Felix Hollaender Sturmwind im Westen Carl Hinstorffs Verlag / Rostock I. Als Advokat Gent in den hell erleuchteten Flur trat, stieß er gerade auf den Kollegen Heller, den er erst vor wenigen Tagen draußen im Moabiter Gerichtspalast kennen gelernt hatte. Sie begrüßten sich kurz. Dann wies Heller auf die Dame, die vor einem dieser prunkvollen Spiegel stand und in lässigen, müden Bewegungen ihre Toilette in Ordnung brachte. »Meine Frau – Kollege Gent!« Gent verbeugte sich sehr tief, während die Dame kaum ihren Kopf neigte. Diese Vorstellung zwischen Tür und Angel schien nicht nach ihrem Geschmack zu sein. Gent hatte kaum ein paar landläufige Worte hervorgebracht, als sie schon ihres Mannes Arm genommen, und während die Diener die Flügeltüren zurückschoben, in den hell erleuchteten Saal trat. Gent stand einen Moment verdutzt da. Eine unangenehme Empfindung beschlich ihn. Aber unmittelbar darauf mußte er lächeln. Wie feierlich Hellers Vorstellung geklungen hatte, in einem Tone, als ob er die bedeutsamste Mitteilung zu machen hätte. Von der Dame hatte er so gut wie nichts gesehen. Und doch war es ihm, als ob er bei diesem flüchtigen Blick etwas Befremdliches auf ihren Zügen gelesen hätte. Er strich sich das Haar zurück, dieses dünne, etwas ins Rötliche spielende Haar, zupfte sich vor dem Spiegel die Kravatte zurecht und betrachtete sich mit etwas selbstironischer Miene. Mit dem ein wenig vorgeschobenen Bauch, den kurzen Beinen und dem breiten Nacken, seinem starken Gesicht mit der niedrigen, schräg abfallenden, Stirn, den kleinen ein wenig zugekniffenen Augen und dieser etwas allzubreit geratenen Nase, unter der ein starker rotblonder Schnurrbart aufdringlich hervortrat, schien er freilich nicht dazu angetan, Eroberungen zu machen. Und doch lag auf seinem Gesichte eine gewisse Intelligenz, eine ehrliche Nachdenklichkeit und manches andere, was ein erster Blick nur selten zu enträtseln vermag. Als Gent kaum auf der Schwelle des Saales war, kam ihm mit wohlwollender Bewegung der Hausherr entgegen. »Warum so spät, mein Lieber, warum so spät?« Und ohne erst Gents Antwort abzuwarten: »Na, kommen Sie nur, Herr Rechtsanwalt, kommen Sie nur, ich will Sie mit meinen Gästen bekannt machen.« Dabei klopfte ihm der redselige Herr in nervöser Ungeduld auf die Schulter und zerrte ihn von einer Gruppe zur anderen. »Ah, kennen Sie Ihren berühmten Kollegen Dörmann?« fragte er plötzlich. »Nein, Herr Kommerzienrat,« entgegnete Gent, »und wenn ich ...« Der Kommerzienrat schnitt ihm das Wort ab, seine hagere Gestalt schien noch zu wachsen und auf dem ewig unruhigen Gesicht mit dem glatt ausrasierten Kinn strahlte es heller auf. Er hatte ihn wieder am Arm und schleppte ihn mit sich fort. »Lieber Dörmann ... einen Augenblick ... nur einen Augenblick!« Der Gerufene kam langsam näher, er streckte Gent kollegial die Hand entgegen und tat ein paar nichtssagende Bemerkungen; in diesem Moment wurde der Kommerzienrat abberufen, und auch Dörmann empfahl sich plötzlich. »Verzeihen Sie, die gnädige Frau dort!« Und schon war er fort, und Gent blickte ihm mit kaum merklichem Lächeln nach. Dörmann war der gesuchteste Anwalt Berlins, eine Zelebrität allerersten Ranges. Dabei hatte es mit seinem Privatleben eine eigentümliche Bewandtnis. Laute Gerüchte und seltsame zugleich schwirrten über ihn umher. Auf Advokat Gent hatte dieser Mann mit seinem an den Schläfen bereits ergrauten Haar, dieser langen und gebogenen Habichtsnase, den Augen, die unter dem Kneifer nervös hin- und herfuhren, ohne jemals zu verweilen, mit seiner schlanken, geschmeidigen Gestalt und diesem schrillen, unangenehmen Organ beinahe abstoßend gewirkt. Langsam und nachdenklich schritt er durch den Saal und betrachtete halb spöttisch, halb aufmerksam diese Gesellschaft der großen Börsenleute, die sich hier im Hause des Kommerzienrats Bär zusammengefunden hatte. Einige Advokaten und Ärzte, nach irgend einer Richtung die Bediensteten dieser Großfinanziers, einige Herren und Damen aus der Bühnenwelt störten kaum das Gesamtbild, dessen Rahmen prunkend und glänzend genug, immerhin eine gewisse Solidität aufwies. Er lächelte still in sich hinein. Es kam ihm von ungefähr in den Sinn, wie er in diese Kreise gekommen war, wie man ihn in diese Sphäre gezogen hatte, bloß weil er den Passierschein besaß, der hier allein als Wertmesser der Persönlichkeit gilt. Nun fuhr er zusammen, als er seinen Namen nennen hörte. Der Kommerzienrat war wieder auf ihn zugetreten. »Pardon,« sagte er lächelnd, »wenn ich Sie in Ihren ernsten Gedanken störe, aber die Pflicht, die Pflicht – unangenehme Sache das – da in zwölfter Stunde Absage – die ganze Tischordnung gestört – meine Frau ist außer sich – na Sie – Sie haben keinen Grund, böse zu sein – möchte Sie nur mit Ihrer Tischdame bekannt machen. Gent lächelte. Hinter der verlegenen Miene des Kommerzienrats vermutete er, daß er irgendwie den Lückenbüßer spielen sollte. Er besuchte überhaupt nur selten und ungern Gesellschaften. Und im Begriff einzuwenden, daß er ebensogern ohne Dame zur Tafel gehen würde, unterbrach der Kommerzienrat seinen Gedankengang mit den Worten: »Sie sollen nämlich Frau Rechtsanwalt Heller zu Tische führen.« Er verbeugte sich plötzlich sehr tief und murmelte etwas Unverständliches. »Na, sehen Sie,« gab der Kommerzienrat zurück, und als Gent bemerkte, daß er der Dame bereits flüchtig vorgestellt sei, war der Kommerzienrat mit einem: »Dann haben Sie wohl die Güte sich sofort zu ihr zu bemühen,« bereits wieder verschwunden. Langsam ließ Gent sein Auge durch den Saal gleiten. Und als er Frau Heller ganz im Hintergrunde entdeckt hatte, ging er gerade auf sie zu. Sie saß neben einer ihm unbekannten Dame von auffallendem Äußeren, die, wie es Gent dünkte, zumal von den Herren der Gesellschaft beinahe aufdringlich beobachtet wurde. Er wollte eben zu den Frauen, die in eifrigem Gespräche schienen, treten, als Dörmann an ihm vorüberschoß und der Unbekannten mit einer galanten Verbeugung seinen Arm bot. In diesem Augenblicke entstand im Saal eine Bewegung, Livreediener trugen kleine Tafeln in den hell erleuchteten Raum und die anstoßenden Gemächer, das elektrische Licht strahlte noch um eine Nuance heller, und von allen Seiten kamen wie auf Kommando die einzelnen Paare, um zu Tisch zu gehen. Advokat Gent wurde sehr unruhig und ging mit einer hastigen Bewegung auf Frau Heller zu. »Gnädige Frau, ich habe die Ehre, Sie zu Tisch zu führen.« Er verbeugte sich leicht und reichte ihr den Arm, den sie schweigend nahm. Gleichzeitig suchte er nach einer Phrase, um eines jener Gesellschaftsgespräche einzuleiten. Da überkam ihn eine seltsame Verlegenheit. Er fand nicht das rechte Wort. Nun streifte er sie mit einem schnellen Blicke und fand, daß sie sehr bleich und sehr müde aussah. »Haben Sie irgendeinen Wunsch bezüglich des Platzes?« fragte er unvermittelt. »O, nein!« sagte sie und schüttelte den Kopf. Nun blieben sie stehen. Er schob ihren Stuhl ein wenig zurück und atmete ordentlich erleichtert auf, als sie sich beide gesetzt hatten. Der Diener trat mit silbernen Platten an sie heran, und während sie sich bediente, hatte er Gelegenheit die lässige Sicherheit ihrer Bewegungen zu bewundern. Sie schien absolut nicht willens, ihm die Unterhaltung zu erleichtern, vielmehr in aller Ruhe abzuwarten, wie er sich aus der Affaire ziehen würde. »Gnädige Frau!« sagte er endlich, »ich weiß wahrhaftig nicht, worüber ich mit Ihnen reden soll. Mir widerstrebt es,« fuhr er in einer ihm selbst ungewohnten Hast fort, »Ihnen mit den abgedroschenen Redensarten aufzuwarten – ich fürchte, Sie könnten dann, wäre dies überhaupt möglich, noch mehr verstummen.« Sie hatte ihr Lorgnon genommen und sah einen Moment zu der Dame hinüber, die kurz zuvor neben ihr gesessen. »Wie amüsant das klingt!« entgegnete sie, und ein feines Lächeln erhellte für eine flüchtige Sekunde ihr bleiches Gesicht. »Wenn Sie das amüsiert,« gab er schnell zurück, »so bin ichs gewiß zufrieden – in jedem Falle aber ist es wahr!« »So haben Sie höchst wahrscheinlich jeder fremden Dame gegenüber dasselbe Empfinden!« »Nein!« antwortete er schnell, »ganz gewiß nein!« »Und darf ich fragen, wieso ich zu dem Vorzuge komme?« »Man hat für viele Dinge oft keine Gründe,« erwiderte er langsam und sah mit einem Male in einer unbewußten Bewegung in ihre grauen, umflorten Augen. »Das wissen Sie ja selbst,« fügte er hinzu, »ein instinktives Empfinden leitet uns so häufig.« Bei seinen letzten Worten trat eine leise Röte, die sogleich wieder schwand, auf ihr Gesicht. »Mit solchen Gefühlen sollte man sehr ... sehr vorsichtig sein,« sagte sie, und ein ironischer Ton klang aus ihren Worten. Er sah sie verdutzt an, faßte sich jedoch schnell. »Sie glauben nicht an Instinkte? Sie glauben nicht, daß wir oft sehr unfrei handeln, vielleicht gerade der Natur, die wir an uns zu kennen vermeinen, entgegengesetzt?« Sie hielt bei seinen letzten Worten im Zerschneiden einer kleinen Pastete, die vor ihr lag, inne und legte das Messer zur Seite. »Gewiß gibt es Instinkte,« entgegnete sie rasch, »davon bin ich überzeugt, nur meine ich, man sollte nicht jedes unklare Empfinden so nennen. Und was Sie weiter über unfreies Handeln gesagt haben, so kann ich Ihnen darin wirklich nicht zustimmen. Ja, mich dünkt, daß Sie sich selbst bereits widerlegt haben. Jeder Mensch handelt nach natürlichen Anlagen und Gesetzen denke ich, und seine Handlungsweise kommt ihm nur dann befremdlich vor, wenn er sich über sein Wesen unklar ist, das heißt über sich selbst nicht genügend nachgedacht hat. Wenn man eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, so sollte ich meinen, daß man sehr frei und sehr bewußt handeln wird, ja dann ...« Sie hielt inne, ein leichter Hustenanfall hinderte sie am Weitersprechen. Sie hatte ihr Batisttüchlein vorgenommen und den Kopf ein wenig zur Seite gebeugt, so daß er deutlich ihr welliges, braunes Haar sah. Es war in einen Knoten geschlungen und an den Schläfen nach dem Modell der Madame Sans-Gêne geordnet. »So etwas ist sehr unangenehm!« sagte sie, während sie wieder nach ihrem Besteck griff. Sie schien auf irgendeine Entgegnung zu warten und sah fragend zu ihm hin. Er wurde durch diesen Blick sehr verlegen. »Gewiß ... gewiß!« stotterte er und kam sich geradezu lächerlich vor. Aber sich zusammenraffend sagte er, während er sie voll anblickte: »Ihre Auseinandersetzungen haben mich ganz eigentümlich berührt, gnädige Frau, das klang alles so klar, so sehr klar aus dem Munde einer Frau ... so ... so nachdenklich.« »Ist das aus Ihrem Munde ein Kompliment, oder ein Vorwurf?« Er überhörte diese Frage. »Notabene,« sagte er, »ich bin nicht ganz Ihrer Meinung, ich bin der Ansicht, daß man durch bloßes Nachdenken oft zu recht schiefen Urteilen über sein eigenes Wesen kommen kann ... aber das sind Erörterungen, die wir zwischen Pastete und Bechersrand kaum zu Ende führen dürften. Sie jedenfalls scheinen über sich und manches andere viel gegrübelt zu haben.« »Ich bin lange Zeit krank gewesen,« erwiderte sie einfach, »da hat man Zeit und Muße, da kommt man auf Ideen, die eigentlich recht simpel sind, aber im Munde einer Frau – wie sagten Sie rasch, ach ja – so nachdenklich klingen!« »Mir lag es fern, Sie zu verletzen, gnädige Frau!« warf er betroffen dazwischen. »Sie haben mich auch nicht verletzt, gar nicht!« Sie lachte leise auf und lehnte ihren Kopf ein wenig auf die rechte Schulter. »Wie lange sind Sie verheiratet?« fragte er nach einer kleinen Weile. »Vier Jahre!« »Das ist eine lange Zeit!« gab er in gedämpftem Ton zurück. »Und dazwischen sind Sie krank gewesen?« »Ja,« antwortete sie, »zwei volle Jahre.« Und dann mehr für sich: »Die beiden letzten Jahre.« Er sah ihr jetzt voll in das Gesicht, in dieses blasse, durchsichtige Gesicht, dessen Stirnadern ganz leise sich beim Sprechen hoben, und in dessen feingeschwungenen, herbe aufeinander gepreßten Lippen zwei bittere Falten mündeten. Ihm schien es fast, als ob etwas Vergrämtes auf ihren Zügen läge, etwas, das zum Mitleid stimmte, dann aber wieder ein rätselhafter Ausdruck, als wollte sie sich begehrlicher Neugier versagen. »Sind Sie eigentlich schon lange in Berlin?« begann sie von neuem, als sei es ihr gleichsam peinlich, seinen stummen Blicken ausgesetzt zu sein. »Seit einem halben Jahr, Gnädige!« »So, dann sind Sie ja noch Neuling in diesen Kreisen.« Und sie lächelte ein wenig spöttisch. »Und wo waren Sie vorher ansässig?« »Überhaupt noch nicht – ich bin erst seit zwei Jahren fertig, ging nach dem Staatsexamen lange auf Reisen und siedelte dann von Breslau nach Berlin über. Wer ist eigentlich diese wundervolle Frau?« unterbrach er sich plötzlich, »die mein berühmter Kollege Dörmann zu Tisch geführt hat.« »Ah, Sie meinen Frau Dr. Berger, mit der ich vorhin gesprochen habe!« Er nickte. »Das ist ein Roman, ich meine die Antwort auf Ihre Frage ist ein ganzer Roman. Ihr Mann, sehen Sie den kräftigen Herrn, der ihr gegenübersitzt, der mit dem brutalen Gesicht, den rotblonden Koteletten und der Künstlerlocke auf der Stirn hat sie irgendwo entdeckt, ich glaube sie machte Putz und stammte aus ganz kleinen Verhältnissen ... Er kaufte sie wie ein Stück Ware, ihre ganze Familie war tief beglückt, ja wie so eine Art von Schmuckstück kaufte er sie, das man in den Salon stellt und von den Gästen bewundern läßt. Es ist übrigens ein problematischer Haushalt – man nennt in Berlin das Bergersche Haus den Männertrost – es wimmelt nämlich dort von Herrenbesuch. Abgeordnete, Gelehrte, Künstler ... was Sie wollen. Mir tut die Frau, leid,« fügte sie nachdenklich hinzu. »Warum tut Ihnen die Frau leid, lebt sie nicht glücklich?« »Das ist eine triviale Frage!« entgegnete sie. Er verbeugte sich kurz. »Wie kann sich so ein armes Haremswesen glücklich fühlen, der Mensch hat sie nur geheiratet, um mit ihrer hübschen Larve in den Salons zu renommieren und für sein Haus einen Anziehungspunkt zu haben ... raffinierte Berechnung und maßlose Eitelkeit.« »Die Frau ist in der Tat von seltener Schönheit,« gab Gent zurück. »Was ist eigentlich ihr Mann – Arzt?« »Nein. So eine Art von verkrachtem Juristen soll er sein, der eine Assessoren- und Referendar-Presse abhält und, von dem sagt, besonders von der jeunesse dorée viel gesucht, wird.« »Und wie kommen die Leute hierher?« Sie blickte ihn jetzt scharf an, dann betrachtete sie, bevor sie antwortete, einen Moment ihre schlanken Hände, an denen kostbare Steine glänzten und sagte langsam und gedehnt: »Der Kommerzienrat schätzt diese Frau.« Er sah verwundert zu ihr empor und hatte offenbar eine Frage auf der Zunge. »Ist das ein Privat-Geheimnis?« brachte er endlich hervor. »In diesem Saal für niemanden, da ich wohl sonst kaum darüber gesprochen hätte; nebenbei bemerkt bitte ich Sie, mich nicht mißzuverstehen; man nimmt sogar im allgemeinen an, daß unser lieber Wirt hier vergeblich schätzt.« »Hier?« wiederholte er. »Der Kommerzienrat ist vielseitig,« entgegnete sie mit einem verächtlichen Lächeln – ein Viveur im großen Stil.« »Und die Kommerzienrätin?« »Ist eine müde Frau! Wenn Sie erst länger in Berlin sind, wird so etwas kaum noch befremdlich auf Sie wirken. Ich mache mich übrigens keiner Indiskretion schuldig,« setzte sie ironisch hinzu; »denn die Beteiligten sprechen in aller Harmlosigkeit selber darüber. Man hält das für zu selbstverständlich, um sich darüber zu entrüsten. Irre ich nicht, so werden Nebenausgaben dieser Art auf das Pünktlichste in den Geschäftsbüchern dieser Matadore gebucht!« Der Ton ihrer Stimme hatte müde geklungen, und gleichgültig ließ sie jetzt ihre Augen über die Gesellschaft gleiten. In diesem Moment fühlte sich Advokat Gent von ihr geradezu abgestoßen. Er hatte das unangenehme Gefühl, als ob ein eisiger Hauch von diesem Wesen zu ihm hinüberströmte. »Wissen Sie, gnädige Frau, daß es etwas Erschreckendes hat, mit welch starrer Gelassenheit Sie die chronique scandaleuse enthüllen?« »Meinen Sie wirklich!« Und eine aufflammende, ebenso schnell verlöschende Glut bedeckte ihre Züge. Er tat, als ob er diese Veränderung nicht bemerkte; eine große Sicherheit überkam ihn, eine Mannes-Überlegenheit, die in der Regel etwas Grausames in sich birgt. »Ist es sehr unbescheiden, nach Ihrem Alter zu fragen?« wandte er sich wieder an sie. Sie knippste, bevor sie antwortete, ihr Armband zu, das an ihrem schmalen Handgelenk sich von ungefähr gelöst hatte. »Was sollte daran unbescheiden sein – ich bin zweiundzwanzig Jahre!« Er schnellte in die Höhe, während er sich gleichzeitig ärgerte, daß er seiner Überraschung einen so unzweideutigen Ausdruck gegeben. Sie kam ihm zu Hilfe ... sehr einfach ... sehr schlicht ohne irgendwelche Bedenklichkeit. »Jeder Mensch hält mich für älter – wenn man sehr krank gewesen ist, verfliegt die Jugend eben schnell, das ist doch ein natürlicher Prozeß.« Er bejahte es mit einer leisen Kopfbewegung, zu feinfühlig, um mit einem tristen Kompliment sich aus der Verlegenheit zu ziehen. »Herr Gott, Sie müssen doch ein reines Kind gewesen sein, als man sie verheiratete.« Nun begann sie auf einmal hell aufzulachen. Er aber mit einer sehr verlegenen Miene: »Verzeihen Sie, wenn ich etwas Unschickliches gesagt habe.« Sie wurde sofort wieder ernst, und ihr lachendes Gesicht, das eine Sekunde total verändert ausgesehen, zeigte wieder seinen alten Ausdruck. »Gewiß, ich war ein Kind – aber eben deshalb irren Sie, wenn Sie glauben, man hätte mich verheiratet – das war wirklich eine reine Neigungspartie.« Er legte unwillkürlich die Serviette beiseite, und ohne zu wissen, weshalb, verbeugte er sich. Fast gleichzeitig erhob man sich von den Tischen. »Gnädige Frau!« Mit einer anmutigen Neigung ihres Köpfchens nahm sie seinen Arm. »Sie haben mich wirklich gut unterhalten – meinen verbindlichen Dank.« Und wieder kräuselten sich ihre Lippen zu einem verlorenen Lächeln. Er antwortete nichts. Aber er fühlte sich sehr gedemütigt und gedrückt, ohne sich bewußt zu werden weshalb. Erst viel, viel später erklärte er sich diesen Zustand aus seiner verletzten Eitelkeit, die vorschnell allerlei verwegene Schlüsse gezogen hatte. Als er sie durch den Saal führte, begegnete sie Advokat Dörmann und Frau Dr. Berger. Ganz zufällig tauschte Gent mit dem Kollegen einen kurzen Blick aus, der ihn fremdartig berührte. Bevor er noch darüber nachdenken konnte, wurde seine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe gelenkt, von der aus Kollege Heller seiner Frau lebhafte Zeichen machte. Er führte sie dorthin. Heller nickte ihm gönnerhaft zu und wandte sich sofort an seine Frau, der er einige Worte zuflüsterte. Sie entzog sich ihm jedoch mit einer schnellen Bewegung und mit den Worten: »Möchtest Du Herrn Rechtsanwalt Gent nicht vorstellen?« schnitt sie ihm jeden Einwurf ab. »Liebe Mama,« wandte er sich an die elegant gekleidete Dame mit dem etwas spitzen, lebhaften Gesicht, »gestattest Du, daß ich Dir den Kollegen Gent vorstelle. Kollege Gent – meine Schwiegermutter Frau Lerch!« Und mit einer Bewegung zu den beiden Lebemännern, die sich nicht nur in ihrer raffinierten Balltoilette, sondern auch im Gesichtsschnitte frappant ähnlich waren – »meine Schwäger, die Herren Felix und Arthur Lerch von der bekannten Firma, Sie wissen schon!« Gent verbeugte sich nach allen Seiten, und während er sich mit einer galanten Phrase an die Mutter seiner Tischdame wandte, schien es ihm, als ob die junge Frau ihn von der Seite aufmerksam beobachtete. In diesem Augenblick wurde Frau Lerch von einem alten, spitzbäuchigen und kurznackigen Herrn begrüßt, auf dessen gebogener Nase sich ein goldener Klemmer unruhig hin- und herbewegte. Neben ihm stand eine junge, zartgebaute Frau mit indifferenten, verschwommenen Zügen. Der kleine Herr war Bankier Wertheim, ein Mann von unermeßlichem Reichtum, die schmächtige Person seine an Arthur Lerch verheiratete Tochter. »So,« meinte Felix Lerch, »mit Ausnahme meiner Frau, die unpäßlich ist, kennen Sie jetzt die Familie und mögen immerhin einige Verwechselungen anrichten. Wir Lerchs sind das gewohnt.« Gent erwiderte: »Sie wenigstens von Ihrem Herrn Bruder zu unterscheiden, würde mir schwer fallen, während ich andererseits zwischen Ihnen und Ihrer Frau Schwester keine Ähnlichkeit zu entdecken vermag.« »Das will ich Ihnen gern glauben,« entgegnete lachend Felix Lerch – wir beide nämlich sind Zwillingsbrüder – und unsere Frau Schwester ist äußerlich und innerlich ein anderer Schlag, so zu sagen aus der Art geschlagen,« schloß er lachend. Das Gespräch kam nach wenigen Sekunden auf die Börse, ihre bedenklichen Schwankungen und Kurstreibereien. Gent verhielt sich sehr kühl – er habe vor Börsengeschäften einen gewissen, unheimlichen Respekt, ja, er halte dafür, daß das Verfaulen der öffentlichen Moral von hier aus seine Wurzel treibe. Die Börse schüfe mit ihren Visionen all das Unheil, und was das Schlimmste wäre, hier bildeten sich jene bedenklichen Usancen aus, die für die großen Diebe fast regelmäßig zu Rettungsankern würden. »Junger Freund, Sie sind ein Ideologe. Aber die Psychologie der Börse ist damit noch lange nicht erschöpft. Redensarten – nehmen Sie mirs nicht übel, Redensarten im Jargon der Kreuzzeitung und des Vorwärts. Kommen Sie mit praktischen Vorschlägen, wie man anders den Weltmarkt regeln soll, aber das sind ... ja lieber Rechtsanwalt, das sind Banalitäten, weiter nichts.« Felix Lerch suchte einzulenken. »Wissen Sie, worin der ganze Witz liegt, warum die Börse so angegriffen wird? Nun, ich wills Ihnen verraten. Sehr simpel ist die ganze Sache! Die Börse ist eben wie kein anderes Erwerbsleben der öffentlichen Kritik preisgegeben. Und auf der Börse, verstehen Sie mich, auf der Börse hat deshalb der Kampf, der ja überall ein verzweifelter ist, so akute Formen angenommen, der Kampf zwischen den Starken und Schwachen, weil jedes Ereignis von außen einwirkt und oft so viele Momente zu Beunruhigungen und Börsenhetzen zusammentreffen. Wissen Sie, Herr Rechtsanwalt, die Börse in ihrem ganzen Umfange zu übersehen, heißt heute auf wissenschaftlicher und technischer Höhe stehen, die ein einzelner überhaupt nicht zu erklimmen vermag. Passen Sie mal auf: Also erstens muß so einer ein ganz gewiegter Wetterprophet sein – nicht bloß wegen des Getreidemarktes, was meinen Sie wohl, wie die Tageswitterung auf uns Börsenleute einwirkt, dann ein sehr weitsichtiger Politiker, der mit allen Eventualitäten rechnet, nicht etwa bloß ein beschränkter Parteigimpel, nein, ein ganz staatsmännischer Politiker, der seine offiziöse Presse zu redigieren, mit Stimmung und Zufall zu rechnen weiß. Und zu alledem, ja, glauben Sie mir, muß sich ein genialer Instinkt und eine großartige Auffassungsgabe gesellen, die nicht ins Schwanken kommt, wenn durch irgend welche Konstellationen die Lage sich verschoben hat. Und doch,« fuhr er lächelnd fort, »sind damit erst Grenzstationen gegeben. Was dazwischen liegt ... ist einfach unendlich. Hören Sie nur: Kenntnis aller Textilbranchen, Beherrschung der Technologie, Verständnis für Bergbau und Elektrizität, mit einem Wort: ein Umfassen unserer ganzen Industrie, ein sicheres Urteil über unsere gesamte moderne Technik überhaupt. Im übrigen ist meine Ansicht die: in der Politik, wie auf der Börse heiligt der Zweck die Mittel. Und von Kurstreibereien und wildem Spekulantentum ist nur dann die Rede, wenn die Sache schief geht, dann kläfft jeder dümmste Zeitungsbengel von Börsengaunereien, die den armen Mann um seine sauren Groschen bringen. Ist hingegen der Erfolg da, fragt kein Mensch, wie er erreicht ist. Jeder bringt sein Schäfchen vergnügt ins Trockene, freut sich des leichten Gewinns, ohne zu ahnen, wie viel Schweiß dahinter steckt. Erfolg ... was ist Erfolg in der Politik wie auf der Börse? Können Sie mir dies definieren? Sicherlich nicht. Erfolg ist Zufall ... blöder Zufall, hängt von tausend unberechenbaren Kleinigkeiten ab. Und was ich immer gefunden habe und mir nicht bestreiten lasse, ist, daß nirgends so viel Treue herrscht wie auf der Börse. Hier ist das höchste gegenseitige Vertrauen, hier werden Geschäfte, wo es sich um Hunderttausende handelt, auf das bloße Wort hin abgeschlossen. Und was ich weiter gefunden habe: bei jedem Malheur, wenn es tatkräftig zu helfen gilt, ist immer die Börse voran. Nirgends ist so viel Mitleid. Ja, wenn ein armer Teufel kaput geht, hier tut man alles, um ihn über Wasser zu halten, sobald er nur halbwegs .den ehrlichen Willen hat, sich wieder heraufzuarbeiten. Man weiß, wie viel Gesundheit, Kraft und Nerven auf den Börsen Europas zugrunde gehen, und darum hat man hier das Mitleid gelernt. Und zu allerletzt noch eines,« schloß er gedämpft: »Wer das große Würfelspiel auf der Börse unternimmt, der zieht auch die letzten Konsequenzen, der weiß in zwölfter Stunde, wenn das Spiel für ihn zu Ende ist, mit einer höflichen Verbeugung vor dem eleganten Sechsläufer zu verschwinden.« Gent hatte stumm zugehört. Das schlaffe, blaß-gelbe Gesicht Felix Lerchs, seine verlebten Züge waren beim Sprechen plötzlich straff geworden, und aus den braunen, eingesunkenen Augen hatte unzweifelhaft Intelligenz gesprüht. Er war beim Sprechen lebhaft geworden und hatte in unsteten Bewegungen über sein dünnes, schwarzes Haar und die englischen Koteletten gestrichen. Er war eigentlich kein häßlicher Mensch, nur ein ausgesprochenes Gigerltum, dem er besondere Farben zu geben suchte, seine müden, blasierten Züge, die etwas hervortretende Mundpartie mit den begehrlichen Lippen – und nicht zuletzt seine abstehenden Ohren, die sich beim Sprechen beständig bewegten, wirkten abstoßend. Als er jetzt geendet, ließ er mit einer geschickten Bewegung das Monokel in das rechte Auge springen und sah sich mit einem gutmütigen Lächeln um. Er schien sich einer gewissen Überlegenheit in diesem Kreise bewußt und gewohnt zu sein, daß man seinen Ansichten Beifall klatschte. Bankier Wertheim hatte ihm mit wechselnden Empfindungen zugehört, teils wohlwollend genickt, teils energisch abgewehrt. Er liebte so resolute Naturen nicht, durch die man leicht an die Wand gedrückt wurde. Und dann verletzte es ihn geradezu, wenn in seiner Gegenwart sich eine andere Börsenautorität auftat. Er hatte überhaupt vor Felix Lerch eine unbestimmte Angst, der Mann schien ihm zu radikal, zu sehr mit neuen Projekten geheizt, wie er sich sarkastisch gegen Arthur Lerch, seinen Schwiegersohn, ausdrückte, den er gern aus des Bruders Kreisen gezogen hätte. Aber an dem Punkte scheiterte sein schwiegerväterlicher Einfluß. Arthur Lerch glich nur äußerlich seinem Bruder. Ganz in materiellen Genüssen aufgehend, hatte er einen unsäglichen Widerwillen vor jeder Arbeitsbetätigung. Dafür hatte er seine besonderen Liebhabereien. Zu seinem Bruder Felix jedoch blickte er mit einer unbegreiflichen Liebe und gläubigen Verehrung empor. Ja dieser phlegmatische und denkträge Mensch konnte in Wallung geraten, wenn man seinen Bruder angriff. Felix – ein Blender, lächerlich! Felix ist ein Genie, einfach ein Genie, pflegte er allen Einwendungen seines Schwiegervaters gegenüber zu antworten. A. \& F. Lerch lautete die Firma der Brüder, aber Arthur machte nicht den mindesten Hehl daraus, daß er zu allem, was Felix wollte, Ja und Amen sagte. Mit Felix siegen oder sterben, das ist mein Ehrgeiz. Diese Phrase wandte er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an. Als Felix geschlossen, brannte er im Grunde darauf, seiner lauten Bewunderung Ausdruck zu geben, aber eine gewisse Neugier und Eitelkeit hielten ihn davon ab. Er sah, wie alle auf Gent blickten, als müßte dieser etwas entgegnen, und er ... er wollte sich an der Verlegenheit und Scheu dieses jungen Mannes weiden, der sich mit Felix »eingelassen« hatte. Advokat Gent schwieg. Er war kein Freund dieser Gesellschaftsdebatten, ja, er hielt es sogar für unzweckmäßig, da zu streiten, wo er unverbrüchlichen Glauben vorfand. Und gewiß, er hätte kein Wort, kein einziges Wort verloren, wenn ihn nicht ein scheuer Blick aus Frau Hellers Augen getroffen hätte. Er suchte dieses jähe Aufleuchten ihrer grauen Augen festzuhalten, aber sie hatte den Kopf wieder zur Seite gewandt und sah matt und müde vor sich hin. Da reizte es ihn irgend etwas zu sagen. Und mit einer Verbeugung zu Felix Lerch in etwas lässigem Ton von oben herab sagte er: »An die Mittel, die den Zweck heiligen sollen, glaube ich nun einmal nicht, weder bei Börsengeschäften, noch Staatsaktionen. Das ist ein hinterlistiger Jesuitenkniff. Und noch weniger glaube ich an Ihr Idealbild eines Geld- und Börsenmannes, das Sie so ganz pleinair hingepinselt haben. Für mich sind das alles Spiegelfechtereien. Aber eines gebe ich Ihnen zu, kann es mir wenigstens vorstellen, daß diese Wagehälse letzten Endes selber an ihre Phantasmen glauben. Für die Beurteilung ihrer moralischen Qualitäten hingegen ist es mir völlig gleichgültig, ob ihre Spekulationen verkrachen oder von Erfolg begleitet sind ... Das Mitleid der Börse taxiere ich sehr, sehr gering. Wo der Begriff des Geldes erst mit großen Zahlen anfängt, ist es leicht, wohltätig zu sein. Und wenn Sie darin eine Lösung sehen, daß ein Mann, der unten durch ist, sich der Verantwortung entzieht, ein Zündhütchen wagt und sich von der Pfanne des bekannten kleinen Instruments die letzte Mahlzeit holt, so ist das eine Ansicht, über die ich hier nicht streiten will. Mir behagt dieser etwas geräuschvolle Schluß nicht, der durch äußere Zwangsumstände erfolgt. Wenn man so etwas tut,« schloß Advokat Gent nachdenklich, »dann darf kein Schmutz von außen an einem hängen und kleben, dann muß es, um harmonisch zu wirken, aus einem innerlich dazu vorbereiteten Menschen kommen – dann ...« Er brach jäh ab und fuhr mit einer linkischen Bewegung mehrere Male über seine Stirn. Und nun trat eine jener Pausen ein, die für unser Empfinden endlos und martervoll sind. Eine peinliche Stimmung hatte sich der Hörenden bemächtigt, zu denen sich noch der Wirt des Hauses und ein paar andere Herren gesellt hatten. Sie waren sich alle darüber einig, daß dieser fatale, junge Mann sich einfach lächerlich und taktlos benommen hatte. Von alledem hatte Gent nichts bemerkt, er war in fassungslose Verlegenheit geraten, denn die Züge der jungen Frau Heller, der einzigen, um deretwillen er gesprochen, hatten bei seinen letzten Worten eine eigentümliche Spannung angenommen. Ein fremdes Gesicht tat sich ihm auf, neu und anders als jenes, das er kurz vorher gesehen, lockend in seinem verschleierten Blick und lauernd in den leisen Falten der Mundwinkel. Er war von dieser Wahrnehmung so betroffen und noch so in sich versunken, daß er mit den Schultern emporzuckte, als der Hausherr mit etwas schriller Dissonanz die Lerchs und Bankier Wertheim zu einem écarté einlud. Heller klopfte ihm auf die Schulter. »Sind ja entsetzlich nervös, Kollege, bin übrigens mit Ihren Ausführungen zum Teil ganz einverstanden, entschieden ganz einverstanden.« Gent nickte und wandte sich zerstreut an Arthur Lerchs junge Frau, die Interesse an ihm zu nehmen schien und sehr lebhaft wurde. Er hörte kaum ihren Worten zu, warf nur bisweilen zaghafte Blicke auf Hellers Frau, die sich schweigend verhielt und teilnahmslos vor sich hinbrütete. Ihre Mutter, die mit Heller angelegentlich und leise gesprochen hatte, sah sie plötzlich scharf an. »Ist Dir etwas, Regine?« Ihr durchsichtiges Gesicht wurde noch um einen Schatten bleicher. Sie schüttelte lautlos den Kopf. Zwei Stunden nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft. Als Arthur Lerch, der vor Müdigkeit sich kaum noch aufrecht hielt, von den einzelnen Familienmitgliedern Abschied nahm, wandte er sich wie aus dem Text gekommen plötzlich mit den Worten an Felix: »Und diesen Esel von Rechtsanwalt mit seinen verschrobenen Ansichten wollte Bär in den Aufsichtsrat der Westfälischen Bank nehmen.« Bankier Wertheim lachte ironisch auf und zuckte die Achseln. II. Etwa zwei Wochen nach dieser Abendgesellschaft schritt Rechtsanwalt Heller in problematischer Stimmung aus dem großen Moabiter Gerichtsgebäude. Friedlose Gedanken bewegten ihn. Er fand sich nicht mehr zurecht in den Irrwegen der ihn umgebenden, eigentümlichen Verhältnisse. Es war auch kaum jemand da, der ihm zu helfen vermocht hätte. Er wollte nicht grübeln, gewiß nicht; denn alles Nachdenkliche lag seinem Wesen fern. Aber darüber war er sich klar, er trug nicht die Schuld – es lag in ihr und nur in ihr. Sie stand nicht mit der Mutter und stimmte nicht mit den Brüdern und machte ihm, dem Manne, das Haus zur Hölle. Weshalb sie sich ihm entzogen, ihm, dem sie sich zuerst so schrankenlos hingegeben, das begriff er nicht. Und er begriff nicht diese plötzliche Störrigkeit, die über sie gekommen, die ehedem fügsam wie ein Kind gewesen, einem bloßen Blick von ihm gehorchend, in seinen Händen weiches Wachs, und nun sich ihm entwindend, scheu und spröde. Deutlich empfand er, daß sie sich immer mehr von ihm entfernte und sein Unvermögen, ebenso gewaltsam über sie Herr zu werden. Wollte er mit starken Worten auf sie einstürmen, so verwirrten ihn ihre schreckhaften Blicke, oder es lähmte seinen Willen, wenn sie ihm schweigend zuhörte, dann lautlos sich erhob, ihn einen Augenblick durchdringend ansah und leise das Zimmer verließ. Abwarten, ruhig abwarten schien Rechtsanwalt Heller das Zweckmäßigste. Langsam ging er die Stufen hinauf. Gottlob, er hatte Appetit. Der Magen knurrte ihm ordentlich. Und hell wurde es wieder in ihm. Man kam doch eigentlich nur in gute Stimmung, wenn die Magenfrage gelöst war. Gewiß von ihr war es niederträchtig, seine frohe Laune jedesmal zu stören. Was wollte sie eigentlich von ihm? Konnte es einen Genügsameren geben? War es ein vermessener Wunsch, wenn er eine angenehme Häuslichkeit und die Erfüllung dessen, was in ihrer Frauennatur lag, forderte. Er wurde ganz unwillig. Es kränkte ihn, daß er nicht wie früher den Mut fand, sie anzufahren und ihr den Text zu lesen. Er fluchte auf die Ärzte. Nerven – wo es sich um Launen handelte; Schonung, wo es vielleicht gerade darauf ankam, seinen Manneswillen durchzusetzen. Sein frisches Gesicht nahm einen kläglichen Ausdruck an. Was hatte er in seiner Ehe nicht schon alles durchgemacht. Was war das überhaupt für eine Ehe? Und wohin sollte das führen? War er nicht ein Narr, wenn er diese Demütigungen ertrug, sich mit befremdlicher Gebärde von ihr bei Seite schieben ließ, so oft ihn starkes Empfinden zu ihr trieb? Und wie leise das alles eingesetzt, wie versteckt, verstohlen und heimlich, so daß er es nicht verstand, und hilflos, in sich selbst unsicher und verlegen wurde, die Wandlung erst begriff, als er ihre ätzenden Wirkungen verspürte. Wenn er nur ahnte, was sie trieb und bewegte. Die Lerchs trösteten ihn: es hinge wohl doch mit ihrer langen Krankheit zusammen. Und eine Zeit lang fürchteten auch alle das Schlimmste, damals, wo sie teilnahmslos vor sich hingebrütet und nicht einmal für das Kind empfänglich gewesen war. Professor Mendel hatte die Familie beruhigt, eine Melancholie, wie er sagte, die hauptsächlich in ihrem geschwächten, körperlichen Befinden begründet war. Er erinnerte sich noch ganz deutlich des peinlichen Auftritts, wie sie, nachdem der Professor fortgegangen, plötzlich aufstand und mit beängstigender Miene und einer Stimme, deren Klang dumpf, leise und doch zischend war, zu ihrer Mutter und zu ihm die Worte hervorstieß: der Professor war ganz überflüssig, für die maison de santé bin ich noch nicht reif. Und ehe er und die Schwiegermutter noch eine Antwort hervorbringen konnten, hatte sie schon die Thür hinter sich zugeschlagen und war auf ihr Zimmer geeilt. Sie mied überhaupt jede Auseinandersetzung, die ihre Person betraf. Entweder hörte sie stumm zu, ohne eine Silbe zu erwidern, oder aber sie erhob sich plötzlich, um nach einer jähen Bemerkung unvermittelt sich zurückzuziehen. Rechtsanwalt Heller schloß die Entreetür. Ein herzzerreißendes Weinen drang zu seinen Ohren. Er stampfte mit dem Fuße auf. und warf ärgerlich die Sachen von sich. Dann riß er mit einer heftigen Bewegung die Tür auf, die zum Speisezimmer führte. Niemand war drinnen. Er wollte gerade am Telephon drücken, als Frau Regine eintrat. »Was ist denn schon wieder mit dem Jungen, warum schreit er, was hat man mit ihm angestellt – was ...« Er unterbrach sich plötzlich und ging erregt durch das Gemach. »Ja, bekomme ich denn keine Antwort?« schrie er und blieb stehen. Er fühlte ferne Sicherheit wieder schwinden und wie Scheu über ihn kam und Furcht vor ihren Blicken und dem leblosen Ton ihrer Stimme, aus dem sie alles persönliche Empfinden auszuschaben wußte, als läge es in ihren schweigsamen Wünschen, immer tiefer die Furche zwischen ihm und ihr zu ziehen. »Ich weiß nicht, wen Du unter ›man‹ verstehst,« sagte sie endlich; »im übrigen, ich habe das angestellt, ich habe Fritz eingesperrt, ich! Er hat nach dem Fräulein gespuckt und wollte nicht abbitten, und deshalb darf er heute nicht bei Tische sitzen.« »Man sperrt aber kein Kind ein ... ein Kind darf auch einmal ungezogen sein. Man legt das nicht alles gleich auf die Wagschale. Und dann, wenn ich abgespannt nach Hause komme, danke ich für das Konzert, ich will mich an dem Kinde freuen, ich will ...« Das Geschrei wurde immer lauter, es schien beinahe, als ob der Knabe ahnte, daß der Papa seine Partei nahm. »Laß ihn heraus«, sagte er kurz. »Nein,« entgegnete sie, »das werde ich nicht tun, gewiß, ein Kind darf ungezogen sein, weil es keinen Verstand besitzt. Wenn es aber sein Unrecht nicht einsehen will, so muß man es strafen, so lange man noch Macht hat; so lange man es überhaupt noch leiten kann. Zieht man dann die Strafe zurück, so ist es gegen das Kind schlecht und charakterlos gehandelt.« Er schwieg einen Moment, während das Blut ihm zu Kopfe stieg. Nur, wenn sie über den Jungen stritten, stand sie ihm Rede, zwar in lästigem Zwang und kaltem Widerwillen, aber in dem Bewußtsein, daß das sein Recht und ihre Pflicht sei. Hellers gereizte Stimmung brach durch. Sein Groll mußte sich einmal entbürden. Wohl empfand er, daß sie Recht hatte, aber wie sie ihr Recht wollte, in überlegenem Hohn und steilen Worten, das kränkte ihn. Jetzt galt es nicht mehr das Kind, es galt Willen gegen Willen, und seine ganze Manneswürde stand auf dem Spiel. Rechtsanwalt Heller wurde auf einmal feierlich. Das lag überhaupt in seinem Wesen. »Ich will, daß der Junge mit uns speist,« sagte er mit erhobener Stimme, »hörst Du, ich will das.« In diesem Augenblick war er ihr lächerlich und tat ihr doch leid, leid, weil sie sich ihrer ganzen Überlegenheit bewußt wurde und so klar seinen Gedankensprung vor sich sah. Sie konnte sich ihm nicht mehr geben, dazu war es zu spät. Aber daß er sie in naiver Selbstbehaglichkeit, bloß in ihrer Härte, in ungelösten Rätseln und hysterischen Weiberlaunen empfand, peinigte ihre Frauennatur in demselben Maße, wie es sie seelisch und körperlich immer weiter von ihm stieß. Langsam wandte sie sich zur Tür, ein wenig vornübergeneigt. Heller hielt sich nicht länger. »Bleib hier!« herrschte er sie an. Und da sie tat, als hörte sie ihn kaum, war er mit einem Sprung an ihrer Seite und umklammerte ihr Handgelenk. Die beiden ein wenig vorstrebenden Vorderzähne in die Unterlippe gepreßt, zwischen den Brauen gerade über der Nasenwurzel diese kurzen, tiefen Falten, den Oberkörper jetzt halbkreisförmig gebeugt, als wollte sie niederstürzen, sah sie ihn wortlos, durchdringend an. Er ließ verwirrt ihre Hand frei und taumelte ein paar Schritte zurück. Seine weichen, knabenhaften Züge nahmen einen verstörten Ausdruck an. Sie sprach keine Silbe; lautlos verließ sie das Zimmer. Heller trat an das Fenster und preßte die Stirn an die Scheiben. Aber dann überkam ihn eine maßlose Wut. Er stand plötzlich an dem gedeckten Tisch, und ohne zu wissen, was er tat, hatte er einen Teller genommen und zur Erde geschleudert, daß die Scherben nur so klirrten. Die Tür ging auf. Mit einem Ruck wandte er sich um. Es war das Dienstmädchen, das den Jungen hereinbrachte. Sie blieb erschrocken an der offenen Tür stehen. Das Kind mit seinen verweinten Augen klammerte sich ängstlich an ihrem Rocke fest. »Was wollen Sie?« herrschte Heller sie an. »Gnädige Frau haben befohlen,« antwortete sie verschüchtert, »daß ich den Jungen zum Herrn ... und dann wollte ich fragen, ob ich auftragen könnte ... gnädige Frau sind unwohl ... das Fräulein ist bei ihr.« Jetzt fing das Kind an, laut zu weinen. »Fitzel bav sein ... Fitzel zu Mama ... Mama kank ...« schluchzte es kläglich. Advokat Heller nahm seinen Jungen auf den Schoß und wischte ihm die Tränen aus den Augen. Und zu dem Hausmädchen mit halber Stimme: »Es ist gut, Sie können die Suppe bringen!« III. Die Hellersche Ehe war gegen den Willen der Lerchs zustande gekommen. Die ungestüme Leidenschaft eines jungen Mädchens hätte allein wohl kaum ausgereicht, um Referendar Heller, der ohne Mittel und Aussichten, aus dürftigen Verhältnissen hervorgegangen war, in eine der reichsten Familien des emporgekommenen Geldadels aufzunehmen. Und in der Tat lag diese Verlobung, die damals einem Teil der Berliner Gesellschaft für eine kurze Zeit den Gesprächsstoff abgegeben, in eigentümlichen Verhältnissen begründet. Dieses junge Mädchen hatte immer in einem feindseligen Gegensatz zu seinen Angehörigen gestanden. Sie glaubte in dieser dumpfen Atmosphäre zu ersticken von dem Zeitpunkt an, wo frühreife Erkenntnis sie Menschen und Dinge ihrer Umgebung überschauen ließ. Der Verkehr zwischen ihr und der Mutter war immer ein kühler gewesen; er erhielt aber einen ranzigen und bitteren Beigeschmack, als Reginens erwachte Frauennatur für ihre instinktive Entfremdung überreiche Nahrung erhielt. Ihr ganzes, im höchsten Grade verfeinertes Schamgefühl sträubte sich dagegen; sie wollte es nicht glauben und fand doch untrügliche Beweise für das, was in engeren Kreisen als lautes Geheimnis über ihre Mutter getuschelt wurde. Sie war ein verschüchtertes, unzugängliches Kind gewesen, um das sich Frau Lerch wenig gekümmert hatte – sie wurde ein verschlossenes, in sich gekehrtes Mädchen, das jeden Umgang ängstlich mied und gerade in der Zeit seiner wichtigsten Entwickelung trostlosen Gedanken sich hingab. Es kam zwischen ihr und der Mutter nie zu heftigen Szenen, aber es kam begreiflicherweise auch nie zu herzhafter Aussprache, zu jenem besonderen, frauenhaften Wechselverkehr, der für ein junges Mädchen, wenn es zum Weibe wird, einen geheimnisvollen Zauber hat, während er der gereiften Frau eigenes Jugendleben erst zum Bewußtsein bringt. Die beiden lebten in einem Verhältnis, das, je mehr es nach außen in glatten Formen sich bewegte, für sie selbst immer unerträglicher wurde und schließlich in einen Haß, eine Feindseligkeit und Verbitterung mündete, deren unsichtbare Fäden sich immer dichter und enger verknüpften. Wenn Regine ihren Vater wie einen Schatten im Hause sich bewegen sah, einen kranken, müden Mann, der wußte und sich doch nicht wehrte, in stiller Verzweiflung seine Bürde schleppte, kampfmürbe – und in Angst vor dieser Frau, die ihn mit einem Blicke ihrer kalten, stahlgrauen Augen zu beherrschen vermochte – so meinte sie, daß alles Leben ihrem Körper entfloh. Eine nervöse Erregtheit, ein trotziges Sichauflehnen gegen jede mütterliche Autorität überkam sie, die nur durch ihre jungfräuliche Scham gezügelt wurden. Und doch ging sie in dem beängstigenden Gefühl einher, als könnte diese Spannung von ungefähr gesprengt werden, als müßte es zu leidenschaftlicher Aussprache, zu einem jener brutalen Auftritte kommen, die, sobald das letzte Wort gesprochen, ein Atmen in derselben Luft zu unerträglicher Marter machen. Auch den Brüdern, die zur Mutter hielten, Lebemänner waren und in naiver Frivolität ihrer Lebensanschauung Ausdruck gaben, fühlte sie sich fremd. So schlich sie mit ihrem Gram und ihren Sorgen einher, zu einer Zeit, wo ihre Frauennatur erwacht war, und sie in sehnsüchtigem Verlangen an irgend ein Geschöpf sich hätte klammern mögen. In dieser seelischen Verfassung trat sie ihren ersten Winter an – und auf einem ihrer ersten Bälle war es, wo sie Referendar Heller kennen lernte, der kurz vor dem Assessor stand. Heller mit seinem munteren, zutraulichen Wesen, seinem gesellschaftlich sicheren Auftreten, dem hübschen Knabengesicht, machte auf das kleine Fräulein, in dessen Phantasie die buntesten Vorstellungen hin- und herwogten, einen tiefen Eindruck. Er war der erste Mann, mit dem sie in Berührung trat und die ganze Art, wie er sie als erwachsene Dame behandelte, der Respekt, mit dem er jede ihrer Meinungen aufnahm und eifrig debattierte, versetzte sie in ein Entzücken, das sie vorher nicht gekannt hatte. Er beschäftigte sich den ganzen Abend nur mit ihr und brachte ihr junges, heiß erregtes Blut in eine ihr fremde Bewegung. Sie empfand, wie ihr Körper so eigentümlich zitterte und vibrierte – und ihre grauen, schimmernden Augen feuchteten sich kaum merklich, so oft sie seine Blicke auffing, die Bewunderung, Verlangen und ritterliche Zurückhaltung zugleich auszudrücken schienen. Ihre tieftraurige Stimmung, die in letzter Zeit sie oft zu überwältigen drohte, löste sich in weiche Zärtlichkeit auf. Sie fühlte geheimnisvolle Schauer und schuf sich von dem, der sie geweckt hatte, ein Bild, das mit der Wirklichkeit wenig gemein hatte. Sie vergaß völlig ihre Umgebung. Und wenn mädchenhafte Scheu ihr nicht Schranken auferlegt hätte, an diesem Abend wäre sie zu allem fähig gewesen. Es zuckte schmerzlich um ihre Lippen, wenn ein anderer sie zum Tanze holte; sie sah ihn dann jedesmal mit schüchterner, bittender Miene an, als hätte sie sich eines Unrechts gegen ihn schuldig gemacht. So oft sie aber mit ihm durch den Saal flog, ergriff sie eine bange Angst; sie hätte sich an ihn schmiegen mögen, während doch eine geheimnisvolle Gewalt sie zwang, jede Berührung mit ihm zu meiden. Sie fühlte, wie ihr Busen auf- und niederging, wie alle ihre Pulse klopften – und wagte nicht, ihn anzusehen. Sie schloß die Augen. Das helle Licht des Saales begann sie zu schmerzen. Sie bat ihn mit stockender Stimme, sie auf ihren Platz zu führen. – »Mir ist nicht recht wohl,« fügte sie leiser hinzu. Und da er sie erschreckt ansah, lächelte sie schmerzhaft. In dieser Sekunde glaubte sie, aller Augen seien auf sie gerichtet, und eine seltsame Furcht ergriff sie. Ihr Auge fiel, plötzlich auf ihren Vater, der in einem Winkel gekauert vor sich hinstarrte, während ein idiotisches Lächeln seine schmalen Lippen verzerrte. Dabei ließ er die Hand auf seinem dünnen Scheitel krauen und blinzelte unvermittelt zu ihr hinüber. Unter diesem Blicke fing ihr Körper zu beben an, während zugleich eine grausige Stimmung in ihr aufstieg. Sie preßte mit ihren zarten Fingern Hellers Handgelenk und grub die Zähne in ihre Unterlippe, um nicht laut aufschluchzen zu müssen. Auf ihrem Stuhl brach sie wie leblos zusammen und blickte hilfeflehend zu ihm empor. Niemals hat sie völlig begriffen, was in dieser Stunde in ihr vorgegangen. Aber während ihres ganzen Lebens ist sie die Erinnerung an diesen Abend nicht losgeworden, dessen Vorgängen sie viel, viel später eine mystische Deutung gab. Als sie nach einigen Minuten ihre Ruhe wiedererlangt hatte, lag auf ihren Zügen so viel weiche Hingebung, daß Heller sich plötzlich zu ihr niederbeugte und in einem aufwallenden Gefühle ihre Hand küßte. Sie sah ihn erschreckt mit glänzenden Augen an, während ihre zarten, fast durchsichtigen Schultern, deren Formen beinah noch unfertig schienen, in die Höhe fuhren. »Wenn Sie wüßten, wie schlecht ich bin,« sagte sie mit gedämpfter Stimme. In dem Tonklang dieser Worte lag etwas, das Heller feierlich stimmte. – Und wenn ein Gefühl der Mannes-Eitelkeit, des Sieges-Bewußtseins, dieses, zarte Wesen ganz in sich aufgehen zu sehen, ihn vorher beherrscht hatte, so trat das alles jetzt weit zurück; denn er ahnte, daß von diesem jungen Geschöpf ein Empfinden zu ihm herüberströmte, das mit den gewöhnlichen Tändeleien einer Ballnacht nichts gemein hatte. Aber während Reginens jungfräuliche Glut auch seinem Wesen Läuterung gab, schlichen sich ganz leise noch andere Vorstellungen bei ihm ein. Er war als nüchterner Kopf sich klar, daß er der arme Referendar Heller war, den man als eleganten Tänzer und vorteilhafte Ballerscheinung gerne einlud. Regine hingegen zu jenen großen Partien Berlins zählte, für die er, der Rechtsanwalt in spe, aus einer dürftigen Familie stammend, überhaupt nicht in Betracht kam. Er versuchte in einem jähen Gedankensprung, als ob er vor einem Spiegel stände, seine ganze Erscheinung zu mustern. Er lächelte still in sich hinein: am Ende ... wer konnte es wissen ... auf dieser Welt war alles möglich. Er wurde auf einmal sehr verlegen. Er hatte ihre Frage überhört, warum er so schweigsam geworden. Und ganz unsicher blickte er auf seine weißen Glacés. Es überkam ihn doch etwas wie Scham, daß er solcher Erwägungen in dieser Stunde fähig gewesen. Das junge Mädchen errötete und ganz von ihrer weichen Stimmung voll, glaubte sie ihn mit ihrer Frage verletzt zu haben, oder was sie beinahe quälte, ihm ihr innerstes Empfinden aufgedeckt zu haben. Sie erhob sich sehr rasch und mit einem kaum merkbaren Kopfnicken und fast traurigen Gesichtsausdruck eilte sie zu ihrem Vater, der verwundert aufblickte und mit einer verlorenen Bewegung über ihr schimmerndes, braunes Haar fuhr. In dieser Nacht schloß Regine kaum die Augen. Sie lag in ihren weißen Linnen und starrte in das Dunkel und leise bewegten sich ihre dünnen, schmalen Lippen. Sie hatte ihre schlanken Hände, auf denen die Adern in zarter Färbung hervortraten, über die Brust gekreuzt, während ihr welliges Haar die feingeformten Schultern berührte. Als sie gegen Morgengrauen einschlief, lag auf ihren Zügen ein banges Lächeln. Sie träumte von der Prinzessin, die verzaubert in den Rosenhecken schläft, vom Dornröschen, das der Prinz zu lösen kommt. Während der ganzen Folgezeit lebte und webte sie in dieser Traumvorstellung, suchte sie des Märchens tiefsten und geheimsten Sinn zu erschöpfen, wie er jedem Weibe aufgeht, sobald sein Frühling kommt, in der geschlossenen Knospe geheimes Leben sich zu regen beginnt. Es gab im Hause, als Regine ihren Willen erklärte, heftige und erbitterte Szenen – Mutter und Brüder stellten sich ihr schroff entgegen, und sicherlich wäre diese Verlobung nicht sobald zustande gekommen, wenn nicht plötzlich der alte Herr Lerch mit der ganzen zähen Launenhaftigkeit und Willenskraft eines Kranken, der sein nahes Ende fühlt, die Partei der Tochter genommen hätte. Heller verhielt sich als Bräutigam durchaus korrekt. Er war gegen seine Schwiegermutter von verbindlicher Höflichkeit; er erkannte ihr völlig das Recht zu, ihn als Eindringling zu betrachten, so daß Frau Lerch, da sie sich doch einer Tatsache gegenübersah, den künftigen Schwiegersohn bald ganz sympathisch fand. Regine fühlte sich davon nicht gerade angenehm berührt. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn der Ton zwischen den beiden ein kühler, zurückhaltender geblieben wäre. Aber in dem Jubel ihres bräutlichen Empfindens hatte sie für eifersüchtige Regungen keinen Raum. Die überlegene Herzlichkeit, mit der er sie behandelte, machte sie nur stürmischer. Heller gefiel sich in der Rolle eines Mannes, der mehr empfing, als er zu geben vermochte. Seine Eitelkeit hatte sich gesteigert, da er sich von allen Seiten beneidet sah. Gewiß, er war ein Glückskind. Seine künftige Lage faßte er als einen Wechsel auf gesicherte Verhältnisse, als eine Befreiung von seiner Schuldenlast auf. Daß er ein blutjunges, liebreizendes Ding mit in den Kauf bekam, konnte ihn nur fröhlich stimmen. Er kannte die Frauen und hatte seine Erfolge hinter sich. Aber gerade ihre verlangende Keuschheit, die fromme Sinnlichkeit ihrer rätselhaften Augen reizten ihn. Von alledem ahnte Regine nichts. Für sie war diese Zeit ein unerschöpflicher Quell innerlichen Lebens. Sie dachte an die Zukunft und weiche Stimmungen überwältigten sie. In seiner Scham empfand sie ihre Bräutlichkeit und zähmte ihre Liebe. Und zwischen den schneeweißen Prachtstücken ihrer Ausstattung, die zahllos, von mattblauen Bändchen umschnürt, vor ihr getürmt lagen, erwachten diese vormütterlichen Gefühle und ernsten Gedanken, diese fast düsteren Ahnungen, mit denen ein junges Mädchen der entscheidenden Stunde entgegenbangt. Sie wurde von alledem scheu und in sich ratlos und hätte doch mit niemandem über das, was sie bis in das Letzte und Innerste erschütterte, sprechen mögen. Aber dann, als der Frühling über das Land brach, jäh und ungestüm, und auf nasse Regentage glitzernde, junge Sonnenstrahlen schüchtern und leise ihre Fühlhörner nach der begehrlich lüsternen Erde ausstreckten, bis ihr Kosen immer traulicher wurde, als Erde und Sonne ganz verdächtig sich in Liebe fanden – als in weichen, warmen Lüften neues Leben zu treiben begann – zog Regine ihren Schleier zusammen. Den Schleier, der ein bleiches Gesicht verhüllte, dessen graue, umflorte Augen voll ängstlicher Spannung in verlorene Ferne gerichtet waren. IV. Ein paar Monate später kehrten Hellers von der Hochzeitsreise heim. Die junge Frau sieht müde und abgespannt aus. Aber jedem der neugierigen Frager – jedem, der es hören will, sagt sie mit ihrem feinen, müden Stimmchen, die Augen ein wenig niedergeschlagen, daß sie sich gut und glücklich fühle. Rechtsanwalt Heller tut sehr verliebt. Er schließt sich auffallend der Schwiegermutter an, die ihn über allerlei Intimitäten auszuforschen sucht – und in diesen Gesprächen kommen die beiden sich nahe, ohne daß Regine dem Einhalt zu tun imstande wäre. So treibt ein Jahr dahin, ohne daß geräuschvolle Ereignisse in Hellers Ehe sich drängen. Der Tod des Herrn Lerch reißt keine allzu tiefe Lücke. Der alte Herr ist in den letzten Monaten fast schon ein wenig wirr gewesen. Aber wenn nach außen keine Veränderungen sich kundgeben, so ist in Frau Reginens Innenleben doch so manches ganz anders geworden. Aus dem stillen Mädchen wird eine stille Frau, die der Advokat zu leiten glaubt, über deren Absonderlichkeiten er sich hinwegsetzt, weil sie ihm in allem zu Willen ist – und für deren Entwicklung er kein Auge hat. Niemanden läßt sie einen Blick in ihr Inneres tun, niemandem klagt sie, was in ihr vorgeht, aber ihr Gemüt zieht sich zusammen, und ihre tiefliegenden Augen scheinen sich immer mehr nach innen zu senken. Ihr Wesen nimmt eine Abgeschlossenheit an, die nach außen auffällt, überall, wo sie sich nur immer zeigt. In der Gesellschaft gilt sie als schöne Frau, obwohl sie sich sehr einfach und nicht gerade vorteilhaft zu kleiden pflegt. In der Tat gibt ihre äußere Persönlichkeit eine Eigenart von besonderen Reizen, wieder. Ihr ovales Gesicht zeigt eine durchsichtige Blässe, die zwischen Marmor und Elfenbeinton ihre Färbung hat. In diesem Gesicht schrecken einen fast die mandelförmigen, grauen Augen, die bald furchtsam, bald strenge über Menschen und Dinge hinwegzugleiten scheinen. Über den Augen kaum hingepinselt, nur ganz behutsam geschwungen, diese feinen Brauen, die den schmalen, herb aufeinander gepreßten Lippen geradlinig gegenüberstehen. Ihr dünnes, allzu fein geratenes Näschen, weist auf verschwiegene Rätsel, während ihr weiches Kinn mit dem leisen Grübchen den traurigen Zügen einen beinahe rührenden Abschluß gibt. Ihre Gestalt ist noch immer die eines jungen Mädchens, mittelgroß, von überschlanker Geschmeidigkeit und noch unfertigen Konturen. Sie weiß es nicht, welch Zauber von ihr ausströmt – und sagt ihrs einer, so lächelt sie müde; beim nie ist ihre Fraueneitelkeit geweckt worden. Heller liebt Regine in seiner Art, ohne zu ahnen, daß sie sich dadurch verletzt und erniedrigt fühlt. Er ist in die Ehe gekommen als ein unentwickelter Mensch, den das Leben nach keiner Richtung hin geknetet hatte. Von Hause aus gutmütig und oberflächlich, sinnlich erregt, ohne jedes tiefere Interesse, das außerhalb seines Berufes läge, gehörte er zur Kategorie jener Anwälte und Ärzte des jungen Berlin, denen als letztes Ziel die reiche Heirat vorschwebt. Ihn hatte keine jener Sorgen gepackt, die den Menschen rütteln und nachdenklich für den Ernst des Lebens stimmen. Er war im Grunde seines Wesens zu seicht, zu bequem, um auch nur auf den Gedanken zu kommen, daß er diesem siebzehnjährigen Kinde gegenüber Aufgaben und Pflichten hätte. Sie war ihm ein beschränktes, kleines Mädchen mit allerlei Schrullen, die man nicht ernst nehmen durfte. Daß sie jede Geselligkeit scheu mied und in den Ton ihrer Kreise nicht einstimmte, verdroß und erbitterte ihn. An diesem Punkte allein setzte seine Erziehung ein – und hier vergeblich. Anfangs, wie kameradschaftlich war er da zu ihr gewesen. Aber wie unglaublich hatte sie es aufgenommen, wenn er seine Junggesellenabenteuer ausplaudern wollte! Mit welch jäher, ängstlicher Miene sie ihn dann angesehen, und wie lächerlich verschämt sie sich geberdet hatte, sobald er diese gepfefferten, kleinen Geschichten zu erzählen sich anschickte, die so gewagt und belustigend sind, und von denen die anderen jungen Frauen nie genug bekommen können. Schließlich hatte er natürlich davon aufgehört, aber geärgert hatte es ihn doch! Eine verheiratete Frau – und dies Benehmen eines Kindes, wie reimte sich das zusammen? Und auch in ihrer ganzen Lebensart diese Scheu und Zurückhaltung, dieses zitternde Widerstreben, diese ausfallende Genügsamkeit. Daß ein junges, keusches Wesen anders sein mußte, als die meisten der Frauen, mit denen er zu tun gehabt, fiel ihm nicht bei; ebensowenig wie er davon eine Vorstellung in sich trug, daß Regine vor seiner stürmischen Art zusammenzuckte, daß ihr seines Empfinden litt, wenn er sie je nach dem Wechsel seiner Launen an sich preßte, um sie dann wieder kaum zu beachten. Er lebte mit ihr in jenem Mannesegoismus, dessen Naivität etwas Brutales hat, weil sie in den Kreis ihres Willens und ihrer Schlüsse stets nur sich zu ziehen vermag, nie mit dem Begehren oder dem Ruhebedürfnis einer Frau zu rechnen weiß. Regine, die alles so anders sich erträumt, ging wie eine Nachtwandlerin einher, gedemütigt in ihrem Frauenempfinden und gedemütigt vor sich selbst. Sie, sie konnte sich einem Manne ergeben haben, für den nur ihr blühender Körper in Betracht kam; der sich auch nicht die armseligste Mühe nahm, ihrem Innenleben näherzutreten! Dabei sah sie, wie er sich immer enger an ihre Mutter schloß, wie die beiden sich verstanden in Worten und Handlungen. Immer bewegter und unruhiger wurde es in ihr. Wie oft suchte sie ihrer Scheu Herr zu werden und offen mit ihm zu reden, daß es so nicht bleiben dürfe, sollte sie nicht an diesem Leben zugrunde gehen. Aber so oft sie zaghaft-gedämpften Tones begann, sah er verständnislos zu ihr empor und lächelte verlegen; nannte sie auch wohl ein kleines Schäfchen, das über all das dumme Zeug sich selber noch einmal gründlich lustig machen würde. Versuchte sie es dann noch einmal ganz leise, ganz schüchtern und doch mit jener instinktiven Beharrlichkeit einer Frau, die für ihr Bestes kämpft, so konnte es geschehen, daß er ganz außer sich geriet und mit wilden Worten sie anfuhr, schließlich sie stehen ließ und zur Schwiegermutter lief, um dort in seinen Ehenöten Trost und Rat zu suchen. Dann sah sie ihm wohl angstvoll und mit gequälten Blicken nach, sie wollte ihn rufen. Aber die Kehle wehrte sich gegen ihren Willen – und sie fühlte, wie alle Kraft sie verließ. Sie drückte in stiller Verzweiflung die Spitzen ihrer Finger in den Tisch, als könnte sie nur so Halt gewinnen, als müßte sie durch körperliches Weh den Schmerz da innen betäuben. Doch deutlich erkannte sie, wie jedesmal nach solchen Erlebnissen in ihr sich etwas loslöste, wodurch sie ärmer und leidvoller noch wurde, als zuvor. Und dann überfiel sie jenes Fürchten, die Stunde möchte kommen, wo sie ihm nichts mehr zu geben hätte und sie fröstelnd seine Nähe meiden müßte. Gab es doch schon jetzt Augenblicke, wo sein Wesen sie zurückstieß, und sie das Differenzierte ihrer Natur im Gegensatz zu der seinigen dunkel empfand. Mitleidig konnte sie lächeln, wenn er ihr ungestüme Szenen machte, sobald eine seiner Leibspeisen auf der Tafel fehlte Er wollte es gut haben. Er wollte es bis in die letzte Kleinigkeit gut haben, und nichts sollten seine Lüste entbehren. Das verstand er unter satter Behaglichkeit. Auch wünschte er, daß, wenn er heimkehrte, ein festlicher Empfang seiner wartete, daß er als Herr des Hauses gewissermaßen wie ein kleiner König von ihr eingeholt wurde. Sie sollte sich eben erinnern und treu im Gedächtnis es bewahren, daß sie es gewesen, die die Fangarme nach ihm ausgestreckt und ihn um jeden Preis zu gewinnen gesucht hatte. So wollte er es; denn solches Gedächtnis war sie seiner Manneswürde schuldig. Aber vor allem wollte er Staat mit ihr machen, um ihrer glänzenden Schönheit willen beneidet werden. Was sollte ihm ihre Schönheit, wenn er sie allein genoß, wenn er nicht allsonntäglich auf der Promenade in der Tiergartenstraße die Komplimente schlürfen konnte. Wie feierlich er einherschritt voll Ernst und strenger Haltung, indem er sich den Anschein gab, als hörte er nicht die bewundernden Worte, die vor und hinter ihm getuschelt wurden: Nein diese kleine Frau Heller ... wie entzückend sie heute wieder aussieht ... dieser Charme ... diese Anmut ... oder: Was dieser Heller doch für ein Glück gemacht hat ... neben all dem andern noch so ein Engelsbild. Solche Worte schwellten ihm die Brust. Da fühlte er sich. Da wußte er, wer er war, und was er galt. In solchen Momenten liebte er sie wirklich und zog sie enger an sich. So einen Sonntagvormittag, wo man die ganze Bekanntschaft aus der Voß- und Regenten-, der Viktoria- und Bellevuestraße an sich vorüberdefilieren ließ, hätte er nicht missen mögen. Daß sie sich auch dagegen immer und immer wieder sträubte, brachte ihn schier zur Raserei. Gewiß, dann konnte er brutal werden, dann vergaß er jede Rücksicht. Aber dann trug sie selbst die Schuld, sie hatte ihn gereizt, sie hatte ihn dazu gebracht. Er wurde vor Wut ganz bleich, als sie in verhaltenem Schluchzen einmal hervorstieß, weshalb er nicht eine Schaubude eröffnete und gegen freies Entree Vorstellungen mit ihr arrangierte. Das hatte er ihr nicht vergessen. Und von dem Tage an begann er sie schlecht zu behandeln. Er wollte sie erziehen. Er wollte sie mürbe machen. O, er verstand sich darauf – sie sollte ihre Wunder erleben. Aber dann, sobald sie unter seinem Drucke klein und weich geworden, dann wollte er den Großmütigen spielen und sie versöhnt in seine Arme schließen, alles sollte vergessen und vergeben sein! Das dachte er sich schön und erhebend. Bis zu diesem großen Moment hielt er es mehr denn je mit der Schwiegermutter, die ihn meinen gar klugen Mann hieß und seine Methode lobte. Er fand überhaupt immer mehr Gefallen an Frau Lerch. Das war eine Frau nach seinem Herzen, so raffiniert und so gescheit, so gar nicht prüde und so gütig gegen ihn, den Advokaten. Ja vertraulich und kameradschaftlich war sie ... und ganz gewiß – Heller lächelte versteckt – ja ganz gewiß ein wenig schwiegermütterlich verliebt war sie auch in ihn. Das merkte er aus allem, und auch das tat ihm wohl. Nur vor Regine mußte er sich hüten. Das war ihm denn doch klar: bei Regine, die alles gleich so ernst nahm, mußte es ihm entsetzlich schaden. So oft er aber allein mit der Schwiegermutter war, dann konnte jenes seine, kokette Spiel beginnen. Man durfte ungeniert ein wenig zärtlich mit einander tun und sich die Berechtigung dazu aus dem verwandtschaftlichen Verhältnis herleiten. Das war freilich eine häßliche Überraschung gewesen, als Regine plötzlich dazwischen fuhr, und sie, ehe mans verhindern konnte, bei einem dieser Rendezvous, wo man sich so harmlos aussprach, übertölpelte. Die Schwiegermutter hatte mit einem leichten Scherz sich schleunigst ihrer Sachen bemächtigt und war mit einer Geschwindigkeit, die an Hexerei streifte, auf und davon gewesen. Aber er, Rechtsanwalt Heller, er hatte das Nachsehen, saß in der Tinte und wußte sich nicht zu rühren. Sie wollte etwas hervorstoßen, wollte ihn stellen. Aber da, da tauchte auf seinem Gesichte ein so fatales Lächeln auf, das sie auf der Stelle verstummen machte. Sie sprach kein Wort. Lautlos verließ sie das Zimmer. Von der Stunde an jedoch wußte sie, daß sie mit ihm fertig war. Nur wer sie ganz scharf beobachtete, merkte die Veränderung, die mit ihr vorgegangen, merkte diese nachdenklichen, winzigen Falten zwischen ihren Augenbrauen, sah, daß ihre Lippen sich noch herber geschlossen, als wollten sie in einer einzigen, feinen Linie aufgehen, nur kenntlich durch den leuchtenden Glanz ihres durchsättigten Rots. Sie wich scheu vor ihm zurück, ohne doch den Mut zu haben, sich ihm völlig zu entziehen. Da im zweiten Jahre ihrer Ehe trat ein Ereignis ein, das ihrer Stimmung ganz neue Färbung gab: Frau Regine fühlte sich Mutter. Sie wurde bei dieser Entdeckung fahl wie das Laub des sterbenden Herbstes; und während neues Leben in ihrem Körper zu keimen begann, klammerte sie sich selbst an den Gedanken fest, daß ihr eigenes verfehltes Dasein damit zu Ende gehen müsse. Mit fieberglänzenden Augen und düsterer Spannung sah sie ihrer Niederkunft entgegen. Als der Wintersturm schneeweiße Flocken trieb, gab sie einem Knaben das Leben. Advokat Heller schluchzte wie ein Kind, während er das kleine Wurm in seinen Armen hielt und zärtlich und gerührt blickte er in ihre wachsbleichen Züge. Allmählich wurde er ruhiger, schwatzte mit der Schwiegermutter und Amme, ließ sich von den Besuchern Komplimente machen, etwas redselig in seiner Vaterrolle aufgehend. Eine Zeit lang schienen Frau Reginens Ahnungen sich wirklich erfüllen zu wollen. Und als sie nach schwerem Wochenbette endlich aufstand, war sie für Monate gelähmt. Frau Lerch jedoch war hinübergezogen und leitete den Haushalt. Rechtsanwalt Heller wollte es so. Regine aber lag auf der Chaiselongue hilflos, ohne sich rühren zu können und sah, wie die beiden immer und immer zusammenhockten und vertraulich flüsterten. Mit ihr sprachen sie wenig; denn sie antwortete stets nur mit einem Nicken und richtete nur selten an einen von ihnen das Wort. In dieser Zeit, wo jeder intime Verkehr zwischen ihnen aufzuhören begann, wo sie durch ihren Schwächezustand jeder Tätigkeit entzogen war – suchte sie sich über ihr Eheleben klar zu werden. Sie begann sich und ihren Mann von allen Seiten kritisch zu betrachten. Sie grübelte darüber nach, was sie so über alles nüchterne Empfinden hinaus zu dem weiland Referendar Heller hingezogen hatte. Dann dachte sie allen Äußerungen seines Wesens nach vom ersten Tage an, wie er täppisch und gutmütig zwischen lächerlichem Selbstbewußtsein und bornierter Flachheit ohne Gleichgewicht und Maß sich hin- und herbewegt hatte. So oft sie in solchen Gedanken zu ihm hinüberschielte, trat ein verhärmter Zug in ihr von der Krankheit abgemagertes Gesicht. Sie wollte nicht gesund werden. Sie wollte nicht von neuem dies Leben beginnen, das sie herabzog und um ihr Bestes betrog. Sie wollte nicht mit diesem Manne weiterleben, dem sie nichts mehr geben konnte, und von dem sie nie etwas empfangen zu haben glaubte. Dann hörte sie das Schreien ihres Kindes und empfand die Kette, die sie aneinander schmiedete und dachte in dumpfer Bitternis an die Zukunft, die für sie nichts, so gar nichts Helles bringen konnte. Als die Luft wärmer wurde, durfte sie ins Freie. Aber der jungen Frühlingssonne zum Trotz blieb sie schwach und elend, so matt und siech, als warte sie in bangen Wünschen, daß der letzte Schnee entwiche und die dunkle Erde Halme und Gräser triebe, damit das Sterben leichter würde. Wieder legte man sie in die weißen Linnen und schlich auf den Fußspitzen leise durch die Zimmer. Still und stumm saß die barmherzige Schwester an ihrem Krankenbett und warf nur zuweilen scheue Blicke auf dies zerfallene Gesicht mit dem sehnsüchtigen Todeslächeln. Über dem ganzen Hause düstere Stimmung, ein schreckhaftes Wispern und Flüstern wie zur Nachtzeit, wenn der einsame Wanderer über Baumwurzeln stolpert und den Waldschlaf aufstört. Ein Typhus wars, der sie heimgesucht, mit dem ihr junger Körper rang, während ihre bleich gewordenen Lippen wirre Laute stammelten. Advokat Heller war auf das Schlimmste gefaßt. Ernst und würdevoll ging er einher. Gewiß er litt in seinem Innern, aber er sah nichtsdestoweniger deutlich, wie die Verwandten ihn beobachteten. Deshalb hielt er es für angebracht, seine Stimmung feierlich zur Schau zu tragen und den gebrochenen Gatten zu markieren – etwa in der Art wie die großen Sänger auf den Proben kaum hörbar mit halber Stimme ihre Rollen andeuten. Aber was Frau Regine sehnsüchtig gehofft, was Heller und die anderen gefürchtet – traf nicht ein. Langsam erholte sie sich, um zwei volle Jahre zu kränkeln und wie ein Schattenbild im Hause einherzuschleichen. Dennoch fällt in diese Zeit der körperlichen Schwäche für die junge Frau ein innerlicher Prozeß, eine Vertiefung ihrer ganzen Persönlichkeit. Sie lebt ihrem Kinde und lebt ihrer eigenen Erziehung. Nachdenklich geworden durch die grausamen Erfahrungen ihrer jungen Ehe sinnt sie weiter dem Probleme nach, dem sie so hilflos und unvorbereitet gegenübergestanden. Sie geht mit sich hart zu Gericht und versucht in nüchternen Erwägungen die Wurzel ihres Empfindens zu ziehen. Sie beginnt eifrig zu lesen und allerlei Dinge zu treiben, die den Frauen im allgemeinen ferner liegen. Sie will und muß um jeden Preis Bewußtsein über sich selbst gewinnen, Klarheit über ihr Wesen haben. Sie möchte nach Gesetzen handeln, zu denen sie sich unter zuckenden Schmerzen durchgerungen; denn sie glaubt, mit jenen unklaren Gefühlen fertig zu sein, die einen verhängnisvoll in die Irre treiben. Von alledem weiß und ahnt Heller nichts, vor ihm verbirgt sie ängstlich ihren Entwicklungsgang. Denn je fortgeschrittener sie sich glaubt, je mehr sie ihr Empfindungsleben abtötet, desto verächtlicher wird er ihr in seiner Hohlheit. Eine müde Gleichgültigkeit kommt über sie und ein verschärfter Widerwille gegen den Mann, dem sie sich ausgeliefert, eine gesteigerte Nervosität, weil die bitteren Erkenntnisse, zu denen sie gelangt, ihrem hungernden Gemüte keine Nahrung geben. Zuweilen meint sie zusammenzubrechen. Dann beugt sie sich über ihr Kind und netzt es mit ihren Tränen. Sie meidet jeden Verkehr, die Frauen sind ihr verächtlich wie die Männer; sie hat die einen in ihrer Mutter, die andern in ihrem Manne kennen gelernt. Schließlich zwingt man sie von allen Seiten, wieder Menschen aufzusuchen; und weil ihr vor der Narrenjacke graut, gibt sie nach. Aber ein Gedanke hat sich in ihr festgesetzt, den sie hartnäckig verfolgt, während Rechtsanwalt Heller ihn als eine Laune nimmt, als vorübergehende Manie und letzten Rest ihrer langen Krankheit: Sie will von ihm fort, sie will ihre Freiheit. Sie wiederholt es, immer in demselben Tone, mit demselben ruhigen Ausdruck ihrer Miene, als eine unabweisliche Forderung, der er sich fügen müsse. Sie ist zu allem bereit, nur das Kind soll er ihr lassen. Heller lacht; gewiß er nimmt es nicht ernst, aber es ärgert ihn und verdirbt seine Laune, wenn sie mit diesen Albernheiten immer wieder von neuem beginnt. Sie entzieht sich ihm so viel sie kann und wird ihm rätselhafter von Tag zu Tag in ihrem verschlossenen, unzugänglichen Wesen, in ihrer spröden Kälte, in ihrer Scheu vor jeder seiner Berührungen. V. So standen die Dinge, als nach jener Gesellschaft Advokat Heller sich mit dem Kollegen Gent, den er draußen in Moabit ziemlich häufig, traf, anzufreunden begann. Heller suchte diesen Verkehr. Er war durch gesellschaftliche Beziehungen seinen Kollegen einigermaßen entfremdet worden, und sein Standesbewußtsein fing sich zu regen an. Diese Geldleute behandelten ihn ohnehin mit einem souveränen Achselzucken, das nur durch Frau Lerchs Zuvorkommenheit ihm weniger fühlbar wurde. Außerdem, des Kollegen Persönlichkeit zog ihn an. Er fühlte, daß Gent einen Fond in sich trug, der ihm selber fehlte. Mit Genugtuung aber empfand er es, daß dieser bescheidene Mensch sich dessen selbst kaum bewußt war. »Wissen Sie, Kollege, Sie sollten uns besuchen,« sagte er ihm eines Tages. »Ich glaube, wir stimmen miteinander.« Gent schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. Er hatte in den verflossenen Wochen so oft an die seltsame Frau denken müssen. Aber seine gerade und schüchterne Natur, die nur in reinen Sphären zu leben vermochte, hatte sich dadurch beunruhigt und gequält gefühlt. Was ging ihn diese Frau an? Zu diesem Schlusse gekommen, hatte er aufgehört, sich mit ihr zu beschäftigen. Er ging überhaupt den Frauen aus dem Wege. Für ihn kam nur seine. Mutter in Betracht, diese vornehme, alte Dame mit ihren treuen Anschauungen, ihrem reinen Stolze und diesem goldenen Gemüt. Hellers Aufforderung hatte ihn verdutzt, so unerwartet war sie gekommen. Er empfand keine Sehnsucht nach Familienverkehr, und wenn er einige Beziehungen aufrecht erhielt, so geschah es, um nicht jeden Zusammenhang mit der Außenwelt zu verlieren. Aber so recht wohl war ihm doch eigentlich nur, wenn er des Abends in sein Junggesellenheim trat, wo die schweigsame Haushälterin ihm wirtschaftete. Er bewohnte in der Bendlerstraße, da wo sie hart an den Tiergarten stößt, ein kleines Gartenhäuschen, das er ganz nach seinem Geschmack sich eingerichtet hatte. Wenn die Lampe brannte und zudem von der grünen Ampel, die in der Mitte des Zimmers hing, ein matter Schein zu ihm herüberdrang, war ihm gut zu Mute. Er fühlte sich geborgen bei seinen Büchern, die in eichenen Regalen wie treue Kameraden nebeneinander Posten standen, bei seinen Mappen, die auf kleinen Tischen lagen und Kunstschätze aus Vergangenheit und Gegenwart bargen. Er ging dann wohl mit verschränkten Armen nachdenklich im Zimmer auf und nieder, vertiefte sich jetzt in eine Klingersche Radierung, griff dann zu Hans Thoma, dessen einfach strenge Linien eine Saite in ihm trafen. Ober er schwelgte in Böcklins Gefilden. Er bedurfte dieser abgeschlossenen Ruhe und Einsamkeit; er empfand klar, daß er sich harmonisch sammeln müßte, um vor den unruhigen Geistern und Kobolden, vor den Zweifeln, die ihn bewegten, Ruhe zu haben. Advokat Heller wurde ungeduldig, da Gent so lange mit der Antwort zögerte. »Meine Frau würde sich so sehr freuen,« fügte er eifrig hinzu, ohne sich das Mindeste dabei zu denken. Gent blickte ihn bei diesen Worten betroffen an und erwiderte zögernd: »Ich ... ich inkliniere so gar nicht für Familienverkehr.« Diese Antwort reizte Heller – und er ließ ihn nicht mehr locker. Es schien ihm plötzlich ein kluger Einfall, wenn er des öfteren Bekannte in das Haus zog und so Frau Regine zwang, eine andere Miene aufzusetzen. Ein helles Lächeln flog über seine Züge, als er Gents Hand faßte: »Sagen Sie ja! Wer weiß, ob es Ihnen nicht bei uns gefällt – und wissen Sie was,« fuhr er gesprächig fort, »die Sonntagsvisite schenk ich Ihnen, kommen Sie heute abend gemütlich zu uns. Topp? Schlagen Sie ein!« Gent nahm zaudernd Hellers Hand: »Und Ihrer Frau, ob der das recht ist, wenn ich so hineinschneie?« »Das lassen Sie meine Sorge sein.« Sie schüttelten sich die Hände und trennten sich. Gent schritt langsam nach Hause, er kam sich im Grunde überrumpelt vor und ärgerte sich. Nachdenklich bog er in das Königin-Augusta-Ufer ein und schritt die kahlen Bäumen entlang, auf denen der Reif sich festgesetzt hatte. Trübselig, und untätig lag der Kanal da, mit einer dünnen Eiskruste, überzogen. Das stumpfe Licht dieses Winternachmittages tat ihm weh, er beschleunigte seine Schritte und atmete ordentlich erleichtert auf, als er sein Heim erreicht hatte. Von dem Mittagsmahl nahm er nur wenig zu sich, so daß ihn Frau Katharine verwundert von der Seite ansah. Aber lange Gespräche oder auch nur Auseinandersetzungen liebten die beiden nicht, und so trug sie stumm das Geschirr hinaus. Gent aber ließ sich auf einem der hohen Lutherstühle nieder und blickte in das fahle Licht der trüben Sonne, deren dürftige Strahlen schräg in das Gemach fielen. Er griff nach einem Buch. Doch die Glieder wurden ihm so seltsam schwer, daß er die Augen schloß und vom Schlaf sich übermannen ließ. Als er erwachte, war es stockdunkel. Er riß die Flügel auf, atmete eine Sekunde die schneidende Winterluft ein und zündete im Nu die Lampe an. »Herr Gott – sieben Uhr!« In aller Eile machte er Toilette, dann stürzte er die Treppe hinunter. Eine nervöse Hast kam über ihn, eine fatale Angst; ohne recht zu wissen weshalb, eilte er wie ein Verfolgter durch die Straßen. Einmal blieb er mitten auf dem Wege stehen und überlegte eine Sekunde, ob er nicht doch umkehren sollte. Er lachte laut auf, so daß die Vorübergehenden verwundert ihn anblickten. Was waren das für törichte Ideen, für vage Vorstellungen? Er war im Begriff einem Kollegen einen harmlosen Besuch abzustatten, und tat, als stünde er vor einem entscheidenden Schritt seines Lebens, als drohte ihm Unglück. Gent war ein Tüftler – eine grüblerisch veranlagte Natur. Er nahm das Leben schwer. Wenn er sich auch durchaus als Durchschnittsmenschen anerkannte, so war er doch gegen sich voller Ansprüche, belauerte seine heimlichsten Regungen und arbeitete auf eigene Erkenntnisse hin, mißtrauisch gegen die Aufdringlichkeit des Marktes und das Urteil geschlossener Mengen. Er zündete sich eine Zigarette an, blies den feinen, bläulichen Rauch in die kalte Abendluft und grübelte vor sich hin. Was hatte ihn nur an Hellers Frau so eigentümlich berührt? Und da glaubte er es gefunden zu haben: Ihn zogen die Menschen an, die seltenen, die Rätsel aufgaben, und diese junge Frau mit ihren müden, gleichgültigen Bewegungen, ihrer lässigen Art zu sprechen, ihrer nachdenklichen Überlegenheit, war ihm ein Geheimnis, das ihn bewegte. Nun war er in die Charlottenstraße eingebogen und hatte sein Ziel erreicht. Er blickte zu der Hausnummer empor. Ah, noch drei Häuser weiter, da wohnten Hellers. Wieder überkam ihn ein Gefühl der Unruhe. Mechanisch zog er seine braunen Glacéhandschuhe an, eilte die Treppen hinauf und drückte auf den weißen Knopf. Als der helle Klang ertönte, hatte er seine Kaltblütigkeit wiedererlangt. Das Dienstmädchen nahm ihm die Sachen ab, und ehe er sich versah, war er in dem kleinen Salon mit den hechtgrauen, seidenen Möbeln, dessen Wände mit Gemälden bedeckt waren. In der Mitte stand ein marmorner Tisch mit eingelegter Mosaikarbeit und ihm gegenüber ein antikes Schränkchen mit Meißner Porzellan und allerlei zierlichen Kunstschätzen, die durch die Glastür lugten. Gent hatte auf die Lehne des einen Fauteuils seine Hände gestützt und wartete nervös auf den Augenblick, wo sich die Portieren teilen würden. Eine lange Zeit verstrich ihm. Zerstreut sah er sich im Zimmer um, bis sein Blick auf ein lebensgroßes Gemälde von Frau Heller fiel, das über dem Sofa hing. Sie war in der Tracht und Stellung jenes bekannten Bildes der Königin Luise gemalt, wie sie die Stufen hinabschreitet, im weißen, wallenden Gewande, mit lockerem Busen, ein Spitzentuch lose über die Schultern geworfen. Dabei wirkte das Bild doch ganz anders und ganz eigenartig. Es mußte Jahre zurückliegen, denn es stellte sie unzweifelhaft als blutjunges Mädchen dar, mit jenem unsäglich rührenden und geheimnisvoll-erwartenden Gesichtsausdruck, der aus den Mienen einer Frau, ach so schnell, entflieht. Er blickte wie verloren auf das Gemälde; eine zitternde und weiche Traurigkeit durchdrang ihn. Silberne Pappeln mit ihrem schwermütigen Glanz tauchten vor ihm auf und warfen in das Bild bewegliche Schatten, die geräuschlos über die Farben glitten. Einen Augenblick – einen einzigen Augenblick, wie er sich dann der Seele einprägt für immer, sah er sich in eine fremde Welt gesponnen, um darüber alles andere zu vergessen. Und jäh erwachte er, da sie plötzlich, wie aus dunkler Erde emporgewachsen in schwarzer, enganliegender Kleidung vor ihm stand und mit ihrem düsteren Gesicht, das Köpfchen ein wenig geneigt, ihn begrüßte. VI. Mein Mann, wird gleich kommen, ich bitte, nehmen Sie Platz.« Bei diesen Worten ließ sie sich selber nieder. Rechtsanwalt Gent verbeugte sich stumm und setzte sich ihr gegenüber. »Ich komme,« sagte er, »wie ein Unhold in Ihr Haus gestürmt, so gegen jeden Brauch – aber nur dem gütigen Zureden Ihres Herrn Gemahls ...« Er brach mitten im Satze ab. Sie hatte die Augen, groß auf ihn gerichtet, und es schien ihm, als ob ihre Stirn sich leicht gekräuselt hätte. Bei seinem plötzlichen Verstummen, senkte sie den Blick und sah eine kleine Weile stumm vor sich nieder, indem sie die Hände kreuzweise in den Schoß legte. Da beobachtete er sie verstohlen. Dieser jäh verhaltene Schmerz in ihren bleichen Zügen, dieser verschlossene, bange Ausdruck, der mit dem Bilde aus der Mädchenzeit so sehr im Widerspruch stand, quälte ihn. »Wir sind ja beide recht redselig, Herr Doktor!« Sie lachte etwas gezwungen auf. »Wenn man sich überhaupt etwas zu sagen hat,« entgegnete er, »so läßt sichs warten.« »Und wenn man sich nichts zu sagen hat?« Bei diesen Worten trat ein beinah harter Zug in ihr Gesicht. Sie erhob sich, schob die Lampe, die sie zu blenden schien, beiseite und sah ihn fragend an. »Dann wird man geschwätzig, gnädige Frau,« antwortete er knapp. »Und woraus schließen Sie, daß wir uns etwas mitzuteilen haben?« Bei dieser brüsken Frage geriet er für ein paar Sekunden in drückende Verlegenheit. Aber gleich darauf sah er ihr voll in das Gesicht und sagte leise: »Ich schließe das nicht – nein, ich empfinde es.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich empfinde es aus dem Ton Ihrer Sprache – aus vielen, kleinen Zeichen, die ich nicht einmal andeuten könnte. Ich bin mir darüber,« fuhr er ernsthaft fort, »vielleicht selbst nicht ganz klar. Übrigens,« schloß er hastig, »am Ende ist es etwas Hartes und Feindseliges, was zwischen uns gesagt werden wird.« Sie hatte ihm verwundert zugehört. Er hatte mehr für sich gesprochen, schlicht und ruhig, ohne die Absicht, geistreich zu sein oder mit hellen Worten zu blenden. »Ich glaube,« sagte sie langsam und mit fast unhörbarem Spott, »Sie sind ein Phantast.« Er entgegnete ernst: »Ich hoffe, daß ein Rest von Phantasie noch in mir ist, das Leben wäre sonst zu dürftig. Oder zweifeln Sie etwa daran,« fuhr er fort, »daß so ein armer Mensch ohne sein bißchen Phantasie überhaupt leben könnte?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin der Ansicht, daß es Menschen gibt, die mit allem Hoffen, abgeschlossen haben. Denn nicht wahr, hoffen und Phantast sein, deckt sich bei Ihnen. Es gibt Menschen,« sagte sie langsam, »die das Leben nur aus einem eisigen Pflichtbewußtsein heraus schleppen.« »Diese Menschen belügen sich,« erwiderte er schnelle »Ihr Pflichtbewußtsein ist ihre Hoffnung.« Frau Heller errötete leicht. »Ich meine, das ist denn doch nicht so. Man kann sich ja auch aus Furcht und Feigheit ans Leben klammern.« Gent wehrte ab: »Vor dem Tode sich fürchten, heißt, von dem Leben hoffen,« entgegnete er und sah sie beinah lustig an. Sie lachte traurig auf. »Nicht vor dem Totsein fürchtet man sich,« sagte sie mit gesenkter Stimme, »sondern vor dem Augenblick, wo man sich aus dem Fenster stürzt ... wo man zwischen Himmel und Erde schwebt, um bald nicht mehr zu sein. Das habe ich einmal bei einem russischen Schriftsteller gelesen, der den letzten Augenblick eines Verbrechers schildert, den Augenblick, wo dieser arme Bursche das Schaffot besteigt, und wie in diesen letzten Sekunden mit einer furchtbaren, geheimnisvollen Schnelligkeit die unbedeutendsten und bedeutsamsten Ereignisse seines Lebens ihm wirr durch das Hirn fliegen. Und nun denken Sie sich, was das heißt, wenn ein Mensch, den kein irdischer Richter abgeurteilt, freiwillig und nach reifem Überlegen, nicht etwa durch die Gemeinheit eines Augenblickes gedrängt, aus dem Leben scheidet. Solch einer fürchtet gewiß nicht das Totsein. Und doch graut ihm vor diesem letzten, schwerstem Augenblick. Vielleicht läßt er eine große Sorge zurück, vielleicht bangt er für ein Wesen, das er ...« Sie hielt inne und schüttelte sich wie in Schauern. »Darf man dann fortgehn?« fragte Advokat Gent. »In manchen Fällen ja,« erwiderte sie fest. »Man ist so mit sich fertig, so völlig mit sich fertig, daß man, wie soll ich mich nur klar ausdrücken, durch seine Existenz dem armen Wesen nur die Lebensfreude beeinträchtigt.« Gent blickte fassungslos empor. Das klang so trostlos, so letzter Verzweiflung voll, daß es ihn fröstelte. »Und doch dokumentiert sich damit,« sagte er zögernd, »eine schwächliche Seele.« Da lachte sie erschütternd. »Das sind für mich erbärmliche Phrasen. Stellen Sie sich vor, man schaufelt eine Pflanze auf, reißt ihr die Wurzeln aus und läßt sie verwesen. Was kann die Pflanze dafür, daß man ihr die Erde genommen. Herr Rechtsanwalt, man geht nicht freiwillig in den Tod. Man geht, weil einem die Erde, in der man wurzelt, abgetragen ist. Ich glaube, das alles regelt sich nach einem Gesetz der Kausalität. Immer habe ich es so gut begreifen können, wenn solch ein Mensch der Natur die Arbeit erleichtert.« Der Advokat stand plötzlich auf und trat an den Kamin, wo er schweigend ein paar Minuten verharrte. Endlich stieß er hervor: »Ich bitte um Verzeihung, Sie ... Sie haben diesen Dingen nachgespürt ... Sie sprechen aus Erlebnissen heraus. Es tut einem nur so furchtbar weh, wenn man solche Bekenntnisse hört.« Frau Heller strich sich mit der schmalen Hand die Locken zurück. Ein mütterliches Mitleid trat für eine Spanne Zeit auf ihr erregtes Gesicht. Aber sie raffte sich im Nu zusammen. »Sie meinen,« sagte sie hart, »daß, wer solches spricht, seinen Auflösungsprozeß verrät. Und Sie fühlen ein menschliches Rühren in dem Sinne etwa, wie wenn man einen Bekannten zu Grabe trägt. Sie irren, Herr Rechtsanwalt, das alles hat mit mir nicht das Mindeste zu tun. Advokat Gent senkte die Augen und entgegnete nichts. »Übrigens,« fuhr sie leicht fort, »ist das eine nette Art, Besuche zu empfangen. Sie kommen das erste Mal zu uns, und ich schneide, man sagt doch so, die Frage über Leben und Tod an.« »Ich bin Ihnen in jedem Falle für diese Anregung dankbar.« Sie lächelte trübe. »Ich wollte Sie nicht anregen, ich wollte mich nur wehren. Ich wehre mich,« wiederholte sie noch einmal, »gegen solche generellen Urteile, hinter denen Denkträgheit und nicht selten sogar eine gewisse Rohheit sich verbirgt.« Der Advokat trat dicht auf sie zu. Seine dicken Lippen bewegten sich unaufhaltsam, auf seinen Zügen lag jene Scheu, die einen inneren Kampf verrät. Nach einer geraumen Weile entgegnete er endlich in mühsam gewonnener Fassung: »Das alles klingt so streng, so abstoßend, ja fast boshaft. Ich hatte den Eindruck, verzeihen Sie das harte Wort, als ob Ihre ganze Persönlichkeit von Verbitterung durchsetzt wäre.« Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Halten Sie es denn allen, Ernstes für gut und möglich, daß ein jeder in jedem Ding zu eigenen Ansichten kommt?« Sie sah ihn fest und durchdringend an. »Ja, das halte ich für gut und möglich. Ich habe eine Verachtung gegen die satte Gedankenlosigkeit, die beständig von altem Konfekte nascht. Nur wer selbständig denkt, zählt für mich; denn nur so,« und bei diesen Worten wurden ihre Züge hell und heiter, »kommt man zu Verständnis und Mitleid.« »Das mag wohl so sein,« entgegnete er ernsthaft. »Aber die wenigsten kommen zum Mitleid. Die meisten gehen an ihrer kleinen Verbitterung, ihren erbärmlichen Verhältnissen zu Grunde. Nur wer allem Schicksal zum Trotz mitleidsfähig sich erhält, findet Erlösung.« Advokat Gent atmete erleichtert auf. Seine kleinen Augen leuchteten. »Und was suchen wir anderes, als Erlösung, Frau Heller?« fragte er gedämpften Tones. Sie antwortete nicht unmittelbar, sondern wandte sich ein wenig zur Seite. »Ein Nazarener sind Sie,« sagte sie alsdann statt jeder Erwiderung und blickte, während sie die Augen halb schloß, in die kleine Flamme der hohen Lampe. »Wenn Sie wollen, so bin ich das!« entgegnete er warm, »und glauben Sie mir,« fügte er hinzu, »keine Wissenschaft hat so tiefe Formeln wie dieses Nazarenertum hervorgebracht. In ihm liegt so viel Güte und Selbstüberwindung, ich möchte beinah sagen, etwas Antifleischliches.« Frau Heller zuckte empor. Es fröstelte sie. Und als wollte sie sich wärmen, verschränkte sie die Arme. »Etwas Antifleischliches?« wiederholte sie flüsternd und starrte vor sich nieder. »Ich will mir das Wort merken, ich will dem Worte nachgehen. Sie Priester der Askese.« Eigentümlich lächelte sie. Der Ton ihrer Stimme aber klang verschleiert und rätselhaft, so seltsam, daß er ihn lange, lange noch im Ohre hatte. Er wollte ihr sagen, was er bisher nur sich selbst gestanden, daß er die Idee der Askese für eine sehr tiefe halte und in bedingtem Sinne ihr in der Tat anhänge, als plötzlich von draußen mit so ungestümer Gewalt an der Glocke gerissen wurde, daß die junge Frau zusammenfuhr und in verhaltener Angst nach der Tür blickte. Gleich darauf erschien das Dienstmädchen und meldete mit etwas ratlosem Gesichtsausdruck, daß Frau Doktor Berger die gnädige Frau zu sprechen wünsche. Mit einem jähen Ruck schnellte Frau Heller von ihrem Sitze empor: »Bitte, entschuldigen Sie mich auf eine Minute,« sagte sie, indem sie sich gewaltsam beherrschte, und wie es dem Advokaten schien, die Farbe wechselte. Ehe er noch ein Wort antworten konnte, hatte sie die Tür hinter sich geschlossen. Gent blieb in einer beklommenen, eigentümlichen Stimmung zurück. Er glaubte ein abgerissenes Schluchzen und dazwischen leise Trostworte zu hören. Wie ein Alp lag es ihm auf der Brust, als wenn er in einen eisernen Panzer geschnallt und ihm die Möglichkeit zu atmen genommen wäre; dazu die Erinnerung an das soeben geführte Gespräch, tausende von wirren Vermutungen, eine hilflose Verwunderung über sich selbst, daß er dieser Frau seine Ansichten aus einem inneren Zwang heraus hatte entwickeln müssen, er, der doch gewiß nicht gesprächig war; dann wiederum ein ehrliches Erstaunen über die junge Frau, die in ihrer ganzen Art und Entwickelung ihm ein ungekanntes und eigenes Phänomen war; und zu alledem der unerwartete und plötzliche Besuch von Frau Doktor Berger. Advokat Gent trat an das Fenster, aber wie vom Schlage getroffen, wich er zurück. Sein Blick war gerade dem Gesicht im Monde begegnet, und der Mann da oben hatte aus seiner blaßgrünen Hülle ihn mit einem Ausdrucke angestarrt, daß es ihn eisig überlief. Gent erlebte einen jener Momente, wo man plötzlich glaubt, man stände vor einem grausigen Ereignis, wo man ohne eine äußere Veranlassung überzeugt ist, es müsse sich etwas Jähes und Entsetzliches abspielen. Er sah unverwandt zur Tür und horchte angespannt. Er horchte in jener intensiven Art, in der man sich Geräusche einbildet, vor seinen eigenen Bewegungen zusammenfährt. Jetzt hörte er Schritte und gleich darauf vernahm er des Kollegen Stimme, und jetzt ging die Tür, und Heller stand vor ihm und schüttelte ihm kräftig die Hand. »Hören Sie, ich bitte vor allem um Entschuldigung, Kollege, konnte beim besten Willen nicht eher da sein, ging absolut nicht, ich habe bis jetzt mit meinem Schwager Felix Konferenzen gehalten, handelt sich um allerhand Kontrakte, Sie wissen doch, mein Schwager hat ein Ostseebad gekauft und baut dort ein Kurhaus, wird großartig, sag ich Ihnen. Mir brennt noch jetzt der Kopf von all den Besprechungen.« Das alles sprudelte er mit einer Wichtigtuerei und Behaglichkeit hervor, ohne zu merken, daß Gent auch nicht das mindeste begriff. »Hören Sie, Herr Kollege,« sagte dieser, »ich habe das Gefühl, als wenn ich heute überflüssig wäre.« Er deutete mit dem Finger nach der Tür. »Im Gegenteil,« entgegnete Heller, »im Gegenteil, meine Frau läßt Sie dringend bitten, sich noch etwas zu gedulden,« und die Stimme senkend: »das ist eine eigentümliche Geschichte. Die Frau da drinnen befindet sich in einer verzweifelten Situation, in der Ehe passieren nämlich die merkwürdigsten Dinge. Dieser Berger ist übrigens ein weitläufiger Verwandter von mir, ich sage Ihnen, das ist ein Schubjack, ein ganz schofler Kerl, und die Frau da drinnen hat der Bursche auf dem Gewissen. Was man sich da für Geschichten erzählt, schauderhaft, einfach schauderhaft. Er hat sie vor einer Stunde wieder in einer Weise mißhandelt, die, weiß Gott, nicht mehr schön ist. Aber was ist da zu machen! Die Frau ist ja aufgeschmissen, wenn sie von ihm geht. Wissen Sie was dann aus ihr wird? Soll ich's Ihnen sagen?« Er beugte sich zu Gent hinüber und raunte ihm zu: »Sie wird die offizielle Maitresse von Kommerzienrat Bär.« »Bestehen da nicht schon jetzt Beziehungen?« warf Gent ein. »Lieber Gott, ja. Aber wen geniert das weiter. Die Frau ist charmant und schön wie kaum eine zweite! Solange es zu keinem Skandal kommt ... bon ! Tritt aber der Fall ein, ja meinen Sie, daß ich beispielsweise dann noch meiner Frau gestatten könnte, sie zu empfangen? Na, sehen Sie, Kollege, da haben Sie den Unterschied. Die Frau zerrt an einer Kette, und doch kann und darf sie sich nicht freimachen, ihret- und ihrer Kinder wegen nicht. Man muß eben mit der Welt leben, man muß ...« Advokat Heller hätte seine Rede nicht sobald unterbrochen, wenn nicht die beiden Frauen eingetreten wären. »Ah,« sagte Frau Doktor Berger mit der Miene einer vollendeten Weltdame, zu Gent gewandt, »das ist nett, Sie auch einmal zu treffen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr.« »Rechtsanwalt Gent ist gegen Familienverkehr,« antwortete statt seiner Frau Heller. »Aber bei Arthur Lerch wird man Sie doch nächstens sehen?« fragte Frau Berger von neuem. Gent verbeugte sich schweigend; er war ganz außer Fassung. »Wie ich mich darauf freue, Regine,« plauderte sie weiter. »Das hat immer Chic bei Lerchs, auch wenn man ganz blasiert ist, gibts dort Überraschungen, ich liebe solche Gesellschaften sehr, wo möglichst viel Pracht und Glanz ist. Du nicht auch, Regine?« Rechtsanwalt Gent berührte diese Vertraulichkeit peinlich. »Du weißt, ich mache mir nicht viel daraus,« erwiderte Frau Heller. »Ja Du, Du bist eben so ganz anders. Haben Sie meinem Manne telefoniert, lieber Heller,« wandte sie sich an diesen. »Will ich sofort besorgen.« Heller ging an das Telephon, während die anderen in eine Nische traten. Als die Verbindung hergestellt war, rief Heller hinein: »Hör mal, Deine Frau ist zum Abendbrot bei uns, willst Du nicht auch ein bißchen kommen, oder hast Du was vor?« »Nein«, rief Berger nach einigem Zögern, »wenn Du erlaubst, bin ich so frei. Einen Gruß für Deine Frau und auch für die meinige. Auf Wiedersehen! Schluß.« »Schluß!« rief auch Heller und drückte ab. Wie ist es nur möglich, dachte Gent, um der dummen Form willen so zu lügen! Vor einer Stunde noch mißhandelt, simuliert sie jetzt Interesse für Arthur Lerchs Gesellschaft. Er betrachtete sie mit einem ängstlichen Befremden. Sie stand in der Blüte der Schönheit, eine orientalische Beauté, üppig, mit herrlichen Schultern und schlanker Mitte – im Auge den Ausdruck eines unschuldigen Kindes. Auffallend an ihr war der etwas volle Hals, der in seinen weichen Linien etwas rührend Verlangendes und Verführerisches hatte. Die Last ihrer schillernden, glänzenden Haare trug sie wie eine Fürstenkrone. Sie mußte unmittelbar, nachdem sie geprügelt worden war, Toilette gemacht haben. Heller zog den Kollegen in eine Ecke. »Sie ist doch ein Prachtweib, was?« sagte er und spitzte den Mund. »Inwiefern hat sie ihr Mann auf dem Gewissen?« fragte Gent statt aller Antwort. »Will ich Ihnen sagen! Sie war siebzehn, als er sie geheiratet, vom Leben keine Ahnung. Der Mann wollte eine Rolle spielen – und da man ihm nicht so recht traute, hat er sie als Köder benutzt. In dem Hause fast täglich jeu fin ! Sie muß ganz raffiniert die Honneurs machen – heute mit den jungen Herren den Tee trinken und morgen mit den Roués , wie es sich gerade trifft. Er läßt die Gesellschaft stundenlang allein. Der Bursche weiß, was er tut: Sie mag sich zuerst gesträubt, ja, mag zuerst auch an ihn geglaubt haben, bis sie dahinter kam, auf wie infame Weise er sie betrog. Nachdem sie ihn abgelauert und in flagranti erwischt hatte – wissen Sie, was er da getan hat, als sie ihm Vorwürfe machte: er hat sie auf die roheste Manier ausgelacht. Na und inzwischen mag sie auch Blut geleckt haben und schwach geworden sein. Wer weiß, was sich noch alles hinter den Kulissen abgespielt hat, um sie dahin zu bringen. Für Toilette und Schmuck schwärmt sie auch – ist es da ein Wunder? – Nein, was Sie für ein Gesicht schneiden,« unterbrach er sich selbst. »Sie kommen eben aus der Provinz, Kollege. Bei uns gibt es tausende von solchen Verhältnissen. Nun sehen Sie bloß mal, wie bildschön die Person jetzt aussieht. Ja ... der Kommerzienrat Bär, der Mann hat ...« »Die Herren ziehen sich ja ganz zurück,« rief Frau Doktor Berger mit schelmischer Koketterie in das Zimmer. Heller führte seinen Gast wieder in den Salon. Gent schien es, als ob die Frau des Kollegen in seinen Mienen forschte. Er wich aber instinktiv ihren Blicken aus. Zu viel Zwiespalt war in ihm, zu viel Widerstreben, diesen zweideutigen Verhältnissen sich zu nähern. Es läutete. »Aha, da kommt Berger,« rief Heller. Nun merkte Gent doch, wie Frau Doktor Bergers Kindergesicht sich ängstlich zusammenzog, und sie hinter einem gramvollen Lächeln ihre Scheu und Angst verbarg. Den rechten Daumen in der Tasche, die übrigen Finger der Hand von sich gestreckt, betrat Berger in salopper Haltung, eine gewisse Unverfrorenheit bewußt zur Schau tragend, das Zimmer. »Ist aber nett!« sagte er, nachdem er in übertriebener Höflichkeit die Dame des Hauses begrüßt hatte. Dann rieb er sich die Hände, ging auf seine Frau zu und küßte sie auf die Stirn, indem er sie so hart und fest ansah, daß sie sich vor diesen Augen entsetzte und leise erzitterte. Man ging zur Tafel. Heller und Berger waren von ausgesuchter Liebenswürdigkeit, zumal Berger schien sich nicht Genüge tun zu können. Er streichelte seiner Frau beständig die Hand. Er trank ihr fortwährend zu und wurde immer fideler und ausgelassener. Gent beobachtete Hellers. An allem wurde er irre. Sie schienen sich in der Tat eines ruhigen Eheglückes zu erfreuen. Wie milde und heiter Frau Heller an diesem Abend war. Das ganze vorangegangene Gespräch schien Advokat Gent wie ein zufälliges Intermezzo. Heller wiederum, suchte er nicht seiner jungen Frau jeden Wunsch aus den Augen zu lesen? Gent empfahl sich etwas früher. Im Entree fragte ihn Heller, indem er ihm verschmitzt zuzwinkerte: »Sagen Sie mal, Kollege, wie gefällt Ihnen meine Frau?« Ohne dessen Antwort abzuwarten: »Was, wundervoll? Unter uns – ganz unter uns, so ein Wesen gibts nicht zum zweiten Mal! Na, kommen Sie nur gut nach Hause, Herr Kollege. Und nicht gebummelt! Bekommt schlecht! Vor allem – besuchen Sie uns jetzt öfter!« »Ich bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen,« bat Gent und faßte die Klinke. Heller nickte fröhlich. »Wißt Ihr, das ist wirklich ein angenehmer Mensch,« meinte er, als er wieder in das Eßzimmer trat, »ein bißchen Provinz, aber doch sehr angenehm – wirklich.« »Mir zu fett,« entgegnete Berger. »Ne Schönheit ist er nicht, das geb ich zu. Aber ich bin doch mehr mit den Dicken. Vor den Mageren furcht ich mich wie Cäsar.« Und zu seiner Frau: »Was sagst Du zu ihm?« »Nichts!« erwiderte einsilbig Frau Heller und hob die Tafel auf. Die beiden Herren gingen in das Rauchzimmer, wo Heller eine besonders feine Sorte für Kenner, wie er sich ausdrückte, offerierte, während das Dienstmädchen den Kognak hinstellte. Eine Spanne Zeit saß Frau Berger still neben der Dame des Hauses. »Was soll ich denn nur tun?« sagte sie endlich fassungslos. »Ich fürchte mich ja vor ihm. Der ist imstande mich tot zu schlagen ... der ist zu allem fähig,« setzte sie schaudernd hinzu. Sie streifte plötzlich ihren Ärmel in die Höhe und zeigte ihn stumm. Frau Heller erschrak. Der volle, schöne Arm war in einer empörenden Art zugerichtet. Auf einem bläulichen Untergrund hoben sich Farben und Schattierungen ab. »Der reine Regenbogen, nicht?« sagte sie und blickte mit einer furchtsamen Miene nach der Tür. »Ein famoses Modell, für so nen modernen Koloristen, für Munch etwa oder Ury, was?« Frau Heller sah sie bekümmert an. »Du kennst ja meine Meinung. Was nützt da alles Reden. Ich versteh's nicht. Wie kannst Du auch nur noch eine Nacht bei so einem Tiere bleiben – nein, der ist noch schlimmer als ein Tier.« Ein verzerrtes Lächeln trat auf das Gesicht der Angeredeten. »Ja ... Du ... Du! Wenn ich Du wäre ... nein, wenn ich nur noch Ich wäre ... noch so wie damals, als er mich zu sich schleppte.« Sie lachte wild in sich hinein. »Aber das ist ja alles vorbei. Wenn ich noch einmal in meinen Putzladen zurück könnte und Hüte garnieren. Aber mein Gott,« schluchzte sie, »ich habe drei Mädel ... und dann meine Mutter und meine Geschwister, die auf mich angewiesen sind. Was ist das für ein Elend, für ein jammervolles Elend. Meiner Mutter hat er das Haus verboten und mir mit Prügel gedroht, wenn ich zu ihr ginge. Ich bin ja die reine Sklavin,« stöhnte sie. Aber mitten in ihrem Weinen lachte sie auf einmal hell auf. »Weißt Du, was er mir neulich aus dem Gesetzbuch vorgelesen hat?« »Nun?« versetzte Frau Heller. »Daß jeder Mann seine Frau züchtigen darf. O,« fuhr sie fort, »der kennt das Gesetz. Das ist ein Heiliger! Ein Rechtsmensch! Der tut nichts gegen das Gesetz.« Aus dem Nebenzimmer drang ein helles Lachen. Berger hatte soeben einen gepfefferten Witz zum besten gegeben. Frau Hellers Züge waren düster geworden, wie in Nacht getaucht. »Warum kannst Du nicht fort?« fragte sie mit gepreßter Stimme. Die andere sah sie zitternd an. Ihr Busen bewegte sich schneller. Sie mochte fühlen, wie bei der Frage alles sich in ihr zusammenkrampfte. »Ich kann nicht!« brachte sie heiser hervor. »So und so bin ich fertig.« Da wandte sich Frau Heller für eine Sekunde ab. Es war ein Augenblick tiefster Seelenqual, den sie durchlebte. Als sie auf Frau Berger wieder ihren Blick richtete, lag ein schimmernder Glanz in ihren Augen. »Sie Ärmste,« sagte sie und küßte sie auf die Stirn. VII. Etwa eine halbe Stunde, nachdem sich Gent empfohlen hatte, verabschiedete sich auch Berger. Als der Doktor seiner Frau ein Zeichen gab, schrak diese leicht zusammen, erhob sich aber auf der Stelle. Der Doktor zog sich nun behaglich seinen Pelz an, während Heller seiner Frau beim Umlegen des Radmantels behilflich war. Auf der Straße schritten sie eine kurze Strecke schweigend nebeneinander, bis Berger stehen blieb und nach seiner Uhr griff. »Es ist jetzt gerade halbelf Uhr,« sagte er. »Um viertelzwölf ist jeu bei uns, etwa zehn Tische. Ich wünsche, daß Du noch Toilette machst!« Da sie nicht sofort antwortete, richtete er seinen gewöhnlich etwas gebückten Körper empor. »Hast Du mich verstanden?« fuhr er sie hart an. Dabei klang seine Stimme, die stets belegt schien, noch heiserer als sonst. Sie nickte, ohne durch seine Anordnung irgendwie überrascht zu sein. »Noch eins,« begann er wieder: »Wenn Du noch einmal vor dem Abendbrot fortläufst, ohne Näheres zu hinterlassen, so wirst Du die Folgen tragen. Das duld ich denn doch nicht. So und jetzt gib mir Deinen Arm.« Einen Augenblick sträubte sich alles in ihr. Aber dann sah sie in seine drohenden Augen, die immer nach unten gerichtet waren, als könnte er keinem offen und gerade ins Angesicht schauen – und gehorchte schweigend, willenlos. Mit einem perfiden Lächeln drückte er sie an sich. »Es ist besser, wir fahren,« meinte er, »damit Du noch Zeit hast, nach dem Rechten zu sehen.« Er pfiff einem Kutscher, und sie stiegen in den Wagen. »Wilhelmstraße achtzehn!« kommandierte er. Der Wagen rasselte davon. Eine kurze Weile Schweigen. Dann beugte er sich über sie, kniff ihr die Backen und streichelte mit der Rechten ihren Scheitel. Sie ließ alles mit sich geschehen. »Siehst Du,« sagte er, »sobald Du willig bist, ist alles gut. Widerspruch vertrag ich nun einmal nicht. Und nun gib mir einen Kuß, Kleine! – Na! Du fängst doch etwa nicht von neuem an,« stieß er knurrend hervor, da sie zusammenschauernd sich ihm zu entwinden suchte. »Nein ... nein!« rief sie ängstlich – und zwang sich zu ihm. »Sehr schön ... so ist's schön, Du kleiner Teufel Du!« Und er lachte derb auf. »Brr!« machte der Kutscher. Der Doktor sprang zuerst heraus und half seiner Frau beim Aussteigen. »Nur Getränke und etwas kaltes Büfett habe ich angeordnet,« sagte er beim Heraufgehen, »und vor allem eil Dich!« Sie verschwand gleich darauf in ihrem Toilettenzimmer, während er sich in seine Studierstube begab. Er durchmaß mehrere Male das Gemach und stieß halblaute Interjektionen aus, die schließlich in kurze Monologe übergingen. Er blieb plötzlich in der Mitte des Zimmers stehen. Seine Züge waren heiter und strahlten Selbstbewußtsein aus. »Hab ich nun Recht gehabt?« rief er in die Wände hinein. »Wie – was? Die Fäuste zeigen! Verratzt ist man sonst! Und seine Zangen glühend machen! Zum Teufel auch! Mit so einem Weibsbild wird man doch noch fertig werden. Das wäre!« Er ging mit großen Schritten auf seinen Schreibtisch zu, schloß eine Schublade auf und entnahm ihr ein Manuskript. »Über die Umbildung von Rechtsbegriffen.« Er las die letztgeschriebenen Seiten. Es war das ein wissenschaftliches Werk, an dem er seit langem arbeitete. »Wie logisch das alles ist und so in sich geschlossen!« murmelte er. »Der Preßdoktor kann doch etwas!« Er legte das Manuskript wieder auf seinen alten Platz und stieß dabei auf ein Paketchen Briefe. Ein grausames Lächeln flog über seine Züge, als er das kleine Bündel in seinen Händen wog. »Die sollen mir noch nützen – wer kann es wissen!« Er schloß sie wieder in das Fach ein und trat von neuem seine Wanderung durch das Zimmer an. Feindselige Gedanken arbeiteten in ihm. Er wollte es ihr heimzahlen. So hatte er es denn doch nicht gemeint, als er sie dazu abgerichtet, ihm die Schüler und die Gäste ins Haus zu ziehen. So nicht! Die Stirnader schwoll ihm. Er stampfte heftig mit dem Fuße auf, als wollte er sich auf die Manier beruhigen. Er dachte blitzschnell an alles zurück, wie sich die Dinge entwickelt hatten und so weit gekommen waren. Er erinnerte sich, wie ihm das doch fatal gewesen, als sie damals seine intimen Verhältnisse aufgespürt hatte. Wie sie ihm eine leidenschaftliche Szene aufgeführt und ihn dermaßen gereizt hatte, daß er sich – ja, das war das erste Mal gewesen, wo er sich an ihr vergriffen hatte. Was war dann gefolgt? Die Erinnerung an all das war ihm unleidlich. Wie hatte sie ihm zugesetzt mit dieser Melancholie, von der sie seit jenem Tage jählings heimgesucht wurde. Und schließlich war diese Gemütsstimmung in Zustände ausgeartet, daß er sie in eine Anstalt hatte überführen müssen, wo sie seinem zweiten Kinde das Leben gegeben. Eine erbauliche Zeit war es gewesen, dies dritte Jahr seiner Ehe! Dann hatte es eigentlich nur noch Krieg zwischen ihnen gegeben, unausgesetzt Krieg! Nur mit äußerster Gewalt hatte er sie bändigen können, immer wieder hatte sie sich gegen seinen Willen aufgebäumt. Vor zwei Jahren nach den letzten, heftigen Auftritten war ihm der Boden doch zu heiß geworden. Auch fürchtete er, sie könnte von neuem in ihre Zustände verfallen. Das war der Grund gewesen, weshalb er seine Weltreise angetreten. Er wollte ihr inzwischen Zeit geben, zur Besinnung zu kommen. Aber was hatte dieses Satansbild angestellt? Hatte sich seine Abwesenheit zu nutze gemacht, um nichts weniger als zärtliche Verhältnisse anzuknüpfen. Nun, er wollte ihr das eintränken. Er wartete seine Zeit ab. Er konnte warten. Er hatte Briefe, diese sauberen Briefe des Kommerzienrat Bär, dem er ... Mitten in diesem Gedankengange wurde er aufgestört. Der Diener trat ein und meldete, die gnädige Frau ließe sagen, daß die ersten Gäste bereits erschienen seien. »Schon gut!« gab er zurück. »Ich komme sofort!« Er nahm ein Taschen-Necessaire hervor und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel. Darauf strich er sich mit der Bürste das rotblonde Haar zurück und schloß hinter sich die Tür. Aus dem Salon drangen ihm Stimmen entgegen. Einen Moment lauschte er. Dann öffnete er so leise und vorsichtig die Tür, daß er kaum zu hören war. Bei seinem Eintritt bemerkte er sofort den Kommerzienrat Bär und Felix Lerch, der mit Advokat Dormann sich angelegentlich unterhielt. Ein verstecktes Lächeln huschte für eine Sekunde über seine Züge. »Sieh da ... sieh da!« murmelte er. Mit einem flüchtigen Blick betrachtete er seine Frau. Sie hatte ein Kostüm aus schwerem, dunkelblauem Sammet angezogen. Nur der Hals war dekolletiert. An der Brust trug sie Marschall-Niel-Rosen und ebensolche im Haar. Ihre Augen strahlten. Sie schien die verkörperte Lebensfreude. Berger nickte zufrieden. » Servus ,« meine Herren, servus !« wandte er sich nach allen Seiten zu seinen Gästen, die sämtlich im Frack erschienen waren. Frau Doktor Berger hatte diesen Wunsch einmal ausgesprochen mit der Begründung, daß wenn sie für die Herren Toilette machte, sie ein Gleiches von ihnen verlangen könnte. Man hatte sich ohne weiteres gefügt. Berger ging auf seine Frau zu. »Siehst chick aus,« sagte er. »Wo hast Du denn so schnell die Prachtrosen aufgetrieben?« »Dörmann!« entgegnete sie. »Na ... na!« er lächelte bedeutsam und küßte sie auf die Stirn. Auch sie blickte ihn lächelnd an. Die vollen Lippen ein wenig geöffnet, die Augen bewegt und sprühend – lag für ihn in ihrem Wesen beinah etwas sehnsüchtig Werbendes. Er küßte sie nochmals und wollte sich wieder zu den Gästen wenden. Sie hielt ihn aber zurück. »Du!« sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Was denn?« »Du – mein Bruder war in unserer Abwesenheit da. Und das Dienstmädchen sagte ihm, daß er wiederkommen sollte. Wir empfingen heute. Was tu ich da nur. Du willst es doch nicht!« »Hm!« machte er, »wenn Du nett bist, gibt es schon Ausnahmen.« Jetzt wurde die Tür etwas stürmisch aufgerissen und ein ziemlich großer Herr mit einer Art von Raubvogelgesicht, einen Klemmer auf der gebogenen Nase, das dunkle Haar, in dem sich zahlreiche Graufäden bemerkbar machten, absichtlich salopp gekämmt – trat ein. »Ist aber nett von Ihnen, Hertel, wirklich nett, daß Sie gekommen sind,« rief der Hausherr und schüttelte dem neuen Gast kräftig die Hände. Der Angeredete ging stracks auf die Hausfrau zu. »Schönste der Frauen, ist das eine Freude, Sie zu sehen!« Er küßte ihr die Hand und sah sie mit herausfordernder Miene an. »Sie sind nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein brillanter Schauspieler. Wieviel Stunden ist es her,« fragte sie leiser, »seit wir zusammen gewesen sind?« »Zeit genug, um meine Sehnsucht von neuem zu entfachen. Ich war sehr vergnügt, als Ihres Mannes Rohrpostbrief kam.« »Hören Sie mal,« begann sie wieder, »wenn Sie mich ein wenig lieb haben, kümmern Sie sich heute nicht um mich. Ich habe in der Zwischenzeit viel durchgemacht. Er ist wie ein Rasender. Sorgen Sie also für sich und mich.« Und mit lauterer Stimme sagte sie: »Also im Theater war wieder nichts?« Der Angeredete blinzelte ihr unmerklich zu. Er hatte begriffen. »Naturalistische Grünschnäbelei! Das sagt alles,« erwiderte er in demselben Tone. »Was soll ich Sie damit langweilen. Lesen Sie meinen morgigen Bericht. Sie nickte ihm freundlich zu und schritt langsam auf den Kommerzienrat Bär zu. »Nun, lieber Rat!« Der Kommerzienrat nahm ohne weiteres ihre schlanke Hand, die er über Gebühr lange hielt. »Liebe Freundin, wenn Sie mich nicht toll machen wollen, vernachlässigen Sie mich etwas weniger. Ich bin empört ... ja empört!« »Etwas Selterwasser?« »Ich bitte – lassen Sie das! Wissen Sie, daß Sie mich eine volle halbe Stunde haben warten lassen? Eine volle halbe Stunde. Wissen Sie, was das für mich bedeutet? Für mich ist Zeit – Geld.« »Hätten Sie nur fünf Minuten länger ausgeharrt!« »Wollen Sie mir einreden? ...« »Herr Rat, nicht anzüglich werden!« »Ja, liebes Kind,« sagte er plötzlich, beinah etwas unwirsch, »ich bin doch kein Schuljunge. Ich bitte, das zu bedenken.« Sie maß ihn mit einem kühlen Blick und wollte sich einer anderen Gruppe zuwenden. »Sie bleiben ... hören Sie!« »Ich höre,« gab sie zurück, »und verbitte mir vor allem diesen Ton. Sie sehen wohl nicht, daß mein Mann uns beobachtet. Ich dächte, Sie könnten etwas mehr Rücksicht auf mich nehmen.« Der Kommerzienrat faßte sich. »Ist es wahr, was mir soeben Ihre Frau erzählt,« rief er zu Berger hinüber, »daß Ihr epochemachendes Werk demnächst erscheint?« Berger hatte die Arme verkreuzt, er besann sich eine flüchtige Sekunde, ehe er erwiderte: »Herr Kommerzienrat, ich hoffe vorher noch mit einer andern Arbeit zu debütieren und Ihr geneigtes Interesse dafür zu finden.« »Wie interessant, lieber Berger. Wie interessant. Aber selbstverständlich!« Dieses kurze Zwiegespräch hatte Frau Berger benutzt, um sich schleunigst zu Felix Lerch und Rechtsanwalt Dörmann zu begeben. »Weißt Du, Felix, daß wir heut bei Deiner Schwester zu abend gegessen?« Felix lachte. »Was Ihr alles fertig bringt! Respekt kriegt man. Übrigens das Kleid steht Dir! Was Dörmann?« »Was steht der Frau denn nicht? Können Sie mir das sagen?« fragte Dörmann zurück. »Haben Sie wieder recht! Über das andere reden wir noch. Entschuldigen Sie mich – will schnell noch mal mit Bär was besprechen.« Aber ehe er sich abwandte, rief er: »Wissen Sie, es ist gar nicht nötig, daß Sie noch mal zu mir kommen. In drei Tagen denk ich's Ihnen zu schicken.« Er nickte ihm noch einmal gönnerhaft zu und ging auf den Kommerzienrat zu. Dörmann reichte Frau Doktor Berger den Arm. »Ist mir doch sehr lieb!« sagte er und atmete ordentlich erleichtert auf. Indem er ihren Arm ein wenig an sich drückte, flüsterte er: »Mir geht es gerade wie Dir, Helene. Nie Geld! Geld kenn ich überhaupt kaum noch.« »Steht es wieder so arg?« fragte sie teilnahmsvoll. Er zeigte auf seine Kehle. »In acht Tagen muß ich hunderttausend auf den Tisch legen – oder perdu !« »Herr mein Gott!« sagte sie und schrak zusammen, und schnell erratend fügte sie hinzu: »Felix soll das Geld schaffen, was?« Er nickte. »Ist aber anständig von ihm,« meinte sie. Er machte eine wegwerfende Bewegung. »Überschätz das nicht!« antwortete er trocken. »In einer halben Stunde hat er's auf der Börse zusammen. Ich habe ihm gesagt, an wen er sich nur zu wenden braucht. Die sind mir dort verpflichtet – können mich brauchen. Ist übrigens zu drollig, ein Lustspiel könnte man sagen, allen helf ich, die schwierigsten Dinge mach ich, und in eigener Sache bin ich hilflos wie ein Kind. Die Gauner haben mich in Händen.« »Das ist auch merkwürdig,« gab sie zurück. »Man sollte es fast nicht glauben.« »Was? Interessiert mich eben nicht,« scherzte er, »und kommt auch daher,« fuhr er fort, »daß ich für mich keine Minute Zeit habe. Ich komme kaum mehr zum Essen – geschweige denn dazu, mich mit meinen Gläubigern auseinanderzusetzen. Man ist halt ein geplagtes Tier!« »Ich habe Dich auch seit ein paar Tagen nicht gesehen,« meinte sie. »Ich hatte ordentlich Sehnsucht.« »Du machst Scherze,« erwiderte er und lachte erheitert auf. »Wenn ich Dir sage!« »Soll ich Dir einmal vorrechnen, wer mich alles vertritt?« Sie wehrte nervös ab. »Sei nicht so zynisch! Was mach ich mir aus den anderen!« Er verbeugte sich. »Franzel!« »Was befehlen die Gnädige?« »Könntest Du mir etwas aushelfen ... ich bin auch arg in Verlegenheit. Die vielen Rechnungen ... die ...« Er unterbrach sie. »Kind, Du hast Humor,« rief er und wollte sich schütteln vor Lachen. »Nach alledem, was ich Dir gesagt habe ... Donnerwetter, dazu gehört Mut. Aber Scherz beiseite, ich habe ... vierzig Mark habe ich in der Börse ... mein ganzer Reichtum. Recht viel für einen Mann, der zweihunderttausend Jahreseinkommen hat, nicht? Wenn ich heut verliere, muß ich Wechsel geben. Gewinn ich ... helf ich Dir. Selbstverständlich! Du weißt, ich helf Dir gern.« Sie nickte vertrauensvoll. Sie kannte ihn. »Du bist der Beste!« sagte sie. »Da irrst Du. Viele behaupten das strikte Gegenteil. Und manche wollen mich sogar aus dem Anwaltsstande drängen. Sie meinen, ich sei ihnen nicht fein genug. Ja, ja,« sagte er, »das kommt davon, wenn man die größte Praxis und den meisten Grips hat.« »Um Gott im Himmel,« rief sie, »wenn das geschieht, was willst Du dann anfangen?« Er kniff ein wenig die Augen zusammen und sah sie eine Weile lustig und verschmitzt an, ehe er entgegnete: »Vorläufig hat's ja noch gute! Weile – und dann,« er reckte sich ein wenig, »dann, Kind, bleibt mir noch so viel anderes. Oder meinst Du etwa, ich könnte zum Beispiel nicht ebenso gut wie der« – er wies heimlich auf Hertel – »Theaterstücke, Romane und Kritiken schreiben – ich mit meinen Erfahrungen?« »Alles kannst Du – alles, was Du willst,« antwortete sie überzeugt. Er ironisch: »Ich danke für gütiges Zutrauen!« Sie überhörte es. »Sage mir nur, wie ist es denn möglich, daß Du bei Deinen Einnahmen immer in Verlegenheit bist?« »Wenn ich das wüßte. Es scheint als ob ich das Gegenteil vom König Midas bin.« »Was heißt das?« »Frage Deinen Mann.« »Puh!« machte sie. »Na also,« hub er wieder an, »es gibt eben Menschen, denen der Besitz an sich Übelkeit erzeugt, die jeden Dukaten in Lebensfreude umwechseln müssen. Solche Menschen wie Du und ich zum Beispiel.« »Das ist also kein Laster?« fragte sie naiv. »Ganz im Gegenteil. Dazu gehört sogar ein ganz klein wenig Genialität.« »Ist das lustig!« Sie klatschte kokett in die Hände. »Weißt Du,« sagte er, »das war zu stark siebzehnjährig. Das steht Dir nicht.« Sie zog das Mündchen etwas schmollend zusammen und gab ihm mit dem Fächer einen leichten Klapps. In diesem Augenblick trat Berger in die Mitte des Saales und rief in die einzelnen Gruppen hinein: »Meine Herren, das Spiel beginnt.« »Ich bitte um Urlaub,« sagte Dörmann. »Du hast ihn – und viel Glück – den Gewinn teilen wir.« »Wie Du befiehlst,« entgegnete sarkastisch der Advokat, »Übrigens, wenn ich Glück habe, so ist es klar.« »Was ist dann klar?« »Was im Grunde gar keines Beweises bedarf – daß Du mich an Ecken und Enden betrügst.« Sie errötete leicht. »Du bist ein Narr,« sagte sie, »aber einer, den man trotz seiner Arroganz gern haben muß. Ja, das bist Du!« Hastig trippelte sie davon, um keinen Einwurf mehr zu hören. »Frauenzimmerchen!« stieß leise der Advokat hervor und begab sich zu den Spieltischen, wo gerade die einzelnen Partien ausgelost wurden. Noch einmal wurden die Interessenten gestört. Zwei neue Gäste traten soeben ein, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. »Je später der Abend, desto schöner die Gäste!« rief Hertel mit komischer Betonung den Herren entgegen. Die Börsenleute drängten sich um die beiden, die Abgeordnete waren und im Reichs- und Landtage Opposition machten. »Nun,« fragte Felix Lerch beflissen, »wie stehen die Aktien?« »Ja, das müßten Sie doch eigentlich besser wissen,« gab der zurück, welcher das größere Licht war und besonders scharf die Regierungsvorlagen zu kritisieren verstand. »Machen Sie doch keine Witze,« rief Felix. Der Kommerzienrat sah den Abgeordneten gespannt in das Gesicht, als erwartete auch er eine Offenbarung. Die Volksboten setzten staatsmännische Mienen auf. »Wer weiß,« sagte der Bedeutsamere ernsthaft, »ob nicht die Herren Agrarier in den nächsten Tagen ein Börsengesetz durchdrücken, das Ihnen Tor und Tür verrammelt. Es gehen Dinge vor! Diese Gesellschaft hat jetzt Oberwasser!« »Ja, wozu haben wir denn Sie?« warf Felix ein. Die Abgeordneten zuckten à tempo die Achseln, »Was können wir gegen die Strömung,« sagte der Zweite. »Na ... na!« rief Dörmann, »seit wann sind Sie so kleinmütig – ist ja die neueste Nummer!« »Wollen wir eigentlich spielen, meine Herren,« rief Berger, »oder Politik machen. Ich denke wir warten mit dem letzteren noch ein bißchen. Erst ein paar Runden schlage ich vor – und dann müssen uns die Herren beichten. Lassen Sie sich vor allem nicht bange machen – der Direktor hat bereits eine Rede in petto , eine Rede sag ich Ihnen – Sie werden sehen, die Herren von der Regierung besinnen sich und ziehen schleunigst die Vorlage zurück.« Man lachte etwas überlaut, man lachte beinah gezwungen, und setzte sich an die Tische. Das Spiel begann. Frau Berger offerierte den Herren, die neueste Havanna-Auslese, und bald stiegen die Rauchwolken empor und hüllten die Spieler ein. Kommerzienrat Bär war des öfteren bemüht, über seine Karten hinweg den Augen der Wirtin zu begegnen. Vergeblich – sie mied ihn geflissentlich. Eine Zeit lang stand sie an dem grünen Maria-Theresia-Kamin, die Arme verschränkt, eine Zigarette etwas im Mündchen, nachdenklich den feinen Rauch in die Luft blasend. Dann promenierte sie zu den einzelnen Tischen, indem sie bald hier, bald dort den Kiebitz abgab. Aber beständig blickte sie nach der Tür. Leicht zuckte sie empor, als diese sich von neuem öffnete und ein schmächtiger, blasser Mensch mit verkümmertem Gesicht und nervösen Bewegungen eintrat. Sie ging sofort aus ihn zu. »Ah,« sagte sie, »das ist schön, daß Du kommst, ich hatte es fast schon aufgegeben.« Dabei reichte sie ihm die Hand. Er hielt sie einen Augenblick fest. »Ich mußte wohl,« entgegnete er und versuchte mühsam eine heitere Miene auszusetzen. Es gelang ihm schlecht. »So komm,« flüsterte sie. »Wir setzen uns hinter die Palmen. Sie sind mitten im Spiel, wir können also ungestört reden.« Er folgte ihr. Er war mittelgroß und hager, seine Züge waren eingefallen, seine Stirn schräg und niedrig. Allein sein geschlitztes Auge verriet Leben. Darin lag ein sinnlicher Ausdruck – und Gutmütigkeit; vielleicht auch Unterdrücktsein. Man wurde sich darüber nicht recht klar. Das schwarze Haar trug er kurz geschnitten. Sein Gang hatte etwas unsicheres. Das einzige Elegante an ihm war, daß er merkwürdigerweise Lackschuhe trug. Niemand hätte sie für Geschwister halten mögen. Als sie sich gesetzt hatten, wiederholte er seine ersten Worte: »Ich mußte wohl kommen.« Und nach einer kleinen Pause: »Die Mutter ängstigt sich so. Sie möchte wissen, wie es Dir in den letzten Tagen gegangen ist.« Eine Weile schwieg sie. »Beruhige die Mutter,« erwiderte sie dann. »Ich werde schon mit ihm fertig; ich muß ja. Vielleicht komme ich auch morgen für einen Moment hinüber.« Nun schwiegen sie beide. Ein verlegenes, scheues Lächeln trat allmählich auf die Miene des jungen Menschen. Sie sah es sofort. »Was gibt es noch?« fragte sie, obwohl sie bereits wußte, um was es sich handelte. »Nämlich,« antwortete er leise und schüchtern, »die Miete. Mutter sorgt sich bereits.« Sie war ein wenig bleicher geworden und preßte die Lippen aufeinander. »Daß ich das vergessen konnte,« sagte sie mechanisch. »Weißt Du, ich habe wieder so viel Erregungen gehabt, gerade in jüngster Zeit.« Er nickte nur. Nun überlegte sie. Es gab in ihr einen Kampf. So gut wie nichts hatte sie in ihrer Schatulle. Ihr Mann hatte ihr seit Wochen jeden Pfennig vorenthalten. »Ich bringe das Geld morgen,« sagte sie aufseufzend. »Du bist gewiß auch in Verlegenheit!« »Das laß nur!« gab er zurück. »So sprich doch – vielleicht kann ich Dir helfen.« Sein blasses Gesicht verfärbte sich jäh. Sie sah es und nahm wie eine Mutter seine Hand. »Du hättest Dich wohl doch nicht mit dem Wesen einlassen sollen.« Aber im Nu bereute sie ihre Worte. Dieser blasse Mensch zitterte vor Erregung. »Ich bitte Dich, sei mir nicht böse.« Er schüttelte heftig den Kopf. »Wie geht es Deinem Kinde?« fragte sie leiser. Er lachte schämig in sich hinein, als ob er sich genierte. »Du,« sagte er, »es spricht schon ganz flott.« Er sah ihr mit einem Male voll in die Augen. »Vielleicht war es sehr unrecht – sehr leichtsinnig. Aber Du wirst mir's glauben: Ich bin nur glücklich, wenn ich bei ihr bin. Ich bin überhaupt erst Mensch,« schloß er zaghaft, »seit ich sie kenne. Sie opfert sich für mich.« »Dann warst Du in Deinem Rechte.« Sie erschrak. »Du hast gewiß noch nicht zu Abend gegessen.« »Ich habe wirklich keinen Hunger!« Sie lachte. »Nie hast Du Hunger. Wenn's danach gehen sollte! Komm!« Und sie zog ihn mit sich fort. Als sie nach etwa zehn Minuten wieder in den Spielsaal trat, kam Dörmann auf sie zu. »Nun?« fragte sie gespannt, »wieviel bekomme ich ausgezahlt? Wie sind die Chancen?« Er zog ein jämmerliches Gesicht. »Etwa Tausend habe ich bis jetzt verloren, wenn es danach geht, bist Du treu wie Gold,« setzte er komisch hinzu. »Da hast Du's!« Er: »Kommerzienrat Bär hat seinen Glückstag!« Sie: »Wie interessant! So ... so! ... Also doch!« Sie warf einen Blick nach dem Kommerzienrat, der sich soeben erhob und an einen seiner Mitspieler sich mit den Worten wandte: »Ich muß ein wenig ausspannen. Bitte vertreten Sie mich doch.« »Dörmann,« rief es von einem anderen Spieltisch, und der Advokat entfernte sich schleunigst. »Die Pflicht ruft!« entschuldigte er sich. Der Kommerzienrat näherte sich Frau Berger, die ihn mit heller Miene empfing. »Nun, noch immer böse?« fragte er. »Wie kann ich das!« antwortete sie zweideutig. »Ist mir lieb. Ich bin wirklich für den Frieden. Schließen wir Frieden. Sie diktieren die Bedingungen. Einverstanden?« »Schön! Zuerst verlangen sie pardon wegen Ihres Benehmens von vorhin!« »Ich tue das feierlichst!« »Zweitens wird der besiegte Teil zu einer Buße verpflichtet, die er sich selbst auferlegen mag.« Der Kommerzienrat schnitt ein verblüfftes Gesicht – dann brach er in ein herzliches Lachen aus. »Sie sind,« – er zog sie in einen Winkel – »Du bist eine kapitale Person. Ich beuge mich respektvoll.« Sie verzog keine Miene. Aber aus ihren Zügen war jeder Blutstropfen gewichen. Ihre Lippen waren fahl. »Um Gotteswillen, was ist Ihnen?« rief der Kommerzienrat. »Still!« rief sie gequält. »Sprechen Sie nicht so laut.« Kommerzienrat Bär zog seine Brieftasche. Er gab sich den Anschein, als notierte er etwas. In Wahrheit knittern er eine Banknote zusammen – und wollte sie ihr in die Hand drücken. Sie machte eine abwehrende, erschreckte Geste. »Die Buße!« sagte er gutmütig schmunzelnd, »die Buße ... Sie wissen doch, Paragraph 2.« Sie senkte die Augen. »Legen Sie es auf den großen Palmentopf,« stieß sie heiser hervor. » Bon !« erwiderte er. »Und nächsten Donnerstag habe ich das Vergnügen, Sie zu sehen?« »Ja!« sagte sie dumpf. » A reviderci !« Er ging wieder zu seinem Spieltisch und trat auf dem Wege dahin einen Moment zu dem Blumenkorbe. Eine Minute später machte sich Frau Dr. Berger an derselben Stelle zu schaffen, um gleich darauf aus dem großen Herrensalon zu verschwinden. Im Speisezimmer saß noch immer ihr Bruder und ließ es sich wohl sein. Ein mitleidiger Zug trat auf ihr Gesicht, wie sie ihn halb ausgehungert die Bissen in sich hineinschlingen sah. Bei ihrem Anblick hielt er beschämt inne. »Es ist eigentlich ne Schlechtigkeit!« meinte er. »Ich tue mir gütlich. Und das arme Ding zerbricht sich den Kopf, wie es das Kind und sich durchbringen soll.« »Sie wird doch nicht davon satt, wenn Du ebenfalls hungerst?« entgegnete sie. »Hör übrigens mal, Hugo, vielleicht kann ich morgen doch nicht kommen. Du bist so freundlich und bringst der Mutter sechshundert Mark, die übrigen vierhundert behältst Du?« Damit reichte sie ihm einen zerdrückten Tausendmarkschein. Er sah sie mit irren Augen an. Vor seinen Augen flimmerte und flirrte es. »Ne ... ne!« stammelte er ... »so unmenschlich viel ...« Er sah nicht ihre Qual. »Halte damit Haus,« sagte sie. »Aber nun gute Nacht!« Und ehe er ihr noch antworten konnte, war sie aus dem Zimmer. VIII. In den nächsten Wochen sahen sie sich täglich; Advokat Heller schwärmte für den entzückenden Kollegen. Das sei sein Mann, bescheiden und wissensreich, und wenn ein anderer mit Bettelmünzen groß tue, so werfe er wie ein Verschwender mit Ideen und Anregungen um sich. »Du wirst sehen,« sagte er zu Regine, »der Mann macht Karriere, der endet nicht als simpler Rechtsanwalt.« Im stillen aber lachte Heller die Medizinmänner aus und hielt sich für einen feinen Psychologen. Was brauchte er die Ärzte, die ihn immer auf die Zukunft vertröstet hatten. Er war in seinem Hause selber Arzt, er hatte es bewiesen. Aus dem ewigen Einerlei hatte er Gine gerissen und den Interessen der Welt wiedergegeben. Schwer freilich hatte sie es ihm gemacht, und seine ganze Mannesenergie hatte er einsetzen müssen, um ihren Widerstand zu brechen. Nun, es war gelungen, die Mühe war nicht umsonst gewesen. Er lächelte still zufrieden in sich hinein. Das stand in jedem Falle fest, Kollege Gent war ihnen in dieser Zeit ein wahrer Freund geworden. Heller hatte gleich am Anfang mit Gent den Fall besprochen, ganz freimütig, weil er Vertrauen zu ihm hatte. Wie fein und treffsicher hatte der Kollege erwidert: Auch ich habe den Eindruck, daß Ihre Frau Gemahlin den Grübeleien der Einsamkeit verfallen ist. Das war ihre gemeinsame Diagnose gewesen, und von dem Fund ausgehend, hatten sie den Schlachtplan entworfen: Man war jeden Tag unterwegs gewesen, so gut wie jeden Tag und immer da, wo es etwas zu hören oder zu sehen gab – heute in der Philharmonie bei Richard Strauß – morgen im Opernhaus, wo Weingartners Genie Wagner klassisch wiedergab, tags darauf im Deutschen Theater, am nächsten Abend souper bei Dressel und so fort in infinitum . Ohne Advokat Gents Hilfe, das gestand sich Heller ohne weiteres ein, wäre alles das nicht denkbar gewesen. Der hatte sich geradezu geopfert, von allen Verpflichtungen freigemacht, um mit ihm die Aufgabe durchzuführen, Frau Regine dem Leben wiederzuschenken. Dazu hatte es Gent getrieben nach jenem seltsamen Gespräch zwischen ihm und der jungen Frau. In bewegter Stimmung war er damals heimgegangen, ganz von dem Empfinden erfüllt, für das sie selber das rechte Bild gefunden. Ja, ihm war zumute gewesen, als ob er einem Begräbnis beigewohnt und Leidgängerworte vernommen hätte, die ihm noch beim Nachhauseweg in den Ohren gesurrt hatten. Von der Stunde an waren seine Gedanken bei ihr gewesen, Erst, als er sich entschloß, von neuem mit Hellers zusammenzutreffen, hatte er seine Ruhe wiedergefunden. Dann hatte er es für seine Pflicht gehalten, auf dieses junge Wesen Einfluß zu gewinnen, ihrer Lebensfeindlichkeit die Bedingungen zu nehmen. Behutsam hatte er es angefangen, ganz allmählich erst eindringlicher werdend. Ein Gärtner war er gewesen, der mit Mühe und Sorgfalt ein verkümmertes Pflänzchen zu erhalten sucht. Sie hatte sich im Anfang scheu vor ihm zurückgezogen, ihn mißtrauisch betrachtend, fast als ob sie bedauerte, ihn zum Zeugen einer herbern Stimmung gemacht zu haben. Aber allmählich hatte es kaum merklich in ihren Augen aufgeleuchtet, und mochte sie auch in ihrer Zurückhaltung sich stets gleich bleiben, eines war sicher, nicht wie einen Fremden behandelte sie ihn – ja, oft meinte er sogar jenen leisen, herzlichen Ton zu vernehmen, den man nur einen Freund hören läßt. Sie lächelte freilich zu seinen Versuchen sie weltfreudig zu stimmen, sie nannte ihn einen schlechten Asketen – gleichwohl gab sie endlich nach und ließ sich in jenen Strom sinnlicher Freuden mit fortreißen, in welchem sie sich nach Gents Worten von allem Unbehagen der Seele freibaden sollte. »Ich tue Ihnen das alles zu Gefallen,« sagte sie ihm einmal, »weil wir nun doch gute Kameraden geworden sind, weil ich wünschte, daß Sie die gute Gesinnung auch auf mein Kind übertrügen, dem ich einen Freund zurücklassen möchte – wenn ich ...« Er wollte sie unterbrechen, aber sie wehrte mit einem scheuen Lächeln ab. »Ich will sagen,« fuhr sie fort, »wenn ich früher fortmüßte, als ich es um seinetwillen möchte. Sie sehen mich so ernsthaft und erschreckt an, Herr Doktor, als wenn man nicht auch diesen Fall voraussehen dürfte. Warum soll man nicht vom Tode sprechen?« Unmutig entgegnete er: »Sie haben sich an diesen Sterbegedanken so festgeklammert, daß er keine Freudigkeit der Empfindung in Ihnen mehr aufkommen läßt. Das ist es, was mich für Sie, gnädige Frau, schreckt. Ich für mein Teil bin nicht todesbang, aber ich bin doch nicht Asket genug, um ewiger Sklave des Memento mori zu sein. Der Lebende soll sich ans Leben halten – das Leben, ist wert, gelebt zu werden.« Sie sah ihn etwas spöttisch an, so daß er einigermaßen in Verwirrung geriet. »Und sie glauben wirklich,« sagte sie, »Sie könnten mir mit diesen Lustbarkeiten eine andere Weltanschauung geben?« »Ich dachte in der Tat,« erwiderte er langsam, »daß Ihre Verstimmung den großen Kunsteindrücken weichen würde.« »Ja, wer sagt Ihnen, daß auf mich Kunst wirkt?« »Für so abgestumpft hielt ich Sie nicht.« Sie: »Kunst genießen zu können setzt eine rein gestimmte Seele voraus!« Gespräche solcher Art führten sie oft; und wenn Advokat Heller wie ein Sieger einherschritt, so war der Kollege Gent nahe daran, die Schlacht aufzugeben. Er blieb einige Tage fort – aber in diesen Tagen litt er Qualen. Die Arbeit war ihm leid – der Tag so lang und eine verzehrende Unruhe bemächtigte sich seiner. Er erschrak vor sich selbst, was war aus ihm geworden, der den Frauen scheu und ängstlich fast aus dem Wege gegangen war und vor jeder Berührung mit ihnen wie eine Schnecke in sich selbst zurückgekrochen war? Ja, was war aus ihm geworden? Was wollte er eigentlich? Liebte er diese Frau, war das vielleicht der letzte Grund, weshalb er Bekehrungsversuche machte? Er gab sich darauf keine Antwort. Aber wenn er sie wirklich liebte, was dann? Immer wieder kam er auf diesen Punkt zurück. Er hatte die Frauen bislang gemieden – ein unantastbares Mysterium waren sie ihm gewesen. In heimlicher Furcht, es könnten seine reinen Vorstellungen befleckt werden – war er ihnen aus dem Wege gegangen. Er gehörte dieser ganzen Anschauung nach zu jenem Typ von Männern, der häufiger, als man denkt, in den oberen Jahrgängen der Zwanzig zu treffen ist. Aber jetzt: von neuem stets verfolgte ihn dieses: wenn es dennoch Leidenschaft wäre, die ihn zu ihr trieb? Denn elend und krank, seiner selbst nicht Herr, war er in diesen Tagen geworden, die ihm eine Ewigkeit schienen. Vielleicht war es nur starke Gewöhnung, die ihn am Gängelbande hielt, vielleicht war es ihm nur Bedürfnis, die Hoheit ihres Wesens persönlich zu empfinden, was wußte er? Gelacht hatte er über die Psychologen und Romanschreiber, über Stendhal, der von der Krystallisation der Liebe ausging, über all die andern, die von ihrer Allmacht sprechen und sie mit der Kraft des jungen Frühlings verglichen, der über die Haide braust und mit seiner Gottgewalt die Wasser der Berge mit sich fortreißt, gutmütig gelacht hatte er und Phantasten sie genannt. Und jetzt! Er hielt noch einige Tage an sich: er stürzte sich mit Zwang in die Arbeit. Zwingen wollte er es. Er hatte einen Prozeß vor sich, der sein ganzes Interesse in Anspruch nahm – und doch so viele Gedanken für Frau Heller frei ließ. Eine Kindesmörderin sollte er verteidigen, die auch an sich Hand zu legen versucht hatte. Das Wesen dauerte ihn – und seltsam, so oft er zu ihr in's Untersuchungsgefängnis kam, beschlich ihn die Empfindung, daß die Unglückliche ihrer ganzen Art nach Frau Heller ähnelte. Ja selbst eine entfernte äußerliche Ähnlichkeit war vorhanden. Den herbgeschlossenen Mund, den düsteren Blick hatten beide; beiden war die gleiche Lebensfeindlichkeit eigentümlich. Dem Advokaten ging das Verhör mit dem Mädchen nahe. Zuerst schwieg sie auf alle seine Fragen, und sah teilnahmslos mit verschränkten Armen, die Unterlippe ein wenig heruntergezogen, zu ihm empor. Erst ganz allmählich gelang es ihm, sie zur Aussprache zu bewegen. Aber schon die Art, wie sie mit ihm verhandelte, bewegte ihn. »Sie wollen oder sollen mich verteidigen?« »Ja!« »Dann werden Sie eine rührende Rede halten, die in die Zeitungen kommt, nicht?« »Ich möchte nicht rührend, sondern wahr sprechen,« entgegnete er ernst, »und gerade dadurch Ihrer Sache nützen.« »Das möchten Sie?« Sie sah ihn beinah spöttisch an, geradeso, wie Frau Heller ihn bei ihren Gesprächen öfter angesehen hatte. Dann sagte sie: »Um die schöne Rede werden Sie kommen, Herr Doktor. Ich leugne nichts – gar nichts.« »Es kommt nicht auf das Leugnen an, Fräulein. Es kommt darauf an, ob Sie aus Motiven gehandelt haben, nach denen Sie vor den Geschworenen milder beurteilt werden könnten. An der schönen Rede liegt mir absolut nichts.« Eine Weile hatte sie vor sich hingesonnen, dann fragte sie: »Was soll ich beginnen, wenn ich herauskomme, Herr Doktor, ich will Ihnen das Leben nicht sauer machen. Das Kind hab ich mit voller Überlegung« – sie schüttelt sich einen Augenblick wie im Krampf, ehe sie noch einmal wiederholte, »mit voller Überlegung fortgeschafft. Ich würd es heute grad so tun. In all den Monaten war ich darüber mit mir im Klaren.« »Wollen Sie mir sagen,« fragte er, »warum Sie das getan haben?« Da ließ sie die Arme sinken und sah ihn still an. Endlich antwortete sie: »Das Wurm sollte nicht so unselig werden wie ich.« Und dann setzte sie langsam hinzu: »es war ein Junge ... ich hatte Furcht, es könnt einen Schurken geben wie sein Vater.« Der Advokat sah betroffen zu ihr empor. Die Ausdrucksweise des Mädchens verwunderte ihn. Sie mochte ahnen, was in ihm vorging. »Ich bin guter Leute Kind,« sagte sie, und einen Moment leidenschaftlicher werdend, fuhr sie fort, »wen kümmert es, was ich mit dem Wurm angefangen hab ... es gehörte ja mir ... mir allein, und wen kümmert es, daß auch ich fort wollte ... was hielt man mich ... was ... ich kann ja doch nicht leben, schrie sie ... ich kann ja nicht ... und mit erschütterndem Schluchzen: »Ich geh ja doch fort ... ich muß fort ... ich muß zu dem Kinde,« stieß sie wie irre hervor. Gent verließ sie bald. Es war an dem Tage nichts mehr aus ihr heraus zu kriegen. Nachdenklich schritt er nach Hause. Zu Hellers wollte er nun doch nicht mehr. Die Lust und Stimmung war ihm vergangen. Was gab es doch für verhärmte Existenzen, von denen man in seiner warm geheizten Stube keine Ahnung hatte. Hatte da Frau Regine nicht doch Recht, als sie damals den Selbstmord verteidigte und von Menschen sprach, denen der Erdboden abgetragen war? Frau Heller ... Frau Heller ...! Den Advokaten packte ein Grauen. Was würde er beginnen, er mit seinem Leben, wenn am andern Morgen der Kollege mit verzerrter Miene die Tür zu seinem Zimmer aufreißen und ihm ins Ohr brüllen würde: »sie hat sich umgebracht ... so hören Sie nur, sie hat sich umgebracht!« War das so ausgeschlossen? War er denn nicht überzeugt, daß in ihrer Seele solcher Drang wuchs? Wer hatte das Recht, so ein armes Geschöpf zu schelten, das mit dem Leben nicht fertig werden konnte? Es kam ihm auf einmal so unsäglich trivial vor, daß er mit diesen kleinen Kunststücken auf sie wirken wollte – als wenn das Allheilmittel wären! Aber gab es denn überhaupt Allheilmittel in dieser Zeit, die dem Skeptizismus und Materialismus gehörte? Seit langem war der Advokat nicht in so verzagter Stimmung heimgekehrt. Die alte Haushälterin sah ihn scheu von der Seite an. Das veränderte Wesen des Herrn tat ihr weh; und doch hätte sie sich lieber den Finger abgebissen, als ihn zu fragen. Sie war noch aus jener strengen Zeit, wo die Dienenden mit ihrer Herrschaft litten, aber die Grenze der Ehrfurcht und des Respektes scharf gezogen war. »Der Herr Doktor Heller sind drinnen, schon eine gute Stunde,« sagte sie, als er eintrat. Ein Schrecken durchfuhr ihn, er sah sie einen Moment starr an. »Wer?« fragte er dann mit schwerer Zunge. Aber ohne auf ihre Antwort zu achten, eilte er in sein Zimmer. Vor der Tür blieb er stehen und lauschte. Aber er hörte nichts. Er nahm sich zusammen. »Mein Gott,« murmelte er zitternd, das kann ja nicht sein. Er klinkte auf. Heller sprang ihm mit der vergnügtesten Miene entgegen. »Sie sind mir schön!« rief er, »verlassen uns treulos desertieren einfach, und denken das ginge so. Außer uns sind wir. Und wenn meine Frau wieder einen Rückschlag bekommt, Sie sind daran schuld. Im Ernst, Kollege, was stellen Sie mit uns an – und wie haben wir Sie vermißt – wo steckten Sie denn eigentlich?« Advokat Gent sog jedes Wort dieser langatmigen Rede wie eine Wonne ein, jedes Wort gab ihm ja neue Gewißheit, daß sein schreckhaftes Ahnen nur Hirngespinst war! »Ich hatte zu tun!« stammelte er, »ich konnte wirklich nicht!« Heller sah ihn zwinkernd an. »Machen Sie nur keine Ausflüchte. Sie fühlen sich schuldig und treten Buße an. Das heißt, Sie kommen sofort mit. So will es meine Frau.« Gent zauderte noch, aber Heller ließ ihn nicht locker, so daß er, ohne mit sich selbst ins Klare gekommen zu sein, nachgab. Frau Heller empfing ihn mit bleichem, leidendem Gesicht. »Die Freunde werden schlecht von Ihnen behandelt,« sagte sie. »Das ist doch wider den Pakt!« »Gewiß,« gab er ausweichend zurück, »und ich kann nichts anderes zu meiner Verteidigung sagen, als daß ich des öfteren kommen wollte, durch allerhand jedoch zurückgehalten wurde.« »Darf man nach den Gründen forschen?« Er wurde erst verlegen, dann erzählte er ihr rückhaltlos von seiner Klientin. Sie hörte ihm gespannt zu. »Ich begreife das Mädchen,« sagte sie leise. »Ich begreife sie so gut und ich finde es grausam, daß der Staat sich zwischen sie und ihr Eigenes schiebt.« »Ich bin heut mit Ihnen einer Meinung,« erwiderte er. »Es ist das aber ein Problem, das so bald nicht aus der Welt geschafft werden wird. Der Staat folgt übrigens einem Selbsterhaltungstriebe und macht sein Recht auf den Menschen geltend. Er schützt schon das keimende Leben.« »Der Staat ... immer der Staat – und so ein armes Menschenkind kann sich langsam zu Tode martern, wollte es nach ihm und seinen Gesetzen fragen.« »Sie greifen natürlich auch den Staat an,« und lächelnd fügte er hinzu: »Ihnen ist ja wohl nichts heilig. Sie kommen gleich hinter Max Stirner, der den Staat wie so vieles andere nur als eine fixe Idee nimmt.« »Wenn er das tut, so ist er mein Mann,« gab sie zurück. Ihm wurde das Gespräch peinlich. Mit feinem Fraueninstinkt merkte sie die Wirkung ihrer Worte. »Berührt Sie das unangenehm?« »Aufrichtig gesprochen: ja!« entgegnete er. Diese Selbstherrlichkeit, die alles leugnet und nur die eigene Person gelten läßt. Die den Staat fortwerfen möchte, weil er der individuellen Freiheitsbetätigung hinderlich ist, diese Selbstherrlichkeit, die sich über Religion, Form und Sitte, über alle Kulturwerte hinwegsetzt – denn Sie werden schwerlich leugnen können, daß Staat, Religion, Sitte große Kulturerrungenschaften darstellen – ich sage mein beschränkter Verstand räumt keinem, auch nicht dem größten Geiste, die Berechtigung zu solcher Freiheit ein; ja, die großen Geister haben sich auch innerhalb dieser Beschränkungen frei gemacht und entwickelt.« »Jetzt muß ich erst ein wenig nachdenken,« antwortete sie, indem sie den Zeigefinger, wie es dem Advokaten schien, mit einem leisen Anflug von Koketterie an die Stirn legte, »damit das, was ich zu erwidern habe, nicht allzu frauenhaft klingt. So, jetzt habe ich's. Ich hab wohl die Spitze verstanden. Die größten Geister sind nicht zu Rande gekommen, darum sollen sich die Kleinen erst recht bescheiden. Dagegen aber stemme ich mich. Die Kleinen haben viel mehr Grund sich zu wehren. Denn die Großen sind innerlich befreit – und für sie existieren kaum noch die Hemmnisse der Außenwelt. Aber ... wir ... wir Kleinen fühlen sie an Ecken und Enden. Ja, Herr Rechtsanwalt! Und diese persönliche Freiheit ist doch das letzte Ziel – aller Ethik und allem Nazarenertum zum Trotz! Und damit ist auch nicht Kulturniedergang, sondern -aufgang verknüpft. Denn so innerlich Freie werden auch die Freiheit der anderen respektieren, deshalb, weil sie, mit den Dogmen und fixen Ideen einer verlebten Kultur fertig, notwendigerweise eine gewisse Bergeshöhe erreicht haben und dem beengenden Tal entwichen, Freiluft atmen. Solche Herrennaturen werden nicht den Fuß auf den Nacken der anderen setzen – sondern sie emporzuheben suchen. Und in diesem Sinne werden sie sogar ethischer sein, als Sie, Herr Rechtsanwalt! In Parenthese, ich gehöre nicht zu diesen starken Naturen.« »Doch, Sie gehören dazu – Sie sicher!« »Gott geb's, ich glaube es nicht.« »Ich wünschte, Sie hätten mit diesem Unglauben recht. Denn die Schlüsse, die Sie ziehen, sind nach meinem Dafürhalten Trugschlüsse, verehrte Frau! Ich für mein Teil sehne mich nach Menschen, den Übermenschen, den Sie schildern, schenke ich Ihnen gern, weil ich ihn schlechterdings für unmöglich halte. Wenn Frauen so wie Sie sich zu entwickeln streben, so bleiben bittere Enttäuschungen nicht erspart. Ich leugne nicht, daß Sie von einer hohen, sittlichen Auffassung ausgehen, aber wer nicht mit dem Menschlichen rechnet, und Überwerte annimmt, der verrechnet sich leicht. Das ist meine Ansicht, verehrte Frau.« »Die ich nicht zu teilen vermag!« entgegnete sie schroff. »Jedes Ideal – von unserer Kardinalfrage ganz abgesehen – stellt etwas für den Menschen Überwertiges dar. Wer sich nur an Mittelwerte hält, dessen Seele ist flach und nüchtern, ohne Höhe und Tiefe.« Er verbeugte sich. »Die Evangelien, gnädige Frau, enthalten für mich die sittlichen Ideale: Sie sind in ihrer Reinheit uns gewiß nicht erreichbar, aber sie rechnen mit allem Menschlichen in uns. Dennoch ist in ihnen Tiefgang. Mögen philosophische oder unphilosophische Köpfe solche Theoreme aufstellen – ich für mein schwaches Teil traue mehr der Weisheit des alten, treuen Buches. Ich werde nie den Gedanken los, daß diese Festnagler fixer Ideen selber Propaganda für eine solche machen. Aber ihre fixe Idee ist ein wollüstiges Hirngespinst – während das, was sie angreifen – es mag seine Leiden, Fehler und Schwächen haben, und ich bin der Letzte, das zu leugnen, trotz alledem eine Basis hat, die fest genug war, um auf ihr zu bauen.« »Man baut oft auf schwachem Grunde,« sagte sie ernst. »Die Baumeister waren leichtsinnig oder unfrei und geistlos. Der Bau steht eine Weile, und scheint probat, aber dann wird es mit einem Male in seinen Mauern dumpf und stickig, Krankheitsstoffe sammeln sich, und wer nicht an Leib und Seele verderben will, verläßt den Bau. Ich möchte, Herr Doktor, daß auch Sie den alten Bau verließen, dessen Grund und Boden der Sturmflut preisgegeben ist.« »Ich liebe das Alte, bin selbst ein bißchen antiquiert – und warte auf die Sturmflut. Ich habe übrigens vorhin noch etwas vergessen, setzte er schwerfällig hinzu, das ich mit Verlaub noch nachtragen möchte. Mich dünkt, als ob Frauen Ihres Schlages in dem harten Ringen nach dem Geistigen, in dem Streben nach möglichst weitem Umfassen alles Umfassenswerten, ihr bestes verlieren. Ich meine, diese geistigen Exerzitien gehen auf Kosten des feinen Inhalts ihrer Seele. Ich gehöre zu diesen Philistern, gnädige Frau, denen angst ist vor der Verstandesfrau, denen am Weibe das Gemüt die Sonne ist, wo sie sich wärmen mögen. Aber verzeihen Sie,« unterbrach er sich, »mir scheint, wir werden beide gar pathetisch und sprechen in Bildern. Da sei Gott davor,« scherzte er. Sie ging nicht auf diesen Ton ein. »Daß ich mit Ihnen so streiten muß, Herr Doktor! Was nützt Ihrem armen Wesen hinter Schloß und Riegel sein Gemüt? Das hat sie elend und todesmürbe gemacht, viel pessimistischer als Ihren großen Pessimisten, der im Grunde seines Herzens ein leidenschaftlicher Optimist war. Denn sie zieht die Konsequenzen ihres Erdenjammers: sie sagt einfach nein, sie versagt sich und ihr Kind dem Leben – und das alles von Gemütswegen, Herr Rechtsanwalt!« Advokat Gent hörte ihr mit Staunen zu. Er sah allmählich ein, es war ihr nicht beizukommen, aber er empfand sie als so außergewöhnlich, so denkscharf und wissenstief, daß diese Erkenntnis ihm nicht wehe tat, ja eher eine Art von reiner Freude in ihm hervorrief. »Von Gemütswegen ist sie elend geworden,« antwortete er auf ihre letzten Worte, »aber von Gemütswegen hat sie wahrscheinlich auch ihr höchstes Glück gefunden.« »Wir kommen nicht zusammen, Herr Doktor,« meinte sie kopfschüttelnd. »Denn solch ein Genießen, dessen man sich nachher mit Schaudern erinnert, weil man sich ihm ohne Sinn in elendem Rausche hingegeben, verdient ja gar nicht den Namen Glück. Das empfindet man als eine Schändung, die einen, wenn man nicht aus hartem Holze ist, um den Verstand bringen kann. Aber,« fuhr sie fort und ihre Miene nahm einen mütterlichen Ausdruck an, »das ist ein Problem, das allein eine Frau zu erfassen vermag. Es ist,« sagte sie langsam, »das Geheimnis der Scham, aus dem alle Qual entspringt.« Der Advokat erhob sich und schritt einige Male durch das Zimmer. Ihre letzten Worte hatten einen jähen Verdacht in ihm geweckt. Er kämpfte mit sich einen Augenblick. Als er zu einem Entschlusse gekommen, lag ein erregter Ausdruck auf seinen Zügen. Er trat dicht vor sie hin. »Gnädige Frau,« sagte er mit gedämpfter Stimme, »wenn ich nicht wüßte und sähe, in wie glücklicher Ehe Sie leben, ich könnte auf den Gedanken kommen, Erlebnisse wie die der Frau Kammerherrin Alving hätten gleiche Anschauungen in Ihnen geweckt. Manches erinnert mich an Frau Alving mit einem Stich in Noras Puppenheim.« »Ich bin erfreut, daß Sie meine Modelle gefunden haben,« entgegnete sie, und er sah, wie sie leicht errötete und den Blick von ihm wandte. In diesem Moment trat Heller ein. Er hielt in den Händen eine angezündete Lampe mit rotem Schirm. Sein Gesicht leuchtete. »Wißt Ihr,« sagte er, »ich habe soeben an Adolph Ernst telephoniert und Billets für heute abend zu Charleys Tante bestellt. Es geht doch nichts über das Lachen – und lachen soll man dort ... ja, was habt Ihr denn – Ihr macht ja beide ganz merkwürdige Gesichter? ...« Frau Heller stand auf. »Du irrst,« sagte sie, »es ist das grelle Licht der Lampe. Übrigens, Dein Einfall ist gut – auch ich möchte lachen.« »Und Sie, Herr Doktor?« »Ich bin unbedingt für Charleys Tante.« »Dann bitte ich um pardon bis ich Toilette gemacht habe.« Sie entfernte sich mit einem leichten Neigen ihres Hauptes. Advokat Gent blickte ihr betroffen nach und überhörte Hellers Frage. IX. Als Advokat Gent an einem der folgenden Tage ziemlich früh im Untersuchungsgefängnis erschien, erhielt er die grausige Nachricht, daß seine Klientin sich in der vergangenen Nacht das Leben genommen. Er war in den ersten Minuten so betäubt, daß er keine Frage zu tun vermochte. Erst der Gefängniswärter rüttelte ihn auf. »Sie war nie ganz geheuer,« sagte er. »So was Absonderliches war an der Person vom ersten Tage an – man soll wohl über die Toten nichts Schlimmes reden, Herr Doktor, aber hochmütig war die – na! ...« Der Advokat raffte sich. »Hat sie etwas hinterlassen?« fragte er mit unsicherer Stimme. »Nicht eine Sterbenssilbe!« Er ging. Aber ihm war zu Mute, als wenn sich alles in ihm drehte. Ein ihm fremdes Wesen, eine Geschichte, wie man sie so oft in den Blättern lesen konnte – und er, trotz alledem erschüttert bis in den Grund seiner Seele. Er ging, wie ein Trunkener, keinen Menschen sah er, und nicht einen klaren Gedanken konnte er fassen. Lange mochte er so dahingeschritten sein, als er sich auf einmal erschreckt umsah, und bemerkte, daß er sich in einen entlegenen Teil des Tiergartens verirrt hatte. Es war schneidend kalt, auf den Bäumen lag Rauhreif. Der Advokat zog die Uhr: dreiviertel Zwölf. Jetzt fiel ihm plötzlich ein, daß er um elf Uhr Termin gehabt. Was konnten sich daraus für Unannehmlichkeiten ergeben! Aber was scherte ihn das – nur Ruhe wollte er, nur Ruhe! Er durchschritt den Tiergarten, er wollte wissen, wo er eigentlich war. Aha! Station Bellevue! Er winkte einem Kutscher. »Bendlerstraße dreizehn! So schnell wie möglich! Sie bekommen das Doppelte!« Der Mann hieb auf den armen Gaul, als wollte er ihm das Blut auspeitschen. In seinem Zimmer schloß sich der Advokat ein und durchmaß unruhig den Raum. Er kam endlich zu einem Entschluß. Er mußte die Dinge niederschreiben, um sich Ruhe zu schaffen. So nahm er denn Papier und Feder vor und trat an sein Pult. Er schrieb folgendes: Ich habe Jahre meines Lebens nur in Reflexionen gelebt. Die Dinge der Außenwelt haben an mir fast gar nicht gerührt. Jetzt dringen plötzlich Ereignisse auf mich ein und bedrohen mich in meinem innersten Wesen. Ich sehe Welt und Menschen mit anderen Augen an wie ehedem, ich beginne zu zweifeln nicht mehr aus blutleeren Reflexionen heraus, sondern weil ich aufgehört habe schematisch zu denken. Ich bin persönlichen Schicksalen gegenübergetreten, die vielleicht auf mein eigenes Los in höherem Maß, als ich mir selbst noch darüber klar geworden bin, einwirken. Mir ist zumute, als müßte mir die nächste Zukunft schon Enthüllungen bringen. Er legte das kleine Blatt zusammen, tat es in ein Kuvert und schrieb das Datum des Tages auf. Dann schloß er es eilig. Nun starrte er ratlos vor sich nieder. Um zwei Gestalten bewegten sich seine Gedanken: um die arme Tote – und Frau Heller. Er konnte die beiden Menschen nicht mehr trennen, in einem Bilde waren sie ihm verschwommen. Wenn ich jetzt ein Dichter wäre, dachte er, so hätte ich Stoff zu einem Sittenroman. Und was ließe sich mit einiger Phantasie nicht alles in den Tod des unseligen Geschöpfes hineindeuten. »Herr Doktor,« rief die Haushälterin, »Herr Doktor!« Er ging rasch zur Tür und schloß auf. »Ja, was ist denn?« fragte er verwirrt. Der armen Person rannen die Tränen über die runzligen Wangen. Sie sah ihn einen Moment in banger Sorge an. »Ich hab schon zweimal geklopft,« sagte sie in unterdrücktem Schluchzen, »der Herr Heller ist nämlich da!« »Bitte, führen Sie den Herrn schnell herein – oder warten Sie, ich hol ihn selbst.« Er schob sie ein wenig unsanft beiseite und ging Heller entgegen. Der drückte ihm in nervösem Ungestüm die Hand. Er sah sehr blaß aus. »Herr Kollege, ich möchte mit Ihnen sprechen.« »Bitte sehr!« sagte Gent und schritt voran. »Sind wir ungestört?« fragte Heller. »Durchaus!« »Herr Kollege,« begann Heller zögernd von neuem, »wenn ich mit Ihnen darüber rede, so mögen Sie das als einen besonderen Beweis meines Vertrauens auffassen. Um kurz zu sein, bei mir im Hause« ... er brach ab und sah plötzlich Gent mißtrauisch und durchdringend an. »Sie ahnen ... Sie wissen wohl, was ich Ihnen zu sagen habe?« Gent fiel dieser absonderliche Ton auf. »Ich weiß wirklich nicht, was Sie damit meinen,« entgegnete er zurückhaltend. Heller wandte sich bei diesen Worten ab – und auf einmal hörte Gent etwas, das wie Weinen klang. »Um Gotteswillen, was ist vorgefallen, Heller, so reden Sie doch.« Kollege Heller raffte sich zusammen. »Vorgefallen ... nichts ist eigentlich vorgefallen ... ich wollte Ihnen nur sagen ... ich glaube ... ich fürchte ... die Kur schlägt am Ende doch fehl ... meine Frau ...« er brach wieder ab und durchmaß mehrere Male das Zimmer, bis er schließlich dicht vor Gent stehen blieb. »Lieber Kollege, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie zu meiner Frau – Sie sind der einzige Mensch, zu dem sie Zutrauen hat.« »Wüßte ich nur, was ich dort soll!« Eine flüchtige Minute schwiegen sie beide. Endlich sagte Heller: »Es sind diese trostlosen Stimmungen, die meine Frau überfallen. Ich glaube, sie braucht dringend jemanden, mit dem sie sich aussprechen kann. Sie werden sagen, der Nächste dazu wäre ich ... das ist ein Irrtum ... das ist ein psychologischer Irrtum. So spricht einer, der die Ehe nicht kennt. Es gibt sogenannte kleine Mißverständnisse, ganz unbedeutende Dinge, aber sie bilden doch ein Hemmnis, ein unüberwindliches Hemmnis. Und was den Fall meiner Frau anbelangt – wenn meine Frau von ihren Stimmungen heimgesucht wird, dann ist jedes Wort von meiner Seite eher eine Gefahr. Sie kriegt dann ihre pathologischen Wünsche. Ich kann es gar nicht anders bezeichnen, vollständig pathologisch. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen – wollen sie aus Freundschaft für uns das Opfer ...« »Von Opfer bringen ist keine Rede,« schnitt Gent ihm das Wort ab. »Wenn Sie meinen, daß ich auf Ihre Frau Gemahlin irgend welchen beruhigenden Einfluß ausüben kann, so bin ich sofort bereit, Sie zu begleiten.« Der andere schüttelte ihm die Hand. »Sehen Sie ... sehen Sie, das wußte ich. Mein Wort darauf, ich hatte keine andere Antwort erwartet.« Gent erwiderte keine Silbe. Den Kopf ein wenig gesenkt, folgte er nachdenklich Heller, der bereits die Tür aufgedrückt hatte und draußen sich hastig verabschiedete. »Treff Sie doch noch, Kollege, was?« Und mit einem raschen Händedruck verschwand er in der nächsten Straße. Er mußte zur Schwiegermutter. Unterwegs überdachte er noch einmal die letzten Ereignisse. Wieder hatte es zwischen ihnen eine jener Szenen gegeben, die ihn um den Verstand zu bringen drohten. Fort wollte sie, um jeden Preis fort. Gedroht hatte sie, ihm auf und davon zu gehen, wenn er nicht in die Trennung willigte. Und weshalb das alles? Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er mit ihrer verflixten hübschen Jungfer ein bißchen geschäkert hatte. Die kleine Hexe hatte sich etwas zu laut gesträubt. War ungeschickt von ihm gewesen, gab er ohne weiteres zu. Aber war das ein Grund, die Kabinettfrage zu stellen? Und schließlich, konnte man es einem Mann in seiner Lage verdenken, wenn er sich schadlos zu halten suchte? Langsam und widerstrebender Empfindungen voll war Gent seinen Weg gegangen. In welche Wirren war er hineingeraten – und wie würde sich das Ende gestalten, das Ende, vor dem ihm graute. Oben bei Hellers angelangt, ließ er sich nicht melden. Er schob das Mädchen beiseite und ging ohne weiteres in den Salon, von wo aus er Frau Reginens Stimme gehört zu haben glaubte. In der Tür blieb er betroffen stehen: Sie hielt ihr Kind fest an sich gepreßt und schluchzte fassungslos in sich hinein. Er wollte sich auf der Stelle geräuschlos entfernen. Sie aber bat ihn hastig und mit scheuen Worten, doch zu bleiben, da sie manches mit ihm zu besprechen hätte. Er nickte nur still, während er verstohlen in ihrem bekümmerten Gesicht forschte. Ihm tat es weh, wie sie mühsam nun versuchte eine heitere Miene aufzusetzen. Als die Jungfer das Fritzel aus dem Zimmer geholt hatte, sagte sie mit unsicherer Stimme: »Was macht Ihre arme Klientin?« Bei dieser unvermittelten Frage sah Gent gequält zu Boden und in einer Art von Frostgefühl schüttelte er sich. »Meine Klientin,« entgegnete er dann mit schwerer Zunge, »die, Frau Heller, hat sich freigesprochen von aller Erdenlast.« Einen Augenblick, einen flüchtigen Augenblick sah sie unschlüssig zu ihm empor, dann hatte sie begriffen und beugte ihren Kopf tief herab. Lange verharrte sie so. Endlich sagte sie wie abwesend, in einem Ton, der geradezu feierlich klang: »In meinem Herzen lese ich ihr eine Totenmesse – und wenn Gott ist, so wird er diese arme Seele begreifen.« »Gott ist!« sagte er mehr zu sich selbst. Sie trat eine Sekunde an das Fenster und blickte in das helle, freudige Winterwetter, blickte auf die drängenden Menschen, die unter den weißen, lichten Flocken dahintrieben. Sie wandte sich wieder zu Gent. »Wer will es entscheiden,« sagte sie gedrückt, »ob sie nicht recht getan, so still und ohne jedes Hoffen, so todesmutig davon zu gehen – wer will es entscheiden!« Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Niemand kann das!« entgegnete er. »Und das war doch auch ein Wesen,« fuhr er in sich selbst erschüttert fort, »das einmal dem Leben entgegengejauchzt und tausend Schlösser in die Luft gebaut hat.« »Ja,«, antwortete sie traurig, »man soll nicht Schlösser bauen.« Dann trat sie an einen kleinen Schrank und nahm mehrere verbriefte Papiere aus einem der Fächer. »Ich möchte mit Ihnen einige Dinge besprechen, die rein geschäftlicher Natur sind und unter uns bleiben mögen.« Advokat Gent verbeugte sich. »Ich habe in der letzten Zeit einige Willensbestimmungen aufgesetzt, die ich gern rechtsgültig wüßte. Man kann ja nicht wissen, was einem der andere Tag bringt.« Gent erhob sich. »Gnädige Frau,« sagte er, und seine Stimme bebte, »ich habe mich niemals, nein niemals in Ihre Angelegenheiten gedrängt – aber wenn Sie mich jetzt zu Ihrem Rechtsbeistand machen – eine Ehre, die ich zu würdigen weiß – dann darf ich zuvor als Freund ein paar Worte an Sie richten. Liebe gnädige Frau, mir ist bange um Ihretwillen, mir ist, als ob Sie in einem unglückseligen Entschluß etwas begehen könnten, das anderen namenlosen Schmerz schaffen würde ... das ... mit einem Worte, gnädige Frau, Sie dürfen sich nicht mit Todesgedanken tragen. Und das tun Sie,« rief er verzweifelt, »sonst würden Sie nicht an letzte Willensbestimmungen denken. Mir aber,« schloß er schmerzlich, »haben Sie die Rolle des Totengräbers zugemutet.« Er sah sie mit flehenden Augen an – aber ihr Gesicht blieb starr und bewegungslos. »Sie irren, Doktor, Sie irren vollkommen. Ich bin nicht so heroisch wie das arme Sündenkind, noch nicht, Herr Doktor, ganz gewiß nicht.« Sie sah in seine bittere und bekümmerte Miene, und ein feines Mitleid erfüllte sie. »Wäre ich's, Doktor,« fuhr sie fort, »so setzte ich mich nicht der Gefahr Ihrer treuen Augen aus. Für so schwach dürfen Sie mich nicht halten.« In seinem Gesicht leuchtete es auf. Sie bemerkte es und preßte in einem Gefühl von Unbehaglichkeit die schmalen Lippen aufeinander. Dem Advokaten entging diese Veränderung nicht; wie ein kalter Strom überlief es ihn. Da blickte sie freimütig zu ihm auf, und in einem Anflug von Lustigkeit sagte sie: »Ich denke sogar in den nächsten Tagen bei meinem Bruder mit Ihnen festlich zusammenzutreffen. Nur möchte ich,« fuhr sie in herzhaftem Eifer fort, »Ihnen diese Schriftstücke geben, mit der Bitte, sie rechtskräftig zu machen. Wollen Sie das?« »Ich wünsche,« entgegnete er langsam, »ich dürfte mehr für Sie tun.« Sie zeichnete mit der Hand eine ablehnende Bewegung, sodaß er es aufgab, weiter in sie zu dringen. »Dies hier ist die Bestimmung, die meinen Sohn betrifft, während ich Ihnen hier ein Dokument übergebe, das ...,« sie stockte eine Weile, »ein Legat von hunderttausend Mark enthält. Die Zinsen dieser Summe,« fuhr sie hastig fort, »sollen ohne jede Beschränkung und ohne jedes Wehtun armen Müttern zufallen. Ich bin zu dieser Bestimmung,« schloß sie verlegen, »durch den Fall der Verstorbenen veranlaßt worden. Sie hatte die erste sein sollen, der das armselige Geld zu einer Existenz ...« Sie brach jählings ab. Nach einer kleinen Pause sagte sie: »Das Kapital mag gleich in Kraft treten. Ich denke, es werden sich noch arme Seelen finden, die es brauchen können. Daß mein Name nicht genannt wird, ist ja selbstverständlich. So, das wären meine geschäftlichen Sorgen.« Der Advokat hatte schweigend die Papiere in seine Rocktasche gesteckt. Er gehörte nicht zu den Engherzigen, und doch empfand er die Art, wie sie gab, als besonders schlicht und vornehm. »Noch etwas,« begann sie langsam und zögernd von neuem, »um für alle Fälle vorgesorgt zu haben: Ihrer nazarenischen Freundschaft vertraue ich meinen Sohn an, wenn ich ihm in seinen Kämpfen nicht selbst beistehen kann ... Darf ich das?« Sie fragte es ganz leise. Er aber nahm ihre schmale Hand, die er eine flüchtige Spanne Zeit in der seinen hielt. »Gnädige Frau,« erwiderte er dann, indem er sie hilflos und gramvoll ansah, »liebe gnädige Frau, auch ich wage eine Bitte: Versprechen Sie mir, bevor Sie irgend etwas unternehmen, etwas das ...« die Stimme schlug ihm über, »versprechen Sie, noch einmal Auge in Auge mit mir zu stehen. Mein Wort darauf: Nach dieser Unterredung werde ich Ihnen nicht mehr lästig fallen.« Ihre tiefliegenden Augen öffneten sich bei seinen Worten weit, und ein weicher, übersinnlicher Ausdruck verklärte ihre Züge. »Das verspreche ich Ihnen,« sagte sie kaum hörbar. X. Advokat Heller sprang leichtfüßig aus dem Wagen, der vor einem Hause in der Kurfürstenstraße hielt. In großen Sätzen eilte er hinauf. Oben schellte er mit solcher Wucht, daß es im ganzen Hause wiederhallte. Die alte Frau Lerch, die gerade von einer Spazierfahrt heimgekehrt war und im eleganten Zobelpelz noch im Entree stand, öffnete selbst und begrüßte den Advokaten lebhaft. Er war ihr beim Ausziehen behilflich und reichte ihr alsdann geflissentlich den Arm. Im Salon nahmen sie Platz. »Du hast etwas auf dem Herzen, lieber Edmund, ich seh es Dir an. Also sprich!« Der Advokat machte eine verlegene Miene und zauderte einen Moment. »Liebe Mama,« begann er endlich, »erschrick nicht – aber es wird Ernst bei uns.« »Was?« fragte sie ungeduldig. »Sie will fort!« »Du bist nicht recht gescheit!« Nun sprudelte Heller mit wichtigem Tone hervor: »Wenn ich Dir versichere, Mama, daß sie von nichts anderem mehr spricht, schon seit Wochen nicht. Ich bin bereits so nervös, daß ich für mich selber fürchte. Kann man liebevoller sein als ich? Aber sie denkt nicht an mich und denkt nicht an das Kind. Und meinst Du etwa, daß sie irgendeinen plausiblen Grund vorbringt? Keine Spur!« Nachdem Frau Lerch sich einigermaßen gefaßt hatte, sagte sie: »Lieber Edmund, vor allem ersuche ich Dich, ganz aufrichtig zu sein. Es kommen ja in jeder Ehe Reibereien vor, aber dann gibt es doch naturgemäß wieder Augenblicke, wo man sich verständigt – wie soll ich mich nur ausdrücken: mit einem Worte, wo man sich findet und allen Groll vergißt!« Heller verschränkte die Arme. »Bei uns liegen die Dinge anders, Mama. Wir leben wie zwei fremde Menschen nebeneinander.« Frau Lerch blickte ihn scharf an. Das läßt Du Dir bieten? Nimm mir's nicht übel, Edmund, aber ich meine fast, Du würdest mehr succès bei ihr haben, wenn Du andere Register ...« Er unterbrach sie. »Auch das habe ich versucht – und jämmerlich Fiasko gemacht.« »Ja, aber sag einmal, neulich schien es Dir doch noch, als wenn die leidigen Dinge endlich etwas besser würden?« »Ich hab mich eben geirrt. Wir verkehren da mit einem wirklich netten Kollegen, von dessen vernünftiger und freier Lebensauffassung ich mir das beste für Regine versprach. Es schien auch wirklich so, bis sie auf einmal ...« Frau Lerch hatte sich erhoben. »Ein Teufel steckt in ihr. Ich weiß ein Lied davon zu singen. Wie die in unsere Familie gekommen, ist mir einfach ein Rätsel.« »Ich wollte Regine in keiner Weise – im Gegenteil, ich wollte eher ...« Frau Lerch machte eine unwillkürliche Bewegung. »Laß das, Heller. Macht ja Deinem Charakter alle Ehre, aber mein Urteil steht fest! Aber wenn Regine sich einbildet, daß ich einen Skandal dulden werde, ist sie sehr im Irrtum. Dazu stehen wir denn doch zu sehr im Vordergrund. Was will denn diese Gans,« schrie sie plötzlich wütend, »setzt diese Partie gegen unser aller Willen durch und kommt uns jetzt so! Na, der werd ich die Abenteuerlust besorgen. Verzeih, lieber Edmund, wenn ich mich etwas exaltiere, aber das ist ja auch zum ... ich kann Dir übrigens versichern, daß Du uns allen durchaus sympathisch bist – ja, bei mir hast Du einen Stein im Brett. Auf mich darfst Du doppelt zählen!« »Liebe Mama, ich bin so froh, bei Dir Trost und Hilfe zu finden. Man wird kleinmütig, so entsetzlich kleinmütig. An nichts hat man mehr Freude.« Frau Lerch streichelte ihm mitleidig die Hand. »Du armer Tropf Du! Nun, wir reden noch darüber. Übrigens,« fuhr sie fort, »Ihr werdet doch bei Arthurs Gesellschaft sein? Sie findet also bestimmt in acht Tagen statt. Er war außer sich, daß er sie verschieben mußte.« »Ich denke, Mama, daß wir kommen werden,« antwortete Heller nachdenklich, »obwohl ...« »Obwohl?« fragte Frau Lerch piquiert. »Obwohl,« fuhr Heller fort, »Eine nicht gerade Lust hat.« »Na, aber höre mal, jetzt wird die Geschichte doch zu bunt. Der reine Pantoffelheld bist Du ja! Regine vorn und Regine hinten. Hast Du denn überhaupt noch eine Meinung? Wenn Du sagst, die Gesellschaft bei Arthur wird mitgemacht – genügt denn das nicht?« »Nein, liebe Mama, das genügt noch lange nicht. Da unterschätzt Du Deine Tochter gewaltig.« Frau Lerch legte ihre Hände auf seine Schulter. »Lieber Junge, das muß anders werden. Das geht nicht länger so. Zu Arthur müßt Ihr kommen. Ich will Dir auch sagen, weshalb. Die Jungen haben große Pläne. Felix wird überhaupt eine Macht. Zunächst soll Darz große Aktiengesellschaft werden. Sie wollen eine Kolonie von etwa 150 eleganten Villen bauen und daraus ein kleines Weltbad, machen. In den Aufsichtsrat dieser Aktiengesellschaft soll auch ein Advokat. Jetzt weißt Du, worum es sich handelt. Du mußt Arthur und vor allem Felix etwas mehr poussieren. Sie haben noch ganz andere Pläne.« Heller hatte gespannt zugehört. »Glaubst Du, Mama,« rief er erregt, »daß Felix und Arthur so niederträchtig sein könnten, mich beiseite zu schieben? Das wäre ja gemein, mehr als gemein!« »Arthur,« entgegnete sie, »kommt überhaupt nicht in Betracht. Den Ausschlag gibt Felix. Im übrigen, mein Junge, bin ich da. Ein bißchen Einfluß habe ich ja Gott sei Dank bei meinen Söhnen.« »Mama, ich bin Dir zu größtem Dank verpflichtet,« rief Heller emphatisch. »Selbstverständlich müssen wir zu Lerchs, daran ist gar nicht mehr zu rütteln.« Frau Lerch zuckte ein wenig empor. Hellers Erregung war ihr keineswegs entgangen. »Du bist ein anschlägiger Kopf!« meinte sie. Er nickte zerstreut. » A propos , wenn Du jetzt zu Arthur gingst, könntest Du mit Ihnen dinieren. Felix speist auch heute dort. Es wäre sogar ganz ratsam, wenn Du Dich einmal zeigtest.« Heller sah auf die Uhr. »Es ist bereits ein Viertel fünf.« »Um fünf Uhr dinieren sie erst – der Börse wegen.« Eine Sekunde überlegte er. »Mama, Du hast recht, unbedingt recht.« Er küßte ihr galant die Hand. »Du bist die beste aller Schwiegermütter.« Er blickte sie mit einem dankbaren Lächeln an. »Weißt Du,« sagte er plötzlich, »daß man Dich für Reginens Schwester halten könnte. So prachtvoll siehst Du aus!« »Ich danke für das Kompliment, lieber Junge,« entgegnete sie in etwas ironischem Tone. »Das ist bei Gott keine Schmeichelei,« beteuerte Heller, während er sich in etwas stürmischer Manier verabschiedete. »Donnerwetter, das ist ne Frau!« brabbelte er vor sich hin, als er die Treppen hinunterstürzte. Ob sein Kompliment nicht etwas gewagt war – überlegte er. Wenn das Regine gehört hätte! ... Ah, Dummheiten! beruhigte er sich. Er blieb auf einem Treppenabsatz plötzlich stehen, griff in die Seitentasche seines Rockes und holte eine Brieftasche hervor, in deren Innenseite sich das Bild seiner Frau befand. Lange betrachtete er es. Herrgott, was ist das Weib schön – und weiß es selber kaum – zum Tollwerden schön, wenn doch nur ... Er steckte die Brieftasche seufzend wieder ein. Ist's nicht doch gescheiter, wenn ich nach Hause gehe? kalkulierte, er. Dann aber fiel ihm ein, daß diese Lerchs imstande wären, ihn zu übergehen, wenn er nicht rechtzeitig dazwischen träte. Bei dieser Erwägung schoß ihm das Blut zu Kopf. Nun zauderte er nicht mehr. Er trat ins Freie und beschleunigte seine Schritte. XI. Die Voßstraße, eine der vornehmsten Straßen Berlins, wird durch zwei Noten charakterisiert. Sie ist von fast feierlicher Stille, stößt dicht an den Tiergarten und dient nur als Privatstraße – andererseits ist sie von dem brausenden Leben der Großstadt, vom Potsdamerplatz, kaum fünf Minuten entfernt. Vor dem Portal eines der Palais, die hier in souveräner Würde Posten gefaßt haben, stand Advokat Heller und zog an der Glocke. Die Tür sprang auf, ein Portier, seinem Aussehen nach eher ein Dandy, trat Heller entgegen. Der Advokat erwiderte flüchtig den Gruß und sprang die Marmorstufen hinauf, die mit schweren Smyrnateppichen belegt waren. An den Wänden des Treppenhauses, die mit Kreidezeichnungen à la Cornelius bemalt waren, standen Marmorgruppen aus Künstlerhand und kostbare Blattgewächse. Der ganze Aufgang atmete verschwenderischen Geschmack. Heller fühlte sich durch diesen Luxus stets bedrückt. Der Armleutegeruch aus früheren Tagen stieg ihm in die Nase. Er schellte etwas beklommen und fragte den Livreierten, ob die Herrschaften schon gespeist hätten. »Wird heut erst um sechs diniert.« »Störe ich die Herrschaften?« »Der gnädige Herr sind in der Küche, gnädige Frau machen bereits Toilette,« erwiderte der Lakai. »Wissen Sie,« meinte Heller, »führen Sie mich direkt in die Küche.« Der Diener wollte etwas, entgegnen, aber der Advokat schnitt ihm das Wort ab. »Ich nehme die Folgen auf mich, hören Sie.« Der Lakai verbeugte sich zeremoniell und schritt durch eine Flucht von Korridoren voran. »Sie brauchen hier nur aufzuklinken,« sagte er, und war im Nu verschwunden. Heller klopfte entschlossen. Auf ein lautes, tönendes Herein Arthur Lerchs öffnete er die Tür. Da drangen ihm die feinsten Wohlgerüche entgegen, und er schwelgte einen Augenblick in diesem Bratensaucen- und Speisenaroma. Unwillkürlich schnalzte er mit der Zunge. Dann trat er ein paar Schritte näher und blickte in einen saalförmigen Raum mit tief gewölbter Decke. Der Fußboden war mit Linoleum bedeckt, während die Wände mit Porzellanfließ nach Meißener Art bekleidet waren. Kohlenherde und Gasmaschinen, Back- und Bratapparate standen in gehörigen Zwischenräumen aufgestellt. An den Seiten sah man große Tranchiertische mit Marmorplatten getäfelt. Wasserbecken und Leitungen der raffiniertesten Art vervollständigten diese Kücheneinrichtung, deren Geschirr durchweg aus blitzendem Nickel bestand. Drahtgitter schufen von allen Seiten Ventilation, und unzählige elektrische Krystallbirnen strömten leuchtende Helle aus. In der Mitte des weiten Raumes, der das Aussehen eines Kirchenschiffes hatte, vor einem schmalen Tische stand wie ein König in glänzend weißem Kochkostüm, die Mütze etwas verwegen auf dem Kopfe, Arthur Lerch und kostete mit ernsthafter, beinah strenger Miene die fertigen Speisen ab. Neben ihm stand der Hauptkoch in ehrfurchtsvoller Haltung, während sich ringsherum der Unterkoch, die Küchenjungen und Küchenmädchen gruppierten, alle spannungsvoll, was der feierliche Moment wohl bringen könnte. Arthur Lerch liebte diese erhabene Theaterszenerie. Der kleinste Küchenjunge sollte, sobald er sein allerhöchstes Votum abgab, die Bedeutsamkeit des Augenblicks empfinden und von einer andächtigen Stimmung ergriffen werden, wenn die Speisedüfte ihm in die Nase stiegen. Es sollte ihm zumute sein wie in der Kirche, wenn der Weihrauch den weiten Raum füllte, und die heilige Messe begann. Der Advokat blieb an der Tür stehen, und Arthur winkte flüchtig zu ihm hinüber, ohne sich jedoch im mindesten stören zu lassen. »Hier in den Salat sollten Sie noch einen Teelöffel Bordeaux und einen vollen Löffel englisches Öl hineintun!« wandte er sich an den Oberkoch. Der Angeredete verneigte sich und notierte in einem kleinen Büchelchen die Weisung, indes sein Chef den Rundgang fortsetzte, hier wohlgefällig nickte, dort die Stirn nachdenklich in Falten zog und nach kurzem Besinnen seine Ordres gab. Heller beobachtete mit einiger Ungeduld seinen Schwager, ohne sich der sonderbaren Stimmung dieses Milieus entziehen zu können. Auch ihm stieg der Dampf der Speisen in die Nase, auch die Sinnlichkeit seiner Geschmacksnerven wurde erregt. Ein Gefühl der Begierde und des Verlangens wurde in ihm wach. Er fühlte förmlich, wie all die guten Dinge auf seiner Zunge prickelnd zerglitten. Er konnte diesen Lockungen nicht länger widerstehen, er beschloß, sofort sich selbst zu Tische einzuladen, um an diesen lukullischen Genüssen teilzunehmen, für den Fall, daß der Schwager es nicht aus eigenem Antrieb täte. Endlich war Arthur mit dem Abkosten der Gerichte fertig und wusch sich vor einem großen Marmorbecken die Hände, während ein Küchenjunge dienstfertig mit Damasthandtüchern daneben stand. Alsdann trat er mit einem strahlenden Siegerlächeln vor seinen Schwager. »Lieber Heller,« sagte er, »Du mußt schon entschuldigen – aber erst die Pflicht!« Heller erklärte, daß er ihn um keinen Preis der Welt gestört haben möchte, er hätte einen Riesenrespekt vor seiner Kunst bekommen. Arthur lächelte befriedigt. »Vielleicht geduldest Du Dich noch ein paar Minuten,« bat er und verschwand in Begleitung eines Grooms in einem der Nebengemächer. Nach einer kleinen Weile schon erschien er in einen rotseidenen, bauschigen Schlafrock gehüllt, ein gesticktes Cerivis auf dem Kopf wieder vor seinem Schwager. »So, lieber Heller, jetzt steh ich Dir vollkommen zur Verfügung, mußt mir allerdings in mein Toilettenzimmer folgen. Ich hab nur noch eine Stunde Zeit, um mich in Gala zu werfen. A propos ,« unterbrach er sich, »wie wär's, wenn Du mit uns speisen würdest – nämlich, ich erwarte Felix.« Heller sträubte sich ein wenig, aber Arthur nahm das nicht weiter ernst. »Erwartet Dich Regine?« fragte er. »Nein!« »Dann, lieber Junge, mach keine Sperenzchen und komm.« Ohne weiteres nahm er ihn beim Arm und zog ihn in das Toilettenzimmer, das in dekadentem Stile hergerichtet war. Die Wände waren mit brauner Ledertapete bekleidet, links und rechts befanden sich mächtige Spiegel in schwerer Bronzefassung, daneben Schränke mit kostbarem Schnitzwerk. Quer im Zimmer waren seidene Puffs und ein Divan mit persischen Decken postiert. Ganz fin de siècle war die Toilette. Auf karrarischem Marmor ruhten Meißener Porzellanschüsseln, in der Höhe waren ganz kleine, silberne Zerstäuber angebracht, die die feinsten Pariser Odems bargen. Daneben waren Brausen und Douchen befestigt, die Wasser in jeder Temperatur enthielten. In der Mitte des Raumes stand ein viereckiger, venezianischer Tisch aus Mosaikarbeit, auf dem sich Essenzen, Pomaden, Pastas, kostbare Seifen, neben Spiegeln, Kämmen und Bürsten aus Schildpatt, Elfenbein und Silber befanden. Im Hintergrunde hing ein Kolossalgemälde von Mackart, ein Bild, das eine wilde Orgie darstellte und in seiner Farbenpracht dem Boudoir Arthurs noch einen besonderen Ton von Sinnenschwelgerei gab. Als der Advokat und Arthur Lerch in das elektrisch erleuchtete Zimmer traten, erwartete sie der Kammerdiener in kerzengerader Haltung mit einem stummen, vorwurfsvollen Blick auf die hohe, bronzene Uhr. »Das muß man Dir lassen,« meinte Heller, »Geschmack hast Du! Wie das bei Dir aussieht. Soll Dir mal einer nachmachen.« »Hast recht!« entgegnete Arthur, während er sich von seinem Kammerdiener entkleiden ließ, »'s macht mir auch keiner nach. Ist für mich das Höchste: Essen ... Trinken ... Schlafen – so ein solennes Essenz darüber geht einfach nichts, übrigens, Ihr kommt doch Donnerstag?« »Ich wollt Euch gerade unsere Zusage bringen.« »Das freut mich. Ihr werdet was erleben, mehr sag ich nicht. Um auf das Kochen zurückzukommen, das ist ne Wissenschaft, wie jede andere. Lies Du nur mal Brillat Savarin! Die Augen wirst Du aufreißen. Hast Du Ahnung. Was wißt Ihr Stubenhocker überhaupt davon, kommt Euch noch komisch vor, wenn ein Vanderbilt seinem Küchenchef zwanzigtausend Dollar zahlt.« »Na, erlaube mal, für so beschränkt brauchst Du uns Stubenhocker auch nicht zu halten.« Lerch sah ihn mitleidig an. »Hilft nichts, raffinierte Halunken seid Ihr, räume ich ein – aber geht's an den Magen, da kommt der Banause zum Vorschein. Die Geschmacksnerven, lieber Heller, das bleibt doch die Hauptsache! Und wer so ein bißchen Genie ist – hat die auch! Exempel ... Felix ... Exempel Dein Kollege Dörmann, ist ein heller Junge, sag ich Dir.« »Wenn Du meinst,« warf Heller dazwischen, daß mir Artischoken nicht lieber sind, als Kohlrüben –« Arthur lachte aus voller Kehle. »Bist ausgezeichnet, Heller – ausgezeichnet – die reine Unschuld – das mit den Artischoken muß ich Felix erzählen – ist zu famos! Ja, wenn es so einfach wäre, lieber Freund. Auf die Nuance kommt es an. Das ist der Punkt. Dörmann, wie gesagt, hat die Nuance, und Du, Heller, hast sie eben nicht. Grünau hat sie und vor allem Felix. Wenn der ißt, kommen ihm die Ideen, nur so angeflogen. Ist Anlage, lieber Junge. Lernen läßt sich's nicht – nur ausbilden. Sagen Sie mal, Fritz,« wandte er sich unvermittelt an seinen Kammerdiener, »für meinen Schwager wird doch ein Gesellschaftsanzug aufzutreiben sein?« Der Kammerdiener, der diskret in einer Ecke gestanden hatte, sprang herzu. Er überflog mit einem scharfen Blick die Gestalt des Advokaten. »Gewiß, Herr Lerch, ganz gewiß, Herr Lerch, wenn der Herr Doktor mir folgen wollten!« Sie traten in einen breiten, großen Raum, der nur mit Schränken und Truhen möbliert war. Der Kammerdiener schloß einen von ihnen aus und musterte die darin befindlichen Gesellschaftsanzüge. Dann ging er mit dem Schlüsselbund gewichtig zu anderen Schränken. »Die sind alle gefüllt?« fragte Heller einigermaßen perplex. »Allerdings,« erwiderte der Lakai etwas von oben herab; »die anstoßenden Räume,« fügte er hinzu, »sind ebenfalls nur für die Garderobe des gnädigen Herrn.« »Ja, wie viel Anzüge hat denn mein Schwager?« fragte Heller verdutzt. Der Kammerdiener sah ihn bei dieser Frage mit einem gewissen dünkelhaften Stolze an. »Na,« meinte er, »an fünfzig werden es wohl sein. Sind alle gerade gemacht. Von einigen haben wir sogar den Stoff aufgekauft. Ist zu unangenehm, wenn einem alles nachgeäfft wird.« »Habt Ihr,« fragte Heller etwas ironisch, »von dem anderen Zeug auch solche Magazine?« Der Kammerdiener nickte. »Da in den Truhen ist die Leibwäsche des Herrn, beziehen wir aus Brüssel. Und die Lackschuhe, der Herr trägt nur Lackschuhe, sind aus London. Wir besitzen,« er überlegte eine Sekunde, »zur Zeit etwa 23 Paare. Der gnädige Herr denkt jedoch in der nächsten Zeit seine ganze Garderobe zu ergänzen,« fügte er gleichsam entschuldigend hinzu. »Foppt Dich der Kerl,« überlegte Heller blitzschnell. Dann sah er in das glattrasierte, ernste Lakaiengesicht und beruhigte sich. »So ... so!« und er gab sich den Anschein, als wenn ihn diese Angaben nicht weiter überraschten. Er würde sich doch nicht von so einem Menschen imponieren lassen! Das fehlte noch! »Die Moden überleben sich in letzter Zeit auffallend schnell,« nahm der Lakai noch einmal das Wort; »wir sind infolgedessen etwas zurückgekommen!« »Ach so, Sie sind zurückgekommen!« Der Advokat barst vor Lachen. »Worüber amüsierst Du Dich denn so?« rief Arthur durch die Tür. »Du bist einfach ein Original!« antwortete Heller zurück. »Wenn ich das nicht mit eigenen Augen sähe, glaubt ich's nicht.« »Macht mir Spaß!« schrie Arthur wieder. »Mußt Du mir erzählen.« Heller einigte sich sehr schnell mit dem Kammerdiener, dann lehrten sie beide zu Arthur zurück, der sehr dekouviert auf dem Divan ausgestreckt lag und den Dampf einer russischen Zigarette von sich blies. Der Lakai und Arthur Lerch waren bald derartig in Anspruch genommen, daß sie von dem Advokaten so gut wie keine Notiz nahmen. Heller zog sich nachdenklich an. Im Grunde seiner Seele imponierte ihm Arthur gewaltig. In seiner Art ist der doch ein Kerl, dachte er, hat Pli, der Onkel, sávoir vivre! Noch einen prüfenden Blick warf der Kammerdiener auf seinen Herrn. Dann sprengte er ihm eine Idee White-Rose auf die Weste, eine ganz neue Mischung, die man soeben in London präpariert hatte, half ihm in den Frack und verbeugte sich würdevoll. Arthur Lerch sah chic aus. Die Kleider saßen wie angegossen, Schnurrbart und Coteletts waren gerichtet, das dünne Haar in einen überaus kunstvollen Scheitel gelegt. Er betrachtete sich prüfend im Spiegel, der im selben Augenblicke von wogendem Licht umflutet war. »Bin zufrieden, Fritz,« sagte er gönnerhaft. »Sind ein geschickter Mensch.« Der Lakai verbeugte sich wiederum lautlos. »Bist Du soweit?« fragte Heller, der längst fix und fertig dastand. Lerch musterte flüchtig seinen Schwager, und um seine Mundwinkel zuckte es in gutmütigem Spott. Laut aber sagte er: »Ganz passabel!« Der Diener öffnete die Tür. Gerade als sie in den Salon traten, der ganz im Rococcostil gehalten war, erschien auch Frau Lerch in voller Balltoilette auf der Schwelle. Sie war ein schmächtiges, dürftiges Persönchen, die einzige Tochter eines der reichsten Männer des Berliner Geldadels. Mit ihrer dünnen, etwas gebogenen Nase, den blutlosen Lippen, der eingefallenen Brust und den kleinen, trüben Augen, forderte sie trotz der funkelnden Steine und der Pracht ihrer grauen, schwerseidenen Empirerobe unwillkürlich zum Mitleid heraus. Arthur Lerch behandelte sie mit außerordentlichem Respekt. Er vergaß nie, wie sehr er durch diese Heirat in den Augen seines brüderlichen Abgottes gestiegen war. Felix hatte nicht entfernt so reich geheiratet. Er erklärte später mit zynischer Ironie, er sei das Opfer falscher Nachrichten geworden. Deine Verbindung, hatte er öfter zu Arthur gesagt, eröffnet uns den weitesten Spielraum. Dein Schwiegervater ist ein Filz, aber er mag sich sträuben, wie er will, in den Augen der Öffentlichkeit ist er die Säule, an der wir schlimmstenfalls Halt haben – und das ist für unser Renommée einfach unbezahlbar. Heller begrüßte die Schwägerin. Sie lächelte matt und drückte ihre Freude aus, ihn bei ihrem einfachen Souper so unerwartet zu Gast zu haben. Dann suchte sie aus Arthurs Miene zu erraten, ob ihr Kostüm seinen Beifall gefunden. Herr und Frau Lerch gingen stets in Balltoilette zu Tisch, ganz gleichgiltig, ob sie Gäste erwarteten oder nicht. Er nickte ihr freundlich zu. Und nun wandte er sich wieder an den Advokaten. »Was macht denn Regine? Man sieht sie ja gar nicht mehr.« Er antwortete: »Mir geht's gerade so!« und merkte erst bei Arthurs Lachen, daß er wider seinen Willen witzig gewesen. In diesem Augenblicke meldete der Diener: Herr und Frau Felix Lerch. Felix begrüßte die Verwandten in seiner jovialen Manier. »Kinder,« sagte er, »wenn wir gleich essen könnten, wär mir sehr lieb!« Arthur gab das Zeichen, und eine Minute später wurde serviert. Bei dem Essen sprachen die Brüder so gut wie gar nicht. Nur zuweilen blinzelten sie sich zu. Sie aßen nachdenklich mit feierlicher Hingabe an den jeweiligen Gang. Ein einziges dazwischen geworfenes Wort genügte ihnen zur Verständigung. Als das Diner seinem Ende zuging, sagte Felix zu seinem Bruder: »Du, bevor ich fortgehe, muß ich Dir noch was Kostbares erzählen.« »'N neuen Witz?« »'N Witz ist es. Wird Dir Spaß machen, muß aber unter uns bleiben.« »Mußt Du früher fort?« fragte Arthurs Frau. »Er hat jedenfalls eine geschäftliche Sitzung – oder muß in irgendeinen Aufsichtsrat – er hat Tag und Nacht geschäftlich zu tun,« entgegnete Felixens Frau statt seiner und lächelte seltsam. Diese kleine, untersetzte Person mit ihrer häßlichen, überstarken Figur und den nichts weniger als schönen Zügen hatte doch etwas Anziehendes durch eine gewisse melancholische Art, Esprit zu zeigen. »So ist es, mein Kind: Ich bin eben ein geplagtes Tier,« entgegnete Felix. Arthur« sah ostentativ auf seinen Teller. Er wollte harmlos tun und verzog dabei sein Gesicht zu einer sinnlich schlauen Grimasse. »Sagt mal,« lenkte Heller zu seinem Interesse über, »wie steht denn die Geschichte mit Darz? Wird Aktiengesellschaft hör ich.« »Ist es bereits!« entgegnete Felix. »Schon ein Aufsichtsrat gebildet? Ich rechne stark –« »Kommste zu spät, lieber Junge,« schnitt ihm Felix das Wort ab. Heller wurde bleich vor Ärger. »Aufrichtig gesprochen,« meinte er gereizt, »hättet Ihr mich nicht übergehen dürfen.« Arthur machte ein verlegenes Gesicht. Aber Felix suchte den Schwager zu trösten. »Wellblech wird auch Aktiengesellschaft, die Sache ist in den nächsten Tagen fix und zehnmal lukrativer. Da kommst Du hinein! Ich hab's der Mutter schon versprochen. Man kann Dich doch nicht überall hinsetzen. Das würde zu stark nach Clique riechen.« Heller wurde durch diese Aussicht etwas getröstet. »Wen habt Ihr denn bei Darz als Juristen hinzugenommen?« »Dörmann.« Heller zuckte empor. »Wißt Ihr, daß Ihr diesen Dörmann ein bißchen überschätzt,« sagte er geärgert. »Ist ja in Strafsachen ein anschlägiger Kopf! Aber wenn Ihr glaubt, daß seine Reden auf die Richter großen Eindruck machen – dann irrt Ihr. Das bildet sich Kollege Dörmann selbst nicht ein. Die hält er, um dem Publikum Sand in die Augen zu streuen.« Felix sah seinen Schwager mit hochmütiger Ironie an. »Will Dir mal was sagen, mein Lieber, die schönen Worte machen's allerdings nicht. Der Junge hat aber außerdem noch Grips – der Junge ist helle, der kommt mit Zahlen und versteht das Gesetz zu interpretieren. Is immer so; wenn einer was leistet, schreien die anderen: Hat der ein unerhörtes Schwein! Unsinn! Steckt immer was dahinter. Ihr andern habt gewiß ebensoviel, oder noch mehr geochst wie Dörmann – geb ich zu – aber der Schlingel hat 'n Funken, der ist elektrisch!« »Elektrisch ist er,« gurgelte Arthur nach und wollte sich vor Lachen schütteln. »Das ist kostbar, Felix.« »Ist übrigens ein toller Kerl,« meinte Felix, »kommt trotz seines Rieseneinkommens aus den Schwulitäten nicht heraus. Ist mir 'n Rätsel, wo er das Geld hinbringt. Vor sechs Wochen hab ich ihm 100 000 auf den Tisch gelegt – und das Messer sitzt ihm schon wieder an der Kehle.« »So einen Spieler sollte man überhaupt nicht halten,« entrüstete sich Heller. »Der Mann ist aber nebenbei ein Genie, mein Lieber, übrigens Prosit meine Herrschaften, Prosit,« rief Felix und nickte seinem Schwager in verbindlicher Malice zu. »Scherz beiseite,« fügte er hinzu, »aber so einen Menschen darf man nicht fallen lassen, man kann nie wissen ...« Er brach plötzlich ab, sah in den Rest seines Weines, trank ihn schnell aus – und goß sich von neuem ein. Das volle Glas stürzte er mit einem Zuge hinunter. Das Diner ging seinem Ende zu. Duftender Mokka wurde serviert und die Herren steckten sich schwere Havannas an. Felix räusperte sich. »Kinder,« sagte er, »Darz wird großartig. Ihr werdet was erleben. Wird 'ne Sache. Ihr sollt sehn, wir machen Ostende tot. Ich hab meine Pläne. Es läßt sich mit dem Ding was machen – ist der schönste Flecken an der Ostsee – Wald, so was gibt's gar nicht mehr, wird ein Schmuckkasten – was sag ich, ein Feenreich. Sommerbälle werden wir arrangieren ...! Du wirst was beweisen können, mein Junge,« wandte er sich direkt an Arthur. Er war allmählich enthusiastisch geworden und hatte auch den anderen seine Erregung übertragen. Arthur geriet ganz außer sich. »Du bist 'n Hauptkerl, Felix, so was Originelles, Darz zu kaufen. Nächstens wirst Du noch Kanäle bauen. Spaß, kann das großartig werden! Was sagst Du dazu, Flora?« fragte er seine Frau. »Ich bin neugierig, wie Papa sich dazu ...« »Ach Gott, Papa,« unterbrach sie Arthur ärgerlich. »Für solche Ideen hat der nicht das nötige Verständnis. Nimm mir's nicht übel, mein Kind, aber es ist so!« »Unter Umständen kann es sogar eine Riesenspekulation werden,« nahm Felix wieder das Wort. »Notabene, habt Ihr denn zu nächstem Donnerstag gehörig Presse und Schriftsteller geladen? Die Gesellschaft kann man dazu brauchen!« »Kannst unbesorgt sein,« erklärte Arthur. »Übrigens, für jede Absage wird noch ein Preßbub nachgeladen.« »Und jetzt noch eine große Neuigkeit, meine Herrschaften.« Felix erhob sich. »Ja, eine große Neuigkeit!« wiederholte er. »Die Firma Gebrüder Lerch wird in Serbien eine Bahn legen. Es kommt sicher dazu. Die Firma Lerch wird universal – sie soll leben.« Arthur war paff. Dann aber stieß er ein unartikuliertes Triumphgeheul aus. »Stroußberg ist nichts gegen Dich,« beteuerte er enthusiastisch. »So 'n Kopf!« Felix tat, als wenn er diese Äußerung überhörte. Er zog seine Uhr. »Meine Herrschaften, es ist ein halb zehn, für mich die höchste Zeit, sonst treffe ich die Herren im Aufsichtsrate nicht mehr.« Er empfahl sich schleunigst. Im Herausgehen bat er Heller, seine Frau nach Hause zu bringen. Arthur begleitete ihn in den Korridor. »Du wolltest mir doch noch was erzählen,« meinte er zwinkernd. »Ach richtig, was sagst Du dazu, meine Frau ... meine Frau hat mit dem serbischen Gesandten angebandelt! Ich kriege Respekt vor ihr. Und wie raffiniert sie das angestellt hat. Du glaubst gar nicht.« Er lachte voll Vergnügen in sich hinein. Die Bahn in Serbien ist jetzt garantiert. Doch das erzähl ich Dir ein andermal. Ich hab jetzt wirklich keine Minute mehr übrig.« »Wohin fährst Du denn?« »Ich hol die Fabri aus dem Theater, Kanaille sag ich Dir, die hat's in sich. Macht mir aber Spaß ... reizt mich!« »Is 'n Frauenzimmer!« bestätigte Arthur. »Na, viel Vergnügen!« Er drückte Felix voll bewundernder Herzlichkeit die Hand und kehrte zu seinen Gästen zurück. XII. Der Diener sprang vom Bock, salutierte und öffnete den Schlag. »Viktoria-Theater! Aber ein bißchen Trab!« befahl Felix und stieg ein. Die Karosse setzte sich in Bewegung. Felix lehnte sich an das seidene Polster, drückte an einem kleinen Perlmutterknopf und hatte im Nu von beiden Seiten elektrisches Licht. Er drückte an einem zweiten Knopf und sofort sprangen die Federn heraus und ein Zeitungsständer klappte empor, über den die Abend-Ausgabe des Börsenboten gespannt war. In einer halben Minute war der Bankier orientiert, schrieb ein paar Ziffern auf einen kleinen Börsenblock und sank wieder in die Polster zurück. Das mit Darz machte ihm Spaß, würde in seinen Kreisen Effekt machen, und die anderen Geschichten, die er vorhatte, nicht minder. Er nahm noch einmal sein Notizbüchelchen hervor und rechnete eifrig. Wellblech-Aktien war eine Nummer, das ging in die Millionen – und die serbische Bahn erst – Donnerwetter, das waren noch Sachen. Soviel stand fest: er gehörte nicht zu diesen kleinen Krämern, die sich mit elenden Agiotagegeschäften befaßten, zu diesen armseligen Spekulanten, die ihr Schäfchen in's Trockene zu bringen suchten und mit ihren paar Gräten feilschten und schacherten. Was pfiff er überhaupt nach dem Erwerb. Ihn konnte nur das große Projekt locken, nur waghalsiges Spiel reizen. Er lachte in sich hinein. Alle mußten sie ihm kommen, ob sie wollten oder nicht. Er war Börsenkönig. Diesen Halunken von Bankiers wollte er's vor allem eintränken, diesen beschränkten Philistern, die die größten Gauner waren, das Publikum an allen Ecken und Enden betrogen und sich den Air gaben, als ob sie die festen Stützen von Handel und Gewerbe, von Thron und Altar wären. Er wußte, wie sie ihn im Stillen haßten, diese Bagage, die sich Gott, weiß, wie aufspielte, dieses, hochmütige Pack, Bleichröder und Landau, Schwabacher, und wie sie sonst noch hießen. Sie mußten ihm kommen, sie mußten mit ihm handeln, und er war's, der den Kurs diktieren würde. Die Stirn wollte er ihnen zeigen. Er schwelgte in dem Gedanken, seine Eitelkeit befriedigt zu sehen. Er hatte einmal kurz und bündig das Programm der Firma definiert: diner bien, jouer gros et faire amour! Der Wagen hielt vor dem Viktoria-Theater, einem alten, baufälligen Hause, und Felix sprang elastisch heraus. Durch einen dunkleren Seitenhof gelangte er in einen schmalen Gang, der, spärlich durch ein Tranlämpchen erleuchtet, direkt zur Bühne und der Garderobe der Tänzerinnen führte. Felix Lerch zog einen Schlüssel hervor und befand sich ein paar Sekunden später im Hintergrund der Bühne. Es mußte gerade Pause sein, denn aus einer der größten Garderoben drang das Geplapper der Chortänzerinnen, die sich hier gemeinsam anzogen, an sein Ohr. Er öffnete ungeniert die Tür, die jungen Mädchen, zum Teil halb angekleidet, zum Teil fix und fertig in ihren Trikots und mattblauen Musselinkleidchen, schrieen laut auf, ein paar Schminkkästen und Puderquasten fielen zu Boden, und die Verwirrung legte sich erst, als Felix seinen Zylinder abgenommen und nun von den jungen Dämchen erkannt wurde. »Kinder, beruhigt Euch doch,« rief er amüsiert und knöpfte sich ein wenig seinen Zobelpelz auf. Er war im Nu umringt. – »Der Onkel Lerch,« riefen sie ganz entzückt und drückten ihm der Reihe nach die Hände, ließen sich auf Hals, Mund, Augen und Stirn küssen, je nachdem sie bei ihm mehr oder weniger in Gunst standen und konnten sich in einer fast kriechenden Zärtlichkeit kaum genug tun. Er war offenbar hier ein regelmäßiger und allmächtiger Gast. »Kinder, laßt mich aus,« sagte er, »ich wollte Euch, bloß guten Abend wünschen, ich muß schleunigst ...« Aber ein rothaariges, zierliches Ding fiel ihm schnippisch ins Wort: »Die Fabri ist vor einer halben Stunde fortgefahren, sie läßt sich im letzten Akt vertreten.« »Ist aber stark,« rief Felix, »und hat mir nichts sagen lassen?« »Nein, mein Herr,« rief die Kleine, und sah ihn schadenfroh an, dann warf sie graziös die Arme empor, hob sich auf dem einen Fuß leicht in die Höhe und beschrieb mit ihrem Körper eine Schlangenlinie. Nach Vollendung ihres Kunststückes trippelte sie auf Felix zu und legte ihre Ärmchen auf seine Schulter, indem sie auf seine Fußspitzen trat. »Ach, laß die Faxen,« meinte er ärgerlich und drängte sie etwas unsanft beiseite. »Na, ist der aber heut grob,« rief die Kleine und trat beleidigt zurück. Die anderen lachten leise, während Felix einen Moment überlegte. »Hört mal,« sagte er plötzlich, »ihr könnt nach dem Theater zu Dressel fahren, wolln mal heut ein bißchen fidel sein, aber nur im Kostüm, wenn ich bitten darf. Wer anders kommt, hat keinen Zutritt. Und Du, kleine Kröte,« wandte er sich an die Rothaarige, »ein andermal sei nicht so naseweis, übrigens,« fuhr er fort, und sah sie mit einem langen Blick forschend an, »entwickelst Du Dich, mein Kind, aus Dir kann am Ende noch was werden.« Er kniff ihr dabei wohlwollend in die Backe. In diesem Augenblicke gab der Inspektor von draußen ein Zeichen. »Wird's bald,« schrie er grob, »wo steckt denn die Gesellschaft?« »Na, auf Wiedersehen, Kinder, wenn ich noch nicht da bin, fangt ruhig zu essen an, kann sein, daß ich mich verspäte, gebe bei Dressel Ordre!« Als er die Tür öffnete, stieß er auf den Inspektor und den Direktor. Beide Herren verbeugten sich tief. »Ach, Verzeihung,« sagte der Inspektor, »ich wußte nicht, daß der Herr Lerch ...« »Hören Sie mal, Direktor,« wandte sich Felix an den Leiter des Kunstinstituts, einen Mann von hünenhafter Gestalt, »kann ich Sie einen Moment mal sprechen?« »Aber ich bitte Sie, Herr Lerch, sowie Sie befehlen,« erwiderte der Angeredete zuvorkommend. Felix zog den Direktor in einen Winkel. »Sagen Sie mal, wie kommt denn das mit der Fabri, is ja toll, geht eine Stunde vor Schluß der Vorstellung fort und läßt sich ohne weiteres vertreten?« Der Direktor zuckte mit den Achseln. »Bei dem Fräulein vermag ich nichts auszurichten,« sagte er in vorsichtiger Zurückhaltung. »Meine eigene Frau mußte einspringen.« »Ja, wieso denn nicht?« »Die Dame pocht zu stark auf Sie!« »Ein für allemal, Direktor, das darf nicht mehr vorkommen. Dulden Sie das unter keinen Umständen!« Der Direktor verbeugte sich stillschweigend, und Felix schüttelte ihm kordial die Hand. »Wird Sie notabene interessieren,« sagte er, »habe da Ostseebad Darz gekauft, paradiesischer Flecken, wir werden dort Sommernachtsfeste mit Ballet arrangieren, große Nummer das! Sie werden was erleben!« »Das ist ja eine großartige Idee,« antwortete der Direktor bewundernd. »Wie geht denn das Geschäft?« fragte Felix weiter. »Nicht besonders, Herr Lerch, gar nicht besonders, kaum Viertelhäuser!« »Wird schon besser werden,« tröstete Felix, »können übrigens, wenn Sie in Verlegenheit sind, die Rate früher erheben – und was ich vorhin gesagt habe, dabei bleibt's, reviderci! « Der Direktor begleitete seinen Gönner bis zum Ausgang und leuchtete ihm hinab. Als Felix sich wieder im Freien befand, brach sein Arger von neuem durch. Das Frauenzimmer wird mit jedem Tage frecher, dachte er, der will ich doch das Handwerk legen. Eben im Begriff, in seinen Wagen zu steigen, klopfte ihm ein Herr auf die Schultern. Er blickte erstaunt auf und sah Dr. Berger vor sich. » Servus ,« sagte der Doktor, der die österreichische Begrüßungsart liebte, »komme gerade auch aus dem Theater und sehe da Deinen Wagen stehen. Donnerwetter, denk ich, fängst Lerch ab. Vielleicht ist der noch frei, und man könnte zusammen in den Klub fahren, kleines jeu arrangieren, wär doch nett.« »Gewiß, Doktor, habe aber leider noch was vor. Verabredung.« »Wohl ne wichtige Direktionssitzung?« fragte Berger derb lachend. »Scherz beiseite,« antwortete Lerch, stimmte jedoch in Bergers Lachen ein, »ich muß zur Fabri. Kannst mich ja bis dort begleiten und nachher meinen Wagen benutzen.« »Nehm ich an!« »Alexanderstraße,« kommandierte Felix dem Kutscher. »Apropos,« sagte Berger, als sie in dem Wagen saßen, »Deine Schwester hat heute meine Frau besucht. Offengestanden, die ist ein bißchen komisch, was die für Ansichten hat.« »Ja – ja,« meinte Felix, »ist ein sonderbarer Schlag. Heller tut mir manchmal leid, mit der ist nicht leicht umzugehen.« »Das sollte meine Frau sein,« entgegnete Berger, »der wollt ich schon den Text lesen.« Während dieser Worte drückte er sich den Klemmer zurecht und strich darauf seinen rötlich blonden Vollbart. Lerch sah flüchtig zu ihm herab und entgegnete nichts. Er vermochte aber die Züge seines Nachbars, die in diesem Augenblicke etwas zynisch Brutales hatten, kaum zu erkennen. Beide schwiegen eine Weile. »Das ist so 'ne Sache,« sagte endlich Felix, »das Klügste ist, man stellt sich taub und blind!« »Da irrst Du gewaltig,« erwiderte Berger. »Ich hab meine Frau erzogen. Ich hab ihr die Mucken ausgetrieben. Was war die spröde! Aber es gibt schon Mittel. Zum Kuckuck auch!« »Da bin ich doch anderer Ansicht. Ich meine fast, man ist seiner eigenen Frau gegenüber einfach hilflos. Man muß zu viel Standesrücksichten nehmen, man muß ... so 'ne Frau tut in einem fort beleidigt, stellt Gott weiß was für Ansprüche an einen – man langweilt sich mit ihr zum Sterben und soll noch obendrein ... da ist so 'n Verhältnis doch was ganz anderes. So 'n Mädel kann man heut die Peitsche zeigen – und morgen, wenn's einem paßt, die Schuhsohlen küssen. Die Bande versteht mit einem umzugehen. Wie die einen bald raus haben! Is zu merkwürdig! Und frisch bleibt die Gesellschaft, als wenn sie ein Geheimmittel hätte. Is eben 'n anderer Schlag – da hilft alles nichts!« »Ich will Dir was sagen, woran's liegt,« versetzte der Doktor, »so 'n Frauenzimmer kann man jeden Moment wegschicken, und darum nimmt es sich zusammen, einem das Leben, ich will nicht sagen angenehm, aber doch wenigstens interessant zu machen. Mit seiner eigenen Frau geht das eben nicht – da sitzt eben der Haken, die läßt sich nicht mir nichts – Dir nichts nach Hause spedieren.« »Glaubst Du,« fragte Felix gedehnt, »daß man mit so einer mir nichts – Dir nichts umspringen kann? Bildest Du Dir das wirklich ein?« Berger stieß ein kurzes Lachen aus. »Vielleicht hast Du auf dem Gebiet 'ne größere Erfahrung – auf jeden Fall hast Du die – aber ...« »Aber?« wiederholte Felix. »Woll'n darüber 'n andermal reden.« »Hör, mal,« begann Felix von neuem, »man spricht auf der Börse davon, daß Dörmann Deiner Frau etwas stark den Hof macht. Was ist denn daran wahr?« »Du, das ist lächerlich, mit einem Wort lächerlich! Dörmann ist in sie verliebt – ist schon richtig – aber Kommerzienrat Bär ist ebenfalls in sie verschossen – was will das sagen! Macht mir Spaß, das mit anzusehen. Ne, mein Junge, meine Frau weiß genau, wie weit sie zu gehen hat.« »Wie weit ist denn das?« fragte zwinkernd Lerch. Berger sah ihn eine Sekunde scharf an. In diesem Moment drückte Felix auf den Knopf, und das elektrische Licht flammte hell auf. Er sah blitzschnell ein eigentümliches Lächeln auf den Lippen des Preßdoktors, ein Lächeln, das schwer zu enträtseln war, aus dem Bosheit, Selbstbewußtsein, vor allem lauernde Hintergedanken zu lesen waren. »Warum hast Du hell gemacht?« »Aus gar keinem Grunde,« log Lerch, »war 'ne unbewußte Spielerei – und die Antwort auf meine Frage?« »Soweit,« entgegnete Berger mit seltsamer Betonung, »wie ich es gestatte.« Felix biß sich auf die Lippen. Jetzt war die Reihe des Lächelns an ihm. Eine kurze Pause stockte das Gespräch. »Was hast Du bloß an der Fabri?« hub Berger wieder an, »was ist eigentlich an der mageren Person?« Felix fuhr beleidigt in die Höhe; im Nu jedoch beruhigte er sich. »Was Du davon verstehst,« meinte er geringschätzig. »Hast Du eine Ahnung, wie das Frauenzimmer gebaut ist – was die für Charme hat! ... ich kann Dir versichern, so was ...« die letzten Worte blieben unausgesprochen, der Wagen hielt plötzlich, so daß das Gespräch abgebrochen wurde. Wieder öffnete der Diener den Schlag. »Hör mal,« bemerkte Felix beim Heraussteigen, »in den Klub komme ich vielleicht doch noch, sag den Herren, daß, wenn sie warteten, ich eventuell nicht abgeneigt wäre.« »Schön! Und den Wagen schicke ich Dir dann zurück.« » Bon !« »Also auf Wiedersehen im Klub!« Der Wagen rasselte davon und Felix Lerch stieg, ohne daß er den Gruß des Kutschers oder Dieners beachtet hätte, die Stufen der ersten Etage hinauf, die Helene Fabri bewohnte. Wieder zog er einen Schlüssel hervor und befand sich bald darauf in einem kleinen Flur, der durch eine grüne Ampel matt erhellt war. Aus einer Nebentür kam eine ältliche Person herausgestürzt, die, wie es Felix schien, auffallend erregt war. Ein plötzlicher Verdacht stieg in ihm auf. »Wo ist das Fräulein?« fragte er heftig. »Das Fräulein ist nicht ganz wohl!« »Ist ne Lüge!« brauste er auf und mit einem ungestümen Rucke entledigte er sich seines Zobelpelzes und eilte zur Tür des Salons. »Das Fräulein ist wirklich ...« »Halten Sie Ihr ungewaschenes ...« er vollendete den Satz nicht, er war auf einmal wie umgewandelt. Nun war er an der Tür und riß an der Klinke. Aber die Tür war verschlossen. Er stieß ein rauhes, kreischendes Lachen aus. »Aufmachen!« brüllte er ... Auf der Stelle aufgemacht!« Keine Antwort. »Wirst Du Bestie aufmachen.« Wiederum kam von drinnen kein Laut zurück. »Du Teufelsbrut,« schrie er heiser und fühlte, wie es in ihm schäumte, wie seine Pulse im Takte auf- und niederklopften. Sein Gesicht war ganz blaurot geworden. Jetzt glaubte er da drinnen ein Rascheln zu hören. Er riß von neuem in maßloser Wut an der Tür. Mit einem Male hielt er eine Sekunde inne und drehte sich mit einer jähen Bewegung nach der ältlichen Person um. Die hatte sich ängstlich scheu in einen Winkel gedrückt und verfolgte mit Zittern und Zähneklappern jede seiner Bewegungen. Als er jetzt unvermittelt vor ihr stand, zuckte sie, wie von einem Schlage getroffen, zusammen. »Wissen Sie, was Sie sind ... Sie sind ein Hornvieh, ein Biest, ne Kanaille ... Sie werd ich ...« er schnappte über und rang nach Luft. »Wer ist da drinnen?« brüllte er sie von neuem an, »werden Sie im Augenblick ...« Die arme Person war so vor Schrecken starr, daß sie keinen Laut hervorzubringen imstande war. Felix wollte sie gerade an den Schultern packen, als er sich mit einemmal besann. »Sie Gans – Sie Gans!« raunte er heiser und in dem Ton seiner Stimme lag ein verächtliches Mitleid. Er machte sich von neuem an die Tür und bearbeitete sie mit seinem schweren Stock. »Hör mal,« schrie er, während er sich auf das äußerste bezwang, »wenn Du jetzt nicht aufmachst, dann schlag ich die Tür ein.« Nun hörte er leise, gedämpfte Schritte. »Mein Gott!« rief von drinnen eine merkwürdige Stimme, »ich komme ja schon, was ist denn das für ein Höllenlärm?« Und jetzt wurde der Riegel zurückgeschoben, und ein Persönchen von mittlerer Größe in einer schneeweißen, duftigen Matiné, die mit Brüsseler Spitzen überreich besetzt war, stand vor Felix Lerch. »Eintreten, mein Herr!« sagte sie kokett und wollte ihre mageren Arme um ihn schlingen, als sie in sein verzerrtes Gesicht sah und unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Felix warf dröhnend die Tür hinter sich zu. Er sprach kein Wort, aber es kochte nur so in ihm, während er beständig in dem luxuriösen Raume, der förmlich von Parfüms durchtränkt schien, auf- und niederschritt. In der Mitte dieses Zimmers hing ein kostbarer Lustre, an den Wänden waren Kopien Rubensscher Gemälde angebracht, deren rötliche Fleischfarbe herniederleuchtete und diesem Gemache seine Note gab. Grauseidene Möbel, graue Portieren von Amouretten gehalten, verliehen dem Zimmer einen gedämpften Ton. Auf zwei kleinen Tischen brannten hohe Lampen mit meergrünen Schirmen bedeckt. Die Wände waren mit einer Tapete von der Farbe der Möbel bekleidet, während der Fußboden mit weißen Bärenfellen ausgefüllt war. Die Herrin dieses Raumes, Helene Fabri, war ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Sie war auffallend mager, aber ihre Formen waren von frappanter Anmut. Sie war elastisch wie eine Weidengerte, und wie sie jetzt vorgebeugt, halb neugierig, halb lauernd, Felix Lerch beobachtete, konnte man glauben, daß dieser Körper jede Schlangenwindung auszuführen fähig war. Ihr glänzendes, blondes Haar, das in aufgelösten Strähnen über den Rücken fiel, war seidenweich und von einer so merkwürdigen Helle, wie man es nur im Norden trifft. Aber noch merkwürdiger an ihr waren die Augen, diese stahlgrauen Augen, die übernatürlich erweitert waren und mit ihrem seltsamen, jähen Auffunkeln an das Leuchten des Meeres erinnerten. Es gab neidische Kolleginnen, die behaupteten, die Fabri besäße eine brennende Flüssigkeit, die sie sich in die Augen träufelte, um dieses Schillern und Sprühen und dieses eigenartige Hervortreten der Pupille hervorzubringen. Der Teint dieses jungen Mädchens war beinahe durchsichtig, alabastern, schneeweiß. Das Näschen ganz dünn, ganz gerade, beständig zuckend in seinen Flügeln, der Mund ein wenig breit, die Lippen blutrot fest aufeinandergeschlossen, ein Gebiß von scharfen, nicht allzu kleinen Zähnen verbergend. Ihr Hals war schlank, geschmeidig und ließ ebenso wie ihr Gesicht die feinen bläulichen Adern leise hervortreten. Sie beobachtete genau wie Felix Lerch ein zähes Schweigen, so daß dieser immer nervöser und erregter wurde. Er trat auf einmal ganz dicht an sie heran. »Wer war hier?« fragte er gedämpft. »Niemand!« »Lüg nicht!« »Du!« sagte sie, und es klang wie eine Drohung. »Wirst Du jetzt ...« Seine kleinen Augen zwinkerten unablässig, sein gelbes Gesicht in unzählige Falten gezogen. Sie aber verschränkte die Arme und lachte kaum hörbar in sich hinein. Dieses Lachen brachte ihn um den Rest seiner Fassung. »Du Teufel ... Du Teufel!« keuchte er. Sie lachte unaufhaltsam weiter. Es klang merkwürdig, so glucksend, so geheimnisvoll, als wenn es aus der Tiefe käme, aus einem Brunnen, wo Nixen ihr Wesen trieben. Felix war fast rasend. Er packte sie plötzlich an den Armen und schüttelte sie. Da verstummte sie, aber mit einer Gelenkigkeit, wie sie nur eine Kunstreiterin besitzt, riß sie sich los. Nun schossen aus ihren grauen Augen Blitze, und auf diesen schneeweißen Zügen flammte eine feine Röte auf, und über der Nasenwurzel bildete sich ein dünnes, scharfes Fältchen. Felix Lerch war es, als wenn er eine Douche genommen hätte. »Na ... na!« sagte er schüchtern, »mach keine Dummheiten!« Sie wollte ihm etwas entgegenschleudern. Aber sie bezwang sich und grub die Zähne in die Unterlippe, so fest, daß ein Tropfen Bluts hervorsprang. Es mochte ein Wort des schlimmsten Hasses gewesen sein, das ihr auf der Zunge gelegen. Nun schloß sie die Lippen herb aufeinander und ließ ihn nicht aus den Augen, als wollte sie ihn mit ihren Blicken bannen. Und es gelang ihr. Er wagte nicht fortzusehen. So glich sie in diesem Momente einer zum Sprung bereiten Katze, die mit gekrümmtem Buckel nur auf den günstigen Augenblick lauert, um auf ihr Opfer sich zu stürzen. Felix reizte dieses Spiel. Ja, als er sich ein wenig beruhigt hatte, wuchs sein Wohlgefallen an ihr. Der Satan imponierte ihm wieder einmal. Sackerment, eine solche Scene macht ihr so leicht keine nach, dachte er, das ist doch Rasse. Die Fabri schien seine Gedanken zu erraten. Sie warf die schmalen Lippen ein wenig auf, reckte den Körper in eine schnurgerade Linie, trat ein paar Schritte nach rückwärts und ließ sich geräuschlos auf einen Divan gleiten. Dann hüllte sie die Füße in ein Fell ein und schloß die Augen, indem sie die Arme verschränkte und eine Weile von Felix nicht die mindeste Notiz nahm. Der Bankier fing an, die Sache sehr heiter aufzufassen. Er ging zu einem eleganten Rauchservice, steckte sich eine Zigarette an, pfiff den Fledermauswalzer und schritt mehrere Male auf und nieder. Plötzlich griff er zu einer silbernen Klingel und schellte. »Bringen Sie mir meinen Rock,« befahl er der ängstlich eintretenden Dienerin. Diese verneigte sich und ging lautlos hinaus. Nach einigen Sekunden brachte sie das Gewünschte. »Sie können wieder gehen, brauch Sie nicht mehr!« Die Dienerin verschwand auf dieselbe geräuschlose Art, sie glitt förmlich aus dem Zimmer. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen, warf Felix mit einer raschen Bewegung Frack und Weste ab. »Du, jetzt sei vernünftig,« sagte er und suchte ihre Hand zu haschen. Aber das mißlang ihm gründlich. Sie richtete sich ein wenig aus ihrer liegenden Stellung auf und blinzelte kaum merklich mit den halb geöffneten Augen. Sie sprach kein Wort, und das gerade ärgerte ihn. »Bin vorhin ein bißchen heftig gewesen, geb ich zu! Aber jetzt bin ich ruhig, ganz ruhig und will wissen, wer bei Dir gewesen ist, hörst Du?« Sie sah ihn wieder eine Weile schweigend an. »Möchtest Du nicht ein wenig Toilette machen?« fragte sie endlich. Er gehorchte still und schlüpfte in den Hausrock, der aus englischem Tuch gefertigt war. Dann trat er wieder vor sie hin. »Nun?« »Bist Du jetzt auch völlig bei Sinnen?« fragte sie. »Das bin ich, wie Du siehst.« »Dann höre; wenn ich Dich betrügen wollte, würde ich kaum die Stunde wählen, wo ich wissen mußte, Du würdest kommen. Für so dumm brauchst Du mich nicht zu halten.« Diese Logik war für Felix zwingend. Daran hatte er in seiner Erregung wahrhaftig nicht gedacht. Er war ganz verblüfft. »Ja, warum hast Du denn zugeschlossen?« fragte er, nur noch leise zweifelnd. »Weil ich Deinen Besuch nicht wünschte, weil ich allein sein wollte. Weil ich deshalb auch früher aus dem Theater gefahren bin!« Sie brachte das stückweise hervor, und die Art, wie sie es sagte, war für Felix überzeugend. Er war völlig geknickt; im Stillen gab er sich einige Titulaturen, die nichts weniger als schmeichelhaft waren. »Liebes Kind,« meinte er sinnend, froh, einen Übergang zu haben, um sich aus der unangenehmen Affaire zu ziehen, – »im Grunde kannst Du eigentlich ganz stolz sein!« »Wieso denn?« »Daß ich mich so erregt habe – hätte das nicht für möglich gehalten, ich muß doch entsetzlich in Dich verschossen sein.« Nun wollte er zärtlich werden und seinen Arm um sie schlingen. Aber sie wehrte energisch ab. – »Nein, mein Kind, so leichten Kaufs kommst Du nicht fort – das wäre ...« Sie lachte von neuem in sich hinein. »Komm, sei lieb,« bat er. »Ich will nicht!« »Sei doch lieb, – wünsch Dir was, mein Gold!« »Laß mich jetzt!« Sie sprang plötzlich in die Höhe und stampfte mit dem Füßchen auf. »Wenn Du nur nicht solch ein Esel wärst, ich hab Dir's doch schon gesagt,« schrie sie nervös – »ich will nicht ... also nimm Vernunft an,« fügte sie sanfter hinzu und legte ihre sehr schmalen, länglichen Hände auf seine Schultern. An der Tür klopfte es. »Herein!« rief er. Die ältliche Person meldete, daß der Wagen unten stände und gab ein Billet ab, welches der Diener hinaufgebracht hatte. Es enthielt nur ein paar Zeilen von Berger, der ihm schrieb, er sollte möglichst bald kommen, da sich ein brillantes jeu arrangieren ließ. »Du, dann fahr ich in den Klub,« rief Felix entschlossen. »Wenn Du durchaus willst.« »Sieh mal,« meinte er, »halb und halb hab ich zugesagt. Da fällt mir übrigens ein, ich hab die ganze Gesellschaft nach dem Theater zu Dressel geladen. Wir könnten uns ja in einer Stunde dort treffen. Länger spiel ich auf keinen Fall, ich sag das dort von vornherein.« Die Fabri klatschte in die Hände. »Du, das ist grandios, das ist eine echte Lerch-Idee! Auf so was kommt nur ein Lerch. Schlag 12 bin ich da – soll fesch werden. Aber jetzt eil Dich!« Er zog sich rasch an – sie half ihm von neuem in den Frack und nahm ganz zärtlich von ihm Abschied. Sobald er aber draußen war, brach sie erschöpft zusammen. Dennoch raffte sie sich wieder auf, hielt mit den Händen ihre Schläfen, trippelte an das Fenster und horchte, bis das Rollen des Wagens verhallte. Dann atmete sie tief auf und klopfte an die Tür des Nebenzimmers. Ein Rascheln, ein Geräusch – und gleich darauf kam Advokat Dörmann zum Vorschein. Als die beiden sich gegenüberstanden, sprach keiner von ihnen eine Silbe, aber sie lachten à tempo , sie lachten wie besessen. »Der Affe!« sagte die Fabri, nachdem sie endlich zu Atem gekommen war. »Mit so einem Esel werd ich doch noch fertig werden!« Und der Advokat versicherte ihr, sie sei das kapitalste Frauenzimmer, das ihm je begegnet sei. – – Im Klub von 1793 wurde Felix Lerch mit einem förmlichen Jubelgeschrei empfangen. Kommerzienrat Bär schüttelte ihm kordial die Hand und beglückwünschte ihn zum Kauf von Darz. »Aktiengesellschaft?« fragte er. »Aktiengesellschaft!« bejahte Felix und kniff vergnügt die kleinen Äuglein zusammen. »Ich bitte mich vorzunotieren!« sagte der Kommerzienrat, der im Klub wie überall eine erste Rolle spielte. Er war Kassierer der Ressource, und von seinem Votum hing die eventuelle Aufnahme eines neuen Mitgliedes ab. Jeder, den er nicht für ganz intakt hielt, wurde abgelehnt. »Werde nicht verfehlen, Herr Kommerzienrat,« entgegnete Felix und wandte sich an die übrigen Mitglieder des Klubs, der sich zumeist aus Börsen- und Sportsleuten, ein paar Theatermenschen und einigen Celebritäten aus der Schriftsteller- und Advokatenwelt zusammensetzte. Felix traf an diesem Abend außer dem Kommerzienrat und Berger noch Bankier Wertheim und seinen Bruder Arthur, ferner einen Theaterleiter, der wegen seiner bon mots und seines exorbitanten Pechs im jeu hier außerordentlich beliebt war, und schließlich einen Bonvivant, der in seinen Mußestunden Schwänke fabrizierte. Bankier Wertheim gratulierte Felix mit einem vieldeutigen Lächeln, das dieser auf elegante Manier zu übersehen wußte. »Liegt am Meer?« fragte der Schauspieler. Felix roch Lunte. »Nein,« erwiderte er gleichmütig, »stößt direkt an den Mond!« Der Bonvivant war aus seinem Text gekommen, wollte jedoch nicht auf seinen Witz verzichten. »Is 'ne wässrige Sache!« meinte er schmunzelnd. Bankier Wertheim applaudierte, der Theaterdirektor hustete – Felix aber sagte: »Mein Guter, wenn Sie für Ihre nächste Posse keinen besseren Kalauer haben, lassen Sie das Ding lieber nicht aufführen.« »Meine Herren,« schrie Berger, »wir sind doch hier zu keiner Privatunterhaltung. Entweder wird gespielt – oder ...« Bei diesen Worten öffnete der Klubdiener die Tür und meldete Dörmann. »Na, das ist aber brillant,« schrie Bär. »Der fehlte noch!« Gleich darauf erschien der Advokat, von allen Seiten mit einem gewissen Respekt begrüßt. Er ging sofort auf Felix zu. »Freut mich riesig, daß ich Sie hier treffe. Habe Sie Gott weiß wie lange nicht gesehen. Und inzwischen,« fügte er ganz leise hinzu, »haben Sie sich wieder für mich geopfert, haben mich wieder aus einer argen Verlegenheit ...« Felix wehrte ab. »Lassen Sie doch das,« sagte er gutmütig. »Woher kommen Sie denn noch so spät?« Um Dörmanns Lippen schmiegte sich ein verstecktes Lächeln. »Das raten Sie nicht,« sagte er. »Ist wohl ein Staatsgeheimnis?« fragte Felix, dann aber leuchtete es auf einmal verständnisvoll über seine Züge. »Ich hab's erraten,« raunte er ihm in's Ohr und drängte Dörmann in einen Winkel. »Sie Schwerenöter, Sie, wetten, daß Sie bei Bergers Frau waren?« Dörmann lachte laut auf. »Sie sind 'n doller Hecht, Felixchen, traun einem gleich solche Dinge zu, na, da sind Sie diesmal auf dem Holzweg, geb Ihnen mein Wort. Aber Scherz beiseite, ich habe mich bis jetzt mit Ihren Angelegenheiten beschäftigt ... ich komme direkt aus meinem Privatkontor, wo ich Ihre Akten durchgearbeitet habe. Eine Liebe ist der anderen wert. Aber nun kommen Sie, die Herren werden ungeduldig.« Etwa fünf Viertelstunden wurde gespielt. Die Goldhaufen wanderten von einem Platze zum andern, die blauen Scheine und beschriebenen Zettel flogen nur so. Es wurde von seiten der Börsenleute mit einer Blasiertheit gespielt, die ihresgleichen suchte. Sie waren im Spiel die reinen Gentlemen. In den Mienen des Theaterdirektors zuckte es zuweilen. Der Schauspieler hingegen war blaß. Seine Stirn bewegte sich hin und her, und auf dem glatt rasierten Gesicht lag eine feine Feuchtigkeit. So oft er einen seiner Zettel schrieb, konnte er ein leises Zittern nicht verbergen. Bergers kleine Augen funkelten wie die eines Raubtieres. Bei Beginn des Spieles hatte Felix den Endtermin bestimmt. Und Punkt ¾12 erhob er sich. Er hatte neunzehntausend Mark gewonnen. Berger, Dörmann und Arthur schlossen sich ihm an. »Wissen Sie, Dörmann,« sagte Felix und legte vertraulich seinen Arm in den des Advokaten, »es gibt doch einen Ausgleich, es gibt doch Götter, ich hab heut eklig Pech in der Liebe gehabt und als Entgelt dafür ein solennes Gabelfrühstück gewonnen. Is unter Umständen auch was wert!« »Ich bin vollkommen Ihrer Ansicht,« erwiderte Dörmann und kicherte in sich hinein. »Übrigens, lassen Sie mich lieber meinen Arm in den Ihrigen legen, sonst passiert ein Malheur, Sie wissen ja, ich kann nicht sehen.« Dörmann war nachtblind und mußte, sowie die Dunkelheit hereinbrach, geführt werben. Einige behaupteten, es wäre das ein Erbteil seiner Familie, andere wollten wissen, es wäre ein Erbteil aus Dörmanns eigener, bewegter Vergangenheit. Die beiden schritten eine Zeit lang stillschweigend nebeneinander, um so lebhaftet sprach Berger in Arthur Lerch hinein, der jedoch nicht aus seinem Phlegma zu bringen war. Dicht vor Dressel hörte Felix, wie Berger zu seinem Bruder sagte: »Offen gestanden sind mir die Besuche Deiner Schwester nicht gerade sehr erfreulich. Ich hab's vorhin schon zu Felix gesagt, die hat so eine merkwürdige Art ... der trau ich nicht über den Klee. Is mir nicht leicht gewesen, meine Frau zu erziehen, wäre mir fatal, wenn Deine Schwester der Raupen in's Ohr setzte und sie gegen mich hetzte. Die kriegt so was fertig, die ist unanständig moralisch, schon mehr als sich schickt.« Felix wurde bei diesen Worten ganz quibbelig. Ein schauderhafter Kerl, dachte er, was fängt der immer von Regine an, was will er denn eigentlich von der? Als sie aber jetzt bei Dressel eintraten, glättete sich wieder sein Gesicht. Dummheit – alberner Quark, sich die gute Laune verderben zu lassen. In dem kleinen Saal bot sich den vier Herren ein eigenartiges Bild. Die Dämchen in ihren meergrünen und rosafarbigen Musselinkleidern waren offenbar zumeist berauscht. In ausgelassener, toller Stimmung tanzten sie immer paarweise verschlungen, die Champagnergläser schwingend, durch den eleganten Raum. Dabei blickten sie sich so zärtlich und verliebt an, preßten ihre Busen und Lippen so fest aneinander, daß man glauben konnte, sie wollten sich vor Lust und Liebe gegenseitig erdrücken. Die Fabri hatte ein Kostüm von grauer, hechtfarbiger Seide an, das zu ihren Augen, ihrer ganzen Persönlichkeit wunderbar stimmte. Sie lag auf einem braunen Plüschsofa, ihr zu Füßen kauerte die rothaarige Chortänzerin, die ihre Hand festhielt und mit brünstigen Küssen bedeckte. Als die Gesellschaft eintrat, wechselte die Fabri mit Dörmann einen schnellen Blick, der aber nur von der kleinen Rothaarigen bemerkt wurde. An jeden Arm der Herren klammerten sich nun die kleinen Tänzerinnen und machten einen heillosen Skandal. Auf Felixens Wunsch, der neben der Fabri Platz nahm, tanzten sie ein Champagner-Ballet, und dann begann eine unerhörte Orgie, die mit einem tollen Cancan ihren Abschluß fand. Dazwischen wurden unter Bergers Stimmführung die gewagtesten Strophen gesungen, deren zynische Pointen immer neue Jubelausbrüche weckten. Niemand war wilder und bacchantischer als die Fabri. Etwa gegen 4 Uhr in der Frühe hielt eine Reihe von Wagen vor Dressel, um die angeheiterten Herren und Dämchen nach Hause zu befördern. XIII. Donnerstag. Grande soirée bei Arthur Lerch. Vor dem Portal des Hauses fuhr Wagen auf Wagen vor. Schutzleute hatten sich eingefunden und suchten in der gaffenden Menge, die trotz der schneidenden Kälte das Palais besetzt hielt, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Der Portier des Hauses in Galalivrée und Eskarpins öffnete in steifer Haltung den Wagenschlag, ohne auch nur einen Blick auf das neugierige Pack zu werfen. Sobald ein der Menge bekanntes Gesicht auftauchte – mochte es eine Schauspielerin, ein Tenor, oder gar ein Abgeordneter sein – wurde ein lautes Tuscheln vernehmbar. Die Hälse reckten sich übereinander, und die Berittenen hatten ihre Mühe bei dem Stoßen und Drängen, das nun entstand, sich geltend zu machen. Den in das Haus tretenden Gästen wogte eine blendende Lichtflut entgegen. Jede der Damen erhielt zu ihrer Verwunderung einen Hermelinkragen umgehängt; denn der Herr des Hauses wünschte, daß in den Toiletten für die erste halbe Stunde ein Stil zum Ausdruck käme. Durch eine Flucht von Gängen und Garderoben gelangten nun die Geladenen in einen Wintergarten, der ebenso, wie die anstoßenden Nebenräume, durch elektrische, in allen Farben sprühende Ballons feenhaft erleuchtet war. Dem Auge bot sich jetzt ein tolles Durcheinander. Hier hatte eine Zigeunerbande, in phantastische Kleidung gehüllt, ihr Lager aufgeschlagen, und während die Männer aus den Fiedeln wilde Weisen hervorzauberten, tanzten Weiber und Kinder in buntscheckigem Zuge. Im Nebensaale harrten italienische Volkssänger mit ihren schwarzgelockten Mädchen nur auf den Augenblick, wo die Zigeuner pausieren würden, um ihr Funiculi-Funiculi ertönen zu lassen und unter den Schlägen der Kastagnetten ihre Tarantella vorzuführen. Wieder in einem anderen Raume war buntes Zirkus- und Jahrmarktsleben entrollt. Hier spielte eine ungarische Knabenkapelle tolle Csardasmelodien. Inmitten dieses Getümmels tauchten Mädchen in Tiroler Tracht auf, die perlende Weine und appetitreizende Brötchen servierten und besondere Wünsche der Einzelnen in der kleinen Bodega meldeten, wo Arthur Lerch in weißseidenem Kochkostüm, die Kelle in der Hand, vor den Augen seiner Gäste, Küchenjungen und Köche kommandierte. Die Dame des Hauses nahm mit müdem Lächeln von allen Seiten die Bewunderung ihrer Gäste entgegen. Ihre dürftige, zarte Gestalt, die ein so blasses und frühwelkes Gesichtchen trug, nahm sich in diesem Glanz und Reichtum, in dieser sinnverwirrenden Pracht wie eine grausam bittere Satire aus. Als Felix den Saal betrat, glitt ein Lächeln der Befriedigung über seine blasierten Züge. »Chic, wirklich chic,« wandte er sich an Arthur, der in nervöser Ungeduld Felixens Kommen erwartet und auf dieses Wort gelauert hatte, als hinge davon sein ganzes Schicksal ab. Er atmete ordentlich befreit auf, bevor er aber seine Freude äußern konnte, war Felix bereits entwischt, um die Schar der Gäste zu mustern. »Ah ... Rotmühl, Tag! Is nett – was?« begrüßte er den Sänger und klopfte ihm jovial auf die Schulter – um gleich darauf der Jenny Groß die Hand zu küssen und ihr ein gewagtes Kompliment über ihre Brillanten zuzuflüstern. »Sie da, Lieban!« wandte er sich von der Jenny Groß an den kleinen Tenorbuffo der Hofoper und von diesem wieder an seinen Leibjournalisten Pförtner, der sich ostentativ Notizen machte, um mit dem Allerfrühesten den Lesern des Börsenboten von den Sensationen des großen Balles zu berichten. Der Börsenbote war zum größeren Teile im Besitz der Gebrüder Lerch. Sie waren die Hauptaktionäre. Felix gebrauchte das Blatt zu seinen Börsenmanövern, und Arthur protegierte hier seine Lieblinge vom Theater und veröffentlichte unter der Rubrik »Vermischte Nachrichten« seine neuesten Entdeckungen auf dem Gebiete der Gastronomie. Besagter Pförtner war spiritus rector in der Redaktion. Dieser fette Bursche mit den verlebten Zügen, der gebogenen Nase, den wulstigen Lippen und den geschlitzten Augen, aus denen alle niedrigen Triebe leuchteten, war eine in jeder Hinsicht dunkle Existenz. Er war zu allem zu gebrauchen, beherrschte das alte Testament so gut wie das neue und wußte es mit rabulistischem Geschick in den Leitartikeln auszuschlachten. Daneben war er ein sehr verwendbarer Börsen- und Handelsredakteur, berichtete außerdem über die neuesten Resultate auf naturwissenschaftlichem Gebiete und schlachtete schließlich auf das blutigste die Literatur des In- und Auslandes ab. Nachdem Felix seinem Faktotum einige Winke gegeben und den Vertreter einer anderen Zeitung, einem gewissen Trenkel – dem Typ jener arroganten, jungen Preßbengel, die ohne eine Spur von Talent für ihren Beruf nichts außer einer grenzenlosen Aufdringlichkeit und Frechheit mitbringen, kordial zugenickt hatte – schob er seinen Arm in den des Cellisten Grünau und promenierte mit diesem langsam durch die Festräume, die allmählich mit Gästen und Spaßmachern sich gefüllt hatten. Als er Dörmann in eifrigem Gespräch mit Frau Berger sah, lächelte er verständnisvoll. Noch mehr heiterten sich seine Mienen beim Anblick des serbischen Gesandten auf, der in seine Frau vertraulich hineinsprach. »Wird gut!« dachte er. Inmitten wohliger Gedanken, schreckte er empor, als er plötzlich leise seinen Namen rufen hörte. Er wandte sich rasch um und sah in das gerötete Gesicht seiner Mutter, die maßlos erregt schien. »Pardon, lieber Grünau, ich muß Ihnen Felix einen Augenblick entziehen.« Der Cellist entfernte sich mit einer eleganten Verbeugung. »Was ist denn los, Mutter?« fragte Felix unter wachsendem Unbehagen. »Komm beiseite,« entgegnete sie gedämpft. Nachdem sie ihn in einen durch Portieren geschützten Winkel gezogen hatte, stieß sie hervor: »Du, wir stehen dicht vor einem Skandal. Regine hat ihrem Mann ausrücken wollen.« Felix trat betroffen einen Schritt zurück. »Mutter, Du scherzest wohl,« schnitt er ihr jedes weitere Wort ab, während sich seine niedrige Stirn in unzählige Falten zog. »Wenn ich Dir sage. Heller hat das Frauenzimmer von Bonne gerade dabei ertappt, als sie Kartons mit Kleidern und Wäsche aus dem Hause lancieren wollte.« »Ja, aber weshalb in aller Welt so plötzlich?« »Die Person ist überspannt!« schrie seine Mutter, indem sie sich einen Augenblick vergaß. »Edmund hat mit der Bonne ein bißchen getändelt, und das alberne Ding hat nichts Eiligeres zu tun, als ihn bei Regine zu verklatschen.« »Heller ist auch ein Schlemihl,« entgegnete Felix geärgert. »Er kennt doch Regine. Wozu braucht er so was in seinem Hause anzufangen!« »Schön! Hast recht!« erwiderte etwas gereizt Frau Lerch. »Ist das aber ein Grund einen Skandal zu provozieren?« »Wer sagt denn das!« lenkte Felix ein. »Du mußt mit ihr reden,« drang seine Mutter in ihn ein. »Auf mich hört sie ja nicht. Heller hat übrigens das Kind in meine Obhut gegeben. Das ist seine letzte Waffe! Was hat das für Mühe gekostet, daß sie sich überhaupt noch entschloß, hierher zu kommen. »Wo ist sie denn?« »Noch gar nicht da. Aber jede Sekunde können sie eintreten.« Einen Augenblick schwiegen die beiden. »Was kann ich da tun?« murmelte Felix und kraute sich nervös hinter den Ohren. »Meinst Du denn, daß sie auf mich hören wird?« »Wenn Du's richtig angreifst, ja! Du mußt ihr den Kopf zurechtsetzen, das ist Deine Pflicht. Dafür bist Du Chef des Hauses.« Felix lachte spöttisch auf. »Is komisch, Mutter, glaubst Du ja selber nicht. Wenn ich Regine so komme, läßt sie mich beim dritten Worte einfach stehen. Man soll sich überhaupt nicht zwischen Eheleute stecken.« Frau Lerch maß ihn mit einem feindseligen Blick. Aber kein Wort sprach sie. »Ich will es ja versuchen, Mutter, nur für den Erfolg stehe ich nicht. Das mit der Bonne ist doch wohl nur der äußere Anlaß,« fügte er hinzu. »Weiß ich's! Die ist ja unberechenbar. Übrigens ich habe meinen Verdacht.« »Nun?« fragte Felix. »Dieser Schubiack von Gent,« stieß sie heftig hervor, »seit der im Hause verkehrt – der fehlte ihr gerade noch – meinen Kopf wette ich, daß dieser Mensch mit seinen albernen Ideen sie vollends verdreht hat.« »Kommt Gent denn oft zu ihnen?« »In der letzten Zeit haben sie sich fast jeden Abend getroffen. Heller ist in der Beziehung wie ein Kind. Er hat an dem Menschen einen Narren gefressen. Er merkt nichts. Wie ein Blinder tappt er herum.« »Du, das glaub ich nicht. In der Beziehung ist Regine nicht zu haben – und Gent macht weiß Gott nicht den Eindruck, als oh er ...« »Du verstehst mich nicht. Davon ist gar keine Rede, daß die beiden – Unsinn – ich meine nur, daß ihr der Mensch noch mehr Verrücktheiten in den Kopf gesetzt hat – schleppt ihr die überspanntesten Bücher zu – als wenn die nicht schon genug – ich bitte Dich, biete Deinen ganzen Einfluß auf – sieh, da kommen sie,« schloß, sie leiser und wies auf Advokat Heller und Frau Regine. »Was ich tun kann, soll geschehn, Mutter. – Rücksicht kennt Regine überhaupt nicht,« fuhr er ärgerlich fort, »einem gerade an so einem Tage die Stimmung zu verderben.« »Komm jetzt, sonst schöpft sie Verdacht, geh Du zuerst – ich will nicht, daß sie Dich mit mir sieht.« Felix nickte zustimmend und entfernte sich rasch. »Ah, da seid Ihr ja auch,« sagte er jovial und reichte Heller die Hand. Dann musterte er mit einem schnellen Blick Reginens Toilette. »Hast Geschmack – alles was recht ist,« meinte er in ehrlicher Bewunderung. »Etwas klösterlich, aber chic.« Frau Regine erwiderte nichts. In ihrem weißen Surahkostüm im Schnitt der Königin Luisentracht bot sie in der Tat ein Bild strenger Einfachheit. »Siehst etwas blaß aus, Regine,« hub Felix wieder an, und ein mitleidiger Blick streifte die Schwester. – »Komm, ich führ Dich mit Hellers Erlaubnis ein bißchen herum,« und sich leicht verbeugend, reichte er ihr den Arm. »Ich will inzwischen Arthur begrüßen,« meinte Heller, und unfähig, eine gewisse Verlegenheit zu verbergen, schritt er rasch von dannen. Schweigend gingen die Geschwister durch das bunte Gedränge dem Winkel zu, wo Felix wenige Minuten vorher mit der Mutter beraten hatte. Seine ganze Leichtlebigkeit versagte vor Reginens schroffem Ernst. »Weißt Du, Regine, Du nimmst das Leben zu schwer,« sagte er endlich, als sie einander gegenübersaßen. Und etwas lebhafter fuhr er fort: »Man untergräbt sich damit selbst – sei ein bißchen leichter – nimm Heller wie er ist – es gibt Schlimmere.« Sie hatte ihm still und stumm zugehört. »Gib Dir keine Mühe – ich weiß, die Mutter – unterbrich mich nicht, ich weiß die Mutter hat Dich beauftragt – aber das ist zu Ende und so weit reicht Euer Einfluß denn doch nicht. Ich kann nicht mehr mit ihm zusammenleben – ich kann einfach nicht. Es ist nur ein Aufschub, verlaß Dich darauf!« »Willst Du mich mal anhören?« Sie nickte. »Du bist doch sonst in allem so überlegt. Hast Du schon daran gedacht, was aus Deinem Jungen werden soll?« Als er sah, wie sie bei dieser Frage zusammenzuckte, fuhr er fort. »Das ist doch klar, daß Heller den Jungen nicht herausgibt, darüber mach Dir keine Illusionen. Wie ein Luchs überwacht er das Kind.« Sie lachte bitter auf. »Ich weiß es. Er hat ja Fritzel aus dem Hause geschafft, und die Mama, hat ihm die Hand dazu geboten – die Mama« – sie hielt plötzlich inne und legte ihre bleiche Hand auf das Herz, und mit weitgeöffneten Augen sah sie den Bruder eine Weile wortlos an. »Man wird über mich herfallen,« fuhr sie endlich fort, »ach, darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin, jeder wird seinen Stein auf mich werfen, mich herzlos nennen, weil ich das Kind im Stiche lasse, aber ich weiß ja,« schrie sie schluchzend, »daß er mir Fritzel herausgeben muß. Ich habe ja Waffen in der Hand ...« »Überschätze die nicht,« unterbrach sie Felix, »Du meinst die Geschichte mit der Bonne. Vor Gericht spielt das keine Rolle. Da irrst Du – da irrst Du wirklich!« »Die Mama hat es ja eilig gehabt, Dich zu orientieren, hat sie Dir auch gesagt,« brachte sie endlich mühsam hervor, »daß es beinah aussieht, als ob sie mit Heller ... daß meine Dienstboten zischeln und ihre ...« Felix erhob sich nervös. »Wir wollen nicht weiter reden. Du siehst Gespenster, Regine. Was ist denn wirklich schon dabei, daß die Mama Heller ganz gern hat. Jede andere Frau würde sich darüber eher freuen, Du aber nein, nimm mir's nicht übel, da ... da muß ich wirklich ...« »Du haß schon recht, wir verstehen uns nicht – ist gescheiter, wir brechen ab, ich hab ja auch nicht davon angefangen.« Müde richtete sie sich in die Höhe und fuhr mit ihrem Spitzentüchelchen über das erregte Gesicht. Felix zuckte mit den Achseln: »Du kennst meine Meinung,« sagte er gedehnt. »Überleg Dir jeden Schritt.« Und froh im Grunde seines Herzens, die lästige Pflicht hinter sich zu haben, bot er ihr den Arm. »Ich danke,« entgegnete sie schlicht. »Laß uns nur so hinausgehen.« »Wie Du willst!« Er schob die Portieren auseinander, und wieder traten sie in den Saal, in dem jetzt ein unübersehbares Gedränge herrschte. Mikadomusik schallte ihnen entgegen, und leichttänzerische Paare wirbelten aus dem Nebenraume an ihnen vorüber. »Was ist das mit Gent?« fragte Felix plötzlich in gedämpftem, sonderbarem Tone. Sie warf ihm einen Blick zu, der ihn total einschüchterte und von jeder weiteren Frage abstehen ließ. »O, Ihr Niederträchtigen,« flüsterte sie tief erregt. Und mit einer raschen Bewegung wandte sie sich von ihm. »Gott, ist die exaltiert,« dachte Felix und der Schwager Heller tat ihm im stillen leid. Ein junger Mensch mit schläfrigen, blasierten Zügen, kurz rasiertem Schädel und einem französisch zugestutzten Bart begrüßte ihn. »Ah, Tosti! Nun wieder ein schlüpfriges Geschichtchen unter der Feder?« fragte er lächelnd und schob begönnernd seinen Arm in den des jugendlichen Herrn, der von sehr ernsten Plänen sprach und dazwischen mit einer nonchalanten Koketterie sich von einigen Backfischen und überreifen Frauen beliebäugeln ließ. Als Regine durch das Gedränge all der lustigen Menschen schritt, füllten ihre Augen sich mit Tränen, dann wurde ihr für eine flüchtige Spanne Zeit zumute, als zöge man sie in eine Tiefe, wo es nur Nacht und Stille und Frieden gab, keine Freude und keinen Gram. Sie raffte sich auf und ballte die schmalen Hände zusammen. Sie durfte ja nicht zusammenbrechen, sie mußte stark bleiben, um noch in dieser Nacht handeln zu können. Aber wie verlassen sie sich vorkam, wie mutterseelenallein in diesem Schwarm inhaltsloser Menschen. Sie schrak plötzlich empor und lauschte unwillkürlich. In einer dichten Gruppe von Palmen und Blattgewächsen stand Kommerzienrat Bär und sprach unaufhaltsam in Frau Berger hinein. »Morgen nachmittag, wie?« Und Frau Berger: »Wo denken Sie hin! Ich darf mich ja kaum aus dem Hause rühren – so mißtrauisch ist er.« Der Kommerzienrat: »Man kann alles, was man will! Soll ich vor Sehnsucht ...« Sie: »Es wird nicht so arg sein.« Ein heiserer Laut entrang sich dem Mann. Sieh mal! Er ergriff ihre Hand und streifte einen kostbaren Brillanten über ihren Finger. Frau Regine hielt den Atem an und schlich lautlos davon. Um ihre Lippen zuckte es mitleidig-verächtlich. Aber dann schüttelte sie sich unmerklich und schritt ohne Ohr und Auge für das, was sie umgab, weiter. Auf einmal wurde es ganz still ... feierlich still. Sie horchte wie gebannt. Ihr war's, als müßte plötzlich jemand auf das Podium treten und mit gellender, durchdringender Stimme den fremden Gästen zurufen: Seht, das ist die ehrlose Frau Rechtsanwalt Heller, die bei Nacht und Nebel ihr einziges Kind verlassen will. Aber statt dessen wogten helle, jubelnde Tenortöne durch den Saal. Rotmühl sang unter andachtsvollem Lauschen der Hörer Fragmente aus Trosczkowskis soeben vollendeter Oper, die in der nächsten Woche im königlichen Opernhause in Szene gehen sollte. Der Komponist akkompagnierte. »Wundervoll ... ganz wundervoll!« hörte Frau Regine dicht neben sich. »Das gibt einen kolossalen Erfolg. Haben Sie schon Billets? Nein? Na, dann beeilen Sie sich. Ist ein unglaublicher Andrang.« Als der Sänger geendet, drängte sich alles um ihn und den Komponisten. Jeder wollte sein Kompliment und Fachurteil an den Mann bringen. Arthur Lerch, der inzwischen sein Kostüm gewechselt hatte, strahlte: in seinem Hause Vorpremiere! Pst! ... ging es durch den Saal und nun trat Grünau in vollendeter, liebenswürdiger Pose auf das Podium, um mit einer seiner graziösen Nummern von Davioff und Popper aufzuwarten – zum Schluß Trosczkowskis bekannte Tarantella für Cello bearbeitet. Wieder erbrauste Beifall. Arthur benutzte die kleine Pause, um seinen Gästen mitzuteilen, daß dieser Teufelskerl von Grünau Anfang nächster Woche bei dem russischen Gesandten und zwei Tage darauf beim Kaiser spielen werde. Und kaum zirkulierten diese Daten, als die Lola Feld, die man sich eigens aus Wien hatte kommen lassen, ihre kalte Schönheit und ihre noch kältere Stimme präsentierte. Jetzt wurde Felix unruhig. »Ist zu viel Musik!« raunte er seinem Bruder zu. »Man kriegt Hunger!« »Nur noch Lieban!« beruhigte dieser. Gleich darauf erschien der Genannte und trug seine Glanznummer, das Lied vom Schweinehirten vor. Das offizielle Konzert war damit beendigt, und alles drängte von den musikalischen zu den lukullischen Genüssen. Frau Regine wäre am liebsten davongeeilt. Jedes Wort – jeder Blick tat ihr so weh. Sie zog die kleine Uhr. Nein, noch war es viel zu früh. »Wie finster Du dreinschaust!« Mit diesen Worten störte sie Felixens Frau aus ihrem Grübeln auf. Dann nahm sie ohne weiteres den Arm der Schwägerin und zog sie mit sich fort. »Ich sehe, was Du leidest, Regine,« sagte sie teilnahmsvoll. »Weshalb verbitterst Du Dir so das Leben? Warum fügst Du Dich nicht in das Unvermeidliche, nimmst Heller für den Narren, der er ist – und gehst im übrigen Deine eigenen Wege. Ich tue das längst,« schloß sie gedämpften Tones, »und fange dabei an, wieder aufzuleben – wenn Du ...« sie kam nicht zu Ende. Heller und Gent kamen direkt auf sie zu. »Da bist Du ja endlich,« begann Heller. »Wir suchen Dich nämlich an allen Ecken und Enden.« Gent verbeugte sich ehrfurchtsvoll. »Es wird einem ganz wirr im Kopfe bei dieser bunten Mannigfaltigkeit,« bemerkte er. Frau Heller nickte ernsthaft. Jetzt gesellte sich noch der serbische Gesandte zu ihnen, ein Mann von orientalischem Typ mit bereits ergrauendem Haupthaar und pechschwarz gefärbtem Knebelbart. Er begrüßte die übrigen nur flüchtig. Zu Frau Lerch gewandt, bemerkte er mit einem bedeutsamen Lächeln, indes er zerstreut mit seinem blauen Kneifer spielte: »Es ist nicht gerade hübsch von Ihnen, einen alten Herrn so treulos zu verlassen.« Sie sah ihn kokett an, versetzte ihm mit dem Fächer einen leichten Schlag und entgegnete: »Wäre ich boshaft, würde ich Ihnen einfach erwidern, ich halte es mit der Jugend.« »Da Sie aber nicht argen Sinnes sind, so werden Sie mir gütigst Ihren Arm reichen.« Die letzten Worte hatte Felix aufgefangen, der wie ein Stößer auf den Gesandten zugeschossen kam. »Ist ein schwieriges Geschäft mit Frauen umzugehen,« bemerkte er lächelnd. »Die Ihrige ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt,« antwortete der Serbe. Felix: »Ich bin im Augenblick zu bescheiden, um zu widersprechen. Wenn es Sie übrigens interessiert, Exzellenz, fuhr er im Tone leichter Konversation fort, »so kann ich Ihnen mitteilen, daß der Weg, den die Bahn zu passieren hat, gefunden ist. Meine Techniker haben sich in Ihrem Vaterlande heimisch gemacht und die Karten bereits gezeichnet.« Der Gesandte konnte ein malitiöses Sticheln nicht unterdrücken. Aber in dem Augenblicke, wo er Frau Lerchs peinliche Verlegenheit wahrnahm, antwortete er rasch, »ich bin von Ihrem Eifer wirklich erfreut, vielleicht machen Sie mir in den nächsten Tagen das Vergnügen mich zu besuchen, damit wir eingehender das Projekt besprechen können.« In Felix matten Augen blitzte es auf. »Ich werde nicht verfehlen, Exzellenz; Sie entschuldigen mich jetzt gütigst, ich muß meinem Bruder die Pflichten des Wirts ein wenig erleichtern; nicht wahr, Sie haben die Liebenswürdigkeit, meine Frau ein wenig unter Ihren Schutz zu nehmen.« »Gewiß – gewiß!« »Hast Du vielleicht ein paar Minuten Urlaub, Heller,« wandte er sich rasch an seinen Schwager; und als Heller seine Bereitwilligkeit ausgedrückt, gingen sie schnell der entgegengesetzten Richtung des Saales zu. Auch der Gesandte und Frau Lerch, über deren häßlich-kluge Züge während Felix' Monolog es wie Wetterleuchten fuhr, hatten sich entfernt, und Frau Regine und Rechtsanwalt Gent standen sich schweigend allein gegenüber. »Mein Bruder will in Serbien eine Bahn bauen,« sagte Frau Regine endlich, »und da es in seiner Natur liegt, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, so durften wir soeben Zeugen einer geschäftlichen Konferenz sein.« »Ihr Bruder ist doch ein staunenswerter Tatmensch.« Sie sah ihn prüfend, an, als suchte sie aus seinen Worten einen besonderen Nebenton herauszuhören. »Mein Bruder,« sagte sie langsam, »ist das Produkt einer fatalen Erziehung.« Er schaute verblüfft zu ihr empor; ihre Offenherzigkeit frappierte ihn. »Ich meine,« fuhr sie unbeirrt fort, »er hätte statt eines tollen Spekulanten und Genußmenschen, statt eines Großjobbers, der, um seine Nerven zu stimulieren, sich in waghalsige Unternehmungen stürzt, ein genialer Kaufherr werden können, anstatt zu ruinieren, hätte er möglicherweise bauen können. Aber bitte, Sie werden Appetit verspüren – und ich möchte es nicht auf mein Gewissen laden, daß Sie hungrig dieses gastfreie Haus verlassen. Um mich brauchen Sie sich nicht zu kümmern.« »Sie haben heute eine Ihrer merkwürdigen Stimmungen, gnädige Frau, es bedarf allerdings nur eines Wortes, wenn Sie ungestört zu sein wünschen.« »Ich bin in der Tat übellaunig, und solche Stimmungen soll man eigentlich allein ausfechten und nicht andere damit behelligen. Aber kommen Sie, die Menschen sind so lustig, die Musik so froh – lassen Sie uns auch vergnügt sein, wer weiß, wie lange der ganze Tanz noch dauert.« Sie lachte plötzlich hell und silbern, in ihren braunen Augen flackerte es unruhig, und über ihr bleiches Gesicht goß sich das Rot der Erregung. Advokat Gent wurde unheimlich zumute. »Sie sind unberechenbar, gnädige Frau!« Sie wurde mit einem Schlage tiefernst und mit einer freimütigen Bewegung reichte sie ihm die Hand. Er drückte sie leise. Da entzog sie sich ihm hastig. Gent trat einen Schritt zurück und murmelte unverständliche Laute, während seine Züge um einen Schatten bleicher wurden. Eine Tirolerin mit einem Tablett, auf dem Roederer und Kristallgläser standen, wollte an ihnen vorüberhuschen. Gent hielt sie an, und ohne sich über sein Tun recht klar zu sein, schenkte er den schäumenden Wein in die zierlichen. Gläser. Eines reichte er ihr schweigend, und indem er das seine prüfend einen Augenblick gegen das Licht hielt, sagte er langsam mit schwerer Zunge: »Ich trinke auf Klarheit.« Es fröstelte, sie – ein irrer Ausdruck beherrschte für eine Sekunde ihre Züge. Sie sah ihn dann durchdringend an, und mit trauriger Stimme entgegnete sie: »Ich wünschte, Sie dächten niemals gering von mir.« Der Advokat wollte etwas erwidern. Aber ein inneres Gefühl zwang ihn, ihr schweigend zuzuhören und zum Zeichen des Einverständnisses nur leicht den Kopf, zu neigen. Stimmgewirr und übermütige Musik drang wieder zu ihren Ohren. Sie aber hörten nur den feinen Ton der Gläser, die in reinem Klang zusammentrafen. Langsam, ohne Worte, schritten sie dem Gedränge zu, aus dem Hellers Gestalt auftauchte und auf sie lossteuerte. »Ich bitte um Verzeihung, aber ich konnte wirklich nicht eher, hatte mit Felix etwas Dringendes zu besprechen. Übrigens müssen wir eilen, es ist schon alles besetzt ... ah, da bei Kommerzienrat Bär ist noch Platz!« »So gehen wir dorthin,« antwortete Regine. Ihr Ton klang müde, ihr Gesicht hatte den gespannten Ausdruck verloren und zeigte wieder den ihr eigentümlichen Zug schwermütigen Ernstes. Als sie sich der kleinen Tafel näherten, winkte ihnen Frau Berger, die in ausgelassener Weinstimmung bald mit dem Kommerzienrat, bald mit Dörmann ihr freies Spiel trieb, fröhlich zu. Ihre leuchtenden Augen schimmerten in bacchantischem Glanze, ihre prachtvolle Büste, bis an die Grenze des Erlaubten dekollettiert, zeigte den weichen Hals, den stolzen Nacken. Die ganze Gestalt schien Lebensfreudigkeit zu atmen und nur einem Zwange zu gehorchen, wenn sie die Geister mühsam zusammenhielt, die in ihr pochten und hämmerten und Freiheit für ungezähmten Genuß und tolles Sichausleben begehrten – das war das Weib, geschaffen für den Pinsel des Rubens. Regine erschauerte. Sie konnte es nicht fassen; das war dieselbe Frau, die geprügelt und mißhandelt das Leben wie eine Bürde schleppte, um in dem Augenblick, der ihr noch so flüchtige Erlösung schuf, besinnungslosem Rausch sich hinzugeben – eine Verdürstende, die den Krug nicht von den Lippen läßt, bis sie den letzten Tropfen ausgeschlürft. »Regine ... Regine!« rief sie verzückt, »das ist ein Fest für Selige und Götter, kommt, setzt Euch zu uns!« Und Frau Heller erwiderte den Blick der Berauschten. Alles kleinliche Bedenken warf sie weit von sich. Ein reiches, weites Mitempfinden für die Ärmste ergriff sie, der Lichtgeflirr und perlender Wein eine Spanne Zeit Vergessen beschert hatte. Dann verglich sie blitzschnell damit ihr eigenes Geschick: ihr würde der grauende Morgen Freiheit und Leben bringen ... ihr ... An den Nebentischen wurde es plötzlich laut. Die Künstler hatten beim Durchbrechen ihrer Brötchen kostbare Überraschungen vorgefunden: Leuchtende Brillanten, kleine mit Smaragden besetzte Uhren und dazu Sprüchelchen, in denen man ihre Kunst feierte und sie bat, den schwachen Dank geneigten Sinns entgegenzunehmen. »Donnerwetter, Ihr seid aber üppig,« raunte Bankier Wertheim seinem Schwiegersohne zu, und ein satanisches Lächeln glitt um seine dünnen Lippen, »müßt ja glänzende Geschäfte gemacht haben, um Euch solche Spaßmachereien zu leisten!« Arthur wich verlegen aus; Felix aber sprang ihm zu Hilfe. »Moderne Menschen, die wir einmal sind,« sagte er liebenswürdig, »suchen wir der ausgleichenden Gerechtigkeit Geltung zu schaffen.« »Guten Appetit,« meinte Bankier Wertheim trocken. »Und dann,« fügte Felix hinzu, »unser Weizen blüht – Aktien auf serbische Bahn – Aktien auf Wellblech – Aktien auf Darz, wenn Du 'ne gute Miene aufsetzt, lassen wir Dich zeichnen.« Der Bankier lachte heiser auf: »Muß schönstens danken,« krächzte er. »Muß nicht überall dabei sein!« Und mit einer knappen Wendung ließ er die Brüder stehen. »Das ist ein unglaublicher Filz, Dein Herr Schwiegervater,« knurrte Felix und zog die Stirn in Falten. Aber nur einen Moment hielt seine schlechte Laune an. Denn unmittelbar nach diesem kleinen Intermezzo erhob sich der alte Pletten, die goldgestickte Tischkarte in der Hand, um unter feierlichem Silentium seinen Humor aus Steinberger Kabinet hervorsprühen zu lassen. Wie der kleine Herr mit der Utopistenstirn und dem dreieckigen holsteinischen Schädel, auf dem nur noch spärliche Haarbüschel von entschwundener Pracht zeugten, mit staatsmännisch-ernster Miene in hohen Fisteltönen an der Hand von Austern und Trüffeln die europäische Konstellation beleuchtete, da entstand schallende Heiterkeit, so daß der Redner, der nicht eine Sekunde die feierliche Strenge des Gesichtsausdruckes einbüßte, minutenlang pausieren mußte, um diese Heiterkeitsstürme sich austoben zu lassen. Etwa eine Stunde später, als der Trubel seinen Höhepunkt erreicht hatte, und Arthur Lerch gerade seinen Gästen ein internationales Ballet vorführte – schlich Frau Regine den Korridor entlang zur Garderobe. »Ich bitte, nichts verlauten zu lassen, daß ich früher fortgegangen bin,« wandte sie sich an die Garderobiere, »ich fühle mich nicht ganz wohl und wünsche um keinen Preis, daß mein Mann und mein Bruder etwas davon erfahren – mein Bruder würde außer sich sein, wenn das Fest gestört würde.« Die Garderobiere nickte verständnisvoll: »Soll ich einen Wagen besorgen, gnädige Frau?« Regine drückte ihr ein Goldstück in die Hand. »Eine gewöhnliche Droschke und schweigen!« »Gnädige Frau können versichert sein!« Regine hüllte sich tief ein. Fünf Minuten später saß sie in einem Coupée, dem ein anderes dicht folgte. An der nächsten Ecke ließ sie den Wagen halten, sprang heraus und lohnte den erstaunten Kutscher überreich ab. Alsdann schlüpfte sie in jenes andere Gefährt, das von einem jungen Mädchen rasch geöffnet wurde. Dieser Wagen setzte sich blitzschnell in Bewegung. Der verabschiedete Rosselenker blickte dem Gespann verdutzt nach. Er drehte das Geldstück in seinen Fingern, zog ein urschlaues Gesicht, holte phlegmatisch eine kleine Tabakspfeife hervor und fuhr gemächlich zur Haltestelle zurück. XIV. Etwa um dieselbe Zeit wie Frau Heller verließ auch Gent die Gesellschaft. Vergebens hatte er sich nach Frau Regine umgesehen und voll Unruhe war er durch die Festräume geeilt. Da er sie nirgends fand, so glaubte er, sie hätte sich in irgendeinen Winkel zurückgezogen, um von jedermann unbehelligt zu sein. Er stahl sich heimlich fort – ihn hielt es nicht länger. In beklommener Stimmung begab er sich heim und suchte sofort sein Bett auf. Aber Schlaf fand er keinen; so schwer und müde ihm die Glieder auch waren. Er wälzte sich in seinen Kissen und während er in die Dunkelheit starrte, war es ihm, als ob auf. Decke und Wänden beängstigende Schatten ihr Wesen trieben. Auch glaubte er auf einmal seltsame Geräusche zu hören, die ganz leise und in bestimmten Pausen auftraten. Er richtete sich auf und horchte angespannt. Dann zündete er sich ein Licht an. Wieder drangen verdächtige Laute an sein Ohr. Er sprang aus dem Bette, nahm das Licht und leuchtete in allen Ecken herum. Er zwang sich zu einem Lachen, um seine Stimme zu hören. Ich Narr! murmelte er und legte sich wieder. Aber das Licht ließ er brennen. Plötzlich vernahm er von der Straße her das unheimliche Knurren eines Hundes, das zuweilen in ein gedämpftes Bellen überging. Eine Angst, die er nie in seinem Leben gekannt hatte, packte ihn. Was ist mit mir ... bin ich des Teufels ...? fuhr er sich ingrimmig an. Jetzt hielt er den Atem an ... nein ... nein ... das war keine Täuschung, an seiner Tür wurde ungestüm geklingelt. Mit einem Satz war er aus dem Bett: »Christine!« Die Haushälterin war auch wach geworden. Von neuem drang der Ton der Glocke gellend durch das Haus. Er warf den Schlafrock um sich und schlüpfte in die Hausschuhe. So stürzte er zur Tür. »Wer da?« schrie er. »Heller!« Ein Ruck und die Tür war geöffnet. Er leuchtete mit zitternder Hand in Hellers verzerrte Züge und taumelte einen Schritt zurück. Sie sprachen kein Wort, während sie in das Zimmer gingen. Als Gent den Leuchter auf den Tisch gesetzt hatte, trat Heller ganz dicht auf ihn zu. »Wo ist meine Frau?« schrie er heiser. »Ihre Fr...?« Gent blickte ihn fassungslos an, er begriff ihn nicht. Auf Hellers Züge trat ein entsetzliches Lächeln. »Sie wollen es leugnen,« stammelte er ganz leise, »Sie wollen leugnen, daß sie bei Ihnen ist?« Mit einem Schlage hatte Gent seine Ruhe wieder. »Sie sind von Sinnen,« entgegnete er mit fester Stimme, »sonst ...« Heller ließ ihn nicht aussprechen. »So haben Sie ihr fortgeholfen,« kreischte er, »das kommt auf eins heraus, Sie sagen mir's ...« Gent richtete seine gedrungene Gestalt empor. »Den Ton verbitte ich mir,« sagte er nachdrücklich, »oder ich müßte Sie ersuchen, auf der Stelle das Zimmer zu verlassen.« Kollege Heller sah ihn scheu und zweifelnd an. »Nämlich ... sie ist fort!« stieß er irren Tones hervor. »Ich bitte,« setzte er hinzu, »denken Sie sich in meine Lage! Fort ist sie ... hören Sie denn nicht, fort!« Gent war es durch Mark und Bein gegangen, ihm war's, als begriffe er jetzt erst das Gehörte. »Ihr Wort, Herr Kollege, Ihr Wort, Sie haben nicht das Geringste mit ihr vor, sagen Sie es, sagen Sie es zu meiner Beruhigung.« Gent blickte ihn eine Weile bekümmert an, ehe er entgegnete: »Ich leugne nicht, daß ich für Ihre Frau Gemahlin mehr als für andere Frauen empfinde, nein, das leugne ich nicht – aber darauf mein Wort, daß zwischen uns nichts derartiges sich abgespielt hat; daß ich keine Ahnung habe, wohin sie sich gewandt hat, gewiß ich ...« Heller, unterbrach ihn. »So glaube ich Ihnen. Ich will auch kein Bekenntnis ... nein, das will ich unter keinen Umständen ...« Er ließ sich auf einen Sessel nieder und erzählte in abgerissenen Sätzen, was sich ereignet, wie er atemlos nach Hause gestürzt und von da ohne Besinnung zu ihm gerast sei. Eine Minute lang schwieg er. Seine Stirn zog sich in kleine Fältchen zusammen, dann sprang er auf, und während er sich an der Stuhllehne festklammerte, schrie er: »Die ist ja gemein, niederträchtig und gemein. Wissen Sie, daß sie mich mit ihrer Bosheit fast um den Verstand gebracht hat ... lassen Sie mich,« kreischte er wie wahnsinnig, »was liegt mir daran ... was liegt mir daran ... es muß heraus ... es würgt mich ... die kennt keine Rücksicht, gemein ist sie gemein und eitel ... bodenlos eitel ... Sie glauben das nicht ... o die verstellt sich ... die muß auf die Bretter ... die ... seine Stimme schnappte über ... er ließ sich nicht beruhigen und mehr gurgelnd als sprechend: »sie hat sich von dem Frauenzimmer von Bonne aufputschen, von so 'ner albernen Person gegen mich ... mich hetzen lassen ... hören Sie doch nur ... so ein gewissenloses Weib ... ohne einen Funken von Liebe für mich und das Kind ... so eine ...« Er hielt erschöpft inne und verbarg mit den Händen sein Gesicht. So verharrte er eine kurze Weile. Gent hatte ihm befremdet zugehört. Er war selber außer Fassung und fand für den Jammernden und Anklagenden kein Trostwort. »Ich muß jetzt fort,« sagte Heller unvermittelt. »Ich kann keinen Moment länger bleiben ... ich muß fort.« Damit stürzte er so eilig davon, daß die Haushälterin Mühe hatte, ihm nachzukommen, um das Haus aufzuschließen. Er ging jedoch nicht in seine vereinsamte Wohnung zurück, eilte vielmehr in das Café Bellevue. Das fand er bereits geschlossen. »Pech!« murmelte er wütend und steckte sich eine Zigarette an. Einen Moment dachte er an die Szene bei Gent, dann überkam ihn eine tiefe Sehnsucht nach Regine. Er fühlte, wie es ihm feucht in den Augen wurde, und diese Rührung war ihm geradezu eine Wohltat. Eine schlaflose Nacht brachte Gent zu. XV. In Berlin W. sprach man in den nächsten Tagen von nichts anderem, als dem Skandal, den Frau Regine heraufbeschworen. Die Familie Lerch benahm sich mustergültig. Sie zeigte sich überall mit Heller und dementierte in auffälliger Art das Gerücht, das sich blitzschnell verbreitet hatte. Regine, hieß es, sei ihrer zerrütteten Nerven wegen abgereist, – die Freunde und Bekannten müßten schon den Trennungsschmerz eine kurze Zeit überwinden. Der Gegenstand dieser Erörterungen, Frau Heller, war in jener Nacht nach Dresden gefahren und hatte sich am andern Tage nach Loschwitz begeben, wo sie unter fremdem Namen in einer Winterpension Aufnahme gefunden hatte. Aber die ersehnte Ruhe war nicht über sie gekommen. Ja, sie hatte Stunden, in denen sie sich zerrissener denn je fühlte. Eine große Sehnsucht nach dem Kinde ergriff sie. Immer wieder fragte, sie, sich, ob sie um des Kindes willen so hatte handeln dürfen. Das Kind ... das Kind ... was würde aus dem Kinde werden! Was nützte ihr alle Freiheit ohne das Fritzel. Wer würde es trösten, wenn es wehklagend in seinem kleinen Bettchen sich emporrichtete und mit seinem lieben süßen Stimmchen; nach seinem Muttel verlangte. Sie ging die erste Woche wie eine Nachtwandlerin einher; kein überflüssiges Wort sprach sie. Die Bonne, ein bescheidenes Mädchen, sah sie verlegen und ehrfurchtsvoll des öfteren von der Seite an. Sie wagte nicht, der Herrin sich zu nähern. So lebte sie in einsamer Qual, ja es dünkte sie zuweilen, als ob ihre Stimme allmählich verrostete, als ob langsam Leben und Bewegung Körper und Seele verlassen wollte. Dann wieder gab es bittere Augenblicke, in denen sie die Erinnerung an den einzigen Freund nicht bannen konnte. Und jener seltsame Zwiespalt, ob sie sich erwachendem Glücksempfinden hingeben dürfte, oder ob sie es niederkämpfen müßte, bemächtigte sich ihrer. Nein, dessen war sie sicher, nicht um Gents willen hatte sie ihren Mann verlassen. Mit dem war sie längst fertig, und gleichgültig in ihrem Verhältnis zu ihm blieb es, daß ein anderer in die Erscheinung ihres Inneren getreten war. Unablässig ging sie mit sich in's Gericht. Sie wurde sich klar darüber, um Gents willen hatte sie den Gedanken an den Tod aufgegeben – um seinetwillen lebte sie, wenngleich sie sich ihm weder mit Worten noch Blicken je verraten hatte. Und in selbstquälerischer Pein empfand sie es, daß sie das Kind hatte für immer verlassen wollen, sie, die mit dem Leben also doch nicht völlig abgeschlossen hatte. Sie spürte ihr Gewissen pochen und erkannte in einer durchsichtigen Helligkeit die Grenzen ihrer Geistesfreiheit. Denn darüber kam sie nicht hinweg: Es gab trotz allen Grübelns eine Verantwortlichkeit – nicht vor einem persönlichen Gott nicht vor Menschen – aber doch vor sich selbst, und um so schärfer, als es vor dem Richter in der eigenen Brust kein Leugnen, keine Ausflüchte gab. Das Kind ... das Kind! ... Sie weinte tränenlos in sich hinein. War es denn möglich, daß eine Frau von ihrem Schicksal noch einmal das Glück erraffte? Und war sie fähig, es zu gewähren? Sie fand auf all diese Fragen keine Antwort. Ja, sie schienen ihr unlösbar, wenn sie an Gent zurückdachte, der in jeder Hinsicht so ganz anders wie sie beschaffen war. Sie entsann sich, daß er niemals den Anspruch – erhoben, ein scharfer Denker zu sein, daß er sich nie vermessen, letzte Weisheiten finden zu wollen. Er war schlicht bemüht, einfach und brav zu sein. Ich habe nicht auf den neuen Menschen abonniert, hatte er einmal lächelnd geäußert, das soll nicht Ironie sein, gnädige Frau, nur die nüchterne Erkenntnis eines Durchschnittswesens. Das hatte sie damals innerlich geschmerzt, sie war doch Frau genug, um den Mann, zu dessen Art sie sich hingezogen fühlte, im Wissen und Denken über alle anderen erhaben zu wünschen. Aber jetzt kam ihr das so dünkelhaft und töricht vor – jetzt, wo die Einsamkeit ihr klar gemacht, daß neben geistiger Größe noch etwas anderes zu Recht bestand: der sittlich-kräftige Mensch. Und das war Gent, seine Seele war hell und rein wie Bergesquell, keines unlauteren Gedankens fähig. In ihrem Sehnen nach dem Kinde wollte sie an ihn sich wenden, aber eine feine Scham, vielleicht das Beste in jeder Frau, hielt sie zurück. Sie wußte, daß er rang, sie wußte, daß die Liebe zu ihr in sein Empfinden wie ein starker, übermächtiger Feind, mit dem er ehrlich kämpfte, eingedrungen war. Aber sie wußte nicht, ob sie jemals den Mut finden würde, sich ihm zu geben, ob es nicht die höhere Pflicht war, sich zu versagen. Pflicht ... Liebe ... Sittlichkeit – dem konsequenten Denker längst veraltete Begriffe, sie kehrten zu ihr zurück wie liebe, traute Kindermärchen. Und in all die Wehmut glitzerte Glück, wie feine Sonnenstrählchen, die schüchtern und kosend durch schweres Gewölk sich stehlen. Als die zweite Woche ihrem Ende entgegenging, vermochte sie nicht länger ohne Nachricht über das Fritzel zu sein. Sie kam auf einen Ausweg. Sie sandte einen Brief nach Genf, an eine frühere Freundin mit der Bitte, ihr Schreiben nach Berlin zu befördern. Der Brief war an Heller gerichtet, enthielt die kurze Bemerkung, daß sie in die Schweiz geflüchtet sei, und verlangte poste restante Mitteilungen über das Kind. Jede Mühe, sie zu finden, solle er sparen. Nun wartete sie voll Ungeduld. Aber viel, viel schneller als sie es berechnet hatte, sandte die Freundin in Form eines Telegrammes die Antwort. Es enthielt die wenigen Worte: »Fritzel schwer krank. – Alles vergeben! Kehre zurück! Heller.« Im ersten Augenblick war ihr's, als ob der Tod leise und unsichtbar dicht an sie herangetreten wäre. Jeder Tropfen Bluts wich aus ihren Zügen, das Herz stand ihr still. Dann aber lief sie wie von Hunden gehetzt zu dem kleinen Postamt und depeschierte an den alten Hausarzt. In den nächsten zwei Stunden war sie ihrer selbst nicht Herr. Sie schloß sich ein. Sie stürzte wieder aus dem Zimmer, die kleine Dorfstraße entlang in der Richtung zur Post, um den Boten zu erspähen – wieder in die Villa zurück – und wieder auf die Straße. Als er endlich kam, da riß sie ihm wie eine Irre den schmalen Umschlag aus den Händen und eilte atemlos in ihr Zimmer. Bebend betrachtete sie eine Spanne Zeit das Telegramm. Sie starrte auf das weiße Papier, als wenn ihr Todesurteil darin geschrieben wäre. Gott ... mein Gott hauchte sie, indes sie in raschem Entschluß das Papier erbrach. Aber vor ihren Augen flirrte es. Kein Wort vermochte sie zu enträtseln. Unwillkürlich hielt sie die Hand an ihr pochendes Herz – und zwang sich. Sie las: Leichter Influenzafall. Kein Anlaß zur Sorge! Da sank sie in krampfhaftem Schluchzen auf ihr Bett. Als sie sich erhob, leuchtete aus ihren Augen ein frommer Glanz. Sie griff wieder nach dem Telegramm, sie mußte es noch einmal und noch einmal lesen. Aber ihr Gesicht verdüsterte sich, und ein kurzes, schrilles Lachen verzerrte ihre Züge. Alles vergeben, murmelte sie und zerknitterte in der kleinen Faust Hellers Depesche. Er vergibt mir ... er vergibt mir! Aber nein ... nein ... nein, sie wollte sich die Freude nicht vergällen. Ein tiefer Ernst durchdrang sie. Das Kind, ihr Kind lebte; es hatte nicht die reinen, frommen Augen geschlossen, während sie, die Mutter, wie eine Diebin sich fortgeschlichen. Das Kind lebte! Sie faltete die Hände, ihre Lippen bewegten sich in murmelnden Lauten. Ihr war's, als ob Engel in hellen, weißen Gewändern vom blauen Himmel herniedergestiegen wären und auf goldenen, feinen Flügeln ihren Gram in die Lüfte getragen hätten, in den sonnigen Himmel hinein, wo Leid und Sorge vor Gottes Odem schweigt – wo Frieden ist. XVI. Das Coupée des Kommerzienrat Bär hielt vor einer kleinen, eleganten Villa in Charlottenburg. Der Kommerzienrat schlüpfte aus dem Wagen und eilte die Etage hinauf. In nervöser Ungeduld schloß er die Entreetür. »Die gnädige Frau schon da?« Die korpulente Person, der diese Frage galt, schüttelte den Kopf. Der Kommerzienrat öffnete den eleganten, kleinen Salon. In erregter Stimmung durchmaß er den Raum, während er mit dem Spazierstock törichte Figuren in der Luft beschrieb. Weder Pelz noch Cylinder hatte er abgelegt. Jetzt hörte er Wagenrollen und trat mit einem Satz an das Fenster. Über das verfallene Gesicht des schon ältlichen Herrn ging es wie Wetterleuchten, als das geschlossene Gefährt vor dem Hause hielt und eine tief verhüllte Dame ihm entstieg. »Gott sei Dank!« entrang es sich ihm. Zwei Minuten später war Frau Dr. Berger im Zimmer. Er streckte ihr beide Hände entgegen – sie aber wehrte ab. Nun war er ihr beim Ausziehen des Radmantels behilflich; als sie jetzt den Schleier zurückschlug, fiel ihm die fahle Farbe ihres Gesichtes auf, das von einem verängstigten Zuge beherrscht wurde. »Helene – um des Himmels willen!« – Sie hob die Hand ein wenig und deutete ihm an zu schweigen, indes sie sich in unsäglicher Erschöpfung auf einem Fauteuil niederließ. Er gehorchte stumm und betrachtete sie sorgenvoll. Sie war. ganz in schwarz gekleidet und mußte dem Anzeichen nach in förmlicher Hetzjagd Toilette gemacht haben. Ihr reiches Haar war nur lose gesteckt – und die obersten Knöpfe der Taille waren nicht einmal geschlossen. Der Kommerzienrat sah mit lüsternen Blicken eine Sekunde auf den hervorlugenden Spitzenbesatz. Dann krümmte er, von einem quälenden Gedanken verfolgt, seine hagere Gestalt, um der Versuchung stärker begegnen zu können. »So sprechen Sie doch, was ist in aller Welt passiert? Sie sehen, wie ich mich ängstige!« Sie blickte ihn verdächtig an. »Tun Sie das wirklich, Herr Kommerzienrat, nun, dann werden Sie Gelegenheit haben, mir Beweise zu geben. Denn um kurz zu sein – die Dinge stehen so, daß er in den nächsten Tagen schon die Scheidung einleiten will – und auf Grund Ihrer famosen Liebesbriefe glaubt er sicher zu sein, daß ich als schuldiger Teil verurteilt werde. Er hat es mir vor einer Stunde eröffnet. Und das bedeutet,« fuhr sie erregt fort, ohne den Kommerzienrat aus den Augen zu lassen, »daß ihm meine Kinder zugesprochen werden – daß ich vor aller Welt bloßgestellt bin und betteln gehen kann. Denn er wird frei und ledig gesprochen – er kennt das Gesetz in- und auswendig. Wissen Sie das?« Kleine Pause. »Werden Sie mich heiraten?« fragte sie plötzlich ganz unvermittelt – »werden Sie sich von Ihrer Frau trennen, um mir ...« Sie vollendete nicht, sondern brach in ein schallendes Gelächter aus, als sie seine verblüffte Miene sah. »Seien Sie unbesorgt,« beruhigte sie ihn, »Sie kommen selbst dann noch nicht für mich in Frage!« Sie erhob sich elastisch und klopfte ihm auf die Schulter. »Sie sind ein guter Mensch, Kommerzienrat, das sind Sie ja unzweifelhaft – aber, was hilft das, Sie werden trotz alledem auch daran glauben müssen. Sie werden vor Gericht debütieren; denn dieser Bube,« zischte sie, »kennt keine Rücksicht.« Der Kommerzienrat hatte die Farbe gewechselt. Der alte Herr sah in diesem Augenblick, wo die Furcht in allen Gliedern ihn schüttelte, greisenhaft aus. Seine unruhigen Augen starrten angstvoll auf die junge, blühende Frau, die inzwischen ihre Laune wiedergefunden hätte, und die fatale Angelegenheit, wie ihn dünkte, mit einer nichtswürdigen Frivolität behandelte. »Erlauben Sie mal,« stammelte er, »erlauben Sie mal, meine Teuerste, wenn Sie glauben, daß mir die Geschichte scherzhaft ist, dann irren Sie – dann irren Sie sehr! Der Skandal kann mich meine Position kosten ... kann mich unmöglich machen, kann mich zugrunde richten.« – »Was ist da zu lächeln,« schrie er gereizt, »glauben Sie, daß Exzellenz der Handelsminister dann noch meine Schwelle betritt – und was wird aus meinen übrigen Verbindungen ... was wird aus meinem Kredit ... haben Sie in Ihrem grenzenlosen Leichtsinn daran gedacht?« ... Er hielt ermattet inne und schleuderte mit einer wütenden Gebärde seinen Zylinder in eine Ecke des Salons. Sie hatte ihm aufmerksam zugehört mit gespannter Miene, kein Wort war ihr entgangen. Als er jetzt Antwort heischend in ihr Gesicht sah, erwiderte sie sehr gelassen: »Daran läßt sich partout nichts ändern, mon chèr , warum stellen Sie einer jungen, verheirateten Frau nach, warum schreiben Sie Liebesbriefe, die in ihrer Art in der Tat sehr merkwürdig und für einen alten Herrn,« fügte sie boshaft hinzu, »nicht gerade sehr sittsam sind.« Der alte Mann konnte sich kaum noch beherrschen, sein Gesicht wurde krebsrot, er wollte sie anfahren, aber die Stimme schlug ihm über und verlor sich in unartikulierten Lauten. »Sehen Sie,« meinte sie mitleidig, »weshalb erregen Sie sich so. Das führt nicht zum mindesten Resultat, schadet Ihnen nur.« Und sie drückte ihn mit einer harten, sicheren Bewegung in einen der Sessel nieder und fuhr streichelnd über sein Gesicht, ihn wie ein willenloses Kind behandelnd. Er ließ alles mit sich geschehen – er schien wie gebrochen. Ein irres, verlorenes Lächeln spielte um seine Lippen, während er unablässig, ein dumpfes Stöhnen von sich gab. »Du,« sagte sie plötzlich ganz besorgt, »nimm Dich doch ein bißchen zusammen, Du bist doch ein Mann. Was kann ich denn dafür! Ich will von Dir Rat – und Du? Du benimmst Dich ärger als ein Kind. Sei gut,« fügte sie milder hinzu, »wollen in aller Ruhe überlegen! Du kannst Dich ja in Deinem schweren Pelz kaum rühren,« fuhr sie fort, und ehe er sich's versah, nahm sie ihm das schwere Stück ab; Dann klingelte sie der Haushälterin und befahl eine Flasche Pommery. Sie führte ihm das Glas an den Mund, und kaum, daß er den alten, wohlbekannten Reiz auf der Junge verspürte, erwachten auch seine Lebensgeister wieder. »So 'ne kleine Apoplexie, Kindchen,« sagte er weinerlich, »Du siehst also, man darf mich nicht ärgern – und die Briefe mußt Du mir schaffen, koste es, was es wolle. Sie haben ja für Dich den gleichen Wert, nicht wahr, mein Täubchen?« Sie nickte ernsthaft. »Gutwillig gibt er sie nicht!« Das Gesicht des Kommerzienrats veränderte sich zusehends. »Ja, was ist denn da zu machen?« stieß er kläglich hervor. »Wenig!« »Hör mal,« sagte er, und seine Züge erhellten sich mit einem Schlage, »ich hab's.« »Nun?« fragte sie gespannt. Der Kommerzienrat lächelte listig. »Ich kauf sie ihm ab,« raunte er, »das tu ich, mein Schatz – sind zu gefährliche Wechselchen!« Sie schüttelte ganz erschreckt das Köpfchen. »Wo denkst Du hin. Er braucht sie ja. Ich hab Dir's doch gesagt, er will, daß ich bei der Scheidung leer ausgehe – er will mich billig los werden, spottbillig, ohne alle Nebenkosten. Er gibt sie unter keinen Umständen heraus. Er will mich nicht nur los werden,« schrie sie plötzlich wie rasend, »er will mich mit diesen Briefen unmöglich, machen – er will mich aushungern. Und Dich will er an den Pranger bringen, Dich alten Narren, sagt er.« Der alte Mann wurde, kreidebleich. »Der Schuft ... der Schuft!« ... murmelte er unaufhörlich. Auf einmal aber fing er zu weinen an. »Mich will er zugrunde richten, mich ... weshalb denn gerade, mich ... was hab ich ihm nur getan,« wimmerte er entsetzt. Sie sah voll Hohn auf diesen ihren Liebhaber. »Es ist nicht gerade anständig,« sagte sie brüsk, »einem seine Frau zu ...« Der Alte sprang wieder in die Höhe. »Nu aber aufgehört! Moralisch willst Du werden, Donnerwetter ... is 'n Spaß, is 'n toller Spaß!« Sie warf ihm einen Blick zu, daß er sich wie ein geprügelter Hund vor ihr verkroch. »Ich mein's ja nicht so ... ich mein's wirklich nicht so,« winselte er, »sag Du mir doch, was man tun muß. Ich weiß, Du hast Rat ... sicher, sprich, mein Kind ... beruhige mich doch.« Sie überlegte eine kurze Weile. »Höre,« sagte sie, »es gibt ein einziges Mittel Ich muß ihm die Briefe mit Gewalt nehmen – wie, das ist meine Sache. Sind sie in meinen Händen, so erkläre ich diesem Schurken, daß ich freiwillig in die Scheidung willige, auf jedes Entgelt verzichte und nur von ihm verlange, daß er jetzt, wo ich ihm doch seine stärkste Waffe entrissen habe, jeden Versuch, einen Skandal herbeizuführen, aufgibt.« Der Kommerzienrat klatschte wie besessen in die Hände. »Bravo, petite femme , bravo! Entzückend, ganz genial! Und da quält sie mich so. O ... o ... o! Wie ich das finde!« Er atmete erleichtert auf und wollte nun, da er diese schwere Sorge hinter sich glaubte, zärtlich werden. »Bitte ... bitte!« wehrte sie ab. »Unsere geschäftlichen Erörterungen sind keineswegs bereits zu Ende.« Er sah sie pfiffig an. »Weiß schon, was jetzt kommt. Bin zu allem bereit. Werde keine Schwierigkeiten machen!« »Das ist mir lieb,« entgegnete sie ruhig. »Das erleichtert wesentlich alles weitere. Nämlich, ich bin ja dann mittellos – es ist also Deine Pflicht, mich sicher zu stellen!« »Ich sorge für Dich, selbstredend,« unterbrach er sie ganz enthusiastisch, »unsere Freundschaft soll dann noch viel inniger werden!« »Darum handelt es sich nicht. Die Sache ist die, daß ich dann nicht auf Unterstützungen angewiesen, sondern gesichert sein will. Ich muß ferner auch für den eintreten, der mir helfen wird, die Briefe zu erlangen. Du kannst Dir vorstellen, daß es mit einigen Schwierigkeiten verknüpft sein wird. Mit einem Wort, ich will Dich nicht schröpfen, das ist nicht meine Art ... ich will nur bescheiden zu leben haben. Du überweist mir also rund und netto eine Viertelmillion! Unterbrich mich nicht,« schrie sie mit erhöhter Stimme, »das gibt lumpige zehntausend Mark Zinsen. Ich weiß noch nicht, wie ich damit auskomme – aber wie gesagt, ich will Dich nicht schröpfen. Ich denke, das ist das Mindeste, was ich von Dir verlangen kann.« »Du bist meschugge!« erwiderte er trocken. »'Ne Viertelmillion – Blödsinn!« »Schön! Dann sind wir fertig. Du hast es gewollt!« Sie nahm hastig ihren Radmantel, setzte ihr winziges Kapotthütchen auf, knüpfte den Schleier zurecht und wandte sich, ohne ihn auch nur eines Blickes noch zu würdigen, zur Tür. Er stürzte ihr nach. »So höre mich zwei Minuten an!« raunte er heiser. »Laß mich!« entgegnete sie finster. »Wir zwei sind fertig!« »Drei Worte!« Der alte Mann rang verzweifelte die Hände, und sich überstürzend, kreischte er förmlich: »Wo soll ich sie denn hernehmen, ne Viertelmillion, wenn Du wüßtest ... wenn Du wüßtest ... ne darüber,« fuhr er furchtsam, mehr zu sich gewandt fort, »darüber ist besser – schweigen. Was ich will, so wahr ich Bär heiße, ich will Dir die Zinsen geben, wahrhaftiger Gott, das tu ich; Gott soll mich strafen, ich tu's!« »Ich mache keine Handelsgeschäfte! Du kennst mich, verlieren wir kein Wort mehr darüber.« »Aber die Zinsen ... das ist doch genau dasselbe ... ich geb Dir ja die Zinsen ... die vollen Zinsen ...« »Du bist in der Tat ein alter Narr,« stieß sie wütend hervor. »Was nützen mir die Zinsen, wenn Du morgen stirbst!« Er blickte entsetzt und angstvoll zu ihr empor. »Wer wird von so was sprechen,« sagte er schüchtern, »ich hoff ...« »Gewiß ... ich wünsche Dir das ebenfalls ... ich glaub's sogar ... bei Deiner Konstitution. Aber ich muß für alle Fälle gesichert sein. Wenn Du zum Beispiel fallierst, was mach ich dann?« Nun war er bis auf's äußerste erschüttert. Er stierte sie wie abwesend an. »Du ... Du ... Du ...! Wie kommst Du nur auf so was!« entrang es sich ihm mühsam. Sie sah ihn mit unbarmherziger, grausamer Schärfe an. »Für den Fall ... nur für den Fall!« stieß sie kurz hervor. »Im übrigen, ich kann nicht anders. Ich will nicht verhungern! Ihr verspielt im Klub an ein paar Abenden mehr als das ausmacht – stimmt das etwa nicht?« »Ich nicht,« beteuerte er, »ich wirklich nicht!« »Adieu! Uns beiden ist nicht zu helfen!« Sie faßte die Türklinke. Er aber hielt sie mit Schreckensblicken, wie ein Gemarterter zurück. »Ich tu's,« krächzte er, »ich tu's ... ob so ... oder so! Komm, mein Liebchen ... komm, mein Seelchen!« Ihre Augen funkelten. Sie nahm seinen Kopf und drückte ihn an ihre wogende Brust. »Siehst Du ... siehst Du,« sagte sie strahlend, »ich wußte es, ich wußte es. Du würdest mir helfen. Aber höre, Alterchen, höre, es eilt, es eilt viel mehr als Du auch nur ahnst. Und ich setze mein Leben nicht eher auf's Spiel bis ich das ...« »Du hast es morgen ... morgen hast Du es,« schrie er wie betrunken. Seine Pupillen rollten unstät, als wollten sie zergleiten, seine Finger flogen in zitternden Bewegungen durch die Luft, seine Füße trugen ihn kaum noch. Er drängte sie mit flehenden, bettelnden Blicken zum Sopha. Jetzt war sie ganz die zärtliche Freundin. Sie stießen an und schlürften Glas auf Glas. Sie würden so ausgelassen und heiter, wie sie es nur je gewesen. Der alte Mann streichelte beständig ihre weiche Hand. »Du kluges Rackerchen ... Du Goldrackerchen,« sagte er kosend ein über das andere Mal. XVII. »Berlin, den 5. März 1893. Geliebte Regine! Du magst über meine Schwäche geringschätzig lächeln, ich kann nicht, anders. Ich wende mich noch einmal als Bittender an Dich. Werde nicht zornig, sondern urteile gerecht – nur Gerechtigkeit verlange ich. In unserem Eheleben hätte gewiß manches anders sein können, ich gebe auch ohne weiteres zu, daß ich Dir gegenüber oft den rechten Ton verfehlt habe. Aber nun frage Dich selbst, ob Du in allen Stücken schuldfrei bist. – Ich will jedoch nicht von der Vergangenheit reden. – Wir sind jung, wenn wir beide ernstlich wollen, dann kann, dann muß noch alles gut werden! Denke an das Kind – und, denke auch ein wenig an mich. Ich bin, seit Du fort bist, ein anderer Mensch. Ich suche Dich überall. Immer meine ich, Du müßtest plötzlich vor mich hintreten und Deine liebe Hand versöhnend mir entgegenstrecken. Ich flehe Dich an, laß das Vergangene vergangen sein. Ich kann ohne Dich nicht leben, ich kann es nicht. Sei mitleidig – wenn alle Liebe, in Dir tot ist. Fritzel sitzt neben mir, während ich diese Zeilen schreibe und fragt beständig, wann Du kommst. Du mußt zu uns, Du mußt, wenn Du mich und das Kind nicht unglücklich machen willst. Ewig Dein Edmund«   Reginens Antwort. »Spare jedes Wort. Willst Du, daß wir wenigstens in Frieden auseinandergehen – so mach mir das Kind nicht streitig, das elend würde, wüchse es zwischen uns auf. Regine.« Als Heller diese Antwort las, knirschte er. Der Satan ... der Satan, stieß er zornig hervor. Aber dann schmiedete er seinen Plan. Hier war alle Güte verschwendet – hier kam nur noch seine Manneskraft in Frage. Auf der Stelle wollte er nach Dresden – rund ins Gesicht wollte er ihr's erklären, daß er sie zwingen würde, zurückzukehren, wenn sie nicht freiwillig ihm folgen würde. Das wollte er. Sie mochte es sich selber zuschreiben – auch seine Langmut hatte Grenzen. Und nicht zaudern! Sofort abreisen! »Das Kursbuch!« herrschte er seinen Bureauvorsteher an. In einer Stunde ging ein Zug. Wie gut sich das traf. Er setzte sich rasch an seinen Tisch und schrieb an die Schwiegermutter. »Teure Mama! Wenn Du diese Zeilen erhältst, bin ich bereits auf dem Wege nach Dresden, um Regine sofort mitzubringen. Ich glaube, Du billigst meinen Entschluß. Morgen denke ich schon zurück zu sein. Alles weitere dann mündlich. Dein treu anhänglicher Edmund.« »Dieser Brief wird sofort per Dienstmann besorgt!« Der Bureauvorsteher nickte, und Heller begab sich in seine Privatwohnung, machte in aller Eile Toilette und fuhr nach dem Bahnhof. »Eins Zweiter nach Dresden!« Nur noch fünf Minuten Zeit. Er begab sich schleunigst auf den Perron und stieg in ein Coupée, in dem zwei Herren sich eifrig unterhielten. Als sich der Zug in Bewegung setzte, holte der eine von ihnen ein Spiel Karten hervor. Heller wurde jovial. »Wissen Sie, meine Herren,« sagte er, »wenn Sie zufällig einen dritten Mann zum Skat brauchen – hier ist er.« Die beiden waren kreuzfidel. »Das ist ausgezeichnet, dann brauchen wir nicht das faule 66!« Die Zeit verging wie im Fluge. Der Zug brauste in die Bahnhofshalle, den Spielern viel zu früh. Man hatte um die halben gespielt – sehr solid – und Heller hatte sieben Mark gewonnen. Er war wirklich vergnügt, als er sich von seinen Reisekollegen verabschiedete. Auf der Straße holte er einen Taschenspiegel hervor, um sich einer kurzen Prüfung zu unterziehen. Seh ganz gut aus, beruhigte er sich. Nun nahm er aus der Manteltasche die Glacéhandschuhe. Ah, machte er, die Dinger sind unmöglich, absolut unmöglich! Er beschloß, dem Übel abzuhelfen und ging. langsam die Pragerstraße entlang, wo er bald in einem Handschuhladen dem Notstand ein Ende machte. Nun setzte er sich auf die Funkenkutsche, wie der Volksmund in Dresden die elektrische Bahn nennt und fuhr nach Loschwitz, wo Regine sich aufhielt. Er lächelte schlau in sich hinein. Weiber sind Weiber und haben nur kurzen Verstand. Wie dumm, sich durch das Telegramm an den Arzt zu verraten – nein, wie dumm! In zwanzig Minuten war er in Loschwitz und machte sich sofort auf den Weg nach dem »Weißen Hirsch«, wo sie logierte. Nun schlug ihm doch das Herz. Wie würde diese Unterredung enden? Wie würde er sich stellen, wenn sie ihn mit ihren demütigenden Blicken maß? Er reckte sich ein wenig. Vor allem würdig und stark, einen gewissen leidenden Ernst in den Zügen. Er ging immer langsamer – ohne auf den Weg zu achten, der zwischen hügeligen Gärten, die dicht an die Elbe stießen, sich hinzog. Einmal blieb er unwillkürlich stehen. Auf dem Terrain einer Villa stand abseits ein winziges Häuschen, das einen engen Raum enthalten mochte. Und an dem Häuschen war eine Gedenktafel angebracht. Er las: Hier schrieb Schiller bei seinem Freunde Körner am Don Carlos. Nun wurde er gerührt. Er erinnerte sich plötzlich an eine Carlos-Aufführung, der sie im Deutschen Theater als Brautpaar beigewohnt hatten. Er sah sie deutlich, wie sie angstvoll nach der Bühne gesehen in einem seelischen Aufruhr, der ihn entzückt hatte. In den Pausen hatte sie kein Wort gesprochen, sich nur dicht an ihn geschmiegt und öfter verstohlen zu ihm emporgeblickt. Vergangene Zeiten. Er seufzte tief. Jetzt war er in der rechten Stimmung. Jenen Abend würde er ihr zurückrufen und all die anderen frohen Erinnerungen – und nichts nachtragen. Er beschleunigte seine Schritte, fragte eine Frau, die ihm begegnete, nach der Villa Urvasi und hörte, daß er keine zwei Minuten mehr von ihr entfernt sei. Eine Katze sprang ihm über den Weg. Da verzog sich seine Miene. O, weh! murmelte er und wurde wieder mutlos. Unsinn ... Narretei! So abergläubisch zu sein. Er stand vor der Villa, raffte sich auf und schellte. Ein Dienstmädchen öffnete. »Der Herr wünschen?« »Bin ich hier recht bei Frau Dr. Hut!« »Ja, mein Herr.« »Dann logiert hier Frau Regine Heller – ich bitte, mich der Dame zu melden.« Das Mädchen zuckte mit der Achsel. »Die gnädige Frau ist gestern abgereist!« Heller glaubte, er hätte eine Ohrfeige erhalten. Er war so verblüfft, daß er zuerst kein Wort hervorbringen konnte. Schließlich stammelte er: »Abgereist?« »Gestern Mittag!« antwortete das Mädchen. Das Blut stieg ihm zu Kopf. »Ich möchte Frau Dr. Hut sprechen.« »Bitte sehr!« Er wurde in ein kleines Zimmer geführt, wo er etwa fünf Minuten warten mußte – eine Zeit, die ihm endlos vorkam. Eine ältliche Dame, sehr reserviert, sehr gemessen in ihren Bewegungen, trat ein. Sie wiederholte, was Heller bereits durch das Mädchen wußte – er erfuhr nur noch, daß seine Frau ganz plötzlich sich fortbegeben habe, obwohl der Aufenthalt noch für Wochen berechnet gewesen sei. Sie hätte nur hinterlassen, etwaige Briefe ihr poste restante nach Berlin nachzusenden. Heller empfahl sich kurz. Er war ganz niedergeschlagen. Sie ist also in Berlin kalkulierte er. Auf einmal blitzte es in ihm auf – kein Zweifel, sie ist bei Gent, mit dem sie sicher in Korrespondenz gestanden, denn das Nachsenden etwaiger Briefe konnte sich nur darauf beziehen. Dem werd ich das Handwerk legen, zischte er, diesem wunderlichen Heiligen. Er hatte ihn seit jener Nacht gemieden. Der Auftritt von damals war ihm nachträglich doch beschämend gewesen – und dann, er traute, ihm nicht mehr – die Schwiegermutter hatte vollkommen recht, ganz geheuer war die Sache nicht. Er fuhr sofort nach Dresden zurück, nahm im Café König eine Erfrischung und benutzte den nächsten Zug nach Berlin. Er mußte auf der Stelle zu Gent. Bei ihm war sie, oder Gent wußte wenigstens, wo sie sich befand. Er wollte einmal sehen, ob ihn der auch jetzt noch naszuführen wagte. Da fiel ihm ein, daß er ihn wohl doch so spät nicht aufsuchen könnte. Auch war es ihm peinlich, zu ihm zu gehen. Es schien ihm das Vernünftigste, erst von den Strapazen ordentlich auszuruhen, bevor er neue Pläne schmiedete. Er trank noch einen Cognak, bevor er einstieg. Die Rückfahrt war mehr als trübselig. Advokat Heller fand diesmal keinen Skat. Er lehnte sich in die Kissen zurück, ohne jedoch zu schlafen, übermüdet, in gereizter, galliger Laune, kam er in Berlin an. XVIII. (Weicher, warmer Frühlingstag. Erstes Treiben und Knospen. Frau Lerch im schweren Wintermantel, Regine einen Sealskragen um die Schultern, schreiten langsam durch den Garten einer Villa in Loschwitz.) Frau Lerch . Was hat das nun für einen Zweck gehabt, Dich vor ihm zu verleugnen? Regine (schweigt). Frau Lerch . Er kam mit den besten Absichten. Regine . Er kam zu spät Mutter – viel zu spät! Frau Lerch . Ich sage Dir, treibe die Dinge nicht auf die Spitze – es könnte Dich ... Regine (sich mühsam beherrschend). Ich will nur meinen Frieden. Frau Lerch (leise lachend). Deinen Frieden ... Du und immer Du! ... Rücksichten auf andere kennst Du nicht. Regine . Ich will nur meine Ruhe ... ich will nichts von Euch ... ich will ... Frau Lerch (erregt). Hör einmal, Du scheinst nicht zu wissen, daß er nötigenfalls Dich mit Gewalt zwingen kann, zurückzukehren! Regine (lacht). Mit Gewalt ...? Frau Lerch . Noch wartet er damit. Er ist der gutmütigste Narr, der mir je vorgekommen. Jeder andere Mann ... Regine . Ich kann nicht, Mutter. Ich finde noch ein Fleckchen, wo ich allein sein darf ... einen stillen Flecken, wo mich niemand ... Frau Lerch . Und Dein Kind? Regine (bewegt). Er muß es mir herausgeben. Frau Lerch . Er denkt nicht daran. Er willigt überhaupt nicht in die Scheidung. – Weißt Du, was die Leute reden? Weißt Du das? Regine (eisig). Was kümmert's mich. Frau Lerch (fortfahrend). Die Leute sagen, Du hättest was mit Gent. Sieh mich nicht so an! Das sagen die Leute! Regine (plötzlich stehenbleibend, die Hand an ihr klopfendes Herz pressend) . Die Leute lügen ... sie lügen! Niemals, nein niemals hat es zwischen uns das Leiseste gegeben. Aber jetzt will ich Dir etwas verraten, Mutter, etwas, das der Rechtsanwalt Gent selbst noch nicht weiß ... hier in der Einsamkeit ist es mir klar geworden ... daß er mir der liebste, der teuerste Mensch ist ... (in heißer Erregung) und wenn ich nicht durch all das Leid mürbe und elend geworden wäre ... ich würde zu ihm gehen, ich würde ... Du, hab keine Angst ... ich weiß (schluchzend) ich weiß, daß es zu spät ... viel zu spät ist ... Frau Lerch . Regine ... Regine! So nimm Dich zusammen! Regine (starrt die Mutter erst eine Weile bewegungslos an). Aber mit ihm kann ich keine Stunde länger zusammenleben ... keine Stunde ... (in maßlosem Aufruhr) ich will nicht länger Dirne sein ... hörst Du ... ich will es nicht. Frau Lerch . Du bist nicht bei Sinnen ... Du bist krank! Regine . Ihr habt mich so gemacht ... Ihr, Ihr! Ich will nichts mehr auf der Welt als das Kind. Frau Lerch . Wenn das Dein Ernst ist, so mußt Du zurückkehren. Regine . Das verlangst Du jetzt noch? Frau Lerch . Ja, um des Kindes willen! Regine (sich einen Moment besinnend, tritt dicht an die Mutter heran). Gut, Du sagst ihm alles, was Du jetzt von mir gehört hast. Du sagst ihm, daß er für mich nicht existiert. Und wenn er dann noch darauf besteht – schön, so komme ich zu dem Fritzel. Frau Lerch (aufatmend). Endlich ein Wort, über das sich reden läßt! (Regine starrt in geistiger Abwesenheit zu Boden – beide Frauen gehen langsam in das Haus.) XIX. Heller erklärt sich mit allem einverstanden – er küßt der Schwiegermutter die Hand und ist, wie Frau Lerch sich ausdrückt, von rührender Dankbarkeit. »Er hat das Gemüt eines Kindes,« setzt sie elegisch hinzu. So kehrt Regine eines Tages zurück. Sie begrüßt ihren Mann mit eisiger Höflichkeit, die so viel Verächtliches und Beleidigendes enthält, daß Heller es doch für gut befindet, auch seinerseits Zurückhaltung zu üben. »Am Ende ist das Scheu über die letzten Vorfälle,« denkt er und hüllt sich in Schweigen. Auch daß Regine für sich ein eigenes Nachtzimmer einrichtet, erträgt er. Er will und wird sie besiegen. Sie benimmt sich im übrigen als vollendete Weltdame – und diejenigen, die sich bezüglich ihrer Rückkunft auf ein Fest vorbereitet hatten, sehen sich arg getäuscht. Ja, die Bekannten finden zu ihrem Erstaunen, daß diese junge Frau eine Sicherheit des Auftretens sich angewöhnt hat, gegen die man schlechterdings nicht aufzukommen vermag. Träge schleichen die Tage dahin. Regine gibt sich nur mit dem Kinde ab, dem sie bunte Märchen erzählt. Heller sieht sich so völlig ignoriert, daß es ihn fast dünkt, er bilde es sich ein, sie wären unter einem Dache. Wenn er nur wüßte, wie er ihre Seele wieder unter seine Gewalt bekäme – wenn er das nur wüßte! Er zerbricht sich fast den Kopf und findet keine Lösung. Da kommt ihm ein waghalsiger Entschluß. Damals hatte die Schwiegermutter ihm gesagt, er solle sich vor Gent in acht nehmen und sein Haus ihm verschließen. Er hatte diesen Rat Wochen hindurch befolgt, aber jetzt sollte das aufhören, er selbst wollte ihr Gent bringen. Es sollte genau so wie früher sein. Dann mußte sie erkennen, daß seine Liebe zu ihr über jedes kleinliche Bedenken hinausgewachsen sei, daß er über sie zu groß denke, um sie einer Schlechtigkeit für fähig zu halten. Sie mußte erkennen, daß er ein Mensch sei, den man nicht mit der Alltagselle messen durfte. Sein Gesicht rötete sich vor innerer Erregung, er fühlte sich jetzt weit erhaben über das Philisterpack, dem das Motiv befreiten Handelns versagt blieb. Bei gutem Werke soll man Eile haben, spornte er sich an und rannte zum Telephon. »Amt VI 2236.« »Hier Heller. Sind Sie's, lieber Kollege?« »Bins!« – »Meine Frau und ich, wir ... wir beide würden uns herzlich freuen, wenn Sie heut ein frugales Abendbrot mit uns teilen wollten. Absage ausgeschlossen!« Pause. »Überlegen Sie doch nicht erst. Sagen Sie ja – alte Freunde ...!« »Gut ... gut, ich komme. Einen Gruß an Frau Regine!« »Schluß!« »Schluß!« – – An diesem Abend kam Heller früher aus dem Bureau. Die Köchin hatte er in's Vertrauen gezogen, so daß in aller Stille für etwas Solennes gesorgt war. Er war in feierlichster Feststimmung – hob das Fritzel in die Höhe, pfiff die falschesten Töne vergnügt vor sich hin und blinzelte zuweilen listig zu Regine hinüber, die, über einer feinen Stickerei gebeugt, sein sonderliches Wesen nicht einmal bemerkt hatte. Es klingelt. Heller stürzt hinaus, und Regine meint ihren Ohren nicht zu trauen, als eine bekannte, ach, so sehr bekannte Stimme in das Zimmer dringt. Das Fritzel wird ungeduldig. »Onkel Dent – hat Dutes für's Kind« – jauchzt es – und will auch zur Tür. Frau Regine ruft ihn mühsam zurück und klammert sich an den Stickrahmen, aber dann leuchtet es hell über ihr Gesicht, als jetzt Gent hineintritt und mit froh erregter Miene auf sie zueilt. Sie hält einen Augenblick seine große, breite Hand – und ihre Stimme ist unsicher vor Bewegung. »Wie gut von Ihnen, Herr Rechtsanwalt, daß Sie nicht ganz unser Haus vergessen haben,« sagt sie freimütig, »wie gut von Ihnen!« Er ist ganz betroffen. Aber Heller zwinkert ihm so heftig zu, daß er begreift und seine Antwort unterdrückt. Dieser Abend ist ein Feiertag im Hellerschen Hause. Das Gespräch gleitet dahin so leicht, so frei, so froh, über jedem Worte liegt Glanz und Farbe. Dabei fühlen sich die drei so seltsam bewegt, denn eine geheime Kraft hat die dunkelen Geister, die kleinen Teufel und Kobolde gebannt, die all die Angst und Unruhe und all die Sehnsucht in uns wachrufen. Der Kollege Heller strahlt. XX. Felix Lerch arbeitete in einer geradezu fieberhaften Hast. Schon der äußere Apparat für die Herstellung der serbischen Bahn war im höchsten Grade kompliziert. Die Geschäftsräume hatten erweitert werden müssen, um für die Kanzlei, die Registratur und die technischen Bureaus Platz zu schaffen. Es war ein ewiges Kommen und Gehen von Advokaten, Ingenieuren, Fabrikanten, Geschäftsleuten, Geldmännern, Unternehmern. Mit allen mußte Felix persönlich verhandeln. Dazwischen wurden immer neue Kontrakte gemacht, und zu den bereits fertigen neue Klauseln hinzugefügt – kurz Felix wußte nicht, wo ihm der Kopf stand vor lauter Konferenzen. Der Börsenbote brachte aus Pförtners Feder täglich neue sensationelle Nachrichten über die Fortschritte des gewaltigen Unternehmens, auch die übrige Presse wurde auf raffinierte Manier bearbeitet. Felix hatte die Notwendigkeit eingesehen, für dieses Riesenunternehmen schon um des Lancierens der Aktien willen, mit einer nach außen hin angesehenen Bankfirma zu arbeiten. Die Offerten der ersten Häuser flogen ihm nur so zu. Er lehnte kühl ab. Er hatte nicht die mindeste Neigung, sich das Heft aus den Händen nehmen zu lassen. Da war ihm ein Mann wie der Kommerzienrat Bär schon lieber. Das war ein Pfiffikus – gewiß und trotz der Ehrenposten, die er inne hatte, und des über jeden Zweifel erhabenen Ansehens, das er in der ganzen Bank- und Börsenwelt genoß, ein geriebener Schelm durch und durch – Felix gab sich darüber keinen Illusionen hin – aber was verschlug das? Er war, wenn es darauf ankam, der größere Gauner. Er würde ihm zu begegnen wissen. Abgesehen von dieser Charaktereigentümlichkeit, mit der Felix rechnete, war der Mann unschätzbar. Er war kapitalkräftig, er hatte die unglaublichsten Beziehungen bis in's Handels- und Finanzministerium hinein, er gab der ganzen Sache das Dekorum nach außen. Vor allem, der Mann war nicht arrogant, verstand von technischen Dingen nichts, und erkannte schon deshalb Felix als spiritus rector an. Alle Abmachungen mit den Ingenieuren, mit den einzelnen Fabrikanten bezüglich der Schienen, der Schwellen, der Lokomotiven, der Waggons, des Brücken- und Eisenbahnmaterials usw. besorgte Felix ganz selbständig. Dagegen war ihm Bär in speziellen Bankangelegenheiten unentbehrlich. Hier war er ihm schlechtweg eine Autorität. Denn Bär gehörte dem Aufsichtsrat jener famosen, westpreußischen Bank an, deren Geschäfte unter der juridischen Assistenz Dörmanns und der Allianz einiger Bankinstitute ähnlichen Kalibers derartige waren, daß kein Staatsanwalt ihr etwas antun konnte. Dafür hatte Felix Lerch jederzeit aufrichtige Bewunderung gehabt. Wußte er doch wie jeder Eingeweihte, daß diese haute finance , die sich des höchsten Ansehens erfreute, den deutschen Nationalwohlstand durch alle nur möglichen und unmöglichen Emissionen um hunderte von Millionen gebracht hatte. Wie verstand es diese Gesellschaft, sich die Presse nutzbar zu machen! Von diesen intimeren Kenntnissen des Kommerzienrats versprach sich Felix das Höchste. Das Schönste an der Geschichte war, daß Bär ihm nachgelaufen war, ja, man konnte dreist sagen, sich die Hacken abgerannt hatte, um in Sachen der Serbischen Bahn Associé der Firma Lerch \& Co. zu werden. Felix hatte ihn eine Zeit lang zappeln lassen und sein besonderes Vergnügen daran gehabt, daß er von dem schoflen Herrn Wertheim, diesem bornierten Millionen-Schwiegervater Arthurs, sich brüsten konnte, was für Leute bei ihm antichambrieren müßten. Herr Wertheim hatte die schmalen Lippen zusammengekniffen – und geschwiegen. Den Triumph gab Felix nicht für Tausende her. Übrigens sollte er auch bald Gelegenheit haben, Bärs Geschicklichkeit kennen zu lernen. Wie sein neuer Associé mit den Zeitungsleuten, die ein Börsenmann vereinigte Blutigel getauft hatte, umzuspringen verstand, war wirklich drollig. Sie tanzten bereits in aller Frühe in den Geschäftsräumen der Firma Lerch an. Der Kommerzienrat nahm Felix gemütlich unter den Arm, und nun spazierte man in ein besonderes Privat-Kontor, wo er ihnen zwischen Caviar und Madeira – so ein nettes, kleines Frühstück war schnell arrangiert – seine Notizen diktierte. Hinterher offerierte er diesen Schreiberseelen noch von der neuesten Havanna-Auslese – das Kistchen zu 3000 und entließ sie mit einem gnädigen Kopfnicken. »Sehn Sie, lieber Felix, mit Speck fängt man Mäuse.« Als Felix ihn fragte, wie teuer die Presse kommen würde, um sie jeder Zeit zur Verfügung zu haben, begriff er ihn erst gar nicht und sah ihn eine ganze Weile verständnislos an. Dann fingierte er eine Art von Lachkrampf. »Ne, Felix, sind Sie ein Kind ... sind Sie naiv ... hätt ich nicht gedacht! Sie trotz Ihres Börsenboten! Die Leute hat man, wenn man ihrer Zeitung die Inserate gibt! Na, und die paar Handelsredakteure beteiligt man mit einer Bagatelle. Wo denken Sie hin, die sind billig. – Spaß, das wär noch schöner – übrigens,« fügte er nachdenklich hinzu, »ein paar Blätter kriegt man nicht – da kann man höchstens hin und wieder was hineinlancieren – muß geschickt gedeichselt werden – genügt aber dann!« Der Kommerzienrat hatte Recht. Dieser Schlag von Journalisten, eine Art von modernen Raubrittern ohne Knochen und Muskeln, stand in ziemlich niedrigem Kurs und war für die tollsten Manöver, die alle auf die Dummheit des Publikums zielten, verwendbar. Der Kommerzienrat verstand Felix zu nehmen: er schmeichelte ihm, er stachelte ihn, und wußte unter der Hand seinen Kontrakt mit Felix derartig zu fixieren, daß er sich erst im Notfall engagierte, dagegen am Gewinn partizipierte – als Entgelt dafür, daß seine Firma neben der von Felix die Emission der serbischen Aktien übernahm. Felix biß in den sauren Apfel. Er mußte gedeckt sein! Vor allen Dingen, der Kommerzienrat verpflichtete sich, aus den höchsten Kreisen die Mit-Konzessionäre zu verschaffen, denen die serbische Regierung auf Jahrzehnte hinaus die Bahn verpfändete. »Was besorgen Sie überhaupt?« und damit überwand er Felixens letzte Bedenken, »Verlegenheiten können nicht entstehen, nachdem sich die Regierung verpflichtet hat, sobald die erste Strecke in Betrieb gesetzt ist, die Zinsen für das Grundkapital zu zahlen. Es kommt nur darauf an, mit dem Bau sofort zu beginnen, um die Aktien so schnell wie möglich herausbringen zu können, und dann rasch zu bauen, um wenig Zinsen zu bezahlen. Stimmt das?« Diese Logik leuchtete Felix ein. »Sie sollen mal sehn, was ich für 'ne gewiegte Hebamme bin: wir werden das Kind schon auf die Beine bringen!« »Ich verlasse mich auf Ihre Geschicklichkeit!« entgegnete Felix, »wäre mir nicht lieb, wenn ich an dem ...« »Sie können unbesorgt sein. Natürlich, die Wehen kann ich Ihnen nicht ersparen, die hat jede Mutter!« Felix wiegte sich in den Hüften. »'Ne gewisse Erfahrung haben Sie ja!« »Und ob!« »Is doch komisch,« sagte Felix, »daß Sie 'ne Eisenbahn bauen helfen, der Sie vor ...« Des Kommerzienrats Züge verdüsterten sich. »Ich hör ja schon auf!« beruhigte ihn Felix. Es war nämlich eine stadtbekannte Sache, daß Bär sich niemals aus Berlin fortrührte. Selbst im heißesten Sommer blieb er dort. Er hatte eine unheimliche Angst vor Eisenbahnen. »Was einem da nicht alles passieren kann,« war seine stete Antwort, wenn auf diese sonderbare Gewöhnung die Rede kam. Der Vermittlung des Kommerzienrats gelang es in der Tat, ein paar kleine Fürsten, deren Regierungssorgen ihnen Zeit zu industriellen Unternehmungen ließen, als Konzessionäre zu gewinnen. So wurde denn diese Bahn unter den gesegnetsten Auspizien in die Welt gesetzt, und Felix wußte sich in Dankesbezeugungen gegen den serbischen Gesandten kaum zu erschöpfen. Niemals war er gegen seine Frau zuvorkommender und galanter gewesen, als in diesen Tagen des Gründungstrubels; denn sie war ja, wie er zu Arthur im Vertrauen äußerte, die eigentliche Schöpferin der Bahn. Er strich ihr gegenüber mit fast aufdringlicher Beredsamkeit die Vorzüge des Gesandten heraus, den er einen seltenen Mann nannte. Er betrachtete, so versicherte er beständig, die Freundschaft, die der Gesandte ihr entgegenbrächte, geradezu als eine Ehrung für sein Haus. Die kleine, rundliche Frau Lerch, diese auffallend häßliche Person mit den impertinent großen, schwarzen Augen, dem krausen Niggerhaar, warf bei solchen Reden die Lippen verächtlich auf. Was lag ihr an der serbischen Bahn? Ihr war der Gesandte das Ein und Alles eines verfehlten Lebens. Sie war ein Mensch von nicht geringen geistigen Anlagen; mit einem außerordentlich feinen Sinn für Musik und Malerei verband sie eine ungewöhnliche Bildung. Sie plauderte elegant in allen Sprachen, war fabelhaft belesen und last, not least , sie besaß einen Geistreichtum, der in den originellsten Wendungen hervorbrach. Das alles hatte in ihren Kreisen niemals das mindeste Verständnis gefunden, war im Gegenteil des öfteren als Überspanntheit und Marotte mit diesem giftigen, frechen Hohn überschüttet worden, der vielen Finanzleuten angeboren ist. In einer Zeit, wo sie an diesen Verhältnissen zu Grunde zu gehen meinte, hatte sie den Serben kennen gelernt. Sie war trotz ihrer Häßlichkeit und ihres Wissens von sinnlicher Lebenslust – und der Gesandte war ein reifer, bereits ergrauender Mann von jenen eleganten Formen, jenem chevaleresken Wesen, das in ihren Kreisen gewiß nicht zu Hause war. Der Gesandte war damals, als sie sich das erste Mal gegenübertraten, von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht worden. Er hatte zwei erwachsene, blühende Söhne durch die Cholera verloren und nach diesem herben Schlag sein Land, wo er einen hohen Posten inne hatte, verlassen, um der Erinnerung zu fliehen. Seine Frau, mit der er schlecht lebte, war nicht mit ihm gegangen. Das alles erfuhr sie allmählich. Mit seinem Takte hatte sie es verstanden, ihm in dieser Zeit zu begegnen. So waren sie anfangs Kameraden geworden, um sich schließlich sehr nahe zu treten. Seit einiger Zeit fuhr sie täglich zu ihm und half ihm bei seinen Arbeiten. Den überschwenglichen Dank von Felix wies der Serbe kühl zurück. Er klopfte ihm leicht auf die Schulter und sagte blinzelnd: »Das ist alles sehr schön ... nur ... nur seien Sie recht vorsichtig ... bei uns im Lande gibt es Strömungen ...« Er brach nervös ab, als hätte er bereits zu viel geäußert und verabschiedete Felix rasch, wichtige Arbeiten vorschützend. Als der Bankier, der die letzte Äußerung nicht allzu ernst nahm – er war viel zu sehr Optimist – die Tür hinter sich geschlossen hatte, trat Frau Lerch aus dem Nebenzimmer. Der Gesandte ging ihr mit einem pfiffigen Lächeln entgegen. Er nahm das blaue Glas ab und rieb sich die müden Augen, die ihm zu erblinden drohten. »Wissen Sie, daß ich sehr müde bin und alt werde, meine Teuerste, ich fange sogar an, sentimental zu werden und aus der Diplomatie zu plaudern!« »Casanova oder Boccacio?« fragte sie kokett. »Casanova!« entschied er, während er sich erschöpft auf einem Divan niederließ. Sie nahm das Buch und las. Sie las den Casanova mit jener schelmischen Nüance, in der etwa eine kleine Pariserin ein nicht ganz unanstößiges Couplet vortragen würde. Der Gesandte war außerordentlich befriedigt. Als sie geendet, erhob er sich und arbeitete mit ihr etwa anderthalb Stunden. Sie schrieb nach seinem Diktat und beantwortete mehrere Briefe. Nach Erledigung dieses Pensums fuhren sie in halb geschlossenem Wagen, die Bankiersfrau tief verschleiert, durch den Tiergarten, um schließlich den Abend mit einem kleinen Souper in der Wohnung des Gesandten zu beschließen. Sie waren sehr ausgelassen und erzählten sich allerhand verwegene Geschichten, durch die sie immer aufgeräumter wurden. Sie fanden, daß die Welt eigentlich ganz amüsant sei und trennten sich recht vergnügt. »Übrigens die serbische Bahn,« sagte der Gesandte lachend, als er ihr zum Abschied die Hand küßte. »Ja, die serbische Bahn,« sagte auch Frau Lerch und blickte ihm frei und freudig ins Auge. Der Serbe verbeugte sich sehr tief. XXI. Ungefähr vierzehn Tage nachdem man mit dem Bau der Bahn begonnen hatte, wurden die Aktien zu unerhört hohem Agio ausgegeben. Das Publikum, durch die Presse über die Großartigkeit und unzweifelhafte Gewinnbringung der Bahn unterrichtet, hatte mit den entfesselten Instinkten des Geldhungers und der Habsucht auf die Emission der Aktien gelauert. Die großen und die kleinen Kapitalisten waren wie von einem Fieber gepackt, das stündlich mehr um sich griff. Die Kaufwut schien keine Grenzen mehr zu finden. Die erste Ausgabe der Aktien war so überzeichnet, daß nur die Begünstigten Berücksichtigung erhoffen durften. Felix war Börsenkönig. Sobald er, von Arthur begleitet, auf dem Plan erschien, war er von Maklern und Spekulanten umringt. Er war der Geniemensch, zu dem man volles Vertrauen haben durfte; er hatte mit einer Solidität und Umsicht gearbeitet, die ihm im Grunde von niemandem zugetraut worden war. Denn hinter ihm stand die ehrwürdige Gestalt des Geheimen Kommerzienrats Bär, des Chefs einer der renommiertesten Bankhäuser, das bereits unter dem seligen Herrn Bär, dem Vater des jetzigen Inhabers, eine beherrschende Stellung eingenommen hatte. Ja, in Felix, diesem Lebemann, steckte neben seiner Genußsucht doch noch manches andere, ein feiner Kopf. Sie hatten es eigentlich alle gewußt, daß der Junge eines Tages Rätsel aufgeben würde. Man berechnete schon die Millionen, die er verdienen würde. »Dir gesagt, Jakobsohn! ... Warum gerade mir gesagt – Dir gesagt! ...« So zog man sich gegenseitig witzelnd auf, und bewies Felix die denkbar höchste Verehrung. Die Lehrjungen aus den Bankhäusern, die auf der Börse mit noch wichtigeren Mienen als ihre Chefs herumlaufen und sich bereits wie kleine Rotschilds schnäuzen, zeigten sich gegenseitig den großen Mann und drängten in seine Nähe. Jeder hatte den lebhaften Wunsch seines Geistes Hauch zu spüren. Auch Bär wurde eifrig diskutiert. Ein nobler Mann hieß es, man sollte nur wissen, was der für seinen armen Familienanhang im Posenschen alles tat. Man sollte nur seine großmütigen Zeichnungen verfolgen, sobald es sich um einen Akt der Wohltätigkeit oder gar den Bau einer Gedächtniskirche handelte; man sollte das nur nachrechnen, es ging in die Tausende und Abertausende. Beide Männer konnten sich kaum der sie umringenden Freunde erwehren, die alle bedacht sein wollten. Arthur, der sich um die geschäftliche Frage so gut wie gar nicht kümmerte, hatte dafür desto mehr Protegés. Er lief überall umher und schwatzte den Leuten vor, was sein Bruder für ein Kerl sei: so was ist noch nicht dagewesen, noch nicht dagewesen! Wie ein Tier arbeitet der Mensch! Er wird sich noch aufreiben, jammerte er, ißt er denn, wie sich's gehört? Unsinn, er schlingt die besten Diners in sich hinunter ... er ... Mitten im Satze ließ er die Hörer gewöhnlich stehen ... setzte eine gewichtige Miene auf und erklärte, er müsse unbedingt in's Kontor. Daselbst sah es bunt genug aus. Aus allen Kreisen drängte man sich hin, um nur ja mit dabei zu sein. Jeder wollte Felix sprechen, jeder wollte es aus seinem Munde hören, daß er sein Geld nicht besser anlegen könnte. In langen Reihen saßen die Leute im Warteraum und harrten auf den Augenblick, wo sie in's Privatkontor gelassen werden würden. Jeder erzählte dem anderen das neueste, das er gehört hatte. Bei den zahllosen Gerüchten, die umherschwirrten, wurde das neueste immer von noch neuerem überholt. Jeder kaufte auf Kurssteigerung. Denn solche goldene Gelegenheit, mühelos reich zu werden, wollte niemand sich entgehen lassen. Da warm alle Stände einträchtig nebeneinander vertreten, es gab keine sozialen Unterschiede mehr, es gab nur einen Hunger, den sie alle in gleichem Maße spürten: Arzte und Anwälte, Kaufleute und Lakaien, arme Lehrer und Lehrerinnen, hohe Würdenträger und mühselige, kleine Beamte, Gelehrte und Künstler. Zu den letzteren gehörte auch Grünau, der eines Tages seine Karte in's Kontor schickte und trotz des Murrens der Wartenden sofort vorgelassen wurde. Als er eintrat, lachte Felix über das ganze Gesicht. »Ist nichts mehr zu haben,« rief er ihm entgegen. »Das glaub ich einfach nicht,« erwiderte Grünau, »ist nicht Ihre Art, die besten Freunde zu vergessen.« Bär schmunzelte dazu. Er war aller Sorgen ledig, selbst die Viertelmillion für das Satansweib spielte jetzt keine Rolle mehr. Der Weizen blühte herrlicher denn je. »Grünau,« sagte Felix wohlwollend, »Sie kriegen die Aktien zum Emissionskurs – selbstverständlich – darüber ist gar kein Wort zu verlieren, und bei dem Galakonzert von Klein-Ostende übernehmen Sie das Arrangement!« Grünau verabschiedete sich von den Herren in gehobener Stimmung: es war doch gut, Bankiers zu Freunden zu haben. Auch ihn hatte es in den Taumel hineingerissen, der sich aller bemächtigt hatte. Als Felix an diesem Tage die Fabri besuchte, brachte er ihr ein elegant versiegeltes Päckchen mit, das sie ihm gierig entriß und in einer Art von Ekstase an ihre Lippen drückte. Das Bündelchen enthielt Aktien auf die serbische Bahn. »Na ... na!« stieß er hervor, »is großartig, erst die Aktien und dann ich – was die Dingerchen für 'ne Macht haben!« Die Fabri schloß ihm den Mund mit Küssen. Ihr Beisammensein war heute nur ein kurzes, da Felix jetzt immer auf dem Sprunge war. Sie tat sehr verstimmt wegen seines frühen Aufbruchs, so daß er Mühe hatte, sie zu trösten. »Soll ich Dir etwas sagen, kleine Schlange?« Sie schob die schmale Junge ein wenig zwischen die Lippen, sah ihn lockend an und drängte sich dicht an ihn. »Sag's!« »Wenn die Emission glückt,« entgegnete er heiß, »kriegst 'ne Villa in Potsdam, 'n kleines Schmuckkästchen, ... ja, mein Schatz!« Nun hatte er Arbeit, sich von ihr loszuwinden. Sie wurde ganz rasend vor Freude. »Es glückt ... es glückt!« rief sie ein über das andere Mal und umklammerte ihn mit ihren mageren Armen, daß er zu ersticken glaubte. Endlich befreit, eilte er ganz atemlos hinunter und fuhr sofort nach Hause. Als er nach etwa zwanzig Minuten vor seinem Palais anlangte und den Wagen verließ, sprang der Portier mit einer entsetzlich demütigen Miene aus seiner Loge. Der Bankier witterte Unrat: »Daß Sie sich nicht unterstehen,« schrie er ihm wütend entgegen, »kein Wort will ich hören.« Der Mann trat eingeschüchtert zurück. Es tat Felix leid. »Sie sind ein fürchterlicher Esel, Krause, ich kann Ihnen doch nicht täglich – ach, Unsinn!« Er sprang die Treppe hinauf. Was half's! Er mußte gegen diese Leute, den Kammerdiener, den Kutscher, den Portier, gegen das ganze Gesindel überhaupt ordentlich grob werden, um sie abzuwimmeln. Die Menschen hatten ebenfalls ihre paar hundert Taler in Serben angelegt und suchten bei jeder Gelegenheit aus eine demütige und raffinierte Methode über den Stand der Dinge einiges aus ihm herauszulocken, um vor den Kollegen mit ihrer verbürgten Weisheit groß zu tun. Als Felix seinem Kammerdiener einmal riet, zu verkaufen und mit dem nicht unbeträchtlichen Gewinn sich zu begnügen, schnitt der Jean ein so schlaues Spitzbubengesicht, daß der Bankier noch lange daran denken mußte. »Ne, gnädiger Herr Lerch, für so dumm brauchen Sie mich nicht zu halten. Ich werd den anderen das pure, liebe Gold in den Rachen werfen, da müßten se mich ja wegen des da,« er wies auf seine Stirn, »nach Plötzensee schaffen.« Dies felsenfeste Vertrauen schmeichelte Felix. Er wußte, mit welcher Gier, wie eine verhungerte Meute, die großen und die kleinen Leute, die, welche ererbtes Vermögen, und die, welche die sauren Groschen jahrelanger Arbeit in Serben angelegt hatten, auf den Abend lauerten, um sich auf den neuen Kurszettel zu stürzen. Er hatte einmal die ganze Bedientenskala: den Koch, den Portier, den Kutscher, die Diener, die Kammermädchen über den Kurszettel vertieft angetroffen, so daß sie sein Kommen überhaupt nicht bemerkt hatten. Mit strahlenden Gesichtern hatten sich die Leute gegenseitig vorgerechnet, um wie viel sie heute wieder reicher geworden waren. Er hatte sich in einem großartigen Herrengefühl davongeschlichen, um ihren Genuß nicht zu stören. Sein Koch war ein Überschlauer und hatte gemeinsam mit dem kleinen Zöfchen bei einem fremden Bankier für mehr als er im Vermögen besaß, gekauft. Er war ein Politikus, der die Konstellation benutzen wollte. »Fluschen muß es,« meinte er zu dem Zöfchen, und dann stritten sie über das Hotel, das sie gemeinsam erwerben wollten. XXII. Es war sieben Uhr abends. Die Dämmerung war hereingebrochen und verbreitete jenes stimmungsvolle Halbdunkel, das die modernen Maler so lieben. Am Treppengeländer stand Frau Doktor Berger und winkte, indem sie sich leicht über die Brüstung lehnte, ihrem Bruder zu, der in ersichtlicher Anstrengung die Treppen hinaufkeuchte. »Gut, daß Du da bist,« sagte sie in schlecht verhehlter Erregung. »Komm schnell herein.« Der junge Mensch reichte ihr stumm die Hand und gehorchte. Auf seinen eingefallenen Wangen brannten hektische Flecke. Sie führte ihn in ein kleines Kabinett, das sie sofort zuschloß. »Hier sind wir ungestört,« sagte sie. »Hast Du alles mitgebracht?« Er fuhr statt aller Antwort in die weite Tasche seines Mantels, aus der er einen in Seidenpapier gehüllten Gegenstand hervorzog. Er entfernte das Papier und wies auf eine rotblonde Perrücke und einen Vollbart von der gleichen Farbe. Beides setzte er flüchtig auf. Sie schrak doch zusammen. »Du siehst grausig aus. Aber es ist gut! Kein Mensch erkennt Dich.« Als er die seltsame Tracht wieder von sich genommen, sahen seine Züge grau wie trüber Kalk aus. »Du hast wohl Furcht?« fragte sie etwas gereizt. »Nein ... nein! Verlaß Dich nur auf mich,« entgegnete er heftig. »Und das ist schlimmstenfalles sicher,« fügte er mit einem unheilvollen Lächeln hinzu, indem er aus der Seitentasche ein Etui hervorzog, in dem sich ein Sechsläufer befand. Sie wandte sich auf eine Sekunde ab – eine krampfartige Bewegung trat auf ihr Gesicht. »Sag mir's nochmals, wie Du's anstellen wirst.« Über sein Gesicht flog ein Schatten. »Wozu denn?« erwiderte er ungeduldig. »Das nimmt mir nur die Ruhe.« »Ein einziges Mal noch!« drängte sie. Er biß sich die Lippe wund. In leierndem Ton, als ob er einen gelernten Vers vortrüge, antwortete er: »Das ist doch sehr simpel. Sobald er schläft, krieche ich hervor und hole mit einem Ruck das Bündel aus den Kissen hervor. Erwacht er, halte ich ihm den Revolver vor die Nase und gebe, wenn es nötig wird, ein paar Schüsse ab – so 'n Denkzettel in die Schulter oder das Bein. Sorg Du nur, daß die Entreetür auf ist – und stell Dich vor allen Dingen schlafend. Der Schuft wird sich an Dich halten.« Sie nickte. Kurze Pause. »Man müßte ihn eigentlich wie einen tollen Hund niederschießen, den Halunken,« stieß er auf einmal hervor, und seine Stimme bebte vor Wut. Auch aus ihren Augen brannte ein wilder Haß. »Eine Kanaille ist das!« murmelte sie dumpf. »Du kennst nur den kleinsten Teil seiner Infamien. Gehst Du direkt nach Hamburg?« fragte sie unvermittelt. »Nach Bremen. Das nächste Schiff geht von Bremen. Ich denke aber, es wird gar nicht nötig sein.« »Weiß sie davon?« Er wurde bei dieser Frage tiefrot. »Ich habe vor ihr kein Geheimnis,« flüsterte er. »Und was hat sie gesagt?« »Daß es meine Pflicht ist. Dir zu helfen – daß sie beten wird.« »Sie muß ein ungewöhnliches Wesen sein.« »Das ist sie!« gab er warm zurück, und aus seinen Augen brach eine leidenschaftliche Glut. »Du, wenn ich fort müßte – nimm Dich ihrer an – versprich mir's, und des Kindes!« Sie reichte ihm die Hand, die er schüchtern streichelte. »Wenn Du die Briefe hast,« fragte er leise, »bist Du dann vor ihm sicher?« »Einigermaßen. Wenigstens behauptet es Dörmann!« »Nun der muß es wissen!« »Ich denke auch.« Sie schwiegen. »Wo hast Du den Revolver her?« »Aus Hamburg mitgebracht!« »Und das da?« Sie wies auf Bart und Perrücke. »Sie hat es besorgt, damals schon, als wir das erste Mal davon sprachen. Sie ist sehr klug. Und denk Dir, sie hat genau den gleichen Kopf wie ich.« »Du wirst sehr hart da unten liegen.« »Das macht mir nichts – ich habe offen gestanden nur Angst vor dem Alleinsein, wenn er nur nicht so spät käme.« »Ich glaube, daß er vor elf zurück ist. Er hatte nichts besonderes vor und fühlte sich unwohl. In solchem Fall geht er früh schlafen. Haß Du Ahnung, wie der um sich besorgt ist – wie lächerlich, das Luder! Wie Du komisch aussiehst in der Maskerade – wo wirst Du übrigens die Briefe hintun?« unterbrach sie sich plötzlich. »Wie zerstreut wir sind – das Wichtigste zu vergessen.« »Ich bringe sie zu ihr. Dort sind sie sicher. Du kennst ja ihre Adresse.« »Schön!« »Du kannst übrigens unbesorgt sein, sie rührt sie nicht an.« »Ist mir ganz gleichgültig, ob sie liest, was der Narr mir geschrieben.« Sie lachte jäh in sich hinein. »Du hättest bei der Szene dabei sein sollen, wie er sich spreizte, dieser alte Geck!« »Meinst Du den Kommerzienrat?« »Wen sonst!« »In so 'nem Hause wär ich gern mal angekommen, das sind Lebensstellungen!« »Du irrst,« entgegnete sie, »der Mann steht dicht vor dem Krach.« »Red mir das nicht ein. Ist 'ne Weltfirma, weiß ich besser.« »Der Mann steht dicht vorm Krach, sag ich Dir, verlaß Dich drauf.« »Nicht möglich! Du, das kann nicht sein. Der Mann ist Börsenkommissar, weißt Du, was das heißt ... der Mann ist im Aufsichtsrat der westpreußischen Handelsgesellschaft ... der Mann ...« »Kracht,« ergänzte sie unerschütterlich, »ist ein Gauner allerersten Ranges; von wem ich's weiß? Von ihm selber!« Dieser verhungerte Mensch, dieser Phtisiker, der im Begriffe war, einen verhängnisvollen Gewaltakt zu unternehmen, und Mut und Ruhe darin fand, daß seine Geliebte unterdes für ihn betete, war von dem Gehörten so verblüfft, daß er für einen Augenblick alles andere vergaß. »So 'n Gesindel!« sagte er nach einer Weile ganz entrüstet. »Ich bin wegen Unterschlagung von lumpigen hundert Mark um mein Brot gekommen – und ich brauchte doch das Geld nötiger wie's Leben – und so einer ... ne, ne ...!« Sie zuckten beide empor. Und wie ertappte Schelme lauschten sie angstvoll. »Es ist das Hausmädchen,« beruhigte sie ihn aufatmend. »Sie hat die Küche geschlossen. Es muß aber schon spät sein. Denn das Frauenzimmer hatte Urlaub, und die kommt nicht eine Minute früher. Wir müssen uns jetzt trennen. Mach Dich schnell fertig, damit Du in sein Zimmer kommst.« »Bon ... bon!« Er griff mit unsicherer Hand in seine Westentasche und suchte ein Fläschchen flüssigen Leims hervor. Dann maskierte er sich eiligst. »Der klebt fest – so, ich bin fertig.« »Man kann Furcht vor Dir kriegen. Wie Du aussiehst!« Sie wandte sich ab und war eben im Begriff, die Tür leise, unhörbar zu öffnen, als er ihr nachkam und seine feuchte Hand sich auf ihre Schultern legte. »Nun?« »Sie ist mir das Liebste auf der Welt. Vergiß sie nicht,« stammelte er und zitterte am ganzen Körper. »Nein ... nein!« sie drückte ihm nochmals die Hand, aber sie blickte ihn nicht mehr an – ein Schauer hatte sie gepackt, ein Grauen. Auf den Fußspitzen, wie Einbrecher, schlichen sie durch den Korridor. »Hier ... hier ist es.« Sie öffnete das Schlafzimmer ihres Mannes, ließ ihn hinein, schloß es wieder und schritt lautschlagenden Herzens in die Küche. XXIII. Mit unvorhergesehenen Hindernissen hatten die Bauleute der serbischen Bahn zu kämpfen. Damals beim Kontraktabschluß war man, wie sich allmählich herausstellte, mit einem geradezu leichtsinnigen Optimismus verfahren. Man hatte alle Schwierigkeiten bei Seite geschoben, um das Unternehmen nicht zu gefährden, um den Geldmarkt mit einer neuen Emission zu beglücken. Jetzt kamen von allen Seiten die hinkenden Boten. Ganze Flotten segelten auf der Donau, befrachtet mit Schienen, Brückenteilen, Lokomotiven, Schwellen und allem sonstigen Bahnzubehör. Man war ja nur auf den Wasserweg angewiesen, da es im Lande so gut wie gar keine Bahnverbindung gab. Dazu mußte man besondere Kanalvorrichtungen bauen, um die großen Stücke auszuladen. Das ganze Arbeiterheer war man genötigt aus der Fremde herbeizuziehen, und das Schlimmste war: diese Leute wurden unter dem Einfluß der Bevölkerung, den Unsitten des Landes sehr schnell untauglich, so daß man beständig für Ersatztruppen zu sorgen hatte. Hierzu kamen Unzuträglichkeiten noch ganz anderer Art. Meilenweit war keine Schaufel Böttungsmaterial aufzutreiben, das Hochwasser richtete unsagbaren Schaden an – bei fortwährenden Flußbettveränderungen existierte nirgends eine Flußregulierung – dagegen stieß man in einem fort auf Triebsand; Holz war nur auf wenigen Strecken und da schlecht und kaum verwendbar. Auch die Zahl der Flüsse, die überbrückt werden mußten, hatte man unterschätzt. Vor allem aber lebten die Ingenieure in der ewigen Furcht, eine Viehseuche könnte ausbrechen und den ganzen Verkehr auf Wochen unterbrechen, und in der Tat konnte man jeden Tag auf ein solches Unglück gefaßt sein. Trotz dieser niederdrückenden Umstände arbeiteten die Ingenieure mit einem wahren Feuereifer. Felix selbst war ins Land gereist und stand wie mit der Hetzpeitsche hinter ihnen; ihre Tantiemen wurden erhöht, um ihren Eifer und ihre Kraft bis zur Grenze des Menschenmöglichen zu steigern. Als Felix wieder zurückgereist war, bombardierte er sie mit Depeschen. Es lag ihm daran, die erste Strecke für den Betrieb in kürzester Frist herzustellen, damit die Regierung dem Kontrakt gemäß die Zahlung der Zinsen übernähme; denn die Kosten waren maßlos gewachsen, und der Bankier, dessen Wellblechunternehmen furchtbar im Argen lag, der den Anbau von Darz hatte unterbrechen müssen, weil die serbische Transaktion jeden Groschen verschlang, befürchtete eine heillose Katastrophe, wenn er gezwungen war, dieses Riesenkapital länger zu verzinsen. War hingegen einmal die erste Strecke in Betrieb gesetzt, wurden von der serbischen Regierung die Zinsen bezahlt, so war alles gerettet. Die Sanierung des Wellblechunternehmens war eine Kleinigkeit. Darz würde blühen und gedeihen, und die Hauptsache: In diesem Augenblick würde der Markt mit neuen Aktien überschwemmt und ein Taumel erzeugt werden, im Vergleich zu dem alles Frühere das reine Puppenspiel gewesen sein sollte. Jetzt erst würde das eigentliche Börsendrama beginnen. Auch der Bau würde rationeller, vor allen Dingen langsamer geleitet werden, um diese Riesenkosten herunterzudrücken. Felix konnte den Termin nicht erwarten, denn niemand ahnte, daß er für einen großen Teil der Aktien nur Strohmann war! Nicht einmal Bär, der die gleiche Rolle gespielt und Felix mit raffinierter Schlauheit über den Löffel barbiert zu haben glaubte. Diese betrogenen Betrüger durchlebten eine Zeit fieberhafter Erregung: sie saßen in ihren Privatkontoren und rechneten und rechneten, bis ihnen der Schweiß auf die Stirn trat und die Zahlen vor ihren Augen tanzten und schwirrten; diese kleinen schwarzen Zahlen, die sie bis in die Nacht verfolgten, unheimlich sich reckten, zu dürren, hageren Gerippen emporwuchsen und ihnen Schlaf und Ruhe raubten. Die Berichte der Ingenieure und Vertreter brachten immer neue Beunruhigungsbazillen. Im Lande kam plötzlich eine heftige Strömung gegen das ganze Eisenbahnunternehmen auf. Politisch zugespitzt, wie die Verhältnisse nun einmal waren, versuchte die Oppositionspartei diese erbitterte Stimmung gegen die Bahn zu schüren und damit den Sturz der gegenwärtigen Regierung herbeizuführen. Man klagte die Regierung in fanatischer Weise an, auswärtigen Spekulanten in die Hände gearbeitet und das Interesse des Landes hintangesetzt zu haben. Ja, diese Menschen scheuten sich nicht, offen und heimlich den Verdacht auszustreuen, die gegenwärtigen Regierungsvertreter hätten ihre guten Gründe, die Sache der fremden Bankiers zu führen: die Presse erlaubte sich die Anfrage, wie die Herren ihre Tantiemen anzulegen gedächten. All die kleinen Leute, die gehofft hatten, die Bahn zu schröpfen, begannen, als sie sich in ihren Voraussetzungen getäuscht sahen – man hatte ihnen für ihr Land nur den angemessenen Preis gezahlt – mit jener niederträchtigen Pfiffigkeit, die halbzivilisierten Nationen eigentümlich ist, gegen die Bahn zu arbeiten. Die Ingenieure beklagten sich bitter, daß sie bei den Behörden keinen nachdrücklichen Schutz gegen die Bevölkerung fänden, die sich nicht scheute, die Anlagen zu beschädigen und zu zerstören. Auf all die Klagen, die sich von Tag zu Tag häuften, hatte der Bankier stets die gleiche Antwort: arbeitet, so schnell ihr könnt. Er hoffte nicht nur das Ende seiner Kalamitäten, sondern auch das dieser unerhörten Feindseligkeiten, sobald einmal der Betrieb begonnen hätte. Die letzten Mitteilungen hatten dahin gelautet, daß man bei wiederum verlängerter Arbeitszeit die Eröffnung schon in wenigen Tagen durchzusetzen hoffte. Diese Nachricht hatte Felix seine Fassung wiedergegeben, wie von einem furchtbaren Druck befreit atmete er auf – auch Bär richtete sich wieder empor. Er war der Einzige, der genau wußte, daß die Firma Lerch sich nicht mehr lange halten konnte. Er zitterte vor dem Moment, wo Felix von ihm Hilfe verlangen würde, die er nicht zu leisten imstande war. Dieser Mann, eine der geachtetsten Finanzgrößen Berlins, war seit vierzig Jahren bankrott. Er hatte das Haus Bär bereits beim Tode seines Vaters ruiniert vorgefunden, ohne den Mut besessen zu haben, dies vor der Welt einzugestehen. Ebenso wie sein Vater hatte er die Depots gläubiger Kunden bestohlen und das herzige, anmutige Märchen von seiner Furcht vor der Eisenbahn ersonnen, um auf diese Weise den Schauplatz raffinierter Diebstähle nicht verlassen zu müssen. Niemals gab er die Schlüssel aus den zitternden, schuldbefleckten Händen. Er war Jahrzehnte hindurch Handelsrichter und Börsenkommissar gewesen, Minister gingen in seinem Hause, ebenso wie Künstler und Gelehrte aus und ein. Mit unglaublich frecher Pose hatte er die Rolle eines Ehrenmannes durchgeführt. Im Grunde seines Wesens degeneriert und untüchtig, war ihm in der Veruntreuung ungeheuerlicher Summen jeder ökonomische Sinn abgegangen. Was verschlug es diesem Diebe, aus den Kassen seiner Klienten den Wohltäter bei der Verwandtschaft in Posen, den Protektor bei jedem neuen Kirchenbau zu spielen, um dafür von allerhöchster Stelle Titel und Orden einzuheimsen. Ihm kamen diese Guttaten lächerlich vor, ihm, dessen ganzes Leben ein einziges Sichbetäuben und Vergessen, ein allmähliches Abstumpfen der letzten Gewissensskrupel gewesen war. Nur der einen Denktätigkeit hatte er sich in all den Jahren hingegeben, immer wieder Mittel auszutüfteln, um dies Scheinleben durchzuführen. Das war geglückt, dadurch, daß es diesem ehrwürdigen, alten Herrn gelungen war, stets neue Kunden zu angeln, mit deren Gelde die alten Gläubiger befriedigt wurden. Leichtsinnig bis zur Grenze des moralischen Irrsinns, suchte er die heiklen Erinnerungen durch allerhand gewagte, reizende Zerstreuungen zu bannen. Dieser feiste Spitzbube hatte in der Tat das Kunststück fertig gebracht, dieses lästige kleine Ding, das man Gewissen nennt, abzutöten, und über die Giebel des Zuchthauses hinweg in den Salons der vornehmen Welt den Galan und Sportsmann, den verflixten alten Herrn und die würdige, gewiegte Handelsautorität in einer Person zu vereinigen. Da schien mit einem Schlage die verteufelte Lage eine andere zu werden, damals, als Felix' Findigkeit das Projekt mit der serbischen Bahn ausgeheckt und zur Ausführung gebracht hatte. Nun gab es einen Weg, auf die bequemste Manier diese schmutzigen Flecken in aller Stille fortzuwaschen und nach vierzig Schelmenjahren, wenn dieses niedliche, serbische Geschäft gelang, mit Hilfe einiger runder Milliönchen, die ja gewiß für ihn abfallen würden, zu reinlichem Atem zu gelangen. Hoffnungsselig, mit welken, greisen Händen hatte er zugegriffen: was war das doch für eine schöne und gutbestellte Welt, die seinen Lebensabend so licht und heiter gestalten würde. Aber welche Aufregungen waren seinen armen, gequälten Nerven in diesen Monaten erspart geblieben? Nach den letzten serbischen Depeschen war er in freudigster Stimmung. »Sehen Sie, sehen Sie,« sagte er zu Felix, »was man erreicht, wenn man zähe ist. Sie haben in dieser Zeit sich wie ein Held benommen. Sie meinen, ich hätte nicht bemerkt, was Sie durchgemacht haben, Felixchen ... o – o – o! Ich weiß keinen Menschen auf der ganzen Börse, keinen, der so 'ne Kaltblütigkeit ... na, im schlimmsten Fall wär ich ja noch dagewesen,« fügte er leiser hinzu und hob mit einem schlauen, faunischen Lächeln drohend den Zeigefinger. Jetzt, wo die Schlacht geschlagen war, konnte man sich so 'ne diplomatische, hochherzige Redensart schon leisten. Felix erwiderte den Händedruck Bärs. Ihm taten seine Worte wohl. Der Mann begriff ihn und spielte sich nicht zum Moralisten auf, obwohl er wußte, daß er nur um Haaresbreite dem Abgrund entfernt gewesen war. Die beiden Herren beschlossen jetzt, sofort in die Presse die Nachricht zu lancieren, daß in wenigen Tagen die Zahlung der Zinsen und gleichzeitig eine neue Emission dieser gewinnbringenden Serben erfolgen würde. Man hatte es eilig, da bereits einige leise, verwirrende Gerüchte in einem österreichischen Blatt aufgetaucht waren, die auf der Stelle totgemacht werden mußten, sollten sie nicht bedenklichen Schaden anrichten. Mit Arthur hatte Felix ein ganz kurzes Gespräch. Nachdem er ihm zur Entdeckung einer neuen Trüffelpastete, deren sich Brillat Savarin nicht geschämt haben würde, gratuliert hatte, teilte er ihm mit, daß die Firma dicht vor dem Ruin gestanden. Arthur lachte ihm gutmütig in's Gesicht. »Faule Fische – was brauchst Du mich aufzuziehen!« Als aber Felix ihm nachdrücklich erklärte, daß es beinah Ernst geworden wäre, kraute er sich eine Zeit lang verlegen auf seinem dünnen Scheitel, dann meinte er: »Weißt Du, Felix, Du hättest mir das nicht sagen sollen, so was legt sich bei mir gleich auf die Nieren. Wenn es brennt, sag mir's, aber Feuerlärm ist mir unsympathisch ... höchst unsympathisch!« Felix war einen Augenblick ganz verdutzt, dann entgegnete er: »Am Ende hast Du Recht,« und zwinkerte ihm merkwürdig zu. Bevor er an diesem Tage der Fabri seinen Besuch abstattete, nahm er aus einem Fache seines Sekretärs zwei ganz alte, französische Reiterpistolen, die aus dem 17. Jahrhundert stammten und betrachtete aufmerksam die erlesene, subtile Arbeit. »Die haben Stil!« murmelte er. Er schloß sie wieder ein, lächelte seelenvergnügt, pfiff eine abgetakelte Melodie aus dem Bajazzo des Leoncavallo und begab sich zur Fabri. Den Wagen ließ er voran fahren, er mochte heute nicht eingesperrt sitzen. Bei der Tänzerin hielt er sich kaum eine halbe Stunde auf. Er war auffallend zerstreut und wenig für ihre Gunstbezeugungen empfänglich. Eine innere Unruhe quälte ihn. Er fuhr wieder in's Geschäft und fragte, ob neue Depeschen angekommen seien. Ja, ein Telegramm sei da. Er öffnete es und fühlte, wie er zitterte. »Betrieb kann bestimmt übermorgen eröffnet werden. Vollendung geht rapid vorwärts.« Ein nervöses Freudenlachen entrang sich ihm: Der Coup war gelungen. Er sandte das Telegramm an Bär und ließ sich sofort Pförtner kommen. »Sie müssen morgen einen fulminanten Leitartikel über die serbische Bahn bringen,« sagte er strahlend, »ich bekomme eben die Drahtnachricht, daß übermorgen eröffnet wird.« Pförtner gratulierte untertänigst. Auch für ihn war das ein Ereignis. »Der Leitartikel ist allerdings bereits gesetzt und ob ich so schnell ...« Felix klopfte ihm auf die Schulter. »Reden Sie gar nichts,« schnitt er jeden Einwand ab, »macht sich mehr als bezahlt: jede Silbe wird in Gold aufgewogen!« Pförtner empfahl sich eiligst. In der Tür stieß er auf den Kommerzienrat, der Felix beide Hände entgegenstreckte. Die Herren wurden darüber einig, sogleich an das serbische Finanz- und Handelsministerium telegraphische Mitteilung von dem Stand der Dinge zu machen und gemäß Paragraph 6 des Kontraktes um die Anweisung für die Zahlung der Zinsen zu ersuchen. Den ereignisfreudigen Tag selbst wollte man im Club von 1793 zu einem würdigen Abschluß bringen. Trotz des inneren Jubels war Felix von einer ihm fremden Nachdenklichkeit befangen: er hatte etwas erlebt, das selbst seine leichtlebige Natur nicht so bald überwinden konnte. Dicht vor dem Tode hatte er gestanden, darüber kam er nicht hinweg. Es war ja vorläufig nur ein tändelndes Spiel mit den Pistolets gewesen, aber kaum ein Schritt hatte gefehlt, um aus diesem Spiel blutigen Ernst zu machen. Es fuhr ihm kalt über den Rücken. In den nächsten Tagen würde er die erste Geige auf der Börse spielen, alle würden ihn feiern, und er würde diesen Tribut als ihm gebührend lächelnd entgegennehmen – und nur um Haaresspalt war er dem Ende, dem Ende entgangen. Eine merkwürdige Welt! Diejenigen, die an diesem Abend im Club von 93 die Zeche zahlten, waren der Kommerzienrat Bär und Felix Lerch. Felix wurde ganz verstimmt, nicht der lumpigen zweitausend wegen – der ganze Umsatz war ein rein lächerlicher gewesen – sondern, weil er, bevor das Jeu begonnen, im Stillen den Pakt mit sich gemacht, daß, gewönne er an diesem Abend, darin für ihn ein Symbol und Siegeszeichen für alle seine Unternehmungen zu erblicken sei. Nun war er neben Bär der einzige Verlierer gewesen, und abergläubisch wie alle Spieler, war es um seine Laune geschehen. Er verabschiedete sich verhältnismäßig früh, um sich sofort nach Hause zu begeben. Im Zimmer seiner Frau brannte noch Licht. Er klopfte an und öffnete alsdann entschlossen die Tür, ohne auf ihre Frage: Wer da? etwas zu antworten. Sie schreckte nervös in ihren Kissen empor. »Ich bin's! Beruhige Dich nur,« und er hob das Buch mit gelbem Umschlag auf, das ihr entfallen war. »Ah, Marcel Prévost,« sagte er, »der ist wohl jetzt in Mode! Du bist, wie es scheint, ebenfalls noch nicht lange hier?« Sie blickte ihn einen Augenblick scharf an. »Gewiß nicht,« entgegnete sie, »aber was verschafft mir die ungewohnte Ehre Deines Besuchs?« »Hm!« machte er, »offen gestanden, ich weiß es kaum selbst. Ich sah Licht bei Dir – und ich bin heut merkwürdig unruhig. Es liegt mir etwas in den Gliedern. A propos , wann hast Du das letztemal den serbischen Gesandten gesprochen?« Sie wurde nicht im mindesten verlegen. Sie wußte den Mann da frei von jeder ehelichen Eifersucht. Aber die Frage machte sie in anderem Zusammenhange stutzig. »Heute!« antwortete sie unbefangen. »So ... so!« Er ging einige Male im Zimmer auf und nieder. »Hat er zufällig irgend was geäußert, ich meine irgend 'ne Bemerkung gemacht, die für mich von Interesse sein könnte?« Sie überlegte eine kleine Weile. »Er sagte,« entgegnete sie nachdenklich, »daß in seinem Lande schwere Unruhen ausgebrochen seien, daß möglicherweise jede Stunde die augenblickliche Regierung gestürzt werden könnte.« In Felix blasses Gesicht trat eine entsetzliche Spannung, er nagte beständig an den Lippen und stieß ein paar leise, unverständliche Laute hervor. Das dauerte jedoch nur ein paar flüchtige Sekunden, dann raffte er sich zusammen. Niemals hatte er mit dieser kleinen, häßlichen Person etwas gemein gehabt, er wollte sie auch mit seinen Sorgen verschonen. »Das ist ja recht interessant,« meinte er und wünschte ihr kurz gute Nacht. Er ging jedoch nicht in sein Schlafzimmer, er wußte, daß es für ihn heute keinen Schlaf gab. Er ließ sich im Herrenzimmer Licht machen, nahm Papier und Bleistift vor und begann zu rechnen. Aber auch damit mußte er bald aufhören. Der Kopf tat ihm weh zum Tollwerden. Er stand auf und betrachtete im Spiegel sein fahles Gesicht. Auf einmal trat ein verzerrtes Lächeln auf seine Züge. Er wußte es plötzlich, daß er verloren war. Er hatte nicht den geringsten Anhalt – und doch er wußte es, eine grausige Ahnung hatte es ihm enthüllt. Seine Ohren bewegten sich beständig hin und her, seine Stirnhaut zog sich förmlich empor und nieder in diesem Momente einer furchtbaren Erregung. Jetzt marterte er nur noch sein Hirn, weshalb er eigentlich verloren war, da doch die erste Strecke der Bahn beendet und die fälligen Zinsen nicht mehr seine Sorge waren. Er fand keine Erklärung. Er drehte das Licht ab und verließ den Raum. Er wollte doch sein Lager aufsuchen. In seinem Schlafzimmer erwartete ihn der Kammerdiener, der vor Müdigkeit sich kaum noch aufrecht halten konnte. Felix warf hastig die Kleider von sich; als er gerade in's Bett stieg, bemerkte der Lakai, daß auf seinem Nachttische ein Telegramm läge. Der Bankier hatte beim Verlassen des Geschäfts angeordnet, daß jede etwaige Depesche in seine Privatwohnung gebracht würde. Er hatte diese Ordre völlig vergessen gehabt, da er nicht im entferntesten heute noch an eine Drahtnachricht gedacht hatte. »Sie können gehen,« sagte er mit heiserer Stimme zum Kammerdiener. Nachdem der sich entfernt hatte, starrte Felix eine geraume Zeit das kleine, verfängliche Papier an, ohne den Mut zu haben, es zu öffnen. Er wischte sich mit der flachen Rechten den Schweiß von der Stirn, die Furcht lähmte ihm die Glieder. Er wog es plötzlich in der Hand, als könnte er aus dem Gewicht seinen Inhalt feststellen. Er warf sich zur Seite, er wollte den Wisch da nicht öffnen! Er wollte es nicht. Aber wieder nahm er ihn in die Hand, und wieder wurde sein Gesicht von diesem Todeslächeln entstellt. Er riß das Papier gewaltsam auf. Die blauen Buchstaben grinsten ihm mit erschreckender Deutlichkeit entgegen. Das Telegramm war sehr ausführlich. Es enthielt die beängstigende Mitteilung, daß die Regierung gestürzt und diejenige Partei an's Ruder gekommen sei, die am lautesten gegen die Eisenbahn geschrieen hatte. Zum Finanzminister sei ein serbischer Bankier ernannt worden, der selbst Bahnen hatte bauen wollen und durch die Operation der Firma F. Lerch \& Co. in's Hintertreffen gekommen war. Als Felix diese Depesche gelesen hatte, zog er sich auf der Stelle und unglaublich rasch wieder an, um das Haus zu verlassen. Er nahm sich eine Droschke und fuhr zur Fabri, bei der er die letzten Stunden dieser denkwürdigen Nacht zubringen wollte. Die Tänzerin empfing ihn mit offenen Armen und überschüttete ihn mit Beweisen ihrer Liebe. Sie hatte am Nachmittag geglaubt, der Bankier sei ihrer überdrüssig geworden und darum suchte sie den allzu lockeren Zeisig wieder enger in ihr Netz zu fangen. Glück in der Liebe ... Wenn der Bankier noch einen Moment gezweifelt hatte – jetzt stand es felsenfest: er war rettungslos verloren. Und in der Tat – am Morgen schon mit der ersten Post traf die Hiobsbotschaft ein. Die neue Regierung weigerte sich schlankweg, die Verzinsung des Kapitals zu übernehmen, sie erklärte mit der naivsten Frivolität, daß die geschlossenen Verträge für sie nicht gültig seien. Um sich aber scheinbar auf eine Art von Rechtsboden zu stellen, begann sie die Schienen zu bemängeln, die Pläne zu monieren und Schwierigkeiten hinsichtlich der Längenbestimmung zu bereiten. Sobald die Bevölkerung merkte, daß jetzt von oben aus einem anderen Loch gepfiffen wurde, unterfing sie sich mit unglaublicher Dreistigkeit, den Bau der Bahn zu stören. Eine Verkehrung aller Begriffe trat ein. Es gab Leute, die die unsinnigsten Ansprüche geltend machten und ohne weiteres Exekutionen gegen Bau- und Betriebskassen vornehmen durften. Die Ingenieure waren in einer heillosen Verwirrung; den Zuständen gegenüber einfach ohnmächtig, sandten sie geradezu trostlose Berichte. In Felix Lerch kämpften Wut und Verzweiflung. So dicht am Ziel und so kläglich enden zu sollen, er konnte es nicht fassen. Dagegen wollte er sich wehren bis zum Äußersten. Diesem Raubgesindel weichen, nimmermehr! Er eilte mit schreckensbleicher Miene zum serbischen Gesandten. Der Gesandte war nicht da. Der Bankier ließ sich in einem der Fauteuils nieder, um zu warten. Er stand jedoch bald auf und durchmaß mit jähen Schritten den Raum. In ihm jagten sich die Gedanken. Er hörte bereits die ersten Gerüchte, die sich die Börsenleute zutuschelten, die einen, die in seinen Fall hineingerissen wurden, angstvoll aufhorchend, verzweifelt und fassungslos – die anderen, die soliden Bankiers, die sich immer von ihm ferngehalten hatten, boshaft und schadenfroh lächelnd und trotzdem eine vornehme Zurückhaltung wahrend. Er sah bereits, wie sein Komptor gestürmt wurde, wie jeder, der da mit schlotternden Knieen hereinkam, mit heiserer Stimme seine Groschen zurückverlangte. Er hörte bereits all die Namen, mit denen er tituliert wurde. Er riß die Fenster auf, um die frische Luft hereinzulassen. Er glaubte zu ersticken. Nun vernahm er Schritte und lauschte mit verhaltenem Atem. Einige qualvolle Minuten verstrichen. Er glaubte leise Stimmen zu vernehmen. Jetzt wurde die Tür geöffnet, ein Diener trat ein und führte ihn schweigend in das Empfangszimmer des Gesandten. Wieder mußte er warten. Endlich erschien der Gesandte, die rechte Hand hielt er oben im Rock verborgen, seine Miene war ernst, und wie es Felix, der ihn mit einem förmlich fragenden Blick fixierte, sofort klar wurde – hoffnungslos. Er lächelte kummervoll verlegen. »Ich bitte, nehmen Sie Platz,« sagte er matt, »ich fürchte freilich, Ihnen wenig helfen zu können!« Der Bankier schüttelte den Kopf. Er mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um überhaupt sprechen zu können. Er gurgelte die Worte nur so hervor, aus seinen Augen brannte es unstät. Der Gesandte hörte ihn in steifer Haltung an. Nur einmal fuhr er mit der Linken über seine kranken Augen. Als Felix endlich innehielt und ihn so schmerzhaft anblickte, als ob alles Heil von ihm abhinge, sagte er: »Ich möchte Ihnen vor allem mitteilen, daß ich persönlich ohne den leisesten Einfluß bin – vorläufig wenigstens – ich bin seit gestern – abberufen.« Dem Bankier entrang sich ein wimmerndes Stöhnen. »Abberufen!« stammelte er und klammerte sich an einen Stuhl. »Hören Sie mal,« sagte der Gesandte, während es einen Augenblick mitleidig um seine schmalen Lippen zuckte, »Sie dürfen den Mut nicht so ganz sinken lassen. Es herrscht bei uns zurzeit eine geradezu entsetzliche Wirtschaft. Es sind da einige Schreier ans Ruder gekommen, die sich nur halten können, wenn sie der Volksstimmung fröhnen. Und die ist in der Tat augenblicklich stark gegen Ihr Unternehmen. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß, wenn Sie den Kopf oben behalten, die Dinge einen erträglichen Ausgang nehmen werden. Es kann sich das vielleicht ein halbes Jahr hinziehen ...« »Bis dahin,« unterbrach ihn Felix, »bin ich ruiniert, total ruiniert, mich kostet jeder Tag ein Vermögen. Ihre Regierung ahnt kaum, was ich für Opfer gebracht habe.« Der Gesandte zuckte die Achseln. »Ich kann Ihnen nur raten,« sagte er langsam, »dort von Ihren Verlegenheiten nichts merken zu lassen und einfach den Rechtsweg zu beschreiten. Je kühler Sie die Angelegenheit auffassen, desto eher werden Sie zum Ziele kommen. Im Grunde weiß man dort ganz gut, wo das Recht ist.« Bei diesem Wort färbte ein flüchtiges Rot seine Züge. »Das ist natürlich meine Privatmeinung,« setzte er hinzu. »Im Interesse meines Landes hätte ich vielleicht weniger aufrichtig sein sollen. Sie können jedenfalls daraus erkennen, daß ich Ihre Sache nicht so schwarz ansehe. Hält es denn für Sie so schwer, – ich meine, ist es ausgeschlossen, daß Sie Kapitalisten finden, die Ihnen über diese momentane Verlegenheit hinweghelfen?« Felix sah eine flüchtige Spanne Zeit in das Gesicht des Gesandten. Das ist alles wahr, dachte er bei sich selbst. Der Mann lügt nicht. Und plötzlich belebte ihn neues Hoffen. Bär mußte helfen, Bär mußte bis auf den letzten Groschen eintreten, um diesen serbischen Hunden den Prozeß zu machen. Bär mußte helfen, denn auch sein Interesse stand ja auf dem Spiele. Er verbeugte sich ungelenk. »Ich danke Ihnen für Ihre Güte,« sagte er. »Ich will sehen, was sich tun läßt.« Der Gesandte neigte ein wenig den Kopf und Felix entfernte sich. Es gab also noch eine Rettung, man mußte sich mit diesen Banditen balgen, aber man würde doch zu seinem Rechte kommen. Nur die Zinsen mußten bezahlt werden, um den Zusammenbruch zu verhüten. Und Bär würde helfen, mußte helfen. Er hatte ihn bereits vorher zu einer Konferenz in sein Kontor bestellt, um ihm reinen Wein einzuschenken. Nun gut, man konnte sich über die fatale Geschichte einigen. Er würde dem Kommerzienrat gewisse Zugeständnisse machen, ihm schließlich sogar den Löwenanteil verpfänden – aber sicherlich, noch ließ sich alles arrangieren – nur kühl mußte man bleiben. Atemlos trat er in das Kontor. Bär stürzte ihm entgegen. Der alte Mann sah zum Entsetzen aus, so daß Felix bei diesem Anblick seine Fassung wiedergewann. »Felixchen!« wimmerte er, »ist es denn wahr, um Gotteswillen, Felixchen, richten Sie mich alten Mann wieder auf. Was sind das für gräßliche Nachrichten!« »Beruhigen Sie sich doch nur. Nur Ruhe. Wenn Sie wollen – ist Polen noch nicht verloren!« »Wenn ich will ...« Ein irres, idiotisches Lächeln beherrscht die Miene des alten Mannes. Felix beachtete es nicht. Er war viel zu sehr von dem letzten Rettungsmittel erfüllt. Mit hastigen Worten, in abgerissenen Sätzen, teilte er ihm seine Unterredung mit dem Gesandten mit. Der Kommerzienrat sah ihn verständnislos an. Seine genußgierigen Lippen bewegten sich unaufhaltsam, ohne daß er auch nur einen Laut hervorzubringen vermochte. Felix legte plötzlich beide Hände auf seine Schultern, und indem er seine Augen in die des alten Mannes bohrte, fragte er mit zischender Stimme: »Wollen Sie also helfen?« Da geschah etwas, das Felix nicht erwartet hatte: der alte Mann brach in die Knie, verhüllte sein Gesicht mit den Händen und fing wie ein Kind zu weinen an. In Felix' Seele stieg mit einem Schlage ein Verdacht auf. Er schüttelte den Alten robust. »Lassen Sie die Komödie,« sagte er grob, »Sie sind doch kein Weibsbild. Wollen Sie helfen ... können Sie helfen?« Bär erhob sich schwerfällig. Er sah ängstlich und schüchtern zu seinem jungen Associé empor. »Nämlich,« raunte er, und ohne daß er es beabsichtigte, trat ein verschmitztes Lächeln auf seine Miene, »ich, Felixchen, ich ... wie gesagt ... nämlich ... es ist so ... wahrhaftig ... Sie brauchen die Äugelchen nicht so weit aufzureißen ... ich bin wirklich kaput!« Und sich gleichsam überstürzend, schrie er, »so kaput, daß ich auch nicht einen roten Dreier mehr besitze. Und noch dazu bin ich ganz unschuldig ... seit ... seit ... ja, Felixchen, seit vierzig Jahren sind wir pleite.« Felix meinte einen Besinnungslosen, einen Irren vor sich zu haben. »Lassen Sie die Vertraulichkeit,« sagte er wütend, »nehmen Sie sich lieber zusammen, oder wollen Sie sich mit so faulen Witzen um die Sache herumdrücken?« »Er glaubt mir nicht ... er glaubt mir nicht!« jammerte der Kommerzienrat, und in wirren Worten begann er, Felix aufzuklären. Als dieser endlich begriff, als er sah, daß er keinen Narren vor sich hatte, stieg ein merkwürdiges Gefühl der Beschämung in ihm auf. Von diesem Halunken hatte er sich reinlegen lassen, von diesem Schelm war er genasführt worden. Er war nahe daran, zusammenzubrechen. Alles war gegen ihn, und welch ein Hohn lag darin, Schulter an Schulter mit einem Bankerotteur gearbeitet zu haben. Das war also seine Stütze gewesen. Er blickte mit einem Ausdruck unsäglicher Verachtung auf den Kommerzienrat, der in gekrümmter Haltung wie ein geprügelter Hund vor ihm stand. »Wissen Sie, was Sie sind,« sagte er im Tone tiefster Entrüstung, »ein Lump sind Sie – ein ganz gemeiner Lump!« Der Kommerzienrat lächelte wehleidig, er blickte fast so drein, als ob er eine besondere Schmeichelei vernommen hätte. »Felixchen,« flüsterte er ganz leise, in einem geradezu zärtlichen Ton, »sagen Sie das nicht, Sie sind mein natürlicher Bundesgenosse, täuschen wir uns nicht, die Leute werden von Ihnen, wenn wir nicht klug sind, noch ganz anderes reden. Felixchen, so hören Sie doch nur ... ich ...« Er kam nicht zu Ende, sein Gegenüber sah ihn so gereizt und zornsprühend an, daß er in scheuer Angst einen Schritt zurücktrat. Eine Weile ging Felix mit verschränkten Armen auf und nieder, er kam sich wie in einen Käfig gesperrt vor. Eine ohnmächtige Wut stieg ihm bis zur Kehle empor und würgte ihn. Der Kommerzienrat verfolgte furchtsam und zähneklappernd jede seiner Bewegungen. Einmal blinzelte er nach der Tür und überlegte eine Sekunde, ob es nicht klüger wäre, sich auf- und davonzumachen. Er hatte aber nicht den Mut, sich von der Stelle zu rühren. Plötzlich winselte er: »Am Ende findet sich doch jemand, der uns ...« Er hielt wieder inne. Felix ging dicht an ihm vorüber und riegelte mit einem Male die Tür zu. »Um Gottes willen, Felixchen, was tun Sie,« rief er zitternd, »Sie wollen doch nicht mir altem Manne ...« »Ja, das will ich,« schrie Felix heiser und packte ihn an den Schultern. Der Alte begann konvulsivisch zu schluchzen, »Gerechter Gott ... gerechter Gott ...« stammelte er beständig. »Werden Sie Gott beiseite lassen,« fuhr ihn Felix an. »Gewiß ... gewiß werd ich! Was Sie wollen, werd ich ... nur Mitleid haben Sie!« Felix stieß ihn beiseite. »Wissen Sie,« sagte er, und sein Gesicht spiegelte Abscheu und Ekel wieder, »es kann einem übel werden vor Ihnen.« Dann ließ er sich erschöpft auf dem kleinen, eleganten Divan nieder, verbarg das Gesicht in den Händen und versank in trostloses Grübeln. Aber eine dumpfe Ruhe kam wenigstens über ihn. Und seltsam: allmählich vergaß er alle seine Sorgen, vergaß, daß vor ihm ein dunkler Abgrund war, der ihn aufnehmen mußte, sein Grab, seine letzte Ruhestätte. Es fielen ihm längst vergessene Dinge ein. An seinen dürftigen, scheuen Vater, der so gedrückt und lautlos einhergeschlichen war, mußte er denken und vor allem an Regine, die das Leben so ganz anders auffaßte als er und die übrigen Lerchs. Einen Moment dachte er an die Fabri, aber ein bitterer Geschmack stieg ihm im Munde auf. »Kanaille«, murmelte er vor sich hin. Der Kommerzienrat, der zusammengekauert auf einem Stuhle saß und das Wort aufgefangen hatte, zuckte empor und beruhigte sich erst, wie er sah, daß Felix sich nicht rührte. Der jedoch dachte wieder an Regine, und ein ihm völlig fremdes Sehnen nach der Schwester ergriff ihn. Dann fiel ihm plötzlich Arthur ein, der arme Arthur. Wie würde der das Unglück ertragen. Er sah auf und schrak ordentlich zusammen, als sein Auge auf Bär fiel, der seine geduckte Haltung noch immer nicht geändert hatte. »So ... so, Sie sind noch immer da!« sagte er. Der Kommerzienrat blickte ihn kläglich an. Felix stand auf und strich sich über die niedrige Stirn. »Bin vorhin gegen Sie etwas heftig gewesen!« »O, bitte sehr ... bitte sehr,« entgegnete der Kommerzienrat verbindlich. »Warum haben Sie mich denn gerade reingelegt – gerade mich?« Bär atmete auf. Das war doch ein ganz anderer Ton, in welchem Felix jetzt sprach. »Aber,« erwiderte, er, ohne Felixens Frage zu beachten, »weshalb müssen wir uns denn verloren geben. Wenn wir nun den Prozeß gewinnen ...« »Und wer zahlt uns die Zinsen, wer hält uns bis dahin? Ja, wenn Sie der gewesen wären, für den ich Sie hielt. – Sie hätten einspringen müssen, Sie hätten das Interesse gehabt und wären nicht einmal schlecht dabei gefahren. Aber wer identifiziert sich jetzt mit uns, wer gibt uns die nötigen Millionen? Niemand ... niemand! Alle lachen sich in's Fäustchen, alle ...« »Felixchen,« unterbrach ihn Bär, »ich weiß einen – einen, der das Interesse hat, einen, der hilft!« Felix schüttelte den Kopf. »Unsinn! Niemand hilft!« Der Kommerzienrat erhob sich. Er holte ein seidenes Taschentuch hervor, wischte sich den Schweiß ab, und die Hände in den Bartkoteletten, ging er gerade auf Felix zu. »Wertheim hilft! Wertheim ...« Auf Felix' Züge trat bei diesen Worten eine straffe Spannung, Herr Gott, war er mit Brettern vernagelt, daß ihm Arthurs Schwiegervater nicht eingefallen war. Konnte der Arthur der Schande preisgeben? Ihn würde er, ohne mit der Wimper zu zucken, zugrunde gehen lassen ... aber Arthur – um Arthurs willen, würde er in den sauren Apfel beißen. Und dann, der Mann war intelligent genug, um einzusehen, daß das Ganze noch zu retten war – ja, unter Umständen konnte es seine Eitelkeit reizen, die Sache zur seinigen zu machen, sich als Börsengenie aufzuspielen und Geld und Scharfsinn daran zu setzen, diesen serbischen Banditen das Handwerk zu legen. Aber schon nach kurzem Überlegen wurde er kleinmütig. »Der wird mir Ihre Adresse geben,« sagte er bitter. Der Kommerzienrat blinzelte verschmitzt. »Und wenn schon,« entgegnete er. »Fangen Sie's nur schlau an. Sagen Sie ihm, er soll mit mir Halbpart machen. Hat er dann einmal A gesagt, wird er auch B sagen, um das erste Geld nicht zu verlieren!« »Sie sind doch ein Erz-Spitzbube,« meinte Felix. »Sie schmeicheln,« antwortete Bär heiter, »übrigens,« fügte er hinzu, »wenn man, wie ich, vierzig Jahre im Glashause gesessen, ohne Schaden zu nehmen, dann läßt man nicht so leicht den Kopf hängen. Wissen Sie,« beteuerte er, »es ist mir eine ordentliche Wohltat, daß ich mich endlich mit einem Menschen ausgesprochen habe.« »Ausgesprochen!« wiederholte Felix ganz verdutzt. »Sie sind wirklich ein amüsanter, alter Herr! Aber,« fuhr er fort, »ich hab jetzt keine Zeit mit Ihnen abzurechnen, lohnt vielleicht überhaupt nicht, machen Sie jetzt, daß Sie hinauskommen.« Der Kommerzienrat sah kläglich nach der verschlossenen Tür. Als Felix es merkte, warf er ihm mit einer verächtlichen Bewegung den Schlüssel hin. Der alte Mann bückte sich mühsam und schloß mit zitternder Hand. Zwischen Tür und Riegel steckte er seinen Kopf noch einmal herein und raunte in geheimnisvollem Ton: »Wenn Sie klug sind, so schweigen Sie auch bei Wertheim über meinen Fall.« Alsdann verschwand er eiligst. »Der Hund!« murmelte Felix. »Das gemeinste dabei ist,« dachte er weiter, »daß ich ihn nicht einmal fallen lassen darf.« Müde erhob er sich und ging an's Telephon. »Ist mein Bruder da?« schrie er hinein. »Der gnädige Herr soupiert.« »Rufen Sie ihn augenblicklich!« »Ich weiß nicht, ob ich das –« »Sie Esel Sie,« unterbrach Felix die Stimme grob, »hören Sie denn nicht, daß Felix Lerch zu Ihnen spricht?« »Wollen der gnädige Herr verzeihen ... ich dachte nur ... und einen Moment warten!« Nun erschien Arthur. »Du, ich muß Dich sofort sprechen!« rief Felix. »Hat's nicht noch eine Stunde Zeit, wir sind gerade bei Tisch, mein Schwiegervater ist auch da!« »Desto besser! So komm ich sofort zu Dir. Ich muß Dich aber allein sprechen – sage Wertheim nicht, daß Du mit mir eben geredet hast.« »Was ist denn nur los?« Eine Sekunde zögerte Felix, ehe er mit eigentümlichem Akzent erwiderte: »Es brennt – Du sollst löschen helfen.« »Machste Witze?« »Ist mir noch nie so ernst zumute gewesen! Bin in einer halben Stunde bei Dir Schluß!« Und ohne Arthurs Antwort abzuwarten, klingelte er ab. Nun ging er ins Kontor, holte sich sämtliche Akten bezüglich der serbischen Bahn, packte die Geschäftsbücher zusammen und rechnete mehrere Minuten. Er gab es jedoch bald auf. Mochte Wertheim die Bilanz ziehen, die Bilanz aus der serbischen Bahn, aus den Wellblech-Aktien, und schließlich aus dem Darz-Unternehmen, zu schweigen von allem anderen, was da noch drum und dran hing. Es lag ja alles im Krachen – mochte nun daraus werden, was da wollte. Schwerfällig erhob er sich und langsam zog er sich an. Er war ein anderer. Alle Lebenskraft war dahin, nur eine unsägliche Müdigkeit, ein Widerwille, den er förmlich auf der Zunge spürte, beherrschte ihn. Müde und mürbe stützte er sich auf den Stock. Unten winkte er einer Droschke. Als er eingestiegen war, lehnte er sich matt an das Polster und schloß die Augen. Nach zwanzig Minuten hielt der Wagen vor Arthurs Palais. Der Kutscher mußte vom Bock springen und ihm bedeuten, daß sie an Ort und Stelle wären. Er rieb sich die Augen, er begriff ihn erst gar nicht; dann warf er ihm ein Geldstück zu, wehrte mit der Hand ab, als der Kutscher wechseln wollte. Er zog an der Portalglocke und wankte hinauf, ohne den ehrfurchtsvollen Gruß des Portiers zu beachten. Oben gab er sich einen Ruck, als wollte er so seine schlaffen Lebensgeister wecken. Und während er sich auf die Lippe biß, trat ein stumpfes Rot auf seine quittegelben Züge. Er raffte sich. Nicht wie ein gebrochener Mann, aufrecht wollte er Wertheim gegenübertreten. Er lächelte sehr seltsam. XXIV. In geradezu enthusiastischer Stimmung kehrte Heller heim. Ganz erregt fragte er das Stubenmädchen, ob seine Frau zu Hause wäre. Als ihm diese Frage bejaht wurde, stürzte er, ohne seine Sachen abzulegen, in den Salon, wo Frau Regine am Schreibtisch saß und in alten, vergilbten Papieren sich verträumt hatte. »Denke Dir nur,« rief er, und in diesem Augenblick vergaß er völlig die Spannung, die zwischen ihnen lag, »so denke Dir nur, Helene Berger hat auf ihren Mann einen Mordversuch gemacht!« »Wa ... as?« stieß sie hervor, und ihre Züge verfärbten sich. »Einen Mordversuch!« wiederholte Heller mit gehobener, fast triumphierend klingender Stimme. »Und dieser Person,« fuhr er entrüstet fort, »haben wir Gastfreundschaft gewährt ... dieser ...« Er hielt inne. Eine nervöse Bewegung ihrer Finger machte ihn verstummen. Über ihr bleiches Gesicht zuckte es beständig, und in ihren Augen lag ein trostloser Ausdruck. »Ja ... ja!« meinte Heller, »wer hätte das für möglich gehalten. Aber Gott sei Dank, diese Gemeinheit ist zuschanden geworden – und der saubere Patron dingfest gemacht worden. Nämlich,« unterbrach er sich, »diese niederträchtige Person hatte ihren Bruder, einen halb idiotischen Menschen, angestiftet, der unter dem Bett Berger auflauerte. Natürlich maskiert. Der Schelm dachte durchzubrennen. Nun, Berger ist mit ein paar Schreckschüssen davongekommen. »Und Helene?« fragte sie bebend. »Die!« Heller brach in ein derbes Lachen aus, »simulierte Schlaf. Als man sie aus den Federn riß, weißt Du, was die größte Sorge dieses Frauenzimmers – nimm mir den Ausdruck nicht übel – gewesen ist, als man sie wegführte? Nun, Du rätst es nicht: die Puderquaste! Ist das nicht kostbar?« »Und was kann ihr passieren?« fragte sie tonlos. Er blickte sie scharf an. »Zehn Jahre Zuchthaus ist wohl das Mindeste. Unter Umständen kann sie auch zum Tode verurteilt werden, was weiß ich!« In lautloser Qual hielt sie die Hände vor das Gesicht. Advokat Heller verfolgte mißtrauisch jede ihrer Bewegungen. »Du bemitleidest sie wohl gar!« unterbrach er in gereiztem Ton die Stille, »ich denke, Mitleid verdient hier nur Berger, der um ein Haar sein Leben ...« »Sie hat sich gewehrt,« unterbrach sie ihn dumpf. »Gewehrt, nennst Du das?« »Ja,« antwortete sie fest, »gewehrt! Sie wollte nicht länger Sklavin sein!« »Das sind alles Überspanntheiten,« erwiderte er. »Übrigens, wenn Du wüßtest, was für Geschichten über sie im Schwunge sind. Die Zeitungen deuten nette Dinge an.« Sie sah einen Augenblick mit bitterem Gesichtsausdruck zu ihm empor. »Eine Frau,« sagte sie dann mehr für sich, »eine Frau, die mit solch einem Manne lebt, muß ja schlecht werden.« Heller setzte eine nachdenkliche Miene auf. »Ein vornehmer Mensch ist er nicht, er hat manches auf dem Kerbholz – ist schon richtig! Und leid kann sie einem auch tun. Wo Du hinkommst, spricht man nur davon.« »Wer wird sie verteidigen?« fragte sie leise, »Dörmann?« »Weiß ich's!« »Übrigens,« sagte er, »bei so einer Geschichte ist der Ausgang ein unsicherer. Die Person hat merkwürdig viel Freunde. Und bei der Begriffsverwirrung, die in juristischen Fragen in der Laienwelt herrscht, gibt es sogar Leute, die einen derartigen Mordanschlag glorifizieren: die Täterin als Märtyrerin hinstellen und letzten Endes zu dem wahnsinnigen Schluß gelangen, eine Frau, die mit ihrem Mann nicht glücklich lebt, sei in ihrem guten Recht, wenn sie zu jedem Mittel greift, das ihr zu Gebote steht. Ob man da mit Anstand, Würde und Moral – und was in seinen Konsequenzen noch bedenklicher ist – mit dem Gesetz zusammengerät, ist dieser Sorte von Menschen gleichgültig.« Diese Worte hatte Heller in sonderbar erregtem Tone hervorgestoßen, es lag in ihnen etwas wie Drohung, und Regine verstand ihn wohl. »Es ist ein Glück,« antwortete sie kaum hörbar, indes sie ihm den Rücken wandte, »daß nicht lauter Juristen auf Erden wandeln; daß es neben dem geschriebenen Recht noch ein anderes gibt – ein solches, wonach in der Tat eine Frau das Recht hat, sich von dem Manne loszusagen, mit dem sie nicht leben kann.« Advokat Heller setzte eine sauertöpfige Miene auf. Aber er war keineswegs beleidigt. Es war das erstemal nach langer, Zeit, daß sie wieder zusammenhängende Worte mit einander wechselten. »Wie Du wieder sprichst! So hart, so unversöhnlich. Als ob nicht in jeder Ehe Zwistigkeiten und Mißverständnisse vorkämen. Als ob,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »es nicht denkbar wäre, daß man durch gegenseitigen Einfluß sich abschliffe und schließlich eine Zeit käme, wo solche Gegensätzlichkeit ausgeglichen wäre. Nur wenn ein Teil direkt schlecht ist, hat eine Ehe, denke ich, ihre Daseinsberechtigung eingebüßt. In jedem anderen Falle sollte man es für seine Pflicht halten, an sich zu arbeiten und sich verstehen zu lernen. Das würde ich Selbstzucht nennen!« schloß er feierlich. Sie hatte die Arme verschränkt und ihm ruhig zugehört. »Du sprichst,« entgegnete sie, »in hohen Bibeltönen, und die Worte klingen voll und gut ... Aber,« fuhr sie fort, und ihre Stimme klang auf einmal versöhnlicher und weicher, »sieh in Dich selbst und urteile nüchtern. Ich will Dir keine Vorwürfe machen. Das scheint mir heute verkehrt und ungerecht. Was kannst Du dafür, daß Du so bist, wie Du bist – und daß infolgedessen Dein Wesen zu dem meinen so schlecht stimmt. Ich rede auch nicht mehr von Schuld, wie Du das tust, ich spreche mich nicht von Fehlern frei; denn ich empfinde, daß Dich meine Art herausfordern und reizen muß. Was ich behaupte, ist ja nur, daß wir beide so schlecht wie nur denkbar zusammen passen, und daß es nach meinen Begriffen eine Frivolität ist, unter solchen Verhältnissen bei einander zu bleiben. Wir beide können uns nicht mehr umschaffen – glaube mir das. Das ganze Resultat eines solchen Lebens wäre, daß alles Schlechte in uns emporwüchse, daß wir entweder stumpf und völlig müde oder immer verbittertet, feindseliger und gehässiger gegen einander würden. Und das arme Würmchen käme um seine ganze Jugend, bis es schließlich das alles verstände. Was hättest Du davon? Vielleicht,« endete sie schüchtern, »könnten wir, wenn Zeit und Raum zwischen uns läge, Kameraden werben. Halte mich nicht – gib mich frei.« Heller hatte still zugehört. Dann schritt er wortlos mehrere Male auf und nieder, bis er vor ihr stehen blieb. »Ich kann's nicht! Ich kann's nicht! Deine Liebe ist tot, und deshalb vermagst Du so zu sprechen. Aber ich ... ich wäre verloren. Das ist ein elendes Leben, wie ich es jetzt führe, gewiß – und doch ertrag ich's, bloß weil ich Dich sehe. Ich kann ja ohne Dich nicht sein,« schluchzte er plötzlich, »ich kann es ja nicht. Regine bleibe bei mir. Verlange, was Du willst, nur das nicht. Dein Wort soll in allem gelten, nur bleibe bei mir – hörst Du, bleibe bei mir!« Sie senkte tief den Kopf. Eine feine Scham durchdrang sie. Seine Demut tat ihr weh. Wie ein winselnder Hund dachte sie, wie ein Hund, der gestoßen und gepufft, den Schwanz anzieht – und kläglich herangekrochen kommt. Nun trat er einen Schritt näher und wollte seine Hand auf ihr Haar legen. Da zuckte sie jäh zurück. Er sah sie flehend an. Aber je demütiger er in Haltung und Gebärde wurde, desto härter und kälter fühlte sie sich werden. Sie dachte an all den Gram zurück, und Groll und Bitterkeit stiegen in ihr auf. Heller jedoch wurde immer weicher und verlangender. Und ehe sie sich's versah, ergriff er plötzlich ihr Handgelenk. »Habe keine Furcht!« stieß er bebend hervor, während es über sein Gesicht seltsam leuchtete. »Habe keine Furcht!« wiederholte er noch einmal. Als sie zweifelnd und ungewiß ihn ansah und die Veränderung seiner Züge bemerkte, auf denen eine ihr so fremde Entsagung und Opferfreudigkeit ausgedrückt schienen, da jubelte sie im Stillen auf. Einen Augenblick, einen flüchtigen Augenblick, erfüllte sie der Gedanke, er könnte sie freigeben. »Höre,« sagte er, und senkte scheu den Blick, »tu was Du willst ...« Und mit noch leiserer Stimme fügte er hinzu, »in nichts will ich Dir im Wege sein, nein, in nichts. Nur mit Deiner Nähe will ich mich begnügen – hörst Du, nur damit!« Sie sah ihn mit zweifelnder, verständnisloser Miene an, ohne ihn zu begreifen. »Ich meine,« fuhr er in eigentümlich gedehntem Tone fort, »ich meine, daß ich Deine Beziehungen zu ... zu Gent still ertra...« Mit einem kurzen Schrei riß sie sich von ihm los und stierte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. »Bist Du denn toll?« zischte sie mit todesbleichen Lippen hervor. Dann lachte sie gellend auf. Heller trat der Angstschweiß auf die Stirn. Eine Weile wich er ihren Blicken aus, als dann sein Auge das ihrige traf, las er darin so viel Geringschätzung, daß die Zornesröte ihm bis zu den Haarwurzeln stieg. Er war in grenzenloser Güte bis zur Verleugnung seiner Manneswürde gegangen – und dieses unberechenbare, launenhafte Wesen lohnte ihm das so! In diesem Augenblicke empfand er geradezu Haß gegen sie. »Was willst Du denn eigentlich noch,« stieß er in mühsam verhaltener Wut hervor. »Nur fort von Dir,« antwortete sie eisig. »Du bist toll,« erwiderte er heiser, »eine tolle, überspannte Person, reif für's Narrenhaus. Ja, das bist Du, sieh mich nicht so an,« schrie er gereizt ... »sonst ... sonst geschieht was ... geschieht was!« wiederholte er noch einmal, während er unwillkürlich die Hände ballte und sie drohend anblickte. Sie trat ganz dicht vor ihn hin. »Was geschieht?« fragte sie tonlos. »Willst Du mich schlagen? Schlage mich! Ich wehre mich nicht!« Heller richtete sich empor. Er atmete tief auf. »Dazu bringst Du mich nicht – nein ... nein! Ich weiß, das wäre Dir das liebste! Glaub's schon,« setzte er hinzu, und seine Miene nahm einen boshaften Ausdruck an, »daß Du darauf nur lauerst, aber für so dumm brauchst Du mich nicht zu halten. Ich gebe Dir keinen Scheidungsgrund – nein, da bist Du schief gewickelt. Da mag Dir der saubere Patron – wirst Du mich nicht unterbrechen,« kreischte er wie rasend, »ich werd doch in meinen vier Wänden noch sagen dürfen, was mir paßt – da mag Dir dieser noble Kollege bessere Ratschläge geben, ehe Du mich in die Falle lockst, Du niederträchtige ...« Er hielt mitten in seinem Wutausbruch inne und horchte auf. Schritte näherten sich dem Zimmer; und gleich darauf hörten sie ein wohlbekanntes Pochen: und Advokat Gent stand in der Tür. Beide prallten sie zurück, eine Sekunde unfähig, ihre Verlegenheit zu verbergen. Mit hilfloser Miene beobachtete sie Gent, während er beständig den Zylinder in den Händen drehte. Endlich faßte er sich und stammelte: »Was sagen Sie zu der entsetzlichen Katastrophe bei Bergers?« Heller lachte schrill auf. »Ich,« rief er überlaut, »wundere mich über nichts mehr: Wie in einem Narrenhause kommt man sich vor, wie in einem Narrenhause. Was wollen Sie,« schrie er, »es dauert nicht mehr lange, und die Narren haben die Oberhand und zwingen uns den Glauben auf, daß wir die Verrückten sind. Was lächeln Sie, Herr Kollege? Ich spreche aus Erfahrungen, o ... aus Erfahrungen! Fragen Sie nur diese kleine, charmante Frau da, diese allerliebste Person mit den unschuldigen Taubenaugen. Und jetzt entschuldigen Sie, Kollege, habe nicht einen Augenblick mehr übrig – bitte sehr, keine Ursache zum Dank – tu ich gern ... empfehle mich, meine Herrschaften – adieu, mein Kind!« Und mit verzwickter, unterwürfiger Miene, indem er eine demütige Lakaienhaltung zur Schau trag, verbeugte er sich und verließ eiligst das Zimmer. In tödlicher Verlegenheit ließ er die beiden zurück. Frau Heller schüttelte sich wie im Frost. »Ich bedauere sehr,« sagte sie, »daß Sie der Schlußszene einer kleinen Familientragödie beizuwohnen gezwungen waren. Ich weiß, wie peinlich das ist. Im übrigen,« fuhr sie schnell fort, »komme ich erst jetzt wieder zu mir, um an die ärmste Frau zu denken!« Er nickte mit bekümmerter Miene. »Das Schlimmste dabei ist,« entgegnete er, »daß Berger entschlossen ist, die Unglückselige preiszugeben – und das verwunderlichste, daß der Fall von seiten ihrer Familie einem ganz unfähigen Advokaten übertragen worden ist. Ich war heute bei ihrer Mutter. Die Frau hat mich wie eine Idiotin angesehen. Was das alles noch für Folgen haben wird – gar nicht zu Ende zu denken. Die Alte hat sich das Haar zerzaust und jammert in wirren Lauten. Mit einem Wort, es ist furchtbar!« »Was wird aus den armen Kindern?« Er hob die Achseln empor. »Ich werde zu ihm gehen,« sagte sie in plötzlichem Entschluß ... »ich muß mich vergewissern, ob die Kinder versorgt sind, die armen Kinder! – Glauben Sie mir,« begann sie nach einer kleinen Pause mit trauriger Stimme von neuem, »ihr war nicht zu helfen. Sie konnte sich nicht aus dieser Sumpfluft herausreißen. Was habe ich nicht alles versucht; die Summe, die ich jetzt zu anderem Zweck bestimmt habe, wollte ich ihr zur Verfügung stellen. Mein Gott, ich wollte keine Madonna aus ihr machen, nur die Möglichkeit zu einem anderen Leben wollte ich ihr geben. Sie hat den Kopf geschüttelt und wie ein Kind mir in's Gesicht gelacht. Das Fünffache würde für ihre Bedürfnisse knapp reichen, hat sie geantwortet, und selbst dann könnte sie für nichts, für nichts stehen – mißverstehen Sie mich nicht,« fuhr sie fort, »ich wollte nicht zur Moralistin an ihr werden, das lag mir ferne ... auch verstehe ich solche Naturen durchaus. Aber was ich doch nicht begreife, trotz alledem nicht begreife, ist, daß eine Frau, die Mutter ist, sich ... sich ... mein Gott, wir sind wohl einig ... einer Leidenschaft sich hingegeben – oder wenn man zum Schlage dieser leicht entzündbaren Wesen gehört, die von Leidenschaft zu Leidenschaft den Weg finden – das alles finde ich menschlich und begebe mich jeder Kritik – aber das andere, das andere ... und noch dazu, wenn man unschuldige Kinder hat!« »Es ist das,« sagte er, »die alte Geschichte, wie ein Mensch durch den anderen gemein werden kann. Nach allem, was ich gehört habe, hat dieser Mann sie auf dem Gewissen. Er hat sie systematisch schlecht gemacht. Im übrigen ist das wohl keine so seltene Erscheinung. Nur daß sich hier der Fall besonders scharf zugespitzt hat. Und das kommt daher,« setzte er in unsicherem Ton hinzu, »weil diese Menschen nur noch wie die Bestien zusammenleben.« Er lächelte schüchtern. »Sie sehen mich erstaunt an und warten gewiß, daß ich Ihnen wieder eine meiner beschränkten, asketischen Lehren vortragen werde. Sie dürfen beruhigt sein. Ich weiß, daß in mir wie in jedem anderen die bête humaine lauert – ich bin auch darin lutherisch gesonnen, daß mir nur der an Körper und Geist gesund erscheint, der seinen Sinnen ... nun es ist ja keine Nötigung vorhanden,« unterbrach er sich verlegen, »überdeutlich zu werden, ich meine nur, daß diese Ehen sich so schnell abwirtschaften, weil entweder gar kein Zusammenhang, oder nur ein erotischer vorhanden ist. Das ist der langen Rede kurzer Sinn!« Frau Regine erhob sich. »Ich habe,« begann sie ohne jeden Übergang, »einen Wunsch. Ich möchte mit Ihnen in's Freie. Draußen ist so warmer, weicher Frühling. Das junge Grün lacht einen nur so an! Lassen wir allen Ernst und alle Schwere in der stickigen Zimmerluft – und hinaus in's Freie!« Er hatte ihr, kaum seinen Ohren trauend, zugehört, und eine frohe Erregung weitete seine Brust. Seine kleinen Augen leuchteten, als er ihre Hand drückte und erwiderte: »Wenn Sie wüßten, welch eine Freude Sie mir schaffen!« Sie entgegnete darauf kein Wort; aber sie sah ihn eine flüchtige Weile mit jenen schimmernden Blicken an, in denen sich eine Frau rückhaltlos bekennt. Alles Harte und Verneinende, alles Unversöhnliche löste sich in ihr auf. Sie fühlte, daß seine Art Macht über sie gewonnen, daß von seiner Seele zu der ihrigen unzerreißbare Fäden sich geschlungen hatten. Aber plötzlich überzog sie eine feine Blässe, und unsichtbare Tränen stiegen in ihr auf. Sie wandte sich schnell ab, um ihm ihr Empfinden zu verbergen. Er sollte nichts von der bangen Traurigkeit wahrnehmen, die sie ahnungsvoll durchdrang, von diesem stillen, tiefen Schmerz, den sie allein, ganz mit sich allein niederringen mußte. Sie wußte es, daß die Zeit des Glückes für sie vorüber war, daß sie zu mürbe, zu sehr von Kümmernissen durchsetzt war, um das Recht zu haben, ihn, der erwartungsvoll mit unberührtem Kinderglauben der Zukunft entgegensah, an sich zu fesseln. Denn das war ja das nicht zu stillende Leid ihrer aufblühenden Liebe, daß es nur Entsagung gab. – Rasch verließ sie das Zimmer. Draußen rang sie in stummer Qual die gefalteten Hände, bis das Blut ihr in die Knöchel drang. Dann lächelte sie schmerzhaft. Nein, ihre Liebe war stark genug, um allem Begehren Trotz zu bieten, ihre Liebe würde freudig entsagen. XXV. Als Heller an diesem Abend heimkehrte, trug er eine erschreckend demütige Miene zur Schau. Er sah bleich und verstört aus und nahm keinen Bissen zu sich. Er starrte auf die weiße Fläche des Tellers, und nur zuweilen entrang sich ihm ein stöhnender Laut. Allmählich überkam ihn eine gelinde Schadenfreude. Er sprach sich Mut zu. Sie denken, ich bin ihr Hahnrei; sie denken, ich wüßte nicht alles. Dann schielt er zu Regine hinüber und ist gerührt über seine Demut, die so wollüstig alles erträgt und letzten Endes siegen muß. Eine Art von religiöser Weihe durchdringt ihn: Gott wird ein Einsehen haben, Gott wird seinen Gram von ihm nehmen. Dieser gutmütige Bursche fängt im Stillen mit Gott einen billigen Handel an, verspricht ihm Gläubigkeit und frommen Lebenswandel, wenn – Gott die schöne Gelegenheit benütze, ihm seine Existenz zu offenbaren. Gott müsse ihn verstehen, ohne daß er sein heißestes Gebet laut aussprach, Gott müsse wissen, daß alles in schönster Ordnung war, wenn dieser Gent zufällig das Genick brach, oder durch irgendeine andere dieser kleinen Zufälligkeiten, wie sie sich tagtäglich zutragen, die Himmelfahrt antrat. Wenn sich solches ereignete, niemand würde dem Kollegen ein besseres Andenken bewahren, als er. Er schreckte plötzlich zusammen. Ob die ahnt, was in mir vorgeht, fragte er sich ängstlich. Geräuschvoll legte er Messer und Gabel auf den Teller und hustete laut. Regine rührte sich nicht. »Das Satansweib – das Satansweib!« ächzte er in sich hinein. »Tut, als ob ich bereits unter der Erde wäre. Und ein übermächtiges Gefühl packt ihn, sich an ihr zu vergreifen, sie entweder zu umschlingen und mit heißen Küssen zu bedecken, oder mit Fäusten auf sie loszugehen und sie blutig zu schlagen, bis sie wimmernd und in ihrer Kraft und Bosheit gebrochen, ihm zu Füßen sinken und um Schonung betteln würde. Mit einem Male erhebt er sich und geht langsam und feierlich auf sie los. »Ich will wissen,« sagte er mit unsicherer, zitternder Stimme, indem er sie zwingt, seinen heißen Blicken zu begegnen, »ich will wissen, was findest Du eigentlich an diesem dicken, häßlichen Kerl?« Sie kreuzt die Arme übereinander und mißt ihn mit so kalter, überlegener Ruhe und diesem entsetzlichen Hohn, mit dem eine haßerfüllte Frau den Mann bis zur Besinnungslosigkeit zu reizen vermag, daß er nicht an sich zu halten vermag und mit gellendem Lachen sich auf sie stürzt. »Du Biest ... Du Biest!« stößt er heiser hervor und krallt seine Finger in ihre Arme, daß sie die Zähne in die Lippe gräbt, um nicht laut aufzuschreien. »Mit so 'ner Fleischmasse ... mit so 'nem Schwein sich einzulassen ...« Er will sich bei diesen Worten vor Lachen schütteln, als hätte er ein unbezahlbares bon mot zum besten gegeben. Da macht sie sich mit einem Ruck gewaltsam von ihm los, und den Blick in unsäglicher Scheu zur Erde wendend, will sie hinaus. Aber gerade zwischen Tür und Angel fühlt sie auf einmal, wie ihr die Sinne schwinden, und sie zu Boden sinkt. Eine Sekunde starrt Heller bewußtlos in ihr vom Blute überströmtes Gesicht, starrt er auf die Scherben der Meißener Porzellanschüssel, die er nach seinem Opfer so treffsicher geschleudert hat. Dann schleicht er auf sie zu, und knirschend trägt er sie hinaus. XXVI. Die Konferenz mit Bankier Wertheim hatte drei volle Stunden gedauert. Als Felix die Lage der Firma offen bekannt und Wertheim erklärt hatte, daß von seiner Entscheidung die Rettung des Hauses Lerch \& Co. abhinge, hatte der Bankier den Kneifer abgenommen und Felix mit einer so höhnenden Miene angesehen, daß ihm das Blut zu Kopf gestiegen war. Dann hatte er mit heiserer Stimme hervorgestoßen: »Wenn wir ein anständiges Begräbnis zustande bringen, wirst Du wohl auch zufrieden sein. Ich denk gar nicht daran, Dir in Deinen Plötzensee-Ideen Vorschub zu leisten.« Felix hatte die Zähne aufeinandergebissen und geschwiegen. Arthur aber war tief verletzt dicht an seinen Schwiegervater herangetreten. Bevor er jedoch noch den Mund auftun konnte, schnitt ihm dieser das Wort ab. »Du brauchst mir gar nichts zu erzählen,« ranzte er ihn an, »gar nichts, dadurch wird die Geschichte nicht um ein Jota anders!« Nach dieser kurzen Replique hatte er mit Felix gerechnet, unaufhörlich gerechnet. Nicht ein Wort zu viel würde gesprochen, nur Zahlen, nichts als Zahlen würden von den beiden Geschäftsleuten gemurmelt. Arthur ging unterdes mit schlotternden Knieen in seine Wohnung zurück. Nur von Zeit zu Zeit steckte er sein schreckensbleiches Gesicht in die Tür, um sofort wieder lautlos zu verschwinden. Als die Bilanz endlich gezogen war, erhob sich Bankier Wertheim. Er sprach kein Wort, aber er sah Felix mit so verächtlich mitleidigem Blicke an, daß dieser die letzte, klägliche Hoffnung aufgab. »Ich komme in einer halben Stunde wieder, dann werde ich Dir meine Meinung sagen.« Und mit kaum merklichem Nicken wandte er sich zur Tür. Dort stieß er auf Arthur, der wortlos an ihm vorüberging. »Spielst Dich wohl gar noch als beleidigt auf,« redete er seinen Schwiegersohn an und stieß ein kurzes Lachen aus. Dann fixierte er Arthur eine Sekunde scharf und entfernte sich kopfschüttelnd. Als die Brüder allein waren, sagte Felix, indem er zu Arthur scheu und traurig emporsah: »Der hilft nicht. Du wirst es sehen!« In das fette Gesicht Arthurs trat bei diesen Worten jener blöde Ausdruck, wie er sich beschränkter Menschen so oft bemächtigt, wenn sie sich einer Gefahr gegenübergestellt sehen. »Er muß ja!« stammelte er endlich. »Für den gibt es kein Muß, der ist aus hartem Holz!« »Und was dann?« fragte Arthur leise. Felix: »Darüber wollte ich gerade mit Dir reden. Komm, setz Dich zu mir und hör mich ruhig an. Nämlich,« begann er in einem seltsam schüchternen Tone, indes er wie zufällig Arthurs Hand zwischen die seinige nahm, »soviel ist Dir wohl klar, daß ich nicht weiter leben kann, oder soll ich etwa als Pfuschmakler auf der Börse herumlaufen; ganz abgesehen davon, daß man mir die Börse überhaupt verschließt. Nein, sprich gar nichts. Ich bin unten durch. Ich bin fertig. Und weißt Du, ich nehm's nicht einmal schwer – ich gehe viel lieber freiwillig, als daß ich mich lynchen lasse. Aber mit Dir steht es ganz anders. Deine Existenz ist durch Wertheim gedeckt. Er wird schon für Dich sorgen – und die Leute werden mit Recht Dich in Schutz nehmen, denn was kannst Du schließlich dafür, daß meine Spekulationen mißglückt sind? Darum meine ich, sollst Du vernünftig sein und nicht den Mut verlieren. Gewiß wirst Du anfangs zu leiden haben – aber schließlich vergißt sich alles. Und Dörmann wird Dich schon vor Gericht herausreißen, darum bin ich nicht bange – er hat es ja auch leicht, nachdem ich mich selbst ... Also den Kopf in die Höhe,« schloß er, »und ruhig Blut!« Nun sah er fragend Arthur an, um dessen Mund ein trübes Lächeln spielte. Aber in diesem Augenblicke hörten sie das Geräusch schwerer Schritte, und unmittelbar darauf trat Bankier Wertheim ein. »Was soll ich Euch hinhalten,« sagte er kurz, während er nervös mit seinem Kneifer spielte, »es gibt ja gar kein Überlegen. Um Euch nur über Wasser zu halten, müßte ich rund sechs Millionen, das ist über die Hälfte meines Vermögens, flüssig machen. Aber selbst damit ist Euch nicht einmal geholfen. Absolut nicht. Denn da ihr auf die Dauer die versprochenen Zinsen doch nicht zahlen könnt, fallen die Serben in jedem Fall rapid, und ehe Ihr mit der Regierung da unten Euch geeinigt habt – wenn es dazu überhaupt kommt – ist das ganze Unternehmen ruiniert. Die Sache kann nur noch von den großen Banken gehalten werden. Na – und Eure andern Unternehmungen, oder richtiger gesagt, Chloroformgeschäfte, darüber wollen wir lieber still hinweggehen. Mit einem Wort: ich bin nicht der Narr, in einen Topf, der ein Loch hat, Wasser zu gießen. Könnt Ihr mir nicht verdenken. Wie die Dinge liegen, bleibt Euch gar nichts anders übrig, als einfach zu liquidieren. Und ich rate Euch, das schnell zu tun, bevor der Staatsanwalt seine Nase hineinsteckt. Man sagt, Staatsanwälte haben feine Nasen! – Und mit Dir möchte ich allein sprechen,« wandte er sich an Arthur. Felix, der beinah gelangweilt zugehört hatte, wollte sich jetzt mit ironischer Miene verabschieden. Aber Arthur bat ihn so dringend, nur ein paar Minuten auf ihn zu warten, daß er mit dem Kopfe nickend nachgab. Er trat an das Fenster und klopfte mit den Fingern taktmäßig an die Scheiben. Das ist die Trauermusik, die ich mir selber aufspiele, dachte er. Er empfand es als eine unverdiente Wohltat, daß nun alles für ihn klar und in schönster Ordnung dalag, daß es kein Schwanken und kein Besinnen mehr gab. Er freute sich seiner Ruhe. Keine Gewissensbisse quälten ihn mehr. Die Schlacht war verloren – aber er blieb Herr des Plans, bis zu dem letzten Augenblicke, wo er es selbst für gut befand, mit einer eleganten Verbeugung vor dem Sechsläufer, die Zähne hart aufeinander gepreßt, diese Zeitlichkeit zu segnen. Er fühlte sich ordentlich erfrischt von diesem Gedanken. Keine sentimentalen Empfindungen mehr, keine wehleidigen Regungen, keine Abschiedsunbehagen! Er dachte flüchtig an Bär. Dieser wimmernde Schuft, dieser klägliche Esel! ... Was lag an diesem ganzen Plunder! Warum hingen die Menschen wie die Kletten an diesem Dasein selbst dann noch, wenn es ihnen nichts als Elend und Gram brachte? Wunderliche Welt! Armseliges Bettelvolk, das nicht die Kraft fand, reinen Tisch zu machen, das ängstlich lauerte, bis der Schwarze herangehinkt kam, um es mit grinsender Fratze hinwegzufegen. XXVII. Es war spät in der Nacht. Im Privatkontor von Felix Lerch herrschte reges Leben. Ein paar Lohndiener hatten den Geschäftsraum zu einem eleganten Speisesaal umgewandelt und waren eben im Begriff, die schweren, silbernen Leuchter zu entzünden, als Arthur und Felix eintraten. Die Diener verbeugten sich ehrfurchtsvoll und nahmen ihnen die Sachen ab. Die beiden Herren waren in elegantem Gesellschaftsanzug. Arthurs Gesicht schien seltsam aufgedunsen, in seinen sonst so müden Augen flackerte es unstät. Ein beständiges, unveränderliches Lächeln umspielte seinen aufgeworfenen Mund. Felix' Züge dagegen waren straff und gespannt. Nach einem flüchtigen Blick auf die Tafel und das im Hintergrunde aufgestellte kalte Büfett, auf dem die erlesensten Delikatessen ruhten, winkte Arthur mit müder Bewegung den Lakaien, die sofort verschwanden und in Eiskübeln den Wein hereintrugen. »Sie können jetzt gehen,« sagte Arthur leise zu den Dienern, »oder halt,« fügte er hinzu, »öffnen Sie erst eine Flasche!« Der eine der Livrierten gehorchte stumm. Der Pfropfen flog beinah geräuschlos in die Höhe, und einige Tropfen des edlen Naß spritzten empor. Die Brüder hielten die feingeschliffenen Gläser einen Augenblick an das flackernde Licht der Kerzen und sahen sich bedeutsam an, dann stießen sie, nachdem die Diener lautlos davongeschlichen, die Gläser zusammen. Sie sprachen kein Wort. Ihre bleichen Gesichter spiegelten jedoch ihre innere Erregung wieder. In der tiefen Stille der Nacht, die nur durch dieses flirrende, scheue Licht Leben erhielt, hörten sie beide ihren unruhigen Atem und das bewegte Schlagen ihrer Herzen. Wie auf ein inneres Zeichen gossen sie plötzlich den Wein hinunter, füllten sich von neuem die Gläser, um wiederum schweigend zu trinken und sich die letzte Sorge zu brechen. Ein schwaches Rot trat auf ihre Züge, und ein Zittern ging mit einem Male durch Arthurs Körper, und ein rührender Ausdruck trat auf seine Miene. Ganz unvermittelt beugte er sich tief herab, ergriff die Hand von Felix und bedeckte sie, ehe dieser es hindern konnte, mit bebenden Küssen, indes er leise schluchzte. »Du ... Du ...« stammelte Felix verwirrt. Aber auch ihn ergriff eine weiche, hingebende Stimmung; wie ein Kind nahm er den Zwillingsbruder in die Arme und drückte ihn an sich. In diesem Augenblick durchdrang ihn ein feierliches Gefühl, eine nie gekannte Frömmigkeit, eine geheimnisvolle Wehmut, eine scheue Angst. Lange hielt er ihn umschlungen, als könnte er diesem absonderlichen Empfinden nicht entsagen. Ihm wurde seltsam zumute, ihm ahnte, daß er zum ersten Male einen tiefen Blick in das Innerste seines Wesens getan und an das Geheimnis seines Ichs, das bange Rätsel alles Menschlichen überhaupt, flüchtig gerührt hätte. Es kreuzten sich in ihm tausend unlösbare Fragen, unzählige Erinnerungen. Alles Dunkle in ihm ward hell, und er fühlte sich weit und hoch emporgehoben und frei und leicht. Längst entschwundener Kinderglaube und eine ihm kaum bewußt werdende Erinnerung an süße Ammenlieder schufen ihm eine feine Wollust, ließen ein Sehnen in ihm erwachen, das er im Leben nie gekannt hatte. »Du,« sagte er plötzlich mit weicher Stimme, indem er sich gewaltsam aus dieser fremden Welt der Träume losriß, »geh nicht mit mir, höre noch einmal auf mich.« Da sah ihn Arthur so trostlos, so verzweifelt an und umklammerte so ängstlich seine Hand, daß Felix den Blick von ihm wandte und kein Wort mehr sprach. Nach einer langen Weile sprach Felix mehr zu sich: »Die Mutter dauert mich.« Er drehte sich wieder zu Arthur um, der, als fröstelte es ihn, zusammenzuckte. Ein letztes Mal stießen sie an mit Steinberger Kabinet, älteste Auslese, auf das Wohl der Mutter. Von den Speisen rührten sie nichts an. Dann sah Felix den Bruder durchdringend in die schreckerfüllten, weit hervorquellenden Augen, verband sie ihm jählings mit einem seidenen Tüchelchen, schob den Riegel der Tür vor, und ohne zu zucken mit starrer Miene erlöste er den in Todesfurcht Bebenden. Noch einmal warf er sich über ihn und küßte, während ein kalter Schweiß ihm aus der Stirn drang, die bleiche Stirn des lebenslustigen Tölpels. Und nun preßte er die Lippen fest aufeinander, betastete noch eine Sekunde das Pistolet – und mit einer entschlossenen Bewegung nahm er vom Leben Abschied. Es war ein Sterben nicht ohne Feierlichkeit nach einem Leben, das einer Farce geglichen. XXVIII. »Liebe Regine! Nach der entsetzlichen Katastrophe wirst Du vielleicht zu dem Einsehen kommen, daß es nicht ganz ohne Wert für Dich ist, einen Mann zur Seite zu haben, der Dich mit seinem ehrlichen Namen deckt und schützt. Ich vergesse alles, was zwischen uns vorgekommen ist, ich verlange nur, daß Du eine Andere wirst und mir den Respekt entgegenbringst, den ich wohl beanspruchen darf. Solltest Du auch jetzt noch keine Neigung in Dir spüren, mir dieses »Opfer« zu bringen, so bin ich allerdings der Meinung, daß es das beste ist, wenn wir uns trennen. Die Bedingungen, unter denen dies zu geschehen hat, werde ich Dir dann mitteilen. Auf Deine Einsicht vertrauend Rechtsanwalt Heller.«   »Verehrteste Frau, in dem Gefühl, daß Sie jetzt vielleicht mehr denn je eines Freundes bedürfen, finde ich den Mut, diese Worte an Sie zu richten. Es liegt mir fern, meine Empfindungen Ihnen aufzudrängen, nur versichern möchte ich Ihnen, daß Sie jede Stunde über mich verfügen dürfen, und daß ich es als ein namenloses Glück auffassen würde, meine Kräfte in Ihren Dienst stellen zu können. Mit treuen Grüßen Ihr Ihnen tief ergebener Gent.« Als sie diese letzten Zeilen gelesen, glitt es wie Sonnenschein über ihre ernsten Mienen. Sie hielt die blasse Hand an ihr pochendes Herz, und blickte in's Weite. Aus ihren Augen perlten Tränen. In ihr war Sehnsucht nach Ruhe. Aber auch Frieden und Erfüllung waren in ihr. An Heller schrieb sie nur Folgendes: »Ich trete meine Reise an und wünsche Dir nur Gutes für Dein künftiges Leben. Ich will nichts als das Kind. Regina« Dann griff sie wieder zur Feder, um Gent zu antworten. Sie bebte leise. Und einen Augenblick trat ein unsäglicher Schmerz auf ihr Gesicht und verklärte es wunderbar. Sie schrieb: »Die Erfüllung meines Lebens waren Sie. Sie lehrten mich das Glück. Nicht im Tode kann ich das vergessen, Sie treuer, Sie lieber Mensch. Sie werden es verstehen, wenn ich von Ihnen gehe, weil Sie ahnen müssen, was es mich kostet. Ich will nur noch meinem Kinde leben und der Erinnerung an Sie. Bewahren Sie ein gütiges Gedenken Ihrer Regine.« Eine kurze Weile saß sie wie gebrochen da. Ein leises Schluchzen entrang sich ihr. Dann erhob sie sich schwer und mühselig. An den Türpfosten klammerte sie sich fest. Endlich raffte sie sich auf und rief mit verhaltener Stimme das Fritzel. Das Fritzel trippelte ängstlich heran und blickte scheu zur Mutter. Die hob es empor und schloß es in ihre Arme.