Robert Fuchs-Liska Um ein blondes Frauenhaar Kriminalroman   Quelle: www.alte-krimis.de 1. Dumpf tappend klangen Schritte im nachtdunkeln Treppenhaus. Einmal glitt ein Fuß aus auf der Kante einer Stufe. Ein Poltern drang durch den finsteren Schacht des Stiegenraumes. Der herabschleichende Mensch hielt den Atem an und krampfte die rechte Hand fester um das Geländer. Dann stahl er sich mit vorsichtigem Tasten der Sohlen weiter, bis er vor dem verschlossenen Haustor stand. Die Helle der Straßenbeleuchtung drang hier zwischen vergitterten Scheiben herein. Der zage Schimmer überfloß ein verzerrtes Menschenantlitz, dessen spähende Augen ein paar Sekunden lang einen jenseits der Straße schreitenden Fußgänger verfolgten. Dieser Mann hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, das Kinn in die schützende Hülle vergraben, und ohne auf die Einsamkeit des Weges zu achten, strebte er irgendeinem Ziele zu. Ein Auto ratterte vorüber. Als die Schritte des Mannes verhallten, der tosende Motor des Kraftwagens nicht mehr zu hören war, schob der Mensch im Hausflur geräuschlos den Schlüssel in das Schloß. Die sich nach innen öffnende Tür ließ sich ohne Mühe zurückziehen. Ein hastiger Blick straßauf und straßab. Da weit und breit keine Menschenseele und kein Fahrzeug zu gewahren war, verließ der Flüchtende das Haus. Mit dem leis zischenden Saugen des selbsttätigen Türschließers ging langsam die Pforte zu. Ohne Hast, ohne unüberlegtes sinnloses Gebaren, wenn auch am ganzen Körper zitternd, glitt eine scheue Gestalt an den Häusern entlang. Sie verschwand um die nahe Straßenecke und im Finstern einer schmalen Seitengasse. Dort blieb der Flüchtende unter einem Erdgeschoßfenster stehen. Blutroter Lichtschein, erzeugt durch von innen erhellte purpurfarbene Vorhänge, übergoß den verharrenden Menschen. Drinnen dröhnte eine Männerstimme unnatürlich und gequollen, weil sie aus dem Lautsprecher eines Radioempfängers scholl. Der Ansager verkündete eine neue Nummer der Abendveranstaltung. Plötzlich flutete plärrende Musik einen bekannten Gassenhauer hin über die Zuhörer drinnen. Schrille Frauenstimmen sangen mit: »Valencia ... derallala ... derallala ... derallalaaaa ...« Der Mensch vor dem Fenster musterte in dem roten Lichte die Vorderseite seines Ueberrockes. Der hellfarbige Mantelstoff zeigte nahe dem unteren Saume zwei tiefdunkle Flecke. Schrecken überfiel den Mann. Langsam bog er sich weiter vornüber und betrachtete ratlos die schwarz erscheinenden Spuren der Besudelung. »Valencia ... derallala ... derallala ...!« sangen hinter den Purpurvorhängen aufs neue Frauenstimmen, vereint mit einem gröhlenden Baß. Der Mensch richtete sich schwerfällig auf, als wäre nach und nach eine ungeheure Last auf seinen Rücken niedergesunken. Sein Blick fing sich jetzt an einem Firmenschild über dem Eingang. Die Buchstaben verkündeten eine Kneipe »Zum gesottenen Hummer«, und sie verhießen Getränke aller Art, die von freundlicher Damenbedienung aufgetragen würden. Die immer wieder den Kehrreim des Gassenhauers schrill mitsingenden Frauenstimmen bekräftigen diese Ankündigung. Nach einer Minute sorgsamen Nachdenkens zog der Mann ein Taschentuch hervor und arbeitete damit an seiner Nase herum. Mehrmals betrachtete er vergeblich das weiße Linnen. Endlich zeigte es Blutspuren. Und nun, das Taschentuch ans Gesicht pressend, schritt er entschlossen die drei Treppenstufen des Einganges hinauf und betrat die Kneipe. Der Gassenhauer war eben zu Ende. »Wir bringen jetzt den Twostep »›Mumblin Mose‹ von Thurban!« hörte man aus dem Lautsprecher. Sogleich hob ein Saxophon ein melancholisches Genäsel an. Ein schlankes Mädchen löste sich von einer kreuzvergnügten Gruppe, die zechend an einem Tisch in der Ecke schwatzte und lachte. Das Mädchen hatte ein hübsches, zartes Gesicht mit großen Blauaugen. Doch dies Antlitz wirkte wie eine absichtlich gewählte Maske in seinem unnatürlichen Verschminktsein und mit der übermäßigen Rötung des bemalten Mundes. Die Kellnerin fuhr glättend über ihr kurzverschnittenes, blond gebeiztes Haar und näherte sich mit einem Lächeln der Verlegenheit dem neuen Gast. Offenbar mangelte ihr die nötige Dreistigkeit für ihren Beruf. »Guten Abend«, grüßte sie zaghaft, fast schämig, und wies den Besucher nach einem abseits stehenden kleinen Tische hin. Der junge Mann entschuldigte sich: »Seien Sie nicht bös, Fräulein, denn ich will mich nur ein paar Minuten hier erholen. Ich bin von einem scheußlichen Nasenbluten befallen. Mir ist ganz übel.« Dabei zeigte er sein mit nur leichten hellroten Flecken betupftes Taschentuch. »Ich werde Ihnen ein kaltes Schlüsselbund ins Genick legen«, versprach das Mädchen. Der Mann erwiderte: »Sehr liebenswürdig. Man sagt, das hülfe. Gern hätte ich Sie um ein wenig Essig gebeten zum Riechen. Das soll auch helfen. Ich möchte mein Taschentuch damit anfeuchten.« Eine dicke Weibsperson hinter dem Schanktisch rief herüber: »Hier, Sylvia, nehmen Sie lieber ein Stückchen Eis, in ein Tuch gewickelt.« Das Mädchen befolgte den Rat. Sie tat das Eis in ihr Batisttüchelchen und zwängte den naßkalten Gegenstand hinter den Kragen des Mannes. Der Fremde saß still da, ein wenig ratlos und mit unzufriedener Miene, als sei ihm eine Absicht mißglückt. Zu der wieder singenden Gruppe am entfernten Tisch lugend, hielt er sein Taschentuch vors Gesicht. »Wie scheußlich das aussieht!« sagte plötzlich Sylvia schaudernd, als sie zufällig über die Schulter des Gastes vorn hinabblickte. »Scheußlich? – Was – wieso?« »Das Blut aus der Nase ist auf Ihren Mantel getropft. Sehen Sie nur: zwei ganz nasse große Flecke.« »Das machen Sie mal gleich weg, mein Herr«, riet die Weibsperson vom Schanktische aus. »Wenn Blut eintrocknet in solch hellem Stoff, hilft keine Reinigung mehr. Es wäre schade um den schönen Ulster. Gerade vorn ganz verdorben.« Sylvia holte eine Wasserschüssel und einen Lappen herbei und machte sich bereitwillig an die Arbeit. Der Mann sah dem zu seinen Füßen kauernden Mädchen aufmerksam zu. Er schien nun zufrieden zu sein. Mit einem Ausdruck schuldbewußter Dankbarkeit in den ernsten Augen verfolgte er Sylvias Tun. Die Blutspuren verschwanden vollkommen von dem filzhaarigen Mantelstoff, dessen Rauheit der roten Flüssigkeit das Eindringen verwehrt hatte. Die Person hinter dem Schanktisch sagte plötzlich schrill: »Sind Sie ungeschickt, Sylvia! Was knien Sie sich die Seidenstrümpfe schmutzig! Der Herr kann doch seinen Mantel ausziehen.« »Das ist auch wahr«, bestätigte das Mädchen und lächelte zu dem Gast hinauf. Doch als sie sich erhob, ihm beim Ablegen behilflich zu sein, wehrte er ihr. »Danke vielmals, Kleine, aber ich habe wirklich nicht Zeit, mich aufzuhalten. Ich fühle mich auch wieder ganz munter. Ich habe öfter solche Anfälle, verbunden mit Nasenbluten.« Sylvia sah enttäuscht drein. Die dicke Schankdame meinte schroff: »Na, Sie sind gut! Als vornehmer Herr werden Sie zum Dank doch wenigstens eine Flasche Wein mit dem Mädel trinken. Sie kriegt das Pfropfengeld. Los, Sylvia, servieren Sie!« Das Mädchen gehorchte. Während die Gebieterin sachkundig eine Rotweinflasche entkorkte, die Gläser auf ein Tablett stellte und alles der Kellnerin übergab, plärrte der Lautsprecher einen alten Operettenschlager. An dem Tisch in der Ecke sang man vergnügt mit: »Das ist die Liebe – die dumme Liebe – ...« Zwei Paare an dem mit Flaschen dicht bestellten Tische küßten einander. Von den Vorgängen mit dem neuen Gast hatten sie keinerlei Notiz genommen. Sylvia schenkte ein. Der rote Wein gluckerte in die Gläser. Der Fremde sah starr auf den rinnenden Trank. Dann verfärbte sich sein Gesicht zu leichenhafter Blässe. »Ihr Wohlsein!« flüsterte in diesem Augenblick das junge Ding und ließ ihr Glas an das andere klingen. Der Mann machte eine verneinende Geste, als ekle er sich vor dem blutigroten Getränk. Dann sagte er: »Trinken Sie nur, Kleine, ich mag nichts.« Sylvia nahm ihr Glas von den Lippen und lächelte voll Mitleid. »Es ist auch wahrscheinlich bester so«, bestätigte sie. »Der Wein treibt Ihnen vielleicht noch mehr das Blut in den Kopf.« Sie trank einen bescheidenen Schluck und legte schüchtern-liebkosend ihre Hand über die aus der Tischplatte ruhende Rechte des Gastes. Es kam über sie wie ein seltsames Mitleiden, wie der jäh in ihr wach werdende Wunsch, dem jungen Menschen Trost zu spenden. Ihre Hand zitterte. Doch sie fühlte auch das heftige Zittern dieser Manneshand unter ihren weichen Fingern. Freundlich riet das Mädchen dem späten Besucher: »Es wäre wohl richtiger, Sie gingen nach Hause.« Mit einem müden Seufzen, körperliche und seelische Schwäche verratend, legte der Fremde einen Geldschein auf den Tisch, Bezahlung und reiches Trinkgeld zugleich. Sein Geldtäschchen war dick gefüllt mit Banknoten. Dann erhob er sich zum Abschied. Gerade dröhnte der Lautsprecher: »Wir machen jetzt in der Abendmusik eine Pause und bringen die neuesten Tagesnachrichten.« Dann hörte man deutlich, wie der Ansager mit Papierblättern raschelte. Hierauf scholl die entstellte Stimme eindringlich: »Gerüchte über einen heute abend verübten Mord verbreiten sich mit so unheimlicher Schnelligkeit, daß wir uns veranlaßt sehen, sie weiterzugeben.« Da sah Sylvia, wie ihr Gast wortlos und grußlos aus dem rauchdurchnebelten Kneipraum eilte. * Frau Schlomke stand mit vor Entsetzen geweiteten Augen in dem Winkel zwischen Kleiderschrank und Tür. Die furchtbare Erschütterung hatte sie förmlich erstarren lassen. Es war dem armen Geschöpf in diesem Zustand unmöglich, Tränen zu vergießen. Der Beamte wandte ihr sein ruhiges, beinahe gleichgültiges Gesicht zu. Er betrachtete eingehend die hübsch und stattlich aussehende, etwa in den Dreißiger Jahren stehende Frau. Sie war unauffällig gekleidet, aber ihre Gewandung war doch von modischem Schnitt und nicht einfach genug für eine in dienender Nebenstellung als Aufwärterin tätige Person. Offenbar hielt Frau Schlomke sehr auf ihr Aeußeres. Sie war es, die nach der Entdeckung des Verbrechens die Behörde verständigt und herbeigerufen hatte durch ein Ferngespräch aus der Wohnung des Toten. Endlich fragte der Kommissar: »Sie fanden also die Flurtür unverschlossen – und das fiel Ihnen sofort auf?« Eintönig gab Frau Schlomke Auskunft: »Herr Beverstorff hatte mir von Beginn meines Morgendienstes an die Schlüssel übergeben. Der eine ist der Drücker, mit dem sich die Haustür, aber auch die Flurtür öffnen läßt. Um die Flurtür aufzusperren, muß man den anderen Schlüssel aber erst zweimal im oberen Schloß herumdrehen.« Der Beamte stellte fest: »Herr Beverstorff schloß sich also gewohnheitsmäßig des Abends ein – etwa vor dem Schlafengehen.« »Ja«, bestätigte Frau Schlomke. »Das bin ich seit fünf Jahren so gewöhnt. Fünf Jahre schon bin ich bei dem armen Herrn für Morgendienst angestellt gewesen.« »Nur für Morgendienst?« »Jawohl, nur morgens komme ich in die Wohnung.« »Und zum ersten Male in den fünf Jahren fanden Sie die Flurtür unverschlossen?« »Zum erstenmal«, versicherte die Frau. Und wie um die Wichtigkeit dieses Befundes besonders hervorzuheben, wiederholte sie nachdrücklich: »Zum allerersten Male!« »Daher fiel Ihnen der unverschlossene Zustand der Tür sofort auf?« »Sofort, Herr Kommissar. Ich war an das Aufschließen so sehr gewöhnt, daß ich ein paarmal immer wieder den oberen Schlüssel herumzudrehen versuchte. Ich dachte, das Schloß müsse sich verklemmt haben. Dann erst kam mir der Gedanke, den Drücker einzuschieben, und da ging dann auch sofort die Flurtür auf.« »Das hat Sie sehr überrascht?« »Sehr. Ich dachte: Nanu, das Zuschließen hat er doch noch niemals vergessen.« Der Beamte unterbrach: »Dadurch schöpften Sie sogleich irgendwelchen Verdacht?« »Nein, das nicht«, entgegnete Frau Schlomke, und sie machte abwehrend eine müde Handbewegung. »Es kam mir nur sonderbar vor. Doch ich ging dann ohne böse Gedanken an meine Arbeit, wie immer.« »Worin bestand diese Arbeit?« wollte der Beamte hören. »Ich kochte auf Gas in der Küche den Kaffee, richtete auf dem Servierbrett das Frühstück her, und das mußte ich dem Herrn Beverstorff ans Bett bringen.« »Hatten Sie denn ohne weiteres Zutritt zum Schlafzimmer?« forschte der Beamte. »Ich meine: die Schlafzimmertür schloß Ihr Herr niemals zu?« »Niemals. Ich war angewiesen, ohne vorheriges Anklopfen hineinzugehen. Auf dem Tisch da setzte ich das Servierbrett ab. Dann mußte ich die Vorhänge aufziehen. Darüber wurde Herr Beverstorff gewöhnlich wach. Danach rückte ich den stummen Diener neben das Bett und brachte das Frühstück hin. Es kam auch hier und da mal vor, daß der Herr das alles gar nicht hörte. Für diesen Fall hatte ich den strengen Auftrag, ihn wachzurütteln.« »Sie genossen demnach viel Vertrauen bei Ihrem Herrn, der offenbar einen festen Schlaf hatte.« »Ja, manchmal schlief er ganz tief. Wahrscheinlich, wenn er nachts mit Weibern gebummelt hatte.« Im stillen merkte sich der Kommissar, mit welcher Gehässigkeit die Frau das vorbrachte. Er fragte weiter: »Na, und wie war das nun heute?« »Bis auf die unverschlossene Flurtür war alles wie sonst. Als ich aber zu den Fenstervorhängen hinüber wollte, wäre ich beinah' über etwas gefallen.« »Demnach hätten Sie zunächst nichts gesehen. Schließen denn die Vorhänge so dicht, daß es finster ist im Schlafzimmer?« »Es sind mit dünnem Filzstoff abgefütterte Samtgardinen, weil draußen keine Fensterladen zum Vorlegen sind.« »Und warum knipsten Sie nicht Licht an?« »Das war mir verboten«, sagte Frau Schlomke, und ihre Stimme klang auf einmal wie belegt. »Herr Beverstorff wollte – er meinte immer – er – er – wollte nicht so geweckt sein.« Der Beamte sagte nichts. Er ging um den mit einer Decke verhüllten Toten herum und zog die Fenstervorhänge zu. Es war nun kaum ein Schimmer von Helle in dem Gemach. Um so krasser wirkte die Lichtflut, als er die Vorhänge wieder zurückgleiten ließ. Nun deutete er auf die zugedeckte Leiche. »Das da war's also, worüber Sie beinahe gefallen wären, Frau Schlomke?« Die Aufwärterin drückte beide Fäuste vor die Augen und quälte ein »Ja« hervor. Mit erhobener Stimme und als hege er ein Mißtrauen gegen die Wahrhaftigkeit der Aussagen, fragte der Kommissar scharf: »Errieten Sie denn sogleich, was unter der Decke lag?« »Erraten?« staunte Frau Schlomke. »Die Decke habe doch ich ihm übergelegt. Es sah so furchtbar aus, wie er in seinem Blute da in dem grellen Tageslicht lag. Er war immer gut zu mir gewesen, hatte nur freundliche Worte gehabt. Und nun lag er tot vor mir, und ich sah ihm an, daß er in seiner letzten Stunde furchtbare Schmerzen ausgestanden hatte –« Plötzlich war es, als zerbreche die Stimme der erschütterten Frau. Endlich konnte die Schlomke weinen. Sie sank in den Knien zusammen, kauerte geduckt in dem Winkel zwischen Schrank und Tür und gab Laute von sich wie ein gepeinigtes Tier. »Wegnehmen, Schulze!« gebot der Kommissar halblaut seinem Gefährten. Bis dahin, schweigend am Fußende des Bettes lehnend, hatte Schulze dem Gespräch zugehört, indem er ab und zu etwas in sein Notizbuch kritzelte. Er steckte das Merkbuch ein und nickte mit starrer Miene. Der körperlich behäbige Mann schritt ein wenig schwerfällig zu dem Toten hin. Der Kommissar stellte sich derweil' so auf, daß er sofort einen guten Ueberblick über die Lage des Leichnams erlangen konnte. Schulze zog vorsichtig die Decke fort, zögernd fast, als scheue er den zu erwartenden Anblick. Der Ermordete lag lang hingestreckt auf dem Rücken, bekleidet mit einem weiß-flanellenen Schlafanzug. Er war ein Mann, der die Fünfziger Jahre weit überschritten haben mußte und zu seinen Lebzeiten gewiß ein stattlicher Mensch gewesen war. Nur die stark angegrauten Haare deuteten auf sein Alter. Das wächserne Antlitz drückte furchtbaren Todesschmerz aus, grauenvolles Entsetzen. Der breitgezerrte Mund stand halb offen, als wäre soeben erst ein qualvoller Schrei der Sterbensangst über die Lippen gedrungen. Beide Hände waren in dem Brustteil der Flanelljacke verkrampft. Um die linke Faust hatte sich in dem weißen Stoff ein großer Blutfleck verbreitet, und die Finger dieser Faust waren mit Blut besudelt. Das machte den Eindruck, als wäre der verströmende Lebenssaft hier aus einer Wunde aufgesprudelt und als hätte der Sterbende diesen Quell mit der Faust zu schließen versucht. »Erstochen!« sagte Schulze, der trotz Diensterfahrung und trotz des Gewöhntseins an derartige Bilder kaum weniger fahl aussah als das Totenantlitz vor ihm. »Und die Waffe?« warf der Kommissar kalt hin. Beide Männer suchten mit flüchtigen Blicken vergeblich im Schlafzimmer herum. Schulze meinte: »Sie liegt vielleicht unter dem Toten – falls der Täter sie nicht mitgenommen hat.« »Dann müssen wir warten«, stellte der Kommissar fest. »Bevor nicht der Arzt und der Fotograf hier waren, dürfen wir nicht das Geringste verändern an der Lage des Körpers.« In diesem Augenblick entdeckte Schulze einen Gegenstand unter der Kniekehle des rechten Beines. »Soll ich das hervorziehen?« fragte er. »Nur zu!« forderte der Kommissar auf und bückte sich neugierig, beide Hände auf die Knie gestemmt. Der Gegenstand war eine zierliche Puderquaste, an deren Zotteln Reste eines gelblichen Puders, vermischt mit etwas künstlichem Wangenrot, zu erkennen waren. Die Quaste duftete nach einem herb riechenden Parfüm. »Aha – und hier liegt eine Haarspange«, sagte der Kommissar plötzlich wie erfreut. Aufmerksam betrachteten die beiden Beamten die unscheinbaren Dinge ... unwichtige Gegenstände ... und doch war durch sie auf die erste Spur zur Aufhellung eines Verbrechens hingewiesen. »Hier – hier, Herr Kommissar!« rief Schulze. Er deutete auf die rechte Faust des Toten. Der Kommissar kniete eilig nieder und starrte auf den von Schulze gewiesenen Fleck. Dann erhoben sich beide Männer. Der Kommissar stellte in hämischem Tone fest: »Ausgerissene Frauenhaare – wahrscheinlich im Kampf ausgerissen – ein Weib also. Ich denke, das alles genügt vorläufig. Wir werden leichte Mühe haben.« Schulze nickte ernst vor sich hin. Der Kommissar wandte sich jetzt an Frau Schlomke: »Sagen Sie mal, hatte der Herr die Gewohnheit, Nachtbesuche in die Wohnung, genauer gesagt, ins Schlafzimmer mitzunehmen?« Die Frau erhob sich aus ihrer kauernden Stellung, nach deutlich merkbarem Zögern murmelnd: »Ich weiß von Herrn Beverstorffs Frauengeschichten nichts.« In unerbittlicher Schärfe kam die Frage: »Und Sie selbst – betraten Sie nie zur Abendzeit die Wohnung?« Frau Schlomke brauchte lange, bevor sie zugab: »Es ist manchmal vorgekommen – nein, nur einmal.« »Vorhin sagten Sie aber anders aus«, nagelte der Kommissar sie fest. »Sie sprachen da sehr bestimmt lediglich von Morgenarbeit, Morgendienst. Oder ... wie?« »Ich bin etwas verwirrt durch all das«, entschuldigte sich die Frau. »Wissen Sie, daß Ihr Eifer, die Polizei zu verständigen, mir verdächtig vorkommt?« grollte der Mann. Dann trat er dicht zu der Erstarrten hin und schrie sie an: »Sie pudern sich ja!« »Nein – nein«, stieß Frau Schlomke hervor. »Na, lassen wir das einstweilen!« sagte der Kommissar nach einem kurzen Auflachen. »Also Sie betreten nur ausnahmsweise des Abends die Wohnung. Nun – und gestern abend?« »Ge – gestern abend – da – ich ...«, stammelte Frau Schlomke mit wirrem Gesichtsausdruck, unruhig und ausweichend hin und her zuckenden Augen. Plötzlich warf sie die Arme hoch und heulte auf: »Ich bitte Sie – ich – ich bitte – Sie ...« Dann brach sie wimmernd zusammen. * Der Kriminalbeamte Schulze saß am Fenster der Wohnstube und sah geistesabwesend dem Treiben drunten auf der Straße zu. Manchmal trommelte er mit nervösen Fingern leise auf der Fensterbank. Er sah fahl und angegriffen aus, wie überanstrengt von dem schweren Dienst dieses Vormittags. Seine Frau betrat das Zimmer und richtete den Mittagstisch her. Eine noch sehr junge und schöne Blondine, die einen sehr gepflegten Eindruck machte. Mit zierlichen Bewegungen rückte sie die Teller zurecht und ordnete die Messer, Gabeln und Löffel. Dann holte sie von der Kredenz eine kleine Vase herbei. Die ersten Frühlingsblumen, Schneeglöckchen und ein paar blasse Primeln, leuchteten über dem Rande des glitzernden Gefäßes. Als der bescheidene Blumenstrauß die Mitte des Tisches schmückte, musterte die junge Frau zufrieden ihr Werk. »So, Friedrich«, sagte sie. »Nur noch fünf Minuten, und wir können essen.« »Es drängt nicht«, gab Schulze zurück. Er hatte mit ablehnenden Blicken das Tun seiner Frau verfolgt. So, als wäre ihm ihr hausfrauliches Gehaben nicht recht, weil sie es mit einem Hang zum Luxus verband. Das Tischgeschirr war denn auch just nicht bürgerlich einfach, mit den vergoldeten Rändern fast zu prunkhaft für den Haushalt eines bescheidenen Beamten. Die Bestecke blinkten silbern. Und zu jedem Mittag schmückte die Vase mit einem immer anderen Blumeninhalt die Tischmitte. Das alles schuf gewiß den Eindruck der Behaglichkeit. Aber es verstieß gegen die bisherigen einfachen Gewohnheiten des vor wenigen Monaten noch Junggeselle gewesenen, schon ältlichen Mannes. Frau Schulze ging trällernd in dem Zimmer umher, mit kleinen Schritten, sich in den Hüften wiegend, eine niedliche, aber vollschlanke Gestalt. Das wirkte immer, als sei sie sich ihres prächtigen Wuchses sehr genau bewußt und als kokettiere sie auch vor sich selbst mit ihrer liebreizenden Erscheinung. »Daß du doch stets etwas zu zupfen hast an Deckchen, Spitzen und solchem Plunder auf den Möbeln!« knurrte Schulze plötzlich. Die Frau blieb stehen. Ihr schönes Gesicht nahm den Ausdruck kindlichen Staunens an. Der sehr kleine Mund verzog sich zu einem Schippchen, ganz wie bei einem gekränkten Backfisch. Nach einem tiefen Atemzug versetzte sie: »Ja, lieber Friedrich, daß ich bestrebt bin, unsere Wohnung vornehmer als eine Kasernenstube oder gemütlicher als eine öde möblierte Junggesellenbude zu gestalten, das kannst du mir doch nicht verübeln wollen.« »Tue ich auch gar nicht«, gab er mürrisch zurück. »Nur den Kinkerlitzchenkram mag ich nun mal nicht leiden, Alma.« Sie zuckte die Schultern und entgegnete: »Wenn du keinen Wert legst auf eine behagliche Häuslichkeit, dann hättest du bester nicht geheiratet. Wenigstens hättest du nicht mich heiraten sollen. Ich habe gern Sauberkeit und etwas Freundliches um mich.« »Gewiß«, meinte er, »ich bin auch für Ordnung.« Frau Alma unterbrach sofort: »Räume, in denen ich infolge deines Dienstes oft tagelang, ja, nächtelang allein sein muß! Und dann, Friedrich, – kannst du dich über unnütze Geldausgaben beklagen? Schaffe ich nicht alles an von dem Monatsgeld, das du mir gibst? Kannst du mir Schulden vorwerfen oder nachweisen? Habe ich je auch nur einen Pfennig mehr verlangt für all dies Hübsche?« Sie machte mit ausgebreiteten Armen eine Gebärde, als wolle sie den mürrischen Mann hinweisen auf das blitzsaubere Aussehen des Wohnraumes. An ihren schlanken Händen blitzten die rosig polierten Fingernägel, als Frau Alma nun nervös an der Vorstecknadel nestelte, die den Ausschnitt ihrer seidenen Bluse schmückte. Schulze deutete stracks auf das Zierstück hin und grollte: »Das da ist doch auch wieder ein neuer Krimskrams. Ich mag das nicht leiden. Komm mal her, Alma!« Während sie sich ihm gehorsam näherte, seufzte sie: »Gott, wie eigentümlich du nur heute wieder bist, Friede! Eine unechte Nadel – billig – aber sie sieht doch niedlich aus. Ja, sogar wie echt.« »Wie echt«, murmelte er ihr nach. Dann riß er unvermittelt die Frau an sich: »Sag' mir's, Alma – du hast nur mich lieb – denkst an keinen anderen – bist mir treu – läßt dir nichts schenken?« Sie löste sich aus der schroffen Umarmung. In jähem Verblüfftsein wich sie zwei Schritte zurück und brach in ein silbern und mädchenhaft klingendes Gelächter aus. »Na, Friede, weißt du!« zankte sie. »Du beleidigst mich ja geradezu mit solchen Fragen.« »Ach, ich bin heute so nervös«, brachte er zu seiner Entschuldigung vor. »Ich bin dir nicht bös, Friede«, tröstete sie und kam wieder näher, um ihm über den Kopf zu streicheln. »Hattest gewiß schweren Dienst, nicht wahr?« Er ließ den Kopf sinken, bis das Kinn die Brust berührte. So saß er, schwer atmend, da und hielt die Augen geschlossen. Seine geballten Hände ruhten mit eingekrampften Daumen auf seinen Knien. In dieser Haltung erzählte er in abgehackten Sätzen: »Ein Mord – der Arzt gibt mir recht: erstochen – ein mit aller Kraft geführter zielsicherer Stoß. Die Aufwärterin – eine hübsche Person – entdeckte die Tat, kommt dem Kommissar Weinreich aber verdächtig vor. Wir fanden ein paar Gegenstände – eine Puderquaste, eine Haarspange – ja, und in der Faust des Toten einige Haare – Frauenhaare. Eine Frau muß es getan haben – vielleicht Eifersucht – der Mann war leichtlebig, ein Frauenjäger, geschieden – aber wir wissen noch nicht alles – ein reicher Kerl.« »Ihr meint, eine Frau habe es getan?« sagte Alma, als der Gatte schwieg. »Du weißt, ich beschäftigte mich gern mit euren Untersuchungen und Schlußfolgerungen. Als Frau würde ich bezweifeln, daß es ein weibliches Wesen getan hat.« Er staunte sie an. »Wieso, Alma?« Sie gab die kluge Antwort: »Eine Frau ersticht nicht. Die knallt höchstens nieder, oder sie greift zum Gift, aber ganz gewiß nicht zum Messer oder zum Dolch oder zu sonst einer Stichwaffe.« Friedrich Schulze hob langsam den Kopf. Er starrte auf seine Frau, als sei sie ein Wunder, als werde sie ihm unheimlich oder als erschrecke er, daß sie sich ihm, ja, sogar dem Kommissar Weinreich überlegen zeigte. »Eine Frau ersticht nicht«, wiederholte er ihre Worte so schwerfällig, als behindere ein Gegenstand im Munde ihn am deutlichen Sprechen. »Auf gar keinen Fall!« trumpfte Frau Alma auf. »Das – das hat niemand bedacht«, murmelte er. »Du warst gewiß mit Weinreich am Tatort«, erriet die junge Frau. »Wir wurden kurz nach acht Uhr hingerufen – durch die Aufwärterin.« Frau Alma betrachtete das fahl und verfallen aussehende Gesicht des Mannes und entschied: »Du scheinst für diesen Dienst wenig geeignet, Friede. Wenn dich so etwas dermaßen mitnimmt, dann melde dich doch für ein anderes Beamtenfach!« »Ach, überhaupt fortkönnen!« seufzte er sehnsüchtig. Sie lachte ihn aus: »Nachdem wir die schöne, mollige Wohnung haben, Friede? Du bist ja verrückt. Ich habe sie mit soviel Liebe und Sorgfalt eingerichtet, mit soviel Freude auf die ruhige Ehe mit dir.« »Ich meine ja auch nur so«, verteidigte er sich. »Der schwere, oft so schauerliche Dienst!« »Na, aber – Friedrich!« tadelte sie seine Schwäche. »Du bist doch nun schon fünf Jahre dabei. Man sollte meinen, du müßtest dich eingewöhnt haben. Du hast auch bis heute nie geklagt. Wie gesagt – wenn dir's über den Kopf wächst oder auf die Nerven geht, dann stell dich um auf ein friedliches Beamtenfach!« »Ich hatte immer so viel Interesse für diesen Dienst«, murmelte er wie beschämt. »Auch ich habe viel Teilnahme für deinen Beruf«, versicherte sie. »Kann ich dir vielleicht helfen? Was würde ich darum geben, wäre ich Detektivin!« »Du – mir helfen?« entgegnete er aufgeregt. »Deshalb schmökerst du in Kriminalromanen herum und läufst in die Gerichtsverhandlungen? Sieh dir meinen Beruf mal aus nächster Nähe an! Es gibt da furchtbare Dinge zu sehen – wie heute den Ermordeten. Und das glaubst du ertragen zu können? Mir schlug das Herz wie ein Hammer.« Frau Alma hob die runden Schultern und wandte sich ab. Der Mann tat ihr leid, und doch haßte sie im gleichen Augenblick sein Schwachsein. Sie ging an den Tisch und ordnete noch eine Kleinigkeit. »Na, nun komm zum Essen!« forderte sie den Gatten kurz angebunden auf. Er erhob sich folgsam und nahm am Tische Platz. »So, so – eine Frau ersticht nicht«, wiederholte er abermals Frau Almas Behauptung, als beschäftigte ihn dies weiblich kluge Urteil über alle Maßen. Bevor sie, um aus der Küche die Suppe zu holen, das Zimmer verließ, erkundigte sich die junge Frau noch: »Wer ist denn der Ermordete?« »Ein Geschäftsmann«, gab Schulze Auskunft. »Ein schwerreicher Kerl – Arthur Beverstorff heißt er.« Es war wie ein Seufzen der jungen Frau ... dann schloß sich die Tür hinter ihr. Friedrich Schulze saß lange Zeit einsam vor dem Tisch. In Gedanken versunken spielte er mit dem Löffel. Er wog ihn in der Hand, der schwer war wie echtes Silber. Er fuhr mit dem Finger prüfend über den Goldrand des Tellers, schob das Geschirrstück zurück und zog es wieder herbei, faltete die noch neu glänzende Serviette auseinander und legte sie geistesabwesend wieder zusammen. Dann neigte er den Kopf und saß wie eingeschlummert still da. Endlich verkündete die Standuhr mit lange nachschwirrendem Gongschlag die Zeit. Schulze heftete den Blick auf das vornehme Möbelstück. Wie Alma nur derartige Anschaffungen möglich machte? Ja, daß sie – daß sie ... ach, was hatte er doch jetzt denken wollen – er war so zerstreut – es fiel ihm nicht wieder ein. Doch richtig: wo blieb sie mit der Suppe? Er mußte bald wieder in den Dienst. Diese Mordsache Beverstorff ...! Schulze rief ein paarmal den Namen seiner Frau. Endlich erhob er sich schwerfällig und trottete mit seinem behäbigen Körper hinaus. Er ging in die Küche, um Frau Alma zur Eile zu mahnen. Er fand die junge Frau dort: sie saß auf dem Küchenstuhl, hatte verweinte Augen und ein tränenfeuchtes Gesicht und ließ tatenlos die Hände im Schoße ruhen. Aus einem Topf sprudelte Essen über. Es roch nach Angebranntem in dem so säuberlich und zierlich eingerichteten Raum. »Na, was ist los mit dir?« rief Schulze mit grober Stimme die junge Frau an, und seine vorquellenden Augen starrten auf sie nieder. Sie erhob den leeren Blick und stieß aufschluchzend hervor: »Du tust mir so bitter leid, Friede!« 2. In der Weinkneipe »Zum gesottenen Hummer« schufteten die drei Kellnerinnen, um die noch kalte Gaststube für den Abend vorzubereiten. Die Mädchen sahen übernächtig und müde aus. Die Zecherei mit den beiden trinkfrohen alten Herren hatte sich bis fast zum Tagesgrauen hingezogen. Sylvia war erschöpft, obwohl sie nur wenig hatte trinken müssen, da nach dem eiligen Abschied des seltsamen Gastes kein anderer Besucher mehr sich in das Lokal verirrte. Manchmal hielt sie mit einem verlorenen Lächeln in ihrer Arbeit inne. Dann war vor ihrer Seele das Bild jenes Fremden emporgetaucht – und sie entsann sich des Blickes seiner sonderbaren, ernsten Augen. Augen, in denen ein Leid oder ein Schmerz – – – Die fette Stimme der Gebieterin unterbrach Sylvias Nachdenken: »Na, Mädel, gaffen Sie nicht schläfrig vor sich hin! Dalli, dalli! Sie sehen ja, die anderen arbeiten auch.« »Gewiß, Frau Schurich«, beeilte sich Sylvia zu sagen; sie wußte, wie unangenehm die Kneipwirtin wurde, wenn man ihr auf eine Anrede nicht irgendeine Antwort gab. Frau Schurich war in einen kostbaren Nerzmantel gehüllt. Trotz ihrer dicken Waden trug sie ihn modisch kurz. Ein hochroter Filzhut, der zu der am Mantelkragen befestigten künstlichen Blume paßte, mit seiner schmalen Krempe bis tief auf die Augenbrauen herabgezogen, rahmte ihr gewöhnliches Gesicht ein. »Sie weigern sich also, mit zu Kriminalkommissar Weinreich zu kommen, Sylvia?« fragte die Wirtin, während sie ein Paar zarter weißer Wildleder-Handschuhe über die kurzen Finger streifte. »Es ist kein Weigern, Frau Schurich«, verteidigte sich Sylvia sanften Tones. »Ich meine nur: daß der Herr Blutflecke auf dem Mantel hatte und daß er so eilig davonlief, als das Radio die Nachricht von dem Mord bekanntgab – – –« Da das Mädchen verstummte, zeterte die Schurich giftig: »Na, was meinen Sie?« »Verzeihen Sie«, fuhr Sylvia fort, »ich finde nicht, man müsse auf einen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Herrn schließen, nur weil – – –« »Eine dumme Gans sind Sie!« schalt die Wirtin los. »Sie haben sich wohl vergafft in den Kerl? Es könnte aber doch sein, daß ein Zusammenhang bestünde. Und wenn nun der Mörder unter solch auffälligen Umständen hier im Lokal war und das kommt dann heraus und wir haben der Polizei nicht sofort Mitteilung gemacht, so gibt's Unannehmlichkeiten über Unannehmlichkeiten.« »Finde ich auch, gnädige Frau«, nahm eines der anderen Mädchen das Wort. »Noch dazu, da gleich hier um die Ecke 'rum heute nacht noch ein zweiter Mord passiert ist.« »Um Gottes willen – was?« schrillte die dicke Wirtin entsetzt. »Noch ein Mord – heute nacht? Woher wissen Sie denn das?« Das Mädchen erzählte: »Als ich zum Reinemachen herkam, standen die Leute in Scharen vor dem Haus.« Die Schurich stöhnte: »Dann war der Kerl mit den Blutflecken der andere Mörder. Na, ich gehe zu Weinreich. Das ist meine Pflicht. Man kann ja in die tollsten Sachen kommen, wenn man schweigt.« Sie lief aufgeregt in der Kneipstube herum und wies den Mädchen noch allerlei Arbeit zu. Dann stürzte sie mit puterrotem Kopf von dannen. »Eilig hat's die Alte«, spottete das dritte Mädchen, eine frech aussehende Person. »Ja, vor den Polypen hat das Weib eine Heidenangst. Sie ist nicht gut angeschrieben bei den Grünen. Darum rennt sie nun hin und macht sich lieb Kind.« »Man kriegt ja auch eine Belohnung, wenn man der Polizei hilft«, behauptete die ältere der Kellnerinnen. Sylvia verrichtete nachdenklich ihr Tagewerk. Still und in sich gekehrt kam sie ihrer Pflicht nach. Am Gespräch der Kameradinnen beteiligte sie sich nicht, hörte kaum einmal hin. Die erzählten einander nur von Schlechtigkeiten. Die Uhr über dem Schanktisch zeigte fünf, als das Instandsetzen der Gaststube beendet war. Sylvia richtete noch an dieser und jener Kleinigkeit. Die beiden anderen Mädchen verschnauften, während sie einen Spaziergang durch die Stadt verabredeten. Sie wollten die Abwesenheit der ewig antreibenden Schurich gründlich ausnutzen. »Und wenn die Alte zehnmal schimpft!« erklärte die Freche. »Man will doch auch mal in die Schaufenster gucken und Luft schnappen, bevor man die halbe Nacht hier hockt und säuft und qualmt. Sagen Sie der Schurich einfach, wir seien zum Ondulieren gegangen, Sylvia!« Das Mädchen blieb allein. Sie trug sich einen Stuhl an den allmählich warm werdenden Kachelofen. Hier saß sie und beschäftigte sich mit einer leichten Handarbeit. Die Stille in dem niedrigen Raum tat ihr wohl. Abends immer die zudringlichen Männer – das fade Gewäsch der Kellnerinnen – der fortwährend dudelnde Lautsprecher oder das Grammophon, wenn der Rundfunk eine zu ernste Abendvorstellung bot. Einen Augenblick dachte Sylvia daran, sich in der Handhabung des sonst nur von Frau Schurich bedienten Radioapparates zu versuchen. Doch sie fürchtete, etwas an dem Gerät zu verderben, und ließ den Gedanken wieder fallen. Plötzlich hörte sie, wie jemand die Stufen vor dem Eingang betrat. Ein Gast konnte es nicht sein. Die Besucher kamen nicht so frühzeitig am Nachmittag schon. Sie glaubte zunächst, die Wirtin kehre zurück. Deshalb erhob sie sich. Die herrische Frau sah es nicht gern, wenn eines der Mädchen saß, außer bei Herren. Aber der Jemand draußen blieb auf der kleinen Sandsteintreppe stehen. In Sylvias Seele stieg ein eigenartiges, halb banges, halb frohes Gefühl auf, als stünde vor der Tür ein Mensch, auf den sie wartete. Wieder kam ihr der Fremde von gestern nacht in den Sinn. Und als endlich die Tür geöffnet wurde, trat wirklich dieser Mann ein. Sylvia konnte einen halblauten Ausruf der Freude nicht unterdrücken. Mit einem freundlichen Lächeln schritt sie dem Gast entgegen. »Ich habe Ihr Kommen geahnt«, flüsterte sie mit gesenkten Lidern, noch bevor er einen Gruß sagen konnte. »Begreiflich, Kleine«, stimmte er bei; doch wie fluchtbereit blieb er an der Tür stehen. Dann stieß er hastig hervor: »Als ich gestern abend den Wein bezahlte, ließ ich meine Geldtasche liegen, nicht wahr?« Nun erhob Sylvia den Blick. Ja, das war das jugendliche Männergesicht, das sie wie durch einen unerklärlichen inneren Zwang sich fort und fort vergegenwärtigen mußte seit der verflossenen Nacht. Sie vertiefte sich in diese hübschen, gleichmäßigen, doch eigenartigen Züge. Ein Antlitz von bräunlicher Färbung, zu der zwar die tiefschwarzen Brauen, doch nicht die so absonderlich hellgrauen großen Augen paßten. Diese Augen fielen ihr jetzt auf. Bis zur Sekunde war sie des Glaubens gewesen, der Mann habe schwermütig dunkle Augen. Und nun dieser starre, grelle, glitzernde Blick, der sich in sie hineinbohrte voll Mißtrauen, voll Besorgnis, wie um einen Bann auszuüben. »Rasch – reden Sie doch!« verlangte der Mann gebieterisch. »Eine Geldtasche?« begann Sylvia zaghaft, erschreckt durch den schroffen, messerscharfen Ton. »Hellbraun gekörntes Leder – mit silbereingefaßter Verschlußlasche – etwas über zweitausend Mark Inhalt in Hundertmarkbanknoten und anderen kleinen Geldscheinen.« »Bestimmt nicht«, versicherte das Mädchen. »Hier haben Sie kein Geld verloren.« »Nicht verloren«, verbesserte er. »Ich ließ das Täschchen liegen, als ich den Wein bezahlte, weil der Lautsprecher –« Er sprach nicht weiter, wie um nicht daran zu erinnern, daß der den Mord verkündende Radioapparat ihn zur Flucht getrieben hatte. »Ich bin ehrlich«, sagte Sylvia herb. »Sie haben Ihr Geld nicht hier vergessen.« »Ich muß es hier vergessen haben«, blieb der Mann bei seiner Behauptung. »Anders ist es gar nicht möglich.« »Sie beleidigen mich«, entgegnete Sylvia schneidend. Nun wandte sie sich ab und schritt bis an den Ofen zurück, an dessen warme Kacheln sie sich lehnte. Die Augen des jungen Mannes durchhasteten die Kneipstube, wie wenn er unbedingt hier irgendwo das Geldbehältnis entdecken müßte. Mehrmals schüttelte er den Kopf, als vermöchte er den Verlust nicht zu fassen oder als sei ihm unerklärlich, daß er seine Habe nicht hier vorfand. Schließlich stieß er hervor: »Sie dürfen etwas davon behalten. Geben Sie mir wenigstens einen guten Teil zurück! Ohne das Geld bin ich verloren. Haben Sie doch Mitleid, Kleine!« Sylvia sah ihn starr an und sagte wie aus einem bösen Traum heraus: »So sind Sie also doch der Mörder!« »Ich habe nichts getan«, jammerte er. »Ich bin – Gott – geben Sie mir mein Geld – seien Sie doch mitleidig!« »Genug«, unterbrach das Mädchen dies klägliche Flehen. »Hier ist das Geld nicht. Ich kann Ihnen also nichts geben. Sie müssen nun gehen.« Unvermittelt schrie sie ihm zu: »Fort – fort – Mörder!« Er zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Seine sonderbar hellen, irr blickenden Augen schweiften grimmig über das Mädchen am Kachelofen, als plane er einen tätlichen Angriff. Dann nahm er wieder die jämmerliche Haltung an. »Sie waren gestern nacht so gut zu mir, Kleine«, erinnerte er sie mit zuckenden Lippen, als wolle er nun auf diese Weise das Mitleid des Mädchens anrufen. »Ich würde auch jetzt gut zu Ihnen sein, wenn es möglich wäre«, versicherte Sylvia traurig. »Aber Sie irren bestimmt. Hier haben Sie nichts vergessen.« Sie sah dabei nach dem Saum seines hellen Ulsters: dort war von Blutflecken keine Spur zurückgeblieben. Noch einmal prägte sie sich sein Aussehen ein. Währenddessen murmelte er ruhiger: »Dann – ja dann kann ich mir den Verlust nicht erklären. Aber ich bin verloren.« Er starrte vor sich nieder. Plötzlich sagte er ein paar Worte hastigen Abschiedes und ging. Sylvia schloß die Lider. Es war ihr, als habe sie einen sehr lieben Menschen in diesen wenigen Minuten für immer aufgeben müssen. Nur eines machte sie sich klar: sie durfte von dieser Begegnung niemals und zu keiner Seele je eine Silbe sprechen. * Kommissar Weinreich machte sich so seine Gedanken über den kostbaren Nerzpelz der Frau Schurich. Dennoch hatte er keinen Augenblick aufgehört, genau auf das zu achten, was die Kneipwirtin umständlich erzählte. »Um welche Zeit betrat der Mann Ihr Lokal?« unterbrach er den mit allen möglichen Weitschweifigkeiten überladenen Bericht. Frau Schurich wurde ängstlich und versicherte: »Ich habe mich bemüht, so genau wie möglich zu sein. Aber die Zeit – warten Sie mal, Herr Kommissar, ich muß da zurückrechnen. Also die beiden alten Herren kamen gegen halb zehn Uhr.« »Auf die Minute genau brauchen Sie nicht zu rechnen«, warf Weinreich ein. »Machen Sie nicht langatmige Erörterungen! Denken Sie erst mal über einen bestimmten Anhaltspunkt nach, bevor Sie erzählen!« »Anhaltspunkt«, griff die nervös werdende Wirtin das Wort auf. »Also im Rundfunk spielten sie gerade eine Nummer, und meine Mädchen und die alten Herren – nein, nur der eine und auch nur zwei Mädchen – die sangen mit. Wahrscheinlich kennen Sie das Lied: Valencia ... derallala ... derallalalaaa ...« Der Kommissar mußte lächeln über Frau Schurichs Geplärr. Sie hatte weder eine Singstimme, noch schien sie musikalisch zu sein. »Das Singen war gerade zu Ende, als der Mann zur Tür hereinkam«, erklärte sie. »Sie irren sich nicht? Uebrigens: höchst einfach«, wandte der Kommissar sich zu dem an einem Nebentische arbeitenden Unterbeamten. »Schulze, rufen Sie die Sendestelle an! Wahrscheinlich können die Leute dort bis auf einen unbeträchtlichen Zeitunterschied angeben – erstens: wann wurde der Gassenhauer ›Valencia‹ gespielt! – zweitens: um wieviel Uhr wurde den Rundfunkhörern Mitteilung gemacht von dem Mord auf dem Hainsbergweg?« Friedrich Schulze erhob sich schweigend und ging hinaus, um den Befehl auszuführen. »Der Mörder vom Hainsbergweg ist der Mann auf keinen Fall«, erläuterte Weinreich der Kneipwirtin. »Den hatten wir schon fest, als wir dem Rundfunk die Verbreitung der Mordnachricht für den Abendbericht freigaben. Der Bursche gestand auch ohne Umstände.« Frau Schurich glaubte erinnern zu müssen: »Aber weshalb flüchtete dann der Mann mit dem Nasenbluten aus meinem Lokal, gerade als der Mord angekündigt wurde?« »Das war vermutlich keine Flucht, sondern nur ein zufälliges Zusammentreffen zwischen dem Bericht des Rundfunks und dem Fortgehen Ihres Gastes.« »Und die Blutflecke auf dem Ulster?« Der Kommissar zog die Achseln hoch: »Wahrscheinlich doch nur vom Nasenbluten.« Er spielte mit dem Bleistift und kritzelte sinnlose Figuren auf die Schreibunterlage. So wartete er schweigend auf die Rückkunft Schulzes. Die Schurich kam sich plötzlich höchst überflüssig vor. Der Kommissar legte ihren Meldungen so gar kein Gewicht bei, behandelte die Aussagen so bagatellmäßig. Zu dumm, daß sie hierher gekommen war! Es wäre besser gewesen, die Aufmerksamkeit der Kriminalbehörde nicht erst auf die Kneipe zu lenken. Wie aus einem Nachdenken heraus sagte Weinreich plötzlich: »Es ist nämlich ziemlich sicher, daß die Tat in der Beverstorffschen Wohnung nicht von einem Manne, sondern von einer weiblichen Person begangen wurde.« Frau Schurich erhob sich zaghaft und zog den kostbaren Nerzmantel enger um ihre breit ausladenden Hüften. Ihr Gesicht war jetzt beinahe so rot wie ihr roter Hut. »Dann könnte ich ja eigentlich gehen«, schlug sie verlegen vor. »Warten Sie noch!« befahl der Kommissar. Friedrich Schulze kam zurück. Er hatte einen Merkzettel in der Hand, von dem er in dienstlicher Haltung den Bescheid der Sendestelle ablas: »Valencia wurde um ungefähr zehn Uhr vierzig Minuten gespielt – etwa sieben Minuten später ein kurzer amerikanischer Tanz – weitere fünf Minuten später etwas aus einer deutschen Operette – und Punkt elf Uhr, genau der Programmfolge entsprechend, begann der Ansager den Abendbericht mit der Mordnachricht vorzulesen.« Mit einem Blick auf die Schurich stellte der Kommissar fest: »Also war der Mann mit dem Nasenbluten genau zwanzig Minuten in Ihrem Lokal. Daß nun gerade in nächster Nähe des Hauses, in dem der Kaufmann Beverstorff ermordet wurde, ein Mensch sich Blutflecke vom Mantel beseitigen läßt, das wäre immerhin ein beachtenswerter Sachverhalt. Beschreiben Sie mal den Mann, Frau Schurich!« Die Wirtin machte ein Gesicht einer angestrengt Nachdenkenden. Doch sie mußte schließlich zugeben, es sei ihr von dem Aeußeren des Fremden nichts weiter im Gedächtnis haften geblieben als der auffällig helle Ulster. »Aber die Sylvia!« fiel ihr ein. »Die Sylvia Rickstetten – das ist eine von meinen Kellnerinnen – die kann gewiß den Mann beschreiben. Sie saß bei ihm am Tisch, hat ihm auch das Blut abgewaschen.« »Sylvia Rickstetten«, notierte Weinreich, indem er den Namen vor sich hinsprach. »Schicken Sie das Mädel auf jeden Fall mal her! Geben Sie auch die Wohnung an!« »Sie wohnt als einzige von meinen Kellnerinnen bei mir im Hause«, erklärte die Schurich, um sogleich wieder in ihre selbstgefällige Geschwätzigkeit zu verfallen. »Sie ist eine entfernte Verwandte von mir – aus Hamburg, wo auch ich daheim bin – von gut bürgerlichem Herkommen. Ihre Mutter starb während des Krieges. Als der Vater aus dem Felde heimkam, machte er ein Fotografiergeschäft auf. Er war vorher Maler. Porträts hat er gemalt. In der Inflation ging er in Konkurs. Da brachte er sich ums Leben. Vor seinem Selbstmord schrieb er an mich, und da ich ein zartfühlendes Herz habe, besann ich mich nicht erst und nahm das Mädel ins Haus. Aber glauben Sie, Herr Kommissar, man hätte Dank dafür? Ein ganz eigentümliches Geschöpf, die Sylvia. Man kann und kann ihr nicht näherkommen. Deshalb stehen wir einander auch heute noch so fremd gegenüber, als wären wir – – –« Ungeduldig unterbrach der Kommissar: »Na, nun mal halt, meine Liebe! Die Lebensgeschichte Ihrer Verwandten brauchen wir nicht. Schicken Sie das Mädel her! Und nun auf Wiedersehen! Oder vielmehr auf Nichtwiedersehen – – – was Ihnen angenehmer sein dürfte.« Frau Schurich verschwand. »Nun, Schulze, was halten Sie von dem Mann mit dem Nasenbluten?« forschte der Kommissar, als die Schwätzerin endlich draußen war. Schulze sah seinen Vorgesetzten ernst an und behauptete: »Der Mann ist der Mörder Beverstorffs – ganz ohne Zweifel.« Verdutzt blickte Weinreich auf: »Aber wie kommen Sie denn zu dieser Meinung? Die Puderquaste, die Haarspange, die Frauenhaare – deutlichere Beweise für die Täterin gibt's ja gar nicht. Nicht jeder Fall wird einem so leicht gemacht. Eine im Verbrechen ganz unerfahrene Person, sonst hätte sie die Spuren vertilgt – sie muß nach der Tat gleich weggelaufen sein.« Schulze verteidigte seine feste Ueberzeugung: »Ein Mensch, der in der nahen Umgebung des Tatortes mit Blutspuren auf dem Mantel auftaucht – – –« »Quatsch!« schnitt Weinreich überheblich ab, um zu widerlegen: »Dieser Mann war zwischen halb elf und elf Uhr in der Schurichschen Weinstube. Was steht dem gegenüber? Die gerichtliche Leichenöffnung hat aus dem Verdauungsstande des Mageninhalts klargestellt, der Tote müsse frühestens acht Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme verschieden sein.« »Auch Gerichtsärzte können irren«, knurrte Schulze mürrisch. Der Kommissar fuhr fort: »Nimmt man an, der Beverstorff habe um acht Uhr sein Abendbrot zu sich genommen, so hätte er also um vier Uhr am Morgen noch gelebt. Und nun, wann rief man uns in das Mordhaus?« Widerwillig, als passe der Umstand nicht zu seiner Ueberzeugung, antwortete Schulze: »Es war eben acht vorbei, denn ich hatte wenige Minuten vor dem Anruf die Post entgegengenommen.« »Na, sehen Sie«, stellte der Kommissar zufrieden fest. »Was aber fanden wir an dem Toten? Daß in den unteren Extremitäten die vom Kopf an vorschreitende Leichenstarre noch nicht eingetreten war. Resultat dieses Befundes, kombiniert mit dem ärztlichen Befund: der Beverstorff war um vier Uhr in der Frühe mindestens noch am Leben. Des ferneren: alle Anzeichen sprechen dafür, daß der Tötung ein heftiger Kampf mit dem Angreifer vorausgegangen ist. Beim Tode nach einer körperlichen Anstrengung und nach einer hochgradigen seelischen Erregung tritt die Leichenstarre bekanntlich viel rascher als sonst ein.« »Das weiß ich nicht«, gab Schulze zu. »Aber ich erinnere mich freilich: als wir gegen halb neun den Körper betasteten, war er keineswegs schon völlig steif.« »Schlußfolgerung?« fuhr der Kommissar fort. »Der Mann könnte sogar um sechs Uhr noch gelebt haben. Der Mord wäre also in den frühen Morgenstunden geschehen. Wie reimt sich das zusammen mit der – an Hand der Auskunft der Radiosendestelle – ja sicher erfaßten Tatsache, daß der Mann mit dem hellen Ulster sich bereits zwischen halb elf und elf am Abend Blutflecke vom Mantel waschen ließ?« Friedrich Schulze knurrte eine unfreundliche Zustimmung. »Nun, Schulzeken«, scherzte der Kommissar, »Sie brauchen sich nicht zu ärgern, weil Sie nicht recht behalten sollen.« »Ach, das ist es nicht«, bestritt Schulze verlegen. »Ich bin nur müde, Herr Kommissar. Mich hat dieser Vormittag scheußlich mitgenommen.« Weinreich sprach weiter: »Ich kann die Tatsachen noch so viel hin und her wenden – was meinen Verdacht anbelangt, so bleibt er an dieser Frau Schlomke haften. Die Person hatte mühelosen und unauffälligen Zutritt zu der Wohnung. Sie kann keinerlei Beweise beibringen, daß sie wirklich erst um acht Uhr ihre Dienststelle aufsuchte. Allerdings, es fehlen vorläufig auch die Beweise, daß die Schlomke schon vorher einmal – sagen wir: gegen sechs Uhr – die Räume betrat, die Tat ausführte, sich wieder entfernte und um acht Uhr zurückkehrte, um heuchlerisch die Behörde anzurufen.« »Darf ich Ihren Ausführungen etwas gegenüberstellen?« bat Schulze eindringlich. »Nur zu!« »Dann will ich folgendes sagen: daß der Stich den Ermordeten etwa augenblicklich tötete, das – so sagt der ärztliche Bericht – ist nur Hypothese, nicht zu beweisen, nur zu vermuten. Beverstorff kann nach dem Einstich bewußtlos gelegen haben und kann gegen Morgen noch einmal zu sich gekommen sein. Er wäre also solange noch am Leben gewesen und hätte dann erst mit dem Tode gerungen, bis das Verscheiden eintrat.« Der Kommissar kratzte sich nachdenklich das Kinn und meinte: »Ich verstehe, was Sie dem Urteil des Arztes entgegenstellen – erst wenn ein Organismus jede Tätigkeit aufgibt, erst dann endet auch die Verdauungstätigkeit. Hm, nicht so unrichtig.« Schulze sagte fest: »So kann der Mann mit dem hellen Ulster der Täter sein, der schon gegen halb elf am Abend den Stich führte und den Mord beging.« »Hm – ja«, machte Weinreich gedehnt. »Dann müssen wir eben doch nach dem Manne fahnden. Wenn diese Sylvia Rickstetten nicht von selbst kommt, so lassen Sie das Mädchen vorführen. Wir müssen eine Beschreibung des Kerls mit dem hellen Ulster haben. Ich aber bleibe bei meiner Ueberzeugung: ein Weib vollführte die Tat. Der Ruf dieses Beverstorff war ganz danach angetan.« »Ja«, sagte Schulze verachtungsvoll. »Allem Gehörten nach war er ein Lump, der kein Weib in Ruhe lassen konnte.« »Kein Weib«, betonte der Kommissar in felsenfester Ueberzeugung. »Kein Weib – und also auch seine hübsche Aufwärterin, die Schlomke, nicht. Da läge denn der Grund zu der Tat aus Eifersucht.« 3. Der schöne deutsche Name Harthilt paßte zu der hochgewachsenen rotblonden Frau. Sie verschmähte es, die Mode mitzumachen, und trug die wahrhaft mächtige Last ihrer kupferfarbenen Haarkrone in zwei um das Haupt geschlungenen schweren Flechten. Sonst aber ging Frau Harthilt mit der Zeitrichtung. Sie verschmähte Puder und Lippenstift nicht und mußte dafür oft genug die spöttische Verwunderung ihrer Freundin Julie Felsing über sich ergehen lassen. Ihr Körper war gestählt vom Sporttreiben. Frau Harthilt drückte eine Zigarette aus in der kristallenen Aschenschale. Erst dann blies sie den zuletzt eingesogenen Rauch über die Lippen. Nun verschränkte sie die Arme unter der Brust und schritt ein paarmal auf und ab in dem schmalen Raum zwischen dem Schreibtisch und einem breit ausladend gebauten Bücherschrank. Jäh blieb sie endlich stehen vor dem jugendlichen Mann, der mit gesenkter Stirn, tief in den Klubsessel vergraben, dasaß wie in sich selbst versunken. »Eine schreckliche Nachricht, Viktor«, sagte sie. »Und doch eine Erlösung. Eine Erlösung aus Jahren der Qual. Als ich mich von Beverstorff trennte, da versprach er mir, so rasch wie durchführbar die Scheidung ins Werk zu setzen. Nicht das Geringste unternahm er, um sein Versprechen wahr zu machen.« »Versprechungen halten, das war wohl überhaupt nicht seine Art«, warf der junge Mensch dazwischen. »Kam ich zu ihm, so überhäufte er mich mit Hohn: es mache ihm Freude, mich mit der Kette klirren zu lassen – er fühle sich als lediger Ehemann pudelwohl, und er lege mir nichts in den Weg, wenn ich nach seinen Grundsätzen leben wolle. Nämlich: nichts zu entbehren von dem, was dem gärenden Blute Ruhe verschafft, ohne mehr als die Verpflichtung, nur solange es dem Menschen Spaß macht, die Treue zu wahren.« »Schurke!« murmelte Viktor zähneknirschend. Dann, ohne zu der Erzählenden aufzublicken, forschte er: »Sie haßten Ihren Mann?« »Haß? Nein, mehr als das. Schlimmer als das. Als ich vorgestern eine letzte Unterredung mit ihm hatte, als ich nach tausend vergeblichen Bitten und Beschwörungen, tausend verlachten Vorstellungen von ihm schied, da trug ich mit mir hinaus das Gefühl – wie soll ich's beschreiben? – ja, das Fühlen einer aufs äußerste gereizten Frau, die nur aus feiger Angst vor den Folgen ihrer Tat es nicht fertigbringt, mit Nägeln, Zähnen oder mit irgendeiner Waffe den Peiniger zu zerfleischen, auf daß er nicht länger peinigen kann.« »Mit anderen Worten, Frau Harthilt: Sie wären des Mordes an dem Manne fähig gewesen, an dem nun ohnehin ein Mord verübt wurde!« »So ähnlich«, gab sie zu. »Die Hand, die meinen Peiniger tötete – würde sie mir in dieser Sekunde jetzt entgegengestreckt, ich würde sie dankbar küssen.« Nun erst erhob Viktor sein dunkelfarbiges Antlitz, die von schwarzen Brauen überwölbten eigenartig hellgrauen Augen zu der Sprecherin. »Ich glaube Ihnen nicht, Frau Harthilt«, sagte er langsam. »Sie dürfen mir glauben, Viktor«, versicherte sie. »Ich habe mich nicht nach dem Leben, was ihr so Leben nennt, gesehnt. Dazu fühle ich zu wenig, zu kühl, zu besonnen, zu wunschlos. Aber all meine Sehnsucht nach dem Freisein, nach dem Befreitwerden von dem meine Freiheit knechtenden Manne – diese Sehnsucht war bis an die Grenze der Verzweiflung getrieben. Der verzweifelte Mensch ist zu allem fähig: zur Selbstvernichtung wie zur Vernichtung eines anderen. Selbstvernichtung – hierzu bin ich zu klug oder zu – feige. Nein, nicht zu feige. Doch wir wollen davon nicht sprechen.« Sie errötete tief, eine Welle von Purpur jagte plötzlich über die schönen Züge. Frau Harthilt schritt rasch an das Fenster, als wolle sie dem jugendlichen Freunde ihr Gesicht verbergen, damit er nicht sähe, wie eine schreckliche Erinnerung in ihr aufstieg. Viktor knüpfte an: »Sie sprechen von dem, den Haß zur Verzweiflung treibt. Sie würden anders sprechen von einem, den Liebe zur Verzweiflung trieb.« Die rotblonde Frau kehrte in die Mitte des Zimmers zurück und ließ sich wieder in dem Klubsessel gegenüber dem Besucher nieder. »Die Liebe eines Menschen erkauft man freilich nicht durch eine Tat der Verzweiflung«, bekräftigte sie. »Auch nicht, wenn durch eine solche Tat versucht würde, über den Weg der Dankbarkeit hinzugelangen zur Liebe?« »Dankbarkeit, Mitleid und Liebe sind gewiß einander verwandt«, überlegte die Frau. »Doch wenn Dankbarkeit erzeugt werden soll durch etwas, was uns moralisch trennt von dem Menschen, so ist kein noch so sehr zur Dankbarkeit verpflichtetes Weib fähig, Liebe zu geben, wo Entsetzen oder Furcht oder Schaudern die Wirkung der Verzweiflungstat eines Mannes sein müßte.« Viktor erinnerte: »Und doch sagten Sie soeben, Sie vermöchten die Hand, die Ihren Peiniger tötete, dankbar zu küssen.« »Ja, jetzt und in der Aufwallung dieser Minuten«, stellte Frau Harthilt richtig. »Danach allerdings würde mich doch das Grauen vor dem Mörder packen, und ich müßte mich von ihm wenden.« Viktor erhob sich. Er kehrte sich der Wand zu und betrachtete eingehend das Bildnis eines Pferdes. Dies Bild hing hier, weil es den Lieblingsgaul aus den guten Tagen der Frau Harthilt darstellte. Eine Erinnerung an die Zeit vor der Ehe mit Arthur Beverstorff. In dieser Stellung sagte Viktor: »Ich hätte mich also sehr unglücklich gemacht, wenn ich es gewesen wäre, der Ihren Gatten getötet hätte – aus Liebe für Sie und um Ihre Gegenliebe zu erringen.« Plötzlich drehte er sich um. Ehe die kühle Frau es verhindern konnte, warf er sich auf die Knie und barg sein Gesicht in ihrem Schoße. Es war, als schüttelten Krämpfe den Körper des jungen Menschen. Sie legte zart die ineinandergefalteten Hände auf das Haupt des Freundes und flüsterte: »Ich hielt Ihre Liebe für die Schwärmerei, die man einer unfreien und begehrenswerten, weil unerreichbaren Frau entgegenbringt.« »Nein, ich liebe Sie!« klang es zurück. Nachsinnend meinte Frau Harthilt: »Ich habe noch nie Liebe gefühlt, soweit ich meine Jahre zwischen achtzehn und dreißig überblicke. Meine Ehe war eine geschäftliche Transaktion meines Vaters. Beverstorff hat mich nicht geliebt, so wenig, wie ich ihn liebte. Ihm ging es nur um den Besitz, den er vergeblich zu erzwingen suchte. Ich kann keinen Mann lieben. Nach dieser Ehe und nach der Erlösung so schrecklicher Art erst recht nicht.« »Aber ich liebe Sie«, beharrte Viktor. Langsam und deutlich fügte er hinzu: »Wenn ich die Erlösung bewirkt hätte, würden Sie das als den höchsten Beweis meiner Liebe gelten lassen? Oder würden Sie sich von mir wenden müssen voll Entsetzen, Furcht oder Grauen, wie Sie vorhin sagten?« Frau Harthilt drängte den jungen Menschen von sich. Sie stand auf und zog sich in einen Winkel zurück, der durch den Schreibtisch verschanzt war. Hier konnte Viktor ihr nicht nochmals gegen ihren Willen nahekommen. Aus der Entfernung stellte sie fest: »Ich höre aus Ihren Worten zunächst nur eines: Sie gefallen sich in der Rolle des Befreiers. Das heißt, Sie spielen sich geistig in diese Rolle hinein, mimen Sie vor sich selbst. Wer einen Mord beging, der geht nicht zu der Frau, um derentwillen die Tat geschah, und brüstet sich mit seinem Verbrechen.« »Auch dann nicht, wenn solch ein Geständnis nichts anderes bezweckte, als die Größe der gehegten Liebe zu erhärten?« bestürmte Viktor die Freundin. »Lassen Sie uns das Gespräch beenden«, bat Frau Harthilt, als sie sich in die Enge getrieben sah. »Sie können mich nicht überzeugen, daß Sie sich zum Blutrichter meines Mannes machten. Im übrigen eine seltsame Unterhaltung und eine eigentümliche Art, mir eine Liebeserklärung zu machen. Aber Sie sind ja nun einmal ein ebenso eigentümlicher wie seltsamer Mensch.« »Mein Vater drückt das derber aus«, sagte Viktor bitter. »Er nennt mich einen Phantasten, manchmal auch einen Narrenhäusler, der zu nichts nütze sei auf der Welt.« Dann aber wiederholte er kummervoll die letzten Worte der angebeteten Frau: »Ich könnte Sie nicht überzeugen, sagen Sie. Weshalb nicht, Frau Harthilt?« Mit einer herrischen Geste schnitt sie ihm weitere Worte ab: »Gehen Sie jetzt, lieber Junge – bitte, gehen Sie! Ich bin unfähig, auch nur noch eine einzige Silbe mit Ihnen zu sprechen.« »Nicht, bevor Sie mir geantwortet haben«, rief er mit flammenden Augen. »Sie sind nun frei, Harthilt, und Sie müssen meine Liebe erwidern. Warum kann ich Sie nicht überzeugen, ich hätte mir Ihre Liebe erkauft, indem ich die blutige Lösung Ihrer Ehe herbeiführte?« Sie reckte ihre straffe Gestalt, zeigte die blitzenden Zähne und sagte hart: »Weil einzig ich den Jemand kenne, der dieser Tat fähig gewesen wäre.« * Der Mord an Arthur Beverstorff hatte ungeheures Aufsehen erregt. Namentlich in den Finanzkreisen der Stadt besprach man die Bedeutung des Todes dieses Mannes. Beverstorff war trotz geringer Herkunft ein kluger und überaus rühriger Geschäftsmann gewesen, der mit geradezu unheimlichem Glück immer wieder Teile seines Kapitalbesitzes in neu gegründete, oft wagehalsige und manchmal auch in durchaus nicht einwandfreie Unternehmungen steckte. In den tieferen Schichten der Bevölkerung wußten die meisten nichts weiter, als daß der Name Beverstorff und der Begriff Erfolg so ziemlich das gleiche bedeuteten. Daher umdrängte eine neugierige Menschenmenge das Krematorium, als nach der behördlichen Freigabe des Leichnams der Ermordete eingeäschert wurde. »Es ist zweifelsohne Beverstorffs größter und glanzvollster Tag«, sagte Kommerzienrat Felsing zu seiner Frau. Der alte Herr fand sich mit nur geringer Geduld darein, daß sein Auto auch nicht schneller vorwärtskam als alle die anderen Kraftwagen der endlosen Karawane. Behindert durch die Scharen der Fußgänger, kroch die Wagenschlange nur langsam dahin. »Ja, Beverstorffs glanzvollster Tag«, fuhr der Kommerzienrat spottend fort. »Nur schade, daß er ihn nicht mehr erlebte. Du bist so schweigsam, Julie«, zankte Felsing endlich. Er suchte nach einer Gelegenheit, seine Ungeduld an jemandem auslassen zu können. »Greift dir der grausame Tod Beverstorffs ans gute Herz? Oder bist du wie zumeist grundlos verstimmt? Regt dich die bevorstehende Feier auf? Die Feier mit all den schönen Reden über die Vortrefflichkeit der Eigenschaften des Dahingeschiedenen?« »Ich habe mich über Viktor geärgert«, kam es unter dem tief verhüllenden Trauerschleier der Gattin hervor. »Wann ärgert man sich nicht über den Jungen!« sagte Felsing grimmig. Frau Julie fuhr fort: «Wir haben die Pflicht, der armen Harthilt tiefste Teilnahme zu bezeigen.« »Ach so«, spöttelte der alte Herr. »Deshalb mummst du dich in Flor, schwarzen Krepp und Trauerfahnen, als wärest du die Hauptleidtragende.« Ohne sich durch die Spitzfindigkeit des Gatten beirren zu lassen, vollendete sie: »Und Viktor entzieht sich der Pflicht, der Trauerfeier beizuwohnen. Ja, nicht nur das! Er erging sich in Verdächtigungen des Toten, in Ausdrücken ... ich war einfach starr. Was wird nun Harthilt denken, wenn sie unseren Sohn vermißt bei der Feier zur letzten Ehrung des so grauenvoll dahingeschiedenen Mannes!« »Wundervoll hast du das gesagt, Julie«, setzte Felsing seinen Spott fort. »Du bist doch wirklich ein unbegreiflich weltfremdes Menschenkind. Ich fürchte immer, Viktor hat seine phantastische Veranlagung von dir geerbt; denn ich bin doch – – na, lassen wir das! Aber bildest du dir tatsächlich ein, Harthilt weine dem Toten auch nur eine Träne nach? Geschweige denn, daß sie bei der Einäscherung zugegen sein wird. Gewiß beklagenswert, auf so schauerliche Weise ums Leben zu kommen. Aber die Witwe – die, meine liebe törichte Julie, ist mit Sicherheit die am wenigsten traurige Persönlichkeit von allen, die dem Beverstorff zu seinen Lebzeiten nahestanden. Du weißt doch, was für eine Ehe das war.« »Der Tod söhnt aus«, beharrte Frau Julie. »Nicht mit einem Charakter wie dem dieses Beverstorff«, versetzte der Kommerzienrat knurrig. »Wenn Viktor sich weigerte, mitzufahren, wenn er abfällig über den Toten sprach, so liegt das wahrscheinlich an folgendem: er war gestern abend Zuhörer einer Unterredung zwischen mir und dem Chefingenieur meines Unternehmens. Ich sprach mich mit meinem getreuen Möhring aus über seltsame Tatsachen. Willst du sie hören, Julie?« »Ja, natürlich – bitte, erzähle nur!« Der alte Herr berichtete nun: »Möhring trug sich mit dem Projekt einer neuartigen beweglichen Lichtreklame. Er nannte diese Reklame sehr hübsch ›Flammenschrift‹. Die Flammenschrift erfüllt ihren Zweck selbstverständlich nur dann, wenn sie gezeigt werden kann an besonders exponierten Plätzen der Stadt, etwa auf den Giebeln von Eckhäusern namentlich in belebter Gegend. Es kamen für diesen Zweck nur fünf Stellen in Betracht. Als Möhring nun in meinem Auftrag sich mit den Hausbesitzern in Verbindung setzte, was erfuhren wir da? Beverstorff hatte sich alle Rechte auf die Hausgiebel schon gesichert. Wollten wir unser Projekt rasch verwirklichen, so blieb nichts übrig, als den schlauen Fuchs Beverstorff mit in die Kumpanei zu nehmen. Hätten wir das nicht getan, dann blieben uns die fünf günstigen Dachgiebel im wahren Sinne des Wortes unerreichbar. Wir hätten zusehen müssen, wie ein anderes Unternehmen mit dem finanziell stärker als ich gestellten Beverstorff an der Spitze uns den Rahm der von uns gekochten Milch vor der Nase abschöpfte. Mir und meinem getreuen Möhring ist also der Name Beverstorff gewissermaßen mit Flammenschrift ins Gedächtnis gebrannt. Möhring hat diesen Menschen wie einen Todfeind gehaßt.« »Und ihn umgebracht«, warf Julie kühn ein. Der Kommerzienrat fuhr förmlich in die Höhe: »Um des Himmels willen, Julie! Das sprich nicht woanders aus! Mach dir die möglichen Folgen klar!« »Es war nur ein aufblitzender Gedanke – verzeih!« Der alte Herr erzählte weiter: »Nun kommt aber etwas, was wie ein hämisch vergeltendes Schicksal anmutet. Vorgestern abend wurde unsere bewegliche Lichtreklame zum erstenmal gezeigt. Als unser wichtigster Abonnent – weil durch lange Wortfolgen einträglich – hatte sich der ›Kurier‹ gemeldet. Der Verlag bestand darauf, zuerst gezeigt zu werden. So lief denn über den nächtlichen Himmel erstmals als Flammenschrift eine Ankündigung dieser Zeitung. Und wie lauteten die lodernden Worte? In feurigen Buchstaben zog es dahin. ›Der »Kurier« als das am besten unterrichtete Blatt bringt in der heutigen Abendausgabe einen ausführlichen Bericht über die Ermordung unseres Mitbürgers Arthur Beverstorff.‹ – Die erste Flammenschrift verkündete weithin leuchtend der Stadt den Tod dessen, der meinen Möhring und mich um den Erfolg zu betrügen gesucht hatte.« »Schauerlich«, bemerkte Frau Julie. »Allerdings. Um so schauerlicher, wenn man sich die Tatsache vorhält, daß niemand so raffgierig war wie Beverstorff, die feuerflackernden Lichtbuchstaben der Flammenschrift sich finanziell rentieren zu sehen.« In diesem Augenblick entstand ein Menschengedränge neben der ins Stocken geratenen Autokarawane. Felsing blickte durch die Scheibe. Er sah, wie zwei kräftige Männer des Weges kamen, zwischen denen eine bleich aussehende junge Frau aufrecht und selbstbewußt einherschritt. Ein Gewirr schwatzender Neugieriger folgte der Gruppe. »Da haben sie wohl eine Taschendiebin gefaßt, die in der gafftollen Menschheit ihr Schäfchen scheren wollte«, meinte der alte Herr und ließ die Scheibe herunter. Auf seine Frage, was da los sei, blieb ein Mann vor dem Wagenfenster stehen und erzählte: »Die Polizei sucht doch eifrig nach dem Mörder Beverstorffs. Die junge Person soll sich in der Kapelle des Krematoriums auffällig benommen haben.« Der Strom der Neugierigen schwemmte den Mann weiter. Zugleich kam Bewegung in die Schlange der Kraftwagen. * Eine Viertelstunde später wurde die verhaftete Frau dem Kommissar Weinreich vorgeführt. »Standen Sie dem Toten persönlich nahe?« begann er das Verhör. »Das bestreite ich«, antwortete das junge Weib ruhig. »Und da benehmen Sie sich wie eine Rasende, weil man Ihnen, einer völlig Fremden, einen letzten Blick auf den Aufgebahrten verweigert?« »Wie eine Rasende?« tadelte die Frau. »Das ist maßlos übertrieben. Ich habe mich nur etwas vordrängen wollen, und da wurde ich schon festgenommen.« »Sie benahmen sich verdächtig.« »Ich wüßte nicht wodurch.« »Geben Sie Ihre Personalien an! Wer sind Sie?« »Ich bin die Frau Ihres Unterbeamten Friedrich Schulze. Der Kommissar guckte verblüfft, dann rief er: »Wenn Sie hier dumme Witze machen wollen, dann können Sie was erleben. Wohl ein Versuch, hier die Verrückte zu spielen? Schön, zunächst nennen Sie sich Frau Schulze! Nun, Frau – eh – Schulze, was hatten Sie in der Kapelle des Krematoriums zu suchen, die doch reserviert war für die der Person des Toten Nächststehenden?« »Nichts weiter, als daß ich mir den Aufgebahrten mal ansehen wollte, weil mein Mann mit dem Fall zu tun hat. Ich habe eine Neigung für die kriminalistische Tätigkeit. Weinreich wetterte von neuem los: »Ich warne Sie, treiben Sie die Frechheit nicht zu weit!« Ganz verwundert fragte die junge Frau: »Aber was gibt Ihnen eigentlich das Recht, meine Angaben zu bezweifeln? Sie brauchen ja nur meinen Mann herzurufen.« »Da haben wir's ja!« triumphierte der Kommissar. »Wären Sie Frau Schulze, so wüßten Sie, daß der Mann nicht im Hause ist, sondern bei der Leichenfeier Dienst tut.« »Natürlich weiß ich das. – Doch ich will das Letzte sagen bis zur Ankunft meines Mannes: mich trieb die Absicht, meinen Gatten im Dienst zu unterstützen. Sie vermuten, eine Frau sei die Mörderin Beverstorffs. Ich bin anderer Ueberzeugung. Der Mörder war ein Mann!« Kommissar Weinreich warf einen verzweifelten Blick auf das entschlossene Gesicht der hübschen Blondine. Dann gab er mißmutig den Auftrag, die junge Frau einzusperren, bis der Kriminalbeamte Friedrich Schulze sich im Amtsgebäude eingefunden habe. * Kommerzienrat Felsing sprach in die Muschel des Fernhörers hinein: »Meine Beste, wer Sie auch sein mögen, so meine ich doch, es wäre richtiger, Sie fänden sich in meinem Kontor ein.« Eine Frauenstimme scholl zurück: »Ich habe Gründe, meine Persönlichkeit vorläufig geheimzuhalten.« »Mir unverständlich«, murrte der alte Herr. »Sie versichern, keinen geldlichen Erfolg durch Ihre Mitteilung erzielen zu wollen. Abgesehen davon, daß ich nach dem Tode Beverstorffs kaum noch ein Interesse habe, zu erfahren, wer ihm seinerzeit mein Projekt der Flammenschrift verriet –« Die Frauenstimme unterbrach in dringlichem Tone. »Sie müssen Interesse dafür haben, Herr Kommerzienrat! Der Verräter bewies durch seine Kenntnis von dem Projekt, daß er sich in Ihrer Umgebung befand.« »Verräterei war im Spiele«, gab Felsing zu. »Sie, meine Dame, tun doch aber, als mutmaßten Sie nicht nur, sondern als kennten Sie den Verräter bereits.« »Sie irren – ich kenne ihn nicht«, widerlegte die Sprechende stark betonend. »Ich habe mir aber die Aufgabe gestellt, ihn ausfindig zu machen. Der Verräter kann nämlich der Mensch sein, der Beverstorff ums Leben brachte. Der Mord kann geschehen sein, um den Mund, der den Verräter früher oder später hätte nennen können, zum Verstummen zu bringen.« Kommerzienrat Felsing rief erstaunt: »Auf diese Weise ließe sich das Geheimnisvolle des Mordes erklären. Das leuchtet mir ein. Sagen Sie mir doch wenigstens, ob Sie der Kriminalpolizei angehören!« Ein silbernes Frauenlachen klang flüchtig auf, bevor die ferne Stimme weitersprach: »Aber, Herr Kommerzienrat, hier ist doch eine Dame am Telefon.« »Das schlösse einen weiblichen Kriminalbeamten nicht aus«, meinte Felsing. »Doch bleiben wir bei dem Hauptgrund Ihres Anrufes! Ob ich einen Verdacht auf jemanden habe, die Frage kann ich Ihnen nicht im Handumdrehen beantworten. Mir ist der Gedanke, Verdacht gegen eine Persönlichkeit aus meiner engeren Umgebung zu hegen, überhaupt noch nicht gekommen. Wer käme sonstwie in Betracht? Ein Arbeiter aus meiner Fabrik – ein Zeichner der technischen Abteilung – ein Tippfräulein des Büros – mein Himmel, es lassen sich da mehr als zehn Menschen als möglicherweise verdächtig aufzählen. Ich werde mich auch mit Möhring, meinem Chefingenieur, ins Einvernehmen setzen, ob er infolge Ihrer Anregung einen Verdacht zu gewinnen vermag. Kurz, Sie sehen ein, auf Ihren ersten Anruf hin kann ich mich nicht äußern.« Es blieb eine Weile still am anderen Ende des Drahtes. Kommerzienrat Felsing konnte deutlich das Atmen, dann ein mehrmaliges Räuspern, schließlich auch einen Seufzer der Anruferin vernehmen. »Hallo, sind Sie noch da?« erkundigte er sich. »Selbstverständlich«, tönte es zurück. »Ich muß Ihnen rechtgeben. Sie können mir nicht heute schon antworten. Ich will aber noch sagen: vermuten Sie des Verrates Verdächtige nicht bloß in Ihrer Fabrik! Sie dürfen den Begriff, ›engere‹ Umgebung nicht begrenzen. Sie müssen auch Ihre Familie mit einbeziehen.« »Ach, Sie sind ja verrückt!« schnauzte der alte Herr ärgerlich. »Wer sollte denn da –« »Ihr Sohn!« Wütend wollte der Kommerzienrat den Hörer auf die Gabel des Apparates werfen, aber er besann sich und bat mit zuckenden Lippen: »Seien Sie doch aufrichtig, Frau oder Fräulein oder wer Sie sein mögen! Haben Sie einen bestimmten Verdacht, so sprechen Sie ihn jetzt mal ganz einfach aus! Das wäre wenigstens ein Anhaltspunkt.« »Nannte ich eben jetzt nicht Ihren Sohn?« hörte er. »Mein Verdacht ist zwar nicht bestimmt. Aber ich mache Ihnen den Vorschlag, Nachforschungen anzustellen, ob Ihr Sohn mehr Geld verbraucht, als ihm zur Verfügung steht. In genau vier Tagen um genau dieselbe Zeit werde ich mich wieder melden.« Felsing erkannte an der eigentümlichen Stille und an dem leisen Surren der nun einsetzenden Erdgeräusche im Hörer, daß die fremde Frau eingehängt hatte. Er brachte sich sofort in Verbindung mit dem Telefonamt und bat um Feststellung, von wo aus er angerufen worden sei. Nach ungeduldigem Warten erhielt er die Auskunft: »Der Anruf erfolgte vom Telefonautomaten des Hauptbahnhofes aus.« Lange Minuten saß der alte Mann reglos vor seinem Schreibtisch. Die Röte in seinem Gesicht war gewichen. Fahles Grau umschattete nun die starr gewordene Miene ratloser Sorgen. Mit müden Bewegungen schaltete er das Tischtelefon um und rief die kaufmännische Abteilung der Fabrik an. Auf die Frage, ob sein Sohn anwesend sei, erhielt er bejahende Antwort. Er bat, man möge den jungen Herrn zu ihm ins Privatkontor schicken. Fünf Minuten später stand Viktor Felsing vor seinem Vater. Er sah mürrisch drein oder ängstlich – der alte Herr war sich über das Verhalten Viktors nicht im klaren, bemerkte jedoch, daß die seltsam hellgrauen Augen seinem Blick auswichen. Zum erstenmal prüfte der Kommerzienrat das Aeußere seines Sohnes mit völliger Ueberlegung: Für einen Achtzehnjährigen war der junge Mensch schmächtig. Der Mutter glich er nicht, aber auch das grobgeschnittene Gesicht hatte er nicht. Der Kopf eines Schwärmers – weiche, frauenhaft zarte Linien – ein weichlicher Mund – eine nicht sehr breite Stirn – im ganzen ein hübsches, anziehendes, in seiner bräunlichen Tönung sogar interessantes Antlitz. »Ich muß dich um ein paar Auskünfte bitten«, nahm der Kommerzienrat das Gespräch auf. »Unterlaß deine üblichen Weitschweifigkeiten, Viktor! Versuche es nicht mit Ausflüchten! Ich wünsche eine kurze Auseinandersetzung. Also antworte einfach und klar, wenn möglich, mit bündigen Worten und ohne deine beliebte Rhetorik!« Viktor erwiderte: »Es wird darauf ankommen, Vater, ob deine Fragen sich in dieser dir erwünschten Form beantworten lassen.« »Man wird bei deinem Alter annehmen müssen, daß ein weibliches Wesen dir nichts Unwichtiges ist«, begann der alte Felsing. »Ich liebe eine Frau. Sie scheint vorläufig für mich unerreichbar zu sein. Das wird jedoch nichts an meiner Liebe ändern. Schöne Freundschaft verbindet uns, obwohl ich ihr unlängst sagte, daß ich sie liebe.« »Unerreichbar?« wiederholte der Vater mißtrauisch. »Etwa weil sie niederen Standes ist?« »Sie ist sogar von ausgezeichneter Herkunft.« »Wäre sie dennoch fähig, dich einer unehrenhaften Handlung zu verdächtigen und sich mit dieser Verdächtigung telefonisch bei mir zu melden?« Mit aller Kraft bewahrte Viktor seine ruhige Haltung. Es gelang ihm, sein Erschrecken zu verbergen. Und er erschrak aufs heftigste, da er sich sagen mußte, hier könne nicht von Frau Harthilt die Rede sein. Er gab sich den Anschein des Gleichmutes, als er antwortete: »Mit einer Verdächtigung gegen mich auftreten, Vater? Das ist vollkommen ausgeschlossen.« »Kann überhaupt jemand dir eine unehrenhafte Handlung nachsagen, Viktor?« Viele Sekunden war banges Schweigen, bevor der Sohn äußerte: »Es besteht dafür nicht mehr die geringste Möglichkeit.« »Nicht mehr ...?« betonte der alte Herr aufhorchend in strengem Vorwurf. »Nicht mehr ... was bedeutet das Beiwort?« Viktor faßte sich rasch und entschuldigte sich mit einem schwachen Lächeln: »Verzeih, Vater, es hat nicht die geringste Bedeutung. Eine kleine sprachliche Entgleisung, weil dein sonderbares Verhör mich verwirrt macht.« Von neuem hub der Vater an: »Kanntest du den ermordeten Beverstorff, und standest du mit ihm in Verbindung?« »Was für eine Frage!« tadelte der junge Mensch mit einem nervösen Auflachen. »Ich kannte ihn, wie auch du ihn kanntest, und infolgedessen ließen sich Berührungen nicht vermeiden. Ob du das eine Verbindung nennen willst, muß ich dir überlassen.« »Besprachst du bei solchen Berührungen geschäftliche Dinge mit Beverstorff, etwa Geheimnisse unseres Betriebes?« »Das letzte dürfte wohl als eine unehrenhafte Handlung aufzufassen sein«, erinnerte Viktor. Der Kommerzienrat überlegte: War das eine ausweichende Antwort oder eine Verneinung? Sicherlich die Verneinung. Er hatte den Sohn zu bündiger Redeweise aufgefordert. Dem suchte Viktor gerecht zu werden. Der Sohn ein Verräter? Das mußte ja auch ausgeschlossen bleiben. Er war ein Schwärmer, ein Phantast, unpraktisch und verträumt ... aber er war sicherlich ein ehrenhafter Mensch. Was diese Person am Telefon da vorhin für einen Unsinn geplappert hatte! Eine unsichtbare Anruferin – so gut wie ein anonymer Brief – derlei schiebt man beiseite. »Nur noch eine letzte Frage«, sagte der alte Felsing freundlicher. »Es kann bei deiner Jugend vorkommen, daß du über die Stränge schlägst. Spielst du?« »Ich habe nie eine Karte angerührt.« »Hängst du Geld an Frauenzimmer?« »Dazu bin ich doch wohl zu ernst, Vater.« »Richtig, so kenne ich dich auch«, beruhigte sich der Kommerzienrat. »Fast zu ernst für deine Jahre, in denen ein junger Mensch stets heiter sein sollte. Dennoch hast du Schulden gemacht, derentwegen man dich bedrängen könnte?« »Ich tat es – für die vorhin erwähnte Frau, Vater. Aber fast – nein, wirklich gegen meinen besseren Willen. Und ich fühle mich auch bedrängt.« »Um wieviel handelt sich's?« »Um zweitausend Mark. Aber ich bitte dich, Vater, einstweilen verschweigen zu dürfen, wodurch mir die Schulden erwuchsen.« Schärfer ermahnte Felsing: »Es ist wohl richtiger, wenn du dein Geständnis ohne Bedingungen ablegst.« Viktor unterbrach erregt: »Nein, Vater, nein. Ich bitte dich um ein paar Tage Zeit. Dann will ich mein Geständnis vervollkommnen.« »Wäre dir geholfen, wenn ich für dich bezahlte?« »Das natürlich. Aber dann müßte ich jetzt gleich beichten, um was sich's handelt. Das ist unmöglich.« »Also doch Schändliches?« brauste der alte Herr auf. »Ich verlor Geld«, murmelte Viktor. »Ich hätte dies Geld nur zurückzugeben brauchen, und alles wäre in Ordnung gewesen.« Kommerzienrat Felsing warf einen durchdringenden Blick auf das von innerlichem Verstörtsein zeugende Gesicht des Sohnes. Der Anblick tat ihm in der Seele weh. Er zwang sich, ihm einstweilen Glauben zu schenken, daß hier nichts Ehrenrühriges vorlag. Schweigend schrieb er einen Scheck aus und reichte ihn Viktor hin. Der junge Mensch nahm das kleine Papierblatt entgegen. Plötzlich neigte er sich jäh über die Hand des Vaters und küßte sie inbrünstig. 4. »Sie verschlimmern Ihre Lage nur, wenn Sie so hartnäckig schweigen, Frau Schlomke«, sagte der Untersuchungsrichter Dr. Aurelius. »Dann kann ich es nicht ändern«, warf die ehemalige Aufwärterin Beverstorffs hin. »Ich muß Sie immer und immer wieder zur Vernehmung bestellen«, warnte der Beamte in ruhigem Tone. »Das wird eine Quälerei sowohl für Sie als auch für mich.« »Ich habe alles gesagt, was ich sagen konnte«, behauptete die Frau halsstarrig. »Na schön, meine Liebe«, versetzte Dr. Aurelius gemütlich. »Da fangen wir heute nochmals von vorn an.« – Er spielte mit dem linken Zeigefinger an dem Stückchen rotborstiger Bürste unter seiner Nase – das putzige Haarpinselchen des Schnurrbartes nach neuester Mode. Ueber die gepflegte Hand hinweg beobachtete er heimlich, doch mit gewollt liebenswürdigem Gesichtsausdruck die Frau. Er fand, Frau Schlomke sei ein recht appetitliches Geschöpf. Sie hatte angenehme Züge, gesunde Gesichtsfarbe, einen roten Mund mit schönen Zähnen, einen molligen Körper. Einem Manne mit etwas Vorliebe für das weibliche Geschlecht mochte sie schon ein recht begehrenswertes Objekt sein. Und dieser Beverstorff ... na, man hatte genügend über den alten Knaben vernommen. »Ihr Gatte blieb im großen Kriege«, begann Aurelius, als knüpfe er eine rein persönliche Unterhaltung an. »Wenn Sie hierin auch das traurige Los tausender und abertausender Frauen teilen, so ist doch Ihr Los besonders herb. Heute kriegsgetraut – morgen der Mann ins Feld – drei Tage später schon Nachricht, er sei vor dem Feinde gefallen. Was begannen Sie damals?« »Ich habe bereits erzählt, daß ich Krankenschwester wurde und Verwundete pflegte«, berief sich Frau Schlomke auf die frühere Vernehmung. »Stimmt, ja – entschuldigen Sie«, erinnerte sich der Untersuchungsrichter. »Sie sind demnach an den Anblick von Wunden, von Blut und – auch von Tod gewöhnt. Sagen Sie, Frau Schlomke, da haben Sie doch auch gewissermaßen ärztliche Kenntnis gesammelt. Wenn Sie genau zeigen sollten, wo das Herz des Menschen sitzt – das könnten Sie ohne weiteres?« »Aber ja«, lautete die selbstbewußte Auskunft. »Ohne Suchen, ohne langes Ueberlegen, ohne Zielen?« »Sicherlich.« »Also auch dann, wenn Sie mit einer spitzen Waffe mitten ins Herz treffen wollen.« Diesmal lachte die Schlomke nur, und das Lachen war ein wortloses Verhöhnen. Da behauptete Dr. Aurelius sehr gewagt: »Und so haben Sie in Ihrer Wut einfach zugestoßen. Lebte Beverstorff darnach noch? Oder fiel er um und war tot? Wenn er noch gelebt hat, kann man Ihnen nicht viel wollen. Daß er ein Schuft war Weibern gegenüber, das wird man Ihnen zugute halten.« Zu seiner Befriedigung konnte er beobachten, wie ein Schauer den Körper der Frau überlief, und wie ein Grauen ihrem hübschen Gesicht einen vollkommen veränderten Ausdruck verlieh. »Na?« fügte der Richter freundlich hinzu. »Auf diese Weise hat er doch auch Ihnen das Leben und die Hoffnungen versalzen.« Zum erstenmal an diesem Tage richtete Frau Schlomke den Blick auf den Beamten. Abgründige Verachtung und doch heiße Angst schillerten in diesen nicht besonders eindrucksvollen Augen, aus deren fadblauer Iris die engen Pupillen hervorstachen. Etwas war in dem Gesicht der Frau, das erinnerte an das ratlose Starren eines in die Enge getriebenen Tieres, dem langsam der Wille zur Verteidigung wach wird. Plötzlich erhob sie sich von der Bank an der Wand des Zimmers. Dicht trat sie an den Schreibtisch des Untersuchungsrichters vor. Wie eine gereizte Katze fauchte sie: »Sie wollen durchaus aus mir herausholen, ich hätte den Beverstorff umgebracht. Das bringen Sie nicht zuwege, und wenn Sie mich mit glühenden Zangen zwicken lassen. Auch durch noch so spitzfindig gestellte Fragen können Sie mich nicht zu Antworten treiben, in denen ich mich als Täterin verraten würde. Nicht etwa, weil ich dazu zu klug wäre, sondern ganz einfach deshalb, weil ich nicht die Täterin bin.« Dr. Aurelius hob beschwichtigend die Hand: »Sehen Sie mal, Sie gaben dem Kommissar Weinreich damals zu, Sie seien in der Nacht der Tat oder wenigstens zu später Stunde in der Wohnung gewesen. Nun sagen Sie doch ehrlich, was Sie da zu suchen hatten!« »Ja, das will ich endlich sagen«, stieß die Schlomke hervor. »Ich hatte Gründe, mich zu überzeugen, ob Herr Beverstorff Damenbesuch empfing. Das heißt, Damenbesuch noch außer seiner Frau. Die kam ja hier und da, um ihren Mann zur Scheidung zu bewegen. Eifersucht war bei mir nicht im Spiel, obwohl Herr Beverstorff mir ganz regelrecht die Kur schnitt.« »Schon immer in den fünf Jahren Ihres Dienstes?« warf Dr. Aurelius ein. »Nein, erst seit neuem. Ich hatte aber in den Jahren meines Dienstes gelernt, wie wenig ernst man ihn in dieser Beziehung zu nehmen hatte. Er schäkerte gern ein bißchen. Weiter nichts.« »Wenn es also nicht Eifersucht war, was hatten Sie dann für einen Grund, sich die Gewißheit zu holen, ob ein weibliches Wesen in der Wohnung war?« »Wäre es die Person gewesen, die ich vermutete, so hätte ich dem Beverstorff sofort ein Licht angezündet, daß er beschwindelt wurde.« »Das wußten Sie schon länger?« wollte der Richter wissen. »Dann hätten Sie es als ehrliche Frau schon immer Ihrem Herrn sagen müssen.« »Ich habe es versucht«, sagte die Schlomke. »Er wies mich ab.« »Nennen Sie die Person! Sie könnte ja die Täterin sein. Die Puderquaste, die Haarspange, die Frauenhaare zwischen den Fingern des Toten ... also?« »Ich werde niemanden nennen, denn ich will niemanden in vielleicht unverdientes Unglück bringen.« »Aber dann bleibt einstweilen doch der Verdacht der Täterschaft auf Ihnen haften«, warnte Aurelius. Die Aufwärterin behauptete: »Ach, das ist immer wieder die nichtsbedeutende Drohung, mit der Sie mich einschüchtern wollen. Sie wissen ganz genau, daß ich's nicht getan habe. Wenn ich auch blond bin – ein einziger Blick auf meine Haarfarbe zum Vergleich mit den völlig hellblonden Haaren belehrt ja, daß die Haare in der Hand des Toten nicht auf meinem Kopf gewachsen sind.« »Die Person jedoch, die Sie nicht nennen wollen, hat hellblonde Haare?« »Ja«, gab Frau Schlomke zu. »Dann werde ich Sie zur Namensnennung zwingen.« »Versuchen Sie es doch!« höhnte sie. »Aber bedenken Sie vorher, daß man schließlich auch von Frau Beverstorff sagen kann, sie sei blond – rötlich blond.« »Na, gehen wir mal weiter«, schlug der Richter vor. »Weshalb Sie die Beverstorffsche Wohnung außer zu gewohnter Stunde betraten, das haben Sie ja nun wenigstens gesagt. Um welche Zeit waren Sie da?« »Es mag nach neun Uhr abends gewesen sein.« »Bekamen Sie Beverstorff – oder vielmehr: bekam er Sie zu Gesicht?« »Nein. Ich hatte wie immer mit meinen Schlüsseln geöffnet. Genau wie morgens tat ich das sehr leise. Ich blieb an der Flurtür stehen und horchte. Alles war still. Erst dachte ich, Herr Beverstorff sei überhaupt nicht daheim. Dann plötzlich hörte ich seine Stimme; sie kam aus dem Schlafzimmer. Er sprach ziemlich laut zu jemandem. Dieser Jemand antwortete auch. Es war ein Mann. Und im gleichen Augenblick dachte ich: Was bist du doch dumm, dich in Beverstorffs Angelegenheiten zu mischen – es ist gar keine Frauensperson da! So leise, wie ich gekommen war, entfernte ich mich eilig.« »Haben Sie vielleicht ein paar der gehörten Worte behalten?« forschte Dr. Aurelius. »Keine bestimmten. Von Geld war aber die Rede. Ich meine auch, die fremde Männerstimme habe so etwas Aehnliches gesagt wie: Schande, die mit Feuer an den Himmel geschrieben werden müßte.« Es wurde an die Tür gepocht. Ein junger Mann trat ein: »Ein Sachverständigenbericht, Herr Doktor.« Dr. Aurelius überflog den Inhalt eines Papierbogens, der mit Schreibmaschinenschrift bedeckt war. Da stand: »Das Resultat der mikroskopischen Untersuchung ergibt folgenden Sachbestand: Die hellblonde, etwas rötliche Farbe der Haare ist als natürlich anzusprechen, wenn auch wahrscheinlich die zum Haarwaschen benutzten Mittel einen harmlosen Bestandteil enthielten, der nach dem Eintrocknen der Flüssigkeit das natürliche Blond ein wenig kräftiger zum Vorschein brachte. Dieser Bestandteil war vermutlich eine geringfügige Beimischung von Wasserstoffsuperoxyd. Ob bewußt oder ohne Kenntnis der Wirkung angewandt, ist nicht zu entscheiden. Es fehlt an den Haaren das untere, kolbig geformte Ende, die Haarzwiebel, gemeinhin Haarwurzel genannt. Ebenso fehlt die Marksubstanz, die bei frischen Haaren die hornige Röhre ausfüllt und erst sehr spät vertrocknet. Es kann sich daher nicht um Haare handeln, die, um es so auszudrücken, kürzlich noch am Leben gewesen sind und die der Ermordete aus der Kopfhaut eines Gegners ausgerissen haben könnte. Es handelt sich offensichtlich um Haare, die vor langer Zeit beim Durchstreifen mit dem Kamm unfreiwillig entfernt wurden. Nach der Gewohnheit vieler Frauen werden solche ausgekämmten Haare aufbewahrt zwecks einer Verwertung durch Verkauf. Vorsichtige Schätzung läßt die Schlußfolgerung zu, daß die als alt zu bezeichnenden Haare entsprechend ihrem Zustande schon vor Monaten, nicht erst vor wenigen Tagen aus der Kopfhaut entfernt wurden, ohne daß von gewaltsamer Beseitigung die Rede sein könnte.« Dr. Aurelius staunte: »Das ist ja höchst merkwürdig.« Dann wandte er sich an Frau Schlomke: »Halten Sie es für möglich, daß im Schlafzimmer Beverstorffs eine rotblonde Frauensperson sich die Haare kämmte?« »Ich kann das nicht beurteilen«, sagte die Schlomke. »Vielleicht Frau Beverstorff?« »Im Schlafzimmer? Eine Frau, die seit langem getrennt von ihrem Manne lebt? Dagewesen ist sie oft genug, und gezankt haben sich dann die beiden. Ohne die Zwiste, die ich nicht mitangehört habe. Daß sich die Frau dabei im Schlafzimmer die Haare kämmte, das kann man wohl nicht annehmen.« »Sie haben beim Aufräumen gewiß doch hier und da in die Schubladen geguckt«, meinte der Richter. »Sahen Sie jemals ausgekämmte und absichtlich aufbewahrte Haare?« »Wenn Sie Frauenhaare meinen, bestimmt nicht.« »Glauben Sie, Beverstorff könne solche Haare als eine Erinnerung an jemanden aufbewahrt haben?« »So poesievoll war er nicht. Er ekelte sich sogar vor Haaren und machte mir mal Krach, weil er auf dem Schreibtisch ein einzelnes Haar gefunden hatte, das mir wahrscheinlich ausgefallen war.« »Ah, Sie verlieren also Haare, Frau Schlomke?« warf Aurelius scharf hin. »Das wird man sich merken müssen.« Er griff nochmals nach dem Bogen und las aufmerksam die wichtigsten Sätze des Gutachtens. Die Schlomke sah ihn grimmig an, die Lippen fest aufeinander gepreßt. Das sah ganz so aus, als ärgere sie sich im geheimen über die Bemerkung, die ihr soeben entschlüpft war. »Ich bin für heute mit Ihnen fertig«, verkündete der Richter, indem er das Sachverständigenurteil beiseite legte. »Sie müssen sich auch fernerhin bereit halten, hier zu erscheinen. Sie haben längst nicht alles Wichtige gesagt.« »Ich kann nichts Wichtigeres als das Gesagte angeben«, verwahrte sich die Frau erregt. Dr. Aurelius winkte ab: »Schon gut. Ich will Sie vorläufig nicht in Haft nehmen. Seien Sie also so gescheit, keinen Fluchtversuch zu machen! Sie kämen nicht weit. Wir wollen hoffen, es bewahrheitet sich, daß Sie in der Mordnacht eine fremde Männerstimme im Schlafzimmer Ihres Herrn von feuriger Himmelsschrift reden hörten. Wenn sich das als Erfindung herausstellt, dann – nun, Sie werden ja wissen, daß Lügen kurze Beine haben und wie sehr der Lügner vor Gericht seinen Richter erbittert.« »Ich habe nichts erfunden«, rief die Schlomke mit blitzenden Augen. »Und wenn Sie einen anderen Dienst antreten, so sorgen Sie dafür, daß Sie nicht gleich büschelweise ausgefallenes Haar zurücklassen«, meinte Aurelius nicht ohne einigen Spott. * Das über dem Beverstorffschen Mord lastende Dunkel hatte sich noch vertieft, da der Sachverständige bei seiner Behauptung blieb, die ihm zur mikroskopischen Untersuchung übergebenen Haare seien Bestandteile eines monatealten Auskämmsels. Man wandte sich vorsichtshalber an einen anderen Gelehrten. Aber auch er bestätigte, es handle sich um längst abgestorbene Haare. Er machte jedoch aufmerksam, die Haare könnten einem künstlichen Ersatzteil, einer Einlage, einem Anhängsel, einem falschen Zopf entstammen. Behördlicherseits machte man sich dies letzte Urteil zu eigen. Da man nun einmal an der Auffassung festhielt, in einer Frau den Täter suchen zu müssen, so forschte man den weiblichen Bekanntschaften Beverstorffs nach. Dabei stellte sich heraus, wie äußerst vorsichtig und versteckt der Mann hinsichtlich seines Umgangs mit Frauen gehandelt hatte. Von dem Gerede, Beverstorff sei ein Schürzenjäger gewesen, wußte jedermann zu sagen; niemand aber vermochte auch nur ein einziges weibliches Wesen als nähere Bekanntschaft des Ermordeten zu bezeichnen. Der enttäuschte Kommissar Weinreich sagte schließlich: »Offenbar war der Mann besser als sein Ruf.« Friedrich Schulze jedoch meinte: »Wenn es nun einmal nicht ausgerissene Haare sind, so muß dennoch in der Stunde der Tat ein weibliches Wesen zugegen gewesen sein. Wie hätten sonst die blonden Frauenhaare zwischen die Finger des Toten geraten können? Wir wollen die blonde Frau Beverstorff nicht vergessen, Herr Kommissar.« »Ich kann mir nicht denken, eine solche Dame sei dieser Tat fähig gewesen«, äußerte Weinreich. »Muß sie selbst denn die Tat verübt haben?« berichtigte Schulze. »Sie kann ja nur Zeugin der Tat gewesen sein, Anstifterin. War eine Frau zugegen, wie die Haare ja über allen Zweifel hinaus bezeugen, warum nicht Frau Beverstorff? Festgestellt wurde, wie sehr die Frau bestrebt blieb, die Ehe gerichtlich zu lösen, und wie der Gatte sich unerschütterlich weigerte. Eine zur Ratlosigkeit verdammte Frau und eine Tat der Verzweiflung – sei es auch nur die Anstiftung zur Tat und das Zugegensein bei der Ausführung nach dem letzten Versuch einer gütlichen Ueberredung ... ich finde, Herr Kommissar, die Möglichkeit solch eines Zusammenhanges wird von höherer kriminalistischer Seite viel zu wenig gewürdigt.« Schulze hatte überaus eindringlich gesprochen. Der Kommissar verschloß sich keineswegs der Richtigkeit der Erwägungen seines Unterbeamten, aber er ärgerte sich, daß ihm selbst nicht derlei Gedankengänge gekommen waren. So sagte er denn: »Besten Dank für diesen Rüffel, mein lieber Schulze. Ich glaube nicht daran, eine so kühle und besonnene Persönlichkeit wie Frau Beverstorff ließe sich trotz äußerster Erbitterung hinreißen zu dem, was Sie sich da ausgedacht haben. Ein Gelegenheitsmord geschah der ganzen Sachlage nach nicht. Nur ein vorbedachter Mord kann in Frage kommen. Aber trotz meiner guten Meinung über die Frau habe ich nicht außer acht gelassen, daß die Dame im Gegensatz zur Bubenkopfmode Flechten trägt.« »Die Zöpfe sind es, die mir die Frau verdächtig machen«, warf Schulze ein. »Auf Grund der Haaruntersuchungen beider Sachverständiger halten Sie die Zöpfe für unecht«, spottete Weinreich. »Nun, auch ich tat das. Vorsichtige Erkundigungen beim Friseur der Dame haben mich eines besseren belehrt. In dem Geschäft, wo Frau Beverstorff sich die Haare waschen läßt, ist sie gefürchtet sozusagen und als Kundin gar nicht so sehr willkommen. Die Haarbehandlung ist wegen der wahrhaften Haarmassen – wie der Friseur es ausdrückt – äußerst schwierig, und die Dame ist sehr anspruchsvoll. Von falschen Zöpfen kann gar nicht die Rede sein.« Schulze sah grübelnd vor sich nieder. In seinen Mienen zuckte und arbeitete der Wille, sich durch die Einwendungen seines Vorgesetzten nicht aus dem Felde schlagen zu lassen. »Ich halte an meinem Verdacht fest«, sagte er trotzig. »Aber Menschenskind!« wetterte Weinreich empört. »Zwei Gutachter haben festgestellt, es handle sich auf keinen Fall um aus der Kopfhaut ausgerissene Haare.« »Verzeihung, Herr Kommissar«, unterbrach Schulze. »Warum sollten sich nicht in einer Haarflut wie der der Frau Beverstorff, warum nicht auch in so schweren Zöpfen zwar abgestorbene, dennoch mit eingeflochtene Haare vorfinden? Und was bliebe bei dem verzweifelten Griff eines sich zur Wehr setzenden Menschen leichter in dessen Fingern als gerade die abgestorbenen, losen Haare, wenn er in seiner Angst nach dem Kopf des Gegners faßt?« Weinreich schritt mit verbissenem Gesicht auf und ab. Es wurmte ihn: ein Unterbeamter brachte allerhand Einwendungen vor, an denen nicht viel Zurückweisbares zu entdecken war. Der Kommissar betrachtete heimlich den Mann: hm, er sah spießbürgerlich aus in seiner behäbigen Fülle – ein zu Hause gut verpflegter Ehemann – das Gesicht war keineswegs der Fürsprecher einer überragenden Intelligenz. Und dieser ausgesprochene Typ eines gewiß biederen und auch nicht gerade dummen Unterbeamten sollte dem Vorgesetzten geistig überlegen sein? »Sagen Sie mal, Schulze«, begann der Kommissar, »haben Sie Ihre Ueberlegungen aus Eigenem geschöpft? Hat hier nicht Ihre Frau die Hand im Spiel?« Schulze lächelte trübselig und gestand: »Ich will nicht leugnen, daß meine Frau den Anstoß gab zu solchen Ueberlegungen. Wir haben das gemeinsam erwogen bei unseren Unterhaltungen. Aber Sie kennen ja die Behauptung meiner Frau, nur ein Mann komme als Täter in Betracht.« Widerwillig gab Weinreich zu: »Man kann ihr nichts in den Weg legen, wenn sie auf eigene Faust, ohne die Maßnahmen der Behörden zu stören, nach dem Täter sucht. Freilich, Sie als Gatte und zugleich als Kriminalbeamter sollten die Frau doch von ihrem Unterfangen abzubringen suchen.« »Das ist selbstverständlich geschehen«, versicherte Schulze. »Aber sie hat nun mal Interesse für das Fach, läßt sich einfach nicht beirren, läßt sich nichts sagen.« »So, so. Und was tut sie jetzt?« »Sie fahndet nach dem Mann mit dem hellen Ulster.« »Der sich in der Schurichschen Weinstube die Blutflecke vom Mantel waschen ließ«, erinnerte sich der Kommissar. »Ist ja eigentümlich. Wir haben eine genaue Beschreibung dieses Kerls, den die Kellnerin Sylvia Rickstetten schildert als einen untersetzten Menschen von bleicher Gesichtsfarbe, mit einer Narbe am Kinn, fadblond-weißlichen Haaren und schwarzen Augen. Schwarze Augen, fadblonde Haare, das ist so wenig alltäglich. Eine auffällige Narbe dazu. Dennoch hat in der ganzen Stadt keiner von unseren Leuten bis jetzt solch einen doch förmlich gezeichneten Menschen gesehen.« »Er muß ja nicht mehr in der Stadt sein«, meinte Schulze. »Gewiß nicht. Doch das hervorstechende, ungewöhnliche Signalement wurde sofort telegrafisch verbreitet. Der Kerl ist wie vom Erdboden verschwunden.« »Vielleicht hat meine Frau mehr Glück«, glaubte Schulze vertrösten zu dürfen. Der Kommissar beantwortete den für einen Kriminalisten wenig begehrenswerten Trost mit einem abfälligen Knurren. Er erteilte seinem Unterbeamten Aufträge, mit denen er ihn eben fortschicken wollte, als ein Polizeiwachtmeister eintrat. Der Mann meldete: »Frau Alma Schulze läßt den Herrn Kommissar um eine Unterredung bitten.« »Schicken Sie sie zum Teufel!« rief Schulze dem Wachtmeister grimmig zu. Bedacht auf seine Würde als Vorgesetzter, schnauzte Weinreich: »Hier bestimme ich, wen ich zu empfangen wünsche oder nicht. Die Dame mag eintreten. Entfernen Sie sich, Schulze!« Mißmutig schritt der behäbige Mann der Haupttür zu. »Nicht dort hinaus!« gebot Weinreich. »Gehen Sie durch das Nebenzimmer! Ihre Frau soll unbeeinflußt von Ihnen mit mir sprechen.« Nur zögernd ging Schulze. Sein fahl gewordenes Gesicht verriet den Kampf zwischen Gehorsamsgewohnheit und innerer Auflehnung. Der Wachtmeister sagte entschuldigend: »Herr Kommissar müssen ihm das nicht ankreiden. Er ist maßlos eifersüchtig auf seine Frau. Man darf sie nicht mal richtig angucken, da wird er schon bösartig. Obendrein ist er jetzt wütend, daß sie uns ins Handwerk pfuscht.« Die hübsche zierliche Blondine trat mit zuversichtlicher Miene ein. Kommissar Weinreich verbeugte sich liebenswürdig: »Ah, die mir willkommene, sonst aber unerbetene Assistentin der Kriminalbehörde! Hoffentlich haben Sie mir mittlerweile die Ihnen unlängst bereiteten Unannehmlichkeiten verziehen.« »Ich bin nicht nachtragend«, erklärte Frau Alma mit einem liebreizenden Lächeln. »Begreiflich, daß Sie mir nicht glauben wollten, ich sei die Frau meines Mannes. – Ich komme heute mit einer Bitte bezüglich des Falles Beverstorff.« Kopfschüttelnd erkundigte sich der Kommissar: »Was bewegt Sie eigentlich, in dieser dunklen, vorläufig rätselhaften Sache freiwillig den Detektiv zu machen?« »Vielleicht nur Eigennutz«, belehrte die junge Frau in scherzhaftem Ton. »Ich bin auf Geld sehr erpicht. Demnächst wird ja wohl eine Belohnung ausgesetzt werden. Wäre es nicht schön, wenn ich sie mir verdienen könnte?« »Ah so – das ist der Grund?« staunte Weinreich, eigentlich ein bißchen enttäuscht. »Und um was wollen Sie mich heute bitten?« Frau Alma eröffnete: »Es stand in den Zeitungen – und ich weiß es ja auch von meinem Mann –, es seien bei dem Toten Gegenstände gefunden worden, die einer weiblichen Person gehört haben müssen. Ich wollte bitten, diese Dinge einmal sehen zu dürfen.« »Obwohl Sie auf einen Mann als den Täter fahnden?« spöttelte der Kommissar. »Das ist also weibliche Logik!« Die blonde Frau erwiderte bedeutsam den Spott: »Sollte es nicht auch Männer geben, die eine Puderquaste besitzen, weil sie sich schminken und pudern?« »Verdammt!« entfuhr es dem vor eine ganz neue Offenbarung gestellten Beamten in völligem Bestürztsein. Doch dann besann er sich rasch: »Beinahe hätte ich geglaubt, Sie spielten einen großartigen Trumpf aus. Indessen, die Haarspange und die Frauenhaare – mit denen kann ich Ihren Trumpf übertrumpfen.« Dann ersuchte er die kleine Frau, ihm zu folgen. Er führte sie durch verschiedene Wandelgänge des weitläufigen Gebäudes nach einer Kanzlei, wo die bei Ermordeten gefundenen Gegenstände und sonstige Dinge aus hervorragenden Kriminalprozessen aufbewahrt wurden. Auf Befehl des Kommissars brachte der in diesem Raum die Aufsicht führende Beamte ein kleines Blechbehältnis herbei. Das Kästchen enthielt eine Haarspange, deren Zelluloid Schildpatt vortäuschte; an der Vorderseite war die Spange mit einer aus Silber hergestellten schlangenartigen Verzierung geschmückt. Der andere Gegenstand war eine zierliche Puderquaste mit einem Rücken aus türkisfarbener Seide; an ihren Zotteln konnte man Reste eines gelblichen Puders, vermischt mit etwas künstlichem Wangenrot, noch gut erkennen. Frau Alma betrachtete mit unbeweglichen Mienen die stummen Zeugen einer in tiefes Dunkel gehüllten Tat. Sie untersuchte die Puderquaste genau und beroch sie zuletzt eingehend. »Die frühere Eigentümerin ist eine Dame, die sich sehr gut kleidet«, sagte sie endlich. »Sie gibt gern Geld aus. Nun ja, zu sparen braucht sie nicht.« »Woher wissen Sie denn das?« staunte Weinreich. »Das kleine Ding da duftet nach einem Parfüm, dessen Geruch ich zufällig kenne. Es ist ein sehr teures französisches Parfüm. Wer sich das leisten kann, muß wohl über Geld verfügen. Und wer über Geld verfügt, der wird sich gut kleiden.« »Das ist ja riesig interessant«, meinte der Kommissar erheitert. »Bitte, fahren Sie doch fort!« »Ich will Ihnen ein paar Merkmale des Aeußeren der Dame nennen«, versprach Frau Alma. »Sie hat dunkle Wimpern und ebensolche Augenbrauen.« »Das zu erraten, wäre keine Kunst«, glaubte Weinreich feststellen zu können. »Vermutlich haben Sie kleine Härchen an der Quaste gefunden.« »Keineswegs. Ich sehe es an etwas ganz anderem.« »Aber meine Beste!« »An den Zotteln der Quaste lassen sich zarte schwarze Striche erkennen. Diese Striche entstanden, wenn die Dame mit der Quaste über ihr Gesicht fuhr. Dann blieb etwas haften von dem Farbstift, mit dem sie die Augenbrauen nachzeichnete. Da der Stift von dunkler Farbe war, kann die Dame nicht helle Brauen haben, und dunkle Brauen finden sich selbstverständlich mit dunklen Wimpern zusammen.« »Ah, so erklärt sich das«, sagte Weinreich verblüfft. »Können Sie noch mehr sagen?« »Gewiß. Es ist eine Dame, die sehr viel Wert auf die Pflege ihrer Hände legt.« »Woraus schließen Sie das?« »Weil sie übertrieben lange und spitze Fingernägel besitzt.« »Erklären Sie, bitte!« Frau Alma zeigte auf den Seidenrücken der Quaste: »Man sieht hier, wie zerschlissen der dünne Bekleidungsstoff ist. Wenn die Dame beim Pudern das Knöpfchen der Quaste anfaßte, dann gruben sich die Fingernägel in die Seide ein.« »Großartige Schlußfolgerungen«, gab der Kommissar zu. »Aber wenn uns erfahrenen Kriminalisten die Gegenstände nichts verrieten, was könnten sie Ihnen mehr sagen als das, was Sie da soeben alles vermuteten.« Die junge Frau erhob den ernsten Blick zu dem Beamten und sagte mit einem leisen Beben in der Stimme: »Die Unglückliche, der diese Gegenstände gehört haben, ist unschuldig an dem Verbrechen. Das ist allerdings eine Behauptung, die ich viel später erst begründen werde. Zugleich behaupte ich: der Täter war ein Mann!« Kommissar Weinreich lächelte und bemerkte: »Wir wissen es besser!« Er dachte dabei an Frau Harthilt Beverstorff. Die Schlußfolgerungen der listigen kleinen Person da paßten ausgezeichnet auf diese Dame. 5. Sylvia Rickstetten schwebte seit ihrer polizeilichen Vernehmung in steter Angst. Wie allerorten in der Stadt, so wurde auch in der Kneipe viel über das Rätsel des Beverstorffschen Mordes geschwatzt. Frau Schurich war förmlich stolz darauf, daß der mutmaßliche Mörder kurz nach der Tat in ihrer Gaststube gewesen sein könne. Mit breitem Behagen, indem sie die geringfügigen Tatsachen fortgesetzt mehr aufbauschte, erzählte sie ihren Gästen, wie der Mann mit dem hellen Ulster plötzlich zur Tür hereingekommen sei. »Dort saß er«, rief sie und deutete von der Schankstätte aus nach dem kleinen, ihr geradezu berühmt gewordenen Tisch. »Er kam mir gleich unheimlich vor mit seinen bösartigen Augen und dem Verbrechergesicht. Ich würde ihn unter Tausenden herauskennen und ihn augenblicklich festnehmen lassen.« Sylvias Herz krampfte sich. Der fremde Mann war verloren, wenn die Behauptung der Schurich der Wahrheit entsprach. Die Wirtin trieb sich tagsüber viel in der Stadt umher. Warum sollte der junge Mensch ihr nicht in den Weg geraten? Was hätte es dann genützt, daß Sylvia das Aeußere des Mannes vollkommen abweichend von der Wahrheit beschrieben hatte. »Ein ganz gerissener Halunke«, plapperte die Fettstimme der Schurich weiter. »Kommt hier herein und markiert Nasenbluten. Das tat er selbstverständlich in der Absicht, sich Entlastungszeugen zu schaffen. – ›Werde ich verdächtigt, weil ich Blutflecke auf meinem Mantel habe, so muß die Schurich mit ihren jungen Damen mir bezeugen, daß ich die Wahrheit sage, wenn ich die Spuren auf ein Nasenbluten zurückführe.‹ – Das, so denke ich, hatte der Mörder sich klar überlegt.« Es tat Sylvia weh, so oft sie hörte, daß der Fremde mit dem furchtbaren Wort Mörder beschimpft wurde. Gewiß, auch sie selbst hatte ihn dafür gehalten, als er gekommen war und so verzweifelt nach seinem verlorenen Geld fragte. Nachher aber vernahm in einsamen Nächten ihre Seele immer wieder das inbrünstige Flehen: »Haben Sie doch Mitleid, Kleine!« Und ihr geistiges Auge zeigte ihr dann den Blick maßlosen Entsetzens, als sie ihm das blutrünstige Wort zugerufen hatte. Für sie war es nicht das Entsetzen eines Entlarvten, es war der Jammer gewesen eines schuldlosen Menschen, der in diesem Augenblick erkannte, über kurz oder lang werde er ein gehetztes Wild sein ohne Aussicht auf Rechtfertigung oder Rettung. Deshalb war Sylvia auf Frau Schurichs Drängen bereitwillig zur Polizei gegangen. Bereitwillig, weil mit dem festen Vorsatz, eine Beschreibung des Mannes zu erlügen, die ihn vor aller Verfolgung schützen mußte. Und nun behauptete die Schurich, sie würde ihn unter Tausenden herauskennen ... Die dicke Frau machte sich gerade wichtig, indem sie einen ihrer protzigen Berichte lieferte, wie sie bei Kriminalkommissar Weinreich gewesen sei. Einer der Gäste nahm das Wort: »Haben Sie denn auch klar genug hingewiesen, wie der Kerl durch seinen Besuch in Ihrer Wirtsstube seine Täterschaft zu verschleiern versuchte?« »Darauf können Sie Gift nehmen«, trumpfte die Schurich auf. »Wie ein Buch habe ich geredet. Man sitzt Nacht für Nacht hinterm Schanktisch und sieht Leute verschiedensten Kalibers. Da eignet man sich doch Menschenkenntnis an. Aber glauben Sie, der Weinreich hätte meine Angaben ernst genommen? Er behandelte mich, als gebe er nicht fünf Pfennig dafür. Eine Frauenperson, nicht ein Mann hat's getan, behauptet er.« Der Gast tadelte: »Es steht heute in der Zeitung, die Staatsanwaltschaft werde demnächst eine Belohnung aussetzen. Demnächst! Man muß sich den Ausdruck nur mal klarmachen. Demnächst – als ob so etwas nicht sofort hätte geschehen müssen.« »Eine Belohnung?« rief Frau Schurich, da nur dies verheißungsvolle Wort ihr Eindruck gemacht hatte. »Na, Sylvia«, sagte sie mit gierigen Augen, »da müssen wir beide uns 'ranhalten. Wir werden den Mörder erkennen. Dann teilen wir redlich.« In Sylvia empörte sich alles. »Mit welchem Recht nennen Sie den armen jungen Menschen immerzu einen Mörder?« trotzte das Mädchen. Frau Schurich war zwei Sekunden sprachlos. Dann hohnlachte sie: »Mädel, Sie sind scheinbar nicht mehr ganz nüchtern. Sie nehmen den Kerl wohl in Schutz?« Sylvia antwortete erregt: »Es ist gemein, einen Menschen zu verdächtigen, von dem Sie nichts weiter wissen, als daß er in einem Anfall von Unwohlsein hier Zuflucht suchte.« »Sagte ich's nicht neulich schon, Sie hätten sich in den Kerl vergafft?« zeterte die Schurich. Mit zuckenden Lippen verteidigte sich Sylvia: »Er war höflich zu mir und bescheiden. Ich bin dankbar, wenn man mich hier so behandelt. Sie sehen es ja lieber, wenn die Männer frech werden zu uns und wenn wir darauf eingehen, weil sie dann ihr Geld hier vertrinken.« »Sie – Sie – Sie Person, Sie!« keifte die Wirtin zurück. »Wollen Sie mich vor meinen Gästen beschuldigen, ich legte keinen Wert auf die Anständigkeit meiner jungen Damen?« Spöttisch versetzte das junge Mädchen: »Wenn diese Anständigkeit mit Geld für Sekt und Wein uns abgekauft wird, dann lassen Sie sich allerdings unsere Anständigkeit teuer bezahlen.« Sie wußte selbst nicht, woher sie den Mut zu solchen Entgegnungen nahm. Aber sie hatte es satt, seit Tagen die dicke Frau nur von dem »Mörder« reden zu hören. Das gab ihrem Herzen jedesmal einen Stich. Und ihre vereinsamte Seele grämte sich dann um den bittersüßen Augenblick des Scheidens von dem Unglücklichen, dem sie auf sein klagendes »Haben Sie doch Mitleid, Kleine!« das schauerlich beschuldigende Wort zugerufen hatte. Frau Schurich gewann die Fassung wieder, nachdem sie ein Glas Sekt getrunken hatte. Sie preßte die mit Ringen überladene Rechte auf eine Stelle der Brust, wo eine Brosche mit funkelnden Diamanten bei dem stoßweisen Luftschnappen der kurzatmigen Dame förmlich hüpfte. Endlich konnte die gereizte Wirtin losbrechen: »Begeben Sie sich augenblicklich in Ihre Dachkammer hinauf! Sie undankbares Geschöpf! Frechheit also ist's, womit Sie mir die Aufnahme in mein ehrbares Haus lohnen? Ich werd's Ihnen anstreichen. Sofort aus meinen Augen! Und morgen werden wir darüber sprechen, ob ich Sie noch länger bei mir dulden darf.« Ohne langes Besinnen wollte Sylvia gehen. Als sie sich anschickte, die Gaststube zu verlassen, fiel ihr Blick auf eine dunkel gekleidete Gestalt an der Eingangstür. Dort stand eine Soldatin der Heilsarmee. Alle waren dem Wortwechsel zwischen dem Mädchen und der Schurich mit der Gier nach Sensation gefolgt. Niemand hatte geachtet auf das Eintreten einer Anhängerin der Heilslehre und der Menschenliebe. Nun schritt die Soldatin aus Sylvia zu. »Sie besitzen die Liebe, mein Kind«, sprach sie sanft. »Ich habe alles mit angehört. Wer sich des beschuldigten Menschenbruders annimmt, der handelt getreu dem Wort unseres Herrn und Heilands. Wenn Sie sich verlassen fühlen, so kommen Sie zu uns. Unser Herz und unser Heim sind aufgetan für alle, die mühselig und beladen sind. Und wir erbarmen uns der Verstoßenen.« Sylvia dankte still durch ein Kopfneigen und ging. »Hinauf unters Dach mit Ihnen!« schrie die Schurich ihr nach. »Und morgen fliegen Sie 'raus!« In der finsteren Bodenkammer droben, saß Sylvia auf dem Rand des ärmlichen Lagers. Eine andere Sitzgelegenheit gab es nicht in dem dürftigen Raum. Der war stets nur ein Obdach gewesen für die wenigen Tagesstunden, in denen Sylvia mit benommenem Kopf in einem viel zu kurzen, schweren Schlaf lag. Sie gab sich nicht die Mühe, an etwas Bestimmtes zu denken. Auch ihre Lage überdachte sie nicht. Die Erinnerung an ihr vergangenes Leben war wie weggewischt. Weinen? Das wäre vielleicht Erlösung gewesen. Doch es blieb alles still und einsam in ihr. Sie entsann sich, seit dem Sterben der Mutter und seit dem Freitod des Vaters nur noch einmal geweint zu haben. Das war in jener Stunde gewesen, als der junge Mensch drunten in der Gaststube von ihr gegangen war. Der Mensch, der so verzweifelt sein Geld suchte. Und wieder klang auf in ihrer Seele das hilflos flehende: »Haben Sie doch Mitleid, Kleine!« War's nicht, als klage er es auch jetzt? Wie ein mütterlicher Drang kam es über sie: sie hatte durch eine erlogene Beschreibung ihn vor dem Zugriff der Polizei zu schützen gewußt, und sie mußte ihn noch weiter schützen, indem sie nach ihm suchte, um ihn zu warnen. Sie fühlte, wie ihr Herz erstarkte. Was zu tun war, mußte gleich getan werden. Stracks erhob sich Sylvia und brachte das Kerzenstümpfchen in dem halb zerbrochenen Steingutleuchter zum Brennen. Mit wenigen Griffen war all ihr Eigentum in den schmalen Handkoffer gerafft, das bißchen Geld eingesteckt. Sylvia stülpte den schmucklosen Filzhut über die auf Befehl der Schurich blond gebeizten, kurz geschnittenen Haare. Dann streifte sie einen Flauschmantel über, der weit weniger kostbar war als Frau Schurichs kostbarer Nerzpelz. Sylvia schritt die Treppe hinab. Sie brauchte nicht besonders vorsichtig zu sein, denn in der Gaststube brüllte der Lautsprecher des Radioempfängers. Genau wie in jener Nacht: »Valencia ... derallala ... derallala ... derallalaaaa ...« Als sie auf die nächtliche enge Gasse hinaustrat, löste sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten des Hauses. »Ich wußte, Sie würden bald kommen«, flüsterte die Soldatin der Heilsarmee. »Vertrauen Sie sich mir getrost an! Ich bringe Sie ins Heim.« Schweigend durchwanderten die beiden Frauen die nachtdunklen Teile der Stadt. Nur einmal noch hatte die freundliche Helferin etwas gesprochen. Sie sagte: »Ich werde Sie morgen abend aufsuchen im Heim. Sie müssen mir erzählen von dem Manne, den man für einen Mörder hält.« * Aus dem Musikzimmer der Felsingschen Villa scholl eine süße Frauenstimme; sie schwebte singend hinweg über den Klang des meisterhaft gespielten Flügels. Die Stimme einer berühmten Bühnengröße. Frau Harthilt und Viktor Felsing saßen in einem Nebenraum beieinander. Hier hörten sie zu in selbstgewählter Absonderung von der Gesellschaft. Viktor schwärmte: »Schöne Lieder sollte man anhören in einem völlig verdunkelten Raum, in dessen Finsternis nichts daran erinnert, daß es eine Erde mit Menschen gibt, Geschöpfen, deren Seele sich nun einmal nicht vom Körper zu lösen vermag, um wenigstens für Augenblicke reinster Freiheit mit sich allein zu sein im Nichts. Diese Freiheit der Seele verschafft nur der Tod.« Beifall verrauschte. Die liebliche Frauenstimme sang ein anderes Lied. Frau Harthilt und Viktor lauschten schweigend. Endlich gewahrte die schöne rotblonde Frau Tropfen an ihres jugendlichen Freundes Wimpern. Und er, als hätte er ihre Entdeckung gefühlt, bog sich nach vorn und vergrub sein Gesicht in beide Hände. Neuerlichem Beifall folgte das Stimmengewirr bewundernder Menschen. Bis jemand eine Geige stimmte. Es wurde wieder still draußen. In die einleitenden Akkorde des Flügels verwob sich das allmähliche Hellerwerden der Töne des Saiteninstruments. »Viktor«, sprach Frau Harthilt leise, »ich kenne dies Musikstück für Violine und Klavier; es nimmt eine Viertelstunde in Anspruch. Wahrscheinlich wird Professor Marsik auch noch eine Zugabe spielen. Wir hätten viel Zeit, miteinander zu sprechen.« »Sie wissen, daß ich nichts lieber tue«, murmelte der junge Mensch. »Ein Fest im Hause Ihres Vaters«, flüsterte Frau Harthilt weiter. »Neunundvierzig Menschen achten genau auf das, was der fünfzigste tut. Ich habe Ihrer Mutter versprochen, mit Ihnen zu reden. Das kann während des Konzerts ungestört geschehen.« Viktor lächelte bitter und meinte: »Nur das ist's, was mir den Vorzug des Alleinseins mit Ihnen verschafft. Immer wieder bin ich der Tor, der sich einbildet, Sie suchten aus Gründen der Zuneigung meine Gesellschaft. Aber, bitte – verhören Sie mich im Auftrag meiner Mutter!« »Es ist auch mein Verhör«, gab Harthilt zu. »Ich bin bereit«, verhieß er, und ein Ausdruck tiefen Bekümmertseins machte seine Züge schlaff und müde. »Ihre Mutter weiß von einem Scheck, den Ihr Vater Ihnen schenkte. Sie erhielten ihn für das Versprechen, wenige Tage später zu beichten, wofür Sie das Geld brauchten. Sie haben nicht Wort gehalten.« »Den Scheck löste ich längst ein, das Geld besitze ich noch. Ich konnte es noch nicht dorthin bringen, wohin es gehört. Es ist eine verworrene Geschichte. Man würde sie mir nicht glauben. Das machte ich mir zu spät klar, und darum schwieg ich.« Frau Harthilt überlegte: »So sehr verworren kann eine Geschichte niemals sein, daß ein Mensch mit menschlichem Sprachvermögen nicht fertigbrächte, Teil um Teil aus der Wirrnis zu lösen. Könnte das hinsichtlich Ihrer Geschichte durch geduldiges Fragen geschehen, Viktor?« »Vielleicht. Mein Vater jedoch hat diese Geduld nicht mit mir, und meine Mutter überschwemmt jede Auseinandersetzung mit Tränenströmen. Zu ihr kann ich am wenigsten Vertrauen fassen, und mein Vater macht mich durch seine unerbittliche Strenge furchtsam und scheu.« »Oftmals vermag ein anderer Mensch klar zu sagen, was der eine nur verworren vorbringt. Wollen Sie mich Mittlerin sein lassen zwischen Ihnen und den durch Ihr Schweigen bedrückten Eltern?« »Stellen Sie Fragen!« schlug er vor, wobei er sich von dem Sofa erheben wollte. Rasch griff die schöne Frau nach der Hand des jungen Freundes. »Nicht so«, bat sie. »Sie sollen neben mir sitzen bleiben. Und solange wir miteinander sprechen, werde ich Ihre Hände halten. Ist das nicht ein Vorzug, den ich keinem sonst gewähre?« Viktor nickte nur. Das Glück der Berührung dieser samtzarten Hand nahm ihm die Stimme. Er zog für ein paar Sekunden die sänftigende Frauenhand an seine Wange, an die pochende Schläfe, zuletzt auch an die heißen Lippen. Frau Harthilt begann: »Sie hatten mit dem Scheck Ihres Vaters eine Schuld zu tilgen. Wie war diese Schuld entstanden?« »Ich hatte mir Geld geliehen.« »Von einem Fremden? Hätten Sie nicht, was Sie nun doch vom Vater erhielten, durch eine ehrliche, rechtzeitige Bitte von ihm erhalten können?« »Nur dann, wenn ich gestanden hätte, um was sich's handelte. Der Fremde gab dem Sohn des Kommerzienrats Felsing, ohne auf ein Geständnis zu dringen.« »Wer solche Schulden macht, tut es doch nur, um eine anderen Ortes gemachte Schuld zu löschen. Der Mann, dem Sie das Geld oder den Scheck zu geben haben, war also bereits Ihr zweiter Gläubiger. Und wer nun war der erste?« Frau Harthilt staunte über den seltsamen, verzweifelten, halb irren Blick, mit dem Viktor zunächst stumm auf die Frage antwortete. Sie streichelte seine Hand, um ihm Mut zu machen. Er vergalt die Liebkosung durch ein zitternd geflüstertes: »Ich liebe Sie, Harthilt.« »Beweisen Sie das, indem Sie mir nichts verschweigen!« forderte sie. Da erzählte er: »Es war vor vielen Wochen. Um eines mir unerträglich gewordenen Zustandes Ehe zu erkaufen, ging ich zu einem Manne, der mir als mein Feind galt. Er verspottete mich zunächst. Schließlich nahm er mir ein Versprechen ab, das ihm als Entgelt dienen sollte für das, was ich von ihm forderte. Wir kamen überein, erst wenn ich mein Versprechen gehalten haben würde, müsse er sein Gegenversprechen wahr machen. Ich hielt mein Versprechen und wartete in Geduld. Da eines Tages erhielt ich einen Brief. Den wenigen Worten lag Geld bei. Mein Feind schrieb, er habe seine Kraft, mich durch die Tat zu entlohnen, weit überschätzt, und so entlohne er mich nur durch Geld. Was meinerseits geschehen, war nie wieder gutzumachen. Die furchtbare Enttäuschung riß mich in einen Taumel der Besinnungslosigkeit. Ich habe das Geld mit vollen Händen verschleudert, verschenkt, förmlich von mir geworfen, denn es war unerhört schmutzig erworben, wenn auch erworben wider meinen Willen. Kein Heller blieb übrig.« »Haben Sie auch mir von dem Geld Geschenke gemacht?« forschte Harthilt streng. »Ihnen – gerade Ihnen?« rief Viktor nach einem schneidenden Auflachen. »Nahmen Sie von mir je mehr als ein paar armselige Blumen?« »Ihre Blumen waren oft sehr kostbar.« »Seien Sie beruhigt; sie waren stets bezahlt von den Einkünften, die mein Vater mir gewährt.« Nach dieser Versicherung erzählte Viktor weiter: »Als ich den letzten Groschen vertan hatte, kam ich zur Besinnung. Ich borgte mir anderweitig das Geld und ging zu meinem Feinde, um ihm die gleiche Summe zurückzugeben. Er nahm es nicht. Nach einem erbitterten Streit ging ich fort. Umstände hielten mich davon ab, ihm das Schandgeld vor die Füße zu werfen. Es war ja eigentlich fremdes, nicht mein eigenes Geld. Ich wollte meinem zweiten Gläubiger die Summe zurückbringen. Ich weiß bestimmt, daß ich eine Stunde vor dem Entschluß die Banknoten noch besaß. Nur eine Minute nach meinem Entschluß entdeckte ich, daß ich sie verloren hatte. Ich konnte weder die eine noch die andere Schuld tilgen. Mit dieser Entdeckung Hand in Hand ging eine schreckliche andere: ich war obendrein ein Gerichteter! Ich weiß nicht, ob ich schuldig oder vollkommen schuldlos bin, ob das Geschehene nur ein böser Traum ist oder furchtbare Wirklichkeit. So warte ich nun auf den Zufall, der mich entweder freispricht oder – entlarvt.« Viktor schwieg. Im Musikzimmer drüben erging die Geige sich in hüpfenden, lustigen Kadenzen und Trillern. Die Zwischenspiele auf dem Flügel antworteten wie in einem behäbigen, glücklichen Mitfreuen. »Verworren ...«, erinnerte Frau Harthilt sich des Ausdrucks ihres jungen Freundes. »Man kann Ihre Geschichte nicht verworren nennen. Sie klingt nur dunkel. Doch das, weil Sie vom Zuhörer verlangen, er solle sich mit Andeutungen zufrieden geben. Ein Mensch, der sein sonderbares Verhalten lediglich in Andeutungen erläutert, der kann nicht von sich sagen wollen, nun habe er sich gerechtfertigt. Ich werde also Ihrer Mutter mitteilen, die Zwiesprache zwischen Ihnen und mir habe uns Ihrer Rechtfertigung wenigstens nähergebracht. Warten wir auf den Augenblick, der mir restlos Ihr Vertrauen offenbart, Viktor.« »Sie sind die Güte Gottes selbst«, murmelte der junge Mensch dankbar und preßte sein Gesicht auf die kühlen Frauenhände. »Ich liebe Sie, Harthilt.« »Sie sind um zwölf Jahre jünger als ich«, erinnerte Frau Harthilt sanft. »Muß das ausschließen, daß Sie meine Liebe erwidern?« Sie tröstete: »Ich will versuchen, mich in Ihre Liebe hineinzudenken. Das ist kein leeres Versprechen, und ich gebe dies Versprechen auch nicht, um Ihnen jetzt einen Namen zu entlocken. Ich fühle, ahne oder errate: es muß ein Name in Ihrer Geschichte vorkommen. Ein Name, den ich Ihren Eltern verschweigen werde. Sie brauchen diesen Namen nicht auf die Lippen zu nehmen. Ich will es für Sie tun: Beverstorff! Habe ich recht?« Nach schwerem Ringen mit sich selbst neigte Viktor bejahend das Haupt. »Ich will Sie freiwillig küssen«, verhieß die schöne Frau. »Mich dünkt, Sie hatten den leidenschaftlichen Willen, mir ein Opfer zu bringen. Das adelt Ihr Tun, wenn wahrscheinlich auch nur in meinen Augen, nicht in den Augen der Welt. Selbst mein Kuß wird nur ein karger Dank sein.« Einen Pulsschlag lang ruhte der weiche Frauenmund auf den Lippen des Beglückten. Im Musikzimmer dröhnte der Flügel die Schlußakkorde des Vortrages. Da betrat einer der Felsingschen Diener den Nebenraum. »Verzeihung, gnädige Frau«, bat er und meldete: »Vor der Villa hält ein Auto. Zwei Herren, die von Ihrem Hiersein wissen, lassen sich nicht abweisen. Sie behaupten, sogleich mit Ihnen sprechen zu müssen.« Frau Harthilt erhob sich sofort. Ihr stolzes Antlitz war schneebleich geworden. Sie besann sich flüchtig, was zu tun sei. Dann wandte sie sich Viktor zu. »Wir werden einander lange Zeit nicht wiedersehen«, sagte sie zu ihm und küßte ihn abermals, ohne der Gegenwart des Dieners zu achten. Der alte Mann öffnete eine Nebentür und murmelte bedrückt: »Wenn ich bitten darf, gnädige Frau – hier hinaus.« In der hell erleuchteten Vorhalle der Villa warteten die beiden Männer. Frau Harthilt trat sogleich auf sie zu. Der eine war Kommissar Weinreich. Seine häßlichen kleinen Augen glitten über die schöne Frauenerscheinung. Er stellte fest, daß Frau Beverstorff wirklich dunkle Brauen hatte im Gegensatz zu ihren rotblonden Flechten. Dann heftete er den Blick auf die Hände: schlanke, vornehme Hände, an denen die polierten Fingernägel lang gepflegt blitzten. Er sagte höflich: »Es wird gut sein, wenn wir zunächst nach Ihrem Heim fahren. Ich will Ihnen Gelegenheit zum Umkleiden geben. Aber Sie müßten das schon in meinem Beisein tun.« Mit einer gebieterischen Geste unterbrach die kühle Frau: »Im Festgewande wandert man nicht gern hinter Gefängnisgitter. Sie sollen Ihren Willen haben, obwohl Sie mich in meinem Ankleidezimmer allein lassen könnten. Daß ich zum Selbstmord nicht feige genug bin, das habe ich mir schon selbst bewiesen.« * Die Mittagsblätter brachten eine Notiz: »In der Beverstorffschen Mordsache wurde gestern abend als dringend der Tat verdächtig die Gattin des Getöteten dem Untersuchungsrichter Dr. Aurelius vorgeführt. Die erste Vernehmung dauerte die halbe Nacht hindurch. Frau Beverstorff gibt zu, nach schon vielen außerordentlich erregenden Zwistigkeiten auch einen Tag vor der Ermordung ihres Mannes eine sehr heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt zu haben. Sie hüllt sich jedoch sonst in Schweigen und verweigert jede Aussage. Die Staatsanwaltschaft verfügt die Inhaftnahme der Tatverdächtigen. Die Kriminalbehörden sind überzeugt, mit diesen Maßnahmen nun der Enträtselung des Verbrechens nahegerückt zu sein.« Kommerzienrat Felsing legte die Zeitung auf die Platte seines Schreibtisches. In einer unwillkürlichen Bewegung fuhr er mit der Hand glättend über das Blatt. Das sah aus, als mache er einen Versuch, das soeben Gelesene von dem Zeitungsbogen fortzuwischen, weil die Notiz gar zu unglaublich klang. Er mußte wirklich erst nachdenken: Frau Harthilt war plötzlich von dem festlichen Abend in der Villa verschwunden ... der alte Diener Wilhelm hatte ihm heimlich gemeldet, zwei Herren, über deren Zugehörigkeit zur Polizei er nicht im Zweifel gewesen sei, hätten die Dame abgeholt. Das Tischtelefon schrillte und riß den alten Herrn aus seinem Nachdenken. Eine Frauenstimme meldete: »Fernsprechzentrale der Fabrik. Herr Kommerzienrat, eine junge Dame wünscht Sie zu sprechen. Sie sagt, sie habe bereits vor vier Tagen den Herrn Kommerzienrat von ihrem Kommen verständigt.« Felsing warf einen Blick auf den Umblätterkalender. Richtig, da stand: »Halb zwölf telefonischer Anruf der Unbekannten.« Die Person hielt auf die Minute genau Zeit und Tag ein, indem sie selbst kam. Der Kommerzienrat sprach in die Muschel: »Es stimmt. Das Fräulein kann ins Privatkontor kommen.« Wenige Minuten später sah der alte Herr sich einer wahrhaft schönen Blondine gegenüber. Sie blieb nahe der Tür stehen und lächelte den verwunderten Mann an, offenbar sich dessen sehr bewußt, daß ihre liebreizende Erscheinung Eindruck machen werde.« »Sind wir einander schon einmal begegnet?« forschte Felsing. »Meines Wissens noch nie, Herr Kommerzienrat«, klang die melodisch helle Stimme auf, die durchaus zu dem entzückenden Persönchen paßte. »Wie seltsam!« meinte Felsing. »Ich würde schwören, Sie schon gesehen zu haben. Und zwar war das – hm, ja, wann und wo? Ich komme jetzt nicht darauf. Na, es ist wahrscheinlich gleichgültig, aber es war keineswegs in einer für Sie angenehmen Situation.« Immer wieder versuchte er, ein schnell verhuschendes Bild festzuhalten. Vergeblich. Ihm war entfallen, daß diese hübsche Person als Polizeigefangene an seinem Auto vorübergeführt worden war am Tage der Einäscherung Beverstorffs. Er lud ein: »Darf ich bitten, Platz zu nehmen! Und – Ihr Name?« »Wir wollen warten, ob der Verlauf unserer Unterredung die Namensnennung nötig macht«, schlug die Fremde vor. Der Kommerzienrat sah die Besucherin ernst an: »Ich bin kein Freund von Geheimtuereien, meine Dame. Obzwar die Kriminalbehörde gewiß zu allen erdenklichen Mitteln zu greifen berechtigt ist, kann ich mir nicht vorstellen, ein so hübsches Geschöpf wie Sie –« Er unterbrach sich und sandte nun doch ein Lächeln des Wohlgefallens zu ihr hinüber. Sie hatte gar zu hübsche, ehrliche Blauaugen. Sie versicherte: »Ich bestritt neulich am Telefon, der Kriminalpolizei anzugehören. Ich stehe denn auch wirklich in nur sehr entfernten Beziehungen zu dieser Behörde.« »Aber doch in Beziehungen«, griff der alte Herr die Bemerkung auf. »Diese Beziehungen haben einen rein privaten Charakter. Mit meinem Besuch bei Ihnen haben sie nichts zu tun.« »Kommen wir zu den Gründen Ihres Besuchs«, knüpfte Felsing an. »Sie machten bei unserem Ferngespräch vor vier Tagen Andeutungen, die einer Verdächtigung meines Sohnes gleichkamen. Kennen Sie meinen Sohn?« »Nein. Ich bin gekommen, ihn kennenzulernen.« Der Kommerzienrat schaltete das Tischtelefon ein und bat die kaufmännische Abteilung, man möge den jungen Herrn zu ihm schicken. »So, meine Dame«, sagte er. »Die Bekanntschaft ist sofort zu vermitteln. Bevor mein Sohn kommt, möchte ich aber eines zur Sprache bringen. Ich habe mehr als genug Grund, unzufrieden mit ihm zu sein. Nie und nimmer aber glaube ich, er sei der Verräter aus meiner Umgebung, von dem Sie da neulich phantasierten. Zugleich allerdings muß ich zugestehen: meine eigenen Nachforschungen so wenig wie die meines Chefingenieurs Möhring ergaben auch nur im geringsten einen Verdacht, der sich auf eine verräterische Persönlichkeit innerhalb der Fabrik anwenden ließe. Von einer Persönlichkeit aus meiner Familie ganz zu schweigen.« Die blonde junge Frau erinnerte: »Daß man dem Beverstorff das Projekt Ihrer Flammenschrift vorzeitig verriet, darüber bestehen aber keine Zweifel?« »Ein Verrat ist bestimmt geschehen«, gab der Kommerzienrat zu. »Er hat für mein Unternehmen die Rentabilität der beweglichen Lichtbuchstaben um einige hunderttausend Mark verringert. Ich gäbe viel darum, würde der Verräter entdeckt. Wer das eine Fabrikgeheimnis verraten konnte, wird deren noch mehr verraten, müßte also unschädlich gemacht werden. Das darf ruhig viel Geld kosten. Ich setze hiermit eine hohe Belohnung aus. – Nun, meine Dame, das ist ja wohl der Grund Ihres Fernrufes von neulich wie der Grund Ihres Kommens heute.« »Wirklich nicht, Herr Kommerzienrat!« Die Fremde verwahrte sich des Anwurfs mit einem so eindringlich abweisenden Blick, daß das Ehrliche ihrer Versicherung nicht anzuzweifeln war. Auch ihre Stimme klang tiefer und ernster in den Worten: »Mich treiben seltsame Verkettungen, nach dem Mörder Beverstorffs zu suchen. Bitte begnügen Sie sich mit dieser Andeutung!« Das Schwirren der Fernsprecherglocke unterbrach. Der alte Felsing griff den Hörer auf und vernahm die Telefonistin der Fabrik: »Der junge Herr ist nirgends aufzufinden, Herr Kommerzienrat. Ich habe alle Räume und Werkstätten angerufen.« »Dann verbinden Sie mich mit der Wohnung«, ersuchte der Kommerzienrat. Er wartete, bis sich aus der Villa die Stimme eines Dieners meldete. Nachdem er den Sohn zu sprechen gewünscht hatte, erfuhr er auch hier, der junge Herr sei nicht im Hause. Aergerlich gebot er, man möge erst richtig nachsehen und dann anrufen. Er hängte den Hörer ein. Dann griff er zurück auf die letzte Bemerkung der jungen Frau: »Sie sprachen soeben von Ihrer Suche nach dem Mörder Beverstorffs. Man hat aus meinem Hause, von meinem Gesellschaftsabend hinweg Frau Beverstorff als der Tat verdächtig verhaftet.« »Das ist mir bekannt«, erklärte die Besucherin. »Kriminalkommissar Weinreich ist nun einmal der Ueberzeugung, nach einem weiblichen Täter suchen zu müssen. Ich werde nächstens beweisen, auf was für falschen Voraussetzungen diese Ueberzeugung beruht. Allerdings traf ich während meiner eigenen Fahndungen auf Umstände, für die ich keinerlei Erklärungen habe. So widersinnig die Umstände, so bin ich doch gezwungen, rechtzeitig aufzuhellen, daß hier nur ein geradezu absonderlicher, rätselhafter Zufall obwaltet. Eine Frau soll das Verbrechen verübt haben? Welch eine törichte Annahme! Dann könnte ebensogut ich diese Frau sein.« »Dann sind Sie wohl so etwas wie eine Privatdetektivin?« fragte Felsing. »Ja, aber in meinem eigenen Interesse«, gab die Fremde zu. »Der vorzeitige Tod Beverstorffs wurde für mich von großer Bedeutung. Ich hatte das allerstärkste Interesse daran, ihn recht lange am Leben zu wissen. So suche ich vielleicht nach dem Täter, nur um dem beim Weibe weit stärker als beim Manne ausgeprägten Rachsuchtsverlangen frönen zu können.« »Höchst seltsame Erörterungen«, wunderte sich der Kommerzienrat. »Was aber hätte das alles mit meinem Sohne Viktor zu tun? Sie mutmaßen offenbar in ihm den Verräter eines Geheimnisses meiner Fabrik?« Sofort unterbrach die junge Frau: »Nicht nur das! Sie mögen mich für irrsinnig halten, wenn ich jetzt stracks behaupte: verriet Ihr Sohn das Fabrikgeheimnis, dann hat er auch den, dem er dies Geheimnis offenbarte, ums Leben gebracht. Ich kam hierher, ihm das ins Gesicht zu sagen.« Felsing starrte mit weit offenem Munde zu dem rätselhaften Wesen hinüber. Um der Worte für eine Entgegnung Herr zu sein, war er zu fassungslos über die jetzt so bestimmten Anklagen der Fremden. Er wälzte die trockene Zunge im Munde und brachte nur ungegliederte Silben über die Lippen. Die Telefonklingel zerriß abermals die Stille. Der alte Mann hörte es nicht in seinem unbeschreiblichen Staunen. Die Besucherin mußte ihn aufmerksam machen. Er tastete nach dem Fernhörer, als sei er sich der Handbewegung gar nicht bewußt. Nicht nur in Wirklichkeit aus weiter Ferne, nein, wie im Traume vernahm er so die Stimme seiner Frau: »Hier ist Julie. Du fragtest nach Viktor, um Gottes willen, was bedeutet das alles? Das Bett in seinem Schlafzimmer ist unberührt. Der Abendanzug von gestern liegt achtlos hingeworfen auf dem Teppich. Die Schranktüren stehen offen. Kleider und Wäsche sind durchwühlt. Der Hausmeister behauptet, Viktor habe sich in der Nacht aus der Villa entfernt. Er soll eine Reisetasche getragen haben. Alles deutet auf eine Flucht.« »Schon gut, Julie«, tröstete der alte Felsing, mühsam die Worte formend. »Mach dir keine Sorgen! Der Junge hat wieder mal Leichtsinnsanwandlungen. Ich hätte ihn zwar dringend hier gebraucht, aber es wird auch ohne ihn gehen.« Er legte den Hörer hin und saß da, als hätte er die fremde Frau vergessen. Endlich besann er sich. »Meine Dame, es wird nicht möglich sein, daß Sie Ihr furchtbares Vorhaben, von Angesicht zu Angesicht meinen Sohn des Verrates und des Mordes zu bezichtigen, heute durchführen. Er ist nirgends aufzufinden.« Die blonde Frau erhob sich: »Dann wenigstens eine Bitte, Herr Kommerzienrat. Stellen Sie fest, ob sich auf einem hellen Ulster Ihres Sohnes die Spuren fortgewaschener Blutflecke vorfinden. Er trägt doch einen hellen Ulster?« »Ja, wenigstens häufig.« »Und er ist leicht kenntlich an einer Narbe am Kinn – vielleicht auch an der auffälligen Gegensätzlichkeit seiner blonden Haarfarbe und seiner schwarzen Augen in einem bleich aussehenden Gesicht?« »Was – was ist das?« fuhr der alte Herr auf. »Soll das eine Beschreibung des Mörders sein? Dann trifft sie nicht im entferntesten auf meinen Sohn zu. Er könnte auffällig sein durch ganz andere Gegensätze: hellgraue Augen in einem von Natur dunkel getönten Antlitz. Von einer Narbe am Kinn kann gar nicht die Rede sein. Und einen hellen Ulster tragen gar viele junge Leute.« Die Fremde warnte: »Herr Kommerzienrat, ich habe aus einigen Worten Ihrer Telefongespräche vorhin erraten, daß die Abwesenheit Ihres Sohnes für Sie selbst überraschend ist. Er könnte geflüchtet sein. Decken Sie ihn jetzt nicht durch angeblich unrichtige Beschreibung seines Aeußeren?« Stolz reckte sich der eben noch gebeugte Mann auf. »Noch immer bin ich der alte Felsing. Wäre Viktor der Täter, so schützte ihn der Umstand, daß er mein Sohn ist, nicht vor den Behörden. Und nun Schluß! Machen wir dieser überflüssigen Unterredung schleunigst ein Ende!« Als Frau Alma gegangen war, überlegte sie eine seltsame Tatsache: Sylvia Rickstetten hatte an dem Manne mit dem verlorenen Gelde Gegensätze geschildert, die wie ein absichtlich gewähltes, genaues Gegenteil jener Beschreibung lauteten, die der Kommerzienrat vorgebracht hatte. Hier dunkles Gesicht und helle Augen, dort helles Gesicht und dunkle Augen. Sie fuhr schleunigst nach dem Hospiz der Heilsarmee, wo sie ihren Schützling untergebracht hatte. Aber das Mädchen blieb hartnäckig bei den strohblonden Haaren und dem bleichen Gesicht, bei den schwarzen Augen und der Narbe am Kinn. 6. Untersuchungsrichter Dr. Aurelius hatte die Gewohnheit, auf seinem Morgenweg ins Amt einen Friseurladen aufzusuchen. Hier ließ er sich vor Beginn der Dienststunden rasieren. Es war heute etwas früher an der Zeit als gewöhnlich, und so beschloß er, die Gelegenheit zum Haarschnitt zu benutzen. Ein unbeweibter Mann in den Dreißiger Jahren ist meist sehr auf sein Aeußeres bedacht. Dr. Aurelius ging hierin bis an die Grenze der Eitelkeit, um so mehr, als die Natur ihn nicht mit einer sehr anziehenden oder für Frauen verlockenden Erscheinung bedacht hatte. Zwar war er ein hochgewachsener Mann, aber ihm fehlte das schwungvoll Gefällige des Junggesellen, die Flottheit des Mannes von Welt; er sah ein wenig zu derb, zu bäuerisch aus. Das sturre Haar, aufgebürstet getragen, umrahmte zwar eine kluge Stirn, aber es zeigte jene eigentümlich rostige Farbe, für die nur wenige Frauen sich erwärmen. Und doch sind gerade die Männer mit solchen Haaren begeisterte Verehrer der Frauen. Man kann dazu bei einem »rostblonden« Manne immer darauf schwören, er besäße das, was ein spitzfindiger Verstand ist; mindestens wird er über ein vorzügliches Unterscheidungsvermögen gebieten und grüblerisch zergliedernd das Richtige vom Unrichtigen zu trennen verstehen. Männer mit dieser oft verspotteten Haarfarbe sind immer helle Köpfe, nicht nur hinsichtlich der hellen Farbe ihrer Haare. Das war es denn auch, was den im Hinblick auf sein verantwortungsschweres Amt verhältnismäßig jungen Beamten so geeignet machte für den Posten eines Untersuchungsrichters. Man kannte in dem Friseurladen seine Gepflogenheiten und Gewohnheiten. Vielleicht nur, weil man ihn wegen seines kriminalistischen Amtes als einen empfindlichen Kunden einschätzte, bediente man ihn mit besonderer Zuvorkommenheit. Daher hielt der Gehilfe Scheufgen sich nach Geschäftsöffnung stets die erste halbe Stunde frei, um dem täglich erscheinenden Gast sofort zur Verfügung zu stehen. Der Untersuchungsrichter wollte nur von diesem Manne bedient sein. Während Dr. Aurelius in dem Frisierstuhl saß und vom Gehilfen Scheufgen mit dem weißen Linnenmantel umkleidet wurde, strich er über die bürstenförmig hochgekämmten Haare und meinte: »Na, Scheufgen, geben Sie sich heute mal besondere Mühe! Ich möchte die Haare nur etwas gekürzt haben, aber mehr als sonst; sie sehen mir zu schopfmäßig aus. Dann nehmen Sie mir auch das blödsinnig moderne Schnurrbartbürstchen unter der Nase fort. Das kleidet mich nicht.« »Wollte ich dem Herrn Doktor schon längst vorschlagen«, versicherte Scheufgen. »Herrn Doktors Gesicht ist zu markant, als daß es diese Verzierung vertragen könnte. Das Bärtchen – man blickt unwillkürlich darauf hin anstatt auf das ganze Gesicht. Züge, wie Herr Doktor sie hat, muß man auf den ersten Blick und durch nichts abgelenkt in sich aufnehmen können, sonst entgeht einem das äußerst charaktervolle –« »Ja, lieber Scheufgen, schon gut«, schnitt Aurelius dem geschwätzigen Gehilfen das Wort ab. Aber er lächelte geschmeichelt über die Weisheiten Scheufgens. In dem ihm gegenüber befindlichen Spiegel musterte er seinen Kopf. Ja, eine Männerschönheit war er leider nicht. Doch – es erschien dem Untersuchungsrichter wenigstens so – der Mann hatte nicht unrecht, wenn er von markanten Zügen sprach. Und warum sollte ein scharf umrissener Männerkopf nicht weit eher als ein weichlich schöner Eindruck machen auf eine Persönlichkeit wie Frau Harthilt Beverstorff? Während der Friseurgehilfe sich mit wahrhaft künstlerischer Gewandtheit zunächst an das Verkürzen der Haare seines Kunden machte, versank Dr. Aurelius in untätiges Hindämmern. Er schloß die Augen und träumte in sich hinein. Er sah die Gestalt der wundervoll gewachsenen rotblonden Frau, um deren Haupt sich die schweren kupferfarbenen Flechten schlangen, Flechten, die über der klaren, schneeigen Stirn sich breiteten, als sollten sie gleich einem absichtlich gewählten natürlichen Diadem wirken. Eine wahrhaft königliche Frau, wenn sie ihm während der Vernehmungen gegenüberstand (da sie das Sitzen stets schroff ablehnte). Ach, wenn sie doch nur reden wollte! Aber sie verschanzte sich hinter überaus klug beherrschten, einsilbigen Bemerkungen. Wenige Worte, die niemals eine vollkommene Antwort, nie ein wirkliches Verneinen, ebensowenig ein ausdrückliches Bejahen der an sie gerichteten Fragen darstellten. Zeitweilig hätte er schwören mögen: sie hat die Tat begangen. Wenige Minuten später schon mußte er sich still sagen: unmöglich – diese Frau ist rein und schuldlos. Dem Untersuchungsrichter bangte vor den nächsten Amtsstunden. Er gestand sich ein, daß er richtiger handeln würde, die Verhöre einem Amtskollegen abzutreten; denn die schöne Frau mit der gebieterischen Haltung war ihm zuviel Weib geworden, bedeutete ihm täglich weniger eine unter Mordverdacht stehende Fremde. Dennoch – dennoch: in so mancher ihrer wortkargen Erwiderungen klang ein spöttischer Unterton, als werde die Tat gar nicht geleugnet – als dächte die Frau: erst wenn ihr mich der Tat zu überführen vermögt, erst dann werde ich sie eingestehen. »Verzeihung, Herr Doktor«, unterbrach Scheufgen das einlullende Geklapper seiner Schere. »Ich las gestern, Frau Beverstorff sei verhaftet worden. Darf ich da mal etwas sagen? Die Dame ist seit Jahren Kundin in unserem Geschäft. Wir sind geradezu entsetzt und halten die Verhaftung für einen Mißgriff der Behörde. Ich erinnere mich ganz bestimmt: am Morgen des Tages, an dem der Mord bekannt wurde und in dessen Frühe er ja auch verübt worden sein soll, an diesem Morgen war Frau Beverstorff bei uns in der Damenabteilung. Ich selbst habe sogar die gnädige Frau bedient.« Dr. Aurelius blickte flüchtig nach rechts und links. Außer ihm und dem Gehilfen war niemand im Raum anwesend. Er konnte sich daher auf ein den Dienst streifendes Gespräch mit dem Manne einlassen. Scheufgen erzählte weiter: »Ich habe mir alle Mühe gegeben, das Verhalten der Frau Beverstorff mir ins Gedächtnis zurückzurufen. Herr Doktor, die Dame war sogar sehr heiter und außerdem gesprächig, was sie sonst keineswegs ist.« »Gesprächig gegen ihre sonstige Gewohnheit«, warf Aurelius ein. »Sie sind kein Charakterforscher, Scheufgen, kein Menschenkenner. Sonst wüßten Sie, wie sehr auffällig Gesprächigkeit ist bei einem sonst schweigsamen Menschen. Ich als Kriminalist würde mir an Ihrer Stelle sofort gesagt haben: Die stets wortkarge Dame spricht heute viel – ihr Seelenzustand ist also durch irgend etwas aufgewühlt.« »Je nun, wenn man sich das so zurechtklamüsert«, bemerkte Scheufgen tadelnd, indem er in den Spiegel hinein einen Blick des Unwillens auf das Gesicht des Untersuchungsrichters heftete. Dann fuhr er unter dem Klappern seiner Schere fort: »Ich erwähne das, weil ich durch das Nachdenken über den bewußten Vormittag mir auch andere Vorgänge jenes Morgens ins Gedächtnis zurückrief.« »Geschah denn etwas, was Ihnen auffällig wurde?« »Ich möchte nicht sagen: auffällig«, berichtigte der Gehilfe. »Immerhin – es war ziemlich sonderbar. Eine junge Person kam, die nie vorher im Laden gewesen war. Die Damenkabinen waren sämtlich besetzt. Die junge Person mußte warten. Sie saß dabei auf einem Stuhl gegenüber der offenen Kabine, in der ich Frau Beverstorff bediente. Das Fräulein sah meinen Hantierungen zu. Ich erinnere mich noch ganz bestimmt an das hoch aufhorchende Gesicht, das die Fremde machte, als ich an den Kabineneingang trat und meinem Kollegen zurief, er möge mir eine neue Flasche von dem Haarwasser bringen, wie Frau Beverstorff es benutze.« Dr. Aurelius meinte: »Sie wollen sagen, das Aufhorchen der jungen Person habe dem Namen Beverstorff gegolten. Schon möglich. Vielleicht hatte die junge Person bereits von dem Morde gehört.« »Ausgeschlossen, Herr Doktor! Das Gerücht lief erst viele Stunden später in der Stadt um.« »Na, und was weiter?« »Kaum hatte ich den Namen genannt, da tat die Fremde schon so, als werde ihr das Sitzen langweilig. Sie schritt auf und ab, und ich meine, sie hätte dabei eine ganz eigentümliche Unruhe bekundet. Dabei blieb sie bestrebt, dem Kabineneingang so nahe wie möglich zu kommen, um Frau Beverstorff genau in Augenschein nehmen zu können. Herr Doktor, es lag in diesem Betrachten ein Ausdruck stärkster Gehässigkeit. Ich erinnere mich dessen so genau, weil ich dachte: Aha, die ärgert sich, daß sie wegen der gnädigen Frau so lange warten muß.« »Nun – und?« machte Dr. Aurelius, da der Gehilfe im Haarschneiden innehielt und eine Kunstpause machte, als wolle er den Höhepunkt seiner Schilderung steigern. »Was mir durch mein Nachdenken als bemerkenswert erscheint, ist folgendes: Die junge Person hätte nun in einer freiwerdenden Kabine an die Reihe kommen können. Sie lehnte die Bedienung ab, trat an meine Kabine heran und bestand darauf, sie wolle von mir bedient sein. Dies, obwohl ich ihr sagte, es werde aber noch lange dauern, bis ich mit der sehr schwierigen Haarbehandlung der augenblicklich bedienten Dame fertig würde.« »Sie meinen, die Fremde sei nur zum Zweck einer Beobachtung der Frau Beverstorff in den Laden gekommen?« »Jawohl, Herr Doktor, so ähnlich; denn was soll man aus einer Kundin machen, die, nun sie endlich im Stuhle sitzt, zunächst nicht weiß, ob sie Haarwäsche wünscht, nur onduliert oder nur frisiert werden will. Ich stand ganz ratlos da. Plötzlich verlangte die junge Person, ich solle ihr einen Bubenkopf schneiden. Ich sagte so ungefähr: Sie haben wunderhübsche blonde Haare, gnädiges Fräulein. Wird es Ihnen hinterher nicht leid tun, da Sie augenscheinlich nicht mit dieser Absicht herkamen? – Gut, sie wiederholte ihren Wunsch, und meine Pflicht war also, sie wunschgemäß zu bedienen.« »Der Einfall kann ihr ja so plötzlich gekommen sein, wie sie – Ihren Worten nach – plötzlich den Wunsch äußerte.« »Auch das zugegeben, Herr Doktor. Aber als ich nun die wirklich schönen blonden Haare abgeschnitten hatte und mit der gesamten Bedienung fertig war, da deutete das Fräulein auf den Abreißkalender neben dem Spiegel und sagte: ›Merken Sie sich das Datum des 27. März!‹ – Ich aber sagte: ›Wir haben heute den 28. März – das Kalenderblatt ist noch nicht abgerissen worden.‹ Gleichzeitig entfernte ich das Blatt. Von da an war die Fremde, übrigens eine bildhübsche Person, merklich verstimmt. Ich habe mir nun zurechtgelegt, sie könne enttäuscht gewesen sein, weil ihr nicht gelungen war, mir ein falsches Tagesdatum einzureden.« »Ich fange an zu verstehen, was Sie meinen, Scheufgen«, sagte der Doktor. »Sie glauben nicht an die Schuld der Frau Beverstorff, und nun konstruieren Sie sich aus der jungen Person die Tatverdächtige. Sie hörten, man habe in der Hand des Ermordeten blonde Frauenhaare von der üblichen Länge solcher Haare gefunden. Und nun ergrübeln Sie sich einen Zusammenhang: die Fremde ließ sich die Haare kurz schneiden, um sich ausweisen zu können, sie sei nicht die Täterin, da man ja lange Haare bei dem Toten entdeckte ... und um solch einen Ausweis zustande zu bringen, verwies sie den Friseur auf ein Datum, das einen vollen Tag vor dem Mordtage lag.« »So ist es, Herr Doktor«, bestätigte Scheufgen voll Stolz. »Nicht Frau Beverstorff hat's getan, sondern die junge Person!« »Na, na, na!« rief der Untersuchungsrichter auflachend. »Wollte man die erwähnte Absicht Ihrer geheimnisvollen Kundin voraussetzen, so müßte man ja gleichzeitig behaupten oder sogar beweisen können, sie habe vor dem Betreten des Ladens gewußt, daß der Abreißkalender ein unrichtiges Datum zeigte, ein Datum, das ihr für einen Alibibeweis zugute kommen könnte.« Ein wenig beleidigt erzählte Scheufgen weiter: »Ich werde dem Herrn Doktor nachher beweisen, daß meine Auffassung gar nicht so weit hergeholt ist. Bei Kriminalfällen sind schon größere Wunder geschehen. Hören Sie nur! Die junge Dame bezahlte mürrisch und verließ schweigend das Geschäft. Wie bei uns gebräuchlich, hatte ich ihr den zum Zopf geflochtenen Haarabschnitt eingewickelt und mitgegeben. Kurze Zeit nach dem Weggang der Fremden kam ein Junge aus der Nachbarschaft in den Laden. Und was meinen Sie, Herr Doktor, was er brachte? Den Haarabschnitt der blonden Dame! Er sagte, das Paketchen habe mitten auf der Straße gelegen, und er meinte, eine Kundin von uns müsse es verloren haben.« »Das finden Sie so merkwürdig?« wunderte sich Aurelius, indem er von neuem lachte. Scheufgen sagte wichtig: »Merkwürdig allerdings, weil wir nachher erfuhren, die Fremde habe das Paketchen über einen nahen Gartenzaun geworfen gehabt. Der Gartenbesitzer hatte das zufällig beobachtet. Er ging hin und sah nach, was der Inhalt wäre. Als er die Haare vorfand, pfefferte er das Päckchen über den Zaun zurück auf die Straße, weil mittlerweile die Eigentümerin verschwunden war.« »Ich gebe zu, alltäglich waren die Geschehnisse jenes Vormittags gewiß nicht«, äußerte der Doktor. »Doch besonders wichtig erscheinen die an sich harmlosen Vorgänge nur Ihnen, weil Sie sie steigern durch die Erinnerung an den Zufall, der Ihnen die Gattin des Ermordeten am Tage des Mordes in den Laden brachte.« Wiederum meinte der enttäuschte Scheufgen: »Tja, es kommt wohl darauf an, wie man sich so etwas zusammenklamüsert. Aber, Herr Doktor, der abgeschnittene Zopf wird von uns aufbewahrt. Sollten Herr Doktor schließlich doch noch etwas auffällig finden an meinen Beobachtungen, so stünde der Zopf zur Verfügung. Etwa zum Vergleich, ob diese Haare mit den bei dem Toten gefundenen übereinstimmen.« Dr. Aurelius sagte heiter: »Auffällig ist mir nur eins, mein lieber Scheufgen. Meine Besuche im Laden haben in Ihnen, meinem Leibfriseur, die kriminalistischen Instinkte geweckt. Ich hoffe, Sie versuchen nicht, mir Konkurrenz zu machen, da ich hiermit feierlich gelobe, niemals als Friseur Ihr Konkurrent zu werden.« Ein neuer Kunde betrat den Laden, und ein anderer Gehilfe erschien zur Bedienung. Scheufgen besaß Takt genug, das Gespräch mit dem Untersuchungsrichter nicht fortzusetzen. Schweigend vollendete er sein Werk. Zehn Minuten später erhob sich Aurelius. Er betrachtete sich eingehend im Spiegel. Die gekürzten Haare erhoben sich nun in schöner Wölbung über der Stirn. Das jetzt bartlose Gesicht, befreit von dem lächerlich fuchsigen Bürstchen, sah verjüngt aus, auch anziehender. Er wollte genau beobachten, ob der schönen Frau Harthilt die Veränderungen auffallen würden. Ach, ließen sich doch Beweise für die Schuldlosigkeit der heimlich verehrten Frau beibringen! Dann hatte man doch eine gewisse Berechtigung, ihr zu nahen, und wer konnte zur Stunde wissen, ob die unter so tragischen Umständen geknüpften unpersönlichen Beziehungen nicht einen glücklichen Uebergang fanden zu persönlich angenehmen Beziehungen. In dieser Stimmung nahm Aurelius den Friseurgehilfen Scheufgen beiseite und ermahnte: »Machen Sie sich immerhin genaue Notizen über die Erlebnisse, von denen Sie mir berichteten. Namentlich auch Notizen über das Benehmen der Frau Beverstorff. Kommt es wider alle meine Vermutungen zu einem Prozeß gegen die Dame, so könnte Ihr Zeugnis doch noch wertvoll werden. Einstweilen bewahren Sie tiefes Schweigen.« Geschmeichelt durch das Vertrauen des Richters, verbeugte sich Scheufgen und flüsterte: »Und der blonde Zopf, Herr Doktor?« »Den werfen Sie ruhig in den Müllkasten. Ihre geheimnisvolle Fremde hat mit dem Mord nicht das Geringste zu tun.« So sagte der Untersuchungsrichter. Er konnte freilich nicht ahnen, wie gründlich er sich hinsichtlich seiner leicht hingeworfenen Ueberzeugung täuschte. * Während der Schnellzug in einer von Regenschauern durchjagten Aprilnacht dahingerast war, hatte Viktor Felsing sich das Unsinnige seiner Flucht überlegt. Er schalt sich feige und erbärmlich, wenn er sich den Augenblick vergegenwärtigte, in dem Frau Harthilt in stolzer Ruhe Abschied von ihm genommen hatte. Ein Weib ... und doch hatte sie auch nicht eine Sekunde die Fassung verloren, obwohl sie gewußt zu haben schien, wer da kam, sie mitten aus einem frohen Fest herauszureißen. Er aber ... in der Furcht, durch Frau Harthilts Festnahme würden nun seine Beziehungen zu Arthur Beverstorff ans Tageslicht gebracht, er hatte in kopfloser Angst das Haus der Eltern verlassen, kaum, daß der letzte Gast von dannen war. Und nun saß er da in dem unfreundlichen, fast armseligen Gasthaus des kleinen Nestes. Er war hier ausgestiegen, da er unterwegs erst zur Ueberlegung kam, ohne Paß und Ausweise werde man ihn die nahegelegene Staatengrenze nicht überschreiten lassen. Daß er von dem Gasthausbesitzer schon mit mißtrauischen Augen betrachtet wurde, konnte er sich nicht verhehlen. Er benahm sich ja auch zu absonderlich. Den Tag verbrachte er in dem dürftig möblierten Stübchen, wohin er sich sogar alle Mahlzeiten bringen ließ. Nur wenn es dunkel geworden war, wagte er einen Spaziergang über die um diese Zeit fast menschenleeren Wege zwischen den Häusern. Und wenn in den nur spärlich erhellten Gassen ein Schritt hinter ihm tappte, dann spürte er, wie Kälte ihm den Rücken entlangkroch. Die Furcht machte ihn zittern, weil er förmlich darauf wartete, nun werde ein Mensch ihn einholen, ihm die Hand auf die Schulter legen und sagen: »Sie sind erkannt.« So trug er sich mit dem Gedanken, eine Schußwaffe zu kaufen. Der entscheidende Augenblick, vor dem er sich so ängstigte, mußte ja doch einmal kommen. Und dann – dann würde er hoffentlich den Mut finden, durch einen raschen Griff nach dem Revolver aller Qual der letzten Tage ein Ende zu bereiten. Es war Abend. Man brachte ihm sein Essen. Er versuchte in schlecht gemimter Gleichgültigkeit, wie so ganz obenhin, bei der ihn bedienenden Magd eine Erkundigung einzuziehen, wo in dem kleinen Nest ein Waffenhändler sei. Sie konnte keine Auskunft geben, und so verfluchte er seine Torheit. Wenige Minuten später kam der Gastwirt zu ihm herauf. »Das Hausmädchen erzählte mir soeben von Ihrer Frage«, begann der Mann in dreistem Tone. »Da muß ich mich schon nach dem Sinn Ihrer Erkundigung umtun. Man sieht Ihnen ja täglich mehr das schlechte Gewissen an. Was haben Sie vor? Es wäre mir das liebste, Sie verließen mein Haus, damit ich Sie nicht gewaltsam entfernen muß.« Viktor versprach in seiner Angst: »Gut, Herr Wirt, ich werde mit dem Nachtschnellzug abreisen.« Der Wirt wurde sogleich freundlicher und entschuldigte sich: »Sie dürfen mir meine Schroffheit nicht verübeln. Sehen Sie, ich habe nur drei Gastzimmerchen, und die brauche ich ständig für die durchkommenden Geschäftsreisenden. Es gibt hier ja nur in meinem Hause Gelegenheit zum Uebernachten.« »Es bedarf keiner Entschuldigung«, unterbrach Viktor, dem in seiner Sehnsucht nach Einsamkeit das Geschwätz des Gastwirts lästig wurde. »Machen Sie mir die Rechnung! Bis zum Nachtschnellzug müssen Sie mich allerdings schon dulden.« »Vielen Dank für Ihre Bereitwilligkeit«, sagte der Wirt. »Ich dachte nämlich obendrein, Sie erwarteten die junge Dame, die heute nachmittag ankam. Ich mußte sie abweisen, weil ich kein Zimmer entbehren kann. Ich habe meine Stammgäste, die Reisenden. Und ich will auch keine zweifelhaften Menschen in meinem Hause haben.« »So, eine junge Dame«, äußerte Viktor, nur um etwas zu sagen. »Selbstverständlich erwarte ich niemanden.« »Man macht sich so seine Gedanken«, redete der Mann weiter. »Sie fragen, wo man einen Revolver kaufen kann. Vor ein paar Jahren hat sich in unserem Städtchen schon einmal ein Liebespärchen umgebracht.« »Wie gesagt, ich erwarte keine Dame«, wiederholte Viktor dringlicher, um den redseligen Menschen zum Gehen zu veranlassen. Etwas später kam die Magd und brachte die umfangreichen Musterkoffer eines Geschäftsreisenden in Viktors Zimmer unter. Er nahm das für eine stillschweigende Aufforderung, den Raum jetzt freizugeben. Seine Handtasche war schnell gepackt. Er bezahlte für seinen Aufenthalt und machte sich auf den Weg zu dem abseits gelegenen Bahnhof des kleinen Städtchens. Dort wollte er irgendeinen Zug besteigen, einerlei, wohin er führe. Noch kahle Pappeln säumten die Seiten der Landstraße. Der Frühlingswind pfiff durch ihr Geäst. In der Ferne schwammen ein paar rote und grüne Tupfen in der Nachtschwärze. Es waren Signallichter des Bahnhofs. Als Viktor den dämmerig erleuchteten, schmucklosen Warteraum erreichte, bemerkte er verängstigt, daß ihm jemand gefolgt war; denn kurz nach seinem Eintreten öffnete sich die Tür abermals, und eine weibliche Gestalt kam herein. Sie schritt auf ihn zu, gerade als er seine Handtasche auf den einzigen Tisch in der Mitte des Raumes niedergesetzt hatte. Sogleich nahm die Frau das Wort: »Ich war ziemlich dicht hinter Ihnen und hätte Sie unterwegs schon ansprechen können. Sie haben beim Heulen des Windes meine Schritte gewiß nicht gehört. Ich dachte auch, es spreche sich leichter hier in dem geschlossenen Wartesaal als draußen auf der finsteren Landstraße.« So heftig Viktor erschrocken war, beruhigte er sich doch, als das Halbhell in dem Raume ihm ein hübsches Frauengesicht verriet. »Sie irren sich wahrscheinlich in der Person«, meinte er. »Ein Irrtum ist wohl ausgeschlossen, da Sie Viktor Felsing sind«, tönte es zurück. Er wollte leugnen, fand aber nicht den Mut. Diese Frauenaugen blickten zu ernst und eindringlich. Er schwieg. »Es bot wenig Schwierigkeiten, Sie aufzufinden«, erklärte Frau Alma. »Vor wenigen Tagen war ich bei Ihrem Vater, um Sie kennenzulernen. Aus seinen Ferngesprächen entnahm ich, Sie müßten geflüchtet sein. Der Zug, mit dem allein Sie in der Nacht abgefahren sein konnten, war leicht zu erraten. Dieser Zug überschreitet nach einer Stunde die Grenze. Ich vermutete auf gut Glück, Sie würden keine Ausweispapiere bei sich haben, ohne die Sie nicht hinüberkommen können. So setzte ich mich der Reihe nach in Verbindung mit den zwei kleinen Zwischenstationen, an denen Ihr Nachtzug vor der Grenzstation zu halten hatte. Erst gestern abend bekam ich von hier Bescheid, ein einzelner Herr mit einem hellen Mantel sei hier ausgestiegen.« »Der helle Ulster«, murmelte Viktor erschrocken. Daß der Mantel ihn verraten könnte, das hatte er nicht bedacht. Die junge Frau berichtete weiter: »Heute mittag reiste ich hierher. Die Menschen einer Kleinstadt sind geschwätzig. Eine Stunde nach meiner Ankunft wußte ich bereits von dem sonderbaren Gast im Wirtshaus und von seinen abendlichen Spaziergängen. – Soll ich die Schilderung meiner Erlebnisse fortsetzen, Herr Felsing?« »Sagen Sie mir lieber, wer Sie sind und warum Sie mich verfolgen!« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und machte den Vorschlag: »Wir wollen uns setzen. Es ist noch über eine Stunde Zeit bis zur Ankunft des Zuges, mit dem wir heimfahren werden.« »Ich fahre nicht heim«, lehnte er schaudernd ab. »Ich habe keine Macht, Sie zu zwingen«, bekannte Frau Alma. »Wahrscheinlich tun Sie es freiwillig, wenn wir mit unserer Unterredung fertig sind. Wer ich bin, wollen Sie wissen? Niemand weiter als eine Frau, die sich's zur Pflicht gemacht hat, den Mörder Arthur Beverstorffs zu entdecken und zu entlarven. Damit haben Sie zugleich die Antwort auf Ihre Frage, warum ich Sie verfolge.« Viktor sank in sich zusammen und stöhnte. »Ich muß wissen, was in jener Mordnacht geschah und wie es geschah«, sagte Frau Alma. »Nur Sie allein können Auskunft geben. Jetzt will ich nur hören: Sie hatten einen Streit mit Beverstorff?« »So war es.« »Aber vor dem Streit – was war da?« »Wegen einer wichtigen Unterredung hatte ich Beverstorff vor seinem Hause abgefangen. Er sagte, er sei müde, und bat mich, ihm in sein Schlafzimmer zu folgen. Während unseres anfangs ruhigen Gesprächs kleidete er sich zur Nacht um. Unser Wortwechsel hob erst dann an, als er – – –« »Halt!« unterbrach Frau Alma. »Sagen Sie mir erst etwas anderes: Hatte Beverstorff eine Dame bei sich, als Sie ihn vor seinem Hause ansprachen?« »Selbstverständlich nicht, sonst hätte ich ihn nicht angesprochen.« »Sie hörten auch nichts in der Wohnung – eine Stimme, ein Geräusch oder Aehnliches –, was auf die Anwesenheit einer dritten, namentlich einer weiblichen Person hätte schließen lassen?« Viktor sann nach, um dann zu erzählen: »Alles, was ich in jener Nacht erlebte, war mir nachher wie ein Traum, dessen Geschehnisse man nach dem Erwachen vergeblich in der geträumten Reihenfolge miteinander zu verbinden sucht. Ich entsinne mich, daß Beverstorff mich im Flur stehen ließ und daß er für kurze Minuten ein Zimmer betrat. Von dort kam er zurück und öffnete die Schlafzimmertür. Erst nach einer Weile knipste er dort das Licht an. Nachdem forderte er mich zum Eintreten auf. Unsere Auseinandersetzung begann, während er sich ohne Aufenthalt vor mir umzog. Wir wurden dabei allmählich lauter, da der Mann mich durch freche, verächtliche, hämische Bemerkungen erbitterte.« »Einen Augenblick«, unterbrach Frau Alma. »Man kann sich leicht hinter den schweren Vorhängen des Schlafzimmers verbergen. Hörten Sie ihn im Dunkeln dieses Gemachs – ich meine, bevor Sie eintraten – mit jemandem ein paar kurze Worte wechseln, flüstern oder murmeln?« »Ich habe begreiflicherweise in meiner Erregung auf nichts geachtet, nachdem ich einmal die Wohnung betreten hatte. Doch – warten Sie – es fällt mir jetzt eben etwas ein. Gleich nach Beginn unseres Gesprächs hatte ich den Eindruck, es sei auf dem Flur ein Geräusch gewesen. Da im gleichen Augenblick Beverstorff mir wegen einer Geldfrage Vorwürfe machte, auf die ich scharf erwidern mußte, entglitt mir der Eindruck wieder, daß ein Huschen hörbar wurde.« »Beverstorff beachtete das Geräusch nicht?« »Ich kann mich heute dessen nicht mehr entsinnen.« Frau Alma forschte weiter: »Sahen Sie in dem Schlafzimmer Gegenstände, die einer weiblichen Person gehört haben könnten?« Mit einem müden Lächeln erwiderte Viktor: »Ich war viel zu sehr mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um derlei nichtsbedeutende Eindrücke in mich aufzunehmen. Wenn mir das erwähnte Huschen noch zu Ohren drang, so wahrscheinlich nur deshalb, weil ich aus zwingenden Gründen den Wunsch hegen mußte, ohne Zeugen mit Beverstorff zu reden.« »Sie wissen aber, daß man bei dem Toten Gegenstände fand, die nur eine Frau bei sich trägt?« »Ich habe davon gelesen.« »Und wo ließen Sie die Waffe, mit der Sie Beverstorff erstochen haben?« Die Frage prallte so verblüffend auf Viktor ein, daß ihm in tödlichem Erschrecken der Mund weit offen klaffte. Er würgte ein zusammenhangloses Gestammel hervor und starrte mit aufgerissenen Augen auf die so kalt und ruhig fragende Frau. »Nun ja – die Waffe!« erinnerte sie. »Die Waffe, mit der Sie dem Streit ein Ende machten, nachdem Beverstorff wiederholt gedroht hatte, Sie dem Vater als den Verräter eines Fabrikgeheimnisses zu entlarven.« Der Erfolg dieser gnadenlos anklagenden Worte war verblüffend. Viktor stürzte mit drei raschen Sprüngen nach der Tür des Warteraumes. So schnell die behende Frau dem Flüchtenden folgte, war doch der Bahnsteig schon leer und einsam, als sie den Ausgang erreichte. Frau Alma hatte den nur sehr unbestimmten Eindruck, als wiche drüben ein Schatten über die nächtlichen Gleise des Bahnhofs. Vergeblich sah sie sich nach einem Beamten um. Sie ging in den Warteraum zurück, wobei sie sich eingestehen mußte, es sei unnütz, in stockdunkler Nacht einen querfeldein fliehenden Menschen zu verfolgen. Eine Stunde später trat sie mit dem durchkommenden Bummelzug die Heimfahrt an. Die Reisetasche Viktors nahm sie mit. Ein triumphierendes Lachen entstellte das schöne Gesicht der jugendlichen Frau zu einer boshaften Maske, als sie in dem einsamen Abteil die Reisetasche gründlich untersucht hatte. 7. »Ich finde Ihre Vorstellungen recht eigentümlich«, sagte Staatsanwalt Bissung, indem er einen scharfen Blick auf den ihm gegenübersitzenden Dr. Aurelius heftete. Der Untersuchungsrichter entgegnete: »Nur weil Sie noch immer nicht dahingelangt sind, unsere Unterredung rein als Privatgespräch zu betrachten.« Staatsanwalt Bissung hob hervor: »Das Verhängen der Untersuchungshaft ist doch nichts weiter als ein berechtigter behördlicher Eingriff in die Bewegungsfreiheit eines Menschen, dessen körperlicher Person man sich zu versichern hat zum Zweck der Aufklärung eines Verbrechens schwerer Natur.« »Vielen Dank für die Belehrung«, versetzte Aurelius mit einem kaum unterdrückten Spottlächeln. »Neu ist sie mir allerdings nicht, Ihre Erläuterung der Untersuchungshaft, die auf Antrag des Gerichts ja durch mich, den Untersuchungsrichter, verhängt wird. Ich stelle mich aber auf den Standpunkt, die Untersuchungshaft sei nur bei zwei Anlässen menschlich gerechtfertigt: erstens, wenn Fluchtverdacht vorliegt, zweitens, wenn sich gegen den Angeschuldigten wirklich unabweisbare Verdachtsgründe für die Täterschaft ergeben haben.« »Und das bestreiten Sie im vorliegenden Falle?« knurrte der Staatsanwalt. »Keiner von beiden Anlässen ist zutreffend bei Frau Beverstorff«, behauptete Aurelius. »Von dieser Erwägung ausgehend, kam ich auf den Einfall einer – hier betone ich stark! – einer vollkommen privaten Unterhaltung mit Ihnen, Herr Staatsanwalt, um auf diesem Wege die von mir beabsichtigte Haftentlassung der Dame zu erhellen.« Der Staatsanwalt rückte in schlecht verhehltem Unwillen an seiner Brille und sagte: »Fluchtverdacht – gut, ich will zubilligen, eine so besonnene Frau wie die Beverstorff sei da unverdächtig. Wirklich unabweisbare Gründe für den Verdacht der Täterschaft – lieber Doktor, das Eheunglück als Vorspiel eines Mordes, der Mord als Folge der niederträchtigen Handlungsweise eines in jeder Beziehung brutalen Ehegatten ... Wir mögen als Menschen uns im tiefsten Innern sagen, die Tat der Frau sei begreiflich. Als Beamte der Strafjustiz aber müssen wir anerkennen: eine zerrüttete Ehe, häufige Zwiste nach der Trennung, nach eigener Aussage der Verhafteten diese Zwiste verbunden mit nicht nur wörtlichen, schlimmer noch: tätlichen Beleidigungen – das sind wahrlich mehr als genug dringliche Gründe für den Täterschaftsverdacht. Ich kann nicht einsehen, es gebe hier auch nur einen leisen Grund, auf die Inhaftierung der Frau zu verzichten. Und einen Anlaß, sie gegen geldliche Sicherheitsleistung zu entlassen – nein, das lehne ich noch schroffer ab.« Dr. Aurelius erwiderte trotzig: »Ich habe die unglückliche Frau bis jetzt viermal verhört. Es waren langdauernde, der Dame und mir selbst zur Qual werdende Vernehmungen. Sie haben noch nicht einmal einen Anhalt von Staubkorngröße ergeben, von dem her sich ein Ausblick gewinnen ließe für die auf diesem Wege zu erlangende Aufdeckung des geheimnisvollen Mordes.« »Die breite Oeffentlichkeit muß berücksichtigt werden«, hielt Staatsanwalt Bissung dem entgegen. »In den weitesten Kreisen beschäftigt man sich mit der Ohnmacht der Behörde, dem Geheimnis der Tat beizukommen. Die Haftentlassung der Beverstorff würde aufgefaßt werden als ein neuerliches Bekenntnis, wie wenig wir in diesem Kriminalfall bis jetzt erreichten. Vielleicht auch, wie wenig wir vermögen gegen einen Täter, der uns an List und Scharfsinn überlegen ist.« Erbittert brach Aurelius los: »Also nur Rücksichten auf den Tratsch des Pöbels sollen bestimmend sein für unsere Maßnahmen? Ich möchte beinahe sagen: Dann bedanke ich mich dafür, der Zunft anzugehören!« Bissung erhob sich mit einem Ruck: »Herr Doktor, mit diesem Anwurf endet unser Privatgespräch. Obwohl wir uns in meiner persönlichen Behausung befinden, muß ich Ihren Besuch nunmehr dienstlich auffassen.« Der Untersuchungsrichter stand gleichfalls auf und sagte grimmig: »Ich stelle das Ihrem Dafürhalten anheim, Herr Staatsanwalt.« »Dann handle ich gewiß richtig, wenn ich von dieser Minute an Voraussetzungen Raum gebe, die ich sogleich näher skizzieren will: Sie können sich nicht länger eines Gefühls persönlicher Befangenheit gegenüber einer Tatverdächtigen erwehren – Ihre Unterhaltung mit mir hätte also den Zweck gehabt, mich vorzubereiten auf ein Ausscheiden Ihrerseits aus dem Amte. Aus dem Amte, Herr Doktor! Nicht nur aus dem Prozeß. Ich danke Ihnen für dies Vertrauen, und ich werde trotz vorgerückter Stunde noch heute veranlassen, daß die Akten in andere Hände übergehen. Ich wünsche Ihnen alles Gute für eine Rückkehr ins Privatleben. Sie fingen an, sich als tüchtiger Beamter zu bewähren. Man wird Sie gewiß mit Bedauern aus der Anstellung scheiden sehen.« Es blieb dem völlig überrumpelten Aurelius nichts übrig, als diesen sehr deutlichen Wink genau so zu verstehen, wie er gemeint war. Er kannte den knurrigen Alten und seinen Machteinfluß zu gut: er würde dem ihm mißliebig gewordenen Untersuchungsrichter den Hals zu brechen wissen, sofern der nicht freiwillig aus Amt und Anstellung schied. Aurelius verabschiedete sich in Eiseskühle von dem Staatsanwalt und ging heim, um noch in dieser Nacht sein Gesuch um Amtsenthebung aufzusetzen. Aurelius begriff, daß er unwillkürlich und durch eine unbedachte Aeußerung seine Gefühle für Frau Harthilt verraten haben müsse. Dr. Aurelius schrieb sein Gesuch mit bitterem Herzen. Als er aber die Unterschrift darunter gesetzt hatte, fühlte er sich doch frei. Endlich frei für den Kampf zur Befreiung einer geliebten Frau von dem furchtbaren Verdacht des Menschenmordes; denn die persönliche Freiheit – soweit war es ja gekommen – die konnte er ihr als Untersuchungsrichter nun nicht mehr zurückgeben. Er durfte sich nicht verhehlen: Frau Harthilt hatte sich in mancherlei Widersprüche verstrickt. Mit eigentlich amtswidriger List brachte er sie dahin, einen Alibibeweis anzutreten. Zu seinem Schrecken aber war dieser Beweis gründlich mißlungen. Nicht nur das, der versuchte Beweis vertiefte die Tatverdächtigung noch! Die Dienerin hatte nämlich ausgesagt, Frau Beverstorff sei in der Mordnacht nicht, wie sie behauptete, daheim gewesen, sondern im Morgengrauen erst nach Hause gekommen. Sobald er ihr von diesem Zeugnis des Mädchens Kenntnis verschafft hatte, gab Frau Harthilt die nächtliche Abwesenheit ohne weiteres zu, verweigerte aber jede Angabe, wo sie bis zum Morgengrauen gewesen sei. »Der Schein ist gegen mich«, hatte sie gesagt. »Ich will es lieber auf mich nehmen, einen Schurken aus der Welt geschafft zu haben, denn ich hätte dadurch nur Mut bewiesen. Und ich beweise wahrscheinlich auch nur meinen Mut, indem ich verschweige, wo ich war.« Er hatte erwidert: »Seien Sie doch vernünftig! Es kann Sie den Kopf kosten, wenn Sie über Ihren Verbleib schweigen.« Und sie: »Sind nicht Sie selbst es, Herr Doktor, der mich durch sein Drängen nun in diese Lage brachte? Ich fühle, Sie haben es gut gemeint. Ich weiß nicht, ob die Dienerin mit ihrer Behauptung im Recht ist oder ob ich mich irre. Mein Kopf ist verwirrt. Ich ergebe mich in mein Verhängnis und setze mein Vertrauen auf die Gerechtigkeit des Schicksals.« Da hatte er sich der Erzählung des Friseurgehilfen Scheufgen entsonnen. Er klang schon fast flehentlich, als er die geliebte Frau bat, sich zu erinnern, ob es nach einer außerhalb des Hauses verbrachten Nacht gewesen sei, als sie sich am Vormittag des 28. März die Haare waschen ließ. Sie war nicht zum Reden zu bewegen. Wie in den Tagen vorher gab sie Antworten, die in ihrer Einsilbigkeit nichts leugneten, nichts eingestanden. Er hatte die Vernehmung schließen müssen, nachdem Frau Harthilt noch vorbrachte: »Es wissen bis zu dieser Stunde nur die Allmacht und der Täter, wer die Tat beging. Ich warte geduldig auf die Offenbarung. Sie kann nicht mehr fern sein.« Weder Eingeständnis noch Leugnen, weder Ja noch Nein, weder Bekenntnis noch Rechtfertigung ... wehe ihr, wenn nun ein anderer sie verhörte, quälte, in die Enge trieb, mit Fragen sie folterte, sie mit Vorwürfen entmutigte, mit Behauptungen sie einschüchterte! Sein Herz war ihr zugetan, und er hatte den Eindruck gewonnen, als sei ihr das nicht fremd geblieben. Frei war er nun. Sie kämpfte durch nichts für sich. Er aber wollte mit allen Mitteln für sie kämpfen. Dadurch vielleicht um ihr Herz! Wo aber den Kampf beginnen – und wie? Wo den Schlüssel finden, der für Frau Harthilt das Tor zur Freiheit erschloß? Wie den Lichtstrahl erzeugen, der das Dunkel der Tat entzauberte? Ruhelos schritt Aurelius in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Dann wieder saß er lange Viertelstunden, tief in sich versunken, nachgrübelnd im Schreibtischsessel. Ganz plötzlich vernahm er in seinem Innern eine ungewisse Stimme. Er lauschte dem Wort, das erst sinnlos klang, dann mehr und mehr sich verdeutlichte. Es wurde ein Name daraus: Schlomke! Der Name der Frau, die zugegeben hatte, am Abend vor der Tat heimlich in der Beverstorffschen Wohnung gewesen zu sein. Sie hatte Beverstorff mit einem Manne reden hören. Und dieser Mann hatte gesprochen von einer Schande, die mit Feuerbuchstaben an den Himmel geschrieben werden müßte. Also Drohungen – ein Mann war der Mörder – dieser Mann! Aurelius sprang auf. Nein – und doch wieder: die Puderquaste, die Haarspange, die blonden Frauenhaare. Woher kamen die Haare, und wie waren sie in die Faust des Ermordeten gelangt? Eine Frau, die zwei Gegenstände ihrer Eitelkeit zurückließ am Ort eines galanten Abenteuers? War diesem Abenteuer die blutige Tat gefolgt? Als diese Fragen verklungen waren in seiner Seele, gab es für den Doktor keine andere Ueberzeugung mehr, als daß ein Weib die Schuldige war. Ein Weib – jedoch keinesfalls die schöne, stolze Frau mit den schweren rotblonden Flechten über der reinen Stirn. Um sich zu ruhigem, folgerichtigem Nachdenken zu zwingen, schrieb der Untersuchungsrichter die Aussagen der Frau Schlomke auf ein Blatt Papier, so wie er sich des ungefähren Wortlauts entsann: »Wäre in der Wohnung die Person gewesen, deren Anwesenheit ich vermutet hatte, dann hätte ich Beverstorff sofort gewarnt, daß er beschwindelt wurde.« Und weiter: »Ich werde den Namen dieser Person nicht nennen, denn ich will niemanden ins Unglück bringen.« Zuletzt noch: »Die Person hat hellblonde Haare, aber das könnte man ja auch von Frau Beverstorff sagen.« Die langsam hingeschriebenen Worte standen da. Den Nachsatz über Frau Harthilt strich Aurelius mit fester Hand durch. Wenn nicht die mittelalterliche Folter, so gab es keine Gewalt, der Schlomke den Namen der Hellblonden abzuzwingen. Aber es gab – die List! Den kriminalistischen Kniffen, durch Ueberlistungsversuche zum Namen der blonden Person zu gelangen, diesen Kniffen war die Schlomke mit wunderbarer Geschicklichkeit ausgewichen. Und doch war der Name vermutlich das erste, was zu den Spuren des Täters oder der Täterin hinführen konnte. Es galt also, diesen Namen zu erfahren. Aurelius schrieb ein paar kurze Zeilen der Einladung an den Friseurgehilfen Scheufgen. Er brauchte diesen Mann bei seinem Plane. Es dämmerte, als der Doktor mit dem Schreiben fertig war. Ein erster Sonnenstrahl legte den goldenen Finger über des Doktors ruhende Hand. Wie eine schöne Verheißung! * Friedrich Schulze quälte sich mit kummerschwerem Herzen ob des abwegigen Verhaltens seiner Frau. Oftmals, wenn er des Abends aus dem Dienst heimkam, fand er die Wohnung leer. Für sein leibliches Wohl war allerdings stets gesorgt: Frau Alma hatte immer den Tisch hergerichtet. Da prunkten auf schneeiger Damastdecke die Teller mit ihren Goldrändern, neben ihnen die Silberbestecke. In der Mitte des Tisches flimmerte im Licht der Glühbirnen die Kristallvase, über deren Rand freundliche Blumen quollen. Eine Schüssel mit einladend geordnetem kalten Aufschnitt. Nichts fehlte, und der Tisch bot einen fast vornehmen Anblick, der ebenso sehr die sorgsam ordnende Hand der jungen Frau wie aber auch ihre Vorliebe für den Prunk verriet. Doch war der Tisch auch noch so schön gedeckt, sie selbst war nicht da. Sie trieb sich als Soldatin der Heilsarmee in der nächtlichen Stadt umher. Und wenn sie spät nach Hause kam, wenn Schulze dann manchmal, längst nicht immer, wach wurde und brummig ihr Vorwürfe machte, so hatte sie nur einen eigenartigen Blick für ihn. Diesen Blick fest auf ihn heftend, sagte sie ruhig: »Ich tue nichts Unrechtes, Friede. Ich suche nach einem Mann, dem der Mord an Beverstorff zuzutrauen wäre. Du solltest dich darüber freuen als Kriminalbeamter.« Mehr war nicht aus ihr herauszubringen. Sie ging zur Ruhe und schlief fast augenblicklich ein. Oder sie tat wenigstens so. Am Morgen weckte sie ihn pünktlich und legte sich sofort wieder hin, um – wie sie sagte – die versäumten Schlafstunden nachzuholen. Wiederum saß er dann allein am geschmackvoll gerichteten Kaffeetisch. Wenn er ohne Lust und Behagen den Morgenimbiß zu sich genommen und die sorgfältig eingewickelten Frühstücksschnitten in die Tasche gesteckt hatte, verließ er das Haus. Oftmals hatte er innerhalb vierundzwanzig Stunden dann nicht mehr als ein paar brummige Bemerkungen mit seinem jungen Weibe ausgetauscht. Der seit Tagen aufgestaute Groll brach natürlich doch einmal über die Dämme der Selbstbeherrschung. Schulze machte beim Mittagessen seinem Grimme Luft. Sowie er aber laut und heftig wurde, erhob sich Frau Alma vom Tisch. Ohne ein Wort der Entgegnung oder der Verteidigung verließ sie das Zimmer. Er gab das Mittagessen preis, stürmte wutschnaubend von dannen und rannte aufs Büro. In der Stille und Einsamkeit, die um diese Zeit dort noch herrschten, beruhigte er sich allmählich. So war es auch heute gewesen. Der zweite derartige Auftritt schon. Wie oft würde sich solch ein Auftritt nun wiederholen? Schulze saß stumpf und dumpf vor seinem Arbeitspult und würgte seine seelische Erregung nieder. Mit dem Glockenschlag zwei ging im Nebenraum, im Arbeitszimmer Weinreichs, die Tür. Schulze wartete ein paar Minuten, um dem Vorgesetzten zum Ablegen des Ueberrocks und zum Anzünden der Verdauungszigarre Zeit zu lassen. Dann pochte er an die Verbindungstür und trat entsprechend der Vorschrift ohne Aufforderung ein. Nach kurzem Gruß erstattete er Bericht: »Außer einer Meldung über die Festnahme des Handtaschenräubers Willy Kreitz, als schnoddriger Willem bekannt, liegt nichts vor, Herr Kommissar.« »So, den hätten wir also wieder mal«, sagte Weinreich. ›Wie sattgegessen und zufrieden der Mann aussieht!‹, dachte Schulze, sich voll Neid der in seinem Heim eingerissenen Unbehaglichkeit erinnernd. Der Kommissar hatte gelangweilt seinen Untergebenen betrachtet in jener Stimmung, der man nach einer reichlichen Mahlzeit verfällt. »Was ist eigentlich mit Ihnen los, Schulze?« erkundigte er sich. »Sie fallen von Tag zu Tag mehr ab, tun mürrisch und verdrossen Ihren Dienst, sehen immer aus, als wäre Ihnen alles Wurst oder als hätten Sie Kummer.« »Den habe ich auch, Herr Kommissar«, gestand Schulze nach einem Seufzer ein. »Meine Frau macht mir schwere Sorgen. Ich bin oft ganz trostlos, muß mir Vorwürfe machen, daß ich nicht allein geblieben bin.« »Ein merkwürdiges Huhn, Ihre Frau«, bestätigte Weinreich. »Was treibt sie nur dazu, sich um den Kriminalfall Beverstorff zu kümmern?« Erst nach langem Zögen« begann Schulze: »Ich habe keinerlei Erklärung dafür. Es ist offenbar ein Koller. Weil ich der Kriminalbehörde angehöre, glaubt sie wahrscheinlich, sie müsse da mittun, um mich zu unterstützen.« Dem Kommissar kam plötzlich ein Gedanke, und er fragte: »Sagen Sie, Schulze – sind Sie ganz sicher, daß Ihre Frau vor der Ehe nicht in Beziehung gestanden hat zu Beverstorff? Ich meine, weil sie sich in so ungewöhnlicher Weise mit der Sache befaßt.« Schulze starrte seinen Vorgesetzten an, als fände er nicht gleich Worte der Erwiderung auf diese erstaunliche Frage. Endlich hub er schwerfällig an: »Nein, Herr Kommissar, – da bin ich – bin ich so sicher – so sicher, wie ich sicher bin, daß der verdammte Kerl tot ist.« »Warum sprechen Sie stets in so gehässigem Tone von dem Toten?« sagte Weinreich streng. »Das fällt mir heute nicht zum erstenmal auf.« Schulze suchte eine kurze Weile nach einer Erklärung, meinte aber dann in treuherziger Beteuerung: »Das ist wohl begreiflich, da ich mich bitter ärgere, daß meine Frau sogar den Frieden unseres Hauses vergißt, um das Ende eines Weiberjägers aufzuklären. Sie wissen, Herr Kommissar, wie ich bei meinen hausbackenen Grundsätzen über diese Menschensorte denke.« »Richtig«, bekannte Weinreich. »Daran hatte ich nicht gedacht.« »Ich kenne meine Frau«, sprach Schulze weiter. »Ich hätte sie nicht genommen, wäre auch nur das Geringste an ihrer Vergangenheit nicht einwandfrei gewesen.« »Sie haben mich mißverstanden«, tröstete der Kommissar. »Ich habe nichts Tadelnswertes gemeint. Eine Frau kann doch einen Mann kennen, ohne daß man gleich auf Anrüchigkeit der Bekanntschaft schließen muß.« »Meine Frau kannte den Beverstorff aber nicht«, rief Schulze aufbrausend. »Weder auf die eine noch auf die andere Art. Wie kommen Sie überhaupt zu solch einer Vermutung, Herr Kommissar?« Weinreich sah den urplötzlich erregten Mann erstaunt an. Wie unheimlich dies sonst so harmlose Biedermannsgesicht auf einmal verändert war! »Was geraten Sie denn so aus dem Häuschen, mein Bester?« beruhigte der Kommissar. »Eine ganz harmlose Frage, wenn ich sie auch nicht ohne Grund stellte.« »Grund – was für Grund?« fragte der Beamte mit stark erhobener Stimme. »Ich muß doch bitten, mir diesen Grund zu sagen.« Der Kommissar verbarg seine Gedanken: dieser Ehemann weiß durchaus nicht alles über die Vergangenheit der Gattin, sonst würde ihn die Frage nicht so in Harnisch bringen. Dann tupfte Weinreich die Zigarrenasche ab und sog mit gespitzten Lippen die Luft ein. Der leis pfeifende Laut wirkte wie ein Stachel auf Friedrich Schulze. »Wollen Sie mir den Grund nicht nennen?« stieß er heftig hervor. Der Kommissar äußerte: »Ich könnte verneinen, weil mir der Ton nicht behagt, den Sie gegen mich anschlagen, Verehrtester. Man hat mir jedoch erzählt, Sie würden schon eifersüchtig, wenn man Ihre Frau nur mal genauer anguckt. Deshalb will ich Nachsicht üben. Den Grund aber, den sollen Sie sofort hören: Ihre Frau kennt nämlich eine Frau, die zu Beverstorff unzweifelhaft in engeren Beziehungen stand.« »Das ist völlig ausgeschlossen!« brüllte Schulze förmlich. »Meine Frau – meine Frau, die – – –« »Warten Sie, bitte, bevor Sie mich Lügen strafen wollen«, unterbrach Weinreich unbeirrt. »Erinnern Sie sich, daß vor kurzem Ihre Frau eine Unterredung mit mir nachsuchte?« »Wir haben hinterher einen schweren Streit gehabt.« »Sagte sie Ihnen daraufhin, was sie bei mir gewollt hat?« »Meine Vorwürfe hatten ihren Trotz erweckt. Sie lehnte jede Auseinandersetzung über den Besuch ab.« Der Kommissar machte eine kleine Pause, um dann zu vollenden: »Ich sagte soeben, Ihre Frau kenne eine Dame, die Beverstorff nahestand. Sie bestreiten das. Ich weiß also mehr als Sie. Ihre Frau war zu mir gekommen, um sich die bei dem Ermordeten gefundenen Gegenstände zeigen zu lassen.« Schulze sah aus wie ein Raubtier, als er nun mit zusammengepreßten Lippen flackernden Auges den Vorgesetzten musterte. Dann versuchte er etwas zu sagen. Doch der Mund verzerrte sich nur zu einem Entblößen der Zähne. Der Kommissar sprach weiter: »Sie gestand sofort, die Gegenstände zu erkennen. Ja, sie beschrieb sogar die Person, der die Dinge gehört haben, wenn sie das auch auf Grund von Vermutungen und Gedankenfolgerungen tat, die ich nicht anerkennen kann.« »Meine Alma sagt niemals etwas ohne Ueberlegung«, murmelte Schulze mit einem Lächeln, das dem Kommissar ins Herz schnitt, obwohl er nicht zu den mitfühlenden Menschen gehörte. »Und nun sollen Sie auch hören, was mir später erst auffiel«, fuhr Weinreich nach kurzem Schweigen fort. »Es waren am Tage des Besuches Ihrer Frau die Haare noch nicht zurückgeliefert, die der zweite Sachverständige zur mikroskopischen Untersuchung erhalten hatte. Ihre Frau sah also nur die Puderquaste und die Spange. Eben noch so listig in ihren spitzfindigen Rückschlüssen, verlor sie plötzlich die Fassung. Sie wurde so erregt, daß ich sie auf mein Amtszimmer führen mußte. Dort auf dem Stuhl am Fenster saß sie, bleich bis in die Lippen. Sie nahm den Hut ab, um sich Erleichterung zu verschaffen. Auf ihrer Stirn glitzerten Schweißperlen einer für mich vollkommen überraschenden Erregung. Und über dieser Stirn bauschten sich die modisch kurz geschnittenen Haare zu einer blonden Gloriole.« »Weiter – weiter!« stieß Schulze hervor, Worte, die wie ein Schrei völliger Verzweiflung klangen. »Ganz kurz nach dem Weggang Ihrer Frau brachte der Sachverständige selbst mir die bei Beverstorff gefundenen Haare zurück. Da entdeckte ich dies: die Frauenhaare aus der Faust des Ermordeten und die Haare Ihrer Frau – sie glichen einander in der blonden Farbe wie – nun, wie eben ein hellblondes Haar dem anderen.« »Nein – nein«, stöhnte Schulze aus tiefer Kehle. »Doch!« betonte Weinreich. »Und da wir alle im Gegensatz zu der seltsamen Behauptung Ihrer Frau der Ueberzeugung sind, daß die Tat von einer weiblichen Person verübt wurde, so bleibt nur die einzige Annahme –« Kommissar Weinreich konnte nicht vollenden. Schulze taumelte sekundenlang wie ein Trunkener, vergeblich Halt suchend an der Wand hinter sich. Dann sank der schwere Körper wie unter einem Hieb gefällt zu Boden. Der rasch herbeigeholte Arzt stellte einen Gehirnkrampf fest. »Es wäre dem armen Menschen wahrscheinlich wohler, wäre es eine richtige Gehirnlähmung geworden, die das Aufhören der Herztätigkeit und der Atmung bedingt, so daß sofort der Tod hätte eintreten müssen.« So sagte der Arzt, und Weinreich fügte hinzu: »Ja, es wäre ihm wahrscheinlich wohler – davon bin ich im tiefsten überzeugt.« »Ah, Sie wissen, daß Menschen nach einem solchen Zusammenbruch kaum je wieder wirklich – hm – Menschen werden?« »Es ist nicht das«, murmelte der Kommissar mit ernster Miene. Er vergegenwärtigte sich das Bild der reizenden Frau, die so heiter und lieblich lächeln konnte und so harmlos aussah. * Man konnte die lenzlich schönen Tage wirklich nicht Aprilwetter nennen. Ostwind hatte einen klarblauen Himmel gefegt, und die Sonne wärmte täglich stärker. Es ließ sich gut wandern in diesen Tagen. Viktor Felsing schritt rüstig dahin. Er kam gut vorwärts, obgleich er das Marschieren gar nicht so gewöhnt war wie sein Begleiter, ein untersetzter Mann in einem dunkelblauen Anzug. Dieser Mann griff allerdings keineswegs sonderlich aus. Er lief einen schaukelnden Trott, stetig aber und ohne das Schrittmaß zu wechseln, bevor nicht mindestens eine Stunde um war. Nach einstündigem Wege erst gönnte er sich selbst und seinem jungen Gefährten Rast. Doch schon nach wenigen Minuten trieb er zum Weitermarsch an. In dieser Weise wanderte Viktor bereits seit vier Tagen neben dem Fremden her. Er kannte den Namen des Mannes nicht. Der hatte ihn auch nicht nach seinem Namen gefragt, und so glaubte er dem Gefährten die gleiche Rücksicht erweisen zu müssen. Es war wohl so Brauch auf der Landstraße. Am Spätnachmittag saßen sie auf der Steinbrüstung einer kleinen Brücke nebeneinander. Von der Vornehmheit der Kleidung Viktors war nicht viel übriggeblieben. In Staub und Sonne hatte sich der Anzug dem von Wind und Wetter verfärbten Gewande des Gefährten angeglichen. Doch sauber und ordentlich sahen die beiden Wandergenossen aus. Das nicht zuletzt war es, was ihnen in zur Abendzeit erreichten Dörfern ein Unterkommen verschaffte. »Nicht zu lange ausruhen«, warnte jetzt der Mann, indem er sich vom Brückenrande erhob. »Ich verstehe Ihr Prinzip nicht«, erwiderte Viktor müde. »Nur gründliches Ausruhen ermuntert doch den Körper und gibt den Muskeln neue Kraft.« »Gewiß«, gab der Mann im blauen Anzug zu. »Aber nur dann soll man gründlich ausruhen, wenn der Körper den ganzen Tag hindurch das geleistet hat, was die Muskeln zu leisten vermögen. Das aber ist weit mehr, als ihr verwöhnten Gebildeten glaubt. Ich habe meine Kenntnis von einem Doktor.« »Von einem Arzt?« staunte Viktor. »Ja, das war er. Oder er ist es wenigstens gewesen, bevor er in Südamerika Landstreicher wurde. Dort habe ich ihn kennengelernt. Ich war damals von meinem Schiff abgegangen – ich bin Seemann. Von Buenos Aires aus tippelte ich landeinwärts. Wie du dich mir anschlossest, so schloß ich mich damals dem Doktor an, als wir – genau wie du und ich – einander nach dem Weg fragten.« »Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie sich meiner so annehmen«, flocht Viktor ein. »Geschieht gern«, sagte der Seemann. »Wenn ein Sohn aus gutem Hause – und das bist du ohne Zweifel – wenn solche Bengels der Seefahrt zulaufen, dann fangen sie es zumeist auf merkwürdige Weise an. Konntest du nicht vor deinen Alten hintreten und darauf bestehen: ich will nun mal Seemann werden?« Viktor gab zurück: »Hätte das genützt, so säße ich jetzt nicht müde neben Ihnen.« »Richtig.« »Erst wenn wir in Hamburg sein werden, kann ich meinem Vater Forderungen stellen.« »So hast du mächtig Glück gehabt, daß du in mir auf einen befahrenen Mann trafst. Ich mache den Weg auf Schusters Rappen, weil ich in der Heimat zwecklos mein Geld verpulverte. Du läufst zu Fuß nach Hamburg, weil ihr Gebildeten glaubt, man müsse das, was ihr ein Abenteuer nennt, auf recht verquere Art beginnen. Na, mein Junge, komm erst auf Schiffsplanken – da werden sie dir zeigen, wie verdammt wenig Aehnlichkeit die Seefahrt mit Abenteuern hat.« »Sie wollten von dem Arzt in Südamerika erzählen«, erinnerte Viktor, um dem Gespräch eine Wendung zu geben, die weniger peinlich war. »Kann geschehen«, versprach der Matrose. »Los, auf, mein Sohn, du sitzt schon viel zu lange.« Er trieb den jungen Gefährten vorwärts und erzählte während des Weitermarsches von seinen Landfahrten. Seinen Worten nach war er seit zwanzig Jahren Seemann. Aber er hatte es in diesem Beruf nicht weiter gebracht, weil ein unbändiger Freiheitswille und der Wandertrieb ihn manchmal drängten, sich vom Schiffe ablohnen zu lassen. Viele Monate trieb er sich dann in überseeischen Staaten herum. Er sagte, einen bestimmten Zweck verfolge er dabei nicht, sondern er müsse zu manchen Zeiten nun einmal der Leidenschaft frönen, ein ungebundenes Leben zu führen, und sich tüchtig auslaufen. Ginge dann sein Geld zur Neige, so mache er einfach kehrt mit einer Hafenstadt als Ziel. Von da an halte er wieder Ruhe und fahre zur See, ein so guter Matrose wie je zuvor. »So leben kann selbstverständlich nur jemand wie ich«, führte er aus. »Jemand, der nach keiner Menschenseele zu fragen hat, sich nur nach sich selbst zu richten braucht und der weder Vater noch Mutter mehr besitzt oder nicht sonst einem Menschen nahesteht.« »So traurig ist es um Sie bestellt?« bemitleidete ihn Viktor. »Sie sagten doch aber, Sie seien in Ihrer Heimatstadt gewesen. Was suchten Sie da, wenn nicht Angehörige?« »Es gab dazu freilich einen seltsamen Anlaß«, berichtete der Seemann. Er kramte aus der Brusttasche seiner marineblauen Düffeljacke ein Ding hervor, das aussah, wie ein abgebrauchtes Lederbehältnis. Die kleine Mappe enthielt eine Menge Papiere. Der Matrose suchte einen Zeitungsausschnitt heraus und überließ ihn dem Gefährten zum Lesen. Da stand unter der dick gedruckten Ueberschrift »Lodernde Worte über der Stadt« folgendes: »Wir bezeichnen mit diesem Titel eine Einrichtung, die demnächst dem Nachtbild unserer Stadt ein ganz neues Gepräge verleihen wird. Es handelt sich um eine bewegliche Lichtreklame. Durch Flammenschrift über den Dächern in der Finsternis werden Firmen ihre Erzeugnisse anpreisen. Auch unser Blatt hat sich den ersten Platz gesichert. In lodernden Worten werden wir künftighin Abendnachrichten bringen, die erst nach vollendeter Drucklegung unserer Zeitung zur Kenntnis der Schriftleitung gelangen. Herstellerin dieser Lichtreklame ist die Firma Felsing, die damit von neuem beweist, daß sie Schritt zu halten weiß mit den Errungenschaften des Jahrhunderts der technischen Triumphe. Der bekannte Finanzmann Arthur Beverstorff ist Mitbeteiligter des Unternehmens. Diese von der Firma Felsing uns bestätigte Tatsache läßt darauf schließen, daß in der Absicht, wahrscheinlich auch in anderen Städten des Reiches die bewegliche Flammenschrift einzuführen, das neuartige Unternehmen großzügig ausgebaut werden soll.« Viktor war stehengeblieben, um den Zeitungsausschnitt in Ruhe lesen zu können. Ein sonderbares Gefühl beschlich ihn. Er war geflüchtet vor dem ihm so furchtbar gewordenen Namen Beverstorff. Von der kleinen Eisenbahnstation aus hatte er sich im Morgengrauen nordwärts gewendet in der Absicht, den Ozean zwischen sich und diesen Namen des Entsetzens zu bringen. Den verräterischen hellen Ulster hatte er mit Steinen beschwert und noch in der Dunkelheit das Kleidungsstück in einen Flußlauf versenkt, der ihm einmal Halt geboten hatte während der Flucht querfeldein. Im Laufe des Morgens war er mit dem Mann im blauen Seefahreranzug zusammengetroffen. Sie gelangten zu einem kurzen Gespräch über die Wegrichtung. Und da der Mann erwähnte, er sei auf der Wanderschaft nach Hamburg, hatte Viktor ihn gebeten, sich anschließen zu dürfen. Und dieser Mann gab ihm nun einen Zeitungsausschnitt zu lesen ... einen abgegriffenen Papierfetzen, aus dessen Buchstaben der Name Beverstorff ihm förmlich entgegengeschrien wurde. Mit aller Kraft bewahrte Viktor die Fassung. Er reichte das Blättchen zurück und fragte möglichst gleichgültig, was der Wisch mit der Wanderfahrt des Matrosen zu schaffen habe. Während sie den Marsch wieder aufnahmen, erzählte der Seemann: »Ich war von einem Schiff abgemustert worden und las im Seemannshaus die Zeitungen nach, was für Dampfer in nächster Zeit abgingen. Oftmals hat man mehr als mit dem Heuerbaas Glück, wenn man sich an den Kapitän selbst wendet. Die Zeitung nahm ich zur Hand, nur weil sie in meiner Heimatstadt erscheint. Als ob ein besonderer Zufall es gewollt hätte: das erste Wort, über das meine Augen glitten, war der Name Beverstorff! Ich heiße nämlich auch so.« »Beverstorff«, sagte Viktor mit einem heiseren Auflachen ... der Name schien in vervielfachter Gestalt ihn verfolgen zu wollen. »Nichts zu lachen, mein Junge«, knurrte der Matrose. »Kannst mein Seefahrtsbuch sehen. Darin steht mein Name: Otto Beverstorff. Und er ist verdammt nicht erlogen. – Doch weiter. Ich hatte bis dahin geglaubt, es gebe in meiner Heimat keinen Verwandten dieses Namens. Wohl aber wußte ich von einem Onkel Arthur. Noch zu Lebzeiten meiner Eltern war er auf seltsame Weise ein reicher Mann geworden. Er galt aber als verschollen – in Amerika – irgendwo. Warum sollte er nicht in die Heimat zurückgekehrt sein? Es schwebte da zwischen meinem Vater und diesem Onkel Arthur eine alte, bittere Abrechnung. Ich las den Namen zehnmal und sagte mir: Ist er es, so wirst du die Abrechnung in Ordnung bringen müssen, denn nicht umsonst trägt die Zeitung da dir den Namen unter die Nase.« Otto Beverstorff marschierte eine Weile schweigend. Sein von der Sonne aller Meere und aller Länder braun gebranntes Gesicht hatte sich verdüstert. Er schritt mit geballten Fäusten dahin, als müsse er eine zornige Erinnerung meistern. Endlich sprach er weiter: »Ich hatte nach der Abmusterung vom Schiffe fast hundert Mark in der Tasche. Ein Drittel wandte ich dran, um durch eine Eisenbahnfahrt zu diesem Arthur Beverstorff zu gelangen. Nach kurzem Herumforschen in der Heimatstadt fand ich heraus, wo er wohnte. Ich ging hin. Es war da in der Wohnung eine Frauensperson, die mir sagte, der Herr käme vor Abend nicht zurück. Auch gut. Ich faßte vor der Haustür Posten und nahm mir vor: von hier weichst du nicht, ehe du ihn nicht gesprochen hast! Es war schon ziemlich lange dunkel, als ein Auto vorfuhr. Ein feiner Herr stieg aus und schloß die Haustür auf. Ich dachte: du redest ihn an – ist er es, dann gut – wenn nicht, dann wartest du weiter.« »Und er war es?« fragte Viktor gespannt. Der Matrose fuhr in seinem Bericht fort: »Ich sagte nur: ›Guten Abend, Onkel Beverstorff.‹ Er: ›Was wollen Sie von mir?‹ Ich: ›Also Sie sind es?‹ Er: ›Ja, ich heiße Beverstorff – aber Sie stören mich jetzt, kommen Sie morgen vormittag in meine Wohnung.‹ Ich erwiderte: ›Was wir miteinander zu reden haben, dauert nicht lang‹; ich bin der Sohn von Gustav Beverstorff.‹ Daraufhin sagte er: ›Auch wenn Sie das sind, können Sie mir um diese Zeit nicht ein Gespräch zumuten!‹ – Und nun ging er nochmals an das Auto zurück und sprach zu jemandem hinein. Ich meine gehört zu haben: ›Hole dir das Geld, mein Kind, wenn ich morgen daheim bin!‹ Er schlug die Wagentür zu, und als das Auto anfuhr, sah mich durch die Fensterscheibe das Gesicht einer Frauensperson an.« Völlig unbedacht stimmte Viktor bei: »Wie in der ganzen Stadt bekannt, hatte Beverstorff immer mit Weibern zu tun.« Des Matrosen Kopf fuhr mit einem Ruck herum: »Woher weißt du das?« Viktor mußte einsehen, daß er sich verraten hatte, und so gab er zu. »Ich komme aus der gleichen Stadt wie Sie.« »Hättest du längst sagen müssen, mein Junge«, tadelte Otto Beverstorff. »Aber höre weiter! Während ich dem Auto nachsah, benutzte Onkel Arthur fix die Gelegenheit, ins Haus zu schlüpfen. Es war nichts zu machen. So fand ich mich am anderen Morgen in der Wohnung ein. Wieder war die Weibsperson da und schickte mich fort, weil der Herr schon ausgegangen sei. Das wiederholte sich ein paarmal. Nun paßte ich abends auf – es nützte nichts. Ich paßte morgens auf – es nützte ebensowenig. Das ging einige Tage lang so, in denen mein Geld weniger wurde, weil ich mich gründlich umsah in der Stadt, die ich ja zwanzig Jahre lang nicht betreten hatte.« »Wie alt sind Sie denn?« warf Viktor ein. »Fünfunddreißig«, gab der Matrose Auskunft, um dann weiter zu erzählen: »Schließlich dachte ich, es werde mir doch nicht gelingen, die alte Rechnung meines Vaters ins reine zu bringen. Darüber war ich zur Besinnung gekommen. Was konnte ich, ein lumpiger Matrose, ausrichten gegen einen Mann, der Geld wie Heu hatte und in der Stadt ein Ansehen genoß wie ein Fürst!« »So machten Sie sich auf die Wanderschaft«, folgerte Viktor. »Nicht gleich«, widerlegte Otto Beverstorff. »Er sollte mir wenigstens das Reisegeld geben. Obdach hatte ich wegen Geldmangels ohnehin nicht mehr. So setzte ich mich in eine Haustür gegenüber, um Beverstorff abzupassen, bevor er sein Haus betrat oder bevor er es verließ. Endlich spät am Abend kam er. Er sprach aber sofort mit einem Manne, der plötzlich dastand. Deshalb zögerte ich, auf Beverstorff zuzugehen, und ehe ich die Straße überqueren konnte, war er mit dem Mann im Haus verschwunden. Aber ich kam doch noch rechtzeitig genug, um die Haustür am völligen Zuschlagen zu verhindern. Wie ich in den Tagen vorher beobachtet hatte, schnappt sie zwar von selbst ins Schloß und ist dann von außen nicht zu öffnen. Aber der selbsttätige Türschließer funktioniert nicht richtig. Ich konnte den Hausflur betreten, hörte die Männer die Treppe hinaufgehen, und als sie hinter der Wohnungstür verschwunden waren, stieg ich treppauf und nahm Posten auf einem Treppenabsatz, der höher liegt als die Wohnungstür.« Viktor zitterte innerlich: unzweifelhaft war er selbst es gewesen, den der Matrose mit Beverstorff das Haus hatte betreten sehen. Der Seemann berichtete weiter: »Ich war verdammt müde von dem vielen Umherlaufen tagsüber und von dem Lauern in der Haustür drüben. Der Teufel wollte, daß ich auf der Treppe einschlief. Und wir Seeleute sind es gewöhnt, auch in einem harten Winkel fest zu schlafen. Ich weiß nicht, um welche Zeit es gewesen sein mag, als ich erwachte, und ich habe nachher auch nicht auf die Zeit geachtet, weil ich viel zu aufgeregt war.« »Warum – was hatten Sie denn erlebt?« wollte Viktor hören. »Kommt sofort«, vertröstete Otto Beverstorff. »Ich erwachte also. Ein Geräusch auf der Treppe hatte mich geweckt. Rings war alles dunkel. Jemand tappte die Stufen hinab. Ich horchte auf das Zuschlagen der Haustür. Nichts dergleichen. Nach einer Weile zündete ich ein Streichholz an. Da sah ich die Wohnungstür halb offen stehen. Diesmal muß er dich anhören, dachte ich und betrat die Wohnung, ganz einerlei, um welche Stunde es sein mochte. Mein Junge, es wäre besser gewesen, ich hätte das nicht getan. Grauenvolles geschah.« Von da an schwieg der Matrose lange Minuten. Plötzlich unterbrach er den Marsch. Er sagte, es werde ihm schwach vor innerer Erregung und er müsse sich eine Pfeife anzünden. Er wankte auf einen Kilometerstein zu und ließ sich nieder. So wartete er, bis ihn die Schwäche verließ. Dann stopfte er ein fast schwarz gekohltes Kalkpfeifchen. Das vollführte er mit jener Gewissenhaftigkeit, die Seeleuten bei all ihrem Tun eigen ist. Erst als er den Tabak ins Glimmen gebracht hatte, sprach er wieder: »Da du aus derselben Stadt kommst wie ich, so wirst du ja wissen, daß Arthur Beverstorff ermordet wurde.« Und nun sah er seinen Gefährten mit Blicken an, aus denen das Entsetzen der Erinnerung an einen grauenhaften Augenblick nur zu deutlich sprach. Viktor murmelte: »Sie wollen sagen, daß Sie den Mord begangen haben?« Der Matrose lachte plötzlich hell auf. »Nein, mein Junge. Als ich den Flur betrat, vernahm ich ein Wimmern. Ich öffnete die Tür, hinter der das Aechzen ertönte. Beim Schimmer eines rasch angeriebenen Streichhölzchens sah ich den Ermordeten in seinem Blute liegen. Daß ich da flüchtete, kannst du dir denken. Ich bin überzeugt, das Geräusch auf der Treppe, das mich weckte, rührte von dem Manne her, der der Mörder ist. Und das muß der Mann sein, der mit Arthur Beverstorff spät am Abend das Haus betrat. Es war ein Mann mit einem sehr hellen Ueberzieher.« Nach langen Minuten erst wagte Viktor zu fragen: »Wie kamen Sie denn aus dem Hause?« »Ganz einfach«, sagte der Matrose. »Der flüchtende Mörder hatte in der Hast wohl vergessen, die Haustür fest hinter sich zuzuziehen. Sie klaffte um Zentimeterbreite. So kam ich ins Freie. Ich wartete ein paar Tage, ob der Mord aufgeklärt würde. Nichts dergleichen.« »Aber warum leisteten Sie dem noch lebenden Manne nicht Beistand – warum schwiegen Sie über Ihr Erlebnis?« forschte Viktor mit bleichen Lippen. »Will ich dir sofort erklären, mein Junge«, verhieß der Seemann. »Ich war ein paarmal nahe daran, der Polizei meine Beobachtungen anzuzeigen. Wer jedoch hätte mir geglaubt, ich sei auf die geschilderte Weise in Haus und Wohnung hinein- und wieder hinausgelangt? Man hätte mich festgehalten – mich, als den vermeintlichen Mörder.« Er erhob sich erfrischt und klopfte an einem Baumstamm die Pfeife aus. Dann wanderten die beiden Gefährten weiter. Unterwegs sagte Otto Beverstorff: »Zwei Tage noch, dann sind wir in Hamburg. Wenn ich nur ein bißchen Glück habe, nenne ich eine Woche später einen Monatsvorschuß mein. Dann dampfe ich ab. Von drüben irgendwo werde ich dann an die Polizei schreiben. Mögen sie sehen, wie sie den Mann mit dem hellen Mantel finden!« Viktor meinte: »Daß der es getan hat, wissen Sie doch gar nicht bestimmt.« »Mein Junge, darauf schwöre ich glatt einen Eid«, versetzte der Matrose. Er pfiff ein Seemannslied vor sich hin und schritt wacker aus. Das konnte er nicht wissen, daß nach einer molligen Nacht in einer Bauernscheune sein Wandergefährte spurlos verschwunden sein würde. 8. Frau Schlomke hatte einen stillen Verehrer gefunden. Ihr Schwager brachte ihn nach Feierabend mit. Einen Mann aus der Felsingschen Fabrik, bescheidenen Benehmens und ruhigen Wesens, der dem Magazinverwalter Heinrich Schlomke neuerdings als Helfer beigegeben worden war. Der neue Arbeiter hieß Anton Schrey. Schon am ersten Tage seines Dienstes begleitete er seinen Vorgesetzten auf dem Heimwege. Der nahm ihn mit in die Wohnung der Schwägerin. Der Magazinverwalter hatte Frau Schlomke eine kleine Schlafkammer abgemietet. Die beiden Männer fanden sich auch dieses Abend bei Frau Schlomke ein. Sie qualmten die nette kleine Wohnstube voll und unterhielten sich über politische Tagesfragen. Frau Schlomke mischte sich endlich in das Zwiegespräch: »Kinder, nun hört doch mal auf mit der Politik!« Schrey warf einen dankbaren Blick hinüber zu der hübschen Witwe: »Sie haben recht, Frau Bertha. Und außerdem steht das gute Bier ab, das Sie uns jeden Abend so liebenswürdig vorsetzen. Los, Schlomke, trinken wir auf das Wohl Ihrer schönen Schwägerin – und daß sie bald einen soliden Mann bekommt!« Auflachend schenkte Frau Schlomke ein und meinte: »Mit der Wiederverheiratung hat's gute Weile. Ich habe meinen ersten noch nicht vergessen – längst nicht.« »Die Zeit heilt alle Wunden«, tröstete Schrey und hob der Gastgeberin sein gefülltes Glas entgegen. Sie stieß mit ihm an. Wenn einer diese Wunden heilen könnte, du wärest es nicht, dachte sie, dem Blick des Mannes ausweichend. Er hatte eine so sonderbare Art, sie anzusehen. Schrey war kein hübscher, doch ein immerhin stattlich gewachsener Mensch mit einer klugen Stirn. Aber er gefiel der Schlomke nicht. Wenn er sich nur die merkwürdige Haartracht abgewöhnen wollte! Tiefschwarze Haare, die er in einer eigentümlichen Weise zur Stirn vorkämmte, als müsse er eine Glatze verdecken. Sie hatte schon einmal wegen seiner Frisur mit ihm gesprochen. Da hatte er geantwortet, er habe von einem Fall aus der Kinderzeit her zwei häßliche Narben über der Stirn; und diese Narben sähen genau aus wie Kopfschmisse eines Studenten; er verberge sie, weil man ihn schon öfter für einen verkrachten Studiosus gehalten habe. Oftmals sei es schon der Fall gewesen, daß seine Arbeitsgenossen ihm deshalb kein Vertrauen geschenkt hätten. Es war eine Weile still in dem freundlich erhellten Zimmer. Schließlich bat Anton Schrey um die Zeitung. Er las die Nachrichten durch. Ein bösartiges Funkeln war dabei in seinen Augen. Seine Faust knüllte nach und nach das Papier zusammen. Er murmelte einen Fluch und warf die zerknüllte Zeitung auf den Tisch zurück. »Nanu, Schrey, was haben Sie denn auf einmal?« fragte erstaunt Frau Schlomke. Der Arbeiter erhob sich und ging mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf und ab. Nach kurzem Schweigen erläuterte er sein Benehmen: »Schlomke erzählte mir, man habe Sie in diesen Kriminalfall hineingezogen. Sie tun mir leid.« Er hielt in seinem Umherwandern plötzlich inne, blieb bei der Witwe stehen und legte ihr wie schützend die Hand auf die Schulter. Frau Schlomke saß unter dieser Berührung ganz still, weil sie nicht zeigen wollte, wie peinlich sie ihr war. Sie konnte ein geheimes Grauen vor diesem Manne nie unterdrücken. Heinrich Schlomke hatte nach der Zeitung gegriffen und las, während Frau Bertha laut mit Schrey plauderte. Plötzlich sagte der Magazinverwalter: »Na, Schwägerin, da werden sie dich wohl wieder mal vorladen. Hier steht in der Zeitung, der neue Untersuchungsrichter Winterfeld nehme sich der Mordsache Beverstorff mit großer Tatkraft an, und die Staatsanwaltschaft werde in Kürze Anklage erheben gegen Frau Harthilt Beverstorff.« Gewiß, Schrey blieb stets höflich und zuvorkommend, benahm sich nie so dreist, wie sonst Kollegen des Schwagers es ihr gegenüber wagten. Dennoch – er hatte etwas Unheimliches an sich – er verhehlte sein Ich – er spielte eine Rolle – er trug eine Maske. Und wenn man einmal hinter diese Maske schauen konnte, was sich dann wohl offenbarte? Immer hatte sie das Gefühl des Furchterweckenden, wenn sie das Gesicht betrachtete. Es war – ja, es war für sie ein Judasgesicht. Und wie hatte er soeben gesagt: er habe schon einmal vor dem Untersuchungsrichter gestanden? Sie nahm das Wort: »Den Untersuchungsrichter Winterfeld kennt man noch nicht. Sein Vorgänger, ein Doktor Aurelius, war stets sehr nett zu mir, wenn er auch bei jeder Vernehmung einen Vorstoß machte, um mir durch die Drohung, ich sei tatverdächtig, ein Geständnis zu entreißen. Ich habe nichts zu gestehen. Aber ich werde mein Leben lang das Bild nicht loswerden, wie ich beim Aufziehen der Vorhänge den Toten vor mir liegen sah.« »Spielten bei dem Beverstorffschen Mord nicht blonde Frauenhaare eine Rolle?« erkundigte sich Schrey. »Sie fanden sich zwischen den Fingern des Toten«, bestätigte die Schlomke. »Doktor Aurelius bestellte mich einmal, damit ich mir die Haare genau ansehen sollte. Ich habe bloß die Achsel gezuckt.« »Das war grundfalsch«, tadelte Heinrich Schlomke. »Was du mir sagtest, hättest du auch dem Untersuchungsrichter sagen müssen. Nämlich, daß du ein hellblondes Mädchen kennst, das den Beverstorff öfter besuchte.« »Je mehr man weiß, desto tiefer kommt man in solch eine Sache hinein«, lehnte Frau Schlomke ab. »Und außerdem – das Mädel ist so wenig wie ich selbst die Mörderin.« »Wie wollen Sie denn das behaupten können, Frau Bertha?« warf Schrey ein. »Es gäbe gar keinen Grund für die Hellblonde«, beharrte die Witwe. »Wenn sie mal kam, dann stets bei Tage und wenn ich in der Wohnung war. Sie blieb nur wenige Minuten. Ich habe gemerkt, daß sie sich bloß Geld holte. Und einen Mann, der einem Geld gibt, den bringt man nicht um.« »Eine komische Begründung«, urteilte Schrey. »Vielleicht gab er ihr nur wenig – vielleicht wollte sie durch den Mord mal eine größere Summe an sich bringen.« »Beverstorff hatte nie größere Summen im Hause. Es ist mir doch selbst vorgekommen, daß er mir für kleine Einkäufe manchmal einen Scheck über lumpige Beträge gab, so daß ich erst auf die Bank laufen mußte.« »Wie hieß die blonde Person?« fragte der Arbeiter. »Das wußte wahrscheinlich nur Beverstorff«, lautete die Antwort. »Lange Zeit war sie mir gleichgültig.« »Bis du selbst wenigstens eines deiner schönen Augen auf den Dienstherrn geworfen hattest«, bemerkte Heinrich Schlomke lachend. »Ich verbitte mir solche Scherze, Heinrich«, zürnte Frau Bertha. »Was gingen mich Beverstorffs Geheimnisse an! Eines Tages aber sah ich das Mädchen im Warenhaus. Sie war längst nicht so vornehm gekleidet, wie wenn sie zu Beverstorff kam. Einen großen, ziemlich dicken und schon ältlichen Mann hatte sie bei sich. In der Porzellanabteilung suchte sie Tischgeschirr aus – schöne Teller mit Goldrand und was an Schüsseln und so weiter dazu gehörte. Ihm war das alles zu fein, und er wollte etwas Einfaches haben. Da sagte sie: Aber, Männe, der Preisunterschied ist so gering – was sträubst du dich denn? – Na, so spricht man nicht mit einem Mann, mit dem man nicht sehr vertraut steht.« »Der Horcher an der Wand«, scherzte der Magazinverwalter abermals. »Ich habe nicht gehorcht, ich hatte selbst etwas zu kaufen in der Geschirrabteilung. Und weil ich warten mußte, bis die Blonde bedient war, hörte ich natürlich zu. Am anderen Morgen erzählte ich Beverstorff, ich hätte die junge Frau mit ihrem Manne im Warenhaus gesehen. Er verstand mich gar nicht, bis ich sagte, wen ich meinte.« »Das tatest du nur aus Eifersucht«, spottete der Schwager. Schroff lehnte Frau Schlomke ab: »Eifersüchtig – das bist du, weil du durchaus die Witwe deines Bruders zur Frau haben willst.« Schrey wollte hören: »Was sagte denn Beverstorff?« »Der ...? Der schnauzte mich fürchterlich an, ich müsse mich geirrt haben. Das bestritt ich. Ich habe doch Augen im Kopf. So täuschend ähnlich sehen zwei Menschen einander nicht.« »Zwillinge!« erinnerte Schrey. Ganz verdutzt wiederholte Frau Schlomke: »Zwillinge – ah so – ja, daran habe ich bis zu diesem Augenblick nicht gedacht. Dann wäre ja auch erklärt, weshalb die Blonde mit keiner Wimper zuckte, als sie mich sah und als sie meinen Gruß nur zögernd und mit erstauntem Gesicht erwiderte, wie wenn sie sagen wollte: Nanu, wer ist denn die? Ich hatte natürlich geglaubt, sie sei in Verlegenheit, weil ich sie mit einem Manne erwischte.« »Von einer Zwillingsschwester braucht Beverstorff ja nichts gewußt zu haben«, trug Schrey nach. Erst nach längerem Schweigen sagte die Schlomke: »Vielleicht stritt er deshalb so mit mir. Ich war platt, dachte in meinem Inneren aber: der läßt sich ja gründlich von dem Frauenzimmer beschwindeln! Denn er redete doch etwas von einer unterstützungsbedürftigen Verwandten – er kenne jeden Schritt und Tritt von ihr.« »Damit begnügten Sie sich?« Frau Schlomke staunte, in was für einem eigentümlichen Ton Schrey die Frage hinwarf. »Ich begnügte mich damit nur kurze Zeit«, erzählte sie weiter. »Eines Morgens kam das angebliche Mädchen wieder mal.« »Angeblich?« unterbrach der Arbeiter. »Was meinen Sie damit, Frau Bertha?« »Ich sah etwas, was mir wie eine Erklärung war für die Begegnung im Warenhaus. Also sie kam. Beverstorff war nicht daheim. Ich fertigte sie kurz an der Tür ab. Sie ging auch ohne weiteres. Ich sah ihr durch das Guckloch in der Flurtür nach. Beim Fenster auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen und öffnete ihre Handtasche, die sie aus die Fensterbank legte. Sie kramte etwas hervor, und das steckte sie an den Finger. Ich sagte mir: Aha, sie streift sich den Trauring über, den sie für den Besuch bei Beverstorff abgezogen hatte. Dann nahm sie einen Spiegel aus dem Täschchen und fuhr mit einer Puderquaste im Gesicht herum.« Die Witwe erhob sich und ging an die Kommode. Sie suchte nach etwas und brachte ein Stückchen Papier zum Vorschein. »Das hier fiel der Blonden aus der Handtasche«, erläuterte sie. »Sie merkte es nicht, und als sie die Treppe hinunter war, ging ich hinaus und nahm das Fetzchen an mich. Es steht auch was darauf.« »Zeigen Sie her!« Frau Schlomke erschrak förmlich über die gebieterische Art des Arbeiters. Ehe sie sich dessen versah, hatte er das Zettelstückchen an sich genommen. Er trat damit unter die Hängelampe und betrachtete das Papierchen so genau, als könne er wer weiß was darauf lesen. »Es ist der Abriß von einem Lieferzettel«, sagte er endlich. »Sogar die Nummer ist links oben noch vorhanden. Nummer 5641. Wenige mit Kopierstift geschriebene Buchstaben sind auch noch zu erkennen. Man kann deutlich lesen das Wort Frau – dann ein großes A ... – das andere ist abgerissen. Es wurde also etwas geliefert an eine Frau, deren Name oder deren Vorname mit einem A ... anfängt. Wer aber hat geliefert? Leider sind die Anfangsbuchstaben der Firma nicht vorhanden. Es wäre eine ungeheure Arbeit, in den vielen Hunderten von Geschäften in der Stadt festzustellen, an wen etwas mit einem Lieferzettel Nr. 5641 geschickt worden ist. Aber man könnte ja mit dem Warenhaus beginnen, in dem Sie, Frau Schlomke, die Blonde gesehen haben. Vorausgesetzt, Sie sahen nicht die Zwillingsschwester.« Heinrich Schlomke wunderte sich: »Mensch – Schrey – Sie wollen sich wohl als Detektiv versuchen? Was für einen Wert legen Sie dem Papierfetzchen da bei?« Schrey barg das Zettelstückchen vorsichtig in seiner Brieftasche und versetzte völlig ernst: »An den Litfaßsäulen kann man seit heute früh lesen, es würden dem, der zur Aufklärung des Mordes an Beverstorff beitrage, dreitausend Mark Belohnung zugesichert. Vielleicht kann Ihre Schwägerin das Geld verdienen. Frau Bertha, überlassen Sie mir das Papierstückchen! Die es verlor, ist blond – blonde Frauenhaare fand man in der Faust des Getöteten. Was Sie beobachteten, das deutet stark darauf hin, daß die blonde Frau Beverstorff belog. So könnte sie auch die Täterin sein.« »Dann will ich vor euch beiden etwas eingestehen«, sagte Frau Schlomke nach bänglichem Schweigen. »Der Vorname der Hellblonden ist Alma. Ich hörte mehr als einmal Beverstorff sie so nennen.« Mit erhobener Stimme belehrte Schrey: »Das hätten Sie unbedingt dem Untersuchungsrichter sagen müssen. Sie durften nichts verschweigen, nur weil Sie des Glaubens waren, die Person könne es nicht getan haben.« »Er gab ihr doch Geld«, meinte die Witwe eingeschüchtert. »Eben weil er ihr Geld gab«, verfocht Schrey seine Meinung. »Wäre es zum erstenmal, daß ein Erpresser den sich plötzlich weigernden Erpreßten ums Leben bringt? Durch Sie angeregt, kann Beverstorff dahintergekommen sein, daß die Blonde ihn wirklich belog. Geschähe es zum erstenmal, daß ein entlarvter Betrüger die ihm gemachten Vorwürfe mit einem Messerstich vergilt?« »Nun, lieber Schrey, Sie dichten ja da ganze Romane zusammen«, rief der Magazinverwalter dazwischen. Mit einem wunderlichen Lächeln erwiderte der Arbeiter: »Vielleicht regen die dreitausend Mark meine Phantasie an, wenn ich die Belohnung gewiß auch nicht für mich selbst verdienen will.« »Ach, lassen Sie doch den ganzen Kram sein!« schlug der Magazinverwalter vor. »Die Blonde tat es nicht«, sagte Frau Schlomke mit starrem Gesicht. »Wir werden sehen, ob Sie recht behalten.« Mit dieser Bemerkung brach Schrey das Gespräch ab. Er hatte es plötzlich sehr eilig, sich zu verabschieden. Zum nächsten Abend hatte Frau Schlomke es den Männern wieder gemütlich gemacht. Die Bierflaschen standen auf dem Tisch. Gläser blinkten unter der Hängelampe. Aschenbecher waren bereitgestellt. Die Zeitung lag zur Hand. Doch der Schwager kam allein. »Weißt du das Neueste, Bertha?« begann er sogleich. »Dein stiller Verehrer stellte sich heute nicht zur Arbeit ein. Als ich mich beim Werkstättendirektor beklagte, bekam ich zur Antwort, der Schrey könne kommen und fortbleiben, wie er wolle.« »Das ist ja seltsam«, staunte die Witwe. »Und dann befahl der Direktor mir Schweigen. Der Schrey nehme eine Sonderstellung ein – es sei ein Fabrikgeheimnis verraten worden – dem werde nachgeforscht.« »Ein Spitzel also«, stellte Frau Schlomke mit tiefer Verachtung fest. »Nun aber das Tollste!« fuhr Heinrich Schlomke fort. »Auf dem Heimweg begegnete mir unser Schrey – geschniegelt und gebügelt. Ich hätte ihn weiß Gott nicht erkannt, wäre er nicht bei mir stehengeblieben. Er bestellte einen Gruß an dich und läßt dir sagen, die dreitausend Mark Belohnung seien dir so gut wie sicher.« * Kommerzienrat Felsing brachte mit vielen Ueberredungskünsten die schluchzende Frau Julie endlich dazu, das Zimmer zu verlassen. Mit aufgehobenen Händen trat sie noch einmal vor den Besucher des Gatten hin und flehte: »Finden Sie meinen Sohn – die Stimme einer unglücklichen Mutter sagt Ihnen, daß er unschuldig ist!« »Ich verspreche, mein möglichstes zu tun, gnädige Frau«, beschwichtigte der Gast die Weinende. »Soweit der Mord in Frage kommt, glaube auch ich nicht an seine Schuld.« Als nach dieser tröstlichen Versicherung Frau Julie gegangen war, standen die beiden Männer wenige Sekunden noch stumm einander gegenüber. Dann lud der Kommerzienrat durch eine Geste zum Sitzen ein. Er eröffnete das Zwiegespräch: »Ich irre wohl nicht, wenn ich die an meine Frau gerichteten Worte folgendermaßen auffasse: Sie sprechen meinen Sohn frei von einem blutigen Verbrechen, aber Sie sind überzeugt, er habe das Fabrikgeheimnis unserer Flammenschrift verraten.« »Leider kann ich Ihre Auffassung nicht widerlegen, Herr Kommerzienrat«, lautete die Antwort. Felsing nickte schwer vor sich hin: »So sehr ich mich anfangs sträubte, meinem Sohn einen Verrat zuzutrauen, so bitter kam mir nach und nach zur Besinnung, es gebe keinen Verräter außer ihm. Oder mein Chefingenieur selbst müßte es denn gewesen sein.« »Den schließen Sie völlig vom Verdacht aus?« »Mit festerer Zuversicht noch als meinen eigenen Sohn. Vom ersten Augenblick des Auftauchens der Idee an bis zu der Sekunde, in der mein Chefingenieur Möhring mir mitteilte, seine Entwürfe seien fertig zur Ausführung in den Werkstätten, in all dieser Zeit sprachen nur Möhring und ich über die Angelegenheit.« »Niemals in Anwesenheit dritter Personen?« »Bestimmt nicht. Erst gelegentlich einer kaufmännischen Berechnung der finanziellen Ertragsfähigkeit der Möhringschen Entwürfe zogen wir meinen Sohn ins Geheimnis; denn wenn er auch sonst nicht viel taugt, so ist er doch ein glänzender Rechner. Als die Pachtverhandlungen wegen der Hausgiebel eingeleitet werden sollten, durfte ich der Ueberzeugung sein, es gäbe nur drei Menschen, die von dem Unternehmen wußten: Möhring – mich selbst – meinen Sohn.« »Ich kann mir denken, wie niederschmetternd es wirkte, als man Sie an Beverstorff verwies als an den Mann, der über die Ihnen wichtigen Dachgiebel zu bestimmen habe.« »Sie haben recht, lieber Freund«, sagte Felsing in unterdrücktem Grimm. »Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Nun erst gar, als Beverstorff mich vor die Wahl stellte, entweder ihn durch Kapitaleinlage seinerseits an den Erträgnissen der Flammenschrift teilnehmen zu lassen oder eine auswärtige Firma den Gedanken der beweglichen Lichtreklame zur Ausführung bringen zu sehen. Da Beverstorff das Möhringsche Verfahren genau kannte, so wäre es eine Kleinigkeit gewesen, geringfügige Abänderungen der Idee so vorzunehmen, daß uns nicht einmal das Einspruchsrecht gegen die Verwertung geblieben wäre. Was nützte uns die Reklame nur hier in der Stadt? Nur wenn sie über das ganze Reich verbreitet wurde, warf sie Nutzen ab.« Der alte Herr wischte sich mit zitternder Hand den Schweiß der Erregung von der Stirn. Der Besucher hatte aufmerksam zugehört. Nun gab er zu verstehen: »Die Justizbehörde sieht in dem Beverstorffschen Kriminalfall nur den gemeinen Mord. Ich suche nach einem Täter, den seelische Irrungen und Wirrungen zu der Tat trieben. Sie, Herr Kommerzienrat, sehen nur den gemeinen Verrat. Ich setzte auch bei Ihrem Sohne Irrungen und Wirrungen der Seele voraus. Bei ihm ging der Glaube, eine vermeintliche Tugendpflicht zu erfüllen, Hand in Hand mit dem Entschluß, auch den Weg durch moralische Tiefen nicht zu scheuen, um dieser Pflichterfüllung näher zu kommen.« »Ich danke Ihnen für diesen Trost«, sagte Felsing erschüttert. »Vielleicht hege ich eine zu schlechte Meinung über meinen Sohn, den ich nun einmal für ungeraten halte. Was immer ihn jedoch zu dem Verrat trieb, verzeihen kann ich ihm nicht. Möge es Ihnen gelingen, den Mord aufzuklären, damit wir unglücklichen Eltern wenigstens hierüber beruhigt sein können, soweit der furchtbare Verdacht auf Viktor lastet. Können Sie mich dann auch noch überzeugen, der Junge sei kein niedriger, habgieriger, ichsüchtiger Verräter – um so besser.« Freundlich lächelnd erwähnte der Herr: »Sie weigerten sich sehr, als ich Ihnen den Vorschlag machte, durch Anstellung in der Fabrik mir einen Anschluß an den Magazinverwalter Schlomke zu ermöglichen. Nun sehen Sie den Erfolg Ihres Eingehens auf meinen Wunsch. Auch eine Ehrenrettung des Sohnes wird ermöglicht neben meinem Bestreben, die Aufhellung des Mordes herbeizuführen.« Eine Weile betrachtete Kommerzienrat Felsing sein Gegenüber. Endlich versicherte er: »Ich hätte es nie für möglich gehalten, eine anders geordnete Frisur und ein bißchen Schwarzfärben der Haare, Brauen und Wimpern könnten einen Menschen so entstellen. Ich sträubte mich gegen Ihre Zumutung, weil ich nicht glauben mochte, Sie könnten aus dem ehemaligen Untersuchungsrichter Aurelius einen unkenntlichen Arbeiter Schrey hervorzaubern. Tatsächlich erkannte ich Sie nicht, als ich später durch die Werkstätten ging, um nach Ihnen Ausschau zu halten.« Aurelius strich über seine jetzt pechschwarzen, nach der Stirn vorgekämmten Haare und äußerte: »Ein wohlgelungenes Werk meines Leibfriseurs Scheufgen. Viel schneller, als ich gedacht, kann ich die Maske wieder abtun. Es widerstrebt mir, in einer Verkleidung um den Nachweis der Schuldlosigkeit einer unglücklichen Frau zu kämpfen.« »Halten Sie Frau Harthilt für ernstlich gefährdet?« »Sie ist in Gefahr, verurteilt zu werden«, setzte der Doktor dem Kommerzienrat auseinander. »Daß sie verschweigt, aus welchen Gründen sie in der Mordnacht nicht daheim war und weshalb sie erst im Morgengrauen nach Hause kam, das ist unbedingt gefährlich. Der eine der Sachverständigen stellt sich auf den Standpunkt, es sei zwischen den bei dem Toten gefundenen Haaren und den Haaren Frau Harthilts ein nur so unwesentlicher Unterschied, daß er zur Annahme neige, es handle sich um Haare der Frau Beverstorff.« »Und das soll genügen?« entsetzte sich der alte Herr. Es genügt, um wenigstens die Anklage zu erheben. Und das ist schon gefährlich genug, denn gewöhnlich lassen sich dann auch noch andere Indizien finden. Aber diese Frau regt keinen Finger, um für sich zu kämpfen. Sie spielt gleichsam die Rolle eines Menschen, der sich im Augenblick des Ertrinkens zum erstenmal die Frage stellt: Ist dein Leben noch soviel wert, daß du dir Mühe geben mußt, dich zu retten? Sie überläßt es dem Zufall, ob er sie ans Land spülen will. Und da soll ein anderer Mensch tatenlos am Ufer zusehen, wer den Sieg davonträgt – der glückliche Zufall oder die Lässigkeit einer vom Leben Entmutigten?« Felsing wagte einen trübseligen Scherz: »Sie wollen die Rolle des Lebensretters übernehmen in dem Gedanken, es habe sich schon oft das Herz der Geretteten dem Retter zugewandt.« Während heiße Röte ihm die Wangen höher färbte, gab Dr. Aurelius freimütig zu: »Ich leugne nicht. Es ist mein inniges Gefühl für Frau Harthilt, aus dem ich die Eingebung schöpfte, ich müsse mich für sie einsetzen.« »Dank für dies Bekenntnis und für Ihr Vertrauen«, sagte der alte Herr, dem Doktor die Hand reichend. »Es ist kein Fehlurteil, wenn Sie die Dame als vom Leben entmutigt bezeichnen. Frau Harthilts Teilnahme am Leben gestaltete den äußeren Anschein freilich anders. Aber ich habe sie, die getreue Freundin meines Hauses, oft genug heimlich beobachtet. Indem sie sich für lebensheiter ausgab, verleugnete sie mehr als nur das Leid ihrer Ehe.« Aurelius erzählte: »Als ich zum letztenmal in der Eigenschaft des Untersuchungsrichters Frau Harthilt verhörte, dämmerte mir urplötzlich die Erkenntnis: diese weder bekennende noch leugnende Frau deckt jemanden, den sie des Mordes an Beverstorff für fähig hält. Sie steht schützend vor einem Jemand, indem sie aus irgendwelchen Gründen glaubt, es sei wichtiger, diesem Menschen als sich selbst den Verdacht der Täterschaft fernzuhalten.« »Welch ein Opfer!« murmelte Felsing betroffen. »Daß solch eine Auffassung der Dame ein ungeheuerlicher Irrtum ist, dafür habe ich die winzige Spur eines Beweises. Das unscheinbare Eckchen eines Zettels – es will einstweilen das Rätsel dieses Kriminalfalles noch mehr vertiefen, aber ich habe ihm schon viel abgewonnen. Soviel, um Frau Harthilt in ein paar Tagen zu der Ueberzeugung zu bringen, es sei zwecklos, wenn sie durch ihr eigentümliches Verhalten glaubt verdunkeln zu müssen: zwischen dem Verrat Ihres Sohnes, Herr Kommerzienrat, und der Bluttat bestünde ein Zusammenhang.« »Um Gottes willen!« entfuhr es dem alten Manne. »Dann dächte also Frau Harthilt ganz das gleiche wie jene geheimnisvolle Fremde, von der ich Ihnen erzählte?« »So ist es«, bestätigte Aurelius. »Nur die Gründe zu dieser Denkweise sind verschieden. Frau Harthilt vermutet in dem Täter einen Freund und glaubt edel handeln zu müssen. Die Fremde aber mutmaßt eine Tat ihres Feindes, den sie zu Fall zu bringen sucht. »Sie beschuldigt meinen Sohn. Weshalb sollte er der Feind der Fremden sein?« Weil er der Freund der Gattin Beverstorffs war. Der Ermordete hat meinen Fährten nach als ein Mann zu gelten, der zu Ihrer blonden Besucherin in Beziehungen stand. Schwer zu erkennende, unbedingt lautere, dabei höchst seltsame Beziehungen. Das durch den Tod Beverstorffs herbeigeführte Erlöschen dieser Beziehungen muß ein schwerer Schlag für die Blonde gewesen sein.« »Also Rätsel über Rätsel«, meinte Felsing. Mit einem Achselzucken betonte Aurelius: »Ich bin bei dem Standpunkte angelangt, die mittelbare Ursache zu dem Verbrechen einzig in der Blonden zu sehen. Ich verfolge eine Spur, die das geheimnisvoll und dunkel klaffende Nichts, das bei ihr beginnt und bei dem Täter endet, überbrücken muß.« »Und mein Sohn?« forschte der alte Herr. »Wir bedürfen seiner als des höchstwahrscheinlich letzten Menschen, der mit dem noch lebenden Beverstorff sprach. Die Schwägerin Ihres Magazinverwalters Schlomke hörte einen Mann im Mordzimmer reden von einer Schande, die mit feurigen Buchstaben am Himmel geschrieben stehen werde.« Kommerzienrat Felsing horchte hoch auf und flüsterte: »Jetzt verstehe ich alles.« »Sie zweifeln nicht länger am Verrat des Fabrikgeheimnisses durch den Sohn«, fuhr Aurelius fort. »Er wurde aber auch mit blutbeflecktem Mantel gesehen in der Mordnacht. Und das war in nächster Nähe vom Tatort.« »Also doch – er«, stammelte der entsetzte Mann. Aber der Doktor sprach ruhig weiter: »Nur er selbst kann aufklären, was für ein Zusammentreffen verhängnisvoller Umstände hier in die Erscheinung trat. Erschrecken Sie nun nicht über die Frage: Halten Sie ihn für fähig eines Selbstmordes?« So blaß Felsing bei diesem Gedanken wurde, widersprach er doch: »Nein, Herr Doktor. Er ist ein zu großer Phantast, als daß er sich das Leben nehmen würde. Phantasten können sehr tatkräftige Menschen sein, wenn es gilt, ihre Phantasien durchzusetzen. Viktor aber ging nicht mit Phantasien um, sondern mit Phantastereien. Und solche Leute sind weichlich. Er segelte immer mit den Wolken und hatte nie wie ein Mann von starkem Charakter die Füße auf der Erde. Er lebt. Davon bin ich überzeugt. Er hat sein Heil in feiger Flucht gesucht, sicherlich aber nicht in einer Flucht aus dem Leben in den Tod.« In diesem Augenblick wurde das Zwiegespräch durch ein Pochen an der Tür unterbrochen. Der Kommerzienrat ging hin, um nachzusehen. Der Diener Wilhelm stand draußen. »Verzeihung, Herr Kommerzienrat«, bat er. »Ich hielt den Anlaß für wichtig genug, um trotz Ihres Verbotes zu stören. Soeben brachte ein Dienstmann die Tasche unseres jungen Herrn. Er sagte, eine blonde Dame habe sie ihm übergeben mit dem Befehl, das Gepäckstück hier abzuliefern.« Eilig nahm Felsing dem Alten die Tasche ab. »Eine Spur von meinem Sohn«, sagte er aufgeregt zu Dr. Aurelius. »Und wieder hat die blonde Fremde die Hand im Spiel.« Es war eine hellgelbe Reisetasche aus Schweinsleder. Sie enthielt ein wenig Wäsche und einige Toilettensachen. Zu unterst lag ein in Seidenpapier gehüllter Gegenstand. Daran war mit einer Stecknadel ein Zettel befestigt. In großen, steilen Buchstaben stand auf dem Blatte: »Beute von dem Geflüchteten. Zweifeln Sie noch immer, daß er der Mörder Beverstorffs ist?« Felsing wickelte mit fliegenden Händen das Seidenpapier auseinander. Eine seltsame exotische Stichwaffe kam zum Vorschein. Die gekrümmte Klinge zeigte dunkle Flecke angetrockneten Blutes. »Ich kenne diesen Dolch«, gestand der Kommerzienrat mit leichenblassem Gesicht. 9. Untersuchungsrichter Winterfeld war ein großer, hagerer Mann mit galligem Gesichtsausdruck. Die Uebernahme der Voruntersuchung des Kriminalfalles Beverstorff schien das mißgelaunte Wesen des Mannes noch vertieft zu haben. An versteckten Vorwürfen gegen seinen Vorgänger Doktor Aurelius ließ er's nicht fehlen. Jetzt schritt er nervös im Amtszimmer auf und ab, während Kriminalkommissar Weinreich in etwas bedrückter Haltung auf einem Stuhl saß. Der Kommissar mußte die nicht gerade höflich vorgebrachten Nörgeleien des Untersuchungsrichters über sich ergehen lassen. Winterfeld tadelte: »Es ist viel zu wenig geschehen zur Förderung der Voruntersuchung.« »Ich habe alles getan, was meine Pflicht erforderte«, verteidigte sich Weinreich. »Ich meine durchaus nicht Sie allein«, grollte der Richter. »Man muß übrigens in unserem Beruf mehr tun als bloß die Pflicht.« »Ist auch geschehen«, tönte es als Echo. »Ein ganz einfacher Mord«, stellte Winterfeld fest. »Und was steht mir für meine Arbeit zur Verfügung? Eine Tatverdächtige – nur eine einzige, wohlgemerkt! –, deren Dienstmädchen und eine Frau, die den Mord entdeckte. Was soll ich mit diesem winzigen Vorrat an Material anfangen?« Weinreich wußte auf die eigentlich unpersönlich gemeinte Frage keine Antwort. Daher zuckte er schweigend die Achseln. Der Untersuchungsrichter fuhr erregt fort: »Was haben Sie denn nun eigentlich unternommen, soweit es der Suche nach der Mordwaffe gilt?« Weinreich äußerte: »In der Wohnung der Frau Beverstorff fand sich kein Gegenstand vor, der nur irgendwie als Stichwaffe anzusprechen wäre. Man müßte denn als Stichwaffe eine Papierschere auffassen, die als unbrauchbar ganz versteckt in die Schublade des Schreibtisches gelegt worden zu sein scheint.« »Gelegt – worden – zu sein – scheint«, wiederholte Winterfeld gedehnt, als wolle er nun auch noch die Ausdrucksweise des Kommissars bekritteln. Dann warf er die Frage hin: »Als unbrauchbar – weshalb?« »Das verbindende Schräubchen in der Mitte fehlt, so daß man richtiger von zwei Scherenteilen sprechen müßte.« »Warum sprechen Sie dann nicht gleich richtig!« spöttelte der gallige Mann und kam näher. »Und Ihrer Meinung nach sollte man einer weiblichen Person nicht zutrauen, sie griffe nach der für sie nächst erreichbaren Stichwaffe, einem Scherenteil? Vorausgesetzt nämlich, sie hätte durch das Entfernen der Schraube und durch das absichtliche Zerlegen der Schere nicht eine Waffe daraus gemacht. Schaffen Sie mir diese Dinge herbei! Ich werde sie bei nächster Gelegenheit der Beverstorff unter die Nase halten.« »Schön – wenn Sie es wünschen«, brummte Weinreich. »Dann – die Puderquaste und die Haarspange«, drängte Winterfeld. »Was haben Sie da ermittelt?« »Daß es Gegenstände sind, die man in zwanzig verschiedenen Geschäften kaufen kann in ganz der gleichen Beschaffenheit. Bei allen abgesuchten Firmen fand sich niemand, der eine Erinnerung bewahrt hätte, ob eine näher zu bezeichnende blondhaarige Kundin die Sachen erwarb. Soweit sich's um blondhaarige Frauen als ständige und persönlich bekannte Kundinnen dieser Verkaufsstätten handelte, haben die Erhebungen nichts ergeben, was zu einem Tatverdacht hinleiten könnte. Daß es keine Kleinigkeit war, an die hundert Erhebungen durchzuführen, rechtfertigt wohl den Zeitverbrauch.« Nach diesen Ausführungen erhob sich Weinreich. Er wollte damit andeuten, er wünsche nunmehr eine Beendigung der unerfreulichen Unterhaltung. »Bitte, warten Sie noch«, forderte Winterfeld. »Ich habe die Schlomke herbestellt. Es wäre mir lieb, wenn Sie bei der Vernehmung zugegen blieben. Nehmen Sie neben dem Schreibtisch Platz!« Mürrisch fügte sich der Kommissar. Winterfeld drückte auf den Klingelknopf. Dem eintretenden Beamten befahl er, Frau Schlomke vorzulassen. Zugleich mit der Witwe kam der Stenograph, der sich an einem Nebentisch zum Nachschreiben des Verhörs vorbereitete. Untersuchungsrichter Winterfeld war plötzlich wie umgewandelt. Er schlug der Zeugin gegenüber einen überaus liebenswürdigen, ja, fast süßlichen Ton an. Der krasseste Gegensatz zu seinem galligen Gesichtsausdruck. Sogar den Stuhl für die Schlomke rückte er höflich zurecht. Das tat er aber in einer bestimmten Absicht; denn als die Witwe den Sitz eingenommen hatte, war ihr Gesicht vom Tageslicht grell beleuchtet, und außerdem befand sie sich dem ihr am Schreibtisch gegenübersitzenden Manne so nahe, daß sie seinen Augen gar nicht ausweichen konnte. Winterfeld entblößte in einem merkwürdigen Kichern, das wahrscheinlich seine freundliche Gesinnung bezeugen sollte, seine Zähne. Worauf er begann: »Wir begegnen einander heute zum erstenmal, meine liebe Frau Schlomke. Sie brauchen in mir nicht den Wauwau zu sehen, falls mein Amtsvorgänger Sie eingeschüchtert haben sollte.« »Ich hatte nichts zu klagen«, erklärte Frau Schlomke zutraulich. »Herr Doktor Aurelius war stets gutmütig. Bis auf einen Punkt: er wollte mich durchaus zur Täterin machen.« »Daran waren Sie selbst schuld«, behauptete Winterfeld, indem er eine Seite des vor ihm liegenden Aktenstückes aufschlug. »Hier steht, Sie hätten in Gegenwart der auf telefonischen Anruf hin sofort sich einfindenden Beamten ein sehr sonderbares Benehmen gezeigt.« »Verdächtiges Benehmen«, stellte Weinreich richtig, worauf er einen wütenden Blick der Witwe hinzunehmen hatte. »Aufregung wahrscheinlich«, beschwichtigte Winterfeld die blaßgewordene Frau. »Ich will heute von Ihnen nur etwas sehr Leichtes verlangen. Dann dürfen Sie sofort wieder gehen. Versetzen Sie sich mal zurück in die Tage vor dem Mord! Wenn Sie Ihren Morgendienst verrichteten, werden doch manchmal Leute vorgesprochen haben bei Beverstorff. War denn darunter niemand, der Ihnen besonders auffiel?« Er trommelte nervös auf dem Aktenstück und fügte mit einem übellaunigen Blick auf Weinreich hinzu, wenn man die Zeugen natürlich nicht nach dergleichen frage, so könne kein Mensch auf den Gedanken kommen, wie wichtig derlei scheinbar nebensächliche Beobachtungen werden könnten. Dann fuhr er fort: »Na, Sie werden schon wissen, wie man sich Vergangenes vergegenwärtigt. Sie brauchen sich ja nur vorzustellen, wie Sie manchmal die Tür aufgemacht haben. Bilder des Gedächtnisses, die sollen Sie jetzt vor sich hinzaubern.« Der Kommissar sah zu dem Stenographen hinüber. Der spielte mit dem Bleistift herum und hörte gar nicht zu. Er hielt es wohl nicht für nötig, den Wortschwall aufs Blatt zu sehen, und skizzierte sicherlich nur den Hauptsinn der Frage. »Ueberlegen Sie in aller Ruhe«, gab Winterfeld der verlegen dasitzenden Schlomke einen Wink, er werde sich mit Geduld wappnen. Die Witwe bekämpfte ihre Furcht vor diesem überfreundlichen Manne. »Frau Beverstorff«, begann sie mit dem Aufzählen. »Kommt heute nicht in Betracht«, lehnte Winterfeld ab. »Die haben wir ja fest. Besondere Erscheinungen – auffällige Menschen – nicht in üblicher Weise vorsprechende Fremde. Verstehen Sie?« Das Bild der blonden Alma huschte durch die Seele der Schlomke. Rasch hielt sie den Atem an. Von der durfte sie ja nichts sagen. Der ebenso geheimnisvolle wie unheimliche Schrey war bei ihr zu Hause erschienen. Er hatte sich als Detektiv vorgestellt und um Entschuldigung gebeten, weil er es vorher verheimlicht hatte. Dann nahm er ihr das Versprechen ab, über diese Alma einstweilen zu schweigen, da ihm sonst seine Nachforschungen sehr erschwert würden. Und dann die dreitausend Mark Belohnung! Schrey hatte angedeutet, die könne sie am ehesten durch ihn erlangen. So hätte die Schlomke sich jetzt lieber die Zunge abgebissen als ihr Versprechen gebrochen. »Na, ich sehe schon, so kommen wir nicht weiter«, schnitt der Untersuchungsrichter die Grübeleien der Zeugin ab. Er blätterte ein paar Seiten in dem Aktenstück zurück und kündigte an: »Ich werde Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Hat an der Tür einmal ein junger Mensch geläutet, der einen auffallend hellen Ueberrock anhatte?« »Ganz bestimmt nicht«, versicherte Frau Schlomke zuversichtlich, denn sie war sich ihrer Ueberzeugung gewiß. »Aber – ein auffälliger Mensch ...?« hub sie zögernd an. »Einer muß dagewesen sein!« behauptete Winterfeld aufs Geratewohl. »Das ist schon richtig«, gab die Witwe in einer aufblitzenden Erinnerung zu. »Aber er hatte keinen hellen Ueberzieher an.« »Sondern?« forschte Winterfeld, mit gespannter Miene auf die Antwort lauschend. Sie zwang sich das Bild vor Augen und beschrieb: »Er war ein untersetzter, kräftiger Mann mit einem von der Sonne verbrannten Gesicht. Auf dem Kopf trug er eine Mütze, wie man sie bei Schoffören manchmal steht – blau, mit einem Lederschirm. Auch sein Anzug war von blauer Farbe.« »Es wird ein Kraftwagenführer gewesen sein«, urteilte Weinreich durch einen Einwurf. »Das glaube ich nicht«, sagte die Schlomke zögernd. »Er fragte sehr selbstbewußt nach Herrn Beverstorff, der sich aber verleugnen ließ, denn er wußte, daß der Mann kommen würde, wollte aber nichts mit ihm zu tun haben. Ich meine, der Mensch kann ein Seemann gewesen sein.« »Diese Bekundung ist doch außerordentlich wichtig«, schnauzte Winterfeld. »Warum rücken Sie denn erst heute damit heraus?« »Man hat mich doch gar nicht gefragt«, entschuldigte die Schlomke sich und brach in Tränen aus. »Ja, richtig«, beruhigte sich der Richter und schoß einen giftigen Blick auf den Kommissar. »Na, nun mal schön gefaßt! Was bringt Sie auf die Vermutung, der Mann sei ein Seemann gewesen?« »Mein verstorbener Mann hatte einen Freund, der war Steuermann. Der besuchte vor dem Krieg meinen damaligen Verlobten. Der Steuermann ging auch so blau angezogen und mit solch einer Mütze. Das fällt mir aber in diesem Augenblick erst ein.« Der Untersuchungsrichter schob dem Kommissar einen Zettel und einen Bleistift hin: »Bitte notieren Sie: Nachforschungen anstellen, ob zu Beverstorffs Umgang ein Seefahrer gehörte oder ein Mann, der wie ein Seemann aussieht!« Während Weinreich mit verbissenem Gesicht schrieb, erhob sich der Richter. Danke, Frau Schlomke«, sagte er entlassend. »Ich will Ihnen heute nicht zu viel zumuten. Nun gehen Sie nach Hause und rufen Sie sich noch mehr solcher Erinnerungen zurück! In zwei, drei Tagen werde ich Sie wieder vorladen.« Nachdem die befreit aufatmende Witwe gegangen war, drückte Winterfeld den Klingelknopf. Der diensttuende Beamte meldete auf Nachfrage, die Untersuchungsgefangene Beverstorff sei vorgeführt. Einen Augenblick später betrat Frau Harthilt den Raum. Winterfeld musterte lange Minuten die stolze Erscheinung. Die schneeige Farbe des edlen Gesichtes unter der schweren rotblonden Haarkrone war noch hervorgehoben durch das düstere Tuchkleid. Es war in der Stille der Amtsstube nichts zu vernehmen als das Geraschel der Papiere des Stenographen. Und plötzlich zwitscherte irgendwo draußen vor dem Fenster süß und tröstend die Stimme eines Vogels. Frau Harthilt hob das Haupt und horchte mit leicht geöffneten Lippen und geweitetem Blick. Ein sehnsuchtsvolles Geschöpf, das einen Gruß der Freiheit vernimmt. Der Untersuchungsrichter eröffnete das Verhör: »Wir sprechen heute zum erstenmal miteinander, Frau Beverstorff. Beharren Sie auch heute bei dem Standpunkt, auf keinerlei Fragen mehr zu antworten?« Frau Harthilt erwiderte gemessen: »Diese Frage will ich beantworten. Allerdings nur mit einem Ja.« »Im Unglück ist der Trotz nicht förderlich, sagt Sophokles«, führte Winterfeld an. »Behalten Sie diese Worte eines Weisen im Gedächtnis und beschäftigen Sie damit Ihr Gewissen, wenn Sie in wenigen Minuten wieder mit sich allein sind. Ich will Ihnen nämlich heute nur mitteilen: die Schere, aus der Sie sich durch Loslösen einer Schraube die Waffe schufen, diese Schere fand sich in Ihrem Schreibtisch.« »Meine Papierschere meinen Sie?« fragte Frau Harthilt gelassen. Winterfeld sagte sofort: »Ich freue mich, daß Sie heute zum Sprechen aufgelegt sind. Lassen Sie uns doch in Ihrem Interesse das werden, was man selbst bei solch trauriger Sachlage gut freund nennen kann. – Sie wissen also, um was für eine Schere sich's handelt?« »Jawohl«, gab Frau Harthilt zu. »Damit ich aber meine Absicht, auf keine Frage mehr zu antworten, nicht weiterhin durchbreche, will ich als letztes gleich sagen: Die Schraube löste sich durch Zufall, keineswegs durch meinen Willen.« »Wann war das?« »Genau einen Tag nach dem letzten furchtbaren Zwist mit meinem Manne.« »Eigentümlich genug«, murrte Winterfeld vor sich hin. »Und was weiter?« Mit trotzigem Gesicht sprach Frau Harthilt weiter: »Während ich die beiden unbrauchbar gewordenen Teile in die Schublade legte, betrachtete ich sie mit der Vorstellung, es müsse ein wunderbares Gefühl sein, solch einen langen, spitzen und scharfen Gegenstand in das Herz eines brutalen und niederträchtigen Menschen zu stoßen.« Es war plötzlich still im Zimmer. Die Vogelstimme draußen war verstummt. Mit tiefernstem Gesicht betrachtete Winterfeld die Gefangene. Offenbar unterdrückte er mit aller Macht schroffe Worte. Dann kam es leis von Frau Harthilts Lippen: »Ich bitte, nun gehen zu dürfen.« Ohne eine Silbe drückte Winterfeld den Finger auf den Knopf der Klingelleitung. Er gab dem eintretenden Beamten einen kurzen Wink. Als er mit Kommissar Weinreich allein war, sagte der Untersuchungsrichter: »Allmählich begreife ich den Doktor Aurelius. Er wurde es müde, einem Bildnis von Stein Antworten zu entlocken, die an Herzlosigkeit nichts zu wünschen übrig lassen.« * Der Arzt staunte, als sich seine Vorhersage nicht erfüllte: Friedrich Schulze gewann in langsamen Fortschritten die körperliche Gesundheit zurück. »Ich freue mich um Ihretwillen, junge Frau«, bekannte der Arzt seinen Irrtum. »Es ist ein Wunder, wenn ein Mensch solch einen Anfall übersteht, ohne daß sich die üblichen Folgen zeigen. Von vollkommen gestörter Intelligenz kann nicht die Rede sein. Somit ist eine Geisteskrankheit als Endergebnis des Zusammenbruchs nicht zu befürchten.« »Für geistig gestört halten Sie meinen Mann nicht?« fragte Frau Alma eindringlich. »Ich wüßte nicht, warum«, antwortete der Mediziner. »Wenn er vorläufig auch nur zu lallen vermag, so bildet er doch vernünftige Worte. Allerdings werden Sie vorbereitet sein müssen, daß er nie mehr ganz geläufig wird sprechen können. Er beginnt ja nun auch, seine Wünsche aufzuschreiben, und wenn er sich dabei auch manchmal auf ein Wort längere Minuten besinnen muß, so beweist er doch Denkfähigkeit.« »Ist dies Lallen nicht doch ein Anzeichen für eine Geistesstörung?« forschte die junge Frau abermals. »Und auch seine zusammenhanglosen Schreibereien nicht? Ich hörte, daß Irre oftmals Manien haben.« »Von einer Manie kann hier bestimmt nicht die Rede sein«, versicherte der Arzt. »Hier obwaltet nur ein ungeheurer Wille zum Leben. Doch verzeihen Sie, ich habe den Eindruck, als machten meine Mitteilungen Ihnen nur wenig Freude.« Frau Alma seufzte. »Ach Gott – vielleicht ist es nur meine Mutlosigkeit. Ich hatte am Morgen vor dem Zusammenbruch meines Mannes einen sehr ernsten Streit mit ihm. Bin ich vielleicht schuld an seiner Krankheit?« Der Doktor verneinte: »Er ist körperlich viel zu gesund, als daß ein bißchen Ehezwist derartige Folgen nach sich ziehen könnte. Seine Fülle und Behäbigkeit lassen allerdings auf Neigung zu Schlagflüssen schließen.« Als der Arzt sich entfernt hatte, ging Frau Alma in das Krankenzimmer hinüber. Neben dem Bett saß Sylvia Rickstetten. Sie erhob sich sofort, und ihre schönen sanften Blauaugen leuchteten in Freude. »Er sprach soeben wieder«, berichtete sie. »Ich konnte ihn ganz gut verstehen. Er sagte: Alma soll kommen.« Frau Alma trat an das Lager des Siechen und nahm die heißen Hände zwischen ihre kühlen Finger. Ein glückseliger Gesichtsausdruck verschönte die Züge des Mannes. »Ich bin bei dir, Friedrich«, tröstete die junge Frau. »Bleiben«, bat er kaum vernehmbar. »Du hast doch Sylvia«, beruhigte sie ihn. Der Kranke versuchte ein Kopfnicken und heftete einen Blick der Dankbarkeit auf seine jugendliche Pflegerin. Frau Alma fuhr fort: »All die Tage hier waren wir zwei an deinem Lager. Die eine tagsüber, die andere bei Nacht. Siehst du, Friedrich, nun müssen wir wieder anfangen, den Erfordernissen des Lebens gerecht zu werden. Es ist doch jetzt allerlei zu tun, damit du wieder ganz gesund wirst. Darum darfst du dich nicht grämen, wenn ich manchmal außer Hause gehe.« Der Leidende befreite unwillig seine Hand. Ein kummervoller Zug aufs höchste klagenden Leides umschattete die eben noch milden Züge. Es war herzzerreißend, diese Verwandlung zu sehen. Frau Alma schmiegte ihr Haupt auf das Kissen und ließ ihre Wange neben der des Gatten ruhen. Lange Minuten vergingen. Dann zeigten die regelmäßigen Atemzüge an, daß der Kranke eingeschlafen war. Mit aller Vorsicht löste sich die junge Frau vom Lager. Sie gab Sylvia einen Wink. Im Wohnzimmer drüben sagte sie: »Ich weiß nicht, wie ich über diese furchtbaren Tage hinweggekommen wäre, hätte ich Sie nicht gehabt, Sylvia.« Mit einem müden Lächeln wehrte das Mädchen: »Sie nahmen sich liebevoll meiner an. Wenn ich Ihnen genützt habe, so trug ich nur einen winzigen Teil meiner Dankesschuld ab. Aber was soll nun aus mir werden?« »Lassen Sie das Bangen vor der Zukunft auf sich beruhen«, tröstete Frau Alma. »Sie haben bei uns Obdach und Freistatt. Erst wenn Sie der treuen Pflege meines Mannes müde werden – hoffentlich erst dann, wenn ich Sie entbehren kann –, wollen wir beraten, was Sie beginnen sollen.« Sylvia schlug die Augen nieder und erwiderte sanft: »So werde ich bei Ihnen bleiben. Wollen Sie mir dafür eine Frage beantworten, Frau Alma? Ich habe diese Frage unterdrückt während der Tage Ihres Leides.« »Ich weiß, was Sie fragen wollen«, erklärte die junge Frau. »Aber ich vermag Ihnen nicht zu sagen, was aus dem flüchtenden jungen Menschen geworden ist. Die Krankheit meines Mannes warf mich aus der Bahn meiner Nachforschungen. Ich muß ganz von vorn beginnen.« Die bebende Mädchenstimme hauchte: »Und Sie bleiben bei der Ueberzeugung, Viktor Felsing sei der Mörder?« Frau Alma trat ans Fenster, um nicht die leidvollen Augen der Freundin sehen zu müssen. Von dort aus sagte sie: »Ich muß den Menschen finden, den man der Tat zeihen kann. Das Amt, das ich mir selbst auferlegte, erlischt, sobald ich meine Mission erfüllt habe. Und es ist eine vom Schicksal gewollte Mission, Sylvia.« »Ich verstehe das alles nicht«, klagte Sylvia. »Sie drangen in mich, Ihnen den jungen Mann zu beschreiben. Seitdem hatte ich Furcht vor Ihnen.« Frau Alma vollendete: »Und in dieser Furcht sagten Sie mir die Unwahrheit, genau so wie dem Kommissar. Die Behörde haben Sie irregeführt. Zufall – Fügung – bei mir gelang es Ihnen nicht.« »Und nun werden Sie die Verfolgung wieder aufnehmen?« fragte das Mädchen. Da Frau Alma nur nickte, sprach Sylvia weiter: »Wenn ich Sie anflehen würde, darauf zu verzichten ...?« Herb unterbrach das junge Weib: »Es wäre vergeblich!« Purpur übergoß das liebliche Mädchenantlitz, als Sylvia gestand: »Ich würde Sie um den Verzicht anflehen, weil ich den Mann liebgewonnen habe. Ich glaube nicht an eine Schuld Viktor Felsings.« »Ich darf nichts auf den Glauben Ihres Herzens geben«, wies Alma das Ansinnen zurück. »Es war überhaupt töricht, Ihnen den Namen Ihres Abgottes zu verraten.« Sylvia verstummte. Sie machte sich mit dem Ordnen der Gewächse in einem Blumenständer zu schaffen. Sie fühlte, daß sie nicht fähig gewesen wäre, den urplötzlich in ihr aufglimmenden Haß gegen diese sonderbare Frau zu verbergen. Frau Alma bat nun: »Sollte mein Mann erwachen, so sagen Sie ihm nicht, daß ich fortgegangen bin.« »Ich werde sagen, daß Sie schlafen«, versprach Sylvia kurz angebunden. Sie sah spöttisch zu, wie die junge Frau der Handtasche einen Spiegel entnahm und mit Hilfe von etwas Wangenrot, Puder und Lippenstift ihrem abgespannten Antlitz künstliche Frische zu verleihen suchte. Dann half das junge Mädchen ihr draußen auf dem Flur in einen Mantel. Flüsternd, um den Kranken nicht zu wecken, gab Frau Alma noch ein paar Winke. Dann schlich sie sich aus der Wohnung. Als Sylvia jedoch das Krankenzimmer betrat, fand sie den Siechen wach. Er hatte sich ein wenig in den Kissen aufgerichtet und stammelte: »Alma fortgegangen.« Sein Mund verzog sich wie zum Weinen. Bis er über die Lippen brachte: »Schreiben.« Das Mädchen gab ihm den Bleistift zwischen die schwerfälligen Finger und legte ihm einen Schreibblock unter die Hand. Dann sah sie zu, wie er langsam und mit Mühe Buchstaben um Buchstaben zu Papier brachte, Wort an Wort reihte, doch ohne daß er die Sätze gliederte. Allmählich entstand ein Zusammenhang: »Will allein sein – viel schreiben – brauche Sie nicht – erst Abend nach mir sehen – in Kissen aufsetzen – Licht brennen.« Sylvia kam allen seinen Wünschen nach und verließ das Krankenzimmer, nachdem sie die Lampe auf dem Nachttische neben dem Bett angeknipst und deren Schein etwas abgedämpft hatte. Es war schon längst dunkel, als Frau Alma geräuschlos den Schlüssel ins Schloß der Flurtür schob. Sie zog leise den Mantel aus, betrat dann das finstere Wohnzimmer und schaltete die neben der Tür befindliche Beleuchtung ein. Das erste, was ihr Blick entdeckte, war ein Zettel, der, in aufrechte Stellung gebracht, an einer auf den Eßtisch gesetzten Vase lehnte. Mit wenigen Schritten eilte sie hin. Beide Hände auf die Platte gestützt, las sie: »Verzeihen Sie mir! Es gibt nur eine einzige Wahrscheinlichkeit, Ihnen die Verfolgung Viktors unmöglich zu machen. Sie können Ihren Gatten nicht allein lassen. Darum gehe ich fort.« Frau Alma stand lange Zeit vor dem Blatt. Ihre Augen funkelten vor Grimm, ihr Mund zuckte vor Hohn: das törichte Ding ... als ob es nicht auch andere Krankenpflegerinnen gäbe! Dann überfiel sie der Schreck. Der Leidende war einsam, seiner Hilflosigkeit überlassen – wer weiß, vielleicht seit Stunden bereits. Sie stürzte nach dem Krankenzimmer. Doch dort brannte das elektrische Lämpchen auf dem Nachtschränkchen, und in dem milden Schimmer des abgedämpften Lichtes ruhte der Sieche friedlich schlafend in seinen Kissen. Eine Anzahl Blätter, vom Schreibblock abgerissen, leuchtete weiß auf dem dunklen Lila der Steppdecke. Sacht nahm Frau Alma einen der Zettel auf. Sie starrte auf ungelenke Schriftzeichen, auf Worte, die nicht völlig zu Ende geschrieben waren, wenn dem Leidenden die Kraft versagte oder vielleicht, wenn sein getrübtes Denkvermögen sich der Buchstabenfolge nicht erinnerte. Das Blatt in Frau Almas Hand zeigte eine mühsame Niederschrift, die, wenn man Auslassungen und Schreibfehler richtigstellte, den Wortlaut ergab: »– dich anflehen um das Bekenntnis deiner Schuld. Ich habe schon längst darum gewußt und bitterlich gelitten. Es nützt nichts, wenn du einen anschuldigst, der es nicht getan hat. Das Blut des Ermordeten wird auf deiner Seele –« Hier endete der Inhalt dieses einen Blattes. Die Fortsetzung mußte auf einem anderen der Zettel zu finden sein. Mit vorsichtigen Griffen, um den Schlafenden nicht wach zu machen, sammelte Frau Alma die Schriftstücke auf. Dann stahl sie sich aus der Krankenstube in die Küche. Sie kniete vor der Herdöffnung nieder und fachte mit dünnen Holzspleißen ein Feuer an. Als die rote Glut aufflackerte, verbrannte Frau Alma Blatt um Blatt. Sie las eines nach dem anderen bei dem feurigen Scheine der Flammen, als beginne sie eine Handlung, die das Licht zu scheuen hat. * Nach einer Fahrt von vielen Stunden in der billigsten Wagenklasse gewann Viktor von einer mächtigen Eisenbahnbrücke aus einen Blick auf Hamburg. Nur wenige Minuten noch, und die lange Fahrt war vorüber. Eine Fahrt, während der er Stunde für Stunde gezittert hatte, wenn er an Haltestellen einen Polizeibeamten auf dem Bahnsteig stehen sah. Viktor tröstete sich: wenn er unbehelligt den Hauptbahnhof verlassen konnte, dann durfte er annehmen, er werde nicht verfolgt. Er rechnete im stillen nach, was er an Barschaft besaß. Es war Geld, das er sich auf den Scheck des Vaters hatte auszahlen lassen. Er wollte die Summe seinen Gläubigern überbringen – da wurde Frau Harthilt verhaftet – er flüchtete mit dem Betrag. Daß er in der verborgenen Innentasche seiner Weste Geld bei sich führte, das hatte er dem Wandergefährten Otto Beverstorff verschwiegen. Ein gutwilliger Bauer hatte ihnen erlaubt, im Stroh der Scheune zu nächtigen. Einem in Ottos zufälliger Abwesenheit mit dem Bauer geführten Gespräch entnahm Viktor, nur eine halbe Stunde von der Ortschaft entfernt befände sich eine andere, an der die nach dem Norden rollenden oder von dort kommenden Eisenbahnzüge hielten. Der Bauer wußte sogar die Abfahrtszeiten. Viktor hatte sich gemerkt, ein nordwärts dampfender Zug käme in der Nacht gegen ein Uhr durch. Es glückte ihm, sich von dem kleinen Gehöft fortzustehlen, als alle Menschen in tiefem Schlafe lagen. Seit der Erzählung des Matrosen hatte er die Scheu vor dem Gefährten nicht wieder loswerden können ... Otto Beverstorff hatte den Mann mit dem hellen Mantel gesehen, den Mann, der mit dem später tot aufgefundenen Menschen das Haus betreten hatte. Mißtrauisch entstieg Viktor dem Abteil. Er hatte diesen Teil des Zuges gewählt, um auf der kleinen Dorfstation nicht aufzufallen. Außerdem sagte er sich, die billige Klasse werde bei der Ankunft in Hamburg mit Reisenden überfüllt sein. Das war denn auch der Fall, und so konnte Viktor sich inmitten eines dichten Menschenknäuels halten, der der Bahnsteigsperre zudrängte. Es standen zwei Schutzleute vor dem Ausgang. Aber sie schienen ihr Augenmerk nicht auf einzelne der Ankommenden zu richten, waren vermutlich nur da, um die Verkehrsordnung aufrecht zu erhalten. Als er, ohne behelligt worden zu sein, das Hauptgebäude hinter sich wußte, atmete er tief auf. Er durchwanderte ziellos die nächstgelegene Straße, doch nicht ohne auf die Hausinschriften zu achten, die in der Umgebung des Bahnhofs eine Ueberzahl billiger Gasthöfe kenntlich machten. Dabei kam ihm zu Sinn, daß anständige Hotels einem Reisenden ohne Handgepäck keine Unterkunft gewähren oder daß solch ein Reisender mindestens Mißtrauen erregt. Als er an einer Straßenecke ein Gebäude entdeckte, dessen zahlreiche Schaufenster mit ihren grundverschiedenen Auslagen ein Warenhaus ankündigten, trat er ein. Er erstand einen Handkoffer, etwas Tagwäsche, Strümpfe und ein wenig Nachtzeug. Auch ein Paar Stiefel kaufte er hier. Dann wanderte er die Straße nach dem Bahnhof zurück. Eine Stunde nach seiner Ankunft in Hamburg legte er sich zur Ruhe in dem sauberen Bett des zwar bescheidenen, doch reinlich möblierten Zimmers eines einfachen Gasthofes. Nur eines beunruhigte ihn: als man ihm den Fremdenzettel zum Ausfüllen vorgelegt hatte, war ihm unter dem durchdringend forschenden Blick des Geschäftsführers nicht gleich ein zu erfindender Name eingefallen. In der nervösen Scheu vor dem Manne, der ihm starr auf die Finger sah, mußte er sich den Anschein geben eines Menschen, der nichts zu verheimlichen hat. Fast wider seinen Willen floß ihm der Name Viktor Felsing in die Feder. Nun blieb nichts übrig, als auch die anderen Rubriken der Wahrheit gemäß auszufüllen. Ein paar Tage vergingen. Viktor kam zu der Ueberzeugung, man kümmere sich um ihn keineswegs mehr als um einen beliebigen anderen Bewohner des Hotels. So fand er die Ruhe wieder und wurde sicher. Er verzehrte in der Gaststätte des Erdgeschosses die Hauptmahlzeiten und brachte den größten Teil des Tages und die Abende auf seinem Zimmer zu, wo sich auf dem Nachtschränkchen abenteuerliche Bücher häuften, die er in einem Laden in der Nähe kaufte. Vergeblich aber zermarterte er sich den Kopf, was nun eigentlich zu beginnen sei. Der Gedanke eines Entweichens über den Ozean ...? Das Entweichen war höchst einfach erschienen, als er in jener Nacht seiner Flucht vor der unheimlichen blonden Frauensperson von der Grenzstation aus querfeldein gewandert war. Hier jedoch, in Hamburg und am Tor zu den Meeren der Erde, hier mußte er erkennen, daß die Ozeanflucht kein von heute auf morgen zu vollbringender Plan war. Gedemütigt durch seine weltfremde Hilflosigkeit, hatte Viktor sich einmal daran gemacht, dem Vater einen Brief zu schreiben. Er schilderte, wie er dazu gelangt war, das Fabrikgeheimnis der Flammenschrift auszuliefern. Mit Worten tiefer Reue suchte er den Verrat zu rechtfertigen. Er schrieb: »Ich glaube einen sicheren Weg zu sehen, Frau Harthilt die Freiheit zu verschaffen. Ich war entschlossen, für meine Freundin das Höchste und das Niedrigste zugleich zu wagen, weil ich sie frei wissen wollte von der Fessel, die sie an einen Schurken kettete. Befreien mußte, lieber Vater, und gehörte auch ein Mord dazu! Die heiße Angst vor den Folgen meiner Tat jagte mich von dannen, als ich erfuhr, Frau Harthilt sei verhaftet worden. Ich hatte ihr ja nur wenige Minuten vorher die zwischen mir und Beverstorff bestehenden Beziehungen eingestanden.« Soweit gelangt mit der Niederschrift, fühlte Viktor seinen Mut zum vollen Geständnis schwinden. Er klammerte sich an die Hoffnung, wenn er nur Geld böte, so werde der Kapitän eines kleinen Frachtdampfers ihn mit über See nehmen. Weit entfernt von der Heimat, – dort würde es leichter sein, dem Vater zu bekennen, was zwischen ihm und Beverstorff geschehen war. Er vernichtete den angefangenen Brief. Dabei fiel ihm ein, wie der Matrose erzählt hatte, daß er die Zeitungen nachblätterte, um nach den Abreisetagen über See gehender Dampfer zu sehen. Er beschloß, das gleiche zu tun. Da es ohnehin Zeit zum Abendessen war, begab er sich nach den Speiseräumen des Gasthofes hinab. Der gefällige Kellner hatte einen kleinen Seitentisch freigehalten, entsprechend seiner Erfahrung, daß der jugendliche Gast zu allen Hauptmahlzeiten erschien und Trinkgelder gab, die die Freigebigkeit sonst im Hause verkehrender Gäste überstieg. Viktor nahm die aufgetragenen Speisen zu sich. Dann bat er den Kellner um eine Hamburger Zeitung. Seite um Seite in dem Anzeigenteil des Blattes war gefüllt mit den Ankündigungen von Reedereien, Schiffahrtskontoren und Agenturen. Sie alle meldeten die Abfahrtstage von Dampfern. Unmöglich, da herauszufinden, wie man an einen »käuflichen« Kapitän gelangen konnte. Entmutigt legte Viktor die Zeitung auf den Tisch. Der Kellner mochte des Glaubens sein, der junge Mensch langweile sich. »Haben Sie schon unsern Radiosaal besucht?« fragte er, während er das Geschirr zusammenräumte. Auf Viktors verneinende Antwort erklärte er: »Man kann dort gemütlich sein Bier trinken, rauchen und den Darbietungen des Hamburger Senders lauschen. Wenn Sie also, wie gewöhnlich, nicht ausgehen mögen, so sollten Sie doch hier im Hause eine Zerstreuung in aller Bequemlichkeit genießen.« Viktor befolgte den Rat, und der gefällige Kellner geleitete ihn sogar selbst nach dem Raum, den er mit etwas Uebertreibung einen Saal genannt hatte. Nur wenige Gäste des hauptsächlich von Provinzlern besuchten Hotels befanden sich hier. Ohne eigentliche Aufmerksamkeit hörte Viktor ein Orchesterspiel an. Dann vernahm er eine Männerstimme: »Wir machen im Abendprogramm eine Pause von zehn Minuten, meine Damen und Herren. Währenddessen geben wir ein paar wichtige Funknachrichten weiter.« Hier entsann sich Viktor plötzlich jener Nacht in der Kneipe, aus der er flüchtete, als dem Lautsprecher die Stimme entquoll, die eine Mordnachricht in den Aether hinaussprach. Schon wollte er hinausgehen, um die Pause vorübergehen zu lassen, als der Sprecher des Senders von neuem anhub: »Wie in den letzten Tagen, so richten wir auch heute an unsere Hörer eine Bitte, die durch sämtliche Rundfunksender Deutschlands verbreitet wird. Es wird ersucht um das Festhalten eines jungen Mannes, der gekennzeichnet ist durch ein eigenartig gebräuntes Gesicht, in dem die seltsam klaren grauen Augen als absonderlich zu bezeichnen sind. Bekleidet ist er mit einem Mantel von besonders auffällig heller Farbe – – –« Viktor hörte nicht weiter. Er flüchtete mit wankenden Knien nach seinem Zimmer hinauf. Schwach vor Entsetzen warf er sich aufs Bett. Tausende von Menschen auch in Hamburg vernahmen seine genaue Beschreibung. Verfolgt also wurde er! 10. Auch Sylvia Rickstetten gehörte zu den Menschen, denen durch den Rundfunk die auf Viktor Felsing gemünzte Bekanntgabe zu Gehör kam. Der Beschreibung nach war sie nicht im Zweifel, es handle sich um den Mann, den sie liebte und an dessen Schuldlosigkeit sie glaubte, ohne daß sie sich Rechenschaft abzulegen vermochte, was ihre Liebe erzeugt, ihren Glauben gefestigt hatte. Doch daß ihr Glaube sie nicht betrogen, davon war sie überzeugt seit ihrer Flucht aus dem Heim des Ehepaares Schulze. An jenem Abend, als Frau Alma sie mit dem Kranken allein ließ, war Sylvia nach gut zwei Stunden erst wieder in das Schlafzimmer hinübergegangen. Der Leidende hatte seine mühselige Schreibarbeit beendet. Er lag abgemattet in den Kissen und lallte die Bitte um einen Trunk. Noch während sie ihn labte, schlief er vor Erschöpfung ihr unter den Händen ein. Sie wollte die beschriebenen Blätter von der Steppdecke aufsammeln, als ihr Blick zwischen dem ungelenken Gekritzel einen Namen entdeckte: Beverstorff ... Der Name des Mannes, dessen Ermordung die Triebfeder geworden war zu Frau Almas wunderlicher Handlungsweise. Sylvia hatte Blatt für Blatt gelesen. Eine Welt voll unwahrscheinlichster Zusammenhänge war ihr enthüllt. Aus den herzzerreißenden Anklagen der mühsam zustandegebrachten Niederschrift drängte sich dem Mädchen das Wissen auf, wer den todbringenden Stoß geführt hatte. Sie preßte ein Aufjubeln in ihre Kehle zurück. Nun wußte sie alles! Dann aber stand ihr Wille fest: es konnte ihres Bleibens nicht sein im Hause dieser furchtbaren Frau, vor der sie sich trotz allen Betreuens stets gefürchtet hatte. Wohltat empfangen von einem schuldigen Geschöpf, das bewußt einen Schuldlosen des Mordes zieh? Unmöglich ... sie mußte fliehen. Zwölf Stunden später betrat Sylvia Rickstetten den Boden ihrer Heimatstadt Hamburg. Sie suchte sofort die Wohnung einer früheren Freundin auf, hörte aber von den Eltern, daß Hedwig sich verheiratet hatte. Die alten Leute versicherten tröstlich, der Schwiegersohn Gregers Delkeskamp, ein Musiker, sei ein prächtiger Mensch; er werde bestimmt nichts einzuwenden haben, wenn die Jugendfreundin seiner Frau für kurze Zeit Zuflucht suche im Heim des jungen Paares. Das erwies sich als richtig. Delkeskamp war erster Geiger im Rundfunkorchester. Er hatte seinem jungen Frauchen ein hübsches Unterkommen geschaffen weit draußen in Dockenhuden nahe Blankenese. Er versicherte, er sei sogar glücklich, einen Besuch aufnehmen zu können. »Ich habe einen Dienst«, sagte er, »bei dem es häufig gar nicht lohnt, daß ich in der Tageszwischenzeit die große Entfernung heimfahre. Oft komme ich sehr spät in der Nacht vom Abenddienst nach Hause. Da ist mir's nur eine Beruhigung, wenn ich Hedwig nicht so allein weiß in dem einsamen Hause.« Voll Stolz zeigte das Paar die traulich eingerichtete kleine Wohnung. Sie hausten als Mieter im Dachgeschoß einer Villa, deren Eigentümer den größten Teil des Jahres außer Landes weilten. Sylvia bekam eine Schlafstätte auf dem Diwan in der Wohnstube zugewiesen. Hier führte Gregers Delkeskamp Sylvia auch vor einen stattlichen Radioapparat. »Da habt ihr Unterhaltung genug«, meinte er heiter. »Ich stelle aber fast ausschließlich auf Hamburg ein«, gestand die junge Frau. »Spielt das Rundfunkorchester, so höre ich die Geige meines Mannes deutlich heraus.« »Das ist ja nun bloß Einbildung«, behauptete der Musiker lachend. »Am schönsten aber ist's, wenn Gregers ein Solo zu spielen hat«, fuhr Hedwig fort. »Dann habe ich immer das Gefühl: nun spielt er für dich. Er weiß doch, daß ich ihn höre.« Am ersten Abend im Heim der jungen Leute bekam Sylvia die Wunder des Fernempfängers vorgeführt. Frau Hedwig bot ihr möglichstes auf. Alle fünf Minuten schaltete sie das Gerät anders ein. Doch von der neunten Stunde an ließ sie es beim Empfang der Hamburger Welle bewenden. Das war um dieselbe Zeit, als Viktor Felsing in dem sogenannten Radiosalon des »Hotels Westminster« erschien. Musik erklang. Dann tönte in Sylvias Ohr die Stimme aus dem Aether: »Wie in den letzten Tagen, so richten wir auch heute an unsere Hörer eine Bitte, die durch sämtliche Rundfunksender Deutschlands weiter verbreitet wird. Es wird ersucht um das Festhalten eines gut gekleideten jungen Mannes, der gekennzeichnet ist durch ein eigenartig gebräuntes Gesicht, in dem die seltsam klaren grauen Augen als absonderlich zu bezeichnen sind. Bekleidet ist er mit einem Mantel von besonders auffällig heller Farbe. Darunter trägt er einen Anzug von rötlichem Braun. Kopfbedeckung: ein der Farbe des hellen Ueberrockes angepaßter Hut mit etwas dunklerem Band. Wer den jungen Mann trifft, wird gebeten, ihm zu sagen, seine Reisetasche befände sich bereits in den Händen der Eltern. Da die Tasche auf die Spuren seiner Fluchtrichtung leiten kann, so möge er, damit nicht die Behörden mit der Einbringung betraut werden müssen, freiwillig heimkehren. Er könne das ohne jede Gefahr tun. Telegrafische Nachrichten über den Verbleib des jungen Mannes oder über eine der Beschreibung entsprechende Persönlichkeit werden erbeten an Doktor Aurelius in D., Fürstenstraße 23. Die Eltern des Flüchtlings werden alle entstehenden Kosten gewissenhaft ersetzen, darüber hinaus auch jeden angemessenen Anspruch auf eine Belohnung erfüllen.« Das war die Bekanntgabe durch die Rundfunksender. Dr. Aurelius hatte sie als wahrscheinlich am raschesten zum Ziel führende Maßnahme dem Vater Viktors vorgeschlagen. Kommerzienrat Felsing erwog nicht lange, ob man sich des neuesten Mittels zur allgemeinen Verbreitung einer Nachricht bedienen sollte. »Aber was hast du denn?« fragte Frau Hedwig erschrocken, als Sylvia nach dem Abhören der Funknachricht bleich und zitternd dasaß. »Ich kenne den Flüchtling«, sagte das junge Mädchen mit bebenden Händen. »Und darum regst du dich so auf?« staunte die junge Frau. »Dieser Mann wird eines Mordes verdächtigt«, gab Sylvia Bescheid. »Wahrscheinlich deshalb flüchtete er. Ich aber weiß, wer den Mord wirklich begangen hat.« Als Gregers Delkeskamp spät in der Nacht vom Dienst nach Hause kam, fand er die beiden Frauen noch wach. Sylvia erzählte den Freunden jetzt einen Abschnitt aus ihrer Lebensgeschichte. Sie begann mit dem Tage des Einzuges in die Bodenkammer der Frau Schurich, und sie beschrieb die Trinkorgien in jener Kneipe. Wie sie dem Fremden zwei noch frische Blutflecke vom hellen Ueberrock gewaschen hatte, beschrieb sie, und wie er am nächsten Tag gekommen war, nach seinem verlorenen Geldtäschchen zu fragen. Dann berichtete sie, wie eine Soldatin der Heilsarmee sie aus der scheußlichen Umgebung herausriß, wie ferner die Frau sich als Gattin eines Kriminalbeamten zu erkennen gab. »Ich faßte Vertrauen zu ihr«, erwähnte Sylvia. »Das war in meiner traurigen Lage wohl selbstverständlich. Als ich sie jedoch fragte, wie ich meine Dankbarkeit beweisen könnte, da brachte sie das Gespräch auf den jungen Mann, den sie mich gegen die Schurich verteidigen gehört hatte. Sie begann sofort mit der Behauptung, er sei der gesuchte Mörder. Dies und die Tatsache, daß sie die Frau eines Kriminalbeamten ist, veranlaßte mich, ihr eine ebenso unrichtige Beschreibung zu geben, wie ich das auf der Polizei getan hatte.« »Auf der Polizei auch?« wunderte sich Frau Hedwig. »Das ist strafbar«, sagte Delkeskamp voll Bedenken. »Mit dieser Drohung beherrschte mich auch Frau Schulze«, berichtete das Mädchen. »Eines Tages kam sie und schalt mich in sehr gereizter Laune eine Lügnerin. Sie konnte mir sogar den Namen des jungen Mannes sagen.« »Und warum wandte sie sich nicht selbst an die Behörde, um die Sache aufzuklären?« erkundigte sich der Musiker. »Ich weiß es nicht. Sie kam einige Tags später und erzählte, wie sie den Aufenthalt des jungen Mannes ausfindig gemacht hatte, wie sie den angeblichen Mörder festnehmen lassen wollte, wie er aber in stockdunkler Nacht die Flucht ergriff. Sie war damals ganz außer sich, und es fehlte nicht viel, so hätte sie sich an mir vergriffen, weil ich den armen Menschen als schuldlos verteidigte.« Nun malte Sylvia aus, wie eine Versöhnung zustande kam, als Frau Alma die Verlassene aus dem Hospiz der Heilsarmee an das Krankenlager Schulzes holte. Sie erzählte von den Blättern, die der halb geistig, halb körperlich gelähmte Mann mit seinen Schriftzeichen bedeckt hatte. »Ich habe alles gelesen«, schloß Sylvia. »Und ich bin überzeugt, es waren nicht Phantasien eines Geistesgestörten. Es waren die Worte eines Menschen, den seine Verzweiflung zu Boden schmetterte, als er durch seinen Beruf erfuhr, die Missetat ließe sich nicht länger mehr verhehlen. Der Mund gehorchte nicht. So schrieb der arme Kranke für die einen Schuldlosen verdächtigende, entsetzliche Frau auf, was er nicht deutlich und zusammenhängend genug sagen konnte.« * Am anderen Morgen stellte Gregers Delkeskamp die Freundin seiner Frau dem Leiter des Senders vor. Selbstverständlich weigerte sich der erstaunte Herr, auf den seltsamen Wunsch Sylvias einzugehen. Er machte den Vorschlag, das junge Mädchen möge sich doch telegrafisch mit Dr. Aurelius in Verbindung setzen. Aber Sylvia flehte standhaft: »Bitte, tun Sie es doch! Ein ganzer Tag kann über den Depeschenwechsel verloren gehen. Kann nicht gerade an diesem Tage der Gehetzte den letzten, verzweifelten Schritt tun? Ein Menschenleben ist in Gefahr.« Doch ebenso standhaft blieb der Direktor bei seiner Weigerung: »Unmöglich, mein Fräulein. Eine Weiterverbreitung Ihrer Nachricht verbietet sich ganz von selbst, solange wir eine solche sensationelle Meldung nicht auf die Wahrheit nachprüfen können. Auch würden wir mit der öffentlichen Weitergabe Ihrer Behauptungen den Kriminalbehörden vorgreifen.« Trostlos verließ Sylvia das Verwaltungsgebäude. In heißer Angst eilte sie nach dem Telegrafenamt. Gregers Delkeskamp begleitete sie. Eine Depesche an Dr. Aurelius sollte aufgegeben werden. Doch als Sylvia den Inhalt der Drahtnachricht zu Papier bringen wollte, sagte sie entmutigt: »Ich finde den Wortlaut nicht zusammen. Und was nützt mein Telegramm, wenn ich nicht zugleich sagen kann, wo sich der Geflüchtete befindet!« »Da haben Sie im Grunde genommen recht«, gab der Musiker zu. »Aber es wäre doch gut, würden Sie – etwa mit Angabe unserer Wohnung als Ihrer Adresse so drahten: Wenn Viktor Felsing gefunden, erbitte sofort Nachricht, da ich ihn betreffende wichtige kriminelle Mitteilung zu machen habe.« Sylvia schrieb diese Worte nieder. Nun war sie ruhiger. Als sie mit Delkeskamp das Postgebäude verließ, meinte sie seufzend: »Ich hätte dem jungen Menschen so gern durch den Rundfunk sagen lassen, er brauche sich nicht länger zu verstecken vor einer Verfolgung wegen des Mordes.« Der Geiger mußte lachen. »Unsinniger Gedanke«, urteilte er. »Ich sagte Ihnen gestern nacht ja gleich, wie Unmögliches Sie sich in den Kopf setzten. Man müßte bei Ihrer Absicht doch voraussetzen, daß Ihr Schützling überhaupt Rundfunk hört. Ein Flüchtender! Das vergessen Sie ganz und gar. Solch einen Zufall gibt es nicht.« Delkeskamp verabschiedete sich. »Ich werde zu Hedwig heimfahren«, sagte Sylvia trübselig. »Natürlich wird sie am Radio sein, um Sie bei der Mittagsmusik spielen zu hören.« »Da hätte sie kein Glück«, scherzte der Freund. »Ich habe heute nur Orchesterprobe. Es wird die Militärmusik vom Rathausmarkt übertragen. Hören Sie sich das mit Hede an. Das ist sehr interessant, da selbstverständlich alte Straßengeräusche mit übertragen werden – das Hupen der Autos, der Stundenschlag der nahen Petrikirche, das Bimmeln der Straßenbahnen, Hundegebell, das Schwatzen und der Beifall der zuhörenden Menschen – kurz, alles, was im Umkreis des Mikrophons laut wird.« Dann trennten sich die beiden. * Viktor ahnte nicht, daß sein guter Engel in Hamburg war. Vielleicht hätte er an dem jungen Mädchen einen Halt gefunden. In Furcht und Scheu ging er nach dem Speisesaal hinab, ein Gehetzter, Verfolgter – so wähnte er. Er wollte die Gelegenheit benutzen, ganz allein in dem Raume das Essen zu sich zu nehmen, mußte aber hören, es gebe vor ein Uhr nichts. Der Kellner gab ihm auf Nachfrage die Auskunft, vor dem Mittagskonzert bringe der Sprecher des Senders außer Börsenberichten auch sonst wichtige Tagesnachrichten zu Gehör. Viktor hoffte, die Aufforderung, ihn festzuhalten, werde auch um diese Zeit durchgegeben. Er vermutete, seine Beschreibung werde von der Kriminalbehörde verbreitet, und er wollte nochmals lauschen, ob er sich nicht verhört hatte, daß man den längst beseitigten hellen Ulster als Kennzeichen angab. So ging er denn nach dem Radioraum hinüber. Dort war es einsam. Viktor stellte den Apparat ein. Minuten verstrichen. Der Ansager verlas die Tageskurse. Dann berichtete er Wissenswertes über die politische Lage, endlich Nachrichten vom Produktenmarkt und zuletzt auch noch die Ergebnisse sportlicher Veranstaltungen. Zum Schlusse sagte er: »Wir beginnen jetzt mit der Uebertragung der Platzmusik vor dem Rathause. Fünf Minuten vor eins bringen wir das Nauener Zeitzeichen.« Enttäuscht, daß seine Beschreibung nicht durchgegeben wurde, wollte Viktor eben den Apparat abstellen, als ein Fremder den Raum betrat. Der Mann sah sofort in eigentümlicher Weise nach dem einsamen Radiohörer hin. Dann ließ er sich nieder und blätterte in den Programmheften. Danach winkte er den Mann herbei, der den Empfangsapparat bediente und zugleich das Amt des Kellners hier versah. Leise sprachen die beiden miteinander. Viktor sah nur die Mundbewegungen. In einer Anwandlung von Scheu wagte er nicht, seinen Platz zu Verlassen – der fremde Mann ließ kein Auge von ihm. So spielte er den aufmerksamen Radiofreund, indem er dem seitwärts von ihm sitzenden Manne jedoch sein Gesicht verbarg. Der Fremde ließ sich jetzt von dem Diener den Apparat erklären. Entweder er spielte vorzüglich den Uneingeweihten, oder er verstand wirklich nichts davon. Nach einem eigentümlichen Sausen und Heulen klang plötzlich Militärmusik im Lautsprecher auf. Der Schall dröhnte in voller Stärke. Viktor beobachtete, wie der Fremde schon nach wenigen Minuten mit den Gesten verdrießlichen Mißfallens den Raum verließ. Dann hörte Viktor den Diener mit erhobener Stimme sagen: »Ist Ihnen schon so etwas vorgekommen, mein Herr? Ein Mensch, dem Rundfunksendungen böhmische Dörfer sind!« Viktor lächelte verzweifelt. Er war überzeugt, der Gast habe sich nur verstellt und sei erschienen, bloß um ihn genauer zu mustern.« »Kennen Sie den Herrn nicht?« fragte er. »Kennen – nein«, lautete die Antwort. »Wenigstens weiß ich nicht, wer er ist. Im Radiosaal war er heute zum erstenmal. Aber ins Hotel kommt er öfter und hat dann so eine eigene Art, unsere Gäste anzuglotzen.« Was der Diener noch weiter schwatzte, konnte Viktor nicht verstehen bei den neuerlichen grellen Tönen der Musik. Aber noch etwas anderes vernahm er. Und was er hörte, das war sein Name. »Viktor Felsing«, scholl es in die Musik hinein. Er drehte sich hastig um, überzeugt, hinter ihm spreche der Fremde, der ihn vorhin so eigentümlich angaffte. Aber da war niemand als der Diener. Diesmal hatte er den Eindruck, die Worte kämen aus dem Lautsprecher, gesprochen von einer Frauenstimme. Er war nahe daran, unwillkürlich zu antworten. Doch schon verstand er: »Melden Sie sich – ich weiß, wer den Mord verübte – ich wohne –« Die Stimme war plötzlich wie erloschen. »Donnerwetter!« fluchte der Diener. »Da ist mir schon wieder eine Röhre durchgebrannt. Das gibt aber diesmal Krach mit dem Alten.« Er machte sich an dem Funkgerät zu schaffen, während Viktor nicht anders glaubte, als daß er an Sinnestäuschungen litte. »Hörten Sie, was da eben gesprochen wurde?« wandte er sich an den Diener. »Wo – im Radio?« fragte der mit dem Apparat beschäftigte Mann. »Ich hörte etwas, aber man achtet nicht so darauf, weil bei Uebertragungen aus dem Freien immer alles mögliche mitschallt.« In diesem Augenblick verschenkte Sylvia Rickstetten das schönste Lächeln, das je ihr Gesicht noch lieblicher gemacht hatte. Beides war der Widerschein der Freude über einen wohlgelungenen Plan – und beides galt dem jungen Manne, der ein paar Minuten das Mikrophon unbeachtet gelassen hatte, weil er sich eine Zigarette anzündete. Er warf das Streichholz fort und warnte: »Nicht zu dicht an das Mikrophon heran, mein Fräulein! Das ist nicht gestattet. Oder möchten Sie den Liebsten von hier aus grüßen?« »Es ist schon geschehen«, sagte Sylvia. Sie ahnte nicht, daß sie nicht zu Ende gehört worden war. * Als Dr. Aurelius nach einem Ferngespräch von fast zehn Minuten den Hörer auf die Gabel des Apparates legte, war er so verblüfft wie nie zuvor in seinem Leben. Er brauchte eine ganze Weile, um sich des Gedankens zu erwehren, es wolle ihn jemand zum Opfer einer Mystifikation machen. Was war nun als richtig zu unternehmen? Sollte er sich mit der Kriminalbehörde in Verbindung setzen – sollte er zunächst von sich aus Schritte tun, um der Wahrheit des Sonderbaren, das ihm da soeben durchs Telefon berichtet worden war, auf die Spur zu kommen? Er warf einen Blick auf die Uhr. Sie zeigte ein Viertel nach neun. Zu dumm auch, daß das Mädchen in Hamburg nicht sofort angerufen hatte! Spätestens um Mittag mußte sie die Depesche in Händen gehabt haben, in der er sie unter Angabe der Fernsprechnummer ersuchte, sich telefonisch mit ihm in Verbindung zu sehen. Der Doktor zog seinen Ueberrock an. Er wollte einen Ausgang machen, um seiner Erregung Herr zu werden. Wohin der Weg ihn führen sollte, dafür setzte er sich kein Ziel. Nachdenklich durchschritt er ein paar nächtliche Gasten, fortgesetzt grübelnd, was er aus dem Bericht der unbekannten Hamburgerin machen sollte. Auf einem freien Platz der schon stiller werdenden Stadt blieb er stehen. Hoch auf dem Giebel eines Eckhauses flirrte in glitzernden Buchstaben die Felsingsche Lichtreklame dahin. Eine Weile sah Dr. Aurelius zu. Gedankenlos verfolgte er die Ankündigungen über das hervorragendste Motorrad, die vorzüglichsten Stiefel, das lustigste Kabarett, die schmackhafteste Schokolade, den erfolgreichsten Staubsauger und die haltbarsten Seidenstrümpfe. Dann aber flammte eine ganz andere Ankündigung grell leuchtend über den Nachthimmel hinweg: »Dreitausend Mark Belohnung sichert die Staatsanwaltschaft dem zu, der den Täter in der Beverstorffschen Mordsache namhaft macht oder zu einer völligen Aufklärung des Falles beiträgt.« Die wandernde Flammenschrift machte den Eindruck, als jage sie rastlos hinter dem unerreichbar bleibenden Mörder her ins regenschwangere Dunkel hinein. Welch ein furchtbarer Gegensatz! Die lodernden Worte über den Dächern riefen die Erinnerung an eine Bluttat in die Nacht, um sogleich wieder mit Anpreisungen zu beginnen, die dem Luxus und der Lebensfreude die Wege zeigen sollten. Wo der Doktor stand, war ein Halteplatz für Droschken, von denen immer noch ein halbes Dutzend in der Stadt herumkutschierte als Ueberbleibsel einer weniger verkehrshastig gewesenen Zeit. Jenseits des Platzes aber blitzten die Scheinwerfer der dort parkenden Autodroschken. Einer der Kutscher band seinem kniekrummen Schimmel den Futtersack ab. Dann, genau wie Dr. Aurelius, verfolgte er die lodernden Buchstaben, die zum andernmal ihr »Dreitausend Mark Belohnung« in die Schwärze über dem Dachgiebel hinwandern ließen. »Das müßte man verdienen können«, redete der dick eingemummelte Rosselenker den Doktor an. »Dann wäre einem geholfen, und man brauchte hier nicht mehr stundenlang zu warten, ob es überhaupt noch Leute gibt, die mit dem Hafermotor fahren mögen.« Der Doktor sprach ein paar mitfühlende Worte, auch etwas über den sein niederstäubenden Regen dieser kalten Nacht und schenkte dem Alten schließlich ein Geldstück. »Drei Mark!« staunte der Kutscher, bespuckte abergläubisch die Münze und verbarg sie in seinem noch winterlich aussehenden Mantel. Dann schritt Aurelius hastig über den Platz. Die Flammenschrift hatte ihn an den Kommerzienrat Felsing erinnert. In einer nahen Konditorei wollte er den alten Herrn telefonisch anrufen. Vielleicht war er zu einer noch späten Unterredung in der Villa bereit, um etwas zu hören über die merkwürdigen Nachrichten aus Hamburg. Der Kutscher dachte nach einigem Warten, er könne mit der unverhofften Abendeinnahme zufrieden sein und brauche seinen alten Schimmel nicht mehr zu strapazieren. Vergnügt pfeifend ging er hinter seinem Wagen herum, um auf den Bock zu steigen und heimzufahren. Da sah er den freundlichen Herrn zurückkehren. »Nun können Sie doch noch etwas verdienen«, rief Dr. Aurelius dem Alten zu. »Wissen Sie, wo die Felsingsche Villa ist? Fahren Sie mich dahin! Sie brauchen aber Ihren braven Renner nicht abzujagen. Ich soll in einer halben Stunde erst an Ort und Stelle sein. Wir haben also reichlich Zeit.« Während der Kutscher auf seinen Sitz kletterte, nahm der Doktor auf den muffig riechenden Polstern des altertümlichen Gefährts Platz. Er hatte nicht acht auf eine Gestalt, die ihm schon gefolgt war, als er die Fernsprechzelle der Konditorei verließ, und die jetzt einen Augenblick stehen blieb, als er dem Alten das Fahrtziel zurief. Die Droschke rappelte von dannen. Zwanzig Minuten später trieb der Kutscher seinen Schimmel in die Basteistraße hinein. Er fuhr Schritt, um bei der schlechten Beleuchtung des einsamen Weges die Hausnummern lesen zu können. Es gab hier nur wenige weit voneinander gelegene Gebäude, zwischen denen, wie auch vor den Hausfronten, finstere Gartengrundstücke sich breiteten. Da wurde der Alte vom Gangsteig aus angerufen: »Fahren Sie jemanden zur Felsingschen Villa, Kutscher?« »Stimmt«, antwortete er. »Wo ist denn das Haus? Man sieht ja hier nicht die Hand vor Augen, geschweige denn die Gartenpforten.« »Halten Sie nur an«, kam es aus dem Dunkel. »Der Herr Kommerzienrat läßt dem Herrn in Ihrem Wagen etwas bestellen.« Dr. Aurelius hörte den Wortwechsel und öffnete die Tür. »Wer sind Sie – was wollen Sie?« Eine dunkel gekleidete weibliche Person kam an den Wagenschlag. Auf ihren unbedeckten Haaren glitzerten im Schein der Bocklaterne die Regentropfen. »Herr Doktor Aurelius, nicht wahr?« sagte sie. »Ich bin das Hausmädchen. Der Herr Kommerzienrat schickt mich Ihnen entgegen. Er läßt bitten, nicht vorzufahren. Die gnädige Frau soll nicht auf einen so späten Besuch aufmerksam werden, sie ist jetzt immer so nervös. Der Herr Kommerzienrat meint, Sie möchten so liebenswürdig sein, das Stückchen zu Fuß zu gehen. Es ist nur noch fünf Minuten von hier aus.« Aurelius stieg aus und bezahlte den Kutscher. Währenddessen plauderte das Mädchen: »Ich wußte nicht, daß es regnet, sonst hätte ich einen Schirm mitgebracht. Ich getraute mich aber auch nicht umzukehren, um einen zu holen, weil ich Angst hatte, ich könnte mittlerweile das Auto verfehlen. Der Herr Kommerzienrat dachte nämlich, Sie kämen mit einem Auto, und deshalb sollte ich bis zur Ecke vorgehen.« Der Kutscher wandte sein Gefährt und fuhr um die Ecke nach der Innenstadt zurück. Dr. Aurelius hatte sich dem Hausmädchen beigesellt. Ein paar Minuten schritten sie schweigend. »Dürfte ich den Herrn Doktor etwas fragen?« erkundigte sich das Mädchen in bescheidenem Ton und blieb stehen. »Die Herrschaft ist so zurückhaltend uns gegenüber. Aber man hat doch Teilnahme für das, was im Hause vorgeht. Nicht wahr, Sie kommen um diese Zeit noch, weil der junge Herr gefunden ist?« »Leider noch immer nicht«, gab Aurelius freundlich Auskunft. »Ich hörte vorhin – wirklich nicht durch neugieriges Horchen – den Herrn Kommerzienrat telefonieren«, plauderte das Mädchen aus. »Habe ich richtig verstanden, daß man entdeckt hat, wer den armen Herrn Beverstorff ums Leben brachte?« Der Doktor wunderte sich: »Wieso konnten Sie dergleichen aus den Worten Ihres Herrn heraushören? Ich selbst habe doch nur andeutungsweise gesprochen. »Ah, Sie, Herr Doktor, waren am Telefon?« »Allerdings, aber ich erinnere mich gar nicht, daß der Herr Kommerzienrat – – –« Das Mädchen fiel ihm ins Wort: »Ach, Herr Doktor, unsereins gewöhnt sich an, aus kurzen Bemerkungen der Herrschaft Schlüsse zu ziehen. So ist es auch im Hause kein Geheimnis, daß sie einer Frau auf die Spur gekommen sind, die den Mord verübt haben soll.« Aergerlich warf Aurelius hin: »Man scheint im Felsingschen Hause vorsichtig mit dem Reden sein zu müssen.« »Bitte, verraten Sie mich nicht«, bettelte die gesprächige Person. »Dienerschaft wird immer neugierig sein. Es ist doch auch zu sonderbar, was in der letzten Zeit bei uns alles vorgeht. Frau Beverstorff wird in unserem Hause verhaftet – in derselben Nacht verschwindet der junge Herr – der Hausmeister erzählt, er habe im Radio die haargenaue Beschreibung von unserem Herrn Viktor gehört – in der Reisetasche, die plötzlich von Gott weiß woher ins Haus geschneit kommt, findet man ein blutiges Messer. O Gott, es graut einem förmlich vor dem Dienst bei diesen Leuten.« »Kommen Sie«, befahl Dr. Aurelius und nahm den Weg auf, um dem Geschwätz ein Ende zu machen. Doch das Mädchen blieb bei seiner zudringlichen Fragerei: »Ist denn die Frau, die den Mord begangen hat, wirklich Frau Beverstorff?« »Nein«, versetzte der Doktor kurz angebunden. »Warum hat man sie dann verhaftet?« »Das müssen Sie die Polizei fragen«, polterte Aurelius in gereizter Stimmung, ungeduldig gemacht durch die Neugier des dreisten Hausmädchens, und er nahm sich vor, den Kommerzienrat gehörig aufmerksam zu machen auf den Dienerschaftstratsch in seinem Hause. Unentwegt fuhr die Person fort: »Der gnädige Herr soll zur gnädigen Frau gesagt haben, die Frau von einem Kriminalbeamten sei die Mörderin, und Sie, Herr Doktor, hätten das Weibsbild schon aufs Korn genommen.« »Das ist denn doch zu toll!« zürnte der Doktor los, aufs tiefste empört, weil der alte Herr offenbar nicht reinen Mund hielt. Während er in seiner zornigen Aufwallung stehen blieb, suchte das Mädchen herauszubringen: »Und nun werden Sie die Frau vor Gericht stellen lassen?« »Jawohl, sogar morgen schon«, versicherte Aurelius, um die Plappermühle da an seiner Seite endlich zum Verstummen zu bringen. »Morgen schon«, wiederholte das Mädchen. »Wie entsetzlich!« Dr. Aurelius schnauzte: »Aber nun vorwärts – der Herr Kommerzienrat erwartet mich!« »Er wird Sie vergeblich erwarten«, sagte die vermeintliche Dienerin mit schneidender Stimme. Bevor Dr. Aurelius sich den Sinn dieser frechen Behauptung klarmachen konnte, hatte er den Eindruck, eine Sekunde lang in einen plötzlich vor ihm aufblitzenden Lichtschein zu blicken. Zugleich verspürte er etwas, als ob der Lichtschein ihm wie ein glühend heißer Dampfstrahl ins Gesicht hauche und als ob eine Faust mit schmerzhaft zuschlagendem Griff ihn bei der Brust packte und nach vorn riß. Er konnte der Gewalt nicht widerstehen, taumelte zwei Schritte vorwärts, brach in die Knie und fiel lautlos aufs Gesicht. In der dunklen Straße verhallte der kurze Knall des aus nächster Nähe auf den Doktor abgefeuerten Schusses. Schattenhaft glitt eine Gestalt um die Ecke, an der eine Viertelstunde zuvor eine Frau den Führer einer Autodroschke abgelohnt hatte. Als am nächsten Abend die Kunde von einer neuen Bluttat in lodernden Lichtbuchstaben über den nächtigen Himmel wanderte, meldete sich ein Schofför auf der Polizeiwache. Er berichtete, er habe die ganze Nacht hindurch Dienst getan und den Tag über geschlafen, weshalb er erst am Abend etwas über die Tat in der Basteistraße erfuhr. »Es wäre ja möglich, meine Fahrt hätte mit der Geschichte zu tun«, bekundete er. »Die Person, die ich bis an die Ecke der Basteistraße bringen mußte, kann ich aber nicht genau beschreiben. Man guckt sich doch die Fahrgäste nicht jedesmal erst mißtrauisch an. Die Person hatte ein dunkles Kleid an und einen großen Hut auf. Der Hut – ich glaube, man nennt das eine Schute – sah aus wie ein altmodisches Ding ... oder er saß so, als wäre er der Frau ins Genick gerutscht gewesen. Bestimmt kann ich nicht sagen, in welchen Jahren die Person gewesen sein könnte. Dem komischen Hut und dem langen Nock nach, meine ich, muß es so was wie eine unmodern gekleidete alte Jungfer gewesen sein.« 11. Kommissar Weinreich schritt durch die gaffenden Menschen auf dem Hauptbahnhof. Hinter ihm her marschierten zwei handfeste Kriminalbeamte, zwischen ihnen ein Mann. Dem sah man den Seefahrer schon von weitem an. Er ging ruhig und friedlich mit und machte keineswegs das Gesicht eines furchterfüllten oder die Miene eines von seinem Gewissen bedrückten Verbrechers. Ein Auto nahm vor dem Hauptausgang die vier Männer auf. Eine Viertelstunde später betrat Kommissar Weinreich das Amtszimmer des Untersuchungsrichters. »Sie sehen aus wie ein Mann, der seinen besten Trumpf ausspielen kann«, sagte der Untersuchungsrichter Winterfeld in eigenartig spöttischem Tone. »Ich habe Ihr Telegramm erhalten und bin neugierig, ob Sie wirklich den Mann erwischten, von dem die Schlomke sprach. Die Frau ist herbeordert. Ich werde ihr den Burschen nachher gegenüberstellen. Wie kamen Sie zu dem Manne?« »Es war allerdings eine höchst einfache Sache«, zwang sich Weinreich zu bekennen. »In dem Orte Suhlendorf nahe Uelzen entstand ein Scheunenbrand. Es hatten in dem Dorf, wenn auch nicht in der abgebrannten Scheune; zwei Tippelbrüder übernachtet. Da der eine verschwunden war, hielt man den anderen fest. Es stellte sich zwar heraus, daß keiner von den beiden den Brand verursacht haben konnte. Aber Bauern sind zähe und mißtrauisch. So erkundigte man sich immerhin bei der hiesigen Polizeibehörde nach der Wahrheit der Angaben des Festgehaltenen, weil der Mann völlig mittellos war. Er behauptet, er sei ein Seemann mit Namen Otto Beverstorff, sei von hier, auf dem Fußmarsch nach Hamburg und von Ende März bis Anfang April zuletzt hierorts gewesen.« »Hierorts gewesen«, wiederholte Winterfeld stichelnd die Ausdrucksweise Weinreichs. »Der Mann namens Beverstorff gibt demnach zu, zur Zeit des Mordes an einem anderen Beverstorff hierorts – gewesen – zu sein.« Mit vor Aerger knallrotem Kopf ergänzte der Kommissar seinen Bericht: »Das genügte mir natürlich, nach Suhlendorf zu reisen und den Mann aus dem Ortsgefängnis heraus zu verhaften.« »Tadellos!« anerkannte Winterfeld mit einem besänftigenden Lächeln. »Und nun wollen wir uns den Seemann Beverstorff ansehen und anhören.« Der Matrose wurde vorgeführt. Er gab seine Personalien an und legte zum Beweis der Richtigkeit sein Seefahrtsbuch und noch andere Papiere vor. Dann wurde ihm Frau Schlomke gegenübergestellt. Er gab ohne weiteres zu, er sei der Mann, der an der Flurtür der Beverstorffschen Wohnung vorgesprochen habe. Die Schlomke durfte gehen. »Sind Sie ein Verwandter des Ermordeten?« begann der Richter zu verhören. »Mein Vater und Arthur Beverstorff waren Geschwisterkinder«, berief sich der Matrose auf die Verwandtschaft. Dann bat er: »Darf ich gleich alles im Zusammenhang erzählen?« »Nur zu, mein guter Mann«, ermunterte Winterfeld mit einer Freundlichkeit, die den Kommissar vor stiller Wut kochen machte. Otto Beverstorff erklärte: »Mein Vater hatte in guten Zeiten dem Arthur Beverstorff ein kleines Kapital geliehen. Das wurde der Anlaß, daß mein Onkel vorwärtskam. Im Gegensatz zu ihm jedoch ging es mit unseren Verhältnissen bergab, ohne daß es meines Vaters Verschulden gewesen wäre. Ich – das einzige Kind – war damals noch ein Knabe. Aber ich hatte mir dennoch gemerkt, wie oft meine Eltern darüber sprachen, der Beverstorff weigere sich, von dem Geliehenen zurückzuzahlen, weil mein Vater keinen schriftlichen Nachweis über die Geldhergabe in Händen hatte.« »Ein feiner Verwandter«, tadelte der Untersuchungsrichter halblaut. Dann wollte er wissen: »Das erzog schon damals in Ihnen einen Haß gegen den Onkel?« »Gehaßt haben wir ihn selbstverständlich. Um so mehr, als wir später erfuhren, er sei – nachdem er für uns verschollen gewesen – zu Reichtümern gelangt. Meine Eltern aber, die doch mit ihrem bißchen Geld das Glück des Verwandten gegründet hatten, die lebten in bittrer Not. Schon als ich nach dem Tode der Eltern in meinem fünfzehnten Lebensjahr zur Seefahrt kam, ging ich immer mit dem Gedanken um, dem Onkel Arthur nachzuspüren und ihm tüchtig auf den Pelz zu rücken. Zu manchen Zeiten geriet mir die Absicht in Vergessenheit, dann tauchte sie wieder mal kurz auf. Am stärksten angeregt wurde ich, als ich aus einer Zeitungsnachricht feststellte, der Schuldner meines Vaters lebe in der Heimat als reicher Mann.« »Und da fanden Sie sich ein, um Ansprüche zu machen oder um ihn wenigstens zur Rede zu stellen.« »So war es. Am ersten Abend wies er mich fort. Es geschah allerdings aus der Straße. Als ich dann mehrmals in der Wohnung nach ihm fragte, war er angeblich nie daheim.« »Angeblich«, griff Winterfeld das Wort auf. »Sie hatten das Gefühl, er lasse sich verleugnen, und das steigerte Ihren Groll. Begreiflich! Und wann trafen Sie ihn endlich?« »Ich habe ihn nur noch als Toten gesehen«, murmelte Otto Beverstorff. Unter dem gespannten Zuhören Winterfelds berichtete der Matrose, wie er ins Haus gelangt war, wie er auf dem Treppenabsatz einschlief und durch ein Geräusch geweckt wurde, wie er einen Menschen die Treppe hinabschleichen hörte und wie er dann die Flurtür der Wohnung offen fand. »Ich hörte ein Wimmern und Röcheln, betrat das Zimmer und sah ihn in seinem Blute liegen«, schloß der Seemann. »Eine sehr hübsche Geschichte«, sagte Weinreich nach höhnischem Auflachen. »Na, mir fehlt leider jedes Verständnis für die sehr pfiffig ausgedachte Historie. Außerdem – wenn Sie den Sterbenden noch wimmern und röcheln hörten – was ja freilich ebenfalls, wenn auch nicht sonderlich geschickt erfunden sein dürfte – so können Sie nicht mit Berechtigung sagen, Sie hätten Ihren Verwandten nur noch als Toten gesehen.« Untersuchungsrichter Winterfeld hatte den Kommissar ausreden lassen. Nun nahm er das Wort: »Diese Bekundung kann sehr wichtig werden. Sie bestreiten selbstverständlich die Täterschaft, Beverstorff?« »Ich habe es nicht getan«, versicherte der Matrose einfach. Langsam sagte Winterfeld: »Wenn Sie nicht der Täter sind, so wären Sie als der Mensch, der den Mann noch wimmern und röcheln hörte, ein Kronzeuge, daß die Tat nicht ein Mord war im Sinne des Gesetzes, sondern nur eine Körperverletzung mit tödlichem Ausgang. Das würde dem Täter den Kopf retten. Behalten Sie das im Gedächtnis, Beverstorff!« Eine Weile herrschte Schweigen. Untersuchungsrichter Winterfeld studierte aufmerksam den Wortlaut einer Depesche von beträchtlicher Länge. Er schien hinsichtlich des Matrosen unentschlossen zu sein, pustete ein paarmal wie von Zweifeln geplagt über die Lippen und starrte mit zusammengezogenen Brauen aus die Blätter. Vergeblich versuchte der Kommissar etwas von dem Inhalt des Telegramms zu erspähen. Endlich nahm Winterfeld das Verhör wieder auf: »Sagen Sie mal, Beverstorff, Sie erwähnten, die Eltern hätten erfahren, der Verwandte sei ein reicher Mann geworden. Kam bei dieser Kunde ein Zufall in Betracht – oder wie war das?« »Wir erfuhren es von einer Frau«, gab der Matrose Bescheid. »Ich war zu jener Zeit ein Junge von zehn Jahren ungefähr. In was für einem Verhältnis die Frau zu meinen Eltern stand, weiß ich nicht zu sagen. Eine Verwandte war sie nicht, denn ebenso wie meine Eltern gebrauchte sie die Anrede Sie im Gespräch. Es ist wohl auch nicht wichtig.« »Ueberlassen Sie gefälligst mir das Urteil über die Wichtigkeit Ihrer Bekundungen«, knurrte Winterfeld. »Wie hieß die Frau?« »Dessen kann ich mich gut erinnern«, antwortete Otto Beverstorff. »Und zwar deshalb, weil ich mich stets wunderte, wenn ich den Namen hörte. Uebrigens sagten meine Eltern nicht Frau, sondern Fräulein Schwarzeis.« Mit einer geradezu heftigen Bewegung griff Winterfeld nach den Telegrammblättern und fragte: »Schwarzeis, sagten Sie? Sind Sie sich dieses Namens ganz sicher?« »Zuverlässig, denn ich habe immer bei dem Namen denken müssen, daß es schwarzes Eis doch nicht geben kann.« »Erinnern Sie sich sonst noch einer Merkwürdigkeit dieses Fräulein Schwarzeis?« »Merkwürdigkeit? Nein – nur noch: wenn sie zu uns kam – man könnte es ja merkwürdig nennen –, das Mädelchen – das fing gerade an zu laufen und zu sprechen, und ich habe immer recht gern mit dem kleinen Ding gespielt. Als ich größer und verständiger geworden war, kam ich dahinter, daß – nun, man könnte es ja merkwürdig nennen – daß das Mädelchen das Kind war von dem Fräulein Schwarzeis. Und ich wußte schon, daß ein Fräulein eigentlich kein Kind haben sollte.« »Hören Sie mal genau zu, Beverstorff«, mahnte stark betonend der Untersuchungsrichter. »Das Fräulein Schwarzeis sprach von Arthur Beverstorff – sie wußte auch, daß er ein reicher Mann geworden war. Denken Sie mal zurück. Weinte sie dabei – oder schimpfte sie über Ihren Onkel? Vielleicht erinnern Sie sich noch an Worte.« »Nach so vielen Jahren? Das ist wohl ausgeschlossen. Ich kann nichts weiter sagen, als daß es mir dunkel ist, wie wenn ich das Fräulein öfter hätte weinen sehen und daß meine Mutter dann mitweinte. Auf den Eid nehmen könnte ich das freilich nicht.« »Fräulein Schwarzeis«, brummelte der Untersuchungsrichter vor sich hin und klopfte mit dem Bleistift auf die mit bedruckten Streifen dicht beklebten Blätter der Depeschenformulare. Plötzlich sprang er auf einen ganz anderen Ausgangspunkt über: »Mit dem Messer sind Sie also nicht gegen Ihren Verwandten vorgegangen, so daß er in der Abwehr nach der Klinge gegriffen hätte?« Sichtlich grenzenlos überrascht, stammelte Otto Beverstorff: »Aber – ich – ich sagte ja vorhin –« »Schon gut«, unterbrach Winterfeld, um sich an Weinreich zu wenden: »Herr Kommissar, Sie hatten doch in der Handfläche des Toten eine Schnittwunde gefunden. Sie gaben zwar zunächst an, die Wunde sei in der linken Hand gewesen. Dann widerriefen Sie das. Nun, bitte, wie war das eigentlich mit dieser sonderbaren Verwechslung?« Noch bevor Weinreich antworten konnte, riß der Matrose das Wort an sich. Seine kraftvolle Gestalt straffte sich, und hoch aufgereckt trat er dem Arbeitstisch des Untersuchungsrichters näher. Hier sagte er: »Schnittwunde rechts oder links, das ist mir ganz gleich. Ich bin just kein Tugendknabe geblieben, seit ich zur See fahre und manchmal in fremder Herren Ländern auf die Walze gehe. Redlich aber bis in die Knochen bin ich immer geblieben. Sollte mir also einer im Ernst ins Gesicht sagen wollen, ich hätte an Beverstorff einen Mord begangen, dem – auch Ihnen, Herr Untersuchungsrichter – würde ich mit diesem niedlichen Fäustchen hier das Nasenbein so platt schlagen wie 'ne Flunder!« Zum äußersten Staunen Weinreichs nahm der Richter den leidenschaftlichen Ausbruch des Seemanns keineswegs übel. Winterfeld meinte mit seinem galligen Lächeln: »Ein nettes Kerlchen sind Sie, alte Wasserratte. Aber vielleicht besinnen Sie sich, daß wir uns hier weder auf dem Deck eines Schiffes noch in einer Matrosenkneipe befinden. Ich habe nicht im mindesten schlechte Absichten mit Ihnen. Ich verzichte auf das Recht, Sie in Untersuchungshaft zu halten, obwohl Sie als heimatloser Seemann im Verdacht des Nichtbefolgens der gerichtlichen Vorladung in einer Sache stehen, bei der ein Verbrechen der Gegenstand der Untersuchung ist.« Er schnaufte, als hätte der umständliche Satz der Amtssprache ihm Atemnot bereitet. Dann fragte er: »Haben Sie Geld?« »Möchte wissen, woher«, antwortete brummig Otto Beverstorff. Winterfeld schrieb etwas auf einen Zettel, den er dem Matrosen gab. »Auf Wiedersehen«, setzte er hinzu. »Geben Sie den Zettel an der darauf stehenden Adresse ab! Man wird sich freuen, einer braven Teerjacke einstweilen Freiquartier und Kost zu gewähren, bis Sie wieder abdampfen können.« Kaum hatte der Matrose die Tür hinter sich zugemacht, als Kommissar Weinreich losbrach: »Und diesen furchtbaren und listigen Verbrecher, den ein glücklicher Zufall in die Maschen meines Netzes trieb – diesen Menschen, den ich mit so vieler Mühe hierher holte – den Tatverdächtigsten von allen – den lassen Sie einfach laufen? Man könnte wirklich bersten vor Aerger!« »Einen Geborstenen könnte ich nicht zum Frühstück einladen«, sagte Winterfeld in so grimmigem Spott, daß es dem wutschwitzenden Weinreich geradezu die Rede verschlug. »Kommen Sie, aber ich bitte darum, während des Frühstücks jede Fachsimpelei zu unterdrücken. Dafür dürfen Sie in einer Stunde Zeuge sein, wie ich den Haftbefehl ausfertigen lasse gegen –« »Gegen wen?« drängte der atemlos lauschende Kommissar, als der Untersuchungsrichter mitten im Wort verstummte. »Sagen wir einstweilen: gegen Unbekannt in der Mordsache Beverstorff«, wich Winterfeld einer klaren Antwort aus. »Was wissen Sie?« stieß Weinreich mit aschgrauem Gesicht hervor. Mit einem durchdringenden Blick in die Augen des Kommissars sprach der Richter scharf: »Vermutlich genau so viel, wie der Mitwisser weiß, Herr Kriminalkommissar!« * Es war in der Gesellschaft des heute besonders bissig aufgelegten Winterfeld kein gemütliches Frühstück, das Weinreich hinter sich hatte, als er wieder neben dem Arbeitstisch des Untersuchungsrichters Platz nahm. Der wunderliche Mann blieb schweigsam bis auf die Befehle, die er mit knappen Silben dem Wachtmeister erteilte. Es schien, als ob ihn seit dem Verhör des Matrosen ein ganz besonderer Gedanke unablässig beschäftigte. Frau Harthilt Beverstorff betrat den Raum. Sofort erhob sich Winterfeld zu einer ehrerbietigen Verbeugung. Weinreich schüttelte darüber den Kopf. »Gnädige Frau«, begann stehen bleibend der Untersuchungsrichter, »ich mache mir eine Freude daraus, Ihnen mitzuteilen, daß ich von diesem Augenblick an Ihre Haft aufhebe. Zürnen Sie uns Richtern nicht, wenn das Gesetz uns die Macht verleiht, bedenkenlos auch mit Härten vorzugehen, um nichts in der Aufklärung des schwersten Verbrechens, des Mordes, zu versäumen. Auch im friedlichen Leben ergründet man die Wahrheit ja oft nur durch Strenge.« Frau Harthilt erwiderte nichts. Sie neigte das schöne Antlitz, unter dessen ruhigen Augen gramvoll durchwachte Nächte ihre Spuren in dunklen Ringen gezeichnet hatten. Winterfeld fuhr fort: »Mit der Anwesenheit des Kriminalkommissars Weinreich wollen Sie fürlieb nehmen. Er war es, auf dessen Veranlassung Sie festgenommen wurden. So wollte ich ihm, der Ihre Verhaftung sogar selbst vornahm, auch die Gelegenheit geben, seine Freude auszudrücken über Ihre Rückkehr in die Freiheit.« Mit sauersüßer Miene stand Weinreich auf und zwang sich ein paar verlegene Worte ab. »Verschmähen Sie's diesmal nicht, Platz zu nehmen, gnädige Frau«, bat Winterfeld mit einladender Geste. »Recht schwer haben Sie mir's gemacht, in Gegenwart einer Dame sitzen zu müssen. Mir – und übrigens auch meinem Amtsvorgänger Doktor Aurelius. Aber das Unterlassen gesellschaftlicher Rücksichten wird bedingt, sobald wir unser Amt ausüben.« »Ich habe das stets so beurteilt«, kam das erste Wort von dem seit langem wieder einmal lächelnden herben Frauenmund. Als alle drei saßen, klärte der Untersuchungsrichter auf: »Sie verdanken die Wendung in Ihrem Schicksal Herrn Doktor Aurelius. Er schied aus Amt und Stellung, weil er überzeugt war von Ihrer Schuldlosigkeit. In dieser Ueberzeugung hatte er sich die Aufgabe gestellt, Beweise herbeizuschaffen. Noch bevor er das Aeußerste und Letzte erreichen konnte, wahrscheinlich aber, weil er das anstrebte – so denke wenigstens ich –, wurde er das Opfer einer meuchlerischen Tat.« Die Wirkung auf Frau Harthilt war unbeschreiblich. Mit weit ausgerissenen Augen starrte sie auf den Richter. Sie wollte etwas sagen, brachte aber nur ein tonloses Hauchen hervor. Plötzlich preßte sie die Hände vor ihr Antlitz und saß wie vernichtet da. Winterfeld sprach weiter: »Noch weiß man nicht, ob er mit dem Leben davonkommen wird.« »Er lebt also noch, – oh, Gott sei Dank!« Die in ihren dunklen Tönen so schöne Frauenstimme klang wie der Ruf aus einem dämmertiefen Walde, der ein Geheimnis umschließt. »Ja, er lebt noch«, tröstete Winterfeld. »Und ich bringe Ihnen Grüße von seinem Krankenlager. Jedoch, gnädige Frau, die Grüße eines Mannes, den bei seiner schweren Verwundung vielleicht nur noch eine einzige Zuversicht am Leben erhält, die Zuversicht, daß Sie es nicht verschmähen werden, ihn anders als Ihren jüngst noch unfreundlichen Richter wiederzusehen.« »Er war niemals unfreundlich!« verteidigte Frau Harthilt den Mann, indem sie sich lebhaft erhob. »Wie dürfte ich mich weigern, zu ihm zu gehen! Er leidet ja um meinetwillen.« Winterfelds sonst so verdrießliches Gesicht wurde von einem erstaunlich schönen Lächeln wie verzaubert. Er stand auf: »Sie finden Ihren treuesten Freund im Städtischen Krankenhaus.« »Dann will ich gleich gehen«, entschloß sich Frau Harthilt eilig. Es war seltsam, auf diesem in seiner stolzen Kälte sonst so bleichen Antlitz purpurne Röte zu sehen. Sie ging, und es war, als wäre ein Glanz gewichen aus dem kahlen Amtsraume. Winterfeld kehrte sich langsam dem Kommissar zu. Der stand da, als starre er einer entschwindenden Geistererscheinung nach. »Ein Morgen der Ueberraschungen für Sie«, verfiel der Richter wieder in seinen galligen Ton. »Erst wird Ihr Seemannsvogel flügge, und nun schwebt auch noch dieser stolze Frauenschwan von dannen. Ja, Verehrtester – man könnte Ihnen leicht den Vorwurf machen, Sie hätten in dem Kriminalfall Beverstorff mit höchst eigentümlicher Laschheit aus Tatunverdächtigen sich Tatverdächtige geschaffen.« »Ich habe meine Pflicht getan«, entgegnete Weinreich mit heiserer Stimme. »Nun, jedenfalls führte Ihre Art der Behandlung des Falles mich dahin, mit Aurelius in Verbindung zu treten. Ich habe erst auf ihn gescholten. Ich änderte meine Meinung, als ich hörte, er suche auf seine Weise das Rätsel zu lösen. – Wie denken Sie übrigens über den an ihm verübten Mordversuch?« Kommissar Weinreich zuckte nur wortlos die Achseln. »Nicht immer verbirgt sich hinter schweigsamen Menschen Gedankentiefe«, bemerkte Winterfeld. »Sie haben sich wahrscheinlich über das neue Verbrechen noch keine Meinung gebildet. Vielleicht nützt es Ihnen, die meine zu hören.« »Bitte«, knirschte Weinreich hervor. »Wer konnte ein Interesse daran haben, den Doktor zu beseitigen? Sicherlich jemand, der in dem Manne einen Verfolger sah. Wen verfolgte Aurelius? Den Mörder Beverstorffs. Er ging in seiner Unerfahrenheit als Detektiv und in seinem Eifer zu unvorsichtig zuwege. Für die, die sein Tun verfolgten, eine Aussicht. Menschen, denen er sich anvertraut hatte, schwiegen nicht. Der arme Doktor bezahlte die Schwatzhaftigkeit seiner Vertrauten mit einer schweren Verwundung. Wer also schoß aller Wahrscheinlichkeit nach auf ihn?« »Nach Ihrer Auffassung der Mörder Beverstorffs«, sagte der Kommissar zögernd. »Bravo, Sie haben meinem Frage- und Antwortspiel etwas abgewonnen. Glücklicherweise steht es nicht so schlimm um den Doktor, wie ich aus gewissen Gründen der Dame ausmalte. Das Schlimmste schuf der Umstand, daß der Verwundete die halbe Nacht bewußtlos und blutend im Regen auf der Straße lag. Aber es geht ihm verhältnismäßig so gut, daß ich heute früh eine Aussprache mit ihm haben konnte. Er erzählte mir auch von Frau Harthilt Beverstorff. Den Erfolg dieses Vertrauens haben Sie vorhin miterleben dürfen. Nun dürfen Sie sich wundern, Herr Kommissar, warum ich da soeben ein bißchen gute Vorsehung spielte.« Ungeduldig erinnerte Weinreich: »Sie wollten einen Haftbefehl ausfertigen lasten. Ich bin neugierig, wem er gelten wird.« Der Untersuchungsrichter nahm an seinem Arbeitstisch Platz und überreichte von dort aus dem Kommissar die Blätter eines umfangreichen Telegramms: »Hier – eine Depesche der Hamburger Behörde – sie wurde mir von unserem Kriminalamt zur Verfügung gestellt.« Der Kommissar las: »Hier erfolgte Feststellung der durch Rundfunk unbefugterweise verbreiteten Kenntnis von einem Mord. Urheberin benutzte bei Konzertübertragung im Freien aufgestelltes Mikrophon. Konnte vorgeführt werden, da sie Aufenthaltsort ebenfalls in Schallempfänger gesprochen hatte. Gibt an, durch Niederschrift des Mitwissers der Tat den Täter zu kennen. Bezeichnet als betreffende Person Gattin des dort angestellten Kriminalbeamten Schulze. Da Verdunkelungsgefahr nicht vorliegt, befindet sich das Mädchen auf freiem Fuße. Erbitten jedoch Nachricht, ob Zuschub der Kellnerin Sylvia Rickstetten dort erwünscht ist.« »Der Zuschub erübrigt sich«, urteilte Winterfeld. »Das Mädchen hat in einem Telefongespräch mit Aurelius alles gesagt, was es weiß. Von diesen Mitteilungen erzählte mir heute früh der Doktor. Der Bericht jener Sylvia Rickstetten bestätigt, daß Aurelius die richtige Fährte aufgenommen hatte.« In hellem Erschrecken rief Weinreich: »Frau Alma, die Frau meines treuen Mitarbeiters? Nein und tausendmal nein. Das ist ganz ausgeschlossen. Ein grenzenloser Irrtum des Doktors. Diese Frau –« »– knallte den ihr gefährlich gewordenen Mann nieder«, fiel Winterfeld ein. »Dem Doktor war zwar aufgefallen, daß er in letzter Zeit immer wieder einer bestimmten Soldatin der Heilsarmee begegnete. Jedoch glaubte er an einen Zufall. Im übrigen hat die vortreffliche Dame sich ohne jede Berechtigung in dieses Gewand gehüllt.« »Diese Frau auch die Mörderin Beverstorffs«, murmelte Weinreich in tiefem Erschüttertsein. »Wenn meine Schlußfolgerungen nicht trügen, – ja«, behauptete Winterfeld. »Allerdings – ich muß sie erst verhört und gesehen haben. Aber sie ist die Person, der mein Haftbefehl gelten wird: Ehefrau Alma Schulze, geborene Schwarzeis.« »Schwarzeis?« wiederholte der verdutzte Kommissar. »Den Namen nannte doch der Seemann.« »Und dieser Name steht als Mädchenname der gefährlichen Frau im standesamtlichen Register.« »Daraus kombinieren Sie ...?« forschte Weinreich in fassungslosem Staunen. Winterfeld gab Auskunft: »Ich kombiniere höchstwahrscheinlich richtig. Das Kindchen, mit dem der jetzige Matrose dereinst spielte, kann nach der Mutter den Namen Schwarzeis geführt haben. Jenes Fräulein Schwarzeis aber hatte irgendwie mit der Persönlichkeit des reich gewordenen Beverstorff zu schaffen, da sie über seinen Lebensgang Bescheid wußte. Sie sehen, Herr Kommissar, der Ring schließt sich.« * Mit dem außergewöhnlichen Feingefühl und dem Takt, die ihr eigen waren, hatte Sylvia bei ihrer Vernehmung nicht erwähnt, aus was für einem Anlaß sie in das Mikrofon auf dem Rathausmarkt sprach. Daher wußte man bei der Hamburger Polizeibehörde nicht, daß der auf so seltsame Weise Benachrichtigte der junge Mann war, über dessen Vermißtwerden an drei Rundfunkabenden berichtet worden war. Da Sylvias Aussagen mit aller Bestimmtheit ein Verbrechen aufklärten, gab man die Angelegenheit weiter durch ein Telegramm und ausführlicher durch darauf folgenden schriftlichen Bericht an die zuständige andere Behörde. Es wurde Sylvia die Pflicht auferlegt, sich bereitzuhalten für den Fall des Nötigwerdens weiterer Verhöre, und dann ließ man sie unbehelligt. * Inzwischen hatte Viktor seinen Plan mehr ausgebaut. Er setzte Hoffnungen aus ein seemännisches Aussehen und auf die Berührung mit seemännischen Kreisen. Das eine bewerkstelligte er durch den Kauf eines marineblauen Anzuges und einer Schildmütze, wie er sie bei Otto Beverstorff gesehen hatte. Das andere suchte er durchzuführen, indem er in ein unscheinbares Gasthaus der Hafengegend übersiedelte. Mit Sorgen erinnerte er sich der Belehrung seines Wandergefährten: ohne Papiere gelingt es keinem, zur Seefahrt zu kommen. Und doch die Seefahrt ... Sie hatte Reiz für ihn gewonnen. Die Lust zum Abenteuer war mehr und mehr in seinem phantastischen Sinn rege geworden, seit er so häufig das Leben und Treiben auf dem Fluß, die Schiffe und die Leute vom »blauen Wasser« sah. In der Buntheit dieser Erlebnisse verblaßte das Bild der stolzen Frau Harthilt. Er gelangte allmählich dahin, in allem Geschehenen bloß noch eine Jugendsünde zu sehen: in der zwecklosen Liebe zu einer Frau, die weit über ein Jahrzehnt reifer war als er – in dem ungeheuerlichen Opfer, das er wahnbefangen dieser Liebe bringen zu müssen geglaubt hatte. So gab es Stunden, in denen er seine Torheiten so bitterlich bereute, daß er seines Lebens überdrüssig war. In qualvoller Haltlosigkeit rang er dann mit seinem Gewissen. Wieder beschäftigte er sich in Gedanken mit einem Brief an die Eltern, bis er den Wortlaut im Kopf hatte. Diesmal schrieb er ihn zu Ende: Reue und Bitten um Vergebung, Anklagen gegen seinen Leichtsinn, Schilderungen der ihn peinigenden Irrungen und Wirrungen und wie ihm aus Gärungen – Klärungen geworden waren. Er beschrieb die Lockungen seines neuen Aufenthaltsortes und die Pläne von einer Sühne durch den Seemannsberuf. Er flehte um die Einwilligung des Vaters, um den Schutz und das Verständnis der Mutter und bat um Ausweispapiere. Als er den Brief am Nachmittag zur Post gebracht hatte, überkam ihn der Glücksglaube, es müsse nun alles wieder gut werden. In dem Gefühl zurückgewonnener Bewegungsfreiheit, nachdem er den Eltern seinen Aufenthalt offenbart hatte, fühlte er zum erstenmal den Wunsch, mit einem Menschen mehr als nur Worte der äußersten Notwendigkeit zu sprechen. Er wandte sich an den Gasthofswirt. »Sie haben ja gewiß schon entdeckt, daß ich hier bin, weil ich zur See gehen möchte«, redete er den Mann an, während der Alte ihm in der an Nachmittagen gästeleeren Trinkstube den Kaffee vorsetzte. Der Wirt kraulte mit einer geringschätzigen Grimasse seinen Seemannsbart und meinte: »Da sind Sie nicht der erste, der sich mit solchen Absichten mal eine Hafenstadt ansieht, um danach mit seinem Mute wieder einzupacken. Seemannsbrot das schmeckt beinahe so bitter wie das Salzwasser, auf dem es verdient werden muß.« »Ich besitze Mittel«, erwähnte Viktor, um den Mann für sich zu gewinnen. »Kennen Sie nicht einen Kapitän, der mich gegen ein gutes Lehrgeld mitnehmen würde?« Das breite, mürrische Gesicht des Wirts hellte sich beträchtlich auf. Er nahm sogar am Tisch Platz. »Was wollen Sie sich's kosten lassen?« erkundigte er sich. Die Antwort kam knapp und klar: »Fünfhundert Mark.« »Donnerwetter!« brummte der Alte verblüfft. »Und was fiele für mich ab?« »Fünfundzwanzig Mark sogleich, doppelt soviel, wenn Sie mir wirklich genützt haben.« »Haben Sie Papiere, Einwilligung des Vaters und so weiter?« »Erhalte ich in den nächsten Tagen«, sagte Viktor zuversichtlich. In nicht mißzuverstehender Pantomime rieb der Gastwirt den Daumen auf dem Zeigefinger und streckte dann die Hand aus. Viktor verstand die wortlose Forderung und erfüllte sie. Der Alte kniff die Geldscheine zusammen und schob sie nach genauer Prüfung in die Westentasche. Dann begab er sich an den Schanktisch. Er bekritzelte einen Zettel. Als er zu Viktor zurückkam, legte er das Papier vor und sagte: »Gehen Sie mal gleich hin!« Damit schien der Handel für ihn abgeschlossen zu sein. Er verlor kein Wort weiter und beschäftigte sich mit allerhand Verrichtungen, durch die er wahrscheinlich Vorbereitungen traf für den Empfang der Dämmerstundengäste. Mit geringer Mühe fand Viktor die »Pinnasberg« geheißene Straße. Unter der Adresse stand auf dem Zettel: »An Kapitän Frerik Alvens einen Schiffsjungen empfohlen. Bedinge mir ein Fünftel aus. Laß Dir das Geschäft nicht entgehen, es ist anständig. Erwarte Dich und grüße. Heinrich Boyens.« Eine ältliche kleine Frau öffnete die Flurtür. Entschuldigungen murmelnd, überreichte Viktor ihr den Zettel. Sie überlas langsam und mißtrauisch den Inhalt. Ganz einverstanden schien sie nicht zu sein. Unschlüssig drehte sie das Blatt hin und her. »So, es ist also Hein Boyens, der Sie schickt«, sagte sie endlich. »Vertrauen Sie da nicht zu stark. Er ist nicht einer von den besten und steht ein büschen in schlechtem Geruch.« Sie sprach das in der ein wenig singenden Art der Waterkantleute, sehr bemüht, ein reines Hochdeutsch zu gebrauchen. Dann gab sie den Eingang frei und ließ den Besucher in ein Zimmer treten. Hier fielen allerlei Dinge auf, von denen leicht Rückschlüsse zu ziehen waren auf einen Zusammenhang zwischen dem Eigentümer und der Seefahrt. »Mein Mann, Kaptain Alvens, kann in einer Viertelstunde da sein«, gab sie Bescheid. »Ich denke, Sie warten am besten auf ihn. Er ist ja man ein büschen knurrig. Lassen Sie sich aber dadurch nicht den Mut nehmen! Er tut man bloß so. Wenn er Sie an Bord nimmt, dann haben Sie Glück gehabt.« »Ich hoffe das von Herzen, Frau Kapitän«, versicherte Viktor. Die zierliche Frau bot ihm einen Stuhl an. Sie nahm zugleich Platz in der Ecke eines altertümlichen Sofas, das, langgestreckt und einer gepolsterten Kajütbank gleichend, die ganze rechte Wand der Stube beanspruchte. Das Frauchen hatte wohl die gutmütige Absicht, den jungen Besucher bis zur Ankunft des Kapitäns zu unterhalten. »Mit großen Erwartungen dürfen Sie sich nun nicht tragen«, warnte sie. »Es ist man bloß ein kleines Schiff, die Brigg von meinem Alten. Sie heißt ›Morgenstern‹ und schwimmt schon eine Reihe von Jahren. Segelschiffe kommen ja ganz aus der Mode. Aber mein Mann kann sich nicht entschließen, das seine aufzugeben. Wir hängen so sehr an dem Fahrzeug, da es unser einziges Eigentum ist. Sie werden das, wenn auch nicht gleich, verstehen, nicht wahr?« »Gewiß, Frau Kapitän«, stimmte Viktor bei. Es tat ihm unsagbar wohl, eine Menschenseele so vertraulich reden zu hören. Wehmütige Erinnerung beschlich ihn angesichts des ältlichen Frauchens mit dem gütigen Antlitz und den freundlichen Augen ... wehmütige Erinnerung an die sich um ihn sorgende Mutter. Nun freute er sich, daß er den Brief nach Hause abgeschickt hatte. »Ich bange immer von neuem, wenn Kaptain Alvens nach See zu geht«, erzählte die Frau weiter. »Das kommt aber schließlich daher, weil ich dann so allein bin. Wir haben unlängst unsere Tochter hergeben müssen. Das heißt, ich mehr als mein Mann. Aber das ist ja mal so Mütterlos. Sie konnte sich anständig verheiraten, und da darf man doch nichts in den Weg legen. Meinen Sie nicht auch?« Lächelnd stellte Viktor ihr vor: »Ich bin gewiß zu jung, Frau Kapitän, um da zu urteilen. Aber auch ich habe eine Mutter, der ich erst heute schrieb, sie werde mich nun hergeben müssen. Ich füge damit einem bereits verursachten schweren Leid einen neuen Kummer hinzu. Aber ich habe wieder Lebensmut gewonnen, denke alles gutmachen zu können, und ich glaube –« Eine schnurrig rappelnde altmodische Schelle draußen auf dem Gang unterbrach die Unterhaltung. Viktor erhob sich und meinte, da werde gewiß der Kapitän kommen. »Das glaube ich nicht«, entgegnete die kleine Frau. »Er ist zu Tiedgens, dem Segelmacher, da snackt er sich gern ein büschen fest. Aber es könnte unsere Tochter sein, und die schicke ich dann zu Tiedgens, damit sie den Vater holt.« Sie ging, und auf dem Flur draußen, den Stimmen nach zu urteilen, gab es eine lebhafte Begrüßung zwischen Frauen. Viktor betrachtete derweil ein Schiffsmodell, das unter einem Glassturz die Mitte einer Kommode zierte. Dann ging hinter ihm die Tür. Die nette Kapitänsfrau steckte den Kopf herein. »Kaptain Alvens wird geholt«, verkündete sie. »Ich schicke Ihnen derweil die Freundin meiner Tochter herein. Mit der hübschen Deern spricht sich's doch besser als mit mir alten Frau.« Viktor drehte sich um und wartete. Ueber die Schwelle trat ein schlankes Mädchen. Klare Blauaugen leuchteten in dem lieblichen Gesicht, das umrahmt war von einer Fülle blonder Haare über der Stirn und an den Schläfen. Das Antlitz war ihm fremd – und doch glaubte er es zu kennen. Sie sah ihn, und Zweifel, Freude und endlich Staunen bis zum Glück wandelten sekundenlang in immer neuem Mienenspiel das Mädchengesicht. Bis der lächelnde Mund und der sonnige Ausdruck der seinen Züge nur noch ein stilles Jauchzen war. »Viktor Felsing«, flüsterte Sylvia. Sein Name ließ ihn zusammenzucken. Woher kannte sie ihn? Er wich zurück und starrte die Fremde an. Mit zwei raschen Schritten war sie bei ihm. Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter, den Atem ihres Mundes an seiner Wange. »Viktor Felsing«, wiederholte sie sanft. Urplötzlich zerriß der Schleier in seiner Seele: es war in jener furchtbaren Nacht gewesen, als dies zarte Geschöpf da ihm zu Füßen kniete und das Blut Beverstorffs von dem hellen Ulster wusch ... 12. Wenn Dr. Aurelius von einem Wiedersehen mit Frau Harthilt Wunder erhofft hatte, so verwirklichten sie sich. Kaum noch Schmerzen spürte er an der Stelle, wo das aus nächster Nähe einschlagende Geschoß das Fleisch glatt durchstoßen, das Schlüsselbein gestreift hatte, beim Austritt aus dem Körper allerdings eine schwere Wunde über dem Schulterblatt reißend. Dem Urteil der Aerzte nach war der Doktor außer Lebensgefahr. – Späte Nachmittagssonne erfüllte das Zimmer mit dem Abglanz nahender Frühlingstage. Die Kastanien im Garten des Krankenhauses zeigten bereits braunglänzende dicke Knospen. Warmes Licht breitete sich aus. Der wolkenlos hohe Himmel war klar wie Glas. Und licht, warm und voll des Abglanzes einer unerhört schönen Hoffnung war es auch in der Seele des Doktors. – Eine Krankenschwester kam und erneuerte den Verband, um den wunden Mann für die Nacht vorzubereiten. Sie tat das geschickt und schnell. Als sie ihr Werk vollendet und sich überzeugt hatte, der Temperaturanstieg, den jeder nahende Abend brachte, sei nur gering, meldete sie den Besuch. »Frau Beverstorff und Untersuchungsrichter Winterfeld«, sagte sie. »Ich habe den Herrschaften auf die Seele gebunden, nicht zu lange zu bleiben und Sie nicht zu vielem Reden zu veranlassen.« »Seien Sie unbesorgt, Schwester«, versprach Aurelius. »Ich werde mir alle Zurückhaltung auferlegen. Frau Beverstorff spricht ohnehin nicht viel, und so trägt der gern gesprächige Winterfeld allein die Kosten der Unterhaltung.« Winterfeld besaß einen prächtigen Herzenstakt. Er tat, als sei ihm sehr wichtig, von der Krankenschwester einen Bericht über den Gesundheitszustand des Verwundeten zu hören; er verwickelte die Pflegerin in ein Gespräch vor der Tür und ließ dem neuen Freund Gelegenheit, von Frau Harthilt allein begrüßt zu werden. Erst als er das Zimmer betrat, lösten sich die Hände der beiden voneinander. Die Begrüßung scheint ziemlich ausgiebig gewesen zu sein, dachte Winterfeld vergnügt. Er gab dem Doktor die Rechte, trug dann zwei Stühle herbei. Mit stillem Behagen sah er zu, wie Frau Harthilt an den Rückenkissen in dem Lehnstuhl richtete und wie sie die Decke sorglicher über die Knie des Kranken breitete. Die Unterhaltung kam schwer in Fluß. Keiner von den dreien wußte, womit beginnen. Aurelius fühlte das Glück der Nähe der geliebten Frau, und seine Lider senkten sich, als schlösse er sich gegen die Außenwelt ab, um allein zu sein mit dem Gedanken: Sie ist bei dir. Nach ein paar Sekunden der Stille meinte der Untersuchungsrichter: »Tja – da sitzt man nun, und alles Schöne, das man zu sagen sich vorgenommen hatte, ist wie zerstoben. Gnädige Frau, Sie haben das Wort.« Frau Harthilt beschwichtigte lächelnd: »Es war Goethe, der behauptete, das Beste werde nicht durch Worte deutlich. Unser Kranker wird sich gern zufrieden geben, wenn wir ihn nicht mit leeren Reden langweilen.« »Ich bin zufrieden, daß Sie überhaupt da sind«, erklärte Aurelius. Winterfelds seltsames Gesicht nahm die Miene heiteren Verschmitztseins an, als er sich dem Ausspruch Frau Harthilts anschloß: »Goethe hat auch behauptet, etwas Denken sei dem Menschen immer nütze. So will ich denken, lieber Doktor, daß Sie mit dem großgeschriebenen Sie nicht mich meinten.« Frau Harthilt errötete. Aber sie scheute sich nicht, für einen Pulsschlag lang ihre Hand auf die des Doktors zu legen. »Ich bin heute nachmittag eigentlich zu einem bestimmten Zweck mitgekommen«, hub der Untersuchungsrichter an. »Die Krankenschwester verbot uns, Sie aufzuregen. Also möchte ich erst von Ihnen, lieber Freund, hören, ob ich von dem Stande meiner Untersuchungen reden darf. Lehnen Sie es ruhig ab! Ich nehme dann ebenso gern durch schweigende Beredsamkeit teil an dem beredsamen Schweigen zweier Menschen, die sich laut der Behauptung des großen Olympiers das Beste wortlos zu sagen vermögen.« »Sie sind sehr ungezogen«, tadelte Frau Harthilt den lachenden Winterfeld, obgleich ihr ruhiger Blick den Kranken zärtlich streifte. Dr. Aurelius sagte: »Sie wissen, wie sehr mich die Gedanken beschäftigen, was für Geheimnisse den Beverstorffschen Kriminalfall umgeben. Erzählen Sie nur! Es wird meine Grübeleien zur Ruhe bringen.« Zufrieden begann der Richter: »Da will ich zunächst sagen, daß die Schulze bei den Verhören genau die gleichen Schachzüge durchführt wie vorher unsere Freundin. Sie bekennt nicht, leugnet nicht und bleibt kühl bis ans Herz hinan. Dieser weiblichen Taktik gegenüber versagt man einfach.« »Mein Verhalten entsprach keineswegs einer besonderen, mir selbst geltenden Taktik«, widerlegte Frau Harthilt. »Hören Sie mein Bekenntnis! Ich wußte den Sohn meiner teuersten Freundin in Gefahr und wollte ihm möglichst lange Gelegenheit verschaffen, sich auf eine Rechtfertigung vorzubereiten. Ich war von seiner Schuldlosigkeit überzeugt, hatte jedoch Grund zu der Annahme, er werde über kurz oder lang in den Verdacht der Täterschaft geraten. Heute darf ich durch dies Bekenntnis meine Karten aufdecken, denn heute wissen wir, wer die Tat verübt hat.« Dr. Aurelius warf ein: »Ich habe Ihre Aufopferung geahnt, Frau Harthilt. Das wurde der erste Antrieb, mich Ihrer anzunehmen.« »Dann möchte ich eines wissen«, brachte Winterfeld zur Sprache. »Ihr Alibibeweis scheiterte, gnädige Frau. Warum nahmen Sie die furchtbare Gefahr auf sich, dadurch ein Opfer Ihrer Schweigsamkeit zu werden? Warum verweigerten Sie die Auskunft, wo Sie in der verhängnisvollen Nacht gewesen sind?« »Einfach aus Feigheit!« erklärte Frau Harthilt mit drei knappen Worten überraschend klar. Winterfeld zögerte kurz, bevor er sich erkundigte: »Ist es sehr zudringlich, wenn man Sie heute fragt, was Sie zu verschweigen hatten?« Er wandte sich an Aurelius: »Bitte, Doktor, unterstützen Sie diese Frage!« Ehe der Doktor Widerspruch erheben konnte, sagte die immer ruhevoll überlegene Frau: »Ich schämte mich, einzugestehen, daß ich mich durch meine letzte Unterredung mit Beverstorff in den verzweifelten Gedanken hineintreiben ließ, es wäre das beste, vor mir selbst die Flucht zu ergreifen. Ich war zu feige, zu bekennen, daß ich den Mut zu dieser Flucht im entscheidenden Augenblick verlor.« Unbarmherzig fragte Winterfeld weiter: »Sie sprechen doch von Selbstmordabsichten?« »Ich war lebensmüde. Ein Mann, fünfundzwanzig Jahre älter als ich, in seiner Lebenskraft wie in seinem brutalen Willen gleich zähe – ein Mann, dem ich auch nicht das leiseste Vertrauen jemals entgegengebracht – ein Mann, der meinen Vater durch finanzielle Bedrohungen einschüchterte, damit er mich ihm zum Weibe gab – dieser Mann hatte mich, die zu lieben sich sehnte, das Hassen gelehrt. Das Leben eines gemarterten Tieres, dem man vorsichtig eine Wunde nach der anderen beibringt, um es an ein langsames Sterben zu gewöhnen – was konnte mir solch ein Leben noch wert sein? Ich irrte eine Nacht lang draußen umher. Als es tagen wollte, kehrte ich heim. Den Mut zum Freitod hatte ich nicht gefunden. Eine ganz unbeschreibliche, seltsame, dunkle Ahnung sagte mir ohne Unterlaß, ich solle es nicht tun. Wenige Stunden später erfuhr ich, daß Beverstorff ermordet war. Ich nenne es: gerichtet!« Frau Harthilt schwieg. Aurelius griff nach ihrer Hand und hielt die zitternden Finger fest. Winterfeld saß mit gesenkter Stirn da. Sein Gesicht drückte Mitleid aus. Doch schien noch irgendein anderer Gedanke ihn zu beschäftigen. Plötzlich sagte Frau Harthilt in die Stille hinein: »Auf das einfachste erklärt sich Ihnen nun mein Schweigen über die Tatsache, daß ich in der Mordnacht außer Hause war. Ich schämte mich in meinem Stolz, die feige Absicht einzugestehen. Und sagen Sie selbst, meine Herren, hätten Sie beide mir, der Tatverdächtigen, diese Erläuterung früher geglaubt? Bestimmt nicht! Was ich zu befürchten hatte, war der Vorwurf plumper Lüge.« Langsam hub der Untersuchungsrichter an: »Als der Tat verdächtig trat an Ihre Stelle eine andere Frau. Sie leugnet nicht eine Sekunde, auf unseren armen Freund geschossen zu haben. Aber sie schweigt über den Anlaß. Was sie hingegen mit aller Kraft wütender Selbstverteidigung bestreitet, das ist der ihr zur Last gelegte Mord an Beverstorff.« Dr. Aurelius erinnerte: »Und die Blätter, auf die der Gatte dieser Frau die klare Anklage niederschrieb? Die wären also eine ungeheuerliche, abgefeimte Erfindung jenes Mädchens in Hamburg?« Winterfeld widerlegte: »Die Frau gibt zu, daß diese Blätter wirklich vorhanden gewesen sind. Sie selbst hat sie gelesen und dann verbrannt. Doch sie behauptet, Sylvia Rickstetten habe ein vollkommen bedeutungsloses Gekritzel des kranken Mannes mißverstanden. Der Arzt habe ihm angeraten gehabt, er solle seinen Geist üben und sein Denkvermögen durch Schreibarbeit zu fördern suchen.« »Zu durchsichtige Ausrede, als daß sie auch nur den leisesten Schein des Wahrhaftigen für sich hätte«, urteilte der Doktor. »Doch nicht«, sagte Winterfeld ruhig. »Ich habe den Arzt vernommen. Er bestätigt diese Aussage der Schulze.« Schroff hielt der Doktor dem entgegen: »Wenn Sylvia Rickstetten ihre Bekundung auf den Eid nimmt, dann ist die Frau verloren.« »Nicht mit meinem Willen!« brauste der Untersuchungsrichter auf. »Wenigstens nicht, soweit der Fall Beverstorff zur Erörterung steht.« Aurelius staunte: »Ich verstehe Sie nicht.« »Sie haben eine an sich richtige Spur verfolgt«, belehrte Winterfeld. »Richtig jedoch nur, soweit Sie feststellen wollten, zwischen der Alma Schulze und dem Ermordeten habe eine Verbindung bestanden. Beverstorff versorgte die Frau mit Geld. Das war in gewissem Sinne nichts weiter als eine menschliche Pflicht. Ich werde nachher sagen, weshalb. Richtig ist: er fing in letzter Zeit an, diese Pflicht zu bestreiten. Er beschnitt die dem Gatten verheimlichten Nebeneinnahmen der Schulze. Das führte zu erregten Auftritten zwischen den beiden. Der letzte derartige Auftritt fand statt in der Mordnacht.« »Also doch!« schaltete Aurelius ein. »Warten Sie doch«, wehrte Winterfeld. »Die Frau hatte sich einen Nachschlüssel zur Wohnung verschafft. Das war nicht schwer für sie, entsprechend der Tatsache, daß sie, wenn auch nur bei Tageslicht, öfter den Mann aufsuchte. Zum erstenmal bei Dunkelheit betrat sie die Wohnung am Abend des Mordes. Warum? Weil Beverstorff den üblichen Zusammenkünften ausgewichen war. Sie begab sich in das ihr bekannte Arbeitszimmer. Als sie ihn kommen hörte, wurde sie gewahr, er habe einen Besucher bei sich. Beverstorff betrat das Arbeitszimmer für ein paar Sekunden, legte im Dunkeln die Oberkleider ab und ging hinaus, ohne die Anwesende bemerkt zu haben. Bald darauf vernahm sie einen heftigen Wortwechsel zwischen dem Mann und seinem späten Gast. Dann plötzlich war es still. Sie wagte sich aus dem Arbeitszimmer hervor und ging in das Schlafzimmer hinüber. Hier fand sie –« »Den Ermordeten natürlich!« spottete der Doktor. »Und diesem Lügengewebe wollen Sie Glauben schenken?« Ohne sich beirren zu lassen, erzählte Winterfeld weiter: »Sie fand Beverstorff damit beschäftigt, das Bluten einer harmlosen Schnittwunde in seiner Handfläche zu stillen, indem er einen Zipfel seiner Schlafjacke darauf preßte. Er war zornig durch seinen Streit mit dem Besucher, war gereizt. dieser Stimmung – und wahrscheinlich noch obendrein aufgebracht durch das nächtliche Eindringen der Schulze – verweigerte er für fernerhin jede Geldhergabe. Nach einer heftigen Auseinandersetzung verließ die Frau das Haus.« »Ein reizendes Märchen!« rief Aurelius ungehalten, »denn bis ein anderer Mensch die Güte hatte, ihn umzubringen, behielt Beverstorff brav die seiner Widersacherin ausgerissenen Haare in der Hand. Ausgerissen bei einer Rauferei, während der die erfindungsreiche Dame eine Puderquaste aus ihrer Handtasche und eine Spange aus ihren Haaren verlor. Und am Morgen bemühte sie sich zu einem Friseur und ließ sich zu aller Fürsorge die Haare abschneiden, damit niemand auf die Vermutung käme, die langen Haare in der Hand des Ermordeten stammten von demselben Weiberkopf, der jetzt kurze Haare hatte. Ich aber, lieber Winterfeld, ich habe den abgeschnittenen Zopf und die Haare aus der Faust Beverstorffs verglichen.« »Ich gebe zu, die Zusammenhänge sind unheimlich«, sprach der Untersuchungsrichter gelassen. »Die Schulze ist denn auch von hier an überaus zurückhaltend in ihren Aussagen. Man müßte annehmen, der späte Gast sei noch einmal zurückgekehrt, habe den Streit fortgesetzt und im Verlauf der wiederholten Zwistigkeiten den tödlichen Stoß geführt.« »Und wie kam der Zurückkehrende ins Haus? Wie kam er in die Wohnung? Etwa durch ein: Sesam, öffne dich?« »Berechtigter Spott«, meinte Winterfeld mit einem müden Lächeln. »Ins Haus kam er, weil der Flurschlüssel die Eigentümlichkeit hatte, auch das Schloß der Haustür zu erschließen. Ein Umstand, von dem die Schulze durch Beverstorff selbst Kenntnis hatte.« »Das hat natürlich auch der sogenannte Täter gewußt«, höhnte der Doktor. »Nein. Ich erwähne das nur nebenbei. Diesen Schlüssel vermißt die Schulze. Ob sie ihn verlor und wo sie ihn verloren haben könnte, das weiß sie nicht. Sie erinnert sich, ihn von außen ins Schloß der Haustür gesteckt und zugeschlossen zu haben. Sie erinnert sich aber nicht, ob sie den Schlüssel auch abzog. War das nicht der Fall, so gelangte der Täter leicht ins Haus. Dann müßte Beverstorff selbst die Flurtür geöffnet haben.« Ein Pochen an der Tür unterbrach das lebhafte Gespräch. Die Pflegerin kam und bestand darauf, der Kranke müsse nun unbedingt allein gelassen werden. Frau Harthilt nahm stillen Abschied. Als Winterfeld dem Verwundeten die Hand reichte, fragte Aurelius: »Sie scheinen an die Schuldlosigkeit der Schulze zu glauben?« In tiefem Ernst antwortete der Untersuchungsrichter: »Es wäre zu schrecklich, wenn die Frau die Täterin wäre. Es hätte dann nämlich die Tochter den Vater ums Leben gebracht.« * Am Rande eines Kiefernwäldchens blieb Sylvia stehen. Ihr feines Gesicht war gerötet von der Wanderung, die sie mit Viktor weit elbabwärts geführt hatte von Blankenese aus. Hier war das Elbufer hoch gelegen und bot einen wundervollen Blick auf den Fluß. »Wir wollen rasten und dann umkehren«, schlug das Mädchen vor. Sie suchte einen bequemen Platz aus, eine kleine Sandkule, auf deren, von noch dürrem Heidekraut bewachsenem Rande man sitzen konnte, so daß die Füße einen Stützpunkt fanden auf dem Boden der Vertiefung. Traurig sagte Sylvia: »An dieser Stelle werde ich sitzen, wenn Sie mit der Brigg von Kapitän Alvens zur ersten Reise aussegeln.« »Wäre es nur schon so weit!« sehnte sich Viktor, das Bild des von Schiffen aller Art belebten Stromes in sich aufnehmend. Plötzlich sagte er: »Sie zeigen so große Anteilnahme an meinem Geschick, Sylvia. Ihre Stimme tröstete mich, als sie auf einem Weg, den ein Wunder unserer Zeit überbrückte, durch das Nichts zu meinem Ohr drang. Des getreuen Glaubens an meine Schuldlosigkeit haben Sie mich versichert, ohne zu fragen, ob ich nicht doch der Mensch bin, der eines anderen Menschen Blut vergoß. Wodurch verdiente ich mir so starke Freundschaft?« In den sanften Augen Sylvias spiegelte sich der Himmel des klaren Lenztages, als sie erklärte: »Ich kann Ihre Frage nicht beantworten. Einfach deshalb nicht, weil ich keine Antwort weiß. Es ist ein Gefühl in mir, dem ich beglückten Herzens nachgebe. Das überkam mich schon in jener Nacht, als ich mit zitternden Händen die Blutspuren von Ihrem Mantel wusch. Mich trieb etwas: Du mußt sie unsichtbar machen, sonst ist er verloren! Seltsam genug; denn erst nachdem brüllte der Lautsprecher die Kunde von einem Mord in den engen Kneipraum, und erst am anderen Tage erfuhr ich von dem zweiten Mord, der in der nächsten Straße verübt worden war.« »Wollen Sie hören, was die Blutspuren zu bedeuten hatten?« fragte Viktor. Statt eines bejahenden Wortes legte Sylvia zutraulich den Arm um die Schultern des Gefährten. Sie saß still und lauschte mit dem gläubigen Gesicht eines jungen Weibes, das liebt. »Ich hatte mein Herz an eine sehr unglückliche Frau gehängt«, erzählte Viktor. »Es gab jedoch keinen Weg zu ihr, denn sie war nicht frei. Sie lächelte über meine heiße Zuneigung. Ich aber meinte, sie behandle mich als einen Knaben, nur weil ihr Unglück ihr verbot, meinen Beteuerungen Gehör zu schenken.« »Die Frau war also viel älter als Sie«, folgerte Sylvia. »Kamen Sie denn nicht auf den Gedanken, die Frau behandle Sie nicht bloß als einen Knaben, sondern sie sehe in Ihnen wirklich nur einen für sie viel zu jungen Menschen?« Viktor gestand: »Das war der Gedanke, der mich zur Verzweiflung trieb. Mein Vater behauptet, ich sei ein Phantast. Vielleicht hat er recht; denn es wuchs in meiner Phantasie der Wille empor, der Frau meiner ersten wilden Liebe zu beweisen, ich sei mehr als ein Knabe: ein Mann und ein Held. Ich gebe zu, daß ich nach vielen Ueberlegungen friedlicher Art auf den Gedanken an einen Mord verfiel; an einen so listig durchzuführenden Mord, daß keine Seele auch nur je in mir den Täter vermuten sollte.« »Wie entsetzlich!« murmelte Sylvia und zog den Arm zurück, scheu wie ein Kind, das vor einer eben noch freundlichen Erscheinung urplötzlich ein Fürchten fühlt. Ohne auf des Mädchens Erschrecken zu achten, sprach Viktor weiter: »Beverstorff war als ein habgieriger Finanzmann bekannt. Um in den Besitz eines geldbringenden Geheimnisses der Fabrik meines Vaters zu gelangen, würde ihm kein Preis zu hoch gewesen sein, einerlei, ob es um ein materielles oder ideelles Opfer ginge. Das durfte ich bei meinem Mordplan voraussetzen, wollte ich mit dem Manne zu einer vollkommen geheimen Verbindung kommen. Diese Verbindung mußte ja so verborgen bleiben, daß nach dem Mord niemals der Verdacht aus mich fallen konnte.« »Sie knüpften diese Verbindung?« forschte Sylvia. »Wie gefährlich! Ein habgieriger Mensch wird immer zum schurkischen Verräter, sobald er das Geheimnis besitzt, für das er bezahlen soll.« »Auch das hatte ich bedacht«, erwähnte Viktor. »Ich schrieb daher: nicht um Geld wollte eine bestimmte Persönlichkeit ihm das finanziell aussichtsreiche Projekt einer Firma verraten; er brauche mit nichts weiter zu bezahlen als mit einem schriftlichen Versprechen, dessen Erfüllung ihm eine Kleinigkeit sein werde. Ich machte den Vorschlag zu einer heimlichen Zusammenkunft an einem abgelegenen Ort. Dort wollte ich ihn töten.« »Und was geschah?« drängte das Mädchen. »Er kam – und er sah in der Dunkelheit einen Menschen mit vermummtem Gesicht vor sich. Sein erstes Wort war Hohn. Er sagte: ›Wenn man sich postlagernde Briefe schreiben läßt, um ein Geheimnis seines Vaters zu verkaufen, muß man mindestens so schlau sein, die Briefe nicht selbst abzuholen, Herr Viktor Felsing.‹« »Er hatte Sie also auf der Post beobachten lassen«, folgerte Sylvia. »Er war selbst dagewesen. Die Erkenntnis, ich sei entdeckt noch vor der Tat, wirkte so niederschmetternd, daß ich meine Absicht nicht auszuführen wagte. Es bestand ja doch die Wahrscheinlichkeit, daß er über unseren Briefwechsel ebenso wie über unsere beabsichtigte Zusammenkunft zu jemandem gesprochen hatte. Nun wollte er den Preis von meinem Geheimnis wissen. Ich sagte: ›Nichts weiter als die Erlösung Ihrer Frau von der vor Jahren geschlossenen verhängnisvollen Ehe!‹ Er besann sich eine Weile und meinte endlich, das sei billig; aber so wie ich, bestünde auch er auf schriftlichen Abmachungen.« »Er wollte also den Preis bezahlen – die Freigabe seiner Frau«, meinte Sylvia. Mit einem Kopfschütteln widerlegte Viktor: »Ich mußte bald zu anderer Ueberzeugung gelangen. Was sich bewahrheitet hat, das erkannte ich zu spät: er würde mir mein Geheimnis entlocken, würde mich kraft meines Verrates in seiner Macht haben, ohne durch den Verzicht auf die Frau zu zahlen. Befand ich mich denn nicht überhaupt schon in seiner Macht? Er brauchte meinem Vater ja nur von unserem Briefwechsel zu erzählen, brauchte nur zwei Worte zu sagen von dem, was zwischen uns verhandelt worden war. Ich fürchtete meinen Vater, denn er war streng zu mir, eben weil er in mir einen Narrenhäusler sah, der niemals zu etwas nütze sein werde.« Zärtlich tröstend glitt die weiche Hand des Mädchens über des Gefährten Arm. Dann erzählte Viktor weiter: »Mein nächstes Zusammentreffen mit Beverstorff fand in einer abgelegenen Waldschenke statt. Hier gab ich das Fabrikgeheimnis meines Vaters preis.« »Um Gottes willen, was haben Sie getan! Haben Sie denn nicht bedacht, daß Sie dadurch zum Verbrecher wurden!« »Das wurde ich allerdings, denn als ich mich zum Verräter erniedrigt hatte –« Sylvia unterbrach: »Sie taten es einer Frau zuliebe.« »Ich danke Ihnen für dies schöne Wort, Sylvia. Auch ich selbst beschönige damit seit den letzten Tagen und nach furchtbarer Seelenpein das, was geschehen ist. Doch hören Sie weiter! Als der Mann genug wußte, äußerte er: selbstverständlich könne er sich in schriftliche Vereinbarungen über solche Geschichten nicht einlassen; ich müßte mich eben mit seinem Versprechen begnügen. Tage vergingen. Für mich waren sie Foltern meiner Seele und meines Körpers. Jede Stunde fürchtete ich, mein Vater werde mir den Vorwurf ›Verräter!‹ ins Gesicht schleudern. Ich zitterte, wenn er mich einmal zu sich rufen ließ. Als nichts dergleichen geschah, wurde ich ruhiger. Es war die Ruhe des zum Aeußersten entschlossenen Verzweifelten.« »Sie erfuhren, Beverstorff werde seine Frau nicht freigeben«, murmelte Sylvia. »Sie selbst sagte mir das (ahnungslos, was für ein schmachvolles Opfer ich schon gewagt hatte, ihr die Freiheit zu erkaufen), nicht ahnend, daß die Stunde der Befreiung ihr durch Mörderhand bereitet werden sollte.« – Sylvia richtete sich stracks empor und rief: »Sie haben es also doch getan! Dann, Viktor, habe ich eine schuldlose Frau ins Verderben gestürzt.« Erstaunt fragte er: »Wie ist das zu verstehen?« Sylvia berichtete weinend von den Blättern des Kranken, aus denen sie eine Anklage gegen Frau Alma lesen zu müssen glaubte. Lange Minuten vergingen. Dann brachte Viktor vor: »Hören Sie erst, was in der Mordnacht geschehen ist. Vorausschicken muß ich: statt sein Versprechen zu halten, sandte der schuftige Mensch mir Geld. Das Geld brachte ich durch in meiner ersten Betäubung. Dann lieh ich mir anderwärts die gleiche Summe und trug dies Geld zu Beverstorff. Hohnvoll wies er mich ab. Und wie ein Teufel triumphierte er: nachdem ich ihm einmal ein Geheimnis unserer Fabrik verraten hätte, wisse er mich zu zwingen, ihm noch weitere ähnliche Dienste zu leisten. Außer mir vor Entsetzen, schrie ich ihm zu, ich würde mich lieber vor seinen Augen töten, denn wann immer mir die Flammenschrift zu Gesicht käme, werde sie mich an meinen nutzlos verübten Verrat mahnen; nie würde ich die lodernden Buchstaben über den Dächern anders sehen können als mit dem Gedanken, daß sie meine heimliche Schande an den Himmel schrieben.« Ihr Antlitz in den Händen verbergend, schluchzte Sylvia: »Sie Aermster aller Armen!« »Ja, das bin ich, Sylvia. Und daß ich es war, das wurde mir klar, als Beverstorff seinen Worten hinzufügte: nicht nur ich sei in seiner Hand, nein, weit mehr noch seine Frau. Es sei ihm klar, nur sie allein könne mich unreifen Menschen angestiftet haben, auf diesem Wege ihr die Freiheit zu erkaufen. Und wenn sie je zu büßen hätte, daß sie ihn jahrelang vergeblich um Liebe betteln ließ, so solle das jetzt sein. Mit Grauen entdeckte ich, wie ich nicht nur mich, sondern auch noch eine Schuldlose einem Satan ausgeliefert hatte.« »Ich verstehe Sie«, rief Sylvia. »Oh, wie ich Sie verstehe! Rasch, sagen Sie, wie Sie diesen Menschen niederstießen!« »Um Gottes willen, Sylvia!« wehrte er in höchstem Entsetzen. »Das geschah doch nicht. Ich denke, Sie sind überzeugt, daß nicht ich der Mörder Beverstorffs bin?« »Nicht – nicht?« jubelte das Mädchen auf, und dann umklammerte sie ihn, als sei er ein vom Tode Auferstandener. Viktor setzte seine Erzählung fort: »Wohl hatte ich eine Waffe bei mir, die Beverstorff zugedacht war – einen indischen Dolch aus der Sammlung meines Vaters. Aber ich zückte die Waffe gegen mich selbst. Er wollte mich hindern und fiel mir in den Arm. Im nächsten Augenblick sah ich Blut an seiner Hand. Er schrie auf und wich in eine Ecke des Zimmers zurück, erschrocken vor seinem eigenen Lebenssaft. Mit entsetzten Augen starrte er mich an und winselte: Tun Sie mir nichts – tun Sie mir nichts! Was dann vorging, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, aus der furchtbaren Aufregung gelangte ich beim Anblick des wimmernden Schurken zu eisiger Ueberlegung. Doch das alles war wie in einem Traumzustand. Gesagt zu haben meine ich, ich würde heimgehen und meinem Vater bekennen. Auf den Tisch nahe dem Bett hatte er beim Betreten des Zimmers einen Schlüssel gelegt. Ich hatte mich nicht getäuscht, als ich annahm, es sei der Hausschlüssel. So gelangte ich auf die Straße.« »Und wir lernten einander kennen«, erinnerte Sylvia glückselig. »Es ist nicht mehr viel zu sagen«, trug er nach. »Wie aus einem wochenlangen Fieberwahn erwacht, war meine Vernunft klar gleich dem Himmel nach einem Unwetter. Ich entdeckte die Blutflecke auf meinem Mantel, wollte vermeiden, daß sie gesehen würden, wenn ich nach Hause kam. Mit der Absicht, mir zur Beseitigung Essig für mein Taschentuch zu erbitten, betrat ich die Weinstube. Das andere wissen Sie. Erlöst war ich, als ich am Nachmittag darauf erfuhr, Beverstorff sei ermordet worden. Eine andere Hand hatte ihn zum Schweigen gebracht. Die Frau, die ich liebte, war frei .« »Aber weshalb flüchteten Sie dann?« wollte Sylvia wissen. »Als Frau Beverstorff festgenommen wurde, war ich im ersten Schrecken überzeugt, sie sei die Täterin. Ich fürchtete, ebenfalls verhört zu werden und die Gründe meiner Beziehungen zu Beverstorff, den Verrat, eingestehen zu müssen. Konnte man mich nicht gesehen haben, als ich am Abend vor dem Verbrechen das Haus mit Beverstorff betrat? Und daß es einen Zeugen hierfür wirklich gab, das erfuhr ich später von einem Seemann, der selbst dieser Zeuge war. Es ist mir heute noch unbegreiflich, daß niemand etwas erfuhr von dem jungen Menschen, der sich in der Mordnacht in der Nähe des Mordhauses mit blutbeschmutztem Mantel sehen ließ.« »Hierüber können Sie außer Sorge sein«, versicherte das junge Mädchen. »Zwar erfuhr man von dem Manne, aber ich lieferte der Polizei eine Beschreibung, hinter der niemand Sie vermuten konnte.« »Und was die Polizei durch den Rundfunk verbreiten ließ?« fragte Viktor verwundert. »Sie erzählten mir, Sie hätten die Beschreibung nicht zu Ende gehört. Die Nachricht wurde nicht von der Behörde veranlaßt, sondern durch einen Freund Ihres Vaters.« »Dann stünde also meiner Heimkehr gar nichts im Wege?« Sylvia senkte ihr Antlitz. »Nichts«, flüsterte sie. »Und dann werden Sie die Frau wiedersehen, der Sie so viel opferten.« »Das wird nicht geschehen«, versprach er tröstend. Er hatte den tiefen Schmerz in den Worten der Freundin vernommen und küßte sie zum ersten Male. Dann sprach er weiter. »Kapitän Alvens und ich sind uns einig, daß ich die Fahrt auf der Brigg mitmache. Mein Vater sandte mir alle Papiere. Doch ohne ein Wort der Verzeihung, ohne eine Silbe des Trostes, ohne die Aufforderung zu späterer Heimkehr. Ich werde sehr einsam sein, Sylvia.« »Haben Sie nicht mich?« erinnerte das junge Geschöpf und erwiderte den Kuß. * Die Uhr in der kleinen Amtsstube vertönte den letzten Schlag der zehnten Stunde. Der Wachtmeister hatte sinnend dem Klingen der Glocke des Uhrgehäuses zugehört und griff jetzt wieder nach der Zeitung. Da zerriß das schrille Schwirren des elektrischen Läutewerkes die Stille. Im Melder fiel mit hörbarem Klick das Nummernscheibchen vor die Oeffnung. »Der Untersuchungsrichter ...?« brummte der Beamte verwundert. »So spät noch ...?« Er knöpfte den Uniformrock zu, setzte die Dienstmütze auf und schritt den langen Gang entlang nach dem Arbeitszimmer Winterfelds. Der Richter befahl, die Untersuchungsgefangene Alma Schulze vorzuführen. Zehn Minuten später stand die hübsche Blondine vor ihm. Ihr Gesicht war ruhig und unbewegt, doch die Augen zeigten einen müden Ausdruck, und der vormals frische Mund hatte jede Farbe verloren. So mild wie möglich begann Winterfeld: »Ich habe Sie rufen lassen, nicht um ein Nachtverhör vorzunehmen. Ich will nur etwas mit Ihnen besprechen. Es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß ich – soweit wir über den Fall Beverstorff zu reden hatten – ein gewisses Wohlwollen nicht verleugnete.« »Ich habe es gefühlt und war dankbar«, sagte Alma schlicht. Winterfeld sprach weiter: »Nach allem, was ich über Sie erfuhr, muß man Sie eine mutige Frau nennen. So haben Sie in der letzten Zeit auch Schicksalsschläge ertragen, ohne sich beugen zu lassen durch ihre Wucht. Ich rechne zu den Schicksalsschlägen auch Ihr Attentat auf den Doktor Aurelius. Habe ich recht?« Ein paar Pulsschläge lang zögerte die junge Frau. Ihr Antlitz erstarrte zu einer bleichen Maske. In den Flügeln der fein geschnittenen Nase zitterte ein kaum merkliches Beben. Dann schlug Alma die Augen auf und sah den Richter groß und ehrlich an. »Sie haben ganz recht«, gab sie zurück. »Ein Schicksalsschlag auch meine Tat. Ich danke Ihnen für das Wort, denn es tröstet mich über die Niederträchtigkeit, mit der ich den Ueberfall ausführte.« »Wollen Sie mir die Gründe für den tätlichen Angriff erklären?« »Nein – ich muß sie verschweigen. Und ich werde sie verschweigen, solange noch ein Tropfen Blutes in mir ist.« »Auch dann, wenn ich Ihnen freimütig zubillige, Sie hätten keineswegs aus unedlen Beweggründen gehandelt?« »Selbst dann«, scholl es in schroffer Abwehr. Der Richter ließ nicht nach: »Und auch, wenn ich Ihnen sage, das Verschweigen habe nicht mehr den geringsten Zweck?« »Unmöglich. Sie wollen mich nur fangen.« »Dann lesen Sie das hier«, murmelte Winterfeld. Er nahm vom Tische ein Blatt auf, das mit ungelenken, mühsam gemalten Schriftzeichen bedeckt war. Die wenigen Worte füllten den ganzen Bogen. Die bleiche Frau las: »Gesteh alles, Alma! Ich. Habe Dich liebgehabt. Du auch mich. Ich danke Dir.« Das Blatt flatterte zu Boden. Dann stieß Alma hervor: »Mein Mann schrieb das – woher haben Sie es?« »Man fand es in den späten Abendstunden auf dem Bett des Toten.« Eine Weile war es so still, daß eines des anderen Atemzüge hören konnte. Dann wollte Winterfeld die taumelnde Frau auffangen. Sie wehrte ihn ab, straffte sich und fand selbst den Weg zu einem Stuhl. Von dort aus sagte sie: »Er ist freiwillig gestorben – armer, armer Friede! Was hat er sich angetan?« Winterfeld war innerlich erstaunt, daß die traurige Botschaft keinen tieferen Eindruck auf die junge Frau machte. Fast bereute er sein Kommen. »Seit er Sie in Untersuchungshaft wußte, schlief er nicht mehr«, berichtete er kühl. »Man gab ihm ein Schlafmittel. Zu einer Zeit, in der die Pflegerin ihn allein ließ, nahm er den ganzen Vorrat zu sich. Die Hülle mit den Pulvern stand auf dem Nachttischchen. Niemand konnte ahnen, der geistig und körperlich halb gelähmte Mann besäße Kraft und Bewegungswillen genug, um den Selbstmord auszuführen.« Nun erst sank Alma zusammen. Sie stützte mit beiden Händen den Kopf und ließ den Tränen freien Lauf. Qualvolles Schluchzen schüttelte ihren Körper. Als sie sich nach einigen Minuten beruhigte, gab Winterfeld mitleidig den Bescheid: »Ich erfuhr von dem traurigen Vorgang und kam her, weil ich vermeiden wollte, daß Ihnen morgen in aller Frühe das Ableben Ihres Mannes mitgeteilt würde.« Er wartete zögernd mit dem Gehen. Nach Trostworten suchend, stand er da. Es war so schwer, der Frau Tröstliches zu sagen. Da erhob sich Frau Alma und bat: »Warten Sie noch. Furchtbar, wenn ich jetzt in der Zelle allein bleiben soll. Eine ganze Nacht allein. Bleiben Sie bei mir!« »Ich will Ihnen gern Gesellschaft leisten«, gewährte Winterfeld, erschüttert von den flehentlichen Worten der Verbrecherin. Er schlug vor: »Vielleicht erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.« »Nichts erzählen will ich«, sagte sie seufzend. »Ich will alles eingestehen – so, wie es mein armer Mann in seiner letzten Botschaft verlangte. Sie hatten vorhin recht. Das Verschweigen hat keinen Zweck mehr.« »Eingestehen«, wiederholte der Untersuchungsrichter voll Bedenken. »Ein Geständnis darf ich nicht ohne einen Zeugen entgegennehmen. Ich werde dem Wachtmeister läuten.« Sie hielt ihn auf: »Nicht – nicht – lassen Sie uns ganz allein sein. Heute will ich mein Herz ausschütten, mein Gewissen will ich morgen erleichtern. Aber ich weiß nicht, wie beginnen. Fragen Sie mich! Und lassen Sie mich dicht bei Ihnen sitzen! Ich fürchte mich so sehr.« Er sah, wie Schauer über die Gequälte hinwegjagten. Und obwohl er das unglückliche Geschöpf jetzt nur noch als die Verbrecherin betrachten konnte, geleitete er die zitternde Frau doch zu dem bequemen Lehnsessel hinter dem Schreibtisch. Er rückte sich einen Stuhl neben sie hin und ließ sich nieder. »Fragen soll ich Sie«, hub er an. »Dann will ich so beginnen: Sie wollten den Doktor Aurelius töten, weil er die richtige Spur gefunden hatte, die Fährte, die von Ihnen aus zur Aufklärung des Mordes an Beverstorff führte. Sie wollten die Ausklärung verhindern. Das glaubten Sie vollbracht zu haben, wenn Aurelius nicht mehr lebte.« »Es war so«, gab Alma zu. »Bitte, sprechen Sie weiter! So ist es leicht für mich.« »Von allem Anfang an behaupteten Sie, nur ein Mann könne der Täter sein. Warum taten Sie das?« »Weil ich das einzig Richtige vermutete.« Erstaunt sagte Winterfeld: »Das einzig Richtige – ah, nicht Sie selbst wollen es getan haben – Sie leugnen plötzlich wieder?« Alma fuhr fort: »Man fand bei dem Getöteten Dinge, die mir gehört hatten. Meine Puderquaste, meine Spange. Das stellte ich fest, als Kommissar Weinreich mich die Gegenstände betrachten ließ. Nun gab es für mich keinen Zweifel, auch die in der Faust des Toten gefundenen Haare mußten von mir stammen. Das alles waren Dinge, von denen ich zuverlässig wußte, daß ich selbst sie nicht bei Beverstorff verloren haben konnte. Ein furchtbares Entsetzen überkam mich.« »Sie erkennen die Gegenstände als Ihr Eigentum an?« sagte der Untersuchungsrichter befremdet. »Wenn nicht durch Sie selbst, wie sollten sie dann in das Mordzimmer gelangt sein?« »Durch den Mann, der sich meine Handtasche angeeignet hatte. Ich vermißte die Tasche und konnte mir nicht anders denken, als daß ich sie irgendwo liegen ließ.« »Sonderbar«, äußerte Winterfeld mißtrauisch. »Man kann glauben, eine Puderquaste und eine Haarspange hätten sich in der Handtasche befunden. Diese Haare jedoch ...« »Auch sie sind in der Tasche gewesen. Ich litt seit einiger Zeit an Haarausfall. So hatte ich ein wenig Auskämmsel in die Tasche getan, um es zur Feststellung der Haarkrankheit untersuchen zu lassen. Bevor ich diese Absicht ausführte, riet man mir, die Haare gekürzt zu tragen. Das Ausfallen werde dann aufhören.« »Das war der Grund, weshalb Sie sich einen Bubenkopf schneiden ließen?« »Ja. Der Friseur erinnert sich, ich hätte auf das Datum hingewiesen, und hat mich dadurch verdächtigen wollen. Eine sehr einfache Bewandtnis: ich selbst hatte durch Aufregungen wegen meiner Mutter meinen Geburtstag übersehen – erst die Zahl aus dem Kalenderblatt gemahnte mich daran. Damit verband sich die Erinnerung an eine Kränkung: mein Mann hatte mir keinen Beweis geliefert, daß er meines Geburtstages gedachte. Ich machte den Friseur nur aufmerksam, weil ich meinen Mann necken wollte: dort und dort ließ ich mir die Haare abschneiden aus Trauer über deine Lieblosigkeit.« »Weshalb aber warfen Sie den abgeschnittenen Zopf fort?« »Das weiß ich eigentlich selbst nicht. Vielleicht aus Reue über mein Tun, denn mein Mann liebte die moderne Haartracht nicht. Oder eine Laune ... was sollte ich mit den kranken Haaren? Vielleicht empfand ich Ekel davor. Ich weiß es nicht mehr.« »Als Sie sich in dem Friseurladen aufhielten, wußten Sie noch nichts von dem an Beverstorff verübten Mord?« »Davon erzählte mir am Mittag erst mein Mann. Ich war wie vom Donner gerührt, ging in meine Küche und weinte mich aus.« »Warum bekundeten Sie bei dem Friseur ein höchst eigentümliches Interesse für die Frau des Ermordeten?« »Das ist doch begreiflich. Wie Sie wissen, war Beverstorff mein Vater, wenn auch nicht durch eine Ehe mit meiner Mutter. Ich hörte den Namen nennen und wurde aufmerksam, daß ich zum erstenmal die Frau sehen konnte, von der er mir ebenso erzählt hatte wie von seinen Ehezerwürfnissen.« Winterfeld gab sich mit diesen Erklärungen zufrieden und sagte: »Sie haben zugegeben, zu später Stunde und vor dem Tode Beverstorffs in seinem Hause gewesen zu sein. Verstehen Sie nun, wie sehr es mich befremdet, wenn Sie jetzt die bei dem Ermordeten gefundenen Gegenstände, sogar die Haare, als von Ihnen stammend anerkennen? Befremdlich um so mehr, als Sie zugleich bestreiten, Sie selbst hätten die Sachen da zurückgelassen.« »Ich finde nichts Befremdliches daran«, erwiderte Alma, und ihr Staunen schien nicht geheuchelt zu sein. »Sie hörten ja, daß ich meine Handtasche vermißte.« »Wollen Sie behaupten, der Täter habe mittels der Gegenstände versucht, den Verdacht auf Sie abzulenken?« »Das ist so. Er konnte nicht wissen, daß der Arzt durch den Leichenbefund feststellen würde, Beverstorff sei erst gegen Morgen getötet worden. Noch weniger konnte er wissen, daß ich folgendes nachweisen kann: Ich war von kurz nach elf am Abend bis zum Morgen gegen neun Uhr bei meiner schwerkranken Mutter. Hierfür ist Zeugin eine Frau, die mich benachrichtigen und abholen wollte; sie traf mich, als ich gerade vor unserer Wohnung anlangte, und sie blieb bis zum hellen Tage mit mir am Krankenbett meiner Mutter. Der andere Zeuge ist der Arzt, der nicht eher ging, als bis das Schlimmste eines schweren Herzanfalles überstanden war. Das war erst gegen Morgengrauen der Fall.« »Allerdings ein lückenloser Alibibeweis«, anerkannte Winterfeld. »Nun aber eines: Sie wissen, wer den Mord verübte?« »Ich weiß es«, gestand Alma mit zuckenden Lippen. »Dann begingen Sie doch ein himmelschreiendes Unrecht, wenn Sie alles aufboten, den jungen Felsing als den Mörder hinzustellen. Wie verfielen Sie nur auf diesen niederträchtigen Gedanken?« »Ich wußte von Beverstorff, es gab zwischen ihm und dem jungen Menschen ein Geheimnis. Das Geheimnis war genügend unehrenhafter Art, Felsing zur Beseitigung seines Mitwissers anzutreiben. Wurde der junge Mann in eine Anklage verwickelt, so blieb ihm meiner Ueberzeugung nach Gelegenheit mehr als genug, seine Schuldlosigkeit nachzuweisen. Bis das aber geschehen war, mußte Zeit vergehen. Die Zeit sollte die Spuren des wirklichen Täters verwehen.« »Die Spuren des Täters, gegen dessen Entlarvung Sie wie eine Wölfin kämpften durch irreführende Einmischungen in den Kriminalfall, durch das Verdächtigen des unglücklichen Felsing, durch einen Schuß auf Aurelius. Muten Sie mir wirklich zu, ich solle glauben, in diesem wütenden Kampfe hätten Sie jemand anders, nicht sich selbst verteidigt?« »Ich verteidigte einen Mann, um den zu kämpfen mein menschliches Recht war.« »Einen Menschen, der Ihnen die Handtasche stahl, um ihren Inhalt feige gegen Sie zu benutzen?« Lebhaft fiel Alma ein: »So war es nicht. Nur ein Zufall spielte sie ihm in die Hand.« Erbittert rief Winterfeld: »Einerlei – Ihr Kampf gegen das strafende Recht der Gesetze galt einem Feigling, der dann eben den verhängnisvollen Zufall benutzte, um seine Tat zu verschleiern und um Sie, ein Weib, dem Gericht als auf das schwerste tatverdächtig auszuliefern. Daß man Sie solange nicht faßte, verdanken Sie nur der Nachlässigkeit, mit der Kommissar Weinreich als ein Unfähiger diesen Fall behandelte. Setzten Sie sich aber in so schmählicher Weise für die Sicherheit des Täters ein, so muß der Mann Ihnen wohl viel bedeutet haben.« »Er bedeutete mir mehr als sonst ein Mensch auf der Welt.« Winterfeld erhob sich. Er konnte nicht länger neben der Frau sitzen bleiben, gegen die er einen Widerwillen fühlte – eine Frau, die ungescheut von ihrem Liebhaber schwärmte in einer so ernsten Stunde. »Ich war gekommen, Ihnen Trost zu spenden«, sagte er schroff. »Es ist daraus die Nacht eines Verhörs geworden. Sind Sie mit Ihren Bekenntnissen soweit gegangen, so darf ich nicht nachlassen, bis Sie alles eingestanden haben. Sie wissen, wie der Täter in den Besitz Ihrer Tasche gelangte. Wie also geschah das?« »Ich ließ sie auf einem Tische liegen«, gab Alma kurz zu. »Aus Vergeßlichkeit?« »Nein, in der Eile. In der Tasche befanden sich außer der Puderquaste, der Spange und den Haaren auch ein paar zärtlich klingende Zeilen von Beverstorffs Hand mit seiner Unterschrift. Niemand außer meiner Mutter und mir wußte ja doch, in welchem Verhältnis ich zu Beverstorff stand. Er sorgte durch mich für die vor Zeiten verlassene Frau.« »Die zärtlichen Zeilen – ah, ich verstehe«, sagte Winterfeld. »Die Zeilen erregten bei dem von Ihnen geliebten Manne berechtigtes Mißtrauen gegen Ihre – hm – Tugend. Wußte denn der Mann nicht, daß Sie eine verheiratete Frau waren?« Vollkommen verblüfft erwiderte Alma: »Aber ich spreche ja doch fortwährend von keinem anderen als von meinem Manne!« Winterfeld fuhr auf: »Sagen Sie damit, Ihr Mann sei der Täter?« »Er ist es gewesen, denn er lebt ja nicht mehr. Ich habe ihn herzlich lieb gehabt. Und weil ich wußte, daß nur die aus seiner leidenschaftlichen Liebe geborene rasende Eifersucht ihn zum Mörder gemacht hatte, nur deshalb suchte ich ihn zu schützen.« Kopfschüttelnd erwog der Richter: »Ihr Gatte ist tot und für immer verstummt. Benutzen Sie nicht listig den willkommenen Zufall, jetzt auf ihn die Schuld abzuwälzen!« Alma verneinte kurz und erzählte: »Die Nacht, die ich am Krankenlager meiner Mutter verbrachte, wurde ihm zum Verhängnis. Er war schon länger hinter meinen Verkehr mit Beverstorff gekommen. Ich habe bitterlich zu bereuen, daß ich ihm aus falscher Scham meine Herkunft verschwieg. Das tat ich in der Furcht, er werde mich nicht heiraten. Er war viel im Dienst, und so dachte er sich nichts dabei, als ich darauf bestand, alle Wege zu den Behörden zu gehen, die bei einer Verehelichung nötig werden. Auf diese Weise bekam er meine Papiere nicht zu Gesicht, und er wußte nicht, was es bedeutete, wenn der Standesbeamte mich nur als geborene Schwarzeis verlas bei der Trauung. Mußte ich meinen Mann nicht schützen – ich, die ich ihn durch mein unseliges Verschweigen zum Mörder machte?« »Jetzt begreife ich«, sagte Winterfeld leise. »Erzählen Sie weiter!« »Er durfte in der verhängnisvollen Nacht unvermutet vom Dienst heimkehren. Er fand mich nicht vor. In meiner Sorge um die Mutter hatte ich versäumt, ihm auf irgendeinem Wege Nachricht zu geben über meinen Verbleib. Stundenlang wartete er vergeblich auf meine Heimkehr, und er geriet schon dadurch in Aufregung. Dann öffnete er die auf unserem Eßtisch liegende Tasche und fand den Zettel. Jetzt glaubte er zu wissen, wo ich war. In besinnungsloser Wut rannte er vor das Haus Beverstorffs, um mich beim Herauskommen zu ertappen. Warum er meine Handtasche mitnahm, dafür hatte er allerdings selbst keine Erklärung.« »Woher wissen Sie das alles?« forschte Winterfeld. »Er gestand es mir ein, als ich ihm endlich den Mord auf den Kopf zusagte. Das war am Morgen jenes Tages, an dem er nach einem Streit mit Kommissar Weinreich zusammenbrach.« »Und wie vollbrachte er die Tat?« »Nachdem mein Mann eine Weile vor dem Beverstorffschen Hause auf und ab geschritten war, entdeckte er im Schloß der Haustür den Schlüssel, den nur ich abzuziehen vergessen haben kann, als ich nach der Auseinandersetzung mit Beverstorff das Haus verließ. Mein Mann trat ein. Wie er mir erzählte, fand er im ersten Stock die Flurtür offen. Auch das gehört mit zu meiner Schuld. Allerdings befand ich mich in schrecklicher Aufregung, da Beverstorff ohne jeden Grund meiner Mutter und mir die seither gewährte Unterstützung verweigerte.« »So also gelangte er in die Wohnung«, staunte der Richter über die Verkettung unseliger Zufallstatsachen. »Er öffnete einfach die Tür, an deren Schwelle er einen Lichtschein schimmern sah. Beverstorff lag lesend im Bett. Er sprang sofort auf. Wahrscheinlich glaubte er sich gegen einen Einbrecher verteidigen zu müssen. Er warf sich blindlings auf meinen Mann, der doch ohnehin schon rasend war vor Wut auf seinen vermeintlichen Nebenbuhler. Beverstorff stürzte zu Boden. Als er lag, stieß mein Mann ihm das Messer in die Brust.« »Was für ein Messer – wie kam er denn dazu?« Achselzuckend gab Alma Auskunft: »Er will es aus unserer Küche mitgenommen haben in der Absicht, mich niederzustechen, sobald ich aus dem Haus käme. Als er nach der Tat sogleich in seinen Dienst ging, hat er das Messer von der Mathildenbrücke aus in den Fluß geworfen.« »Das wäre ja nun alles klar«, urteilte der Richter. »Wie ist das aber mit den Blättern, aus denen Ihr Schützling Sylvia Rickstetten gelesen haben will, in der Niederschrift habe Ihr Mann Sie des Mordes geziehen?« Frau Alma meinte: »Das Mädchen mißverstand, was der Geisteswirre in zusammenhanglosen Sätzen aufgeschrieben hatte. Ich selbst, die das Geheimnis doch kannte, fand mich nur mühsam in der Niederschrift zurecht. Soweit ich die Worte verstand, bat mein Mann mich, alles einzugestehen, gepeinigt von seiner Angst, es könne das, was er gewollt hatte, zur Wahrheit werden.« »Daß der Verdacht auf Sie fiel?« »Ja, denn er hatte aus meiner Handtasche die Puderquaste und die Spange zu dem sich in seinem Blute wälzenden Sterbenden gelegt. Die Haare aber wickelte er ihm um die Finger. Die Tasche muß noch heute in seinem Arbeitspult auf dem Kriminalamt vorhanden sein.« »Ein furchtbarer, ein heimtückischer Mörder«, sagte Winterfeld vor sich hin. »Weil er Spuren schuf, die mich verdächtigen sollten? Diese Absicht kann ich nur als die Ausgeburt eines rachsüchtigen Geistesgestörten auffassen. Und geistesgestört war er schon länger. Er grübelte oft unheimlich vor sich hin. Dann fürchtete er sich vor Szenen, die sein Beruf ihn zu sehen zwang. Als ich erst einmal wußte, er sei der Mörder Beverstorffs, entdeckte ich mit Grauen, er müsse den Verstand verloren haben.« »Wahrscheinlich erklärt sich aus diesen Tatsachen auch sein körperlicher und seelischer Zusammenbruch«, meinte Winterfeld. Weinend sagte die unglückliche Frau: »War es nicht meine Pflicht und mein menschliches Recht, ihn dem Zugriff des Gerichtes zu entziehen? Und – außerdem – ich habe meinen Mann geliebt.« »Nur ein sehr einsichtsvoller Richter wird Sie verstehen können«, bestätigte Winterfeld voll Mitleid. Frau Alma erhob sich und sagte: »Eine Last ist mir vom Herzen, und ich bin ruhig geworden. Ich fürchtete mich vor dem Alleinsein in dieser Nacht. Jetzt habe ich Sehnsucht nach der Stille. Lassen Sie mich in meine Zelle zurückbringen!« Schweigend drückte der Untersuchungsrichter den Klingelknopf. Der Wachtmeister kam. Ein dankbares Lächeln erhellte das Antlitz der Gefangenen, als sie mit einem Händedruck stumm von Winterfeld Abschied nahm. Von den Türmen der Stadt summten die Glocken Mitternacht, als der Untersuchungsrichter die Straße betrat. Er dachte: »Sie hat viel gefehlt, die Aermste. Aber sie wird mit der Barmherzigkeit ihrer Richter rechnen dürfen.« Dann nahm er sich vor, die unglückliche junge Frau nicht zu vergessen, um ihr nach verbüßter Strafe bei einem neuen Aufbau ihres Lebens behilflich zu sein. * Am nächsten Abend standen die Menschen Kopf an Kopf auf dem Alten Markt und starrten hinauf in die Finsternis über den Giebeln. Unablässig wanderten die feurigen Buchstaben durch das Dunkel. Plötzlich blieb es eine Zeitlang finster dort oben. Dann zuckte die Flammenschrift von neuem auf. Wort für Wort glitt dahin: »Der ›Kurier‹ meldet: Schweres Schiffsunglück bei Helgoland. Ein englischer Dampfer rammte im Nebel die deutsche Brigg ›Morgenstern‹. Der Segler sank so schnell, daß keine Hilfe gebracht werden konnte. Der Kapitän Alvens und die gesamte Mannschaft verloren das Leben.« Danach eilte es glitzernd und funkelnd durch die Nacht: »Besuchen Sie das lustigste Kabarett der Welt! Im Pamelapalast können Sie sich jedes Leid vom Herzen lachen.« Und dann kam es wieder: »Im Untersuchungsgefängnis endete durch Selbstmord die in dem Beverstorffschen Mordprozeß der Tat angeklagte Alma Schulze.« – Vom Turm der Kirche am Alten Markt brummte die Glocke die Stunde. In das Erz dieser Glocke eingegossen sind die Worte: »Lebende ruf' ich, Tote beklag' ich!«   Ende.