aber es gelang ihm nicht. Doch half es ihm so viel, daß er die Gewalt des Falles brach und nicht so heftig auf das Backsteinpflaster stürzte; wäre dies geschehen, so wäre er ohne allen Anstand des Todes gewesen. Nichts destoweniger stürzte er mit solcher Heftigkeit herab, daß es ihm fast alle Glieder zerschlug und eine tiefe Wunde im Kopfe beibrachte. Hielt sich nun gleich der unglückliche Liebhaber in Folge dieses elenden Falles für eine Beute des Todes, so blieb doch seine heiße und echte Liebe für die junge Witwe stärker und mächtiger in ihm, als der übergroße Schmerz von der heftigen Erschütterung und die Ermattung seines fast ganz lahmen zerschlagenen Körpers. Er raffte sich daher auf, so gut es möglich war, hielt sich den Kopf schnell mit beiden Händen fest, um das Blut nicht hier ausströmen zu lassen, wo es seine Geliebte hätte verdächtigen können, und schleppte sich bis auf den Steinweg vor den Häusern der früher genannten Feinde Anselmo und Girolamo. Mit größter Anstrengung seiner Kräfte war er so weit gekommen; nun aber vermochte er nicht mehr weiter zu gehen; von unsäglichem Schmerz gepackt, konnte er nicht mehr, er sank ohnmächtig wie tot zu Boden, das Blut stürzte aus der Wunde, und er lag ausgestreckt auf der Erde, so daß, wer ihn gesehen hätte, ihn ganz und gar für tot hätte halten müssen. Madonna Gismonda, äußerst betrübt über diesen schweren Unglücksfall und sehr fürchtend, der arme Liebhaber möchte den Hals gebrochen haben, tröstete sich wieder einigermaßen, als sie ihn weggehen sah, und zog die Leiter in ihr Zimmer herauf. Doch kehren wir zu dem unseligen Liebhaber zurück! Kaum war er halb tot und ohnmächtig niedergesunken, als einer der bei Nacht Wache habenden Hauptleute mit seinen Häschern herankam, ihn hegen sah, für Aloise Foscari erkannte und als einen Toten in die nächste Kirche schaffen hieß, was sogleich geschah. In Betracht des Orts aber, wo er ihn gefunden hatte, vermutete er, Girolamo Bembo oder Anselmo Barbadigo, vor deren Häusern der Mord begangen zu sein schien, seien die Täter. Er glaubte dies um so mehr, weil er ein leises Geräusch von Fußtritten an einer von ihren Türen gehört zu haben meinte. Er teilte daher seine Begleitung, schickte einen Teil rechts, den andern links, und bemühte sich, so gut als möglich, die Häuser zu umstellen. Der Zufall wollte, daß er wegen der Fahrlässigkeit der Mägde beide Haustüren offen fand. Es waren nämlich in jener Nacht die beiden Verliebten wieder jeder in das Haus des andern gegangen, um bei ihren Frauen zu schlafen. Die Frauen aber, als sie das Trappen und den Lärm der Schergen im Hause hörten, sprangen plötzlich aus dem Bette, nahmen ihre Kleider auf den Rücken und schlichen durch den Garten, von niemand gesehen, in ihre Häuser, wo sie zitternd abwarteten, was hieraus werden solle. Girolamo und Anselmo wußten nicht, was der Lärm bedeute, und während sie in der Dunkelheit sich beeilten, sich anzukleiden, wurden sie von den Häschern der Nachtwache verhaftet, und fielen so, Girolamo in Anselmo's, Anselmo in Girolamo's Schlafzimmer, in die Hände der Gerechtigkeit. Der Hauptmann und die Häscher verwunderten sich darüber nicht wenig, da alle die zwischen beiden herrschende Feindschaft wohl kannten. Als man aber viele Lichter anzündete und die beiden Edelleute aus dem Hause führte, war ihr eigenes Erstaunen noch viel größer, als sie sahen, wie einer in des andern Hause fast nackt festgenommen war. Mit diesem Erstaunen wuchs auch ihr Unwille gar sehr, wie jeder sich einbilden und vorstellen mag. Über alle Begriffe aber waren sie erbittert auf ihre so unschuldigen Frauen und einander selbst warfen sie die grimmigsten Bücke zu. Sie wurden nun weggeführt und stießen bereits den Kopf an die Kerkerwand, noch ehe sie die Ursache ihrer Gefangenschaft erfuhren. Als sie hernach erfuhren, daß sie als Mörder Aloise Foscaris eingesetzt seien, waren sie, obgleich weder Mörder noch Diebe, darüber sehr betrübt, daß nun, wie sie wohl sahen, ganz Venedig erfahren werde, daß sie, deren Todfeindschaft so ziemlich allbekannt war, in einem Punkte Genossen geworden waren, wo eine Genossenschaft niemals hätte eintreten sollen. Und obgleich sie es nicht über sich gewannen, miteinander zu sprechen, da sie sich aufs Tötlichste haßten, so waren doch beider Gedanken auf denselben Punkt gerichtet. Am Ende aber siegte die Fülle des bittersten Grolls gegen ihre Weiber und die Dunkelheit des Orts, wo kein Lichtstrahl eindringen konnte, was ihnen zum guten Teil ihre Verlegenheit nahm und sie kamen, ich weiß selbst nicht wie, in ein Gespräch miteinander und gaben sich mit erschrecklichen Eiden das Wort, sich die Wahrheit zu offenbaren, wie es komme, daß sie beide einer in des andern Schlafkammer seien gefangen genommen worden, worauf denn jeder freimütig erzählte, wie er es angefangen habe, um in den Besitz der Gattin seines Nachbars zu gelangen. Sie offenbarten sich in dieser Beziehung Alles mit den kleinsten Umständen. Sonach mußten sie ihre Frauen für zwei der schamlosesten Buhlerinnen in Venedig halten und diesen zum Trotz vergaßen sie ihre alte eingewurzelte Feindschaft, söhnten sich miteinander aus und wurden Freunde. Sie meinten die Blicke der Menschen nun nicht mehr ertragen zu können und mit verhüllter Stirn durch die Stadt gehen zu müssen; das verstimmte sie denn dermaßen, daß sie den Tod dem Leben weit vorgezogen hätten. Da ihren empfindlichen Kummer auch nicht der mindeste Trostgrund linderte, und sie gar keinen Ersatz dafür wußten, ergaben sie sich beiderseits einer unbegrenzten Verzweiflung, bis sie endlich den einzigen Weg gefunden zu haben meinten, auf einen Schlag von allem Kummer, aller Schmach und dem Leben selbst befreit zu werden. Sie beschlossen nämlich durch eine Fabel, die sie ersannen, sich als Aloise Foscaris Mörder anzugeben. Nach verschiedenem Hin- und Herreden bestärkten sie sich immer mehr in einen so grausamen sträflichen Vorsatz, billigten ihn jeden Augenblick mehr und erwarteten sehnlich, von dem Gerichte verhört zu werden. Wie gesagt, war der Foscari in eine Kirche gebracht und dort dem Kapellan angelegentlich empfohlen worden. Der geistliche Herr ließ ihn mitten in der Kirche niederlegen, zündete zu beiden Seiten desselben zwei kleine Wachslichter an und gedachte, als die Scharwache sich wieder entfernt hatte, selbst noch einmal sein wohl noch nicht kalt gewordenes Bett zu besteigen und vollends auszuschlafen. Da es ihm aber schien, daß die schon ziemlich weit heruntergebrannten Lichtstümpfchen nicht mehr über zwei oder drei Stunden brennen würden, nahm er zwei große und stellte sie statt der halbverbrannten auf, damit, wenn ein Verwandter des Toten oder sonst jemand käme, ihm keine Vernachlässigung Schuld gegeben werden könnte. Indem er nun weggehen wollte, nahm er wahr, daß der Leichnam sich zu bewegen anfing; ja, wenn er ihm fest ins Gesicht schaute, war es ihm, als öffne er ein wenig die Augen. Der Mann Gottes entsetzte sich darob höchlich und hätte beinahe laut aufschreiend die Flucht genommen. Indessen faßte er doch Mut, trat zu dem Körper heran, legte ihm die Hand auf die Brust und fühlte das Klopfen des Herzens, woraus er sich überzeugte, daß noch Leben in ihm sei, wiewohl der übergroße Blutverlust es aufs Äußerste geschwächt haben müsse. Er rief seinen Kollegen, der schon zu Bette gegangen war, zurück, trug mit dessen und eines Altarknaben Hilfe, so schonend er konnte den Foscaro in sein eigenes, an die Kirche stoßendes Wohnzimmer, und ließ sodann einen in der Nähe wohnenden Wundarzt kommen, damit dieser die Kopfwunde sorgfältig untersuche. Der Chirurg nahm die Wunde genau und gründlich in Augenschein, reinigte sie, so gut er konnte, von dem geronnenen Blute und erkannte bald, daß sie nicht tötlich war. Er wandte daher Öle und andere köstliche Salben so geschickt an, daß Aloise fast ganz wieder zur Besinnung kam. Er rieb sodann den ganzen verwundeten Körper mit einem stärkenden Balsam ein und überließ ihn nun der Ruhe. Der geistliche Herr schlief darauf noch ein Stückchen, bis der Tag anbrach, und eilte dann mit der guten Nachricht, daß Foscari lebe zu dem Hauptmann, welcher ihm denselben zur Obhut anvertraut hatte, hörte aber, er sei in den Sanct Marcuspalast gegangen, um mit dem Fürsten zu reden. Er ging deshalb auch dorthin, wurde vorgelassen und erfreute den Herzog sehr durch die Gewißheit von dem Leben seines Neffen, nachdem kaum eben der Hauptmann ihn durch die Nachricht von seinem Tode sehr betrübt hatte. Der Fürst befahl einem der hohen Gerichtsbeamten mit zwei berühmten Wundärzten in Begleitung dessen, der die Kur seines Neffen schon begonnen hatte, zur schicklichen Stunde zu dem Kranken zu gehen und seinen Zustand genau wahrzunehmen, wodann die drei Ärzte sorgen und besorgen sollten, was zur Herstellung des Kranken dienlich sei. Sobald es ihnen daher Zeit schien, gingen der wachehabende Edelmann und die Ärzte hin, sie ließen in das Haus des Priesters den Mann rufen, welcher zuerst den Kranken gepflegt hatte, und nachdem sie von ihm vernommen hatten, daß die Wunde, wenn auch gefährlich, doch nicht tötlich sei, traten sie in die Schlafkammer, wo der Jüngling ruhte. Da sie ihn wachfanden, obgleich er noch etwas betäubt war, begannen sie ihn eindringlich zu fragen, wie die Sache gegangen sei und forderten ihn auf, nur alles frei zu gestehen, da sie schon der erste Arzt versichert habe, daß die Wunde nicht von einem Degen herrühre, daß er vielmehr von einer Höhe herabgefallen oder von einer Masse getroffen worden sei; nach allem aber, was man habe erfahren können, müsse man annehmen, er sei hoch herabgefallen und habe sich den Kopf zerschellt. Durch diese Fragen der Ärzte war Aloise überrascht, und ohne viel zu überlegen, gab er die Höhe des Fensters und die Besitzerin des Hauses an. Kaum aber hatte er es gesagt, so reute es ihn sehr. Ja, der peinigende Schmerz, den er darüber empfand, regte seine schlummernden Lebensgeister mit einem Male dermaßen auf, daß er lieber zu sterben, als etwas zur Unehre von Madonna Gismonda zu bekennen beschloß. Der Edelmann von der Nachtwache fragte ihn weiter, was er um diese Stunde im Hause und an einem so hohen Fenster von Madonna Gismonda gewollt habe. Da er bei der Amtseigenschaft des Fragenden hierauf nicht schweigen konnte, und doch nicht wußte, was er sagen sollte, faßte er plötzlich bei sich den Beschluß, wenn die Zunge durch unüberlegte Worte gefehlt habe, so solle der Körper die Strafe dafür leiden. Ehe daher irgendwie die Ehre derjenigen befleckt würde, die er mehr alt sein Leben liebte, entschloß er sich, sein Leben und seine Ehre in die Hand der Gerechtigkeit zu legen und sprach: Ich habe schon gesagt, und bin nicht gemeint, es zu widerrufen, daß ich von den Fenstern des Hauses der Madonna Gismonda Mori herabgefallen bin. Und was ich um diese Stunde dort suchte, will ich Euch gleichfalls sagen, da ich doch jedenfalls des Todes bin. Ich dachte, daß Madonna Gismonda als junge Witwe keine Männer im Hause habe, um sich zu verteidigen, weshalb ich sie berauben könne; denn es heißt, sie sei sehr reich an Juwelen und Geld. Ich ging hin, um ihr Alles zu stehlen; ich hatte durch besondere Werkzeuge eine Leiter am Fenster zu befestigen gewußt und stieg daran mit dem festen Vorsatze empor, jeden zu töten, der mir Widerstand leisten würde. Mein Unglück wollte aber freilich, daß die nicht wohl angebrachte Leiter, unter meiner Last abreißend, mit mir zu Boden fiel; ich meinte, mit der Strickleiter noch mein Haus erreichen zu können, und schleppte mich hinweg, wurde aber unterwegs, wo, weiß ich nicht, ohnmächtig. Der Nachtpolizeimeister, Messer Domenico Maripetro, erstaunte nicht wenig über dieses Bekenntnis und betrübte sich darüber um so mehr, als alle in dem Zimmer Anwesenden es vernommen hatten, und das waren, wie dies in solchem Falle geschieht, nicht wenige. Er wußte sich aber nicht anders zu helfen und sagte: Aloise, du bist doch ein gar zu großer Tor gewesen. Du dauerst mich sehr; aber ich bin dem Vaterland und meiner Ehre mehr Rücksicht schuldig, als irgend jemand. Du bleibst deshalb hier unter der Aufsicht, die ich dir lassen werde. Wärest du nicht in dem Zustande, in dem ich dich finde, so würde ich dich augenblicklich, wie du es verdienst, in den Kerker abführen lassen. Er gab dem Jüngling eine starke Wache bei und verfügte sich unverweilt in den Rat der Zehn, der erlauchtesten und angesehensten Behörde in unserer Stadt, und da er die Herren des Rates gerade versammelt fand, erstattete er ihnen über das Ganze ausführlichen Bericht. Die Häupter des Rats, bei denen schon seit langem unzählige Klagen über mehrere freche Diebstähle, die in der Stadt nächtlicherweile verübt wurden, vorkamen, befahlen einem ihrer Hauptleute, Aloise Foscari im Hause des Priesters unter sorgfältigster Obhut zu halten, bis er imstande sei, gerichtlich vernommen und durch Anwendung der Folter zum Bekenntnisse der Wahrheit genötigt zu werden, angenommen nämlich, daß man ihn ganz gewiß als den Urheber oder mindestens als den Mithelfer vieler anderer begangener Räubereien ansehen könne. Es kam sodann die Angelegenheit des Girolamo Bembo zur Sprache, welcher im Schlafzimmer Anselmo Barbadico's und die des Anselmo, der im Schlafzimmer Girolamo's um Mitternacht halb nackt aufgegriffen und gefangen gesetzt worden waren. Da man aber über andere ungleich wichtigere Dinge, nämlich über den Krieg zu verhandeln hatte, den man mit Filippo Maria Vesconte, Herzog von Mailand, führte, so ward beschlossen, sie auf ein andermal zu vertagen und die Gefangenen inzwischen vernehmen zu lassen. Der Fürst war fortwährend im Rate gegenwärtig gewesen und einer von denen, die am strengsten gegen den Neffen gesprochen hatten. Nichtsdestoweniger fiel es ihm schwer, zu glauben, daß sein Neffe als ein so reicher und feingebildeter Mann, sich zu dem verächtlichen und gemeinen Laster des Diebstahls erniedrigt haben sollte. Er trug deshalb in seinem Sinn mancherlei Bedenklichkeiten und brachte zuletzt die Wahrheit von seinem Neffen heraus, da er Gelegenheit fand, im tiefsten Geheimnis mit ihm sprechen zu können. Auf der andern Seite bekannten Anselmo und Girolamo, als sie von dem dazu verordneten herrschaftlichen Beamten befragt wurden, was sie jeder in des andern Hause um solche Stunde gesucht haben, daß sie, nachdem sie Aloise Foscaro oftmals zu ungewöhnlicher Stunde vor ihren Häusern haben vorübergehen gesehen, in dieser Nacht zufällig und unabhängig voneinander bemerkt haben, wie er vor denselben stehen bleibe; sie seien beide der Überzeugung gewesen, dies geschehe um ihrer Weiber willen, seien herausgebrochen, haben ihn in die Mitte genommen und umgebracht. Sie legten dieses Bekenntnis, wie sie es miteinander verabredet hatten, ein jeder einzeln für sich ab. In Betreff des Umstandes, daß sie sich einer in des andern Hause befunden hatten, sagten sie ein nicht eben wohl erfundenes Märchen aus, worin sie sich widersprachen. Als der Herzog alle diese Dinge vernommen hatte, war er im höchsten Grade verwundert und wußte gar nicht, wie er die Wahrheit ausfindig machen sollte. In der folgenden ordentlichen Ratsversammlung, als alle übrigen Geschäfte abgetan waren und man auseinander gehen wollte, sprach daher der erlauchte Fürst, ein Mann von hohem Geiste, der durch alle Grade des Staatsdienstes bis zur höchsten Würde emporgestiegen war, folgendermaßen: Meine Herren, wir haben noch eine Sache zu besprechen, die vielleicht bis jetzt nicht erhört worden ist. Es liegen uns zwei Rechtshändel vor, die nach meinem Dafürhalten einen ganz anderen Ausgang nehmen werden, als zu erwarten sein mag. Anselmo Barbadico und Girolamo Bembo, zwischen denen von jeher eine bittere, ihnen von ihren Vätern vererbte Feindschaft bestand, sind einer in des andern Hause, halb nackt von unseren Schergen festgenommen worden, und haben ohne Folter, ja ohne Androhung derselben auf die einfache Erkundigung unserer Beamten aus freien Stücken bekannt, vor ihren Häusern unseren Neffen Aloise ermordet zu haben. Dieser unser Neffe aber ist am Leben und hat weder von ihnen, noch von sonst jemand eine Wunde erhalten; dennoch bekennen sie sich als seine Mörder. Wer vermag uns diese Widersprüche zu lösen? Ferner hat unser Neffe seinerseits ausgesagt, daß er, um in Madonna Gismonda Moros Hause zu rauben und bei etwaigem Widerstande auch zu morden, ausgegangen und von ihrem Fenster auf die Erde gefallen sei, was bei den vielen jetzt in unserer Stadt zur Klage gekommenen Diebstählen auch anderen Verdacht auf ihn zieht, als könne er der Missetäter sein. So müßte man also mit Foltern die Wahrheit von ihm herausbringen und, wenn er schuldig befunden würde, ihm die verdiente strenge Strafe angedeihen lassen. Als er nun gefunden wurde, hatte er weder eine Leiter, noch Waffen irgendeiner Art bei sich. Hieraus läßt sich schon vermuten, daß die Sache sich anders verhalte. Dieweil nun unter den sittlichen Vorzügen die Mäßigung immer das größte Lob von Allen geerntet hat, auch die Gerechtigkeit, wenn sie nicht gerecht geübt wird, zur Ungerechtigkeit wird, scheint es uns gerecht, in diesem mit so seltsamen Umständen verwickelten Falle eher Mäßigung als strenge Gerechtigkeit zu üben. Und damit ich nicht ohne Grund so zu sprechen scheine, so hört weiter, was ich Euch sage! Die beiden Todfeinde bekennen sich zu etwas, was schlechthin unmöglich ist, weil unser Neffe, wie gesagt, noch lebt; und die Wunde, die er erhalten hat, nicht von einer Waffe herrührt, wie er auch selbst angibt. Könnte es nicht sein, daß Scham, einer in des andern Schlafzimmer gefunden worden zu sein, und ihre Weiber für unehrbar erkennen zu müssen, sie veranlaßt habe, aus Überdruß am Leben sich in die Arme des Todes zu werfen? Wenn wir unsere Nachforschungen hierin mit Fleiß anstellen, so werden wir die Verhältnisse sich anders gestalten sehen, als der gemeine Mann glaubt. Man muß also den Fall sorgfältig prüfen, und um so mehr, als aus ihrem Geständnisse erhellt, daß sie gar nichts aussagen, was den Schein der Wahrheit für sich hätte. Andererseits klagt sich unser Neffe selbst als Dieb an und bekennt überdies, er habe in das Haus von Madonna Gismonda Moro mit dem festen Vorsatze eindringen wollen, umzubringen, wer ihm Widerstand leiste. Unter diesem Grase steckt unseres Bedünkens eine andere Schlange, die sich selbst nicht achtet. Er stand niemals im Rufe solcher Ausschweifungen; nicht der geringste Verdacht dieser Art fiel ihm je zur Last. Ihr wißt ja auch alle, daß er anständige Reichtümer besitzt und des Eigentums anderer Leute nicht bedarf. Seine Diebereien werden wohl anderer Art sein, als er eingesteht. Es will uns also bedünken, ihr Herren, wenn ihr anders mit mir einverstanden seid, daß ihr uns diese Untersuchung am besten ganz allein überlaßt. Wir geben Euch unser fürstliches Wort, uns der ganzen Sache mit der äußersten Gewissenhaftigkeit anzunehmen, und hoffen, sie so zu Ende zu führen, daß uns kein gerechter Vorwurf treffen wird; das Endurteil wollen wir überdies Euch überlassen. Den Räten gefiel die weise Rede des Herzogs über die Maßen gut; es tat sich beim Abstimmen dar, daß sie insgesamt der Meinung waren, nicht allein die Untersuchung dieser Rechtssachen, sondern auch die Entscheidung durchaus in seine Macht zu stellen. Der bedachtsame Fürst, der über die Angelegenheit seines Neffen bereits vollständig unterrichtet war, richtete nunmehr sein ganzes Augenmerk darauf, nunmehr auch den Grund zu erfahren, warum Bembo und Barbadico sich so törichterweise dessen anklagten, was sie nicht begangen hatten, und nach reiflicher Überlegung und vielen gehaltenen Nachfragen und Verhören, als seines Neffen Wiedergenesung fast ganz vollendet war, daß er hätte umhergehen können, wenn er frei gewesen wäre, glaubte er zuletzt die Lage der beiden gefangenen Ehemänner ziemlich ermessen zu haben und legte seine gemachten Erfahrungen dem Rate der Zehn vor. Er ließ sodann auf eine unverdächtige Art die Nachricht in Venedig verbreiten, Anselmo und Girolamo werden zwischen den zwei Säulen enthauptet, Aloise aber aufgehangen werden, und erwartete nun, was für einen Eindruck dies auf ihre Frauen machen werde. Sobald die Neuigkeit ihren Weg durch Venedig gefunden hatte, sprach man verschiedentlich davon, ja in öffentlichen und Privatkreisen war sonst von gar nichts die Rede. Da nun alle drei Verbrecher den edelsten Geschlechtern angehörten, fingen ihre Verwandte und Freunde an, sich um ihre Rettung auf das Angelegentlichste zu bemühen. Sobald jedoch ihre Bekenntnisse stadtkundig wurden, und, wie es zu gehen pflegt, das Gerücht das Übel immer ärger machte, hieß es, der Foscari habe viele freche Diebstähle eingestanden, so daß kein Freund oder Verwandter für ihn ein Wort einzulegen wagte. Madonna Gismonda, die die Krankheit ihres Geliebten bitterlichst beweint hatte, fühlte, als sie das von ihm abgelegte Bekenntnis vernahm und deutlich erkannte, daß er, um ihre Ehre nicht zu beflecken, lieber sein Leben und seine Ehre miteinander aufopfern wolle, ihr Herz von so glühender Liebe gegen ihn sich entzünden, daß sie fast dadurch starb. Es gelang ihr, es ihm in seinem Kerker wissen zu lassen, er möge gutes Mutes sein und sich beruhigen; sie sei bereit, um ihn vor dem Tode zu schützen, alles was zwischen ihnen vorgefallen, öffentlich und der Wahrheit getreu zu bekennen; zum Zeugnisse derselben sowohl seine ihr geschriebenen Liebesbriefe, als auch die von ihr in ihrem Zimmer aufbewahrte Strickleiter zu zeigen. Als Aloise diese liebevollen Zeugnisse hörte, das seine Angebetete zu seiner Errettung abzulegen sich bereitete, war er der glücklichste Mensch von der Welt. Er ließ ihr unendlich danken und ihr versprechen, sobald er aus dem Kerker befreit sei, sie als seine rechtmäßige Gattin heiraten zu wollen. Die Frau empfand hierüber die größte Freude, da sie ihren teuern Liebhaber mehr als ihr Leben liebte. Madonna Luzia und Madonna Isotta hatten zu gleicher Zeit die Nachricht von dem Tode ihrer Männer erhalten und von Madonna Gismondas Geschichte gehört, und Madonna Luzia insbesondere hatte etwas von einem Weibe darüber munkeln hören, und so ahnten sie nun auch den wahren Zusammenhang der Sache. Sie berieten sich beide miteinander darüber, was zu tun sei, um ihre Männer zu retten, bestiegen eine Gondel und suchten Madonna Gismonda auf. Die drei Frauen teilten sich nun alles Vorgefallene mit und kamen überein, das Leben ihrer Männer zu retten. Die zwei verheirateten Frauen waren nach der Einkerkerung ihrer Männer den beiderseitigen Freunden und Verwandten ihrer Häuser verhaßt geworden, weil jedermann sie für die unkeuschesten Geschöpfe hielt; es hatte sie auch aus diesem Grunde niemand besucht, um sie zu trösten in ihrem Unglück. Als sich nun das Gerücht verbreitet hatte, die Gefangenen sollen von der Gerechtigkeit vom Leben zum Tode gebracht werden, ließen sie ihren Verwandten sagen, sie sollen nur unbesorgt und unbekümmert sein und nicht weiter forschen, aber sich überzeugt halten, daß sie vollkommen ehrbar seien und ihren Männern kein Haar gekrümmt und weder Schaden noch Schande bereitet werden solle. Sie baten sie indes dafür zu sorgen, daß einer der Herren Schirmvögte den Fall zur Verhandlung bringe; im übrigen sollen sie Alles ihnen überlassen, da sie keine Sachwalter und Rechtsbeistände bedürfen. Den Verwandten kam zwar dieses Ansinnen wunderlich genug vor und sie wußten nicht, was sie davon denken sollten, da sie die ganze Angelegenheit als eine sehr schmachvolle und entehrende ansahen. Indessen taten sie doch, was in ihren Kräften stand, zur Befriedigung der an sie gestellten Bitte, und reichten, da sie vernahmen, der Rat der Zehn habe dem Herzog die ganze Untersuchung anheimgestellt, bei dem Fürsten selbst im Namen der drei Frauen ein untertäniges Gesuch ein, worin diese nichts weiter als Gehör begehrten. Der Fürst sah nach seinem Ratschlage also alles sich zum Besten wenden und bezeichnete einen bestimmten Tag, an dem sie vor ihm und dem Rate der Zehn nebst denen des Kollegiums erscheinen sollten. Der Tag kam, die hohen Richter versammelten sich, begierig zu erfahren, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Am Morgen kamen die drei Frauen mit ehrbarem Geleite in den Palast, und als sie über den Sanct Marcusplatz gingen, hörten sie Viele, welche übel von ihnen redeten. Einige schrien, wie die gemeinen Leute vom Volke sind, unverständig genug: Seht da die hübschen sittsamen Madonnen! Macht ihnen Euer Kompliment! Die haben ihre Männer, ohne sie über die Lagunen zu lassen, nach der Festung Hornberg geschickt, und schämen sich jetzt nicht einmal, sich öffentlich zu zeigen, die schamlosen Huren! Es ist gar, als hätten sie ein löbliches Werk vollbracht. Andere brachten noch schönere Redensarten wider sie vor, und keiner wollte hinter dem andern zurückbleiben. Alle übrigens, als sie Madonna Gismonda darunter sahen, waren der Meinung, sie gehe vor die Herrschaft, um wider Aloise Foscaro klagbar aufzutreten, und so riet keiner die Wahrheit. Die Frauen kamen im Palast an, stiegen jene hohen Marmortreppen empor und wurden in den Saal des Kollegiums geführt, wohin der Herzog sie zum Gehör beschieden hatte. Dorthin kamen mit den nächsten Verwandten die drei Frauen, und der Fürst befahl, ehe noch jemand das Wort ergreife, auch die drei Gefangenen herbeizubringen. Es waren überdies noch viele andere Edelleute gegenwärtig, welche mit größtem Verlangen den Ausgang so seltener Begebnisse erwarteten. Als es still geworden war, redete der Fürst die Frauen also an: Ihr habt uns ersuchen lassen, edle Frauen, Euch ein öffentliches Gehör zu bewilligen; und so sind wir denn bereit, hier zu vernehmen, was ihr uns zu sagen wünschet. Die beiden gefangenen Ehemänner waren aufs Äußerste gegen ihre Frauen erzürnt und um so mehr von Wut und kochendem Groll erfüllt, als sie dieselben mit kühnem Mut und freier Stirn, wie die schuldlosesten und getreuesten Gattinnen vor dem schreckensvollen und ehrfurchtgebietenden Gerichtshofe stehen sahen. Die beiden getreuen Freundinnen versahen sich jedoch des Zornes ihrer Männer sehr wohl und ließen sich durch sie nicht im mindesten irren, sondern lächelten heimlich für sich und warfen sogar nach Frauenart den Kopf ein wenig wie zum Hohn in die Höhe. Anselmo, der etwas mehr noch, als Girolamo, jähzornig und ungeduldig war, erhitzte sich darüber so sehr, daß durch weit geringeren Zorn schon manche gestorben sind. Er vergaß völlig die Majestät des Orts, auf dem sie standen, und fing an, seiner Frau die härtesten Dinge zu sagen; ja, er wollte ihr fast nach den Augen fahren und hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, ihr übel mitgespielt. Ungeachtet sich Madonna Isotta von ihrem Gatten in Gegenwart so vieler Herren so schimpflich anschreien hörte, verlor sie doch die Fassung nicht, ergriff vielmehr die ihr vom Fürsten bereits erteilte Erlaubnis zu reden und begann mit heiterem Gesichte und fester Stimme also: Durchlauchtigster Fürst und Ihr erhabene Herren, in Ansehung dessen, daß mein vielgeliebter Ehegatte so ehrenrührige Beschwerden wider mich erhebt, steht zu erwarten, daß Messer Girolamo Bembo die nämliche Gesinnung gegen seine Gemahlin hegen mag. Wollten wir sie nun hierauf ohne alle Erwiderung lassen, so könnte es scheinen, als wäre das Recht ganz auf ihrer Seite und als geständen wir, ein großes Verbrechen an ihnen begangen zu haben. Mit Euer Herrlichkeiten Vergunst fühle ich mich daher genötigt, in Madonna Luzias und meinem Namen zur Verteidigung von uns und unserer Ehre zu sprechen, was mir einfällt; und zwar sehe ich mich genötigt, meinen Plan über das, was ich sagen wollte, zu ändern. Denn hätte er geschwiegen und nicht so rasch sich vom Zorn zu Beleidigungen hinreißen lassen, so hätte ich auf andere Weise für ihre Befreiung und unsere Entschuldigung gesprochen. Dennoch aber will ich, so weit meine schwachen Kräfte reichen, beides zu bewerkstelligen versuchen. Ich behaupte demnach, daß unsere Männer zu Unrecht und gegen Pflicht und Vernunft sich über uns beschweren, wie ich es auf der Stelle handgreiflich zeigen werde. Ich hege die feste Überzeugung, daß ihr Verdruß und herber Kummer nur aus zweierlei Ursachen entspringen kann, nämlich aus dem Mord, welchen sie fälschlicherweise begangen zu haben vorgaben, und aus dem Groll, der ihnen am Herzen nagt, daß wir unkeusche Weiber seien, da jeder in des andern Schlafzimmer, ja fast in des andern Bette ergriffen wurde. Hätten sie aber ihre Hände mit eines andern Menschen Blute befleckt, was sie allerdings peinigen und betrüben müßte, was könnte es denn um Gottes willen uns angehen, wenn sie ohne Rat, Beihilfe und Mitwissen von unserer Seite eine so gräßliche Missetat begangen hätten? Ich kann in der Tat nicht einsehen, wie uns für dieses Vergehen irgendein Vorwurf treffen könnte, und noch weniger, wie sie sich über uns beklagen könnten, denn man weiß ja, daß, wer das Böse tut oder Anlaß gibt, es zu tun, notwendigerweise die verdiente Strafe und strenge Züchtigung nach der Vorschrift der heiligen Gesetze dulden muß, um andern ein Beispiel zu geben, das sie von ähnlichen bösen Handlungen abhält. Doch wer wird uns hier noch widersprechen, wo die Blinden sehen müssen, daß das Recht auf unserer Seite ist, zumal da wir hier Gott sei Dank Messer Aloise lebendig vor uns sehen, der ganz das Gegenteil von dem versichert, was hier diese unsere uns so wenig liebenden Männer törichterweise eingestanden haben? Hätten sie sich verleiten lassen, Hand an Leib und Leben irgendeines Menschen zu legen, so wäre es vernünftigerweise an uns, uns über sie zu beschweren und sehr über sie zu klagen. Denn sie, die vom edelsten Blute geboren sind und als Herren gelten in dieser hochedeln Stadt, die ihre Freiheit immer jungfräulich und rein erhalten hat, wären Schächer, Mörder, Menschen der verworfensten Gattung geworden, indem sie einen so schmählichen Makel auf ihr edles Blut brachten und uns in unserer Jugend in den Witwenstand versetzten. Es übrigt nur noch, daß sie sich über uns deshalb beschweren, daß sie um Mitternacht einer in des andern Schlafzimmer gesehen und festgenommen worden sind; und das ist, wie mir scheint, der Hauptknoten; Grund und Ausgang ihres ganzen Zornes und Ärgers. Das kann ich Euch sagen, denn ich weiß es gewiß, das ist der Nagel, der ihnen das Herz durchbohrt und der einzige Anlaß ihres Mißmutes. Wie Menschen also, die das Ganze nicht gehörig geprüft und Weniges genau in Berechnung gezogen haben, haben sie sich in Verzweiflung angeklagt, das begangen zu haben, was sie nie getan, ja nie entfernt zu tun im Sinne gehabt hatten. Um aber nicht unnötige Worte zu machen und damit das, was ich zu sagen beabsichtige, auf einmal gesagt werde und ihr, gnädige Herren, nicht Eure Zeit über unnötigem Hin- und Herreden verlieret, während Ihr Staatsgeschäfte zu besorgen habt, wäre es mir äußerst lieb, und ich bitte Euch, durchlauchtiger Fürst, sie zu veranlassen, daß sie aussprechen, worüber sie denn sich so bitter gegen uns beschweren. Im Auftrag des Herzogs von einem der dabeistehenden Herren befragt, erwiderten beide, sie haben ihre Frauen als Buhlerinnen erkannt, die sie doch für durchaus ehrbar hielten und es auch hätten sein sollen, und das sei der ganze Zorn und Grimm, der ihnen am Herzen nage; und da sie solche Schmach nicht ertragen noch es auf sich nehmen können, im Angesichte der Menschen zu leben, haben sie sich aus Verlangen nach dem Tode zu dem Geständnis bewogen gefunden, etwas getan zu haben, was doch nie der Fall gewesen sei. Als Madonna Isotta dies vernahm, fuhr sie in ihrer Rede fort und sagte zu ihrem Gatten und zu Bembo gewandt: Weshalb beschwert Ihr Euch denn nun über uns, daß es nicht gut steht? An uns ist es, darüber uns gegen Euch zu beschweren. Was suchtet denn Ihr, mein Gemahl, in dem Schlafgemach meiner teuern Freundin um diese Stunde? Was fand sich denn dort Besseres, als in dem Eurigen? Und Ihr, Messer Girolamo, wer zwang Euch, das Bett Eurer Gattin zu verlassen und bei Nacht das meines Gatten aufzusuchen? Waren die Leintücher des einen nicht so weiß fein sauber, so wohlduftend wie die des andern? Ich meines Teils, durchlauchtiger Fürst, beklage mich aufs Ernstlichste über meinen Gatten und werde mich unaufhörlich über ihn beklagen, daß er, um eine andere zu genießen, als mich, von mir hinweg und anderswohin gegangen ist, ungeachtet ich noch keineswegs zum Krüppel geworden bin und wohl unter den schönen Frauen dieser unserer Vaterstadt mich sehen lassen kann. Ebenso ist es mit Madonna Luzia, die, wie Ihr seht, gleichfalls den Schönen beigezählt werden kann. In der Tat, ein jeder von Euch hätte mit seiner Gattin zufrieden sein und nicht, wie Ihr schnöder Weise getan habt; sie verlassen sollen, um besseres Brot zu suchen, als Hausbrot. Wie rühmlich ist es, hingebende schöne und brave Frauen zu verlassen, um zu anderen zu gehen! Ihr beschwert Euch über Eure Frauen, und hättet doch über Euch selbst und über sonst niemand Klage führen, neben dieser Klage und Reue aber die größte Geduld üben sollen; denn obgleich ihr zu Hause Euer gutes Auskommen hattet, suchtet Ihr Euch gegenseitig mit Eurer Liebe Schmach anzutun, weil Euch die Hausmannskost verleidet und zum Überdruß geworden war. Aber gelobt sei Gott und unsere weise Vorsicht, denn wenn hier irgendwo Schaden und Schande ist, so muß sie ganz auf Eurer beider Seite sein. Beim Kreuz Gottes, ich sehe nicht ein, wie Ihr Männer eher Erlaubnis haben sollt, zu sündigen, als wir, wiewohl Ihr aus Geringschätzung unseres Geschlechts tun wollt, was Euch am meisten behagt. Nein, so wenig ihr die unbeschränkten Herren seid, so wenig sind wir Sklavinnen; vielmehr wollen wir Eure Genossinnen sein, denn die heiligen Gesetze der Ehe, des ersten Sakraments, das Gott nach der Erschaffung der Welt den Sterblichen gegeben hat, diese Gesetze wollen, daß die Treue eine beidseitige sei, und der Gatte ist ebensowohl gehalten, der Frau treu zu sein, als sie ihm. Was wollt Ihr Euch nun beklagen? Wie man in den Wald schreit, schreit es heraus. Wußtet Ihr nicht, daß die Wage der Gerechtigkeit gerade stehen muß, ohne mehr auf die eine als auf die andere Seite neigen zu dürfen? Lassen wir nun aber den Streit darüber und gehen wir auf den Anlaß über, weshalb wir uns hier vorgestellt haben. Zwei Dinge, gerechtester Fürst, haben uns hierher vor Euer und dieser erlauchten Herren erhabenes Angesicht geführt, da wir sonst nicht gewagt hätten, uns öffentlich zu zeigen; und noch weniger hätte ich die Dreistigkeit gehabt, vor dieser hochansehnlichen Versammlung zu reden, was nur geübten und sehr beredten Männern vergönnt ist, nicht aber uns, die kaum für Nadel und Spindel hinreichen. Einmal haben wir unser Haus verlassen, um zu zeigen, daß unsere Männer keine Mörder sind, weder des Messer Aloise, der hier steht, noch irgendeines andern; und dafür hatten wir hinreichendes und glaubwürdiges Zeugnis. Hierbei brauche ich mich aber nicht aufzuhalten; denn alle Mühe, die mich dieser Punkt hätte kosten können, erspart mir die Anwesenheit Messer Aloises, und von der Ermordung eines andern war ja gar nicht die Rede. Es bleibt uns nun noch eines übrig, nämlich, daß Madonna Luzia und ich den durchlauchtigsten Fürsten ehrerbietig bitten, zu geruhen, mit seiner und dieser erlauchten Herren Gunst und Ansehen uns mit unsern Männern auszusöhnen, und zu machen, daß wir ihre Vergebung erlangen, wenn wir ihnen handgreiflich bewiesen haben, daß wir die Beleidigten, sie die Beleidiger sind und daß unser Fehler, wenn man es so nennen kann, so groß war, als sie es haben wollten. Und um nun zum Schlusse zu kommen, sage ich, daß ich schon von Kindesbeinen an von meiner Mutter seligen Angedenkens, die oftmals meine Schwestern und Madonna Luzia, unsere Milchschwester, mit uns in verschiedentlichen Dingen unterrichtete, sagen hörte, alle Ehre, die eine Frau ihrem Manne antun könne, besteht darin, daß sie sittsam lebe; da ohne Keuschheit eine Frau gar nicht am Leben bleiben dürfte; zumal die Frau eines Edelmanns oder eines andern, wenn sie sich einem Fremden hingibt, ein gemeines Weib wird, auf das man allenthalben mit Fingern zeigt; und auch ihr Mann wird verhöhnt und geschmäht von allen, denn es scheint, dies sei die größte Beleidigung und Verhöhnung, die ein Mann von einer Frau empfangen, und der schmachvollste Tadel, der einem Hause zugefügt werden kann. Das wußten wir, und wollten nicht, daß die ungeregelten und zügellosen Lüste unserer Männer sie zu einem unschicklichen Ziele führten, taten daher durch einen frommen und löblichen Betrug die Vorkehrung, die uns das geringere Übel schien. Ich weiß, daß es überflüssig sein würde, hier der Feindschaft zu gedenken, welche seit vielen Jahren zwischen den Eltern unserer Gatten und dann auch leider zwischen ihnen selbst besteht; es ist in der ganzen Stadt bekannt. Wir sind von der Wiege an miteinander aufgewachsen, und da wir die Feindschaft unserer Männer bemerkten, machten wir aus der Not eine Tugend und wollten lieber unseren holden Umgang meiden, als Anlaß zu häuslichem Zwiste geben. Die Nachbarschaft unserer Häuser bot uns jedoch ein Mittel dar, das Bedürfnis nach Mitteilung zu befriedigen, das uns die widernatürliche Feindschaft versagte und verbot. Wenn sie ausgegangen waren, fanden wir uns nämlich oft in unseren Gärtchen ein, die durch einen einfachen Zaun von Meerschilf voneinander getrennt sind und pflegten dort geselligen Gesprächs. Wir benützten diese Bequemlichkeit mit Vorsicht, und da wir merkten, daß Ihr, unsere Männer, einer in des andern Frau verliebt seid oder vielleicht Euch verliebt stelltet, teilten wir einander diese Eure Liebe mit und lasen immer miteinander die Liebesbriefe, die Ihr uns zuschicktet. Eine andere Schmach wollten wir Euch nicht antun über die Unbill, die Ihr uns, Euren Weibern, antatet, wiewohl es gut gewesen wäre; Euch zu warnen, lag nicht in unserer Absicht, denn wir wollten nichts, als Euch zu Freunden machen; wäre Euch aber etwas gesagt worden von diesem gegenseitigen Verlieben, so hätte das Eure Feindschaft nur vermehrt und Euch die Waffen in die Hand gegeben. Wir berieten uns also miteinander und kamen zu einem gleichen Entschluß überein; wir urteilten, daß unsere Pläne ausgeführt werden könnten, ohne einem der Beteiligten Schaden oder Schande zu bereiten, ja sie müßten zur Freude und Genugtuung Aller ausschlagen. In allen den Nächten also, wo Ihr bald da, bald dorthin zu gehen vorgäbet, kam Madonna Luzia mit Hilfe meiner Dienerin Cassandra durch den Garten in mein Schlafzimmer und ich begab mich vermittelst ihrer Magd Giovanna auf demselben Wege in ihr Schlafgemach. Ihr wurdet durch diese unsere Dienstfrauen in die Zimmer geführt und laget jeder bei seinem Weibe; so habt ihr also Euer eigenes und nicht, wie Ihr meintet, fremdes Feld gepflügt. Es waren aber Umarmungen nicht von Ehemännern, sondern von Liebhabern; so verbandet Ihr Euch uns immer mit heftigerer Lust als gewöhnlich; so daß wir uns beide bald schwanger fühlten. Dies muß Euch im höchsten Grade angenehm sein, wenn es wahr ist, daß Ihr so große Begierde habet, Kinder zu bekommen, wie Ihr Euch anstelltet. Wenn Euch daher kein anderes Vergehen drückt, wenn Euer Gewissen Euch nichts weiter vorwirft, und wenn Ihr über sonst nichts Schmerz fühlt, so heitert Euch auf und dankt unserer List und der heiteren Posse, die wir Euch gespielt haben; und wenn Ihr bis jetzt Feinde gewesen seid, so legt nunmehr den alten Haß ab, versöhnt Euch miteinander und lebt fortan als befreundete Edelleute, Euren Groll dem Vaterlande zum Opfer bringend, das wie eine zärtliche liebreiche Mutter alle seine Söhne in Eintracht sehen möchte. Damit Ihr nun aber nicht etwa glaubt, ich habe alle meine Behauptungen aus der Luft gegriffen und sowohl zu Eurer Errettung, als zu unserer Entschuldigung fälschlich vorgebracht, so sehet hier alle Eure Briefe, die Ihr an uns schriebet. Es gaben nunmehr beide Frauen ihren Männern so viele Beweise und entscheidende Zeichen an, und sie wußten ihre Gründe dem Fürsten und den Herren so einleuchtend zu machen, daß ihre Männer sich für zufriedengestellt erklärten, die Herren alle gleichfalls ganz befriedigt waren und auch alle einstimmig die beiden Männer freisprachen. So wurden denn beide mit Genehmigung des Fürsten und aller Herren völlig freigegeben. Die Verwandten und Freunde der Ehemänner und ihrer Frauen hatten mit größter Verwunderung die lange Geschichte angehört, sie lobten die geschehene Freisprechung in hohem Grade und hielten beide Frauen für keusch; Madonna Isotta aber erkannten sie auch für eine große Rednerin, da sie ihre eigenen Angelegenheiten, wie die ihrer Männer und ihrer Freundin so gewandt verteidigt hatte. Anselmo und Girolamo umarmten und küßten öffentlich mit großer Freude ihre Frauen, dann gaben sie sich selbst die Hand und küßten sich und schlossen Brüderschaft zusammen, lebten auch fortan in vollkommener Freundschaft und vertauschten die wollüstige Liebe, die sie einer zu des anderen Frau gehabt hatten, mit brüderlichem Wohlwollen, was in der ganzen Stadt große Freude erregte. Sobald die allgemeine Aufregung der Versammlung über diesen Vorfall in etwas nachgelassen hatte, wendete sich der Fürst mit erheitertem Angesicht zu Madonna Gismonda und sagte zu ihr: Und was begehrt Ihr von uns, schöne Frau? Sagt uns Euer Anliegen freimütig! Wir hören Euch mit Vergnügen zu. Madonna Gismonda wurde über und über rot und erschien noch liebenswürdiger als gewöhnlich durch die natürliche Schamhaftigkeit, die sich über ihre Wangen ergoß; sie hielt eine kleine Weile ihre Augen auf den Boden gerichtet, schlug sie dann schüchtern empor und sprach, nachdem sie ein wenig Zuversicht gewonnen hatte: Wenn ich, durchlauchtigster Fürst, in Gegenwart von Personen sprechen sollte, welche nie geliebt haben oder nicht wissen, was Liebe ist, so wäre ich mehr als zweifelhaft darüber, was ich zu sagen hätte, und würde mich vielleicht gar nicht getrauen, den Mund zu öffnen. Da ich aber oftmals von meinem Vater gottseligen Angedenkens erzählen gehört habe, daß Ihr, durchlauchtigster Fürst, in Eurer Jugend auch nicht verschmäht habt, den Liebesflammen Eure Brust zu öffnen, vielmehr ein zärtlicher Liebhaber waret, und da ich überzeugt bin, daß niemand hier ist, der wenig oder gar nicht geliebt hat, hoffe ich für das, was ich jetzt zu sagen habe, bei Euch allen Mitleid, jedenfalls Verzeihung zu finden. Um also zur Sache zu kommen, so verhüte Gott, daß ich eine der scheinheiligen Frauen werden möchte, die, den ganzen Tag mit den Heiligen redend, Vaterunser verschlingen und Teufel hervorbringen, da ich wohl weiß, daß die Undankbarkeit ein Wind ist, der die Quelle der himmlischen Barmherzigkeit austrocknet und zum Versiegen bringt. Ich liebe das Leben, wie natürlich alle Menschen, und die Ehre zunächst, die ihm vielleicht noch vorangestellt sein sollte, weil es keinem Zweifel unterliegt, daß das Leben ohne Ehre nicht der Mühe lohnt; ein solches Leben ist ein lebendiger Tod, das man mit gebrandmarkter Stirn lebt. Aber die Liebe, die ich für meinen von mir einzig geliebten Messer Aloise Foscari hege, welcher hier gegenwärtig ist, geht mir über alles, und folglich halte ich sie höher als mein Leben und dies mit vollstem Rechte, denn wenn ich auch nicht früher von ihm so sehr geliebt worden wäre, da er mich doch geliebt hat, so sehr man nur lieben kann, und wenn ich ihn auch nicht geschätzt hätte, da er mir doch der teuerste und weit mehr als meine Augen von mir geliebt war, so macht doch der innige Liebesbeweis, den er mir in der letzten Zeit gegeben hat, wo er sich freigebig, ja verschwenderisch mit seinem eigenen Leben gezeigt hat, damit auch nicht der mindeste Verdacht von Unkeuschheit auf mich falle, daß ich ihn unvergleichlich höher achten muß, als mein Leben und meine Seele selbst. Und wo findet sich, daß je eine solche Freigebigkeit von einem Liebhaber so unbedingt geübt wurde? Wer hat je freiwillig den Tod gewählt, um nicht fremden Ruf zu beflecken? Gewiß niemand, glaube ich, oder so wenige, daß diese Gattung so selten und seltener ist, als weiße Raben. O einzige und unerhörte Aufopferung! Das ist ein Liebesbeweis, der nie genug gepriesen werden kann! Das ist eine Liebe, die echte Liebe ist und wo sich keine Erdichtung denken läßt. Messer Aloise, ehe er den geringsten Teil meines Rufes bemakeln oder ein Etwas von Verdacht, der mich beschmutzen könnte, bei irgend jemand aufkommen lassen wollte, hat sich freiwillig als Dieb angegeben, und mich und meine Ehre weit mehr berücksichtigt als die seine und sein Leben. Und wiewohl er sich auf tausend Arten befreien konnte, nachdem er einmal in dem vom Falle noch halb betäubten Zustande gesagt hatte, er sei von meinen Fenstern herabgestürzt, und nun bemerkte, wie sehr dieses Geständnis meine Ehre beeinträchtigen und ihre Reinheit schwärzen könne, zog er freiwillig lieber den Tod vor, ehe er ein Wort sagte, das irgendeine schlimme Meinung über mich oder so viel Schimpf als das kleinste Muttermal hervorbringen konnte. Da er jedoch nicht mehr zurück konnte mit dem, was er schon über den Fall gesagt hatte, auch das einmal Geäußerte nicht so zu drehen war, daß die Sache gut stand, entschloß er sich, den Ruf des Nächsten mit seinem eigenen Schaden zu retten. Wenn er daher so bereitwillig sein Leben zu meinem Nutz und Frommen auf das Spiel gesetzt, und noch weit mehr für die Erhaltung meiner Ehre gesorgt hat, als für seine eigene, sollte ich nicht zu seiner Errettung meine Ehre beiseite setzen? Unbedenklich! Ehre und Leben, und wenn ich tausend Leben hätte, würde ich zu seiner Erhaltung hingeben, und wenn ich es von Neuem tausendmaltausendmal zurück erhielte, so würde ich es eben so oft wieder aufs Spiel setzen, wenn ich nur im Geringsten ihm zu helfen wüßte. Ja, ich beklage mich und werde mich immer beklagen, daß mir nicht vergönnt ist, mehr zu tun, als meine geringe Möglichkeit ist. Wenn er stürbe, könnte ich nicht am Leben bleiben; wenn er nicht da wäre, was sollte ich im Leben tun? Ich glaube darum nicht, gerechtester Fürst, ein Quentchen Ehre zu verlieren; denn da ich, wie man sieht, eine junge Witwe bin und mich wieder zu verheiraten suche, war mir erlaubt, ein Liebesverhältnis anzuknüpfen, freilich zu keinem andern Zwecke, als um einen meinem Stande angemessenen Gatten zu bekommen. Wenn ich aber auch die Ehre verlöre, warum soll ich sie nicht verlieren für den, der um die meinige zu retten, wie so oft schon gesagt wurde, die seinige hat verlieren wollen? Um nun aber zur Sache zu kommen, so sage ich mit aller schuldigen Ehrerbietung, daß es nicht wahr ist, daß Messer Aloise je als Dieb und wider meinen Willen in mein Haus gekommen ist. Er kam vielmehr dahin ganz im Einverständnis mit mir und als teurer und inniger Liebhaber. Hätte ich ihm nicht die Erlaubnis gegeben zu kommen, wie wäre es ihm gelungen, eine Strickleiter so hoch empor zu ziehen und sie oben so fest zu machen, daß sie für immer gehalten hätte? Wenn dieses Fenster zu meinem Schlafzimmer gehört, wie konnte es um diese Stunde offen stehen ohne meine Einwilligung? Ich ließ den Bindfaden hinab, an welchen er die Strickleiter anband, mit Hilfe meiner Magd zog ich sie empor und nachdem ich sie fest gemacht hatte, so daß sie nicht losgehen konnte, machte ich Messer Aloise ein Zeichen heraufzusteigen. Aber sein und mein Mißgeschick wollte, daß er, ohne daß er mir nur hätte die Hand berühren können, zu meinem unsäglichen Schmerze zu Boden stürzte. Er möge daher das frühere Geständnis zurücknehmen, daß er ein Dieb sei, und die Tatsache bekennen, wie sie ist, da ich mich nicht schämte, das Geständnis abzulegen. Hier sind die vielen Briefe, die er mir schrieb, um eine Unterredung mit mir zu erflehen und um meine Hand zu bitten. Hier ist die Leiter, welche bisher in meinem Schlafzimmer geblieben ist. Hier ist meine Dienerin, welche an allem vermittelnd und unterstützend teilnahm. Messer Aloise gestand auf die Frage der Ratsherren, wie die Sache gegangen war. Er wurde nun ebenso von diesen Herren freigesprochen und wollte seine teure Geliebte als rechtmäßige Gemahlin heimführen. Der Fürst lobte sehr seinen Entschluß. Es gingen daher alle Verwandte beider Teile nach dem Hause Madonna Gismondas, wo er sie zur allgemeinen Freude feierlich heiratete. Es wurde eine kostbare und äußerst prächtige Hochzeit veranstaltet; und Messer Aloise lebte mit seiner Gattin lange Zeit in ungetrübtem Frieden. Madonna Luzia und Madonna Isotta gebaren mit der Zeit zwei schöne Söhnchen, was die Zufriedenheit ihrer Väter nicht wenig erhöhte. Sie lebten mit ihren Müttern ruhig zusammen und belachten unter sich in brüderlichem Einvernehmen oft den ihnen von ihren schlauen Gattinnen gespielten Streich. Das weise Urteil des Fürsten in dieser Sache wurde in Venedig allgemein anerkannt und vermehrte noch um Vieles den großen Ruhm seiner Klugheit. *   Übertragung von A. v. Keller Pietro Fortini Die Flamländerin Es war vor nicht langer Zeit in Siena ein Handwerker, der zu seinem Auskommen eine Spezereibude hielt und dadurch sehr gut sich seinen Unterhalt erwarb. Der junge Mann war sehr hübsch gewachsen, nahm sich schmuck aus und kleidete sich fein. Und weil es ihm in seinem Geschäft so gut ging, erwarb er sich einiges Vermögen. Nun hatte ein ihm ähnlicher Gewerbsmann einige heiratsfähige Töchter, und da er glaubte, dies fehle jenem noch, gedachte er ihm eine Tochter zur Frau zu geben. Seine ausgesuchte Kleidung gefiel ihm sehr, denn er trug immer einen Rock von Atlas, Hosen mit Taffet gefüttert, ganz klein geschlitzt und gespalten, und anderes als es die jungen Leute heutzutage nach der Mode tragen. Da nun der andere ihn so reich gekleidet und so nach der Art einhergehen sah, meinte er, er stehe weit besser, als er in der Tat stand, und faßte bei sich den festen Entschluß, ihm diese seine Tochter zur Frau zu geben. Er ließ daher durch einen seiner Freunde mit ihm reden und sie ihm anbieten. Der junge Mann durfte sich weniger überlegen, sie zu nehmen, als der Vater, sie ihm zu geben. Da er also das Mädchen, um das es sich handelte, mehrmals gesehen hatte und sie ihm außerordentlich gefiel, denn sie war ein sehr schönes Kind, fing Antonio nach kurzer Unterredung an, weit mehr an das Mädchen zu denken, als an seine Bude; und da er schon die Liebesflammen in das Herz schlagen fühlte, dachte er bald an nichts anderes mehr, als an sie. Der Vermittler war vom Vater des zarten schönen Kindes angetrieben; er brachte Tag für Tag diese Verbindung wieder in Anregung; so hatte Antonio bald mehr Lust dazu, als ihr Vater, und in wenigen Tagen war die Sache unter ihnen abgemacht; beide Teile waren zufrieden und trafen Anstalten zur Hochzeit. Man kann sich denken, daß ein eitler junger Mann, der überdies äußerst zufrieden über die Sache war, seinerseits die prachtvollsten Zurüstungen machen ließ; weit mehr, als es für seine Verhältnisse sich eignete. Als nun die Hochzeitzeremonien vorüber, sie als Frau gekleidet und die Messen gehört waren, führte er sie nach wenigen Tagen in üblicher Weise in sein Haus. Viele Tage lang dachte er nun wenig oder nie an seine Bude oder an etwas der Art, bis er zuletzt, wie alle Bräutigame zu tun pflegen, nach einigen Wochen bei einer Zusammenkunft mit seinem Schwiegervater und seinen Schwägern nach dem Heiratgut zu fragen begann, das sie ihm versprochen hatten. Der Schwiegervater, der wohl wußte, daß er hierzu verpflichtet war, hatte dafür vorgesorgt, er setzte einen Vertrag auf und zahlte ihm die ganze Summe aus. Als der junge Gewürzkrämer die Mitgift in Empfang genommen hatte, gedachte er seiner Bude wieder aufzuhelfen und sie instand zu setzen. Nach einigen Monaten entschloß er sich daher, eine Reise nach Venedig zu unternehmen und dort Gewürze einzukaufen, wie es die meisten Gewürzkrämer machen, die haushälterisch zu Werke gehen. Er rüstete sich, nahm langen und wortreichen Abschied von seiner Frau und trat dann die Reise nach jener hochberühmten großen Stadt Venedig an. Über Florenz, Bologna, Ferrara und Padua langte er in Venedig an; und da er noch nie dort gewesen war, wußte er als Fremder nicht, wo er am besten absteigen müsse; indem er sich erkundigte, sagte er, wo er her sei. Als er nun so fragend umherlief, traf er zufällig auf einen Landsmann von uns, der sich für immer in Venedig niedergelassen hatte, des Namens Giovanni Manetti. Diesem teilte er mit, in welcher Absicht er herkomme, und bat ihn, ihm Nachweis zu geben, wo er gute Ware und wo eine passende Herberge finden könne. Manetti, der sich von Sienern ziemlich losgesagt hatte und ebenso allen anderen Nationen sich gefällig erzeigen mochte, (wie es überhaupt die Art ist von uns Sienern, mehr die Fremden als unsere Landsleute zu schätzen) verwies ihn in ein Zimmer eines ihm befreundeten Stiavonen, der Kost gab, wenn ihm ein rechtschaffener Mann dazu begegnete; wie das überhaupt in Venedig so Sitte ist, daß, wie ich erzählen höre, fast alle Edelleute wie die Bürgerlichen herbergen. Er wies ihn also an den Stiavonen, ließ ihm von einem Diener das Haus zeigen und als einen ihm Angehörigen empfehlen. Der junge Mann war von Manetti unterwiesen worden, stellte sich also bei dem Stiavonen ein, wo man ihn hingebracht hatte. Schon war er etwa fünf Tage in Venedig und saß eines Sonntags Morgens mit seinem Stiavonen zu Tische; nach dem Frühstück führten sie allerlei Gespräche, und unter anderem sagte Antonio Angelini, denn so hieß der junge Mann, zu dem Stiavonen: Höret, Misser Zanobi ... denn so hieß dieser, ich möchte, daß Ihr mir heute einen Gefallen tätet. Der Stiavone war ein gefälliger und dienstfertiger Mann und sagte: Was wünschet Ihr? Seid überzeugt, daß Ihr mir nur befehlen dürft, mein lieber Herr! Darauf sagte Antonio: Wenn es Euch nicht unangenehm wäre, wünschte ich, daß Ihr an dem heutigen Festtage mit mir ein wenig in Venedig spazieren ginget und daß wir den ganzen Tag dazu anwendeten, Venedig anzusehen, denn da ich nicht bekannt bin, finde ich mich in allen den Gassen und Kanälen nicht zurecht. Der Stiavone war, wie gesagt, ein Mann, der nichts anderes wünschte als ihm zu dienen; nach vielen Gesprächen verließen sie daher das Haus und gingen zu Fuß eine gute Weile in Venedig umher. Vom Hause des Stiavonen an, das bei der Madonna della Fava a Carvavaro stand, gingen sie viel hin und her, und gaben endlich einem Barkenführer drei Marchette, daß er sie in und außer dem Kanal, nach ihrem Belieben, spazieren führe. Während sie in der Gondel etwas auf dem Kanal umhergefahren, sagte Antonio zu dem Stiavonen: Messer Zanobi, wollen wir nicht in eine von Euren Schulen gehen, wo jene schönen Kinder wohnen, die um ein Stück Geld einem ein Vergnügen machen und die man bei den Römern Hoffrauen nennt? Warum nicht? sagte der Stiavone; aber jetzt ist es noch zu früh, denn sie sind jetzt alle in der Vesper. Wenn die Vesper vorüber ist, wollen wir hingehen und wir werden viele und schöne Frauen finden. Unterdessen fahren wir ein wenig auf dem großen Kanal und kehren dann über die Rialtobrücke um. Alsdann wird es gerade Zeit sein. Während sie noch auf dem Kanal waren, erinnerte sich der Stiavone einer gewissen Flamländerin und sprach: Lieber Herr, wir wollen bis zum Ballhaus gehen und sehen, ob wir eine gewisse Madonna Giachena aus Flandern treffen. Ich versichere Euch, es ist eines der schönsten Kinder, die ich in meinem Leben gesehen habe; ich bin überzeugt, daß sie Euch gefallen wird. Nachdem wir sie besucht haben, gehen wir, wohin es Euch beliebt. Nach diesem schlugen sie den Weg gegen das Ballhaus ein und als sie die Wohnung der Flamländerin erreicht hatten, pochte der Stiavone an die Türe. Sie hörte das Pochen, kam ans Fenster und als sie den Stiavonen, den sie wohl kannte, erblickte, zog sie am Seil und öffnete die Türe. Der Stiavone wußte die Sitte, entließ die Gondel, trat in das Haus und nahm Antonio mit sich. Sie stiegen die Treppen empor und kamen in einen kleinen mit den feinsten Teppichen ausgehängten Saal. Die Flamländerin ging ihnen entgegen und empfing sie mit heiterer Stirne. Sie war ein äußerst schönes Geschöpf und besaß den feinsten Anstand einer Venezianerin. Sie hieß sie freundlichst willkommen. Unter ihren Reizen, davon abgesehen, daß sie schön gewachsen war, zeichnete sich der sehr schöne Schnitt ihres Gesichts aus; sie war weißblendend wie Schnee, mit einem leichten Anflug von Carmin, so daß sie aussah, wie Milch und Blut. Ihr Leib war mit nichts anderem zu vergleichen, als mit morgenländischen Perlen. Wenn man sie sah, so war es wie ein Strauß von Rosen und Veilchen, im Schatten aufgesproßt und gepflückt um die Zeit der Morgenröte. Wie gesagt empfing sie sie mit holder Stimme und bat sie niederzusitzen auf Stühle von grünem Samt und Gold, echten Herrensesseln. Sie saß zwischen ihnen und so sprachen sie eine gute Weile von allerlei verschiedenen Gegenständen. Wiewohl die Frau aus Flandern war, sprach sie doch vortrefflich Italiänisch. Zu der Schönheit ihres Körpers gesellte sich der Glanz ihrer Seele, denn sie war edel und groß. Als sie lange genug gesprochen hatten, wandte sie sich zu einer Dienerin, die ebenfalls eine Flamländerin war und sagte ihr etwas in ihrer Sprache. Es dauerte nicht lange, so rüstete die Magd eine kleine Tafel auf fürstliche Weise an. Darauf stand ein reicher Vorrat zu einem guten Mahle nebst verschiedenen Arten von eingemachten Früchten und den köstlichsten Weinen. Indem sie ihre Gespräche fortsetzten, machten sie sich heiter über die Speisen her. Und nachdem sie genug gegessen und getrunken hatten, wollte der Stiavone dem jungen Manne nicht mehr länger im Wege stehen und rief daher aus: Ei, meiner Treu, mein liebster Herr, über unserem Ausgang habe ich nun ein Geschäft vergessen, das ich in Chioggia ins Reine zu bringen hatte. Seid so gut, Messere Antonio, erwartet mich hier wenigstens eine Stunde, wenn es Euch nicht unangenehm ist. Ihr könnt Euch ja unterweilen mit Madonna Giachena unterhalten. Ich will keine Zeit verlieren. Sodann fügte er noch hinzu: Seht, Messere Antonio, wartet hier, bis ich zurückkomme, denn Ihr würdet den Weg nach Hause nicht finden. Dann ging er hinweg und ließ Antonio allein mit Madonna Giachena. Der junge Mann wünschte nichts anderes; es war ihm, als sei er an der Seite einer Königin. Er fing an, ihr tausend süße Wörtchen zu geben, nahm sie bei der Hand und nach vielen Worten erdreistete sich Antonio endlich die Hände an ihre blendenden festen Brüstchen zu legen, sie auf den Mund zu küssen und hold mit ihr zu scherzen. Die wackere Frau wich ihm nicht aus; vielmehr da sie seiner sicher zu sein glaubte, erwiderte sie seine feurigen Küsse. Durch diese fortgesetzten Scherze kamen beide allmählich in wollüstiges Verlangen; sie umarmten sich und traten einträchtig in ein schön geschmücktes Schlafgemach, wo sie sich auf ein reiches Bette warfen und in kurzer Zeit unter großem Vergnügen rüstige Umarmungen vollbrachten. Als sie damit fertig waren, kehrten sie in den Saal zurück, wo sie unter allerlei Scherzen gar vertraulich beisammenblieben. Auch trafen sie beide die Übereinkunft und Verabredung, heute Nacht bei einander schlafen zu wollen. Um nicht als ein Schelm dazustehen, nachdem er mit einer so schönen Frau seine Lust gehabt, schenkte ihr Antonio für dieses Mal einen Goldtaler, eine für sie sehr anständige Belohnung. Nachdem sie eine gute Weile beisammen gewesen waren und der Stiavone dachte, er habe sich lange genug entfernt gehalten, kehrte er in das Haus der Flamländerin zurück und fragte Antonio, ob er nun mit ihm gehen wolle. Antonio hatte über der genossenen Lust seinen Stiavonen bereits völlig vergessen, ja Schulen und Geschäfte, Heimat und seine Gattin und alles, und wußte im Augenblick in der Tat nicht, was er antworten sollte. Die Flamländerin merkte seine Verlegenheit und sagte zu dem Stiavonen: Messer Zanobi, ich wünsche, daß Messere Antonio heute mit mir zu Nacht speise. Der Stiavone aber war in der Tat auf das Wohl und den Nutzen des jungen Mannes bedacht und sagte: Wißt, Madonna, wir haben diesen Abend einige Geschäfte für diesen Edelmann zu Mellone zu erledigen wegen wichtiger Waren. Sobald dies abgemacht ist, bringe ich ihn zu Euch zurück. Als die Flamländerin dies hörte, glaubte sie es wirklich und meinte, der Stiavone rede die Wahrheit. Sie sagte daher zu dem Jüngling: Vergeßt nicht, Messere Antonio, daß ich Euch zum Abendessen erwarte. Kommt gewiß! Antonio wußte nicht, was der Stiavone mit jener Ausrede sagen wollte, nahm daher Abschied von der Flamländerin und versprach sicher wiederzukommen. Hiermit ging er hinweg, die Flamländerin aber war sehr zufrieden mit ihm, denn sie glaubte heute die Kundschaft eines vornehmen Herrn erworben zu haben, weshalb sie ihn denn auch mit großer Aufmerksamkeit erwartete. Antonio war also mit dem Stiavonen weggegangen, sie schlugen unter Gesprächen den Weg am Ballspiel vorbei ein und Messer Zanobi sprach: Wißt, lieber Herr, ich habe Euch zu Eurem Besten aus diesem Hause weggeführt, denn diese Flamländerin wird unterhalten von einem venezianischen Edelmann, und darum möchte ich nicht, daß Ihr zum Abendessen oder bei Nacht hingehet, ohne daß ihr vorher das Geld, das Ihr bei Euch habt, ablegt; denn wenn unglücklicherweise jener Edelmann Euch im Hause träfe und merkte, daß Ihr ein Kaufmann seid, ließe er Euch keinen Pfennig im Beutel. Wenn Ihr doch hingehen wollt, so laßt Euer Geld anderswo, etwa bei Manetti! Dort ist es viel sicherer. Dann könnt Ihr getrost Eurem Vergnügen nachgehen und ohne Besorgnis; denn wenn er Euch etwas genommen oder angetan hätte, so hättet Ihr gegen ihn durchaus kein Recht gefunden. Als Antonio dies hörte, gefiel ihm der Rat, sosehr er auch von der Liebe zu der Flamländerin hingenommen war. Er dankte seinem Stiavonen, machte sich die Warnung zu Nutzen, und da es ein zuverlässiger Mann schien, ließ er bei ihm in dem Zimmer, das er hatte, in einer ganz sicheren Kiste alles, was er von Wert besaß. Ohne sich lange bei Messer Zanobi aufzuhalten, kehrte er um, ließ sich an das Haus der ersehnten Flamländerin führen, trat ein und speiste mit Giachena zu Nacht, wie es allgemeiner Behauptung zufolge venezianischer Brauch sein soll. Indem er dann die Nacht bei ihr lag, gefiel die Flamländerin dem Jüngling immer mehr, andererseits auch der Jüngling ihr; so daß durch Fügung des Geschicks sie unmäßig sich ineinander verliebten. Ja, sie brachten es dahin, daß sie beide keine Stunde eines ohne das andere sein konnten. So hingen sie beide an der Leimrute; Antonio ging dieser Liebschaft nach; viele Tage genoß er mit Unterhaltungen der Liebe die süßen ersehnten Früchte der Minne. Der arme unvorsichtige Antonio war durch die Reize und die große seltene Zartheit der Flamländerin, durch den freundlichen und heiteren Empfang, den sie ihm immer zuteil werden ließ, so an sie gebannt, daß er gar nicht mehr an Siena, an seine Gattin dachte und sein ganzes Begehren auf seine teure Flamländerin setzte. Als törichter blinder Verliebter lebte er so festgeklebt in diesem Netze und unaufhörlich um Giachena bemüht. In dieser närrischen Liebe war schon der zweite Monat ganz hingegangen; er hatte alle seine Zeit mit der Flamländerin zugebracht. Da sie nun sehr scherzhaft war, lehrte sie ihn manchmal einige Worte in ihrer Sprache, so unter anderem, wie ein Mann zu einer Frau sagt, wenn er sie um eine gewisse Sache angeht, und wie sie dann antwortet, wenn sie will. So sagte sie denn, so oft sie sich miteinander erlustigen wollten: Ani visminere? Antonio hatte es schon gelernt und wenn er Lust hatte, es zu tun, antwortete er: Io. Wollte er aber nicht, aus Mattigkeit oder aus sonst einem Grunde, so sagte er: Mitti sminere Diese Reden sind kauderwelsch; es läßt sich höchstens das flämische »Myn Heer« darin erkennen, was aber bekanntlich etwas ganz anderes heißt, als der lose Italiäner hineinlegt. . Ebenso, wenn Antonio in das Haus der Flamländerin kam, sagte er immer statt des Grußes: Ani visminere? Dabei nahm er sie unter dem Kinn, küßte sie auf den Mund und sie, voll Bereitwilligkeit, ihm Vergnügen zu verschaffen, sagte: Io. So daß der arme Jüngling durch allzu vieles Kämpfen halb ohnmächtig wurde und sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte; und wären nicht die guten und kräftigen Mahlzeiten gewesen, die die Flamländerin ihm immer bereitete, so wäre er durch die übergroße Liebe, die er für sie hegte, ganz abgezehrt. Der arme Schelm nahm auf sich selbst gar keine Rücksicht. Er hatte, wie gesagt, seine Heimat und sein Weib vergessen und wußte nicht mehr, daß sein Eigentum noch anderswo sei. Es war ihm, als sei er hier geboren; als lägen hier alle seine Güter. Während er so die gebührliche Zeit zur Rückkehr versäumte, erhielt er Briefe über Briefe von seiner Frau, von den Brüdern und Freunden und verschiedenen anderen Personen, die man antrieb, ihm zu schreiben und die sich aus Mitleid um eine so schöne junge Verlassene dazu bewegen ließen. Antonio mochte aber an nichts denken; antwortete niemand, und wenn er von Siena reden hörte, war es dem Jüngling, als stieße man ihn mit Dolchen ins Herz. Endlich aber, nach vielem Zuspruch durch Briefe und Botschaften, ging ihm eines Tages sein Unrecht zu Herzen. Er entschloß nun doch die Abreise und die Rückkehr in seine schon vergessene Vaterstadt. In wenigen Tagen kaufte er Waren zusammen von der geringen Summe, die ihm noch übrig geblieben war, nahm das Wenige, was er erreichen konnte, nebst einigen Kisten Gläser, packte alles zusammen und schiffte es ein mit der Adresse nach Pescaro. Er setzte sich mit der Flamländerin auseinander, führte die wahrsten und triftigsten Gründe zu seiner Entschuldigung an, nahm Urlaub und unter beiderseitigen heißen Tränen, innigen Umarmungen Versprechungen und Schwüren baldiger Rückkehr schied er von ihr. Diese Trennung wurde beiden sehr schwer. Doch, da er durchaus entschlossen war zu gehen, ertrug er es leichter, als sie. So trat er in die Gondel und fuhr hinüber seiner alten Heimat zu. In wenigen Tagen kam er an und wurde von seiner Frau mit großer Freude empfangen, denn seine Rückkehr gab um so mehr zum Jubel Anlaß, je länger er von ihr entfernt gewesen war. Nach wenigen Tagen kamen die Waren an, eine hübsche Ausstellung von Gläsern, etwas Gewürz, einige Spezereien; er machte sich an die Arbeit und richtete seine Bude ein. Er war schon wieder geraume Zeit in Siena, aber er konnte die geliebte Flamländerin nicht vergessen; und obgleich seine Frau von der liebenswürdigsten Schönheit war, konnte der Tor doch nicht umhin, an seine Flamländerin zurückzudenken. Er tat oft mit der Frau, was er mit der Flamländerin getan hatte, um das Begehren zu zerstreuen, das er nach ihr hatte. Es war ihm, als weile er bei ihr, wenn er mit seiner Frau scherzte, wenn er sie in den Arm nahm, sie unter dem Kinn faßte und sagte: Ani visminere? Dabei küßte er sie auf den Mund, faßte ihre alabasterähnlichen Brüste und genoß wollüstiges Vergnügen. Das junge Weib wußte nicht, was das heißen solle; da sie es ihn aber öfters wiederholen hörte, sagte sie schalkhaft zu ihrem Gatten: Was heißt denn sminere? Dem unvorsichtigen Manne fiel es schwer aufs Herz, er stieß einen tiefen Seufzer aus über diese Frage, denn er erinnerte sich seiner Giachena und sagte zu ihr: Es heißt: Willst du essen? Die einfältige Frau lachte und sagte: Ich meinte, es heiße irgend etwas Böses, obgleich ich dich es schon öfters sagen hörte. Bei diesen Worten kam es Antonio in den Sinn, sich anstatt der Flamländerin mit ihr ein wollüstiges Vergnügen zu verschaffen; sie schäkerten und genossen sich mit größter Lust. Die Frau glaubte, er habe ihr die Wahrheit gesagt, da sie ihren Mann wirklich die Worte oft äußern hörte, wenn sie beim Frühstück, Abendessen oder im Bette waren. Daher gewöhnte sie sich die Redensart ebenfalls an und sagte manchmal scherzend zu ihrem Mann: Ansi insminere. Antonio sagte darauf immer im Gedächtnis an frühere Zeiten: Io. Dabei gab er ihr, so oft er es aussprach, auf den holden süßen Mund einen Kuß. Der Frau gefiel dieses Spiel und so ging kein Tag vorüber, daß sie nicht ihrem Mann die alte Wunde neu aufriß, ohne ihren Fehler zu wissen. So ging eine geraume Zeit hin mit solchen Unterhaltungen. Eines Tages im höchsten Sommer saß die schöne Frau des unvorsichtigen Gewürzhändlers bei offener Türe im Hausflur und nähte. Bekanntlich gehen in jener Zeit viele Leute auf der Straße; auch eine große Zahl Fremder kam des Weges, teils weil es gutes Wetter, teils weil das heilige Jubeljahr war. Das reizende Weib saß nun ganz behaglich da; um die unmäßige Hitze besser zu ertragen nur leicht in ein weißes kurzes Unterröckchen gekleidet; sie sah auf und nieder aus wie ein wahrer Engel, mitten im Paradies geboren; ihre Füße waren mit weißseidenen genähten Strümpfen bekleidet, wie sie ihr Gatte von Venedig mitgebracht hatte, die festanliegend und durchbrochen waren; man sah ihren wunderschönen äußerst niedlichen Fuß, so vollkommen, wie ihn nur irgendeine Frau haben konnte, nebst einem Paar schwarzsammtenen, aufgeschlitzten Schuhen; auf dem Kopf hatte sie ein gar schmuckes Häubchen, ganz aus Gold und Seide gearbeitet, um den Hals hing ihr ein Bändchen von feinster Seide, ganz gestickt. So saß die Reizende neben der Haustüre auf einem nicht sehr hohen Stuhl und nähte, und da sie sich vornüberneigte, zeigte sie den schönsten reinsten Busen, den man jemals an einer Frau sehen konnte; ein paar Brüste, nicht sehr groß, aber weiß wie blendender frischer Schnee, fest wie Marmor, so daß sie in der Tat aus Perlen und Rubinen gefertigt schienen. Während die schöne junge Frau so dasaß, kamen ein paar reisende Flamländer vorüber, auf dem Wege zum heiligen Peter zu Rom, wohin sie um Ablaß wallfahreten. Unter diesen Pilgern war zufällig auch ein Adliger, der die Reise in Folge eines Gelübdes machte und in der Blüte der Jugend stand; er war noch nicht an den fünfundzwanzig Jahren vorüber, schien aber nicht jünger als vierundzwanzig zu sein. Als der Jüngling die Pilgerfahrt antrat, steckte er seine Börse zu sich und lebte immer von eigenen Mitteln. Während er nun mit seiner Gesellschaft vorüberkam, fiel sein Blick in der Haustüre auf die schöne holdselige Frau, die, wie gesagt, hier nähte. Als der junge Pilger das schöne Kind sah, meinte er, sie stamme vom himmlischen Paradiese, denn eine solche Schönheit kam ihm nicht als etwas Menschliches vor. Um sie besser zu betrachten, hielt er stille und sprach sie um etwas an, was er auf der ganzen Reise von niemand begehrt hatte. Getrieben von dem Feuer seiner Jahre betrachtete er sie mit glühendem Blick, bat sie um Gottes willen um ein Almosen und trat willig wartend vor sie hin. Die junge Frau, die den Flamländer um ein Almosen bitten sah, hielt ihn für einen und artigen Mann, was er auch war; sie erinnerte sich der Redeweise ihres Gatten und sagte zu ihm: Ansi visminere? Über diese Worte war der junge Fremdling höchlichst erstaunt, denn sie sah nicht wie eine Frau aus, die eine solche Einladung ergehen lassen könne und er wußte nicht, was hier zu tun sei. Im Zweifel hierüber blieb er ganz betreten und niedergeschlagen stehen und hielt es wie für ein Wunder, daß sie ihm eine solche Aufforderung zukommen lasse. Da er aber gar nichts von unserer Sprache verstand, blickte er sie mit funkelnden Augen fest an; es war ihm, als sähe er etwas göttliches, kein menschliches Wesen. Er schwieg und blieb betroffen von solcher Schönheit. Als die Frau ihn so schweigend dastehen sah, lud sie ihn zum zweitenmal auf dieselbe Weise ein. Da nun der Jüngling sich zum zweitenmal auffordern hörte, dachte er und überzeugte sich, es sei eine Frau, die ihn verhöhnen und zum Besten haben wolle; indes konnte es darum doch nicht fehlen, daß der jugendliche Busen nicht das Schlagen der Liebesflammen fühlen sollte. Von Liebe gequält, irrten seine Gedanken allmählich hin und her, so daß er am Ende mit frechem Mute auf die Meinung kam, es sei eine Buhldirne; teils wegen der ihm gewordenen Aufforderung, teils wegen ihrer lüsternen Tracht. Des ungeachtet hörte er nicht auf, sie zu betrachten und seine feurigen Blicke auf sie zu werfen; so daß nach kurzem Warten die Frau, in mitleidvollem Wunsche, ihm ein Almosen zu geben, ihn zum drittenmal einlud. Da verlor denn der junge Pilger alle Furcht und Scheu, dachte nicht mehr an Sanct Peter noch an Sanct Paul, sondern hatte seinen ganzen Sinn auf das schöne Weib gerichtet, so daß ihm durch das beständige Betrachten die Auferstehung des Fleisches angekommen war. Ohne mehr zu reden legte er also die Hand an die Nestel, die seine Hosen hielt, löste es, ließ sie fallen, trat in die Türe, nahm das junge Weib in den Arm, warf sie zitternd nebenan auf eine Gläserkiste, die ihr Mann hierher zu stellen pflegte. Dann bemühte er sich, mit würzigen und feurigen Küssen sie zu seinen Wünschen zu bequemen, war mit der Hand geschäftig, so gut er konnte, versuchend, zum letzten Ziele zu gelangen. Die junge Frau, als sie sich so mitspielen sah, wußte nicht, was sie tun solle, um nicht hier über einer solchen Sache überrascht zu werden, faßte daher den Vorsatz, wie sie nur konnte, zu schreien; sie erhob also die Stimme und rief: Hilfe, Antonio, Antonio komm! Der arme Pilger, der das Kleid schon aufgehoben und die nötigen Vorkehrungen getroffen hatte, erkannte, als er sie so schreien hörte, ungeachtet er die Sprache nicht verstand, die Angst der jungen Frau, und merkte, daß ihre Handlungen mit ihren Worten nicht übereinstimmten. Da er ein Fremder war, fürchtete er daher, es möchte ihm etwas Unangenehmes begegnen, und ganz mißmutig floh er wie ein Gespenst so schnell er konnte ohne Hindernis zu finden. Antonio, der über der Straße in der Bude stand, hörte das Schreien und erkannte die Stimme seiner Frau. Er lief daher hinüber, damit nicht, wie das geschehen kann, ein unanständiger Scherz mit ihr getrieben würde, trat wütend und zornglühend herein, jedoch nicht so schnell, noch den Pilger zu sehen, der bereits entwischt war. Er fand die Frau auf der Kiste liegend, noch so, wie sie der Flamländer verlassen hatte, die Kleider bis zum Gürtel ganz aufgeschlagen und vor Angst oder Zorn halb ohnmächtig, so daß sie kaum sprechen konnte. Als ihr Gatte sie so zugerichtet sah, rührte ihn fast der Schlag, er meinte, er habe seine Ehre ganz verloren, und fragte stotternd, was es gäbe. Die Frau, ganz glühend von etwas anderem als Angst, sagte: Den Henker gibt es! Gott sende Euch die schwere Not! Antonio wußte nicht, was das heißen sollte, und fragte sie von neuem. Darauf sie: Daß Euch die Pest! Ich komme kaum zu Atem, so habe ich Angst ausgestanden. Der Mann voll Begierde, zu erfahren, was es sei, sagte: Nun wie? Schnell! Sag', was es war! Fürchte dich nicht! Die Frau schob sich die Haube zurecht, tat ihre Kleider herunter und sprach: Nie in meinem Leben bin ich in größere Bedrängnis geraten, als eben. Aber beim Kreuz Gottes, es wäre Euch ganz recht geschehen, wenn ich getan hätte, was Ihr verdient habt. Der Mann höchst neugierig, sagte: Was ist es denn gewesen, worüber du dich so beschwerst? Darauf sagte sie: Was habt Ihr mich gelehrt? Warum sagt Ihr es nicht? Meint Ihr, es freue mich, daß Ihr mich tausend Spitzbübereien lehrt und mir einredet, es seien gute Sachen? Gottes Furcht! ich hätte nicht rufen sollen. Antonio wußte noch immer nicht, was das sollte, fragte wieder, was es denn gegeben habe, und sagte: Nun sag' es doch! Halte mich nicht länger in Ungewißheit! Da erzählte sie ihm denn die ganze Geschichte mit dem Pilger. Als Antonio dies hörte erbleichte er und sah, daß er allein dieses Ärgernis veranlaßt habe. Da sprach er zu seiner Frau: Du mußt das nie wieder sagen, daß es sonst jemand hört, als ich; denn es heißt: Willst du mir das tun, was dieser Pilger dir eben tun wollte. Mit zornglühendem Gesicht sagte sie darauf zu ihrem Mann: Nun, das muß ich sagen, Ihr seid ein anständiger Mann, daß Ihr mich derlei Nichtswürdigkeiten lehrt. Darauf schmälte sie ihn mit drohenden Worten voll Entrüstung so heftig aus, wie nur eine Frau ihren Mann auszanken kann. Er sah sein Unrecht ein, antwortete nichts, als am Ende, nachdem sie viel und manches gesprochen hatte: Sei klug für ein anderes Mal und danke Gott, daß es diesmal gut vorbeigegangen ist. Mit diesen Worten ging er wieder hinüber in die Bude. Sie aber sagte, während er sich umwandte, laut genug, daß er es hören konnte: Dankt nur Ihr ihm, und Ihr sollt nie wieder mich etwas nachsagen hören, ohne daß ich erst genau weiß, was es heißt. Wenn Ihr etwas von mir verlangt, so sprecht auf unsere Weise! Antonio voll Ärger sagte im Hinausgehen: Da wirst du wohl daran tun. Damit ging er weg, sie aber blieb ganz verstört zurück; es wurde ihr den ganzen Tag nicht recht wohl; sie mochte auch nicht mehr an der Türe sitzen und nähen. Sie ging ins Haus, nahm ihren Ärger mit sich und so waren zu gleicher Zeit dreie geärgert, aufgeregt und voll Grimm. *   Übertragung von Walther Petry Agnolo Firenzuola Doppelte Täuschung Zu unserer Väter Zeiten lebte in Florenz ein sehr reicher Kaufmann, Matteo del Verde mit Namen, dessen Frau im Urteil Aller für die schönste Dame unserer Stadt galt. Aber von allen ihren Tugenden war keine größer als ihre Ehrbarkeit; indem sie darzulegen schien, daß neben dieser Zierde ihres Geschlechtes alles andere gering ward, ließ sie weder in der Kirche noch auf der Straße, weder bei der Tür noch beim Fenster seitwärts einen verbotenen Blick fallen, bemerkte keinen Mann, es sei denn ihr eigener, und schlug auch zu ihm die Wimpern nur in Züchten auf. Daher es dann kam, daß alle die ob ihrer wunderbarstrahlenden Schönheit sich an sie hingaben, binnen Kurzem alles Werben ließen, ohne nur durch einen Blick sich gelohnt fühlen zu können, und dies ging so lange, wiederholte sich so oft, daß ich glaube, die Legion Klagen die aus dem Munde dieser Verschmähten auf zum Himmel stieg, vermochten es endlich, Amor aus seiner Ruhe zu scheuchen und ihm die Rache für alle ungestillten Peinen als sein besonderes Werk anzubefehlen. Zur selben Zeit war nämlich in Florenz ein Jüngling vornehmen Geschlechts, Messer Pietro degli Anastagi, der Geistlicher, und Inhaber, außer anderen Pfründen, auch einer schönen Abtei war, weswegen man ihn den Abate nannte. Ich erinnere mich, daß, ein noch kleines Mädchen Diese Novelle hat Firenzuola seine Schwägerin Bianca erzählen lassen. , ich ihn als einen trotz seines Alters schönen Mann gekannt habe. Dank dieses Begnadeten großer Schönheit konnte nun die Dame nicht anders als alle herbe Hoffart aus ihrem Herzen zu verscheuchen und sich ihm in entschiedenster Liebe zuzuwenden: immerhin ließ sie sich, getreu ihren Grundsätzen, nichts davon merken und genoß seine Schönheit nur in schuldloser Sphäre des Geistes, oder in sehr heimlichem Gespräch mit einer Dienerin, die, gleichen Alters mit ihr und mit ihr erzogen, als ihre getreue Freundin sich oft erwiesen hatte; und so ertrug sie das heimliche Feuer ihrer Liebe denn, wie Zeit und Umstand es eben schicken wollte. Als sie nun diese Qual viele und wieder viele Tage erduldet hatte, kam ihr der glückliche Gedanke, sich ihrer Liebe auf so heimliche und ebene Weise zu erfreuen, daß weder der Abate noch irgend jemand davon auch nur den Schatten einer Ahnung gewinnen sollten. Zu diesem Zwecke erteilte sie Laldomine, dies war der Name des Mädchens, den Befehl, sie möge, so oft sie nur den Priester sähe, mit Augenwink und heimlichen zarten Gebärden ihm zu verstehen geben, daß sie in ihn verliebt sei; auf diesem Wege, war ihre Meinung, müßte es leicht sein, den Abate in Laldomine verhebt zu machen, die nicht nur hübsch, gewandt und zierlich war, sondern in ihrer besonderen Kleidung, die aus der einer Dame und der einer Dienerin sich eigentümlich mischte, auch einen wunderbaren Geschmack dartat. Als nun die beiden Frauen in eines Morgens reiner Frühe – ich weiß nicht, welcher Festtag gerade war – in Santa Croce wandelten und hier den Abate trafen, setzte das folgsame Mädchen die Befehle ihrer Herrin unauffällig und emsig ins Werk, wiewohl, wie sie bald merkte, umsonst, weil jener unschuldige Priester entweder noch zu jung, und erfahrungslos in derlei verborgenen Dingen war, oder weil er wirklich nichts sah oder nichts sehen wollte. Indessen war in der Gesellschaft des Abate ein anderer Jüngling, Carlo Piombini, auch Florentiner, der schon seit einiger Zeit sein Herz an Laldomine verloren hatte, dieser nun sah ihre Blicke, deutete sie richtig und entwarf, zwischen Augensenken und -heben einen Anschlag, den er bei nächster Gelegenheit auszuführen sich vornahm. Nachdem er an einem der nächsten Tage dem Gatten Agnolettas – so hieß die junge Dame – als dieser auf einige Tage von Florenz wegritt, begegnete, begann Carlo, der eben dieses Eintreffen für seinen Plan abgewartet hatte, allabendlich zwischen neun und zehn Uhr die Straße hinabzuspazieren, wo die beiden Frauen wohnten. Da erblickte er einmal Laldomine, die mit einem Licht in der Hand in dem niedrigen Fenster eines nebengelegenen Stiegenhauses sichtbar wurde, sie war für ihre Herrin Wasser holen gegangen und stieg zur Wohnung nun wieder empor. Kaum hatte Carlo sie erspäht, als er sich schon ans Fenster drückte und sie mit ganz leiser Stimme bei ihrem Namen rief. Verwundert darüber verbarg sie zunächst das Licht, und kam, statt den Flügel zu schließen und ihren Pflichten zu folgen, wie für ein Frauenzimmer, das Scherzen nicht gewillt war, es sich geschickt hätte, dicht zum Fenster und flüsterte: »Wer ist da?« Unverzüglich antwortete Carlo, ihr Freund, den sie ja wohl kenne, stehe da unten und wolle mit ihr ein paar Worte reden. »Was für ein Freund?« entgegnete sie. »Ihr tätet klüger, Eure Geschäfte zu pflegen; daß Euch die Scham versenge! Beim Kreuz Gottes, wenn unsere Männer daheim wären, würdet Ihr so etwas nicht wagen; es scheint Euch recht zu sein, daß wir allein sind. Schert Euch zum Kuckuck, Ihr windbeuteliger Patron, der Ihr seid, sonst lasse ich diesen Krug hier auf Euren zierlichen Scheitel fallen.« Carlo durch solche Abweisungen, deren Art und Wesen er kannte, nicht im Geringsten entmutigt, nahm die Schroffheit dieser Rede für das was sie wert war und bat sie mit den süßesten Wörtchen der Welt, ihm doch zu öffnen; zum Schluß noch anfügend, er sei der Abate. Als das gute Mädchen hörte, er nenne sich den Abate, wurde sie etwas geneigter und erwiderte, weniger unerbittlich wie vordem: »Und was denn für ein Abate? Was soll ich mit Abaten, Mönchen oder ähnlichem weibergerocktem Haufe anfangen? Macht das einer Anderen weiß! Ihr stündet, wäret Ihr Priester, um diese Stunde nicht hier, ehrwürdige Männer schweifen nicht in der Nacht herum, um im Hause anständiger Leute Frauen zu stellen und ihnen lästig zu fallen.« »Meine Laldomine,« gab Carlo zur Antwort, »die übermäßige Liebe, die ich für Euch hege, zwingt mich, Dinge zu unternehmen, die vielleicht verboten und nicht recht sind. Wenn ich dir also jetzt Verdruß bereite, habe darüber kein Verwundern, meine Sehnsucht, Liebe, mein ganzes Herz vor dir auszubreiten, läßt mich alles versuchen, dir, wie es nur eben geht, zwei Worte zu sagen. Sei also gütig, Madonna, mir ein wenig zu öffnen, denn das Gewähren solcher Geringheiten ziert jedes menschliche Herz.« Auf diese liebenswürdigen Worte hin erwachte das Mitleid in Laldomine, und nunmehr überzeugt, es sei der Abate, war sie ihm zu öffnen schon bereit, als ihr einfiel, daß es zur größeren Sicherheit doch gut wäre, ein sicheres Zeichen dafür, daß er der Abate sei, zu verlangen. So entschloß sie sich denn die Sache um vierundzwanzig Stunden hinauszuschieben, und sagte, ihre Rede durch mutwilliges Gelächter immerfort belebend: »Ah, Schäker, geht nur, geht nur, Ihr meint, daß ich den, für den Ihr Euch ausgebt, nicht kennte? So ich es gewiß wüßte, daß Ihr der Abate seid, würde ich ja öffnen, und dies nicht wegen irgendwelcher unschicklicher Dinge, sondern nur aus Neugier, zu hören, was Euch so dringlich am Herzen liegt, und um unserm Matteo später von den Streichen zu berichten, die Ihr anhebt, wenn er den Rücken wendet. Aber wenn Ihr es dann nicht wäret! O ich Beklagenswürdige! Ich müßte mich für das getäuschteste Frauenzimmer in Borgo Allegri halten! Kommt also morgen um drei Uhr Nachmittag hier vorüber, ich werde unter der Tür warten, und zum Zeichen, daß Ihr der seid den Ihr vorgebt zu sein, putzt Euch, wenn Ihr gerade vorbeigeht, Eure ehrwürdige Nase mit diesem Tuch« – damit ließ sie ein rein schwarz Seidentüchlein in seine Hand fallen und fuhr fort – »wenn Ihr das tut, so verspreche ich Euch, so Ihr morgen Abend zu dieser Stunde wieder herkommt, Euch einzulassen, damit Ihr kürzlich sagen könnt was Ihr wollt, in Ehren freilich und nichts anderem.« Damit schloß sie das Fenster, ohne ihm nur einen Finger zum Abschied zu reichen, lief auf dem kürzesten Weg zu ihrer Herrin, um ihr alles, wie es sich zugetragen hatte, zu berichten. Die Frau hatte eitel Freude über diese Sache und hob, zur Danksagung, und wie es aller frommen Frauen Gebärde ist, die Hände zum Himmel, da sie nunmehr sicher war, am morgigen Abend ihre Gedanken zur Tat umwandeln zu können; sie küßte und umarmte das Mädchen ein übers andere Mal und dankte ihr herzlich. Unterdessen war Carlo nach Hause gekommen und hatte sich zum Schlaf gelegt, indessen, voll von der Unruhe, wie er es morgen anstellen sollte, die ihm auferlegte Probe zu erfüllen, konnte er kein Auge schließen. Von denselben Überlegungen gepeinigt, erhob er sich am Morgen und ging um die Stunde der Messe in die Nunziata, wo er einen seiner Freunde antraf, der den ganzen Tag mit dem Abate zusammen zu sein pflegte. Diesem Freunde erzählte er sein ganzes Erlebnis in der verflossenen Nacht, von ihm in dieser schwierigen Sache Rat und Beistand erbittend. Sofort sagte ihm der, er solle guten Mutes sein, diese Sache würde er selbst zur angegebenen Stunde zu gutem Ende führen. Er ließ sich das Erkennungstüchlein geben und empfahl sich. Als es dann an der Zeit war, ging dieser hilfreiche Freund zum Abate und holte ihn unter dem Vorwande eines abendlichen Spazierganges ab; von einem Thema zum andern übergehend führte er ihn unmerklich zum Hause Agnolettas, ohne daß der würdige Priester die geheime Absicht seines Begleiters auch nur erahnte. Eben als sie an der fraglichen Tür waren, reicht dieser ihm das Tuch mit den Worten: »Putzt Euch ein wenig die Nase, Freund, sie ist schmutzig.« Weit entfernt etwas dabei zu denken, nahm der Ábate das Tuch, säuberte sorgsam seine Nase und mit einer Gründlichkeit, daß Laldomine und Agnoletta, die es sahen, fest überzeugt waren, er habe diese umständliche Geste nur des Zeichens wegen getan. Beide waren sie davon höchlichst befriedigt. Als die beiden jungen Männer unter weiteren Gesprächen bis auf die Piazza de San Giovanni gekommen waren, verabschiedete sich der Freund vom Abate und ging Carlo aufsuchen, der ihn an der Ecke der Pupilli erwartete. Er berichtete ihm den Hergang und verließ diesen Jüngling völlig zufriedengestellt. Der Abend kam und gegen neun Uhr machte sich Carlo auf den Weg zu dem Hause der zwei Frauen. Er postierte sich unter demselben Fenster wie am Vorabende, wartend auf Laldominens Kommen. Es dauerte auch nicht lange, so erschien sie, zur Eile getrieben von der, die noch begieriger auf die Begegnung war denn er, am Fenster; als sie ihn sah und als den Richtigen ihn zu erkennen glaubte, gab sie mit ihrer Hand einen Wink, zur Tür zu kommen. Er fand sie offen und trat ins Haus; eben drinnen, wollte er das gute Mädchen umarmen und küssen, sie aber, nach ihrer Herrin Willen, bedeutete ihm regungslos und ruhig zu warten, bis ihre Dame schlafen gegangen sei. Dann ließ sie ihn, als ob sie gerufen worden wäre, im Saale des Erdgeschosses stehen und eilte zu Agnoletta, die in Ungeduld nach dem Ende dieses Handels fast verging. Ihr Glück zu schildern, als sie erfuhr, daß der Abate im Hause sei, ist unmöglich; auch wird der weitere Verlauf der Novelle alles Nötige darüber sagen. Sie hatte schon vorher in einem Nebengemach des Saales ein gediegenes weichfederndes Bett mit feinstem Linnen verhüllt herrichten lassen, und befahl jetzt, den Wartenden dorthin zu geleiten, daß er sich niederlege. Laldomine kehrte zu Carlo zurück, führte ihn im völligem Dunkel und leise, daß niemand anderes etwas merke, zu dem bestimmten Gemach, hieß ihn sich auskleiden und zu Bette gehen; dann verließ sie ihn unter dem Vorwande, ein letztes Mal nachsehen zu müssen, ob ihre Herrin schon schlafe. Es dauerte nicht lange, so kam Frau Agnoletta, frisch, weich und angeregt aus einem Bade, duftend von Wohlgerüchen, und schlüpfte, ohne weiteren Aufenthalt, statt Laldominens an seine Seite. Und obwohl die Dunkelheit den wahren Glanz ihrer Schönheit ins Ungewisse hinein verhüllte, strahlte sie doch so sehr, daß die Finsternisse der Nacht ein wenig abwichen und sie sichtbar machten. Wie nun die beiden Liebenden, der eine, im Glauben er liege bei Laldomine, die andere, sie weile an des Abaten Seite, ängstlich vor dem Verrat ihrer Heimlichkeit vermieden, ein Wörtchen zu sagen, erwiesen sie sich doch in straffer Umarmung, hingebenden Küssen, nur erdenklichen Liebkosungen so viel zärtliches Glück, wie man es einem solchen Paare nur wünschen kann; und wenn dennoch dann und wann ein Liebeswort aus ihrem Munde drang, flüsterten sie es so leise, daß nichts zu erraten war, und sie betäubt von der sich gegenseitig steigernden Leidenschaft in Wonnen wie in feurigen Meeren sich verloren. Was mich am meisten, wenn ich daran denke, lachen macht, ist die Befriedigung, die sie alle beide empfanden, dadurch, daß sie beide durch eine hübsch eingefädelte List die Frucht ihrer Sehnsucht gepflückt hatten: ihre Freude, daß sie ihn betrog, war seiner Freude gleich, daß er sie hinterging, und sie betrogen einander mit so viel Innigkeit, daß jedes bei der süßen Täuschung das größte Glück empfand. Ohne einander also zu beargwöhnen, ging die Nacht unter den Spielen eitler Herzensfreuden zu Ende, begonnen in Entzücken und beschlossen in Lust, so reinen und starken Klanges, daß sie gewünscht hätten, sie hätte eines Jahres Dauer. Wie dann der Morgen dämmerte, erhob sich Madonna Agnoletta, leise, und als ob sie nach ihren Dingen sehen müßte, und ließ in Kurzem Laldomine an ihre Stelle treten. Die hieß Carlo sich ohne Verzug ankleiden und führte ihn durch ein verborgenes Pförtchen auf die Straße. Daß dies aber nicht das letzte Mal sei, und das Glück ihrer Herzen nicht im Beginnen ende, verabredeten sie, so oft Matteo fern sei, sich wieder zu treffen; so fanden sie sich nach dem Willen eines geneigtem Schicksals noch oft zu ähnlich schönen Nächten zusammen, ohne daß einer des anderen Geheimnis je erraten hätte. Bedenkt nun, oh schöne Damen, ob dieser Dame unternehmender und wagender Geist nicht groß war, die unter dem Namen einer anderen und ohne eigentliche Gefahr für ihre Ehre, mit etwas anderem als Worten ihres Herzens Begehren stillte. *   Übertragung von Walther Petry Agnolo Firenzuola Wie über die Antwort einer klugen Tochter einer sorglichen Mutter der Atem wegbleibt. Wißt also, daß in Siena – vor noch nicht so langer Zeit, daß Ihr Euch nicht erinnern könntet – im Viertel von Camporeggi die Dame Monna Francesca wohnte, die, einer hiesigen, vornehmen, reichbegüterten Familie entboren, als Mutter einer heiratsfähigen Tochter und eines eben siebenjährigen Sohnes Witwe geworden war und nun einzig dieser Kinder Erziehung lebte ohne jede Absicht, sich jemals wieder ehlich zu binden. Nach, unbestimmt wieviel, Monaten vermählte sie die Tochter an einen gewissen Meo di Mino da Rossia, der aber die meiste Zeit in der Verwaltung der Landgüter des erlauchten Borghese außerhalb Sienas verbrachte. Während die Mutter auf solche Art mit ihren Kindern lebte, geschah es einem Bruder des heiligen Dominicus und Baccalaureaus, mit Namen Fra Timoteo, an ihre Frische und Jugend sein Herz zu verlieren; ob nun die vielen Kasteiungen denen er sich unterzog oder sonst ein Fasten und Askese Ursache war, daß seine Haut in dem Purpur einer Röte brannte, die mitten im Januar einen Schwefelfaden hätte entzünden können, es kam jedenfalls der guten Dame, die ihrem ruhsamen Witwenstande nichts sonst als einen solchen versprechenden Kerl zufügen mochte, der Gedanke, sie fände, was sie nur suche, bei ihm voll vorhanden. Ob die Anbahnung ihr oder sein Werk war, weiß ich nicht, es genüge zu sagen, daß sie es so weit trieben, daß sich die Dame dem Herrgott verschwägerte und sie von nun an so eilfertig zur Beichte lief, so freudig in San Dominico verweilte, daß sich in der ganzen Nachbarschaft ihr Ruf als einer halben Heiligen zu verbreiten begann. Wie nun die Dinge so gehen, faßte dieser Dame Tochter, Laura, die an vielerlei Anzeichen die Klugheit ihrer Mutter erkannte, den nahliegenden Entschluß, in ihren Spuren zu wandeln, um nicht das schöne Sprichwort Lügen zu strafen, das da sagt: Was je die Henne gebar, es scharrt; und sie wußte es in kurzer Zeit so zu richten, daß sie, wenn die Mutter mit dem heiligen Manne ihr Gewissen erforschte, mit Messer Andreuolo Pannilini, einem Doktor der Rechte, das Mittel fand, ehliche Zeremonien abzuhandeln. Da geschah es einmal, daß die gute Witwe, die ihren Beicht- und Herzensvater zu gewissen Befragungen in ihre eigene Kammer hatte kommen lassen, dies nicht so verborgen machte, daß es die Tochter nicht gemerkt hätte; um nun für immer der Mutter jeden Grund, sie in beschwerlicher, lästiger Zucht zu halten, zu entwinden, ließ sie, kaum daß sie es gemerkt hatte, durch ihr Brüderchen ihre Nachbarin Agnesa rufen, eine Frau, deren Bereitwilligkeit zu allerlei heimlichen Diensten sprichwörtlich war, und trug ihr auf, ihren Liebhaber ohne Verzug ihr zuzuschicken. Als dieser Herr die Botschaft hörte, eilt er ohne langes Besinnen auf dem gewohnten Wege in ihr Haus, findet sie in ihrem Zimmer und legt sich unter allerhand Schäkerspielen mit ihr ins Bett. Laura aber, anstatt dem Beispiel ihrer Mutter, alles heimlich und in der Stille zu tun, zu folgen, beginnt mit tönender Stimme und gerade als ob sie zu ihrem Ehemann spräche die reizendsten Liebesworte der Welt zu sagen: »Oh meine teure Seele, tausendmal willkommen! So zarte Wangen, so lockend rote Lippen, wievieler Küsse bedürfte es wohl, um Eurer Reize ganz gesättigt zu sein? Ich glaube, wir fänden zu keinem Ende und wenn wir das ganze Leben durch nichts sonst hätten wie Lust von den Lippen pflücken!« Und mit diesen Worten überfiel sie ihn mit Küssen, daß das Echo davon bis von Camollia widertönte. Der Doktor, in alles eingeweiht und nicht faul zu diesem Spaße seinen Teil beizutragen, gab rüstig Antwort, daß endlich des Scherzens, Gelärmes, Gekoses ein solcher Tumult wurde, daß er zu den Ohren Monna Francescas drang. Diese hatte den Lärm kaum vernommen, als sie sich auch schon aus ihrer demütigen Stellung erhob, um auf gereckten Zehen leise zu der Tür dieses unbefangenen Pärchens zu schleichen, wo es ihr denn leicht wurde, sich zu überzeugen, daß der Lärm auch noch von anderem denn nur Worten kam. Als eine Frau, der fremde Sünden immer heftiger zu Herzen drangen denn eigene, betrübte sie sich ohne Maßen, stieß die Tür auf, trat fliegenden Schrittes herein und zum Bette hin, der erschreckten Laura gerade vors Angesicht und alldies mit einer so offenen Wut, als ob sie sie lebendig hätte verschlingen wollen. So schleuderte sie denn die unmäßigsten Beschimpfungen, die je einem ehrvergessenen Weibe das Gewissen rühren sollten, ins Angesicht, und schrie ungefähr so: »Niederträchtiges Frauenzimmer das du bist, wer ist der, mit dem du dich so nach Herzenslust unterhalten hast, Balg? Laura, Laura, so also treibst dus? So also treiben es anständige Mädchen! Folgst du derart dem Beispiel, das ich dir gegeben habe? Wie habe ich dich gepflegt, aufgezogen in Reinheit, und zu dem Ende, daß du mir unter meinen Augen solche zuchtlosen Streiche schlägst und mir solche schöne Ehre anhängst? Siehst du nicht auf mich, oder hast du mich jemals so etwas tun sehen? Wem, o Gott, schlägst du nach, Ungeratne? Und da sagt man, nimm dir ein Weib von der Art, wie du dir Kinder wünschst! O mein Gatte, wie glücklich bist du, daß ehe mit deinen Augen du dieses sahst was ich jetzt sehe, du gestorben bist! Vergiftet ist nun mein Leben! Die neue Verwandtschaft wird ins Grinsen fallen, das arme Hornvieh von deinem Mann, der dich sowieso mißtrauisch ansieht, wird sich die Hände reiben! Hättest du wenigstens mit dieser Schamlosigkeit gewartet, bis du in seinem Hause gewesen wärest, daß er dich als die heimgeführt hätte, die er heimzuführen noch immer glauben wird! Fort jetzt, du niederträchtiges Weib, fort mit dir, mach daß du weiterkommst, ich will dich nicht mehr zur Tochter, du geschändetes, schamloses Ding! O Gott, ich hätte es ja mit geringerem blindem Vertrauen wohl alles kommen sehen! Aber wehe! wenn ich je von meiner Tochter eine solche Bösart hätte glauben sollen, die mir noch immer nicht ansteht, ob ich sie gleich mit Ohren und Augen habe aufnehmen müssen! Die übergroße Liebe und die Reinheit in der mein eigenes Leben hinging, haben mich in Sicherheit gewiegt! Jetzt weiß ich den Grund, warum mir gestern die Andreoccia gesagt hat, ich solle dich nicht so auf allen Festen herumtollen lassen; sie weiß schon etwas und das hat uns gerade noch gefehlt, daß du zum Stadtgespräch wirst. Das also war der vertraute Umgang mit dieser kupplerischen Agnesa! Aber glaub mir, du verfehltes Früchtchen, ich werde dirs eintränken! Ja, wenn ich dir nicht einen so rüstigen Gatten gegeben hätte, hübsch und jung und tüchtig wie einer! Aber wart nur bis er zurückkommt, ich werde mit deiner Tugendhaftigkeit nicht hinterm Berg halten und er mag dich wie du es verdienst dann selbst beloben!« Mit diesem und ähnlichem glattfließenden Gezeter verübte sie ein ärgeres Geschrei als ein armes Weiblein, der der Fuchs die Hennen samt dem Hahn wegfraß. Laura, während die Mutter so ihre Epistel sang, immer mit gesenkten Augen schweigend, als ob sie des Schämens und Zitterns keine Grenze wüßte, antwortete jetzt: »Meine herzliebste Mutter, ich bekenne ja, daß ich furchtbar gefehlt habe und bitte Euch um Gottes Willen um Verzeihung! Nehmt meine große Jugend als Entschuldigung und laßt Euch erweichen, um meine und Eure Ehre nicht zugleich zu tilgen, dies vor meinem Gatten noch einmal geheimzuhalten und mir zu vergeben, denn ich schwöre Euch bei aller Liebe, die ich meinem Manne entgegenbringe, nichts mehr gegen Euren Willen zu unternehmen. Und damit der Herr mir diesen Fehltritt verzeiht und damit ich mich durch der heiligen Maria Fürbitte aus den Klauen Luzifers rette und mich vom Stachel meines Gewissen so befreie, möchte ich noch, bevor ich schlafen gehe, beichten; seid drum so gut und bittet den in Eurer Kammer eingeschlossenen Mönch, mir diesmal diese Wohltat zu erweisen.« Nun denkt Euch, meine Damen, wie sich die Ehrwürdige gefühlt haben mag, als sie solche Worte zu hören bekam, und nun bedachte, was für einen Lärm sie einer Sache wegen aufgeschlagen hatte, der sie nun selbst sich überführt sah! Als sie, um ihre übergroße Schande einigermaßen zu vertuschen, allerlei sinnloses Zeug faselte, schien es dem hinter dem Bettvorhang versteckten Andreuolo Zeit, aus seiner heimlichen Belustigung hervorzutreten und als guter Doktor der Rechte die Sache zum Abschluß zu bringen; er sah also plötzlich heraus und sagte: »Monna Francesca, ist es denn Not soviel Wörtlein zu schleifen und so die Finger zu verringen? Ihr habt Eure Tochter mit einem jungen Mann ertappt, sie Euch mit einem Bruder, und also steht das Spiel gleich, laßt drum das Krumme gerade sein. Das Beste was Ihr tun könnt, ist, Euch in Euer Gemach zu begeben und mich mit Laura hier allein zu lassen, daß wir uns alle vier in heiliger Eintracht unserer Liebe freuen können. Das wird in solcher Heimlichkeit vor sich gehen, daß kein Mensch davon nur einen Schatten merkt; wenn Ihr aber Unbesonnenheiten treiben wollt, so werdet Ihr einen Topf Fleisch ans Feuer hängen, der einen Wald braucht, um zum Kochen zu kommen, und Ihr werdet die erste sein, der vom Rauch die Augen tränen. Seid also gescheit und nehmt die guten Bissen wo Ihr sie findet und sagt nicht nachher: Man hat mich nicht belehrt.« Vor lauter Scham drehte sich die Witwe auf der Stelle hin und her und hätte gern ihr ganzes Geld auf einmal hingegeben, wenn sie ohne ein weiteres Wort sich hätte entfernen können. Indessen lag die Wahrheit zu klar auf der Hand, und so sagte sie denn beschämt: »Weil also die Sache so steht und ich mich nicht reinwaschen kann, will ich Euch Freiheit geben, zu tun, was Euch am Besten paßt. Euch aber, wackerer Jüngling, bitte ich vielmals, meine und meiner Tochter Ehre Euch anbefohlen sein zu lassen, da uns nun unser Unstern so verblendet hat, daß wir leicht nicht anders können, als wir tun.« Mit diesen ergebungsvollen Worten ging die Dame, der die Zeit ihres Verweilens wie tausend Jahre geschienen hatte, und begab sich in ihr Gemach zu Timoteo zurück, aber gefolgt von dem flinken Andreuolo, der nicht eher von ihr abließ, bis er ihre Einwilligung zu einem Abendmahl erhalten hatte, das sie alle vier wie gute Verwandte miteinander begehen wollten, so daß künftighin ohn jegliches Fürchten sie immer wieder zu ihrem löblichen Tun zusammentreffen konnten. Diese heilige Eintracht war von so guter Wirkung, daß beider Frauen Zufriedenheit von Tag zu Tag wuchs. Jedoch ist es wahr, daß es sich des Morgens, wie es so Gebrauch ist, zu plaudern und die Tüchtigkeitsproben ihrer Liebhaber zu erwägen, manchmal traf, daß der Mönch, ob auch größeren Alters, den Jüngling öfter um mehr als einen Punkt geschlagen hatte, so daß Laura, neidisch auf die Mutter, ihrem Andreulo strenge Verweise erteilen mußte. *   Übertragung von A. v. Keller Agnolo Firenzuola Magd und Knecht In Tigoli, einer sehr alten Stadt der Latiner, lebte ein Edelmann namens Cecc' Antonio Fornari, dem es gerade zu der Zeit einfiel ein Weib zu nehmen, wo andere es schon tausendmal bereut haben; und wie das bei Alten so zu gehen pflegt, wollte er keins nehmen, das nicht recht jung wäre: das gelang ihm auch. Denn einer der Gekrönten namens Giusto, übrigens ein sehr anständiger Mann, fand sich überreichlich mit Töchtern gesegnet; um der Gier der Ausstattungen zu entgehen, gab er ihm eine schöne und artige Tochter. Als sie sich aber einem kindisch gewordenen Alten vermählen und der Freuden berauben sah, um deren Willen sie so lange schon gewünscht hatte, das elterliche Haus, die Liebe des Vaters und die Zärtlichkeit der Mutter hinter sich zu lassen, wurde sie sehr beunruhigt; das Geifern, Husten und andere Alterszeichen ihres Gatten wurden ihr allmählich so zum Ekel, daß sie darauf dachte, sich einigen Ersatz zu verschaffen. Sie beschloß also, sobald sich eine schickliche Gelegenheit zeigte, sich einen beizugesellen, der besser für die Wünsche ihrer Jugend zu sorgen wüßte, als ihr greiser Gatte; und ihrem Plane war das Glück günstiger, als sie selbst verlangen konnte. Denn es kam eben nach Tigoli im Sommer zu seiner Zerstreuung ein römischer Jüngling namens Fulvio Macaro, mit einem seiner Freunde, welcher Menico Coscia hieß. Er sah die junge Frau häufig; sie gefiel ihm, da sie auch wirklich schön war; und er verliebte sich heftig in sie. Er teilte jenem Menico seine Liebe mit und drang eifrig in ihn, ihm zu raten. Menico, der sich nicht gerne in fremde Händel einließ, machte nicht viel darüber, sagte aber am Ende doch, er solle nur ruhig sein; wenn er ihm in Allem, und überall folgen wolle, so werde er schon die Mittel finden, ihn mit dem Weibchen auf die Art, die er wünsche, zusammenzubringen. Fulvio wünschte nichts sehnlicher, als mit der jungen Frau zusammen zu kommen, und sagte daher nicht lange: Komm morgen wieder! sondern er antwortete ihm sogleich, er sei bereit Alles zu tun, wofern er nur rasch seine Krankheit heile. Ich habe sagen hören, fuhr nun Menico fort, daß der Gatte deiner Geliebten ein Mädchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren sucht, um sie zu häuslichen Diensten zu verwenden, und sie dann nach einiger Zeit zu verheiraten, wie es in Rom gebräuchlich ist. Nun ist mir eingefallen, du könntest vielleicht in dieser Eigenschaft bei ihm bleiben, so lange es dir behagt, und höre, wie! Unser Nachbar aus Tagliacozzo, der uns manchmal einen Gefallen tut, ist, wie du weißt, mit mir befreundet. Gestern früh teilte er mir unter andern Gesprächen, ich weiß nicht mehr aus welcher Veranlassung, mit, er habe ihm aufgetragen, ein solches Mädchen zu suchen: zu diesem Zwecke habe er beschlossen, in einigen Tagen in sein Haus zu gehen, und sie ihm mitzubringen. Es ist ein armer Mann und ist gern rechtschaffenen Leute gefällig; somit zweifle ich keinen Augenblick, daß, wenn man ihm ein gutes Gläschen einschenkt, er bereit ist, Alles zu tun, was wir von ihm verlangen. Er kann also tun, als wäre er nach Tagliacozzo gegangen; kommt er in drei oder vier Wochen zurück, so wirst du angezogen wie ein Landmädchen von dort; er gibt vor, du seiest eine Verwandte von ihm und bringt dich in das Haus deiner Geliebten. Hast du hernach nicht das Herz, das Weitere selbst auszuführen, so müßtest du dich nur über dich selber beklagen. Zu dem allem eignet es sich vortrefflich, daß du noch eine weiße Haut hast, worauf sich nichts zeigt, was in den nächsten zehn Jahren einem Barte gleichsehen dürfte, und daß dein Gesicht ganz weiblich aussieht, weshalb denn, wie du weißt, die meisten glauben, du seiest ein als Mann verkleidetes Weib. Außerdem ist ja deine Amme aus jener Gegend gewesen; du wirst also wohl nach Art jener Bauern sprechen können. Der arme Verliebte sagte zu Allem freudig ja. Es schien ihm unendlich lange, bis die Sache zu seinem Ziele käme, ja oft meinte er schon bei ihr zu sein und ihr bei ihren Geschäften zu helfen, und die Einbildungskraft vermochte so viel, daß er zufrieden war mit dem, was aus ihm werden solle, gerade als wäre es wirklich gewesen. Ohne also die Sache irgend zu verzögern, suchten sie den Landmann auf, welcher mit allem zufrieden war, und sie verabredeten, was zu tun sei. So ging denn kein Monat vorüber, bis sich Fulvio im Hause seiner Geliebten befand als ihre Magd und ihr so eifrig aufwartete, daß in kurzem nicht nur Lavinia (so hieß die junge Frau), sondern das ganze Haus sie äußerst liebgewann. Während nun Lucia (diesen Namen hatte die neue Magd angenommen) auf diese Weise wohnte, erwartete sie die Gelegenheit, ihr noch mit anderem zu dienen, als mit dem Bettmachen. Cecc' Antonio ging einmal einige Tage nach Rom. Da bekam Lavinia, als sie sich so allein gelassen sah, Lust, Lucia bei sich schlafen zu lassen: nachdem beide am ersten Abend zu Bette gestiegen waren, und die eine, höchlich beglückt über die unerwartete glückliche Fügung, mit Sehnsucht den Augenblick erwartete, wo die andere einschliefe, um dann während des Schlafes den Lohn ihrer Mühe zu ernten, begann die andere, die vielleicht in ihrer Phantasie einen andern sich vorstellte, der besser als ihr Mann den Staub aus ihrem Pelz zu klopfen verstände, mit größter Inbrunst sie zu umarmen und zu küssen, und unter solchen Scherzen gerieten, wie das so zu gehen pflegt, ihre Hände ... da sie nun fand, daß er kein Weib war, war sie sehr verwundert, zog ganz bestürzt ihre Hand zurück, gerade als hätte sie unter einem Gebüsche unversehens auf eine Schlange gefaßt. Lucia wagte unterdessen weder etwas zu sagen noch zu tun und wartete schweigend den Ausgang der Sache ab. Lavinia fürchtete, sie habe sich in der Person getäuscht, und starrte sie ganz betäubt an; da sie aber sich doch überzeugte, daß es Lucia sei, trachtete sie nicht weiter darauf mit ihr zu reden, wollte aber zur Lösung ihres Zweifels, ob sie nicht der Schein getäuscht habe, von neuem das Wunder mit Händen greifen. Da fand sie denn wieder, was sie zuvor gefunden hatte, und wußte nicht, ob sie schlief oder wachte. Dann dachte sie, vielleicht könne sie die Berührung täuschen, hob daher die Bettdecke auf und wollte das Ding mit Augen sehen; so sah sie denn nicht nur mit Augen, was sie mit der Hand berührt hatte, sondern entdeckte eine Masse Schnees überfärbt mit frischen Rosen. So war sie denn genötigt, dem Staunen freien Lauf zu lassen und anzunehmen, es sei ihr wunderbar eine solche Verwandlung zuteil geworden, damit sie in Sicherheit die Freuden ihrer Jugendjahre genießen könne. Sie wandte sich daher ganz keck zu ihm und sprach: Was ist doch das, was ich diesen Abend mit meinen Augen sehe? Ich weiß doch, daß du eben noch eine Frau warst, und jetzt sehe ich, daß du zum Manne geworden bist? Wie kann das geschehen sein? Ich fürchte zu erkennen, daß du ein böser verzauberter Geist bist, der diesen Abend statt Lucias zu mir kam, um mich in Versuchung zu führen. Wahrlich, wahrlich, ich muß sehen, wie diese Sache zusammenhängt. Während dieser Worte brachte sie ihn unter sich und trieb mit ihm die Scherze, die lüsterne Mädchen häufig mit solchen vor der Zeit emporgeschossenen Hähnen spielen: Dabei klärte sich denn auf, daß er kein verzauberter Geist war und daß sie nicht falsch gesehen hatte. Wie sehr ihr solches zum Trost gereichte, könnt Ihr, liebe Frauen, Euch selbst vorstellen. Doch dürft Ihr nicht glauben, daß sie schon hinreichend überzeugt war vom ersten Mal, oder vom zweiten, ja selbst vom dritten Mal, denn ich kann Euch versichern, wenn sie nicht gefürchtet hätte, ihn wirklich und ernstlich in einen Geist zu verwandeln, so hätte ihr auch die sechste Probe noch nicht genügt! Als sie nun so weit gekommen waren, ging sie vom Tun zum Reden über und begann mit freundlichen Worten zu bitten, er möge ihr sagen, wie die Sache denn eigentlich komme. Da fing denn Lucia an vom ersten Tage, an dem er sich verliebt hatte, bis zur gegenwärtigen Stunde seine ganze Liebesgeschichte zu erzählen, worüber sie sich höchlich erfreute, da sie sah, daß sie von einem solchen Jüngling in einer Weise geliebt sei, daß er viele Beschwerden und Gefahren ihr zu Liebe nicht gescheut habe. Von diesen Auseinandersetzungen schweiften sie auf tausend andere unterhaltende Gespräche über und kamen vielleicht noch zum siebenten Beweise, weshalb sie so lange mit dem Aufstehen zögerten, bis die Sonne durch die Ritzen der Fenster drang. Zuvor aber verabredeten sie, Lucia solle den Tag über vor den Leuten ein Weib bleiben, aber des Nachts oder so oft sie sonst Gelegenheit fänden, allein zusammen zu kommen, wieder zum Manne werden. Mit diesem Vorsatze verließen sie ganz heiter die Schlafkammer. Sie hielten diesen Vertrag heilig und lebten mehrere Monate so zusammen, ohne daß jemand im Hause etwas merkte. Ja, es hätte Jahre lang gedauert, wenn nicht Cecco Antonio, wiewohl er, wie gesagt, schon über gewisse Jahre hinaus war und ... wenn nicht Cecco, sage ich, indem er diese Lucia im Hause umhergehen sah, ein Auge auf ihre Liebenswürdigkeit geworfen und sich entschlossen hätte, ... weshalb er ihr manchmal sehr zur Last fiel. Sie fürchtete nämlich, es möchte früher oder später ein Ärgernis daraus erwachsen, und bat Lavinia um Gottes willen ihr diese Quälerei vom Halse zu schaffen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ihr hierüber der Kamm nicht wenig schwoll und daß sie ein gewaltiges Aufheben davon machte, als sie zum erstenmal mit ihm darüber sprach. Ich darf kurzweg versichern, daß sie ihn alles, nur nicht Herr hieß. Schaut doch, sprach sie, was für ein kecker Knappe, der jetzt sich noch Rittersporen verdienen will! Was zum Henker würdest du erst tun, wenn du jung und rüstig wärest, da du jetzt, wo du mit einem Fuße im Grabe stehst und jeden Tag dein letztes Stündlein schlagen kann, mir solche schöne Ehre antun willst? Verlaß, alter Tor, verlaß die Sünde, wie sie dich verlassen hat! Merkst du nicht, daß, wenn du ganz von Stahl wärest, du keine Spitze zu einer Damascenernadel abgeben könntest? Ja, das wird dir große Ehre machen, wenn du das arme Mädchen, das redlicher ist als das Brot, verführst, ohne mir es vorher kundzutun. Das ist eine schöne Mitgift! Das ist mir ein Gatte! Wie werden sich ihre Eltern freuen und ihre ganze Verwandtschaft, wenn sie sehen, wie sie das Schäflein dem Wolfe zur Obhut überantwortet haben. Sag' an, du böser Mensch, wenn einer in gleicher Weise gegen dich aufträte, was würdest du von ihm halten? Hast du nicht dieser Tage das ganze Paradies in Aufregung gesetzt, als mir ein Ständchen gebracht wurde? Aber weißt du, was ich dir zu sagen habe? Wenn du dich nicht besser besinnst, so wirst du mich auf Gedanken bringen, die ich bis diesen Augenblick nicht gehabt habe. Ja, ja, du wirst schon das Lachen aufgeben. Sieh nur zu, ich werde dir auffinden, was du suchst. Denn da ich sehe, daß es mir nichts hilft, wenn ich mich gut aufführe, so will ich doch einmal versuchen, ob es mir helfen wird, wenn ich mich schlecht aufführe. Kurz, wer es gut haben will in dieser garstigen verräterischen Welt, der muß Böses tun. Sie begleitete diese letzten Worte mit ein paar Tränchen, die sie durch schnöde Gewalt sich zu entlocken wußte, und stimmte den guten Alten so weich, daß er sie um Verzeihung bat und ihr versprach, nie wieder ein Wort zu jener zu sagen. Aber seine Versprechungen halfen nicht viel und so verstellt die Tränen und der Schluß der Bitten waren, so verstellt war auch das Mitleid, das sie erregten; denn als nach wenigen Tagen Lavinia zu einer Hochzeit ging, welche in der Familie Tobaldos gehalten wurde, und Lucia allein zu Hause ließ, weil sie sich etwas mißgestimmt fühlte, fand sie der kecke Alte irgend wo im Hause eingeschlafen, und ehe sie etwas merkte, fuhr er mit seiner Hand ... und fand da Dinge, die er freilich nicht erwartet hatte. Er war billig verwundert und stand eine Weile ganz verdutzt da. Tausend schlimme Gedanken kreuzten sich in seinem Kopfe und er befragte sie im barschesten Tone, was denn das heiße. Lucia hatte zwar wegen der vielen Drohungen und der wunderlichen Reden anfänglich einen heftigen Anfall von Schrecken und Angst; da sie aber mit Lavinia schon vor einiger Zeit die Ausrede für einen solchen Fall vorbereitet hatte, und wußte, daß jener einfältig genug war, um einen solchen Betrug als Wahrheit hinzunehmen, und daß er nicht tatsächlich so schrecklich war, als er in Worten sich gab, so ließ sie sich nicht beirren, sondern stellte sich, als weine sie bitterlich, und bat ihn ihre Gründe anzuhören; und nachdem sie mit etwas freundlicheren Worten von ihm beschwichtigt war, fing sie mit ganz zitternder Stimme und mit zur Erde gehefteten Augen also zu sprechen an: Wißt, o Herr, als ich in dieses Haus kam (verwünscht sei die Stunde, wo ich die Füße hereinsetzte, da mir so etwas Garstiges hier widerfahren sollte!), damals war ich nicht, was ich jetzt bin. Denn seit drei Monaten (wehe über mich!) ist mir dies gewachsen. Eines Tages, während ich wusch, fühlte ich heftige Schmerzen, da kam allmählich ... so wie Ihr es seht; und hätte ich nicht dieser Tage an einem Eurer kleinen Neffen etwas Ähnliches bemerkt, so hätte ich es für eine böse Geschwulst gehalten. Ich habe oft einen solchen Ekel, daß ich lieber ich weiß nicht was wollte, und ich schämte mich so sehr und schäme mich noch jetzt, daß ich nie so keck war, jemandem ein Wort davon zu sagen. Darum habe ich hier weder Schuld noch Sünde und ich bitte Euch um Gottes willen, und bei der heiligen Jungfrau vom Ölbaum, daß Ihr Erbarmen habt mit meinen Umständen und mit niemand in der Welt ein Wort davon redet; denn ich versichere Euch, ich möchte lieber sterben, als daß man von einem armen Mädchen, wie ich, etwas so Garstiges erführe. Der gute Alte wußte nicht, was er hier anfangen sollte, da er ihr die Tränen in großer Zahl herabstürzen sah und sie ihre Sache so geschickt vorbringen hörte. Er fing daher fast an zu glauben, sie sage die Wahrheit. Dennoch aber, weil ihm die Sache doch gar außergewöhnlich schien und er sich an allerlei Liebkosungen erinnerte, die ihr Lavinia zu machen pflegte, besorgte er, es möchte irgendein fauler Fleck unter der Sache stecken, Lavinia könne es gemerkt und ihm so recht vor der Nase den Zufall sich zunutze gemacht haben. Deshalb fragte er sie noch eindringlicher, ob jene nicht vielleicht die Sache gewittert habe. Gott bewahre, antwortete sie darauf ganz keck, denn es schien ihr nunmehr, die Sache sei in gutem Gange; vielmehr habe ich mich immer vor ihr gehütet, wie vor meinem Unglück; und ich sage Euch nochmals, ich würde lieber sterben, als daß jemand in der Welt etwas davon wissen sollte. Und wenn Gott mich aus solchen Unheil errettet, so weiß niemand der da lebt außer Euch von der Sache. Wollte Gott, da es mein Unglück so gefügt hat, daß ich wieder würde, was ich zuvor war! Euch die Wahrheit zu sagen, hat es mich so große Schmerzen gekostet, daß ich überzeugt bin, ich muß bald sterben; denn abgesehen von der Scham, die ich fühle, so oft ich es ansehe, ist es mir auch das Widerlichste, was mir auf Erden begegnen konnte, daß ich das Ding zwischen den Beinen herumwackeln fühle. Wohlan, mein Kind, fiel ihr nun der Alte ganz gerührt in die Rede, bleib nur ruhig und sage keinem Menschen ein Wort! Es wird sich vielleicht schon ein Mittel finden, dein Übel zu heilen. Überlaß das nur mir! Am wenigsten aber mußt du der Frau etwas von der Sache sagen. Hier schwieg er und ging mit dem verwirrtesten Kopfe hinweg, einen Arzt des Ortes aufzusuchen Namens Meister Consolo und noch einige andere, die er über den Vorfall zu Rate zog. Unterdessen war die Hochzeit ausgegangen, Lavinia ging nach Hause und hörte von Lucia, was vorgefallen war. Ob sie darüber verdrießlich war, überlasse ich Euch zu beurteilen; ich aber glaube, die Nachricht kam ihr noch ungelegener als jene, welche ihr ihre Vermählung mit einem so alten Manne verkündete. Cecco Antonio, der wie gesagt, ausgegangen war, sich über dieses Ereignis zu erkundigen, hatte von dem einen diese, von dem andern eine andere Erklärung vernommen und kam verwirrter nach Hause, als er weggegangen war. Ohne jedoch für diesen Abend jemand etwas zu sagen, beschloß er, am nächsten Morgen nach Rom zu gehen und nach einem einsichtigen Manne zu suchen, der ihm das Rätsel besser lösen könnte. Als nun der nächste Tag kam, stieg er des Morgens bei Zeiten zu Pferde und machte sich auf den Weg nach Rom. Er stieg ab im Hause eines seiner Freunde und nachdem er einige Erfrischungen zu sich genommen, ging er nach der Universität in der Ansicht, dort besser als anderswo einen zu finden, der ihm einen solchen Floh aus den Ohren holen könnte. Zum Glücke begegnete er jenem Freunde, der ihm Lucia in sein Haus eingeführt hatte und der manchmal zur Abwechselung einige Zeit dort zubrachte. Er sah ihn gut gekleidet, von Vielen geehrt und dachte, das sei ein ganz gewaltiger Potentat, nahm ihn also beiseite und befragte ihn heimlich über sein Anliegen. Menico, der den alten Narren wohl kannte und gleich merkte, worauf die Sache hinaus laufe, lachte bei sich selbst und sprach: Da bist du an die rechte Schmiede gekommen. In langer Rede setzte er ihm sofort auseinander, daß der Fall nicht nur möglich, sondern auch wirklich sonst schon wiewohl selten vorgekommen sei; und damit er es ihm um so eher glaube, nahm er ihn mit in die Bude eines Buchhändlers, ließ sich eine Übersetzung des Plinius geben und zeigte ihm, was dort im vierten Kapitel des siebenten Buches gemeldet wird. Ebenso ließ er ihn lesen, was Batista Fulgoso in dem Kapitel von den Wundern darüber schreibt. Dadurch beruhigte er das Gemüt des bekümmerten Greises so sehr, daß, wäre auch alle Welt gekommen, man ihn doch nie zu der Überzeugung gebracht hätte, daß die Sache sich anders verhalte. Da nun Menico merkte, daß er so geschickt ins Garn gegangen war und so geschwind nicht mehr herauskomme, ging er noch weiter und sprach ihm allmählich zu, den Unglücklichen nicht aus seinem Hause zu verstoßen, denn es sei ein Glück für ein Haus, wenn dergleichen Personen darin wohnen, man zeuge dann daselbst lauter Knaben, – und ähnliche schöne Dinge zum Kranklachen. Darauf bat er ihn inständig, wenn er ihn ja aus seinem Hause wegschicke, so möge er ihn doch ihm zusenden, er werde ihn mit tausend Freuden aufnehmen. Das alles wußte er so gut vorzubringen, daß der gute Alte seinen Gast nicht um Gold weggegeben hätte. Er dankte also dem wackern Manne, bot ihm eine Belohnung an und nahm von ihm Abschied. Er konnte nicht erwarten, bis er nach Tigoli zurückkam, um zu versuchen, ob er seine Frau dahin bringen könne, ihn mit einem Söhnlein zu beglücken. Er kam endlich heim; und tat am selben Abend noch sein Möglichstes, um die gute Prophezeiung in Erfüllung zu bringen. Lavinia trug das Ihrige aufrichtig dazu bei und kam mit einem Knäblein in die Hoffnung. Dies war der Grund, daß ihr Liebster im Hause blieb, so lange es ihr behagte, ohne daß der Alte je etwas merkte oder merken wollte. *   Übertragung von A. v. Keller Antonio Francesco Doni Der Ehemann als Beichtvater In einem gewissen Königreich in dieser Welt, den Ort will ich nicht nennen, begab es sich vor einigen Jahren, daß ein sehr vornehmer Ritter, wohl einer der ersten Edelleute der Krone, eine junge schöne Frau zur Ehe nahm, die ebenso von edlem Blute, wie auch sonst für seinen Rang passend war. Sie waren sehr glücklich miteinander; ihre gegenseitige Neigung war so groß und gewaltig, daß, so oft der Baron in Geschäften des Königs außer Landes ging, er immer bei seiner Rückkehr seine schöne Ehegenossin entweder mißmutig, wie von Sehnsucht angegriffen, oder krank, antraf. Unter anderen wurde denn auch einmal der Baron vom König als Botschafter an den Kaiser geschickt, und da er gegen seine Gewohnheit mehrere Monate ausblieb, sei es aus zufälligen Gründen oder um wichtige Geschäfte zu besorgen oder wie es nun kam, fügte es das Schicksal, daß seine Frau nach vielen schmerzlichen Seufzern und Klagen, indem sie die Männer ihres Hofes wieder anschaute, mit ihren Blicken an eine Stelle kam, die sie vielleicht nicht gewünscht hatte; und der Blick war so gewaltig, daß sie sich heftig in einen sehr vornehmen und wohlgesitteten Edelknaben, der sie besonders bediente, verliebte, ohne sich der Sache erwehren zu können. Sie spähte oft nach einer gelegenen Zeit, ohne von dieser ihrer Liebe mit irgend jemand zu sprechen, bis eines Abends ihr Gedanke zur Reife gedieh. Sie schloß daher auf eine geschickte Weise das Zimmer, tat als ließ sie sich einige Briefe reichen, um sie zu lesen. Bei dieser Gelegenheit ermutigte sie den Jüngling, weiter zu gehen als recht war, durch ein gewisses halb nach Sittsamkeit, halb nach Lüsternheit schmeckendes Betragen, durch Blicke, die Jupiter hätten in Glut setzen müssen, indem sie manchmal den weißen zarten Busen plötzlich öffnete und schnell wieder schloß, oft den kleinen Fuß aufdeckte mit einem Teil des blendenden schneeweißen Beines, alles, als ob sie über einem beengenden Gedanken sich Luft machen wollte; diese Gebärden begleitete sie hin und wieder mit einem Seufzer und griff die Sache so gut und listig an, daß der Jüngling endlich schüchtern sagte: Ach Madonna, habt Erbarmen mit meiner Jugend! So hier in Zwang und Folter leben, zersprengt mir das Herz. Bei diesen Worten warfen die glühenden Liebesflammen, welche in einer Brust von feinstem Alabaster verschlossen waren, einen Feuerfunken in ihr Gesicht, das sich also ganz entzündete und wie eine glühende Sonne brannte. Sie nahm ihn bei der Hand, die so heiß war, daß sie einen Diamant zum Schmelzen gebracht hätte, und kurz, nach manchen Gesprächen und enggeschlossenem Bunde, pflückte er die Frucht jener Lust, deren Verlangen jeden Liebenden verzehrt. Nachdem sie viele Tage mit großer Wonne ihr Liebesglück genossen, begegnete ihnen ein unerwarteter Unfall. Ein Baron nämlich, der mit ihrem Gatten im vertraulichsten Verhältnisse stand und fast einem Bruder gleich gehalten wurde, pflegte, da ihm die Tür des Palastes nicht verschlossen war, er vielmehr mit Achtung und Ehre empfangen wurde, der Edelfrau oft seine Höflichkeit und Verehrung zu bezeugen. So kam er eines Morgens, da es schon spät war, ohne bis zum Zimmer auf ein Hindernis zu stoßen, fand unglücklicherweise die Türe offen und meinte wie sonst eintreten zu können, ohne zu stören. Die junge Frau und der schöne Edelknabe waren aber nach den anmutigsten Unterhaltungen in einen tiefen wohligen Schlaf gesunken, wie das meist in ähnlichen Fällen zu begegnen pflegt. Da der Baron die Frau nicht sah, hob er mit unerhörter Keckheit einen Zipfel des Bettvorhanges auf, erkannte das Verbrechen der Frau und die Vermessenheit des Jünglings und konnte sich in der Überraschung und bei seiner Neigung zu ihrem Gatten nicht enthalten, auszurufen: Ah, verbrecherisches Weib, benimmt sich so eine treue Gattin? Oh, zügellose Jugend, was sehe ich hier? In diesem Tone fuhr er noch lange fort. Bei dem Schreien erwachten die beiden Liebenden und in starrem Staunen über den unerwarteten Vorfall wußten sie sich nicht anders zu helfen, als demütig unter heißen Tränen und dringenden Bitten um Gottes willen um Gnade zu flehen, was sie denn auch unter so viel Schluchzen taten, daß jedes harte Herz erweicht werden mußte. Der Baron, welcher nicht von Stahl und Eisen war, fühlte von einem einzigen Drucke des Bogens sich zwiefach verwundet, von Mitleid und Erbarmen, dann von Liebe und Wollust; und nach mancherlei Hin- und Widerreden beruhigte er sich unter der Bedingung, daß er einmal einen Teil der Güter genießen dürfe, in deren glücklichem Besitz der Edelknabe sich befinde. Damit war die Frau zufrieden; der Baron beruhigt, der Edelknabe heiter; und sie genossen diese Wonne, die jedes andere menschliche Vergnügen übersteigt, von einem Tag zum andern. Das Schicksal aber ist den Zufriedenen feindlich gesinnt und weiß die Glückseligkeit nicht lange auf derselben Stufe zu erhalten; so genügte es ihm auch nicht an dem ersten und zweiten Unrecht, die beide schon häßlich waren, es fügte vielmehr noch ein drittes über die Maßen garstiges dazu. Ein Mönch, nämlich der Kaplan der Dame, ein gesunder rüstiger Mann, war gewohnt in das Vorzimmer zu kommen, um seine Geheimnisse in Ordnung zu bringen, fand aber den gewohnten Weg verschlossen. Da es nun zu spät wurde, sein Amt zu versehen, fand er mit gewohnter Anmaßung über eine geheime Treppe in das Vorzimmer; lauschte mehrmals an der Tür und fand, da er immer wieder hinzutrat, daß sie offen, aber genau angelehnt war. Er öffnete sie daher ganz sacht ein wenig mit der Hand und merkte, daß der vertraute Baron in großen Ehren bei der Frau lag und alle seine Wünsche in Wonne befriedigte. Da ihm hierbei der Wunsch rege wurde, denselben Weg zu gehen, dachte er hin und her, wie er es angreifen solle, um zu diesem Ziele zu gelangen. Als der Baron demnach aus dem Bett gestiegen war und das Zimmer verlassen hatte, trat der Mönch unverzüglich an das Bett der Dame und sprach zu ihr: Es sind schon mehrere Jahre her, meine gnädige Frau, daß ich dem ehrenwerten Baron Eurem Gemahl diene; der Dienst aber, den ich ihm geleistet, geschah aus keinem andern Grunde als dem der Schönheit, die in diesem Euren englischen Angesicht und in den glänzenden und blitzenden Lichtern Eurer schönen Augen ruht. Die Liebe, die ich zu Euch trage, hat nicht Ende noch Ziel. Sie achtet nicht mein Gelübde noch meinen Stand und hat mich mit der Glut Eurer schönen lebhaften Strahlen so gewaltig angefallen, daß ich oftmals, über die Bahn alles Bestehenden mich hinwegsetzend, nahe daran war, mich ums Leben zu bringen. Ich war dazu fest entschlossen; es fehlte nicht mehr viel, so hätte ich die Grausamkeit an mir ausgeführt; Amor aber, der mein wahnsinniges verrücktes Vorhaben bemerkte, hat mir, Dank sei ihm dafür! ein bißchen Licht geworfen in diese dunkeln Schatten meiner Leiden, in dem ich nämlich mit eigenen Augen sehen durfte, was zu meiner Rettung erforderlich war. Hier erzählte er der Frau, welche voll Staunens war, die Einzelheiten, zeigte ihr in ausführlicher Rede den Schaden, der daraus entspringen mußte, die Vorwürfe, die sie sich damit zuziehe, wenn sie ihm ihre Zustimmung versage; auf der andern Seite stellte er ihr das treueste Schweigen, ewigen Frieden, ungestörte Ruhe in Aussicht. Endlich setzte er ihr auseinander, daß sie ihm das Leben schenke und sich und ihrem Gemahl gleicherweise es erhalte; so daß die mitleidige Frau, von Furcht und Angst und dem Versprechen das Geheimnis zu bewahren in der Schwebe gehalten, für ein einziges Mal mit großem Widerwillen und Ärger seinen sittenlosen Wünschen sich fügte, und er wich also nicht aus dem Zimmer, ehe alles vollendet war. Als die Zeit der Botschaft vorüber war, kehrte nun der Edelmann zum König und in seine Heimat zurück; fand seine Gemahlin gegen ihre Gewohnheit nicht nur gesund, sondern heiter und viel schöner und glücklicher. Darüber sehr verwundert, bedachte er vielfach, woher das kommen möge, erkannte und verstand aber diesen Zufall durchaus nicht, so viel er sich auch bemühte, ihn aufzuhellen. Da ihm alles nichts half, beschloß er, durch ein nicht sehr empfehlenswertes Mittel sich über die Angelegenheit Aufklärung zu verschaffen und sich zu vergewissern, ob seine Vermutung wahr sei. Als die Zeit gekommen war, wo die Menschen den größten Teil ihrer Geheimnisse in die Brust der Beichtväter niederlegen, suchte der Baron einen braven Priester auf, bei dem die Frau zu beichten gewohnt war, und versuchte zuerst mit Bitten, dann mit Anwendung seines Ansehens und seiner Gewalt, ihn dahin zu bringen, daß er ihm sein Gewand und seine Stelle abtrat. Die Frau kam mit ihren Jungfrauen eines Morgens bei Zeiten dahin, fiel andächtig auf die Knie und fing an, für ihre Sünden um Vergebung zu bitten. Als sie nun auf das Kapitel der Ehe kam, brach sie in heftiges Weinen aus, und auf die Frage des Beichtigers und die Versicherung der Vergebung ihrer Sünde sagte sie ihm, wie sie in einen ehrenwerten und ihr sehr teuern Edelknaben sich verliebt, was dann unerhörte, unerwartete und schwere Verfehlungen zur Folge gehabt. Nach diesen Worten brach sie von neuem und noch heftiger in Tränen aus und der Baron, welcher diesen ersten Schlag für seinen Vorwitz erhalten hatte, der ihn suchen ließ, was er nicht hätte suchen sollen und nie hat finden wollen, wurde vom Unwillen so übermannt, daß er sich beinahe entdeckt hätte. Aber aus Begierde, weiter zu hören, beruhigte er sie mit freundlichen Worten und machte ihr die Vergebung für diese Sünde leicht. Die Frau fuhr fort: Nach dem Edelknaben, mein Vater, und mit seiner Beistimmung, sah ich mich genötigt, da ich nicht anders konnte und dazu gezwungen ward, Gott verzeih mirs, auch einem edeln Baron, so oft er wollte, mich fleischlich hinzugeben, und nach diesem Fehltritt ward ich zuletzt, was mir am meisten Leid ist, mit Zwang und gegen meinen Willen die Beute eines verwünschten Mönchs, den Gott verdamme, denn ich sehe ihn nie, ohne ihm alles Übel der Welt auf den Hals zu wünschen. In ihrem Unwillen über die Sünde und den Schmerz über die erlittene Unbill brach sie in so heftiges Schluchzen aus, daß sie durchaus nicht imstande war, weiter zu sprechen. Der Gatte, der sich vor Ärger gar nicht zu raten wußte, geriet durch das neue Ereignis in wahnsinnige Wut; vor Erstaunen außer sich, riß er die Kapuze vom Kopf, öffnete das Gitter, hinter dem sich die Beichtiger verbergen, und sprach: So hast du also, verruchtes Weib, nicht umsonst gelebt und deine Tage nicht vergeudet, da du sie so sittenlos und unkeusch hingebracht hast! Jede Frau, welche in ähnlichen Verhältnissen gewesen, mag sich hier vorstellen, wie betrübt die schuldbeladene Frau war, als sie sich so entdeckt und entlarvt und alle Möglichkeit einer Ausflucht abgeschnitten sah. Es fehlte nicht viel, so wäre sie in Ohnmacht gesunken, nicht sowohl wegen der früheren als wegen des jetzigen Unglücksfalls. Gott aber wollte den an der Frau geübten Betrug und Täuschung bestrafen und verlieh ihr ebenso viel Kraft als Festigkeit. Sie erhub die Augen zu dem wütenden Gatten, listig, als wäre sie aus einem seltsamen Traume erwacht, und sagte mit unwilligem Aussehen: O welch edler Ritter, welch adeliges Fürstenblut, was ein königlicher Baron bist du geworden! Weh meinem Schicksal! Ich weiß nicht, was an dir mehr zu tadeln ist, die niedrige Denkungsart, die in deiner Brust eingekehrt ist, oder deine Meinung, deine treue Frau tue dir Unrecht, oder dies, daß du dich so gemein verkleidet hast, verleitet sowohl von der Unfähigkeit deines Witzes als von der Neugier deines Unverstandes! Nun bin ich zufrieden, daß du endlich den Lohn, den du suchtest, gefunden hast! Übrigens will ich nicht mit dir verfahren wie du mit mir, und dir deine Torheit verborgen halten und meine Güte dir nicht offenbaren. Sag mir, bist du von Sinnen? Bist du denn nicht Edelknabe des Königs? Bist du nicht Baron? Bist du nicht zuletzt ein verwünschter Mönch geworden? Welche andere Edelknaben, welche andere Barone, welcher andere Mönch hat je mit mir zu tun gehabt, als du? Bist du so hirnlos, das nicht zu wissen? Ich bin nahe daran, über diesem schändlichen Vorfall und wegen des geringen Vertrauens, das du in meine Person setzest, mir selbst die Augen auszukratzen, um ein so häßliches Schauspiel nicht zu sehen! Wenn du klug bist, so lege diesen gräßlichen Verdacht ab und tue das törichte und tadelwürdige Benehmen, daß du dich als Mönch verkleidet, ab, denn ich schwöre dir bei Gott, daß ich nicht länger vor dir knien kann, so sehr tut mir dieser Vorfall leid und weh. Damit stand sie mit zornglühendem Gesicht auf und kehrte ohne ein Wort weiter zu ihren Frauen zurück. Der Baron aber, welcher seinen törichten Schritt enthüllt sah und fest an die Worte der wackern Frau glaubte, suchte ebenso den Fehltritt zu verhüllen, als seinen Irrtum wieder gutzumachen. *   Übertragung von A. v. Keller Giovanni Francesco Straparola Die ungetreue Polissena Die Stadt Venedig, durch die Anordnung ihrer Obrigkeiten höchst edel, reich an verschiedenen Arten von Leuten und glücklich durch ihre geheiligten Gesetze, liegt am Ende des Meerbusens des adriatischen Meeres und heißt die Königin der andern Städte, die Zuflucht der Unglücklichen, die Unterkunft der Unterdrückten; sie hat das Meer zur Mauer und den Himmel zum Dache; und wiewohl nichts dort wächst, so ist doch eine Fülle vorhanden, wie sie für eine große Stadt paßt. In dieser edeln, großartigen Stadt nun befand sich in früherer Zeit ein Kaufmann, mit Namen Dimitrio, ein rechtschaffener braver und frommer Mann, aber aus niederem Stande. Da er sehr wünschte, Kinder zu bekommen, nahm er eine liebenswürdige artige Jungfrau zur Ehe, Namens Polissena, welche so heiß von ihm geliebt wurde, daß niemals noch ein Mann sein Weib so sehr liebte, als er sie. Sie kleidete sich so prächtig, daß außer den Edelfrauen ihr an Kleidern, Juwelen und großen Perlen es keiner zuvortat. Dabei hatte sie Überfluß an den feinsten Speisen, die, da sie für ihre niedrige Herkunft nicht paßten, sie üppiger und zärtlicher machten, als sie sonst geworden wäre. Dimitrio, der schon früher viele Seereisen gemacht hatte, beschloß mit Waren nach Zypern zu gehen, bestellte und versah das Haus reichlich mit Lebensmitteln und allem, was in ein Haus gehört, ließ seine liebe Frau mit einer jungen kugelrunden Magd allein und nahm von Venedig Abschied, um seine Reise anzutreten. Polissena, welche sich dem Wohlleben und der Üppigkeit ergab, fühlte sich sehr kräftig und konnte den scharfen Stachel der Liebe nicht länger ertragen; faßte daher einen Geistlichen ihres Kirchspiels ins Auge und verliebte sich heftig in ihn. Er war jung und nicht minder einnehmend als schön, und gewahrte eines Tages, daß Polissena ihn mit Liebesblicken verfolgte. Ihr Aussehen gefiel ihm, ihre Person schien ihm reizend und er bemerkte, daß sie alle Vorzüge des Äußeren besitze, die zu einer schönen Frau gehören; deshalb fing er denn an, sehr emsig sie insgeheim zu beliebäugeln, und ihre treuen frommen Seelen erfüllten sich so mit wechselseitiger Liebe, daß in kurzem Polissena den Pfaffen ungesehen ins Haus führte, um ihren Lüsten zu fröhnen. Dieser Liebeshandel dauerte in aller Verborgenheit mehrere Monate fort und sie erneuerten oft die straffen Umarmungen und süßen Küsse, während der törichte Ehemann den Gefahren des empörten Meeres sich aussetzte. Als der Dimitrio einige Zeit in Zypern gewesen war und aus seiner Handelschaft einen sehr hübschen Gewinn gezogen hatte, kehrte er nach Venedig zurück, schiffte sich aus, ging, suchte sein Haus und fand sein liebes Weib, welches laut weinte. Auf die Frage nach der Ursache ihres heftigen Weinens antwortete sie: Teils wegen der schlimmen Zeitung, die ich erhalten, teils auch wegen übergroßer Freude, die ich über Eure Rückkehr empfinde, denn ich hatte von vielen Seiten gehört, die zyprischen Schiffe seien gesunken, und fürchtete deshalb sehr, es möchte Euch ein Unfall begegnet sein. Da ich Euch aber nunmehr durch Gottes Gnade gesund und wohlbehalten nach Hause zurückkehren sehe, kann ich vor übergroßer Freude mich nicht der Tränen erwehren. Der arme Schelm war von Zypern nach Venedig zurückgekommen, um die Zeit einzubringen, die seine Frau durch seine lange Abwesenheit verloren hatte, und meinte, Polissenas Tränen entspringen aus heißer tiefbegründeter Liebe, die sie für ihn fühle; der Unglückliche wußte nicht, daß sie in ihrem Herzen wünschte: Wollte Gott, er wäre in den drohenden Wellen ertrunken, damit ich sicherer und ungestörter mich der Lust und dem Genusse mit meinem Liebhaber hingeben könnte, der mir so innig zugetan ist. Es war noch kein Monat um, so ging Dimitrio wieder auf die Reise. Polissena war darüber so sehr erfreut, als sie nur sein konnte; sie ließ es ihrem Geliebten sagen, der nicht weniger als sie sehnsüchtig wartete und als die passende verabredete Stunde gekommen war, heimlich zu ihr schlich. Der Pfaffe konnte aber seine Gänge nicht so verbergen, daß er nicht von Manusso, der dem Hause seines Gevatters Dimitrio gegenüber wohnte, gesehen worden wäre. Manusso, der Dimitrio sehr liebte, weil er ein umgänglicher, dienstfertiger Mann war, hatte keinen geringen Verdacht auf die Gevatterin und gab oft und viel Achtung auf sie. Als er nun deutlich sah, daß dem Priester auf ein gewisses Zeichen und zu einer bestimmten Stunde die Türe geöffnet wurde und er ins Haus trat und unvorsichtiger, als billig mit der Gevatterin scherzte, beschloß er für jetzt stille zu sein, damit die Geschichte, die noch im Stillen blieb, nicht ruchbar würde und kein öffentliches Ärgernis entstünde; er wollte warten, bis Dimitrio von der Reise zurückkäme, damit er selbst reiflich überlege, was in der Sache zu tun sei. Als nun die Zeit seiner Heimkehr erschien, stieg Dimitrio zu Schiff, kehrte mit günstigem Winde nach Venedig zurück, schiffte sich aus, ging zu seiner Wohnung und pochte an die Türe. Die Magd ging an das Fenster, um nachzusehen, erkannte ihn, lief hinab und öffnete ihm, fast zu Tränen gerührt vor Freude. Als Polissena von der Ankunft ihres Mannes hörte, stieg sie die Treppe hinunter, lief ihm mit offenen Armen entgegen, küßte ihn und überschüttete ihn mit den größten Liebkosungen von der Welt. Und da er etwas müde war und ganz zerschlagen von der Seereise, ging er ohne Abendessen zu Bette und schlief fest ein, so daß der Tag anbrach, ohne daß er die letzten Freuden der Liebe genossen hätte. Als nun die dunkle Nacht vorüber und der helle Tag gekommen war, wachte Dimitrio auf, erhob sich aus dem Bette, ohne der Frau einen einzigen Kuß zu geben, und ging an ein Kistchen, aus dem er einige wertvolle Sachen nahm. Mit diesen kam er an das Bett zurück und übergab sie seiner Frau, welche, da ihr Anderes im Sinne lag, diese Geschenke wenig oder gar nicht beachtete. Dimitrio hatte Veranlassung, nach einiger Zeit nach Apulien zu schiffen wegen Öls und anderer Geschäfte; er sagte es also seiner Frau und schickte sich zur Abreise an. Das lustige Weib aber tat, als schmerze sie sein Weggehen, sie überhäufte ihn mit Liebkosungen und bat, er möchte doch noch ein paar Tage bei ihr bleiben, und doch war ihr ein Tag so lang wie tausend, bis er ihr aus den Augen war und sie sich mit mehr Sicherheit den Umarmungen ihres Liebhabers hingeben konnte. Manusso hatte den Priester öfters mit der Gevatterin liebäugeln, ja auch Anderes tun sehen, was sich nicht schickt zu sagen, und so schien es ihm ein Unrecht gegen den Gevatter, wenn er ihm nicht eröffne, was er seine Frau hatte tun sehen. Er beschloß daher, komme was da wolle, ihm alles zu sagen. Er lud ihn also eines Tages zum Essen ein und als sie bei Tische saßen, sagte Manusso zu Dimitrio: Lieber Gevatter, Ihr wißt, wenn ich mich nicht täusche, daß ich Euch immer geliebt habe und lieben werde, so lange der Geist diese Gebeine beherrscht, und nichts, wäre es auch noch so schwer, würde ich Euch zu Liebe unterlassen; wenn es Euch daher nicht unangenehm wäre, könnte ich Euch Dinge erzählen, die Euch freilich eher Verdruß, als Freude bereiten würden. Aber ich wage nicht, es auszusprechen, um nicht Eure heitere Stimmung zu trüben. Wenn Ihr aber klug seid, wie ich denke, und vorsichtig, so werdet Ihr die Wut zügeln, die niemand die Wahrheit erkennen läßt. Dimitrio sagte: Wißt Ihr nicht, daß Ihr mir alles mitteilen könnt? Habt Ihr vielleicht einen umgebracht? Sagt es nur ohne Furcht! Ich, antwortete Manusso, habe niemand umgebracht, wohl aber habe ich jemanden Eure Ehre und Euern guten Namen umbringen sehen. Redet deutlich, versetzte Dimitrio und foltert mich nicht so lange mit Euern rätselhaften Worten! Wollt Ihr, daß ich offen mit Euch rede, sagte Manusso, so hört zu und nehmt ruhig auf, was ich Euch zu sagen habe. Polissena, die Ihr so sehr lieb und wert haltet, schläft, so lange Ihr fort seid, jede Nacht mit einem Geistlichen und lebt froh und guter Dinge. Wie ist das möglich, rief Dimitrio, da sie mich zärtlich liebt und ich nie von ihr abreise, ohne daß sie den Schoß mit Tränen und die Luft mit Seufzern füllt; wenn ich es mit Augen sähe, würde ich es kaum glauben! Wenn Ihr, antwortete Manusso, wie ich glaube ein Mann von Verstand seid und nicht die Augen schließt, wie viele Toren zu tun pflegen, so will ich Euch mit eigenen Augen alles sehen und mit Händen tasten lassen. Ich bin bereit, sagte Dimitrio, alles zu tun, was Ihr mir befehlt, wenn Ihr mich sehen lasset, was Ihr mir versprochen habt. Da sagte Manusso: wenn Ihr tut, was ich Euch sage, so könnt Ihr Euch der Sache ganz versichern. Aber bewahret das Geheimnis, zeigt Euch heiter und unbefangen, sonst verderbt Ihr, wie man im Sprichwort sagt, dem Fasan seinen Schwanz. An dem Tage, wo Ihr abreisen wollt, stellt Euch, als stieget Ihr zu Schiffe, und kommt dann so heimlich, als Ihr könnt, in mein Haus! Ich versichere Euch, ich will Euch alles mit Augen sehen lassen. Als nun der Tag kam, da Dimitrio abreisen sollte, war er sehr zärtlich mit seiner Frau, empfahl ihr das Haus, nahm Urlaub und tat als ginge er zu Schiffe, schlich aber heimlich in Manussos Haus. Das Schicksal wollte, daß nicht zwei Stunden vorübergingen, als sich ein Sturm mit solchem Regen erhob, daß man meinte, der Himmel wolle herunterfallen, und es hörte die ganze Nacht nicht auf zu regnen. Der Geistliche, der bereits Dimitrios Abreise vernommen hatte, fürchtete weder Regen noch Wind, sondern erwartete nur die gewohnte Stunde, um zu seinem teuern Schatz zu kommen, gab das Zeichen, die Türe öffnete sich, er trat hinein und gab ihr einen süßen würzigen Kuß. Das sah Dimitrio, der an einer verborgenen Öffnung stand, und konnte nun dem nicht mehr widersprechen, was der Gevatter ihm gesagt hatte, stand also ganz erstaunt da und dann traten ihm vor gerechtem Schmerze die Tränen in die Augen. Was dünkt Euch nun? sagte sodann der Gevatter zu Dimitrio; habt Ihr nun mit Augen gesehen, was Ihr Euch nie eingebildet hättet? Aber seid still und entsetzt Euch nicht! Wenn Ihr auf mich hört, und tut, was ich Euch sage, so werdet Ihrs noch besser sehen. Zieht diese Kleider aus, nehmt die Lumpen eines Bettlers, legt sie an, verschmutzt Euch Hände und Gesicht, verändert Eure Stimme, geht nach Hause und stellt Euch an als armer Mann, der eine Nachtherberge begehrt. Die Magd wird vielleicht, wenn sie das rauhe Wetter sieht, sich zum Mitleid rühren lassen und Euch aufnehmen; dann könnt Ihr leicht mit ansehen, was Ihr nicht gerne sehen mögt. Als Dimitrio dies hörte, zog er sich aus und legte die Lumpen eines Bettlers an, der eben in das Haus trat, um ein Unterkommen zu suchen. Während es immer heftig regnete, ging er dann an die Türe seines Hauses, pochte dreimal an, jammerte und seufzte heftig. Die Magd kam ans Fenster und sprach: Wer pocht da unten? Mit zitternder Stimme antwortete er: Ich bin ein armer alter Mann, ich triefe ganz von Regen und bitte um Herberge für diese Nacht. Die Magd, welche nicht minder erbarmungsvoll gegen die Armen war, als ihre Herrin gegen den Priester, lief zu der Frau und bat sie dringend zu erlauben, daß ein armer Bettler ganz durchweicht und gebadet vom Regen sich im Hause aufhalten dürfe, bis er gewärmt und getrocknet sei. Er kann Wasser tragen, den Spieß drehen und das Feuer schüren, daß die Hähne um so schneller gebraten werden. Unterdessen kann ich die Pfanne überhängen, die Schüsseln rüsten und anderes in der Küche besorgen. Die Frau war einverstanden und die Magd öffnete die Türe. Sie rief ihn herein, ließ ihn sich ans Feuer setzen und während der Arme den Bratspieß drehte, gaben sich der Priester und die Frau im Zimmer ihrer Lust hin. Dann kamen beide, sich an der Hand führend, in die Küche, grüßten den Armen, und da sie ihn so garstig beschmiert sahen, spotteten sie ihn aus. Die Hausfrau trat zu ihm und fragte ihn, wie er heiße. Madonna, antwortete er ihr, ich heiße Gramotiveggio d. h. Traurig – seh – ich – dich. Als die Frau diesen Namen hörte, begann sie zu lachen, daß ihr die Zähne hätten ausfallen sollen. Dann umarmte sie den Priester und sagte: Komm, liebes Herz, laß mich dir einen Kuß geben! Und vor den Augen des Bettlers drückte sie ihn fest an sich und küßte ihn. Da mag sich jeder selbst vorstellen, in welcher Stimmung der Ehemann war, als er sah, wie seine Frau und der Priester einander umarmten und küßten. Als die Stunde des Abendessens kam, deckte die Magd den Liebenden den Tisch, kehrte dann in die Küche zurück und plauderte mit dem Alten. Mein lieber kleiner Paris, sagte sie, meine Gebieterin hat einen Mann, rechtschaffen, wie nur irgend einer im Lande, und der läßt es ihr an nichts mangeln. Weiß Gott, wo der arme Schelm in dem schlimmen Wetter jetzt ist. Die Undankbare aber denkt nicht an ihn und noch weniger an ihre Ehre, denn sie hat sich von Wollust blenden lassen, hat einen Liebhaber angenommen und verschließt jedem außer ihm, das Haus. Kommt nur her, wir wollen leise an die Kammertüre treten und sehen, was sie machen und wie sie essen. Sie gingen an die Türe und sahen, wie sie einander die Bissen in den Mund steckten und Liebesgespräche führten. Als die Schlafenszeit kam, gingen sie zu Bette, scherzten und freuten sich miteinander und waren in ihrem Treiben so ungezwungen und laut, daß der Bettler, welcher im anstoßenden Zimmer lag, alles verstand. Der arme Schelm tat kein Auge zu die ganze Nacht; aber als es Tag wurde, stand er schnell auf, dankte der Magd für die Menschenfreundlichkeit, die sie ihm bewiesen, nahm Abschied und ging, ohne von jemand gesehen zu werden, in das Haus Manussos seines Gevatters. Gevatter, sprach dieser lächelnd, was macht das Handwerk? Habt Ihr wohl gefunden, was Ihr nicht finden wolltet? Ja freilich, sagte Dimitrio, und ich hätte es nie geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Doch Geduld! So will es nun einmal mein hartes Los. Manusso sagte: Gevatter, ich bitte Euch, tut, was ich Euch sage. Steht frühe auf, nehmt Eure Kleider und zieht sie an und geht, ohne einen Augenblick zu verlieren, nach Hause, tut als habt Ihr wegen des Gewitters nicht fortkommen können, und gebt acht, daß Euch der Priester nicht entwische! Wenn Ihr im Hause seid, wird er sich irgendwo verstecken und seinen Schlupfwinkel nicht verlassen, bis er mit Bequemlichkeit hinauskann. Ihr schickt unterdessen nach den Verwandten der Frau, daß sie Euch zum Essen kommen, und wenn Ihr den Priester im Hause findet, so fangt mit ihm an, was Ihr wollt. Dimitrio gefiel der Rat seines Gevatters Manusso wohl, er zog die Lumpen aus, legte seine eigenen Kleider an, ging an sein Haus und pochte an die Türe. Als die Magd sah, daß es der Herr sei, lief sie schnell in das Schlafzimmer der Frau, welche noch mit dem Priester im Bette lag. Madonna, rief sie, der Herr kommt zurück. Als die Frau dies hörte, erschrak sie nicht wenig, stand auf, so schnell sie konnte, und verbarg den Priester, der im Hemde war, in einer Kiste, in welcher sie ihre Staatskleider verwahrte. Dann lief sie, einen Pelzrock umwerfend, barfuß hinunter und machte ihm auf. Ach, mein lieber Mann, rief sie, seid willkommen! Ich habe aus Liebe zu Euch gar kein Auge zutun können, da ich immer an den heftigen Sturm denken mußte. Aber Gott Lob, daß Ihr nun wohlbehalten zurück seid. Dimitrio trat in das Zimmer und sagte zu seiner Frau: Polissena, ich konnte heute Nacht wegen des bösen Wetters gar nicht schlafen; ich möchte mich jetzt gerne ein wenig niederlegen; aber so lange ich schlafe, soll die Magd zu deinen Brüdern gehen und sie in unserem Namen einladen, heute mit uns zu speisen. Nicht heute, sagte Polissena, aber auf einen andern Tag mögt Ihr sie einladen, denn heute regnet es und die Magd hat zu tun mit Bügeln unserer Hemden Leintücher und der übrigen Wäsche. Morgen ist vielleicht besseres Wetter, sagte Dimitrio, dann muß ich abreisen. Ihr könntet auch hingehen, sagte Polissena, und wenn Ihr zu müde seid, ruft unserem Gevatter Manusso da drüben, der wird es Euch zu Gefallen tun. Du hast recht, sagte Dimitrio. – Man ließ Manusso rufen, er kam und führte den Auftrag aus. So kamen denn Polissenas Brüder zu Dimitrio und speisten heiter zusammen. Als die Tafel aufgehoben war, sagte Dimitrio: Liebe Schwäger, ich habe Euch noch nie das Haus gezeigt und die Kleider, die ich Eurer Schwester Polissena meiner Frau machen ließ; darum seid so gut und seht, wie gut sie es bei mir hat. Komm, Polissena! Zeigen wir deinen Brüdern ein wenig das Haus! Sie standen auf, Dimitrio zeigte ihnen die vollen Vorratskammern von Holz, Getreide, Öl, Spezereien, dann volle Fässer mit Malvasier, griechischen und andern köstlichen und ausgezeichneten Weinen. Darauf sagte er zu der Frau: Zeige ihnen deinen Anhänger und die dicken weißen Perlen! Nimm aus diesem Kästchen die Smaragde, die Diamanten, die Rubine und anderen Juwelen! Was dünkt Euch nun, ihr Schwäger? Hat es Eure Schwester nicht gut? Alle antworteten: Das wußten wir wohl und hätten wir nicht Euern Wohlstand und Eure Gesinnung gekannt, so hätten wir Euch unsere Schwester nicht zur Frau gegeben. Damit nicht zufrieden, befahl er ihr, die Kisten aufzumachen und ihnen ihre mannigfaltigen schönen Kleider zu zeigen. Aber Polissena zitterte am ganzen Leibe und sagte: Was brauche ich die Kisten aufzumachen und ihnen meine Kleider zu zeigen? Wissen sie denn nicht, daß Ihr mich anständig gekleidet habt, ja weit über unseren Stand? Aber Dimitrio sprach fast zornig: Mache diese Kiste auf! Mache die andere auf! Und er zeigte ihnen die Kleider. Nun war nur noch eine einzige Kiste zu öffnen übrig. Dazu wollte sich aber der Schlüssel nicht finden, denn darin war der Priester verborgen. Als nun Dimitrio sah, daß der Schlüssel nicht zu bekommen war, nahm er einen Hammer und klopfte damit so lange, bis das Schloß zerbrach und die Kiste aufging. Der Pfaffe zitterte am ganzen Leibe vor Furcht, wußte sich aber nicht so zu verstecken, daß ihn nicht alle erkannten. Als Polissenas Brüder dies sahen, erschraken sie sehr und entbrannten so von Zorn und Wut, daß wenig fehlte, so hätten sie beide mit den Dolchen, die sie an der Seite trugen, erstochen. Dimitrio litt es aber nicht, daß sie ihn umbrachten, denn er hielt es für niederträchtig, einen Mann im Hemde zu töten, wenn er auch noch so stark sei. Aber er wandte sich zu den Schwägern und sagte: Was dünkt Euch von diesem gottlosen Weibe, auf das ich einst alle meine Hoffnung gesetzt habe? Verdiene ich von ihr solche Ehre? Du unseliges gottverlassenes Weib, was hält mich ab, dir die Adern durchzuschneiden? Die Schändliche konnte sich nicht weiter entschuldigen und schwieg, als ihr Mann ihr ins Gesicht sagte, was er in der vorigen Nacht getan und gesehen hatte: Da konnte sie nicht mehr leugnen. Dann wandte er sich an den Pfaffen, der mit gesenktem Haupte dastand, und sagte: Nimm deine Kleider und mach daß du fortkommst! Geh zum Henker und laß dich nicht wieder bei mir blicken! Ich gedenke nicht wegen eines verbrecherischen Weibes meine Hände mit geweihtem Blute zu besudeln. Mache dich schnell auf! Was zögerst du? Ohne den Mund zu öffnen, lief der Pfaffe weg; es war ihm, als spüre er Dimitrio und die Schwäger mit ihren Dolchen hinter sich. Dann wandte sich Dimitrio zu den Schwägern und sagte: Führt Eure Schwester hinweg, wohin es Euch beliebt! Sie soll mir nicht mehr unter die Augen kommen. Die Brüder waren kaum mit ihr nach Hause gekommen, so brachten sie sie ums Leben. Als Dimitrio dies hörte, bedachte er, wie schön seine Magd sei, und erinnerte sich, wie mitleidig sie sich gegen ihn erwiesen; daher nahm er sie zu seinem lieben Weibe. Er schenkte ihr alle Kleider und Juwelen von seiner ersten Frau und lebte mit ihr lange glücklich und in Frieden. *   Übertragung von Walther Petry Giovanni Francesco Straparola Die Rache In Bologna der edeln Stadt in der Lombardei, der Mutter der Gelehrsamkeit, und von einem Überflusse, der ihre Pflege begünstigt, lebte ein adliger Student aus Kreta, des Namens Filenio Sisterna, ein aufgeweckter, liebenswürdiger Jüngling. Eines Tages beging man in Bologna ein schönes, glänzendes Fest, zu dem viele der schönsten Frauen der Stadt geladen waren und man unter vielen bolognesischen Edelleuten und Studierenden auch Filenio sah. Nach Sitte junger Leute richtete er seine Blicke bald auf diese bald auf jene Schöne, und da sie ihm sämtlich wohlgefielen, wollte er sich mit einer von ihnen dem Ringeltanz anschließen. Er trat zu ihr, der Gattin des Messer Lamberto Bentivogli, Emerentiana, heran und forderte sie zum Tanz auf. Sie war artig und nicht minder aufgeräumt als schön, und schlug den Antrag nicht aus. Mit zögerndem Schritt führte sie daher Filenio zum Tanz, drückte ihr die Hand und flüsterte ihr leise die Worte zu: Edle Dame, Eure Schönheit ist so groß, daß sie unbestritten jede andere überstrahlt, die je mein Auge gesehen. Auf der Welt ist kein Weib, zu der ich so heftige Liebe empfände, wie zu Eurer Hoheit; und wenn Ihr meine Liebe aufnähmet, würde ich mich für den glücklichsten, seligsten Menschen halten, der auf der Welt zu finden wäre; wenn Ihr mich aber verschmäht, werdet Ihr mich bald des Lebens beraubt sehen und die Schuld meines Todes tragen. Da ich Euch nun, Gebieterin, liebe, wie ich es tue und wie es Pflicht ist, so nehmt mich zu eurem Diener und verfügt über mich und das Meinige, wie geringfügig es sein mag als über Euer Eigentum! Keine höhere Gnade wüßte ich vom Himmel zu erflehen, als einer so hohen Herrin Untertan zu werden, die mich wie einen Vogel auf der süßen Leimrute der Liebe gefangen hält. Emerentiana, welche die holden lieblichen Worte mit Aufmerksamkeit gehört hatte, war klug genug, sich taub zu stellen; sie antwortete nichts. Als der Tanz beendigt war und sie ihren Sitz wieder eingenommen hatte, ergriff der junge Filenio die Hand einer anderen Dame und trat den Tanz mit ihr an. Kaum hatte er ihn begonnen, redete er sie mit folgenden Worten an: »Gewiß, anmutigste Dame, habe ich nicht nötig, Euch mit Worten auszudrücken, wie groß und heftig die heiße Liebe ist, die ich zu Euch trage und tragen werde, so lange mein Geist diese schwachen Glieder, dieses unselige Gebein belebt. Aber glücklich, ja überselig müßte ich mich achten, wenn ich zu meiner Herrin und Schutzheiligen Euch erwürbe. Da ich Euch nun so sehr liebe und Euch ganz ergeben bin, wie Ihr selber leicht bemerken werdet, verschmäht es nicht, mich zu Eurem unterwürfigsten Diener anzunehmen, da all mein Glück, mein Leben selbst von Euch und niemanden sonst abhängig ist.« Die junge Frau, die Panthemia hieß, schwieg und setzte, obwohl sie alles verstanden hatte, den Tanz mit vielem Anstande fort; nahm, als er zu Ende war, halb lächelnd neben den anderen Damen wieder ihren Platz ein. Es währte nicht lange, so ergriff der verliebte Filenio die Hand einer dritten, die die artigste, reizvollste und schönste Frau war die man dazumal in Bologna finden mochte, und begann sich mit dieser im Tanze zu schwingen, sich eine Gasse durch das bewundernde Gedränge bahnend. Ehe sie aber den Tanz beschlossen, redete er sie in folgender Art an: »Verehrungswürdige Frau, vielleicht werdet Ihr mich für nicht wenig anmaßend halten, wenn ich Euch jetzt die stille Liebe entdecke, die mein Herz für Euch empfindet und längst empfunden hat. Aber beschuldigt nicht mich sondern Eure Schönheit, die Euch über alle anderen Frauen erhebt und mich ewig zu Eurem Gefangenen macht. Ich schweige von Euren untadeligen Sitten, Euren ausgesuchten und bewundernswürdigen Tugenden, die so groß und zahlreich sind, daß Sie Macht hätten, die höchsten Götter vom Himmel herunterzulocken. Wenn also Eure natürliche kunstlose Schönheit den unsterblichen Göttern gefällt, was Wunder, daß sie mich zwingt, Euch zu lieben und Euer Bild in den Tiefen meines Herzens zu tragen? Darum bitte ich Euch, edle Herrin, einziger Balsam meines Lebens, den wert zu halten, der des Tages tausendmal für Euch stirbt. Dann werde ich glauben, ich verdanke mein Leben Euch, um deren Gunst ich werbe.« Die schöne Frau, die Sinforosia hieß, hatte die süßen, holden Worte wohl verstanden, die aus dem feurigen Herzen Filenios drangen, sie konnte einen kleinen Seufzer nicht unterdrücken; jedoch gedenkend ihrer Ehre und daß sie vermählt sei, antwortete sie nichts, sondern ließ sich nach beendigtem Tanz wieder auf ihrem Platze nieder. Nun saßen die drei beisammen, unterhielten sich mit angenehmen Gesprächen, als Emerentiana, die Frau des Messer Lamberto, nicht in böser Absicht, sondern scherzweise zu ihren zwei Gefährtinnen sprach: Meine lieben Frauen, soll ich Euch einen Spaß erzählen, der mir heute begegnet ist? Nun was denn? fragten die Freundinnen. Ich habe, fuhr Emerentiana fort, beim Tanzen einen Liebhaber gefunden und zwar den schönsten, artigsten und gebildetsten, der zu finden ist. Er sagt, er sei so entbrannt für mich und meine Schönheit, daß er Tag und Nacht keine Ruhe finde. So erzählte sie ihnen Wort für Wort, was er ihr gesagt hatte. Als dies Panthemia und Sinforosia hörten, sagten sie, ganz dasselbe sei ihnen begegnet, und sie verließen das Fest nicht, ohne herausgebracht zu haben, daß ihnen der gleiche Jüngling den Hof gemacht habe. Es wurde ihnen gewiß, daß jene Worte des Verliebten nicht aus aufrichtiger Liebe, sondern aus Verstellung und Arglist hervorgegangen seien und sie maßen ihnen daher denselben Glauben bei, den man den Fieberträumen der Kranken und den Possen der Bänkelsänger zu schenken pflegt. Sie schieden auch nicht eher, bis sie sich das Wort gegeben hatten, ihn jede auf eine andere Weise zum Besten zu haben, daß der Verliebte sich zeitlebens erinnern solle, daß auch Frauen zu foppen verstehen. Filenio fuhr fort, bald dieser bald jener schön zu tun, und da sie sich ihm alle drei gewogen zeigten, nahm er sich vor möglichst von jeder die letzte Frucht der Liebe zu empfangen; aber seine Hoffnung wurde vernichtet. Emerentiana, der geheuchelten Liebe des albernen Studenten überdrüssig, rief eines ihrer Mädchen, das sehr anmutig und schön war, und trug ihm auf, zu gelegener Zeit mit Filenio zu sprechen, ihm die Liebe zu vertrauen, die ihre Herrin für ihn fühle, und ihm anzubieten, eine Nacht in ihrem Hause zu verbringen. Als das Filenio hörte, wurde er froh und sprach zu dem Mädchen: Geh, eile nach Haus, empfiehl mich deiner gnädigen Frau und sage ihr von mir, sie solle mich heute Abend erwarten, da ihr Mann nicht im Hause übernachtet. Inzwischen ließ Emerentiana einige Bündel scharfer Dornen zusammenlesen und fegte sie unter ihr Bett, so die Ankunft ihres Liebhabers erwartend. Als die Nacht kam, griff Filenio nach seinem Degen und schlich ganz allein zu dem Hause seiner Feindin, wo ihm beim ersten Zeichen geöffnet wurde. Nachdem sie sich eine Weile mit Gespräch unterhalten, auch festlich miteinander zu Nacht gespeist hatten, gingen sie zusammen in die Kammer, um sich schlafen zu legen. Aber kaum hatte sich Filenio entkleidet, um zu Bette zu gehen, kam Messer Lamberto, ihr Gemahl, daher. Als die Frau dies hörte, stellte sie sich sehr erschrocken, und in der Angst ihren Liebhaber zu verbergen, befahl sie ihm unters Bett zu kriechen. Als Filenio die drohende Gefahr sah, keinen anderen Ausweg wußte, wälzte er sich, nur behemdet, unter das Bettgestell und zerkratzte sich so entsetzlich, daß an seinem ganzen Leibe keine Stelle war, die nicht Blut geschwitzt hätte. Und je mehr er sich in der Dunkelheit der Dornen erwehren wollte, desto ärger zerstachelte er sich; durfte gleichwohl nicht schreien, damit Messer Lamberto ihn nicht höre und umbringe. Ich überlasse es Euch, den Zustand Euch vorzustellen, in dem der heißblütige Jüngling die Nacht verbrachte, der, da er keinen Laut wagen durfte, auch fast keinen Schmerz mehr fühlte. Als am Morgen der Ehemann das Haus verließ, kleidete sich der arme Schüler so gut er konnte wieder an und begab sich, blutrünstig, zerstöchert und übel zerschunden, nach Hause, wo er noch lange Todesangst zu leiden hatte. Doch unter der Pflege eines sorgsamen Arztes erholte er sich bald und wurde wieder so gesund wie vorher. Es währte auch nicht lange, so verfiel er von neuem in seine Verliebtheiten und fuhr fort, den beiden andern, Panthemia und Sinforosia, den Hof zu machen, bis er eines Abends Gelegenheit fand, Panthemia zu sprechen, der er seinen langen Kummer, seine steten Schmerzen klagte und sie innig bat, doch Mitleid mit ihm zu haben. Die schlaue Panthemia stellte sich, als bedaure sie ihn, entschuldigte sich, keine Gelegenheit zu wissen, ihn zufrieden zu stellen; zuletzt aber, wie von seinen süßen Bitten und heißen Seufzern besiegt, ließ sie ihn ins Haus. Schon war er, um mit ihr zu Bette zu gehen, entkleidet, als ihm Panthemia anriet, in die Nebenkammer zu gehen, wo sie ihr wohlriechendes Wasser und Räucherwerk habe, und sich, bevor er ins Bett komme, zu parfümieren. Der Student, sich keiner Arglist bei der schönen Frau versehend, trat in die Kammer. Kaum hatte er den Fuß auf eine Planke gesetzt, die von dem Tragbalken, der sie hielt, losgemacht war, so stürzte er, ohne sich halten zu können, mit dem Brett in ein Gewölbe hinab, in dem einige Kaufleute baumwollene und wollene Zeuge gelagert hatten. Obwohl tief herabgefallen, hatte er sich doch beim Sturz keinen Schaden getan. Als er sich nun an diesem dunkeln Ort befand, begann er umherzutappen, ob er eine Treppe oder Türe fände; da er aber nichts fand, verfluchte er Stunde und Augenblick, wo er Panthemia kennen gelernt hatte. Als der Morgen dämmerte und der arme Jüngling den Betrug der Frau, freilich zu spät, einsah, bemerkte er an einer Seite des Warenlagers einige Risse der Wand, die etwas Licht eindringen ließen, und da die Mauer alt und von ekelhaftem Schimmel zerfressen war, begann er mit ungeheurer Anstrengung Steine herauszubrechen und machte ein Loch, groß genug, daß er hinausschlüpfen konnte. Hier fand er einen Pfad, nicht weit von der öffentlichen Straße gelegen, und schlug barfuß und im wehenden Hemd den Weg nach seiner Herberge ein, wo er auch, ohne von jemand erkannt zu werden, glücklich anlangte. Sinforosia, die schon von den beiden Streichen vernommen hatte, die dem Filenio gespielt worden, sann darauf, einen dritten hinzuzufügen, der den ersten nichts nachgäbe. Sie begann, so oft sie ihn sah, ihn von der Seite bedeutsam anzublicken, als wolle sie ihm zu verstehen geben, wie sie sich um ihn verzehre. Der Student, der die erlittene doppelte Unbill schon vergessen hatte, fing bald an, vor ihrem Hause vorüberzuspazieren und den Verliebten zu spielen. Als Sinforosia sah, wie völlig dieses Fischlein schon in ihrem Garn zappelte, schickte sie ihm durch ein altes Mütterchen einen Brief, worin sie ihm kundtat, er habe sie mit seiner Schönheit und edlem Betragen so sehr eingenommen und gefesselt, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe finde; sie wünsche über alles in der Welt, wenn es ihm nicht unangenehm wäre, mit ihm zu sprechen. Als Filenio den Brief empfangen und den Inhalt gelesen hatte, dachte er an keinen Betrug, vergaß alle früher erfahrenen Beleidigungen und war der fröhlichste und zufriedenste Mensch, der jemals gefunden war. Er nahm Papier und Feder und antwortete, wenn sie ihn liebe und nach ihm schmachte, so gehe es ihm nicht besser, denn er liebe sie noch viel mehr als sie ihn; zu jeder Stunde, wo sie befehle, sei er zu ihren Diensten bereit. Sobald sie die Antwort gelesen und den günstigen Augenblick gefunden hatte, ließ ihn Sinforosia ins Haus kommen und sprach zu ihm nach vielen erheuchelten Seufzern: Mein Filenio, ich weiß nicht, wer außer dir mich zu dem Schritte verleitet hätte, zu welchem du mich gebracht hast; deine Schönheit, Anmut und der Reiz deiner Rede aber haben ein solches Feuer in meiner Seele entzündet, daß ich wie trocknes Holz zu lodern glaube. Als der Student sie so sprechen hörte, zweifelte er keinen Augenblick, daß sie vor Liebe zu ihm zerschmelzen wolle. So erging sich der arme Schelm eine Weile mit Sinforosia in zierlichen ergötzlichen Liebsreden und als es ihm endlich Zeit schien, sich im Bette an ihre Seite zu schmiegen, sprach Sinforosia: Meine süße Seele, bevor wir zu Bette gehen, scheint es mir rätlich, uns ein wenig zu stärken. Sie ergriff ihn bei der Hand und führte ihn in ein Seitengemach, wo ein Tisch mit köstlichem Zuckerwerk und trefflichen Weinen bereit stand. Die verschlagene Frau hatte den Wein mit Kräutersaft gemischt, einer Betäubungsmixtur, um zu erreichen, daß er an einem gewissen Zeitpunkt entschliefe. Filenio ergriff den Becher, füllte ihn mit jenem Wein und trank ihn, ohne Betrug zu ahnen, aus. Nachdem er die Lebensgeister erfrischt und sich mit wohlriechendem Wasser bestäubt und durchduftet hatte, begab er sich zu Bett. Es währte nicht lange, so tat der Trank seine Wirkung: der Jüngling fiel in einen so tiefen Schlaf, daß der stärkste Geschützdonner oder jeder andere noch so heftige Lärm ihn schwerlich erweckt hätte. Sinforosia, sehend, daß er fest schlafe, und der Saft seine Wirkung vollkommen bewähre, ging hinaus und rief eine junge rüstige Magd, die in das Geheimnis eingeweiht war, und beide ergriffen den Studenten bei Händen und Füßen, öffneten die Türe und schleppten ihn auf die Straße, wo sie ihn etwa einen Steinwurf weit vom Hause liegen ließen. Eine Stunde vor dem Anbruch der Morgenröte, als der Trank seine Kraft verloren hatte, erwachte der Arme und meinte an Sinforosias Seite zu liegen, fand sich aber statt dessen barfuß und im Hemde halbtot vor Kälte auf der bloßen Erde liegen. Kaum konnte sich der Bedauernswürdige, an Armen und Beinen Erstarrte wieder auf die Füße heben. Mit großer Beschwerde stand er auf, konnte sich fast nicht aufrecht halten und schleppte sich, so gut ers vermochte und ohne von jemand bemerkt zu werden, zu seiner Herberge zurück und sorgte nun für seine Gesundheit. Und wäre nicht die Kraft der Jugend ihm zu Hilfe gekommen, so wäre er gewiß nervenlahm geworden. Als er aber seine frühere Gesundheit wiedererlangt hatte, verschloß er die erlittenen Beleidigungen in der Tiefe seines Herzens, und ohne sich irgend gekränkt oder erbittert zu zeigen, stellte er sich vielmehr in alle drei noch weit verliebter als zuvor, indem er bald nach der einen, bald nach der anderen liebäugelte. Jene versahen sich seiner Arglist nicht, sondern hatten ihre Freude an seinem Betragen und zeigten ihm die freundliche wohlwollende und heitere Miene, die man wahrhaft Liebenden nicht versagt. Manchmal war der gereizte Jüngling nahe daran, seine Hand zu gebrauchen und ihnen das Gesicht zu zeichnen; aber er bedachte klüglich den hohen Stand der Frauen und wie schimpflich es für ihn wäre, drei schwache Weiber zu schlagen, und er bezwang seinen Ingrimm. Lange sann er hin und her, auf welche Art er sich rächen könne, und da er durchaus nichts anzustellen wußte, geriet er außer sich vor Betrübnis. Nach geraumer Zeit fiel ihm ein, was er tun müsse, seinen Wunsch leicht zu befriedigen, und das Glück begünstigte ihn, den entworfenen Plan ins Werk zu rufen. Filenio hatte in Bologna einen sehr schönen Palast mit einem geräumigen Saal und geschmackvollen Zimmern gemietet. Hier beschloß er ein prächtiges und pompöses Fest zu geben, viele Frauen einzuladen, worunter auch Emerentiana, Panthemia und Sinforosia waren. Die Einladung wurde bestellt und angenommen und als der Tag des glänzenden Festes erschien, begaben sich die Frauen, in ihrem Leichtsinn nichts ahnend, alle drei dahin. Als es Zeit war, die Frauen mit kühlen Weinen und köstlichem Zuckerwerk zu erquicken, ergriff der verschlagene Jüngling seine drei Liebsten bei der Hand und führte sie mit vielem Anstand in ein Nebengemach mit der Bitte, sich ein wenig zu erfrischen. Kaum aber waren die törichten unvorsichtigen Frauen in der Kammer angelangt, so verschloß der Jüngling die Türe derselben, wandte sich zu ihnen und sprach: Jetzt, ihr boshaften Weiber, ist die Stunde gekommen, mich zu rächen, und Euch für die Beleidigungen zu strafen, mit denen Ihr meine heiße Liebe vergaltet. Als die Frauen diese Worte hörten, waren sie mehr tot als lebendig, bereuten im stillen ernstlich, ihn beleidigt zu haben, machten sich darauf die größten Vorwürfe, daß sie ihm getraut hatten, den sie doch hätten hassen sollen. Mit drohender, zornglühender Miene befahl ihnen der Jüngling, wofern ihnen ihr Leben lieb sei, sich nackt auszuziehen. Als die Schelminnen dies vernahmen, sahen sie einander an, begannen heftig zu weinen, baten ihn auch, wenn nicht um ihrer Liebe, so doch um seiner Ritterlichkeit und angeborenen Menschlichkeit willen, mindestens ihrer Ehre zu schonen. In der Freude seines Herzens gewährte ihnen der Jüngling dies, bestand aber darauf, daß sie sich in seinem Beisein entkleideten. Die Frauen warfen sich dem Studenten zu Füßen und flehten unter kläglichen Tränen demütig, ihnen dies zu erlassen und so unendliche Schmach ihnen nicht zuzufügen. Aber er hatte sein Herz schon zum Diamant verhärtet und sagte, es sei dies nichts Tadelnswertes, sondern gerechte Rache. So mußten sich denn die Frauen ausziehen, daß sie wie aus dem Mutterleibe gekommen dastanden, und doch waren sie nackt nicht minder schön als bekleidet. Der junge Student betrachtete sie von Kopf bis zu Fuß und als er sie so schön und zart erblickte, daß die Weiße ihrer Haut den Schnee übertraf, begann sich doch einiges Mitleid zu regen, aber die Erinnerung der erlittenen Beleidigung und der Todesgefahr schlug wieder auf und verscheuchte alles Erbarmen, so daß er in seinem grausamen fühllosen Vorsatz beharrte. Alsdann nahm der listige Jüngling die Kleider und alles Zeug, das sie an sich gehabt hatten, legte es in ein Nebenzimmer und befahl ihnen, nicht eben allzu höflich, sich alle drei nebeneinander in das Bett zu legen. Ganz bestürzt und bebend vor Schrecken, riefen sie aus: Wehe über unsere Torheit, was werden unsere Männer, was unsere Eltern sagen, wenn sie erfahren, daß man uns hier so nackt, wie wir sind, ermordet gefunden! Besser wären wir in den Windeln gestorben, als daß die Welt diese Schmach und Schande von uns erfahren soll! Als der Student sie nebeneinander liegen sah wie Mann und Weib, nahm er ein schneeweißes Leintuch, das aber nicht sehr fein war, damit das Gesicht nicht durchschimmern und sie verraten möchte, bedeckte sie damit von Kopf bis Fuß. Dann verließ er das Gemach, verschloß die Türe und suchte ihre Männer auf, die im Saale tanzten. Als der Tanz vorbei war, führte er sie in das Nebengemach, wo die drei Frauen im Bette lagen, und sprach zu ihnen: Ihr Herren, ich habe Euch hierher geführt, um Euch ein kleines Vergnügen zu machen und Euch den schönsten Anblick zu verschaffen, der Euch in Euerm Leben zu Teil geworden ist. Er näherte sich dem Bette mit einer Kerze in der Hand, zog allmählich das Leintuch von den Füßen empor und wickelte es auf, indem er die Frauen bis zu den Knieen bloßdeckte, so daß die Männer die runden weißen Beine mit den zierlichen Füßen sehen konnten, was ein wundervoller Anblick war. Dann enthüllte er sie bis zur Brust und zeigte ihnen die blendenden Schenkel, die zwei Säulen von reinem Marmor schienen, und den gerundeten Leib, dem feinsten Alabaster ähnlich. Hierauf enthüllte er sie weiter, zeigte ihnen den zarten sanftgewölbten Busen mit den zwei festen köstlichen runden Brüsten, die den erhabenen Jupiter gezwungen hätten, sie zu liebkosen und zu küssen. Dies gewährte den drei Ehemännern ein Vergnügen und Ergötzen, das sich nicht denken läßt. Ich überlasse es Euch, zu ermessen, wie es den armen unglücklichen Frauen zumute war, als sie hörten, wie ihre Männer sich an ihrem Anblick weideten. Sie hielten sich ruhig und wagten, um nicht erkannt zu werden, kaum Atem zu holen. Die Männer versuchten den Studenten zu bewegen, auch von dem Gesicht den Vorhang wegzuziehen; er aber, in fremden Angelegenheiten vorsichtiger als in seinen eigenen, wollte nicht einwilligen. Aber dennoch begnügte sich der Student nicht hiermit, sondern nahm die Kleider der drei Frauen und zeigte sie ihren Männern. Diese überfiel bei ihrem Anblick eine gewisse herzdrückende Betroffenheit. Mit steigendem Erstaunen betrachteten sie dieselben näher und sprachen bei sich selbst: Ist dies nicht das Kleid, das ich meiner Frau machen ließ? Ist das nicht die Haube, die ich ihr kaufte? Ist das nicht das Halsgehänge, das ihr vom Hals vor der Brust niederhängt? Sind dies nicht die Ringe, die sie am Finger trägt? Sie verließen das Gemach, um nicht das Fest zu stören, entfernten sich aber nicht, sondern blieben zum Abendessen. Der Student hatte bereits gehört, daß das Mahl fertig und von seinem einsichtigen Haushofmeister vollkommen angeordnet sei, und forderte daher die Gesellschaft auf, sich zu Tisch zu begeben. Während nun die Gäste es sich wohlschmecken ließen, kehrte der Student in das Nebengemach zurück, wo die drei Frauen im Bett lagen, deckte sie auf und sprach: Guten Morgen, meine Damen, habt Ihr Eure Männer nicht gehört? Sie erwarten Euch draußen mit dem heißesten Verlangen. Worauf wartet Ihr? Steht auf, ihr Schlafratzen, gähnt nicht lange, laßt ab, Euch die Augen zu reiben! Nehmt Eure Kleider und schlüpft hinein! Es ist Zeit, in den Saal zurückzukehren, wo Euch die andern Frauen erwarten. So neckte er sie und weidete sich an ihrer Ratlosigkeit. Die trostlosen Frauen fürchteten, ihr Abenteuer werde ein grausames Ende nehmen; sie weinten und verzweifelten an ihrem Heil. So geängstigt und von Schmerz durchbohrt erhoben sie sich und erwarteten nichts sicherer als den Tod. Filenio, sprachen sie zu dem Studenten, du hast vollkommene Rache an uns genommen. Es bleibt nichts mehr übrig, als daß du dein scharfes Schwert nimmst und uns den Tod gibst, den wir über alles in der Welt wünschen. Willst du uns aber diese Gnade nicht erzeigen, so laß uns wenigstens unerkannt nach Hause gelangen, damit unsere Ehre unbescholten bleibe. Filenio glaubte nun genug getan zu haben, holte ihre Kleider, gab sie ihnen zurück und befahl ihnen, sich eiligst anzuziehen. Als dies geschehen war, ließ er sie durch ein geheimes Hinterpförtchen hinaus und so kamen sie beschämt, ohne von jemand erkannt zu werden, nach Hause. Sogleich zogen sie ihre Kleider wieder aus, die sie getragen hatten, verschlossen sie in ihre Schränke, begaben sich aber klüglich noch nicht zu Bett, sondern setzten sich an die Arbeit. Nach der Mahlzeit dankten ihre Männer dem Studenten für die gute Aufnahme, die sie bei ihm gefunden, noch mehr aber für das Vergnügen, das er ihnen gewährt, indem er sie die köstlichen Glieder habe sehen lassen, deren Schönheit die Sonne überstrahlt habe, nahmen Abschied von ihm und kehrten zurück in ihre Wohnungen. Zu Hause fanden sie ihre Frauen in ihrem Kämmerlein neben dem Feuer sitzend und nähend. Weil ihnen aber die Kleider, Ringe und andere Kostbarkeiten, welche sie in Filenio's Kammer gesehen hatten, noch einigen Verdacht erregten, fragten sie, um auch diesen zu beseitigen, jeder die seinige, wo sie den Abend zugebracht habe und wo ihre Kleider seien. Ganz unbefangen antworteten ihnen die Frauen, sie haben diesen Abend das Haus nicht verlassen, nahmen die Schlüssel zu dem Schrein, wo der Anzug verwahrt wurde, und zeigten ihnen Kleider, Ringe und alles, was ihnen ihre Männer hatten machen lassen. Als die Männer dies sahen, wußten sie nicht, was sie sagen sollten, verhielten sich ruhig, erzählten aber doch ihren Frauen alles haarklein, was ihnen an jenem Abend begegnet sei. Als dies die Frauen hörten, stellten sie sich, als wüßten sie von nichts, und nachdem sie das Abenteuer eine Weile belacht hatten, entkleideten sie sich und begaben sich zu Bette. Wenige Tage vergingen, so begegnete Filenio seinen holden Damen mehrmals auf der Straße und sagte zu ihnen: Wer von uns hat mehr Angst ausgestanden? Wer von uns ward übler behandelt? Sie aber schlugen die Augen nieder und antworteten nichts. Und so rächte sich der Student so gut, als er wußte und konnte, für die erlittenen Beleidigungen; ohne alle Gewalttätigkeit, wie es einem Manne geziemt. *   Übertragung von A. von Keller Giovanni Francesco Straparola Simplicio di Rossi In dem Flecken Santa Eufemia unter Campo Sanpietro auf dem Gebiet der berühmten und weit bekannten Stadt Padua wohnte schon vor langer Zeit Ghirotto Scanferla, ein für einen Landmann sehr reicher und mächtiger, aber aufrührerischer Mann und unruhiger Kopf. Dieser hatte eine junge Frau Namens Giliola, die für eine Dörflerin bei allen Leuten für sehr schön galt. In diese verliebte sich heftig ein gewisser Simplicio di Rossi, ein Bürger von Padua, und weil sein Haus nicht weit von dem Hause Ghirotto's entfernt stand, ging er mit seiner Gattin, die artig gesittet und schön war, oft in der Gegend spazieren. Und so viele Eigenschaften die Gattin auch besaß, die sie schätzenswürdig machten, kümmerte er sich dennoch nicht viel um dieselbe und war so sehr von Liebe zu Giliola entzündet, daß er Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe zu gelangen wußte. Er hielt seine Liebe in seinem Herzen verborgen und wagte sie auf keine Weise zu entdecken, teils aus Furcht vor ihrem Mann, teils wegen des rechtschaffenen Wandels der Giliola, teils auch um der klugen Gattin kein Ärgernis zu geben. Herr Simplicio hatte am Hause einen Brunnen, aus welchem so klares, wohlschmeckendes Wasser hervorsprudelte, daß nicht nur Lebende, sondern auch Tote zu ihrem Nutz davon getrunken hätten. Daher kam Giliola morgens und abends und so oft es nötig war zu der klaren Quelle, schöpfte Wasser mit einem aus Zweigen geflochtenen Eimer und trug es nach Hause. Die Liebe, die in der Tat niemand frei ausgehen läßt, spornte Herrn Simplicio unaufhörlich. Da er jedoch das Leben, das sie führte, und den guten Ruf, der dafür bürgte, kannte, wagte er nicht, sich gegen sie zu äußern, sondern weidete sich nur zuweilen an ihrem Anblick und tröstete damit sein Herz. Sie selbst wußte nichts davon und hatte es nie bemerkt, denn als eine rechtschaffene in gutem Ruf stehende Frau hatte sie nur Acht auf ihren Mann und ihr Haus und auf sonst nichts. Als nun eines Tages Giliola an den Brunnen ging, wie sie es im Gebrauch hatte, um Wasser zu schöpfen, traf sie zufällig auf Herrn Simplicio und sagte in aller Einfalt, wie jede andere Frau auch getan haben würde, zu ihm: Guten Tag, Herr! Er aber antwortete ihr: Fick. Er meinte, durch dieses Wort sie aufmerksam und etwas vertraut machen zu sollen; sie aber dachte an weiter nichts, antwortete ihm auch nicht, sondern ging weiter ihren Angelegenheiten nach. Herr Simplicio hatte oft und viel dieselbe Antwort Giliola gegeben, die ihn immer, so oft sie ihn sah, grüßte; sie aber, die seine Bosheit nicht merkte, kehrte ohne aufzublicken nach Hause zurück. Da jedoch Herr Simplicio mit dieser Antwort immer fortfuhr, nahm sich Giliola vor, es Ghirotto, ihrem Manne, zu sagen. Und als sie eines Tages im zärtlichen Gespräche mit ihm war, sagte sie: Mein lieber Mann, ich muß Euch etwas sagen, worüber Ihr vielleicht lachen werdet. Nun was? fragte Ghirotto. So oft ich, versetzte Giliola, an den Brunnen gehe, um Wasser zu schöpfen, finde ich den Herrn Simplicio und sage ihm guten Tag; er aber antwortet mir immer: Fick! Ich habe mich oft und viel über das Wort besonnen, konnte mir aber nie vorstellen, was das heiße: Fick. Und du, sagte Ghirotto, was hast du ihm geantwortet? Ich, antwortete Giliola, ich habe ihm niemals etwas darauf erwidert. Aber in Zukunft, fuhr Ghirotto fort, wenn er wieder zu dir sagt: Fick! so antworte ihm: Fack! Dann sieh zu und merke, was er dir sagt! Sonst aber antworte ihm nichts, sondern geh wie gewöhnlich nach Hause! Giliola ging um dieselbe Stunde wie sonst nach dem Brunnen, um Wasser zu holen, traf Herrn Simplicio und sagte ihm: Guten Tag! Er antwortete ihr nach seiner Gewohnheit: Fick! Giliola aber entgegnete, wie ihr Gatte sie unterwiesen hatte: Fack! Darüber geriet Herr Simplicio in Entzücken, dachte, sie habe seine Liebe bemerkt, meinte, er habe sie jetzt ganz zu seinem Befehl, faßte sich deshalb ein Herz und fragte weiter: Wann soll ich kommen? Giliola aber antwortete nichts, wie ihr Gatte ihr aufgegeben hatte, kehrte nach Hause und sagte, von ihrem Gatten befragt, wie es gegangen sei. Sie habe befolgt, was er ihr vorgeschrieben und als Herr Simplicio sie gefragt habe: Wann soll ich kommen? habe sie ihm nichts geantwortet. Ghirotto, obschon ein Landmann, scharfsichtig genug, die Worte des Herrn Simplicio wohl zu verstehen, wurde sehr ärgerlich, denn er stellte sich vor, daß diese Reden auf etwas anderes hinauslaufen sollten, als Perlen im Dunkeln einzufädeln. Darum sprach er zu seiner Frau: Wenn du wieder hinkommst und er sagt: Wann soll ich kommen? so antworte ihm: Heut' Abend. Dann komm nach Hause und laß mich machen. Als nun der folgende Tag gekommen war, ging Giliola nach ihrer Gewohnheit, um Wasser aus dem Brunnen zu holen und fand Herrn Simplicio, welcher sie mit größtem Verlangen erwartete. Sie sagte zu ihm: Guten Morgen, Herr! Darauf antwortete Herr Simplicio: Fick. Und sie sagte zu ihm: Fack. Er fuhr fort: Wann soll ich kommen? Heut Abend, antwortete Giliola. Recht, sagte er, heut Abend. Giliola kehrte nun nach Hause zurück und sagte zu ihrem Mann: Ich habe ausgeführt, was Ihr mir befohlen habt. Und was hat er dir geantwortet? fragte Ghirotto. Recht, heut Abend, sagte Giliola. Ghirotto, der schon ganz voll war, aber nicht von Nudeln und Makkaroni, sagte: Giliola, komm, wir wollen 12 Säcke Korn messen, denn ich will tun, als ginge ich in die Mühle, und wenn Herr Simplicio kommt, so empfange ihn freundlich und ehrenvoll. Dann halte einen leeren Sack in Bereitschaft neben den mit Korn gefüllten, und wenn du hörst, daß ich nach Hause gekommen bin, so mach, daß er in den bereitliegenden Sack schlüpft, um sich zu verstecken! Das Weitere überlaß mir! Es sind aber nicht so viel Säcke im Hause, als Ihr verlangt, sagte Giliola. So schicke, fiel Ghirotto sogleich ein, unsere Nachbarin Cia zum Herrn Simplicio, und mache, daß er dir zwei leiht, und laß ihm sagen, ich wünsche sie zu haben, weil ich diesen Abend in die Mühle gehe. Und so geschah es. Herr Simplicio, der Giliolas Reden aufs Beste aufgefaßt hatte und nun sah, daß sie zu ihm schickte, um zwei Säcke von ihm zu entlehnen, glaubte wirklich, ihr Mann gehe in die Mühle; hielt sich nun für den glücklichsten und zufriedensten Mann von der Welt, da er sich überredete, sie sei ebenso von Liebe zu ihm entzündet, wie er zu ihr. Aber der arme Narr ahnte nicht, was gegen ihn gesponnen und vorbereitet war, sonst hätte er sich vielleicht etwas vorsichtiger benommen. Herr Simplicio, der in seinem Hofe viel gute Kapaunen hatte, nahm zwei der besten heraus und schickte sie durch seinen Diener der Giliola mit dem Auftrag, sie möge sie zubereiten, denn er werde heute Abend nach der getroffenen Verabredung zu ihr kommen. Als die dunkle Nacht gekommen war, ging Herr Simplicio heimlich von Hause weg und nach Ghirotto's Haus hin, wo er von Giliola artig empfangen wurde. Als er nun die Säcke voll Korn sah, fragte er Giliola, da er geglaubt hatte, ihr Mann sei schon zur Mühle gegangen: Wo ist Ghirotto? Ich glaubte, er sei in der Mühle. Nun sehe ich aber hier noch die Säcke im Hause. Was bedeutet das? Giliola antwortete: Herr, macht Euch keine Gedanken und fürchtet nichts! Es wird alles gut gehen. Es ist nämlich um Vesperzeit sein Schwager ins Haus gekommen, der die Nachricht brachte, seine Schwester sei von einem unaufhörlichen Fieber schwer belästigt, daß er sie wohl morgen nicht mehr am Leben treffen würde. Er stieg daher zu Pferd und ritt weg, um sie vor ihrem Tode nochmals zu sehen. Herr Simplicio, der eigentlich hätte Simpel heißen sollen, nahm dies alles für wahr hin und beruhigte sich. Während nun Giliola geschäftig war, die Kapaunen zu braten und den Tisch zu decken, siehe da kam Ghirotto, ihr Mann, plötzlich in den Hof geritten und sobald ihn Giliola hörte, sagte sie, sich sehr betrübt stellend: Ach weh uns! Wir sind des Todes! Ohne einen Augenblick zu verlieren hieß sie Herrn Simplicio in den Sack schlüpfen, der leer geblieben war. Er kroch hinein, wiewohl nicht ohne Widerstreben und der Sack mit Herrn Simplicio wurde hinten an die anderen Säcke, die mit Korn gefüllt waren, angelehnt, und so wartete sie, bis ihr Mann ins Haus käme. Als Ghirotto ins Haus trat, den Tisch gedeckt und die Kapaunen sah. die in der Pfanne brieten, sagte er zu seiner Gattin: Was bedeutet das, daß du mir ein so kostbares Abendessen bereitet hast? Giliola antwortete: Ich dachte, Ihr werdet recht müd und matt nach Hause kommen und vielleicht erst um Mitternacht, damit Ihr Euch dann etwas erquicken und bei Euren beständigen Anstrengungen in Kräften halten könnt, wollte ich Euch etwas Gutes zum Nachtessen bereiten. Meiner Treu, sagte Ghirotto, daran hast du wohl getan; es ist mir ganz unwohl, ich kann es kaum erwarten, bis ich zu Nacht essen und ins Bett gehen darf, damit ich morgen zeitig in die Mühle komme. Aber ehe wir uns zum Essen setzen, will ich sehen, ob die Säcke, welche nach der Mühle wandern sollen, auch die rechte Schwere haben und voll sind. Er trat zu den Säcken, begann zuerst, sie zu zählen, und fand, daß es dreizehn waren. Er tat, als habe er nicht recht gezählt, zählte also nochmals von vorn und da er wieder dreizehn fand, sagte er zu seiner Frau: Wie kommt denn das, Giliola, daß hier dreizehn Säcke stehen? Wir haben doch nur zwölf zugerüstet. Was soll das nun bedeuten? Sie gab ihm zur Antwort: Ich weiß wohl, daß, als wir das Korn einfüllten, es nur zwölf Säcke waren. Wie aber der dreizehnte hinzukam, das kann ich nicht sagen. Herr Simplicio, der in dem Sacke steckte und wohl wußte, daß es dreizehn waren, aber nicht mit seinem Willen, verhielt sich ganz still, betete leise Vaterunser, verwünschte in seinem Herzen das Weib, seine Liebe und sich selbst, daß er ihr getraut hatte; und wenn er hätte aus ihren Händen kommen können, so wäre er gern geflohen. Aber er fürchtete fast noch mehr den Spott, als den Schaden. Ghirotto jedoch kannte den Sack wohl, packte ihn, schleppte ihn hinaus vor die Tür, die er listigerweise hatte offen halten lassen, in der Absicht nämlich, daß jener, wenn er die Püffe bekäme, freies Feld habe, um aus dem Sack zu kriechen und zu fliehen, wohin ihm behebe. Ghirotto hatte einen zu diesem Zwecke bereitgehaltenen Knotenstock ergriffen und fing nun an, ohne Atemnot so gewaltig auf ihn loszuschlagen, daß ihm am ganzen Leibe kein ganzes heiles Glied blieb und er halbtot am Boden lag. Wäre nicht die Frau gewesen, die aus Mitleid oder aus Furcht, ihr Mann möchte dafür mit dem Bann belegt werden, ihm den Stock aus der Hand riß, hätte er ihn vielleicht getötet. Ghirotto ging daher weg, gab das Unternehmen auf; Herr Simplicio kroch aus dem Sack und eilte nach Hause, so schnell er nach dieser üblen Behandlung vermochte, denn er meinte, Ghirotto mit seinem Stocke sei ihm beständig auf den Fersen. Er legte sich zu Bett und blieb mehrere Tage darin, bis er sich wieder erholt hatte. Ghirotto hatte unterdessen mit seiner Giliola auf Kosten des Herrn Simplicio trefflich zu Nacht gegessen und begab sich nunmehr zur Ruhe. Nach einigen Tagen, als Giliola an den Brunnen kam, sah sie Herrn Simplicio wieder, der in der Halle an seinem Hause auf und ab ging, und grüßte ihn mit heiterem Gesicht, indem sie sagte: Fick. Herr Simplicio aber, welcher noch die wegen dieser Worte empfangenen Schläge fühlte, rief ihr entgegen: Nicht guten Tag! Nicht Fick noch Fack! Ihr kriegt mich nimmer in den Sack! Als Giliola das hörte, schwieg sie und kehrte errötend nach Hause. Herr Simplicio aber änderte nach einer so außerordentlichen Erfahrung seinen Sinn und behandelte seine Frau, die er fast gehaßt hatte, mit großer Aufmerksamkeit und Liebe, und warf seinen Haß auf fremde Weiber, damit ihm fürder das nicht mehr widerfahre, was ihm das Schicksal zu seiner Bekehrung beschieden hatte. *   Übertragung von Walther Petry Ascanio de' Mori Kein Gift, Feigbohnenmehl, aber Hörnerschmuck und gutes Ende Salo, Hauptort am Ufer des Gardasees, zum Brescianer Gebiet gehörend, gebadet von den klaren Wellen des berühmten Benacus, ist ein gar gesitteter Ort, aber sehr unfruchtbar, weil, nur auf einem schmalen Streif hinliegend, es von einem großen Berge überragt, ja fast eingeschlossen wird. Daher kommt es, daß die Einwohner, gewerbsam und vorzugsweise zur Handelschaft geneigt, auch sehr geldreich und stolz sind. Weitere Folge hiervon ist, daß ein beständiger Wetteifer unter ihnen herrscht, und sie oft miteinander um den Vorrang streiten. Etwas ähnliches begegnet an anderen Nachbarorten selten, weil die Bewohner derselben weder solchen Reichtum, noch überhaupt Wohlstand irgendeiner Art besitzen. In Salo also war in früherer Zeit ein Kaufmann, Namens Simone, einst arm und dürftig, durch Handel reich geworden und gut ausgerüstet mit Gütern, die ihm das Glück geliehen. Er hatte große Geschäfte in Venedig, Lyon, in Antwerpen und an anderen Orten glücklich beendet. Dieser kam nun in einen Streit um den Vortritt (eine närrische Laune, die schon in gewissem Betracht Adligen schlecht steht, geschweige Handelsleuten), mit einem anderen Kaufmann, der nicht minder reich, auch nicht minder stolz und töricht war, und der Wetteifer wuchs von Tag zu Tag derart, daß jeder von ihnen sein Haus voll hatte jenes traurigen Geschmeißes, das wir Schächer Scherani, genau Meuchelmörder, eine Art Leibwache. nennen, die aber schicklicher Zerstörer der Hühnerhöfe und Weinkeller heißen könnten; die mit Possen Leute umbringen und in Schrecken setzen; aus ihren garstigen Mäulern nichts hervorzubringen wissen, was nicht durchweg zur Entehrung des Schöpfers gereichte; und die, um ihre törichte Kraft zu versuchen, des Nachts sich damit erlustigen, irgendein armes Weibchen zu peinigen, indem sie Fenster und Türen zerschlagen und tausend ähnliche Belästigungen anstellen. Derlei Gesindel also füllte die Häuser der beiden Kaufleute, daß keiner dem andern es irgend zuvor tue; und damit es ihnen nicht an solchen Leuten fehle, hielten sie mit dem größten Aufwand Beauftragte in den benachbarten Orten, die reichlich und ohne Rücksicht in diesem häßlichen Treiben vergeudeten. Es begab sich nun, daß einer von ihnen, genannt der Barbaccia, zu solchen Geschäften bezahlt und unterhalten von Messer Simone zu Medole Südlich vom Gardasee, an einem bei Borgoforte in den Po sich ergießenden Flüßchen. , sich die Sache recht angelegen sein ließ und nur darauf bedacht, ihm dergleichen Leute zuzuschicken, einen jungen Mann sah, namens Innocenzio, der gemeinhin nur Ciente genannt wurde, der aussah und lebte, wie mehr für die Hacke als für den Degen passend; der den ganzen Tag im Freien umherirrte, belastet und abgemüht von einem Eisenpanzer; Degen und Dolch an der Seite, mit zwei bis drei Schießgewehren im Gürtel, einem verrosteten Sichelspieß auf der Schulter, den Kopf keck zurückgeworfen und die Nase in der Luft. Er war früher seines Handwerks Wollenarbeiter gewesen, hatte Kämme und Kartätschen in den Winkel geworfen und sich in den Kopf gesetzt, sich im Waffenwerk auszeichnen zu wollen. Barbaccia hielt ihn, mit seinem Schwert in der Hand, gut geharnischt und mit Waffen überhäuft und belastet, für einen recht tapferen Mann. Er nahm sich daher vor, ihn mit Messer Simone zusammenzubringen, machte ihm die ausgedehntesten Anerbietungen, versprach ihm guten Sold, Auskommen und Unterhalt nebst reichlicher Tafel, zu der er sich morgens und abends niedersetzen könnte, wenn er sich dazu verstehe, bei Messer Simone in Dienste zu gehen. Barbaccia hatte leichtes Spiel; Ciente wünschte nichts anderes, als, der Anstrengung und der Langenweile gram, diesen zwei Übeln zu entgehen. Er entschloß sich kurz und machte sich ohne weiteren Aufschub mit einem Beglaubigungs- und Empfehlungsschreiben von Barbaccia morgens bei Zeiten nach Salo auf den Weg; kam genau um die Stunde des Abendessens dort an, stellte sich Messer Simone vor und übergab den Brief. Nachdem der ihn gelesen und das ehrenvolle Zeugnis entnommen hatte, das Barbaccia dem Ciente gab, musterte er ihn mehrmals mit seinen Blicken von Kopf zu Fuß, und, ihn geeignet findend für seine Bedürfnisse, nahm er ihn an, umschmeichelte ihn sehr, so daß der gute Gesell nachher bei ihm blieb, Monate und Jahre; und als später Friede erfolgte, fand er den Boden so fett und gedüngt, daß er, wo er bisher als Soldat gekämpft hatte, als Lustigmacher in Dienste ging, weil er in jener anmutigen und sichern Kunst auch viel mehr sein Glück machte, als in dem bittern und gefahrvollen Handwerk des Krieges; war er doch von Natur mehr redselig und witzig, als mutig und stolz. Während er sich nun dort aufhielt, fielen seine Blicke auf ein kleines giftiges Frätzchen, die Tochter eines armen Alten aus dem Gebirge, die sich im Hause des Messer Simone aufhielt und verschiedene Dienste verrichtete. Er verliebte sich mehr als in sie in einiges Geld, das, wie sie behauptete, ihr Vater ihr nebst einer kleinen Hütte als Mitgift geben wolle, eine Hütte, die er nicht weit entfernt in einem Dorfe, Thei mit Namen, besaß. Diese Hütte hatte der gute Kerl mit großen Mühsalen, wie Lasttragen, Holzspalten und anderen ähnlichen Plackereien, denen er sich sein Leben lang unterzog, erworben; Ciente also verliebte sich in die kleine Barschaft, liebäugelte mit dem Mädchen, und es gelang ihm, mit der Empfehlung des Messer Simone, die ihm nicht weniger half als seine eigene Bemühung, sie zur Frau zu bekommen. Als er sie nun besaß, hätte er mit dem Gewinn zufrieden sein können; aber es fiel ihm ein, mit dem Gelde, das sie ihm zubrachte, ein wenig Handel zu treiben, um es in dem Maße zu vermehren, daß er davon in Ruhe leben könne, wenn es ihm einmal entleidet sei, fremdem Brote nachzugehen. Sein Plan gelang um so leichter, als er damals von Herrschafts wegen im Hause seines Gebieters samt seiner Frau Unterhalt finden konnte; dazu kamen noch die Geschenke, die er von demselben und von anderen Ortsangehörigen für seine Späße erhielt, außerdem die Ersparnisse Bartolommea's (so hieß sein Weib) vom Waschen Spinnen und andern dergleichen weiblichen Geschäften, was am Ende des Jahres doch auch ein Sümmchen ausmachte. Aber das Geschick setzt sich menschlichen Gedanken gern entgegen, und so widerfuhr es auch ihm und ließ ihn tölpischerweise etwas ganz anderes ernten, als er erwartet hatte. Er stattete nämlich Bartolommea weit mehr in die Augen fallend als ihrem Stande angemessen war aus, und da sie genötigt war, bald da bald dort in fremde Häuser zu gehen, an den See zum Waschen und andere Geschäfte besorgen mußte, da er sie ferner als viel kecker und lebhafter denn billig war kannte, auch aus Erfahrung wußte, daß sie auf gewisse Dinge mehr aus war, als Katzen auf Speck, wurde der arme Tropf so völlig eifersüchtig, so übel aufgelegt, daß weder er noch sie eine gute Stunde mehr hatten; er, wegen des unermüdlichen Wurms, der ihm am Herzen fraß, sie, weil der eifersüchtige Narr beständig die Fäuste auf ihrem Rücken übte. Er gab daher den Plan mit dem Handel ganz auf; dachte an kein Geschäft mehr, als sich selbst und sein armes Weib zu plagen; wenn er zum Unstern je bemerkte, daß sie sich umsah, stieg ihm das Blut in den Kopf; vermeinend, sie schlage ihm ein Schnippchen und sende ihn nach Hornberg, überhäufte er sie mit Schlägen; sie mochte nun umsehen oder nicht, sprechen oder schweigen, gehen oder bleiben, immer hatte er einen Grund, sie zu verdächtigen; kurz, sie konnte gar nichts tun, was ihm gefiel. Jeden Morgen machte sich der Unglückliche ein arges Vergnügen daraus, ihr zuzumuten, daß sie ihm erzähle, was sie nachtüber geträumt habe. Da ertappte er sie denn ein über das anderemal auf einem Wörtchen, das, gehörig hin und her gedreht, verdächtig werden konnte; dann aber die Faust ans Geschäft! Ich übergehe Schimpf- und Scheltworte, die er ihr dabei flüsterte, indem er sie leichtsinnig, schamlos und untreu nannte. Das arme Weibchen, das sich in so gottlose Hände gefallen und unschuldiger Weise so schlecht behandelt sah, wußte sich gar nicht mehr zu helfen und zu raten, und sah keinen Ausweg. Ihr Vater war erst vor kurzem gestorben, ihre Mutter lange zuvor schon; treue Freunde hatte sie keine; und von ihren Verwandten war sie weit entfernt. So trieb sie die Not, die aus Schwachen und Schüchternen Helden emporzwingt, nachdem ihr verschiedenste Entschlüsse durch den Kopf gegangen waren, endlich auf den Gedanken, (den sie auch, wie es bei verzweifelten Weibervorsätzen zu gehen pflegt, hartnäckig festhielt), den Mann zu vergiften und ihn sich so vom Halse zu schaffen. Sie nahm sich vor, die erste Gelegenheit zu benützen, ihren festen und wackren Vorsatz auszuführen; das Schicksal zögerte nicht, ihr eine solche zu bieten. Ciente war eines Tages genötigt, wiewohl ungern und nach vielen Krümmungen und Windungen wie eine Schlange die man zum Zaubern treibt, er war genötigt, in Dienstangelegenheiten mit Messer Simone auszugehen, fünf Meilen von seiner Wohnung weg dem Ufer des Sees entlang. Er hatte seiner Bartolommea beim Abschied die Weisung erteilt, sich, wenn er zurückkehre, wieder so von ihm finden zu lassen, wie er sie beim Weggehen verlasse, sonst solle sie auf sein Messer oder einen Strick um den Hals gefaßt sein. Sie hatte aber bereits die Furcht und damit auch Tränen und Seufzer verbannt und einen Mut gefaßt, der, innersten Ursprungs, über ihr Geschlecht hinausging. Kaum sah sie ihn also von seinem Hause weggehen, war sie der Ansicht, der günstige Augenblick zur Rache sei gekommen und fing an, ihren Entschluß kühnlich ins Werk zu setzen. Im Nu hatte sie ihren Rock übergeworfen, verhüllte nach Landessitte den Kopf, nahm den Weg unter die Füße und eilte nach der Apotheke mit ein paar Pfennigen, die sie sich zuvor von ihrem Gatten zu diesem Zweck gebettelt und in einem kleinen Loche der Mauer einer armseligen Hütte verborgen hatte, die Ciente hart an der Wohnung Messer Simone's gemietet hatte. Sie erreichte die Apotheke, grüßte artig den Apotheker und verlangte von ihm Gift für die Mäuse, die ihr, wie sie behauptete, die Bettücher und was noch schlimmer, die Kissen selbst zernagt hatten; weshalb die Federn herausgingen und sie genötigt sei, auf dem Boden zu schlafen. Dem Herrn Apotheker, der der boshaftigste und weibersüchtigste Mann von der Welt war, stach sie gleich in die Augen; er bekam Absichten auf sie; antwortete ihr liebevoll und warf ihr allerlei höfliche und freundliche Worte zu, die lauter Schlingen waren, aber auf ihr Begehren nach Gift garnicht paßten. So neckte er sie einige Zeit und da sie sich, um ihren Zweck zu erreichen, nicht spröde zeigte, tastete er weiter und versuchte immer schmeichelndere Worte und Scherze. Sie aber, deren Gedanken durchaus auf den Tod ihres Mannes gerichtet waren, und die nichts anderes wünschte, lag ihm fortwährend um das Gift an. Zuletzt, als sie sah, daß er gar nicht auf ihre Angelegenheit einging, und daß sie nur Zeit verliere, sagte sie: Seid so gut, Messere, macht, daß ich fertig werde, ich habe keine Zeit, hier zu verweilen. Da ist Euer Geld. Meister Gian, der seine Augen gar nicht von ihr wegbrachte, und der nicht übel in Flammen stand, da sie ihm reizend und wie für ihn gemacht vorkam, der auch nicht wußte, wer sie war, beschloß, sie nicht unbefriedigt zu entlassen; aber auch seinerseits von ihr Befriedigung zu begehren. Deshalb setzte er hinzu: Kommt herein, schöne junge Frau, daß ich Euch besser anhöre, denn ich habe Euch nicht recht verstanden, und von dergleichen Dingen darf man nicht zu laut reden. Sie fügte sich willig, denn sie hatte im Hause des Messer Simone Zutrauen gelernt. Als sie nun in die Bude getreten war, gedachte der wackere Apotheker, der sich so nahe der Quelle fand, ohne viel von ihren Angelegenheiten zu wissen, sie unter allen Umständen zu seinem Vergnügen zu benützen, und als ein alter Fuchs wohl wissend auf wieviel Beinen man gehen kann, auch mehr als mit einer Braut in seinem Bett schon fertig geworden, nahm er die Lage wahr, daß sie, wenn sie nur das Gift erhielte, sich ihm wohl ergeben werde, zumal sie mit fast leerer Hand gekommen war. Auch merkte er an der Dringlichkeit ihres Begehrens, daß sie kein Gift verlange, um Mäuse töten, sondern um irgendein Unheil anzustiften, und daß sie, um es zu bekommen, sich jedem noch so harten Wagnis hingeben würde. Nachdem er also in Gedanken ins Reine gebracht hatte, wie er es anstellen wolle, ihr ohne jemandes Nachteil ihren Willen zu tun und sie seinen Wünschen geneigt zu machen, sagte er zu ihr: Meine Schöne, weiß Gott, ich möchte Euch von Herzen gern dienen, und nicht allein mit dem, was Ihr von mir verlangt. Aber wir Apotheker dürfen dergleichen Ware keinem Menschen auf der Welt geben, wenn wir ihn nicht aufs Genaueste kennen, es steht Todesstrafe auf Übertretung. Darum weiß ich zu meinem größten Bedauern Euch nicht gefällig zu sein. Die Frau merkte wohl, daß, wenn sie das Gift nicht bekomme und sie diesmal ihren Höllenteufel nicht aus dem Wege schaffe, sie Gefahr laufe, einmal selber das Leben einzubüßen. Daher bat sie ihn von neuem inständigst. Dies war aber dem neuen Liebhaber nur eine weitere Aufforderung, sie nicht weggehen zu lassen, ohne seine Absicht erreicht zu haben. Sie versicherte ihn bei ihrer Ehre als rechtschaffene Frau, sie wolle es zu nichts, als um Mäuse zu vergiften. Er war boshaft genug, sie hinzuhalten und auszuforschen und fuhr fort: Wahrhaftig, ich sehe nicht, wie ich Euch dienen kann, ohne die augenscheinlichste Gefahr für mein Leben. Und ich hoffe, Ihr werdet mir nicht zumuten, dieses aus so geringfügigen Veranlassung aufs Spiel zu setzen. Wehe mir, versetzte sie – und Tränen rollten ihr über die Wangen; es kostete sie keine große Mühe, ihren schönen Augen, die wie Feuerflämmchen glühten, heiße Tropfen zu entlocken, darum auch den Apotheker um so heftiger angriffen und ihm große Hoffnung einflößten – wehe mir, versetzte sie, um so mehr von Begierde glühend, ihren Zweck zu erreichen, je mehr ihr die Hoffnung darauf in die Ferne rückte. So wollt Ihr also zugeben, daß die verruchte Brut mir mein bißchen Hausgerät zugrunde richtet, das ich mit soviel Mühe erworben habe? Grausamer Mann! Was für Unheil meint Ihr denn, das ich anstellen könnte? Haltet Ihr mich für verrückt? Traut mir doch nicht solche Albernheit zu, daß ich etwas mache was nicht ganz recht wäre. Ich bin nicht von der Art. Die Gründe, die Bartolommea mit soviel Feuer vortrug, steigerten den Verdacht, die Begier und die Kühnheit des klugen Apothekers. Er entgegnete von neuem: Seht, schöne Tochter, ich habe Euch gesagt, welchen Schaden es mir bringen könnte, wenn ich Euch dieses Gift leichtfertig verabreichte. Indeß, da ich Euch ansehe, daß Ihr verständig und rechtschaffen seid, und es mir leid täte, wenn diese verdammten Tiere eine Frau zu Grunde richteten, der ich jedes Heil und Gedeihen wünsche, wenn es mich auch mein eigenes Herzblut kosten sollte, so will ich ... Hier faßte er sie ans Kinn, und da sie stille hielt trat er näher und fuhr fort, ihr mit gedämpfter Stimme fast ins Ohr sprechend, um seinen Worten desto mehr Glauben zu verschaffen: Ich bin bereit, Euch den Gefallen zu tun, wenn Ihr mir Eure Liebe dafür schenkt und versprecht, daß nie ein lebendes Wesen eine Silbe davon erfährt; denn Ihr wäret die Ursache meines ganzen Verderbens. Es brauchte bei dieser Frau nicht viele Worte und Anerbietungen; er durfte nicht mit solcher Vorsicht zu Werke gehen, sie war ja kein Tiger, nicht einmal eine Lucrezia; sie hatte vielmehr den Entschluß gefaßt, ihrem Manne etwas anzutun und noch schlimmer mit ihm umzuspringen; sie achtete also das für nichts, da es ihr nichts kostete, als die Mühe, das Kleid ein wenig aufzuschlagen, zumal sie sich bei jeder Gelegenheit so verhalten zu können dachte, daß man keine Spur davon merke. Wozu also solche Listen und Künste, da sie vollkommen gestimmt war, jeden Frevel zu begehen, nur um ihren gottlosen Zweck zu erreichen? Kurz, sie ließ sich nicht lange bitten, sondern schlug die Augen nieder, gab seinem Gesuche nach und ließ sich von ihm leiten, der sich ihrer schon, wie ein Raubvogel seiner Beute, bemächtigt hatte. Er nahm sie bei der Hand, führte sie in ein gewisses geheimes Kämmerchen, wo er ein Bett bereit hatte, das für dergleichen Geschäfte ganz passend war, und klopfte ihr hier weidlich den Staub aus. Ehe er aufstand, mußte er sorglichst ..., was Ciente aufs Strengste ... bei seinem Weggange befohlen hatte. Sodann reichte er ihr statt des Gifts Feigbohnenmehl, schärfte ihr noch mehrmals ein, alles geheim zu halten, bat sie, von Zeit zu Zeit wieder bei ihm einzusprechen, wenn sie etwas brauchen könne was er habe, seine Töpfe würden für sie niemals leer sein, wie sie es jetzt auch erfahren habe. Er schenkte ihr noch ein paar Geldstücke und entließ sie. Nun konnte er aber kaum den Augenblick erwarten, wo er seinen Freund Ciente spräche, mit dem er als lebenslustiger junger Mann schon lange auf vertrautestem Fuß stand und dem er freigebig schöne Geschenke machte, so sehr sich erfreuend an seiner ergötzlichen Laune. Ciente hatte es sich deßwegen zur Pflicht gemacht, ihn täglich zu besuchen und wenigstens ein Stündchen ihn mit irgendeinem seiner Späße zu unterhalten, an denen er, wie gesagt, reich war. Heute also, schien dem Apotheker, blieb er allzu lang und gegen seine Gewohnheit weg; er fand keine Ruhe vor der Lust, ihm die Posse zu erzählen, die ihm so glücklich gelungen war. Ciente verfehlte auch nicht, sobald er von der Begleitung des Messer Simone zurückkam und er in seiner kleinen Wohnung jeden Winkel ausgespäht und nach seiner verdächtigen Frau geschaut hatte, ohne irgend etwas Unrechtes zu bemerken, zu erscheinen; vielleicht hatte er nicht seine scharfe Brille auf der Nase. Die Frau, sobald sie von ihrem Freunde los war, hatte sich eiligst und geraden Weges nach Haus begeben, dort eingeschlossen und war nun auf die Ausführung dessen bedacht, was sie ausgesonnen hatte. Sie erwartete ihren Gatten, um ihn sich so schnell wie möglich aus den Augen zu schaffen; sie war überzeugt, wenn er ihr bisher Prügel gegeben habe, werde er sie künftig, nachdem sie ihn mit Hörnern geschmückt hatte, blutig schlagen. Da es aber noch lange war bis zum Abend, und er von neuem ausgegangen war, nahm sie andere Geschäfte vor. Der gute Esel oder vielmehr Hirsch kam also in die Bude des Apothekers und dieser trat ihm entgegen, konnte aber gar nicht sprechen vor lauter Lachen, das in reichem Maße hervorplatzte und immer zunahm, je mehr er sich des Vorfalles erinnerte, so daß Ciente sich gar nicht denken konnte, weshalb sein guter Freund so wiehere. Als sich nun das Gelächter des Apothekers etwas mäßigte, ließ er Ciente sich gegenüber sitzen, um ihm die Geschichte zu erzählen. Da begann denn der Sturm von neuem und zog auch den guten Hornmeister mit in seine Kreise, der freilich keinen anderen Grund zum Lachen, als das Gelächter seines Freundes wußte, das ihn freilich sehr dazu aufforderte. Zuletzt erfuhr jedoch Ciente die Ursache und darauf lachten sie beide von neuem lange Zeit. Ciente wünschte aber nun womöglich die Frau zu kennen, um zu sehen, ob er auch anbeißen könne; denn er besaß neben manchem andern auch die Tugend, sich nicht mit der häuslichen Kost zu begnügen. Er bat ihm den Gefallen zu tun, ihn gelegentlich mit ihr bekannt zu machen. Er konnte dies leicht von seinem Freunde erlangen, zumal der Apotheker ebensoviel Verlangen hatte, sie ihm zu zeigen, als jener, sie zu sehen. Der Apotheker versprach ihm also, sobald sich Gelegenheit gebe, sie ihm vorzustellen, er hätte sie leicht aus tausenden wiedererkannt. Köstlicherweise hatten sie nun kaum soweit gesprochene, als die schöne Bartolommea, beladen mit Wäsche aus dem Hause Messer Simone, die sie nachdem See trug, vorüberging. Sobald der Apotheker sie bemerkt und deutlich erkannt hatte, winkte er seinem Freunde und sagte zu ihm: Da ist sie, diese ists, die eben vorübergeht. Man darf glauben, daß er nicht zu einem Tauben sprach. Ciente war ganz munter geworden, als er ihr Lob singen hörte, und wäre in hundert Jahren nicht darauf gekommen, daß man so von seiner Frau spreche, hatte vielmehr gemeint, es sei eher jede andere, als sie. Neugierig fuhr er daher in einem Nu auf sie los, um ihr ins Gesicht zu sehen und sie nach Herzenslust zu betrachten; ja, während er sonst immer seinem Wesen nach träg und langsam war, zeigte er sich nunmehr so rasch und gewandt, daß der Magister sich nur darob verwunderte, der nicht wußte, daß er ihn kurz vorher in eine andere Gattung von Wesen verwandelt hatte. Nun aber, da Ciente sie erblickte und sie recht ins Gesicht faßte und sie als seine Bartolommea erkannte, auf die er so eifersüchtig war, die er mit solcher Sorgfalt hütete und in so aufmerksamer Pflege hielt, mag man sich denken, ob ihm nicht die Grillen aus dem Kopfe wichen, ob er nicht schnell seine Liebesgelüste verscheuchte, verstummte und ein stechendes Weh im Herzen fühlte! Er schlug die Blicke zu Boden, sah selber aus wie der Boden, ja, der Arme wäre fast umgesunken und des Todes gewesen. Dann war er nahe daran, verrückt zu werden, sich zu verfluchen und wider sich selbst zu wüten. Was sagte er nicht alles? Was tat und dachte er nicht! Kurz, er entlief, ohne lange Abschied zu nehmen. Grausam, wie er war, zerkratzte er sich das Gesicht, biß sich auf Lippen und Finger und lief nach Hause, um dort seine Frau zu erwarten und sie abzuschlachten, sobald sie heimkäme. Der Apotheker war gleichfalls erstaunt über das, was er gesehen hatte, besann sich hin und her, und kam endlich auf die Vermutung, Ciente müsse bei der Sache sonderbar beteiligt sein. Er eilte der Frau nach, und als er sie erreicht hatte, fragte er sachte nach ihren Verhältnissen; wußte ihr auch so zu schmeicheln, daß sie, der der Umgang mit ihm außerordentlich gefallen hatte, und die, um nur beständig um ihn zu sein, sich gern dazu verstanden hätte, ihm in der Bude zu dienen, den ganzen Tag den Pfefferstößel zu regieren und im Gang zu halten, auch sämtliches Geräte zu reinigen, daß sie, sage ich, ihm offenbarte, wie bitter ihre Lage sei, ihm alle Geheimnisse ihres Lebens enthüllte und endlich mitteilte, daß sie Ciente's Frau sei. Der Apotheker war hierüber so verwundert als verdrießlich und ärgerlich; aber er sah ein, daß ein Stein, der einmal geworfen ist, nicht wieder zurückkommt und daß Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann; beschloß daher ein zweckdienliches Linderungsmittel in Anwendung zu bringen. Zuvörderst unterrichtete er die Frau von allem, was ihm mit ihrem Gatten begegnet war und von dem, was ihr drohe, wenn sie jetzt nach Hause zurückkehre, und fügte bei, wie sie am besten tue, sich in ihre Lage zu fügen. Sie war darüber ganz verblüfft, und unfähig, sich selbst zu helfen, legte sie ihm ihre Lage ans Herz mit der Bitte, ihr beizustehen. Sie warf sich ihm in die Arme und bat unter vielen Tränen, nachdem er sie in ein solches Labyrinth geführt habe, auch um Aushilfe besorgt zu sein, daß sie mit heiler Haut sich zurechtfinde. Ganz freundlich führte er sie daher in seine Wohnung, da er dort keine Frauen im Hause hatte, mit der Absicht, zu sehen, wie er noch vor Sonnenuntergang für die Wunde seines Freundes eine Salbe oder ein Pflaster fände, um der Anmut seiner Unterhaltung nicht verloren zu gehen. Die Sache nahm jedoch eine andere viel gelegenere Wendung. Denn ob er in Ciente auch einen angenehmen Gesellschafter verlor, so gewann er doch mit seiner Gattin eine noch viel angenehmere Gesellschafterin; und wenn sie auf lange Zeit ihren bösen Mann los wurde, so tauschte sie dafür einen braven Liebhaber. Wie gesagt, es ging alles anders und alles kam doch zu gutem Ende. Denn als der neue Aktäon seine Frau bis zum Einbruch der Nacht erwartet hatte und sie nicht kommen wollte, merkte er, wie die Sache gegangen sein könnte, und änderte seinen Plan. Er packte zusammen, so viel er tragen konnte, und ging fort, ehe es Tag wurde, da er sich dachte, die Posse würde auskommen (wie es auch wirklich geschah), und dann könne er sich nicht mehr öffentlich sehen lassen. Wie eine lichtscheue Eule kehrte er daher in seine Heimat zurück, schalt sich für seine Eifersucht, aber freilich zu spät; und gestand sich, daß ihm das ganz recht geschehe. Aber auch in dem Ort blieb er nicht lange, das behende und geschwätzige Gerücht verbreitete die Sache auch in Medole und der arme Schelm sah sich genötigt, auch von dort wegzugehen, bis die Zungen stille wurden und die Nachrede einschlief. Endlich kehrte er zurück, hatte sich in eine andere sanftere Gemütsart gewöhnt und durch die Vermittlung seiner Freunde und des Apothekers, der ihm weiß machte, alles sei nur ein Traum gewesen, söhnte er sich wieder mit seiner Frau aus. Er traf sein Haus gut bestellt; sah seine Frau schöner als je. Bei der Aussöhnung aber, die er wünschte, mußte er das Versprechen ablegen, die Eifersucht völlig zu verbannen. Und das tat er auch. Sie lebten nachher lange in ungetrübtem Frieden und er begehrte nicht zu wissen, wie sie gelebt habe, solange er entfernt war, um ja nicht auf das zu treffen, was er nicht gerne gefunden hätte, und was den Eifersüchtigen gerade so oft begegnet. Daraus entsprang denn für die schöne Bartolommea manchmal eine bequeme Gelegenheit, sich unbeschrieen der Liebe ihres klugen Apothekers zu erfreuen, so daß keinem von beiden ihre Freundlichkeit fehlte, zu dritt sie glücklich waren. *   Übertragung von A. v. Keller Celio Malespini Wagen gewinnt Drei heitere Burschen aus der Stadt Arezzo in Toscana, von denen der eine Giannozzo di Pippo, Cechino Leali der andere und der dritte Simeone Miniati hieß, wollten gern die stolze Stadt Venedig sehen, machten sich also in der Absicht und dem Gedanken dorthin auf den Weg, dort durch Arbeit oder Dienst bei Edelleuten ihr Glück zu versuchen. Bei geringem Geldvorrat zu Fuße wandernd, langten sie nach wenigen Tagen in Venedig an, nahmen so gut sie wußten und konnten eine Herberge in dem Hofe Barozzo, im Hause einer ehrlichen armen Frau, wo sie sich sehr knapp hielten, da sie nur noch wenige Bajocke übrig hatten. Es war gerade zur Fastenzeit, wie sie da nun eines Abends über die Brücke bei Santa Maria Formosa gingen, die auf die Straße Gaglioffa führt, erblickten sie in einem Kramladen eine Frau, die allerlei Fettbackwerk machte, und heiß, wie es aus dem Kessel kam, es in einem großen irdenen Napf auf ihrem Schautisch auslegte, um es an den Liebhaber zu verkaufen. Bei dem Anblick, dem Dampf und Geruch desselben kamen die wackern Burschen fast außer sich vor gewaltigen Gelüsten und das Wasser lief ihnen im Munde zusammen. Sie hatten kein Geld, um es sich zu kaufen, und waren doch nicht mit dem Anblick zufrieden; vielmehr ließ ihnen die Begier keine Ruhe und ihr Herz schmolz vor Verlangen, alle die Kuchen unter die Zähne zu bekommen und zu verschlingen. Da sagte Cechino, der jüngste unter ihnen und verschlagener als die andern, zu diesen: Soviel ich sehe, würdet ihr, so gut wie ich, wenn es anginge, euch einen rechten Bauch voll von diesen Dingen nehmen, die, wie ihr seht, noch immer dampfen. Darum will ich euch die Art und Weise zeigen, wie sie unser werden. Wie, antwortete Giannozzo, willst du denn das anstellen, da wir kein Geld haben, um uns davon zu kaufen? Ja er fügte bei: Wie bist du ein Narr, da du doch weißt, daß wir alle zusammen nicht mehr haben als sechs Kreuzer; wenn wir diese hingeben, was bleibt uns dann für unser Abendessen? Und wenn wir morgen auch noch essen wollen, so ist das die Hauptsache. Wahrlich, sprach Simeone, ich will sagen, du seist ein ganzer Kerl, wenn du das, was du sagst, ins Werk zu setzen wüßtest. Nur gemach, Bruder! Sachte! sagte Cechino. Ist's euch nicht recht, wenn wir sie zu essen kriegen? Nun, wie willst du es denn anfangen? antwortete Simeone; sonst scheinst du mir ein rechter Ochs mit deinen Reden. Laß es ihn sagen, sprach Giannozzo. So rede doch, zum Henker! So hört mich an! erwiderte Cechino. Du, Giannozzo, gehst in die Bude hinein und kaufst um deine sechs Kreuzer Zibeben, von denen, wie du siehst, dort auf dem Vorsprung ein ganzer Korb voll steht. Nimm dabei, so sehr du kannst, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch! Während er nun einkauft, packst du, Simeone, die Schüssel mit den Kuchen, läufst damit davon und erwartest uns auf dem freien Platz, und sehe ich, wider Erwarten, dir jemand nachlaufen, so halte ich ihn in dem engen dunkeln Gäßchen auf. Eh sich das Weib losmacht und aus ihrem Laden wegkommt, bist du mit deinem Raube schon auf dem freien Platz, wo wir dich aufsuchen und mit dir teilen. Meint ihr jetzt, ihr Tölpel, ich sei imstande, den Faden zu finden, an dem sich dieser Knäuel abwickeln läßt, und auszuführen, was ich sagte, daß die Kuchen unser werden sollen? In der Tat, antworteten die andern, du bist ein listiger Kuchenbäcker. Aber gehen wir frisch ans Werk, eh die Kuchen kalt werden! Ich will zusehen, sagte Ciannozzo, meine Rolle zu spielen; bereitet ihr andern euch auf die eurige vor! Er trat in die kleine Bude und sagte: He, Frau, gebt mir doch um zwei Soldi von diesen Zibeben! Wieviel verlangt Ihr denn für das Pfund? Fünf Marchetti, antwortete sie; aber weil Ihr es seid, will ich ein halb Pfund für zwei Soldi geben. Wägt es, sagte er, aber seht zu, daß Ihr mir es nicht zu knapp macht! Seid ruhig, antwortete sie, ich werde Euch geben, was Euch gehört. Als nun Simeone sie mit dem Abwägen der Zibeben beschäftigt sah, bemächtigte er sich rasch der Schüssel mit den Kuchen, lief damit an den verabredeten Platz, wo er seine Genossen erwartete und unterdessen ein wenig davon aß, um sich zu überzeugen, ob sie gut seien. Als die arme Frau sah, daß man ihr Backwerk stahl, erhub sie ein Geschrei und sprach: Packt ihn! Packt ihn! Kuchen gestohlen! Sie lief eiligst aus dem Laden und wollte nachjagen, aber der schlaue Cechino vertrat ihr den Weg und sagte: Was ist Euch widerfahren, gute Frau! Der Schelm, antwortete sie, der dort läuft, hat mir eine ganze Schüssel voll Kuchen gestohlen, die ich eben in dem Augenblick aus der Pfanne genommen habe. Wer sie mir wiederbrächte, und wenn auch nur teilweise, dem würde ich gut lohnen. Gute Frau, sagte er, bleibt nur zurück! Der Kerl läuft schneller als der Wind und hat in seiner wahnsinnigen Hast mich fast über und über gerannt. Während nun das arme Weib über den Verlust ihrer Pfannkuchen jammerte, trat auch Giannozzo zu ihr, dem sie Zeit und Weile gelassen hatte, sich die Taschen voll Zibeben zu stopfen, und sagte: Da, Mutter, nehmt Euer Geld! Da ich Euch so in Anspruch genommen sah, hätte ich davon laufen können, ohne Euch zu bezahlen, aber ich halte es nicht für recht, andern ihre Sache abzunehmen, ohne dafür zu zahlen. Gott segne Euch, mein Sohn, antwortete sie. Ihr seid doch keiner von den Spitzbuben. Ich bitte Gott, daß er am ersten Kuchen, den er in den Mund steckt, ersticken möge und krepieren. Nach diesen frommen Worten ging sie wieder in ihren Kramladen hinein und fing aufs neue an, Pfannkuchen zu backen. Am folgenden Tag aber ließ sie, um der Gefahr, wieder bestohlen zu werden, zu entgehen, um ihr Schauspinde her ein Gitter machen. Die drei windigen Gesellen konnten kaum die Zeit erwarten, ihren Raub unter sich zu teilen, trafen hinter der Kirche bei den drei Brücken zusammen, wo ihre hungrigen Mägen die Pfannkuchen alle in einem Augenblick verschlangen, und da sie darauf fast vor Durst umkamen, machten sie sich über die Zibeben her, deren Giannozzo um seine zwei Soldi, da er sich gut gewogen, mehr als sechs Pfund eingesteckt hatte. Während sie so speisten, hörten sie leise über ihnen ein Fenster öffnen und eine Stimme flüstern: Liebes Herz, ich komme jetzt gleich und lasse Euch ein! Wartet nur noch ein bißchen, liebe Seele! Die Nacht war stockfinster und voll von einem dichten Nebel, der vom Himmel sank, überdies heftig kalt und man konnte durchaus niemand unterscheiden. Der verwegene Cechino sprach also: Das ist gewiß irgendein gutes Abenteuer. Ratet ihr mir, daß ich hineingehe, wenn sie aufmacht? Wer weiß, es könnte vielleicht zu meinem Glück ausschlagen. Auf jeden Fall, fügte er hinzu, sind wir jetzt in eine verzweifelte Lage geraten, und wenn wir leben wollen, so müssen wir etwas wagen. Was sagt ihr dazu? Soll ich gehen? Meinetwegen geh, antwortete Simeone; das ist deine Sache. Du wärest ein rechter Narr, sagte Giannozzo, wenn du hineingingst; du weißt ja gar nicht wohin, und da du nicht der bist, dem sie ruft, so könnte sie, sobald sie dich sieht, anfangen zu schrein: Zu Hilfe! Ein Dieb! Ein Dieb! Denn dafür müßte sie dich doch halten. Dann flieh, wenn du kannst und weißt wohin! Nein, mach es wie ich und menge dich nicht darein. Herr Gott, was können sie mir denn tun? antwortete er; ich bin kein Dieb; und wenn sie mich nun auch auf ihr Schreien erwischten, könnte ich dann nicht immer sagen, ich sei ein Fremder, und sei, weil sie mich gerufen habe, hereingekommen, um zu hören, was sie von mir wolle? Dann würde Jacopo Salvaiti jedenfalls für mich aussagen, daß ich ein ehrlicher Mann bin, da ich über drei volle Jahre bei ihm in Florenz gewesen bin und noch bei ihm sein würde, wenn er nicht hierhergezogen, und hätte mein Vater nicht, der damals noch lebte, durchaus nicht einwilligen wollen, daß ich mit ihm wegziehe, weshalb ich also seinen Dienst verließ. Tu, was du willst! Deine Gründe sind nicht übel, sagten die andern. Wenn aber wir dir raten sollen, so gehst du nicht hinein. Willst du dessen ungeachtet, so tu nach deinen Gelüsten! Geht es dir schlimm dabei, so wird es uns zwar sehr leid um dich tun, allein du kannst dich über niemand beklagen als über dich selbst. Nun kurz und gut, sagte er, ich bin entschlossen, hineinzugehen. Beim heiligen Leibe Judä, was wird es denn auch geben? Ich weiß mein Gesätzlein schon, und wer mir etwas anhaben will, der muß sehr schlau zu Werk gehen, wenn ich es nicht merken soll. Geht ihr immerhin in unsere Herberge! Ich bleibe hier allein und werde der Dinge, die da kommen, gewärtig sein. Ihr mögt inzwischen für mein gutes Glück beten, daß es mir günstig sei; denn wenn ich irgend etwas Hübsches daraus fische, wie mir schwant, so sollt auch ihr euer Teil davon abkriegen. Nur wartet auf mich, denn ich höre sie schon die Treppen herunterkommen, um mich einzulassen. Sobald die zwei Gesellen erkannten, daß sein Entschluß gefaßt und er nicht mehr davon abzubringen war, kehrten sie in die Herberge zurück und ließen den verwegenen Cechino an der Türe warten, bis ihm aufgemacht würde. Es wohnte in diesem Hause ein reicher portugiesischer Kaufmann, der nur eine einzige unglaublich schöne und reizende Tochter hatte, die, da er Witwer und schon sehr alt war, seine einzige Freude und Trost wurde. Ein Edelmann aus der Stadt hatte sich heftig in sie verhebt und das Glück war ihm auch so günstig und geneigt, daß er bald bei ihr die ersehnte Frucht der Liebe pflückte. Er war nun gewohnt, fast jeden Montag Abend um die erste Stunde der Nacht sich an ihrer Türe einzufinden; sie räusperte sich dann und er gab ihr das Zeichen zurück, worauf sie ihn alsbald einließ, mit der größten Gefahr durch den Saal, an den das Schlafzimmer des Vaters stieß, und von da in eine Vorratskammer führte, die voller Ballen Baumwolle lag. Mitten unter diesen hatte sie sich künstlich einen gewissen Raum wie ein kleines Zimmer zurecht gemacht, über diese Wollsäcke hatte sie weiße Leintücher mit trefflichen seidenen Decken gebreitet, in welchen sie sich dann niederlegten und miteinander die ganze Nacht, ja zuweilen den ganzen Tag in den Freuden der Liebe zubrachten. Niemand im Hause außer ihr hatte den Schlüssel zu diesem Orte, und sie ließ auch nie jemand hinein. Sie hatte zur Erfrischung ihres Liebhabers immer die köstlichsten Weine, schmackhaftesten Speisen und verschiedenes Zuckerwerk, womit sie ihn solange unterhielt, bis sie ihn auf dieselbe Weise, wie sie ihn hereingeführt hatte, am folgenden Abend wieder wegbringen konnte. Nun hatte das schöne Mädchen das Geräusch und Geflüster der drei lustigen Gesellen, die die Pfannkuchen aßen, vernommen, und es war gerade der Abend, der den Freuden und Ergötzlichkeiten ihrer Liebe gewidmet war. Deshalb bildete sie sich ein, es war ihr Liebhaber. Sobald sie daher konnte, ließ sie ihn ein, nahm ihn bei der Hand und führte ihn, wie sie zu tun pflegte, ohne ein Wort zu sprechen, mit großen Schritten im Finstern weiter nach dem Boden, und als sie in ihrem Zimmerchen ankamen, schlang sie die Arme um seinen Hals, küßte ihn zärtlich und sprach: Während ich nun, meine süße Seele, meinem Vater noch Gesellschaft leiste, wie ich gewohnt bin, könnt Ihr Euch erfrischen. Sobald er zur Ruhe gegangen ist, komme ich im Fluge wieder zu Euch. Nach diesen Worten ging sie hinaus. Der unternehmende Cechino, der nicht wußte, wo er war, ebensowenig wissend, wer das Mädchen sein mochte, die ihn hergeführt hatte, wurde doch etwas bedenklich und bereute fast, sich auf das Abenteuer eingelassen zu haben. Aber in dem Bewußtsein, daß dem nun nicht mehr abzuhelfen sei, nahm er sich vor, mutig und beherzt zu bleiben und sich auf keine Weise einschüchtern zu lassen; und da er aus dem empfangenen Kuß schließen zu dürfen glaubte, daß sie ein äußerst feiner Bissen sei, und daß er sich bemüßigt sehen könnte, rüstiger zu turnieren, als seine Lenden gewohnt waren, und nun der Duft der Speisen ihm in die Nase drang, die in einem Korbe samt allem Zubehör bereit lagen, fing er an, sich's wacker schmecken zu lassen. Er fand zwei Flaschen trefflichen Malvasir, deren eine er in ein paar Zügen fast leerte, so daß er seine Lebensgeister stärkte und seine Kräfte erhöhte. Im Korbe suchend, fand er endlich viele Stücke Marzipan, eingemachte Pinienkerne und Pistazien. Da er wußte, daß diese Dinge gut schmeckten, versorgte er ein gut Teil davon und bereitete sich auf diese Art vortrefflich zum Liebeskampf, so daß er kaum den Augenblick erwarten konnte, wo er anpacken durfte und das schöne Mädchen zu ihm zurückkehrte. Nach einer guten Weile kam sie endlich, trat in das Zimmerchen ein und sprach: Mein teures, köstliches Leben, ich bitte Euch, mir zu verzeihen, daß ich gegen meine Gewohnheit so lange gezögert habe, zurückzukehren. Mein Vater wurde länger als sonst von einigen Kaufleuten in Anspruch genommen, die um diese Baumwollenballen mit ihm feilschten. Sie konnten sich über den Preis des ganzen Vorrats nicht vereinigen; doch wurden sie darüber eins, morgen früh wenigstens zwei Ballen davon zu nehmen und sie einem Kaufmann zu schicken, der sie braucht. Wenn sie dann nach seinen Wünschen ausfallen, so werden sie auch die übrigen übernehmen. Ich fürchte daher, sie könnten uns gar bald dieses schöne Zimmerchen verderben; aber wir werden darum nicht unterlassen, uns auf andere Weise zu versorgen. Deswegen also konnte ich nicht anders, als Euch warten lassen, bis sie weggegangen und mein Vater zu Bette war. Gott weiß, liebe Seele, wie unwillig ich eine so lange Zögerung erduldet habe. Aber fürchtet nichts! Wir wollen den Verlust schon einbringen, denn mein Vater kommt morgen nicht zum Frühstück nach Hause. Daher können wir die ganze Zeit uns zu Nutze machen, so lang wir uns miteinander vergnügen wollen, ohne daß uns jemand stört. Sowie Cechino dies vernommen hatte, entkleidete er sich hastig, stieg zuerst in das Bett und sie folgte ihm. Er umarmte sie, küßte sie tausendmal und fand sie äußerst weich und zart. Endlich konnte er sich nicht länger halten, setzte sich auf und begann mit ebensolcher Inbrunst wie Rüstigkeit ...; und wenn er auch manchmal stille hielt, um in der Ermüdung wieder aufzuatmen, schöpfte er doch um so früher wieder neuen Mut, seinen Weg fortzusetzen. Als ein starker und kräftiger Jüngling konnte er die Kämpfe der Liebe vortrefflich bestehen. Als das Mädchen ihn so über Pflicht und Schuldigkeit in ihrem Sattel sich üben sah, war sie im stillen ganz überrascht, denn ihr Liebhaber war sonst nicht gewohnt, solche erstaunenswerte Proben abzulegen. Sie war daher mehrmals auf dem Punkte, ihm zu sagen, er solle sie für heute ruhen lassen; sie enthielt sich aber dessen, um ihm nicht zuwider zu sein. Der rüstige Cechino, obgleich er an sich stark war und mutig im Liebesturnier, wollte sich doch in dieser Sache mehr, als seine Pflicht war, anstrengen, zumal da er wußte, daß man jungen, schönen Kindern nichts angenehmeres als das antun kann, damit nachher, wenn der Tag ihn entdecke, wie das sicher kommen mußte, sie wegen seiner gewaltigen Rüstigkeit und Mannhaftigkeit ihn nicht etwa geringschätzen und Lärm machen könnte, was er sehr befürchtete. Ach, sagte er zu sich selbst, durch welches widrige Geschick bin ich nicht schöner und anmutiger geworden, daß sie es nicht bereuen müßte, daß ich sie genossen habe, und daß sie mir auch ferner immer so süße würzige Nächte zugestände. Er wollte sie darauf von neuem in seine Arme schließen; da er aber bemerkte, daß sie schlief, gönnte er ihr ihren Schlummer; er legte ihren Kopf auf seine Brust. Nach einer kleinen Weile sah er zwischen die Ballen von Baumwolle die Morgenröte hindurchschimmern und ihre hellleuchtenden Strahlen hervorkeimen. Nun sah er auch die außerordentliche Schönheit des holden Mädchens, das noch immer schlief, und war darüber ganz erstaunt; denn es war ihm, als schaue er eher ein göttliches, als ein sterbliches Wesen. Er begann deswegen am ganzen Leibe zu zittern. An diesem Zittern erwachte sie, und da sie sich in den Armen eines so gemeinen Menschen sah, fing sie an zu schreien. Er aber schloß ihr alsbald den Mund mit den Händen und sprach: Schreiet nicht, Fräulein, denn Ihr zöget Euch dadurch für den ganzen Rest Eures Lebens Schmach zu. Ich kann nichts für das, was geschehen ist; Ihr habt mich selbst zu Euch hereingeführt. Ich dachte, Ihr seid eine meinesgleichen, und ließ es mir gefallen. Hätte ich vorher gewußt, was meine Augen jetzt sehen, so hätte ich wahrlich nie gewagt, hierher zu kommen. Aber für Euch wäre es geratener, still zu schweigen, mich von hier wegzuschaffen und gehen zu lassen, als Euch durch Schreien und Lärmen für immer in Verruf zu bringen. Das arme Mädchen erkannte wohl, daß seine Worte nur allzu richtig waren. Nichtsdestoweniger aber brach sie doch in einen großen Zorn aus, indem sie zu ihm sagte: Wenn du derjenige nicht warst, ruchloser Verräter, den ich rief, was mußtest du denn mit mir kommen? Sag' es, Unseliger! Was wußte ich, antwortete er, wer Ihr wäret. Wie ich Euch sagte, ich meinte, Ihr seid irgendeine Magd, die mich früher schon gesehen und sich in mich verliebt habe und mich nun rufe. Darum wagte ich es, hierherzukommen. Hätte ich aber gedacht, eine Eures Gleichen zu liebkosen, so wäre ich gewiß nicht ohne ihren Willen hierhergekommen. Worin besteht also meine Schuld? Da Ihr mich rieft, hättet Ihr mir ins Gesicht sehen sollen, ehe Ihr mich hereinführtet, und mich wieder fortschicken, wenn ich Euch nicht gefiel. Ich habe nicht dir gerufen, sagte sie; ich hätte mich nie zu deinesgleichen herabgelassen, schmutziger garstiger Mensch! Dessen aber sei versichert, wenn die Sache je sonst jemand erfährt, so kostet es dich das Leben. Als der arme Cechino sie nun so zürnen und drohen sah, sprach er bei sich: Jetzt muß ich ihr zeigen, daß ich mich nicht im geringsten vor ihr fürchte, sondern ihr zu antworten Herz habe und mich auf keine Weise von ihr hinunterbringen lasse. Was einmal geschehen ist, antwortete er, könnt weder Ihr, noch sonst jemand jemals wieder rückgängig machen; und wenn Ihr Euch nicht zufriedengeben wollt, so sollt Ihr erfahren, daß ich mir am Ende nichts draus mache. Verfahrt also so schlimm als Ihr wollt, aber bedenkt, daß, wenn es mir schlecht geht, es Euch nicht gut gehen wird; und wenn Ihr mir noch länger in den Ohren hegt, so mache ich mir nicht viel daraus, aufzustehen, an ein Fenster zu treten und der ganzen Nachbarschaft Euern Irrtum kund zu tun, wenn ich mir auch dadurch den Tod zuziehe, denn bis dahin, wenn es je soweit käme, hätte es noch gute Weile, und auf jeden Fall muß ich ja einmal durch dieses Loch hinaus. Als sie ihn in solchem Tone sprechen hörte, versuchte sie, ihm zu schmeicheln und ihn zu beruhigen, indem sie sagte: Da mein schlimmes Geschick dies über mich verhängt hat, und da ich das Geschehene nicht zu ändern vermag, so bin ich zufrieden, ich will jetzt nur dafür sorgen, wie ich dich und meine Ehre erhalte, und mich nicht weiter über dich beklagen. Aber ich bitte dich, daß du dich dazu verstehst, die Art und Weise anzunehmen, die ich dir vorschlage, von hier wegzukommen. Der erfreute Cechino sah nicht so bald, daß sich der Sturm gelegt hatte und sie mild und freundlich gegen ihn geworden war, so antwortete er ihr: Wenn ich, Fräulein, mit meinem Blute das Geschehene wieder gut machen könnte, so dürft Ihr Euch vollkommen versichert halten, daß ich es mir aus den Adern strömen lassen würde. Aber wie gesagt, die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Darum befehlt mir nur alles, was Euch mir anzuweisen beliebt, denn Ihr werdet mich stets bereit finden, jedes Wagnis und Gefahr Euch zu Gefallen zu übernehmen; und wenn Ihr verlangt, daß ich mich Euch zuliebe aus einem dieser Fenster stürze, so verspreche und schwöre ich Euch, es ganz sicher zu tun. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihr mir je so übel wollet, denn da Ihr so schön und edel seid, kann es nicht fehlen, daß Ihr nicht auch freundlich und menschlich seid und meiner Keckheit und dem jugendlichen Irrtum verzeiht, den ich unvorsichtigerweise begangen habe. Er fügte noch die Versicherung bei: Wenn ich Euch auch niemals wiedersehen werde, so wird mir Euer Andenken im Herzen doch stets lebendig bleiben, und ich werde in jeder Stunde Eurer seltenen engelgleichen Schönheit mich erinnern, so wie dieser heitern süßen letzten Nacht, in der ich so unvergleichliche Liebesfreude und Wollust genossen habe, ich Unwürdiger mit Euch, wofür ich zum größten Danke verpflichtet bin. Darum, mein Fräulein, beruhigt Euch für jetzt darüber und fügt Euch drein, mir das zu lassen, was weder Ihr noch sonst jemand mir wieder nehmen könnt, und was mir mein günstiger Stern vergönnt und in den Weg gelegt hat. Diese sanften liebevollen Worte des abenteurerischen Cechino rührten vollends die noch soeben erzürnte Brust der Jungfrau, die ihn nun mit etwas milderem Blicke wieder betrachtete; und da sie in ihm, wiewohl er in Lumpen gehüllt war, einen artigen Jüngling sah, erbarmte sie sich seiner und fragte ihn, wo er her sei und welche Absicht ihn hierhergeführt habe. Er setzte ihr nun anmutig und freundlich seine ganze Lage auseinander. Sie hatte Mitleid mit ihm und sprach: Seid nur fröhlich und guter Dinge, denn da der Himmel nun einmal zugelassen hat, was sich zwischen uns ereignet, so kann ich denn auch nicht umhin, mich Euch am Ende freundlich und liebevoll zu erweisen, indem ich Euern Bedürfnissen entgegenkomme. Indem er sie also reden hörte, dankte er ihr demütig und wagte in seinem freudigen Entzücken darüber sogar, ihr einen Kuß zu geben; da sie ihn nicht verschmähte, sondern annahm, fühlte er sich ermutigt, in der Sache noch weiter zu gehen, so daß er am Ende von ihr eine neue Liebesfrucht errang, die nicht weniger würzig und gut schmeckte, als so viele andere, die er verstohlener Weise in der letzten Nacht genossen hatte. Wenn sie ihm willfahrte, so lag der Grund zum Teil darin, sich der gräßlichen Furcht um ihre Ehre zu entschlagen, vielleicht auch war zum Teil ihr Zorn schon erloschen, da sie einen in Liebesturnieren so biderben Ritter in ihm gefunden hatte. Bei alledem übersah sie nicht die Stunde, in der es an der Zeit war, ihn aus dem Hause zu schaffen. Cechino, sagte sie, denn so sagtet Ihr ja, daß Ihr heißt, jetzt ist es Zeit, daß Ihr fortgeht. Und um mich zu überzeugen, daß Ihr mir vertraut, bitte ich Euch, bei Euerm Weggehen von hier die Anordnung zu befolgen, die ich Euch gebe. Aber ehe ich darüber mit Euch rede, vergönnt mir Zeit, draußen etwas Geld zu holen, das ich Euch geben möchte. Ich werde im Augenblick wieder bei Euch sein. Als der erfreute Cechino von Geld sprechen hörte, da war nie ein besserer Laut in seine Ohren gedrungen. Das Mädchen kam zurück mit einem Beutel, der in Gold gestickt war und fünfzig Cechinen enthielt, in der einen Hand und mit Hammer und Zange in der andern. Nehmt, sprach sie, dieses wenige, denn für den Augenblick habe ich nicht mehr; aber wenn Ihr von hier weg seid und, um mich zu sehen in die benachbarte Kirche kommt, in die ich jeden Sonntag gehe, so werde ich Euch nicht nur immer gern wiedersehen, sondern ich werde Euch auch, noch ehe Ihr dieses ausgegeben habt, wieder mit anderem versehen. Der überglückliche Cechino nahm das Geld und machte ihr grenzenlose Danksagungen. Da er sie aber in der andern Hand Hammer und Zange halten sah, so fragte er sie: Fräulein, wozu sollen denn nun aber diese Dinge dienen? Das sollt Ihr sogleich erfahren, antwortete sie. Es wird in einer kleinen Weile ein Kaufmann kommen, dem ich, wie ich Euch schon gestern Abend sagte, zwei Ballen von dieser Baumwolle übergeben soll. Da will ich Euch nun bitten, daß Ihr mir zu Liebe und zur Erhaltung meiner Ehre und nicht minder Eures Lebens in einem derselben Euch verbergt. Ich will Euch darin eine ganz bequeme Lage bereiten. Sie unterrichtete ihn hierauf über die Art und Weise, wie er sich zu gelegener Zeit wieder herausmachen könne, und, obwohl es dem armen Cechino gar seltsam vorkam, so sich in einen Ballen Baumwolle zu verkriechen, zog er dennoch die Gründe in reifliche Erwägung, die ihm die Jungfrau anführte, ihr Vater habe ihr, als sie nach dem Gelde weg war, zu wissen getan, man werde die beiden Ballen in ein Magazin zu ebener Erde bringen und man habe deshalb bereits nach den Lastträgern geschickt. Wenn man ihn nun hier versteckt fände, so müßte für ihn daraus die größte Ungelegenheit entstehen. Deswegen entschloß er sich endlich, hineinzuschlüpfen. Sie ließ ihn nun sich vollständig mit Speise erfrischen, damit er nicht Hunger bekäme, wenn er auch bis in die Nacht darin bleiben müsse, küßte ihn darauf vielmals und erhielt ihre Küsse zweifach von ihm zurück, bat ihn auch, sich wieder sehen zu lassen, ließ ihn endlich in den Sack schlüpfen und verbarg ihn so geschickt, daß er sehr gut Atem schöpfen und alles, was vorging sehen, aber auch auf jeden Fall, sobald er wollte, herausgehen konnte. Nicht lange darauf kam der Kaufmann mit den Trägern. Das Mädchen trat mit ihnen herein und bezeichnete ihnen die beiden Ballen Baumwolle, in deren einem der arme Cechino verborgen war. Sie wurden sofort hinuntergebracht, in eine Gondel geladen und nach dem Magazin des Kaufmanns weggeführt, in das er sie zu anderen Waren niederlegen ließ. Das Schicksal wollte dabei dem waghalsigen Cechino so wohl, daß er beim Ausladen auf die Füße gestellt wurde; denn darüber hatten sie gar nicht nachgedacht, als er hineinkroch, und auch ihr war es nicht mehr eingefallen, da der Kaufmann mit den Lastträgern so schnell daherkam, sonst hätte sie ihn gewiß nicht dieser ihnen beiden gemeinsamen Gefahr ausgesetzt, sondern ihn auf irgendeine andere Art und Weise wieder in Freiheit zu bringen versucht. Nachdem nun der Kaufmann seine Niederlage geschlossen hatte, ging er weg und ließ den Cechino in dem Baumwollballen allein, der beschlossen hatte, etwa in der ersten Stunde der Nacht dieselbe zu verlassen. Nun kehrte aber bald darauf der Besitzer des Magazins zurück, weil er gute Gelegenheit gefunden hatte, die Baumwolle an einen anderen Kaufmann, der ihrer benötigt war, auf einem Schiffe zu senden, das in kurzem in See stechen sollte. Nachdem er mit dem Schiffsschreiber die Fracht bedungen hatte, führte er diesen mit sich, zu sehen, wie schwer die Ballen seien. Als er sie gesehen und das Gewicht ungefähr geschätzt hatte, sagte der Schreiber: Ich werde sie gegen das Avemaria abholen, wo mich mein Weg ohnehin vorüberführt, um ein anderes Geschäft zu besorgen. Ich lasse sie dann unten im Schiff an einem passenden Platz unterbringen. Bestellt demnach, daß um diese Zeit einer Eurer Diener mit den Schlüsseln des Magazins sich hier befinde und mir die Stücke übergebe. Nach diesen Worten wurde das Magazin wieder verschlossen und sie entfernten sich. Da der arme Cechino ihre Unterredung mit angehört und vernommen hatte, daß man ihn in kurzem aufladen und unten in ein Schiff packen wolle, braucht man nicht zu fragen, wie es ihm zu Mut sein mußte, denn er war mehr als überzeugt, daß er hier das Leben verlieren werde. Er konnte wohl nach Belieben aus dem Ballen heraus; aber da es Tag war, hätte man ihn gehört, wenn er das Magazin erbrochen hätte, was er zur Nachtzeit hatte tun wollen. Und da er sich auf keine Weise entschuldigen noch rechtfertigen konnte, so hätte ihn ohne allen Zweifel das Gericht aufhängen lassen. Andererseits, wenn man ihn auf das Schiff brachte und unten hineinpackte, so mußte man notwendigerweise andere Waren auf ihn legen, durch die er verhindert worden wäre, herauszukommen und also in dem Ballen hätte ersticken oder Hungers sterben müssen. Wie es also auch hätte kommen mögen, es konnte ihm nichts anderes zuteil werden als der Tod, und da er dagegen gar keine Rettung sah, fing er an, Zeit und Stunde zu verwünschen, wo er in das Haus des Mädchens eingetreten war, und sprach bei sich: Ach, ich Unglücklicher, wie war doch die vergangene Nacht mir so süß und hold, und jetzt wird mir darum die folgende um so bittrer und schmerzensvoller, denn ich muß elendiglich sterben. Nach diesen Worten begann er heftig zu weinen und zu seufzen. Nachdem er aber einige Zeit geweint hatte, fiel es ihm doch ein, daß er ja wohl hervorkriechen und sich hinter den Warenkisten verbergen könnte, um wenigstens der augenblicklich drohenden Gefahr zu entgehen, oder doch sie auf eine Weile in die Ferne zu rücken; aber sein neidisches Geschick raubte ihm auch diese Hoffnung, indem es in demselben Augenblicke einige Kaufleute kommen ließ, um von jenen Waren aufzuladen, und diese bis zur Nacht bleiben ließ. Deswegen war der arme Schelm nahe daran, vor gewaltiger Betrübnis zu sterben. Während der bekümmerte Cechino in solcher Furcht und Todesangst schwebte, war es finstere Nacht geworden, die Kaufleute waren mit dem Aufladen ihrer Waren fertig und eben kam der Schreiber heran, um die Baumwollenballen abzuholen. Er hatte den Diener mit einer Laterne bei sich, zündete damit die Lampe an, welche mitten in der Niederlage hing, und sagte zu dem Diener: Geh und besorge, daß das Boot gleich vom Schiffe abstößt, um die beiden Ballen einzunehmen! Ich erwarte dich unterdessen hier. Dann zog er seinen Kaftan aus, legte ihn auf eine Kiste mit Gewürznelken, die neben dem Baumwollenballen stand, in dem der arme Schelm versteckt war und wie Espenlaub zitterte, schlug sodann die Hände auf dem Rücken übereinander und ging in der Niederlage auf und nieder. Da er nun bemerkte, daß die beiden Baumwollenballen gar nicht bezeichnet waren, so ergriff er das Tintenfaß, um mit dem Pinsel ein Zeichen darauf zu malen. Cechino sah ihn auf sich zukommen und sein gutes Glück gab ihm den Gedanken ein, dem Schreiber Furcht einzujagen und sich vielleicht solchergestalt sein Leben zu retten. Sobald also der Schreiber, der von Geburt ein Grieche war, seinen Pinsel an den Ballen brachte, erblickte ihn Cechino, der die Augen unter einigen kleinen Rissen in der Leinwand des Ballens verborgen hatte, um hier durchzusehen und Atem zu holen. Der Schreiber hob mit dem Pinsel einen der Lappen auf, sobald er aber das Auge erblickte, fuhr er plötzlich zurück. Sowie Cechino dies bemerkte, fing er an, seltsam zu stöhnen und die furchtbarsten Geberden und Gesichter von der Welt zu schneiden, bei deren Anblick dem armen Schreiber die Haare zu Berge standen. Da er in vollem Ernst glaubte, es sei ein Teufel darin, begann er zu fliehen, läufst nicht, so gilts nicht, zum Magazin hinaus, ließ auf der Kiste den Kaftan mit einigen Säcken Geld, die er unter dem Arm gehabt und dort niedergelegt hatte, und verschloß das Magazin behutsam, und das war keine geringe Geistesgegenwart. Er stieß zufällig auf den Diener, der zurückkam, um ihm zu sagen, daß das Boot für diesen Abend beschäftigt sei und deswegen heute nicht kommen könne. Wie er nun den Schreiber ohne den Kaftan und ganz in Schrecken sah, fragte er ihn: Was habt Ihr, gestrenger Herr, daß Ihr so zittert und so bestürzt ausseht? Wo ist Euer Kleid hin? Hat es Euch vielleicht ein Dieb entwendet? Istimbistim matateotocon, antwortete er; der Teufel ist im Magazin, ich habe ihn eingeschlossen: gehen wir nach Hause! Er wandte sich auch kein einziges Mal um, bis er daselbst angelangt war. Sobald der glückliche Cechino dies sah, sprach er bei sich selbst: Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. Er hatte ein Messerchen bei sich, das ihm das Mädchen zu diesem Zweck mitgegeben, zerschnitt damit im Nu Nähte und Stricke des Ballens, sprang ganz mit Baumwolle bedeckt heraus, eilte der Türe der Niederlage zu und löste mit Hilfe der Zange und des Hammers leicht das Schloß davon ab. Dann bemerkte er den Kaftan des erschrockenen Schreibers, und da er ganz schwer von Baumwolle war, nahm er ihn über sich, damit er nicht auf der Straße jemand begegne, der aus seinem weißen Aussehen einen ungünstigen Verdacht gegen ihn schöpfe, und die Geldsäcke, die er darauf fand, hub er gleichfalls freudig auf. Dann legte er ohne alles Geräusch den eisernen Querbalken wieder in die Türe des Magazins und ging, ohne von jemand bemerkt zu werden auf das Haus eines Schneiders zu. der ihm befreundet war. Er klopfte, wurde eingelassen und blieb die ganze Nacht über bei ihm. Der Schneider war über seine Ankunft sehr erfreut, denn er bedurfte seiner sehr, da er in diesem Handwerk ein sehr geschickter Arbeiter war. Als ein schlauer und vorsichtiger Mensch warf er den Kaftan des Schreibers noch in derselben Nacht aus einem Fenster in den Kanal und säuberte sich bestmöglich von der Baumwolle, die ihm anhing. Er brachte hierauf zwei volle Tage in der Schneiderwerkstatt arbeitend zu, nahm sich aber wohl in Acht, daß er nicht von seinen Genossen, wenn sie zufällig vorübergingen, bemerkt würde, unbekümmert um das, was aus seinem Abenteuer sonst entstanden sein mochte. Da er nun in beiden Taschen einen Geldsack hatte, den einen voll Cechinen, den andern mit kleiner Münze, kleidete er sich ehrbar, staffierte sich aus und enthielt sich viele Tage lang, seine Gefährten wiederzusehen, die, als sie ihn nicht wieder erscheinen sahen und keine Kunde von ihm erhielten, für sicher annahmen, daß er ermordet worden sei, da er darauf beharrt hatte, so unberufener Weise in ein fremdes Haus einzudringen und seine Ehre zu beflecken. Da sie nun kein Unterkommen mehr fanden und kein Geld mehr hatten, verkauften sie ihre Mäntel und kehrten in ihre Heimat zurück. Sowie der abenteuerliche Cechino die Abreise seiner Gefährten vermutete, fiel es ihm ein, das schöne Kind wiederzusehen, und er erinnerte sich seines ihr gegebenen Versprechens. Nichtsdestoweniger wollte er keinen Schritt tun, bis sechs volle Monate vorüber wären, obwohl er sie beständig in Herz und Sinn trug. Es war nun einmal ein Sonntag, an welchem Tage sie ihm gesagt hatte, daß sie in die Kirche von Santa Maria Formosa zu kommen pflege. Er war eben recht gekommen, denn sie trat in dem Augenblicke ein, ganz in Trauer gekleidet, mit einem Gefolge vieler Frauen. Er stellte sich ihr gegenüber, fing an, mit ihr zu liebäugeln und suchte sich, so gut es gehen konnte, mit den anständigsten Winken, die er vorzubringen wußte, ihr zu erkennen zu geben, bis sie endlich bemerkte, daß er kein Auge von ihr abwandte, ihn dann auch aufmerksamer betrachtete und endlich merkte, daß es Cechino war, der sie immerfort mit Gebärden und überlegten Winken begrüßte. Sie erwiderte den Gruß, sehr verwundert, ihn in so stattlichem Aufzug zu sehen. Sie versank in verschiedene Gedanken über seine Wiederkunft, zog seine Handlungsweise in reifliche Überlegung, und da ihr Vater vier bis sechs Tage nach jenem Vorfall gestorben war, ferner der Edelmann, der ihre Gunst genossen, sich verheiratet und sie ganz und gar im Stich gelassen hatte, da sie sich endlich als einzige Erbin der vielen Reichtümer des Vaters zurückgeblieben und nun ihren Cechino vor sich sah, erinnerte sie sich auch der damaligen Nacht, welch ein rüstiger Ringer er sei im Liebeskampfe, tat ihm daher durch eine ihrer Dienerinnen zu wissen, weswegen sie ihn zu sprechen wünsche, und er möge nach Beendigung der Messe sie geradezu in ihrem Hause besuchen. Er erfüllte ihren Wunsch, sie ging ihm bis zur Hälfte der Treppe entgegen und empfing ihn liebevoll. Sie traten hierauf in ein sehr schönes Gemach, wo sie sich ihm gegenübersetzte und ihn sodann fragte, welcher günstige Wind und was für ein gutes Geschick ihn angetrieben habe, sie nach so langer Zeit wieder einmal aufzusuchen, wo er sich bis jetzt befunden und anderes dergleichen. Sie schloß endlich mit der Frage, ob er sich noch jener Nacht erinnere. Ich bin darum, mein Fräulein, antwortete er, nicht früher als jetzt gekommen, um Sie wiederzusehen, weil ich genötigt war, unterdessen, nicht lange nach jenem glücklichen holden Ereignis nach Hause zu gehen, um daselbst meine Angelegenheiten zu ordnen, die durch den Tod meines Vaters in Verfall geraten waren. Ich brachte es so schnell als möglich ins Reine und kehrte sobald als es anging, zurück, immer eingedenk der mir so teuren süßen Erinnerungen, die, mehr als je in mir lebendig, mich mit wachsender Glut erfüllen und sich stündlich in mir erneuerten. Vermöchte ich zur Erkenntnis für eine so große und ausgezeichnete Gunst Euch nur einen geringen Teil des Lohnes abzutragen, den sie verdient, so wäre ein ganzes Leben, ja tausend Leben, wenn ich soviel hätte, nicht hinreichend, um Euch dadurch, daß ich Euch diente, meinen Dank zu bezeugen. Mit diesen wahrscheinlich aussehenden Ausreden wollte er sich wegen seines langen Ausbleibens entschuldigen, wiewohl es in der Tat nur durch seine Flucht aus dem Magazin und das dort gefundene Geld veranlaßt war, denn er hielt es in jeder Hinsicht für geraten, eine gute Zeit darüber hinstreichen zu lassen. Das Mädchen hatte aufmerksam seine Vorschläge angehört, und da es ihr einfiel, daß sie lange Zeit mit den Liebesfreuden gefastet hatte, fing das schon lange beschwichtigte und gedämpfte Liebesgelüst allmählich in ihr zu erwachen und sie zu durchglühen an, auch vergaß sie ihre häufigen und schmackhaften Liebesbegegnungen nicht und sagte daher zu ihm: Seid Ihr verheiratet, Cechino? Ich war es nie, mein Fräulein, antwortete er. Wenn ich Euch nun eine Gattin gäbe, fuhr sie fort, würdet Ihr sie annehmen? Ich würde Euch eine wählen, von der ich versichert bin, daß Ihr mit ihr wohl zufrieden sein könntet; überdies würdet Ihr auch mir durch Eure Annahme eine ausgezeichnete Gunst erweisen. Es gibt nichts auf der Welt, antwortete er, das ich auf Euer Gebot nicht mit Freuden tun würde; ich würde mich für überglücklich halten, wenn Sie sich herabließen, mir zu befehlen. Ist es aber auch wahr, sagte sie, was Ihr da sagt? Macht denn eine Probe, welche Ihr immer wollt, und Ihr werdet Euch darüber ins Klare setzen. Da sprach sie denn, von Liebe glühend: So will ich mich denn jetzt vergewissern. Wollt Ihr mich zur Gemahlin? Wenn Ihr im Ernst sprecht, mein Fräulein, antwortete er schnell, so erwidere ich Euch mit Ja; und wenn auch nicht, so werde ich doch nie unterlassen, Euch mehr als je ein getreuer Diener zu bleiben. Wie sollte ich mich gegen Euch verstellen, liebe Seele? Mit diesen Worten fiel sie ihm um den Hals, küßte ihn zärtlich und sagte: Verstelle ich mich jetzt, mein Cechino, oder ist es ernst? Als er sich denn unerwartet ein so großes Geschenk und solche Gunst und solche Liebkosungen in den Schoß fallen sah, hätte er dies Gut und Vergnügen nicht mit allen Reichtümern der Welt vertauscht, denn er meinte schon vor übermäßiger Wonne mit den Fingern an den Himmel reichen zu können. Mein süßestes Fräulein, versetzte er, meine holdeste Seele, denn dafür will ich Euch stets halten, glücklich, ja wahrhaft selig darf ich die erste Stunde nennen, in der Eure honigsüße Stimme, ohne zu wissen, wer ich war, sich herabließ, mir zu rufen und zu Euch hereinzuführen; denn jetzt erweist sie sich mir als glückliches Vorzeichen für die Zukunft, daß ich Euch ganz besitzen solle. Und da weder Worte noch Gedanken mir hinreichen, Euch vollkommen danken zu können, sage ich bloß, daß ich Euch zu gehorchen bereit bin und bereit stets sein werde. Die prächtige Hochzeit wurde am folgenden Tage zum höchsten Erstaunen und Verwunderung der ganzen Stadt gehalten, Erstaunen, daß ein so reiches und schönes Mädchen sich zu so niedrigem, armen Menschen herabgelassen habe; freilich wußten sie nicht, was zwischen ihnen im Dunkeln vorgegangen war. Nach der Hochzeit befleißigten sie sich eines glücklichen Lebens; und der gesegnete Cechino vergaß nicht das seinen Gefährten gegebene Versprechen, sie an seinem Glück, das er etwa haben würde, teilnehmen zu lassen; er ließ sie kommen, nahm sie freundlich auf, bewirtete sie einige Tage und schickte sie dann getröstet und reich beschenkt in ihre Heimat zurück mit der Mahnung, nie das wahre Wort zu vergessen: Wagen gewinnt! *   Übertragung von A. v. Keller Lorenzo Graf Magalotti Verwechslungen Die Novelle der Neifile Im Costüm des boccaccischen Decameron. war jetzt zu Ende, und die Königin gab Fiammetta Befehl anzufangen. Diese biß sich etwas auf die Lippen, begann aber dann mit weiblicher Bescheidenheit und Anmut also: Liebste Frauen, oftmals wird List von List verspottet und darum ist es unverständig, wenn man Freude daran hat, Andere zu höhnen. Wie es nun allen Leuten geziemt, sich hiervor zu hüten, ist es vornehmlich Pflicht derjenigen, die Fuß oder Flügel auf den Vogelleim der Liebe gebracht haben, sintemal es ihnen viel leichter wird, da gefangen zu werden, wo die Fittiche des freien Verstandes nicht mehr spielen können. Zur Unterweisung unserer jungen Männer hier (wenn nämlich alle, wie ich glaube, verliebt sind), habe ich daher die Absicht, Euch eine Posse zu erzählen, die in Florenz einem jungen Ritter gespielt wurde, dessen Namen ich jedoch so wenig als die andern, die in meiner Novelle vorkommen, zu nennen beabsichtige, weil einige von den Leuten noch leben; man würde sie sonst mit Geringschätzung überhäufen, während man mit Lachen darüber weggehen sollte. Ich werde daher das Gegenteil von dem tun, was die Maler tun, die die alte Geschichte darstellen, und die oft den Leibern Verstorbener, Köpfe von Lebenden aufsetzen; ich werde das Treiben lebender und rüstiger Personen Euch vorführen, aber ihnen erdichtete Namen beilegen. In Florenz also lebte vor nicht eben langer Zeit eine junge Frau von schönem Äußern, liebenswürdig doch von stolzer Gesinnung, obwohl Tochter eines armen Vaters; sie hieß Rosana und war an einen Wollkrempler verheiratet. Obgleich sie mit eigenen Händen das Brot erwerben mußte, das sie essen wollte, und mit Wollspinnen ihr Leben erhielt, weckte doch ihr hochfahrendes Wesen in ihr einen Gedanken, durch einen edeln Liebhaber sich zu den bessern Ständen emporzuschwingen und so zu ersetzen, was ihr das Schicksal neidisch versagt hatte. Sie nahm sich vor, den Umarmungen ihres Gatten, so weit es möglich wäre, sich zu entziehen und statt dessen zu ihrer Befriedigung einen zu wählen, der ihr mehr als der Wollkrempler ihrer höchsten Gunst würdig schien. So hatte sie ein Auge auf einen jungen Mann von den Amerighi, des Namens Antenor, geworfen, der lange in Bologna studiert hatte, dann nach Florenz zurückgekehrt war, nicht um nachher sein Wissen im Einzelnen zu verkaufen, wie viele tun, sondern um den Grund der Dinge und ihre Ursache zu erkennen, was einem wahrhaft Edeln so wohl ansteht. Diesen also, weil es ein sehr liebenswürdiger einnehmender und lebenslustiger Mensch war, war sie fest entschlossen, zu ihrem Liebhaber zu nehmen. Sie machte sich daher mit einer alten Nachbarin bekannt, die zwar von allen für eine Heilige gehalten wurde, in Wirklichkeit aber sich vortrefflich auf nichts besser als auf die Kupplerkunst verstand, vertraute ihr ihre Absicht und bat sie, alle ihre Kunst anzuwenden, um Antenor zu ködern und für ihre Liebe zu gewinnen. Die gute Frau versprach alles, sie wolle tun und sagen was sie könne, fügte auch bei, Rosana hätte sich gegen niemand in der Welt entdecken können, der ihr nützlicher zu sein vermöchte, als sie; nichts sei so glatt und schlüpfrig, an das sie sich nicht anzuklammern wagte, nichts so rauh und ungeschliffen, das sie nicht mürbe machte und ihrem Willen fügte. Am Ende erinnerte sie sie, daß sie ein armes Weib und höchst bedürftig sei, worauf ihr Rosana ein Stück gesalzenes Fleisch schenkte und sie ihrer Wege gehen hieß. Der Alten wurde ihre Arbeit nicht schwer, da Antenor aus demselben Grunde, aus dem Rosana ihn oft gesehen hatte, nämlich weil er durch ihre Straße ging, sie gleichfalls gesehen, und, da sie ihm außerordentlich wohlgefiel, nicht weniger, als sie in ihn, sich glühend in sie verhebt hatte. Er verabredete daher mit dem Weiblein Art und Weise, wie sie zusammenkommen können, und als eines Tages der Ehemann aus der Stadt gegangen war, machten sie den heitern Anfang mit ihren Freuden; auch trafen sie die gehörige Veranstaltung, daß sie, ohne sich weiter an die Alte wenden zu müssen, oftmals mit gleicher Heiterkeitsich zusammenfinden konnten. Nun geschah es aber, als Antenor eines Abends kam, um sich mit Rosana zu vergnügen, und das verabredete Zeichen machte, ihr Mann noch zu Hause war. Sie schickte daher sogleich eine Magd hinunter, die leise an die Tür trat und, ohne sie aufzumachen, ihm durch ein kleines Loch in derselben zurief und sagte: Meiner Frau tut es über die Maßen leid, der Wollkrempler ist heut Abend heimgekommen, um ein meliertes Tuch anzulegen und das Gewebe anzuzetteln. Wißt Ihr was, tragt es geduldig, denn was heut Nacht nicht sein kann, geschieht morgen Nacht, und darum kommt um zwei Uhr in der Nacht, denn ohne allen Zweifel wird dieser Gottverdammte, wenn ihn nicht der Teufel herbeiführt, bei seinem Geschäft in der Bude sein müssen. Zufällig stand in der Straße, die Stunde einer Zusammenkunft erwartend, ganz nahe an Rosana's Haus ein anderer gleichfalls adeliger Jüngling mit Namen Giovannello de' Fighineldi, welcher unter dem Schirm des nächtlichen Dunkels unbemerkt die Liebschaft Antenor's beobachten und zugleich die Botschaft der Magd hören konnte. Es kam ihm daher das Verlangen, womöglich sich bei Rosana einzustellen, und in der folgenden Nacht ging er noch vor zwei Uhr an die Türe und machte Antenor's Zeichen. Sogleich wurde ihm aufgetan, die Tür hinter ihm verschlossen und er stieg die Treppe hinan, auf deren Spitze ihn Rosana erwartete. Als sie Giovannello erblickte, stieß sie einen heftigen Schrei aus und rief: Weh mir, ich bin des Todes. Giovannello aber fiel ihr um den Hals und sagte: Fürchtet nichts, meine süße Liebe! Ich bin nicht hergekommen, um dir etwas zu Leid zu tun, sondern um dich um deine Liebe zu bitten, wofern du sie mir freiwillig gewähren willst. Wenn dir das nicht gefällt, so verspreche ich dir, sogleich meiner Wege zu gehen. Wisse, daß ich gestern Abend zufällig durch die Straße ging, als du durch die Magd Antenor sagen ließest, er solle heute Abend um zwei Uhr zu dir kommen! Getrieben von der heftigen Liebe, die ich beständig zu dir getragen, obgleich du es nie bemerken wolltest, oder dich wenigstens so gestellt hast, faßte ich das Herz, heut als Antenor in dein Haus zu kommen, wohl wissend, daß du mich als Giovannello nie aufgenommen hättest. Nur das will ich dir sagen, daß das heftige Feuer, das du mir in der Seele entzündet hast, mit diesem deinem Gesichtchen wie Milch und Blut, nur auf eine von diesen zwei Arten gelöscht werden kann: entweder, daß du mich deiner Liebe teilhaftig machst, worum ich dich demütig ersuche, oder durch den Tod, dem ich mich, wie du versichert sein darfst, auf der Stelle hingebe, wenn du mir nicht das gewährst, was ich von dir erbitte. Ach, süße Hoffnung, begehe doch nicht so große Sünde und erinnere dich, daß der Anstifter so straffällig ist als der Verbrecher, wenn ich mich daher selber umbringe und meine arme Seele in die Hölle kommt, bedenke, daß die deinige, die die Veranlassung dazu gewesen ist, viele tausend Meilen tiefer in diese Feuerqual versenkt wird! Überdies bedenke, meine Seele, wenn es nicht erlaubt ist, dem Feind Übles zu tun, wieviel größer die Verruchtheit ist, und wieviel herbere Strafe es verdient, wenn man den Mord, dieses größte aller Verbrechen an dem begeht, der dich liebt, und dir mehr wohl will, als sich selbst. Darum bitte ich dich, du Herz meines Leibes, mich nicht aus deinen Armen zu lassen, ohne mir wenigstens einen einzigen Kuß zu gewähren. O du unvergleichliche Sanftheit des weiblichen Blutes, wie sehr mußt du in solchen Fällen immer gerühmt werden! Nie sehntest du dich nach Tränen oder Seufzern und warst beständig fügsam den Bitten und nachgiebig den Wünschen der Liebe. Die Frau, die sich nicht auf Logik verstand, überhaupt das Pulver nicht erfunden hatte, war oder stellte sich wenigstens von Giovannello's Gründen überwunden und antwortete: Wer könnte Euern gelehrten Worten etwas entgegensetzen? Ich will die Treue gegen andere nicht so weit treiben, daß ich gegen meine Seele mich versündigte. Antenor mag mir vergeben, wenn mir das Hemd näher sitzt als der Rock. Es ist mir so recht! Wohlan! Damit ging sie ans Bett und machte sich zurecht, dem Giovannello seine Wünsche zu erfüllen. Während sie so in Erwartung waren und er sich ebenfalls, um ins Bett zu steigen, auszog, siehe, da machte Antenor auf der Straße das Zeichen, das darin bestand, mit einem Schlüssel auf das Degengefäß zu klopfen. Als Giovannello das hörte, stand er schnell auf, warf Rosana's Kopfputz, den sie schon abgelegt hatte, über sich her, trat an ein Fensterchen, das auf die Straße ging, rief ihn leise mit weiblicher Stimme, worauf jener herzukam und antwortete: Mein Herz, ich bin da. Warte noch ein Weilchen, sagte Giovannello. Der Henker hol es, daß heut Abend mein Mann, den Gott verdamme, wiedergekommen ist und noch ist der widerwärtige Hund nicht fort; aber ich glaube, er wird bald gehen. Ich kann dir daher noch nicht aufmachen, werde aber nun bald kommen. Antenor, der meinte, das sei wahr, antwortete: Mache dir keine Sorge um mich, bis du ganz nach Bequemlichkeit zu mir kommen kannst. Nur darum bitte ich dich, daß du mir, sobald dein Gatte fort ist, gleich aufmachst; denn der Wind kommt über die Berge so scharf wie noch nie, und ich bin des Todes vor Kälte. Sei nur getrost, antwortete Giovannello, und fürchte dich nicht! Damit wandte er sich und ging ins Bett zu Rosana, mit welcher er sich eine gute Weile ergötzte zu seinem großen Vergnügen und zu dem ihrigen, denn sie fand Giovannello sehr rüstig und stark von Person, und er wußte vielleicht so gut Pfirsiche zu schütteln, als Antenor. Ihr langes Vergnügen ließ sie leicht den vergessen, den sie auf der Gasse warten ließen. Dieser tat, als käme er zufällig durch die Straße und rief laut: Zu Hilfe! Ich erfriere! Antenor sprach diese Worte gerade in dem Augenblick, da Giovannello mit inniger Gewalt den Faden wieder von neuem einzufädeln suchte, um ein schönes Gewebe auszuführen. Er besorgte, irgendeine mitleidige Regung gegen Antenor möchte sie in ihrer Geschäftigkeit abkühlen und sagte: Ja, ja, ich weiß wohl, daß er eiskalt ist und freilich ist die Kälte sehr groß; doch ist es in Bologna noch ganz anders. Allerdings, sagte Rosana, und wir sind doch in einer so engen Gasse, die vorm Winde geschützt ist. So kann ich mir nicht vorstellen, wie er so frieren kann, als er sagt. Nach diesen Worten zog sie die Kämme so gewaltig an sich, daß man ihre Hände nicht mehr sah und in kürzester Zeit ward eine so dichte Arbeit fertig, daß man sein Lebtag nichts Schöneres sah Nachahmung und Ausführung einer Stelle in Boccaccios Decam. VIII, 9. . Als aber Giovannello's ..., und das Gewebe fertig war, und er ihr auch die Weberschlichte gegeben hatte, zog er sich wieder an und nahm von Rosana Abschied. Im Hinausgehen trat er zu Antenor hin, der mit den Zähnen klapperte wie ein Storch und sagte: Antenor, du kannst dich nunmehr um eine andere Liebschaft umsehen, denn Rosana ist mein und hat mich lieber als ihren Augapfel. Und damit du nicht glaubst, ich lüge, so wisse, daß sie mir versprochen hat, morgen Abend zum Essen in mein Haus zu kommen, und ferner hat sie mir zugesagt, daß du in ihr Haus keinen Fuß mehr setzen sollst. Damit ging er hinweg. Antenor hielt die Worte Giovannellos' für nur allzu wahr, wiewohl dieser nur so gesprochen hatte, um sich über ihn lustig zu machen, da er wohl wußte, daß er sehr heftig in Rosana verliebt war. Sein Plan glückte ihm auch in der Tat, denn Antenor, ganz trunken von Ärger und Eifersucht, beschloß in seinem Sinne, ihm aufzupassen, und sobald er am kommenden Abend mit seiner Geliebten ins Haus treten wollte, sie ihm mit Gewalt zu entreißen, so daß jener seine törichte Prahlerei bereuen sollte. Diesen Entschluß teilte er sogleich seinen Freunden mit, unter welchen einer mit Namen Betto war, der, ebenso mit Giovannello befreundet, zu diesem ging und ihm riet, Rosana nur sehr heimlich nach seinem Hause zu bringen, damit er nicht auf die Schar des Antenor stoße, die ihm böses Spiel machen könnte. Giovannello brach auf die Nachricht von diesem Hinterhalt, den ihm Antenor bereite, in das größte Gelächter aus und sagte: Da sieht man's, er hat den Verstand, den er von Bologna gebracht, schon wieder verloren. Wohlan denn, so wollen wir ihm geben, was er sucht. Ich danke dir für deine Nachricht, aber mach dir keine Sorge um mich! Laß ihn nur kommen! Als der Abend gekommen war, nahm Giovannello in Rosana's Haus einen seiner Bauern, zog ihm ihre Kleider an, setzte ihm ihre Haube auf und machte sich mit ihm auf den Weg nach seinem Hause bei Santa Maria Novella; er hatte ihn immer am Arm und führte unterwegs mit ihm verliebte Zwiesprach. Giovannello tat dies, weil er, als er Rosana's Haus verließ, die Freunde Antenors' klappern hörte mit Rüstungen und Bretterschildern, daß man meinte, es seien fürstliche Diener. Um sie daher in ihrer Meinung zu bestärken, Rosana sei bei ihm, führte er diese Gespräche so, daß er von ihnen verstanden werden konnte. Als sie an die Säule von Santa Trinita kamen, sprang Antenor, der mit seinen Gefährten hinter dem Fußgestell verborgen war, hervor und rief: Wehe dir, daß du gesagt hast, Rosana sei dein, Giovannello! Nun mußt du sie auf diese Art behaupten. Damit zog er den Degen und die übrigen taten das Gleiche. Giovannello, der mehr als das nicht wünschte, ließ den Bauern stehen und lief nach Portarossa zu. Antenor glaubte nicht ihn verfolgen zu müssen, wandte sich vielmehr zu der vermeintlichen Rosana, um sie zu trösten, und fing also an: Nun kannst du sehen, allerliebste Frau, wie groß meine Liebe zu dir ist und was für einen wackern Liebhaber du da gegen mich eingetauscht hattest. Der Bauer, der nichts von diesen Dingen wußte, da Giovannello ihm nur gesagt hatte, er wolle ihn in eine Abendgesellschaft führen, um einige von seinen Freunden zum Besten zu haben, sah, daß Antenor ihm zu Leib rückte, um ihn zu umarmen, fürchtete, es möchte ihn dies zu einer Handlung verleiten, die ihm Schande bringen könnte, machte sich daher mit aller Gewalt aus seinen Armen los und sagte: Lieber vornehmer Herr, ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt. Ich will in meines Herrn Haus; laßt mich! Wie dem Antenor bei diesen Worten zu Mut wurde, überlasse ich Euch zu bedenken, meine liebsten Frauen, zumal als die Leute seines Gefolges bei dieser seltsamen Stimme in das allergrößte Gelächter ausbrachen. Sie traten vor, stürmten alle auf ihn ein und riefen: Es geschieht dir ganz recht, da du dich dem Betto anvertraut hast, von dem du doch wußtest, daß er mit Giovannello ebenso wie mit dir befreundet ist. Gewiß hat er alles ausgeplaudert. Du siehst auch, daß er nicht bei uns ist. Ein anderes Mal also schau zu, wem du vertraust! Antenor schämte sich über die Maßen, teils wegen dessen, was ihm mit dem Bauern begegnet war, den er allerliebste Frau genannt hatte, teils wegen der Vorwürfe der Freunde. Er begab sich nach Hause und blieb daselbst drei Tage, ohne einmal aus der Stadt zu kommen, ja, ohne sich nur von jemand blicken zu lassen, wobei er große Rachepläne gegen Givannello schmiedete. Seine Freunde redeten ihm aber zu, die ganze Sache als Scherz zu betrachten, und als verständiger und wackerer Mann tat er das auch; er kam wieder mit Giovanello zusammen, sie blieben fortan gute Freunde und genossen in freundlichem Einverständnis noch lange Zeit die Freundschaft der Rosana. *   Übertragung von A. v. Keller Giovanni Marsili Der Jude Simon und Sara sein junges Weib In der an neuen und anmutigen Ereignissen immer fruchtbaren Stadt Florenz hatte vor wenigen Monaten ein Jude mit Namen Simon, einer der reichsten und angesehensten seines Stammes, ganz frisch ein schönes und artiges Mägdlein, namens Sara, als Weib heimgeführt, als ihm eines Tages in den Sinn kam, da es Sommer war, einen Spaziergang vor die Stadt hinaus zu machen, um sich wie andere Leute auf dem Lande ein wenig zu vergnügen. Er fragte bei der Frau an, und als er ihre Einwilligung erhalten hatte, wurde es verabredet, auf den Tag vor Sankt Johannis, der gerade auf einen Sabbath ihren Feiertag fiel, hinauszugehen. Der Tag kam und um Vesperzeit machten sie sich auf den Weg vor die Stadt. An dem verabredeten Ort angekommen, bestellten sie sich ein Salätchen von feinen Kräuterchen, ein paar Brote und eine Flasche guten Montepulciano; zogen dazu einige andere Sächelchen hervor, die sie mitgebracht hatten und machten sich mit Behagen über diese Mahlzeit her. Da geschah es aber, daß sie über dem Essen und Trinken und anderer Kurzweil der Abend überraschte, ohne daß sie es merkten. Es half nichts, jetzt noch umzukehren und noch so sehr zu eilen, denn das Tor, zu welchem sie herausgegangen waren, war bereits geschlossen. Darüber waren sie denn sehr betrübt. Es bleiben jedoch in Florenz die ganze Nacht über zu Nutz und Frommen der Fußgänger die beiden Haupttore der Stadt halb geöffnet, so daß für eine Grazia Grazia, der achte Teil des Paolo, dessen zehn auf einen Taler gehen. jeder, dem es beliebt, aus- und eingehen kann. Simon war sehr müde und hätte noch gar weit gehen müssen, um das San Gallustor Das nordöstliche Tor von Florenz. zu erreichen; er zog daher vor, zu Schiff über den Arno zu gehen und in San Pier Gattolini einzukehren, was denn auch allerdings das Gescheiteste war. Aber der Unstern wollte, daß gegen die sonstige Gewohnheit um diese Zeit in der Gegend keine Kähne zur Überfahrt sich fanden. Sie liefen in beständiger Hoffnung so lange am Ufer hin, bis sie einen Bauer erblickten, der, barfuß und ohne Hosen im Fluß herumwatend kleine Fische fing. Simon fragte ihn, ob in der Nähe kein Schiff zu finden sei, und da dies verneint wurde, wußte er sich gar nicht mehr zu raten. Der Bauer aber, erfahrener und verschmitzter Geselle, der sich nicht leicht einen guten Fang entwischen ließ, hatte schon das junge Weib ins Auge gefaßt und, da er sie schön und frisch sah, fiel ihm plötzlich ein, er wolle Simon eine Posse spielen. Er fing also an, ihm alle Hoffnung zu nehmen, eine andere Art, über den Fluß zu kommen, zu finden, und bot sich dann an, wenn er ihnen recht sei, sie eins ums andere hinüberzutragen. Simon, der nichts Arges dachte und vor Müdigkeit sich nicht mehr zu lassen wußte, hielt das für einen Ausweg, für den er Gott danken müsse. Sie kamen auf einen Testone = drei Paoli. für das Übersetzen von beiden überein, und Simon sagte zu der Frau, sie solle zuerst hinüber. Der Landmann setzte sie rittlings auf seine Schultern, brachte sie ohne Mühe und Gefahr ans andere Ufer; setzte sie ab, legte sich zu ihr, streckte sie ohne Umschweife auf den Schotter nieder und schritt eilig ans Werk. Sara fing an zu schreien, mit voller Kehle um Hilfe zu rufen; Simon aber auf dem andern Ufer, der, einmal wegen der Entfernung, zum andern wegen der Dunkelheit nicht wußte, wie der Handel ging, meinte, sie fürchte sich vor dem Wasser und rief ihr zu, sie solle ruhig sein. Die Frau aber schrie immerfort und als sie sah, daß der Bauer darum nicht ruhte, sagte sie am Ende deutlich, was ihr fehle. Als Simon dies hörte, war es ihm, als stieße man ihm ein Messer ins Herz, so fing er an zu krakehlen und zu toben. Weh mir, was ist das? rief er. Ha, du verdammter Hund, Verräter, Galgenvogel! Liebes Weibchen, erdrossele den Hund, kratz ihn, zerbeiß ihn! Dreimal sprang er in seiner Wut und in seinem Ärger ins Wasser bis an den Nabel, dreimal war er genötigt, wieder zurückzutreten aus Furcht, er möchte ertrinken. Er begann von neuem sein wütendes Geschrei und kam ganz außer Atem vor lauter Ermahnungen an Sara, die Schenkel nur fest zusammen zu halten. Der Bauer aber war nicht der Mann, auf bloßes Geschrei hin loszulassen, fuhr vielmehr fort, sein Pferdchen zu spornen, und sei es, daß sie der Gewalt wirklich nicht widerstehen konnte, oder daß, wie ich mehr geneigt bin anzunehmen, der Mona Sara es endlich auch recht war, ein wenig christlich Fleisch zu versuchen und die Kraft dieser Neubelehrten kennen zu lernen, kurz, die Sache ging so von statten, wie sie hernach bekannt hat, nämlich, daß er nicht eher von ihr abließ, bis er sie völlig genossen hatte. Darauf machte er sich, ohne sich um den weiteren Lohn zu kümmern aus dem Staube, meinend, schon vollständig ja mehr als genug bezahlt zu sein. Ohne daß man ihn erkannt hatte, ging er seiner Wege und ließ die Frau diesseits, den Mann jenseits des Arno, wo sie denn auch zu großem Mißvergnügen oder wenigstens zu seinem, den Rest der Nacht zubringen und den Morgen erwarten mußten. Als er erschienen war und Simon Gelegenheit gefunden hatte, an das andere Ufer zu kommen, nahm er mürrisch seine Sara schäumenden Mundes und zornschnaubender Nase und lief schnurstracks mit ihr in das Haus des Fiscalauditors, dem er durch die Frau die ganze Sache erzählen ließ, Punkt für Punkt wie sie sich begeben hatte, wobei er die heftigsten Klagen von der Welt ausstieß und grausame Rache für so verruchte Schurkerei verlangte. Wie sehr der Richter über solche Neuigkeit lachte, muß jeder sich selbst vorstellen können! Da jedoch das Vergehen allerdings strafwürdig erschien, fragte er den Simon um Namen oder Kennzeichen dessen, den er strafen sollte; darauf aber wußte Simon nichts Stichhaltiges zu erwidern. Je nun, sagte der Richter, ich bin kein Wahrsager. Geh in Gottes Namen deiner Wege und suche ihn, wenn du ihn gefunden hast, so komm wieder zu mir und ich will tun, was recht ist. Simon schied beschämter und mißvergnügter von dannen als er gekommen war, suchte noch an demselben Morgen den Häscher Hauptmann auf, erzählte ihm die Sache mit aller Ausführlichkeit und versprach ihm ein Handgeld von 40 Goldzechinen in Gold, wenn er den Missetäter entdecke. Bis jetzt aber hat man umsonst nach demselben gefahndet; ich meinesteils bin fest überzeugt, daß man ihn nie finden wird, und daß Simon gescheiter daran getan hätte, seine Homer unterm Rock zu verstecken und in Frieden zu tragen, statt so geflissentlich sich bemerkbar zu machen und in ganz Florenz, wie dies der Fall war, zum ergötzlichen Stadtgespräch zu werden. *