Paul de Kock Die Familie Gogo 1861 Erstes Kapitel. Der Wald von Fontainebleau. Eine Gesellschaft Kennt ihr den Wald von Fontainebleau? Wahrscheinlich, zumal wenn ihr aus Paris seid. Die Franzosen und hauptsächlich die Pariser, welche im Allgemeinen keine große Touristen sind (vielleicht, weil sie mit Recht nirgends anders so viel Vergnügen erwarten dürfen als daheim), die Pariser, sage ich, reisen wenig; sie fühlen nicht, gleich den Britten und Deutschen, das Bedürfniß, die Reise um die Welt zu machen, um Geist und Sitten der civilisirten Nationen zu studiren; sie suchen nicht gleich den Spaniern neue Länder und Völker zu entdecken und haben nicht gleich den Russen die Gewohnheit, sich Jahre lang in der Fremde aufzuhalten; kurz, sie finden ihr Land schön genug, ihren Boden fruchtbar genug, ihre Frauen reizend genug, ihre Küche gut genug, um damit auszukommen. Es ist auch erwiesen, daß sie Recht haben, da man weit öfter zu ihnen kommt, als sie zu Andern gehen. Indessen gibt es zwei Dinge, welche gesehen zu haben dem Pariser von großer Wichtigkeit sind, und ohne welche er sich für gar unwissend hält. Diese beiden Dinge sind: das Meer und der Wald von Fontainebleau. Das Meer hauptsächlich; man muß diesen prachtvollen Anblick genossen haben, denn man muß Abends in einer Gesellschaft von Freunden, von Nachbarn, in seinem Ladenstübchen oder bei seinem Kamine, während man sich die Waden braten läßt (so man hat), im Stande sein, von dem Eindruck sprechen zu können, den der Anblick des Oceans auf Einen gemacht hat, man muß die Wogen, die Ebbe und die Fluth gesehen haben, an der Küste hin und herspaziert, auf den Strandkieseln herumgestolpert sein (was, wenn man nicht daran gewöhnt ist, den Füßen sehr wehe thut) und da und dort einige oft sehr häßliche Muscheln aufgelesen haben, die man mitgebracht hat und voll Stolz zeigt mit den Worten: »Ich habe sie selbst an der Meeresküste aufgelesen.« Wenn man dann gar einen Sturm gesehen hat und Zeuge dieses entsetzlichen und zugleich schönen Schauspieles war, welches die empörten Wogen darbieten, so hat man noch weit mehr zu erzählen, und wenn man endlich gar das Glück gehabt hat, bei stürmischem Wetter selbst auf der See gewesen, während einer kleinen Spazierfahrt in einem Nachen längs der Küste, von den Wellen hin und her geschüttelt, bald in die Höhe gehoben, bald in die Tiefe gesenkt worden zu sein ... o, dann wird man eine wichtige Person! die Nachbarn und Bekannten hören mit achtungsvoller Miene auf die Erzählung eures Uebelbefindens und was darauf gefolgt . Ihr seid für sie ein Cook, ein Lapeyrouse, ein Christoph Columbus. Es gibt sogar darunter, die keine Austern mehr essen wollen, ohne euch um Rath zu fragen ... Bedenkt, welches Glück! ... Dann muß man einen Wald kennen; einen wirklichen, großen, tiefen, dichten, finstern Wald; einen jener Wälder, worin man sich zu verirren fürchtet. Wenn man sich nicht darin zu verirren fürchtet, so hat man keinen rechten Wald gesehen. Da nun der Fontainebleauer Wald unstreitig einer der schönsten ist, die sich in der Nähe von Paris befinden, so ist er das Hauptziel, nach welchem die Bewohner der Hauptstadt streben. Dahin geht die kleine Reise, die man machen oder gemacht haben will ... Havre und der Wald von Fontainebleau! Wenn die Pariser das erreicht haben, so glauben sie, daß sie weit genug gekommen sind, und fragen sich, was es wohl Schöneres und Merkwürdigeres zu sehen geben könne, als das Meer und einen finstern Wald mit hundertjährigen Bäumen; einen Wald endlich, worin es wirkliche, schwarze, schroffe, drohende Felsen; seltene, wilde, buschige, medicinische und giftige Pflanzen und sogar Schlangen von respektabler Größe gibt, deren Biß zuweilen sehr gefährlich ist. Ihr sehet, daß der Wald von Fontainebleau mit all' jenen kleinen Annehmlichkeiten versehen ist, die ein Reisender nur wünschen kann. Ich spreche nichts von Räubern, denn solche gibt es überall, und in dieser Hinsicht braucht Paris das Ausland nicht zu beneiden. Wenn nun die Reise nach Havre und Fontainebleau früher schon der entfernteste Ausflug war, den sich die Pariser, welche für Touristen gelten wollten, erlaubten, so kann man sich denken, wie sehr es ihnen nun darum zu thun ist, die beiden unerläßlichen Dinge, das Meer und einen Wald zu sehen – nun, wo sie Eisenbahnen haben; wo man sich in wenigen Stunden von einem Orte nach einem andern versetzen kann; wo man, nachdem man an seinem häuslichen Herde gefrühstückt hat, in vier Stunden in Rouen ist, von wo aus man, dem Dampfe sei's gedankt, alsbald nach Havre gelangt und sich, mittelst der gleichen Beförderungsmittel, Abends wieder daheim in Paris an demselben Herde niederlassen kann, den man Morgens verlassen hat. Und nach Fontainebleau braucht man noch kürzere Zeit, obgleich die Eisenbahn noch nicht bis zum Walde führt. Das Alles ist bewundernswürdig, beinahe zauberhaft, und Derjenige, welcher vor einem oder zwei Jahrhunderten diese Reise in wenigen Stunden zurückgelegt hätte, würde bestimmt für einen Zauberer erster Klasse gehalten worden sein, den man wahrscheinlich angeklagt, festgenommen, abgeurtheilt und verbrannt hätte wie die Marschallin von Ancre, den Prediger Gaufridi zu Marseille, die Johanna von Arc und viele Andere, welche einfach das Unglück hatten, zu bald gekommen und dem Geist und den Fähigkeiten ihrer Zeitgenossen voraus geeilt zu sein. Der Erste, der es begriff, wie viel sich mit dem Dampf bewirken lasse, der unglückliche Fulton, wurde auch sehr schlecht für seine Entdeckung belohnt. Wir sehen in allen Dingen, daß nicht die Erfinder den Vortheil aus ihren Entdeckungen ziehen: sic vos non vobis ( durch euch, aber nicht für euch) ... der gute Virgil hat immer Recht. Nun, ihr kennt den Wald von Fontainebleau, daran ist nicht zu zweifeln. Aber habt ihr ihn schon im Monat Juli, während der langen und heißen Tage, die der Sommer in seiner vollsten Kraft, in seinem stärksten Feuer bietet, durchgangen? Die Einen ziehen den Frühling mit seinem frischen Grün und seiner noch nicht ermattenden Sonnenwärme vor, Andere, besonders die Maler, bewundern einen Wald nur im Herbste, weil dann das Laubwerk mannigfaltiger ist und die gelb- und röthlichen Farben sich mit dem Dunkelgrün der Eichen und dem düstern und strengen Schwarz der Tannen vermischen. Jeder folge seinem Geschmack. Ich bewundere die Natur in ihrer ganzen Kraft, ich liebe beim Laubwerk weder die Kargheit des Frühlings noch das Abwelken des Herbstes; mir gefällt das saftige Grün der breiten und schönen Blätter, die dick belaubten Zweige und das Moos, das noch nicht unter den Füßen kracht. Ei, was liegt mir an der Sonne Glut! ... im Walde ist es nie zu heiß. Ach! wie schön sind dann diese unabsehbaren Alleen, die man in diesem herrlichen Walde für die Spaziergänger, welche sich nicht in das Dickicht wagen, eröffnet hat! Mit welchem Vergnügen ruht das Auge auf jenen majestätischen Bäumen, deren Stamm mit dichtem Moos bewachsen ist! auf allen Seiten Zweige, die sich zu Lauben wölben; ein Rasen, der zum Sitzen einladet; Gehäge von Laubwerk, die noch zu viel Süßerem einzuladen scheinen. Es ist unmöglich, daß der Anblick dieser kräftigen Natur eure Einbildungskraft nicht erhitze. Den Parisern, welche unter diesem dichten Laubwerk spazieren gehen, bietet der Wald tausend Reize dar; der Eine sieht ihn für einen zum Lesen, Nachdenken, Arbeiten wie geschaffenen Ort an; der Andere findet hübsche Plätzchen darin, um ungestört zu essen und zu trinken; Jener denkt, dort lasse es sich köstlich schlafen; Viele finden, es sei ein zur Liebe einladender Aufenthalt! ... Jeder denkt und sieht nach seinen Empfindungen; so geht es immer im Leben. Die Dinge werden nicht, wie sie wirklich sind, von uns beurtheilt, sondern, wie wir sie nach unserem Alter, nach unseren Leidenschaften und nach unserem Standpunkt ansehen, begreifen und empfinden. Eine Gesellschaft kam aus einem Wege, der nach Moret führt, heraus und lenkte ihre Schritte nach einem nach Fontainebleau zurückführenden Wege ein. Diese Gesellschaft bestand aus fünf Personen, zwei Damen und drei Herren. Die Damen hatten sich jede auf einen Esel gesetzt und die Herren gingen zu Fuße. Ein etwas geübtes Auge mußte sogleich Einwohner von Paris in ihnen erkennen, welche den Wald von Fontainebleau besucht hatten. Die eine dieser Damen, welche sieben- bis achtundzwanzig Jahre alt zu sein schien, war wohlgestaltet. Ihrer Haltung, der man vielleicht etwas zu viel Nachlässigkeit und Sorglosigkeit vorwerfen konnte, fehlte es deßhalb doch nicht an Reiz und Anmuth; überdies war diese Dame hübsch; sie war eine Vollblutblondine oder, wenn es euch lieber ist, ein Frauenzimmer von entschiedener Farbe; denn man sieht viele Leute, die man blond heißt, deren Haare aber ins Rothe oder Röthliche stechen, oder einen braunen oder gelben Schein haben; dann gibt es auch kastanienbraune Schattirungen, die man noch zu den blonden rechnet; aber die Person, deren Bild wir entwerfen, hatte jene schönen Haare, deren reine, ausgesprochene Farbe sich durchaus von den eben genannten unterschied. Gewöhnlich hat ein wahrhaft blondes Frauenzimmer eine sehr weiße Haut, hellblaue Augen, einen blassen oder rosigen Teint, kaum wahrnehmbare Augbrauen und der Ausdruck ihres Blickes so wie ihres Lächelns ist sanft und zärtlich. Madame Mondigo hatte alles dieses und dazu noch wunderschöne Zähne, die ihres etwas großen Mundes wegen häufig sichtbar wurden. Sie war also eine recht schöne Frau und deßhalb fand man sogar noch Reiz in ihrem nachlässigen Gange, während man, wenn sie häßlich gewesen wäre, sicher gesagt hätte, sie halte sich entsetzlich schlecht und könne nicht einmal ordentlich gehen. Die andere Dame war ungefähr von demselben Alter wie die Blondine; aber es war eine ganz andere Art von Frauenzimmer, obwohl hübsch oder vielmehr angenehm. Es war eine kleine, mit mäßiger Beleibtheit versehene Person, wodurch ihre Taille, die sich nicht gerade mit zwei Händen umspannen ließ (ein Vorzug, worauf die Männer weniger halten als die Damen glauben), mehr herausgehoben wurde; diese drückte sich übrigens hinlänglich aus, um alle benachbarten Formen im gehörigen Lichte erscheinen zu lassen. Beim Walzen hätte zum Beispiel ein Herr nicht zu fürchten gehabt, daß sie ihm unter den Händen zusammenbreche, er hätte nicht im Stillen geseufzt über die Qual, welche ihr das Athemholen verursachen müsse, was Einem leicht begegnet, wenn man eine jener Damen oder Fräulein umfassen und mit ihr tanzen und galoppiren muß, deren Taille manchmal dünner ist als die einer Puppe. Statt ihre Körperschönheit zu bewundern, hat man Mitleid mit der Pein, welche sie in ihren Schnürleibern ausstehen müssen; und ein altes Lied sagt: »Das Mitleid ist noch keine Liebe.« Diese Dame schien also nicht in ihr Corsett eingezwängt, man sah es ihrer Haltung an. Sie war beweglich, lebhaft, ungezwungen heiter und entsprach vollkommen dem schelmischen, lächelnden Ausdruck ihres Gesichts, das in einer etwas gewölbten Stirne, braunen, nicht sehr großen Augen, einem Näschen von unentschiedener Gattung, einem frischen, stets lächelnden Munde und dunkelbraunen Haaren bestand; kurz, in ihrer Miene drückte sich eine Munterkeit und Lebhaftigkeit aus, die ihrem ganzen Wesen Reiz verliehen. So war Madame Marmodin beschaffen, welche keinen Augenblick ruhig auf ihrem Esel bleiben konnte und ihn jeden Augenblick schlug, anspornte und drangsalirte, was das arme Thier zuweilen in sehr üblen Humor versetzte; da erlaubte es sich alsdann hinten auszuschlagen, machte Sprünge, oder machte Miene, sich auf den Boden zu legen, worüber das kleine Frauchen oft mitten unter ihrem Gelächter einen gellenden Schrei ausstieß, was den Esel vollends betäubte und die Gesellschaft in Schrecken setzte. Herr Marmodin, der Gemahl der kleinen Dame, war ein Mann, welcher seine fünfundvierzig Jahre gut auf dem Rücken hatte. Er war groß, gelb und sehr mager; sein Gesicht eckig und seine Nase bildete drei deutlich zu unterscheidende Bögen, weßhalb natürlich der unterste einwärts ging, was dieser Person eine außerordentliche Aehnlichkeit mit einem Raubvogel oder wenigstens mit einem Kernbeißer (die man in der Gegend von Paris häufig sieht) gab. Runde, grünliche, von dicken Augbrauen beschattete Augen, dünne Lippen, ein eingekniffener Mund und sehr hervorragende Backenknochen machten zusammengenommen aus Herrn Marmodin einen völlig häßlichen Menschen. Man konnte ihm allerdings etwas Ausgezeichnetes nicht absprechen, denn seine Häßlichkeit war zu einem ungewöhnlichen Grade gediehen. Herr Mondigo, der Gatte der hübschen Blondine, war einer von den Menschen, über welche man nichts sagt. Er war neununddreißig Jahre alt und bekam bereits einen Bauch, was ihn höchlich ärgerte. Er war in seinem zwanzigsten Jahre ziemlich hübsch gewesen und noch nicht übel, so weit man über sein Gesicht urtheilen konnte, das hinter einem enormen Backen-, Schnurr- und Knebelbart und einem natürlichen Haarwald, der einer Perrücke aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. glich, versteckt war. Es war daher fast unmöglich, menschliche Züge herauszufinden, wo einem überall drohende Haarspitzen und kolossale Locken entgegenstarrten. Zum Glück war dieses behaarte, bärtige Wesen blond, wodurch das Düstere seines Aussehens gemildert wurde. Ein dritter Herr gehörte noch zu der Gesellschaft der fünf Personen, welche im Wald von Fontainebleau spazieren gingen. Es war einer von jenen Männern, von welchen man gewöhnlich sagt, sie seien im mittleren Alter, das heißt eher alt als jung. Er war klein und sein Schafsgesicht hätte angenehm scheinen können, wenn seine Augen unter sich einig gewesen wären, das passirte ihnen aber nie; wenn das eine rechts sah, blickte das andere hartnäckig links; wenn er auf der einen Seite nach dem Himmel schaute, so schien er mit der andern Etwas auf dem Boden zu suchen. Kurz, Herr Roquet schielte so stark, als es überhaupt Jemand erlaubt sein kann; vergeblich trug dieser Herr, um die Abschweifungen seines Blickes zu verbergen, unaufhörlich Augengläser: seine Augen überließen sich auch unter der Brille den gleichen Abirrungen. All' Das hinderte indeß Herrn Roquet nicht, große Freude an seiner Person zu haben und sich für fähig zu halten, Leidenschaften zu erwecken; an seiner langsamen und honigsüßen Sprache, an der Art, wie er sich selbst gerne sublime Redensarten drechseln hörte, erkannte man leicht, daß in diesem Subjekte ein großes Kapital von Ansprüchen und ein lebhaftes Verlangen, Eroberungen zu machen, angelegt war. Sein Anzug war stets gesucht; er bemühte sich, immer die neuesten Moden nicht nur nachzuahmen, sondern sogar zu übertreiben, vielleicht aus Furcht, man könnte dieselben an ihm übersehen; allein trotz seiner neumodischen Toilette, seiner gefirnißten Stiefeln und seiner allzeit frischen Glacé-Handschuhe sah Herr Roquet doch gar schwerfällig und linkisch aus, so zwar, daß man sich oft in Gesellschaft über diesen Herrn lustig machte, sowohl bezüglich seines Augengebrechens, als seines Anzugs und seiner Ansprüche. Machen wir jetzt mit dieser Gesellschaft einen Spaziergang, um die fünf Personen, aus welchen sie besteht, vollends kennen zu lernen. Man hat einen Schrei ertönen hören; Herr Roquet, der etwas voraus war, fuhr zusammen und wendete sich dann um, indem er stammelte: »Was gibt es?« Ein schallendes Gelächter, das sogleich auf diesen Schrei folgte, bewies ihm, daß seine Angst unnöthig war. In der That war es der Esel der Frau Marmodin, welcher abermals Miene machte, sich niederzulassen, und das Frauchen hatte ihrer Gewohnheit gemäß erst geschrieen und dann gelacht. »Mein Gott, Fränzchen, wie peinigend bist Du mit Deinem Schreien!« sagte zu seiner Frau tretend der Herr, welcher einem Nußknacker gleichsah. »Ich hielt Dich für muthiger als so! Du verlangst immer von mir, ich soll Dich zu Pferd ausreiten lassen, und kannst Dich nicht einmal auf einem Esel halten.« »Ei, wie artig! ich soll mich nicht halten können! Ich möchte Sie einmal auf diesem abscheulichen Starrkopf sehen, mein Herr, der mir nicht folgen will, der ausschlägt, der hält, wenn ich vorwärts will, rechts geht, wenn ich ihn links leite. Da, sehen Sie, was er jetzt eben macht und auf dem Boden sucht; könnte man nicht glauben, er wolle eine Stecknadel mit seinen Zähnen auflesen? Ja, ich wiederhole es, ein Pferd ist viel leichter zu lenken.« »Betrachten Sie Madame Mondigo! wie gut diese ihren Esel regiert, wie gelehrig er bei ihr ist.« »Es ist wahr!« versetzt der Herr mit den langen Haaren, »meine Frau sieht auf ihrem Esel beinahe wie eine Kunstreiterin Franconi's aus! sie beugt sich hin und her, legt sich darauf, als ob sie in einem Lehnstuhl säße. Höre, Clementine, Du befindest Dich, wie es scheint, gut auf Deinem Esel?« Die blonde Dame kehrte sich zur Hälfte um und erwiderte lächelnd: »Ja, nicht übel; das Thier ist so sanft ... es scheint recht gutmüthig.« »O, Madame Mondigo ist glücklich!« versetzt die kleine Frau wieder in spöttischem Tone. »Man könnte glauben, die Thiere werden eigens für sie gemacht. So stürzte, als wir letzthin nach Montmorency gingen, mein Pferd im Galoppiren zweimal unter mir, während das ihrige nicht einmal strauchelte; allerdings ritt sie nur im Schritt und ich habe es gerne, wenn es schnell geht. Vorwärts, Grauchen, vorwärts, mein Freund, ein wenig Feuer; der Weg ist doch hübsch genug, daß man ein bischen traben oder galoppiren kann! ... O, das Ausschlagen hilft Dir nichts; ich werde Stecknadeln anwenden, ich mache Dich darauf aufmerksam, und Dich an einem sehr empfindlichen Orte angreifen! ... ha, ha, ha! ... So, jetzt rennt er mit mir in das Dickicht!« »Ein schöner Wald! ein herrlicher Wald,« rief Herr Mondigo um sich blickend aus. »Wenn ich in Fontainebleau wohnte, würde ich oft hier arbeiten!« »Ach, ihr Dichter und Romanschreiber, ihr könnt überall arbeiten!« sagte Herr Marmodin; »mit einem Buch Papier und einem Schreibzeug in der Tasche laßt ihr euch nieder, wo es euch gefällt; der Rasen, das Moos, die Ufer eines Baches dienen euch als Schreibtisch, das ist sehr bequem. Ich, der ich mich mit wissenschaftlichen Werken beschäftige und oft in einer Masse Bände nachschlagen muß, kann, da ich nicht im Stande bin, meine ganze Bibliothek nachzuschleppen, nur in meinem Studirzimmer arbeiten.« Der Herr mit der langen Mähne entgegnete, indem ihm bei Herrn Marmodins Behauptung: er beschäftige sich mit wissenschaftlichen Werken, ein zweideutiges Lächeln entschlüpfte, mit selbstzufriedener Miene: »Ja, ich habe zwei meiner Dramen auf dem Grase im Park von St. Cloud geschrieben; wir hatten damals ein kleines Absteigequartier in Bellevue gemiethet.« »Wie machen Sie's? um auf dem Boden zu schreiben?« fragte Herr Rouquet, der sich dem Schriftsteller genähert hatte. »Mir scheint das Ding schwierig.« »O nein, ich lege mich der Länge nach auf den Bauch, stütze mich, mein Papier vor mir, auf meine beiden Ellbogen und kann Sie versichern, daß das zum Schreiben und Dichten eine sehr geeignete Lage ist.« »Ah bah! auf den Bauch ... das ist komisch ... Und Sie haben mehrere Stücke auf dem Bauche gemacht? Das hat Sie wohl begeistert?« »Ich sage nicht gerade, daß diese Lage mich begeistert hat, ich sage nur, es sei auf diese Weise angenehm, im Freien zu schreiben.« »Der Teufel! und Sie breiten nichts über das Gras aus, um sich darauf zu legen?« »O! Gott, nein!« Hierauf versetzte Herr Marmodin, nachdem er sich geschneuzt und eine Prise Tabak genommen hatte, im Tone eines Professors, der eine Vorlesung hält: »Die Römer hatten, glaube ich, nicht die Gewohnheit, auf dem Bauche ausgestreckt zu schreiben, obgleich sie ihre Mahlzeiten beinahe liegend einnahmen; wenn sie diese gehabt hätten, würden sie meiner Ansicht nach ihr Pallium, einen langen, dem der Griechen ähnlichen Mantel, den hauptsächlich die Philosophen trugen, auf dem Boden ausgebreitet haben ... Das Palliolum, das viel kleiner war, glich dem, was unsere Damen jetzt Crispinchen nennen. Die Römerinnen trugen eine Palla, einen, dem der Gallier nachgeahmten ganz kurzen Mantel; außerdem gab es noch eine Tarentina, die ...« »Ach, um Gotteswillen, Herr Gemahl, hören Sie auf! Sie machen meinen Esel noch scheu!« unterbrach ihn Madame Marmodin, ihr Langohr antreibend. »Wenn Sie in Ihre Römer hineinkommen, kommen Sie nicht mehr heraus ... ich kenne Sie! Wir haben ausgemacht, uns zu unterhalten ... und Ihre Gelehrsamkeit erschreckt mich; das ist viel zu ernst für mich.« »Aber, Fränzchen, ich sprach ja von den Kostümen der Römer und glaubte, daß Alles, was die Toilette betreffe, den Damen interessant sei.« »Die moderne Toilette, die neue Mode, das lasse ich mir gefallen; aber was liegt mir daran, ob Ihre Römer lange oder kurze Mäntel getragen haben? ... Es ist doch sonderbar, daß Herr Friedrich noch nicht nachgekommen ist, wie er es versprochen hat; allein er sucht uns vielleicht in einem andern Theile des Waldes, während wir hier sind.« Madame Mondigo, welche ihren Esel angehalten hatte, sagte ebenfalls: »Es ist wahr. Friedrich hatte versprochen, heute Morgen sehr bald in Fontainebleau zu sein; er sollte sich mit Herrn Dernesty einfinden, so war es ausgemacht.« »Ach, der Kuckuk, Madame!« fuhr der Schriftsteller fort, »wenn Sie sich auf das Gerede dieser Herren verlassen, sind Sie sehr gutmüthig. Mein Neffe erstens hat immer so Vielerlei zu thun, ist zu so vielen Lustpartien engagirt, daß er eigentlich am Abend vorher nie genau wissen kann, was er am andern Tage beginnen wird. Friedrich ist der leichtsinnigste Mensch von der Welt! Er verspricht Ihnen Etwas, wenn Sie ihn aber einen Augenblick darauf fragen, was er gesagt habe, so wird er mit der Antwort sehr in Verlegenheit sein.« »Wenn er in Allem so ist,« rief Madame Marmodin aus, »so ist das eine schlechte Garantie für die Frauenzimmer, denen er Liebe schwört.« Der Herr mit der dreischläferigen Nase verzog bei dieser Bemerkung seiner Frau sehr auffallend das Gesicht. Der Schriftsteller fuhr fort: »Und was Herrn Dernesty betrifft, so halte ich ihn, obgleich er älter ist als mein Neffe, doch nicht für vernünftiger. Er ist auch nichts als ein Müßiggänger, ein Spieler und ein Lebemann.« »Ach, ach, Herr Mondigo! wie gehen Sie mit diesen armen jungen Leuten um!« sagte lachend die kleine Dame. »Halt, Eselchen, sei ruhig! ... Jetzt will er vorwärts, weil ich ihn anhalten will. Clementine, wollen wir unsere Esel vertauschen?« Die schöne Blondine kehrte sich lachend gegen das kleine Frauchen und antwortete, nachdem sie einen vielsagenden Blick auf sie geworfen hatte: »O! es ist nicht der Mühe werth! ich glaube, daß in der Hauptsache einer so wenig taugt, wie der andere.« »Behalten wir also in Gottes Namen jede ihren Esel!« erwiderte das lebhafte Fränzchen, einen komisch ernsthaften Seufzer ausstoßend. »Meine Damen!« nahm Herr Mondigo wieder das Wort; »ich versichere Sie, daß ich durchaus nicht die Absicht habe, das Betragen meines Neffen und seines Freundes zu rügen. Ei, mein Gott! sie machen sich lustig, das liegt in ihrem Alter, das liegt eigentlich in jedem Alter, und ich glaube sogar, daß, wenn man es nicht mehr thut, es weit weniger aus Solidität, als ans Rücksicht für die Gesundheit geschieht ... Hier sind Felsen, meine Damen, sehr schöne Felsen! von diesen erhält Paris einen Theil seiner Pflastersteine; man versichert, dieser Wald liefere jährlich ungefähr achtmalhunderttausend ...« »Wie wäre es, wenn wir hier hinauf auf diese schroffen Felsen kletterten?« sagte die muntere Franziska, ihren Esel am Ohre zurückziehend. »Hören Sie, Herr Roquet, was halten Sie von meinem Vorschlag? Wollen Sie mit hinaufklettern?« Herr Roquet blickte mit dem einen Auge die Felsen und mit dem andern Madame Marmodin an, indem er entgegnete: »Wir sind heute Morgen, während wir nach Moret gingen, schon über viele Dinge geklettert; ich sehe die Notwendigkeit nicht ein, uns noch weiter zu ermüden; außerdem verspäten wir uns dadurch und wir wollen vorher in Fontainebleau zu Mittag essen, ehe wir in einen der, Omnibus vorstellenden, Rumpelkästen steigen, um nach Corbeil zurückzufahren.« »Ach, das ist es! Sie denken an das Essen. Die schleckerhaften Männer denken doch nur an die Tafelfreuden.« »Ich versichere Sie, schöne Dame, in Ihrer Nähe denke ich auch noch an etwas Anderes!« Herr Rouquet hat diese letzten Worte halbleise ausgesprochen, damit sie Herr Marmodin nicht höre, denn Fränzchens Gatte war für außerordentlich eifersüchtig bekannt. Das kleine Frauchen stellte sich, als ob sie Herrn Roquets Worte nicht verstanden hätte und fuhr fort: »Ach, wenn Herr Friedrich bei uns wäre, so würde er sicher schon oben auf diesen Felsen sein. Ich hätte ihm nur sagen dürfen: ich wünschte eine dieser kleinen gelben Blumen, die ich dort oben an jenen Gesträuchen sehe ... dann wäre er geflogen, sie mir zu holen; aber Sie, meine Herren, ach, Sie sind gar nicht galant!« »Meine liebe Freundin!« spricht Herr Marmodin, »um dort hinaufzusteigen, müßte man eine ganz eigens dazu gemachte Fußbekleidung haben. Die Römer hatten besondere Fußbekleidungen, welche ihren Rang, ihren Stand und ihre Stellung in der Welt anzeigten; wir Franzosen kennen nur Schuhe und Stiefeln; wir bedienen uns weder der Caliga, noch der Crepida, noch der Gallica, noch der Barea; wir ziehen bisweilen den Calceus und manchmal den Soccus an, aber ...« »O, genug, genug, mein Herr, ich bitte Sie ... ich will ja lieber nicht auf diese Felsen klettern ... nur quälen Sie mich nicht eine Stunde lang mit Ihren Römern ... Ach, es wäre doch hübsch gewesen, wenn mein Esel da hinaufzubringen gewesen wäre!« Damit suchte das Frauchen ihren Esel in die Nähe des Fels der schönen Blondine zu bringen und fuhr, aber so, daß sie nur von dieser gehört werden konnte, fort: »Sagen Sie, Clementine, nennen Sie das eine Lustpartie? wenn man immer durch gerade Alleen gehen soll, damit man sich nicht verliere; nur halten darf, wenn es diesen Herren gefällig ist; nicht springen, nicht hüpfen und keine Tollheiten machen darf? Ich dachte mir doch gleich, so werde es sein, wenn man auf's Land geht! Unsere Männer sind sonderbar; weil sie lieber gravitätisch einherschreiten, sollen wir es auch so machen und uns das ebenfalls recht sein! Ach, wie despotisch sind die Männer! Wenn übrigens Ihr Neffe und sein Freund mitgegangen wären, wie sie es versprochen hatten, so wäre es viel munterer geworden. Sind Sie nicht auch meiner Ansicht?« »Ohne Zweifel! Mein Mann ist daran Schuld. Er hat es seinem Neffen erst gestern Abend gesagt, daß wir mit der Eisenbahn nach Corbeil und von da nach Fontainebleau gehen wollten.« »Ach, wie gescheidt! es Einem erst an dem Tage zu sagen, wo die Partie gemacht werden soll.« »Friedrich erwiderte: »›Ich kann Sie nicht im Augenblick begleiten, aber morgen werde ich in aller Frühe mit Dernesty abreisen. Hinterlassen Sie nur, an dem Orte im Walde, wo man gewöhnlich aussteigt, welchen Weg Sie einschlagen werden, und dann kommen wir nach.‹« »Wenn man eine Partie macht und nicht miteinander geht, kommt man nie wieder zusammen. Die Herren sind vielleicht abgehalten worden, und so bleibt uns zur Unterhaltung nur Herr Roquet übrig, der langweiligste Mensch von Paris, der beständig um mich herumschmachtet und dabei schielt, daß es ein Graus ist.« »Vielleicht schmachtet er nach Ihrem Esel.« »O, wenn ich das wüßte, so ließe ich ihn augenblicklich aufsteigen, denn dann hätte ich das Vergnügen, ihn in wenigen Minuten auf dem Boden zu sehen.« »Sie sind recht schlimm!« »Der Mann ist auch so dumm und betrachtet einen immer von hinten und von vornen zugleich, das ist unschicklich! ... Ach! wenn unsere jungen Herren gekommen wären, hätte ich mit ihnen gelacht und mich mit ihnen herumgetummelt, ohne auf meinen Mann zu hören, ich versichere Sie.« »Herr Marmodin soll aber, so viel man sagt, sehr eifersüchtig sein.« »Das ist mir höchst gleichgültig; es ist im Gegentheil ein Grund mehr, ihn aufzubringen ... Sie sind glücklich, Herr Mondigo ist nicht eifersüchtig.« »O, er denkt nicht daran! aber ich habe ihm auch nie Veranlassung dazu gegeben.« »Wirklich? Ihre Reflexion ist köstlich! Sie meinen also, ich betrage mich auf eine Weise, daß mein Mann Grund zur Eifersucht habe?« »Mein Gott! dies wollte ich nicht damit sagen. Nur könnten, da Sie sehr heiter sind, manche Leute meinen, es gefalle Ihnen, wenn ... wenn man Ihnen die Cour macht.« »Diese Leute hätten Recht, ich lasse mir außerordentlich gerne den Hof machen und wünschte, daß alle Männer in mich verliebt wären! O! das würde mir unendlich viel Spaß machen! um so mehr, als so viele andere Frauen darüber rasend werden würden ... Nun, Grauer, willst du wohl den Kopf in die Höhe halten? oder bist du etwa ein gelehrter Esel, der den Stein der Weisen sucht, deßhalb kannst du doch deinen Kopf so aufrecht tragen, wie deine zweibeinigen Kollegen.« »Dieser Wald ist entsetzlich groß!« sagte Herr Roquet, mit banger Miene um sich blickend; »wissen Sie, daß man sich darin verirren könnte?« »Das dürfen Sie ohne sich zu geniren!« erwiderte lachend Madame Marmodin. »Das war früher der Wald von Bière;« versetzte der Herr mit der dreihökerigen Nase; »er ist ungefähr dreiunddreißigtausend Morgen groß. Wenn die Römer in geheiligte Wälder kamen, so ...« »Ach, mein lieber Freund! Sie hatten mir so bestimmt versprochen, mich auf dieser Landpartie mit den Römern zu verschonen ... bemühen Sie sich doch einmal ausnahmsweise, artig zu sein! ... Wisset Ihr, meine Herren, an wen mich dieser Wald erinnert? An den Freischütz. Ach, hier meine ich, müßte seine Residenz sein.« »Wie, der wilde Jäger?« sagte Roquet, fast wehmüthig lächelnd, indem er kreuzweise laufende Blicke bis in die Tiefe des Waldes sandte. »Ach, welcher Gedanke! Der Weg scheint mir sehr lange zu dauern; ich fürchte, daß wir nicht den rechten eingeschlagen haben. Es bleibt uns am Ende keine Zeit mehr zum Mittagessen.« »Ach, Madame Marmodin, Sie möchten den wilden Jäger sehen!« ruft Herr Mondigo, sich der kleinen Dame nähernd, aus. »Ei! Sie glauben zu scherzen, und ich versichere Sie, daß es noch nicht lange her ist, daß die Bewohner von Fontainebleau an die Jagd des wilden Jägers glaubten, der, wie man sich erzählt, ein großes schwarzes Gespenst war. Wenn er im Walde jagte, machte er einen abscheulichen Lärm; man hörte ihn oft, aber man sah ihn nie. Wollen Sie übrigens, daß ich Ihnen erzähle, was ein alter Geschichtschreiber, Peter Mathieu, hierüber mittheilt?« »Ja, ja, erzählen Sie!« antwortet Fränzchen, ihren Esel anhaltend; »Geschichten, die Einem Furcht einjagen, sind so unterhaltend, und in einem Walde erschrickt man so leicht!« Herr Roquet murmelte zwischen seinen Zähnen: »Statt lächerliche Geschichten zu erzählen, sollten wir uns nach dem rechten Wege umsehen; es wäre gar nicht unterhaltend, sich von dem Orte des Mittagessens zu entfernen, statt sich ihm zu nähern.« Der Schriftsteller stützte seine Hand auf den Rücken des widerspenstigen Esels und begann seine Erzählung: »So vernehmen Sie denn, schöne Dame, daß der König Heinrich IV., als er eines Tages in dem Wald von Fontainebleau jagte, Hörnerklang, Jagdgeschrei und Rüdengebell vernahm. Der Lärm, der Anfangs ziemlich entfernt war, kam allmählig näher und wurde deutlicher. Da der König den Grund desselben zu erfahren wünschte, bat er den Grafen von Soissons, welcher in seiner Begleitung war, nach der Sache zu sehen. Der Graf durchstreifte einige Zeit den Wald, und da er nichts sah, war er eben im Begriff, zum König zurückzukehren, als ihm ein großer schwarzer Mann – der sich plötzlich im dichten Gebüsche zeigte – laut zurief: Hört ihr mich? und eben so schnell wieder verschwand. Von Schrecken ergriffen, entfloh der Graf, und die Hirten in der Umgegend behaupteten, daß dieses die Jagd des heiligen Hubertus oder des Königs Arthur gewesen sei, welche den Wald durchzogen habe.« »O, Ihre Erzählung ist sehr unterhaltend, denn sie flößt Furcht ein. Vorwärts, Eselchen, vorwärts! O ich will Dich ordentlich spornen, denn ich meine, der große schwarze Mann sei mir auf der Ferse.« Madame Marmodin trieb ihr Thier an und dieses Mal zwar mit solcher Heftigkeit, daß es sich entschloß, sich in Galopp zu setzen und mit seiner Reiterin durchzugehen; diese stieß zuerst Freudenschreie aus, bald aber erschrack sie über die Schnelligkeit, mit der sie vorwärts kam, und fürchtete sich, da sie ihren Esel nicht mehr zurückhalten konnte, herunterzufallen; und während sie sich mit der einen Hand an der Mähne und mit der andern an dem Schweife des Thieres hielt, rief sie die hinter ihr zurückgebliebenen Personen zu Hülfe. Madame Mondigo stachelte ihren Esel gleichfalls an, um ihre Freundin einzuholen. Die beiden Gatten setzten sich in Marsch, um ihre Frauen zu erreichen; und Herr Roquet, der gerade einer sehr natürlichen Ursache wegen bei einem Baums stehen geblieben war, stand starr vor Staunen, als er, beim Umwenden, Niemand mehr am Ende des Fußpfades bemerkte, der in eine Art Kreuzweg einmündete, wo mehrere Straßen zusammenstießen. Zweites Kapitel. Ein Unfall. – Eine Begegnung »Wie, ich bin allein? ... Sie haben mich im Walde verlassen? ...« sprach Herr Roquet zu sich, indem er mit hastigen Schlitten vorwärts eilte und dieses Mal nach mehr als zwei Seiten zugleich hinblickte, ein Vorzug, der ihm vor Vielen zu Theil ward und den er in diesem Augenblicke nicht genug zu schätzen wußte. »Ich mag mich umsehen, wohin ich will ... ich erblicke sie nicht ... He! ... hört! ... Mondigo! ... Herr Marmodin! ... Wenn es ein Scherz sein soll, so finde ich ihn sehr unpassend ... nicht etwa weil ich mich fürchtete, allein in diesem Walde zu sein ... es ist ja nicht Nacht und ich begegne Leuten, welche mir den Weg zeigen werden. Aber einerlei, es ist sehr dumm. Man geht nicht mit einander, um sich zu verlieren. Die sollen mir wieder kommen und mich zu Landpartien einladen! ... He! ... Mondigo! ... Es ist ohnehin nichts Unterhaltendes daran! Der Eine hält sich für einen Schriftsteller, einen berühmten Dichter, weil er einige Stücke geschrieben hat, die das Publikum sich hat ein paar Mal vorspielen lassen. Wenn ich sage Publikum, so will ich damit sagen, daß nie eine Seele im Theater ist, wenn man sie spielt. Der Andere hält sich für einen Gelehrten, weil er in Rom war ... und spricht bei jeder Gelegenheit von den Römern. Der arme Marmodin, statt sich darum zu bekümmern, was jene stolzen Republikaner gethan haben, würde weit besser daran thun, dafür zu sorgen, daß ihm seine Frau seinen Kopfputz nicht unnöthig vermehrt. Das kleine Weibchen ist sehr aufgeweckt, sehr kokett ... Mein Gott, wie einfältig, mich zu verirren, wie der kleine Däumling! ... Da stehe ich vor mehreren Wegen, welchen soll ich einschlagen? He! ... hört ... Ei der Kuckuk, jetzt werde ich gar noch heiser vor lauter Schreien! Wenn mich die Nacht hier überfiele! ... Ich muß einmal sehen, welche Zeit es ist. Noch nicht einmal zwei Uhr und wir sind im Monat Juli, wo es lange hell bleibt, ich habe glücklicher Weise Zeit vor mir! Ich bin recht müde und habe Hunger! Welche vermaledeite Lustpartie! Ich wage es nicht, mich zu setzen: es gibt Schlangen hier herum und ich habe Abscheu vor diesen Thieren! Das soll mir eine Warnung sein, nie wieder in Wälder zu gehen! Ich kannte das Gehölz von Romainville, damit hätte ich zufrieden sein können; Bäume sind überall Bäume. Ich würde gerne zwanzig Franken geben, wenn ich jetzt im Palais Royal bei Béfour wäre!« Herr Roquet ist stehen geblieben, der Schweiß rinnt an ihm herunter; er sieht sich wiederholt nach allen Seiten um, erblickt aber Niemand; nun scheint ihm der Wald noch düsterer und dicker; er gewinnt in seinen Augen ein so finsteres Aussehen, daß es ihm das Herz zusammenzieht und tiefe Traurigkeit sich über seine Züge verbreitet. Er nähert sich einem hohen Baume, umschlingt ihn mit seinen Armen und versucht es, hinauf zu klettern, weil er denkt, er könne von dem Gipfel eines Baumes Fontainebleau sehen, um dann sicher, ohne sich zu verirren, darauf zuzugehen. Da aber Herr Roquet nie gymnastische Uebungen getrieben, sondern seine Jugend friedlich, besonnen und ohne alle Berührung mit Kletterstangen zugebracht hat, so konnte er nicht dazu gelangen, sich weiter als einen Fuß vom Boden in die Höhe zu schwingen, und seine unseligen Anstrengungen führten zu nichts, als seine Hose vornen zwischen den Beinen an derjenigen Stelle aufzusprengen, wo man sie den kleinen Knaben offen läßt, das mit man ihnen die Beinkleider nicht herabziehen muß ... wenn sie etwa unterwegs das Bedürfniß fühlen, anzuhalten. »Ach, der Teufel! da habe ich einen schönen Streich gemacht!« ruft Herr Roquet aus, indem er seine Hose betrachtet. »Jetzt sehe ich gut aus! ... Aufgesprungen, gespalten wie eine Unterhose! Der Henker soll diese Bäume und diese Wälder holen! Hier kann ich doch keine andern Hosen anziehen, nicht einmal in Fontainebleau, dort habe ich auch keine; ich habe meine Garderobe nicht mit mir geschleppt; ich muß also in diesem Zustand vor den Damen erscheinen ... das ist sehr kitzelig ... Die Ehemänner werden ellenlange Nasen bekommen, absonderlich Herr Marmodin ... allein was liegt mir daran, ich schere mich nichts darum! Es ist ihre Schuld, daß ich meine Beinkleider zerrissen habe; sie hätten mich nur nicht verlieren sollen. Es ist zwar immerhin sehr ärgerlich, eine ganz neue Hose ... heute habe ich sie zum zweitenmale an! Doch dieser Schurke von Schneider hat immer die Wuth, sie mir zu eng zu machen; umsonst habe ich zu ihm gesagt: wenn ich mich setzen will, spannt es und genirt mich. Er antwortete bloß: das wird sich schon geben ... es ist gekeperter Wollzeug, der dehnt sich, er ist sehr elastisch. Es ist zum Erstaunen, wie der sich gedehnt hat ... In Fontainebleau muß ich suchen, mich zuflicken zu lassen; denn ich habe keine Lust, an diese Stelle Stecknadeln hinzustecken. Der Teufel! die könnten mich verwunden ... das ist zu gefährlich. Nun, ich will mich wieder auf den Weg machen! O, jetzt kann ich ganz ungenirt marschiren!« Herr Roquet geht weiter auf dem vor ihm befindlichen Fußweg; er rennt nun mit großen Schlitten und in einer Art Wuth vorwärts und betrachtet wechselweise bald den Pfad, bald seine Hose. Aber plötzlich bleibt er stille stehen. In einer Entfernung von etwa hundert Schritten von sich sieht er im Dickicht sich etwas bewegen und zwar nahe am Wege, den er vor sich hat. Er kann nicht genau unterscheiden, was es ist, nur so viel, daß der Gegenstand, der sich rührt, sich ungefähr zwei Schuh vom Boden erhebt, braun und von ziemlichem Umfange zu sein scheint. Herr Roquet, dem der kalte Schweiß auf die Stirne tritt, bleibt unbeweglich, zitternd stehen und wagt es weder vor- noch rückwärts zu gehen; es schwindelt ihm vor den Augen und er denkt: »Was ist das dort? Ein Dieb, der auf mich lauert? oder eine enorme Schlange? Ich habe nicht mehr den Muth, hinzublicken; ich fürchte sehr, daß es eine Schlange ist ... Ich glaube, ein Dieb wäre mir noch lieber. Was ist zu thun? ... Ach, was ist doch das Reisen für eine entsetzliche Sache!« Herr Roquet verharrt ziemlich lange unentschlossen mit zu Boden gehefteten Augen und wagt es nicht einmal, die Flucht zu ergreifen, weil er fühlt, daß ihm seine Beine den Dienst versagen würden. Endlich in einem Anfall von Verzweiflung riskirt er es noch einmal, einen Blick auf den Gegenstand zu werfen, der ihn so in Schrecken versetzt hat. Stellt euch aber, wenn ihr könnt, sein Erstaunen und sein Entzücken vor: der braune Gegenstand, den er nur durch das Gebüsch hin gewahrt hatte, war der Rücken eines jungen Mädchens, welches sich um Blumen zu pflücken, auf den Boden gebückt hatte; jetzt erhob sie sich eben und trat wieder auf den Weg heraus, und statt einer Schlange erblickte Herr Roquet das reizendste Gesicht, welches sich die Einbildungskraft malen kann. Es ist ein junges, kaum siebzehnjähriges Mädchen, dessen Kleidung weder die einer Bäuerin, noch die einer Stadtbewohnerin ist; ein köstliches, rundes, von Frische, Anmuth und Schönheit strahlendes Antlitz; eine Brünette mit sanften, milden Augen und einem kleinen, edelgeformten Munde; in den Zügen dieser Jungfrau drücken sich Schamhaftigkeit und Feinheit, blendende Schönheit und Demuth aus. Sie erinnert euch an jene reizenden Köpfe, welche die Maler in ihren Gemälden anbringen, und die man mit Bedauern nirgends in der Welt so vollkommen findet als auf der Leinwand. Das Wesen, welches sich Herrn Roquets Blicken darbietet, trägt ein einfaches, bescheidenes, braunes Kleid; sie hat ein buntes Tuch um den Hals geschlungen, eine schwarzseidene Schürze umgebunden, und ihre schönen schwarzen Haare sind mit einem Häubchen bedeckt, das nicht so plump aussieht wie die der Bäuerinnen, und sich gefällig an ihre runden und rosigen Wangen anschließt. Herr Roquet empfindet ein Wohlhagen, das bald in Bewunderung übergeht, denn er ist stets ein großer Liebhaber des schönen Geschlechts gewesen. Er nähert sich dem Mädchen, indem er eine tiefe Verbeugung vor ihr macht, und diese mit einem Mienenspiel begleitet, das er sich angenehm zu machen bemüht, und stellt sich mit den Worten vor sie hin: »Ach, meiner Treu', Fräulein, ich war auf keine so liebliche Begegnung gefaßt! Ich hatte Etwas im Gesträuche bemerkt und dachte: was mag das sein? Allein ich stellte mir etwas ganz Anderes vor als ein junges Frauenzimmer; allerdings war es auch nicht Ihr Kopf, was ich zuerst sah.« Die Jungfrau lächelt, während sie in bescheidenem Tone erwidert: »Ich pflückte einen Blumenstrauß ... es gibt Veilchen, Maiblümchen und Hyacinthen hier!« – Ach, solche Dinge gibt es hier! das habe ich nicht beachtet; ich war freilich damit beschäftigt, den Weg zu suchen, konnte daher auch keine Veilchen suchen. Es muß übrigens sehr angenehm sein, in Ihrer Gesellschaft welche zu pflücken, Fräulein, denn dann ... denn dann ... – »Sie suchen den Weg, mein Herr! wo wollen Sie denn hin?« – Nun! nach Fontainebleau, Fräulein, ich suchte mich zu orientiren; das ist sehr schwierig, wenn man in der Gegend nicht bekannt ist, außerdem kam ich an eine Kreuzstraße, wo wenigstens sechs Wege zusammenliefen. Welchen sollte ich einschlagen, ich bitte Sie, welchen? ... das ist sehr ärgerlich!« – Doch nicht, mein Herr, denn an jedem befindet sich ein Wegzeiger, auf welchem entweder steht: Straße nach Moret, oder Straße nach Fontainebleau, oder Straße nach Avon ... kurz, es ist jedesmal bezeichnet, wohin der Weg führt.« – Wie, es sind Wegzeiger da und ich habe keinen gesehen? Dann bin ich, verzeihen Sie mir den Ausdruck, selbst so dumm wie einer! Uebrigens ist es mir nun minder leid, weil mir hiedurch das Glück zu Theil geworden ... zu Theil geworden ... – »Mein Herr, wenn Sie nach Fontainebleau wollen, so müssen Sie den Fußweg, den sie dort links sehen, einschlagen, und ebenso die erste Landstraße links, auf die Sie kommen, dann sind Sie in einer halben Stunde dort.« – Ich danke Ihnen unendlich ... O, ich war nicht besorgt! ... ich dachte: jedenfalls mußt Du irgendwo ankommen. Ich war nämlich in Gesellschaft von zwei Damen und zwei Herren, welche auf Eseln ritten ... das heißt nicht die Herren, sondern die Damen, die nicht vorwärts wollten ... daß heißt, nicht die Damen, sondern die Esel, und ich habe sie verloren, ohne zu wissen wie. – »Ich bin ihnen begegnet, mein Herr; zwei hübsche Damen auf Eseln: eine davon lachte immer, und zwei viel ältere Herren liefen hintendrein.« – Das ist's, diese sind es; die letzteren waren die Ehemänner; Sie haben sie häßlich gefunden, nicht wahr? Der eine hat in der That viel Aehnlichkeit mit einer Nachteule und der andere mit seiner langen Perrücke gleicht einem Löwen. – »Das Alles habe ich nicht bemerkt, mein Herr; aber ich bin der Gesellschaft auf dem Ihnen bezeichneten Wege begegnet; sie müssen jetzt nahe bei Fontainebleau sein, und wenn Sie dieselben noch einholen wollen, so rathe ich Ihnen schnell zu laufen.« – Ach! mein Gott! nein, sie können auf mich warten ... es geschähe ihnen sogar ganz recht, wenn ich nichts mehr zu essen bekäme, warum ließen Sie mich zurück! Ich habe keine Lust, mir abermals die Seele aus dem Leib zu rennen! ... Sind Sie aus Fontainebleau, hübsches Kind? – »Nein, mein Herr, ich bin aus dem Dorfe Avon, wo mein Vater Landwirth ist; aber als ich noch klein war, mußte ich nach Fontainebleau in die Schule gehen.« – Ah! Sie waren also klein und sind auch in die Schule gegangen! ... das gereicht Ihrer Erziehung zur Ehre; und jetzt gehen Sie allein im Walde spazieren und fürchten nicht, angegriffen zu werden ... Ei! ei! ei!« Herr Roquet, der, seit er den Weg wieder wußte, und bei einem jungen Mädchen war, seine ganze Heiterkeit wieder gewonnen hatte, wollte dasselbe bei der Hand nehmen, aber die Jungfrau zog diese rasch zurück und entgegnete: »Nein, mein Herr, ich fürchte nichts; erstens wage ich mich nie sehr weit in den Wald hinein und dann bin ich stark, und wenn Jemand die Absicht hätte, mich zu beleidigen, so wüßte ich mich wohl zu vertheidigen ... glauben Sie mir!« – Fräulein, ich habe gewiß nichts sagen wollen, was ... aber wenn man so hübsch ist wie Sie ... – »Ich empfehle mich Ihnen, mein Herr.« – Wie, Sie wollen so schnell wieder fortgehen?« Damit stellte sich Herr Roquet vor das junge Mädchen hin, als ob er ihr den Weg versperren wollte; aber während dieser Bewegung bemerkte er, daß sein Hemd in Folge des seinen Beinkleidern zugestoßenen Unfalls, an den er seit dem Begegnen mit der Jungfrau nicht mehr gedacht hatte, zwischen seinen Beinen hervorkam. Herr Roquet bedeckte die wunde Stelle augenblicklich mit der Hand und suchte das Hemd in die Hose hineinzustopfen, indem er ausrief: »Ach, Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung; glauben Sie mir, es geschah nicht mit Fleiß ... und es liegt durchaus keine unanständige Absicht meiner Seits zu Grunde ... ich schwöre Ihnen, daß es durchaus ohne meinen Willen herausgekommen ist!« Die hübsche Brünette blickte den Herrn mit erstaunter Miene an und sagte: »Was denn, mein Herr? ... und weßhalb soll ich Sie entschuldigen? ...« – Ein Unfall ist Schuld daran, Fräulein: als ich vorhin auf einen Baum zu klettern versuchte ... ich glaubte nämlich, ein Vogelnest zu sehen, und es wandelte mich die Lust an, es auszunehmen ... zerriß ich meine Beinkleider, und so geschah es, daß Sie ein ganz kleines Stückchen meines Hemdes sehen konnten.« Das junge Mädchen erröthete bis in das Weiße der Augen und stammelte: »Ich hatte nichts gesehen, mein Herr.« Da übrigens die Procedur Roquets, sein Hemd in die Hose zu stopfen, etwas Anstößiges hatte, welches den keuschen Blicken des reizenden Kindes zuwider war, beeilte sich dasselbe, sich zu entfernen und trennte sich von ihm mit den Worten: »Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, mein Herr: den ersten Fußweg links, und dann noch einmal links und die Stadt liegt vor Ihnen.« – Ich danke, Fräulein ... Wie, Sie eilen so hastig davon, anbetungswürdige Brünette? ... Das will ja nicht mehr hinein ... der Teufel! wie ärgerlich das doch ist! ... Fräulein, ich würde mich übrigens sehr glücklich geschätzt haben, Ihre Bekanntschaft zu machen ... Ihre ... Gut! ich glaube gar, jetzt zerreißt das auch ... Wenn der Perkal einmal alt ist, bricht er wie Zunder. Fräulein ... ich hätte Ihnen noch so Vieles zu sagen gehabt, wäre sogar bis in Ihr Dorf mitgegangen, um ... Ach was! sie hört nicht auf mich, sie ist schon weit ... Ha, der Kuckuk! endlich ist Alles drin ... das ist ein Glück! Ja, aber während des Gehens kann es vielleicht wieder herauskommen und Madame Marmodin ist so spöttisch ... Je nun, was liegt mir daran; ich schere mich nichts darum! Außerdem werde ich immer meine Hand sorgfältig darauf decken ... Das junge Mädchen war zum Entzücken, und wenn ich nicht so hungrig wäre, würde ich ihr, glaub' ich, nachgelaufen sein; sie hat ganz eigene, ich möchte sagen idyllische Ideen in mir erweckt! ... der Wald schien mir viel heiterer!« Herr Roquet warf noch einige schiefe Blicke nach dem Wege, den die hübsche Brünette eingeschlagen hatte, aber bald entschloß er sich, mit verdoppelten Schritten auf dem ihm angegebenen Pfade vorwärts zu eilen, da in dem Maße, wie sich die Glut seines verliebten Herzens legte, das Knurren seines hungrigen Magens zunahm, und er zuletzt ernstlich fürchtete, man möchte sich ohne ihn zu Tische setzen; dabei langte er alle Augenblicke nach seinem Hemde, um gewiß zu sein, daß es nicht wieder aus der Hose schlüpfe, und kam so in Fontainebleau an. Drittes Kapitel. Der Sohn des Malers Wir wollen Herrn Roquet seiner Gesellschaft nachlaufen lassen und zu Rosa Maria zurückkehren, so heißt nämlich das reizende Kind, welchem wir im Walde begegnet sind. Nachdem das junge Mädchen den Herrn mit der Brille, dessen Manieren ihr sehr unschicklich zu scheinen anfingen, verlassen hatte, schlug sie, allem Anscheine nach mit den Waldwegen sehr bekannt, einen schmalen, kaum in dem Dickicht des Gehölzes bemerkbaren Pfad ein, und schritt in demselben ohne Zagen, ja ohne nur vor sich hin zu blicken, fort, wie Jemand, der seines Weges vollkommen sicher ist. Nach fünf Minuten, während welchen sie sich öfters bückte, um den Strauß zu vergrößern, den sie in der Hand hatte, befand sich das junge Mädchen auch in der That außerhalb des Gehölzes in einer großen Lichtung; vor ihr ragten schwarze steile Felsen empor, und zu ihren Füßen lagen untereinander zusammengehäufte Sandblöcke, die zum Theil schon zu Pflastersteinen bearbeitet und behauen waren; auf der einen Seite erhoben sich stolze Buchen, die bis zum Himmel hinan zu ragen schienen, während gegenüber andere vom Blitze getroffene zu Boden gestreckt da lagen. Dieser Theil des Waldes gewährte einen wilden majestätischen Anblick, der Personen, welche nicht daran gewöhnt waren, Achtung und ein gewisses Entsetzen einflößen mußte. Allein Rosa-Maria setzte ihren sorglosen Gang fort; ihre Blicke spähten nach allen Richtungen, bald aber blieben sie auf einem jungen Manne haften, der in einer kleinen Künstlerblouse und mit im Winde flatternden Haaren, am Fuße einer alten Eiche saß, eine kleine auf einem Pulte liegende viereckige Leinwand vor sich und eine Farbenschachtel neben sich hatte. Der junge Mann malte oder machte vielmehr Studien, wie die Maler sagen. In diesem Augenblicke zeichnete er die malerische Ansicht der vor ihm befindlichen Felsen ab, und ganz in seine Arbeit vertieft, hat er das junge Mädchen nicht kommen hören, welches seit einer Weile hinter ihm steht, und ihm, ohne sich zu rühren, fast ohne zu athmen, damit er ihre Anwesenheit nicht ahne, zusteht. Plötzlich reißt sie aber das Gefühl der Bewunderung hin und sie ruft aus: »O, wie schön das ist!« Der Maler kehrt sich augenblicklich um und entgegnet, mit einem zärtlichen Blicke auf die Jungfrau: »Wie, Sie waren da, ohne daß ich es wußte? Ach, das ist recht böse von Ihnen!« – Warum? ... was that ich denn Böses hinter Ihnen? – »Sie beraubten mich des Glückes, Sie zu sehen und Ihre Gegenwart zu genießen, und dieses Glück ist von so kurzer Dauer, es verschwindet so schnell, daß ich karg damit sein muß.« Rosa Maria erröthet, schlägt die Augen nieder und stammelt: »Herr Leopold, Sie vergessen immer unser Uebereinkommen und Ihr Versprechen ... Ich thue vielleicht, was ich nicht thun sollte, indem ich alle Tage komme, um Sie in diesem Walde malen zu sehen, denn es sind erst drei Wochen, daß ich Sie kenne ... ich bin Ihnen zufällig hier begegnet ... Sie waren gerade wie gegenwärtig mit Zeichnen beschäftigt, ich näherte mich Ihnen, um zu sehen, denn ich bin ein wenig neugierig. Sie sagten aber, es genire Sie durchaus nicht, wenn man Ihnen zusehe, und ich fand Ihre Arbeit so hübsch, so gut gemacht, daß Sie die Gefälligkeit hatten, mir zu sagen, Sie würden einige Zeit hier malen, und ich könne, wenn es mir Vergnügen mache, so oft ich wolle, kommen und Ihnen zusehen. Somit bin ich wieder gekommen ... Ach, das ist ein schönes Talent, die Schöpfungen der Natur so auf der Leinwand wiederzugeben!« – Ja, reizende Rosa, so haben wir Bekanntschaft mit einander gemacht, und ich preise den Zufall, der Ihre Schritte, während ich arbeitete, hierher gelenkt hat. In allem Diesem liegt aber, so viel mir scheint, kein Unrecht, und ich sehe nicht ein, welchen Vorwurf Sie sich machen könnten. – »O! entschuldigen Sie, weil ich vielleicht immer hinter Ihnen hätte bleiben sollen, so wie jetzt! Aber eines Tages baten Sie mich, mich Ihrer Leinwand gerade gegenüber zu setzen. Ich glaubte zuerst, die Sonne genire Sie, und es geschehe, um Sie davor zu schützen; ich setzte mich auf einen Baumstamm und rührte mich nicht, aber da nahmen Sie eine andere Leinwand, und als ich sehen wollte, was Sie machten, verbargen Sie dieselbe schnell. Dann am folgenden Tage ersuchten Sie mich wieder, mich vor Sie hinzusetzen; ich willigte ein, obgleich keine Sonne schien, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir zeigen würden, was Sie auf der andern Leinwand machten.« – Nun, ich habe es Ihnen gezeigt, Rosa! – »Ja, und ich war ganz erstaunt, denn ich war es selbst, das heißt mein Bild ... hier auf diesem Baumstamme, in meinem einfachen Anzuge sitzend, und doch schon so ähnlich ... das heißt ... nein, ich bin nicht so hübsch, als Sie mich gemacht haben! ...« – Sie sind noch hundertmal hübscher, liebenswürdige Rosa, denn das Bild kann nie alle die Empfindungen, alle die anmuthigen Gefühle ausdrücken, die mit jedem Augenblicke Ihre Züge beleben. Ich kann wohl ein Lächeln anbringen, einen Blick ... aber ich kann nicht alle die reizenden Schätzungen darstellen, die pfeilschnell über Ihr bewegliches Antlitz hingleiten, und aus Ihren zugleich milden und freundlichen Augen strahlen, kurz, die Schuld sind, daß man Sie nicht sehen kann, ohne ... – »Ach! Herr Leopold, Sie vergessen abermals Ihre Zusagen! Als Sie letzthin schon einmal Worte zu mir sprachen, die ein braves junges Mädchen nicht anhören soll, wollte ich gehen, und ich wäre nicht wieder gekommen, wenn Sie mir nicht versprochen, sogar geschworen hätten ... ja ich glaube, Sie haben mir geschworen ... daß Sie in Zukunft keine solche Dinge mehr an mich hinreden wollten; allein von Zeit zu Zeit fangen Sie immer wieder an, und ich komme doch immer wieder. Sie sehen also, daß ich Grund habe, Ihnen Vorwürfe zu machen, und was würde mein Vater sagen, mein Vater, der so gut ist und soviel Vertrauen in mich setzt, was würde er sagen, wenn er erführe, daß ich mich von einem Herrn malen lasse, den ich beinahe nicht kenne?« Der junge Maler legte seinen Pinsel und sein Farbenbrett auf den Rasen nieder, kehrte sich dann gegen Rosa-Maria und erwiderte ihr in ernstem, beinahe feierlichem Tone: »Ich habe Ihnen meinen Namen gesagt, Fräulein, und Sie kennen meine Beschäftigung; ich wollte, Sie wären im Stande, sich zu überzeugen, daß ich Sie nie auf irgend eine Weise zu täuschen beabsichtige. Ich will Ihnen in wenigen Worten die Geschichte meiner Familie mittheilen, denn es ist mir von Wichtigkeit, nicht als ein Fremder oder Unbekannter von Ihnen angesehen zu werden. Ich heiße Leopold Bercourt; mein Vater war Genremaler und besaß hinlänglich Talent, um sich einen gewissen Wohlstand zu schaffen; er hatte sich sehr jung mit einem Frauenzimmer verheirathet, das er zärtlich liebte, das ihm jedoch kein Vermögen zugebracht hatte; er gehörte indeß zu der geringen Anzahl Menschen, welche glauben, die Liebe und ein rechtschaffenes Betragen seien hinreichend, um glücklich zu sein, und er war es auch in der That in dem Schooße seines häuslichen Lebens. Meine Mutter liebte ihn so innig; sie hatte dieselben Neigungen, dieselben Gefühle wie er; es schien, als ob ein Geist, ein Herz die beiden Gatten beseele, denn oft geschah es, daß Beide im nämlichen Augenblicke denselben Gedanken, denselben Wunsch aussprachen und dieselben Betrachtungen über Etwas anstellten. Und während zwanzig Jahren hatten sie sich nie getrennt, war kein Tag ganz vergangen, ohne daß sie sich gesehen hätten. Ach, Fräulein, es ist eine schöne Sache um eine glückliche Ehe! Es ist das wahrhaftigste Glück, welches den Menschen hienieden gewährt ist, und daß es so viele Leute gibt, welche dieses Verhältniß ins Lächerliche ziehen, oder sich stellen, als glaubten sie, es erzeuge nur Langeweile und Reue, kommt nur daher, weil sie, gleich dem Fuchse in der Fabel, nie dazu gelangten, diese Glückseligkeit die sie so leichtsinnig geringschätzen, kennen zu lernen oder ihrer werth zu sein.« Rosa-Maria, welche sich auf dem Rasen niedergelassen hatte, um dem jungen Künstler zuzuhören, rückte näher zu ihm und rief aus: »Sie sprechen wie mein Vater, auch er war glücklich in seiner Ehe; nur dauerte sie nicht lange! ... Fahren Sie fort, Herr Leopold!« »Ein Sohn und eine Tochter erhöhten noch das Glück meiner Eltern, denn sie liebten sich Beide zu sehr, um nicht auch Pfänder ihrer Zärtlichkeit zu wünschen. Wer hat überhaupt keine Freude an Kindern? Koketten und Egoisten. Meine Eltern waren weder das eine noch das andere. Ich wurde acht Jahre vor meiner Schwester geboren; noch vor zwei Jahren, ich war damals einundzwanzig und meine Schwester dreizehn Jahre alt, waren wir vollkommen glücklich. Meine Mutter schien mit ihrer Lebhaftigkeit, Heiterkeit und Liebenswürdigkeit immer jung; sie war ihrem Gatten eine Geliebte, ihren Kindern eine Schwester. Obgleich sie empfindsam und feinfühlend war, wußte sie doch durch ein geistreiches Wort oder einen pikanten Einfall alle Gesellschaften zu beleben und aufzuheitern. Meine zarte niedliche Schwester wuchs unter den Augen meiner Mutter auf, die auch zu Denen gehörte, welche nicht begreifen, wie man Fremde mit der Bildung des Herzens, Charakters und Geistes der eigenen Tochter beauftragen könne, als ob eine Mutter nicht von Natur die beste Erzieherin wäre. Ein junges Mädchen mag allerdings hinsichtlich der Kenntnisse Etwas verlieren, aber gewiß wird sie dadurch an Eigenschaften des Herzens gewinnen. Und wenn man sich erst die Mühe geben möchte, nachzuforschen was denn eigentlich die zu Damen herangewachsenen Fräulein später noch von den um theures Geld in ihren Pensionen erworbenen Kenntnissen im Kopfe behalten haben? Nun, Einige derselben, fünf bis sechs Worte Italienisch oder Englisch, die sie schlecht aussprechen, und womit ich ihnen nicht rathen möchte, sich im Auslande hören zu lassen; Andere, einige Begriffe von Geographie, von alter und neuer Geschichte, die sie gewöhnlich mit einander verwechseln und am ungelegenen Orte citiren; wieder Andere das Talent, ein Profil, einen Kopf, eine Skizze zu zeichnen, was sie aber im Leben gänzlich vernachlässigen. Ich frage Sie noch einmal, lohnt es sich deßhalb der Mühe, sich der Liebkosungen und Küsse seiner Tochter zu berauben? Ach, entschuldigen Sie, Fräulein Rosa, ich lasse meinem Geplauder den Lauf; ich bin ein Schwätzer, nicht wahr?« »Sprechen Sie immerhin, Herr Leopold. O, es langweilt mich gar nicht, Ihnen zuzuhören, im Gegentheil!« »Ich wollte auch Maler werden und besuchte daher die Schule eines berühmten Meisters. Ich ging in die Akademie, und um ungestörter zu arbeiten, um aus- und einzugehen, ohne meine Eltern zu stören, vielleicht auch um jene Freiheit zu genießen, nach welcher die jungen Leute so eifrig trachten und dann das höchste Glück erreicht zu haben glauben ... hatte ich mir eine eigene, kleine Wohnung gemiethet; aber ich speiste fast alle Tage bei meinen Eltern, die es übrigens ganz natürlich gefunden hatten, daß ich im einundzwanzigsten Jahre und mit den Neigungen eines Künstlers mein eigener Herr sein wollte. Verzeihen Sie, daß ich mich bei diesen häuslichen Details und jenem Zeitraum meines Lebens so lange aufhalte, aber es war für mich der schönste, und ich glaubte nicht, daß irgend Etwas mein Glück und die Familienfreuden stören könnte, die ich stets im Kreise der Meinigen empfand. Ich wußte nicht, daß, wenn man am glücklichsten ist ... man am meisten vor den Schlägen des Schicksals sich fürchten und zittern sollte. Allein Niemand denkt daran ... so hat es die Vorsehung gewollt! ... denn wenn wir die Macht hätten, in die Zukunft zu blicken, so würden wir die Gegenwart niemals genießen. »Meine Eltern liebten das Land. Die reine Luft der freien Natur that meiner Mutter gut, welche ohne gerade leidend oder kränklich zu sein, doch oft über Beengung und kurzen Athem klagte, was aber bei einer so schlanken und beweglichen Frau, deren Lebhaftigkeit beinahe in Ungestüm überging, keine ernstlichen Besorgnisse erregte; überdies vergaß meine Mutter ein Unwohlsein oder ein Leiden ebenso schnell, als sie sich davon in Schrecken setzen ließ. Die Aerzte gaben alle ihre Leiden den Nerven Schuld. Ihre Beklemmungen waren nervös; fühlte sie Anwandlungen von Schwäche, daß sie beinahe zu Boden sank, so war das nervös; bekam sie manchmal heftige Kopfschmerzen, so war das abermals nervös. Und zum Unglück gehören die Nervenleiden zu denjenigen, die man am wenigsten versteht, und wegen deren Heilung man einen fast immer auf die Zeit vertröstet. Auch zu meiner Mutter sagte man: es ist nicht gefährlich; es wird vorübergehen. »Mein Vater hatte ein kleines Landhaus in St. Mandé gemiethet. Ich ging oft hin, blieb aber nicht jede Nacht dort. Was meinen Vater betrifft, so schlief dieser selten ohne seine Frau in Paris, nur bisweilen, wenn ihn ein neues Stück oder Geschäfte lange in der Stadt zurückhielten, war meine Mutter die Erste, welche ihm rieth, dort über Nacht zu bleiben, weil sie befürchtete, es möchte ihm Etwas zustoßen, wenn er so spät nach St. Mandé zurückkehrte, und mein Vater ließ dann beruhigt seine Frau und seine Tochter mit ihrer Bonne in seiner Landwohnung, weil diese von Häusern und zahlreichen Nachbarn umgeben war. »Vor nun bald zwei Jahren, im Monat September, gegen das Ende der schönen Jahreszeit, befand ich mich in Paris und hatte meine Eltern seit zwei Tagen nicht gesehen. Mein Vater, nachdem er mit seiner Frau und seiner Tochter zu Mittag gespeist, erinnerte sich, daß er für den Abend eine Einladung nach Paris erhalten hatte; er fühlte sich jedoch an diesem Tage nicht aufgelegt, von seiner Ordnung abzuweichen und seine Familie zu verlassen; allein meine Mutter, in der Voraussetzung, er werde sich in der Gesellschaft, zu der er gebeten war, gut unterhalten, und stets befürchtend, er möchte sich ihretwillen ein Vergnügen versagen, drang unablässig in ihn, doch hinzugehen. Mein Vater entschloß sich endlich dazu, und sollte demgemäß in Paris übernachten, weil die Gesellschaft, die er besuchte, voraussichtlich etwas lange dauern werde. Er küßte seine Frau und seine Tochter und verließ sie heiter, ein Liedchen vor sich hintrillernd, wie dieses seine Gewohnheit war, und kehrte nach einem mit Künstlern und Freunden angenehm verlebten Abend um halb ein Uhr nach seiner Wohnung in Paris zurück, wo er alsbald zu Bette ging und ruhig einschlief ... Ach, Fräulein! man soll deßhalb nicht sagen, man habe stets Ahnungen. »Gegen zwei Uhr Morgens wurde mein Vater durch ein heftiges Läuten aufgeweckt; er steht hastig auf und besinnt sich, ob er nicht träume. Allein es ist ihm bereits bange, er empfindet eine tödtliche Unruhe, denn er ist entfernt von seiner Frau und seinen Kindern, und um ihn mitten in der Nacht aufzuwecken, muß einem derselben ein Unfall zugestoßen sein. Er macht auf und der Portier sagt zu ihm: »›Es ist Jemand da von St. Mandé, der Sie holen will ... ein Nachbar ... Es scheint, daß Ihre Frau Gemahlin krank ist.‹« »Mein Vater geht kaum bekleidet hinunter, erblickt einen Nachbar aus dem Dorfe, einen braven Landmann, dessen Haus an das unserige stößt, und dieser sagt zu ihm: »›Ihre Jungfer Tochter hat an meine Thüre geklopft und mir gesagt: ihre Mutter sei sehr krank und mich gebeten, Sie unverzüglich zu holen. Drauf habe ich mich schnell angezogen und bin so geschwind ich konnte von St. Mandé hierher gerannt.‹« »Mein Vater nimmt sich nicht die Zeit, dem Nachbar zu danken; in wenigen Minuten hat er sich angekleidet und geht mit ihm fort. Vor dem Hause fällt ihm ein, daß sein Arzt nur ein paar Schritte davon weg wohne, und er hält es für gerathen, ihn auf der Stelle mitzunehmen. Er läuft zu dem Doktor, weckt ihn auf und sagt ihm, daß er mitgehen müsse. Dieser steht sogleich auf, ist in wenigen Augenblicken fertig, kommt zu meinem Vater herunter, und alle Drei machen sich auf den Weg. Durch Zufall stoßen sie auf ein leeres Cabriolet, steigen ein, der Kutscher setzt sich auf das Spritzleder und so fährt man fort. »›Dem Himmel sei Dank! wir werden bald ankommen!‹« rief mein Vater aus, und der Doktor, welcher seine Befürchtungen nicht theilte, antwortete: »›Es ist ohne Zweifel irgend eine nervöse Krisis, wie sie Ihre Frau Gemahlin öfters hat. Ihre Fräulein Tochter wird nur, weil sie Niemand als die Bonne bei sich hat, um der Mutter Hülfe zu leisten, erschrocken sein und gedacht haben, man müsse Sie holen; das Alles darf Sie aber nicht beunruhigen. War sie gestern schon krank?‹« »›Durchaus nicht, Herr Doktor, ich habe gestern mit ihr zu Mittag gegessen und bin erst um sieben Uhr Abends nach Paris gegangen, wo ich sie heiter und gesund verließ; sie klagte über gar nichts.‹« »›Ich wiederhole Ihnen, es kann nicht gefährlich sein; aber nervöse Personen scheinen im Augenblick tödtlich krank; wenn wir ankommen, ist es vielleicht vorbei und Ihre Frau Gemahlin wird dann bedauern, daß man Sie in Angst versetzt hat.‹« »Endlich langten sie vor unserem Hause an, welches an der Chaussee stand. Mein Vater läutet; bald darauf öffnet ihm seine Tochter in Begleitung der Bonne. »›Nun! wie geht es Deiner Mutter?‹« fragt mein Vater. »›Ich glaube etwas besser; sie schläft in diesem Augenblicke,‹« antwortet meine Schwester, noch ganz blaß und zitternd in Folge der erlittenen Gemüthsbewegung. »Mein Vater athmet wieder auf. Er geht mit großen Schritten durch den Hausgang die Treppe hinauf und der Arzt folgt ihm, wiederholend: »›Ich sagte es Ihnen ja! es war nur ein nervöser Anfall und man hätte Sie nicht so erschrecken sollen.‹« »Endlich kommen sie oben an und treten in das Zimmer meiner Mutter. Sie lag auf dem Rücken ausgestreckt mit halbgeschlossenen Augen auf dem Bette. Mein Vater ist bestürzt über die leichenfarbige Blässe ihres Angesichts, und der Doktor murmelt die schrecklichen Worte: »›O mein Gott! das ist kein Schlaf!‹« »Mein Vater glaubt ihn zu verstehen, will aber weder an die Wahrheit noch an die Möglichkeit des Todes glauben. Der Arzt will ihn entfernen, ihn aus dem Zimmer wegführen. »Nein, nein, ich entferne mich nicht!« ruft er, seine Frau in die Arme schließend, aus, drückt ihren Kopf an seine Brust und ruft die Theure laut bei ihrem Namen: »›Nein! ich verlasse sie nicht ... O, sie kann nicht todt sein! ... Sehen Sie, mein Herr, ihre Arme, ihre Hände sind noch warm, ihre Augen glänzen noch; es ist wahrscheinlich nur eine Ohnmacht. O, Herr Doktor, sie lebt ... man kann nicht so sterben! Helfen Sie ihr, helfen Sie ihr schnell! ... es muß noch Zeit sein!‹« »Der Arzt wußte den Tod zu genau zu unterscheiden, als daß er sich hätte täuschen können. Indeß beeilte er sich, Alles zu thun, was die Wissenschaft kennt, um Diejenigen wieder ins Leben zu rufen, bei denen es noch nicht ganz erloschen ist. Während er verschiedene Mittel anwendete, hielt mein Vater den Kopf seiner Frau in den Händen, betastete ihre Wangen und ihre Stirne; er bat sie flehentlich, noch einmal mit ihm zu sprechen ... und in dem Nebenzimmer saß meine arme Schwester, von dem Dienstmädchen unterstützt, auf ihrem Bette, weinte und flehte zum Himmel, er möchte ihr die Mutter erhalten; denn sie konnte gleichfalls nicht an den Tod derselben glauben! »Sie weinen, Fräulein ... Ach, entschuldigen Sie, ich halte inne, denn auch ich muß weinen!« Einige Augenblicke darauf fuhr der junge Maler in seiner Erzählung wieder fort: »Meine Mutter war gestorben, Fräulein, und zwar in wenigen Stunden; sie war nach Mitternacht mit entsetzlichen Kopfschmerzen erwacht, und ihre arme Tochter hatte auf jede Weise versucht, ihr Linderung zu verschaffen, indem sie ihr Alles reichte, was sie sonst in ähnlichen Fällen zu sich genommen hatte; sie war fern von ihrem Gatten und ihrem Sohne gestorben! ... ohne diese zu küssen und ihnen Lebewohl sagen zu können! Ach, Fräulein, man sagt: ein plötzlicher Tod sei süß für Diejenigen, welche er treffe, weil sie keine Zeit haben, ihn vorauszusehen oder zu fürchten. Aber wie grausam ist er für die, welche uns lieben und welche wir zurücklassen; für die, welche ihr Glück für gesichert haltend, dasselbe genossen, ohne es vielleicht gehörig zu schätzen! Ein solcher Schlag ist fürchterlich, denn Nichts hat uns auf ihn vorbereitet. Nichts uns die Vergänglichkeit unseres Glückes ahnen lassen! Wenn Einen der Blitz trifft, so hat man doch wenigstens sich die Wolken anhäufen gesehen, den Donner rollen gehört und ein Vorgefühl der drohenden Gefahr gehabt. Aber seine Frau oder seine Mutter gesund verlassen und einige Stunden darauf todt finden ... ihren letzten Seufzer, ihre letzten Worte nicht hören, o, sehen Sie, das ist schrecklich und das sind Schmerzen, die man nie vergißt! Ich weiß wohl, daß die Zeit alle Leiden mildert, denn wenn das nicht der Fall wäre, würden wir mit Denen, welche wir lieben, unterliegen. Aber ich sage es noch einmal, selbst die Zeit ist nicht im Stande, das Bittere unseres Kummers zu vertilgen, wenn wir uns an den Verlust eines theuern Gegenstandes erinnern, der von so grausamen Umständen begleitet war. »Welche Nacht, mein Gott! welche Nacht für meinen Vater und meine arme Schwester, die noch so zart, so kindlich war, aber deren Herz den ganzen Umfang ihres erlittenen Verlustes begriff! Und doch war dieses junge, trostlose Geschöpf stark genug, den eigenen Schmerz zu bemeistern, um den ihres Vaters zu lindern. Wenn sie ihn schluchzen hörte, eilte sie in seine Arme und sagte: »›Unsere Mutter sieht immer auf uns herab; sie verlangt, daß Du Muth habest und Dich Deinen Kindern erhaltest.‹« »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie groß meine Verzweiflung war, als ich von einem Freunde benachrichtigt, ich solle nach St. Mandé kommen, dort die unheilvolle Nachricht erfuhr. Gleich meinem Vater wollte ich nicht daran glauben. Ich küßte mit ihm die theure Verblichene. Ihr liebenswürdiges, schönes Gesicht war noch unverändert; sie war nur blaß. Mein Vater, der sich erinnerte, daß schon oft eine tiefe Ohnmacht für Tod gehalten wurde, versuchte einmal um das andere, Diejenige zu beleben, die er anbetete, und von der er sich zu trennen nicht entschließen konnte, selbst als sie bereits aufgehört hatte zu sein! Und es gibt Leute, welche sich schnell von dem Gegenstand ihrer Neigung entfernen, wenn ihn der Tod getroffen hat! Diese müssen sehr wenig Muth oder vielmehr sehr wenig Liebe besessen haben! »Ich will Ihnen den Schmerz meines Vaters, welcher in wenigen Stunden seine Lebensgefährtin verloren hatte, nicht schildern. Er hatte zwanzig Jahre, zwanzig der schönsten Jahre erfüllt von Herzensgenüssen und all' den Wechselfällen, die uns treffen, ehe wir zu Glück und Ruhm gelangen, mit ihr zugebracht. Ach! das ist ein ganzer Lebenslauf, den man nicht von Neuem anfangen kann! Aber es blieben ihm zwei Kinder und besonders eine noch so junge, so wackere Tochter übrig, die ihre Mutter von ganzer Seele geliebt hatte! »Jetzt, wo mehr als zwei Jahre seit diesem Ereigniß verflossen sind, hat sich unser Gram in Wehmuth verwandelt. Wir sprechen oft von meiner Mutter, denn statt daß wir unsern Schmerz dadurch erneuern, scheint er sich im Gegentheil dadurch zu lindern. Und mein Vater wiederholt dann oft eine sehr wahre Behauptung: Wenn wir einen unserer Bekannten durch den Tod verlieren, so nehmen wir die Nachricht davon vielleicht mit Betrübniß auf, betrachten es aber als eines derjenigen Ereignisse, die kommen müssen und in der Ordnung der Natur liegen; verlieren wir aber einen angebeteten Gegenstand, so ist es uns unmöglich, an unser Unglück zu glauben, und es scheint uns, als ob ein solches Ereigniß nie eintreten dürfte. »Das ist die Geschichte meiner Familie, liebenswürdige Rosa; meine Erzählung hat Sie Thränen gekostet, aber ich kann mich nicht kurz fassen, wenn ich von Der spreche, die ich so sehr liebte. Nun muß ich Ihnen auch bekennen, daß der Tod meiner Mutter meinen Charakter plötzlich verändert hat. Die Tollheiten und Lustpartien junger Leute, die früher mein Glück ausmachten, freuen mich nicht mehr. Ich habe mich mit größerem Eifer dem Studium hingegeben; der Wunsch, Talent zu erwerben, ist in mir rege geworden. Es ist mir, als ob die Theure, die nicht mehr unter uns weilt, von oben herab meinem Treiben zusehe, mich aufmuntere und meinen Erfolgen Beifall zulächle. Und außerdem muß ich meinen Vater trösten, meine Schwester beschützen. Zu diesem Zwecke muß ich mir einen Namen machen und durch mein Talent eine edle Unabhängigkeit verschaffen. O, es wird mir gelingen, ich hoffe es! ... ich fühle es an dem Eifer, der mich beseelt?« Die Augen des jungen Künstlers glänzten, seine Stirne schien zu strahlen und eines Kranzes zu harren. In diesem Augenblick sah er das hübsche, unbeweglich vor ihm sitzende Mädchen nicht mehr; die Liebe zu seiner Kunst beschäftigte ihn ausschließlich. Doch bald kehrten andere Gefühle in ihm zurück; er lächelte Rosa-Maria zu und sprach: »Nun bin ich kein Fremdling mehr für Sie. Sind Sie böse, daß Sie mich Ihr Bild malen ließen?« – Nein! aber was wollen Sie damit machen? – »Ich behalte es für mich und bewahre es auf. Es ist mir doppelt theuer; erstens: weil es ein Versuch ist, der mir weit besser gelang, als ich voraussetzte, und dann, weil es Ihre Züge sind; es wird mich sehr glücklich machen, das Bild zu betrachten, wenn ich Sie nicht mehr sehen kann.« – Gehen Sie bald nach Paris zurück? – »Heute Abend, Fräulein, heute Abend noch.« Rosa-Maria erbleichte, wendete sich ab und stammelte: »Warum denn so schnell? Gestern gedachten Sie doch erst in fünf bis sechs Tagen zurückzukehren.« – Weil ich heute Morgen einen Brief von meinem Vater erhalten habe. Er verlangt mich wiederzusehen, er ist etwas unpäßlich – »O! Sie haben Recht, Herr Leopold, da müssen Sie sogleich gehen. Somit sehen wir uns heute zum letztenmal!« – Wenn ich das denken müßte, wäre ich zu unglücklich, Fräulein. O! ich komme bald, so bald als möglich Wieder. Jetzt, wo es Eisenbahnen gibt, ist es eine Kleinigkeit. – »Ja, aber ... ich werde nicht immer im Walde sein. Ich bin seit einigen Tagen bloß deßhalb hergekommen, weil ich bei einer Dame unserer Bekanntschaft, welche in Fontainebleau wohnt, arbeitete. Sie hatte Hemden zu machen, und da ich gut mit Weißzeug umgehen und fein nähen kann, hatte sie meinen Vater gebeten, mich ihr helfen zu lassen. Weil ich nun gerne spazieren gehe, eine Freude daran habe, Blumen zu pflücken und mit den Waldwegen genau bekannt bin, schweifte ich bisweilen etwas umher ... so sah ich Sie malen; es würde aber, glaube ich, besser gewesen sein, wenn ich gerade aus gegangen wäre.« Die Stimme des jungen Mädchens hatte sich verändert; sie schlug die Augen nieder, zerknitterte ihre Schürze, biß sich in die Lippen und that ihr Möglichstes, damit der junge Maler nicht bemerke, daß sie gute Lust zu weinen hatte. Viele jungen Leute hätten die Bewegung des hübschen Kindes benützt, um ihr einige Gunstbezeigungen zu rauben; denn wenn ein junges Mädchen lebhaft gerührt ist, hat sie sehr wenig Kraft, sich zu vertheidigen. Zum Glück für Rosa-Maria empfand der junge Maler für sie eben so viel Achtung als Liebe; er hatte diese unschuldige und naive Seele, welche seinen Versprechen Glauben schenkte, begriffen; er hätte sich geschämt, einen Gedanken zu haben, den er nicht laut hätte aussprechen dürfen. Auch war Leopold nicht mehr wie die meisten jungen Leute, welche nur an das Vergnügen denken und überall darnach jagen, wo sich eine Gelegenheit darbietet. Die Liebe zu seiner Kunst hatte seinen Gedanken und seinen Neigungen einen höhern Schwung gegeben. Jene vorübergehenden Liebschaften, die ihm im zwanzigsten Jahre so entzückend geschienen, waren jetzt ohne Reize für ihn. In der Liebe gleich wie in der Malerei suchte er das Schöne, Wahre, Natürliche, und als er mit Rosa-Maria zusammentraf, hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sie alles Dieses vereine. »Fräulein!« sagte Leopold, indem er sich der Jungfrau näherte, sie bei der Hand nahm und diese herzlich drückte: »Sie haben mir gesagt, Sie wohnen in dem Dorfe Avon; wären Sie vielleicht so gütig, mir die Adresse Ihres Herrn Vaters zu geben? Wenn ich zurückkehre, würde ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu besuchen ... Sie erlauben mir es doch, nicht wahr? Und da Sie Ihr Vater so lieb hat, bin ich gewiß, daß er mich gut aufnehmen wird, denn Sie werden ihm sagen, daß ich mich immer achtungsvoll und ganz wie es sein soll gegen Sie betragen habe.« »Ach, wenn Sie wieder in Paris sind, denken Sie nicht mehr an das junge Mädchen vom Fontainebleauer Wald! ... Man sagt, die jungen Leute haben gar vielerlei Unterhaltung in Paris.« »Haben Sie die traurige Geschichte schon vergessen, die ich Ihnen erzählte? Ich versichere Sie, seit ich das Unglück hatte, meine Mutter zu verlieren, bin ich nicht mehr so leichtsinnig, so gleichgültig und flatterhaft wie früher! Vorher glich ich all' den jungen Leuten, die nur an ihr Vergnügen denken. Jetzt lebe ich besonnen und zurückgezogen ... oft zankt mich sogar mein Vater, weil er meint, ich sei es zu sehr. Ich werde Sie nicht vergessen, reizende Rosa, selbst wenn ich nicht das Glück hätte. Ihr Portrait zu besitzen. O! aber weil Sie jetzt gerade da sind, würden Sie mir den Gefallen thun, noch ein letztes Mal zu sitzen? ... nur noch ein halbes Stündchen ... wegen eines Theiles, mit dem ich nicht ganz zufrieden bin!« Rosa-Maria verzog ihr holdes Gesichtchen ein wenig, setzte sich wie gewöhnlich auf den Baumstamm und murmelte: »Da es Ihnen Vergnügen macht und es das letzte Mal ist, will ich es nicht verweigern. Wenn Sie übrigens Etwas an meinem Gesichte verbessern wollen, so ist der Augenblick nicht gut gewählt ... ich habe rothe Augen und bin schlechter Laune.« – Nein, nein, nicht wegen des Gesichtes ... So, jetzt sitzen Sie recht ... o, es wird bald geschehen sein.« Der junge Maler stellte das Bild des jungen Mädchens auf seine Staffelei, nahm seine Pinsel zur Hand und machte sich gleich ans Geschäft. Anfangs behielt das reizende Original seine ernste Miene, aber bald verklärte ein liebliches Lächeln Rosa's Züge, und sie fragte: »Erlauben Sie, daß ich sprechen darf?« – O! so viel Sie wollen! es wird mir nur um so lieber sein, denn Sie zu sehen und zu hören ist ein doppeltes Vergnügen für mich. – »Und es hindert Sie nicht am Malen?« – Ganz und gar nicht, und selbst wenn ich in diesem Augenblick Ihr Gesicht malte, würde es mich keineswegs geniren. Ich habe bisweilen den Sitzungen von berühmten Künstlern beigewohnt, und ich versichere Sie, diese sind durchaus nicht der Ansicht derer, welche ihren Originalen eine völlige Unbeweglichkeit anempfehlen! Im Gegentheile bringen sie solche während der ganzen Sitzung zum Sprechen, und erfassen auf diese Weise den Charakter ihrer Physiognomie, den sie durch einen Blick, ein Lächeln oder den Ausdruck einer Empfindung beurtheilen und begreifen lernen. Was erhält man dagegen, wenn man einer Person, welche man malt, vollkommene Regungslosigkeit anempfiehlt? Ein kaltes, abgespanntes, ausdrucksloses Gesicht; deßhalb hat auch das Bild nie den Reiz, das Leben und den Geist, den man ihm gerade zu geben suchen sollte. Sprechen Sie nur, Fräulein Rosa, ich höre Ihnen zu. – »Sie haben mir die Geschichte Ihrer Eltern erzählt, ich will Ihnen die der meinigen erzählen. O, sie wird kurz sein! Zunächst also heißt mein Vater Hieronynms Gogo; er hat zwei Brüder, welche natürlicher Weise meine Oheime sind, aber ich kenne sie nicht; allem Anscheine nach haben sie frühzeitig ihre Heimath verlassen; sie sind ans der Gegend von Orleans, wo ihr Vater ein einfacher Landmann war, wie der meinige. Er hatte auch eine Schwester, aber diese ist schon lange todt. Sie hat, glaube ich, einen Sohn hinterlassen, der demnach mein Vetter ist; aber ich kenne Niemand von der ganzen Familie. Sie werden bald begreifen, warum. Mein Vater ist Landmann geblieben ... Bauer, wie man in der Stadt sagt; während seine Brüder, so viel es scheint, Glück gemacht haben oder wenigstens eine große Rolle in der Welt spielen ... und sich deßhalb nicht bei uns sehen lassen.« – Wie? sind Ihre Onkel stolz ... wären sie einfältig genug, sich ihres Ursprungs zu schämen? – »Ich weiß es nicht ... ich kann darüber nichts sagen ... es ist möglich, daß sie meinen Vater immer noch lieben und bloß durch ihre Geschäfte und Angelegenheiten in Paris zurückgehalten und verhindert werden, uns zu besuchen. Alles, was ich weiß, ist, daß mein Vater sehr an ihnen hängt. Er spricht oft von seinen beiden Brüdern Eustachius und Nikolaus, und ruft dann immer aus: »Ach! wenn ich Zeit hätte, würde ich sie besuchen, sie in meine Arme schließen und Dich ihnen vorstellen.« – Und was machen Ihre Oheime in Paris? – »Was sie machen? Je nun! ihr Glück, wie es scheint?« – Das ist aber kein Geschäft; ich wollte wissen, was sie treiben. – »Was sie treiben? ... warten Sie ... Der Aelteste, Nikolaus Gogo, ist Handelsmann oder Bankier, ich weiß es so genau nicht. Dieser ist, so viel es scheint, der Reichere; der Andere, Eustachius Gogo, macht ... mein Gott! wie soll ich Ihnen das erklären ... macht seinen Geist zu Geld; ... er muß viel besitzen, weil er davon verkauft.« – Er verkauft Geist ... das verstehe ich nicht recht, Sie müßten denn sagen wollen: er handle mit Liqueurs. – »Nein, das meine ich nicht; sehen Sie, er schreibt Sachen, die gelesen werden und macht Werke, die man in den Schauspielhäusern aufführt.« – Ah! nun verstehe ich; dieser ist ein Dichter oder Gelehrter. – »So ist es, Herr Leopold, er ist ein Gelehrter ... ja ... Nicht wahr, man muß sehr viel Geist haben, um ein Gelehrter zu werden?« – Das sollte allerdings der Fall sein, Fräulein; leider ist es aber nicht mehr so! Man hat diesen Titel gleich vielen andern entheiligt und entwürdigt! Ein Mensch, der in seinem Leben zwei Drittel eines Vaudeville's gemacht, ein paar Artikel in die Zeitungen gerückt hat oder bisweilen ein schlechtes Feuilleton zusammenflickt, dessen Gegenstand er aus andern Büchern entlehnt hat, läßt sich auch einen Gelehrten nennen, wie der Sudler, der Schilder malt, ebenfalls den Titel Maler annimmt! aber am Ende übt das Publikum immer Gerechtigkeit aus und beurtheilt einen Jeden nach seinen Werken. Ihr Herr Onkel mag übrigens allerdings ein verdienstvoller Mann sein ... Wie sagen Sie, daß er heißt? – »Nun natürlich wie mein Vater, da sie ja Brüder und Söhne eines Vaters sind. Eustachius Gogo heißt er.« – Eustachius Gogo ... das ist sonderbar! ... Ich kenne eine Masse Schriftsteller, lese viel, gehe häufig ins Theater und doch ist mir dieser Name weder zu Ohren noch zu Gesicht gekommen. – »Er ist übrigens originell unser Name. Kurz, meine Onkel sind glücklich in Paris und mein Vater, der nicht vom Ehrgeiz beseelt wurde, ist glücklich hier, wo er sein Feld bebaut. Er verheirathete sich und ließ sich mit seiner Frau in Avon, dem Geburtsorte meiner Mutter, nieder. Meine Eltern liebten sich ebenso zärtlich wie die Ihrigen und waren sehr glücklich in ihrer Ehe. Aber meine Mutter starb, ehe ich fünf Jahre alt war; ich kann mir sie nicht mehr vorstellen wie Sie sich die Ihrige; indeß ist mir doch ein unbestimmtes, undeutliches Bild in der Erinnerung geblieben, welches ich mir oft in meinen Gedanken klarer zu vergegenwärtigen suche. Es ist mir noch im Gedächtniß, daß sie mir zulächelte, daß sie schön, ihre Stimme sanft und sie immer liebevoll gegen mich war. Aus allem Diesem zusammen bilde ich mir meinen guten Engel, der über mich wacht, wenn ich schlafe, und mich schützt, wenn ich wach bin ... Ach, nicht wahr, so muß man sich seine Mutter stets vorstellen?« Leopold malte nicht mehr; er blickte Rosa-Maria an und hörte ihr andächtig zu. Nach einigen Minuten des Schweigens fuhr das junge Mädchen fort: »Jetzt kennen Sie uns auch. Mein Vater nennt sich Hieronymus Gogo und Jedermann im Dorfe kann Ihnen unsere Wohnung zeigen. Mein Vater ist ganz einfach, ganz schlicht, denn er hat keine Erziehung genossen, aber er ist ein rechtschaffener Mann. O! in diesem Punkte kann er es mit Jedem aufnehmen! Außerdem ist er gutmüthig und hat ein weiches Herz; bisweilen ist er zwar auch ein wenig hitzig, ein wenig ungestüm, aber nie bösartig und gehässig. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß er mich zärtlich liebt; ich bin sein einziges Kind, Alles, was ihm von der theuren Gattin übrig geblieben ist; deßhalb hat mir auch mein Vater, der mein Glück will und eine Zukunft für mich träumte, die sich wahrscheinlich nie verwirklichen wird ... eine sorgfältige Erziehung geben lassen und mich in die Schule nach Fontainebleau geschickt. Ich bin zwar nicht sehr gelehrt, aber ich kann doch ziemlich gut schreiben und rechnen, und man sagt auch, daß ich nicht zu viele Fehler beim Sprechen mache. Ich denke nun, das sei hinreichend für ein Mädchen, welches allem Anscheine nach bestimmt ist, in einem Dorfe zu leben und zu sterben. Mein Vater hat freilich andere Gedanken; er hat schon oft zu mir gesagt: »›Ich habe Unrecht gehabt, es meinen Brüdern nicht nachzumachen, den Pflug zu verlassen und mich in der Stadt zu etabliren; ich wäre vielleicht reich geworden wie sie, und Du hättest eine gute Heirath machen und glücklicher sein können.‹« – Ah! so spricht Ihr Herr Vater? – »Ja, aber ich antworte immer, daß ich durchaus ohne Ehrgeiz sei, mich recht glücklich in meiner gegenwärtigen Lage befinde und nicht für's Stadtleben tauge.« – Wie, Fräulein Rosa, würde es Ihnen unangenehm sein, in Paris zu leben? – »Ja ... das heißt ... noch vor kurzer Zeit hätte es mich erschreckt ... aber jetzt, meine ich, könnte ich mich vielleicht eher daran gewöhnen ... in Gesellschaft von Leuten ... kurz ... Doch ich werde genug gesessen haben, nicht wahr?« – Wenn es Sie ermüdet ... – »O! nicht deßhalb, aber ich muß nach Hause gehen, denn ich befürchte, mein Vater könnte in Unruhe sein.« – In diesem Falle wage ich es nicht, Sie länger aufzuhalten, und doch ... werde ich Sie morgen und in den nächsten Tagen nicht sehen, wie es mir zur süßen Gewohnheit geworden war. – »Sie haben gesagt, daß Sie wiederkommen werden ... Ist es wahr?« Der junge Maler näherte sich Rosa-Maria und ließ seine Augen auf ihr ruhen, die vielleicht beredter sprachen, als er es mit Worten zu thun im Stande gewesen wäre, denn das junge Mädchen reichte ihm die Hand und sagte zu ihm: »Dann wird mir die Zeit weniger lang werden ... ich werde an Ihre Wiederkehr denken und derselben harren.« – Sie werden also an mich denken?« Rosa-Maria vermochte nicht zu antworten, aber ihre Blicke sprachen so ausdrucksvoll wie Leopolds ... und ohne sich gegenseitig ihre Liebe gestanden zu haben, war es den beiden jungen Leuten doch klar, daß es für sie auf Erden kein Glück mehr geben könne, so lange sie von einander entfernt seien. »Wohlan, ich gehe!« sagt Rosa-Maria. »Ach, wollen Sie mich vorher mein Bild sehen lassen?« – Gewiß, Fräulein!« Der Maler reichte der Jungfrau die Leinwand, worauf sie abgebildet war. Rosa-Maria erröthete, als sie sich so hübsch sah, und stammelte: »Finden Sie es denn ähnlich?« – O! freilich, Fräulein! Nie ist mir eine Arbeit so gut gelungen! ... Ich bin stolz darauf, Ihre Züge und Ihre Physiognomie so getreulich wiedergegeben zu haben. Ich schwöre Ihnen sogar, daß es nicht geschmeichelt ist ... Sie sind es auf und nieder. – »Nun, es ist möglich! ... Sie wissen, daß man sich selbst nicht kennt ... Und Sie nehmen das Bild mit nach Paris?« – Das versteht sich. – »Und wo stellen Sie es dort auf?« – In meinem ... in meinem Arbeitszimmer. – »Und werden Sie es alle Tage ansehen?« Leopold ergriff die Hand des Mädchens und drückte sie an sein Herz. »Nun, so will ich gehen ... Leben Sie wohl, Herr Leopold.« – Leben Sie wohl, Fräulein Rosa. – »Bis wann gedenken Sie zurückzukehren?« – In drei Wochen oder spätestens in einem Monat. – »Verschieben Sie es nicht, bis der Sommer vorüber ist und die Witterung trüb und unfreundlich wird.« – Wenn sich auch die Witterung ändert ... ich werde derselbe bleiben. – »Auf Wiedersehen also!« – Soll ich Sie nicht bis zum Ausgange des Waldes begleiten? – »Nein ... es könnte uns Jemand begegnen ... Es ist noch nicht spät; zudem kenne ich die Wege gut und werde das Dorf bald erreicht haben. Ich gehe ... Adieu! Leben Sie wohl, Herr Leopold!« – Nein, nicht Adieu, theure Rosa, sondern auf Wiedersehen! – »Ach ja, auf Wiedersehen! das klingt weniger traurig ... Nun denn, ich gehe! ... Ach! dieses Mal aber ganz gewiß!« Mit diesen Worten bezwang sich das hübsche Mädchen gewaltsam, winkte mit der Hand dem jungen Maler ein Lebewohl zu und verschwand in einem der Waldwege. Viertes Kapitel. Die Räuber Rosa-Maria ging mit schnellen Schritten vorwärts und achtete nicht auf den Weg; aber ganz mit der Person beschäftigt, welche sie eben verlassen hatte, das Herz von Leopolds Bild erfüllt, seine Worte noch im Kopfe, ja in der Meinung, sie sehe und höre ihn noch, ihm im Geiste sogar Antwort gebend, ging sie weiter, ohne ihre Blicke auf den Pfad, die Bäume und den Wald zu richten; wenn aber unser Geist und unsere Seele sich anderswo befinden als unser Körper, so wird dieser allein selten der rechten Richtung folgen. Nachdem Rosa-Maria ziemlich lange gelaufen war, blickte sie erstaunt, das Ende des Waldes noch nicht erreicht zu haben, um sich her und bemerkte an den sie umgebenden Gegenständen, daß sie von dem rechten Wege abgekommen und statt auf das Dorf zuzugehen, tiefer in den Wald eingedrungen war. Das junge Mädchen war ärgerlich über diese Verspätung, da sie aber zum Glück fast mit allen Waldwegen bekannt war, wußte sie bald, wo sie sich befand und wie sie in der kürzesten Zeit nach Hause gelangen konnte. Rosa-Maria hatte sich in einen ziemlich wilden Theil des Waldes und auf einen Pfad verirrt, der sie auf die Straße von Tomery nach Fontainebleau führte. Die Jungfrau wußte, daß sie auf diesem Wege den ihrigen finden werde, sie beeilte sich also, ihn zurückzulegen und hatte beinahe sein Ende erreicht, als das Geräusch von hastigen Fußtritten zu ihren Ohren drang. Rosa-Maria stand stille und horchte, die Tritte kamen näher. Zum erstenmal vielleicht empfand das junge Mädchen ein Gefühl des Schreckens, denn niemals war sie allein so tief im Walde gewesen. Sie beugte den Kopf vor, blickte durch das Laubwerk hindurch und sah zwei in blaue Blousen gekleidete Männer mit Kappen auf dem Kopfe, deren Schilde ihnen fast über die Augen heruntergingen, und deren Gesichtsuntertheil wie bei Köhlern geschwärzt war, in ihrer Richtung daherkommen. Der Anblick dieser Männer, welche mit einer bei Reisenden ungewöhnlichen Eile liefen, vermehrte noch Rosa-Maria's Schrecken; mit einer fast mechanischen Bewegung bückte sie sich und verbarg sich hinter einem daneben befindlichen dichten Gebüsche. Dort suchte sie, ohne sich zu rühren, kaum Athem holend, die beiden Männer zu beobachten und zu sehen, ob sie vorüber und weiter gehen würden. Noch war das junge Mädchen keine Minute versteckt, als die beiden Individuen, welche sie von fern bemerkt hatte, in den Pfad einlenkten. Statt auf der Straße zu bleiben, gingen sie ins Dickicht hinein; dort blieben sie höchstens zwanzig Schritte von Rosa-Maria entfernt stehen, und diese sank fast in Ohnmacht, weil sie glaubte, die beiden Männer würden sie entdecken. Allein diese hatten keine Ahnung, daß Jemand in ihrer Nähe sei, und die Jungfrau, welche mit Staunen gewahrte, daß sie unter ihren ordinären Blousen Beinkleider mit modernen Strippen und lakirte Stiefeln anhatten, konnte nun ihr Gespräch vernehmen. »Es wird nicht mehr lange anstehen bis er kommt ... Bist Du bereit?« – Ja; aber ich zittere ... es wird mir unmöglich werden ... ich habe den Muth nicht ... – »Ei was! Du hast jetzt keine Wahl mehr ... vor einer Stunde bist Du auf meinen Vorschlag eingegangen und nun muß gehandelt werden. Ich sehe auch gar nicht ein, welcher Muth dazu gehört, zu Zwei einen alten schwachen Mann anzufallen, der nicht den mindesten Versuch machen wird, sich zur Wehre zu setzen ...« – O! wenn er es aber thut, so wollen wir ihn gehen lassen, ihm wenigstens nicht das Geringste zu Leide thun! – »Beim Kuckuk! wie sollten wir auch das anfangen ... wir haben zwar Jeder ein Paar Pistolen bei uns, aber sie sind nicht geladen. Es handelt sich nur darum, dem Reisenden einen gelinden Schrecken einzujagen.« – Ach, einerlei ... unser Beginnen ist sehr unrecht! – »Ja, aber die sechstausend Franken in Kassenscheinen, womit wir unsere heillos verwickelten Angelegenheiten hübsch in Ordnung bringen könnten, sind nicht unrecht ... und so viel hat der gute Mann in seiner Brieftasche; er war einfältig genug, es dem Gastwirth zu sagen. Sie sprachen mit einander im Hofe und ich hörte hinter den Läden unserer Fenster im Erdgeschoße ihre Unterredung mit an.« – Wenn uns dieser Mann aber einst erkennen würde? – »Werden wir denn je mit ihm zusammenkommen? Sehr schwerlich! Der gute Alte steht in keinem Verkehr mit der Gesellschaft, die wir besuchen ... hat keinen Zutritt in die Salons ... es ist irgend ein reich gewordener Handwerker ... ein Krämer, der ein Erbtheil eingezogen hat. Und abgesehen davon, bedenke doch, daß wir ganz gut verkleidet sind; diese Blousen, diese Mühen und unsere mit Kohlen geschwärzten Gesichter! Ich stehe Dir dafür, daß man uns nicht ansehen wird, wer wir sind.« – Das ist ein Glück! – »Ich höre ein Pferd traben ... das ist unser Mann.« – Ach, mein Gott! – »Mache jetzt keine Dummheiten ... Hast Du Deine Pistolen bei der Hand?« – Ja ... ja ... ich habe sie. – »Ich will mich auf die entgegengesetzte Seite des Weges stellen, Du bleibst hier. Sobald er vorbeikommt, falle ich seinem Pferde in den Zügel; Du thust das Gleiche. Sprich kein Wort, halte ihm nur den Lauf Deiner Pistole vors Gesicht ... und laß mich für das Uebrige sorgen ... Ich stehe Dir dafür, daß die Sache bald abgemacht ist. Sobald wir die Brieftasche in den Händen haben, gebe ich selbst dem Pferde einen tüchtigen Klatsch, da wird es sich mit dem Reiter auf und davonmachen, und dieser, das bin ich überzeugt, nicht mehr lange sich umsehen.« – Ach! ich zittere ... – »Du dauerst mich wahrhaftig ... Der Reisende nähert sich ... ich stelle mich auf meinen Posten.« Mit diesen Worten verließ der, welcher zuletzt gesprochen hatte und den meisten Muth zeigte, das Dickicht, eilte mit Blitzesschnelle über den Weg hinüber und stellte sich hinter einen Baum. Sein Begleiter blieb in dem Gebüsche zurück, machte übrigens einige Schritte gegen den Weg hin, wobei er alle Augenblicke von Angst und Entsetzen ergriffen den Kopf umwendete und rings herum sah. Rosa-Maria hatte Alles gehört und ihr Schrecken nahm immer zu, denn sie begriff wohl, daß die beiden nur wenige Schritte von ihr entfernten Männer die Absicht hatten, eine schlechte Handlung zu begehen, Jemand zu berauben ... und daß, wenn sie wissen würden, daß sich ganz in der Nähe ein Augenzeuge ihres Verbrechens befinde, man nicht sicher sein könne, ob die Furcht, erkannt zu werden, sie nicht zu einem noch entsetzlicheren Frevel verleiten würde? Deßhalb wagte auch das arme junge Mädchen kaum Athem zu schöpfen; allein die Neugierde, die bei den Frauen immer größer ist als die Furcht, wie man wenigstens aus den ältesten Berichten von Loths Frau an bis zur Madame Blaubart schließen kann, die Neugierde hielt Rosa-Maria aufrecht – und veranlaßte sie, sachte das Gesträuch zu zertheilen, um zu sehen was vorgehe; dabei schickte sie aber inbrünstiges Gebet und Flehen zum Himmel hinauf, er möchte doch Leute, Bauern oder Spaziergänger von dieser Seite herbeiführen, damit die beiden Räuber genöthigt wären, ihren ehrlosen Plan aufzugeben. Aber der Himmel schickte Niemand; dagegen hörte man Pferdegetrab auf der Straße von Tomery. Kurz darauf wurde ein Reisender sichtbar, der auf einem bescheidenen Rosse ritt, welches demüthig den Kopf hängen ließ. Der Reiter mochte ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein, war aber noch frisch, kräftig und gesund, und sein volles, fröhliches und heiteres Gesicht zeugte von Wohlbefinden und guter Laune. Sein Anzug war der eines wohlhabenden Bürgers oder eines reichen Landmanns. Er hatte eine Art Jagdrock von grünem Tuche mit glänzenden, weißen Metallknöpfen und Zwillichbeinkleider ohne Stege an, die sich durch die Bewegung des Pferdes so weit hinaufgeschoben hatten, daß man das Obertheil seiner Stiefeln sah; um den Hals hatte er ein buntfarbiges seidenes Tuch, und seine Kopfbedeckung bildete ein runder, breitgeränderter Hut, der sein Gesicht vollständig vor der Sonne schützte. So beschaffen war die näher kommende Person, die auf das Kreuz des Pferdes ein Felleisen und einen Nachtsack gepackt hatte, und in ihrer rechten Hand einen kleinen Eichenzweig hielt, der ihr als Reitgerte diente, und der frisch im Walde geschnitten worden zu sein schien. »Vorwärts, Hammel, vorwärts, wir sind nicht mehr weit von Fontainebleau entfernt, und dort darfst Du ausruhen und kriegst Heu ... Du hast doch keinen Hunger, mein alter Hammel!« Bei diesen Worten berührte der Reisende das Pferd mit seiner Gerte, aber so sanft, daß man eher hätte glauben können, er habe die Absicht, seinem Roß zu schmeicheln und ihm die Fliegen abzuwehren, als es zu schnellerem Schritte anzufeuern. Kaum hat das alte Thier in den Pfad eingelenkt, als der, welcher darauf saß, einen Schrei des Schreckens ausstieß ... die beiden Männer, die auf ihn gelauert hatten, waren aus dem Dickicht hervorgesprungen und mit Blitzesschnelle dem Pferde in die Zügel gefallen ... sie hatten übrigens nicht nöthig, es anzuhalten, denn das arme Thier, welches sich eben so sehr zu fürchten schien wie sein Herr, war von selbst stehen geblieben. Der Reisende will einige Worte stammeln, um Gnade bitten, aber einer der beiden Männer läßt ihm keine Zeit; er setzt die Mündung seiner Pistole auf des Greises Brust und sagt zu ihm: »Schnell Deine Brieftasche, oder Du bist des Todes!« Der Reisende denkt nicht im Mindesten an einen Widerstand, er sucht hastig seine Seitentasche durch, zieht eine Brieftasche heraus und reicht sie mit zitternder Hand einem der Räuber, indem er stammelt: »Thut mir wenigstens nichts zu Leide ... Ihr sehet, daß ich nicht widerspenstig bin.« Der, an den diese Worte gerichtet sind, macht hastig die Brieftasche auf, um sich zu überzeugen, daß sie die Summe enthält, die, wie er weiß, der Alte bei sich trägt. Mit einem einzigen Blicke sieht er, daß ein Päckchen Banknoten darin vorhanden ist. Er tritt somit zwei Schritte zurück, versetzt dem Pferde einen derben Patsch auf das Hintertheil, und dieses trabt fort und trägt seinen Herrn davon, der bereits noch weiter in seiner Tasche suchte und sich anschickte, auch seine Börse den Räubern zu geben. »Es ist geschehen ... die Geschichte ist vorüber,« beginnt derjenige, welcher den Reisenden bedroht hat. »Der arme gute Kerl würde uns sogar seinen Reisesack gegeben haben, wenn wir ihn begehrt hätten ... aber was wir hier haben, ist von größerem Werthe ... Komm', wir wollen schnell unsere Kleider wieder anziehen und uns säubern. Komm doch ... wie Du so blaß aussiehst!« – Ach! mir ist, als ob mich meine Beine nicht mehr trügen! ... – »Komm, komm! wir haben jetzt keine Zeit, uns aufzuhalten: wir müssen fort von hier.« Mit diesen Worten hatte der Räuber seinen Gefährten beim Arme genommen und führte oder schleppte ihn vielmehr weg. Sie vertieften sich in einen schmalen Fußweg, indem sie gerade die entgegengesetzte Richtung einschlugen, die der von ihnen beraubte Reisende genommen hatte; bald verschwanden sie im Dickicht des Gehölzes, und ihre Schritte verhallten in der Ferne. Jetzt erst erhob sich Rosa-Maria, welche immer regungslos und aufmerksamen Ohres geharrt hatte, leise, und wagte aus dem dichten Gesträuche, in welchem sie verborgen war, hervorzutreten. Blaß und zitternd fürchtete das Mädchen eine Zeit lang, nicht mehr die Kraft zu haben, den Wald verlassen zu können, denn ihre Beine schwankten und sie war genöthigt, sich auf Zweige zu stützen, um sich aufrecht zu erhalten. Die That, welche sie mit angesehen, schien ihre Sinne gelähmt zu haben; beim geringsten Geräusche des Laubwerks bildete sie sich ein, es rühre von den zwei Blousenmännern her, die wieder zurückkämen, und sie hielt sich dann für verloren. Endlich, nachdem die arme Kleine mehrmals mit der Hand über ihre Stirne gefahren, suchte sie ihren Muth mit dem Gedanken zu beleben: »O! diese Männer kommen nicht mehr zurück, es liegt ihnen zu viel daran, fortzukommen ... Der arme Alte! ... ihn vielleicht seines ganzen Vermögens zu berauben ... und er sprach kein Wort, er vertheidigte sich nicht einmal ... Ach! das ist ein Glück, denn diese Räuber hätten ihn getödtet, obgleich sie sagten, ihre Pistolen seien nicht geladen. Und ich konnte dem armen Manne nicht einmal beistehen. Ach, kaum kann ich mich selbst noch aufrecht halten! ... O! aber jetzt muß ich schnell fortgehen ... und werde mich niemals wieder allein in diesen Wald wagen! Wenn Herr Leopold wiederkommt, um in dieser Gegend zu malen, werde ich ihm es streng verbieten, hierher zu gehen. Vorwärts ... mein Gott ... aber mein Weg ist gerade derselbe, den die beiden Männer eingeschlagen haben ... wenn ich ihnen begegnete ... doch nein, die haben sich aus dem Staube gemacht ... O! das waren keine gewöhnlichen Räuber, das habe ich wohl gesehen, und sie halten sich auch nicht gewöhnlich im Walde auf.« Rosa-Maria verließ das Gebüsch, ging quer über den vor ihr liegenden Weg, und nachdem sie in die Ferne gespäht hatte, ob sie nichts mehr von den beiden Räubern erblicke, machte sie einige Schritte in dem von ihnen betretenen Fußweg, strauchelte aber bald über einen zu ihren Füßen liegenden Gegenstand. Das junge Mädchen sah zu Boden und erblickte auf dem Rasen eine hübsche, kleine, höchst elegant und ausgezeichnet eingelegte Pistole, deren Kolben auf eine ganz besondere Weise geschnitzelt war. »O, das gehört ohne Zweifel einem dieser abscheulichen Menschen,« dachte Rosa-Maria, die Pistole zu ihren Füßen genauer betrachtend. Dann zögerte sie einige Augenblicke, unentschlossen, ob sie die Waffe aufheben und mitnehmen solle. Aber plötzlich, wie von einer innern Eingebung beseelt, bückte sie sich, nahm die Pistole, steckte sie in die Tasche ihrer Schürze und sprach zu sich: »O! ja ... ja, da mich der Zufall diese Waffe finden ließ, so kann ich vielleicht später damit Diejenigen erkennen, welche den armen Greis beraubt haben, der so gutmüthig und. so heiter aussah, ehe sie ihn anhielten. Ach, ich wäre sehr glücklich, wenn ich ihm eines Tages dazu verhelfen könnte, das Gestohlene zurück zu erhalten ... Ich will die Pistole mitnehmen und schnell laufen, bis ich bei meinem Vater bin.« Und die Jungfrau eilte nun so flink und leicht wie ein vom Jäger verfolgtes Reh auf dem Fußwege vorwärts, und mäßigte erst ihre Schritte, als sie den Wald hinter sich hatte. Fünftes Kapitel. Hieronymus Gogo Hieronymus Gogo ist ein Mann von sechsundvierzig Jahren, seine Gesichtszüge sind frei und offen, er richtet seine blauen Augen keck auf Diejenigen, mit denen er spricht ... nicht alle Leute thun das; sein oft halbgeöffneter Mund und seine dicken Lippen lassen zwar auf keine Schlauheit schließen, sind aber auch feine Zeichen von Falschheit; und wenn gleich sein Gesicht nicht vornehm aussieht, so hat es doch einen Ausdruck von Güte und Wohlwollen, welcher zu seinen Gunsten einnimmt. Er ist nur von mittlerer Größe, aber seine kräftigen und muskulösen Formen verrathen einen Mann, der einem die Faust tüchtig zu drücken weiß. Hieronymus Gogo ist in der That mit außerordentlicher Körperstärke begabt, er thut sich aber nichts darauf zu gut, denn seine Herzensgute und sein friedliebender Charakter lassen es ihm nur selten zu, sich derselben zu bedienen. Wenn übrigens der Augenblick erscheint, wo sich Hieronymus veranlaßt sieht, Gebrauch von seiner Körperstärke zu machen, dann gnade Gott Dem, der sich der Gefahr ausgesetzt hat, die Wirkungen derselben fühlen zu müssen; er wird fast immer auf seine Kosten zu der Erfahrung gelangen, daß die Männer, die im täglichen Umgang gewöhnlich am sanftesten sind, auch am meisten zu fürchten sind, wenn man sie außer sich bringt. Hieronymus hat keine Erziehung erhalten, doch hat er Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt; da er aber Landmann geblieben ist, hat er nicht oft Gelegenheit zum Schreiben gehabt; er liest nicht mehr, weil es ihn einschläfert, und er hat die Gewohnheit angenommen, nie anders, als mit den Fingern zu zählen. Hieraus ergibt sich, daß Rosa-Maria's Vater beinahe nicht mehr schreiben kann, daß er syllabirt anstatt zu lesen und daß er seine Sprache schlecht spricht; da ihn das Alles aber nicht am Pflügen, Säen, Landbauen und Pflanzen hindert, so ist er für sein Geschäft gelehrt genug. Wenn Hieronymus für seine Person auch ohne Ehrgeiz war und sich als Landmann für gescheit genug halt, so dachte er doch in Betreff seiner Tochter anders. Rosa-Maria ist der Abgott ihres Vaters, sein Glück, seine Freude, sein Ruhm, seine Hoffnung, und er würde sich für strafbar gehalten haben, wenn er seiner Tochter nicht hätte die Erziehung geben lassen, die ihm selbst fehlte. Er hatte gedacht, daß vielleicht der Zufall oder Umstände seine Tochter in jene gebildeten Kreise bringen könnte, welche er nicht besuchte, und er wünschte, daß wenn dieses der Fall sein würde, seine Rosa-Maria sich dort zeigen könnte, ohne lächerlich zu erscheinen oder unwissend und verlegen zu sein. Deßhalb hatte er seine Tochter in die Schule nach Fontainebleau geschickt und sie dann bei achtungswerthen Frauenzimmern, welche die weitere Sorge für ihre Erziehung übernahmen, in allen seinen weiblichen Handarbeiten unterrichten lassen, da sie diese Niemand in ihrem Dorfs hätte lehren können. Rosa-Maria erlernte Alles mit Leichtigkeit. Sie schrieb eine hübsche Handschrift, sprach besser und gewählter als die andern Landmädchen, stickte und festonnirte geschmackvoll; daher hing ihr Vater auch mit eben so viel Liebe als Bewunderung an ihr. In seinen Augen war seine Tochter eher geschaffen, um in der Stadt zu glänzen, als im Dorfe zu bleiben, und er sagte, sie in seine Arme schließend, oft zu ihr: »Mein liebes Kind, ich bedaure es, Dich hier in unserem Häuschen behalten zu müssen, wo Du nur den Hühnerhof und unsere Nachbarn zur Gesellschaft hast, die nicht viel gescheidter sind als unsere Hühner. Ich bin ein Egoist, daß ich Dich hier behalte, denn Du bist klüger als wir Alle; Du bist gelehrt, sprichst gut, verfertigst gleich einer wahren Fee die niedlichsten Arbeiten, Du bist in der That zum Leben in der großen Welt mit den Vornehmen in der Stadt geboren und würdest dort eine gute Partie machen, weil Du außer Deinen Talenten auch sehr hübsch ... und was noch mehr, gut und gefühlvoll bist, kurz, Eigenschaften Haft, die man nicht immer im Vereine mit der Schönheit findet.« Dann küßte Rosa-Maria ihren Vater zärtlich und erwiderte: »Ihr seid allzu gütig gegen mich, lieber Vater, und betrachtet mich mit viel zu großer Nachsicht. Ihr haltet mich für gelehrt, für talentvoll ... aber wenn ich in der Stadt wäre, würde das gegenüber von den Kenntnissen der schönen Fräulein dort, welche fast alle in Anstalten erzogen werden, wo man sie unterrichtet wie Prinzessinnen, von sehr geringer Bedeutung sein. Laßt mich bei Euch in diesem Dorfs wohnen; hier bin ich glücklich, erstens weil ich in Eurer Nähe bin, und dann weil ich nie den Wunsch empfunden habe, die Freuden der Stadt kennen zu lernen. Ich bin eben so wenig ehrgeizig als Ihr es gewesen seid; aber in Paris würde ich es vielleicht werden; ich würde die Damen um ihre schönen Kleider und ihren Putz beneiden, und dann nicht mehr so zufrieden und vergnügt sein wie hier, wo ich Allen gefalle.« Hieronymus Gogo wußte nichts hiegegen einzuwenden und Wäre überdies, sehr unglücklich gewesen, wenn er sich von seiner Tochter hätte trennen müssen; allein, er würde sich ohne Murren darein gefunden haben, wenn er gedacht hätte, sie würde entfernt von ihm glücklicher sein. Das kleine Haus, welches Rosa-Maria's Vater gehörte, war das eines wohlhabenden Landmanns und dazu, was seltener ist, eines solchen, bei dem es so reinlich und geordnet aussah wie bei einem Bürgersmann. Das war Rosa-Marias Werk, welche, da sie Gelegenheit gehabt hatte, den Unterschied zwischen einer Stube in der Stadt und einer auf dem Dorfe zu beobachten, selbst bei gleichen Vermögensverhältnissen der Bewohner, es dahin zu bringen gewußt hatte, die Wohnung ihres Vaters so hübsch einzurichten, wie die einer Familie in Fontainebleau. Es hatte das junge Mädchen viele Mühe gekostet, weil die Landleute im Allgemeinen in einer Unordnung und Unreinlichkeit leben, die dem Naturzustände keine Ehre macht und ganz zu Gunsten der civilisirten Menschen spricht. In einem Bauernhause weiß man selten, was Wachs, Reibebürsten, Staubbesen und Kehrwische sind; und wenn je ein Kehrbesen vorhanden ist, so muß er mehrere Jahre aushalten, oft sogar mehreren Geschlechtern dienen; Fußböden sind Gegenstände des Luxus, die man nicht in allen Gemächern des Hauses trifft, auch Tapeten findet man selten, jedenfalls ist kein Verschlag damit überklebt. Aber Rosa-Maria's Bestreben war es zu verdanken, daß das Innere des väterlichen Hauses so reinlich und geordnet gehalten war, daß es in den Augen der Landleute sogar für prachtvoll galt. Trat man in eine Stube, so wußte man doch, wo man den Fuß hinsetzen konnte, und durfte nicht fürchten, sich zu beschmutzen, wenn man sich auf einen Stuhl niederließ. Der alten Magd, aus welcher die ganze Dienerschaft bestand, war es schwer angekommen, sich an das Reinigen und Abreiben der Möbeln zu gewöhnen; sie hatte sogar Anfangs über die Capricen des jungen Mädchens gemurrt, welches verlangte, daß man die mit Staub bedeckten Gegenstände abwische, was sie für sehr überflüssig hielt; »denn,« sagte sie, »wozu nützt das Abstäuben heute? morgen ist es doch wieder so.« Aber Rosa-Maria war ihr mit gutem Beispiele vorangegangen, und die Bäuerin hatte nach und nach einen Begriff von Reinlichkeit bekommen und eingesehen, daß es kein Luxus ist, sich alle Tage Gesicht und Hände zu waschen. Fünf Uhr schlug es so eben auf der großen Wanduhr in der untern Stube, wo in Hieronymus Gogo's Haus gewöhnlich die Mahlzeit gehalten wurde. Fünf Uhr Nachmittags ... und Rosa-Maria war schon um acht Uhr Morgens gleich nach dem Frühstück fortgegangen, um sich nach Fontainebleau zu begeben, von wo sie gewöhnlich zum Mittagessen nach Hause zurückkehrte, welches um drei Uhr aufgetragen wurde, der Stunde, wo ihr Vater vom Felde heimkam. Hieronymus hatte nirgends Ruhe; alle Augenblicke ging er aus der untern Stube hinaus und stellte sich unter die Hausthüre; dort blickte er nach der Chaussée hin, kehrte wieder in das Haus zurück, ging dann abermals hinaus und rief: »Wo mag Rosa so lange bleiben? ... sie weiß, daß das Mittagessen immer um drei Uhr fertig ist, weil ich da von der Arbeit heimkomme und gerne meinen Appetit stille, während ich mit ihr plaudere.« – Will der Herr nicht vielleicht, bis sie kommt, Etwas essen? – »Essen ... ohne meine Tochter? ... O! ich habe keinen Hunger mehr ... Das ist sehr sonderbar, es ist das erste Mal, daß sie nicht vor mir heimgekommen ist.« Die alte Magd suchte die Besorgnisse ihres Herrn zu beschwichtigen, indem sie sagte: »Unsere Jungfer ist vielleicht von der Frau in Fontainebleau, bei der sie das Nähen und Kleidermachen gelernt hat, aufgehalten worden ... es kann leicht eine Arbeit da gewesen sein, die noch heute hat fertig werden müssen. Mamsell Rosa ist so gefällig, daß sie ihr diesen Dienst nicht wird haben abschlagen können.« – Ja, ja, ich weiß wohl, daß dieses der Fall sein kann, aber meine Tochter weiß auch, daß ich sie gerne daheim finde, wenn ich vom Geschäfte komme; daß ich dann glücklich bin, wenn ich ihr einen Kuß geben und sie in die Wange kneipen kann; sie weiß, daß ich mir Sorgen mache und mich quäle, wenn ich sie nicht gleich sehe, und da sie sonst so gut und so zuvorkommend gegen ihren Vater ist, so begreife ich nicht, daß sie mich zwei Stunden warten und in der Besorgniß lassen kann, es möchte ihr Etwas zugestoßen sein? ... Ei! der Kuckuk! seit einiger Zeit geht sie alle Tage in die Stadt! ... ich fürchte, daß das zuletzt mit einer schlimmen Begegnung endigt, denn mein Röschen ist gar hübsch ... wenn ihr schlechte Kerle aufgelauert und sie verfolgt hätten! ...« – »Ei, mein Gott, Herr, setzt Euch doch keine solche Gedanken in den Kopf; glaubt Ihr denn, die Mamsell höre den ersten Besten an? sie, die so tugendhaft und so bescheiden ist?« – »O! ich weiß, daß meine Tochter tugendhaft ist, Marie, aber die Tugend schützt nicht vor den Angriffen eines Wüstlings, eines Unverschämten.« – »Ich sage es Euch noch einmal, Herr, es ist von hier nach Fontainebleau nichts zu fürchten, man begegnet immer Leuten und es stehen überall Häuser an der Straße.« – »Ja, wenn man nicht durch den Wald geht. Ich habe Rosa oft gerathen, diesen Weg zu meiden, aber die jungen Mädchen laufen gerne herum, suchen gerne Blumen, und wenn es so heiß ist wie heute, ist Einem der Schatten lieber als die breite Chaussee. Mein Gott! wenn Rosa durch den Wald gegangen und ihr etwas Schlimmes zugestoßen wäre ...« – »Warum stellt Ihr Euch aber solche Dinge vor, Herr?« – »Warum? Siehst Du denn nicht, daß es immer später wird und meine Tochter nicht kommt?« ... »O! ich halte es nicht mehr aus, ich muß nach Fontainebleau zu Frau Durand laufen ... mich erkundigen, ob Rosa noch da ist, fragen, um welche Zeit sie dort fortgegangen ist und dann ... O, ich muß mein Kind wiederfinden, wissen, was aus ihm geworden ist!« Und ohne weiter auf die Magd zu hören, nimmt Hieronymus seinen Hut und seinen Stock und verläßt sein Haus; er ist bereits im Begriffe, Fontainebleau zuzugehen, hat aber noch keine zwanzig Schritte gemacht, als er ein junges Mädchen auf sich zueilen sieht. Er stößt einen Freudenschrei aus, denn er hat Rosa-Maria erkannt. Die Jungfrau fliegt in die Arme ihres Vaters und ruft aus: »Ach! nicht wahr. Ihr waret in Sorgen um mich?« – »Ja, ja, liebes Kind ... so spät heim zu kommen! Du abscheuliches Mädchen. Doch jetzt bist Du da, ich will Dich nicht lange zanken.« – »Mein guter Vater!« – »Aber sage mir ... Du bist ganz blaß, Deine Züge sind entstellt ... es ist Dir gewiß Etwas begegnet? Ich hatte also doch Recht, unruhig zu sein? ...« – »Ja, mein Vater, ja ... O! ich habe eine große Furcht ausgestanden!« – »Furcht? ... Armes Kind, komm, komm, ruhe aus und erzähle mir Alles.« Hieronymus kehrt mit seiner Tochter ins Haus zurück. Dort ließ er sie niedersitzen, nöthigte sie, ein wenig Wein zu trinken, stellte sich dann vor sie hin, ergriff ihre beiden Hände und wartete bangen Herzens, bis sie ihm mittheilte, was ihr begegnet war. Darauf erzählte Rosa-Maria ihrem Vater den frevelhaften Angriff, den sie mit angesehen und theilte ihm genau das Gespräch der beiden Männer mit, welche den Reisenden bestohlen hatten. Hieronymus athmete kaum, so lange seine Tochter sprach; sobald aber Rosa-Maria ihre Erzählung beendigt hatte, nahm er sie beim Kopfe, küßte sie mehrmals auf die Stirne und rief aus: »Arme Kleine! wenn Dich aber diese beiden Elenden gesehen hätten! ... O, mein Gott! ich danke Dir, daß Du über meine Tochter gewacht hast! ... Jetzt siehst Du ein, Rosa, welchen Gefahren Du Dich aussetztest, als Du durch den Wald gingst!« – »Ach! ja, lieber Vater, ich habe Unrecht gehabt, aber ich verspreche es Euch, ich gehe nie wieder hin, denn die Erinnerung an dieses Abenteuer wird nicht mehr aus meinem Gedächtnisse schwinden.« – »Ich glaube es: Du mußt eine ordentliche Angst ausgestanden haben ... Ach! wenn ich nur an Deine Lage denke, ganz nahe bei diesen Dieben, ohne Dich rühren zu dürfen ... der Gefahr ausgesetzt, beim ersten Erblicktwerden, von ihnen umgebracht zu werden ... wird mir schon wehe, nimmt es mir den Athem.« – »Beruhiget Euch, lieber Vater, jetzt bin ich ja wieder bei Euch ... – »Und gehst nicht mehr in den Wald?« – »O! nein, ich schwöre es Euch noch einmal.« – »Das läßt sich hören ... Ach, wie hätte ich den beraubten Reisenden vertheidigt, wenn ich in jenem Augenblicke dort gewesen wäre; wie hätte ich mit einem Faustschlage diese Schurken zu Boden gestreckt!« – »O ja, das hättet Ihr; aber ich, mein Vater, ich war nicht stark genug, ihn zu vertheidigen, und die Furcht gestattete mir nicht, um Hülfe zu rufen. – »Du hast wohl daran gethan, zu schweigen, arme Kleine, denn ich sage Dir, sie hätten Dich umgebracht! Auf solche Weise wird man aus einem Räuber ein Mörder ... die Furcht, von einem unerwarteten Zeugen verrathen zu werden, veranlaßt Einen dazu, und Du glaubst, daß diese Männer keine Landstreicher, keine Diebe von Profession waren?« – »O nein, lieber Vater! vor allen Dingen sprachen sie sehr gut ... ihre Manier zu reden hatte sogar etwas Ausgezeichnetes, kurz, man konnte glauben, es seien junge Leute aus der Stadt ... dann trugen sie unter ihren Blousen schöne Beinkleider mit Stegen und fein lakirte Stiefeln.« – »Wirklich?« – »Sie selbst sagten ja: Wir sind verkleidet und mit Kohlen angeschwärzt, man könnte nie errathen, wer wir sind.« – »Es sind wahrscheinlich Spitzbuben von vornehmem Stande, die sich im Straßenraub versuchen wollten, und Du sagst, der eine derselben habe weniger Muth dazu gehabt als der andere?« – »O! viel weniger! da er es nur ungern that, und ihm gleich darauf beinahe übel wurde.« – »Es waren junge Leute?« – »Ja, Beide.« – »Würdest Du sie, wenn Du ihnen eines Tages begegnetest, wieder erkennen?« – Das wäre unmöglich! ... ich habe ihre Gesichter nicht gesehen. Anfangs, als ich sie so schnell auf dem Wege einherkommen und auf mich zugehen sah, fürchtete ich mich, bückte mich und versteckte mich hinter einem Gebüsche. Wie sie dann im Dickicht stillstanden, sah ich allerdings durch's Laubwerk hindurch ihre Blousen, ihre Mützen und bisweilen ihr geschwärztes Kinn, aber sonst nichts.« – »Und ihre Stimme? ... würde Dir diese nicht bekannt vorkommen, wenn Du sie eines Tages hörtest?« – O! das weiß ich nicht, Vater, ich war zu sehr erschrocken ... ihre Worte drangen so dumpf, so unheilvoll an mein Ohr ... ich hörte und hätte lieber nicht gehört. Aber ich vergaß etwas! ich habe Euch nicht Alles erzählt ... Dieses hat ohne Zweifel einer der beiden Männer fallen lassen, und ich habe es, als ich über den Weg kam, den sie eingeschlagen hatten, auf dem Boden gefunden.« Rosa-Maria zog die kleine Pistole aus ihrer Tasche und überreichte sie ihrem Vater. Hieronymus betrachtete die Waffe und rief dabei aus: »Ach, aber das ist prächtig! das sind wunderschöne Verzierungen und Schnitzeleien ... O, Du hast Recht, Kleine, eine solche Waffe kann nur einer vornehmen Person gehören, denn diese Pistole ist ein Juwel ... das ist kostbar!« – Habe ich wohl daran gethan, diese Waffe aufzuheben, lieber Vater? – »Ganz gewiß, liebe Kleine; denn sieh', alle Ereignisse im Leben hängen zusammen und sind mit einander verkettet; es wohnt Einer über uns, der immer recht wohl weiß, wie er die Dinge in einander fügt! ... und indem er Dich, junges Mädchen, welches durch Zufall Zeuge dieser Frevelthat war, diese Waffe finden ließ, hat er vielleicht gewollt, daß Du vermöge derselben die Strafbaren einst erkennen sollst!« – Das habe ich auch gedacht, lieber Vater. Und was glaubt Ihr, was nun zu thun ist? Muß man jetzt zum Herrn Maire gehen und ihm erzählen, was ich im Walde mit angesehen habe?« Hieronymus fuhr mit der Hand über seine Stirne, sann einige Minuten nach und antwortete alsdann seiner Tochter: »Höre, liebes Kind, Alles wohl überlegt, halte ich es für besser, wenn wir nichts sagen. Ja, wenn Deine Angabe von der Art wäre, daß man die Diebe verhaften könnte, würde ich es thun; aber ich glaube nicht, daß sie dazu dienen würde, auf ihre Spur zu führen; denn Du könntest doch das Aeußere dieser beiden Männer nicht beschreiben?« – Mein Gott, nein, lieber Vater, das wäre mir unmöglich ... ich wüßte nicht einmal die Farbe ihrer Blousen anzugeben ... ich war so bestürzt! ... ich hatte gleichsam einen Nebel vor den Augen. – »Ich habe also Recht, wenn ich behaupte, Deine Angabe würde zu nichts führen ... Das heißt doch: sie könnte Dich Gefahren aussetzen, denn wenn die, welche den Streich ausgeführt haben, erfahren würden, ein junges Mädchen sei Zeuge ihres Verbrechens gewesen, dieses junge Mädchen sei mein Kind und wohne in diesem Dorfe, wer weiß, ob sie dann nicht, um sich eines gefährlichen Zeugen zu entledigen und in der Furcht, sie möchten eines Tages von Dir erkannt werden. Dir eine Schlinge zu legen suchen und eine zweite Missethat begehen würden! ... O nein, das darf nicht sein! ... meine Tochter soll nicht in Gefahr leben. Ich ließe Dich vor Angst keinen Augenblick mehr allein ausgehen, ich würde unaufhörlich zittern, wenn Du nicht bei mir wärest. Es bleibt also dabei, die Sache wird verschwiegen, liebe Kleine! Du darfst Niemand ein Wort von diesem Abenteuer erzählen.« – Nein, lieber Vater, Niemand! O, Ihr habt Recht, ich schweige davon. – »Und außerdem habe ich erst noch meine Absicht dabei, denn ich glaube, daß Du die Diebe weit eher entdecken kannst, wenn Du den Vorfall nicht Jedermann mittheilst. Also mutus , wie der Schulmeister in der Stadt zu seinen Schülern sagt, welches ohne Zweifel heißen soll: machet keinen Lärm. Aber ich bitte Dich noch einmal, liebes Röschen, gehe nicht mehr allein in den Wald. Erstens ist das kein Aufenthalt für ein junges Mädchen; denn außer Räubern könntest Du dort Leuten begegnen, welche ... Leuten, die ... kurz, Leuten, welche Dir, unter dem Vorwande, Dir Artigkeiten zu sagen, Dummheiten vorschwatzen würden, und beim Kuckuk! das wäre ebenso gefährlich für Dich wie Räuber ... Doch Du hast nur geschworen, Du werdest nicht mehr allein in den Wald gehen und Du wirst Deinem Versprechen nicht ungetreu werden wollen?« – Gewiß nicht, lieber Vater, ich schwöre es Euch auf's Neue, ich werde es halten. – »Dann ist es gut, ich bin jetzt beruhigt. Bewahre die hübsche kleine Pistole wohl auf, zeige sie Niemand und überlasse es Gott, die Dinge so zu fügen, daß die Schurken bestraft werden und der arme Reisende wieder zu seinem Gelde kommt.« Rosa-Maria gehorchte ihrem Vater; sie schloß die gefundene Waffe sorgfältig ein und dachte in ihrem Sinne: »O nein, ich gehe nicht mehr allein in den Wald! ... wenn mein Vater wüßte, daß ich dort die Bekanntschaft eines jungen Malers gemacht habe, wäre er vielleicht noch viel unwilliger. Ich habe es bisher nie gewagt, von Herrn Leopold mit ihm zu sprechen, und jetzt habe ich noch viel weniger Muth dazu; er ist ohnehin schon so unruhig ... das würde ihn nur noch mehr quälen ... es ist noch Zeit genug, ihm zu erzählen, wie ich mit dem jungen Manne bekannt geworden bin, wenn uns dieser einmal besucht. Aber ich werde meinen Schwur halten, und bestimmt nicht mehr in den Wald gehen.« Indem sich das junge Mädchen selbst dieses Versprechen gab, gestand sie sich nicht, daß es ihr in diesem Augenblicke keine Ueberwindung koste, dasselbe zu halten, da sie wußte, daß der junge Maler nach Paris zurückgekehrt war. Sechstes Kapitel. Der Vetter Brouillard Acht Tage waren verflossen, seit Rosa-Maria nicht mehr in den Wald ging, und während dieser Zeit war das junge Mädchen, beinahe ohne das Haus ihres Vaters zu verlassen, im Dorfs geblieben. Ein einziges Mal hat sie sich nach Fontainebleau begeben, um Stickereien hinzutragen und andere Arbeit zu holen, aber kaum hatte sie sich die Zeit gegönnt, ein wenig in der Stadt auszuruhen; sie war schnell wieder in ihr kleines Zimmer zurückgekehrt, dessen Fenster auf die Landstraße ging, und ihr Vater war erstaunt über ihre baldige Rückkehr. Indessen glaubte Hieronymus Gogo zu bemerken, daß seine Tochter nicht mehr so oft sang wie früher, daß sie, ohne gerade traurig zu sein, oft nachdenklich und träumerisch schien und zuweilen nicht auf ihn hörte, wenn er mit ihr sprach, oder ihm verkehrte Antworten gab. Den braven Landmann beunruhigten diese Wahrnehmungen, und nachdem er eines Morgens mehrmals um seine Tochter herumgegangen war, ohne daß diese das Kommen und Gehen ihres Vaters beachtet hatte, sagte Hieronymus zu feinem Kinde: »Ei höre, liebe Tochter, ich habe zwar zu Dir gesagt, es freue mich sehr, wenn Du bei mir seiest ... denn es ist wahr, ich habe Dich gerne um mich und sehe es mit Vergnügen, wenn ich Dich bei meinem Heimkommen zu Hause antreffe, damit ich Dir gleich einen Kuß geben kann ... aber das Alles ist kein Grund, daß Du Dich nicht mehr vom Flecke rührest ... daß Du Deine Freundinnen und Bekannten in der Stadt nicht mehr besuchest oder, wenn Du nach Fontainebleau gehst, mit der Rückkehr eilest wie die Briefpost ... und zwar auf die Gefahr hin, Dir eine Anschwellung der Milz oder eine Brustentzündung zuzuziehen ... so habe ich es auch nicht gemeint!« Rosa-Maria blickte ihren Vater mit erstaunter Miene an und antwortete: »Warum sagt Ihr das zu mir, mein guter Vater? ... Mißfällt es Euch, mich hier arbeiten zu sehen?« – Nein, nein! ... Potzsapperment! Du weißt wohl, daß ich Dich nicht genug sehen kann ... aber ich bin kein Egoist ... die Hauptsache ist mir, daß Du wieder glücklich, heiter und zufrieden sein sollst wie früher ... und seit einiger Zeit bemerke ich, daß Du nicht mehr dieselbe bist, liebes Kind!« Die Jungfrau wurde verlegen, schlug die Augen nieder und stammelte. »Ich, lieber Vater? ... O, warum nicht gar, Ihr täuschet Euch! ... Was ist denn verändert an mir? ...« – Verändert? ... Mein Gott, Dein Gesicht ist immer dasselbe, das weiß ich wohl; Du bist immer gleich sanft, gleich zuvorkommend gegen mich ... aber, demungeachtet ... Du hast Etwas ... Sieh', in Deinen Augen, in Deinem Blicke liegt Etwas, was? kann ich selbst nicht sagen ... Aber ich wiederhole Dir, Du hast nicht mehr jene heitere Miene, die mich so glücklich machte, weil ich glaubte. Du seiest es auch. Kurz, ich fürchte. Du habest Langeweile seit Du fast nicht mehr in die Stadt gehst. Ich habe Dich ersucht, nicht mehr allein in den Wald zu spazieren das ist aber kein Grund, das Haus gar nicht mehr zu verlassen. – »Aber, lieber Vater, ich versichere Euch, Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, ich langweile mich ... Wenn ich Lust hätte, öfter in die Stadt zu gehen, würde ich es Euch sagen, denn ich weiß wohl, daß Ihr nicht böse darüber sein würdet. Es gefällt mir daheim. Ich gehe jetzt allerdings weniger nach Fontainebleau, weil die Damen, für welche ich arbeite, nicht mehr so pressirt sind; aber ich versichere Euch, ich entbehre nichts dadurch ... Ich bin gerne hier ... es gefällt mir ... ich bin glücklich, mein Vater ... o! ich bin sehr glücklich daheim.« Hieronymus schien mit dieser Antwort zufrieden; dennoch lag selbst in der Art, womit ihn seine Tochter versicherte, sie sei glücklich, Etwas, welches ihn nicht von der Wahrheit ihrer Worte überzeugte, und der Landmann beharrte auf dem Gedanken, seine Tochter langweile sich auf dem Lande und sei zu gescheit und zu unterrichtet, um ihr Leben unter Bauern zuzubringen. Am folgenden Tage, nach dieser Unterredung, blieb gegen Mittag ein etwa fünfundfünfzigjähriger Herr, der aber noch sehr aufrecht und mit der Schnelligkeit eines Jünglings einherging, vor Hieronymus Gogo's Haus stehen. Dieser Neuangekommene war ziemlich hoch gewachsen und mit einem anständigen Leibesumfang begabt; in seinen Zügen, die der Feinheit nicht ermangelten, lag Etwas von einem Fuchse; seine Augen waren rothbraun, klein und lebhaft; seine lange, spitzauslaufende Nase bildete mit seinem eingekniffenen Munde und seinem zurückstehenden Kinn eine Art Schnauze, die beständig rings herum zu schnüffeln schien. Sein in der Mitte fast kahler Kopf war oberhalb den Ohren noch ziemlich dicht mit Haaren bewachsen, welche sich an einen Backenbart anschlossen, der zu beiden Seiten des Mundes einen rechten Winkel bildete. Das Gesicht dieses Herrn war beim ersten Anblick ziemlich angenehm, denn er hatte beinahe immer ein halbes Lächeln auf den Lippen und einen gemüthlichen Ton beim Sprechen. Es war ein Fuchs, der ein Schaf vorzustellen suchte. Sein Anzug war der eines vermöglichen Städters, der sich aber nicht mehr mit einer gesuchten Toilette abgeben will. »Hier ist es ... ja, hier muß es sein,« sprach der Herr stillstehend und Hieronymus Haus betrachtend. »Es ist mir übrigens, als ob das Gebäude außerhalb nicht so reinlich gewesen wäre ... aber seit den fünf Jahren, die ich nicht da gewesen bin, wird man es geputzt haben ... innerhalb ist es vielleicht desto schmutziger. Aber früher waren am ersten Stock keine Läden, dessen erinnere ich mich genau. Grün angestrichene Läden an einem Bauernhause! ... Welcher Luxus! ... Ist der vielleicht auch reich geworden? Hm! das bezweifle ich! Denn wäre er reich geworden, so würden sich seine Brüder mehr um ihn bekümmern ... ihn zu sich laden und wieder besuchen ... Ich will einmal sehen, ob eine Klingel an der Thüre ist ... Nein, ein Klopfer ... der paßt nicht zu den grünen Läden! ... Ich will anklopfen, denn ich hoffe, daß Jemand zu Hause ist, und ich nicht umsonst hierhergekommen bin.« Der Herr hat geklopft. Marie, die alte Magd, macht auf und betrachtet mit erstaunter Miene den Herrn, welchen sie noch nie gesehen hat. Seinerseits examinirt der Herr die Bäuerin und macht eine unmerkliche Bewegung mit den Lippen, welche ausdrückt: diese Magd ist aber häßlich. »Was wünscht der Herr?« – Ich bin, glaub' ich, recht. Hier ist doch die Wohnung von Herrn Hieronymus Gogo? – »Ja, mein Herr. Ihr seid recht!« – Ist er zu Hause? – »Der Herr ist noch auf dem Felde, er wird übrigens bald zum Mittagessen heimkommen ... aber die Mamsell ist da ... Wenn der Herr dem Vater Etwas zu sagen hat, so spreche er nur mit der Mamsell ... es ist kein Unterschied.« – Ah! das Fräulein ist im Stande, Besuche zu empfangen? In der That, seit ich nicht hier gewesen bin, hat sie wachsen können ... Es sind mehr als fünf Jahre her, beinahe sechsthalb Jahre ... Hieronymus Gogo's Töchterchen war damals elf bis zwölf Jahre alt. – »Potz Tausend, mein Herr, wenn unsre Mamsell seither nicht gewachsen wäre, so wäre es ein Unglück!« – Ja, sie muß jetzt ungefähr siebzehn Jahre alt sein ... – »Die Mamsell ist im vorigen Mai siebenzehn Jahre alt gewesen und ist eine schöne Jungfer, Ihr dürft mir es glauben!« – Wirklich ... ist sie hübsch? ... Sie muß sich also sehr verändert haben, denn als Kind hatte sie ein verzerrtes Gesicht, welches nicht viel Ordentliches versprach. – »Nun, mein Herr, ich kann Euch versichern, daß unsere Mamsell jetzt eines der schönsten Mädchen in der Umgegend und sogar von Fontainebleau ist.« – Teufel auch! dann muß sie ihrem Vater nicht ähnlich sehen, denn an Hieronymus war nie etwas Schönes ... – »Ich bin der Ansicht, unser Herr habe auch ein ganz passirliches Gesicht!« – Passirlich? ... hm! ... nun, es ist möglich! ... auf dem Lande passirt etwas leicht ... Ihr behauptet also, Rosa ... denn Rosa heißt sie, glaube ich ... – »Rosa-Maria, mein Herr.« – Ja, das ist auch wieder so eine bäuerische Gewohnheit, die Leute mit zwei aneinander gehefteten Namen zu rufen ... da heißt es immer Johann-Ludwig! Johann-Peter! Maria-Johanna! ... wie wenn man an einem Namen nicht genug hätte ... – »Ei, was hat denn der Herr?« denkt die alte Marie, den Fremden von der Seite anschielend: »Er gönnt den Bauern kein Vergnügen und tadelt Alles ... findet Alles schlecht ... Ist er etwa hergekommen, um uns zu foppen?« Dann versetzt die Bäuerin mit lauter Stimme: »Sagt, Herr, wie würdet Ihr es machen, wenn Ihr in einem Dorfe wohntet, wo fünf bis sechs Peter, ein Dutzend Johann und eben so viele Paul wären, um zu wissen, von welchem die Rede ist, wenn man ihnen nicht zwei Namen zugleich gäbe, um sie von einander zu unterscheiden?« Der Herr scheint betroffen über die Bemerkung der Bäuerin; aber wie alle Leute, die nie zugestehen wollen, daß sie eine Dummheit gesagt haben, gibt er der Alten keine Antwort auf ihre Frage, sondern fährt fort: »Also Rosa-Maria ist hübsch? Hat sie also keine Sommersprossen mehr? Ich kann mich erinnern, daß sie in ihrer Kindheit ganz damit übersäet war!« – Die vergehen mit den Jahren, mein Herr ... es ist nicht wie mit den Blatternarben. – »Hm! sie vergehen auch nicht immer! Ich kenne Damen, welche Gott weiß wie viel Schönheitsmittel angewendet haben, um diese Flecken aus ihrem Gesichte zu vertreiben, und nicht dazu gelangt sind. Uebrigens freut es mich, wenn meine Base so hübsch ist, als Ihr sagt ...« – Ach! der Herr ist ein Vetter? – »Ja, ich bin der Vetter Brouillard, ein Schwestersohn .... deßhalb heiße ich nicht Gogo. Es gibt Leute genug welche sich über den Namen Gogo ärgern! ... Ha, ha! ... o, ich kenne mehr als Einen, der ... doch davon ist jetzt nicht die Rede ... Wo ist mein Bäschen?« – Oben in ihrem Zimmer. Will der Herr eintreten, dann hole ich die Mamsell. – »Ja, versteht sich, zeigt mir nur den Weg ... Ihr seid die Magd?« – Ja, mein Herr. – »Ihr seid aber noch nicht lange in Herrn Gogo's Dienst.« – Doch, mein Herr, schon drei und ein halb Jahr. – »Ich meine bei meinem letzten Besuche ... vor fünf Jahren ... sei eine junge nette Magd da gewesen ... ist diese nicht mehr im Hause?« – Da ich jetzt da bin, wüßte ich nicht, wozu man die andere brauchte? – »Ach, das beweist nichts, es könnte Geschäfte geben, wozu man Euch nicht brauchen könnte! Warum hat Hieronymus seine junge Magd fortgeschickt? ... wißt Ihr's? ... Sind vielleicht Schwätzereien vorgekommen ... ist geklatscht worden ... hm? ...« – Was für Schwätzereien, mein Herr? Weßhalb denn? – »O! Ihr wißt ja ... wenn ein Wittwer noch rüstig ist und eine hübsche Magd hat, so ... die Welt ist gar bösartig.« – Ich verstehe Euch nicht, mein Herr. Alles, was ich weiß, ist, daß die Magd, welche vor mir da war, aus dem Hause kam, weil sie sich verheirathet hat; das ist sehr natürlich. – »Ah! sie ist verheirathet? ... O! das Dienen bei einem menschenfreundlichen Herrn hat einer hübschen Magd schon oft zu einer Aussteuer verholfen, ha! ha! ha! ...« Die alte Marie hatte den Vetter Brouillard in das Speisezimmer geführt, welches bei Hieronymus zugleich das Wohnzimmer war. Der Herr mit der Fuchsschnauze, schaute oder schnüffelte vielmehr um sich her und murmelte: »Ei, aber hier ist es sauber ... fast so reinlich wie bei mir in Paris ... Ich meine vor fünf Jahren sei keine so hübsche Tapete in dieser Stube gewesen ... auch der Fußboden war nicht hübsch gewichst und gebohnt«. – Drum hat die Mamsell Alles so herrichten lassen. Sie hat zu ihrem Vater gesagt, man könne auf dem Lande ebenso gut leben wie in der Stadt. Anfangs haben wir uns freilich dawider aufgehalten, als sie sagte, man müsse alle Tage den Boden frisch aufreiben ... aber ich habe mich daran gewöhnt ... und jetzt finde ich, daß die Mamsell Recht hat, denn es ist schöner bei uns als bei all' unsern Nachbarn. – »Eitelkeit! ... und nichts als Eitelkeit! So viel mir scheint, hält mein Bäschen viel auf Prunk und Glanz, und spielt die Herrin vom Hause ... Führt sie ihren Vater an der Nase herum?« – Wie meinet Ihr das, Herr? – »Hat das junge Mädchen einen guten Charakter? Aergert sie Euch alle Tage? ... Es muß Euch in Eurem Alter widerwärtig sein, den Befehlen eines siebenzehnjährigen Kindes gehorchen zu müssen.« – Und warum sollte mir das widerwärtig sein, mein Herr? Sind die Dienstleute nicht dazu da, ihrer Herrschaft zu gehorchen? oder hat sich die Welt jetzt gedreht? ... Ich will die Mamsell holen. – »Geht, sagt ihr, ihr Vetter Brouillard sei da, vormaliger Beamter beim Finanzministerium, ehemals Schatz genannt, nun zur Ruhe gesetzt und Rentier in Paris, und wolle ihr einen Besuch machen.« – Schon gut, mein Herr, ich will es ausrichten, also der ehemalige Schatz ... nun Rennthier Brüllart ... ich werde es ihr sogleich sagen!« – Und während Herr Brouillard sich mit der Inspektion des Zimmers beschäftigte, in dem er sich befand, jedes Möbel betrachtete, jeden Gegenstand berührte, sogar die Schränke aufmachte und an jeder Schublade zog, um zu sehen, was darin sei, ging die alte Marie zu ihrer jungen Gebieterin hinauf und meldete dieser den Besuch ihres Vetters Brouillard mit den Worten: »Dieser Herr scheint mir ein komischer Heiliger! ... der ist verdammt neugierig und geschwätzig ... er erkundigt sich nach Allem und findet an Allem Etwas auszusetzen ... und zwar mit einer Miene, als ob er eine Höflichkeit sagte! Ich wette aber, der ist nicht gutmüthig!« Rosa-Maria erinnerte sich dieses Herrn, welchen sie in ihrer Kindheit nur selten gesehen, und der sie nie geliebkost hatte, ein Umstand der sich selbst in unserer zartesten Jugend unserem Gedächtnisse eingräbt, nur dunkel. Die alte Marie hatte mit ihrem schlichten Verstande den Neuangekommenen richtig beurtheilt. Herr Brouillard hatte etwas Beißendes, Bösartiges, welches er unter einem Anschein von Verbindlichkeit und Freimütigkeit zu verbergen suchte; gleich der Katze kratzte er Einen, während er that, als ob er ihm schmeicheln wollte. Sein Glück bestand darin, Einem unangenehme Dinge zu sagen und schlechte Neuigkeiten mitzutheilen. Es gibt Leute, die Allem aufbieten und eine Stunde weit laufen würden, um einem Freunde eine gute Nachricht zu verkünden; der Vetter Brouillard gab sich aber dieselbe Mühe, um Jemand etwas Unangenehmes mitzutheilen, und dies zwar mit einem Anstrich von Gutmüthigkeit, wie wenn es nur geschähe, um ihm seine Theilnahme zu bezeigen. Es gibt viele Menschen vom Schlag des Herrn Brouillard in der Welt; sie kommen euch auf tausenderlei Weise mit tausenderlei Freundschaftserbietungen entgegen, suchen euer Vertrauen zu erlangen, eure innersten Geheimnisse zu erschleichen, bloß um alle Gelegenheiten in Händen zu haben, euch in euren theuersten Neigungen zu verwunden; während sie sich für eure Freunde ausgeben, haben sie nie Anderes als Uebles von euch sagen hören, und beeilen sich, dieses euch zuzutragen; was hingegen das Gute, das Lob anbetrifft, welches man eurem Talent, eurer Person oder eurem Charakter gezollt hat, so haben sie davon nie etwas gehört; ihre Ohren sind für angenehme Dinge verstopft, weit offen aber für die geringste Bösartigkeit. Und dieselben Leute nehmen eine Miene an, wie wenn sie das lebhafteste Interesse für Alles hätten, was in Beziehung zu euch steht; aus Freundschaft kommen sie, um euch ganz leise zu sagen, daß eure Frau schon sehr lange in einer Ecke des Saales mit einem jungen Manne spreche, der schon dreimal hintereinander mit ihr getanzt habe, während ihr an einem Spieltische saßet; aus Freundschaft theilen sie euch mit, daß diese oder jene Zeitung, welche ihr nie leset, entsetzlich über euer Talent, wenn ihr Künstler, über eure Werke, wenn ihr Schriftsteller, über eure Gemälde, wenn ihr Maler seid – geschimpft habe; aus Freundschaft rufen sie, wenn sie euch in eine Gesellschaft treten sehen, aus: »Sind Sie krank? ... ich finde Sie verändert! ... nehmen Sie sich in Acht, mein Lieber, Sie haben kein gutes Aussehen, ich bin ganz erschrocken als ich Sie eben eintreten sah.« Aus Freundschaft sagen sie: »Ihr Rock steht Ihnen schlecht, Ihr Schneider hat ihn schändlich verhunzt.« Aus Freundschaft reden sie nachtheilig von dem Quartier, wo ihr wohnt, und von der Gegend, wo ihr ein Landhaus habt; aus Freundschaft rennen sie herbei und sagen euch, daß man an einem Tage, wo ihr nicht im Theater gewesen seid, euer Stück oder einen Schauspieler, der in demselben gespielt, ausgepfiffen habe; aus Freundschaft finden sie Alles, was ihr gekauft habt, zu theuer; aus Freundschaft erzählen sie euch, man habe sich über euern Ball, euer Concert oder eure Abendgesellschaft lustig gemacht; aus Freundschaft endlich bekritteln sie alle eure Leistungen, suchen sie eure geringsten Handlungen ins Lächerliche zu ziehen und schwärzen euch an, sobald ihr den Rücken kehrt. Der Himmel behüte euch vor solchen Freunden, wenn ihr aber je solche habt, so folget mir und schonet sie nicht; erwidert auf die geringste Bosheit, die sie euch sagen, mit etwas Kräftigem, wodurch sie niedergeschmettert und gedemüthigt werden, und einsehen lernen, daß sie an euch ihren Meister gefunden haben; dann werdet ihr sie bald in Lämmer und Tauben verwandelt und eben so zurückhaltend sehen, als sie vorher beißend waren. Aber es ist nicht Jedem gegeben, rasch in seinen Antworten, treffend in seinen Erwiderungen zu sein, um eine Unverschämtheit oder einen Spott auf der Stelle heimzugeben. Die Leute, welche das meiste Verdienst, Genie und Talent besitzen, sind im Allgemeinen die wenigst satyrischen; es wird ihnen im Gespräche weit leichter sein, etwas Liebenswürdiges zu sagen, als mit einer Unverschämtheit zu antworten, weil das wirkliche Talent, da es auf Niemand eifersüchtig ist, für Jedermann viel Nachsicht zeigt; wählend dagegen jene Vorlauten, welche es nicht dahin bringen können, sich einen Namen zu machen, sich Mühe geben, durch ihr Geschrei wenigstens die Blicke auf sich zu ziehen, und sich unaufhörlich in Erfindung von Unverschämtheiten und pikanten Einfällen erschöpfen, die sie gegen Solche schleudern, welche sie nicht erreichen können, wodurch sie sich in jener Gattung von Geist, die man mit dem Namen Aufschneiderei beehrt hat, eine Art von Überlegenheit erwerben. Zu dem Bilde, welches wir von Herrn Brouillard geliefert haben, bleibt uns noch beizufügen übrig, daß er bis zur Schaberei geizig war, während er doch reich und freigebig scheinen wollte. Seine Eitelkeit trieb ihn fortwährend an, Einladungen und Anerbieten zu machen, welche zu halten ihn sein Geiz stets verhinderte, wodurch er oft in große Verlegenheit kam. Rosa-Maria war schnell hinuntergeeilt, um den Vetter zu empfangen, welchen sie schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Herr Brouillard blieb beim Anblick der Jungfrau, welche mit Bescheidenheit und Anmuth eintrat, von Staunen ergriffen stehen. Ihre Schönheit war zu augenscheinlich, als daß er sie hätte bestreiten können, und es gibt Menschen, vor denen selbst der Neid sich beugen muß. »Wie, Fräulein, Sie sind Hieronymus Tochter ... die ich so klein gesehen habe ... so kindisch ... so ...« Herr Brouillard stockte, er wagte nicht zu sagen so häßlich. »Ja, mein Herr,« erwiderte Rosa lächelnd. »Sie sind auch schon lange nicht mehr bei uns gewesen und ...« – Es ist wahr; Sie waren damals noch ein Kind! jetzt sind Sie eine Jungfrau ... ein recht hübsches Fräulein ... Doch trotzdem erinnere ich mich jetzt Ihrer Züge ... Sie haben noch Sommersprossen, aber weit weniger. Und wie geht es Ihrem Vater, dem guten Hieronymus? – »Mein Vater ist recht wohl, Herr Vetter.« – Um so besser! Ah, er war ein kräftiger Bursche ... aber so starke Leute rafft bisweilen das geringste Unwohlsein weg ... Krach! ehe man nur Zeit hat, sich zu besinnen, ob sie krank sind ... sind sie nicht mehr. Trinkt er sich Sonntags immer noch sein Zöpfchen an? ... – »Wie, mein Herr? ... ich verstehe Sie nicht ...« – Ich will sagen, spricht er immer noch dem Gläschen zu ... das war sonst seine Leidenschaft, wenn ich mich nicht irre. Uebrigens muß man sich ein bischen zerstreuen, und in diesem Dorfe, wo ihr lebet wie das liebe Vieh, das heißt, wo ihr nicht wisset, wie ihr euch Unterhaltung verschaffen sollet, ist die Flasche eine Zerstreuung.« Das junge Mädchen richtete ihre Blicke auf den Vetter Brouillard, deren Unbefangenheit sein Fuchsgesicht in Verlegenheit brachte. Dann antwortete sie ihm mit einer Ungezwungenheit, die er bei der Tochter eines Landmannes nicht gesucht hätte: »Wir leben in diesem Dorfe vielleicht nicht so roh, als Sie zu glauben scheinen, lieber Vetter. Was meinen Vater anbetrifft, so müssen Sie sich im Irrthum befinden, wenn Sie meinen, er habe früher gerne getrunken; ich kenne nur gute Eigenschaften, Tugenden an ihm, und würde Niemand glauben, der mir das Gegentheil sagte.« – »Es ist hübsch bei Ihnen, viel schöner als früher!« sagte Herr Brouillard, der Lust zu haben schien, alle Zimmer des Hauses zu besichtigen; »Sie haben Manches verbessern lassen ... und Ihren Garten müssen Sie mir auch zeigen ... Haben Sie Obst?« – Viel, lieber Vetter. – »Nun, dann machen wir einen Gang durch den Garten. A propos ! ich esse mit euch zu Mittag, heißt das, wenn ihr noch nicht gegessen habt, denn ihr Landleute habt andere Gebräuche als wir in der Stadt.« – Wir haben noch nicht gegessen, und mein Vater wird durch die Ehre, die Sie ihm anthun, indem Sie an unserer bescheidenen Mahlzeit Theil nehmen, sehr geschmeichelt sein. – »O! ich lebe ganz einfach, ganz anspruchslos, machen Sie deßhalb auch keine Umstände mit meiner Wenigkeit ... ich bitte Sie! ... Was haben Sie zum Mittagessen?« – Rindfleisch und grüne Erbsen,« versetzt Marie; »der Herr haben es eben gut getroffen; das Rindfleisch ist ganz frisch und Ihr werdet Euch wundern, was Ihr für eine gute Suppe bekommt! – »Nun, das ist genug! ... ich verlange dazu weiter nichts als einen oder zwei junge Hahnen ... einige frisch gelegte hartgesottene Eier, wobei ein wenig Salat allerdings nicht schaden könnte ... und damit basta ... Auf einen Nachtisch verzichte ich gerne, da ihr doch damit nicht umgehen könnet.« – Entschuldigen Sie, lieber Vetter, ich habe bei einer Dame in Fontainebleau Crêmes, Torten und Kuchen machen lernen ... und habe es Marien gezeigt, die das Alles jetzt auch recht gut kann. – »Nun, in diesem Falle will ich euch davon nicht abhalten ... Also in Fontainebleau haben Sie das Kochen gelernt? Wollte Sie Ihr Herr Vater vielleicht zur Köchin erziehen?« Rosa-Maria erröthete, aber sie erwiderte mit derselben Sanftmuth: »Nein, lieber Vetter, aber mein Vater hat mich Etwas lernen lassen, damit ich Etwas tauge; und wir Bäuerinnen sind der Ansicht, all die kleinen Einzelnheiten einer Haushaltung dürften einem jungen Mädchen nicht fremd sein, sondern müßten einen Theil ihrer Erziehung ausmachen, damit sie, wenn sie sich einmal verheirathet, ihrer Wirtschaft vorstehen kann.« – Wir wollen den Garten besehen!« rief Herr Brouillard aus, indem er eine Glasthüre aufmachte, die hinten hinaus führte. »Mamsell! ich habe keine Lust, diesem Manne einen Kuchen zu backen!« sagte die alte Marie leise, »denn der taugt so wenig wie ein rother Esel! ...« – Das ist gleich, Marie, es ist ein Verwandter, welcher uns besucht, den müssen wir gut aufnehmen ... mache einen Kuchen und gib Dir im Gegentheil Mühe, daß er recht gut wird, um ihm zu beweisen, daß Du einer Pariser Köchin nichts nachgibst. – »Ach was! und wenn ich ihn noch so vortrefflich mache, so wette ich, hat er doch etwas daran auszusetzen.« Der Garten hinter Hieronymus' Haus mochte etwa einen halben Morgen groß sein. Er war voller Bäume, Blumen und Gemüse; kein Zoll Landes war unbenutzt. Alles eingetheilt, und da er sehr sorgfältig unterhalten wurde, so waren die Blumen schön, das Obst groß und die Gemüse gut. Ueberall weidete sich das Auge an einer kräftigen, üppigen Vegetation und an all' den Gaben, womit die Erde Diejenigen belohnt, welche sie zu bebauen wissen. Rosa-Maria fand ihren Garten wunderhübsch, denn er enthielt Schatten, Blumen und Früchte; aber der Vetter Brouillard ging darin auf und ab und sagte: »Das ist ein Baumgut, ein Gemüseacker ... aber kein Garten ... diese Benennung paßt nicht dafür ... er ist schlecht angelegt ... Ach, wenn Sie den Garten bei meinem Landhause in Auteuil sehen würden ... der ist schön, der ist mit Geschmack angeordnet!« – Aber, lieber Vetter, betrachten Sie doch jene Syringen- und Gaisblattlaube, wie das Alles dicht ist und wie es so herrlich darin duftet. – »Ich habe eine Laube von wilden Rosen, das ist etwas Anderes ... Ah! schon Birnen? ... die lassen sich lange aufheben ... sie müssen reif sein.« Und Herr Brouillard brach eine Birne und aß sie, um sich zu überzeugen, daß sie reif war. »Wie finden Sie sie?« fragte Rosa. – »Hm! das ist eine traurige Birne, sehen wir einmal nach den Pflaumen.« Und Herr Brouillard pflückte eine Pflaume herunter, dann eine zweite und aß auf diese Weise ein halbes Dutzend; endlich sagte er: »Da sollten Sie meine Monsieur-Pflaumen sehen ... die sind zweimal so groß wie diese ... und meine Birnen! ich habe von der allerschönsten Sorte ... O! wenn Sie einmal nach Auteuil kommen, so müssen Sie dieselben versuchen, und dann können Sie erst sagen: ich habe Birnen gegessen. Ihre Aprikosen sind noch nicht reif; das ist ärgerlich!« Und um sich zu entschädigen, pflückte Herr Brouillard die schönsten Herzkirschen, die er verschluckte, während er unaufhörlich eine andere Sorte rühmte, welche er in seinem Garten hatte. Das junge Mädchen wagte nicht mehr, ihre schönen Blumen und ihre schönen Rebgelände zu zeigen, weil sie befürchtete, der Herr möchte auch etwas daran tadeln, und sie dachte bei sich: »Ich glaube nun selbst, daß Marie Recht hatte! ... und wenn der Kuchen auch ganz gut ist, wird ihn unser Vetter doch schlecht finden.« Hieronymus' Ankunft befreite Rosa-Maria von der Langweile, die man immer in der Nähe von Leuten empfindet, welche Alles, was uns lieb ist, bekritteln und welche, während sie uns beizubringen suchen, daß wir einen schlechten Geschmack haben und nichts verstehen, nicht bemerken, daß sie selbst sich gegen die ersten Regeln der Höflichkeit und der Lebensart verfehlen, sich wie Dummköpfe betragen, und ihren Neid und ihre Eitelkeit auf der Stelle bloßgeben. »Was habe ich vernommen,« rief der Landmann, mit freudiger Miene herbeieilend, aus: »Wie, mein Vetter Brouillard ist da? ... Ah, Sapperment! das ist eine angenehme Ueberraschung. Guten Tag, Vetter! wie geht es? ... Sie haben sich also meiner erinnert? ... Das ist schön, nur denken Sie nicht oft genug an uns! ... Doch einerlei ... geben Sie mir die Hand ... Sie sind stets willkommen.« Mit diesen Worten hatte Hieronymus Herrn Brouillards Hand ergriffen und drückte sie so heftig, daß dieser sie lebhaft zurückzog und erwiderte: »He! mein lieber Gogo! nehmen Sie sich in Acht! ich bin kein Ochse! drücken Sie mich nicht so fest, wenn's gefällig ist. Ei, ei, mein Lieber, Sie haben sich ein Bischen alt gemacht, seit ich Sie nicht mehr gesehen habe!« – Potz Kuckuk! das will ich wohl glauben, wir haben auch Beide etwa fünf Jahre mehr auf dem Rücken. – »Ja, aber es gibt Leute, bei welchen die Zeit nicht so sichtlich einwirke ...« – Sie haben meine Tochter Rosa gesehen? ... Ah! das ist eine ... diese werden Sie verändert gefunden haben? – »Ganz gewiß, denn als Kind war sie nicht hübsch ...« – Nicht hübsch? ... Meiner Treu', mir hat sie immer gefallen. – »Niemand hat blödere Augen als ein Vater, mein guter Hieronymus!« – Glauben Sie? ... Ich bin übrigens fest überzeugt, daß ich mich jetzt nicht täusche, wenn ich sie für eine der Schönsten in der Umgegend halte. – »Jetzt ist sie recht hübsch ... Sie sieht Ihnen übrigens gar nicht ähnlich!« – Sonderbar! es haben mir schon viele Leute das Gegentheil gesagt. – »Aus Artigkeit, um Ihnen ein Vergnügen zu machen; ich bin aber immer aufrichtig. Ich bin der Ansicht, daß man es gegenüber von seinen Freunden stets sein muß.« – Unser lieber Vetter Brouillard! ... ich dachte wahrhaftig nach so langer Zeit nicht an Ihren Besuch! A propos ! Sie werden mir Nachricht über meine Brüder geben können, denn Sie kommen hoffentlich mit denselben zusammen, da Sie in Paris wohnen? – »Ja allerdings, ich sehe sie ... zwar nicht oft, aber doch bisweilen. Verkehren Sie denn nicht mit ihnen? ... Machen sie nicht manchmal einen Besuch bei Ihnen?« Hieronymus seufzte ein wenig und seine Züge wurden ernster, während er erwiderte: »Nein, meine Brüder haben mich ganz und gar vergessen, denn sie lassen nie etwas von sich hören ... und doch habe ich ihnen mehrmals geschrieben oder durch meine Tochter schreiben lassen ... meine Rosa schreibt nämlich prächtig ... aber ich habe weder von Nikolaus noch von Eustachius Antwort erhalten!« Der Vetter Brouillard machte ein langes Gesicht und sagte: »Ah! das kommt daher, weil sich Ihre Brüder in die große Welt geworfen haben ... der Eine ist reich, der Andere ist ein Schriftsteller ... und Sie sind Bauer geblieben ... Die Herren meinen, es trenne sie jetzt ein ungeheurer Zwischenraum von Ihnen! ...« – Glauben Sie?« fragte Hieronymus naiv; »sind wir deßhalb weniger Brüder? ... Was liegt mir daran, ob sie reich sind oder in hohen Ehren stehen? Ich verlange nichts als ihre Freundschaft ... und ein freundliches Andenken ... Weil ich im Dorfe geblieben bin, und meinen Beruf darin fand, Bäume zu pflanzen und Gemüse zu bauen, während sie Kenntnisse sammelten und sich in der Stadt niederließen, ist das ein Grund für sie, mich nicht mehr zu lieben?« Rosa-Maria, die einige Schritte davon entfernt war und den Schluß des Gespräches mit angehört hatte, eilte auf ihren Vater zu und sagte zu ihm: »Aber, gutes Väterchen, warum wollt Ihr Euch einbilden, daß Euch Eure Brüder nicht mehr lieben? Warum Euch mit einem Gedanken quälen, der Euch Kummer macht? Wenn meine Onkel nicht kommen, Euch zu besuchen, so liegt der Grund wahrscheinlich darin, daß sie keine Zeit haben ... Man sagt, daß man in Paris nie Zeit habe, sich um seine Verwandten zu bekümmern ... Sie werden unsere Briefe nicht beantwortet haben, weil sie durch ihre Geschäfte auch davon abgehalten worden sind; und dann, wer weiß, ob ihnen überhaupt unsere Briefe zugekommen sind ... ob die Adressen richtig geschrieben waren? ... es geht ja in einer großen Stadt so viel verloren. O! ich bin sicher, daß Euch Eure Brüder immer noch lieben, an Euch denken, sich sogar, wenn sie Personen aus dieser Gegend treffen, nach Euch erkundigen und eines Tages, wenn Ihr am wenigsten daran denket, bei uns ankommen werden, wie unser Herr Vetter heute angekommen ist.« Hieronymus küßte seine Tochter, Heiterkeit strahlte wieder auf seinem Gesichte und er rief aus: »Du hast Recht, Kleine; ja, es ist besser, wenn man das Gute glaubt, als das Schlimme, wenigstens macht es Einen glücklicher, und ich will lieber annehmen, daß mich meine Brüder immer noch lieben, als daß sie gleichgültig gegen mich geworden und mich vergessen hätten.« Herr Brouillard, der seinen Mund, während Rosa sprach, auf eine spöttische Weise verzog, schien eben im Begriff, irgend eine hinterlistige Bemerkung vom Stapel zu lassen, als die alte Marie an der Thüre des Speisezimmers erschien und herausrief: »He! die Suppe steht auf dem Tische!« – Kommt zum Essen,« sagte Hieronymus. »Hören Sie, Vetter, setzen Sie sich einstweilen mit meiner Tochter zu Tische; ich komme gleich nach; ich will nur zu unserem Nachtische eine alte Flasche holen, von denen, wo der Staub darauf liegt, wie man sagt! ... Potz Kuckuk! ich erhalte nicht oft Besuche von meinen Anverwandten, daher ist es auch natürlich, daß ich sie auf's Beste bewirthen will.« Herr Brouillard ergriff die Hand des jungen Mädchens, welche ihm diese anmuthig reichte, und begab sich mit ihr in das Speisezimmer, wo der Tisch gedeckt war. Der Vetter betrachtete neugierig die Teller, das Tischzeug, die Messer und besonders die Löffel und Gabeln, die er an einander schlug, um sich zu überzeugen, ob sie auch wirklich von Silber seien, dann setzte er sich neben Rosa-Maria, welche ihm mit einem Anstande servirte, der einen Andern bei einem Landmädchen angenehm überrascht hätte; aber Herr Brouillard beschäftigte sich bloß mit dem Gedanken: »Wo Teufels hat dieses Mädchen sich in einer Gesellschaft zu benehmen gelernt? sie muß nothwendigerweise noch mit andern Leuten umgehen als mit ihrem Vater!« Hieronymus kam mit einer dickbestaubten Flasche in der Hand zurück; er stellte sie behutsam auf ein Möbel, während ihm Vetter Brouillard, listig lächelnd, mit den Blicken folgte. Der Landmann setzte sich zu Tische und beschäftigte sich hauptsächlich damit, seinem Gaste aufzuwarten, welcher für vier aß und trank, aber doch sagte: »Ihre Fleischbrühe ist sehr schwach! ... Sie kaufen ohne Zweifel geringes Fleisch?« – Nein, Vetter, vom besten, welches zu bekommen ist. – »Ach! ich dachte, nur zuweilen ... weil es billiger ist!« – Trinken Sie doch, Vetter. – »Ist das eigenes Gewächs?« – Nein, guter Tischwein aus der Umgegend. – »Ach ja! neuer ... der kratzt Einen teufelsmäßig im Halse.« – Eure verweichlichten Stadtkehlen vielleicht, mich nicht ... er ist gut, er erfrischt! – »O! ich fürchte sogar, er möchte nur zu sehr erfrischen.« – Bleiben Sie hier über Nacht, Vetter? Es steht Ihnen ein recht ordentliches Bett zu Dienst! – »Ich danke Ihnen, aber ich kann mich nicht aufhalten; ich muß nach dem Mittagessen wieder nach Fontainebleau zurück. Dort logire ich bei einem Freunde, einem sehr wohlhabenden Manne; er erwartet mich heute Abend; ich habe ihm versprochen, auf diese Zeit zurückzukommen, und morgen frühe reise ich wieder nach Paris.« Ein leichter Ausdruck des Vergnügens flog über die Züge des jungen Mädchens, als sie Herrn Brouillard die trostreichen Worte aussprechen hörte, er könne sich nicht aufhalten, und die alte Magd murmelte zwischen den Zähnen: »Ach, Gott sei Dank! wir werden ihn bald wieder los! Wenn wir ihn hier hätten über Nacht behalten müssen, hätte er das Bett jedenfalls zu hart gefunden!« »Essen Sie doch, Vetter,« sagte der Landmann, Brouillards Teller füllend, der es geschehen ließ, während er sich stellte, als blicke er anderswohin; »das ist ein Hühner-Fricassée, welches Marie zubereitet hat ... Ah, sie kann damit umgehen! Sehen Sie, diese Speise ist ihr Meisterstück!« Herr Brouillard verschlang Alles, was man ihm vorgelegt hatte, ohne ein Wort zu sprechen; erst als sein Teller leer war, entgegnete er: »Und Sie halten das für ein Hühner-Fricassée?« – Ei freilich! was soll es denn sein? – »Das ist so wenig ein Hühner-Fricassée, als ich ein Kalb. Ah! wenn Sie einmal bei mir auf meinem Landgut in Auteuil speisen, will ich Ihnen ein wirkliches Hühner-Fricassée vorsetzen ... da werden Sie den Unterschied finden ...« – Glaubt der Herr vielleicht, ich habe eine Katze fricassirt?« fragte Marie ärgerlich. – »Seid doch nicht kindisch; läugne ich denn, daß das in dieser Brühe schwimmende Thier ein Huhn ist ... allerdings ein etwas mageres ... allein ich spreche von der Art, wie es zubereitet ist ... Das ist ein Ragout ... ein Salmis ... eine Matelote von Hühnern, Alles, nur kein Fricassée.« – Dieser Mensch könnte mich noch eselsdumm schwatzen,« brummte die alte Magd. Rosa-Maria trug schnell grüne Erbsen auf, damit das Fricassée vergessen werden sollte, das übrigens gut war, und Hieronymus füllte Brouillards Glas mit den Worten: »Trinken Sie doch ... das heißt man nicht trinken.« – Ach, ich fürchte Ihren Krätzer, man muß sich nach Tische in Acht nehmen, wenn man davon trinkt. – »Das sind Erbsen aus meinem Garten, wie schmecken sie Ihnen?« Die Erbsen waren vortrefflich, aber Herr Brouillard, der sich nicht entschließen konnte, es zuzugeben, begnügt sich mit der Antwort: »Ich esse lieber Bohnen.« Deßhalb nahm er aber doch zweimal Erbsen heraus. »Ich glaube, es ist jetzt Zeit, mit der feinen Flasche ein Wörtchen zu sprechen!« rief Hieronymus aus, indem er den von ihm aus dem Keller herauf geholten Wein aufstellte. »Ha, beim Kuckuk! das ist ein köstliches Getränke ... den muß ich mit Vorsicht aufmachen ... Ich muß Ihnen die Geschichte dieses Weines erzählen, Vetter, er ist nämlich aus einer Viertels-Tonne Beaune , den ein Freund vertheilt hat ... dann ...« – Ich mache mir nicht viel aus seiner Geschichte ... übrigens versteht Niemand den Wein besser als ich; ich habe einen ausgesuchten Keller ... ich bin ein feiner Weinkenner.« Während Hieronymus mit aller möglichen Vorsicht die Flasche aufpfropfte, stand Marie mit einem prächtigen goldgelben Kuchen, den sie selbst mit innerem Behagen betrachtete, auf der Schwelle ihrer Küchenthüre und murmelte: »Ich wette, der Kuchen erfreut sich auch seines hohen Beifalls nicht ... Hm, geschähe es nicht aus Gehorsam gegen die Mamsell, so würde ich ihn jetzt gar nicht auftragen, sondern bis auf den Abend zurückstellen. Es lohnt sich schon, Leuten aufzuwarten, die Alles schlecht finden ... ich wette, daß sich das alte Schleckermaul bei sich zu Hause nicht so voll stopft!« Endlich hatte Hieronymus die Flasche entpfropft, er schenkte seinem Gaste ein, dann sich, trank und beobachtete Herrn Brouillard beim Trinken, der, nachdem er sein Glas geleert, dasselbe ohne ein Wort zu sagen, wieder auf den Tisch stellte und aufmerksam den Kuchen betrachtete, den Marie sich endlich doch entschlossen hatte, aufzutragen. Diese Gleichgültigkeit gegen einen Wein, über welchen er von seinem Gaste Complimente erwartet hatte, ärgerte den Landmann, der ausrief: »Ei, aber ... Sie sagen mir gar nichts über ihn? ... Finden Sie ihn nicht gut?« – »Wen denn?« fragte Herr Brouillard, sich umsehend. – »Wie wen? ... den Wein, den Sie getrunken haben ... meinen alten Beaune, der schon seit mehr als zwölf Jahren in Flaschen gefüllt ist ...« – »Ah so! Ihren Wein ... den habe ich noch nicht recht versucht ... schenken Sie mir doch noch einmal ein!« Hieronymus füllte wieder eiligst das Glas seines Vetters. Dieser schnüffelte daran, trank bedächtlich, schüttelte ein wenig mit dem Kopfe und sagte: »Das ist kein Beaune ...« – »Wie, was sagen Sie?« – »Ich sage, daß das kein Beaune ist.« – »Sie kommen mir recht! Jedermann, der davon getrunken, hat mich versichert, es sei ächter; sogar unser Maire, welcher ein famoser Weinkenner ist.« – »Ihr Maire versteht nichts!« – »Was soll es denn sein?« – » Macon ... es gibt sehr viele Sorten Macon ... aber was Beaune betrifft, mein lieber Hieronymus, den müssen Sie bei mir trinken; ah! ich habe ächten!« – »Bei Ihnen! bei Ihnen! ich war aber nie bei Ihnen; Sie haben mich nie eingeladen.« – »Sie haben es wahrscheinlich vergessen. Ah! ich sage nicht, Sie sollen zu mir nach Paris zum Essen kommen, dort habe ich nur ein kleines Absteigequartier; aber in meinem Landhause in Auteuil will ich Ihnen eine gute Kost vorsetzen. Ich habe eine junge Köchin ... einen wahren Blaustrumpf von Köchin ... Ei, was ist's mit diesem Kuchen? Schneiden wir ihn nicht an?« – Mein Gott, lieber Vetter,« entgegnet Rosa. mit einem spöttischen Lächeln, »drum fürchte ich, er möchte Ihnen auch nicht schmecken, wie das ganze bisherige Essen, und es thäte mir leid, wenn Sie noch einmal etwas Schlechtes bekämen. – »Versuchen wir ihn immerhin,« versetzte Herr Brouillard, seinen Teller hinbietend. Drauf legte die Jungfrau ihrem Vetter ein außerordentlich kleines Stückchen Kuchen auf den Teller, indeß Hieronymus über die ungünstige Aufnahme, die sein Wein gefunden, geärgert, sich sein Glas wieder füllte, ohne seinem Gast nochmals einzuschenken, und die Flasche dann neben sich, von Brouillard entfernt, niederstellte. Der Herr mit der Fuchsschnauze bemerkte dieses Manöver, und nachdem er sein Endchen Kuchen rasch verschluckt hatte, entschloß er sich, Hieronymus sein Glas hinzubieten, indem er sagte: »Schenken Sie doch ein, Vetter Gogo, wenn es auch kein Beaune ist, so laßt sich dieser Wein doch trinken.« – Ah! das ist etwas Anderes, Vetter! Drum dachte ich, Sie wollten keinen mehr.« Zum Nachtische servirte Marie die schönsten Früchte des Gartens; hierauf füllte Hieronymus Herrn Brouillards Glas abermals und rief aus: »Potz Sapperment! Lassen Sie uns ein wenig von meinen Brüdern sprechen. Wenn ich sie auch nicht sehe, so macht es mir doch Vergnügen, mich von ihnen zu unterhalten und hauptsächlich zu erfahren, ob es ihnen gut geht. Wir sind schon so lange auseinander ... bald vierundzwanzig Jahre. Es war nach dem Tode unseres Vaters, sie nahmen die Theilung vor ... das heißt, Nicolaus besorgte Alles ... er war der Aelteste ... das war in Ordnung. Er gab Jedem seinen Theil; ich verließ mich vollkommen auf ihn. Unsere Schwester war schon verheirathet und wohnte in Paris.« – Ach! ja, die Schwester Therese! ihr Mann war nicht glücklich in seinen Geschäften – »Er starb und hinterließ meiner Schwester einen Sohn; meine arme Therese starb vor etwa zwölf Jahren auch; aber ich muß meinen Brüdern Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie nahmen sich ihres Neffen an ... und Friedrich Reyral muß jetzt ein hübscher Junge sein.« – Er besucht Sie also auch nicht? dieser da. – »Nein, aber ich entschuldige ihn: der Junge kennt mich nicht, er hat mich nie gesehen; man wird ihm auch nicht zu oft von feinem Oheim Hieronymus gesprochen haben! Als jedoch meine Schwester gestorben war, ohne ihrem Sohne Vermögen zu hinterlassen, da hat man mir doch geschrieben. Nicolaus schickte mir einen Mann mit einem Brief, worin er mir mittheilte, daß unser Neffe ihnen zugefallen sei, daß es aber nicht recht wäre, wenn sie Alles thäten und ich gar nichts ... kurz, er schloß mit den Worten, ich möchte dem Ueberbringer eine Summe von sechs- bis achthundert Franken zustellen. Der Teufel! es genirte mich ein bischen; aber einerlei, ich übergab ihm siebenhundertundfünfzig Franken.« – Ah! Sie haben zu der Erziehung Ihres Neffen Geld hergegeben? Schau'! schau! davon haben mir Ihre Brüder nie etwas gesagt. – »Sie werden gedacht haben, das verstehe sich von selbst.« – Ich glaube aber nicht, daß sie dieser junge Mann viel gekostet hat. Ihr Bruder Nicolaus, welcher damals schon große Geschäfte machte, nahm ihn ganz jung in sein Bureau, wo er ihn verwendete; erst seit etwa zwei Jahren ist der junge Mann aus dem Haufe seines Onkels ausgetreten, um Geschäfte für eigene Rechnung zu machen ... Sensarie- oder vielmehr Winkelmaklersgeschäfte ... denn er ist kein wirklicher Sensal. Ich weiß nicht, ob er viel Geld verdient, aber ich weiß, daß er viel Geld springen läßt. O, er ist ein Stutzer, ein Löwe, wie man sie jetzt heißt, und überdies ein Lebemann, ein Schwelger! Er ist unaufhörlich bei Lustpartien, Spielpartien, Freßpartien! ... ich kann mir nicht denken, wo er die Zeit zu seinen Geschäften hernimmt. – »Wäre es möglich? Der junge Mann ruinirte sich selbst?« – Ich sage nicht, er ruinire sich, ich sage nur, er belustige sich in einem fort; er ist auch sehr beliebt in den Gesellschaften, besonders bei den Damen! ... Man findet ihn sehr liebenswürdig, weil er ein Erzwindbeutel, das heißt ein Erzspötter ist ... der Niemand ungeschoren läßt ... was bei mir aber noch nicht für einen Beweis von Geist gilt. – »Ei! ei! aber ich habe noch einen Neffen. Nicolaus hat sich in Paris verheirathet, ich habe seine Frau ein einziges Mal gesehen, als ich ihn ganz im Anfang seines Ehestandes besuchte: es sind jetzt mehr als zwanzig Jahre her; ich habe sie zwar nicht sehr liebenswürdig gefunden ... wie ganz anders war meine gute Suzette, die ich so früh verloren habe! Ich habe Bruder und Schwägerin eingeladen, uns zu besuchen, sie sind aber nicht gekommen.« – Ach ja, und ich meine sogar, sie hatten Sie nicht einmal zu ihrer Hochzeit geladen. – »Nein, und Eustachius auch nicht!« – Ach, Eustachius! der ist erst seit ungefähr sieben Jahren verheirathet. Er hat eine hübsche Frau ... das heißt, es gibt schönere! ... aber eine sehr eitle Frau, eine Blondine, die etwas fade und viel jünger ist als er; sie muß verteufelt viel Geld für ihre Toilette verschwenden, dieses Weib! – »Und Nikolaus' Sohn ... ist das ein braver Junge?« – Der Sohn des ältern Gogo? Ach ... er heißt Julian ... der ist sehr von Friedrich verschieden, er rennt dem Vergnügen nicht nach, ist gesittet und geordnet, wie man wenigstens sagt; man darf sich übrigens nicht auf den Schein verlassen, denn Sie kennen das Sprüchwort: Stille Wasser sind tief! Julian ist aber nicht schön, sogar häßlich, er hat eine platte Nase, einen eingekniffenen Mund, kurz, er ist der ähnliche Nikolaus, und dieser ist häßlich, sein Reichthum hat ihn nicht verschönert ... Schenken Sie doch ein, Vetter Hieronymus.« Der Landmann füllte Brouillards Glas; dieser trank sehr behende den Wein, den er seines Lobes nicht für würdig erachtet hatte, und aß die schönsten Früchte, die auf dem Tische standen, indem er dabei unaufhörlich ausrief: »Ich habe Pflaumen und Kirschen! ... ach, das ist etwas Anderes! Aber wie steht es mit den Feldern, mit dem Landbau, Hieronymus? Dehnen Sie sich etwas aus? – »O! ich habe nicht viel Abwechslung in meinen Geschäften, Vetter, ich treibe keinen Handel; übrigens beklage ich mich nicht; durch tägliche, fleißige Arbeit ist es mir gelungen, ein kleines Vermögen anzusammeln, welches zum Heirathsgut meiner Rosa bestimmt ist.« – Ah! Sie haben eine Summe erworben ... ist sie beträchtlich? ... kann man sie schon ein Heirathsgut nennen? – »Noch nicht so groß als ich wünschte; doch kann man sich damit niederlassen.« – Und haben Sie das Geld auf Interessen angelegt ... zu zehn, zwölf, fünfzehn Procent? ...« Hieronymus lächelte und versetzte: »Wenn ich nur zufrieden bin, Vetter, und das Geld in guten Händen ruht, um das Weitere braucht sich, glaube ich, Niemand zu bekümmern.« Herr Brouillard zog seine Lippen bis zur Nasenspitze hinauf, indem er murmelte: »Gewiß nicht, ich sagte das auch nur in Ihrem Interesse, weil ich Leute kenne, welche Geld zu sehr hohen Zinsen aufnehmen.« – Meiner Treu',« rief Hieronymus aus, nachdem er mit seinem Vetter angestoßen hatte; »es freut mich recht, zu vernehmen, daß meine Brüder in Paris ihr Glück gemacht haben. Nicolaus ist also sehr reich?« Herr Brouillard schnitt verschiedene Gesichter und suchte das gutmüthige festzuhalten, indem er erwiderte: »O, ich weiß es so genau nicht ... denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich um die Geschäfte Anderer bekümmern ... ich bin durchaus nicht neugierig ... Was liegt mir daran, ob die Einen viel haben, die Andern Schulden machen, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, und die Dritten, wenn Alles verthan ist, die Zunge herausstrecken? Das ist mir gleichgültig; ich verlange von Niemand Etwas, ich habe, was ich brauche, lebe sorglos, kann einem Freunde, der mich besucht, ein Mittagessen und eine Flasche ächten Beaune vorsetzen, und nun, was will man weiter?« Es wäre Hieronymus lieb gewesen, wenn Herr Brouillard nicht immer auf sich selbst zu sprechen gekommen wäre, wenn man von Andern redete, und er rief aus: »Ei, mein Gott, ich bin auch nicht neugierig, aber wenn es sich um seine Familie, um seine Brüder handelt, so scheint es mir sehr natürlich, daß man die Lage derselben kennen zu lernen wünscht; das ist keine Neugierde.« – Ich tadle Sie nicht, mein lieber Gogo; o, ich bin weit davon entfernt. Uebrigens kann ich Ihnen die Verhältnisse Ihres Bruders Nicolaus ungefähr schildern: Er hat Börsenspekulationen und Wechselgeschäfte mit dem Gelde gemacht, das ihm seine Frau als Heirathsgut zugebracht hatte. O, das wollte eben nicht viel bedeuten! ... bloß zwölftausend Franken, wovon er jedoch nur achttausend in baarem Gelde empfing, das Uebrige wurde ihm in wollenen Strümpfen, Flanelljacken, gestrickten Unterhosen und andern Strumpfstrickerwaaren (seine Frau war die Tochter eines Strumpfstrickers) übergeben, die er indeß sehr gut anbrachte. Ich weiß sogar, daß ihm Jemand sechzehn Franken für eine Flanelljacke bezahlt hat, die keine zehn werth war ... Nicolaus schenkt aber auch nichts her, er ist im Gegentheil ein rechter Jude in seinen Geschäften ... wenigstens steht er in diesem Rufe.« – Aber hören Sie, Vetter! wie wissen Sie das Alles so genau, da Sie sich doch nicht um anderer Leute Angelegenheiten bekümmern? – »Vom Hörensagen; ich kann doch nicht verhindern, daß man mir die Ohren voll schwatzt. Gogo sen . war glücklich in seinen Spekulationen, nun fing er andere Geschäfte an; er discontirte, lieh Geld zu sehr hohen Procenten aus. Ich glaube sogar, daß er sich Versätze geben ließ, und auf Effekten, Juwelen, kurz, auf Pfänder lieh ... ich kann es zwar nicht mit Bestimmtheit behaupten, aber man hat es gesagt. Die Welt ist übrigens so schlimm! ... kurz, er hat viel Geld verdient, und jetzt muß er ungefähr zwanzigtausend Franken Rente haben, vielleicht mehr, vielleicht weniger, ich weiß es nicht, und brauche mich auch nicht darnach zu erkundigen! Was liegt mir daran? Ich will nichts von ihm!« – Zwanzigtausend Franken Rente!« schrie Hieronymus; »Sapperment, das ist ein großes Vermögen! – »Ein Vermögen! ... das kommt darauf an ... je nachdem man Geld braucht. Aber Nicolaus bildet sich Wunder was ein; er geberdet sich, daß es zum Todtlachen ist ... Ach, so sind die Emporkömmlinge immer; sie glauben ihre Herkunft unter einem unverschämten Wesen zu verbergen! Ha, ha! das ist zu lustig! Allein man muß den Leuten ihre kleinen Lächerlichkeiten lassen; es hat Jedermann seine Eigenthümlichkeiten.« – Und ist Eustachius auch reich geworden? – »Ach, Eustachius, mit dem ist's etwas Anderes, der ist ein Genie geworden! Wer hätte das vermuthet, hm? und doch ist es so, mein guter Hieronymus, Sie wußten nicht, daß Sie einen großen Geist in Ihrer Familie haben!« – Einen Geist?« wiederholte Hieronymus, große Augen machend ... »Ich habe nie von einem Geist in unserer Familie gehört? – »Ich will damit sagen, eine Person, welche nach der Unsterblichkeit trachtet; damit ist jedoch noch nicht gesagt, daß er sie erlangen wird. Kurz, Ihr Bruder Eustachius ist Dichter oder Schriftsteller geworden, wenn Sie lieber wollen.« – Dichter ... ach, ja ... Schriftsteller, davon habe ich schon gehört ... Was ist denn das für ein Gewerbe? – »Das ist kein Gewerbe, das ist ... ich weiß selbst nicht, wie ich es Ihnen erklären soll ...« – Ist das nicht ein Mann, welcher Theaterstücke schreibt?« fragte Rosa-Maria mit gesenkten Blicken. – »Getroffen, Bäschen, das ist es. Der Teufel! Ihnen ist ja nichts unbekannt, wie ich merke! Vetter Gogo, Sie haben Ihrer Tochter also eine sorgfältige Erziehung geben lassen, da sie weiß, was Theaterstücke sind?« – Potz Kuckuk! haben Sie noch nicht gemerkt, daß meine Rosa gut spricht, Manieren und Façon, kurz, nicht das Wesen einer Bäuerin hat? – »Ich habe nicht Acht darauf gegeben; Sie wollen also auch eine Dame aus Ihrer Tochter machen? Sie haben demnach große Pläne mit ihr vor? Ah! ha! Hieronymus, ich sehe, die Eitelkeit kitzelt Sie auch, wie die Andern.« – Eitelkeit? Ehrgeiz? O, meiner Treu', nein! aber ich habe gedacht, es könne meinem Kinde nichts schaden, wenn es besser unterrichtet sei als sein Vater, es könne vielleicht einmal dazu beitragen, daß das Mädchen eine gute Partie mache. – »Hm! mein lieber Freund, so bereitet man sich Kummer und Demüthigungen! Wenn unsere Kinder mehr wissen als wir, und in der Welt eine etwas angesehenere Stellung einnehmen, so haben sie uns bald vergessen, ärgern sich, wenn sie uns sehen, und erröthen, wenn man von uns mit ihnen spricht.« Rosa-Maria steht lebhaft von ihrem Sitze auf, eilt auf ihren Vater zu, umschlingt ihn mit ihren Armen und ruft mit einer, von der sie durchdringenden Empfindung, ergriffenen Stimme aus: »Was sagen Sie da, mein Herr? ich sollte je über meinen Vater erröthen, ihn vergessen, aufhören ihn zu lieben, weil er so gütig war, mir einigen Unterricht geben zu lassen? ... O, das wäre abscheulich! ... das wäre schändlich! ... Kann es je Kinder geben, welche aufhören, ihren Vater zu lieben, zu ehren, sich seiner mit Freude und Dankbarkeit zu erinnern? ... O! nein, das ist nicht möglich; nicht wahr; guter Vater, Du glaubst nicht, daß ich undankbar sein ... und, selbst wenn mir der Himmel ein großes Glück zu Theil werden ließe, je aufhören würde, Dich zu lieben?« – Nein, nein, mein liebes Kind! ... O, ich bin fest vom Gegentheil überzeugt!« erwiderte der Landmann, den die zärtliche Regung seiner Tochter so sehr gerührt hatte, daß ihm Thränen in den Augen standen. »Ich kenne Dich, Rosa, ich kann mich auf Dein Herz verlassen; der Vetter hat das nicht in Beziehung auf Dich gesagt.« Herr Brouillard, welcher ein solches Benehmen des jungen Mädchens nicht erwartet hatte, stotterte, indem er mit seinem Messer spielte: »Nein, gewiß nicht ... ich bemerkte dieses ohne Beziehung ... außerdem gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Sehen wir noch einmal nach Ihrem alten Wein, Vetter; er ist ziemlich trinkbar ... es könnte am Ende doch Beaune dritter Qualität sein.« Rosa-Maria, nachdem sie ihren Vater noch einmal geküßt hatte, setzte sich zum Nähen an ein Fenster; die beiden Männer blieben bei Tische und Hieronymus brachte das Gespräch wieder auf seinen Bruder Eustachius. »Sie sagen also, Vetter, daß mein jüngster Bruder ein Mann ist, der Bücher, Werke und Sachen macht, die gedruckt werden?« – Ja, so ist es; er hat einige Stücke geschrieben, die Beifall fanden, was übrigens kein Beweis ist, daß sie gut waren; er hat auch einige geschrieben, die durchgefallen sind! – »Das ist vielleicht auch kein Beweis, daß sie schlecht waren?« – Doch, denn das Nachteilige, was man hört, ist stets zehnmal eher wahr, als das Vortheilhafte; dann liefert er bisweilen Artikel in Journale, schreibt Novellen und kleine Romane für die Feuilletons ... das nennt man heutzutage Literatur; ehemals mußte man andere Produkte zu Stande bringen, um sich einen Gelehrten nennen zu dürfen. Doch andere Zeiten, andere Sitten. – »Und verdient man viel Geld mit diesem Geistesproduktenhandel?« – Wenn man wirklich nur Geist verkaufte, so würde man sicher viel verdienen, da aber diese Waare immer gemischt und verdünnt wird, so sinkt sie zuweilen im Preise. Uebrigens hält sich Eustachius für einen Voltaire, einen Molière ... ha, ha! es ist zum Todtlachen! ... wenn er hie und da einen Erfolg hat, so bläht er sich auf und schwillt an, daß ihm die Boulevards nicht breit genug sind! – »Der arme Eustachius ist also sehr dick geworden?« – Keineswegs! damit will ich nur sagen, daß die Eitelkeit den Poeten aufbläht; wenn es ihm nur nicht geht, wie dem Frosch in der Fabel. – »Ist mein Bruder, der Büchermacher, glücklich in seinem Ehestand?« – Ja, hm! hm! ... Sie wissen, über solche Dinge ist es am klügsten, nicht zu sprechen ... dem äußern Anschein nach ist Alles in gehöriger Ordnung, aber das innere Hauswesen sollte man sehen ... Ihr Bruder Eustachius ist über die Vierzig hinaus ... seine Frau ist noch nicht dreißig Jahre alt ... hm! das ist gefährlich! ... Man sagt, sie sei gefallsüchtig! ... aber ich sage nichts, ich verabscheue das Klatschen; selbst wenn ich tadelnswürdige Sachen gesehen hätte, würde ich schweigen und sie für mich behalten. Aber, in Wahrheit, mein lieber Hieronymus, da Sie so viele Freundschaft für Ihre Brüder empfinden, warum besuchen Sie sie nicht in Paris und überraschen sie eines schönen Morgens? – »Ach, ich hatte mehr als einmal Lust dazu,« entgegnet der Ackersmann kopfschüttelnd; »aber ich habe es nicht gewagt, denn ich dachte: da mir meine Brüder nie Nachricht von sich geben, mir nicht einmal meine Briefe beantwortet haben, so wollen sie mich wahrscheinlich nicht mehr sehen, nichts mehr von mir wissen, und wenn ich sie aufsuchte, würde ich ihnen vielleicht zuwider sein, statt ihnen Freude zu machen; deßhalb bin ich nicht zu ihnen nach Paris gegangen.« Herr Brouillard leerte sein Glas, suchte seinen Zügen einen ganz milden Ausdruck zu geben, und sagte alsdann mit süßer Flötenstimme: »O! so etwas müssen Sie nicht voraussetzen! ich bin jetzt auch der Ansicht Ihrer Tochter; ohne Zweifel haben Geschäfte Ihre Brüder abgehalten, Ihnen zu antworten; in Paris hat man immer so viel zu thun ... Sie müssen es ihnen nicht übel nehmen.« – Ich nehme es ihnen auch nicht übel; aber kaum vorhin haben Sie selbst zu mir gesagt, das Glück habe sie stolz gemacht. – »Hm! stolz ist nicht der rechte Ausdruck! ... Der Grund des Herzens ist gut ... ich bin überzeugt, daß Ihre Anwesenheit sie entzücken und eine erstaunliche Wirkung hervorbringen wird.« – Wirklich? Nun gut, meiner Treu', ich will sie dieser Tage besuchen und überraschen. – »Soll ich Ihnen sagen, wo sie wohnen?« – Ach! ja, denn ich weiß nicht, wo sie gegenwärtig logiren, und wenn man das nicht genau weiß, so findet man in Paris Niemand. – »Ihr älterer Bruder Nicolaus wohnt in der St. Lazarusstraße Nr. 62.« – Schreibe das auf, liebes Röschen, damit wir die Adressen Deiner Onkel genau wissen.« Das junge Mädchen schrieb, was der Vetter gesagt hatte. Brouillard streichelte sich das Kinn und fuhr fort: »Haben Sie geschrieben: Nicolaus Gogo, St. Lazarusstraße Nr. 62?« – Ja, lieber Vetter. – »Gut. Was Eustachius betrifft, so wohnt dieser in einem andern Quartiere, in der Vendômestraße Nr. 14 Haben Sie es?« – Ja, lieber Vetter. – »Jetzt, glaubet mir, besuchet sie, ladet euch ohne alle Umstände, wie ich heute bei meiner Ankunft, zum Essen bei ihnen ein, und ich stehe euch dafür, sie werden euch vorzüglich aufnehmen.« – Das wollen wir thun, Vetter, und da wir einmal auf dem Wege sind, so wollen wir unsern Ausflug sogar bis Auteuil ausdehnen und einen Tag bei Ihnen zubringen; nur müssen Sie uns auch Ihre Adresse angeben.« Herr Brouillard machte ein sonderbares Gesicht und antwortete, während er aufstand, um Hut und Stock zu nehmen: »Ach ja, ach ja ... gewiß, das wird mich ... Ei! aber ich habe doch einen Stock mitgebracht ...« – Sie haben ihn in der Hand, Vetter. – »O! es ist beim Kuckuk wahr! ... und ich suchte ihn. Ich bin zu gewissen Zeiten sehr zerstreut.« – Und Ihre Adresse in Auteuil? – »Jedermann kann sie Ihnen sagen; ich bin sehr bekannt. Fragen Sie in dem ersten besten Hause nach Herrn Brouillard, dann wird man Ihnen sagen: »dort ist sein Haus.« Aber entschuldigen Sie, ich muß mich verabschieden, ich will noch vor Einbruch der Nacht nach Fontainebleau kommen.« – Potz Kuckuk! Vetter, Sie haben noch Zeit genug: es ist noch nicht einmal sechs Uhr. – »Thut nichts, ich gehe sehr langsam, und bleibe oft stehen, um eine schöne Aussicht zu betrachten.« – Falls Ihnen der Weg nicht gut bekannt ist, will ich Sie bis in die Stadt begleiten. – »Sie brauchen sich nicht zu bemühen, mein guter Hieronymus. es ist überflüssig: ich kenne den Weg ganz genau, er ist überdies sehr leicht zu finden. Adieu denn, mein lieber Freund; ich bin entzückt, Sie bei so herrlicher Gesundheit und in so angenehmer Lage gefunden zu haben! Leben Sie wohl, mein liebenswürdiges Bäschen ... erlauben Sie mir wohl! ...« Damit näherte sich Herr Brouillard der schönen Jungfrau, um sie zu küssen. Dieselbe fühlte sich durch diese Artigkeit nichts weniger als geschmeichelt, aber sie wagte nicht, sich zu sträuben, und des Vetters Schnautze berührte den Sammet ihrer frischen rosigen Wange. Der Fuchs, wahrscheinlich angelockt durch das eben Genossene, schickte sich an, einen zweiten Kuß auf die andere Wange zu drücken; allein das junge Mädchen drehte sich mit einer leichten Wendung nach der Thüre und rief aus: »Beeilen Sie sich, lieber Vetter, es sieht aus, wie wenn sich das Wetter ändern wollte und wir ein Gewitter bekämen!« – Wirklich? Dann gehe ich schnell! – »Adieu, Vetter, wir besuchen Sie bald in Auteuil.« – Ja, meine Freunde ... und ich habe keinen Regenschirm bei mir ... lebt wohl, bleibt gesund; besucht die Gogos in Paris, besucht sie, es wird sie sicher freuen.« Herr Brouillard war bereits hinaus und bald hatte man ihn aus dem Gesicht verloren; Hieronymus kehrte wieder mit Rosa in die Stube zurück und sagte zu ihr: »Wo Teufels, mein Kind, hast Du gesehen, daß sich das Wetter ändern wird und wir ein Gewitter bekommen werden? ... es gab nie einen schöneren Abend!« Das junge Mädchen konnte sich des Lachens nicht enthalten, während sie erwiderte: »Seht, Vater, ich fürchtete noch einen Kuß von unserem Vetter Brouillard zu bekommen, und ich muß Euch gestehen, das war mir zuwider, denn ich kann diesen Mann gar nicht leiden.« – O! und mir geht es wie der Mamsell!« schrie die alte Magd, welche, sobald der Pariser Herr fort war, ihren alten guten Humor wieder bekam. »Wisset Ihr auch, Herr, daß er bei Euch nichts schön, nichts gut und nichts recht gefunden hat; Eure Früchte, Eure Blumen, Euern Garten, Euer Mittagessen, sogar Euern alten Wein ... Alles hat er getadelt. – »Das ist wahr,« sagte Hieronymus lächelnd; »aber ich habe mit Vergnügen gesehen, daß ihn das weder am Essen noch am Trinken gehindert hat!« – Potz Kuckuk! meint Ihr, ich glaube an seine Aufschneidereien? Er hat daheim Alles schöner und besser, wenn man ihn hört. Man weiß aber, was man davon zu halten hat. Die Leute, welche bei Andern so schwierig und anspruchsvoll sind, begnügen sich zu Hause mit altbackenem Brode und ungeschmälzten Bohnen; sie sagen immer: »›Ach, wenn Sie zu mir kommen, werden Sie sehen, wie ich Ihnen auftischen und was ich Ihnen für gute Sachen vorsetzen werde;‹« aber entweder wissen sie es so einzurichten, daß sie nie zu Hause sind, wenn man sie besucht, oder bewirthen sie, wenn sie je zufällig gezwungen sind. Einen aufzunehmen, ihren Gast so schlecht, daß er sich heilig vornimmt, nie wieder zu ihnen zu gehen. Ja, Herr, ich habe es hundertmal sagen hören: »›Leute, die bei Andern so anmaßend thun und denen nichts gut genug ist, sind daheim Schaber und Hungerleider.‹« Hieronymus konnte sich bei Mariens Zorn über die Aeußerungen seines Vetters des Lachens nicht erwehren und Rosa-Maria versetzte: »Ich wollte dem Herrn seine mißfälligen Aeußerungen über unsern Garten und unser Mittagessen noch gerne hingehen lassen, aber ich grolle ihm über das, was er gesagt hat, als er erfuhr, daß mir mein Vater eine bessere Erziehung hat geben lassen, als man gewöhnlich auf dem Lande erhält. Um bei Andern Undankbarkeit und ein schlechtes Herz vorauszusetzen, muß man, meiner Ansicht nach, selbst bösartig sein!« – Nun, ich sehe deutlich, daß der Vetter Brouillard weder Deine noch Mariens Eroberung gemacht hat. Ich gestehe, ich finde ihn auch kurios spöttisch und verdammt schwer zu befriedigen ... gerade, aufrichtige Leute sind mir weit lieber. Doch er gehört einmal zur Familie und wir sind ihm jedenfalls Dank schuldig, daß er uns besucht und uns nicht ganz vergessen hat. – »Ja,« brummte Marie, indem sie wieder in ihre Küche ging, »aber ich bin fest überzeugt, daß er nur gekommen ist, um uns Widerwärtigkeiten zu sagen und zu machen.« Siebentes Kapitel. Veränderte Lage Ein Monat war seit dem Besuche des Vetters Brouillard bei Rosa-Maria's Vater verstrichen. In dem kleinen Hause des Landmannes war die Ankunft eines Parisers ein Ereigniß gewesen, welches die gewöhnliche Einförmigkeit des Lebens unterbrochen hatte. Nunmehr verrichtete der Ackersmann wieder wie vorher seine Arbeit und die alte Marie ihre Geschäfte im Hause. Rosa-Maria nähte und pflegte die Blumen des Gartens; ein Tag verging wie der andere, der kommende wie der verflossene. Diese für Manche einförmige Existenz scheint Andern angenehm. Alles im Leben ist Gewohnheit, es handelt sich nur darum, daß man sich bei dem, was man treibt, glücklich fühlt; ist dieses der Fall, so ist man sehr glücklich, wenn man auch immer nur das Nämliche thut. Rosa-Maria ging bisweilen nach Fontainebleau, um Stickereien zu holen oder hinzutragen; sie blieb aber immer so kurz als möglich in der Stadt; sie hielt sich auch nicht mehr unterwegs auf, ging nicht mehr durch den Wald, sondern kehrte jedesmal schnell zu ihrem Vater zurück. Das junge Mädchen hatte indessen die Begegnung mit den beiden Räubern fast ganz vergessen und fühlte durchaus keine Angst mehr, wenn sie am Walde vorbeiging. Schleicht die Liebe sich in unser Herz, so hat sie bald die Furcht verdrängt. Die Liebe ist von allen Gefühlen das kühnste; bieten wir ihretwegen nicht jeden Tag mit heiterer Miene den größten Gefahren Trotz, setzen wir ihretwegen nicht unser Leben, unsern Ruf, unser Vermögen und unsere Gesundheit aufs Spiel? Wie viele Thorheiten, verwegene Unternehmungen und kühne Handlungen hättet ihr nicht begangen, wenn euer Herz frei gewesen wäre; aber für ein Paar schöne Augen, einen süßen Kuß und die Aussicht auf ein zärtliches Stelldichein habt ihr sie ohne Bedenken gewagt. Besonders den Frauen verleiht die Liebe einen Muth, eine Kühnheit und Verwegenheit, die unserer alten Ritter würdig wäre! Wie viele Bände könnte man damit anfüllen, wenn man alle Umstände anführen wollte, wo die Damen eine Tapferkeit, eine Kaltblütigkeit und eine Geistesgegenwart an den Tag gelegt haben, die bei den Männern nie in so hohem Grade zu finden ist! Während drei Viertheile ihres Lebens setzen sie, ohne sich zu bedenken, ihren Ruf, ihre Ruhe, ihre Zukunft, oft sogar ihr Dasein für einen Augenblick des Glücks ober um die Gegenwart ihres Geliebten zu genießen, aufs Spiel. Da sie fast immer unbesonnen und unklug sind, muß der Mann, welchen sie lieben, sich vernünftiger zeigen und sie zurückhalten, indem er sie auf die ihnen drohende Gefahr aufmerksam macht. Aber weit entfernt, ihm für seine Besorgniß um sie dankbar zu sein, werfen ihm diese Damen Mangel an Liebe vor, weil er der Vernunft Gehör gibt. Mit all' diesen schönen Eigenschaften ist übrigens kein Ruhm zu ernten, im Gegentheil müssen die Damen ein Geheimniß daraus machen, denn gerade einer im Verborgenen gepflogenen Neigung wegen zeigt sich dieses irrthümlich als so schwach bezeichnete Geschlecht oft so stark und so verwegen. So hätte auch Rosa-Maria, die dem Anscheine nach so bescheidene und in ihrem Wesen so schüchterne, sanfte Jungfrau, wahrscheinlich den Räubern Trotz geboten, und sich ohne Zittern auf die dunkelsten Pfade des Waldes gewagt, wenn sie hätte hoffen können, dort den jungen Maler zu treffen, welcher ihr Bildniß gemalt hatte. Aber sie wußte, daß er nicht dort war; Leopold hatte ihr mehrmals wiederholt, es werde, wenn er in diese Gegend zurückkomme, sein Erstes sein, sich in das Dorf Avon zu begeben und sich ihrem Vater vorzustellen. Außerdem hatte auch Rosa-Maria ihrem Vater versprochen, nicht mehr allein in den Wald zu gehen, und wir müssen voraussetzen, daß sie ihr Versprechen gehalten hätte, selbst wenn der junge Leopold wieder am Fuße der Felsen gemalt haben würde. Doch die Zeit verstrich, ohne den von Rosa-Maria in der Tiefe ihres Herzens gewünschten Besuch herbeizuführen. Mehr als einmal hatte die Jungfrau im Sinne gehabt, mit Hieronymus von der Bekanntschaft zu sprechen, die sie im Walde gemacht hatte; sie dachte, ein Kind dürfe keine Geheimnisse vor seinem Vater haben, besonders, wenn dieser so gütig und nachsichtig ist. Aber so oft sie von dem jungen Maler anfangen wollte, hielt ihr eine ihr unbegreifliche Empfindung und Verlegenheit die Worte auf der Junge zurück, und Rosa verschob dieses Bekenntniß, das sie zwar zu machen wünschte, vor dem sie sich aber zugleich fürchtete, immer wieder. Leopold hatte zu Rosa-Maria gesagt, es werde nicht mehr als ein Monat bis zu seiner Rückkehr nach Fontainebleau vergehen; dieser Zeitraum war jedoch verflossen, ohne daß der Künstler sich im Dorfe gezeigt hätte. Die Jungfrau, deren Bildniß er gemalt hatte, brachte einen großen Theil ihrer Zeit am Fenster sitzend zu, denn dieses Fenster ging auf die Chaussée nach Fontainebleau und gewährte eine weite Aussicht, so daß man die auf Avon zuwandelnden Reisenden lange vorher bemerken konnte, ehe sie die ersten Häuser des Dorfes erreichten. Rosa-Maria arbeitete, aber sie erhob die Augen oft von ihrem Geschäfte, um auf die Chaussée zu schauen, dann senkte sie die Blicke wieder traurig auf ihre Nadel hinab; schwere Seufzer entrangen sich ihrer Brust und sie sprach zu sich: »Er wird nicht mehr kommen! Vielleicht hat er mich schon vergessen, vielleicht sieht er mein Bild nicht mehr an ... ach, ich will ihn auch vergessen ... es ist aus ... ich will nicht mehr an ihn denken.« Und in derselben Minute blickte das junge Mädchen von Neuem auf die Chaussée hinaus und spähte so weit es ihr möglich war in die Ferne. Hieronymus sah, daß seine Tochter nicht mehr so heiter und fröhlich und weit öfter in Gedanken versunken war als früher; aber er mochte sich nicht mehr hierüber äußern, weil er zu bemerken glaubte, daß seine Fragen sie verlegen machten und ihr wehe thaten. Außerdem hatte der Landmann immer denselben Gedanken: er war überzeugt, daß sich seine Tochter auf dem Dorfs langweile und ihn zu sehr liebe, um ihm dieses zu gestehen. Rosa langweilte sich aber nicht, denn man kennt diese Empfindung gar nicht, wenn das Herz von Liebe erfüllt ist, und das ist sogar die zuverlässigste Entschädigung, welche uns diese Leidenschaft zum Ersatze für die vielen Qualen, die sie uns verursacht, gewählt; aber Rosa-Maria fühlte mit jedem Tage die Hoffnung auf ein Wiedersehen des jungen Mannes, dessen Blicke und Worte ihr Herz gerührt hatten, mehr und mehr schwinden. Die hoffnungslose Liebe ist ein langsam zerstörendes und verzehrendes Gift. Dabei besaß die Jungfrau nicht einmal das gewöhnliche Zufluchtsmittel der Verliebten zur Erleichterung ihrer Seele: sie konnte nicht von ihrem Grame sprechen, weil Niemand ihr Vertrauen besaß. Im siebenzehnten Jahre seine Liebe und sein Geheimniß für sich behalten, das ist eine schwere Last! Eine Freundin wäre für Rosa ein gar kostbares Gut gewesen! Sie hätte den Kummer derselben getheilt, ihre Hoffnungen belebt; sie hätte begriffen, warum das arme Kind seufzte, ohne lange nöthig zu haben, dasselbe darum zu befragen; denn hauptsächlich zur Linderung der Liebesleiden hat die Vorsehung die Freundschaft geschaffen! Aber Hieronymus' Tochter hatte keine Freundinnen im Dorfe. Die jungen Mädchen ihres Alters, welche unwissend und roh geblieben waren, hatten mit neidischem Blicke ihre Anmuth, ihre artigen Manieren und die Fähigkeiten ihres Geistes sich entwickeln sehen. Statt ihr nachzuahmen, statt sie als Beispiel vor Augen zu haben, hatten sie es für einfacher gehalten, sich von der, welche sie mit Mißgunst betrachteten, zurückzuziehen ... man ist auf dem Lande nicht besser als in der Stadt: im Gegentheil, die Bösartigkeit ist dort, da man weniger aufgeklärt ist, um so gefährlicher. So wurde die schöne Rosa-Maria immer träumerischer, die Rosen ihrer Wangen erblaßten und kein Lächeln trat mehr auf ihre Lippen, außer wenn sie ihren Vater gewahrte, vor welchem sie ihre Traurigkeit zu verbergen suchte. Dieses war die Lage der Tochter des guten Landmannes, als eines Nachts, während die Bewohner Avons noch in tiefem Schlafe lagen, eine auffallend flackernde Helle plötzlich einen Theil des Dorfes erleuchtete. Bald darauf ließ sich vereinzeltes Geschrei hören, dann nahm der Lärm zu, Stimmen riefen um Hülfe, die Landleute erwachten, die Fenster wurden geöffnet und man sah mitten in der Nacht voll Entsetzen einen strahlend hellen Himmel und die vom Wiederschein der Flammen erleuchteten Häuser. »Es brennt! es brennt!« schreit man von allen Seiten, und bei diesem unheilvollen Rufe steigt Jeder von seinem Lager; der Schrecken hat die Ruhe verscheucht. Hieronymus ist einer der Ersten, die erwacht sind, er geht hinunter und erkundigt sich. »Wo brennt es?« fragt er. – »Man glaubt bei Vater Thomassin in dem schönen Meierhofe, den er voriges Jahr hat bauen lassen ... er hat vor wenigen Tagen erst sein Getreide und sein Heu eingeheimst.« Hieronymus will weiter nichts hören: er zieht schnell seine Jacke und seine Blouse an. Rosa und die alte Marie eilen erschrocken herbei. »Was gibt es denn, Vater?« – Was ist denn geschehen, Herr? – »Was es gibt? ... in Thomassins, meines alten Freundes, Meierhof brennt es!« – O mein Gott! – »Und Ihr geht hin, Vater?« – Glaubst Du denn, liebes Kind, ich werde ruhig in meinem Bette bleiben, während das Haus meines Freundes brennt? ... da wäre ich ja ein feiger Tropf oder ein Unmensch. Ich gehe, um Hülfe zu leisten; ihr bleibt hier, man braucht euch nicht: Du, Rosa, bist zu jung, Du, Marie, bist zu alt; überdies wird es an thätigen Armen nicht fehlen! – »Setzt Euch doch keiner Gefahr aus, lieber Vater!« – Sei unbesorgt.« Hieronymus hat bereits sein Haus verlassen und eilt dem Schauplatze des Brandes zu, wohin ihm übrigens fast alle männlichen Einwohner des Dorfes folgen. In einem solchen Falle sind die Nachbarn stets zum Beistand bereit. Geschieht es wohl aus Menschlichkeit oder aus Furcht, daß, wenn die Feuersbrunst um sich greife, diese auch ihr Haus verzehren könnte? Besser, man glaubt das Erstere. Rosa und Marie bleiben unter der Hausthüre zurück; sie beobachten angstvoll das Umsichgreifen der Flammen, die bisweilen mit schauerlicher Hast in die Höhe steigen und dem Himmel eine röthliche Helle verleihen; sie flehen zu Gott, er möchte dem Brande Einhalt thun und verhindern, daß Hieronymus, dessen Unerschrockenheit sie kennen, nicht das Opfer seines Eifers und seiner Aufopferung für den Pächter Thomassin werde. Zwei Stunden lang scheint der Brand, weit entfernt, abzunehmen, sich immer noch mehr auszudehnen. Einige Kinder und Bäuerinnen, welche in der Nähe der Brandstätte gewesen, kamen mit dem Geschrei zurück: »Die ganze Scheune ist verbrannt! Ach Gott, welches Unglück!« – Und ein großer Theil des Wohnhauses! – »Vater Thomassin ist zu Grunde gerichtet! Der hat Mißgeschick ...« – Ist Jemand dabei umgekommen? – »Zwei Kühe und die Dienstmagd Maria-Johanna!« – Ich habe gehört drei Kühe und keine Magd. – »Ach! also noch größerer Verlust! der arme Mann!« – Bah! man kann noch gar nichts wissen: es brennt ja noch immer! ... Die Spritzenmänner von Fontainebleau sind gekommen, aber sie haben gesagt, der Meierhof könne nicht mehr gerettet werden. – »Mir hat man gesagt, das ganze Dorf werde verbrennen ... es wird gut sein, wenn wir unsere Habseligkeiten zusammenpacken.« Rosa-Maria hörte bebend zu; aber die alte Marie sagte leise zu ihr: »Glaubt nicht an dieses Geschwätz, Mamsell; ich wette, sie wissen nicht mehr als wir, allein die Menschen haben eine fürchterliche Vorliebe, ein Unglück zu vergrößern!« Endlich fängt der Tag an zu grauen, und zu gleicher Zeit scheint die Gewalt des Feuers abzunehmen. »Das Feuer nimmt ab!« ruft Rosa freudig aus. – »Nein,« versetzt eine Bäuerin, »nur die Tageshelle nimmt zu, und da sieht man die Flamme nicht mehr so deutlich, weiter ist es nichts!« Rosa hatte sich indessen nicht getäuscht, der Brand ließ allmählig nach, ein dicker Rauch folgte der Flamme, und als dieser sich zertheilt hatte, wurde der Himmel klar. Jetzt erst kehrte Hieronymus schweißtriefend, mit ganz durchnäßten und da und dort verbrannten Kleidern und einer ziemlich großen Wunde an der Stirne zu seiner Tochter zurück. Sein Erstes ist, auf sein Kind zuzueilen und es zu küssen. »Mein guter Vater! ... ach, da seid Ihr endlich,« ruft Rosa, ihren Vater in die Arme schließend, aus. »Ach! ich war in Angst um Euch ... aber Ihr seid ja an der Stirne verwundet!« – Es ist nichts, liebe Kleine, ein Ritz, kaum der Mühe werth. daß man davon spricht! – »Und wie geht's bei Thomassins?« – Glücklicher Weise ist Niemand umgekommen. Ich habe die Maria-Johanna noch bei Zeit herausgezogen; sie ist mit ein paar Brandmalen davongekommen! – »Gott sei gedankt!« – Das Unglück ist also nicht so groß, wie man Anfangs glaubte, Herr? – »Das Unglück,« sagte Hieronymus mit einem tiefen Seufzer, »ist groß genug. Doch ich muß ein wenig ausruhen ... ich will mich auf mein Bett legen, und bei meinem Erwachen habe ich Dir ein Wörtchen zu sagen, Röschen, hörst Du? denn dieses Ereigniß ... Allein ich will suchen, ein bischen zu schlafen, im Schlafe kommen Einem oft gute Gedanken, wie man sagt ... gehe, ruhe auch Du noch ein Paar Stunden aus, liebes Kind, Du bedarfst es.« Rosa gehorchte, aber in ihr Zimmer zurückgekehrt, fühlte sie, daß es ihr unmöglich werden würde, Ruhe zu finden; der Ausdruck von Traurigkeit, welcher die Stirne ihres Vaters verdüsterte, als er die Worte zu ihr sprach: »›bei meinem Erwachen habe ich Dir ein Wörtchen zu sagen‹« hatte sie mit Schrecken erfüllt. Sie begriff, daß man Antheil an dem Unglück seines alten Freundes nehme; wenn man aber durch seinen Muth beigetragen hat, einem Unglück Einhalt zu thun, wenn man sein Leben ausgesetzt hat, um das eines Nebenmenschen zu retten, darf man mit sich zufrieden sein, und es ist kein Grund da, daß sich Traurigkeit in unsern Zügen male. Diesen Betrachtungen gab sich das junge Mädchen hin, indem sie ungeduldig das Erwachen ihres Vaters erwartete. Endlich erschien Hieronymus, er dachte nicht mehr an die Anstrengungen der Nacht, aber die gewöhnliche Heiterkeit strahlte nicht aus seinen Blicken, und ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich neben seine Tochter und sah sie seufzend an. »Mein Gott, was ist Euch denn, Vater?« ruft Rosa beunruhigt aus; »ich habe Euch noch nie mit so betrübter Miene gesehen ... ist Euch denn ein Unglück begegnet?« – Ja, mir ... und hauptsächlich Dir, liebe Kleine! – »Mir? ... das verstehe ich nicht.« – Ich will Dir Alles erzählen, mein Kind, denn Du mußt es doch früher oder später erfahren, damit ... denn ... schau' ... Ich verwirre mich! ... ich will Dir die Sache also ohne Umschweife mittheilen: durch Thätigkeit und Sparsamkeit war es mir gelungen, ein hübsches Sümmchen, mit einem Wort zehntausend Franken zusammenzubringen ... ja, meine Tochter, zehntausend Franken freies Geld ... ah, der Tausend! sie waren die Frucht fünfzehnjähriger Arbeit ... und dieses Geld hatte ich für Dich zusammengespart ... – »Für mich, lieber Vater?« – Ja, liebes Kind, das war Dein Heirathsgut ... es war zwar kein Vermögen, aber es wäre doch bei einem geordneten, fleißigen Gatten genug zur ersten Einrichtung gewesen. Wohlan, meine arme Tochter, diese Summe ... ach! ich hatte nicht daran gedacht, sie auf Interessen anzulegen ... ich verstehe nichts von Geldgeschäften ... diese Summe also bewahrte ich in einer Ecke auf, so wuchs sie an; denn weit entfernt, sie zu berühren, sagte ich immer zu mir: »›Das ist das Heirathsgut meiner Tochter, es muß sich vermehren, darf sich aber nie vermindern ...‹« – Mein gutes Väterchen! – »Laß mich ausreden, mein Kind. Vor einem Jahre, Du wirst Dich dessen erinnern, erlitt Thomassin ein großes Unglück; eine noch bedeutendere Feuersbrunst als die in der letzten Nacht verzehrte seinen ganzen Meierhof und machte ihn und seine Kinder obdachlos; die armen Leute mußten Geld haben, um ihre Wohnung wieder aufbauen zu lassen, um ihre Geschäfte wieder beginnen zu können, und Niemand lieh ihnen welches, weil man sie für zu unglücklich hielt! Meiner Treu'! da kam mir der Gedanke, sie zu unterstützen ... und ich brachte ihnen das zu Deiner Mitgift bestimmte Geld, um ihr Haus wieder aufbauen zu lassen.« – O! da habt Ihr ganz Recht gethan, lieber Vater. – »Du billigst es? ... um so besser ... o, ich weiß es wohl, daß Du es ebenso gemacht hättest wie ich! Ich wußte, daß Thomassin ein rechtschaffener Mann ist und es sich werde angelegen sein lassen, mir das Geld heimzuzahlen, sobald seine Geschäfte wieder im Gang sein würden ... und schau', gerade heuer war der Sommer gut und die Getreideernte vortrefflich! ... Erst vor wenigen Tagen sagte Thomassin zu mir: »›Nachbar, in einigen Wochen kann ich Euch schon tausend Thaler heimgeben ...‹« Der arme, gute Mann ... er konnte die Ereignisse nicht voraussehen! ... Du weißt, was ihm diese Nacht geschehen ist ... Thomassin ist aufs Neue in Armuth gestürzt, und Du wirft begreifen, daß ich nicht an die Summe denken darf, die er mir schuldig ist! Kann ich etwas von Leuten verlangen, welche das Unglück verfolgt? O, weit entfernt davon, glaube ich, daß, wenn ich noch über weiteres Geld zu verfügen hatte, ich es ihm abermals bringen würde, um ihm damit aufzuhelfen. Aber dem sei, wie ihm wolle, Du hast kein Heirathsgut mehr, mein armes Kind, und das macht mir so viel Kummer!« – Wie! lieber Vater, deßhalb seid Ihr so traurig?« sagte Rosa, indem sie Hieronymus Hand ergriff. – »Mein Gott! liebe Kleine, es ist wohl Grund dazu da!« – Sich des Geldes wegen zu betrüben? ... O, ich versichere Euch, lieber Vater, dazu ist kein Grund vorhanden. Mir ist es sehr gleichgültig, ob ich dieses Vermögen habe oder nicht. Glaubt Ihr, daß wenn mich Jemand lieb genug hat, um mich zur Ehe zu wünschen, er sich erkundigen werde, ob ich Geld habe? ... O, ich bin überzeugt, er wird nicht darnach fragen ...« Hieronymus bemerkte nicht, mit welcher innigen Ueberzeugung seine Tochter von diesem Er sprach, den sie seiner Meinung nach noch nicht kannte; aber er lächelte, indem er entgegnete: »Liebes Kind, Du sprichst wie ein siebenzehnjähriges, junges Mädchen, welches noch keinen Begriff von der Welt hat! Ich, siehst Du, habe, obgleich ich meinen Pflug und mein Dorf kaum verlassen, doch genug Lebenserfahrung gesammelt, um zu wissen, daß das Geld die Sache ist, welche die Menschen am meisten schätzen, da man es sehr nöthig braucht und es fast durchgängig viel zum Fortkommen beiträgt. Es ist daher sehr ärgerlich, daß Dein Geld in den Flammen aufgegangen ist, denn ich hatte fünfzehn Jahre an dieser Summe gespart, und Du kannst nicht noch einmal fünfzehn Jahre warten, bis Du Dich verheirathest. Deßhalb habe ich bei mir gedacht: da ich nichts mehr zur Versorgung meiner Tochter thun kann und diese, wenn ich sie bei mir behalte, ohne Mitgift keine andere Wahl hat, als eine schlechte Partie zu treffen und einen rohen, ihrer unwürdigen Bauernlümmel zu heirathen, so muß ich den Muth haben, mich von ihr zu trennen und sie zu ihren Onkeln nach Paris schicken. Diese sind im Stande, sich ihrer anzunehmen, einen passenden Mann für sie zu finden, und sie werden, wenn sie ihre so artige, so hübsche Nichte sehen, welche sich so gut zu benehmen weiß, stolz auf sie sein, mir nicht genug danken können, daß ich sie ihnen zugeschickt habe, und mit Freuden für ihr Glück Sorge tragen.« Rosa-Maria blieb ganz starr vor Staunen über ihres Vaters Worte; als er zu sprechen aufgehört hatte, blickte sie ihn bekümmert an und stammelte: »Wie? Ihr wollt mich von Euch entfernen? ... Ihr wünscht, daß ich Euch verlasse?« – Um Deines Glückes willen, mein Kind. O, ich brauche Dir nicht zu sagen, wie schwer es mich ankommt ... Du weißt es so gut wie ich ... allein man muß Muth haben! Dieser Gedanke beschäftigt mich, seit ich von Thomassin zurück bin, denn ich habe nicht geschlafen und wohl eingesehen, daß man sich nicht zu lange besinnen darf ... – »Aber! lieber Vater, entfernt von Euch werde ich mich langweilen.« – Potz Kuckuk! ich werde mich noch viel mehr langweilen! Es handelt sich aber darum, vernünftig zu sein; und dann ist die Trennung ja nicht auf ewig! Wir sind auch keine zweihundert Stunden von einander entfernt ... und ich werde manchmal nach Paris kommen, um Dich zu besuchen, dann ... – »Wenn mich aber meine Oheime nicht gut aufnehmen würden ... mich nicht bei sich behalten wollten?« – Das kann gar nicht sein! ... allein es mag gehen wie es will, so bleibt Dir Deines Vaters Haus immer noch übrig, und Du kannst stets wieder hierher zurückkehren! – »Und Ihr werdet mich nicht selbst zu Euren Brüdern begleiten?« – Nein! Erstens, liebes Kind, ist meine Gegenwart hier sehr nothwendig ... ich verdiene nur so viel, daß ich mich ehrlich durchbringen kann ... es ist jetzt nicht an der Zeit, müßig herumzustreichen; dann wird vielleicht auch der arme Thomassin nöthig haben, daß man ihm unter die Arme greift und ein wenig für ihn arbeitet ... Soll man ihm den Rücken zukehren, weil er zu Grunde gerichtet ist? Auch denke ich, daß Dich Deine Onkel, wenn Du allein zu ihnen kommst, weit weniger fortschicken können ... O! das würden sie nicht über's Herz bringen ... und wenn sie Dich erst kennen, haben sie Dich bald lieb! Wer könnte Dich auch nicht lieben? Es bleibt also dabei, es ist eine ausgemachte Sache, und da wir Entschlossenheit zeigen müssen, triffst Du heute Deine Vorbereitungen, packst Deine Effekten in einen Koffer und gehst morgen nach Paris. – »Morgen?« – Ja! ich gebe Dir das Geleite bis Fontainebleau, dort steigst Du in einen Wagen, der Dich bis Corbeil führt, wo Du Dich auf die Eisenbahn setzest, und in einer Stunde darauf in Paris bist. Wir haben zum Glück die genauen Adressen meiner beiden Brüder, die uns Vetter Brouillard gegeben hat. Du nimmst das Papier mit, auf welches Du sie aufgeschrieben hast, gibst fein recht Acht, daß Du es nicht verlierst; im Uebrigen bist Du nicht ungeschickt, weißt Dich gut auszudrücken, und in Paris wird Dir Jedermann den Weg zeigen können.« Hieronymus küßte seine Tochter, indem er sie nochmals versicherte, daß sein Entschluß unwiderruflich sei; dann begab er sich heitern Muthes an seine Arbeit, denn er war überzeugt, daß der von ihm gefaßte Plan das Glück seiner Tochter sichern, und der angenehme Aufenthalt in Paris Rosa's früheren Frohsinn wieder erwecken und die frische Farbe ihrer Wangen wieder hervorrufen werde. Was die Jungfrau betrifft, so wußte diese vielleicht selbst nicht recht, was in ihrem Innern vorging; sie empfand einen lebhaften Schmerz, ihren Vater verlassen zu müssen, aber mitten in ihrem Kummer trat bisweilen ein Gedanke vor ihren Geist; daß der junge Mann, welcher ihr Bild gemalt hatte, in Paris lebe, und daß sie, wenn sie in derselben Stadt mit ihm wohne, ihm begegnen könnte. Es war unstreitig nicht ganz Recht, indem Augenblicke, wo sie ihren Vater verlassen sollte, an einen jungen Maler zu denken; aber was wollt ihr machen? So sind einmal die Menschen, und ohne Zweifel würde Rosa-Maria ohne die Erinnerung an Leopold noch ungerner nach Paris gereist sein. Am folgenden Morgen war das junge Mädchen mit ihren Vorbereitungen zur Reise fertig; sie hatte ein kleines Strohhütchen aufgesetzt, welches etwas tief in ihre Stirne hereinging und theilweise ihr hübsches Gesichtchen verbarg; ihr Anzug war einfach, aber passend und züchtig. Hieronymus hatte seine neue Blouse angezogen und seinen breit geränderten Hut aufgesetzt. Er blickte stolz auf seine Tochter und rief aus: »O! meine Brüder werden mir danken, daß ich sie ihnen zugeschickt habe.« In einer Ecke der untern Stube weinte die alte Marie und sprach kein Wort. »Ei, Marie,« sagte der Landmann, auf die alte Magd zutretend, »ich weine nicht, und Du kannst Dir wohl denken, daß es mich viel Ueberwindung kostet, mich von meiner Tochter zu trennen.« – O! Ihr ... Ihr seid ein Mann!« entgegnete Marie; »und überdies spielt Ihr jetzt den Muthigen, aber wenn Ihr wieder zurückkommt, weiß ich gewiß, daß Ihr weint wie ich. – »Das ist nicht wahr! Der Gedanke, daß es zum Glück meiner Tochter geschieht, wird mein Herz stärken.« – Nun, ich bin eben selbstsüchtiger, denn ich möchte mich nie von denen trennen, bei denen ich gerne bin! Also adieu, Mamselle, kommt recht geschwind wieder, wenn es Euch in Paris nicht gefällt ... Wenn übrigens alle Eure Verwandten Eurem Vetter Brouillard gleichen, der im vergangenen Monat hier war, so mag es nicht die angenehmste Sippschaft sein. – »Potz Sapperment, Marie, so schweig' doch! Sag', liebe Tochter, hast Du auch Alles mitgenommen, was Du brauchst?« – Ja, lieber Vater ... Ach, mein Gott, da fällt mir noch etwas ein ... es wird aber nicht der Mühe werth sein! ... – »Was denn, mein Kind?« – Ich erinnerte mich der kleinen Pistole, welche ich gefunden habe ... Ihr wißt schon, lieber Vater ... – »Ja ... hast Du sie nicht bei Dir?« – Nein ... ich meine nicht, daß sie mir in Paris zu etwas dienen könne. – »Im Gegentheil, mein Kind, im Gegentheil, nach Allem, was Du mir erzählt hast, kannst Du eher in Paris als irgendwo sonst den Eigenthümer entdecken.« – Glaubet Ihr? Aber wenn ich ihn in der That entdeckte, was müßte ich thun? – »Klug zu Werke gehen und vorher Deine Onkel oder sonst Jemand, der Dir Verhaltungsmaßregeln geben könnte, um Rath fragen. Jedenfalls nimm die Waffe mit und verwahre sie sorgfältig in Deinem Koffer. Vergiß aber besonders nicht, was ich Dir anempfohlen habe. Sage Niemand etwas von Deinem Abenteuer im Walde, damit, wenn Dich der Zufall mit einem der Räuber zusammenführt, dieser nicht weiß, daß Du Zeuge seines Verbrechens gewesen bist! Das ist von großer Wichtigkeit, mein Kind!« – Ich werde es verschweigen, lieber Vater, ich verspreche es Euch.« Die Jungfrau holte die Pistole an dem Orte, wo sie solche verborgen hatte, und legte sie zuunterst in ihren Koffer, den ihr Vater einem kleinen Bauernjungen auflud, der sie nach Fontainebleau begleiten sollte. Dann gab Rosa-Maria der alten Magd einen Kuß, warf noch einen Blick nach ihrem Fenster, ihrem Garten, ihren Blumen, und hängte sich an den Arm ihres Vaters, der mit ergriffener Stimme sagte: »Es ist Zeit, fortzugehen, mein Kind.« Vater und Tochter machten sich auf den Weg, gefolgt von dem Knaben, der Rosas Koffer trug. Unterwegs drückte Hieronymus den Arm seiner Tochter oft zärtlich an sich und Rosa that ein Gleiches, ohne im Stande zu sein, ihre Gefühle auszusprechen; aber sie verstanden sich dem ungeachtet Beide. Der Weg kam ihnen kurz vor, obgleich sie ihn fast wortlos zurücklegten. In Fontainebleau angelangt, begaben sie sich unverzüglich an den Ort, wo der nach Corbeil abgehende Wagen hielt. Hieronymus erblickte mit Vergnügen in dem Conducteur einen alten Bekannten. Während er ihm beim Aufpacken des Koffers half, empfahl er ihm seine Tochter; dann kehrte er zu Rosa-Maria zurück. »Bertrand führt Dich nach Corbeil,« sagte er; »ich kenne ihn, es ist ein braver Mann, er wird über Dich wachen und Sorge tragen, daß Dein Koffer auf die Eisenbahn kommt. Ich bin jetzt weit ruhiger, mein Kind, denn nun bin ich überzeugt, daß Du ohne Widerwärtigkeiten nach Paris gelangst, und bist Du einmal dort, so wirst Du die Wohnung Deiner beiden Onkel leicht finden können ... Geh' zuerst zu Nicolaus, er ist der Aeltere, ihm bist Du den ersten Besuch schuldig, und wenn es Dir bei ihm gefällt, so bleibe. Hier hast Du Geld ... es sind fünfundzwanzig Franken ... stecke sie in Deine Tasche.« – Wozu, lieber Vater? – »Man muß immer Geld bei sich haben, Herzenskind; man weiß nicht, was Einem begegnen kann. Außerdem mußt Du Deinen Platz auf der Eisenbahn bezahlen, und Du nimmst einen der bessern, hörst Du? ... Ich will nicht, daß Du in einem Wagen der letzten Classe sitzest: Du mußt Deinen Platz in einem gepolsterten Wagen nehmen, und wenn Du in Paris auch fahren willst ...« – O! ich kann gut gehen, lieber Pater! – »Ach! der Kuckuk! den Brief, den ich an meine Brüder geschrieben habe, hätte ich beinahe vergessen, Dir zu geben.« Hieronymus zog einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn seiner Tochter mit den Worten: »Hier, liebes Kind, den überbringst Du ihnen ... Ja, ich schreibe freilich nicht wie Du, aber meine Brüder kennen meine Handschrift schon und wissen wohl, daß ich kein Gelehrter bin. Die Hauptsache ist, daß ich ihnen darin sage, ich schicke ihnen meine rechtschaffene, tugendhafte, arbeitsame Tochter ... kurz, einen wahren Schatz, den ich ihrer Obhut anempfehle. Was Dich anbetrifft, Rosa, so brauche ich Dir keinen Rath zu geben, denn ich kenne Dein Herz, Deinen Verstand, Deine Grundsätze ... ich weiß, daß Du nie von dem Pfade der Tugend weichen wirft, und deßhalb lasse ich Dich beruhigt nach Paris gehen.« Statt aller Antwort umarmte Rosa-Maria ihren Vater und sagte mit jenem Ausdruck, der von Herzen kommt, zu ihm: »Ich will Eurer immer würdig sein und nie vor meinem Vater erröthen müssen.« – Schnell in den Wagen, Mamselle, wir fahren sogleich ab.« Die Stimme des Kutschers durchbebte den guten Landmann, denn sie verkündete, daß der Augenblick der Trennung gekommen war. »Schon?« murmelte das junge Mädchen, ihren Vater anblickend, und zwei große Thränen flossen aus ihren Augen. Aber Hieronymus wollte sich nicht weich machen lassen; er führte Rosa-Maria zu dem Wagen, half ihr selbst beim Einsteigen und entfernte sich, wahrend er ihr noch zurief: »Du schreibst mir, liebes Kind, Du schreibst mir und besuchst mich, wenn Dir die Zeit zu lang wird! ... Sei vernünftig, dann wirst Du glücklich werden! ...« Bald darauf hörte man die Peitsche knallen, die Pferde stampften auf das Pflaster und der Wagen rollte Corbeil zu und mit ihm die, welche das ganze Glück und den ganzen Stolz Hieronymus' ausmachte. Jetzt erst fuhr Rosa's Vater mit der Hand über seine Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus; indem er zu sich selbst sprach: »Nun werde ich ganz einsam sein ... aber es geschieht zu ihrem Glücke ... ja! ... denn sie fing an traurig zu werden ... ihre Gesundheit und ihre Heiterkeit nahmen ab ... nur weil sie sich im Dorfs langweilte ... ich that daher wohl daran, sie nach Paris zu schicken, dort wird sie glücklicher sein ... dieser Gedanke soll mich trösten.« Damit trat Hieronymus wehmüthig den Rückweg in sein Dorf an. Achtes Kapitel. Eine Reise auf der Eisenbahn Versetzen wir uns auf die Eisenbahn, die von Orleans nach Paris führt, in einen der Wagen oder Diligencen, wie man sie nennt, wo die Reisenden auf ziemlich weichen Polstern sitzen und vor dem Einflüsse der Witterung geschützt sind. Der Wagen, welcher zehn Plätze in sich faßte, war mit neun Personen besetzt. In einer Ecke fiel zuerst eine große starke Frau von fünfundvierzig Jahren in die Augen, welche den Vorzug hatte, wie fünfzigjährig auszusehen. Ihr ziemlich nußbrauner Teint und ihre große platte Nase verliehen ihr eine bedeutende Ähnlichkeit mit einer Beduinin; sie hatte dabei übrigens noch ziemlich lebhafte schwarze Augen, ihr Mund zeigte auch noch etliche Zähne, und ihre Häßlichkeit wäre im Ganzen nicht so auffallend gewesen, hätte sie sich nicht so herausfordernd frisirt und gekleidet, und durch ihre Manieren und ihr Gespräch die Blicke und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen gesucht. Neben dieser Dame saß ein fünfzigjähriger, kleiner aber breitschultriger, vierschrötiger Mann mit einem großen Kopfe und einer niedern zurückstehenden Stirne; die Haare fielen ihm fast über die Augen herein, diese waren hervorstehend und ausdruckslos, seine Nase sehr kurz und geknippen, die Backenknochen stark hervortretend, der Mund einfältig, kurz, die ganze Physiognomie gemein, seine Miene aber trotzdem sehr zuversichtlich, ja beinahe unverschämt, wenn er glaubte, man sehe ihn an; so beschaffen war die Person, welche die Dame, seine Nachbarin, bald Herrn St. Godibert ... bald mein liebes Herz ... bald mein liebes Männchen oder mein Gemahl nannte ... je nachdem sie bei Laune war; im Wagen nannte indessen die große Frau ihren kleinen Mann beinahe immer Herr St. Godibert. Neben diesem Herrn befand sich ein etwa zwanzigjähriger Jüngling, der, wie alle jungen Leute von Paris, die Vermögen haben und sich gut anzuziehen wissen, gekleidet war. Er war nicht hübsch, obgleich in seinen Zügen nichts Unangenehmes lag; allein seine Adlernase, sein eingekniffener Mund, seine blaßblauen Augen und seine hellbraunen Haare, was Alles einzeln betrachtet, tadellos war, bildete zusammen ein nichtssagendes Ganzes, dem jeder Reiz abging; endlich fehlte es dem jungen Mann an einer freien, offenen Miene, und seine etwas süßthuenden Augen schienen die Gewohnheit angenommen zu haben, die Gegenstände nur von der Seite anzusehen; vielleicht durfte man das Zurückhaltende seines Wesens auf Rechnung der Schüchternheit schreiben, die er stets in Gegenwart seines Vaters, Herrn St. Godiberts, und besonders seiner Mutter empfand, welche viel Unterwürfigkeit und Respekt von ihrem Sohne zu verlangen schien. Die darauf folgende Person, welche die andere Ecke einnahm, weil dort ein Platz unbesetzt blieb, war ein bejahrter Mann, der unter seinem Paletot, seinem Ueberzieher, seiner schwarzseidenen Mütze, seiner ungeheuren Perrücke und seiner mit Pelz verbrämten Reisekappe fast ganz versteckt war, denn obschon es erst Ende August war, hatte sich dieser Herr doch eingehüllt, als ob es friere. Beim Einsteigen in den Wagen hatte er mehrere solcher runden grünledernen Kissen unter dem Arme, wie man sie gewöhnlich auf seinen Lehnstuhl oder Sessel legt, wenn man mit einer gewissen Krankheit behaftet ist, die Einem das Sitzen schwer macht. Der Herr hatte zuerst zwei seiner runden Kissen über einander auf seinen Platz gelegt und nachdem er mit sich zu Rath gegangen, ob er nicht noch ein drittes, das er unter dem Arm hielt, darauf legen sollte, sich entschlossen, bloß auf die zwei hinzusitzen, was er unter erschrecklichen mit Flüchen und Grimassen gewürzten Seufzern ins Werk setzte; übrigens behielt seine Miene während der ganzen Reise den griesgrämigen, beinahe zornigen Ausdruck bei, den sie bei seinem Niedersitzen angenommen hatte. Ein solcher Reisegefährte gehört nicht zu den gesuchten; da man aber unter dem Pelzwerk und den doppelten Westen des alten Herrn eine prachtvolle Diamanten-Stecknadel und an den Fingern zwei Solitäre vom reinsten Wasser entdeckte, so betrachtete ihn das Ehepaar St. Godibert mit einer Art Hochachtung, und der Gatte hatte mehrmals die Aufmerksamkeit so weit ausgedehnt, daß er zu seinem Sohne sagte: »Julian, nimm Dich in Acht, daß Du den Herrn nicht genirst ... laß ihm gehörig Platz ... er scheint unwohl ... setze Dich nicht zu nahe neben ihn!« Dem jungen Mann war durchaus nichts daran gelegen, sich dem Herrn auf den Lederkissen zu nähern, und dieser erwiderte Herrn St. Godiberts Höflichkeit nur mit einer Art Gegrunze, in dem man folgende Worte unterschied: »Ach, der Kuckuk! ... ach ja ... ach! Platz! ... ich habe genug! ... Ach, Sapperment! ... wenn sie wüßten, wie mir wäre, würden sie nicht so unruhig sein.« Auf der andern Bank sah man Frau St. Godibert gegenüber einen schön frisirten Herrn, der über sich selbst, über die Fahrt auf der Eisenbahn, über die Reisegesellschaft, kurz, über Alles entzückt schien; keine zwei Minuten vergingen, ohne daß dieser Herr mit seinem frischen Teint und seinen rothen Lippen (der jenen Wachspuppen glich, die man so prächtig frisirt in den Läden der Haarkünstler sieht), seine Cravattenzipfel betrachtete und seinen Backenbart strich. Er war mit allen möglichen Wohlgerüchen einbalsamirt; es war eine Mischung von Vanille-, Jasmin-, Rosen- und Patchouli-Duft, daß man nicht wußte, welcher der stärkste war, der Einem aber sogleich in die Nase stieg und Kopfweh verursachte. Neben diesem Herrn saß ein junges hübsches Frauenzimmer mit einem pikanten, heitern, sogar herausfordernden Gesichte, schönen dunkelblauen Augen, die sie nicht häufig zu Boden schlug, rosigen Lippen, schneeweißen Zähnen, einem schelmischen Lächeln, braunen Haaren, kurz, einem höchst angenehmen Ganzen, dem ein mäßiges Emponpoint, das die Formen hob, und eine entzückende Taille noch mehr Reiz verlieh. Der Anzug dieses jungen Frauenzimmers war kokett und ganz darauf berechnet, ihre Vorzüge geltend zu machen, deutete auch eher auf eine dem Vergnügen hingegebene als anständige Dame. Ihr kleines Hütchen saß tief in der Stirne und gestattete den Anblick ihres boshaften Gesichtchens nur, wenn sie es gern wollte; aber das war gleichfalls wieder darauf abgesehen, die Neugierde und das Verlangen rege zu machen; die Männer sind immer weit verliebter in das, was zu sehen schwer hält, als in das, was sich sogleich ihren Blicken darbietet. Tief in's Gesicht gehende Hüte werden immer vorzugsweise von Frauenzimmern geschätzt werden, welche ihren Vortheil verstehen. Wollet ihr einen Beweis davon haben, so gehet einmal mit mehreren Damen an einen öffentlichen Ort wovon eine einzige einen Hut aufhat, der es kaum gestattet, ihre Züge zu betrachten, während die andern auf eine Weise coiffirt sind, welche nichts von ihrem hübschen Gesicht verbirgt, und ihr werdet sehen, daß die Männer der Schönheit, die sich offen zeigt, weit weniger Aufmerksamkeit widmen werden, als der Dame, welche die Blicke zu meiden scheint, und auf diese werden unaufhörlich ihre Augen und ihre Lorgnetten gerichtet sein. Der wohlriechende Herr konnte nicht der Gatte des hübschen Frauenzimmers sein, das sah man sogleich an der Art, wie er mit ihr sprach, und an der Aengstlichkeit, womit er befürchtete, Etwas an ihr zu zerknittern oder mit ihrem Hut zu karamboliren. Die Dame ihrerseits schien, während sie sich mit ihrem Reisegefährten unterhielt, weit mehr damit beschäftigt, zu kokettiren, und besonders die sehr ausdrucksvollen Liebesblicke ihres Nachbars zur Rechten zu erwidern. Dieser Nachbar war ein höchst eleganter, ziemlich hübscher junger Mann, der besonders jene völlig leichtsinnige Miene besaß, die oft zur Verführung eines Frauenzimmers hinreicht. Er hatte eine etwas dunkle Haut, ein kühnes Auge und ein spöttisches Lächeln. Seine breite, ein wenig gewölbte Stirne war von einem Wald pechschwarzer Haare umschattet; sein Schnurr- und Backenbart waren von derselben Farbe. Der junge Mann war groß, schlank, schön gebaut und schien seine Vorzüge sehr gut zu kennen. Nächst diesem saß noch ein junger Mann, der etwas älter schien als sein Nachbar, und außerdem nicht sowohl durch seinen Anzug, denn beide Herren waren sehr gut und äußerst elegant gekleidet, als durch seine Gestalt und sein Gesicht einen auffallenden Contrast mit ihm bildete. Derselbe war von mittlerer Größe und verhältnißmäßigen Formen, aber sein von Blatternarben gräßlich entstelltes Gesicht war entsetzlich häßlich. Seine von Fleischanschwellungen bedeckten Augen glichen zwei kleinen von einer schwachen Nachtlampe erhellten Löchern; sein vorstehender Mund öffnete sich nur, um den fast gänzlichen Mangel an Zähnen zu zeigen, und an seiner Nase, auch einem Opfer der Pocken, war das eine Nasloch weit größer als das andere. All das zusammen bildete für die Gegenübersitzenden keinen sehr einnehmenden Anblick, und das Gepräge der Züge des jungen Mannes, worin Neid, Bosheit und Aerger über seine Häßlichkeit ausgesprochen lagen, war nicht von der Art, den unangenehmen Eindruck zu mildern. Den fünften Platz endlich in der entgegengesetzten Ecke nahm ein sehr magerer, etwa vierzigjähriger Mann ein, der von dem Kopfe bis zu den Füßen höchst schmutzig war. Er hatte einen alten, abgeschabten, schwarzen, fleckigten und an mehreren Orten geflickten Ueberrock an, der ihm kaum die Hälfte der Schenkel bedeckte; außer diesem trug er ein Paar olivenfarbige oder gelbliche Beinkleider (die Farbe derselben war schwer zu unterscheiden). Diese Beinkleider waren gleichfalls an verschiedenen Orten beschmutzt, und überdies war in jedes Knie ein großes viereckiges Stück hineingeflickt, welches, weit neuer als der übrige Stoff, noch eine gewisse Frische hatte, die auffallend von der ganzen übrigen Kleidung abstach. Obgleich diese Hose nur bis an den Knöchel reichte, war doch an dem linken Beine ein Steg daran, an dem rechten fehlte er, wahrscheinlich in Folge eines unvorhergesehenen Ereignisses; große ausgetretene Stiefeln, welche dem Anscheine nach schon viele Wege zurückgelegt hatten, ohne je geputzt worden zu sein, vollendeten unterhalb das Kostüm dieser Person. Die Bekleidung des Oberkörpers entsprach dem Uebrigen. Ein ausgefaserter, zerrunzelter, schwarzer Stoff stellte die Weste vor, ein buntfarbiges, strickartig gewundenes Taschentuch diente ihm als Halsbinde; es war so fest umgebunden, daß man hätte glauben können, der Reisende habe unterwegs Versuche gemacht, sich zu erwürgen. Aber das Eigenthümlichste des ganzen Anzugs war ein kleiner Kragen von altem schwarzem Tuch, der über dem Ueberrock hing und, je nachdem es der Eigenthümer wünschte, als Crispin, Mantel oder Schuhkleid diente, in der That aber weder vor der Kälte noch dem Regen schützte, weil er kaum über die Mitte des Vorderarms herabging. Zur ganzen Toilette dieses Mannes gehörte auch noch ein runder Hut. Dieser in seiner Art einzige, weder Castor- noch Seidehut, war der Mühe werth, gesehen zu werden. Er schien aus einem Stück Merino verfertigt worden zu sein, war sehr niedrig, schmalrändig, und der Stoff bildete um das ganze Gestell herum zwar nicht reichliche, aber sehr ungleiche Falten. Denket euch unter diesem sonderbaren Hute einen Kosakenkopf, eine fast gänzliche Abwesenheit der Nase, denn was sie vorstellen sollte, war in der Mitte so eingefallen, daß man nichts als zwei gen Himmel stehende Löcher sah, und ihr habt den Mann wie er leibte und lebte, der sich in der Ecke gegenüber von dem Herrn mit den ledernen Kissen befand und nicht daran gewöhnt schien, in so schöner Gesellschaft so weich zu sitzen; er betastete von Zeit zu Zeit mit bloßen Händen (denn er hatte keine Handschuhe an) den Stoff, womit die Polster überzogen waren, auf denen er saß und murmelte dann vor sich hin: »Das ist schön ... das ist gut ... das muß theuer sein ... das sind herrliche Wagen, man sitzt köstlich darin; allein, wenn ich keine Eile hätte, wäre ich doch nicht hereingegangen! Sie sagen zu Einem, die Stehwagen seien voll, es gebe keine Plätze mehr darin, um Einen zu nöthigen, mehr zu bezahlen; glücklicher Weise muß Bichart die Reisekosten tragen!« Diese Monologe des Herrn im Merinohute hatten in dem Augenblicke begonnen, wo er in den Wagen gestiegen war, und da er zuerst eingestiegen war, konnte er seinen Platz in einer Ecke nehmen. So oft Jemand nach dem schmutzigen Herrn in den Wagen stieg, zog er seinen Hut ab und murmelte: »Gott grüße Sie, mein Herr, Gott grüße Sie Madame, Gott grüße die ganze Gesellschaft.« Diese Höflichkeit wurde von den Reisenden wenig beachtet, die meisten erwiderten sie nicht; gewöhnlich wendeten sie, wenn sie Den, der sie begrüßte, angesehen hatten, verächtlich den Kopf ab, gleichsam, als wenn sie es nicht der Mühe werth hielten, das Wort an ihn zu richten. Die Familie St. Godibert hatte zuerst gegenüber von dem Manne mit dem Merinohute Platz genommen; aber da dieser hartnäckig fortfuhr, sie zu grüßen und ihnen zuzulächeln, hatte die Dame schnell ihren Sitz verändert, ihr Gatte und ihr Sohn waren ihr nachgerückt, und alle Drei richteten ihre Blicke nach dem entgegengesetzten Kutschenschlag, in der Hoffnung, daß dadurch die Freundlichkeit des Reisenden, der sich bemühte, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, abgeschnitten werde; ein Bestreben, welches sie von einem so schlecht gekleideten Menschen für sehr unpassend hielten. Der schön frisirte Herr und die ihn begleitende Dame wurden mit denselben Grüßen empfangen. Die pikante Brünette hatte zuerst den Platz in der Ecke eingenommen, als aber der schöne Schwarzhaarige eingestiegen war, trat die Dame ihren Sitz, unter dem Vorwand, die Aussicht ins Grüne thue ihren Augen wehe, wenn man so schnell vorbeifahre, an ihren Begleiter ab. Was den alten, auf den runden Lederkissen thronenden Herrn betrifft, so hatte dieser die Artigkeiten seines vis-à-vis nur mit dumpfem Gebrumme und mit ziemlich verständlichem Fluchen beantwortet, und den Mann mit dem Merinohute mit einer so übelgestimmten Miene angesehen, daß dieser nicht mehr gewagt hatte, weder ihm zuzulächeln, noch ihn zu grüßen. Der große schwarzhaarige junge Mann stieß einen Schrei der Verwunderung aus, als er die Familie St. Godibert im Wagen erblickte. »Wie?« rief er aus, »die liebe Tante, der liebe Onkel und Julian auf der Eisenbahn? ... Ach, welches Zusammentreffen! Welcher Zufall! ... Meine Tante fürchtete sich sonst vor dieser Art zu reisen.« – Das heißt,« entgegnete die große Dame, »Ihr Onkel hatte Angst vor den Eisenbahnen, nicht ich! Ich hatte hundertmal den Wunsch ausgesprochen, auf diese Weise nach Rouen zu gehen ... Ja, Friedrich, lachen Sie nur ... Ach! Herr Richard ist, glaub' ich, bei Ihnen!« Diese Worte waren an Herrn Friedrichs Nachbar, den jungen Mann mit den ungleichen Nasenlöchern, gerichtet. Dieser beeilte sich, eine tiefe Verbeugung vor Frau St. Godibert und ihrem Manne zu machen; dann reichte er ihrem Sohn die Hand und sagte: »Guten Tag, Julian, wie geht es?« – »Recht gut, ich danke Ihnen,« erwidert der junge St. Godibert, der seinem Vetter Friedrich bereits die Hand gedrückt hatte. Herr St. Godibert, der sich gerade schneuzte und seiner Frau noch nicht geantwortet hatte, versetzte nun mit wichtiger Miene: »Ich habe nie die mindeste Furcht vor den Eisenbahnen gehabt, meine Vorzügliche; aber ich wollte Ihnen nicht widersprechen und Sie nicht veranlassen, aus Gefälligkeit für mich zu thun, was Ihnen unangenehm gewesen wäre.« – So viel ich weiß, ist das nicht meine Gewohnheit ... Warum wollten Sie durchaus nach Orleans, als ich Rouen zu sehen wünschte? – »Wegen der Tonnelles, meine Vortreffliche.« – » Tunnels , sagt man, lieber Onkel!« rief der große junge Mann lachend aus, indem er der hübschen Brünette, seiner Nachbarin, einen Blick zuwarf, welche ihm alsbald mit einem sehr ermuthigenden Lächeln antwortete. » Tunnels also! ... ich wußte wohl, daß ich mich falsch ausdrückte ... jedenfalls sind es unterirdische Gänge ... Du kannst sie nicht leiden, Angelika; Du hassest die Dunkelheit, da Du sogar zum Schlafen Licht brauchst.« – Das ist richtig, ich gestehe, unter dem Boden zu reisen, scheint mir sehr gewagt, da ich aber einmal entschlossen war ... – »Wozu solltest Du unangenehme Empfindungen in Dir erregen! Ich habe Dich zuerst nach Orleans geführt, weil da keine langen unterirdischen Gänge zu passiren sind; wir gehen später nach Rouen.« – »Sie fürchten sich sicher alle Beide,« flüsterte der blatternarbige junge Mann seinem Nachbar ins Ohr, und dieser, den man Friedrich nannte, fuhr, die verführerische Brünette sanft ans Knie stoßend, fort: »Ich liebe die Tunnels leidenschaftlich, denn ich weiß nichts Unterhaltenderes, als mit unbekannten Personen in der Dunkelheit zu reisen! ...« – Man hat Lampen. Man hat mir gesagt, es seien Laternen in den Wagen angezündet, sonst würde man, meiner Treu! ... kurioses Zeug treiben!« Diese Worte kamen aus dem Munde des Kosakenkopfes mit dem faltigen Hute. Niemand gab ihm Antwort. Die St. Godiberts nahmen ein wichtiges Aussehen an, die hübsche Brünette ordnete ihre Haare, ihr Begleiter strich seinen Backenbart, und der Alte mit den Diamanten stöhnte und fluchte vor sich hin: »Ach! der Teufel! ... ach, in solchem Zustande reisen zu müssen! ... Was liegt mir daran, ob es hell oder dunkel ist! ... O weh!« – Sie haben also,« fragte der junge schwarzhaarige Mann, »ohne Weiteres eine Lustpartie gemacht, lieber Onkel, nicht wahr? und bloß zu Drei?« – »Wir haben meinem Bruder, dem Gelehrten, den Vorschlag gemacht, mit seiner Frau auch daran Theil zu nehmen, aber sie haben es unter dem Vorwande ausgeschlagen, sie seien diesen Sommer schon in Fontainebleau gewesen.« – Ach! in der That, ich erinnere mich, daß mich vor ungefähr sechs Wochen mein Onkel Mondigo aufforderte, ihn auf einer Landpartie zu begleiten ... ich hatte sogar meiner hübschen Tante versprochen, mit Dernesty nachzukommen, aber es war mir unmöglich ... Ich entsinne mich ebenfalls, daß die Marmodins und Herr Roquet von der Partie sein sollten, und offen gestanden, das hatte mich eben nicht sehr zur Theilnahme aufgemuntert ... o! wenn nur Madame Marmodin dabei gewesen wäre, dann hätte ich es mir gefallen lassen; sie ist liebenswürdig, unterhaltend, sogar sehr heiter; aber ihr Mann! ... ach! großer Gott! der ist wahrhaft unerträglich mit seiner Manie, von den Römern zu erzählen ... ihre Fußbekleidung, ihren Mantel und ihre Tunika zu schildern ... Ich bitte Sie, was liegt mir daran, ob die Patrizier andere Schuhe tragen, als die Plebejer! ... Ich bin durchaus kein Liebhaber vom Alten ... da betrachte ich tausendmal lieber ein nettes Häubchen oder ein reizendes Hütchen auf dem Kopfe eines jungen hübschen Weibchens, als daß ich mich um die Moden der früheren Zeiten bekümmere.« »Uebrigens,« versetzte Herr Richard, Friedrich mit dem Ellbogen stoßend, und auf den rechts sitzenden Kosakenkopf deutend, »haben wir auch in gegenwärtiger Zeit noch sehr interessante Kopfbedeckungen!« Der große junge Mann, der bisher ausschließlich mit seiner Nachbarin beschäftigt gewesen, hatte den Herrn mit dem einzigen Stege nicht beachtet, als er aber den Merinohut mit den Falten in's Auge faßte, und das darunter befindliche Gesicht sah, brach er in ein lange anhaltendes schallendes Gelächter aus, von dem auch Herr Richard und seine Nachbarin angesteckt wurden; der Begleiter der hübschen Brünette glaubte ebenfalls lachen zu müssen, obgleich er nicht wußte, warum. »Ja, wahrhaftig, das ist köstlich! das ist unbezahlbar!« schrie Friedrich, bis zu Thränen lachend, »das ist allein schon eine Reise nach Orleans werth ... so Etwas sieht man selbst in der Industrieausstellung nicht!« – Man sollte es übrigens mit einem Erfindungspatent belohnen!« sagte der Blatternarbige. – »Um so mehr, als der Gegenstand auch widerstandsfähig gegen das Antreiben zu sein scheint ... Ha! ha! ich hätte große Lust, einen Versuch damit zu machen! ...« Ein strenger Blick seiner Tante hielt Herrn Friedrich von diesem tollen Vorhaben ab, zu dessen Ausführung er sonst gleich bereit gewesen wäre. Die hübsche Nachbarin stimmte in seine Heiterkeit ein und warf ihm, während sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch bedeckte, um ungestörter zu lachen, bedeutungsvolle Seitenblicke zu. Das Ehepaar St. Godibert hielt es unter seiner Würde zu lachen; aber ihr Sohn machte es wie sein Vetter, und der parfümirte Herr beugte sich zu seiner Dame hinüber, und fragte mit erzwungenem Lachen: »Was gibt es denn so Komisches, meine liebe Irma? ... ich habe es nicht recht verstanden.« Das junge Frauenzimmer zuckte flüchtig mit den Achseln und antwortete: »Ach, mein Gott, was soll ich Ihnen sagen, wenn Sie nicht sehen, was Jedem in die Augen springt?« – Ah! gut! ... ah! ja ... Ah! jetzt weiß ich es!« rief der junge Mann aus, der eben so pfiffig scheinen wollte wie die Andern, aber so wenig wußte wie vorher. Der alte Herr mit den Diamanten war der Einzige, der während dieser allgemeinen Heiterkeit fluchte, stöhnte und Grimassen schnitt. Was Den betrifft, welcher die Veranlassung dazu gegeben, so war er weit entfernt, sich für den Gegenstand des Gelächters zu halten, er sah zu beiden Wagenfenstern hinaus und fragte: »Was hat man gesehen? ... Ich habe nichts gesehen ... es geht so schnell ... Bichat hat mir geschrieben: »›Du mußt mir erzählen, was Du unterwegs sehen wirst ...‹« Aber der Teufel! man kann gar nichts sehen, denn man fliegt wie ein Vogel.« Friedrich, der den Mann mit dem Merinohute von oben bis unten gemustert hatte, sagte halblaut: »Es paßt aber Alles zu der Kopfbedeckung: der kleine Kragen, die Beinkleider, kurz, der ganze Anzug! ... O, ich muß durchaus erfahren, wer dieser Herr ist!« Nach einer Weile beugte sich Herr Friedrich gegen den Nachbar seines Freundes Richard vor und sagte zu ihm: »Sie haben vielleicht nicht bemerkt, mein Herr, daß Ihnen unterwegs ein Unfall begegnet ist und Sie Etwas verloren haben?« – Ich?« entgegnet der Reisende, »ich sollte Etwas verloren haben? ... jedenfalls weder meine Uhr noch mein Sacktuch, denn ich trage nie eines von beiden bei mir!« Man sieht sich gegenseitig an, und Herr Richard rückt von seinem Nachbar weg, indem er vor sich hin murmelt: »Er trägt kein Sacktuch bei sich ... wie macht er es denn, wenn er niesen muß? ... Das ist ja entsetzlich!« – Mein Herr,« versetzte Friedrich mit großer Kaltblütigkeit, »ich wollte von keinem dieser beiden Gegenstände sprechen. Ihre entschiedene Geringschätzung der Uhren und Sacktücher war mir überdies unbekannt. – »Es fällt mir nicht ein, sie zu verachten,« entgegnete der Reisende lächelnd; »aber die Uhren sind für meinen Beutel zu theuer, und was die Sacktücher betrifft, so bediene ich mich derselben sehr selten ... man kann sich ja mit Vater Adams Gabel helfen ... ha, ha!« Herr Richard rückte noch näher zu Friedrich hin. Madame St. Godibert murmelte zwischen den Zähnen: »Wie kommt es, daß ein solcher Kerl nicht in den Stehwägen sitzt?« Der wohlduftende Herr zog mit Affektation sein von Patchouli durchduftetes Taschentuch heraus und schneuzte sich mehrere Male, wahrscheinlich um zu beweisen, daß er nicht denselben Grundsätzen huldige, wie der schlecht gekleidete Mann. Herr St. Gobibert sagte, den Kopf schüttelnd, mit anmaßender Miene: »Ich bedaure, daß mein Bruder, der Gelehrte, nicht bei uns ist! ... Er macht gerne seine Beobachtungen, und hat eine Freude an Dingen, die Andern ... Mondigo ist eben verteufelt gescheit! ...« – Was man ihm jedoch nicht ansieht,« murmelte Richard. Friedrich wendete sich auf's Neue an den Mann in der Ecke: »Mein Herr, der Verlust, den Sie erlitten haben, ist nicht sehr beträchtlich, doch muß er Sie geniren ... es fehlt Ihnen am rechten Fuße eine Strippe.« Der Mann mit dem Kosakengesicht schlug auf seinen rechten Schenkel und erwiderte lachend: »Aha, mein Steg! ... der fehlt mir auf dieser Seite schon seit sechs Monaten ... ich wollte immer wieder einen annähen lassen, aber sie verlangen so viel für das Riemchen Leder, deßhalb dachte ich: bah! du trägst die Hose vollends so ab.« – Ich meine,« murmelte Richard sehr ernsthaft, »die Beinkleider seien dieser Ausgabe schon noch werth. – »Glauben Sie? Hm! sie sind doch allmählig sehr mürbe ... indessen müssen sie schon noch herhalten, denn ich habe keine anderen!« – Jetzt liefert uns doch die Garderobe dieses Herrn Stoff zur Unterhaltung,« sagte Friedrich leise. – »Ich fürchte, er verabscheut die Hemden eben so sehr, wie die Sacktücher!« entgegnete Richard seinem Freunde. »O weh! ...o weh! ... Ach! der Kuckuk! ach! der Schuft!« – Was gibt es?« fragte Madame St. Godibert, »ist Etwas an der Maschine geschehen? – »Nein, meine liebe Tante, beruhigen Sie sich; Sie sehen wohl, daß wir immer zufahren, der Herr ... der alte Herr in jener Ecke dort scheint Schmerzen auszustehen. – »Es ist wahr,« sagte Herr St. Godibert achtungsvoll, nach dem Herrn mit den Diamanten hinblickend, »der Herr scheint zu leiden, und auf der Reise ist das Kranksein eine doppelte Last.« – Unser Wagen stößt übrigens nicht,« flüsterte der parfümirte Herr, »man könnte Domino darin spielen.« Und da der Herr über seine eben geäußerten Worte entzückt war, sah er Jedermann lächelnd an, und bemerkte nicht, daß die rechte Hand seiner Reisegefährtin und die linke des großen jungen schwarzhaarigen Mannes verschwunden waren, wahrscheinlich, um sich an einem vor neugierigen Blicken geschützten Orte zu begegnen. »Zum Glück,« fuhr Herr St. Godibert fort, »sind wir auf dieser Seite nur zu Vier, weßhalb uns mehr Raum vergönnt ist ... Es freut mich für den alten leidenden Herrn, der sehr nobel aussieht.« – An was sehen Sie das, lieber Onkel?« entgegnete Friedrich leise; »vielleicht an den Lederkissen, die er unter seinem Hintern hat?« Herr St. Godibert runzelte die Stirne und brummte: »Sie sind immer derselbe, lieber Neffe! ... immer spöttisch, leichtsinnig und unbesonnen in Ihren Worten!« – Ja,« fügte die große Dame mit zorniger Miene bei, »und Sie vergessen die Achtung, welche Sie Verwandten schuldig sind, die Sie auf ihre Kosten haben erziehen lassen wie einen eigenen Sohn! ... so wird man meistens für seine Wohlthaten belohnt! – »Aber, meine theure Tante, wie können Sie sich wegen eines Scherzes erzürnen? ... Komm', Julian, leg' ein gutes Wort für mich ein ... sag' Deiner Mutter, daß ich nicht undankbar bin, denn ich lobe überall die Freigebigkeit, die Wohlthätigkeit und Seelengröße meiner werthen Verwandten.« – Meine Mutter ist nicht ernstlich ungehalten über Dich,« entgegnete der junge Julian, indem er sich beeilte, seinen Vetter zu unterbrechen, der, während er die preiswürdigen Eigenschaften seines Onkels und seiner Tante aufzählte, sie dabei auch nur zu verhöhnen schien. Die Reise wurde eine Zeit lang schweigend fortgesetzt; allein Herr Friedrich und seine Nachbarin schienen sich, ohne mit einander zu sprechen, sehr gut zu verstehen. Bald jedoch wandte sich der große junge Mann, der kein Freund vom Schweigen war, abermals an den Kosakenkopf mit den Worten: »Mein Herr, Sie werden mich für sehr neugierig halten, und meine Frage wird Ihnen vielleicht unbescheiden vorkommen, aber ich kann nicht umhin, sie an Sie zu stellen: Sie haben einen Hut auf, der meine Bewunderung erweckt, ich habe noch nirgends einen ähnlichen gesehen; würden Sie mir vielleicht gefälligst sagen, wo man solche Hüte bekommen kann?« – Meinen Hut? ... Ah! den habe ich selbst gemacht aus einem Stück Merino, welches mir von einer Robe meiner Seligen übrig geblieben war, aus welcher ich bereits zwei Westen gemacht hatte. – »Sie haben zwei Westen aus Ihrer Seligen gemacht?« – Ja, mein Herr, das heißt aus ihrer Robe. Ich habe selbst meinen alten Filzhut damit überzogen. – »Ah! die Form ist sehr gefällig ... ich gäbe etwas, wenn ich einen ähnlichen hätte und würde ihn einem Gibus bei weitem vorziehen! ... Sie sind sicher ein Hutmacher, mein Herr, sonst wäre Ihnen die Arbeit nicht so gut gelungen.« – Doch nicht, mein Herr! ich bin ein Knopfmacher. –»Knopfmacher ... was ist das für ein Metier?« – Ich mache Hornknöpfe. – »Ah! Sie machen Knöpfe ... ganz gut ... Es scheint übrigens, daß Sie nicht für sich selbst arbeiten, denn es fehlen mehrere an Ihrem Ueberrock.« – Hm! Sie kennen ja das Sprüchwort: »›Die Schuhmacher haben die schlechtesten Stiefeln.‹« Mein Gewerbe ist aber auch ein miserables ... es ginge noch an, wenn ich zugleich die Oehren machen dürfte, dann würde ich mehr verdienen. – »Ah, Sie machen Knöpfe ohne Oehren?« – Ich habe schon Allerlei versucht ... Ich war lange Zeit Hosenstricker, Zollschreiber, Umgelder ... und manches Andere! ... ich habe es mit Vielem probirt, habe aber kein Glück. – »Sie haben eben Ihre rechte Bestimmung verfehlt. Ich versichere Sie, mein Herr, Sie hätten Hutmacher werden sollen.« – In der That? wahrhaftig, ich gehe nach Paris, ohne recht zu wissen warum; allein Bichat hat mir geschrieben: »›Komm schnell, ich habe Dir etwas Gutes vorzuschlagen ... setze Dich auf die Eisenbahn, ich bezahle Deine Reise ... ‹« nun können Sie sich denken, daß ich unverzüglich abgereist bin. – »Bichat ist ein Anverwandter von Ihnen?« – Er ist mein Freund, mein Gevatter ... Als meine Selige gestorben war, fand ich sechs Paar Strümpfe in ihrem Kasten, die ich Bichat zum Präsent machte. – »Ah! Ihre selige Frau Gemahlin trug Strümpfe? Ei, da haben Sie ja eine Menge Sachen aus ihrem Nachlasse verwenden können ... ihre Strümpfe werden übrigens ohne Zweifel nicht groß genug für Sie gewesen sein und Ihr Freund Bichat wird wohl einen kleinen Fuß haben.« – Der Teufel auch! Meine Selige war zweimal so dick wie Madame da ... nun können Sie sich einen Begriff von ihrem Umfang machen.« Damit deutete der schmutzige Reisende auf Madame St. Godibert, welche mit zorniger Miene das Gesicht abwendete und vor sich hinbrummte: »Ich begreife nicht, was mein Neffe für ein Vergnügen daran findet, mit diesem Menschen zu sprechen!« Aber während der vorangegangenen Unterhaltung hatten die hübsche Brünette und Friedrichs junge Nachbarn bisweilen gelacht, ein Beweis, daß sie die Ansicht der Frau St. Godibert nicht theilten. Und der große junge schwarzhaarige Mann, welcher sich sehr wenig um den Aerger seines Oheims und seiner Tante zu bekümmern schien, setzte sein Gespräch mit dem Knopfmacher fort. »Nach dem, was Sie gesagt haben, vermuthe ich, daß Ihre Frau Gemahlin sehr schön war.« – O! eine Tonne ... ein Thurm! ... Ich habe diesen kleinen Kragen aus einem ihrer Spencer gemacht, die Strümpfe habe ich Bichat geschenkt, weil ich nie welche trage.« Herr Richard machte abermals eine Bewegung, sich noch weiter von dem Knopfmacher zu entfernen, die hübsche Brünette verging fast vor Lachen in ihrem Taschentuch und Friedrich fuhr fort: »Ah! Sie tragen keine Strümpfe ... Sie sind vielleicht an Socken gewöhnt?« – Nein, mein Herr, ich trage gar nichts! ... Wozu braucht man all den Quark in seinen Stiefeln? – »Sie machen es wie die Schotten, die mit nackten Beinen gehen.« – Und außerdem kostet alles das Geld. Ach, wenn man nicht zu mir gesagt hätte, es gebe keinen Platz mehr in den Stehwagen, so können Sie sich denken, daß ich nicht hier hereingesessen wäre ... es ist aber vielleicht nur ein Schlich der Beamten, damit man theurere Plätze nehme. – »Das ist sehr strafbar von der Verwaltung!« sagte Herr St. Godibert, seine kleine Nase hinaufziehend; »sie setzt reiche Leute in die unangenehme Lage, mit ... kurz, ich werde mich auch beklagen!« – Ei, mein Gott, lieber Onkel, was wollen Sie machen? ... in den Omnibus geht es ebenso zu, und ...« In diesem Augenblick wird das Gespräch durch einen ziemlich starken Stoß des Wagens unterbrochen, und gleich darauf hält der Zug. Schrecken malt sich auf den meisten Gesichtern. Frau St. Godibert und ihr Gatte stoßen ein fürchterliches Geschrei aus; das hübsche Frauenzimmer erblaßt und fängt an zu zittern, und ihr Begleiter ruft aus: »Der Zug ist auf etwas gestoßen, wir sind Alle des Todes!« Der alte Herr stöhnt und bewegt sich auf seinen Lederkissen, als ob er sich erheben wolle. Friedrich bemüht sich, seine Nachbarin zu beruhigen und geht in seinen Beruhigungsversuchen so weit, daß er seinen Arm von hinten um ihre Taille schlingt; aber der Reisegefährte dieser Dame ist zu sehr von Schrecken ergriffen, als daß er es bemerkte. Während dieser Zeit hat der Knopfmacher seinen Kopf zum Wagenfenster hinausgestreckt, zieht ihn dann wieder zurück und sagt: »Es hat nichts zu bedeuten! ... es hat ein kleiner Erdrutsch stattgefunden, den man nicht mehr signalisiren konnte ... nun ist aber der Weg wieder frei und wir werden wieder so gut fahren wie vorher.« In der That setzte der Zug nach wenigen Minuten seinen Weg wieder fort, wo dann die Heiterkeit wieder auf die Gesichter zurückkehrte. »Das ist mir eins,« sagte Her« St. Godibert, »wenn das in einem Tonnelle ... Turnell ... kurz, in einem unterirdischen Gange vorgefallen wäre, so würde es sehr schrecklich und vielleicht höchst gefährlich gewesen sein.« – Es bleibt dabei, ich gehe nicht nach Rouen,« rief Madame St. Godibert aus. »Aber, liebe Tante, es kann nichts geschehen und Sie werden leicht einsehen, daß in einem Tunnel auch kein Erdrutsch zu befürchten ist, da rings herum Alles aufgemauert ist.« – Das ist ganz gleich, lieber Neffe, ich gehe nicht bälder nach Rouen, als bis die unterirdischen Gänge unter freiem Himmel sind.« Kurze Zeit darauf ließ sich ein höchst unausstehlicher Geruch im Wagen verspüren, der Jedem der Reisenden in die Nase stieg; in der Nähe des alten Herrn mit den Lederkissen schien er aber am durchdringendsten. »Ach, mein Gott! was ist das?« rief die große Dame aus; »Friedrich, machen Sie die Wagenfenster auf! ... Ach! wie abscheulich! ... Himmlischer Vater, was geht in diesem Wagen vor?« – Das ist wahrscheinlich eine Folge des Schreckens,« entgegnete Friedrich lachend. »Thatsache ist, daß es ausgezeichnet stinkt!« sagte der Knopfmacher. »Ich gäbe hundert Sous für ein Prise Tabak!« meinte Herr St. Godibert. Der alte Herr sagte allein nichts und schien gegen den übeln Geruch sehr gleichgültig; er sah sogar zufriedener aus und stöhnte weit weniger als vorher. Der frisirte Herr hatte eine Tabaksdose aus seiner Tasche gezogen, machte sie eiligst auf und präsentirte sie der Gesellschaft mit den Worten: »Hier ist Tabak! Ich schnupfe wenig, aber auf der Reise kommt er Einem oft sehr zu Statten, wie z. B. im gegenwärtigen Augenblicke.« Herr St. Godibert, seine Frau und die drei jungen Leute griffen hastig in die ihnen dargebotene Dose. Der Knopfmacher wollte dasselbe thun; er beugte bereits seinen Körper vor und streckte die Hand aus, um eine Prise zu nehmen, als ihn der junge pockennarbige Herr zurückhielt und seine Hand heftig wegstieß: »O! nein, mein Herr, nein, wenn Sie erlauben!« schreit er, »Sie dürfen nicht schnupfen ... Ihnen ist es verboten!« – Und warum denn?« fragt der Mann mit dem faltigen Hute, seinen Nachbar erstaunt anblickend. »Da dieser Herr Jedermann seine Dose anbietet, warum soll ich nicht auch eine Prise bekommen! – »Wie? warum? Weil Sie kein Sacktuch bei sich führen, mein Herr. Sie haben selbst zu uns gesagt, Sie bedienen sich nie eines solchen, und wenn man kein Sacktuch trägt, schnupft man auch nicht, weil Einen das zum Niesen und zu einer Masse Dinge nöthigt, die sehr unangenehm für Ihre Nachbarn wären.« – Was leiern Sie mir da vor? ... Ich niese, wenn ich mag ... das geht Sie nichts an! – »Im Gegentheil, in Anbetracht meiner unmittelbaren Nähe sehr viel.« – Und ich sage Ihnen, ich nehme eine Prise und Sie sollen mich nicht daran hindern ... – »Und ich sage Ihnen, Sie nehmen keine!« Der Streit schien größere Dimensionen annehmen zu wollen. Der frisirte Herr hielt noch immer seine Dose offen in der Hand und schien nicht recht zu wissen, was er thun sollte; da ersann seine hübsche Begleiterin plötzlich ein Mittel, dem Wortwechsel ein Ende zu machen; mit einer Wendung ihrer Hand warf sie die Dose sammt Inhalt auf den Boden. »Jetzt ist der Streit entschieden!« rief Friedrich aus. »Ach, Irma!« klagte der parfümirte Herr, indem er sich bückte, um seine Dose aufzuheben, »Sie bringen mich da um einen köstlichen Tabak; es ist ächter Robillard.« – Ich that es absichtlich,« sagte die hübsche Brünnette leise, gegen Friedrich gekehrt, und dieser benützte das Herumtappen ihres Begleiters auf dem Boden, um zu erwidern: »Man kann unmöglich geistreicher und verführerischer sein ... erlauben Sie mir nicht, Sie wiederzusehen? Sie gehören zu den Personen, deren Begegnung ein Glück ist ... wenn ich Sie aber nicht wiedersehen dürfte, würde ich ewig unglücklich sein!« – Wirklich? – »Sonderbar, ich finde sie nicht!« murmelte der frisirte Herr, der beinahe auf allen Vieren in dem Wagen herumkroch. »Entschuldigen Sie, meine Herren, wollen Sie nicht Ihre Füße ein wenig zurückziehen?« – Er wird sie nicht bälder finden, als ich will!« sagte Fräulein Irma, indem sie Friedrich zulächelte; »ich habe meinen Fuß darauf gestellt. – »O! antworten Sie mir, um Gottes willen ... wo kann ich Sie in Paris wiedersehen ... darf ich Sie besuchen?« – Das ist unmöglich ... ich wohne mit ihm zusammen! ... – »Irma, liebe Freundin, thue ein bischen Deinen Fuß weg, damit ich unter Deinem Rocke suche.« – Es ist überflüssig, mein Herr, sie ist nicht da hinunter gekommen. – »So geben Sie mir ein Stelldichein ... Ach, ich beschwöre Sie, schlagen Sie mir es nicht ab.« – Nun gut ... so kommen Sie morgen Mittag um zwölf Uhr in die Cité Bergère! – »Morgen Mittag um zwölf Uhr! ... O, Sie sind göttlich!« – Ah! da ist sie! da rollt sie! ... ich habe sie gefunden!« Damit kam der Kopf des Herrn wieder in die Höhe, er setzte sich wieder auf seinen Platz und rief aus: »Ich habe meine Dose wieder! Aber zum Kuckuk! ... es ist keine einzige Prise mehr darin.« – Nun, lieber Freund, seien Sie jetzt ein wenig ruhig! – »Ja, theure Irma!« –Und während alles Dies vorging, hatte sich der Knopfmacher mit sehr mißmuthiger Miene in seine Ecke zurückgezogen und brummte: »Ach, das ist sehr ärgerlich, daß der Tabak hinuntergefallen ist! Denn sonst hätte man gesehen ... Mich zu hindern, eine Prise zu nehmen ... das ist unverschämt! ... Was geht das ihn an, daß ich kein Sacktuch habe? Haben wir keine Freiheit mehr ... verlangt die Charte, daß jeder Franzose ein Sacktuch in der Tasche haben soll? Das genirt Einen nur! ... Der Herr da hat die seinigen vielleicht noch nicht einmal bezahlt.« Der Zug hält; man ist auf der Station Corbeil angekommen. Gleich darauf wird der Schlag aufgemacht und ein junges Mädchen erscheint auf dem Fußtritt; sie blickt schüchtern rechts und links in den Wagen hinein und sagt: »Ich sehe aber hier keinen Platz!« Einer der Beamten kommt und schiebt die Jungfrau in das Innere des Wagens mit den Worten: »Entschuldigen Sie Fräulein! Sehen Sie, auf dieser Seite sitzen nur Vier; es ist ein Platz frei, denn es gehören fünf dorthin. Sie werden sich selbst überzeugen.« Der junge Julian ist zu seinem Vater hingerückt, aber der alte Herr bleibt unbeweglich auf seinen Lederkissen sitzen und scheint es darauf ankommen zu lassen, ob man es wagen würde, ihn zum Rücken zu nöthigen. Rosa-Maria muß sich also mit dem schmalen Raume begnügen, den ihr der junge Mann einräumt, denn die Neuangekommene ist Hieronymus' Tochter, welche eben mit dem Fontainebleauer Wagen angelangt war und sich eilig auf die Eisenbahn begeben hatte, um mit dem ersten Zuge nach Paris zu fahren. Die Ankunft einer neuen Person verursacht in einem öffentlichen Wagen immer eine Bewegung der Neugierde. Ist die Person, die mit uns fährt, ein junges hübsches Frauenzimmer, dann dauert die Neugierde noch länger; bei den Einen stellt sie sich als Theilnahme, bei den Andern als Wohlwollen oder Neid dar. Die Erscheinung Rosa-Maria's mußte nothwendig in einem engen Raume, wo die Männer die Mehrzahl bildeten, Sensation erregen. Das junge Mädchen war zu hübsch, um unbeachtet zu bleiben, und dann nahm ihre bescheidene, züchtige und anständige Miene vollends zu ihren Gunsten ein; denn eine solche Miene gefällt immer, und selbst Diejenigen, die sie nicht mehr haben, können nicht umhin, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der junge St. Godibert hatte, obgleich er immer nur seitwärts schielte, doch mit einem Blicke gesehen, welche reizende Nachbarin ihm der Zufall zugesandt hatte, und während er dichter zu seinem Vater hinrückte, damit sie mehr Platz bekäme, war es ihm doch nicht unangenehm, von ihr gestreift und berührt zu werden. Herr Richard warf glühende Blicke auf das junge Mädchen; er wollte es ohne Zweifel blenden, bezweckte jedoch nur, daß es die Augen niederschlug. Friedrich, obgleich sehr mit seiner Nachbarin beschäftigt, konnte seine Bewunderung für Rosa-Maria nicht bergen, und er blickte weit nicht mehr so oft links; der parfümirte Herr murmelte vor sich hin: »Das ist ein sehr hübsches Frauenzimmer!« Herr St. Godibert nickte übereinstimmend mit dem Kopfe; selbst der Herr ohne Strümpfe und Sacktücher rollte, wenn er die Jungfrau anblickte, seine Augen, als ob er ihnen Glanz verleihen wolle, und bemühte sich, den kleinen Kragen auf seinen Schultern in Ordnung zu bringen. Was die Frauenzimmer betrifft, so sehen sie nicht gern eine Person ankommen, die ihnen die Palme der Schönheit streitig machen oder entreißen kann. Die dicke Dame mit dem Beduinengesichte hätte keine Ansprüche mehr machen sollen; aber man urtheilt so selten unparteiisch über sich. Frau St. Godibert, welche sich für eine sehr schöne Frau hielt, maß die Jungfrau von Kopf bis zu Fuße und richtete sich auf, mit einer Miene, welche sagen sollte: »Das hält keinen Vergleich mit mir aus!« Es bestand auch in der That nicht die mindeste Ähnlichkeit zwischen Beiden. Die reizende Irma gab zuerst ihrem Begleiter einen tüchtigen Tritt, um ihm die Lust zu benehmen, sich laut über die mitreisenden Damen zu äußern; dann warf sie einen ärgerlichen Blick auf das junge Mädchen und zuletzt einen auf Friedrich, und so oft der junge Mann nach Rosa-Maria hinsah, versetzte sie ihm einen Ellbogenstoß in die Rippen. Diejenige, welche diese Bewegung veranlaßte und der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit war, hatte keine Ahnung davon. Eingeschlossen mit so vielen Leuten, und besonders mit Personen, welche ihrer Ansicht nach den höheren Ständen angehörten, war sie ganz eingeschüchtert; sie wagte es nicht, ihre Blicke zu erheben, sondern saß regungslos auf ihrem Platze, von dem sie so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen suchte, um ihre Nachbarn nicht zu geniren, wenn gleich Julian mit honigsüßer Stimme öfters zu ihr sagte: »Rücken Sie doch näher, Fräulein, fürchten Sie sich nicht ... ich habe noch Platz genug.« Endlich wendete der alte Herr, als er bemerkte, mit welcher Rücksicht die Jungfrau sich von ihm entfernt zu halten suchte, den Kopf nach ihr und murmelte, ohne diesmal ein Gesicht zu schneiden, zwischen den Zähnen: »Ach! der Teufel! ... ach, wenn es mir nicht so schlecht wäre, würde ich Ihnen Platz machen. Ach, potz Sapperment! in früheren Jahren hätte ich Sie auf den Schooß genommen!« – Die Kleine, die eben eingestiegen, ist verflucht hübsch!« flüsterte Herr Richard in das Ohr seines Freundes Friedrich; »das ist etwas Anderes als die zu Deiner Linken. – »Ja,« erwiderte der große junge Mann leise, »das Mädchen ist zum Entzücken; meine Nachbarin zur Linken ist aber deßhalb doch sehr artig und anziehend.« – Anziehend? nein ausziehend, derer gehen Hundert auf eine Einzige wie diese. Deinem Vetter Julian ist es nicht leid, sie neben sich zu haben. – »Julian? ... O, was wird der an Frauenzimmer denken! ... er fürchtet sich zu sehr vor seinem Vater und seiner Mutter!« – Das glaubst Du, weil er eine so scheinheilige Miene annimmt; aber das ist ein Duckmäuser, der seine Streiche im Stillen ausführt. – »O! wahrhaftig! wenn der Streiche machte, müßte ich mich sehr wundern.« – Du hast mit Deiner Nachbarin zur Linken zu thun; Julian darf nicht von seinen Eltern weg; aber ich, der ich so frei wie der Vogel in der Luft bin, werde mich bestreben, die Bekanntschaft dieses kleinen Schatzes zu machen. – »Wirklich? ... Ach, Richard, Du bist ein Bösewicht! Wahr ist es, das junge Mädchen ist sehr schön ... welche Augen ... welche reizende Augbrauen ... und die Umrisse ihres Gesichts sind wunderl ...« Ein kräftiger Stoß mit dem Ellbogen unterbrach Friedrich in seinen Ergießungen über Rosa-Maria's Reize, er biß sich lächelnd in die Lippen und wendete seine Blicke pflichtschuldigst wieder auf Fräulein Irma. Mit einem Male beugte sich der Mann im Merinohut zu Rosa-Maria herüber und rief ihr zu: »Mamselle, ich meine, Sie sitzen dort nicht gut; es sind so viele dicke Personen auf Ihrer Bank. Nehmen Sie meinen Platz hier in der Ecke, dann werden Sie besser daran sein; mir ist es gleichgültig, wo ich sitze ... mir ist es überall recht.« Damit erhob sich der Knopfmacher bereits, um den Platz zu wechseln; aber die Jungfrau entgegnete ihm mit einem holden Lächeln: »Ich danke Ihnen, mein Herr, ich will Niemand stören, außerdem sitze ich ganz gut.« – Es stört mich aber nicht ... nehmen Sie doch meinen Platz ... machen Sie keine Umstände. – »Sie sind zu gütig, mein Herr, aber gewiß, ich bin ganz zufrieden ... ich danke Ihnen.« Der Knopfmacher ließ sich wieder in seine Ecke nieder und sagte: »Wie Sie wünschen! ... Ich habe Ihnen aber das Anerbieten mit dem besten Willen gemacht; denn um höflich zu sein, braucht man kein Sacktuch in der Tasche zu haben!« Diese Worte waren mit einem zornigen Blicke auf Herrn Richard begleitet, der bloß darüber lachte und ganz leise erwiderte: »Wo mag sich die Galanterie noch hin verirren!« Von nun an wurde die Reise ziemlich schweigsam zurückgelegt. Seit der Ankunft der zehnten Person hatte sich die innere Physiognomie des Wagens verändert. Die Frauenzimmer waren mißlaunig geworden, die Männer schienen in Gedanken; selbst des glänzenden Friedrichs Beredsamkeit war verstummt, so in Anspruch war er genommen von der Bewunderung seines vis-à-vis und dem Bestreben, gleichzeitig auch liebenswürdig gegen seine Nachbarin zu sein. Und da es auf der Eisenbahn sehr schnell geht, selbst wenn man nichts spricht, so gewahrten die Reisenden bald mit Erstaunen, daß der Wagen stille stand; sie waren am Ziele angekommen und befanden sich in dem Bahnhof auf den neuen Boulevards beim botanischen Garten. »Schau', schau'!« rief der Knopfmacher, nach dem Schlage eilend, aus: »Ei, das geht schnell! Diese Gerechtigkeit muß man den Eisenbahnen widerfahren lassen ... und man wird gar nicht gerüttelt ... Sieh, da ist der naturgeschichtliche Garten ... ehe ich Bichat aufsuche, will ich ein bischen hineingehen und mich mit den Bären unterhalten.« Die Familie St. Godibert war in einen Fiaker gestiegen. Der junge Julian kehrte sich noch ein paar Mal um, um nach dem hübschen Mädchen zu sehen, welches neben ihm gesessen hatte, aber Vater und Mutter riefen ihm und so stieg er ebenfalls, höchst ärgerlich, nicht sein eigener Herr zu sein, in den Wagen. Was Friedrich anbetrifft, so hatte sich dieser bereits von seinem Onkel und seiner Tante verabschiedet und folgte, nachdem er Rosa-Maria lächelnd angeblickt und seinem Freunde zum Zeichen des Einverständnisses zugewinkt hatte, den Schritten des frisirten Herrn, welcher sich, der reizenden Irma den Arm reichend, über die Austerlitz-Brücke entfernte; und diese wendete, während sie ihren Rock etwas in die Höhe hob, um ein schön geformtes Bein zu zeigen, oft ihren Kopf um, um sich zu überzeugen, daß ihr Friedrich folge, wobei sie ihm Blicke zuwarf, in denen deutlich zu lesen war: »Wenn Sie nicht mir nachgehen und bei dem jungen Mädchen bleiben, welches mit uns auf der Eisenbahn war, so werden Sie mich morgen vergeblich in der Cité Bergère erwarten!« Hieraus ersehet ihr, daß die Damen mit ihren Augen noch schneller sind als die Geschwindschreiber mit ihren Zeichen. So gewandt und erfahren die Letzteren auch sein mögen, glaube ich doch nicht, daß sie im Stande wären, der Sprache gewisser Augen in gewissen Momenten zu folgen. Neuntes Kapitel. Rosa-Maria in Paris Alle Reisenden waren aus den Wägen, Diligencen und Waggons ausgestiegen, außer dem alten Herrn mit den runden Lederkissen, welcher sich nicht leicht von einem Orte zum andern bewegen konnte, und überdies auf seinen Bedienten wartete, der in einem Waggon gesessen hatte, um sich an dem Arme desselben fortzuhelfen. Rosa-Maria befand sich in dem ungeheuer großen Bahnhofe, wo sowohl die Ankunft als die Abfahrt eines Zuges stets eine Bewegung und Aufregung verursacht, wodurch Personen, welche nicht gewohnt sind, mit der Eisenbahn zu reisen, in Staunen und Verwunderung gesetzt werden. Ueberall sieht man Reisende mit einander sprechen, still stehen und Commissionären rufen; dort treffen sich alte Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten, obgleich sie Beide in Paris, aber in verschiedenen Quartieren wohnen. Sie finden sich im Bahnhofe, weil sich dort alle Quartiere vereinigen; dort verschmelzen sich alle Stände, alle Parteien; der Marais, die Vorstadt St. Germain und die Chaussée d'Antin, der Aristokrat und der Republikaner nehmen friedlich neben einander Platz. Alles strömt dort zusammen, und man begegnet oft Personen, die man vergeblich Jahre lang auf den Straßen und den Spaziergängen der Stadt gesucht hätte. Rosa Maria erkundigte sich zuerst nach ihrem Koffer. Man sagte ihr, er stehe zu ihrer Verfügung; aber das junge Mädchen dachte, es sei nicht sehr bequem, mit einem Koffer und einem Commissionär in Paris herumzulaufen, um die Wohnung ihrer Oheime zu suchen; dann schien es ihr auch, daß wenn sie sich so ohne Weiteres mit ihrem Gepäck bei Verwandten, die sie nicht kannte, einfinden würde, dieses so viel hieße als: »Ich komme zu euch und ihr müßt mich behalten, ihr mögt wollen oder nicht.« Rosa-Maria, welche die Meinung ihres Vaters nicht ganz theilte und auch nicht in der Hoffnung mit ihm übereinstimmte, daß sie von ihren Onkeln besonders gut aufgenommen werden würde, hatte einen zu stolzen Charakter, um sich bei Leuten einzuquartiren, die sie nicht mit Freuden behalten würden. Das junge Mädchen hatte sich bereits vorgenommen, lieber in einem Laden zu arbeiten und aus ihrer Geschicklichkeit im Nähen und Sticken Vortheil zu ziehen, als bei Verwandten zu leben, denen sie zur Last fiele. Das Ergebniß dieser Betrachtungen war, nachzufragen, ob sie ihren Koffer nicht auf dem Eisenbahnbureau zurücklassen könnte. Nachdem man ihr eine bejahende Antwort ertheilt hatte, gab sie ihren Namen an, damit der Koffer nur abgegeben werde, wenn Jemand in ihrem Auftrage komme, dann machte sie sich auf den Weg, um die Wohnung ihres Oheims Nicolaus Gogo aufzusuchen, wobei sie zu sich sagte: »Wenn ich zufällig Herrn Leopold begegnete, würde er sich sehr wundern, mich in Paris zu sehen; es wäre ihm ohne Zweifel höchst gleichgültig ... ich würde auch nicht mit ihm sprechen, sondern ihn nur bitten, mir zu sagen, was er mit meinem Bildniß angefangen hat ... denn wenn man nicht mehr an die Leute denkt, ist es auch wahrscheinlich, daß man ihr Bild nicht mehr aufbewahrt!« Während die schöne Reisende im Bahnhof hin und herging, nie den rechten Weg fand, und sich in den Sälen und weiten Gängen verirrte, ließ sie ein Mann nicht aus den Augen, sondern folgte ihr unbemerkt und beobachtete alle ihre Bewegungen. Ihr wißt bereits, daß dies der junge sehr häßliche Mann mit Namen Richard war. Obgleich dieser Herr nie auf den ersten Anblick verführte und auf den zweiten oft mißfiel, maßte er sich doch an, über die Frauenzimmer, welche er hübsch fand, zu triumphiren. Wenn er geistreich und liebenswürdig gewesen wäre, hätte man es noch begreifen können, aber Herr Richard hatte, ohne gerade dumm zu sein, doch keinen Geist, denn damit konnte man doch seine Gewohnheit, zu spotten und Alles, was Andere thaten, ins Lächerliche zu ziehen, nicht bezeichnen; sein einziger Vorzug war ein gutes Gedächtniß, und da er viel gelesen hatte, so kam ihm dieses in der Unterhaltung, wo er sich das Ansehen eines äußerst wissenschaftlichen Mannes zu geben suchte, sehr zu Statten; er war aber nicht liebenswürdig, weil er neidisch war, und der Aerger über seine Häßlichkeit und Mittellosigkeit aus allen seinen Worten hervordrang. Welches waren nun seine Verführungsmittel? Hartnäckigkeit, Ausdauer und Verleumdung. Er belagerte und ermüdete ein Frauenzimmer mit seinen Huldigungen und Erklärungen; er war ihr beständig auf den Fersen und that sein Möglichstes, ihren guten Ruf zu untergraben; es gelang ihm bisweilen und er ließ sich nicht eher bestimmen, von seinen Verfolgungen abzulassen, als bis seine Glut gestillt war. Und es gibt manche Frauen, die schwach genug sind, solchen Männern nachzugeben! Aber fügen wir schnell hinzu, daß es noch eine weit größere Anzahl gibt, die dieselben für ihre Unverschämtheit strafen, und daß Verführer von Herrn Richards Sorte oft Zurechtweisungen erhalten, deren zu rühmen, sie sich wohl hüten. Rosa-Maria blieb in dem großen Hofe stehen, der an das Ufer des Flusses stieß; sie zog das Papier aus der Tasche, auf welches sie die Adressen der beiden Brüder ihres Vaters geschrieben hatte. Nicolaus Gogo wohnte in der St. Lazarusstraße. Dort sollte sie also zuerst hingehen; sie trat auf einen Fiaker zu und fragte ihn, welchen Weg sie einschlagen müsse, um in die St. Lazarusstraße zu gelangen. »Gehen Sie über die Brücke von Austerlitz, die Sie da unten sehen, dann gerade fort auf den Boulevards, am St. Martins- und St. Denisthor vorbei bis zur Montblancstraße, diese durchgehen Sie ganz und am Ende derselben gelangen Sie in die St. Lazarusstraße; es ist aber sehr weit, Mamselle, und Sie würden besser daran thun, sich in einem Wagen hinführen zu lassen, besonders wenn Sie in Paris nicht bekannt sind.« Aber das junge Mädchen war nicht müde und wollte den Weg lieber zu Fuß zurücklegen. Es war noch nicht spät, denn sie war um vier Uhr in Paris angekommen. Das Wetter war herrlich und es war ihr nicht unangenehm, die Stadt ein wenig kennen zu lernen, von der man so viel spricht und die, wie man sagt, ihres Gleichen nicht in der Welt hat. Vielleicht herrschte noch ein anderer Grund vor, der Rosa-Maria bewegte, zu Fuße zu gehen. Brauche ich ihn euch zu sagen? Nein, ihr errathet, was in dem Herzen der Jungfrau vorgeht, die noch nicht weiß, daß Paris eine ungeheure, äußerst bevölkerte Stadt ist, wo die Menge unaufhörlich hin und herrennt, sich drängt, bewegt, stoßt und drückt, und in der man oft lange gehen kann, ehe man einem Bekannten begegnet. Herr Richard hat das junge Mädchen ein Papier aus der Tasche ziehen, etwas lesen und dann einen Kutscher fragen sehen; er hat gleich errathen, daß sie sich nach einer Adresse erkundige; wenn er näher bei ihr gewesen wäre, hätte er eilig seine Dienste angeboten; aber es war zu spät. Nachdem die junge Reisende sich bei dem Kutscher bedankt hatte, trat sie ihren Weg an. Herr Richard folgte ihr mit dem Gedanken: »Ich will warten, bis sich eine Gelegenheit darbietet, sie anzureden; diese kann nicht lange ausbleiben.« Rosa-Maria ging über die Brücke von Austerlitz, dann über die Boulevards längs des Kanals hin; von Zeit zu Zeit sah sie sich neugierig um, hatte aber noch nichts bemerkt, was ihre Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Der Boulevard Bourbon ist wenig besucht: auf der einen Seite sind die Kornmagazine, das alte Quartier des Arsenals, die alte Bibliothek, und auf der andern Seite ein großer Wassergraben; das ist Alles, was diese Promenade den Blicken der Spaziergänger gewährt, die man deßhalb auch nicht in großer Anzahl dort sieht. Und das schöne Mädchen von Avon, welches Paris nach dem beurtheilte, was sie von demselben gewahrte, sprach unterwegs vor sich hin: »Das ist aber nicht sehr schön ... ich begegne wenig Leuten ... es gibt, wie es scheint, fast keine Läden da herum, und man hat mir gesagt, Paris sei so heiter, so geräuschvoll, so bevölkert! ... ich finde das nicht ... und ich meine, man könne sich auf den Straßen sehr gut treffen und sehen ... Wenn Herr Leopold hier vorbeiginge, so würde ich ihn ganz gewiß augenblicklich sehen.« Aber den Herrn sah Rosa-Maria nicht, der nur einige Schritte hinter ihr ging und seinen Gang ganz nach dem ihrigen richtete; Herr Richard blieb allerdings noch in gehöriger Entfernung, oft sogar weit hinter ihr zurück, denn dann konnte er die Taille, den Fuß, das Bein und die Gestalt des jungen Mädchens ungestörter betrachten. Diese Beobachtungen fielen ganz zu Gunsten der reizenden Rosa aus und trugen nur dazu bei, den häßlichen jungen Mann in seinen Absichten zu bestärken. Auf dem Bastilleplatz angelangt, fand Hieronymus' Tochter Paris schon heiterer. Jetzt erst trat ihr die große Stadt mit ihren Bewohnern, ihren Kaufleuten, ihren Spaziergängern, ihren Wägen, ihren Buden, ihrem Geräusch, ihrer Bewegung, kurz, ihrer Lebendigkeit vor Augen. Jetzt blieb sie unentschlossen stehen, sah rings herum, bewunderte die schöne Säule und die lange Allee vor sich; aber bald erinnerte sie sich, was man ihr von dieser schönen Promenade in Paris, die Boulevards genannt, erzählt hatte, und sie dachte: »O, das sind sie! ... das ist recht ... so hat man mir sie geschildert ... der Kutscher sagte mir, das sei mein Weg ... vorwärts ... Ach, wie viele Leute! ... wenn er jetzt vorbeiginge, würde er mich vielleicht nicht bemerken.« Rosa-Maria ging über den Platz und schritt auf das Boulevard Beaumarchais zu, aber nun ging sie nicht mehr mit der früheren Sicherheit. Die vielen Vorübergehenden machten sie ängstlich, das Wagengerassel betäubte sie, das Geschrei der herumwandelnden Krämer setzte sie in Erstaunen, und die Blicke, die man auf sie warf, trieben ihr oft das Blut in das Gesicht. Denn es gibt in Paris Männer, welche ein hübsches Mädchen gar sonderbar betrachten, und um ihr zu verstehen zu geben, daß sie sie nach ihrem Geschmack finden, nichts besseres wissen, als sehr unschickliche Geberden an sie hin zu machen oder unzüchtige Worte an sie zu richten. Rosa-Maria waren auf diese Weise bereits mehrere plumpe Complimente von Vorübergehenden zu Theil geworden. Weit entfernt, davon geschmeichelt zu sein, gerieth sie in Verlegenheit und bedauerte, daß sie ihr Hut den Blicken nicht besser entzog. Sie wäre gern schneller gegangen, aber einer Person, die nicht an den Aufenthalt in Paris gewöhnt ist, wird es oft schwer, sich durch diese hin und her wogende Menschenmenge hindurchzuarbeiten. Je weiter die Jungfrau kam, desto mehr Menschen begegneten ihr; auf dem Boulevard des Tempels, wo die Bewegung immer größer wurde, blieb Rosa-Maria endlich erschrocken stehen und sagte zu sich: »Mein Gott! wenn das so fortgeht, so kann ich mich bald nicht mehr hindurchwinden ... und ich war der Meinung, es werde mir ein Leichtes sein, ihm zu begegnen! ... Ach, wie sehr habe ich mich getäuscht! ... Es ist etwas Entsetzliches um eine solche Menschenmasse!« Allein trotz ihres Schreckens blieb die reizende Rosa vor einem kleinen, noch nicht fünfjährigen Mädchen stehen, welches ihr ein mit einem Bande um ihren Körper herum befestigtes Körbchen präsentirte und zu ihr sagte: »Kaufen Sie mir chemische Zündhölzer ab, Mamselle ... thun Sie es meiner Mutter zu liebe ... wir sind sechs Kinder ... die Mutter ist krank ... sie hat schon so lange keine Arbeit mehr und es ist kein Brod im Hause.« – Armes Kind!« rief Rosa aus, indem sie schnell nach ihrer Börse griff; »noch so jung und schon mit dem Unglück ... mit dem Elend bekannt! O! wie froh bin ich, daß mir mein Vater Geld mitgegeben hat!« Und alsbald zog die Jungfrau zwei Fünffrankenstücke aus ihrer Börse und drückte sie der kleinen Zündhölzerhändlerin in die Hand, mit den Worten: »Hier nimm, arme Kleine, bring' das Deiner Mutter, dann werdet ihr doch wenigstens ein paar Tage außer Sorge sein.« Das Kind betrachtete ganz überrascht die beiden Hundertsousstücke in seiner Hand; dann eilte es hastig, ohne sich nur bei der Geberin zu bedanken, mit einem Freudengeschrei davon und ließ in der Eile einen Theil seiner Zündhölzer auf den Boden fallen. Aber Rosa freute sich über das Glück der Kleinen: sie glaubte, diese sei bloß so schnell weggeeilt, um das Geld ihrer Mutter um so geschwinder zu bringen, und Hieronymus' Tochter bedauerte, ihr nicht noch mehr gegeben zu haben. Sie hatte zwar nur noch zwölf Franken in ihrer Börse, aber sie hoffte in Paris kein Geld nöthig zu haben. Rosa wollte wissen, ob sie bald in der Nähe von ihres Onkels Wohnung sei, denn sie meinte schon eine große Strecke zurückgelegt zu haben. Sie blieb stehen und blickte rings herum, in der Absicht, noch einmal nach dem Wege zu fragen. In diesem Augenblick trat Richard, welcher die Gelegenheit für günstig hielt, auf die Jungfrau zu und begann: »Sie scheinen den Weg zu suchen, Fräulein; vielleicht sind Sie in Paris nicht bekannt, wenn ich nicht irre, sind wir zusammen auf der Eisenbahn hergereist; sind Sie nicht in Corbeil eingestiegen?« Rosa-Maria sah den Herrn an, der mit ihr sprach, und erkannte ihn, denn Herrn Richards Gesicht war sehr kenntlich; sie erwiderte ihm mit einem Kopfnicken: »Es ist so, mein Herr! ich bin mit der Eisenbahn angekommen; ich komme von Fontainebleau ... weiter her sogar, denn ich bin aus dem Dorfe Avon und besuche Oheime, die ich in Paris habe. Ich habe zwar ihre Adressen, aber ich kann die Straßen nicht recht finden ... Ich gehe zuerst in die St. Lazarusstraße ... ist es noch weit?« – Ja, Fräulein; aber ich gehe gerade auch nach derselben Richtung hin, und wenn Sie es erlauben, mache ich mir ein Vergnügen daraus, Ihnen als Führer zu dienen.« Rosa-Maria fühlte kein großes Vertrauen zu dem Herrn, der ihr dieses Anerbieten machte, nicht sowohl wegen seiner Häßlichkeit, als wegen seines frechen Blickes. Aber bei hellem Tage inmitten so vieler Menschen, befürchtete sie keine Gefahr; daher erwiderte sie mit zu Boden gesenkten Augen: »Sie sind sehr gütig, mein Herr.« Herr Richard, den diese Erlaubniß außerordentlich erfreute, ging neben der jungen Reisenden her und dachte bei sich: »Gehen wir sachte zu Werke, machen wir sie nicht scheu; denn bedenken wir wohl, es ist keine Pariser Grisette ... Ich werde ihr nachher den Arm anbieten und sie wird sehr geschmeichelt dadurch sein.« Dann nahm Herr Richard das Gespräch wieder auf, in welchem er sich vornahm, die Provinzbewohnerin durch seine Kenntnisse und seine geistreichen Einfälle zu verblüffen. »Waren Sie schon in Paris, Fräulein?« – Nein, mein Herr, nie! – »Um so mehr bin ich entzückt, Ihr Cicerone zu sein ... Wir befinden uns auf den Boulevards; das ist ein Spaziergang in Paris, wie keine andere Stadt in Europa einen ähnlichen aufzuweisen hat. Er fängt bei der Säule an, die Sie vorhin gesehen haben, und erstreckt sich bis zu dem Magdalenenplatz, auf welchen wir später kommen werden. Diese lange Reihe Boulevards, die einen Theil von Paris durchschneidet, ist der Gegenstand der Bewunderung der Fremden und der Erholungsort der Bewohner dieser Stadt. Es gibt außer diesen auch neue Boulevards, die sich außen um die Stadt herumziehen, aber sie sind noch öde, und wenn man von dem Spaziergang der Boulevards in Paris spricht, so meint man jene nicht damit. Dieser ganze, heutzutage so bevölkerte, so glänzende, so vom Handel belebte Raum bestand ursprünglich aus Gräben, angeblich zur Vertheidigung der Stadt Paris gegen die Angriffe der Engländer. Im Jahre 1536 machte man Laufgräben, und höhlte den Boden vom St. Honoré- bis zum St. Antoinethore aus. Zum Glück waren diese Befestigungswerke überflüssig; nach und nach wurden die Gräben wieder zugefüllt, und im Jahre 1671 legte man diesen Spaziergang an, indem man Bäume darauf pflanzte. Gegenwärtig erinnert Einen beim Anblick der Pariser Boulevards nichts mehr an die Gräben, nicht wahr, Fräulein?« Rosa-Maria schenkte Herrn Richard kein Gehör; sie hatte einen jungen Mann von Leopolds Gestalt vorbeigehen sehen, ihr Herz hatte gewaltig gepocht, und obgleich sie sich genau überzeugt, daß es nicht Der war, an den sie dachte, war sie ihm doch lange mit den Blicken nachgefolgt. Da Herr Richard keine Antwort auf seine Frage erhielt, dachte er: »Ich spreche zu gelehrt für das junge Mädchen ... ich spreche von Dingen, die sie nicht versteht. Ich muß meinen Ton herunterstimmen.« Der junge häßliche Mann hustete, beugte den Kopf vor, um Rosa-Maria in's Gesicht zusehen, und fuhr fort: »Ich will Ihnen nichts von dem Boulevard Bourdon erzählen, über das Sie kamen, nachdem Sie die Brücke von Austerlitz verlassen hatten; es ist so traurig, so verlassen, daß ich es gar nicht mitzähle. Das Boulevard Beaumarchais, über das Sie nach jenem kamen, ist auch noch nicht recht lebendig: auf der einen Seite von einer häßlichen Straße mit Zimmerplätzen begrenzt, hat es auf der andern noch sehr wenig Läden. Sein einziger Vorzug besteht für den Augenblick in den alten dichten Bäumen, welche die Steinbänke in den Nebenalleen beschatten. Dorthin begeben sich Abends die Einsamkeit suchenden Pärchen, und es ist nicht zu bestreiten, daß, wenn man mit einem schönen Frauenzimmer spazieren geht, die Einsamkeit ihren Werth hat ... ha! ha! ha!« Herr Richard lachte ganz allein, denn Rosa-Marie wendete den Kopf ab, um einen Orgelspieler und eine Frau zu betrachten, die sang und sich mit der Violine dazu accompagnirte. Als der Herr bemerkte, daß sein Einfall keine Wirkung hervorbrachte, und sein Lachen nicht ansteckend war, entschloß er sich, in seiner Schilderung fortzufahren: »Dann haben Sie das Boulevard der Filles du Calvaire im Marais Quartier gesehen, einem sehr ruhigen Quartier, wo man ohne Ansprüche und ohne Toilette zu machen spazieren geht. Der Bewohner des Marais geht aus, um frische Luft zu schöpfen; der alte Rentier stützt sich auf den Arm seiner Haushälterin; die ehrbare Bürgerin der Pas-de-la-Mulestraße kommt auf das Boulevard, um ihre Kinder dort spielen zu lassen ... O, es ist ganz rococo! ... begegnete man nicht dort zuweilen hübschen Grisetten, so möchte man gar nicht darüber gehen! ... Uebrigens glaube ich nicht, daß man daselbst ein schöneres Gesichtchen sehen kann als das Ihrige! ... O, wenn es eines gäbe, so wüßte ich es ... denn ich darf mir schmeicheln ... ich kenne alle schönen Mädchen in Paris!« Rosa-Maria, ohne diese seine Schmeichelei zu beachten, blieb vor einem kleinen Knaben stehen, der kaum bekleidet war und ihr eine Schachtel mit Zahnstochern hinhielt, indem er leise sagte: »Kaufen Sie mir Zahnstocher ob, Fräulein, ich habe schon zwei Tage nichts gegessen. Mein Vater liegt im Spital; er ist von einem Bau heruntergefallen und hat sich beschädigt ... ich muß ganz allein für den Unterhalt meiner kleinen Schwester sorgen.« Die Jungfrau reichte dem Jungen ein Hundertsousstück und dachte: »Ach! ich habe wohl daran gethan, dem kleinen Mädchen nicht Alles zu geben, jetzt kann ich auch diesen unterstützen.« Der kleine Zahnstocherhändler dankte Rosa, entfernte sich, und Herr Richard näherte sich ihr mit den Worten: »Fräulein, ich bemerke, daß Sie sehr mitleidig sind und lobe Sie darum; aber glauben Sie mir, mißtrauen Sie diesen kleinen Schelmen, die unter dem Vorwande, unbedeutende Gegenstände an Sie zu verkaufen, Ihr Herz durch die Schilderung erdichteter Leiden und erlogenen Unglücks zu rühren suchen. Sehen Sie, der kleine Schurke zum Beispiel, dem Sie eben fünf Franken gegeben haben, ist augenblicklich zu dem nächsten Zuckerbäcker gegangen; dort wird er sich den Wanst mit Kuchen und Confect vollstopfen, und dann um den Rest des Geldes mit andern Gassenjungen seines Schlages spielen, das haben Sie dann mit Ihrer Barmherzigkeit erreicht.« Rosa warf ungläubige Blicke auf Herrn Richard und murmelte: »Ach! mein Herr, welcher Gedanke! Man müßte also alle Unglücklichen zurückstoßen ... sich weder von ihrem Flehen, noch ihren Thränen zum Mitleid bewegen lassen ...« – Das wäre das beste Mittel, nicht betrogen zu werden. – »Ich will lieber zuweilen betrogen werden, als gegen das Flehen eines wirklich Leidenden gefühllos sein.« – Das bleibt Ihnen überlassen, Fräulein ... Auch wäre es mit Augen, wie die Ihrigen, sehr unrecht, gefühllos zu sein und ... – »Und wie heißt das Boulevard, auf dem wir uns jetzt befinden, mein Herr?« – Boulevard des Tempels, Fräulein; o! dieses verdient Ihre Aufmerksamkeit, besonders wenn Sie Gefallen an Volksbelustigungen und Schauspielen unter freiem Himmel finden. Dieses Boulevard hält einen beständigen Markt, keines der übrigen ist mit ihm zu vergleichen. Es hat seine eigene Passage, seinen öffentlichen Garten ... ach! den einzigen, der von dieser Art noch in Paris ist, wo die Gärten immer mehr verschwinden, um Steinhaufen Platz zu machen ... Wollen Sie einen Augenblick halten, Fräulein, und hier gegenüber auf die Sonnenseite sehen, ich versichere Sie, es ist der Mühe werth ... Betrachten Sie zuerst jenes ungeheure Kaffeehaus mit Billards in allen Stockwerken; man wird bald welche auf den Dächern anbringen, so daß eine zu stark angespielte Kugel in eine Kaminröhre hinein und von dieser zurück auf ein Billard in der ersten Etage herunterfahren und dort eine Carambolage herbeiführen kann. Neben dem Kaffeehaus steht ein Gasthaus, wo eine Masse Hochzeiten vollzogen werden; Sie können keinen Samstag Abend an diesem Traiteur vorbeigehen, ohne die Säle beleuchtet und durch die Fensterscheiben hindurch beim Klang der Musik eine mehr oder minder elegante Gesellschaft hüpfen, springen, hin- und herlaufen, und sich allen Annehmlichkeiten des Contre- und Polka-Tanzes hingeben zu sehen! das nennt man eine Hochzeitsfeier; es gibt Sonnabende, wo vier auf einmal in diesen Sälen gehalten werden, und es kommt dann nicht selten vor, daß die zum Balle eingeladenen Gäste sich in der Hochzeit irren; man glaubt sich gegenüber von der Person zu befinden, mit welcher sich ein Advokat, ein Bekannter von uns so eben verbunden hat, und begrüßt die Neuvermählte eines Spezereihändlers mit den Worten: »›Madame, ich bezweifle nicht, daß Ihr Herr Gemahl von nun an alle seine Angelegenheiten gewinnen wird.‹« Und die Braut erwidert Einem mit einer Verbeugung: »›Mein Herr, wir werden uns bemühen, alle unsere Kunden zufrieden zu stellen!‹« Man findet die Antwort hübsch und entfernt sich mit der Ueberzeugung, die Dame sei sehr geistreich, bis Einen der Anblick des jungen Gemahls aus dem Irrthum reißt. Nach diesem Gasthaus kommt wieder ein anderes, hauptsächlich von geringeren Leuten besuchtes Kaffeehaus: dann wieder eines für den Bürgerstand; dann ein Schauplatz von Merkwürdigkeiten, wo ein Zwerg, oder ein Riese, oder ein wie ein Bär behaartes Frauenzimmer, oder sonst abscheuliche Thiere, kurz, merkwürdige Dinge zu sehen sind. Dann am Thore die Possenreißer, die köstlichen Hanswurste, welche das Glück unserer Väter ausgemacht haben, das unsere und das unserer Kinder ausmachen werden. Der berühmte Bobèche und der drollige Galimafré leben zwar nicht mehr, aber andere Künstler sind an ihre Stelle getreten; in Paris fehlt es nie an Gauklern, und das Possenspiel wird nie aufhören! Nächst diesem Schauplatz unter freiem Himmel kommt noch ein Kaffeehaus, dann ein Theater, der olympische Circus; dann ein weiteres Kaffeehaus mit einem weiteren Theater, dem der Folies-Dramatiques; dann zur Abwechslung abermals ein Kaffeehaus mit noch einem, dem Gaité-Theater; dann wieder ein Seiltänzer-Theater, dann wieder das Theater der Délassements; hernach ein kleines Theater, das Lazary, und das Alles nach allen Richtungen umgeben mit weiteren Kaffeehäusern, weiteren Kuriositätencabinetten und einer Masse Kuchenbäcker ... Sie sehen daher, Fräulein, daß meine Behauptung, dieses Boulevard habe seines Gleichen nicht, richtig war.« Rosa-Maria, die einige Augenblicke stehen geblieben war, um das zu betrachten, was ihr der Herr zeigte, setzte ihren Weg wieder fort und fragte: »Wie kommt es aber, mein Herr, daß, je weiter ich aus den Boulevards vorwärts gehe, mir immer mehr Leute begegnen?« – Ah! weil Sie sich immer mehr dem Mittelpunkt der Hauptstadt, dem handeltreibenden, eleganten Quartier nähern, Fräulein. Jetzt sind wir auf dem Boulevard St. Martin ... Dort ist das Wasserschloß, wo sich beinahe immer Rekruten, Kindsmägde, Straßenjungen und Leute aufhalten, die allein spazieren gehen, indem sie auf Jemand warten. Hier sind die Dandys und Stutzer noch etwas Seltenes; hier begegnen Sie wenig lakirten Stiefeln und gelben Handschuhen, dagegen aber um so mehr Schauspielerinnen der Boulevards-Theater; auch sehen Sie noch keine Equipagen und Cavaliere auf stolzen Rossen, aber desto mehr Einspänner und Citadinen mit verhängten Fenstern ... ha! ha! – »Sind wir noch weit von der St. Lazarusstraße entfernt, mein Herr?« – O! gewiß, Fräulein! Sie können, ehe Sie dorthin gelangen, beinahe alle Boulevards sehen. Aber wenn Sie ermüdet sind, biete ich Ihnen einen Wagen an ... ist es Ihnen recht? – »Ich danke Ihnen, mein Herr, ich will zu Fuß gehen.« Damit verdoppelte die Jungfrau ihre Schritte, denn das Gespräch des Herrn Richard interessirte sie nicht; sie wünschte Paris nicht durch diesen Unbekannten kennen zu lernen; sie hegte in ihrem Innern die Hoffnung, daß sich der junge Maler ein Vergnügen daraus machen werde, ihr die Merkwürdigkeiten der Hauptstadt zu zeigen. Je mehr sie aber in der ungeheuern Stadt vordrang, je mehr fühlte sie diese Hoffnung schwinden. Herr Richard sah sich beinahe genöthigt zu rennen, um dem jungen Mädchen nachzukommen; endlich hatte er sie wieder eingeholt und sagte zu ihr: »Dieses ist das St. Martins- und weiter unten ist das St. Denisthor ... ein sehr bevölkertes Quartier, wo eine Masse Kaufleute wohnen ... Sie gehen aber fürchterlich schnell, Fräulein!« – Ach! weil ich an Ort und Stelle sein möchte, mein Herr! – »Das ist das Boulevard Bonne-Nouvelle. Hier beginnen die Kindsmägde, die Arbeiter und die schlecht gekleideten Leute seltener zu werden. Elegante Damen erscheinen; bald werden sie in der Mehrzahl sein, wir nähern uns dem schönen Quartier. Auf dem Boulevard Poissonnière, wohin wir jetzt kommen werden, ist es schon ganz vornehm. Die Leinwandhändlerinnen haben prächtige Läden; die Hemden-, die Mode-, Putz, und Chokolatemagazine sind im neuesten Geschmack ... Ei, dürfte ich es vielleicht wagen, Ihnen ein Stückchen Kuchen oder sonst Etwas anzubieten?« – Ich danke Ihnen, mein Herr, es hungert mich nicht ... ich nehme nichts an. – »Sie nimmt nichts an!« dachte Richard. »Ich hatte wohl recht, daß es keine Pariser Grisette ist; es ist aber jedenfalls eine sehr angenehme Bekanntschaft!« Rosa-Maria lief immer sehr schnell. Herr Richard war ganz außer Athem, wagte jedoch nicht, es merken zu lassen. Sie waren auf dem Boulevard Montmartre angekommen, und er rief aus: »Halten Sie, Fräulein! jetzt befinden Sie sich im Centrum ... in dem schönen Quartier! Betrachten Sie diese breite, gerade, weite Straße, wo ein Theil der Häuser vergoldete Gitter hat, das ist die Neue-Viviennenstraße ... Sehen Sie, bewundern Sie diese Tilbury's, diese Landaus, diese raschen Pferde ... und diese Kaffeehäuser! welcher Reichthum! welche Pracht! ... Ach! jetzt haben wir den Marais weit hinter uns! ... Betrachten Sie alle diese Frauen ... welch' kokette Haltung! ... welche Toiletten! ... Sie staunen gewiß vor Verwunderung über Alles, was Sie sehen?« –Aber wo bleibt die St. Lazarusstraße, ist denn diese am andern Ende von Paris, mein Herr? – »Wir nähern uns derselben ... haben Sie nur noch ein wenig Geduld. Jetzt sind wir auf dem Boulevard der Italiener. Das ist die Chaussee d'Antin, die Heimath der Wechsel-Agenten, der Opernsängerinnen, der jungen reichen Verschwender, der excentrischen Künstler, der Loretten, der Bankiers, der Wagenfabrikanten und der Serailpastillenhändler ... Ach! athmen Sie ein wenig auf, Fräulein, finden Sie nicht, daß die Luft von Wohlgerüchen geschwängert ist? ... denn alle vorübergehenden Damen sind von Kopf bis zu Fuß parfümirt ... Ja! wir befinden uns im Schooße des Reichthums und der Ueppigkeit.« Statt zu antworten, blieb Rosa-Maria vor einem blinden Greise stehen, der am Fuße eines Baumes saß und einen Hund bei sich hatte, der ein Körbchen in der Schnauze hielt. Der Blinde spielte auf einer Art Vogelorgel, um die Blicke der Vorübergehenden auf sich zu ziehen. Die Jungfrau näherte sich dem Greise; seine weißen Haare, seine von Runzeln durchfurchte Stirne, seine Gebrechlichkeit und die Lumpen, die ihn bedeckten, preßten der schönen Rosa einen Seufzer aus, und schnell in ihre Tasche greifend, langte sie den letzten Fünffrankenthaler, der ihr geblieben war, heraus, und legte ihn in das Körbchen, indem sie ausrief: »Armer Mann! in Eurem Alter blind ... und vielleicht ohne Brod!« Dann eilte Rosa-Maria wieder weiter, ohne auf die Segnungen des Greises zu hören, und sagte zu dem sie begleitenden Herrn: »So viel es scheint, mein Herr, sind in dem Quartier des Reichthums und der Größe auch Unglückliche zu finden!« – Ah! Sie meinen diesen Blinden!« erwiderte Richard höhnisch; »Sie wissen aber nicht, daß dieser Mann Tage hat, wo er seine hundert Sous bis sechs Franken und bisweilen auch noch mehr zusammenbettelt!« Hieronymus' Tochter empfand ein Gefühl des Widerwillens gegen diesen Menschen, der keine Almosen geben wollte und aus Furcht, betrogen zu werden, es für einfacher hielt, das Unglück ganz zu läugnen. »Aber, mein Herr,« entgegnete Rosa, »dieser Mann ist sehr alt und des Augenlichts beraubt; ich meine, daß in diesem Falle an seinem Unglück nicht zu zweifeln ist!« – Er ist alt ... ja ... ein Beweis, daß er bis jetzt zu leben hatte; blind, das ist möglich ... aber noch nicht erwiesen! ... es gibt sehr viele Scheinblinde in Paris, die wie die Fledermäuse nur bei Tage nicht sehen, aber Abends bei Licht den Bestand ihrer Betteleinnahme mit Falkenaugen mustern, so wie es auch viele Scheinlahme gibt, die Nachts in ihren Herbergen ihre Krücken wegwerfen, und trotz dem besten Ballettänzer herumspringen und über das geprellte Mitleid spotten! ... Hier sind die chinesischen Bäder, Fräulein! Wir lenken jetzt in die d'Antinstraße ein, die uns in die St. Lazarusstraße führen wird. Mit Ausnahme des Boulevards der heiligen Magdalena haben Sie nun diese ganze Promenade gesehen und Paris unter verschiedenen Gestalten, elegant, handeltreibend und bevölkert, kennen gelernt. Seit man die Boulevards gepflastert und mit Erdharz bestrichen hat, und besonders seit sie durch die Candelaber, die Sie in sehr geringer Entfernung von einander auf beiden Seiten der Chaussée bemerken, prachtvoll mit Gas beleuchtet sind, ist dieser Spaziergang bei Nacht ebenso angenehm und sicher wie bei Tag. Es gibt übrigens Leute, denen die Dunkelheit und der Schmutz lieber wären ... Ei! wo ist denn die Kleine hingekommen? ...« Herr Richard blieb stehen und kehrte sich um ... Er sah, wie das junge Mädchen den Rest ihrer Börse in die Hand einer armen Frau leerte, welche ein Kind säugte, noch ein anderes auf dem Arme hatte und ein drittes an der Hand führte. Das Weib hatte nicht gebettelt, aber sie sah so blaß, so armselig aus und warf so traurige Blicke auf ihre Kleinen, daß man sich bei ihrem Anblick kaum der Rührung erwehren konnte. Rosa-Maria kam auch mit thränenfeuchten Augen zu Herrn Richard zurück und setzte ihren Weg wieder fort, indem sie vor sich hinsprach: »Ach! und sollte mich der Schein auch immer trügen, ich wäre nie im Stande, ein so trauriges, rührendes Gemälde zu sehen, ohne davon ergriffen zu werden.« »Das junge Mädchen,« dachte Herr Richard in seinem Sinne, »behält nichts für sich; sie ist bis zum Uebermaß empfindsam! Ihre Eroberung wird leicht zu machen sein,« Zehntes Kapitel. Die beiden Adressen Beim Einlenken in die d'Antinstraße näherte sich Herr Richard Rosa und sagte zu ihr mit dem Tone eines Mannes, der überzeugt ist, eine große Freude zu verursachen: »Sie müssen müde sein, schöne Reisende! ... es ist von dem botanischen Garten bis hierher sehr weit; nehmen Sie ohne Umstände meinen Arm, dann gehen wir mit einander und machen nähere Bekanntschaft.« Mit diesen Worten bot ihr der junge Mann seinen Arm; statt aber schnell den ihrigen einzuhängen, wie er es voraussetzte, wich das junge Mädchen zurück und entgegnete: »Ich danke Ihnen, mein Herr, ich bin nicht müde und gehe lieber allein.« Herr Richard runzelte die Stirne und dachte: »Hm! ... sie macht mehr Umstände als ich geglaubt hätte; ich will aber nicht umsonst so weit gelaufen sein!« Hierauf näherte er sich Rosa wieder und fuhr fort: »Wie es Ihnen Vergnügen macht, Fräulein; aber Sie dürfen glauben, daß ich meinen Arm nicht Jedermann anbiete! ... Ich nehme in Paris eine sehr schöne Stellung ein, bin sehr reich, in der Welt geachtet und besonders sehr freigebig gegen Damen! ... Sie haben einen wunderhübschen Fuß ... Sie werden zahlreiche Eroberungen in Paris machen! ... die meinige haben Sie bereits gemacht!« Rosa-Maria gab kein Gehör mehr und lief nur noch schneller. Herr Richard eilte ihr nach, indem er vor sich hin brummte: »Diese Kleine ist ein verschmitztes Ding ... es kann nicht anders sein.« Man war am Ende der d'Antinstraße; das junge Mädchen hielt an und sagte: »Wo ist nun die St. Lazarusstraße, mein Herr?« – Gerade vor Ihnen, Fräulein, rechts und links.« »Ach! welches Glück!« – Das ist aber noch nicht Alles, Fräulein, man muß wissen, welche Nummer Sie suchen ... Rennen Sie doch nicht so ... nehmen Sie sich vor den Gefährten in Acht!« Rosa-Maria hörte nicht mehr auf Herrn Richard; sie wußte, daß sie ihren Onkel Nicolaus in Nr. 62 finden würde. Sie hatte bereits nach den Hausnummern gesehen und mit Freuden bemerkt, daß die gesuchte nicht mehr ferne war; sie kam an, trat in ein schönes Haus und wendete sich ganz athemlos an den Portier mit der Frage: »Mein Herr, sagen Sie mir gefälligst, in welchem Stockwerk wohnt mein Onkel Nicolaus ... Nicolaus Gogo?« Der Portier, an welchen sich die Jungfrau gewendet hatte, war ehemals Schweizer in einem großen Hause gewesen und hatte alle Manieren eines solchen beibehalten. In einen Oberrock eingehüllt, den er beinahe auf dem Boden nachschleppte, eine Mütze mit über die Ohren heruntergeschlagenen Lappen auf dem Kopfe, thronte er in seiner Loge, zwischen seinem Hund und seiner Katze, und schien es für eine Gnade zu halten, wenn er Einem nur Antwort gab. Er begann damit, das junge Mädchen mit unverschämter Miene von oben bis unten zu mustern, schneuzte sich alsdann, strich mit der Hand über den Rücken seiner Katze und brummte: »He wie? nach wem fragen Sie?« – Ich frage, in welches Stockwerk ich gehen muß, um meinen Onkel Nicolaus Gogo zu finden? – »Gogo! ... kenne ich so Jemand? ... haben wir Jemand der Art im Hause?« – Wie! mein Herr, Sie kennen meinen Onkel Gogo nicht? Ich bin aber doch im rechten Hause, St. Lazarusstraße Nr. 62. – »Hier, Mouton, nimm das ... zank' dich aber nicht mit dem Türk ... komm', gib mir die Pfote! schnell die Pfote!« Rosa-Maria wartete ängstlich auf die Antwort des Portiers; aber dieser schien, ganz mit seinen Thieren beschäftigt, nicht mehr zu bemerken, daß das junge Mädchen mit ihm sprach. Rosa sagte daher ungeduldig: »Wollen Sie mir nicht antworten, mein Herr, Sie sehen doch, daß ich warte.« – Wie? was gibt es? ... Ach! Sie sind noch da! Was wollen Sie denn noch? – »Wo logirt mein Onkel, mein Herr?« – Was! Ihr Onkel? Was weiß ich von Ihrem Onkel! Bin ich dazu da, Ihre Sippschaft zu kennen? ... Hierher, Türk, hierher ... du frissest von Moutons Pastete, du Lecker; aber ich sehe dich wohl, und wenn ich aufstehe, kriegst du Peitschenhiebe.« Hieronymus' Tochter stand noch immer am Eingang in des Portiers Loge; sie hatte das Papier in der Hand, auf dem die Adresse ihres Onkels geschrieben war; sie reichte es dem sauertöpfischen Portier und fuhr fort: »Sehen Sie, mein Herr, man hat mir doch gesagt, hier wohne mein Onkel Gogo ... Sie sehen doch wohl, daß ich mich nicht täusche.« Der ehemalige Schweizer erhob sich mit zorniger Miene, stieß das junge Mädchen zurück und schrie, als ob er ein Paar Ochsen vor sich hätte: »Wissen Sie auch, daß ich Sie mit Ihrem Onkel Gogo bald bis an den Hals satt habe! Wollen Sie mich nicht bald in Ruhe lassen, Mamselle? ... Herunter, Türk, herunter! ... Wie viel Mal muß ich Ihnen sagen, daß ich ihn nicht kenne, daß kein Gogo im Hause wohnt ... ich meine doch, ich spreche verständlich.« Rosa-Maria zog sich beinahe entsetzt über den unverschämten Ton des Portiers zurück und murmelte: »Verzeihen Sie, mein Herr, dann muß sich unser Vetter geirrt haben.« Damit kehrte die Jungfrau traurig und betrübt auf die Straße zurück, und Herr Richard, der an der Thüre des Hauses stehen geblieben war, in welches er die von ihm Verfolgte hatte hineingehen sehen, eilte schnell auf sie zu und fragte: »Ei, was haben Sie denn, Fräulein! ... Sie scheinen ganz betrübt ... ist Ihr Verwandter krank ... haben Sie eine unangenehme Nachricht erfahren?« – Nein, mein Herr, das nicht ... aber ich begreife nicht ... mein Onkel Gogo wohnt nicht in diesem Hause ... und doch hat mir erst vor ganz kurzer Zeit ein Vetter von uns seine Adresse gegeben ... Was soll das bedeuten? ... wie kommt es, daß er sich geirrt hat? ... es ist mir unfaßlich!« Herr Richard war entzückt über diesen Vorfall, weil er dachte, die Verlegenheit des jungen Mädchens werde sie in sein« Macht geben, und er rieb sich vergnügt die Hände, indem er erwiderte: »Ach, Fräulein, wenn Sie geglaubt haben, in Paris könne ein junges Mädchen einen Führer und Beschützer entbehren, so waren Sie sehr im Irrthum ... selbst Personen, welche schon lange in der Stadt wohnen, ist es manchmal sehr schwer, Die zu entdecken, welche sie aufsuchen. Wie können Sie also glauben, ein junges Mädchen, welches zum erstenmal nach Paris kommt, könne sogleich Alles finden? Sie sehen hieraus, daß Sie ohne Stütze, ohne Freund nie Ihren Onkel Gogo finden werden! ... Aber obgleich Sie vorhin meinen Arm ausgeschlagen und mir nicht auf meine Erklärungen geantwortet haben, will ich es doch auf mich nehmen, Sie zu Ihrer Familie zu bringen. Nun, kleine Böse, nehmen Sie meinen Arm an; ich trage Ihnen nichts nach und finde Sie immer anbetungswürdig.« Rosa-Maria wich abermals vor dem sich darbietenden Arm zurück und antwortete bloß mit einer Verbeugung: »Ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich brauche keinen Führer. Dem Himmel sei Dank, ich habe noch einen andern Onkel in Paris ... Ich hoffe, daß man sich in dessen Adresse nicht auch geirrt haben wird, und ich werde ihn augenblicklich aufsuchen.« – Ah! Sie haben noch einen andern Onkel in Paris?« entgegnete Richard, höchst ärgerlich über die fortwährende Weigerung des jungen Mädchens, seinen Arm anzunehmen. »Teufel! Sie sind ja mit Onkeln gesegnet ... das scheint mir ein bischen unglaubwürdig!« – Ja, mein Herr, ich habe zwei Onkel und sogar mehrere Vettern hier, und da ich groß genug bin, selbst nach dem Wege zu fragen, so geben Sie sich keine Mühe mehr, mich zu begleiten. – »Ah! der Tausend! so nehmen Sie es auf. Kleine? Allein Sie mögen machen, was Sie wollen, ich werde denselben Weg gehen wie Sie, wenn mir's beliebt, denn in Paris hat Jeder das Recht zu gehen, wo es ihm gefällt; und in Kurzem sind Sie vielleicht überglücklich, wenn Sie mich in der Nähe haben, um Sie zu beschützen.« Hieronymus' Tochter achtete nicht mehr auf die Worte Herrn Richards. Sie sah auf das Stückchen Papier in ihrer Hand, trat in den ersten besten Laden und fragte nach der Vendômestraße; dann ging sie dem ihr angewiesenen Wege zufolge die d'Antinstraße hinab, um wieder auf die Boulevards zu gelangen und den Weg zurückzugehen, auf dem sie hergekommen war. Herr Richard folgte dann der Jungfrau wieder und sprach zu sich: »Man merkt wohl, daß sie aus einem Dorfe kommt ... meinen Arm auszuschlagen! ... die kleine Gans! ... Ich sollte sie verachten ... aber sie ist zu hübsch! ... Teufel! wenn sie ihren andern Onkel fände, dann wäre ich vergeblich mitgelaufen, und sie setzt mich gehörig in Trab die Kleine ... Ich habe noch nicht zu Mittag gegessen ... ich sterbe fast vor Hunger ... aber einerlei, ich gebe nicht nach, ich muß wissen, wo sie hingeht, erfahren, was der Oheim treibt; es ist ohne Zweifel ein Krämer ... dann gehe ich alle Tage hin, kaufe etwas bei ihm oder handle wenigstens um etwas mit ihm.« Der Tag fing an sich zu neigen, und das junge Mädchen konnte nicht mehr so schnell gehen, denn sie war todtmüde. Erst jetzt fiel es ihr ein, daß sie all' ihr Geld hergeschenkt und nichts für sich behalten hatte; aber sie bereute nicht, mitleidig gewesen zu sein, und tröstete sich, ihre Kräfte zusammennehmend, mit dem Gedanken: »Gott wird meinen Muth stärken; er kann mich nicht für meinen guten Willen strafen wollen.« »Am Ende läßt mich die Kleine wieder die ganzen Boulevards ausmessen,« sprach Richard zu sich, indem er Rosa-Maria folgte. »Das Mädchen hat die Schnelligkeit eines Hirsches ... wenn ich nicht befürchtete, sie aus den Augen zu verlieren, hätte ich mir schon längst bei einem Zuckerbäcker Kuchen gekauft ... Ach! dem Himmel sei Dank, sie verläßt das Boulevard, hoffentlich sind wir bald am Ziele.« In der That wendete sich Rosa, welche sich den ihr angegebenen Namen genau gemerkt hatte, seitwärts und trat in die Tempelstraße ein, dann in die erste links, die Vendômestraße und fand bald die Nr. 14. Hier wendete sie sich wieder an den Portier, welcher diesmal durch ein altes Weib mit einer Brille auf der Nase und einem alten, schmutzigen Buche in der Hand vorgestellt wurde. »Madame, wollen Sie mir gefälligst sagen, in welchem Stockwerk der Herr Eustachius Gogo wohnt?« fragte Rosa in sanftem Tone, denn sie befürchtete, die Portiere ebenfalls zu erzürnen. Die Alte war etwas taub, doch sah sie Jemand auf ihre Loge zutreten, legte ihr Buch auf den Schooß und schrie: »Hm? was steht zu Dienst, liebe Kleine? ... Ich war gerade an einer sehr interessanten Stelle ... wo der Räuber, der Roger, seinen Sohn Victor, den Sohn des Waldes, vom rechten Weg abbringen will ... Ach! das ist ein schaudererregendes Werk! ... Ich habe bei meiner Ehre wegen dieser Geschichte nicht zu Mittag essen können ... ich interessire mich zu sehr für Victor und seine Clementine!« – Ich bedaure außerordentlich, Sie unterbrochen zu haben, Madame,« versetzte Rosa, »aber ich wollte nur fragen, in welchem Stock mein Onkel Gogo wohnt? – »Sie haben das Werk gelesen? ... nicht wahr, es ist prächtig! ... Und wie geht es denn am Ende der armen Clementine? Sagen Sie mir, was Sie davon halten, damit ich Ihre Meinung mit der meinigen vergleichen kann.« Die Jungfrau näherte sich der Alten und sagte mit lauterer Stimme: »Madame, ich frage nach Herrn Eustachius Gogo!« – »Ah! Sie finden es nur soso! ... O! nein es ist sehr schön ... aber dieser Lump von Roger! welcher Schurke! Kann es wirklich ebenso große Schufte geben ... wie ich eine rechtschaffene Frau bin?« Und Rosa war in Verzweiflung; zum Glück gewahrte sie ein blechernes Sprachrohr, welches auf dem Ofen lag, sie nahm es eilig, legte es an das Ohr der Portiere und wiederholte ihre Frage. Die Alte that ihre Brille herunter, betrachtete das junge Mädchen und antwortete: »Nach Herrn Gogo ... Herrn Eustachius Gogo fragen Sie, liebes Kind? ... Entschuldigen Sie, der Roman fährt mir noch immer im Kopfe herum; habe ich doch vergangene Nacht meinen Nachttopf in's Bett geschüttet, weil ich ihn für den schuftigen Roger hielt und glaubte, er wolle mich notzüchtigen!« – Aber, liebe Madame, wie viel Stiegen muß ich hinauf zu meinem Onkel? – »Zu Ihrem Onkel ... ah! dieser Herr Gogo ist also Ihr Herr Onkel? ... ich kenne ihn aber nicht, meine Liebe ... Gogo! das ist ein komischer Name! Wenn ein Gogo im Hause wohnte, hätte ich mich seiner gewiß erinnert, aber wir haben keinen Miethsmann, der so heißt.« Rosa-Maria blieb wie vernichtet stehen, als sie diese letzte Hoffnung verlor, welche sie noch aufrecht erhalten hatte; sie begriff das Schreckliche ihrer Lage. Sie blickte die Portière mit thränenden Augen an, aber die Alte hat bereits ihre Brille wieder aufgesetzt und murmelte, während sie nach ihrem Buche langte: »Ich muß von der Stelle wegkommen wo ich halte ... ich kann Victor mit seiner Clementine unmöglich unter freiem Himmel lassen! ... Soll ich Ihnen ein paar Seiten vorlesen, liebes Kind?« – Sie sind also überzeugt, Madame, daß mein Onkel Eustachius Gogo nicht hier wohnt? – »Er hat nie hier gewohnt, meine Theuerste ... Potz Kuckuk! ich müßte es wissen, ich sitze schon seit vierunddreißig Jahren an dieser Thüre und man behält mich deßhalb trotz meiner Taubheit ... aber Abends, wenn ich mich zu Bette lege, befestige ich mein Sprachrohr an mein Ohr und schlafe auf dem andern ... Ach! der Schurke, der Roger ... wart' Kerl, ich gehe nicht eher ins Bett, als bis Du Deinen Theil hast! ...« Rosa-Maria verläßt die Loge, denn sie sieht wohl, daß von der Portière nichts weiter zu erfahren ist; sie kehrt auf die Straße zurück: die Nacht ist unterdessen hereingebrochen; die Jungfrau weiß nicht, wo sie ihre Schritte hinwenden soll. Sie weint, bedeckt ihre Augen mit dem Taschentuch und jammert: »Mein Gott! mein Gott! was soll aus mir werden?« Ein junger Mann nähert sich ihr, faßt sie beim Arme und sagt: »Nun, kleine Grausame, Sie weinen jetzt; der Onkel im Marais ist, wie es scheint, eben so wenig zu finden wie der in der Chaussée d'Antin.« Rosa hat den häßlichen Herrn, der sie seit ihrer Ankunft in Paris verfolgt, erkannt, aber sie fühlt sich in diesem Augenblick so niedergeschlagen, daß sie nicht die Kraft hat, den jungen Mann zurückzustoßen; sie antwortet nur in Thränen zerfließend: »Was soll das heißen? ... Wie kommt es, daß uns unser Vetter falsche Adressen gegeben hat? Warum wollte er sich über uns lustig machen? ... O, mein armer Vater! der Du mich in der Hoffnung nach Paris geschickt hast, daß ich von meinen Onkeln gut aufgenommen werden und hier glücklich sein würde ... ach, wenn Du wüßtest, daß Deine Tochter nicht mehr weiß, wo sie sich hinwenden, und was in diesem Paris, wo sie Niemand kennt, aus ihr werden soll, wie unglücklich wärest Du ... O! ich gehe nach Avon zu meinem Vater zurück ... morgen gleich ... heute noch, wenn es möglich ist. Sagen Sie mir gefälligst, mein Herr, wie muß ich es machen, um heute Abend noch nach Fontainebleau zurückzukommen ... von dort kann ich zu Fuß nach Hause gehen. Ach, ich wäre so glücklich, wenn ich mich nur erst in Fontainebleau befände!« Herr Richard fängt an zu lachen und erwidert: »Heute Abend noch nach Fontainebleau zurückkehren! Daran dürfen Sie nicht denken, schöne Tigerin; das ist rein unmöglich; es ist Nacht und schon spät!« – Geht die Eisenbahn bei Nacht nicht, mein Herr? – »Nein! Außerdem sind wir entsetzlich weit vom Bahnhofe entfernt. Ich wiederhole Ihnen, es ist an eine Rückkehr in Ihre Heimath heute Abend nicht zu denken.« – Aber es muß sein, mein Herr! ... was soll in Paris aus mir werden? ... wo soll ich die Nacht zubringen? ... und ich habe kein Geld mehr, um in ein Wirthshaus zu gehen. O! man wird mir aber hoffentlich bis morgen borgen, dann hole ich meinen Koffer und biete ein Stück meiner Effekten zur Bezahlung an, nicht wahr, mein Herr? ... Ach! haben Sie die Güte, mir ein Gasthaus zu zeigen! – »Liebe Kleine, Sie sprechen wie ein Kind ... Erstens gibt es keine Gasthäuser in Paris, sondern bloß Hotels und möblirte Wohnungen; die erstern sind sehr theuer und die letztern sehr verdächtig ... dann creditirt man Einem kein Logis, besonders einem jungen Mädchen, das ganz allein ankommt ... man wird eine sehr schlechte Meinung von Ihnen haben, und offen gesagt, wenn ich nicht die Reise auf der Eisenbahn mit Ihnen gemacht hätte, so würde ich der Geschichte von Ihren Onkeln und dem Vetter, der falsche Adressen gibt, gar keinen Glauben schenken ...« – Was würden Sie denn von mir denken, mein Herr?« ruft Rosa aus, indem sie ihre Hand zurückzieht, die Richard ergriffen hatte. »Nur das Allerliebenswürdigste, ich schwöre es Ihnen! Nun, erzürnen wir uns nicht; nehmen Sie meinen Arm an, ich will Sie an einen Ort führen, wo Sie die Nacht ohne alle Gefahr zubringen können.« – Wo das, mein Herr? – »Haben Sie doch Vertrauen zu mir; beim Teufel, Sie können ja nicht unter freiem Himmel übernachten und sich der Verlegenheit aussetzen, von der grauen Patrouille ergriffen zu werden.« – Was ist das für eine ... die graue Patrouille? – »O, das ist etwas Erschreckliches für junge Mädchen, die Nachts allein in Paris herumlaufen. Sie würde Sie in den St. Martinssaal führen ...« – Was ist das für ein Saal, mein Herr? – »Ein Ort, wo man alle Diebe und liederlichen Dirnen, die man Nachts in Paris auffängt, vorläufig einsperrt.« Rosa-Maria stößt einen Schrei des Schreckens aus; Herr Richard benützt diesen Augenblick, wo das junge Mädchen zittert, um seinen Arm unter den ihrigen hinunterzupraktiziren und sagt zu ihr: »Beruhigen Sie sich! zittern Sie nicht so; bei mir laufen Sie keine Gefahr ... ich will Sie zu meiner ... Tante führen. Das ist eine achtungswerthe Frau, die sich ein Vergnügen daraus machen wird, Sie wie ihre Tochter zu behandeln.« Rosa erhebt flehend die Augen zu dem jungen Mann und stammelt: »Sie werden mich nicht täuschen, mein Herr, das Vertrauen eines armen jungen Mädchens, das seine Familie nicht zu finden weiß, und jetzt so sehr bereut, nach Paris gekommen zu sein, nicht mißbrauchen wollen. Ich lüge Sie nicht an, mein Herr, das wissen Sie ... aber Sie? ...« – Ich Sie anlügen? Mein Gott, wie mißtrauisch sind Sie! ... Kommen Sie, stützen Sie sich doch) auf mich, Fräulein ... Ach! entschuldigen Sie, ich weiß Ihren Namen nicht. – »Rosa-Marie, mein Herr.« – Nun, Fräulein Rosa ... Rosa-Fleurie ... der Name ist ganz für Sie geschaffen ... nehmen Sie doch meinen Arm.« Die Jungfrau weiß nicht mehr, was sie thun soll, denn wenn sie an das denkt, was der Herr, welcher ihr seine Unterstützung anbietet, an sie hingesprochen hat, fürchtet sie sich, sich ihm anzuvertrauen; aber sie ist vor Mattigkeit erschöpft, sie läßt sich also führen und stützt sich sogar fest auf Herrn Richard, der in seinem Innern denkt: »Endlich ist sie mein! ich wußte wohl, daß ich zum Zwecke kommen würde: Beharrlichkeit führt in allen Dingen zum Ziele.« Richard ging mit dem jungen Mädchen wieder über die Boulevards zurück; da er aber ebenso ermüdet war wie die Kleine, und noch überdies vor Hunger fast verging, so lenkte er seine Schritte nach einer Restauration hin. Der junge Mann war gerade bei Kasse, was nicht oft der Fall bei ihm war, und er sagte zu Rosa: »Ich meine, wir thäten nicht Unrecht daran, schönes Kind, wenn wir, ehe wir uns zu meiner Tante begeben, etwas zu Mittag oder vielmehr zu Nacht essen würden, denn es ist spät genug, daß man so sagen kann.« – O! ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich habe keinen Hunger. – »Desto mehr aber ich, Fräulein, der ich seit heute Morgen nichts mehr gegessen habe, mein Magen geberdet sich sehr ungestüm und auch die Müdigkeit erfordert es, daß ich mich ein wenig stärke.« – Könnten Sie nicht vielleicht bei Ihrer Frau Tante essen, mein Herr? – »Ich fürchte, sie möchte nichts vorräthig haben, um so mehr, als sie uns nicht erwartet. Hier ist ein sehr guter Gastwirth, Fräulein, wo nur anständige Leute hingehen ... wenn Sie nicht essen, so können Sie mir zusehen; Sie können aber während dieser Zeit wenigstens ausruhen, und Sie werden mir gewiß nicht läugnen, daß Sie müde sind.« – In der That, mein Herr, ich bin sehr müde. – »So kommen Sie doch und zittern Sie nicht so. Die Damen und Fräulein von Paris speisen sehr oft bei den Traiteurs und fürchten sich gar nicht davor; sie thun es im Gegentheil sehr gerne.« Richard trat mit Rosa in eine Restauration auf dem Boulevard. Es befand sich Niemand mehr in den Sälen, dessen ungeachtet verlangte der junge Mann ein eigenes Kabinet, und ein Kellner schickte sich bereits an, ihnen eines anzuweisen, als Rosa, die einen Blick in den noch beleuchteten Salon geworfen hatte, dessen Glasthüren auf den Vorplatz führten, in denselben hineinging und sagte: »Warum wollen Sie nicht hier zu Mittag essen, mein Herr? hier sind ja schon gedeckte Tische.« – Weil es in einem Kabinet weit angenehmer ist, Fräulein. Kommen Sie, wenn man nur zu Zwei ist, ist es nicht gebräuchlich, sich in einen Salon zu setzen ... und außerdem werden jetzt hier die Lampen ausgelöscht. Nicht wahr, Kellner?« Der Kellner zögerte mit der Antwort, denn die bescheidene, ängstliche Miene der Jungfrau verlieh ihren Zügen in diesem Augenblick einen Ausdruck, dem schwer zu widerstehen war; und dann war der sie begleitende Herr so häßlich, daß der Kellner, der natürlich an solche Zusammenkünfte gewöhnt war, es auf der Stelle weghatte, daß hier keine Verabredung stattfand. Aber Rosa-Maria hatte bereits im Saale Platz genommen und sagte in einem sehr entschiedenen Tone zu ihrem Führer: »Gehen Sie hin, wo Sie wollen, mein Herr, ich warte hier, bis Sie gegessen haben.« – Sehet mir einmal diesen kleinen Starrkopf!« sagte Richard zu sich selbst. »Ha! Das sollst Du mir später bezahlen, einfältiger Zieraffe; ich will Dich dressiren, wenn ich Dich erst unter mir habe. Jetzt will ich's hingehen lassen, und da sie bei mir über Nacht bleibt, brauche ich für den Augenblick kein Kabinet. Im Ganzen ist es auch besser; ich hätte nur an Dummheiten gedacht, während ich jetzt nur daran denken werde, es mir recht schmecken zu lassen.« Herr Richard entschloß sich somit auch, in den Salon zu treten, er hieß den Kellner zwei Gedecke legen, ging dann auf Rosa zu und wollte sie zum Tische führen; aber das junge Mädchen sträubte sich dagegen und blieb auf ihrem Stuhle sitzen, indem sie sagte: »Ich habe Ihnen schon erklärt, mein Herr, daß ich keinen Hunger habe; es ist unnöthig, daß ich an den Tisch sitze, ich will nicht essen.« – Ei aber, wollen Sie denn von der Luft leben, meine Theure? ... Entschuldigen Sie, Fräulein, aber so viel ich weiß, haben Sie schon lange nichts mehr zu sich genommen. – »Ich bin zu bekümmert und zu unruhig, um an's Essen zu denken, mein Herr.« – Sie dürfen sich aber keine Sorgen mehr machen, da ich Sie beschütze, Ihr Ritter bin ... und meine Tante Ihnen Gastfreundschaft anbietet. Kommen Sie, setzen Sie sich in gemessener Entfernung mir gegenüber; dann werden wir das Aussehen eines Ehepaares aus dem Marais haben. – »Es ist überflüssig, da ich nichts zu mir nehmen will.« – Nun, wie Sie wünschen, aber ich habe einen tüchtigen Appetit, und ich sage Ihnen zum Voraus, ich beeile mich nicht gerne bei Tische. – »Ich werde warten, mein Herr.« Herr Richard setzte sich vor das für ihn bestimmte Couvert; er verlangte Pomard-Wein und ließ sich dann Cotelettes, einen Hahn und Fische auftragen. Der Weg, den er zu Fuß zurückgelegt, seit er den Bahnhof verlassen, hatte einen rasenden Hunger in ihm erweckt, und er feuchtete seine Bissen tüchtig an. Er war auch ganz vergnügt über seinen Abend und versprach sich eine köstliche Nacht. Alles dies versetzte ihn in eine rosige Laune; seine Flasche Pomard war bald geleert und er bestellte Champagner, mit dem Ausruf: »Ha, meiner Treu'! ich will mir heute Abend nichts versagen! ... ich bin zu vergnügt über meinen heutigen Tag! ... Ein Gläschen Champagner, meine hübsche Brünette ... Röschen ... das werden Sie mir nicht versagen?« Rosa schlug es jedoch abermals ab: sie fühlte sich durchaus nicht geneigt, etwas anzunehmen, denn seit der häßliche junge Mann seine Flasche Pomard ausgetrunken hatte, leuchteten seine Augen wie glühende Kohlen, und er ließ sie alle Augenblicke mit einem Ausdruck auf dem jungen Mädchen haften, der dieser unerträglich war. Auch bebte sie zusammen, als sie Herrn Richard eine zweite Flasche entpfropfen, sein Glas füllen und wieder füllen sah. »Mein Gott, mein Herr, wollen Sie denn auch noch diese Flasche leeren?« fragte Rosa besorgt. »Und warum nicht, mein Kleinod? ich muß sie wohl allein austrinken, da Sie mir nicht Gesellschaft leisten wollen; das macht mir aber keine Furcht! ich trinke vier solcher Flaschen aus, ohne nur ein Bißchen benebelt zu sein!« Herr Richard log, denn er konnte im Gegentheil nicht viel Wein ertragen; aber gleich jenen Prahlhänsen, die nie ärger schreien, als wenn sie Angst haben, glaubte der häßliche junge Mann sich durch Champagnertrinken zu ermuthigen; je aufgelegter er wurde, je mehr trank und schwatzte er, indem er beständig wiederholte, der Wein übe durchaus keinen Einfluß auf seine Besinnung aus. Elf Uhr war vorbei. Schon mehrmals hatte das junge Mädchen schüchtern gemurmelt: »Ihre Tante wird sich aber bereits zu Bette gelegt haben.« – Meine Tante! ... meine Tante! ... seien Sie deßhalb unbekümmert,« entgegnete Richard, dessen Zunge anfing schwer zu werden, »verlassen Sie sich auf mich ... ich stehe für Alles! ... das ist meine Sache.« Indessen erhob sich Rosa doch von ihrem Sitze, und Herr Richard entschloß sich, dasselbe zu thun. Seine Augen schienen aus dem Kopfe treten zu wollen; er gab sich, während er den Kellner bezahlte, Mühe, eine würdige Miene anzunehmen, aber er stand nicht fest auf seinen Füßen. Er näherte sich der Jungfrau, präsentirte ihr seinen Arm und stammelte: »Vorwärts jetzt!« Nun trat der Kellner auf Rosa zu und flüsterte ihr ins Ohr: »Nehmen Sie sich in Acht, Fräulein, trauen Sie diesem Herrn nicht.« Rosa-Maria blickte entsetzt den Kellner an, sie wußte nicht, was sie thun sollte; aber Herr Richard zog sie mit sich, und sie befand sich schon auf dem Boulevard mit ihm. Es war spät und es gingen nur wenig Leute vorbei. Der junge Mann, welcher spürte, daß es sich mit dem Marschiren nicht recht machen wollte, packte Rosa fest am Arme und wollte schnell gehen; er suchte große Schritte zu machen, indem er trillerte: »Vorwärts Marsch, laßt wie der Blitz Stürzen uns auf ihr Geschütz! »Ha! meiner Treu', ich habe gut zu Nacht gespeist ... sehr gut zu Nacht gespeist!« – Wohnt Ihre Tante weit weg, mein Herr? – »Meine Tante? ... Potz Henker! wie schlüpfrig ist es auf dem Boulevard ... ich meine, das Gas scheine heute nicht so helle wie sonst ... Halten Sie sich nur recht an meinem Arm, fürchten Sie sich nicht, ich stehe fest!« Aber weit entfernt, festzustehen, stolperte Herr Richard jeden Augenblick. Bei dem Gastwirth war er nur betäubt, seit er sich aber in der frischen Luft befand, war er völlig betrunken, er wußte bereits nicht mehr, was er sprach, oder vergaß wenigstens, daß er, um das junge Frauenzimmer zu täuschen, welches er am Arme führte, seine Pläne sorgfältig verbergen mußte. Sie hatten noch nicht fünf Minuten die Restauration verlassen, als Herr Richard schon versuchte, seinen Arm um Rosa's Taille zu schlingen, indem er zu ihr sagte: »Wohlan denn, meine Theure! wir werden uns jetzt zärtlich lieben! ... Wir geben ein herrliches Pärchen! ... Zuerst möchte ich aber einen Kuß ... ein ganz kleines Küßchen ...« Rosa-Maria stieß den Herrn zurück und suchte sich aus seinem Arme loszumachen. »Hören Sie auf, mein Herr, machen Sie ein Ende!« entgegnete sie, »was sollen diese Worte bedeuten?« – Wie? Sie machen noch immer Umstände! Sie sträuben sich noch! Sieh', mein Engel, das sind Dummheiten und weiter nichts! – »O! mein Gott, Sie sollten mich ja beschützen! Ich hatte also Unrecht, Ihnen zu glauben!« – Im Gegentheil, Sie müssen mir immer glauben ... potz, da war wieder ein Kieselstein, an dem mein Fuß strauchelte ... Stützen Sie sich doch auf mich, meine Holde! – »Nein, mein Herr, nein, ich gehe keinen Schritt weiter mit Ihnen, bis Sie mir gesagt haben, wo Ihre Tante wohnt, und ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich nicht in das Haus hineingehe, in welches Sie mich führen wollen, ehe ich überzeugt bin, daß ich zu einer achtungswerthen Person komme.« – Ha, ha, ha! eine achtungswerthe Person! ... das ist ein guter Witz ... davon ist jetzt nicht die Rede! Sie gefallen mir, ich gefalle Ihnen ... Du kommst zu mir! ... die Tanten leben nur in der Einbildung! Komm, Kleine, sehen wir uns nach einem Wagen um, dann steigen wir ein, um desto bälder in meine Wohnung zu gelangen, in die Kasteiungsstraße Nr .... alle Teufel, jetzt weiß ich die Nummer nicht mehr ... was habe ich denn heute Abend? – »Wie schändlich! ... ein armes junges Mädchen so zu täuschen, das Niemand zu seiner Vertheidigung und Unterstützung hat! Lassen Sie mich los, mein Herr, lassen Sie mich los!« Rosa hatte ihren Arm zurückgezogen, Richard stürzt sich auf sie, umfaßt sie mit beiden Armen und schreit: »Wir wollen uns davon machen, wie es scheint? ... Warum nicht gar! Ich sage Dir, ich mache Dein Glück; ich habe noch Geld bei mir, wir wollen einen Wagen nehmen, dann kommen wir, glaube ich, schneller an, und ich bin ungeduldig, Dir Beweise meiner Zärtlichkeit zu geben! Der Champagner macht mich sehr verliebt.« Und der junge Mann, der seinen Arm um den Leib der armen Kleinen geschlungen hatte, näherte sein häßliches Gesicht ihrem frischen jungfräulichen Antlitz; er war eben im Begriff, ihre Reize durch einen Kuß zu entweihen, als es Rosa, welcher der Zorn und Unwille neue Kräfte verliehen, gelang, sich aus seinen Armen loszuwinden, und da er von Neuem versuchte, sie zu erfassen, gab sie ihm einen heftigen Stoß, daß er zurücktaumelte und auf die Platten des Boulevards niedersank. Richard tobte wie ein Wüthender, indem er sich zu erheben versuchte, was aber keine Kleinigkeit für ihn war, da er immer das Gleichgewicht wieder verlor; während er sich aber in seinen Anstrengungen erschöpfte und fortwährend auf seine Hände zurückfiel, hatte die während des ganzen Tages von ihm Verfolgte die Flucht ergriffen, und als es ihm endlich gelang, wieder auf die Beine zu kommen, sah er sich vergebens nach allen Seiten um ... Rosa-Maria war verschwunden. Elftes Kapitel. Die graue Patrouille Nachdem sie sich von Richard entfernt hatte, lief Rosa lange fort, ohne anzuhalten; sie weiß weder wo sie hin will, noch in welchem Quartier sie sich befindet, aber das ist ihr gleichgültig; die Hauptsache ist, daß sie dieser Mensch nicht mehr soll einholen können, dessen ehrlose Absichten ihr klar geworden sind. Endlich steht sie still, denn der Athem geht ihr aus; sie ist in einer schmalen dunkeln Straße; sie erblickt einen Eckstein und setzt sich darauf; schaudernd sieht sie sich um; das kleinste Geräusch macht sie erbeben, der Muth verläßt sie, große Thränen stürzen aus ihren Augen, und in diesem Augenblicke denkt sie fortwährend an ihren Vater. »Mein Gott,« seufzt sie, ihre Blicke gen Himmel erhebend, »was soll aus mir werden, wenn Du mich verlässest? ... allein! mitten in der Nacht! in einer unbekannten Stadt, die so gefährlich sein soll! ... Ach! ich hätte nicht einwilligen sollen, meinen Vater zu verlassen. Wenn ich gesagt hätte: »›Ich bin glücklich bei Dir, ich will mein Leben in unserem Dorfe zubringen,‹« dann würde er nicht daran gedacht haben, mich nach Paris zu schicken! Aber ich war schon lange nicht mehr heiter daheim ... weil ich an Jemand dachte ... Mein guter Vater hat geglaubt, ich langweile mich bei ihm und hat mich deßhalb zu meinen Onkeln geschickt ... Ach! der Himmel bestraft mich; wenn ich mehr Vertrauen zu meinem Vater gehabt und von Herrn Leopold mit ihm gesprochen hätte, so hätte er mich gewiß bei sich behalten und ich wäre jetzt nicht mitten in der Nacht obdachlos an dieser Stelle.« Auf einer nahen Kirchenuhr schlug es eben Mitternacht. Kurz darauf lassen sich dumpfe Tritte vernehmen. Die Jungfrau erhebt sich rasch bei dem Gedanken: »Wenn das die graue Patrouille wäre, von welcher der abscheuliche Mensch mir erzählt hat, und mich verhaften würde. Es ist besser, wenn ich gehe, als wenn ich hier sitzen bleibe, es sieht dann doch wenigstens aus, als ob ich meinen Weg verfolgte; fragt man mich, so sage ich: Ich gehe nach Hause.« Die von Rosa-Maria gehörten Tritte waren wirklich die jener geheimnißvollen Patrouille, welche um Mitternacht auszieht und die Runde in Paris bis zu dem Augenblicke macht, wo die Landleute in die Stadt kommen, um die Märkte mit Lebensmitteln zu versehen, und der Tag zu grauen anfängt, denn dann sind die Diebe genöthigt, sich zurückzuziehen, und die Gefahr hat ein Ende. Das, was man die graue Patrouille heißt, ist eine Abtheilung von Polizeiagenten und Stadtsergeanten, die meist in Civilkleidung, hie und da aber auch zum Theil uniformirt sind. Diese, an die Listen der Diebe gewohnten Männer sind gewandter im Ueberfallen derselben als die gewöhnlichen aus Linientruppen oder Nationalgarden bestehenden Patrouillen. Die graue Patrouille schreitet schweigend einher; es wird nichts gesprochen in ihren Reihen; alle Mitglieder scheinen das Talent zu besitzen, sich geräuschlos fortzubewegen. Oft trennt sich beim Einbiegen in eine Straße die Patrouille in zwei Theile, die Einen gehen rechts, die Andern links; dann schleichen diese Männer auf fünfzehn bis zwanzig Schritte Entfernung von einander längs den Häusern hin, deren Farbe ihre Mäntel haben; sie gleichen Schattengestalten, deren Dasein zweifelhaft ist, und die oft den Blicken eines in Gedanken Vorübergehenden entgehen. Ihr seid auch, wenn ihr Paris um zwei oder drei Uhr Nachts durchstreift, gewiß schon mehreren grauen Patrouillen begegnet, ohne sie nur gesehen zu haben; von ihnen seid ihr aber sicher wahrgenommen worden. Diese Patrouille kennt ihre Leute; sie wird den Jüngling, der vom Balle heimkehrt, den Lebemann, der sich zu lange in der Gesellschaft seiner Freunde aufgehalten, den Liebhaber, der sich bei seiner Geliebten verspätet hat, nie arretiren. Sie kennt diese Leute an ihrem ganzen Wesen und täuscht sich darin nicht; aber sie macht die Bewohner eines Erdgeschosses oder eines niedern Entresols darauf aufmerksam, wenn sie ein auf die Straße gehendes Fenster offen gelassen haben; sie überrascht die Diebe, welche im Begriffe sind, eine Thüre aufzubrechen, die Läden einer Bude durchzusägen oder auszuhängen. Sie weckt den Betrunkenen auf, der an einem Eckstein eingeschlafen ist und führt ihn nach Hause, wenn seine Betrunkenheit eine wahre ist; kurz, sie säubert die Straßen von all' den obdachlosen Menschen und Vagabunden, die sie auf ihrem Wege antrifft, und welche meist auch nur Diebe sind oder sich wenigstens diesem ehrbaren Beruf zuwenden wollen. Früher waren die Schirmdächer der Buden, die Säulengänge vor den Kaffeehäusern der Versteck jener Unglücklichen, die keine eigene Wohnung hatten und nicht einmal so viel besaßen, ein Lager in dem elendesten möblirten Logis bezahlen zu können, oder aus Liebhaberei die Nacht unter freiem Himmel zubrachten. Da die Behörden für Zerstörung dieser Schlupfwinkel gesorgt haben, so bleiben diesen Obdachlosen jetzt nur noch im Bau befindliche Häuser; die Zugänge der Theater, sofern sie Vorhallen haben oder die Brückenpfeiler; hier kauern sie sich zusammen; auch greift man sie öfters auf den Stufen des Odeon- und unter der Säulenhalle des Ambigu-Comique-Theaters auf. Einmal des Nachts fand die graue Patrouille einen kleinen zwölf- bis dreizehnjährigen Vagabunden in dem Innern einer gußeisernen Röhre versteckt, die neben einem Orte, wo ein Kloak reparirt wurde, auf der Straße liegen geblieben war. Die als Vagabunden in Paris lebenden Leute wenden alle nur erdenkliche List auf, um die Patrouille zu hintergehen, wenn sie von ihr überrascht werden. Eine der gewöhnlichsten ist, sich betrunken zu stellen, oder zu thun, als ob man von Dieben angegriffen und geschlagen worden sei, oder aus Entkräftung sich übel befinde ... Aber die graue Patrouille ist sehr ungläubig; sie führt Alle, die sich nicht gehörig ausweisen können, auf die Polizeipräfektur. Sie ist auch den Miethsleuten, die während des Nacht ausziehen wollen und ihre Effekten zum Fenster hinaus einigen Freunden zuwerfen, die ihnen darin an die Hand gehen, sehr widerwärtig, denn der Zweck dieses Manövers ist, sich am andern Tage aus dem Staube zu machen, ohne die Miethe zu bezahlen. Es war beinahe zwei Uhr Morgens; die Straßen von Paris waren verlassen; die graue Patrouille machte ihre Runden. Ein schlecht gekleideter Mann schleicht sich im Schatten durch die Tempelstraße hin; der Mann hat einen ziemlich großen Sack auf dem Rücken, der sehr schwer scheint, denn von Zeit zu Zeit ist er genöthigt, still zu stehen, um ihn von einer Achsel auf die andere zu nehmen; indessen strengt er sich an. seine Schritte zu beschleunigen, und will eben in die Gravilliersstraße einbiegen, als er sich plötzlich von mehreren Männern umringt sieht ... er hofft, es werden Kameraden sein ... aber er bebt zusammen, als er die graue Patrouille erkennt. Der Commandant hält ihn an. »Halt' einen Augenblick, Freund, Du läufst sehr schnell, und doch scheint Deine Last schwer zu sein.« – Ach, mein Herr ... man ist in so später Stunde froh, wenn man nach Hause kommt. Ich habe mich bei einem Glase Wein mit einem Bekannten ein wenig verspätet und fürchte, von meinem Weibe gescholten zu werden. Gute Nacht, meine Herren. – »Du hast große Eile; was trägst Du in Deinem Sack?« – Kartoffeln, meine Herren, Nahrung für meine Familie. – »Du hast Dich ein wenig spät auf die Beine gemacht, um Deine Kartoffeln einzukaufen.« – Ich hatte sie schon gestern Abend gekauft, aber meinen Sack im Wirthshaus vergessen. – »Zeig' uns doch einmal, was Du für eine Sorte Kartoffeln hast!« Der für seine Familie so besorgte Mann sträubte sich vergebens, seinen Sack untersuchen zu lassen; als er merkte, daß er dieser Inspektion nicht entgehen konnte, ließ er den Sack fallen und versuchte zu entfliehen; aber man hatte seine Absicht vorausgesehen und verhinderte ihn daran. Man öffnete den Sack. Die Kartoffeln hatten sich in Stücke von Rinnen verwandelt. »Wo hast Du das gestohlen?« fragt der Anführer der Patrouille. Nun verzichtete der Mann auf sein System der Familienfürsorge und antwortete ganz verdutzt: »Ich habe nichts gestohlen, sondern den Sack auf der Straße gefunden und aufgehoben.« – Wo hast Du ihn gefunden? – »Da unten ... an der Ecke des Boulevards.« – Du lügst! Du hast das in der Corderiestraße gestohlen, wo man Deinen Kameraden eben auch überrascht hat, als er beschäftigt war, Rinnenröhren abzulösen. – »So! er hat sich ertappen lassen! ... Ach! das alte Vieh!« – Das ist nicht Dein erster Versuch. Vor acht Tagen hat man allen Zink von einem Hause in der Weißmäntelstraße entwendet. Warst Du der Dieb? – »Ja.« – Was hast Du mit diesem Zink angefangen? – »Ich habe ihn verkauft.« – Und was hast Du mit dem Geld gemacht? – »Ich habe davon gelebt.« – Wo hast Du geschlafen? – »In den Steinbrüchen, unter den Hügeln von St. Chaumont.« – Und was hast Du bei Tage getrieben? – »Hm! ich ging in den Assisenhof, um den Verhandlungen zuzuhören; man muß sich doch auch mit seinem Rechte bekannt machen!« Die Patrouille nimmt diesen Rechtscandidaten mit sich. In einer Seitenstraße sieht sie etwas Zusammengerolltes an dem Eckstein eines Hauses liegen. Es scheint von ferne ein Kothhaufen zu sein, aber die Agenten lassen sich nicht täuschen. Einer derselben nähert sich und gibt diesem Klumpen einen Tritt mit dem Fuße; jetzt rollt sich der vermeintliche Pack auf und erhebt sich vom Boden: es ist ein Mann. »He da! was macht Ihr da?« – Hm! ... was gibt's? – »Hört Ihr nicht? Was Ihr da thut? ...« – Ihr seht ja, ich schlafe. – »Man darf bei Nacht nicht auf der Straße schlafen.« – So, und warum nicht? ist das Pflaster nicht für Jedermann da? – »Warum geht Ihr nicht nach Hause?« – Weil es mir hier ganz wohl war! – »Vorwärts! stellt Euch nicht betrunken, wir kennen das. Habt Ihr ein Logis?« – Bin nicht so dumm! ... wozu sollte ich Miethe bezahlen? ... der Eckstein thut's auch! – »Dann wollen wir Euch für eines sorgen.« – Wo quartirt ihr mich ein? – »Auf der St. Deniswache.« – Werde euch nicht lange incommodiren auf eurer Wache! – »Marsch vorwärts!« – Sogleich!« Der Vagabund bückt sich, hebt einen todten Hund auf und sagt dabei: »Wartet, ich will nur mein Kopfkissen mitnehmen.« In einiger Entfernung sieht die Patrouille einen Bürger vor dem Fensterladen eines Fayencemagazins stehen, der eine Thüre desselben aufzumachen sucht. Der Mann hat aber die Nationalgarde-Uniform an und singt, weit entfernt, sich verbergen zu wollen, während er Versuche macht, seine Thüre aufzuschließen: »Ha! welch' eine Lust, ein Soldat zu sein! ... Sapperment, ich bin froh, daß ich mich ins Bett legen darf, obwohl ... Ich habe dem Lieutenant weis gemacht, ich hätte fürchterliche Kolikschmerzen und er hat sich rühren lassen ... Ha! welch' eine Lust, Soldat zu sein! ... Warum macht denn mein Hauptschlüssel heute Abend nicht auf? es muß etwas in meinem Schloß stecken ... Zu streiten für Fürst und Staat im Verein ... Wie wird sich meine Egerie freuen, wenn sie sieht, daß ihr Männchen kommt, um bei ihr zu schlafen! ... wie wird sie ihren kleinen Liebling wieder erwärmen ... Ich eile vergnügt zum hitzigen Kampf! ... Aber Sapperment, man hat mein Schloß verdorben ... mein Schlüssel dreht sich nicht mehr herum ... doch er dreht sich ... Ich eile vergnügt zum hitzigen Kampf ... Teufel! der Schlüssel dreht sich herum, macht aber doch nicht auf ... Mein Gott, wie ärgere ich mich! ... ich werde am Ende Egerie rufen müssen, ich, der ich sie in ihrem Bettchen überraschen wollte.« In diesem Augenblick kehrt sich der Fayencehändler um und sieht die graue Patrouille, welche ihn umgibt und examinirt. »Meine Herren!« ruft er aus, »Sie sehen einen Mitkämpfer für die öffentliche Ordnung, welcher mit Erlaubniß seiner Vorgesetzten nach Hause geht, um sich schlafen zu legen. Ich bin der Eigenthümer dieses Ladens, und erst seit einem Jahre mit einer sehr hübschen, ganz zum Geschäfte tauglichen Frau verheirathet. Seit ich mit ihr vereinigt bin, ist mein Handel einer der besten im Quartier; meine Kunden wachsen mir über den Kopf. Alle jungen Leute in der Straße kaufen bei mir ein ... Einer namentlich kauft alle Morgen eine Untertasse, er zerbricht, wie es scheint, viel! Mein Schild heißt: Zum unzerstörbaren Fayence! ... das ist so ein Einfall von mir ... Aber ich weiß nicht, was mit meinem Hauptschlüssel vorgegangen ist: ich bringe ihn nicht mehr hinein oder vielmehr meine Thüre nicht mehr auf ... und fürchte genöthigt zu sein, meine Frau, meine Egerie, aufzuwecken.« – Lassen Sie mich es einmal versuchen,« sagt der Anführer der Patrouille, nähertretend, »ich bin vielleicht geschickter als Sie und bringe den Schlüssel besser hinein. – »Ach! da würden Sie mir einen großen Dienst leisten, Herr Wachcommandant!« Der Polizeibeamte drehte den Schlüssel herum und sagte zu dem Fayencehändler: »Ihr Schlüssel geht ganz gut, aber deßhalb könnten Sie doch die ganze Nacht da stehen bleiben, denn man hat innen die Stange vorgeschoben?« – Glauben Sie, Herr Wachcommandant? – »Ich bin's überzeugt.« – Das ist sonderbar, ich sage doch immer zu meiner Frau, wenn ich auf die Wache ziehe: Schiebe die Stange an der Ladenthüre nicht vor, denn wenn ich mich fortmachen kann, so komme ich. Sie hat sich wahrscheinlich gefürchtet und sich eingerammelt, damit man nicht zu ihr dringen kann ... das arme Mäuschen, ich muß sie aufwecken.« Der Fayencehändler tritt einige Schritte zurück und schreit, nach dem Entresol hinauf blickend: »Egerie, ich bin's, Egerie! Dein Männchen ... hm, hm! ... Ha! welch' eine Lust, ein Soldat zu sein! ... Sie scheint sehr fest zu schlafen! ... Ich will aber mit meiner Flintenspitze an ihren Laden stoßen.« Der Fayencehändler stößt an die Läden des Entresols und schreit wieder: »Ich bin es, Egerie, habe keine Furcht ... Du hast die Stange hineingesteckt, mein Mäuschen, ziehe sie heraus, daß ich hinein kann ... Ah, sie macht das Fenster auf: sie ist aufgewacht.« Man öffnete in der That ganz sachte einen Laden des Entresols und eine dem Anschein nach sehr angegriffene weibliche Stimme stammelte: »Wer spricht von Einstecken? ... sind Diebe da?« – Nein! ich bin's, theure Egerie ... Joseph, Dein Gatte ... Ich komme zum Schlafen nach Hause; lasse mich doch hinein und schiebe die Stange zurück, liebes Herz eile, ich bekomme sonst den Schnupfen. – »Das ist nicht wahr! Ihr seid nicht Joseph, mein Mann ist auf der Wache. Laßt mich schlafen, ich verbitte mir solche Späße.« Damit wurde der Laden wieder zugemacht. Der Nationalgardist drehte sich nach der grauen Patrouille um und rief aus: »Die ist einmal streng ... das gefällt mir zwar, allein ich kann mich jetzt doch nicht damit begnügen ...Ich sei nicht ihr Mann ... sie erkennt meine Stimme nicht ... die Furcht und der Schlaf sind Schuld daran. Aber ich will einmal in's Bett, ich habe keine Lust, auf den Posten zurückzukehren, ich will mich nicht auslachen lassen! ... Holla! Egerie! ah! Sapperlot, wache doch vollends auf ... Ich bin's, Dein Joseph ... mein Hauptschlüssel macht zwar auf, aber die Thüre ist von innen verrammelt. Der Laden des Entresols wird von Neuem geöffnet. »Wie, Du bist es, mein Freund?« – Ei! freilich bin ich es ... Ah! sie kennt mich endlich ... ich wußte wohl, daß es nur eine Wirkung des Schlafes war. – »Ich glaubte zu träumen, mein Freund, und begriff nichts von dem ganzen Lärm.« – Komm' herunter theure Freundin, schiebe die Stange hinweg, daß ich hinein kann; nimm aber ein Licht, damit Du nicht fällst oder Dich stößest. –»O, ich brauche kein Licht, ich komme schon.« Der Fayencehändler rieb sich die Hände und sagte: »Jetzt bin ich sicher, daß ich die Nacht nicht vor der Thüre zubringen muß; meine Herren, ich wünsche Ihnen gute Nacht ... Ha! welch eine Lust ein Soldat zu sein! ... Da kommt schon mein Weibchen herunter ... Ich eile vergnügt zum hitzigen Kampf! ... Ha! welch' eine Lust, ha! welch' eine Lust! Ha! wie will ich sie erwärmen ... ha!« Die Patrouille entfernte sich; nachdem sie jedoch ungefähr hundert Schritte gemacht, gibt der Anführer seinen Leuten ein Zeichen, still zu halten; dann bleiben Alle unbeweglich und schweigend, die Blicke auf das Entresol des Fayencehändlers gerichtet, stehen; sie erwarteten die Entwicklung der vor sich gehenden Scene. Diese findet sich auch bald, wie die Patrouille vorausgesehen hat. Kaum ist der Ehemann in sein Haus getreten und mit dem Schließen und Riegeln der Thüre beschäftigt, so öffnen sich die Läden des Entresols noch weiter, und ein junger Mann erscheint am Fenster, von dem er auf die Gefahr hin, Arm und Beine zu brechen, auf die Straße herabspringt. Doch das Stockwerk ist nieder, der junge Mann ist auf alle viere gefallen, hat sich aber alsbald wieder erhoben, und läuft nun aus Leibeskräften davon. Er rennt mitten durch die Patrouille hindurch, welche wohl sieht, daß der Herr nur halb angekleidet ist, und seinen Ueberrock unter dem Arme hält; allein die graue Patrouille macht aus christlicher Liebe ein Auge zu und läßt ihn seines Weges gehen, denn sie weiß wohl, daß es kein gewöhnlicher, sondern höchstens ein Herzensdieb ist, über welche der Polizei bekanntlich keine Autorität zusteht. Nicht weit davon in einer andern Straße begegnet die Schaarwache einem jungen Mädchen, welches sehr schnell geht, aber zitternd stehenbleibt, als es sich plötzlich von Männern umgeben steht, die gleichsam aus dem Boden hervorzusteigen scheinen und sie umringt haben, ehe sie solche nur hat kommen sehen. »Wo gehen Sie noch so spät hin, junges Kind?« fragt einer der Männer, eine Blendlaterne vor Rosa's Gesicht haltend, denn Rosa ist es, welcher die graue Patrouille so eben begegnet ist. »Meine Herren, ich gehe ... zu meinem Onkel ... Herrn Eustachius Gogo.« – Wo wohnt Ihr Onkel? – »Er wohnt ... in der Vendômestraße Nro. 14.« – Und wie kommt es, daß Sie um diese Zeit allein auf der Straße sind? – »Mein Herr ... weil ich ... weil ich ein wenig mit Jemand geplaudert habe.« » – Mit Ihrem Liebhaber, nicht wahr? Er hätte Sie aber dann begleiten sollen, man läßt ein junges Mädchen wie Sie sind in Paris bei Nacht nicht allein nach Hause gehen.« Rosa-Maria schlägt die Augen nieder und gibt keine Antwort. Die Polizeibeamten sehen sie, dann sich selbst einander an und der Anführer der Patrouille fragt sie nach einer Weile: »Wünschen Sie, daß Einer von uns Sie bis nach Hause begleite?« – O! nein, ich danke Ihnen, meine Herren, ich kann ganz gut allein gehen?« Mit diesen Worten setzte die Jungfrau ihren Weg fort und eilte rasch davon. Die graue Patrouille ließ sie, nachdem sie sie betrachtet hatte, gehen. Die Leute der Schaarwache hätten sie begleitet, aber nicht verhaftet. Zwölftes Kapitel. Das Kaffeehaus zu den nassen Füßen Rosa-Maria ist lange fortgelaufen, sich glücklich schätzend, nicht von der Patrouille ergriffen worden zu sein, die Furcht, welche sie in Gegenwart derselben empfand, hat ihr neue Kräfte verliehen, während einiger Zeit konnte sie noch mehrere Straßen durchlaufen, wobei sie dachte: »Wenn nur der Tag käme ... o! dann würde ich nach dem Weg zum Bahnhof fragen, hingehen, und sobald die Beamten da wären, einen Platz nach Corbeil verlangen.« Aber der Tag beeilte sich nicht zu kommen und das junge Mädchen fand diese Nacht endlos. Die Nächte kommen moralisch oder physisch Leidenden immer lang vor. Indessen konnte die arme Rosa nicht immer auf den Beinen bleiben. Sie ist bis zu einer Brücke gelangt; sie fühlt die Frische des Wassers; sie besinnt sich, ob sie noch weiter gehen soll, als sie in einer Entfernung von etwa hundert Schritten, ungefähr in der Mitte der Brücke, ein röthliches Licht gewahrt, dessen undeutliche Helle sich nur in einem sehr engen Kreise verbreitet. Von Zeit zu Zeit verschwindet das Licht, wie wenn es durch Jemand, der sich davor stellte, bedeckt würde. Das junge Mädchen vernimmt bald darauf mehrere Stimmen, sie glaubt sogar Gesänge und Gelächter zu unterscheiden. Es ist nicht zu bezweifeln, daß mehrere Personen um das in der Mitte der Brücke befindliche Licht versammelt sind; was thun sie aber da? Rosa weiß nicht, ob sie weiter vorwärts oder zurück gehen soll, denn Eines fällt ihr so schwer wie das Andere: sie ist vor Müdigkeit gänzlich erschöpft; eine steinerne Bank bietet sich ihren Blicken dar, sie setzt sich darauf und murmelt: »Ich kann nicht weiter, es ist mir rein unmöglich; doch die Leute dort müssen keine Verbrecher sein, da sie Licht haben und ich sie lachen und singen höre. Außerdem wird der Himmel, welcher mich gegen die graue Patrouille beschützt hat, auch ferner über mich wachen, und wenn dann der Tag kommt, dann ... « Das junge Mädchen hat keine Kraft mehr, weiter zu denken; sie sinkt auf die Steinbank nieder, ihre Augen schließen sich, sie schläft ein. Rosa-Maria befand sich, ohne es zu wissen, am Eingange der Notre-Dame-Brücke und war nahe bei dem Kaffeehaus zu den nassen Füßen eingeschlafen. Es ist überflüssig, meine Leser mit diesem Kaffee bekannt zu machen; die Stammgäste der Rotunda, der Provenceaux und des Café de Paris wissen wahrscheinlich nichts von diesem Etablissement. Selbst Personen, welche Kaffeehäuser niedern Ranges und sogar Tabakstuben besuchen, können ganz leicht nie von dem Kaffee zu den nassen Füßen sprechen gehört haben, obwohl dieses schon lange in Paris existirt; denn obgleich man schon viel von den eigenthümlichen, sonderbaren und geheimnißvollen Dingen dieser großen Stadt erzählt hat, hat man doch noch nicht Alles gesagt, es gibt noch Manches, was vergessen blieb und vielleicht nie enthüllt werden wird. In der Mitte der Notre-Dame-Brücke eröffnet alle Nacht, wenn es auf der Domkirche zwölf Uhr geschlagen hat, ein Weib, welches einen Tisch und zwei oder drei elende Stühle unter dem Arm hat, ihr Etablissement und treibt ihr Gewerbe. Dieses Weib zündet ein Licht an, das mit Papier umwickelt ist, um es vor dem Wind zu schützen, stellt es auf den Tisch, langt aus einem großen Armkorbe mehrere Fayencetassen mit oder ohne Henkel, kurz, mehr oder weniger beschädigt heraus, und setzt sie um das Licht herum auf den Tisch. Dann zündet sie in einem großen irdenen Herde Kohlen an und stellt einen ungeheuren eisernen oder blechernen Kaffeekessel darauf. In diesem befindet sich ein Getränk, das größtentheils aus Wasser, dann aus etwas Milch und aus etwas Kaffee- und Zichoriensatz zusammengesetzt ist, in welchem man einige Stückchen schwarzen Farinzucker hat vergehen lassen. Dieses Gebräu wird von der Verkäuferin mit dem Namen Café à la Créme beehrt; zuweilen gibt es auch für die wahren Liebhaber Kaffee ohne Milch; diese Flüssigkeit nun verkauft sie die Tasse zu einem ober zwei Sous. Hierauf legt sie mit einem gewissen Stolz zwei oder drei Zeitungen auf den Tisch, die sie um geringen Preis Abends als es geschlossen wurde, in irgend einem Winkelkaffeehaus gekauft hat; so erwartet sie ihre Kunden, die auch alsbald kommen und ihren Kaffee, um den Tisch herumstehend, trinken; die Verzehrenden allein haben das Recht, die Journale zu lesen. Das heißt man auf sehr bezeichnende Weise das Café zu den nassen Füßen, denn die Gäste müssen sich bei jeder Witterung auf dem Pflaster aufhalten, welches auf der Notre-Dame-Brücke sehr selten trocken ist. Es wird um Mitternacht eröffnet oder fängt vielmehr um Mitternacht an, und dauert bis Tagesanbruch. Ihr könnt euch denken, welche Art von Gesellschaft sich gewöhnlich in diesem Café unter freiem Himmel versammelt. Erstens viele von jenen Herren, die kein Nachtlager haben, oder die sich auf der Straße so wohl befinden als zu Hause; dann Landleute, die ihre Erzeugnisse zu Markt bringen oder in ihr Dorf zurückkehren; diese setzen aber, wenn sie ihre Schale Kaffee getrunken haben, ihren Weg wieder fort und halten sich selten zum Plaudern auf. Dann die Kärrner, die Lumpensammler, die Straßenkehrer und andere während der Nacht beschäftigte Leute; außer diesen die Trunkenbolde, die nicht mehr nach Hause können, endlich die Tagediebe, die Vagabunden, kurz all' die Wesen, welche nicht wissen, wo sie die Nacht zubringen sollen und oft der Patrouille entgehen, indem sie sich ins Café zu den nassen Füßen flüchten, wo man die Zeitungen liest und politisirt. Die Gäste dieses Etablissements wechseln häufig während der Nacht; aber gleich wie in den wirklichen Kaffeehäusern sieht man auch Stammgäste, die bald, nachdem das Licht angezündet ist, kommen, sich des Stuhls bemächtigen, den die Kaffeewirthin nicht braucht, bis zum Morgen bleiben, alle Journale, die auf dem Tische liegen, lesen und Beschlag darauf legen, sobald sie ankommen. In diesem Augenblick ist das Café zu den nassen Füßen in seinem vollen Glanze: etwa zehn Männer, die meisten in Blousen oder Halbkitteln, einige in Jacken, die größte Anzahl aber in durchlöcherten, zerfetzten und zerflickten Kleidern, sind darin versammelt; man erblickt auch mehrere Lumpensammler mit ihren Kiepen, vom Volkswitz Cabriolets genannt, auf dem Rücken. Die Wirthin theilt ihren gezuckerten Kaffee unter den Gästen aus. Einige haben ein riesenmäßiges Stück Brod mitgebracht und fangen an, Schnitten davon in ihre Tasse einzutunken. Im gegenwärtigen Momente ist übrigens die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf einen kleinen, dickköpfigen Mann gerichtet, der eine schlechte olivenfarbige Sammethose und einen blauen Halbkittel, welcher mit einem rothen Gürtel um den Leib befestigt ist, an hat. Dieser Mensch, der die Größe eines Zwergs und ungeheuer plumpe Glieder hat, steht auf dem Tische und liest den ihn umgebenden Herren die Zeitung vor, indem er sich nur zuweilen unterbricht, um mit der Hand unter seine Kappe zu fahren und sich mit einer Art Wuth in seinem rothen krausen Haare zu kratzen. Der zwergartige Mensch hat eine unangenehme, gellende Stimme, die macht, daß kein Wort von dem, was er seinem Auditorium vorliest, verloren geht, deßhalb beauftragen ihn auch die Uebrigen häufig mit der Vorlesung der Zeitungsblätter, von denen außerdem Mehrere nicht einmal buchstabiren können. »Eine Tasse zu zwei Sous, Mutter Cichoria!« ruft ein blasser, bleifarbiger Mann, der sich eben der Gesellschaft genähert hat, und dessen gräuliche Blouse von Oben bis Unten mit Koth bespritzt ist. »Schaut, der Wilde! der Wilde!« schreien mehrere Stimmen auf einmal, dem Neuangekommenen die Hand reichend; »Du kommst heute Nacht sehr spät; hast Du wo gezecht?« – Teufel! hast Du in Deinen Kleidern ein Schlammbad genommen? Du siehst ja aus wie ein Pudel, der seinem Herrn das Sacktuch aus der Seine apportirt hat. – »Nichts von alle dem! Ich habe nur eine etwas lebhafte Unterredung mit meiner Geliebten gehabt und da haben wir uns zum Schluß beiderseitig ein wenig im Koth herumgewälzt! ... Ich will nicht leiden, daß sie Branntwein trinkt, das ist nun einmal meine Ansicht, dagegen Wein so viel sie will; aber das verfluchte Schnappstrinken dulde ich nicht, weil ich sie kenne; sobald sie Spiritus im Leib hat, hat sie auch den Teufel im Leib und wirft sich dem ersten Besten an den Hals ... großen Dank dafür! ... Nehmet nur einmal ein solches Weibsbild mit zum Essen bei guten Freunden, da habt ihr Hörner auf dem Kopfe, noch ehe der Nachtisch kommt. Heute Abend habt Ihr wieder den Zucker gespart, Mutter Cichoria.« – Durchaus nicht! es ist immer das nämliche Quantum Farinzucker, aber Ihr seid gar lecker; Euch sollte man Caramel hinein thun! – »Schweigt jetzt Beide! seht Ihr denn nicht, daß Ratmort die Zeitung vorliest?« – Potz Tausend, es ist wahr! Ratmort ist aber auch so groß, daß man ihn nicht sieht, selbst wenn er auf einem Tische steht.« Dieser Scherz veranlaßt die Gesellschaft zu einem brüllenden Lachen, mit Ausnahme Dessen, der das Stichblatt desselben ist. Der dicke Zwerg richtet, nachdem er sein borstiges Haar mit den Fingern verarbeitet hat, seine grünen funkelnden Augen auf den jungen Mann, den man den Wilden genannt hat, und schreit: »Höre, Du unverschämter Gelbschnabel, wenn ich auch gleich nicht die Größe eines Grenadiers habe, so habe ich doch seine Kraft und seinen Muth, und wenn Du eine Probe davon haben willst, darfst Du es nur sagen ... ich stehe sogleich zu Dienst! Wer wettet eine Maß mit mir, daß ich ihn ins Wasser werfe?« – Was der Ratmort wüthend ist! ... er kriegt gleich einen Zorn! ... mich ins Wasser werfen! ... Dank schönstens dafür; er kann schwimmen wie ein Karpfe, denn er ist auch einer. – »Aergere mich nicht, Wilder! sonst stampfe ich Dich zu Brei zusammen, erdfahles Fratzengesicht!« – Wollt ihr bald aufhören, meine Herren?« sagte mit wichtigem Tone ein alter Lumpensammler, der sich stolz auf sein Reff stützte. »Wir waren gerade an einem sehr interessanten Artikel des Journals, es handelte sich von den Interessen des Landes ... der politischen Oekonomie, die man bei den verfälschten Weinen anzuwenden gedenkt! ... wer sein Vaterland liebt, muß sich für diesen Artikel interessiren. Ich verlange, daß Ratmort zu lesen fortfährt.« – Ja! ja, fortlesen! fortlesen!« schreien mehrere Stimmen. »Ich fahre fort,« erwidert der Kleine auf dem Tische; »wenn es sich aber wieder Einer beikommen läßt, mich wegen der paar Linien, die mir mehr oder weniger von der Natur zugemessen worden sind, zu vexiren, so fordere ich ihn zum Kampfe auf Tod und Leben und zwar sogleich, unverzüglich ... und unmittelbar.« Nach diesen Worten setzt das kleine Geschöpf, mit Namen Ratmort, sein Zeitungsvorlesen fort. »Hm, hm! ... wo war ich denn? ... Der Minister des Innern wird heute nicht empfangen ... er empfängt dagegen am ...« »Was schert uns das?« schreit ein großer Mann von entsetzlicher Magerkeit, der einen ungeheuren mit Leder gefütterten Hut auf dem Kopf und Stiefeln an hat, die bis zu seinen Schenkeln herauf gehen. »Glaubst Du, wir wollen zu der Soirée des Ministers gehen?« – Still, Blairot! wenn man mich alle Augenblicke unterbricht, so verliere ich den Faden und weiß nicht mehr wo ich halte. – »Wie stehen wir mit den auswärtigen Mächten?« fragt ein Individuum mit geröthetem Gesichte und einer Unmasse Finnen auf der Nase. Dieser Herr trägt einen Frack, an welchem nur noch ein Flügel ist; seine Stiefel sind dergestalt heruntergetreten, daß man immer glaubt, er sei eben im Begriff, sie auszuziehen. Auf seinem Kopfe hat er einen alten schwarzen Strumpf, dessen Untertheil gleich einer Quaste über sein linkes Ohr herabhängt; von fern könnte man ihn für eine Polizeidienersmütze halten. »Aha, Ladouille fängt an zu politisiren,« versetzt der junge Wilde höhnisch. »Nun, und warum nicht? ... man muß sich seinem Lande und seiner Verfassung widmen. Mein Vaterland ist mein Gott ... Wer leiht mir ein Maul voll Tabak? ... Schwatzt doch nicht Alle auf einmal! ... Ach, seid ihr Kinder! ... Gibt mir Niemand nur ein armseliges Maul voll Tabak aus Freundschaft?« – Heiliges Kreuzdonnerwetter!« schreit Ratmort, mit seinen Füßen heftig auf den Tisch stampfend, »soll ich oder soll ich euch nicht die Zeitung vorlesen? ihr plappert ja wie die Elstern, und man mag noch sagen, die Weiber seien schwatzhaft ... ich lasse dieses Sprüchwort nicht gelten; die Männer schwatzen mehr als die Weiber; sie hören gar nicht mehr auf. Ich verlasse die Tribüne. – »Nein, nein!« – Dableiben, Ratmort. – »Lies, wir hören zu.« – Wir sind ganz Ohr,« sagte der Lumpensammler, sich mit wichtiger Miene auf sein Reff lehnend. »Der Marktplatz von Rouen war gestern wieder der Haupt-Executionsort eines Weinschmugglers; man hat hundertundachtundzwanzig Litres verfälschten Weines in Gegenwart des Herrn Polizeicommissärs auslaufen lassen. Der geschmuggelte Wein floß in Strömen.« – Heiliger Gott! wie hätte ich mir's da schmecken lassen, wie hätte ich mir mit diesem Getränk die Gurgel geschwänkt!« rief der Mann mit dem schwarzen Strumpfe auf dem Kopfe, aus. »Hörst Du denn nicht, daß es gefälschter Wein war, Ladouille, der zerreißt Einem die Kutteln!« – Falsch oder nicht, einerlei! wenn er nur nichts kostet! Und abgesehen davon, kriegen wir denn etwas Anderes bei unsern Kneipwirthen, wo wir gewöhnlich hingehen? Um guten, ächten, reinen Wein zu trinken, muß man bekanntlich außerhalb der Barrièren gehen. – »Ha! der weiß es gut!« sagte der Mann mit den großen Stiefeln, »deßhalb hat man wohl in den letzten Tagen in der Courtille und in Vaugirard den Boden einer Masse von Fässern ausgestoßen und den Wein in die Gossen laufen lassen.« – Still, Bürger!« schrie der alte Lumpensammler, »laßt den Zeitungsleser fortmachen.« Ratmort kratzte sich auf dem Kopfe, hustete, spuckte aufs Gerathewohl auf sein Auditorium und fuhr fort: »Durch allerhöchste Ordonnanz wurde beim Tribunal erster Instanz zum Anwalt ernannt ...« – Keiner von uns, das wissen wir, also nur weiter. – »Der Zustand der Colonie Algier wird immer befriedigender; es kommen Colonisten in Masse an ...« – Weiter, weiter ... fang weiter unten an! – »Nein, nein!« schrie der alte Lumpensammler; »ich verlange die Fortsetzung dieses Artikels; das interessirt mich ... ich habe einige intime Freunde auf den Galeeren und selbst die Absicht, mich mit meiner Familie und meinen Neffen, die bereits marokkanisch sprechen, dort anzusiedeln.« – Wahrhaftig,« sagte Ladouille, sein Strumpfende anmuthig auf seinem Kopf schüttelnd, »da wäre vielleicht eine gute Spekulation zu machen. Ihr langt dort an, und erhaltet sogleich Land, Lebensmittel, Geld und ganz gezähmte Löwen; ihr laßt euch durch die Beduinen ein Haus bauen, errichtet ein kleines Serail mit fünf oder sechs Beduininnen und eben so viel Araberinnen und habt sonst nichts zu thun als zu rauchen und euch tättowiren zu lassen. Ich gehe mit Dir, altes Reff! – »Du? Ich will Dich aber nicht mitnehmen, Du wärest im Stande, unterwegs das Meer sammt den Fischen auszusaufen.« – Nun, um so besser, dann könnte man trockenen Fußes nach Algier kommen. – »Seid doch still, Ratmort lies!« – Subscription zur belgischen Eisenbahn ... Wer unterschreibt? ... He! hier könnt ihr eure Gelder gut anlegen! – »Ich mache meine Unterhose zu Geld, wer kauft sie?« – Ich habe zehn Sous und gute Luft, sie daran zu wagen. – »Du hast zehn Sous, altes Murmelthier! ... Kerl, wie kommst Du zu so viel Baarschaft? hoffentlich wirst Du sie diesen Morgen mit den Kameraden verjubeln.« – Fällt mir im Schlafe nicht ein. – »Dann führe ich sie Dir ab.« – Wenn Du kannst; ich habe sie an einem Orte versteckt, wo Du sie nicht suchen wirst. – »Ich wette doch!« – Still einmal, potz Sapperment! es ist ekelhaft, wenn man die Zeitung vorlesen hören will, von solchen Plaudertaschen umgeben zu sein. Mach fort, mein kleiner Ratmort! ... lies zu, liebes Thierchen!« Allein statt zu lesen, fängt der Zwerg an auf dem Tische in den komischsten Stellungen zu tanzen und singt dazu, den Takt auf seine Hinterbacken schlagend, wie besessen: Ah! Cibuli, Cibuli, Cibula! ... Trala, Zigla, Trula la la ... Wo ist's, wo die Kinder von Paris Stets leben wie in dem Paradies? Wo ist's, wo sie zum luft'gen Verein Den Freunden geben das Stelldichein? S'ist, werdet nicht lang rathen müssen, Im Café zu den nassen Füßen. Alsbald brüllte die Gesellschaft im Chor den Refrain dieser Art von Bacchanal, und mehrere dieser Herren hörten mit einer Cancantour auf, deren letzte Figur darin besteht, sich mit dem platten Leibe auf das Pflaster zu legen, und mit Händen und Füßen zu zappeln, als ob man schwimme. Der alte Lumpensammler hatte allein nicht Theil am Tanze genommen. Er blieb unbeweglich, auf sein Reff gelehnt, stehen und schrie, als der Chor beendigt war, mit lauter Stimme: »Ich verlange die Fortsetzung des Zeitungsartikels über Algier.« – Und ich verlange die zweite Strophe des Rundgesangs. – »Die Zeitung!« – Das Lied! ... der Alte langweilt uns mit seinem Algier!« Statt aller Antwort klopfte Ratmort wieder auf sein Hintertheil und fing, indem er ein Bein, nach Art der Hunde an einem Eckstein, in die Höhe hob, auf's Neue zu singen an: Ah! Cibuli, Cibuli, Cibula! Trala! Zigla, Trula la la! Wo hat die größte Gesellschaft Raum? Wo sieht man beim Licht den Nächsten kaum? Wo trinkt man aus zerbrochnen Tassen Kaffeesatz in so großen Massen? Wie! solltet ihr das noch nicht wissen? Im Café zu den nassen Füßen. Der Tanz hat wieder angefangen; Herr Ladouille entführt die Kaffeewirthin von ihrem Stuhle und beginnt mit Madame Cichoria einen Walzer, der sowohl Ähnlichkeit mit der Savoyarde als mit der Cachucha hat, während dessen reißt der junge Mann mit dem Beinamen der Wilde dem Tänzer den letzten Flügel seines Frackes vom Leibe und versteckt ihn unter seiner Blouse, wahrscheinlich, um ihn zu einem Hintertheil für seine Hosen zu verwenden. Der Mann mit der schwarzen Strumpfmütze hat seine Tänzerin schon ein paar Mal fast auf den Boden fallen lassen und der Tanz würde auch wahrscheinlich so geendigt haben, wenn er nicht durch das Hinzutreten einer neuen Person unterbrochen worden wäre. Diese drang durch den um die Tanzenden gebildeten Kreis, fing hellauf an zu lachen, klatschte in die Hände und rief dazu: »Bravo! ... schau', da macht man sich lustig ... Guten Abend bei einander, meine Herren und Damen von der Gesellschaft, könnte man nicht eine Tasse heißen Kaffee mit Milch bekommen? Man hat mir gesagt, hier gebe es welchen.« Mutter Cichoria läßt ihren Tänzer los, der seine Tour zu den Füßen des Lumpensammlers endigt, und während sie sich beeilt, ihren neuen Kunden zu bedienen, betrachten alle Gäste des Café's den Neuhinzugekommenen, den sie zum erstenmal in ihrer Gesellschaft sehen, mit mißtrauischer, beinahe besorgter Miene. Diese Menschen haben beinahe alle Gründe, das Einschleichen eines Polizeispions zu fürchten. Aber der neuangekommene Mann kümmert sich nichts um die auf ihn gerichteten Blicke; ganz mit der ihm gereichten Tasse beschäftigt, scheint er mit Entzücken die in derselben dampfende Flüssigkeit zu verschlucken, und ruft nur zuweilen aus: »Schau', das ist gut, das ist wirklich Kaffee! ... Es ist zwar wenig Zucker darin, dafür ist er aber recht heiß, das ist die Hauptsache.« Wählend dieser Zeit machen die Stammgäste halblaut ihre Bemerkungen: »Ach, was das für ein Kopf ist!« – Das ist ein verkleideter Kosak! – »Sein Gesicht ist artig ausgesotten!« – Seine Hose ist nach zwei Moden gemacht ... und was bedeutet der Kragen auf dem Rock? – »Ist auch ganz originell!« – Ach, und der Hut! ... ich bitte euch, betrachtet doch den faltigen Hut! ... der Mann scheint durchaus neue Moden aufbringen zu wollen. – »Ich muß mir einen solchen für die Promenade von Longchamp anschaffen: dann hält man mich für den ersten Modelöwen.« – Da gefällt mir doch noch Ladouilles Zipfelmütze besser, man weiß doch, an was man sich halten kann!« An dem Bild, welches die Herren von dem Neuangekommenen entwarfen, wird man bereits den Knopfmacher erkannt haben, der mit Rosa-Maria auf der Eisenbahn gefahren ist; er war es in der That, der sich in dem Café zu den nassen Füßen eingefunden hatte und nun sein Getränk behaglich hinunterschlürfte. Der kleine Ratmort, welcher sich auf den Tisch gesetzt hatte, von wo aus er den Mann mit dem faltigen Merinohut mit spöttischer Miene betrachtete, sagte nach einiger Zeit zu ihm: »Es scheint; Ihr seid kein Kaffeeverächter?« – Nein, ich liebe ihn; ich liebe überhaupt Alles, was man trinken kann. – »Gut gesagt; Wasser ausgenommen, was sich übrigens von selbst versteht! ... Hört, ich meine, man sehe Euch heute zum erstenmal da?« – Wo kommt Ihr her, Kosak?« fragte der Wilde. Diese Worte erweckten ein schallendes Gelächter; man stampfte vor Jubel mit den Füßen. Der, an den sie gerichtet waren, nahm sie ganz heiter auf und antwortete, nachdem er seinen Kaffee mit sammt dem Satz ausgeschleckt hatte, mit freundlicher Miene: »Ich bin in der That zum erstenmal hier, meine Herren, und das ist gar nicht zu verwundern, denn ich bin erst gestern mit der Eisenbahn in Paris angekommen; ich komme von Orleans; mein Gevatter Bichat hat mir geschrieben: »›Komm schnell, ich habe einen guten Platz für Dich.‹« Da bin ich augenblicklich abgereist, denn ich habe dort mit meinem Handwerk als Knopfmacher gar wenig verdient ... meiner Treu', ich habe wohl daran gethan; ich bin froh, daß ich hergekommen bin. Es war nöthig, mich zu beeilen; es waren gar so viele Mitbewerber um diese Stelle da; wenn ich nur einen Tag später angekommen wäre, hätte sie mir ein Anderer weggeschnappt! ... zum Glück kam ich aber noch zu rechter Zeit. Bichat hat mich vorgestellt, ich bin angenommen worden und trete diesen Morgen mein Amt an.« – Was habt Ihr für eine Stelle? – »Gassenkehrensinspektor! nicht mehr, nicht weniger ... und monatlich dreißig Franken Gage. Das ist nicht übel, und der Dienst ist beinahe immer um drei oder vier Uhr Mittags gethan, dann hat man den ganzen Abend für sich; ich kann sogar noch an meinen Knöpfen arbeiten, wenn ich will.« – Alle Teufel!« sagte Herr Ladouille, seinen Frackflügel suchend; »das ist in der That eine hübsche Stelle ... Wer hat mir meinen Flügel wegstipitzt? Ist man denn hier nicht mehr in Sicherheit? Die Kameraden bestehlen sich also selbst einander? – »Man muß allerdings frühe aufstehen und im Winter wie im Sommer Morgens um drei Uhr auf den Beinen sein ... und da ich fürchtete, nicht zeitig genug zu erwachen, habe ich mich heute gar nicht schlafen gelegt. Dann hat Bichat zu mir gesagt: »,Geh in's Café zu den nassen Füßen auf die Notre-Dame-Brücke, und warte dort, bis es Zeit ist, Deine Funktionen anzutreten.« Ich machte mich also auf den Weg; aber ich konnte nicht voraussetzen, daß das Café unter freiem Himmel ist. Der Schelm von Bichat hat mir noch gesagt, es sei die ganze Nacht offen! ... das glaube ich wohl, wie wollte man es denn zumachen?« – Warum nicht, man nimmt den Tisch, die Tassen, das Licht fort und dann ist das Etablissement geschlossen. – »Das ist auch wieder richtig. Man kann also hier nicht zu Mittag essen?« – Doch, mein Söhnchen,« entgegnete der junge Wilde, indem er dem Knopfmacher auf die Schulter klopfte, »an Platz fehlt es nicht, nur muß man sein Essen mitbringen und sich selbst bedienen, da um diese Zeit die Wirthin nicht da ist. Wenn Du übrigens Lust hast, zu Deinem Einstand Deine Freunde frei zu halten, so will ich Dich in eine Restauration führen, die zwar nicht so weitläufig ist wie diese, aber dafür gegen Wind und Wetter geschützt ist. Sie befindet sich am Eingang der Crussolstraße in einem Schuppen und faßt fünf Personen zu gleicher Zeit, kurz die Restauration zum kleinen Véry ! Jedermann kennt sie und kann sie Dir zeigen! und wenn Du zehn Sous für den Kopf daran rücken willst, so können wir dort diniren wie Mitglieder vom gesetzgebenden Körper! – »Gut, ich will wohl ... Bichat hat mir drei Tage meines Gehaltes vorgestreckt, und, meiner Treu', ich hätte große Lust, die guten Wirthshäuser in Paris kennen zu lernen.« – Nun, so komm', Du hättest in keine besseren Hände fallen können, denn es gibt kein nur einigermaßen verstecktes Nest, das der Wilde nicht weiß, frag' nur die Kameraden? – »Der Wilde?« – Ja, das ist mein Name, oder vielmehr mein Spitzname, weil ich etwas roh mit den Weibern umgehe ... das ist meine Façon, sie zur Liebe zu zwingen. – »Um so feiner ist er gegen die Männer!« versetzte Ratmort höhnisch. »Und Du, Gassenkehrensinspektor, wie heißest Du?« – Ich heiße Glureau ... Desiderius Glureau. – »Ach, was ist das für ein Name! ... Ich werde Dich Kosak heißen; das ist hübscher und paßt besser zu Deiner Larve.« – Kosak ... ha! ha! ... mir auch recht, wenn ich nur dabei Glureau bleibe.« In diesem Augenblick trat der alte Lumpensammler an den Tisch, klopft mehrere Male mit seinem Reff darauf und schrie: »Ich verlange die Fortsetzung des Zeitungsberichts; ich zahle Ratmort oft genug einen Schnapps, daß er mich auf dem Laufenden mit den Staatsangelegenheiten erhält. Die Ankunft des Gassenkehrensinspektors darf die Vorlesung nicht unterbrechen.« – Ach! wie unausstehlich ist der Lumpensammler mit seiner Politik!« rief der Wilde aus, indem er sich auf einem Beine herumdrehte. – »Ich unterstütze den Antrag des alten Vater Reffs,« sagte der Mann mit den hohen Stiefeln. »Ich habe heute noch mehrere Kloake zu leeren, und wünsche während des Geschäfts mich mit meinen Mitarbeitern über unsere gegenwärtige Stellung zu andern Mächten, gleichviel welchen, besprechen zu können.« – Willst Du vielleicht Deine Intervention anbieten? Geh! für einen Diplomaten bist Du zu dreckig und riechst zu übel. – »O! was das betrifft, so haben wir Staatsmänner, die sich noch weit mehr besudelt haben als ich, und deren übler Geruch sich sogar über die Gränze hinaus erstreckt.« – Seid einmal still mit der Politik! wir haben schon Spitzbuben genug unter uns und brauchen nicht noch abgefeimter zu werden. Sind ja nicht einmal die Rockschöße mehr sicher im Schooße unserer respektablen Gesellschaft,« sagte der Mann mit dem englisirten Frack. – »Drum,« meinte der Stiefelmann, »war Dein Frackflügel vielleicht von einer andern Nationalität als der Leib, was bei unsern Garderoben meist der Fall ist, sonst hätte er sich nicht so leicht abtrennen lassen ... Annexire Dir bei Gelegenheit ein größeres Stück Tuch, da kannst Du vielleicht Deine zeitweilige Jacke in einen Überrock verwandeln.« –Ja! wenn man uns kleinen Annexisten nicht so auf die Finger sähe. – »Ich stelle nochmals den Antrag auf Vorlesen,« rief der diplomatische Abtrittsputzer. – »Warum liesest Du die Zeitung nicht selbst, wenn Du Dich durchaus für die diplomatische Carrière vorbereiten willst.« –Einfältige Frage! weil ich so wenig lesen kann wie Du. –»Kann nicht lesen und will über Regierungsangelegenheiten disputiren.« – Das hindert nicht im Mindesten, mein Kleiner, im Gegentheil, man steht viel klarer, wenn Einem der Kopf nicht durch das viele dumme Zeug, das man zu lesen kriegt, verwirrt ist ... zum Beweis will ich sogar selbst eine neue Zeitung gründen; ich will der Direktor eines Blattes werden, welches den Bedürfnissen des Volkes abhelfen soll; ich werde es die Zeitung der Lumpensammler heißen.« »Warum nicht der Abtrittsputzer?« – Warum nicht der Pflasterer? – »Warum nicht der Kärrner?« – Warum nicht der Höfer? – »Ruhig, meine Herren, im Ganzen genommen, sollte jede Profession ihre Zeitung haben. Allein man kann sich ja mit Beilagen für die einzelnen Fächer helfen.« – Streitet euch nicht, Kinder!« rief Mutter Cichoria; »sondern nennet euer Journal die Zeitung für Spitzbuben; wenn Alle, die es sind, sich abonniren, so stehe ich euch dafür, macht ihr gute Geschäfte! – »Ha, ha! bravo, Mutter Cichoria! Dein Witz ist besser als Dein Kaffee.« – Nun vorwärts, Ratmort! ... die Zeitung zur Hand!« Der Zwerg stellte sich wieder auf den Tisch und las: » Binnen kurzer Zeit werden ohne Zweifel alle Gaslaternen in Paris verschwinden. Die Verwaltung will die Stadt mit elektrischem Lichte beleuchten ... zum Henker! da wird es ja taghell.« – Der Teufel hole sie mit ihrem Oelleckrischen Licht,« sagte ein kleiner, in Lumpen gekleideter Mann, dessen zusammengedrücktes Gesicht etwas von einem Affen und einer Katze hatte, »macht mir das Gas schon genug zu schaffen! – »Gelt, Du kannst die Helle nicht leiden, Flairon,« sagte der Wilde lächelnd; »Du arbeitest lieber in der Dunkelheit?« – Ganz gewiß! auch ist das die einzige Tageszeit , wo man sich belustigen, seinen Spaß machen und ein bischen lachen kann. Ich schlage ihnen auch ihre ganze Anstalt zusammen ... meine Augen sind gar nicht an helles Licht gewöhnt. – »Findet keine Kammersitzung statt?« fragte der alte Lumpensammler, sich auf seine Kiepe stützend, »das ist mir das Wichtigste.« – Nein, es gibt jetzt keine Kammer, Alter ... Wie, das weißt Du nicht, großer Politiker, und willst ein Journal gründen? ... Hier kommt der Prozeß von sechsunddreißig Dieben , einer ganzen Bande, die man auf einmal gepackt hat; soll ich euch diesen vorlesen? – »Nein, nein, das ist überflüssig.« – Wir kennen die Geschichte so genau, als die Richter selbst. – »Vielleicht noch besser,« fügte Flairon bei, indem er eine Hand voll Kautabak aus seinem Sack herauslangte und diesen vorher lange in den Händen zerrieb, ehe er ihn in den Mund schob. »Soll ich euch die Anzeigen vorlesen?« – Ja, ja, es ist bisweilen gut, wenn man sie weiß ... und kann Einem einen Fingerzeig geben. – »Und dann erfährt man auch, was für Häuser dem Verkaufe ausgesetzt sind,« sagte der Lumpensammler, »und darf sie einsehen.« – Um Dir eins zu kaufen, altes Reff? – »Nein, um Lumpen darin aufzulesen.« – Allgemeine Lebensversicherungs-Gesellschaft ... – »Ha, das ist nicht dumm, Kameraden; ich mache den Vorschlag, uns wechselseitig zu versichern!« schrie Ladouille; »was haltet ihr davon?« – Ja,« erwiderte der Wilde, »unter der Bedingung, daß man erst nach seinem Tode bezahlt. – »Nein; wir legen ein Jeder das Nämliche ein und bilden eine Masse.« – Natürlich, ich, der ich jung und kräftig bin, werde eben so viel bezahlen, wie Vater Reff, mit dem es bergunter geht. – »O! ich spiele noch mit Deinen Knochen,« entgegnete der alte Lumpensammler mit rauher Stimme; »Du bist ein schmucker Bursche ... ich begrabe zehn von Deiner Art!« – Ehrenmedaille, ertheilt dem Erfinder von Kaffeemaschinen mit Wasserwagen, Minutenzählern und beweglichen Seihern ... Ach, Mutter Cichoria! das geht Euch an. Ihr könntet Euch wohl so eine Kaffeemaschine zum Präsent machen lassen; dann gäbe es etwas Exquisites zum Schlürfen! – »Ja freilich! für euern Sou wird man euch ächten Mokka mit geschlagenem Rahm auf chinesischem Porzellan serviren.« – Zu verkaufen: eine Gerberei unter den billigsten Zahlungsbedingungen ... Das wäre Etwas für Dich, Vater Reff, Du kannst sie kaufen und alle Wochen fünfzehn Sous daran bezahlen. – »Pfui! eine Gerberei! ... das stinkt zu arg ... wenn ich mir ein Etablissement anschaffe, so muß es etwas Flotteres sein.« – Man sucht Mäkler und Correspondenten in der Provinz zu einem wunderschönen vortheilhaften Geschäfte; es wird den Unterhändlern ein bedeutender Rabatt zugesichert ... – »Ei! das ist etwas für mich!« schrie Ladouille, »das Mäkeln ist mein Element. Wenn ich meine Frackflügel nicht verloren hätte, so würde ich mich morgen vorgestellt haben ... Doch das ist gleich; sag' mir die Adresse, Ratmort, ich gehe doch hin und gebe mich für einen Commissionär aus.« – Zu erfragen in der Schlechtenwortstraße, Nr. 13, bei Herrn P. T. – »Ach! ein lumpiger Anonymus! ... da gehe ich nicht hin.« – Hygienisches aromatisches Toilettenwasser. Dieses ausgezeichnete Wasser ist von zauberhafter Wirkung, es vertreibt in einem Augenblick alle Sommersprossen, Finnen, Hautauswüchse und Ausschläge, und verleiht der Haut ihre Frische und Weiche. – »Ah! das steht mir an! was kostet die Flasche?« frug der Mann mit den großen Stiefeln, seine Nase an seinem Ärmel abputzend. »Ah! der Abtrittsfeger will aromatisches Wasser zu seiner Toilette!« – Nicht für mich; aber mein Weib hat seit drei Monaten zwei große Linsen auf der Nase, die immer zunehmen und gar nicht schön aussehen; da dieses Wasser Alles vertreibt, so will ich ihr ein Präsent damit machen. – » Die Flasche kostet fünf Franken. « – Schönen Dank; dann kaufe ich es nicht und wenn ich mein Weib selbst damit vertreiben könnte ... ich habe geglaubt sechs Sous ... Nein, da behalte ich mein Geld und mein Weib ihre Linsen. – » Bandoline zum Waschen und Verschönern der Haare ...« – O! Bandoline, was ist denn das für ein Gewürz?« schrie der junge Wilde. – »Wie! Du weißt nicht einmal, was Bandoline ist?« – Nein, Esel! sonst würde ich nicht fragen. – »Nun, ich weiß es auch nicht, aber es steht gedruckt, daß die Haare davon wachsen, und da muß es wahr sein.« – Wahrhaftig, wenn ich Geld hätte, würde ich mir eine Masse von dem ... von dem Bandelier anschaffen. – » Cold ... cold ... cre ... cream ... Der Teufel! ich glaube, das ist lateinisch!« – Nein,« wendet Flairon ein, »das ist englisch und heißt kalte Creme. – »O! liebe Kinder, das muß gut schmecken!« schrie Ladouille, sich mit der Zunge die Lippen ableckend; »wenn ich bei Kasse wäre, würde ich euch einen Hafen davon kaufen, den wir gemeinschaftlich verzehren würden; das muß auf Butterbrod gestrichen vortrefflich munden. Diese verfluchten Engländer sind Feinschmecker ... ich wette, das ist eine Leckerei, die sie zum Thee erfunden haben.« – Aber über den verteufelten Flairon muß ich mich wundern!« schrie der Wilde, »ich habe bis jetzt geglaubt, er spreche nur das reine Pariser Kauderwälsch, nun hat er sogar eine Spur vom Englischen ... Beim Blitz! das gäbe einen andern Diplomaten, als unser Abtrittsputzer! – »Ei! höre Du Dings da droben!« rief ein großer dürrer, von Ruß geschwärzter Mann, der bisher noch nicht gesprochen hatte; »ist kein Feuilleton bei Deinem Journal? ... Lies uns doch das Feuilleton vor, das ist unterhaltender als die Ankündigungen.« – Es ist kein Feuilleton dabei, Rußiger! – »Eine saubere Zeitung das ohne Feuilleton! ... von der will ich nichts mehr. Mutter Cichoria, Ihr müßt eine andere anschaffen.« Herr Ratmort will mit der Vorlesung der Annoncen fortfahren, als der junge Wilde, der sich einen Augenblick von der Gesellschaft entfernt hatte, hastig herbeistürzt und mit leiser Stimme sagt: »He, holla! Kameraden, weg mit der Zeitung, ich habe eine Entdeckung gemacht! ... wir haben hier in der Nähe etwas Interessanteres als das Lumpenzeug, das man uns vorliest.« – Was denn? – »Was gibts?« – Ich habe dort auf jener steinernen Bank ein schlafendes Frauenzimmer liegen sehen. – »Ah! potz Kuckuk, das wird etwas Rechtes sein!« sagt der Lumpensammler; »eine Nachtläuferin, vielleicht eine Diebin, die dort schläft, weil sie sonst nirgends hin weiß!« – Nein, nein, so viel ich sehen konnte, ist es etwas weit Besseres. – »Gehen wir einmal hin.« – Kommt! – »Mutter Cichoria leihet uns einen Augenblick Eure Ampel, damit wir wissen, mit wem wir es zu thun haben.« – Ja, denn er hat wahrscheinlich einen Lastträger oder einen Bauer für ein Weibsbild angesehen.« Herr Ladouille hat das Licht vom Tische genommen und schreitet, von allen Gästen des Café's zu den nassen Füßen gefolgt, neben dem Wilden einher. Die ganze Gesellschaft begibt sich zu der steinernen Bank, auf welcher Rosa-Maria eingeschlafen ist. Sie stehen bald vor der Jungfrau. Ladouille nähert sich mit dem Licht ihrem Gesichte und die Männer stoßen alle beim Anblick des reizenden Antlitzes, welches sie vor sich sehen, einen Ausruf des Staunens aus. »Nun,« sagt der Wilde, »was habe ich gesagt, ist das nicht ein Fund? ... Ist das nicht etwas Feines?« – Ei! der Kuckuk, das ist nichts Gewöhnliches! – »Eine wahre Rosenknospe!« ruft Ladouille, noch einmal das Licht näher haltend, aus. – »Und hübsch gekleidet ... schaut doch die artigen Fahnen an.« – Und proper von Oben bis Unten. – »Ihr Anzug ist durchaus nicht frech!« – Das ist kein Pariser Mädchen. – »Die kommt im äußersten Fall aus dem Weichbild. Nimm Dich in Acht, Ladouille, Du hältst ihr die Lampe zu nah unter die Nase, Du weckst sie auf.« – Wie fest sie schläft! sie muß gewaltig müde sein, um so auf dieser Steinbank zu schlafen, und doch sieht sie gar nicht aus, als ob sie daran gewöhnt sei, auf der Straße über Nacht zu bleiben.« »Meine Herren,« beginnt der junge Wilde, »es mag ein Mädel oder ein Weib sein, ich behalte sie für mich und heirathe sie.« – Halbpart Wilder!« schreit der kleine Lumpige, auf die steinerne Bank zugehend. Aber Herr Desiderius Glureau, der Knopfmacher, welcher bisher die schlafende Jungfrau schweigend betrachtet hat, spricht jetzt: »Halt, meine Herren, einen Augenblick! ich erkenne das junge Mädchen ... ja ... o! ich täusche mich nicht, sie war mit mir auf der Eisenbahn! ... sie ist auf der Station Corbeil eingestiegen, sie kam allein nach Paris und wird sich verirrt haben; sie hat wahrscheinlich die Wohnung der Leute nicht gefunden, zu denen sie sich begeben wollte.« – Nun! Freund Obergassenkehrer, was geht das uns an, ob Du mit diesem kleinen Schatz auf der Eisenbahn gefahren bist oder nicht? Was willst Du damit sagen? – »Ich will damit sagen, daß diese junge Person ein rechtschaffenes Frauenzimmer ist, das habe ich gleich im Wagen gesehen, sie war zu schüchtern, die Augen aufzuschlagen und ein Wort zu sprechen ... Ich habe ihr meinen Platz angeboten, aber sie nahm ihn nicht an, weil sie befürchtete, mich zu stören.« – Nun, um so besser, wenn es ein rechtschaffenes Mädchen ist ... liederliche Dirnen haben wir genug hier, und ich darf auch einmal einen Bissen frisch Fleisch genießen. – »Und ich sage Euch, hier wird nichts gereicht, diese Jungfer darf nicht mit Euch gehen.« – Das wirst Du gleich sehen, Lump! Vater Reff, Du leihst mir Deine Kiepe, ich thue meinen Fund hinein und trage ihn mir nichts dir nichts davon.« Der alte Lumpensammler schien durchaus nicht geneigt, seinen Tragkorb herzugeben, und Desiderius Glureau betrachtete den jungen Wilden nur, um zu sehen, was dieser wagen würde, als Rosa-Maria von dem um sie her verursachten Lärm erweckt, die Augen aufschlägt und sie plötzlich mit einem Schrei des Entsetzens wieder schließt. »Aha, die kleine Maus ist aufgewacht!« sagt Flairon. »Ihre Stimme klingt so hell wie ein Dudelsack.« – Warum schließt sie ihre hübschen Lädchen wieder zu? ... machen wir ihr Furcht?« Die Gesichter, welche Rosa-Maria erblickt hatte, waren wohl geeignet, ihr Schrecken einzujagen, und sie begreift, als sie an ihre Lage denkt, was man von ihr halten kann, da man sie mitten in der Nacht in Paris auf einer Steinbank schlafend gefunden hat. »O, meine Herren!« stammelt sie mit vor Angst bebender Stimme, »ich bitte Sie, thun Sie mir nichts zu Leide ... ich bin ein armes Mädchen, das erst gestern in Paris angekommen ist ... ich habe mich in der Stadt verirrt und mich von Müdigkeit erschöpft auf diese Bank niedergesetzt, wo ich, indem ich den Himmel um Schutz anflehte, eingeschlafen bin.« – Potz Henker! Sie müssen viel Vertrauen zu ihm haben, daß sie mit einem solchen Lärvchen ohne Weiteres auf der Straße übernachten!« ruft Ladouille aus. »Fürchten Sie sich nicht, schöner Engel!« sagt der Wilde, »öffnen Sie die Augen, Sie sind von lauter liebenswürdigen Leuten umgeben. Ich meines Theils biete Ihnen mein Logis an, ein »prächtiges Cabinet in einem möblirten Hause ... und obendrein mein Herz und meine Person.« Rosa-Maria weicht rasch zurück, als sie den Sprechenden auf sich zukommen sieht, wie wenn er ihre Hand ergreifen wollte. Aber beinahe zu gleicher Zeit tritt der Knopfmacher, welcher den Wilden mit einer Kraft zurückstößt, die man von ihm nicht erwartet hätte, vor die Jungfrau und sagt: »Haben Sie keine Furcht, Mamselle, Sie sind unter Bekannten ... ich bin mit Ihnen auf der Eisenbahn gefahren: ich war's, der in der Ecke saß und Ihnen seinen Platz anbot ... O, ich bin ein rechtschaffener Mann, Sie dürfen sich mir anvertrauen. Obgleich der junge Mann, der neben mir im Wagen saß, sich lustig über mich machen wollte, weil ich gesagt habe, ich trage kein Sacktuch bei mir, so bin ich vielleicht doch besser als er.« Rosa sieht den Kosakenkopf an, erkennt den Sprechenden wieder und stammelt: »Ach ja, in der That, ich erinnere mich ... ich war mit Ihnen auf der Eisenbahn!« – Nun, Sie sehen, daß wir einander kennen! Glauben Sie, Mamselle, ich interessire mich für Sie; wenn Sie gleich in einer Ecke auf einem Stein geschlafen haben, bin ich doch überzeugt, daß Sie unschuldig daran und ein tugendhaftes Frauenzimmer sind. Aber die Hauptsache ist, Sie nicht länger hier zu lassen. Sie zittern ... es friert Sie ... es ist sehr schädlich, über Nacht auf der Straße zu bleiben. Kommen Sie mit mir, ich will Sie sogleich zu meinem Gevatter Bichat in der Huchettestraße führen; das ist ein verheiratheter ansäßiger Mann, der hier in der Nahe wohnt; seine Frau wird sich Ihrer annehmen, und wenn es Tag ist, wird man schon sehen was zu machen ist.« Die Jungfrau kannte den Mann bloß dadurch, daß sie mit ihm auf der Eisenbahn gefahren war; aber alle um sie herum gruppirten Menschen haben einen so unheilvollen, Zutrauen ertödtenden Ausdruck in ihren Gesichtern, daß sie nicht einen Augenblick zögert, sich dem Knopfmacher anzuvertrauen, der trotz seiner Häßlichkeit weder bösartig noch treulos aussieht. Sie steht daher auf, nimmt Desiderius Glureau beim Arm, den er ihr anbietet und antwortet: »Es sei, mein Herr, ich nehme Ihr Anerbieten an ... ich gehe mit Ihnen zu Ihren Bekannten.« »Schau' schau', was der Gassenkehrensinspektor Glück bei den Damen macht!« ruft der kleine Lumpige aus; »er hat richtig die Schöne erobert!« – Höre Du, Freund!« schreit der Wilde mit einer Miene, als ob er den Knopfmacher am Fortgehen verhindern wolle: »weißt Du, daß Du gar zu ungenirt zu Werke gehst? Der abscheuliche Kosak ist eben nicht links! Mit welchem Recht führst Du mir diese Kleine vor der Nase weg, da doch ich sie gefunden habe? ... Mit mir muß sie gehen und nicht mit Dir, ich leide es nicht!« Aber ohne dem Anscheine nach auf die Worte des jungen Mannes in der Blouse zu hören, schreitet der Knopfmacher mit dem jungen Mädchen am Arme vorwärts und sagt: »Laß mich doch zufrieden, glaubst Du denn, diese Mamselle sei für Dich gemacht?« – Warum denn nicht? – »Ah, Wilder! er führt sie fort, er schnappt sie Dir mir nichts Dir nichts weg!« schreit Ladouille, der Wirthin ihre Lampe zurückbringend. Der junge Mann in der Blouse versucht es, den Neuangestellten mit dem faltigen Hute, am Arme zurückzuhalten; aber der Knopfmacher gibt dem Wilden mit dem Ellen einen Stoß auf den Magen, der ihn aufs Pflaster streckt, und setzt dann ruhig seinen Weg mit Rosa-Maria fort. Alle die übrigen Männer, welche Zeugen dieser Scene waren, sahen mit Aerger, daß ihnen das junge Mädchen entging, und sie würden sich bereits über Glureau hergestürzt haben, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern, wenn nicht in diesem Augenblick der Tag zu grauen angefangen hätte. Aber schon waren die Straßen nicht mehr so verlassen, Landleute gingen vorbei, Spezereihändler und Bäcker machten ihre Läden auf, und alle diese bei Nacht so unternehmenden, kecken und lärmenden Bursche wurden scheu und behutsam bei Anbruch des Tages. Einige Augenblicke darauf hatte das Café zu den nassen Füßen aufgehört zu existiren. Dreizehntes Kapitel. Die Familie Gogo Alles war in einer schönen Wohnung in der St. Lazarusstraße, in demselben Hause, wo Rosa-Maria vergebens nach ihrem Onkel Nicolaus Gogo gefragt hatte, in Bewegung. Und doch wohnte ihr Onkel wirklich in dem Hause, in welchem sich die Jungfrau nach ihm erkundigt hatte. Warum hatte sie denn der Portier fortgeschickt und behauptet, er kenne die Person nicht, nach der man frage? Ihr habt es ohne Zweifel schon errathen, weil Herr Nicolaus Gogo seinen Namen verändert hatte, und sich nunmehr Herr St. Godibert und sogar, wenn es ohne Aufsehen geschehen konnte, Herr von St. Godibert nennen ließ. Und weßhalb hatte Herr Nicolaus Gogo seinen ehrlichen Namen verändert? ... Weßhalb? ... muß ich euch das auseinander setzen? Begegnet ihr nicht alle Tage im Leben und in der Gesellschaft Leuten, die einen Namen führen, der nie der ihrige war? Denn der, den sie von ihrem Vater ererbt haben, erscheint ihnen gemein, kleinlich, lächerlich; aber weit öfter noch verändern sie ihren Namen, weil sie ihren Ursprung vergessen machen wollen. Ihre Eltern waren Krämersleute oder Bauern, oft sogar Handwerker oder Dienstleute. Ihr werdet begreifen, daß ein solcher Ursprung nicht mehr für Menschen taugt, die Thaler aufgehäuft haben und sich Eingang in die große Welt verschaffen wollen. Der Sohn eines Landmanns oder eines Krämers zu sein! pfui! ... so etwas paßt nur für Bürgersleute, für Menschen von beschränktem Geist, für Geschöpfe ohne Fähigkeiten; man verläugnet seinen Vater, seine Familie, seine Heimath sogar, wenn es sein muß, nimmt einen vornehmen, auffallenden, wohlklingenden Namen an, macht sich wichtig, spreizt sich, verabscheut das Volk und den Pöbelpack, bewohnt bloß ein Logis in dem schönen Quartier, besucht nie die kleinen Theater auf den Boulevards und will nichts vom Lande wissen, wo man nur Grisetten und Leuten begegnet, die Melonen tragen. So wird in der Gesellschaft aus Herrn Benoit ein Herr von St. Amarante, aus Herrn Baldaquin, der Chevalier Beaugaillard, und Rousseau verwandelt sich in einen Herrn von Grandpré u. s. w. Armselige Thoren, die sich ein großes Verdienst zu verleihen glauben, wenn sie einen klangvollen Namen annehmen und nicht einsehen, daß Nicolaus, Nicodemus und Eustachius sehr schöne Namen werben können, wenn sie große Künstler und geniale Männer führen. Es ist somit durchaus nicht auffallend, daß Herr Nicolaus Gogo, nachdem er sein Glück in Paris gemacht, daran gedacht hat, einen Namen aufzugeben, den erstens sein Bruder, der Landmann, führte, und der überdies nichts Ausgezeichnetes, sondern eher etwas Lächerliches hatte. »Ein Mann, der jährlich zwanzigtausend Franken Renten hat, kann und darf nicht Gogo heißen,« sagte Herr Nicolaus eines Tags zu seiner Frau. »Nein, gewiß nicht, Herr Gemahl!« entgegnete die große Frau, die ebenso anspruchsvoll war wie ihr Mann. »Es macht auf mich, sooft ich in Gesellschaft gehe, einen peinlichen Eindruck, wenn man Herrn und Madame Gogo meldet! Der Name ist so dumm, um so mehr, als man ihn, wie es scheint, in einem auf dem Boulevard mit vielem Glücke gespielten Stücke angebracht hat; es kam darin, so viel ich gehört habe, ein Herr Gogo vor, von dem es beständig hieß: »Was ist doch dieser Herr Gogo für ein gemeiner Kerl!« – Daher, meine Theuerste, wundere ich mich nicht, wenn ich oft Personen sich lachend abwenden sehe, sobald man meinen Namen ausspricht, sie erinnern sich ohne Zweifel des Stückes, welches Du eben erwähnt hast ... ein Grund mehr, ihn abzulegen ... es ist entschieden, ich behalte ihn nicht mehr bei! ... Wie soll ich mich nennen?« Ueber diese große Frage war mehrere Tage lang debattirt worden; endlich war der kleine Herr mit der kleinen Nase, den ihr sowie seine Gattin bereits kennet, da ihr sie auf der Eisenbahn gesehen habt, eines Morgens vor seine Frau getreten und hatte, sich vergnügt die Hände reibend, zu ihr gesagt: »Nun hab' ich's! ... Ich nenne mich St. Godibert! ... Herr St. Godibert! hm, wie gefällt Dir das?« – Sehr gut! ... das ist ein sehr passender Name, bei dem wollen wir bleiben ... und ihn uns ja gut merken. – »Ich will ihn in meinem Zimmer auf meinem Schreibtisch auf mehrere Karten niederschreiben; kurz, ich werde ihn überall anbringen; auf diese Weise werde ich ihn bald auswendig lernen.« – Dann ist es nothwendig, daß wir ausziehen, damit man uns in unserem neuen Lokal nur unter diesem Titel, ich wollte sagen unter dem Namen St. Godibert kenne.« Als nun Herr Eustachius Gogo, der Schriftsteller, Nachricht von dem Namenswechsel seines Bruders, des Reichgewordenen erhalten hatte, dachte er seinerseits ebenfalls: »Ah! Nicolaus legt seinen Namen ab, warum soll ich das nicht auch thun? Ich, der ich Theaterstücke schreiben und mich auf die Literatur werfen will, habe noch weit mehr Gründe, den Namen unseres Vaters, der so schlecht klingt und den Buchhändlern und Direktoren durchaus kein Vertrauen einstößt, aufzugeben. Wenn ich etwas zu lesen verlange und man fragt mich: »Wie heißen Sie?« so bin ich immer zum Voraus überzeugt, daß man lacht, wenn ich meinen Namen nenne; denn kaum habe ich gesagt: Gogo, so beißen sie sich in die Lippen, blicken einander an und lachen zusammen: das ist sehr unangenehm. Ah! wenn ich bereits einen großen Ruf erlangt hätte, würde ich mich darüber wegsetzen! ... dann wären sie überglücklich, sich dem Gogo zu Füßen legen zu dürfen, aber es dauert lange, bis man einen Ruf hat. Ich will mir lieber gleich einen Namen machen, einen Namen, der keine Lust erweckt mir ins Gesicht zu lachen, wenn ich ihn nenne ... oder wenn man mich als den Verfasser eines neuen Stückes bezeichnet.« Auch Eustachius Gogo hatte es einige Mühe gekostet, sich zur Wahl eines Namens zu entschließen, denn seinen Namen zu verändern, ist keine so leichte Sache, als ihr euch vielleicht vorstellet. Nach einigen Wochen großer Überlegung, beständiger Nachforschung und eifrigen Nachschlagens in dem Lexikon berühmter Männer war unser Gelehrter endlich bei dem Namen Mondigo, als einem sehr ausgezeichneten, sehr anmuthigen und sehr originellen stehen geblieben. Und als der Vetter Brouillard von diesem Namenswechsel seiner beiden Verwandten unterrichtet worden war, hatte er nicht umhin können, mit spöttischer Miene auszurufen: »Ah, der Eine heißt Godibert und der Andere Mondigo! ... Nun, ich sehe doch mit Vergnügen, daß sie wenigstens eine Sylbe von dem Namen ihres Vaters beibehalten haben; der Eine vorn, der Andere hinten, so daß, wenn sie bei einander sind, die beiden halben einen completen Gogo bilden. Diese Namensveränderung hatte schon seit mehreren Jahren stattgefunden, so daß beide Brüder von Hieronymus im Publikum und besonders in der neuen Gesellschaft, mit der sie Umgang hatten, nur noch unter den Namen St. Godibert und Mondigo bekannt waren. Der junge Julian, welcher nach den lächerlichen Grundsätzen seiner Eltern erzogen wurde, hütete sich wohl, zu sagen, daß sein Vater Gogo hieß. Was Friedrich, den großen, hübschen, schwarzhaarigen, jungen Mann anbetrifft, den wir gleichfalls auf der Eisenbahn gesehen haben und der mehr Geist als der Rest seiner Familie zu haben schien, so kannte er den wahren Namen seiner Onkel sehr genau, aber er mied es sorgfältig, ihn, wenn er mit denselben sprach, in Anwendung zu bringen, weil dieses das sicherste Mittel gewesen wäre, sich den Zutritt in ihr Haus abgeschnitten zu sehen. Und da seine Tante Mondigo jung und hübsch war, und sich zuweilen heitere Künstlergesellschaften bei ihr versammelten, eben so sein Oheim Nicolaus, der die vornehmen Leute nachäffen wollte, häufig sehr schöne Diners und Bälle gab, wobei gespielt wurde, so wollte sich Friedrich weder das Haus des einen noch des andern seiner Onkel verschließen, obgleich er selbst nicht der Letzte war, der über ihre Anmaßungen und Lächerlichkeiten spottete. Warum, wird man jetzt fragen, hatte Vetter Brouillard den Hieronymus nicht von der Namensveränderung seiner Brüder in Kenntniß gesetzt? Geschah es vielleicht aus Furcht, dem guten Landmann wehe zu thun? Das läßt sich nicht wohl annehmen; der Herr mit der Fuchsschnauze schien viel zu viel Wohlgefallen daran zu finden, spitzige Worte fallen zu lassen und Bosheiten zu sagen, als daß man hätte voraussetzen können, die Befürchtung, Hieronymus' Zartgefühl zu verletzen, habe ihn veranlaßt über dieses Kapitel zu schweigen. Darf man nicht im Gegentheil weit eher glauben, daß, indem er dem Landmann die wirkliche Adresse seiner beiden Brüder gab, ohne ihn von ihrem Namenswechsel zu benachrichtigen, er gehofft habe, dies werde Verlegenheiten, Mißhelligkeiten und Streitigkeiten herbeiführen, was dann für ihn eine neue Veranlassung sein würde, sich auf Kosten seiner Vettern lustig zu machen? Welches auch Herrn Brouillards Gedanke gewesen sein mag, wir haben gesehen, was für Ereignisse aus seinem Schweigen über einen so wichtigen Gegenstand erfolgten. Nun wollen wir zu Herrn St. Godibert zurückkehren, der in seiner schönen Wohnung in der St. Lazarusstraße ein Diner gab. Vierzehntes Kapitel. Der zweimal gedeckte Tisch Man war beschäftigt, im Speisesaal eine Tafel für zwanzig Personen zu decken; in dem Empfangsaal richtete man die Candelabres, Kerzen und Spieltische zu. In einem Nebenzimmer legte man Albums, Brochüren und Caricaturen auf einen Tisch. Eine kleine, etwa zwanzigjährige Kammerzofe mit schwarzen Augen, einem aufgestülpten Näschen, einem frischen Teint, kurz, einem höchst niedlichen Gesichtchen und schwellenden Hüften, welche bei jedem ihrer Schritte den Takt dazu zu schlagen schienen, ging hin und her, machte sich bald im einen, bald im andern Zimmer zu schaffen, kurz, war die personifizirte Rührigkeit. Sie wurde in diesen Vorbereitungen von einem Bedienten unterstützt, der an den Dienst noch nicht sehr gewöhnt schien. Es war ein fünfundzwanzigjähriger Bursche mit hochrothem Gesichte, einer schwerfälligen Gestalt und einem normännischen Kopfe, dessen Haare so kurz und rund geschoren waren, wie die eines Krautbauers. Mamselle Fifine, das war der Name der Kammerzofe, konnte sich zehnmal im Zimmer herumdrehen, bis Franz, so hieß der Bediente, nur einen Teller auf den Tisch stellte. Darauf kam, rannte, stürzte Herr St. Godibert halb angekleidet mitten unter seine Leute, sah zu, was geschah, ertheilte seine Befehle, veränderte die Aufstellung der Nebengerichte, der Flaschen und Salzfässer und fand bei all dieser Geschäftigkeit noch häufig Zeit, sich Mamselle Fifine zu nähern, sie zu kneipen und die hübschen Formen, die unter ihrem Röckchen den Takt schlugen, unvermerkt zu betasten. Nun zeigte sich auch Madame St. Godibert, die dicke Frau, die einer Beduinin glich, auf Augenblicke, durchschritt bloß mit einem Schnürleib, aber einer Masse Unterröcke bekleidet, die Zimmer und schrie, ihre beiden Arme über der nackten Brust kreuzend: »Seht nicht her! ... Was für ein Kleid soll ich anziehen, Herzchen? ... was für ein Kleid? ... Ach! großer Gott, welche Verlegenheit! Ach, Sie können mir nie einen Rath geben ... Sie lassen mich eine Stunde in der Ungewißheit zappeln! ohne Mitleid mit meiner Lage! Sprechen Sie, Herr St. Godibert ... was rathen Sie mir? Mein Atlaßkleid macht mich so dick, das flohfarbige sieht so gefallsüchtig aus, das mit Gold durchwirkte ... das ist zu reich!« – Meiner Treu', Angelika, wie wäre es, wenn Du ... Fifine, Sardellen hierher ... o! Sardellen, das macht sich besser wie Butter! – »Aber, gnädiger Herr, das derangirt Alles ... die Sardellen stehen ganz gut dort unten.« – Glauben Sie? – »Das ist also Ihr guter Rath, Herr Gemahl?« – Mein Gott! meine Teuerste, ich weiß nicht, was ich Dir sagen soll, Du hast selbst so viel Geschmack ... es sitzt Dir Alles so gut! ... – »In dem golddurchwirkten Kleid nimmt sich Madame prächtig aus!« sagte die Kammerjungfer. »Ja, Fifine hat Recht; Dein golddurchwirktes Kleid steht Dir vortrefflich, legt sich eng an, zwängt Deine Taille ein ... Du bekommst ganz das Aussehen einer Bajadere!« – Nun, da Du dieser Ansicht bist, will ich es anziehen! ich meine übrigens, mein aprikosenfarbiges seidenes Kleid hebe meine Taille noch besser heraus und mache mich dünner; ich sehe viel hochgewachsener und langleibiger darin aus. – »Es ist wahr, Du hast ganz Recht; Du mußt Dein aprikosenfarbiges Kleid anziehen ... überdies ist die Aprikosenfarbe so schön ... Das geht so gut zusammen ... eine Frau und Aprikosen ... und Oliven ... und hierher Thunfisch ... Franz, wo ist der Thunfisch?« Der Bediente sieht seinen Herrn mit verwunderter Miene an und entgegnet: »Tonfisch ... ich weiß keinen Fisch, der einen Ton von sich gibt?« – Mein Gott! wie einfältig ist doch dieser Bediente! ... er weiß gar nichts; kann man begreifen, daß ein Diener aus einem guten Haus nicht wissen soll, was Thunfisch ist! Geht in die Küche und sagt zu Babette, sie soll Euch den Thunfisch geben.« Während Franz gemessenen Schrittes in die Küche ging, kam Madame St. Godibert, welche bereits drei Schritte gegen ihr Schlafzimmer gemacht hatte, wieder zurück, und sagte: »Da Sie es wünschen, lieber Freund, ziehe ich mein aprikosenfarbiges Kleid an; aber es kommt mir dabei nur das Bedenken, daß Atlaß gegenwärtig sehr Mode ist ... ich habe in mehreren Soiréen Notars- und Wechselagentenfrauen Atlaßkleider tragen sehen ... und das kleidet sehr gut, der Atlaß ... es sieht nobel und majestätisch aus; ich muß Dir gestehen, ich hätte doch noch lieber mein Atlaßkleid angezogen: ich versichere Dich, daß das noch viel besserer Ton ist!« – Lieber Gott, meine Theuerste, so ziehe es doch an! ich widersetze mich ja nicht. Warum fragst Du mich aber dann um meinen Rath? – »Ach! wie widerwärtig sind Sie, St. Godibert! ... wie sardonisch! Nun, es bleibt dabei, ich ziehe mein golddurchwirktes Kleid an! ... Haben Sie die Namen der Gäste auf jedes Couvert gelegt?« – Nein, noch nicht; ich will es aber jetzt thun. Gehört es aber auch noch zum guten Ton, die Namen der Gäste zum Voraus auf die ihnen bestimmten Plätze zu legen? – »Ich denke, es sei gewöhnlich so.« – Es sei gewöhnlich so, das heißt, es war gewöhnlich so, ich weiß aber nicht, ob es noch immer gebräuchlich ist. – »Warum denn nicht? es ist weit bequemer.« – Ich glaube nicht, daß es bei den Ministern und dem Präfekten geschieht. – »Das sollte man aber gewiß wissen.« – Wen kann ich aber in der Geschwindigkeit fragen? Wo ist denn unser Sohn Julian? – »Er zieht sich ohne Zweifel an.« – O! die Toilette! er denkt an nichts Anderes! Wie viel Geld dieser Junge für seine Toilette verschwendet! Glauben Sie, Madame, daß er bloß für Glacéhandschuhe eine Rechnung von zweihundertundfünfzig Franken von einem Handschuhmacher erhalten hat? Ich habe sie letzthin in seinem Zimmer gefunden! zweihundertundfünfzig Franken für Handschuhe, das ist abscheulich, die konnte er doch nicht alle allein brauchen! – »O! lasse doch den Jungen! unser Sohn muß sich doch nach der Mode kleiden! ... Franz! Franz! geht hinauf in das Zimmer meines Sohnes und sagt ihm, er möchte herunterkommen wir müßten ihn etwas fragen.« Franz, der eben mit dem Thunfisch in einer Muschelschale zurückkam, ging mit dieser wieder fort, um sich des eben erhaltenen Auftrages zu entledigen. Herr St. Godibert schrie ihm darauf nach: »Franz, Franz! ... Vieh! wo geht Ihr denn hin?« – Ich gehe, wohin mich die Madame schickt: ich will den Herrn Julian holen. – »Muß denn der Thunfisch mit in das Zimmer meines Sohnes hinaufspazieren? Begreift Ihr nicht, daß das hier auf die Tafel gehört?« – Nein, gnädiger Herr, das wußte ich nicht ... Ah! das ist also der Tonfisch . – »Macht schnell, stellt die Schale auf den Tisch und geht zu meinem Sohn hinauf, sputet Euch aber ein wenig! Der Bursche macht mich rasend mit seiner Langsamkeit.« – Er wird seine Steifheit schon verlieren!« sagte Mamselle Fifine, die Gedecke auseinander legend. – »Glaubst Du, Fifine? glaubst Du, reizende Fifine?« – Hören Sie doch auf, gnädiger Herr! ... Wenn es Madame sähe. – »O! die hat jetzt nur Augen für ihre Garderobe, und bis sie eine Wahl getroffen, wird es noch lange dauern ... Nicht wahr, Kleine, das Brod ist schon zugeschnitten?« – Ja, gnädiger Herr, es liegt hier in diesem Korbe.« Herr St. Godibert befühlte das Brod, um sich zu überzeugen, ob es auch altbacken war, wie er es befohlen hatte; denn das gehört zu der Sparsamkeit, oder vielmehr zu dem schmutzigen Geize, durch den sich stets jene Emporkömmlinge verrathen, welche die Großen spielen wollen und doch nicht genug wahrhafte Größe besitzen, um die Sachen vollkommen gut zu machen. So geben sie euch bei einem Diner, wo sie die ausgesuchtesten Gerichte und Erstlinge auftragen lassen, altbackenes Brod zu essen und suchen durch die Ersparniß von einigen Sous sich an den Ausgaben zu erholen, die sie zu machen genöthigt sind, damit man ihre Manier zu tractiren preise. Herr Nicolaus Gogo gehörte unstreitig zu der Klasse von Leuten, die schöne Kleider tragen, vornehme Manieren annehmen, kurz, Personen von Stand vorstellen wollen, sich aber nie so vollständig reinigen, daß man nicht noch Ueberbleibsel ihres ursprünglichen Kothes an ihnen bemerken könnte. »Fifine! ... Fifine! machen Sie mir doch mein Kleid zu.« – Sogleich, Madame! – »Ich muß doch sehen, ob bei jedem Gedecke ein Salzfaß steht ... welch' sonderbare Mode! Jeder soll heutzutage ein eigenes Salzfaß haben! All' das macht viele Kosten! ... indessen gehört es einmal zum guten Ton! ... Und diese Gläserzahl ... ein wahrer Wald von Gläsern vor jedem Gaste! ... es ist erschrecklich. Ich finde, daß der Tafelluxus heutzutage sehr weit getrieben wird.« – Ihr Herr Sohn wird sogleich herunterkommen, gnädiger Herr. – »Gut, Franz ... ah! Franz, gib wohl Acht auf das, was ich Dir jetzt sagen werde; nach der Suppe schenkst Du Jedermann ... das heißt, bietest Du Jedermann Madera an; siehst Du, von jener kurzen, oberhalb viereckigen Flasche dort.« – Ja, gnädiger Herr! ja; o! ich kenne den Madera sehr wohl, ich weiß, was das ist! ... das ist famos gut! – »Ah, Du weißt, daß das gut ist ... und wo hast Du denn schon welchen getrunken, da Du doch gerade erst aus Deiner Normandie kommst und in Paris noch nirgends als bei mir gedient hast?« Herr Franz wird purpurroth, er schaut auf seine Schuhe nieder und antwortet nach einer Weile: »Ich habe bloß gesagt, er sei gut, um mir das Ansehen zu geben, als kennte ich ihn und wüßte, wie er sei. Da mich der gnädige Herr vorhin gescholten haben, weil ich nicht wußte, was Tonfisch ist, so dachte ich, er würde mich wieder zanken, wenn ich den Madera nicht kennte.« – Hm! das ist einmal eine Antwort, die sehr nach der Normandie riecht! nun, ich werde später dahinter kommen. Kommen wir auf das zurück, was ich eben sagen wollte. Du trittst also zu jedem Gaste mit dieser Flasche und fragst: »›Befehlen Sie Madera?‹« – Ja, gnädiger Herr, ich verstehe. – »Warte doch! Wenn man sagt: »›Nein,‹« so dringst Du nicht weiter in die Person, sondern wendest Dich schnell an eine andere.« – Ja, gnädiger Herr, ich wende mich schnell an eine andere. – »Wenn man aber will, so schenkst Du ein, aber nimm Dich sehr in Acht, das Glas nie mehr als zu zwei Dritttheilen zu füllen.« – Zu zwei Dritttheilen? sehr wohl. – »Da, nimm einmal eine Flasche und schenke mir in dieses Glas Madera ein ... gut, genug ... niemals mehr! es sind schon zwei Dritttheile.« – Ah! recht, gnädiger Herr! jetzt kenne ich das Maß! – »Aber Wohl verstanden, wenn die Person, die das Glas hinhält, es wegzieht, ehe Du so weit eingeschenkt hast, so hältst Du sogleich inne.« – Ah! man ist also nicht gezwungen, die zwei Dritttheile auszutrinken? – »Gewiß nicht, Dummkopf; es handelt sich ja darum, meinen Wein zu sparen und so wenig als möglich davon herzugeben! Potz Kuckuk, man wird ohnedies genug davon trinken!« – Nun weiß ich's, gnädiger Herr, ich verstehe es ganz gut. – »Das ist recht.« Mamselle Fifine kommt zurück und murmelt, ihre Finger schmerzlich hinausschlenkernd: »Das Schlankmachen der gnädigen Frau kostet mich noch meine Daumen! Wenn ich gewußt hätte, daß Franz wieder unten wäre, hätte ich ihm gerufen, denn dazu gehören eiserne Gliedmaßen.« Der junge Julian erscheint im großen Costüme eines Dandy, hat aber in Gegenwart seines Vaters immer ein gezwungenes, ängstliches Aussehen. »Kommen Sie endlich, Herr Sohn, wie lange brauchen Sie auch zu Ihrer Toilette! In Ihrem Alter war ich in zwei Minuten angezogen, und zwar ohne hell dabei zu sehen.« – Warum ohne hell dabei zu sehen, lieber Vater? standen Sie denn so früh auf?« Herr St. Godibert, der einsieht, daß er eine Dummheit gesagt hat, versetzt schnell: »Nicht das ... aber die schweren damastenen Vorhänge ließen das Licht kaum herein ... Sage einmal, Julian, Du speisest ja häufig auswärts, legt man die Namen der Gäste zum Voraus auf den Tisch?« – Die Namen, lieber Vater? – »Ja, die Namen, zur Bezeichnung der Plätze.« – Wahrhaftig, darauf habe ich nicht Achtung gegeben! – »Woran denken Sie denn, mein Herr? Wozu habe ich Ihnen eine Erziehung geben lassen und das Geld für Sie verschwendet, wenn Sie nicht einmal auf so wesentliche Dinge achten, auf Dinge, die für Jemand, der in der großen Welt lebt, so nothwendig und so wichtig sind?« – Was gibt es denn, mein Freund?« fragt Madame St. Godibert, in ihrem golddurchwirkten Kleide eintretend, worin sie einem heidnischen Götzen gleicht. »Unser Sohn weiß nicht einmal, ob man die Namen der Gäste auf den Tisch legt oder nicht! ... in seinem Alter so etwas nicht zu wissen! und doch speist er in den besten Häusern, wie er uns wenigstens sagt, wenn er auswärts ißt, was häufig vorkommt. Ach! wenn unser Neffe Friedrich da wäre, der hätte es uns gleich gesagt! ... er hätte sich keine Minute zu besinnen brauchen. Er ist zwar ein Verschwender, ein ziemlich leichtsinniger Junge, das ist wahr; aber er hat einen vortrefflichen Ton, das muß man zugeben; Manieren wie ein Prinz, sogar eine adelige Miene! ... er weiß Alles, was in der hohen Gesellschaft vorgeht; ich habe ihn deßhalb auch eingeladen. Er entlehnt freilich Abends oft Geld bei mir zum Spielen, was mir unangenehm ist; aber er ist sehr nützlich, um Erkundigungen einzuziehen. Er kommt mit Gesandtschaftssekretären, englischen Lords zusammen! O! er macht seine Carrière. Aber mein Herr Sohn läuft den ganzen Tag und den ganzen Abend Gott weiß wo herum ... bei Grisetten vielleicht .... Wenn ich wüßte, daß Du im Stande wärest, Dich mit Grisetten einzulassen, so würde ich Dich verläugnen! Nicht einmal zu wissen, ob man die Namen auf das Couvert legt! es ist unverantwortlich! ... und er hat dazu auch noch lateinisch gelernt!« – Mein Gott! lieber Vater, erzürnen Sie sich nicht; ich erinnere mich jetzt, daß man sie darauf legt! ... ja, ich weiß es nun ganz sicher, man schreibt sie auf Karten. – »Bist Du Deiner Sache wirklich gewiß?« – Ja, lieber Vater, ich werde mich doch über einen solchen Punkt nicht auf's Gerathewohl äußern, ich entsinne mich nun ganz bestimmt, daß es, als ich das letzte Mal bei dem Grafen Cornikoff zu Mittag speiste, der Fall war. – »Der Graf Cornikoff! ... Teufel! ... das muß eine vornehme Person sein!« sagt Herr St. Godibert, seinen Sohn mit liebenswürdiger Miene ansehend. »Du kommst zum Grafen Cornikoff und sagst uns kein Wort davon?« – Ach! durch Zufall, lieber Vater! Dernesty kennt diesen russischen Edelmann und hat mich bei ihm eingeführt. – »Du hättest uns diesen Herrn auch bringen sollen; ich würde ihn zum Diner eingeladen und mich sehr geehrt gefühlt haben, wenn ein russischer Graf bei mir zu Tische gewesen wäre.« – Er hätte nicht kommen können, lieber Vater, denn er ist bereits wieder nach St. Petersburg abgereist. – »Sehr Schade; aber Herr Dernesty wird hoffentlich kommen; er ist von seiner Reise nach England zurückgekehrt, nicht wahr?« – Ja ... o! er kommt sicher. – »Das ist ebenfalls ein junger Mann von ausgezeichnet noblen Manieren und einer hinreißenden Beredsamkeit.« – Ja,« sagt Madame St. Godibert, sich in einem Spiegel betrachtend, »ja, Herr Dernesty ist ein Mann von äußerster Bildung ... ist er nicht Marquis? – »Ich glaube nicht, liebe Mutter.« – Schade darum! er sollte von Rang, wenigstens Edler von sein. Es gibt übrigens Leute, die ein Incognito über ihren Adel beobachten, um nicht genöthigt zu sein, ein Haus zu machen. Ach! wenn ich eine Tochter hätte, das wäre der Gatte, den ich ihr wünschen würde, nicht wahr, Bibi?« Bibi, der sich gerade im Speisesaal und zwar sehr nahe bei Mamselle Fifine zu schaffen machte, eilte schnell von dieser weg und antwortete: »Ich bin ganz dieser Ansicht, Angelika; vorausgesetzt, daß die Kohlen in den Rechauds nicht wieder auf der Tafel ausgehen wie das letzte Mal. Man glaubt, das Essen warm zu bekommen, und die Platten sind kalt; das ist sehr unangenehm. Franz, was thust Du da unten?« – Ich mache die Flaschen auf. – »Entpfropfe doch nicht zu viele im Voraus, wozu denn? Du hast eine wahre Wuth, die Flaschen zu entpfropfen ... was soll das heißen? Warte doch, bis ich es Dir befehle.« – Gnädiger Herr, es fehlt noch eine auf dem Tisch, Mamsells Fifine hat es mir so eben gesagt. – »Gut! aber das sei die letzte.« – Ja, mein Sohn,« fährt die dicke Dame sich immer noch spiegelnd fort, »Herr Dernesty ist ein junger Mann, den Du Dir zum Muster nehmen solltest. Ich meine. Du kommst nicht mehr so viel mit ihm zusammen wie früher, warum das? – »Entschuldigen Sie, Mama, ich konnte nur Dernesty nicht besuchen, weil er in England war.« – Vorwärts, Julian, nehme Karten und schreibe schnell den Namen eines jeden Gastes darauf; denn die Zeit geht vorbei und man ist am Ende noch nicht fertig, wenn die Gesellschaft kommt.« Der Sohn des Hauses holt Karten, ein Schreibzeug, eine Feder und seht Alles auf den Ofen des Speisezimmers. Während seines Hin- und Hergehens ist er auch der pikanten Fifine begegnet, welche beständig in Bewegung ist, und im Vorbeistreifen hat seine Hand ihren Reizen einen zarten Druck gegeben; die Kammerzofe nimmt alle diese Huldigungen wie Dinge hin, an die sie längst gewöhnt ist. »Ich bin bereit, lieber Vater, sagen Sie mir gefälligst die Namen Ihrer Gäste.« – Wir sind also zu Zwanzig. Erstens wir Drei, dann mein Bruder, der Gelehrte, und seine Frau, dann der Vetter Brouillard, das sind schon sechs. – »Ah! Sie haben Ihren Vetter Brouillard eingeladen!« ruft Madame, die Achseln zuckend, aus. »Sie sind sehr gutmüthig gegen einen Mann, der immer Stichelreden auf Sie im Munde führt ... Ihr Vetter Brouillard ist bösartig wie ein Esel.« – Aber, liebe Angelika, Du irrst Dich; Du weißt übrigens, daß ich ihn gewöhnlich einlade, und wenn er erführe, daß ich ein großes Diner gegeben habe, ohne ihn dazu zu bitten, so würde er wüthend werden und es mir nie verzeihen! – »Sie fürchten sich eben vor ihm und laden ihn bloß ein, weil Sie Angst vor seiner Bösartigkeit und seiner giftigen Zunge haben! ... sagen Sie es nur gerade heraus, gestehen Sie es doch!« Madame St. Godibert hatte vollkommen Recht. Ihr Mann war bloß deßhalb gegen den Vetter Brouillard artig, weil er ihn fürchtete und wußte, daß er im Stande sein könnte, ihn vor aller Welt Gogo zu nennen. Wäre Herr Brouillard einer jener guten, wohlwollenden Menschen gewesen, wie man sie zuweilen trifft, so hätte man ohne Zweifel weit weniger Rücksicht gegen ihn beobachtet. In dieser Beziehung wäre es somit ein Vortheil, bösartig zu sein, da in der Welt Gunstbezeigungen, Belohnungen, Stellen, Ehren und Huldigungen weit öfter Denen gezollt werden, welche man fürchtet, als Denen, welche man hochschätzt. Wir wollen hoffen, daß die Letzteren in ihrem Herzen und in ihrem Bewußtsein eine Entschädigung für die Gleichgültigkeit der Menge und die Ungerechtigkeit Derer finden, welche berufen sind, die Belohnungen zu vertheilen. »Jedenfalls,« fährt Madame St. Godibert fort, »hoffe ich, daß Sie Herrn Brouillard nicht neben mich setzen werden; ich will ihn nicht!« – Sei ruhig, Angelika, Du sollst ihn nicht neben Dir haben ... Julian, hast Du die sechs Namen aufgeschrieben? – »Ja, lieber Vater.« – Ah! nun kommt Dein Vetter Friedrich, Herr Dernesty, Herr und Madame Marmodin, Herr Roquet, das macht schon elf. – »Und wo kommen die Gurken hin, gnädiger Herr? Ich sehe noch keine Gurken!« schreit Franz, überall auf dem Tisch umhersehend. »In was mischest Du Dich, Einfaltspinsel? wenn keine da sind, so braucht man wahrscheinlich keine. Es stehen sechs Schalen mit Nebengerichten auf der Tafel, das ist genug ... Butter, Oliven, Rettige, Sardellen, Thunfisch ... und Butter ... Nicht wahr, Fifine, man servirt keine Gurken mehr?« – Nein, gnädiger Herr, ich habe mich deßhalb bei der Dienerschaft des reichen Börsenspekulanten gegenüber erkundigt, der so glänzende Diners gibt. – »Mir schon recht!« sagt Franz, eine Champagnerflasche zur Hand nehmend, die mit andern seinen Weinen in einem besondern Korbe stand und nach welcher er schon lange schielte; »bei uns aß man ohne Gurken nie zu Mittag: Gurken und Häringsalat durften bei uns nicht fehlen.« – Schweig, Franz, man will nicht wissen, was bei Dir zu Lande Gebrauch ist; Du sprichst viel zu viel für einen Dienstboten. Hast Du die elf Namen aufgeschrieben, Julian? – »Ja, lieber Vater.« – Mein Freund, setze Herrn Dernesty neben mich, das macht mir Vergnügen. – »Aber, Angelika, der Platz neben der Herrin des Hauses ist immer ein Ehrenplatz, eine Gunstbezeigung, und wir haben bedeutende Personen bei Tische, denen wir vielleicht den Vorrang schuldig sind.« – Und welche sind denn die, Herr Gemahl, welche? Herr Marmodin doch hoffentlich nicht, der nur von den Römern und Römerinnen spricht. Wenn Sie glauben, daß mich das unterhalte. – »Das ist ein Gelehrter, meine Theure, man sagt, er werde demnächst Mitglied des Instituts werden.« – Wenn er es einmal ist, dann dürfen Sie ihn meinethalben neben mich setzen, vorher aber nicht. Aber, warten Sie, setzen Sie Herrn Roquet neben mich; dieser ist sehr liebenswürdig und galant gegen die Damen. – »Unmöglich, Angelika! Roquet ist zwar in Gesellschaft ein sehr angenehmer Mann, wir brauchen aber keine Umstände mit ihm zu machen. Die Ehrenplätze müssen Personen zugetheilt werden, die Einem von Nutzen sein können. Dernesty soll meinetwegen zu Deiner Linken sitzen, aber Deinen Nachbar zur Rechten müssen wir mit großer Vorsicht wählen. Ah! da wäre Herr Dendriston ... ein Kapitalist, der die Absicht hat, für sich allein eine Eisenbahn zu unternehmen, um sich von seinem Hause in der Provinz unmittelbar nach Paris versetzen zu können; der Mann ist unmenschlich reich; einem solchem Gaste ist man Aufmerksamkeit schuldig.« – Möglich, aber ich will ihn beim Essen nicht neben mir; dieser Mann benimmt sich so ungezwungen und spricht so laut; seine Stimme betäubt Einen ganz ... auch gebraucht er sehr unschickliche Ausdrücke ... Ja, Herr Cendrillon ist oft sehr frei in seinen Reden, ich liebe das nicht! – Madame, ein Mann, der auf seine Kosten eine Eisenbahn bauen lassen kann, hat wohl das Recht, unschicklich zu sprechen; das muß man reichen Leuten nachsehen.« – Kurz, ich will einen andern Nachbar. – »Herr Doguin und seine Frau, schreibe nur weiter Julian, das macht vierzehn. Herr Doguin ist Oberbeamter in den Privatbureaux des Ministers des Innern; das ist ein Mann, der Einem von ausgezeichnetem Nutzen sein könnte, wenn man ein Gesuch anzubringen hätte, zum Beispiel, um in den gesetzgebenden Körper zu kommen.« – In der That, mein Freund, in der That, ich sehe nicht ein, warum Du nicht so gut wie jeder Andere in den gesetzgebenden Körper, ja selbst in den Senat solltest kommen können, ein Mann von Deiner Constitution und von Deinen Mitteln. Getraute doch ich mir sogar, wenn ich keine Frau wäre, mich darum zu bewerben, denn ich habe mich schon im Hause ins Gesetzgeben so ziemlich hinein gearbeitet. Allein dennoch will ich Herrn Doguin nicht neben mir. – »Und warum nicht, Angelika?« – Weil es eine entsetzliche Unannehmlichkeit mit seinen Füßen ist. O, das ist etwas Unerträgliches für mich! – »Wie so? ... tritt er vielleicht seinen Nachbarn auf die Füße?« – O! nein, mein Lieber! Begreifst Du denn nicht, daß ich den Übeln, unausstehlichen Geruch seiner Füße meine! – »Wie! Herr Doguin sollte mit diesem Uebel behaftet sein?« – Setzen Sie ihn nur einmal neben sich, dann will ich Sie wieder hören. – »Weiter, Julian, Herr Soufflat und seine Tochter ... macht sechzehn ... Willst Du Soufflat neben Dir, Angelika? Du kannst nicht läugnen, daß er liebenswürdig ist ... welch' heiterer Charakter! Er lacht unaufhörlich über Alles, Alles! ... Ich glaube, wenn man zu ihm sagte: »›Soufflat, Ihr Vater ist gestorben oder Ihre Tochter ist todtkrank‹« so würde er lachen; ah! das ist ein köstliches Temperament! und abgesehen davon, ist er wahlfähiger Wähler in seinem Orte.« – Wo ist sein Ort? – »Ich weiß es nicht, meine Theure, aber kurz, es gibt einen Ort, wo eine Anzahl Stimmen auf ihn gefallen waren, um ihn zum Deputaten zu wählen, und die Sache hing nur noch an einem Faden. Wenn Herr Soufflat wenige zehn Stimmen mehr gehabt hätte, würde er ernannt worden sein; aber es scheint, daß nur sechs Wähler in seinem Bezirk waren ... Herr Doguin hat mich von diesen Einzelnheiten in Kenntniß gesetzt.« – Ganz gut, aber setzen Sie Herrn Soufflat nicht an meine Seite, er ist zu lebhaft, zu unruhig, er spielt mit seinem Messer, seiner Gabel! thut, als ob er den Teller fallen lasse, den man ihm hinreicht ... alles Das langweilt mich ... kurz, dieser Herr macht mir zu viel Narrenpossen. – »So will ich Herrn Villarsec neben Dich sehen, ah! das ist ein Mann vom feinsten Ton! ... ein Mann, der sich ausgezeichnet zu benehmen weiß ... und außerdem zum Attaché bei einer Gesandtschaft hätte vorgeschlagen werden sollen, die, glaube ich, nach China bestimmt war ... kurz, ein Mann, der die ganze Welt durchreist, Neger und rohe Diamanten mit sich gebracht und sogar Minen entdeckt hat, und ungeheuer reich ist.« – Das gebe ich Alles zu, aber er ist mir zu ernsthaft! Dieser Herr lacht nie, er sieht immer so düster aus, daß einem der Appetit vergeht. – »Jetzt bleiben mir nur noch das junge Ehepaar von Broussaillon ... und der Major Krautberg übrig.« – Ach! setzen Sie den Major neben mich ... den Major lasse ich mir gefallen, ein liebenswürdiger, galanter Mann ... ein wahrer Cavalier bei den Damen. – »Aber ... der Major ... er kommt freilich viel in Gesellschaft, sonst wüßte ich aber nicht, welchen Nutzen wir uns von ihm versprechen könnten, und ...« – Ich will nun aber den Major oder Herrn Roquet, richte es ein, wie Du willst, ich nehme jedoch nur den Einen oder den Andern zum Nachbar zur Rechten an.« Herr St. Godibert ist sehr in Verlegenheit; er weiß nicht, welcher von den beiden Personen er die Ehre erweisen soll, sie neben seine Gemahlin zu setzen. Die Tafel ist jetzt vollständig gedeckt; man hat nur noch die Karten auf die Plätze zu legen, und muß sich entscheiden, denn die Stunde naht, wo die Gesellschaft ankommen wird. Um ein Ende zu machen und sich dann vollends anziehen zu können, will der Hausherr eben den Namen des Majors auf das Couvert rechts neben seiner Frau legen, als eine unerwartete Explosion, begleitet von einem wohlriechenden Guß, der alsbald einen Theil der Tafel und der dabei befindlichen Personen benetzt, die ganze Scene verändert. Seit einigen Minuten hatte Franz eine jener Flaschen zur Hand genommen, deren mit Blei überzogener Kork und Hals seine Phantasie besonders aufgeregt hatte. Zuerst hatte er es für leicht, gehalten, die Flasche mit einem einfachen Pfropfenzieher zu entkorken; aber nach vergeblichen Anstrengungen hatte er doch bemerkt, daß der Pfropf mit Draht an der Bouteille befestigt war; dann hatte der normannische Bediente ein Messer ergriffen und damit denselben nebst den Schnüren und dem Draht loszuarbeiten gesucht, da aber, nach langer Mühe und in dem Augenblick, wo der Ungeschickte an dem Gelingen seiner Absicht zu verzweifeln anfing, explodirte der Pfropf, und der schäumende Inhalt sprudelte um so stärker nach allen Seiten hinaus, als ihn Herr Franz einfältiger Weise bald mit einem Finger, bald dadurch, daß er den Hals der Bouteuille unter seine Achselhöhle steckte, zurückzuhalten versuchte. Madame St. Godibert hat einen Schrei des Schreckens ausgestoßen, ihr Gatte macht einen Sprung, ihr Sohn läßt alle Karten, die er in den Händen hielt, auf den Boden fallen, und Mamselle Fifine sinkt mit verzweifelter Miene auf einen Stuhl nieder. Dann hört man von allen Seiten die jammernden Worte: »Ach, der Miserable! die ganze Tafel ist verdorben!« »Und mein golddurchwirktes Kleid ist hin! ...« »Es ist Wein in den Sardellen!« »Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht!« »Ach, das Vieh! ...« »Dieser Esel!« »Man muß den ganzen Tisch wieder frisch decken! ...« »Ich war so hübsch frisirt!« »Es ist entsetzlich! ...« Und inmitten dieses wüthenden Geschreies über Franz hinein, schreit dieser auch wie besessen zu seiner Vertheidigung: »Kann ich was dafür, habe ich das ahnen können? habe ich zum Voraus gewußt, daß Sie ein Feuerwerk in Ihren Bouteillen haben ... daß Raketen und Springbrunnen darin sind, daß das losgeht wie eine Kanone? ... Man hätte mich wenigstens vorher darauf aufmerksam machen sollen!« Herr St. Godibert kann sich nicht mehr bemeistern. Da er keinen Stock bei der Hand hat, nimmt er in seiner Wuth die Schale mit den Oliven, um sie auf Franzens Kopf zusammen zu schlagen und weit entfernt, ihren Mann zurückzuhalten, schreit Angelika: »Das ist ein elender Tropf! ... man sollte ihn peitschen bis auf's Blut! St. Godibert ziehe ihm Alles herunter bis auf die Haut und stäupe ihn von Unten bis Oben.« Aber Julian wirft sich seinem Vater in den Arm, der nun alle Oliven auf den Boden fallen läßt, und Fifine gibt Franz einen Wink, sich davon zu machen, was dieser auch augenblicklich befolgt, dabei aber noch so viel Fassung behält, die fast noch volle Flasche mitzunehmen, welche diesen Sturm veranlaßt hatte. »Er soll sich nur nie wieder vor mir sehen lassen!« sagt Herr St. Godibert, indem er auf allen Vieren herumkriecht, um die Oliven aufzulesen. »O, wenn er mir wieder unter die Augen träte, könnte ich mich auf's Aeußerste vergessen! ...« – Und ich!« sagte Madame, »wäre im Stande, den Kerl zu kastriren, wenn er mir wieder vors Gesicht käme.« Fifine machte darauf aufmerksam, daß man keine Zeit zu verlieren habe, und es besser wäre, die Tafel frisch zu decken, als sich um Franz zu bekümmern; Madame könnte während dessen ein anderes Kleid anziehen und ihre Haare wieder in Ordnung bringen. Da diese Bemerkung der Zofe äußerst zweckmäßig befunden wurde, machte sich Jeder an's Werk; Vater und Sohn unterstützten Mamselle Fifine; in kurzer Zeit war der Tisch abgedeckt; man legte ein anderes Tischtuch darauf, und bald war wieder Alles in Ordnung. Der Hausherr dachte nun daran, die Karten, die Jedem seinen Platz bezeichneten, aufzulegen. Das kostete ihn wieder viel Zeit, er bewegte sich fortwährend um die Tafel herum und murmelte: »Meine Frau zwischen Roquet ... nein, zwischen dem Major Krautberg und Dernesty ... ich zwischen Madame Doguin und Fräulein Soufflat ... nein, es ist besser, ich setze Fräulein Soufflat neben meinen Sohn ... diese Dame ist eine sehr reiche Partie und bei Überreichung eines Tellers oder beim Präsentiren eines Glases kann man sich galant zeigen ... Julian, Du mußt sehr galant gegen Fräulein Soufflat sein, die ich neben Dich setze.« – Ach! lieber Vater, Fräulein Soufflat ist so häßlich wie die Nacht! sie hat eine Nase von enormer Länge, die unten ausläuft wie eine Trompete ... Frau von Broussaillon und Madame Marmodin wären mir weit lieber. – »Herr Sohn, es handelt sich nicht darum, wer Dir gefällt ... Du kannst keine dieser beiden Damen heirathen, weil sie schon verheirathet sind, während Fräulein Soufflat eine Partie von wenigstens zweimalhunderttausend Franken ist, und ich glaube, daß eine solche Mitgift die lange Nase dieses Fräuleins bedeutend verkürzen wird.« – Aber lieber Vater! ... – »Still, nicht raisonnirt! Glaubt der Herr Sohn, daß ich ein so großartiges Mittagessen gebe und ein wahnsinniges Geld verschwende, ohne Vortheil daraus zu ziehen? ... Wisse der Herr Sohn, daß ein Diner immer zu Etwas dienen muß; ich habe Herrn Cendrillon oft sagen hören: »›Ein Diner ist ein sehr gewandter diplomatischer Agent, besonders wenn viel Trüffeln dazu kommen‹« ... und das meinige ist durch und durch mit Trüffeln gespickt. Du wirst demgemäß zwischen Fräulein Soufflat und Herrn Doguin sitzen, Madame Marmodin neben Friedrich, mein Bruder das Genie, neben dem gelehrten Herrn Marmodin, Herr Cendrillon! ... wo Teufels soll ich Herrn Cendrillon hinsetzen? Ein Mann, der für sich allein eine Eisenbahn bauen lassen kann, muß einen sehr schönen Platz erhalten! ... Und meine Frau, die ihn nicht einmal neben sich haben wollte! ... mit den Weibern ist es zuweilen nicht auszuhalten. Meiner Treu'! ich setze ihn zu Frau von Broussaillon und meiner Schwägerin ... Ach, nun meinen Vetter Brouillard! ... der ist einmal schwer unterzubringen, er hat eine so böse Zunge. Wenn ich ihn nur zwischen zwei Taube setzen könnte! ... Ah! ich hab's, Herr von Broussaillon hört nie zu, wenn man mit ihm spricht, und Soufflat lacht unaufhörlich, worüber? weiß er übrigens wohl selbst nicht ... Welche kopfzerbrechende Arbeit! ich möchte nicht oft zwanzig Personen bei Tische haben, abgesehen davon, daß man sich dabei zu Grunde richtet.« Madame kam zurück; sie hatte ihr Atlaßkleid angezogen und die Unordnung reparirt, welche der Champagner in ihrem Haargebäude hervorgebracht. Sie warf einen Blick auf die Anordnung der Plätze und wollte Veränderungen vornehmen; aber jetzt schrie ihr Gemahl, indem er sich zornentbrannt schnauzte: »Wahrhaftig! Angelika, wenn Du etwas an meinen Bestimmungen änderst, so sage ich Dir zum Voraus, kümmere ich mich um gar nichts mehr während des ganzen Mittagessens; gehe es dann, wie es wolle ... ich will mich nicht gequält haben wie ein Galeerensklave, damit Jemand Anderes meine Arbeit über den Haufen werfe!« – Nur ruhig, lieber Kleiner!« entgegnete Angelika, »und geben Sie mir Antwort. Wen haben Sie auf heute Abend eingeladen? – »O! etwa zwölf Personen! ... Julian, hast Du Deinem Freund Richard gesagt, daß er heute Abend kommen möchte.« – Ja, lieber Vater, er wird kommen. Ich habe ihm Ihre neue Adresse gegeben; denn er war der Meinung, wir wohnten noch in der Mathurinstraße. – »Kommen einige Künstler, von jenen Musikern, die so kleine lustige Lieder mit Klavierbegleitung singen?« – Ich habe zwei oder drei ersucht, aber sie haben sich erlaubt, meine Einladung auszuschlagen ... sei übrigens ruhig: Herr Dircors, weißt Du, jener Herr, welcher eine Masse kleiner Späße zu machen weiß, alle Thiere nachahmt und sogar ein Bißchen bauchredet, hat mir versprochen, einen seiner Freunde mitzubringen, der Alles singt, was man nur will, auch Melodien von Schuhn ... Schuh ... meiner Treu', ich weiß nicht mehr von welchem Schuh ... – »Von Schubert, lieber Vater.« – Ja, ich glaube so ... Schuhbrett ... Ich wußte nur, daß ein Schuh dabei war. – »Haben Sie Herrn Ramonot eingeladen?« – Ramonot? Nein, wahrhaftig ... ich habe ihn nicht eingeladen! ich habe mich wohl gehütet! Letzthin ist er mir in einem so elenden abgeschabten Rock auf dem Boulevard begegnet ... kurz, er war so schlecht angezogen, daß ich, weiß Gott, schnell das Gesicht abwandte, um ihn nicht grüßen zu müssen, denn nichts würdigt Einen mehr herunter, als einen Menschen zu grüßen, der schlecht gekleidet ist. – »Aber Sie sehen mich in Erstaunen, denn Herr Ramonot hat, so viel man mir gesagt hat, durch die Protektion seiner Tochter eine sehr gute Stelle bei der Polizei-Präfektur erhalten.« – Ist das wahr Angelika? ah! beim Teufel! dann grüße ich ihn, sobald er mir wieder begegnet, und zwar schon von Weitem; man darf nicht immer auf die Außenseite eines Menschen gehen. – »Herr Ramonot hat in der That diese Stelle erhalten sollen,« versetzte Julian, »aber es ist nichts daraus geworden, ein Anderer hat sie bekommen.« – Was habe ich eben gesagt! ... einen Menschen mit einem so abgeschabten Rocke grüße ich nicht; eine nachlässige Kleidung läßt auch auf sonst ungeordnetes Wesen schließen! ... von nun an bin ich fest entschlossen, ihn nicht mehr zu kennen. – »Sie wissen also nicht, daß seiner Tochter, die sehr hübsch ist, von dem Neffen eines französischen Pairs der Hof gemacht wird, welcher geschworen hat, er werde sie vielleicht heirathen?« – Der Neffe eines Pairs? Tausend Sapperment! ... dann weiß man freilich nicht mehr, was man thun soll. Nun, es bleibt dabei, ich grüße ihn ... ich grüße ihn! Ich sehe wohl ein, daß ich einen Fehler gemacht habe, aber ich konnte mich nicht überwinden ... ich kann einmal schlecht gekleidete Leute nicht ausstehen ... so oft sie mir zu nahe kommen, meine ich immer, sie wollen Geld von mir entlehnen.« Dieses Gespräch wurde durch Fifine unterbrochen, welche herbeieilte und sagte: »Herr Brouillard ist da, er hat zwar noch nicht geläutet, aber ich höre ihn schon seit fünf Minuten seine Füße auf der Strohmatte vor der Gangthüre abreiben. Ich habe ihn durch ein Fenster erkannt, er bringt immer eine Viertelstunde auf der Strohmatte zu, ich glaube, er horcht, ehe er hereingeht, und sucht zu erfahren, was bei den Leuten, die er besuchen will, gesprochen wird.« – Das wäre er wohl im Stande. – »Der Vetter Brouillard schon? Das Schwertmaul! ...« – Ach! Angelika, nimm Dich in Acht ... sprich in Gegenwart der Leute keine solche Worte aus, oder ich verberge mich unter dem Tisch! – »Ei was, Herr Gemahl, ich meine, ich wisse zu sprechen; Sie haben am wenigsten Ursache, mich über meine Sprache zu rüffeln, der Sie Tonnelles statt Turnel sagen, wenn man von Eisenbahnen spricht und letzthin in vollem Saale behauptet haben, die Straßen von Paris seien von Dieben inficirt .« – Nun, Madame, sagt man nicht so? Ich habe oft sagen hören, die Straßen sind von Dieben inficirt ... ein Wald ist von Räubern inficirt. – »Nein, mein Herr, man muß sagen investirt , ich weiß es gewiß, ich habe Herrn Marmodin darum befragt.« – Und ich habe meinen Bruder, das Genie, oft so sagen hören, wie ich sagte. – »Wenn solche Phrasen in seinen Stücken vorkommen, müssen sie erbaulich sein! ... Aber Sie sind so aufgeblasen wie ein Laubfrosch, wenn Sie von ihrem Bruder sprechen! ...« – Madame, ich sage doch nicht Schwertmaul ! ein Wort, das man nur von Fischweibern hört. – »Schweigen Sie, Herr Gemahl, es wird mir sonst übel.« Der Streit war im besten Auflodern und Julian schien sich eher an dem Zwiste seiner Eltern zu belustigen, als daran zu denken, ihn zu schlichten. Aber Fifine stellte die Ruhe wieder her, indem sie sagte: »Ah, wenn der Vetter Brouillard hört, daß man sich zankt, wird er sich höchlich darüber freuen!« – Fifine hat Recht,« sagte Madame St. Godibert, ihrem Manne die Wange darbietend; »ich bin zu hitzig ... küsse mich, Kleiner!« – Mit Vergnügen, Angelika. – »Dein Vetter ist Schuld, daß ich mich vergesse ... Er kommt immer vor allen andern Gästen und oft ehe noch der Tisch gedeckt ist. Das geschieht jedoch nur, um herumzuspähen, um zu sehen, was man macht, und um seine Nase in Alles hineinzustecken; unter dem Vorwand, er wolle helfen, schnüffelt er in allen Zimmern herum ... Denken Sie sich, mein Herr, letzthin überraschte ich ihn, wie er in den großen Kasten hineinsah, in dem ich meine Kleider aufbewahre: er hatte ihn aufgemacht und betrachtete und betastete ein Stück nach dem andern ... als ich ihn fragte, was er da treibe, hatte er gar die Unverschämtheit, mir zu antworten: »›Werthe Frau Base, ich suchte Ihre englische Commodität und glaubte hier am rechten Orte zu sein.‹« In diesem Augenblicke zeigte sich Herrn Brouillards Nase am Eingang in's Speisezimmer; alsbald eilen ihm Nicolaus Gogo und seine Frau mit dem Ausruf entgegen: »Ei, das ist Brouillard, unser lieber Vetter Brouillard!« – Guten Tag, Vetter, guten Tag, Base! – »Wie artig von Ihnen, so bald zu kommen! ... Viele Leute lassen so lange auf sich warten, aber Sie nie ... ich sprach eben darüber mit St. Godibert.« – Beste Base, ich beeile mich stets, zu Ihnen zu kommen ... es ist immer ein so großes Vergnügen für mich und dann denke ich zugleich, falls man Jemand zur Aushülfe nöthig hat, bist du gleich da. – »O! wie gütig sind Sie, lieber Vetter, wir haben ja unsere Leute, unsere Dienerschaft! ... mehr braucht es nicht.« – Da liegt eine Olive auf dem Boden,« sagte Herr Brouillard, sich bückend, um sie aufzuheben. »Es scheint, daß Ihre Leute nicht genau Achtung geben auf das, was sie tragen. Das ist eine prächtig gedeckte Tafel! Sie haben, so wie ich sehe, viele Gäste? – »Wir werden unserer Zwanzig sein,« antwortete Herr St. Godibert, mit seinem Taschentuch an der Nase ziehend um sie zu verlängern. – »Zwanzig, Sie mit eingerechnet? – »Wie, uns mit eingerechnet?« schrie die dicke Dame mit geärgerter Miene; »wir werden uns doch nicht abrechnen müssen? ... oder halten Sie uns für Nullen in unserem eigenen Hause?« – Entschuldigen Sie, Base, das wollte ich nicht damit sagen ... ich habe mich ungeschickt ausgedrückt ... wenn ich sage zwanzig, Sie mit eingerechnet, so wollte ich damit nur ausdrücken: Haben Sie zwanzig Personen zum Essen eingeladen? ... und weiter nichts ... Sie haben ein wunderschönes Kleid an, Base ... ach, welch' prächtiger Stoff! – »Nicht wahr? ... o, es ist vom kostbarsten Atlaß.« – Aber Ihr Unterrock steht vor, Base, geschieht das absichtlich? – »Ach, mein Gott! mein Unterrock steht vor ... und ich hatte es nicht bemerkt! So geht es, wenn man sich so beeilen und so schnell machen muß. Fifine, stecke ihn mir hinauf. Vetter Brouillard gehen Sie doch gefälligst mit unserem Sohn in den Salon.« – Mit großem Vergnügen ... geniren Sie sich meinetwegen nicht, ich bitte Sie, wenn man viele Leute empfängt, hat man so mancherlei zu überwachen und zu besorgen; ich weiß, was das ist ... ich gehe in den Salon ... Ei, Sie bekommen ja eine Weinwirthschaft in Ihr Haus? – »Eine Weinwirthschaft ... wo das?« – Im Parterre ... das Schenklokal wird gerade eingerichtet ... – »Eine Weinwirthschaft! ... es käme eine Weinwirthschaft in's Haus? Das wäre ja entsetzlich! wenn ich das wüßte, würde ich auf der Stelle mein Logis verlassen!« – Nein, nein, das ist nicht möglich! Wer hat es Ihnen gesagt, lieber Vetter? – »Nun, ein Kommissionär unten; ich sah, daß in's Parterre eingezogen wird und fragte ihn: »Wer kommt hier herein?« hierauf antwortete er mir: »Mein Herr, ich glaube, ein Weinwirth.« – Fifine! Fifine! gehen Sie schnell hinunter und erkundigen Sie sich bei dem Portier, wer in den Unterstock und den Laden einzieht; wenn es ein Weinwirth oder ein Traiteur ist, so sagen Sie, daß wir heute Abend aufkündigen werden. – »Aber, Madame, in diesem Augenblick habe ich so viel zu thun.« – Thut nichts, gehen Sie unverzüglich hinunter, Fifine ... ich kann nicht in dieser Ungewißheit verharren.« Die Kammerzofe geht hinunter und wünscht den Herrn mit der Fuchsschnauze, der, kaum zur Thüre hereingetreten, schon Gelegenheit gefunden hat, ihre Herrschaft in Unruhe zu versehen, zu allen Teufeln. Herr St. Godibert hat sich entfernt, um einen Frack anzuziehen, Madame hat sich auf einen Stuhl geworfen, Julian ist in den Salon hinein gegangen, um seine Halsbinde zu ordnen, und der Vetter Brouillard sieht unter den Tisch, ob keine Oliven mehr darunter sind, und sagt: »Wahrhaftig! mir ginge es wie Ihnen: ein Weinwirth würde mich auch aus einem Hause vertreiben. Das setzt Einen der Unannehmlichkeit aus, fortwährend Betrunkenen zu begegnen, Geschrei und Streitigkeiten mit anzuhören ... oft sogar bekommt man beim Nachhausegehen einige Faustschläge, die einem Andern zugedacht waren; das ist sehr, widerwärtig.« Endlich kehrt Fifine ganz außer Athem wieder zurück. Herr St. Godibert eilt in Hemdärmeln mit seinem Frack unter dem Arm herbei, um zu hören, was sie sagt. »Es hat nie Jemand an einen Weinwirth gedacht,« schreit die junge Zofe mit einem zornglühenden Blick auf Herrn Brouillard; »ein Buntpapierhändler zieht in den Laden ein ... und dieser wird sehr schön und prächtig herausgemacht ... er verkauft Papier, bis zu zwanzig Franken das Buch.« – Ach! ich lebe wieder auf!« sagt Madame St. Godibert. »Ich wußte wohl, daß das nicht sein kann,« versetzt der Hausherr, »und Du hattest Unrecht, gleich so außer Fassung zu gerathen.« – Warum erzählt uns aber auch Herr Brouillard Geschichten, an denen Nichts ist! Man sollte seiner Sache gewiß sein, ehe man davon spricht. – »Entschuldigen Sie, Cousine, ich habe Ihnen gleich gesagt, ich wisse es nur von einem Commissionär, besser konnte ich die Nachricht nicht verbürgen. Der Commissionär wird sich geirrt haben, das ist das Ganze. Diese Leute haben eine große Vorliebe für die Weinwirthe, und denken darin anders als Sie, liebe Cousine, wenn es ihnen nachginge, müßte sich in jedem Winkel einer befinden.« – Gehen Sie doch in den Salon, Vetter. – »Ich gehe schon, Cousine ... Sie wollten Ihren Unterrock hinaufheften lassen ... Ihr Kleid bildet auch Falten auf dem Rücken, sie sollen vielleicht da sein, aber sie stehen nicht schön. Ich gehe in den Salon ... falls Sie meiner bedürftig sind, so geniren Sie sich nicht.« Endlich hat sich Herr Brouillacd in den Salon begeben. »Gott sei Dank, daß dieser unausstehliche Mensch nicht mehr im Zimmer ist!« ruft Frau St. Godibert aus, »uns zu fragen, es ziehe ein Weinwirth unten ein, um uns die Verzweiflung in den Leib zu jagen.« – Sie sind aber auch sehr gutmüthig, Madame, daß Sie den Worten Ihres Vetters Glauben schenken, der unaufhörlich Geschichten erfindet, um überall Unfrieden zu stiften. – »Fifine hat Recht, Angelika, Du solltest ihm nie etwas glauben.« – Fifine, stecken Sie meinen Unterrock hinauf ... die Gesellschaft wird kommen: ich will keine Falten auf dem Rücken haben, machen Sie sie weg! ... Es ist doch hoffentlich Alles gerichtet? – »Aber à propos !« ruft die Kammerfrau aus, nachdem sie mit dem Kleide ihrer Gebieterin fertig ist, »es muß mir doch Jemand beim Serviren helfen. Es ist rein unmöglich, daß ich allein zwanzig Personen bei Tische bedienen kann.« – Das ist wahr! es ist physisch unmöglich«, sagt Herr Godibert, sich in seinem Frack bewundernd, »Fifine kann sich nicht verzwanzigfachen. – »Sie wollen Franz nicht mehr vor Augen haben, und es muß doch Jemand beim Aufwarten helfen ... ein männlicher Bediente ist das Schicklichste ...« – Allerdings ... wie wäre es, wenn Du den Portier fragtest, ob er nicht heraufkommen wolle? – »Gehen Sie mir mit dem Portier! ... einmal habe ich ihn ersucht, mir ein Bißchen an die Hand zu gehen ... ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit, da hat er mir im unverschämtesten Tone geantwortet: »Für wen halten Sie mich? Glauben Sie, ich sei ein Bedienter?« ... Sehen Sie, Herr, es bleibt nichts übrig, als Franz zu verzeihen ... auch würde er, wenn er gewußt hätte, daß es Champagner war, diese Flasche gewiß nicht berührt haben: er hat diese Ungeschicklichkeit nur aus Unwissenheit begangen.« – Fifine hat Recht ... man muß sich noch einmal des Franz bedienen ... wir würden ohnehin nicht sogleich Jemand anders für seine Stelle finden. – »Gut, aber Fifine, prägen Sie ihm doch wenigstens ja recht ein, daß er Achtung gibt und sich genau erinnert, was man ihm befohlen hat.« – Seien Sie ohne Sorge, Madame, ich will ihn schon dressiren!« In diesem Augenblicke hört man die Klingel. Alsbald stürzt das Ehepaar St. Godibert in den Salon mit dem Ausruf: »Da kommt die Gesellschaft ... sie darf uns nicht im Speisesaal finden ... sie könnte uns sonst für unsere Dienerschaft halten!« Fünfzehntes Kapitel. Die Gesellschaft im Empfangsaal. – Vor dem Essen Noch keine Viertelstunde war verflossen, so hatten sich beinahe alle von Herrn und Madame St. Godibert zum Diner eingeladenen Personen im Salon versammelt. In dem großen dürren gelben Herrn mit der ernsten nachdenklichen Miene, der fragt: »Wie steht es mit der Gesundheit?« habt ihr den Herrn mit der Vorliebe für die Römer erkannt. Seine Frau sitzt in einer Ecke des Saales, lacht bereits und verbreitet rings um sich her Heiterkeit. Neben Madame Marmodin schäkert Herr Roquet, der das löwenmäßigste Kostüm anhat, das man tragen kann, dann ein junger Mann mit einem ziemlich hübschen Gesichte und artigen Manieren, welcher oft über die Bemerkungen der Madame Marmodin lacht; das ist Herr von Broussaillon, dessen ebenfalls junge und hübsche Gattin etwas entfernter sitzt; sie ist von Herrn Julian, der ihr höchst zärtliche Liebesblicke zuwirft, die sie aber nicht zu bemerken scheint, von Herrn Cendrillon, dem dicken großen Mann mit dem gutmüthigen Gesichte, welcher laut spricht, schallend lacht und sich so behaglich fühlt wie in seinem eigenen Hause, und endlich von Herrn Doguin, dessen Nachbarschaft allgemein gefürchtet wird, umgeben. In einem andern Theile des Saales sitzt eine hübsche Blondine mit weißen Schultern auf einer Causeuse, und scheint gleichgültig den Fadheiten des Herrn Soufflat, eines kleinen, fünf Fuß weniger zwei Zoll hohen Mannes zuzuhören, der, um sich größer zu machen, meist auf den Zehenspitzen steht, und in einem Salon immer aussieht, wie wenn er einen Anlauf nehmen wolle, um einen Entrechat zu machen. In der Blondine habt ihr Herrn Mondigo's Gemahlin erkannt. Was diesen Herrn selbst betrifft, so hat er sich des Majors Krautberg bemächtigt, um ihm den Plan eines Stückes zu erzählen, welches er eben in Arbeit hat, und das wenigstens sechshundertmal hintereinander aufgeführt werden soll. Der Major Krautberg ist ein vortrefflicher Mann, der alle Eigenschaften besitzt, die Einen in Gesellschaft beliebt machen: er hört so lange zu als man will, billigt Alles, was man sagt, macht allen Damen Complimente, und spielt alle Spiele. Mit solchen kostbaren Vorzügen ist es unmöglich, in der Welt nicht sehr geschätzt zu sein. Der Major, dessen viereckiges, etwas geröthetes Gesicht das Gepräge deutscher Gutmüthigkeit ausdrückt, hört wenigstens zum sechsten Male die Details einer Entwicklung an, welche ein ganzes Auditorium in Thränen zerfließen machen, und dem Stücke den Erfolg sichern soll; er nickt bloß bisweilen mit dem Kopfe, was so viel bedeutet, als: »sehr gut;« und wiederholt unaufhörlich die Phrase: »das wird außerordentlich hübsch werden.« Mondigo begnügt sich mit diesen beiden Antworten, die eine mittelst Pantomime, die andere mit Worten ausgedrückt, und fährt in der Erzählung seines Planes fort; nur wenn der Major ein wenig zerstreut scheint oder zu lange gar nichts sagt, hält er inne, faßt ihn scharf ins Auge und ruft aus: »Wie! erfreut sich diese Scene nicht Ihres Beifalls?« Dann beeilt sich der Major, welcher gleichsam aus dem Schlafe zu erwachen scheint, gleichzeitig mit Pantomime und Stimme zu antworten, und ruft, während er wie eine chinesische Porzellanfigur auf dem Kamine mit dem Kopfe wackelt, laut aus: »O! das wird schön! außerordentlich schön!« Madame Doguin, eine große, hochgewachsene Frau, welche hübsch war, und es in einiger Entfernung noch zu sein scheint, hat sich in einen Lehnstuhl gesetzt, auf dem sie sich ausnimmt wie auf einem Throne: erstens, weil ihr außerordentlich hoher Oberleib glauben machen könnte, sie sitze auf mehreren Kissen, dann, weil sie unaufhörlich ihre Blicke rings umherschweifen läßt, und rechts und links hin lächelt, wie eine Person, die Gunstbezeugungen zu vertheilen hat. Herr Villarsec steht so steif und ernst in einer kleinen Ecke wie ein preußischer Soldat beim Exerziren. Nicht weit von ihm weg sitzt Fräulein Soufflat, die junge Dame, deren Nase einige Ähnlichkeit mit einem Elephantenrüssel hat, auf einem Stuhle, ohne daß sich Jemand mit ihr unterhält, wodurch ihre Nase noch an Länge zuzunehmen scheint. Der Vetter Brouillard endlich geht ab und zu, windet sich überall durch und schleicht sich überall ein, wo gesprochen wird, besonders da, wo man, wie es scheint, nicht gerne gehört werden möchte. Die St. Godiberts bemühen sich indessen auf's Aeußerste, ihre zahlreiche Gesellschaft gut aufzunehmen, und besonders inmitten ihrer Gäste kein dummes Gesicht zu machen. Aber trotz aller Anstrengung bringt es ein Emporkömmling, der den großen Herrn spielen will, nicht weiter, als daß man ihn für einen in einen Marquis verkleideten Hanswurst hält. Hätten sich Nicolaus Gogo und seine Frau damit begnügt, gute Leute zu sein, die ihre Gäste auf eine natürliche, ungezwungene Weise aufnehmen, so wären sie Einem nicht lächerlich in ihrem Salon vorgekommen. Madame St. Godibert läuft von Einem zum Andern, und sucht sich eine Grazie zu geben, die nicht zu ihrem Beduinenkopfe paßt. Herr Roquet hat ihr schon dreimal wiederholt, sie sei zum Entzücken angezogen. Sie dreht und wendet sich unaufhörlich um den Major Krautberg herum, damit er ihr das Nämliche sage; aber der unglückliche Major ist dermaßen von dem Schriftsteller im Schach gehalten, daß es ihm unmöglich ist, der Herrin des Hauses ein Wort zuzuflüstern. Madame St. Godibert nähert sich ihrem Manne und raunt ihm in's Ohr: »Ihr Bruder ist wahrhaft unerträglich! wenn er sich einmal einer Person bemächtigt hat, läßt er sie nicht mehr los! ... Jetzt spricht er schon eine Viertelstunde mit dem Major Krautberg ... ich bin überzeugt, daß er ihm eines seiner Stücke erzählt, und der arme Major darf nicht einmal zu mir herkommen, um mir ein Wörtchen zu sagen! er sitzt gewiß wie auf Nadeln! ... rufen Sie doch Ihrem Bruder.« Statt seiner Frau zu antworten, stößt Herr St. Godibert einen Schrei aus und sagt: »Ach! mein Gott! dort sitzt Fräulein Soufflat ganz allein in einer Ecke! Niemand widmet ihr die geringste Aufmerksamkeit! ... das ist unschicklich ... woran denkt denn mein Schlingel von Sohn! ... er beschäftigt sich mit der kleinen eiteln Madame Marmodin! ... Julian! mein Sohn Julian!« Herr Julian stellt sich, als ob er seinen Vater nicht höre, weil er zum Voraus vermuthet, auf was es abgesehen ist, und wenn er ihn von der einen Seite des Saales auf sich zukommen sieht, schleicht er sich so schnell als möglich nach einer andern. Herr St. Godibert macht schon seit einer Weile vergebliche Anstrengungen, seinen Sohn zu erwischen, der Verstecken mit ihm zu spielen scheint; aber dem Vetter Brouillard, der Alles sieht und Alles hört, gelingt es, Julian am Arme zu erfassen, als er eben seinem Vater wieder entschlüpfen will, und er hält ihn mit den Worten zurück: »Vetterchen, hören Sie denn Ihren schätzbaren Vater nicht, der Ihnen schon lange ruft und Sie in allen Ecken des Saales sucht? Er hat Ihnen bestimmt etwas sehr Interessantes zu sagen ... nach der Beharrlichkeit zu urtheilen, mit der er Sie verfolgt ... ah! da kommt er ... Vetter; hier ist Ihr Sohn, der Sie, so viel ich glaube, nicht gesucht hat.« Herr St. Godibert tritt mit wüthender Miene auf seinen Sohn zu: »Fräulein Soufflat sitzt ganz allein in einer Ecke dort,« schnaubt er, »willst Du Wohl augenblicklich zu ihr gehen und den Galanten machen, oder ich behalte Dein Taschengeld am Ende des Monats zurück! ... wir wollen dann sehen, mit was Du Deine frischbutterfarbenen Handschuhe bezahlen wirft!« Herr Julian geht auf Fräulein Soufflat zu und murmelt: »Ein schönes Taschengeld das! ... es ist der Mühe werth, daß man davon spricht!« – Was hat er gesagt?« fragte Herr St. Godibert, seinen Vetter Brouillard anblickend, der unverweilt erwidert: – »Er hat gesagt: ein schönes ... es ist der Mühe werth, daß man davon spricht! Meinte er das Taschengeld oder Fräulein Soufflat ... das müssen Sie zu beurtheilen wissen, Vetter; es scheint, Ihr Sohn sei mit dem, was Sie ihm für seine Toilette aussetzen, nicht recht zufrieden; er ist übrigens sehr gut und sehr elegant gekleidet, das muß ich bekennen.« – Nicht zufrieden! ... ich möchte wissen, ob er es wagt, sich zu beklagen! ... Nicht zufrieden, und ich gebe ihm vierzig Franken monatlich, Vetter, vierzig Franken! bloß zu seinen Kleidern! denn er hat freie Wohnung, Kost, Heizung und Licht bei mir! ... Nun, finden Sie nicht, daß das eine ungeheure Summe ist? Wenn meine Frau nicht wäre, würde ich ihm nur die Hälfte geben! – »Vierzig Franken! Tausend Element, das ist freilich Etwas, Vetter! ... zu unserer Zeit wäre das sogar viel gewesen ... ich glaube nicht, daß Sie in dem Alter Ihres Sohnes monatlich vierzig Franken für Ihre Toilette aufzuwenden hatten ... Sie waren allerdings auch nicht gekleidet wie er ... aber heut zu Tage braucht man so Vielerlei! ... man ist immer so im Staate! Ich wundere mich beinahe über die Eleganz Ihres Sohnes, wenn Sie ihm nicht mehr geben als das.« – Ah! potz Kuckuk! er läßt auch auf Rechnung arbeiten! ... und macht nebenbei Schulden! – »Teufel! das ist unangenehm.« – Aber ich bezahle sie nicht. – »Dann ist es wieder als ob er keine machte.« Diese Unterredung wird durch Herrn Cendrillon unterbrochen, der sich dem Hausherrn nähert, ihm auf den Bauch klopft und ausruft: »Potz Sapperment! ich habe ein Vorgefühl, daß mir das Mittagessen gut schmecken wird, und Sie, mein lieber St. Godibert?« – Ich, Herr Cendrillon, ich bin ganz Ihrer Meinung, das Essen wird willkommen sein. – »Sind Sie auch dazu aufgelegt?« fragt Herr Doguin, näher tretend. Diese Worte waren an Herrn Brouillard gerichtet, welcher, als er die Nähe des Herrn Doguin verspürt, schnell seine Tabaksdose herauslangt und sich die Nase vollstopft. Dann erwidert er, indem er dabei um zwei Schritte zurückweicht: »O! ich habe auch Appetit, aber ich kann warten. Ich weiß, daß man bei meinem Vetter immer sehr spät ißt, wenn Gäste bei Tische sind.« – Immer zur Zeit wo man von der Börse kommt!« versetzt Herr St. Godibert, im Tone eines Capitalisten: »um sechs bis halb sieben Uhr. – »Das ist sehr spät,« sagt Herr Cendrillon; »übrigens ist es bereits ein Viertel auf sieben Uhr vorbei. Erwarten Sie noch Leute?« – Ja, noch Herrn Dernesty und meinen Neffen Friedrich ... – »Ah! die beiden Unzertrennlichen.« – Sobald aber aufgetragen ist, sehen wir uns zu Tische; o! wir warten nicht auf diese Herren! ... mein Neffe kommt immer absichtlich zu spät, und Herr Dernesty hat auch die Manier, Einem die Zeit entsetzlich lange zu machen! – »Die sind von Einem Schlage!« sagt Herr Brouillard, sich von Herrn Doguin entfernend. Madame St. Godibert kann nicht mehr länger an sich halten: da sie bemerkt, daß ihr Schwager den Major gar nicht losläßt, entschließt sie sich, ins Mittel zu treten um dem Gespräch dieser beiden Herren ein Ende zu machen. »Ei! ei! meine Herren,« ruft sie aus, »Sie sind recht liebenswürdig! Sie unterhalten sich mit einander, statt den Damen den Hof zu machen! ... Ach! Herr Major, ich erkenne Sie gar nicht mehr,« Der arme Major, entzückt über seine Befreiung, verneigt sich schnell gegen Mondigo und will auf die prächtige Angelika zugehen, aber der Schriftsteller hält ihn an seinem Frackschoße zurück und sagt: »Wir haben nur noch drei Scenen, und ich lege großen Werth auf Ihre Ansicht über meinen letzten Akt, den ich schon zum viertenmale angefangen habe, der aber, glaube ich, auf die Art, wie ich Ihnen eben erzählte, sehr gut werden wird.« – O! vortrefflich! ganz vortrefflich! – »Ich lasse das Mädchen durch einen Verschwörer verführt werden, der zwei Weiber hat.« – O! das wird sehr spannend. – »Sie vergiftet ihren Verführer mittelst einer Pomeranze ... das ist eine Entwicklung, von der ich mir eine große Wirkung verspreche.« – O! ausgezeichnet! – »Man hat mir übrigens gesagt, daß man sich in einem deutschen Stücke in einer Scene von Bedeutung auch einer Pomeranze bediene, und das hat mich auf den Gedanken gebracht, die Sache zu ändern und eine Citrone an die Stelle zu setzen. Was halten Sie davon?« – O! sehr, hübsch, ganz hübsch! –»Die Idee mit der Citrone ist neuer, als die mit der Pomeranze ... aber die Schwierigkeit besteht darin, einen Franzosen eine Zitrone essen zu lassen! ... O! jetzt geht mir aber ein Licht auf: ich versetze meine Scene nach Italien, wo die Citronen süß sind, dann gibt sich meine Entwicklung von selbst.« Der Major nickt sein gewöhnliches Beifallszeichen, entschließt sich jedoch, sich von dem Schriftsteller wegzuschleichen, welcher, Herrn Villarfec in seiner Nähe bemerkend, sich vor denselben hinstellt und zu ihm sagt: »Ja, ich bin entzückt, auf diese Citrone verfallen zu sein ... die Scene muß in Italien oder in der Provence spielen ... es ist zwar ein historisches Drama; aber das will ich schon arrangiren! ... Soll ich aber Citrone oder Limonie sagen? Das ist ein Punkt, an den ich noch nicht gedacht habe. Was rathen Sie mir?« Herr Villarsec, der immer steife und ernste Mann, betrachtet Herrn Mondigo mit einer fast unverschämten Miene und erwidert: »Mein Herr, wenn es sich um eine Limonade handelt, so muß ich Ihnen bekennen, daß ich nichts davon verstehe, und ersuche Sie, sich deßhalb an einen Conditor zu wenden.« – Von einer Limonade!« schreit Mondigo, dessen Nasenspitze erbleichte, was stets der Fall war, wenn seine Eigenliebe verletzt wurde. »Ich habe von meinem Stück mit Ihnen gesprochen, Herr ... aber! entschuldigen Sie, Sie haben die Entwicklung meines Planes nicht mit angehört, und konnten mich demnach auch nicht verstehen ... ich hielt Sie für den Major Krautberg ... Es handelt sich mit kurzen Worten davon, den Helden meines neuen Dramas durch Gift sterben zu lassen und da bin ich nicht ganz einig mit mir, ob es durch eine Citrone oder Limonie geschehen soll?« – Muß denn aber der arme Teufel absolut Gift fressen, können Sie ihn denn nicht durch einen tüchtigen Dolchstoß oder einen Revolver ins andere Leben befördern, das ist ja sogar noch sicherer. – »O! nein, er muß an Gift sterben, das ist viel tragischer, und gibt einem tüchtigen Schauspieler Gelegenheit, sich im Todeskampfe in den malerischten Convulsionen zu winden, und dadurch vielleicht ein kunstsinniges Publikum zu einem solchen Beifall hinzureißen, daß es ihn zwei oder dreimal nacheinander sterben läßt. Auf einen solchen Effekt kann ich nicht verzichten.« – Nun vergiften Sie ihn in Gottes Namen, wenn Sie ihn nicht erschießen wollen, ich wasche meine Hände in Unschuld.« Herr Brouillard der einzelne Worte des Gesprächs und besonders den etwas lebhaft ausgesprochenen Schluß aufgeschnappt hatte, näherte sich den Sprechenden und sagte: – »Ich will doch nicht hoffen, Herr Vetter, daß Sie sich in eine Verschwörung à la Orsini einlassen wollen. Sie wissen, das ist dem guten Manne schlecht bekommen.« – O! nein,« sagte Herr Villarsec indem er sich zugleich empfahl, »Ihr Herr Vetter ist nur noch nicht ganz einig mit sich, wie er den ersten Helden seines neuen Dramas auf die zweckmäßigste Weise umbringen will, und da sind Sie vielleicht eher im Stande, ihm einen guten Rath zu geben, als ich. – »Wenn nur nicht das ganze Stück todtgeschlagen wird!« sagte Herr Brouillard. – »Wie meinen Sie das, Vetter? – »Ich meine, daß es ihm nicht gehe, wie Ihrem letzten Drama, dessen erster Vorstellung ich beiwohnte, und das zu meinem großen Kummer auf eine erbärmliche Weise ausgepfiffen wurde. Ich habe mir deßhalb auch vorgenommen, in keines Ihrer Stücke mehr zu gehen, denn Sie haben kein Glück!« – Lieber Vetter,« sagte Herr Mondigo, der vor Zorn kirschroth geworden war, »wenn Sie in der zweiten Vorstellung gewesen wären, so wären Sie reichlich entschädigt worden, da ging es wie am Schnürchen und erhielt ungetheilten Beifall! Man sah deutlich, daß das erste Mal nur die Kabale gepfiffen hatte. – »Dann ist die Kabale ein so vielköpfiges Ungeheuer wie die Hydra! ... Uebrigens werde ich in Zukunft nur für den Fall in ein neues Stück von Ihnen gehen, wenn es zum zweitenmale zur Aufführung kommt, denn das abscheuliche Auspfeifen eines mir so verwandten Stückes greift nicht nur mein Gemüth, sondern auch meine Ohren entsetzlich an. Ich hatte zwei Tage lang Nervenkopfweh davon.« Herr Roquet, der zu seinem Verdruß bis jetzt in keine Unterhaltung gezogen worden und darüber sehr ungehalten war, näherte sich nun mit den Worten: »Ich habe schon oft zu bemerken geglaubt, mein lieber Herr Mondigo, daß im Allgemeinen neue Stücke bei der zweiten Vorstellung sehr gut gingen. Wenn ich Theaterschriftsteller wäre, würde ich auf ein Mittel sinnen, um dem Tumult bei der ersten zu begegnen.« – Ah!« sagte Herr Brouillard »Sie würden gleich mit der zweiten Vorstellung anfangen. Der Rath ist nicht übel, wenn auch nicht neu. Inzwischen dürften sich seiner Ausführung einige nicht unerhebliche Hindernisse entgegenstellen ...« Als Herr Mondigo gerade antworten will, kommt Herr Marmodin auf ihn zu, nimmt ihn beim Arme und ruft aus: »O, ich bin überzeugt, Sie sind meiner Ansicht, Mondigo: diese Damen lachen und wollen mir nicht glauben ... ich habe mich an Herrn Cendrillon gewendet, der mir aber ausweichende Antworten gibt.« – Wovon handelt es sich, Marmodin? – »Fräulein Soufflat ist mit einer Art Kapuzmantel in den Saal getreten, der mich an den Cucullus der Römer erinnerte, und der Hut, den sie abgenommen und auf den Divan gelegt hat, muß nach der Form des Petasus oder der Causia gemacht sein. Wir haben auch noch den Galerus und den Apex, deren sich die Römer und Römerinnen bei ihrer Toilette bedienten ... aber ich rede hier nur von dem Petasus und dem Cucullus ... Herr Cendrillon antwortet mir mit Gibus! ... aber davon handelt es sich jetzt nicht.« – Aber! lieber Gott!« versetzt Herr Cendrillon lachend, »was verstehe ich von Ihrem alten lateinischen Kram! ... Sprechen Sie von Handel, Spekulationen, Unternehmungen, Eisenbahnen und solchen Dingen mit mir, dann will ich Ihnen antworten. – »Dann sind Sie im Geleise!« ruft Herr Soufflat aus, indem er sich bemüht, sich auf seinen Zehenspitzen zu halten. »Ah! bravo! im Geleise! ... nicht übel ... das ist ein Wortspiel ... die liebe ich zum Fressen! ... Ei! aber da wir gerade davon sprechen, essen wir noch nicht bald? es ist drei Viertel auf sieben Uhr! ... Sapperment, mein Magen und mein Bauch schlagen den Generalmarsch nach Noten.« – Herr Dernesty kommt also nicht?« fragte die blonde Clementine Madame St. Godibert, welche gerade neben ihr stand. »O! er kommt, wir haben ihn eingeladen ... der junge Mann ist aber so beliebt in der Welt, er hat täglich zweihundert Besuche zu machen!« – Dann muß er Abends sehr müde sein!« versetzt Vetter Brouillard, seine Schnauze zwischen die beiden Schwägerinnen hineinsteckend. »glauben Sie vielleicht, er gehe zu Fuße? Warum nicht gar! ... Der junge Mann hat ein Cabriolet!« – Das wußte ich nicht, ich kenne die Verhältnisse dieses Herrn nicht. Was treibt er? – »Nichts! ... Das heißt doch, er spielt an der Börse.« – Ah! er spielt! Ist das auch ein Geschäft? – »Ach! das verstehen Sie nicht, Vetter; Heutzutage treiben alle anständigen jungen Leute, die Vermögen haben, nichts Anderes ... das ist wenigstens Herrn Dernesty's Meinung.« Der Vetter verzieht statt aller Antwort das Gesicht und nähert sich der Frau Marmodin, welche eben ausrief: »Ich sehe Herrn Friedrich nicht ... Wie! sollte Herrn St. Godiberts Neffe nicht zu dieser Gesellschaft kommen?« – Doch, er wird kommen,« antwortet Herr Brouillard, »man erwartet ihn. – »Ah! ich sagte doch gleich: es ist nicht möglich, daß unser Wirth ein Mitglied seiner Familie vergißt!« – Seiner Familie? ... Ah! Sie glauben also, mein Vetter habe außer seinem Neffen keine Verwandten? – »Da ich nie andere gesehen habe, stellte ich es mir vor.« Herr Brouillard beugt sich zu der jungen Dame herab und flüstert ihr in's Ohr: »Sie wissen also nicht, daß er noch einen Bruder und dieser eine, bei meiner Treu! sehr hübsche Tochter hat?« – Ah! wirklich! ... warum sieht man sie denn nie weder hier noch bei Herrn Mondigo? ... Stehen sie denn nicht gut mit diesem Bruder? – »O! das nicht ... es sind andere Gründe vorhanden ... jener Bruder ist nicht reich, er treibt sogar ein sehr einfaches Gewerbe ... er ist Landmann, man könnte sogar sagen Bauer ... aber ich begreife nicht, weßhalb man diese Leute verachtet! Waren unsere Voreltern nicht alle Landleute? Bebauten sie nicht ihre Felder mit ihren Kindern? ... zum Beispiel Abraham, Jakob, Laban. Auch schäme ich mich, der ich nicht der Meinung meiner Vettern bin, durchaus nicht, ihren Bruder zu besuchen ... ich habe dem guten Hieronymus erst kürzlich einen kleinen Besuch gemacht.« – Sie haben Recht, Herr Brouillard, und ich lobe Sie darum. O! Sie setzen mich durch Ihre Mittheilung sehr in Staunen! Ich wundere mich, daß mir Clementine, mit der ich doch ziemlich nahe befreundet bin, noch nie ein Wort von diesem andern Bruder ihres Mannes gesagt hat. – »O! die liebe Dame ist nicht besser als die Anderen ... und einzugestehen, man habe einen Bauer zum Schwager, wenn man sich die Manieren einer Herzogin zu geben sucht, wäre gar zu peinlich!« – Mein Gott, wie ist doch die Welt so sonderbar! – »O, mehr noch als sonderbar! sie hat eine Masse häßlicher Seiten! Was ich Ihnen aber gesagt habe, verstehen Sie wohl, geschah ohne Arg, denn ich bin mit der ganzen Welt befreundet; o! wenn ich bösartig sein wollte, könnte ich Dinge sagen!« Herr Brouillard hätte vielleicht, da er gerade im Zuge war, Beweise für seine Behauptung abgelegt, aber in diesem Augenblick ging die Saalthüre auf und Franz meldete mit sehr heiserer Stimme: »Herr Dernesty und mein Neffe Friedrich.« Die ganze Gesellschaft bricht bei diese, abermaligen Dummheit Franzens in ein Gelächter aus, und Friedrich, der in den Saal tritt, theilt die allgemeine Heiterkeit und begrüßt die Gesellschaft mit den Worten: »Meine Herren und Damen, Sie haben vielleicht noch nicht gewußt, daß ich Franzens Neffe bin? ... Das war eine kleine Ueberraschung, die ich Ihnen für heute aufgespart habe.« Franz, welcher indeß bemerkt, daß er eine Dummheit gemacht hat, öffnet die Saalthüre wieder, streckt den Kopf herein und schreit: »Nein, ich habe mich geirrt ... es ist nicht mein Neffe! es ist der Neffe meines Patrons ... meines Onkels ... ach! nein ... das ist es auch nicht.« – Schon gut, schon gut, Franz!« sagt Friedrich, den Bedienten hinausstoßend, »Du findest heute das rechte Wort doch nicht; es ist darum besser, Du gehst. – »Wird der Dummkopf wohl wieder anfangen, Eselsstreiche zu machen?« schreit Herr St. Godibert, von Einem zum Andern rennend. »Ich weiß nicht, was er heute hat, aber es ist noch weit schlimmer mit ihm wie gewöhnlich.« Herr Dernesty, der eben mit Friedrich gekommen, ist ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren, mittlerer Größe und schönem Körperbau, welcher sich mit vieler Ungezwungenheit und mit Anstand in einer ausgewählten, geschmackvollen Toilette bewegt. Das Gesicht dieser neuangekommenen Person ist eher hübsch als häßlich; einzeln betrachtet sind seine Züge jedoch nicht schön: sein Teint ist gelblich und sein hellbraunes Haar geht zu tief in die Stirne herein; seine grauen Augen sind klein, aber drücken eine außerordentliche Lebhaftigkeit aus, sie bewegen sich unaufhörlich hin und her und haften nur sehr selten auf einem Punkte; seine Nase ist schmal, sein Mund eingekniffen, indeß bildet alles Dieses zusammen doch ein ziemlich interessantes Ganzes. Fügt dazu noch die Suada eines Stutzers, jene blendende Zuversicht, jene pikanten Witzworte, jene Sarkasmen, die in einem Salon immer Furore machen, die Kunst, den Damen gegenüber seinen Blicken den Ausdruck von Zärtlichkeit, Schwermuth oder Leidenschaft zu verleihen, je nach den Umständen, so habt ihr Herrn Dernesty. Die Ankunft der beiden jungen Leute hat eine allgemeine Bewegung im Saale hervorgebracht. Die Damen erwidern ihren Gruß mit einem holden Lächeln, die Männer drücken ihnen die Hand. Nachdem Herr Dernesty der Herrin des Hauses eines jener alltäglichen Complimente gemacht hat, die man hundertmal sagt, Madame Godibert aber zum Entzücken findet, und eigens für sie erfunden wähnt, nähert er sich, da- und dorthin einige Worte sprechend, allmählig der Madame Mondigo. Die schöne Blondine erwidert mit einem sehr bescheidenen Kopfnicken die Begrüßung des jungen Mannes. Dieser bleibt aber bei Clementine stehen, und trotz des zurückhaltenden, beinahe kalten Wesens, womit sich diese beiden Personen begrüßt, könnte doch ein scharfer Beobachter bemerken, daß sich die Züge der Madame Mondigo belebt haben, daß jetzt ein ganz anderer Ausdruck in ihrer Physiognomie herrscht, und sie mit ganz besonderer Sorgfalt ihre hübschen Hände zeigt und ihre Finger in Bewegung setzt, während Herr Dernesty, der dem Anschein nach dieser Dame durchaus nicht mehr Aufmerksamkeit widmet als jeder andern, die Bewegung ihrer Finger so genau beobachtet, als ob er der Thätigkeit eines Telegraphen zusähe. Während dieses auf einer Seite vorgeht, ist Friedrich auf der andern zu dem lebhaften und heitern Kränzchen getreten und unterhält sich mit ihr über Alles, was ihm gerade in den Kopf kommt. Madame Marmodin lacht über Alles, was der junge Mann sagt, und dieser findet zuweilen, daß sie zu viel lache und seinem Gespräche nicht die gehörige Aufmerksamkeit widme. Herr Brouillard beobachtet diese Dinge von seinem Platze aus mit einem boshaften Lächeln und betrachtet dann abwechselnd den Schriftsteller und seinen Freund Marmodin, welcher in diesem Augenblicke ausruft: »Aber, mein lieber Mondigo, in all' Diesem finde ich keine Antwort auf meine Frage wegen des Petasus und der Causia; vor allen Dingen jedoch wünschte ich Ihre Ansicht über den Cucullus zu erfahren. Was verstanden, Ihrer Meinung nach, die Römer unter diesem Worte?« Herr Mondigo kratzt sich abwechslungsweise an der Nase und an den Ohren, denn man kann Theaterstücke schreiben und sogar strenggenommen Gelehrter sein, ohne das Studium des Lateinischen sehr weit getrieben zu haben. Er ist daher ziemlich in Verlegenheit und brummt zwischen den Zähnen: »Was ich von dem Cucullus denke ... ach, meiner Treu', entschuldigen Sie, ich dachte gerade an etwas ganz Anderes ... Cucullus ... ja, ich erinnere mich, das heißt ... ich besinne mich ...« – Ich bin sehr neugierig,« sagt Herr St. Godibert, sich das Kinn streichelnd, »was mein Bruder, der Gelehrte, antworten wird.« In diesem Augenblick stößt ihn Herr Brouillard mit dem Ellbogen und raunt ihm ins Ohr: »Vetter, ich meine, es schicke sich nicht, wenn Sie von Mondigo sprechen, zu sagen: »mein Bruder, der Gelehrte;« denn diesem nach könnte man glauben. Sie hielten sich für ein Vieh ... und die übrigen Mitglieder der Familie ebenfalls!« Herr St. Godibert drückt Brouillards Hand und erwidert: »Das ist richtig! o, beim Kuckuk! Sie haben Recht, Ihre Bemerkung ist sehr passend ... wo Teufel hatte ich den Kopf? ... Ich werde nicht mehr sagen: »›mein Bruder, der Gelehrte‹« sondern wie früher: »›mein Bruder, das Genie‹« ... hm!?« – Das käme auf das Nämliche heraus und wäre nicht richtig! Denn ich glaube nicht, daß Mondigo ein Genie ist, obgleich er eine Abhandlung über eine Zitrone geschrieben hat, so viel ich im Vorbeigehen gehört habe ... heißen Sie ihn einfach, »›den Schriftsteller,‹« damit vergeben Sie sich nichts. – »Ganz gut! ich werde nicht mehr anders sagen, als: »›mein Bruder, der Schriftsteller‹« oder »›mein Bruder, der Literat.‹« Während dieses Gespräches setzte Herr Marmodin seinem Freunde Mondigo zu, dessen Verlegenheit er zu bemerken anfing, und den er wahrscheinlich mit Vergnügen durch das Gewicht seiner Kenntnisse erdrücken wollte. Herr Mondigo kratzte vergeblich an seinem Ohre und murmelte: »Cucullus ... cucu ... O! ich weiß, was das ist ...« – Zum Henker! ich weiß auch, was Kuckuk ist,« sagt Herr Cendrillon, hellauf lachend, »das Latein kennt Jedermann, besonders die, in deren Nest er seine Eier legt. – »O! Herr Cendrillon geht zu weit, er sagt zu schlüpfrige Dinge!« flüstert Madame Godibert dem Major Krautberg zu. »Wenn er sich jetzt schon so ausleert, wie wird er erst sein, wenn er Champagner getrunken hat? ... Dieser Mann macht mich in Gesellschaft zittern!« – Wie?« entgegnet der Major, seine großen Augen im Kopfe rollend, »er hat sich bereits ausg ... ach! ich wage die Sache nicht zu berühren! – »Daran erkenne ich Sie, Herr Major, daran erkenne ich Sie! ... Sie hätten so etwas eher verschluckt als ausgesprochen.« Herr Dernesty, welcher der Verlegenheit von Clementinens Gatten ein Ende machen will, tritt plötzlich auf Herrn Marmodin zu und sagt: »Ei, mein Gott, mein Herr, ich stimme ganz mit Herrn Cendrillon, Cucullus ist Kuckuk und werde im Nothfall Jeden, der es läugnet, fordern.« – So ist es,« sagt Mondigo, »Kuckuk! das Wort fiel mir nur nicht ein. – »Und doch hätte es ihm eher einfallen sollen, als jedem Andern!« murmelt Brouillard; »es ist aber nicht mehr als billig von Herrn Dernesty, daß er ihm dabei geholfen hat.« – Dennoch, meine Herren, irren Sie sich!« ruft Herr Marmodin mit triumphirender Miene aus. »Ah! ich dachte es mir doch! Sie verwechseln Cucullus mit zwei L mit Cuculus, das nur eines hat: das letztere Wort heißt in der That Kuckuk! aber das, dessen ich mich bediente, will sagen Kapuze oder Mönchskappe und nicht Kuckuk! – »Mein Gott! wie gelehrt ist dieser Herr!« murmelt Herr Soufflat, sich am Kamine haltend, um besser, auf den Zehen stehen zu können. »Potz Tausend! lieber Freund, hört Deine Dissertation über die Kuckuke noch nicht auf?« ruft das heitere Fränzchen mit einem spöttischen Lächeln aus. »Weißt Du, daß Du mit Deiner Gelehrsamkeit Jedermann in Schrecken setzest!« – Er hat ohne Zweifel seine Gründe, diesen Gegenstand abzuhandeln!« sagt Herr Brouillard, die Nase des Fräuleins Soufflat betrachtend, welche den jungen Julian ansieht, von ihm aber hartnäckig nicht angesehen wird. »Ach, meiner Seel', ich wollte, wir säßen bei der Suppe und hätten statt des Kuckuks mit einer guten Henne darin zu schaffen,« ruft Herr Cendrillon aus, indem er sich auf den Bauch klopft. Jedermann schien Herrn Cendrillons Meinung zu sein, als endlich die Thüre aufgeht, Franz mit einer Serviette unter dem Arm auf der Schwelle erscheint und mit selbstzufriedener Miene hereinruft: »Die Suppe läßt sich empfehlen!« »Franz muß heute Abend offenbar etwas im Kopfe haben,« sagte Friedrich, der Madame Marmodin den Arm in demselben Augenblicke bot, als sich auch Herr Roquet näherte, um sich als Cavalier anzutragen; aber die junge Frau hatte bereits Friedrichs Hand ergriffen, zu dem sie sagte: »Mein Gott! Sie sind heute von einer Galanterie gegen mich! ...« – Wundert Sie das? ... wissen Sie nicht schon lange, daß ich Ihr Sklave bin und es nur von Ihnen abhängt, mich beständig zu Ihren Füßen zu sehen? – »Wirklich! O! diese Position könnte Sie am Ende doch zu sehr ermüden, und Ihrer so gewählten Toilette schaden!« – Wann darf ich Sie endlich ungestört sehen?« flüstert Herr Dernesty leise, während er Madame Mondigo seinen Arm anbietet, welche, beinahe ohne die Lippen zu bewegen, antwortet: »Still! ... nehmen Sie sich in Acht! man könnte uns hören!« – Sollte Jemand etwas ahnen? – »Haben Sie nicht an meinen Fingerbewegungen gesehen, daß ich am Dienstag Mittag ausgehe?« – Ja? in der That! ... am Dienstag ... das ist noch sehr lang ... wenn ich nur bei Tische neben Sie zu sitzen käme! – »O! daraus wird nichts! meine Schwägerin nimmt Sie jedesmal in Beschlag!« – Schönes Vergnügen für mich!« In diesem Augenblick erschien Herr Roquet, um seinen Arm der schönen Blondine anzubieten, aber er mußte zusehen, wie sie ihm Herr Dernesty entführte; er sah sich um, was etwa noch für eine Dame zu begleiten sein dürfte; da er schielte, fielen ihm Madame Doguin und Fräulein Soufflat zugleich in die Augen: während er nun unentschlossen hin und her schwankte, welcher er den Vorzug geben sollte, wurden Beide von andern Cavalieren in den Speisesaal geführt. Nun war Niemand mehr im Salon übrig, als der Vetter Brouillard, der Alle nach einander an sich vorbeigehen ließ und seine Betrachtungen und Bemerkungen über das, was er sah und über die Worte, die er im Vorbeigehen erhaschte, vor sich hin machte. »Wahrhaftig, alle Damen entwischen mir!« rief Herr Roquet, den Vetter Brouillard ansehend, aus, welcher, während er seine Schritte dem Speisezimmer zulenkte, antwortete: »Ich stehe Ihnen dafür, sie entwischen nicht Jedem! ... Aber setzen wir uns zu Tische, ich sterbe fast vor Hunger; es ist sieben Uhr vorbei ... es ist zum Verzweifeln, so spät zu essen. Ich glaube, das geschieht aus Berechnung, damit der Appetit den Gästen vorher vergehe.« Herr Roquet wollte antworten, aber seine Brille fiel herunter, und während er sie aufhob, war Herr Brouillard bereits in den Speisesaal getreten. Sechzehntes Kapitel. Ein Festmahl. – Herr Franz »Sehen Sie nach Ihren Namen! ... suchen Sie Ihre Plätze!« sagte Herr St. Godibert, Madame Doguin und Frau von Broussaillon neben sich sehend, »die Namen liegen auf den Gedecken, es ist bequemer; man weiß dann gleich, wo man sich niederlassen soll.« – Ich glaube nicht, daß das zum guten Ton gehört,« sagte Herr Brouillard halblaut, indem er auf jedem Couvert seinen Namen suchte. »Wo sitze ich denn, Vetter? Ich kann mich nirgends finden, und darf doch annehmen, daß ich auch irgendwo einen Platz habe ...« – Hier, Vetter, zwischen Herrn von Broussaillon und Herrn Soufflat.« Herr Brouillard verlängerte seine Schnauze und begab sich mit übellauniger Miene an seinen Platz, indem er vor sich hin brummte: »So ist's recht ... zwischen zwei Dummköpfen, die nie auf das hören, was man ihnen sagt ... und am Ende des Tisches! ... der allerschlechteste Platz! Das sollen sie mir bezahlen.« Friedrich ist sehr vergnügt, weil man ihn zwischen Madame Marmodin und seine hübsche Tante placirt hat. Diese scheint nicht so zufrieden, und ein gewisser Blick, der auf Herrn Dernesty fällt, scheint anzudeuten, daß sie sich andere Nachbarn gewünscht hätte, als ihren Neffen und Herrn Cendrillon. Der Stutzer hat den Blick der schönen Blondine mit einem der vielsagendsten Augenwinke beantwortet. Herr Marmodin seinerseits, der trotz seiner Vorliebe für die Römer außerordentlich eifersüchtig auf seine Frau ist, scheint sehr verdrießlich, daß diese neben dem verführerischen Friedrich sitzt; da er sich Beiden gegenüber befindet, so wirft er seiner Frau bisweilen Blicke zu, die dieser als sehr bedeutungsvoll erscheinen sollen, aber dem Anschein nach nicht im Mindesten von ihr beachtet werden. Kaum hat Jeder seinen Platz eingenommen, so bricht Friedrich in ein schallendes Gelächter aus, und seine Nachbarinnen fragen ihn, was ihn hierzu veranlasse. Statt aller Antwort deutet er auf Franz, welcher gerade gegenüber von ihnen steht, sich auf seines Herrn Stuhllehne stützt und sich bemüht, eine schickliche Haltung zu behaupten, aber dessen versoffenes blaurothes Gesicht auf einen in diesem Augenblick sehr unpassenden Zustand schließen läßt, der zugleich die verschiedenen Dummheiten erklärt, die er schon gemacht hat. Man wird sich erinnern, daß sich Franz, nachdem er seine Gebieterin und das Tischgedeck mit Champagner übergossen, unter allgemeinen Verwünschungen aus dem Staube gemacht hat; aber der normännische Bediente hatte bei seiner Flucht die Flasche, die Ursache seines Mißgeschickes, mitgenommen. Kaum ist er in seinem Zimmer angekommen, so will er den Wein versuchen, der ein Feuerwerk so gut nachahmt. Durch die Explosion des Schaums war nur ungefähr ein Dritttheil des Inhalts der Bouteille verloren gegangen. Franz setzt den Hals der Flasche an den Mund, nimmt zuerst nur einen Schluck und findet, daß das Getränke nicht übel mundet; er nimmt zwei weitere und findet es sehr gut, dann trinkt er noch einmal davon und diesmal findet er so viel Geschmack daran, daß er nicht eher aufhört, als bis kein Tropfen mehr in der Bouteille ist. Dies war das erste Mal, daß Franz Champagner trank; er fühlte sich bald ganz heiter und aufgeräumt davon, es wandelte ihn die Lust an zu tanzen und zu singen, und als Mamselle Fifine in seine Stube kam, um ihn zu holen, fand sie ihn mitten im Exercitium, mit gleichen Füßen über seinen Nachttopf zu springen, und voller Freude, weil er eben den Henkel desselben zerbrochen hatte. »Was treiben Sie da, Franz?« fragte die reizende Fifine, den Bedienten mit erstaunter Miene ansehend. »Meiner Treu', Mamsell, ich mache mich lustig ... ich bin zum Lachen aufgelegt ...« – Es scheint, daß Sie die Dummheiten, die Sie anstellten, nicht sehr bereuen ... Ihre Herrschaft ist sehr aufgebracht über Sie! – »Ach! über das große Unglück, daß ich den Kopfputz der dicken Araberin ein Bischen eingenetzt habe ... vielleicht wachsen ihr die Haare davon, dann muß sie mir noch dankbar sein! ... Denn jetzt sieht sie mit ihren armseligen drei Haarschnippeln aus, wie eine zu drei Viertel gerupfte Henne!« – Wollen Sie schweigen, Franz ... wenn man Sie hörte! ... Kurz, ich habe Ihre Verzeihung bei der Herrschaft ausgewirkt und Sie dürfen bei Tische aufwarten. – »Ah! das ist mir egal ... Wenn ich es thue, so thue ich es nur, damit ich bei Ihnen sein darf, Mamselle Fifine!« Bei diesen Worten hatte Herr Franz Fifinen mit seinen beiden dicken Händen um die Hüften gefaßt, und diese schrie: »Ei, Herr Franz, was fällt Ihnen ein? ... was soll das bedeuten?« – Ah! das ist fest! ... davon wollen wir jetzt sprechen! – »Wollen Sie ein Ende machen ... so darf man Einen nicht anrühren! ... das ist verboten!« – Bah! verboten ... warum darf denn unser alter Kümmelspalter seine Pratzen immer darauf haben? – »Wie, Herr Franz, Sie wagen zu behaupten ...« – Potz Kuckuk! glauben Sie, ich sei blind ... und sein Sohn auch ... und sein Neffe auch, wenn er kommt ... und seines Neffen Freund auch ... ich mache es eben wie die!« Es war Mamselle Fifine endlich gelungen, sich aus Franzens Armen loszumachen, und sie eilte fort, indem sie ausrief: »Es ist fürchterlich, Franz, Sie sind betrunken. Sie sind betrunken! ... das ist schön, wenn man bei Tische serviren soll ... und doch muß es sein, weil wir Niemand sonst haben ... gehen Sie in die Küche und trinken Sie Kaffee ... suchen Sie sich ein wenig zu fassen und bestreben Sie sich, bei Tisch ordentlich aufzuwarten.« Herr Franz hatte der Anweisung der Kammerzofe Folge leisten wollen. Er war in die Küche hinuntergegangen; aber dort hatte er, als er sich nach Kaffee umsah, Rum gefunden, der zu einem Gelée verwendet werden sollte; von diesem hatte er die Hälfte dessen, was in der Bouteille war, ausgetrunken, dann hatte er sich rings umgesehen, um etwas zu finden, womit er das Fehlende wieder ergänzen könnte. Er bemerkte eine Tasse Bouillon, die vor ihm stand. Die Abwesenheit der Köchin benützend, schüttete er die Bouillon in die Rumbouteille, indem er vor sich hin sagte: »Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es hat die nämliche Farbe und kommt in den nämlichen Magen, das ist die Hauptsache.« Als er die Köchin herbeikommen sah, so salzte, pfefferte und zuckerte er auf's Gerathewohl einige Ragouts und sagte zu ihr: »Ich habe Ihnen nur ein Bißchen helfen wollen.« Die Köchin hatte den unwillkommenen Helfer, der ihre Casserolen in Unordnung brachte, aufs Schnellste zur Küche hinausspedirt, und nun erst hatte sich Franz im Vorzimmer aufgestellt, wo wir gesehen haben, wie er Friedrich und seinen Freund anmeldete. »Ich glaube, dieser Bediente ist betrunken,« sagte Madame Marmodin leise zu Friedrich. – »Ich glaube es auch, aber man muß nichts sagen ... das wird lustig werden ... er wird gewiß ein paar köstliche Scenen herbeiführen. – »Fränzchen! Fränzchen! ... ich rufe Dir schon lange, Du sollst mir die Oliven herübergeben,« schrie Herr Marmodin mit unverhehltem Aerger, weil er gesehen hatte, daß Friedrich leise mit seiner Frau sprach. Aber Fränzchen, die wenig auf die Worte ihres Mannes achtete, schickt ihm Rettige, indem sie dabei sagt: »Iß nicht zu viel davon, sie sind schädlich!« – Sie hört nicht mehr, was ich sage!« murmelte der Gelehrte, sich gegen den Schriftsteller kehrend. »O! die Weiber, die Weiber! ... Erinnern Sie sich, was Tertullian über dieses leichtsinnige Geschlecht sagt, Mondigo?« Mondigo, der eben mit seiner Suppe fertig geworden war, kehrte sich gegen Herrn Marmodin und antwortete: »Sie wissen, daß ich meine Entwicklung abgeändert habe: ich endige mit einer Zitrone statt mit einer Pomeranze ... Sie werden mir entgegen halten, das sei auch eine südliche Frucht! ... aber Sie sollen hören, wie ich mich aus der Sache gezogen habe! ... Ach! ich glaube, Sie kennen mein Stück noch gar nicht ...« – Doch, doch! – »Ich will es Ihnen heute Abend erzählen.« – Fränzchen! he! ... die Oliven ... sie hört mich wahrhaftig nicht. – »Franz, wirst Du bald damit fertig sein, meinen Stuhl hin- und her zu schieben!« fragt Herr St. Godibert, sich nach seinem Bedienten umkehrend. Was machst Du da? Servire doch den Madera und erinnere Dich, was ich Dir gesagt habe!« – O! Herr, ich kenne meine Lektion.« Franz näherte sich jedem Gaste mit der Maderaflasche unter dem Arme. Er hat schon zwei Personen eingeschenkt, die wenig genommen haben; als er bei Herrn Cendrillon ankommt, sagt dieser, anstatt sein Glas in die Höhe zu heben, zu dem Bedienten, der mitten darin einzuschenken aufhört: »Nur zu ... warum hältst Du inne, mein Junge? fülle doch mein Glas, ich trinke diesen Wein gerne!« – Nein,« entgegnet Franz, sich entfernend; »Sie bekommen bloß zwei Dritttheile, nicht mehr, so ist es vorgeschrieben! – »Was schwatzt der Pinsel da?« ruft Herr Cendrillon lachend aus. »St. Godibert, Ihr Bediente weigert sich, mir Madera einzuschenken. Er behauptet, ich habe genug an diesem ... er fürchtet wahrscheinlich, er möchte mir schlecht bekommen.« – Wie! was ist das?« schreit Herr St. Godibert, indem er sich seinem Diener durch Blicke und Zeichen verständlich zu machen sucht. »Franz, schenk' doch Herrn Cendrillon Madera ein! – »O! nein,« entgegnet Franz, zu einem andern Gaste tretend: »Der Herr hat schon gut seine zwei Dritttheile ... ich erinnere mich Ihrer Befehle. Sie haben mir aufgetragen, so wenig als möglich von Ihrem Madera herzugeben und nie mehr als zwei Dritttheile des Glases zu füllen ... ist es nicht so?« Die Gesellschaft machte sonderbare Gesichter; man hörte sogar einige Ausbrüche von Lachen, die sich durch die Taschentücher nicht ganz unterdrücken ließen, wählend Herr St. Godibert, der purpurroth geworden war, ausrief: »Welches Vieh, welcher Esel ist dieser Bediente! ... er versteht Alles falsch! ... Ich habe ihm im Gegentheil genau befohlen, so viel als möglich einzuschenken. Glücklicher Weise kennt man meine Manier, zu bewirthen!« – Ja, gewiß,« sagte Vetter Brouillard, Franz sein Glas hinhaltend, »o! wir wissen Wohl, was wir davon zu halten haben! ... Vorwärts, Franz, schenken Sie mir noch einmal das Glas voll ... so; ganz voll! ... ich weiß, daß das unserem gastfreien Wirthe Vergnügen macht. – »Ach was!« brummte Franz, dem Vetter das Glas voll füllend, »jetzt sagt er so, vorher hat er aber ganz anders gesprochen!« Fifine geht hinter Franz her, zieht ihn an der Jacke und sagt ganz leise zu ihm: »Halten Sie Ihr Maul, Franz, Sie sind besoffen! ... Sie bringen sich noch um den Dienst!« Allein Franz zuckt die Achseln und geht immer mit seiner Maderaflasche auf und ab, indem er dabei sagt: »Ich weiß, was ich thue ... man hat mir Instruktionen gegeben ... wenn man jetzt das Gegentheil sagt, so werde ich confus!« – Serviret Fräulein Soufflat, serviret Fräulein Soufflat!« schreit Herr St. Godibert, der gerne hätte, daß man nicht mehr auf seinen Bedienten hörte. »Ich habe die Ehre, auf Ihre Gesundheit zu trinken!« sagt der Major Krautberg, sich gegen die Herrin des Hauses kehrend. »Ach, Herr Major, ich danke Ihnen! ... Aber Herr Roquet spricht nichts ... wünschen Sie etwas, Herr Roquet?« Herr Roquet, der auch ein wenig beleidigt ist, weil man ihn nicht neben die Herrin des Hauses gesetzt hat, antwortet, indem er zu gleicher Zeit auf eine Platte mit Fischen und eine mit Gansleberpastete hinblickt: »Madame, Sie sind sehr gütig ... ich bin so frei und erbitte mir von diesem ...« Und Madame St. Godibert schickte augenblicklich Herrn Roquet, der Gansleberpastete gewünscht hatte, die Platte mit den Fischen. Nachdem Franz mit seiner Maderatour fertig war, stellte er sich wieder hinter seines Herrn Stuhl und balancirte an demselben hin und her, aber Herr St. Godibert wagte nicht mehr, etwas zu sagen, aus Furcht, der Betrunkene könnte wieder mit irgend einer Dummheit herausplatzen. Der Vetter Brouillard jedoch, der entzückt war, Franzens Zustand ausbeuten zu können, winkte ihm zu sich her, und als der Bediente neben ihm stand, sagte er mit lauter Stimme zu ihm: »Franz, gebet mir doch frisches Brod ... dieses hier ist höllisch altbacken und ich mag das altbackene Brod nicht.« – Frisches Brod,« erwidert Franz lachend, »ah! daß ich ein Narr wäre! ... Da würden Sie zu viel davon essen ... wir haben keines ... der Herr hat es verboten! – »Mein Gott, welche Geduld muß man mit diesem Dummkopf haben!« schreit Herr St. Godibert; »er hat heute absolut Alles verkehrt verstanden ... Ich wollte ihn vor dem Essen aus dem Dienste jagen, und hätte besser daran gethan ... ich habe im Gegentheil gezankt, daß man das Brod nicht ganz warm genommen hat!« – Seien Sie doch ruhig, mein lieber Herr von St. Godibert!« sagte Dernesty, »man sieht deutlich, daß Ihr Bedienter nicht recht bei Verstand ist! ... Das Beste ist, man lacht über seine Tölpeleien. – »Ja,« sagte Angelika, ihrem Nachbar zulächelnd; »Herr Dernesty hat vollkommen Recht; man muß darüber lachen und weiter nichts!« – Für Fräulein Soufflat!« schreit der Hausherr, servirend. »Mein Sohn, ich hoffe, daß Du dafür sorgst, daß Fräulein Soufflat nichts abgeht?« Julian brummt vor sich hin: »O! die ist alt genug, für sich selbst zu sorgen!« – Ihr Onkel hat bestimmt Absichten mit seinem Sohne und Fräulein Soufflat,« sagt Madame Marmodin zu Friedrich. – »Ich fürchte es für meinen armen Vetter!« – Sie fürchten? das Fräulein ist ja sehr reich. – »Ja ... aber betrachten Sie doch diese Nase ... man könnte darauf schwören, sie sei falsch!« – Ach! aber Sie sind recht unartig! – »Ich glaube, es würde ihr selbst recht sein, wenn sie falsch wäre; unglücklicher Weise ist es aber eine höchst lebendige Naturerscheinung!« – Fränzchen, Fränzchen! gib mir das Salz herüber,« sagte Herr Marmodin mit einer vor Eifersucht fast erstickten Stimme. – »Ei! mein Gott, lieber Freund, Du hast ja ein Salzfaß vor Dir stehen; ist's an dem nicht genug? Haben vielleicht die Römer so wahnsinnig gesalzen?« – Ich weiß nicht, ob Franz betrunken ist,« sagte Herr Brouillard, sich an einen seiner Nachbarn wendend, »aber Thatsache ist, daß es abscheulich ist, uns drei Tage altes Brod aufzutischen. Ei! seht einmal! dieses Hühnerfricassée ist gezuckert ... es ist bei Gott gezuckert ... das schmeckt gar nicht gut.« – Ich nehme mir die Freiheit, auf Ihre Gesundheit zu trinken!« sagte der Major Krautberg mit einer Verbeugung gegen seine Nachbarin. – »Meinen tausendfachen Dank, Herr Major! ... Herr Dernesty, Sie trinken nicht?« – Entschuldigen Sie, meine verehrte Nachbarin, aber man muß sich zusammennehmen. Alle Ihre Weine sind so vortrefflich! ... Sie bewirthen uns so ausgezeichnet! ... man könnte glauben, man befinde sich an der Tafel eines Ministers. – »Ach! Herr Dernesty!« Herr St. Godibert, der diese Worte gehört hat, kennt sich nicht mehr vor Freude; er schickt Dernesty sogleich eine Platte mit Trüffeln zu und ruft: »Für Fräulein Soufflat!« – Ah! Sie wünschen, daß ich dieses dem Fräulein Soufflat hinuntergebe?« sagt Dernesty; »augenblicklich ... – »Nein, nein, mein lieber Dernesty, ich habe mich geirrt ... Ihnen, Ihnen selbst war es zugedacht ... Fräulein Soufflat ist schon bedient; ich kann ihr aber noch mehr anbieten. Mein Sohn, sorgst Du auch für Fräulein Soufflat?« – Ja, lieber Vater. – »Potz Kuckuk!« sagt Herr Cendrillon, »wenn das Fräulein Alles ißt, was man ihr hinunter gibt, so muß sie allmählig den Bauch voll haben!« – Ach! mein Gott! was hat Herr Cendrillon eben wieder gesagt!« murmelt die dickleibige Angelika, den Major anblickend. »Ich habe es nicht recht gehört!« erwiderte der Major; »hat er nicht von einer kleinen Hündin gesprochen, die den Bauch voll haben soll?« – Still! still! Herr von Krautberg, kein Wort mehr darüber, oder ich werde ohnmächtig! – »Potz Tausend! das ist ein Gelée, das merkwürdig schmeckt!« sagte Herr Brouillard mit einer Grimasse; »Vetter, sagen Sie mir gefälligst, was ist denn das für ein Gelée?« – Ein Rum-Gelée ohne Zweifel, lieber Vetter; ich habe eine Köchin, die eine wahre Künstlerin ist ... sie war in den Küchen des Lords Wellington ... sie bereitet die süßen Speisen aufs Vortrefflichste; sie macht die Puddings wie an der Themse. – »Dann hat sie vielleicht zu diesem Themsewasser gebraucht, denn es schmeckt abscheulich!« sagte Brouillard zu seinen Nachbarn. »Versuchen Sie es doch, meine Herren, das ist ein Gelée von alten Knochen!« – Dem Fräulein Soufflat!« schreit Herr St. Godibert, zum zweitenmal von dem Rum-Gelée servirend; aber Fräulein Soufflat schlägt es aus; sie hat wie Jedermann das Gelée auf dem Teller liegen lassen. Selbst Madame Godibert ruft aus: »Das ist sonderbar, es ist nicht so gut wie sonst!« – Nicht so gut? Seien Sie artig, liebe Base ... das heißt, dieses Gelée hätte eher zu einem Schinken getaugt als zu einer süßen Speise. – »Mir ist's, als ob Franz sich in der Küche zu schaffen gemacht habe,« sagt Friedrich zu seinen Nachbarinnen. »Sehen Sie ihn doch einmal an; der Schelm berstet fast vor Lachen, während wir das Gelée versuchen!« In der That erinnerte sich Herr Franz, der jeden Gast beim Kosten des Gelées eine Grimasse machen sah, was er in der Küche mit der Rumbouteille angestellt hatte, und er rüttelte den Stuhl seines Herrn wie besessen, indem er sich seiner Heiterkeit überließ. Herr St. Godibert hatte große Lust aufzustehen und seinen Bedienten aus dem Saale hinauszujagen, aber das würde einen Auftritt herbeigeführt haben, und da Franz in einem Zustande war, wo er Alles gesagt hätte, was ihm in den Kopf gekommen wäre, so hielt er es für klüger, nicht hitzig in der Sache zu verfahren: deßhalb ließ der Herr des Hauses seinen Bedienten während des ganzen Essens hinter seinem Stuhle hin- und herschwanken und schenkte ihm scheinbar nicht die geringste Aufmerksamkeit. »Da das Gelée mißrathen ist, wollen wir die russische Charlotte versuchen,« sagt Herr St. Godibert, auf's Neue vorlegend. »Hier, Herr Cendrillon, nehmen Sie diesen Teller.« – Teufel! Teufel! Sie haben mich schon dermaßen vollgestopft ... ich weiß nicht, ob ich es im Stande sein werde ... – »Wie, mein lieber Cendrillon, Sie sind sonst so ausdauernd bei Tische ... sollte es wirklich nicht mehr gehen?« – Ah! hören Sie, es geht wohl hinein, aber wie wieder heraus? ... Ha! ha! ha!« Dieser Scherz des Herrn Cendrillon schien einen sonderbaren Eindruck auf die Gesellschaft zu machen. Die Damen bissen sich auf die Lippen und verzogen das Gesicht; die Männer wagten einige o! o! Herr Mondigo betrachtete seinen Nachbar, den Gelehrten, und sagte zu ihm: »Wenn ich solche Worte in meinen Stücken anbrächte, würde sie, glaub' ich, die Censur streichen.« Friedrich lachte allein Schockweise, und Madame Marmodin hatte große Lust, ihm nachzuahmen. Was Madame St. Godibert betrifft, so erhob sie die Augen gen Himmel, als ob sie weinen wollte, und rief dann aus: »Wasser, lieber Major; ich bitte, schenken Sie mir ein Glas Wasser ein!« Siebenzehntes Kapitel. Vater Savenay. – Die Soirée Nach einigen Augenblicken sagte der Eisenbahn-Unternehmer, als er Mamselle Fifine sich um den Tisch herumbewegen sah, zu seinem Wirthe: »Wenn Sie auch einen Esel von Bedienten haben, lieber St. Godibert, so haben Sie dagegen eine sehr artige Kammerzofe, die ihr Geschäft recht gut zu verstehen scheint! ... so muß ich mir auch eine beilegen; die kann man zu allen Saucen brauchen.« – Ja, ja.« antwortete der Hausherr, fügte aber, da er nicht wünschte, daß Herr Cendrillon über Mamsell Fifine ebenfalls schlechte Witze mache, rasch hinzu: »Ei! Capitalist, wie geht es mit den Geschäften ... was gibt es Neues? ... Sie, der Mann der Unternehmungen, haben sicher eine neue im Gang. – »Doch nicht, in diesem Augenblicke ... ich ruhe aus ... ich warte eine gute Gelegenheit ab! ... Da Sie aber von Geschäften sprechen ... Sie haben mir noch nichts über den wackern Mann aus meinem Departement gesagt, den ich vor einiger Zeit an Sie gewiesen habe ... den Vater Savenay?« – Der Vater Savenay? wer ist das? ein Pair von Frankreich? – »O! nein, ein braver Mann vom Lande, der lange Zeit die Bücher und Schreibereien eines Hammerwerkbesitzers in der Gegend von Nemours besorgt hat, wo ich mich Sommers aufhalte, da ich dort viele Güter habe. Vor einigen Monaten fiel ihm ganz unerwartet eine recht hübsche Erbschaft zu; er wurde mit einem Male Herr von sechzigtausend Franken! ... Für Jemand, der weiter keinen Ehrgeiz hat als seine Laufbahn ruhig zu beschließen, ist das ein Vermögen. Vater Savenay ist mehr als sechzig Jahre alt, er hat genug gearbeitet, um auszuruhen, daher hatte er auch dem Hammerwerkbesitzer seine Stelle aufgekündigt und ist mit seinen sechzigtausend Franken zu mir gekommen, indem er zu mir sagte: Herr Cendrillon, Sie verstehen sich auf Geschäfte und das Anlegen der Capitalien ... hier sind die meinigen, übernehmen Sie dieselben und zahlen Sie mir den Zins daraus, oder wenn nicht, so rathen Sie mir wenigstens, wie ich mein Geld mit Nutzen unterbringen soll. »Ich, der in diesem Augenblicke selbst nicht weiß, was ich mit meinen Capitalien anfangen soll, antwortete dem Vater Savenay: Lieber Freund, ich kann Ihr Geld nicht annehmen, weil ich selbst schon genug habe, welches mir todt daliegt; aber wenn Sie nach Paris gehen wollen, werde ich Sie einem meiner Freunde, Herrn St. Godibert, empfehlen; er ist Bankier und ein solider, vorsichtiger Mann; er wird Ihr Geld annehmen und es Ihnen verzinsen. Sie könnten sogar in Paris bleiben, wo Sie in der Lage wären, mit Ihrem kleinen Vermögen recht glücklich zu leben und sich tausenderlei Annehmlichkeiten zu verschaffen. »Der gute Mann dankte mir vielmals und versicherte mich, ich habe ihn auf einen guten Gedanken gebracht und er werde wenigstens über den ganzen Winter in Paris bleiben. Ich gab ihm also Ihre Adresse mit einem Empfehlungsschreiben an Sie, und einige Tage darauf nahm er Abschied von mir. Er hatte ein eigenes kleines Reitpferd, sein Gepäck darauf, sein Vermögen in seiner Brieftasche, und machte sich so in kleinen Tagereisen nach Paris auf.« – »Nun, mein lieber Cendrillon, ich kann Sie versichern, daß ich von diesem Herrn Savenay weder Etwas gehört noch gesehen habe ... von Ihnen recommandirt, hätte ich ihm sicher Aufmerksamkeit erwiesen, ihn sogar mit Auszeichnung behandelt! ... Haben Sie ihm auch wirklich meine Adresse hier gegeben?« – O! ganz genau! ... Zum Teufel! Sie versehen mich in Staunen ... in Sorgen sogar. Einige Zeit darauf mußte ich in Geschäften nach Lyon reisen, dann bin ich wieder hierher zurückgekommen ... aber meiner Treu'! man hat so viel im Kopfe, wenn man große Capitalien unterzubringen hat. Sie werden das begreifen ... ich hatte meinen alten Vater Savenay ganz vergessen. – »Das begreife ich vollkommen! ... Und Sie sagen, der brave Mann habe den Weg nach Paris eingeschlagen?« – Vor zwei Monaten ungefähr ... vielleicht auch einige Tage früher ... habe ich ihn in Nemours abreisen sehen. – »Dann müßte er seinen Weg in sehr kleinen Tagreisen zurückgelegt haben, wenn er in zwei Monaten nicht neunzehn Stunden gemacht hätte, denn mehr ist es nicht von hier nach Nemours.« – Nicht einmal ganz neunzehn Stunden. O! es muß dem armen Vater Savenay unterwegs irgend ein Unfall begegnet sein! – »Er ist vielleicht bestohlen und ermordet worden! ... Man hat wahrscheinlich erfahren, daß er eine beträchtliche Summe Geldes bei sich hatte ... es ist sehr unklug von einem Greise, mit sechzigtausend Franken in der Tasche zu Pferd zu reisen.« – Das habe ich auch dem Vater Savenay gesagt. Aber er, der Alles im rosigen Lichte betrachtet, hat mir lachend erwidert: Sehe ich in meinem ländlichen Anzuge einem reichen Manne gleich? Es wird mir nichts geschehen, es hat keine Gefahr, und außerdem werde ich bloß bei Tage reisen; sobald es dunkel wird, werde ich in einem Gasthof oder bei Bauern einkehren. Damit reiste er seelenvergnügt ab ... der arme Mann! ... Sapperment, ich würde untröstlich sein, wenn ihm ein Unglück begegnet wäre, denn ich habe ihm den Rath gegeben, nach Paris zu gehen! ... Gleich morgen schreibe ich nach Nemours, um mich nach ihm zu erkundigen, und auch hier muß ich mich auf Kundschaft legen, wenn ich gleich nicht weiß wo ... einerlei, ich werde Schritte thun! ... Was Teufels! ein Mensch kann nicht nur so verschwinden, ohne daß man erfahre, was aus ihm geworden ist.« Diese Geschichte hatte alle Nebengespräche unterbrochen; Jedermann hatte ihr Aufmerksamkeit geschenkt, und als Herr Cendrillon zu sprechen aufgehört, herrschte eine lange Stille unter der Gesellschaft; es schien, als ob die Heiterkeit und die gute Laune von den Anwesenden gewichen wäre, seit von dem Vater Savenay die Rede war. Herr St. Godibert that sein Möglichstes, um die Unterhaltung wieder zu beleben. Man trug den Nachtisch auf, Franz brachte den Champagner und erbot sich, die Flaschen zu öffnen, aber man untersagte ihm strenge, eine derselben auch nur anzurühren. Endlich brachte der sprudelnde Schaum die Munterkeit und den Frohsinn wieder zurück. Der Major Krautberg hob sein Glas in die Höhe und brachte die Gesundheit der Gebieterin des Hauses zum dritten Male aus; und als diese Aufforderung wie sich von selbst versteht, Anklang fand, schmunzelte er, wie nach einer gewonnenen Schlacht, verharrte aber alsdann von dieser Kraftanstrengung gleichsam erschöpft, wieder in bescheidenem Schweigen. Herr St. Godibert beeilte sich, einen Toast auf Fräulein Soufflat auszubringen, und Herr Brouillard murmelte dazu auf eine für Jedermann verständliche Weise: »Warum sollen wir denn Fräulein Soufflat leben lassen? Was geht uns dieses Frauenzimmer an? Sollen wir ihr diese Aufmerksamkeit wegen ihrer Nase erweisen? ... Da werde ich einen Toast auf meine Portière ausbringen, die hat eine womöglich noch größere.« Herr Cendrillon, der nicht zurückbleiben wollte, trank auf die weitere Ausdehnung der Eisenbahnen, auf den guten Erfolg seiner Unternehmungen, auf die Ausbeute eines Steinbruches, den er ausgraben ließ, und auf das Gelingen eines artesischen Brunnens, den er irgendwo bohren lassen wollte! Und der Vetter Brouillard sagte zu seinen Nachbarn: »Da ist auch wieder Einer der sich nicht genirt! ... er trinkt auf seine Angelegenheiten und wir sollen darauf anstoßen ... Ei! was geht uns sein Steinbruch und sein Springbrunnen an! Das ist wahrhaftig zu drollig! ... Meine Herren, ich habe Hühneraugen an den Füßen, die mir bedeutende Schmerzen verursachen ... ich schlage vor, auf ihre gänzliche Ausrottung zu trinken!« Aber ehe die neben Herrn Brouillard sitzenden Personen auf seinen Vorschlag eingegangen waren, gab Madame Godibert durch Aufstehen vom Tische das Zeichen zur Rückkehr in den Saal. Dort bilden sich die Gruppen von Neuem: Dernesty sucht die schmachtende Clementine wieder auf; Mondigo bemächtigt sich Doguins, mit welchem sich Niemand aus bekannten Gründen unterhalten will; aber ein Schriftsteller, dem daran liegt, den Plan seines Stückes zu erzählen, ist im Stande, sich über manche kleine Unannehmlichkeit wegzusetzen, und dieses ist bei Herrn St. Godiberts Bruder der Fall, welcher sich an Herrn Doguin wendet. Der junge Julian fühlt sich wieder aufleben, seit er sich nicht mehr an der Seite des Fräuleins Soufflat befindet, die ihn während des ganzen Essens nicht aus den Augen gelassen hat. Herr Marmodin, welcher sich mit Herrn Villarsec in eine weitläufige Erörterung über den Kaffee eingelassen hat, der seiner Behauptung nach bei den Römern unter dem Namen Hypocras bekannt und beliebt war, bemerkt nicht, daß der verführerische Friedrich beständig in der Nähe seiner Frau ist und sogar sehr lebhaft und aufgeregt mit dieser zu sprechen scheint. Es ist in der That selten der Fall, daß nach einem großen Essen alle Köpfe ihre gewöhnliche Ruhe und Kaltblütigkeit beibehalten: die durch feine Weine erhitzten Geister nehmen ihren Aufschwung und beobachten die Schranken weniger. Der Neffe des Herrn St. Godibert brauchte nicht einmal Champagner, um den Schönen gegenüber unternehmend zu sein; in diesem Augenblick scheint er es aber noch mehr als gewöhnlich. Er blickt das hübsche Fränzchen zärtlich an, indem er zu ihr sagt: »Wie, Madame, Sie wollen mich also nicht lieben?« – Ha! ha! das ist eine sonderbare Frage! – »Im Gegentheil, eine sehr natürliche. Ich habe Ihnen gesagt, ich bete Sie an ... es ist also nicht mehr als billig, daß ich Gegenliebe verlange!« – Ich aber habe Sie ja gar nicht ersucht, mich anzubeten und bin deßhalb auch zu keiner Gegenliebe verpflichtet. – »Wie grausam Sie sind ... mich so zu behandeln ... während ich schon so lange nach Ihnen seufze!« – Ach, was! Seufzen Sie nur immer darauf los ... Sie haben ja nichts Besseres zu thun! ... Sie haben es selbst einmal gesagt. Ich denke deßhalb auch, ich sei nur in dem allgemeinen Seufzen mit inbegriffen.« – Wie bösartig Sie sind! ... Eine so wahre und so zärtliche Liebe zu verhöhnen! – »O! ich bitte, schweigen Sie! Was würde man von mir denken, wenn man Sie hörte?« – Diese Leute kümmern sich alle nur um sich selbst und nicht um uns! – »Und mein Mann dort, der mich sammt Ihnen umbrächte, wenn er wüßte, welches der Gegenstand unseres Gesprächs ist?« – Ihr Mann! ... o, dem darf ich nur sagen: Kuckuk heiße cuculus auf lateinisch, werde aber nur mit einem L geschrieben, dann ist er entzückt über mich, und wird mich einladen, ihn zu besuchen, und ich stehe Ihnen dafür, daß ich von seiner Einladung Gebrauch machen werde. – »Nein! nein! ... o, ich rathe Ihnen nicht, mit meinem Mann von Kuckuk zu sprechen! Ich glaube nicht, daß das ein Mittel wäre, zu einem Besuche bei uns eingeladen zu werden.« – Sie wollen mir also nicht einige Hoffnung machen? – »Wozu sollte es dienen?« – Sie wollen also Ihrem Manne treu bleiben? – »O! welche Frage! ... Woran denken Sie, Herr Friedrich?« – An Sie. – »Ja, in diesem Augenblick vielleicht; aber morgen oder in einer Stunde! ...« – Immer wieder an Sie.« Madame Marmodin scheint ergriffen, und trotz ihrer anscheinenden Coquetterie mit der Antwort verlegen. Aber Herr Brouillard, der Alles beobachtet was vorgeht, und die lebhafte Unterredung zwischen Fränzchen und Friedrich bemerkt hat, nähert sich sachte dem Gemahl der jungen Dame und sagt, ihn beim Arme nehmend, zu ihm: »Herr Marmodin, hatte Ihre Frau Gemahlin nicht eine Blume in den Haaren? ... Ich habe geglaubt, eine Rose an ihr gesehen zu haben, und jetzt sehe ich diese nicht mehr ... hat sie vielleicht ihre Blume verloren?« Herr Marmodin, welcher, als er sich umwendet, den schönen Friedrich eifrig mit seiner Frau sprechen und diese mit sehr bewegter Miene zuhören sieht, stürzt sich augenblicklich zwischen Beide, indem er Herrn Brouillard antwortet: »Ja, ja, Sie haben Recht ... sie könnte etwas verlieren und ich etwas Unliebsames gewinnen ... es ist periculum in mora ...ich glaube, es ist Zeit, daß ich dazwischen trete.« Die Gegenwart des Gatten machte natürlich dem Gespräche Fränzchens mit Friedrich ein Ende. Nach einigen mit Herrn Marmodin gewechselten Worten, die gar keinen Bezug auf das hatten, was er mit der Frau desselben gesprochen, begab sich Friedrich in einen andern Theil des Saales, wo sich sein Vetter Julian und Herr Richard befanden, der eben angekommen war und gerade zu dem Sohn des Hauses sagte: »Potz Teufel! so viel es scheint, habt ihr heute viel Leute bei Tische gehabt?« – O, ja. – »Und mich ladet man auf den Abend ein ... das ist angenehm! ... man kann doch sehen, wie die Andern verdauen.« – Hören Sie, mein Lieber, wenn man bei einem Essen alle seine Bekannten und dazu noch alle Freunde und Bekannten seines Sohnes einladen wollte, so müßte man, statt die Gäste bei sich zu bewirthen, eine Tafel auf dem Marsfelde oder auf dem Carousselplatz decken lassen. – »Wahrhaftig! Sie werden spaßhaft.« – Ah! da ist ja unser lieber Richard!« ruft Friedrich, dem Neuangekommenen die Hand schüttelnd, aus. »Wie gefällt Dir dieser Salon? nicht wahr, er ist recht hübsch? Bist Du schon bei meinem Onkel gewesen, seit er in diesem Hause wohnt? Nicht wahr, ihr seid noch keine drei Monate da, Julian?« – Nein, noch nicht ganz. – »Ich bin noch nie hier gewesen,« antwortet Herr Richard. »Ja, es ist prächtig ... sehr elegant dekorirt! ... So viel es scheint, macht Dein Onkel immer gute Geschäfte! ... und gibt sehr schöne Gastmahle. – »Ja, er verdient viel; ich habe ihn aufgefordert, jetzt Gesellschaften bei sich zu sehen und zu tractiren, das gehöre zum guten Ton ... Du bist doch nicht böse darüber, Julian?« – Nein, vorausgesetzt, daß man mich bei Tische nicht neben Fräulein Soufflat seht. – »Ah! mein Lieber, Dein Vater hat Absichten, das sieht man klar! Bedenke doch, zweimalhunderttausend Franken Mitgift sind in Erwägung zu ziehen!« – Würdest Du diese Nase um zweimalhunderttausend Franken nehmen? – »Hm! wer weiß, vielleicht wohl; denn im Ganzen genommen ist man nicht genöthigt, die Nase seiner Frau immer zu betrachten; man kann sich schief oder ihr zur Seite setzen!« – Ich will sie nicht! von keiner Seite! – »Vetter, zweimalhunderttausend Franken sind nicht zu verachten; ich würde Manches thun, um sie zu erlangen.« – Nun, bewirb Dich darum, heirathe Fräulein Soufflat! – »O! ich will keine Händel mit meinem Onkel ... und man würde mich auch nicht wollen; ich bin kein reicher Erbe!« – Nun, meine Herren, wovon ist die Rede?« fragt Dernesty, welcher sich auch von Clementinen entfernt hat, weil ihr Mann zu ihr her kam, und sich jetzt zu den drei jungen Leuten gesellt. »Ah! guten Abend, Richard, geht's gut?« – Ja, ganz gut ... Sie sind also wieder von England zurück? – »Ja, seit ungefähr vierzehn Tagen.« – Sie sind nicht lange dort geblieben? – »Einen Monat ... ungefähr fünf Wochen ... Wovon haben Sie denn gesprochen, meine Herren?« – Von einer Nase. – »Wie, von einer Nase?« – Ja, von Fräulein Soufflats Nase. Wie findest Du sie? – »Wunderschön! ich habe nie eine ähnliche gesehen! es wäre ein Kabinetsstück für eine Naturaliensammlung, wenn die Eigenthümerin sich entschließen wollte, sich von ihr zu trennen; sie könnte füglich neben einem Rhinoceros-Horn paradiren.« – Ei! meine Herren, hübsche Frauenzimmer sind nicht so häufig als man glaubt! – »Drum sind sie auch an der Börse sehr gesucht.« – Sie tragen übrigens nicht viel ein. – »Hm! es gibt auch welche, die viel eintragen, wäre es auch nur den Aerzten.« – Hören Sie, meine Herren,« sagt Richard, »Scherz bei Seite, es sind viele Damen in diesem Saale, können Sie mir aber eine vollkommene Schönheit darunter zeigen? ... ich bezweifle es! – »Zum Teufel! Richard, Sie sind schwer zu befriedigen!« entgegnet Dernesty; »es sind sehr hübsche Damen da ... erstens ... Madame Mondigo.« – Ja, sie ist im Ganzen genommen recht hübsch, aber zu blaß ... zu blond ... betrachten Sie ihre Züge, jeden einzeln, so werden Sie keinen tadellos finden! – »Ich wäre zufrieden mit dem Ganzen.« – Madame Marmodin ist auch recht artig,« sagt Friedrich; »ich wette, es gibt keinen einzigen Mann, dem sie nicht gefiele. – »Artig, so viel Sie wollen ... artig ihrer Physiognomie, ihrer feinen Gesichtszüge wegen, aber sie ist keine Schönheit.« – O! aber bei Gelegenheit der Schönheit,« ruft Friedrich aus, »sag' mir einmal, Richard, was Du mit dem jungen Mädchen angefangen hast, mit der wir von Orleans her auf de« Eisenbahn gefahren sind? ... Ah! meine Herren, ich bekenne, diese übertraf Alles, was wir hier sehen ... Du hast sie ja auch gesehen, Julian; ich meine das junge Mädchen, welches neben Dir saß, Du mußt Dich ihrer erinnern. – »Ob ich mich ihrer erinnere!« antwortet Julian mit einem Seufzer. »O! ich habe sie nicht vergessen ... ihr reizendes Gesicht schwebt mir immer im Geiste vor. Welch' liebliche Züge ... welche bescheidene tugendhafte Miene! ... Ich hätte Alles in der Welt gegeben, um sie wiederzusehen.« – Ja,« sagt Herr Richard, sich das Kinn streichelnd, »das kann man ein hübsches Frauenzimmer, eine Schönheit nennen! ... Tadellose Züge, Jugend, Frische, feiner Wuchs, elegante Bewegungen ... Alles war vereint! – »Potz Tausend, meine Herren,« sagt Dernesty, »Sie entwerfen da ein Bild, welches meine Neugierde bedeutend reizt! Das junge Mädchen war also eine Phönix, eine Perle?« – Ja, eine ächte Perle ... o eine seltene, ächte Perle! – »Und was habt ihr mit diesem Schatze angefangen, meine Herren? Es ist nicht wohl anzunehmen, daß ihr ihn zu Drei habt entwischen lassen.« – Ich war in der Gewalt meines Vaters und meiner Mutter, folglich nicht Herr meiner Handlungen,« erwidert Julian seufzend. »Ach, wenn ich das gewesen wäre! – »Ich,« sagt Friedrich, »hatte die Dummheit begangen, eine Liebschaft mit einem ziemlich possierlichen Frauenzimmer zu meiner Linken anzufangen; ich war bereits gebunden und konnte nicht mehr zurücktreten ... ich erfuhr bald, mit wem ich es zu thun hatte: meine Eroberung war ganz einfach die Geliebte eines Haarkünstlers. Ihr werdet begreifen, daß ich sie nicht länger als eine Papillote behielt! ... Die arme Irma, die sich einfallen läßt, bis zum Wahnsinn in mich verliebt zu sein, mir überall auf dem Schritte folgt, und mir nachläuft, wenn ich ausgehe! Ich weiß gar nicht, wie ich die Närrin los werden soll.« – Also konnte sich bloß Richard mit der köstlichen Begegnung beschäftigen?« versetzt Dernesty. »Ja, meine Herren!« erwidert Herr Richard mit zuversichtlicher Miene. »Ich war mein eigener Herr, mich störte nichts! Ich nahm mir vor: das junge Mädchen muß mein sein ... und ich habe es auch dahin gebracht.« – Wirklich, Richard? ... O, erzähle uns das doch, das junge Mädchen sah recht anständig aus ... wie Teufel hast Du es angefangen? – »Ich lasse mich nicht vom Schein blenden, und wenn es mir ernstlich darum zu thun ist, ein Weib zu bekommen, so entgeht mir keine!« – Teufel! das klingt fabelhaft. – »Nun, Richard, erzähle uns Dein Abenteuer mit der kleinen Eisenbahnreisenden.« »Mein Gott, meine Herren, die Sache ist sehr einfach: beim Weggehen aus dem Bahnhofe folgte ich der Kleinen nach und knüpfte unterwegs ein Gespräch mit ihr an. Sie war zum erstenmal in Paris und ich bot mich ihr als Führer an. Nach einigem Sträuben nahm sie meinen Arm an; sie hat mich übrigens ordentlich herumtraben lassen: sie suchte Verwandte, Onkel, Tanten! Gott weiß was, deren Adressen man ihr gegeben hatte. Sonderbar ist, daß sie mich gerade in dieses Haus hereingeführt hat ... Als ich eben unten hereintrat, habe ich es wieder erkannt. Kurz, ich weiß nicht, ob das nur eine erfundene Geschichte war, oder ob man ihr falsche Adressen gegeben hatte; sie hat die Verwandten, die sie hier suchte, nicht gefunden. Dann gab es Thränen und Angst! ... Man wußte nicht, was man in dieser Stadt, wo man Niemand kannte, anfangen und wohin man gehen sollte; überdies war auch die Nacht allmählig hereingebrochen, was noch zu weiterer Schwierigkeit der Lage beitrug. Sie werden begreifen, daß mein Betragen sehr einfach vorgezeichnet war; ich tröstete und beruhigte das junge Mädchen, indem ich zu ihm sagte: Vertrauen Sie mir; ich habe eine Tante, zu der ich Sie führen will; sie wird Sie gastfreundlich aufnehmen und behandeln wie ihr Kind. Sie willigte ein, um so mehr, als sie ganz ohne Geld war, denn sie hatte sich das Vergnügen gemacht, ihre ganze Baarschaft an Bettler und Blinde zu verschenken. Ich hatte sie jedoch gewarnt und gesagt: Sie haben Unrecht, Sie handeln unklug! ... Bah! wenn sie hundert Thaler gehabt hätte, würde sie dieselben, glaub' ich, weggeschenkt haben; sie besaß aber nur ungefähr zwanzig Franken.« – Die arme Kleine! ... vollende doch. – »Nachdem ich ihr Muth eingesprochen, führte ich sie zum Nachtessen in eine Restauration ... zu Deffieux auf dem Boulevard du Temple, wo wir's uns recht schmecken ließen.« – Sie nahm ein Nachtessen von Dir an? – »Das will ich meinen! mit Freuden, mit großem Vergnügen! Wir haben gegessen wie Vier und eben so getrunken! O, ich habe mich freigebig gezeigt, das Nachtessen kostete mich mehr als fünfundzwanzig Franken. Als wir den Traiteur verließen, waren wir Beide sehr heiter. Dann führte ich die Kleine zu mir, während ich immer sagte, ich führe sie zu meiner Tante. Aber zu Hause angekommen, hat sie bald die Wahrheit errathen ... nun gab es Vorwürfe ... Derbheiten ... man hieß mich ein Ungeheuer, einen Bösewicht, einen Betrüger ... aber man beruhigte sich bald, und am andern Morgen nannte sie mich ihr Herzchen und ihren Engel! ... Ich wußte wohl, daß die Sache so ausgehen würde.« Beim Anhören dieser Erzählung runzelte der junge Julian die Stirne und schien sehr geärgert, zu vernehmen, daß Herr Richard über die schöne Reisende triumphirt hatte. Friedrich schüttelte mit zweifelhafter Miene den Kopf und murmelte: »Ah, so ist es gegangen? Das wundert mich ... ich hatte eine bessere Meinung von dieser Kleinen!« – Nach dem, was ich gehört habe,« sagte Dernesty, »war Ihre Perle kein so kostbares Juwel, als Sie behaupten wollen. – »Doch!« schrie Richard, »es war eine Rose, eine wahrhafte Rose!« – Die gleich einwilligte, mit Ihnen zu Nacht zu essen und nach Hause zu gehen? – »Was konnte sie in ihrer Lage Besseres thun? ... Außerdem wußte ich der Kleinen zu gefallen ... Ihr glaubt, es könne außer euch Niemand Eroberungen machen ... man hat auch seine glücklichen Stunden! man kann sogar seine Auswahl treffen ...« Dernesty wendete sich lächelnd ab. Friedrich versetzte: »Wohlan, was hast Du mit Deiner Eroberung gemacht? ... Ist sie noch immer bei Dir?« Herr Richard besann sich einen Augenblick, was er sagen wolle, endlich entschloß er sich zu antworten: »Meiner Treu', meine Herren, ich muß Ihnen gestehen ... da ich keine Lust hatte, das junge Mädchen bei mir zu behalten ... schon der Schicklichkeit wegen ... und weil es mich auch sonst genirt hätte ... denn ich liebe vor allen Dingen meine Freiheit ... so ging ich am dritten Tage früh Morgens aus, und kam erst Abends spät wieder nach Hause. Dann fand ich Niemand mehr, mein junges Mädchen war fort ... Gott weiß wohin! ... sie hatte sich ohne Zweifel gelangweilt und war deßhalb ausgeflogen, und seither habe ich sie mit keinem Auge wieder gesehen.« Friedrich schien der Erzählung des häßlichen jungen Mannes nicht viel Glauben beizumessen; Julian war über das eben Gehörte schlecht gelaunt und Dernesty rief lachend aus: »Auch das Schöne muß vergehen. Unterliegen dem Geschick: Rose selbst, lebt' sie mit Rosen. Einen kurzen Augenblick.« »O, warum nicht gar! ich glaube nicht, daß sie gestorben ist! ... Ich werde sie eines Tages in irgend einem Modewaaren- oder Putzladen wiederfinden.« Das Gespräch der jungen Leute ging bald auf einen andern Gegenstand über. Man hatte im Salon vom Musiciren geredet, und Fräulein Soufflat war an's Klavier geeilt; dann suchte ein Herr, der Abends gekommen war und viel Geräusch bei seinem Eintritt durch Begrüßen, Schnäuzen und Niedersitzen gemacht und sich vor einem Spiegel niedergelassen hatte, in dem Speisesaal, wo er es niedergelegt, ein Instrument, welches in einen ledernen Sack eingepackt war. Dieser Herr spielte, oder glaubte wenigstens, auf der Hoboe spielen zu können, und Herr St. Godibert ging mit strahlender Miene in seinem Saale auf und ab, und rief aus: »Meine Herren und meine Damen: Fräulein Soufflat wird ein Stück auf dem Fortepiano mit Begleitung der Hoboe spielen; Herr Stöpsel wird sie accompagniren ... er accompagnirt sie in allen Soiréen.« Dann fügte er halblaut hinzu: »Deßhalb habe ich ihn auf den Abend eingeladen, Herr Soufflat hatte mich darum gebeten.« »Das ist sehr schmeichelhaft für Herrn Stöpsel,« sagte Herr Brouillard, »man ladet demnach seine Hoboe ein, nicht ihn.« Herr Soufflat, der Vater, hüpfte auch immer auf den Zehenspitzen im Saale herum; er rannte von Einem zum Andern und sagte: »Sie werden meine Tochter mit Herrn Stöpsel hören! es ist zum Entzücken! es ist hinreißend! sie passen prächtig zusammen; es spielt nie Einer ohne die Andere.« – »Da ist also,« versetzte Herr Brouillard. »dieser junge Mann der Stöpsel der Fräulein Soufflat ... ich beneide ihn durchaus nicht um seine Bestimmung!« Fräulein Soufflat präludirte auf dem Klavier, Herr Stöpsel hatte sein Instrument an den Mund gesetzt, aber es ging durchaus nicht; er schrie in einem fort: »Ich habe den Ton noch nicht, geben Sie mir ihn an ... Wenn nicht Alles gut zusammenklappt, bringen wir nichts zu Stande!« Plötzlich eilte Franz, der eben Zuckerwasser im Saale servirt hatte, mit einer Schale auf Herrn Stöpsel zu und präsentirte sie ihm mit den Worten: »Hier ist der Tonfisch ! mein Herr! ... Sie schreien in einem fort nach dem Ton: nehmen Sie, wenn es Ihnen beliebt.« Der Hoboebläser blieb ganz erstarrt vor Verwunderung, als er die Schale mit dem Beigerichte erblickte, welche ihm Franz präsentirte. Die ganze Gesellschaft fing über die neue Dummheit des Bedienten zu lachen an, und Herr St. Godibert mußte sich zuerst recht ärgern, ehe er den Diener zum Saale hinausbrachte, der den Herrn Stöpsel durchaus zur Annahme des Thunfisches nöthigen wollte. »Der Herr hat ihn mehrmals begehrt,« sagte Franz unter der Thüre, »warum will er jetzt keinen mehr? Es scheint, der Herr weiß nicht, was er will!« Endlich war die Ruhe wieder hergestellt: Fräulein Soufflat spielte ihr Duett mit dem Hoboisten. Das Stück wurde von dem Vater des Fräuleins und von Herrn und Madame St. Godibert wüthend applaudirt; die andern Personen waren mit ganz andern Dingen beschäftigt, und der Vetter Brouillard sagte halblaut: »Ich habe auf dem Viehmarkt in Passy Produktionen gehört, die viel Aehnlichkeit mit dieser hatten.« »Still, meine Herren, still!« rief Herr St. Godibert aus, »Fräulein Soufflat wird singen.« – »Mit oder ohne Stöpsel?« fragte Herr Brouillard. – »Ohne Herrn Stöpsel, sie singt ein Solo.« Fräulein Soufflat sang eine Arie, dann eine Romanze, dann ein Liedchen; sie schien entschlossen, den ganzen Abend zu singen, und ihr Vater schmunzelte an einem Jeden auf den Zehen herum, indem er mit entzückter Miene sagte: »Hm! ich glaube, daß sie sich für den ganzen Abend hergibt! Wenn sie einmal am Klaviere sitzt, bringt man sie nicht mehr davon weg; sie ist unermüdlich!« – Aber wir sind es nicht!« murmelte Herr Brouillard. »Das ist eine Freude! Da will ich nur meinen Hut holen.« Die Gesellschaft hatte sich indessen entschlossen, dem Fräulein nicht mehr zuzuhören, welches darauf bestand, immer singen zu wollen. Jeder plauderte mit seinem Nachbar. Die vier jungen Leute, welche beisammen geblieben waren, genirten sich nicht, über das Conzert, das man ihnen gab, und die Anstrengungen zu lachen, die Herr Soufflat machte, um seiner Tochter einen Applaus zuwegezubringen; der Punsch, der herumgereicht wurde, und wovon Jeder mehrere Gläser getrunken hatte, trug das Seinige bei, ihre Heiterkeit zu vermehren, und Friedrich sagte zu seinem jungen Vetter: »Sieh', Julian, wie glücklich Du sein wirst! ... Du bekommst eine Frau, die von Morgens bis Abends singt, folglich gar keine Zeit hat, zu brummen.« – Und einen Schwiegervater, der immer aussieht, als ob er dazu tanzen wolle. – »Du könntest unmöglich in eine lustigere Familie heirathen!« – Und wie commod hast Du es, wenn Du Deine Frau an der Nase herumführen willst, die merkt hinten nicht, wenn Du sie vordaran packst. – »Dabei die Ehre, Gemahl einer Nasenkönigin zu sein! es ist nur Schade, daß wie in England die Würde nicht auch auf Dich übergehen kann!« Und so folgten sich die Ausbrüche ausgelassener Fröhlichkeit ohne Unterlaß, als sich Herr Cendrillon den vier jungen Leuten näherte und ausrief: »Ha der Teufel! da scheint es fidel herzugehen! Ihr macht euch lustig, ihr lachet! ich wollte, ich könnte es auch; aber es ist mir nicht möglich, ich bin nicht aufgelegt! ... Wider meinen Willen steckt mir unaufhörlich der brave Mann im Kopfe, von dem ich euch bei Tische erzählt habe ... der Mann mit den sechzigtausend Franken ... der wackere Savenay! Seit ich weiß, daß ihn Herr St. Godibert nicht gesehen hat, quält und verfolgt es mich ohne Unterlaß. Es muß ihm sicher Etwas zugestoßen sein! ... aber ich werde mich auf Kundschaft legen! ... Schritte thun! ... Ich muß durchaus wissen, was aus dem armen, braven Mann geworden ist!« Und um einen Versuch zu machen sich zu trösten, will Herr Cendrillon dem Major Krautberg nachahmen, der den Plateaux mit Punsch auf dem Schritte folgt, und so oft er geschickt beikommen kann, ein Glas ergreift, leert und wieder hinstellt. Der Capitalist stürzt Schlag auf Schlag mehrere Gläser hinunter und kommt dann wieder zu den jungen Leuten her, indem er hofft, ihre Heiterkeit werde auch die seinige wieder beleben. Aber diese haben plötzlich zu lachen aufgehört; seit Herr Cendrillon von Vater Savenay mit ihnen gesprochen bat, schweigen sie, und ist ihre Unterhaltung unterbrochen. Man könnte fast meinen, daß umgekehrt der fette Capitalist sie mit seiner Traurigkeit angesteckt habe. Nach kurzer Zeit nahmen die Damen ihre Shawls, ihre Pelze, ihre Hüte; die Herren holten ihre Mäntel oder ihre Paletots, und Einer nach dem Andern verschwand so heimlich als möglich. Als Fräulein Soufflat bemerkte, daß fast Niemand mehr im Saale war, um ihr zuzuhören, entschloß sie sich, vom Klavier aufzustehen und sich ebenfalls mit ihrem Papa zurückzuziehen; das Ehepaar St. Godibert begleitete sie bis zur Treppe, indem es sie mit Complimenten und Danksagungen überschüttete, und Herr Stöpsel, der sein Instrument wieder in sein Etui gethan hatte, wurde von Herrn St. Godibert mit einem kräftigen Händedruck und von seiner Frau mit einem anmuthigen Lächeln belohnt, das die Letztere mit den Worten begleitete: »Mein Herr! Sie werden uns ein großes Vergnügen machen, wenn Sie Fräulein Soufflat, so oft accompagniren, als sie bei uns Musik macht.« Aber Herr Stöpsel, welchem man weder ein Glas Punsch noch ein Stückchen Kuchen angeboten, und der noch etwas Besseres erwartet hatte, machte einen sehr steifen Knix und nahm sich vor, nicht wieder zu kommen. Der Vetter Brouillard, welcher immer Gelegenheit findet zwei Stunden im Vorzimmer zu verweilen, um einen alten von Schaben halbzerfressenen Wintermantel zu suchen, dessen er sich seit zehn Jahren als Ueberkleid bedient, ging zuletzt und sagte: »Gute Nacht, Vetter, gute Nacht, Base! Sorgt dafür, daß Franz ein anderes Mal nicht so viele Dummheiten macht. Ich würde mir lieber einen etwas theureren Bedienten halten, als einen solchen Pinsel serviren lassen.« Achtzehntes Kapitel. Der Töpferladen Wir haben Rosa-Maria verlassen, wie sie sich beim anbrechenden Tage am Arme des Desiderius Glureau von dem Café zu den nassen Füßen und seinen Stammgästen entfernte. Der neue Gassenkehrensinspektor reichte der Jungfrau, während er sie unterstützte, den Arm mit einer gewissen Achtung. Dieser Mann war stolz darauf, der Beschützer eines so hübschen Mädchens geworden zu sein, und das Zutrauen desselben schmeichelte ihm; trotz seiner armseligen Garderobe und obgleich er weder Strümpfe noch Sacktuch trug, wäre ihm doch kein Augenblick der Gedanke gekommen, das arme Kind zu mißbrauchen. Aber während Rosa-Maria mit ihrem neuen Beschützer vorwärts ging, schien sie vor Kälte zu zittern, ihre Zähne klapperten, Schauer durchrieselten ihre Glieder und es war ihr bisweilen, als ob sie ihre Kräfte verlassen wollten. Und doch war es erst Ende September, und das Wetter noch nicht kalt. »Stützen Sie sich auf mich, Mamselle,« sagte der Kosakenkopf zu der Jungfrau; »ich meine, Sie frieren, Sie schaudern.« – Ich habe in der That sehr kalt, mein Herr, ohne zu wissen, warum. – »O! ich weiß wohl warum, weil Sie unter freiem Himmel, auf der Straße, auf einer steinernen Bank geschlafen haben ... das ist sehr ungesund, besonders wenn man nicht daran gewöhnt ist, und man sieht es an Ihrem ganzen Wesen, daß Ihnen das etwas Neues ist.« – Ja wohl, mein Herr! bei meinem Vater war ich in meinem hübschen kleinen Stübchen so gut gebettet. – »Warum haben Sie denn Ihren Vater verlassen?« – Weil er wollte, daß ich nach Paris zu meinen reichen Onkeln gehen sollte: er glaubte, ich würde glücklicher bei ihnen sein als in unserem Dorfe; aber gestern habe ich die Wohnung meiner beiden Onkel nicht finden können, obwohl man mir ihre Adressen gegeben hatte. Dann war ich sehr in Verlegenheit, die Nacht war hereingebrochen und ich bin in Paris unbekannt; es ist das erste Mal, daß ich hier bin. Ein Herr ging mir lange nach ... er war auch mit uns in dem Wagen auf der Eisenbahn. – »Ah! welcher?« – Ich glaube der, welcher neben Ihnen saß. – »Also der, der mich verhinderte, eine Prise zu nehmen! ... O, ich hatte große Lust, ihn im Wagen gehörig zu versohlen. Wenn wir Zwei allein gewesen wären, so hätte er, ich schwöre es Ihnen, sein Tractament bekommen! Nun, und dieser Herr?« – Er bot mir seinen Arm an, sagte mir, er werde mich zu einer seiner Tanten führen, die mich bis zum folgenden Tage beherbergen würde. Anfangs wollte ich nicht, denn der junge Mann flößte mir gar kein Zutrauen ein; aber ich wußte nicht, was ich anfangen sollte; es war schon spät und ich todtmüde, ich war schon so lange in Paris herumgelaufen. – »O, das will ich glauben, Paris ist groß, sehr groß, und wenn man nicht bekannt ist, macht man oft mehr Wege, als nöthig ist. Fahren Sie fort, Mamselle.« – Sind wir bald an Ort und Stelle? ... Meine Beine brechen fast unter mir zusammen. – »Ja, Mamselle, ja ... stützen Sie sich nur kecklich auf mich; fürchten Sie sich nicht, man sieht mir's vielleicht nicht an, aber ich bin stark.« – Nun also, ich nahm das Anerbieten dieses Herrn an. Dann führte er mich zuerst in ein Wirthshaus, indem er sagte, er habe noch nicht zu Mittag gegessen. – »O! das war nichts Unrechtes; man kann Hunger haben, das ist nicht verboten.« – Ich wollte nichts zu mir nehmen. Der Herr speiste lange und, als er mit dem Essen fertig war, merkte ich an seinen Augen und an seinem Gange, daß er betrunken war. – »Ah, sich zu betrinken, das war Unrecht; unter Männern, da ist es erlaubt, da kommt es vor ... aber wenn man bei Frauenzimmern ist, ist es unschicklich. Obgleich ich mich keines Sacktuches bediene, hätte ich das doch nicht gethan.« – Als wir uns aus dem Gasthause entfernt hatten, sagte der Herr unpassende Worte zu mir und wollte mich küssen; ich sah ein, daß er mein Zutrauen mißbrauchen wollte, stieß ihn zurück, brachte es dahin, mich aus seinen Händen los zu machen und ergriff die Flucht. Ich lief planlos umher, ohne zu wissen wohin ... so irrte ich lange in den Straßen herum! ... Endlich warf ich mich, von Müdigkeit erschöpft, auf die Bank, wo Sie mich gefunden haben. Ich hörte viele Stimmen in meiner Nähe, sah auch ein Licht, aber ich hatte nicht die Kraft, mich weiter zu schleppen und war auf dem Stein, wo Sie mich getroffen, eingeschlafen. – »Armes Fräulein! Schau' mir Einer den schuftigen Zierbengel an, der mich hinderte, eine Prise zu nehmen und eine Miene machte, als ob er mich verachte ... der wollte Sie verführen? ... so ein durch und durch häßlicher und abscheulicher Kerl! ... Ich bin nicht schön, gewiß nicht schön ... ich sehe einem Kosaken gleich, es ist bei Gott wahr ... aber dieser Hundsfott sieht gar nichts gleich: es ist eine Raupe und dazu eine abscheuliche Raupe! ... Allein beruhigen Sie sich, Mamselle, ich führe Sie zu meinem Gevatter Bichat, der mit seinem Weibe Töpfenwaaren, Kacheln und alte Fayence verkauft. Es sind brave Leute ... o, sie sind bekannt dafür; sie könnten keiner Fliege Etwas zu Leid thun. Sie sind freilich auch nicht reich, aber sie können Ihnen immerhin für ein Paar Stunden Obdach anbieten, und ich hielt es jedenfalls nicht für gerathen, Sie bei diesen Burschen dort, den Stammgästen des Café zu den nassen Füßen, zu lassen. Der Wilde sagte schon, Sie müßten mit ihm gehen, weil er Sie zuerst gefunden habe, und die Andern machten Augen wie eine Katze, wenn sie auf einen Vogel lauert! ... Ich glaube, ich habe wohl daran gethan, Sie fortzuführen.« – O ja, mein Herr, ja, ich danke Ihnen; aber kommen wir bald an? Ich fürchte, nicht mehr weiter zu können. – »Gleich vollends ... der dunkle Laden dort in der Huchettestraße, in die wir eben einbiegen, dicht neben der alten Boucleriestraße; wenn Sie nicht mehr gehen können, will ich Sie tragen!« – O! ich kann schon gehen, mein Herr, so weit vermag ich's noch.« Rosa's Führer hielt; man war vor einem kleinen Töpferladen angelangt, der einem Keller glich, und in welchem man, obgleich das Fenster und die Thüre beständig offenstanden, kaum hell sah. In einem Raum von etwa zehn Quadratfuß befand sich ein Schreibtisch, eine Art Geschirrständer und eine beträchtliche Masse Vasen, Fleischtöpfe, Schüsseln, Kachelöfen, und Häfen von allen Größen; man konnte kaum den Fuß in diesen Winkel setzen, der mit Töpferwaaren besetzt war, wie eine Laube mit Blumen. Mitten darin hielt sich jedoch fast den ganzen Tag ein kleiner, etwa vierzigjähriger, dicker, etwas höckeriger Mann auf, dessen Gesicht nach einer Harlekinslarve gemodelt zu sein schien, denn die Nase und das Kinn flossen beinahe zusammen, und seine Pausbacken mit den hervorragenden Knochen waren blauroth; dabei hatte er aber eine heitere aufgeräumte Miene, lachte gerne, war, was man sagt, ein herzguter Junge, besonders gegenüber dem schönen Geschlecht, gegen das er eine Galanterie an den Tag legte, die sich nie verläugnete. Dann noch eine etwa fünfzigjährige häßliche magere Frau mit einer zärtlichen, sentimentalen Miene, deren Haar beständig in langen, hinter das Ohr gestrichenen Locken bis zum Halse herabfiel. Das war das Ehepaar Bichat. Hinter dem mit Töpfergeschirr überfüllten Laden war ein niedriges Gemach, welches diesem Ehepaar als Schlafstube, Küche und Magazin diente, denn auch in diesem war außer einem mit Vorhängen umgebenen Bette und einer ziemlich hübschen Commode aller übrige Platz mit Geschirr besetzt; nur diente dasselbe zugleich statt der Möbeln; einige Fleischtöpfe mit Deckeln vertraten die Stelle von Stühlen, einige umgekehrte Häfen stellten kleine Bänke vor, in großen irdenen Oefen hatte man Wäsche und verschiedene Kleidungsstücke aufbewahrt, und Tassen wurden gleichzeitig als Flaschen, Gläser, Krüge, Schreibzeuge, Essig- und Oelgestelle und Tabaksdosen benutzt. Herr Bichat hatte eben den Laden aufgemacht; er hatte noch seine baumwollene Mütze mit dem Madrastuche darüber auf dem Kopfe und war noch in eine Art Nachtkamisol eingehüllt, das zu kurz zu einem Schlafrock und zu lang zu einer Jacke war; er beschäftigte sich gerade mit dem Aufhängen von Töpfen, Kacheln und Nachtgeschirren am Eingange seines Ladens, als der Knopfmacher vor ihn hintrat und ausrief: »He, Bichat! da bin ich! ... ich bringe noch Jemand mit, Gevatter, und bin froh, daß Du auf bist.« – Sieh' da, Glureau! ... Ah! alter Kamerad, Du bist da, hast Du denn Deine Funktionen noch nicht angetreten? Ei! und ein junges Blut am Arm ... Teufels-Glureau! kaum steckt er die Nase in Paris herein, so macht er schon Eroberungen! – »Ach nein! Denke ich an solche Geschichten? Es handelt sich um etwas Anderes, Bichat, das Fräulein da muß ausruhen; sie zittert, sie friert, ich fürchte, sie ist krank! ... Ist Deine Frau schon auf?« – Noch nicht, ich bin immer der Erste, der herausgeht und den Laden aufmacht. Mein Gott! wo thun wir denn aber Deine Bekanntschaft hin? Einerlei, treten Sie nur herein, Mamselle! Bichat ist kein Mann, der das schöne Geschlecht vor seiner Thüre stehen läßt.« Der Knopfmacher unterstützt Rosa-Maria und trägt sie beinahe mit Hülfe seines Gevatters in dessen Schreibkabinet, denn er begreift wohl, daß die Jungfrau auf einem Fleischtopfe nicht gut placirt wäre. Die arme Rosa läßt sich führen, tragen, schleppen; sie zittert und klappert mit den Zähnen und hat nicht mehr die Kraft, aufrecht zu stehen. Madame Bichat, die aufgewacht und im Begriffe war, ihre falschen Locken umzubinden, welche den Schmuck ihres Kopfputzes ausmachten, richtet sich in die Höhe, als sie sieht, daß man ein junges Mädchen in ihre Stube bringt, und verdreht in der Bestürzung ihre Haartour, so daß die Locken auf ihre Nase herabfallen. »Was bedeutet das?« schreit sie, »man bringt ein Frauenzimmer zu mir! Was soll das heißen, Herr Bichat! Wenn Sie glauben, daß ich schlafe, haben Sie die Frechheit, eine Ihrer Concubinen hierher zu bringen?« – Ach nein, Clara, nein, mein Hühnchen! keine Rede davon ... Gevatter Glureau bittet uns, diesem jungen Blut ein Obdach zu gewähren ... mache Dir keine unnöthigen Sorgen, sondern arrangire Deine Locken, sie hängen Dir über die Nase herunter. – »Was gehen Dich meine Locken an, es muß Dir gleich sein, wie sie hängen. Sieh' Dich nur selbst an! an Dir hängt ja auch Alles herab, und doch bist Du dabei gegen Jedermann, nur nicht gegen Deine Frau, von einer Galanterie, daß man verzweifeln möchte!« – Sie ist immer eifersüchtig wie ein Windhund weiblichen Geschlechts,« murmelte Bichat, gegen seinen Freund gekehrt. »Wenn ich gegen eine Dame, die einkauft, den Liebenswürdigen spiele, so fängt sie Händel mit mir an! aber das hilft nichts! ich kann nichts dafür; es liegt in meiner Natur, galant gegen das zarte Geschlecht zu sein, und namentlich, wenn es mich noch dazu ins Brod setzt.« – Mein Gott! Madame,« sagte Rosa kaum vernehmbar, indem sie sich aufzurichten bemühte, »wenn ich Sie genire und Ihnen meine Gegenwart unangenehm ist, so will ich wieder gehen ... obgleich ich mich kaum auf den Füßen halten kann! ... Ach! ich möchte so gerne wieder in unser Dorf zu meinem Vater zurückkehren!« Der Knopfmacher beeilte sich, seinen Schützling wieder zum Sitzen zu bringen, dann erzählte er dem Ehepaar Bichat die ganze Geschichte des jungen Mädchens und die Art und Weise, wie sie von dem Wilden in der Nähe des Café zu den nassen Füßen schlafend, gefunden worden war. Trotz seines Kosakengesichts zeigte Desiderius Glureau Eifer und Wärme, wenn er sich für Jemand interessirte; er hatte seine Erzählung mit Flüchen und Kernworten gewürzt, welche die Wirkung noch verstärkten, und als er zu sprechen aufgehört, sprang Frau Bichat, auf die Gefahr hin, nicht ihre Formen, sondern ihre Knochen sehen zu lassen, aus dem Bette, eilte auf Rosa zu, nahm sie bei den Händen und rief aus: »Armes junges Mädchen! arme Kleine! ... Nachts auf der Straße! ohne zu wissen, wo ein Obdach finden ... und der abscheuliche, gottlose Bandit, der sie mit sich schleppen wollte, um ihre unglückliche Lage zu ihrem Verderben zu benutzen! O, diese Scheusale, diese Männer! ... was sind das für Rhinocerosse! ... Da sehen Sie, Herr Bichat, auf welche Abwege die sündhafte Leidenschaft zu dem schönen Geschlechte führt! ... man denkt an nichts als sie zu verführen, zu betrügen, diese armen Weiber!« Herr Bichat bedeckte sich das Gesicht mit einem Hafendeckel, dessen er sich als Fächer bediente, und entgegnete: »Ach! da kriege ich wieder mein Fett ab, weil ich den Naturfehler habe, liebenswürdig gegen die Frauenzimmer zu sein! Als ob das nicht überdies im Interesse des Geschäfts und zur Erhaltung der Kundschaft höchst nöthig wäre!« – Liebe Kinder, von all' Dem ist jetzt nicht die Rede!« sagte Desiderius Glureau, »Ihr könnt Euch ja auf den Abend einander die Leviten lesen, jetzt handelt es sich von meinem Schützling, den ich zu Euch gebracht habe, weil man kein rechtschaffenes Mädchen auf der Straße lassen muß; es ist so bald ein Unglück geschehen! ... Sorget für die Mamselle, ich muß jetzt gehen, es ist Tag, der Augenblick, wo ich mein neues Amt antreten muß; wenn ich gleich das erste Mal fehlte, könnte ich meine Stelle verlieren, und dadurch wäre ich noch weniger im Falle, mir Sacktücher anzuschaffen. Adieu, ich gehe jetzt zu meinem Geschäft, komme aber bald wieder. Auf Wiedersehen, Mamselle, ich lasse Sie bei braven Leuten, die Sie nicht verstoßen werden; ich bin beruhigt über Sie! ... Schon gut! schon gut! ich sehe wohl, daß Sie sich bedanken wollen! es ist nicht der Mühe werth.« Nach diesen Worten schüttelte Desiterius Glureau seinem Gevatter die Hand und verließ, in der Geschwindigkeit einen Topf und eine Schüssel zusammentretend, rasch den Laden. »Er hat den Stiel von einem Pfännchen zusammengebrochen und den Boden aus einer Kachel getreten!« ruft Bichat mit bestürzter Miene aus. – »Seit gestern schon vier Stücke Geschirr, die er zerbrochen hat, das läuft ins Geld,« antwortete die Töpferin, mit ihrem Anzug beschäftigt; »er ist ein guter Junge, wenn er aber so fortmacht, so ruinirt er uns! und tritt unser Waarenlager in Scherben.« – Aber wo wollen wir die Mamselle unterbringen?« fragte Bichat; »sieh' doch, wie es so blaß aussieht, das arme junge Blut! – »Ja, ja, daran denke ich eben,« erwiderte Clara. »Bichat, geh' vor allen Dingen zur Milchfrau an der Ecke und hole mehr Milch als gewöhnlich. Das ist für die Mamsell, ich lasse ihr sie heiß machen, thue für zwei Sous Farinzucker darein und gebe ihr dieses recht warm zu trinken, das ist ein wahres Magenpflaster.« – Ich gehe, Weib. – »Schwatze mir aber nicht zwei Stunden mit der Milchfrau und den Kindermägden des Viertels, wie Du die abscheuliche Gewohnheit hast, sonst lasse ich alle diese Plaudertaschen vor den Friedensrichter rufen, da sie es darauf anlegen, einen Ehemann vom rechten Wege abzubringen.« – Ach, wie böse! bist Du aber böse!« Und Herr Bichat nahm einen Napf und einen kleinen Topf, und nachdem er seiner Gattin zugelächelt, eilte er, als wolle er mit seinem Napf und seinem Töpfchen Castagnetten spielen, auf die Straße hinaus. Als Frau Bichat mit ihrer Toilette fertig war, pomadisirte sie ihre langen Locken à l'anglaise und betrachtete, während sie ihr Haar machte, aufmerksam das junge Mädchen, welches in Gedanken verloren, im Lehnstuhl saß. Die zärtliche Clara war keine bösartige Frau, sie war gefällig und hatte ein gutes Herz; aber die Liebe zu ihrem Gatten machte sie übermäßig eifersüchtig, und Rosa-Maria's Schönheit erweckte entfernte Besorgnisse in ihr; der Gedanke, das hübsche Mädchen fortzuschicken, welches nicht wußte, wo es sich hinwenden sollte, wäre ihr nicht gekommen, aber es würde ihr sehr lieb gewesen sein, wenn sie für dasselbe ein passendes Unterkommen außer dem Hause gefunden hätte, In diesem Augenblicke trat Jemand in den Töpferladen; es war ein etliche sechzig Jahre alter Mann von mittlerer Größe und ziemlich wohlbeleibt; sein rundes rothwangiges Gesicht, sein frischer Teint, seine lebhaften Augen und seine gutmüthige Miene verliehen seinem Wesen Etwas, was augenblicklich zu seinen Gunsten einnahm. Es war ein schönes Greisengesicht, auf dem noch die Gesundheit und Heiterkeit eines jungen fünfundzwanzigjährigen Mannes strahlte, nicht eines jener jungen, trübseligen und kränkelnden Greise, sondern eines jungen Mannes in der Vollkraft der Gesundheit und des Frohsinns. Der Neuangekommene trug eine lange grüntuchene Jacke mit Metallknöpfen und langen Schößen, daß sie beinahe aussah wie ein Rock, graue weite Beinkleider, und dicke genagelte Schuhe, und hatte einen niedrigen, breitgeränderten Hut auf dem Kopfe. Der Mann trat in den Laden, indem er mit reiner heller Stimme sang: »Ei, nein, nein, nein! S'ist weder Lisette, Ei, nein, nein, nein! Noch Lieschen; ich wette!« Er unterbrach seinen Gesang aber und rief: »He, Frau Bichat, ich brauche einen kleinen Milchtopf, ich habe den meinigen gestern zerbrochen ... mein armes Krügchen ist hin, das muß ich wieder anschaffen; glücklicher Weise ist das Unglück nicht groß, mit fünf Sous wird sich viel machen lassen.« – Ei! ei, das ist unser Nachbar aus dem fünften Stockwerk, der brave Herr Savenay!« sagte Frau Bichat, sich in den Laden begebend. »Wie steht's mit dem Befinden, Herr Savenay? – »Ganz gut, Frau Bichat. O! ich bin Gott sei Dank nie krank.« – Sie sind auch, immer heiter, Nachbar, und rosenfarbener Laune. Sie sind noch keine zwei Monate im Hause, aber Sie haben es bei Tage und bei Nacht aufgeheitert! Wenn alle Miethsleute so wären wie Sie, würde es noch einmal so angenehm sein! So oft ich im Hofe singen höre, sage ich: Herr Savenay kommt heim, oder: Herr Savenay geht aus ... ich weiß immer, daß Sie es sind! Ich kenne Ihre Fistel, um so mehr, als Sie immer Liedchen von Béranger singen. Bichat sagt oft: »Es scheint, daß der Hausherr eine Freude an diesem Liederdichter hat« – »Ja, Nachbarin, und ich glaube, ich habe das mit vielen Leuten gemein. Ich wollte, ich könnte alle seine Lieder auswendig! aber, meiner Treu', in meinem Alter lernt man nicht mehr so leicht! Einerlei, wenn man sich nur wohl befindet, das ist die Hauptsache, über alles Andere kann man sich wegsetzen ... so ist mein Charakter, Frau Bichat, und es ist ein Glück, daß das der Fall ist, denn wenn ich der Mann wäre, der sich über die Schicksale, die den Menschen treffen, ärgern wollte, so hätte ich die schönste Gelegenheit gehabt, mißmuthig zu sein. Aber ich habe immer gedacht: Wozu nützt die Traurigkeit? verbessert sie unsere Lage? bringt sie uns das Verlorene ein? ... Nein. Nun denn, so nehmen wir die Dinge an, wie sie uns der gute Gott zuschickt. Er weiß besser, was er thut, als wir, und was uns Anfangs ein Unglück geschienen hat, wird in der Folge zuweilen unser Glück. Mit diesen Grundsätzen und einer guten Gesundheit ist man immer wohlgemuth, Frau Bichat ... und jetzt will ich mir ein Töpfchen herauslesen.« – Suchen Sie, Hausherr, was Ihnen am besten gefällt. – »Ach! ich will etwas Hübsches, im Preise von vier bis sechs Sous!« Während der Vater Savenay verschiedene kleine Töpfe betrachtet und die Händlerin einen jeden anpreist, läßt sich von dem Lehnstuhl her, in dem Rosa-Maria sitzt und sich bewegt, ein Stöhnen vernehmen. »Schau', Ihr Mann ist da? der Faullenzer liegt vielleicht noch im Bette?« sagte der Greis, der das aus dem Hintergrund dringende Geräusch gehört hatte. »Nein, das ist nicht mein Mann, Nachbar, das ist ein junges Mädchen, die man uns gebracht und unserem Mitleid anempfohlen hat: ein armes, erst gestern nach Paris gekommenes Kind, wo sie Verwandte zu finden hoffte; man hat ihr, so viel es scheint, falsche Adressen gegeben, sie hat Niemand gefunden, die Nacht auf der Straße zugebracht und jetzt zittert sie und ist ganz krank. Ein Freund von Bichat hat sie gefunden und hierher gebracht ... die arme Kleine, sie wünscht wieder von Paris fortzugehen und zu ihrem Vater zurückzukehren, aber ich fürchte, sie wird nicht die Kraft dazu haben. Auf der andern Seite ist; sie bei uns hier zu behalten, auch eine große Verlegenheit! Wir sind so eng logirt, die Jungfrau kann nicht in demselben Zimmer mit Bichat schlafen, das wäre gegen die Schicklichkeit und die guten Sitten ... mein Gott, was soll ich anfangen? Ich will ein junges Mädchen, das so rechtschaffen aussieht, nicht fortschicken, aber ich dulde auch nicht, daß mein Mann sich vor ihr auskleidet und zu Bette legt. Ich bin in einer ganz perplexen Lage, Nachbar. Und der Schlingel, dieser Bichat, kommt nicht zurück; er ist schon länger als eine Viertelstunde fortgegangen, um Milch bei der Milchfrau an der Straßenecke zwei Schritte von hier zu holen. Aber ich bin überzeugt, er spielt den Galanten gegen alle Kindsfrauen im Revier! Ach, welche Qual, einen liebenswürdigen Mann zum Gatten zu haben! Nachbar, wenn ich es noch einmal zu thun hätte, würde ich einen Klotz zum Mann nehmen, dann wäre ich doch wenigstens beruhigt.« »Machen Sie sich kein böses Blut, Nachbarin, die Milchfrau hat Morgens viele Leute zu bedienen und Ihr Mann muß walten, bis die Reihe an ihn kommt. Aber was Sie mir von diesem jungen Mädchen sagen, interessirt mich. Wollen Sie mir erlauben, sie zu sehen? Ich verstehe ein Bißchen von der Medicin, denn auf dem Lande muß man von Allem Etwas wissen, und als ich bei meinem Hüttenbesitzer in der Gegend von Nemours angestellt war, verordnete ich stets die Heiltränke, wenn ein Arbeiter krank war, denn wir hatten keinen Doktor zum Verschreiben bei der Hand. Ich will einmal sehen, ob das arme Kind im Stande ist, seine Rückreise heute anzutreten.« »Kommen Sie, Hausherr, kommen Sie, Sie werden ein hübsches Mädchen sehen! Ich war zwar auch schön in meinem zwanzigsten Jahre, aber ich muß gestehen, diese Jungfrau hätte sich mit mir messen können.« Neunzehntes Kapitel. Der Greis und die Jungfrau Der Greis, den schon Jedermann im Quartier den guten Vater Savenay hieß, folgte der Frau Bichat und stand bald vor Rosa-Maria, die auf dem Lehnstuhl sitzend mit auf die Brust gesenktem Kopfe eingeschlummert oder in Gedanken versunken zu sein schien, deren nervöses Zittern aber nicht bloß Müdigkeit, sondern Krankheit andeutete. Der Greis betrachtete die Jungfrau; er nahm sie bei der Hand und fühlte ihr den Puls: Rosa ließ es geschehen und schien nicht mehr wahrzunehmen, was um sie her vorging. »Das junge Fräulein ist in einem beängstigenden Zustand,« sagte der Vater Savenay. »Das Fieber rast mächtig in ihr ... O, zum Kuckuk! man sollte sie augenblicklich zu Bette legen ... das arme Mädchen! ... sie kann unmöglich ihre Reise antreten, vor mehreren Tagen nicht; sie wäre gegenwärtig außer Stand, sich auf den Beinen zu halten.« – Ach! mein Gott! so kam es mir auch vor! Was ist zu machen? ... sie in unser Bett legen? ... Wenn ich allein wäre, würde es mir gleichgültig sein! ich könnte in einer großen Kachel schlafen; wo soll ich aber Bichat hinstecken? ... Und das junge Kind in ein Spital zu schicken wäre doch auch mißlich. Und der abscheuliche Bichat bleibt ewig aus! ... Ach, da kommt er endlich!« Der Töpfer kehrte mit seinem großen und seinem kleinen Napf voll Milch zurück; seine Frau ging auf ihn zu, schüttelte ihn am Arme und sagte: »Fünfundzwanzig Minuten auszubleiben, um an die Straßenecke ... zehn Schritte weit zu gehen? ... ich habe auf die Sonnenuhr gesehen, als Du fortgegangen bist: fünfundzwanzig Minuten sind es; schämst Du Dich nicht?« – Nimm Dich in Acht, Clara, Du bist Schuld, wenn ich den Rahm verschütte. – »Rahm hin, Rahm her! ... Davon ist nicht die Rede ... aber wo bist Du geblieben ... liederliche Haut ... fünfundzwanzig Minuten lang ... ich will nichts hören. Ausschweifling ... fünfundzwanzig Minuten! ...« – Kann man auf der Sonnenuhr auch die Minuten zählen? – »Ja, ich kann sie überall zählen; wie viel dummes Zeug hast Du geschwatzt, seit Du fort warst ... he?« – Ich mußte warten; die Milchfrau bediente die neue Magd des Spezereihändlers, eine Pikardierin, die noch nicht weiß, was usus ist. – »Ah! Du wirst ihr haben den Usus beibringen wollen, der Pikardierin vom Spezereihändler; sticht Dir die auch schon in die Augen?« – Ah! guten Tag, Nachbar Savenay! und wie steht's mit Leib und Leben ... immer frisch? – »Danke, Herr Bichat, ganz gut; aber hier ist ein junges Mädchen, von dem man das nicht sagen kann ... das arme Kind, es ist so interessant ... ihre Kleidung deutet Jemand Wohlhabendes vom Lande an ... Sie kennen keinen ihrer Verwandten hier? – »Wir kennen sie selbst nicht einmal! nicht wahr, Clara?« – Schweig, Luftibus! Ah! man wird Dir für die Pikardierinnen thun. Da hast Du was für die Pikardierinnen!« Mit diesen Worten kam Frau Bichat hinter ihrem Mann her und kneipte ihn in den Arm. Dieser verschüttete darüber die Hälfte der Milch, die er trug, und schrie: »Da bekomme ich wieder mein blaues Andenken! Clara, Du mißbrauchst meine Güte: nimm Dich in Acht, daß ich nicht eines Tags aufbegehre, denn ich bin ein kleiner Kerl, aber ein Vieh, wenn ich anfange! ... Sie betrachten das junge Mädchen, Hausherr; mein Gevatter Glureau hat sie auf einer Steinbank schlafend gefunden. Nicht wahr, sie sieht aus wie eine niedergehockte Venus?« – Wo haben Sie eine niedergehockte Venus gesehen, Herr Bichat?« fragte Madame Bichat, ihrem Mann die beiden Milchgeschirre abnehmend. »Wahrscheinlich in der Cité oder wenn Sie auf dem Blumenkai herumstreichen unter dem Vorwande, mir einen Scherben mit Jelängerjelieber zu kaufen, den Sie aber nie mitbringen? Das ist etwas Sauberes, wenn man die Weibsbilder ansieht, wenn sie niedergehockt sind ... pfui! da sollte man die Blicke abwenden und rasch weiter gehen. – »Clara, ich spreche von einer Statue, von einer antiken Büste.« – Schweig mir nur mit Deiner dicken Bürste ! Du gehörtest in den Hirschpark! –»Wie war das, Madame! was verstehen Sie unter Hirschpark?« schrie der Töpfer, den das Wort Hirsch in eine ärgerliche Laune versetzte. – »Ich verstehe darunter, daß Du Dir auch wie der hochselige König Ludwig XV. einen Hirschpark von Weibern halten würdest, wenn Dir das Geld dazu nicht fehlte ... Nun aber, was wollen wir mit der Jungfrau anfangen, die uns der Gevatter gebracht hat? Unser Hausherr sagt, sie sei sehr krank und der versteht's; in seiner Heimath besorgte er ein ganzes Hüttenwerk. Sie in das Spital zu schicken würde mir das Herz zerreißen; sie krank bei uns zu behalten, scheint mir nicht wohl möglich.« – Lege sie in unser Bett; Du kannst neben ihr schlafen, ich lege mich unter die Bettstatt. – »Nein, Herr, daraus wird nichts, Du darfst weder über, noch unter der Jungfrau liegen ... hm! es könnte Dir am Ende beifallen, in der Nacht den Schlafwandler zu spielen, dafür bedanke ich mich, alter Bock!« – Hausleute,« sagte der Vater Savenay, »Ihr seid zu eng logirt, um die Jungfrau bei Euch behalten zu können, und sie in ein Spital zu schicken, hielte ich ebenfalls für unpassend ... denn da gehört sie nicht hin. Aber es gibt ein Mittel, die Sache auszugleichen. Als ich im fünften Stockwerk des Hauses einmiethete, mußte ich nehmen, was leer war; es war zwar etwas zu groß für mich allein, aber ich fand gerade nichts Anderes, und es war mir von Wichtigkeit, in dieser Gegend zu wohnen, wo ich glücklicherweise eine Stelle gefunden hatte. Ich habe also oben zwei schöne Stuben und ein kleines Vorgemach, ich brauche bloß eine der Stuben und kann somit die andere dem armen Mädchen einräumen, oder ich gebe ihr vielmehr meine Stube und mache mir ein kleines Bett in die nicht von mir bewohnte. Jede dieser beiden Stuben hat einen eigenen Ausgang auf das Vorzimmer; es kann sich also Jeder besonders einschließen. Ueberdies glaube ich, daß man bei meinem Alter sich keine bösen Gedanken machen kann, wenn ich eine kranke Person bei mir aufnehme, nach der Frau Bichat die Gefälligkeit haben wird, öfters zu sehen; denn Ihr wißt, daß mich mein Geschäft den ganzen Tag und einen Theil des Abends außer dem Hause hält. – »Ob ich nach der Kleinen sehen werde!« rief Frau Bichat aus. »O, mein guter Hausherr, ganz gewiß werde ich das thun ... ach! wie brav sind Sie, Vater Savenay! aber das wird Sie stören. Sie aus Ihrer gewohnten Ordnung bringen!« – O! durchaus nicht, es macht mir im Gegentheil Vergnügen! ein Mann, der sein Leben auf dem Lande zugebracht hat, befindet sich überall wohl. – »Man hat weiß Gott Recht, wenn man im ganzen Quartier sagt, Sie seien der beste Mann, den es gebe.« – Jetzt müssen wir uns aber mit dem jungen Mädchen beschäftigen. Wir wollen sie miteinander in diesem Lehnstuhl hinauftragen, ich und der Nachbar, hier kann man sie so nicht mehr länger lassen. – »Und ich,« sagte Frau Bichat, »gehe auch mit hinauf, um das Bett zu richten und die Kleine zur Ruhe zu legen, denn das ist kein Geschäft für einen Mann. Du, Bichat, gehe zuerst zum Fleischer nebenan und sage ihm, er soll ein Bißchen auf unsern Laden Acht geben.« Die Töpferin ist hocherfreut, daß der alte Nachbar der hübschen Unbekannten sein Zimmer leihen will. Vater Savenay gibt ihr den Schlüssel, sie hüpft leicht die fünf Treppen hinauf, indeß ihr Mann und der wackere Hausherr, der trotz seiner achtundsechzig Jahre noch stark und kräftig ist, den Lehnstuhl nehmen, auf dem Rosa-Maria liegt, und ihn langsam in das oberste Stockwerk des Hauses tragen. Zwanzigstes Kapitel. Die Jungfrau bei dem Greise In kurzer Zeit befand sich Rosa-Maria in einem kleinen, sehr bescheiden möblirten, aber reinlichen und geordneten Zimmerchen. Frau Bichat hatte eine Nachbarin herbeigerufen und die beiden Männer fortgeschickt, um das junge Mädchen zu Bett zu legen, die mit sich anfangen ließ, was man wollte, und nicht mehr die Kraft hatte, ein Wort zu sprechen. »Sie hat ein Fieber wie ein Roß,« sagte die Töpferin, dem Vater Savenay rufend, der mit Bichat im Nebenzimmer wartete; »sie hat sich tragen, zu Bette legen und Alles mit sich anfangen lassen, ohne ein Wort zu sagen; man könnte fast meinen, sie sei besinnungslos.« Der Vater Savenay kehrte zu Rosa-Maria zurück: er verordnete einen Thee, dessen Besorgung Frau Bichat übernahm. Eine Frau, die gegenüber wohnte, versprach, bei der Kranken zu bleiben, wenn die Töpferin keine Zeit dazu habe, und der Greis sagte: »Jetzt, meine Kinder, haben wir gethan, was wir thun konnten; wir wollen hoffen, daß die Vorsehung uns zu Hülfe komme und sich der Sache ebenfalls ein wenig annehme; sollte die Kleine kränker werden, nun, so habe ich noch einige Ersparnisse in meiner Kasse und lasse einen Doktor holen; aber Ruhe, Sorgfalt und ein guter Thee, wie ich ihn verordnet, werden es überflüssig machen.« Damit begab sich der Greis an sein Geschäft, der Töpfer stieg in seinen Laden hinab und Frau Bichat holte in der Apotheke den Thee für die Kranke; denn seit die eifersüchtige Clara nicht mehr befürchten mußte, daß ihr Mann in der Nähe des jungen Mädchens schlafen werde, fühlte sie ein doppeltes Interesse für dieselbe und zeigte den größten Eifer für ihre Verpflegung. Herr Bichat hatte sich gegen seine Frau mehrmals erboten, in den fünften Stock hinaufzugehen und ihr bei der Pflege der Kranken behülflich zu sein; aber Frau Bichat antwortete ihrem Mann: »Man braucht Dich nicht, Du mußt Deine Nase nicht in Alles stecken, namentlich bei einem jungen Mädchen; stecke sie meinethalben in Deine Töpfe, das ist Deines Amtes; es ist eine Nachbarin da, die mir hilft, und wenn's nöthig ist, sind noch Andere da, die mir auch ihre Dienste angeboten haben. Ein Mann braucht nicht den Krankenwärter bei einer Person vom andern Geschlechte zu machen.« Der Vater Savenay war in dem Magazine eines Parfümeriehändlers en gros angestellt, wo er die Bücher führte und das Geschäft erst um vier Uhr verließ, um zu Mittag zu essen, und nach dem Essen wieder bis neun Uhr dorthin zurückkehrte. Das Haus, in welchem er seine Beschäftigung hatte, war in der Straße St. André-des-Arts, nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Daher ging der gute Greis, statt sich wie gewöhnlich um vier Uhr in eine der billigen Restaurationen zu begeben, deren es in jenem Quartier viele hat, vorher nach Hause, um sich nach der jungen Kranken zu erkundigen. Rosa-Maria war in ein fürchterliches Fieber gefallen, und ihre unzusammenhängenden Reden bewiesen, daß sie nicht mehr im ungestörten Besitz ihrer Geisteskräfte war. In den abgebrochenen Sätzen, die ihr entschlüpften, nannte sie oft Hieronymus' Namen und rief ihren Vater zu Hülfe, da sie sich noch von dem jungen Manne verfolgt glaubte, der sie mit sich hatte nehmen wollen. Frau Bichat saß mit zwei andern Nachbarinnen bei der Kranken und jammerte über den Zustand des jungen Mädchens mit den Worten: »Das arme Kind! ... welches Unglück, wenn sie sterben würde, da wir nicht einmal wissen, wer ihre Eltern sind, wo sie her ist ... Niemand Nachricht geben können! ... und in diesem Augenblicke weint man vielleicht um sie, sucht sie, oder glaubt sie ganz glücklich in Paris! Es ist recht unklug, ein so junges Geschöpf allein reisen zu lassen.« Zu Hause angekommen, begab sich Vater Savenay schnell zu der Kranken, nahm sie bei der Hand, schüttelte den Kopf und murmelte: »Ich dachte mir, daß es so kommen würde! ein heftiges Fieber! ... das Delirium! Das junge Mädchen hat zu starke Gemütsbewegungen erlitten, sich über die Maßen angestrengt, aber bei ihrer Jugend muß sie genesen und den Sieg über die Krankheit davon tragen; es kann vielleicht lange dauern, aber wir werden sie retten.« Und als der gute Mann in das Nebenzimmer seines Logis ging, sah er ein Bett darin, das man ihm auf Gurten hergerichtet hatte, worüber er ausrief: »Was ist das? woher kommt dieses Bett? ich hätte es nicht gebraucht, ich hätte eben so gut auf einem Stuhl, auf einem Strohsack oder auf dem Boden schlafen können«' – Warum nicht gar!« sagte Frau Bichat, »Sie glauben, man hätte Sie so schlafen lassen, damit Sie auch krank geworden wären! ... O nein! Und abgesehen davon, glauben Sie nicht, daß es Einem auch Vergnügen macht, Theil an der guten Handlung zu nehmen, die Sie ausüben? daß man auch ein Herz hat? ... ich habe eine Matratze und Leintücher hergeliehen, die Nachbarin das Bettgestelle, die Hausfrau unten eine Decke und ein Kopfkissen, und wir Alle werden abwechslungsweise bei der Kranken wachen. Bichat wollte mit seinem Gevatter, der zurückgekommen ist, auch heraufgehen, aber ich habe zu ihnen gesagt: Ihr seid beide noch zu jung, um die Kleine in ihrem Bett besuchen zu dürfen, ich werde euch schon Nachricht über ihr Befinden geben. So habe ich für Alles gesorgt, Vater Savenay. – »Gut, Madame Bichat,« antwortete der brave Mann. »O, bei den Frauen setzt mich die Barmherzigkeit nicht in Verwunderung: ich wußte wohl, daß Sie Mitleid mit dem armen Kinde haben würden. Potz Kuckuk! wenn man mich nicht bestohlen hätte, wäre ich reich, recht wohlhabend wenigstens, und könnte für die Kleine eine Wärterin bezahlen; aber was geschehen ist, ist vorbei, darüber läßt sich nichts mehr sagen! Jetzt müssen wir eben selbst wachen. Ich gehe zum Essen, denn die Gesunden müssen zum Mindesten bei Kräften bleiben, damit sie denen beistehen können, die keine mehr haben; dann muß ich noch einmal an mein Geschäft gehen, komme aber so bald als möglich wieder.« – Der Vater Savenay ist also bestohlen worden?« fragte eine Nachbarin Frau Bichat, nachdem der gute Mann sich wieder entfernt hatte. »So viel er sagt, ist er in einem Walde angefallen worden und man hat ihm eine bedeutende Summe, sechzigtausend Franken, wie er behauptet, geraubt, das geht ihm sehr nach.« – Dem Vater Savenay sechzigtausend Franken ... ah bah! woher sollte er sie denn gehabt haben? – »Ah! meiner Treu'! das weiß ich nicht; es ist auch möglich, daß er die Summe ein Bißchen vergrößert!« – Es ist allemal so; wenn man bestohlen wird, sagt man immer, es sei mehr gewesen. – »Um das Unglück interessanter zu machen.« – Vielleicht hat man ihm nur sechshundert Franken gestohlen! – »Vielleicht nicht einmal so viel! Aber einerlei! er ist ein braver, sehr gefälliger und dienstfertiger Mann.« – Und immer heiter und frohen Muthes! – »Darin liegt gerade der Beweis, daß man ihm keine sechzigtausend Franken gestohlen hat! wie wäre es sonst möglich, daß er so heiter sein könnte?« – Nein, das wäre physikalisch unmöglich, denn wenn man mir nur sechzig Franken stähle, bekäme ich sicher die Gelbsucht, und würde nicht mehr davon geheilt werden.« Der Vater Savenay sprach selten von dem Unfall, der ihn feines Vermögens beraubt hatte. Das Gespräch der drei Klatschbasen, seiner Nachbarinnen, beweist, daß er Recht hatte; im Allgemeinen schenkt die Welt dem Unglück Anderer wenig Glauben; sie nimmt an, daß Der, welcher das Opfer eines Diebstahls, oder dessen Zutrauen mißbraucht wurde, den Werth seines Verlustes bedeutend vergrößere, um desto mehr Interesse zu erregen. Und da diese Taktik in der That schon oft angewandt wurde, so folgt daraus wie immer, daß man Denen, welche die Wahrheit sprechen, eben so wenig glaubt als Denen, die lügen. Mit der Nacht kehrte der Greis zu dem jungen Mädchen zurück, für welches er bereits die lebhafteste Theilnahme empfand. Mit ihrem Zustand schien noch nicht die mindeste Veränderung vorgegangen zu sein; eine der Nachbarinnen erbot sich, die Nacht bei ihr zu wachen, aber Vater Savenay versetzte: »Machen Sie sich noch keine Mühe, so lange es nicht nöthig ist; ich bin daran gewöhnt, wenig zu schlafen. In Nemours legte ich mich spät nieder, weil ich, nachdem ich mit meinen Bekannten geplaudert und geschwatzt, noch zu lesen und zu arbeiten hatte, und im Sommer war ich mit Tagesanbruch, im Winter um fünf Uhr schon wieder auf; dieser Lebensweise verdanke ich vielleicht meine gute Gesundheit. Deßhalb will ich bis Mitternacht wachen und um vier Uhr in der Frühe wieder aufstehen und mich an's Bett der Kranken setzen. Um sechs oder sieben Uhr ist es dann Zeit genug, mich abzulösen.« Die Nachbarinnen und Frau Bichat gaben dem guten Mann nach: sie gingen und versprachen Alle, am folgenden Morgen bei guter Zeit zu kommen, um zu hören, wie die Kleine die Nacht zugebracht habe. Als sie sich entfernt hatten, sagte Vater Savenay zu sich: »Ich lege mich gar nicht schlafen, sondern wache die ganze Nacht bei dem armen Kind; wenn ich aber den Nachbarinnen gesagt hätte, daß das meine Absicht sei, so würden sie es nicht zugegeben haben; sie hätten heute, vielleicht morgen noch gewacht, dann wäre aber möglicherweise ihr Eifer erkaltet; es ist daher besser, wenn ich ihn zu erhalten suche, denn ich fürchte, das junge Mädchen wird denselben lange in Anspruch nehmen müssen! Es gibt so viele Leute, die auf Augenblicke einen Anfall von Menschenliebe und Gefühl haben, deren edle Empfindungen aber eben so schnell erlöschen, als sie erweckt worden sind.« Der Greis nahm von einem Tischchen ein kleines, sehr dickes Buch, welches er mit Liebe zu betrachten schien, und murmelte vor sich hin: »Dieses haben sie mir glücklicherweise nicht gestohlen! es hätte mir sehr leid gethan! Ich weiß zwar, daß man sich das gleiche wieder anschaffen kann, aber einerlei, ich hänge an diesem; der alte Vetter, den ich beerbt habe, hatte es mir zu meinem Namensfest geschenkt, und da das Alles ist, was ich jetzt noch von seiner Erbschaft besitze, so ist es sehr natürlich, daß der kleine Band einen Werth für mich hat ... und dann liebe ich auch Alles, was darin steht, über alle Maßen.« Damit rückte der Vater Savenay in der Nähe des Bettes einen alten hölzernen Lehnstuhl zu einem Tische, auf dem eine Lampe brannte, und sorgte dafür, daß das Licht der Kranken nicht in's Gesicht schien. Und nachdem er das Feuer im Kamin angeschürt und nachgesehen hatte, ob der Thee heiß sei, setzte er sich in den Lehnstuhl, öffnete sein kleines Buch und trillerte leise, ganz leise, so daß man nur einen leisen Hauch von Stimme vernehmen konnte, das Lied von den Sternen, die schießen; denn er hatte eine Sammlung von Bérangers Liedern in der Hand. Die Werke des berühmten Liederdichters waren ein Schatz für den Vater Savenay, der, mit einem glücklichen Charakter begabt, immer gern gesungen, und bei dem das Alter diese Neigung, welche seinen frohen Sinn aufrecht erhielt, nur noch vermehrt hatte. Und es war ein zugleich originelles und rührendes Gemälde, dieses junge Mädchen von einem Greise bewacht zu sehen, dessen graues, beinahe kahles Haupt von Gesundheit, Herzensgüte und heiterem Humor erglänzte und ihn dann mit leiser, aber reiner und sanfter Stimme summen zu hören: »Wenn, Kind, ein Sterblicher verscheidet: So fällt sein Stern vom Himmel hoch. Mit Freunden, die ihm Lust bereitet, Trank singend dieser eben noch.« Dann hielt Vater Savenay inne, beugte sich vor nach der Kranken, um zu sehen, ob sie nichts brauche und dachte dann in seinem Sinne: »Es gibt Leute, die es vielleicht unpassend fänden, daß ich neben einer Kranken Lieder singe, aber ich sehe nichts Unrechtes darin. Ich glaube, daß wenn ich bettlägerig wäre, es mir lieber sein würde, von einer heitern, als von einer traurigen Person bewacht zu werden; denn die Traurigkeit Derer, die uns abwarten, muß uns auf den Gedanken bringen, wir seien gefährlich krank, und mit solchen Befürchtungen heilt man die Leute nicht. Wenn indeß diese Kleine wirklich in Gefahr wäre, so fühle ich wohl, daß ich nicht singen könnte; aber dieses Delirium ist eine Folge des Fiebers, und das Fieber eine Folge der Ermüdung! durch Ruhe und Pflege wird es schon wieder vergehen.« Damit schlug der gute Mann sein Buch wieder auf und sang wieder mit schwacher Fistelstimme: »Schon wiederum ein Stern, der schießt! Der schießt und schießt und untergeht!« Und nach diesem Lied sang Vater Savenay ein anderes und so ging die Nacht herum; denn wenn der Greis zufällig vom Schlafe überwältigt, einen Augenblick die Augen schloß, so machte er sie bald wieder auf, sah nach seiner Kranken, las wieder in seinem Liederdichter und sing mit neuem Vergnügen zu singen an. Mit dem Tage kehrten die Nachbarinnen und Frau Bichat, welche nicht vermutheten, daß der gute Savenay die ganze Nacht bei der Kranken gewacht habe, zurück, um ihn abzulösen. Der zweite Tag verstrich wie der vorige, ohne irgend eine Veränderung in dem Zustand des jungen Mädchens herbeizuführen. Der Vater Savenay wachte wieder bei ihr, indem er durch das Auswendiglernen von Bérangers Liedern den Schlaf von seinen Augenlidern zu verscheuchen suchte, und sagte dann zuweilen vor sich hin: »Es ist nicht möglich, daß der Himmel diesem jungen artigen Kinde, welches so tugendhaft scheint und in seinem Delirium immer nach seinem Vater ruft, die Gesundheit nicht wieder verleihe! aber dieser arme Vater! Welches Unglück, gar keine Spur und keinen Fingerzeig zu haben, wodurch man ihn entdecken und zu seiner Tochter her bescheiden könnte! Denn ich bin überzeugt, sie würde seine Stimme erkennen und das Glück, welches sie empfände, ihren Vater in ihrer Nähe zu wissen, würde ohne Zweifel zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit beitragen.« Am folgenden Tage schien Rosa-Maria sehr krank; ihr Delirium hatte sich vermehrt, ihr Fieber war heftiger, ihre Brust bewegter geworden. Der Vater Savenay wollte sich nicht mehr auf seine Wissenschaft verlassen: er holte selbst einen Arzt und führte ihn an das Bett der jungen Kranken. Der Doktor betrachtete das junge Mädchen, billigte fast Alles, was der Greis verordnet hatte und verschrieb eine Arznei. »Man muß dem Fieber seinen Lauf lassen,« sagte er hierauf; »bis zum neunten Tage kann ich für nichts stehen; aber dann muß man hoffen, daß eine heilsame Krisis eintreten und die Jugend der Kranken über das Uebel siegen wird.« – Wenn sie aber stürbe!« rief Frau Bichat aus, als sich der Arzt entfernt hatte; »nicht einmal zu wissen, wie sie heißt ... Gevatter Glureau weiß es vielleicht. – »Sobald er wieder kommt, Nachbarin,« sagte Savenay, »lassen Sie ihn heraufgehen, ich will ihn befragen; wir werden uns dann bemühen, mit dem, was aus dem Manne herauszubringen ist, Etwas über das junge Mädchen zu erfahren.« Der Gassenkehrens-Inspektor ermangelte nicht, sich jeden Tag nach dem Befinden Derjenigen zu erkundigen, die er seinen Schützling nannte, und der Töpfer konnte ihm bloß sagen, was er von seiner Frau erfuhr, die ihm noch nicht erlaubt hatte, das junge Mädchen an ihrem Bette zu besuchen. Aber der beunruhigende Zustand Rosa-Maria's gestattete der Frau Bichat nicht mehr, an ihre Eifersucht zu denken, und sie sagte zu ihrem Manne, er möchte Glureau zu dem Hausherrn heraufschicken, sobald er käme. Der galante Töpfer ergriff diese Gelegenheit, um ebenfalls nach der Kranken zu sehen und stieg daher ohne Bedenken mit seinem Gevatter zu Vater Savenay hinauf, der gerade von allen Nachbarinnen umgeben, oben war. Der Mann mit dem Kosakengesicht betrachtete die Kranke, stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Mein Gott! wie hat sie sich schon verändert! ... ich habe sie so hübsch und so frisch im Wagen gesehen, daß es ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung war; die Männer hatten nicht Augen genug, um nach ihr zu sehen ... und jetzt ist ihre blühende Farbe verschwunden, ihre Augen liegen tief und haben Ringe, und ihre Lippen sind blaß.« – Trotzdem sieht man immer noch, daß sie sehr hübsch ist!« murmelte Bichat, seinen Kopf vorstreckend. Aber seine Frau zog ihn am Rockschoß bis in den Hintergrund der Stube zurück und sagte zu ihm: »Ihre Bemerkung, Herr Bichat, ist hier gar nicht am Platze; gehen Sie zu Ihren Töpfen zurück, das wird besser sein, als unschickliches Zeug zu reden.« Der Vater Savenay trat auf den ehemaligen Knopfmacher zu und begann: »Mein Herr, es wäre von großer Wichtigkeit, die Familie dieses jungen Mädchens zu entdecken, welche überdies wegen des armen Kindes sehr in Sorgen sein muß; sagen Sie uns um Gottes willen Alles, was Sie wissen, das könnte uns vielleicht auf eine Spur führen.« – Was soll ich Ihnen sagen?« rief Glureau aus, »ich weiß gar nichts! sehen Sie, das ist die ganze Geschichte: Ich war auf dem Eisenbahnzug, ich kam von Orleans her, auf einem der bessern Plätze, weil es keinen andern mehr gegeben hatte. In Corbeil stieg dieses junge Mädchen in unsern Wagen: sie saß sehr eng zwischen einem jungen Mann und einem alten Keucher, der für sich allein den Platz von Vieren einnahm; ich bot ihr meine Ecke an ... ich hatte nämlich eine Ecke; sie schlug sie aus, damit basta; man sprach nicht mehr miteinander. Wir kamen an, ich ging meinen Geschäften nach und kümmerte mich nichts weiter um dieses junge Blut; aber am folgenden Morgen war ich bei Tagesanbruch auf der Hôtel-Dieu-Brücke in einem Café unter freiem Himmel mit Burschen, deren Einer, der Wilde, mich schon zweimal genöthigt hatte, ihm bei dem kleinen Véry in der Croussolstraße in einer Portiersloge ein Mittagessen zu bezahlen. Kurz, dieser hatte ein junges, auf einer steinernen Bank eingeschlafenes Mädchen entdeckt; wir näherten uns Alle, um sie zu betrachten, und ich erkannte die Mamselle von der Eisenbahn. Die Schlingel, unter andern der junge Wilde, wollten sie mit sich nehmen; aber ich sah wohl, daß sich das arme Kind fürchtete; ich bot ihr meinen Arm an und führte sie zum Gevatter Bichat, das ist Alles, was ich weiß. – »Aber hat sie unterwegs, während ihr hierher ginget, nichts mit Ihnen gesprochen?« – Ach ja! ... sie hat mir gesagt: »Es friert mich sehr!'« und ich habe geantwortet: Das kommt davon her, weil Sie Nachts auf der Straße geschlafen haben ... da sind Sie auf allen Seiten vom Wind angeblasen worden. – »Und dann?« – Hat sie wieder gesagt: Ich hatte es so gut daheim bei meinem Vater, aber er wollte, daß ich nach Paris zu meinen Onkeln gehe; man hatte mir ihre Adressen gegeben, aber sie waren, so viel es scheint, unrichtig. – »Und sie hat den Namen ihrer Onkel nicht genannt?« – Gar keinen; nur hat sie dann ein kleines Papierchen zerrissen und auf die Straße geworfen; ich vermuthe, daß das die Adressen waren, die man ihr gegeben hatte. – »Ach, wie ärgerlich! das hätte uns vielleicht auf eine Spur geführt.« – Ein junger Mann war ihr nachgegangen, hatte sie mit sich nehmen und beleidigen wollen ... eine jener Geschichten, wie sie hübschen Frauenzimmern begegnen, die allein gehen; sie hatte sich geflüchtet, dann vor Müdigkeit erschöpft, auf eine Bank gesetzt ... das ist's ... – »Und bei ihr, in ihren Taschen haben Sie nichts gefunden?« –Nichts als eine gestrickte Geldbörse, die leer war, ein Schlüsselchen und ein weißes Sacktuch mit einem R. M. und G. bezeichnet. – »Wer kann auf solche Indicien hin eine Familie finden!« – Nun,« versetzte der Vater Savenay, »wir müssen auf die Hoffnung, zu erfahren, wer das junge Mädchen ist, ehe sie es uns selbst sagen kann, Verzicht leisten: ihr seht, lieben Freunde, daß sie bloß noch uns als Stütze und Familie hat, das muß ein Grund mehr für uns sein, unsere Sorgfalt für sie zu verdoppeln und Allem aufzubieten, ihre Gesundheit wieder herzustellen.« Alle waren der Ansicht des Greises und Jeder versprach ihm auch fernerhin seine Unterstützung bei dem guten Werke, das er unternommen. Diese Nacht blieb eine Nachbarin da, um bei der Kranken zu wachen, und zum erstenmal legte sich der gute Mann, ohne ein Liedchen seines geliebten Dichters zu trillern, ins Bett. Der entweder Unglück oder Heil bringende Zeitraum, den der Arzt angekündigt hatte, wurde von Allen, die Rosa-Maria verpflegten, mit Ungeduld erwartet. Dieser neunte Tag der Krankheit erschien und die Kranke fiel in der That nach einem außerordentlich heftigen Anfall des Deliriums in eine tiefe Ermattung, dann schien sie ruhiger zu werden und ein fester Schlaf folgte auf diese letzte Krisis. »Sie ist gerettet!« sagte der Arzt, der sich gerade bei der Kranken befand, »jede Gefahr ist vorüber; jetzt Ruhe, sorgfältige Pflege, keine Unbesonnenheiten und das arme Kind ist in zwölf bis vierzehn Tagen wieder im Stande, auszugehen.« Diese Worte des Doktors verursachten eine aufrichtige Freude unter allen Anwesenden, denn Jeder interessirte sich lebhaft für die junge Unbekannte; je mehr man für sie gethan hatte, je glücklicher machte Einen der Gedanke, daß es nicht umsonst gewesen sei. Der Arzt hatte sich nicht geirrt: nach einem sehr langen Schlafe schlug Rosa-Maria die Augen auf; sie war ruhig, sie fühlte sich besser; sie blickte um sich her und suchte sich zu besinnen, wo sie sein könne, und in diesem Augenblick hörte sie mit Staunen eine feine zitternde Stimme dicht neben sich singen: »Einst wirst Du alt, o meine schöne Herrin, Einst wirst Du alt und dann bin ich nicht mehr.« Denn seit man für das Leben der Jungfrau zu zittern aufgehört, hatte Vater Savenay beim Nachtwachen wieder zu singen angefangen, und da es gerade Morgens früh um ein Uhr war, so saß der brave Mann allein in dem großen strohernen Lehnstuhl bei der Kranken und hatte sein Lieblingsbuch in der Hand. Die Stimme des Greises war so sanft, so klar, daß Rosa wartete, bis er fertig war, ehe sie einige Worte stammelte. Sobald sie der gute Savenay sprechen hörte, stand er auf und trat an ihr Bett. »Wo bin ich denn, mein Herr?« murmelte Rosa. –»Machen Sie sich keinen Kummer, liebes Kind, man sorgt für Sie! ... Wie fühlen Sie sich aber vor allen Dingen? – »Gut, mein Herr, nur mein Kopf ist so schwach.« – Ich glaube es wohl, nach einer so heftigen Krankheit ... denn Sie waren sehr übel auf, mein armes Kind! Aber dem Himmel sei Dank, die Gefahr ist vorüber. Sie bedürfen jetzt bloß noch der Pflege und Ruhe. Seien Sie ganz unbesorgt, man läßt Ihnen nichts abgehen ... ein braver Mann hatte Sie zu Bichat, dem Töpfer, geführt, dessen Laden unten im Hause ist. – »Ach ja! ... ich glaube mich zu erinnern.« – Still! ... sprechen Sie nicht; das Ehepaar Bichat sind brave Leute, aber ihr Laden ist so klein, daß sie Sie nicht bei sich behalten konnten. Da ich im obern Stocke des Hauses wohne, habe ich ihnen dieses Zimmer angeboten; ich habe noch ein anderes, das hinreichend groß für mich ist. Man hat Sie mit Vertrauen zu mir gethan und ich hoffe, liebes Kind, daß mein Alter und mein Charakter auch dasselbe in Ihnen erwecken werden – »Ach! gewiß, mein Herr!« – Sprechen Sie nicht! ... Uebrigens bin ich nicht allein zu Ihrer Pflege da; Frau Bichat kommt des Tages sehr oft herauf, um nach Ihnen zu sehen; und die Nachbarinnen von neben und unten, kurz, fast alle Bewohner des Hauses wollten Theil an diesem guten Werke nehmen. Die Menschlichkeit ist nichts so Seltenes, als viele Leute behaupten wollen ... Ich gehöre auch nicht zu der Zahl Derer, die meinen, Alles gehe schlimm; damit waren Sie über Ihre Lage getröstet. Sie sind noch nicht im Stande, zu sprechen, es würde Sie anstrengen, aber morgen, wenn es, wie ich hoffe, fortwährend besser geht, plaudern wir eins zusammen, inzwischen werden Sie eine gute Tasse Thee trinken und noch einmal einschlafen.« Rosa-Maria war lebhaft gerührt von dem Interesse, welches der gute Greis für sie an den Tag legte, und daß er trotz seines Alters bei ihr wachte, sie wollte einige Worte an ihn richten, um ihm ihre Erkenntlichkeit auszudrücken, aber er winkte ihr, still zu sein, und nachdem er ihr eine Tasse Thee gereicht und die strengste Gemüthsruhe anempfohlen hatte, setzte er sich wieder in seinen Lehnstuhl. Und nach einigen Minuten schlummerte die Kranke, eingewiegt von dem Verse: »Vom Heimathland entfernt, das er so sehr geliebt, Irrt der verbannte Sohn, sein Herz zum Tod betrübt. Kommt, laßt uns reichen ihm die Bruderhand, Bei uns find' er sein zweites Vaterland.« wieder ein. Einundzwanzigstes Kapitel . Man kennt sich Am folgenden Morgen erzählte Rosa-Maria, da sie sich stärker fühlte, dem Vater Savenay, der Frau Bichat und den Nachbarinnen, die um ihr Bett versammelt waren, um ihr zuzuhören, die Geschichte ihrer Reise. Bei Erwähnung des Dorfes Avon, welches beinahe im Walde von Fontainebleau liegt, hatte der Greis einen Schrei ausgestoßen, auf den man aber nicht geachtet hatte, weil die ganze Aufmerksamkeit auf das junge Mädchen gerichtet war. Nachdem Rosa-Maria zu sprechen aufgehört, rief Frau Bichat aus: »Was müssen wir jetzt thun, da wir den Namen des Fräuleins und die Adresse ihres Vaters wissen, Vater Savenay?« – Was wir thun müssen?« entgegnete der Greis; »erstens sie nicht zu sehr ermüden, denn sie hat für eine Genesende schon sehr viel gesprochen; dann will ich heute Abend oder morgen dem Herrn Hieronymus Gogo schreiben, ihm mittheilen, was seiner Tochter begegnet ist, ihm sagen, daß sie hier in Sicherheit und außer Gefahr sei, und ihm meine Adresse angeben, damit er sie besuchen und abholen kann, wenn man je ihre Onkel in Paris nicht entdecken sollte. Ist das Ihnen recht, mein Kind?« Rosa-Maria erwiderte mit schwacher Stimme: »Wenn mein Vater einen Brief von unbekannter Hand erhält, worin man ihm sagt: ich sei noch nicht im Stande, zu schreiben, so wird ihn das sehr in Angst versetzen; er wird meinen, ich sei todtkrank, man wage nur nicht, es ihm zu sagen, und er wird sich deßhalb viel Kummer machen. Ich will lieber warten, bis ich selbst im Stande bin, ihm zu schreiben. Das ist morgen vielleicht schon möglich, dann erspare ich ihm doch überflüssige Sorgen.« – Sehr gut gedacht, mein Kind, wir wollen es anstehen lassen, bis Sie selbst schreiben können. Außerdem ist Ihr Vater jetzt gar nicht in Unruhe, weil er nicht ahnen kann, was Ihnen begegnet ist, und Sie bei ihren Onkeln glaubt. Was diese anbetrifft, so versichere ich Sie, daß ich mein Möglichstes thun werde, dieselben ausfindig zu machen, und die Nachbarinnen alle werden ein Gleiches thun; nicht wahr, ihr Frauen? – »Ja, ja!« schrieen alle Nachbarinnen wie aus einem Munde, »wir werden keinen Schritt thun, ohne zu fragen, ob man den Herrn Nicolaus oder Eustachius Gogo kenne.« – Da Sie so viel Güte für mich haben, dürfte ich eine Bitte an Sie stellen,« versetzte Rosa. – »Reden Sie, reden Sie, mein Kind!« rief man von allen Seiten. – »Ich bin nicht bloß mit den Kleidungsstücken, die ich auf dem Leibe habe, nach Paris gekommen, ich hatte auch einen Koffer mit meinen Effekten bei mir, denn mein guter Vater wollte mich nicht wie ein armes Mädchen von Allem entblöst zu meinen Onkeln schicken. Mein Koffer ist groß und voll. Ich habe ihn auf dem Eisenbahnbureau gelassen und meinen Namen angegeben, damit man ihn nur mir oder Jemand, der von mir geschickt werde, abliefere. – »Bichat muß ihn noch heute holen! ich will ihn augenblicklich fortschicken,« sagte die Töpferin. »Wozu soll er sich die Mühe machen? ich kann es besorgen, wenn ich von meinem Geschäfte komme,« versetzte Vater Savenay. »Warum nicht gar! Damit Sie sich unnöthiger Weise ermüden, als ob Sie sich nicht schon Mühe genug gemacht hätten, Vater Savenay! Bichat ist zum Traben wie gemacht! er hat Beine wie ein Damhirsch! und läuft öfters unnöthigerweise mehr als mir lieb ist ... er soll nur gehen ... dabei ist er ein ansäßiger Mann, der seine Steuern regelmäßig zahlt, ihm wird der Gegenstand ohne Schwierigkeit ausgeliefert! Ach, ich dachte mir doch gleich, eine so gut gekleidete Jungfrau könne nicht bloß mit einem Kleide, einem Hemde und einem Unterrock nach Paris gekommen sein.« Im Laufe des Nachmittags trug Bichat mit Hülfe seines Freundes Glureau den Koffer in das Zimmer hinauf, wo Rosa-Maria lag. Sie dankte ihnen für alle die Gefälligkeiten, die sie ihr erwiesen, und der Gassenkehrensinspektor legte die große Freude an den Tag, die er empfand, sie wieder auf dem Wege der Besserung zu sehen. Bichat war ebenfalls im Begriff, ein feines Compliment für das junge Mädchen zu drechseln, war aber damit noch nicht halb zu Ende, als seine Frau herbeilief und ihn unter dem Vorwande, man verlange eine große Kachel, die sie nicht stark genug sei, herzugeben, in den Laden hinunterschickte. Die Kräfte der Kranken kehrten langsam zurück. Zwei weitere Tage vergingen, ehe sie eine Feder halten konnte. Endlich, nachdem sie im Stande war, zu schreiben, berichtete sie ihrem Vater in der Kürze einen Theil ihrer Erlebnisse in Paris, erzählte ihm am Schlüsse, wie viel Güte man für sie in dem Hause gehabt, wo man sie aufgenommen habe, und bezeichnete ihm genau die Wohnung des guten Greises, bei welchem sie logire und Nachrichten von Hause abwarte. Rosa-Maria zweifelte nicht, daß sich ihr Vater gleich nach Empfang ihres Briefes nach Paris aufmachen werde. Desiderius Glureau war gerade im Augenblick, wo das junge Mädchen ihren Brief schloß, gekommen, um sich nach dem Befinden derselben zu erkundigen. Rosa übergab dem Manne, der sich ihrer schützend angenommen, das Schreiben und fragte ihn: »Wollen Sie die Güte haben und dieses auf die Post tragen? ... es ist an meinen Vater, und es liegt mir viel daran, daß er es bald erhält.« – Seien Sie ganz ruhig, Mamselle,« antwortete Glureau, »es ist in Paris nichts leichter, als einen Brief auf die Post zu geben: es sind fast an allen Straßenecken Briefkästen, er wird in einem Augenblick besorgt sein ... ich wünschte, Ihnen größere Dienste leisten zu können ... allein hinsichtlich Ihrer Onkel Gogo ist es zum Erstaunen! Niemand kann sie entdecken! Es gibt Benoits, Bertrands, Bernards so viel man nur will, aber auch nicht den allerkleinsten Gogo.« Die Nachbarinnen alle sagten das Nämliche, selbst Vater Savenay war nicht glücklicher in seinen Nachforschungen, und Frau Bichat sagte zuletzt zu ihren Gevatterinnen: »Das ist doch sonderbar, daß sich diese Onkel Gogo nicht finden wollen! Wahrhaftig, wenn dieses junge Mädchen nicht so tugendhaft und so rechtschaffen schiene, könnte man glauben, die Geschichte mit ihren Onkeln sei nur ein Mährchen und sie sei aus andern Gründen nach Paris gekommen.« Seitdem Rosa-Maria auf dem Wege der Genesung war, widmeten sich die Nachbarinnen wieder ihrer Arbeit und ihren Geschäften und besuchten das junge Mädchen weit seltener. Frau Bichat ließ ihren Mann gar nicht mehr in den fünften Stock hinauf, denn mit der Rückkehr von Rosa's gesunder Farbe stellte sich auch jene Schönheit wieder ein, die Alle, welche sie sahen, frappirte und hinriß, und die eifersüchtige Klara wollte ihren Mann keiner so gefährlichen Versuchung aussetzen. Der gute Savenay war fast die einzige Gesellschaft, die der Genesenden blieb; aber diese hielt auch getreulich aus. Sobald er mit seinem Geschäfte fertig war, eilte der Greis schnell zu der zurück, die er wie sein Kind betrachtete und für die er die aufrichtigste Theilnahme fühlte. Rosa-Maria war ihrerseits innig von der zärtlichen Sorgfalt gerührt, mit der sie der gute Alte überhäufte, der sie bei sich aufgenommen hatte, und sie wußte nicht, wie sie ihm ihre Erkenntlichkeit an den Tag legen sollte. Eines Abends, während der gute Savenay das Feuer anblies und den Thee bereitete, den die Jungfrau noch trinken mußte, wobei er zwischen seinen Zähnen den Refrain des Marquis von Carabas summte, sagte Rosa-Maria, die ihm mit den Blicken folgte, mit bewegter Stimme zu ihm: »Wie gut sind Sie, Herr Savenay, und wie viele Mühe mache ich Ihnen!« – Mühe, mein Kind? Ihnen gefällig zu sein, macht mir ein Vergnügen, denn Sie sind so artig, so interessant ... ich betrachte Sie wie meine Tochter! – »Und ich, mein theurer Beschützer, liebe Sie wie einen zweiten Vater! ... Es ist aber ganz eigen, je länger ich Sie betrachte, je mehr kommt es mir vor, als ob mir Ihr Gesicht nicht unbekannt sei und ich Ihnen ehe ich Sie hier sah, schon irgendwo begegnet sei.« – Ich mein liebes Kind, kann das nicht sagen! ... Sie waren mir fremd, bis man Sie zu dem Töpfer unten gebracht hatte; o, sonst hätte ich Ihr hübsches Gesichtchen gleich wieder erkannt! – »Das ist sehr auffallend, es ist mir sogar, als erinnerte ich mich Ihres Anzugs ... als erkennte ich diese grüne Tuchjacke mit den Weißen Knöpfen ... Wo kann ich Sie denn gesehen haben? vielleicht in unserem Dorfe, in Avon oder vielleicht in Fontainebleau, ich kam oft dort hin ...« – Das ist eben nicht wahrscheinlich, mein Kind, ich bin nie im Dorfe Avon gewesen, und obgleich ich in Nemours wohnte, welches nicht sehr weit von Fontainebleau entfernt ist, war ich auch noch nie in dieser Stadt ... es sei denn, daß Sie mir vor etwa drei Monaten dort begegnet wären, wo ich nach dem unglücklichen Ereigniß, welches mir zugestoßen war, durchkam ... ich habe mich aber nur kurz daselbst aufgehalten. – »Wie, Herr Savenay, es hat Sie ein Unglück betroffen, Sie, einen so guten, rechtschaffenen Mann?« – Meine liebe Kleine, wenn Güte und Rechtschaffenheit hinreichend wären, uns vor den Schlägen des Schicksals zu schützen, so würde sich Jedermann gut betragen und es keine schlechten Menschen mehr auf der Erde geben. Man muß daher aus Neigung, aus Charakter gut sein und nicht in der Absicht, einen Vortheil daraus zu ziehen! ... Um auf mein Ereignis zurückzukommen, so will ich es Ihnen erzählen, liebes Kind, um so mehr, als Ihnen diese Geschichte, welche Sie, wie ich nicht bezweifle, interessiren wird, da sie mich betrifft, einigermaßen die Zeit verkürzen kann. – »O! ich bin ganz Ohr, Herr Savenay!« Nachdem der Greis sein Feuer angeschürt hatte, setzte er sich in den Lehnstuhl neben Rosa's Bett und begann wie folgt: »Zuerst muß ich Ihnen sagen, daß ich aus Nemours gebürtig und ein alter Junggeselle bin, was ein Fehler ist ... denn wenn man älter wird, bereut man es oft, sich keine Familie gegründet zu haben. Wenn es aber zu spät ist, diesen Fehler wieder gut zu machen, muß man sich eben trösten; das habe ich auch gethan. Ich hatte. Gott sei Dank, nie eine Natur, mich lange über Etwas zu grämen! Es hat mir allerdings Anfangs ein wenig wehe gethan, mich Vater Savenay nennen zu hören, während ich nie eigene Kinder gehabt habe; aber jetzt bin ich daran gewöhnt, und es kommt mir sogar ganz sonderbar vor, wenn man mich schlechtweg Savenay nennt. Ich hatte eine Stelle bei einem Hüttenbesitzer in der Gegend von Nemours gefunden: ich führte ihm seine Bücher und glaubte auch dort meine Laufbahn zu beschließen. Mein Platz war zwar nicht besonders einträglich; aber bah! ... auf dem Lande braucht man wenig, um sich's bequem zu machen. Bei meiner Gesundheit und Heiterkeit war ich der Vergnügteste in dem ganzen Eisenhüttenwerk und der Umgegend! Vor einigen Monaten fiel mir jedoch ein unerwartetes Vermögen zu ... ein alter Vetter ... ich sage alt, er war kaum etwas älter als ich, starb und hinterließ mir sechzigtausend Franken.« »Sechzigtausend Franken! ...« murmelte Rosa-Maria, welche bei Erwähnung dieser Summe abermals überrascht war und sich zu besinnen schien. »Ja, mein Kind, sechzigtausend Franken! ... für mich war das ein großes Vermögen und ich dachte schon: was soll ich mit all' diesem Gelde anfangen! ... Die Verlegenheit des Reichthums stellte sich bereits bei mir ein. Ich glaube sogar, daß ich damals meine Lieblingslieder schon seltener sang als vorher. Nach Verlauf von sechs Wochen wurde mir die Erbschaft zugestellt: ich hatte die Summe bei einem Bankier in Nemours erhoben. Mit dieser begab ich mich zu einem reichen Capitalisten in unserer Gegend, zu Herrn Cendrillon, das ist ein komischer Name, nicht wahr? ... aber der Name thut nichts zur Sache, es ist ein braver und sehr leutseliger Mann; ich frag ihn um Rath, da ich nicht wußte, was ich mit meinem Gelde machen sollte. Er konnte sich nicht selbst damit befassen, aber er rieth mir, es nach Paris zu einem Bankier zu thun, für den er mir stehe: zu Herrn St. Godibert, ja, so heißt er, St. Godibert, dieser werde mir es in Verzinsung nehmen. Meiner Treu', ich fand den Rath gut und dachte: Paris ist eine sehr angenehme Stadt, ich bleibe den Winter über dort und kehre im Sommer wieder nach Nemours zurück! ... Ach, beim Kuckuk! ich hätte wie ein großer Herr mit meiner Residenz gewechselt! denn wenn Einem im achtundsechzigsten Jahre ein Vermögen zufällt, und man allein und ohne Kinder ist, so glaube ich, ist man wohl berechtigt, es zu genießen, nicht wahr?« »Fahren Sie fort, Herr Savenay, fahren Sie fort; wenn Sie wüßten, wie sehr mich Ihre Erzählung interessirt!« »Ach, mein böser Geist hatte mir alle diese Pläne eingegeben oder vielmehr, es hat so kommen sollen. Ich nahm meine Entlassung bei dem Hüttenwerksbesitzer und nahm sie sogar mit Freuden, denn ich wußte, daß meine Stelle ein braver Mann, Vater einer zahlreichen Familie, erhalten werde, der sie zur Erziehung seiner Kinder sehr bedurfte, und ohne diesen Zufall, da man mich nie fortgeschickt hätte, noch lange auf meinen Platz hatte warten können, denn ich bin dauerhaft! und mein Großvater ist hundert und ein Jahr alt geworden ... hm! das gibt Aussicht ... was meinen Sie! ...« »Bin nur ein alter guter Mann, Der Geiger im Dörflein, Doch bin ich drum kein Dummrian, Lieb's Wasser nicht im Wein!« »Ihre Begebenheit, Herr Savenay, Ihre Begebenheit ... fahren Sie fort!« »Ganz recht, soll gleich geschehen! ... Nachdem ich meine Entlassung eingegeben hatte, verkaufte ich mein ganzes Mobiliar daheim, denn ich dachte, wenn ich wieder auf's Land zurückkomme, so miethe ich nur ein kleines Absteigequartier, das genügt mir. Ich behielt nur mein Pferd, meinen Hammel ... o, ein so gutes Thier, das ich schon seit neun Jahren hatte, und dessen ich mich bediente, um von Nemours in das Hüttenwerk zu reiten. Aus Allem zusammen erlöste ich etwa sechshundert Franken, die ich mir in Gold geben ließ, um weniger belästigt zu sein. Dann, mit meinen sechzigtausend Franken in Banknoten in einem Portefeuille und einem Empfehlungsbrief von Herrn Cendrillon an seinen Freund St. Godibert in der Tasche, packte ich mein Felleisen und meinen Reisesack auf meinen Hammel, gab meinem Pferd die Sporen und trabte Paris zu.« »Zu Pferd ... Sie waren zu Pferd?« »Ja, mein Kind; mehrere Leute hatten zu mir gesagt: Vater Savenay, es ist unklug, mit einer so beträchtlichen Summe in der Tasche zu Pferd zu reiten. Aber ich hatte ihnen geantwortet: Was soll mir begegnen, ich reise nur bei hellem Tage und in keiner Wüste. Ach, ich vermuthete nicht, daß es selbst am hellen Tage gefährlich ist, durch einen Wald zu reiten; aber der Beweis ist, daß ich, als ich auf meinem kleinen Pferde durch den Fontainebleauer Wald ritt, plötzlich von zwei Männern angefallen wurde, die mit Pistolen in der Hand auf mich losstürzten.« »O, mein Gott! ... Sie waren es? ... Sie waren es?« Bei diesen von dem jungen Mädchen mit Heftigkeit ausgesprochenen Worten hob Vater Savenay den Kopf in die Höhe, betrachtete sie mit Staunen und murmelte: »Ich war es ... wie, was wollen Sie damit sagen, mein Kind?« »O, ich wußte wohl, daß ich Sie schon gesehen hatte. Ihr ehrwürdiges, gutmüthiges Gesicht war mir aufgefallen und die grüne Jacke, den Hut mit der breiten Krampe ... All' das hatten Sie an, als man Sie im Walde überfiel.« »In der That ... wer konnte es Ihnen aber sagen?« »O, hören Sie, mein guter Herr Savenay: ich hatte zwar meinem Vater versprochen, nie von dieser Sache zu reden; aber gegenüber von Ihnen ist das etwas Anderes: erfahren Sie, daß ich mich im Walde befand, als zwei in Blousen gekleidete Männer meines Weges daherkamen.« »Zwei Männer! meine beiden Diebe?« »Diese waren es. Aus der Entfernung konnte ich ihre Gesichtszüge nicht sehen, denn sie hatten Kappen mit langen Stülpen auf, die ihnen oberhalb das Gesicht bedeckten, und das Untertheil desselben war ganz schwarz.« »Ja ... ja ... o, mehr habe ich auch nicht gesehen!« »Dann, ohne noch zu wissen, was diese Männer im Sinne hatten, fürchtete ich mich und verbarg mich hinter einem Gesträuche.« »Arme Kleine!« »Sie kamen dicht zu mir heran. Ich hörte sie sagen: Er hat sechzigtausend Franken in einer Brieftasche: diese können wir ihm leicht abnehmen. Einer dieser Männer zitterte und hatte nicht den Muth, das Verbrechen zu begehen; aber der andere brachte ihn endlich dazu. Ich hätte gerne um Hülfe gerufen, um Sie zu retten, aber ich wagte es nicht. Ach, verzeihen Sie mir; ich glaube sogar, daß ich nicht die Kraft dazu gehabt hätte.« »O, theures Kind, wie wohl thaten Sie daran, zu schweigen! diese Elenden würden Sie getödtet haben, wenn sie etwas von Ihre« Anwesenheit gewußt hätten.« »Das hat auch mein Vater gesagt. Endlich kamen Sie auf Ihrem Pferde. Die Räuber eilten auf Sie zu ... ach, wenn Sie wüßten, was ich damals ausgestanden habe, wie ich für Ihr Leben zitterte und zum Himmel flehte, von diesen Menschen den Gedanken ferne zu halten, Ihnen ein Leid zuzufügen!« »Armes Kind! armes Kind!« »Glücklicher Weise ließen es die Verbrecher beim Diebstahl bewenden. Ach, als ich Sie auf Ihrem Pferde sich entfernen sah, athmete ich freier.« »Und ich vollends! potz Kuckuk! ich muß bekennen, daß ich keine geringe Angst ausgestanden hatte. Was ward aber aus meinen Dieben?« »Diese verschwanden augenblicklich. Ich blieb noch lange Zeit, ohne zu wagen, aus meinem Versteck herauszugehen. Endlich, nachdem ich mich vorher genau umgesehen und überzeugt hatte, daß die Männer fort waren, machte ich mich wieder auf den Weg; aber ich hatte noch keine zweihundert Schritte zurückgelegt, als meine Füße an etwas stießen: es war eine kleine, sehr schöne, prachtvolle Pistole.« »Welche ohne Zweifel einer der Diebe hatte fallen lassen!« »Ich hob sie auf und nahm sie mit nach Hause. Mein Vater befahl mir, sie sorgfältig aufzubewahren, sie könnte vielleicht eines Tages zur Entdeckung der Diebe beitragen. Ich habe sie hier, sehen Sie, Herr Savenay, in meinem Koffer; wollen Sie gefälligst aufmachen, ganz unten auf der linken Seite werden Sie sie finden.« Der Vater Savenay folgte der ihm angegebenen Weisung und zog bald eine Pistole hervor; er betrachtete sie aufmerksam und rief aus: »Aber das ist eine Luxuswaffe, die ist sehr schön für Straßenräuber!« »O, die, welche über Sie hergefallen sind, waren keine gewöhnlichen Räuber! Haben Sie denn nicht bemerkt, daß sie lackirte Stiefeln, schöne Beinkleider und Handschuhe anhatten?« »Ich habe nichts bemerkt, mein Kind, ich war zu sehr von Angst und Furcht ergriffen; ich erinnere mich nur einer Pistole, welche man mir auf die Brust setzte!, während ein Köhlergesicht zu mir sagte: Deine Brieftasche, oder Du bist des Todes! was aber die Physiognomie anbetrifft, so wäre ich sehr in Verlegenheit, sie zu schildern.« »Ich versichere Sie, Herr Savenay, daß es junge Leute waren, die wie Männer von Bildung sprachen; außerdem sagten sie: Wir sind unkenntlich in diesen Blousen, diesen Kappen und geschwärzten Gesichtern, man wird nie vermuthen, wer wir sind.« »In der That, mein Kind, die Art des Benehmens dieser Räuber bringt mich so ziemlich auf die Ansicht, daß sie im Stehlen noch nicht geübt waren. Nachdem ich ihnen meine Brieftasche gegeben hatte, schickte ich mich an, ihnen auch meine Börse und meinen Reisesack zu geben; aber keine Rede davon: statt auf diese Dinge zu warten, gaben sie meinem Pferd einen Hieb, Hammel setzte sich in vollen Trab und in einer halben Stunde befand ich mich außerhalb des Waldes.« »Was haben Sie dann gethan, mein Herr?« »Was ich gethan habe? Kaum in Fontainebleau angelangt, begab ich mich zu dem Maire der Stadt und erzählte ihm, was mir begegnet war. Man schrieb meine Angabe nieder, aber als man sah, daß ich noch mein Pferd, mein Gepäck und eine mit Gold gefüllte Börse hatte, bemerkte ich, daß sich auf allen Gesichtern ein Ausdruck des Zweifels malte; man war sehr erstaunt, daß sich die Diebe mit meiner Brieftasche begnügt hatten, die übrigens allein weit mehr werth war als alles Uebrige. Ich erinnere mich sogar, daß einer der Anwesenden, der mir zugehört hatte, mit einer fast spöttischen Miene kopfschüttelnd zu mir sagte: »Mein guter Mann, sind Sie nicht vielleicht zufällig auf Ihrem Pferde eingeschlafen und haben geträumt, Sie seien angefallen worden?« Und meine sechzigtausend Franken, schrie ich, glauben Sie, mein Herr, die Erbschaft sei auch nur ein Traum gewesen? Nun, streng genommen, war sie es auch für mich! der Maire versprach mir jetzt, alle möglichen Schritte zu thun und sogar Gendarmen auszuschicken, um den Wald zu durchstreifen und die beiden Verbrecher aufzusuchen, die mich angefallen hatten. Man fragte mich nach ihrem Signalement, aber ich konnte weiter nichts sagen als: sie hatten Blousen an und Kappen auf, und man vermuthete, der Streich sei von zwei Vagabunden oder rückfälligen Räubern ausgeführt worden. Ich blieb bis zum folgenden Tag in Fontainebleau, um auszuruhen, mich von dem erlittenen Schrecken zu erholen und abzuwarten, ob man nichts von meinen Dieben erfahren habe. Aber am andern Tage hörte ich, daß das Durchstreifen des Waldes von den Gendarmen durchaus keine Entdeckung herbeigeführt habe. Nun besann ich mich, was ich beginnen wolle; ich konnte wieder nach Nemours zurückkehren, mein Abenteuer erzählen und bei dem Hüttenwerksbesitzer wieder um meine Stelle nachsuchen; man hätte sie mir wieder übertragen, aber ich dachte: dem armen Mann, dem man sie gegeben, der jetzt so glücklich ist, weil er die Gewißheit hat, seine Kinder erziehen zu können, soll ich also seine Versorgung wieder rauben, ihn in Verlegenheit und Kummer versetzen, die um so bitterer für ihn sein werden, als er während einiger Tage die Freude und das Glück kennen gelernt hatte? Nein wahrhaftig, das werde ich nicht thun. Ich habe sechshundert Franken bei mir! ich will nach Paris gehen, dort werde ich vielleicht ein kleines Amt finden; sei es noch so unbedeutend, so wird es mir genügen, dann verursache ich doch Niemand Kummer! ... Gesagt, gethan. Ich bestieg wieder meinen Hammel und kam nach Paris, und sehen Sie, wie man stets belohnt wird, wenn man rechtschaffen handelt; gleich nach meiner Ankunft traf ich in dem Gasthause, wo ich frühstückte, den Commis eines Parfümeriehändlers en gros , welcher Schreibereien in Ordnung zu bringen hatte. Ich erzählte dem Commis meine Geschichte; er interessirte sich für mich, führte mich zu seinem Prinzipale, der mir die Stelle gab, mir jedoch gleich zum Voraus sagte, die Beschäftigung werde nur einige Monate dauern und ich müsse mich dann anderwärts umsehen. Aber ich nahm sie immerhin an und dachte: mit der Zeit kommt Rath. Ich suchte ein Logis in der Nähe des Ladens meines Geschäftsherrn, miethete dieses, verkaufte meinen armen Hammel ... ach! um den that mir's leid, das muß ich gestehen, aber ich besaß nicht mehr die Mittel, ein Pferd zu halten. Ich schaffte mir einige Möbeln an und war noch im Stande, einem armen jungen Mädchen ein Zimmer anzubieten, welches man schwer krank zu dem Töpfer unten gebracht hatte, und dieses junge Mädchen war zufällig Zeuge des Diebstahls, der an mir verübt worden war; sie hat unsern Herrgott angerufen, daß mir die Räuber nichts zu Leide thun sollten, und vielleicht hilft mir ihr Zeugniß und diese Waffe, die sie gefunden hat, eines Tages noch zur Entdeckung meiner Diebe! ... Ach, Sie sehen wohl, liebes Kind, in diesem Allem den Fingerzeig der Vorsehung ... man hat daher Recht, nie zu verzweifeln! ... oder etwa nicht? Anziehend sei euch meine Weisheitslehre, Um fortzuscheuchen böser Träume Grauen; Nehmt's Glas zur Hand, und Trost der Spruch gewähre: »›Noch darf dem Gott der Guten man vertrauen!‹« Die Mittheilungen, die sich der Greis und das junge Mädchen gegenseitig gemacht hatten, befestigten die Freundschaft, welche sie bereits verband, noch inniger. Jetzt waren sie einander nicht mehr fremd, sie kannten sich, und ein Geheimniß schloß sie aneinander an; denn der gute Savenay war ganz der Ansicht von Rosa-Maria's Vater; auch er hielt es für gerathen, daß sie mit Niemand von dem, was sie im Walde gesehen, sprechen sollte, da sie dieses tausenderlei Gefahren aussetzen könnte. Wenn nämlich Diejenigen, welche das Verbrechen verübt, erfahren würden, daß sie Zeuge desselben gewesen und eine Waffe besitze, die als Beweisstück gegen sie dienen könnte. Man war also streng übereingekommen, daß Rosa-Maria weder der Frau Bichat noch sonst Jemand sagen solle, wo sie den Greis schon gesehen habe, und dieser legte die kleine Pistole wieder an ihren Ort in dem Koffer und sagte: »Man darf das auch nicht sehen lassen, muß es sorgfältig vor Aller Augen verbergen ... und da Sie glauben, mein Kind, daß die, welche mich beraubt haben, Männer aus den bessern Ständen sind, so kann der Zufall Sie zu ihrer Entdeckung führen. Sie können vielleicht eine ähnliche Waffe in ihren Händen sehen, kurz, wer weiß, was Alles geschehen kann; die Hauptsache ist, vorsichtig zu sein und sich nicht durch Verrathen Ihres Geheimnisses bloßzustellen. Uebrigens wird Ihr Vater ohne Zweifel bald nach Paris kommen und ich hoffe, er wird derselben Meinung sein wie ich.« Allein mehrere Tage verstrichen, Rosa-Maria konnte schon wieder aufstehen, im Zimmer auf- und abgehen, frische Luft am Fenster einathmen, und ihr Vater hatte ihr noch nicht geschrieben, war auch nicht, wie sie voraussetzte nach Paris gekommen. Das junge Mädchen fing an unruhig zu werden, weil sie keine Nachrichten von Hieronymus erhielt, und sie war entschlossen, sobald es ihre Kräfte erlaubten, in ihr Dorf zurückzukehren. »Wenn wir doch Ihre Onkel hätten auffinden können,« sagte Vater Savenay. »Da Ihr Vater nicht kommt, um Sie abzuholen, denkt er allem Vermuthen nach, es werde Ihnen noch gelungen sein, die Wohnung eines oder des andern seiner Brüder aufzufinden. Soll ich mich nicht noch einmal an den bezeichneten Orten erkundigen? Erinnern Sie sich der Adressen noch?« – Ich erinnere mich nur noch der ersten,« antwortete Rosa, »wo ich meinen Onkel Nicolaus Gogo finden sollte; es war in der St. Lazarusstraße Nr. 60, dort bin ich zuerst gewesen. – »St. Lazarusstraße Nr. 60? alle Welt! das ist sonderbar,« rief der Greis aus, »ich meine unter dieser Adresse sollte ich den Herrn St. Godibert finden, bei dem ich meine Gelder anzulegen beabsichtigte.« – Haben Sie ihn denn nicht besucht, seit Sie in Paris sind? – »Wozu, mein Kind? was hätte ich dort machen sollen? Zu ihm sagen: Mein Herr, man hat mir das Geld gestohlen, das ich bei Ihnen anlegen wollte! das war überflüssig. Aber ich habe den Empfehlungsbrief aufbewahrt, den mir Herr Cendrillon an seinen Freund mitgegeben hatte ... ich will ihn einmal holen und nach der Adresse sehen.« Der gute Mann suchte in der Tasche seiner Jacke, zog einen noch versiegelten Brief heraus und las: »Herr St. Godibert, St. Lazarusstraße Nr. 60.« »In dem nämlichen Hause sollte mein Onkel Nicolaus wohnen,« sagte Rosa. »O! dann mein Kind, gehe ich hin; ja, ich will diesen Herrn St. Godibert aufsuchen; Dank diesem Schreiben wird er mich gut aufnehmen, ich bin es überzeugt, und durch ihn werden wir erfahren, ob Ihr Onkel Gogo früher in seinem Hause gewohnt hat.« Die Jungfrau dankte dem Vater Savenay für die Mühe, die er sich abermals geben wollte, um ihr nützlich zu sein, und dieser verließ Rosa-Maria mit den Worten: »Sie sehen nun, daß unser Zusammentreffen keine Wirkung des Zufalls war! ... die Vorsehung ordnete die Dinge zum Voraus an. Lassen Sie uns hoffen! Mir werden Sie vielleicht die Auffindung Ihrer Onkel, und ich Ihnen die Auffindung meiner Diebe verdanken.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Freibillete des Verfassers Wir befinden uns in der Vendômestraße bei Herrn Mondigo, dem Schriftsteller, der nicht so weitläufig und prächtig logirt ist wie sein Bruder, der Banquier, aber doch in einer dritten Etage ein zwar kleines aber hübsch ausgestattetes und mit einer gewissen Eleganz möblirtes Quartier inne hat. Die schöne Clementine sitzt auf einer Causeuse, von wo sie sich in einem Spiegel betrachtet, in dem sie von Zeit zu Zeit eine Locke ihrer blonden Haare ordnet, die sich nicht unter ein kleines, kokettes, höchst anmuthiges Häubchen schmiegen will, welches ihr vorzüglich steht; dann wirft sie einen Blick auf ihr Kleid und ihre Fußbekleidung, gleichsam um sich zu überzeugen, daß nichts an ihrer Toilette fehle. Herr Mondigo geht von einem Zimmer in das andere, läuft in sein Cabinet, sieht auf seinem Schreibtisch nach, kommt in den Salon zurück, überliest seine Schreibtafel und ruft immer dabei aus: »Habe ich Niemand vergessen? ... Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht ... diesen Abend ... diesen Abend meine erste Vorstellung! ... Mein Gott, es war mir doch, als hätte ich noch Einiges wegzustreichen ... meinem ersten Liebhaber noch einige Bemerkungen mitzutheilen ... aber wenn ich diesen Morgen in's Theater gehe, so habe ich nimmermehr Zeit, meine Billete zu verschenken! ... Grausame Lage! Ich soll zwanzig Personen besuchen und weiß nicht, bei welcher anfangen. Ha! welch' gräßlicher Tag, der Tag einer ersten Vorstellung! ... Dabei ist es von höchster Wichtigkeit, beim Verschenken seiner Billete die gehörige Auswahl zu treffen ...« Die schöne Blondine lächelte, indem sie mit bedauerlicher Miene sagte: »Mein Gott, lieber Freund, mache Dir doch nicht so viel böses Blut, es könnte Deine Gesundheit angreifen! Du bist doch gar zu gutmüthig, Dir mit dem Verschenken Deiner Billete so viel Mühe zu geben. Warum machst Du es nicht wie alle Deine Collegen, welche einen Gewinn daraus ziehen, und dabei noch die Mühe sparen, sich damit beschäftigen zu müssen?« »Ich meine Billete verkaufen! Ei, warum nicht gar! Nie, Madame, nie! ... Ich ziehe es vor, Freunde in meinem Stück zu haben ... gute Freunde, welche mein Werk applaudiren werden! welche, geschmeichelt durch ihre Verbindung mit dem Verfasser, mein Stück überall anpreisen, citiren und bei ihren Bekannten en vogue bringen werden; ich glaube, theure Freundin, daß das mehr werth ist und mehr einträgt, als seine Billete zu verschachern.« Madame Mondigo antwortet nichts; sie hat so eben eine kleine Unordnung an ihrem Kopfputz entdeckt und hört nicht mehr auf ihren Gemahl. Man hat viel geschrieen, man hat die Verfasser von Theaterstücken beschimpfen und in dem Koth herumziehen wollen, weil sie seit ungefähr 20 Jahren, um sich des Aergers, der Sorgen, der Gänge, der Ungewißheit und des Zeitverlustes zu entschlagen, welcher ihnen aus dem Unterbringen oder vielmehr Verschenken ihrer Billete erwuchs, den Anträgen nachgaben, welche ihnen in ihrem Interesse gemacht wurden, und diesen Theil ihrer Autorrechte an Leute verpachteten, welche einen öffentlichen Handel damit treiben, d. h. den Theaterfreunden die Billete des Verfassers um einen etwas geringeren Preis, als man an der Kasse zahlen muß, verkaufen. Vor Allem sind diese Billete, deren Absatz die Theaterverwaltungen den Autoren, wenn man ihre Stücke spielt, rechtlich und contraktlich einräumen, das vollkommene Eigenthum dieser letztern, welche nach ihrem Gutdünken darüber verfügen können; das ist gar keine Frage mehr. Das ist so vollständig anerkannt, daß mehrere Theaterdirektionen den Verfassern ihre Billete abkauften; es gibt auch Theater, wo die Verfasser keine Billete auszugeben haben; dann aber wurden sie für dieses Recht entschädigt. Das ist eine freiwillige Uebereinkunft von beiden Seiten, die niemals Veranlassung zu Streitigkeiten gegeben hat. Kommen wir nun zu den Vorwürfen, welche man den dramatischen Dichtern macht, daß sie interessirt, habsüchtig, jüdisch geworden, daß sie von einem zu kaufmännischen Geist angesteckt seien und mit einem Wort aus Allem Geld machen wollen. Zuerst könnten wir antworten, daß wir in einem Jahrhundert leben, wo diese Geldliebe, dieser Gelddurst ein allgemeiner geworden ist, daß somit die dramatischen Autoren nicht mehr zu tadeln sind als andere Menschenkinder, wenn sie von ihrer Arbeit so viel wie möglich Nutzen ziehen wollen; ja am allerwenigsten sie, die so vielen Unfällen ausgesetzt sind und oft an einem Abend, in ein Paar Stunden und bisweilen in noch kürzerer Zeit die Frucht von zwei Monat Nachtwachen und einsamer Arbeit dahinschwinden sehen müssen. Aber ihr habt keine Waare, keine Kapitalien in die Schanze geschlagen! werden gewisse Leute rufen. Was verlieret ihr also? Höchstens gewinnet ihr nichts. Was ich verliere, ich, ein dramatischer Schriftsteller, wenn mein Stück durchfällt? Ei, ich verliere die ganze Zeit, die ich auf diese Arbeit verwendet, und diese Arbeit, die euch ein Spiel, eine Kleinigkeit, ein Spaß scheint, weil sie bestimmt ist, euch in euren müßigen Augenblicken zu erheitern, diese Arbeit strengt mehr an als die des Bauern, des Handwerkers, denn sie spannt ohne Unterlaß die Fibern an, welche mit dem Gehirn im Zusammenhang stehen; sie erhitzt das Blut, reizt die Nerven auf und hält unsern Geist in unaufhörlicher Aufregung ... vorausgesetzt, daß wir einen haben! ... und muß aus demselben Grunde diejenigen noch viel mehr erschöpfen, welche wenig haben (fast hätte ich gesagt: keinen) und sich dann unerhörte Mühe geben, Etwas aus ihrem Kopfe herauszubringen, während doch nichts darin ist. Ferner: Ist denn die Zeit, welche auf ein Stück verwendet oder dabei verloren wird, für gar nichts zu rechnen? Die Zeit ist doch wahrlich der einzige reelle Werth, alle anderen sind nur relative, durch Übereinkunft bestimmte Werthe. Mit Gold, Silber, Diamanten, kurz mit allen unter den Menschen festgesetzten Werthen könnt ihr kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag von euerm Geburtsschein wegbringen; ihr könnt nie noch einmal umkehren und euch die Zeit zurückgeben lassen, die ihr gut oder schlecht angewendet habt. Kehren wir zu unseren Autorenbilleten zurück. In Paris gibt es einige Kaffeehäuser, einige Kram- oder Friseursläden, wo solche Billete abgegeben werden. Das thut dem gewöhnlichen Verkehr des Etablissements keinen Abbruch, im Gegentheil zieht es manche Leute an; denn es liegt nichts Unrechtes darin, ein Theaterbillet zu kaufen, und man braucht sich nicht zu verstecken, wenn man eine Vorderloge im Vaudeville, eine Loge im Gymnase, einen Platz auf die erste Galerie im Variétéstheater kauft. Wollt ihr jetzt wissen, warum die Verfasser darauf verfielen, sich ihrer Billete zu entledigen? Ihr sollt einige der Plackereien kennen lernen, zu denen diese Billete Veranlassung gaben, und zwar der reinen Wahrheit gemäß; denn im Allgemeinen ist die Wahrheit unterhaltender als die Uebertreibung. Mondigo, der diesen Abend ein neues Stück von mehreren Akten spielen läßt, kann für die erste Vorstellung über dreißig Plätze und für die beiden nächsten über ebenso viel verfügen. Aber von Freunden und Bekannten ist er wenigstens um Hundert angegangen worden. Er hat seine Liste für die erste Vorstellung gemacht; er hat es versucht, die Sache zu Jedermanns Zufriedenheit zu arrangiren; er hat die besten Plätze für Personen, die er hochachtet, oder für Freunde, auf welche er besonders rechnet, vorbehalten. Es ist ihm sogar manchmal begegnet, seinem Bruder oder seinen Neffen ein weiteres Billet zu verweigern, um eine Person, welche in journalistischen Verzweigungen steht, nicht vor den Kopf zu stoßen. »Nun, jetzt muß ich aber in meine letzte Probe gehen!« ruft Mondigo, nachdem er zum zwanzigsten Male seine Billete nachgezählt hat. »Clementine, sieh hier die Billete, welche ich versprochen; ich habe auf jedes Paquet den Namen der Person geschrieben, für die es bestimmt ist; verwechsle doch ja keines mit dem andern, theure Freundin.« – Ich hoffe, daß ich eine Loge für mich habe,« sagte die schöne Blondine, ohne ein Auge von dem Spiegel zu verwenden. »Ja, ja, ganz gewiß.« – Der Bühne gegenüber. – »Ja, Madame, der Bühne gegenüber.« – Und im ersten Rang. – »Versteht sich von selbst.« – Hast Du Deinem Bruder und seiner Frau eine Loge gegeben? – »Allerdings; schon gestern.« – Auf der gleichen Galerie wie wir? – »Ich glaube, ja.« – Dann, Herr Gemahl, gehe ich heute Abend nicht in Ihr Stück! – »Wie, Clementine! was sagst Du da? Du willst dem Triumphe Deines Gatten nicht beiwohnen? denn ich hege die süße Hoffnung, daß es ein Triumph sein wird! Aber was müßte man über eine solche Gleichgültigkeit von Dir denken?« – Mag man davon denken, was man will, Herr Gemahl, das gilt mir gleich; aber da Ihre Schwägerin, die Frau St. Godibert, mich fortwährend mit ihrem Reichthum, ihrem Luxus, ihrer Kleiderpracht, ihren Diamanten niederdonnert, so ist es recht und billig, daß ich mir bisweilen eine kleine Genugthuung verschaffe und als Gemahlin des Verfassers des neuen Stückes einen ausgezeichneteren Platz einnehme als sie. Es ist dies eine Ehre, Herr Gemahl, die ich Ihnen erzeigt wissen will; man muß diesen Leuten, welche nur dem Gelde ein Verdienst zuerkennen, von Zeit zu Zeit zeigen, daß der Geist auch zuweilen den Vorzug hat. – »Ruhig, Clementine, ruhig! Ich erinnere mich so eben, daß die Loge meiner Schwägerin im zweiten Rang und nicht im ersten ist.« – Aber auch gewiß? – »Ganz gewiß.« – Nun wohl, dann gehe ich. – »Ach! hier ist ein Billet für Dernesty ... ich denke, er wird es selbst abholen.« – Wozu ihm einen besonderen Platz geben? Er soll in unsere Loge kommen, das ist viel natürlicher. – »In unsere Loge? Aber es ist nur für Viere Platz.« – Nun? – »Nun, ich glaubte, Herr und Frau Marmodin würden mit Dir kommen.« – Nein; Herr Marmodin würde aus Veranlassung Ihres Stückes auf seine Römer zu sprechen kommen. Und seine Frau schwatzt immer, bewegt sich immer, spricht oder lacht so laut, daß sie die Aufmerksamkeit des ganzen Saals auf sich und von Deinem Stücke abzieht. Ich habe vorgezogen, Herrn und Fräulein Soufflat mitzubringen. – »Schon recht, theure Freundin. Aber was fangen wir mit Marmodin und seiner Frau an?« – Ich habe ihnen die Billete für Soufflats gegeben. – »Ganz gut. Ich eile nun in meine Probe, verwechsle nur die Billete nicht.« Mondigo begibt sich in das Theater, wo die Probe seines Stückes stattfindet. Kaum ist er über die Schwelle getreten, so sieht er sich von Schauspielern, Schauspielerinnen, Autoren, Angestellten des Theaters und Stammgästen des nächsten Kaffeehauses umringt. Alles verlangt Billete von ihm; zehn Plätze hat er noch zurückbehalten, aber wie soll er damit alle ihn Bestürmenden befriedigen? Er will Billete zu Gunsten der Künstler, welche in seinem Stücke spielen, behalten; aber es gibt so rücksichtslose, so zudringliche Menschen, wenn sie einmal Etwas haben wollen! ... Von allen Seiten posaunt man ihm in die Ohren: »Ah! Mondigo, zwei Plätze für diesen Abend.« – Mir können Sie das nicht abschlagen. – »Sie sind doch noch ein Mann, der seine Billete herschenkt! Sie sind nicht wie die andern Autoren! ... Sie sind artig, Sie sind nobel.« – Herr Mondigo, Sie haben mir gestern Abend zwei Plätze versprochen. – »Bester Freund, ich muß nothwendig zwei haben für meine Mutter und meine Frau; sie zählen darauf.« – Geben Sie mir welche, ich commandire über zwölf tüchtige Fäuste!« Der unglückselige Autor ist auf die Bühne hinaufgegangen; er sucht dieser Menge von Bewerbern, welche ihn umlagert, zu entrinnen; aber er wird von Coulisse zu Coulisse verfolgt, umringt, umgarnt, blockirt; unfähig, sich länger zu vertheidigen, gibt er seine zurückbehaltenen Billete Leuten, die er kaum kennt, und kann denen keine mehr geben, welchen er versprochen hatte. Diese sind sehr mißvergnügt über den Autor und beklagen sich über seine Wortbrüchigkeit; die Künstler, welche in seinem Stücke spielen, schneiden ihm Gesichter, und der arme Mondigo, der nicht mehr weiß, was er denen antworten soll, die Billete von ihm verlangen, ergreift den Ausweg, sich aus dem Theater zu flüchten und kommt heim, indem er zu sich sagt: »Alle diese Leute werden noch machen, daß ich des Teufels werde mit meinen Billeten.« Beim Nachhausekommen fragte Mondigo, ob man die zurückgelassenen Billete abgeholt habe. Seine Frau deutet mit dem Finger auf alle die kleinen Pakete hin, indem sie antwortet: »Nein ... nur Ihr Zuckerbäcker ist erschienen, um zwei abzuholen. Sie geben also Ihrem Zuckerbäcker Billete, Herr Gemahl?« – Warum denn nicht, wenn er gut applaudirt? Diese Leute haben derbe Hände und dann weiß ich, daß er in das Schauspiel ganz vernarrt ist. Er hat mir letzthin, während ich Nelsontörtchen in seinem Laden aß, gesagt, er und seine Frau hätten wie Kälber geweint in meinem letzten Drama. Jetzt kannst Du Dir denken, daß ich ihm zwei Plätze für diesen Abend versprach. Ah! ich wußte wohl, daß er nicht vergessen würde, darum bitten zu lassen, er ... aber alle die Andern da, die ihre Billete nicht abholen ... das ist unbegreiflich!« Mondigo sitzt nieder, wartet, wird ungeduldig. Er möchte seine Billete nicht verloren sein lassen, zumal, nachdem er so vielen Personen, die so begierig darnach schienen, solche abgeschlagen hatte. So oft man an der Thüre läutet, läuft der Autor hinaus, um zu erfahren, ob man Billete abholen lasse. Endlich eilte Herr Doguin, für welchen er eine sehr gute Loge aufbewahrt hatte, mit hastigem hochvergnügtem Wesen herbei. »Guten Morgen, Herr Mondigo; Madame, ich lege mich zu Füßen,« sagt Herr Doguin, in die Stube des Schriftstellers tretend. »Ah, da sind Sie endlich ... Herr Doguin? So kommen Sie doch!« sagte Mondigo, indem er nach seinen Paketchen eilte. »Sie kommen, Ihre Loge abzuholen ... da, hier ist sie ... eine offene Loge, vier Plätze, Sie werden herrlich aufgehoben sein.« – Ei, du lieber Gott! mein werther Herr Mondigo, wir können ja leider Ihre Gefälligkeit nicht mehr benützen. Der Pathe meiner Kleinen, ein alter Papa, der das Schauspiel nicht leiden kann, weil er es für ungesund erklärt, ist auf Besuch bei uns eingetroffen und wir müssen ihm Gesellschaft leisten. Sie werden uns ein anderes Mal eine Loge geben ... ei, da fällt mir ein, z.B. nächsten Samstag; an diesem Tage habe ich keine Abendgesellschaften und weiß nie, was ich mit mir anfangen soll. – »Ei, das hätten Sie mich doch wenigstens diesen Morgen wissen lassen sollen!« – Ich hatte daran gedacht ... da wurde ich gestört ... und erst jetzt fiel mir Ihre Loge ein. Sie können sich denken, daß ich andere Dinge im Kopfe habe! ... Der Pathe meiner Kleinen ist ganz versessen auf Gansleberpastete, und da zerbreche ich mir den Kopf, wo man in diesem Stadtviertel gute bekommen kann. – »Verzeihung, Herr Doguin, aber heute gehen mir andere Sachen im Kopfe herum als Gänse ... wenn man ein neues Stück aufführen läßt und gar ein dreiaktiges ...« – Da fällt mir gerade ein, auf dem Boulevard hier neben, gibt es, glaube ich, einen Eßwaarenladen, da will ich gleich hingehen. Wenn ich nun aber statt einer Pastete eine Terrine von Nerak nähme; was halten Sie davon? Würden Sie die Terrine vorziehen? – »Ei, mein Gott! nehmen Sie Nerak oder Pontak! Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll!« – Nun, wir wollen sehen. Adieu, Herr Mondigo ... Madame, meine achtungsvollste Empfehlung. Also nächsten Samstag geben Sie mir eine Loge; wenn es meiner Frau nicht recht sein sollte, würde ich Ihnen die Billete wieder zurückschicken. – »Ja! ja! rechne nur darauf, dummer Kerl!« rief der Autor aus, nachdem sich Herr Doguin entfernt hatte. »Ach, wie sehr bedaure ich, ihm diese Loge aufbewahrt zu haben! Das ist doch höchst widerwärtig.« Noch sind keine fünf Minuten verflossen, seit Herr Doguin weggegangen, so bringt der Portier zwei Briefe an Herrn Mondigo herauf, welcher sie schleunigst erbricht. In dem einen schreibt man ihm: »Mein Junge ist heute aus seiner Schule in die Vakanz gekommen; statt ihn in das Theater zu führen, wo man Ihr Stück spielt, wollen wir lieber mit ihm in das chinesische Schattenspiel gehen, das wird ihn mehr ergötzen.« In dem andern steht: »Verfügen Sie für heute über Ihre Billete; aber ein anderes Mal rechnen wir auf Ihre Gefälligkeit.« Der Verfasser zerknittert diese Briefe in seiner Hand und wünscht die Schreiber derselben zum Henker. Er nimmt seinen Hut, seine Billete und schickt sich zum Ausgehen an. »Du gehst noch einmal aus?« fragte Clementine; »aber es ist ja schon spät und Du hast gesagt, Du wünschtest heute frühzeitig zu Mittag zu essen.« – Ei! lieber Gott! ich muß doch suchen, meine Billete an den Mann zu bringen. Du siehst ja, daß mir mehr als zwölf Plätze übrig bleiben! – »Aber, mein Freund, Du bist bereits durch Deine Proben und die vielen Gänge ermüdet, welche Du noch gestern gemacht hast, um Billete zu versprechen; denn die guten Freunde nehmen sich nicht einmal die Mühe, zu kommen und darum zu bitten: man muß ihnen ins Haus nachlaufen und sie anbieten. Wenn man es aber natürlicher findet, ihren Besuch abzuwarten, so sagen sie nach einiger Zeit: »,Sie sind sehr liebenswürdig, man hat ein neues Stück von Ihnen gespielt und Sie haben mir nicht einmal ein Billet gegeben/« – Das weiß ich Alles, liebe Freundin, aber es ist bald vier Uhr und ich möchte diese Plätze doch nicht verloren gehen lassen ... ich werde mich beeilen.« Der Autor geht hinaus und begibt sich schleunigst zu einem alten, ihm befreundeten Sachwalter, der 15,000 Franken Rente bezieht, aber seine Frau niemals ins Theater führt, als wenn man ihm die Billete dazu schenkt. »Es ist Niemand zu Hause,« sagte der Portier zu Mondigo. »Herr und Frau speisen auswärts.« – Das ist ein Vergnügen!« seufzte der Autor. »Je nun, sehen wir anderwärts. Ah, da Hab' ich's! Zu Badoureau ... er und seine Frau gehen oft ins Schauspiel ... es wird ihnen großes Vergnügen machen, bei meinem Erstling gegenwärtig zu sein ... wenn sie nur nicht auch auswärts speisen!« Damit machte sich Mondigo wieder auf die Beine. Er kommt im Hause seines Freundes Badoureau an: hier trifft er die Leute daheim. Er tritt mit der Miene eines Mannes ein, der Freude zu machen überzeugt ist, und bietet eine Loge für den Abend an. »Was wird zu Ihrem Stück gegeben?« fragte der Herr. – »Ah! wahrhaftig ... ich besinne mich nicht mehr darauf, ich habe wenig Achtung gegeben. – »Julie! Suche mir doch die Zeitung, damit ich sehe, was man diesen Abend zu Mondigo's Stück spielt.« Die Dame bringt ihrem Manne die Zeitung; dieser sieht hinein, schüttelt den Kopf und murmelt: »Just zwei Stücke, die wir schon kennen; nicht wahr, Julie?« – Ach! ja, und die zum Sterben langweilig sind! – »Mein theurer Mondigo, behalten Sie Ihre Loge, wir gehen diesen Abend nicht; wir warten lieber, bis man zu Ihrem Stück Werke gibt, die wir noch nicht kennen; ich werde Ihnen zu wissen thun, welche wir zu sehen Lust haben.« Der Autor geht mit einer weit weniger freundlichen Miene weg, als er hereinkam, und nimmt sich fest vor, Herrn und Frau Badoureau keine Billete mehr anzubieten. Unten an der Stiege fragt er sich, wohin er jetzt seine Billete schleppen soll; er hat zwar viele Bekanntschaften, aber ein Theil wohnt sehr weit weg, Andere können abwesend sein, und es ist höchst unangenehm, unnöthige Gänge zu machen, wenn man ohnehin schon ermüdet ist. Die Stunde rückt vor. Mondigo entschließt sich, ein Cabriolet zu nehmen und läßt sich zu einem jungen Kaufmann führen, der ihn schon hundertmal um Theaterbillete angegangen hat. Er findet den jungen Mann und beeilt sich, ihm eine Loge für diesen Abend anzubieten. Der Kaufmann macht einen Freudensprung in die Höbe, indem er ausruft: »Ah, wie liebenswürdig, ah, wie artig sind Sie! ... Vier Plätze ... hätten Sie nicht noch zwei?« – Doch, da sind sie. – »O! das ist herrlich! ... Ich speise mit Freunden zu Mittag ... ach! aber wir sind unserer Acht ... hätten Sie nicht noch zwei Plätze?« – Doch, doch, ich kann Ihnen noch zwei geben ... hier! – »Sie sind ein Muster von einem Autor ... das laß ich mir gefallen! Sie verschenken Billete, Sie! ... Es versteht sich, daß ich Alle, mit denen ich speise, mitbringen werde.« – Ah! Sie speisen nicht zu Hause? – »Nein, im Palais-Royal. Wir haben uns auf sechs Uhr, halb sieben Uhr in die Rotunde bestellt.« – Der Teufel! aber mein Stück fängt präcis acht Uhr an! – »O! seien Sie ruhig, wir erscheinen gewiß! Wir essen schnell und eilen sofort, Ihnen Beifall zu klatschen, für Sie zu wirken! ... für unsern lieben Mondigo! ... o, Sie sollen sehen! wir sind Freunde! Es wird gut gehen! Es soll sich nur Niemand beikommen lassen, zu pfeifen: wir schlagen ihm Arm und Beine entzwei! ... Wir werden deßhalb Stöcke mitbringen.« Der Autor ist genöthigt, den Feuereifer seines jungen Freundes zu mäßigen; diesmal jedoch geht er befriedigt weg mit der Ueberzeugung, daß seine acht Plätze von ihm wohlgeneigten Leuten werden eingenommen werden. Mondigo machte in seinem Cabriolet noch verschiedene vergebliche Kreuz- und Querfahrten und vertheilte zuletzt die ihm übrigen Billete an Leute, welche er kaum kannte; er gab sogar seinem Thürsteher davon. Endlich kehrte er nach Hause zurück, todmüde, geärgert, und fand auf seinem Schreibtisch zwei geschlossene Balkonlogen, welche ihm ein Freund mit der Bemerkung zurückgeschickt hatte, daß er diesen Abend in ein Concert gehe. »Zwei geschlossene Balkonlogen! Prächtige, numerirte Plätze! ... und sie sollen jetzt verloren sein?« sagte der Schriftsteller zu sich, indem er sich abquälte, was er damit anfangen sollte. »Mein Freund, das Mittagessen ist schon lange parat; es ist halb sechs Uhr,« sagte Madame Mondigo. – »Ah, Madame, noch einen Augenblick und ich stehe zu Diensten! – »Wir speisen nie so spät zu Mittag ... ich habe sehr Hunger!« – Und vollends ich, Madame, ich könnte auch essen wie ein Wolf! ... Aber diese Balkonplätze liegen mir im Magen ... – Die Köchin sagt, es werde Alles verdorben sein.« – Wem Teufels sie schicken? ... Ah! da kommt mir ein Gedanke! ... Herr und Frau von Mesange, sehr ausgezeichnete Personen! die mir schon oft wiederholt haben, sie gehen so gerne in die ersten Vorstellungen, wenn sie einen guten Platz haben; das kommt ganz geschickt für sie; sie werden in Entzücken gerathen! – »Wie, Herr Gemahl. Sie wollen noch einmal ausgehen?« – Nein, nein; aber ich lasse einen Comissionär holen, während ich ihnen hier ein paar Worte schreibe ... – »Aber das Mittagessen!« – Es ist das Werk eines Augenblicks.« Mondigo läuft an seinen Schreibtisch: er schreibt ein gar liebenswürdiges Briefchen, legt die beiden Billete hinein und gibt es dem Commissionär, welcher eben anlangt. Der arme Autor setzt sich endlich zu Tische. Während er seinen Braten anschneidet, kommt der Commissionär zurück und Mondigo läßt ihn eintreten. »Nun, habt Ihr sie angetroffen?« fragt der Autor. – »Ja, mein Herr; o, ich habe sie gleich gefunden. – »Habt Ihr meinen Brief abgegeben?« – Ja, Herr. – »Was hat man Euch an mich ausrichten heißen?« – Man hat mir gesagt, schon recht , weiter nichts. – »Wie! sonst hat man nichts gesagt?« – Das heißt, doch! die Dame hat zum Herrn gesagt: »›Das wird vielleicht wieder eine rechte Dummheit sein, sein Stück ... ‹« Und der Herr hat geantwortet: »›Ah bah! man muß es riskiren! Es gibt Autoren, die nicht immer schlechtes Zeug schreiben ... und ...‹« – »Schon gut ... genug, genug! ... Nun, auf was wartet Ihr noch?« – Ich warte auf meine Bezahlung. – »Wie! hat man Euch nicht bezahlt in dem Hause, wohin Ihr meinen Brief getragen habt?« – Keinen Sou hat man mir gegeben! der Herr kann sich erkundigen. – »Ha! alle Wetter! das ist zu stark! Ich schicke den Leuten Billete und muß noch den Commissionär bezahlen!« Der Autor gibt dem Briefträger fünfzehn Sous und Clementine kann sich des Lachens nicht enthalten, als sie das Gesicht sieht, das ihr Mann macht; dann sagt sie halblaut: »O! wie angenehm ist es doch, Billete zum Verschenken zu haben und Glückliche machen zu können!« Was Mondigo betraf, so war er über Alles, was ihm begegnete, so verstimmt, daß er nicht mehr essen konnte und sogar genöthigt war, mehrere Gläser Zuckerwasser zu trinken, um die Verdauung des Wenigen, was er genossen, zu befördern. Aber die Stunde des Schauspiels hat geschlagen und der Autor vergißt alle seine Widerwärtigkeiten, um nur noch an sein Stück zu denken. Er überzählt die Billete, die er ausgetheilt hat, und sagt zu sich: »Es wird gehen ... wenn einige schwache Stellen darin sind, so habe ich meine Freunde da, um das Stück zu halten, um Beifall zu klatschen! ... Ich rechne sehr auf meinen jungen Kaufmann, dem ich acht Billete zugestellt habe: er sprach von Stöcken, die man mitnehmen wolle, um den Auspfeifern Arm und Bein entzwei zu schlagen ... wenn er sich nur von seinem Freundeseifer nicht zu weit hinreißen läßt und sich Unannehmlichkeiten zuzieht! ... Wir müssen uns auf den Weg machen,« sagt Mondigo jetzt zu seiner Frau; »man gibt nur eine einaktige Pièce vor meinem Stück und ich denke, meine Theure, Du wirst den Anfang sehen wollen.« – O! gewiß; aber Fräulein Soufflat und ihr Vater sind noch nicht da; ich muß dieselben erwarten, da sie mich abholen wollen. – »Das ist wieder schön! Ich wette, sie lassen lange auf sich warten! ... Und Dernesty?« – O! der wird unsere Loge erfragen und im Theater zu uns kommen. – »Ganz recht! Ebenso hätte man es mit den Soufflats machen sollen, statt auf sie zu warten.« – Lieber Freund, sie haben mir gesagt: »›Wir werden Sie abholen ... warten Sie auf uns.‹« Da konnte ich ihnen doch nicht antworten: Nein, ich will nicht warten ... das wäre unanständig gewesen. – »So sollten sie auch präcis sein ... es ist bereits halb acht Uhr.« – Ich hatte ihnen gesagt, sie sollten sich um sieben Uhr einfinden. – »Nun, da siehst Du, wie diese Leute ein Versprechen halten. Es ist weit von hier bis ins Theater.« – Was liegt daran! Wir nehmen doch einen Wagen? – »Ja, aber auch mit einem Wagen braucht man Zeit. Ich meinerseits muß dort sein, ehe der Vorhang aufgezogen wird, um zu sehen, wie meine Schauspieler costümirt sind. Das ist hochwichtig! ... In meinem letzten Stück hatte sich mein edler Alter in eine Nankinghose und blauen Ueberrock gesteckt: er sah auf und nieder aus wie ein Maurerpolir! Glücklicher Weise kam ich noch zu rechter Zeit, um ihn die Hosen wechseln zu lassen! und mein Stück machte Glück.« – Und ohne das, denkst Du, daß es durchgefallen wäre? – »Meine Theure, ein falsches Costüm verwirrt alle Vorstellungen der Zuschauer: sie nehmen eine Person für Etwas, was sie nicht ist, und das kann dem Werke sehr viel schaden. Gott! wie schlecht mir zu Muthe wird! ... Bald drei Viertel auf acht Uhr! ... Da begleite man Freunde ins Theater! Sollten sie nicht selbst einsehen, daß ich dort sein muß?« – Aber, lieber Freund, so gehe doch allein ... breche auf. – »Wenn dann aber die Leute gar nicht kommen, und Du allein im Theater und in Deiner Loge ankommen würdest! ... Das ginge nicht, das wäre unschicklich.« – Nun, so habe ein wenig Geduld. – »Du wirst mir aber doch zugeben müssen, daß es abscheulich ist, einen Autor, von dem man ein Stück spielen wird, warten zu lassen! ... Ach, wie dumm ist es, Leute mit zu bringen! ... Wenn ich in diesem Augenblick neben Soufflat stände, so gäbe ich ihm mit Vergnügen einen Hundstritt, um ihn vorwärts zu treiben. Madame, wenn sie in drei Minuten nicht da sind, so gehen wir.« – Wie Du willst, mein Lieber.« Die drei Minuten waren abgelaufen, Herr Soufflat und sein Töchterlein noch nicht angelangt. Mondigo hieß seine Frau ihren Hut aufsetzen und eilte, einen Fiaker zu holen. Eben verließ unser Paar das Zimmer, als man läuten hörte. Es waren die nicht mehr Erwarteten. »Ei! kommen Sie endlich!« rief der Autor aus, »Sie haben sich sehr verspätet.« – Guten Abend, mein lieber Mondigo ... Madame, ich küsse die Hand ... stellen Sie sich nur vor, es ist nicht unser Fehler: im Augenblick, wo wir weggehen wollten, langte Stöpsel an, um mit meiner Tochter ein Musikstück, das sie morgen spielen sollen, zu wiederholen. Stöpsel hatte sein Instrument bei sich und Sie begreifen, daß es sehr unangenehm für ihn gewesen wäre, wenn er es unbenützt hätte wieder mit zurücknehmen müssen! Uebrigens haben sie ihre Sache nur dreimal mit einander gemacht. Nicht wahr, liebe Tochter?« – Viermal, Papa. – »Ich glaube, Du irrst Dich. Nur dreimal.« – Doch, Papa, viermal.« Mondigo drängte Herrn Soufflat und seine Tochter zur Thüre, indem er ausrief: »Drei oder viermal! ... mein Gott, was liegt daran! Aber ich bitte flehentlich: fort! fort!« Die Gesellschaft steigt in den Fiaker. Auf der ganzen Fahrt ins Theater fände es der Autor, der nur an sein Stück denkt, ganz natürlich, daß man darüber spräche, aber Herr Soufflat schwatzt nur von dem Stück, das seine Tochter mit Herrn Stöpsel repetirt hat, und als Herr Mondigo rief: »Heute Abend ist der entscheidende Augenblick!« – antwortete Herr Soufflat: »Nein, erst Morgen. Aber ich glaube, es wirb gut gehen; übrigens wirb Stöpsel die Sache morgen früh noch einmal mit meiner Tochter vornehmen.« Mondigo sagte nichts mehr; er begnügte sich, mit seiner Frau einen Blick zu wechseln, welcher bedeutete: »Was das liebenswürdige Leute sind und welches Interesse sie an meiner ersten Vorstellung nehmen!« Man ist im Theater angekommen: das neue Stück hat noch nicht begonnen; der Zwischenakt dauert noch fort. Der Autor läuft auf die Bühne. Madame Mondigo nimmt mit ihren Begleitern in ihrer Loge Platz. Im Augenblick, wo sich Fräulein Soufflat auf den Vorderplatz der Loge neben Clementinen setzt, läßt sich ein Gemurmel im Saal vernehmen; es ist die Nase des Fräuleins, welche diese Wirkung hervorbringt. Herrn Soufflat Vater stellt sich mehr als je auf die Zehen und streckt seinen Kopf zur Loge heraus, indem er sagt: »Was gibt's, was ist das? Ein Wortwechsel? eine Schlacht?« – O! gar nichts,« antwortete lächelnd die schöne Blondine. Madame Mondigo ist keineswegs ärgerlich über den von ihrer Nachbarin bewirkten Effekt, und es läßt sich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie ihr nur darum den Vorzug vor Madame Marmodin gegeben hat, weil sie zum Voraus den unermeßlichen Vortheil berechnete, der für sie daraus erwuchs, daß sie die Nase des Fräuleins Soufflat an ihrer Seite hatte, statt des lieblichen Gesichts von Fränzchen. Die Weiber denken an alle diese Kleinigkeiten. Herr und Frau St. Godibert thronen in ihrer Loge, die sich im zweiten Seitenrang befindet, über ihrer Schwägerin, welche sich auf ihrer Vorderloge im ersten Rang breit macht. Die stämmige Angelika, nicht sehr erbaut über die hohe Stellung , die man ihr angewiesen, sagt zu ihrem Manne: »Ihr Bruder hätte uns doch wohl auch einen Platz auf der ersten Galerie geben können, uns! Er hätte uns doch wenigstens auf denselben Rang fetzen können wie sich.« – Wahrscheinlich wird er nicht gekonnt haben. – »Ich sage Ihnen, ich, er hat es mit Fleiß gethan: diese Schriftsteller sind voller Eitelkeit ... trotz dem läßt er es sich recht gut bei uns schmecken.« – Du weißt nicht, liebe Frau, daß die Autoren nicht so viele Billete erhalten, als sie haben möchten, ich weiß das von meinem Bruder ; ich bin sehr gespannt auf das Stück meines Bruders .« Herr St. Godibert sprach die letzten Worte mit einem besondern Nachdruck, indem er dabei umherblickte, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, daß er der Bruder des Autors sei. Seine Frau schnitt dazu ein Gesicht und murmelte: »Sie sollten nach Ihrer Gewohnheit beisetzen: »›mein Bruder, das Genie!‹« das wäre noch hübscher. Aber bei alle dem sehe ich unsern Sohn Julian nicht; wo hat man ihn denn eingepfercht? Man wird ihm doch kein Billet auf das Paradies gegeben haben? Das fehlte noch!« – Nein ... siehst Du, Angelika, unser Sohn ist hinter jener schönen Brünette auf dem Balkon ... Aber da sehe ich Fräulein Soufflat mit ihrem Vater in der Loge meiner Schwägerin; ich will sogleich hingehen, sie zu grüßen. – »Nein, Herr, das verbiete ich Ihnen! Es hätte das Aussehen, als ob Sie Madame Mondigo Ihre Aufwartung machten, weil sie auf der ersten Galerie ist, und das leide ich nicht.« – Aber, liebe Frau ... – »Ich sage Ihnen ein für allemal, daß ich es nicht leide.« Während dies Gespräch in dieser Loge vorfiel, hatte sich Friedrich hinter Madame Marmodin gestellt, welche mit ihrem Gemahl auf der ersten Galerie saß. Der Gelehrte machte seine Frau auf eine sehr elegante Dame mit einem äußerst geschmackvollen Armband aufmerksam und sagte zu ihr: »Ich wette, daß Du nicht erräthst, ob das ein Psellion oder ein Brachionistes, ein Elydone oder ein Dextrocherium ist?« Das muthwillige Fränzchen wendete lachend ihren Kopf um, indem sie Friedrich sehr weiße und schön gereihte Zähne zeigte, ohne auch nur an eine Antwort für ihren Gemahl zu denken. Aber zu dem großen jungen Mann sagte sie: »Sie kommen, das Stück Ihres Oheims zu sehen? Das ist sehr schön.« – Ach! ich wünschte, es hätte zwölf Akte und dauerte zehn Stunden! – »Ei, wirklich? Sie lieben also das Schauspiel sehr?« – Ja, wenn ich in Ihrer Nähe bin. – »Aber, Sie müssen nicht so viel mit mir sprechen ... Knecht Ruprecht könnte sich erzürnen! Er macht schon gräuliche Augen, weil Sie da sind.« – Wer ist denn der Knecht Ruprecht? – »Wie! Sie errathen nicht? ...« Damit warf das schelmische Fränzchen einen Seitenblick auf ihren Mann. Friedrich brach jetzt in ein unbändiges Lachen aus, das er in seinem Schnupftuch zu ersticken suchte. In dem Gang der zweiten Galerie spazierte der Vetter Brouillard, der eben angekommen war, auf und ab, indem er zu den Logengittern hineinsah und sagte: »Seht einmal, es sind doch einige Leute gekommen! ... Das ist erstaunlich! Man scheint demnach nicht zu wissen, daß das neue Stück von Herrn Mondigo ist! ... Ah! dort sitzen St. Godiberts! Sie sehen aus, als zankten sie sich! ... Wo ist doch die zärtliche Clementine? Halt, da seh' ich sie auf der ersten Galerie, der Bühne gegenüber! ... Was ist denn das für eine Nase bei ihr? ... Ach! Fräulein Soufflat! Und dahinter? O, beim Blitz! Dernesty ... immer Dernesty hinter meiner Base! ... Armer Mondigo! der Comödien macht, worin er über geprellte Ehemänner spottet! ... Und der hält sich für einen Mann von Geist! ... Auf der Galerie bemerke ich Friedrich bei Madame Marmodin ... schaut einmal, das macht sich gut! das macht Fortschritte! ... Zum Glück weiß der Gelehrte, wie Kuckuk auf lateinisch heißt ... und Herr Roquet ... ich werde ihn nicht gewahr ... Schließerin! ... he da, Schließerin! aufgemacht, wenn's gefällig ist ... man wird gleich anfangen.« Die Schließerin betrachtet das Billet des Herrn Brouillard und antwortet: »Mein Herr, Sie gehören nicht hieher, einen Stock höher.« – Wie, höher? Mein Billet lautet auf das Amphitheater! – »Ja, mein Herr, das ist hier oben.« – Also im Hühnerstall hat mir mein Vetter einen Platz gegeben ... einen jener Plätze, den man seiner Haushälterin, seinem Portier gibt? – »Mein Herr, Sie werden nicht gar zu schlimm aufgehoben sein!« – Nein, nicht zu sehr, aber gerade hinlänglich! Ah! man schickt mich da hinauf! ganz gut, mehr braucht's nicht ... Nun kann ich meine Meinung äußern, wie es mir convenirt.« Herr Brouillard steigt ins Amphitheater hinauf, wo er nur noch einen Platz in der letzten Reihe findet, weil viele Leute da sind. Er setzt sich mit wüthender Miene darauf, und im Augenblick, wo das Stück beginnen soll, schnäuzt er sich viermal hintereinander, als ob er das Posthorn nachahmen wolle. Der erste Akt von Mondigos Stück verläuft ohne Unterbrechung, aber kalt. Mitten in einer Scene, welche Eindruck machen sollte, veranlaßte ein Streit am Eingang zum Orchester die Spielenden einen Augenblick, den Dialog zu unterbrechen. Es ist Herr Roquet, der eintreten wollte, als der Vorhang bereits aufgezogen war und seinen Platz besetzt fand; das Individuum, welches sich desselben bemächtigt hat, verweigert, ihn ihm abzutreten. Herr Roquet lauft zu einem Inspektor, dann zu dem Commissar ... das Alles macht einen Lärm, der am Zuhören hindert und der Wirkung des ersten Aktes bedeutend schadet. Nachdem der Vorhang gefallen, eilt Mondigo auf die Bühne und schaut durch das Guckloch des Vorhangs in den Saal, um sich nach allen Denjenigen umzusehen, welchen er Billete geschenkt hat; denn er begreift nicht, daß sein erster Akt nicht mehr beklatscht worden ist. Inzwischen sieht er einige bekannte Gesichter. Aber Herr Roquet ist noch in seinem Wortwechsel begriffen; Herr Marmodin rollt seine Augen umher wie eine Nachteule; sein Bruder und dessen Frau verziehen den Mund; sein Neffe Julian scheint sehr beschäftigt mit einer hübschen Brünette, die vor ihm sitzt; sein anderer Neffe neigt sich, um Fränzchen ins Ohr zu flüstern, und Dernesty scheint Clementinen mit vielem Feuer zu unterhalten. »Sie sind Alle mit meinem Stück beschäftigt!« sagte der Autor zu sich, in dem gutmüthigen Glauben, man denke an ihn. Dann schaut er in eine Loge, die er Zweien seiner Freunde gegeben, um ihre Frauen dahin zu führen: dort erblickte er eine Kindsmagd mit vier Kindern. Die Plätze, für die er seinem jungen Kaufmann die Billete gebracht hat, sind noch unbesetzt. In der Ecke einer Galerie endlich, wo er den Pastetenbäcker mit seiner Frau zu finden hofft, bemerkt er zwei Lehrjungen in ihrem weißen Wamms. Mondigo geht unbefriedigt hinter die Coulissen zurück. Sein zweiter Akt beginnt. Während eines sehr langen Monologs vergißt sich Herr Marmodin mit so starkem Gähnen, daß der ganze Saal zusammenlacht. Bald ertönt ein scharfer Pfiff von dem Amphitheater, wo der Vetter Brouillard sitzt. Statt dasselbe mit Bravos zu ersticken, lassen die Freunde die Ohren hängen oder sehen sich lächelnd mit einer Miene an, welche sagen will: »Es ist nichts an dem Stück! ... ich begreife sehr wohl, daß man pfeift.« Der zweite Akt schwankt zwischen Lachen und Pfeifen hindurch. Aber Friedrich wäre sehr in Verlegenheit, etwas über das Stück zu sagen, weil er gar nicht darauf gehört hat; Julian und Herr Dernesty befinden sich in dem gleichen Fall. Herr St. Godibert, dem es nun sehr leid thut, daß er laut geäußert hat, das Stück sei von seinem Bruder, ist mäuschenstill, während seine Frau mit höhnischer Miene auf ihre Schwägerin herabsieht. Eines der vier Kinder weint überlaut; einer der Lehrjungen läßt seine Mütze in das Parterre hinabfallen. Was Herrn Soufflat betrifft, so sagt er ganz leise zu seiner Tochter: »Ich meine, Du hättest eben so gut gethan, daheim zu bleiben und Dich noch einmal mit Herrn Stöpsel einzuexerziren.« Der dritte Akt wird unter fortwährendem Getöse, welchem Niemand Einhalt zu thun sucht, ausgespielt; man läßt den Vorhang fallen und der Verfasser wird nicht gerufen . In dem Augenblick, wo er sich durch den Gang schleicht, um seine Frau abzuholen, begegnet Mondigo dem jungen Kaufmann, der jetzt erst mit sieben Personen ankommt und ihm entgegenschreit: »Da sind wir, da sind wir Alle! ... Wo hält man? ... Jetzt wollen wir Feuer in die Leute bringen!« »Eben ist es aus!« antwortete Mondigo, sich rasch entfernend, aber nicht rasch genug, um dem Vetter Brouillard zu entrinnen, der ihm zuruft: »Was das für ein Zischen war! ... Haben sich's die einmal angelegen sein lassen! ... wenn ich nur mein nervöses Kopfweh nicht wieder bekomme! ... Indeß erhalten Sie vielleicht ein andermal Genugthuung ... es kann auch wieder besser gehen. Aber wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so machen Sie sich nicht mehr an spanische Stoffe ... das bringt Ihnen Unglück ... schon mehrere Stücke dieser Art waren nicht glücklich.« Bald darauf wird der arme Autor von einem der Lehrjungen angehalten, der ihm sagt: »Herr, mein Meister hat nicht kommen können, aber wir haben uns sehr verlustirt, es war einige Male zum Todlachen, besonders wo sich der Eine auf dem Boden herumwälzte und Grimassen schnitt; wir haben den Schauspieler erkannt, der den dummen Peter machte ...« – O! mein Drama! ... Don Pedro, Dummkopf! – »Nun meinethalben, Dummkopf, ich wußte eben, daß etwas Dummes dabei war; es ist einer von unsern Abnehmern, und er hatte uns schon gestern gesagt, das Stück werde lustig werden.« Mondigo entledigte sich aller dieser Leute, welche ihren Spott mit seiner Ungeduld zu treiben schienen und gelangte endlich in die Loge seiner Frau. Er fand dort nur noch Herrn Soufflat und seine Tochter. »Wo ist denn Clementine?« fragte der Autor. – »Der Lärm im Saale hat ihr wehe gethan, sie fühlte sich unwohl und ist kurz vor dem Ende mit Herrn Dernesty weggegangen,« antwortete Herr Soufflat. »Ach! die arme Clementine! ... Ich kann es mir denken, sie ist so reizbar, so empfindsam, so eindrucksfähig! Ach, sie mußte sehr leiden! ... Welche Cabale! welch höllische Cabale! ... He! was sagen Sie dazu?« Herr Soufflat drückte seine Lippen zusammen, machte ein sehr unentschiedenes Gesicht und stammelte: »Hm! ... hm! ... wer mich je wieder in einer ersten Vorstellung trifft ...« Wenig erbaut von dieser Antwort, grüßte der Autor und ging, indem er zu sich sagte: »So sind die Leute! Drei Viertheile davon haben keine andere Meinung, als die man ihnen auf dem Teller präsentirt: unfähig, selbst zu urtheilen, warten sie mit ihrem Ausspruch, bis ein Kühnerer anfängt. Ist sein Ausspruch günstig für Einen, so theilen sie ihn; ist er ungünstig, so theilen sie ihn wieder.« Mondigo fuhr nach Hause und gestand sich: »Meine Frau hatte Recht: ich war ein Esel mit meinen Billeten ... fortan werde ich es machen wie die Andern. Welch' peinlicher Tag! Seine Zeit mit Warten auf die Eingeladenen zubringen, zwei unnöthige Gänge machen; Cabriolete nehmen, Commissionäre zahlen, Plätze an Leute verschenken, die sie Andern geben, oder erst kommen, wenn Alles vorbei ist, oder sie gar zurückschicken, dabei noch schlechte Complimente hören müssen ... danke schön, daran habe ich genug.« Begreifet ihr jetzt, warum die Autoren keine Freibillete mehr geben? Dabei muß ich indeß die ersten drei Vorstellungen ihrer Werke ausnehmen, wo sie dieselben gewissen rüstigen Händen des Parterres überlassen oder solchen Freunden schenken, welche sich die Mühe nehmen, sie zu holen oder abholen zu lassen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Das verborgene Bild In einem jener hübschen Häuser, welche man noch nicht lange in der Straße Notre-Dame de Lorette gebaut hat, befindet sich im letzten Stock, der nicht hoch oben ist, ein sehr schönes Maleratelier. Dieses Atelier, das geräumig genug ist, um Landschaften von bedeutender Größe zu fassen, ist mit jenem Geschmack und jener Originalität verziert, welche die Künstler und besonders die Maler in Alles zu bringen wissen. Es ist indessen gänzlich ohne Pracht und kündigt keineswegs einen Mann an, dessen Pinselstriche mit Gold bezahlt werden; dagegen sieht man zahlreiche Studien, Skizzen, flüchtige Entwürfe und in alle dem Talent, Glut und Erfindung. Hier arbeitet Leopold Bercourt, der junge Mann, den wir im Walde von Fontainebleau gesehen, wo er, während er hauptsächlich pittoreske Gegenden abzeichnete, auch Rosa-Maria's Bildniß malte. Aber bei ihrer letzten Sitzung hatte der junge Künstler seinem hübschen Modell gesagt, daß er, ehe ein Monat verfließen würde, in das Dorf Avon kommen werde, um sie daselbst wiederzusehen und die Bekanntschaft ihres Vaters zu machen. Indeß hatte das junge Mädchen mehr als zwei Monate nach dieser Unterredung ihr Dorf verlassen, und Der, den sie stets wiederzusehen hoffte, war nicht wieder gekommen, wie er versprochen hatte. Hatte Leopold wie die meisten jungen Leute sein Versprechen vergessen, als er von dem lieblichen Kinde entfernt war, welches ihm erlaubt hatte, ihr reizendes Gesicht abzuzeichnen? Nein, dem war nicht so. Aber die Dinge gehen nicht immer, wie wir hoffen, und die einfachste Sache genügt oft, um eine ganze Reihenfolge von Plänen und Entwürfen für die Zukunft zu stören. Ungefähr vier Wochen nach seiner Rückkehr nach Paris, eben als der junge Maler Anstalten traf, nach Fontainebleau abzureisen, hatte er, als er auf der Straße ging, einen Schlag am Fuße gespürt, dann einen sehr lebhaften Schmerz, und endlich war es ihm unmöglich geworden, seine Ferse auf den Boden zu setzen und weiter zu gehen. Leopold hatte sich umgekehrt und rings umher geschaut, um zu erforschen, woher ihm der vermeintliche Schlag gekommen sein könnte, aber es ging eben jetzt Niemand in seiner Nähe vorüber und somit konnte er auch von Niemand gestoßen worden sein. Er hatte keinen Schlag erhalten, keinen Sturz und keinen falschen Tritt gethan und dennoch war er auf einmal hinkend geworden. Das ist einer der tausend Unfälle, welchen unsere gebrechliche Natur unterworfen ist, und wogegen alle Vorsichtsmaßregeln unnütz sind. Leopold hatte, was man im gemeinen Leben einen Hexenschuß heißt, bekommen. Ein solcher Anfall stößt Einem öfters in einem Augenblick zu, wo man sich am wenigsten desselben versieht, bisweilen, wenn man gerade zu einem Mittagessen, zu dem man geladen, gehen, oder sich auf den Ball begeben will. Er ist nicht gefährlich, aber sehr schmerzhaft. Sodann fesselt er einen bald vierzehn Tage, bald vier Wochen an seinen Stuhl. Leopold, der zu bald wieder hatte gehen wollen, in der Hoffnung, seine Heilung zu beschleunigen, hatte diese im Gegentheil dadurch verzögert, und darum war er vor Rosa-Marias Abreise in die Hauptstadt nicht mehr im Dorfe Avon erschienen. Kaum endlich hatte er den Gebrauch seines Beines wieder erlangt, so fuhr er mit der Eisenbahn nach Corbeil und von da mit dem Postwagen nach Fontainebleau, von wo er sich zu Fuß ins Dorf begab, indem er bereits sein Herz mächtig schlagen fühlte bei dem Gedanken, bald sein hinreißendes Modell wieder zu sehen. »Sie denkt vielleicht, ich habe sie vergessen!« sagte der junge Maler unterwegs zu sich. »Die Zeit, binnen welcher ich zurückzukehren versprach, ist seit mehr als einem Monat verflossen ... aber ich werde ihr den Unfall, der mir begegnet, erzählen, und sie wird mir glauben, denn sie muß mir an den Augen ansehen, daß ich nicht aufgehört habe, sie zu lieben, und mein einziger Wunsch ist, meine Tage mit ihr zu verleben.« Bald war Leopold an den ersten Häusern des Dorfes angekommen, dann hatte er seinen schnellen Gang gemäßigt, und darauf, sich ganz bewegt und verwirrt fühlend, einen Augenblick unter einem Baum ausgeruht und folgende Erwägung gepflogen: »Wenn ihr Vater mich nicht gut aufnähme ... wenn er böse würde, daß ich ohne seine Erlaubniß Bekanntschaft mit Rosa-Maria angeknüpft habe! ... Doch nein, Muth! Sie hat mir gesagt, ihr Vater sei gut, er liebe sie zärtlich. Ich werde zu Herrn Hieronymus sagen, daß meine Absichten ehrlich sind, daß mein Vater, der Vertrauen in mich setzt, mir hundertmal versichert hat, er werde mir niemals in der Wahl einer Gattin hinderlich sein, selbst wenn sie kein Vermögen habe ... und zudem wird sie ja da sein ... und ihren Vater zu meinen Gunsten stimmen ... ich müßte mich denn getäuscht haben ... und sie mich nicht lieben ... oder mit einem andern Manne bekannt geworden sein, der ihr gefallen! ... Aber nein! ich habe Unrecht, mir Unruhe zu machen ... Muth also! stellen wir uns vor; aber fragen wir erst, wo Herrn Hieronymus Gogo's Wohnung ist.« Ein junges Bauernmädchen ging vorüber. Leopold sprach sie an; »Jungfer, kennen Sie in diesem Dorfe den Landwirth Hieronymus Gogo?« – Ja, Herr, ich kenn' ihn recht gut ... potz Kuckuk! er war erst gestern Abend noch bei uns. – »Könnten Sie mir seine Wohnung bezeichnen?« – Ja, Herr, ganz leicht; Sie sind gar nicht weit davon. Sehen Sie, gehen Sie die erste Gasse da links, dann am Ende, beim Eingang in die Hauptstraße, werden Sie ein schönes Haus mit grün angestrichenen Läden sehen ... es ist leicht zu kennen ... es gibt keine andern grünen Läden in der Straße ... da ist es. – »Schönen Dank, Jungfer.« Leopold setzte sich wieder in Marsch. Bald bemerkte er das Haus mit den grünen Läden, und während er sich demselben näherte, richtete er seine Blicke auf die Fenster dieses Hauses. Er hoffte Rosa-Maria's hübsches Profil hinter den Scheiben eines der Kreuzstöcke zu entdecken; aber er sah Niemand. Bald steht er an der Hausthüre; sie ist halb offen und kurz darnach erscheint eine ältere Frau auf der Thürschwelle. Es ist Maria, welche vor der Thüre ein wenig Luft schöpfen und mit einigen Nachbarinnen plaudern will. »Ist hier ... das Haus des Herrn Hieronymus Gogo?« fragt Leopold mit angegriffener Stimme. »Ja, mein Herr,« antwortet Marie, indem sie den jungen Mann neugierig von oben bis unten prüft. »Ist Ihr Herr zu Hause?« – Nein, mein Herr: unser Herr ist mit Mist auf seinen großen Acker gefahren, wo er Kartoffeln gesteckt hat. Er wird erst spät am Abend zurückkommen. – »Wollen Sie mich dann bei Fräulein Rosa-Maria einführen? ... Sagen Sie ihr nur, Jemand aus Paris wünsche sie zu sprechen ... sie weiß dann schon wer.« Die Magd betrachtete unsern Mann mit noch mehr Neugierde und antwortete: »Mamsell Rös ... die Tochter unseres Meisters?« – Ei freilich ... ist sie auch abwesend? – »O! glaub's wohl! ... Aber die wird nicht so bald zurückkehren.« – Wie! was soll das heißen? – »Daß Mamsell Rös nicht mehr hier ist, daß ihr Vater sie nach Paris zu ihren Oheimen geschickt hat ...« – Sie ist nicht mehr im Hause ihres Vaters! Wär' es möglich! – »Ja, mein Herr: seit vier Tagen ist die Mamsell abgereist.« – Seit vier Tagen ... und wie! sie ist fort ... nach Paris? – »Ja, mein Herr, zu ihren Oheimen Gogo!« – Und sie ist allein abgereist, das Fräulein Rosa? – »O! ihr Vater hat sie bis Fontainebleau begleitet und in den Postwagen von Corbeil gebracht; hernach wird die Mamsell auf die Eisenbahn gesessen sein, es geht jetzt so schnell!« Leopold war von dem eben Gehörten wie niedergeschmettert. Schon glaubte er den Augenblick gekommen, wo er Rosa-Maria wieder sehen würde, schon war er glücklich in der Hoffnung, aber was man ihm eben gesagt, hat das ganze Glück, das er zu kosten hoffte, verscheucht. Er bleibt unbeweglich vor Marie stehen, sein Kopf ist auf seine Brust herabgesunken und er weiß weder was er sagen, noch was er thun soll. Als Marie sieht, daß der junge Mann stumm vor ihr stehen bleibt, ruft sie nach einigen Augenblicken aus: »Aber, mein Herr, deßhalb können Sie dennoch in unser Haus treten, ausruhen und die Rückkehr unseres Herrn, mit dem Sie sprechen wollten, abwarten.« – Nein, das ist jetzt unnöthig!« antwortete Leopold traurig. »Ich brauche Herrn Hieronymus nicht mehr zu sehen. – »Ah! das ist etwas Anderes! Der Herr kannte also nur die Mamsell?« – Ja, das heißt ... ich wollte ... sie sollte mich ihrem Vater vorstellen, aber da sie nach Paris abgereist ist, so wird sie doch so bald nicht wieder heimkommen. – »Glaube nicht, Herr, da Mamsell Rös zu ihren Oheimen gegangen ist, so wird sie wohl dort bleiben, sich dort niederlassen.« – Sich niederlassen, wie? Soll sie denn einen Mann nehmen. – »Meiner Treu', Herr, das weiß ich nicht, aber wenn sich dort eine gute Partie für sie fände, warum sollte man sie nicht verheirathen, das junge Blut? Sie ist schön genug dazu!« – Hat ihr Vater sie in dieser Absicht nach Paris geschickt? – »Wohl möglich; indeß kann ich darüber nichts sagen, aber ich glaube, Mamsell langweilte sich auf dem Dorfe und ihr Vater, der sie sehr liebt, hat gedacht, sie würde sich in Paris mehr verlustiren.« – Ah! sie langweilte sich? Dann wird sie nicht zurückkommen. – »Im Gegentheil, Herr Hieronymus sagte noch diesen Morgen: »›O! sobald ich Nachrichten von meiner Tochter habe und weiß, bei welchem meiner Brüder sie wohnt, werde ich nach Paris abreisen, um sie zu küssen.‹« – Er hat also noch keine Nachrichten von ihr erhalten, seit sie weg ist? – »Nein noch nicht, mein Herr.« – Und hat Fräulein Rosa bei ihrer Abreise nichts gesagt, um ... nichts hinterlassen ... für den Fall, daß ... – »Um ... für den Fall, daß ... Ich verstehe nicht, was der Herr sagen will. Aber ohne Neugierde gefragt, woher kennt denn der Herr Mamsell Rös? Er war doch nie bei uns, Sie müssen also in Fontainebleau bei Frau Dumon ihre Bekanntschaft gemacht haben?« – Ja ... ja ... nämlich ... ich empfehle mich Madame; Wenn sie zurückkehrt ... so können Sie ihr sagen ... doch das ist überflüssig, weil sie nicht zurückkehren wird.« Und der junge Maler hatte sich eilenden Schrittes entfernt, die alte Marie in äußerster Neugierde hinsichtlich seiner und der Art und Weise, wie er mit ihres Herrn Tochter Bekanntschaft gemacht, zurücklassend. Leopold hatte sogleich den Weg nach Paris wieder eingeschlagen, aber in einer ganz verschiedenen Gemüthsstimmung von der, in welcher er diese Reise unternommen. Er kehrte zurück, ohne Rosa-Maria gesehen zu haben, und was ihn besonders in Verzweiflung setzte, war, daß er nicht wußte, wo er sie wieder sehen könnte. Und da die Verliebten gleich bereit sind, sich tausend Qualen in den Kopf zu setzen, besonders wenn der Gegenstand ihrer Leidenschaft nicht in der Nähe ist, um sie mit einem Lächeln oder mit einem Worte zu beruhigen, so dachte er: – »Sie liebt mich nicht mehr ... sie denkt nicht mehr an mich ... darum wollte sie nach Paris gehen. Sie wußte wohl, daß ich wiederkommen würde, sie zu besuchen; sie mußte doch wohl denken, daß nur ein unvorhergesehenes Hinderniß mich zurückhalten konnte, daß ich aber mein Versprechen halten würde ... Indem sie sich entfernte, bedeutet das nicht so viel als, sie will mich nicht wiedersehen? Hätte sie doch wenigstens von mir gesprochen ... mit dieser Magd ... aber nichts, nicht eine Silbe! ... Man sah ganz erstaunt über meinen Besuch aus, man betrachtete mich mit Mißtrauen! Ha! sie hat niemals von mir geredet. Mit Unrecht hoffte ich, dieses junge Mädchen habe Anhänglichkeit an mich! Sie zog es vor, zu ihrer Belustigung nach Paris zu reisen! Wenn ich ihr dort nur wenigstens begegnen könnte, aber wo? ... bei wem? ... O! ich bin ein Thor, daß ich sie liebe, ich muß dieses Mädchen vergessen.« Aber sobald er nach Paris kam, war es Leopolds erste Sorge, in Theatern, auf Spazierplätzen und an öffentlichen Orten umherzulaufen, in der Hoffnung, Rosa-Maria daselbst zu begegnen. Bei allen seinen Bekannten erkundigte er sich, ob man die Herren Gogo kenne? und da das junge Mädchen ihm gesagt hatte, einer ihrer Oheime mache Theaterstücke, so las er alle Tage, die Gott gab, die Theaterankündigungen durch, und suchte unter jedem Stück den Namen Gogo, was ihn auf die Fährte des Verfassers gebracht hätte. Aber nichts, gar nichts war ihm gelungen: er hatte nichts über das schöne Waldmädchen erfahren, und darum war er so traurig, so träumerisch in seinem Atelier. In einer Art Nische dieses Gemaches bemerkte man einen großen grünen Vorhang, der oben an einer Stange befestigt und unten mit Bändern zugeknüpft war. Dieser Vorhang verbarg Rosa-Maria's Portrait. Obgleich das junge Mädchen nur in halber Lebensgröße dargestellt war, so war doch ihr Gesicht so sprechend ähnlich, daß Jeder, der sie zuvor gesehen, sie wieder erkennen mußte. Nach seiner Rückkehr von Fontainebleau hatte Leopold dieses Gemälde seinem Vater gezeigt und war von diesem über die Ausführung und über die Schönheit seines Modells belobt worden. Der junge Maler hatte eine Geschichte ersonnen und ausgesagt: er habe das Portrait eines jungen Mädchens, das er oft auf dem Felde gesehen, gemalt, ohne daß sie es vermuthete. Hernach aber, da er nicht wollte, daß Rosa-Maria's reizende Züge Jedem, der sein Atelier besuchte, preisgegeben wären, hatte er das Gemälde sorgfältig unter einem dichten, an beiden untern Ecken zusammengebundenen Vorhang verborgen. Wenn ihn Kameraden, Freunde oder Dilettanten fragten, was hinter dem Vorhang sei, so antwortete er kurzweg, es sei die Skizze eines Gemäldes, das er auszuführen gedenke, das er aber nicht sehen lassen wolle, aus Furcht, man möchte sich seiner Idee bemächtigen. Diese Antwort hielt in der Regel Jeden ab, weiter in ihn zu dringen. Wenn er aber allein war, wenn er Niemand mehr erwartete, mit welchem Vergnügen zog dann der junge Maler den Vorhang weg, der ihm Rosa-Maria's Züge verbarg, und stellte sich vor dieses geliebte Bild, das er lange traurig, doch voll Liebe betrachtete! Dann glaubte er noch in dem Walde, noch bei dem jungen Mädchen zu sein: er bildete sich ein, ihre sanfte Stimme klinge noch in seinem Ohr; er sprach zu ihr, als ob sie ihn hören könnte! Dieses Glück war nur eine Täuschung, eine Chimäre; aber es ließ ihn einige Augenblicke seinen Kummer vergessen. Leopold hatte eben den grünen Vorhang weggezogen; er stand in Betrachtung versunken vor dem Bilde Rosa-Maria's und seufzte, während er dachte: »Werde ich ihr denn niemals begegnen können? Sie ist in Paris; aber was thut sie? Wenn ich nur wenigstens hoffen dürfte, daß sie an mich denkt.« Ein leises Klopfen an die Thüre des Ateliers reißt den jungen Maler aus seinen Träumereien. Er beeilt sich, den Vorhang zu schließen, ihn sorgfältig zuzubinden; dann geht er, die Thüre nach dem Gange zu öffnen, deren Schlüssel er immer vorsichtig abzieht, wenn er das Portrait seiner Geliebten ansehen will. »Ah, es ist Herr Dernesty!« ruft Leopold, als er seinen Besucher sieht. Der Stutzer, der jetzt im Morgennégligé, aber immer mit Geschmack, mit Sorgfalt gekleidet ist und im Nothfall zu einem Kupferstich im Modejournal sitzen könnte, tritt in das Atelier mit dem Ausruf: »Wie! mein theurer Herr Leopold, Sie lassen nicht einmal den Schlüssel in der Thüre Ihres Ateliers, damit man, ohne Sie zu stören, eintreten kann? ... Schon dachte ich, Sie seien nicht zu Hause oder hätten ein Modell bei sich, das Sie nicht sehen lassen wollten; man behauptet, die Herren Maler hätten bisweilen so hübsche Modelle, daß sie solche den Augen ihrer Kunstgenossen möglichst zu entziehen suchen.« Mit diesen Worten hatte sich Herr Dernesty auf einen Divan geworfen, wo er es sich auf gut türkisch bequem machte. »Sie sehen, daß kein Modell bei mir war,« sagte Leopold niedersitzend, »aber ich las, und wenn ich in einer interessanten Lektüre bin, so mag ich es nicht gern leiden, daß man hier ohne meinen besondern Willen eintritt.« – Also habe ich Sie gestört? – »Durchaus nicht, sonst hätte ich nicht geöffnet.« – Sie haben hier sehr hübsche Sachen.« Dernesty zog seine Lorgnette heraus und musterte das Atelier. Beim Erblicken des grünen Vorhangs rief er: »Was ist denn hinter diesem Vorhang verborgen?« – O! nichts Interessantes,« antwortete Leopold mit gleichgültiger Miene. »Ein leichter, noch nicht vollendeter Umriß ... ich wünsche nicht, daß man ihn sehe, bis ich meine Idee ganz ausgeführt habe. – »Ah so! ... Nun mein theurer Maler, muß ich Ihnen den Beweggrund, der mich zu Ihnen führt, mittheilen: erstens das Vergnügen, Sie zu sehen, das versteht sich von selbst; Sie sind ein Talent, ein großes Talent! Und so bescheiden, fast zu bescheiden! O! diesen Fehler sollten Sie ablegen, ich versichere Sie, er schadet Jedermann, aber am meisten den Künstlern.« – Meinen Sie? – »Im vollen Ernst! Wie Teufels soll man denn in diesem Zeitalter des Ausposaunens, der Puffe, der Anzeigen, der Aufschneiderei aller Art, denn das ist der wahre Ausdruck! ... wo Jeder sich in die Höhe treiben will wie Champagner! wie soll man auf Sie aufmerksam werden, Sie kennen lernen, wenn Sie ruhig in Ihrer Ecke sitzen bleiben?« – Ich dachte, das Haupterforderniß, um bekannt zu werden, sei das Schaffen guter Werke! – »Wie unschuldig Sie sind! Bei einem Maler setzt mich das in Erstaunen! Alle Wetter! wenn einmal Ihr Ruf gemacht ist, wenn Sie einen berühmten Namen haben, dann seien Sie bescheiden, so lange Sie wollen, das wird Ihnen noch weitere Complimente eintragen; aber bis dahin schlagen Sie Lärm! machen Sie Krawall! Drängen Sie sich vor! ... das führt zum Zweck. Alles Das sagte ich neulich in Betreff Ihrer zu Frau von Armenville, bei der ich das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen; allein man hat Sie schon lange nicht mehr dort gesehen.« – Ich hatte ein Fußleiden, einen Hexenschuß! und dann gehe ich überhaupt wenig in Gesellschaft. – »Abermals mit Unrecht: ein Künstler muß sich in der Welt zeigen. Potz tausend! wenn wir uns einmal besser kennen, will ich Sie vorstellen, poussiren; ... ich komme in die glänzendsten Gesellschaften und habe die schönsten Bekanntschaften; ich werde Sie überall einführen.« Leopold begnügte sich mit einer Verbeugung; die Anträge des Herrn Dernesty schienen ihn nicht sehr anzulocken. Dieser indeß, der ganz die Miene und den Ton eines mächtigen Beschützers annahm, legte sich halb auf den Divan zurück und fuhr fort: »Also denn, mein junger Freund, ich nenne Sie so ... weil ich wenigstens fünf bis sechs Jahre älter bin als Sie und besonders eine große Welterfahrung besitze! ich will Ihr Mäcen sein, und um den Anfang zu machen ... à propos vor Allem, man darf doch hier rauchen, nicht wahr?« – Ei, gewiß! wünschen Sie Cigarren? – »Danke, ich habe Cigaretten, ich liebe das mehr ... lassen Sie mich nur anzünden.« – Hier sind Zündhölzchen. – »Sehr verbunden.« Dernesty hat aus seinem Etui eine duftende Cigarette gezogen, die er anzündet, und dann schmauchend fortfährt: »Wir sagten also, um einen Maler ins Renommée zu bringen, müsse man Porträts oder Gemälde bei ihm bestellen ... nun habe ich bei Frau von Armenville jene hübsche Landschaft gesehen, worin Sie diese Dame und ihre Schwester in ganzer Figur und in halber Lebensgröße darstellten; ich fand das reizend, hinreißend; die Gesichter sind vollkommen getroffen, was sehr schwer ist, wenn man nicht ganz Lebensgröße nimmt. Ferner sind die Personen am rechten Platze angebracht; sie verbinden sich schön mit der Landschaft, so daß es nicht mehr bloß zwei Porträts sind, sondern eine köstliche Naturscene, was ich besonders liebe. Ich wünschte also das Porträt einer Dame, einer mir sehr theuern Dame, mit einem hübschen landschaftlichen Hintergrunde, in ganzer Figur, aber im Kleinen ... sehen Sie ... etwa wie dieser Jüngling dort, hm! Das ist übrigens doch ein wenig zu klein.« – Wir können es etwas größer machen,« sagte Leopold, »ich verstehe schon, was Sie wollen. – »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich einen meiner Freunde, dessen Meinung ich vernehmen wollte, auf diesen Morgen in Ihr Atelier bestellt habe; es kommt Ihnen doch nicht ungelegen?« – Keineswegs; ist dieser Freund ein Maler? – »Nein, aber er hat viel Geschmack ... er kennt unendlich viele hübsche Damen, Modeschönheiten; er könnte Ihnen auch viele Bestellungen verschaffen. Sie kennen ihn vielleicht dem Namen nach; es ist Herr Friedrich Reyval.« – Friedrich Reyval? Nein, ich glaube nicht, ihm je begegnet zu sein. – »Der Neffe des Herrn St. Godibert, eines reichen Banquiers, der schöne Abendgesellschaften gibt und sehr fein traktirt, in der That!« – Ich kenne diesen eben so wenig. – »Ach! Sie kennen aber auch gar Niemand! Das heiße ich leben wie ein Bär, wenn man nicht unter die Leute geht! Aber ich will Sie von diesem verkehrten Leben abbringen. Mein lieber Freund, die Dame, welche Sie malen sollen, ist reizend! eine Blondine ... o, aber vom reinsten Blond, einem Blond, das weder gelb noch roth ist! Eine Haut von blendender Weiße, sehr schmachtende, sehr duftige blaue Augen. Ueber den Preis Ihres Gemäldes rede ich nicht mit Ihnen; ich markte nicht mit Künstlern ... Pfui! Sie sagen mir, was Sie verlangen, und dabei hat es sein Bewenden.« – O! mein Herr, ich werde Ihre Großmuth nicht mißbrauchen. – »Mein Theurer, das Talent ist unbezahlbar.« – Muß ich zu dieser Dame ins Haus gehen? – »Nicht doch, potz Kuckuk! das kann nicht sein! ... Sie wird hieher kommen ... sie wird sogar geheimnißvoll kommen! ... Unter uns: es ist eine Liebschaft, die geheim bleiben muß ... Sie verstehen wohl! ... Uebrigens werde ich Ihnen nächster Tage die ganze Geschichte erzählen.« – Ich verlange keine Mittheilung von Ihnen, mein Herr, und versichere Sie zum Voraus, daß ich fremde Geheimnisse zu achten weiß. – »Ja, aber unter jungen Leuten erzählt man sich solche Dinge ... wenn nur die Ehemänner nichts erfahren! ... Ach! ach! die armen Ehemänner! Ich kenne eine Dame, welche den ihrigen Knecht Ruprecht nennt; diese kleine Dame ist gleichfalls sehr niedlich, und wenn ich einmal nicht mehr in meine Blondine verliebt bin, werde ich mein Augenmerk auf sie richten.« Ein leises Klopfen an der Thüre des Ateliers unterbricht den Schwätzer. »Herein!« ruft Leopold, »der Schlüssel steckt.« – Ohne Zweifel ist es Friedrich,« antwortet Dernesty. Aber anstatt Friedrichs tritt eine Haushälterin in das Atelier. Bei ihrem Anblick steht der junge Maler schnell auf und sagt: »Ihr seid es, Catharine? Sollte mein Vater unwohl sein?« – Nein, Herr, aber ein alter Freund Ihres Herrn Vaters ist bei uns, der Sie gerne sprechen möchte, und nicht so weit heraufsteigen kann, weil er die Gicht hat. Der Herr läßt fragen, ob Sie nicht einen Augenblick kommen könnten? – »Mein Vater wohnt hier in der Nähe, in der St. Georgsstraße. Erlauben Sie mir, dorthin zu gehen? ... Ich werde nicht lange wegbleiben,« sagte Leopold zu Dernesty gewendet. »Gehen Sie, mein junger Künstler, gehen Sie, geniren Sie sich nicht ... ich habe keine Eile; meine Tasche ist voll von Cigaretten! ... Aber Sie erlauben mir, hier meinen Freund zu erwarten, dem ich ein Stelldichein gegeben.« – Gewiß, mein Herr ... ich wiederhole, daß ich mich beeilen werde. – »Noch einmal, lassen Sie sich Zeit! ... Ich befinde mich sehr gut auf diesem Divan. Ich bitte Sie, Ihre Geschäfte abzumachen, als ob ich nicht hier wäre.« Leopold nimmt seinen Hut, zieht einen Rock statt seiner Atelierblouse an und geht dann, nachdem er Dernesty gegrüßt, mit der Haushälterin weg. Der Stutzer nimmt eine neue Cigarette aus seinem Etui, die er anzündet und in den Mund steckt. Er legt sich beinahe in ganzer Länge auf den Divan, läßt dann seine Augen in dem Atelier umherlaufen und murmelt: »Es ist sehr armselig hier ... keine Eleganz, kein Comfort! Talent haben und doch kein Glück zu machen wissen, wie einfältig! Der arme Junge hat, glaube ich, seinen ganzen Geist im Pinsel ... aber er wird mir ein köstliches Porträt von Clementinen machen ... ha! ha! ich muß lachen! Wenn Friedrich wüßte, daß es seine Tante ist, die ich malen lassen will ... ich glaube übrigens, daß ihm am Ende wenig daran liegt, ob sein Oheim Hörner trägt ... und seinerseits geht er Madame Marmodin stark zu Leibe ... nun, sie ist niedlich ... man kann sich damit zur Noth schon amüsiren, in Erwartung von etwas Besserem. Aber man muß nach anderen Eroberungen streben!« Das Geräusch von Stimmen, Ausbrüche von lautem Gelächter, welche sich auf der Treppe hören lassen, ziehen die Aufmerksamkeit Dernesty's auf sich, welcher lauscht und dann fortfährt: »Wer mag wohl mit Friedrich kommen? Ich höre seine Stimme und noch andere, die mir nicht fremd sind! ... Holla! he! ihr Herren, hieher ... die mittlere Thüre aufgemacht und herein!« Die Thüre des Ateliers geht auf und Friedrich mit seinem Vetter Julian und seinem Freund Richard treten ein. Aus dem lärmenden Betragen dieser Herren ist leicht zu errathen, daß sie vom Frühstück kommen und sich dabei nichts haben abgehen lassen. Als Friedrich den auf dem Divan ausgestreckten Dernesty gewahr wird, fängt er an zu lachen. Dieser lacht ebenfalls und sagt endlich: »Ich erwartete nur Einen, und es kommen Drei! Das ist nicht übel!« – Immer besser, als wenn gar Keiner gekommen wäre! – »Alle Wetter! meine Jungen, ihr habt schlampampt, so viel ich sehe ... aus welcher Restauration kommt ihr?« – Aus dem Café de Paris . – »Nicht übel! wer hat die Zeche bezahlt?« – Wahrhaftig! ich dachte einen Augenblick Niemand. Ich hatte Julian und Richard eingeladen, aber im Augenblick, wo ich die Rechnung zahlen wollte, bemerkte ich, daß meine Börse leer war! ich hatte gestern Abend Alles im Whist verloren ... wir spielten ziemlich hoch, fünf Franken den Fisch. Da sagte ich zu mir: »›Da sieht's gut aus!‹« Denn im Vertrauen auf mich konnten diese Herren möglicher Weise auch ohne Baarschaft gekommen sein. Doch durch eine Fügung der Vorsehung fand Julian noch Geld bei sich! ... Das nenne ich einen werthvollen Vetter! ... Aber er raucht sich gut, dieser scheinheilige Julian! ... Bei seinen Eltern spielt er den Kopfhänger, aber ich gelange successive zu der Ueberzeugung, daß er so wenig taugt wie wir. – »Wo Teufels hast Du uns da hingeführt, Friedrich?« fragte Richard, sich in einen alten Lehnstuhl werfend. »Auf Ehre, meine Herren, ich weiß es selbst nicht; Dernesty hatte mich hieher bestellt und ich dachte: »›Gehen wir Alle zusammen, das wird lustiger sein.‹« – Ah, welche hübsche Gruppe!« ruft der junge Julian aus, indem er vor einem kleinen Bilde: badende Mädchen vorstellend, stehen bleibt. »Das ist zum Entzücken! ... Welches Fleisch, welches Colorit! – »So! so! Julian hält sich bei Nacktheiten auf,« sagte Friedrich, Dernesty's Beine auf den Boden ziehend, um sich gleichfalls auf den Divan setzen zu können. »Vetterchen, sehen Sie solche Dinge nicht an! schlagen Sie die Augen nieder! Sie könnten auf sündhafte Gedanken gerathen.« – Wir sind also in dem Atelier eines Malers?« fiel Richard ein, indem er umherblickte. »Ah! ihr Herren, Richard fängt jetzt an zu merken, daß er im Zimmer eines Malers ist: viel von ihm! Bis jetzt hatte er ohne Zweifel geglaubt, er sei in einer Weinstube!« – Meiner Treu', das wäre mir auch lieber gewesen. – »Und wo ist denn der Bewohner?« – Er wird gleich kommen. Da er einen Augenblick ausgehen mußte, hat er mir sein Atelier anvertraut ... sehet, dort in dem Kistchen ... neben der Büste Belisars ... gibt es Cigarren. – »Ach! wenn es hier nur auch Modelle gäbe!« murmelte der junge Julian, »zum Beispiel die, welche zu diesen badenden Mädchen gesessen haben.« – Und im nämlichen Costüme, gelt? Ei, seht mir einmal, mein Vetter wird ein vollständiger Roué. – »Und diese Venus ... sehen Sie doch, Richard!« Richard steht auf und durchgeht mit dem jungen St. Godibert alle Bilder im Atelier. Dernesty und Friedrich strecken sich rauchend auf dem Divan. Vor dem grünen Vorhang angelangt, ruft Richard aus: »Was ist da drunter?« – Ein unvollendeter Entwurf, wie mir der Maler gesagt hat. – »Gut, aber warum hat er ihn denn so sorgfältig verborgen?« – Künstlereitelkeit! Er will es nicht sehen lassen, bevor es vollendet ist. – »Hm! ... das kommt mir sonderbar vor.« – Ich denke mir,« versetzte der junge Julian, »daß dahinter ein Gemälde steckt ... etwas sehr Freies ... so etwas, was man nicht Jedermanns Blicken aussetzen will, aus Furcht, keusche Augen zu verletzen; er hat sogar den Vorhang unten mit Schnüren zugebunden, damit ihn ja der Wind nicht lüfte. – »Jedenfalls,« sagte Friedrich aufstehend, »muß etwas Interessantes dahinter stecken. Dieser Vorhang erinnert mich an das Kabinet vom Ritter Blaubart!« – Donnerwetter! es wird uns den Kopf nicht kosten, wie Blaubarts Weibern! sehen wir einmal darnach!« rief Richard, indem er eine Schleife aufzumachen begann. – »Thut meinethalben, was ihr wollt,« sagte Dernesty, »ich mache mir nichts daraus ... wenn aber der Maler böse wird?« – So wird er auch wieder gut werden, Künstler sind in der Regel leicht zu versöhnen; jedenfalls wird jetzt der Vorhang weggezogen,« rief Richard und zerrte den Vorhang mit Gewalt auseinander, so daß das hinter demselben befindliche Gemälde offen da hing. Beim Anblick dieses jungen, auf einem Baumstamme in einem düstern Walde sitzenden Mädchens blieben die jungen Männer, welche alle Viere vor das Gemälde getreten waren, in stummer Bewunderung stehen. »Welche reizende Kreatur!« rief Dernesty, »wahrlich, Richard, Sie hatten Recht, den Vorhang wegzuziehen ... schwerlich kann man einen schöneren Kopf finden; wenn das Natur ist, so muß ich das Original entdecken.« – Ob es existirt?« sagte Richard, das Porträt immer noch betrachtend; »ja, gewiß, dieses junge Mädchen existirt ... o, ich kenne sie jetzt genau ... sie ist sogar sehr gut getroffen. – »Auch ich kenne sie, diese reizende Person,« sagte Friedrich; »ich weiß sicher, daß ich dieses Gesicht schon irgendwo gesehen habe.« – Ich gleichfalls,« sagte Julian; »es fiel mir sogleich auf ... aber wo habe ich es denn gesehen? – »Auf der Eisenbahn, als wir von Orleans zurückkamen,« sagte Richard; »es ist die junge Person, welche neben Ihnen saß, Julian.« – Ah! ja, ja, so ist es! – »Dieselbe, welcher ich nachgegangen wäre ohne meine empfindsame Irma,« sagte Friedrich. – »Wie, meine Herren, ihr kennet alle Drei dieses hübsche Mädchen?« sprach Dernesty. »Ei! ich will aber gleichfalls ihre Bekanntschaft machen, ich ... nach ihrem Portrait zu urtheilen, muß es wenigstens eine Rosenjungfer sein.« – O! freilich! Nach Richards Versicherung gäbe das eine saubere Rosenjungfer,« sagte Friedrich. In diesem Augenblick wurde die Thüre des Ateliers rasch aufgemacht und der junge Maler stand bald den Personen gegenüber, die ihn zu besuchen gekommen waren. Bei Leopolds Anblick waren die jungen Männer einen Augenblick verdutzt; Dernesty hatte sich jedoch wieder umgekehrt und auf dem Divan ausgestreckt, und die drei Andern begrüßten den Künstler, der dies erwiderte, ohne noch die Augen auf den grünen Vorhang geworfen zu haben. »Ich hatte Ihnen einen Dilettanten angekündigt und es sind Drei gekommen,« sagte Dernesty. »Sie sehen, Herr Leopold, daß ich mehr halte als ich verspreche.« – Ueberfluß schadet nicht,« murmelte Richard vor sich hin. Leopold wollte eben einige höfliche Worte erwidern, als er den Kopf wendete und das enthüllte Portrait Rosa-Mariens bemerkte. Alsbald erblaßte er, seine Augenbrauen zogen sich zusammen; der liebenswürdige Ausdruck seiner Physiognomie nahm auf der Stelle den Charakter des Ernstes und der Strenge an, er betrachtete die Umstehenden einen nach dem andern und grollte die Worte heraus: »Warum hat man diesen Vorhang weggezogen? ... Ich hatte ihn doch zu sorgfältig verschlossen, als daß mein Wunsch, das Gemälde nicht sehen zu lassen, hätte zweifelhaft bleiben können.« – Verzeihen Sie diesen jungen Thoren,« sagte Dernesty, »sie sind es, die den Schleier zu lüften begehrten; der Teufel der Neugierde trieb sie. Ach! mein lieber Freund, wenn die Männer einmal neugierig werden, so sind sie es so sehr wie die Weiber. Aber im Ganzen genommen dürfen Sie nicht bedauern, daß man dieses geheimnißvolle Gemälde gesehen hat, denn es ist hinreißend und es möchte schwer sein, ein lieblicheres, reizenderes Frauenbild als dieses aufzufinden.« Leopolds Gesicht klärte sich ein wenig auf und er antwortete: »Dies junge Mädchen scheint Ihnen hübsch, nicht wahr?« – Hübsch! o! sagen Sie: anbetungswürdig! göttlich! – »Und das Beste daran ist noch die vollkommene Aehnlichkeit,« sagte Richard. Leopold sah Richard mit erstauntem Blicke an. Friedrich fiel ein: »Ja, dies Portrait ist nicht geschmeichelt: das Original ist eben so herrlich.« – Ach! das Original ist eines der reizendsten Wesen, die existiren!« rief Julian aus, indem er das Bildniß des jungen Mädchens mit den Augen verschlang. Leopold wurde über das, was er hörte, mehr und mehr erstaunt; er ließ seine Blicke abwechselnd auf den drei jungen Männern herumlaufen, als wollte er in ihren Gedanken lesen, dann stammelte er mit von Gemüthsbewegung ergriffener Stimme: »Wie, meine Herren, sollten Sie zufällig das Original dieses Portraits kennen?« »Ja, wir kennen es,« antwortete Richard mit einem dünkelhaften Lächeln. »Ich habe allen Grund, zu glauben, daß Sie im Irrthum sind, meine Herren,« entgegnete Leopold. »Das junge Mädchen, dessen Züge ich auf diesem Gemälde dargestellt habe, ist nicht von Paris, sie kommt nicht in die große Welt: sie wohnte mit ihrem Vater auf einem Dorfe. Sie können sie unmöglich gekannt haben.« – Verzeihung, Herr Künstler,« sagte Richard spöttisch, »Alles, was Sie da gesagt haben, hindert nicht, daß dieses hübsche Töchterlein zu unserer Bekanntschaft gehöre und besonders zu der meinigen, denn, was diese beiden Herren betrifft, so haben sie sich wohl mit ihr in einem Wagen befunden ... das ist aber auch Alles; aber bei mir, o! da ist es etwas ganz Anderes.« Der junge Maler warf auf Richard einen Blick, in welchem schon Eifersucht und Zorn erglänzten; aber indem er die Häßlichkeit dieses Herrn und den widerwärtigen Ausdruck seiner Physiognomie gewahr wurde, schämte er sich beinahe, denselben nur einen Augenblick für seinen Nebenbuhler gehalten zu haben, und sich zur Kaltblütigkeit zwingend, erwiderte er: »Und doch, meine Herren, bin ich noch immer überzeugt, daß ein Mißverständniß obwaltet: oft gleichen mehrere Gesichter einem Portrait.« – Ja,« rief der junge Julian, »aber nicht oft begegnet man einer Schönheit wie dieser! Ah! finde ich sie jemals wieder, so soll sie mir nicht mehr entgehen!« Leopold biß sich in die Lippen und schleuderte einen Glutblick auf den Jüngling, der eben gesprochen; da er jedoch dessen weintrübe Augen, purpurrothe Wangen und völlig vernachlässigte Haltung bemerkte, suchte er zu lächeln und sagte: »Ich glaube, diese Herren haben gut gefrühstückt; im gegenwärtigen Augenblick haben sie ihre Vernunft nicht ganz bei einander und sehen ohne Zweifel Aehnlichkeiten, welche nur in ihrer Einbildungskraft bestehen.« – Was soll das heißen, mein Herr?« rief Friedrich; »behaupten Sie, wir seien betrunken? Noch einmal, wir kennen dieses junge Mädchen, wir sind dessen gewiß. – »Aber, meine Herren!« sagte Dernesty, der sich auf dem Divan ausgestreckt hatte, »ihr werdet euch doch nicht ereifern, nicht zanken wollen, und weßhalb? ... Ei zum Teufel! so suchet euch doch zuvor gegen einander zu erklären! Ich meinerseits versichere, daß ich der auf diesem Gemälde dargestellten Person niemals begegnet bin. Meine drei Freunde behaupten, sie zu kennen; Sie, mein theurer Leopold, versichern, daß sich dieselben täuschen. Meines Erachtens ist leicht herauszubringen, wer Recht hat. Sagen Sie uns, wer das junge Mädchen ist, das Sie gemalt haben, diese Herren werden dann sagen, wo sie ihr begegnet sind, und wir dann sehen, ob das zusammenstimmt.« Leopold schwankte einen Augenblick, dann antwortete er: »Wenn ich diesen Herren sagte, wer das junge Mädchen ist, so würde ich ihnen vielleicht erst offenbaren, was sie nicht wissen, aber zu wissen wünschen; sie können sofort von Neuem versichern, daß sie dasselbe kennen, und ich werde doch nicht davon überzeugt sein. Alles, was ich sagen kann, ist, daß die Person, deren Züge ich auf diesem Tuche wiederzugeben suchte, in einem Dorfe nicht weit von Fontainebleau wohnt oder gewohnt hat ... In dem Walde, der die Stadt umgibt, hatte ich das Glück, ihr zu begegnen und wenn Sie, meine Herren, den Wald von Fontainebleau nur einigermaßen kennen, so müssen Sie auch diese wild romantische Gegend, diese Felsen, diese hundertjährigen Eichen wieder erkennen. Das Alles ist an Ort und Stelle aufgenommen, ich habe dieses junge Mädchen in dem Walde gemalt und ...« Das Geräusch einer umfallenden Staffelei unterbricht Leopold; er wendet sich um und sieht den jungen Julian, dessen Gesicht todtenblaß geworden ist, und der, als er sich plötzlich auf eine Staffelei stützte, dieselbe umgeworfen hat. »Der Herr scheint unwohl!« ruft Leopold. Alsbald eilen Friedrich, Richard und Dernesty auf den sichtlich schwankenden Julian zu und führen ihn auf den Divan. Leopold öffnet schnell ein Fenster und bringt ein Glas Wasser herbei. »Was Teufels hast Du denn?« sagte Dernesty. – Offenbar ist ihm das Frühstück übel bekommen,« sagte Friedrich, »er hat sich zu viel zugemuthet! er wollte es mit uns aufnehmen. – »Ja,« spöttelte Richard, »und wenn man so etwas gar nicht gewöhnt ist! O! welche Weibernatur! Ich könnte den ganzen Tag frühstücken und würde nie krank davon werden.« – Hier, mein Herr,« sagte Leopold, »wollen Sie ein Glas Wasser trinken? Wünschen Sie Zucker darin?« Julian warf unsichere, unruhige Blicke rings herum, dann entrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust; er wies das ihm von Leopold angebotene Glas zurück und stammelte: »Danke Ihnen ... ich will nichts ... ich brauche nichts ... es war ein Schwindel, der mich anwandelte ... es wird bald vorüber sein ... ist schon vorbei.« – Sie sind aber doch sehr blaß! – »Thut nichts, ich fühle mich besser, es kommt vielleicht von meinem Frühstück her, doch ist es schon vorüber.« – Also abgemacht mit diesem armen Gast,« nahm Herr Richard wieder das Wort. »Kehren wir zu dem Gegenstand unserer Unterhaltung zurück! Hätte ich je an der Identität unserer Dame mit der des Herrn Leopold zweifeln können, so wäre ich jetzt nach seinen Aufschlüssen jedenfalls meiner Sache gewiß. Ihr junges Mädchen wohnt in der Gegend von Fontainebleau; gerade diese, die wir kennen, ist zu uns in Corbeil auf die Eisenbahn gesessen und war mit dem Fontainebleauer Wagen angekommen. – »So ist es,« sagte Friedrich. Julian blieb stumm; er schien von seinem Unwohlsein noch nicht ganz hergestellt. Der junge Maler rief mit lebhafter Bewegung aus: »Und wann geschah das, meine Herren? Um welche Zeit waren Sie mit ihr auf der Eisenbahn zusammen?« – Vor etwa drei Wochen,« antwortete Friedrich. »Ja,« sagte Richard, »gestern waren es gerade drei Wochen.« Leopold wußte nichts mehr zu erwidern; er dachte nach und zögerte noch zu glauben, daß diese Herren Rosa-Maria kennten. Gleich darauf fuhr Richard fort, sich auf den Absätzen herumdrehend: »Ei, mein Gott! der Herr scheint dem Allem eine Wichtigkeit beizulegen, die ich gar nicht verstehe, um so weniger verstehe, da es sich um eine kleine Landläuferin wie dieses Mädchen da handelt!« Leopold trat auf Richard zu, indem er ausrief: »Mein Herr! ziehen Sie dieses Wort, das Sie eben in den Mund genommen, zurück! ziehen Sie es auf der Stelle zurück! oder Sie zahlen es mit Ihrem Leben, denn Sie haben die reinste Tugend beschimpft!« – Ich werde gar nichts zurückziehen!« antwortete Richard. »Ich weiß, was ich sage: ich kenne Ihre reinste Tugend ... Ihr Modell. – »Sie hat die Nacht nach ihrer Ankunft in seinem Zimmer zugebracht,« fiel Friedrich ein, »sie ist mehrere Tage bei ihm geblieben, nicht wahr, Richard? Dessen hast Du Dich wenigstens gerühmt.« – Ja! ja! ja!« stimmte Richard bei, den Kopf zurückwerfend. »Es thut mir leid, junger Künstler, wenn Sie das quält ... aber besessen habe ich Ihre Maitresse: es ist eine reizende Person. – »Sie lügen, mein Herr! Sie lügen!« schrie Leopold, seine Hand gegen Richard aufhebend. Aber Dernesty hielt ihm den Arm und sagte: »Pfui! meine Herren, keine Thätlichkeiten! Ich bitte! ... ist Jemand beleidigt, eine Dame mit Unrecht angeklagt worden, nun wohl, so schlägt man sich! man zieht den Degen oder schießt sich auf Pistolen; aber auf Boxen und Holzen halte ich meinerseits nichts. Uebrigens, bevor man sich umbringt, verlange ich nochmals, daß man sich verständige. Herr Leopold behauptet, sein hübsches Modell sei auch ein Tugendmuster; Richard versichert, es sei eines jener Dämchen, wie man so viele sieht; vorerst also sollte man gewiß wissen, ob Beide von einer und derselben reden.« – Da ich kein Geheimniß aus meiner Eroberung mache,« sagte Richard, »so erzähle ich recht gerne Alles, was ich über die Kleine weiß: der Herr Künstler mag dann urtheilen, ob ich gut unterrichtet bin und ob es sein Modell ist. Das junge Mädchen, das wir, Friedrich, Julian und ich, auf der Eisenbahn getroffen haben, war allein, hatte keinen Begleiter. Als sie aus dem Bahnhof ging, folgte ich ihr und knüpfte schnell ein Gespräch an. Anfänglich zierte sie sich ein wenig, aber man kennt diese Manieren! Niemand läßt sich dadurch abschrecken. Diese Kleine sagte mir, sie komme nach Paris, um ihre Oheime zu besuchen, welche ... kann ich mich doch auf den drolligen Namen kaum besinnen ... Gogo, ja, wahrhaftig, so ist's, Gogo, Nicolaus und Eustachius Gogo hießen. – »Sie hat Ihnen das gesagt?« stotterte Leopold, indem er seinerseits todesblaß wurde. »Ach, mein Gott, also wäre es doch wahr?« – Gogo!« sagte Friedrich leise, indem er zu seinem Vetter trat; »hörst Du, Julian?« Julian, der seit seinem Uebelbefinden noch immer düster und niedergeschlagen aussah, nickte mit dem Kopfe und stammelte: »Ja, ich habe wohl gehört.« Richard fuhr fort: »Dieses junge Mädchen sagte mir also, sie sei aus einem Dorfe in der Gegend von Fontainebleau, aus Avon, glaube ich, ja, Avon, jetzt erinnere ich mich deutlich, sie heiße Rosa ... und noch etwas dazu.« – Fahren Sie fort, mein Herr, ich bitte Sie darum,« sagte Leopold fast athemlos. »Sie erzählte mir also, daß ihr Vater sie nach Paris zu ihren Oheimen schicke, die sie nicht kenne, deren Adresse sie jedoch habe. Ich begleitete sie, sie ließ mich weite Wege machen: vom botanischen Garten in die St. Lazarusstraße. Du weißt, Friedrich, daß ich Dir an jenem Abend im Hause Deines Onkels St. Godibert sagte, daß meine Eroberung mich zuerst in das Haus, wo er jetzt wohnt, geführt habe. Hier fragte sie nach ihrem Oheim Gogo: der Thürhüter schickte sie weg, indem er ihr antwortete, von diesem Namen wisse er nichts. Mein Jüngferchen kam mit trostloser Miene zu mir zurück; dann machte sie sich auf den Weg, den andern Onkel aufzusuchen; dieser sollte in der Vendômestraße im Marais wohnen, abermals eine schöne Strecke! Hier gab es aber ebensowenig einen Gogo als in der St. Lazarusstraße. Die Kleine verzweifelte abermals oder stellte sich wenigstens so, denn die Herren begreifen, daß ich die Geschichte mit den Oheimen unwahrscheinlich zu finden anfing.« – So kommen Sie doch zu Ende, mein Herr. – »Ei, mein Gott, nur eine Minute, junger Künstler ... Sie sind von einer Ungeduld! Ich, der die Frauen kennt, denke bei mir: die Kleine hat mich anlaufen lassen, sie hatte nie einen Onkel in Paris.« – Sie log nicht, mein Herr, sie hatte Ihnen die Wahrheit gesagt: sie hat zwei Oheime und diese sind hier in der Stadt. – »Aha! aha!« nahm Richard, indem er Leopold scharf ansah, wieder das Wort: »Sie sehen also jetzt ein, daß ich mich nicht täuschte und das Original zu diesem Portrait kenne?« – In der That, mein Herr, das junge Mädchen, welches ich malte, ist aus dem Dorfe Avon; ihr Vater, ein Landmann, heißt Hieronymus Gogo und hat vor Kurzem seine Tochter nach Paris geschickt, wo er zwei reiche Brüder hat und wo er hoffte, daß seine Tochter glücklich sein würde.« – Alle Wetter! jetzt denke ich, klappt Alles. – »Die arme Kleine, es ist unsere Base,« sagte Friedrich zu sich. Dann sah er Julian nochmals an, und dieser bedeutete ihm, daß er ihn verstanden habe. »Nun denn, mein Herr, was that Rosa-Maria, als sie die Wohnung keines ihrer Oheime fand?« fragte Leopold ungeduldig. – »Rosa-Maria! richtig! ja, das ist der Name oder vielmehr die Namen der Brünette! ... was sie that, mein Herr? Sie begreifen, daß sie sehr in Verlegenheit war: es war Nacht geworden, sie kannte Paris nicht und wußte nicht wohin; aber ich war da, ich ... – »Sie hätten dieses junge Mädchen schützen sollen, Sie hätten es vor Rohheit und Schmach sicher stellen sollen: das war ihre Pflicht.« – Ha! ha! ha! Sie sind in der That zum Entzücken mit Ihren Pflichten. Meine Pflicht war, eine Gelegenheit, die mir eine reizende Eroberung darbot, zu benützen, und ich habe meine Pflicht erfüllt. Zuerst habe ich meiner Heldin ein Nachtessen angeboten und sie nahm es an. – »Sie hat eingewilligt, mit Ihnen zu Nacht zu speisen? mit Ihnen allein?« – Ja, mein Herr, ja, mit wem denn sonst; wir saßen lange beisammen. Sie können sich denken, daß ich unter dem Champagnertrinken meine Liebe erklärte. Als wir aus dem Gasthause traten, war es sehr spät; ich sagte zu der Kleinen: »›ich werde Sie zu meiner Tante führen‹« ... und führte sie zu mir ... und einmal bei mir ... heiliger Antonius! da hat sie es eben gemacht wie die Andern und sich in das Unvermeidliche geschickt.« Der junge Maler verbarg sein Gesicht in seinen beiden Händen und blieb voll Scham über das Gehörte einige Augenblicke wie niedergeschmettert stehen, dann aber erhob er plötzlich seine Stirne voll Stolz, ging gerade auf Richard zu, faßte ihn am Arm, den er kräftig schüttelte, und raunte ihm zu: »Also ist sie bei Ihnen? ist jetzt Ihre Maitresse?« – Nein, mein Herr, sie ist nicht mehr bei mir, drei Tage hat sie in meiner Wohnung zugebracht, aber ich habe ein unbeständiges Temperament und sie ihrerseits liebt ohne Zweifel gleichfalls die Veränderung. Meiner Treu', am dritten Tage, als ich in meine Wohnung zurückkehrte, fand ich die hübsche Reisende nicht mehr; seitdem ist sie nicht mehr zurückgekehrt, und ich gestehe, daß ich sie nicht gesucht habe. – »Mein Herr, was sie so eben von diesem jungen Mädchen gesagt haben, ist abscheulich; wenn es sich so verhält, so verdient sie nur noch meine Verachtung! aber wenn es sich nicht so verhielte, wenn Sie sie auf eine unwürdige Weise verleumdet hätten ... ah! dann schwöre ich Ihnen, würde all' Ihr Blut kaum hinreichen um sie zu rächen ... und mit dieser Sorge würde ich mich befassen ... Uebrigens mein Herr, wenn Sie mich nur peinigen, sich nur einen Spaß mit meiner Herzensqual haben machen wollen, so gestehen Sie es jetzt, erklären Sie, daß Rosa stets ehrbar, sittsam war ... und ich verzeihe Ihnen auch jetzt noch.« – Ha! ha! ist dieser Herr doch drollig! ... er kann es nicht verwinden, daß seine Maitresse ihn angeführt hat! als ob das etwas so Seltenes wäre! – »Rosa-Maria war nicht meine Maitresse, mein Herr; nur der Zufall führte mich mit ihr zusammen, als ich Ansichten im Walde von Fontainebleau aufnahm. Ihr sittsammes Aussehen, ihre Herzensreinheit, ihr anständiges Benehmen, ihre Art, sich auszudrücken, kurz, Alles hatte mich zu ihren Gunsten eingenommen, und nachdem ich einige Male mit ihr geredet, war meine gute Meinung von ihr nur noch bestärkt worden.« – Und sie hat Ihnen stets in aller Unschuld als Modell gedient? – »Ja, mein Herr; sie hat mir gestattet, ihr reizendes Gesicht auf der Leinwand wiederzugeben, was sollte Schlimmes daran sein?« – Und ihr wäret Beide allein in dem Walde? – »Allein, und niemals hatte ich den Gedanken, mein Glück zu mißbrauchen, niemals hat mein Mund ein Wort ausgesprochen, das Rosa-Maria's Stirne hatte erröthen machen können.« –« Dann sind Sie ein junger Mann, wie man wenige sieht. – »Nein, mein Herr; aber ich liebte dieses junge Mädchen und ich achtete ihre Reinheit, denn für mich war sie ein Engel von Unschuld, von Tugend, und jetzt noch, ja, mein Herr, jetzt noch kann ich nicht glauben, daß sie so tief gefallen, wie Sie behaupten: ein anständiges, tugendhaftes und verständiges Kind wird nicht in einem Tage ein Freudenmädchen! O! aber ich werde Rosa wiederfinden, ich werde die Wahrheit erfahren und dann werde ich auch Sie wiederfinden; diese Herren mögen unsere Zeugen sein.« – Ganz recht, mein Herr, Sie können mich finden, wann Sie wollen! ... Richard, Straße Montholon, Nro. 26; ich verstecke mich nicht. Was Ihr Jüngferchen anbetrifft, so behaupteten Sie so eben noch, es sei unmöglich, daß wir sie kennen, und doch habe ich Ihnen das Gegentheil bewiesen. Donner und Hagel! wenn Sie sie wiederfinden, wird sie Ihnen nicht sagen, daß ich ihr Geliebter gewesen; die Weiber läugnen dergleichen Späße immer! – »Sie wird mir ihre Unschuld beweisen, mein Herr, und dann werde ich Sie aufsuchen.« – Mein Herr,« sagte Friedrich, zu Leopold tretend und ihm die Hand reichend, »ich kannte Sie nicht, aber was Sie in diesem Augenblicke thun, genügt, um bei mir das Verlangen nach Ihrer Freundschaft zu erwecken! Ich bin ein leichtsinniger, toller Mensch, aber nie würde ich mir beigehen lassen, ein Frauenzimmer zu verlästern, mich des Genusses ihrer Gunst zu rühmen, wenn ich sie nicht erhalten hätte; so beträgt sich nur ein Elender, ein Niederträchtiger. Ich klage Richard nicht an, ich sage nicht, daß er das gethan hat! aber eben so glühend wie Sie wünsche ich dieses junge Mädchen aufzufinden; ich habe Gründe dazu, welche ich Ihnen in diesem Augenblick nicht sagen kann, welche Sie aber später würdigen werden. Rechnen Sie also auf meine Unterstützung in Ihren etwaigen Nachforschungen und seien Sie überzeugt, daß, wenn ich etwas über Rosa-Maria's Schicksal erfahre, ich es Ihnen mittheilen werde.« Leopold betrachtete Friedrich mit Erstaunen, aber bestochen durch den aufrichtigen Ausdruck seiner Physiognomie, sowie durch seine ehrenhaften Worte nahm er die ihm dargebotene Hand, drückte sie und sprach: »Danke, mein Herr, wenn sich Alles zu vereinigen scheint, um ein armes Mädchen in den Staub zu ziehen, so ist es wohl nicht mehr als billig, daß sie an uns ihre Vertheidiger finde.« Herr Richard, ganz überrascht von Friedrichs Handlung und Rede, sprach nichts mehr; er machte ein ziemlich einfältiges Gesicht und schien viel von seiner Zuversicht verloren zu haben. Dernesty stand mit dem Ausruf auf: »Die Sache scheint sich zu verwickeln, und da sie mir jetzt ganz unverständlich wird, so verlange ich Vertagung bis auf nähere Information. Und jetzt, meine Herren, brechen wir auf, denn wir belagern schon zu lange das Atelier dieses Herrn.« Leopold grüßte auf eine Weise, welche Niemand zum Dableiben einlud. Richard, dem nichts mehr am Herzen lag, als wegzukommen, war der Erste vor der Thüre; Julian folgte ihm und Friedrich that deßgleichen, nachdem er dem jungen Maler noch einmal die Hand gedrückt hatte; Dernesty endlich ging gleichfalls auf die Thüre zu, jedoch nicht, ohne Rosa-Maria's Portrait noch einmal zu betrachten und beizufügen: »Ich weiß nicht, was sie gethan hat, aber das steht fest, daß sie reizend ist.« Als die vier jungen Männer auf der Straße waren, sagte Richard zu Friedrich: »Könnte ich nicht erfahren, welcher Gedanke Dir durch den Kopf geschossen ist und aus welchem Anlaß Du Dich gleichfalls zum Ritter dieses jungen Mädchens aufgeworfen hast, das der Maler da zu seinem Modell gebraucht hat?« – Nein, Du kannst es jetzt nicht erfahren,« anwortete Friedrich. »Es ist ein Geheimniß, das ich Dir nicht anvertrauen will, aber ich wiederhole Dir, Richard, wenn Du gelogen, wenn Du diese arme Kleine verleumdet hast, o! dann nimm Deine Ohren in Acht. Adieu, ihr Herren, ich habe Julian einige Worte zu sagen und gehe dann mit ihm fort.« Damit steckte Friedrich seinen Arm unter den seines Vetters und zog ihn mit sich, Richard und Dernesty ganz erstarrt über sein Betragen, zurücklassend. Als er nicht mehr von seinen Freunden gehört werden konnte, sagte Friedrich zu Julian: »Allem nach, was wir eben über dieses junge Mädchen von der Eisenbahn gehört haben, ist sie ganz unzweifelhaft unsere Base. Richard und Dernesty können es nicht vermuthen; sie wissen nicht, daß Dein Vater und sein Bruder das Genie, wie man ihn zu schelten beliebt, Gogo hießen, ehe sie sich St. Godibert und Mondigo nannten! Wir aber, die wir es wissen und noch nicht vergessen haben, wir wissen gleichfalls, daß wir einen Oheim haben, Hieronymus den Landmann, der im Dorfe Avon wohnt; wir haben ihn noch nie besucht, was durchaus nicht recht von uns ist, denn man versichert, er sei ein sehr wackerer Mann; übrigens, da wir diesen Oheim vernachlässigt haben, folgt daraus nicht, daß wir kein Interesse an seiner Tochter nehmen, die er nach Paris in der Hoffnung geschickt hatte, daß sie von ihren Anverwandten gut aufgenommen werden würde. Aber welcher Esel hat denn unserer Base die ganz richtigen Adressen der beiden Onkel gegeben, ohne ihr zu sagen, daß sie sich jetzt St. Godibert und Mondigo nennen! Doch einerlei, davon handelt es sich jetzt nicht! wir müssen nur suchen, unsere Base wiederzufinden und zu erfahren, was sie macht und was aus ihr geworden ist.« – Ganz gewiß; aber wie? – »Wie? ei, meiner Treu', das weiß ich selbst noch nicht. Aber das Sprüchwort sagt: Ein fester Wille führt zum Ziel. Wir wollen unsere Base wiederfinden und wir werden sie wiederfinden. Ah! sie ist sehr hübsch, diese junge Rosa-Maria. Richard ist abscheulich häßlich; er ist ein Geck, ein Lügner, ein Unverschämter; ich fange an sehr zu zweifeln, daß er Rosa-Maria's Eroberung gemacht habe.« – Ja, unsere Base ist reizend. Wie Schade, daß sie diesen Maler liebt! – »Wer beweist das? Er versichert, daß er in sie verliebt sei, das ist Alles. Laß uns erst das schöne Kind auffinden, hernach wollen wir sehen, wer ihr am besten zu gefallen wissen wird. Ich werde mich nun meinerseits auf Nachforschung legen. Du, Julian, thue Deinerseits das Gleiche, und kein Wort davon zu Deinen Eltern, bevor wir Nachricht von der Base haben. – Es bleibt dabei. – »Auf Wiedersehen.« Und die beiden Vettern verließen einander: Friedrich, um Madame Marmodin einen Besuch abzustatten, und Julian, um sich in sein Zimmer einzuschließen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Ein unerwarteter Besuch Es war eine Abendgesellschaft bei Herrn St. Godibert. Die meisten Personen, welche bei seinem großen Mittagessen gewesen waren, befanden sich auch da. Viele waren gekommen, um, was man die Verdauungsvisite nennt, zu machen: Andere waren die getreuen, die unvertreibbaren Mitglieder der Reunionen, welche fast jede Woche bei dem reichen Banquier Statt fanden. Mondigo, welchen sein Bruder seit dem Durchfallen seines letzten Werkes nicht mehr das Genie nannte, perorirte in einer Ecke des Saales mit dem Major Krautberg, dessen er sich bemächtigt hatte und den er während seiner Rede an einem Rockknopfe festhielt, als fürchtete er, derselbe möchte ihm bei der Auseinandersetzung des Plans zu einem neuen Drama zu entwischen suchen. Der prächtige Dernesty hatte sich, nachdem er sich lange an den Rücken eines Lehnstuhls geschmiegt, in welchem die schmachtende Clementine saß, an einen Spieltisch gesetzt. Herr Marmodin machte ein Whist mit Madame Doguin und zwei jungen Leuten, welche vor jedem Ausspielen die Stirne ein paar Minuten lang auf ihre Hand stützten und sich so tief besannen, als ob die auszuwerfende Karte das Schicksal eines Reiches entscheiden sollte. Man ist nämlich übereingekommen, zu behaupten, das Whist sei ein schweres Spiel, und Manche, die das wissen, suchen diese Meinung noch durch eine äußerst ausdrucksvolle Pantomime zu steigern, welche auf Personen, die dieses Spiel nicht kennen, eine ungemeine Wirkung ausübt. Das liebliche Fränzchen schwatzte mit Damen, und der junge Julian, der aufrecht hinter ihnen stand, beobachtete in einem Spiegel die Wirkung seiner sehr ausgewählten Toilette, dann flogen von Zeit zu Zeit seine Blicke auf einen Bouillotte-Tisch hinüber, wo Herr Cendrillon, Richard, Dernesty und ein vierter Herr ziemlich hoch spielten. Der angenehme Herr Roquet endlich spazierte mitten in der Gesellschaft umher, sprach eine Dame um die andere an, indem er den Liebenswürdigen bei jeder machte, jedoch am häufigsten zu der Hausherrin zurückkam, welche, da sie den Major Krautberg nicht zur Seite hatte, mit Vergnügen die Complimente anhörte, welche ihr Herr Roquet über die Farbe ihres Kleides und den guten Geschmack ihrer Toque machte, welch' letztere ihr sehr viel Aehnlichkeit mit einem Offizier der Spahis verlieh. Stolz überschaute Herr St. Godibert die in seinem prachtvollen Salon versammelte Welt und sagte zu sich: »Wie angenehm ist es, reich zu sein! wie stellt sich da sogleich gute Gesellschaft bei Einem ein! Wäre ich selbst Präfekt, könnte ich keinen größeren Kreis um mich sehen, vielleicht nur einen kleineren! Gewiß ist, daß die Gesellschaft nicht brillanter sein könnte: wie herrlich alle diese Damen gekleidet sind; man macht Toilette, man schmückt sich, um in meine Abendgesellschaften zu kommen; das bedeutet Achtung und macht Ehre. Ach Gott! wie wohl habe ich daran gethan, meinen Namen Gogo in St. Godibert zu verändern! wenn ich mich noch Gogo nennte, so wette ich, nicht die Hälfte der Leute erschiene in meinen Abendcirkeln, und man würde sich nicht mit so viel Geschmack dazu ankleiden. O! ich habe Takt, ich weiß wohl, was ich thue! Und dann die Männer! welche schöne Haltung! fast alle in lackirten Stiefeln: das ist zum Entzücken! Ich muß Journalisten in meine Reunionen zu bekommen suchen; alsdann werden sie unter der Rubrik »Pariser Neuigkeiten« ihres Journals schreiben: »›In dem letzten Abendcirkel des Herrn St. Godibert trugen alle Männer Lackstiefeln und alle Damen Diamanten.‹« Wenn ich das in einem Journal läse, so möchte ich mein Loos nicht mit dem des Herrn Molière vertauschen, dessen Statue man vor nicht gar langer Zeit aufgerichtet hat!« Hierauf nähert sich St. Godibert seiner Frau, welche ihm ein Zeichen gemacht hat. »Was willst Du, Angelika?« – Ich glaube, bester Freund, es wäre jetzt an der Zeit, den Punsch herumzureichen. – »Ich gehe, es Fifinen zu sagen. Liebe Frau, bist Du zufrieden? Unsere Abendgesellschaft ist grandios.« – Das sagte mir eben Herr Roquet; ich finde sie um so schöner, weil der Vetter Brouillard ausgeblieben ist. – »In der That, auch ich bin vergnügt darüber, denn er erlaubt sich zuweilen mit schlecht gewichsten Stiefeln in der Gesellschaft zu erscheinen.« – Mit schlecht gewichsten? sagen Sie nur gerade heraus, mit Stiefeln wie ein Dohlenputzer. – »Dagegen vermisse ich Soufflat und seine Tochter! schon zweimal fehlen sie uns, und ich hatte sie doch ermächtigt, Herrn Stöpsel mitzubringen.« – Unser Sohn ist nicht galant, nicht liebenswürdig genug bei Fräulein Soufflat. Ich weiß nicht, was er im Kopfe hat; seit einiger Zeit kommt er sehr spät nach Hause! ich weiß das vom Thürsteher. Ich fürchte, er artet aus. – »Meine theuerste Freundin, spät heimzukehren gehört zum guten Ton! in dieser Beziehung würden wir ihn mit Unrecht tadeln. Was seinen Anzug betrifft, so läßt sich, ich muß es gestehen, nichts daran aussetzen! ich bemerke, daß er sich seit einiger Zeit mit größter Eleganz kleidet. Ich muß ihm nachsagen, daß er mit den vierzig Franken, die ich ihm monatlich gebe, Großes leistet! ... Ach, mein Gott, man hat die Vorzimmerthüre geöffnet, wenn es Brouillard wäre?« – »Ja, ja, das ist so seine Manier; er kommt in dem Augenblick, wo man den Punsch servirt und verschlingt unanständig viel davon.« – »Nein, dem Himmel sei Dank, er ist es nicht, es ist unser Neffe Friedrich.« Der hochgewachsene junge Mann ist wirklich in den Salon getreten. Im Vorübergehen bleibt er bei seinem Vetter Julian stehen und flüstert ihm zu: »Nun, immer noch nichts? sind unsere Nachforschungen fruchtlos?« – Mein Gott, ja; ich konnte keine Auskunft erhalten ... und Du? – »Ebensowenig. Armes Bäschen! Ein so hübsches Gesicht! wenn ich aber von heute an in zwei Tagen nichts erfahre, so bin ich entschlossen, nach dem Dorfe Avon zu reisen; ich werde direkt zum Onkel Hieronymus gehen, und mich erkundigen, ob seine Tochter zu ihm zurückgekehrt ist.« – Wahrhaftig? Du willst diese Reise machen? – »Warum nicht? die Base ist wohl dieser Mühe werth, und auch mir liegt daran, zu erfahren, ob Richard uns nicht angelogen hat.« – Das wird schwer herauszubringen sein; denn wenn die Kleine in der That bei ihm war, so wird sie es gewiß nicht eingestehen. – »Ja, wenn es aber nicht der Fall wäre, so könnte sie es vielleicht beweisen; kurz, man weiß nicht, was Alles möglich ist; aber vorerst sollte man sie auffinden. Ich gestehe Dir, daß mich dies für den Augenblick um so glücklicher machen würde, als es mich zerstreuen und von meiner Leidenschaft für Frau Marmodin etwas abziehen würde. Kann man eine niedliche, geistreiche Frau wie dieses Fränzchen begreifen, die sich nicht im Geringsten genirt, ihren Mann zu verhöhnen, den sie Knecht Ruprecht nennt und ihm doch keine Hörner aufsetzt?« – In der That, es ist erstaunlich! Wie, Friedrich, Du bist bei dieser Dame nicht glücklich? Ich hielt Dich für ihren Cicisbeo. – »O! mein Gott, nein! Hundertmal glaubte ich mich nahe daran, bin es aber immer noch nicht, und doch mache ich ihr emsig den Hof; ich gehe hin, wo sie hingeht, beschäftige mich ausschließlich mit ihr, spreche mit keiner andern Frau und bin doch um keinen Schritt weiter. Man lacht, man plaudert, man ist sehr liebenswürdig mit mir, aber man gewährt mir nichts. Ich habe es demnächst satt! die platonische Liebe ist nicht nach meinem Geschmack; das kommt mir gerade vor wie jenes hübsche Geflügel von Pappe, welche man den Schauspielern auf der Bühne servirt! es erregt Eßlust, die Scheinessenden stellen sich, als schmecke es Ihnen, und es schmeckt ihnen doch gewiß nicht. Aber sie ist hier, meine Unmenschliche! siehst Du? Ob man nicht schwören sollte, daß ich glücklich sei? Sie sieht mich an, sie lächelt mir zu, sie winkt mir in ihre Nähe.« – Und Du gehst hin? – »Ach! mein Gott, ja; noch ein kleiner Sturm auf ihr Herz; aber ich schwöre Dir, Vetter, das soll der letzte sein.« Damit hatte sich Friedrich zu Frau Marmodin hingesetzt, welche ihn mit einem sehr huldvollen Lächeln empfing. Einstweilen ist Herr St. Godibert einen Augenblick in seinem Vorzimmer gewesen, hat sich der Mamsell Fifine genähert, dieselbe in einen sehr fleischigen Theil gekneipt und zu ihr gesagt: »Fifine, man muß Punsch herumreichen, keinen zu starken und halbe Gläser, nämlich halb volle Gläser; das ist genug für ein, mal.« – Ja, Herr, ich weiß; so wie gewöhnlich. – »Besorge Du das selbst; ich mag es Franz nicht auftragen.« Der Herr kehrte in den Salon zurück; Mamsell Fifine rief Franz, den man immer beibehielt, weil sie ihn in Schutz nahm. Franz kam herbei, kneipte die Kammerjungfer an der gleichen Partie wie sein Herr, nur mit dem Unterschied, daß dieser die linke und er die rechte Seite berücksichtigte. Fifine, die sich niemals um das, was hinter ihr vorgeht, zu bekümmern scheint, sagt zu Franz: »Nimm die große Platte und trage Punschgläser hinein; trinke aber nicht vorher drei oder vier davon, wie es Deine Gewohnheit ist.« – Ei! Mamsell, das letzte Mal sind Sie mir mit gutem Beispiel vorangegangen. – »Schweig, Esel! Du nimmst doch gar keine Bildung an.« – Ich meine, daß ich für einen Esel gebildet genug sei, übrigens thue ich ja stets nur, was ich die Andern thun sehe; so hat Sie eben erst unser alter Herr ... – »Willst Du wohl schweigen! In einem guten Hause darf man nichts sehen; verstanden?« – Nichts sehen? Ei, das möchte ich einmal sehen; gestern z. B. ging ich in's Zimmer von Madame, weil ich glaubte, sie rufe mir, da wechselte sie gerade das Hemd, da sah ich Vieles, aber allerdings nichts Schönes. – »Aber still' doch, Franz; wenn Madame Dich hörte, so würdest Du augenblicklich fortgejagt; halt, man schellt, sieh' nach, wer kommt.« Franz öffnet die Hausthüre, aber statt jener eleganten Personen, welche in die Cirkel seines Herrn zu kommen pflegen, bemerkt er einen Greis in einer Jacke mit Schößen, einer geblümten Weste wie man sie auf dem Lande trägt, mit groben Schuhen, und einer Art Stecken in der Hand. Der gute Mann hatte bereits seinen breitrandigen Hut abgezogen und grüßte sehr höflich den Bedienten, welcher ihn mit ziemlich geringschätzendem Tone fragte, was er wolle. »Bin ich nicht hier bei Herrn St. Godibert?« sagte der Greis, dessen frisches und lebhaftes Gesicht keinen Mann verkündigte, der sich mit Furcht als ein Sollicitant vorstellt. »Ja, hier ist es; seid Ihr vielleicht zu der Abendgesellschaft, die er heute gibt, eingeladen?« Bei diesen Worten maß Herr Franz den Greis mit zugleich unverschämter und spöttischer Miene; dieser aber schien nicht darauf zu achten und entgegnete: »Ich komme nicht wegen der Abendgesellschaft; ich komme, mit Ihrem Herrn zu reden; ich möchte ihn sehen, auf einige Augenblicke sprechen.« – Man spricht nicht nur so mit meinem Herrn; er hat Besuche, eine große Abendgesellschaft; kommt ein anderes Mal, guter Mann. – »Ich habe nicht immer Zeit, lange Wege zu machen, und da ich einmal da bin, so sagen Sie gefälligst Ihrem Herrn, daß Jemand nach ihm frage!« – Was Ihr doch eigensinnig seid! Ich wiederhole Euch, daß Herr St. Godibert jetzt keine Zeit hat; übrigens ist es mir einerlei, ich will es ihm Wohl sagen. Wie heißet Ihr? – »Wie ich heiße? ... Herr St. Godibert kennt mich nicht; wenn ich ihm also auch meinen Namen sagte, würde es zu Nichts führen! Sagen Sie, ein Herr wünsche ihn einen Augenblick zu sprechen; da Leute in dem Saal sind, so möchte ich nicht gerne hinein gehen, sondern ihn hier sprechen.« – Ah! Sie mögen nicht gerne hineingehen! ... Der alte Papa ist allerliebst, daß er überhaupt glaubt, mit seinem Jagdkamisol und seinen Bauernschuhen würde ich ihn in einen Salon eintreten lassen, wo Alles gekleidet ist wie Prinzen! deßwegen braucht Ihr Euch keine Sorge zu machen! Da würde ich schön ankommen! ... So! und Euern Namen wollt Ihr auch nicht sagen und meinet, man werde sich wegen Euch incommodiren, die Gesellschaft verlassen, um ein Gespräch mit Euch zu Pflegen? Ihr seid noch sehr ländlich-sittlich, alter Knasterbart! Nun, es ist mir gleich; ich richte meinem Herrn Euern Auftrag aus und wette, daß wir etwas zum Lachen bekommen werden!« Herr Franz ging in den Salon und suchte mit den Augen seinen Herrn; da er ihn im Gespräch mit Damen sieht, so wagt er nicht, ihm zu nahen und macht ihm bloß von Ferne Zeichen mit der Hand, welche bedeutende Ähnlichkeit mit jenen haben, welche gewisse junge Leute beim Cancantanze anwenden. Madame Marmodin, welche eben mit Herrn St. Godibert spricht, bemerkt Franzens Geberden und sagt lachend: »Will Ihr Bedienter im Saale einen grotesken Tanz aufführen? Sehen Sie ihn doch an, er verarbeitet sich in Gestikulationen.« – Sollte der Hallunke schon wieder besoffen sein! Wahrhaftig, ich weiß nicht, warum ich ihn behalte, das heißt, ja, ich weiß es wohl, nämlich weil unsere Kammerjungfer viel auf ihn hält, aber, Gott verzeih' mir, ich glaube, er gibt mir Zeichen!« Und Herr St. Godidert läuft zu seinem Diener. »Was hast Du denn, Dummkopf? Was bedeutet dieses Geberdenspiel?« – Es sollte Ihnen zeigen, Herr, daß ich Sie sprechen wollte; ich wagte es nicht, Sie von den Damen aufzuscheuchen. – »Nun, was willst Du von mir?« – Ich? gar nichts; aber ein alter guter Mann ist eben angekommen und wünscht mit Ihnen zu reden. – »Ein alter guter Mann? Hat er gute Kleider an?« – Ha, er ist ziemlich warm angezogen; er hat Tuchhosen an, eine große Weste ... – »Esel, ich frage Dich, ob er elegant gekleidet, ob er mit einem Orden geziert ist?« – O! nein, er sieht mir aus wie ein alter Bauer und hat ein Wamms mit großen Schößen. – »Er hat ein Wamms an und erfrecht sich, in meinem Hause zu erscheinen, wenn ich Gesellschaft habe! wenn ich die schönste Gesellschaft in lackirten Stiefeln habe? Wirf den Kerl zur Thüre hinaus.« – Er wollte Ihnen unten nur ein Wort sagen. – »So meinst Du, ich werde Capitalisten, Damen in Toquen mit Federn und Blumen verlassen, um mich mit diesem Menschen, der ein Wamms anhat, zu unterhalten? Franz, schicke den Mann auf der Stelle fort; ich bin für Leute seinesgleichen nur Morgens von zehn bis zwölf Uhr sichtbar. Geh', wenn er weiter in Dich dringt, so puffe ihn bei den Achseln hinaus!« Franz verläßt den Saal und kehrt zu dem Greise zurück, der ihn im Vorzimmer stehend erwartete. »Ich wußte es ja wohl, guter Alter!« jagte der Bediente, »mein Herr will Euch weder drinnen empfangen, noch sich wegen Euch vermolestiren. Gehet; wenn Ihr Morgen gegen Mittag wieder kommt, wird man Euch vielleicht annehmen; das ist Alles, was man für Euch thun kann.« – Aber, Herr, wenn ich um diese Stunde nicht zurückkommen kann? Sie haben also dem Herrn St. Godibert nicht vorgestellt, daß ich ja nur einen Aug ... – »Genug, genug, mein Alter! ... Ihr werdet mir endlich langweilig ... ich muß Punsch hineintragen! Schiebt Euch schnell, wo nicht, so bin ich ermächtigt, Euch zur Thüre hinauszuwerfen.« Der Greis wollte sich eben, jedoch nur ungern, zum Weggehen anschicken, als Herr Cendrillon, der gerade den Bouillottetisch verlassen hatte, in das Vorzimmer trat, um ein wenig Luft zu schöpfen, da er die Hitze im Saal unerträglich fand. Der dicke Capitalist bemerkt den alten Mann, welcher der Thüre zuging; er stößt einen Schrei der Ueberraschung aus und eilt, ihn am Arme zurückzuhalten mit den Worten: »Ei ja, zum Kuckuk! ... er ist es ... es ist mein alter Savenay! Sie sind also nicht gestorben? Auf Ehre, es macht mir ein großes Vergnügen, Sie wiederzufinden.« – Wie! Sie sind's, Herr Cendrillon!« antwortet der Greis, seine Freude bezeugend. »Ja ... ja! ... ich bin's! ... Ach, ich war teufelmäßig besorgt um Sie, so wahr ich lebe; aber so kommen Sie doch ... kommen Sie, daß ich Sie St. Godibert vorstelle.« Mit diesen Worten schob Herr Cendrillon seinen Arm unter den des Greises und zog ihn nach der Saalthüre. Der alte Savenay versuchte sich zu widersetzen, indem er sagte: »O! nein! nein! ... ich kann nicht hineingehen; es geht nicht ... drinnen ist große Gesellschaft.« – Ja nun, was bekümmert Sie die Gesellschaft? Sind Sie nicht ein wackerer Mann? Sie brauchen sich vor Niemand zu fürchten. Ich versichere Sie, daß Alle da drinnen nicht so viel werth sind als Sie. – »Aber mein Anzug ... ich kann nicht; man ist hier elegant und diese ländliche Kleidung ...« – Bah, bah! ... was will das heißen? In Ihrem Alter ist man nicht gehalten, sich nach der Mode zu richten. Mit Silberhaaren und einem ehrlichen Gesicht wie das Ihrige müßte man sogar hoffähig sein. Vorwärts marsch! ... ich werde Sie vorstellen.« Der Greis läßt sich hineinführen. Franz betrachtet mit vor Staunen aufgerissenen Augen und offenem Munde Herrn Cendrillon, der die nämliche Person am Arme in den Saal geleitet, welche er vor die Thüre zu werfen den Befehl erhalten hatte; aber er wagte keinen Laut mehr von sich zu geben, und bald zog der alte Savenay in den glänzenden Saal des Herrn St. Godibert ein. Herr Cendrillon sagte mit seiner volltönenden und schnarrenden Stimme, welche alle Welt zum Zuhören nöthigt: »Mein theurer Herr St. Godibert, erlauben Sie mir, Ihnen einen meiner guten Freunde vorzustellen.« Herr St. Godibert reißt die Augen wo möglich noch weiter auf als Franz, indem er das ihm vorgestellte Individuum betrachtet. Alles, was sich im Salon befindet, hat sich umgedreht und mustert den Vater Savenay, dessen Costüm ihnen für den Besuch einer Abendgesellschaft zwar seltsam erscheint, dessen ehrwürdiges und offenes Gesicht aber keinen Gedanken von Lächerlichkeit aufkommen läßt. Madame St. Godibert allein verzieht das Gesicht und sagt leise zu ihrem Manne: »Herr Cendrillon präsentirt uns einen Mann im Wammse ... eine Art Bauer! Ei, das ist denn doch gar zu ungenirt!« – Still, Angelika, schweige doch! Du vergissest immer, daß Herr Cendrillon ein Millionär ist und eine Eisenbahn auf seine Kosten hat bauen lassen.« Und Herr St. Godibert zwingt sich zu einer liebenswürdigen Miene, geht auf Herrn Cendrillon zu und sagt: »Ah, der Herr ist einer Ihrer Freunde?« – Ja, mein theurer St. Godibert: dieser gute Papa hier ist die Person, von der ich mit Ihnen bei Ihrem letzten Diner gesprochen hatte ... dem ich einen Empfehlungsbrief an Sie gegeben hatte, kurz, der wackere Vater Savenay, der sechzigtausend Franken geerbt und dem ich gerathen hatte, sie bei Ihnen anzulegen.« Beim Namen Savenay betrachtet die Mehrzahl der anwesenden Personen, welche sich auch schon bei dem großen Diner des Herrn St. Godibert befunden hatten, den Greis mit größerem Interesse. Man ist neugierig, zu erfahren, was ihm begegnet; überall im Salon hören die Gespräche auf, sogar die Spielpartieen werden unterbrochen. Mit einem Wort: an die Stelle lauter Unterhaltung und ausgelassenster Heiterkeit ist Stillschweigen getreten. Der Greis, dessen Gegenwart diese Veränderung verursacht, zieht einen Brief aus seiner Tasche und reicht ihn Herrn St. Godibert, indem er sagt: »Hier ist der Brief, welchen Herr Cendrillon mir an Sie mitzugeben die Güte hatte. O! den habe ich nicht verloren, und ich hoffte, daß er mir diesen Abend Eintritt bei Ihnen verschaffen und Ihnen einiges Wohlwollen für den Inhaber einstoßen sollte.« Herr St. Godibert nimmt den Brief mit verlegener Miene und antwortet: »Mein Herr ... ei freilich ... Sie also waren ... der ... welcher eben jetzt? ... Mein Gott, wenn ich gewußt, wenn Sie gesagt hätten, daß Sie aus Veranlassung des Herrn Cendrillon kämen, so würde ich mich beeilt haben ... da ich aber nicht wußte ... indeß hatte ich wirklich bis Absicht, mich nach Ihrem Begehren zu erkundigen, und wollte eben hinausgehen.« In diesem Augenblick erscheint Franz an der Salonthüre und schreit seinem Herrn zu: »Herr! ich konnte den alten Kameraden nicht zur Thüre hinauswerfen, weil ihn Herr Cendrillon am Arme nahm und hereinführte.« Herr St. Godibert wurde ziegelroth und Madame stieß den Bedienten ins Vorzimmer, während ihr Gemahl antwortete: »Mein Gott, welches Vieh von Bedienten! welch' ein Ochs ist dieser Franz! Alles, was man ihm sagt, versteht er umgekehrt. Ich bitte Sie zu glauben, daß er sich irrt.« »Von allem Dem ist nicht mehr die Rede,« ruft der dicke Capitalist aus, »was scheren wir uns um Formen, um Ceremonien! Vater Savenay lacht darüber wie ich! nicht wahr, Alterchen? Aber erfahren möchte man gerne, braver Mann, was aus Ihnen seit den drei Monaten geworden ist, wo Sie Nemours auf Ihrem kleinen Pferde verlassen haben, auf jenem armen Hammel, welcher nie in Galopp zu bringen war ... wie! Sie reisen mit einer starken Summe ab, und während so langer Zeit hört und sieht man nichts mehr von Ihnen? Wissen Sie wohl, daß ich sehr unruhig war ... ich besonders, der Ihnen zu dieser Reise gerathen hatte? Was Teufels haben Sie denn in dieser langen Zeit gemacht, Vater Savenay? Wir haben uns also gut amüsirt in Paris, haben wohl den Jüngling gespielt, sind den Schönen nachgejagt ... hi, hi! haben ein wenig gebummelt ... hi, hi!« Madame St. Godibert schnäuzt sich, hustet und rückt ihren Stuhl, indem sie zu Herrn Roquet sagt: »Ach, mein Gott! wie ist dieser Millionär so unanständig! Ich muß purpurroth aussehen, Herr Roquet.« – In der That ... besonders Ihre Nase. – »Daran ist Herr Cendrillon Schuld.« – Indeß,« fährt der Capitalist fort, »wäre es immerhin klüger gewesen, mein alter Freund zuerst Ihr Geld hier in Sicherheit zu bringen. Ei! Sie haben Capitalien anzulegen und lassen sie über drei Monate in Ihrem Portefeuille nutzlos liegen! ... Sie sind kein guter Rechner, Vater Savenay.« Der Greis schüttelt lächelnd den Kopf und antwortet: »Wenn ich nicht bälder zu dem Herrn kam, so geschah es, weil jetzt mein Besuch einen andern Zweck haben mußte. Du lieber Gott! mein lieber Herr Cendrillon, die sechzigtausend Franken, die ich geerbt hatte, konnte ich dem Herrn nicht mehr anvertrauen, weil man mir sie unterwegs geraubt hat!« – Geraubt!« ruft Herr Cendrillon mit bewegter Stimme aus. »Geraubt! geraubt!« wiederholt man in allen Ecken des Saales, und sogar einige dumpfe Seufzer scheinen sich in diese dem allgemeinen Interesse abgedrungenen Ausrufungen zu mischen; aber mitten in dem durch die Worte des Greises verursachten Tumulte schenkt man der Aufregung einiger Personen keine Beachtung. »Ja,« wiederholt Vater Savenay, »ja, ich bin beraubt worden, als ich am hellen Mittag beim schönsten Wetter durch den Wald von Fontainebleau ritt. Freilich begegnete ich auf dem Fußpfade, den ich eingeschlagen, Niemand, und ließ mein Pferd nach seiner Laune, das heißt in ganz kurzem Trabe, gehen! Aber es fiel mir nicht entfernt ein, daß es in diesem Walde Räuber gebe! Plötzlich stürzen zwei Männer aus dem Gebüsch und fallen meinem Pferde in die Zügel. Der arme Hammel, der, wie ich glaube, eben so große Furcht hatte wie ich, war schon von selbst stehen geblieben; ich meinerseits muß gestehen, daß ich an allen Gliedern zitterte.« – Dazu hatten Sie auch allen Grund;« ruft Madame St. Godibert aus, »sie mußten schauerlich aussehen, diese Räuber ... ich erinnere mich deren aus Fra Diabolo, die mir jedesmal Schrecken einjagen! – »Wahrhaftig, Madame, ich wäre nicht im Stande, Ihnen zu beschreiben, wie sie aussahen! ich war zu sehr angegriffen! ich sah nur zwei Männer in Blousen: jeder von ihnen hatte eine Kappe auf dem Kopf, deren Stülp ihm die Augen bedeckte; ich meine, ihre Gesichter waren geschwärzt.« – Es waren Köhler,« sagte der Major Krautberg. – »O! das glaube ich nicht, mein Herr! die Stimme, die mir zurief: »›Schnell, Dein Portefeuille, oder Du bist des Todes,‹« o! die Stimme klingt mir noch in den Ohren, das war nicht die Stimme eines Köhlers! Kurz, ich sah rechts und links einen Pistolenlauf auf mich gerichtet, und Sie können sich wohl denken, daß ich nicht lange Widerstand leistete! Ich gab mein Portefeuille mit meinen sechzigtausend Franken hin und wollte eben auch meine Börse und mein Felleisen hingeben, aber die Räuber waren zufrieden und wollten offenbar nur mein Portefeuille; denn sie gaben Hammel einen Patsch und dieser lief in raschem Trabe davon; daß es mir nicht in den Sinn kam, ihn zurückzuhalten, können Sie sich wohl denken!« – Mein armer Freund! auf solche Weise geplündert zu werden!« sagte Herr Cendrillon, dem Greise auf die Achsel klopfend; »ha! die Schufte! da hätte ich vorüberkommen sollen, mit denen wäre ich gut umgesprungen. – »Das ist ein herrlicher dramatischer Stoff,« sagte Herr Mondigo; »in Scene gesetzt müßte er viel Interesse erregen!« – Jedenfalls,« sagte Friedrich, »wußten die Räuber, daß der Herr eine starke Summe in seiner Brieftasche hatte, weil sie diese augenblicklich forderten. Ohne Zweifel werden Sie die Unbesonnenheit gehabt haben, in irgend einer Herberge etwas zu äußern. – »Wohl möglich, mein Herr, ich schwatze von Hause aus gern, und glaube mich zu erinnern, daß ich in einem kleinen Dorfe nahe bei dem Wald anhielt, um mein Pferd ausruhen zu lassen. Hier habe ich in der That mit dem Gastwirth geredet: ich erinnere mich nicht mehr, was ich ihm sagte, gab auch nicht Acht, ob Leute um uns waren! ... kurz, was wollen Sie weiter! Wenn ich beraubt wurde, so ist es jedenfalls in Folge meines Eigensinns; denn Herr Cendrillon und andere Personen hatten mir gerathen, diese Reise nicht zu Pferde zu machen; ich wollte guten Rath nicht hören ... ich hielt mich für klüger als Andere, und der liebe Gott hat mich dafür gestraft! Aber ich ergab mich darein und tröstete mich mit dem Gedanken: Nun denn! jetzt ist es eben, als ob ich nicht geerbt hätte.« – Armer Mann! Welche Philosophie! Welcher Muth! In seinem Alter ein solches Unglück so zu ertragen!« Madame Marmodin richtete diese Worte an den jungen Julian, der sich hinter ihr niedergelassen hatte; als sie aber die außerordentliche Blässe des Sohnes vom Hause und den eigenthümlichen Ausdruck seiner Physiognomie bemerkte, fuhr sie fort: »Aber was haben Sie denn, Herr Julian? Sie sind so blaß! ... Ihre Züge sind ganz entstellt.« – Finden Sie, Madame? ... Ach! darum hat das, was ich eben gehört ... – »Sie sehr geschmerzt, nicht wahr? Einen armen Greis anfallen, das ist abscheulich ... aber die Räuber achten Niemand! Ich glaube, Herr Julian, daß wenn Ihnen ein solches Ereigniß zugestoßen wäre, Sie sich nicht so schnell getröstet hätten, wie dieser brave Mann.« Julian murmelt einige schwer zu verstehende Worte und versucht zu lächeln; aber sein Gesicht bietet jetzt einen schreckenerregenden Anblick dar, so zerstört sieht er aus; um sich eine Haltung zu geben, stochert er mit einem Griffel, den er in seiner Tasche gefunden, in seinen Zähnen und beißt am demselben herum, als ob er ihn zerbrechen wolle. Herr Cendrillon, der die Hand des Vaters Savenay geschüttelt hat, ruft aus: »Sich trösten! ... ei, Hagel, das ist leicht gesagt! aber damit bekommt man sein Geld nicht wieder; es wäre besser, wenn man es wieder fände. Haben Sie Ihre Anzeige gemacht?« – Ja, noch am nämlichen Tage bei den Behörden von Fontainebleau. Man hat durch Gendarmen den Wald durchstreifen lassen, aber die Räuber waren nicht mehr darin. – »Dann ist Ihr Geld verloren, armer Alter! Nun aber, was haben Sie weiter gethan? Warum sind Sie nicht zurückgekehrt, um Ihren Platz bei dem Hammerwerksbesitzer wieder einzunehmen?« – Weil man denselben einem armen Familienvater gegeben hatte, den das sehr glücklich machte, und ich sein Wohlergehen, sein Glück nicht zerstören wollte. – »Hm! ... was für ein braver Mann Sie sind! ... das nenne ich einen guten Greis! Welche redliche Seele! ... Donnerwetter! so bringt man heutzutage keinen mehr zu Stande.« – Wird man sich noch lange mit diesem alten guten Jungen beschäftigen?« murrte Madame St. Godibert, den Mund verziehend, vor sich hin; »mir scheint doch, daß wir nicht seinethalben unsere Soirée geben! Das wird sehr monoton! Und Herr Cendrillon, der wieder allerliebste Reden im Munde führt ... – »Aber Papa Savenay, was haben Sie denn inzwischen gemacht? Warum haben Sie mir nicht geschrieben? Warum sind Sie nicht zu Herrn St. Godibert gegangen, an den ich Sie empfohlen hatte?« – In Wahrheit, Herr Cendrillon, ich wagte nicht, Sie zu belästigen; ferner hatte ich keinen Grund mehr, diesen Herrn zu besuchen. Als ich in Paris ankam, fand ich eine kleine Anstellung bei einem Kaufmann und griff mit beiden Händen zu; unglücklicher Weise war die Arbeit nur vorübergehend, und gestern ging das Geschäft, das ich bei ihm besorgte, zu Ende. – »O! seien Sie ruhig, Papa, wir werden uns mit Ihnen beschäftigen, wir werden Ihnen einen Platz finden; Vater Savenay schreibt und rechnet sehr gut, und arbeitet mit so großem Eifer wie ein junger Mann.« – Ei, natürlich! Ich bin nicht träge, und da ich mich wohl befinde, so geht es noch. – »St. Godibert, Sie müssen mir meinen Schützling unterbringen, verstanden? und zwar nicht als Supernumerarius! ... dazu ist er zu alt.« Herr St. Godibert zieht seine Nase herunter und murmelt: »Ach! ja freilich, sobald ich Gelegenheit finde; die Plätze sind nur sehr rar.« – Bah, bah! so heißt es immer und doch bleibt Jeder« irgendwo hängen. – »Wenn das noch lange so fortgeht, so wird es mir übel,« sagte Madame St. Godibert zu dem Major. Dann läuft sie plötzlich auf Herrn Cendrillon zu, zieht ihn zu dem Bouillotte-Tisch und sagt: »Ei, so spielen Sie doch auch, Herr Cendrillon, sehen Sie, da ist noch ein Platz frei, und Sie lieben ja die Bouillotte so sehr.« – Ja, in der That,« antwortet der große Herr; »ich habe überdies Revanche zu fordern, denn eben da hat mir Herr Dernesty all mein Geld abgenommen. Sie werden mir es zurückgeben, nicht wahr?« Herr Dernesty antwortet nur mit einem Kopfnicken. Die Bouillotte-Partie fängt wieder an. Als Herr St. Godibert den Herrn Cendrillon beschäftigt sieht, benützt er diese Augenblicke, um sich von Vater Savenay zu entfernen. Friedrich dagegen, welcher den Greis ziemlich verlegen in der Mitte des Salons stehen sieht, eilt zu ihm hin und bietet ihm einen Stuhl an; aber Vater Savenay dankt dem großen jungen Mann, indem er sagt: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr, aber ich will mich entfernen; ich bin nicht an die Gesellschaft gewöhnt und fühle wohl, daß ich nicht hieher tauge.« – Und warum nicht? Sie sind ein Freund des Herrn Cendrillon: deßhalb sieht Sie mein Onkel mit Vergnügen. – »Sie sind sehr gütig; aber ehe ich mich entferne, muß ich dennoch Herrn St. Godibert etwas fragen ... ich kam sogar deßhalb; sonst hätte ich mir nicht erlaubt, ihm einen Besuch zu machen.« – Lieber Oheim,« sagt Friedrich, indem er Herrn St. Godibert wieder zu dem Greise herbeiholt, »der Herr hat Sie etwas zu fragen. – »O! ich werde mir Mühe geben ... ich werde an den Herrn denken, wenn es mir möglich ist,« antwortet St. Godibert, indem er bereits seine wichtige Miene wieder annimmt, »aber ich kann nicht sagen, wann es mir gelingen wird, eine ...« – Nicht um mich handelt es sich, mein Herr,« antwortet der Greis, »sondern um eine Person, für die ich mich sehr interessire, weil sie es verdient. – »Zur Sache, mein Herr; ich habe viele Leute und muß mich meiner Gesellschaft widmen.« –»Ich bin gleich fertig, mein Herr; ein junges Mädchen, dessen Bekanntschaft ich gemacht habe ... auf sonderbare Weise ... das ist jedoch eine andere Geschichte, welche zu erzählen zu viele Zeit wegnähme ...« – »Ja, sie nähme zu viele Zeit weg.« – »Dieses junge Mädchen aus dem Dorfe Avon bei Fontainebleau war zum erstenmal nach Paris gekommen, um zwei Oheime aufzusuchen, zu denen ihr Vater sie schickte; sie hatte deren Adresse und dennoch wußte man weder von dem Einen noch von dem Andern etwas an dem Orte, wohin man sie gewiesen hatte.« Friedrich zitterte, als er den Greis hörte, während Herr St. Godibert sein Kinn tiefer in seine Cravatte hineinsteckte und Richard nach einander gelb, roth und blau wurde. Herr Cendrillon, welcher trotz seines Spielens immer auf das hörte, was sein alter Freund sagte, rief aus: »So! so! Vater Savenay, Sie haben die Bekanntschaft eines jungen Mädchens gemacht? Ich sagte es ja so eben! ... Herr Dernesty, da liegt mein Geld, halten Sie?« Dernesty schüttelte verneinend mit dem Kopfe. »Ei aber! es scheint, Sie spielen jetzt den Stummen,« entgegnete der Capitalist. »Fahren Sie doch fort, Vater Savenay, Ihr junges Mädchen interessirt mich.« – Sie verdient es, mein werther Herr! Dieses arme Kind hat also ihre Oheime in Paris nicht entdecken können. Aber, und darum gerade bin ich gekommen, einer der Beiden wohnte, wie man sie versichert hatte, in diesem Hause; sie kam deßhalb hierher, erkundigte sich jedoch vergeblich nach Herrn Nicolaus Gogo, denn Gogo heißen ihre Oheime.« – »Gogo! Ei! welch' drolliger Name!« rief Herr Cendrillon, aus vollem Halse lachend, aus. Aber während der dicke Herr lachte, war Madame St. Godibert in einen Lehnstuhl gesunken und hielt sich ein Riechfläschchen unter die Nase, indem sie stöhnte: »Ach! das Gas macht mir unwohl!« – »Das Gas?« sagte Herr Roquet, indem er sich nach allen Seiten im Salon umsah. »Das ist sonderbar! ... ich sehe doch keines; ah, das muß wahrscheinlich von Außen kommen.« Herr Mondigo und sein Bruder haben einander gegenseitig einen Blick zugeworfen, in dem sich beinahe Entsetzen malte, und Friedrich machte eine Bewegung, als ob er sprechen wollte; als er aber im Begriffe stand, den Mund zu öffnen, hielt ihn sein Oheim St. Godibert zurück, nahm ihn am Arme und raunte ihm schnell in's Ohr: »Schweig', ich bitte Dich, ich leihe Dir diesen Abend die fünfhundert Franken, die ich Dir abgeschlagen hatte.« Was Julian betrifft, so malte sich in seinen Zügen wohl ein Anflug von Erstaunen, als er den wahren Namen seines Vaters aussprechen hörte; aber er fiel gleich wieder in sein dumpfes Hinbrüten zurück, indem er fortwährend den Kopf auf seine Brust herabsinken ließ und sich hinter Madame Marmodin hielt, als ob er den Blicken des Greises, der mitten im Saale war, hätte ausweichen wollen. »Ja, die Oheime dieses jungen Mädchens heißen Gogo,« fuhr der alte Savenay fort, »und da Herr St. Godibert in diesem Hause wohnt, welches man dem armen Kind als die Wohnung des einen derselben bezeichnet hatte, so verfiel ich dadurch auf den Gedanken, bei ihm anzufragen, ob er vielleicht einen dieser Herren Gogo, die wir nirgends entdecken können, gekannt habe. Dabei erinnerte ich mich an den Brief, welchen Herr Cendrillon mir an Herrn St. Godibert zu geben die Güte gehabt hatte, und hoffte mich desselben als einer Empfehlung zu bedienen; deßhalb erlaubte ich mir heute Abend, den Herrn zu belästigen. Ich wäre sehr glücklich, wenn er uns irgend einen Aufschluß ertheilen könnte, der uns auf die Spur eines der Herren Gogo leiten würde, welche wir vergeblich in ganz Paris suchen.« – »Ich kenne dieselben nicht, mein werther Herr,« antwortete Herr St. Gobibert, indem er sich schnäuzte, um seine Schamröthe zu verbergen; »ich habe nie von ihnen reden hören. Ich bedaure sehr, Ihnen in dieser Hinsicht nicht nützlich sein zu können, aber ich werde an Sie denken, Herr Savenay ... o! ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu thun, um für Sie einen Platz, eine Anstellung, etwas Einträgliches zu finden.« – »Sehr verbunden, mein Herr. Nun aber, da Sie mir nicht zur Auffindung der Oheime meines jungen Mädchens helfen können, so bleibt mir nichts mehr übrig, als zu gehen und Sie wegen der Störung die ich Ihnen verursacht, sehr um Verzeihung zu bitten.« – »Wie, Sie wollen schon fort, Vater Savenay?« rief Herr Cendrillon aus, während St. Godibert, hocherfreut, den alten Mann sich entfernen zu sehen, ihn schon bis zur Thüre begleitete. – »Ja, Herr Cendrillon, ich kehre nach Hause zurück.« – »Gut! doch bevor Sie gehen, lassen Sie uns Ihre Adresse da, damit ich jetzt weiß, wo ich Sie finden kann, mein alter Freund! denn ich werde Sie besuchen, so wahr ich lebe! O! ich will Sie nicht noch, einmal verlieren!« – »Sie sind sehr gütig, mein werther Herr: ich wohne in der Huchettestraße, ganz nahe an der alten Boucleriestraße, im Hause des Töpferwaarenhändlers.« – »Schön, Vater Savenay, ich werde es nicht vergessen.« – »Und ich eben so wenig,« dachte Friedrich. »Sie werden von mir hören,« fügte Herr Cendrillon bei, »weil ich nicht will, daß Sie in Ihrem Alter von leeren Versprechungen zehren, sondern Ihr gesichertes gutes Auskommen haben sollen.« – »In der Huchettestraße wohnen!« murmelte Roquet, indem er der Madame St. Godibert zulächelte, »dort kann man sich das schönste Nervenfieber holen.« Aber gegen seine Erwartung antwortete ihm die Hausherrin nichts. Beharrlich folgte sie dem alten Manne mit den Augen und wartete, bis er aus ihrem Hause war, um wieder frei aufzuathmen. »Meine Herren, meine Damen und die werthe Gesellschaft, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen,« sagte der Vater Savenay, sich dem ganzen Zirkel empfehlend. Julian hielt sich beständig hinter Madame Marmodin und bückte den Kopf, als der Greis an ihm vorüberging. Auch der Schriftsteller wendete sich ab, als ob er sich seines Betragens schämte. Herr St. Godibert drängte den guten Mann fortwährend nach der Thüre, und Friedrich folgte ihm teilnehmend mit den Augen. Endlich war der Vater Savenay aus dem Saal hinaus, aber Herr St. Godibert begleitete ihn bis zur Gangthüre, um gewiß zu sein, daß er nicht mehr in seiner Wohnung war. Während dessen hatte sich Friedrich an seinen Vetter gemacht und flüsterte ihm zu: »Das junge Mädchen, von welchem dieser Greis sprach, ist unsere hübsche Rosa-Maria, deren Geliebter Richard gewesen zu sein behauptete ... es ist unser Bäschen.« – Ja, ja, ich weiß es wohl. – »Dein Vater weiß gleichfalls gut, daß es seine Nichte ist ... Mondigo weiß es nicht minder, und dennoch haben sie es nicht gesagt. Lieber verlassen sie dieses arme Mädchen, als daß sie sich als die Gogos, die man sucht, zu erkennen geben! Weißt Du, daß das unwürdig ist? ... Wie! Du antwortest nicht? Guter Gott! wie blaß, wie verstört siehst Du aus ... fürchtest Du Dich auch, zuzugestehen, daß Du ein Gogo bist?« – Nein, das nicht, aber ich war so erschüttert ... ich fühlte mich so unbehaglich. – »Nun, sei nur ruhig! Ich weiß, was mir zu thun obliegt.« – Was ist denn Dein Plan? – »Zuerst genau zu erfahren, was meiner Base seit ihrer Anwesenheit in Paris begegnet ist; mich zu vergewissern, ob Richard sie nicht verleumdet hat; und im Fall, daß Rosa-Maria ein anständiges und tugendhaftes Mädchen ist, wie sie zu sein schien, die Herren Gogo, so leid es mir auch thut, zu nöthigen, ihre hübsche kleine Nichte aufzunehmen, und nicht bei dem armen Greise zu lassen.« – »Wie, Du wolltest? ...« Friedrich antwortete seinem Vetter nicht mehr; er war aufgestanden und zu dem Spieltisch getreten, um seinen Freund Richard zu betrachten, der ein sonderbares Gesicht machte; in diesem Augenblick setzte Cendrillon all sein Geld. »Ich halte!« rief Dernesty, seine Karte umschlagend. »Ei, sieh' da!« sagte der dicke Capitalist, Dernesty scharf ansehend, »jetzt spielen Sie nicht mehr den Stummen: Sie sind also wieder zu Stimme gekommen?« Der junge Mann antwortete nichts. Herr St. Gobibert kehrte jetzt mit ganz vergnügter Miene, sich die Hände reibend, in den Salon zurück; er nickte seinem Bruder zu und setzte sich neben seine Frau, der er in's Ohr sagte: »Fort ist er! wir sind seiner los und er vermuthet nichts.« »Ach Gott!« erwiederte Angelika, »diese Geschichte hat mich ganz in Gährung gebracht; ich muß so gelb sein wie eine Quitte.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der Vetter und die Base Am Tage nach dieser Soirée hatte es kaum acht Uhr in der Frühe geschlagen, als Friedrich, der sich in einem Cabriolet in die Huchettestraße hatte führen lassen, rund herum einen Töpferwaarenstand aufsuchte und endlich die Auslage des Ehepaars Bichat wahrnahm. Augenblicklich ließ er seinen Mylord halten, stieg ab und trat in den Laden, wo sich eben die eifersüchtige Clara befand, welche beim Anblick eines eleganten und hübschen jungen Mannes die langen Flechten ihrer Perrücke hin und Herzog. »Madame,« sagte Friedrich, »könnten Sie mir sagen, ob in diesem Hause ein guter, ehrlich aussehender, alter Mann Namens Savenay wohnt?« – Ja, mein Herr, allerdings wohnt er in diesem Hause, im fünften Stock. Wünschen Sie ihn vielleicht zu sprechen? – »Ja, Madame, und ich will hinaufgehen.« – Sie finden ihn in diesem Augenblick nicht; er ist schon ausgegangen. – »Schon?« – O! aber er kommt bald zurück: er holt nur seinen kleinen Mundvorrath zum Frühstück in der Nachbarschaft, denn schon seit zwei Tagen hat dieser arme Herr Savenay kein Geschäft mehr und daher Zeit, sich den kleinen Haushaltungssorgen zu unterziehen; er behauptet, das mache ihm Spaß ... doch halt, ich glaube, er kommt zurück: man hört ihn immer, ehe man ihn sieht.« Wirklich ließ sich eine klare, helle Stimme in der Straße vernehmen, die sang: »Es leben die Bettler, Die glücklichen Leute! Sie halten zusammen In Leid und in Freude!« Gleich darauf ging der Vater Savenay am Laden vorbei; Madame Bichat rief ihm. »Papa Savenay, hier ist ein Herr, der nach Ihnen frägt ... hüten Sie doch einen Augenblick meinen Laden, ich will nur sehen, was der Spitzbube von Bichat treibt, daß er gar nicht mehr nach Hause kommt.« Ohne auf eine Antwort zu warten, rannte die ungestüme Clara aus dem Laden. Als der alte Mann eintrat, sah er Friedrich an, der ihm die Hand entgegenstreckte und zurief: »Guten Morgen, Herr Savenay, erkennen Sie mich?« – Wahrhaftig, Herr, warten Sie ... doch! ich meine Sie gestern im Hause des Herrn St. Godibert gesehen zu haben; Sie waren so gütig, mir einen Stuhl anzubieten. – »Ja, in der That, ich war höflich gegen Sie und das mußte Ihnen auffallen, denn der Hausherr war es nicht.« – O! ich will das nicht sagen, mein Herr. – »Ich heiße Friedrich Reyval, bin der Neffe des Herrn St. Godibert und komme, mit Ihnen in Beziehung auf das junge Mädchen, das sie aufgenommen haben, zu sprechen.« – Rosa-Maria? Sie ist oben in meinem Hause, arbeitet und reinigt meine kleine Haushaltung, das liebe Kind; aber morgen will sie mich verlassen und in ihr Dorf zurückkehren ... und in der That, da ihre Oheime nicht aufzufinden sind ... wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, hinaufzugehen, mein Herr ... aber mein Gott! da läßt uns Madame Bichat stehen ... läuft aus ihrem Laden hinweg ... – »Wir können uns hier unterhalten, Herr Savenay, da wir allein sind; es ist mir sogar lieber, das junge Mädchen erst nachher zu sehen, denn Sie müssen mir die Wahrheit sagen über Alles, was sich auf sie bezieht, und ich bin überzeugt, Sie werden sie mir sagen; aber vielleicht wissen Sie selbst nur, was sie Ihnen mitzutheilen für gut fand. Sehen Sie, mein guter Alter, Sie sind ein rechtschaffener Mann und ich kann mich Ihnen anvertrauen: ich kenne Rosa-Maria's Verwandte und kann ihr zur Auffindung ihrer Oheime verhelfen, welche sie schon so lange vergeblich sucht.« – Wäre es möglich, mein Herr? – »Ja, ich kann und ich werde es thun, wenn dieses junge Mädchen verdient, daß man sich für sie interessirt, und wenn sie, seit sie in Paris ist, durch ihr Betragen ihrer Familie keine Schande gemacht hat, wie mir es Jemand versicherte.« – Ihren Verwandten Schande machen! ... sie, die Sanftmuth, die Tugend, der Anstand selbst! ... sie, die ihren Vater so sehr liebte und in ihrer Krankheit nur nach ihm rief, nur nach ihm verlangte! ... O, mein Herr, wer von Rosa-Maria Böses gesagt hat, ist ein Betrüger! ich schwöre, daß das nur Verleumdung ist. – »Das wünsche ich sehr, Vater Savenay; aber seit wann ist sie bei Ihnen? Wie haben Sie sie kennen gelernt? Erzählen Sie mir Alles, vergeben Sie keinen Umstand.« Der Greis berichtete Friedrich, was er in Beziehung auf das junge Mädchen wußte, und wie man sie auf der Straße schlafend gefunden und bei Tagesanbruch zu dem Hafner gebracht habe. Der junge Mann hörte aufmerksam zu, dann rief er aus: »Wenn es wahr wäre ... die arme Kleine, wenn sie in der That gleich am andern Tage nach ihrer Ankunft in Paris hierher kam, dann ist dieser Richard ein Elender, der uns belog. Aber wie sind Sie dessen gewiß, daß sie, als man sie auf der Straße fand, am nämlichen Tage angekommen war? ...« Die Rückkunft der Frau Bichat unterbrach diese Unterredung; die Krämerin war von ihrem Manne und seinem Freunde Glureau begleitet. »Da kommt er der Bruder Liederlich!« rief Clara schon unter der Thüre, »ich habe ihn aufgejagt: er saß ganz behaglich in der Kneipe mit dem Gevatter Glureau; doch ich will ihm verzeihen, ein wenig Wein lasse ich ihm von Zeit zu Zeit hingehen, wenn er nur sonst nichts vergeudet, auf das ich allein Anspruch habe.« Als Friedrich den Mann mit dem Kosakenkopf bemerkte, suchte er sich auf etwas zu besinnen; Vater Savenay kam ihm zu Hülfe, indem er zu ihm sagte: »Sehen Sie, mein Herr, das ist der brave Mann, welcher das arme Kind des Nachts auf einer Steinbank eingeschlafen fand und hierher führte.« – »Ja, gewiß bin ich der,« sagte Glureau vortretend; »habe ich nicht wohl daran gethan?« – »Kannten Sie dieses junge Mädchen schon?« fragte Friedrich. – »Nein, außer daß ich mit ihr auf der Eisenbahn gefahren bin.« – »Auf der Eisenbahn? ... Ach ja! jetzt erkenne ich Sie! Sie waren in der Ecke des Wagens, nur ein junger Mann saß zwischen uns.« – »Es ist wahr, ich saß in der Ecke ... ei, ich besinne mich jetzt auch wieder auf Sie, mein Herr; Sie waren in Gesellschaft des häßlichen, widerwärtigen Jungen, der mich eine Prise Tabak zu nehmen hinderte!« – »Ganz recht. Nun wohl, sagen Sie mir, wann sind Sie Rosa-Maria begegnet?« – Wann? Zum Kuckuk! gleich in der Nacht nach meiner Ankunft in Paris. – »In derselben Nacht? ... Sind Sie dessen gewiß?« – Kann ich mich denn täuschen? Ich war noch nicht in meine Stelle als Inspektor des Straßenkehrens eingetreten ... die arme Kleine! sie hatte sich vor Ihrem schnöden Freunde, der sie mit Gewalt in sein Logis schleppen wollte, gerettet und war lange die Kreuz und Quere durch die Straßen gerannt, endlich hatte sie sich, von Müdigkeit erschöpft, auf die Steinbank gelegt, wo ich sie in der Dämmerung schlafend fand ... aber freilich hatte sie gleich darauf eine famose Krankheit durchzumachen, weil sie dort in der Nachtluft eingeschlafen war. – »Ha! nun ist kein Zweifel mehr! dieser schändliche Richard hat sie unwürdig verleumdet! Nicht genug, ihre Lage mißbraucht, und den Versuch gemacht zu haben, Rosa in seine Wohnung zu schleppen, wollte er, da ihm das Bubenstück nicht gelang, sich rächen, und gab vor, sie habe drei Tage bei ihm zugebracht!« – Welche Abscheulichkeit!« rief der Greis, die Hände zusammenschlagend ans. »Also glaubt ein ausschweifendes Subjekt, statt ein junges Mädchen, welches tugendhaft bleiben will, darum zu ehren, es anschwärzen und seines guten Leumunds berauben zu dürfen! – »Nicht alle ausschweifenden Subjekte führen sich so auf, Vater Savenay,« sagte Friedrich lächelnd; »es gibt welche, die bei allem Jagen nach Vergnügen und Weibergunst dem wahren Werthe und der Tugend noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen wissen.« – Wie, wie!« schrie Glureau, seine Aermel zurückstreifend, »der garstige Zieraffe hat behauptet, Mamselle Rosa-Maria sei seine Maitresse gewesen? Das ist mir ein sauberer Vogel! Ha, Du sollst mir einmal in den Weg kommen, guter Freund, ich will Dir eine schöne Suppe einbrocken! Jetzt freut es mich erst recht, daß mich mein junger Freund, der Wilde, gelehrt hat, die Schlarre gehörig zu handhaben, ich werde ihm bei erster Gelegenheit eine um den Kopf herumsumsen lassen, daß er die ganze Welt für eine ungeheure Brummfliege halten soll. – »Gehen wir in Ihre Wohnung hinauf, Vater Savenay,« rief Friedrich, »und schnell, denn mich drängt es, Rosa-Maria zu besuchen und sie in das Haus ihrer Oheime zu führen.« – Wie, mein Herr, Sie wissen, wo dieselben wohnen? – »Ja doch; aber kommen Sie, gehen wir in Ihre Wohnung hinauf.« Rosa-Maria hatte eben die beiden Zimmer, woraus die Wohnung ihres Beschützers bestand, in Ordnung gebracht; sie saß jetzt am Fenster und arbeitete. Das junge Mädchen war traurig und nachdenklich. Beunruhigt über das Ausbleiben einer Antwort von ihrem Vater stand ihr Entschluß fest, am folgenden Tage in ihr Dorf zurückzureisen, und sie wollte den Vater Savenay um seine Begleitung bitten, damit er ihrem Vater bezeugen könne, was sie während ihres Aufenthaltes in Paris gethan habe. Plötzlich kommt man in das Zimmer; es ist Vater Savenay und Friedrich. Letzterer eilt auf Rosa zu, betrachtet sie mit Entzücken, nimmt und drückt ihre Hand und ruft aus: »Liebe Base, wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie küsse?« Rosa-Maria ist ganz erstaunt; der Vater Savenay selbst sieht den jungen Mann befremdet an, aber Friedrich hat, ohne auf eine Antwort zu warten, bereits einen Kuß auf die frischen Rosenwangen seines Bäschens gedrückt. »Wie, mein Herr?« fragte der Greis, »Sie sind also ...« – Ja, Papa Savenay, ich bin ein Gogo, aber von weiblicher Seite ... Sohn von Therese, der Schwester Ihres Vaters, mein theures Bäschen, welche Herrn Reyval heirathete, und deßhalb heiße ich Friedrich Reyval.« Rosa schlägt schüchtern die Augen zu ihrem Vetter auf, indem sie stammelt: »Ach, lieber Herr Vetter, wie sehr freue ich mich, meine Familie wiedergefunden zu haben, denn Sie müssen wissen, wo meine Oheime sind.« – Ha, liebes Bäschen, ja gewiß, ich weiß das; aber sagen Sie mir doch zuvor, wer Ihnen die Adresse derselben in Paris gegeben hat?« – »Unser Vetter Brouillard, der uns diesen Sommer in Avon besuchte; er sagte mir, mein Onkel Nicolaus wohne in der St. Lazarusstraße und mein Onkel Eustachius in der Vendômestraße.« – »Nun! er hatte Sie wirklich nicht belogen! aber ich begreife nur nicht, daß er mit der Adresse Ihrer Oheime Ihnen nicht auch den Namen derselben mitgetheilt hat!« – »Ihre Namen? Wie, lieber Vetter, nennen sich denn meine Oheime nicht mehr Gogo?« – »Nein, hübsches Bäschen, und darum half Sie alles Suchen und Fragen nach denselben in Paris nichts! In Paris gibt es keinen Gogo mehr! der Name Gogo ist verloren, vernichtet, vergangen, kurz todt. – »Todt! O mein Gott! was soll das bedeuten?« – Nichts Gefährliches, sondern nur, daß Eustachius Gogo, der Schriftsteller, für gut befunden hat, sich Mondigo, und Nicolaus Gogo, der Finanzmann, sich Herr St. Godibert, Bankier zu nennen.« – »St. Godibert!« wiederholt der alte Savenay, »wie! der Herr, in dessen Haus ich gestern Abend ging und an den ich einen Empfehlungsbrief hatte?« – »Ist Nicolaus Gogo, mein Onkel und der Ihrige, liebes Bäschen.« – »Aber als ich ihm gestern von diesem theuren Kinde, das seine Verwandten sucht, sprach, als ich ihn fragte, ob er Gogo's kenne, antwortete er mir: »,Nein!« – »Ja, Papa Savenay, ja! und ich muß gestehen, daß Ihnen das im ersten Augenblicke eine ziemlich schlechte Meinung von ihm beibringen muß! Aber Sie haben ja Erfahrung, Sie kennen die Menschen und wissen ihre Schwächen zu entschuldigen und Nachsicht mit ihrer Eitelkeit zu haben. Das Alles, mein theures Bäschen, will sagen, daß unsere beiden Oheime die Wahrnehmung gemacht haben, der Name Gogo klinge nicht gut genug oder klinge vielleicht zu stark; ich will nicht gerade glauben, daß sie sich ihres etwas bäuerlichen Ursprungs schämten, aber du lieber Gott! es gibt Leute, die sich einbilden, um in der Welt geachtet zu werden, müsse man seine Herkunft von König Pipin oder Karl dem Großen ableiten. Darum ist es eine gewöhnliche Erscheinung, daß Leute ihren Namen ändern oder demselben noch den eines Gutes, eines erkauften Landhauses oder ihres Geburtsortes beifügen. Das ist eine Kleinlichkeit, aber kein Verbrechen. Sehr übel gethan wäre es freilich, wenn sie in Folge dessen ihre Verwandten zurückstießen oder nicht kennen wollten! ... ein solcher Gedanke ist aber in meinem Oheim St. Godibert niemals aufgestiegen. Nur begreifen Sie, daß er gestern vor all' den Leuten, welche von seinem wahren Namen Gogo nichts wissen, sehr in Verlegenheit gerathen wäre, ihn zuzugestehen; er hätte sich darüber erklären müssen, wäre Gefahr gelaufen, sich lächerlich zu machen, was die Menschen am meisten fürchten; deßhalb blieb Herr St. Godibert stumm. Aber wie mag man nur denken, daß er seine Nichte, die Tochter seines Bruders, zurückstoßen, sich nicht als ihren Onkel bekennen würde! Bei Leibe nicht! Nur wollte man wissen, was Sie seit Ihrem Aufenthalt in Paris gethan, meine hübsche Base, und darum bin ich diesen Morgen als Plänkler gekommen. Jetzt, da ich erfahren habe, daß Sie eben so sittsam als schön sind, kehre ich zu Herrn St. Godibert zurück, sage ihm, daß er eine reizende Nichte hat, auf welche er stolz sein darf, und er wird Sie mit offenen Armen aufnehmen, sonst ...« – Wie! es ist also nicht mein Oheim, der Sie hierher schickt, lieber Vetter?« fragte Rosa, Friedrich scharf ansehend. Dieser bemerkte, daß er eine Dummheit gesagt und fügte sogleich hinzu: »Ich habe nicht gewartet, bis er mich schickte, aber ich weiß sehr wohl, daß das seine Absicht war. A propos! noch eine Frage: warum kam Ihr Vater auf den Gedanken, sich von Ihnen zu trennen, und zu welchem Zweck schickte er Sie nach Paris zu Ihren Oheimen? – »Mein Vater hatte einen Unglücksfall gehabt ... eine durch langjährigen Fleiß zusammengesparte Summe war ihm Verloren gegangen. Da fürchtete er, meine Zukunft möchte, wenn ich im Dorfe bliebe, nicht glücklich sein, und er wollte durchaus, daß ich nach Paris reise. Er dachte, seine Brüder würden mich mit Vergnügen aufnehmen. Ich aber habe keinen Ehrgeiz, lieber Vetter, und würde sehr gerne in mein Dorf zurückkehren.« – Ins Dorf zurückkehren, Sie! ... das wäre ein Mord, den wir nicht zugeben würden. Nehmen Sie Ihre sieben Sachen, packen Sie ein; ich kehre zu meinem Onkel St. Godibert zurück, und ehe zwei Stunden vergehen, bin ich wieder da, Sie abzuholen. Auch Sie müssen mitkommen, Papa Savenay; Sie haben meine Base bei sich aufgenommen, an Ihnen ist es, sie ihrem Onkel zuzuführen. – »Ich, mein Herr? aber nach dem, was gestern ...« – Ich sage Ihnen, von gestern ist keine Rede mehr! Rüsten Sie sich, ich komme gleich wieder, Sie abzuholen.« Und Friedrich eilte hinaus, ohne auf die Gegenvorstellungen des jungen Mädchens und des alten Mannes zu hören. Er stieg wieder in sein Cabriolet, ließ sich in die St. Lazarusstraße führen und dachte den ganzen Weg über nur an sein Bäschen, indem er zu sich sagte: »Hübsch und tugendhaft ... Ha! Canaille von Richard, Du sollst es mit mir zu thun haben! Ei, und dieser Leopold, dieser junge Maler, der in Rosa-Maria verliebt ist ... soll ich ihm sagen, daß ich sie wiedergefunden habe, daß ich weiß, daß Alles, was man über sie sagte, Verleumdung war? Ja, ich werde es ihm sagen. Aber was meine Cousine sich befindet, das werde ich ihm verschweigen; ich sehe nicht ein, warum ich der Liebschaft dieses Herrn dienen sollte. Rosa ist so schön! ... sie darf nicht mehr an den jungen Mann denken, vorausgesetzt, daß sie überhaupt an ihn gedacht! ... die Geschichte mit ihrem Portrait ist nicht ganz klar! wenn sie aber einmal im Hause ihres Oheims ist, muß sie mir sie erklären, denn dann werde ich bei meinem Oheim oft Besuche abstatten!« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die Vorstellung Während sich Friedrich in die Wohnung des Vater Savenay begeben hatte, empfing Herr St. Godibert einen Besuch vom Bruder Schriftsteller. Herr Mondigo war kein bösartiger Mann; die Eitelkeit konnte ihn allerdings zu Thorheiten verleiten, aber sie erstickte nicht gänzlich alle guten Gefühle in seinem Herzen. Aus der Abendgesellschaft seines Bruders nach Hause zurückgekehrt, war der Schriftsteller in einiger Erregung im Zimmer auf- und abgegangen, indeß seine Frau, höchst übel gelaunt, weil sich Herr Dernesty bei St. Godiberts fast gar nicht um sie bekümmert hatte, sich auskleidete, ohne auf die Gemüthsbewegung ihres Mannes die geringste Rücksicht zu nehmen. »Die Sache bringt mich doch sehr in Verlegenheit,« sagte Mondigo, vor seiner Frau stehen bleibend, »und es darf dabei sein Bewenden nicht haben.« – Nicht wahr. Du findest auch, daß es recht langweilig, recht einsilbig bei Deinem Bruder war?« sagte Clementine, ihr Kleid aufschnürend. »Liebe Frau, Du hast wie ich den Alten gehört.« – Ich weiß nicht, was Herr Dernesty heute Abend hatte! Ich habe ihn noch nie so mißlaunig gesehen. – »Er hat sie aufgenommen und sie ist in seinem Hause.« – Wer ist in seinem Hause? – »Nun, das junge Mädchen ...« – Ein junges Mädchen bei Herrn Dernesty?« Mondigo sieht seine Frau an und ruft aus: »Wer Teufel spricht denn von Herrn Dernesty? Ich sprach mit Dir von jenem Greise, der sich heute Abend meinem Bruder vorstellte.« – Ei, was geht mich der alte Mensch an! – »Du hast also nicht gehört, was er zu meinem Bruder gesagt hat?« – Ich? warum nicht gar! wozu auf Alte hören, wenn Junge da sind! ich habe gar nicht zugehört.« – »Nun denn, so höre mir zu, liebe Frau. Als ich vor sieben Jahren so glücklich war, Dich zu heirathen, so verbarg ich Dir nicht, daß ich eigentlich Gogo heiße und den Namen Mondigo angenommen habe, weil er sanfter, wohlklingender, kurz, zu meinem Stand passender sei.« – Ja, ja, ich erinnere mich dessen; o, ganz gewiß, wenn ich Sie hätte Gogo nennen müssen, würde ich Sie nicht geheirathet haben. Madame Gogo zu heißen ... o pfui! Sie geben zu, daß das abscheulich gewesen wäre!« – »Ich läugne es nicht; darum bin und bleibe ich nur Mondigo. Mein Bruder hat das Gleiche gethan, indem er sich St. Godibert nennen läßt.« – »Und daran hat er sehr Wohl gethan.« – »Ja; nun haben wir noch einen dritten Bruder, der auf dem Lande wohnt und sich fortwährend Gogo nennt.« – »Was geht das Sie an? Sie kommen nicht mit ihm zusammen.« – »Ganz recht, aber dieser Bruder hat eine Tochter von siebzehn bis achtzehn Jahren, welche nach Paris kam, um ihre Oheime zu besuchen und sie nicht auffinden konnte, weil sie deren Namensänderung nicht weiß. Das sagte gestern Abend der gute Mann, den man Savenay nennt, und dem 60,000 Franken gestohlen worden sind.« – »Nun, mein Herr, wo wollen Sie damit hinaus? ... Haben Sie etwa die Absicht, diese Nichte in Ihr Haus aufzunehmen? ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, die mich ihre Tante nennen würde! ... und noch dazu Tante Gogo! ... Ha! wie abscheulich! Wenn Sie das thun, mein Herr, so gehe ich, verlasse Sie, klage auf Scheidung.« – »Aber, Clementine ...« – »Basta! Herr Gemahl, kein Wort mehr über diesen Gegenstand. Von einem achtzehnjährigen Mädchen Tante genannt zu werden ... ich, die ich erst fünfundzwanzig Jahre alt bin! o! da laß ich mich lieber zwanzigmal scheiden!« – »Aber das ist kein Scheidungsgrund, Madame.« – »Dann sorge ich schon für einen andern!« Und ohne weiter auf ihren Mann zu hören, geht Madame Mondigo und schließt sich in ihr Schlafzimmer ein, indem sie den Schriftsteller stehen läßt, der zu sich sagt: »Es ist erstaunlich, was meine Frau für eine Blondine einen hartnäckigen Charakter hat, und ich hielt die Blonden für so sanft! Da traue einer der Haarfarbe!« Und am andern Morgen hatte sich Mondigo zu seinem Bruder, dem Geldmann, begeben und fing an, mit ihm von ihrer Nichte zu reden, worüber Herr St. Godibert schon Gesichter schnitt und den Kopf mit einer nichts Gutes verkündenden Miene schüttelte, als mit einem Male Friedrich vor ihnen stand. »Ah, zum Henker! wie freut es mich, Sie Beide beisammen zu finden!« ruft der große junge Mann mit heiterer Miene; »wie glücklich trifft sich das für meine Nachrichten!« – Was bringen Sie denn für Nachrichten, mein lieber Neffe?« fragt Mondigo. – »Ich komme, um von meiner Base mit Ihnen zu sprechen?« – Von Ihrer Base? – »Wer ist das?« schreit Herr St. Godibert mit wüthender Miene. – »Das ... o! das ist ein reizendes junges Mädchen, eines von jenen Gesichtern, wie man sie nur sehr selten trifft! eine Mischung von Schönheit, Anmuth, Reinheit. Uebrigens, mein lieber Onkel, müssen Sie sich ihrer erinnern: sie ist mit uns auf der Eisenbahn gereist. Es ist das junge Mädchen, das in Corbeil zu uns einstieg, und dessen Erscheinung Aufsehen erregte ...« – Nun, Herr Neffe, was liegt mir daran, ob sie häßlich oder schön ist! – »Man fühlt sich immer geschmeichelt, eine Nichte zu haben, die von Jedermann bewundert wird. Sodann, mein theurer Onkel, muß Ihnen doch viel daran liegen, daß die Tochter Ihres Bruders nicht ohne Freunde, ohne Hülfsmittel allein in Paris dastehe, ohne einen andern Beschützer als einen armen Alten, der selbst ohne Stelle ist, während sie doch reiche Verwandte hat, welche eine Rolle in der Welt spielen.« – Schweigen Sie, Friedrich, schweigen Sie. Warum hat dieses junge Mädchen ihren Vater verlassen? Was hatte sie nöthig, nach Paris zu kommen? Wahrscheinlich aus Vergnügungssucht! – »O! Sie thun ihr Unrecht! Rosa-Maria hätte ihren Vater niemals verlassen! aber dieser hat Verluste erlitten und dann an die Zukunft seiner Tochter gedacht; er hat sich seiner Brüder erinnert und gemeint: Die könnten besser als er die Versorgung seines Kindes übernehmen!« – Ei! ja doch! ... Geschichten! ... Fabeln! ... Friedrich, Sie wissen, was ich Ihnen gestern Abend gesagt habe ... ich bin kein Gogo mehr ... wir sind keine Gogo's mehr! Seien auch Sie stumm, ich leihe Ihnen sogleich die fünfhundert Franken, die Sie wünschten. – – »Behalten Sie dieselben, lieber Oheim, ich will nichts mehr davon. Gestern wollte ich schweigen, weil ich fühlte, daß man vor einer großen Gesellschaft Ihre Eitelkeit schonen mußte, jetzt aber hoffe ich, daß Sie Ihre Pflicht thun werden.« – Meine Pflicht! Was verstehen Sie darunter, anmaßender Mensch? – »Ich verstehe darunter, daß Sie sofort Ihre Nichte in Ihr Haus aufnehmen sollen; ich gebe Ihnen den Vorzug vor dem Onkel Mondigo, weil Sie reich sind, während er es nicht ist.« – O!« rief Mondigo, »sonst hätte ich mir ein Vergnügen daraus gemacht ... vorausgesetzt nämlich, daß meine Frau damit einverstanden gewesen wäre, was ich jedoch nicht glaube. Obgleich ich nun aber nicht wie St. Godibert im Golde schwimme, so bin ich dennoch zu einigen Opfern bereit, wenn sie nicht vermieden werden können. – »Nicht darum handelt es sich!« schreit St. Godibert, sich wiederholt die Nase schnäuzend, was stets Zorn bei ihm verrieth. »Dieses junge Mädchen wird nicht in mein Haus kommen; sie weiß nicht, daß ich ihr Oheim bin und soll es auch niemals erfahren.« – Verzeihen Sie, lieber Onkel, sie weiß es. – »Sie weiß, daß ich Gogo heiße?« – Perfect, und der Vater Savenay auch. – »Und wer hat ihnen das gesagt?« – Ich, es ist noch keine halbe Stunde; so eben habe ich mein Bäschen verlassen.« Herr St. Godibert wirft sich in einen Lehnstuhl und drückt seinen Kopf an die Lehne desselben; Mondigo, dem die Augen vor Entsetzen starr stehen, stammelt: »Und von mir ... weiß sie es auch?« – Allerdings, lieber Oheim, ich wiederhole, daß ich sie Beide von eurem Namenswechsel unterrichtet habe. – »Scheußlich! entsetzlich!« ruft St. Godibert, indem er auf seinem Lehnstuhl nach Athem schnappt wie ein Karpfen. »Man weiß, daß ich ein Gogo bin! man wird mich vor aller Welt Gogo nennen! Da war es der Mühe werth, sein Glück zu machen! ... Diners zu geben! Meine Frau wird davon krank werden und ich auch. Friedrich, das war kein Heldenstück! ich leihe Ihnen keine hundert Sous mehr!« Und Mondigo schleicht in dem Salon hin und her, zur Decke hinaufblickend und unter Begleitung von Seufzern murmelnd: »Meine Frau wird sich von mir trennen, wenn meine Nichte sie Tante nennt! Clementine, die ihre gutgezählten neunundzwanzig Jahre auf dem Rücken hat, will nun ein für allemal nicht älter als fünfundzwanzig sein! Da sie sehr blond ist, so hat man ihr gesagt, sie behalte zeitlebens ihren Kindskopf.« Friedlich läßt seinen beiden Oheimen Zeit zur Abkühlung. Nachdem der erste Sturm vorüber ist, fährt er in sehr ruhigem Tone fort: »Meine Herren Oheime, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, mich anzuhören, so hoffe ich Ihnen zu beweisen, daß das Uebel, wenn überhaupt eines existirt, bei Weitem nicht so groß ist, als Sie denken. Herr St. Godibert soll seine Nichte in sein Haus aufnehmen, wo sie durchaus nicht am unrechten Platze ist, denn mein Bäschen ist keine dicke und unbeholfene Bäuerin; sie ist ein reizendes junges Mädchen voll Anmuth und guter Lebensart, und besitzt zum wenigsten eben so viel gute Erziehung als meine Tante Angelika. Mein Onkel Mondigo soll von Zeit zu Zeit seiner Nichte einige Geschenke zu ihrer Toilette machen, damit sie seinem Bruder nicht ganz zur Last falle.« – So oft ich einen großen Erfolg im Theater habe,« sagte Mondigo, »werde ich ihr hundert Franken geben. – »Es wäre mir lieber, wenn eine bestimmte Summe für sie ausgesetzt würde; doch daran liegt nichts, das ist nicht das Wesentliche. Ich fahre fort: Mein Oheim St. Godibert soll Rosa-Maria, das ist der Name meines Bäschens, und er steht ihr sehr gut an, soll Rosa-Maria zu sich nehmen; ferner soll er dem guten Savenay einen kleinen Platz in seinem Bureau anweisen: ein bescheidenes Aemtchen, zwölf- bis fünfzehnhundert Franken, das wird den Greis ganz glücklich machen, und zudem haben Sie Herrn Cendrillon sagen hören, sein alter Freund schreibe und rechne sehr gut und sei ein guter Arbeiter. Das Geld ist also nicht hinausgeworfen. Thun Sie das, meine Herren und ich verspreche Ihnen, der Name Gogo soll niemals von meiner hübschen Base ausgesprochen werden; ich stehe Ihnen zum Voraus für ihre und des alten Savenay Verschwiegenheit. Fürchten Sie, Ihr Bruder Hieronymus möchte bei einem Besuche seiner Tochter Ihr Geheimniß verrathen, nun gut, so lassen Sie von Zeit zu Zeit Rosa-Maria ihren Vater besuchen, um diesem die Reise nach Paris zu ersparen. Ich habe gesprochen, meine Herren! ich biete Ihnen Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun, sich als gute Verwandte zu zeigen, ohne daß Ihre Eitelkeit verletzt wird; mir scheint, ich verdiene ein Dank-Votum.« Herr St. Godibert geht mit sich zu Rath, Mondigo ruft aus: »So, glaube ich, ist es ziemlich gut eingeleitet: Friedrichs Plan bewegt und entwickelt sich naturgemäß. Friedrich, Du hättest ein Stück kunstgerecht zusammengezimmert ... Du verstehst Handlung hineinzubringen, wir wollen einmal etwas miteinander machen.« – Dank, lieber Onkel, aber bei der Intrigue beschränke ich mich nur auf die Praxis ... Sie sind also einverstanden ... – »In der That, ja, unter der Bedingung, daß Rosa-Maria niemals meine Frau ihre Tante oder mich Gogo nennt.« – Die Uebereinkunft ist geschlossen; und Sie, Herr von St. Godibert?« Der Oheim mit der kleinen Nase streckt beide Lippen vor und murmelt: »Freilich, wenn dieses junge Mädchen niemals sagt, daß wir einst Gogo hießen, wenn dieser alte Mann gleichfalls diskret ist, dann muß man wohl ... indeß will ich meine Gemahlin zuerst fragen.« – Das ist überflüssig, Herr Oheim; Sie brauchen die Erlaubniß Ihrer Gattin nicht, um Ihre Nichte bei sich aufzunehmen. Zudem wird meine Tante beistimmen; ihr würde es noch weit widerwärtiger sein als Ihnen, überall Frau Gogo genannt zu werden! Und das, ich wiederhole es, geschieht, wenn Sie sich weigern, der Tochter Ihres Bruders ein Asyl zu geben. – »Nun denn, weil es sein muß!« – Bravo! Abgemacht! Ich hole jetzt gleich meine Base: in einem Augenblick führe ich sie her; benachrichtigen Sie meine Tante, daß sie ein reizendes junges Mädchen um sich haben wird. – »Wie, nur so Knall und Fall? wenn aber ...« – Kein Wenn und kein Aber, auf was Teufels wollen Sie denn noch warten? ... Ich bringe auch den Papa Savenay gleich mit, damit Sie ihn in Ihr Bureau einführen. – »Aber gestern habe ich ihm gesagt, daß ich die Herren Gogo's, die er suchte, nicht kenne.« – O! seien Sie ruhig! das habe ich Alles schon in Ordnung gebracht ... Sie haben Ihre Gründe, daß man im Publikum Ihren Namen nicht kenne, und nur darum haben Sie ihm gestern so geantwortet. Du lieber Gott! dieser brave Mann will nicht mehr wissen, und Rosa-Maria wird Alles thun, sagen und glauben, was Ihnen nur Vergnügen macht; sie ist so niedlich ... ich eile, sie zu holen.« Friedrich nimmt diesmal einen Fiaker, heißt den Kutscher seine Pferde antreiben und läßt sich abermals in die Straße Huchette führen. Er langt vor dem Laden der Eheleute Bichat an, hält sich aber diesmal dort nicht auf, sondern stürzt schnell in die Wohnung des alten Savenay hinauf. Der Greis und das junge Mädchen sprachen mit einander über den Besuch, welchen sie diesen Morgen erhalten. Rosa-Maria glaubte, ihr Vetter würde nicht mehr kommen, sie abzuholen; der Vater Savenay dachte ganz das Gegentheil. Friedrichs Ankunft zerhaut den Knoten: er tritt ein und ruft: »Da bin ich! ihr sehet, ich bin pünktlich, denn ich hatte versprochen, vor Abfluß von zwei Stunden zurückzukehren. Wohlan, mein Bäschen, sind Sie bereit? haben Sie Ihre Sachen zusammengepackt? ... Sie, Vater Savenay, nehmen Sie Stock und Hut, der Wagen wartet und fort!« – Wie! wäre es möglich?« sagt Rosa-Maria, »Sie wollen mich zu meinem Oheim Nicolaus Gogo führen? – »Ja, mein hübsches Bäschen, aber vergessen Sie doch ja nicht, daß er seinen Namen verändert hat, sich jetzt Herr St. Godibert nennt; versprechen Sie sich um Gottes willen nicht, liebes Bäschen! Geben Sie ihm niemals den Namen Gogo, denn sonst muß ich Ihnen sagen, würden Sie ihm wehe thun, ihn sehr unglücklich machen! Es ist eine Schwäche, meinetwegen eine Kinderei, aber es ist nun einmal so; die Welt kennt ihn seit wenigstens zwölf Jahren nur unter dem Namen St. Godibert, und er will nicht mehr anders genannt sein.« – O! seien Sie ruhig, lieber Vetter, da es meinem Oheim Unlust verursachen würde, will ich mich wohl davor hüten. – »Was ich eben meiner Base anempfohlen, gilt auch Ihnen, Papa Savenay. Mein Oheim St. Godibert gibt Ihnen einen Platz in seinem Bureau ... heute noch werden Sie eingeführt werden.« – Wie! Ihr Herr Onkel hätte die Güte ... einen Platz auf seinem Bureau ... – »Ja freilich! nicht gerade einen glänzenden; fünftausend Franken kann ich Ihnen nicht versprechen.« – O, Herr! nur das bescheidenste Plätzchen! In meinem Alter bedarf man so wenig zum Leben. – »Aber dabei ist, wie gesagt, die kleine Bedingung, Papa Savenay, daß Sie vergessen, daß Herr St. Godibert einst Gogo geheißen hat! Weiter verlangt man nichts von Ihnen.« – Ich werde thun, was Ihrem Herrn Onkel angenehm ist. Jeder hat die Freiheit, sich nach seinem Belieben nennen zu lassen und sobald Herr St. Godibert seine Nichte zu sich nimmt und sich als guter Verwandter gegen sie beträgt, so scheint mir, hat man ihm in keinerlei Weise etwas vorzuwerfen. – »Sehr gut gesagt; gehen wir also. Ei, mein Gott, wem gehört denn diese große Kiste?« – Mir, lieber Vetter; sie enthält meine Effekten. – »Alle Wetter! sie ist schwer. Ich sehe, Bäschen, daß Sie eine vollständige Garderobe besitzen.« – Aber Sie werden das nicht tragen können, lieber Vetter; ich hole gleich einen Commissionär. – »Unnöthig! Ich kann Ihren Koffer sehr wohl hinabtragen.« – Das wird Sie müde machen ... – »Ich bin sehr stark, liebes Bäschen.« – Sie werden sich staubig machen. – »Ich lasse mich wieder ausbürsten.« Schon hat Friedrich den Koffer auf seine Schultern geladen und steigt schnell die Treppe hinab; das Mädchen und der Greis folgen ihm nur mit Mühe. Endlich hat der Kutscher den Koffer auf seinen Wagen gepackt. Friedrich läßt seine Base und den Vater Savenay in den Fiaker steigen und setzt sich auf den Rücksitz, und so fährt man in die Wohnung des Herrn St. Godibert. Rosa-Maria ist ganz bewegt, und zittert bei dem Gedanken, daß sie in das Haus dieses Oheims geht, den sie nicht kennt und bei dem sie doch wohnen soll. Um ihr Muth einzuflößen, versichert sie Friedrich, daß sie sehr glücklich sein werde, daß Herr St. Godibert sehr reich ist, eine prachtvolle Wohnung und eine zahlreiche Dienerschaft hat, daß er viele Gesellschaft empfängt und große Soiréen gibt. Aber statt das junge Mädchen zu beruhigen, stößt ihr Alles das die Furcht ein, sie möchte im Hause ihres Oheims linkisch und nicht an ihrem Platze sein, was sie auch ihrem Vetter nicht verbirgt. »Wenn man so hübsch ist wie Sie, liebes Bäschen,« sagt Friedrich, »so ist man überall an seinem Platz. Ich werde Sie sogleich näher mit dem Hause bekannt machen. Mein Oheim ist, was den Geist betrifft, kein großes Licht, aber Sie können mit ihm, wenn Sie eine achtungsvolle, gehorsame Miene gegen ihn annehmen, ganz gut zurechtkommen. Meine Tante ist ungefähr vom gleichen Schlag; nur müssen Sie ihr, da sie ein Weib ist, bisweilen einige Complimente über ihre ausgesuchte Toilette und ihre graziöse Haltung machen; dann werden Sie sich ihre Zuneigung gewiß erwerben. Ah! dann ist auch noch ihr Sohn Julian da, liebes Bäschen, Ihr Vetter wie ich; dieser spricht wenig, langweilt sich daheim und ist daher so wenig als möglich zu Hause. Vielleicht gelingt es Ihrer Liebenswürdigkeit, ihn von diesen Unarten zu kuriren, denn im Ganzen halte ich ihn für einen sehr gutartigen Jungen, der, dessen bin ich gewiß, entzückt sein wird, mit einem so reizenden Bäschen zusammen zu wohnen, und sich dessen Freundschaft zu erwerben. Hoffentlich werden Sie keine Angst vor ihm haben.« – O! nein, lieber Vetter, wenn er Ihnen gleicht, so freue ich mich auf seine Bekanntschaft,« antwortet Rosa lächelnd. – »Das ist sehr schmeichelhaft für mich, liebes Bäschen! Ich flöße Ihnen also keine Furcht ein?« – Nein, mein Vetter, mir ist es in Ihrer Nähe, als ob ich Sie schon längst kennte ... kurz, Sie erscheinen mir ... warten Sie ... Sie erscheinen mir wie ein Bruder.« Friedrich schüttelt den Kopf und brummt vor sich hin: »Den Kuckuk auch! ich möchte ihr lieber als etwas Anderes erscheinen!« Indeß reicht er Rosa-Maria die Hand und fährt fort: »Ich danke Bäschen; schenken Sie mir Ihre Freundschaft, Ihr Vertrauen, ich will das Alles verdienen. Aber da sind wir bereits am Hause des Herrn St. Godibert angelangt. Sein Bureau befindet sich im Erdgeschoß, und seine Commis gehen niemals hinauf, ohne gerufen zu werden. Jetzt kennen Sie das Haus, zittern Sie nicht und erlauben Sie mir, Sie vorzustellen.« Herr St. Godibert hatte seiner Frau die bevorstehende Ankunft ihrer Nichte berichtet, die er genöthigt worden, ins Haus aufzunehmen, wolle er nicht vor aller Welt als ein Gogo deklarirt werden. Die stolze Angelika war erröthet, vor Zorn aufgesprungen und hatte geschrieen: »Das hat man davon, wenn man Bauern zu Brüdern hat! Arme Brüder! ... Verwandte, hinten und vorn mit Nichts! ... Es ärgert mich sehr, Sie geheirathet zu haben, Herr Gemahl!« Darauf hatte sich Herr St. Godibert auf die Hinterbeine gestellt und mit ziemlicher Festigkeit erwidert: »Madame, sollte man, wenn man Sie hört, nicht meinen, Sie stammten aus einem standesherrlichen Hause? und doch war Ihr Vater nur ein Strumpfwirker, Madame, ein kleiner Strumpfwirker in der Vorstadt St. Antoine! Sie haben mir 12,000 Franken Mitgift zugebracht, welche mir in Baumwollenmützen und Flanelljacken ausbezahlt wurden! Nun, da ich 20,000 Franken jährlicher Rente gesammelt und Sie in eine Lage versetzt habe, wo Sie wie eine Gräfin, daß heißt wie eine reiche Gräfin, denn es gibt auch arme, leben können, nun Madame, dünkt mir, daß Sie, statt sich zu beklagen, sich sehr glücklich fühlen sollten, mich geheirathet zu haben.« Auf diesen Beweisgrund ließ sich nichts antworten. Madame St. Godibert schwieg, gelobte sich aber selbst, diese Nichte, welche sie gezwungen war unter ihrem Dach aufzunehmen, wie eine Negerin zu behandeln. Mondigo war bei seinem Bruder geblieben, sowohl aus Neugier, seine Nichte zu sehen, als auch einer späteren Vorstellung auszuweichen. In solcher Gemüthsverfassung befand man sich im Hause des Herrn St. Godibert, als Friedrich, mit seiner Base an der Hand und von Vater Savenay gefolgt, hereintrat. Es war schwer, ein hübscheres, jungfräulicheres Gesicht und eine anmuthigere Haltung zu sehen, als die Rosa-Maria's, wie sie sich in dem reichen Salon ihres Oheims vorstellte; ihr frischer, reizender Anzug, der jedoch sichtlich keinem Stadtfräulein angehörte, das mit Bandschleifen verzierte Häubchen, welches gar schelmisch und ein wenig rückwärts auf ihrem Kopfe saß, ihre hübschen, auf jeder Seite der Wangen rund und glatt anliegenden schwarzen Haare, ihre niedliche, propere Fußbegleitung – Alles vereinigte sich, um ihrer Person einen Reiz, eine Anziehungskraft zu verleihen, denen man nicht leicht die vollste Anerkennung versagen konnte. »Hier ist meine Base Rosa-Maria, welche ich Ihnen vorzustellen die Ehre habe,« sagte Friedrich, seine Oheime mit halb ernsthafter Miene grüßend. Das junge Mädchen schlägt die Augen nieder, erröthet und macht eine tiefe Verbeugung. »Sie ist außerordentlich hübsch,« sagt der hocherstaunte Mondigo, der nichts weniger erwartet hatte, als eine durch ihre Anmuth und Schönheit so ausgezeichnete Person vom Lande kommen zu sehen. Herr St. Godibert mildert sein strenges Aussehen ein wenig, als er Rosa-Maria betrachtet. Madame St. Godibert allein schneidet ein sehr erkennbares, hämisches Gesicht; es scheint, die Schönheit des Mädchens ärgere sie und es sei ihr noch weit widerwärtiger, daß sie dasselbe nicht häßlich finden könne. Sie wirft einen verächtlichen Blick auf Rosa und murmelt halblaut: »Welche Koketterie für eine Bäuerin! ... Wie wird es erst in Paris damit werden?« »Das hier: Herr St. Godibert ... und das: Herr Mondigo,« fährt Friedrich fort, seiner Base jeden ihrer Oheime bezeichnend. Diese machte ihnen neue Verbeugungen. Mondigo überläßt sich dem Zauber, den man in Rosa-Maria's Nähe empfindet, geht auf seine Nichte zu und küßt sie auf die Stirne mit den Worten: »Mein theures Kind, ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen ... Sie kennen zu lernen! Muß ich einmal ein hübsches Frauenzimmer in meinen Werken schildern, gewiß, so werde ich mich Ihres Gesichtes erinnern. Ich bin Ihr Onkel Mondigo, verstehen Sie mich, Mondigo, Schriftsteller ... man kennt mich unter keinem andern Namen ; nicht wahr, Sie werden mich immer Mondigo nennen?« – Gewiß, mein Herr, ich werde es nicht vergessen. – »Sehr gut. Sodann habe ich eine Frau ... die noch sehr jung ist und sich gekränkt fühlen würde, wenn eine große Person wie Sie »›meine Tante‹« zu ihr sagte; sie würde glauben, daß sie das älter mache! Es ist eben die Schwachheit einer schönen Frau, die man entschuldigen muß; wir werden nichts destoweniger gute Verwandte für Sie sein. Ich lade Sie nicht ein, uns im jetzigen Augenblick zu besuchen, weil wir unsere Zimmer malen lassen, aber später werden wir uns sehen, und ich habe St. Godibert schon gesagt, daß, wenn Sie eines Hutes, irgend einer Kleinigkeit zu Ihrer Toilette bedürfen, das mich angehe. Uebrigens steht Ihnen dieses Häubchen sehr gut; im Theater müßte es sich sehr pikant ausnehmen. Adieu, liebe Freundin, bis auf Wiedersehen.« Mondigo küßt seine Nichte abermals und entfernt sich, nachdem er den Vater Savenay gegrüßt hat. Herr St. Godibert, nachdem er mit jener Umständlichkeit gehustet und ausgespuckt, welche den reichen Mann verkündet, nahm den Brief seines Bruders Hieronymus, welchen ihm Rosa-Maria überreichte, überflog ihn mit geringschätzender Miene und sagte endlich zu dem jungen Mädchen, das zitternd vor ihm stand: »Mademoiselle, ich bin Ihr Onkel, ich stelle es nicht in Abrede, aber jetzt heiße ich Herr St. Godibert, Banquier. Ich will nichts anderes mehr sein ... Sie verstehen mich! Wenn ich Ihnen die Aufnahme in meinem Hause bewillige, so geschieht es unter der Bedingung, daß Sie mich niemals anders nennen, und besonders, daß Sie Niemand sagen, daß ich ... als ich noch klein war , einen andern Namen führte.« – Nein, mein Herr. – »Gut so ... »›mein Herr‹« ist auch passender als »›lieber Oheim!‹« ... es ist vornehmer. Ich weiß wohl, daß ich Ihr Oheim bin, aber ich ziehe es vor, daß Sie mich »›mein Herr‹« nennen.« – Ich verstehe, mein Herr . – »Und ich verlange gleichfalls, daß Sie mich nur Madame nennen! Hören Sie, Kleine?« rief die dicke Angelika, ihre imposanteste Miene annehmend. Rosa-Maria machte eine neue Verbeugung indem sie stammelte: »Ich werde nicht ermangeln, Madame .« – Dann,« nahm Herr St. Godibert wieder das Wort, »können Sie bei uns bleiben, da Ihr Vater es für zweckdienlich gehalten hat, Sie nach Paris zu schicken, was freilich ein wenig mit der Thüre in's Haus fallen heißt. – »O! mein Herr, wenn es Ihnen mißfällt, so kehre ich wieder in mein Dorf zurück!« rief das junge Mädchen aus, welchem die Aufnahme bei St. Godiberts das Herz zusammenschnürte. Aber bereits hatte Friedrich durch Stirnrunzeln eine Aufwallung übler Laune bekundet, und Herr St. Godibert, welcher dies bemerkte, antwortete schnell mit liebenswürdigerem Ton: »Nein, liebes Kind, ich weigere mich nicht, Sie zu behalten; es soll Ihnen in meinem Hause nichts abgehen, ich bin sehr reich, und wenn ich mit Ihrem Betragen hier zufrieden bin ... je nun, so wollen wir später sehen! ich werde an eine entsprechende Versorgung für Sie denken. Angelika, welches Zimmer bestimmst Du für Rosa-Maria?« – Es ist oben ein Zimmer frei: neben Fifinen's; ich denke, es werde für Mademoiselle hinreichen.« Rosa-Maria antwortete, sich verneigend: »Ich werde mich überall gut befinden, Madame.« – Dann also, Angelika, sage zu Fifine, daß sie Rosa-Maria begleite und die Einrichtungen in ihrem Zimmer treffe, sodann thue ... thue, was Du willst, um ... diese Kleine zu beschäftigen. – »Ja, ja, schon gut! Das ist meine Sache.« – Ich werde jetzt diesen Herrn hier auf einem meiner Bureaux unterbringen. Herr Savenay, Sie sehen, daß ich nicht gezögert habe, Ihnen eine Stelle zu finden ... ich hoffe, mein Freund Cendrillon wird mit mir zufrieden sein; im Vorbeigehen gesagt, Sie wissen, Friedrich wird Sie darauf aufmerksam gemacht haben, was ich eben dieser Kleinen bemerkte: auf der Bank und in der Finanzwelt bin ich nur unter dem Namen St. Godibert bekannt, folglich ... wenn man mich anders nennen würde, wäre es gerade, als ob man mich gar nicht nennte.« – Herr St. Godibert kann versichert sein, daß ich mich in allen Stücken seinen Wünschen fügen werde. – »Schön, Herr Savenay, Ihre Antwort zeugt von solidem Wesen. Kommen Sie nun mit mir herab, ich werde Sie in Ihre Stelle einweisen.« – Und ich,« sagte Friedrich, »werde meinen Geschäften nachgehen. Adieu, Herr Oheim und Frau Tante ... auf Wiedersehen, mein hübsches Bäschen!« Darauf ging der junge Mann auf das Mädchen zu und flüsterte ihr in's Ohr: »Nur Muth! man nimmt Sie hier ein wenig steif auf; aber wenn die Leutchen Sie einmal kennen, so müssen sie Sie nothgedrungen lieben.« Rosa-Maria grüßte traurig ihren weggehenden Vetter. Aber als sie an dem guten Greise, der ihr Beschützer war, vorbeiging, sagte sie seufzend zu ihm: »Ach, mein Freund, welcher Empfang hier! Man hat mich nicht einmal nach dem Befinden meines Vaters gefragt!« Siebenundzwanzigstes Kapitel . Rosa-Maria im Hause ihres Oheims Nach Entfernung ihres Mannes und des alten Savenay läutete Madame St. Godibert ihrer Kammerjungfer; Mamsell Fifine erschien. Diese warf einen verstohlenen Blick auf das neuangelangte Mädchen, dann biß sie sich aus Verdruß auf die Lippen, weil sie nichts Häßliches an Rosa-Maria entdecken konnte. »Fifine, Du wirst diese Kleine in die obere Stube, die, glaube ich, neben der Deinigen ist, führen,« sagte Madame St. Godibert. – »Ja, Madame,« antwortete die Kammerjungfer; »neben der meinigen ... das heißt gegenüber, weil neben mir Franzens Stube ist. – »Gegenüber! ... daneben! was liegt daran? Ist eine Schlafstelle darin? Stühle, Möbel?« – Ja, Madame, weil der Herr anfänglich die Absicht hatte, Herrn Julian dort zu logiren; aber Herr Julian wollte nichts von diesem Zimmer, weil es eine Mansarde ist; er hat weiter unten eingemiethet und sich Renaissancemöbeln gekauft, damit man in seinem Zimmer glauben solle, man sei in Versailles. – »Mein Sohn hat viel Geschmack; sein Vater findet, er brauche zu viel ... ich aber begreife nicht, wie er sich mit Dem, was man ihm gibt, so viele Sachen kaufen kann. Führe also diese Kleine in jenes Zimmer, weil es das ihrige sein wird. Wozu kann man Sie brauchen, Mademoiselle?« – Madame, ich kann gut nähen, Kleider machen, in Leinwand arbeiten und ein wenig sticken. – »Gut! wir wollen das Alles sehen. Jetzt gehen Sie, es ist elf Uhr; um zwei Uhr erlaube ich Ihnen herabzukommen und mit mir zu sprechen, früher nicht ... nun gehen Sie!« Rosa-Maria verneigte sich hochachtungsvoll vor ihrer Tante und folgte Mamselle Fifine. Auf der Hausflur angelangt, bemerkte diese einen großen Koffer, den man bereits dort niedergesetzt hatte. »Was ist das?« fragte die Kammerjungfer. – »Er gehört mir, Mademoiselle; in diesem Koffer sind meine Effekten. – »Ah! haben Sie so viel, um das Alles voll zu machen? Dann muß man ihn hinaufbringen ... aber ich gewiß nicht, ich habe keine Lust, mir den Rückgrat zu zerbrechen! ich habe im Hause schon genug zu thun.« – Mademoiselle, ich würde auch nicht zugeben, daß Sie diese Mühe übernähmen; aber ich wäre nicht stark genug ... wenn ich den Thürsteher ersuchte? – »Ei! warum nicht gar? bei dem würden Sie schön ankommen! Warten Sie, ich rufe Franz. He! Hollah, Franz! Herr Franz!« Der normännische Bediente kam mit vollem Munde an und hatte in der Hand noch ein gewaltiges Stück Pastetenkruste. Beim Anblick Rosa-Maria's stieß er einen Schrei der Bewunderung aus und ließ in seinem Entzücken seine Rinde fallen. »Ah, das laß' ich gelten; das ist einmal ein Kernmädel!« sagte Franz, Rosa betrachtend. – »Franz, Sie werden diesen Koffer hinauftragen in des Fräuleins Zimmer, welche gegenüber von mir wohnen wird. – »Mit Vergnügen! Tritt Mamsellchen zu uns in Dienst? Das würde mich sehr freuen, die würde mir gut anstehen!« – Davon handelt es sich nicht, was Ihnen gut anstünde! gar Vielerlei! namentlich weniger vorlautes Wesen ... das Fräulein aber ist eine Verwandte unserer Herrschaft. – »Ah, dann bitte ich tausendmal um Vergebung, um Entschuldigung! Das wäre mir nicht im Schlafe eingefallen, weil Mamsellchen so hübsch und unsere Herrschaft so häßlich ist.« – Behalten Sie Ihre Betrachtungen für sich und tragen Sie dagegen diesen Koffer.« Franz nahm den Koffer auf seinen Rücken. Man stieg in den obersten Stock des Hauses hinauf; Mamsell Fifine öffnete eine Thüre und sagte zu Rosa-Maria: »Das ist Ihr Zimmer Fräulein.« Hieronymus' Tochter trat mit gepreßtem Herzen in ihre neue Wohnung und warf furchtsame Blicke um sich. Sie befand sich in einem Mansardenzimmer und wurde vom Fenster aus nur die Dächer der Nachbarhäuser gewahr. Uebrigens befand sich eine Bettstelle, eine Commode, ein Tisch, Stühle und Alles, was eine einzelne Person braucht, darin. Die Tapeten waren frisch und nett, das Zimmer reinlich und wäre für einen Studenten oder eine Grisette ein sehr bequemes Quartier gewesen. Aber Rosa-Maria gedachte ihres hübschen kleinen Zimmers in Avon. Dort waren die Möbeln nicht schöner, die Tapeten nicht geschmackvoller, aber sie genoß dort einer so süßen Freiheit, ihr Kamin war mit Blumen geschmückt, die sie jeden Tag im Garten pflückte, ihr Fenster ging auf das Feld hinaus, sie hatte grünen Rasen, Strauch- und Blätterwerk unter den Augen und war endlich im Hause ihres so guten, so liebreichen Vaters. Und man ist so gerne bei einem Vater, der uns in allen Stücken zu Willen lebt. Franz hatte den Koffer in das Zimmer gestellt; er blickte um sich und sagte: »Das ist sehr proper möblirt, Schade, daß die Mansarde so weit hereinläuft, Fräulein; wenn Sie nicht daran gewöhnt sind, so bitte ich Sie, sich in Acht zu nehmen. Als ich nach Paris kam, habe ich mir oft den Kopf zerstoßen; man läuft, und glaubt ganz gerade gehen zu können und paff! hat man eine Beule am Kopf! Was habe ich schon für Beulen bekommen!« – Wäre zufällig die Verstandesbeule darunter gewesen, so hätten Sie sie behalten dürfen,« warf Mamselle Fifine schnippisch ein, Rosa-Maria aber erwiderte mit gewinnendem Lächeln: – »Ich danke Ihnen, Herr Franz, und werde Achtung geben. Uebrigens war es in der Wohnung des Herrn Savenay ebenso.« – Ah! das Fräulein hat bei Herrn Savenay gewohnt?« fragte Fifine neugierig. – »Ja, Mademoiselle.« – Sie sind also schon eine Zeit lang in Paris? – »O ja, Mademoiselle.« – Warum sind Sie denn nicht gleich zu Ihrem Onkel, dem Herrn St. Godibert gekommen?« Rosa-Maria zögerte, erröthete und antwortete endlich: »Mein Oheim weiß wohl warum, Mademoiselle;« welche Antwort Herr Franz mit einem bedeutsamen Husten begleitete. Die Kammerjungfer, gereizt darüber, daß sie nur diese ausweichende Antwort erhielt, trieb Franz vor sich her, indem sie ausrief: »Geschwind, machen wir, daß wir fortkommen! man kann unserer unten bedürfen.« Franz verneigte sich artig vor dem jungen Mädchen, zu dem er sagte: »Es wäre netter hier, wenn der Boden gewichst würde; Sie dürfen nur wünschen, Mamselle, so komme ich und thue es.« – Sie sind sehr gütig, Herr Franz, aber es ist nicht nöthig ... es ist ganz gut so. – »Je nun, wenn Sie einmal anderer Meinung werden, so bin ich ja immer da ... gegenüber, die Thüre rechts; Sie brauchen nur zu klopfen oder »›Franz!‹« zu rufen, so komme ich auf der Stelle.« Mamselle Fifine stieß Franz abermals auf den Gang hinaus und schlug Rosa-Maria's Thüre heftig zu, indem sie murmelte: »Ich soll Dich nur einmal das Zimmer dieser Zierpuppe wichsen sehen, dann kannst Du lange warten, bis ich Dir wieder nach jeder Mahlzeit Likör so viel Du willst, einschenke.« – Warum soll ich denn dieses junge Mädchen nicht wichsen, da es doch die Nichte unserer Herrschaft ist? – »Ach was! eine von den weitläufigen Nichten, die man aus Barmherzigkeit aufnimmt und bei sich wohnen läßt ... So könnte ich am Ende auch noch eine Nichte von Herrn St. Godibert sein!« – Ja, daß Sie den Herrn nahe angehen, habe ich nie bezweifelt, ob aber auch die Frau? – »Still! Naseweis; übrigens wird es bei dieser Nichte bald heißen, mit Nichten . Madame hat mir bereits gesteckt, daß sie das Ding nicht ausstehen kann und dafür sorgen will, daß es nicht zu lange da bleibt.« – Da seht mir einmal die alte Beduinin! Hm! das ist mir einerlei; hm! dieses junge Mädchen da, man kann sagen, das ist ein schönes Mädchen, so recht was man ein schönes Mädchen heißt, und dabei ein so rechtschaffenes, so anständiges Aussehen! – »Schon recht, schon recht! Mit sammt ihrem Unschuldigthun ist sie vielleicht nicht besser als eine Andere! Genug jetzt! ich werde schon noch herausbringen, ich, was sie seit ihrer Ankunft in Paris gethan hat.« Während dies im obern Stock geschah, hatte Herr St. Godibert den Vater Savenay auf sein Bureau im Parterre geführt, welches aus zwei Zimmern und seinem eigenen Cabinet bestand. Daselbst befanden sich bereits drei Commis. Er ging zu dem ersten und sagte zu ihm: »Herr Boudin, da ist ein neuer Angestellter, den ich angenommen habe.« Herr Boudin und die beiden andern Commis runzelten die Stirne, da der neue Angestellte nicht aussah wie ein überzähliger Aspirant. Herr St. Godibert fuhr fort: »Haltet einmal ... bei welcher Rubrik wollen wir ihn verwenden? ... Herr Savenay schreiben Sie ein wenig in meiner Gegenwart, daß ich Ihre Handschrift sehe.« Der Greis nahm eine Feder und schrieb einige Linien mit fester Hand und großer Nettigkeit. Herr Boudin und die beiden andern Commis verzogen abermals das Gesicht. »Nicht übel! gar nicht übel!« rief St. Godibert. »Das ist erstaunlich für Ihr Alter, Sie zittern nicht. Und die Ziffern, zeigen Sie uns Ihre Ziffern!« Der Greis schrieb mehrere Kolumnen Zahlen und addirte sie sehr schnell. Die Nasen der Commis wurden ellenlang. »Gewiß und wahrhaftig, Sie haben Talent!« fuhr der Bankier fort. »Was werden Sie hier thun können? Alle diese Herren haben ihre Aufgabe ... nun wohl: Machen Sie die Ausgänge; es kommen oft welche vor ... nicht wahr, Herr Boudin?« – Ja, mein Herr, und es fehlte uns Jemand dazu. – »Sehen Sie, es macht sich Alles von selbst, und wenn es gerade keine Ausgänge zu machen gibt, dann copiren Sie Briefe; kurz diese Herren werden Ihnen jede Arbeit, von der sie nichts wollen, überlassen.« Auf den Gesichtern der Commis blühte freudige Genugthuung auf. Herr Boudin sagte mit boshafter Miene: »Der Herr wird die gleichen Funktionen übernehmen, wie die jungen Schreiber bei einem Advokaten.« Der Greis gab lächelnd zur Antwort: »Warum nicht? ich werde ein blutjunger Schreiber sein und über die Gossen wegsetzen wie ein Hase! ... lieber Gott! ich will ja Alles sein, was man will.« – Sie werden präcis Morgens um acht Uhr kommen und nie vor halb sechs Uhr gehen,« nahm Herr St. Godibert wieder das Wort, indem er sich in seinem Gilet aufblies, »und dafür bewillige ich Ihnen sechshundert Franken Gehalt.« Vater Savenay verneigte sich; die andern Commis, welche wahrscheinlich gering bezahlt waren, schienen diese Summe für einen Gossenspringer sehr beträchtlich zu finden und übersahen, daß der so Angestellte ein silberhaariger Greis war. Was Herrn St. Godibert betrifft, so sagte er zu sich: »Meiner Treu'! wenn jetzt mein Freund Cendrillon nicht zufrieden ist mit dem, was ich für seinen Schützling thue, so ist es schwer, ihm etwas recht zu machen.« Während einer der Commis dem Greis vor einem schwarzen Tischchen in der Nähe der Thüre und weit vom Ofen entfernt seinen Platz anwies und ihm ein Dintenfaß nebst Federn und Federmesser zu seinem Gebrauch zeigte, ging Herr St. Godibert in sein Cabinet, wo zwei Arbeitspulte standen, sah sich um und runzelte die Stirne mit den Worten: »Mein Herr Sohn ist also noch nicht herabgekommen?« – Wir haben heute noch nicht das Vergnügen gehabt, ihn zu sehen,« antwortete Herr Boudin. »Schön das! und es ist elf Uhr vorüber! Sicherlich bekümmert sich mein Herr Sohn sehr wenig um die Welt! Seit einiger Zeit arbeitet er nicht mehr! er kommt nur auf einen Augenblick hieher, wenn er überhaupt kommt! Er wird leichtsinnig, o! er wird sehr leichtsinnig und ich muß Ordnung in die Sache bringen! Ich kann zwar nicht läugnen, daß er sich mit viel Eleganz kleidet, eine sehr ausgezeichnete Haltung annimmt; aber ich will, daß er arbeite, daß er Geld verdienen lerne.« Herr St. Godibert hat den Mund noch nicht geschlossen, als die Thüre aufgeht und der junge Julian erscheint. Da durch die aufgehende Thüre das kleine Bureau, an welches man den Greis gesetzt hatte, verdeckt wurde, so tritt Julian ein, ohne zu bemerken, daß ein Commis weiter da ist. »Ah, sind Sie da, mein Herr Sohn?« sagte der Bankier. »Ist das wohl die rechte Zeit, um auf sein Bureau zu kommen? Sie werden entsetzlich träge, mein Herr Sohn; Sie werden ...« Herr St. Godibert hält inne, denn er hat so eben seinen Sohn betrachtet und fährt betroffen von dessen außerordentlicher Blässe und niedergeschlagener Miene mit liebreichem Tone fort: »Aber bist Du denn krank gewesen? Wie angegriffen Du aussiehst; Du hättest das sagen sollen! wenn man krank ist, so ist es etwas Anderes! ... die Commis gehen nie auf ihr Bureau, wenn sie nur den kleinsten Fieberanfall haben! sie wären viel zu sehr besorgt, ihren Chef damit anzustecken ... man muß nach dem Arzt schicken.« – Ich danke Ihnen, lieber Vater,« sagte Julian, »ich war allerdings diese Nacht unwohl, aber es ist vorüber. – »Gut gut! Du wirst gestern Abend in meinem Cirkel zu viel Punsch getrunken haben, und man thut trotz meines Verbots immer zu viel Zucker daran ... das ist ekelhaft! Ah! hätte ich nur Zeit, mich mit Allem zu befassen, dann ginge es besser. Wir haben neue Leute im Hause; erstlich einen weitern Commis für die Ausgänge, für die kleinen Geschäfte ... kurz, für alles Mögliche; er ist nicht mehr jung, aber noch sehr brauchbar.« Julian wendet sich, um diesen Commis, auf welchen sein Vater mit der Hand deutet, in Augenschein zu nehmen. Da er den Greis von gestern Abend erkennt, wird sein Gesicht bleifarbig; er wankt und sinkt auf einen Stuhl, der glücklicher Weise neben ihm stand. »Wie? was hat mein Sohn denn?« ruft St. Godibert, auf Julian zueilend. »Man sollte glauben, Herr St. Godibert Sohn befinde sich übel,« sagte Herr Boudin. Aber der Jüngling, welcher sich umgewendet hatte, um dem Greise nicht mehr in's Gesicht zu sehen, fuhr mit der Hand über die Stirne und stotterte: »Es hat nichts zu bedeuten ... ein Uebelbefinden ... übrigens bin ich nicht im Stande, hier zu bleiben; ich gehe wieder in mein Zimmer hinauf und werfe mich aufs Bett.« – Ja, in der That, Du wirst wohl daran thun; ich zweifle gar nicht, daß Du zu viel Punsch getrunken hast. Komm, komm! gib mir den Arm, denn mir scheint, Du könnest Dich kaum auf den Beinen halten.« Julian steht auf und stützt sich auf den Arm seines Vaters. Aber um hinauszugehen, muß er an dem Greise vorbeikommen; dieser steht auf und verbeugt sich achtungsvoll vor dem Sohne seines neuen Prinzipals. Der Jüngling empfindet jetzt eine Art Nervenzittern. »Du hast das Fieber!« sagt Herr St. Godibert. »Wenn es der Herr wünscht, so hole ich einen Arzt,« bemerkt der Vater Savenay. »Nein, nein, es ist unnöthig,« antwortet Julian mit schwacher Stimme. Dann verdoppelt er seinen Schritt und beeilt sich aus dem Bureau wegzukommen. »Sie haben diesen Greis in Ihr Geschäft genommen?« fragte Julian, die Treppe hinaufgehend. »Ja wohl! ich mußte wohl, um dem Herrn Cendrillon gefällig zu sein, mit dem ich viele Geschäfte mache! Sodann, und das hat mich hauptsächlich bestimmt, hatte Dein ungezogener Vetter, nachdem er gehört, was Vater Savenay gestern Abend von dem jungen Mädchen erzählte, welches ihre Oheime Gogo suchte, nichts Eiligeres zu thun, als diesen Morgen zu dem alten Mann zu gehen, bei dem sie war, und Beiden mitzutheilen, ich sei dieser Oheim, dieser Go..! ha! der Name bleibt mir in der Gurgel stecken, ich kann ihn nicht herausbringen! Welch' ein Galgenstrick ist doch dieser Friedrich! Nun also, da die Kleine und der Alte das wußten, so mußte ich Concessionen machen: ich nahm den Vater Savenay zum Ausgangscommis, und das junge Mädchen ist in meinem Hause.« – Rosa-Maria ist in Ihrem Hause? – »Ah! Du weißt schon, daß sie Rosa-Maria heißt?« – Ja doch: gestern hat dieser Greis sie so genannt. – »Möglich, ich habe nicht Acht darauf gegeben. Mit einem Wort, ich entschloß mich zu dem Allem nur unter der Bedingung, daß niemals der Name Go ...go aus dem Munde des Einen oder Andern gehe ... bei der ersten Indiskretion jage ich Beide zum Teufel.« – Aber dieser alte Mann ... sind Sie gesonnen, ihn zuweilen bei sich ... in Ihrer Gesellschaft zu empfangen? – »Warum nicht gar! Für wen halten Sie mich, Herr Sohn? Empfange ich meine Commis in meinem Salon? ... Und dieser Alte da mit dem bäuerischen Aussehen machte gestern Abend einen saubern Effekt in meinem Cirkel; ich bekam Bauchweh davon. – »Und meine Base wohnt in Ihrem Hause?« – Vor Allem will ich nicht, daß Du sie Deine Base nennst, wie dieses große Kieselherz von Friedrich; Du sagst schlechtweg »Mademoiselle« zu ihr. Sie logirt oben, in dem Zimmer, das für Dich bestimmt war. Aber was wollen wir hier mit ihr anfangen den ganzen Tag? Ach, wie langweilig, wie störend! Und all' das, weil man das Unglück hat, mit einer Familie behaftet zu sein! Wer Teufels konnte auch die Familien erfinden! – »Aber, lieber Vater ...« – Gehe zu Bette, mein Sohn, und laß' mir die Sorge, über das Alles zu grübeln.« Herr St. Godibert ging und schloß sich in sein Zimmer ein. Nachdem er sich hier lange den Kopf vergeblich zerbrochen, entschloß er sich, seine Frau aufzusuchen. Rosa-Maria war zu der ihr bestimmten Stunde hinabgegangen, ihrer Tante aufzuwarten. Madame St. Godibert hatte das junge Mädchen in ein Cabinet neben ihrem Boudoir geführt, wo man niemals einheizte, da es weder Kamin noch Ofen hatte, und ihr verschiedene Sachen zu nähen gegeben, mit dem Gebot: »Hier werden Sie arbeiten! und daß Sie sich ja niemals einfallen lassen, bei der Arbeit zu singen: das ist mir ein Gräuel ... es gibt nichts Gemeineres.« Das junge Mädchen hatte sich verbeugt, ohne etwas zu sagen; aber im Innern dachte sie wohl, daß sie hier nie Lust bekommen würde, zu singen. Dann hatte sie sich, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, zu ihrer Arbeit niedergesetzt. »Nun,« sagte Herr St. Godibert, bei seiner Frau eintretend, »was thust Du mit dieser Kleinen?« – »Sie ist hier,« antwortete Madame, auf das kleine Cabinet deutend, »sie arbeitet, und ich muß sagen, sie näht sehr gut! Ich war sehr überrascht davon. – »Gut; so kann sie Dir doch wenigstens zu Etwas dienen.« – Wo sollen wir sie essen lassen? – Nun, wenn wir unter uns allein sind, so denke ich, kann sie an unserem Tische essen; wenn wir Gesellschaft haben, bleibt sie auf ihrem Zimmer.« – Abgemacht. – »Aber haben Sie auch an das Wichtigste gedacht? Wenn sich der Vater Ihrer Nichte beigehen lassen sollte, hieher zum Besuch zu ihr zu kommen ... begreifen Sie, Herr Gemahl, was das für eine ekelige Geschichte für uns wäre.« – Du hast Recht, aber ich werde sie ihrem Vater schreiben lassen, sie sei hier und er brauche sich nicht die Mühe zu nehmen, sie zu besuchen; sie werde von Zeit zu Zeit zu ihm kommen. – Gut ausgesonnen! Ich werde sie rufen, und sie sogleich zum Schreiben veranlassen.« Madame St. Godibert ruft Rosa-Maria. Das junge Mädchen nähert sich mit niedergeschlagenen Augen und furchtsamer Miene. »Sie können schreiben, denke ich,« sagte St. Godibert, seine Nichte ansehend. Diese schämt sich beinahe der Frage und antwortet schüchtern: »Ja, mein Herr.« – So setzen Sie sich an diesen Tisch. Sie sollen ... an Ihren Vater schreiben. – »An meinen Vater? Ach, welches Glück! O ja, mein Herr, Sie haben Recht, er muß erfahren, daß ich in Ihrem Hause bin ... dann wird er beruhigt sein.« – Zum Henker, ich glaube es Wohl! Nehmen Sie eine Feder ... ah so! es sind nur Stahlfedern da, mit denen können Sie ohne Zweifel nicht schreiben – »Um Vergebung, mein Herr!« antwortete Rosa lächelnd. – »So! man kann das auch in den Dörfern? ... Was für Fortschritte doch die Civilisation macht! Schreiben Sie, was ich Ihnen diktire.« Rosa-Maria nimmt die Feder und wartet. St. Godibert kratzt sich lange hinter den Ohren und diktirt endlich: »›Lieber Vater!‹« oder: Ich habe sogar nichts dagegen, wenn Sie setzen »›mein theurer Vaters!‹« – Das habe ich auch gethan. – »›Endlich bin ich bei meinem ... bei meinem älteren Oheim, welcher Herr St. Godibert geworden ist, so wie mein Oheim Eustachius Herr Mondigo geworden ist.‹« Schreiben Sie St. Godibert Fraktur, damit es ihm auffalle. Unterstreichen Sie St. Godibert. – – Es ist geschehen. – »Haben Sie St. Godibert unterstrichen?« – Ja, mein Herr. – »Ganz gut! »›Ich bin in seinem Hause mit der größten Güte aufgenommen worden.‹« Rosa-Maria entfährt ein leiser Seufzer, aber sie schreibt und wartet. »› ... mit der größten Güte aufgenommen worden.‹« Streichen Sie ... ich wollte sagen unterstreichen Sie auch die größte Güte ... »›es ist prachtvoll bei ihm: in seinem Salon sind Tapeten, wovon die Rolle 36 Franken kostet; er hat vier Commis und drei Bedienten‹« ...unterstreichen Sie auch die Commis ... »›er empfängt die schönste Gesellschaft von Paris!‹« ... haben Sie Paris? ...« – Ja! – »Dann unterstreichen Sie es, »›er beauftragt mich, Ihnen mitzutheilen, daß Sie sich wegen eines Besuches bei mir nicht bemühen sollen ...‹« – Warum denn das, mein Herr?« ruft Rosa aus, indem sie zu schreiben aufhört. – »Weil mir das so gefällt, Mademoiselle; schreiben Sie nur fort: »›wegen eines Besuches bei mir nicht bemühen sollen ... die Reisen kosten Geld und Sie haben dessen nicht zu viel; aber ich werde zu Ihnen auf Besuch kommen: mein Oheim wird es mir ziemlich oft erlauben.‹« – Ach ja, mein Herr! Nicht wahr, Sie werden es mir erlauben?« fragte Rosa. – »Gewiß, wenn meine Gemahlin nichts Pressantes für Sie zu thun hat ... »›oft erlauben. Inzwischen küsse ich Sie und bin für das ganze Leben Ihre zärtliche Tochter .. ‹« Jetzt unterzeichnet! Ah, Ihr Vater wird in dem eleganten Styl dieses Briefs bereits den Einfluß der Pariser Bildung auf Sie zu erkennen glauben. Ich habe ihn übrigens, ich kann Sie versichern, ohne alle Vorbereitung diktirt!« Rosa-Maria hatte den Brief, worin sie noch gar Vieles ihrem Vater hätte mittheilen mögen, geschlossen; aber ihr Oheim bemächtigte sich des Blattes, durchlas es und rief ganz erstaunt: »Das ist wahrhaftig sehr gut geschrieben! eine prächtige Fraktur ... es ist unbegreiflich, daß man jetzt überall schreiben lernt. Wenn ich jemals pressante Geschäfte auf dem Bureau habe, so könnten Sie mir Briefe copiren.« – Mit Vergnügen, mein Herr. – »Ja,« sagte Angelika, »aber ich werde immer Arbeit für sie haben ... es scheint, sie kann Kleider machen, Schnürleiber ... und ich muß meine Schnürleiber immer weiter machen lassen.« – Sei unbesorgt: die Kleine steht ganz zu Deinem Befehl; sie wird hoch erfreut sein, sich nützlich machen zu können. – »Ganz gewiß, mein Herr.« – Ich will jetzt diesen Brief abschicken. Kleine, da wir heute keinen Fremden bei Tische haben, so haben Sie die Ehre mit uns zu speisen.« Bis zur Stunde des Mittagessens verließ das Mädchen ihren Stuhl nicht und arbeitete unaufhörlich. Von Zeit zu Zeit kam Madame St. Godibert, die Arbeit ihrer Nichte zu besehen; dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück, um ein Kleid zu probiren, oder in ihr Boudoir, um ein Cosmeticum für die Haut auf ihr Gesicht zu schmieren: mit solchen interessanten Beschäftigungen verbrachte die stolze Angelika gewöhnlich ihre Tage. Mamsell Fifine ging mehrmals bei ihrer Gebieterin aus und ein; sie fand stets Vorwände, um auch dann zu kommen, wenn man ihr nicht läutete. Sie warf neugierige Blicke in das Cabinet, wo Rosa-Maria arbeitete, dann sagte sie spöttisch zu ihrer Gebieterin: »Es muß etwas Drolliges sein um die Arbeit, welche ein Landmädchen macht.« Aber Madame St. Godibert antwortete: »Vortrefflich gemacht ... mit Perlstichen ... ich muß ihr das bezeugen ... die hebt Dich schön aus dem Sattel, Fifine.« Fifine ging, sich vor Zorn in die Lippen beißend und begegnete im Vorzimmer Franz, welcher fragte: »Wo hat man denn das hübsche Mädchen eingesperrt? ... Steckt sie vielleicht in einem Schrank?« Mamsell Fifine versetzte Franz einen Tritt auf die Knöchel und rief: »Verlange mir nur wieder einmal Anislikör, da will ich Dich an das hübsche Mädchen weisen ... dann kannst Du sie selbst aufsuchen.« So kam endlich die Stunde des Mittagessens. Madame St. Godibert sagte zu Rosa-Marie nur die Worte: »Kommen Sie, Mademoiselle;« und das junge Mädchen folgte ihrer Tante. Auf dem Tische lagen vier Couverte. Madame St. Godibert setzte sich zu ihrem Mann, dann zeigte man Rosa ein Couvert und sagte zu ihr: »Setzen Sie sich dort.« Die arme Kleine nahm verlegen, genirt und betrübten Herzens Platz. Franz, der an der Tafel servirte, wenn keine Gäste da waren, lächelte sehr anmuthig, als er Rosa-Maria's gewahr wurde, und zeigte sich sehr emsig in ihrer Bedienung. »Es war unnöthig, für meinen Sohn ein Couvert zu legen,« sagte St. Godibert, »ohne Zweifel kommt er nicht zu Tisch.« – Und warum nicht, lieber Freund? – »Weil er krank ist; ich weiß gewiß, er hat gestern zu viel Punsch getrunken.« Aber kaum war die Suppe abgetragen, als Julian erschien. Das Uebelbefinden, das ihn plagte, hatte vor dem Wunsche, sein Bäschen zu sehen, um so weniger Stich halten können, als er von Friedrich mit einem Billet beschickt worden war, worin ihm dieser berichtete: »›Unsere Base Rosa-Maria ist ehrbar und tugendhaft, Richard ein Verleumder, den ich züchtigen werde; einstweilen empfehle ich Dir dieses reizende Kind, das ich selbst Deinen Eltern zugeführt habe.‹« Julian sah ganz niedergeschlagen aus; beim Anblick Rosa's jedoch färbten sich seine Wangen mit einer lebhaften Röthe und er konnte ihres Anblicks nicht satt werden. Er machte ihr eine tiefe Verbeugung, und das junge Mädchen erhob sich, sie ihm zu erwidern. »Larifari! nicht so viel Umstände?« sagte St. Godibert mit schlechter Laune; »setze Dich, Julian. Du bist also nicht mehr krank?« – Es geht besser, lieber Vater. Also dieses Fräulein ist ... ist ... – »Ja, doch; diese Kleine ist eine Verwandte von Dir. He, Franz, was treibst Du denn? Du wechselst den Teller der Mademoiselle vor dem meinigen! Bist Du toll, Franz?« – Nein, Herr, aber ich glaubte, Sie hätten auf dem Ihrigen noch ein Bein abzunagen. – »Ein Bein abzunagen! ... Ist es möglich, sich auf eine so pöbelhafte Weise auszudrücken, wenn man mit seinem Gebieter spricht?« Man mochte Franz ausschimpfen wie man wollte: er erwies sich doch sehr lebhaft in Rosa's Bedienung, und sehr langsam in der der Anderen. Der Sohn des Hauses benahm sich seinerseits äußerst artig gegen seine hübsche Base und schien diese durch seine Aufmerksamkeiten für das barsche Betragen entschädigen zu wollen, welches seine Eltern gegen sie an den Tag legten. Das Essen war sehr langweilig: die beiden Gatten öffneten den Mund nur, um zu essen oder Franz zu schelten; Julian war verlegen und wagte kaum, seine Base anzusehen; diese war traurig und sprach keine Silbe. Indeß hatte Herr St. Godibert bemerkt, daß seine Nichte sehr wenig aß, und er flüsterte seiner Frau ganz leise in's Ohr: »Sie führt sich bei Tische ziemlich gut auf.« Das junge Mädchen fühlte sich glücklich, als man vom Tische aufstand; sie kehrte schnell in ihr Cabinet zurück, wo man ein Licht aufgestellt hatte. Julian sah sie weggehen, wagte aber nicht, sie aufzuhalten und mit ihr zu sprechen, obgleich er große Lust dazu verspürte. Aber er trat zu seinem Vater und sagte zu ihm: »Wenn Sie es erlauben, so werde ich künftig, statt auf's Bureau hinabzugehen, in meinem Zimmer arbeiten: es ist mir bequemer, ich brauche dann meinen Schlafrock nicht mehr auszuziehen.« – Ei, seht doch, wieder ein anderer Einfall! Uebrigens ist es allerdings nicht der Mühe werth, daß Du wegen dessen, was Du seit einiger Zeit arbeitest, auf das Bureau hinabgehst. – »Dernesty hat mir gesagt, es sei weit nobler, in seinem Zimmer zu arbeiten, als sich unter seine Commis zu mischen.« – Ah! dann ist es etwas Anderes. Gehe also nicht mehr hinunter.« Der junge Mann entfernte sich, nachdem er noch einen Blick auf das Cabinet geworfen, in welchem seine Base war. Rosa-Maria arbeitete bis neun Uhr Abends. Dann sagte ihre Tante zu ihr: »Sie können in Ihr Zimmer hinaufgehen und sich zu Bette legen.« Die arme Kleine stand auf, grüßte Tante und Onkel demüthig und verließ die Gemächer. Am Eingang der Treppe fand sie Franz, der ihr ein Licht anbot mit den Worten: »Hier, Mamsell, wenigstens sollen Sie nicht, ohne hell zu sehen, hinaufgehen; wenn man ein Haus noch nicht kennt, so ist das unbequem.« Rosa-Maria dankte Franzen mit so sanfter Stimme, daß der Bediente ganz ergriffen davon war; dann nahm sie das Licht und stieg in ihr Mansardenzimmer hinauf. Als sie sich endlich allein und von jedem Zwange befreit fand, sank das junge Mädchen auf einen Stuhl; dann weinte sie lange; hierauf kniete sie nieder und betete. Als sie sich erhob, fühlte sie sich erleichtert und rief aus: »Mein Gott, du wirst mir Muth verleihen, das traurige Leben hier zu ertragen. Mein Vater hat mich hierhergeschickt, in der Hoffnung, daß ich glücklich sein werde, ich will warten, hoffen ... und dann wird man mir ja erlauben, ihn zu besuchen, wo ich ihm meine Lage hier schildern werde; wir wollen dann sehen, ob er mich fortwährend hier lassen will. O! es thut mir sehr leid, daß ich nach Paris gekommen bin!« Im Herzensgrund des jungen Mädchens lag noch ein anderer Kummer, welchem sie in diesem Augenblick eine Erinnerung weihte. Achtundzwanzigstes Kapitel. Spaziergang. – Begegnung. – Herzenserguß Nachdem er seines Onkels St. Godibert Haus verlassen, war Friedrichs erste Sorge, Herrn Richard in seiner Wohnung aufzusuchen. Es drängte ihn, diesen Herrn wegen seiner Verleumdungen zu züchtigen; er wollte ihn zwingen, sie zurückzunehmen und einzugestehen, daß er seine Base grundlos beschimpft habe, aber er nahm sich vor, ihm außerdem eine Züchtigung zukommen zu lassen, die ihm für alle Zeiten die Luft benehmen sollte, sich für einen zweiten Don Juan auszugeben. Der große junge Mann war lebhaft in das Haus getreten; er wollte die Stiege hinaufeilen, als ihm der Portier nachlief und ihm zurief: »Pressiren Sie doch nicht so sehr, mein Herr! Sie würden nur vier Stockwerke umsonst hinaufsteigen.« – Wie! ist er ausgegangen? – »Wollten Sie nicht zu Herrn Richard?« – Gewiß! ist er nicht oben? – »Er ist nicht nur nicht oben, sondern er wird gar nicht mehr zurückkehren, weil er ausgezogen ist.« – Ausgezogen! Und seit wann denn? – »Seit diesem Morgen ... meiner Treu', noch nicht gar lange. Erstlich ist Herr Richard heute mit Tagesanbruch aufgestanden; dann war er über eine Stunde fort; endlich kam er mit einem Auszugswagen ... keinem sehr großen, da er nicht zu viele Möbeln hat. Er hat den noch nicht verfallenen Miethzins bezahlt, indem er zu mir sagte: »›Ich ziehe weg, ich gehe; höhere Rücksichten nöthigen mich, in der Nähe der Festungswerke zu wohnen.‹« Ich erwiderte ihm: »›Aber wo das, mein Herr – denn es gibt viele Festungswerke – ziehen Sie außerhalb der Ringmauer?‹« Darauf hat er mir geantwortet: »›Wenn man Sie fragt, so sagen Sie keck, Sie wüßten es nicht.‹« Dann betrieb er seinen Auszug mit einer Eilfertigkeit, als ob ihm der Teufel auf der Ferse sitze! ... man hat ihm sogar den Nachttisch zerbrochen und er sagte nur: »›Desto besser, er war schon alt; zudem ist es ein Luxusmöbel .‹« Endlich ist er mit seinen Möbeln weggefahren, indem er mir sagte, er werde in einigen Tagen zurückkommen, um zu erfahren, ob Briefe für ihn da seien.« »Der Feigling! er ist geflohen!« rief Friedrich; »er hat sich aus dem Staube gemacht, weil er, als er gestern Abend von dem jungen Mädchen, das seine Oheime suchte, reden hörte, wohl vermuthen konnte, ich würde ihre Spur wieder finden und erfahren, wie sehr er gelogen! Portier! eine Feder, Papier und Tinte, ich werde dem Herrn Richard ein Paar Worte schreiben.« Der Portier beeilte sich, Friedrich das Verlangte zu geben, und dieser warf in einem Zuge folgendes Billet hin: »Richard, Sie sind ein Bube und ein Tropf; Sie haben ein unschuldiges junges Mädchen, das meine nahe Verwandte ist, verleumdet; meine Pflicht erfordert, daß ich sie räche. Wenn Sie nicht eben so feig als lügenhaft sind, so schreiben Sie mir, wo ich Sie treffen kann; ich werde einen Sekundanten mitbringen. Wenn Sie mir keine Genugthuung geben, so erkläre ich zum Voraus, daß ich Ihnen, so oft ich Ihnen begegne, den Hut vom Kopfe schlagen werde.‹« Friedrich unterzeichnete diesen Brief, gab ihn nebst fünf Franken dem Portier und band ihm sehr aufs Herz, denselben doch ja Richard einzuhändigen, sobald er ihn wieder sehen werde. Nach Beendigung dieses Geschäftes ging Rosa-Maria's Vetter ganz gemächlich nach Haus, indem er von seiner hübschen Base träumte, über deren einfacher und naiver Grazie er bereits die schnippische Kokette Marmodin vergaß, als er auf dem Boulevard einen leichten Schlag auf die Schulter fühlte. Er drehte sich um und erblickte Dernesty. »An was Teufel denkst Du, Friedrich? Du läufst, ohne vor Dich hin zu sehen; wenn Du Dichter wärest wie Dein Oheim Mondigo, so würde ich glauben, Du gingest mit dem Plane eines recht schwarzgalligen Drama's schwanger.« – O! nein, ich setze keine solche Mißgeburten in die Welt!« entgegnete Friedrich lächelnd, »ich bin kein Freund von leeren Luftgebilden! ich denke an das Reelle, Positive. Du erinnerst Dich jener hübschen Person, deren Portrait im Zimmer des Malers, zu dem Du uns geführt, hinter einem Vorhang verborgen war? – »Ja, weiter?« – Ich habe sie wiedergefunden. – »In der That?« – Hast Du gestern jenen Greis, der zu meinem Oheim kam, einen Freund des Herrn Cendrillon, der in dem Walde von Fontainebleau um 60,000 Franken bestohlen würde, nicht erzählen gehört? – »Doch ... ja ... so halb und halb ... aber wie hängt das zusammen?« – Dieser gute Mann, der Vater Savenay, so heißt er, hat weiter gesagt, er komme, um bei Herrn St. Godibert nachzufragen, ob er nicht zufällig einen Herrn Gogo kenne, der in seinem Hause gewohnt haben müsse, weil ein junges Mädchen, für welches er sich sehr interessire, nicht im Stande sei, ihre diesen Namen führenden Oheime zu finden. – »Ei! in der That, ich erinnere mich jetzt, daß Richard zu meinem jungen Maler gesagt hat, das Mädchen von der Eisenbahn suche gleichfalls Verwandte dieses Namens. – »Ja, aber was Du nicht weißt, was ich Dir indeß wohl im Vertrauen sagen kann, ist, daß diese Herren Gogo ganz einfach meine beiden Oheime sind!« – Unmöglich! – »Aber wahr, mein Theurer: Die Herren St. Godibert und Mondigo haben für zweckdienlich gefunden, ihre Namen zu ändern. Es ist dies eine kleine Phantasie, welche Niemand schadet ... Eitelkeit und Eigenliebe veranlassen die Menschen zu so vielen Thorheiten. Diese beiden Herren jedoch sind nichts desto weniger die Gogo's, welche das junge Mädchen suchte, kurz, ihre Oheime, woraus sich denn klar ergibt, daß sie meine Base ist.« – Jetzt wundert es mich nicht mehr, daß Du sie bei Leopold Bercourt so feurig vertheidigt hast. – »Du wirst eben so wohl begreifen, daß ich mich diesen Morgen zu guter Stunde in die Wohnung des wackern Alten begab, dessen Adresse ich behalten hatte.« – So! Du bist in seinem Hause gewesen? – »Zuerst sprach ich ihn allein; er wußte nicht, daß ich der Vetter seiner Schutzbefohlenen sei. Ich ließ mir von ihm genau auseinandersetzen, wie er sie kennen gelernt hatte, wie er mit ihr zusammengekommen war, und ich erhielt Beweise ... ja die unläugbarsten Beweise, daß Richard ein Elender, ein schändlicher Lügner ist; denn auf der Flucht vor ihm, als sie allein des Nachts in Paris herumirrte, um sich seiner Verfolgung zu entziehen, wurde die arme Kleine von dem guten Manne aufgefunden, der mit uns auf der Eisenbahn gereist war, und der sie in das Haus des Vaters Savenay führte, welches sie seither nicht verlassen hatte.« – Und was hast Du darauf begonnen? – »Donnerwetter! das Natürlichste: ich habe meine Base in das Haus ihres Oheims St. Godibert geführt! Anfangs haben sie ihre Gesichter ein wenig verzogen, dann aber sie behalten. Jetzt wohnt sie bei dem würdigen Paar ... o, Freundchen, ich werde meine Tante Angelika oft besuchen, denn mein Bäschen ist sehr hübsch! Ich versichere Dich, das Portrait war nicht geschmeichelt.« – Wirklich? Du stachelst meine Neugierde! Ich will auch dieses Wunder von Anmuth und Schönheit bewundern. – »Willst Du gleich jetzt kommen? Ich mache nicht viele Umstände, um in das Haus meines Oheims zu gehen. Komm! Du sagst, Du kommest wegen eines Bankgeschäfts.« – Ei, warum denn nicht!« Dernesty nimmt Friedrich am Arm und geht mit ihm weiter; doch unterwegs sagt er zu ihm: »Und der ... der gute alte Mann, der Deine Base aufgenommen hatte, was ist aus dem geworden?« – O! Du kannst Dir wohl denken, daß ich seiner nicht vergessen habe: es war nicht mehr als billig, daß dieser Greis wegen seines Edelmuths belohnt wurde ... er, der schon das Unglück gehabt, bestohlen zu werden; ich habe ihn auch zu meinem Oheim, dem Banquier, geführt und ihm auf seinem Bureau einen Platz verschafft. –»Auf dem Bureau Deines Oheims St. Godibert?« –Ja, er hat nur ein kleines Plätzchen; aber er ist nicht ehrgeizig, der arme Vater Savenay, er begnügt sich mit Wenigem. – »Also, ist er jetzt bei Herrn St. Godibert angestellt?« – Wie Du gehört. Ich habe ihn diesen Morgen dort gelassen; er wird sogleich in das Geschäft eingetreten sein.« Dernesty macht noch einige Schritte mit Friedrich; dann bleibt er plötzlich stehen und ruft aus: »Wie unüberlegt ich doch bin! Ich kann nicht mit Dir gehen! ich habe heute eine Zusammenkunft gerade bei diesem jungen Maler, eine Sitzung ... ich muß Dich verlassen. Ich werde ein andermal Deine reizende Cousine sehen.« – Wie Du willst; aber da Du zu Herrn Leopold gehst, welcher Rosa-Maria so schön gegen Richard vertheidigt hat, so thue mir den Gefallen, dem jungen Manne zu sagen, daß er ganz Recht hatte, sie zu vertheidigen; daß Richard ein Schuft ist und daß das Original seines Portraits fortwährend seine ganze Hochachtung verdient. Sage ihm das Alles!« – »Ja, ja, ich werde.« – »Unterlasse es aber ja nicht, denn die schändlichen Aeußerungen Richards dürfen meiner Cousine nicht noch mehr schaden!« – »Sei unbesorgt, ich werde Deinen Auftrag besorgen.« – »Auf Wiedersehen also, und siehst Du einmal Rosa-Maria, so magst Du selbst urtheilen, ob sie verdient, daß man sich für sie interessire.« Damit trennten sich die jungen Männer. Aber anstatt sich seiner Behauptung gemäß zu Leopold zu begeben, geht Dernesty in einer einsamen Allee der elysäischen Felder spazieren und scheint ernsten Betrachtungen nachzuhängen. Was Friedrich betrifft, so denkt er nach einigen hundert Schritten, daß es vielleicht ein Fehler wäre, Rosa-Maria schon am gleichen Tage wieder zu besuchen, und daß ihr eine so große Aufmerksamkeit von seiner Seite bei Oheim und Tante schaden könnte; er entschließt sich daher, in Betreff ihrer vernünftig zu sein und seinen Besuch auf den nächsten Tag zu verschieben. Aber am folgenden Mittag ermangelte Friedrich nicht, in Herrn St. Godiberts Wohnung zu gehen. Er hielt sich auf dem Bureau nicht auf, sondern ging gerade zu seiner Tante hinauf. Mamsell Fifine lächelte spöttisch, als sie den schönen Neffen kommen sah; dieser hatte gleichfalls die Gewohnheit angenommen, demjenigen Theil ihrer Reize, welcher sich beim Gehen besonders einladend hervorhob, den Tribut seiner Huldigung darzubringen, indem er auf eine etwas vertrauliche Weise seine Hand darauf drückte. Diesmal jedoch fiel es dem jungen Manne nicht ein, sich bei der Kammerjungfer aufzuhalten; er trat ohne Verzug in den Salon, in welchem er seine Base zu finden hoffte. Zu seinem größten Mißvergnügen bemerkte er nur seine Tante. Nach einigen mit verdrießlicher Miene ausgesprochenen Worten konnte sich Friedrich nicht länger zurückhalten und rief aus: »Wo ist denn meine Cousine?« – »Nun da, wo sie zu thun hat!« antwortete Madame St. Godibert trocken. »Wahrscheinlich, Herr Neffe, werden Sie nicht gedacht haben, daß ich diese Kleine in meinem Salon placiren werde. – »Und warum nicht, liebe Tante?« – Weil das nicht der Platz für ein junges Mädchen ist, und wenn wir auch diese ... Verwandte in unserem Hause behalten wollen, es nicht geschieht, damit die jungen Leute, die Courmacher, die Liebesritter um sie herumscherwenzeln; das wäre mir eine saubere Geschichte! ... Wenn so was geschähe, würden wir sie stracks wieder in ihr Dorf zurückschicken.« Friedrich zerriß seine Handschuhe vor Zorn; dann rannte er nach einer Minute weg und sah, durch's Vorzimmer gehend, Fifine nicht einmal an, welche ausrief: »Ach, wie ärgerlich er aussieht! Man war, scheint es nicht zum Besuch der Tante gekommen! aber was sehen denn alle diese Herren an dem kleinen Dorfmädchen herunter? Sie hat so wenig Hüfte, als meine Faust! Gott! was doch die Männer geschmacklos sind!« Friedrich war nicht der Einzige, auf welchen Rosa-Maria's Reize Eindruck gemacht: der junge Julian, der sonst sehr häufig auswärts speiste, bevor seine Cousine zu seinen Eltern gezogen war, stellte sich jetzt sehr pünktlich zur Stunde der Mahlzeit ein. Er sprach wenig mit Rosa-Maria, weil man ihn niemals mit ihr allein ließ; aber er hatte tausend Zuvorkommenheiten, tausend Aufmerksamkeiten für sie und heftete, wenn seine Eltern es nicht bemerken konnten, weit weniger schüchterne Blicke auf sie als gewöhnlich. Aber Rosa-Maria, obwohl nicht unerkenntlich gegen die Artigkeiten Julians, empfand für ihn nicht jene Sympathie, nicht jene Freundschaft, welche sie auf der Stelle für Friedrich gefühlt: im Gegentheil schien sie, wenn Julian in ihrer Nähe war, eine Art geheimer Abneigung, gleichsam ein Gefühl von Angst und Schrecken zu empfinden, das sie nicht bemeistern und wovon sie sich doch keine Rechenschaft geben konnte. Vierzehn Tage waren seit Rosa-Maria's Eintritt in ihres Oheims Haus verflossen und diese Zeit war ihr sehr lange geworden. Da sie alle Tage in dem Cabinet neben Madame St. Godiberts Boudoir mit Arbeiten zubrachte und nach dem Essen wieder so lange dahin zurückkehrte, bis ihr gestattet war, in ihr Zimmer zu gehen, so sah das arme Kind Niemand als seine Tante und Mamsell Fifine: die erstere redete mit ihr stets in trockenem und verächtlichem Ton; die andere schien, wenn sie sie ansah, stets die Zunge gegen sie herauszustrecken und sie spöttisch zu belächeln. Während des Essens konnte sie die Anwesenheit ihres Oheims und ihres Vetters eben so wenig aufheitern; denn ersterer beschäftigte sich niemals mit ihr, und die geheimen Aufmerksamkeiten des Letztern waren eher eine Verlegenheit als ein Vergnügen für sie. Ohne je auszugehen oder sich zu zerstreuen, brachte daher Hieronymus' Tochter gar traurige Tage in jenem Paris zu, in welches ihr Vater sie in der Hoffnung geschickt hatte, daß sie dort glücklicher sein würde, als in ihrem Dorfe. Daher war auch Rosa-Maria's einziger Wunsch, ihr einziges Sehnen, die Rückkehr zu ihrem Vater; sie nahm sich für diesen Fall vor, ihn dringend zu bitten, sie bei sich zu behalten und nicht mehr in ihres Oheims Haus zu schicken. Schon einmal hat das junge Mädchen schüchtern den Namen ihres Vaters ausgesprochen und zu verstehen gegeben, wie glücklich sie sein würde, ihn wiederzusehen; aber ihre Tante hatte ihr mit Härte geantwortet: »Es pressirt nicht, Mademoiselle, Sie haben immer noch Zeit ... es scheint, als ob Sie unausgesetzt auf den Landstraßen herumstreichen möchten, aber das schickt sich nicht. Ihr Vater weiß, daß Sie in unserem Hause sind; er kann also sehr ruhig und sehr zufrieden sein, und Sie brauchen ihn durch Ihre Rückkehr nicht jetzt schon zu stören.« Rosa-Maria wagte keine Gegenvorstellung; sie bat nur den Himmel, ihr Geduld und Ergebung zu schenken. Diese Sinnesänderung der Madame St. Godibert, die anfänglich ihre Nichte gar nicht annehmen wollte und jetzt sich ihrem Besuch im väterlichen Hause widersetzte, erklärt sich dadurch, daß Rosa-Maria sehr geschickt und mit vielem Geschmack arbeitete, daß ihre Tante eingesehen hatte, das junge Mädchen ersetze ihr die Stelle von zwei guten Arbeiterinnen, und daß sie folglich, wenn sie dieselbe bei sich behielt, statt eine Last mit ihr zu haben, eher eine Ersparniß durch sie machte. Herr St. Godibert hatte überdies bemerkt, wie wenig seine Nichte aß; man erfuhr durch Mamsell Fifine, daß sie einen Koffer mit Effekten mitgebracht hatte, und man daher für längere Zeit nicht zu fürchten brauchte, ihr etwas kaufen zu müssen; da somit das junge Mädchen fast nichts kostete und mit ihrem Fleiß viel eintrug, so gedachten ihre reichen Verwandten, denen der schmutzige Geiz fast aller Emporkömmlinge anklebte, sie so lange als möglich in ihrem Hause zu behalten. Auf diese Weise üben viele Leute Wohlthätigkeit und Edelmuth aus. Indeß Rosa-Maria so traurige Tage im ersten Stock zubrachte, hatte im Erdgeschoß die Anwesenheit des neuen Schreibers im Gegentheil viel Heiterkeit veranlaßt. Immer zufrieden mit seinem Loose, gewohnt, mit seinem geringen Verdienste auszureichen, war Vater Savenay schnell mit seinen Obliegenheiten aufs Laufende gekommen. Mußte er mehrere Male des Tages ausgehen, so nahm er vergnügt seinen breitrandigen Hut und begab sich ohne Murren auf den Marsch; noch flink und gewandt, wie ein junger Mann, bedurfte er zu seinen Ausgängen weniger Zeit als Andere, weil er unterwegs nicht herumflankirte. Endlich bewiesen sich auch Herr Boudin und die beiden Commis, welche Anfangs den Eintritt eines neuen Arbeiters nur ungern gesehen hatten, jetzt mit seiner Gesellschaft sehr zufrieden und behandelten ihn mit einem Wohlwollen, das zwischen höher und nieder Angestellten äußerst selten ist. Papa Savenay hatte seine Vorliebe für das Lied und besonders für seinen geliebten Liederdichter nicht verloren. Wenn die Arbeit nicht pressirte und während er eine Feder schnitt, summte der Greis einen Refrain von Béranger; darüber lachten die andern Buchhalter, erstaunt zugleich, daß der gute Mann in seinem Alter noch eine so klare und richtige Stimme habe. Eines Tags aber war Herr St. Godibert, welchen in seinem Cabinet der Schlaf über einer Zeitung überrascht hatte, durch Vater Savenay aufgeweckt worden, welcher heiter sang: Zon! Baß und Flöte Zon, Violon, Zon! Baß und Flöte, Und Violon, Zon, Zon! Der Bankier war aus seinem Cabinet wie ein Rasender herausgefahren und schrie: »Wer erlaubt sich so auf meinem Bureau zu singen?« Und der alte Savenay hatte ganz ruhig geantwortet: »Ich, mein Herr ... belästigt Sie das?« – »Ob mich das belästigt? Sicherlich, mein Herr, es hat mich ... in einer wichtigen Arbeit gestört! Schon zwei Stunden brummt es mir in den Ohren »Zon, Zon! Violon;« ich konnte gar nicht glauben, daß das aus meinem Bureau komme; ich hielt meine Commis für zu gut erzogen, um zu singen! ... Pfui! welche Lebensart! Und vollends Sie, Vater Savenay, ein Mann von Ihrem Alter erlaubt sich zu singen: »Zon, Zon, Baß und Flöte!« – »Aber, mein Herr, es ist ein Lied von Béranger.« – »Was liegt mir daran, mein Herr? Ich kenne diese Firma nicht.« – »Ach! mein Herr, ganz Frankreich kennt und liebt Béranger ... singt ihn und ...« – Das kann ganz Frankreich halten wie es will! Hier bin ich Herr, und auf meinem Comptoir kenne ich nur Banquiers und Spekulanten, die bekanntlich nicht singen. Ueberhaupt will ich in meinen Bureau keine andern Töne hören, als den Klang des Geldes. Ich bitte Sie daher, mir in der Folge weder von Béranger noch von Boulanger etwas vorzusingen, da ich sonst genöthigt wäre, Sie zu entlassen.« Der gute Greis hatte sich stumm verneigt. Seit jener Zeit sang er nicht mehr auf dem Bureau; aber er entschädigte sich dafür Morgens und Abends in seiner Wohnung. Uebrigens fiel es dem guten Savenay auf, daß er Rosa-Maria niemals weder zum Hause herein- noch hinausgehen sah. Da er sie bei ihrem Oheim wußte und er selbst im Erdgeschoß arbeitete, so hatte er gehofft, bisweilen mit diesem jungen Mädchen zusammenzutreffen, für welches er die aufrichtigste Theilnahme hegte; er wünschte hauptsächlich zu erfahren, ob sie glücklich sei, ob ihre Verwandten sie nach Verdienst behandelten. Alle diese Gedanken gingen ihm im Kopfe herum, als er eines Morgens, da er gewohnter Weise zuerst auf dem Bureau ankam (denn die am schlechtesten bezahlten Commis sind immer die pünktlichsten), unten an der Treppe Franz begegnete, welcher einen kleinen Milchtopf in der Hand hatte. Der Bediente lächelte dem Greise zu und zeigte ihm den Milchtopf, indem er sagte: »Das ist für das hübsche kleine Fräulein, welches Sie eines Tages mitgebracht haben ... die Nichte da ... von den Obern ... sie wollen sie zwar nicht ihre Nichte heißen, aber ich weiß wohl, daß es ihre Nichte ist ... ach Gott! welch' nette Person, wie liebenswürdig, wie freundlich sie aussieht!« – »Sie kennen Rosa-Maria?« antwortete Vater Savenay, »ah! desto besser. Sprechen Sie mit mir von diesem lieben Kinde, es macht mich glücklich, etwas von ihr zu erfahren; denn ich habe sie nicht ein einziges Mal gesehen, seit sie bei ihrem Oheim ist.« – »Zum Henker! ich glaube es wohl; das arme junge Mädchen darf den ganzen Tag nicht mucksen, und eben so wenig das Cabinet verlassen, wo man sie ununterbrochen zur Arbeit anspannt. Nach dem Essen arbeitet sie wieder, bis sie zu Bette geht; sehen Sie, guter alter Herr, mir kommt es vor, als habe sie so viel Spaß dabei wie ein Vogel, den man rupft.« – Wie, Sie glauben? ... Ha, das wäre sehr unrecht, wenn man sie nicht gut behandelte; sie ist so sanft, so interessant. – »Ich meinerseits thue, was ich kann, um ihr kleine Gefälligkeiten zu erweisen; zum Beispiel: ich bringe ihr diesen kleinen Rahmnapf hinauf, den ich vor ihre Thüre stelle, und sie glaubt, die Milchfrau stelle ihn hin; sie würde sonst nicht erlauben, daß ich mir die Mühe nähme. Aber wenn ich ihr die Milch nicht hinauf brächte, so kenne ich Mamselle Fifine, die Kammerjungfer, schon so weit, daß sie ihr die Hälfte des Napfes austrinken würde.« – Sie lieben Rosa-Maria? Das ist schön von Ihnen, mein Freund, Sie sind ein guter Junge. – »O! ja, ich bin ein sehr guter Junge. Hören Sie, alter Mann, Sie müssen mir nicht böse sein, daß ich Sie neulich Abends einmal zur Thüre hinauswerfen wollte: der Herr hatte es befohlen.« – O! ich bin Ihnen keineswegs böse, guter Junge, aber wenn Sie mich zwei freundschaftliche Worte mit meiner jungen Freundin reden lassen könnten, so würden Sie mir viel Vergnügen machen, denn ich weiß gewiß, daß es auch ihr lieb wäre, mich zu sehen. – »Nichts leichter als das; steigen Sie diese kleine Treppe hinauf, ganz hinauf ... oder kurz und gut, kommen Sie mit mir, ich will Ihnen ihre Zimmerthüre zeigen.« – Glauben Sie wirklich, daß ich darf? Wird man sie nicht zanken, wenn man erfährt, daß ... – »Warum denn? das wäre eine Dummheit! Meinen Sie denn, man könnte Sie für einen Liebhaber halten?« Lächelnd antwortete der Greis: »O nein, nein; in dieser Beziehung werde ich ihr keinen bösen Leumund machen.« – Ohnehin schläft um diese Stunde die Herrschaft noch wie Maulwürfe, die Renten haben. Ich weiß gewiß, daß Fräulein Rosa-Maria schon frühe wach und aufgestanden ist. Kommen Sie, guter Alter, Niemand wird von diesem Besuch Etwas erfahren.« Der Vater Savenay folgte Franz. Bald kamen sie an die Thüre von Rosa-Marias Schlafzimmer. Der Greis klopfte leise an. »Wer ist da?« fragte das junge Mädchen. »Ich, mein Kind, Ihr alter Freund, der Vater Savenay.« Ein Freudenschrei ertönte und die Thüre ging alsbald auf. Der Greis trat bei Rosa-Maria ein und Franz kehrte mit lustigen Sprüngen in seine Kammer zurück, indem er sagte: »Hei da! Niemand sah und hörte Etwas. Die pfiffige Fifine ist überlistet; die würde sich ein Ohr abschneiden, wenn sie mit dem andern Alles hören könnte, was im Hause vorgeht.« Rosa-Maria fühlte beim Anblick ihres alten Freundes eine lebhafte Freude, dieser aber konnte eine traurige Empfindung nicht zurückhalten, als er bemerkte, daß das junge Mädchen bereits nicht mehr ihr lebhaftes Colorit und den Ausdruck der Gesundheit in ihren Zügen hatte, wie damals, wo er sie zu ihrem Onkel begleitete. Er drückte ihre Hände und bat sie, ihm zu sagen, wie es ihr bei ihren Verwandten gehe, was sie bekümmere. Rosa-Maria erzählte dem guten Greise, wie sie ihre Tage verbringe, wie man sie behandle, und verbarg ihm die Qual ihrer neuen Existenz nicht. »Und wie!« rief Vater Savenay aus, »keine Zerstreuung, kein Vergnügen! Kann man in Ihrem Alter so existiren? Niemals ausgehen ist der Gesundheit schädlich. Eine Blume ohne frische Luft welkt und verliert schnell ihren Reiz. Ein junges Mädchen ist auch eine Blume, und ich sehe auf Ihrem Antlitz wohl, daß Sie, an das freie Landleben gewöhnt, durch einen fortwährenden Zimmeraufenthalt sehr leiden. Sie müssen ausgehen, mein Kind, und da Ihre Verwandten Anstand nehmen, sich mit Ihnen zu zeigen, was denselben, unter uns gesagt, nicht zur Ehre gereicht, so müssen Sie ohne sie ausgehen; zum Beispiel in der Frühe, ehe sie aufgestanden sind, wer kann Sie da an einem kleinen Spaziergang auf den Boulevards hindern?« – O! lieber Freund, allein auszugehen hätte ich nie gewagt; ich kenne Paris nicht und würde wieder fürchten, mich zu verirren. – »Allein, würde es sich auch allerdings nicht schicken, aber mit mir, da kann es nichts schaden. Also von morgen an werde ich Sie abholen. Um welche Stunde gehen Sie gewöhnlich hinab?« – Vor halb zehn Uhr werde ich nie gerufen. – »Gut also; um sieben Uhr werde ich an Ihre Thüre klopfen und dann wollen wir spazieren gehen. Wenn ich nur um halb neun Uhr auf dem Bureau bin, ist es bald genug! die Andern kommen immer später. Also Morgen früh, das ist ausgemacht.« – Wie, mein lieber Beschützer, Sie wollten? ... Aber wenn man es erführe, wenn man mich zankte? – »Wir begehen ja kein Unrecht, mein Kind; ich nehme Alles auf mich. Ich betrachte mich als Ihren Vater und will hauptsächlich nicht, daß Sie wieder krank werden.« Rosa-Maria hatte eingewilligt, denn im Grunde wünschte sie es recht von Herzen; sie versprach, am nächsten Morgen Schlag sieben Uhr zum Ausgang gerüstet zu sein, und der Vater Savenay ging ganz vergnügt weg, ja erlaubte sich sogar auf der Treppe, trotz des strengen Verbots, zwischen den Zähnen zu summen: »Sterblicher, den schönen Tagen Füge frohe Tage bei!« Am andern Morgen kam der Greis so pünktlich wie ein junger Liebhaber. Um sieben Uhr klopfte er sachte an Rosa-Maria's Thüre; diese erschien mit einem Häubchen auf dem Kopf, das sie noch hübscher gemacht hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Beide gingen vorsichtig und geräuschlos die Stiege hinab. Bald hatten Sie das Haus hinter sich, jetzt athmete das junge Mädchen freier auf; sie hing ihren Arm in den ihres Führers und Beide schlugen den Weg nach den Boulevards ein. Das Wetter war kalt, aber schön. Sie fühlten sich glücklich, beisammen zu sein, die beiden verwandten Seelen, und ihre Gefühle einander eröffnen zu können ohne die störende Gegenwart Dritter. Rosa-Maria verbarg dem guten Savenay nicht, daß sie den Plan entworfen hatte, zu ihrem Vater zurückzukehren, um nicht wieder nach Paris zu kommen. Der Greis, obwohl er das Unangenehme ihrer Lage vollkommen begriff, forderte sie dennoch zur Geduld auf, überzeugt, daß Oheim und Tante sie am Ende mit mehr Freundschaft behandeln würden. Bei dem Vergnügen, das ihnen der Morgenspaziergang gewährte, fanden der Greis und das junge Mädchen, daß die Zeit allzuschnell verfloß. Es schlug acht Uhr und sie befanden sich am Eingange in die elysäischen Felder. »Wir müssen heimkehren,« sagte Rosa-Maria aus Furcht, sich zu verspäten. »Sie haben Recht,« antwortete Savenay, »denn wir können ja, hoffe ich, noch oft diese kleinen Spaziergänge machen, die uns wohl thun werden.« Beide kehrten um. In diesem Augenblick kommt ihnen ein junger Mann entgegen. Er nähert sich, und Rosa-Maria, welche aufgesehen hat, fühlte ihr Herz bei seinem Anblick mächtig schlagen. Bald ist dieser Mann ganz nahe bei Ihnen; er bleibt stehen, indem er seine Blicke auf das junge Mädchen heftet, er ist blaß und verwirrt geworden, aber plötzlich, als hätte ihn eine augenblickliche Schwäche gereut, eilt er hinweg, auf Rosa-Maria einen kalten und beinahe verächtlichen Blick werfend. »Mein Gott, mein Gott! er ist es ... es ist Herr Leopold!« ruft das junge Mädchen aus. Dann sieht sie zurück, in der Hoffnung, daß der Vorübergehende sich noch nicht entfernt habe, aber Leopold, denn er war es, hatte im Gegentheil seine Schritte verdoppelt und war schon weit fort von derjenigen, welche durch sein Wiedersehen so sehr erfreut worden war. Doch bald verwandelte sich diese Freude in Schmerz, was in der Liebe oft vorkommt. Rosa-Maria, die das Betragen Leopolds nicht enträthseln konnte, stammelte mit zitternder Stimme: »Wie, er war es und hat nichts zu mir gesagt? und doch hat er mich gewiß wohl erkannt ... Ah! ja, er sah mich lange an, aber plötzlich ist dieser Blick kalt, feindselig geworden. Mein Gott, was soll das bedeuten? Was habe ich denn gethan, um ihn gegen mich aufzubringen?« Der Vater Savenay, der Alles was vorging, sehr gut bemerkt hatte, sagte zu Rosa-Maria: »Was haben Sie, mein Kind? Sie kennen, scheint es, diesen jungen Mann, der eben an uns vorüberging?« – Ach ja, lieber Freund. – »Ist es auch einer Ihrer Vettern?« – Nein, lieber Freund! ... aber demungeachtet, war es mir sehr lieb, ihn wiederzusehen, und er hat ein so feindseliges Betragen gegen mich angenommen. – »Sie haben mir niemals von diesem jungen Manne gesagt, meine Tochter; und in Paris können Sie ihn nicht kennen gelernt haben.« – Nein, lieber Freund, es ist nämlich ... o! warten Sie, ich habe Ihnen das noch nicht erzählen können, aber heute sollen Sie Alles erfahren, wie ich es auch meinem Vater hätte sagen sollen; denn ich sehe wohl ein, man sollte keine Geheimnisse vor seinem Vater haben! – »In der That, mein Kind, das wäre besser, aber Jeder hat seine Schwachheit, und da die Väter auch einmal jung gewesen sind, so müssen sie auch nachsichtig sein. Reden Sie, mein Kind.« Rosa-Maria erzählte ihrem alten Freund, wie sie den jungen Maler im Walde von Fontainebleau kennen gelernt; wie sein bescheidenes und zurückhaltendes Wesen, seine sanfte gebildete Sprache ihr Vertrauen gewonnen; wie sie ihm erlaubt, ihr Portrait zu malen; was sie bei ihren Zusammenkünften mit einander gesprochen; das Liebesgeständniß, welches ihr der junge Mann gemacht und die feste Zusicherung, die er ihr beim Weggehen gegeben, wieder zurückzukommen. Der Greis hat Rosa zugehört, ohne Sie zu unterbrechen; dann betrachtete er sie genau und las in ihren schönen Augen, daß sie ihm nichts verborgen hatte, daß diese Liebe edel und rein war. Er antwortete ihr lächelnd: »Nun, nun, mein Kind, das Uebel ist noch nicht so arg; freilich hätten Sie das Alles Ihrem Vater erzählen sollen, aber wahrscheinlich wollten Sie damit bis zur Ankunft des jungen Mannes warten?« – Ja, lieber Freund; er ist aber nicht mehr zurückgekommen! – »Da sehen Sie, daß man den Worten junger Männer nicht so leicht glauben darf; er hat Sie vielleicht vergessen.« – Ich aber, lieber Freund, habe ihn nicht vergessen, denn seitdem habe ich immer an ihn gedacht. – »Daraus folgt noch nicht, daß auch er es that: des Mannes Herz ist nicht ganz genau so wie das des Weibes, obwohl sie einander in manchen Stücken gleichen.« – Aber, lieber Freund, Herr Leopold ist vielleicht seit meiner Anwesenheit in Paris in Avon gewesen. – »Das wäre möglich.« – Warum hat er mir aber, als er mir so eben begegnete, nicht guten Tag gesagt? warum dieser gleichgültige Blick? Was sage ich? Mehr noch: beinahe Verachtung lag in seinen Augen. Verdiene ich das? ich, die ich mich bei seinem Wiedersehen so glücklich fühlte? O, das ist recht schnöde von ihm, daß er mich so ansah und vorüberging, ohne mich anzureden.« Rosa-Maria hielt ihr Sacktuch vor die Augen, um die hervorströmenden Thränen zu verbergen; der Vater Savenay drückte ihren Arm an sich und sagte: »Ei, ei, mein Kind! was soll das bedeuten? Kummer, Thränen wegen eines jungen Menschen, den Sie vergessen haben sollten, weil er nicht bei Ihrem Vater war, wie er geschworen hatte ... Kommen Sie, fassen Sie Muth! ... waffnen Sie Ihr Herz mit etwas Stolz! Bedenken Sie, ehe Sie Ihre Liebe hingeben, daß Sie werth sind, geliebt zu werden.« – Aber, lieber Freund, da ich sie einmal hingegeben habe, so kann ich sie nicht wieder zurücknehmen. – »Doch, mein Kind, dergleichen Dinge kann man wieder zurücknehmen! ... Aber da sind wir am Hause Ihres Oheims ... unterdrücken Sie Ihre Thränen ... Geduld, Unterwerfung ... und sollten Sie es aber dennoch in Paris gar zu unausstehlich finden, wollten Sie durchaus zu Ihrem Vater zurückkehren ...« – O! nein, nein, lieber Freund; ich glaube, daß ich mich an das Leben im Hause meines Onkels gewöhnen, daß ich am Ende damit zufrieden sein werde. Aber nicht wahr, lieber Freund, wir werden wieder des Morgens spazieren gehen? – »Ja, liebes Kind, ja, ich werde Ihnen immer zu Diensten stehen.« – O! wie gut sind Sie!« Man war vor dem Hause des Banquiers; das junge Mädchen ging schnell in ihr Zimmer hinauf, und der Greis in das Bureau. Neunundzwanzigstes Kapitel. Ein Veilchen in einem Blumenbeet Kehren wir in das Dorf Avon zurück und hören wir, warum Hieronymus, der gute Landwirth, welcher seine Tochter so sehr liebte, dieser keine Nachricht von sich gab, da sie ihm doch bei ihrer Wiedergenesung geschrieben hatte. Einen zärtlichen Vater darf man nicht wegen Gleichgültigkeit beargwöhnen, daher müssen wir den Grund seines Betragens aufsuchen. Rosa-Maria's Abreise hatte Hieronymus schmerzlich bewegt; ein großer Aufwand von Muth war bei ihm nöthig gewesen, um sich von seinem Kinde zu trennen, und wenn er in ihrer Gegenwart nicht geweint hatte, so geschah es nur, weil seine Tochter beim Anblick seiner Thränen nicht eingewilligt hätte, ihn zu verlassen; und da er der Ueberzeugung war, Rosa eine glückliche Zukunft zu sichern, wenn er sie zu ihren Onkeln schicke, so mußte er die Größe seines Schmerzes vor ihr verbergen. Traurig schlichen die ersten Tage nach der Abreise des jungen Mädchens in dem kleinen Hause des Landmannes hin; doch unverdrossene Arbeit gewährt Zerstreuung in jedem Kummer. Hieronymus handelte nach diesem Grundsatz; hernach, wenn er von dem Felde heimkehrte und an seinem Herde ausruhte, unterhielt er sich von seiner Tochter mit Marie, er sprach ohne Unterlaß von ihr, und in seinem Herzen dachte er: sie muß auch dort geliebt sein, hier liebte sie ja Jedermann. Und Marie redete wie ihr Herr und stimmte Allem bei, was ihn trösten konnte. Eines Tages jedoch war Hieronymus, als er vom Felde heimkehrte, ganz überrascht, von seiner Magd zu erfahren, daß ein schöner, junger, städtisch gekleideter Mann, nach seiner Tochter gefragt habe und bei der Nachricht von ihrer Abreise nach Paris sehr erstaunt, sehr traurig geschienen und sich sofort wieder entfernt habe, ohne etwas Weiteres zu sagen und sogar ohne mit dem Vater des Mädchens, das er zu kennen schien, sprechen zu wollen. Der gute Dorfbewohner hatte eine Menge Vermuthungen über diesen Besuch angestellt und war am Ende bei dem Gedanken stehen geblieben, daß dieser junge Mann seine Tochter zu Fontainebleau im Hause der Damen, wo sie zuweilen arbeitete, gesehen haben könnte; daß er vielleicht im Auftrag derselben gekommen sei, um nach ihr zu fragen, und als er ihre Abreise nach Paris erfuhr, den Zweck seines Besuches für erreicht gehalten habe. Damit schlug sich Hieronymus diesen Besuch aus dem Sinne; er hegte zu viel Vertrauen zu seiner Tochter, um etwas Strafbares in ihrer Bekanntschaft mit dem Fremden zu argwöhnen. Aber Tage, Wochen waren vergangen und Hieronymus erhielt keine Nachricht von Paris, keinen Brief von Rosa-Maria. Er beruhigte sich mit dem Gedanken: »Wenn sie die Oheime nicht gut aufgenommen hätten, so wäre sie zu mir zurückgekehrt.« Das längere Stillschweigen seiner Tochter jedoch versetzte ihn allmählig in Erstaunen und Besorgniß. Um diese Zeit hatte Hieronymus den Brief seiner Tochter, welchen sie ihm nach ihrer Wiederherstellung schrieb und worin sie ihm ihre Adresse bei Vater Savenay angab, empfangen haben sollen. Dem war aber nicht so, und zwar aus folgendem Grunde. Man wird sich erinnern, daß Desiderius Glureau, der Straßenkehrensinspektor, sich in dem Augenblick bei Savenay befand, wo Rosa-Maria den Brief an ihren Vater schloß; sie hatte ihm denselben anvertraut und auf die Post zu geben ersucht, und der vormalige Knopfmacher hatte sich dieser Commission mit Vergnügen unterzogen, mit den Worten: »Nichts Leichteres! In Paris gibt es an jeder Ecke eine Stadtpost.« Aber die leichtesten Sachen sind oft gerade diejenigen, welche Einem mißglücken, weil man es bei der Ausführung nicht der Mühe werth hält, ihnen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Als Glureau aus der Wohnung des Vaters Savenay ging, begegnete ihm sein junger Freund, der Wilde, dieser, welcher Abends zuvor ein Profitchen mit Contremarken an einem Theater gemacht hatte, kam ihm mit dem Antrag entgegen, ihn mit einem Nößel Wein zu regaliren. Glureau war ein braver Kerl, aber einem guten Schluck konnte er nicht leicht widerstehen. Auf das erste Nößel folgte das zweite und dann noch verschiedene. Diesen Herrn war beinahe ein Achtelsohm durch die Gurgel gerollt; da holte man endlich den Besenoberinspektor, weil er seit dem lieben Morgen Nichts inspicirt hatte. Im Augenblick, wo er an sein Geschäft gehen wollte, hatte Glureau den Brief aus der Tasche gezogen und gerufen: »Ei, so soll doch das Donnerwetter! ... da habe ich vergessen, das Ding da in eine Brieflade zu werfen.« – Geh' nur an Dein Geschäft und gib das mir,« hatte der Wilde gesagt; »damit schlottere ich eben so gut zur Post wie Du.« Der Mann mit dem Faltenhute hatte den Brief seinem jungen Freunde übergeben. Dieser hatte sich wieder ans Trinken gemacht, bis er toll und voll gesoffen war. Als er in diesem Zustand seine Pfeife anzünden wollte, hatte er den Brief zusammengerollt und sich dessen als Fidibus bedient, da die Bestimmung dieses Papiers seinem Gedächtnisse ganz abhanden gekommen war. Und deßhalb hatte Hieronymus nichts von seiner Tochter erfahren. Merke: Wenn Du einen Brief von einiger Wichtigkeit hast, so gib Dir die Mühe und trage ihn selbst zur Post; denn wenn Andere in dieser Beziehung eine Nachlässigkeit oder Vergeßlichkeit an Dir begangen haben, so darfst Du darauf zählen, daß sie es nicht eingestehen werden. Hieronymus' Besorgniß war auf den höchsten Grad gestiegen, er war bereits auf dem Punkte nach Paris zu reisen, um Erkundigung über seine Tochter einzuziehen, als ihm endlich ein Brief von ihr zuging. Es war der, welcher Rosa-Maria von ihrem Oheim St. Godibert diktirt worden war. Hieronymus hatte den Styl dieses Briefes sehr seltsam gefunden. Ihm war es unbegreiflich gewesen, wie seine Brüder Niclas und Eustach sich hatten in St. Godibert und Mondigo verwandeln können. Aber seine Tochter sagte ja auch, daß sie von ihren Oheimen auf's Beste aufgenommen worden sei, und das war für ihn die Hauptsache. Fortan unbesorgt über Rosa-Maria's Schicksal, hatte er den guten Rath, sich wegen eines Besuchs bei seiner Tochter nicht zu bemühen, im guten Sinne ausgelegt und gedacht: »das theure Kind wird selbst kommen, es wird meiner Rosa Freude machen, wieder auf dem Felde umherzuschweifen, ihre Blumen, ihren Garten wiederzusehen. Uebrigens befindet sie sich ja auf's Beste bei ihrem Oheim. Man liebt sie schon, darauf wette ich. Ich kann also ganz ruhig sein und brauche mir künftig keine Sorgen zu machen.« Natürlich war Hieronymus' Plan, nach Paris zu reisen, gleich nach Empfang dieses Briefes von ihm aufgegeben worden. Während dies im Dorfe vorging, verursachte Rosa-Maria's Anwesenheit im Hause des Herrn St. Godibert eine halbe Revolution. Erstens speiste der Sohn des Hauses nicht mehr auswärts, um jeden Tag mit seiner Base zu speisen; Abends wäre er auch gerne geblieben, um ihr Gesellschaft zu leisten, wenn seine Eltern es gestattet hätten; aber Madame St. Godibert duldete nicht, daß außer ihrem Gemahl ein Mann in Rosa-Maria's Arbeitsstübchen eindrang. Der schöne Neffe machte gleichfalls häufige Besuche bei seinem Oheime: er kam im Laufe des Tags und kam Abends wieder; aber das Zimmer, worin die hübsche Arbeiterin sich befand, blieb ein verbotener Raum für ihn. Friedrich rächte sich dafür dadurch, daß er unaufhörlich von seiner Cousine sprach, stets nach ihrem Befinden fragte und sich durch die trockenen Antworten seiner Tante den Mund nicht schließen ließ. Franz endlich fand, trotz Mamsell Fifinens Argusaugen und des Befehls seiner Herrschaft, Mittel und Wege, dem jungen Mädchen tausend Aufmerksamkeiten, tausend Gefälligkeiten zu erweisen, wofür er von ihr mit einem anmuthigen Lächeln belohnt wurde, um welches der normannische Bediente Herrn und Frau St. Godibert durchgewalkt hätte, wenn ein solcher Wunsch in Rosa-Maria's Augen zu lesen gewesen wäre. St. Godiberts bemerkten wohl, was vorging. Der Herr sagte bisweilen: »Die schönen Augen dieser Kleinen verrücken Jedermann den Kopf. Ich glaube wahrhaftig, wenn man unsern Sohn gewähren ließe, er wäre im Stande, verliebt in Rosa-Maria zu werden! Aber wir sind da, ihn zu überwachen; möge er aus der Ferne sein Lorgnon noch so lange nach ihr in die Augen zwicken, er darf keine andere als eine sehr reiche Frau heirathen ... ich baue sehr auf Fräulein Soufflat.« – An eine Heirath mit der Tochter dieses Bauern denken!« schrie die dicke Angelika achselzuckend; »da müßte Julian schon sehr zur Canaille gehören! ... Und dieser Friedrich, der unaufhörlich von seiner Base schwatzt, der alle Augenblicke hieherkommt, in der Hoffnung, sie zu sehen! Hui und pfui! ... die jungen Burschen sind in der That närrisch! – »Man könnte der Sache schnell ein Ende machen, liebe Frau; man dürfte nur die Kleine heimschicken.« – Allerdings; aber Rosa-Maria ist mir sehr nützlich; sie arbeitet wie ein Engel: sie richtet meine Korsetten zu, daß ich eine Taille habe wie eine Wespe. Warum sie fortschicken? wir dürfen nur gehörig über sie wachen. – »Meinethalben, liebe Freundin; aber seit sie hier ist, haben wir keine große Soirée mehr gegeben, und ich will nicht, daß wir uns durch ihre Anwesenheit verhindern lassen, unsere feine Gesellschaft zu empfangen!« – Deßhalb brauchen wir uns doch wahrhaftig keinen Zwang anzuthun, Herr Gemahl; laden Sie immer Ihre Leute ein: an jenem Tage muß dann eben Rosa-Maria den ganzen Abend auf ihrem Zimmer zubringen.« Einige Tage nach diesem Zwiegespräch war große Abendgesellschaft bei Herrn St. Godibert, der noch mehr Gäste eingeladen hatte als sonst, weil schon lange kein Empfang mehr bei ihm stattgefunden hatte. Friedrich hatte mit Entzücken die Einladung seines Onkels empfangen, denn er hoffte seine Cousine bei dieser Gelegenheit endlich einmal wiederzusehen. Julian schmeichelte sich nicht viel mit dieser Hoffnung, weil er jeden Tag sah, wie sorgfältig man seine Base unter Schloß und Riegel hielt; indeß dachte er, man werde Rosa-Maria in ihrem gewöhnlichen Arbeitsstübchen lassen, und da werde er sich, während seine Eltern durch ihre vielen Obliegenheiten bei dieser Reunion in Anspruch genommen seien, einen Augenblick bei seinem Bäschen einschleichen können. Herr Dernesty, der wie gewöhnlich zu den Eingeladenen gehörte und seit der letzten Abendgesellschaft nicht mehr bei dem Banquier erschienen war, hatte sich gleichfalls entschlossen, hinzugehen, und das Verlangen, dieses von Friedrich so vielgepriesene junge Mädchen zu sehen, hatte wohl den größten Antheil an seinem Entschluß. Was den Oheim Mondigo betrifft, der seine Nichte seit dem Tage, wo sie in seines Bruders Haus gebracht worden war, nicht mehr gesehen hatte, so kannte er diesen zu gut, um nicht die Ueberzeugung zu haben, daß Rosa-Maria bei der Abendgesellschaft nicht zugegen sein werde; das versicherte er auch zuversichtlich seiner Frau, welche zu ihm sagte: »Wenn ich mich auf den Anblick Ihrer Nichte im Hause Ihres Bruders gefaßt halten müßte, so erkläre ich Ihnen, Herr Gemahl, daß ich nicht hingehen würde. Denn in meinem jugendlichen Alter will ich mich nicht aussehen, von einer großen, siebzehnjährigen Gans, Tante angeschnattert zu werden! das wäre scheußlich!« Während des ganzen der Reunion vorangehenden Tages hatte Rosa-Maria der Mamsell Fifine bei den Vorbereitungen dazu geholfen. Die Kammerjungfer wiederholte unaufhörlich mit spöttischer Miene: »Ah! das wird einen schönen Abend hier geben! wie viel elegante Welt, wie viel geschmückte Frauen werden da sein! wie viele gute Sachen wird man auftischen! ... aber es wird auch eine auserlesene Gesellschaft sein ... man wird nicht Jedermann zulassen.« Rosa-Maria war jedoch gegen alle diese Redensarten äußerst gleichgültig. Ihre Tante hatte ihr schon bedeutet, daß sie sogleich nach dem Mittagessen in ihr Zimmer hinaufgehen müsse, und weit entfernt, darüber niedergeschlagen zu sein, hatte das junge Mädchen diesen Befehl mit Freude vernommen. Sie bedauerte keineswegs, nicht mit all' den erwarteten Gästen zusammenzusein; sie dachte, mitten unter dieser schönen Gesellschaft müßte sie sehr in Verlegenheit kommen, und zudem zog sie vor, allein zu sein, um ungestört an Leopold denken zu können, an dessen Wiederbegegnung ihre ganze Hoffnung hing, und von dem sie nicht annehmen konnte, er werde jedesmal an ihr vorbeigehen, ohne sie anzureden. Um neun Uhr Abends waren die Säle erleuchtet; das hausherrliche Paar im höchsten Staat und die Dienerschaft auf ihrem Posten. Bald langte die Gesellschaft an. Sie bestand fast ganz aus unsern alten Bekannten vom früheren Prunkmahl und einigen neuen Gesichtern. Herr Soufflat mit seiner Tochter, deren Nase unglücklicher Weise nicht abgenommen hatte, befand sich hier; Frau Doguin mit ihrem Gemahl, dessen Füße noch immer nicht nach Pomeranzenblüte rochen; das schelmische Kränzchen kam mit ihrem Manne, der stets nur an das dachte, was die Römer trugen, nie aber an das, was er selbst trug; der Major Krautberg erschien mit seiner Jedermann zu Verfügung stehenden Gutmüthigkeit; Herr Cendrillon stellte sich mit seinem gewöhnlichen ungenirten Wesen, und Herr Roquet mit seiner, mit den Jahren immer noch zunehmenden Eroberungslust ein, wozu er sich mit einer eines Löwen des modernen Athens würdigen Toilette bewaffnet hatte. Endlich führte der Bruder Genie seine blonde Frau mit den schmachtenden Augen herbei: diese durchlief mit einem Blick den Saal, um sich zu vergewissern, daß sie keinen Ueberfall von einer jungen Nichte zu befürchten habe, während ihr Gemahl sich bereits Herrn Doguin's bemächtigt hatte, um ihm den Stoff eines neuprojektirten Stückes auseinander zu setzen. Julian war gar nicht erstaunt, seine hübsche Cousine nicht im Saale zu finden; als er jedoch das Boudoir seiner Mutter, so wie das Cabinet, worin gewöhnlich Rosa-Maria arbeitete, gleichfalls erleuchtet sah, so war für ihn kein Zweifel mehr, daß Rosa-Maria überhaupt nicht heruntergekommen sei, und nachdem er sich davon überzeugt, kehrte er in ganz schlechter Laune in den Salon zurück. Dernesty ließ nicht lange auf sich warten; seine beim Eintritt etwas unsichern Blicke hatten bald ihre gewöhnliche Zuversicht wieder erhalten, und nachdem er alle Damen des Zirkels gemustert, ging er auf Julian zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Wo ist denn die so reizende Base, von der mir Friedrich gesagt hat?« – Man hat ihr nicht erlaubt, herabzukommen,« antwortete Julian. – »Teufel auch! das ist sehr widerwärtig; denn hauptsächlich um sie zu sehen, bin ich gekommen ... um so mehr, als mir gegenwärtig sehr wenig daran liegt, hieher zu kommen ... warum, werde ich Dir nicht erst zu sagen brauchen.« – Still! ... willst Du schweigen!« antwortete Julian, unruhige Blicke um sich werfend; »wenn man Dich hörte! – »O! zum Henker! ich rathe Dir, zu reden! was ich da sage, ist unverfänglich! während Du mir an jenem Abend Mitleid einflößtest! Wenn man sich vor der Welt nicht fassen kann, so muß man wegbleiben.« – Ach! wenn Du wüßtest, was ich an jenem Abend ausgestanden habe, als ich ihn ... – »Genug, genug; hoffentlich kommt er nicht herauf?« – O! nie. – »Nicht als ob wir etwas zu fürchten hätten; aber es ist doch immerhin widerwärtig, sich zusammen zu finden mit ...« – Ach! wenn ich hätte voraussehen können, daß eines Tages ... – »Still doch, da kommt Friedrich.« Der große junge Mann trat in den Salon. Zuerst begrüßte er einige Damen und besonders Madame Marmodin, die ihn mit gereizter Miene ansah, weil er seit einiger Zeit weit weniger um sie bemüht war; sodann suchte er mit den Augen in allen Enden und Ecken der Zimmer, dann zog er seine Lippen zusammen und seine Augen blickten finster; doch jetzt gewahrte er seinen Vetter und Dernesty, auf die er zuging, indem seine Züge wieder ihr gewöhnliches heiteres Aussehen annahmen. »Nun! sie ist nicht da!« sagte Dernesty. – »Sie haben ihr befohlen, diesen Abend in ihrer Stube oben zu bleiben,« seufzte Julian vor sich hin. – »Und ich war doch nur gekommen, um sie zu sehen,« fiel Dernesty ein. Friedrich neigte sich zu ihnen hin und flüsterte: »Geduld, ihr werdet sie sehen.« – Wie, sie wird diesen Abend hieherkommen? – »Ja.« – Unmöglich. – »Ich bin dessen gewiß.« – Du willst sie also in ihrer Stube holen? – »Nein, nicht ich, aber Jemand, der es sehr gut besorgen wird.« – Vielleicht jener Greis, der Vater Savenay?« fragte Julian, die Farbe wechselnd. »Ei warum nicht gar! ein noch viel Passenderer. Ich habe die Vorsorge getroffen, Jemand zu erzählen, daß die Tochter unseres Oheims Hieronymus hier im Hause sei, und daß diesen Abend hier großer Empfang stattfinde, denn ich konnte mir schon denken, daß man ihn nicht eingeladen hatte.« – Und wer ist dieser Jemand? ... – »Still! da kommt er.« Die Salonthüre ist aufgegangen und es erscheint der Vetter Brouillard. Statt ganz in Schwarz gekleidet zu sein, wie gewöhnlich, wenn er zu St. Godiberts in große Gesellschaft kommt, tritt der Vetter Brouillard diesmal im Werktagskleide auf; er trägt einen kastanienbraunen Frack, der durchaus nicht neu, und eine Weste, die nicht mehr Mode ist, dazu nußbraune Beinkleider ohne Stege. Der Frau St. Godibert entfährt ein erstickter Schrei, als sie ihren Vetter hereinkommen sieht. Sie sieht ihren Mann an, als wollte sie ihn fragen: »Hast Du die Dummheit begangen, ihn einzuladen?« St. Godibert, der diese Pantomime vollkommen versteht, antwortet halblaut: »Nein, wahrhaftig, ich hatte ihn nicht eingeladen! Der Teufel muß ihm zugeraunt haben, daß wir heute eine Gesellschaft geben.« – Und sich in solchem Aufzug zeigen! das ist gemein!« Herr Brouillard indeß, der Jedermann wohl zu finden wußte, weil Friedrich ihm das Nöthige gesagt hatte, schreitet bis in die Mitte des Salons auf St. Godibert zu, indem er überlaut ausruft: »Ei! guten Abend, Vetter! Ah! Sapperment! ich wußte nicht, daß Sie diesen Abend Gesellschaft haben, darum bin ich so ohne Umstände eingetreten ... warum hat man mich nicht wie gewöhnlich davon unterrichtet? Frau Base, ich habe die Ehre, Ihnen guten Abend zu wünschen. Sind Sie krank gewesen?« – Nun, warum soll ich denn krank gewesen sein, Herr Vetter?« antwortet Angelika mit ärgerlicher Miene. – »Weil Sie mir diesen Abend übel auszusehen scheinen; übrigens ist das allerdings kein Grund: man hat seine schönen und seine häßlichen Tage; man kann gelb aussehen und doch sehr gesund sein.« Madame St. Godibert verfällt beinahe in einen Nervenkrampf, aber sie wagt keine bittere Antwort; im Gegentheil sucht sie ein Lächeln zu erzwingen, das ihr jedoch durchaus nicht gelingt. Ei! da ist ja auch Vetter Mondigo und seine vielgeliebte Gattin!« Herr Brouillard legt wie absichtlich Nachdruck auf das Wort viel. Dann, nachdem er seine Bekannten gegrüßt, kehrt er in die Mitte des Saales zurück, erfaßt geschickt einen Augenblick des Stillschweigens und ruft aus: » A propos ! wo ist denn aber die reizende Person, das hübsche, kleine Cousinchen, das jetzt bei Ihnen wohnt, so viel ich vernommen habe?« St. Godibert und seine Frau werden dunkelblau; Mondigo schlägt die Augen nieder; Clementine hört mit Unruhe zu. Der Vetter fährt, immer sehr laut redend, fort: »Ah! mein Vetter St. Godibert, das ist ein sehr schöner Zug von Ihnen, Ihre Bescheidenheit macht Sie erröthen, aber edle Handlungen sind zu selten, als daß man sie nicht an das Tageslicht ziehen sollte!« – »Wie! Herr St. Godibert hat eine edle Handlung ausgeübt?« fragt Herr Soufflat mit erstaunter Miene und sich auf die Zehen stellend. – »Ja, mein Herr, eine sehr verdienstliche Handlung!« – So schweigen Sie doch, Vetter Brouillard,« sagte St. Godibert; »reden Sie nicht davon! – »Verzeihen Sie mir, aber ich muß davon sprechen, Jedermann soll es erfahren, daß Sie eine junge, unbemittelte Nichte in Ihr Haus aufgenommen haben, daß Sie und Ihre theure Gattin dieses junge Mädchen wie ihr Kind behandeln. Uebrigens verdient die Kleine Ihre ganze Theilnahme; erstens ist sie so hübsch! Ach, welches liebliche Geschöpf, diese junge Rosa-Maria! Selten sieht man so viele Reize vereinigt!« Die Männer gehen auf Herrn Brouillard mit antheilnehmender Miene zu. Herr Cendrillon klopft Herrn St. Godibert auf den Bauch und sagt mit seiner Stentorstimme: »Ah! wir machen solche Streiche im Verborgenen? Brav! Ich liebe edelmüthige Herzen ... aber wo ist denn dieses kleine Meerwunder, von welchem Ihr Vetter redet? wir werden es doch zu sehen bekommen, hoffe ich.« Herr St. Godibert stammelt sinnlose Worte. Angelika beeilt sich, zu sagen: »Unsere junge Verwandte befindet sich in den Gemächern, welche wir ihr oben eingeräumt haben: aber sie kann sich noch nicht in Gesellschaft zeigen. Sie werden begreifen, daß ein junges Mädchen, das bis jetzt auf dem Lande lebte, allzu linkisch, allzu verlegen in großer Gesellschaft sein müßte.« – Ach, zum Henker, was thut das?« entgegnet Herr Cendrillon; »ich liebe die linken, d. h. die linkischen, schüchternen Frauenzimmer sehr; leider werden sie von Tag zu Tag seltener! O! Sie müssen uns die kleine Nichte sehen lassen. – »Ueberdies werden wir Nachsicht mit ihr haben,« sagt Dernesty. »Aber wenn sie so schön ist, wie Herr Brouillard versichert, so wette ich zum Voraus, daß sie derselben nicht bedarf.« – Das heißt,« fällt Herr Brouillard ein, »als ich sie diesen Sommer zu sehen das Vergnügen hatte, blieb ich starr vor Bewunderung. – »Teufel!« sagt Herr Roquet, gleichfalls aufstehend, »Sie verdoppeln unsern Wunsch, diese junge Person zu sehen.« Jetzt bemerkt Clementine, welche das Wort noch nicht genommen hatte, mit schlecht verhehltem Aerger: »Diese Herren begreifen, scheint es, nicht, daß Herr Brouillard sie zum Besten hat, daß er ihnen ein Bild vormalt, dessen Original nicht existirt!« – Nicht existirt, liebe Base?« antwortet Herr Brouillard. »Aber ich meine, Sie müssen das Gegentheil wissen, Sie haben doch gewiß Ihre Nichte gesehen, denn Sie sind die Tante dieser reizenden Person.« Clementine erblaßt, zuckt zusammen, beißt sich in die Lippen und antwortet mit verächtlicher Miene: »O, ihre Tante! welcher Spaß! ... Das heißt, mein Mann ist ihr Oheim, aber ich bin ihr gar nichts!« – Bitte um Entschuldigung, liebe Cousine, man bleibt doch immer die Tante von der Nichte seines Gemahls. Friedrich und Julian sind demnach auch Ihre Neffen nicht? – »O! bei Männern ... ist es etwas Anderes.« – Wenn Sie Rosa-Maria kennten,« sagt Friedrich, »so wären Sie sicherlich die Erste, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« – Rosa-Maria? O welch' schöner Name!« ruft Herr Roquet. – »Sehen! sehen! Wir verlangen die kleine Schönheit zu sehen,« erklärt Herr Cendrillon; »nicht wahr, meine Herren?« – Ja, ja! – »Wie liebenswürdig sich diese Herren benehmen!« sagt Fränzchen lachend. »Sie geben sich das Aussehen, als hielten sie uns Alle ihrer Blicke für unwürdig ... ein hübsches Gesicht scheint etwas zu sein, das ihnen noch nie vor die Augen gekommen ist.« – Das können Sie im Ernste nicht glauben, meine Damen,« antwortet Friedrich, »aber wenn man mitten in einem schönen Gartenbeete steht, ist es dann verboten, eine weitere Blume hinein zu pflanzen?« Alle Damen lassen sich durch dieses Compliment gewinnen; nur die beiden Tanten behalten ihr kaltes, widerwärtiges Aussehen. Um die Sache ins Reine zu bringen, geht Herr Cendrillon auf Madame St. Godibert zu und sagt zu ihr: »Nun, Mütterchen, nicht wahr, Sie lassen uns die kleine Jugend herunterkommen?« Die dicke Angelika wäre lieber unter eine Dachtraufe gegangen, als sich Mütterchen heißen zu lassen, indeß nimmt sie sich zusammen und antwortet: »Es ist unmöglich, Sie zu befriedigen, meine Herren, denn unsere Schutzbefohlene trägt noch ihre ländliche Kleidung und kann sich damit nicht in meinem Salon zeigen; es würde zu sehr gegen alle diese Damen abstechen.« – Im Gegentheil, es wäre noch weit pikanter ... nicht wahr, meine Herren? – »Ohne Zweifel.« – Sie trägt vielleicht die Laspissa oder das Cerinum ... vielleicht hat sie die Calantica oder die Calyptra auf dem Kopfe,« ruft Herr Marmodin, »was ich sehr gerne untersuchen möchte. – »Nun wohl,« nimmt der Vetter Brouillard wieder das Wort, »ich sehe, daß Jedermann meine junge Base kennen zu lernen wünscht, und daß ihre edelmüthigen Verwandten selbst sich geschmeichelt fühlen werden, sie der Gesellschaft vorzustellen; also gehe ich selbst, sie zu holen.« – Lieber Vetter, das ist überflüssig, sie wird nicht herabkommen wollen!« schreit Angelika. – »Sie wissen nicht, wo sie wohnt!« ruft St. Godibert. Aber Herr Brouillard hört auf Beide nicht. Mit dem Ausrufe: »Ich werde sie schon finden,« ist er bereits aus dem Salon geeilt. Im Vorzimmer aber läuft Franz, welcher wahrscheinlich das Talent hat, zu hören, was im Saale gesprochen wird, auf Herrn Brouillard mit den Worten zu: »Kommen Sie, mein Herr, ich werde Sie führen und Ihnen das Zimmer von Fräulein Rosa-Maria zeigen.« Die Tochter Hieronymus' war allein in ihrem Mansardenstübchen; aber seit ihrer Begegnung mit dem jungen Maler langweilte sie sich dort weniger. Warum aber hat dieses Zusammentreffen mit Leopold, der sich doch nur kalt und gleichgültig gegen sie bewies, dessen ungeachtet ihr Gefühl und ihren Muth wieder belebt? Darum, weil sie beim Wiedersehen des geliebten Mannes sich nicht mehr so einsam in Paris fühlte; weil sie insgeheim die Hoffnung, Leopold noch einmal zu begegnen, bewahrte; endlich, weil in der Liebe das, was uns Thränen und Leiden verursacht, dafür auch vor Langeweile schützt. Glückliche Liebe hat nicht immer dieses Privilegium. Rosa-Maria arbeitete am Stickrahmen, von dem jungen Maler träumend und immer nachsinnend, warum er ihr nicht ein einziges artiges Wort gesagt, als sie mehrmals an ihre Thüre klopfen hörte, worauf eine Stimme sich vernehmen ließ: »Ich bin es, liebes Bäschen: ich Brouillard ... öffnen Sie mir gefälligst!« Franzens Stimme fällt beinahe zugleich ein: »Fürchten Sie nichts, Fräulein Rosa-Maria: es ist einer Ihrer Vettern, der auf Besuch zu Ihnen kommt.« Das junge Mädchen hat Franzens Stimme erkannt; sie öffnet die Thüre und sieht in der That neben dem Bedienten die Fuchsschnauze jenes Vetters, der eines Tages ins Haus ihres Vaters gekommen war. Brouillard tritt ein und begrüßt Rosa-Maria mit besonders liebenswürdiger Miene. Franz geht die Treppe wieder hinab indem er sagt: »Hier ist das Fräulein Nichte ... Um wieder hinunterzugehen, wissen Sie jetzt den Weg.« »Guten Abend, mein reizendes Bäschen,« sagte Herr Brouillard; »Sie erwarteten wohl nicht, mich heute Abend zu sehen?« – In der That, lieber Vetter ... Sie haben also meinen Oheim besucht? ... Man wird Ihnen gesagt haben, daß ich hier sei; es ist sehr schön von Ihnen, daß Sie sich wegen meiner heraufbemüht haben. – »Bemühen? O, ich kam mit Vergnügen, meine liebe kleine Base; ich komme, Sie abzuholen ... man frägt, man sehnt sich nach Ihnen im Salon unten, Sie müssen mit mir hinabgehen.« – Wie, lieber Vetter, ich soll hinabgehen zu Herrn St. Godibert, da er doch heute Abend große Gesellschaft hat? O, das ist unmöglich! Madame hat mir im Gegentheil befohlen, diesen Abend auf meinem Zimmer zu bleiben, und im Ganzen ist mir das eben so lieb. – »Madame ... wer ist das?« – Nun, Madame St. Godibert. – »Warum sagen Sie nicht »›meine Tante?‹« – Weil sie lieber will, daß ich »›Madame‹« sage. – »Wahrhaftig, da möchte man vor Lachen platzen. Liebes Bäschen, Sie müssen dennoch mit mir hinab.« – Nein, ich wage es nicht, in diese zahlreiche glänzende Gesellschaft zu gehen, zumal da man es mir verboten hat. – »Aber wenn ich Ihnen doch sage, daß man mich schickt, Sie abzuholen!« – Wie? Madame St. Godibert ... – »Ja, die St. Godiberts wollen, daß Sie herabkommen ... dann ist auch noch Ihre Tante, Mondigo's Frau, unten, welche vor Begierde brennt, Sie zu sehen, und entzückt sein wird, wenn Sie sie mit »›Liebe Tante‹« anreden. Also geschwind, liebes Bäschen.« – Wenn meine Verwandten es befehlen, so muß ich gehorchen; aber diese Toilette ... – »Kleidet Sie ausgezeichnet gut; zudem ist Alles darauf vorbereitet.« Während Herr Brouillard hinaufging, herrschte eine Art Aufregung in der großen Reunion. Die Damen steckten die Köpfe zusammen und rüsteten sich, das kleine Landmädchen, welches man die Unverschämtheit gehabt hatte, ihnen als eine Schönheit anzukündigen, zu kritisiren und lächerlich zu machen; die Männer dagegen sahen einander heiter an und versprachen sich ein großes Vergnügen von dem Anblick des so gepriesenen Mädchens. Madame Mondigo schnitt Gesichter, ließ die Augen umherrollen und hatte gute Lust, vor der Ankunft ihrer Nichte zu verschwinden; aber sie fürchtete, es möchte bemerkt werden, und außerdem schmeichelte sie sich auch, die kleine Bäuerin werde ihr den Preis der Schönheit nicht streitig machen können. Herr St. Godibert ging ab und zu, wußte nicht, was er sagen sollte und berieth mit sich, wie er die Sache zu nehmen hätte; von Zeit zu Zeit tröstete ihn seine Gemahlin: »Beruhigen Sie sich, Herr Gemahl, sie wird nicht kommen ... sie wird sich erinnern, daß ich ihr befohlen habe, auf ihrem Zimmer zu bleiben ... und keinen Ungehorsam wagen.« Indeß geht die Salonthüre wieder auf: alle Blicke fliegen dorthin und Herr Brouillard tritt mit Rosa-Maria an der Hand ein, indem er spricht: »Hier ist meine junge Cousine, die ich die Ehre habe, Ihnen vorzustellen.« Jetzt muß das junge Mädchen ein Kreuzfeuer auf sie gerichteter Blicke aushalten, welche ihre Züge, einen nach dem andern, prüfen zu wollen scheinen, sodann die allergenaueste Musterung ihrer Person, ihrer Haltung, ihres Wuchses vornehmen und theilweise sogar durch ihr bescheidenes Busentuch hindurchdringen zu wollen scheinen. Aber die Schüchternheit und Gemüthsbewegung, welche Rosa-Maria in diesem Augenblick empfindet, haben ihre Wangen mit einem lebhaften Incarnat bedeckt, und als sie in diesen glänzenden Salon tritt in ihrem einfachen Anzug und mit dem kleinen Häubchen auf dem Scheitel, ist ihr Antlitz so hübsch, ihre Augen so sanft, ihre Geberden so bescheiden, kurz, ihre ganze Person so jungfräulich, daß die Prüfung ganz zu ihrem Vortheil ausfällt. Den Männern entfährt ein Beifallsgemurmel; selbst die Frauenzimmer sind entwaffnet und zum Geständniß genöthigt, daß das junge Mädchen reizend sei: die beiden Tanten allein sind anderer Ansicht. »Entzückend ... eine kleine Perle ... ein Engel!« ruft Herr Cendrillon aus. »Blitz und Hagel! der Vetter Brouillard hat uns keinen blauen Dunst vorgemacht! ... er hat ganz wohl daran gethan, die junge Nichte zu holen.« – Das übertrifft, was Du mir verkündet hattest,« sagte Dernesty zu Friedrich. Dieser will zu seiner Base hineilen, aber bereits hat Herr Brouillard Rosa-Maria vor die Frau Mondigo hingeführt, indem er zu dem jungen Mädchen sagte: »Kleine Cousine, hier sehen Sie Ihre andere Tante, welche äußerst erfreut ist, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Rosa-Maria verneigt sich tief vor Clementine, welche sich beeilt, ihr den Rücken zu kehren. Plötzlich aber stürzt Herr Roquet, welcher Rosa-Maria mit Blicken ansieht, als suche er sich etwas in's Gedächtniß zurückzurufen, zu ihr hin, schlägt sich vor die Stirn und schreit: »Ah, jetzt bin ich darauf! ... ah! ich bin darauf! ... Ah! Fräulein, wie entzückt bin ich! ... O gewiß, ich bin darauf!« – Wir aber sind auf gar nichts,« sagt das lachlustige Fränzchen, Herrn Roquet ansehend. »Könnten Sie uns nicht auch ein wenig darauf helfen, mein Herr, indem Sie uns den Grund Ihrer Ausrufungen mittheilen? – »Sehen Sie, schöne Dame, sehen Sie: als ich das Fräulein anschaute, bewunderte, so schien es mir sogleich, als sei es nicht das erste Mal, daß ich sie zu sehen das Vergnügen hatte, und in der That, nunmehr erinnere ich mich ganz genau, wo ich ihr begegnet bin; es war im Walde von Fontainebleau, an dem Tage, wo wir jene reizende Landpartie machten ... erinnern Sie sich, meine Damen, mit Eseln?« – Ja, mein Herr. Sie waren dabei, ich erinnere mich dessen. – »Also denn! Ich verlor Sie im Walde ... Sie waren ausgerissen mit Ihren Thieren. Da ich Sie suchen wollte, verirrte ich mich, fand meinen Weg nicht mehr, und es war mir sogar ein ziemlich unangenehmer Umstand zugestoßen, als ich dem Fräulein begegnete ... denn nicht wahr, mein Fräulein, Sie sind es?« – Rosa-Maria richtete ihre Augen auf Herrn Roquet und antwortete mit anmuthigem Lächeln: »Ja, mein Herr, ich war es und ich erinnere mich wirklich, Ihnen den Weg gewiesen zu haben.« – Sie erinnern sich daran? ... Ah, mein Fräulein, ich fühle mich sehr geschmeichelt ... ohne den widerwärtigen Zufall, der mich sehr genirte, hätte ich damals gewiß gesucht, Ihnen ... aber ich war schrecklich übel daran. – »Nun denn,« ruft Herr Cendrillon, auf Roquet zugehend, »was ist denn das für ein Zufall, den Sie uns nicht sagen, und mit dem Sie so übel daran waren? Sie machen mich verflucht neugierig!« Herr Roquet beißt sich in die Lippen, erkünstelt eine schalkhafte Miene und antwortet: »Ah, ich kann es Ihnen nicht sagen ... auf Ehre, ich kann es nicht, es wäre zu schwer, von so etwas im Beisein dieser Damen zu sprechen ... fragen Sie lieber das Fräulein selbst.« – Wie?« sagte Herr Brouillard, »mein hübsches Bäschen weiß um etwas, das Sie uns nicht sagen können ... das wäre doch sonderbar ... was soll denn das sein, liebes Bäschen? – »Ich weiß nicht, was der Herr meint,« antwortet das junge Mädchen erstaunt. Roquet, der sich nahe bei Friedrich befindet, flüstert ihm in's Ohr: »Es handelt sich von meiner Hose, die ganz geschlitzt war ... mein Hemd hing heraus! ... aber Ihr Bäschen war durchaus nicht daran Schuld ... Gott bewahre mich, sie deßhalb zu verdächtigen.« Friedrich lacht Roquet in's Gesicht, führt seine Base auf einen Stuhl, setzt sich dann selbst neben sie und sucht, indem er sie zum Sprechen veranlaßt, die Verlegenheit zu vermindern, die sie empfindet, als sie sich zum erstenmal in einem so zahlreichen Zirkel sieht. Sich als Zielpunkt aller Augen erblickend, sagt das junge Mädchen vor Scham geröthet und verwirrt halblaut zu Friedrich: »Nicht wahr, ich habe Unrecht gehabt, hieher zu kommen, lieber Vetter?« – Wahrlich, nein! Sie haben im Gegentheil sehr wohl daran gethan; überhaupt will ich Ihnen nur gestehen, daß ich, aus Verzweiflung, Sie niemals zu treffen, wenn ich hieher kam, die ganze Geschichte eingefädelt habe. – »Ach, Vetter, Madame St. Godibert macht mir zornglühende Augen ... ich werde ausgescholten werden.« – Aber sie wird auch nicht mehr im Stande sein, Sie so lange eingesperrt zu halten, denn jetzt, da man Sie gesehen hat, wird man oft nach Ihnen fragen ... Sie sind nicht dazu da, Ihr Leben einsam in einer Stube zu vertrauern; ja! wenn man auf solche Weise fortgefahren hätte, so wäre ich zu Ihrem Vater gegangen und hätte es ihm gesagt! Sicherlich macht man Sie hier unglücklich, und wenn das der Fall ist, so sagen Sie es nur mir ... verbergen Sie mir nichts, ich bin Ihr Vetter und muß Sie beschützen.« Rosa-Maria wirft einen sanften Blick auf Friedrich und drückt ihm zärtlich die Hand, indem sie sagt: »Danke! ... o! Sie sind sehr gut gegen mich; nicht wahr, ich darf Ihre Schwester sein?« Friedrich ist eben im Begriff zu antworten, als Madame Marmodin herbeikommt und halb lachend, halb gereizt zu ihm sagt: »Sie sollen heute Abend ein Duett mit mir singen; schon lange wartet das Piano auf uns ... können Sie mir keinen Augenblick opfern, mein Herr?« Friedrich steht alsbald auf, nimmt Fränzchens Hand und begibt sich mit ihr an das Piano. Dernesty beeilt sich, Friedrichs leergelassenen Platz bei Rosa-Maria einzunehmen. Er verschwendet eine ganze Masse abgedroschener Complimente an das junge Mädchen. Aber die schöne Clementine geht neben ihm vorüber, zwickt ihn unvermerkt in den Arm und flüstert ihm in's Ohr: »Werden Sie nicht bald fertig sein? Sie begeben sich sogleich an meine Seite oder ich sehe Sie niemals wieder an.« Dernesty verläßt Rosa-Maria, indem er ihr einen sehr zärtlichen Blick zuschleudert. Kaum ist er weg, als Julian seinen Platz in Beschlag nimmt. Aber der Sohn des Hauses hat noch keine vier Worte mit seiner schönen Cousine sprechen können, als auch schon Herr St. Godibert da ist und ihm in herrischem Tone zuruft: »Fräulein Soufflat ist allein: gehe sogleich und leiste ihr Gesellschaft, das wird gescheiter sein.« Julian steht mit sichtbar schlechter Laune auf. Herr Cendrillon nähert sich Rosa-Maria, um sich mit ihr zu unterhalten, da aber eilt Madame St. Godibert herbei und fordert den Capitalisten zu einer Spielpartie auf; kurz, so oft sich Jemand dem jungen Mädchen widmen will, kommt die Herrschaft des Hauses herzu, um ihn anderwärts zu beschäftigen. Aber Herr Roquet setzt sich nun seinerseits zu Rosa, und als Madame St. Godibert ihn zu einer Partie abführen will, antwortet er ihr lächelnd: »Unendlich verbunden, schöne Dame, aber ich ziehe es vor, Ihrer reizenden Nichte Gesellschaft zu leisten.« – Nach Ihrem Belieben, mein Herr,« sagte die dicke Angelika mit ärgerlichem Tone. Doch Herr Roquet bekümmert sich wenig darum: Rosa-Maria's Reize haben ihn gänzlich unterjocht. Hieronymus' Tochter ergötzt sich keineswegs in der großen Abendgesellschaft ihres Oheims, sie hört kaum auf das, was ihr Herr Roquet sagt, der beharrlich in ihrer Nähe verbleibt. Erst nach sehr langer Zeit entschließt sich der galante Mann, einen Gang durch den Salon zu machen. Wie Madame St. Godibert ihre Nichte allein in einer Ecke sieht, nähert sie sich ihr und sagt in äußerst trockenem Tone zu ihr: »Ich hoffe, Mademoiselle, Sie werden jetzt in Ihr Zimmer hinaufgehen.« Rosa-Maria läßt sich das nicht zweimal sagen: sie entschlüpft leicht aus dem Salon und steigt in ihr Stübchen hinauf mit dem Gedanken: »Ich unterhalte mich viel besser, wenn ich allein bin, denn da kann ich an ihn denken.« Dreißigstes Kapitel. Die Brautwerbung Am Tage nach diesem merkwürdigen Abend hatten sich Madame St. Godibert und ihr Mann noch nicht von der Wuth erholt, die sie darüber empfanden, daß man sie gezwungen, ihre Nichte ihrer Gesellschaft vorzustellen. Was Frau Mondigo anbelangt, so hatte sie beim Weggehen ihrer Schwägerin erklärt, sie werde keinen Fuß mehr in ihr Haus setzen, so lange die junge Person da sei. Im ersten Augenblick hatte Angelika ausgerufen: »Man muß dieses junge Mädchen ihrem Vater zurückschicken und ihr verbieten, je wieder unser Haus zu betreten.« – Ja,« hatte St. Godibert beigefügt, »ja, schicken wir sie fort!« Aber gleich darauf kratzte sich der Banquier hinter den Ohren, sah seine Frau an und fuhr fort: »Was hilft uns aber jetzt das Fortschicken? Gesehen hat man sie doch schon, und wenn man sie nicht mehr sieht, so werden Alle, die für sie in Entzücken gerathen sind, uns Tag für Tag fragen, was aus ihr geworden ist! Dieser Vetter Brouillard, der so boshaft ist wie ein Affe, würde nicht ermangeln, überall auszustreuen, wir hätten unsere Nichte schnöde davon gejagt, wir hätten uns geweigert für sie zu sorgen ... und man würde eine Unzahl Steine auf uns werfen.« – Das ist wahr,« sagte Angelika, »und ich sehe ein, daß wir sie behalten müssen; aber wenigstens wollen wir bei der ersten Gelegenheit sie unterbringen, uns jedenfalls ihrer entledigen – »Das ist ganz meine Ansicht.« – Und die kleine Duckmäuserin fragt man gar nicht um die ihrige. – »Das wäre sehr überflüssig!« – Ich sage Duckmäuserin, weil, trotz ihrer niedergeschlagenen Augen und ihrer scheinheiligen Miene, Fifine von ihr behauptet, sie sei nicht besser als eine Andere ... sie sei voller Schliche und kenne junge Leute in Paris. – »Ha! wenn ich davon einen Beweis hätte, dann jagte ich sie vor aller Welt aus meinem Hause! ...« – Bis jetzt sind es nur Vermuthungen, aber Fifine ist gewandt, und wenn etwas daran ist, so wird sie es herausbringen.« Die Anwesenheit eines hübschen Frauenzimmers ist immer das beste Mittel, viele Männer in ein Haus zu ziehen. Rosa-Maria's Vorstellung in der Abendgesellschaft ihres Oheims hatte Aufsehen gemacht. Jedermann sprach von dem kleinen Landmädchen: die Männer, um dasselbe zu rühmen, die Frauenzimmer, um es zu kritisiren; wer Rosa nicht gesehen hatte, wünschte sie kennen zu lernen; wer sie aber in dem Abendzirkel bemerkt hatte, wollte sie wieder sehen. Madame St. Godibert erhielt zahllose Besuche, hei welchen man unaufhörlich von ihrer Nichte mit ihr sprach, was ihr ein beständiges Kopfweh verursachte, und sie in die unerträglichste Laune versetzte. Doch unter allen emsigen Besuchern konnte an Emsigkeit keiner mit Herrn Roquet verglichen werden. Selten verging ein Tag, ohne daß er bei Madame St. Godibert erschien, und da man jetzt die Thüre des Cabinets, in welchem Rosa-Maria arbeitete, nicht mehr verschloß, so verfehlte Herr Roquet nicht, auch ihr seine Huldigungen darzubringen; dann kam er Abends wieder, um sie womöglich noch einmal zu sehen, und wenn dann die kleine Nichte nicht da war, wurde er traurig, that keinen Mund auf und seufzte wie ein melancholischer Frosch, so daß Madame St. Godibert gute Lust hatte, ihn mit Ohrfeigen zu regaliren. Rosa-Maria war von den Complimenten, süßen Blicken und Galanterien, womit sie Herr Roquet beinahe erdrückte, durchaus nicht erbaut. Sie dachte an den jungen Maler und sehnte sich, um desto freier an ihn denken zu können, nach der Zeit zurück, wo man sie allein gelassen und Niemand erlaubt hatte, sich ihr zu nahen. Jetzt aber suchte Madame St. Godibert, in der sichern Voraussetzung, daß ihre Nichte nicht mehr lange bei ihr bleiben werde, von ihrer Anwesenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehen und gönnte ihr keinen Augenblick Ruhe. Wenn es daher zufällig keine Arbeit für die Nadel gab, so mußte das junge Mädchen in alle Gemächer des Hauses gehen, um sie zu ordnen und zu säubern; man machte beinahe eine Haushälterin aus ihr; endlich auch schickte man sie, wenn Julian nicht da war, mit Fifine des jungen Mannes Garderobe zu untersuchen und in Ordnung zu halten, und Mamsell Fifine sorgte dafür, daß Rosa-Maria Alles thun mußte; was sie aber fast zur Verzweiflung brachte, war, daß Rosa-Maria Alles that, was man sie hieß, ohne sich je zu beklagen, oder zu murren. Franz war wüthend, daß man Rosa-Maria so mißbrauchte, und er genirte sich gar nicht, öfters zu sagen: »Nun, Gott sei Dank! die gute Nichte muß nicht schlecht herhalten: Sie machen eine Nähterin, eine Flickerin, einen Jockei, eine Ausbürsterin aus ihr ... nur Geduld, wir werden es noch erleben, daß sie sie als Stiefelputzer und Küchenmagd verwenden! Sie muß sich außerordentlich glücklich hier fühlen.« Rosa-Maria's einziger Wunsch war, einmal wieder einen kleinen Spaziergang mit Vater Savenay zu machen; aber sei es nun, daß ihm die Zeit mangelte, oder befürchtete er, sie zu stören, seit mehreren Tagen hatte sie ihn nicht gesehen. Mehr als einmal hatte sie des Morgens die Gangthüre geöffnet und war bis an die Treppe vorgetreten; sie starb fast vor Begierde, in das Bureau hinabzugehen und ihrem alten Freunde einen guten Tag zu wünschen; aber kaum hatte sie den Fuß aus ihrem Zimmer gesetzt, als Mamsell Fifine ihre Thüre gleichfalls aufmachte, wie um sie zu belauern. Dann wagte Rosa-Maria nicht, hinabzusteigen und ging traurig wieder in ihr Gemach zurück. Einmal ... eines Morgens, klopft es in sehr früher Stunde an Rosa-Maria's Thüre; sie hat die Stimme des Greises, der eines seiner Lieblingslieder summt, erkannt und beeilt sich, ihm zu öffnen. »Ach, wie lange ist es, daß Sie nicht gekommen sind!« ruft Rosa-Maria aus, als sie ihren alten Freund wieder sieht. – »Es ist wahr, mein liebes Kind, aber es war nicht meine Schuld; Herr St. Godibert hat seine andern Commis ausgezankt, daß sie sich so spät auf dem Bureau einfinden: da wagte ich keinen Spaziergang mehr. Heute bin ich aber noch früher als sonst da, weil ich Sie durchaus sehen wollte, denn ich habe Ihnen Vieles zu sagen. – »Mir, lieber Freund?« – Ja, wahrhaftig ... auch bin ich Jemand begegnet ... Jemand, den Sie kennen ... Sie wissen wohl, jenem jungen Mann von neulich.« Rosa-Maria erröthet und erblaßt fast zu gleicher Zeit, ihr Busen hebt und bewegt sich in eiligen Schlägen; sie ist so bewegt, daß sie kaum die Worte zu stammeln vermag: »Wie, lieber Freund, Sie haben Herrn Leopold gesehen?« – Ohne Zweifel. – »Und er hat mit Ihnen gesprochen?« – Ganz sicher. – »Aber wie ging das zu? ... Er hat Sie also wieder erkannt? ... Durch welchen Zufall? ... O! erzählen Sie mir das Alles, ich bitte Sie darum!« – Aber, mein Gott, ich hätte es Ihnen ja schon erzählt, wenn Sie mich zu Worte kommen ließen. – »Ich schweige, mein Freund, ich schweige, aber dann reden Sie!« – Wohlan! Es scheint, daß an jenem Morgen dieser junge Mann, nachdem er Ihnen bei den elysäischen Feldern begegnet war, sich nicht ganz entfernt hatte, wie Sie damals glaubten ... die Verliebten machen es oft so: sie scheinen zu gehen, aber gehen nicht ganz! Kurz, der junge Maler war uns wahrscheinlich von ferne gefolgt und sah uns Beide in dieses Haus eintreten. Seit dieser Zeit kam Herr Leopold ohne Zweifel, weil er Sie wieder zu sehen wünschte, häufig in die Straße und pflanzte sich vor dem Hause auf ... er brachte da ganze Stunden zu; ich, der ich ihn mehr als einmal wahrgenommen hatte, glaubte sogar zu bemerken, daß er mich anblicke; aber ich sagte nichts, ich wartete, ich ahnte, wo er hinaus wollte ... hi! hi! man ist auch jung gewesen! »Doch sieht bei jedem Schritt man sprießen Mehr Blumen als man pflücken kann, Und schön benützt sein Leben fließen, Sagt, Freunde, heißt das altern dann?« »Ach, bester Freund, bitte, bitte!« – Um Vergebung, ich fahre schon fort: Gestern endlich, da ich zum Essen gehen wollte, sprach mich Herr Leopold sehr höflich an, indem er zu mir sagte: »›Mein Herr, ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich nicht die Ehre gehabt hätte, Ihnen mit einer jungen Person am Arm zu begegnen, welche ich kenne, nämlich mit Fräulein Rosa-Maria aus dem Dorfe Avon.‹« Ich antwortete ihm, daß er sich nicht irre; da fängt der arme junge Mensch auf einmal an zu zittern und bittet mich, ihn anzuhören; ich ersuche ihn, sich zu beruhigen, mit der Versicherung, daß ich ihn recht gerne anhören werde ... ich hatte vielleicht Unrecht, ihm das zu sagen, liebes Kind? – »O! nein! nein! Sie haben ganz recht geantwortet, mein lieber Freund! ... Und dann?« – Hat er mir erzählt, wie ein Unfall ihn verhindert habe, nach Fontainebleau um die mit Ihnen verabredete Zeit zurückzukehren. – »Es war nicht sein Fehler! Ach! ich wußte es gewiß.« – Als er dann endlich in das Dorf Avon sich begab, erfuhr er von Ihrer Magd, daß Sie nach Paris abgereist seien, um daselbst zu bleiben. Dann entfernte er sich ganz kummervoll, und ohne Ihren Vater zu sprechen. – »Der arme Junge! ... Und dann?« – Hoffte er, Sie in Paris wieder zu finden, aber auch er suchte die Gogo's, ohne zu ahnen, daß es keine mehr gebe. Endlich ... und das ist das Aergste! kamen junge Männer in sein Atelier, erlaubten sich Ihr Portrait, welches verborgen war, aufzudecken, und einer derselben behauptete, er kenne Sie ... es scheint, daß dies der nämliche junge Mann war, der Ihnen am ersten Abende Ihrer Ankunft nachgegangen war! ... und dieser Elende wagte es, Sie zu verleumden, Dinge über Sie auszusagen, wodurch Sie für rechtschaffene Menschen ein Gegenstand der Verachtung hätten werden müssen. – »Ach, mein Gott! mein Gott!« – Aber beruhigen Sie sich doch, liebes Kind: es wurde mir nicht schwer, zu beweisen, daß man Sie niederträchtig verleumdet hatte! ... Der arme Junge! wenn Sie seine Freude, seinen Wonnetaumel gesehen hätten! er tanzte auf der Straße, er warf sich an meinen Hals, er dankte mir tausendmal, daß ich Sie beschützt habe, dann rannte er weg wie ein Narr, indem er mir zurief, er werde jetzt denjenigen, der schlecht von Ihnen gesprochen, umbringen. – »Mein Gott! ... er wird sich schlagen ... wenn ihm ein Unglück zustieße ... Sie hätten ihn zurückhalten sollen.« – Ich mochte ihm rufen wie ich wollte, er hörte mich nicht. Ich war sehr unruhig über die Folgen dieser Sache, als ich diesen Morgen Herrn Leopold wiedersah. – »Er ist nicht verwundet?« – Nicht einmal geritzt, denn er hat den schändlichen Tropf, der sich, wie es scheint, Richard nennt, und ausgezogen ist, ohne seine Adresse zu hinterlassen, nicht wieder finden können. – »O, desto besser!« –Dann hat mich dieser junge Maler gebeten, angefleht, es über mich zu nehmen, Ihnen ein kleines Billet zuzustellen, worin er Sie um Verzeihung bittet, daß er nur einen Augenblick an Ihre Schuld habe glauben können ... ich hätte freilich diesen Brief nicht annehmen sollen, ich bin etwas zu alt zu einem Liebesboten, aber er war so dringend ... das Billet ganz offen, und wahrhaftig ... – »Sie haben es genommen? O! danke, danke, bester Freund! Der arme junge Mann ... Sie hätten ihm so wehe gethan, wenn Sie es abgelehnt. O! geben Sie, geben Sie, ich werde es ganz laut lesen, denn Sie sind unser Vertrauter! wir haben kein Geheimniß vor Ihnen.« Und Rosa-Maria nimmt mit bebender Hand den Brief, welchen ihr Vater Savenay darbietet und liest mit bewegter Stimme: »›Mein Fräulein! der achtungswürdige Mann, der Ihnen dies Billet einhändigen wird, wird Ihnen schildern, wie sehr es mich reut, daß ich neulich stumm an Ihnen vorübergegangen bin ... wüßten Sie, wie viel ich gelitten, ich, der keinen Augenblick aufgehört, an Sie zu denken! Ach! verzeihen Sie und erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich nie Jemand lieben werde, als Sie, dann wird Leben und Glück mir wieder blühen‹« Rosa-Maria sprang dem Greis an den Hals und rief aus: »Er wird nie Jemand lieben, als mich ... ach! lieber Freund, wie glücklich bin ich! Sagen Sie ihm, daß ich ihm verzeihe, daß auch ich ihn li ... nein, ich weiß mich nicht auszudrücken ... soll ich ihm nicht auch schreiben?« – Nein, nein, das würde sich nicht schicken, diese mündliche Antwort wird ihm genügen, ich habe ihm überdies erklärt, daß ich mich mit keinem weitern Brief befassen würde ... es ist genug an einem Mal, aber seien Sie ruhig, er wird erfahren, was Sie ihn wissen lassen wollen ... er wird glücklich sein, sehr glücklich, und dann wollen wir sehen, was sich ferner passender Weise für Sie thun läßt ... Aber! lieber Gott! da vergesse ich mein Bureau! ... Die Zeit vergeht ... adieu, liebes Kind, adieu. – »Aber nicht wahr, lieber Freund, Sie kommen bald wieder?« – So bald ich kann. – »Und bringen mir Nachricht von ihm?« – Ja, ja! – »Und sagen ihm, daß wir an einem der nächsten Morgen spazieren gehen werden?« – Ja, ja!« Der Vater Savenay hörte nicht weiter, er eilte die Treppe hinab, ohne zu bemerken, daß Mamsell Fifine den Kopf halb zu ihrer Thüre herausstreckte und den Vorgang belauschte. Rosa-Maria war allein in ihrer Stube zurückgeblieben; aber von diesem Augenblick an verschönerte sich Alles in ihren Augen. Wer immer erfährt, daß er von dem Gegenstand den er liebt, wieder geliebt wird, und daß das Gefühl, welches sein Leben ausmacht, ein Echo gefunden hat, für den gibt es keine Langeweile, keinen Kummer und keine Widerwärtigkeit mehr. Das Glück von dem unser Herz überfließt, verbreitet sich über Alles, was uns umgibt; der düsterste Aufenthalt erscheint uns heiter und bequem; die Leute, die wir am wenigsten liebten, kommen uns liebenswürdig vor; wir sehen Alles im schönsten rosenfarbigsten Licht. Das ist eine der tausend Metamorphosen, welche die Liebe schafft! Das junge Mädchen ist daher leichter, lebhafter, heiterer zu ihrer Tante hinabgegangen: sie grüßt dieselbe mit einem anmuthigen Lächeln; sie setzt sich mit einem Eifer ohne Gleichen an ihr Geschäft und arbeitet noch besser als gewöhnlich. Nun aber erscheint an demselben Tage um vier Uhr Nachmittags Herr Roquet, ganz schwarz und mit äußerster Sorgfalt gekleidet, und mit einer neuen Brille auf der Nase, bei dem Bankier, und sagt der Mamsell Fifine, daß er Herrn und Frau St. Godibert zugleich zu sprechen wünschte. »Das trifft sich gut,« antwortet die Kammerjungfer, »der Herr ist eben von seinem Bureau hinaufgegangen und mit Madame im Salon.« – Dann melden Sie mich,« sagt Roquet mit einer Wichtigkeit, welche Mamsell Fifine zum Lachen bringt. Das Paar St. Godibert heißt die Kammerjungfer den Herrn Roquet einführen, und dieser stellt sich den Beiden mit einem Ernst und einer so gewichtigen Miene vor, daß sein Besuch dadurch einen höchst bedeutungsvollen Zweck bekundet. »Guten Tag, mein lieber Herr Roquet,« sagt der Bankier; »Sie wünschen mich und meine Gemahlin zu sprechen ... wir sind immer erfreut, Sie zu sehen ... aber sollten Sie uns vielleicht heute etwas Besonderes mitzutheilen haben?« Herr Roquet, der sich auf seine Rede vorbereitet hat, schluckt seinen Speichel hinab und beginnt: »Mein Herr und Madame! Ich werde mit der Freiheit eines ... freien Mannes ... hm! hm! auf meinen Zweck lossteuern ... hm! hm! Ich bin Junggeselle, sonst auch Cölibatär genannt. Ich habe siebentausend Franken Rente rund und sicher, und ein schönes Mobiliar ... ich habe unendlich viel Weißzeug ... Bis daher hatte ich noch nie an's Heirathen gedacht ... obgleich es mir, wenn ich gewollt hätte ... das können Sie denken ... nicht an Gelegenheiten gefehlt hätte ... weil ein Mann mit siebentausend Franken Einkommen ... und der nicht unangenehm von Person ist ... ich sage das nicht zum Eigenlobe, aber kurz ... man kennt sich ... und es ist nicht verboten ... ich bin gewiß, daß Sie meiner Ansicht sind ...« – Vollständig,« antwortet Herr St. Godibert, der aber durchaus nicht vermuthet, wo Herr Roquet hinaus will. Angelika dagegen antwortet ungeduldig: »So kommen Sie doch zum Zweck, Herr Roquet.« – Ich komme, schöne Dame ... ich bin demnach eine sehr annehmbare Partie, sowohl nach Vermögen, Leibesbeschaffenheit und ... Alter ... ich gebe zu, daß ich nicht mehr in der ersten Jugend stehe, aber immerhin in einem gefälligen Alter ... nun denn! ich komme heute, das Alles Ihrer hübschen Nichte zu Füßen zu legen und bei Ihnen um die Hand von Fräulein Rosa-Maria anzuhalten.« Die beiden Ehegatten scheinen von Erstaunen ergriffen; sie sehen Roquet, sie sehen sich selbst einander an; endlich sagt Herr St. Godibert: »Um die Hand der Kleinen ... wie, Herr Roquet, Sie reden im Ernste? Es ist kein Scherz? Sie wollen Rosa-Maria heirathen?« – Ich wünsche es so ernsthaft als möglich ... ich wünsche es sogar leidenschaftlich. – »Aber haben Sie auch wohl überlegt, Herr Roquet,« sagte Angelika, »haben Sie auch die Folgen ihres Gesuchs reiflich erwogen?« – Die Folgen? das wird wohl die Heirath und was aus dieser wieder weiter erfolgt, fein, wenn Sie einwilligen ... Ich verberge Ihnen nicht, daß ich in Fräulein Rosa-Maria und zwar zum Tollwerden verliebt bin! Ich war zwar schon ziemlich oft verliebt während meiner galanten Laufbahn, hi, hi! aber niemals auf solche Weise ... ich wage sogar zu behaupten, daß diese und jene Liebe gar nicht mit einander zu vergleichen ist!« Herr St. Godibert fragt seine Frau mit den Augen um Rath und antwortet zögernd: »Mein theurer Herr Roquet, gewiß, Ihr Anerbieten ist nicht gering zu achten; aber vielleicht haben Sie gedacht, dieses junge Mädchen, welches zufällig ... unsere Nichte ist, das heißt ... mit einem Wort, ich muß Sie in Kenntniß setzen, daß sie kein Vermögen hat, und was mich als Oheim betrifft, daß ich durchaus nichts für sie thun kann, dieweil wir einen Sohn haben; nicht wahr, Angelika?« – Ja freilich, wir haben einen Sohn, und zudem sind wir noch zu jung, um uns für Andere zu berauben. – »Ich begehre nichts!« ruft Roquet, sich emporrichtend und seine Brille zurecht setzend, aus; »ich will nur den Besitz der reizenden Rosa-Maria; mit siebentausend Franken Einkommen, wenn man kein Kind mehr ist, glaube ich, kann man schon vorwärts kommen!« – Gewiß, man kann sogar sehr gut vorwärts kommen,« antwortet St. Godibert, dessen Gesicht sich aufzuhellen beginnt, »aber mein guter Roquet, es ist ... es muß noch bemerkt werden, daß Rosa-Maria's Vater ... der zufällig mein Bruder ... nicht todt ist. – »Ich weiß, er ist Landwirth im Dorfe Avon bei Fontainebleau.« – Wie so wissen Sie das?« fragte das erröthende Ehepaar. »Ganz einfach; Fräulein Rosa hat es mir selbst gesagt, als ich ihr im Walde von Fontainebleau begegnete. O! ich habe kein einziges ihrer Worte verloren ... mein Herz schlug schon damals für sie.« – Nun denn, wenn Sie das wissen, brauchen wir es Ihnen nicht erst mitzutheilen. Nur müssen Sie noch wissen, daß ihr Vater sich ... Gogo nennt, ein Name, den er durchaus beibehalten wollte, während ich und mein Bruder Mondigo andere führen ... und Sie begreifen; wir wollen nicht mehr anders genannt sein ... es wäre sogar nicht mehr möglich.« Herr Roquet ergreift die Hand des Banquiers, drückt sie ihm mit Macht und ruft aus: »Mein theurer Herr St. Godibert, ich werde selbst sehr geschmeichelt sein, daß die Oheime meiner Frau so ausgezeichnete Namen haben; lassen Sie mich nur Ihre hübsche Nichte heirathen, und ich werde wir stets ein Vergnügen und eine Pflicht daraus machen, mich in allen Stücken nach Ihrem Vorbild zu richten.« – Dann sehe ich kein Hinderniß mehr in der Sache!« antwortet St. Godibert, die Hand des Herrn Roquet schüttelnd. »Das will besagen!« fällt Angelika ein, »daß Sie die Sache fortan als abgemacht betrachten können!« – Ach! mein Freund, ach! meine theure Frau von St. Godibert! wie vergnügt bin ich!« Und in seiner Freude springt Herr Roquet seinem künftigen Oheim an den Hals, eilt dann auf Madame zu, welche er in feiner Verwirrung auf die Nase küßt, was ihn jedoch nicht verhindert, sofort in dem Zimmer umherzutanzen und zu wiederholen: »Ach Gott! wie glücklich bin ich!« »Mir scheint indeß, daß Fräulein Rosa-Maria auch Ursache hat, es zu sein!« sagt Angelika, indem sie ihre Nase abwischt, auf welcher Roquet Spuren seiner Freude hinterlassen hat. »Eine so schöne Partie, wie Sie, zu finden! ... wahrhaftig, das kleine Mädchen hat einen glücklichen Stern! Konnte sie das hoffen?« – In der That, ich fange nun auch an einzusehen,« sagte St. Godibert, »daß ihr Vater gut daran gethan hat, sie nach Paris zu schicken. – »Ach! bei Gelegenheit ihres Vaters! ... meinen Sie, daß wir seine Einwilligung auch nöthig haben werden ... Halten Sie vielleicht für zweckmäßig, daß ich zu ihm reise? – »Das ist unnöthig! ich werde ihm schreiben, daß er sie uns einschicke! ... Alle Wetter! er wird sich wohl hüten, seine Zustimmung zu verweigern ... ich werde ihm sagen, was für eine Partie Sie sind; der arme Mann wird außer sich, wird bezaubert sein!« – O! Sie thun zu viel für mich! Was Fräulein Rosa-Maria anbelangt, glauben Sie, daß diese mir gleichfalls gewogen sein wird? – »Das möchte ich einmal sehen, daß sie sich weigerte!« schreit Angelika. »Da müßte sie ja den Kopf völlig verloren haben ... ein Gemahl wie Sie ... hübsches Vermögen ... angesehener Mann ... prachtvolles Aeußere!« – Ach! Frau von St. Godibert! – »Ich wiederhole, sie wird ganz entzückt sein; übrigens muß sie eine Vorahnung von ihrem Glück gehabt haben, denn heute war sie so aufgeräumt, so heiter ... Ah! verführerischer Mann, Sie müssen ihr Etwas zugeflüstert haben!« – Nein, durchaus nichts mit dem Munde, auf Ehre, aber mit den Augen ... o! mit den Augen habe ich ihr viel gesagt. – »Kurz und gut, Herr Roquet, von jetzt an haben Sie das Recht, ihr den Hof zu machen.« – Werde nicht ermangeln, gnädige Frau. – »Speisen Sie mit uns, um diesen Tag zu feiern! Wir haben gerade Herrn Cendrillon, Herrn Dernesty und den Major bei Tische ...« – Ich kann nicht, ich bin versagt; aber heute Abend werde ich mich bald frei zu machen suchen. Sagen Sie bis dahin Ihrer Fräulein Nichte nichts; es wird mir schmeichelhaft sein, ihr zuerst meine Absichten zu erklären; ich möchte mich an ihrer Verwirrung weiden, ich liebe das sehr bei den Frauenzimmern. – »Wie es Ihnen beliebt, theurer Freund, also heute Abend!« – Heute Abend, werthe Verwandte in spe ! Herr und Frau von St. Godibert, ich empfehle mich hochachtungsvoll.« Roquet entfernt sich voll Entzücken. »Er ist charmant,« sagte Angelika, durch das von ihres künftigen Neffen gewonnen, »und man muß gestehen, daß die Kleine mehr Glück hat als Ver ...dienst.« – Je nun,« sagt St. Godibert, »sobald es Herrn Roquet recht ist, kann es mir zweimal recht sein; meine Nichte ist dann vorzüglich untergebracht, es kostet mich nichts und doch wird man immer sagen, daß sie es uns verdanke. Da fallt mir ein, wir haben heute Gesellschaft ... Rosa-Maria wird dieses Mal mit uns speisen. – »O! da sie Madame Roquet werben soll, sehe ich nichts Unpassendes mehr darin.« Rosa-Maria war sehr überrascht, als sie ihre Tante auf sich zukommen sah, welche sie mit einem beinahe liebenswürdigen Lächeln betrachtete und in einem viel sanfteren Tone als gewöhnlich zu ihr sprach, ja, als die stolze Angelika ihr etwas zeigen wollte, sie statt des trockenen »›Mademoiselle‹« mit »›liebe Nichte‹« anredete, was ihr noch nie begegnet war. Dankbar nahm das arme Mädchen diese Zeichen von Güte an, aber ihr Erstaunen wuchs noch, als Madame St. Godibert zu ihr sagte: »Wir haben heute zwar einige Personen bei Tisch, aber Sie speisen doch mit uns. Ziehen Sie sich ein wenig an und kommen Sie dann gleich herab.« Rosa-Maria gehorchte ihrer Tante, indem sie sich besann, woher eine solche Veränderung in dem Betragen gegen sie entstanden sein könnte; da sie aber ein gutes und gefühlvolles Herz hatte; so dachte sie, ihre Verwandten hatten die Vorurtheile gegen sie aufgegeben, und gab innerlich ihrem Vetter Friedrich Recht in seiner Behauptung, daß man sie zuletzt lieben werde. Rosa-Maria kam frisch, hübsch und verschönert mehr durch ihre natürlichen Reize als ihre einfache Toilette wieder herab. Die Freude, welche ihr diesen Morgen zu Theil geworden, hatte einen neuen Glanz über ihr Gesicht verbreitet; denn nichts verschönert so sehr wie das Glück. Als St. Godibert seine Nichte sah, kneipte er sie in's Kinn und sagte: »Nu, nu, allerdings, wir sind wundernett und ich begreife wohl, daß ... ja, ja, ich begreife.« Aber Rosa-Maria begriff nicht, was ihr Oheim sagen wollte, aber sie bedankte sich mit einem reizenden Lächeln für die Zeichen der Freundlichkeit, deren er sie endlich würdigte. Herr Cendrillon und der Major Krautberg kamen pünktlich zur Stunde der Mahlzeit. Julian erschien auch bald und war ganz erstaunt, als er seine liebliche Cousine bemerkte. Er drückte ihr sein Vergnügen darüber aus, daß man sie nicht wieder auf ihr Zimmer geschickt habe, und Rosa-Maria antwortete: »O! nunmehr sind Ihre Eltern sehr gut gegen mich, und ich bin sehr zufrieden, denn ich glaube, daß sie mich ein wenig lieben.« – Ah! ah! wir werden mit der hübschen kleinen Nichte zu Mittag essen!« rief Herr Cendrillon aus, indem er Rosa-Maria in den Arm kneipte; »desto besser! ich liebe die hübschen Frauenzimmer! Mordelement! wenn ich Zeit hätte, so würde ich mir einen ganzen Harem davon anlegen; aber ich habe keine Zeit dazu!« Der Major Krautberg machte vor Rosa-Maria eine tiefe Verbeugung und öffnete den Mund, als wollte er ihr etwas Schönes sagen ... da er aber bemerkte, daß ihn Angelika ansah, so ging er mit noch offenem Munde zu derselben hin und richtete an sie das Compliment, das er ihrer Nichte zugedacht hatte. Man wartete nur noch auf Dernesty. Da er seit einiger Zeit bei St. Godiberts seltener wurde, so hatte Madame, welche wegen seines Vornehmthuns viel auf ihn hielt, ihren Mann zu einer Einladung an ihn veranlaßt, und weil er diese nicht ausgeschlagen hatte, so zählte man auf sein Erscheinen. Endlich langte der junge Stutzer an und entschuldigte sich wegen seines langen Ausbleibens mit zahlreichen Geschäften. Er sagte der Hausherrin einige Complimente und ließ seine Blicke wohlgefällig auf der hübschen Nichte ruhen. »Man sieht Sie nicht mehr, Herr Dernesty!« sagte Angelika, »Sie vernachlässigen uns grausam; das ist sehr unrecht.« – Aber keineswegs meine Schuld, schöne Dame; ich bin seit einiger Zeit so sehr mit Geschäften überladen, daß ich keine Minute mehr für mein Vergnügen übrig habe. – »Was für Geschäfte macht denn dieser Herr?« fragte Herr Cendrillon ganz leise seinen Freund St. Godibert. – »Er spekulirt, glaube ich, mit Renten ... er spielt an der Börse ... aber er spielt sehr gut.« Der Capitalist machte eine leichte Kopfbewegung, welche Zweifel ausdrückte und erwiderte: »Ich habe ihn nur einmal an der Börse gesehen ... und was man mir von ihm gesagt hat ... hm! ... doch man kann sich irren.« – Was hat man Ihnen gesagt? – »Ich mag nicht gerne Dinge wiederholen, welche Jemand schaden könnten, besonders wenn ich meiner Sache nicht gewiß bin. Ist Ihnen dieser schöne Herr Geld schuldig?« – Nein. – »Dann betrachten Sie was ich eben geäußert, als nicht gesagt.« Die Meldung, daß aufgetragen sei, unterbricht dieses Gespräch. Der Major Krautberg als stets getreuer Ritter der Frau St. Godibert beeilt sich, ihr die Hand anzubieten und sie in den Speisesaal zu führen. Julian und Dernesty nähern sich Rosa-Maria, aber Herr Cendrillon ist ihnen zuvorgekommen; er nimmt den Arm des jungen Mädchens, schiebt ihn unter den seinigen und ruft aus: »Ha! ha! meine Herren, ich war flinker als Sie! Ich war aber schon darauf gefaßt, daß Sie mir diesen kostbaren Schatz rauben würden.« Damit geht der dicke Herr, Rosa-Maria am Arm, in den Speisesaal. Die beiden jungen Männer blieben einen Augenblick ganz außer Fassung; Julian hatte die Farbe gewechselt, Dernesty jedoch erholte sich sehr schnell wieder und stieß den Sohn des Hauses mit dem Ellenbogen, indem er ihm zuflüsterte: »Du bist ein Hanshasenfuß.« Dann eilt er in den Speisesaal, indem er ausruft: »Ich erkläre, daß ich einen Wolfshunger habe.« Rosa-Maria benimmt sich anfangs schüchtern, da sie sich an der Tafel bei ihr unbekannten Personen befindet; aber Herr Cendrillon ist sehr liebenswürdig gegen sie, und seine Heiterkeit, seine Ungezwungenheit beleben das Mahl. Dernesty will auch liebenswürdig sein, aber sein Witz ist Spott und kein Frohsinn. Julian sieht seine Base häufig an und begreift die Veränderung im Betragen seiner Eltern gegen das junge Mädchen nicht. Der Major Krautberg verhält sich beinahe stumm, ißt aber für Vier, indem er Alles, was man sagt, bloß durch eine Geberde billigt, welche seine Kinnlade nicht in ihrer Verrichtung stört. Madame St. Godibert, indem sie mit Dernesty kokettirt, befragt ihn nach Herrn Richard, den sie schon lange nicht mehr gesehen. »Ich weiß nicht, Madame, was mit ihm ist,« antwortet Dernesty. »Er ist, glaube ich, ausgezogen, aber ich begegne ihm nirgends.« Bei dem Namen Richard horchte Rosa-Maria auf, denn er erinnerte sie an den Menschen, der sich so schändlich gegen sie betragen; da man jedoch nicht weiter von diesem Herrn spricht, so nimmt sie an, daß nicht von dem die Rede war, mit welchem sich Leopold schlagen wollte; denn sie kann nicht glauben, daß dieser Mensch in der Gesellschaft, die ihr Onkel empfängt, Zutritt haben könne. Das naive Kind kannte die Welt noch nicht und wußte ebensowenig, wie leicht es Spitzbuben wird, sich bei ehrlichen Leuten einzuschleichen. Man steht vom Tisch auf. Herr Cendrillon, entzückt von der Haltung und dem Anstand Rosa-Maria's, klopft Herrn St. Godibert auf den Bauch, indem er sagt: »Sapperlott! mein lieber Freund, Sie haben da ein hübsches Nichtchen; man muß sie passend verheirathen.« – Ich habe bereits daran gedacht,« antwortet der Banquier, sich die Hände reibend. »Ei, noch etwas,« fährt der dicke Kapitalist fort, »wie ist es mit meinem alten Freund, meinem Papa Savenay, Sie haben ihn, glaube ich, auf Ihrem Bureau untergebracht?« – Gewiß. Ich habe ihn angestellt. – »Das freut mich. Hätte ich früher daran gedacht, so wäre es mir lieb gewesen, diesem wackern Mann ein freundschaftliches Wort zu sagen.« Herr St. Godibert, der heute besonders gut gelaunt und gefällig ist, erwidert: »Wenn es Ihnen angenehm ist, so können Sie ihn noch sprechen: es war heute ein pressantes Geschäft abzumachen und meine Commis mußten wiederkommen. Ich werde gleich nachfragen lassen, ob der alte Savenay noch da ist, und dann soll er einen Augenblick heraufkommen.« – Bei Gott! das würde mich freuen.« Während dieses Gesprächs waren die beiden jungen Leute zu Rosa-Maria getreten und überhäuften sie mit Artigkeiten, welche sie sich ohne das geringste Vergnügen sagen ließ; es schien sogar, als ob sie ein peinliches Gefühl empfinde, sie anzuhören, und ihre Augen irrten im Saale herum, wie um Jemand zu suchen, der ihr zu Hülfe käme. Aber Madame St. Godibert hörte dem Major zu, der den Schnitt ihres Kleides lobte, und bekümmerte sich keineswegs um ihre Nichte. Inzwischen, da Herr St. Godibert für einen Augenblick hinausgegangen war, näherte sich Herr Cendrillon den jungen Männern mit der Aufforderung: »Auf! meine Herren! zu einer Partie Ecarté, das spiele ich am liebsten; ich habe fünfzehn Napoleons zu verlieren: wer nimmt sie mir ab?« – Ich spiele mit Ihnen,« sagte Dernesty. – »Und ich,« sagte Julian, »wette auf Dich.« Die drei Männer gehen an einen Spieltisch. Cendrillon und Dernesty beginnen die Partie, und Julian, der auf seinen Freund parirt, setzt sich an seine Seite. Schon hatte Herr Cendrillon drei Napoleons verloren, als St. Godibert mit Vater Savenay in den Salon zurückkehrte. Die beiden jungen Männer fahren zusammen; der dicke Capitalist ruft aus: »Ei! da ist ja mein alter Freund; kommen Sie doch, alter Papa ... geht's immer gut mit der Gesundheit? ... Das Aussehen ist prächtig.« Der eintretende Greis empfiehlt sich der ganzen Gesellschaft. Erstaunen und Freude malen sich auf seinem Angesicht, als er Rosa-Maria gewahr wird, die ihm hold zulächelt. »Ah! ah! alter Kamerad,« fährt Herr Cendrillon fort, »es scheint, wir kennen das hübsche Nichtchen meines Freundes?« – Ja, ich habe die Ehre, Herr Cendrillon ... es ist ein herrliches Geschöpf, und ich bin doppelt glücklich, sie hier zu sehen. – »Blitz! sie ist hier in guten Händen; ihr Oheim wird sie verheirathen, ausstatten ...« – Das ist meine Absicht,« antwortet der Banquier mit gewichtiger Miene. »Ach! mein Herr, ich danke Ihnen für Alles, was Sie an diesem lieben Kinde thun werden,« fährt der Greis fort, »sie verdient es, und das freut mich.« – Und woher kennen Sie die Nichte von St. Godibert, lieber Alter?« Vater Savenay erinnert sich, daß er sie nicht als das junge Mädchen bezeichnen darf, welches ihre Oheime Gogo suchte. Er zögert einen Augenblick und sagt endlich, indem er sich mit geheimnißvoller Miene dem Spieltische nähert: »Wenn Sie wüßten, in welcher Lage sich die Kleine um meinetwillen befand ... meine Schuld war es nicht ... aber es konnte ihr sehr zum Unglück ausschlagen.« – Schaut, schaut, Vater Savenay, erzählen Sie uns doch das.« Der Greis neigt sich über den Tisch und sagt halblaut: »Sie hat es nie Jemand anvertraut ... ihr Vater fürchtete, wenn es bekannt würde, könnte sie Gefahr laufen. Aber hier, unter uns, darf ich es Ihnen wohl erzählen.« Die beiden jungen Männer sind sehr betroffen und beben unwillkürlich, ohne noch zu wissen, was der Greis sagen will. Herr Cendrillon fällt ein: »Vollenden Sie doch, Vater Savenay; wenn es ein Geheimniß ist, so werden wir es wohl zu bewahren wissen.« – » Nun denn: Als ich in dem Wald von Fontainebleau angegriffen und beraubt wurde, war Fräulein Rosa-Maria zufällig zugegen; sie ging des Weges, gerieth in Furcht und verbarg sich glücklich. Aber sie hat meine beiden Räuber gesehen ... – »Sie hat sie gesehen!« ruft Dernesty, wie von einer unwillkürlichen Bewegung getrieben, aus. Statt zu antworten, hält Vater Savenay inne; diese Stimme, die er gehört hat, scheint einen seltsamen Eindruck auf ihn zu machen. Doch diese Empfindung geht schnell vorüber, und er fährt fort: »Ja, sie hat sie gesehen, aber doch so gut als nicht gesehen: ihr Gesicht scheint schwarz angestrichen gewesen zu sein, und Stülpmützen verbargen ihre Augen. Uebrigens vertraute sie mir, daß sie die Beiden für keine gewöhnlichen Räuber hielt, sondern für verlarvte, junge Herren; sie hatten sehr elegante Stiefeln und Handschuhe an.« – Wie Schade, daß sie ihr Gesicht nicht sah,« ruft St. Godibert, »sie hätte vielleicht eines Tages Ihre Räuber wieder erkannt.« Herr Cendrillon sagt nichts: er betrachtet den jungen Julian, dessen Angesicht schrecklich entstellt geworden ist. »Reden Sie nicht davon, meine Herren,« fährt Vater Savenay fort; »Fräulein Rosa-Maria würde mich auszanken, wenn sie erführe, daß ich dieses Abenteuer erzählt habe ... doch da kommen Leute ... guten Abend, Herr Cendrillon; meine Herren, ich habe die Ehre, Sie zu grüßen; Fräulein Rosa-Maria spricht mit ihrer Tante, ich will sie nicht stören.« Damit ging der alte Savenay aus dem Salon. Schon kamen mehrere Personen an, und Herr St. Godibert machte die Honneurs als Hausherr. »Nun, wie! spielen wir nicht mehr?« nimmt Dernesty das Wort, als der Greis sich entfernt hatte. – »Aber es scheint, Ihr Associé verläßt Sie,« sagt Herr Cendrillon, auf den wegeilenden Julian deutend. »Ah! ja, er geht: ich glaube, er hat ein Stelldichein auf diesen Abend ausgemacht; doch ich kann das Spiel wohl allein zu Ende bringen.« Herr Cendrillon spielt und sagt nichts mehr; es scheint ihm darum zu thun zu sein, die Partie bald zu endigen. Er hat auch in kurzer Zeit sein Geld verloren! jetzt steht er auf und setzt sich in einer Ecke des Salons nieder. Dernesty macht einige Gänge in den Zimmern, nähert sich aber Rosa-Maria nicht mehr. Nach einiger Zeit schickt er sich zum Weggehen an, als Friedrich ankommt. Dieser hält ihn auf, indem er zu ihm sagt: »Wo rennen wir denn hin?« – Ich mache mich aus dem Staube, lieber Freund; ich habe heute Abend ein Stelldichein, bei dem ich nicht fehlen darf; aber ich will mich ungesehen verabschieden. – »O! schon gut, ganz nach Belieben ... aber ist es wahr, daß mein Bäschen hier ist?« – Ja, ja, sehen Sie, dort sitzt sie ...« und Dernesty entfernt sich, während Friedrich an Rosa-Maria's Seite Platz nimmt. Diese theilt ihm die glückliche Veränderung in dem Betragen ihrer Verwandten mit und schildert ihm die Freundschaft und das Wohlwollen, womit sie jetzt behandelt wird. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß sie damit aufhören würden, Sie zu lieben,« ruft Friedrich aus. »Kann es denn anders sei«? Sie sind so artig, so liebenswürdig, so ... sehen Sie, mein Bäschen, ich liebe Sie wie ein Narr!« – Und ich Sie wie eine Schwester,« sagt Rosa-Maria, Friedrich die Hand reichend, welcher antwortet: »In Gottes Namen! Ich sehe, daß wir aus der Geschwisterliebe nicht herauskommen; ich hätte freilich etwas Besseres gewünscht. Indeß, wenn ich mich nun einmal nur mit Ihrer Freundschaft begnügen soll, so muß es mir auch so recht sein ... alle Wetter! da ruft mich meine Tante schon wieder. Da ich doch weiter nichts als Ihr Bruder bin, so sollte man mich in's Teufels Namen wenigstens mit meiner Schwester schwatzen lassen.« Angelika wollte ihren Neffen von Rosa-Maria entfernen, weil eben Herr Roquet, geputzt, parfümirt, auf's Eleganteste aufgestutzt, angelangt ist. Nach ein Paar an Madame St. Godibert und ihren Gatten gerichteten Worten setzt er sich sofort neben Rosa-Maria, die gerade allein ist. Nachdem er zuerst seine Brille auf der Nase zurechtgesetzt, spricht er zu dem jungen Mädchen: »Mein Fräulein, ich habe Ihnen eine sehr interessante Neuigkeit mitzutheilen.« – Mir, mein Herr? – »Ja Ihnen, mein Fräulein, und ich schmeichle mir, daß Sie die Freude über dieselbe mit mir theilen werden!« – Wenn es etwas ist, das Ihnen angenehm ist, mein Herr, so wird es mir auch Vergnügen machen. – »Ach, wie gut Sie sind ... ach, wie unausstehlich das ist! ... ich habe eine neue Brille: sie hält nicht, glitscht immer herab ... Reizende Rosa-Maria, was ich Ihnen zu sagen im Begriffe bin, haben Sie vielleicht bereits geahnt ... haben es in meinen Augen gelesen ... geh' zum Kuckuk! jetzt liegt sie auf dem Boden ...« Das junge Mädchen hebt die Brille auf und bietet sie Herrn Roquet mit den Worten an. »Ich habe gar nichts gelesen, mein Herr, und ahne auch nicht ...« – Ach! ich glaubte ... ich habe nämlich seit jenem Tage, wo ich Ihnen im Walde von Fontainebleau begegnet bin, Sie keinen Augenblick vergessen: Sie hatten einen Eindruck auf mich gemacht ... und wären meine Hosen nicht zerrissen gewesen ... gewiß, dann wären wir weiter gekommen, aber wenn man im Gehen gehindert ist ... so hat man Mühe einem hübschen Frauenzimmer nachzulaufen ... – »Mein Herr, in welcher Beziehung steht das Alles zu der Neuigkeit, die Sie mir sagen wollten?« – Ah! Verzeihung! ich machte einen Umweg; ja, schöne Rosa-Maria, meine Liebe bildete einen stumpfen Winkel, um sich nicht allzu schnurstracks und barsch zu erklären. – »Ihre Liebe, mein Herr?« – Ist anständig und rechtlich, mein Fräulein ... mit einem Wort: ich strebe nach dem Titel Ihres Gatten. Ich habe diesen Morgen meine Absichten Ihrem Herrn Oheim und Ihrer Frau Tante erklärt, welche dieselben gebilligt und mich ermächtigt haben, sie Ihnen mitzutheilen, beifügend, daß sie sogleich Ihrem Herrn Vater schreiben wollten und ich unsere Heirath als eine abgemachte Sache betrachten könne.« Rosa-Maria ist nicht im Stande, zu antworten; sie traut ihren Ohren nicht; sie glaubt zu träumen und ist so sehr von dem Gehörten angegriffen, daß sie nicht die Kraft hat, zu antworten. Herr Roquet, der ihre Verwirrung bemerkt, legt sie zu seinen Gunsten aus und sagt, ihre Hand fassend: »Wie sehr rührt mich Ihre Bewegung, o, liebenswürdiges Mädchen, wie sehr erhöht sie mein Glück! Welche süße Vereinigung werden wir bilden! wie fügt sich Alles so schön zusammen! wie werde ich ... rutsch! schon wieder auf dem Boden! ... dieses Exemplar behalte ich nicht.« Aber während Herr Roquet seine Brille aufhebt, antwortet Rosa-Maria, die sich ein wenig von ihrem ersten Staunen erholt hat, mit sehr artigem, aber entschlossenem Tone: »Mein Herr, ich kann mich durch den Antrag, den Sie mir gemacht ... und von der Güte, mit der Sie Ihre Blicke auf ein armes Mädchen gelenkt ... nur geehrt fühlen, aber ich danke Ihnen ... ich kann nicht einwilligen ... ich denke an keine Heirath.« – Sie können nicht einwilligen?« ruft Roquet aus; »aber, schöne Rosa, Sie sind zu bescheiden ... da es eine abgemachte, mit Ihren Verwandten festgesetzte Sache ist, so werde ich Ihr Gatte sein, um so mehr ... ah! jetzt glaube ich, hält sie ... um so mehr, als mein Vermögen zureicht ... und ich Sie ohne Mitgift nehme ... ich habe die Brillenhalter hinter die Ohren gesetzt ... ich nehme Sie! – »Mein Herr, ich wiederhole Ihnen, daß ich mich bedanke und mich sehr geehrt fühle, aber nicht Ihre Frau werden kann. Herr Roquet fängt an zu bemerken, daß das junge Mädchen nicht so entzückt ist, als er anfänglich geglaubt hatte. Nach weiteren vergeblichen Versuchen, Rosa's Widerstand zu besiegen, steht der Brautwerber auf, geht zu Angelika und sagt ganz bestürzt zu ihr: »Ihre Nichte schlägt mich aus ... sie will mich nicht heirathen!« – Sie schlägt Sie aus? Ha, das ist ein wenig stark!« grollt Madame St. Godibert, indem sie dem jungen Mädchen einen zürnenden Blick zuwirft. »Auch ich finde es sehr außerordentlich; aber sie schlägt mich eben aus.« – Ach! gehen Sie, das ist unmöglich! ... Uebrigens haben wir erklärt, daß diese Heirath uns zusage, und ich wiederhole Ihnen, daß sie zu Stande kommen wird. Braucht man denn diese jungen Mädchen zu Rath zu ziehen? – »Was gibt es denn?« fragt St. Godibert, zu seiner Frau tretend. »Weiter gar nichts, als daß dieser Backfisch Rosa-Maria Herrn Roquet zu erklären sich erfrecht hat, sie bedanke sich und wolle ihn nicht.« Herr St. Godibert schnäuzt sich im höchsten Zorne und schreit: »So, das hat sie gesagt, während sie vor Freude an die Decke springen und vor Jubel toll werden sollte? ... Doch lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen, mein lieber Roquet. Sie können wohl denken, daß wir die Herren sind; gleich morgen schreibe ich an ihren Vater. Ich verspreche Ihnen seine Einwilligung ... diese Heirath muß stattfinden, das ist ein für alle Mal festgesetzt ... und was die Kleine betrifft, so schwatzt sie nur heute Abend so; wenn sie aber darüber nachgedacht haben wird, so wette ich, wird sie gehorsam, wie das Lamm Gottes sein und sogar einsehen, daß es sich um ihr Glück handelt.« – Sie gießen mir Balsam in's Herz, mein lieber Herr von St. Godibert; ich verlasse mich gänzlich auf Sie. – »Seien Sie ruhig, Sie werden unsere Nichte heirathen.« Der Rest des Abends verstreicht, ohne daß Roquet es wieder wagt, Rosa-Maria von seiner Liebe zu unterhalten; er begnügt sich, in ihrer Nähe zu sitzen und sie ohne Unterbrechung anzusehen, oder seine Brille zu putzen und zurecht zu setzen. Das junge Mädchen war ganz traurig und bestürzt, seitdem sie wußte, was man mit ihr vorhatte. Gern hätte sie es Friedrich erzählen mögen, aber ihre Tante schien sie nicht aus den Augen zu lassen und verhinderte, daß er mit ihr sprach. Endlich brach Alles auf. Friedrich schien betroffen von dem traurigen Blick, den ihm seine Base zuwarf; er wollte sie gerne um die Ursache fragen, aber man beobachtete sie auf's Strengste. Er mußte, ohne etwas zu erfahren, weggehen. Was Roquet betraf, so sagte ihm Angelika in dem Augenblick, wo er Rosa-Maria gute Nacht wünschen wollte: »Küssen Sie ihr die Hand, mein lieber Roquet, Sie haben das Recht dazu; man darf die Hand seiner Zukünftigen küssen.« – Wie, Madame?« stammelte Rosa bestürzt. »Allons, Herr Roquet, küssen Sie doch, küssen Sie geschwinde!« Roquet entschloß sich endlich dazu, indem er alle Vorsichtsmaßregeln ergriff, daß seine Brille nicht herabfiel und entfernte sich mit triumphirender Miene. Nachdem die ganze Gesellschaft weggegangen war, sagte Herr St. Godibert mit nicht mehr liebenswürdiger Miene zu seiner Nichte: »Mademoiselle, Herr Roquet hat uns um Ihre Hand gebeten. Ich werde die Einwilligung Ihres Vaters einholen, der gewiß damit zufrieden ist. Betrachten Sie also von heute an diesen Herrn als Ihren künftigen Gatten.« – Aber, lieber Onkel, ich liebe Herrn Roquet ganz und gar nicht. – »Schweigen Sie,« sagte Angelika; »Sie sind eine kleine Thörin, aber Sie werden Herrn Roquet heirathen.« Damit ging das Paar in seine Gemächer, ohne weiter auf Rosa-Maria hören zu wollen. Diese stieg jetzt wieder in Thränen in ihr Zimmerchen hinauf, indem sie zu sich sagte: »O, mein Gott! Herrn Roquet zu heirathen, das wäre entsetzlich! ... aber glücklicher Weise wird mich hoffentlich mein alter Freund beschützen und mir aus der Noth helfen. Er wird es ihm, er wird es Allen, die ich liebe, sagen, und man wird mir zu Hülfe kommen. O! ich will nicht Madame Roquet werden.« Einunddreißigstes Kapitel. Der Finger Gottes War es für Rosa-Maria, die durch Leopolds Billet so glücklich geworden, die nun wußte, daß der junge Maler sie noch immer liebe, nicht höchst grausam, in Gefahr zu schweben, einen Roquet heirathen zu müssen! Wegen dieses so schnellen Uebergangs von der Freude zum Schmerz konnte sie die ganze Nacht kein Auge schließen. Sie stand am frühen Morgen auf und wünschte gar zu gerne, mit ihrem alten Freunde sprechen zu können; sie öffnete die Thüre halb, sie horchte und blickte oben auf der Treppe überall herum, aber der Vater Savenay ließ sich nicht sehen. Zum Ersatz öffnete dagegen Mamsell Fifine ihre Thüre fast zu gleicher Zeit mit dem jungen Mädchen, von dem sie jede Handlung erspähen zu wollen schien, und Rosa-Maria entschloß sich, ohne ihren alten Freund gesehen zu haben, in ihr Zimmer zurückzukehren. Der Tag verfloß sehr traurig für die arme Kleine, welche nur Tante und Oheim zu Gesicht bekam, die ihr jeden Augenblick wiederholten: »Wie glücklich sind Sie! Ein mittelloses Mädchen! eine Partie zu finden wie Herr Roquet; das ist außerordentlich! man kann es kaum glauben!« Rosa versuchte zu antworten und murmelte traurig: »Aber dieser Herr gefällt mir ganz und gar nicht! ... ich gehe lieber zu meinem Vater zurück!« Madame St. Godibert machte schreckliche Augen und ging auf das junge Mädchen los, als ob sie es schlagen wollte, indem sie schrie: »Schweigen Sie, einfältige Person! Sie werden Herrn Roquet heirathen! Wir dulden es nicht, daß unsere Nichte die Gelegenheit, reich zu werden, verstreichen lasse, um uns später wieder zur Last zu fallen ... man kennt das!« – Zudem, Mademoiselle,« fügte Herr St. Godibert bei, »wird Ihr Vater über diese Heirath entzückt sein; ich werde ihm unverzüglich schreiben, und gewiß wird er Ihnen Gehorsam gegen uns anempfehlen. – »Mein Vater liebt mich zu sehr, als daß er mich zu einer Heirath gegen meinen Willen zwänge!« – Das wollen wir sehen. Hieronymus müßte nur blödsinnig geworden sein. wenn er Ihnen nicht befähle, Herrn Roquet die Hand zu geben.« Rosa-Maria wagte keinen Widerspruch mehr; sie weinte bloß, was ihre Verwandten sehr wenig zu rühren schien. Am andern Morgen stand das junge Mädchen schon in der Dämmerung auf: sie war diesmal entschlossen, in das Bureau hinab zu gehen, um Vater Savenay ihren Kummer zu erzählen; denn sie hoffte, er werde die Sache auch Leopold mitteilen können, und dieser ein Mittel finden, sie dem drohenden Unglück zu entreißen. Aber etwas nach sieben Uhr klopft es zweimal leicht an ihre Thüre, und sie erkennt zugleich die Stimme des Greises, der sie fragt, ob sie aufgestanden sei; sie eilt, ihm zu öffnen, stößt einen Freudenschrei aus und wirft sich in die Arme ihres Beschützers. »Was haben Sie denn, mein Kind? Sie scheinen sehr gerührt, sehr bewegt?« fragt der Vater Savenay, in Rosa-Maria's Zimmer tretend. Diese beeilt sich, ihre Thüre wieder zu verschließen und kehrt zurück, um die Hände des alten Mannes zu drücken, indem sie ausruft: »Ach! ich bin sehr unglücklich, und alle meine Hoffnung beruht auf Ihnen, lieber Freund!« – Unglücklich? Du lieber Gott! ich glaubte gerade im Gegentheil, Ihre Verwandten ließen Ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren und behandelten Sie jetzt mit Güte? – »Ach! diese Güte, an die ich auch einen Augenblick glaubte! O, wenn Sie die Ursache davon kennten, mein Freund! Sie müssen mich vertheidigen. Sie müssen mich beschützen!« – Aber erklären Sie sich doch, liebes Kind. – »Also! mein Oheim und meine Tante wollen mich verheirathen ... mich Herrn Roquet heirathen lassen ... einen sehr häßlichen Herrn, der wenigstens mein Vater sein könnte; sie behaupten: er sei reich, aber ich will nichts von ihm, o! nein, ich will ihn nicht heirathen, denn ich verabscheue ihn.« – Sollte nicht auch der Grund darin liegen, daß Sie einen Andern lieben, mein Kind? – »Ach! mein lieber Freund, ich weiß nicht, ob darin der Grund liegt, aber das ist gewiß, daß ich sehr unglücklich wäre, wenn man mich zwänge, Herrn Roquet zu heirathen. O! ich bitte Sie, verlassen Sie mich nicht ... sie sagen, sie wollten meinem Vater schreiben; aber sie werden ihm nicht schreiben, daß ich weine, daß ich jammere, daß mich diese Heirath zur Verzweiflung bringen würde.« Und Rosa-Maria wirft sich schluchzend an den Hals des Greises; dieser sucht sie zu beruhigen und zu trösten. »So thun Sie doch nicht so untröstlich! Ohne den Willen Ihres Vaters kann man Sie nicht vermählen.« – Aber sie werden ihm schreiben, daß es eine treffliche Partie für mich sei, daß ich reich, glücklich sein werde. Mein Gott, wenn er einwilligte! – »Beruhigen Sie sich; im Nothfall werden andere Personen Ihren Vater besuchen und ihm berichten, wie es sich verhält, und wie sehr Ihnen dieser Herr Roquet mißfällt.« – Ach! ja, lieber Freund! – »Ich gehe in mein Bureau hinab, denn ich möchte mich nicht verspäten. Beruhigen Sie sich, mein Kind, und zählen Sie auf mich.« – O! ich zähle sehr auf Sie ... und dann ... wenn Sie ... zufällig Herrn Leopold begegnen sollten, so sagen Sie ihm Alles das; nicht wahr? – »Ja, ja ... und ich werde ihm begegnen, daran ist nicht zu zweifeln, denn ich sehe ihn alle Morgen, ehe ich ins Haus hineingehe: er wartet immer auf der Straße. So eben hat er mir guten Morgen gesagt, und sich nach Ihnen erkundigt.« – Wie! er wartet alle Tage? O! wie artig ist das von ihm!« Und Rosa-Maria erröthet vor Freude; schon hat sie allen ihren Kummer vergessen, da sie erfährt, daß der junge Maler ohne Unterlaß an sie denkt. Bald aber schlägt sie die Augen nieder und fährt fort: »O, lieber Freund, Herr Leopold unterhält sich gewiß recht gerne mit Ihnen.« – Ja, das will ich glauben,« antwortet der Greis lächelnd; »o! ich weiß wohl, daß er sich nur wegen der Unterhaltung mit mir alle Tage hier einstellt. Jetzt aber, da Sie ruhiger sind, gehe ich in mein Bureau hinab. Auf! Muth gefaßt und die Thränen getrocknet!« Vater Savenay entfernt sich. Rosa-Maria glaubt Mamsell Fifinens Thüre leise aufgehen und Jemand vorsichtig dem Greise nachschleichen zu hören; aber sie schenkt diesem Umstand wenig Beachtung, denn sie ist so selig in dem Bewußtsein, daß Leopold sie nicht vergißt und mag an nichts Anderes denken. Rosa-Maria ging um die gewohnte Stunde in die Gemächer ihrer Tante hinab; sie fand die wohlbeleibte Angelika in Gesellschaft ihres Mannes. Ihr Gespräch schien sehr belebt, und Mamsell Fifine, welche bei ihnen gewesen, kam eben heraus und murmelte, Rosa-Maria mit triumphirender Miene betrachtend: »Ah, diese Scheinheilige! ich wußte wohl, daß das nicht besser ist, als die Andern.« »Vorgetreten, Mademoiselle!« rief Madame St. Godibert, grimmige Blicke auf Rosa-Maria werfend. »Ha! ha! jetzt wissen wir, warum Sie die Hand dieses liebenswürdigen Herrn Roquet ausschlagen! Das ist ein sauberes Betragen, Mademoiselle ... in Ihrem Alter Liebesintriguen zu haben ... pfui! Sie sollten erröthen.« Die arme Kleine erröthete in der That, aber aus Schmerz, sich solche Vorwürfe sagen lassen zu müssen; sie wollte antworten, aber ihr Oheim schrie: »Schweigen Sie, das Läugnen hilft nichts; wir wissen Alles! ... Dank Fifinen, deren Gewandtheit sich nie verläugnet!« – Ja,« fuhr Madame St. Godibert fort, »schon früher war uns gesagt worden, daß Sie einem Maler als Modell gedient hätten; Fifine hat Herrn Dernesty leise sagen hören, als er Sie erblickte: »›Sie ist schöner als ihr Portrait, das wir bei dem Maler gesehen haben‹« aber wir wollten es nicht glauben; so viel Verdorbenheit konnten wir in einer Hülle von siebzehn Jahren nicht voraussetzen.« – Ach, Madame! ... – »Schweigen Sie! Jetzt wissen wir, daß ein junger Mann ohne Unterlaß vor dem Hause herumstreicht, um Sie zu Gesicht zu bekommen ... und der alte Savenay! ein schon schneeweißer Greis! bietet die Hand zu solchen Intriguen! ... Es ist unbegreiflich!« – Mich hat das weniger in Erstaunen gesetzt,« fällt Herr St. Godibert ein, »denn ich habe ihn schon mehrmals auf dem Bureau singen hören: »›Zon, zon! Baß und Flöte! Zon, zon, Violon!‹« Was kann man von einem Manne in diesem Alter erwarten, der »›Zon, zon!‹« singt? Aber, Gott sei Dank! er wird so bald kein »›Zon, zon‹« mehr in meinem Hause singen. – »Wie, mein Herr, Sie hätten diesen ehrenwerthen Mann entlassen?« sagte Rosa-Maria, ihre Hände flehend zu ihrem Oheim erhebend. – »Ja, Mademoiselle, diesen ehrenwerthen Mann, der Morgens in Ihr Zimmer hinaufstieg, um Ihnen Liebesbriefe von Ihrem Liebhaber zu bringen ... so etwas gehört vor den Assisenhof! Ich habe ihn fortgejagt, Mademoiselle! er wird mein Haus nicht wieder betreten und Sie nicht mehr in Ihrer Rebellion gegen Ihre Verwandten unterstützen.« – Ach! mein Herr, das ist ja erschrecklich! den Vater Savenay, der so gut gegen mich war ... es fiel ihm nicht ein, etwas Unrechtes zu thun, da er mich zu trösten kam. – »Sie zu trösten! weil man Ihnen eine vorzügliche Heirath anträgt! ... Mademoiselle, Sie machen mir übel; übrigens soll Ihr Vater Alles erfahren, und er wird unser Betragen billigen.« – Ach! ich bitte Sie flehentlich, lassen Sie mich zu ihm zurückkehren. – »Still geschwiegen! Wir wollen wohl, aus Achtung gegen uns selbst, Ihre Fehltritte vor diesem empfindsamen Herrn Roquet verbergen, aber vergessen Sie nicht, ihn als Ihren zukünftigen Gatten zu betrachten. Indeß werden wir Sie bis zu vollzogener Heirath auf eine Art bewachen, daß Sie keine Dummheiten mehr begehen können.« Rosa-Maria will antworten; man hört sie nicht mehr an und bedeutet ihr, in das Stübchen zu gehen, wo sie arbeitet, und wo man sie allein läßt. Das arme Kind weint: sie bereut bitter, Ursache gewesen zu sein, daß ihr alter Freund seine Stelle verlor; sie fleht den Himmel um Beistand an und würde sich der Verzweiflung ganz übergeben, wenn ihr nicht der Gedanke, daß Leopold sich um sie bekümmere, ein wenig Hoffnung einflößte. Zur Stunde des Mittagessens ließ man die junge Nichte kommen, und sie hatte das Vergnügen, bei Tische neben Herrn Roquet zu sitzen, der mit einem Auge beständig auf ihr und mit dem andern auf seinem Teller weilte, und eine Menge Complimente an Rosa-Maria richtete, auf die sie nichts antwortete. Aber Herr Roquet schien das für Bescheidenheit zu nehmen und war dadurch nicht minder befriedigt. Der Abend verlief, während dessen Herrn Roquet unaufhörlich an Rosa hinsprach, die ihm nur mit schweren Seufzern antwortete. Der Brillenmann aber flüsterte nichts desto weniger der Madame St. Godibert zu: »Ich glaube, das Gefühl beginnt sich einzustellen ... sie läßt schon kleine Seufzer neben mir fahren; das ist ein gutes Zeichen, nicht wahr?« – Seien Sie ruhig,« antwortete Angelika, »sie wird noch ganz andere fahren lassen, wenn Sie einmal ihr Mann sind.« Mit größter Ungeduld erwartete Rosa-Maria den Augenblick, wo sie in ihr Zimmer hinaufgehen durfte. Dieser kam endlich; aber kaum war sie hineingegangen, als sie ihr Zimmer von Außen doppelt verschließen hörte. »Was soll das bedeuten?« ruft Rosa. – »Das bedeutet,« erwidert Mamsell Fifine von Außen, »daß es Ihre Frau Tante so befohlen hat, um Ihnen die Lust zu Ihren Morgenspaziergängen zu benehmen.« »Gefangen!« seufzt Rosa, auf einen Stuhl sinkend, »gefangen, und so wollen sie mein Glück machen! ... O, mein guter Vater! das wirft Du nicht billigen, und nie wirst Du Deine Tochter durch solche Mittel verheirathen wollen!« Nach Verlauf einer Stunde hört Rosa-Maria ihren Namen leise durch die Thüre rufen; sie erkennt Franzens Stimme und fragt: »Was wollen Sie von mir, Franz?« – Fräulein, ich weiß, daß man Sie hier eingeschlossen hat; ich finde das schändlich, und wenn Sie wollen, so nehme ich eine Axt und zerschlage das Schloß, damit Sie frei werden. – »Danke, Franz, danke: aber thun Sie das nicht. Es liegt mir wenig daran, eingeschlossen zu sein ... ich dachte nicht ans Ausgehen; aber meinetwillen sollen Sie sich nicht schlecht mit Ihrer Herrschaft stellen, man würde auch Sie fortschicken.« – O! darum schere ich mich keinen Pfifferling, Fräulein, und wenn Sie wollten ... – »Nein, Franz, ich wiederhole, daß ich mir gar nichts daraus mache.« – Nun, Fräulein, wie Sie wollen, aber ich stehe Ihnen immer zu Diensten.« Franz entfernte sich, und Rosa suchte im Schlafe Vergessenheit ihres Kummers. Mehrere Tage waren auf die nämliche Weise verstrichen. Rosa-Maria, welche von ihrer Tante zu übertriebener Arbeit angespannt wurde, mußte oft Wäsche in das Zimmer ihres Vetters Julian tragen und dort holen; aber Mamsell Fifine war ihr fast immer auf der Ferse, jede Flucht aus dem Hause wäre unmöglich gewesen, wenn sie auch den Gedanken dazu gehabt hätte. Julian speiste nicht mehr bei seinen Eltern, seitdem er die Gegenwart seiner Base zu fürchten schien. Was Friedrich betrifft, so hatte der Thürsteher die Weisung, ihm jedesmal zu sagen, es sei Niemand bei seinem Onkel zu Hause, so daß Rosa-Maria seit jenem Abend, wo Herr Roquet ihr seine Erklärung gemacht, nicht einmal den einzigen Verwandten zu sehen bekam, bei dem sie Trost in ihrem Kummer hätte suchen können. Eines Tages jedoch glaubte Rosa-Maria, als sie zu ihrer Tante hinabkam, in dem Hause lebhafte Vorkehrungen zu bemerken, welche auf eine große Gesellschaft schließen ließen. In der That sagte ihre Tante bald und zwar in einem etwas minder unfreundlichen Tone als gewöhnlich zu ihr: »Sie werden heute große Toilette machen, Mademoiselle, Sie werden Ihre schönsten Kleider anlegen, wir haben viele Gäste bei Tische ... es ist ein feierlicher Tag.« – Wollten Sie mir nicht erlauben, Madame, auf meinem Zimmer zu bleiben? – »Nein, Mademoiselle, Sie müssen zugegen sein, es ist unumgänglich nöthig, und ich hoffe, daß Ihr Betragen heute unserer vielen Güte für Sie würdig sein wird.« Rosa-Maria hätte gerne wissen mögen, was das für eine Feierlichkeit sei, die so große Vorbereitungen erfordere, und bei welcher sie nothwendig zugegen sein müsse; aber schon war ihre Tante wieder weggegangen, und Mamsell Fifine zu befragen, widerstrebte ihrem Selbstgefühl. Sie entschloß sich übrigens, zu gehorchen, ging traurig hinauf, sich anzukleiden und kam zitternd wieder in den Salon herab, denn eine geheime Ahnung sagte ihr, daß abermals ihre Verheirathung mit Herrn Roquet an diesem Tag besprochen werden würde. Sobald es fünf Uhr schlägt, erscheint Herr Roquet im größten Staat, ganz schwarz, mit vergoldeter Brille, die ihn sehr zu geniren scheint. Zuerst verneigt er sich hochachtungsvoll vor seiner zukünftigen Tante, dann geht er auf Rosa-Maria zu und erlaubt sich ihre Hand zu fassen und zu küssen, bevor das junge Mädchen sie zurückziehen konnte. Bald langen Herr und Madame Doguin, Herr und Madame Marmodin, der Major Krautberg, Herr und Fräulein Soufflat, dann der Vetter Brouillard an, der einen neuen Frack angezogen, aber dabei ein Paar alte, viel zu kurze Hosen behalten hat, demungeachtet jedoch Jedermann neugierig ansieht, als wolle er fragen, was geschehen werde, und wozu das feierlichst angekündigte Zweckessen dienen solle. Bald tritt auch Herr Cendrillon ein, der Einzige, der nicht schwarz gekleidet ist, was die Nerven Angelika's aufregt, welche zu ihrem Manne sagt: »Warum laden Sie diesen Cendrillon ein, der nicht einmal Toilette macht, wenn er zu uns kommt?« – Liebe Freundin,« antwortete St. Godibert, »ich habe Dir bereits erklärt, daß, wenn man Millionär ist, man das Recht hat, schmutzig zu sein. Ich habe eben ein schönes Geschäft mit Herrn Cendrillon abgeschlossen, der ein mit Waaren beladenes Schiff nach der Insel Bourdon abgehen läßt. Es lag mir sehr an seiner Gegenwart bei diesem Diner. – »Wenn er aber erfährt, daß Sie seinen alten Schützling fortgeschickt haben, glauben Sie, das werde ihn freuen?« – Ich werde ihm sagen, daß Vater Savenay die Fehltritte unserer Nichte unterstützte, und er wird mein Betragen billigen.« Inzwischen hatte Herr Cendrillon Rosa-Maria sanft auf die Wange geklopft; sie lächelte ihm traurig zu und hätte ihm gerne die Entlassung seines alten Freundes mitgetheilt, aber sie wagte es nicht; zudem war ihre Tante ihr fast stets zur Seite, damit sie ja mit Niemand sprechen könne. Friedrich kam ebenfalls. Er grüßte seine hübsche Cousine und seine Augen schienen sie gleichsam um die Ursache ihrer Traurigkeit zu befragen, allein Rosa-Maria schwieg ... ihre Tante stand neben ihr. Herr Brouillard spazierte im Saale auf und ab, ging von Einem zum Andern und fragte halblaut: »Was bereitet sich denn hier vor? Alles hat ein geheimnißvolles Aussehen ... ein ernstes Gesicht ... will etwa Herr St. Godibert seine Bilanz vorlegen? ... Wenn nur wenigstens sein Essen gut ist ... o! ja, wenn einmal ein Geizkragen einen Zug thut ... ei, ei! wir wollen sehen, ob Franz heute die Maderagläser voll macht.« – Wir erwarten nur noch meinen Bruder, den Schriftsteller, und seine Gattin,« sagte St. Godibert, »dann Herrn Dernesty, der mit ihnen kommen soll, und meinen Sohn Julian. Aber da sie sich so verspäten, sehe ich nicht ein, warum ich nicht der Gesellschaft auf der Stelle ankündigen sollte, was ich ihr ankündigen will ... nicht wahr, Angelika? – »Allerdings, Sie können das, mein bester Freund,« antwortete die dicke Dame. Herr Brouillard sperrt Ohren, Augen und Nase auf, um besser zu hören; Herr Soufflat steigt auf einen Fußschemel; Jedermann horcht; aber im Moment, wo St. Godibert sprechen will, geht die Thüre auf und sein Bruder Mondigo tritt ein. Der Schriftsteller scheint nicht in seiner gewöhnlichen Stimmung zu sein; sein Gesicht ist entstellt, seine Nase weiß, seine Haare in einer Verwirrung, daß sie nach allen Richtungen hinausflattern, wodurch sein Kopf einige Ähnlichkeit mit dem der Medusa erhält. Als er jedoch die zahlreich bei seinem Bruder versammelte Gesellschaft bemerkt, sucht er sich zu fassen, sogar zu lächeln, beeilt sich aber, in einer Ecke Platz zu nehmen. »Mein Gott! was hat denn Herr Mondigo heute?« flüstert Fränzchen Friedrich zu. – »Ich weiß es nicht!« antwortet der große junge Mann, »aber aus seinem Gesicht läßt sich eine Masse Sachen herauslesen. – »Ist es möglich, mit einem Kopf wie ein ungekämmter Pudel in eine Gesellschaft zu kommen?« murrt Angelika, während ihr Mann seinem Bruder schon von ferne zuruft: »Nun? und Deine Frau und Herr Dernesty? ... sind sie denn zurückgeblieben?« Der Schriftsteller schneidet eine eigenthümliche Grimasse, indem er antwortet: »Meine Frau wird nicht kommen ... sie ist unwohl ... auf lange Zeit ... was Herrn Dernesty betrifft, so brauche ich seine Begleitung nicht. Diese Antwort erregt bei den Einen ein Lächeln bei den Andern ein Zischeln. Fränzchen und Friedrich wechseln einen Blick. Herr St. Godibert aber, der sich in diesem Augenblick sehr wenig um die Angelegenheiten seines Bruders bekümmert, tritt mitten in den Salon und spricht: »Meine Damen und Herren, ich habe die Ehre, Sie von der bevorstehenden Heirath meiner Nichte Rosa-Maria mit Herrn Roquet in Kenntniß zu setzen, und es ist ihr Verlobungsmahl, das wir heute feiern wollen.« Ein Murmeln der Ueberraschung läuft durch die Gesellschaft; aber während Herr Roquet grüßt und die Glückwünsche einiger Personen annimmt, ist Rosa-Maria, welche plötzlich äußerst blaß geworden, auf dem Punkte, ihre Besinnung zu verlieren, da eilt Fränzchen auf sie zu, fängt sie in ihren Armen auf und ruft aus: »Aber diesem armen Kinde ist übel ... sehen Sie doch, sie verändert die Farbe; man möchte glauben, sie wolle sprechen und habe die Kraft nicht dazu.« – Das hat nichts zu bedeuten! das macht die Freude!« sagt Madame St. Godibert, »es ist nicht gefährlich. – »Nein, nein, liebe Tante!« entgegnet Friedrich, seiner Base ein Riechfläschchen vorhaltend, »nein, nicht aus Freude wird meine Base in Ohnmacht fallen, Kummer und Schmerz tödten sie, denn die angekündigte Verbindung würde ihr Unglück machen. Sie verabscheut Herrn Roquet, ich weiß es ... und nach meiner Ansicht haben Sie nicht das Recht, sie zu einer Heirath zu zwingen.« – Was soll das heißen, Herr Neffe? Ich finde es sehr dreist, daß Sie sich in etwas mischen, das Sie nichts angeht!« sagte Herr St. Godibert zornschnaubend. »Rosa-Maria ist meine Cousine, Herr Oheim, und ich habe ein Recht, sie zu beschützen.« – Was ist das? was gibt es hier?« sagte Herr Brouillard vortretend. »Ich bin ja auch ein Vetter der Kleinen und kann Anspruch darauf machen, daß man mich um Rath fragt!« – Nun Wohl, lieber Vetter,« sagte Angelika, indem sie Brouillard auf die anmuthigste Weise, die ihr möglich war, anlächelte, »finden Sie nicht auch, daß diese Verbindung äußerst vorteilhaft für unsere Nichte ist?« Bevor sich Herr Brouillard zu einer Antwort entschlossen, erhebt sich Rosa-Maria, die wieder zu einiger Kraft gekommen war und spricht mit angegriffener Stimme: »Ich hänge nur von meinem Vater ab; ihm allein will und muß ich gehorchen!« »Mademoiselle, wir haben seine Einwilligung!« antwortet St. Godibert. Rosa-Maria fühlt sich abermals schwach und ist im Begriff, in einen Lehnstuhl zurückzusinken, als eine ihr wohlbekannte Stimme diese Worte hören läßt: »Das ist nicht wahr, Sie haben keine Antwort von ihm erhalten und zum Beweis komme ich selber, um sie persönlich zu überbringen!« Es ist Hieronymus Gogo, der rasch in den Saal getreten war, wo seine unerwartete Gegenwart allgemeines Staunen erregt. Die Fremden betrachten den Landwirth mit Überraschung, die St. Godiberts mit starrem Entsetzen; Rosa eilt, sich in Hieronymus' Arme zu werfen, indem sie ausruft: »Ach, mein Vater, welches Glück! Ich wußte wohl, daß Sie mich nicht verlassen würden!« Hieronymus, welcher durch den Saal gegangen war, ohne sich im Mindesten um die anwesenden Personen zu kümmern, weil er nur an seine Tochter denkt, drückt Rosa in seine Arme und bedeckt sie mit Küssen, indem er ausruft: »Ich Dich verlassen! meine Tochter ... mein Kind ... mein Alles! Welcher Andere als ich soll sich mit Deinem Glücke beschäftigen? ... Ach, weine nicht mehr, meine arme Kleine, weine nicht! Dein Vater wird Dich nicht mehr verlassen, gewiß nicht: denn er sieht wohl, daß alle diese Leute Dich nicht lieben können wie er.« – Ach! das ist ja der liebe Vetter Hieronymus Gogo!« sagte Herr Brouillard, das letzte Wort stark betonend. –»Ja, Vetter, wie Sie sagen: es ist Hieronymus Gogo, der Bruder des Herrn Godsched ... Godbert ... Mondrigel ... Mon ...dickohr oder wie Teufels sie heißen, kurz, meiner Brüder, welche hier sind und es für passend gehalten haben, den ehrlichen Namen ihres Vaters aufzugeben; wer weiß, ob sie nicht gute Gründe dazu gehabt haben! Ich aber habe den Namen Gogo rein und makellos erhalten; was diese Herren vielleicht nicht gethan hätten.« Der Schriftsteller antwortet nichts; er scheint sehr eifrig, sich an der Stirne zu kratzen. Der Banquier aber entgegnet außer sich vor Zorn: »Mein Herr Bruder, ich habe gethan, was ich gewollt habe! auch das Glück Ihrer Tochter habe ich fest gründen wollen, welche Sie den guten Gedanken hatten, mir zu schicken; sind Sie jedoch dumm genug, die von mir eingeleitete Heirath nicht zu billigen, so steht es Ihnen frei, Mademoiselle wieder mitzunehmen.« – Nein, wahrlich,« sagt Hieronymus, »ich billige eine Verbindung nicht, welche meiner Tochter mißfällt. – »Nun wohl, so nehmen Sie uns diese Ueberlast ab,« schreit Angelika; »ohnehin ist ihr Platz nicht hier ... wir könnten eine junge Person nicht ferner mehr in unserem Hause behalten, welche Liebeshändel hat.« – Liebeshändel!« ruft Hieronymus aus, dessen Augen drohend glühen, während Rosa-Maria zu ihm hinstürzt, als wollte sie ihn bitten, sie nicht für strafbar zu halten. Aber ihr Vater läßt sie nicht zum Worte kommen; er küßt sie von Neuem, indem er sagt: »Stille, mein Kind! O, Du hast nicht nöthig, Dich zu rechtfertigen! ich weiß, daß Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... aber diejenigen, welche sich erdreisten, Dich anzuklagen ... diejenigen, welche sich nicht scheuen, vor allen diesen Herren und Damen Deine Ehre, das Kostbarste einer Jungfrau, anzutasten ... ha! diese sollen mir wegen ihres Benehmens erröthen!« – Wirklich, Herr Hieronymus, Sie erlauben sich diesen Ton?« schreit Madame St. Godibert; »nun denn, so wiederhole ich Ihnen, ich, daß Ihre Tochter Liebeshändel hat ... daß ein junger Mann, welcher unaufhörlich vor unserem Hause herumschweifte, einem alten Burschen, welchen Herr St. Godibert aus Gnade in sein Bureau aufgenommen hatte, einen Brief für sie zugestellt hat, und daß dieser Vater Savenay gar gefällig die Liebesbriefchen dem Jüngferchen hinauftrug; weßhalb man auch den alten Commis zum Hause hinausgeworfen hat. – »Zum Hause hinausgeworfen ... meinen wackern Vater Savenay!« sagt Herr Cendrillon, auf die dicke Angelika zugehend; »nicht doch, das ist unmöglich, Madame, und wenn mein alter Freund die Liebe Ihrer Nichte in Schutz genommen hat, so hat er wahrscheinlich nichts Böses darin gesehen!« – Gut gesprochen von Ihnen, mein Herr!« sagte Hieronymus, die Hand des Capitalisten erfassend und sie kräftig schüttelnd; »ich aber habe noch besser gethan; ich habe diejenigen, welche die Unschuld meiner Tochter im hellsten Lichte zeigen können, mitgebracht. – »Das wird sehr ergötzlich!« murmelte Herr Brouillard, sich die Hände reibend. Im nämlichen Augenblicke eilt der Landwirth zur Thüre des Salons, indem er ein wenig barsch alle Personen, die vor ihm stehen, zurückstößt; eröffnet dieselbe, macht ein Zeichen, und der gute Vater Savenay erscheint mit einem jungen Manne, dessen Haltung zugleich elegant und bescheiden ist, und den Rosa-Maria sogleich erkannt hat ... denn es ist Leopold Bercourt. »Tretet ein ... tretet ohne Furcht ein, meine Freunde!« rief Hieronymus; »o, ich dachte mir wohl, daß Eure Gegenwart hier nützlich sein würde, denn es sind Leute hier, welche von meiner Tochter Uebels sagen möchten, und ich bin nicht aufgelegt, dies zu dulden. Mein Herr Bruder, ich stelle Ihnen Herrn Leopold Bercourt vor, der, nachdem er die Einwilligung seines Vaters erhalten, in mein Dorf gekommen ist, um die Hand meiner Tochter anzuhalten, und dem ich sie zugesichert habe, weil sie ihn liebt und weil er ein braver und würdiger junger Mann ist, welcher nicht über den Vater derjenigen, welche er heirathen will, erröthet, und der sich nicht gescheut hat, ihn in seinem Dorfe aufzusuchen, obgleich er nur ein Landmann ist. Er ist es auch, der über Rosa-Maria wachte, weil er wußte, daß man, ohne mich zu fragen, über sie verfügen wollte. Und alle Wetter! er hatte wohl das Recht, über unser Kleinod zu wachen. Und dieser gute Greis, den ich so glücklich bin zu kennen, der schon neulich meine Tochter in Schutz genommen hat, da sie bei ihrer Ankunft in Paris ihre Oheime nicht finden konnte, weil, als man uns ihre Adresse gab, man uns nicht zugleich gesagt hatte, daß sie andere Namen angenommen; eine kleine Bosheit, für welche ich den Vetter Brouillard zur Rechenschaft ziehen werde ...« Hier suchte sich die Fuchsschnauze den Blicken zu entziehen, indem sie sich bückte und that, als ob sie ihr Sacktuch habe fallen lassen. »Nun, hatte dieser gute Vater Savenay hier Unrecht, die ehrbare Liebe dieser Kinder zu schützen? Hatte er Unrecht, diese arme Kleine zu trösten, welche hier ihre Zeit mit Weinen verbrachte? Hatte er endlich Unrecht, mich von alle Dem zu benachrichtigen, was ohne meine Erlaubniß angezettelt wurde ... mir zu sagen, daß mein armes Kind unglücklich sei?« Herr St. Godibert war verlegen, er wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Er war nicht darauf gefaßt, den Vater Savenay und diesen jungen Mann, der Rosa-Maria liebte, ankommen zu sehen; aber Angelika war außer sich vor Zorn; sie zerriß die Spitzen an ihren Aermeln und schrie: »Was soll das Alles bedeuten? Sich erlauben, uns zwei Männer zuzuführen ... dies ist unbegreiflich! ... Es war also ein verabredeter Streich ... ein vorbereiteter Scandal!« Dann verließ das dicke Weib, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, schnell den Salon, indem sie murmelte: »O, wir wollen schon sehen, hier wird man mich nicht Lügen strafen!« Inzwischen hatte Friedrich seinen Onkel geküßt und seiner Base Glück gewünscht. Er drückte Leopolds Hand, und dieser sah mit Liebe und Stolz diejenige an, deren Herz zu besitzen ihn so beglückte. Herr Cendrillon hatte sich dem Vater Savenay genähert: er faßte ihn bei der Hand, lobte ihn laut wegen Allem, was er gethan, machte sich verbindlich, ihm eine Stelle zu verschaffen und klopfte Hieronymus auf den Bauch, indem er ausrief: »Sie sind ein Vater nach meinem Sinn! Ich war nie so geschickt, Kinder zuwege zu bringen, aber Donnerwetter! wenn ich gehabt hätte, hätte man mir sie nicht mißhandeln dürfen!« Während dieser ganzen Zeit schien Mondigo Allem, was vorging, völlig fremd und verließ die Ecke nicht, wo er sich hingesetzt hatte. Herr Roquet that nichts als seine Brille abnehmen, abwischen und wieder aufsetzen, als ob er dadurch Heller in der Sache sehen wollte und betrachtete dann Jedermann, wie um zu erfahren, ob nach alle Dem noch eine Aussicht zur Heirath für ihn vorhanden sei. Der Vetter Brouillard, welcher allein den raschen Weggang Angelika's bemerkt hatte, war sehr ungeduldig, sie zurückkommen zu sehen, weil er irgend eine neue Scene erwartete. Hieronymus hatte jedoch bereits den Arm seiner Tochter ergriffen und ging mit ihr auf die Thüre zu, indem er sagte: »Komm, liebes Kind, kommen Sie, lieber Schwiegersohn und Sie, unser alter Freund! Jetzt, da meine Rosa-Maria nicht mehr wegen Liebeshändel angeklagt werden kann, wollen wir der Gesellschaft Lebewohl sagen und uns entfernen.« Aber in dem Augenblick, wo diese vier Personen den Salon verlassen wollen, kehrt Madame St. Godibert dahin zurück, hält sie zurück und schreit: »Sachte, sachte, Herr Hieronymus, eilen Sie nur nicht so sehr! Bevor Sie Ihre Tochter, auf welche Sie so stolz sind, wegführen, machen Sie ihr doch wenigstens ein Compliment über ihr Zartgefühl. Ich war eben auf ihrem Zimmer oben, um mich zu versichern, ob Mademoiselle nicht vielleicht zufällig Gegenstände mit sich nehmen wollte, welche nicht ihr gehören; meine Vermuthung hat sich gerechtfertigt ... sehen Sie hier, was ich unter den Effekten Ihrer Tochter gefunden habe! ... Ei. ei! ich vermag doch kaum zu glauben, daß sie sich bis zu dem Grade täuschen konnte, um zu wähnen, dieses da gehöre ihr!« Damit zieht Angelika aus ihrer Tasche und zeigt der ganzen Gesellschaft die kleine Pistole, welche Rosa-Maria in dem Wald von Fontainebleau gefunden hatte. »Ein Pistole!« murmelt Alles mit Erstaunen. »Blitz und Schlag! Madame, Ihre Voraussetzung ist niederträchtig!« ruft Hieronymus, indem er niederschmetternde Blicke auf seine Schwägerin wirft; »sich zu glauben erfrechen, diese Pistole sei von meiner Tochter gestohlen worden! ... Sie besaß diese Waffe, ehe sie nach Paris kam; fragen Sie diesen guten Greis, wo sie dieselbe gefunden hat, er wird es Ihnen sagen, ja er; nämlich im Walde von Fontainebleau, wo sie Zeuge des an ihm begangenen Raubes war. Diese Pistole fiel aus der Tasche eines der beiden Elenden, welche ihn geplündert haben.« »Ja, ja, das ist die Wahrheit!« versichert der Vater Savenay. »Ich weiß nicht, ob Mademoiselle eine Pistole in einem Walde gefunden hat!« höhnt Frau St. Godibert, »das ist eine meines Erachtens sehr romantische Geschichte; aber jedenfalls ist es nicht diese Pistole, denn ich erkläre, daß diese hier meinem Sohne gehört ... diese Waffe ist kostbar genug, um leicht erkennbar zu sein, und zudem sah ich sie vorgestern noch, als ich in Julians Bibliothek ein Buch holte. Seitdem jedoch ist Mademoiselle mit Weißzeug, das sie auszubessern hatte, auf dem Zimmer meines Sohnes gewesen, und auf diesem Wege hat sich die Pistole unter ihre Effekten verirrt.« Während Frau St. Godibert über ihre Rede entzückt schien, wechseln Hieronymus und Rosa-Maria Blicke, dann wenden sich Beider Augen auf den Vater Savenay. Diese drei Personen scheinen heftig bewegt und zu fürchten, sich ihre Gedanken mitzutheilen. Herr Cendrillon beobachtet sie, als ahne er, was in ihnen vorgeht. Leopold tritt zu Frau St. Godibert und sagte zu ihr: »Madame, bevor Sie Ihre Nichte einer Handlung, deren sie unfähig ist, anklagen, waren Sie auch zuerst bei Ihrem Herrn Sohn, um zu sehen, ob er die Waffe, welche er besaß, wirklich nicht mehr habe?« – »Nein!« antwortet Angelika; »doch wozu sie bei ihm suchen, da sie hier ist? Wäre mein Sohn da, er würde dasselbe behaupten.« – »Sie sind gewiß im Irrthum, liebe Tante!« ruft Friedrich aus; »und da Sie selbst meiner Cousine Gerechtigkeit werden widerfahren lassen wollen, so eile ich, Julians Zimmer zu untersuchen.« – »Ich werde Ihnen dabei behülflich sein,« sagt Herr Cendrillon, »denn es schwebt mir vor, daß uns alles Das auf die Spur von ...« Herr Cendrillon hält inne, als fürchte er, zu viel gesagt zu haben; aber schnell zieht er Friedrich am Arm mit sich fort, indem er sagt: »Kommen Sie, junger Mann, das Alles muß sich aufklären.« Indeß beharren Hieronymus, der alte Savenay und Rosa-Maria fortwährend in ihrem Stillschweigen; aber sie werfen auf Herrn und Frau St. Godibert Blicke, in denen sich eher Mitleid als Zorn ausspricht. Der Bankier weiß nicht recht, was er von dem Zwischenfall, den seine Frau herbeigeführt, denken soll; diese, immer noch entzückt über ihre Handlung, weil sie ihre Nichte vor der ganzen Gesellschaft erniedrigt zu haben glaubt, geht von Einem zum Andern, in der Hoffnung, daß man ihr über ihren Scharfsinn Artigkeiten sagen werde; aber statt dessen scheint Jeder bei ihrer Annäherung verlegen und genirt; kurz, es herrscht in dem Salon eine Art geheimnißvollen Schweigens, das der Vorläufer eines großen Ereignisses zu sein scheint. So verfließen einige sterbenslange Minuten, während welcher Franz meldet, daß aufgetragen sei; aber Niemand will vor Friedrichs und Herrn Cendrillons Rückkehr den Salon verlassen. Endlich erscheinen sie wieder; der Erstere mit blassem und bestürztem Gesicht; der Zweite hält, mit einem ihm ungewöhnlichen Ausdruck von Strenge in den Zügen, in einer seiner Hände eine kleine Pistole, von der er nur den Lauf sehen läßt. So zeigt er sie der Gesellschaft mit den Worten: »Die Pistole war an ihrem Platz, hier ist sie; sie ist derjenigen, welche von dem Fräulein gefunden wurde, nicht ähnlich. Dieses liebenswürdige Kind ist demnach vollkommen gerechtfertigt ... zudem wird wohl Niemand hier nur einen Augenblick geglaubt haben, sie hätte je den Einfall haben können, sich fremdes Gut zuzueignen.« Frau St. Godibert, welche sich nicht getäuscht zu haben glaubt, will die von Herrn Cendrillon gehaltene Pistole untersuchen; sie tritt zu ihm und sagt: »Aber vor Allem, mein Herr, muß ich selbst sehen ...« Herr Cendrillon läßt sie nicht aussprechen; er faßt sie am Arm, drückt denselben kräftig und raunt ihr ins Ohr: »Sie wollen also der ganzen Welt die Schande Ihres Sohnes offenbaren?« Die dicke Frau ist zu Boden geschmettert; sie wird blaß, grün, und schlägt die Blicke zu Boden. Herr Cendrillon fährt alsbald fort: »Herr St. Godibert, Sie haben noch einige Familienangelegenheiten, noch einige Rechnungen mit Ihrem Herrn Bruder, seiner lieben Tochter und meinem alten Freunde abzumachen; das würde aber die Gesellschaft, welche sich ohnehin gerne zu Tische setzen möchte, nicht ergötzen; ersuchen Sie daher Jemand, daß er Ihre Stelle an der Tafel vertrete.« – »Ach! ja, ja,« stammelt der Banquier, welchen die plötzliche Niedergeschlagenheit seiner Frau vor Entsetzen starr gemacht hat. »Wohlan! lieber Vetter Brouillard, wollen Sie die Güte haben, uns zu ersetzen ... man wird uns entschuldigen ...« Der Vetter Brouillard, dem das Alles sehr geheimnißvoll vorkommt, ist nicht recht entschlossen, die Honneurs an Herrn St. Godiberts Tisch zu machen. Seine Neugierde kämpft mit seiner Leckerhaftigkeit. Endlich siegt die letztere, der noch ein hungriger Magen zu Hülfe kommt, und die Gesellschaft begibt sich, Herrn Brouillard an der Spitze, in den Speisesaal, wo dieser ausruft: »Setzen Sie sich, meine Damen und Herren, ich werde die Honneurs machen und zwar gut, das kann ich Sie versichern; wenn man nicht wacker zugreift, ist es nicht meine Schuld.« Die Familie Gogo ist mit Vater Savenay, Leopold und Herrn Cendrillon im Salon zurückgeblieben. Friedrich sieht die St. Godiberts an und scheint zu erschrecken vor dem, was gesagt werden soll; aber nachdem alle Gäste hinaus gegangen und alle Thüren geschlossen sind, tritt Herr Cendrillon auf den Banquier zu, zeigt ihm den bis jetzt verborgen gehaltenen Griff der Pistole und sagt: »Hier sehen Sie die Waffe, welche auf Ihres Sohnes Zimmer war, und hier die Pistole, welche Ihre Frau aus Rosa-Maria's Zimmer genommen hat ... es ist dieselbe, welche Ihre Nichte in dem Walde nach der Flucht der Räuber aufgehoben hat, sehen Sie her.« Der Banquier untersucht beide Pistolen und stottert: »Sie sind sich ähnlich ... ganz gleich ... was soll das bedeuten?« – Das soll bedeuten, das Ihr Sohn einer der Räuber ist, welche meinen alten Freund Savenay angehalten und ihm sechzigtausend Franken abgenommen haben!« St. Godibert fällt auf einen Stuhl zurück und stammelt: »Nein, nein, das ist nicht möglich!« – »O! das wäre zu gräßlich!« stöhnt die dicke Frau. »Sie irren sich, mein Herr ... wo sind die Beweise ... die Beweise!« – »Es ist wohl gedenkbar, daß wir uns täuschen,« sagt der alte Savenay mit bebender Stimme; »es ist nicht möglich, daß der Sohn des Herrn ...« – »Stillgeschwiegen, Vater Savenay!« fährt Herr Cendrillon mit seiner Stentorstimme fort. »Selbst wenn Sie gewiß wüßten, daß wir einen der Verbrecher gefunden haben, so wären Sie der Mann, es zu läugnen, um keine Schande auf eine Familie zu bringen; aber so leid es mir thut, zuerst muß die Wahrheit ans Tageslicht kommen und Ihr Geld sich wiederfinden, dann kann man erst daran denken, auf die Bekümmernisse Anderer Rücksicht zu nehmen. Ja, ich bestehe auf meiner Behauptung, denn sie gründet sich nicht auf diese Waffe allein ... eine Menge von Umständen ist mir aufgefallen; ich habe Bemerkungen gemacht, die jetzt eben so viele Beweise für mich sind. Ja, Vater Savenay, der junge Julian war einer Ihrer Räuber, und wollen Sie wissen, wer, ich wette darauf, sein Mitschuldiger ist?« – »Ach! reden Sie, reden Sie, mein Herr!« sagte Friedrich.« – »Nun! es ist einer Ihrer theuren Freunde: Herr Dernesty.« Beim Namen Dernesty fährt Mondigo, der bis jetzt in andere Gedanken verloren schien, von seinem Stuhle auf, stürzt mitten in den Salon und ruft aus: »Ha! ja, mein Herr! dieser liederliche Bube ist zu Allem fähig; er ist ein Ehrloser, ein Niederträchtiger! Wissen Sie, was er mir gethan hat? ... O! ich muß Euch das sagen, unter uns kann ich es gestehen ... Stellen Sie sich vor, ich war heute ausgegangen, um einem Theaterdirektor fünf Akte vorzulesen; da ich dachte, lange aufgehalten zu werden, sagte ich zu meiner Gattin ... treulose Clementine! ... sagte ich also zu meiner Gattin: Dernesty wird uns zum Essen bei meinem Bruder abholen; wartet nicht auf mich, gehet mit einander, ich werde allein hinkommen.« Und ich ging fort, mit meinem Drama ... aber ein Zufall, ein sehr unglücklicher Zufall für mich, wollte, daß der Direktor mich heute nicht, wie es abgemacht war, anhören konnte. Es war noch zu früh, hieher zu gehen; da sagte ich zu mir: Tragen wir unser Drama nach Hause. Ich komme heim ... ich hatte meinen zweiten Schlüssel bei mir ... der Portier ruft mir zu: »Ihre Hausjungfer ist zu den Affen im botanischen Garten gegangen, aber Madame befindet sich oben.« Sehr gut; ich gehe hinauf. Ich öffne, um Clementinen keine Mühe zu machen; ich dringe bis in ihr Zimmer ... und finde meine Gattin und diesen nichtswürdigen Dernesty ... o Abscheu und Grausen! ... die Engländer nennen es eine verbrecherische Unterhaltung ... Teufelsunterhaltung das! Ich wollte diesen Herrn umbringen, aber ich war so betäubt! ich konnte meinen Augen nicht trauen; er entwischte und that wohl daran! Was Clementine anbetrifft, so habe ich sie nach Verdienst behandelt und werde mich von ihr trennen ... o! ja, ich werde sie verlassen, obwohl das sehr störend für mich ist, der ich ein Gewohnheitsmensch bin und mein Mittagessen gern bereit finde, wenn ich von einer Probe nach Hause komme!« Mondigo's Erzählung würde vielleicht Interesse erregt haben, wenn nicht eine weit wichtigere Sache die Gemüther in Anspruch genommen hätte. Herr St. Godibert scheint nicht zu wissen, was er glauben soll; seine Frau untersucht beide Pistolen aufmerksam, und Hieronymus drückt seine Tochter in seine Arme, als wolle er dem Himmel danken, daß er ihm ein Kind schenkte, über das er nicht erröthen darf. Rosa-Maria sieht mit holdem Blicke Leopold an und scheint ihm zu sagen: »Sie sehen, daß ich Ihrer würdig bin.« Plötzlich geht die Salonthüre auf. Der junge Julian tritt ein und entschuldigt sich: »Verzeihung, ich habe mich ein wenig verspätet ... man hat mir jedoch gesagt, ein Theil der Gesellschaft sitze bei Tische, und Sie seien noch hier mit dem Vater meiner Cousine. Ich kam zu erfahren .. aber, mein Gott, was geht denn hier vor?« Der junge Mann hält inne, denn er hat die seltsame Art und Weise bemerkt, womit er aufgenommen wird. Bei seinem Anblick haben Vater und Mutter mit einer Art Grausen den Kopf abgewendet; Friedrich und Rosa-Maria schlagen traurig die Augen nieder: Hieronymus betrachtet mitleidig diesen Neffen, den er zum erstenmal sieht, und der Vater Savenay hat eine ganz bestürzte Miene. Als Julian des Greises ansichtig wird, geräth er in Verlegenheit und weiß nicht, was er denken soll. Er blickt mit ängstlicher Miene um sich und begegnet dem strengen Blicke des Herrn Cendrillon, der ihn mit den Worten anredet: »Herr Julian, ich muß mich einen Augenblick mit Ihnen besprechen, mit Ihnen allein; Ihre Familie wird uns wohl unter vier Augen lassen.« – »O! ja, ja!« sagt Friedrich, Herr Cendrillons Absicht begreifend, der Julian die Schande des Geständnisses vor seinen Eltern ersparen will, und führt Herrn und Frau St Godibert mit sich weg. Aber während die andern Personen dem Paare folgen, flüstert Herr Cendrillon dem Banquier, dem er sich genähert, in's Ohr: »Hören Sie der Unterredung zu, welche ich mit Ihrem Sohne haben werde, dann wird Ihnen gewiß kein Zweifel mehr bleiben.« Jedermann war hinausgegangen, Julian bei Herrn Cendrillon zurücklassend; die Thüre wurde nur scheinbar geschlossen, so daß Herr St. Godibert durch die Thürspalte lauschen konnte. Der Jüngling war blaß und zitternd geworden. Er weiß noch nicht, was man ihm sagen wird; aber sein längst schon nagendes Gewissen läßt ihn stets die Entdeckung seines Frevels befürchten, und sein Mitschuldiger ist nicht da, um ihm Muth einzuflößen. Herr Cendrillon hat eine der Pistolen in seine Tasche geschoben; er zeigt sie Julian und fragt: »Gehört das Ihnen?« Verblüfft stammelt Julian: »O ja ... es gehört mir ... diese Pistole war auf meinem Zimmer ... warum hat man sie geholt?« – »Das sollen Sie gleich erfahren; aber antworten Sie mir zuvor: hatten Sie nicht ein Paar solcher Pistolen?« Julian wird noch verwirrter, er zögert und stottert endlich: »Um Vergebung, ich hatte ein Paar, aber eine habe ich verloren ... schon vor langer Zeit.« Herr Cendrillon zieht rasch die andere Pistole aus der Tasche hält sie Julian unter die Augen und ruft aus: »Hier ist sie, man hat sie wiedergefunden!« Julians Antlitz wird bleifarbig, seine Züge verzerren sich, kaum vermag er die Worte hervorzubringen: »Ach! ja ... das ist die andere ... und wer denn ... hat sie gefunden?« »Jemand, der in dem Walde von Fontainebleau Zeuge Ihres Verbrechens war, als Sie meinen alten Freund Savenay anfielen und beraubten.« Im ersten Augenblick läßt Julian seinen Kopf zurück auf die Lehne $ seines Stuhles sinken, bald aber fällt er auf die Kniee, beugt seine Stirne zur Erde und stöhnt: »Wehe, wehe! ja, ich bin es! ... ich bin ein Elender, aber verderben Sie mich nicht in den Augen meiner Eltern.« Ein Schrei ertönt hinter der Thüre. Julian hat die Stimme seiner Mutter erkannt; er stößt die Stirne auf den Fußboden, indem er ausruft: »Sie haben gehorcht ... sie wissen Alles ... o, mein Herr, den Tod ... geben Sie mir eine Waffe, daß ich mich umbringe, ich kann nicht mehr vor ihnen erscheinen!« Cendrillon selbst ist tief bewegt von dem herzzerreißenden Schrei, den er gehört; indeß nimmt er sich zusammen, hebt Julian auf, läßt ihn sitzen und fährt fort: »Sie sind sehr strafbar, aber der Tod macht nichts wieder gut, denn Sie würden mit Schande in das Grab steigen! Es gibt etwas Besseres, das ist eine aufrichtige Reue, ein Betragen, das Ihr vergangenes Leben verwischt und vergessen läßt; aber vor Allem: wie heißt Ihr Mitschuldiger?« – »Dernesty.« – »Ich hatte es geahnt. Darum sprach er nicht in Savenay's Gegenwart.« – »Ach! mein Herr, ich will mein Verbrechen nicht zu entschuldigen suchen, das ist unmöglich, aber dennoch ohne Dernesty hätte ich niemals den Gedanken zu einer solchen Handlung gefaßt. Ich hatte viele Schulden, da ich insgeheim Spiel und Vergnügen liebte ... ich hatte mich verführen lassen! Da begegnete er eines Tags auf einer Landpartie, die ich mit ihm machte, diesem Greise; er erhielt Kunde von dessen sechzigtausend Franken und ... ich hätte lieber sterben als seinen Rathschlägen Gehör schenken sollen, aber ... Sie wissen Alles und seitdem habe ich keinen Tag Ruhe gehabt!« – »Sie können nicht mehr in Frankreich bleiben. Ich bin im Begriff, ein Schiff nach der Insel Bourbon abgehen zu lassen. Begeben Sie sich nach Havre; mit diesem Schiff reisen Sie ab, ich werde dem Capitän schreiben. Dort arbeiten Sie unablässig, befleißigen sich eines musterhaften Betragens, so daß man Ihnen nicht den kleinsten Vorwurf machen kann, und im Laufe von zwölf Jahren dürfen Sie Ihr Vaterland wieder sehen. Es gibt kein Vergehen, das wahre Reue nicht ausmerzen könnte.« – »Ach! mein Herr!« – »Machen Sie sich reisefertig und gehen Sie auf der Stelle fort. Sie haben vielleicht kein Geld? Nehmen Sie diese Börse. Ihr Vater wird alle meine Anordnungen genehmigen. Gehen Sie und denken Sie daran, sich des einstigen Wiedersehens Ihrer Eltern werth zu machen.« Julian drückt seine bebenden Lippen auf eine von Herrn Cendrillons Händen, er kann kaum sprechen und geht endlich mit dem Schwure hinweg, daß er eines Tages würdig sein werde, in sein Vaterland zurückzukehren. Der Capitalist bleibt nicht lange allein; die ganze Familie kehrt zu ihm zurück. Herr und Frau St. Godibert werfen sich weinend in seine Arme. »Billigen Sie was ich gethan Habe?« fragt Herr Cendrillon. – »Ach! Sie haben unsere Ehre gerettet ... aber der elende Dernesty?« – »O! den nehme ich auf mich,« sagt Friedrich, »ich werde meinen Oheim Mondigo rächen.« Der Schriftsteller drückt ihm die Hand und ruft aus: »Sehr gut, Friedrich, sehr gut ... gib diesem Verbrecher einen tüchtigen Degenstoß, und hernach werde ich sehen, ob ich meiner Gattin, welche vielleicht wie Julian verführt wurde, verzeihen kann.« – Was meinen alten Freund Savenay betrifft,« fährt Herr Cendrillon fort, »so ...« Der Banquier läßt ihn nicht ausreden, sondern fällt ein: »Gleich morgen werde ich demselben die 60,000 Franken, welche in seiner Brieftasche waren, zurückgeben, und 25,000 meiner Nichte als Mitgift anbieten.« – »O! ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte Leopold, eine Hand Rosa-Maria's fassend, »aber das Fräulein bedarf keiner Mitgift. Mein Vater weiß, daß ich eine Frau gefunden habe, deren Tugenden mein Glück ausmachen werden, und das, sagte er, sei mehr werth als Geld.« Hieronymus drückt Leopolds Hand mit vollem Gefühl, aber Herr St. Godibert fährt mit demüthiger Miene fort: »Wenn mein Bruder Hieronymus meine Gabe zurückweist, so muß ich glauben, daß er mir immer noch zürnt, daß er mir meine Namensveränderung nicht verziehen hat, und doch ist er hinlänglich gerächt, denn, wie er eben sagte, der Name Gogo ist makellos geblieben, während die von uns angenommenen ...« Der Banquier vollendet seinen Satz nicht: er verbirgt sein Gesicht in seiner Hand und Mondigo wendet sich ab, sich abermals an der Stirne kratzend. Aber Hieronymus geht auf seine Brüder zu, drückt sie an seine Brust und spricht: »Alles ist vergessen! Brüder dürfen nicht uneins bleiben ... Nicolas, ich nehme die Mitgift an, welche Du meiner Tochter bestimmst, und dieser brave Junge muß sie wohl auch annehmen. Du, Eustach, komme zuweilen zu uns, das wird Dich von Deinem ehelichen Kummer zerstreuen. Suchet glücklich in der Stadt zu sein; ich kehre in mein Dorf zurück, sobald der Bund dieser beiden Kinder besiegelt ist.» – »Und wenn Sie erlauben, Papa Hieronymus,« sagte der alte Savenay, »so bleibe ich bei Ihnen ... ich brauche nicht mehr Commis in Paris zu sein, aber ich brauche Freunde, bei denen ich meine Laufbahn ruhig beschließen kann.« – »Eingeschlagen! Vater Savenay!« antwortete Hieronymus, »wir werden mit einander von meiner Rosa-Maria sprechen, und Sommers wird das junge Pärchen wie auch mein Neffe Friedrich zu uns kommen, um sich bei uns zu unterhalten.« – »Und an mich denket Ihr gar nicht?« sagte Herr Cendrillon; »aber Ihr werdet mich mehr als einmal in Avon sehen, Herr Hieronymus. Einstweilen lade ich mich als Zeuge zur Hochzeit dieses hübschen Kindes ein, dem ich auch mein Brautgeschenk bringen will ... aber jetzt adieu, ihr lieben Leute ... da sind arme Eltern, welche der Einsamkeit bedürfen, wir müssen ihren Schmerz achten.« – »Und da drüben ist die ganze Gesellschaft,« seufzte Angelika, auf den Speisesaal deutend. »Seien Sie deßhalb unbesorgt, Madame,« entgegnet Cendrillon, »ich will der Gesellschaft sagen, daß Sie sich unwohl befinden, daß Ihr Gemahl Sie nicht verlassen kann, und wenn sie sich Alle recht voll gegessen, so stehe ich Ihnen dafür, werden sie fortgehen, ohne sich um Weiteres zu bekümmern.« Hieronymus verabschiedet sich nebst seiner Tochter, Leopold und dem Vater Savenay; Friedrich ist schon fort; Mondigo schwankt, ob er zum Essen nach Hause gehen soll; Julians Vater und Mutter verschließen sich mit ihrem Schmerz in ihre Privatzimmer; Herr Cendrillon erfüllt seinen Auftrag bei der Gesellschaft. Jedermann scheint sehr niedergeschlagen von seiner Mittheilung, ohne daß deßhalb eine Abnahme des Appetits bei der Gesellschaft zu bemerken wäre. Herrn Brouillard aber läßt die Sache nicht ruhen, er richtet eine Menge Fragen an Herrn Cendrillon. Dieser setzt sich zu Tisch und antwortet einfach: »Mein Herr, Sie haben bereits gegessen, erlauben Sie mir, daß ich ein Gleiches thue.« – »Aber der gute Hieronymus?« fährt Vetter Brouillard fort.« – »Alles ist im Reinen: er hat sich mit seinen Brüdern ausgesöhnt und seine Tochter mitgenommen.« – »Also heirathet mich Fräulein Rosa-Maria unter keinen Umständen?« stottert Herr Roquet. – »Nein, mein Herr. Sehen Sie sich anderswo um, hier ist nichts für Sie zu machen.« – »Aber mein Vetter Mondigo?« frägt Brouillard weiter. – »Ist zu seiner krankgewordenen Frau heimgekehrt.« – »Was für eine Seuche ist denn unter diese Weiber gefahren! und der Sohn des guten St. Godibert? Wo ist denn der? Ist Julian am Ende auch krank? Es ist also eine wahre Familienepidemie ausgebrochen?« – »Julian,« antwortet der Capitalist, »ist diesen Morgen nach Havre abgereist: er soll den Handel in den Colonien studiren ... es ist dies ein Einfall seines Vaters, den er Ihnen über Tische mittheilen wollte.« Man begann wiederum zu zischeln und Conjecturen zu machen. Aber wie Herr Cendrillon vorausgesehen, ging nach eingenommenem Kaffee und Likör Jeder an sein Geschäft, ohne der St. Godiberts weiter zu gedenken. »Jeder für sich!« dieses alte Sprüchwort ist das erste Gesetz der Weltleute. Am andern Tage in der Frühe kam Friedrich zu seinem Oheim, dem Banquier. In dem Schlafzimmer fand er die beiden Gatten beisammen, denn nichts vereinigt schneller, als der Kummer. »Von jetzt an,« sagte er mit befriedigter Miene, »wird der Verführer Ihres Sohnes keiner Familie mehr Schande bringen.« – »Wie!« rief Angelika aus, »Herr Dernesty?« – »Ich suchte ihn heute bei Tagesanbruch auf und forderte ihn unter dem Vorwande, daß mein Oheim Mondigo mich zu seinem Rächer bestellt habe. Ich glaube, ihm ahnte, daß mich ein anderer Beweggrund beseele, aber als fürchte er, ich möchte damit herausrücken, nahm er augenblicklich den Zweikampf an. Die Vorsehung wachte über mich. Dernesty erhielt eine Kugel in die Brust und fiel, um nicht wieder aufzustehen. Ich vernahm seine letzen Worte: er stammelte Julians Namen, blickte zum Himmel auf und schien weiter sprechen zu wollen, aber die Kraft verließ ihn. Der Strafbarste ist todt; der Andere wird seinen Fehltritt durch seine Reue wieder gut machen ... Es wird ein Tag kommen, wo Sie dieses Unglück ganz vergessen können.« Friedrich entfernte sich unter den lebhaftesten Danksagungen des Paares, um den Schriftsteller aufzusuchen, und auch ihm den Ausgang seines Duells zu berichten. Mondigo warf sich Friedrich an den Hals und rief aus: »Ich eile, Clementine zu verzeihen. Sie ist bei einer ihrer Tanten; ich will sie aufsuchen und im Triumph zu mir zurückführen ... ich habe übrigens schon vorsorglich überall verbreitet, daß sie aufs Land zu einer Freundin gegangen sei ... ich wußte wohl, daß die Sache sich wieder machen würde.« Vierzehn Tage nach diesen Ereignissen wurde in der Kirche St. Vincenz de Paula eine Hochzeit gefeiert. Jedermann bewunderte die Schönheit, die Anmuth, das jungfräuliche Aussehen der jungen Neuvermählten, und auch mit ihrem Bräutigam war man sehr zufrieden. Brauche ich das junge Paar zu nennen? An Leopolds Seite standen Vater und Schwester, welche sein Glück theilten. Neben Rosa gewahrte man das strahlende Antlitz Hieronymus' und das des um zwanzig Jahre verjüngten Vaters Savenay. Auch Friedrich war da und erfreute sich aufrichtig des Glücks seiner Freunde. Ebenso war des Vetters Brouillard Fuchsnase zu sehen, der seine Betrachtungen über die Abwesenheit beider Tanten der Braut anstellte und einige Spottreden hören ließ, aus denen hervorging, daß ihm Mondigo sein häusliches Begegniß anvertraut hatte. Herr Cendrillon stand neben seinem alten Freunde und betrachtete mit Wonne Rosa-Maria, welcher er vor dem Kirchgange ein Diamanthalsband von großem Werthe umgelegt hatte. Es erfreute ihn augenscheinlich zu sehr, dieses Präsent machen zu können, als daß man gewagt hätte, es zurückzuweisen. Bei der Vermählungsfeier erschienen der Schriftsteller und der Banquier. St. Godibert jedoch, dessen Miene fortwährend traurig und sorgenvoll war, entfernte sich unmittelbar nach der Vermählung. Mondigo blieb bei dem Festmahl, er sang sogar ein Festgedicht, das er auf die Hochzeit gemacht hatte, was Brouillard Anlaß gab vor sich hin zu brummen: »Mein Vetter Mondigo war nie so vergnügt, als seit er weiß, daß er, wenn auch nicht als Dichter, doch als Ehemann gekrönt wurde.« Es war ausgemacht, daß man am andern Tage Hieronymus in sein Dorf begleiten und eine Woche bei ihm verweilen sollte. Der Capitalist selbst führte in seiner großen Kalesche das junge Paar, Leopolds Schwester, Hieronymus, Friedrich und den Vater Savenay. Man brach früh Morgens auf und war eben im Begriff, die Linie der Boulevards zu verlassen, als beim Eingang in die St. Antoinestraße Friedrich Herrn Cendrillon zurief, er möchte einen Augenblick halten, denn er sehe ein bekanntes Gesicht. Es war Herr Richard, der aus einer Ballsoirée heimkehrte und so eben von einem Manne, der vor seiner glänzenden Toilette nicht den mindesten Respekt hatte, unbarmherzig durchgehauen und in einer Gosse herumgezogen wurde. Nahe dabei standen zwei Individuen als friedliche Zuschauer dieser Scene, welche sie sehr zu ergötzen schien. »Es ist der elende Richard!« schrie Friedrich. Bei diesem Namen wollte Leopold, sich des Verleumders seiner Braut erinnernd, aussteigen, um den Schuldigen zu züchtigen, aber Rosa-Maria hielt ihn und ihren Vetter zurück, darauf hinweisend, daß ja bereits ein Anderer es auf sich genommen, sie zu rächen. Dieser Andere war Desiderius Glureau, der Mann mit dem Faltenhut, welcher, Rosa-Maria und den Vater Savenay in der Kalesche erkennend, mit einem Gruße zu ihnen trat, und während Richard Fersengeld gab, zu ihnen sagte: »Schönen guten Morgen, mein Fräulein, mein Herr und die werthe Gesellschaft ... da inspektorirte ich eben meine Gassenkehrer und wollte mit dem Wilden und Ratmort weißen Wein trinken, als ich diesen saubern Vogel, der um die Ecke der Straße witschte, bemerkte! ... Schon lange hatte ich ihm eine tüchtige Abbläuung zugedacht: erstens, weil er mich hinderte, auf der Eisenbahn eine Prise zu nehmen, und zweitens, weil er das Fräulein verlästert hatte! Ich machte mich an ihn und forderte ihn auf den Prügel heraus, aber der Kerl ist feig wie ein Hase und wollte durchbrennen, da habe ich ihm seine Bezahlung gegeben, an die er, Gott straf' mich! lange denken wird.« – »Dank, mein Tapferer,« sagte Leopold, »und doppelt Dank, denn die Verleumdete, die Sie einst so liebreich in Schutz genommen, ist jetzt meine Frau. Nehmen Sie diese Börse und thun Sie sich zur Freude über mein Glück etwas zu Gute.« – »..Ei! Fräulein Rosa-Maria ist jetzt Ihre Frau?« frug das Kosakengesicht. »Nun! um so besser ... das ist einmal ein hübsches Paar! Indeß hatte ich nicht aus Eigennutz gehandelt ... aber um Ihnen zu gehorchen, nehme ich das Geschenk an; wir wollen mit Bichat und den Freunden ein wenig schlampampen. Empfehle mich, meine Damen, meine Herren und die werthe Gesellschaft!« Jetzt rollte die Kalesche weiter nach dem Dorfe Avon hin mit lauter seelenvergnügten Personen; am zufriedensten und stolzesten aber glänzte Hieronymus' Gesicht, obgleich er seinen Namen niemals verändert hatte. Hatten wohl seine Brüder den gleichen Anspruch auf Zufriedenheit und Frohsinn?