Römische Mythologie von L. Preller.     Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. (K. Reimer.) 1858.     Der Universität Jena bei ihrer dritten Secularfeier gewidmet.   Inhalt. Einleitung. Die Religion der Römer neigte mehr zum Cultus als zur Mythologie Es fehlte an einem nationalen Epos Die stammverwandten Völker des alten Italiens Latium und die Latiner Die Etrusker und die Griechen Die Epochen der römischen Religionsgeschichte Die Quellen Die römische Mythologie seit Niebuhr Erster Abschnitt. Theologische Grundlage. Die Götter Die Genien, Laren, Penaten, Manen Die Semonen und Indigeten Dienende Gottheiten Zweiter Abschnitt. Zur Geschichte des römischen Cultus. Die Periode des Faunus Der Gottesdienst des Numa Die Neuerungen der Tarquinier und ihre Folgen Anhang . Der Kalender Dritter Abschnitt. Die himmlischen und die herrschenden Götter. Ianus Iupiter Anhang . Summanus Diespiter und das Institut der Fetialen Fides Terminus Der Nagel in der cella Iovis Iuventas Diiovis und Veiovis Iupiter Anxur Apollo Soranus Iuno Minerva Apollo Diana Mater Matuta Sol Luna und die Gestirne Winde und Stürme Vierter Abschnitt. Mars und sein Kreis. Mars Quirinus Picus und Picumnus und Pilumnus Faunus und Fauna Silvanus Maia und Bona Dea Carmenta oder Carmentis Vitula oder Vitellia Vacuna Angitia, Circe, Marica Pales Ruminus und Rumina Anhang . Die Sühnungen und Weihungen im Dienste des Mars und der verwandten Götter Fünfter Abschnitt. Venus und verwandte Götter. Feronia Flora Venus Priapus Vertumnus und Pomona Sechster Abschnitt. Gottheiten der Erde und des Ackerbaus. Tellumo, Tellus, Ceres Agrarische Feste Saturnus und Ops Consus Acca Larentia und Dea Dia Angerona Ceres, Liber, Libera Die Große Mutter vom Ida Siebenter Abschnitt. Unterwelt und Todtendienst. Die Unterwelt und ihre Götter Die Devotion Die Ludi Tarentini und Seculares Die ludi Taurii Bestattungsgebräuche und Todtenfeier Der Cultus der Laren Die Larven und Lemuren Achter Abschnitt. Die Götter des flüssigen Elements. Neptunus Die Quellen und Flüsse Neunter Abschnitt. Die Götter des feurigen Elements. Volcanus Vesta und die Penaten Zehnter Abschnitt. Schicksal und Leben. Fortuna Der Cultus der Genien Die Götter der Indigitamenta Andre Götter und Personificationen des praktischen Lebens Handel und Wandel Mercurius Heilgötter Strenia Salus Carna oder Cardea Febris Aesculapius Sieges-, Kriegs- und Friedensgötter Victoria Bellona Pavor und Pallor Honos und Virtus Pax Freiheits-, Glücks- und Segensgötter Libertas Spes Felicitas Bonus Eventus Annona Virtutes Concordia Pietas Pudicitia Mens Aequitas Clementia Providentia Eilfter Abschnitt. Halbgötter und Heroen. Semo Sancus oder Dius Fidius Sabinische Sagentrümmer Hercules Castor und Pollux Diomedes, Ulysses, Telephus Aeneas, Antenor Sagentrümmer von Alba Longa und den übrigen Latinern Die Ursprünge Roms Dea Roma Zwölfter Abschnitt. Die letzten Anstrengungen des Heidenthums. Symptome des Verfalls der römischen Staatsreligion Die Unterdrückung der Bacchanalien im J. 186 v. Chr. Die apokryphischen Bücher des Numa im J. 181 v. Chr. Aegyptische Sacra Isis und Serapis Neue Sacra aus Phrygien und Cappadocien Die asiatische Bellona Die Märzfeier der Magna Mater und des Attis Die Weihe der Taurobolien und Kriobolien Syrische und Punische Gottesdienste Dea Syria Maiuma Deus Sol Elagabal Iupiter O. M. Heliopolitanus Iupiter O. M. Dolichenus Iuno Caelestis Sol Invictus und die persischen Mithrasmysterien Astrologie und Magie Der Kaisercultus Anhang Der römische Kalender Register Einleitung. 1. Die Religion der Römer neigte mehr zum Cultus als zur Mythologie. Wer von der Beschäftigung mit der griechischen Mythologie zu der mit der römischen übergeht, dem kann es nicht lange verborgen bleiben, daß er es nicht allein mit einer ganz andern, sondern auch in mehr als einer Hinsicht viel weniger günstigen Aufgabe zu thun hat. Zunächst kann von einer eigenthümlichen römischen Mythologie d. h. von einer solchen, die auf älteren italischen Traditionen beruhte, überhaupt nur in einem gewissen Sinne die Rede sein, sofern man nehmlich bei diesem Worte auch wohl an die polytheistischen Göttersysteme überhaupt, nicht an einen durch Sage und Dichtung soweit wie die griechische, indische, persische, deutsche und scandinavische Mythologie ausgeführten Complex von Bildern und bildlichen Erzählungen denkt. Die älteste Grundlage dieses römischen und italischen Götterglaubens ist ohne Zweifel dieselbe einfache Naturreligion gewesen, deren Grundzüge wir bei allen Völkern des indogermanischen Sprachstamms wiederfinden: aber sowohl die ursprüngliche Gemüthsrichtung, wie sie die Geschichte eines jeden Volkes bedingt, als die äußern Umstände derselben müssen bei der Bevölkerung des alten Italiens wesentlich andre gewesen sein als namentlich bei ihren nächsten Anverwandten, den Griechen. Bei diesen war eine sehr erregbare Sinnlichkeit und eine eben so lebhafte Einbildungskraft die vorherrschende Anlage, ein natürlicher Zug zum Schönen und zum Bedeutsamen, welcher ihre religiösen Vorstellungen zu einer eben so reichhaltigen als in ästhetischer Hinsicht vollendeten Mythologie und zu einem entsprechenden Gottesdienste angeleitet hat. Auch sind sie in ihrem 2 vielgestaltigen, recht in die Mitte des Völkerverkehres auf dem mittelländischen Meere hineingeschobenen Lande sehr früh in Verbindungen, Kämpfe und Abenteuer verwickelt worden, die ihrem beweglichen Wesen entsprechend auch ihre Vorstellungen und Erinnerungen mit vielen neuen Bildern und Thatsachen befruchtet haben. Die italischen Altvordern der Römer dagegen sind, so viel wir wissen, von jeher weit weniger beweglich, in ihren Ansiedelungen und Gewöhnungen weit heharrlicher gewesen, offenbar weil sie ernsteren und beharrlicheren Sinnes und von einer Gemüthsart waren, welche sie mehr zur Beobachtung und Bewältigung der realen Lebensverhältnisse als zu einer idealen Auffassung derselben antrieb: daher wir sie auch in allen Sachen des Glaubens weit mehr zum Cultus und zur Religiosität als zur Mythologie und zur Aesthetik aufgelegt finden. Ich verstehe dabei dieses uns von den Römern überlieferte Wort Religion und Religiosität in demselben Sinne, in welchem es auch die alten Schriftsteller gewöhnlich gebrauchen, in dem Sinne einer strengen Gewissenhaftigkeit und peinlich genauen Ausübung heiliger Gebräuche, durch welche man sich der Gunst oder des Rathes der Götter zu versichern glaubte, ohne daß man sich deshalb um das Wesen und die Natur dieser Götter viel mehr als soweit es die praktischen Lebensbedürfnisse mit sich brachten bekümmerte; vielmehr es liegt in der natürlichen Art einer solchen Frömmigkeit, daß man die Namen, das Geschlecht, die persönlichen Eigenschaften der Götter lieber im Unklaren ließ als in deren Bestimmung, also in der Individualisirung der Götter zu weit ging. Dieses mußte von selbst zu einem sehr ins Einzelne ausgebildeten, aber immer streng ritualen Gottesdienste führen, zu vielen genau formulirten Opfern, Gebeten und Sühnungen, vielen Arten der künstlichen Divination, sammt andern Observanzen und Cerimonien des öffentlichen und privaten Lebens. Aber einer mythologischen Entwicklung konnte eine solche Religiosität unmöglich förderlich sein, wie sich der italische Götterglaube denn offenbar in dieser Hinsicht von den einfachen Bildern und Gedanken jener ältesten Naturreligion, die wir als Gemeingut der Völker des indogermanischen Sprachstamms annehmen dürfen, weit weniger entfernt hatte als der der Griechen. Es kommt hinzu daß auch das Leben der italischen Bevölkerung, soweit wir nach ihrer Religion und nach andern Merkmalen darüber urtheilen können, weit länger ein einfaches, zurückgezogenes und continentales geblieben ist: ein Leben in den innern Bergen und Thälern des mittlern Italiens, 3 wo diese Völker meist mit Viehzucht, Ackerbau und Weinbau beschäftigt waren und mehr in offenen Weilern, Dörfern und einzelnen Gehöften lebten als in Städten. Namentlich können sie weder die Wunder noch die Abenteuer des Meeres gekannt haben, da in dieser Hinsicht selbst das römische Göttersystem bis zur Einführung der griechischen Götter merkwürdig lückenhaft geblieben ist; eben so wenig aber auch einen lebhafteren Handelsverkehr und so manche Erfindungen und Früchte der Civilisation, welche ihnen erst durch den Verkehr mit Etruskern und Griechen zugeführt worden sind. Auch darf man bei einer solchen religiösen Gemüthsrichtung ein vorzügliches Gewicht des geistlichen und priesterlichen Standes annehmen, welcher dieses Volk in der strengen Zucht vieler gottesdienstlicher Uebungen und Beobachtungen auf den späteren welthistorischen Beruf des römischen Staates und des römischen Rechtes vorbereitet haben wird. Selbst die vielen Kriege, von denen wir hören und welche wir wegen der allgemeinen Verehrung des Mars annehmen müssen, können dieses große Gewicht des priesterlichen Standes nicht gebrochen haben, da wir noch in der geschichtlichen Zeit in verschiedenen Gegenden und namentlich in der sabinischen Vorzeit Roms die deutlichen Merkmale davon wiederfinden. 2. Es fehlte an einem nationalen Epos. Eben deshalb dürfen wir unmöglich ein nationales Epos in dem alten Italien annehmen, wie man es hin und wieder wohl angenommen, aber bei reiflicher Ueberlegung doch allgemein wieder aufgegeben hat. Schon die große Dürftigkeit der römischen Mythologie kann zum Beweise dienen, daß es ein solches Epos nie gegeben hat. Wo ist hier die Spur einer eigenthümlichen Sagenbildung und Sagenpoesie im Sinne der Ilias und Odyssee? Wo die Spur einer Kosmogonie im Sinne der Hesiodischen oder der Edda? Da es doch an alten Kriegen und Eroberungen, also an Anlässen wenigstens zu einer italischen Ilias nicht gefehlt hat und der Gottesdienst des Janus deutlich lehrt, daß die religiöse Vorstellung sich mit kosmogonischen Fragen allerdings beschäftigt hat. Nicht einmal Helden im epischen Sinne des Wortes scheint das alte Italien gekannt zu haben, sondern höchstens streitende Genien des Lichts, geheimnißvoll wirkende Dämonen des stillen Waldgeheimnisses und wohlthätige alte Könige, welche wie Saturnus und Faunus in der frommen Urzeit regierten, dann aber ein für allemal in die 4 Unsichtbarkeit der Berge oder der Flüsse entrückt wurden; dahingegen die wirklich epischen Gestalten und Namen, Hercules und die Castoren, Ulysses und Diomedes und der fromme Aeneas durchweg von den Griechen entlehnt sind. Man könnte sagen, daß in dem früheren italischen Alterthum vielleicht Manches der Art vorhanden gewesen sein möchte, was später aus Mangel an Litteratur und in Folge frühzeitigen Verlustes der nationalen Freiheit wieder verloren gegangen sei. Aber sollten wirklich Cato und Varro, die eifrigen und patriotischen Forscher, sollte Virgil, dem so viel daran lag ein nationales Heldengedicht für Rom und Latium zu schaffen, trotz alles Suchens nur so wenig gefunden haben, wenn früher bedeutend mehr vorhanden gewesen wäre? Ich möchte den alten Bewohnern Italiens deshalb keineswegs jede Anlage zur Poesie und volksthümlichen Tradition absprechen. Auch bei ihren nationalen Festen und Versammlungen mag manches alte Wort von Mund zu Mund gegangen, in ihren Heiligthümern manches Denkmal der Vorzeit gepflegt, beim festlichen Mahle und bei allen heiteren Veranlassungen manches Lied gesungen sein: wo wäre ein Volk ganz ohne Lieder und ohne Sagen? Nur werden diese immer weit mehr geschichtlichen oder idyllischen und mährchenhaften Inhalts gewesen sein als epischen d. h. eines solchen, wo Götter und Helden die handelnden Personen sind: und vollends an eine Entwickelung des weltlichen Gesanges im Ganzen und Großen, wie sie bei den Griechen frühzeitig eingetreten ist, wozu ganz vornehmlich eine Emancipation der Dichtung von dem Einflusse der Priester und der positiven Religion erfordert wird, an solche Aöden, wie sie uns in den Homerischen Gedichten entgegen treten, ist ganz gewiß nicht zu denken. Vielmehr weiß die Vorzeit Italiens nur von singenden Faunen und Nymphen, orakelnden Propheten und zaubernden Frauen zu erzählen, und die lateinische Sprache hat kein eignes Wort für Gedicht und Dichter in dem Sinne wie es jene griechischen Professionisten des weltlichen Gesanges gewesen sind. Auch ist es charakteristisch genug daß die römischen Camenen, in denen die späteren römischen Dichter die griechischen Musen wiedererkennen wollten, nach der älteren Volkssage wohl den alten Priesterkönig Numa zu seinem Werke begeisterten, aber keinen italischen Orpheus, keinen Musäos: und in einer andern Wendung, daß nach sabinischer Sage die Laren dem berühmten Augur Atta Navius, da er als Knabe in einem Weinberge eingeschlafen war, die Erfindung seiner Kunst eingaben, damit er ein verlornes Stück seiner Heerde 5 wiederfinde, während nach griechischer Sage Dionysos dem Aeschylos in gleicher Lage die Tragödiendichtung eingab. Eben so wenig wußte das alte Italien von einem kunstreichen Metrum und von kunstreicher Instrumentalmusik, womit der epische Gesang hätte begleitet werden können. Sondern Alles ist schlicht und einfach und kunstlos geblieben, und vollends bei allen öffentlichen Functionen der Religion hat immer nur die priesterliche Formel und das liturgische Gebet gegolten, nicht die bewegtere Gemüthsstimmung des festlichen Gesanges, den die Römer erst von den Griechen lernten. Ueberall sind die Wunder der Natur und des Lebens wohl ein Anlaß zu Opfern und Weissagungen, in denen der Priester und Seher sie zum Frommen des gemeinen Wesens technisch und praktisch ausbeutet, aber nirgends begegnet man jenem poetischen Drange des Herzens und der Einbildungskraft, welcher in die Anschauung und das Gefühl für diese Wunder versenkt Religion und Geschichte mit den idealen Gestalten der Dichtung belebt hätte. 3. Die stammverwandten Völker des alten Italiens. Wie dem nun sei, jedenfalls müssen wir uns auf alle Weise bemühen, unsre Aufgabe nicht blos als eine römische, sondern als eine allgemein italische aufzufassen, d. h. aus den engen Grenzen der Stadt Rom und der römischen Stadtchronik herauszukommen und das freie Feld und jene Berge und Landschaften zu gewinnen, zwischen denen ihre latinischen und sabinischen Altvordern ihre religiösen Vorstellungen empfangen und ausgebildet haben. Freilich ist uns auch dieses viel schwerer gemacht als in Griechenland, wo die vielstimmige Ueberlieferung der verschiedenen Stämme, Städte und Landschaften auch die Darstellung und Belebung der Mythologie außerordentlich erleichtert, ja der Stoff des örtlich Mannichfaltigen sich einem eher zu reichlich als zu spärlich darbietet; dahingegen in Italien Rom nicht allein allen übrigen Völkern und Staaten gegenüber das Feld behauptet hat, sondern auch in ihrer aller Namen und zwar immer auf ächt römische Weise d. h. in der Sprache des Siegers und Beherrschers das Wort führt. Indessen ist es doch auch so, namentlich mit Hülfe der monumentalen Ueberlieferungen und der ausgezeichneten linguistischen und antiquarischen Untersuchungen, zu welchen diese Reste neuerdings Veranlassung gegeben haben, noch immer möglich, von den meisten Göttern des einheimischen römischen Glaubens ihren Ursprung 6 und ihre Ausbreitung bei jenen Stammvölkern nachzuweisen: auf welchem Wege also das Römische aufhört etwas blos Römisches zu sein, vielmehr als der fortlebende Trieb eines älteren Volksthums erscheint, welches wir sogar in vielen Fällen noch weiter, nehmlich bis zu seiner organischen Verzweigung mit dem Glauben und der Sprache der andern verwandten Völker verfolgen können. Um so nothwendiger ist es gleich hier den ganzen geographischen und ethnographischen Complex dieser altitalischen, den Römern näher oder entfernter verwandten Bevölkerung ins Auge zu fassen. Ihre nächsten Verwandten waren bekanntlich die Latiner , von welchen die Römer ihre Sprache bekommen haben und mit denen sie auch die meisten Götter und Sagen gemein hatten, daher wir oft auf sie zurückkommen werden. Hier sei nur bemerkt, daß sie selbst als Volk sich von sogenannten Aboriginern d. h. mythischen Ursprungsmenschen ableiteten, die in der Gegend von Reate ansässig gewesen und von dort durch die Sabiner vertrieben sein sollen; worauf sie sich am Anio abwärts nach Tibur und Latium gezogen und hier die ältere Bevölkerung der Sikeler vertrieben haben wollten, welche letztere von Italien nach Sicilien übersiedelnd dieser Insel den Namen gab. Seitdem bewohnten die Latiner das nach ihnen benannte Latium in vielen meist verbündeten Städten, welche früher in Alba Longa, später in Rom ihre Hauptstadt, im Jupiter Latiar ihren Bundesgott verehrten, und einen eigenthümlichen, von den übrigen italischen Stammsprachen verschiedenen Dialekt redeten, denselben, welcher später durch die Macht und Bildung der Römer zur lateinischen Litteratursprache geworden ist. Die südlichen Nachbarn der Latiner waren die Volsker , die Verwandten und Nachbarn der Aurunker und Ausoner, welche letztere den älteren Griechen am besten bekannt waren. Das eigenthümlichste Kernvolk der Mitte waren dagegen die Sabiner , welche nächst den Latinern am meisten Einfluß auf den Glauben und die Sitte der Römer ausgeübt haben. Für ihren ältesten Wohnsitz galt die Hochebne von Amiternum am obern Laufe des Aternus, wo der göttliche Sancus ihr erster König gewesen war und sein Sohn Sabus, nach welchem sich der Stamm nannte, sie zuerst den Acker bauen und die Rebe pflanzen gelehrt hatte. Viele kleinere Völker sind von derselben Gegend ausgegangen: die Picenter , indem sie über das Hochgebirge an das adriatische Meer von Ancona bis Hadria rückten, die Vestiner und Marruciner , welche sich zu beiden Seiten des untern Aternus an 7 demselben Meere ausgebreitet hatten, die Peligner , welche sich in der schönen Ebne von Corfinium behaupteten, endlich die tapfern Marser , welche sich rings um den Fuciner See angesiedelt hatten. Der alte Hauptstamm der Sabiner aber hatte sich im Laufe der Jahre immer weiter nach Westen bis in die Gegend von Rom hinabgezogen, indem sie von Amiternum aus sich zunächst der Gegend von Reate bemächtigten und darauf den Latinern nachrückend bis an den obern Anio und den Tiber vordrangen, wo sie in Cures, der zweiten Metropole Roms, einen neuen Mittelpunkt ihres Stammlebens gewonnen hatten. Nördlich von den Sabinern war der Apennin und seine Abhänge nach beiden Seiten von den Umbrern bewohnt, deren Gebiet bis nach Ariminum und an den Rubicon reichte und durch den obern Lauf des Tiber bei Perugia und Cortona von Etrurien geschieden wurden. Einst hatten sie auch Cortona und einen großen Theil von Etrurien besessen; ja es waren auch nach ihrem Abzuge aus diesem Lande große Haufen von ihnen als abhängige Bevölkerung zurückgeblieben, so daß von ihnen die häufigen Spuren eines altitalischen Stammlebens abgeleitet werden dürfen, welche sich unter den sonst nicht zu der indigenen Bevölkerung Italiens gehörigen Etruskern nachweisen lassen. Bei den römischen Geschichtsschreibern galten die Umbrer für das älteste Volk von Italien; jedenfalls mögen sie als nördlichstes Glied seiner Kernbevölkerung auch ihre Sitze und die angestammte Art am längsten behauptet haben. Südlich von den Sabinern und jenen kleineren Stämmen sabinischer Abkunft wohnten die ihnen gleichfalls verwandten Samniter Samnites (Σαυνῖται) ist = Sabnites oder Sabinites, vgl. Varro l. l. VII, 29, Samnites a Sabinis orti. Da die Samniter oskisch redeten, so muß auch die Sprache der Sabiner der oskischen nahe verwandt gewesen sein, vgl. Varro l. l. VII, 28 cascum significat vetus: eius origo Sabina, quae usque radices in Oscam linguam egit. Die Verwandtschaft der Umbrer mit den Sabinern erhellt aus Dionys. H. II, 49. , ein mächtiges Volk, welches in vier Cantone getheilt das centrale Hochland des südlichen Italiens inne hatte und von dort sowohl Apulien als Campanien bedrohte. Von ihnen sind wieder westlich die Campaner , südlich die Lucaner ausgegangen, von diesen zuletzt die Bruttier , die drei südlichsten Zweige dieser italischen Stammbevölkerung, welche die in diesen Gegenden angesiedelten Etrusker und Griechen unterwarfen, aber dafür auch auf die ausländische Sitte und Bildung am meisten eingingen. Daß diese Völker alle, von örtlicher und 8 Stammeszersplitterung abgesehen, in den Grundzügen dieselbe Sprache, denselben Glauben, dieselben Sitten hatten, diese Erkenntniß ist eines der wichtigsten Resultate der neueren Sprach- und Alterthumsforschung, welche die Kunst der Linguistik, eine der anziehendsten Wissenschaften unsrer Zeit, auch auf die Reste der umbrischen und oskischen Sprache mit lohnendem Erfolge angewendet hat. Was den Götterglauben dieser Völker betrifft, so führt auch hier die Forschung zu demselben Resultate, indem man überall denselben mythologischen Grundbegriffen und gewissen Göttern begegnet, welche dem gesammten Italien in demselben Sinne gemein waren, wie Zeus, Hera, Athena, Apollo, Artemis u. s. w. die Götter von ganz Griechenland waren. Namentlich gehören dahin Jupiter, Juno und Minerva, die höchsten himmlischen Götter, der Wald-, Frühlings- und Kriegsgott Mars mit seiner gleichartigen Umgebung der Faune und Silvane und verwandten weiblichen Göttinnen, eine innige Verehrung der Elementarkräfte des Wassers und des Feuers, der Sonne und des Mondes, des nährenden Erdbodens und der Verstorbnen, endlich vieler örtlichen Geister und Genien, auch gewisser Frucht- und Schicksalsgöttinnen, welche sich zugleich durch Zauber, begeisterte Weissagung und Orakel offenbarten. Auch scheint, wie gesagt, das Vorherrschen des ritualen und priesterlichen Elements im Gottesdienste, die Scheu vor der mythologischen Versinnlichung der Götter, der Mangel an poetischer und epischer Anlage allen diesen Völkern angestammt und gleich eigenthümlich gewesen zu sein. 4. Latium und die Latiner. Die Latiner sind nicht allein die nächsten Verwandten der Römer, sondern sie sind auch zwei Jahrhunderte lang ihre engen Verbündete gewesen und in älterer Zeit durch massenhafte Uebersiedelung nach Rom, später durch Geschlechtsverbindung, Einwanderung und unablässigen Verkehr dergestalt mit ihnen verschmolzen, daß beide von jeher als ein und dasselbe Volk angesehen wurden. Auch die Sage und die Geschichte der Latiner durchkreuzt sich beständig mit der römischen, welche eine geraume Zeit hindurch nur einen besondern Abschnitt der Geschichte des latinischen Namens überhaupt gebildet haben mag. Bei dem frühen Verfall des latinischen Bundes ist nur das Eine gewiß geblieben, daß Alba Longa die Urheberin und das erste Haupt dieses Bundes gewesen, welcher aus ihren eignen 9 Colonieen und andern Städten latinischer Nation bestand; übrigens ist diese alte Hauptstadt so früh zerstört worden, daß sich bei den ohnehin bald in ganz andrer Richtung beschäftigten Römern nur ein sehr ungewisses Andenken von ihr erhalten hatte. Ueber ihr erhob sich der Mons Albanus, über welchem noch später Jupiter Latiar als höchster Gott und unsichtbares Oberhaupt von ganz Latium gefeiert wurde; unter ihr befand sich im schattigen Haine bei Marino das Heiligthum und die Quelle der Ferentina, wo der latinische Bund seine Versammlungen hielt. In seiner Nachbarschaft waren dem Meere näher die wichtigsten Städte Aricia und Lanuvium, deren Gebiet sich bei Velitrae und Corioli mit dem der Volsker berührte: Aricia durch seinen Dienst der Diana in dem stillen Winkel am See von Nemi berühmt und in älterer Zeit eine Hut des wichtigen Passes nach Süden, durch welchen später die Appische Straße nach Terracina und Campanien führte, Lanuvium nicht weniger angesehen wegen seiner Juno Sospita. Von Lanuvium gelangt man in wenigen Stunden ans Meer und nach Ardea, der durch die Aeneassage so berühmt gewordenen Burg und Stadt der Rutuler, während weiter abwärts an der Küste das in der älteren römischen Geschichte so oft als Seestadt genannte Antium schon wieder den Volskern gehörte, welche sich von allen diesen verwandten Völkern am meisten auf der See versucht haben. Denn die Latiner selbst hatten das Meer nur an der kurzen und die Schiffahrt auch in alter Zeit wenig begünstigenden Strecke zwischen Ardea und der Tibermündung gewonnen, wo sich mit den letzten Resten des latinischen Bundes, Laurentum und Lavinium, auch die latinische Sage von den alten Königen Picus, Faunus und Latinus und der Cultus der Bundes-Penaten am längsten behauptet hat. Landeinwärts von Alba Longa war die nächste Stadt von Bedeutung das alte und feste Tusculum, ehedem eine der mächtigsten Städte des Bundes, später oft von den Aequern bedrängt und deshalb den Römern gefügig. An diese Aequer, einen andern verwandten Stamm, grenzte auch das am meisten landeinwärts gelegene Präneste, eine eben so feste als rüstige Stadt, deren Götter und deren Bürger es am längsten mit den römischen aufgenommen haben, während seine Priester mehr als einen Rest alter unvermischter Sage bis auf die Zeiten des Cato bewahren konnten. Auf halbem Wege von dort nach Rom lag das später ganz verfallene Gabii, welches einst gleichfalls von Rom gefürchtet wurde und in alter Zeit ein Mittelpunkt priesterlicher Auguraldisciplin gewesen war. Endlich noch höher hinauf am Anio, wo dieser 10 aus den Bergen der Sabiner hervortritt, das schöne Tibur, eine der ersten Eroberungen der latinischen Aboriginer, berühmt durch seine Wasserfälle und seine weissagende Nymphe Albunea, seinen Hain des Tiburnus und seinen alten Dienst des Hercules. Vielfach bedroht von den benachbarten Etruskern, Sabinern, Aequern und Volskern, vermochten sich diese Städte zu behaupten, so lange sie einig waren und keine unter ihnen zu mächtig wurde. Auf den Vorstand von Alba Longa folgte der von Rom, welches seit den Tarquiniern an der Spitze des Bundes stand und die schnelle Zunahme seiner Macht ohne Zweifel weit mehr als die römische Geschichte es gestehen mag diesem Bunde verdankt. Selbst in den späteren Zeiten rühmten sich viele der ausgezeichnetsten und tüchtigsten Geschlechter in Rom ihres latinischen Ursprungs, daher das von solchen Familien geprägte Silbergeld der Republik nicht selten auf die Culte, die Sagen, die alten Zeiten von Latium zurückweist. 5. Die Etrusker und die Griechen. Haben wir somit unsern Gesichtskreis über den ganzen Zusammenhang der mit Rom verwandten Völker erweitert, so können wir doch auch bei diesen nicht stehen bleiben, so wenig die Religion der Römer bei den ersten und angestammten Ueberlieferungen der Vorzeit stehen geblieben ist. Sobald nehmlich der römische Staat in den Kreis der Culturstaaten eintrat, empfing er natürlich auch von diesen gewisse Elemente der Cultur, wie sie sich einstweilen im Verkehre mit den Völkern des Orients und den Griechen abgeschlossen hatte und zur Civilisation der Zeit nothwendig gehörte: worüber sich nicht allein sein geistiges Leben und der Zustand seiner Sitten, sondern auch sein religiöses Leben und sein Götterglaube in vielen wesentlichen Punkten verändert hat. So wurden anstatt des bilderlosen Cultus, welcher bis dahin möglich geblieben war, jetzt Bilder und Tempel eingeführt, an die Seite der einheimischen Priester und Seher traten andre und ausländische, an die Seite der einheimischen Götter die lebensvollen und höheren Bedürfnissen der Bildung entsprechenden Gestalten des griechischen Apollo, der Castoren, des Handelsgottes Mercurius, der Ceres mit ihren beiden jüngeren Nebenfiguren; ja selbst die einheimischen Götter wurden jetzt andre Götter, Götter von höherem politischen und weltlichem Anspruch, da sie früher bei den einfacheren 11 Zuständen ihrer Nation auch selbst so viel einfacher, patriarchalischer und geistlicher gewesen waren. Eine überaus wichtige Veränderung, welche gleichfalls keineswegs blos Rom angeht, sondern bei vielen andern Mitgliedern der stammverwandten italischen Bevölkerung gleichfalls und wohl noch früher als in Rom eingetreten war, namentlich bei allen denjenigen, welche sich von den centralen Stammsitzen der alten nationalen Heimath und Gewöhnung entfernt und der westlichen und südlichen Küste genähert hatten, also den Latinern, den Volskern und vorzüglich den oskisch redenden Völkern, namentlich ihren südlichsten Gliedern. Die Culturstaaten aber, mit denen diese Stämme bei solcher Erweiterung in Berührung kamen, sind die der Etrusker und der in Italien und Sicilien ansässigen Griechen: blühende und mächtige Staaten, welche jenen Völkern an Bildung bei weitem überlegen waren und dabei einen lebhaften Verkehr mit den Mittelpunkten der damaligen Cultur in Griechenland, Kleinasien und dem Orient unterhielten. Ueber die Etrusker sind wir freilich in gewissen Hauptpunkten, namentlich was ihr nationales Herkommen betrifft, noch immer sehr im Unklaren; so lange nicht der Schlüssel zu ihrer Sprache gefunden ist, muß diese Frage ungelöst bleiben. Aber gewiß ist, daß sie vor den Römern bei weitem das mächtigste Volk in Italien waren, da sie von dem jetzigen Toskana und dem Kirchenstaate bis zum Tiber aus, wo sie die Umbrer in das Gebirge zurückgedrängt hatten, nicht allein über Bologna in die Lombardei eingedrungen waren und sich derselben bis zur Pomündung bemächtigt hatten, sondern eine Zeitlang auch die Küste der Latiner und der Volsker beherrschten, ja mitten in Campanien zu Capua einen Mittelpunkt ihrer südlichen Macht gegründet hatten S. außer der Hauptstelle bei Livius V, 33 besonders Servius V. A. XI, 567, wo Excerpte aus Cato zu Grunde liegen. . Ueberdies beherrschten sie beide Meere von Italien, das obere und das untere, welche nach ihnen das tyrrhenische und das adriatische genannt wurden. Auch haben sie mit den centralen Gegenden des mittelländischen Meeres und mit Kleinasien in so lebhafter Verbindung gestanden, daß bei ihnen selbst und bei den Griechen die Tradition entstehen konnte, ihre Abstammung sei in Lydien zu suchen, während ihre Gräber durch das was man in ihnen gefunden hat auf eben so lebhafte Handelsverbindungen mit den Phöniciern hinweisen, welche sich hin und wieder sogar in eigenen Ansiedelungen 12 unter ihnen niedergelassen hatten S. J. Olshausen über phönicische Ortsnamen außerhalb des semitischen Sprachgebiets, Rh. Mus. f. Phil. N. F. VIII, 3 S. 332 ff. . Dann aber sind auch sie und nicht weniger mächtig als die andre Bevölkerung Italiens von dem Zauber der griechischen Bildung und Mythologie ergriffen worden, welche von der Vorsehung dazu bestimmt war, eine allgemeine Ausgleichung der verschiedenen Göttersysteme und eine gewisse kosmopolitische Gemeinschaft der ästhetischen und poetischen Anschauung des Alterthums herbeizuführen. Ganze Reihen der griechischen Götter und der griechischen Heroen findet man in Etrurien wieder, vor allen Apollo, Herakles und die Helden des troischen Sagenkreises und der Tragödie; und zwar muß diese griechische Bildung in Etrurien eine alte gewesen sein, da Caere so gut wie die lydischen Könige zu Delphi, dem Mittelpunkte des griechischen Apollodienstes, ein eignes Magazin für seine Weihgeschenke unterhielt und die Ueberlieferung von der Uebersiedelung des Demarat von Korinth nach Tarquinii zur Zeit des Tyrannen Kypselos ohne eine gleichzeitige Verbindung nicht hätte entstehen können. Auch sind in den Gräbern von Vulci, von Caere, von Veji, von Cortona unter so vielen Tausenden von gemalten Vasen griechischer Fabrik viele des älteren und ältesten Stils gefunden worden. Obwohl mit diesem Anfluge der griechischen Mythologie so wenig als bei den Römern und bei den übrigen Italikern der ganze Inhalt ihrer Religion erschöpft ist; vielmehr hatten auch sie einen eignen und älteren Götterglauben, dessen nationale Herkunft leider wie die Sprache noch immer dunkel ist, welcher aber in vielen und wesentlichen Punkten, wie wir oft zu zeigen Gelegenheit haben werden, dem der übrigen italischen Völker verwandt gewesen sein muß. Auch findet sich bei den Etruskern derselbe einseitige Hang zur Cerimonie und zur priesterlichen Disciplin, welche bei ihrer frühen Bildung bei ihnen sogar weiter gediehen war als irgendwo sonst in Italien. Ihre wichtigsten Städte waren längs der Grenze der Umbrer und am obern Tiber Arretium, Cortona und Perusia, unter denen sich namentlich Cortona, früher eine Stadt der Umbrer, durch das Alterthum seiner Erinnerungen auszeichnete. In der fruchtbaren Niederung am Trasimenischen See herrschte das durch Porsenna und sein Grabmal berühmte Clusium, am Lago di Bolsena das glänzende Volsinii, in der Gegend des Berges Soracte Falerii, dessen Bevölkerung die Alten 13 genau genommen nicht für Etrusker, sondern für einen eignen Stamm gehalten wissen wollten (Strabo V. p. 226); und wirklich deutet was wir von seinen Culten und Sagen wissen mehr auf Umbrer oder Sabiner als auf die eigentlichen Etrusker. In der nächsten Nachbarschaft von Rom gebot Veji, die hartnäckige Nebenbuhlerin seiner früheren Jahre, welche während ihrer Blüthe nicht allein Roms Verkehr mit dem Norden und auf dem Tiberstrome beherrschte, sondern selbst diesseits des Tiber, in der nächsten Nähe von Rom, an Fidenä eine immer zum Abfall vom latinischen Bunde und zur Fehde mit Rom aufgelegte Bundesgenossin hatte. Nächst dem war Caere in der Gegend von Cervetri die nächste Nachbarin Roms und der Latiner, welche in den wenigen Sagen aus alter Zeit, die sich erhalten hatten, viel von einer schweren Tyrannei des Königs von Caere Mezentius erzählten und sammt den Volskern eine Zeitlang von Caere aus durch die Etrusker beherrscht gewesen sein mögen. Zugleich gehört diese Stadt schon zu der glänzenden Reihe der etruskischen See- und Handelsstädte, welche vom Tiber bis zum Arno in mäßigen Entfernungen von einander unweit der Küste lagen und von ihren Häfen aus weit und breit mit dem mittelländischen Meere verkehrten. So hatte Caere seinen eignen Hafen und sein Emporium zu Pyrgi, Tarquinii zu Graviscä, die alte in der Gegend von Corneto gelegene Metropole der etruskischen Divination und priesterlichen Wissenschaft, zugleich die Stadt wo die bei den Etruskern verbreitete Sage von einer Einwanderung lydischer Herakliden eigentlich zu Hause war. Weiter hinauf bei Ponte della Badia lag Vulci, der Fundort der meisten Vasen: dann folgte Vetulonia mit dem Hafen Telamon und noch weiter hinauf Rusellä, diese beiden schon mitten in der Maremma, welche damals das ganze Jahr hindurch bewohnt werden konnte. In den nördlicheren Gegenden und bis zum Arno herrschte Volaterrä mit den beiden Häfen Luna und Populonia, welches letztere zugleich die metallischen Reichthümer der Insel Elba ausbeutete. Endlich in der Marsch am untern Arno lag schon damals ein etruskisches, aber gleichfalls früh hellenisirtes Pisa, in derselben Gegend wo im Mittelalter die Stadt gleiches Namens ihre Schiffe so weit nach dem Osten aussendete. In allen diesen Städten hatte sich neben dem Handel und der Industrie eine nicht geringe Pracht des Adels und der Könige, eine vielfach durch Aberglauben entstellte Wissenschaft der Priester und ein eben so superstitiöser als glänzender Gottesdienst entwickelt, welcher sich in vielen 14 Opfern, Tempeln und Tempelbildern, feierlichen Prozessionen und häufigen Spielen, circensischen und scenischen gefiel. Natürlich konnte es, als die Etrusker mit dem Gewichte einer solchen Bildung den übrigen Völkern Italiens bekannt wurden, nicht fehlen daß diese in vielen Stücken zuerst von ihnen civilisirt wurden; obwohl die neuere Forschung überzeugend nachgewiesen hat, daß wenigstens Rom und die Latiner die Elemente ihrer feineren Bildung weit mehr den Griechen Italiens und Siciliens als den Etruskern verdanken. Doch bleibt es eine wichtige Thatsache daß auch Rom den äußerlichen Prunk sowohl seiner Könige als seiner Götter von den Etruskern empfing, wie denn namentlich die Architectur der römischen Tempel und die Technik der Tempelbilder längere Zeit in den Händen etruskischer Künstler geblieben ist, welche von den griechischen erst allmälich verdrängt wurden. Auch haben die Römer eine gewisse religiöse Technik die Städte zu gründen, die Grenzen zu bestimmen, das Lager abzustecken u. s. w. immer von den Etruskern abgeleitet. Endlich ist die Divination der Römer durch sie mit einem ganz neuen Zweige der Weissagekunst und der religiösen Sühne bereichert worden, nehmlich mit der sogenannten Haruspicin, welche gewöhnlich sogar von eingebornen Etruskern in Rom geübt wurde, höchstens ausnahmsweise von solchen Römern, die sich in den etruskischen Priesterschulen in dieser Kunst hatten unterweisen lassen. Es ist dieses die Technik der Eingeweideschau, der Blitzsühne, der Auslegung aller außerordentlichen, also einen besondern Rath und Willen der Götter vorbedeutenden Naturwunder, vorzüglich der himmlischen Erscheinungen und des Blitzes und Donners: welche Wissenschaft bei den Etruskern schon deshalb besonders weit gediehen war, weil ihr Land und ihr Klima an Naturwundern und außerordentlichen Erscheinungen des Himmels besonders reich war und den Göttern bei ihnen mehr Opferthiere geschlachtet wurden als irgendwo sonst. Viel wichtiger als der Einfluß dieses Volks wurde indessen der der Griechen, vollends auf die Dauer, da sich zuletzt das römische Wesen mit dem griechischen dergestalt durchdrungen hatte, daß die Römer sich mehr geschmeichelt fühlten, wenn man sie Abkömmlinge der Griechen nannte, als wenn man ihnen von den Sabinern des T. Tatius und den zusammengelaufenen Bürgern des Romulus erzählte. Die Anfänge dieses griechischen Einflusses fallen bekanntlich in die Zeit der Tarquinier, und zwar ist gleich damals, wie Cicero sich ausdrückt, der 15 Zufluß eine recht breite und volle Strömung gewesen Cic. de Rep. II, 19, 34 Influxit enim non tenuis quidam e Graecia riculus in hanc urbem, sed abundantissimus amnis illarum disciplinarum et artium . . Auch konnte er von verschiedenen Seiten zugleich andringen, da auch die Etrusker damals der griechischen Bildung schon sehr ergeben waren und überdies Verbindungen sowohl mit den wichtigsten Handelsstaaten im eigentlichen Griechenland als mit denen in Campanien, Großgriechenland und Sicilien bestanden. Gewiß ist, daß man damals von dem mittleren Italien aus mit Korinth und den korinthischen Colonieen am ionischen und adriatischen Meer, mit Delphi und mit Aegina verkehrte, welches letztere eine eigne Colonie in Umbrien angelegt haben soll; ja die Phokäer sollen auf ihrem Wege nach Massilia unter Servius Tullius Rom berührt und damals jene Freundschaft begründet haben, welche später so lange vorhielt. Strabo VIII p. 376, Justin XLIII, 3, vgl. Böckh metrol. Unters. S. 208. Aber weit mehr als diese entfernteren Staaten wirkte ohne Zweifel die größere Nähe der griechischen Bildung in Campanien, Sicilien und dem südlichen Italien. Vorzüglich muß dabei der nächste griechische Staat in der Gegend von Neapel interessiren, noch dazu die älteste aller griechischen Colonieen in Italien, deren Geschichte nur leider auch sehr wenig bekannt ist. Es war dieses Cumae auf einer noch jetzt durch viele Ruinen über und unter der Erde sehr merkwürdigen Stätte, von welcher aus diese meist aus Euböa stammenden Griechen auch Dikäarchia, das spätere Puteoli, und Neapel gegründet hatten. Beide haben ihre Mutterstadt überflügelt, weil ihre Lage immer eine sehr günstige geblieben ist, während die von Cumä nur so lange günstig genannt werden konnte, als der breite Giirtel von Sanddünen nicht existirte, welcher sich allmälich vor der ganzen westlichen Küste Italiens gelegt und die meisten alten Häfen verstopft hat. In alter Zeit aber war Cumä eine außerordentlich blühende Stadt, vorzüglich zur Zeit der Tarquinier und in den früheren Generationen der Republik, aus welcher Zeit auch wenigstens ein größeres Bruchstück seiner Geschichte vorliegt, b. Dion.Hal. VII, 3–11. Eben so gewiß ist es, daß Cumä eine der wichtigsten Quellen des hellenisirenden Einflusses gewesen ist, der sich allmälich über die oskisch redenden Völker und über die Volsker und Latiner verbreitete, welchen letzteren die Cumaner 16 unter ihrem Tyrannen Aristodemos sogar bei Aricia ihre Freiheit in dem Kriege mit Porsenna gerettet haben. Was die Gottesdienste dieser Stadt betrifft, so fassen wir im voraus vorzüglich den Apollo von Cumä ins Auge, welcher als alter Stammgott von der griechischen Heimath her seinen Tempel auf der Burg über dem Meere hatte, unter welcher die Gänge und Schluchten sich wölbten und landeinwärts hinzogen, welche durch Virgils Schilderungen von der Weissagung der Cumanischen Sibylle und die Fabel von den Kimmeriern so berühmt geworden sind. Neben Apoll dürfen wir den Meeresgott Poseidon und den Handelsgott Hermes in der See- und Handelsstadt, die Acker- und Fruchtgottheiten Demeter mit ihrem Mädchen und Dionysos in der mit einem fruchtbaren Gebiete gesegneten und durch seinen Todtendienst am Averner See berühmten Stadt mit Sicherheit voraussetzen, lauter Götter welche in Rom unter den ältesten griechischen Eingang fanden: unter den Heroen Herakles, von dem die ganze Umgegend von Cumä viel zu erzählen wußte, und Ulysses, dessen Abenteuer, namentlich die bei der Circe und Unterwelt, an dieser Küste gleichfalls seit alter Zeit erzählt wurden, so daß wir auch die in Italien bis Latium und Rom so weit verbreitete und fest gewurzelte Sage von diesen beiden Helden am natürlichsten aus dieser Quelle ableiten werden. Ja es ist, wie wir weiterhin sehen werden, höchst wahrscheinlich, daß selbst die älteste Sagengeschichte von Rom und Latium, die vom Evander und Cacus, von Hercules und seinen Rindern, vom Ulysses und seinen Söhnen zuerst in Cumä oder doch unter dem Einfluß einer Cumanischen Chronik redigirt worden ist. Denn auch nachdem Cumä von den Campanern erobert worden war und somit ein griechischer Freistaat zu sein aufhörte Nach Diodor XII, 76 im J. 326 d. St. (428 v. Chr.), nach Liv. IV, 44 im J. 334 (420 v. Chr.). Wenn bei Justin XX, 1 die Falisci , Nolani und Abellani Colonisten der Chalcidenser genannt werden, so können unter diesen nur die in Cumä angesiedelten verstanden werden. Bei den Faliskern ist an eine Niederlassung in der Gegend des M. Massicus zu denken, vgl.Virg. Aen. VII, 724; wo Halaesus, der Stammvater der Falisci, in dieser Gegend zu Hause ist. , wird darum die griechische Bildung keineswegs aufgehört, vielmehr die oskisch redenden Völker jetzt erst recht ergriffen haben, da selbst in den weit späteren Zeiten der römischen Kaiser, nachdem Cumä und Neapel längst zu römischen Colonieen, Puteoli zu dem wichtigsten Emporium in ganz Italien geworden war, die griechische Bildung in Neapel und der 17 ganzen Gegend die vorherrschende war. Außer diesen nächsten Nachbarn von Latium und Samnium aber werden wir auch auf die übrigen griechischen Städte in Großgriechenland und Sicilien wohl zu achten haben, in jenem vorzüglich auf Tarent , welches vermöge seiner Lage allerdings zunächst nur für die Hellenisirung Apuliens verantwortlich gemacht werden kann, bei seiner lange anhaltenden Blüthe aber auch der griechischen Sitte und griechischen Bildung überhaupt, z. B. dem Theater und der pythagoreischen Philosophie am längsten eine Stütze bot und in dieser Beziehung seit den Zeiten der Samniterkriege und des Königs Pyrrhus auch auf das mittlere Italien und auf Rom und die Römer manchen Einfluß gewonnen hatte. 6. Die Epochen der römischen Religionsgeschichte. So hat sich unsre Aufgabe von selbst zu einer eben sowohl culturhistorischen als im engeren Sinne des Worts mythologischen gestaltet, und wir werden diese Auffassung ferner festhalten müssen, da wir es überall nur mit der Religion einer einzelnen Stadt zu thun haben, welche zwar in vielen Punkten als Miniaturbild des alten Italiens überhaupt gelten kann, aber doch noch weit mehr in politischer und culturgeschichtlicher als in religiöser Hinsicht von Bedeutung ist; wie sie sich denn auch im weiteren Verlaufe ihrer Geschichte bis auf die Entwickelung des Staates und Rechtes immer weit mehr receptiv für die verschiedenartigsten Einflüsse als productiv und in einer festen Richtung eigenthümlich gezeigt hat. So ist namentlich die Religion der Römer je länger desto mehr zu einem Aggregate der verschiedenartigsten Göttersysteme und Cultusformen geworden, da seit dem zweiten punischen Kriege neben den griechischen Göttern auch schon die Große Idäische Mutter aus Phrygien Eingang fand und weiterhin die hellenistischen, ägyptischen und syrischen Religionen nach Rom und von Rom aus weiter im Westen vorgedrungen sind: eine im Zusammenhange der Culturgeschichte so wichtige Thatsache, daß wir auch diese Bewegungen in unsre Darstellung aufnehmen zu müssen glaubten. Um so nothwendiger ist es gleich im voraus den ganzen Verlauf der römischen Religionsgeschichte ins Auge zu fassen und nach gewissen Epochen übersichtlich abzutheilen, zu welchem Behufe wir am besten folgende Zeitabschnitte unterscheiden werden. Die erste 18 Periode ist die welche mit den Anfängen des römischen Staates ein für allemal den wesentlich italischen Grund gelegt hat. Und zwar lassen sich der bekannten Entstehung des römischen Staats gemäß deutlich zwei verschiedene Elemente unterscheiden, ein latinisches und ein sabinisches. Das latinische ist durch den angeblich arkadischen Evander, welcher in Wahrheit der latinische Faunus ist, und durch die sogenannte Gesetzgebung des Romulus vertreten, das sabinische durch die beiden Könige aus Cures, T. Tatius und Numa Pompilius. Faßt man die Culte des Palatium, wo Evander sich niederläßt und Romulus seine Stadt gründet, näher ins Auge, so erkennt man darin noch recht deutlich jenen alterthümlichen und elementaren Character des italischen Stammlebens: ein Leben der Hirten und Bauern, welche den Faunus Lupercus und die Fauna verehren, die Hirtengöttin Pales, die der Ceres entsprechende Dea Dia, den Saturnus des goldnen Zeitalters und neben ihm die gütige Erdmutter: daher auch die Römer, wenn sie auf die Anfänge ihrer Stadt zurückblickten, dieselbe immer für eine Gründung der Hirten hielten. Selbst der palatinische Mars wird noch vorzugsweise der altitalische Stammgott des Waldlebens und des Frühlings gewesen sein, und der Hercules der Ara Maxima, wo der ältere latinische Kern von dem griechischen Namen und der Geryonssage wohl zu unterscheiden ist, ein streitbarer Genius der Fülle und des Segens, welcher als triumphirender Besieger einer finstern Naturgewalt am Fuße des Palatin sich niederließ und dort fortan mit seinen Römern am liebsten schmauste und zechte. Auch die Stiftungen der Culte des Jupiter Stator und des Jupiter Feretrius deuten wohl auf kriegerische Erfolge, aber noch nicht auf politische Selbständigkeit. Vielmehr ist Rom erst durch die Sabiner zu einem eignen und selbständigen Staate geworden, zwar auch immer noch erst zu einem mehr patriarchalischen und theokratischen als in eigentlichem Sinne des Worts politischen, aber doch zu einem solchen, welcher mit seinem festen Kerne strenger und heiliger Ordnungen die Anlage zu der bedeutendsten Zukunft in sich trug. Auch die Götter und die religiösen Stiftungen dieser Zeit waren ein mächtiger Fortschritt auf der Bahn dieser Zukunft; zwar können sie nicht alle für wesentlich und ausschließlich sabinisch gelten, aber die Geschichte, welche sie entweder dem T. Tatius oder dem Numa zuschreibt, will doch sagen, daß sie erst seit der Niederlassung der Sabiner in Rom verehrt wurden. Da ist jetzt Jupiter, der lichte, der reine, der heilige, dessen Priesterthum auch der Person des Numa die 19 höchste Weihe gab Liv. 1, 20 quamquam ipse plurima sacra obibat, ea maxime quae nunc ad Dialem flaminem pertinent. , und seine geweihte Höhe auf der capitolinischen Burg, wo T. Tatius wohnte und Numa zu seiner königlichen Würde die höchste Beglaubigung empfängt, die eben so heilige als geheimnißvolle Burg ( arx ) der römischen Augurn, welche immer diesen lichten Vater der Höhe, der durch ganz Italien Jupiter genannt wurde, für ihren höchsten Urheber und den unsichtbaren Vertreter der Wahrheit ihrer Beobachtungen gehalten haben. Da ist neben ihm Juno als Göttin der Frauenwürde und aller matronalen Rechte des Familienlebens, welche in Rom immer vorzugsweise von den sabinischen Müttern d. h. den ersten Hausfrauen in Rom abgeleitet wurden, da ist ferner Minerva als Göttin aller Besinnung, und Janus der alte Sonnengott alles himmlischen Anfangs, und Dius Fidius, der Gott der Treue und aller ehrenfesten und gerechten Werke des Lichtes, auch Terminus und Fides und andre Stiftungen dieser Zeit, welche deutlich beweisen, daß der Glaube der Sabiner sich auf dem alten Grunde der Naturreligion bereits zu einem ernsten und würdevollen Bewußtsein über die Principien des Rechts und einer ethischen Ordnung der Dinge erhoben hatte. Dazu die neue Ordnung des Pontificats und des Vestadienstes, welcher von nun an einen heiligen Mittelpunkt für sämmtliche Familien der Bürgerschaft bildete, die Stiftung der Salier, in welcher die Römer und Sabiner sich zu der Verehrung desselben Gottes unter den beiden örtlich verschiedenen Diensten des palatinischen Mars und des sabinischen Quirinus bekannten, alle die heiligen Formeln und Gebete der Indigitamenta, nach welchen sich fortan das ganze Leben eines römischen Bürgers in allen Stadien seiner natürlichen, geistigen und sittlichen Entwicklung mit dem Glauben an die unsichtbare Gegenwart und unerläßliche Mitwirkung der Götter durchdringen sollte, alle jene Gesetze für die Geistlichkeit, für die Opfer, die Sühnungen: kurz die jungen Jahre Roms wurden damals in eine Zucht gethan, welche auf die Dauer freilich nicht befriedigen und noch weniger den plebejischen Neubürgern gefallen konnte, aber für den Anfang eine ganz vortreffliche Schule jener Gesinnung war, an welche wir bei Rom und den Römern immer zuerst denken. Es ist die Zucht der alten sabinischen Heimath von Amiternum, von Reate und von Cures, welche den Römern bis auf die Zeiten des Polybius jenen streng religiösen Character bewahrt hat, in 20 welchem der nach seiner Art gebildete Grieche nur noch die höchste Staatsklugheit zu erkennen vermochte. Die zweite Periode und eine ganz andre Zeit beginnt mit den Tarquiniern. Es ist die Zeit wo Rom aufhörte ein sabinischer Patriarchalstaat zu sein und auf die große Bühne der allgemeineren Cultur und Politik hinübertretend von hochstrebenden Fürsten auf seinen weltgeschichtlichen Beruf vorbereitet wurde: für seine Religion die Zeit wo ein glänzender Cultus mit Tempeln und Bildern, viele neue Götterdienste und neue Arten der Divination eingeführt wurden: kurz eine Periode der allseitigen Neuerung, in welcher jene altitalischen Elemente mit denen der ausländischen Civilisation verschmolzen und daraus der uns aus der Geschichte am besten bekannte Staat Rom und die römische Staatsreligion der Republik bis etwa zum zweiten punischen Kriege sich bildete. Höchst merkwürdig ist in dieser Beziehung die Stiftung des Capitolinischen Cultus der drei Götter, welche in dieser Gruppirung zwar auch den Sabinern des Quirinals bekannt waren, aber mit diesem Anspruch auf Herrschaft und königliche Hoheit und mit dieser glänzenden Einrichtung ihres Gottesdienstes sicher etwas Neues waren; desgleichen die Stiftung des Dienstes der Diana auf dem Aventin und die Gründung oder Wiederherstellung der latinischen Ferien, welche Stiftungen zugleich darauf hinweisen, wie wir dieses auch aus der Geschichte wissen, daß die Macht und der Staat dieser Fürsten keineswegs eine blos römische war, sondern eben so sehr eine latinische. Noch folgenreicher als sie war aber speciell für Rom die Einführung der sibyllinischen Sprüche aus Cumä in den Staatsgebrauch und die damit zusammenhängende Stiftung eines neuen Priesterthums, welches für die Auslegung dieser Sprüche und die Ausführung der jedesmal befohlenen gottesdienstlichen Uebungen bestimmt war und sich dabei in einem wesentlich griechischen und Apollinischen Kreise von Vorstellungen und Gebräuchen bewegte. Also war die natürliche Folge jenes ersten Schrittes eine immer weiter um sich greifende Hellenisirung der römischen Religion, welche sich sowohl in vielen neuen Formen des Gottesdienstes überhaupt als in einzelnen neu eingeführten Culten griechischer Götter zeigte und auch in der äußern Ausstattung der Tempel und der Anordnung der Feste über die älteren Vorbilder der Etrusker allmälich die Oberhand gewann. Dazu kam die Einführung andrer griechischer Götterdienste aus Gründen der Civilisation, z. B. der Castoren, der griechischen Demeter, des griechischen Handelsgottes, und zwar gleich in den 21 ersten Jahren der Republik, welche sich also diese Consequenzen der Herrschaft der Tarquinier wohl gefallen ließ. Weiter wirkten die Kämpfe der Plebs mit dem Patriciat, ein Kampf zwischen zwei heterogenen Elementen der Bürgerschaft, wie diese durch Servius Tullius constituirt worden war, welcher auch in der Geschichte der römischen Staatsreligion von der größten Wichtigkeit ist. War dieselbe nehmlich bis zu den Tarquiniern ausschließlich eine Sache der Patricier gewesen, welche damals die ganze Bürgerschaft ausmachten, deren Legitimität und Erziehung, Eintheilung und Berechtigung von allen Seiten auf die religiöse Gesetzgebung des Numa zurückwies, so trat ihnen jetzt in den Plebejern eine andre, meist nach weltlichen und politischen Grundsätzen organisirte Bürgerschaft entgegen, so daß der Kampf zwischen beiden nothwendig zugleich ein politischer und ein religiöser werden mußte: ein Kampf zwischen den neuen Tendenzen der Civilisation und des politischen und commerciellen Weltverkehres auf der einen Seite und dem theokratischen und patriarchalischen Geiste der Verfassung Numas und der sabinischen Vorzeit auf der andern. Anfangs, gleich nach der Vertreibung der Tarquinier, scheint der alte Staat und die alte Staatsreligion mit dem alten patricischen Adel noch einmal recht zu Kräften gekommen zu sein; namentlich müssen sich die in geistlichen und bürgerlichen Angelegenheiten höchst bedeutenden Vorrechte des Pontificats vornehmlich in dieser Periode ausgebildet haben. Dann aber folgte bekanntlich eine Concession nach der andern, zunächst auf dem Gebiete der bürgerlichen, dann auf dem der geistlichen Würden; wobei es denn kein Wunder ist, daß in demselben Grade wie der Staat selbst immer mehr ein weltlicher wurde, auch seine Religion und seine Geistlichkeit mehr und mehr verweltlichte. Eine Entwickelung, welche den Interessen des römischen Staates und seines civilen Rechtes, auch seiner politischen Macht und dem Weltverkehre allerdings in hohem Grade förderlich sein mochte, aber der innern Consistenz und Wahrheit seines religiösen Lebens unmöglich in gleichem Maaße zum Vortheil gereichen konnte. Mit und nach dem zweiten punischen Kriege beginnt die dritte Periode , welche man als die des Verfalls der römischen Staatsreligion ansehen und bis auf die Zeit des August ausdehnen kann L. Krahner Grundlinien zur Geschichte des Verfalls der römischen Staatsreligion bis auf die Zeit des August. Halle 1837. . Hatte sich die alte Religiosität des italischen 22 Stammcharacters in der vorigen Periode zu vielen Concessionen herbeilassen müssen, so war doch wenigstens die alte ernste, strenge und nüchterne Gesinnung unter allen Umständen behauptet worden, so daß namentlich die vielen griechischen Gottesdienste, wo sie gegen diese Gesinnung verstießen, sich eine Beschränkung gefallen lassen mußten. Auch waren die alten römischen und italischen Götter, die alten pontificalen und cerimonialen Gesetze und Gewöhnungen immer die vorherrschenden geblieben, und es liegt in der Natur einer wohlorganisirten Geistlichkeit, daß die Plebejer, sobald sie zu den geistlichen Würden Zutritt erlangt hatten, es an Eifer auch ihrerseits nicht fehlen ließen. Der zweite punische Krieg aber mit seinen mächtigen Erschütterungen des gesammten römischen Staatswesens führte auch in den religiösen Kreisen viele wichtige Neuerungen herbei. Gleich die Einführung des Cultus der Großen Mutter aus Phrygien beweist, daß jetzt selbst die gewöhnlichen griechischen Sacra nicht mehr genügten, und die bald darauf nothwendig gewordene Verfolgung der bacchischen Mysterien in Rom und ganz Italien lehrt recht deutlich, daß die römische Staatsgewalt als solche den Entartungen des religiösen Lebens der Zeit zu widerstehen zwar noch Kraft und Besonnenheit hatte, aber auch daß der faule Geist der innern Auflösung, an welchem schon damals Hellas und die hellenistische Welt bis zum Tode erkrankt war, bis in den Occident, ja selbst bis in das eigne Herz der römischen Stadtbevölkerung vorgedrungen war. In dieselben Jahre fällt die Untersuchung wegen der untergeschobenen Bücher des Numa, auch diese das Symptom eines neuen Uebels, daß nehmlich für die Gebildeten das alte Cerimonialgesetz nicht mehr genügen wollte, daher sie zur allegorischen Interpretation nach den Grundsätzen der pythagoreischen Philosophie ihre Zuflucht nahmen. Bald darauf, gleich mit den ersten Anfängen der römischen Litteratur, fand diese Philosophie und die griechische Aufklärung überhaupt an dieser neuen Litteratur eine eifrige Bundesgenossin, daher sich die Ueberzeugung der Gebildeten von der herkömmlichen Religionsübung immer entschiedener lossagte und dieselbe bald nur noch als eine Sache der Politik und des gemeinen Mannes gelten ließ So urtheilt auch Polybius VI, 56, indem er zugleich die Religiosität des römischen Staates höchlichst rühmt: καί μοι δοκεῖ τὸ παρὰ τοῖς ἄλλοις ἀνϑρώποις ὀνειδιζόμενον, τοῦτο συνέχειν τὰ Ῥωμαίων πράγματα, λέγω δὲ τὴν δεισιδαιμονίαν· ἐπὶ τοσοῦτον γὰρ ἐκτετραγῴδηται καὶ παρεισῆκται τοῦτο τὸ μέρος παρ’ αὐτοῖς εἴς τε τοὺς κατ’ ἰδίαν βίους καὶ τὰ κοινὰ τῆς πόλεως, ὥστε μὴ καταλιπεῖν ὑπερβολήν, ὃ καὶ δόξειεν ἂν πολλοῖς ϑαυμάσιον. ἐμοί γε μὴν δοκοῦσι τοῦ πλήϑους χάριν τοῦτο πεποιηκέναι. εἰ μὲν γὰρ ἦν σοφῶν ἀνδρῶν πολίτευμα συναγαγεῖν, ἴσως οὐδὲν ἦν ἀναγκαῖος οἱ τοιοῦτος τρόπος. Grade so urtheilt Varro, und ohne Zweifel sprach Polybius in jenen Worten nicht blos seine eigne Ansicht, sondern auch die der ihm bekannten Kreise in Rom aus. . Die Folge war, 23 daß das Wesen der Religion immer äußerlicher gefaßt und der Cultus immer rauschender und vergnügungssüchtiger wurde, in welcher Beziehung das gleichfalls seit dem Ausgange des Hannibalischen Krieges eingeführte griechische Theater vollends verderblich wirkte. Es war für die Römer die eigentliche Bildungsschule einer mythologischen Weltansicht und eines ästhetischen Götterglaubens, welcher seines tieferen religiösen Inhaltes längst entkleidet war und von der Philosophie verworfen, ja mit Spott und Schande verfolgt wurde: so daß der Gegensatz zwischen der Religion der Gebildeten und der des großen Haufens nun vollends ein unversöhnlicher wurde. Daher schon Scipio Nasica, der beste Bürger seiner Zeit und Pontifex Maximus, zugleich vor der Zerstörung Karthagos und der Einrichtung einer stehenden Bühne warnte Augustin C. D. 1, 30. Auch bei Cicero Tusc. 1, 16, 37 erscheint das Theater als die Schule des gewöhnlichen mythologischen Glaubens und Varro nennt, wenn er eine mythologische, eine bürgerliche und eine natürliche Religion unterscheidet, ausdrücklich das Theater als Quelle der ersten, b. Augustin VI, 5. , damit aber so wenig durchdrang, daß diese Spiele vielmehr bald zur Hauptsache bei allen Festen der Götter wurden. Ja es lernte nun auch der bürgerliche Ehrgeiz und die politische Ostentation sich sehr bald dieser und der circensischen Spiele als eines neuen Mittels bedienen, um die Gunst des gemeinen Mannes zu erlangen und auf der Staffel der Ehren emporzuklimmen, so daß eine glänzende und verschwenderische Aedilität selbst von den Besten gefordert wurde. Damit aber sind wir in einen Kreis getreten, in welchem der Rest von Liebe zu den alten Gebräuchen, der sich bei den höheren Ständen etwa noch erhalten hatte, vollends verloren ging, den Zauberkreis der politischen Agitation und der auf die Provinzen speculirenden Gewinnsucht, in welchen sich während der Gährung der späteren Republik selbst diejenigen hineinziehn ließen, welche für den alten Glauben am meisten hätten sorgen müssen, ich meine die Priester und alle geistlichen Behörden. Nicht umsonst warnte Laelius der Weise, als man im Jahre nach der Zerstörung 24 Karthagos (145 v. Chr.) im Begriffe war, den alten Grundsatz der Cooptation der priesterlichen Behörden aufzugeben und auch hier das Princip der Volkswahl einzuführen, auf das nachdrücklichste vor den Folgen dieses Schritts, in einer oft bewunderten Rede, welche namentlich die Zeiten ergreifend schilderte, wo man sich noch an der ungeschminkten Einfalt und Würde der Gesetze Numas hatte genügen lassen. Das Gesetz wurde damals wirklich bei Seite gelegt und erst in der Marianischen Zeit mit einigen Veränderungen durchgesetzt, aber die drohende Gefahr einer Verweltlichung der geistlichen Behörden ist schon durch jenen Versuch angedeutet, und auf demselben Wege sehen wir nun auch bald den letzten Rest des alten Stammcapitals der römischen Religion verschleudert werden. Die priesterlichen Würden wurden nicht mehr nach den Ansprüchen des Alters und der geistlichen Erfahrung besetzt, sondern den reichsten und ehrgeizigsten Bürgern als accessorische Ehrenämter ertheilt. Kein Wunder, daß nun auch die Kenntniß der alten Gebräuche verfiel, daher schon Cato über den Verlust vieler Augurien klagte Itaque multa auguria, multa auspicia, quod Cato ille sapiens queritur, negligentia collegii amissa plane et deserta sunt. Cic. de Divin. 1, 15. und vollends Varro den Römern viele vergessene Namen und Heiligthümer der Götter ins Gedächtniß zurückrufen mußte. Auch hatte Cicero ohne Zweifel seine guten Gründe, die berühmten Scävolas auf die innerliche Unvereinbarkeit ihres doppelten Berufs, den des geistlichen Hohenpriesters und den des civilen Rechtsgelehrten, aufmerksam zu machen Cic. de Leg. II, 21, 52. Itaque si vos (Scaevolae) tantummodo pontifices essetis, pontificalis maneret auctoritas, sed quod iidem iuris civilis estis peritissimi, hac scientia illam eluditis. . Vollends die Augurn waren zu einer so ganz und gar weltlichen Behörde geworden, daß Cicero und die große Mehrzahl seiner Zeitgenossen, auch im Collegium der Augurn, es unbegreiflich fanden, wie Jemand noch überhaupt an eine höhere religiöse Weihe und Wahrheit dieses Berufes glauben konnte Cic. de Leg. II, 12, 30; 13, 33, de Divin. I, 47, 105. . Eben so hatten die sibyllinischen Sprüche und die etruskischen Haruspices alles Vertrauen verloren, schon zur Zeit des Cato, wie dessen bekanntes Witzwort lehrt Cic. de Divin. II, 24, 51. Ueber den Mißbrauch der sibyllinischen Sprüche ib. 54. . Das erste und heiligste aller Priesterthümer, das des Flamen Dialis, ist sogar, weil es zu viel Entsagung forderte, seit dem gewaltsamen Tode 25 des L. Merula zur Zeit der Marianischen Unruhen über siebenzig Jahre unbesetzt geblieben, so daß Augustus es förmlich wiederherstellen mußte. Kurz es hatte auch auf diesem Gebiete eine so allgemeine Verwirrung und Auflösung des gesetzlichen Zustandes Platz gegriffen, daß der Eintritt der Monarchie auch in sofern ein vollkommen berechtigter war. Die vierte und letzte Periode ist die der Kaiser, unter denen August auch in den religiösen Angelegenheiten die Grundsätze der Staatskunst für seine Nachfolger festgestellt hat. So war namentlich einer seiner leitenden Gesichtspunkte die Restauration des Gottesdienstes und aller geistlichen Behörden und Gewalten, indem er überall für die Herstellung der vielen verfallenen Tempel sorgte, viele neue baute, alte Gebräuche wiederherstellte, die sibyllinischen Bücher und den Kalender neu ordnete, endlich die Zahl, Würde und das Einkommen der Priester vermehrte, namentlich seitdem er nach dem Tode des Lepidus Pontifex Maximus geworden war. Nur daß diese Restaurationen sich auf das Aeußerliche beschränken mußten, da er die innern Motive so vieler Gebräuche und Glaubensformen, sofern sie mit dem höheren nationalen Alterthum und der Republik zusammen hingen, weder von neuem beleben konnte noch wollte, eben so wenig aber auch darauf ausging das geistliche Recht und die Unabhängigkeit der priesterlichen Behörden herzustellen, da alle diese Würden und Behörden vielmehr eben durch August ein für allemal von dem jedesmal regierenden Kaiser abhängig wurden, zu dessen wesentlichen Attributen von jetzt an das Pontificat d. h. die entscheidende Stimme in allen Fragen der Religion gehörte. Und so ist auch im Uebrigen seit August die Person des regierenden Kaisers und die religiöse Verherrlichung seines Hauses und seiner Familie immer mehr zur Hauptsache des öffentlichen und selbst des corporativen und privaten Gottesdienstes geworden, da auch bei seinen neuen Stiftungen des Palatinischen Apollodienstes und des Cultus des Mars Ultor und der Venus Genitrix dieses persönliche und dynastische Interesse vorherrschte und vollends die öffentlichen Gebete und Danksagungen für das Wohl des Kaisers, die Feier seines Geburtstags, seiner glücklichen Rückkehr, seiner Siege oder bürgerlichen Erfolge, die Einmischung seines Namens in die Opfer und Gebete aller Collegien, aller Sodalitäten, aller Götterculte bald in solchem Grade eine Forderung nicht allein der Convenienz, sondern auch der schuldigen Rücksicht auf die kaiserliche Majestät wurde, daß die gesammte römische Religion fortan den Character einer specifisch kaiserlichen annahm. Auch die 26 conventionelle Apotheose der verstorbenen Kaiser nach dem Muster des Orients hatte August soweit vorbereitet, daß nach seinem Tode seine schlaue Wittwe und deren noch schlauerer Sohn nur den letzten Schritt zu thun brauchten. Die folgenden Kaiser bis Trajan sind diesen Grundsätzen des August ziemlich treu geblieben, die Julier weil sie in ihm den Stifter der Dynastie, die späteren weil sie den der kaiserlichen Gewalt in ihm verehrten: bis mit der Zeit des Hadrian und der Antonine noch einmal eine neue Wendung beginnt, da Rom und die römische Sitte seit ihrer Zeit mehr und mehr aufhörte das geistige Bindemittel des Reiches zu sein, und dafür die griechische, hellenistische und orientalische Bildung von neuem das Uebergewicht erhielt, und zwar in solcher Weise, daß auch die Religion und die Art über göttliche Dinge zu denken ganz wesentlich dadurch bestimmt wurde. Da begannen auch die älteren und neueren Gottesdienste Aegyptens, Syriens, Phrygiens und Persiens, die man bis jetzt wenigstens von Rom ausgeschlossen hatte, von neuem nach diesem Mittelpunkte des Reiches und der abendländischen Bildung und selbst bis an den kaiserlichen Hof zu drängen, da sie sich bisher auf die Handelsplätze Italiens hatten beschränken müssen und höchstens hin und wieder in den Vorstädten von Rom geduldet worden waren. So namentlich die ägyptischen Sacra der Isis und des Serapis seit Commodus und Caracalla, der chaldäische Aberglaube und die syrischen Gottesdienste seit Septimius Severus und seinen Descendenten, die Taurobolien, die Mithrasmysterien und andre neue und seltsame Gottesdienste der Art in denselben Zeiten: lauter Religionssysteme welche durch Verschmelzung altorientalischen Aberglaubens mit hellenistischer Bildung und Theokrasie sowohl dem Volke als den Gebildeten willkommen waren, letzteren durch eine gewisse Tendenz zum Monotheismus und Pantheismus, welcher längst das Bekenntniß der Gebildeten war, dem Volke durch einen Aberglauben, welcher zugleich den Reiz des Ausländischen und des Geheimnißvollen hatte. Zuletzt wurde die Religion auf eine wahrhaft trostlose Weise zugleich verworren, geistlos und roh. Die Zahl der Götter und Gottesdienste hatte sich bei der Verschmelzung der verschiedensten Nationalsysteme des Heidenthums zuletzt auf eine wahrhaft beängstigende Weise vermehrt, so daß man sich immer mehr zu einer Auswahl gewisser oberster Götter gedrängt fühlte, unter denen der alte Himmelsgott Jupiter und der Sonnengott noch immer ihren ersten Rang behaupteten, nur daß sie jetzt unter den verschiedensten, meistens ausländischen 27 Formen angebetet wurden. Neben ihnen wurden vorzugsweise solche Götter verehrt, welche in dieser Zeit der allgemeinen Noth und Angst Entsündigung und Heilung versprachen; selbst den widerwärtigsten Gebräuchen, den schwersten Bußübungen unterzog man sich gern, wo solche Verheißungen zum Gottesdienste einluden, wie dieses vorzüglich in den zahlreichen Mysterien und Geheimgottesdiensten der Fall war. Die öffentlichen Feste waren kaum noch Gottesdienst zu nennen, so waren sie mit Spektakel aller Art, der Mimen, der Gladiatoren, der pomphaften Aufzüge überladen. Die Gebildeten hielten sich meist zum Neuplatonismus, einer Philosophie von manchen erhabenen und tiefsinnigen Anschauungen, welche aber auch sehr mit Phantasterei und Aberglauben versetzt waren, bis sie bei dem allgemeinen Untergange des Heidenthums zuletzt ganz zu einer Scholastik desselben d. h. zur Theorie des Polytheismus, der Idololatrie und der Magie geworden war. Kurz es handelte sich jetzt nicht mehr um den Verfall der römischen Staatsreligion, sondern um den des antiken Heidenthums überhaupt, welches in Rom seine letzte Zuflucht gefunden hatte und sich dort auch bekanntlich am längsten behauptet hat. 7. Die Quellen. Auch in dieser Beziehung sind wir übel genug daran, da das alte Italien bis auf einige örtliche Denkmäler verstummt ist und die römische Litteratur erst dann beginnt, nachdem sich die römische Bildung ganz mit der griechischen durchdrungen hatte. Daher die Erscheinung, daß sie weder für ihr eignes Alterthum noch für das italische Volksthum den rechten Sinn hatte. Statt aus der gewiß in einigen Gegenden noch immer lebendigen Ueberlieferung die Sagen, Mährchen und Lieder zu sammeln, deren wohl noch manche zu finden gewesen wären, begnügten sich selbst Cato und Varro in den meisten Fällen bei den Griechen und ihrer Mythographie anzufragen, welche damals noch dazu meist von dem falschen Geiste des Pragmatismus erfüllt war. Indessen wollen wir deshalb nicht zu ernstlich mit ihnen rechten, da ja selbst bei uns die Quellen der Volkssage erst in den neueren Zeiten gesucht worden sind, so stark ist die Macht des Herkommens und einer überlegenen Bildung des Auslandes. Aber auch die Quelle der älteren römischen Litteratur, welche bekanntlich erst seit der Zeit des zweiten punischen Kriegs von einigem Belange war, fließt für uns leider nur sehr dürftig, da namentlich die Dichter und Geschichtsschreiber dieser früheren 28 Periode nur in den Excerpten und Referaten der späteren Autoren zu uns reden. Naevius und Ennius sind die beiden Dichter, welche den Römern zuerst ein nationales Epos geschaffen haben, soweit dieses überhaupt möglich war. Beide begannen mit der Zerstörung Trojas und der Ankunft des Aeneas an der latinischen Küste, Naevius um von dort zu der Geschichte des ersten punischen Kriegs zu eilen, Ennius um die ganze römische Geschichte bis auf seine Zeit in der herkömmlichen Form der Annalen daran anzuknüpfen: ein Mann von hellem Verstande, lebhaftem Geiste und tüchtiger Gesinnung, auch als Dichter so hochbegabt, daß sein Einfluß auf die römische Sprache und Verskunst und auf die römische Stadtsage immer ein sehr bedeutender geblieben ist. Doch war grade er ganz griechisch gebildet, und zwar so vielseitig, daß er nicht blos die Blüthe des griechischen Heldengedichts und des griechischen Trauerspiels, sondern auch den Geist der pythagoreischen Philosophie und leider auch den des Euhemerismus in sich aufgenommen hatte, welcher letztere bei den praktischen und nüchternen Römern immer einen sehr lebhaften Anklang gefunden hat. Beide Dichter haben auch viele griechische Tragödien für die römische Bühne bearbeitet, gewöhnlich nach dem damals allgemein vorherrschenden jüngeren Meister der attischen Bühne Euripides, welcher mit seinem mit der Wahrheit des mythologischen Alterthums zerfallenen und von moderner Reflexion erfüllten Geiste also nun auch zu den Römern sprach. Was die geschichtliche Forschung betrifft, so haben die ersten Annalisten Q. Fabius Pictor, L. Cincius Alimentus u. A. nicht allein in dem Sinne der gleichzeitigen griechischen Bildung, sondern auch in griechischer Sprache geschrieben, indem sie mit einer summarischen Uebersicht der ältesten Stadtgeschichte in conventioneller Manier begannen und darauf gewöhnlich die Geschichte der letzten Vergangenheit ausführlicher behandelten. Der erste welcher die Geschichte Roms und Italiens in lateinischer Sprache und mit nationaler Gesinnung beschrieb war der alte M. Porcius Cato , ein Römer von ächtem Schrot und Korn, zu dessen Zeiten auch Italien noch nicht die Schlächtereien des Sulla erlebt hatte, so daß die alten Stammesüberlieferungen noch recht lebendig sein mochten. In drei Büchern hatte er die Anfänge (origines) von Rom und Italien beschrieben und danach das ganze Werk betitelt, obgleich mit der Zeit auch für ihn die eigentliche Geschichte des römischen Volks zur Hauptsache geworden war. Doch wußte er in dem ersten Buche nur die 29 gewöhnlichen Geschichten von den Aboriginern, den Laurentern und Aeneas, von Alba Longa und Romulus zu wiederholen, und nur in dem zweiten und dritten Buche hatten manche wichtige Nachrichten über die Etrusker und Volsker, die Latiner und Sabiner und andre italische Völker eine Stelle gefunden: obwohl auch hier neben einigen originalen Sagen die herkömmlichen Fabeln von Diomedes, Ulysses und andern griechischen Heroen als wahre Geschichte und wichtigster Inhalt der italischen Vorzeit erzählt wurden. In späteren Jahren hatte zuerst der römische Ritter L. Aelius Stilo die Richtung auf sprachliche und sachliche Erklärung der älteren Denkmäler des Staates und der Religion eingeschlagen, in welcher von ihm und nach ihm viel Ausgezeichnetes geleistet worden ist. Namentlich hatte Stilo die sehr alterthümlichen Lieder der Salier in einem oft erwähnten Commentare erörtert, in welchem er manches alte Wort allerdings nicht mehr erklären konnte, dafür aber auch vieles Wichtige ans Licht zog, vor allen Dingen aber das Verdienst hatte, die höheren Kreise in Rom und namentlich einen M. Terentius Varro für dieselben Studien zu gewinnen. Dieser und sein Zeitgenosse P. Nigidius Figulus haben in der Litteratur des römischen Alterthums immer für die Gelehrten schlechthin gegolten, nur daß der letztere sich außer seinen sprachlichen Untersuchungen vorzugsweise mit physikalischen, mathematischen und astrologischen Untersuchungen beschäftigt hatte und bei diesen durch seinen Hang zur Geheimweisheit oft auf falsche Bahnen gelenkt worden war. Dahingegen Varro ganz vorzugsweise den Realien des römischen Alterthums ergeben war und bei seinen Forschungen, wenn auch nicht immer von dem rechten Geiste, so doch von einer so warmen Liebe zum Vaterlande und solchem Fleiße, solcher Gewissenhaftigkeit beseelt war, daß seine Arbeiten jedenfalls bei weitem das Verdienstlichste gewesen sind, was Rom auf diesem Gebiete zu Tage gefördert hat. Auch haben alle späteren römischen und griechischen Schriftsteller über das römische Alterthum vornehmlich aus ihm geschöpft, daher wir uns über seine wichtigsten Werke, so weit sie für unsern Zweck in Betracht kommen, nothwendig eine bestimmtere Vorstellung verschaffen müssen: bei welchem Bemühen wir außer den erhaltenen Büchern de lingua latina auf die größeren und geringeren Excerpte der späteren Schriftsteller, namentlich des Kirchenvaters Augustin in seinem Werke de civitate dei angewiesen sind. Das Hauptwerk waren die Antiquitates Rerum Humanarum et Divinarum , aus welchem 30 Augustin uns glücklicher Weise zahlreiche Auszüge und (De Civ. Dei VI, 3) die Disposition und eine Skizze des Inhalts erhalten hat L. Krahner de Varr. Antiquitatum libris, Hal. 1834. Vgl. die Fragmente der libri rerum divinarum bei R. Merkel Ovid Fast. p. CVI etc. Nach dem durch Hieronymus erhaltenen Cataloge der Schriften Varro's (Ritschl Rh. Mus. f. Philol. Bd. VI und XII) schrieb derselbe XLV libros Antiquitatum und epitom`hn Antiquitatum ex libris XLII libros VIIII. Die Zahl XLII scheint die richtige zu sein, 41 Bücher der Antiquitates und ein eignes Buch allgemeiner Einleitung. . Dieses Werk bestand demzufolge aus 41 Büchern, von denen 25 auf die weltlichen Angelegenheiten (res humanas), die übrigen 16 auf die gottesdienstlichen kamen; und zwar hatte er den Inhalt dieser letzteren so vertheilt, daß die ersten drei Bücher sich mit den Priesterthümern, die folgenden drei mit den Tempeln und Heiligthümern, die folgenden drei mit den Weihungen und dem öffentlichen und häuslichen Gottesdienste beschäftigten und endlich erst in den drei letzten von dem eigentlichen Gegenstande aller Religion und alles Gottesdienstes, von den Göttern gehandelt wurde. Das vorherrschende Interesse der aus den besten Quellen geschöpften Forschung war allerdings das antiquarische und patriotische, daß er seine Mitbürger wieder mit dem Glauben und den Göttern der glorreichen Vorzeit bekannt machen wollte: denn soweit war es gekommen, daß die Römer in ihrem eignen Vaterlande und in der Stadt Rom, wie Cicero sich ausdrückt, wie Fremde umherirrten und in derselben erst wieder gleichsam von neuem angesiedelt werden mußten Cic. Acad. poster. 1, 3, 9 nos in nostra urbe peregrinantes errantesque tanquam hospites tui libri quasi domum deduxerunt, ut possemus aliquando qui et ubi essemus agnoscere etc. Vgl. Augustin C. D. III, 17 quod scribens de aedibus sacris tam multa ignorata commemorat. Cic. N. D. 1, 29 etenim fama multa exspoliata et simulacra deorum de locis sanctissimis ablata videmus a nostris. Vgl. die Ausleger zu Horat. Od. III, 6. In demselben Sinne sagt Varro selbst bei Augustin l. c. IV, 31 ad eum finem illam (die Geschichte des alten Götterglaubens) se scribere ac perscrutari, ut potius eos magis colere quam despicere vulgus velit. Ib. VI, 2 timere se ne pereant dii non incursu hostili, sed civium negligentia: de qua illos velut ruina liberari a se dicit et in memoria bonorum recondi atque servari, utiliore cura quam Metellus de incendio sacra Festalia et Aeneas de Troiano excidio Penates liberasse praedicatur. . Indessen wollte Varro nicht blos unterrichten, sondern auch belehren d. h. er wollte in diesem Werke nicht bloßer Alterthumsforscher sein, sondern auch Theolog und Philosoph, daher er zugleich den verwilderten Götterglauben der Zeit sowohl nach gewissen allgemeinen Grundsätzen als in einzelnen Beziehungen 31 der positiven Religion auf die Wege einer richtigeren, im Sinne der Zeit geläuterten Erkenntniß zu lenken und dadurch von neuem zu empfehlen suchte: wodurch er auf Grundsätze und auf eine Methode der Interpretation geführt wurde, welche für ihn und seine Zeit characteristisch ist, aber der Sache schwerlich so viel genützt hat als die gedrängte Fülle von nationalen und alterthümlichen Anschauungen, welche wenigstens die Gebildeten aus diesem Werke gewinnen konnten. Der Schwerpunkt dieser allgemeinen Grundsätze lag darin, daß er mit dem berühmten Pontifex und Rechtsgelehrten Q. Mucius Scaevola, demselben welcher bei einem Aufstande zur Zeit des Marius sein Leben vor dem Bilde der Vesta aushauchte, eine dreifache Religion unterschied, eine mythologische , welche speciell die Dichter und das Theater angehe und von den Göttern viele höchst unwürdige und widersinnige Vorstellungen verbreite Ueber Scaevola berichtet Augustin C. D. IV, 27, wahrscheinlich nach Varro. Nach ihm gab es drei genera tradita deorum, unum a poetis, alterum a philosophis, tertium a principibus civitatis . Das erste war für ihn ein genus nugatorium, quod multa de diis fingantur indigna . Das zweite schien ihm nicht für das bürgerliche Leben zu passen, quod habeat aliqua supervacua, aliqua etiam quae obsit populis nosse z. B. non esse deos Herculem, Aesculapium, Castorem, Pollucem . Von der Religion der Dichter wird darauf mit einer eben so lebhaften moralischen Entrüstung gesprochen wie bei Plato, Zeno und Epicur. Ueber Varros Unterscheidung der drei Religionen s. Augustin VI, 5. Die mythologische Religion hieß bei ihm das genus mythicon , quo maxime utuntur poetae . Auch hier dieselben Gründe der Verwerfung: in eo sunt multa contra dignitatem et naturam immortalium ficta . Die natürliche Religion ist das genus physicon , quo philosophi utuntur , die positive das genus civile , quo populi utuntur . , eine natürliche , welche die der Philosophen sei und auf der wahren Erkenntniß der Natur und Welt beruhe, und eine bürgerliche , welche für das bürgerliche Leben überhaupt und speciell für die Geistlichen und den Cultus bestimmt sei, also nach unsrer Art uns auszudrücken die positive Religion des römischen Staates war, soweit sie auf den alten Satzungen und Gewohnheiten der Vorzeit beruhte. Diese letztere nun schien ihm obwohl für das politische Leben nothwendig, doch keineswegs die Wahrheit zu sein, vielmehr eine aus der Religion der Dichter und der Philosophen gemischte, von welchen nur die letztere zur Wahrheit führe: bei welchem Worte dem Varro ein Monotheismus im Sinne der stoischen Philosophie und ein Cultus ohne Bilder vorschwebte, wie Rom selbst ihn in den ersten 170 Jahren seiner Existenz 32 beobachtet habe. Daher der Satz, daß der Götterglaube und der Gottesdienst der positiven Religion nothwendig als Product des römischen Staates und seiner Geschichte aufgefaßt werden müsse, aus welchem Grunde Varro davon nicht zu Anfang seines Werkes, sondern erst in der zweiten Hälfte desselben gehandelt hatte Augustin C. D. VI, 3 Ipse Varro propterea se prius de rebus humanis, de divinis autem postea scripsisse testatur, quod prius exstiterint civitates, deinde ab eis haec instituta sint. lb. VI, 4 sicut prior est, inquit, pictor quam tabula picta, prior faber quam aedificiumt, ita priores sunt civitates quam ea quae a civitatibus sunt instituta . Bei einer Darstellung der natürlichen Religion würde er seine Sache anders angegriffen haben. Auch sprach er es wiederholt nachdrücklich aus, daß der Glaube der positiven Religion nicht der seiner persönlichen Ueberzeugung sei und daß er, wenn es sich nicht um die Geschichte des römischen Staats, sondern um die Gründung eines neuen Staats handle, dann auch ein andres Bekenntniß aufstellen würde, ib. IV, 31. , und zweitens der starke und ganz unverhüllt ausgesprochene Satz, bei welchem Varro aber auch die große Mehrzahl der römischen Staatsmänner, ja, wie Scaevolas Beispiel lehrt, auch die höhere und höchste Geistlichkeit auf seiner Seite hatte, daß Täuschung in Sachen der positiven Religion nicht allein nothwendig, sondern auch nützlich sei Augustin C. D. III, 4 Varro utile esse civitatibus dicit, ut se viri fortes, etiamsi falsum sit, ex dis genitos esse credant. lb. IV, 27 expedire igitur existimat (Scaevola) falli in religione civitates, quod dicere etiam in libris Rerum Divinarum ipse Varro non dubitat. . Daher ferner die Grundsätze seiner Interpretation der mythologischen Thatsachen, welche wie bei Ennius aus Philosophie und Euhemerismus d. h. aus Allegorie und rationalistischem Pragmatismus gemischt waren, und daß Varro, obwohl sonst Eklektiker, in seiner theologischen Anschauung meist dem stoischen Pantheismus folgte, welcher der innern Beseelung des griechischen und römischen Götterglaubens wirklich am meisten entsprach und deshalb auch von den meisten wissenschaftlich gebildeten Theologen der späteren Zeit bei ihren Erklärungen zu Grunde gelegt wurde. So ist ihm also die Gottheit, namentlich Jupiter Weltseele, und die übrigen Götter sind nur die einzelnen Kräfte und Erscheinungen dieses alle Welt beseelenden und durchdringenden Jupiter, den Varro für den höchsten und einzig wahren Gott erklärt. Neben ihm läßt er höchstens als zweite Hauptgottheit die Mutter Erde gelten, nehmlich in der Bedeutung der Materie und des schlechthin Weiblichen und Empfangenden Augustin VII, 5 Fatetur interim vir doctissimus, animam mundi ac partes eius esse veros deos. Ib. 6 Dicit idem Varro de naturali theologia proloquens, Deum se arbitrari esse animam mundi etc. Adiungit mundum dividi in duas partes, coelum et terram. Ib. 28 Dicturus de feminis h. e. de deabus: Quoniam, inquit, ut in primo libro dixi de locis, duo sunt principia deorum animadversa de coelo et terra, a quo dii partim dicuntur caelestes partim terrestres, ut in superioribus initium fecimus de coelo, cum diximus de Iove, – sic de feminis initium scribendi fecimus de Tellure. Auch kam er in demselben Zusammenhange auf die samothrakischen Mysterien, in denen er eine Darstellung der drei Principien der Dinge, des Himmels, der Erde, und der Ideen zu finden glaubte. Vgl. de ling. lat. V, 57, 58. , auch dieses nach den 33 Grundsätzen der stoischen Philosophie, welche den Dualismus eines schlechthin schöpferischen und eines schlechthin empfänglichen Princips an die Spitze ihrer Physik zu stellen pflegte. Obwohl Varro in einem andern Zusammenhange und wieder im Einverständnisse mit einigen Lehrern der stoischen Schule seinen Jupiter selbst über diesen ersten Anfang aller Weltbildung und aller Gegensätze zu erheben suchte d. h. ihn für die ursprüngliche Indifferenz jenes ersten Gegensatzes eines männlichen und weiblichen Princips erklärt hatte Augustin VII, 9 In hanc sententiam (daß Jupiter die Weltseele sei) etiam quosdam versus Valerii Sorani exponit idem Varro in eo libro, quem seorsum ab istis de cultu deorum scripsit, qui versus hi sunt: Iupiter omnipotens, regum rex ipse deusque Progenitor genitrixque deum, deus unus et omnis. Exponuntur autem in eodem libro ita ut eum marem existimaret qui semen emitteret, feminam quae acciperet, Iovemque esse mundum et eum omnia semina ex se emittere et in se recipere: wobei die stoische Lehre vom λόγος σπερματικὸς zu Grunde liegt. Jener Valerius Soranus ist eine merkwürdige Erscheinung der Zeit des jüngern Scipio, s. Gerlach Lucil. Satir. reliq. p. XXXI. Der vollständige Titel der von Augustin citirten Schrift des Varro war Curio de deorum cultu , ein Abschnitt der logistorici. . Genug er deutete in diesem Sinne nicht allein den Jupiter, sondern auch die übrigen Götter des griechischen und römischen Glaubens auf eine sehr freie und oft recht willkürliche Weise, wobei er sich zugleich der ganz verkehrten etymologischen Methode bediente, die wir aus seinen Büchern de lingua latina zur Genüge kennen. Dasselbe muß aber auch von seinen Erklärungen der mythischen Vorgeschichte des römischen Volks gelten, die er in dem Werke de gente populi Romani d. h. von dem Herkommen des römischen Volks Auszüge daraus bei Augustin C. D. XVIII. Den Pendant bildete das Buch de vita populi Romani . Jenes führte den Leser von den alten Königen Sikyons, mit denen die Chronologen zu beginnen pflegten, durch die übrigen Könige der griechischen Vorzeit zu denen der Laurenter, ex quibus evidentior ducitur origo Romana post Graecos; dann durch den trojanischen Krieg und Aeneas nach Rom. Augustin XVIII, 2. behandelt und dergestalt mit der griechischen 34 Mythengeschichte, wie sie seit Ephorus erzählt zu werden pflegte, verschmolzen hatte, daß die Geschichte von Griechenland, Latium und Rom nun vollends in dem Lichte eines fortlaufenden Zusammenhangs erschienen. Denn auch in dieser Hinsicht war Varro ganz von den Vorurtheilen seiner Zeit abhängig Namentlich scheint Varro die unglückliche Pelasger-Hypothese zuerst auf die Vorzeit der latinischen Aboriginer angewendet zu haben, s. Macrob. 1, 7; 28 vgl. Dionys. 1, 19. . Die beiden ersten Bücher dieses Werks enthielten eine Uebersicht der griechischen Vorzeit bis zum trojanischen Kriege, an welchen sich weiterhin die Vorzeit Italiens, Latiums und Roms d. h. die Flucht des Diomedes, des Aeneas u. s. w. anschloß, untermischt mit moralisirenden Erörterungen und pragmatisirenden Erklärungen, welche nicht selten abgeschmackt waren. Ich habe es für nothwendig gehalten, auf diese Eigenthümlichkeiten der Schriften Varros ausführlicher einzugehn, weil dieselben bei den meisten Angaben der späteren Autoren über den Glauben und den Cultus der römischen Vorzeit zu Grunde liegen, muß aber noch hinzufügen, daß seine Ueberlieferung von jenen philosophischen und pragmatisirenden Grundsätzen selten oder nie afficirt wird, wie er denn auch in den wichtigen noch erhaltenen Büchern de lingua latina das Thatsächliche von seiner subjectiven Meinung und Erklärung immer genau sondert. Auch sind von diesen Büchern namentlich das fünfte und sechste schon durch ihren Inhalt für unsern Zweck sehr wichtig, da in ihnen viele Namen alter Heiligthümer, alter Feste und andre auf die Religion der Römer bezügliche Thatsachen zur Sprache kommen. Ueberhaupt fehlte es Varro trotz seiner philosophischen Neigungen keineswegs an Blick und Interesse für das Eigenthümliche und Volksthümliche, in welcher Hinsicht die Ueberreste seiner nach dem Muster des griechischen Cynikers Menippos abgefaßten Satiren belehrend sind. Desgleichen waren seine Bücher de vita populi Romani ein wahrer Schatz von Nachrichten über die alten Sitten und Gebräuche, namentlich auch diejenigen, wo altes Herkommen sich mit altem Glauben berührte. Auch nach Varro blieben diese Studien über das Alterthum der römischen Sprache, der Sitten und Verfassung, der Religion beliebt; namentlich zeichnete sich unter Augustus aus Verrius Flaccus , ein Libertin, welcher die kaiserlichen 35 Prinzen unterrichtete und überhaupt zu seiner Zeit eine sehr angesehene Autorität war. Unter seinen Schriften war besonders lehrreich: 1) ein Werk in mehreren Büchern über allerlei Merkwürdigkeiten der Vorzeit (rerum memoria dignarum), namentlich auch Religionsalterthümer, welches Plinius d. Ä. oft benutzt hat, 2) das Werk de verborum significatione, eine Art Reallexicon des römischen Alterthums, welches späterhin mit andern gleichartigen Werken von S. Pompejus Festus excerpirt und in dieser verkürzten Form überarbeitet wurde. Von diesen Excerpten sind verschiedene sehr wichtige Bruchstücke erhalten; den ganzen Festus aber reducirte zur Zeit Carls d. Gr. ein Geistlicher Namens Paulus auf einen abermals sehr verkürzten Auszug, welcher selbst in dieser dürftigen Gestalt eine wichtige Quelle ist S. Pompei Festi de verborum significatione quae supersunt cum Pauli Epitome em. et annot. a. C. O. Muellero , Lips. 1839. Vgl. praef. p. XII sqq. Zu beachten sind auch die Glossen des Placidus bei A. Mai Class. auct. e Vat. codd. ed. t. III und N. Jbb. f. Philol. u. Paedag. Suppl. II p. 439–471, 485–492, und die aus verschiedenen Mss. zusammengetragenen lateinisch griechischen und griechisch lateinischen Glossen ed. H. Stephanus P. 1572 und Car. Labbé P. 1679. . Unter den Dichtern des Augusteischen Zeitalters verdienen für unsern Zweck besonders studirt zu werden Virgil und Ovid . Jener hat in seiner Aeneide das römische und italische Alterthum in einer Weise verherrlicht, daß die natürliche Armuth des Stoffs für den Liebhaber des nationalen Epos zwar überall durchblickt, doch wird von seinen alten Auslegern neben den poetischen Vorzügen immer vorzugsweise die tiefe Kenntniß hervorgehoben, welche sich der Dichter von den sacralen Ueberlieferungen der Vorzeit verschafft habe Macrob. S. 1, 24, 16 wo zuerst Vettius seine Bewunderung über Virgil ausspricht, quia doctissime ius pontificium tamquam hoc professus in multa et varia operis sui parte servavit , er getraue sich den Beweis zu führen daß Virgil recht gut Pontifex Maximus hätte sein können. Worauf Flavianus behauptet: apud poetam nostrum tantam scientiam iuris auguralis invenio ut, si aliarum disciplinarum doctrina destitueretur, haec illum vel sola professio sublimaret . Aehnliche Aussprüche liest man wiederholt bei Servius. ; daher diese Ausleger, namentlich der unter dem Collectivnamen des Servius erhaltene Commentar, auf solche Andeutungen immer geflissentlich eingehen und in Folge davon viele wichtige Nachrichten über gottesdienstliche Uebungen und das pontificale Recht erhalten haben. Ovid hat in seinen Metamorphosen die wenigen latinischen und römischen Fabeln, welche sich neben den griechischen 36 auf die Dauer behauptet hatten, in anmuthiger Weise verwebt: eine Verkettung der griechischen und römischen Fabel, welche sich durch Theater- und Schulpraxis immer mehr befestigte und in den bekannten Büchern Hygins und bei andern lateinischen Mythographen weiter verfolgt werden kann. Weit wichtiger aber sind Ovids Fasten , da in ihnen mehr das original Römische und Italische zur Sprache kommt, auch nicht selten jenes volksthümlich idyllische und mährchenhafte Element der Sagenbildung, worin sich noch am meisten Eigenthümlichkeit ausdrückt und wofür Ovid als höchst talentvoller Dichter viel Sinn hat. Diese Fasten sind bekanntlich eine poetische Bearbeitung des römischen Kalenders, wie er durch Cäsar und August festgestellt worden war. Der Dichter hat darin aus guten Gewährsmännern seines Zeitalters viele Erklärungen und Thatsachen nach seiner Art überarbeitet, wobei nur zu bedauern, daß er blos mit den ersten sechs Monaten fertig geworden ist. Die Ausgabe von R. Merkel Berl. 1841 ist besonders wegen ihrer Prolegomena de obscuris Ovidii Fastorum zu empfehlen. Unter den Geschichtsschreibern desselben Zeitalters sind Livius und der Grieche Dionysius von Halikarnass auch für unsern Zweck vom größten Belang. Livius ist mehr gewandter Schriftsteller als Quellenforscher, doch hat er, weil die älteren römischen Geschichtsschreiber verloren sind, sehr viele wichtige Nachrichten allein erhalten; auch hat ihn sein religiöses und poetisches Gemüth an solchen Thatsachen, welche den Glauben der alten Zeit betrafen, ein besondres Wohlgefallen finden lassen. Dionysius hat es an Mühe nicht fehlen lassen, doch ist er ganz und gar Grieche und der lateinischen Sprache nicht immer ganz mächtig. Auch hat er seiner Aufgabe dadurch sehr geschadet, daß er für seine Landsleute schreibend diesen zu beweisen sucht, die Römer seien weder Barbaren noch ein zusammengelaufenes Volk, sondern ächte Griechen, Rom eine griechische Stadt, ihre Sprache, Sitte, Religion eigentlich griechischen Ursprungs: worüber der alte Irrthum und der pragmatische Schlendrian von der pelasgischen, arkadischen, argivischen Vorzeit Italiens und Roms bei diesem Schriftsteller nun vollends in der vollsten Blüthe steht. Von den Schriftstellern der Kaiserzeit mag auf folgende verwiesen werden. Zunächst ist Valerius Maximus , der unter Tiberius schrieb, zwar nur ein oberflächlicher Compilator, doch sind durch ihn manche sonst verlorne Nachrichten 37 erhalten worden. Dann hat der vielseitig gelehrte und unermüdlich thätige Plinius d. Ä. unter Vespasian und Titus in seiner Naturgeschichte nicht allein sehr gute Quellen benutzt, sondern auch selbst viel beobachtet und neben vielen merkwürdigen Thatsachen der Natur auch viele zur Geschichte des römischen und italischen Glaubens und Aberglaubens sehr interessante überliefert. Ferner bat Plutarch in seinen römischen Biographieen und in den Vorstudien zu denselben, den römischen Fragen, nach seiner Weise fleißig geforscht und aus älteren Schriftstellern, auch aus Varro, viel zusammengetragen; nur ist auch seiner Kenntniß der römischen Sitte und Sprache nicht immer zu trauen. Unter den Autoren der Kaisergeschichte sind Tacitus , Sueton , Dio Cassius , Herodian , die Schriftsteller der Historia Augusta , jeder in seiner Weise wichtig und brauchbar, unter den Grammatikern und Alterthumsforschern dieses Zeitalters hervorzuheben: A. Gellius , welcher unter den Antoninen schrieb und viel Werthvolles überliefert, Nonius Marcellus , welcher die älteren Dichter und Schriftsteller, namentlich auch Varro fleißig excerpirt hat, nur ist leider sein Text sehr verdorben, Censorin , welcher unter Maximin de die natali geschrieben hat und gleichfalls oft dem Varro folgt, endlich Macrobius unter Theodosius d. J., dessen Saturnalien sehr reich an wichtigen, aus Varro, Verrius, den Commentatoren Virgils und andern Quellen zusammengetragenen Ueberlieferungen sind. Io Lydus der byzantinische Schriftsteller hat in seinen Schriften de mensibus, de magistratibus, de ostentis manche gute Nachricht älterer Quellen durch Unwissenheit und Faselei entstellt. Außerdem sind die Kirchenväter zu beachten, welche in Rom oder in der abendländischen Kirche das Christenthum gegen das Heidenthum vertheidigten und demzufolge dieses auch ihrerseits nach besten Kräften angriffen, daher sie sich oft sehr eingehend mit seiner Geschichte, seinen Göttern, seinem Cultus beschäftigen, namentlich Tertullian, Arnobius, Lactanz und Augustin in seinem Werke de civitate dei. Sie gehn bei der Beurtheilung der heidnischen Götter gewöhnlich von der Ansicht aus, daß dieselben böse Dämonen sind Z. B. Augustin C. D. VI, 3 Vel hominum, sunt ista instituta vel daemonum, non quales vocant illi daemones bonos, sed ut loquar apertius immundorum spirituum. , welche die Menschen durch Trug und Zauberei zu gewinnen gewußt 38 und gegen die wahre Offenbarung verhärteten: welche Voraussetzung sie glücklicherweise nicht abgehalten hat sich um die Sache gründlich zu bekümmern, wo dann Varro wieder die Hauptquelle ist. Besonders ist Augustin reich an Auszügen aus diesem Schriftsteller und seine Beurtheilung des heidnischen Gottesdienstes obwohl leidenschaftlich und feindselig, doch immer geistreich und aus der Tiefe der christlichen Erkenntniß geschöpft, welcher unter den früheren Kaisern manche gebildete Römer der stoischen Schule, wenigstens was die Forderung des Glaubens an einen Gott und die des Gottesdienstes im Geiste und in der Wahrheit betrifft, gar nicht so fern standen. Erst der Neuplatonismus stellte mit seiner Theorie der Emanation, seiner Geisterlehre und Magie dem Christenthum eine neue Theologie des Heidenthums entgegen, welche den theoretischen Kampf der beiden Religionssysteme noch einige Zeit hinhielt. Außer der allgemeinen Alterthumsforschung sind bei diesen Studien vorzüglich die topographischen zu empfehlen, nicht allein weil die Lage der älteren Heiligthümer in diesem oder jenem Stadttheile von Rom mit der Geschichte und dem Character des Gottesdienstes gewöhnlich genau zusammenhängt J. A. Ambrosch, Studien und Andeutungen im Gebiet des altrömischen Bodens und Cultus, Breslau 1839. , sondern auch weil die Quellen der Topographie und Stadtgeschichte auch über die einzelnen Culte manchen wichtigen Aufschluß geben. Namentlich gilt dieses von den alten Aufzeichnungen über die Regionen der Stadt Rom, bei denen man sich nur hüten muß den interpolirten Schriftstellern Sextus Rufus und Aurelius Victor ferner irgend welchen Einfluß zu gönnen L. Preller, die Regionen der Stadt Rom, Jena 1846. . Endlich sind von größter Wichtigkeit die Münzen und die Inschriften , beide als örtliche und authentische Denkmäler, welche über viele Dinge Aufschluß geben wo die römische Litteratur nicht ausreicht, die Inschriften namentlich dann, wenn sie die örtlichen Culte und Dialekte Italiens betreffen, oder vollends wenn sie unmittelbare Denkmäler einzelner religiöser oder geistlicher Institute sind, welche in Rom und Italien nicht allein zu jeder Zeit sehr zahlreich waren, sondern auch über alles sie Betreffende, die zu begehenden oder begangenen religiösen Gebräuche, die neuen Wahlen u. s. w. von Jahr zu Jahr sehr genau Protokoll hielten. Freilich die vielen Aufzeichnungen und alten Urkunden der römischen Pontifices, der Augurn, der 39 über die sibyllinischen Bücher gesetzten Fünfzehnmänner, die wichtigen Protokolle und Lieder der Salier und bei weitem die meisten andern Archivalien der Art sind bis auf die geringen Auszüge und Andeutungen der Litteratur Vgl. über diese priesterliche Litteratur, die Annales Pontificum, die Libri und Commentarii Pontificum, Augurum, Saliorum u. s. w. Becker Handb. d. röm. Alterth. 1, 4 ff., Schwegler Rö. Gesch. 1, 7 ff. und 31 ff. unrettbar für uns verloren gegangen. Doch haben sich wenigstens einige sehr wichtige Reste der Art wirklich erhalten, zunächst in den größeren und geringeren Bruchstücken der alten römischen Kalender , welche eine Uebersicht über das gesammte jährliche Festwesen in Rom und verschiedenen andern Städten gaben, allerdings erst über den Kalender und das Festwesen seit den Pontificaten des Cäsar und August, doch sind sie auch so von größter Wichtigkeit. Ferner gehören dahin die sehr merkwürdigen Steintafeln der Fratres Arvales , welche zu verschiedenen Zeiten in der Nähe des Orts, wo der Hain der von ihnen verehrten Dea Dia lag, gefunden sind und Bruchstücke der jährlichen Protokolle dieser Brüderschaft erhalten haben, also über die jährlichen Opfer und Gebete, mit denen die Göttin gefeiert wurde, die Opfermahlzeiten der Brüder und allerlei außerordentliche Vorfälle und Sühnungen in jenem Haine sehr merkwürdige Aufschlüsse geben G. Marini, Gli Atti e Monumenti de' fratelli Arvali, Roma 1795, 2 Bde. 4. Vgl. Gius. Melchiorri Appendice agli Atti e Monum. Roma 1855. 4. Auch Th. Mommsen und zuletzt De Rossi Bullet. dell' Inst. Arch. 1855 p. LII haben kleinere Nachträge publicirt. Das alte carmen fratrum Arvalium allein ist behandelt von Klausen de carm. fr. Arval. Bonn 1836 und Corssen Orig. Poesis Ro., Berl. 1846 p. 86 sqq., in welchem Buche auch andre dahin gehörige Reste, namentlich die der Saliarischen Lieder gesammelt und erörtert sind. Vgl. Th. Bergk de Carm. Saliarium reliquiis, Ind. lect. Marb. hib. 1847–48 und über das Lied der Arval. Brüder Ztschr. f. A. W. 1856 n. 17–19. . Auch verdienen verschiedene andere Denkmäler verwandten Ursprungs beachtet zu werden, welche dem Inhalte nach minder wichtig, aber schon wegen ihrer Form und Authenticität merkwürdig sind, z. B. ein Bruchstück ähnlicher Aufzeichnungen eines Collegiums des Jupiter Propugnator auf dem Palatin, ein Bruchstück von jährlichen Aufzeichnungen über die Feier der latinischen Ferien und verschiedene Reste römischer Sacerdotalfasten Marini Atti p. 129, Or. n. 42. 2471. 2472, Henzen n. 6057. 6058, Mercklin die Cooptation der Römer S. 212 ff. . Endlich haben sich auch aus dem übrigen Italien zwei sehr wichtige Urkunden 40 von unmittelbarem sacralem Interesse und in der authentischen Gestalt der alten Landesdialekte erhalten: die sogenannten Iguvinischen Tafeln , welche im J. 1444 zu Gubbio, dem alten Iguvium in Umbrien gefunden sind und im umbrischen Dialekte sehr merkwürdige und alterthümliche Anweisungen zu auguralen Beobachtungen, Opfern und Gebeten geben, die auf Veranlassung eines sühnenden Umzugs um die Stadt oder einen Theil der Stadt angestellt werden sollten Aufrecht und Kirchhoff die Umbrischen Sprachdenkmäler, 2 Bde., Berl. 1849, 51. , und die sogenannte Weihinschrift von Agnone in oskischer Sprache, ein Verzeichniß von Opfern und Weihungen an gewisse ländliche Gottheiten, welches im Jahr 1848 in der Gegend von Agnone im nördlichen Samnium entdeckt worden ist Th. Mommsen die Unterital. Dialekte S. 128–144. Vgl. Ph. Ed. Huschke , die Oskischen und Sabellischen Sprachdenkmäler, Elberfeld 1856 S. 2–32. . Eine zweckmäßige Auswahl aus der großen Masse der übrigen Inschriften, darunter auch der die Gottesdienste von Rom und den romanisirten Gegenden betreffenden, ist die von Orelli angelegte und neuerdings von Henzen vervollständigte Inscriptionum latinarum selectarum amplissima collectio ad illustrandam Romanae Antiquitatis disciplinam accommodata ed. I. C. Orelli, Turici 1828. 2 Voll. 8. Vol. tertium Collectionis Orellianae Supplementa Emendationesque exhibens ed. W. Henzen, Turici 1856. . Die bildende Kunst hat in Rom eben so wenig etwas Neues, wenigstens keine Götterideale geschaffen, als die Poesie eine Mythologie, deren Blüthe jene voraussetzt. Anfangs waren es etruskische, dann griechische Künstler, welche den Römern ihre Götterbilder lieferten, unter denen wie bei den Griechen die alterthümlichen und roheren lange für die heiligeren galten, bis mit der Zeit auch auf diesem Gebiete die griechische Aesthetik und ihre ideale Götterwelt sich geltend machte. So waren die drei Capitolinischen Götter, Jupiter, Juno, Minerva, wie sie in Sullas und Domitians Tempel zu sehen waren, ganz nach den besten griechischen Vorbildern geschaffen, und selbst solche Götter, von denen sich die ursprüngliche nationale Auffassung wenigstens im Cultus reiner erhalten hatte, z. B. Mars, Saturnus, Vejovis-Apollo u. a. folgten dem allgemeinen Impulse der griechischen Kunst; höchstens mit Ausnahme des wesentlich italischen und ungriechischen Janus, obgleich es auch hier die Frage bleibt, ob der Doppelkopf nicht den Griechen entlehnt ist. Selbst die 41 bildlicheDarstellung der conventionellen Mythengeschichte von Latium und Rom, die Abenteuer des Aeneas und die Geschichte des Romulus, wurden entweder von griechischen Künstlern oder doch in griechischer Manier ausgeführt. Auch war es erst die Zeit des Cäsar und August, in welcher diese Bildnerei einen gewissen Schwung bekam; ihre Tempel der Venus Genitrix und des Mars Ultor, später der von Hadrian erbaute Tempel der Venus und Roma, waren reich an solchen Decorationen. Der letzte Kaiser, welcher an solchen Darstellungen Geschmack gefunden, ist Antoninus Pius, dessen Münzen eine Uebersicht von ihnen geben Eckhel D. N. VII p. 28 sqq. . Für die Mythologie haben solche Bilder kein andres Interesse als das untergeordnete einer alterthümlichen und im Sinne der Zeit gedachten Illustration. 8. Die römische Mythologie seit Niebuhr. Erst seit einer solchen Behandlung, wie sie das römische Alterthum durch Niebuhr erfahren hatte, ist eine eigenthümliche Behandlung auch der römischen und italischen Religion d. h. ihrer nationalen Bestandtheile möglich geworden; hat Niebuhrs Ansicht von der lateinischen Sprache als sei sie eine Mischsprache, sein Glaube an ein nationales Epos der Römer auch wieder aufgegeben werden müssen, so wurde doch in seinem Werke über die römische Geschichte zuerst der Weg gewiesen, auf welchem die Späteren das Richtige finden konnten. O.  Müller hat das Verdienst in seinem Werke über die Etrusker (1828) den ersten bedeutenden Fortschritt gethan zu haben; es wurde hier zum erstenmal ein nach allen Richtungen ausgeführtes Bild von diesem merkwürdigen Volke gegeben und darin auch von seinen Glauben und seinen Göttern ausführlich gehandelt, dabei aber auch das übrige italische Alterthum, seine Dialekte und seine Götter, eingehender als es bisher geschehen war berücksichtigt. Weiterhin erschien von J. A.  Hartung die Religion der Römer, Erlangen 1836, 2 Bde., ein Buch in welchem die nationale Selbständigkeit und eigenthümliche Wichtigkeit der römischen Religion zuerst erkannt und insofern auch die Aufgabe der Untersuchung richtig erfaßt wurde »Von der größten Wichtigkeit scheint Ein Resultat, welches aus dieser Untersuchung hervorgeht, daß nehmlich die römische Religion des klassischen Zeitalters unter dem Einflusse fremder Götterhimmel mit ihren Sagengeschichten, besonders des griechischen, völlig verändert und sich selbst entfremdet worden war. Es ist ein alter Tempel von einem Ueberbau verhüllt worden, sodann sind beide eingestürzt, und wir haben nun die Trümmer des ersteren Gebäudes unter dem Schutte des zweiten hervorzugraben.« . 42 Demselben Gesichtspunkte folgten bald darauf die Untersuchungen von R. H.  Klausen , namentlich in seinem Hauptwerke: Aeneas und die Penaten, die italischen Volksreligionen unter dem Einfluß der griechischen, Hamburg und Gotha 1839, 2 Bde., nehmlich daß die Eigenthümlichkeit des italischen Götterglaubens durch den Einfluß der griechischen Bildung und Mythologie ganz entstellt sei und den gangbaren Ueberlieferungen der Römer durch mühsame Untersuchung wieder abgewonnen werden müsse; nur daß die Ausführung und nähere Begründung dieses Satzes in dem engen und künstlichen Zusammenhange der Aeneassage und hinsichtlich der Methode viel zu wünschen übrig läßt. In einer andern Richtung bewegen sich die Untersuchungen von L.  Krahner , welcher namentlich auf die Wichtigkeit der Schriften Varros und auf die verschiedenen Epochen der römischen Staatsreligion hingewiesen hat, und die von J. A.  Ambrosch , welcher in seinen Untersuchungen über den Zusammenhang der römischen Stadtgeschichte mit der Geschichte der älteren Culte, so wie in denen über die römischen Priesterthümer und die Religionsbücher der Römer, gleichfalls vieles Wichtige zuerst anregte. Andre Forscher haben auf Veranlassung einzelner Schriftsteller gewisse Abschnitte der sacralen Alterthümer behandelt, wie namentlich R.  Merkel in seiner Ausgabe von Ovids Fasten, Andre, namentlich A.  Schwegler in seinem Werke über die Römische Geschichte im Zeitalter der Könige, Tüb. 1853. 8, mit dem römischen Alterthum auch die Sagengeschichte von Rom und Latium auf lehrreiche und anregende Weise beleuchtet. Endlich ist neuerdings von Marquardt ein Buch über den gesammten Gottesdienst der Römer erschienen, welches auch für unsre Zwecke ein reiches Material darbietet. Außer den eigentlichen Studien des römischen Alterthums aber sind auch die neuerdings mit so vielem Erfolge betriebenen der vergleichenden Linguistik und die der vergleichenden Mythologie für unsre Aufgabe von großer Wichtigkeit, zumal da die Quellen sonst so spärlich fließen und vieles Alte und Ursprüngliche, oft das Wichtigste, ohne die Hülfsmittel jener beiden vergleichenden Studien gar nicht 43 erkannt werden kann. Das eine führt auf die alten Wortstämme der Götternamen eingehend zu dem Ursprünglichen der dabei zu Grunde liegenden Vorstellung, welche durch die falsche Etymologie und deutelnde Willkür der Alten oft ganz verloren gegangen war. Das andre lehrt durch Vergleichung verwandter Religionssysteme, namentlich der auch in der Sprache verwandten Völker, das in der Ueberlieferung des einen Volks Verdunkelte oft auf überraschende Weise aufklären. 44 Erster Abschnitt. Theologische Grundlage. Auch der römische Götterglaube ist wesentlich ein polytheistischer; ja es ist oft von älteren und neueren Schriftstellern hervorgehoben worden, daß nach der Zahl ihrer Götter zu urtheilen die Religion der Römer noch weit mehr Polytheismus gewesen sei als die der Griechen. Und dennoch möchte man andrerseits behaupten, daß eine gewisse Hinneigung zum Monotheismus, die keinem polytheistischen Göttersysteme völlig abgeht, hier weit mehr bemerkbar ist als dort, wo die Mythologie und die bildende Kunst zuletzt die Individualität und Characteristik der Götter dergestalt verhärtet und verdichtet hatte, daß vor lauter Mannichfaltigkeit der sinnlichen Erscheinung eine geistige Auffassung sehr schwierig werden mußte. In Rom dagegen d. h. in seinen religiösen Gebräuchen von altitalischem Ursprunge ist die allgemeine Vorstellung der Gottheit immer weit flüssiger geblieben; die göttliche Natur erscheint in diesen Gebräuchen, indem sie bei einzelnen Namen und Beinamen angerufen und nach der jedesmaligen besondern Beziehung auf Menschenleben, Landbau u. s. w. so oder so benannt wird, weit mehr als ein geistiges Fluidum, welches durch alle Natur und alle Lebensformen ausgebreitet ist und die verschiedensten Gestalten annehmen kann , ohne darin nothwendig und ein für allemal zu verharren. Man würde deshalb den Götterglauben der Römer richtiger Pandämonismus nennen als Polytheismus, und unwillkürlich wird man, sobald man sich eingehender mit diesen alten Formeln und Gebeten ihres religiösen Grundgesetzes beschäftigt, an jene Pelasger von Dodona erinnert, welche 45 nach Herodot vor Homer und Hesiod weder Eigennamen noch Beinamen im Sinne Homers und Hesiods d. h. keine nähere mythologische Umschreibung und Bestimmtheit ihrer Götter gekannt hätten. Auch sind in der That die meisten Namen der ältesten römischen Götter, wie wir gleich sehen werden, von so unbestimmter und schwankender Bedeutung, daß sie für persönliche Eigennamen kaum gelten können. Im Allgemeinen ist zu unterscheiden zwischen den persönlich gedachten Göttern, für welche die römische Sprache den Namen dei, dii, divi hat, und den geisterhaft wirkenden Dämonen, welche Genien , Laren , Manen , Penaten u. s. w. genannt wurden und nicht sowohl an und für sich eine eigne Persönlichkeit haben als dadurch erst bekommen, daß sie sich mit gewissen Menschen, Völkern, Städten und Stätten, oder auch mit gewissen Functionen des menschlichen Lebens oder dessen Geschäften identificiren. Eine dritte Klasse bilden die Semonen und Indigeten , welche sich noch am ersten mit den griechischen Heroen vergleichen lassen und hin und wieder wirklich mit ihnen indentificirt haben, eine vierte die untergeordneten Collectivgottheiten der freien Natur, die Faune und Silvane, Lymphen und Viren, welche meist als dienende Umgebung der höheren Gottheiten erscheinen. 1. Die Götter. Dei sind, wie schon Varro l. l. V, 66 richtig erklärt Der Himmel sei der Ursprung aller Dinge und die höchste Macht. Das beweise der ältere Name des Iupiter Diovis und Diespiter d. i. Dies Pater. A quo dei dicti qui inde (d. h. welche daher, coelitus stammen), et dius et divum, unde sub divo, Dius Fidius u. s. w. Vgl. Pott etymol. Forsch. 1, 98 ff. 265 und J. Grimm D. Mythol. S. 175 ff. , eigentlich die Lichten , die Himmlischen , denn der Himmel ist nach einer alle Naturreligionen durchdringenden Ueberzeugung der Sitz des Lichtes und die höchste Quelle alles Lebens, aller Macht und Herrlichkeit in allen Dingen. Es ist derselbe Stamm, welcher bei dem Namen des griechischen Ζεὺς und des römischen Jupiter d. i. eigentlich der himmlische Vater zu Grunde liegt und auch bei den generellen Benennungen der indischen dêvas und der griechischen ϑεοί den Wurzelbegriff bildet: ein Begriff, in welchem sich die sinnliche Vorstellung von dem strahlenden Glanze des Himmels und dem beseelenden Tageslichte mit 46 der religiösen von göttlichen Wesen, die über alle irdischen Dinge erhaben und vollkommner und seliger als alle irdischen Dinge sind, zu einem Ganzen verschmolzen hat. Wie wesentlich in den italischen Religionen diese Vorstellung zu der göttlichen Natur überhaupt gehörte beweist der Umstand, daß nicht allein die eigentlichen Götter und Mächte des Himmels Janus, Jupiter, Juno, Diana danach benannt sind, sondern auch Gottheiten der Erde und des Getreidesegens z. B. die Dea Dia der Arvalischen Brüder, welche von der Ceres, der schöpferischen Göttin des Ackers nicht wesentlich verschieden gewesen sein kann. Unterschieden werden die Götter nach den verschiedenen Gebieten des Naturlebens, welches sie vertreten, namentlich nach den beiden Hauptgebieten des Himmels und der Erde , auf welchen Unterschied auch Varro oft zurückkommt, nur daß seine an diese Zweitheilung geknüpften Betrachtungen weit mehr der stoischen Theologie als dem wirklichen Sinne der alten Naturreligion entsprechen ( S. 33 ). Die Götter der See, welche in der griechischen Mythologie von solcher Bedeutung sind, daß auch ihnen ein eigenthümliches, von vielen individualisirten Kräften und Erscheinungen belebtes Gebiet eingeräumt wurde, blieben für die ältere italische Volksanschauung so unbedeutend, daß eine besondre Klasse für sie gewöhnlich nicht angenommen wurde. Vielmehr ist das ganze Gebiet des Feuchten, Fließenden und Strömenden, das Reich der Flüsse, der Bäche, der Quellen, mit ihren singenden und reinigenden Lebensgeistern, ihren väterlich waltenden und befruchtenden Dämonen, in dem Gebiete des Erdelebens mit einbegriffen, zu welchem auch die Götter des Waldes und der Weide gehören, während andrerseits die Götter des feurigen Elements, der beseelende und bildende Vulcanus und der heimathliche Heerd der Vesta, zu dem Reiche der Himmlischen gerechnet werden mochten. Wohl aber wurde insgemein für die verborgnen Mächte der Erdtiefe , bei denen die Saaten gedeihen und die Geister der Verstorbenen fortleben, eine eigne Klasse ausgesondert, grade so wie bei Griechen, wo die Obern und die Untern auch den gewöhnlichen Gegensatz bilden. Dem entspricht im Lateinischen die geläufige Eintheilung der Götter in Superi und Inferi Vgl. Drakenborch zu Liv. 1, 32 9. , welche auch im Gottesdienste bei vielen örtlichen und ritualen Einrichtungen, wodurch dem religiösen Gedanken die Richtung nach der Höhe oder nach der Tiefe gegeben werden sollte, zu Grunde 47 liegt. Dazwischen pflegen sich, wo eine mittlere Klasse unterschieden wird, die Gottheiten der Erde einzuschieben, z. B. in der alten Formel der Fetialen bei Liv. 1, 32 Audi Iupiter et tu Iane Quirine So liest Perizonius mit Recht für Iuno, Quirine. diique omnes caelestes vosque terrestres vosque inferni audite. Eine alterthümliche Benennung für diese mittlere Klasse war die der dii medioxumi , wie es namentlich bei Plautus Cistell. II, 1, 36 heißt: ita me di deaeque , superi atque inferi et medioxumi d. h. medii, in welchem Sinne auch Varro den Ausdruck gebrauchte Non. Marc. p. 141. Vgl. Serv. V. A. III, 134 quidam aras superorum deorum volunt esse, medioximorum i. e. marinorum focos , inferorum vero mundos , wo die dii marini die ϑαλάσσιοι der Griechen sind. . Erst spätere, von den dämonologischen Theorien ihrer Zeit bestimmte Schriftsteller gebrauchen den Ausdruck medioxumi für die in der Mitte zwischen den Göttern und Menschen schwebenden Geistern, vgl. Apulej. d. dogm. Pl. I p. 204 Oud., Serv. V. A. VIII, 275, Martian. Cap. II, 154. Obwohl die italische Mythologie weder den seligen und ewig heitern Olymp noch den finstern Hades kannte, so ist doch ein gewisser qualitativer Unterschied zwischen diesen Götterklassen, wie er in dem Eindruck, den jene verschiedenen Naturgebiete auf das menschliche Gemüth machen, tief begründet ist, recht wohl zu bemerken. Die himmlischen Götter sind ganz vorzugsweise die wohlwollenden und helfenden, die herrschenden und heiligen, auch die schöpferischen Götter alles Anfangs und aller Beseelung, daher Ennius sie gelegentlich die dii genitales nannte, d. h. die Ursprungsgötter, von denen Alles abstammt Ennius b. Serv. Aen. VI, 764 Romulus in coelo cum dis genitalibus aevum degit . Vgl. Auson. Perioch. Iliad. 4 Iuppiter interea cum dis genitalibus una Concilium cogit Superum de rebus Achivis . Zu vergleichen genitalia corpora , genitalia semina d. h. die Elemente der Dinge, die befruchtenden Stoffe. In einem andern Sinne wird dii genitales von den Göttern der Geburt und der Entbindung gesagt auf einer Münze der Crispina, Gemahlin des Commodus, Eckhel D. N. VII p. 139. . Auch war das Bild, das man sich von ihrer Erscheinung machte, ein lichtes und freundliches, dahingegen die Götter der Tiefe und des Todes natürlich finster und unhold und von schrecklicher Gestalt sind, danach hin und wieder dii aquili d. h. fusci, atri benannt wurden und in entsprechender furchtbarer Erscheinung auch in alten Volkssagen vorkommen Der Todesgott erscheint nach der Legende der römischen Secularspiele b. Zosimus II, 1–3 als τις τερατώδης τὴν ὄψιν, ἠμφιεσμένος δέρματι μέλανι. Auch können die finstern, die schwarzen, die unholden Götter, von denen einige Schriftsteller wissen, keine andern sein als die des Todes und der Unterwelt, vgl. Plin. H. N. II, 7 atri coloris , Arnob. III, 14, Martian. Cap. II, 164 dii aquili , Placidi glossae: Diaquilii inferi. Aquilosi antiqui nigros dicebant , zu lesen: Dii aquili und Aquilos . Daher die Furinae und furvae hostiae , die Furiae und Proserpina furva , Paul p. 84. 93, Valer. Max. II, 4, 5, Horat. Od. II, 13, 21. . 48 Vollends aber war der Cultus dort ein eben so freundlicher und heiterer als hier ein schwermüthiger und grausamer, daher Einige zwischen diesen beiden Klassen wie zwischen guten und bösen Göttern unterschieden Augustin C. D. II, 11 Labeo, quem huiuscemodi rerum peritissimum praedicant (es ist der Jurist unter August) unterschied zwischen numina bona und numina mala . – Malos deos propitiari caedibus et tristibus supplicationibus, bonos autem obsequiis laetis atque iucundis, qualia sunt, ut ipse ait, ludi, convivia, lectisternia. . Endlich ist die zwischen beiden in der Mitte stehende Klasse der Feld- und Waldgötter, der Erndte und Weinlese, der Quellen und Flüsse, wie sie die volksthümlichste war und in ihrer Natur sich am meisten der Wandel des Jahres und irdischen Dinge offenbarte, so auch die mythologisch und durch Mährchendichtung noch am meisten bewegte. Auch ließ sich der Cultus und die Festfeier bei diesen Göttern so wenig in Italien als in Griechenland den derben Scherz und die ausgelassene Lustbarkeit nehmen, obgleich eine solche Schwermuth und ein solcher Fanatismus, wie er in Griechenland wesentlich zur Religion der Demeter und des Dionysos gehörte, dem ernsteren Gemüthe der alten Latiner und Römer immer widerstanden hat. Beschäftigen wir uns näher mit den Benennungen dieser Götter, ihrem Verhalten unter einander und zu der Natur und Menschenwelt, ihren verschiedenen Ordnungen, so sind zunächst die Namen bei den meisten merkwürdig unbestimmt und blos in allgemeinster Weise prädicativ. So Janus und Diana, Jupiter und Juno d. i. der Himmlische und die Himmlische, Faunus und Fauna d. i. der Gute und die Gute, Bona Dea, Dea Dia, Ceres d. i. die Schöpferische und viele andere; daher oft die große Schwierigkeit einer näheren Bestimmung, das leichte Hinüberfließen des einen Götterbegriffs in den andern, die große Geneigtheit vieler von diesen Göttern und göttlichen Wesen sich ins Griechische übersetzen zu lassen, wodurch die Vorstellung gleich so viel mehr Festigkeit und Dichtigkeit bekam, z. B. Evander und Hercules, welche dem Faunus der Latiner und dem Semo Sancus der Sabiner entsprachen. Auch gehört 49 dahin die große Sprödigkeit dieser Götter gegen locale und landschaftliche Beziehungen, wenigstens soweit sich dieselben in entsprechenden Beinamen und Fabeln auszudrücken pflegen; da bei den Griechen grade dieses Localisiren der Götterbegriffe nach der besondern Art und Natur der Berge, Thäler, Landschaften, Städte eine der wichtigsten Ursachen der Mannichfaltigkeit und so mancher feineren Schattirung ihrer Mythen und Sagen geworden ist. Allerdings ist zu bedenken, daß wir von dem alten Italien und seinen örtlichen Gottesdiensten zu mangelhaft unterrichtet sind, um darüber mit Sicherheit urtheilen zu können. Doch scheint es wohl, soweit man nach römischen Beispielen urtheilen darf, daß überall weit mehr Cultusbeziehungen und die Rücksicht auf das menschliche Leben die Quelle der Beinamen gewesen sind als landschaftliche Naturbeziehungen und ähnliche Umstände, unter welchen die Götter andrer Religionssysteme auf die örtlichen Bedingungen der Natur oder Geschichte selbst eingehen und dadurch in ihrem persönlichen Verhalten bestimmt werden, also als Subjecte eines gewissen Wechsels von handelnden und leidenden Zuständen auftreten: bei welcher Auffassung sich der Mythus von selbst bildet und weiter entwickelt. So zeigt sich das Wesen der italischen Götter auch rücksichtlich ihres Verhaltens unter einander und zu den Menschen durchaus nicht geneigt zu mythologischer Bewegung; vielmehr verharren sie auch in dieser Beziehung in einer würdigen und feierlichen, aber abstracten Ruhe, wie sie wohl bei einem vielseitig ausgebildeten Gottesdienste mit seinen Opfern, Anrufungen und Gebeten bestehen konnte, aber nicht mit der lebendigen Anschauung eines geistreichen und phantasievollen Volkes vereinbar war, welches die Götter nicht allein anbetete, sondern dieselben auch bei seinem Nachdenken und seinen Ueberlieferungen über die Anfänge der Dinge und der Geschichte überall mit einmischte. Von einer Kosmogonie und Theogonie sind nur sehr schwache Anfänge bemerkbar; in den Erzählungen vom Ursprunge der Nation treten von italischer Seite nur die Culturgötter auf, Saturnus, Faunus, Pales u. a., welche den Segen der Agricultur, der Viehzucht, der göttlichen Inspiration bedeuten, einige gute Genien, einige alte Könige: alles Uebrige, namentlich die Helden mit bestimmten Eigennamen, sind von den Griechen entlehnt. Unter sich sind die italischen Götter zwar durch das Geschlecht verschieden: eine Unterscheidung, welche gleich bei der ersten Begriffsbildung der Naturreligion und den ersten 50 Schöpfungen der Sprache so nothwendig und von selbst mit einfließt, daß sie allen auf diesem Boden entsprungenen Göttersystemen angeboren ist. Auch kamen diese Götter in den älteren römischen Gebeten zwar als paarweise und ehelich verbundene vor, die Lua Saturni, Salacia Neptuni, Hora Quirini, Maia Volcani und namentlich die Nerio Martis Gellius N. A. XIII, 23 Comprecationes deum immortalium, quae ritu Romano fiunt, expositae sunt in libris sacerdotum populi Romani et in plerisque antiquis orationibus. In his scriptum est: Luam Saturni, Salaciam Neptuni, Horam Quirini, Virites Quirini, Maiam Volcani, Heriem Iunonis, Moles Martis Nerienemque Martis. , wie man bei diesem Gotte denn auch von seiner Liebe zur Minerva und seiner Buhlschaft mit der Mond- und Quellengöttin Anna Perenna erzählte, ja selbst von der Liebe des ernsten Janus zur Iuturna, Venilia, Carna und Camasene, von der des Vortumnus zur Pomona, des römischen Hercules zur Acca Larentia und andern Nymphen wußte und selbst Varro ähnliche Vorstellungen schon bei den alten Römern anerkennen mußte Augustin C. D. III, 12 ut Varro dicit – in omnibus generibus deorum sicut in animalibus mares et feminas . Ib. IV, 32 Dicit etiam de generationibus deorum magis ad poetas quam ad physicos (die Philosophen) fuisse populos inclinatos et ideo et sexum et generationes maiores suos i. e. veteres credidisse Romanos et eorum constituisse coniugia . Der Eifer Andrer gegen die coniugia und matrimonia deorum , z. B. des Stoikers Balbus b. Cic. N. D. II, 28 und des Seneca b. Augustin C. D. VI, 10 trifft nur die Griechen. . Doch sind diese Ehen in den meisten Fällen kinderlos, und vollends fehlt es der italischen Mythologie gänzlich an dem Sinn für ein solches Princip, wie in der griechischen der allgemeine Liebesgott Eros wirkt, durch welches die Götter unter sich und zu den Menschen in eine lebendige Wechselbeziehung des Geschlechts gesetzt werden und dadurch die Quelle der genealogischen Dichtung eröffnet wird, welche in der griechischen Mythologie gleichfalls so außerordentlich reichlich strömt. Vielmehr wurden die italischen Götter insgemein als Väter und Mütter gedacht, im Sinne einer patriarchalischen und einfach gemüthlichen Vorstellungsweise, von welcher sich bei den Griechen und andern Völkern wohl einzelne Spuren Ζεὺς πατήρ und Δημήτηρ bei den Griechen, Δειπάτυρος bei den epirotischen Tymphaern nach Hesych. s. v., d. i. wahrscheinlich der italische Jupiter, Vater bei den Deutschen für Gott , Allvater Odin u. dgl., s. J. Grimm D. M. 20, nach welchem die Letten beinahe jeder Göttin das Epithet mahte, mahmina d. i. Mutter, Mütterchen anhängen. , nirgends aber so viele als in der Praxis des römischen Gottesdienstes erhalten haben. Wenigstens muß in 51 diesem der Zusatz von Pater und Mater zu dem Namen des Gottes viel allgemeiner gewesen sein als man nach den gewöhnlich angeführten Beispielen Iupiter, Marspiter, Liber Pater glauben sollte, da aus den uns erhaltnen Quellen auch folgende Fälle feststehen: Ianus Pater, Diespiter, Dis Pater, Summanus Pater, Vediovis Pater, Quirinus Pater, Saturnus Pater, Neptunus Pater So führte Lucilius in seiner Götterversammlung einen Gott redend ein: Ut nemo sit nostrum quin pater optimu' divum, Ut Neptunu' pater, Liber Saturnu' pater, Mars Ianu' Quirinu' pater nomen dicatur ad unum , s. Lactant. Inst. IV, 3, 12. Vgl. Gell. N. A. V, 12 nach alten Gebetsformeln : Sic et Neptunuspater coniuncte dictus est et Saturnuspater et Ianuspater et Marspater, hoc enim est Marspiter, itemque Iovis Diespiter appellatus . , daneben freilich nur die einzige Terra Mater; doch leidet es keinen Zweifel, daß auch dieser Zusatz bei den weiblichen Gottheiten in alter Zeit gewöhnlich war. Ja wir wissen aus Varro, daß auch in den Indigitamenten bei den Anrufungen jener vielen kleineren Hülfsgötter der einzelnen Acte und Thätigkeiten des menschlichen Lebens derselbe Zusatz herkömmlich war, und zwar in der verwandten Formel Divus Pater und Diva Mater Augustin C. D. VII, 3 Unde dicit etiam ipse Varro, quod Diis quibusdam Patribus et Deabus Matribus sicut hominibus ignobilitas accidisset , wobei nur die Götter der Indigitamenta gemeint sein können. Vgl. ib. VI, 10; wo Augustin diese Götter, bei denen Varro keine männliche oder weibliche Hälfte hinzugefügt hatte, caelibes und viduae nennt. , aus welcher ersten im gemeinen Sprachgebrauche nicht selten Iupiter geworden zu sein scheint, z. B. Iupiter Indiges für Divus Pater Indiges, Iupiter Glitumnus für Divus Pater Clitumnus, Iupiter Ruminus, neben welchem die Diva Rumina angerufen wurde, für Divus Pater Ruminus u. s. w. So erklärt es sich wohl auch am besten, wie Varro in seinen Satiren von dreihundert Jupitern sprechen konnte Tertull. ad Nat. 1, 10 Sed et Diogenes nescio quid in Herculem lusit et Romani stili Diogenes Varro trecentos Ioves seu Iuppiteres dicendum est sine capitibus inducit. Vgl. Tertull. Apolog. 14 und Oehler Varr. Menipp. p. 48. 238 sq., Tertull. Vol. 1 p. 171. ; vermuthlich dachte er dabei an eben jene sehr zahlreichen Divi Patres d. h. eben so viele dii minuti von untergeordnetem Range, welche er mit großer Mühe aus den bald näher zu besprechenden Indigitamenten zusammengesucht hatte. Sehr characteristisch ist der häufige Gebrauch des Wortes numen für Gott, da dieses Wort weit mehr unserm Begriffe der Gottheit im Sinne einer abstracten Macht als dem eines 52 persönlichen Gottes entspricht. Numen ist nehmlich eigentlich nur die Machtäußerung eines Gottes oder eines geistigen Wesens in der Natur oder der von menschlicher Thätigkeit bewegten Welt, von nuere in der bekannten Bedeutung der zustimmenden Bewegung des Hauptes, die durch die erhabnen Verse der Ilias 1, 528 vom Olympischen Zeus so berühmt geworden ist Vgl. auf einem andern Gebiete Liv. V, 22, von dem Transporte des Bildes der Juno Regina von Veji nach Rom: Dein cum quidam seu spiritu divino tactus seu iuvenali ioco »Visne Romam ire Iuno?« dixisset, adnuisse ceteri deam conclamaverunt . . So erklärt namentlich Varro l. l. VII, 85, indem er aus dem älteren römischen Tragödiendichter L. Attius diesen Vers anführt: Multis nomen vestrum numen que ciendo und dabei erklärend hinzufügt: Numen dicunt esse imperium, dictum a nutu [quod cuius nutu] omnia sunt, eius imperium maximum esse videatur. Itaque in Iove hoc et Homerus et Annalis et aliquotiens Livius So ist diese Stelle verbessert worden von Lachmann z. Lucret. p. 111. Bei den Annales wäre zu denken an die des Ennius, aus denen Lachmann den bekannten Vers anführt: Iuppiter hic risit tempestatesque serenae Riserunt omnes risu Iovis omnipotentis . d. h. der alte römische Dichter und Uebersetzer der Odyssee Livius Andronicus. Wie in jener Stelle des Attius offenbar eine höchste menschliche Autorität vorausgesetzt werden muß, so wird es auch bei Liv. VII, 30 von dem römischen Senate gebraucht: Adnuite patres conscripti nutum numenque vestrum invictum Campanis, und Lucretius III, 144 sagt mentis numen von der Herrschaft des menschlichen Geistes, während unter den Kaisern oft vom numen Augusti die Rede ist, welchem auch Altäre errichtet wurden. Gewöhnlicher aber ist der Gebrauch des Wortes von dem unsichtbaren Walten der Götter, entweder von der höchsten Gottheit im Allgemeinen, oder von einzelnen Göttern, s. Cic. d. Fin. IV, 5, 11, wo er von dem Eindruck des gestirnten Himmels auf das menschliche Gemüth spricht, wie sehr dieses zugleich von Demuth und von Zuversicht durchdrungen werde, quum cognitum habeas quod sit summi rectoris ac domini numen, quod consilium, quae voluntas, und von der göttlichen Vorsehung im Allgemeinen pro Mil. 30, 83 nec vero quisquam aliter arbitrari potest nisi qui nullam vim esse ducit numenque divinum . Dagegen ein merkwürdiges Beispiel für den Gebrauch von der Willensäußerung eines einzelnen Gottes diese Inschrift aus Tereventum ist bei Mommsen I. N. n. 5162: P. Florius u. s. w. Dianae numine iussu posuit, und die Inschrift 53 des in Rom auf Constantin errichteten Triumphbogens, wo es ursprünglich hieß, er habe seine Siege gewonnen Nutu Iovis Optimi Maximi, wofür man später instinctu divinitatis zu setzen für gut fand S. J. Burckhardt die Zeit Constantins d. Gr. S. 363. . Sehr oft, ja mit besonders prägnantem Ausdruck wird es ferner von den Offenbarungen der Götter in den verschiedensten Kreisen des Naturlebens gebraucht, z. B. bei Horaz, wenn er Od. III, 10, 7 von Jupiter als dem Gotte des Himmels sagt: (Sentis) et positas ut glaciet nives puro numine Iuppiter, und bei Virgil Aen. V, 766, wo es eben so schön vom Meere heißt: quibus aspera quondam visa maris facies et non tolerabile numen: namentlich auch von der unsichtbaren Gottheit eines heiligen Haines und von den Dämonen der Gebirge und Wälder, für welche die Alten immer ein sehr lebendiges Naturgefühl gehabt haben, z. B. Ovid. Met. I. 320 Corycidas nymphas et numina montis adorant, und Ders. Fast. III, 295 Lucus Aventino suberat niger ilicis umbra, Quo posses viso dicere: Numen inest . Ders. Am. III, 17 Stat vetus et densa praenubilus arbore lucus, Aspice, concedas numen inesse loco , endlich Plinius H. N. XII, 2 quin et Silvanos Faunosque et deorum genera silvis ac sua numina tanquam et caelo attributa credimus, welcher Schriftsteller ein andermal sehr schön von der Alles belebenden Naturmacht der Sonne sagt II, 6 hunc (Solem) mundi esse totius animum ac planius mentem , hunc principale naturae regimen ac numen credere decet Tacitus Ann. II, 17 gebraucht das Wort sogar von einer begeisternden Erscheinung von acht Adlern vor einer Schlacht der Römer mit den Deutschen: Interea pulcherrimum augurium, octo aquilae petere silvas et intrare visae imperatorem (Germanicum) advertere. Exclamat, irent sequerentur Romanas aves, propria legionum numina , mit Beziehung auf die Legionäradler. . Und so scheint es denn auch in dem römischen Cultus vorzugsweise von den untergeordneten Göttern gebraucht zu sein, in welchen sich die durch die ganze Natur und Welt verbreitete Gottheit wie in eben so vielen einzelnen Kräften offenbart; wenigstens werden diese in den pontificalen Indigitamenten zu ganzen liturgischen Reihen zusammengruppirten Götter von den Schriftstellern, welche darüber meist nach Varro berichten, häufig numina genannt, z. B. von Censorin d. d. n. 3 omnes hi semel in unoquoque homine numinum suorum effectum repraesentant d. h. sie zeigen ihre göttliche Thätigkeit bei jedem Menschen in seinem Leben nur einmal, während der Genius durch das ganze Leben hindurch sein 54 unsichtbarer Begleiter und Schutzgott ist. Vgl. Serv. Georg. I, 21, wo es von denselben göttlichen Kräften heißt: nomina numinibus ex officiis constat imposita, und Augustin C. D. VII, 2 wo den eigentlichen Haupt- und Cultusgöttern des römischen Staates, welche Varro dii selecti nannte, entgegengesetzt wird illa quasi plebeia numinum multitudo minutis opusculis deputata: daher auch bei Varro in einem bei Non. Marc. p. 167 erhaltnen Bruchstücke seines Cato vel de liberis educandis betitelten Buches gewiß zu schreiben ist: Hisce numinibus (für manibus) lacte fit, non vino, Cuninae propter cunas, Ruminae propter rumam d. i. mammam. Und in der That werden wir sehen, daß die römische Religion grade auf der Stufe ihrer Entwickelung, welcher die gewöhnlich dem Numa zugeschriebenen Indigitamenta entsprechen, noch weit mehr pantheistisch gestimmt war als polytheistisch d. h. daß die Zahl der höheren Cultusgötter mit persönlichen Eigennamen, eignen Priestern u. s. w. damals noch eine sehr geringe war, die dieser göttlichen Kräfte dagegen, welche das menschliche Leben unsichtbar umschweben und nur in einer besondern Beziehung auf dasselbe für das Gebet und den Cultus personificirt wurden, eine um so größere, ja unbegrenzte. Auch in der Art und Weise, wie sich sonst die Götter offenbaren und mit den Menschen verkehren, zeigt sich überall dieses pantheistische Grundgefühl, welchem das griechische Volk durch seinen Polytheismus weit mehr entfremdet wurde. So ist namentlich der Schicksalsglaube in allen seinen Gestaltungen, sowohl der Fortuna als des Fatum, der Orakel und aller möglichen Mittel der Divination in Italien immer außerordentlich lebendig gewesen und geblieben, namentlich auch der Glaube an göttliche Vorbedeutungen, Warnungen, Mahnungen, die in den verschiedensten Formen und Arten auftraten und in Rom bekanntlich einen so weit ins Einzelne ausgebildeten Wunder- und Aberglauben zur Folge hatten, wie er auf solcher Stufe der Civilisation sonst unerhört ist. Denn niemals oder doch nur ganz ausnahmsweise treten die römischen und italischen Götter persönlich unter das Volk, wie die griechische Demeter und Dionysos, wenn sie den Ackerbau und den Weinbau stiften, Minerva wenn sie den Oelbaum pflanzt, Poseidon wenn er das Roß zähmt, oder Apollo und andere Götter in ihren Epiphanieen, sondern immer wirken sie nur mittelbar durch Zeichen und Wunder, Misgeburten, Erdbeben, Sonnenfinsternisse, außerordentliches Brausen der Luft u. s. w., abgesehen von den regelmäßigen Beobachtungen des Vögelflugs und des Angangs der Thiere 55 oder der Blitze und der Eingeweide: so daß in dieser Hinsicht auch für den Römer die ganze Natur von Göttern und Geistern durchdrungen war, nur daß sein Glaube ihn wohl zum Aberglauben und zum opus operatum anleiten konnte, aber nicht zu Kunst und Wissenschaft. So hört man auch sehr oft von redenden Thieren und von geisterhaft erschallenden und schwer zu deutenden Stimmen der Götter, mit denen sie ihren Willen aus den Hainen und Wäldern oder von den Bergen herab und aus ihren Tempeln unter die Menschen rufen, wie solch ein Ruf nach der Zerstörung Alba Longa's von der Höhe des heiligen Berges über der Stadt erscholl, der über die Vernachlässigimg des alten Gottesdienstes klagte, ein andrer aus dem Tempel der Juno Moneta, welcher bei einem Erdbeben eine trächtige Sau als Sühnopfer forderte Cic. de Divin. 1, 45, 101. Zu Satricum im Lande der Volsker rettet eine vox horrenda edita templo cum tristibus minis den Tempel der Mater Matuta bei der Zerstörung der Stadt durch die Latiner, Liv. VI, 33. Vgl. auch Virgil. Ge. I, 476 Vox quoque per lucos vulgo exaudita silentes Ingens et simulacra modis pallentia miris Visa sub obscurum noctis etc. , ein andrer aus dem Haine der Vesta, der vor dem Einfalle der Gallier warnte, daher man später an derselben Stelle einen Altar des Aius Locutius d. h. des Sagers und Sprechers errichtete, endlich viele Stimmen der Faune und Silvane aus dem einsamen Dickicht des Waldes, welche bald die Herzen der Dorfbewohner mit süßem Zauber bald die der Feinde mit wildem Schrecken erfüllten. Und zwar sind es natürlich immer ganz besonders die eminenten Naturerscheinungen, Erdbeben, Sonnenfinsternisse u. dgl., welche den Staat und seine Priester am meisten in Bewegung setzen, wo es denn wieder sehr characteristisch ist, daß bei solchen Gelegenheiten, namentlich bei Erdbeben, die Ursache nicht auf einen bestimmten Gott zurückgeführt wird, wie die Griechen in solchen Fällen zu ihrem Poseidon Asphalios zu beten pflegten, sondern es wurde in Rom der dann immer beschlossene Feiertag ohne nähere Bestimmung des zu versöhnenden Gottes angesagt, und, war ja bei diesem Feste ein Versehen vorgefallen, das dadurch nöthig gewordene Sühnopfer unter der Formel Si Deo Si Deae dargebracht, so wenig getraute man sich den Namen oder das Geschlecht des Gottes, welcher das Erdbeben veranlaßt haben könnte, zu bestimmen Gellius N. A. II, 28 Propterea veteres Romani, cum in omnibus aliis vitae officiis tum in constituendis religionibus atque in dis immortalibus animadvertendis castissimi cautissimique, ubi terram movisse senserant nuntiatumve erat, ferias eius rei causa edicto imperabant, sed Dei nomen ita uti solet, cui servari ferias oporteret, statuere et edicere quiescebant, ne alium pro alio nominando falsa religione populum alligarent. Eas ferias si quis polluisset piaculoque ob hanc rem opus esset, hostiam Si Deo Si Deae immolabant, idque ita ex decreto Pontificum observatum esse M. Varro dicit, quoniam et qua vi et per quem deorum dearumve terra tremeret incertum esset. Obwohl bei Erdbeben gewöhnlich die Götter der Erde angerufen wurden, s. Tellus. . Eine Gewissenhaftigkeit übrigens, 56 welche auch sonst in dem öffentlichen Gottesdienste der Römer d. h. dem unter Oberaufsicht der Pontifices begangenen herkömmlich war, da bei allen feierlichen Anrufungen eines Gottes oder bei Dedicationen eines Tempels an denselben zu dem gewöhnlichen Namen hinzugesetzt zu werden pflegte: Quisquis es und Sive quo alio nomine fas est appellare , so wenig glaubte man durch einen einzelnen Namen das ganze Wesen des Gottes umschreiben zu können. Oder man ließ in gewissen Fällen, namentlich in solchen wo zu verborgenen Göttern und Ortsgenien gebetet wurde, deren Individualität nicht genau zu bestimmen war, oder absichtlich nicht näher bestimmt werden sollte, das Geschlecht dahingestellt sein, entweder mit der schon bemerkten Formel Sive Deo Sive Deae oder mit den gleichartigen Sive Mas Sive Femina, Si Deus Si Dea u. dgl. S. Serv. V. A. II, 351, wo diese Unbestimmtheit der Schutzgötter und Ortsgenien auf die Sitte diese Götter bei Belagerung einer Stadt zu evociren zurückgeführt und dann hinzugesetzt wird: et in Capitolio fuit clypeus consecratus, cui inscriptum erat: Genio Urbis Romae Sive Mas Sive Femina , et Pontifices ita precabantur: Iupiter Optime Maxime sive quo alio nomine te appellari volueris . Vgl. die Vorschrift bei Cato r. r. 139 für die Säuberung eines Hains, wobei man so beten solle: Si Deus si Dea es quoium illud sacrum est etc. und die Acta fratr. Arv. t, 32, wo in einem ähnlichen Falle sämmtlichen Göttern des Haines der Dea Dia geopfert wird und darauf Sive Deo Sive Deae , Virginibus Divis, Famulis Divis etc. und darauf noch einmal Sive Deo Sive Deae , in cuius tutela hic lucus locusve est, Fonti, Florae etc., beidemal offenbar örtlichen Schutzgöttern. Vgl. Marini Atti p. 370 sq. , woraus man ja nicht die Folgerung ziehen darf, als ob die Römer auch doppelgeschlechtige Wesen, wie die orientalischen Völker und die Griechen, verehrt hätten. Vielmehr liegt in allen diesen Fällen eine und dieselbe Religiosität zu Grunde, welche das persönliche Wesen eines Gottes lieber ungewiß läßt als zu eng umschreibt; wie man denn auch sonst bei Opfern, Gebeten und Sühnungen immer von dem Glauben ausging, daß nicht blos der einzelne Gott, dem die religiöse Handlung zunächst galt, sondern die ganze Götterwelt solidarisch betroffen sei, so wenig wagte man den 57 einzelnen Fall auf diese oder jene besondre Gottheit allein zurückzuführen. Man pflegte deshalb nach jedem Gebete zu einem einzelnen der Götter immer nachträglich alle Götter insgemein anzurufen, wofür der Ausdruck galt deos confuse oder generaliter invocare Serv. V. Georg. I, 10 Hoc enim in sacris fieri solebat, ut post specialia ad eam rem, de qua agebatur, invocata numina omnes Dii vel Deae confuse invocarentur. Ib. vs. 21 zu den Worten Dique Deaeque omnes : Post specialem invocationem transit ad generalitatem, ne quod numen praetereat, more Pontificum, per quos ritu veteri in omnibus sacris post speciales Deos, quos ad ipsum sacrum quod fiebat necesse erat invocari, generaliter omnia numina invocabantur. Vgl. zu Aen. VIII, 103 und Brisson. de formulis I, 88 und 89 p. 49 sq. . Besondre Geschlechter und Ordnungen der Götter, wie man sie in den mythologischen Systemen andrer Völker findet, werden wir in dem religiösen Grundgesetze des Numa und den pontificalen Urkunden kaum voraussetzen dürfen, sondern auch hier werden nur die Formeln des Gebetes eine gewisse herkömmliche Reihenfolge und Gruppirung der Götter herbeigeführt haben. So wurde unter allen Umständen Ianus , der alte Sonnengott des Anfangs, zuerst genannt und Vesta als die Göttin alles heiligen Heerd- und Altarfeuers, bei welchem gebetet und geopfert wurde, zuletzt, so daß diese beiden Götter recht eigentlich das Alpha und Omega des römischen Gottesdienstes genannt werden können Wenn es bei Ovid. Fast. VI, 298 u. A. heißt, Vesta werde zu Anfang angerufen, so ist dieses vielmehr die griechische Sitte, s. Griech. Mythol. I, 271. . Zwischen ihnen wurden die übrigen Götter in größeren oder längeren Reihen eingeschoben, wie und zu welchem Zweck man eben opferte und betete. In den meisten Fällen folgte gleich auf den Janus der höchste Himmelsgott Iupiter , welchem, wie Varro sagt, in gleicher Weise alle höchste Majestät gebührte wie dem Janus aller Dinge Anfang Bei Augustin C. D. VII, 9 penes Ianum sunt prima, penes Iovem summa . . In dem alten Göttersysteme des Numa folgten darauf nur noch die beiden obersten Schutzgötter der vereinigten Römer und Quiriten Mars und Quirinus , daher Numa auch nur für diese drei Götter Jupiter, Mars und Quirinus eigne Opferpriester eingesetzt hatte, unter denen der Flamen Dialis bei weitem der vornehmste war, während die Opfer des Janus von dem Rex Sacrorum dargebracht wurden, der Cultus der Vesta aber wie die Vestalinnen unter der speciellen Aufsicht des Pontifex Maximus stand: daher dieser in Fällen der geistlichen Etikette 58 wie Vesta beim Opfer zuletzt zu kommen pflegte, der Rex Sacrorum aber immer zuerst Festus p. 185 Ordo sacerdotum aestimatur deorum [ordine, ut deus] maximus quisque. Maximus videtur Rex, dein Dialis, post hunc Martialis, quarto loco Quirinalis, quinto Pontifex Maximus. Itaque in [conviviis] solus Rex supra omnis accubat, sic et Dialis supra Martialem et Quirinalem, Martialis supra proximum, omnes item supra Pontificem . Es ist die alte von Numa eingesetzte Folge der Götter: Janus, Jupiter, Mars, Quirinus, Vesta, die sich darin bestätigt, daß die drei flamines maiores immer in derselben Folge Flamen Dialis, Martialis, Quirinalis genannt werden und Janus und Vesta immer den Anfang und das Ende bilden, vgl. auch Serv. V. A. VIII, 663 Salii – sunt in tutela Iovis, Martis, Quirini und Polyb. III, 25, wo die Fetialen die Verträge beschwören beim Iup. Lapis, Mars und Quirinus. So lange es Könige gab, werden diese den Cult des Janus und der Vesta besorgt haben, letzteren freilich auch mit Hülfe der Vestalinnen. Hernach verglichen sich der Rex Sacrorum und der Pontif. Max. in der Weise wie Festus es andeutet. Vgl. Gellius X, 15, 21, Serv. Aen. II, 2 und die verschiedenen Erklärungen von Ambrosch, Mercklin und Marquardt bei Diesem Handb. d. R. A. 4, 187. . Später änderte sich dieses System wesentlich dadurch, daß Jupiter als Schutzgott des Capitols und des Staates die beiden Göttinnen Juno und Minerva zu seinen unzertrennlichen Gefährtinnen bekam, wenn diese nicht, wie früher Juno allein, bei dem Jupiter des alten Systems fortan stillschweigends mit einbegriffen wurden. Jedenfalls blieben diese drei Götter Jupiter, Juno, Minerva fortan die angesehensten des römischen Staates, welche bei jedem feierlichen Gebete gleich nach dem Janus in derselben Folge genannt wurden; auch waren sie nach Varro die ältesten Tertull. ad Nat. 11,12. Varro antiquissimos deos Iovem, Iunonem et Minervam refert . Vgl. Varro l. l. V. 158. , da namentlich die Sabiner des Quirinals schon vor der Gründung des Capitols dieselbe Göttergruppe gekannt haben sollen. Es ist eine Art von höchstem Ausschuß der himmlischen Götterwelt in Form einer Trias , die höchste Macht, die höchste Weiblichkeit, die höchste Weisheit, wie bei Homer gleichfalls Zeus, Apoll und Athene als die drei höchsten Götter angerufen werden und in der deutschen und nordischen Mythologie ebenfalls verschiedene Spuren von drei obersten Göttern nachgewiesen sind J. Grimm D. M. 98. 102. Es verdient Beachtung und ist ein Beweis von der hohen Achtung, dessen das weibliche Geschlecht im alten Italien genoß, daß von den drei Capitolinischen Gottheiten zwei weiblichen Geschlechts sind. . Neben der Capitolinischen Trias blieb immer Mars der eigentliche Nationalgott der Römer, während Quirinus später mit dem verklärten Romulus identificirt und dadurch zu einem Halbgott herabgesetzt wurde. 59 Außerdem wurden je nach der besondern Veranlassung und dem besondern Culte die andern Götter in längeren oder kürzeren Reihen angerufen, wie davon die Urkunden der Arvalischen Brüder und andre sacrale Urkunden allerlei Beispiele an die Hand geben. Auch die Redner und andre öffentliche Verhandlungen pflegten wohl mit einer feierlichen Anrufung der höchsten Götter des römischen Staates zu schließen, daher noch Velleius Paterculus seine Geschichte mit einer ähnlichen Anrufung abschließt. Selbst Varro in seinem Abschnitte über die dii selecti, obgleich er mit denselben sonst ziemlich willkürlich umgeht, nannte zuerst den Janus und Jupiter und zuletzt die Vesta. Die Spuren eines sabinischen Systems von zwölf Göttern hat man bei Varro l. l. V, 74 finden wollen, wo nach alten Jahrbüchern der Stadt von Altären die Rede ist, die der König T. Tatius zu Rom geweiht und mit Inschriften in sabinischer Sprache versehen habe: nam, ut Annalis dicunt, vovit Opi, Florae, Vediovi Saturnoque, Soli, Lunae, Volcano et Summano itemque Larundae, Termino, Quirino, Vortumno, Laribus, Dianae Lucinaeque Vgl. O. Müller Etrusker 2, 64 und Fest. p. XLIV. . Indessen fehlen hier nicht allein die drei wichtigsten Götter des Capitolium vetus d. h. Jupiter, Juno, Minerva (Varro l. l. V, 158), sondern auch noch andre Götter, die wir für altsabinisch halten dürfen; auch scheint die Folge, in welcher jene Götter aufgezählt werden, keineswegs die des gottesdienstlichen Gebrauchs zu sein: so daß man allenfalls zwölf Altäre an jener Stelle annehmen, aber doch etwas Näheres für das Göttersystem der Sabiner daraus nicht folgern kann. Wohl aber scheint mit so vielen andern Elementen der griechischen Bildung und des griechischen Glaubens auch das griechische Zwölfgöttersystem sich der italischen Bevölkerung ziemlich früh mitgetheilt zu haben, jenes System von sechs männlichen und sechs weiblichen Göttern, welches für alle Griechen, sowohl die des Mutterlandes als die der Colonieen, eine nationale Geltung bekommen hatte und deshalb durch Altäre und Bilder besonders an solchen Stellen vergegenwärtigt wurde, wo viel nationaler Verkehr war, z. B. auf dem Markte von Athen, in dem Haine des Zeus zu Olympia, auf einem alten Vereins- und Verkehrspunkte in Thessalien, und auf einem Berge über der Einfahrt in das schwarze Meer, wo jährlich so viele griechische Schiffer aus und einfuhren. Im mittleren Italien dürfen wir es zeitig bei den Etruskern voraussetzen, im südlichen bei den Samnitern und den von ihnen ausgegangenen Mamertinern, 60 welche nach Festus p. 158 diesen Namen angenommen hatten, weil sie unter den Namen der zwölf Götter, von denen der griechische Apoll sie zur Auswanderung aus Samnium bewog, den des Mars, der in ihrem Dialekte Mamers hieß, durch das Loos gezogen hatten. In Rom hören wir von demselben Systeme zuerst zu Anfang des zweiten punischen Krieges, wo bei der Annäherung des Hannibal unter andern religiösen Gebräuchen auch drei Tage lang ein Lectisternium von sechs Kissen veranstaltet wurde, bei welchem die Decemvirn der sibyllinischen Bücher den Dienst hatten. Das erste Kissen galt dem Jupiter und der Juno, das zweite dem Neptun und der Minerva, das dritte dem Mars und der Venus, das vierte dem Apoll und der Diana, das fünfte dem Vulcan und der Vesta, das sechste dem Mercur und der Ceres (Liv. XXII, 10): wo schon wegen jener Decemvirn nur an griechische Götter gedacht werden kann, wie denn auch die Auswahl und Paarung derselben entschieden die des griechischen Systems ist. Bald darauf gefiel sich Ennius in seinen Annalen darin, die Namen derselben zwölf Götter in zwei Hexameter zu bringen, wodurch die rechte Folge derselben freilich sehr gestört wurde Iuno, Vesta, Minerva, Ceres, Diana, Venus, Mars, Mercurius, Iovis, Neptunus, Vulcanus, Apollo. , und aus Varro d. r. r. I, 1, 4 erfahren wir, daß dieselben Zwölf als Consentes d. h. als hoher Rath der Götter am Forum in vergoldeten Bildern aufgestellt waren, sechs männliche und sechs weibliche, auch dieses also nach griechischer Sitte und höchst wahrscheinlich nach dem Vorbilde einer bestimmten Stadt im südlichen Italien Varro nennt sie ausdrücklich städtische Götter, deos urbanos , und setzt ihnen deshalb zwölf ländliche Gottheiten entgegen, lauter alte italische und fortwährend auf dem Lande verehrte etc., auch diese nach Paaren geordnet: Iupiter Tellus, Sol Luna, Ceres Liber, Robigus Flora, Minerva Venus, Lympha Bonus Eventus. . Und zwar standen diese Bilder, wie der Fund eines Restaurationstitels vom J. 367 n. Chr. an derselben Stelle gelehrt hat, in einer eignen Halle beim Aufgange vom Forum auf das Capitol Henzen z. Or. n. 5083, vgl. Becker Handb. d. R. A. 1, 318. , wo sie ursprünglich gleichfalls, wie auf dem Markte zu Athen und in andern griechischen Städten, als die höchsten, allem Geschäft der Menschen präsidirenden Götter gedacht sein mögen. Der Name Consentes, welcher jedenfalls älteren Ursprungs ist und ursprünglich wohl nur die Zusammenseienden, also eine Göttersitzung bedeutete, wird von diesem höchsten Götterrathe auch sonst gebraucht, namentlich in 61 verschiedenen Inschriften aus verschiedenen Theilen des römischen Reichs Orelli n. 2119 aus einer Stadt in Pannonien: I. O. M. ceter[isque] Dis Cons[en]tibus M. Opellius cet. n. 2120 aus Spoletum: Consentio Deorum Manana Sozomene etc. n. 2121 aus Alba Julia in Siebenbürgen: I. O. M. et Consessui Deorum Dearumque pro salute imperii Romani et virtute leg. XIII cet. Vgl. Arnob. III, 40 und Augustin C. D. IV, 23 inter Consentes, quos dicunt in consilium Iovis adhiberi . Die Griechen pflegten einen solchen consessus deorum eine ἀγορὰ ϑεῶν zu nennen. . Das Wesen der Sache drückt Ovid. Met. VI, 72 aus: Bis sex coelestes medio Iove sedibus altis Augusta gravitate sedent . Die ganze Vorstellung scheint den an einen starken Abstand des Senats von dem übrigen Volke gewöhnten Römern sehr gefallen zu haben, daher bei späteren Schriftstellern auch von diis maiorum gentium und im Gegensatze dazu von einer Plebs der Götter nicht selten die Rede ist Cic. Tusc. I, 13, Ovid lbis 81, Augustin C. D. VII, 2 inter illam quasi plebeiam numinum multitudinem minutis opusculis deputatam . Ib. 3 cum igitur in his minutis operibus – etiam ipsos selectos videamus tanquam Senatum cum plebe pariter operari. Numina minora der Ovantes im Gegensatz des Iupiter O. M. b. Serv. A. III, 189. Auch bei Plautus Cas. II, 5, 24 sind die dii minuti keine Zwerge, wofür J. Grimm D. M. 409 sie nimmt, sondern dii minores . . In diesem Sinne gefiel sich Augustus darin, mit seinen engeren Freunden gelegentlich ein »Zwölf-Götter-Mahl« einzunehmen, bei welchem er selbst als Apollo auftrat Sueton 70. Tiberius erbaute bei seinem Aufenthalte auf Capri zwölf Villen, welche vermuthlich nach den zwölf Göttern benannt waren, s. Tacit. Ann. IV, 67, Sueton Tib. 65. . Auch die beiden wichtigsten Denkmäler des Zwölfgöttersystems, die Ara Gabina und die Ara Borghese sind römischen Ursprungs. Ein noch weiter ausgebildetes System der Götter fand sich bei den Etruskern . Wir erfahren davon durch Seneca Natur. Quaest. II, 41 in einem Excerpte aus dem etruskischen Schriftsteller Aulus Caecina, einem Freunde Cicero's, welcher den Römern die Fulguraldisciplin seiner Heimath in einem lateinischen Werke zugänglich gemacht hatte, vgl. Fest. p. 129 v. Manubiae, wo dieselbe Quelle zu Grunde liegt. Es wurde darin zwischen solchen Blitzen unterschieden, die Jupiter auf eigne Hand schleuderte, aber nur zur Mahnung und in friedlicher Absicht, 2) solchen welche schon viel gewaltsamer wirkten und von Jupiter in Uebereinstimmung mit dem Rathe der zwölf Götter geworfen wurden, endlich 3) solchen Blitzen, welche zünden und zerstören und nach etruskischem Glauben von Jupiter in Uebereinstimmung mit dem Rathe der sogenannten dii superiores s. involuti geworfen wurden, also höherer und verhüllter Götter einer 62 geheimen Weltordnung, welche der menschlichen Beobachtung nicht zugänglich ist. Man wußte weder die Zahl noch die Namen dieser Götter, wohl aber daß sie den allerintimsten Rath des Jupiter bildeten und in den innersten Räumen des Himmels wohnten, dahingegen man von den zwölf Göttern glaubte, daß sie einer niederen Ordnung angehörten und der bestehenden Natur und dem menschlichen Geschlechte näher ständen: daher man diese auch für entstanden und für vergänglich hielt und deshalb Consentes und Complices nannte; wenigstens scheint Caecina mit diesen lateinischen Benennungen entsprechende etruskische übersetzt zu haben Vgl. das confuse Excerpt aus Varro b. Arnob. III, 40 und O. Müller Etrusker I, 81. . Höchst wahrscheinlich waren diese identisch mit den zwölf Göttern der Griechen; über denselben aber standen nach diesem Systeme also gewisse verborgene Mächte des Schicksals oder einer höheren Weltordnung, welche sich nur selten und dann immer in gewaltsamen Katastrophen offenbarte. Wie dieselben sonst zu denken und wie das Verhältniß des Jupiter zu ihnen gedacht wurde, ist bei so mangelhaften Nachrichten nicht klar; gewiß aber ist es, daß Jupiter auch bei den Etruskern für den höchsten Gott und den wahren König und Regierer der Welt gegolten hat. Endlich mag hier noch von solchen Eintheilungen der Götter die Rede sein, wie wir sie hin und wieder bei den römischen Schriftstellern finden, namentlich bei denjenigen, welche aus Varros großem Werke über die Religions-Alterthümer geschöpft haben. Varro hatte erst in den drei letzten Büchern dieses Werks von den Göttern gehandelt und zwar in dieser Folge: 1)  de diis certis , 2)  de diis incertis , 3)  de diis selectis . Es ist nicht leicht zu sagen, wie namentlich die dii certi und incerti unterschieden gewesen Merkel Ovid Fast. p. CLXXXV sqq. scheint mir nicht immer das Richtige zu treffen, am wenigsten in der Art wie er die einzelnen Götter über diese Bücher vertheilt. , doch ist das Wahrscheinlichste dieses, vgl. namentlich Serv. V. A. II, 141; V, 45; VIII, 275; XII, 139. Die dii certi gelten ihm für ab initio certi et sempiterni, daher er sie auch dii perpetui und dii proprii nannte, also für eigentliche und ausgemachte Götter, die dazu nicht erst durch Consecration geworden, sondern von jeher Götter gewesen waren. Als Kriterion dienten ihm dabei ohne Zweifel die sacralen und priesterlichen Urkunden, namentlich die Indigitamenta und 63 alten öffentlichen Gebetsformeln, wohin Serv. Aen. II, 141 deutet: Pontifices dicunt singulis actibus proprios deos praeesse: hos Varro certos deos appellat Der gewöhnliche Text hat certe deos , doch liest die Ausgabe von Burmann, Marini Atti Arv. p. 381 und Merkel Ovid Fast. p. CLXXXV certos deos . Vgl. Intp. Mai. Virg. Aen. X, 76 p. 103 Keil. Varro rerum divinarum XIIII de diis certis , in welchem Buche namentlich die Götter der Indigitamenta vorkamen. Vermuthlich hatte auch Gellius N. A. XIII, 23 und V, 12 diesen Abschnitt des Varro vor Augen. . Und so war es auch dem Principe seines Werkes gemäß, eben nur oder doch hauptsächlich den positiven Götterglauben erläutern zu wollen, d. h. also über die Natur und Bedeutung der einzelnen Götter nicht nach seinem eignen Meinen, sondern nach Maßgabe der bestehenden sacralen Ordnungen zu referiren. Dii incerti müssen also dem entsprechend solche Götter gewesen sein, welche nicht von Anfang an, sondern erst zu einer gewissen Zeit d. h. durch Consecration zu Göttern geworden waren, also im engeren Sinne des Worts nicht für Götter gehalten werden konnten Daher zur Einleitung die bei Augustin C. D. VII, 17 erhaltenen Worte. Varro, sagt Augustin, komme bei allen seinen Erklärungen nicht über Schwanken und Zweifeln hinaus. Nam et trium extremorum primum cum de diis certis absolvisset librum, in altero de diis incertis dicere ingressus ait: »Cum in hoc libello dubias de diis opiniones posuero, reprehendi non debeo. Qui enim putabit iudicari oportere et posse, cum audierit faciet ipse. Ego citius perduci possem ut in primo libro quae dixi in dubitationem revocem, quam in hoc quae perscribam omnia ad aliquam dirigam summam.« Ita, setzt Augustin hinzu, non solum de diis incertis, sed etiam illum de certis fecit incertum . Es scheinen aber in diesem Buche besonders viele Fabeln zur Sprache gekommen zu sein, die vom Liber Pater, vom Hercules, vom Aesculapius u. s. w. , vgl. Serv. Aen. VIII, 275 Varro dicit deos alios esse qui ab initio certi et sempiterni sunt, alios qui immortales ex hominibus facti sunt, also Castor und Pollux, Liber, Hercules u. A. Auch glaube ich daß nicht allein solche Götter, die man nach der tief eingefressenen euhemeristischen Anschauung der Zeit, welcher auch Varro ganz ergeben war, für consecrirte Menschen hielt, in diesem Abschnitte behandelt wurden, sondern auch die Personificationen der Tugenden und Fehler, vgl. Cic, de Leg. II, 8, 19. Endlich die dii selecti waren solche, welche im öffentlichen Cultus der Tempel und Bilder am meisten hervortraten, vgl. das Excerpt aus dem Vorworte zu diesem letzten Buche bei Augustin C. D. VII, 17. In tertio porro isto de diis selectis posteaquam praelocutus est quod ex naturali theologia praeloquendum putavit. – De diis, inquit, Populi Romani publicis, 64 quibus aedes dedicaverunt eosque pluribus signis ornatos notaverunt in hoc libro scribam, sed, ut Xenophanes Colophonius scribit, quid putem, non quid contendarn ponam. Nehmlich in diesem Buche ganz vornehmlich hatte er sich auf allegorische Erklärungen eingelassen. Es kamen also erst jetzt die eigentlichen Haupt- und Cultusgötter des römischen Staates zur Sprache, nicht blos die Consentes, sondern alle welche im öffentlichen Gottesdienste der Zeit am meisten galten, obschon sie unter andern Gesichtspunkten hin und wieder schon im ersten und im zweiten Buche de diis certis und incertis besprochen worden waren Augustin C. D. VII, 2. Janus, Jupiter, Saturnus kamen auch in den Reihen der Indigitamenta vor, Liber Pater als mythologischer Gott vermuthlich auch im zweiten Buche, u. s. w. . Es waren zwölf männliche und acht weibliche Gottheiten, die zwölf männlichen: Ianus, Iupiter, Saturnus, Genius, Mercurius, Apollo, Mars, Vulcanus, Neptunus, Sol, Orcus, Liber Pater, die acht weiblichen: Tellus, Ceres, Iuno, Luna, Diana, Minerva, Venus, Vesta. Man darf behaupten, daß bei der ganzen Eintheilung in gewisser Weise die beliebte Unterscheidung einer dreifachen Theologie ( S. 31 ) zu Grunde liegt. Die dii certi entsprechen dem genus civile, denn beide, sowohl die Sicherheit jener Götter als der bürgerliche Character dieser Ueberzeugung, beruhen auf derselben Autorität der sacralen Rechtsquellen. Die dii incerti entsprechen dem genus mythicon, da die Geschichte, wie diese Götter aus Menschen zu Göttern geworden waren, wesentlich Mythologie ist. Endlich die selecti dem genus physicon, wenigstens hatte Varro sich vornehmlich in diesem Buche auf ausführliche Erklärungen der einzelnen Götter eingelassen, immer nach den allegorischen Principien der stoischen Philosophie und des damit verbundnen Pantheismus. Man hat, glaube ich, nicht bemerkt, daß diese Eintheilung Varros, namentlich was die beiden ersten Glieder betrifft, sich mit einigen Aenderungen bei Cicero de Leg. II, 8, 19 wiederholt. Es werden dort nehmlich unterschieden: 1) die Götter, qui caelestes semper habiti, diese entsprechen den diis certis bei Varro. 2) Die Götter, quos endo caelo merita locaverunt, Herculem, Liberum, Aesculapium, Castorem, Pollucem, Quirinum, welche den diis incertis des Varro entsprechen würden. 3) Die consecrirten Virtutes oder wie er sich ausdrückt illa propter quae datur homini adscensus in caelum, d. h. die Mens, Virtus, Pietas, Fides etc., welche Varro wahrscheinlich in 65 seinem zweiten Abschnitte mitbehandelt hatte. Und in der That ist zu vermuthen, daß Cicero bei dieser Eintheilung dem Varro folgte, da er von dessen Verdiensten um die richtige Erkenntniß und Beurtheilung des römischen Alterthums, auch des alten Glaubens, im Eingange der Academica posteriora mit so großer Emphase spricht. Wie weit übrigens auch Cicero im Euhemerismus ging, beweist die gelegentliche Aeußerung, daß selbst die oberen Götter doch eigentlich nur Menschen gewesen seien Tuscul. I, 13 Si scrutari vetera et ex his ea quae scriptores Graeciae prodiderunt eruere coner, ipsi illi maiorum gentium dii qui habentur hinc a nobis profecti in coelum reperientur . Er meint Geschichten wie von der Geburt und dem Tode des Jupiter, der Flucht des Saturn nach Italien u. s. w., wie Ennius sie den Römern aus dem Euhemerus zusammengetragen. Vgl. auch die gelegentliche Mittheilung bei Cic. N. D. III, 19, 49 Nostri quidem publicani, quum essent agri in Boeotia deorum immortalium excepti lege censoria, negabant immortales esse ullos qui aliquando homines fuissent . Es handelte sich um die Grundstücke des Trophonius bei Oropos. . Es würde zu weit führen, wenn ich hier auch auf die Versuche der späteren Schriftsteller eingehn wollte, in dem Wirrwarr altitalischer Cultusgebräuche und griechischer Fabeln, in welche der öffentliche Gottesdienst zuletzt verfiel, durch allegorische Deutung oder durch schroffen Widerspruch einen Ausweg in den reineren Monotheismus zu finden, den die ganze Zeit so dringend empfahl. Sowohl die griechische Philosophie drängte dahin als die Uebersättigung am Polytheismus, endlich auch der vom Judenthum und Christenthum in immer weitere Kreise ausgestreute Glaube an den einen Gott, der zugleich Schöpfer und Erhalter aller Dinge ist. Lange hatte man sich in Italien mit dem Pythagoreismus beholfen, dessen Schule bei den südlichen Griechen, namentlich in Tarent niemals ganz ausgestorben war. Dann flüchteten sich die keckeren Geister zum Epicur, die skeptischen zur Akademie, die positiven zur Stoa, mit deren Lehrsätzen namentlich Varro den Göttern einen neuen Schein von Leben und Wahrheit bei den Gebildeten zu gewinnen suchte; obwohl es sehr bemerkenswerth ist, daß er sich bei seinen Mahnungen zu einem geistigeren Gottesdienste nicht blos auf die eigne Vorzeit Roms, sondern auch schon auf den Gott der Juden berief (Augustin C. D. IV, 31). Aus etwas späterer Zeit sind die Aeußerungen Senecas beachtenswerth, aus dessen Schrift contra superstitiones Augustin C. D. VI, 10 einen bedeutenden Auszug erhalten hat. Kein Kirchenvater hätte schonungsloser über den öffentlichen 66 Gottesdienst urtheilen können als dieser im Leben eben so gefügige als in seinen Schriften ungestüme Mann. Endlich eifert Plinius d. Ä. als vollendeter Pantheist gleich heftig gegen alle Vielgötterei, sowohl die der griechischen Mythologie, als gegen den einheimischen Pandämonismus, wo jede Wirkung und Lebenserscheinung als die Thätigkeit eines eignen Geistes oder Gottes aufgefaßt wurde. Auch er will nur von der einen Weltseele wissen, die unsichtbar sichtbar und überall fühlend, hörend, beseelend gegenwärtig sei. Es sei nur Schwäche und Endlichkeit der Menschen, wenn sie diese eine Seele nach ihren verschiedenen Wirkungen und Erscheinungen in eben so viele Theile zerlege und als eben so viele einzelne Götter anbete, welche sich nach der Zahl der Länder, Völker, ja der einzelnen Menschen vollends ins Unendliche vervielfacht habe (H. N. II, 7). 2. Die Genien, Laren, Penaten, Manen. Wurden die Götter, obwohl der alte italische Glaube darin nicht so weit ging als der griechische, als selbständige und persönliche Einzelwesen gedacht und durch ihre Namen, Beinamen und die an sie gerichteten sinnbildlichen Handlungen des Gottesdienstes aus der unendlichen Gottheit gewissermaßen ausgeschieden, so waren neben ihnen die Geister und Dämonen in dem Glauben der Römer und ihrer Verwandten vollends ein nach Zahl und Wirkung unbegrenztes und unbestimmbares Geschlecht und namentlich im häuslichen, örtlichen und ländlichen Gottesdienste von solchem Belange wie nicht leicht in einer andern Religion der heidnischen Vorzeit. Das eigentliche Gebiet dieser Geisterwelt ist die Erde und die ganze irdische und creatürliche Erscheinung, wo sie Natur und Menschenwelt von allen Seiten umgeben und umschweben, in der Geburt wie im Tode, bei jeder einzelnen Lebensregung, an allen Stätten und bei allen Stiftungen, nationalen, socialen und bürgerlichen, wo sich nur irgend eine eigenthümliche und individuelle Thätigkeit offenbart: mit welcher Thätigkeit sich diese Schutz- und Lebensgeister dergestalt identificiren, daß sie dadurch und erst dadurch selbst eine eigenthümliche und selbständige Existenz gewinnen, als Schutzgeister der einzelnen Menschen, Häuser, Familien, Städte, Völker u. s. w., die unter ihrer unsichtbaren Leitung und Beseelung entstehen, bestehen und vergehen. In der Natur entsprechen diesen schützenden Geistern 67 die Silvane und Faune, die Viren und die Lymphen, obwohl diese ländlichen Natur- und Elementargeister in der Religion des alten Italiens, soweit wir sehen können, lange nicht das Gewicht hatten wie die allem menschlichen Treiben sich gesellenden Genien, Laren und Penaten: so sehr überwog auch hier das praktische Lebensinteresse über das poetische Naturgefühl, wie sich jenes denn nicht allein durch alle Einrichtungen des menschlichen Lebens verfolgen läßt, von dem einzelnen Hause und Gehöfte bis zur Völkerschaft und zum Staate, sondern auch im Durchschnitte des einzelnen Lebens von der Geburt bis zum Tode. Wohl aber hat der Grundgedanke des Genienglaubens, daß jeder geistigen Wirkung entsprechend ein individueller Lebensgeist angenommen werden müsse, sein Ziel mit solcher Consequenz verfolgt, daß diese Kette der Geister von der Erde und den Menschen sich selbst bis zu den Göttern fortsetzte. Selbst jedem Gotte entsprechend wurde nehmlich in Italien ein eigner Genius angenommen, gleichsam seine individuelle Erscheinung und örtliche Begrenzung, sein numen in persönlicher Vergegenwärtigung für den Cultus: wieder ein neuer und merkwürdiger Beweis von der Hinneigung des alten italischen Glaubens zur rein geistigen und jeder irdischen Berührung entrückten Auffassung des Wesens der Götter. Eine allgemeine Benennung dieser ganzen Klasse, wie im gewöhnlichen griechischen Sprachgebrauch das Wort δαίμονες, giebt es im Lateinischen nicht; doch hat das Wort genius einen sehr umfassenden Sinn. Offenbar hängt es zusammen mit gens, geno, gigno, so daß also genius eigentlich ein schöpferisches und beseelendes Wesen ist, welches wo sich immer ein eigenthümliches Leben regt unsichtbar thätig ist, sowohl im Ganzen und im Großen als im Einzelnen und im Kleinen. Dieses wollte namentlich Varro sagen, wenn er bei Augustin C. D. VII, 13 den Genius schlechthin, welchen er zu den diis selectis rechnete, als den Gott definirte, qui praepositus est ac vim habet omnium rerum gignendarum, und an einer andern Stelle den Genius geradezu mit der vernünftigen Seele jedes einzelnen Menschen identificirte, daher es so viele Genien gebe als einzelne Menschen, der Universalgenius der Welt aber für identisch mit Gott oder der göttlichen Weltseele gelten müsse Ibid. Alio loco genium dicit esse uniuscuiusque animum rationalem et ideo esse singulos singulorum: talem autem mundi animum Deum esse, – ut tanquam universalis genius ipse mundi animus esse credatur. Vgl. ib. VII, 23, nach welcher Stelle Varro in diesem Abschnitte vom Genius drei verschiedene Stufen der Seele unterschied, die der vitalen Lebenskraft, welche sich in den organischen Theilen des Körpers offenbare, die der sinnlichen Empfindung d. h. die Thätigkeit der fünf Sinne, und endlich drittens die Seele als Geist, als Intelligenz, wodurch die menschliche Seele den Vorrang vor allen thierischen habe und den Göttern verwandt sei. Diese Seele nun heiße im Weltganzen Gott, in uns Einzelnen Genius ( hanc partem animae mundi dicit deum, in nobis autem genium vocari ). : 68 bei welchen Erklärungen sich Varro wieder von der stoischen Philosophie hat leiten lassen. Doch muß den römischen Theologen diese Ableitung des individuellen Genius aus der allgemeinen Gottheit auch sonst geläufig gewesen sein, da es auch in der Definition eines gewissen Aufustius bei Paul. D. p. 94 heißt, der Genius sei deorum filius et parens hominum, ex quo homines gignuntur, also eine Art von mittlerer Kraft zwischen den Göttern und Menschen, durch welche die Götter die Menschen entstehen lassen und behüten, während es umgekehrt die Menschen beim Gottesdienste zunächst nur mit den Genien der Götter, nicht direct mit diesen zu thun haben würden. Indessen darf diese schöpferische Kraft nicht allein auf die Menschen beschränkt werden, da man nicht weniger innig von einer unsichtbaren Obhut der Genien über ganze Geschlechter, über Städte und Völker, endlich über alle durch ein bedeutendes Naturleben oder eine eigenthümliche moralische Wirkung ausgezeichnete Stätten überzeugt war: wie dieses alles bei Servius V. G. 1, 302 in den Worten zusammengefaßt wird: genium dicebant antiqui naturalem deum uniuscuiusque loci vel rei vel hominis, vgl. Paul. p. 94 Alii genium esse putarunt uniuscuiusque loci deum: so daß es also in der Natur des Genius lag sich eben so sehr nach örtlichen als nach persönlichen Beziehungen zu individualisiren. Noch Andre hielten den Genius mehr für das absolut Drastische und Energische, indem sie mit ihren Erklärungen auf die Wurzel gerere zurückgingen, s. Paul. p. 94 genium appellabant deum, qui vim obtineret rerum omnium gerendarum. Ib. p. 95 Geniales (dii) dicti a gerendo, quia plurimum posse putabantur, quos postea gerulos appellarunt Gloss. Labb. Geruli πρακτῆρες, gerulus ἀνύτης, διοικητικός. . Martian Cap. II, 152 specialis singulis mortalibus genius admovetur, quem etiam praestitem, quod praesit gerundis omnibus, vocaverunt. Eine etymologisch zwar falsche, aber in der Sache richtige Erklärung, da diese absolute 69 und allgegenwärtige Activität eben ganz vorzugsweise zum Wesen des Genius gehörte. Indessen pflegte die ältere Zeit diese dämonischen Wirkungen doch immer ganz vorzugsweise als zeugerische und schöpferische aufzufassen. Genius meus heißt es bei Paul. p. 94 in diesem Sinne ganz richtig, nominatur qui me genuit , daher der Genius in den Familien vorzugsweise in dieser Bedeutung verehrt wurde d. h. als genius natalis und am Geburtstage auch als genius generis , wie Laberius sagte, Non. Marc. p. 119, Genius generis nostri parens, also als das fortzeugende, die Familie von einer Generation zur andern erhaltende Princip. Ueberhaupt konnte eben deshalb von einem Genius nur bei Männern und Begriffen männlichen Geschlechts die Rede sein, bei Frauen nur von einer Juno, der idealen Personification alles Weiblichen und Empfänglichen. Auch stimmt damit überein der äußerst inhaltsreiche und vielseitige Gebrauch des Adjectivs genialis , welches in den verschiedensten Beziehungen des Lebens und der Natur das Zeugende, Ueppige, Fröhliche und Heitre bedeutet, weil der Begriff einer göttlichen Zengung nicht ohne den der Fülle und des überschwenglichen Segens gedacht werden konnte. Daher sagte man genialis lectus vom Ehebette, wo der Genius der Familie segnend und befruchtend waltet, daß es dem Hause nie an Kindern fehle, s. Paul. p. 94, Arnob. II, 67, Horat. Ep. I, 1, 87, Cic. Cluent. 5 extr. u. A. Ovid. A. Am. I, 125 ducuntur raptae, genialis praeda , puellae . Stat. Silv. II, 3, 108 genialia iura d. h. coniugalia . , sagte aber auch geniales homines von gastlich freigebigen, qui ad invitandum et largius apparandum cibum promtiores essent, nach Santra b. Non. Marc. p. 117. Daher die Redensart genium suum defrudare von einem kärglichen Lebensgenuß, und in entgegengesetzter Bedeutung genio indulgere, weil der natürliche Gemüthszug des Genius die Fülle des Lebens und seiner Güter ist Bei Plautus ist dieser Gebrauch des Wortes sehr häufig. Einer der Geld hat erklärt Persa II, 3, 11 nunc et amico meo prosperabo et genio meo multa bona faciam . Ein anderer, dem Geld entwendet ist, klagt Aulular. IV, 9, 15 egomet me defraudavi, Amicum meum geniumque meum. Trucul. I, 2, 80 heißt es: Sed isti qui cum geniis suis belligerant parci promi , und von einem Gutschmecker Pers. I, 3, 28, Sapis multum ad genium . Sehr häufig heißt auch der gute Freund genius meus . Vgl. Terent. Phorm. I, 1, 11 Quod illi unciatim, vix de demenso suo Suum defrudans genium comparsit miser . . Ferner 70 genialis hiems von dem gastlich heiteren und gastlichen Leben im Winter, wo die Saturnalien gefeiert wurden, Virg. Ge. I, 302, festum geniale Ovid. F. III, 523, genialia serta Met. XIII, 929, geniale rus Heroid. XIX, 9, genialis Musa Amor. III, 15, 19, genialis dies Juven. IV, 66 u. s. w. Endlich auch in dem Naturleben von allem productiven Segen und physischer Schöpfungskraft, s. Ovid. Met. IV, 14 genialis consitor uvae, X, 95 platanus genialis, Plin. H. N. XVII, 9, 6 genialis copia pecudum, Stat. Theb. XII, 618 Bacchus et Ceres – geniales dei: daher dasselbe Wort bei gewissen Dichtern oder Philosophen selbst von den vier Elementen und von den Gestirnen gebraucht worden war, weil auch von ihnen ein mächtiger Einfluß auf Leben und Geburt abgeleitet wurde, s. Paul. p. 95 geniales deos dixerunt aquam terram ignem aerem; ea enim sunt semina rerum. – Duodecim quoque signa, lunam et solem inter hos deos computabant. Dazu stimmt aber auch das andere ältere und allgemein in Italien verbreitete Wort für den Begriff des Genius, Cerus oder Kerus , welches mit creo und Ceres verwandt ist und auf die Sanskritwurzel kri = kar d. i. facere zurückweist, also eigentlich auch wieder einen schöpferischen Geist bedeutete. So wurde in dem alten Liede der Salier Cerus Manus in dem Sinne von creator bonus gesagt, Paul. p. 122, und wirklich ist bei Varro l. l. VII, 26 ein Bruchstück dieses Liedes erhalten, wo es vom Janus heißt duonus cerus es d. h. bonus creator es Th. Bergk Ind. lect. Marb. hib. 1847–48 p. VIII. . Dazu kommt die Inschrift einer in Vulci gefundenen, jetzt zu Rom im Gregorianischen Museum aufbewahrten Schale KERI POCOLOM d. i. Ceri poculum, endlich der häufige Gebrauch der Namen Cerfus und Cerfia in Verbindung mit andern Götternamen auf den umbrischen Tafeln aus Iguvium Aufrecht und Kirchhoff, umbr. Sprachdenkm. 2, 265. , und der entsprechende Gebrauch des Substantivs kerri e s d. i. genius und des Adjectivs kerri e ireis d. i. genialis in der oskischen Weihinschrift von Agnone, immer von erzeugenden und befruchtenden Gottheiten des ländlichen Gottesdienstes, den Flüssen, den Lymphen, dem Hercules u. s. w. Mommsen Unterital. Dial. S. 128. 133. 270. . Auch das alte Wort ceremonia oder cerimonia , welches im Wesentlichen dem Begriffe sanctimonia entspricht, wird am besten von diesem 71 Stamme abgeleitet werden, desgleichen der ältere Name des römischen Hercules Garanus , s. Verrius Flaccus b. Serv. V. A. VIII, 203, zumal da dieser Hercules, wie wir sehen werden, ganz wesentlich ein Genius der Fruchtbarkeit war. Ja ich möchte auch das alte Wort cerriti , welches wie lymphati und larvati von solchen gebraucht wurde, die einen Geist gesehen und darüber ihren Verstand verloren hatten, lieber von diesem Worte cerus als mit den gewöhnlichen Erklärern, z. B. Non. Marc. p. 44, 26 und Serv. A. VII, 377 von der Ceres ableiten, zumal da man dieselbe Wirkung den Geistern aller ländlichen Haine zuschrieb, in welchen, wie Servius V. Ecl. V, 40, I, 441 sagt, die Geister der Seligen (heroum animae) wohnten. Selbst der Name Ceres scheint in alter Zeit nicht blos im weiblichen, sondern auch im männlichen Geschlechte gebraucht zu sein, gerade so wie es eine weibliche und einen männlichen Pales gab Arnob. III, 40 Caesius (wohl Caecina s. S. 61 ) et ipse has sequens (sc. disciplinas Etruscas ) Fortunam arbitratur ( esse Penates ) et Cererem Genium Iovialem ac Palem , sed non illam feminam quam vulgaritas accipit, sed masculini nescio quem generis ministrum Iovis ac villicum . Gewöhnlich interpungirt man Cererem, Genium Iovialem , aber vgl. Servius A. II, 325 Tusci Penates Cererem, Palem et Fortunam dicunt . . Die Genien waren den Laren so nahe verwandt, daß schon die Alten die Identität dieser Wesen ziemlich allgemein anerkannten, s. Censorin d. d. nat. 3 Eundem esse genium et larem multi veteres memoriae prodiderunt, in quis etiam Granius Flaccus in libro quem ad Caesarem de Indigitamentis scriptum reliquit, und in der That entspricht namentlich der lar familiaris genau dem genius generis. Die Laren aber können wieder nicht ohne die Penaten gedacht werden, mit denen sie gewöhnlich zusammen verehrt wurden und von denen sie sich nur durch die speciellere Beziehung auf den Haushalt und Hausstand unterschieden, während die Laren gewöhnlich für die verklärten Geister der Verstorbenen aus der Familie gehalten wurden. Beide, die Laren und die Penaten, walten aber auch auf dem Lande, auf den Straßen, desgleichen in der Stadt als dämonische Behüter der Straßenquartiere, endlich im Mittelpunkte des gesammten Gemeindelebens als Lares Praestites und Penates Publici, immer mit der vorherrschenden Beziehung auf menschliche Ansiedelung und menschlichen Verkehr, daher namentlich die Penaten der Vesta so nahe standen. Und 72 eben wegen dieser specifischen Beziehung auf das häusliche, gesellige, bürgerliche Leben treten sie durchweg als eine eigne Klasse aus dem allgemeineren Geschlechte der Genien heraus, obwohl diese als genii locorum und populorum und als die dämonischen Triebe und Schutzgötter so vieler Corporationen und Stiftungen, der Gewerke, der Heere von jenen oft sehr schwer zu unterscheiden sind. Penates ist ohnehin nur ein Adjectiv, bei welchem man am natürlichsten genii ergänzen wird. Das Wort lar dagegen entsprach wenigstens in dem benachbarten Etrurien dem griechischen ἄναξ, freilich in andrer Declination, da man lars lartis von dem hohen Adel sagte, z. B. Lars Porsenna Liv. II, 9. Daher Larth Larthia oft als Ehrenname auf etruskischen Grabschriften vorkommt. Der Unterschied in der Declination wird von den lateinischen Grammatikern angemerkt, s. Charis. I, 142 p. 110 und den alten Zusatz zu Priscian V, 3 T. I p. 175 ed. Krehl. Auf etruskischen Spiegeln ist Lasa wiederholt der Name einer weiblichen Flügelfigur, Gerhard I. 37. 181, Lala der der Mondgöttin, ib. 45. , während im Lateinischen die lares oder lases immer nur verklärte Geister sind, Schutzgeister der Flur, der Wege, der Häuser, die als Selige der Vorzeit gedacht wurden. Daher die altlatinische Todesgöttin Lara oder Larunda , welche auch die Mutter der Laren und Mania genannt wurde, desgleichen Acca Larentia , eine Personification der römischen Stadtflur und ihres tellurischen Segens. Auch ist larva offenbar dasselbe Wort wie lar , nur daß dieser immer männlich und als Schutzgeist gedacht wurde, larva dagegen weiblich und als anima, ψυχή d. h. als die umgehende Seele eines Verstorbnen, als Spukgeist, woran sich sehr natürlich die Vorstellung einer Strafe schloß, so daß die Laren auch für die verklärten Geister der Guten, die Larven und die gleichbedeutenden Lemuren für die rastlos umschweifenden Geister böser Menschen genommen wurden. Daß ein solcher Unterschied in dem gewöhnlichen Todtendienste nicht gemacht wurde, beweist der alte und allgemein verbreitete Gebrauch des Wortes Manes von allen Verstorbenen, namentlich mit dem Zusatze Divi Manes d. h. die durch den Tod und die Weihe der Bestattungsgebräuche geläuterten, erhöhten und gleichsam consecrirten Verstorbenen, welche fortan wie andre Götter und Geister verehrt wurden. Denn Manes sind eigentlich die Lichten, die Reinen, die Guten, daher mane und Mater Matuta von dem aufsteigenden Lichte des jungen Tages und seiner 73 Göttin, manus in der Bedeutung von bonus, clarus, prosper, immanis in der Bedeutung unseres ungeheuer Varro l. l. VI, 4 Diei principium mane , quod tum manat dies ab oriente, nisi potius quod bonum antiqui dicebant manum , ad quoiusmodi religionem Graeci quoque quom lumen adfertur solent dicere φῶς ἀγαϑόν. Paul. p. 122 Matrem Matutam antiqui ob bonitatem appellabant – et Inferi Dii Manes , ut suppliciter appellati bono essent. lb. p. 125 Mane a Diis Manibus dixerunt, name mana bona dicitur. Non. Marc. p. 66. Manum dicitur clarum. – Inde volunt etiam Deos Manes manes appellari i. e. bonos ac prosperos. – Inde immanes non boni, ut saepe. Vgl. Serv. V. A. III, 63. Die Elben oder Elfen sind nach Grimm D. M. 413 ursprünglich lichte, weiße, gute Geister. Ueber die Holden, Holdichen, Holderchen , die sich zur Frau Holde verhalten, wie die Manen zur Mania, s. ib. 425. , dahingegen die Manen den Holden und Elben unsrer deutschen Mythologie entsprechen. Ein verklärtes Volk der Geister, welche unter der Obhut der Mania, der mater larum, Varro l. l. IX, 61, die stille Erdtiefe bewohnen und deshalb auch die Stummen, Silentes, und die Unteren, Inferi, genannt wurden, wie Lara oder Mania selbst schlechthin »die Stumme« hieß, s. Ovid. Fast. II, 581 ff. Indessen konnten auch sie recht gut zu dem allgemeinen Geschlechte der Genien gerechnet werden, wie diese denn sehr häufig auch als die verklärten Geister der Verstorbnen gedacht und deshalb an Gräbern verehrt und angerufen wurden S. die reiche Sammlung von Grabinschriften bei Fabretti Inscr. p. 70 sqq. und Orelli n. 1723 ff. Auch Junones von Verstorbenen gab es, Fabr. p. 74. . Ja die Manen wurden von späteren Erklärern geradezu mit den Genien identificirt und der früher nur von Verstorbenen gebrauchte Name nun auch von den Schutzgeistern der Lebenden gebraucht Serv. V. A. III, 63 Sunt etiam qui putent Manes eosdem esse, quos vetustas Genios appellavit, duosque Manes (ein guter und ein böser Dämon) corporibus ab ipsa statim conceptione assignatos fuisse, qui ne mortua quidem corpora deserant consumptisque etiam corporibus sepulcra inhabitent. Es sind die Neuplatoniker s. Augustin C. D. IX, 11. . Selbst Varro, welcher sich nach seiner Art zugleich von den positiven Gründen der Alterthumsforschung und von der griechischen Philosophie bestimmen ließ, erklärte wo er jenen folgte die Laren, Manen und Larven d. h. die Geister der Verstorbnen in gewißer Hinsicht für Genien Arnob. III, 41 Varro similiter haesitans nunc esse illos (sc. lares) Manes et ideo Maniam Matrem esse cognominatam Larum, nunc aerios rursus deos et heroas pronuntiat appellari, nunc antiquorum sententias sequens larvas dicit lares, quasi quosdam genios et defunctorum animas . . 74 Also ein sehr weit verbreitetes Reich der Geister, welches sich die späteren Theologen nach der herkömmlich gewordenen Eintheilung der Welt in den höheren Lichtkreis des gestirnten Himmels und in die sublunarische Welt des irdischen Luft- und Nebelkreises an diese letztere gebunden dachten. So lehrt auch Varro bei Augustin C. D. VII, 6, die ganze Welt sei voll von Geistern (animae) aber nur die im Aether lebenden Geister der leuchtenden Sterne, die man mit leiblichen Augen sehen könne, seien unsterblich, nicht die Nebelgeister der Luft, des Wassers, der Erde, des sublunarischen Kreises überhaupt, welche man nicht sehen könne, dieselben Geister welche im gewöhnlichen Gottesdienste als Heroen, Laren und Genien verehrt würden. Aehnliche und noch weiter ausgeführte Unterscheidungen findet man bei Apulejus und bei Martianus Capella II, 155–162, wie sich denn die spätere Theologie und Philosophie, vollends seitdem sie von den Neuplatonikern beherrscht wurde, immer mit ganz besondrer Vorliebe auf die Dämonologie des älteren Volksglaubens eingelassen hat. Dieser selbst aber kannte solche Eintheilungen und Abgrenzungen natürlich nicht, der der Griechen und der italischen Bevölkerung um so weniger, da eine ähnliche Verehrung der Gestirne, wie sie im Oriente gewöhnlich war und sich später von dort auch über den Occident verbreitet hat, beiden fremd war. Wohl aber kannte der italische Genienglaube nicht blos Genien der Menschen, der irdischen Verhältnisse, der Verstorbenen, sondern auch Genien der Götter , ein sehr eigenthümlicher Glaube, welcher eben deshalb nicht leicht zu erklären ist. So heißt es in einer merkwürdigen Inschrift aus Furfo im Lande der Vestiner bei Mommsen I. N. n. 6011, Orelli n. 2488, der Stiftungsurkunde eines Tempels des Iupiter Liber v. J. 58 v. Chr.: Sei quei ad hoc templum rem deivinam fecerit Iovi Libero aut Iovis Genio, pelleis coria fanei sunto , und in den Urkunden der Arvalischen Brüder t. 32 und 43 wird auf dieselbe Weise neben der Hauptgöttin des Haines, der Dea Dia, eine Iuno Deae Diae genannt, wie bei Or. n. 1882 eine Iuno der Isis Victrix. Eben dahin gehört der Genius Iunonis Sospitae bei Martian Cap. 1, 54, ein Genius Priapi bei Petron. 29, ein Genius Famae bei Martial VII, 12, 10, ein Genius Forinarum, welche Göttinnen zu Rom verehrt wurden, bei Or. n. 49. 1712, ein Genius Somni bei Or. n. 1681: neben welchen Stellen und Inschriften des eigentlich römischen Sprachgebrauchs viele ähnliche aus verschiedenen Gegenden des Reiches beigebracht werden können: Or. n. 1731 Genio 75 Asclepii aus der Gegend von Lecco am Comer See, Ib. n. 1351. 1352 Genio Martis aus Rheinbaiern, Henzen n. 5866 Genio Mercurii Alauni aus Mannheim, Creuzer D. Schr. II, 2, 361 ff. Genio Apollinis aus dem badischen Unterrheinkreise, Seidl Dolichenuscult S. 69 n. 43 Genium I. O. M. D. d. h. Iovis O. M. Dolicheni aus Niederöstreich. Also eine eben so weit verbreitete und ausdauernde als in ihrer Wurzel gewiß italische und altrömische Vorstellung, deren Grund und Absicht auf verschiedene Weise erklärt worden ist. Einige, wie Creuzer a. a. O. haben sich diese Genien der Götter als deren Ausflüsse und Epiphanieen gedacht, oder mythologisch aufgefaßt als zeugungsfähige Söhne, Boten und Diener der Götter, deren Namen sie führen, Andre, wie Schömann und Ukert Ukert über Dämonen, Heroen und Genien in den Abh. d. Philol. Histor. Cl. der K. Sachs. Gesellsch. d. W. I, 137–219, Schömann de Dis Manibus, Laribus et Geniis, Opusc. acad. I, p. 350–380. , als untergeordnete und dienende Gehülfen, wie die δαίμονες πρόπολοι im Cultus der Griechen: gegen welche Erklärungen vorzüglich dieses spricht, daß bei jedem Gottesdienste immer nur ein Genius genannt wird, nicht mehrere, selbst dann nicht, wenn die angebetete Gottheit selbst im Plural benannt ist z. B. Genius Forinarum. Es scheint mir deshalb richtiger diese Genien den geniis locorum unterzuordnen, so daß sie für die Repräsentanten der in einem bestimmten örtlichen Cultus verehrten Gottheit zu halten wären, welche gleichsam für und anstatt dieser Gottheit die Opfer, Gebete, Gelübde der Frommen in Empfang nehmen: also für das localisirte numen dieser Gottheit, wie sich denn in der That in der Praxis des römischen Gottesdienstes die Begriffe numen und genius sehr nahe standen, vgl. Or. n. 1770 aus Rom: Numini Fortis Fortune, Ib. n. 2192 Sacerdos Publ. Numinis Cap[uani], Henzen n. 5758 a , die Inschrift eines Quellenhauses: Numini Aquae Alexandrianae, bei Fabr. p. 77, 87 sogar ein Genius Numinis Fontis. Womit übrigens nicht in Abrede gestellt werden soll daß hin und wieder diese Genien wirklich in eine genealogische Verbindung mit den Göttern, welche sie zu vertreten hatten, gebracht oder auch mythologisch für deren Diener und Gehülfen angesehen worden sind, vgl. den schon einmal angeführten Ausspruch des Aufustius bei Paul. p. 94 Genius est deorum filius et parens hominum. Namentlich scheint die Theologie der Etrusker in dieser Hinsicht sehr weit gegangen zu sein, da z. B. das wunderbare Kind Tages, ein Kind an 76 Jahren, grau vor Weisheit, welches bei Tarquinii im frischgepflügten Felde auftauchte und den Lucumonen Etruriens die Grundzüge der Haruspicin offenbarte, Genii filius und nepos Iovis genannt wird, s. Fest. p. 359, Cic. de. Divin. II, 23, 50 u. A. Eben dahin gehört wohl auch die etruskische Lehre von den Penaten, über welche Arnobius III, 40 aus verschiedenen Schriftstellern allerlei Unklares zusammengetragen hat. Es werden nehmlich hier zuerst nach Nigidius vier Klassen der Penaten unterschieden, Penaten des Jupiter oder des Himmels, Penaten des Neptun oder der Gewässer, Penaten der Unterwelt und viertens die gewöhnlichen Penaten unter den Menschen auf der Erde, und darauf aus einem andern Schriftsteller als Penaten des Himmels, wie es scheint, namhaft gemacht: Fortuna, Ceres oder der Genius Iovialis und der männliche Pales, ein Diener und gleichsam der ländliche Statthalter des Jupiter, wie von ihm hinzugesetzt wird: wenn ich anders diese nachlässig excerpirten Bruchstücke einer dunklen Lehre richtig verstanden habe Nigidius – disciplinas Etruscas sequens genera esse Penatium quatuor (prodidit) et esse Iovis ex his alios, alios Neptuni, Inferorum tertios, mortalium hominum quartos, inexplicabile nescio quid dicens. Caesius et ipse eas sequens Fortunam arbitratur et Cererem Genium Iovialem ac Palem etc. Vgl. oben S. 71 und O. Müller Etrusker 2, 88 ff. . Das Walten und Wirken der Genien wurde natürlich noch geisterhafter gedacht als das der Götter, daher sich die Vorstellung hier auch weit länger gegen die Bilder in menschlicher Gestalt gesträubt hat. Immer ist das Bild der Schlange im Volke das gewöhnliche für die Genien geblieben, selbst in Rom und nachdem die officielle Darstellung z. B. des Genius Populi Romani die menschliche geworden war. Was das Geschlecht betrifft, so ist der Begriff des Genius zwar männlich, doch ließ man es in gewissen Fällen dennoch dahingestellt sein (S. 56, 57 ), während sonst die Frauen anstatt der Genien ihre Iunones hatten Plin. H. N. II, 7 maior caelitum populus etiam quam hominum –, cum singuli quoque ex semetipsis totidem deos faciant, Iunones Geniosque adaptando sibi. und in solchen Häusern, wo Mann und Frau in blühender Ehe lebten, zwei Genien angenommen wurden, die sich hin und wieder durch die Erscheinung von zwei Schlangen, einer männlichen und einer weiblichen, am Ehebette offenbarten. Und so pflegte auch den Ortsgenien entsprechend eine weibliche Fortuna oder Tutela loci verehrt zu werden, obwohl der Genius schlechthin auch hier das Gewöhnlichere war. Endlich 77 ließ man auch hier gewisse ethische Unterschiede gelten, indem man lichte und dunkle, freundliche und feindliche, gute und böse Genien annahm, wobei es freilich schwer ist den griechischen Glauben der späteren Zeit von dem älteren italischen und griechischen zu unterscheiden. Da indessen nach italischem Volksglauben selbst unter den Göttern auf ähnliche Weise unterschieden wurde ( S. 47 ), so mag es bei den Genien noch viel mehr der Fall gewesen sein, vollends bei den Etruskern, deren Dämonologie überhaupt sehr weit ausgebildet war und deren Gemüth ohnehin zum Schrecklichen und zur Selbstpeinigung neigte; wenigstens sind die Bilder und Gemälde ihrer Gräber sehr reich an allerlei Schreckgestalten der Geisterwelt. Doch darf man für gewiß halten, daß der gewöhnliche Glaube an den genius natalis für jeden Menschen nur einen solchen zuließ, welcher indessen je nach der individuellen Begabung, dem sittlichen Verhalten und dem Geschick oder Ungeschick des seiner Hut befohlenen Menschen selbst mächtiger oder ohnmächtiger, reiner oder weniger rein, geschickt oder ungeschickt galt, wie dieses später weiter ausgeführt werden wird. Hier sei nur auf den Excurs über die Genienlehre bei Ammian. Marc. XXI, 14 verwiesen, wo die eigne sittliche Anstrengung des Individuums ausdrücklich vorbehalten und dem Tüchtigen die unsichtbare Hülfe seines Genius versprochen wird, wie Scipio d. Ä., Marius und Octavian nur im Vertrauen auf ihren Genius und von demselben unterstützt so Außerordentliches hätten leisten können. Dagegen soll der Glaube an zwei Genien für jeden Menschen unter den griechischen Philosophen zuerst von dem Megariker Euklides ausgesprochen und nach diesem von dem römischen Dichter Lucilius weiter ausgeführt sein, Censorin d. d. n. 3, eine dualistische Lebensansicht welche hin und wieder zwar nachgesprochen wird Serv. V. A. VI, 743 cum nascimur duos Genios sortimur. Unus est qui hortatur ad bona, alter qui depravat ad mala: quibus assistentibus post mortem asserimur in meliorem vitam aut condemnamur in deteriorem. , aber auf den herrschenden Glauben niemals Einfluß gewonnen hat. 3. Die Semonen und Indigeten. Heroen in dem Sinne der griechischen Heldendichtung hat Italien allerdings nie gehabt; es fehlte eben die wesentliche Bedingung einer solchen, das nationale Epos. Wenn die 78 griechischen Schriftsteller das römische Wort lar durch ἥρως übersetzen So übersetzt Dionys. Hal. die lares compitales durch ἥρωες προνώπιοι und Derselbe IV, 2 und Plutarch d. fort. Ro. 10 in der Geschichte des Servius Tullius den Ausdruck lar familiaris durch ὁ κατ’ οἰκίαν ἥρως oder ἥρως οἰκουρός. Vgl. die Gloss. Labb. ἥρωες lares , lares ἥρωες κατοικίδιοι und Cicero Fragm. Timaei 11 Reliquorum autem, quos Graeci δαίμονας appellant, nostri ut opinor lares , si modo hoc recte conversum videri potest. , so ist dieses Wort dabei nur in seinem späteren Sinne zu verstehen, wo es jeden verklärten Geist eines Verstorbenen bezeichnete und beinahe gleichbedeutend mit δαίμων war. Wohl aber ist eine gewisse Anlage zum Heroenglauben im Sinne der älteren griechischen Sage auch in Italien nicht zu verkennen, ich meine den Glauben an personificirte Schutzgeister, welche für die Urheber der ältesten nationalen Stiftungen, Verbündungen und Staaten, die ältesten Könige, die ältesten Anführer im Kriege galten und bei den Griechen gewöhnlich als ἥρωες ἐπώνυμοι, ἐπιχώριοι, κτίσται d. h. als die idealen Urheber der ältesten Benennungen eines Volkes, der Blüthe seiner Landschaft und der Gründung seiner Städte verehrt wurden. Nur daß auch dieser Glaube in den meisten Fällen so sehr bei den ersten Anfängen stehen geblieben ist und so wenig die Kraft einer originalen Sagenbildung bewiesen hat, sei es daß dieselbe überhaupt nicht vorhanden war oder daß ihre Entwicklung zu früh gestört wurde, daß gewöhnlich auch hier die griechische Mythologie hat aushelfen müssen, z. B. beim Hercules und beim Aeneas, wo der Kern ein latinischer ist, aber der Name und allerlei mit demselben übertragener Putz der griechische. In andern Fällen, wie in gewissen Sagen aus Praeneste, aus dem sabinischen Cures, selbst in der Sage von Romulus und Remus, sind die Bilder schon concreter und die Gestalten so fest geworden, daß der originale Kern sich auf die Dauer behaupten konnte. Aber merkwürdiger Weise und ganz im Sinne der politischen Vorbestimmung Italiens werden auch diese Heroen mit besondrer Vorliebe als Urheber der ältesten Staaten und als Gesetzgeber geschildert, deren Verdienst, damit es um so glänzender hervortrete, gewöhnlich auf dem Hintergrunde eines durch sie überwundenen Lebens von armen Hirten und bösen Räubern erscheint, weit weniger als Helden nationaler Kriege und Schlachten, mit denen sich die italische Sage niemals eingehender beschäftigt zu haben scheint. Es handelt sich hier von den schwierigen Begriffen der Semonen und der Indigetes , die schon den Alten mit der Zeit 79 sehr unklar geworden waren, aber beide mit einiger Sicherheit als nationale Laren oder Genien definirt werden können. Als solche d. h. als Schutzgötter und ideale Vorstände einer ganzen Landschaft oder Nation hatten sie von derselben sicher auch gewisse Grundzüge einer bestimmteren Characteristik durch Eigenschaften und örtliche Verehrung angenommen und dieses mag die Ursache gewesen sein, weshalb man sie von der allgemeinen Klasse der Genien und Laren ausschied und besonders benannte. Offenbar sind sie es welche mit den griechischen Heroen des älteren Glaubens noch am meisten Verwandtschaft haben. Die Semones werden als den Laren gleichartige Wesen schon durch das Lied der Arvalbrüder characterisirt, dessen erste Hälfte mit dem Verse beginnt: E nos Lases juvate, während die correspondirende zweite so anfängt: Semunis alternei advocapit conctos d. h. Semones alterni advocabite cunctos So die gewöhnliche Erklärung welche für unrichtig zu halten mich die Bedenken von Bergk Ztschr. f. A. W. 1856 n. 18 nicht bestimmen können. . Den Plural Semones kennen auch Fulgentius expos. serm. p. 561 und Martian. Cap. II, 156, obwohl beide bei ihrer Erklärung des Wortes irrthümlich an Semis denken und deshalb die Semonen für Halbgötter (Semidei, ἡμίϑεοι) d. h. im Sinne der Griechen für Heroen halten. Doch hat sich bei Fulgentius ein wichtiges Bruchstück einer Schrift des Varro erhalten, wo der Semo entschieden dem Deus entgegengesetzt wird Sicut Varro in Mystagogicon (v. Mystagogorum) libro ait: Semoneque inferius derelicto Deum pinnato (v. depinnato) orationis attollam eloquio. Einige unterschieden zwischen Halbgöttern und Heroen, z. B. Labeo b. Augustin C. D. II, 14, welcher Plato zu den Halbgöttern rechnete, wie Hercules und Romulus. Semideos autem heroibus anteponit, sed utrosque inter numina collocat. , so daß wir auch dadurch auf den Begriff eines Genius oder eines Halbgottes geführt werden. Endlich kennen wir namentlich den sabinischen Semo Sancus , welcher identisch war mit dem Schwurgotte Dius Fidius und dem römischen Hercules so nahe stand, daß er mit ihm verwechselt werden konnte, s. Varro l. l. V, 66. Auch dieser römische Hercules aber war, wie ich unten weiter ausführen werde, kein Gott im strengeren Sinne des Worts, sondern ein Genius, der schaffende und schützende Genius der römischen Stadtflur, welcher später mit dem frühzeitig auch in Italien für gleichartige Gestalten sehr beliebt gewordenen Namen des griechischen Heroen benannt wurde. Die rechte Wurzel des Wortes Semo ist schwer 80 zu finden, doch scheint es nicht blos dem sabinischen, sondern auch dem latinischen Dialecte angehört zu haben, da es sich sonst kaum in jenem alten Liede der Arvalbrüder finden würde. Am natürlichsten wird man es mit Hartung u. A. von dem Stamme sero, semen, semino ableiten, von welchem auch die Göttin Semonia ihren Namen hatte. Das seltnere und alterthümliche Wort Semo würde dann genau dem gewöhnlicheren Genius entsprechen, da es in einem ähnlichen Verhältniß zu serere stände wie dieses zu genere. Wie alt und tiefgewurzelt auch in Italien die Uebertragung der Vorstellung des Säens auf Zeugung, der Saatgottheiten auf die Gottheiten des Anfangs, der Erzeugung, der Bildung und ersten Cultur überhaupt war, das beweist sehr deutlich die Verehrung des Janus Consivius, des Saturnus, der Ops Consivia u. dgl. m. Nicht weniger schwierig ist die etymologische Erklärung des Begriffs der Indigetes oder Indigites , wo die Alten mit ihrer mangelhaften Etymologie wieder fehlgreifen, aber durch ihre Etymologieen doch wenigstens die herrschende Vorstellung ausdrücken, s. Servius zu Virg. Ge. I, 498 und Aen. XII, 794. Nigidius Figulus, ein eben so schlechter Etymolog als Varro, leitete das Wort ab von egere, Indigetes seien überhaupt alle göttliche Wesen, quasi nullius rei egentes Vgl. M. Hertz de P. Nigidii Fig. stud. p. 20. 36. Cato d. Ä. hatte eine Rede de Indigitibus gehalten, s. Fest. p. 339 Sequester, so daß also die Vorstellung bis dahin ziemlich feststehen mußte. welche Erklärung schon dadurch widerlegt wird daß das Wort im gewöhnlichen Sprachgebrauch eine so allgemeine Bedeutung nie gehabt hat. Andre erklärten Indigetes proprie sunt dii ex hominibus facti, quasi in diis agentes, also consecrirte Sterbliche von besonderm Verdienste, wie die Helden der Vorzeit und die Divi unter den Kaisern, und diese Erklärung, so wenig auch sie etymologisch haltbar ist, scheint nicht allein am meisten Anklang gefunden zu haben Arnob. I, 64 tyrannos ac reges vestros – appellatis Indigetes ac Divos. Vgl. Sil. Ital. X, 432 Indigetesque Dei, sponte inter numina nostra. Claudian de bello Gildon. 131 Moerent Indigetes et si quos Roma recepit aut dedit ipsa deos . , sondern auch das Wesen der Sache am meisten zu treffen, nur daß diese Divi nicht wirkliche Menschen gewesen waren, sondern schützende Genien des Landes und der Nation, welche in den Sagen der Vorzeit als Menschen erschienen. Noch Andre erklärten ab invocatione Indigetes dictos, quod indigeto est precor et invoco, wodurch diese schwierige Untersuchung mit 81 der gleichfalls schwierigen über die Bedeutung der priesterlichen Indigitamenta in Verbindung gebracht und dadurch vollends erschwert worden ist Klausen Aeneas und die Penaten S. 907 ff. . Mir scheint, um hier gleich meine Ansicht über beide Benennungen auszusprechen, das Wort Indigitamenta mit index und indicare zusammenzuhängen, wie denn auch der seit August als Sol Indiges verehrte Sonnengott nicht wohl etwas Anderes gewesen sein kann als der Späher, der Anzeiger, der index, in demselben Sinne wie in Athen ein Hercules Index verehrt wurde, s. Cic. d. Divin. I, 25, 54. Der Name der Indigetes dagegen scheint mir abgeleitet werden zu müssen von indu und geno , zumal da auch die Form Indigentes im Gebrauche war Vgl. die verstümmelte Inschrift vom Forum in Pompeii, die zu einem Bilde des Aeneas gehörte, bei Mommsen I. N. n. 2188 Aeneas Veneris et Anchisae filius – [cum nimbo exort]o non con[paruisset dictus] est Indigens [et in deorum] numero relatus. Placidus Gloss. p. 474 ed. Mai Indiges dicitur interdum hemitheus – ab indigendo divinitate, qui cum homines fuerint, indiguerint tamen divinis. Dicunt etiam quidam Indigentes deos naturales et caelestes a contrario, quod nullis indigeant. . Also eingeborne Genien oder Heroen, örtliche Schutzgeister die an einem bestimmten Orte und im engsten Natur- und geschichtlichen Zusammenhange mit diesem Orte verehrt wurden, die ἥρωες ἐγχώριοι oder ἐπιχώριοι der Griechen. Gewissermaßen die ansäßig gewordenen Aboriginer, denn auch diese Vorstellung ist weit mehr eine mythische als eine historische. Zu dieser Erklärung führt auch die Analyse verschiedner alter Eides- und Gebetsformeln sammt andern Stellen, in denen die Indigeten bald neben den Laren bald neben den Penaten bald neben andern Genien und Schutzgöttern des römischen Staates genannt werden. So spricht der Pontifex bei der Devotion des Decius nach Liv. VIII, 9 demselben diese Formel vor: Iane, Iupiter, Mars Pater, Quirinus, Bellona, Lares, Divi Novensiles, Divi Indigetes , Divi quorum est potestas nostrorum hostiumque, Diique Manes, vos precor etc. Desgleichen in der wichtigen, leider nur in griechischer Uebersetzung erhaltnen Verschwörungsformel des Drusus bei Diodor Exc. Vat. XXXVII, 4, wo es mit einigen nothwendigen Aenderungen so heißt: ὄμνυμι τὸν Δία τὸν Καπετώλιον καὶ τὴν Ἑστίαν τῆς Ῥώμης καὶ τὸν πατρῷον αὐτῆς Ἄρην καὶ τὸν γενάρχην Ἐνυάλιον So ist zu lesen für das gewöhnliche τὸν γενάρχην Ἥλιον κ. τ. ἐνεργέτιν. καὶ τὴν 82 ἐυεργέτιν ζῴων τε καὶ φυτῶν Γῆν, ἔτι δέ τοὺς κτίστας γεγενημένους τῆς Ῥώμης ἡμιϑέους καὶ τοὺς συναυξήσαντας τὴν ἡγεμονίαν αὐτῆς ἥρωας , auf Lateinisch etwa: per Iovem O. M., Vestam, Martem Patrem, Quirinum genitorem, Terram Matrem, Deos Patrios, Deos Indigetes, wo jene Dii Patrii entweder die Lares publici oder die Penaten von Rom sind, die Indigetes aber (ich wüßte nicht welche Götter sonst verstanden werden könnten) deutlich neben ihnen als Schutzgeister des Staates bezeichnet werden. Dazu kommen die Stellen der Dichter bei der Anwendung ähnlicher Formeln, voran Virgil. Georg. I, 498 Dii patrii indigetes Es war seit alter Zeit streitig ob zu interpungiren sei Dii patrii, indigetes oder nicht. et Romule Vestaque Mater, ferner Ovid. Met. XV, 861 Di, precor, Aeneae comites, quibus ensis et ignis cesserunt (die troischen Penaten), Dique Indigetes genitorque Quirine Urbis (d. i. Romulus) et invicti genitor Gradive Quirini (d. i. Mars), Vestaque Caesareos inter sacrata Penates. Endlich Lucan Pharsal. I, 556 Indigetes flevisse deos nobisque laborem Testatos sudore Lares, und Silius Ital. Pun. IX, 294 Indigetesque Dei Faunusque satorque Quirinus, und dazu die Erklärung bei Paul. p. 106 Indigetes dii, quorum nomina vulgari non licet Vgl. das Glossar. b. Barth. Advers. XXVIII, 19 Indigetes dii, quorum nomina non audebant proferre . Auch die Erklärungen der Gloss. Labb. Indigetes ἡμίϑεοι, Κουρῆτες δαίμονες und Indigetes Κουρῆτες οἱ περὶ τὸν Παιᾶνα characterisiren die Indigetes als schützende Dämonen und ἀλεξίκακοι, zumal da auch die Laren nicht selten mit den Kureten verglichen werden, s. Lobeck Agl. p. 1177. Bei Macrob. Somn. Scip. 1, 9 werden die Hesiodischen Dämonen, Op. 124, durch Indigetes Divi übersetzt. , wodurch sie gleichfalls für schützende Genien der Stadt und des Staates erklärt werden, denn nur bei diesen wurde der Name so sorgfältig geheimgehalten. Uebrigens gab es solche Indigeten nicht blos in Rom, sondern auch in Präneste, s. Serv. V. A. VIII, 698 ibi erant pontifices et dii Indigetes, sicut etiam Romae. Der einzige etwas näher bekannte Cultus der Art aber ist der mit Beziehung auf das alte Bundesheiligthum der Penaten von Lavinium am Numicius verehrte Pater Indiges oder Deus Indiges oder Iupiter Indiges d. h. Divus Pater Indiges, welcher später allgemein für identisch mit dem troischen Aeneas gehalten und deshalb auch als Aeneas Indiges angerufen wurde. Die gewöhnliche Erzählung lautete, daß Aeneas in der Schlacht mit 83 Turnus oder Mezentius plötzlich und zwar in dem Fluße Numicius verschwunden sei, worauf ihm sein Sohn oder die Latiner dieses Heiligthum errichtet hätten, wie Dionys. Hal. I, 64 auf griechisch erzählt: καὶ αὐτῷ κατασκευάζουσιν οἱ Λατῖνοι ἡρῷον ἐπιγραφῇ τοιᾷδε κοσμούμενον· Πατρὸς Θεοῦ Χϑονίου Ὃς Ποταμοῦ Νομικίου Ρεῦμα διέπει d. h. auf lateinisch etwa: Divi Patris Indigetis, qui Numicii amnis undas temperat. Es ist, wie ich später weiter ausführen werde, nicht unwahrscheinlich, daß dieser Indiges, der Urheber der latinischen Penaten und der Penatenstadt Lavinium, ursprünglich kein Andrer gewesen als der Flußgott des Numicius, als alter König dieses Thales gedacht, wie Pater Tiberinus gleichfalls für einen alten König galt und zu Rom und anderswo in demselben Sinne einer schöpferischen und cultivirenden Macht der Vorzeit verehrt wurde. Erst später wurde der Name des troischen Aeneas auf jenen Pater Indiges übertragen und dadurch die ganze Aeneassage als ein neues und ausländisches Reis auf den alten Latinerstamm der Sage und des Cultus von Lavinium gepfropft. Eine Eigenthümlichkeit dieser Indigeten und der latinischen und römischen Könige und Helden der Vorzeit überhaupt ist es, daß sie zwar menschlich leben, aber dann auf eine geisterhafte Weise verschwinden, nicht wie die Homerischen Helden sterben, sondern wie die der deutschen und andrer Volkssagen J. Grimm D. M. 903 ff. entrückt , aber dadurch zugleich verklärt und erhöht werden. Der gewöhnliche Ausdruck dafür ist non comparuit oder nusquam apparuit , was unserm ›ward nicht mehr gesehn‹ entspricht und sich bei den Römern in so verschiedenen Wendungen und bei so vielen Veranlassungen wiederholt, daß die zu Grunde liegende Anschauung eine sehr volksthümliche gewesen sein muß. So ist dieses namentlich immer der Ausgang der Erzählungen vom Aeneas, s. Serv. V. A. IV, 620 nach Cato, qui tamen Aeneas in ipso praelio non comparuit , und Augustin C. D. XVIII, 19 nach Varro: Sed Aeneam quoniam – non comparuit , deum sibi fecerunt Latini, vgl. Paul. p. 106 Indiges. – Hoc nomine Aeneas ab Ascanio appellatus est, quum pugnans cum Mezentio nusquam apparuisset , und Schol. Veron. Aen. I, 259 Aeneas uxore et regno potitus Latino mortuo Etruscos certamine premens in conflictu bellico [petitus nusquam ap ] paruit et Numici fluminis gurgite haustus putatur Vgl. noch die Inschrift aus Pompeii oben S. 81 und Dionys. 1, 64 τὸ δὲ Αἰνείου σῶμα φανερὸν οὐδαμῆ γενόμενον οἱ μὲν εἰς ϑεοὺς μεταναστῆναι εἴκαζον οἱ δ’ εν τῷ ποταμῷ – διαφϑαρῆναι. Zonar. Ann. VII, 1 ἀφανὴς δὲ ὁ Αἰνείας γενόμενος , οὔτε γὰρ ζῶν ὤφϑη ἔτι οὔτε μὴν τεϑνεώς, ὡς ϑεὸς παρὰ Λατίνοις τετίμητο. . Daher Arnobius 84 I, 36 parodirend sagt: Indigetes illi qui flumen repunt et in alveis Numici cum ranis et pisciculis degunt, so ganz und gar wurde dieser Aeneas Indiges als numen des Flußes Numicus oder Numicius, also als Flußgott gedacht, gerade so wie Rea Silvia, die Mutter der römischen Zwillinge, nach deren Geburt in den Anio oder den Tiber stürzt und hier vom Pater Tiberinus zu seiner Gemahlin d. h. zur Flußgöttin erhöht wird. Aber auch der König Latinus, vermuthlich auch ein Indiges und dem Aeneas nahe verwandt, nur daß sein Heiligthum auf der Burg zu Lavinium, das des Aeneas an jenem Flusse gezeigt wurde, verschwindet auf gleiche Weise, Fest. p. 194 Latinus rex, qui proelio quod ei fuit adversus Mezentium, Caeritum regem, nusquam apparuerit iudicatusque sit Iupiter factus Latiaris , welches nach Analogie jener Erzählungen vom Aeneas höchst wahrscheinlich zu erklären ist durch Divus Pater Latiaris d. i. der verklärte König, Held und Vater seiner Nation, zumal da auch der sabinische Hercules d. i. Semo Sancus auf ähnliche Weise als erster König und verklärter Gott seines Volkes gedacht und zu Reate als Pater Reatinus verehrt wurde Augustin C. D. XVIII, 19 Sabini etiam regem suum primum Sangum – retulerunt in deos. Vgl. Or. n. 1858. , vgl. noch Schol. Bobiens. Cic. pr. Planc. IX, 23 post obitum Latini regis et Aeneae, quod ii nusquam comparuerunt . Ferner verschwindet auch Romulus auf dieselbe Weise, woraus später seine Himmelfahrt gedichtet wurde, s. Probus V. Georg. III, 25 Proculus Iulius persuasit populo, cum Romulus non compareret und Ael. Lamprid. Commod. 2 Indutus autem toga est Nonarum Iuliarum die, quo in terris Romulus non apparuit Liv. 1, 16 subito coorta tempestas cum magno fragore tonitribusque tam denso regem operuit nimbo, ul conspectum eius concioni abstulerit nec deinde in terris Romulus fuit . Eben so heißt es in der Chronik des Hieronymus: Romulus apud paludem Caprae nusquam comparuit et suadente Iulio Proculo Quirini nomine apud suos consecratus est , und bei dem Chronographen vom J. 354 subito nusquam comparuit , s. Mommsen in den Philol. Histor. Abh. der K. Sächs. G. d. W. 1 S. 645 und 691. , auch der Albanische König Aventinus, derselbe nach welchem der Berg in Rom seinen Namen bekam, s. Augustin C. D. XVIII, 21 Alii noluerunt eum in proelio scribere occisum, sed non comparuisse dixerunt, 85 auch Acca Larentia, die römische Flurgöttin, welche bald als die Frau des Hirten Faustulus und Pflegemutter des Romulus, bald als liebe Buhle des römischen Hercules gedacht wird und an einem angeblichen Grabe von ihr im Velabrum verehrt wurde Plutarch Qu. Ro. 35 λέγεται δὲ αὐτὴν ἔνδοξον οὖσαν ἤδη καὶ ϑεοφιλῆ νομιζομένην ἀφανῆ γενέσϑαι περὶ τοῦτον τὸν τόπον ἐν ᾧ καὶ τὴν προτέραν ἐκείνην Λαρεντίαν κεῖσϑαι. Von dem Hirten Faustulus, welcher gleichfalls ein örtlicher Dämon ist, zeigte man ein Grab auf dem Comitium, Fest. p. 177 Niger lapis. , desgleichen Saturnus, welcher gleichfalls gewöhnlich als alter König gedacht wurde, s. Macrob. Sat. I, 7, 24 cum inter haec subito Saturnus non comparuisset, excogitavit Ianus honorum eius augmenta. Ja derselbe Glaube und derselbe Ausdruck wiederholt sich auch von einem Flußgott in Campanien Sueton d. clar. rhet. 4 Hic Epidius ortum se ab Epidio Nursino praedicabat, quem ferunt olim praecipitatum in fontem fluminis Sarni paulo post cum cornibus exstitisse ac statim non comparuisse in numeroque deorum habitum. Vgl. Serv. Aen. III, 108 vom Scamander: victor in Xantho flumine lapsus non comparuit . und in verschiedenen andern Wendungen Auch die Sibylle von Cumä verschwindet so, Gell. N. A. 1, 19 postea nusquam loci visam constitit , desgleichen die Dioskuren in der Schlacht bei Sagra, Justin XX, 3, 4 nec ultra apparuerunt quam pugnatum est . Vgl. auch Cicero de Divin. I, 28, 58 von einem Traume seines Bruders, wo dieser ihn zu Pferde in einem Flusse verschwinden, ( nusquam apparuisse ) und dann wieder auftauchen sah. , so daß wir ihm jedenfalls eine weite Ausdehnung und allgemeine volksthümliche Geltung in Italien zuschreiben können: was dann wieder wohl auf einen lebhaften Zug zum Mährchen hindeutet, dem wir noch oft begegnen werden, aber keineswegs auf eine Anlage zur Heldensage und zur epischen Dichtung. So ist auch die genealogische Familiendichtung, welche sich bei einer mythologischen Grundanschauung in den älteren Ueberlieferungen der Völker und Staaten sonst so lebhaft geltend macht und in Griechenland bis auf die Zeit des Plato und Alcibiades fortwucherte, ja das alte lacedämonische Königthum bis zu seinen letzten Sprossen begleitet hat, in Rom und Italien niemals über die ersten Anfänge hinausgekommen. Romulus ist zwar der Sohn eines Gottes, aber selbst ohne Kinder; Numa empfängt seine Weihe durch die Auspicien, seine Offenbarungen von der Egeria; Servius Tullius ist der Sohn eines Hauslaren und Liebling der Fortuna. Die Fabier leiteten ihr Geschlecht zwar vom Hercules ab und so mögen auch andre Geschlechter auf die einheimischen 86 Genien und Dämonen zurückgegangen sein, aber eine weitere Ausbildung und Ausbeutung solcher Sagenkeime durch Tradition und Dichtung ist auch hier schwerlich anzunehmen, da nachmals die griechischen Genealogieen so gänzlich vorherrschen. Ist später von Romulus und Remus gesagt und gesungen worden, dem Wunder ihrer Geburt, ihrer Schönheit und ihrer ausserordentlichen Begabung, wie der alte Annalist Fabius Pictor sich nach einer Andeutung des Dionys v. Halicarnaß auf solche Lieder wirklich berufen hatte Dionys H. I, 79 οἵους ἄν τις ἀξιώσειε τοὺς ἐκ βασιλείου τε φύντας γένους καὶ ἀπὸ δαιμόνων σπορᾶς γενέσϑαι νομιζομένους, ὡς ἐν τοῖς πατρίοις ὕμνοις ὑπὸ Ῥωμαίων ἔτι καὶ νῦν ᾄδεται . Plut. Num. 5 καὶ Ῥωμύλον μὲν οὗτοι παῖδα ϑεῶν ὑμνοῦσι φήμαις καὶ τροφήν τινα δαιμόνιον αὐτοῦ καὶ σωτήριαν ἄπιστον ἔτι νηπίου λέγουσιν. Wobei zu bedenken ist, daß ᾄδειν und ὑμνεῖν bei den überschwenglichen Griechen auch von dem Lobe in gebundner Rede gesagt wird. , so dürfen wir dabei kaum etwas Anderes voraussetzen als die Lieder der Salier, welche nach Allem was wir von ihnen und von anderen derartigen Gesängen wissen im höchsten Grade einfach und weit mehr im Sinne einer Liturgie als in dem eines Epos abgefaßt waren. Und so werden auch jene oft besprochenen Lieder, welche von den Römern in alter Zeit beim Mahle zum Lobe ihrer Vorfahren gesungen wurden Cicero Tusc. IV, 2 gravissimus auctor in Originibus dixit Cato, morem apud maiores hunc epularum fuisse, ut deinceps qui accubarent canerent ad tibiam clarorum virorum laudes atque virtutes. Vgl. Cic. Brut. 18, 19 und Non. Marc. p. 76 Varro de vita pop. R. lib. II: in conviviis pueri modesti ut cantarent carmina antiqua, in quibus laudes erant maiorum, et assa voce et cum tibicine. , weit mehr ethischen als epischen Inhalts gewesen sein d. h. mehr die bürgerlichen und kriegerischen Tugenden der einzelnen Glieder eines alten Geschlechts als die Wunder seiner Abstammung und den Glanz seiner Helden in einer mythischen Vorzeit hervorgehoben haben, welche letztere in Ermangelung einer lebhaften Einbildungskraft überall gar nicht oder doch nur in sehr dürftigen Zügen vorhanden war. Weiterhin tritt der alte volksthümliche Glaube an die übernatürliche Abkunft außerordentlicher Männer und die zeugende Kraft des Genius noch einmal auf überraschende Weise in den Erzählungen von der Herkunft des ältern Scipio zu Tage. Dann aber kommt die Zeit wo die griechische Bildung, unterstützt von dem adligen Hochmuth und der politischen Berechnung der vornehmen Geschlechter, sich ganz und gar auch dieses Zweiges der 87 römischen Ueberlieferung bemächtigt hatte. Auch die gangbaren Erzählungen vom Stamm der Julier, der sich von Venus und Aeneas bis zu den Albanischen Königen und darauf wieder von Mars und Romulus bis zum Cäsar und Augustus in einer mühsam verschlungenen Kette ausländischer und einheimischer Ueberlieferungen zusammengefügt hatte S. Cäsars Leichenrede zur Ehre seiner Tante bei Sueton 6 und Virgil Aen. VI, 756 ff. , sind ganz in diesem Geiste erdacht, vollends die Sagen der übrigen sogenannten trojanischen Geschlechter, über welche Varro ein eignes Buch geschrieben hatte. Die vielen Griechen, die als Hausfreunde, Hauslehrer, Haussklaven, oder als Rhetoren und Grammatiker in Rom lebten, hatten bald die Genugthuung der vornehmen Römerwelt ihre Huldigung nun auch in dieser Form darbringen zu können; dahingegen diese vornehmen Römer selbst, ob sie gleich den mythologischen Pomp und Staat einer solchen Verherrlichung nicht ungerne sahen, doch wohl eigentlich in der Sache sich immer sehr kühl und ironisch verhielten. So neckte Octavian den Antonius, der sich sehr mit seiner Abkunft vom Hercules brüstete, Cäsar würde ihn gewiß adoptirt haben, wenn er es als Aeneade hätte wagen dürfen einen Herakliden in sein Geschlecht aufzunehmen Appian de bell. civ. III, 16. Derselbe hebt es II, 151 in einer Parallele Alexanders d. Gr. und Cäsars hervor, daß beide großen Männer vom Stamme des Zeus waren, ὁ μὲν Αἰακίδης τε καὶ Ἡρακλείδης, ὁ δὲ ἀπὸ Ἀγχίσου τε καὶ Ἀφροδίτης. . Und als die Julier nicht mehr regierten, sondern die Flavier, bedachte man sich nicht länger selbst die vielverherrlichten Geschichten von Troja und dem troischen Aeneas zu den Fabeln zu werfen Tacit. Ann. XII, 58 Romanum Troia demissum et Iuliae stirpis auctorem Aeneam aliaque haud procul fabulis vetera . . 4. Dienende Gottheiten. Neben den Hauptgöttern werden noch gewisse dienende Götter genannt, welche mit jenen gewöhnlich eine Gruppe ausmachen und insofern einen gottesdienstlichen Collectivbegriff bilden. Nach Paulus p. 19 hießen sie anculi und anculae , ein Wort welches mit ancilla, anculare und ancus zusammenhängt, welches letztere in der Zusammensetzung cupencus bei den Sabinern einen Priester des Hercules bedeutete, s. Serv. 88 V. A. XII, 534. Nach Andern hießen sie famuli, wie z. B. bei Virgil Aen. V, 95 Aeneas, nachdem er am Grabe seines Vaters geopfert hat und darauf eine Schlange erscheint um dieses Opfer zu verzehren, unsicher ist geniumve loci famulumve parentis esse putet, zu welcher Stelle Servius (vgl. zu Aen. VII, 84. 761) bemerkt, in gleichem Sinne könne Virbius für einen Diener der Diana, Adonis für den der Venus, Erichthonius für den der Minerva gelten. Auch gebraucht Horaz A. P. 239 das Wort famulus vom Silen in seinem Verhältnisse zum Bacchus, Ovid. Met. VIII, 272 von dem kalydonischen Eber als einem heiligen Thiere der Diana; endlich kennen auch die Urkunden der Arvalischen Brüder denselben Cultusbegriff und zwar in einer interessanten Zusammenstellung mit entsprechenden weiblichen Gottheiten, indem sie neben den höheren Cultusgöttern des Hains der Dea Dia wiederholt Virgines Divae und Famuli Divi nennen, s. tab. 32 und 43. Jene »göttlichen Jungfrauen« waren höchst wahrscheinlich Nymphen, entweder Baum- oder Quellnymphen, denn von beiden wird das Wort auch sonst gebraucht, wie es denn nach der zu Grunde liegenden Vorstellung offenbar den griechischen Nymphen entspricht. So heißt es bei Fest. p. 261 Querquetulanae Virae putantur significari nymphae praesidentes querqueto virescenti, quod genus silvae indicant fuisse intra portam quae ab eo dicta sit Querquetularia. Sed feminas antiqui, quas scias dicimus, viras appellabant, unde adhuc permanent virgines et viragines , wobei zu bemerken ist daß der Ausdruck mulieres sciae auch sonst in der Bedeutung von weisen Frauen, sagae (a sagiendo) vorkommt Petron. 13 Rogo vos, oportet credatis, sunt mulieres plus sciae, sunt nocturnae et quod sursum est deorsum faciunt. Vgl.die intpp. und Muncker zu Hygin f. 92 p. 149. Vira ist eigentlich Männin. Vgl. die slavischen Wilen . Ueber die Form Vires s. unten bei der Diana und Virbius, dessen Name vermuthlich auch mit diesem Worte zusammenhängt. . Diese also hießen in alter Sprache Virae oder Vires , denn auch diese Form kommt vor; und zwar wurden sie vorzüglich als Baumnymphen gedacht, wie denn auch das Wort virere und viridis offenbar damit zusammenhängt. Zugleich aber wurde auch das Wort virgines und viragines in seiner ursprünglichen Bedeutung solcher herbjungfräulicher Elementar- und Baumgeister davon abgeleitet, wie andrerseits die Namen Sagae, Sciae, auch Fatuae und Fata das übernatürliche Wissen und Weissagen dieser Frauen und Jungfrauen 89 ausdrücken, welche in den Mythologieen aller Völker so ziemlich dieselben sind. Wassernymphen werden dagegen bei Paul. p. 63 Camelis Virginibus supplicare nupturae solitae erant vorauszusetzen sein, obgleich dieselben sonst mit dem eigentlich italischen Worte Lymphae genannt werden. Was die neben ihnen verehrten »göttlichen Diener« oder »göttlichen Gesellen« betrifft, denn das oskische famel und das lateinische famulus, wovon familia, drückte ursprünglich mehr das Verhältniß der Gesellung als das der Bedienung aus, so wäre nach jenen Andeutungen zunächst an Cultusgenien zu denken, in dem Sinne der genii deorum, namentlich wenn nur von einem famulus, nicht von mehreren die Rede ist. Ist aber dieses der Fall, wie in den Arvalinschriften, da ist höchst wahrscheinlich, schon der entsprechenden Jungfrauen wegen, an Faune oder Silvane zu denken, welche als männliche Wald- und Naturgeister jenen Viren und Viragines zunächst standen. Ueberhaupt aber scheint diese Collectivverehrung der Götter, so daß in einer bestimmten Cultusgruppe den örtlichen oder natürlichen Beziehungen derselben gemäß dem Hauptgotte andre Gottheiten in verwandter aber untergeordneter Bedeutung hinzugefügt wurden, wie in Griechenland Vgl. über die δαίμονες πρόπολοι Lobeck Aglaoph. p. 1234 sq. , so auch in dem alten Italien etwas Gewöhnliches gewesen zu sein, namentlich im ländlichen und Naturculte. So kommen neben der marsischen Angitia in Inschriften der Gegend mehrere Angitiae im Plural vor und neben der römischen Furina gleichfalls mehrere Furinae. Ferner gab es eine Carmenta und mehrere Carmentes und jenseits des Tiber einen Cult der Divae Corniscae, welche für Schutzgöttinnen der Krähen, die unter der Obhut der Juno standen, erklärt wurden. Auch gehört dahin die Verehrung der Egeria in der gleichartigen Umgebung der Camenen und die des umbrischen Flußgottes Clitumnus als eines Divus Pater der Gegend in der Umgebung von kleineren Quellgöttern, welche neben seinem Tempel in kleineren Capellen verehrt wurden, s. Plin. Ep. VIII, 8. Auch scheinen mir auf gleiche Weise die sabinischen Novensiles oder Novensides erklärt werden zu müssen, obgleich schon die Alten über diesen Namen sehr im Unklaren waren, s. Arnob. III, 38. Nach Livius VIII, 9 ( S. 81 ) wurden sie in alten Formeln neben den Laren und Indigeten angerufen, daher man sie in der Voraussetzung daß diese letzteren einheimische, eingeborne Götter oder Dämonen seien in späterer Zeit für ausländische und neu eingeführte 90 Götter erklärte So namentlich Cincius b. Arnob. l. c. nam solere Romanos religiones urbium superatarum partim privatim per familias spargere partim publice consecrare ac ne aliquis deorum multitudine aut ignorantia praeteriretur, brevitatis et compendii causa uno pariter nomine cunctos Novensiles invocari. . Indessen erklärt Varro sie sehr bestimmt für sabinische Götter Varro. l. l. V, 74 Feronia, Minerva, Novensides a Sabinis . Die Vertauschung von d und l ist in den italischen Dialekten etwas sehr Gewöhnliches. , ja wir wissen aus einer Inschrift vom Fucinersee, daß sie auch in dieser Gegend, also im Gebiete der Marser, und aus einer andern aus Pisaurum, daß sie auch in Umbrien verehrt wurden Mommsen Unterital. Dial. S. 339 und 342, Huschke Osk. und Sabell. Sprachdenkm. S. 254. In beiden Inschriften erscheint die Form Novensides (NOVESEDE) als die ursprüngliche. . Die Sabiner, von denen Varro spricht, sind also die des T. Tatius, welche diesen Gottesdienst wie viele andre mit nach Rom gebracht hatten, daher sie fortan wie der sabinische Quirinus neben dem römischen Mars, so diese Gottheiten neben den römischen Indigeten angerufen wurden. Als das Gebiet aber im Lande der Sabiner, woher sie stammten, wird Trebia genannt, welches höchst wahrscheinlich mit Trebula Mutuesca identisch ist, einem alten Centralorte sabinischer Gottesdienste, wo auch der sabinische Mars und die sabinische Feronia seit alter Zeit verehrt wurden Arnob. l. c. Novensiles Piso deos esse credit novem in Sabinis apud Trebiam constitutos. Hos Granius Musas putat. Consensum accommodans Aelio novenarium numerum tradit farro etc. Vgl. Arnob. III, 44 Novensiles Musae sunt, Trebiani quinimmo dii sunt , und Plin. H. N. III, 12, 17 Anio in monte Trebanorum ortus , wo das jetzige Trevi gemeint ist. Eine Stadt Trebia b. Sueton Tib. 31, Trebiates in Umbrien b. Plin. III, 14, 19. Der Name ist identisch mit Trebia und Trebula, unter welchem Namen zwei sabinische und eine campanische Stadt bekannt sind, s. Aufrecht u. Kirchhoff Umbr. Sprachdenkm. 2 S. 120. . Unter den verschiedenen Erklärungen des Namens wird aber die von novem die beste sein, an welche auch Varro, Piso und Aelius Stilo dachten, welcher das Wort vermuthlich auch in dem Saliarischen Liede gefunden hatte. Einige erklärten sie für neun männliche Gottheiten, Andre für Musen, also für Quellnymphen, welche den römischen Camenen gleichen mochten. Jedenfalls war auch dieser Cultus ursprünglich ein bei der alten italischen Bevölkerung verbreiteter Collectivbegriff d. h. der Ausdruck einer Göttergruppe, welche namentlich den Sabinern theuer war und durch sie auch in das römische Göttersystem eingebürgert wurde. Die spätere Zeit 91 hielt sich nach ihrer oberflächlichen Weise an den Klang und die Alterthümlichkeit des Namens, den sie bald hier bald dort verwendete So nannte Manilius die neun Götter, welchen Jupiter nach etruskischer Theorie den Blitz überließ, Novensiles, während Andre alle dii novicii d. h. die divi ex hominibus facti so genannt wissen wollten, s. Arnob. III, 38, 39. Martian Cap. 1, 46 dagegen verbindet Fons, Lymphae, Dii Novensiles . . 92 Zweiter Abschnitt. Zur Geschichte des römischen Cultus. Je wichtiger im Zusammenhange des ganzen römischen Gottesdienstes der Cultus war, desto mehr muß uns daran gelegen sein, auch über seine Eigenthümlichkeiten uns im voraus eine Uebersicht zu verschaffen. Dieses ist aber nicht anders möglich als in historischer Entwicklung, so sehr haben sich auch hier im Laufe der römischen Geschichte die verschiedenartigsten Formen neben einander festgesetzt, ohne immer zu einem Ganzen zu verschmelzen. Schon für die älteste, die nationale Periode werden nicht ohne tieferen Grund zwei verschiedene religiöse Gesetzgeber genannt, Faunus und Numa Lactant. 1, 22 Sed ut Pompilius apud Romanos institutor ineptarum religionum fuit, sic ante Pompilium Faunus in Latio, qui et Saturno avo nefaria sacra constituit et Picum patrem inter deos honoravit. Er citirt weiterhin diese Verse des Lucilius: Terriculas Lamias, Fauni quas Pompiliique instituere Numae. Probus Virg. Georg. 1,10 Existimatur autem fuisse Faunus rex Aboriginum, qui cives suos mitiorem vitam docuerit ritu ferarum viventes et primus loca certis numinibus et aedificia quaedam lucosque sacraverit. Das Opfer bei den lateinischen Ferien nach Einigen initum ex imperato Fauni , Schol. Bob. in Cic. pr. Planco p. 256. . Jener ist ein Ausdruck für die älteste Naturreligion und Naturbegeisterung, wie sie sich überall auf der ersten und elementaren Stufe der Naturreligion vorfindet, dieser der Repräsentant des sabinischen Priesterthums und des pontificalen Cerimonialgesetzes mit seiner heiligen Würde und seiner theokratischen Haltung. Eine dritte Periode beginnt mit den Neuerungen der Tarquinier und des Servius Tullius, welche den etruskischen und hellenischen 93 Gottesdienst herbeizogen, von denen der letztere mit der Zeit immer mehr Einfluß bekam. 1. Die Periode des Faunus. Varro legte nach Augustin C. D. IV, 31 ein besonderes Gewicht darauf, daß die Römer ihre Götter über 170 Jahre ohne Götterbild (sine simulacro) verehrt hätten. Wenn sie dabei geblieben wären, meint er, würde auch der Gottesdienst ihrer Nachkommen ein reinerer geblieben sein Quod si adhuc mansisset, castius dii observarentur. . Er berief sich dabei u. a. auf die Juden und schloß mit der Erklärung, daß die, welche den Bilderdienst eingeführt hätten, ihren Mitbürgern die Furcht Gottes genommen und dafür einen Irrthum gegeben hätten Qui primi simulacra deorum populis posuerunt, eos civitatibus suis et metum dempsisse et errorem addidisse. . Auch Tacitus schildert deshalb den einfachen und bilderlosen Cultus der Germanen mit so großer Vorliebe. Es ist die Sehnsucht der des Polytheismus und eines eben so wüsten als eitlen Gepränges der Tempel, der Processionen, der Spiele überdrüssigen Herzen nach einer reineren Religion, die sie auf den frühesten Stufen der Cultur zu finden glaubten, da es doch in Wahrheit eines ganz neuen Anfangs bedurfte. Denn die Naturreligion auf dieser Stufe ist eben auch schon Polytheismus und Symbolik, nur sind ihre Götter noch Geister und ihre Tempel und Bilder noch die unmittelbaren Räume und Gegenstände der Natur: bis später mit der höheren Bildung und den complicirteren Forderungen der Civilisation auch die Idololatrie und eine künstlichere Symbolik des Cultus sich geltend machen. Suchen wir uns die Eigenthümlichkeiten dieser ältesten Periode näher zu vergegenwärtigen, so könnte es verwegen erscheinen bis auf eine Zeit zurückgehen zu wollen, welche älter als der König Numa ist. Doch darf man nicht vergessen daß diese Grundzüge aller Naturreligion nicht blos die Anfänge derselben sind, sondern sich auch fast überall neben den künstlicheren Formen des Gottesdienstes erhalten, namentlich auf dem Lande und unter einfacheren Culturbedingungen, während in den Städten die Tempel und die Bilder vorherrschen Cicero de Leg. II, 8, 18 Constructa a patribus delubra in urbibus habento, lucos in agris habento et larum sedes . Vgl. 10, 26 die Erklärung: Tempel müsse es in den Städten geben, nec sequor magos Persarum, quibus auctoribus Xerxes inflammasse templa Graeciae dicitur, quod parietibus includerent deos. Ib. 11 Melius Graeci atque nostri ut augerent pietatem in deos, easdem illos urbes quas nos incolere voluerunt. . So war es in 94 Griechenland, wo z. B. Arkadien sehr lange der einfacheren Verehrung seiner Götter auf hohen Bergen, in schattigen Hainen, an den Quellen, in den Höhlen zugethan blieb, während in den Städten, auf welche es von seinen Bergen herabsah, schon lange der Dienst einer glänzenden Architectur und Plastik begonnen hatte. So war es auch in Italien, wo der Apennin wie jetzt so im Alterthum immer die einfachere Sitte und das ältere Volksthum bewahrt hat, und auf dem Lande, selbst in den Umgebungen Roms die alten Haine der Götter, die heiligen Quellen und alle Naturmale eines göttlichen Wirkens immer Gegenstände einer lebhaften religiösen Verehrung geblieben sind. Es kam hinzu die natürliche Beständigkeit aller religiösen Gewöhnung, die Sitte der älteren Römer mehr auf dem Lande als in der Stadt zu leben, endlich in älterer Zeit auch die strenge Zucht des pontificalen Grundgesetzes, dessen Geist allem plastisch Bildlichen der Kunst und Mythologie entschieden mehr abgeneigt als zugeneigt war und sich deshalb eher mit jenen elementaren Formen als mit den künstlicheren des Hellenismus vertragen mochte. Von der Verehrung der Götter auf hohen Bergen ist der Dienst des Jupiter Latiaris auf dem majestätischen Berge über Alba Longa ein gutes Beispiel, ein andres die Verehrung des Apollo Soranus, eines altitalischen Sonnengottes mit griechischem Namen, auf dem durch Gestalt und Anmuth in den Umgebungen Roms gleichfalls ausgezeichneten Soracte, ein drittes die Verehrung der Diana auf dem Berge Tifata über Capua. Nach Dionys 1, 34 wurde selbst Saturnus als Stifter des Ackerbaues und Urheber aller Segnungen desselben durch ganz Italien auf den Höhen und Bergen verehrt, und nach den Gromat. vet. p. 239 heiligte noch August die Gipfel aller Berge dadurch daß er sie unter den Schutz der Rhea stellte. Wären die örtlichen Nachrichten über die Culte des alten Italiens zahlreicher vorhanden oder die von den Stiftungen der ältesten Klöster und Kirchen auf hohen Bergen fleißiger durchforscht, so würden sich gewiß noch viel mehr Spuren eines derartigen Gottesdienstes nachweisen lassen. So wird überliefert daß der h. Benedict bei der Gründung des Klosters auf Monte Cassino ein sehr altes Heiligthum des Apollo 95 d. h. des Sonnengottes und andrer heidnischer Götter vorgefunden habe, welchen die ländliche Bevölkerung der Umgegend auch damals noch in den rings um den Tempel gelegenen Hainen fleißig geopfert habe Gregorii M. Dialogi II, 8. . Sehr verbreitet war durch ganz Italien die religiöse Verehrung der Flüsse und Quellen, namentlich der capita fontium, wo die reinigende, nährende, beseelende und begeisternde Elementarkraft unmittelbar aus der schöpferischen Hand der Natur zu Tage tritt; worauf ich in einem eigenen Abschnitt zurückkommen werde. Nicht weniger tief und innig durchdrungen war es von der Heiligkeit des Feuers, wie davon die in Rom und Latium sehr alten und bedeutungsvollen Dienste des Vulcan und der Vesta Zeugniß ablegen. Ganz vorzüglich aber war auch in Italien die Bevölkerung dem Cultus der Bäume und der Verehrung der Götter in Hainen ergeben: auch dieses eine allgemeine Eigenthümlichkeit des früheren und ländlichen Heidenthums, daher sich auch im Orient, in Griechenland und bei den Deutschen und überhaupt den nördlichen Völkern viele gleichartige Gebräuche nachweisen lassen J. Grimm D. Mythol. 59 ff. und 614, C. Bötticher, der Baumcultus der Hellenen, Berl. 1856. . Ueberhaupt hatten die Alten zwar nicht den landschaftlichen Natursinn, der bei uns durch Kunst und Poesie so weit ausgebildet ist; wohl aber hatten sie weit mehr Sinn für das Dämonische in der Natur, wie es sich in der Stille des Waldes, zwischen ragenden Bergen, an murmelnden Quellen offenbart und auf jedes empfängliche Gemüth mächtig wirkt. Da hörten sie vernehmbarer als sonst die Stimme der Gottheit und selten blieb eine Stätte der Art ohne religiöse Weihe. Auch die römischen Dichter äußern sich nicht selten recht lebendig über derartige Eindrücke Virgil Ge. III, 332 Sicubi magna Iovis antiquo robore quercus Ingentes tendat ramos, aut sicubi nigrum Ilicibus crebris sacra nemus accubet umbra. Tibull. 1, 1, 11 Nam veneror seu stipes habet desertus in agris Seu vetus in trivio florea serta lapis. Ovid. Amor. III, 1, 1 Stat vetus et multos incaedua silva per annos, Credibile est illi numen inesse loco, Fons sacer in medio speluncaque pumice pendens Et latere ex omni dulce queruntur aves. Vgl. Virg. Aen. 1, 165 ff. und die schöne Beschreibung des uralten Haines in Gallien b. Lucan III, 399 ff. , desgleichen Seneca in seinen Briefen Ep. 41 Si tibi occurrit vetustis arboribus et solitam altitudinem egressis frequens lucus et conspectum coeli densitate ramorum aliorum alios protegentium submovens, illa proceritas silvae et secretum loci et admiratio umbrae in aperto tam densae atque continuae fidem tibi numinis facit. Et si quis specus saxis penitus exesis montem suspenderit non manufactus, sed naturalibus causis in tantam laxitatem excavatus, animum tuum quadam religionis suspicione percutiet. Magnorum fluminum capita veneramur, subita ex abdito vasti amnis eruptio aras habet, coluntur aquarum calentium fontes et stagna quaedam vel opacitas vel immensa altitudo sacravit. und Plinius H. N. XII, 1,2, welcher die 96 Bäume geradezu die ältesten Tempel der Götter nennt, die das Landvolk seinen Göttern noch jetzt heilige. Da bete man inniger als vor Bildern, die von Gold und Elfenbein strahlen; daher sei die Heiligung der einzelnen Baumarten für den Dienst gewisser Götter abzuleiten, der Eiche für den des Jupiter, des Lorbeers für den des Apoll, des Oelbaums für Minerva, der Myrte für die Venus, der Pappel für den Dienst des Hercules; daher der Glaube, daß der Wald das eigne dämonische Gebiet der Waldgeister sei, der Silvane, der Faune, der Baumnymphen. Noch bestimmter spricht Apulejus im Eingange seiner Florida von den verschiedenen Arten dieses eben so alten als allgemein verbreiteten Naturcultus, wie jeder Wandrer über Land sie an seinem Wege finde, von dem Haine, wo er ein Gebet zu sprechen, eine Gabe darzubringen, in stiller Andacht zu weilen pflege, dem mit frischen Blumen bekränzten Altare, der Grotte mit hängenden Laubgewinden, einer Eiche die mit den Hörnern, einer Buche die mit den Fellen der Opferthiere geschmückt ist, einem für die Andacht eingehegten Hügel, einem alten Stamm mit künstlich ausgeschnitztem Bilde, einem mit frischer Spende getränkten Rasen, einem mit Salböl benetzten Steine aus alter Zeit. Unter den Bäumen war auch in Italien die Eiche vor allen übrigen heilig, namentlich die alte mit weitreichenden Zweigen und unvordenklichen Erinnerungen. Solch eine alte Eiche war auch auf dem römischen Capitol das älteste Heiligthum des Jupiter gewesen; noch Romulus legte nach Liv. 1, 10 seine Spolien zu ihren Füßen nieder. Weiter sah man auf dem Vatican eine alte Steineiche mit einer Dedication in etruscischer Schrift, welche also auch nicht viel jünger als die Stadt sein konnte, und bei Tibur eine alte Gruppe von drei Steineichen, die man für älter als Tibur hielt, da der Gründer der Stadt Tiburnus der Sage nach unter ihnen die Weihe erhalten hatte, Plin. H. N. XVI, 44, 87. Einen eignen Fall, welcher recht deutlich beweist wie tief der Glaube an die Heiligkeit solcher alten Bäume wurzelte; erzählt Livius III, 87. Die Aequer lagern auf dem Algidus gleich hinter Tusculum, die Römer kommen hinaus um im Namen des Senats 97 Genugthuung zu fordern. Der Führer der Aequer heißt sie ihren Auftrag an eine mächtige Eiche ausrichten, die sich über seinem Zelte erhob, er habe etwas Andres zu thun. Da wendet sich einer der Gesandten zu dieser Eiche und beschwört sie und die Götter des Ortes, den Bruch des Bundes zu rächen. So erzählt auch Sueton Vespas. 5 von einer alten, dem Mars geheiligten Eiche in dem sabinischen Geburtsorte der Flavier und Lucan 1, 136 ff. schildert eine uralte Eiche, wie sie einsam auf dem Acker dastehe, Weihgeschenke der früheren Geschlechter an ihren Zweigen hängend Exuvias populi veteris sacrataque gestans dona ducum. Exuviae ist Alles was aus- oder abgezogen wird, auch Spolien der Feinde, Attribute der Götter. Doch sind hier wahrscheinlich Thierfelle gemeint. Vgl. J. Grimm D. M. 616. Von der Eiche wurde auch in Rom oft das Laub zur Bekränzung des Jupiter z. B. des Victor oder der höchsten Verdienste z. B. bei der civica corona des August genommen s. Plin. H. N. XVI, 4, 3–5 Civica iligna primo fuit, postea magis placuit ex aesculo Iovi sacra , variatumque et cum quercu est etc. Iuglans hieß eine besondre Art von Nußbaum, dessen Nüsse den Eicheln glichen und von außerordentlich angenehmem Geschmack waren, daher man sie Iuglandes nannte, angeblich nach Jupiter, s. Varro l. l. V. 102 quod cum haec nux antequam purgatur similis glandis, haec glans optuma et maxuma ab Iove et glande iuglans est appellata. Vgl. Macrob. S. III, 18, 3, Serv. V. Ecl. I, 17. Doch fragt sich ob die Silbe iu in dieser Zusammensetzung nicht einfach große Annehmlichkeit bedeutet. , kaum vermag sie sich noch auf ihren Wurzeln zu behaupten, ringsum prangt der Wald in kräftiger Jugend, doch betet das Volk nur zu ihr. Außer der Eiche ist nicht selten von heiligen Feigenbäumen die Rede, da auch dieser Baum im Süden eine mächtige Krone hat und zu hohen Jahren kommt. So der bekannte Ruminalische Feigenbaum, in der Nähe des Lupercal, wo die Zwillinge gefunden wurden, und ein andrer Feigenbaum auf dem Comitium, den man später sogar für identisch mit jenem Ruminalischen hielt. Der berühmte Augur Attus Navius habe ihn vom Lupercal dahin gezaubert; daher ihn die Geistlichkeit aufs ängstlichste beobachtete und unter allen Umständen zu erhalten suchte Er hieß daher gewöhnlich ficus Navia , auch war ein Bild des Augurs neben ihm aufgestellt, s. Fest. p. 169, Dionys H. III, 71 und Tacit. Ann. XIII, 58. Eodem anno Ruminalem arborem in Comitio, quae octingentos et quadraginta ante annos Remi Romulique infantiam texerat, mortuis ramalibus et arescente trunco deminutam prodigii loco habitum est, donec in novos fetus reviresceret. . Ein dritter hatte bis zum J. 260 d. St. vor dem Tempel des Saturn gestanden, wo ihn die Vestalischen Jungfrauen, da er ein Bild des Silvanus umzustürzen drohte, unter sühnenden Gebräuchen entfernten, doch hielt man 98 einen jüngern, welcher um dieselbe Zeit beim lacus Curtius aufsproßte, für seinen unmittelbaren Nachkommen, s. Plin. H. N. XV, 20. So wird auch der Mars Ficanus einer Inschrift aus Ostia bei Henzen z. Or. n. 7194, wie der alte Ort Ficana unweit der Tibermündung, in welchem er verehrt wurde, höchst wahrscheinlich von einem ähnlichen alten Feigenbaum benannt worden sein. Endlich erzählt Virgil Aen. XII, 766 von einem alten dem Faunus geweihten Oleaster an der latinischen Küste, an welchem die Schiffer nach glücklicher Rückkehr fromme Gaben und ihre Kleider aufzuhängen pflegten, Plutarch Rom. 20 von einem heiligen Cornelkirschbaum auf dem Palatin, dessen Ursprung man von einer Lanze ableitete, welche Romulus vom Aventin dahin geschleudert hatte und welcher unter Caligula auf Veranlassung eines Baues in dortiger Gegend einging, Plin. H. N. XVI, 44, 85. 86 von verschiedenen sehr alten Lotosbäumen in Rom, unter denen namentlich einer gleichfalls für so alt als Romulus und für seine Pflanzung galt. Weit gewöhnlicher war indessen die Verehrung der Götter in Hainen, auch ist diese in culturgeschichtlicher Hinsicht von nicht geringem Interesse. Man nannte solche Haine in Italien nemora und lucus, welche Wörter beide sehr vernehmlich, wie so vieles Andre in den italischen Religionsalterthümern, an das alte Wald- und Weideleben erinnern. Nemus ist das griechische νέμος, also eigentlich ein Weideplatz, lucus eine im Walde ausgehauene Lichtung, ein ausgerodeter Platz, auf dem man sich ansiedelte und dann immer zugleich für die Götter sorgte, zumal für den Silvan, welcher zugleich der Gott des Waldlebens und der Ansiedelung im Walde, des Hinterwäldlers ist. Hatten doch die Lucaner im südlichen Italien von diesem alten Waldleben und den Lichtungen, in denen sie sich ansiedelten, ihren Namen bekommen Paul. p. 119 Lucani, Iustin. XXIII, 1. Vgl. Calpurn. Ecl. VII, 16. , und zwischen dem römischen Gebiete und dem innern Etrurien erstreckte sich noch im vierten Jahrhunderte Roms ein so ausgedehnter und unwegsamer Wald, daß Livius IX, 36 ihn mit den Wäldern Deutschlands vergleicht. Vollends der Apennin muß in ältester Zeit ganz mit Urwald bedeckt gewesen sein. In diesen Wäldern also siedelte sich jene alte Bevölkerung Italiens an wie unsre Vorfahren in Deutschland, wobei sie zwischen den neugewonnenen Aeckern und Weiden immer einige Baumgruppen stehen ließ und ihren Göttern weihte, und so entstand die religiöse Bedeutung der Wörter nemora und lucus 99 in dem Sinne der ältesten Heiligthümer überhaupt Tacitus Germ. 9 ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam humani oris speciem adsimulare ex magnitudine coelestium arbitrantur. Lucos ac nemora consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud quod sola reverentia vident . . In den Hainen weilte die Gottheit, weilten die Seelen der Verstorbnen und die Laren, denen auf dem Lande überall eigne Haine geweiht wurden; in dem Haine feierte man opfernd und schmausend die Gottheit, der man sich aber nur bei solchen festlichen Gelegenheiten und wenn die Religion es erlaubte nähern durfte: wehe dem welcher ungeweiht den Hain betrat, wehe vollends dem der gegen seine Bäume, seine Heiligthümer zu freveln wagte! Paul. p. 187 Oblucuviasse dicebant antiqui mente errasse, quasi in luco deorum alicui occurrisse. Serv. V. A. I, 441 dicuntur enim heroum animae lucos tenere. Ecl. V, 40 quia heroum animae habitant vel in fontibus vel in nemoribus. V. A. XI, 740 in altos lucos . Illic enim epulabantur sacris diebus. Auf die Verletzung mancher Haine standen wenigstens in älterer Zeit Capitalstrafen, s. Paul. D. p. 66 capitalis lucus. . Nur in außerordentlichen Fällen erlaubten die Götter eines solchen Hains wohl eine Zuflucht selbst unmittelbar aus der Schlacht, wie z. B. gleich nach der Niederlage an der Allia die flüchtigen Römer schaarenweise in einen ausgedehnten Hain in der Nähe des Tiber drängten und dort Schutz fanden, welcher außerordentlichen Rettung zum Andenken jährlich in Rom am 19. und 21. Juli das Fest der Lucaria begangen wurde Paul. p. 119 Lucaria festa in luco colebant Romani, qui permagnus inter viam Salariam et Tiberim fuit, pro eo quod victi a Gallis fugientes e proelio ibi se occultaverint. Vgl. Macrob. Sat. I, 4, 15 und Kal. Maff. und Amitern. z. XIV. und XII. Kal. Aug. . Sonst wurde der Heiligkeit des Ortes unter allen Umständen mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit wahrgenommen, so daß selbst vor Alter umgefallene oder vom Blitz getroffene Bäume eines Hains unter Beobachtung gewisser Sühnungsgebräuche weggeschafft und ein Eisen nie ohne ähnliche Beobachtungen in den Hain gebracht werden durfte, wie davon in den Urkunden der Arvalischen Brüder verschiedne Beispiele zu finden sind. Durch ganz Italien waren diese durch ein hohes Alterthum und den Glauben der Vorfahren geweihten Haine, die man überall am Wege und auf dem Felde traf, etwas Hochheiliges und Würdiges, so daß Quintilian X, 1 den Dichter Ennius nicht schöner auszeichnen konnte, als da er von ihm schrieb: Ennium sicut sacros vetustate lucos adoremus. Unter den Göttern waren es vorzüglich Jupiter und Diana, die wie überhaupt auf dem Lande 100 und im Freien, so auch am meisten in Hainen verehrt wurden Virgil Aen. III, 679 quales cum vertice celso aëriae quercus aut coniferae cyparissi constiterunt, silva alta Iovis lucusve Dianae. Vgl. Serv. V. Ge. III, 332 nam – et omnis quercus Iovi est consecrata et omnis lucus Dianae . , wie z. B. vor allen übrigen Hainen der Diana der am See von Nemi berühmt war und Plinius XVI, 44, 91 von einem andern in der Nähe von Tusculum erzählt, unter dessen Buchen eine so schön war, daß ein vornehmer Römer der Zeit sich alles Ernstes in sie verliebte. Selbst in Rom hatte sich das Andenken an viele Gehölze und Haine aus alter Zeit erhalten, da auch hier namentlich der breite Rücken des Viminal und Esquilin dereinst von Eichen und Buchen bestanden war, von denen die römischen Bürger bis zur Zeit des Königs Pyrrhus die Schindeln für ihre Häuser nahmen. Dort gab es z. B. ein Fagutal , ein Heiligthum des Jupiter, welches an einen alten Buchenhain erinnerte, dort wird auch der alte Hain der Juno Lucina in der Gegend von S. Maria Maggiore oft erwähnt. Auch riefen die Namen der Esquilien, des Viminalis und der porta Querquetulana den Alterthumskundigen von selbst entsprechende Pflanzungen und Heiligthümer ins Gedächtniß Paul. p. 87 Fagutal sacellum Iovis, in quo fuit fagus arbor, quae Iovi sacra habebatur. Plin. XVI, 10, 15 silvarum certe distinguebatur insignibus (nehmlich Rom), Fagutali Iovis etiam nunc ubi lucus fageus fuit, porta Querquetulana , colle in quem vimina petebantur, totque lucis , quibusdam et geminis (er meint wohl die beiden des Vejovis auf dem Capitol) Q. Hortensius dictator, cum plebs secessisset in Ianiculum, legem in aesculeto tulit etc. Von solchen aesculetis leitet Varro l. l. V, 49 mit Andern den Namen der Esquilien ab, weil damit auch andre Ortsnamen der Umgegend übereinstimmten, quod ibi lucus dicitur Fagutalis et Larum Querquetulanum sacellum (vgl. oben S. 88 ) et lucus Mefitis et Iunonis Lucinae , quorum angusti fines. Non mirum, iam diu enim late avaritia nunc est. Ib. 51 Viminalis a Iove Vimino , quoi ibi arae . Vgl. Fest p. 376. Auch der Caelius soll einmal Mons Querquetulanus geheißen haben, Tacit. A. IV, 65. . Vollends aber werden in der nächsten Umgegend von Rom fortgesetzt viele Haine erwähnt, z. B. der lucus Deae Diae, der lucus Annae Perennae, der lucus Robiginis, Camenarum, Furrinarum, Corniscarum, Albionarum Paul. p. 4 Albiona ager trans Tiberim dicitur a luco Albionarum , quo loco bos alba sacrificabatur. und andrer weiblicher und männlicher Gottheiten, deren Haine zum Theil, wie der der Camenen gleich vor der porta Capena und der der Furrinen jenseits der alten Holzbrücke später mitten in volkreichen Vorstädten lagen. Aus andern Gegenden Italiens aber sei hier nur noch der Haine der sabinischen Stammgöttin Vacuna am Veliner See und des Hains der 101 Angitia, der Göttin der Marser, am Fuciner See gedacht, weil eine Erinnerung an beide sich bis jetzt in den Ortsnamen derselben Gegenden erhalten hat, so wie der Name Nemi und der See von Nemi noch jetzt an den Ruhm des nemus Dianae von Aricia erinnert. Es geschah nehmlich nicht selten daß sich neben solchen alten und vielbesuchten Heiligthümern allmälich andre Ansiedelungen bildeten, so daß daraus zuletzt ein kleiner Ort entstand, auf den der Name des Heiligthums überging. Eine andre Eigenthümlichkeit dieses ältesten Gottesdienstes ist die Vergegenwärtigung der Götter zwar nicht durch Bilder, aber wohl durch Symbole und Attribute, entweder Bäume, Pflanzen und Thiere, deren Natur dem Wesen der zu vergegenwärtigenden Gottheit in gewisser Weise entspricht, z. B. der Adler dem Jupiter, der Wolf dem Mars, oder es sind leblose Gegenstände und Artefacta, welche zu solchem Zwecke geheiligt werden, Steine, Stäbe, Lanzen, Schilde u. dgl. Auch in dieser Hinsicht lassen sich viele Beispiele aus dem römischen und italischen Alterthum nachweisen, unter denen die heiligen Thiere im Vergleich mit andern Gegenden, namentlich den nördlichen Es verdient Beachtung, daß der Specht, der Wolf, das Pferd, welche im Cultus des Mars als heilige Thiere besonders hervortreten, auch bei den nördlichen Völkern, den Slaven, Germanen und Celten für heilig galten. Ueber den Specht s. Grimm D. M. 639 und 925. , eine besondere Berücksichtigung verdienen. Namentlich war es der Cult des Mars, des volksthümlichsten von allen italischen Göttern, in dem sich manches Alterthümliche der Art erhalten hatte. Wie er selbst, so erinnern auch seine Thiere vorzüglich an Wald und Krieg. So zunächst der Wolf, welcher in dieser seiner italischen Bedeutung ganz dem deutschen Isengrimm entspricht, dem grausamen Thiere des Waldes, welches einem Volke von alterthümlicher und roher Sitte zum Bilde seines Kriegsgottes vorzüglich geeignet erscheinen mochte. Auch waren Italiens Wälder wie die im höheren Norden voll von Wölfen, welche vom Apennin im Winter bekanntlich noch später selbst bis in die Nähe von Rom streiften. Eben so der Specht, welcher in den Sagen und Mährchen vieler Völker S. Cassel, Schamir, ein archäol. Beitrag zur Natur und Sagenkunde, Denkschr. d. K. Akad. d. gemeinnütz. W. in Erfurt, 1854 S. 48–112. als der Waldvogel und Waldgräber schlechthin geschildert wird, der einsam wohnt und gräbt und hackt und aus den Felsen und Bäumen allerlei geheime Kunde herausholt, aber auch mit seinem mächtigen Schnabel und seinem bissigen Wesen die Vorstellung eines martialischen Thieres erweckte: 102 daher er in den italischen Sagen und Culten zugleich der Prophet des Mars und ein streitbarer Held, aber als Picumnus auch ein um Düngung und Ackerbau verdienter König der Vorzeit ist. Zu demselben Kreise gehört ferner das Pferd, das dem Mars ganz vorzugsweise geweihte Thier und sein heiliges Opfer, ein Herkommen welches wieder sehr an das deutsche und nordische Alterthum erinnert, namentlich auch das Annageln des Hauptes Fest. p. 180, welcher die Pferdeopfer der Lacedämonier vergleicht, qui in monte Taygeto equum ventis immolant ibidemque adolent, ut eorum flatu cinis eius per fines quam latissime differatur , und die der Sallentiner in Apulien, welche ihrem Iupiter Menzana ein Pferd ins Feuer stürzten, und die Rhodier, welche dem Sol jährlich ein Viergespann ins Meer stürzten, quod is tali curriculo fertur circumvehi mundum . Aber weit besser passen zum Vergleich die Beispiele bei Grimm D. M. 42 und 621 ff. . Von den übrigen Thieren hatte z. B. der Pflugstier (bos arator) die Bedeutung der Ansiedelung überhaupt, der Bock und die Ziege in dem Culte des Faunus, der Juno u. a. die der Befruchtung, der Hund wegen seiner feinen Witterung eine besondre Beziehung zu Geistern und Faunen, dahingegen der Fuchs wegen seiner rothen Farbe zugleich für ein Bild der feindlichen Rutuler und der schädlichen robigo gelten mußte. Allgemein war ferner die Schlange, das bei allen Völkern in unzählichen Mährchen und Sagen bedeutsame Thier, wegen ihres Schlüpfens und Schleifens in der Erde und der jährlichen Erneuerung ihrer Haut ein Symbol der Genien und Hausgeister, daher die Schlange in Rom sogar zu den gewöhnlichen Hausthieren gehörte. – Lauter Elemente einer Thiersymbolik, welcher man in andern Naturreligionen auch begegnet, welche sich aber in Italien, so viel wir wissen, weder für die Sagen noch für die Fabel- und Mährchendichtung so fruchtbar erwiesen haben wie in Griechenland, Deutschland und bei andern Völkern. Um so wichtiger war das gesammte Thierleben, und auch dieses entspricht wieder ganz dem mehrfach geschilderten Charakter des italischen Volksthums, für den religiösen und priesterlichen Bedarf der Deutung und Weissagung, wie sie sich bei diesen Völkern frühzeitig in dem eignen Stande und Berufe der Augurn entwickelt hatte. Von den Umbrern, Sabinern, Marsern, Latinern wissen wir es gewiß, daß die Auguraldisciplin bei ihnen blühte, von den übrigen, namentlich den oskisch redenden Völkern darf man es gleichfalls annehmen. Das wesentliche Gebiet der auguralen Beobachtungen war aber bekanntlich die Thierwelt, sowohl der Angang der vierfüßigen und der kriechenden Thiere, des Fuchses, Wolfes, 103 Pferdes, der Schlange u. s. w. Den ganzen Kreis der auguralen Beobachtungen nennt Paul. p. 260 Quinque genera signorum observant augures, ex coelo , ex avibus, ex tripudiis, ex quadrupedibus, ex diris. Dem Angang (Grimm D. M. 1072) entsprechen die pedestria auspicia s. Paul. p. 244 Pedestria auspicia nominabantur quae dabantur a vulpe, lupo, serpente, equo celerisque animalibus quadrupedibus. , als die Bewegungen und das Geschrei der Vögel und zwar ganz besonders dieser letzteren, was wieder, wie mir scheint, auf eine alte Heimath zwischen Bergen und Wäldern deutet, zumal da der Waldvogel schlechthin, der Specht, der bedeutungsvollste Vogel war wie die Erscheinung des Wolfes die bedeutungsvollste unter den Quadrupeden Fest. p. 197 Oscines, Non. Marc. p. 518 Picumnus, Plin. H. N. VIII, 22, 34 vom Wolf: inter auguria ad dexteram commeantium praeciso itinere, si pleno id ore fecerit, nullum animal praestantius. Nach Cicero d. Divin. 1, 41, 92 war die Beobachtung der Vögel am weitesten gediehen in Phrygien, Pisidien, Cilicien, Arabien und in Italien in Umbrien, größtentheils Gebirgsgegenden. Vgl. ib. 42, 94 Arabes autem et Phryges et Cilices , quod pastu pecudum maxime utuntur campos et montes hieme et aestate peragrantes, propterea facilius cantus avium et volatus notaverunt, eademque et Pisidiae causa fuit et huic nostrae Umbriae. . Uebrigens wurde bekanntlich sowohl der Flug als die Stimme der Vögel beobachtet und demgemäß für die Auspicien alites und oscines unterschieden, obwohl einige Vögel, namentlich der Specht und die Elster, zu beiden Klassen gehörten. Ferner hatte jeder Vogel seinen Gott, dem er entsprach, so daß alle Vögel heilig waren Serv. V. A. V, 517 Nulla enim avis caret consecratione, quia singulae aves numinibus sunt consecratae. Vgl. Marquardt Handb. d. R. Alterth. IV S. 358. , obgleich einige, die den Todes- und Unglücksgöttern entsprachen, nur Unheil bedeuteten. Weiter galt es die Richtung und die Art des Fluges und so manches Andre zu beobachten. Das bekannte Augurium aus dem Fressen der Hühner, welches vorzüglich im Lager beobachtet wurde, ist für diesen Zweck offenbar nur deshalb so allgemein geworden, weil es unter allen Umständen das einfachste war. Auf eine sehr alterthümliche Tradition deutet ferner der Jupiter Lapis im Heiligthum des Feretrius, desgleichen die Bedeutung der Lanze im Culte des Mars und Quirinus, sowie in dem der sabinischen Juno, der sogenannten Ancilien im Culte der Salier: lauter Symbole des italischen Alterthums, zu welchen erst später durch griechischen Verkehr die Palladien, die Kerykeien, der Lorbeer des Apollo u. A. hinzukamen. Und so scheint auch der fast in allen Naturreligionen nachweisbare bildliche Gebrauch 104 des männlichen Zeugungsgliedes in der Bedeutung einer zeugenden und schöpferischen Kraft schon im alten Italien verbreitet gewesen zu sein, da dieses Symbol wenigstens bei den ländlichen Liberalien der Latiner eine nicht weniger bedeutsame Rolle spielte als bei den ländlichen Dionysien in Attika. Auch die bei mehr als einer Gelegenheit beliebten fescennini versus deuten darauf, sammt der durch ganz Italien verbreiteten Anwendung des fascinum als Amulet und Gegenzauber bei vielen einzelnen Gelegenheiten, bei denen doch wohl eigentlich der Glaube an einen Schutz der ewig schöpferischen Gotteskraft ausgedrückt werden sollte. Damit wir uns aber diese Stufe der Religion nicht gar zu harmlos vorstellen, ist zu bedenken, daß grade diese älteste Zeit wie anderswo, so auch in Italien ganz vorzugsweise die Zeit der Menschenopfer gewesen sein muß, obwohl dieselben später bis auf seltene Ausnahmen abgeschafft und durch stellvertretende Gebräuche ersetzt wurden. Deutliche Spuren solcher Opfer hatten sich z. B. bei den latinischen Ferien erhalten, bei denen noch unter den Kaisern ein verurtheilter Verbrecher den Altar des Jupiter zu Rom mit seinem Blute benetzen mußte; weniger deutliche bei der Feier der Saturnalien und der Compitalien, in dem gewöhnlichen Ritus der Blitzsühne, dem sogenannten Asyl des Vejovis und andern alterthümlichen Sagen und Gebräuchen. Und so ist auch der in der alten Geschichte Italiens oft erwähnte Gebrauch einen heiligen Frühling, ver sacrum, zu weihen Vgl. Marquardt Handb. IV, 232 und Schwegler R. Gesch. I, 240 ff.; welcher letztere aber die Gebräuche der Devotion mit denen des Ver Sacrum verwechselt. deutlich der Ausdruck einer religiösen Stimmung, welche den Göttern und ihren Priestern auch das Liebste darzubringen nicht anstand. Es war der Gebrauch in schweren Kriegsläuften, Sterbezeiten und andern Calamitäten den Göttern, vorzüglich dem Mars im voraus die sämmtlichen Erzeugnisse des nächsten Frühjahrs d. h. der Monate März und April zu weihen, Menschen, Vieh und die Frucht der Felder, worauf man im nächsten Jahre das Vieh und die Feldfrüchte wirklich opferte, die junge Mannschaft aber sobald sie herangewachsen war als Geweihete d. h. den Göttern Verfallene zum Lande hinaustrieb und ihrem Schicksale überließ: eine gewöhnliche Veranlassung für diese sich unter dem Schutze des Mars und der Anführung seiner heiligen Thiere eine neue Heimath zu erkämpfen. Endlich lassen sich auch die bei 105 verschiedenen volksthümlichen Gelegenheiten in Italien und Griechenland erwähnten oscilla am besten durch sinnbildliche Menschenopfer und den Baumcultus erklären. Es sind kleine schwebende Figuren und Masken, welche namentlich bei der Feier der latinischen Ferien an den Bäumen aufgehängt und von den Alten, nachdem der rechte Sinn verloren gegangen war, auf sehr verschiedene Weise erklärt wurden. Da in alter Vorzeit die Köpfe und Glieder der geopferten Thiere oder Menschen an die Bäume des Hains aufgehängt wurden, so hatten diese Puppen und Masken wahrscheinlich den Sinn einer bildlichen Stellvertretung, wie sie uns in dem römischen Gottesdienste öfters begegnen wird Vgl. J. Grimm D. M. 67 und Bötticher Baumcultus 80 ff. . 2. Der Gottesdienst des Numa. Immer hat Numa für den eigentlichen Begründer des römischen Gottesdienstes und insofern für den ersten Gesetzgeber Roms gegolten, da dessen Verfassung vor den Tarquiniern wesentlich auf religiösen und theokratischen Principien beruhte. Da die alte Ueberlieferung ihn einen angesehenen Sabiner aus dem benachbarten Cures, der zweiten Metropole Roms nennt, so werden wir den nationalen Kern seiner Gesetzgebung bei diesem altitalischen Volke suchen müssen, zumal da die Sabiner auch sonst als ein sehr ernstes, gottesfürchtiges und sittenstrenges Volk geschildert werden und ihre Gottesdienste in Rom gleichfalls den Eindruck einer sowohl in religiöser als in sittlicher Hinsicht weit gediehenen Entwicklung machen ( S. 18 ). Indessen ist auf der andern Seite nicht zu verkennen, daß auch das alte Herkommen und die sacralen Satzungen der Latiner auf Numas Verordnungen einen bedeutenden Einfluß ausüben mußten, da es ohnehin sein Hauptzweck war aus den bisher getrennt gebliebenen Römern und Quiriten d. h. der palatinischen Latiner und quirinalischen Sabiner ein durch gemeinsame Religion gebundenes Ganzes zu bilden. Auch wissen wir daß viele von Numa in sein Werk aufgenommene Institute, z. B. das der palatinischen Salier und ihr Dienst des Mars, die Luperci und ihr Dienst des Faunus, die Arvalischen Brüder und ihr Dienst der Dea Dia latinischen Ursprungs waren, während viele andre z. B. die Culte des Saturnus und der Ops, des Jupiter und des Veiovis, der Diana und Lucina, der Laren und der Mutter 106 der Laren, des Vulcanus und der Vesta sowohl latinisch als sabinisch waren: endlich daß auch der geistliche Stand und das Priesterthum bei den Latinern weit gediehen war. So gab es Flamines, Vestalische Jungfrauen, Pontifices und Augurn, auch Fetialen so gut bei den Latinern als in Rom oder bei den Sabinern. Ja es scheint in Gabii, einer Colonie von Alba Longa ( S. 9 ), eine eigne Priesterschule gegeben zu haben, zunächst für das Auguralwesen, worauf auch die Sage führt daß Romulus und Remus, die ersten Augurn in Rom, ihre Bildung zu Gabii empfangen hatten, Dionys H. I, 84, Plutarch Rom. 6. Wenigstens wissen wir aus Varro l. l. V, 3 daß die Auspicien auf Römischem und auf Gabinischem Stadtgebiete in gleicher Weise angestellt wurden. Auch war der sogenannte cinctus Gabinus, eine eigne Art die Toga aufzuschürzen, welche die freiere körperliche Bewegung begünstigte und deshalb bei den Römern vorzüglich im Lager herkömmlich blieb, nach sichrer Ueberlieferung ursprünglich vielmehr bei verschiedenen gottesdienstlichen Verrichtungen üblich gewesen, namentlich wie es scheint bei solchen, welche mit Umzügen verbunden, also schreitend auszuführen waren S. die Stellen bei Müller Etrusker, I, 265. Auch die Laren wurden wohl deshalb cinctu Gabino bekleidet gedacht, weil sie für allezeit expedite und hülfreiche, rastlos allgegenwärtige Genien gehalten wurden. . Die Verschmelzung der getrennten Römer und Quiriten erreichte Numa theils durch die Curienverfassung, theils durch gewisse centrale Institute des neuen Staatscultus und der religiösen Oberaufsicht des Königs, namentlich die Regia und den Gemeindeheerd der Vesta in der Nähe derselben, endlich durch eine solche Einrichtung der Priesterthümer und des öffentlichen Cultus d. h. seiner Gebräuche, Opfer und Gebete. daß dieselben fortan für die gesammte Bürgerschaft der Römer und Quiriten, nachmals auch für den dritten Stamm der Luceres verbindlich waren. Vermöge der Curienverfassung wurden sämmtliche Familien des Patriciats d. h. der ältesten Bürgerschaft in dreißig Curien eingetheilt, welche zugleich eine politische und eine religiöse Bedeutung hatten und insofern mit den Kirchspielen mancher deutscher Städteverfassungen verglichen werden können. Jede Curie hatte ihr besonderes Local zu ihren corporativen und gottesdienstlichen Versammlungen und zu demselben Behuf ihren eignen Curio und Flamen, alle zusammen aber standen unter der geistlichen Oberaufsicht eines sogenannten Curio Maximus, welcher zu dem Gottesdienste der Curien und zu ihren Vorstehern 107 und Priestern ein ähnliches Verhältniß gehabt zu haben scheint wie der König, später der Pontifex Maximus zu dem römischen Gottesdienste und zu den Geistlichen überhaupt. Die Regia war ursprünglich, wie dieses schon der Name sagt, der centrale Sitz des Königs, sofern dieser zugleich das Haupt und der oberste Priester und geistliche Repräsentant des Staates war und als solcher zugleich eine Oberaufsicht über alle gottesdienstliche Uebungen desselben ausübte, sowohl die des öffentlichen als die des Familienlebens. In der Regia, welche am Fuße des palatinischen Hügels an der sogenannten Via Sacra lag, wo diese in das Forum mündete, wurde solange es einen König gab von diesem und der Königin, später von den dazu verordneten Priestern und Priesterinnen den höchsten Göttern des Staats, namentlich dem Janus, Jupiter, der Juno, dem Mars, der Ops im Namen der ganzen Bürgerschaft geopfert. In der Nähe dieser Regia aber lag auch das Heiligthum der Vesta mit dem Gemeindeheerde, auf welchem gleichfalls unter der unmittelbaren Aufsicht des Königs, später des Pontifex Maximus, von den reinen Händen der Vestalischen Jungfrauen die heilige Flamme unterhalten wurde, in welcher sich die unsichtbare Lebensflamme des Staates und der Gemeinschaft seiner Bürger bildlich darstellte, grade so wie jede der dreißig Curien und jede einzelne Familie auf ihrem Heerde ein ähnliches Feuer unterhielt und dabei der schützenden und erhaltenden Götter und Genien gedachte, von denen sie ihre besondere Existenz und ihr eignes Gedeihen ableitete Ambrosch Studien und Andeutungen S. 1–40. . In der Verfassung der Geistlichkeit lassen sich drei verschiedene Systeme unterscheiden, deren erstes die Priester und den regelmäßigen Dienst der höchsten Staatsgötter, des Janus, Jupiter, und der Juno, des Mars, Quirinus und der Vesta umfaßt. Hatte hier früher der König an der Spitze gestanden, so scheinen dessen Rechte, namentlich die Aufsicht über den gesammten Cultus nach Anleitung der Gesetze des Numa, schon unter den Königen zum Theil auf den Pontifex Maximus übergegangen zu sein Wenigstens müssen wir dieses nach Liv. 1, 20 und 32 vermuthen, dahingegen später unter den Kaisern die Sache gerne so dargestellt wurde, als ob die Könige wie diese die Würde des Pontifex Max. niemals von der ihrigen getrennt hatten, s. Serv. V. A. III, 81, Plutarch Numa 9, Zosim. IV, 36. , und vollends veränderte sich die alte Ordnung der Dinge, als das Königthum abgeschafft und nur noch ein Schatten seines Namens geduldet 108 wurde. Seitdem gab es nur noch einen Opferkönig, Rex Sacrorum oder Rex Sacrificulus genannt, der Erbe der priesterlichen Functionen, welche dem Könige bis zuletzt geblieben waren, namentlich der Opfer an den Janus ( S. 58 ). Auf ihn folgten dem geistlichen Range nach die drei sogenannten Flamines Maiores, welchen Beinamen sie den zwölf Flamines Minores niederer Ordnung verdankten, die durch die Einführung anderer Culte mit der Zeit nöthig wurden und auch den Plebejern zugänglich waren Paul. p. 150 Maiores flamines , Fest. p. 154 Maximae dignationis , vgl. Gai. 1, 112. Ennius scheint dem Numa auch die Einsetzung dieser geringeren Flamines zugeschrieben haben, Varro l. l. VII, 45, und jedenfalls waren die meisten von ihnen alt, wie die Gottesdienste denen sie entsprachen. Nur neun sind bekannt, der fl. Volcanalis, Volturnalis, Palatualis, Furrinalis, Floralis, Carmentalis, Portunalis, Falacer, Pomonalis. . Unter den Flamines der höhern Ordnung blieb der Flamen Dialis immer der angesehenste, als Repräsentant des höchsten Gottes im lichten Himmel, dessen Heiligkeit und Reinheit sich in vielen und schwierigen Beobachtungen ausdrückte, die ihm für sein persönliches Verhalten vorgeschrieben waren. An seiner Seite war seine Gemahlin, die Flaminica schlechthin, dem Dienste der Juno gewidmet, wie sich denn bei den meisten dieser höheren römischen Priesterthümer die Erscheinung wiederholt, daß ihre Inhaber in erster und einziger Ehe verheirathet sein mußten und daß ihre Frauen den Dienst bei der weiblichen Gottheit zu versehen hatten, welche der männlichen ihres Gemahls am nächsten stand. Die beiden andern Flamines, der Martialis und Quirinalis, entsprachen, wie bereits früher bemerkt wurde, den beiden alten Stammgöttern der palatinischen Römer und der quirinalischen Sabiner Weil Quirinus später allgemein mit dem Divus Romulus identificirt wurde, läßt Dionys II, 63 schon Numa den Cultus des Romulus stiften. . Endlich folgte dem Range nach als der letzte der Pontifex Maximus, obwohl er vermöge seiner geistlichen Macht wenigstens im Laufe der Republik bei weitem der erste war und für den persönlichen Mittelpunkt des gesammten römischen Staatsgottesdienstes gelten konnte. Von ihm ging die Besetzung aller bisher genannten priesterlichen Würden aus, des Rex Sacrorum, der Flamines Maiores und der Vestalischen Jungfrauen, ja er übte auch eine Disciplinargewalt über diese Priester und Priesterinnen, welche insofern alle seiner Oberaufsicht untergeben waren Daher der Pontifex auch für den Fl. Dialis fungirte, sobald dieser durch Krankheit oder sonst verhindert war. Auch wahrend der 75 Jahre, wo die Stelle des Fl. Dialis gar nicht besetzt wurde, sorgte der Pontifex für den Dienst, s. Tacit. A. III, 58. . Ferner war er in allen 109 laufenden Fragen des Gottesdienstes und des geistlichen Rechtes, sowohl in öffentlichen Angelegenheiten als im Familienleben, die letzte Instanz, so daß er auch in das Staats- und Beamtenwesen und in das civile Recht, z. B. wo es über die Legitimität einer Ehe und über die von der Religion vorgeschriebenen Pflichten gegen die Verstorbenen zu entscheiden galt, oft hinübergriff und dadurch Veranlassung bekam sich nicht allein um die geistlichen, sondern auch um die weltlichen Angelegenheiten zu bekümmern, welche bei diesem Amte sogar je länger desto mehr zur Hauptsache wurden. Außerdem hatte er die Aufsicht über die von Numa überlieferten, im Laufe der Zeit vielfach erweiterten und überarbeiteten Urkunden des geistlichen Rechts und des öffentlichen Gottesdienstes, also auch über den Kalender und die von demselben abhängigen Bestimmungen der Fest- und Geschäftstage, sowie über die jährlichen Aufzeichnungen außerordentlicher Ereignisse von religiöser Bedeutung, aus welcher die sogenannten Annales Maximi hervorgingen. Lauter Geschäfte die ein zahlreiches Beamtenpersonal und ein bedeutendes Archiv von selbst mit sich brachten und unter seiner Leitung von einem eignen Collegium der Pontifices besorgt wurden, welches zuerst aus 4, seit der 1. Ogulnia v. J. 454 d. St. 300 v. Chr., durch welche die Plebejer den Zugang zu diesem wichtigen Amte erlangten, aus 8, seit Sulla aus 15 und noch mehr Mitgliedern bestand und sich durch Cooptation ergänzte, während der Pontifex Maximus durch Volkswahl unter den Mitgliedern des Collegiums bestimmt wurde Mercklin, die Cooptation der Römer S. 91 ff., 131 ff. . Auch der Opferkönig und die drei höheren Flamines gehörten zu diesem Collegium, welches in allen Religionssachen, bis auf die Zulassung neuer Gottesdienste, in Rom und durch ganz Italien die höchste consultative Behörde bildete. Ein zweites System dieser Geistlichkeit vom ältesten Datum bildete das Collegium der Augurn, deren es bis zur 1. Ogulnia gleichfalls 4, seitdem 9, seit Sulla 15 und mehr gab. Ihre geistliche Aufgabe war die Beobachtung des Willens der Götter aus den conventionellen Zeichen ( S. 103 ) und die Anwendung dieser Beobachtungen auf alle wichtigeren Vorgänge des öffentlichen Lebens, wobei sie indessen niemals unmittelbar und persönlich einschritten, sondern immer nur den vollziehenden Behörden 110 zurathend oder abmahnend zur Seite standen. Die Beobachtungen selbst wurden nach einer altherkömmlichen Technik und sorgfältig fortgepflanzten Lehre (disciplina) angestellt, wobei es sich besonders darum handelte auf der Erde den rechten Standpunkt zu nehmen, den Himmel in gewisse Felder einzutheilen, und demgemäß über die gute oder schlimme, ein Unternehmen, die Wahl eines Beamten u. s. w. billigende oder mißbilligende Bedeutung der göttlichen Zeichen zu entscheiden. Ferner waren die Augurn bei allen Weihungen betheiligt, sowohl den vielen persönlichen der Priester, welche erst nach vorgenommener Einweihung (inauguratio) ihr Amt antreten und nicht ohne eine förmliche Aufhebung dieser Weihe (exauguratio) von demselben wieder entfernt werden durften, als bei den örtlichen Einweihungen der Stadt und des Stadtgebiets, der Tempel und Heiligthümer, auch der Aecker, Weinberge und Obstgärten, welche dann durch gewisse Umzüge, Opfer und Gebete zu bestimmten Zeiten oder auf außerordentliche Veranlassung zugleich von aller Befleckung gesühnt und zu neuer Weihe eingesegnet wurden, bei welchen Gelegenheiten die Augurn gewöhnlich mit den Pontifices und andern Priestern zusammenwirkten. Endlich hatten sie bei außerordentlichen Gelegenheiten, namentlich bei drohenden Erscheinungen des Himmels den Zorn der Götter zu sühnen, Blitze zu beschwören, und wieder unter andern Umständen gewisse Verfluchungen auszusprechen, welche für alle Bürger der Stadt galten. Die Grenze ihrer Beobachtungen in der Stadt war das sogenannte Pomoerium, das Local derselben und das ihrer amtlichen Versammlungen und Verhandlungen das sogenannte auguraculum auf der Capitolinischen Burg (in arce), wo sie zu gewisser Zeit ein sehr heiliges und heimliches Opfer darbrachten Paul. p. 16 Arcani, p. 18 Auguraculum. . Auch gehörte es zu ihren amtlichen Rechten und Verpflichtungen darauf zu achten, daß sie von dort aus den ganzen Horizont der Stadt ungehindert übersehen konnten. Seinen ersten Ursprung leitete dieses Collegium nach alter Ueberlieferung vom Romulus ab, dessen lituus, mit dem er das bekannte Glückszeichen der Gründung gewonnen hatte, als eine heilige Reliquie bewahrt wurde. Aber erst seit dem sabinischen Könige T. Tatius war die Stätte der Beobachtungen auf der Burg aufgeschlagen worden, und erst Numa galt mit gutem Grunde für den Stifter des Collegiums. Uebrigens gab es auch außer diesem Collegium viele Augurn in Rom, wie sie zu Privatzwecken oder 111 sonst befragt wurden, vollends in älterer Zeit, wo z. B. der berühmte Sabiner Attus Navius nicht eigentlich zum Collegium der öffentlichen Augurn gehörte. Es ist derselbe welcher Tarquinius dem Aelteren mit seinen Zeichen und Wundern so imponirend entgegentrat, daß der mächtige König von seinen Neuerungen ablassen mußte, ein Vorgang auf welchen die Tradition der Augurn ein solches Gewicht legte, daß das Collegium seinen außerordentlichen Einfluß auf den Gang aller öffentlichen Angelegenheiten erst von da an datirte Liv. II, 36 ut nihil belli domique postea nisi auspicato gereretur, concilia populi, exercitus vocati, summa rerum, ubi aves non admisissent, dirimerentur. . Ihre religiöse Bedeutung besteht ganz wesentlich darin daß sie im Sinne der Vorzeit für die Dollmetscher des unsichtbaren Willens der Götter, vor allen des Jupiter galten Cic. de Leg. II, 8, 21 interpretes autem Iovis Opt. Max. publici Augures signis et auspiciis providento (für postea vidento ). Vgl. Rubino Untersuchungen über rö. Verf. und Gesch. I, 37 ff. . Sobald man nicht mehr an die Theilnahme dieser Götter an allen irdischen und weltlichen Angelegenheiten und an die Bedeutung der Zeichen glaubte, sank das ganze Institut natürlich zur politischen Farce herab. Eine dritte Gruppe ist die der Sodalitäten und Brüderschaften, namentlich der Luperci, der Salii, der Sodales Titii und der Fratres Arvales: ältere Verbrüderungen zu gewissen Cultuszwecken, welche Numa in seine Verfassung aufnahm oder durch dieselbe neu organisirte und dadurch zu öffentlichen Instituten machte. Ihr Unterschied von den gewöhnlichen priesterlichen Collegien besteht theils in ihrem Ursprunge und der Enge ihrer Verbrüderung theils in der Art ihres öffentlichen Hervortretens. Dem Ursprunge nach deuten sie entweder auf gentilicische Vereine oder sonst die elementaren Zustände des Gemeindeverbands, wie dieses auch von den Alten ausdrücklich anerkannt wird und z. B. in dem Namen der Luperci Fabiani und Quinctiliani sich deutlich darstellt. Ihre Verbrüderung aber war besonders deswegen so enge, weil sich mit ihrer Gesellung das religiöse Element aufs innigste verband, indem sie sich eben zunächst zur gemeinschaftlichen Feier eines Opfers und Opfermahles verbunden hatten, dadurch aber überhaupt zur innigsten Befreundung in Noth und Tod angehalten wurden, wie dieses ja auch der Name Sodales und Fratres und Germani ausdrückt Cic. pr. Cael. 11, 26 Fera quaedam sodalitas et pastoricia atque agrestis Germanorum Lupercorum , quorum coitio illa silvestris ante est instituta quam humanitas atque leges, si quidem non modo nomina inter se deferunt Sodales, sed etiam commemorant sodalitatem in accusando, ut ne si quis forte nesciat timere videretur. Bei Macrob. 1, 16, 32 gelten die sacrificia, sodalitates und nundinae für Stiftungen des Romulus und T. Tatius. Paul. p. 296 erklärt Sodales dicti quod una sederent et essent, vel quod ex suo datis vesci soliti sint, vel quod inter se invicem suaderent quod utile esset. Bei den Griechen waren die Ὀργεῶνες und Θιασῶται etwas Aehnliches. . Der Zahl nach 112 scheinen diese Vereine gewöhnlich aus zwölf Mitgliedern bestanden zu haben, die sich durch Cooptation ergänzten. Ihr religiöser Dienst unterscheidet sich von dem des gewöhnlichen Priesters dadurch, daß sie immer nur bei gewissen festlichen Veranlassungen hervortreten, im Uebrigen aber nur als religiöse Corporationen von öffentlicher Geltung existirten. So traten die Luperci öffentlich nur im Februar hervor, wo sie im Dienste des palatinischen Faunus, eines sehr alten Cultus, gewisse sinnbildliche Gebräuche der Sühnung und Befruchtung verrichteten, die Salier im März, wo sie zu Ehren des alten palatinischen Stammgottes Mars, seit Tullus Hostilius auch zu Ehren des sabinischen Quirinus mit eigenthümlichen Liedern und Tänzen durch die Stadt zogen, die Titier bei einer nicht näher bekannten Veranlassung zur Erinnerung an den Sabinerkönig T. Tatius, endlich die fratres Arvales im Mai, wo sie zu Ehren der Dea Dia in ihrem vor der Stadt gelegenen Haine die vorgeschriebenen Gebräuche verrichteten und gemeinschaftliche Opfermahlzeiten hielten. Der Cultus des Numa wird im Allgemeinen dadurch characterisirt daß zugleich seine große Einfachheit und seine außerordentliche Mühsamkeit d. h. die große Zahl seiner Gebräuche und Beobachtungen, welche namentlich den Dienst der Priester sehr schwierig machten, hervorgehoben wird. In diesem Sinne äußert sich Cicero Cic. de Rep. II, 14 Sacrorum ipsorum diligentiam difficilem, apparatum perfacilem esse voluit. Nam quae perdiscenda quaeque observanda essent multa constituit, sed ea sine impensa. und unter den Kirchenvätern Tertullian, welcher letztere wiederholt auf diesen Punkt zurückkommt und wegen der vielen Gebräuche, Gelübde und Observanzen das Gesetz des Numa sogar mit dem des Moses vergleicht Tertullian Apolog. 21 Pompilius Numa, qui Romanos operosissimis superstitionibus oneravit. De Praescript. Haeret. 40 Si Numae Pompilii superstitiones revolvamus, si sacerdotalia officia et insignia et privilegia, si sacrificalia ministeria et instrumenta et vasa ipsorum sacrificiorum ac piaculorum et votorum curiositates consideremus, nonne manifeste diabolus morositatem illam Iudaicae legis imitatus est? Vgl. Apolog. 25. , dabei aber gleichfalls die große Einfalt und 113 Nüchternheit der Ausstattung des Dienstes rühmt. Gewiß ist daß dieser Character in den engeren Kreisen des alten römischen Staatsgottesdienstes sich trotz der später hinzugekommenen Tempel und Bilder, der prächtigen Processionen, der rauschenden Spiele immer als fester Kern alter Sitte und Frömmigkeit erhalten hat, daher auch die Patrioten immer wieder darauf zurückwiesen und namentlich auch dieses vor Augen haben, wenn sie auf die vielgerühmte Religiosität der Vorfahren zu sprechen kommen, welche einer der wirksamsten Hebel des römischen Staates und der römischen Macht gewesen sei Cic. N. D. II, 3, 8 Si conferre volumus nostra cum externis, ceteris rebus aut pares aut etiam inferiores reperiemur, religione i. e. cultu deorum multo superiores. Sallust Catil. 12 nostri maiores religiosissimi mortales . Vgl. unter den Griechen Polybias oben S. 22 und Posidonius bei Athen. VI, 107 p. 264, unter den Kirchenvätern Tertull. Apolog. 25 illa praesumptio dicentium Romanos pro merito religiositatis diligentissimae in tantum sublimitatis elatos ut orbem occuparint, et adeo deos esse ut praeter ceteros floreant qui illis officium praeter ceteros faciant. . Denn ein religiöser Mensch ist im Sinne des römischen Sprachgebrauchs nur der gesetzlich fromme und gewissenhafte, welcher sich streng an die vom Staate vorgeschriebenen Normen des Götterglaubens und des Gottesdienstes hält und darin weder zu viel noch zu wenig thut Fest. p. 289 Religiosi dicuntur qui faciendarum praetermittendarumque rerum divinarum secundum morem civitatis delectum habent nec se superstitionibus (d. h. vom Staate nicht recipirten Sacris) implicant . In demselben Sinne sagt Cotta bei Cic. N. D. III, 2 Sed cum de religione agitur Ti. Coruncanium, P. Scipionem, P. Scaevolam pontifices maximos, non Zenonem aut Cleanthem aut Chrysippum sequor. Diese Religion verstand auch Varro unter seinem genus civile ( S. 31 ), obwohl er das Wort religiosus in dem Sinne eines Uebermaaßes von Frömmigkeit erklärte, wie superstitiosus, s. Gellius N. A. IV, 9. Etwas Andres ist religiosum im objectiven Sinne des Wortes, von Tagen, Stätten u. s. w., wo es von sacrum und sanctum unterschieden wurde, s. Fest. p. 289, Macrob. S. III, 3, Serv. V. A. II, 686, Gellius l. c. , wobei also freilich nur von einer Gesetzlichkeit im pharisäischen Sinne des Wortes die Rede sein konnte, nicht von der Religion und dem Glauben im Sinne des Neuen Testaments. Obwohl sich auf der andern Seite nicht läugnen läßt daß diese peinliche Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit der gottesdienstlichen Uebungen und der hohenpriesterlichen Oberaufsicht das ganze römische Staats- und Rechtswesen der guten alten Zeit wie im Keime in sich enthielt und daß Numa als Urheber des pontificalen Grundgesetzes mit gutem Fuge für den Urheber des alten römischen Staates gelten konnte, welcher trotz 114 aller politischen Neubildungen der spätern Könige und der Republik doch im Stillen noch immer sehr mächtig nachwirkte. Versuchen wir uns diese Eigenthümlichkeit des römischen Cultus, seine Simplicität auf der einen Seite und die Ueberladung mit religiösen Observanzen auf der andern näher zu vergegenwärtigen, so bestand jene zunächst in der noch immer dauernden Enthaltung von aller äußern Vergegenwärtigung der Götter durch Tempel und Bilder Tertullian Apolog. 25 Nam etsi a Numa concepta est curiositas superstitiosa, nondum tamen aut simulacris aut templis res divina apud Romanos constabat. Frugi religio et pauperes ritus et nulla Capitolia certantia ad caelum, sed temeraria de cespite altaria et vasa adhuc Samia et nidor ex illis et deus ipse nusquam. Nondum enim tunc ingenia Graecorum atque Tuscorum fingendis similacris urbem inundaverant. Vgl. Plut. Numa 8. . Denn Tempel im architectonischen Sinne des Wortes gab es auch unter Numa nicht, sondern nur geweihte Räume zu gemeinschaftlichen Opfern und Gebeten, sogenannte Curien und Atrien (z. B. das atrium Regium, das atrium Vestae), wodurch gewisse alte und einfache Symbole und Unterpfänder des göttlichen Schutzes und der göttlichen Gegenwart nicht ausgeschlossen sind, z. B. die Lanzen und die Ancilien des Mars, der Bogen des Janus, das Feuer der Vesta und andre mehr, welche entweder aus dem höheren Alterthum beibehalten oder von Numa neu geschaffen wurden. Auch fragt es sich ob es nicht auch damals schon sogenannte pulvinaria gegeben habe, eine eigenthümliche Weise die Gottheit für das Gebet, namentlich die supplicatio zu vergegenwärtigen, auf welche ich gelegentlich zurückkommen werde. In jenen Bet- und Opfersälen standen Opfertische von einfachem Holz, auf welchen die frommen Gaben in Körben oder auf thönernen Platten dargebracht wurden; die Altäre, welche im Freien standen, waren meist von natürlichem Rasen, wie auch später in den alterthümlichen Culten solche viel zu finden waren. Ferner war die alterthümliche Einfachheit aller nach dem Gesetze Numas zum Gottesdienste erforderlichen Geräthe und Gefäße mit der Zeit zum Sprichworte geworden Persius II, 59 Aurum vasa Numae Saturniaque impulit aera, Vestalesque urnas. Cic. N. D. III, 17 docebo meliora me didicisse de colendis diis immortalibus iure pontificio et maiorum more capedunculis iis, quas Numa nobis reliquit, de quibus in illa aureola oratiuncula dicit Laelius ( S. 24 ), quam rationibus Stoicorum. Dionys H., II, 23 ἐγὼ γοῦν ἐϑεασάμην ἐν ἱεραῖς οἰκίαις δεῖπνα προκείμενα ϑεοῖς ἐν τραπέζαις ξυλίνοις ἀρχαϊκαῖς, ἐν κανοῖς καὶ πινακίσκοις κεραμίοις ἀλφίτων μάζας καὶ πόπανα καὶ ζέας καὶ καρπῶν τινων ἀπαρχὰς καὶ ἄλλα τοιαῦτα λιτὰ καὶ εὐδάπανα καὶ πάσης ἀπειροκαλίας ἀπηλλαγμένα· καὶ σπονδὰς εἶδον ἐγκεκραμένας οὐκ ἐν ἀργυροῖς καὶ χρυσοῖς ἄγγεσιν, ἀλλ’ ἐν ὀστρακίναις κυλίσκαις καὶ πρόχοις, καὶ πάνυ ἠγάσϑην τῶν ἀνδρῶν ὅτι διαμένουσιν ἐν τοῖς πατρίοις ἔϑεσιν, οὐδὲν ἐξαλλάττοντες τῶν ἀρχαίων ἱερῶν εἰς τὴν ἀλαζόνα πολυτέλειαν. , namentlich die der Form und ihrer Bestimmung nach 115 mannichfaltigen, aber dem Stoffe nach gleichfalls sehr kunstlosen Gußgefäße, Schalen, Töpfe Numas, in denen die Spenden dargebracht oder die Opferstücke gekocht oder die Erstlinge des Kornfeldes, der Weinberge und andre Naturgaben geweiht wurden, wie davon wieder die Urkunden der Arvalischen Brüder manche Andeutung geben. Die Opfer selbst waren theils blutige d. h. Thieropfer, welche von dem Gesetze Numas keineswegs ausgeschlossen, aber gleichfalls durch sehr ins Einzelne eingehende Vorschriften geregelt waren, größtentheils aber unblutige Von Thieropfern ist ausdrücklich die Rede bei Liv. I, 20, auch wissen wir daß in der Regia und bei andern Gelegenheiten Widder und Lämmer geschlachtet wurden. Ueberdies enthielt das Ritualgesetz auch über solche Opfer genaue Vorschriften, s. Varro l. l. V, 98, Serv. A. XII, 170 u. a. Also geht Plutarch Numa 8 zu weit, wenn er im Vergleiche Numas und der Pythagoreer keine blutigen Opfer anerkennen will: ἀναίμακτοι γὰρ ἦσαν αἵ τε πολλαὶ δι’ ἀλφίτου καὶ σπονδῆς καὶ τῶν εὐτελεστάτων πεποιημέναι. , darunter besonders die bei jedem Opfer unvermeidliche mola salsa, welche gewöhnlich auch von Numa abgeleitet wurde, aber gewiß älter ist als er. Ferner gab es sehr viele Spenden, meist ohne Wein Plin. H. N. XVIII, 2 Numa instituit deos fruge colere et mola salsa supplicare. Nach Dems. XIV, 12, 14 wurden die von Romulus eingesetzten Opfer ohne Wein dargebracht, die von Numa nur von dem Wein beschnittener Reben. , endlich sehr viele Opferkuchen, liba, die in sehr verschiedenen Formen gebacken wurden, zu welchem Behufe es unter dem dienenden Personal der verschiedenen Priesterthümer eigne geistliche Kuchenbäcker, sogenannte fictores gab Ennius b. Varro l. l. VII, 43 von Numa: mensas constituit idemque ancilia . . . libaque, fictores , Argeos et tutulatos. Ib. 44 fictores dicti a fingendis libis. Vgl. die Nachweisungen b. Marquardt IV, 198. . Das allgemeine Material dieser Spenden und Opfer war, soweit Mehl dazu erforderlich war, das alte nationale Getreide far oder ador d. i. Dinkel, Spelt, welcher daher auch sonst auf Veranlassung vieler alterthümlicher Gebräuche genannt wird und namentlich den ältesten religiösen Gebräuchen der ehelichen Verbindung oder Trennung den Namen confarreatio und 116 diffarreatio gegeben hat Dionys II, 25, Plin. H. N. XVIII, 8, 19. Vgl. ib. 7,11 Populum Romanum farre tantum e frumento CCC annis usum Verrius tradit , und 3, 3 gloriam denique ipsam a farris honore adoream appellabant . Non. Marc. p. 52 ador frumenti genus quod epulis et immolationibus sacris pium putatur . Ib. p. 114 Varro de vita populi Ro. lib. 1. In eorum sacris tiba quum sunt facta, iniicere solent farris semina et dicere se ea februare i. e. pura facere. . Mit welcher peinlichen Sorgfalt übrigens z. B. die mola salsa für den öffentlichen Cultus zubereitet wurde, davon geben die darauf bezüglichen Gebräuche der Vestalischen Jungfrauen eine deutliche Vorstellung. Die Menschenopfer scheinen, soweit sie überhaupt noch bestanden, durch Numa gänzlich entfernt und durch sinnbildliche Gebräuche ersetzt zu sein, worauf namentlich die Legende von Numa und dem Jupiter Elicius deutet. Ja die Aengstlichkeit vor allem Blutigen und was daran erinnern konnte war in dem römischen Gottesdienste so groß, daß der Gebrauch des Eisens von allen heiligen Handlungen streng ausgeschlossen war und auch der Leib der Priester nicht von einem Eisen berührt werden durfte, eine Rücksicht welche sich übrigens auch in andern alten Religionen findet und in Italien auch von den Etruskern und Sabinern beobachtet sein soll Macrob. V, 19, 13 Prius itaque et Tuscos aeneo vomere uti, cum conderentur urbes, solitos in Tageticis eorum sacris invenio, et in Sabinis ex aere cultros quibus sacerdotes tonderentur. Serv. V. A. 1, 448 flamen Dialis aereis cultris tondebatur . Auch bei dem Bau der alten Holzbrücke durfte kein Eisen gebraucht und in die Haine und Heiligthümer der Götter ohne vorgängige Sühnungen kein Eisen gebracht werden. Vgl. Lobeck Aglaoph. p. 686. 896 und Lasaulx Studien des class. Alterthums S. 117. . Endlich wird auch der Gebrauch der später bei Opfern und andern heiligen Handlungen allgemein herkömmlichen Flötenmusik immer so bestimmt von den Etruskern abgeleitet, daß eine solche oder überhaupt irgend eine Musik beim Gottesdienste des Numa nicht wohl denkbar ist. Drückt sich in diesen Thatsachen eine strenge Nüchternheit und eine ebenso große Gewissenhaftigkeit des religiösen Gedankens aus, so ist die Seele einer andern Reihe von Gebräuchen die castitas d. h. der Sinn für Reinheit, welche sowohl von allen Betenden und Opfernden Die allgemeine Vorschrift bei Cicero de Leg. II, 8, 19 Ad divos adeunto caste, pietatem adhibento, opes amovento : qui secus faxit, deus ipse vindex erit. als von dem Opfer selbst, vor allem aber von dem ganzen priesterlichen Personal gefordert wurde und wieder eine Menge von einzelnen ritualen Vorschriften und Bestimmungen zur Folge hatte. Daher die vielen 117 Waschungen, Besprengungen und Räucherungen, wie sie bei allen religiösen Handlungen erforderlich waren; daher die äußerste Reinlichkeit und Sauberkeit namentlich beim Culte der Vesta, deren Heerd als Gemeindeheerd zugleich ein Symbol des öffentlichen Gottesdienstes überhaupt war: daher ferner die vielen und häufig wiederholten Lustrationen der Stadt, des Stadtgebietes, der Bürgerschaft, des Heeres, ja selbst des Viehstandes, wie sie in den verschiedensten Culten, namentlich aber in dem der alten Nationalgötter Mars und Faunus vorkommen, alle mit der zu Grunde liegenden Vorstellung, daß nur das den Göttern lieb und angenehm sein könne, was von dem Makel und der Befleckung der irdischen Natur und des irdischen Gebrauchs immer von neuem gereinigt werde. Daher ferner die strenge Feierlichkeit in der Anwendung der einmal hergebrachten und consecrirten Formel des Gebets oder frommen Gebrauchs, weil durch die bei jeder Weihe vorgenommenen Auspicien die Gottheit selbst diese Formel genehmigt, also ein für allemal geheiligt hatte, so daß die kleinste Abweichung ein Verstoß gegen ihren Willen war: eine neue Quelle vieler Verschuldungen und dadurch veranlaßten Sühnungen. Das ist das Gebiet der sogenannten piacula , von denen in den sacralen Vorschriften der Pontifices gleichfalls sehr ausführlich die Rede war. Piaculum commissum oder piacularis commissio hieß nehmlich eine jede Versündigung der Art, welche durch einen eignen Act der Sühnung, expiatio, wieder gut gemacht werden mußte; piaculum dann aber auch das Sühnopfer, welches als Mittel der Sühne dargebracht werden mußte; außer welchen bestimmt vorliegenden Fällen aber auch für eine eventuelle Versündigung z. B. beim Dienste der Todten vor der Erndte die porca praecidanea geschlachtet, oder in solchen Fällen, wo aus bestimmten Zeichen der Götter auf eine nicht näher nachweisbare Versündigung geschlossen wurde, sogenannte postiliones oder postulationes als von den Göttern geforderte Sühnopfer dargebracht wurden Arnob. IV, 31 Si in cerimoniis vestris rebusque divinis postilionibus locus est et piacularis dicitur contracta esse commissio , si per imprudentiae lapsum aut in verbo quispiam aut simpuvio deerrarit, aut si rursus in sollemnibus ludis curriculisque divinis commissum omnes statim in religiones clamatis sacras, si ludius constitit aut tibicen rcpente conticuit, aut si patrimus ille qui vocitatur puer omiserit per ignorantiam lorum aut tensam tenere non potuit. Vgl. Cic. de Harusp. resp. 11, 23 und Plut. Coriolan 25. In demselben Sinne sagt Virg. Aen. VI, 569 commissa piacula und Cic. de Leg. II, 9 sacrum commissum , quod neque expiari poterit, impie commissum est; quod expiari poterit , publici sacerdotes expianto. Doch sind piacula auch die victimae, quibus facinus expiabatur admissum , Schol. Horat. Od. 1, 28. . Und zwar war bei den Opfern, den 118 Gebeten, den Processionen der geringste Verstoß schon wichtig genug, um solche Sühnungen oder auch eine Wiederholung der ganzen heiligen Handlung oder wenigstens des besondern Acts, in welchem das Versehn vorgefallen war, nothwendig zu machen: irgend ein Versehn oder eine Auslassung beim Vortrage des Gebets, eine falsche Bewegung der Hand beim Gußopfer, eine plötzliche Stockung der Tanzbewegung oder der begleitenden Flöte oder der Procession, indem etwa eins der Pferde, welche die Processionswagen der Götter zogen, scheu wurde oder der Knabe, welcher den Wagen führte, die Zügel mit der linken Hand ergriff oder fallen ließ. Es soll vorgekommen sein daß um solcher Versehen willen ein und dasselbe Opfer wohl dreißig mal wiederholt worden war. Ferner mag hier der in Rom und ganz Italien zu allen Zeiten außerordentlich zahlreichen Gelübde (vota) erwähnt werden, eine Art von Religiosität die man in so häufiger Anwendung auch nicht leicht in einer andern Religion des Alterthums wird nachweisen können. Gleich in den ältesten Zeiten der Nation kündigt sich dieser Trieb in den häufigen Gelübden des heiligen Frühlings an ( S. 104 ), und bis zu den letzten Zeiten der Kaiser beurkundet er sich in zahllosen Dedicationstiteln und in den häufigen Gelübden für das Wohl des Kaisers und des kaiserlichen Hauses, wie sie namentlich am dritten Januar, welcher Tag danach der der Vota hieß, von Staatswegen concipirt wurden. Zu Grunde liegt, von dem Mißbrauche abgesehen, gewiß auch hier ein tiefes Gefühl der Verpflichtung für alles Gute und alles Heil, welches man von den Göttern durch fromme Stiftungen zu erlangen hofft; die häufige Uebung hatte frühzeitig die Form eines förmlichen Contractes angenommen, vermöge dessen der Gelobende für den gesetzten Fall einer Erhörung seines Gebetes reus wird d. h. verpflichtet zu der angelobten Gabe, Stiftung oder Heiligung seiner eignen Person, wie er nach erfolgter Erhörung als damnatus, also als gleichsam Verurtheilter sein Gelübde erfüllen muß Macrob. S. III, 2, 6 Haec vox propria sacrorum est, ut reus vocetur qui suscepto voto se numinibus obligat, damnatus autem qui promissa vota iam solvit. In diesem Sinne konnte auch eine Vestalin rea heißen, und ich glaube daß dieses der Grund der Benennung der Rea Silvia ist. . Endlich die vielen Ahndungen, Träume, omina, ostenta, portenta, lauter 119 Andeutungen, Prüfungen und Merkmale des göttlichen Willens, ein Aufmerken auf jedes Zeichen der göttlichen Vorsehung, wo es sich irgend zeigen mochte und konnte, am Himmel oder auf Erden, im Bauche des Opferthiers oder durch allerlei Abnormitäten des natürlichen Verlaufs der Dinge: diese merkwürdige Superstition des Lebens und der Naturempfindung, welche die Römer den Griechen gegenüber allerdings weit abergläubischer und schwerfälliger zu jeder Wissenschaft erscheinen läßt, aber doch auch eins von den vielen Merkmalen ihrer tiefinnerlichen Furcht der Götter ist. Eine besondre Beachtung verdienen schließlich die vielen öffentlichen Gebete und Gebetsformeln (precationes, carmina), welche für uns um so wichtiger sind, weil grade in dieser Hinsicht die pontificale Gesetzgebung des Numa offenbar einen sehr bedeutenden Einfluß auf das Göttersystem und den Götterglauben, d. h. auf die Namen und Anrufungen der Götter gehabt hat. Namentlich sind hier die Indigitamenta wichtig, ein eigner Abschnitt der heiligen Urkunden, welcher in seiner ersten Abfassung auch auf Numa zurückgeführt wird, aber mit der Zeit gleichfalls erweitert und vielfach überarbeitet sein mag. Die Kirchenväter und andre Schriftsteller, welche sie aber nur aus dem großen Werke Varros kannten, pflegen sie wie ein Repertorium alter Götternamen zu benutzen und besonders bei ihren Klagen über den ausgearteten Polytheismus der Römer darauf zurückzugehn, obwohl Cicero seinerseits von einer übergroßen Menge der Götter in den pontificalen Urkunden nichts wissen will Arnob. II, 73 Non doctorum in litteris continetur, Apollinis nomen Pompiliana Indigitamenta nescire? wo aber wohl nur der älteste Theil der Sammlung zu verstehen ist, denn die Vestalinnen nannten in ihren Gebeten auch den Apoll. Serv. V. Ge. 1, 21 in Indigitamentis i. e. in libris pontificalibus, qui et nomina deorum et rationes ipsorum nominum continent. Auch Cic. N. D. 1, 30, 84 meinte gewiß diese Bücher: Deinde nominum non magnus numerus, ne in pontificiis quidem nostris, deorum autem (d. h. der wirklich existirenden und in aller Welt verehrten) innumerabilis . . So hat man auch neuerdings in diesen Indigitamenten meist Verzeichnisse, eine Art von officieller Protokolle der ältesten Götternamen gesehen J. A. Ambrosch über die Religionsbücher der Römer, Bonn 1843. 8. , ich glaube mit Unrecht, da man sie vielmehr für eine Sammlung der alten Gebetsformeln des öffentlichen, von den Pontifices überwachten Gottesdienstes hätte halten sollen, in denen die Reihen und Namen der Götter nach 120 eigenthümlichen liturgischen Principien zusammengestellt waren. Der Titel indigitamentum wird wohl am besten als Frequentativ von index zu verstehen sein Wenn der Name nicht vielleicht gleichbedeutend mit axamenta ist, s. weiter unten S. 126 . , so daß diese Bücher insofern allerdings Verzeichnisse waren, aber nicht von bloßen Götternamen, sondern von solchen Gebeten, in denen nach alterthümlicher Weise bei den verschiedensten Veranlassungen des Lebens, Geburten, Hochzeiten, Todesfällen, für die Aecker, für das Vieh u. s. w. zu den Göttern gebetet wurde Censorin d. d. n. 3 alii sunt praeterea dei complures hominum vitam pro sua quisque portione adminiculantes, quos volentem cognoscere Indigitamentorum libri satis edocebunt . . Daher das Wort indigitare auch in derselben Bedeutung wie Beten und Anrufen gebraucht wird, namentlich von dem priesterlichen, mit religiöser Weihe und bei einer feierlichen Gelegenheit vorgetragenen Gebete der Pontifices, der Vestalischen Jungfrauen und der Flamines Varro b. Non. Marc. p. 352 Numeriam, quam deam solent indigitare etiam Pontifices . Serv. V. A. VIII, 330 Tiberinus – a Pontificibus indigitari solet. Macrob. 1, 12, 21 von der Maia: Auctor est Cornelius Labeo, – hanc eandem Bonam Faunamque et Opem et Fatuam Pontificum libris indigitari. Ib. 17, 5 Virgines Vestales ita indigitant: Apollo Medice, Apollo Paean. Daher Serv. V. A. XII, 794 indigeto durch precor et invoco erklärt. Vgl. Paul p. 114 indigitanto imprecanto . Gloss. Labb. Indigitamenta ἱερατικά. ; ja auch wohl, weil man dem Gebete überhaupt und vollends dem Gebete der höchsten geistlichen Würdenträger eine magische Kraft zuschrieb, in dem Sinne einer magischen Beschwörung durch Gebet und Anrufung Paul. p. 114 Indigitamenta incantamenta vel indicia . Tertull. de Ieiunio 16 Cum stupet coelum et aret annus, nudipedalia denuntiantur, magistratus purpuras ponunt, fasces retro avertunt, preces indigitant , hostiam instaurant. . Ja es ist gelegentlich ausdrücklich von einer in den Händen der Pontifices befindlichen Sammlung der öffentlichen Gebete des römischen Staatscultus die Rede Gell. N. A. XIII, 2, 23 (22) Comprecationes deum immortalium, quae ritu Romano fiunt, expositae sunt in libris Sacerdotum Populi Romani. Darunter sind die Pontifices zu verstehen. , so daß man eben die Indigitamenta dafür wird halten dürfen d. h. für einen authentischen Originalcodex sämmtlicher in der Praxis des römischen Staatsgottesdienstes bei dieser oder jener Gelegenheit vorgetragenen Gebete, nach welchem die Pontifices als Oberaufseher des öffentlichen Cultus auch diese Praxis überwachten. Der Form nach wird man sich 121 diese Gebete nach Art der alten Liturgieen oder Hymnen zu denken haben, etwa der Orphischen Hymnen und der ältesten Gesänge und Liturgieen der christlichen Kirche, wo auch häufig der Text nur aus einer Zusammenstellung vieler einzelnen Namen und Beinamen besteht Lobeck Aglaoph. p. 400 sq. . Ohne Zweifel waren auch diese Texte, noch viel mehr als die Fasten und der Kalender, ursprünglich geheim d. h. nur für die geweihten Kreise der Priester bestimmt und der Oeffentlichkeit sorgfältig entzogen; bis später bei der allgemeinen Verweltlichung des Priesterthums und der priesterlichen Bildung auch sie zugänglich und ein Gegenstand der gelehrten Forschung wurden, in welchem Sinne z. B. ein gewisser Granius Flaccus ein eignes Buch de Indigitamentis an den Cäsar gerichtet hatte, wahrscheinlich als dieser Pontifex Maximus geworden war, s. Censorin d. d. n. 3. Vorzüglich aber war Varro auch in diesen wichtigen Urkunden sehr zu Hause; namentlich scheint er sie in dem Abschnitte seines Werks de diis certis ( S. 63 ) durchgängig excerpirt und auf eigenthümliche Weise überarbeitet zu haben, aus welcher Quelle dann wieder die späteren Schriftsteller schöpften. Auf die in mehr als einer Hinsicht höchst interessanten Götternamen der Indigitamenta, so weit wir deren Reihen aus diesen späteren Schriftstellern wiederherstellen können, werde ich in dem zehnten Abschnitt zurückkommen. Hier sei nur soviel bemerkt, daß ich die große Mehrzahl dieser Götter keineswegs für Cultusgötter im eigentlichen Sinne des Worts halten kann, wie sie denn auch Varro nicht als solche behandelt hatte. Vielmehr können sie neben den wenigen Cultusgöttern, welche schon zur Zeit Numas galten ( S. 57 ), nur für numina und eine eigenthümliche Art von männlichen und weiblichen Genien gelten, welche ich zum Unterschiede von den Orts- und Personalgenien ( S. 68 ) Gelegenheitsgenien nennen möchte, d. h. für geistige Kräfte und Wirkungen der allwaltenden Gottheit, welche nach Art des ältesten Göttercultus eben nur fürs Gebet und durchs Gebet um Schutz und Hülfe nach Maßgabe der einzelnen Gelegenheiten, für welche man sie anrief, personificirt wurden. Auch werden diese Götter bei den Kirchenvätern sowohl von den mythologischen als von den Cultusgöttern ausdrücklich unterschieden Tertull. ad Nat. II, 11 Nec contenti eos deos asseverare, qui visi retro, auditi contrectatique sunt, quorum effigies descriptae, negotia digesta, memoria propagata, umbras nescio quas incorporales inanimales et nomina de rebus efflagitant deosque sanciunt. Augustin C. D. IV, 8 Quando autem possint uno loco libri huius commemorari omnia nomina deorum aut dearum, quae illi grandibus voluminibus vix comprehendere potuerunt, singulis rebus propria dispertientes officia numinum? Vgl. IV, 24 und Serv. Georg. 1, 21 Nam, ut supra diximus, nomina numinibus ex officiis constat imposita. und von Tertullian gelegentlich sogar recht passend 122 mit den biblischen Engeln verglichen De anima 37 nos officia divina angelis credimus . , obwohl sie sich an andern Stellen wieder geflissentlich über diesen unberufenen und ganz überflüssigen Götterpöbel, wie sie sich ausdrücken, ärgern und lustig machen Augustin C. D. IV, 9 turba minutorum deorum . IV, 11 turba quasi plebeiorum deorum . Vgl. oben S. 54 und VII, 4, wo er diese Götter tanquam minusculanos vectigalium conductores nennt. ; wozu ein gegründeter Anlaß zu ihrer Zeit um so weniger vorhanden war, da die große Mehrzahl dieser Namen schon zur Zeit Varros so gut wie verschollen war. Hatten sie ja hin und wieder einen eignen Cultus im Volke gehabt und einzeln sich sogar auf die Dauer in demselben behauptet, so darf man daraus keineswegs auf den einfachen und bilderlosen Gottesdienst des Numa zurückschließen. Es liegt in der Natur solcher Personificationen von geistigen Kräften, auch die der Tugenden bei Griechen und Römern können als Beispiel dienen, daß sie mit der Zeit an Consistenz gewinnen und darüber selbst zuletzt zu Cultusgöttern werden, vollends wenn der Trieb nach Bildern und andrer sinnlicher Vergegenwärtigung einmal erwacht ist. Wie viel in Rom gebetet wurde und wie ängstlich und gewissenhaft man auch in dieser Hinsicht war, erfährt man aus einer wichtigen Stelle bei Plinius H. N. XXVIII, 2, 3, wo er über die magische Wirkung von Gebets- und Beschwörungsformeln spricht und bei dieser Gelegenheit verschiedener noch zu seiner Zeit gebrauchter Formeln der Art gedenkt. Der Glaube an die Kraft des Gebets sei so allgemein, daß kein Blut eines Opferthiers, keine Beobachtung des göttlichen Willens ohne Gebet für wirksam gelte. Gewisse Formeln werden gesprochen wenn man göttliche Zeichen zu haben wünscht, andre wenn ein Uebel abgewendet werden soll, wieder andre wenn den Göttern ein Wunsch vorgetragen wird. Auch sind die Götter von den höchsten Magistratspersonen immer mit bestimmten herkömmlichen Worten beschworen worden, und damit ja kein Wort des Textes ausgelassen oder nicht in der rechten Folge gesprochen werde, liest eine dazu angestellte Person die Formel nach dem 123 geschriebenen Texte vor, während eine andre zur Controle dabei steht, eine dritte vor beiden steht um jedes störende Wort zu verbieten und endlich der Flötenbläser dazu bläst, damit ja nichts Störendes gehört werde: da berühmte Beispiele vorliegen daß entweder ein Fluch geschadet hat oder das Gebet durch eine falsche Wendung seines Ziels verfehlte, in welchen Fällen z. B. die Merkmale der Eingeweide oder das Herz des dastehenden Opferthieres entweder ganz verschwinden oder sich verdoppeln. Noch ist die alte Formel vorhanden, fährt er fort, mit welcher sich die beiden Decier, Vater und Sohn, devovirt haben, auch die Reinigungsformel der Vestalin Tuccia, als sie der Unkeuschheit angeklagt das Wasser im Siebe trug. Noch in unsrer Zeit hat man gesehen, wie auf dem Forum Boarium ein Grieche und eine Griechin oder ein Paar aus einer andern Nation, mit welcher wir eben zu thun hatten, lebendig begraben wurde, wozu von dem Vorsteher des Collegiums der Funfzehn eine Formel gesprochen wird, so grausig und mächtig, daß man schon beim bloßen Lesen ihre Gewalt zu empfinden glaubt: lauter Thatsachen welche die Erfahrung von 830 Jahren für sich haben. Ja wir glauben noch heute daß unsre Vestalischen Jungfrauen flüchtige Sklaven, wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch ihr Gebet festzuhalten vermögen, da man ohnehin, wenn einmal im Princip zugegeben wird daß die Götter das Gebet erhören und durch Worte bestimmt werden, diesen ganzen Glauben auch zugeben muß. Unsre Altvordern wenigstens haben immer daran geglaubt, selbst an das Seltsamste, daß Blitze durch Worte vom Himmel herunter beschworen werden können. Ja man hielt, setzen wir hinzu, eine Beschwörung bei dem Namen der Götter unter allen Umständen für so unwiderstehlich, daß Verbrecher, sobald sie in öffentlicher Volksversammlung eine solche Beschwörung ausgesprochen hatten, dieselbe feierlich zurücknehmen (resecrare) mußten, s. Paul. p. 280. Von einzelnen herkömmlichen Fällen aber, in denen sonst von derartigen Gebets- und Beschwörungsformeln ein öffentlicher Gebrauch gemacht wurde, setzen wir noch folgende hinzu: die meisten sind solche, wo die Pontifices überhaupt, namentlich der Pontifex Maximus als Priester oder als Oberaufseher des Gottesdienstes die Formel vorsprach. Zunächst viele feierliche Opferhandlungen, welche im Namen des römischen Volkes vollzogen wurden und zwar so daß sehr oft auch die Pontifices dabei als Priester fungirten S. die Nachweisungen b. Marquardt Handb. IV, I97 ff. . Ferner die feierlichen 124 Beschwörungen der Götter (obsecrationes) in besondern Unglück verheißenden Fällen, wo entweder die Sibyllinischen Funfzehner oder der Pontifex Maximus die Formel vorsprach, verba praeibat, vgl. Sueton Claud. 22; desgleichen die vielen Einweihungen (consecrationes), wo der Pontifex in derselben Weise thätig war Liv. IX, 46, Plin. H. N. XI, 37, 65. Immer wurde bei solchen Gelegenheiten die einzuweihende Stätte zuerst von den Augurn von dem profanen Gebrauche losgesprochen und darauf von einem weltlichen Magistrate unter dem Beistande der Pontifices die Consecration vorgenommen. Und zwar wurden mit dem Tempel auch alle darin befindlichen oder zu ihm gehörigen Geräthe, der Opfertisch, der Altar u. s. w. geweiht, s. Serv. V. A. 1, 446; VIII, 279. Mehr bei Marquardt Handb. IV S. 223 ff. . Derselbe mußte ferner bei den vielen im Namen des Staates ausgesprochenen Gelübden den Behörden die Formel vorsagen Liv. IV, 27; XXXVI, 2 u. a. , auch bei den in älterer Zeit nicht seltenen Devotionen, vollends wo ein höherer Magistrat oder gar der Feldherr seine Seele für das Wohl des ganzen Volks den Unterirdischen verschwor, z. B. nach der Niederlage an der Allia, wo die in den Würden der letzten Generationen ergrauten Senatoren sich für das Vaterland und ihre Mitbürger als Sühnopfer dargeboten haben sollen, und bei den bekannten Devotionen der Decier Liv. V, 41; VIII, 9; X, 28. . Ferner waren sie in gleicher Weise thätig bei den Evocationen der Götter einer belagerten Stadt (Plin. H. N. XXVIII, 2, 4), auch bei dem Sühnopfer der Argeer, wo die Pontifices und die Vestalischen Jungfrauen wie in andern Fällen zusammenwirkten (Dionys. 1, 38, Varro l. l. VII, 44), endlich bei den Opfern und Gebeten des sogenannten Amburbium d. h. eines sühnenden Umzugs um die Grenzen des Stadtgebiets (Strabo V p. 230), vermuthlich auch bei den ehelichen Trauungen nach dem alten Ritus der Confarreatio, wo der Pontifex Maximus und der Flamen Dialis zugegen waren und nicht blos symbolische Gebräuche verrichtet, sondern auch bestimmte Formeln gesprochen wurden Serv. V. Ge. 1, 31 Nuptiae fiebant – farre, si per Pontificem Max. et Dialem Flaminem per fruges et molam salsam coniungebantur, unde confarreatio appellabatur. Vgl. die Inschrift b. Or. n. 2648, Plutarch Qu. Ro. 50 und Gai. 1, 112 nach welchem die Handlung vorgenommen wurde cum certis et sollemnibus verbis, praesentibus decem testibus . . Ja es wurde selbst vor den öffentlichen Verhandlungen und Reden auf dem Markte in älterer Zeit, sogar bis zu der des Cato und der Gracchen, ein religiöser Act vorgenommen, namentlich ein feierliches Gebet zu den alten Göttern des Staats 125 gesprochen, bei welchem vermuthlich wieder der Pontifex Maximus die dirigirende Person war d. h. dem Consul oder der sonst präsidirenden Magistratsperson das solemne carmen precationis vorsagte Gellius N. A. XIII, 23 (22) vgl. V, 12, wo zu schreiben ist in antiquis precationibus . Von den Exordien der alten Redner Serv. V. A. XI, 301 nam maiores nullam orationem nisi invocatis numinibus inchoabant, sicut sunt omnes orationes Catonis et Gracchi , vgl. Symmach. Ep. III, 44 Iovem deosque ceteros Catonis lege praefabimur . Daß bei feierlichen Gelegenheiten der Pontifex die solennen Worte des Gebetes vorsprach, darf man nach Liv. XXXIX, 15 voraussetzen: concione advocata cum sollemne carmen precationis , quod praefari priusquam populum adloquantur magistratus solent, peregisset consul, ita coepit. Gleich der Eingang seiner Rede beweist daß es eine Aufzählung und Anrufung der Götter gewesen, quos colere, venerari precarique maiores instituerunt . . Nur in den einzelnen Gottesdiensten z. B. der Vesta, des Jupiter, der Ackergöttinnen Tellus und Ceres und in ähnlichen Fällen sprachen die Priester und Priesterinnen dieser Götter selbst das Gebet Serv. V. Ge. 1, 21, Macrob. S. 1, 17, 15. , auch dann natürlich in der hergebrachten und consecrirten Formel, welche wie vorhin bemerkt wurde ohne Zweifel gleichfalls in den Urkunden der Pontifices, vermuthlich den Indigitamenten verzeichnet war. So hatten auch die Augurn bei ihren Beobachtungen, ihren Umzügen und Weihungen ihre bestimmten Formeln der Anrufung und des Gebets, von denen leider nur wenige Bruchstücke erhalten sind. Cic. N. D. III, 20, 52 in Augurum precatione Tiberinum, Spinonem, Almonem, Nodinum, alia propinquorum fluminum nomina videmus , vgl. Serv. V. A. VIII, 95. Fest. p. 351 Bene sponsis beneque volucris in precatione augurali . Serv. V. A. XII, 175 per speciem augurii, quae precatio maxima appellatur, – cum plures deos quam in ceteris partibus auguriorum precatur Ib. VI, 167 proprie effata sunt Augurum preces . , endlich die verschiedenen Brüderschaften und Sodalitäten gleichfalls ihre alten Gesänge und Formeln, welche in alten Urkunden bei ihnen bewahrt und nach diesen eingeübt wurden Iul. Capitolin. M. Antonin. Philos. 4, dieser Kaiser sei in der Sodalität der Salier sowohl praesul als vates und magister gewesen, et multos inauguravit atque exauguravit nemine praeeunte, quod ipse carmina cuncta didicisset . . Und zwar waren alle diese Formeln und Gesänge consecrirt, so daß nichts daran verändert werden durfte. Quintil. 1, 11 Saliorum carmina vix sacerdotibus suis satis intellecta mutari vetat religio et consecratis utendum est . , und wenn sie vorgetragen wurden, so wurden sie de scripto vorgetragen, wie wir dieses aus den Urkunden der Arvalen sehen, 126 welche uns ein altes Lied dieser Brüderschaft erhalten haben und zugleich über die Art des Vortrags belehren. Die berühmtesten unter diesen Liedern waren bekanntlich die der Salier, welche axamenta genannt wurden und als eine Reihe von Versen beschrieben werden, von denen jeder einzelne einem bestimmten Gotte galt, daher sie nach ihnen Ianui, Iovii, Iunonii, Minervii u. s. f. genannt wurden Paul. p. 3 Axamenta dicebantur carmina Saliaria, quae a Saliis sacerdotibus canebantur in universos daemonas compositi. Nam in deos singulos versus facti a nominibus eorum appellabantur, ut Ianui, Iovii, Iunonii, Minervii. Für daemonas giebt der gewöhnliche Text homines , wofür Müller deos wollte, Hartung Rel. d. St. 1, 42 Semones . Für Ianui, Iovii giebt derselbe Text Ianuli . . Der Name axamenta ist entweder ab axibus abzuleiten, weil die älteste Urkunde auf ähnlichen Holzpyramiden wie die Solonischen Gesetze geschrieben waren, oder von axare, einem alten Frequentativ von agere in dem Sinne von opfern, weil sie zu den Opfern der Salier vorgetragen wurden Vgl. Scaliger zu Paul. p. 301 ed. Lindem., Marini Atti p. 595 und Corssen Orig. Po. Ro. p. 45 sq. vgl. Paul. p. 8 axare nominare , Gloss. Labb. anaxant ὀνομάζουσιν, axamenta στίχοι ἐπὶ ϑυσιῶν Ἡρακλέους (eine Verwechslung mit Mars). . Der Ursprung des Concepts wurde bei diesen Liedern ausdrücklich auf Numa zurückgeführt, daher sie allgemein für das älteste Denkmal der römischen Poesie und der römischen Sprache galten, s. Varro l. l. VII, 3, Cic. de Orat. III, 51, Horat. Ep. 1, 2, 85. Also überall eine Neigung zum opus operatum und zum Formelwesen und Buchstabendienste, welche in der That sehr an Mosaismus und Pharisäismus erinnert. Es ist nicht zu verkennen, daß ein solches Wesen, von den ältesten Zeiten her in den Schulen der Priester und den einzelnen Collegien überliefert, dem römischen Rechte und dem strengen Formelwesen der Römer mit ihrem starren Festhalten am Herkömmlichen sehr zum Frommen gereichen mochte. Aber eben so einleuchtend ist es, daß eine freiere Auffassung der Religion und des göttlichen Wesens dabei nicht aufkommen konnte, am wenigsten eine Mythologie und ein Cultus wie der griechische. Um so merkwürdiger ist die Revolution, welche von den hellenisch gebildeten Tarquiniern und dem zu ihnen gehörigen Servius Tullius wie überhaupt in der Geschichte des römischen Staats und der römischen Sitte, so ganz vorzüglich auf diesem Gebiete herbeigeführt wurde. 127 3. Die Neuerungen der Tarquinier und ihre Folgen. Mögen diese Tarquinier nun wirklich von dem Griechen Demaratos, jenem Auswanderer aus Korinth, abgestammt haben oder ein eingebornes etruskisches Geschlecht gewesen sein, gewiß ist daß die Bildung der Etrusker damals schon mit hellenischen und andern ausländischen Civilisationselementen ganz durchdrungen war und daß durch sie der Strom dieser neuen Bildung zuerst in das bisher im ältern latinischen und sabinischen Herkommen noch gleichsam embryonisch verschlossene Rom geführt wurde: eine Thatsache welche um so merkwürdiger ist, weil das Zeitalter der Tarquinier der Zeit nach mit dem der griechischen Tyrannen vom ältern Datum, zu denen auch sie gewissermaßen gezählt werden können, zusammenfällt. Wie diese im Kampfe mit der Aristokratie begriffenen Tyrannen überall zugleich die untern Stände gehoben und eine glänzende Architectur, einen glänzenden Gottesdienst gefördert haben, so geschah es auch in Rom; ja es ist geschichtlich überliefert daß der letzte Tarquinier in persönlicher Verbindung nicht allein mit den gleichartigen Dynasten in Latium, sondern auch mit dem Tyrannen Aristodemos von Cumä stand. Die durch die Tarquinier herbeigeführten Neuerungen mußten aber in Rom schon deshalb weit folgenreicher sein als bei den Griechen, weil diese auf den Polytheismus der Kunst durch ihre Mythologie und den Einfluß des Orients lange vorbereitet waren; dahingegen in Rom, wie ich mir durch die Entwickelung des von Numa eingerichteten Gottesdienstes deutlich nachgewiesen zu haben schmeichle, die alte Zeit mit der nun eindringenden neuen im entschiedensten Widerspruche gestanden haben muß. Vermuthlich dachte Varro, wenn er den bilderlosen Cultus der Vorzeit auf 170 Jahre berechnete, an das alte Schnitzbild der Diana auf dem Aventin, welches nach der herkömmlichen Chronologie der Stadt zwischen dem J. 176 und 219 d. St. von dem Könige Servius Tullius dedicirt und dem Vorbilde des Cultus der Artemis zu Massalia, mittelbar zu Ephesus entlehnt sein soll Strabo IV p. 180 vgl. Mommsen Rö. Gesch. 1, 220. . Indessen war genau genommen nicht dieser Cultus, sondern der von dem ersten Tarquinier begründete, von dem letzten vollständig ausgestattete der Capitolinischen Trias der erste in seiner neuen und bildlichen Art; jedenfalls war er es, durch welchen 128 zugleich ein neuer Geist ausgesprochen und das Vorbild eines neuen Gottesdienstes aufgestellt wurde, welches für den gesammten römischen Staatscultus außerordentlich folgenreich werden sollte. Diese Götter treten zuerst mit einem Anspruch auf weltliche Macht und Herrlichkeit auf, wie er gleichzeitig von ihren Schützlingen, den Königen, später von den Prätoren, Consuln und Dictatoren im Namen des römischen Volkes erhoben wurde. Ihnen zuerst wurde von etruskischen Baumeistern der prächtige Tempel auf dem Capitol erbaut, welcher immer eine der schönsten Zierden der Stadt geblieben ist, ihnen zuerst von etruskischen Künstlern jene Bilder in ganz ausgeführter menschlicher Gestalt errichtet, welchen ganz im Stile des etruskischen und hellenischen Götzendienstes der Zeit von vielen dienenden Personen aufgewartet wurde Seneca b. Augustin C. D. VI, 10 Alius numina deo subiicit, alius horas Iovi nuntiat, alius lictor est, alius unctor, qui vano motu bracchiorum imitatur ungentem. Sunt quae Iunoni ac Minervae capillos disponant; longe a templo, non tantum a simulacro stantes digitos movent ornantium modo. Sunt quae speculum teneant, sunt quae ad vadimonia sua deos advocent, sunt qui libellos offerant et illos causam suam doceant. Doctus archimimus, senex iam decrepitus, quotidie in Capitolio mimum agebat, quasi dii libenter spectarent quem homines desierant: – Sedent quaedam in Capitolio quae se a Iove amari putant etc. Offenbar ist hier manches Spätere auszuscheiden, doch gehören die Wurzeln dieses Aberglaubens der Idololatrie der älteren Zeit an, vgl. die Toilette und Garderobe der griechischen Tempelbilder bei Müller Handb. d. Archäol. § 69. Neuerdings erzählt Granius Licinianus Annal. fragm. p. 32 ed. K. A. F. Pertz von einer matrona, quae quasi mente commota sedit in consilio Iovis , worauf das Capitolium lustrirt wird. . Dazu kam die Einführung der ludi Romani, der ersten Spiele in dem specifisch römischen Sinne, wie sie sich bald in den verschiedensten Kreisen des Götterdienstes geltend machten und zuletzt für das Volk und die vornehme Welt bei weitem zur Hauptsache des Gottesdienstes überhaupt wurden. Zwar sollen auch Romulus und Numa einzelne Spiele gefeiert und gestiftet haben, doch können dieses nur elementare Anfänge gewesen sein, da jene von den Tarquiniern nach etruskischen Mustern gestiftete, für welche Tarquinius Priscus den großen Circus zwischen dem Palatin und Aventin einrichtete, von allen Kundigen für die ersten in ihrer Art gehalten werden und mit dem ganzen Character des neuen Capitolinischen Gottesdienstes genau zusammenhängen. Zerlegen wir sie in ihre einzelnen Bestandtheile, so wird das Außerordentliche auch dieser Neuerung noch einleuchtender werden. Da gab es zuerst 129 reichliche Opfer und einen feierlichen Opferschmaus, das epulum Iovis, wie solche Opferschmäuse fortan gleichfalls wesentlich zu den heiligen Spielen gehörten Dio Cass. LI, 1 ἀγῶνα – ἱερόν, οὕτω γὰρ τοὺς τὴν σίτησιν ἔχοντας ὀνομάζουσι, κατέδειξεν. und namentlich bei den Spielen Jupiters immer den alten Mittelpunkt der Feier bildeten. Ja diese Opfer und Opferschmäuse wurden mit der Zeit so zahlreich, daß die Stiftung einer eignen priesterlichen Behörde für diesen Theil des Cultus nöthig wurde. Bald nach dem zweiten punischen Kriege, im J. 196 v. Chr., wurde nehmlich ein eignes Collegium, anfangs triumviri, später septemviri epulones zu diesem Behufe eingesetzt, zunächst zur Erleichterung der Oberaufsicht der Pontifices, da sie propter sacrificiorum multitudinem d. h. bei der von Jahr zu Jahr zunehmenden Menge von Opfern und Opferschmäusen so vielen Pflichten nicht mehr genügen konnten. Liv. XXXIII, 42, Cic. de Or. III, 19, 73, Marquardt Handb. IV, 291 ff. Wenn nach Cicero die Pontifices illud ludorum epulare sacrificiorum schon nach der Stiftung Numas besorgten, so ist das nur eine von seinen vielen Ungenauigkeiten. Nach Paul. p. 78 hießen die Epulones in älterer Sprache Epoloni . Er setzt hinzu: Datum est autem his nomen, quod epulas indicendi Iovi ceterisque diis potestatem habent. . Ein zweiter Act war die feierliche Procession, pompa, welche die Attribute der Capitolinischen Götter auf sogenannten Tensen d. h. den Processionswagen vom Capitole herab zum Circus geleitete, damit sie bei den dort zu ihrer Ehre gefeierten Spielen sinnbildlich gegenwärtig wären, ein buntes Gewimmel von Wagen und Reitern, von Tänzern und Spielern, welche im etruskischen Geschmack costümirt waren, von Göttern und Heiligthümern, welches gleichfalls zuerst bei den Römischen Spielen aufkam und immer vorzugsweise bei ihnen beibehalten wurde. Endlich und drittens folgten dann die Circensischen Spiele selbst, für welche schon Tarquinius Priscus den Circus Maximus angelegt hatte, auch diese ein neuer Cultusact der Capitolinischen Götter, daher die Quadriga ein wesentliches Attribut des Capitolinischen Jupiter und der Capitolinische Tempel selbst so gerichtet wurde, daß die Götter auf den Circus Maximus, den Schauplatz ihrer heiligen Spiele, hinabblickten. Auch dabei lagen aber etruskische Vorbilder zu Grunde Liv. I, 35, 9 Ludicrum fuit equi pugilesque ex Etruria maxime acciti . Sollemnes deinde annui mansere ludi, Romani Magnique varie appellati. , ja man findet die lebendigen Bilder zu jenen Processionen, jenen Spielen in Rom in den Wandgemälden der 130 alten Gräber der etruskischen Stadt Tarquinii. Wurden doch selbst die ersten scenischen Spiele, wie sie in Rom zuerst im J. 390 d. St., 364 v. Chr. beliebt worden waren, nach etruskischen Mustern und durch etruskische Künstler besorgt, bis später die griechische Bildung auch hier die etruskische verdrängt hat, s. Liv. VII, 2. Ja damit der Capitolinische Göttercultus in jeder Hinsicht seinen umbildenden, die alte Sitte und den alten Cultus ganz erschütternden Einfluß bewähre, wurde damals auf Veranlassung des neuen Tempelbaus auch die etruskische Haruspicin zuerst in Rom geübt und somit auch eine neue Art von Divination gestiftet, welche sich neben der älteren und einheimischen Technik der Augurn zwar niemals völlig einbürgern konnte, aber doch seitdem gleichfalls sowohl für den römischen Staat als für das Familienleben unentbehrlich geblieben ist. Die Tarquinier haben aber nicht allein den etruskischen Gottesdienst nach Rom verpflanzt, welcher die herben Eigenthümlichkeiten seiner Heimath in späteren Generationen wieder abgestreift hat. Sie haben durch die Einführung der Sibyllinischen Sprüche aus dem griechischen Cumä auch ein fruchtbares Reis der griechischen Bildung und des griechischen Gottesdienstes in den römischen Boden eingesenkt, welches mit der Zeit einen Sproß nach dem andern getrieben, ja auf die Dauer ganz vornehmlich zur Hellenisirung des gesammten römischen Gottesdienstes beigetragen hat Marquardt a. a. O. S. 294 ff. . Tarquinius Superbus war es, der diese Sprüche erwarb, in dem neu erbauten Tempel des Capitolinischen Jupiter niederlegte und für den Staatsgebrauch heiligte. Der Gebrauch, den der Staat von diesen Sprüchen machte, bestand darin, daß man bei außerordentlichen Calamitäten und Prodigien Sühnmittel in ihnen suchte, welche gewöhnlich in der Stiftung von neuen Culten und Cultushandlungen bestanden. Ihr umbildender Einfluß beruhte wesentlich darauf, daß sie griechischen Ursprungs waren und speciell zum Kreise der Apollinischen Religion gehörten, also auch im Sinne dieser Religion d. h. zur Verbreitung Apollinischer und verwandter Griechischer Sacra in Rom wirkten. Die Apollinische Religion hatte sich mit den griechischen Colonieen nach Italien verbreitet und auch hier, wie überall, ihren seelenvollen und bildenden Character in den hervorragendsten Städten von Großgriechenland bewiesen, vorzüglich dadurch daß sie mit den Künsten der griechischen Musik, Mantik und 131 Kathartik überall Hand in Hand ging und in dieser Hinsicht für die Pflege des Geistes sowohl als des Körpers wie kein andrer Gottesdienst sorgte. Von dem Apoll von Cumä, der nächsten Nachbarin der Latiner ( S. 15 ), dürfen wir schon wegen der Sibyllinischen Weissagung annehmen, daß er vorzugsweise als Päan d. h. als Heiler und Sühner bei leiblichen und geistigen Schäden angesehen wurde. So erscheint Apollo aber auch in Metapont und Kroton, wo die Pythagoreische Schule sich vornehmlich an diesen Dienst anlehnte und wo die Münzen eine sehr enge Verbindung mit Delphi nachweisen, auch in Kaulonia, dessen alterthümliche Münzen das Bild des sühnenden Apollo mit seinem Lorbeerzweige zeigen, auch in Rhegium, wo die Sage von der Zuflucht des Orestes zu Hause war. So endlich auch in Rom, wo wir alle diese Institute der Sühnung, der Weissagung, der Musik, wie sie organisch zusammengehören, nach und neben einander auftreten sehen werden. Daß aber der Apollinische Cultus und seine Priesterin und Prophetin, die Cumanische Sibylle, schon so früh in Rom Anklang fand, dieses beweist wohl nicht so sehr ein vorherrschendes Vertrauen zu solcher Prophetie, denn an wahrsagenden Nymphen und andern dämonischen Wahrsagern, die sich der griechischen Sibylle wohl vergleichen mochten, fehlte es weder in Latium noch in Etrurien. Wohl aber beweist gleich die Aufnahme jener Sprüche eine sehr bestimmte Hinneigung zum Apollinischen Cultus, welcher sich von Cumä und den südlichen Griechen frühzeitig unter den Campanern und Samnitern verbreitet hatte ( S. 59 ) und in der benachbarten Etruskerstadt Caere eine feste Verbindung mit Delphi unterhielt. Ja es wird überliefert daß Rom selbst kurz vor dem Ausgang der Königsherrschaft und später bei der Belagerung von Veji seine Theoren nach Delphi so gut wie eine griechische Stadt sendete. Dennoch bleibt es eine außerordentlich wichtige, für Rom und das ganze Gebiet der romanischen Bildung äußerst folgenreiche Thatsache, daß die in der griechischen Welt allgemein verbreitete Religion nun auch in der für die Zukunft der Welt bestimmten Stadt einen neuen und fruchtbaren Boden gewann. Kein Gott ist nächst den alten latinischen und sabinischen, dem Janus, dem Jupiter, dem Mars so populär geworden als der griechische Apollo, ja dieser ausländische Gott hatte die Kraft sich in einer Zeit, da jene alten Culte schon im Absterben begriffen waren, unter Augustus, noch einmal zu verjüngen und neben dem Capitolinischen Jupiter als der mächtigste und am 132 meisten angebetete Gott bis zum Ausgange des Heidenthums zu behaupten. Die nächste Folge jener Aufnahme der sibyllinischen Bücher war die Gründung einer eignen priesterlichen Behörde für die Beaufsichtigung und Anwendung derselben, einer bald durch ihren Einfluß auf Religion und Politik so wichtigen, daß sie mit den ältern Collegien der Pontifices und Augurn an Rang und Würde wetteiferte und die Plebejer einen ihrer frühsten Triumphe dadurch erlangten, daß sie den Zutritt zu diesem Collegium gewannen. Wie sehr dasselbe auf griechischen Gottesdienst und auf griechische Bildung angewiesen war, sieht man daraus daß ihm zum richtigen Verständniß der Sprüche von Staatswegen zwei geborne Griechen als Dollmetscher beigegeben wurden und daß sie da, wo sie bei bestimmten gottesdienstlichen Veranlassungen opfernd auftraten, dieses immer graeco ritu thaten, also mit solchen Eigenthümlichkeiten des religiösen Herkommens, welche dem griechischen Gottesdienste unmittelbar entlehnt waren. Uebrigens waren ihrer anfangs nur zwei Patricier, welche duumviri sacris faciundis genannt wurden d. h. eingesetzt zur Begehung solcher, meist griechischer Sacra, wie sie von den sibyllinischen Sprüchen befohlen wurden. Seit dem J. 387 d. St., 367 v. Chr., wo Patricier und Plebejer in gleicher Anzahl zugelassen wurden, bestand das Collegium aus zehn Männern, endlich seit Sulla aus funfzehn, daher sie seitdem X viri und XV viri sacris faciundis genannt werden. Die specifische Beziehung zum Dienste des Apollo tritt bei verschiedenen Gelegenheiten hervor, ja Livius nennt sie gradezu Priester des Apollinischen Gottesdienstes Liv. X, 8 decemviros sacris faciundis, carminum Sibyllae ac fatorum populi huius interpretes, antistites eosdem Apollinaris sacri cerimoniarumque aliarum. Vgl. Jul. Obseq. 47 (107) apud aedem Apollinis decemviris immolantibus . . Sie wurden dieses vollends seitdem August die sibyllinischen Sprüche vom Capitol in das von ihm neu gestiftete Heiligthum des Palatinischen Apollo verlegte, so daß sie nun auch örtlich und amtlich immer mit diesem Dienste zu thun hatten. Eine weitre Folge derselben Stiftung war die Einführung einer ganzen Reihe von griechischen Gottesdiensten, welche unter solcher Autorität sehr bald in Rom feste Wurzeln schlugen, ja dem römischen Volke, namentlich allen Bestandtheilen desselben welche nicht zum Patriciate und zur alten Ordnung der Dinge 133 gehörten, ganz vorzugsweise gefallen zu haben scheinen. Abgesehen von dem nächst verwandten Apollodienste sind folgende Religionen und Religionsgebräuche auf solche Weise nach Rom gekommen: 1) Im J. 258 d. St. 496 v. Chr. der Dienst der Ceres, des Liber und der Libera d. h. der griechischen Götter Demeter, Dionysos und Persephone, welchen bald darauf in der Nähe des Circus Maximus der Tempel erbaut wurde, welcher immer der Mittelpunkt dieses Cultus geblieben ist. Eine um so wichtigere Stiftung, da bei dieser Gelegenheit zuerst griechische Künstler in Rom thätig waren; denn vor diesem Tempelbau war, wie Varro berichtet hatte, alle Einrichtung der Tempel von den Etruskern besorgt worden Plin. H. N. XXXV, 12, 45 Plastae laudatissimi fuere Damophilus (vermuthlich aus Himera in Sicilien gebürtig, s. Bröcker Unters. S. 35) et Gorgasus, iidem pictores, qui Cereris aedem Romae ad Circum Maximum utroque genere artis suae excoluerant, versibus inscriptis graece quibus significarent ab dextra Damophili esse, ab laeva Gorgasi. Ante hanc aedem Tuscanica omnia in aedibus fuisse auctor est Varro. . 2) Zuerst im J. 355 d. St., 399 v. Chr., dann später oft wird durch die sibyllinischen Bücher ein sogenanntes Lectisternium veranlaßt, eine eigenthümliche Art von religiöser Feier, welche mit der Zeit immer allgemeiner in Aufnahme kam. Die Feierlichkeit bestand darin, daß man den Göttern wie zu einem heiligen Mahle Pfühle (pulvinaria, lectos) bereitete, auf diese ihre Attribute oder ein Geflecht von heiligen Zweigen oder auch ihre Büsten (capita deorum), wahrscheinlich als drapirte Wachsmasken legte und darauf ihnen Speise vom Opfer oder von den Mahlzeiten mittheilte, welche gleichzeitig durch die ganze Stadt begangen wurden. Gewöhnlich sind damit allgemeine Supplicationen verbunden, bei welchen durch die ganze Stadt von allem Volke bei denselben Pulvinarien gebetet und dazu mit Wein und Weihrauch geopfert wurde. Ich möchte beide Gebräuche keineswegs für ausschließlich griechischen Ursprungs halten, da die elementaren Bestandtheile derselben, das ture et vino supplicare, die Vergegenwärtigung der Götter durch pulvinaria mit ihren Attributen und selbst die Sitte die Götter zu speisen sicher altitalisch waren Ich stimme also nicht mit Marquardt Handb. IV, 52 ff. überein, der diese Gebräuche für griechische hält, doch bedarf es einer ausführlicheren Nachweisung. Hier nur einige Stellen zum Beweise, daß die lecti und pulvinaria deorum, auch das Speisen der Götter und das supplicare etwas Altes und Volksthümliches war: Plin. H. N. XXXII, 2, 10 in einer Verordnung des Numa: ut convivia publica et privata coenaeque ad pulvinaria facilius compararentur . Serv. V. A. X, 76 Varro Pilumnum et Picumnum infantium deos ait eisque pro puerpera lectum in atrio sterni , dum exploretur an vitalis sit qui natus est . Vgl. die Sitte der Juno bei Geburten einen Tisch zu bereiten b. Tertull. de An. 39, Serv. V. Ecl. IV, 62. Im Liede der Salier: Divum Deo supplicante , Varro l. l. VII, 27. Supplicare ist eigentlich kniefällig beten. . Indessen leidet es keinen 134 Zweifel daß bei den durch die sibyllinischen Bücher veranlaßten Lectisternien der griechische, speciell der Apollinische Gottesdienst mit im Spiele ist; erscheinen doch gleich bei der ersten Feierlichkeit Apollo mit seiner Mutter und Schwester, die gewöhnliche Apollinische Trias, neben andern griechischen Göttern als die wichtigsten, s. Liv. V, 13, Dionys XII, 9. Auch kennen wir unter den Apollinischen Cultusacten ein Fest, welches wohl als Vorbild dienen konnte, ich meine die Theoxenien, wie sie namentlich zu Delphi als eine Art von Erndte- und Freudenfest im Sommer mit einer allgemeinen Speisung der Götter gefeiert wurden, zumal da die großen Lectisternien gewöhnlich durch ganz Rom mit Mahlzeiten und mit großer Festlichkeit und Geistlichkeit begangen wurden. So erinnern auch die allgemeinen Supplicationen sehr an den Päan, dieses ächt griechische und Apollinische Bitt- und Freudenfest, auch dadurch daß sie in den meisten Fällen zur Sühne von Prodigien und andern Calamitäten, ferner bei schweren Seuchen mit dem Gebet um Heilung, auch bei kriegerischen Unternehmungen um Segen für dieselben zu erflehn, endlich als Dank- und Freudenfest nach gewonnenen Siegen befohlen wurden. Auch wurden sie gewöhnlich, zumal wenn es Prodigien und böse Seuchen zu beschwören galt, von den Decemvirn der Sibyllinischen Bücher dirigirt, bei feierlichen Gelegenheiten so, daß das ganze Volk, Männer, Frauen und Kinder, Städter und Landleute, durch die Stadt wogte um in allen Tempeln bei den Pulvinarien anzubeten, während von Staatswegen gleichzeitig große Opfer dargebracht wurden. Ja es ist hin und wieder auch der Apollinische Lorbeer mit im Spiele, das Laub der Sühne, des Heiles und des Glücks, welches sich in dieser symbolischen Bedeutung in Rom ohnehin eine allgemeine Anerkennung erworben hatte Liv. XL, 37 Maiores duodecim annis omnes coronati et tauream in manu tenentes supplicaverunt . Vgl. XXVII, 11. 37; XXXIV, 55: XXXVI, 37. . 3) Im J. 463 d. St., 291 v. Chr. wird in Folge einer heftigen Pest auf Befehl der Sibyllinischen Bücher die Schlange des Aesculap von Epidauros geholt, das erstemal daß Rom von dem griechischen Italien nach Griechenland selbst hinübergreift, übrigens auch nur eine weitere 135 Folge des schon bestehenden Apollodienstes, da Aesculap ganz wesentlich zum Kreise des Heilgottes Apollo gehörte. 4) Im J. 514 d. St., 240 v. Chr. die Stiftung der Floralien, auf Veranlassung eines Miswachses. Obgleich Flora sonst wie Venus eine italische Göttin ist, so lag doch bei so ausgelassenen Gebräuchen, wie sie bei diesen Floralien zur Regel gehörten, höchst wahrscheinlich ein Fest der griechischen Aphrodite der Gärten zu Grunde. 5) Im J. 518 d. St., 236 v. Chr. die erste Feier von Secularspielen (nach der späteren Zählung die dritte), ein Fest welches ursprünglich nur die Götter der Unterwelt anging und erst später durch August mit einer Feier des Apollo und der himmlischen Götter verbunden wurde, damals aber von den Decemvirn höchst wahrscheinlich nach dem Muster des chthonischen Götterdienstes der Griechen begangen wurde, s. Liv. XXXVII, 3, Iul. Obseq. 1 (55). 6) Im J. 537 d. St., 217 v. Chr., nach der Schlacht am Trasimenischen See wird auf Veranlassung der Decemvirn u. a. der Tempel der Erycinischen Venus gelobt, einer schon ganz orientalischen Gottheit, deren Cult zugleich wesentlich beigetragen hat die Aeneassage in Rom zu befestigen. 7) Im J. 549 d. St., 205 v. Chr., die Einholung der Großen Idäischen Mutter aus Pessinus, auf welche nach einigen Jahren die Stiftung der Megalesien folgte, ein gleichfalls wesentlich asiatischer Cultus, welcher trotz aller Beschränkungen, die er sich anfangs gefallen lassen mußte, zur Verbreitung des Fanatismus und der geistlosen Superstition in Rom sehr viel beigetragen hat. – Also eine ganze Reihe von griechischen Gottesdiensten, denn die beiden zuletzt genannten waren, obgleich ungriechischen Ursprungs, doch in der Form lange hellenisirt, und ein Einfluß welcher je länger desto mehr an Kräften gewinnen mußte, da ohne Zweifel alle diese Elemente der griechischen Bildung gemeinschaftliche Sache und gegen die alte italische und römische Weise Partei machten. Kein Wunder wenn nun bald die Römer sich selbst griechisches Ursprungs zu sein schienen und die Griechen in Rom, die ihnen dieses vordemonstrirten und ihre Stadtgeschichte danach zurechtmachten, gläubig anhörten. Auch die Ausstattung der Tempel und Bilder blieb nicht zurück; hatten darin ehemals die Etrusker geherrscht, so wurde nun auch hier Alles griechisch. Und zwar findet man in Rom wie in Griechenland selbst zugleich den Geschmack an alten Holz- und Cultusbildern und an der ästhetisch vollendeten Bildung der Götter und Verzierung der Tempel. Eins der ältesten Holzbilder griechischen Ursprungs in Rom war jedenfalls jenes angeblich 136 von Servius Tullius im Tempel der Diana auf dem Aventin aufgestellte, von welchem die Rede gewesen. Ferner galt für sehr alt das troische Palladion im Tempel der Vesta, welches vermuthlich von den Griechen im südlichen Italien herstammte und jedenfalls vor dem ersten punischen Kriege schon vorhanden war. So werden auch die Heiligthümer der Penaten von Lavinium, von denen Timaeos zu erzählen wußte Bei Dionys. H. 1, 67 κηρύκια σιδηρᾶ καὶ χαλκᾶ καὶ κέραμον Τρωϊκὸν εἶναι τὰ ἐν τοῖς ἀδύτοις τοῖς ἐν Λαοϋινίῳ κείμενα ἱερά. , in der ältesten Zeit des griechischen Einflusses dahingekommen sein. Außerdem wird ein altes Bild des Vejovis von Cypressenholz erwähnt Plin. H. N. XVI, 40, 79 Nonne simulacrum Veiovis in arce e cupresso durat a condita urbe DCLXI anno dicatum? Leider ist die Zahl verdorben. , endlich zwei Bilder von demselben Holze, welche der Juno Regina auf dem Aventin, im J. 547 d. St., 207 v. Chr., von einer Procession unter Anführung der sibyllinischen Decemvirn ganz nach griechischer Weise überbracht wurden. Dazu hatte der Grieche Livius Andronicus in lateinischer Sprache einen Hymnus gedichtet, der nach griechischer Weise von einem Mädchenchore aufgeführt wurde, wieder etwas ganz Neues und eine für die Poesie in Rom sehr folgenreiche Anregung, da solch ein Hymnus nach griechischer Art und die alten Gesänge der Salier, der Arvalen u. s. w. ( S. 126 ) etwas wesentlich Verschiedenes waren. Beide Feierlichkeiten, die Procession mit den Bildern und Opfern und der Chorgesang des Hymnus, wurden nach römischer Weise mehrfach wiederholt. Der Dichter Livius Andronicus aber erlangte durch sein Lied, so kümmerlich es übrigens ausgefallen sein mochte, sogar die Ehre und Concession eine Art von Schule und Zunft der wenigen Litteraten und Schauspieler jener Zeit im Tempel der Minerva auf dem Aventin zu stiften: eine Einrichtung deren stillen Einfluß wir in jenen Zeiten immerhin recht hoch anschlagen dürfen. Man würde aber irren, wenn man sich den alten römischen Cultus so bald von der griechischen Weise überflügelt denken wollte. Noch immer waren die Pontifices und die Augurn mit ihren alten Gebräuchen und Satzungen die angesehensten Priesterthümer; immer von neuem erinnerten die Umzüge der Salier im März, die naiven Gebräuche der Luperci im Februar an die ältesten italischen Zeiten und Gewohnheiten. Immer blieben Janus und Vesta der Anfang und das Ende jeder öffentlichen Cultushandlung und in der langen Reihe der Götternamen, 137 welche sich im öffentlichen Gebete zwischen diesen beiden einschoben, war Iupiter Optimus Maximus ein für allemal der alte römische Gott über alle Götter, römische und fremde, auch der Gott, welcher im Cultus bei weitem am meisten hervortrat, denn die Römischen Spiele, die Plebejischen Spiele, die oft wiederholten Großen Spiele dienten alle zu seiner als des höchsten Staatsoberhauptes Verherrlichung. Auch ist nicht zu verkennen daß in der älteren Zeit, da Roms Eroberungen und Erweiterungen sich noch auf Italien beschränkten, aus den verschiedenen Gegenden desselben viele andre italische Culte und Götter nach Rom versetzt wurden, die nothwendig zur Verstärkung des nationalen Elementes der Religion dienen mußten. Bald geschah es durch Einbürgerung und Einwanderung einzelner Personen und Geschlechter, oder in älteren Zeiten auch wohl ganzer Gemeinden; in welchen Fällen die Anzügler gewöhnlich ihre heimathlichen Götter mitbrachten, welche dann wohl als dii adventicii von den diis publicis d. h. den Göttern des römischen Staatscultus unterschieden Tertullian ad Nat. II, 9. Außer den von Varro unterschiedenen diis certis, incertis und selectis sei noch zu unterscheiden zwischen den diis publicis und adventiciis. Hoc enim arae docent adventiciorum ad fanum Carnae, publicorum in Pa[latio] . Das Heiligthum der Carna lag auf dem Caelius, wo allerdings besonders viele Metökengötter zu finden gewesen sein mögen. Vgl. übrigens Fest. p. 157 Municipalia sacra vocantur quae ab initio habuerunt ante civitatem Romanam acceptam, quae observare eos voluerunt pontifices et eo more facere quo adsuessent antiquitus , was auch für die nach Rom eingewanderten Bürger aus solchen Städten galt, s. Marquardt Handb. IV, 37 ff. , mit der Zeit doch aber auch sehr oft unter diese aufgenommen wurden. Auf solche Weise mag namentlich auch die großentheils aus übersiedelten latinischen Gemeinden entstandene Plebs ihre Götter anfangs für sich verehrt haben, bis dieselben zuletzt unter dieselben aufgenommen wurden, worauf u. a. die große Zahl der s. g. flamines minores deutet ( S. 108 ). In andern Fällen waren solche Erweiterungen die Folge der Verbündung, namentlich des vieljährigen und sehr engen Bundes mit den Latinern, welchem Rom verschiedene wichtige Gottesdienste verdankt, zuerst die Diana auf dem Aventin und den Jupiter Latiaris, der auch in Rom verehrt wurde, später die Juno Sospita von Lanuvium, welche seit dem J. 416 d. St., 338 v. Chr. zu den angesehensten Culten in Rom gehörte Liv. VIII, 14. Vgl. Ambrosch Studien S. 183 ff. . Dazu kommen ferner die in älterer Zeit gleichfalls nicht seltenen evocationes der Götter bei Belagerungen und Eroberungen feindlicher Städte, deren Schutzgötter dann 138 feierlich zur Uebersiedelung nach Rom eingeladen werden und dort einen neuen Cultus erhalten, z. B. die Juno Regina von Veji. Daß die Zahl solcher Götter in Rom ziemlich groß war, beweisen die oft auf diesen Gebrauch zurückweisenden Erklärungen der Alterthumsforscher Cincius erklärte den Namen der Novensides durch diese Sitte, s. oben S. 90, 118 . Vgl. S. 124 und Fest. p. 257 Peregrina sacra appellantur quae aut evocatis dis in oppugnandis urbibus Romam sunt coacta aut quae ob quasdam religiones per pacem sunt petita , ut ex Phrygia Matris Magnae, ex Graecia Cereris, Epidauro Aesculapii: quae coluntur eorum more, a quibus sunt accepta . Die dii evocati waren natürlich meist italischen, die auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher geholten Götter ausländischen Ursprungs. . Endlich die vielen neuen Stiftungen von Tempeln, Bildern und Spielen ex voto, ein ganz besonders oft erwähnter Anlaß zur Gründung neuer Gottesdienste, nachdem entweder der Senat durch die Consuln oder der Feldherr in heißer Schlacht diesem oder jenem Gotte einen Tempel in Rom gelobt hatte Liv. X, 42 in ipso discrimine, quo templa diis immortalibus voveri mos erat. Beispiele von ludis votivis giebt Friedländer bei Marquardt IV, 474. , worauf diesem Gelübde später durch Erbauung des Tempels, seine Einweihung und Einrichtung des Cultus von Staatswegen Folge gegeben wird. Die letzte Entscheidung hatte sich in allen diesen Fällen, wo es auf die Anerkennung und Stiftung eines neuen Gottesdienstes in Rom ankam, der Senat vorbehalten, ohne welchen also kein Gott zu der Ehre gelangen konnte, vom römischen Staate anerkannt zu werden Liv. IX, 46 ne quis templum aramve iniussu Senatus dedicaret . Tertull. Apolog. 5 vetus erat decretum ne qui deus ab imperatore consecraretur nisi a Senatu probatus. Scit M. Aemilius de deo suo Alburno. Ad Nat. 1, 10 ne qui imperator fanum, quod in bello vovisset, prius dedicasset quam Senatus probasset, ut contigit M. Aemilio, qui voverat Alburno Deo –, ut deus non sit nisi cui esse permiserit Senatus etc. Die Quelle ist auch in diesen Stellen Varro. Die Geschichte des Gottes Alburnus scheint in ihrer Art berühmt gewesen zu sein. . Im Uebrigen hatten die Pontifices die Einrichtung des neuen Cultus und die Dedication und Consecration des Tempels zu überwachen, vor welcher der ganze Gottesdienst, wie er in dem neuen Tempel gehalten werden sollte, und die Rechte desselben durch eine eigne lex consecrationis aufs genaueste formulirt wurde Merkwürdige Beispiele solcher leges consecrationis sind die des t. Iovis Liberi zu Furfo im Lande der Vestiner b. Or. n. 2488, Mommsen I. N. n. 2488, und die des t. Martis Ultoris b. Dio LV, 10. Mehr bei Marquardt a. a. O. 225. . Der Tag der Einweihung wurde immer 139 zugleich der jährliche Fest- und Kalendertag des Gottes, sein Geburtstag, natalis, wie er in den späteren Kalendern genannt zu werden pflegte Virg. Aen. VIII, 600 Silvano fama est veteres sacrasse Pelasgos, Arvorum pecorumque deo lucumque diemque , wozu Servius: Hoc a Romanis traxit, apud quos nihil fuit tam sollemne quam dies consecrationis. Vgl. die Nachweisungen bei Marquardt 148. . Die Dedication selbst wurde nach alter Sitte durch einen Consul oder Imperator, wo möglich den welcher den Tempel gelobt hatte, später oft durch dazu ernannte Duumvirn vollzogen, immer unter dem Beistande des Collegiums der Pontifices, namentlich des die Dedicationsformel vorsprechenden Pontifex Maximus ( S. 124 ). Immer war diese Handlung eine der feierlichsten und die Ehre der Dedication sehr begehrt, da der Name des Dedicirenden durch die Inschrift des Tempels zugleich aufs höchste geehrt und auf die Nachwelt gebracht wurde. Mithin fehlte es weder an einer strengen und erfahrnen Aufsicht noch an Gelegenheit für die natürliche Eifersucht des Priesterthums, sich geltend zu machen. So lange diese Behörden ihre Schuldigkeit thaten, konnte ein anderer Verfall als derjenige, welchen die innere Seelengeschichte des römischen Staates und seiner Bürger von selbst mit sich brachte, nicht wohl eintreten. Anhang. Der Kalender. Auch der römische Kalender trägt ganz das Gepräge der römischen Staatsreligion, wie sie sich im Laufe der Jahre aus einfachen Anfängen zu einem immer künstlicheren Systeme entwickelt hatte. Man erkennt wohl die alte Grundlage der Naturreligion, aber die praktischen und zufälligen Beziehungen des bürgerlichen und häuslichen Lebens haben sich doch weit mehr geltend gemacht, und der nüchterne Sinn der Römer, welcher die Töchter des Hauses nicht benannte, sondern numerirte, zeigt sich auch in der Benennung der meisten Monate, welche bis auf die ersten und letzten einfach gezählt wurden. Innerhalb der einzelnen Monate sind Jupiter und Juno als herrschende Mächte des lichten Himmels die bestimmenden Gottheiten. Dem Jupiter waren alle Idus heilig d. h. die Tage des Vollmonds, welche immer in die Mitte des Monats fielen, also denselben theilten, und zwar deshalb weil dann der Gott des Lichtes und der Helle, Iupiter Lucetius und Diespiter, sich den Tag und die Nacht hindurch in einer beständigen Folge 140 lichter Klarheit offenbarte, daher diese Tage für ein Unterpfand seiner Weltregierung galten und sehr heilig gehalten wurden Macrob. S. 1, 15, 14 Iduum porro nomen a Tuscis, apud quos is dies Itis vocatur, sumptum est. Item autem illi interpretantur Iovis fiduciam. Nam cum Iovem accipiamus lucis auctorem, unde et Lucetium Salii in carminibus canunt et Cretenses Δία τὴν ἡμέραν vocant, ipsi quoque Romani Diespitrem appellant ut diei patrem, iure hic dies Iovis fiducia vocatur, cuius lux non finitur cum solis occasu, sed splendorem diei et noctem continuat illustrante luna: quod semper in plenilunio i. e. medio mense fieri solet. Iovis fiducia ist die Bürgschaft, das Unterpfand, s. Cic. de Off. III, 17, pr. Caecina 3, pr. Flacco 21 u. a. Doch ist, wie ich unten zeigen werde, so wenig diese Idee blos etruskisch als das Wort idus , welches vielmehr Theilung bedeutet und der griechischen διχομηνία entspricht, s. Macrob. l. c. 16 Idus – dies qui dividit mensem. Iduare enim Etrusca lingua dividere est, unde vidua . Varro l. l. VI, 28 Idus ab eo quod Tusci Itus, vel potius quod Sabini Idus dicunt . Das Wort ist allgemein italisch und Itus nur die etruskische Form von Idus. Ueber den Kalender der Etrusker s. O. Müller Etr. 2, 323 ff. , der Juno Lucina alle Kalenden, d. h. alle Tage an denen nach der Verborgenheit des Neumonds die Mondessichel zuerst wieder am Himmel erschien Macrob. S. 1, 15, 18, Ovid Fast. 1, 55. . Einer der Subalternen des Collegiums der Pontifices hatte die Obliegenheit diese Erscheinung zu beobachten und, sobald er sie wahrgenommen, nachdem der Rex und die Regina Sacrorum zuvor der Juno geopfert hatten, das Volk auf das Capitolium zu berufen (calare) und ihm anzuzeigen, wie viel Tage es von den Kalenden bis zu den Nonen zu zählen habe, ob fünf oder sieben: daher der Name Kalendae. An den Nonen versammelte sich das Volk von neuem auf der Burg, um von dem Opferkönige zu erfahren, welche Feste in jedem Monate zu feiern und welche Geschäfte in demselben vorzunehmen seien. Auch an den Nonen und an den Idus wurden regelmäßige Opfer dargebracht, an den Idus immer dem Jupiter. Man erkennt aus dieser ganzen Ordnung sehr deutlich sowohl das alte Mondjahr als die religiöse Begründung derselben in dem Culte der Lichtgötter. Erst seit dem J. 450 d. St., 302 v. Chr., in welchem Cn. Flavius die Fasti bekannt machte, mögen jene alten Gebräuche eine wesentliche Aenderung erlitten haben. Außer jenen beiden Göttern, dem Jupiter und der Juno, ist der Dienst des Mars und des Janus für den römischen Kalender von besondrer Bedeutung. Mars ist der alte Nationalgott der schaffenden Naturkraft, auch des Frühlings: daher der Monat dieses Gottes, der mensis Martius, bei den Römern und den verwandten Völkern den natürlichen Jahresanfang bildete und 141 namentlich am ersten Tage dieses Monats zugleich die Juno als Göttin aller Kalenden und der wiederkehrende Gott Mars mit unverkennbarer Beziehung zur Natur gefeiert wurden. Neben diesem natürlichen und die längste Zeit der Republik hindurch beibehaltenen Anfange des alten Mondjahres aber giebt es noch einen zweiten Anfang, den des Janus und des ihm geheiligten Monats Januar, wobei ohne Zweifel andre und jüngere Principien der Jahresordnung zu Grunde liegen, ohne daß wir leider etwas Bestimmteres zu sagen wissen, als daß die Einführung des Januscultus und der Monate Januar und Februar dem Numa zugeschrieben wurde. Höchst wahrscheinlich aber war Janus ursprünglich ein Sonnengott, der als solcher zum Gott des Anfangs schlechthin geworden ist, weil man den Sonnengott auch kosmogonisch für den Gott des Ursprungs der Dinge, für den Eröffner aller Natur und aller Geschichte hielt. Heiligte man diesem Gotte grade den Monat, in welchem nach dem kürzesten Tage die Sonne und das Licht wieder zunimmt, also nach dem gewöhnlichen Begriffe das Jahr beginnt Varro l. l. VI, 28 ut novus annus Kalendae Ianuariae ab novo Sole appellatae . Ovid Fast. 1, 163 Bruma novi prima est veterisque novissima Solis, Principium capiunt Phoebus et annus idem . Vgl. Plutarch Qu. Ro. 19. , so darf auch darin eine Beziehung auf den Sonnencultus erkannt werden; nur ist es seltsam daß der alte Jahresanfang mit dem März dennoch beibehalten und nur die Anfänge aller Monate, also die Kalenden, von nun an nicht blos der Juno, sondern auch dem Janus geheiligt wurden. So entstand die eigenthümliche Ordnung des römischen Kalenders, daß die Monate nach wie vor von dem März an gezählt wurden, also auf den April und Mai zunächst der Quintilis folgte, dann der Sextilis u. s. w. bis zum December. Darauf folgte nach dem kürzesten Tage der Januar als Monat des Janus, der erst in späterer Zeit und sehr allmälig auch als Gott des Jahresanfangs sich geltend machen konnte, und der Februarius als der allgemeine Reinigungs-, Sühnungs- und Allerseelenmonat, in dem gewissermaßen alle Ansprüche und alle Befleckung des alten Jahres, des Winters, des Todes beseitigt wurden, damit im März das neue Jahr in aller Reinheit und Freudigkeit begangen werden könne. Weil auf diese Weise nur bis zum zehnten Monate, dem December, gezählt wurde und die beiden letzten Monate, der Januar und Februar, wie spätre Anhängsel erschienen, ist bei den Alten oft behauptet worden, daß das römische Jahr 142 ursprünglich nur zehn Monate und 304 Tage gehabt und erst durch Numas Zusatz jener beiden Monate zwölf Monate und 355[?] Tage bekommen habe: eine Ordnung welche, wenn sie überhaupt jemals bestanden hat, unmöglich jemals eine praktische Bedeutung für das Leben gehabt haben kann. Eine weitere Beziehung des Cultus zu dem natürlichen Verlaufe des Jahres und seinen wichtigsten Abschnitten hat gewiß vielfach stattgefunden, doch tritt sie bei weitem nicht so klar und entschieden als in den Kalendern und Monatsnamen der Griechen hervor. Außer dem Martius ist auch der gleichfalls allgemein latinische, auch oskische Maius nach einer Gottheit benannt, der alten Frühlingsgöttin Maia; ob auch bei dem Aprilis eine ähnliche Beziehung anzunehmen, muß bei der Unklarheit des Namens dahingestellt bleiben Der Maius und die Maia werden allgemein latinisch genannt bei Fest. p. 134. Bei den Oskern hieß er Maesius , ib. p. 136. Im Monate Aprilis wurde seit alter Zeit die Venus gefeiert, s. dort. J. Grimm D. M. 749 vergleicht mit den Monaten März, April, Mai die drei deutschen Frühlingsmonate. Ueber die Namen der römischen Monate vgl. Macrob. S. 1, 12 und Merkel Ovid F. p. LXXIX sq. . Auch der Junius wurde häufig auf die Juno bezogen, obgleich hier wie bei den andern Monatsnamen schon von den römischen Gelehrten die verschiedensten Erklärungen versucht wurden. Gewiß ist daß die schaffenden, empfangenden und begeisternden Gottheiten Faunus, Mars, Pales, Venus, Bona Dea vorzugsweise in den drei Frühlingsmonaten d. h. vom Februar bis zum Mai gefeiert wurden, Vulcan als heißer Gott des Feuers recht in der Mitte des heißen Sommers, Jupiter vorzüglich in den Herbstmonaten vom September bis November, wo die Witterung in Italien am beständigsten und der Himmel meist heiter und freundlich ist, endlich die Götter der Erde und der Unterwelt, Consus, Saturnus, Ops u. s. w. in den Wintermonaten, namentlich im December, wo die Felder wieder bestellt sind und die Hoffnung des Säemanns im verborgnen Schooße der Erde ruht. – Sehr auffallend ist es aber, daß nicht etwa blos die verschiedenen Völker und Staaten in Italien verschiedene Kalender hatten, sondern selbst unter den Latinern die einzelnen Städte, z. B. Tusculum, Aricia, Präneste, Tibur, daher auch die Bedeutung der Monatsnamen und die Festordnung in diesen Kalendern eine verschiedne war. So war z. B. der Martius, welcher gewiß in keinem italischen Kalender fehlte, in Alba, Aricia und Tusculum wie in Rom seit dem neueren 143 Jahresanfange der dritte Monat, bei den Laurentern und Faliskern der fünfte, bei den Hernikern d. h. zu Anagnia der sechste, bei den Aequern der zehnte, in Cures der erste von drei Monaten, bei den Sabinern und Pelignern der vierte, nach Ovid F. III, 87 ff. Schon aus dem oben Bemerkten geht hervor, daß der Kalender ursprünglich eine Sache des Gottesdienstes, also auch der Oberaufsicht der Pontifices unterworfen war. Sie kündigten nicht allein die neuen Monate und die innere Disposition jedes Monats sammt seinen Festtagen an, sondern sie hatten auch über alle Geschäftstage im öffentlichen und privaten Leben zu verfügen, welche Tage für Volksversammlungen und Gerichtsverhandlungen geeignet d. h. dies fasti, comitiales sein sollten, welche zu allen Geschäftstagen ungeeignet d. h. dies atri Dies atri waren z. B. alle Tage nach den Kalenden, Nonen und Idus, weil die römischen Waffen an solchen Tagen wiederholt schweres Unglück erlitten hatten, s. Macrob. S. 1, 16, 21, Gellius N. A. V, 17. , welche Tage religiosi d. h. wegen gewisser religiöser Bedenken zu öffentlichen Geschäften, zum Reisen, zum Heirathen nicht geeignet. Außerdem hatten die Priester, hier die Flamines, aber unter der Oberaufsicht der Pontifices, auch dadurch einen bedeutenden Einfluß auf das Geschäftsleben, namentlich das ländliche, daß die meisten Geschäfte des Ackerbaus, des Weinbaus, also die Erndte, die Saat u. s. w. von ihnen initiirt d. h. durch gewisse religiöse Gebräuche eröffnet wurden Cic. de Leg. II, 8, 19. Die Feste sollen nach dem Kalender begangen werden, certasque fruges certasque bacas sacerdotes publice libanto, hoc certis sacrificiis ac diebus . 20. Itemque alios ad dies ubertatem lactis feturaeque servanto. Idque ne committi possit, ad eam rem ratione cursus annuos sacerdotes finiunto. . Endlich war auch das eben so schwierige als wichtige Intercalationswesen in den Händen der Pontifices, worüber die römische Jahresrechnung zuletzt in eine gräuliche Verwirrung gerieth. Eine politische Reaction gegen diese Herrschaft des Priesterthums erfolgte in Rom sobald die Plebs d. h. das neue auf politischen Principien beruhende Bürgerthum, mit dem Patriciate d. h. der alten, von sacralen Elementen durchdrungenen Bürgerschaft zu kämpfen begann und bald einen Erfolg nach dem andern erlangte Liv. IV, 3 Obsecro vos, si non ad fastos, non ad commentarios pontificum admittimur etc. . Dennoch wurde erst im J. 450 d. St., 304 v. Chr. durch den Aedilen Flavius jene wichtige Veröffentlichung der 144 Fasti vorgenommen, seit welcher der Kalender jedem Bürger zugänglich war. Höchst wahrscheinlich wurden schon damals die Monate, die Wochen, die einzelnen Tage so benannt, abgetheilt, gezählt und notirt, wie es seitdem herkömmlich geblieben ist Vgl. über die dabei üblichen Zeichen Merkel Proleg. Ovid Fast. p. XXXI sqq. . Die einzelnen Tage waren entweder festi d. h. Feiertage oder profesti d. h. Geschäftstage oder intercisi d. h. halbe Feiertage Varro l. l. VI, 31 Intercisi dies sunt per quos mane et vesperi est nefas, medio tempore inter hostiam caesam et exta porrecta fas. . Zum Wesen eines Feiertags gehört für die Freien Ruhe von allem Geschäfts- und Gerichtsverkehr, für die Unfreien Ruhe von der Arbeit, wie dieses in den Urkunden der Pontifices wieder sehr genau vorgesehen war und von gewissen Ausrufern der höheren Priester, die an solchen Tagen keine Arbeit auch nur sehen durften, den Handwerkern in der Stadt noch besonders eingeschärft wurde Sie hießen praeciae oder praeciamitatores und gehörten zu der Klasse der calatores, s. Paul. p. 224, Fest. p. 249, Macrob. 1, 16, 9 und 19, Serv. V. Ge. 1, 268. Ueber die Festtage und ihre Heiligung s. Cic. de Leg. II, 12, 29, Serv. ib. 272, Marquardt S. 233, 1398. . In sacraler Hinsicht machen einen Festtag aus Opfer, Opferschmäuse und feriae d. h. Gottesdienst und Ruhe von der Arbeit. Diese waren theils stativae theils conceptivae theils imperativae d. h. gebundene, bewegliche und außerordentliche Festtage. Feriae conceptivae d. h. ein bewegliches Fest, welches nicht immer an denselben Tagen gefeiert, also immer vorher concipirt d. h. angesagt wurde, waren z. B. die latinischen Ferien, das Fest der Dea Dia in Rom, die Erndtefeierlichkeiten u. a. Macrob. I, 16, 6 conceptivae sunt quae quotannis a magistratibus vel sacerdotibus concipiuntur in dies vel certos vel etiam incertos, ut sunt Latinae, Sementivae, Paganalia, Compitalia. Vergl. Marini Att. Arv. p. 128. . Natürlich konnten nur die feriae stativae in den Kalendern angemerkt werden. Bekanntlich gerieth dieser ältere römische Kalender durch die Fahrlässigkeit und Willkür der Priester zuletzt in eine so heillose Unordnung, daß Cäsar eine gewaltsame Reform vornehmen mußte, und ohne Zweifel ist es als eine Folge von dieser anzusehn, daß ein älterer römischer Kalender d. h. einer aus der Zeit vor Cäsar und August bis jetzt nicht zum Vorschein gekommen ist. Vielmehr sind die meisten aus der Zeit unter August und Tiberius, unter welchen also solche Kalender in Rom und 145 durch ganz Italien auf den Märkten oder in öffentlichen Gebäuden von Obrigkeitswegen oder auf Veranlassung von Privatpersonen aufgestellt wurden und auch in dem Gebrauche der Privaten viel vorhanden gewesen sein mögen. Eine Eigenthümlichkeit aller dieser Kalender ist einmal die lange Dauer aller größeren Feste, namentlich der Spiele, welche, wie schon bemerkt worden ( S. 23 ), erst in den späteren Zeiten der Republik in solcher Weise ausgedehnt wurden, zweitens die große Anzahl der August und der kaiserlichen Familie geltenden Bet- und Festtage. Neben den größeren Festen, welche sich als solche im Laufe der Zeit entwickelt hatten, erscheinen viele andre, zum Theil gleichfalls sehr alte Feste und Götterdienste, nur als Dedicationstage der Tempel, welche jährlich durch gewisse Opfer, ausnahmsweise auch wohl durch Spiele zu begehen waren. Der älteste von diesen Kalendern und zugleich der einzige vollständige ist das Kalendarium Maffeanum, dessen Original sich ehemals im Palazzo Maffei zu Rom befand. Er giebt den Kalender, wie er unter August geordnet wurde, und ist auch deshalb wichtig, weil Ovid in seinen Fasten in den meisten Fällen mit ihm übereinstimmt S. den Abdruck der Copie des Pighius bei Merkel Ovid. Fast. p. XII sq. . Nächst dem ist besonders wichtig der des Grammatikers Verrius Flaccus ( S. 35 ), welcher die von ihm selbst geordneten Fasten auf dem Markte von Präneste hatte aufstellen lassen. Davon wurden im J. 1770 verschiedne Bruchstücke gefunden, welche außer dem eigentlichen Festcalender der vier ersten Monate und des December allerlei erläuternde Anmerkungen enthalten Herausgegeben von Foggini, Rom 1781 fol. Abgedruckt bei F. A. Wolf zu Sueton Vol. IV p. 315 ff. . Außerdem giebt es Bruchstücke eines Kalendarium Amiterninum, Venusinum, Capranicorum (sonst im Pal. Capranica), Farnesianum, Allifanum, Antiatinum, Exquilinum, Pincianum und Vaticanum, deren Zusammenstellung in zuverlässigen Texten sehr zu wünschen wäre Eine unzureichende Sammlung ist die bei Orelli Inscr. II p. 379–413. Verbesserte Ausgaben des Kal. Amitern. b. Mommsen l. N. 5750, des Venusinum ib. 698, der Fasti Capranicorum ib. 6748, des Farnesianum ib. 6749, des Allifanum ib. 4741, des Antiatinum b. Henzen Suppl. Or. n. 6445. . Als Probe eines Festkalenders, wie sie im Culte des Augustus gebräuchlich waren, haben sich in Cumae verschiedene Bruchstücke des sogenannten Kal. Cumanum gefunden Kellermann bei O. Jahn Spec. Epigr. p. 1–22, Mommsen l. N. n. 2557. , als Probe 146 eines ländlichen Kalenders, in welchem die Feldarbeiten der einzelnen Monate, die wichtigsten Feste der ländlichen Gottheiten, der Eintritt der Zeichen des Thierkreises u. A. bemerkt wird, dient das Kal. rusticum Farnesianum Bei Or. Inscr. II p. 380. Vgl. Mus. Borbon. t. II tav. 44. . Endlich haben sich doch auch aus den letzten Zeiten des sinkenden Heidenthums zwei wichtige Urkunden der Art erhalten. Das eine ist ein erst neuerdings in den Ruinen des Amphitheaters zu Capua ausgegrabenes feriale d. h. ein Verzeichniß blos der Feste, kein vollständiges Kalendarium, und zwar der Feste wie sie in Capua und in der Provinz Campanien gefeiert wurden, übrigens erst im J. 387 nach Chr. Geb. concipirt und zur Characteristik des religiösen Verhaltens der Zeit recht merkwürdig Zuerst publicirt von Avellino Opuscoli T. III p. 215–307 mit einem ausführlichen Commentar. Neuerdings berichtigt und besprochen von Mommsen in den Berichten der K. Sächs. Ges. d. W. zu Leipzig 1850 S. 63 ff. Der Text auch bei Henzen Suppl. Or. n. 6112. . Das andre ist ein unter Constantius II. (337–361) verfaßter römischer Staatskalender, welcher wegen seines späten Ursprungs gleichfalls in vielen wesentlichen Punkten von jenen älteren Kalendern abweicht, also über die Entwicklung des öffentlichen Gottesdienstes unter den Kaisern wichtige Aufschlüsse giebt Calendarium Romanum sub Imp. Constantio, Imp. Constantini Magni filio, circa a. Chr. 354 compositum et Valentino cuidam dedicatum, nach der Ausgabe von Lambecius wiederholt in Graevii thes. Antiq. Ro. T. VIII p. 97 sqq. Vgl. Th. Mommsen über den Chronographen vom J. 354, Abh. d. Philolog. histor. Classe der K. Sächs. Ges. d. W. Bd. I S. 569 ff. . Noch werden hier die alten Feste des Mars, der Vesta, die römischen Spiele und andre Festtage des ältesten römischen Kalenders gefeiert, aber neben diesen altrömischen Culten nehmen nun auch die ausländischen Gottheiten, die Göttermutter aus Phrygien und die ägyptischen Sacra der Isis und des Serapis, schon eine sehr bedeutende Stelle im Kalender ein, desgleichen der Cultus der Divi d. h. der consecrirten Kaiser und die Spiele zum Andenken der von Constantin oder früheren Kaisern über die Perser, die Gothen, die Marcomannen, Alamannen, Franken und Sarmaten gewonnenen Siege. 147 Dritter Abschnitt. Die himmlischen und die herrschenden Götter. Allen diesen Göttern ist die Naturbeziehung auf den Himmel und seine Erscheinungen eigen, wie sie zumal beim Jupiter, der Juno, dem Janus, der Diana, der Mater Matuta sehr vernehmlich hervortritt und beim Jupiter zugleich der reale Grund seiner höchsten Obmacht, Güte und Heiligkeit ist, dieses wegen der übertragenen Bedeutung des himmlischen Lichtes, welches in der moralischen Welt das Element des Rechtes und der Wahrheit, der Treue und der Heiligkeit aller Verträge ist. Deutlich erkennbar ist auch eine alte Verehrung der beiden himmlischen Lichtkörper, der Sonne und des Mondes, welche alle alten Religionen so viel beschäftigt und hier in den eigenthümlichen Gestalten des Janus, Vejovis, Jupiter Anxur und Apollo Soranus auftritt, während die Verehrung des Mondes im Culte der Juno und der Diana durchschimmert. Juno ist zugleich die ideale Weiblichkeit und die himmlische Königin, Minerva die Göttin der Besinnung und Erfindung, und zwar dieses so ganz vorherrschend, daß sich die alte Naturbeziehung beinahe ganz verschliffen hat. Unter diese italischen Götter ist der griechische Apollo so früh eingetreten, daß er fast für heimisch gelten darf, vorzüglich als Repräsentant der Ideen des Heils und der Sühnung, welche in dieser Auffassung dem italischen Alterthum vermuthlich fremd war. Aber auch in den andern Culten hat sich mit den älteren italischen Elementen die jüngere griechische Bildung vielfach verbunden und verschmolzen, besonders in dem der Minerva und der Diana, wo man den Einfluß des griechischen Athena- und Artemisdienstes sehr bald merkt. Die eigenthümlichste Figur ist Janus geblieben, 148 mit dem wir einem alten Gesetze des römischen Cultus folgend ( S. 57 ) den Anfang machen. 1. Janus. Es fehlte nehmlich den italischen Völkern zwar an einer kosmogonischen und theogonischen Dichtung, da ihr Gottesbegriff und ihr Gottesdienst sie zu einer solchen nicht kommen ließ. Doch hatten sie dafür den Gottesdienst des Janus, welcher sich weder bei den Griechen noch sonst in einer andern Mythologie in einem entsprechenden Bilde nachweisen läßt, in dem alten Italien dagegen sehr verbreitet gewesen zu sein scheint. In Rom war sein Dienst nach zuverlässiger Ueberlieferung durch Numa eingeführt worden, seit welcher Zeit er immer unter den höchsten und heiligsten Göttern verehrt wurde. Hatte früher der König selbst dem Janus das zu bestimmten Zeiten vorgeschriebene Opfer in der Regia dargebracht, so that dieses später der an seiner Stelle eingetretene Rex Sacrorum, welcher eben deshalb seinem geistlichen Range nach für den obersten Priester galt (S. 58, 61 ). Ueberhaupt wurde er als Gott des Anfangs und des Ursprungs der Dinge bei allen Opfern zuerst bedacht, bei allen Gebeten und in allen Gebetsformeln zuerst und noch vor Jupiter genannt Cic. N. D. II, 27. quumque in omnibus rebus vim haberent maximam prima, principem in sacrificando Ianum esse voluerunt. Vgl. die Devotionsformel b. Liv. VIII, 9, die Formeln b. Cato d. r. r. 134 und 141 und die Götterreihen der Arvalischen Tafeln. Varro b. Augustin C. D. VII, 9 penes Ianum sunt prima, penes Iovem summa . . Schon die alten Lieder der Salier huben mit ihm an zu singen und nannten ihn den Gott der Götter (Divum Deum) oder mit dem herkömmlich gebliebenen Cultusnamen der patriarchalischen Zeiten den Vater Janus, welcher sich in diesem Cultus besonders lange erhalten hat Varro l. l. VII, 27 führt aus dem Liede der Salier den Vers an: Divum empta cante, Divum Deo supplicante . Deorum Deus b. Macrob. I, 9, 14. Iano Patri s. die Acta fr. Arval. t. XXXII, 1, 25 und die Inschriften b. Or. n. 1583. 1584. 5739, vgl. die Münze des Gallien b. Eckhel D. N. VII p. 396 und Plin. H. N. XXXVI, 5, 4. . Die vielen alten Cultusnamen, welche Macrob. S. 1, 9, 15 aufzählt: In sacris quoque invocamus Ianum Geminum, Ianum Patrem, Ianum Iunonium, Ianum Consivium, Ianum Quirinum, Ianum Patulcium et Clusivium und andre werden einzeln erläutert werden. 149 Bei der Erklärung seines Namens und Wesens ist häufig fehlgegriffen worden, obschon das Rechte ziemlich nahe liegt. So haben Cicero N. D. II, 27 und nach seinem Vorgange Andre den Namen Ianus ab eundo erklären wollen, als ob dieses etymologisch zulässig und ein Gott der Thüren und des Ein- und Ausgehens, welcher nichts als dieses bedeutet hätte, im Sinne des höheren Alterthums überhaupt denkbar wäre. Andre sahen, indem sie dieselbe Etymologie beibehielten, im Janus ein Bild der ewigen Bewegung des Himmels, Macrob. S. 1, 9, 11, noch Andre erklärten ihn für das uranfängliche Chaos, Ianus wie Hianus, Paul. p. 52. Das Richtige ist ohne Zweifel was unter den Alten schon Nigidius Figulus bei Macrob. 1, 9, 8 gesehen und unter den Neueren besonders Buttmann Mythologus 2, 72 geltend gemacht hat, daß Ianus oder was dasselbe ist Dianus die Masculinform ist zu dem weiblichen Iana oder Diana d. i. der Mond Varro r. r. I, 37, 3 Nunquamne rure audisti octavo Ianam et crescentem et contra senescentem? Nach Tertullian Apolog. 10 fand sich im Liede der Salier der Ablativ Iane . Ein Dativ Ianui Quirino findet sich bei Fest. p. 189, 17, ein Ablativ Ianu in einer Inschrift aus Cales bei Mommsen I. N. n. 3953. , eigentlich der Lichte und die Lichte , von dius und dium in der Bedeutung des lichten Himmels. Also ein altitalischer Licht- und Sonnengott, welcher zu einem Gott des Anfangs und des Ursprungs schlechthin geworden ist, in einer eigenthümlichen Abstufung von Bildern und Vorstellungen, deren organischer Zusammenhang mit dem ersten Grundgedanken sich indessen noch gut nachweisen läßt. Der Sonnengott ist der Pförtner des Himmels und des himmlischen Lichtes, dessen Thore er Morgens öffnet Abends schließt, ausgehend und eingehend: dieses einfache Bild und seine bedeutungsvolle Anwendung ist den Griechen wohl nur deshalb entgangen, weil ihnen in ihrem Lande Okeanos der Ursprungsgott zu sein und Helios aus demselben auf- und in ihn unterzutauchen schien. Doch kennen auch sie eine Schwelle des Himmels, über welche Nacht und Tag sich flüchtig begrüßend aus- und eingehn, und die heilige Schrift spricht von der Sonne wie von einem Bräutigam, welcher Morgens mit strahlendem Antlitz aus seiner Kammer tritt. Bei den alten Umbrern, Sabinern, Latinern war aber grade diese Vorstellung des Aus- und Eingangs, des Oeffnens und Schließens die vorherrschende geworden; daher der einfache Bogen, ianus, eigentlich ein offener 150 Durchgang (transitio pervia, Cic. N. D. II, 27) das Symbol des himmlischen Gewölbes und seines Pförtners Janus, des himmlischen Lichtgottes wurde. Eben daher in der späteren Zeit, sobald eine bildliche Darstellung beliebt wurde, der bekannte Doppelkopf des Janus (daher Ianus geminus, bifrons), weil er, wie schon die Alten bemerken, sowohl der Pförtner des Aufganges als des Unterganges, sowohl der Oeffner ist als der Schließer Macrob. I, 9, 9 Ianum quidam Solem dernonstrari volunt et ideo gemitium, quasi utriusque ianuae caelestis potentem, qui exoriens aperiat diem, occidens claudat. , wie Horaz Carm. Saec. 9 sehr schön vom Sonnengotte sagt: Alme Sol, curru nitido diem qui promis et celas. Deshalb war der älteste Ianus Geminus in Rom, der von Numa gestiftete an der Grenze des Forums, so gerichtet daß der eine Kopf gegen Aufgang der andre gegen Untergang schauete Ovid Fast. I, 139 Sic ego prospicio caelestis ianitor aulae Eoas partes Hesperiasque simul. Procop. d. bello Goth. 1, 25 καὶ τοῦ προσώπου ϑάτερον μὲν πρὸς ἀνίσχοντα τὸ δὲ ἕτερον πρὸς δύοντα ἥλιον τέτραπται, ϑύραι τὲ χαλκαῖ ἐφ’ ἑκατέρῳ προσώπῳ εἰσίν. . So ward also aus diesem Pförtner des Himmels zunächst der himmlische Oeffner und Schließer (Patulcius Clusius) schlechthin, der sowohl im Himmel als auf Erden über allen Aus- und Eingang gebietet, am Himmel ein Herr über alle an ihm aufsteigenden und verschwindenden Erscheinungen, welches Ovid F. 1, 117 sogar in so weitem Umfange von ihm aussagt, daß er nicht allein den Himmel mit seinen Wolken, sondern selbst das Meer und die Erde unter seine Aufsicht stellt: auf der Erde als Herr über alle Thüren, Thore und Straßen und über alles sich in denselben hin und herbewegende Geschäft und Treiben der Menschen; ja er ist, weil durch ihn der Weg zu den Göttern des Lichts führte, auch der allgemeine Vermittler zwischen Himmel und Erde Ovid F. I, 171 Mox ego: Cur, quamvis aliorum numina placem,     Iane, tibi primurn thura merumque fero? Ut possis aditum per me, qui limina servo,     Ad quoscunque voles, inquit, habere deos. Daher galt er auch für den Stifter alles Gottesdienstes in Italien, Macrob. 1, 9, 3 vgl. ib. 9, wo auch die Sitte ihn bei jedem Opfer zuerst anzurufen durch die Absicht erklärt wird ut per eum pateat ad illum cui immolatur accessus, quasi preces supplicum per portas suas ad deos ipse transmittat. Arnob. III, 29 quem in cunctis anteponitis precibus et viam vobis pandere deorum ad audientiam creditis. , daher seiner wie gesagt bei jedem Opfer und Gebet zuerst gedacht wurde. Auch die Wege und Oeffnungen des Krieges und des Friedens, die des Handels und der 151 Schiffahrt, ja die alles Lebens und aller Lebensthätigkeit waren in seine Hand gelegt, wie sich gleich deutlicher zeigen wird. Nur darf man sich dieses Amt des Oeffnens und Schließens nicht so ganz mechanisch denken, daß nicht auch die dynamische Wirkung seiner lichten Sonnenkraft mit im Spiele wäre, wie dieses in folgenden Fällen deutlich zu sehen ist. So wurde er zunächst mit jedem neuen Morgen als Matutinus Pater angerufen, Horat. Sat. II, 6, 20, d. h. als der Gott des anbrechenden Tages, mit dem, wie Horaz hinzusetzt, die Menschen täglich alle ihre Lebensarbeit beginnen. Auch waren ihm deshalb die Anfänge aller Monate heilig d. h. die Kalenden, wo sich das Licht des zunehmenden Mondes zuerst wieder am Himmel zeigte, daher er auch als Ianus Iunonius angerufen und an allen Kalenden mit der Juno verehrt wurde Macrob. I, 9, 16 Iunonium quasi – mensium omnium ingressus tenentem; in ditione autem lunonis sunt omnes Kalendae. . Unter den Monaten aber war ihm der Ianuarius gewiß deswegen heilig, weil dieser Monat gleich nach dem kürzesten Tage begann, also den natürlichen Anfang eines neuen Jahres bildete, obwohl Numa aus Rücksicht auf den Cult der Salier und des palatinischen Mars den alten Frühlingsanfang des Jahres mit dem Monate des Mars auch ferner gelten ließ. Ein andres Merkmal, daß wir es beim Janus mit einem Sonnengotte zu thun haben, ist der Ursprung der Quellen, Flüsse und Ströme vom Janus; daher er in örtlichen Legenden für den Gemahl der Quellengöttin Iuturna und für den Vater des am Ianiculum verehrten Fontus, in andern selbst für den des Flußgottes Tiberinus galt, in noch andern die Feinde Roms dadurch abwehrt, daß er bei einem ihm heiligen Thore plötzlich einen heißen Sprudel aus der Erde entspringen läßt, Ovid Fast. 1, 269 Oraque, qua pollens ope sum fontana reclusi, Sumque repentinas eiaculatus aquas. Ein Glaube dessen näheres Verständniß erschlossen wird durch eine Erzählung bei Dionys H. I, 55, welcher sich auf örtliche Ueberlieferung beruft. Als Aeneas mit seinen Trojanern an dem öden Strande der Laurenter landet, leiden sie an brennendem Durst. Da sprudeln plötzlich zwei reiche Quellen aus dem Boden hervor, durch welche die Trojaner gesättigt und die ganze Gegend befruchtet wird, obgleich Dionysius sie zu seiner Zeit nur spärlich fließen sah. Dieses Wasser aber war dem Sonnengotte geweiht und man sah zwei Altäre desselben an der Quelle, den einen nach Morgen den andern nach Abend, 152 angeblich eine Stiftung des Aeneas. Vielmehr war es höchst wahrscheinlich eine alte latinische Ueberlieferung von jenem Pater Indiges am Numicius, welcher gewöhnlich für den Aeneas galt; wenigstens wüßte ich einen ähnlichen Glauben von der Sonne in Griechenland nicht nachzuweisen Wohl aber finden sich Spuren desselben Glaubens in der deutschen und scandinavischen Mythologie, wo Phol und Balder zugleich Sonnen- und Quellengötter sind. Grimm D. M. 207. . Ja dieser Gott galt auch für den Urheber des organischen Lebens, namentlich für den Erreger und Befruchter des Keims der menschlichen Erzeugung, in welcher Bedeutung er in den Indigitamenten als Consivius angerufen und auch hier vor allen Göttern zuerst genannt wurde, Macrob. 1,9,16 Consivium a conserendo i. e. a propagine generis humani, quae Iano auctore conseritur Tertull. ad Nat. II, 11 quia consationibus concubitalibus praesit . Augustin C. D. VII, 2 ipse primum Ianus cum puerperium concipitur – aditum aperit recipiendo semini . Ib. 9 Varro enumerare deos coepit a conceptione humana, quorum numerum exorsus est a Iano . . Daher Janus in einigen Geschlechtern patricischer Abkunft gradezu als Urheber des Geschlechts wie sonst der Genius verehrt wurde. So gab es in Rom ein altes Denkmal des Zweikampfs der Horatier und Curiatier, das sogenannte Sororium Tigillum, eine Art von Joch in einer der lebhaftesten Straßen, unter welchem der Sage nach der letzte Horatier zur Sühne des Schwestermords hatte hindurchgehn müssen. Daneben sah man zwei Altäre, welche der Iuno Sororia und dem Ianus Curiatius geweiht waren, jener wegen der getödteten Schwester, diesem wegen des Todes der Curiatier, Fest. p. 297, Dionys. III, 22, Labeo bei Io Lydus d. Mens. IV, 1, nach welchem Schriftsteller es sogar einen eignen Ianus Patricius in Rom gab, welcher von den ältesten und eingebornen Geschlechtern vermuthlich in ähnlicher Weise verehrt wurde wie Apollon πατρῷος von den Ioniern in Athen. Nimmt man dazu daß Ianus von den Saliern gefeiert wurde als duonus cerus d. h. als creator bonus ( S. 70 ), daß er bei ihnen der Gott der Götter hieß und von Andern der Aelteste von allen Göttern genannt wird und der Gott des Anfangs schlechthin, aller Dinge, aller Zeiten, aller Götter Iuvenal S. VI, 393 dic antiquissime Divum – Iane Pater . Herodian 1, 16 ϑεὸς ἀρχαιότατος τῆς Ἰταλίας ἐπιχώριος. Martial X, 28, 1 annorum mundique sator . Septim. Seren. Anthol. 1, 191 O cate rerum sator, o principium deorum, – cui reserata mugiunt aurea claustra mundi. Paul. p. 52 cui primo supplicabant veluti parenti et a quo rerum omnium factum putabant initium. , so ist es auffallend 153 genug daß sich aus solchen Vorstellungen nicht eine bestimmtere kosmogonische Anschauung, etwa die eines kosmischen Demiurgen entwickelt hat. Und wirklich hatte der Begriff dieses Gottes sich bei einigen Denkern und Gelehrten bis dahin erweitert. Namentlich verweist Macrobius auf eine Schrift des M. Valerius Messalla, eines Zeitgenossen des Cicero, worin derselbe vom Janus gesagt hatte: »Der Alles bildet, Alles regiert, alle Elemente, die nach unten drängende Natur des Wassers und der Erde und die nach oben entschwebende des Feuers und der Luft in der Wölbung des Himmels verbunden und dadurch für immer an einander gekettet hat«; vgl. Io Lydus d. Mens. IV, 1, nach welchem derselbe Messalla den Janus für identisch mit dem Aeon d. h. im Sinne der damaligen Theologie für den Demiurgen erklärte. Aehnliche Vorstellungen hatte Varro ausgesprochen und durch eine sehr gezwungene Auslegung des gewöhnlichen Doppelkopfes unterstützt, Augustin C. D. VII, 7. 8, daher sie sich bei Ovid. Fast. I, 103 ff. wiederholen und Martial X, 28 den Ianus den Schöpfer aller Jahre d. h. der Zeit und dieser ganzen schönen Weltordnung nennt. Möglich daß solche Gedanken durch die Etrusker angeregt wurden, deren Litteratur grade damals in Rom zugänglicher geworden war. Wenigstens sollen auch sie den Janus als einen Gott des Himmels und als den göttlichen Aufseher über alles Geschäft verehrt haben Varro sagte nach Io Lydus d. Mens. IV, 2 im 14. B. Rerum Divinarum vom Janus αὐτὸν παρὰ Θούσκοις οὐρανὸν λέγεσϑαι καὶ ἔφορον πάσης πράξεως. . Daß aber bei diesem merkwürdigen Volke auch kosmogonische Bilder und Vorstellungen seit alter Zeit in der Litteratur ihrer Priester gepflegt wurden, beweist das vielsagende Bruchstück bei den Gromat. vet. p. 350: Scias mare ex aethera remotum. Cum autem Iuppiter terram Etruriae sibi vindicavit etc., nach welchem also der Aether d. h. der reine leuchtende Himmel als das Erste gesetzt wurde und das Meer und die Erde erst durch Absonderung und Niederschlag aus demselben entstanden sind, doch wohl unter Betheiligung einer demiurgischen Gotteskraft. In Rom erinnerten zunächst alle Thüren und Thore an Janus, denn sie hießen ja nach ihm ianuae und iani, bei welchem letzteren Worte immer speciell der Durchgang zu verstehen ist, entweder durch einen über die Straße geschlagenen Bogen oder 154 durch ein verschließbares Thor, auch die Stadtthore Z. B. bei der p. Carmentalis s. Becker Handb. d. röm. Alterth. 1, 137. Besonders häufig genannt wurden die drei Iani auf dem Forum, in welcher Gegend die Wechsler ihre Buden hatten, Horat. Ep. I, 1, 54 c. intpp. Nachmals baute Domitian durch die ganze Stadt viele Iani und arcus, von denen die letzteren als Triumphbögen mit Quadrigen, Spolien, Bildern der Feldzüge und des Siegs geschmückt waren, Sueton Domit. 13. . Also alle Thore und alle Bogen erinnerten an ihn, viele aber waren ihm auch ausdrücklich geheiligt, namentlich solche die auf Märkten und besonders lebhaften Straßen oder Kreuzwegen lagen, in welchem Falle sein Bild darin aufgestellt und aus dem Doppelbogen auch wohl ein verschließbarer Tempel mit zwei Thüren, aus dem doppelten Doppelbogen mit einem Ianus quadrifrons ein entsprechender Tempel mit vier Eingängen wurde. Unter diesen Tempeln war keiner so alt, so bedeutsam und ehrwürdig als der Ianus Geminus am Forum, als dessen Stifter immer Numa genannt wird. Wegen seiner kriegerischen Bestimmung führte dieser alte Janus und nur dieser den Beinamen Quirinus d. i. nach Macrob. I, 9, 16 quasi bellorum potens, ab hasta quam Sabini curin vocant, vgl. Lucan. Phars. I, 62 belligeri limina Iani. Wirklich gab es in den Urkunden der Pontifices eine Vorschrift des Numa über die auf Veranlassung von sogenannten spoliis opimis darzubringenden Opfer, daß in gewissen Fällen der Art dem Ianus Quirinus ein Schaafbock geopfert werden solle, Fest. p. 189, 16, vgl. Plut. Marcell. 8, und der Historiker Piso erzählte von dem Gesetze Numas daß dieser Bogen oder dieses Thor immer offen stehen solle, nisi quom bellum sit nusquam, Varro l. l. V, 165. Das ist der bekannte Gebrauch von welchem bei den Dichtern und Historikern so oft die Rede ist und um deswillen Livius I, 19 sagt, Numa habe diesen Janus gemacht zu einem index pacis bellique, apertus ut in armis esse civitatem, clausus pacatos circa omnes populos significaret. Ueber die Lage dieses Janus sind wir genau unterrichtet; er stand nehmlich an der sehr lebhaften Straße, welche von dem alten Forum zu dem des Cäsar führte, daher er in Folge der großen Bauten Domitians grade vor dem Senatsgebäude dieses Kaisers zu stehen kam, welches in jener die beiden Foren verbindenden Straße lag Ovid Fast. I, 257. 263, Procop. de bello Goth. I, 25, Becker Handb. I, 255 ff., 348 ff. Becker scheint mir auch S. 119 die Hypothese Niebuhrs, daß dieser Janus ursprünglich auf den Verkehr der Römer auf dem Palatin und der Sabiner auf dem Quirinal berechnet gewesen sei, treffend widerlegt zu haben. . Sehr unklar 155 ist dagegen die Ursache jenes alten Gebrauchs, diesen Janus offen zu halten so lange es einen Krieg gab und nur dann zu schließen wenn überall Friede war, zumal da die Alten sehr verschiedene Gründe angeben. Einige erzählen eine Stadtlegende, wie sich dergleichen schon im alten Rom im Munde des Volkes nach gegebenen örtlichen Merkwürdigkeiten bildeten und im Laufe der Zeit immer ungenirter fortwucherten. Als die Römer und Sabiner unter Romulus und T. Tatius um das Forum kämpften, habe der römerfreundliche Janus die durch das offene Thor andringenden Sabiner vermittelst eines plötzlich entsprungenen heißen Schwefelquells zurückgejagt, seit welcher Zeit das Thor ihm heilig geworden und nur in Friedenszeiten verschlossen sei, s. Ovid. Fast. I, 259 ff. Indessen wurde diese Legende nicht allein von diesem Thore, sondern auch von einem andern in einer andern Gegend der Stadt erzählt, wo auch ein solcher Sprudel und ein offenes Thor zu finden sein mochte, Macrob. I, 9, 17. Andre erklärten sich die Pforten dieses Janus als Pforten des Kriegs, als ob dieser Dämon in Friedenszeiten unter der Hut des Janus darin verschlossen sitze, im Kriege aber gegen die Feinde losgelassen werde, Virgil Aen. I, 293, VII, 607, Andre umgekehrt als Stätte des Friedens, als ob dieser bei verschlossenen Thoren vom Janus festgehalten werde, Ovid. Fast. I, 281 pace fores obdo, ne qua discedere possit, Horat. Ep. II, 1, 255 claustraque custodem pacis cohibentia Ianum. Am weitesten kommt man wohl wenn man sich den Janus auch hier als einen Gott alles Ein- und Ausgangs und alles geweiheten Anfangs denkt, mit dem der alte Glaube bei jedem wichtigen Unternehmen anhub, also gewiß auch bei jedem kriegerischen Unternehmen, zu welchem die Schaaren der bürgerlichen Jugend auf Leben und Tod ausrückten. Wie Janus seine Gläubigen auf allen Wegen behütete, so ganz vorzugsweise auf diesem, daher die Pforten seines Heiligthums offen standen so lange die Landesjugend im Felde war; denn die Oeffnung eines Tempels stellt symbolisch die begleitende Mitwirkung eines Gottes dar, daher der Tempel der Hora Quirini, einer alten sabinischen Segensgöttin immer offen gehalten wurde, weil man sie sich immer segnend und thätig dachte, Plutarch Qu. Ro. 46. Ist aber der Krieg glücklich beendet, das Heer zurückgekehrt, so wird der Tempel geschlossen, denn der Staat bedarf der Mitwirkung dieses Janus, des Janus Quirinus, des ausdrücklich für den glücklichen Anfang und Auszug zum Kriege geweiheten nun nicht mehr: eine Erklärung welche schon bei den Alten angedeutet 156 wird Serv. V. A. 1, 294 Ideo autem Ianus belli tempore patebat, ut eiusdem conspectus per bellum pateret, in cuius potestate esset exitus reditusque . . Gewiß ist daß bei diesem Tempel seit alter Zeit beim Ausbruch eines Krieges Opfer gebracht und gewisse sinnbildliche Gebräuche vorgenommen wurden, daher dieser Janus allein ein consecrirter war, Ovid. F. I, 257 cum tot sint iani, cur stas sacratus in uno? Virgil Aen. VII, 607 sunt geminae belli portae – religione sacrae et saevi formidine Martis. Virgil, der diese Gebräuche für ein altes latinisches Herkommen hielt, erzählt daß, sobald ein Krieg vom Staate beschlossen war, der Consul mit einer Quirinalischen Trabea angethan und nach Gabinischer Weise gegürtet, die Thore des Tempels geöffnet und zur Schlacht gerufen habe, welchen Ruf die Jugend und schmetternde Kriegstrompeten wiederholten. Höchst wahrscheinlich wurden auch beim Abschluß des Friedens und dem Wiedereinrücken der Bürger entsprechende Gebräuche verrichtet, zumal da Numa immer als der Friedensfürst geschildert wird und Janus seiner Natur nach mehr den Frieden als den Krieg lieben mußte. Indessen wurde ein Friede mit allen Nachbarn in Rom immer seltener; daher das außerordentliche Gewicht, welches auf die Schließung dieses Janus gelegt wurde. Nach Livius I, 19 war er seit der Zeit des Numa nur zweimal geschlossen worden, einmal im J. 235 v. Chr., sechs Jahre nach dem Frieden des ersten punischen Kriegs, wo er aber noch in demselben Jahre wieder geöffnet wurde, Varro l. l. V, 165, zum zweitenmal im J. 29 v. Chr., als August nach der Schlacht bei Actium und einem Aufenthalte in Griechenland, Asien und Aegypten den Frieden auf die Dauer gesichert zu haben glaubte. Indessen ist der Tempel auch damals nicht lange verschlossen geblieben, da August selbst sich rühmt Mon. Ancyr. Cum post Romam conditam Ianum Quirinum (das war der officielle Name. Bei Horat. Od. IV, 15, 9 heißt es ungenau Ianum Quirini) bis omnino clausum ante me fuisse prodatur memoriae, ter me principe claudendum esse decrevit Senatus. Vgl. Sueton Octav. 22. daß der Janus dreimal von ihm geschlossen sei, nehmlich zum zweitenmal im J. 25 v. Chr. und zum drittenmal im Jahre der Geburt Christi. Nach ihm rühmte sich Nero noch einmal der Welt den Frieden gegeben und den Janus geschlossen zu haben, daher auf seinen Münzen dieser Tempel oft zu sehen ist, ein kleines und niedriges Gebäude mit verschlossener Thür und von außen angebrachten Gewinden Vgl. Ovid F. I., 275 Ara mihi posita est parvo coniuncta sacello , Haec adolet flammis cum strue farra suis. . 157 Außer diesem Heiligthum des Janus scheint es ein gleichfalls sehr altes und angesehenes auf oder bei dem Janiculum gegeben zu haben, welches Castell bekanntlich von dem Könige Ancus Marcius zum Schutze des Uebergangs über den Tiber und des Verkehrs auf diesem Strom angelegt wurde, zumal da Janus nach herkömmlicher Ueberlieferung auf dem Janiculum gewohnt hatte Virgil Aen. VIII, 358, Ovid F. I, 245, Macrob. I, 7, 19 u. A. Jedenfalls war hier ein alter und wichtiger Durchgang, s. Paul. p. 104 Ianiculum dictum quod per eum (montem) Romanus populus primitus transierit in agrum Etruscum . . Auch befanden sich dort alte Altäre seines Sohnes Fons oder Fontus und in dessen Nähe das Grab des Numa Cic. de Leg. II, 22, 56 wo mit den besten Handschriften zu lesen ist ad Fontis aras. Vielleicht sind zwei Altäre anzunehmen, wie bei der Quelle in der Nähe von Laurentum, s. S. 151 . Vgl. Arnob. III, 29, Becker Handb. I, 656. . Weiter ist auszuzeichnen der Ianus Quadrifrons mit einem entsprechenden Gebäude im Velabrum, der erste in seiner Art, da das darin befindliche Bild mit vier Gesichtern von Falerii gebracht worden war, vermuthlich im J. 461 d. St., 293 v. Chr., Macrob. I, 9, 13, Serv. V. A. VII, 607. Bekanntlich hat sich dieses Gebäude, welches auf einem lebhaften Kreuzwege lag, in später Restauration bis auf diesen Tag erhalten. Ferner gab es einen Tempel des Ianus Geminus beim Theater des Marcell, gleich vor dem Carmentalischen Thore und wieder in einer sehr lebhaften Gegend, da der ganze Verkehr zwischen dem Ochsenmarkte und dem Circus Flaminius hier durchrauschte; C. Duilius hatte ihn im ersten punischen Kriege gestiftet und Augustus und Tiberius restaurirten ihn, daher die Kalender ihrer Zeit an bestimmten Tagen Opfer bei diesem Janus vorschreiben Kal. Capranic. XVI Kal. Sept. Iano ad theatrum Marcelli . Kal. Amitern. XV Kal. Nov. Iano ad Marcelli . Vgl. Tacit. A. II, 49 und Becker S. 138. 259. . Endlich wurden alle diese Gebäude an Pracht und Größe bei weitem übertroffen durch den Ianus Quadrifrons auf dem Durchgangsforum (f. transitorium) des Nerva, wo Domitian dieses bis in das Mittelalter erhaltene Gebäude errichtet hatte, Martial. X, 28. Also lauter lebhafte Passagen, daher es kein Wunder ist wenn die Römer sich ihren Janus nicht blos als den allgemeinen Schließer sondern auch als rüstigen Wanderer dachten und deshalb seine Bilder, wenn er in ganzer Figur dargestellt wurde, außer dem Schlüssel mit einem Wanderstabe ausrüsteten, Ovid F. I, 99 ille tenens baculum dextra 158 clavemque sinistra, Macrob. I, 9, 7 cum clavi et virga figuratur, quasi omnium et portarum custos et rector viarum. Wie Janus aber als Gott des glücklichen Ein- und Ausgangs in allen Häusern, allen Straßen, allen Städten gedacht wurde, so scheint er auch ein Gott der Häfen gewesen, also als Portunus verehrt worden zu sein, obwohl dieser Name später gewöhnlich auf den griechischen Melikertes übertragen wurde. Portus war in der älteren Sprache ein Gebäude zum Ein- und Ausgehn In den Zwölftafelgesetzen stand portus noch für domus, s. Fest. p. 233. Die Wurzel ist πόρος, vgl. hortus von chors. Ueber Portunus vgl. Paul. p. 56 claudere et clavis ex Graeco descendit, cuius rei tutelam penes Portunum esse putabant, qui clavim manu tenere fingebatur et deus putabatur esse portarum . Die Inschrift b. Or. n. 1585 Iano Portuno ist verdächtig. , also auch das Haus, daher Portunus ganz richtig für einen Gott sowohl der Thore als der Häfen genommen ward und so gut wie Janus den Schlüssel in der Hand führte, also in der That eigentlich Janus war, nur daß die gemeine Praxis des Hafen- und Seelebens aus der besondern Eigenschaft des allgemeinen Geleitgottes einen besondern Hafengott gemacht hatte. Als solcher hatte er einen Tempel am Tiberhafen in der Nähe des pons Aemilius, wo am 17. August eigne Portunalia gefeiert wurden, unter dem Aventin, wo noch jetzt die Tiberschiffe anzulanden und auszuladen pflegen Varro l. l. VI, 19 Portunalia dicta a Portuno, cui eo die aedes in portu Tiberino facta et feriae institutae. Intp. Veron. Aen. V, 241 Portunus, ut Varro ait, deus port[uum porta]rumque praeses. Quare huius dies festus Portunalia, qua aput veteres claves infocum add . . . mare institutum. Ich lese: quo apud veteres aedes in portu et feriae institutae . Vgl. die alten Kalender XVI Kal. Sept. . Daß dieser Cultus alt und volksthümlich war beweist der plebejische Flamen Portunalis b. Fest. p. 217. Es kommt hinzu, daß Janus für den Gemahl der See- und Quellengöttin Venilia galt, endlich daß Janus auch für den Erfinder des Schiffbaues gehalten wurde; wenigstens erklärte man sich so das gewöhnliche Gepräge des römischen As, Januskopf und Schiff, obwohl Andre dabei an das Schiff dachten, welches den Saturnus über See zum Janus brachte Athen. XV p. 692 E. vgl, Ovid F. I, 233 ff., Plutarch Qu. Ro. 41, Macrob. S. 1, 7, 22. . Ist jene Erklärung richtig, und sie wird dadurch daß Janus der eigentliche italische Gott des Geschäftsverkehres zu Wasser und zu Lande war, sehr empfohlen, so würde sich dadurch auch das gleichartige Gepräge der etruskischen Seestadt Telamon erklären. Regelmäßige Festtage des Janus waren alle ersten 159 Monatstage , wo dem Ianus Iunonius neben der Juno geopfert wurde, daher ihm, leider ist nicht gesagt wo und von wem, zwölf Altäre für eben so viele Monate geweiht waren, und zwar bestand das gewöhnliche Opfer an diesen Tagen in einem Opferkuchen, den man Ianual nannte Varro b. Macrob. I, 9, 16, Paul. p. 104. Vgl. Io Lyd. d. Mens. IV, 2. wo u. a. ὁ δὲ Βάρρων – καὶ Ποπάνωνα (αὐτὸν λέγεσϑαι) διὰ τὸ ἐν ταῖς καλάνδαις ἀναφέρεσϑαι πόπανα. . Ohne Zweifel war unter diesen Festtagen der erste Januar in dem nach ihm benannten Monate von jeher besonders feierlich. Außerdem wurde in diesem Monate der neunte Tag durch eine Opferhandlung in der Regia ausgezeichnet, welche mit einem alterthümlichen, der Opferpraxis entlehnten Worte Agonia oder Agonalia genannt ward und in den römischen Kalendern zu wiederholten malen vorkommt, aber dem Janus soviel wir wissen nur an diesem Tage des Januar galt Varro spricht von mehreren Tagen, l. l. VI, 12 Agonales (dies) per quos rex in regia arietem immolat, dicti ab agone? eo quod interrogatur a principe civitatis et princeps gregis immolatur. Vgl. Paul. p. 10 Agonium und Ovid F. I, 317 ff. In den Kalendern sind noch drei andre Tage mit AGON, AGO oder AG bezeichnet, der 17. März, der 21. Mai und der 11. December, doch ist dabei nur an den alterthümlichen Ritus, nicht an ein und dasselbe Fest zu denken. Ovid F. V, 721 ad Ianum redeat qui quaerit Agonia quid sint verweist seine Leser auf das was er über diesen Ausdruck im Mt. Januar gesagt habe. . Das Characteristische bestand an demselben darin daß ein Widder, und zwar als Führer seiner Heerde (princeps gregis) geopfert wurde und daß der opfernde Priester der Rex Sacrorum, ursprünglich ohne Zweifel das wirkliche Haupt des Staates (princeps civitatis) war, indem übrigens die bei allen Agonien herkömmliche Förmlichkeit beobachtet wurde. Der Opfernde that nehmlich die solenne Frage agone? d. h. soll ich das Opfer herbeiführen? und erst nachdem es ihm ausdrücklich geheißen war, brachte er das Opfer dar. Unverkennbar entsprechen sich bei jenem alten Gebrauche der princeps civitatis d. i. der Rex und der princeps gregis d. i. der Widder als Opfer, höchst wahrscheinlich sollte aber auch hier der Gott Janus als der Erste, der Anfängliche, als princeps deorum gefeiert werden, und vermuthlich geschah dieses ursprünglich mit Beziehung auf die Jahreszeit, da die Tage eben wieder anfingen länger zu werden, das uranfängliche Licht der Sonne zur Erde zurückzukehren. Eine bedeutendere und allgemeine Neujahrsfeier zu Ehren des Janus war freilich erst dann möglich als die Kalenden nach dem kürzesten Tage von Staatswegen Neujahrsanfang geworden waren, d. h. seit dem J. 601 d. St., 160 153 v. Chr., seit welcher Zeit die Consuln ihr Amt Kalendis Ianuariis antraten, was zu der allgemeinen Lust des Tages den eben so feierlichen als stattlichen Act des Zuges der neuen Consuln auf das Capitol hinzufügte. Durch die ganze Stadt, ja durch ganz Italien und alle von römischer Sitte bestimmte Provinzen war der erste Januar nun der Tag des neuen, des glücklichen Anfangs, wo man sich auf jede Weise des Guten und Glücklichen zu versichern suchte, so daß der alte Gott des neuen Anfangs nun erst recht zu Ehren kam. Alles bat ihn gleich mit dem ersten Tagesanbruch um günstige Zeichen, Alles vermied auf das ängstlichste jede Störung, jeden Streit, jede Mühe, da nach römischem Glauben bei jedem Werke unendlich viel auf einen guten Anfang ankam: Alles wünschte sich unter einander Glück und beschenkte sich mit geringen, aber Glück und Annehmlichkeit und einen gesegneten Anfang bedeutenden Geschenken, s. Ovid F. I, 71 ff, Plin. H. N. XXVIII, 2, 5. Vorzüglich beliebt waren zu diesem Behuf die sogenannten strenae, von denen sich eine letzte Spur bekanntlich in den französischen étrennes erhalten hat. Das war ein sehr alter Brauch, dessen Name mit dem Culte der sabinischen Segensgöttin Strenia, einer Art von Salus zusammenhängt, aus deren Hain schon zur Zeit des T. Tatius d. h. seit der ersten Begründung des sabinischen Auguralwesens auf der Arx ( S. 110 ) beim Jahresanfang Glück verheißende Zweige auf die Arx getragen sein sollen. Aus diesem alten Gottesdienste war der populäre Gebrauch entstanden, sich in Erinnerung der alten Heilsgöttin allerlei Glück und Heil verheißendes Laub, jetzt namentlich die Apollinischen Lorbeer- und Palmzweige mit entsprechenden Glückwünschen und mit allerlei Geschenken zuzuschicken, welche vorzugsweise in allerlei süßen Dingen bestanden, Feigen, Datteln und Honigkuchen, zum guten Omen daß das neue Jahr nur Süßes und Angenehmes bringen möge, s. Ovid F. I, 185 ff., Martial. VIII, 33, 11; XIII, 27. Dazu fügte man auch eßbare Eicheln, welche an die älteste Vorzeit des Waldes, und einige Stücke der altherkömmlichen Asses mit dem Januskopfe und dem Schiff, welche an die gesegnete Vorzeit des Janus und Saturnus und den neuen guten Anfang in allen Dingen erinnern sollten, sammt andern Münzen mit andern zu der Weihe des Tages passenden Symbolen; daher auf jenen Asses die häufige Bekränzung des Janus mit Lorbeer, wie man denn nun dem alten Gotte auch die Erfindung des Kranzes zuschrieb Athen. XV p. 692 E, Klausen Aeneas u. d. P. 714. . Endlich fügte 161 man einen guten Wunsch hinzu und bediente sich zu diesem Zwecke, um alle diese Dinge in einem Miniaturbilde zu vereinigen, gerne jener eben so unscheinbaren als zierlichen Lampen von Thon oder Bronze mit dem Bilde einer Victoria, die einen Schild mit der Inschrift Annum Novum Faustum Felicem mihi oder tibi sit in der Hand trägt und von den kleinen Bildern eines Lorbeerblatts, eines Zweiges mit Datteln, eines Haufens gepreßter Feigen, einer Eichel, einem As mit dem Januskopfe und andern Münzen umgeben ist, wie sich davon verschiedene erhalten haben Z. B. die irdene bei Passeri luc. fictil. 1, 6 und die bronzene aus Pompeji in der Sammlung von Roux VI t, 48, vgl. Böttiger kl. Schr. 3, 307 ff., Fabretti Inscr. p. 500 n. 36. 37, Mommsen I. N. 6308, 2–4. Für Hadrian und Antoninus Pius bestimmte Münzen mit der Inschrift S. P. Q. R. A. N. F. F. d. h. Senatus Populusque Romanus Annum Novum Faustum Felicem bei Eckhel D. N. VI p. 508; VII p. 11. . Namentlich wurden die vornehmen Gönner von ihren Clienten mit solchen Gaben begrüßt, ja selbst die Kaiser verschmähten es nicht sich von ihren getreuen Unterthanen an diesem Tage mit vollen Händen beschenken zu lassen und wieder zu schenken; der finstre Tiberius mußte dem Andrang der Gaben und Glückwünsche, welche sich nicht immer am ersten Tage des neuen Jahres anbringen ließen, durch ein eignes Edict steuern Sueton Octav. 57, Dio Cass. LIV, 31, Sueton Tiber 34, Calig. 42, Nero 46. Die Sitte dauerte bis auf Arcadius und Honorius. . Auch pflegte ein Jeder sein tägliches Geschäft an diesem Tage durch einen kurzen und glücklichen Anfang, aber nur durch diesen für das ganze Jahr zu weihen, sowohl auf dem Lande als in der Stadt, so sehr war man davon überzeugt daß was an diesem Tage gut von statten gehe auch für die Folge glücken müsse Ovid F. 1, 167 Quisque suas artes ob idem delibat agendo Nec plus quam solitum testificatur opus. Vgl. Seneca Ep. 83, Columella d. r. r. XI, 2, 98. . Die größte Feierlichkeit aber für die ganze Stadt war jenes erste Hervortreten der neu gewählten Magistrate, namentlich der Consuln an demselben ersten Januar, indem auch sie nun an diesem Tage ihr Amt unter feierlichen Opfern und Gebeten antraten. Vor Tagesanbruch erhoben sie sich, um unter freiem Himmel nach günstigen Zeichen zu suchen, legten darauf in ihrem Hause die amtliche Kleidung an, empfingen die Glückwünsche von ihrem Anhange und den Senatoren und zogen darauf, während alle Altäre dampften, in der Begleitung des Senats, der Ritterschaft und einer zahlreichen Menge hinauf 162 zum Capitol, um dort dem Jupiter O. M. als höchstem Schutzherrn des römischen Staates das gewöhnliche Opfer auserlesener weißer Farren darzubringen und gleich darauf die erste Senatssitzung zu halten Ovid ex Ponto IV, 9, 7, Fast. 1, 75 ff, Becker Handb. II, 2, 122 ff. Die Beschreibung bei Io Lyd. IV, 3 kann höchstens für die Zeit der späteren Kaiser gelten. . Der zweite Tag galt in jedem Monate für einen unglücklichen ( S. 143 ), daher auch in diesem erst der dritte zu einer neuen Feier bestimmt war, nehmlich zu der der Gelübde für das Wohl des Kaisers, weshalb dieser Tag gewöhnlich zum Unterschiede von den Opfern der Kalendae Ianuariae schlechthin der Tag der Vota genannt wurde. Es waren dieses die üblichen Vota pro salute principis d. h. Opfer und Gebete, welche von den höchsten Magistraten unter Mitwirkung der Pontifices und andrer Geistlichen für das Wohl des Kaisers und des kaiserlichen Hauses, wie sie im vorigen Jahre gelobt worden waren, den Göttern dargebracht und von neuem versprochen und in dieser Form von Jahr zu Jahr immer zugleich geleistet und von neuem concipirt wurden Marini Atti Arv. p. 56, Avellino Opusc. III p. 241 sqq.; Marquardt Handb. d. R. A. IV, 219, wo ich aber den Beweis vermisse, daß am ersten Januar von den neuen Consuln vota pro salute reipublicae concipirt wurden. Dio Cass. 21, 19 spricht von öffentlichen Gebeten der Priester im Allgemeinen. Tacitus IV, 70 unterscheidet ausdrücklich die Sacra des ersten und die Vota des dritten Januars. . Beide Feierlichkeiten, sowohl die Sacra des ersten Januars als die Vota des dritten, haben sich bis in sehr späte Zeit erhalten. Neben diesen Festlichkeiten bildete und erhielt sich allerlei volksthümliche Ueberlieferung vom Janus, in welcher er bald als der erste und anfängliche Landeskönig erscheint, bald als Gatte und Liebhaber von verschiedenen Nymphen und Göttinnen, wie sie eben zu seiner Natur paßten. Es war eine heilige und selige Zeit, erzählte man sich, als Janus regierte, eine Zeit wo Götter und Menschen noch in ununterbrochenem Verkehre standen Ovid F. 1, 247 Tunc ego regnabam patiens cum terra deorum esset et humanis numina mixta locis. . Alles war voll Unschuld und Sicherheit und immer dampften die Altäre von lodernden Opfern, daher dem Janus alle Eingänge und Ausgänge der Häuser geheiligt blieben und, weil er die Menschen opfern und beten gelehrt, bei jedem Opfer immer zuerst seiner gedacht wurde. Seine Residenz sei das Janiculum gewesen, behauptete man in Rom, doch habe er anfangs 163 gemeinschaftlich mit einem andern eingebornen Könige Cameses regiert, nach welchem das Land Camasene genannt worden sei, dann aber allein und mit solcher Umsicht und Weisheit, daß man ihm deshalb später das doppelte Gesicht zugeschrieben habe Ein beliebter Witz, s. Seneca de morte Claudii 9 qui semper videt ἅμα πρόσσω καὶ ὀπίσσω . Pers. 1, 58 O Iane , a tergo quem nulla ciconia pinsit. . Hernach sei Saturnus über See zu ihm gekommen und dem Janus ein Lehrer im Ackerbau und vielen nützlichen Erfindungen geworden, namentlich im Münzprägen und im Schiffbau. Andre Schriftsteller nennen Camesene oder Camasene die Schwester oder die Frau des Janus, mit welcher er den Flußgott Tiberinus erzeugt habe Serv. V. A. VIII, 330, Demophilus b. Athen. XV p. 692 E., Plutarch Qu. Ro. 22, welche Schriftsteller mit thessalischen und epirotischen Völkernamen bei diesem Paare anknüpfen. Camese könnte stehen für Camere, vgl. Tutere. ; wobei entweder eine den römischen Carmentes und Casmenen verwandte Quellengöttin oder eine Erinnerung an den alten umbrischen Stammnamen der Camertes zu Grunde liegt, welcher sich in der Umgegend von Clusium lange behauptet hatte. Andre Ueberlieferungen nannten die Fluß- und Seegöttin Venilia seine Gattin und Canens, die schöne und gesangreiche Nymphe, die zärtliche Gattin des laurentischen Picus, seine Tochter, Ovid Met. XIV, 335 ff., wieder andre nannten ihn Gemahl der durch ganz Latium verehrten Heil- und Segensgöttin Juturna und Vater des Fontus, Arnob. III, 9, lauter Erzählungen in denen seine alte Natur des Ursprungs- und Quellengottes deutlich durchblickt. Dahingegen das naiv drollige Volksmährchen von seiner Liebe zur Carna bei Ovid F. VI, 101 ff. speciell den Gott alles Aus- und Eingangs vor Augen hatte, wie diese Göttin alle Liebe und Liebhaber floh, bis kein Versteck sie vor dem Doppelgesicht des Janus zu schützen vermag und der mächtige Gott dann ihre Hingebung mit dem Ehrenamte über alle Thüren und Schwellen und mit der Gabe des Weißdorns belohnt, einem wirksamen Gegenzauber gegen jede Anfechtung der Strigen Bei Martian. Cap. 1, 4 Ianusque Argionam utraque miratur effgie ist wohl zu lesen Carnam . . Schließlich mag von dem bekannten Doppelkopfe des Janus und von andern bildlichen Darstellungen des auch in dieser Hinsicht eigenthümlichen Gottes die Rede sein. Obwohl es die Frage ist ob der Doppelkopf eine eigenthümliche Erfindung des 164 alten Italiens ist oder ob auch dieses Symbol den Etruskern und Römern von den Griechen zukam, da es sich bei diesen in sehr verschiedner Anwendung findet, namentlich auch in dem alten Bilde des gestirnten Himmels Argos, den Hermes tödtet. Genug man findet diesen Doppelkopf nicht blos auf römischen Münzen, sondern auch auf den etrurischen von Volaterrä und Telamon und den campanischen von Capua; ja nach Athen. XV p. 692 E hätten auch sonst viele Städte in Griechenland, Italien und Sicilien mit dem Januskopfe und einem dem römischen As entsprechenden Reverse gemünzt. Was Rom betrifft so ist es kaum wahrscheinlich daß dieses Gepräge dort erfunden wurde, daher man aus dem Schiffe auf der Kehrseite nicht zu viel folgern sollte. Immer sind beide Gesichter des Doppelkopfs von derselben Bildung, in Rom bärtig, in Volaterrä und Capua beide unbärtig, wobei vielleicht die Verehrung des Quellengottes Fontus, des jüngeren Janus zu Grunde liegt, dessen Doppelkopf auf den Münzen der römischen Familie Fonteia gleichfalls unbärtig erscheint. Wie nahe die bärtige griechische Doppelherme dem römischen Januskopfe stand, sieht man daraus daß Augustus ein Bild für diesen, man wußte nicht ob es ein Werk des Scopas oder des Praxiteles war, aus Aegypten (doch wohl aus Alexandrien) mitbrachte, Plin. H. N. XXXVI, 5, 4, 28. Eine Bildung, wo der eine Kopf bärtig, der andre unbärtig wäre, dürfte aus älterer Zeit nicht nachzuweisen sein, doch sieht man einen Janus in ganzer Figur mit solchem Doppelkopfe auf Münzen des Kaisers Gallien. Ueberhaupt scheinen die Bilder in ganzer Figur auch beim Janus mit der Zeit gewöhnlich geworden zu sein. Bereits erwähnt ist die mit den Attributen des Schlüssels und des Stabes: bei andern hatte man die Finger der rechten Hand so gestellt, daß sie die Zahl CCC, die der linken daß sie die Zahl LXV, also beide zusammen die Zahl der 365 Tage des Jahres darstellten Plin. XXXIV, 7, 16, Macrob. S. 1, 9, 10, Suid. v. Ἰανουάριος, Io Lyd. IV, 1. Ein Janusbild mit dem Stabe hat Panofka auf einer Gemme nachgewiesen. Auf der M. Galliens erscheint Janus stans togatus d. vateram s. sceptrum . Eckhel D. N. VII p. 396. . 2. Jupiter. Dieser Name ist ein Compositum wie Marspiter, die Wurzel der ersten Silbe aber ist Iov oder Iû, wie sie deutlicher in 165 dem der älteren Sprache noch sehr geläufigen Namen Diovis oder Jovis hervortritt. Jene Wurzel, ein Erbgut aller indogermanischen Stammsprachen und mythologischen Systeme, bedeutet in ihnen den lichten Himmel, die Tageshelle, den ätherischen Glanz des Lichtes der vom Himmel ausgeht; und sie hat allen jenen Völkern zur Bezeichnung des höchsten Gottes, ja der Götter überhaupt gedient, weil die natürliche Erscheinung des Himmels mit dem leuchtenden Gewölbe, dem Alles durchdringenden und belebenden Lichte, der furchtbaren Gewalt des Blitzes, dem befruchtenden und sättigenden Regen ihrer Vorstellung von der Natur der Götter am nächsten kam Lucret. V, 1186 in caeloque deum sedes et tempta locarunt, per caelum volvi quia lux et luna videtur, luna, dies et nox et noctis signa serena, noctivagaeque faces caeli flammaeque volantes, nubila, sol, imbres, nix, venti, fulmina, grando et rapidi fremitus et murmura magna minarum. . So heißt der Himmel im Indischen djaus und die Perser nannten ihn und ihren höchsten Gott mit demselben Namen in wenig veränderter Form, Hesych. v. Δίαν, Herod. I, 131. Bei den Griechen ist der gewöhnliche Name Ζεὺς nur eine scheinbare Abweichung, da Ζ aus dj entstanden ist (ζυγόν = jugum), in den Declinationsformen Διός u. s. w. der alte Wurzelklang alsbald wieder hervorbricht, und bei den Kretern die Form Δήν für Ζήν im gewöhnlichen Gebrauche sich erhalten hatte. In Rom ist die Verwandtschaft von Diovis oder Jovis mit Divus, Dius, Dii von Varro, Verrius und andern Forschern anerkannt worden Varro l. l. V, 66 oben S. 45 , vgl. Lachmann z. Lucret. IV, 211, wo auch über sub diu und sub divo . Paul. p. 71 Dium antiqui ex graeco appellabant ut a deo ortum et diurnum sub caelo lumen , ἀπὸ τοῦ Διός. Unde adhuc sub diu fieri dicimus quod non fit sub tecto et interdiu cui contrarium est noctu. Ib. 87 Dialis autem appellatur (flamen) a dio , a quo vita dari putabatur hominibus , weil vom Himmel Licht und Leben kommt. Fest. p. 185 Dialis – universi mundi sacerdos, qui appellabatur dium , wo mundus i. q. caelum ist, vgl. Lucret. V, 1434 vigiles mundi magnum versatili' templum Sol et luna suo lustrantes lumine circum. , obgleich sie nicht die richtige Folgerung für die Wurzelbedeutung ihres Jupiter daraus zu ziehn wußten. Auch der etruskische Name des Tinia oder Tina, welcher dem griechischen Zeus entsprach, hängt gewiß mit demselben Stamme zusammen, mag man ihn nun für eine Nebenform des griechischen Δίς oder Δήν halten oder die Wurzel in nördlichen Göttersystemen suchen, endlich der 166 altdeutsche Zio, welchem ein gothisches Tius entsprach. In Italien war es die alte Gewohnheit der patriarchalischen Cultusanrufung ( S. 51 ), welche neben der sonst herkömmlichen Form Diuvis, Diovis, Iovis Διουϝει Γερσορει ταυρομ, Oskische Inschrift b. Mommsen Unterital. Dial. S. 191. Anonym. b. A. Mai Auct. Class. V p. 151 Legimus in Capro hic Iovis . Etiam Naevius, Attius, Pacuvius, omnes isti utuntur exemplo. Diove statt Iove auf einem Erztäfelchen aus republikanischer Zeit, Archäol. Ztg. 1846 n. 257. die Zusammensetzung Jupiter oder Juppiter gebildet hat, die aus Iov oder Iû-pater zu einem Worte verschmolzen ist und als solches die andre Namensform aus dem gemeinen Sprachgebrauche zuletzt verdrängt hat Varro l. l. VIII, 74 nunc in consuetudine aliter dicere, pro Iovis Iuppiter, pro bovis bos. Sowohl Jupiter als Juppiter findet sich auf Münzen und Steinen guter Zeit, doch ist eigentlich kein Grund zu der Verdoppelung des p, da Iupiter aus Iu–pater gebildet ist wie ju–cundus aus jov–cundus, nuper aus nov–per, vgl. naufragium, auspex, augur, nicht aus Iovispater, wie man in Rom gewöhnlich erklärte, s. Gell. V, 12. Die iguvinischen Tafeln haben gewöhnlich Iuvepater , daneben aber auch Iupater . Interessant ist Δειπάτυρος bei einem epirotischen Volke, s. oben S. 50, 47 . . Daneben hat sich, wie es scheint vorzüglich in der ritualen Praxis der Fetialen, als eine andre Zusammensetzung Diespiter erhalten d. i. speciell der Gott des lichten Tages, des Lichtes überhaupt in seiner physischen und moralischen Bedeutung. Also einen Guten Vater im Himmel meinten die alten Völker Italiens, wenn sie zu ihrem Jupiter beteten, einen Vater des Lichts, der im Himmel wohne und von dort seine Zeichen sende und alle himmlische und irdische Natur als höchster Gott regiere, keineswegs einen abstracten Gott der Hülfe, wie man seit Ennius den Namen Iupiter a iuvando zu erklären pflegte Ennius Epicharm. p. 169 Haece propter Iuppiter sunt ista (die Luft, der Wind, der Regen) quae dico tibi, quoniam mortalis atque urbes beluasque omnes iuvat . Vgl. Cic. N. D. II, 25, 64, Gell. N. A. V, 12 Iovem Latini veteres a iuvando appellavere eundemque alio vocabulo iuncto patrem dixerunt. ; vielmehr ist auch der Sinn dieses Wortes iuvare für alles Förderliche, Hülfreiche, Heilsame, Wohlthuende aus jener älteren Naturempfindung der Wurzel Iov zu erklären, die auch sonst noch in vielen bedeutsamen Worten und Zusammensetzungen ihre reiche Kraft bewährt. Die Sprache und die Gewohnheit war in dieser Hinsicht correcter als die gelehrte Etymologie, denn so lange man sub divo und interdiu sagte und in vielen Wendungen Jupiter anstatt des Himmels und seiner Erscheinungen nannte Cic. N. D. II, 25, 65 Hunc igitur Ennius – nuncupat ita dicens: Aspice hoc sublime candens, quem invocant omnes Iovem . – Hunc etiam Augures nostri, quum dicunt Iove fulgente, tonante . Horat. Od. 1, 1, 25 sub Iove frigido . III, 10, 7 audis ut glaciet nives puro numine Iupiter . Virg. Ecl. VII, 60 Iupiter et laeto descendet plurimus imbri . , 167 konnte die richtige Vorstellung nicht ganz verloren gehn. Auch sorgte der Cultus und manche alte Gebetsformel in Rom dafür, daß man bei diesem Namen immer zuerst seine Gedanken dahin richtete, wo der Mensch zu allen Zeiten die Quelle des Guten und alles göttlichen Segens gesucht hat und wo vollends die Völker, welche mit ihren Gedanken auf der Stufe der Naturreligion verweilten, im Hinblick auf alle die Wunder der himmlischen Erscheinungen und das tägliche Wunder des Lichtes, auf die Quelle des Regens, des niederfahrenden Blitzes und rollenden Donners Ennius Ann. 561 divum domus altisonum cael . Non. p. 180 Varro Bimarco: Tunc repente caelitum altum tonitribus templum tonescit. Lucret. II, 1030 Suscipito caeli clarum purumque colorem quaeque in se cohibet palantia sidera passim, lunamque et solis praeclara luce nitorem. 1039 caeli lucida templa . nothwendig alles Höchste und Erhabenste suchen mußten, was sie auf dieser Stufe der religiösen Erkenntniß überhaupt zu erfassen vermochten. Man darf für gewiß annehmen daß Jupiter nicht allein durch ganz Italien, sondern auch daß er überall im Wesentlichen als derselbe Gott verehrt wurde, als Gott der Höhen und des Himmels, als höchste Quelle aller Offenbarung durch seine himmlische Zeichen, auch als die aller Ordnung auf Erden, alles Sieges, aller letzten Hülfe und alles Heils; nur daß allerdings je nach der Natur der einzelnen Landschaften und dem Gemüth der Stämme auch die Auffassung dieses Gottes sich veränderte. So scheinen die Sabiner vorzugsweise von der Idee der lichten Reinheit und Heiligkeit des himmlischen Vaters, seiner höchsten Treue und der von ihm ausgehenden Stiftung alles Rechtes und aller Ordnung durchdrungen gewesen zu sein; wenigstens deuten darauf die vielen Reinigungen und Heiligungen, dem sich der von Numa eingesetzte Flamen Dialis unterwerfen mußte, der Dienst des Dius Fidius, der Fides, des Terminus, welche von den Sabinern abgeleitet wurden. Dahingegen bei den Etruskern Jupiter vorzugsweise für den Herrn der Blitze und aller Verhängnisse im Himmel und auf Erden galt, die er durch seine Blitze allein oder mit Hinzuziehung des Götterrathes lenkt ( S. 61 ), da sich in diesem an Wundern und Erscheinungen besonders 168 reichen Lande die Beobachtung und Verehrung des Volks und seiner Priester am meisten auf diesen Punkt fixirt hatte. Indessen verehrten auch sie und die Latiner, so sehr muß man sich vor einer Trennung der einzelnen Religionen Italiens hüten, den Jupiter zugleich als die höchste Quelle des Lichts und aller Ordnung, da Jupiter Lucetius und die Bedeutung der Idus, ferner die Verehrung des Jupiter Terminus, des Jupiter Rex und Imperator auch bei ihnen verbreitet war. Selbst die gemeinschaftliche Verehrung der drei höchsten Götter auf dem Capitol, des Jupiter, der Juno und der Minerva, scheint in Italien allgemein herkömmlich gewesen zu sein, da auch die Sabiner des römischen Quirinals ( S. 58 ) und die Etrusker (Serv. V. A. 1, 422) sich zu ihr bekannten. Fassen wir zuerst die Bedeutung des Jupiter im Naturleben bestimmter ins Auge, so tritt in Italien noch mehr als in den stammverwandten Religionen, namentlich auch in Griechenland, die Bedeutung des Lichtgottes in den Vordergrund, wie dieses schon der alte Cultusname Diespiter lehrt, ferner der gleichfalls sehr alte und verbreitete Name Lucetius, unter welchem er namentlich in den Saliarischen Liedern angerufen und auch bei den oskisch redenden Völkern verehrt wurde Paul. p. 114 Lucetium Iovem appellabant quod eum lucis esse causam credebant. Macrob. 1, 15, 14 oben S. 140 , Gell. V, 12, 6 itemque Iovis Diespiter appellatus i. e. diei et lucis pater . (Vielmehr gehört das s in Dies zum Stamme.) Idcircoque simili nomine Iovis Diiovis dictus est et Lucetius , quod nos die atque luce quasi vita ipsa afficeret et iuvaret. Lucetium autem Iovem Cn. Naevius in libro belli Poenici appellat. Serv. V. A. IX, 570 lingua Osca Lucetius est Iupiter dictus a luce, quam praestare dicitur hominibus. Vgl. Mommsen Unterital. Dial. S. 274. Und zwar ist Jupiter als Lichtgott nicht etwa blos der Urheber der täglichen Helle des Tages (dies), welchen die Sonne bringt, sondern auch der Gott der lichten Erscheinungen des Himmels überhaupt, auch des leuchtenden Wetterstrahls Das Gebet der Salier nach der Herstellung Bergks: Cume tonas, Leucesie, prae tet tremonti. , auch des nächtlichen Vollmonds, welcher die dem Jupiter heiligen Idustage bringt, an denen die Tageshelle und die nächtliche Helle sich zu einer ununterbrochenen Lichtoffenbarung des himmlischen Vaters zusammenschloß, daher jeder Vollmondstag mit einem den Etruskern entlehnten Ausdruck Iovis fiducia genannt wurde, d. h. eine Bürgschaft des Jupiter, ein immer wiederkehrendes Unterpfand seiner himmlischen Gegenwart und seines göttlichen Segens. Es 169 ist schon oben S. 140 bemerkt worden, daß sowohl dieser schöne und tiefe Gedanke als das System der Idus etwas nicht blos Etruskisches zu sein scheine, sondern sich auch bei den Sabinern und Latinern wiederfindet, da überall dem Jupiter die Idus heilig waren und namentlich in Rom deshalb dem Jupiter an jedem Vollmondstage die Idulia Sacra gebracht wurden. Ueberdies scheint mir aber auch die Legende von dem Ursprunge der zwölf Ancilien, die sich unverkennbar auf die zwölf Monde des Jahres beziehn, aus demselben Ideenzusammenhange erklärt werden zu müssen, da Jupiter dem Numa das erste Ancile, das himmlische Urbild der übrigen, auf sein Gebet unmittelbar vom Himmel und zwar gleichfalls als Unterpfand (pignus) seines göttlichen Segens sendet. Endlich decken sich, worauf ich unten ausführlicher zurückkommen werde, in einer ganzen Reihe alter religiöser Begriffe, namentlich in dem Culte des Diespiter, der Fides und des Dius Fidius die Vorstellungen von Licht, Recht, Wahrheit und Treue, so daß dafür, wie mir scheint, ein alter italischer, namentlich sabinischer und latinischer Wurzelbegriff nothwendig angenommen werden muß. Ein andres Gebiet des Jupiter wie das aller ihm verwandten Götter der Griechen, der Deutschen u. s. w. ist das Wetter und Gewitter , von der segnenden Wolke bis zum zerstörenden Strahl der Wetterwolke; nur daß sich auch hier in Italien aus der gegebenen Vorstellung keine Bilder und Mythen, sondern nur Gebete und abergläubische Gebräuche entwickelt hatten. Eigentlich ist Jupiter heiter, serenus; wenn Jupiter lacht, so lacht der ganze Himmel, wie Ennius sich ausdrückte Bei Serv. V. A. 1, 254 s. oben S. 52, 52 , vgl. Virg. Aen. 1, 254 Olli subridens hominum sator atque deorum Vultu quo coelum tempestatesque serenat . Apul. de Mundo p. 371 Dicitur et Fulgurator et Tonitrualis et Fulminator , etiam Imbricitor et item Serenator , et plures eum Frugiferum vocant. Ennius b. Varro l. l. V, 65 Istic est is Iuppiter quem dico, quem Graeci vocant Aërem: qui ventus est et nubes, imber postea Atque ex imbre frigus, ventus post fit, aër denuo. Als Regengott heißt Iupiter pluvius bei Tibull. 1, 7, 26, pluvialis in einer Inschr. aus Pompeji b. Mommsen n. 2254. Imbricitor sagt Ennius auch vom Winde: spiritus Austri imbricitor , b. Macrob. VI, 2. Iup. Serenus oder Serenator ist vorzüglich der Aufheiternde nach dem Sturm, daher er neben der Fortuna Redux und in ähnlichen Verbindungen genannt wird, s. Or. n. 1262. 1761. 4310. . Doch ist er auch befruchtender Regengott, imbricitor, pluvius, pluvialis und als solcher befruchtend und nährend, sowohl für die Weide als für den Acker und Weinberg, daher man ihn als 170 alnius und frugifer anrief. Ueberhaupt sind alle Veränderungen der Luft sein Gebiet und seine Herrschaft, namentlich auch die Winde und Stürme, welche auch auf Italiens Bergen und Meeren tapfer zu hausen pflegen, daher Jupiter und die Tempestates d. h. die Gewitterstürme nicht selten zusammen genannt wurden Inschriften aus Lambaese in Numidien bei Marini Atti p. 774, Or. n. 1271, Renier Inscr. Ro. de l'Algérie, n. 6 Iovi O. M. Tempestatium Divinarum Potenti Leg. III etc. n. 7 Ventis Bonarum Tempestatium Potentibus Leg. III etc. . Vor allen übrigen Lufterscheinungen aber war es Blitz und Donner, in welchem man die Gewalt des höchsten Gottes im Himmel erkannte; daher die vielen darauf bezüglichen Beinamen, unter denen er verehrt wurde: Iup. Fulgur oder Fulgurator von dem leuchtenden Strahle, auch Iup. Fulgur Fulmen oder Fulminaris und Fulminator, wo der niederfahrende Donnerkeil des Blitzes (fulmen) zu dem aufleuchtenden fulgur hinzutritt, endlich auch als Tonans oder Tonitrualis, ein seit August in Rom beliebter Cultus, wo der erschütternde Donner zur Hauptsache geworden ist Iup. Fulgur b. Fest. p. 229, 2, Iovi Fulguri Fulmini b. Henzen z. Or. n. 5629, Iovi Fulminari ib. n. 5630, Iovi Fulgeratori Or. n. 1238. 1240. 3931, I. O. M. Fulm. Ful. ib. n. 1239, Iovi Fulmin. Fulg. Tonanti ib. 1241. . In ganz Italien sind die Gewitter häufig, vor allem im Frühlinge und im Herbste, wie Plinius auseinandersetzt Plin. H. N. II, 50 vgl. Io Lydus de Ostentis 43, auch Lucret. VI. 357 ff. und die schöne Schilderung bei Virgil Ge. 1, 311 ff. , und zwar pflegen solche Erscheinungen im Süden weit heftiger und plötzlicher aufzutreten als bei uns. Wie oft Rom von stürmischen Gewittern heimgesucht wurde, lehren die Verzeichnisse der Prodigien bei Livius und Julius Obsequens: und die Verehrung eines eignen Gottes der nächtlichen Blitze, des Summanus, ferner die des Iup. Elicius, der seit alter Zeit einen eignen Altar auf dem Aventin hatte, beweist daß man nicht blos in Etrurien mit einer sorgfältigen und superstitiösen Beobachtung, Beschwörung und Sühne der Blitze beschäftigt war. Namentlich soll auch Numa sich auf die Beschwörung der Blitze gut verstanden haben, nach der Legende bei Ovid u. A., weil Picus und Faunus, die mächtigen Waldgeister ihn den Zauber gelehrt hatten, den der fromme König nur zum Besten seiner Römer anwendete Ovid Fast. III, 261 ff., Plut. Numa 15, Valer. Antias b. Arnob. V, 1, vgl. Varro l. l. VI, 94, Liv. 1, 20. . So heftige und häufige Blitze schreckten Stadt und Land, daß er den Jupiter im Blitze vom Himmel beschwor, um von ihm selbst 171 ein sichres Mittel der Blitzsühne zu erfahren. Jupiter erschien und forderte das Haupt und die Seele eines Menschen, worauf Numa statt des Hauptes (caput) eine Zwiebel (cepa) darbrachte, statt des Menschenhauptes (caput hominis) dessen Haare (capillos), statt der lebendigen Seele (anima) den Fisch (maena), und Jupiter sich lächelnd auch damit zufrieden erklärte. Doch sollte die höchste Auszeichnung in solchen Künsten und Gebräuchen den abergläubischen Etruskern vorbehalten bleiben, die mit ihrer Kunst dann in Rom und sonst in Italien aushalfen. Hatte doch einst Volsinii, als ein schreckliches Ungeheuer sein Gebiet verheerte und die Stadt bedrohte, durch Blitzbeschwörung Rettung gefunden, und von dem Könige Porsenna wußte man gewiß daß er sich so gut als Numa auf diese Kunst verstanden hatte Plin. H. N. II, 53 Exstat annalium memoria sacris quibusdam et precationibus vel cogi fulmina vel impetrari. Vetus fama Etruriae est impetratum Volsinios urbem depopulatis agris subeunte monstro quod vocavere Voltam, evocatum et a Porsenna suo rege. Et ante eum a Numa saepius hoc factitatum in primo annalium suorum tradidit L. Piso gravis auctor, quod imitatum parum rite Tullum Hostilium ictum fulmine. Noch zur Zeit des Alarich beschwören die etruskischen Priester ein Donnerwetter gegen die Barbaren, Zosim. V, 41. . Aus den langjährigen Gewitterbeobachtungen und Blitzsühnen der etruskischen Priester aber hatte sich eine Doctrin gebildet, welche praktisch in Rom durch die Haruspices ( S. 14 ) sehr oft geübt wurde und theoretisch später auch zugänglich wurde, namentlich durch Aulus Caecina aus Volaterrä, welcher die Römer in seinem Werke über die etruskische Disciplin sowohl mit dem wesentlichen Inhalte der alten libri fulgurales und tonitruales als sonst mit den Grundzügen der Theologie und Divination seiner Heimath bekannt machte Auf die alten Beobachtungen der Etrusker deutet Lucret. VI, 379 ff. Von Caecina s. Cic. de Div. 1, 33. Wichtige Auszüge aus seinem Werke bei Seneca Qu. Nat. II, 32–49. Auch Varro, Nigidius Figulus u. a. hatten über die Lehre von den Blitzen nach römischem und etruskischem Gebrauch geschrieben, vgl. Plin. H. N. II, 52–54, Serv. V. A. 1, 42, Io Lydus d. ostent. 21–52, O. Müller Etrusker 2, 31 ff. . Der oberste Grundsatz auch dieses Systems war, daß die Blitze eine Offenbarung des Willens der Götter seien, und zwar hielt man sie in Etrurien für die sichersten und zuverlässigsten unter allen himmlischen Zeichen. In der weitern Ausführung wurden verschiedene Arten von Blitzen unterschieden, die Götter von welchen sie geschleudert wurden, ihre Bedeutung und Veranlassung, nach denen sie verschiedentlich benannt wurden. In Rom galten solche Blitze immer für 172 die bedenklichsten, welche geheiligte oder für das öffentliche Leben wichtige Stätten trafen, die alten Haine der Götter oder ihre Tempel, die geweihten Denkmäler des bürgerlichen Lebens der Stadt, oder wohl gar das hehre Capitol und den eignen Tempel des Jupiter Bei Seneca Qu. N. II, 49 werden u. a. genannt regalia fulmina d. h. solche quorum vi tangitur vel comitium vel principalia urbis tiberae loca, quorum significatus regnum civitati minatur. Ein Blitz in das Prätorium des Lagers bedeutet Eroberung desselben und Tod des Feldherrn, Dionys IX, 6, ein Blitz in den T. der Juno Gefahr der Frauen, Liv. XXVII, 27. . Auch gab es eine eigne ars fulguritorum, welche für eine Eingebung der etruskischen Nymphe Begoe gehalten und seit August mit andern Schriften der Art im Tempel des Palatinischen Apollo aufbewahrt wurde Serv. V. A. VI, 72, Paul. p. 92 fulguritum id quod est fulmine ictum, qui locus statim fieri putabatur religiosus, quod eum deus sibi vindicasse videretur. , d. h. eine technische Anweisung zur Weihe der vom Blitz getroffenen Stätten und Gegenstände (fulgurita), welche für heilig galten, weil Jupiter selbst davon Besitz genommen zu haben schien. War der Blitz in die Erde gefahren, so wurde die von dem himmlischen Feuer berührte Erde zuerst sorgfältig gesammelt und eingescharrt (fulgur condere), dann die Stätte durch das Opfer eines zarten Lamms (daher bidental) geweiht und endlich in Forni einer Brunnenmündung (puteal) bedeckt und ummauert; daher das puteal Libonis oder Scribonianum auf dem römischen Forum, von welchem die Denare der Familie Scribonia eine Ansicht geben, und andre derartige Blitzgräber, welche in Rom und Italien etwas sehr Gewöhnliches gewesen sein müssen Becker Handb. d. R. A. 1, 280, t. 5, 6, Marquardt IV, 250. . Waren die Bäume eines Hains getroffen, so wurden sie nach sorgfältigen Sühnungen entfernt und mit gleicher Sorgfalt neue gepflanzt Acta fr. Arv. I. 43, Paul. p. 295 strufertarios. . Auch der vom Blitz erschlagene Mensch galt nach einem Gesetze Numas für geweiht, nach welchem man die Leiche nicht wegtragen und bestatten durfte, sondern an Ort und Stelle liegen lassen und einscharren mußte. Wurden aber Personen hohes Standes von dem Blitze nur berührt, ohne getödtet zu werden, so durften sie dieses für ein sichres Zeichen der höchsten Ehre für ihre Nachkommen halten Fest. p. 178, Plin. H. N. II, 54. Vgl. Serv. V. A. II, 649 und den Fall bei Ammian. Marc. XXIII, 5, 13. Ein Q. Fabius Eburneus, welchen ein Blitz am After getroffen hatte, bekam darüber den Spitznamen Pullus Iovis, Fest. p. 245. . – Endlich gab es eine der 173 Blitzbeschwörung entsprechende Kunst der Wolken- und Regenbeschwörung, welche man aquilicium nannte und gleichfalls vorzüglich den Etruskern verdankte. Sie wurde bei großer Dürre angewendet, wo das römische Volk, Männer und Frauen, auch wohl mit bloßen Füßen auf das Capitol zu eilen und die Beschwörung durch brünstige Gebete zum Jupiter zu unterstützen pflegte Tertullian Apolog. 40, vgl. Petron Sat. 44 und die ähnlichen Gebräuche bei Grimm D. M. 159. Etwas Anderes ist der Tuscus aquilex bei Varro Non. Marc. p. 69, s. O. Müller Etr. 2, 340. . Als Regengott war Jupiter zugleich der Befruchtende, der Nährende, in welcher Eigenschaft er besonders auf dem Lande viel verehrt wurde. So pflegte ihm der Landmann vor der Aussaat im Herbste oder im Frühjahre ein Mahl (daps) zu bereiten und dazu Wein zu spenden und zu dem Iupiter dapalis um Regen für seine Felder und sein Ackervieh zu beten Cato r. r. 50. 131. 132, Paul. p. 68 daps apud antiquos dicebatur res divina quae fiebat aut hiberna sementi aut verna. Vgl. Grimm D. M. 1185 ff. und auch vor der Erndte wurde zu ihm und der Juno gebetet, ehe der Ceres die herkömmliche porca praecidanea geschlachtet wurde (Cato d. r. r. 134). Eben deshalb nannte man ihn almus und frugifer und Ruminus d. i. der Alles wie an seiner Brust (ruma) Nährende Almus und Ruminus heißt er bei Augustin C. D. VII, 11 quod aleret omnia, quod ruma i. e. mamma aleret omnia. Ib. VII, 12 et Pecunia vocatur, quod eius sint omnia. , auch Pecunia, welches Wort sich gewiß ursprünglich auf den Segen des Viehstandes bezog. Dahingegen der Beiname Pistor, unter welchem Jupiter auf dem Capitole verehrt wurde, doch wohl besser durch »Zerschmetterer, Blitzschleuderer« übersetzt wird, obwohl man später aus Misverstand des Wortes pistor an Gebäck und die Gallische Noth zu denken pflegte; Jupiter habe damals den Belagerten die List an die Hand gegeben, den Feinden wie im Ueberflusse Brode ins Lager zu werfen Ovid F. VI, 343 ff., Lactant. 1, 20, 33. Man gefiel sich sehr die Noth der damaligen Belagerung auszumahlen und bezog darauf auch einen Altar des Iup. Soter auf dem Capitol, s. Serv. V. A. VIII, 651. Doch gab es bis zu dem Kriege mit Perseus keine pistores in Rom, auch bedeutet pinsere überhaupt tundere, molere, frangere, s. Plin. H. N. XVIII, 11, 28, Varro b. Non. Marc. p. 152. . Wohl aber gehört hieher der in Italien weit und breit verehrte Iupiter Liber , ein um so mehr bemerkenswerther Cultus, da er wesentlich und eigenthümlich italisch ist, denn die 174 Griechen haben für diese Thätigkeit einen eignen Gott, den Sohn ihres Zeus, Dionysos angenommen. Wir kennen diesen Jupiter Liber durch Inschriften aus Capua (Mommsen I. N. n. 3568) und aus dem Gebiete von Furfo im Lande der Vestiner (Or. n. 2488, Mommsen I. N. n. 6011), ferner durch ein Gewicht in der Form eines alterthümlichen Jupiterkopfes mit oskischer Inschrift (Mommsen Unterital. Dial. S. 170 t. VII), endlich durch eine Inschrift aus Amiternum, der alten Hauptstadt der Sabiner, welche in ihrem Stammvater Sabus oder Sabinus den ersten Winzer verehrten (Mommsen I. N. n. 5760). Dazu kommt ein durch verschiedene Inschriften bekannter Iupiter Libertas, welcher namentlich in Latium und Rom verehrt wurde, s. Or. n. 1249 und die Inschrift aus Tusculum n. 1282, ferner gab es in Rom auf dem Aventin drei Tempel der Minerva, der Juno Regina und des Jovis Libertas, ein Neubau des Augustus nach dem Monumentum Ancyranum, dessen griechischer Text ungenau Ζεὺς Ἐλευϑέριος übersetzt. Diese Namen Liber und Libertas können nichts wesentlich Anderes bedeuten als bei der Benennung des Liber Pater und der Libera, also Fülle und üppigen Segen und die damit verbundene Stimmung ausgelassener Lust, wie sie ein reicher Erndtesegen vollends der Weinberge von selbst mit sich bringt. Auch wissen wir daß in Latium der Weinbau und die Weinlese vorzugsweise unter den Schutz des Jupiter und der Venus gestellt war, welche letztere der Libera entspricht. So waren die ländlichen Vinalien, welche schon am 19. August gefeiert wurden und unter der Betheiligung der Priester das Signal zur Weinlese im September und October gaben, diesen beiden Göttern geweiht, s. Varro l. l. VI, 20, Paul. und Fest. p. 264. 265 Rustica Vinalia. Namentlich wurde dann vom Flamen Dialis, also dem Jupiterspriester, die Weihe der Weinlese in der Weise vorgenommen, daß er zuerst einige Trauben abschnitt und dabei zur Weinlese feierlich aufrief, darauf dem Jupiter ein Lamm als Opfer schlachtete und, während man mit der Zubereitung desselben beschäftigt war, abermals mit seiner auspicirenden Weinlese fortfuhr Varro l. l. VI, 16 Vinalia a vino. Hic dies Iovis, non Veneris. Huius rei cura non levis in Latio, nam aliquot locis vindemiae primum ab sacerdotibus publice fiebant, ut Romae etiam nunc. Nam flamen Dialis auspicatur vindemiam (dieses auspicari ist immer zugleich ein inchoare der einzuweihenden Handlung, s. oben S. 161 ) et ut iussit vinum legere (dieses ist das kalare des Anschlags in hortis Tusculanis) agna Iovi facit, inter quoius exta caesa et porrecta flamen prorsus (codd. porus) vinum legit. Müller hat diese Stelle nicht richtig verstanden. . Darum war in den 175 Weinpflanzungen der Tusculaner das ausdrückliche Verbot angeschlagen, man solle keinen neuen Wein in die Stadt fahren, ehe die Vinalien ausgerufen wären Ib. In Tusculanis ortis est scriptum: Vinum novum ne vehatur in urbem ante quam Vinalia kalentur , Paul. p. 264 Rustica Vinalia XIV Kal. Sept. celebrabant, quo die primum vina in urbem deferebant. Für ortis haben die Ausgaben sacris , doch hat der cod. Flor. sortis und es ist kein Grund zu andern, vgl. Varro l. l. VI, 20 Vinalia Rustica dicuntur a. d. XIV Kal. Sept., quod tum Veneri dedicata aedes et orti ei deae dicantur. Hortus ist in der älteren und ländlichen Sprache jeder eingehegter Platz, sowohl eine Pflanzung als der ganze bäuerliche Hof, also auch eine Weinpflanzung. Vgl. Mommsen Unterital. Dial. S. 131. , wie denn auch eben dieses Hineinschaffen des ersten heurigen Weins in die Stadt mit besondern Feierlichkeiten verbunden gewesen zu sein scheint. Auch die Meditrinalia am 11. Octbr. waren nach dem Kalender von Amiternum mit einer religiösen Feier des Jupiter verbunden. Wie bei der Feier der Dea Dia im Mai, welche hinsichtlich der Feldfrüchte dem Feste der ländlichen Vinalien und jenen Cerimonien des Flamen Dialis entsprach, die Arvalbrüder zugleich von den frischen Früchten des neuen Jahres und von denen des vergangenen Jahres genossen, so kostete man an diesem Feste zugleich den heurigen und den alten Wein und sprach dazu die Worte, indem man sich der heilenden Kraft des Weins erfreute (Meditrinalia a medendo): Neuen Wein, alten Wein trinke ich, mit neuem Weine, altem Weine heil' ich mich Novum vetus vinum bibo, novo veteri vino morbo medeor. Varro l. l. VI, 21. . Auch im nächsten Frühjahre, wo man am 23. April wieder Vinalia feierte, auch diese dem Jupiter und der Venus, gedachte man, ehe der junge Wein angezapft wurde, zuerst des Jupiter mit einer Spende, welche man nach dem dabei gebrauchten Gefäße calpar nannte, s. Paul. p. 46 und 65, Ovid Fast. IV, 863 ff., Kal. Maff. Praen. Unter den Eigenschaften, welche den Jupiter mit den Menschen und dem Nationalleben verbanden, sei zuerst seiner kriegerischen gedacht, welche in der älteren Zeit sogar am meisten hervortraten, so daß Jupiter durch ganz Italien neben Mars als der eigentliche Entscheider der Schlachten und Gott des Sieges verehrt wurde. Diese Eigenschaften, die des Stator und Feretrius, werden auch in der Römischen Geschichte zuerst genannt und Augustin C. D. VII, 11 hat, vermuthlich aus Varro 176 und alten Gebeten, eine ganze Reihe alter Cultusnamen erhalten, welche Jupiter als den Gott der Schlachten nach Art der Indigitamenta in verschiedenen Acten des Kampfes schildern: Dixerunt eum Victorem, Invictum, Opitulum, Impulsorem, Statorem, Centumpedam, Supinalem, wo Centumpeda der wie auf hundert Füßen Stehende ist, eine so feste Stütze bot er den Seinigen, Supinalis der die Feinde rückwärts Hinstreckende Quod haberet impellendi, statuendi, resupinandi potestatem , setzt Augustin hinzu. Mit Furcht erfüllte Jupiter auch die Plebs auf dem Mons sacer, daher sie sich zur Rückkehr nach Rom entschloß und jenen Hügel unter einem entsprechenden Beinamen dem Jupiter weihte, s. Paul. p. 319, Dionys VI, 90. . Als Stator ist Jupiter zugleich Versor der Feinde (τροπαῖος), unter welchem Beinamen ihm in einer oskischen Inschrift bei Mommsen Unterital. Dial. S. 191 ein Stier geweiht wird. Endlich ist er auch Praedator, als welcher er einen eignen Cultus in Rom hatte, in welchem Stücke der Beute geweiht wurden, Serv. V. A. III, 222. Die wichtigsten Culte dieses kriegerischen Jupiter sind aber doch die des Stator, des Feretrius und des Victor. Als Stator hatte ihm Romulus den Tempel am Aufgange von der Via Sacra auf den Palatin gewidmet, wo die Römer sich von neuem zum Kampfe mit den Sabinern gesammelt hatten. Später gelobte der Consul M. Atilius Regulus in einer heißen Schlacht mit den Samnitern im J. 460 d. St., 294 v. Chr. einen zweiten Tempel, welcher wahrscheinlich in der Gegend des Circus Flaminius erbaut wurde Liv. X, 36 vgl. Varro b. Macrob. III, 4, 2, Orelli n. 33, Becker Handb. I, 608. Ein signum Iovis Statoris bei Arretium erwähnt Cic. de Divin. 1, 35, 77. Iup. Stator in Alba Fucentia b. Mommsen I. N. n. 5628–5633. Vgl. Or. n. 1263. 1264. 2155. 5644 und eine Inschrift aus Thagaste: Iovi Opt. Max. Statori et Iun. Aug. Reg. b. Renier Inscr. de l'Algérie 1 n. 2898. . Auch war derselbe Cultus sonst in Italien und in den romanisirten Gegenden verbreitet. Iupiter Victor, der höchste Gott des Siegs, scheint seinen ersten Tempel in Rom durch den berühmten Sieger der Samniterkriege Q. Fabius Maximus Rullianus auf Veranlassung einer Schlacht vom J. 457 d. St., 297 v. Chr. erhalten zu haben Liv. X, 29. Wenige Jahre darauf, nach dem glorreichen Siege des L. Papirius Cursor bei Aquilonia im J. 461 (293) ist wieder von diesem Jup. Victor die Rede, Liv. X, 42. . Später gab es mehr als einen Tempel desselben, einen dessen Dedications- und Festtag auf die Iden des April fiel (Ovid F. IV, 621) und einen andern welcher an den Iden des Juni dem Iupiter Invictus 177 gestiftet war (Ovid F. VI, 644, Kal. Venus.). Einer von diesen Tempeln lag auf oder an dem Palatin, vermuthlich in der Nähe des Iup. Stator Cic. de Leg. II, 11, 28 cognomina Statoris et Invicti Iovis . Vergl. Becker Handb. 1, 422. , ein andrer auf dem Capitol, wo dieser Jupiter des Siegs wenigstens in späterer Zeit einen eignen Tempel hatte, in welchem er in der Umgebung von Victorien thronte, einen Eichenkranz auf dem Haupte, eine Victoria auf der Rechten Er wird bald nach dem Tode Cäsars und seitdem wiederholt erwähnt. Dio Cass. XLV, 17 wo der Blitz einschlägt ἐς τὸν ϑεὼν τὸν τῷ Διῒ τῷ Καπιτολίῳ ἐν τῷ Νικαίῳ ὄντα. XLVIII, 40 ἐς τὸν τοῦ Νικαίου Διὸς βωμόν. LX, 35 ἡ αὐτόματος τοῦ ναοῦ τοῦ Διὸς τοῦ Νικαίου ἄνοιξις. Also ein eigner T. des Iup. Victor, einer von den vielen, die den größeren Tempel des Capitolinischen Jupiter umgaben. Das Bild vergegenwärtigt eine Inschrift aus Cirta bei L. Renier Inscr. de l'Alg. 1 n. 1890 in einem Verzeichniß von Tempelschätzen: Iovis Victor argenteus in Kapitolio habens in capite coronam argenteam querqueam folior. XXV, in qua giandes n. XV, ferens in manu dextra orbem argenteum et Victoriam palmam ferentem . . . XX et coronam folior. XXXX . . . ., sinistra hastam arg. tenens. Ohne Zweifel nach einem Vorbilde des Römischen Capitols. . Endlich das Heiligthum des Iupiter Feretrius war bekanntlich das älteste Capitolinische und eins der ältesten auf römischem Grund und Boden überhaupt. Der Sage nach wurde es von Romulus gestiftet, als er gleich nach dem Raube der Sabinerinnen im Kampfe mit den Latinern oder Sabinern von Caenina deren König Acron, einen Sohn des Hercules, erschlagen und die nahe bei Rom gelegene Stadt erobert hatte. Bei der Rückkehr mit dem siegreichen Heere habe er selbst die Spolien des feindlichen Königs auf dem dazu bereiteten Gestell (feretrum) getragen, sei mit denselben triumphirend aufs Capitol gestiegen und habe sie dort unter einer heiligen Eiche niedergelegt ( S. 96 ). Bei dieser Eiche soll Romulus jenes Heiligthum des Iup. Feretrius gegründet haben, welcher nach seinem Vorgange speciell der Siegesgott der Spolia opima war d. h. solcher Spolien, welche wie damals von einem Anführer des römischen Heeres einem feindlichen Könige oder Heerführer im Zweikampfe abgenommen wurden (Liv. 1,10). Der Name Feretrius ist von feretrum abzuleiten, das ist jenes aus Baumstämmen gezimmerte Gestell, auf welchem die Spolien d. h. die dem Feinde abgenommenen Stücke der Rüstung getragen und aufgestellt zu werden pflegten Virg. Aen. XI, 83 Indutosque iubet truncos hostilibus armis Ipsos ferre duces inimicaque nomina figi. . Numas Gesetz bestätigte die Stiftung (Fest. p. 189) und Ancus Marcius soll den 178 Tempel erweitert haben (Liv. 1, 33), welcher in der Nähe des großen Capitolinischen Tempels gelegen zu haben scheint. Nur zwei Römer waren so glücklich zu jenen Spolien des Romulus neue hinzuzufügen: A. Cornelius Cossus, welcher als Führer der römischen Reiterei im J. 317 d. St., 437 v. Chr. dem Vejenterkönige Tolumnius, dem Führer der feindlichen Reiterei, in einer Schlacht vor den Mauern Fidenä's die Rüstung abgewann, welche er neben jener des Acron von Caenina mit dem üblichen Dedicationstitel aufstellte (Liv. IV, 20), und M. Marcellus, nachdem er als Consul im J. 532 d. St., 222 v. Chr. den celtischen König und Führer der insubrischen Gallier Viridomar während einer Schlacht am Po in ritterlichem Zweikampfe bezwungen hatte (Liv. Epit. XX, Plut. Marc. 7 u. A.). Andre, wie T. Manlius Torquatus, Valerius Corvinus, Scipio Aemilianus, hatten zwar auch mit gleicher Tapferkeit feindliche Heerführer im Zweikampfe getödtet, aber sie mußten auf die gleiche Ehre verzichten, weil sie nicht unter eigner, sondern unter eines Andern Anführung diese That gethan hatten Valer. Max. III, 2, 3, vgl. Hertzberg in Schneidewins Philol. I p. 331–339. . Der alte, gewöhnlich verschlossene Tempel war mit der Zeit so verfallen, daß Augustus ihn wiederherstellen mußte. Eine Vorstellung von seiner Gestalt giebt der kleine Rundtempel des Mars Ultor, welchen derselbe Augustus bald darauf für die von den Parthern ausgelieferten Adler des Crassus als Gegenstück erbauen ließ, wie uns die Münzen der Zeit denselben vergegenwärtigen Dio Cass. LIV, 8, Vgl. Pinder in den Abh. der philol. histor. Kl. d. Berl. Akad. 1855 S. 612 und t. IV, 3. . Nächst dem wurde die sittliche Idee des Rechtes und der Treue früh und mächtig angeregt durch den mit dem Institute der Fetialen innig verwachsenen Cult des Diespiter und den der Fides, des Dius Fidius, des Terminus und andre alterthümliche Traditionen, auf die ich zurückkommen werde. In Rom scheint die Regia und die Capitolinische Arx durch T. Tatius und Numa ganz vorzugsweise dem Culte dieses alten Vaters des himmlischen Lichtes und der himmlischen Erscheinungen geweiht worden zu sein, worauf die an beiden Punkten an den Kalenden, Nonen und Idus gebrachten Opfer deuten, namentlich die letzteren, welche dem Jupiter der Idus galten. Leider erfahren wir nur wenig von diesen Sacra Idulia, doch wissen wir daß sie aus dem Opfer eines ausgewachsenen weißen Lammes bestanden, welches der 179 Flamen Dialis dem Jupiter darbrachte, und zwar so daß zugleich gewisse sühnende und weihende Umzüge auf der daher Sacra Via genannten Straße von der Regia bis zur Arx stattfanden Paul. p. 104 Idulis ovis dicebatur quae omnibus Idibus Iovi mactabatur. Fest. p. 290 Sacram Viam , – quod eo itinere utantur sacerdotes idulium sacrorum conficiendorum causa . Itaque ne eatenus quidem, ut vutgus opinatur, sacra appellanda est, a Regia ad domum Regis Sacrificuli, sed etiam a Regis domo ad sacellum Streniae et rursus a Regia usque in Arcem . Varro l. l. V, 47 qua sacra quotquot mensibus feruntur in Arcem . Vgl. Macrob. I, 15, 16, Ovid F. I, 55 und 587. . Ein andres Merkmal aber des Begriffs von höchster Reinheit und Heiligkeit , welchen Numa mit dem Namen des Jupiter, dem er selbst als Priester diente (S. 19, 7 ), verbunden hat, sind die in dieser Hinsicht höchst merkwürdigen Vorschriften für das persönliche Verhalten des Flamen Dialis und seiner Gemahlin, der Flaminica, welche vermöge derselben gewissermaßen wie lebende Bilder jener Götter des Lichtes, denen sie dienten, vor dem Volke wandeln sollten. Der Wiederherstellung jener priesterlichen Würde durch August ( S. 25 ) verdanken wir wohl die ausführlichen Nachrichten darüber Besonders bei Gellius N. A. X, 15, welcher seine Mittheilungen mit den Worten beginnt: Cerimoniae impositae flamini Diali multae, item castus multiplices, quos in libris qui de sacerdotibus publicis compositi sunt, item in Fabii Pictoris librorum primo scriptos legimus. Anderes ist durch Festus und Paulus, Servius zum Virgil und Plutarch erhalten. Vgl. Marquardt Handb. d. R. A. IV, 271. , wobei allerdings zu bedenken bleibt, daß die alten Bestimmungen des Numa in manchen Punkten durch spätere Zusätze erweitert oder verändert wurden. Dem Range nach war er unter allen Flamines der höchste und angesehenste; so war auch seine Kleidung, seine Gewöhnung, sein Auftreten im Publicum ein sehr würdiges und feierliches. Nur durfte er allein unter allen Priestern, obgleich der Senat für ihn immer offen stand, kein weltliches Amt bekleiden noch sich um ein solches bewerben, eine Bestimmung, welche ursprünglich gleichfalls seine specifisch geistliche Dignität ausdrücken sollte, bei den nachmals vorherrschend weltlichen Interessen aber freilich von den Patriciern, die zu den Stellen der drei flamines maiores allein wählbar blieben, sehr schwer empfunden wurde. Ferner durfte der Flamen Dialis allein nie ein Pferd besteigen, keine bewaffnete Mannschaft außerhalb des geweihten Pomoeriums sehen, wie die Vestalinnen nie einen Eid schwören Gellius l. c. Iurare Dialem fas nunquam est. Daher weiterhin die Worte aus dem Edict. Perpet. des Praetors: Sacerdotem Vestalem et Flaminem Dialem in omni sua iurisdictione iurare non cogam. Der Grund ist auch hier die besondre Heiligung und Reinheit der Person. Ein bloßes Ja sollte genügen. , 180 keinen geschlossenen Ring an seiner Hand, keinen Knoten an seinem Apex oder seiner Gürtung oder sonst an seinem Leibe Gellius l. c. Annulo uti nisi pervio cassoque fas non est. – Nodum in apice neque in cinctu neque alia in parte ultam habet. Es sollte nichts Bindendes, nichts Fesselndes an diesem geweihten Leibe sein. Denn auch der geschlossene Ring ist eine Art von Fessel, wie in der Mythe vom Prometheus. Der apex ist eigentlich das Reis vom Oelbaume auf dem galerus, dann der geweihte Hut. Es wurde gewöhnlich mit geweihten wollenen Fäden befestigt, auf dem Hute des Dialis also ohne Knoten. Der galerus selbst war ein albogalerus d. h. genommen von einer hostia alba Iovi caesa , Paul. p. 10. Auch darin ist die Symbolik des Lichtes durchgeführt. , sondern nur Spangen an seiner Kleidung haben. Sein Haar und Bart durfte nur von einem freien Manne und mit einem ehernen Messer geschoren werden; die Abschnitte seiner Nägel und seiner Haare mußten unter einem fruchttragenden Baume eingescharrt werden. Eine Ziege, einen Hund und rohes Fleisch, den umstrickenden Epheu und die den Todten geweihte Bohne durfte er nicht anrühren, ja nicht einmal nennen, auch einen in der Gährung begriffenen Teig nicht berühren und unter geile und verstrickte Schößlinge eines Weinstocks oder eine von solchen Schößlingen gebildete Laube nicht treten. Die Füße seines Bettes mußten mit einem leichten Anstrich von Lehm versehen sein, auch durfte er nicht drei Nächte hinter einander außerhalb dieses Bettes zubringen noch durfte ein Andrer in demselben schlafen Er durfte nach der ältern Bestimmung keine Nacht außerhalb der Stadt zubringen, auch nach Augusts Bestimmung nicht mehr als zwei Nächte und nur zweimal in demselben Jahre und mit Erlaubniß des Pont. Max. abwesend sein. s. Liv. V, 52, Tacit. Ann. III, 71. ; am Fußende des Bettes aber mußte immer eine Lade mit den gewöhnlichen Opfergaben (capsula cum strue atque ferto) zur Hand sein. Niemals durfte er unter freiem Himmel ohne seinen Apex sein; daß er ihn zu Hause abnehmen durfte, war erst später durch einen eignen Beschluß der Pontifices erlaubt worden, welcher auch sonst Manches milderte; noch L. Corn. Merula hatte, als er in dem blutigen Jahre des Marius und Cinna (87 v. Chr.) seiner Ermordung durch Selbstmord zuvorkam, eine eigne Urkunde darüber hinterlassen, daß er seinen Apex bevor er sich die Adern geöffnet abgenommen habe. Ferner durfte der Dialis sich nie unter freiem Himmel entkleiden, 181 damit Jupiter nicht den ihm geweihten Priester entblößt sähe Gellius l. c. tunicam intimam nisi in locis tectis non exuit, ne sub caelo tanquam sub oculis Iovis nudus sit. Vgl. Plut. Qu. Ro. 40. . Jeder Tag war für ihn ein Feiertag. Niemals durfte Feuer aus seinem Hause genommen werden, es sei denn daß es zu einer heiligen Handlung dienen sollte. Er und sein Haus waren eine Zuflucht der Gefesselten und zur Hinrichtung Geführten. Gelang es einem solchen dem Dialis zu Füßen zu fallen, so durfte die Hinrichtung an dem Tage nicht vorgenommen werden und Gefesselte wurden, wenn sie in sein Haus traten, alsbald gelöst, ihre Fesseln aber durch den innern Hof des Hauses auf das Dach und von dort auf die Straße geschafft. Heirathen durfte er nur einmal und unter den alten religiösen Formen der confarreatio. Eine Scheidung der Ehe war für ihn nur durch den Tod möglich; starb aber die Frau vor ihm, so mußte er sein priesterliches Amt aufgeben. Einen Ort, wo sich ein Grab befand, durfte er nicht betreten, einen Todten nicht anrühren, einem Leichenbegängnisse zwar beiwohnen, aber die klagenden Weisen der dabei gebräuchlichen Flöten nicht hören. Dazu kamen noch höchst rigorose Vorschriften hinsichtlich seiner priesterlichen Functionen Val. Max. 1, 1, 4 Consimili ratione P. Cloelius Siculus, M. Cornetius Cethegus, C. Claudius propter exta parum curiose admota deorum immortalium aris variis temporibus bellisque diversis flaminio abire iussi sunt coactique etiam. At Sulpicio inter sacrificandum e capite apex prolapsus eidem sacerdotium abstulit. Vgl. Liv. XXVI, 23, Plut. Marc. 5. , bei denen er entweder durch seine eignen Söhne oder durch Opferknaben von edler Geburt, denen Vater und Mutter noch lebten, unterstützt wurde Paul. p. 93 Flaminius camillus. Eine ähnliche camilla ging der Flaminica zur Hand, s. ib. v. Flaminica. . Seine Frau, die Flaminica Dialis, war zugleich eine priesterliche Dienerin der Juno und das Modell einer römischen Matrone nach den Gebräuchen und Sitten der alten Zeit. So durfte der Dialis nur eine solche Toga tragen, welche seine Frau gewebt hatte Es war eine toga praetexta aus schwerer Wolle, daher laena genannt. Auch die Flaminica und überhaupt die Priester trugen Wolle. , während sie selbst das Haar nach alter Sitte in dem pyramidalen tutulus, aber mit einem purpurnen wollenen Bande durchflochten trug. Außerdem gehörte zu ihrer unterscheidenden Kleidung die sogenannte rica, ein großes Kopftuch von dunkelrother oder blauer Farbe, welches von edlen und unverwaisten Jungfrauen aus frisch vom Lamm genommener Wolle gewebt und gefärbt wurde. Bei jeder heiligen Handlung trug sie auf dem Haupte ein sogenanntes 182 arculum oder inarculum d. h. den Zweig eines Granatbaums, welcher zusammengebogen (arcuare) und an den Enden mit einem Faden von weißer Wolle zusammengebunden war Serv. V. A. IV, 137, Paul. p. 113 Inarculum. Offenbar ist der Zweig der Granate ein Sinnbild der Fruchtbarkeit, welche eben so sehr zum Wesen der Juno als zu dem einer guten Hausfrau gehörte. Der geweihte Oelzweig auf dem Apex des Dialis und der andern Priester ist analog aufzufassen, also etwa als Symbol des Segens und der Fruchtbarkeit. . Dabei durfte sie weder Schuhe noch Sohlen von dem Leder eines gefallenen Viehs tragen noch sich über die Kniee aufgürten noch eine sogenannte griechische Treppe höher als die ersten drei Stufen steigen. Andre Vorschriften galten für gewisse heilige Gebräuche und Zeiten des Jahres, z. B. daß sie im März, solange die Ancilia umgingen, im Juni, solange das Heiligthum der Vesta gereinigt wurde, weder ihr Haar machen noch ihre Nägel schneiden noch ihren Mann berühren durfte, endlich daß sie auch beim Argeenopfer mit ungekämmtem Haar und ohne den gewöhnlichen Kopfputz erscheinen mußte. Als den Gott der innern Monatsabtheilung bewährt Jupiter sich auch dadurch, daß ihm an allen Nundinen von der Flaminica in der Regia ein Schaafbock geschlachtet wurde, worauf diejenigen sich beriefen, welche diese Tage für alte Festtage gehalten wissen wollten, während andre Alterthumsforscher und mit ihnen Varro behaupteten, daß eine religiöse Feier der Nundinen erst nach Vertreibung der Könige und zwar zuerst zum Andenken an den guten König Servius Tullius aufgekommen sei Macrob. S. 1, 16, 28 ff. Vgl. Niebuhr R. G. 2, 242 ff, Becker Handb. II, 3, 61. . Gewiß ist daß die neuntägige Woche in Rom und in Italien etwas Altes war, auch bei den Etruskern, welche nono quoque die ihren König zu begrüßen und sich gemeinschaftlich zu berathen pflegten Macrob. 1, 15, 13 vgl. Varro r. r. II praef., Dionys. II, 28, Orelli Inscr. II p. 406 sq., Merkel Ovid Fast. p. XXXI sq. Von der Verbreitung und Einführung der siebentägigen Woche im Occident s. Grimm D. M. 111. ; ja diese Woche ist in Italien und in der romanischen Welt bis zum Schlusse des zweiten Jahrhunderts die officielle geblieben. In den älteren römischen Zeiten, wo die Bürger, namentlich die vermögenden Plebejer meist auf dem Lande lebten, hatte diese Eintheilung zugleich die Bedeutung, daß man sieben Tage lang seines Geschäftes auf dem Lande pflegte, am achten aber jedesmal einen Feiertag machte, um zur Stadt und auf den Markt zu gehn und bei dieser Gelegenheit 183 auch alle städtischen Geschäfte abzumachen; daher bis zum J. 287 v. Chr. keine Comitien an solchen Tagen gehalten werden durften. Auf die Zeiten des Numa folgten die der Tarquinier und damit ein neuer Aufschwung des Jupiterdienstes, sowohl des latinischen als des römischen; freilich mehr ein politischer und in culturgeschichtlicher Hinsicht merkwürdiger, als religiöser, wie ich die neue Entwickelung dieser Zeit schon oben S. 127  ff. angedeutet habe. So entstand der Cultus des Iupiter Optimus Maximus auf dem Capitol d. i. des idealen Staatsoberhauptes, welches im Sinne der Zeit Rex genannt wurde, wie höchstwahrscheinlich auch der pränestinische Iupiter Imperator , dessen Bild man später auf dem römischen Capitole sah, die Bedeutung eines solchen höchsten Staatsoberhauptes hatte, in dessen Namen das wirkliche Staatsoberhaupt oder die höchsten Magistrate handelten Cic. de Rep. III, 13, 23 Sunt enim omnes qui in populum vitae necisque potestatem habent tyranni, sed se Iovis Optimi nomine malunt reges vocari . Vgl. Cäsars Worte b. Dio Cass. XLIV, 11, als Antonius ihn zum Könige machen will, ὅτι Ζεὺς μόνος τῶν Ῥωμαίων βασιλεὺς εἴη, worauf er das Diadem auf dem Capitole niederlegen läßt. Jupiter wird nur ausnahmsweise Rex genannt, weil das Wort der Republik überhaupt fatal war, desto häufiger Juno neben ihm Regina . Der Iup. Imperator von Praeneste (Liv. VI, 29) ist zu verstehen wie Ennius Ann. 86 omnibus cura viris uter esset induperator , nehmlich ob Romulus oder Remus. Auch der Iupiter Maius der Tusculaner wurde erklärt a magnitudine et maiestate, Macrob. 1, 12, 17. Doch halte ich es für richtiger ihn mit der Maia zu verbinden. . In Rom ist die ganze Anlage und Ausführung des Capitolinischen Jupiterdienstes ein redender Beweis, daß man bei diesem Jupiter vorzugsweise weltliche Macht und Ehre, Triumph und Majestät vor Augen hatte, nicht mehr jene superstitiöse, aber stille und andächtige und von einem tiefen religiösen Gefühl durchdrungene Heiligkeit und Reinheit des alten Lichtgottes. Und in diesem Sinne sind auch jene beiden Beinamen Optimus und Maximus zu erklären, welche durch den Capitolinischen Jupiter zu einem so wesentlichen Merkmal der höchsten Majestät des römischen Namens wurden, daß sie sich allmälich, je mehr die Macht des römischen Staates sich ausbreitete, über das ganze Reich ausgedehnt und wie ein römischer Grundton in die verschiedensten Göttersysteme eingeschlichen haben. Zwar pflegte man später gerne das Optimus von der höchsten moralischen Güte zu verstehen, wie Cicero sagt, Jupiter werde zuerst Optimus, dann 184 Maximus genannt, weil Güte göttlicher sei als Macht Cic. N. D. II, 25, 64 Iupiter i. e. iuvans pater (s. oben S. 166, 272 ) – a maioribus nostris dictus Optimus Maximus, et quidem ante optimus i. e. beneficentissimus quam maximus, quia maius est certeque gratius prodesse omnibus quam magnas opes habere. Die Pontifices beteten weislich: Iupiter Optime Maxime sive quo alio nomine te appellari volueris. Serv. V. A. II, 351. . Aber ursprünglich sollte Optimus gewiß nichts Anderes bedeuten als der an Macht und Ehre Vorzüglichste, der Höchste unter allen Göttern Das Wort hängt zusammen mit optare und ist wie optimas von dem angesehensten Bürger zu verstehn, vgl. Mercklin die Cooptation d. R. S. 6. Als höchster von allen Göttern wurde dieser Iupiter O. M. oft einfach neben den übrigen genannt, vgl. die alte Formel der Votivinschrift des Cincinnatus b. Liv.VI, 29 und die Formel Iovi Optimo Maximo ceterisque diis deabusque immortalibus bei Orelli n. 1211. 1218, Henzen n. 5654, 7414 γ p. 495, 7414 αβ p. 498 u. a. Vgl. Horat. Od. I, 12, 17 Unde nil maius generatur ipso, Nec viget quidquam simile aut secundum: Proximos illi tamen occupavit Pallas honores. , dahingegen Maximus speciell Majestät im politischen Sinne des Wortes bedeutet, d. h. die Fülle von Macht und Hoheit, wie sie sich unsichtbar in dem Capitolinischen Jupiter als höchstem Oberhaupte des römischen Staates darstellte, sichtbar in den Königen, später im Römischen Volke und seinen höchsten Behörden Vgl. Becker Handb. II, 2 S. 69. , noch später in den Kaisern. Daher die Dichtung bei Ovid Fast. V, daß zu Anfang der Dinge noch keine feste Ordnung gewesen sei, bis Honor und Reverentia sich der Gewalt bemächtigt hätten. Von diesen stamme die Maiestas, welche, umgeben von Pudor und Metus, über alle Welt, alle Götter und Geister herrsche und neben dem Jupiter thronend seine treueste Dienerin sei und es ihm möglich mache ohne Gewalt zu regieren. Selbst die spätere Uebertragung des Titels Optimus Maximus auf die Person des Kaisers Zuerst beim Caligula, Marini Atti p. 359. ist nur insofern ein Frevel, als er dem höchsten Gotte entlehnt war. Seiner ältesten und eigentlichen Bedeutung nach paßte er eben so gut auf den Kaiser als auf den Jupiter. Ehe ich diese neue Richtung der Tarquinier und ihre Folgen für den römischen Jupitercultus weiter verfolge, genüge es das Bild dieses Gottes, wie es sich mit der Zeit den Römern gestaltete, auch von andern Seiten her abzurunden. So war Jupiter, wie er auf dem Lande für Fruchtbarkeit und Wachsthum sorgte, auch in der Stadt der Mehrer der Jugend, daher er selbst als Iuvenis, Iuventus und Adultus und in seinem Tempel die Göttin 185 Iuventas als eigne Personification verehrt wurde. Ferner wurde er auch in den Häusern viel verehrt als deus penetralis d. h. als höchster Glücks- und Segensgott der Familie, wie der griechische Ζεὺς ἑρκεῖος, und als hospitalis d. h. als ξένιος, als Gott der Gastfreundschaft und ihrer Rechte Cic. de Fin. III, 20, Paul. p. 101 Herceus Iuppiter intra conseptum domus cuiusque colebatur, quem etiam deum penetralem appellabant. Vgl. den Iup. O. M. Domesticus bei Or. n. 1236. . Endlich war er der allgemeine Gott der Hülfe, des Segens, der gütige und gnädige Gott schlechthin, daher die später allgemeine Erklärung des Jupiter durch Iuvans Pater. Auch in diesem Sinne heißt er Opitulus und Opitulator d. i. opis lator (Paul. p. 184, oben S. 176 ), auch Praestes d. h. der Gott der sichern Erfüllung Ein sacellum Iovis Praestitis bei Iul. Capitol. Max. et Balbin. 5. Vgl. die Inschrift aus Tibur: Iovi Praestiti Hercules Victor , Or. n. 1253. Bullet. Archeol. 1846 p. 91. , und Obsequens d. h. der Gott aller gnädigen Erhörung und Hülfe Or. n. 1249, Henzen n. 5638. 5639. . Hatte ihm doch Hercules, selbst ein Glücksgenius, nachdem er seine Rinder wiedergefunden, unter dem Aventin einen eignen Altar als Patri Inventori gestiftet (Dionys I, 39). Andre Beinamen der Art entsprechen schon meist dem griechischen Ζεὺς Σωτὴρ und Ἀλεξίκακος, dessen Cultus zu Rom in den späteren Zeiten großen Anklang fand. So wurde Jupiter nun in öffentlichen und privaten Angelegenheiten als Conservator In Privatangelegenheiten als Bewahrer des Hauses und Hofes z. B. bei Henzen z. Or. n. 5619 Iovi O. M. Conservatori possessionum Rosciorum . Iup. Tutator wird auf Münzen und Inschriften wiederholt genannt, Iup. Tutor in einer Inschrift aus Ostia bei Henzen n. 5650. Iup. Vindex bei Tacit. Ann. XV, 74. Ultor bei Iul. Capitol. Pertin. 11. und als Custos verehrt, unter welchem Namen ihm Domitian einen prächtigen Tempel auf dem Capitol stiftete, auch als Tutor und Tutator, oder auch als Vindex und Ultor, wenn es Verbrechen zu bestrafen galt. Doch ist er gewöhnlich Salutaris, ein Gott des Heils und der Erlösung von leiblichen und geistigen Uebeln, wie er namentlich in schweren und bedrängten Zeiten angerufen wurde Cic. de Fin. III, 20 Atque etiam Iovem quum Optimum et Maximum dicimus quumque eundem Salutarem, Hospitalem, Statorem, hoc intelligi volumus, salutem hominum in eius esse tutela. Vgl. Or. n. 1260 Iovi Salutari Ulpianus gravi infirmitate liberatus . Treb. Poll. Gallien. 5, nachdem das Reich von schwerem Unglück heimgesucht worden : Pax igitur deum quaesita inspectis Sibyllae libris factumque Iovi Salutari ut praeceptum fuerat sacrificium. . Auch als Iup.Valens 186 wurde dieser Gott neben andern Heilsgöttern gefeiert Inschrift aus Lambaese in Numidien bei L. Renier Inscr. de l'Alg. 1 n. 28 Iovi Valenti, Aesculapio et Saluti . , desgleichen als Liberator, unter welchem Namen er auf dem Aventin verehrt wurde Tacit. Ann. XV, 64; XVI, 35. In den sinkenden Zeiten wurde er im Monate October durch Spiele gefeiert. Vgl. m. Regionen d. St. Rom S. 192. . Endlich gehört dahin der gleichfalls vorzugsweise in den sinkenden Zeiten genannte Iup. Depulsor, welcher bei drohenden Zeichen und Prodigien angerufen wird, oder auch in Fällen von Noth und Krankheit für die bedrohte Person, namentlich des Kaisers Plaut. Amphitr. II, 2, 107 nennt ihn Iup. Prodigialis , vgl. Phlegon Trall. Mirab. 6, wo der Kaiser Claudius auf Veranlassung der Geburt eines Hermaphroditen dem Ζ. Ἀλεξίκακος auf dem Capitole einen Altar stiftet, und Or. n. 1230 Iovi Depulsori pro salute Dom. N. Imp. M. Aur. Antonini . , hin und wieder aber auch als Schutzgeist einer bestimmten Stätte z. B. eines Bades Henzen n. 5621 Iovi Depulsori, Genio Loci . Or. n. 1231 Iovi Depulsori et Nymphis . A. de Roissieu Inscr. de Lyon p. 3 n. 1 I. O. M. Depulsori et diis deabusque omnibus et Genio loci etc., in einem Rade gefunden. . Auch der Iup. Propugnator in Palatio, welcher wiederholt in Bruchstücken der Fasten eines priesterlichen Collegiums der späteren Zeit erwähnt wird (S. 39, 32 ), hatte wohl nur die beschränktere Bedeutung eines Schutzgeistes des kaiserlichen Palastes und Hauses. Unter den Stiftungen der Tarquinier mag zuerst von der erneuerten Stiftung der latinischen Ferien, dann von der Gründung des Capitolinischen Dienstes mit seinen weitern Folgen die Rede sein. Iupiter Latiaris oder Latialis Cic. pr. Mil. 31, 85 Latiaris sancte Iupiter . Lucan Phars. I, 198 et residens celsa Latialis Iupiter Alba . Die Schreibart schwankt, weil die Aussprache zwischen l und r schwankte, wie Palilia und Parilia u. dgl. Doch gilt Latiaris für die bessere, s. die Ausleger zu Sueton Calig. 22 und zu Liv. XXI, 63, 8. Bei Henzen n. 7415 p. 499 findet sich Iup. Latius . ist das höchste Oberhaupt des latinischen Bundes in demselben Sinne wie der Capitolinische Jupiter das höchste Oberhaupt des römischen Staates und Staatscultus sein sollte. Mithin gehört seine volle Bedeutung dem höheren römischen Alterthum an, wo Rom noch als Glied und Hauptstadt des latinischen Bundes mit den übrigen Städten und Gemeinden desselben zu demselben Jupiter betete, bis diese Städte von ihrem Haupte am Tiberstrom immer abhängiger 187 wurden und zuletzt, nach dem Kriege vom J. 414 d. St., 340 v. Chr. sich zu gänzlicher Abhängigkeit bequemen mußten. Ohne Zweifel war die Verehrung des Jupiter auf dem schönen Berge über Alba Longa, dem sogenannten Mons Albanus, eine sehr alte, und schon jener ältere Vorort mochte hier die mit ihm verbündeten oder von ihm abhängigen Städte zur gemeinschaftlichen Festfeier versammelt haben Daher die Ueberlieferung daß das Fest ex imperato Fauni ( S. 92 ) oder nach dem Verschwinden des Königs Latinus gestiftet worden, b. Fest. p. 194 Oscillantes und Schol. Bobiens. Cic. pr. Plancio IX, 23, obwohl der Iupiter Latiaris in der Geschichte des Latinus anders zu erklären sein möchte, s. oben S. 84 . Auch die Prodigien auf dem Mons Albanus b. Liv, 1, 31 deuten auf sehr alten Gottesdienst. . Indessen verfiel diese mit der Zerstörung von Alba Longa, bis die Tarquinier, deren Macht sich vornehmlich auf dem Beistande der Dynasten von Latium stützte, den Bund und das Bundesfest wieder herstellten und zu ihren Zwecken ausbeuteten, natürlich in der Form daß Rom nun als das Haupt des Bundes und der römische König als dessen oberster Vorstand anerkannt wurde. Den Tarquinius Superbus nennt Dionys IV, 49 als Urheber dieser Erneuerung, aber derselbe Schriftsteller berichtet VI, 95, daß der erste und älteste Festtag nach einem Siege über die Etrusker gestiftet worden sei, welcher kein andrer sein kann als der von ihm selbst III, 57 ff. und Florus I, 5 erwähnte Sieg des Tarquinius Priscus, welcher vermuthlich mit Hülfe der Latiner gewonnen wurde. Ein zweiter Festtag soll nach der Vertreibung der Könige aus Rom hinzugefügt worden sein, welche insofern die Latiner und die Römer gemeinschaftlich betraf, weil die Tarquinier sich in den meisten Bundesstädten mit den edelsten Familien verschwägert hatten (Liv. I, 49), so daß die Reaction der Aristokratie gegen die Dynastie der Tarquinier und ihren Anhang sich in vielen Städten wiederholt haben mag. Im J. 260 d. St. erfolgte die Auswanderung der römischen Plebs auf den heiligen Berg und die Herstellung der Eintracht nach Einsetzung des Volkstribunats, im J. 261 die Erneuerung des Bündnisses mit den Latinern durch den Consul Sp. Cassius: bei welcher Gelegenheit zu den latinischen Ferien ein dritter Festtag zur Erinnerung an die Aussöhnung Roms mit seiner Plebs hinzugefügt wurde, mit Dankopfern und Spielen, welche die mit den Volkstribunen zugleich eingesetzten Volksädilen zu besorgen hatten (Dionys VI, 95): so nahe schien diese Aussöhnung das gesammte Latium anzugehn, welchem die 188 römische Plebs nach ihrer Abstammung bekanntlich zum größten Theile angehörte. Ja es soll noch im J. 387 d. St. (367 v. Chr.). als wieder einmal die Eintracht zwischen den Patriciern und Plebejern hergestellt worden war, ein vierter Festtag zu den latinischen Ferien hinzugefügt worden sein So berichten Dionys a. a. O. und Plutarch Camill. 42, doch liegt hier wahrscheinlich eine Verwechslung mit den römischen Spielen zu Grunde, s. Mommsen Rö. Gesch. 1, 429. . Auch war der vorherrschende Character des ganzen Festes der des Friedens und der allgemeinen Befreundung der sonst oft getrennten Latiner, daher während des Festes die bestehenden Verträge von Jahr zu Jahr erneuert und durch ein gemeinschaftliches Opfer und Opfermahl und Gebete der verschiedenen Theilnehmer für einander aufs feierlichste bekräftigt wurden Dionys VI, 49 vgl. Macrob. l. c. Latinarum tempore, quo publice quondam induciae inter populum Romanum Latinosque firmatae sunt. . Selbst nach der Unterwerfung der Latiner im J. 340 v. Chr. wurde wenigstens das fortbestehende Bündniß mit den Laurentern jährlich gleich nach den latinischen Ferien erneuert (Liv. VIII, 11), und immer galt es in Rom für sehr bedenklich in dieser einst durch ganz Latium den Gefühlen des Friedens und der Stammgenossenschaft geweihten Zeit einen Krieg zu beginnen oder eine Schlacht zu wagen (Macrob. I, 16, 16). Eine feste Zeit hatte das Fest nicht, sondern es wurde in jedem Jahre von neuem concipirt d. h. von den römischen Consuln gleich nachdem sie ihr Amt angetreten hatten, auf einen bestimmten Tag angesetzt und durch ganz Latium angesagt. Dieses nannte man concipere Latiar oder ferias Latinas, von welchen Ausdrücken jener wahrscheinlich speciell das dem Iupiter Latiaris dargebrachte Opfer bezeichnete, dieser die ganze Dauer des Festes und die beiden folgenden Tage, welche auch für religiosi galten Cic. ad Qu. Fr. II, 4. Latiar ist wie Palatuar zu verstehen, s. Fest. p. 148 cui sacrificium quod fit Palatuar dicitur . Vgl. Lupercal, Ianual u. dergl. . Die Zeit scheint ehedem der Beginn des Frühlings gewesen zu sein, im April oder Anfang Mai Vgl. die Data bei Marquardt IV, 443. Im März hatten die Römer wegen der Feier der Salier nicht gekonnt und auf den April lauten die meisten Angaben. Bei Cic. de Div. 1, 11, 17 ist von Schnee die Rede, der sich dort oben sehr lange hielt. Die Reste der Fasten s. bei Marini Atti p. 129, Or. n. 2471. 2472, Mommsen I. N. 6750. , dahingegen es in der späteren Zeit, aus welcher verschiedene auf dem Albaner Berge gefundene Bruchstücke der auch hier 189 geführten Fasten vorhanden sind, vom Juni bis zum August begangen wurde. Eigentlich sollten immer die Consuln das Opfer bringen und nicht eher als nachdem sie diese religiöse Pflicht erfüllt in ihre Provinzen gehn, doch finden sich Ausnahmen und namentlich wurde bisweilen eigens zu dieser Handlung ein Dictator ernannt (dictator feriarum Latinarum causa), während die Consuln, so lange sie wegen dieses Festes außerhalb der Stadt blieben, in derselben von einem dazu ernannten Praefectus Urbis feriarum Latinarum vertreten wurden Vgl. Marquardt S. 441 und über den Praef. Urbi Latinarum causa Gellius XIV, 8, Becker Handb. II, 2, 149. . Außer den Consuln waren auch die andern Magistrate zugegen, selbst die Tribunen und die Aedilen der Plebs, welche im Namen der letzteren die sie betreffenden Dankopfer brachten und dabei in königlichem Schmucke auftraten (Dionys VI, 95; VIII, 87), endlich die Magistrate und Stellvertreter sämmtlicher übrigen Städte und Staaten, welche theilnahmen. Dieser waren bei der Erneuerung des Festes durch Tarquinius Priscus oder Superbus, wo neben den Römern und Latinern auch die Herniker und Volsker sich betheiligten, 47 gewesen Dionys. IV, 49. Plinius H. N. III, 5, 9 giebt ein alphabetisches Verzeichniß verschollener Städte, welche einst am Opfer und an dem Fleische des Opferstiers theilgenommen haben sollen, cum his carnem in monte Albano soliti accipere populi: Albenses (dieses sind die Einwohner von Alba Fucentia, die auch bei Strabo V p. 240 zu Latium gerechnet werden, vgl. Klausen Aeneas S. 794), Albani, Aesulani, Accienses, Abolani, Bubetani u. s. w., indem er zuletzt hinzusetzt: Ita ex antiquo Latio LIII populi interiere sine vestigiis. , eine Anzahl welche sich mit der Zeit natürlich sehr verringerte, obgleich die einmal eingeschriebenen Mitglieder auch in der Zeit des Verfalls bis zum letzten Athemzuge ihrer Existenz an diesen alten und erinnerungsreichen Festlichkeiten festhielten. Denn es ist zu vermuthen daß nicht allein die Römer, sondern auch die übrigen Latiner, namentlich in der älteren Zeit, das Andenken an Epoche machende Vorfälle ihrer Geschichte durch entsprechende Acte an diesem Stammfeste gepflegt hatten. Der religiöse Mittelpunkt des Festes war wie gewöhnlich das Opfer mit dem Gebete und das darauf folgende Opfermahl, zu welchem Behuf das Opferthier in gewissen herkömmlichen Stücken unter den Theilnehmern des Bundes und des Bundesfestes vertheilt wurde Von dem Opfermahl spricht ausdrücklich Dionys. a. a. O. ἵνα συνερχόμενοι καϑ’ ἕκαστον ἐνιαυτὸν εἰς τὸν ἀποδειχϑέντα τόπον πανηγυρίζωσι καὶ συνεστιῶνται καὶ κοινῶν ἱερῶν μεταλαμβάνωσιν. Auch liegt es in dem Ausdrucke visceratio von der Vertheilung des Fleisches bei Serv. V. A. 1, 211. Von den Theilnehmenden heißt es gewöhnlich carnem petere , weil Jeder ein Recht auf sein Stück hatte, s. Cic. pr. Plancio IX, 23 nisi forte te Labicana aut Gabina aut Bovillana vicinitas adiuvabat, quibus e municipiis vix iam qui carnem Latinis petant reperiuntur. Varro l. l. VI, 25 Latinae feriae – a Latinis populis, quibus ex Albano monte ex sacris carnem petere fuit ius cum Romanis. Dionys. a. a. O. ἑνὸς δὲ ταύρου κοινῶς ὑπὸ πασῶν ϑυομένου μέρος ἑκάστη τὸ τεταγμένον λαμβάνει. ϑύουσι δὲ ὑπὲρ πάντων καὶ τὴν ἡγεμονίαν τῶν ἱερῶν ἔχουσι Ῥωμαῖοι. . Das Opfer war, wie bei den größeren 190 Jupitersfesten gewöhnlich, namentlich auch bei den Römischen Spielen, ein junger, eben von der Mutter genommener, von keiner Arbeit berührter Stier (iuvencus) von weißer Farbe, zu welchem Zweck es eigne Gezüchte von Jupitersstieren gab, namentlich auf den schönen Wiesen in der Gegend von Falerii und in der von Mevania am Clitumnus Ovid F. 1, 83, Virg. Ge. II, 146. Vgl. Arnob. II, 68 in Albano antiquitus in monte nullos alios licebat quam nivei tauros immolare candoris. Es sind iuvenci , Farren, männliche Kälber, welche frisch von der Weide und der Mutter kommen, s. die schönen Verse bei Lucret. II, 352 ff. und Virgil Aen. IX, 625 ff. Die Hörner waren bei solchen Opferstieren immer vergoldet, sie selbst mit Binden behangen, daher Virg. Aen. V, 366 velatum auro vittisque iuvencum , IX, 627 aurata fronte iuvencum candentem . Einige Alterthümler behaupteten, dem Jupiter dürften keine tauri geopfert werden, s. Macrob. S. III, 10, 3 und Serv. V. A. III, 21, doch sind junge Stiere auch Stiere, daher sich auch Virgil Aen. III, 20 nicht genirt zu sagen superoque nitentem Coelicolum regi mactabam in litore taurum , vgl. die oscische Inschrift bei Mommsen Unterit. Dial. S. 191 t. XII Diovei Versorei taurom . Ja Numa selbst hatte das Opfer eines bos für die Spolia Opima erster Ordnung an den Iup. Feretrius vorgeschrieben, Fest. p. 189. . Das Opfer wurde in Gegenwart aller übrigen Behörden der Städte von dem Consul dargebracht und dazu von den Anwesenden Gebete gesprochen, in welchen Rom für die Latiner und alle Latiner für Rom um Heil und Segen zum Jupiter flehten Liv. XLI, 16, wo von mehreren Opferthieren die Rede ist, bei denen indessen der eine weiße Bundesstier recht wohl bestehen kann, vergl. Dionys a. a. O. καὶ φέρουσιν εἰς ταύτας αἱ μετέχουσαι τῶν ἱερῶν πόλεις αἱ μὲν ἄρνας αἱ δὲ τυροὺς αἱ δὲ γάλακτός τι μέτρον etc. Von einer Spende mit Milch zur Einweihung des Festes, die der Consul brachte, spricht Cic. de Div. 1, 11, 17, von einer lactata potio Schol. Bob. Cic. pr. Plancio IX, 23. . Der Bundesstier wurde von allen Theilnehmern gemeinsam gestellt, während andre Lieferungen an Lämmern, Käse, Milch, Opferkuchen u. s. w. den einzelnen Mitgliedern oblagen. Das gemeinschaftliche Opfermahl hatte ursprünglich gewiß, wie das epulum Iovis bei den Römischen Spielen und andre Festlichkeiten der Art, den Character eines 191 Liebes- und Verbrüderungsmahls. Außerdem werden gewisse volksthümliche Feierlichkeiten erwähnt, namentlich die sogenannten Oscilla ( S. 105 ), welche später für eine Gedächtnißfeier des mythischen Königs Latinus und des Aeneas galten. Da bei dem ganzen Feste, sowohl beim Concipiren als bei dem Opfer, dem Gebete und der Vertheilung des Fleisches viele Rücksichten auf so viele Betheiligte zu nehmen waren, so kommt bei diesen latinischen Ferien besonders oft eine sogenannte Instauration vor d. h. eine Wiederholung einzelner Acte oder auch des ganzen Festes in Folge der vorgefallenen Versehen S. Liv. V, 17 und Plut. Gamill. 4, wo etwas bei der Conception versehen ist, Liv. XXXII, 1, wo Ardea sein Stück Fleisch nicht bekommen hat, XXXVII, 3, wo die Laurenter nicht das rechte Stück Fleisch bekommen haben, XLI, 16, wo der Magistrat von Lanuvium das Gebet nicht richtig gesprochen hat. Vgl. oben S. 118 und Ritschl Parerga Plautina S. 309 ff., Friedländer b. Marquardt Handb. d. R. A. IV, 476. . Während dieses Opfer auf dem ganz Latium überragenden Berge im Namen Aller dargebracht wurde, scheinen auch die einzelnen Städte daheim den Jupiter Latiaris durch entsprechende Gebräuche gefeiert zu haben. Wenigstens wissen wir von solchen in Rom. Es floß hier nehmlich nach dem einstimmigen Zeugnisse vieler Schriftsteller Tertull. Apolog. 9, Scorp. 7, Lactant. 1, 21, 3, Minuc. Fel. 13: 30, 4, Prudent. adv. Symmach. I, 379, Porphyr de Abstin. II, 56 u. a. Auch gab es in Rom seit alter Zeit einen collis Latiaris, Varro l. l. V, 52. in denselben Tagen dem Jupiter Latiaris zu Ehren das Blut eines zum Tode verurtheilten Verbrechers (bestiarius), und auf dem Capitole wurde ein Wettrennen mit Quadrigen gehalten, bei welchem der Sieger Absinth zu trinken bekam, zur Andeutung der Gesundheit und körperlichen Rüstigkeit, die seine Anstrengungen lohnen werde Plin. H. N. XXVII, 7, 28, vgl. Quintil. III, 1, 5 parum hic liber mellis, absinthii multum, salubrior quam dulcior . . Auf dem Albaner Berge aber wurde Jupiter wenigstens später wie auf dem Capitole als Optimus Maximus und neben der Juno und Minerva verehrt, neben welchen auch die Vesta Albana erwähnt wird Vom Bilde des Jupiter ist wiederholt bei Dio die Rede, s. XXXIX, 15, XLVII, 40, vom T. der Juno ib. XXXIX, 20. Vgl. Or. n. 1288 Iunoni Albanae und n. 1393 Iovi Optimo Maximo, Minervae, Iunoni, Vestae Alban. Sacr. Ein eignes Haus zum Aufenthalte für die Consuln erwähnt Dio LIV, 29. . Noch jetzt sieht man auf dem Gipfel des Berges in den Mauern des dort liegenden Passionistenklosters die Ruinen eines Tempels, auf einer schönen Höhe mit weiter Aussicht über das Gebirge, die Campagne 192 und das Meer. Auch hat sich am Abhange des Berges ein ansehnlicher Rest der heiligen Straße erhalten, auf welcher einst die Bürger und die Processionen von Rom und ganz Latium zu dieser ehrwürdigen Stätte hinaufzogen. Auch der Triumph auf dem Albaner Berge beruhte wahrscheinlich auf Vorgängen der Zeit, wo Rom und Latium zu gleichen Rechten verbündet ihre kriegerischen Erfolge nicht blos ein jeder daheim in seinen Mauern, sondern auch auf dieser Allen gemeinsamen und heiligen Höhe des Iupiter Latiaris feierten. Später wurde er bekanntlich von solchen römischen Feldherrn gehalten, denen der Triumph in Rom nicht bewilligt wurde, also ohne Bevollmächtigung von Seiten des Staates und nur als militärisches Schauspiel. C. Papirius Maso, Consul des J. 523 d. St., 231 v. Chr., war der erste welcher nach einem siegreichen Feldzuge in Corsica auf diese Weise triumphirte, und seinem Beispiel folgten viele Andre. Der Ehrenkranz bei diesem Triumphe war nicht der Lorbeer, sondern die Myrte, wie bei der Ovation, einer geringern Art des Triumphes, welche gleichfalls auf dem Albaner Berge begann, von wo der Sieger nicht auf einem Wagen, sondern zu Pferde, in alter Zeit sogar zu Fuße, und auch sonst mit geringerer Auszeichnung in Rom ein und auf das Capitol zog: so daß sie vielleicht ursprünglich nur der letzte Act eines Triumphes auf dem Albaner Berge war, wie er ehemals im Namen des verbündeten Latiums gefeiert sein mag. Jedenfalls deutet die Myrte auf den Dienst der Venus, einer Göttin die wir unten näher als eine alte latinische Bundesgöttin kennen lernen werden. Endlich der Iupiter Optimus Maximus auf dem Capitol . Die ersten Anfänge auch dieses Cultus fallen in die Zeit des Tarquinius Priscus. Er gelobte den Tempel in einem Kriege mit den Sabinern und legte den Grund dazu, indem er den bis dahin für eine solche Anlage ungünstig beschaffenen Hügel durch außerordentliche Anstrengungen zu einer breiten Fläche umschuf Liv. 1, 38, Dionys. III, 69, vgl. meinen Aufsatz ›Zur Gesch. und Topogr. des röm. Capitols‹ im Philologus 1 S. 72. . Auf derselben wurde dann der Tempel von Tarquinius Superbus erbaut, mit Hülfe der Beute von Pometia und vieler Künstler aus Etrurien, während das römische Volk in harter Arbeit karren und Ziegel streichen mußte. Die Einweihung erfolgte im ersten Jahre der Republik, man wußte nicht bestimmt durch welchen Consul. Bei den Vorbereitungen zum Bau ereigneten sich die bekannten 193 Wunder, daß von den sabinischen Heiligthümern, welche seit T. Tatius auf dieser Höhe angesiedelt waren, das des Terminus und der Juventas nicht weichen wollte, ein sichres Zeichen daß die neue Anlage ewig währen und ewige Jugend haben werde. Und als man den Grund legte, fand sich in der Tiefe des Felsens ein menschliches Haupt mit unzerstörten Gesichtszügen (integra facie), welches die etruskischen Seher alsbald dahin deuteten, daß diese Stätte in Zukunft das Haupt des Reiches und der Welt sein werde. Daher der Name Capitolium, welcher vielmehr eigentlich Burg bedeutete Vgl. das Capitulum Hernicum b. Plin. H. N. III, 5, 9, 63, Strabo V p. 238 und Scaliger und J. G. Vossius b. Schwegler Rö. Gesch. 1, 793. Die gewöhnliche Legende b. Liv. 1, 55. Bei Plin. XXVIII, 2, 4 ist sie schon erweitert. Noch später wird der Kopf der eines berühmten etruskischen Sehers Olus oder Aulus, noch später ein caput humanum litteris tuscis scriptum Caput Oli Regis , s. Arnob. VI, 7, Serv. V. A. VIII, 345, Catal. Imper. p. 645 Mommsen, Isidor XV, 2. Natürlich spricht dann auch die Sibylle ein Wort mit, s. Dio Cass. fr. 25, 9 ὅτι Σιβύλλης χρησμὸς ἔφασκε τὸ Καπιτώλιον κεφάλαιον ἔσεσϑαι τῆς οἰκουμένης μέχρι τῆς τοῦ κόσμου καταλύσεως. , indem die mit der Zeit noch weiter ausgesponnene Legende erst aus dem gegebenen Namen entstanden ist, wie jene Legende vom Terminus und der Juventas daraus daß beide im Tempel des Jupiter, also als zu ihm gehörige Personificationen verehrt wurden. Der in dieser ummauerten und verschließbaren Burg gelegene und nach ihr gleichfalls Capitolium benannte Tempel war nach der sogenannten toskanischen Ordnung erbaut und hatte für die drei Götter drei Cellen, in deren mittler Jupiter thronte, während die zu seiner Rechten für Minerva, die zur Linken für Juno bestimmt war Vgl. Eckhel D. N. VI p. 327, O. Jahn Archäol. Beitr. S. 80. Gewöhnlich sind alle drei Götter thronend abgebildet, bisweilen die beiden Göttinnen stehend. Auf den Platz der Minerva zur Rechten beziehn sich die oben S. 184, 318 citirten Worte des Horaz. Die gewöhnliche Formel der Anrufung war dagegen Iovi Iunoni Minervae s. Marini Atti p. 104. . Es konnte den Tarquiniern dabei sowohl das Beispiel der Sabiner als der Etrusker vorschweben ( S. 168 ), doch deutet der weltliche und fürstliche Character der ganzen Anlage, wie ihre architectonische und übrige Ausstattung entschieden nach Etrurien. Denn auch das Tempelbild war die Arbeit eines etruskischen Künstlers aus Veji, welcher den Römern auch ihr ältestes Bild des Hercules geschaffen haben soll. Es war von Thon und mit dem Attribute des Blitzes in der Rechten ausgerüstet Plin. H. N. XXXV, 12, 45 Praeterea elaboratam hanc artem (plasticen) Italiae et maxime Etruriae, et Volcanium (?) Veiis accitum, cui locaret Tarquinius Priscus Iovis effigiem in Capitolio dicandam; fictilem eum fuisse et ideo miniari solitum. – Ab hoc eodem factum Herculem qui hodieque materiae nomen in Urbe retinet. XXXIII, 7, 36 Enumerat auctores Verrius, quibus credere necesse sit, Iovis ipsius simulacri faciem diebus festis minio inlini solitam triumphantiumque corpora; sic Camillum triumphasse. Hac religione etiamnum [minium] addi in unguenta cenae triumphalis et a censoribus in primis Iovem miniandum locari. Roth ist nehmlich die Farbe der festlichen Freude und des Glücks, der felicitas , auch eine Symbolik der Etrusker, s. Macrob. S. III, 7. Uebrigens vgl. Arnob. VI, 25 riciniatus Iupiter atque barbatus, dextra fomitem sustinens perdolatum in fulminis morem. Ovid F. 1, 202 inque Iovis dextra fictile fulmen erat. , übrigens nach Art der älteren griechischen 194 Tempelbilder ein Gegenstand zahlreicher Bedienung und Aufwartung ( S. 128 ); namentlich pflegte es an Festtagen auch mitzufeiern und zu dem Ende das Gesicht an solchen Tagen mit Mennich roth angestrichen zu werden. Das Tempelgebäude war von einem geräumigen Tempelplatze (area) umgeben, welcher sich mit der Zeit mit allen höchsten und heiligsten Erinnerungen und Andenken an Tapferkeit, Sieg und Ehre der römischen Geschichte anfüllte. Was die Lage des Tempels betrifft, so wird ihm sowohl durch deutliche Aussagen der alten Schriftsteller als durch eine örtliche Tradition, welche sich bis in das Mittelalter verfolgen läßt, der dem Palatin und Aventin zunächst gelegene Hügel, auf welchem jetzt der Palast Caffarelli liegt, angewiesen. Wenn dessenungeachtet die römischen Topographen und Architecten behaupten, daß der Tempel auf der Höhe von Araceli gelegen haben müsse, so liegt dabei eigentlich nur das Postulat zu Grunde, daß man die Facade vom römischen Forum habe sehen müssen. Ja dieses Postulat ist im Sinne der alten Zeit nicht einmal zulässig, da zur Zeit des Tempelbaus das römische Forum seine spätere Bedeutung noch nicht hatte, während die Gegend wohin der nach Mittag gerichtete Tempel (Dionys IV, 61) und die Götter in ihm blickten, das Palatium mit seinen alten Heiligthümern und Erinnerungen, die Ara Maxima des Hercules, endlich der gleichzeitig erbaute Circus Maximus, entweder für den Glauben und die Geschichte der Römer im höchsten Grade bedeutsam waren oder, wie namentlich der Circus Maximus, mit dem Culte und der Festfeier der Capitolinischen Götter unmittelbar zusammenhingen. Wie dieser Cultus von allen römischen der angesehenste war und in allen öffentlichen Angelegenheiten am meisten gefeiert wurde, so waren auch seine Opfer, Opfermahlzeiten und 195 Feste die stattlichsten und für das römische Staatsleben, seine Erinnerungen und seine Auszeichnungen, bedeutungsvollsten. Es gehören dahin die ludi Romani, Magni, Plebeji und Capitolini, von welchen im Folgenden zunächst die Rede sein wird. Bei allen wird festzuhalten sein daß sie sowohl aus dem religiösen Acte eines Opfers und Opfermahles, des epulum Iovis, als aus dem festlichen der Procession und der Spiele bestanden, welche letztere anfangs blos circensische waren, bis später auch die scenischen hinzutraten. Ferner daß der Hauptfeiertag, also namentlich das Opfer mit dem dazu gehörigen Gebete und dem epulum, immer auf den Tag der Idus, den alten Festtag des Jupiter ( S. 140 ) gefallen sein wird, bei den Römischen Spielen, so viel ich sehe, auf die Idus des September, bei den Plebejischen auf die des November, bei den Capitolinischen auf die des October. Daß die Römischen Spiele (ludi Romani) in den Septb. fielen, von Tarquinius Priscus gestiftet wurden und in ihrer Art d. h. als circensische Spiele, die mit großem Aufwande, zunächst nach dem Vorbilde etruskischer Ritterschaft und Sitte gefeiert wurden, die ältesten waren, ist sonst bekannt Liv. 1, 35, Plin. III, 5, 9 vgl. oben S. 129 . Cic. in Verr. V, 14, 36 Nunc sum designatus Aedilis: – mihi ludos antiquissimos, qui primi Romani sunt nominati, maxima cum dignitate ac religione Iovi Iunoni Minervaeque esse faciendos. Vgl. de Rep. II, 20, 35. ; daß der wichtigste Tag des Festes auf die Idus des September fiel, folgt schon daraus daß an diesem Tage der Tempel eingeweiht wurde, im ersten Jahre der Republik, im J. 245 d. St., 509 v. Chr. (Plut. Popl. 14). Es kommen aber auch noch andre Umstände hinzu, um diesen Tag als sehr wichtig und bedeutsam für den älteren römischen Staatscultus erscheinen zu lassen, namentlich daß nach einem alten Gesetze der Republik der höchste Magistrat (qui praetor maximus sit) an den Iden des September den Nagel in die rechte Wand des Jupitertempels einschlagen sollte (Liv. VII, 3), ferner daß die Consuln in den ersten Jahren der Republik an diesem Tage ihr Amt antraten Dionys V, 1 vgl. Becker Handb. II, 2, 95. So wurde auch die Mola Salsa von den Vestalinnen an den Lupercalien, den Vestalien und den Idus des September bereitet, Serv. V. Ecl. VIII, 82, endlich die corona graminea oder obsidionalis, die höchste aller militärischen Auszeichnungen vom Senate dem August an den Idus des September überreicht. Plin. H. N. XXII, 6, 6. . Dazu kommt daß die Plebejischen Spiele, welche nach dem Vorbilde 196 der Römischen im November gefeiert wurden, ihr epulum Iovis gleichfalls an den Idus dieses Monates feierten. Endlich bemerkt wenigstens das Kal. Antiatinum auch an den Iden des September ein epulum Iovis Kal. Antiat. Id. Sept. EPVL I LV, d. h. epulum Iovis ludorum causa, vgl. S. 202, 373 . Das Kal. Capranic. bemerkt zu demselben Tage IOVI. Unter Tiberius wurde die Vereitelung der Verschwörung des Libo an den Iden des Sept. gefeiert, s. Tacit. Ann. II, 32, Kal. Amitern. . Der Opferschmaus setzt aber nothwendig ein Opfer voraus, welches auch bei dieser Gelegenheit, wie bei den latinischen Ferien und dem gewöhnlichen Amtsantritt der Consuln ein junger Stier von weißer Farbe und mit vergoldeten Hörnern war, zu welchem für Juno gewöhnlich eine Kuh hinzugefügt wurde Serv. V. A. IX, 628, Marini Atti p. 47. . Das Opfermahl war zugleich eine Speisung für die drei Capitolinischen Götter, denn auch Juno und Minerva nehmen an dieser Ehre Theil Valer. Max. II. 1, 2 Iovis epulo ipse in lectulum, Iuno et Minerva in sellas ad coenam invitabantur, quod genus severitatis aetas nostra diligentius in Capitolio quam in suis domibus conservat. Vgl. Plin. XXV, 9, 59 hac Iovis mensa verritur. und ein Liebes- und Verbrüderungsmahl für sämmtliche höhere Beamten des römischen Staats und den Senat, welche dann auf dem Capitol vor dem Angesichte des höchsten Gottes gespeist wurden Vgl. die Geschichte von P. Africanus d. Ä. und T. Gracchus den Vater b. Gell. N. A. XII, 8, Liv. XXXVIII, 57 und die Anecdote vom Lucull. b. Plin. H. N. XXVIII, 5. Es ging bei dieser Mahlzeit, wie bei den pontificalen und saliarischen, sehr hoch zu, s. Martial. XII, 48,11 Non Albana mihi sit commissatio tanti nec Capitolinae Pontificumque dapes. Daher Lucilius b. Non. p. 204 Idem epulo cibus atque epulatio (1. epulo est ) Iovis Omnipotentis . Auch die Epulones waren speciell Epulones Iovis O. M., s. Cic. d. Harusp. resp. 10, 21, oben S. 129 . , umgeben von den großartigsten Erinnerungen der Vorzeit und auf die mächtige Stadt zu ihren Füßen hinabschauend. Auch ist dieses epulum Iovis auf dem Capitol immer einer der festlichsten Tage im römischen Kalender geblieben Vgl. Dio XXXIX, 30, Sueton Domit. 13, Ael. Lamprid. Alex. Sev. 36. . Nicht minder wesentlich als das epulum Iovis gehörten die Procession in den Circus und die dortigen Spiele zum Capitolinischen Culte der Tarquinier; in welcher Beziehung das Symbol der Quadriga interessant ist, welches vielleicht ursprünglich nur ein Attribut des Donnergottes Jupiter war, bei den Etruskern aber und in Rom ganz wesentlich königliche Ehren und Sieg und Triumph bedeutete Dionys II, 34 von dem Triumphe des Romulus: ἵνα τὸ βασίλειον ἀξίωμα σώζη τεϑρίππω παρεμβεβηκώς. Vgl. ib. 54 und Plut. Rom. 24 von der ehernen Quadriga, welche Romulus als Siegeszeichen auf dem Vulcanal aufstellt. . Ja eine alte Quadriga von Thon und 197 etruskischer Abkunft, welche auf dem Giebel des Capitolinischen Tempels stand, hatte sogar die Bedeutung des Sieges über alle Siege, daher sie für eine der vielen Bürgschaften einer ewigen Wohlfahrt galt, deren sich Rom zu rühmen wußte. Vor der Einweihung des Tempels, so erzählte die Legende, und kurz vor seiner Vertreibung hatte Tarquinius jene Quadriga in Veji bestellt. Sie geht im Ofen nicht zusammen wie gewöhnlich, sondern sie schwillt und schwillt, daß man Decken und Wände einreißen muß, um sie nur aus dem Ofen nehmen zu können. Die Seher weissagen daß diese Quadriga ihren Besitzern die höchste Macht sichere, daher sich die Vejenter der Auslieferung weigern. Aber als bald darauf Spiele in Veji gefeiert werden, rennt die Quadriga des Siegers in wilder Hast davon und nach Rom, wo der Sieger bei der porta Ratumena gleich unter dem Capitole vom Wagen stürzt und seinen Geist aufgiebt, worauf die Vejenter erschreckt die Quadriga ausliefern Nach einer andern Version der Legende erobern die Römer die Quadriga, worauf jenes Viergespann aus Veji gelaufen kommt, der Sieger bei der p. Ratumena stirbt und die Pferde sich erst beim Anblicke der Quadriga auf dem Gipfel des Tempels beruhigen, s. Fest. p. 274 Ratumena porta, Plut. Poplic. 13, Serv. V. A. VII, 188. . Genug das Viergespann gehört eben so wesentlich zum Capitolinischen Jupiter als der Dreifuß zum Pythischen Apollo, daher es wiederholt unter den Weihgeschenken des Jupiter genannt wird (Liv. X, 23; XXXV, 41). Ferner gehörten zu jener Procession und den Spielen im Circus Maximus, welcher immer als nothwendiger Anhang des Capitolinischen Cultus zu denken ist, nicht minder wesentlich die sogenannten tensae d. h. die Processionswagen der drei Capitolinischen Götter mit ihren exuviis d. h. ihren Attributen, welche man an solchen Tagen den Göttern abnahm und anstatt der Götter selbst vom Capitol hinab in den Circus führte, wo sie auf dem sogenannten Pulvinar niedergelegt wurden Fest. p. 364 Tensam (von tendere) ait vocari Sinnius Capito vehiculum, quo exuviae deorum ludicris Circensibus in Circum ad pulvinar vehuntur. Fuit et ex ebore et ex argento. Vgl. Serv. V. A. 1, 17, Ascon. in Verr. p. 200. , so daß die Spiele gleichsam unter der persönlichen Betheiligung der Götter gehalten wurden. Und zwar sind die exuviae Iovis Opt. Max., welche bei dieser Gelegenheit 198 erschienen und auf der ihm geweiheten tensa Nach Sueton Vespas. 5 erhielt Nero vor seinem Sturze im Traume die Mahnung, ut tensam Iovis O. M. e sacrario in domum Vespasiani et inde in Circum deduceret , vgl. Dio LXVI, 1. Das sacrarium ist der besondre Raum für die Tensen auf dem Capitol, auf den einige Militärdiplome deuten: tabula aenea, quae fixa est in Capitolio ad latus sinistrum thensarum extrinsecus . Die tensa Iovis zerbricht bei Dio L, 8, die der Minerva b. Dio XLVII, 40. Alle drei Capitolinische Götter und ihre Tensen sind zu sehen auf den Denaren der Rubria, die des Jupiter mit dem Blitz, worüber eine Victoria schwebt, die der Juno mit dem Pfau, die der Minerva mit der Eule. Merkwürdig ist die Goldmünze mit dem Kopfe Octavians bei Riccio 59, 27, wo eine Quadriga als Symbol des Jupiter in einer Tense zum Circus gefahren wird. in den Circus gefahren wurden, wieder die Attribute seiner königlichen Weltherrschaft und des Sieges und Triumphs, der Blitz und das Adlerscepter und der goldne Kranz, endlich die tunica palmata und toga picta, von denen das Adlerscepter und die zuletzt genannten Kleider sammt dem Stuhle von Elfenbein in Etrurien und seit Tarquinius Priscus in Rom den königlichen Ornat bildeten, während später nur noch von den Führern der großen Procession und den Triumphirenden ein solcher Schmuck von dem höchsten Gotte entlehnt werden durfte Dionys III, 61, Liv. X, 7, Sueton Octav. 94, Müller Etrusk. 1, 373 ff. Der Stuhl des Jupiter mit seinen Attributen, dem Blitz, dem Adler, dem Scepter u. s. w. bei Braun Vorschule der Kunstmythologie t. 6. . Diese Procession (pompa), welche die Spiele im Circus eröffnete, zog vom Capitol herunter über das Forum durch den Vicus Tuscus zum Velabrum und in den Circus, den sie gleichfalls in seiner ganzen Länge durchzog; alle diese Plätze, diese Straßen und die langen Gallerieen des Circus waren dann festlich geschmückt und von einer gedrängten Volksmenge besetzt: es gab in den besten Zeiten Roms keine bedeutungsvollere, keine volksthümlichere Feier als diese S. die Stellen b. Becker Handb. 1, 491, Friedländer b. Marquardt IV, 498 ff. . Den Mittelpunkt des Zuges bildeten jene Tensen der Götter, vor allen die der drei Capitolinischen, deren jede von einem edlen und unverwaisten Knaben mit der größten Sorgfalt geführt wurde, denn hier war jedes, auch das geringste Versehen bedenklich S. oben S. 118 . Es machte viel Sensation als C. Terentius Varro, derselbe welcher als Consul die Schlacht bei Cannä verlor, als Aedil einen gemietheten Knaben von großer Schönheit auf der tensa Iovis die Exuvien dieses Gottes tragen ließ, worüber Juno, wie man glaubte, eifersüchtig geworden jene Niederlage herbeigeführt habe. Val. Max. 1, 1, 16, Lactant. II, 16, 16. . Allen Tensen voran 199 aber fuhr der Magistrat, dem die Ehre geworden war den Zug zu leiten und bei den Spielen den Vorsitz zu führen, aufs festlichste geschmückt, denn seine Tracht war keine geringere als die der Triumphirenden Liv. V, 41 quae augustissima vestis est tensas ducentibus triumphantibusve . , während ein Staatssklave einen nach etruskischer Weise aus Gold und Edelsteinen verfertigten Eichenkranz über seinem Haupte hielt und die Begleitung seiner Kinder, vieler Clienten und andres Gepränge das Glück, welches ihm geworden, noch mehr hervorhob (Juvenal X, 36 ff.). Vor diesen Heiligthümern und hinter denselben aber sah man viele andre Gruppen und Haufen von Knaben, Jünglingen und Männern zu Pferde und zu Fuß, viele Spielleute mit Blas- und Saiteninstrumenten, viele Tänzer und Springer, die sich im Waffentanze oder in dem Costüme der etruskischen Ludionen oder in andrer Tracht und Vermummung sehen ließen, viele Priester und Bilder der Götter, seit Caesar und August auch der Kaiser, viele Opferthiere und prachtvolles Geräth, sammt andern Prachtstücken der Vorzeit oder eines auserwählten Ruhms Vgl. Dionys VII, 72, welcher nach Fabius Pictor berichtet, aber viel Fremdartiges einmischt, und Tertull. de Spectac. 7, wo das Gewühl der Procession recht lebendig beschrieben wird. . Kurz es war ein buntes Gedränge aller Klassen und aller Arten des Volks, aller Stände, aller Collegien, aller Lebensalter. Da nach den Kalendern am 14. September, dem Tage nach den Idus eine Prüfung der zum Rennen eingemeldeten Pferde vorgenommen wurde Probatio equorum, vgl. Dio LV, 10. , worauf am 15. die Spiele selbst begannen, so wird man auch die Procession auf diesen Tag setzen dürfen, welcher die Spiele sich unmittelbar anschlossen. Nach denselben Kalendern dauerten diese Spiele im Circus damals fünf Tage lang, vom 15. bis 19. Sept., welche Ausdehnung sie erst allmälich bekommen hatten, da wie bei den latinischen Ferien und andern Festen auf besondre Veranlassung ein Tag nach dem andern hinzugefügt wurde Liv. VI, 42; XXXIX, 7. Der fünfte Tag wurde nach dem Tode Cäsars hinzugefügt. . Mit der Zeit traten die scenischen Spiele hinzu, seit 390 d. St. (364 v. Chr.) im etruskischen Geschmack, seit etwa 514 (240 v. Chr.) im griechischen, da in diesem Jahre, gleich nach dem ersten punischen Kriege, Livius Andronicus zuerst Dramen auf die Bühne brachte, ein Jahr vor der Geburt des Ennius. Auch das geschah zuerst bei 200 den Römischen Spielen, welche darauf mit den übrigen Festen auch in dieser Hinsicht immer mehr beladen wurden. Und zwar waren zu diesen scenischen Spielen bestimmt die Tage vor den Idus, nach den Kalendern vom 4. Sept. bis zum 12., also neun Tage hintereinander: eine Erweiterung welche namentlich seit der Zeit des zweiten punischen Kriegs erfolgt sein mag. Wenigstens wissen wir aus Liv. XXIV, 43, daß schon im J. 540 (214 v. Chr.), zwei Jahre nach der Schlacht bei Cannä, die Bühnenspiele vier Tage lang dauerten. Gegeben wurden sie bekanntlich von den curulischen Aedilen, denen auch bei der großen Procession und den circensischen Spielen die Einrichtung im Ganzen und die polizeiliche Oberaufsicht oblag, während das Geleite der Tensen bei der Procession und der Vorsitz im Circus, ursprünglich eine Sache des Königs, später den Consuln oder in ihrer Abwesenheit dem städtischen Prätor zustand, nach dem Fall der Republik aber natürlich den Kaisern und den von ihnen ernannten Stellvertretern zufiel Becker Handb. II, 2, 324 ff. Statt der curulischen Aedilen bekamen unter den Kaisern die Prätoren die Aufsicht über die Spiele, ib. II, 3, 264. . Neben den Römischen Spielen werden die Großen Spiele (ludi Magni oder Maximi) gewöhnlich in solcher Weise genannt Cic. d. Rep. II, 20, 35 eundem primum ludos Maximos, qui Romani dicti sunt, fecisse accepimus. Liv. 1, 35 sollemnes deinde annui mansere ludi, Romani Magnique varie appellati. Paul. p. 122 Magnos ludos Romanos ludos appellabant, quos in honorem Iovis, quem principem deorum putabant, faciebant. Vgl. Ritschl Parerga p. XXIII sqq. und 290, Marquardt Handb. IV, 474. , daß beide lange für identisch gegolten haben. Eine genauere Beobachtung aber hat gelehrt, daß sie sich von jenen dadurch wesentlich unterschieden, daß sie nicht regelmäßig, sondern nur in Folge außerordentlicher Veranlassungen und als votivi gefeiert wurden, indem ein solches Gelübde beim Beginn schwerer Kriege oder sonst in gefährlichen Lagen des Staates feierlich ausgesprochen und die Spiele selbst nach glücklicher Beendigung des Kriegs oder Abwendung der Gefahr zu Ehren des höchsten Gottes, der seine Römer wieder einmal zum Siege geführt, gefeiert wurden. Das erste Beispiel fällt in die Zeit des Kriegs gegen die Tarquinier und die mit ihnen verbündeten Latiner, welcher durch den Sieg am See Regillus im J. 258 (496 v. Chr.) entschieden wurde; welche Spiele zugleich sehr oft als Beispiel der strengen Gewissenhaftigkeit angeführt werden, mit welcher solche Gelübde in den alten Zeiten beobachtet 201 wurden Cic. de Div. 1, 26, Liv. II, 36, Dionys VII, 68, Macrob. S. 1, 11, 3, Augustin C. D. IV, 26 u. A. . Das erstemal, so erzählt die Legende, hatte ein plötzlicher Ueberfall des Feindes die Feier unterbrochen. Das zweitemal, als es zur wirklichen Ausführung kam und der Circus schon voll von Menschen war, wurde ein strafbarer Sklave vor Aller Augen mit der Gabel auf dem Rücken durch den Circus geführt und gefuchtelt: was den frommen Sinn eines Plebejers vom Lande so empörte, daß er auch zu Hause keine Ruhe fand. Jupiter erschien ihm im Traume, höchlich verletzt durch solch einen Vortänzer bei seinen Spielen; er solle gehn und bei den Consuln auf Wiederholung der Spiele dringen. Der Landmann zögerte, da starb sein Sohn und er selbst wurde gelähmt an allen Gliedern, bis er sich endlich in den Senat tragen ließ und, sobald er den Auftrag ausgerichtet, gesund wieder heimkehrte. Der Senat aber beschloß alsbald die Instauration und zwar mit einer Ausstattung, die viermal so kostbar war als die erste. Die ältere Republik mochte solche Spiele um so lieber sehen und um so mehr auf sie verwenden, weil bei ihnen allein beide Stände, die Patricier und Plebejer, vereinigt waren, welches auch wohl der Grund ist, weshalb man sie vorzugsweise die Großen nannte; doch wurden sie auch im weitern Verlaufe der Republik sehr oft gelobt und immer mit großer Gewissenhaftigkeit und kostbarer Ausrüstung gehalten, gewöhnlich zehn Tage lang Vgl. Sigonius zu Liv. XXXIX, 22, 1. Das Gelübde wurde von dem Consul oder dem Dictator praeeunte Pontifice Maximo gesprochen, Liv. IV, 37. Als Beispiel diene das vom J. 191 v. Chr. beim Ausbruch des Kriegs gegen Antiochus, s. Liv. XXXVI, 2. Die ludi votivi des Pompejus, welche er im Kriege gegen Sertorius gelobt, dauerten 15 Tage, Cic. in Verr. Act. 1, 10, vgl. Sueton Octav. 23 Vovit et Magnos ludos Iovi Opt. Max., si respublica in meliorem statum vertisset (nach der Varusschlacht), quod factum Cimbrico Marsicoque bello erat. Ib. Ner. 11 ludis, quos pro aeternitate imperii susceptos appellari Maximos voluit. . Wie die Römischen mögen sie aus einem Opfer und Opferschmause, der Procession und den circensischen Spielen bestanden haben, dahingegen von scenischen Spielen bei ihnen nicht die Rede ist. Wohl aber wurden nicht selten anstatt der Spiele große Opfer dem Jupiter geweiht, meistens Stieropfer, seit dem Hannibalischen Kriege auch wohl nach griechischer Sitte ganze Hekatomben Scipio opfert nach seiner Rückkehr aus Spanien eine Hekatombe von Stieren auf dem Capitol, Liv. XXVIII, 38. Nach der Schlacht am l. Trasimenus wurde sogar bubus trecentis geopfert und das Ver Sacrum gelobt d. h. ein Opfer von allem quod ver attulerit ex suillo, ovillo, caprino, bovillo grege, welches später wirklich gebracht wird, s. Liv. XXII, 9. 10; XXXIII, 44; XXXIV, 44. , einmal sogar und zwar auf Veranlassung der 202 sibyllinischen Bücher ein Ver Sacrum, welches in älteren Zeiten nur in dem Culte des Mars herkömmlich gewesen zu sein scheint. Außer den Römischen Spielen im September und diesen Großen gab es eigne Plebejische Spiele im November, welche ursprünglich speciell für die Plebs bestimmt waren und von ihren Obrigkeiten, den plebejischen Tribunen und Aedilen besorgt wurden, man weiß nicht genau seit welcher Zeit und auf welche Veranlassung Ascon. in Verr. p. 143 Plebeii ludi quos exactis regibus pro libertate plebis fecerunt aut pro reconciliatione plebis post secessionem in Aventinum. Am wahrscheinlichsten ist die Einsetzung dieser Spiele nach der Rückkehr vom h. Berge, wo auch zu den latinischen Ferien ein neuer Tag hinzugefügt wurde. ; ohne Zweifel lag aber noch die alte Scheidung der Patricier und der Plebejer dabei zu Grunde. Später verlor sich diese Scheidung, aber die beiden Spiele bestanden dennoch neben einander fort, übrigens bei gleichartiger Einrichtung, denn auch bei den plebejischen Spielen wurde an den Idus ein epulum Iovis gehalten Vgl. die Kalender und Liv. XXV, 2, XXVII, 36, XXIX, 38, XXX, 9, XXXI, 4, XXXII, 7, XXXIII, 42. Immer heißt es et epulum Iovis fuit ludorum causa , so sehr wurden die Spiele überall zur Hauptsache. Die Kalender bemerken zu den Idus Nov. Epul. indict. oder Epulum indicitur . , worauf gleichfalls circensische Spiele folgten, welche aber nicht im Circus Maximus, sondern in dem des Flaminius gehalten wurden, vor dessen Einrichtung vermuthlich im freien Marsfelde. Endlich gingen auch hier dem epulum scenische Spiele voran, welche die plebejischen Aedilen zu veranstalten hatten S. die Didaskalie b. Ritschl Parerga p. 261. . Nach den Kalendern der Augusteischen Zeit dauerte das ganze Fest vom 4. bis zum 17. Novb., von welchen Tagen die ersten acht auf die scenischen kommen würden, die Idus auf das Opfer und das Opfermahl, an welchem ursprünglich gewiß nur die plebejischen Magistrate theilnahmen, endlich die Zeit vom 14. bis zum 17. auf die scenischen Spiele und den vorbereitenden Act der probatio equorum. Von einer Procession zur Eröffnung der Spiele ist nie die Rede. Endlich gab es auch Capitolinische Spiele des Jupiter, über welche wir aber nur mangelhaft unterrichtet sind. Nach Ennius hatte Romulus bei der Einweihung des Tempels des Jup. 203 Feretrius Spiele veranstaltet, welche noch ganz den Stempel ländlicher Einfalt trugen; es wurden nehmlich geölte Felle auf den Boden gebreitet, auf welchen sich dann seine Römer im Faustkampf und im Wettlauf sehen ließen. So erzählen auch Andre von einer ähnlichen Stiftung, welche Romulus Tarpejische oder Capitolinische Spiele genannt habe Serv. V. Ge. II, 384, Tertull. de Spectac. 5. Iup. Tarpeius bei Ovid F. VI, 34 und Ulpian tit. XXII § 6. . Wieder Andre wissen von einem Triumphe des Romulus über Veji, welcher an den Iden des October gefeiert worden wäre und wo unter andern Gefangnen auch der König von Veji, ein kindischer alter Mann, aufgeführt worden sei; daher man am Tage der Capitolinischen Spiele d. h. bei der Feier dieses Triumphs immer einen alten Mann in königlichem Aufputz und mit der Bulle, wie sie die Kinder zu tragen pflegten, über das Forum aufs Capitol führe und dazu von einem Herolde durch öffentlichen Ausruf »zum Kauf der Sarder« einlade, weil von den Sardern mit den übrigen Etruskern auch die von Veji abstammten Plut. Rom. 25, wo die Worte ϑύοντες ἐπινίκια nicht auf den Triumph überhaupt, sondern auf den des Romulus vom 15. Oct. zu beziehen sind, vgl. Qu. Ro. 53 und Fest. p. 322 Sardi venales . Andre leiteten dieses Sprichwort richtiger von einem entscheidenden Siege über die Sarder ab. Vgl. den Gebrauch bona Porsennae regis vendendi b. Liv. II, 14. . Endlich berichtet Liv. V, 50, daß nach dem Abzuge der Gallier Capitolinische Spiele zur Erinnerung an die Rettung des Capitols unter dem Schutze des Jupiter gestiftet und zu diesem Behuf von Camillus ein eignes Collegium gebildet worden sei, aus denen welche auf dem Capitol und der Burg d. h. auf den beiden Hügeln des Capitolinischen Berges wohnten. Aus dem Allen darf man wohl folgern, daß auch an den Iden des October ein altes Triumph- und Siegesfest zu Ehren des Capitolinischen Jupiters gefeiert wurde, ein so altes, daß man es für eine Stiftung des Romulus hielt; und wirklich mag es älter sein als die Plebejischen Spiele, da diese sonst kaum in den November verlegt worden wären. Doch scheint dieses Fest nur eine beschränkte örtliche Bedeutung gehabt d. h. speciell die Einwohner der beiden Capitolinischen Hügel betroffen zu haben Eben dieses scheint der Sinn der Worte bei Festus l. c. zu sein: quod ludis [Capitolinis qui] fiunt a vicinis [praetextatis au]ctio Veientium [fieri solet] , wo gewöhnlich mit Scaliger a vicanis gelesen wird. Nach der Hinrichtung des Manlius Capitolinus wurde verboten ne quis patricius in Arco aut Capitolio habitaret , Liv. VI, 20. , welche später nicht mehr geduldet wurden. 204 Wie nun Siegesfeier und Triumph bei allen diesen Festen des Jupiter O. M. der leitende Gedanke war, so war auch der Triumph im engeren Sinne, nehmlich der der heimkehrenden Feldherrn, kein blos militärisches, sondern zugleich wesentlich ein religiöses Schauspiel, eine Verherrlichung desselben höchsten Gottes auf der Capitolinischen Burg, dessen Stellvertreter die Inhaber der höchsten Staatsgewalt waren. Daher das Opfer an den Jupiter beim Amtsantritte der Consuln ( S. 161 ), daher feierliche Gelübde bei jedem Auszuge derselben zum Kriege, wo sie vorher jene Gelübde auf dem Capitole concipirten und darauf von ihren Freunden mit großer Feierlichkeit und allen guten Wünschen aus der Stadt hinausgeleitet wurden Liv. XLII, 49 Per hos forte dies P. Licinius consul votis in Capitolio nuncupatis paludatus ab Urbe profectus est. Semper quidem ea res cum magna dignitate ac maiestate geritur etc. XLV, 39 Diis quoque, non solum hominibus debetur (triumphus). – Consul proficiscens praetorve paludatis lictoribus in provinciam et ad bellum vota in Capitolio nuncupat. Victor perpetrato eodem in Capitolio triumphans ad eosdem deos, quibus vota nuncupavit, merita dona populi Romani traducit. Vgl. Becker Handb. II, 2, 64 und von den Bedingungen des Triumphs ib. 79, von der Feier selbst Marquardt III, 2, 446 ff. . Diesem Vorgange entspricht der Triumph , von Seiten des Feldherrn als Erfüllung jener Gelübde, von Seiten des Staates als höchste Anerkennung die dem Bürger zu Theil werden konnte. Gewöhnlich betrat der Feldherr, nachdem er das siegreiche Heer und den Triumphzug vor der Stadt geordnet hatte, das Gebiet derselben bei der porta triumphalis an der Grenze des Marsfeldes, bis wohin ihm die Behörden, der Senat und ein großer Theil der Bürger entgegenkamen. Darauf bewegte sich der Zug durch den Circus Flaminius in die Stadt und über das Forum Boarium, wo der Hercules der Ara Maxima in seiner Weise theilnahm, in den Circus Maximus; endlich von dort um die Palatinische Altstadt herum und auf der Via Sacra über das Forum und hinauf zum Capitol, dem Zielpunkte der ganzen Feier. Voran gingen der Senat und die Behörden, dann folgte Musik, darauf die lange Reihe der erbeuteten oder eroberten Gegenstände, deren glänzende Darlegung immer mehr zur Hauptsache wurde, darauf die weißen Opferstiere Virg. Ge. II, 148, Plutarch Aemil. Paul. 33, Comment. Cruq. Horat. Ep. 9, 22. Nach Serv. V. A. IX, 627 wurden von den Triumphirenden auch Suovetaurilien dargebracht, aber nicht dem Jupiter, sondern den andern Göttern des Kriegs. , dann die vornehmeren Gefangnen, endlich der Triumphator selbst, wieder ein lebendes Bild des 205 Capitolinischen Jupiter, von dem er Macht und Sieg empfangen hatte und in dessen Schooß er jetzt den errungenen Lorbeer niederzulegen im Begriff stand, während er die übrigen Insignien dieses höchsten Ehrentages mit in sein Haus nehmen und seinen Nachkommen zum ewigen Angedenken hinterlassen durfte. Wie der hohe und vergoldete, seit Camill gewöhnlich von vier weißen Rossen gezogene Triumphwagen ein Bild der quadriga Iovis war Liv. V, 23 Iovis Solisque equis aequiparatum dictatorem in religionem trahebant. Mithin war auch die tensa Iovis gewiß so bespannt. , so die mit Palmenzweigen und Victorien gestickte Tunica, die mit Gold auf purpurnem Grunde gestickte Toga des Triumphators, das elfenbeinerne Adlerscepter in seiner Hand, der über seinem Haupte schwebend gehaltene Triumphalkranz von Gold und Edelstein, sein eignes nach dem Vorbilde Jupiters mit Mennich hochroth gefärbtes Antlitz recht eigentlich der ornatus Iovis Optimi Maximi Liv. X, 7, vgl. Serv. V. Ecl. X, 27, Sueton Octav. 94. Es scheint sogar daß die tunica palmata und die toga picta den Triumphirenden e Capitolio verabfolgt wurden, s. Lamprid. Alex. Sev. 39, Iul. Capitol. Gordian 4, Vopisc. Prob. 7. Von dem Kranze s. Plin. H. N. XXXIII, 1, 4 und oben S. 97, 131 u. 199 , von der Färbung des Gesichts S. 194 und Serv. V. Ecl. VI, 22, X, 27. : daher einer solchen Erhebung der sterblichen Menschen als heimliches Amulet gegen den Neid und bösen Blick ein Fascinus unter dem Wagen dienen mußte und deshalb auch den folgenden Soldaten jeder beliebige Spott erlaubt gewesen sein soll So ist Plin. H. N. XXVIII, 4, 7 zu verstehn: fascinus imperatorum quoque, non solum infantium custos, qui deus – currus triumphantium sub his pendens defendit medicus invidiae, iubetque eosdem resipiscere (so schreibt Sillig mit Recht f. respicere) similis medicina linguae (nehmlich die Spottlieder der Soldaten) , ut sit exorata a tergo Fortuna gloriae carnifex. Vgl. Dio Cass. LIX, 17, wo Caligula vor seinem Triumphe bei Puteoli dem Neptun opfert καὶ ἄλλοις τισὶ ϑεοῖς φϑόνῳ τε, μὴ καὶ βασκανία τις αὐτῷ ὡς ἔφασκε γένηται. : so sehr fürchtete der Glaube der Alten bei jedem außerordentlichen Gedeihen die dämonische Gewalt des Neides. Umgeben von den Genossen seines Ruhms verließ er endlich oben auf dem Capitole angekommen den Wagen, stieg die Stufen zum Tempel hinan Der große Cäsar machte diesen letzten Gang auf seinen Knieen, was Claudius nachahmte, s. Dio Cass. XLIII, 21, LX, 23. So kletterte auch Carl d. Gr. die Stufen von S. Peter knieend empor, indem er jede Stufe küßte. , nahete sich anbetend dem Bilde Jupiters und legte den Lorbeer, gewöhnlich den der vor ihm getragenen Fasces, der Sinnbilder seiner Gewalt, oder 206 auch eine Palme in den Schooß des Gottes Von dem Lorbeer der Fasces s. Dio Cass. LIV, 25 und Lipsius Exc. D. Tacit. Ann. II, 26. Auf zwei alten Gemälden, welche die Kaiser Hadrian und Antoninus Pius auf Triumphwagen darstellen, Mon. dell' Inst. III t. X. XI, haben die Kaiser den zu weihenden Lorbeer in der Hand. Auch das palmam dedit der Triumphalfasten ist auf diesen Act zu beziehn, vgl. Macrob. II, 7, 8. . Dann folgte das Opfer und ein festliches Opfermahl im Tempel, an welchem der ganze Senat und alle Behörden theilnahmen und der Triumphirende natürlich die Hauptperson war, bis er zuletzt von diesem Mahle feierlich heimgeleitet wurde Vgl. Liv. XLV, 39, Varro b. Non. Marc. p. 94 caenatus und Cato Orig. b. Gell. N. X, 24, wo mit Beziehung auf dieses Festmahl der Befehlshaber der punischen Reiterei zum Hannibal sagt: Mitte mecum Romam equitatum; die quinti in Capitolium tibi cena cocta erit. und somit wieder in die gewöhnliche Lebensordnung zurückkehrte. Die freudige Aufregung, das Gedränge der ganzen Stadt bei solchen Gelegenheiten, zumal wenn der Triumphirende beliebt war, kann man sich nicht lebhaft genug vorstellen Vgl. Liv. III, 29; IV, 20 u. a. . Auch wurde in späterer Zeit das Volk gewöhnlich von dem Triumphator im Saale des Hercules der Ara Maxima oder sonst in der Stadt gespeist und mit scenischen Spielen und andern Ergötzlichkeiten unterhalten Vgl. Plut. Lucull. 37, Dio LV. 2, wo Tiber das Volk auf dem Capitol und durch die ganze Stadt speist, Livia und Julia aber im Palatium die Damen. Aehnlich ib. 8. . Haben wir so die verschiedenen Feste und festlichen Veranlassungen übersehen, bei denen der Capitolinische Jupiter als der höchste Gott aller römischen Staatsgewalt und aller ihrer Erfolge verehrt wurde, so mag schließlich, um das Bild örtlich und historisch abzurunden, auch von der Ausstattung und Umgebung seines Tempels und der späteren Geschichte des Capitols die Rede sein, da auch in diesen der Grundgedanke dieser Anlage, das terrestre domicilium Iovis darzustellen (Cic. Verr. IV, 58, 129), deutlich hervortritt. Zahllos waren zunächst die kostbaren Geschenke und Stiftungen sowohl des frommen Glaubens der Einheimischen und des Staates als der verzagten Ehrfurcht auswärtiger Völker und Könige, welche ihre huldigende Anerkennung der Obmacht Roms durch Geschenke an seine höchste Götter-Trias auszudrücken pflegten. Gewöhnlich bestanden solche Tribute in goldnen und silbernen Schaalen und anderm Cultusgeräth, goldnen Kränzen und andern Kostbarkeiten, wie sie die mehrfach 207 erhaltenen Verzeichnisse andrer Tempelschätze aufzählen, nicht selten aber auch in solchen Gegenständen, welche zu den Attributen und Symbolen der Götter gehörten, z. B. in Blitzen von Gold oder Silber, Quadrigen u. dgl. Die große Masse solcher Weihgeschenke wurde von Zeit zu Zeit eingeschmolzen, die übrigen in den sogenannten Favissen niedergelegt, kellerartigen Anlagen unter dem Tempelhofe, in welchen auch das abgängig gewordene Tempelgeräth und veraltete Cultusbilder verwahrt wurden. Ueberdies gab es noch einen besondern Schatz des Capitolinischen Jupiter, welcher unter seinem Sitze in dem Throne niedergelegt war. Camill hatte ihn angelegt, als die Gallier endlich abziehn mußten, und treulich verwahrte und mehrte ihn die Republik, bis mit der Zeit des Marius und Sulla zugleich der Brand des Capitols und die Plünderung bedürftiger Feldherrn auch diese Schätze störten. Was Sulla wiederhergestellt hatte, ging von neuem durch Crassus und Caesar verloren, bis Augustus wieder auf einmal 16000 Pf. Goldes und eine entsprechende Menge von Edelsteinen und Perlen in der Cella des Jupiter niederlegte Liv. V, 50, Plin. H. N. XXXIII, 1, 5, Sueton Caes. 54, Octav. 30, Dio XLI, 39. . Nicht weniger zahlreich und für die Geschichte des römischen Staates und des römischen Ruhms im höchsten Grade lehrreich waren die vielen von Privaten oder von Staatswegen dahin gestifteten Andenken, Inschriften, Ehrenschilde, Tropäen, Victorien u. dgl. m., so zahlreich daß der Tempel und seine Säulen von Zeit zu Zeit von dem Ueberfluß gesäubert werden mußten (Liv. XL, 51). Schon die vielen historisch merkwürdigen Inschriften, welche es dort zu lesen gab, waren für den Patrioten ein wahrer Schatz, wie z. B. die Feldherrn, ehe sie triumphirten, ein Verzeichniß ihrer Thaten in Saturnischen Versen auf dem Capitole anzuschlagen pflegten, wovon einige Beispiele durch die Schriftsteller erhalten sind, darunter die alte und ehrwürdige Inschrift, in welcher T. Quinctius Cincinnatus mit einfachen Worten von seinen durch die Gnade Jupiters und aller Götter im J. 374 (380 v. Chr.) erfochtenen Siegen über Präneste berichtete Atil. Fortunat. p. 2680 P. apud nostros in tabulis antiquis, quas triumphaturi duces in Capitolio figebant victoriaeque suae titulum Saturniis versibus prosequebantur, talia repperi exempla etc. Vgl. Marini Atti p. 37, Ritschl inscriptio quae fertur columnae rostratae Duellianae, Bonn 1852. Die erhaltenen Beispiele sind: 1) das vom Cincinnatus b. Liv. VI, 29 vgl. Fest. p. 363. 2) die an den Seesieg des L. Aemilius Regillus über die Flotte des Antiochus erinnernde Inschrift b. Liv. XL, 52. 3) die des Ti. Sempronius Gracchus, welche von einer bildlichen Darstellung der Insel Sardinien und seiner auf ihr gefochtenen Schlachten begleitet war, Liv. XLI, 28. . Die stille Würde dieser älteren Zeit mochte 208 merklich abstechen gegen die goldne und silberne Pracht der späteren, wo Rom von seinen Feinden lernte, auch seiner eignen Siege und Götter mit großem Aufwand und mit einer anspruchsvollen Kunst der Darstellung zu gedenken. So lernte man von den Puniern die goldnen und silbernen Ehrenschilde mit eingegrabenen Bildern kennen, wo es sich denn gelegentlich zutrug, daß derartige auf dem Capitol befindliche Schilde von Silber von den Censoren lange für eherne gehalten wurden (Plin. H. N. XXXV, 3, 4). Auch wurde es um dieselbe Zeit beliebt, in ausgeführten Bildern der Schlachten zum Volke zu sprechen Plin. XXXV, 4, 7 vgl. Papencordt Cola di Rienzo S. 73. , wie man auch im Mittelalter in Florenz und Rom durch historische und allegorische Bilder sich an das Volk wendete. Später mehrten sich die nach griechischer Weise aufgestellten Victorien, namentlich seitdem der goldnen Victoria, welche Hieron dem Senate in schwerer Bedrängniß übersendet hatte, so große Ehre erwiesen worden war Liv. XXII, 37. Vgl. die von dem numidischen Könige Bocchus dem Sulla zu Ehren aufs Capitol geweihten Νῖκαι τροπαιοφόροι b. Plutarch Mar. 32, Sulla 6. Victoria quadrigam in sublime rapiens , ein Gemälde des Nicomachus auf dem Capitol, Plin. XXXV, 10, 36. . Auch die größeren Tropäen, wie man deren noch jetzt auf dem Capitole sieht, wurden immer häufiger, und die Kette der Triumphbögen, welche auf dem Forum, vor den Thoren und in den belebtesten Straßen die gewöhnliche Richtung der Triumphzüge bezeichneten, begann unter August und Tiber den Fuß des Capitols zu erreichen, unter Nero dasselbe zu ersteigen Propert. III, 11, 45 von den Tropäen des Marius. Tropaea Germanici in tribunali quae sunt ad aedem Fidei Populi Romani auf einem Militärdiplome. Vgl. Tacit. Ann. XV, 18 und Henzen in den Jbb. d. V. v. Alterthumsfr. im Rheinl. XIII S. 26 und 59. . Dazu kamen die vielen Tempel und Bilder andrer Götter, welche sich allmälich um den großen Capitolinischen Haupttempel wie um ihren Mittelpunkt ansammelten, die Menge von Bildern und Statuen berühmter Männer, die vielen alten Gesetze und öffentlichen Anschläge, da auch außerhalb des Tabulariums viele Gesetze auf besondern Säulen von Erz oder an die Mauern und Flächen der Tempel und der Monumente angeheftet wurden Vgl. Cicero Cat. III, 8, Dio XXXVII, 9, XLI, 14, Sueton Vespas. 8. , endlich eine große Menge von kostbaren Bildern und 209 Gemälden griechischer Kunst, welche die Sieger nach Rom brachten. Unter den Götterbildern mag vorzüglich der historisch wichtigen des Jupiter gedacht werden: namentlich des von Sp. Carvilius Maximus, dem Sieger über die Samniter vom J. 461 (293 v. Chr.), aus den Rüstungen der heiligen Schaar geweihten Colosses, der von solcher Höhe war, daß man ihn vom Gipfel des Albaner Berges deutlich unterschied Plin. H. N. XXXIV, 7, 18. Zu den Füßen des Colosses stand ein kleines Bild des Carvilius, welches aus den Abfällen der Feile gegossen war. Kleinere Votivtempel des Jupiter, wahrscheinlich Betkapellen mit einem Altare und Bilde, werden erwähnt bei Liv. XXXV, 41. Eine columna – secundum Iovem Africum auf Militärdiplomen. , und des auf einer Säule aufgestellten Bildes, dessen unter den Prodigien des J. 65 v. Chr. gedacht wird, wo ein Gewitter so außerordentliche Verwüstungen auf dem Capitole anrichtete, daß man das Schlimmste befürchten mußte Cic. Catil. III, 8, de Divin. 1, 12, Dio XXXVII, 9, vgl. Becker Handb. 1, 394. . Andre Bilder kamen aus Griechenland, z. B. eine Statue des Zeus Urios d. h. des Senders guter Winde aus Macedonien, welchen Flaminius auf das römische Capitol versetzte, wo man den griechischen Namen durch Iup. Imperator übersetzte, ein dreißig Ellen hoher Apoll aus Apollonia am schwarzen Meere, den Lucullus mitgebracht hatte, verschiedene Bilder des Mars, des Hercules u. s. w. Cic. Verr. IV, 57, 128 ff., ad Att. VI, l, 17, Plin. IV, 13, 27, XXXIV, 7, 18, Dio XLI, 14, XLII, 26. . Weit zahlreicher müssen aber die Statuen der verdienten Bürger gewesen sein, da es während der Republik für eine der höchsten Auszeichnungen galt, in der Nähe des Jupiter O. M. ein Bild von sich aufstellen zu dürfen. Sah man doch selbst die Bilder der sieben Könige auf dem Capitole und neben ihnen das des Brutus, neben welchem man später das des Cäsar stellte, was den damaligen Brutus, den Mörder Cäsars, ganz besonders zur Theilnahme an der Verschwörung gereizt haben soll In der Nähe derselben alten Königsbilder fiel Ti. Gracchus, s. Plin. XXXIII, 1, 4. 6. XXXIV, 6; 11, Appian b. civ. 1, 16, Dio XLIII, 45, Ascon. Cic. Scaur. p. 30 Or. . Daran schlossen sich so viele andre Statuen berühmter Männer mit entsprechenden Inschriften, z. B. die des L. Caecilius Metellus, des Siegers von Panormus, der als Pontifex das Bild der Vesta rettete, des M. Aemilius Lepidus, wie er sich schon als Knabe in der Schlacht ausgezeichnet hatte, des Scipio Africanus und seines Bruders Lucius, welcher sich in griechischer Tracht hatte abbilden 210 lassen, des Q. Marcius Rex und vieler Andrer Cic. ad Att. VI, 1, 17, Dionys. II, 66, Valer. Max. III, 1, 1; 6, 2, Sueton Cal. 34. , daß August, weil der Platz zu eng wurde, eine große Anzahl dieser Statuen vom Capitol nach dem Marsfelde versetzte. Der höchsten Ehre unter Allen war aber doch Scipio Africanus d. Ä. gewürdigt worden, da nicht allein der Tempelhof seine Statue zeigte, sondern ein Bild von ihm selbst in dem eignen Tempel des Jupiter hatte aufgestellt werden dürfen, eine Wachsmaske welche, so oft das Geschlecht der Cornelier ein feierliches Leichenbegängniß zu begehen hatte, von dort zu dem Zuge der Ahnenbilder abgeholt wurde Liv. XXXVIII, 56, Val. Max. VIII, 15, 1, Appian Hisp. 23. . Auch mochten wenige Römer die Herrlichkeit des Capitolinischen Jupiter und seinen unsichtbaren Schutz der römischen Größe mit so innigem Gemüthe erfaßt haben als dieser Scipio, welcher mit seiner an griechischen Enthusiasmus erinnernden Begeisterung in dem nüchternen Rom ohnehin eine auffallende Erscheinung ist und wegen seiner religiösen Hingebung an den höchsten Gott und seiner außerordentlichen Erfolge beim Volke sogar den Glauben an eine übernatürliche Abkunft erweckt hatte. Schon als junger Mann war er jeden Morgen, sobald der Tag graute, von seiner gleich unter dem Capitol gelegnen Wohnung hinauf in die Burg und in den Tempel gegangen, wo die Hunde ihn nicht mehr anbellten und die Wächter stillschweigend aufschlossen. In stiller Sammlung weilte er dann eine Zeitlang vor dem Bilde Jupiters, um sein tägliches Geschäft und das Wohl des Staates mit sich und mit ihm zu berathen, bis diese Morgenandacht ihm zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden war, so daß seine spätern Erfolge und Triumphe, der vom J. 201 v. Chr. und der über seine Ankläger im J. 187, nur als die letzte Erfüllung von dem erscheinen, was sich in seiner Seele früher still gebildet hatte Liv. XXVI, 19, Gell. VI, 1, Dio Cass. fr. 57, 40 p. 65 Bekk. . Auch war ja grade dieses die Zeit, wo Jupiter die alte Verheißung, daß seine Burg in Rom das Haupt über alle Welt und ihre Grenze niemals verrückt werden solle, durch unerhörte Siege und Eroberungen der Römer jährlich mehr zu einer aller Welt einleuchtenden Wahrheit machte. Der alte Tempel hatte über 400 Jahre gestanden und schien wie den Anfang, so auch das Ende der Republik erleben zu wollen, als er am 5. Juli des J. 83 v. Chr. durch eine bei Nacht 211 ausgebrochene Feuersbrunst zerstört wurde, mitten im Kriege zwischen Marius und Sulla, welcher letztere gleich zur Wiederherstellung schritt; doch war diesesmal nicht er der Glückliche, sondern Q. Lutatius Catulus, der Consul des Jahres der Einweihung, 78 v. Chr., dessen Name seitdem unter dem Giebel neben dem des Jupiter O. M. prangte. Der alte Bauplan wurde beibehalten, aber prächtiger ausgeführt; auch war jetzt das Bild des Jupiter ein ganz und gar griechisches, eine Copie des Jupiters in Olympia, in welchem schon L. Aemilius Paulus, der Sieger des Perseus, das wahre Urbild des Capitolinischen Jupiters erkannt hatte Liv. XLIV, 28 Iovem velut praesentem intuens motus animo est. Itaque haud secus quam si in Capitolio immolaturus esset, sacrificium amplius solito apparari iussit. Vgl. Chalcid. in Plat. Tim.p. 440 ed. Meurs. und Brunn Gesch. d. griech. Künstler 1, 543. Daher schrieb Varro de vita populi Ro. liber I b. Non. Marc. p. 162 Quid inter hos Ioves intersit et eos qui ex marmore ebore auro nunc fiunt etc. , und von einem griechischen Künstler Apollonios aus Gold und Elfenbein und mit prächtiger Gewandung ausgeführt. Hernach war Augustus, der große Restaurator des römischen Gottesdienstes, auch für die Verschönerung und Wiederherstellung des Capitols auf mehr als eine Weise bedacht, namentlich auch dadurch, daß er einen ganz neuen Tempel des Iupiter Tonans bauete, wozu ihn ein Abenteuer seines spanischen Feldzugs vom J. 26 v. Chr. bestimmte. Als er nehmlich einst bei Nacht unterwegs war, fuhr ein Blitz mit furchtbarem Donnerschlage so dicht bei der Sänfte nieder, daß er selbst geblendet, der vorleuchtende Sklave erschlagen wurde; daher Jupiter nun auch in dieser dem griechischen Ζεὺς Βροντῶν So übersetzt Dio LIV, 4 den Iup. Tonans. Ζ. Βροντῶν ist eine sehr geläufige Form des Zeuscultus der späteren Zeit, namentlich in Kleinasien. Der auf römischen Münzen zuweilen genannte Iup. Cantaber scheint identisch mit dem Iup. Tonans zu sein. Ueber die Glöckchen am Giebel s. Sueton 91, welcher hinzusetzt daß solche Glöckchen meist an den Thüren zu hängen pflegten. Anders Dionys LIV, 4, wo August dem Jupiter Tonans selbst ein Glöckchen anhängt, οἱ γὰρ τὰς συνοικίας νύκτωρ φυλάσσοντες κωδωνοφοροῦσιν, ὅπως σημαίνειν σφίσιν οπόταν βουληϑῶσι δύνωνται. entsprechenden Form einen Cultus auf dem Capitole bekam. Der Tempel ward an den Kalenden des September im J. 22 eingeweiht und wurde seitdem von so vielen Andächtigen besucht, daß der alte Jupiter sich darüber bei dem Stifter im Traume beklagte; worauf dieser den Giebel des neuen Tempels mit kleinen Glöckchen versehen ließ, als ob dieser neue Iupiter Tonans 212 nur die Bedeutung eines Pförtners an der Schwelle des alten Jupiter O. M. habe. Schon deshalb kann dieser Tempel nicht unten am Aufgange zum Capitol gelegen haben, wo die gewöhnliche Tradition der römischen Topographie ihn sucht. Der neue Tempel verbrannte wieder bei dem von Tacitus so anschaulich beschriebenen Sturme der Vitellianer, wo sich die Vespasianer auf dem Capitole festgesetzt und hinter dessen Thoren mit den Statuen der Vorzeit eine mächtige Barrikade errichtet hatten. Vespasian hatte den Tempel kaum wiederhergestellt und dabei auf die Mahnung der Haruspices wieder den alten Bauplan befolgt, als er durch die große Feuersbrunst unter Titus im J. 80 von neuem zerstört wurde. Domitian vollendete den Tempel im J. 82, wie die unter ihm geprägten Münzen lehren Eckhel D. N. VI p. 377 und Pinder in den Abh. d. Berl. Akad. 1855 S. 625 t. VI, 7. Zwischen den Säulen thront in der Mitte Jupiter, während Juno und Minerva zur L. und zur R. stehen. Oben auf dem Gipfel sieht man die Quadriga. Ueber verschiedne Reliefs, welche Ansichten von dem Giebelfelde dieses Tempels geben, s. Brunn sul frontone del tempio di Giove Capitolino, Annal. dell' Inst. 1851 p. 289 sq. Vgl. Cavedoni Bullet. Arch. 1852 p. 157, O. Jahn Archäol. Beitr. S. 81. . Derselbe Kaiser hatte noch eine besondre Veranlassung dem Capitolinischen Jupiter zu huldigen, da er bei jenem Sturme der Vitellianer auf dem Capitole gewesen und kaum gerettet worden war; daher er noch unter der Regierung seines Vaters auf dem Platze der Küsterwohnung, wo er sich versteckt hatte, eine Capelle des Iup. Conservator mit einem Altare stiftete, dessen Reliefs die Geschichte seiner Rettung bildlich darstellten, später aber als Kaiser dem Iup. Custos einen großen und mächtigen Tempel erbaute und sich selbst in demselben als Schützling des Gottes darstellte Tacit. Hist. III, 74, wo mir aramque posuit casus suos in marmore expressam die richtige Lesart zu sein scheint. Weiterhin deuten die Worte seque in sinu Dei sacravit auf ein Tempelbild. Der Iup. Conservator ist auf den M. Domitians dargestellt stans d. fulmen s. hastam, der Iup. Custos sedens d. fulmen vel Victoriolam. Beide entsprechen dem Ζ. Σωτὴρ der Griechen, s. Or. n. 1225–1228, Henzen n. 5619a., besonders Or. 1228 aus Tuder, wo im Namen dieser Colonie und ihrer Obrigkeiten Iovi Opt. Max. Custodi Conservatori gedankt wird, weil er einen bösen Zauber, den ein servus publicus gegen die hohe Obrigkeit gerichtet hatte, vereitelt hatte. Von dem T. des Iup. Custos auf dem Capitol glaubt man gleich hinter dem Palaste der Conservatoren Trümmer gefunden zu haben. . Ueberdies stiftete Domitian neue Capitolinische Spiele , deren bei den Schriftstellern und Dichtern der Zeit nicht selten gedacht wird Das gewöhnliche Thema waren die laudes Capitolini Iovis und natürlich die des Domitian, s. Quintil. III, 7, 4, Sueton Domit. 4 und die Inschrift b. Or. n. 2603 und Mommsen I. N n. 5252. Auch Herodian 1, 9 spricht von diesen Spielen. Vgl. Ritschl Rh. Mus. N. F. 1, 309 und Studer ib. II, 210. . Sie 213 bestanden nach griechischer Weise aus musischen, ritterlichen und gymnastischen Wettkämpfen, und zwar durfte bei den musischen sowohl in Poesie als in Prosa und sowohl in griechischer als in lateinischer Sprache concurrirt werden. So hatte sich der alte Cultus zwar noch einmal verjüngt und immer blieb daher Jupiter der höchste Repräsentant der Majestät des römischen Namens und Staates. Aber wie der Kaiser jetzt in diesem Staate zur Hauptsache geworden war, so war er es nun auch auf dem Capitol: worüber das Geistliche und das Weltliche, Adulation und Andacht, wie in dieser ganzen letzten Periode der römischen Staatsreligion, oft auf eine recht widerwärtige Weise vermengt wurde. Für den Kaiser wurde zu Anfang jedes neuen Jahres ( S. 162 ) und an seinem Geburtstage und dem Tage seines Regierungsantritts, aber auch bei vielen außerordentlichen Veranlassungen auf dem Capitole gebetet und geopfert Bei Sueton Octav. 59 verfügen einige alte Herrn sogar testamentarisch, daß ihre Erben nach ihrem Tode auf dem Capitol opfern sollten quod superstitem Augustum reliquissent. Vgl. Sueton Calig. 5 von der allgemeinen Verzweiflung bei den bösen Nachrichten über die Krankheit des Germanicus: Lapidata sunt templa, subversae deum arae, lares a quibusdam familiares in publicum abiecti, partus coniugum expositi. Als es dann heißt, es gehe besser, läuft Alles aufs Capitol, passim cum luminibus et victimis in Capitolium concursum est ac paene reversae templi fores, ne quid gestientes vota reddere morarentur. Vgl. Sueton Tib. 53 und von den unablässigen Opfern unter Domitian, quum saevissimi domini atrocissima effigies tanto victimarum cruore coleretur, quantum ipse humani sanguinis profundebat , Plin. Panegyr. 53, aus späterer Zeit Flav. Vop. Prob. 12. , seltner freiwillig und von Herzen als unter dem strengen Gebote der Tyrannei und mit verstohlenen Flüchen, welche eben deshalb nach dem Tode des verhaßten Gewalthabers um so leidenschaftlicher hervorbrachen. Mit den Statuen der Kaiser füllte sich jetzt der Vorhof des Tempels, meist mit silbernen und goldnen, wie namentlich Domitian nur solche duldete, dagegen Trajan nur eherne Sueton Domit. 13, Plin. l. c. 52. Die silbernen Statuen waren den Römern zuerst durch den Triumph des Pompejus bekannt und unter Augustus schon zu einem gewöhnlichen Mittel der Adulation geworden, Plin. H. N. XXXIII, 12, 54. Dem Kaiser Claudius, dem Besieger der Gothen, wurde sogar eine goldne statua equestris, 10 F. hoch, vor dem großen Tempel errichtet, Oros. Hist. VII, 23, Trebell. Poll. Claud. 3. . Die Kaiser verließen wie weiland 214 die Consuln nie ohne einen Gang aufs Capitol und feierliche Gelübde an Jupiter die Stadt, und so war auch bei ihrer Rückkehr gewöhnlich ihr erster Gang dahin gerichtet und erst der zweite in die kaiserliche Pfalz auf dem Palatin Vgl. Herodian II, 14, III, 8, Lamprid. Alex. Sev. 56, Treb. Pollio Gallien. 8, wo der Zug aufs Capitol besonders feierlich ist. Die Stände voran, das ganze Volk, die Frauen mit Lichtern und Fackeln, unendlich viele und reich geschmückte Opfer, 100 weiße Ochsen mit vergoldeten Hörnern u. s. w. . So war natürlich auch der Triumph jetzt ein kaiserliches Monopol, von welchem August vor lauter Ehren zuletzt gar nicht einmal Gebrauch machte Mon. Ancyr. 1, 23 cumque pluris triumphos mihi Senatus decrevisset, iis agendis supersedi et tantum laurus deposui in Capitolio votis quae pro republica in quoque bello nuncuparam redditis , s. Zumpt p. 45. Eben so Domitian Sueton 6, vgl. Nero 13. Die Feldherrn mußten sich mit den Insignien des Triumphs begnügen, welche sogar bald zur gewöhnlichen Decoration wurden. , bis später Trajan und andre Kaiser auch diese alte Verherrlichung des Capitolinischen Reichsgottes wieder zu Ehren brachten und seinen Tempel bei solchen Gelegenheiten mit kostbaren Geschenken überhäuften. Bei Trajan, welcher nicht den Schwur bei seinem Genius, sondern nur den beim numen Iovis O. M. duldete, wollten seine Verehrer auch darin eine besondre Fügung erkennen, daß Nerva seine Adoption zuerst auf dem Capitol, im Angesichte des höchsten Gottes, feierlich ausgerufen, dann dem Senate und ihm selbst angezeigt hatte Plin. Panegyr. 1, 8, Dio LXVIII, 3. . In demselben Sinne einer Anerkennung des Capitolinischen Jupiters als des höchsten Reichsgottes handelten auch Aurelian und Diocletian, welcher letztere durch geflissentliche Verehrung dieses Jupiter, dessen Stellvertreter auf Erden der Kaiser war, die schon in der Auflösung begriffene römische Staatsreligion sogar noch einmal zu stützen versuchte A. Vogel der Kaiser Diocletian, Gotha 1857 S. 23 ff. Daher nannte Diocletian sich Iovius, auch sind seine Münzen voll von Beziehungen auf diesen Cultus, s. Eckhel D. N. VIII p. 49. In Rom stiftete er einen Campus Iovis und ein Nympheum Iovis, s. m. Regionen S. 136. 169. Ueber Aurelian vgl. Flav. Vopisc. 29. 33. , wie Jupiter denn auch sonst in diesen letzten Zeiten vorzugsweise als Praeses Orbis, Pacator Orbis, Propugnator, Tutator, Sponsor Saeculi Augusti verehrt wurde, immer mit specieller Beziehung auf den Kaiser. Dazwischen wird er in dem Gewirr so vieler verschiedner Götter und Götterculte nun auch wohl als der summus excellentissimus und summus exsuperantissimus, wie sich die schwülstige Sprache der 215 Zeit ausdrückte Or. n. 1267–1269, Mommsen I. N. n. 1068. 3581. Bei Or. n. 1269 heißt es: Iovi O. M. Summo Exsuperantissimo, Divinarum Humanarumque Rerum Rectori Fatorumque Arbitro , vgl. die Inschr. b. Henzen n.  5609 und die Gebetsformeln b. Vogel a. a. O. S. 90. , gefeiert. Sonst treten, wie bemerkt, in diesen sinkenden Zeiten am meisten die Culte des Iup. Depulsor und Salutaris hervor, und die Culte der Vermengung der römischen Begriffe mit den orientalischen, z. B. im Dienste des I. O. M. Heliopolitanus, Damascenus, Dolichenus u. s. w., oder auch denen der celtischen und germanischen Völker des Nordens, deren verwandte Götterdienste nun gleichfalls auf diese Weise übersetzt wurden. So namentlich die auf den hohen Bergen der nördlichen Grenze verehrten Götter, welche zugleich als schützende Mächte der Wandrer, die diese Straßen zogen, angerufen wurden, z. B. I. O. M. Poeninus, dessen Sitz der große S. Bernhard war Or. n. 228 ff., Henzen 5642, vgl. J. Grimm D. M. 154 und die Jbb. d. V. der A. F. im Rheinl. XI S. 17 ff. Daneben gab es aber auch einen I. O. M.Apenninus s. Or. n. 1220, Henzen 5613, vielleicht derselbe welchem Aurelian in seinem Tempel des Sonnengottes Apenninis sortibus additis unter dem Namen Consul oder Consulens ein Bild stiftete, Flav. Vopisc. Firm. 3. Votivsteine des Iup. O. M. Culminalis und I. O. M. et viis semitibusque b. Mommsen in den Monatsber. d. Ak. d. W. zu Berlin 1857 S. 454. , und ein I. O. M. Culminalis in der Steiermark, neben welchem sogar die Wege und die Stege göttlich verehrt werden. Zu dieser Verschmelzung hat der Umstand nicht wenig beigetragen, daß nicht blos die ausländischen Culte in Rom zugelassen, sondern auch das römische Capitol mit seinen Göttern vielfach in Italien und in den Provinzen nachgeahmt wurde, vermuthlich zuerst in Italien. wo man sich in den städtischen Einrichtungen und Benennungen immer gerne nach der Hauptstadt richtete Namentlich scheint es in Benevent ziemlich früh ein Capitolium mit dem Culte der drei Götter gegeben zu haben, s. Sueton d. illustr. Gramm. 9, vgl. die Inschr. b. Mommsen I. N. n. 1377–1383, wo außer dem Iup. O. M. auch ein Iup. Tutator und Iup. Tonans erwähnt wird, auch Iuno Regina. Ein Capitolium in Maruvium s. b. Mommsen I. N. n. 3301, zu Histonum ib. 5242 Capitolium Fabius Maximus instauravit . Das zu Capua weihte Tiberius ein, Sueton Tiber. 40, Calig. 57. Andre Capitole sind bekannt aus Florenz, Ravenna, hin und wieder in Spanien, in Toulouse, Narbonne, Nismes, Besançon, Rheims, Köln, Augsburg u. a. Vgl. Braun, die Capitole, Bonn 1849. . Anderswo kam die Huldigung gegen Rom hinzu, z. B. in Antiochien, wo Antiochus Epiphanes, nachdem er lange als Geißel in Rom gelebt hatte, einen prächtigen Cultus des 216 Capitolinischen Jupiter einrichtete Liv. XLI, 20, vgl. O. Müller Quaest. Antiochen. 1 p. 55 u. C. Grani Liciniani fr. ed. Pertz p. 46, nach welchem Epiphanes zwei eherne Colosse von 12 Ellen Höhe errichtete, unum Olympio alterum Capitolino Iovi . . Vollends unter den Kaisern verbreiteten sich diese Filialculte des römischen Capitols über das ganze Reich und sämmtliche Hauptstädte, daher der Name des Capitols immer mehr zu einem Symbol der römischen Staatsreligion wurde und in diesem Sinne namentlich in den Legenden der christlichen Märtyrer oft erwähnt wird. Beispiele lassen sich sowohl in den westlichen Provinzen nachweisen, in Afrika, wo auch das neu erstandne Karthago sein Capitol hatte, Spanien, Gallien und Germanien, als in Kleinasien, am kimmerischen Bosporus, auch in Syrien und Palästina, wo Hadrian auf der Stelle des Salomonischen Tempels einen T. des Capitolinischen Jupiter erbauen ließ, nachdem sich die Juden schon früher, seit Vespasian und Titus, zu einer jährlichen Abgabe an den römischen Jupiter hatten verstehen müssen Dio LXVI, 7, LXIX, 12. ; endlich in Constantinopel, wo nachmals eine Art von Akademie auf dem Capitole bestand. Da diese Tempel gewöhnlich auf den höchsten Punkten der Stadt errichtet wurden, wo sich die übrigen Schutzgötter des Landes oder des Reiches anschlossen, so ist es kein Wunder, daß der Capitolinische Jupiter zuletzt zum Repräsentanten des Heidenthums überhaupt wurde. War doch auch das römische Capitolium immer mehr zu einem Pandämonium aller mächtigeren Götter des heidnischen Glaubens geworden Tertull. d. Spectac. 12 Capitolium omnium daemonum templum . Serv. V. A. II, 319 in Capitolio omnium deorum simulacra colebantur . Vgl. Vitruv. 1, 7, Arnob. I, 34, IV, 16, V, 9, Lactant. 1, 11, 39. . Selbst nach dem Siege des Christenthums scheint das römische Capitol, wenigstens der große Tempel in der Wiederherstellung des Domitian sich noch ziemlich lange erhalten zu haben. Stilicho beraubte ihn der goldnen Platten seiner Thüren, Genserich der einen Hälfte seiner vergoldeten Bronzeziegel, der Papst Honorius der andern. Noch bis ins 9. Jahrh. ist von dem templum Iovis die Rede, aber schon verräth die geschäftige Legende, welche sich der Trümmer des alten Roms bemächtigte und in den sogenannten Mirabilien der Stadt zu einer festen Gestalt gediehen ist, eine eben so große Zerstörung als plötzliche Unwissenheit, bis in den Stürmen des Mittelalters, nachdem die römischen Barone die alten Gebäude zu Burgen umgeschaffen 217 hatten, auch die letzten Reste der örtlichen Tradition und vieler Ruinen verloren gingen. Anhang. Ich stelle hier eine Anzahl von Nebenfiguren und eigenthümlichen Formen des römischen Jupiterdienstes zusammen, welche größtentheils das Interesse eines hohen italischen Alterthums für sich haben und gewisse, dem römischen Jupiter mit der Zeit verloren gegangene Eigenthümlichkeiten in einer abgesonderten Entwicklung zeigen. So gehört dahin zunächst a. Summanus ein Gott des nächtlichen Himmels, den Varro l. l. V, 74 unter den sabinischen Göttern des T. Tatius nennt. Auch auf dem Capitole wurde er verehrt, sowohl in einer eignen Capelle als in einem Bilde von Thon, welches auf dem Giebel des großen Tempels stand und gelegentlich so hart von einem Wetterstrahle getroffen ward, daß man den Kopf im Bette des Tiber wiederfand Cic. d. Div. 1, 10, Liv. Epit. XIV, Plin. XXIX, 4, 14. . Das geschah zur Zeit des Pyrrhus (278 v. Chr.) und es scheint daß ihm damals zur Sühne ein eigner Tempel beim Circus Maximus gestiftet wurde, wo man ihm jährlich am 20. Juni ein Opfer brachte Ovid F. VI, 725, Kal. Amitern. Exquil. Venus. Vgl. Liv. XXX, 29 unter den Prodigien des J. 197 v. Chr. quod aedes Vulcani Summanique de caelo tacta erant . . Auch wurden eigne Opferkuchen für ihn in der Form eines Rades gebacken, welches Symbol sich wahrscheinlich auf den Wagen des Donnergottes beziehen sollte Fest. p. 348 Summanalia. Vgl. Hesych. v. ἐλασίβροντα – ἐπεὶ δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Grimm D. M. 151. . Die gewöhnliche Veranlassung seines Cultus waren nehmlich nächtliche Gewitter, welche wegen der größeren Kälte der Nacht seltner sind als die am Tage und deshalb um so sorgfältiger beobachtet wurden. Man unterschied deshalb zwischen dem fulgur dium oder diurnum und dem fulgur nocturnum, indem man jene dem gewöhnlichen Jupiter, diese dem Summanus zuschrieb, in streitigen Fällen aber, wenn man nicht gewiß wußte ob es noch Nacht oder schon Tag gewesen sei, (noctu an interdiu sit factum), beiden Göttern opferte Fest. p. 229 provorsum fulgur, Paul. p. 75 dium fulgur, Plin. H. N. II, 52. . Ein Beispiel geben die 218 Acta fr. Arv. t. XLIII, wo das Gewitter, durch welches der Hain der Dea Dia beschädigt wurde, in diese Zeit der Dämmerung gefallen sein muß, denn es wird bei der Sühnung sowohl dem Jupiter als dem Summanus Pater geopfert, diesem mit zwei schwarzen, jenem mit zwei weißen Widdern Vgl. die Inschr. b. Or. n. 1216 V. S. L. M. Iovi Alto Summano d. i. Altitonanti et Summano . . Ein Beispiel von einem nächtlichen Blitze dagegen, welche wie die des Tages begraben wurden ( S. 172 ) giebt die von Marini p. 687 angeführte Inschrift: Fulgur Sum[manum] conditum. Der Name bedeutet eigentlich einen Gott der Nacht vor dem Tage, wobei zu bedenken ist daß die Römer den Tag von Mitternacht an rechneten, denn Summanus ist Sub–manus und dieses ist in der Bedeutung zu nehmen wie in den Wörtern mane, Manius, Matuta, in welchem Sinne auch einige alte Glossen erklären Gloss. Labb. p. 105 κεραυνοβόλιον ἡμερινόν, fulgurium l. fulgur dium , κεραυνοβόλιον ἀπὸ πρωῒ νυκτερινόν, fulgur submanum . Wenn dieselben Glossen p. 179 den Summanus durch Προμηϑεὺς erklärten, so dachten sie ihn als nächtlichen Lichtgott. . Doch blieb der vorherrschende Begriff der eines Gottes der dunkeln Nacht, daher Plautus, der den Summanus auch Bacchid. IV, 8,54 nennt, diesen Gott parodirend einen Gott der Diebe nennt und von seinem Namen das Zeitwort summanare in der Bedeutung von stehlen bildet, Curcul. III, 43, wie die Göttin Laverna, wahrscheinlich eine Nebenform der Lara und Mater Larum, also eine Göttin der dunklen Unterwelt, als solche zugleich für eine Schutzgöttin der Diebe galt. Ganz verfehlt ist die Erklärung der späteren Zeit, welche den Zusammenhang des Cultus nicht mehr kannte und deshalb den Summanus für einen Summus Manium nahm, also mit dem Pluto oder Dis Pater identificirte Arnob. V, 37, Martian Cap. II, 161, vgl. Augustin C. D. IV, 23. . b. Diespiter und das Institut der Fetialen. In wie hohem Grade die Idee des Rechtes und der Gewissenhaftigkeit zum Wesen des alten italischen Jupiter, des himmlischen Lichtgottes gehörte, erkennt man am besten aus den Gebräuchen und Gebeten der Fetialen, welche vorzugsweise die Diener dieses Gottes waren und ihn in den noch vorhandnen Gebetsformeln gewöhnlich als Diespiter anrufen d. h. als den Gott der lichten Tagesklarheit, als Lucetius ( S. 168 ). Bedenken 219 wir daß dieses Institut ein allgemein italisches war (denn es findet sich auch bei den Aequern, den Ardeaten, den Latinern, den Samniten) und daß es in Rom nach der gewöhnlichen Tradition durch Numa oder Ancus Marcius, die Könige sabinischer Abkunft eingeführt wurde, so werden wir auch diese Ueberlieferungen zur Vervollständigung des Begriffs von göttlicher Reinheit und Heiligkeit benutzen dürfen, den wir in den älteren römischen Ueberlieferungen des Jupitercultus schon früher nachgewiesen haben. So sind gleich die Symbole der Fetialen jenem ältesten Jupitercultus und einer Zeit entlehnt, wo dieser Gott noch nicht in dem großen Tempel der Tarquinier und im menschlich gestalteten Bilde, sondern als geistig allgegenwärtiges Wesen und nur unter andeutenden Symbolen verehrt wurde. Zunächst gehören dahin die s. g. sagmina oder verbenae, ein Büschel geweihten Grases, welches die Fetialen bei ihren Sendungen von dem Könige oder dem Consul mitbekamen und wodurch sie selbst und ihre amtlichen Handlungen geweiht wurden. Dieses Gras wurde ex Arce genommen, worunter im genaueren Sprachgebrauche immer der Gipfel des Capitolinischen Hügels zu verstehn ist, wo die Augurn seit T. Tatius und Numa ihren geweihten Sitz hatten ( S. 110 ); und zwar wurde das Gras auf dieser Stelle mit der Wurzel und der daran hängenden Erde ausgehoben Plin. H. N. XXII, 2, 5 utroque nomine (sagmina und verbenae) idem significatur h. e. gramen ex Arce cum sua terra revulsum , ac semper e legatis cum ad hostes clarigatumque mitterentur i. e. res raptas clare repetitum unus utique verbenarius vocabatur. Fest. p. 321. Sagmina vocantur verbenae i. e. herbae purae, quia ex loco sancto Arcis dantur (v. arcebantur) a consule praetoreve legatis proficiscentibus ad foedus faciendum bellumque indicendum, vel a sanciendo i. e. confirrnando. Mehr Stellen bei Marquardt IV, 385. 390. : ein Gebrauch welcher sich bei verschiednen Völkern in analogen Gebräuchen des höheren Alterthums wiederfindet, immer in dem Sinne daß die mit dem Grase ausgehobene Scholle stellvertretend den ganzen Grund und Boden, aus welchem sie ausgehoben worden, bedeuten soll. Mithin wird auch hier jenes geweihte Büschel, welches die Fetialen durch einen eignen Verbenarius wie eine heilige Bürgschaft des Friedens vor sich hertragen ließen und durch dessen Berührung vor jeder amtlichen Handlung der dazu bevollmächtigte pater patratus geweiht wurde, für eine Stellvertretung eben jener Capitolinischen Arx anzusehen sein, in welcher sowohl die Beobachtungen und Umzüge der 220 Augurn als andre Gebräuche eine alte Stätte des sabinischen Jupiterdienstes und der Einweihung aller amtlichen Handlungen erkennen lassen. Ferner gehörte zu diesen Symbolen der Fetialen ein heiliger Kiesel, den man Iupiter Lapis nannte, und ein altes sceptrum Iovis, welche Heiligthümer gewöhnlich in dem T. des Iupiter Feretrius aufbewahrt und, wenn die Fetialen zu einer ihrer völkerrechtlichen Functionen, namentlich zur Abschließung eines Bündnisses über Land zogen, ihnen aus demselben verabfolgt wurden Paul. p. 92 Feretrius Iupiter –, ex cuius templo sumebant sceptrum, per quod iurarent, et lapidem silicem, quo foedus ferirent. Da Ancus Marcius den T. des Jup. Feretrius erweitert ( S. 177 ) und das ius fetiale in Rom eingeführt haben soll (Liv. 1, 32), so mögen jene Heiligthümer durch ihn dort niedergelegt worden sein. . Von dem Scepter, welches als hasta pura zu denken ist, weiß auch Servius V. A. XII, 206, nach welchem es die Schwörenden in die Hand nahmen, wie auch bei den alten Griechen die Könige und ihre Stellvertreter die Herolde nie ohne einen solchen amtlichen Stab auftraten und die Atriden ihr Skeptron d. h. das Symbol ihrer königlichen und ritterlichen Amtsgewalt gleichfalls unmittelbar vom Zeus ableiteten. Dahingegen jener Kiesel schon wegen der Benennung Iupiter Lapis für mehr als ein gewöhnliches Symbol genommen werden muß. Höchst wahrscheinlich war es ein s. g. Donnerstein, welcher als Flins (silex) des Donar, als Miölnir des Thor auch in der deutschen und nordischen Mythologie so oft genannt wird J. Grimm D. M. 163. 1171. Ist in späterer Zeit von mehreren Kieseln der Art die Rede, die für verschiedne gleichzeitige Sendungen der Fetialen bereit liegen (Liv. XXX, 43), so kann das eben nur eine Aushülfe der späteren Praxis gewesen sein. und hier wie in den Gebräuchen der Fetialen als Symbol des niederfahrenden Donnerkeils speciell die rächende Strafgewalt des himmlischen Gottes ausdrückt. Die einzelnen amtlichen Handlungen der Fetialen, welche hier noch zur Sprache kommen mögen, sind ihre Eidesleistungen, der Ritus mit welchem sie ihre Bündnisse abschlossen, und endlich ihre Genugthuungsforderungen und die Ankündigung des s. g. bellum pium. Bei allen wird sich zeigen, daß Jupiter oder in ihrer Sprache Diespiter die unsichtbare göttliche Macht ist, in deren Dienst und Auftrag sie wie Priester handelten, Jupiter als Gott des höchsten Rechtes und eben deshalb auch des Krieges und des Sieges, wenn das Recht nicht anders als durch die Gewalt der Waffen zu erlangen ist. Bei einigen dieser 221 Handlungen wurde neben ihm wie sonst in dem ältesten Gottesdienste auch Mars und Quirinus angerufen ( S. 57 ). Aber immer ist Diespiter der höchste Schutzpatron der Fetialen und ihrer amtlichen Handlungen. Vorzüglich erscheint Jupiter dabei als Schwurgott , wie er denn bei den Römern überhaupt der älteste und heiligste Schwurgott war, wieder als Lucetius, in welchem, wie wir oben sahen ( S. 168 ) sich die Eigenschaft des allgegenwärtigen Lichtgottes, der in dem Schwur beim Dius Fidius deutlich zu erkennen ist, mit der des strafenden Blitzschleuderers, den wir beim Iupiter Lapis voraussetzen mußten, auch sonst verbindet. Der letztere ist es welcher als höchster Gott aller Treue zugleich alle Untreue mit seinem Blitze rächt, daher er bei Eidschwüren gewöhnlich dann gemeint ist, wenn mit der eidlichen Versicherung der lautern Treue beim Namen des höchsten Gottes (der precatio) die Selbstverfluchung für den Fall einer Untreue (die exsecratio) verbunden wurde Virg. Aen. XII, 200 audiat haec genitor, qui foedera fulmine sanxit . Vgl. die Erzählung bei Pausan. V, 24, 2 von dem Ζ. ὅρκιος im Rathshause zu Olympia, bei dem die Kämpfer über den Stücken eines geopferten Schweins schwuren, daß sie die Gesetze des Olympischen Kampfspiels in keiner Weise verletzen wollten: ὁ δὲ ἐν τῷ βουλευτηρίῳ πάντων ὁπόσα ἀγάλματα Διὸς μάλιστα ἐς ἔκπληξιν ἀδίκων ἀνδρῶν πεποίηται· ἐπίκλησις μὲν Ὅρκιός ἐστιν αὐτῷ, ἔχει δὲ ἐν ἑκατέρᾳ κεραυνὸν χειρί. . Daher auch die Fetialen gewiß diesen Jupiter meinten, wenn sie bei ihren Eiden, die sie im Namen des römischen Staates zu schwören hatten, den Jupiter Lapis in die Hand nahmen und zu dem Eide selbst zuletzt die leider nicht in ihrer ursprünglichen Fassung überlieferten Worte hinzusetzten: »So ich die Wahrheit sage, möge mir Gott helfen. So ich aber nicht mit lautrer Treue geschworen habe, so soll mich Diespiter ohne allen Nachtheil für Stadt und Burg, wie ich hier diesen Stein von mir schleudre, aus meiner Heimath und allem Hab und Gut nach menschlichem und nach göttlichem Rechte herausschleudern«, nach welchen Worten er den heiligen Kiesel von sich schleuderte Paul.p. 115 Lapidem silicem , wo ja nicht mit Müller bei Dispiter oder Diespiter an den Iup. infernus zu denken ist. Ausführlicher giebt Polyb. III, 26 die Formel, aber auch er nicht vollständig. Vgl. Danz der sacrale Schutz im röm. Rechtsverkehr, Jena 1857 S. 13 ff. , der dabei gewiß nicht die passive Bedeutung jedes beliebigen Kiesels, sondern die active eines vom göttlichen Geiste beseelten Donnerkeils hatte. Es war dieses der älteste und heiligste Eid, von dem die Römer wußten; auch wurde er in späterer Zeit, wie 222 es scheint, selbst im privaten Rechtsverkehre angewendet, natürlich ohne den begleitenden Ritus, zu welchem der heilige Kiesel aus dem T. des Jup. Feretrius erforderlich war Gell. N. A. 1, 21 Iovem lapidem, quod sanctissimum iusiurandum est habitum, paratus ego iurare sum. Vgl. Cic. ad Famil. VII, 12, Apulei. de Deo Sacr. p. 131 Oudend. Auch die Art wie Horat. Od. III, 2, 29 den Namen Diespiter gebraucht: Saepe Diespiter neglectus incesto addidit integrum ist wohl aus dieser alten Rechtspraxis der Fetialen zu erklären. . Ja der Eid überhaupt galt in so eminentem Sinne für eine Sache des Jupiter, daß Ennius selbst das Wort ius oder iousiurandum durch Iovis iurandum erklärte. Auch bei Abschließung von Bündnissen und dem dabei gebräuchlichen Opfer eines männlichen Schweins (porcus), wie uns die Münzen der italischen Bundesgenossen ein solches Opfer oft vergegenwärtigen, gebrauchten die Fetialen den Jupiter Lapis in gleicher Bedeutung. Es wurde bei solchen Gelegenheiten, wie das Beispiel des Bündnisses zwischen Rom und Alba Longa bei Liv. 1, 24 lehrt, zuerst die Bundesformel vorgelesen und darauf von dem bevollmächtigten Fetial, dem s. g. pater patratus diese feierlichen Worte (precatio, carmen) gesprochen: »Höre Jupiter, höre Du Bevollmächtigter der Gemeinde von Alba, höre Du Gemeinde von Alba. Wie jene Punkte deutlich von Anfang zu Ende von der Tafel abgelesen sind ohne böse List und wie sie heute hier im rechten Sinne verstanden worden sind, von denen wird das Römische Volk gewiß nicht abfallen. Sollte es zuerst von ihnen abfallen nach gemeinem Beschlusse und mit böser List, dann treffe Du Diespiter das Römische Volk, so wie ich hier heute dieses Schwein treffen werde, und triff es um so viel stärker wie Du selbst viel stärker bist und mächtiger«. Nach welchen Worten er das Schwein mit eben jenem Kiesel traf, welcher den Jupiter Lapis vorstellte, also auch hier speciell seine strafende Gerechtigkeit bedeutete Vgl. Liv. IX, 5. Einige wollten sogar den Beinamen des Iup. Feretrius, bei dem jenes Symbol der Strafgewalt aufbewahrt wurde, a feriendis hostibus erklären, Prop. IV, 10, 46. . Und so ist auch bei der clarigatio d. h. ubi res repetuntur Jupiter der höchste Schirmherr des römischen Staates und der Fetialen, die in seinem Namen handeln. Der Fetial betrat, wie Liv. I, 32 berichtet, die Grenze des Staates, von dem Genugthuung gefordert wurde, mit den Worten: »Höre Jupiter, hört es ihr Grenzgötter, höre es Du heiliger Götterspruch des Rechts 223 (fas). Ich bin der Bote des römischen Volks, komme in gerechter und guter Sache und meine Worte verdienen allen Glauben.« Darauf wurde die Forderung ausgesprochen und dazu wieder Jupiter als Zeuge angerufen: »Wenn ich gegen Recht und Gewissen fordre daß diese Personen und diese Gegenstände mir dem Boten des römischen Volkes ausgeliefert werden sollen, so lasse mich niemals wieder in mein Vaterland zurückkehren« Vgl. Dionys H. II, 72, nach welchem der Fetial für den Fall der Untreue sowohl sich als seinen Staat mit den stärksten Flüchen verfluchte. . Dieselbe Formel und dieselbe Beschwörung wiederholte er mit geringen Abänderungen wenn er über die Grenze ging, wenn er zuerst einem Bürger der feindlichen Gemeinde begegnete, wenn er in das Thor der Stadt eintrat und wenn er auf ihrem Markte angekommen war. Waren die geforderten Gegenstände oder Personen in 33 Tagen, dieses war die gewöhnliche Frist, nicht ausgeliefert worden, so kündigte er den Krieg mit diesen Worten an: »Höre Jupiter und Du Janus Quirinus ( S. 47 ) und alle ihr Götter des Himmels und der Erde und der Unterwelt, ich rufe euch an zu Zeugen, daß dieses Volk ungerecht ist und nicht am Rechte hält. Wie wir aber zu unserm Rechte gelangen sollen, darüber wollen wir daheim die Aeltesten der Stadt berathen lassen«. Darauf kehrte der Fetial nach Rom zurück, wo nun der König oder der Consul die Sache dem Senate vortrug, und nachdem hier beschlossen war: »daß man nun sein Recht in einem reinen und gerechten Kriege geltend machen müsse«, ging der Fetial wieder an die feindliche Grenze, kündigte dort in der Gegenwart von wenigstens drei erwachsenen Männern förmlich und feierlich den beschlossenen Krieg an und schleuderte zugleich eine mit Eisen beschlagene oder blutige und an der Spitze versengte Lanze über die Grenze hinüber Bei andern Völkern wurde vor dem Kriege eine Fackel in das feindliche Land geworfen, von einem eignen πυρφόρος, welcher gleichfalls eine geheiligte Person war, s. Schol. Eur. Phoeniss. 1377 und Welcker über die Dariusvase in d. Arch. Ztg. 1857 S. 52. Ueber den ganzen Ritus der clarigatio und Kriegsankündigung, wodurch der Krieg erst zum bellum pium oder iustum wurde, s. Cic. de Off. 1, 11, 36 und Varro b. Non. Marc. p. 529 Fetiales. , worauf der Krieg selbst seinen Lauf nahm. Später wurde bekanntlich, als im Kriege mit Pyrrhus die feindliche Grenze nicht mehr zu erreichen war, vor dem Thore der Stadt beim Tempel der Bellona ein kleiner Platz, den ein gefangener Soldat des Pyrrhus zu diesem Zwecke kaufen mußte, für 224 ausländisches Gebiet erklärt und auf demselben ein symbolischer und so zu sagen collectiver Grenzpfeiler errichtet, den man die columna bellica nannte. Ueber diesen warf damals und überhaupt fortan bei ausländischen Kriegen der Fetial seine Lanze Serv. A. IX, 53, Ovid F. VI, 205 u. A. b. Becker Handb. 1, 607. . c. Fides. Auch dieser Cultus ist ein Beweis von der großen Innigkeit und Feierlichkeit, mit welcher im alten Italien die Rechtsbegriffe erfaßt wurden, in Rom seit der Ansiedelung der Sabiner und der Gesetzgebung Numas, denn auf diese wird sowohl die Stiftung des Dienstes der Fides (Varro l. l. V, 74) als des Terminus zurückgeführt, dieser beiden Säulen alles privaten und öffentlichen Rechtsverfahrens in Sachen des Eigenthums und des gegenseitigen Verkehrs. Was insbesondre den Begriff fides betrifft, so ist sie eigentlich das auf Treu und Glauben, gewöhnlich durch einen Handschlag unterstützte Wort des Mannes, welches in dem älteren Rom so heilig gehalten wurde, daß es so gut wie ein Eid war und in streitigen Fällen, wo Zeugen fehlten, nach der Versicherung auf Treu und Glauben entschieden zu werden pflegte Dionys II, 75, Plut. Numa 16. Vgl. Cic. de Off. 1, 7 fundamentum iustitiae fides i. e. dictorum conventorumque constantia et veritas. Partit. 22 extr. iustitia in rebus creditis fides nominatur. Terent. Andr. 1, 5, 55 te oro per tuam fidem. Ad. III, 4, 79 homo antiqua virtute et fide. Cic. de Fin. II, 20 Regulus sua voluntate, nulla vi coactus propter fidem quam dederat hosti ex patria Karthaginem revertit. : daher fides auch sehr oft die anerkannte Gewissenhaftigkeit eines Bürgers oder eines Staates selbst ist, wie in den Redensarten conferre se in fidem et clientelam oder in amicitiam et fidem oder in fidem et tutelam alicuius. Daß dieser Begriff einen tieferen religiösen Grund hatte, beweist schon die Stiftung des Numa; der bestimmtere Grund ist aber auch hier durch den alten italischen Cult des Diespiter und des Iup. Lucetius gegeben: weil nehmlich Jupiter als der Gott des lichten Himmels zugleich selbst die höchste Treue und das höchste Gesetz aller himmlischen und irdischen Verhältnisse ist Vgl. den Spruch des Freidank: Niman doch gevelschin mac Gotis Wort unde lichten tac , der im alten Rathhause zu Erfurt in einer Reihe von Bildern und Sprüchen aus dem Freidank von einem edlen Frauenbilde, einer Art von Fides gesprochen ward. P. Cassel das alte Erf. Rathhaus u. s. Bilder, Erf. 1857 S. 43. , in welchem Sinne sowohl der 225 terminus auf Erden als der regelmäßig wiederkehrende Tag und Vollmond am Himmel für sein Werk gehalten und letzterer sogar Iovis fiducia, seine Bürgschaft (S. 140, 215 ) genannt wurde. Scheint doch selbst der Name der Fetialen, dieser geheiligten Diener des internationalen Rechtsverkehrs, mit fides und fidus zusammenzuhängen, welchem jedenfalls das Wort und der Begriff foedus aufs engste verwandt ist Varro l. l. V, 86 Fetiales quod fidei publicae inter populos praeerant, nam, per hos fiebat ut iustum conciperetur bellum et inde desitum ut foedere fides pacis constitueretur. – Per hos etiam nunc fit foedus , quod fidus Ennius scribit dictum. . In Rom gab es ein altes Heiligthum der Fides publica oder der Fides Populi Romani, welches sogar älter war als der große Capitolinische Tempel, denn es war von Numa gegründet worden Becker Handb. 1, 403, wo aus dem oben S. 208, 392 citirten Militärdiplome die tropaea Germanici – quae sunt ad aedem Fidei Populi Romani hinzuzusetzen sind. Vgl. Valer. Max. III, 2, 17 in aedem Fidei Publicae convocati Patres . VI, 6, 1 de Fide publica . . Der später wiederholt erneuerte Tempel lag in der Nähe dieses großen Tempels, auf welchen für das Wesen beider Gottheiten bedeutungsvollen Umstand der alte Cato gelegentlich in einer Erinnerung an die römische Vorzeit hingewiesen hatte Cic. de Off. III, 29 qui iusiurandum violat, is Fidem violat, quam in Capitolio vicinam Iovis O. M., ut in Catonis oratione est, maiores nostri esse voluerunt. . In der That war diese Fides publica auf dem Capitole nichts weiter als eine Personification des guten Gewissens des römischen Staates, wie dasselbe sich in der treuen Aufrechterhaltung und gewissenhaften Beobachtung aller von ihm eingegangenen Rechtsverhältnisse und Bündnisse bewähren sollte und in der alten guten Zeit auch zu bewähren pflegte; daher der Senat sich oft in diesem Tempel versammelte und die verbündeten Völker und Städte auch wohl in öffentlichen Monumenten z. B. auf ihren Münzen dieser fides populi Romani die Ehre geben Roma von der Πίστις bekränzt auf einer Münze von Locri in Italien. Val. Max. VI, 5, 5 illam curiam mortalium quis concilium an non Fidei templum dixerit? Der alte T. der Fides in Palatio, von welchem der Grieche Agathokles bei Fest. p. 269 spricht, scheint ein bloßes Compliment an Rom zu sein. . Von dem Cultus dieser Capitolinischen Fides publica hat Liv. 1, 21 die merkwürdige Nachricht bewahrt, daß nach der Satzung des Numa die drei von ihm eingesetzten Flamines des Jupiter, Mars und Quirinus zu diesem Gottesdienste in einem Wagen hinauffahren sollten, welcher mit einem gewölbten Schirmdache versehen war, und daß sie beim Opfer ihre rechte 226 Hand bis zu den Fingern in eine weiße Binde wickeln sollten Ad id sacrarium flamines bigis curru arcuato vehi iussit manuque ad digitos usque involuta rem divinam facere, significantes fidem tutandam sedemque eius etiam in dextris sacratam esse. Vgl. Serv. V. A. 1, 292. Das Wort tutari gilt dem Schirmdache des Wagens, s. Liv. III, 22 Volsci tutabantur se vallo . Cic. N. D. II, 57 genae ab inferiore parte tutantes (oculos) subiectae . Tacit. A. I, 30 Hiems imbribus adeo saevis ut non egredi tentoria, vix tutari signa possent. . Jenes hatte die sinnbildliche Bedeutung, daß die Fides nicht sorgfältig genug behütet und beschirmt werden könne, dieses daß ihr Sitz, die rechte Hand, rein und heilig gehalten werden müsse. Denn immer wurde die Hand und der Handschlag, namentlich der mit der Rechten, als das Symbol eines Versprechens und einer Verbindlichkeit auf Treu und Glauben angesehn Plin. H. N. XI, 45, 103 inest et aliis partibus quaedam religio, sicut dextera osculis aversa appetitur, in fide porrigitur. Vgl. die Redensarten dextram fidemque dare u. dgl. bei Danz der sacrale Schutz im Rechtsverkehr S. 133. 139. , und die Umwicklung eines Gliedes mit geweihten Binden ist dem Alterthum auch sonst als Sinnbild der Heiligung dieses Gliedes bekannt Ueber die heiligen Binden und ihre Anwendung zur Weihe s. Bötticher Baumcultus S. 43. 418. Nach Phot. p. 180, 7 und Lex. rhet. p. 273, 25 banden sich die Mysten, wahrscheinlich bei den Eleusinien, einen Faden um die rechte Hand und den rechten Fuß, vermuthlich über dem Knöchel. Auch dieses scheint der symbolische Ausdruck einer Heiligung oder eines Gelübdes zu sein. . Auch das Bild der Fides war mit vorgestreckter Rechten dargestellt und mit einem weißen Schleier versehn, denn weiß ist die Farbe des Lichts und der lautern Treue Horat. Od. I, 35, 21 albo Fides velata panno . Val. Max. VI, 6, 1 cuius imagine ante oculos posita venerabile Fidei numen dexteram suam, certissimum salutis humanae pignus ostentat. Vgl. Hesiod. T. W. 197 λευκοῖσιν φαρέεσσι καλυψαμένω χρόα καλὸν – Αἰδὼς καὶ Νέμεσις. , der Schleier aber bedeutet dasselbe was bei der Fahrt der Flamines zum Tempel das schirmende Dach des Wagens. – Die römischen Dichter sprechen von der alten Treue wie die griechischen von der Zeit da Αἰδὼς und Νέμεσις, die hehren Göttinnen, noch auf der Erde weilten. In diesem Sinne nannte Ennius sie beschwingt (apta pinnis), weil sie sich zum Himmel aufgeschwungen, Virgil altersgrau (cana), weil sie dem vergangnen Geschlechte der Vorzeit angehört, und endlich führt Silius es weiter aus, wie sie die Erde verlassen habe seitdem Mord, Ungerechtigkeit und Geiz auf derselben heimisch geworden, und wie sie nun im Himmel weile, älter als Jupiter, eine Zierde unter Göttern 227 und Menschen, ohne welche weder die Erde noch das Meer den Segen des Friedens kennen würde, eine Gesellin der Gerechtigkeit und eine stille Gewalt in der Brust jedes guten Menschen Sil. Ital. Pun. II, 484 ff. Vgl. Virgil Aen. 1, 292 und Ennius b. Cic. de Off. III, 29, 104 o Fides alma apta pinnis et iusiurandum Iovis , im Thyest, wo nur die Rede von verletzter Treue sein kann, vgl. die folgenden Verse bei Ribbeck v. 411 nulla sancta societas nec fides regni est . Sonst heißen Cupido, die Musen, Fama bei den römischen Dichtern pinnatae, was immer dem griechischen πτερωταί entspricht. . d. Terminus. Auch die Grenze und der sie darstellende Grenzstein oder Grenzpfahl (termen, terminus) galten im höheren Alterthum, wo die bildliche Darstellung einer Idee noch mehr vermochte als ihr abstracter Ausdruck, für etwas Heiliges und von den Göttern Eingesetztes, unter welchen Göttern in Griechenland und Italien der höchste Gott des Himmels, Zeus und Jupiter, als Princip aller Ordnung auch der eigentliche Schutzherr und Urheber der Grenzsteine ist. Man wußte es wohl daß die Abtheilung und Abmarkung des Grundeigenthums nach Gemeinden, Corporationen oder Privatgrundstücken der Anfang aller Befriedigung und Berechtigung der sonst einander wild widerstrebenden Ansprüche Aller auf Alles ist. In Rom sind es wieder die beiden fürstlichen Sabiner, auf welche auch in diesem Kreise die elementaren Ordnungen zurückgeführt wurden. T. Tatius soll den bekannten Terminus auf dem Capitole geheiligt haben (Liv. 1, 55 vgl. Varro l. l. V, 74), Numa galt für den Stifter der Terminalia, wie sie zu Ende jedes Jahrs d. h. am letzten Februar in Rom und auf dem Lande begangen wurden (Dionys II, 74, Plut. Numa 16, Qu. Ro. 15). Weil solch ein Fest ohne Grenzen und Abmarkung des ländlichen Grundeigenthums nicht denkbar ist, machte man den Numa auch zum Urheber der Begrenzung überhaupt und der auf ihr beruhenden Eintheilung des ländlichen Gebietes nach s. g. pagis d. h. Landgemeinden, welche aus verschiednen Dörfern und zerstreut liegenden Höfen bestehend durch gemeinsame Verwaltung und gemeinsamen Gottesdienst verbunden waren Cic. Rep. II, 14, 20 primum agros, quos bello Romulus ceperat, divisit viritim civibus . Vgl. Dionys II, 76. Der magister pagi war zugleich der Grenzaufseher in jedem pagus, dessen Mitglieder pagani hießen, wie die Glieder jedes vicus vicani. Das Wort pagus hängt zusammen mit pago und pax und bedeutet eigentlich Dorffrieden, den ländlichen Gemeindeverband sämmtlicher zu demselben pagus gehörenden Bauernschaften. . 228 Und weil diese Grenzen und Grenzsteine nach altem Herkommen durch religiöse Gebräuche geheiligt und durch sehr strenge Gesetze geschützt wurden, galt Numa auch für den Begründer dieser Gebräuche und dieser Gesetze, namentlich des eben so strengen als alterthümlichen und häufig wiederkehrenden, daß derjenige welcher einen Grenzstein auspflüge verflucht sein solle, er und das mitschuldige Joch Ochsen Paul. p. 368 Termino und Dionys II, 74. Natürlich galten diese Gesetze eben so sehr für die Gebietsnachbarn und die Grenzsteine des Gebiets als für die Besitzungen auf römischem Grund und Boden. Ueber verwandte Gesetze und Gebräuche s. Rudorff zu den Gromat. vet. II p. 236 sqq. und J. Grimm Deutsche Grenzalterthümer, Abh. der Berl. Akad. v. J. 1843. . Jeder durfte den Schuldigen ungestraft und ohne sich zu verunreinigen wie den Frevler gegen ein Heiligthum todtschlagen; wofür freilich mit der Zeit mildere Strafen eintraten, d. h. Geldstrafen anstatt der Capitalstrafen. Nach deutschen Weisthümern sollte einem solchen Verbrecher mit vier wilden Pferden das Haupt abgepflügt und er selbst auf der Stätte des ausgeackerten Grenzsteins vergraben werden. Auch die bekannte Legende von dem Capitolinischen Terminus, daß er dem Jupiter nicht habe weichen wollen und deshalb in dessen Tempel mit aufgenommen werden mußte, ist nur eine Umschreibung seiner Unverrückbarkeit und seines idealen Zusammenhanges mit Jupiter. In dem Tempel hatte man über diesem alten Symbole eine Oeffnung im Dache angebracht; so wesentlich schien Terminus und sein Cultus unter den lichten Himmel zu gehören Paul. p. 368 Terminus, Serv. V. A. IX, 448 unde in Capitolio prona pars tecti patet, quae tapidem ipsum Termini spectat, nam Termino nonnisi sub divo sacrificabatur. . Später giebt es dann auch einen eignen Iupiter Terminus oder Terminalis, der dem Ζ. ὅριος der Griechen nachgebildet ist und auf römischen Familienmünzen als Herme mit starkem gelocktem Haupthaar und gleichem Bart Auf Münzen des M. Terentius Varro, des berühmten Gelehrten, der sie als Proquästor im Gefolge des Pompejus schlug. Ueber die Herme aus der Gegend von Ravenna mit der Inschr. IOV. TER. M. VAL. ANT. AN. TI. CO. V. L. S. s. Gerhard Annali dell' Inst. 1847 p. 327 Pl. S. T. und Henzen z. Or. n. 5648, der nur eine Dedication dieser Herme an den Iup. Terminalis, nicht eine Darstellung desselben gelten lassen will. Jedenfalls ist es eine griechische Form der Darstellung, vgl. Griech. Myth. 1, 252, und nichts daraus für das italische Alterthum zu schließen. Scheint man doch später jenen alten symbolischen Grenzstein im T. des Capitolinischen Jupiter für den Stein ausgegeben zu haben, den Saturnus anstatt des Jupiter verschluckt haben soll, s. Lactant. 1, 20. , 229 auf einer aus der Gegend von Ravenna erhaltnen Herme sogar mit den Merkmalen beider Geschlechter, also nach Art der griechischen Hermaphroditen dargestellt wird. Dagegen sich der alte italische Volksglaube, etwas modificirt durch die Lehre etruskischer Priester, erhalten hat in dem merkwürdigen Fragmente eines Orakels oder einer Offenbarung, welches in dem Sammelwerke der römischen Landmesser steht Gromat. vet. p, 350. Die Ueberschrift ist: Ex libris Vegoiae Arrunti Veltymno. Also ein aus den Büchern des Vegoia entlehntes Orakel, welches an den Arruns Veltymnus gerichtet war. Nach den ersten Worten Scias –remotum ist etwas ausgefallen, da nothwendig von der Entstehung der Erde und ihrer Vertheilung unter den verschiedenen Völkern die Rede sein mußte. Auch weiterhin nach den Worten quos quandoque quis scheint etwas ausgefallen zu sein. Der ganzen Sprache merkt man die Uebersetzung an. und so lautet: »Wisse daß das Meer aus dem Aether abgeschieden ist ( S. 153 ). Als aber Jupiter das Land Etrurien für sich in Beschlag nahm, beschloß er und befahl, daß man die Felder messen und die Aecker abgrenzen solle. Denn er kannte die Habsucht der Menschen und ihre irdische Begierde, daher er Alles durch Grenzsteine abgemarkt haben wollte. Diese werden die Menschen im achten Seculum, wo es bald zu Ende geht, antasten und verrücken. Aber wehe dem der sie antastet und verrückt um seinen Besitz zu mehren, den des Nächsten zu mindern: er ist wegen dieses Verbrechens verdammt von den Göttern. Wenn Sklaven es thun, so sollen sie von ihrer Herrschaft harte Strafen leiden. Wenn es mit Wissen der Herrschaft geschieht, so wird deren Haus schnell ausgerottet werden und all ihr Geschlecht untergehn Vgl. die Inschr. eines terminus bei Or. n. 4332 quisquis hoc sustulerit aut laeserit, ultimus suorum moriatur. . Die aber, deren Hände den Stein verrückt haben, werden mit schlimmen Krankheiten und Wunden geschlagen und ihre Glieder werden schwach werden. Dann wird auch die Erde unter Gewitterstürmen und Wirbelwinden erbeben und einstürzen, die Feldfrucht von Sturm und Hagel zerschlagen, von den Hundstagen verbrannt, vom Mehlthau gefressen werden, und im Volke wird viel Kampf und Streit sein Vgl. Cic. de Harusp. resp. 19 und 25. Nach Deutschem Glauben sind die unseligen Geister und Irrwische solche die bei ihren Lebzeiten am Ackerfeld frevelten oder die Heiligkeit der Grenze nicht achteten, s. Mösers Patriot. Phantas. 3, 309, Grimm D. M. 870. . Das wird geschehn wenn solche Verbrechen begangen werden. Deshalb merke es Dir und hüte Dich vor Betrug und Falschheit und bewahre diese meine Lehre in einem feinen Herzen«. 230 Die durch die Heiligkeit der Grenze veranlaßten religiösen Gebräuche betreffen theils die Setzung der Grenzsteine theils das städtische und ländliche Fest der Terminalien am 23. Febr. d. h. am alten Ausgange des Jahrs, welches durch dieses Fest selbst begrenzt und abgeschlossen wurde Varro l. l. VI, 13 Terminalia quod is dies anni extremus constitutus; duodecimus enim mensis fuit Februarius et quom intercalatur inferiores quinque dies duodecimo demuntur mense. Vgl. Ovid F. II, 49, Macrob. S. 1, 13, 15, Censorin 20, 6, Liv. XLIII, 11, XLV, 44. . Beim Setzen der Grenzsteine wurden diese Gebräuche beobachtet. Zuerst wurden die Steine in der Nähe der Gruben, in welche sie eingelassen werden sollten, aufgerichtet, gesalbt und mit Binden und Kränzen geschmückt. Dann wurde in den Gruben ein Opfer dargebracht und verbrannt, der Boden der Grube mit dem Blute des Opferthiers getränkt und dazu Weihrauch und Feldfrüchte, Honig und Wein hineingeschüttet. Wenn das Opferthier ganz verbrannt war, wurden die Steine auf die noch heißen Kohlen und die Knochenreste des Opferthieres aufgesetzt, weil diese in der Erde nicht verwittern, also dem künftigen Friedensrichter als sichres Merkmal dienen konnten. Endlich wurden die Steine selbst mit der größten Sorgfalt in die Erde eingerammelt. Und zwar betheiligten sich bei diesen Feierlichkeiten entweder beide Nachbarn oder, wo drei Grundstücke an einander stießen, alle drei Siculi Flacci de condicionibus agrorum, Gromat. vet. p. 141. . Die ländlichen Terminalien, welche Ovid F. II, 641 ff. beschreibt, waren ein gemüthliches Fest der Familien und der guten Nachbarschaft. Denn auch hier vereinigten sich die Nachbarn, indem der eine die eine, der andre die andre Seite des Grenzsteins bekränzte und an derselben opferte, gewöhnlich mit einem Opferkuchen und unblutigen Opfern, wobei sich immer die ganze Familie betheiligte, Mann und Frau, die Kinder und das Gesinde, jeder etwas zum Opfer herbeitragend, alle festlich und andächtig. Von Andern wurde auch wohl ein Lamm oder ein Ferkel geopfert und der Grenzstein mit dem Blute besprengt Ovid F. II, 653, Horat Epod. 2, 59 vel agna festis caesa Terminalibus . . Endlich vereinigte sich die ganze Nachbarschaft zum gemeinschaftlichen Mahle und sang Lieder auf den Terminus, den Urheber aller Grenzen zwischen Gemeinden, Städten und mächtigen Reichen, ohne den überall Streit und Hader sein würde Vgl. Gromat. vet. p. 366 und Varro ib. p. 393, wo nicht allein die Begrenzung der Aecker und der Friede, sondern auch alle Meßkunst in Zeit und Raum vom Terminus abgeleitet wird. Vgl. Plut. Numa 16, Qu. Ro. 15, Numa habe den terminus geheiligt ὡς ἐπίσκοπον καὶ φύλακα φιλίας καὶ εἰρήνης, weshalb auch früher keine blutigen Opfer erlaubt gewesen wären. Dasselbe versichert Dionys. II, 74. . Gewiß wurden an 231 diesem Tage auch auf dem Capitole und an der alten Grenze der römischen Stadtflur entsprechende Gebräuche verrichtet; auf die letztere bezieht sich der Hain des Terminus an der Via Laurentina, sechs Meilen von Rom, wo an den Terminalien mit einem Lamme geopfert wurde. Vermuthlich war dieses die alte Grenze zwischen dem Gebiete der Stadt Rom und dem der Laurenter, wo ein alter Grenzstein und ein nachbarlicher Cultus desselben sich am längsten erhalten konnte, weil Laurentum und Lavinium von den Römern fort und fort als zu gleichen Rechten verbündete Gemeinden angesehen wurden. e. Der Nagel in der cella Iovis. Da dieser Nagel nach einer alten ritualen Vorschrift, die ehedem an der rechten Wand der cella Iovis, da wo die cella Minervae an dieselbe stieß, zu lesen war, jährlich an den Iden des September, dem Einweihungstage des Capitolinischen Tempels und dem heiligsten Festtage der Römischen Spiele ( S. 195 ) von der höchsten obrigkeitlichen Person des Römischen Staats (qui praetor maximus sit, Liv. VII, 3) eingeschlagen werden sollte, so kann er unmöglich blos die praktische Bedeutung gehabt haben, die Jahre in Ermangelung einer bessern Einrichtung zu zählen, sondern er muß auch eine religiöse Bedeutung gehabt haben. Das Vorbild finden wir auch hier, wie bei den meisten andern Einrichtungen des Capitolinischen Cultus, bei den Etruskern, wie namentlich in Vulsinii die ähnliche Sitte bestand, mit jedem Jahre in dem Tempel der Schicksalsgöttin Nortia einen Nagel einzuschlagen und diese Nägel als eine Art von Jahresregister zu benutzen. Auch fehlt es nicht an sichrer Kunde der symbolischen Bedeutung eines solchen Balkennagels, daß nehmlich dadurch der feste und unwiderrufliche Beschluß des Schicksals ausgedrückt werden sollte, daher Balkennägel, Klammern und flüssiges Blei, lauter Mittel um die Glieder eines Gebäudes unerschütterlich fest zusammenzufügen, bei Horaz Od. 1, 35, 18 die Attribute der ehernen Nothwendigkeit sind, und in einer andern Stelle bei Horaz Od. III, 24, 5 so wie auf einem etruskischen Spiegel die 232 unabwendbare Stunde des Todes durch einen von der Parce über dem Haupte des der Zeit Verfallenen eingeschlagenen Nagel sinnbildlich ausgedrückt wird Auf dem Spiegel ist Atropos (Athrpa) d. h. das unabwendbare Schicksal eben im Begriff den Nagel über dem Haupte des Meleager einzuschlagen, s. bei Gerhard 1, 176. . Dazu kommt der sprichwörtliche Gebrauch der Nägel und des Nageleinschlagens für alles unwiderruflich Abgemachte und unerschütterlich Ergriffene Cic. Verr. V, 21, 53 ut hoc beneficium, quemadmodum dicitur, clavo trabali figeret. Petron. 71 nosti, quod semel destinavi, clavo trabali fixum est. Plaut. Asinar. 1, 3, 4 fixus hic apud nos est animus tuus clavo Cupidinis. Vgl. Aeschyl. Suppl. 907 τῶν δ’ ἐφήλωται τορῶς γόμφος διαμπὰξ ὡς μένειν ἀραρότως. , endlich daß Jupiter selbst unter andern Beinamen als Tigillus angerufen wurde d. h. als fester Stütz- und Tragebalken des Himmels und der himmlischen Erscheinungen Augustin C. D. VII, 1, wo mundus der Himmel ist, das dium, s. oben S. 165, 269 . Vgl. den Ausdruck columen reipublicae, familiae, rerum und Horaz in dem Gedichte auf die Fortuna Antias Od. 1, 35, 13 iniurioso ne pede proruas stantem columnam d. h. die bestehende Ordnung der Dinge. . Mithin wird auch jener an den Iden des September eingeschlagene Nagel etwas Aehnliches bedeutet haben, entweder das Unerschütterliche seiner himmlischen Beschlüsse überhaupt, oder speciell die lichte Jahresordnung der Idus ( S. 140 ), unter denen die des September für den Capitolinischen Göttercultus so besonders bedeutsam waren und deshalb auch zu einer regelmäßigen Zählung der Jahre gut dienen konnten. Uebrigens wurde dieser Nagel seit dem Einweihungsjahre des Tempels eine Zeitlang regelmäßig von den Consuln eingeschlagen. Dann wurde, seit der Einführung der Dictatur im J. 253 d. St. dem Dictator als höchster Obrigkeit nach dem Wortlaute jenes Gesetzes die Vollziehung jener Ceremonie übertragen und dadurch ihr regelmäßiger Verlauf von selbst unterbrochen. Bald wurde sie nach römischer Weise zum bloßen opus operatum mit wunderbarem Erfolge, wie man z. B. im J. 260. d. St., dem Jahre der Secession, dem vom Dictator eingeschlagenen Nagel einen sonderbaren Einfluß der Sühnung und Beruhigung zuschrieb und bei einer andern Gelegenheit das Aufhören einer Pestilenz mit demselben Acte in Verbindung brachte (Liv. VII, 3; VIII, 18). Später ward der Gebrauch nur ausnahmsweise angewendet, so daß jedesmal ein eigner dictator clavi figendi causa gewählt wurde, namentlich im J. 391 d. St. auf Veranlassung einer Pestilenz, bei welcher man sich jenes 233 früheren Falls erinnerte, und im J. 423, da viele Personen an Gift starben und endlich eine Magd verrieth daß römische Matronen, darunter zwei patricischer Abkunft, dieses Gift gebraut hatten: eine so unerhörte Unthat, daß man an eine geistige Störung und Gemüthskrankheit dachte und dabei sich des Nagels im Jahre der Secession erinnerte. August bestimmte daß die abgehenden Censoren in den T. des Mars Ultor einen Nagel einschlagen sollten (Dio LV, 10). Das Privatleben kannte denselben Gebrauch als abergläubisches Heil- und Sühnungsmittel, durch welches man Krankheiten und dämonische Einflüsse abzuwenden und anderswo zu fixiren (defigere) glaubte Plin. H. N. XXVIII, 6, 17 clavum ferreum defigere in quo loco primum caput fixerit corruens morbo comitiali absolutorium eius mali dicitur. Vgl. die Zaubernägel bei O. Jahn über den Aberglauben des bösen Blicks bei den Alten, in den Berichten über d. V. d. K. Sächs. G. d. W. Leipzig 1855 S. 107 und die Geschichte aus Falerii bei Plutarch Parall. 35, wo eine Pestilenz durch das Opfer einer Jungfrau beschwichtigt werden soll. Da kommt ein Adler vom Himmel, der das Opfer unterbricht und einen Hammer auf den brennenden Altar legt, mit welchem dann die Jungfrau die Kranken schlägt und dadurch heilt. . f. Iuventas. Auch Juventas wollte nicht weichen, als man das Capitol baute, daher man ihr in der Nähe Jupiters, in der Vorhalle der Minerva, eine eigne Capelle eingeräumt hatte, zum günstigen Zeichen der ewigen Jugend des römischen Staats. So die bekannte Legende Dionys III. 69, Plin. H. N. XXIX, 4, 14; XXXV. 10, 108; Dio LIV, 19. , doch ist in Wahrheit auch diese Göttin nur die abgesonderte Personification einer Eigenschaft, welche zum Wesen des Jupiter gehörte, da derselbe als Gott des Segens und natürlichen Wachsthums auch das göttliche Urbild und der Hort aller männlichen Jugend ist. Daher Iupiter Iuventus in den beiden Inschriften bei Henzen n. 5634. 5635 und der altherkömmliche, angeblich von Servius Tullius eingeführte Gebrauch, daß für jeden Knaben, der zum Jüngling wurde, ein Stück Geld in den Kasten der Juventas gelegt werden mußte, wie für jedes Kind in den der Iuno Lucina, für jeden Verstorbenen in den der Venus Libitina (Dionys IV, 15). Denn immer ist Juventas die Göttin der männlichen Jugend und ihrer besten Blüthe, wo der Bart zu wachsen, der Geist und Character sich zu bilden beginnt und der 234 Knabe zum Bürger wird, welcher zunächst als iunior dem Staate durch seine Wehrkraft, später als maior demselben auch durch seinen Rath nützen wird. Der Gebrauch war daß der junge Bürger, wenn er auf dem Forum die toga praetexta der Knabenjahre mit der toga virilis vertauscht und die Bulle mit dem Amulet abgelegt hatte, da er sich nun selbst zu schützen Mannes genug war, daß er dann alsbald aufs Capitol hinaufging, um dort der Juventas seinen Tribut zu zahlen und vor ihr und dem Jupiter anzubeten Serv. V. Ecl. IV, 50 Iovem, merito puerorum dicunt incrementa curare, quia, cum pueri togam virilem sumpserint, ad Capitolium eunt. Augustin C. D. IV, 11 ipse (Iupiter sit) Dea Iuventas, quae post praetextam excipiat iuvenilis exordia etc. Vgl. Valer. Max. V, 4, 4, Sueton Claud. 4, Petron. 88. : ein Familienfest welches bei angeseheneren Familien von selbst einen öffentlichen Character annahm und unter den Kaisern vollends ein Gegenstand der Ostentation und Adulation wurde Im Kal. Cumanum (S. 145, 229 ) heißt es zum 18. Octbr.: Eo die Caesar togam virilem sumpsit. Supplicatio Spei et Iuve[ntati]. Vgl. das Kal. Antiat. zu dems. Tage. Es geschah in seinem 14. Lebensjahr. Auch die erste Schur des Bartes gab zu ähnlichen Festlichkeiten Anlaß, indem man die Erstlinge der Fortuna Barbata oder dem Apoll darbrachte, oder sie auch, wie Nero, auf dem Capitole niederlegte, s. Dio XLVIII, 34, Iuvenal. III, 186, Martial. 1, 31, Petron 29 und über Nero, der bei dieser Gelegenheit s. g. Iuvenalia d. h. Spiele der vornehmen Jugend veranstaltete, Sueton Nero 12, Dio LXI, 19, Lips. z. Tacit. Ann. XIV, 15. Eine ähnliche Beziehung hat vermuthlich die Iuventas und Iup. Iuvenis auf Münzen des M. Aurel und des Commodus. . Ueberdies wurden der Juventas regelmäßige Opfer zu Anfang des Jahres und zwar gleichfalls pro iuvenibus gebracht Cic. ad Att. 1, 18, 4, Paul. p. 104, Liv. XXXVI, 36. . Seit dem J. 193 v. Chr. gab es einen zweiten Tempel von ihr beim Circus Maximus, seit August einen eignen T. der Juventas in Palatio Mon. Ancyr. Auch in den Provinzen wurde die Iuventas oder Iuventus auf ähnliche Weise verehrt, s. den flamen Iuventutis bei Or. n. 2213. , wahrscheinlich für die Opfer und Gebete im nächsten Kreise der kaiserlichen Familie. Auch wurde es seit August Sitte daß der kaiserliche Prinz und bestimmte Thronfolger, sobald er iuvenis geworden war, an die Spitze der Ritterschaft trat und als solcher princeps iuventutis genannt wurde, was neue Festlichkeiten und Auszeichnungen zur Folge hatte. Die Göttin Juventas wurde in den Zeiten der griechischen Bildung gewöhnlich mit der Hebe identificirt Liv. XXI, 62, Cic. N. D. 1, 40, 112, Ovid F. VI, 65. . 235 g: Diiovis und Veiovis. Diese beiden Götter werden zusammengenannt bei Quintil. 1, 4, 17 und Gellius V, 12, welcher sich auf alte Gebetsformeln beruft Für in antiquis spectationibus ist zu lesen precationibus . Vgl. meine Abhdlg. in den Leipz. Berichten der K. Sächs. G. d. W. 1855 S. 203 ff. , in denen diese Namen neben einander vorkamen. Diiovis wurde, wie es scheint, von dem gewöhnlichen Diovis oder Iupiter als Compositum von Di und Iovis unterschieden, obgleich der Name nichts Anderes als Diovis bedeutet haben kann, nehmlich einen wohlthätigen Gott des Himmels und des himmlischen Lichtes. Vediiovis ist dasselbe Wort mit dem Praefix ve, welche Silbe in solchen Zusammensetzungen immer eine nachtheilige, sich in sich selbst aufhebende Wirkung und Eigenschaft des Begriffs ausdrückt, der in dem Stammworte ausgesprochen ist, z. B. vehemens oder vemens, vecors, vesanus, vegrandia farra, d. h. im Sprachgebrauch der Landleute solche die nicht recht wachsen wollten, vescus d. i. ein solcher der entweder nicht essen mag oder mit Heißhunger und ohne Erfolg für seine Ernährung ißt. Daher kann weder die Erklärung solcher Grammatiker die richtige sein, welche den Veiovis für einen kleinen, nicht ausgewachsenen Jupiter hielten (Paul. p. 379, Ovid F. III, 445 ff.) noch die andrer, welche in der Voraussetzung daß Jupiter a iuvando abzuleiten sei, den Veiovis für das Gegentheil von einem hülfreichen Gott, also für einen schädlichen und bösen Jupiter erklärten. Jedenfalls gehörte dieser Gott zu den altitalischen, da er sich namentlich bei den Sabinern Varro l. l. V, 74, wo zu lesen ist Vediiovi Saturnoque. Die durch Müller beliebt gewordne Form Vedius findet sich nur bei Martian. Cap. II, 142. 166. Bei Ammian Marc. XVII, 10, aus welcher Stelle man einen blitzschleudernden Veiovis der Etrusker gefolgert hat: ut in Tageticis libris legitur Veiovis fulmine mox tangendos , haben die Mss. Vegonicis, so daß eher Vegoiicis zu schreiben sein möchte, vgl. Plin. H. N. II, 54. und Latinern nachweisen läßt und nach Rom aus Alba Longa gekommen zu sein scheint. Aus der kleinen Stadt Bovillae am Fuße des Albaner Gebirgs, einer alten Colonie von Alba Longa, hat sich nehmlich ein alterthümlicher Altar erhalten S. Klausen Aeneas u. d. Penaten S. 1083 T. IV, 3, Ritschl Mon. Epigr. p. 29, Canina Via Appia p. 209 t. XLVIII, 2. Die Einwohner von Bovillae nennen sich auf Inschriften gewöhnlich Albani Longani Bovillenses. , welcher auf der einen Seite die 236 Inschrift trägt: Vediovei Patrei Genteiles Iuliei , auf der andern diese: Leege Albana Dicata , woraus also abzunehmen ist daß dieser Altar nach einer aus Alba Longa traditionell überkommenen oder mit den dortigen Gottesdiensten bewahrten ritualen Vorschrift geweiht worden war. Die Gentiles Iulii sind die Sippen der Gens Iulia, welches Geschlecht notorisch zu den ältesten Albanischen gehörte und in Bovillae wie zu Rom seit alter Zeit angesiedelt war. In Rom hatte Veiovis ein berühmtes Heiligthum zwischen dem Capitolium und der Arx d. h. zwischen den beiden Gipfeln des Capitolinischen Hügels, wo das sogenannte Asyl des Veiovis und in späterer Zeit sein Tempel zwischen zwei Hainen lag, daher der gewöhnliche Zusatz inter duos lucos Becker Handb. 1, 387. 400. . In dem Tempel sah man sein Bild mit einem Bündel Pfeile in der Hand, daher man ihn später gewöhnlich für den griechischen Apollo erklärte. So ist er auch auf verschiedenen Familienmünzen als Apollo gedacht und abgebildet, der Kopf immer jugendlich und unbärtig, das Haar mit Lorbeer bekränzt, gewöhnlich so, daß er mit der Rechten mehrere in einen Bündel zusammengefaßte Pfeile zückt, die man nach einer herkömmlichen und weit verbreiteten Allegorie des Alterthums am besten für ein Bild der schießenden Sonnenstrahlen erklären wird. Auch bei der Vergleichung dieses Gottes mit dem griechischen Λυκώρης oder Λυκωρεύς, auf die der römische Alterthumsforscher Piso geführt worden war Serv. V. A. II, 761, O. Jahn in den Leipz. Ber. 1847 S. 421 ff. , liegt Apollo zu Grunde, denn Lykores ist kein andrer als Apoll von Delphi in der speciellen Bedeutung eines Gottes der Sühne. Eine andre Eigenthümlichkeit dieses Cultus war das Symbol der Ziege, welche in dem Tempel neben dem Bilde des Veiovis stand und auf jenen Münzen gleichfalls abgebildet wird, gezügelt von einem auf ihr sitzenden geflügelten Knaben, den man mit Recht für den Genius des Veiovis ( S. 74 ) erklärt hat Dieselbe Ziege erscheint wieder auf den Münzen des Antoninus Pius und des Gallien, auf jenen mit dem Attribute eines Adlers, auf diesen mit der Inschrift Iovi Crescenti , Eckhel D. N. VII p. 33. 398, so daß also die Erklärung des Veiovis durch den kleinen Jupiter haften blieb. Auch haben einige Familienmünzen deutlich einen Doppelblitz und keine Pfeile, obwohl Ovid nur von letzteren wissen will. . Die wahre Bedeutung des Gottes scheint die eines jugendlich gedachten Jupiter zu sein, der zugleich Sonnengott war und als solcher namentlich im Frühlinge, wo durch die heiße Sonne leicht Epidemieen erzeugt werden, gefürchtet 237 wurde; wenigstens führt darauf sowohl der Vergleich mit verwandten Erscheinungen als das was wir sonst von diesem Gottesdienste wissen. Die Nonen des März waren der herkömmliche Festtag, s. Fast. Praenest. und Ovid F. III, 429 ff. Die Ziege war das gewöhnliche Opfer, und zwar wurde sie, wie Gellius a. a. O. sich ausdrückt, ritu humano dargebracht, das will vermuthlich sagen: als stellvertretendes Sühnopfer Paul. p. 105 Humanum sacrificium dicebant quod mortui causa fiebat . Dieses mortuus ist entweder von einem Getödteten im Sinne der Blutsühne zu verstehn oder in dem eines homo sacer d. h. eines für todeswürdig erklärten und deshalb ausgestoßenen Verbrechers, der eigentlich getödtet werden sollte, aber nach einem stellvertretenden Sühnopfer wieder zu Gnaden angenommen wird, vgl. Virgil Aen. V, 482, wo Entellus, nachdem er den Stier anstatt des Dares erschlagen, hinzufügt: Hanc tibi, Eryx, meliorem animam pro morte Daretis persolvo . Eben deshalb unterschied man hostiae animales d. h. solche wo die anima, das der Gottheit dargebrachte Leben die Hauptsache war, und consultatoriae, wo es auf die Untersuchung der Eingeweide abgesehen war, s. Macrob. III; 5, 1, Serv. V. A. IV, 56. . Deshalb verglich Piso den Veiovis mit dem Apollo Lykoreus von Delphi, ja selbst die Sage vom Asyle des Romulus erklärt sich unter dieser Voraussetzung am natürlichsten. Immer heißt es daß Romulus zwischen jenen beiden Hainen des Veiovis eine Zufluchtsstätte für flüchtige Verbrecher gegründet und auf diese Weise viele Bürger für seinen jungen Staat gewonnen habe, dem dieser zweideutige Ursprung später oft genug vorgeworfen ist. Die Griechen haben diese Einrichtung nach ihrer Art ein Asyl genannt und wirklich wurde sie auch in Rom später dafür gehalten (Dio XLVII, 19). Der wahre Zusammenhang ist aber vermuthlich der, daß Veiovis als Gott der Sühne zugleich ein Gott der Zuflucht verurtheilter und ausgestoßener Verbrecher war, welche, wenn sie ihr Vaterland meiden mußten, in der Stadt wo sie Sühnung fanden auch einen neuen Heerd finden mochten; wie sich denn verwandte Gebräuche der Ausstoßung (exsecratio) und Wiederherstellung nach einem Todschlage oder andern todeswürdigen Verbrechen aus dem griechischen und römischen Alterthum nachweisen lassen. Gewiß ist daß die Ziege und der Bock in Rom auch sonst als Sühnopfer herkömmlich waren, z. B. im Culte der Juno und des Lupercus. – Außer dem alten Heiligthum auf dem Capitole gab es noch einen Cult des Veiovis auf der Tiberinsel, nur daß sein Name hier seltsam mit dem des Jupiter oder Diiovis abwechselt, daher es wahrscheinlich ist daß vorzüglich in diesem Culte beide Götter neben einander verehrt 238 wurden Die Fasti Praenest. nennen Veiovis, Ovid F. 1, 289 ff., Liv. XXXI, 21 und XXXIV, 53 Jupiter oder Diiovis, welcher Name bei Livius XXXI, 21 mit H. Valesius zu restituiren ist. . Geopfert wurde in diesem Culte am 1. Januar und neben dem Aesculap, so daß er hier vollends als ein Gott der Heilung erscheint. Möglich daß auch der neuerdings auf derselben Stätte bekannt gewordne Iupiter Iurarius mit diesem Doppelculte zusammenhängt Eine auf der Stelle, wo der T. des Aesculap gestanden, gefundene Inschrift: [Ex sententia] C. Volcaci C. F. Har[uspicis] de stipe Iovi Iurario [factum m]onimentom. Vgl. Canina Bullet. d. Inst. Arch. 1854 p. XXXVII, Henzen Suppl. Or. n. 5633a. Vielleicht ist dieser Iup. Iurarius aber auch nur eine Uebersetzung des Ζ. ὅρκιος. , zumal da Diiovis dem auch auf der Tiberinsel verehrten Schwurgotte Dius Fidius oder Semo Sancus sehr nahe gestanden haben muß. Später, nachdem das Verständniß der älteren italischen Götter verloren gegangen war, pflegte man auch den Vejovis mit dem Dis Pater, dem Gott des Todes und der Unterwelt zu identificiren Macrob. S. III, 9, 10, Martian. Cap. 1, 58; II, 142. 166. , vermuthlich nur deswegen weil man ihn für einen bösen und finstern Jupiter hielt. h. Iupiter Anxur. Iup. Anxur war der Gott der alten Volskerstadt Anxur, welche ihren andern Namen Tarracina vermuthlich den einst auch in dieser Gegend herrschenden Etruskern verdankte, dahingegen jener gewiß italischen Ursprungs ist, vgl. die Stadt Anxanum mit dem Gentile Anxas im Gebiete der Marser, eine andre Stadt Anxa in dem der Sallentiner, ferner die bei den Marsern verehrte Göttin Ancitia oder Angitia. Iupiter Anxur oder Anxurus, und die Frühlings- Quellen- und Haingöttin Feronia waren nach Virgil Aen. VII, 799 die herrschenden Götter der Gegend von Tarracina. Jener wurde nach Servius in der Gestalt eines unbärtigen Jünglings dargestellt, also wie der Albanische und Römische Vejovis, diese als Juno Virgo, also als seine Gattin und von gleicher Jugend und Schönheit. Auf den Münzen der Gens Vibia sieht man das Cultusbild des Iovis Axur, wie er hier genannt wird, ein thronendes jugendliches Götterbild mit Scepter und Schale, das Haupt mit einer großen Strahlenkrone geschmückt, so daß also auch er zugleich dem Jupiter und dem Apollo verwandt gewesen sein muß. 239 i. Apollo Soranus. So hieß später der auf dem Gipfel des malerischen Berges Soracte in der Nähe des alten Falerii verehrte Gott, über welchen wir leider gleichfalls nur mangelhaft unterrichtet sind. Mit dem griechischen Namen Apollo benennt ihn namentlich Virgil. Aen. XI. 785 summe deum, sancti custos Soractis Apollo, vgl. Sil. Ital. Pun. V. 175, VII, 662, VIII, 494, ohne Zweifel um ihn als Sonnengott zu characterisiren. Der Name Soranus scheint nicht nach dem des Berges gebildet zu sein, sondern dieser seinen Namen erst durch den Cult des Sonnengottes bekommen zu haben, denn das Wort Soracte oder Sauracte hängt höchst wahrscheinlich zusammen mit dem lateinischen Sol oder Saul, dem gothischen Savil, litth. Saule, da die tenues l und r in den italischen Dialecten sehr oft in einander übergehn und alle diese Wörter ihre gemeinsame Wurzel haben in dem Sanskritstamm svar d. i. glänzen G. Curtius in der Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 1, 29 ff. Vgl. Cato bei Varro r. r. II, 3, 3 in Sauracti Fiscello caprae ferae sunt etc., wo von einem andern Berge die Rede ist. Die Endung acte ist zu vergleichen mit Teate, Reate. . Merkwürdig ist es daß auch hier Feronia neben dem Sonnengotte verehrt wird, daher sich dieser Apollo Soranus von selbst zu jenem Iupiter Anxur stellt. Was wir sonst noch von seiner Verehrung erfahren, hängt zum Theil mit der Natur des Berges Soracte zusammen. Derselbe ist aus der Mitte einer fruchtbaren Landschaft von vulkanischen Kräften in die Höhe getrieben; noch jetzt befindet sich an seiner östlichen Seite, in der Nähe der Kirche S. Romana, eine Höhle mit tiefen Spalten (le Voragini), aus welchen böse Dünste aufsteigen, von denen auch die Alten erzählen Plin. H. N. II, 93, 95. Varro wußte auch von einer heißen Quelle am Soracte, die um Sonnenaufgang besonders stark fließe und deren Wasser den Vögeln tödtlich sei, ib. XXXI, 2, 19. Ueber die Oertlichkeiten s. Dennis, die Städte und Begrabnißplätze Etruriens, Lpz. 1852 S. 119 ff. . Das jetzige Dorf Sant Oreste ist wahrscheinlich der alte lucus Feroniae, aus welchem mit der Zeit eine kleine Stadt geworden war, die sehr alte Kirche San Silvestro oben auf dem Soracte liegt vermuthlich auf der Stelle des alten Apollotempels. Der Apennin ist so nahe, daß die Wölfe im Winter zahlreich in dieser Gegend streifen, während sie sich in der besseren Jahreszeit wieder ins Gebirge zurückziehn. Daher die Legende b. 240 Servius zu Aen. XI, 785, daß einst, als man grade dem Dis Pater auf diesem Berge, der ihm und den Todten geweiht sei, geopfert habe, plötzlich Wölfe erschienen seien und die Opferstücke von dem brennenden Altare geraubt hätten. Als die Hirten sie verfolgten, seien sie an eine Höhle gekommen, aus welcher ein mefitischer Dunst mit solcher Stärke hervorgedrungen sei, daß die Hirten alsbald todt niederfielen. Ja es habe sich darüber, daß die Hirten die Wölfe verfolgten, eine Pest über das ganze Land verbreitet, von welcher ein Orakel Erlösung versprochen habe, sobald die Einwohner wie die Wölfe vom Raube leben würden. So sei das Geschlecht der Hirpi Sorani d. h. der dem Gotte des Soracte, den man also später auch für einen Dis Pater nahm, geweiheten Wölfe entstanden Hirpi oder irpi ist das sabinische Wort für lupus und nur dialektisch davon verschieden. Der Wolf heißt nehmlich sanskr. vrka, slav. ulk, volk, vlüku, griech. λύκος, lat. lupus, sab. irpus (p für k), goth. wulfs (f für das lat. p), immer dasselbe Wort. Auch die samnitischen Hirpiner hatten ihren Namen daher. Ueber die Hirpi Sorani s. Varro b. Serv. A. XI, 787, Plin. H. N. VII, 2, Strabo V p. 226, Solin. 8. Augur Soranus, Cic. de Divin. 1. 47, 105. , ein Geschlecht von welchem sich einige Familien bis in die Zeit der römischen Kaiser erhalten hatten. Es scheinen Geweihte des Gottes vom Soracte gewesen zu sein, welche beiläufig auch die in Italien seit alter Zeit sehr verbreitete Kunst der Vogelschau trieben. Besonders berühmt aber waren sie durch die Künste, mit denen sie bei dem jährlichen Feste des Apollo und der Feronia, welches bei Feronia, dem jetzigen Sant Oreste gefeiert wurde, hervortraten. Sie gingen nehmlich dann mit bloßen Füßen durch brennende Haufen Holzes ohne sich zu verbrennen und waren dafür vom römischen Senate ein für allemal vom Kriegsdienste und andern gemeinen Verpflichtungen freigesprochen. Eigentlich sollte es die Begeisterung des Gottesdienstes sein, welche dieses Wunder verrichtete, doch wußte Varro von einer Salbe, mit welcher diese s. g. Wölfe ihre Fußsohlen bestrichen. Der Gebrauch als solcher erinnert sehr an die Oster- und Johannisfeuer in Deutschland und andern Gegenden, welche gleichfalls der Sonne galten und nach dem Glauben früherer Zeiten eine reinigende Kraft hatten, so daß die hindurchgehenden oder springenden Menschen oder das hindurchgetriebene Vieh, wie dieses auch bei den römischen Palilien geschah, dadurch gesühnt und gereinigt wurde; ja wir wissen von einem schottischen Feste, welches dem alten celtischen Sonnengotte Beal oder Belenus galt, wo eine durch das Loos bestimmte 241 Person dreimal durch ein angezündetes Feuer springen mußte und dabei sein Leben riskirte, doch glaubte man sich auf diese Weise der Gunst des Gottes zu versichern und das Jahr fruchtbar zu machen J. Grimm D. M. S. 579 ff. . So mögen auch jene geweiheten Wölfe ihren gefährlichen Gang durchs Feuer ursprünglich stellvertretend für das Land oder die Gemeinde der Falisker gethan haben, um dasselbe zu sühnen und ihm die Gunst des auf dem Gipfel des Soracte thronenden Gottes für das bevorstehende Jahr zu gewinnen, denn die Wölfe und die Pestilenz erinnern sehr an den Winter. – Noch ist zu bemerken, daß auch die Tuskulaner einen Jupiter des Frühlings kannten, den sie Deus Maius oder Iupiter Maius nannten und neben der Maia verehrten Macrob. S. 1, 12, 17, vgl. Henzen Suppl. Or. n. 5637. , welche mit der Bona Dea identisch ist und dem Maimonate seinen Namen gegeben hatte: ein Paar, welches von selbst an den volskischen Jupiter und die Juno Virgo und an den Gott vom Soracte und die Feronia erinnert. Daß das Bild eines jugendlichen Jupiter, der zugleich als Sonnengott verehrt wurde, überhaupt in Italien verbreitet war, beweist auch eine im Gebiete des alten Picenum gefundene Bronzefigur in der Gestalt eines anmuthigen, halb bekleideten Jünglings, dessen Haupt wie beim Jupiter Anxur mit Strahlen umgeben ist, mit einer sonst nicht verständlichen Inschrift, in welcher man aber das Wort Juve für Jovi leicht erkennt S. Mommsen Unterit. Dial. t. XVI S. 359 ff., Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachdenkm. II, 400, Th. Bergk Zeitschr. f. A. W. 1856 n. 18. Die Inschrift ist Cais Paiz Fariens (der Name) Iuve zalsesure . . 3. Juno. Juno ist Jovino, das Femininum von Jovis, also eine weibliche Macht des Himmels und des himmlischen Lichtes, näher des neuerscheinenden Mondes; daher zugleich Geburtsgöttin und die weibliche Göttin schlechthin, als himmlische Matrone und Königin, in welcher Bedeutung sie neben dem Iupiter Rex als Regina verehrt wurde. Die Geburt des Lichtes aus dem Dunkel ward den Alten immer zur Allegorie der Geburt und der Entbindung überhaupt, daher in Italien auch die Mater Matuta zugleich die Göttin des frühen Tageslichts und eine Geburtsgöttin ist und 242 sowohl in Italien als in Griechenland Diana oder Artemis zugleich Mond- und Geburtsgöttin. Juno aber repräsentirte in Italien so ganz wesentlich die weibliche Natur überhaupt, als gebärende Göttin, Mutter und Matrone, daß sie in dieser Hinsicht ganz dem Genius der Männer entsprach, d. h. wie dieser zeugerisch ist und als solcher in jedem Manne von neuem individualisirt, so ist Juno als das weibliche Wesen schlechthin auch in jedem einzelnen weiblichen Wesen individualisirt. Daher bekanntlich jede Frau und jedes Mädchen so gut ihre Juno hatte wie jeder Mann seinen Genius, ihrer Juno am Geburtstage opferte, bei ihrer Juno schwur u. s. w. S. oben S. 76 und Seneca Ep. 110 singulis aut Genium aut Iunonem dederunt . Tibull. III, 6, 47 etsi perque suos fallax iuravit ocellos Iunonemque suam perque suam Venerem. IV, 6, 1 Natalis Iuno sanctos cape turis acervos . Vgl. Petron. 25 und die Inschriften b. Fabretti Inscr. Antiq. p. 73 sq., Or. n. 1319–1328. Charisius p. 117 ed. Lindem. kennt den Schwur Ejuno, wie Ecastor, Edepol. . Unter den einzelnen Culten ist zunächst der der Iuno Lucina wohl der älteste und durch ganz Italien am allgemeinsten verbreitete Iuno Lucina unter den Göttern des T. Tatius, Varro l. l. V, 74, in Campanien s. die Inschr. aus Cales bei Mommsen I. N. 3953. Eine sehr alterthümliche bei demselben n. 6762 IVNONEI LOVCINA. Nach Apulei. Met. VI, 4 p. 389 nannte der ganze Orient die Juno Ζυγία, der ganze Occident Lucina. Nach Martian. Cap. II, 149 gab es auch eine Iuno Lucetia. Die Griechen übersetzen Ἥρα φωσφόρος. . Sie entspricht als solche dem Iup. Lucetius und ist wie dieser zunächst Lichtgott, d. h. wie Jupiter der Gott aller Idus, der Vollmondstage war, so Juno die Göttin aller Kalenden, wo die Mondsichel nach dem Neumonde zuerst wieder erschien, also wie von neuem geboren wurde ( S. 140 ); daher Juno bei den Laurentern den Beinamen Kalendaris führte und in Rom an jedem ersten Monatstage ihr regelmäßiges Opfer bekam. Sobald der Pontifex Minor die Mondsichel wieder am Himmel sah, meldete er es dem Rex Sacrorum, der darauf mit ihm das Capitol bestieg und in der Curia Calabra der Juno opferte, während ihr gleichzeitig in der Regia von seiner Gemahlin, der Regina Sacrorum, ein Lamm oder ein Schwein dargebracht wurde. Dann rief eben jener Subalterne des Collegiums der Pontifices bei derselben Curie, welche deshalb Calabra hieß, vor dem versammelten Volke aus, wie viele Tage in jedem Monate bis zu den Nonen sein würden, ob fünf oder sieben, wie Varro berichtet mit diesen Worten: Dies te quinque calo Iuno Covella, oder Septem dies te calo Iuno Covella, welcher Beiname mit cavus, κοῖλος und coelum 243 zusammenhängt, also den ausgehöhlten, nehmlich den zunehmenden Mond bedeutet (Macrob. 1, 15, 10, Varro l. l. VI, 27). Zweitens galt dann aber eben diese Mond- und Lichtgöttin Juno in Italien zugleich für die erste und mächtigste aller Geburtsgöttinnen, daher sie als solche von allen Frauen in den heißesten Stunden ihres Lebens angerufen Plaut. Aulul. IV, 7, 11, Tereut. III, 4, 41, Propert. IV, 1, 95, vgl. Ovid F. II, 447 ff., Plut. Qu. Ro. 77, Tertull. d. An. 39, Arnob. III, 21. 23 u. a. und auch sonst in vielen eigenthümlichen und alterthümlichen Gebräuchen verehrt wurde. Varro erzählt daß die Frauen der Iuno Lucina ihre Augenbrauen zu heiligen pflegten, weil die Augen das Licht des Leibes und die Augenbrauen ein Schutz der Augen sind Vgl. Paul. p. 304 Supercilia. , Tertullian daß die schwangern Frauen ihren Leib mit Binden, die im T. der Lucina geweiht waren, umwickelten und nach ihrer Entbindung derselben eine ganze Woche lang einen Tisch deckten, Andre daß solche Frauen, wenn sie zum Gottesdienste der Lucina gingen, alle Knoten an ihrem Leibe, auch die des Haares auflösten, weil jeder Knoten, selbst die Verschränkung der Hände, als Hinderniß einer leichten Geburt angesehen wurde Serv. V. A. IV, 518, Ovid F. III. 257 ff. Man schenkte deshalb den Frauen Schlüssel, ob significandam partus facilitatem, Paul. p. 56 clavim. Nach Fulgent. p. 389 pflegte die von Zwillingen Entbundne der Juno s. g. oves ambignas zu opfern d. h. ein Mutterlamm mit zwei kleinen zu beiden Seiten angebundenen Lämmern. . In Rom lag ihr Heiligthum, eins der ältesten und angesehensten der Stadt, an den Esquilien, nicht weit von der Subura und den Carinen, umgeben von einem Haine, dessen Ovid. F. II. 427 ff. in einer für diesen Gottesdienst characteristischen Legende gedenkt. Die neuvermählten Sabinerinnen, die Stammmütter des römischen Patriciats, sind unfruchtbar. Männer und Frauen pilgern zum Haine der Lucina Dieser Hain galt für älter als die Stadt, man leitete sogar den Namen Lucina davon ab, s. Plin. XVI, 44, 85. Vgl. ib. 31, 57 von einem Haine der Juno in Nuceria. und beten; da ertönt aus den Wipfeln der Bäume plötzlich eine Stimme, der heilige Bock solle den Rücken der Mütter besteigen (Italidas matres sacer hircus inito), eine Mahnung an den Gott der Befruchtung, den Faunus, Lupercus oder Inuus, den römischen Frauen Fruchtbarkeit zu verleihn. Ein Seher schlachtet nun einen Bock, schneidet Riemen aus dem Fell und schlägt mit diesen den Rücken der Frauen, worauf sie mit Lucinas Hülfe schwanger werden: ganz nach dem gewöhnlichen Ritus der Lupercalien im Februar, bei 244 welchen auch Juno betheiligt war. Nach einer angeblichen Bestimmung des Servius Tullius mußte für jede männliche Geburt in den Kasten der Lucina ein Stück Geld gethan werden ( S. 233 ). Das dauernde Ansehn des Cultus zeigt sich auch in verschiedenen Inschriften und Münzen, von denen die letzteren zugleich das Bild der alten Nationalgöttin vergegenwärtigen, wie es verschleiert sitzt oder steht und in der rechten Hand eine Blüthe, das Symbol der Hoffnung, in der linken ein Wickelkind hält Vgl. namentlich die auf Veranlassung einer glücklichen Entbindung der Lucilla geschlagenen Münzen mit der Inschrift Iunoni Lucinae b. Eckhel D. N. VII p. 99. Auch wiederholt sich derselbe Typus auf M. der Mammäa und Salonina. Die von H. Brunn Ann. d. Inst. 1848 p. 430 sq. besprochene Darstellung der tav. N., wo die Göttin eine Fackel in der R. hält und mit der linken Brust ein Kind stillt, während hinter ihr ein Baum mit einer Jagdtasche zu sehen ist, scheint die Iuno Lucina im Sinne der späteren Zeit zu sein, wo sie oft mit der Diana identificirt wurde, vgl. Catull. 34, 13 und die auf eine Entbindung der Kaiserin Salonina geschlagene M. mit der Inschr. Iunoni Cons(ervatrici) Aug. und dem Bilde eines Hirsches. Verschiedne Inschriften, welche in der Gegend des alten Heiligthums gefunden sind und sich auf Gelübde und Geschenke glücklich entbundner Frauen, Gebete für das Wohl der kaiserl. Familie u. a. beziehn, b. Or. n. 874. 1297. 1298, Stephani Bullet. Archeol. 1845 p. 65 sq. . Das angesehenste Fest dieser Göttin fiel auf die Kalenden des März, weil diese Kalenden als die ersten des neuen Jahrs nach alter Rechnung auch die Göttin des neuen Lichtes und der Geburt vor allen übrigen in Erinnerung brachten. Es war ganz ein Fest der Matronen d. h. der Mütter von altrömischer Abkunft Mater, materfamilias und matrona ist so ziemlich dasselbe, s. Paul. p. 125, Serv. V. A. IX, 216; XI, 474. 581, Gellius N. A. XVIII, 6. , daher es auch den Namen der Matronalia führte: wohl das angesehenste und populärste von den verschiedenen Frauenfesten, welche in Rom gefeiert wurden. Nur Jungfrauen oder unbescholtene Ehefrauen durften theilnehmen, dem Kebsweibe (pellex) war es durch ein Gesetz des Numa ausdrücklich untersagt worden, den Altar der Juno zu berühren; hatte sie ihn ja berührt, so mußte sie mit gelöstem Haar der Göttin ein Lamm opfern (Gell. N. A. IV., 3). Uebrigens ein heitres und gemüthliches Fest, welches im Schooße der Familien begangen wurde, daher die Unverheiratheten übel daran waren (Horat. Od. III, 8, 1). Ueberall wurde für das Glück der Ehe geopfert und gebetet, die Männer beschenkten die Frauen, die Frauen aber bewirtheten an diesem Tage die Sklaven, wie die Männer an den Saturnalien; daher der beliebte Atellanendichter L. Pomponius ein Stück unter dem Titel Martiae Kalendae 245 gedichtet hatte. Zugleich eilte an diesen ersten Tagen des März, wo auch der Stiftungstag des bald nach der Zerstörung Roms durch die Gallier erbauten Tempels der Lucina gefeiert wurde, Alles zu diesem alten Heiligthum, Mädchen und Frauen, um fromme Gaben und Gebete darzubringen und Mars und Juno zu feiern, den männlichsten aller Götter und die große Schutzgöttin aller weiblichen Natur, welche den starken Mars, das Urbild aller Manneskraft an diesem Tage geboren und damit das neue Jahr eröffnet hatte Ovid F. III, 170 ff., Tibull. III, 1, Plut. Romul. 21, Paul. p. 147 Martias Kalendas und die Stellen bei Marquardt Handb. IV, 446. . Auch gedachte man der Geburt des Romulus und des Raubes der Sabinerinnen, der ersten Ehefrauen und der ersten ehelichen Vermählung der römischen Geschichte: vor allen übrigen Sabinerinnen der Hersilia , der bräutlichen Gemahlin des Romulus-Quirinus, hinter welcher sich vermuthlich eine ältere Liebes- und Ehegöttin verbirgt. Auch die bei Gellius XIII, 23 (22) erwähnte Herie Iunonis scheint in diesen Zusammenhang zu gehören, da beide Namen mit dem umbrischen und oscischen Stamm her oder hers zusammenhängen, welcher ein Verlangen ausdrückt und uns in andern Benennungen der älteren latinischen Mythologie wieder begegnen wird. Auch verschiedne andre alterthümliche Beinamen der Juno beziehn sich auf Schwangerschaft und Geburt und es ist zu vermuthen, daß vorzugsweise Lucina in öffentlichen Gebeten mit solchen Cultusnamen angerufen wurde. So wird eine Iuno Fluonia oder Fluviona genannt als Göttin der Menstruation, welche diese während der Schwangerschaft hemme und auf die Weise, wie man glaubte, die Leibesfrucht nähre Paul. p. 92 Fluoniam Iunonem mulieres colebant, quod eam sanguinis fluorem in conceptu retinere putabant. Vgl. Tertull. ad Nat. II, 1 und Plin. VII, 15, 13 haec est generando homini materia . Augustin C. D. VII, 2 kennt eine eigne Dea Mena , quae menstruis fluoribus praeest, Iovis filia . , eine andre welche man Ossipago nannte, weil man ihr die Verdichtung und Befestigung der Knochen des Kindes im Mutterleibe zuschrieb, endlich eine Iuno Opigena , welche im Augenblick der Geburt als Hülfe angerufen wurde Arnob. III, 30 Si aer illa est, – nulla soror et coniunx omnipotentis reperietur Iovis, nulla Fluvionia , nulla Pomana , nulla Ossipagina , nulla Februtis, Populonia, Cinxia, Caprotina . Ib. IV, 7 Nam quae durat et solidat infantibus parvis ossa, Ossilago ipsa memoratur. An jener Stelle ist zu lesen: nulla Lucina , nulla Opigena nulla Februlis , vgl. Martian Cap. II, 149, an dieser Ossipago . . 246 Ein andrer sehr alterthümlicher und durch ganz Latium sehr angesehener Cultus war der der Iuno Lanuvina oder Sospita und Sispita (auch Sospes und Sispes ), deren alter Hain und Tempel in Lanuvium auch für Rom sehr heilig war Liv. VIII, 14, Fest. p. 343 Sispitem Iunonem, quam vulgo Sospitem appellabant, antiqui usurpabant. Iunone Seispitei Henzen n. 5659a. Auf M. des Antoninus Pius und b. Or. n. 1309 heißt sie Sispita , bei Or. 1292. 1293 Lanumvina . . Auch gab es einen eignen Tempel dieser Göttin in Rom am forum Olitorium und einen zweiten auf dem Palatin Liv. XXXII, 30, XXXIV, 53 wo für I. Matutae mit Sigonius zu schreiben ist Sospitae . Vgl. Ovid. F. II, 55. ; obwohl das angesehenste Heiligthum immer jenes alte zu Lanuvium blieb, dessen Tempel und Hain, von Priesterwohnungen umgeben und reich durch seinen Schatz, auf Veranlassung von Prodigien und andrer Umstände oft erwähnt wird Liv. XXII, 1, Iul. Obseq. 5. 46 u. A. Besonders machte das Gesicht der Caecilia im J. 90 v. Chr. Sensation, nach welchem der Senat sich des vernachlässigten Cultus eifrig annahm, s. Cic. d. Divin. 1, 2. 44, Iul. Obseq. 55. Inschriften erwähnen eine Priesterin der Juno und einen Sacerdos et Pontifex Lanuvinorum immunis, s. Mommsen I. N. n. 5786–89. Im Tempel befanden sich u. a. zwei Bilder der Helena und der Atalante d. h. der hingebenden und der spröden Weiblichkeit, Plin. XXXV, 6, 17. Ueber die Lage des Tempels s. Abeken Mittelitalien S. 215. . Die römischen Consuln mußten hier jährlich zu einer bestimmten Zeit ein Opfer darbringen (Cic. pro Murena 41, 90), und noch Antoninus Pius, welcher auf einer Villa in der Nähe von Lanuvium das Licht der Welt erblickt hatte S. Iul. Capitolin 8. Daher die Münzen dieses Kaisers und des Commodus, welcher gleichfalls dort geboren war, mit dem Namen und dem Bilde der Göttin, s. Eckhel D. N. V p. 293. , erbaute einen neuen Tempel dieser Göttin, welche ohne Zweifel auch Geburtsgöttin war. Ihr vollständiger Name ist in Dedicationsinschriften Iuno Sospita Mater Regina Or. n. 1308. 1309, Henzen n. 5659a, Mommsen I. N. 6763 vgl. Or. 4014. Abgekürzt I. S. M. R., auch auf den Denaren des Thorius Balbus mit dem Stier. . In dem Haine befand sich eine Höhle, in welcher eine Schlange hauste, vermuthlich als Symbol der Iuno Iunonis ( S. 74 ), welcher alljährlich im Frühjahre von einer Jungfrau ein Opferkuchen dargebracht wurde, wobei sie mit verbundenen Augen in die Höhle geführt wurde. Genoß die Schlange von diesem Opfer, so galt dieses für einen Beweis der Reinheit des Mädchens und der Fruchtbarkeit des Jahres, verschmähte sie es, so war das Mädchen nicht rein gewesen (Propert. IV, 8, 3 ff., Aelian H. A. XI, 16). Sehr 247 eigenthümlich war das Bild der Göttin, welches wir theils durch Beschreibungen der Alten theils durch das Gepräge verschiedner Münzen römischer Familien kennen Cic. N. D. 1, 29, 83 illam vestram Sospitam, quam tu nunquam ne in somniis quidem vides nisi cum pelle caprina, cum hasta, cum scutulo, cum calceolis repandis. Vgl. die Grabinschrift einer Priesterin dieser Juno b. Or. n. 1308, quae in aede Iunonmis Sospitae Matris Reginae scutulum et clypeum et hastam et calceos rite novavit voto und die Familienmünzen der Cornificii, Mettii, Papii, Procilii, Roscii, Thorii, und die nach den M. der Roscii restaurirte Statue im M. Pio Q. b. Visconti II t. 21. Wichtiger Kopf b. Panofka Terracotten des K. Mus. z. Berlin T. X. , welche aus Lanuvium stammten oder sich aus andern Gründen zu diesem Culte bekannten; auf welchen Münzen man hin und wieder auch jenes Wunder der Schlange und des Mädchens abgebildet findet. Angethan mit einem matronalen Gewande ist diese Juno darüber bekleidet mit einem Ziegenfell, welches zugleich als Helm und als Panzer dient, gebogenen Schnabelschuhen alter Sitte und einem ausgeschnittenen Schilde, wozu sie den Jagdspieß schwingt. Also war sie als Sospita zugleich eine wehrhafte Göttin, wie Juno denn auch zu Tibur und bei den Sabinern als solche gedacht wurde, auch in Griechenland und in Rom, wo sie Gewitter erregt und Blitze schleudert so gut wie Jupiter Virg. Aen. 1, 42 u. dazu Serv., welcher Stellen aus Attius und Varro citirt, vgl. Liv. XXXII, 1 Iovi donum fulmen aureum pondo L factum, Iunoni Minervaeque ex argento. . Doch war sie auch Mater d. h. eine Muttergöttin der weiblichen Natur, der Ehe, Entbindung und Kinderzucht, wie Lucina; auch wird dahin jenes Ziegenfell zu deuten sein, welches gewiß dasselbe bedeutete wie das Bocksfell im Culte der Lupercalien, nehmlich Reinigung und Befruchtung, daher das Bocksfell der Luperci auch amiculum Iunonis d. h. eine Gürtung der Juno genannt und diese Göttin selbst als Februlis oder Februata an der Feier der Lupercalien betheiligt wurde Paul. p. 85 Februarius mensis quod tum – populus februaretur i. e. lustraretur, vel a Iunone februata, quam alii februalem, Romani februlim vocant , quod ipsi eo mense sacra fiebant eiusque feriae erant Lupercalia, quo die mulieres februabantur a Lupercis amiculo Iunonis i. e. pelle caprina, quam ob causam is quoque dies februatus appellabatur. . Es ist eben deshalb zu vermuthen daß auch das Hauptfest der Juno zu Lanuvium im Februar war und zwar an den Kalenden dieses Monats, zumal da nach Ovid. F. II., 55 in Rom derselbe Tag der Sospita heilig war. Auch bei den Sabinern wurde Juno unter eigenthümlichen Formen verehrt, namentlich als Curitis oder Quiritis , welcher 248 Cultus durch die Sabiner nach Rom kam und dort mit der Einrichtung der Curien in engem Zusammenhange stand; doch fand sich derselbe Cultus auch zu Tibur und zu Falerii Tertull. Apolog. 24 Faliscorum in honorem Patris Curis et accepit cognomen Iuno. Vgl. die Inschriften b. Or. n. 1304 und Henzen n. 5659 und die aus Tibur b. Or. n. 1303. Die aus Benevent b. Mommsen I. N. n. 1381 halt Henzen Suppl. Or. III p. 135 für unächt. , welche letztere Stadt wie Rom und andre Städte dieser Gegend in früher Zeit ein starkes Element sabinischer oder umbrischer Bevölkerung in sich aufgenommen zu haben scheint. Der Name ist wie der des sabinischen Quirinus und der Quirites abzuleiten von dem Worte quiris oder curis, welches Lanze bedeutete, das Symbol des wehrhaften Mannes, hier speciell in seinem ehelichen Verhältniß zur Frau, der Mutter seiner Kinder, welche sich auf Leben und Tod in seine Gewalt gegeben hat, aber dafür auch von ihm vertreten werden muß, rechtlich oder mit Gewalt, daher diese Juno als Schutzgöttin der Matronen die Lanze in der Hand führt. Als Göttin der Ehe und des auf der Ehe beruhenden Familienlebens in seinen engeren und weiteren Kreisen wurde sie vorzüglich in den Curien verehrt Dionys. II, 50 von T. Tatius: ἐν ἀπάσαις ταῖς κουρίαις Ἥρα τραπέζαι ἔϑετο Κυριτίᾳ (l. Κυριτίδι) λεγομένη, αἳ καὶ εἰς τόδε χρόνου κεῖνται. Paul. p. 64 Curiales mensae, in quibus immolabatur Iunoni, quae Curis appellata est. Da die Curie ein weiblicher Begriff ist, konnte ihre Schutzgöttin nur eine Juno sein. , die sogar nach ihr benannt zu sein scheinen, wie die einzelnen Curien in Rom ihre Namen von den ersten sabinischen Müttern bekommen haben sollen; ja es scheint wohl daß auch der alte römische Hochzeitsgebrauch, das Haar einer Braut mit einer s. g. hasta celibaris d. h. einer Jungfernlanze zu scheiteln Paul. p. 62 coelibari hasta, vgl. Plut. Qu. Ro. 87, Ovid F. II, 559, Arnob. II, 67. Man nahm dazu gerne eine Lanze, die in dem Körper eines dadurch getödteten Gladiators gesteckt hatte. Vgl. den verwandten Aberglauben b. Plin. H. N. XXVIII, 4, 6. , mit dem Culte dieser Juno zusammenhängt, indem dadurch vermuthlich symbolisch ausgedrückt werden sollte, daß die Braut als eheliche Frau sich zwar in der Gewalt des Mannes, aber auch unter dem Schutze der Juno befinden werde. In Tibur, wo es gleichfalls Curien gab (Or. n. 3740), scheint diese Juno zugleich wie die Lanuvinische als kriegerische und als befruchtende Schutzgöttin der Stadt verehrt worden zu sein; daher man zu ihr betete Serv. V. A. 1, 17 in sacris Tiburtibus – sic precantur: Iuno curulis tuo curru clypeoque tuere meos curiae vernulas sane (l.  sanos ), wo vernulae in demselben Sinne zu verstehen sind wie in dem Gebote Numas für das vereinigte Volk der Römer und Quiriten b. Fest. p. 372 vernae. : »O Juno hoch zu Wagen, erhalte mit 249 deinem Wagen und mit deinem Schilde den jungen Nachwuchs meiner Curie bei guter Gesundheit.« Also eine Göttin die für die Fruchtbarkeit der Mütter und somit zugleich für den Nachwuchs der Bevölkerung sorgt, daher sich hier auch die in verschiedenen Gegenden Italiens verehrte Iuno Populona oder Populonia anschließen mag, eine Göttin welche ohne Jupiter, also als Göttin sowohl der männlichen als der weiblichen Bevölkerung verehrt wurde Arnob. III, 30, Macrob. III, 11, 5, Seneca b. Aug. C. D. VI, 10, der diese Göttin unter den viduae, d. h. ohne einen Gemahl verehrten nennt, Martian Cap. II, 149 und die Inschriften aus Aesernia und Teanum Sidicinum b. Or. n. 1306, Mommsen I. N. n. 3983–3987, vgl. dessen unterit. Dial. S. 143. . Auch die übrigen Beiwörter, mit welchen Juno bei öffentlichen Gelegenheiten als Ehegöttin angerufen wurde, mögen hier wenigstens angeführt werden, da ich auf Veranlassung der Indigitamenta noch einmal auf sie zurückkommen muß, die Iterduca und Domiduca , welche den Hochzeitszug vom Hause der Braut in das des Bräutigams geleitet, die Unxia , welche die Pfosten ihres neuen Hauses zum guten Zeichen salbt, die Cinxia , welche den bräutlichen Gürtel schürzt und löst, endlich die Iuno Pronuba (Virg. A. IV., 166) und Iuga , von welcher letzteren der vicus Iugarius in Rom seinen Namen führte, in welchem sich ein Altar dieser Göttin befand (Paul. p. 104). Wurde doch auch Juno selbst wie die griechische Hera an der Seite ihres Gemahls als Nupta verehrt Plaut. Cas. II, 3, 14 Heia, mea Iuno, non decet te esse tam tristem tuo Iovi. Vgl. Varro b. Serv. V. Ecl. VIII, 30. , d. h. als seine bräutliche Gattin, wie Jupiter selbst das Vorbild aller männlichen Jugendblüthe war und eben deshalb wohl auch der Flamen Dialis bei den Hochzeiten nach altem religiösen Brauch zugegen sein mußte. An der Küste von Picenum gab es eine Göttin Namens Cupra , welche für eine Juno und etruskischen Ursprungs gehalten wurde; noch Hadrian, der sein Geschlecht vom Picentinischen Hatria herleitete, hat den Tempel erneuert Strabo V p. 241, Sil. Ital. VIII, 432, Grut. p. 1016, 2, vgl. Varro l. l. V, 159, Mommsen Unterit. Dial. S. 350. . Doch ist der Name wahrscheinlich durch das sabinische Wort cyprus d. i. gut zu erklären, daher der vicus Cyprius in Rom und ein Mars Cyprius in Umbrien, so daß diese Göttin also eher eine Bona Dea oder eine Feronia gewesen zu sein scheint, welche auch mit der Juno 250 verglichen wurden. Desto bestimmter wird immer die Göttin von Falerii in der Gegend von Civita Castellana und des Soracte für eine Juno erklärt; ja dieser Cult der Juno war einer der berühmtesten, daher Falerii später den Namen der Colonia Iunonia erhielt und ihre Einwohner bei Ovid F. VI, 49 Iunonicolae Falisci heißen. Daß auch diese Göttin eine Iuno Curitis oder Quiritis, also vermuthlich sabinischen oder umbrischen Ursprungs war, ist bereits nachgewiesen; wenn die Griechen sie dessenungeachtet für die argivische Juno und Falerii deshalb für eine Colonie der Argiver und der Pelasger erklärten, so lagen dabei nur äußerliche Aehnlichkeiten des Cultus zu Grunde, die sich theils von selbst erklären theils durch spätere Einwirkung der griechischen Cultur entstanden sein mögen, s. Dionys 1, 21. Das Fest in Falerii beschreibt Ovid Am. III, 13, dessen Frau aus Falerii gebürtig war, leider ohne die Jahreszeit anzugeben. Die ganze Umgegend strömte dann zusammen und der feierlichste Act war die Procession aus dem alterthümlichen und ehrwürdigen Haine der Göttin zur Stadt, wo Opfer und Spiele gefolgt sein mögen. In jenem Haine wurde zuerst gebetet und geopfert, dann gaben Flöten das Zeichen zur Procession, die Ovid sehr lebendig schildert. Zuerst kam der Zug der Opferthiere, schneeweiße Fersen (iuvencae), welche auf den Wiesen von Falerii gezogen wurden, Kälber und Ferkel, ihnen voranschreitend ein auserlesener Stier mit gewundnen Hörnern. Nur die Ziege war der Göttin verhaßt, man erzählte sich daß Juno durch dieses Thier auf einer Flucht ins Gebirge verrathen sei, daher die Knaben bei diesem Feste auf die Ziegen förmlich Jagd machten; obwohl sich hinter solchen Gebräuchen und Legenden gewöhnlich eine speciellere Cultusbeziehung verbirgt, welche der zu Lanuvium entsprochen haben mag. Wo der Zug mit dem Bilde der Göttin durchkam, breiteten Knaben und Mädchen (Camillen) Teppiche über die Straßen, die Mädchen im höchsten Schmuck, Gold und Geschmeide in den Haaren, in langen Kleidern und goldgestickten Schuhen. Andre Mädchen trugen nach Art der griechischen Kanephoren in weißer Kleidung und verschleiert die Heiligthümer auf dem Kopfe. Darauf folgte der Zug der Priesterinnen und die Göttin selbst, ganz wie sie in Argos zu erscheinen pflegte. Nach der Ermordung des Agamemnon, so hieß es, war sein Abkömmling, der fromme Halesus aus Argos entflohn und über Land und Meer bis in diese Gegend verschlagen worden, wo er Falerii gegründet und das Volk in dem Gottesdienste seiner Heimath unterwiesen hatte. Dagegen einheimische Lieder den Halesus 251 oder Falesus, den Stammvater der Falisci und Gründer der Stadt Falerii, als einen Sohn des Neptun und Stammvater eines Geschlechtes priesen, dessen Sprößling Morrius, ein König von Veji, die Salier gestiftet habe, welche jene Lieder sangen Serv. V. A. VIII, 285 quidam dicunt Salios a Morrio rege Veientanorum institutos, ut Alesus Neptuni filius eorum carmine laudaretur, qui eiusdem regis familiae auctor ultimus fuit. Veji und Falerii erscheinen in der römischen Geschichte meist eng verbündet; möglich auch daß Veji einmal seinen König von Falerii bekommen hatte. Daß Halesus ein Sohn des Neptun heißt, hängt wahrscheinlich mit ritterlichen Uebungen zusammen, s. Virg. Aen. VII, 723 Hinc Agamemnonius, Troiani nominis hostis, curru iungit equos. . Wie dieser Name Morrius wahrscheinlich mit Mavors zusammenhängt, so kann jener Pater Curis der Falisker, nach welchem ihre Iuno Curitis hieß, nicht wohl ein Andrer gewesen sein als der Stammvater Halesus oder Faliscus, dessen Name gleichfalls auf ein altes italisches Stammwort hinweist. Wahrscheinlich liegt die Wurzel hal oder fal zu Grunde, welche eine befestigte Höhe (altum) bedeutete Paul. p. 91 Faleri oppidum a fale dictum. Ib. p. 88 falarica genus teli missile, quo utuntur ex falis i. e. ex locis exstructis dimicantes , und falae dictae ab altitudine, a falando , quod apud Etruscos significat coelum. Ein kleiner sabinischer Ort in der Nähe von Reate, der Geburtsort Vespasians, hieß Falacrine oder Falacrinum, Sueton Vespas. 2, Anton. Itinerar. Auch Alsium, der Hafen von Caere, hatte nach Sil. Ital. VIII, 476 seinen Namen von Halaesus bekommen. , wie denn das alte Falerii in der That eine sehr feste Stadt war; obwohl es auch in Rom einen Divus Pater Falacer mit einem eignen flamen Falacer gab (Varro l. l. V, 84, VII, 45), welcher mit der Zeit gleichfalls unverständlich geworden war. Genug es galt in der gewöhnlichen Ueberlieferung und schon zur Zeit Catos für ausgemacht, daß Halesus wie Evander, Diomedes, welcher nachmals in Lanuvium für den Gründer des dortigen Heiligthums der Juno gehalten wurde Appian d. bell. civ. II, 20, weil auch Diomedes Argiver und als solcher ein Diener der Juno war. Falisca Argis orta, ut auctor est Cato , Plin. H. N. III, 5, 8. Auch die Picentiner in der Gegend von Salernum verehrten eine Juno, die sie für die argivische und zwar für eine Gründung des Iason hielten, Plin. ib. 9. , Odysseus und andre Heroen aus Griechenland nach Italien gekommen sei. Virgil Aen. VII, 723 ff. läßt ihn mit seinen Schaaren aus Campanien heranziehn, wo man also gleichfalls von ihm zu erzählen wußte, vgl. oben S. 16, 6 . Außer den Frühlingsfesten der Juno scheint es ziemlich allgemein auch Sommerfeste gegeben zu haben; wenigstens 252 waren in Rom nicht allein die Kalenden des März, sondern auch die des Juni der Juno vorzugsweise heilig, und ein nach der Juno benannter, dem römischen Junius entsprechender Monat fand sich in den Fasten der Laurenter und in denen von Lanuvium, Aricia, Tibur und Präneste Ovid F. VI, 57 ff., Macrob. 1, 12, 30, vgl. Paul. p. 103 Iunium mensem dictum putant a Iunone. Iidem ipsum dicebant Iunonium et Iunonalem . Varro b. Censorin 22. . Namentlich galten in Rom die Kalenden dieses Monats für den Stiftungstag der Iuno Moneta in Arce, welcher Tempel im J. 410 d. St., 344 v. Chr. auf Veranlassung eines Gelübdes des Camill auf derselben Stelle erbaut worden war, wo früher das Haus des Manlius Capitolinus gestanden hatte Becker Handb. 1, 392. Es ist die Höhe der Kirche und des Klosters von S. Maria in Araceli. . Weil die Münze der Republik in der Nähe lag, ist der Name Moneta auf diese übergegangen, obwohl der Name der Göttin a monendo abzuleiten ist, nehmlich von einer Mahnung welche von dieser Juno ergangen war, nach der zuverlässigsten Ueberlieferung bei einem Erdbeben, wo sie das Opfer einer trächtigen Sau forderte S. oben S. 55 . Auch auf dem Albaner Berge gab es einen T. der Moneta, Liv.XLV, 15. In Benevent, wo man wie in Rom ein Capitol hatte, eine Regio Exquilina, eine Regio Viae Novae etc., auch den Iup. O. M. und die Iuno Regina verehrte, gab es eine Iuno Veridica s. Mommsen I. N. n. 1384, welche vermuthlich der Moneta entsprach. Den Kopf der römischen I. Moneta sieht man auf den Münzen der gens Carisia. Von ihrem Culte am 1. Juni s. Ovid F. VI, 183, Macrob. l. c, Io Lyd. IV, 57, Kal. Venus. Spätere Erklärungen des Namens b. Suidas v. Μονήτα und Schol. Lucan. 1, 379. Der alte Dichter Livius hatte in seiner Odyssee die griechische Μνημοσύνη durch Moneta übersetzt, die dadurch zur Mutter der Camenen wurde. . Als Höhen- und Burggöttin, wie Juno auch bei den Griechen, den Etruskern und sonst in Italien verehrt wurde, wird sie auch dadurch characterisirt daß die Krähen ihr heilig galten, daher sie jenseits des Tiber in der Umgebung von sogenannten Krähen-Göttinnen, Divae Corniscae verehrt wurde Paul. p. 64 Corniscarum Divarum locus erat trans Tiberim cornicibus dicatus, quod in Iunonis tutela esse putabantur. Vgl. die trans Tiberim gefundne Inschr. b. Or. n. 1850 DEIVAS CORNISCAS SACRVM, wahrscheinlich für den Dativ Deivaïs Corniscaïs, s. Ritschl de fictil. litter. p. 26. Auch zu Lanuvium waren die Krähen der Juno heilig, s. die M. der g. Cornificia bei O. Müller Denkm. A. K I, 45, 341. . Denn die Krähen lieben die Höhen und dienen deshalb auch sonst als Umgebung der Burggöttinnen z. B. der Pallas in Athen. Zugleich sind sie Wettervögel und 253 verkündigen durch ihr Geschrei Regen Lucret. V, 1082, Virg. Ge. 1, 388, Horat. Od. III, 17, 12, Ovid Am. II, 6, 34. , welches sie gleichfalls zu weissagenden Vögeln speciell der Juno machen konnte. Endlich ist Iuno Regina d. h. die himmlische Königin, die Gemahlin des Iupiter Rex, daher sie neben diesem oder auch allein auf den herrschenden Burgen und als Schutzgöttin der Städte, namentlich aller Matronen verehrt wurde: ein Cultus welcher vornehmlich bei den Etruskern geblüht zu haben scheint Serv. V. A. 1, 422, Appian bell . civ. V, 49 von Perusia, diese Stadt sei eine der 12 Hauptstädte Etruriens gewesen, διὸ καὶ Ἥραν ἔσεβον οἷα Τυρρηνοί. Vgl. Dio XLVIII, 14 und die Juno Regina in Veji. , obwohl er sich auch sonst in Italien nachweisen läßt, z. B. in Ardea, in Lanuvium, zu Pisaurum in Umbrien und an andern Orten Die Iuno v. Ardea s. Virg. Aen. VII, 419 und die Inschrift des Künstlers, der den Tempel der Göttin, Reginae Iunonis supremi coniugis templum , mit Gemälden verziert hatte, b. Plin. H. N. XXXV, 10, 37. Die Inschrift aus Pisaurum b. Ritschl de fictil. litter. p. 27 IVNONE REg MATRONA PISAVRESE DONO DEDROT d. h. Iunoni Reginae matronae Pisaurenses dona dederunt , eine aus Tereventum b. Mommsen I. N. n. 5164. Auch die Iuno Moneta führte den Titel Regina Or. n. 1299. . In Rom hatte diese Bedeutung zunächst die Capitolinische Juno, welche Ovid deshalb die Matrona Tonantis mit dem goldnen Scepter nennt; auch heißt sie in Inschriften und officiellen Urkunden gewöhnlich Regina Vgl. die Acta fr. Arv. t. XXXII z. A. und Marini p. 160, Ovid F. VI, 34 und 37. . Ihr gewöhnliches Opfer waren Kühe, in dem Tempel selbst aber wurden bekanntlich Gänse unterhalten, welche als Thiere von feiner Witterung Lucret. IV, 680 humanum longe praesentit odorem Romulidarum arcis servator, candidus anser. Vgl. Liv. V, 47, Plin. H. N. X, 22, XXIX, 4, Plut. de fort. Ro. 2. Silberne Gans in Capitolio, zum Andenken, Serv. V. A. VIII, 655. in jener verhängnißvollen Nacht die Gallier noch früher als die Hunde merkten, daher sie seitdem von der Republik mit Ehre überhäuft wurden. Die Censoren pflegten die Fütterung der Capitolinischen Gänse unter den ersten Pachtartikeln zu nennen, und auf dem Capitole wurde jährlich zur Erinnerung an jenen Tag eine Gans mit großer Pracht auf einer Sänfte um den Tempel getragen, während ein Hund sich in dessen Nähe lebendig ans Kreuz schlagen lassen mußte. Der Juno aber waren die Gänse aus demselben Grunde heilig, weshalb sie auch bei römischen und griechischen Hausfrauen, selbst der Penelope beliebt 254 waren, weil dieses Thier nehmlich zugleich ein häusliches und ein leicht befruchtetes ist Petron Sat. 137 occidisti Priapi delicias, anserem omnibus matroniis acceptissimum . Daher Jupiter bei der Leda nicht selten die Gestalt einer Gans annimmt. . Ein zweiter Cultus dieser Göttin war der auf dem Aventin, wohin er mit dem alten Cultusbilde aus Veji nach der Zerstörung dieser Stadt verpflanzt worden war (Liv. V, 22). Wie viel Gewicht die römischen Matronen auf die Gunst auch dieser Göttin legten, sieht man aus verschiednen Vorfällen während des Hannibalischen Krieges. Gleich im zweiten Jahre desselben (217 v. Chr.) wurde bei der Annäherung Hannibals den drei Capitolinischen Göttern, der Juno Regina auf dem Aventin und der Juno Sospita zu Lanuvium ein größeres Opfer gebracht, und zugleich sammelten die Matronen Geld, um der Juno auf dem Aventin ein Weihgeschenk zu bringen und ein Lectisternium zu bereiten, wie es die Libertinen gleichzeitig ihrer Schutzgöttin Feronia bereiteten. Zehn Jahre später beschloß das Collegium der Pontifices auf Veranlassung einer monströsen Geburt, daß drei Chöre von neun Mädchen nach griechischer Weise durch die Stadt ziehn und ein Lied zu Ehren der Juno Regina singen sollte, welches Livius Andronicus gedichtet hatte und mit den Mädchen im T. des Jup. Stator einübte. Da schlug gar der Blitz in den T. auf dem Aventin, worauf die Matronen der Stadt und der Vorstädte innerhalb des zehnten Meilensteins neue Gaben und neue Opfer darbrachten und nun auch die Decemvirn der sibyllinischen Sprüche einschritten. Auf ihren Betrieb wurde eine feierliche Procession angestellt, die sich beim Tempel des Apoll vor der p. Carmentalis in Bewegung setzte. Voran schritten zwei weiße Kühe, dann folgten zwei Bilder der Iuno Regina von Cypressenholz, darauf die 27 Mädchen in langen Kleidern, ihr Lied auf die Juno singend, endlich die Decemvirn, bekränzt mit Lorbeern und in priesterlichen Gewändern. Vom Thore zogen sie durch den Vicus Iugarius auf das Forum, wo die Mädchen ihr Lied im Reigen umschreitend vortrugen; dann ging der Zug weiter durch den Vicus Tuscus, das Velabrum und das Forum Boarium nach dem Clivus Publicius, der sie hinauf zum Aventin und zu dem T. der Juno führte Liv. XXVII, 37. Die zwei Kühe und zwei Bilder sollten vermuthlich für die Matronen intra et extra urbem gelten. Dieselbe Feierlichkeit wurde nach römischer Weise später bei ähnlichen Veranlassungen unverändert wiederholt, s. Iul. Obseq. 46. 48. . Ein dritter Tempel der Juno Regina wurde im J. 575 (179 v. Chr.) 255 von dem Censor M. Aemilius Lepidus in der Vorstadt des Circus Flaminius gestiftet, vermuthlich für die zahlreich bevölkerten Vorstädte im Norden der Stadt. Noch ein alterthümlicher Dienst der Juno war der der Iuno Caprotina , doch ist über ihre Bedeutung nicht mehr aufs Klare zu kommen. Am 5. Juli, zwei Tage vor den Nonen, wurden zur Erinnerung an eine alte Gefahr die Poplifugia gefeiert, an den Nonen selbst das Fest der Iuno Caprotina, daher der Tag Nonae Caprotinae hieß. Nach der Gallischen Noth, so heißt es, als Rom sehr geschwächt war, benutzten die eifersüchtigen Nachbarn am obern und untern Tiber den günstigen Augenblick zu einem allgemeinen Angriff, wobei Postumius Livius, der Dictator von Fidenae, das feindliche Heer führte. Er fordert vom Senat die Auslieferung aller römischen Frauen und Jungfrauen. Eine Magd Namens Tutela oder Tutula oder Philotis (ein römischer und ein griechischer Name) erbietet sich mit den übrigen Mägden anstatt der Römerinnen ins feindliche Lager zu gehn. Sie kleiden sich danach, begeben sich ins Lager, wissen die Feinde zu einem lustigen Gelage zu bereden und geben, als jene im tiefen Schlafe liegen, den Römern ein Zeichen von einem wilden Feigenbaume (caprificus) aus, welcher dicht bei dem Lager stand. Der Ueberfall der Römer gelingt und der Senat beschließt die Freilassung aller Mägde, ihre Ausstattung auf Staatskosten und daß sie die Tracht der Matronen, in welcher sie in das feindliche Lager gegangen waren, für immer beibehalten sollten. Der Tag der Poplifugia wurde zur Erinnerung der ersten Bedrängniß, in welche die Römer durch jenen Angriff gerathen waren, jährlich durch eine sinnbildliche Flucht gefeiert, von welcher sich auch später einige Spuren beim Gottesdienste dieses Tages erhalten hatten Varro l. l. VI, 18, Kall. Maff. Amitern., Macrob. 1, 11, 36, III, 2, 14, Plut. Rom. 29, Camill. 33, Auson. Ecl. de fer. Rom. 9. Auch Augustin C. D. II, 6 scheint sich auf dieses Fest zu beziehn: ubi Fugalia celebrarentur effusa omni licentia turpitudinum et vere Fugalia, sed pudoris et honestatis . . Am Tage der Nonen folgte der Auszug der Mägde und am Tage darauf die Siegesfeier mit einer sogenannten vitulatio. An den Nonen zog das Volk haufenweise vors Thor und rief sich unter einander mit allerlei Vornamen, Caius, Marcellus, Lucius u. s. w. Dann erschienen die Mägde im Putz und trieben allerlei Muthwillen mit ihnen. Endlich folgte ein Opfer und ein festliches Mahl bei jenem Feigenbaum, dessen 256 Milch beim Opfer gebraucht wurde und dessen Laub an dem heißen Sommertage einen willkommnen Schatten bot. Andre glaubten daß sich diese Gebräuche auf den Tod des Romulus bezögen, welcher an den Nonen des Julius beim Ziegensumpf (ad caprae paludem) unter plötzlich hereinbrechendem Gewittersturm, vor dem das Volk auseinander floh, verschwunden war. Es scheint wohl daß bei diesen Ueberlieferungen zwei verschiedene Feste combinirt und darüber misverstanden wurden, die Poplifugia mit ähnlichen sinnbildlichen Gebräuchen eines Handgemenges und einer Flucht, wie sie auch sonst bei gewissen Sühnopfern vorkommen Lobeck Aglaoph. p. 680, Marquardt Handb. d. R. A. IV, 267. und ein altes Frauenfest der Iuno Caprotina, welches auch sonst in Latium gefeiert wurde Varro l. l. VI, 18 Nonae Caprotinae quod eo die in Latio Iunoni Caprotinae mulieres sacrificantur et sub caprifico faciunt, e caprifico adhibent virgam. . Auch scheint der Name und die Natur des caprificus auf weibliche Befruchtung zu deuten, da sowohl der Bock (caper) als die Feige (ficus) in dieser sinnbildlichen Bedeutung herkömmlich waren und die sogenannte caprificatio d. h. die künstliche Zeitigung der Feige mit Hülfe der Frucht eines wilden Feigenbaums um dieselbe Jahreszeit vorgenommen zu werden pflegte Plin. H. N. XV, 19, Colum. XI, 2, 59 Pallad. IV, 10, 28; VII, 5, 2. Vgl. Martial IV, 52 Gestari iunctis nisi desinis Hedyle capris, Qui modo ficus eras, iam caprificus eris. . Schon zum griechischen Gebiete von Italien gehört der Cultus der Iuno Lacinia in der Nähe von Kroton, doch war er so angesehn, daß die Verehrung dieser Göttin auf alle benachbarten Völker und somit später auf die Römer überging. Sechs Millien von der Stadt lag der Tempel mit einem Haine, mitten in einem dichten Tannengehölz. In dem Haine befanden sich schöne Weiden für die heiligen Heerden der Göttin, die einen so reichen Ertrag lieferten, daß eine Säule von solidem Golde davon geheiligt werden konnte. Daß die Kunst der Griechen sehr zur Verschönerung des Ortes beigetragen hatte, beweisen die Münzen von Kroton und Pandosia mit dem prächtig geschmückten Kopfe dieser Juno. Pyrrhus und Hannibal ehrten diese Göttin, der letztere, welcher in ihr die Schutzgöttin seiner Vaterstadt wiedererkennen mochte, stellte in dem Haine einen Altar auf, auf welchem er in punischer und griechischer Sprache ein Verzeichniß seiner Thaten eingegraben hatte Liv. XXIV, 3, XXVIII, 46, XXX, 20, Cic. d. Divin. 1, 24, 48. . Als der römische 257 Censor Q. Fulvius Flaccus im J. 174 v. Chr. den Tempel der Hälfte seiner Marmorziegel beraubte und diese Ziegel bei einem Bau in Rom verwenden wollte, wurde er deswegen vom Senate scharf getadelt und mußte die Ziegel wieder an Ort und Stelle schaffen, wo man sie aber leider nicht mehr einzufügen verstand Liv. XLII, 3, vgl. Lactant. II, 7, 16. . Zur Zeit der Seeräuber wurde der Tempel geplündert und zerstört, doch hat der Cultus unter den Kaisern fortbestanden Plut. Pomp. 24, Strabo VI p. 261, vgl. die Inschr. aus Kroton b. Mommsen I. N. n. 72 Herae Laciniae Sacrum pro salute Marcianae Sororis Aug. Oecius Lib. Proc. . Von der Iuno Coelestis, der alten Schutzgöttin Karthagos, wird unten die Rede sein. Schon im zweiten punischen Kriege wurde sie als solche von den Römern feierlich beschworen, im dritten förmlich evocirt (Serv. V. A. XII, 841), daher sie auch bei den Dichtern, zuerst bei Naevius, später bei Virgil eine bedeutende Rolle spielte. Andre Iunones sind die oft in den Inschriften der nördlichen Gegenden erwähnten Iunones Montanae, häufiger Matres und Matronae genannt, segnende Göttinnen der Flur und des Waldgebirges, welche von der celtischen Bevölkerung des nördlichen Italiens und des südlichen Deutschlands bis zur Donau, auch Galliens, Spaniens, so wie am Niederrhein und in Britannien viel verehrt wurden und auf den zahlreich vorhandnen Votivsteinen in der Gestalt von drei neben einander sitzenden Frauen vergegenwärtigt werden, welche gewöhnlich Blumen und Früchte in ihrem Schooß haben Boissieu Inscr. Antiques de Lyon p. 55 sqq., De Wal de Moedergodinnen, Leyden 1846. Sehr oft ist von ihnen in den Jbb. des Vereins d. A. F. in d. Rheinlanden die Rede, da solche Denkmäler besonders häufig am Niederrhein gefunden werden. . Wie Jupiter zuletzt vorzugsweise für einen Schutzgott der Kaiser galt, so Juno der Kaiserinnen, daher sie bei ihren Entbindungen als Lucina, sonst als Augusta und Conservatrix oft angerufen wurde Vgl. Or. n. 849. 1290. 1301 und oben S. 244, 489 . Wie in Rom in solchen Fällen der Iuno Lucina, so wurde in Aegypten bei ähnlichen Veranlassungen der Isis Λοχιάς geopfert, s. Letronne Rec. des Inscr. Gr. et Lat. de l'Egypte 1 p. 379. . Eine eigenthümliche Gestalt dieses späteren römischen Junodienstes ist die Iuno Martialis mit dem Attribut der Scheere und einer Lanze, wahrscheinlich auch eine Entbindungsgöttin Eckhel D. N. VII p. 358, Welcker kl. Schr. 3, 199. . 258 4. Minerva. Auch diese Göttin ist dem Namen nach italisch, doch scheinen etruskische und griechische Einflüsse in ihrem Culte wenigstens in Rom bald die Oberhand gewonnen zu haben. Der Name Minerva oder Menerva, auf etruskischen Denkmälern Menerfa und Menrfa ist auf den Stamm men zurückzuführen, zu welchem auch die Wörter mens, memini, das griechische μένος, im Sanskrit manas gehören, so daß die Grundbedeutung auf eine göttliche Macht des Verstandes, des sinnigen Denkens und Erfindens hinweist Quintil. 1, 4, 17 Quid? non E quoque I loco fuit? ut Menerva et leber et magester et Dijove et Fejove pro Diiovi et Veiovi? Vgl. die Inschr. b. Or. n. 1421 Pl. Specios Menervai donom port. und die Form promenervat für monet aus dem carmen Saliare b. Fest. p. 205. Das V wird oft nach R eingeschoben, wie in dem Liede der Arvalen luerve d. i. luervem für luerem steht und arvum von arare gebildet ist, vgl. auch caterva, nervus, servus, cervus u. a. Bei Paul. p. 123 heißt es Minerva dicta quod bene moneat. Sonst pflegen die Alten speciell die Thätigkeit des Gedächtnisses, der memoria, von der Minerva abzuleiten, s. Augustin C. D. VII, 3, Arnob. III, 118. . Sie wurde auch bei den Sabinern als Burggöttin verehrt, in welcher Bedeutung sie u. a. in der Gegend von Reate einen sehr alten Tempel hatte Dionys I, 14, vgl. Varro l. l. V, 74 und das Capitolium vetus ib. 158. Auch bei den Aurunkern und in Campanien und Samnium wurde Minerva verehrt, s. Mommsen I. N. n. 4093. 5356, Klausen Aeneas S. 692. . Vorzüglich aber scheint ihr Cultus doch bei den Etruskern gepflegt zu sein, als der einer blitzschleudernden Göttin der Höhen und aller sinnreichen Erfindungen, namentlich auch der gottesdienstlichen Flötenmusik, welche diese etruskische, in mancher Hinsicht an Lydien erinnernde Minerva wahrscheinlich mit sich nach Rom gebracht hat. Noch später trat der griechische Einfluß hinzu, der sich namentlich im Gebiete der Poesie und der Schauspielkunst geltend machte, welche wie wir sehen werden in Rom gleichfalls unter den Schutz der Minerva gestellt wurden. Ueberhaupt kannte Rom zwar auch die blitzschleudernde und die kriegerische Minerva Vgl. Liv. XXXII, 1, XLV, 33 und Virgil. Aen. I, 42, XI, 259 mit den Noten des Servius. , die griechische Pallas, doch herrschten ihre friedlichen Beschäftigungen vor, bis Minerva eben in Rom zuletzt ganz einseitig die Göttin aller Erfindungen und aller Kunst und Wissenschaft geworden ist. 259 Die ältesten und wichtigsten Heiligthümer der Minerva lagen alle auf den Höhen der Stadt, auf dem Capitol, dem Aventin und dem Caelius. Auf dem Capitol befand sich ihre Cella zur Rechten des Jupiter ( S. 193 ), welcher Platz nicht immer nothwendig der Ehrenplatz war, wie denn Juno als Gattin des Jupiter und als Regina jedenfalls mehr zu bedeuten hatte als Minerva. Daß diese auch auf dem Capitol vorzugsweise das geistige Princip, Intelligenz und Erfindsamkeit vertrat, sieht man aus dem Gebrauch, den Jahresnagel in der Wand zwischen ihrer und Jupiters Cella einzuschlagen, weil die Zahl eine Erfindung der Minerva sei Liv. VII, 3. Varro erklärte Jupiter für den Himmel, Juno für die Erde, Minerva für die Ideen, dieses im Sinne der Platonischen Philosophie, coelum a quo fiat aliquid, terram de qua fiat, exemplum secundum quod fiat , August. C. D. VII, 28. . Uebrigens hatte sie sowohl an den Römischen Spielen als bei andern Gelegenheiten den gleichen Antheil wie Juno, mit welcher sie auch das Opfer einer Ferse (iuvenca) gemein hatte Fulgent. p. 560 iniuges boves. Kühe, die das Joch noch nicht getragen haben, sind iuvencae. Die Beziehung auf die Jungfräulichkeit der Minerva ist später hineingelegt. . Daß auch der Tempel auf dem Aventin alt und angesehn war Ueber die Lage s. Becker Handb. 1, 454, wo Orosius Hist. V, 12 übersehen ist, nach welcher Stelle dieser Tempel nicht weit von dem der Diana lag. Nach Verr. Flaccus in den Pränestin. Fasten u. Fest. p. 257 wurde der Tag der größeren Quinquatrus d. h. der 19. März zugleich als Geburtstag der Minerva und als Stiftungstag dieses Tempels gefeiert, nach Ovid F. VI, 722 und dem Kal. Amitern. und Esquil. der 19. Juni, bald nach den kleineren Quinquatrus. , folgt aus seinem engen Zusammenhange mit dem Feste der Quinquatrus, sowohl der größeren als der kleineren, bei denen wahrscheinlich diese Minerva als Schutzpatronin der Pfeiferzunft vorauszusetzen ist. Eben dieses mag der Grund gewesen sein, warum später auch die scribae und histriones d. h. die Dichter und Schauspieler von Dramen in griechischer Manier unter den Schutz derselben Minerva auf dem Aventin gestellt wurden und dort ein amtliches Local für die Versammlungen und Uebungen ihrer Zunft angewiesen bekamen. Es geschah zur Zeit und zur Ehre des Livius Andronicus, weil dessen Gedicht auf die Juno Regina ( S. 254 ) einen vorzüglichen Erfolg gehabt hatte, daher die Zunft der Dichter und der Schauspieler den Livius später in diesem Tempel als ihren Stifter verehrte Fest. p. 333 Scribas proprio nomine antiqui et librarios et poetas vocabant. – Itaque cum Livius Andronicus bello Punico secundo scripsisset carmen, quod a virginibus est cantatum, quia prosperius resp. populi R. geri coepta est, publice adtributa est ei (vulg. et ) in Aventino aedis Minervae, in qua liceret scribis histrionibusque consistere ac dona ponere in honorem Livi, quia is et scribebat fabulas et agebat. Vgl. Valer. Max. III, 7, 11 und O. Jahn in den Leipz. Berichten 1856, 293 ff. und Verrius Flaccus zum 19. März diesen Tag, 260 den Einweihungstag des Tempels, einen Tag der Künstler (dies artificum) nennt. Endlich auf dem Caelius wurde eine Minerva Capta oder Capita verehrt, deren Tempel nach Ovid u. A. am Tage der Quinquatrus eingeweiht worden war, so daß also auch sie bei diesem Feste betheiligt gewesen sein muß. Der Name wird sehr verschieden erklärt, am wahrscheinlichsten dadurch daß der Kopf für den Sitz des Verstandes und Minerva in Rom vorzugsweise für die Göttin der Intelligenz galt Ovid F. III, 835 ff. Capitale vocamus ingenium sollers: ingeniosa Dea est. Vgl. Io Lyd. de Mens. IV, 39 κεφαλαίαν δὲ Ἀϑηνᾶν τὴν φρόνησιν ἄν τις εἴποι, und Cic. ad Q. Fr. II, 13, 4 von dem Historiker Philistus: Siculus ille capitalis , creber, acutus etc. Trebell. P. XXX tyr. 10 capitali etiam ioco regna promeruit . Die bei Ovid zuletzt erwähnte Beziehung des Namens auf Capitalstrafen wird durch Paul. p. 66 capitalis lucus unterstützt, vgl. Brunn Annal. dell' Inst. 1849 p. 376. . Wie der Juno so scheint auch der Minerva seit alter Zeit der März und der Juni geweiht gewesen zu sein, und zwar in beiden Monaten der fünfte Tag nach den Idus, welcher nach einem im älteren Italien ziemlich allgemeinen Sprachgebrauche Quinquatrus genannt wurde Man zählte nehmlich von den Idus an Triatrus, Quinquatrus, Sexatrus, Septimatrus, Decimatrus, s. Varro l. l. VI, 14, Fest. p. 254. Vgl. Charis. 1 p. 62 und Serv. V. Georg. 1, 277. : also der 19. März und der 19. Juni, welche Tage zugleich als Einweihungstage der Tempel auf dem Aventin und dem Caelius gefeiert wurden. Auch galt die Fünfzahl überhaupt für die der Minerva und der 19. März für ihren Geburtstag. Indessen hatte man später das richtige Verständniß des Wortes Quinquatrus verloren, daher man dieses Fest nun fünf Tage lang vom 19. bis zum 23. März feierte, von welcher Feier Ovid F. III, 809–834 eine Uebersicht giebt. Der erste Tag, also der ursprünglich einzige, sei friedlicher Art, weil Minerva an ihm geboren sei, die folgenden vier würden der kriegerischen Minerva zu Ehren mit Gladiatorenspielen begangen. Indessen scheint dieses erst seit August der Fall gewesen zu sein Vgl. Dio LIV, 28. Auch Domitian feierte sie auf seinem Albanum mit Gladiatoren, Dio LXVII, 1. Von Rom und Italien verbreiteten sich diese blutigen Spiele auch nach Griechenland, z. B. nach Korinth und Athen, wo unter den Kaisern sowohl bei den Panathenäen als bei den Dionysien Gladiatoren auftraten, Philostr. v. Apollon. IV, 22. , da die Gladiatoren erst seit 264 v. Chr. und lange nur bei 261 Leichenspielen, erst gegen das Ende der Republik auch bei gottesdienstlichen Spielen zugelassen wurden. Vom 19. März wissen wir überdies daß dann eine Feier der Salier auf dem Comitium stattfand, doch scheint diese mehr der sabinischen Nerio, welche später mit Minerva verwechselt wurde, als dieser gegolten zu haben, wie die Tubilustrien am 23. März d. h. die Weihe der zum Gottesdienste erforderlichen Trompeten. Sonst überwog bei den Quinquatrus ganz der friedliche Character von Kunst und Wissenschaft, beides im weitesten Umfange genommen, von dem Lesen und Lernen der lieben Schuljugend und der weiblichen Handarbeit an bis zu dem Pinsel des Malers und dem Meißel des Bildhauers. So waren die Quinquatrus zunächst im Kreise der Schulen ein sehr populäres Fest, sowohl für die lernenden Kinder als für die Lehrer, von denen jene Ferien bekamen und nach dem Feste einen neuen Cursus begannen, diese in der Form eines freiwilligen Geschenks des sogenannten Minerval, ihr Honorar erhielten, s. Horat. Ep. II; 2, 197, Luvenal. X, 114–117 u. A. Ferner verehrten Mädchen und Frauen die Minerva vorzüglich an diesem Feste als die Urheberin der künstlichen Wollarbeit im Spinnen und Weben, welche nach alter Sitte, da die Hausfrau noch selbst für die Bekleidung des Mannes und der Kinder sorgte, in Rom immer sehr hoch geschätzt wurde. Daher kommt es wohl auch daß die solchen Beschäftigungen nahe verwandte Zunft der Walker (fullones), welche die Kleider durch Stampfen, Waschen, Pressen u. s. w. zum neuen Gebrauche herstellten, an diesem Feste merklich hervortritt: ein zahlreiches Gewerbe, welches zu Rom im volksthümlichen Leben eine gewisse Rolle spielte und deshalb auch auf der volksthümlichen Bühne oft bedacht wurde. Wie sie die Minerva überhaupt als ihre Schutzpatronin verehrten und dieselbe deshalb in ihren Werkstätten durch ihre Bilder und Attribute vergegenwärtigten, so wurden namentlich von ihnen die Quinquatrus in heitrer Lust begangen Plin. H. N. XXXV, 11, 40, wo vermuthlich zu lesen ist: Simus (pinxit) iuvenem requiescentem, officinam fullonis Quinquatrus celebrantem . Vgl. O. Jahn Archäol. Ztg. 1854 S. 191 und das Fragm. des Novius bei Non. Marc. p. 508, 20 fullonem compressi Quinquatrubus . . Aber auch andre Handwerker, die Schuster, die Tischler, feierten das Fest in ihrem Sinne mit, ferner die Aerzte, welche allmälich mit der griechischen Wissenschaft nach Rom 262 kamen und dort in der Minerva Medica ihre Schutzpatronin verehrten S. m. Regionen S. 133. Es scheint daß Varros Satire Quinquatrus eine Gesellschaft von Aerzten, welche dieses Fest feierten, darstellte. Auch die Minerva Memor verschiedner Inschriften aus der Gegend von Placentia, Velleja und Mediolanum b. Or. n. 1427–1429 kann von der M. Medica nicht wesentlich verschieden gewesen sein. , endlich die Maler, die Bildhauer, die Redner und Dichter, sammt andern Professionisten der geistigen Arbeit, deren Verhältniß zur Minerva durch die bekannten Redensarten pingui, crassa, invita Minerva und das dem Griechischen nachgebildete Sprichwort sus Minervam (Fest. p. 310) angedeutet wird. Also eine festliche und volksthümliche Bewegung durch alle Häuser und die verschiedenartigsten Berufskreise, daher dieses Fest auch unter den Kaisern immer mit großer Heiterkeit begangen wurde, seit Nero vermuthlich auch mit öffentlichen Spenden Sueton Octav. 71 Quinquatrus satis iucunde egimus . Vgl. Tacit. Ann. XIV, 4 und 12 und die Münzen von Nero, Titus, Nerva u. A. b. Eckhel D. N. VI p. 270. 276 u. a., wo bei der Inschrift CONG. DAT. POP. S. C. der Kaiser auf einer Tribüne sitzend die Geschenke vertheilt, das Bild der Minerva und ihre Attribute neben ihm aber wahrscheinlich auf die Quinquatrus deutet. . Die kleinen Quinquatrus an den Iden des Juni entsprachen im Wesentlichen den großen, nur daß sie speciell ein Fest der Pfeiferzunft waren, deren Angehörige dann in der Stadt umherschwärmten, in ihren langen Kleidern und maskirt, häufig auch betrunken, denn die Musik hat von jeher den Wein geliebt, wie Livius bei dieser Gelegenheit hinzusetzt. Auch sie versammelten sich dann beim Tempel der Minerva, ihrer Schutzpatronin Varro l. l. VI, 17 Quinquatrus Minusculae dictae Iuniae Idus ab similitudine Maiorum, quod tibicines tum feriati vagantur per urbem et conveniunt ad aedem Minervae. Vgl. Fest. p. 149, Ovid F. VI, 645 ff, Liv. IX, 30, Valer. Max. II, 5, 4, Censorin d. d. n. 12. , hatten aber auch das Recht auf einen festlichen Zunftschmaus im Tempel des Capitolinischen Jupiter an diesem Tage, und dieses gab gelegentlich zu einer nicht geringen Störung Anlaß, die glücklicher Weise mit allgemeiner Heiterkeit endigte. Diese Zunft der Pfeifer war nehmlich seit alter Zeit eine sehr zahlreiche und wichtige, da bei den meisten Opfern, Spielen, auch bei den Leichenbegängnissen die Musik und Begleitung der Flöte nicht zu entbehren war; daher sie nicht allein sehr gut bezahlt, sondern auch sonst ausgezeichnet und verzogen wurden. Als ihnen daher während der berühmten Censur des Ap. Claudius Caecus und C. Plautius im J. 312 v. Chr. jenes alte Recht des 263 Zunftschmauses im T. des Jupiter genommen wurde, waren sie sehr empört und beschlossen die Römer durch eine förmliche Secession von ihrer Unentbehrlichkeit zu überzeugen. Sie rottirten sich also zusammen und zogen nach Tibur, worüber man in Rom wirklich in Verlegenheit kam. Also schickte der Senat nach Tibur, man möge eine Ausgleichung in Güte herbeiführen. Die Tiburtiner suchten ihre Gäste zu überreden; als sie nicht hören wollten, gelang eine wohlberechnete List. An einem Festtage ladet man sie ein, trinkt ihnen weidlich zu, bis sie berauscht und eingeschlummert sind; darauf packt man sie in große Wagen und zurück geht es nach Rom. Auch sollen sie nicht eher zum Bewußtsein gekommen sein, als nachdem sie auf dem Forum richtig angelangt waren und der junge Tag den Katzenjammer beleuchtete. Da lief alles Volk zusammen und sie ließen sich bereden zu bleiben und feierten seitdem jährlich diesen Tag mit lustigen Aufzügen durch die Stadt, auch wurde denen, die zu Opfern aufspielten, das Recht des Mahles auf dem Capitol wieder hergestellt. Ovid erzählt dieselbe Geschichte mit einigen Abweichungen, denen man den Humor des Tages anmerkt. Je länger Minerva in Rom verehrt wurde, desto mehr trat natürlich die griechische Auffassung in den Vordergrund. So wenn Pompeius ihr nach seinen Feldzügen im Orient von der Beute ein Heiligthum gründete und in demselben ein Verzeichniß seiner Thaten aufstellte, Plin. H. N. VII, 26, 27, wobei ihm die Athena Nike der Griechen vorschwebte; und wenn Cicero das Bild der Minerva, in welchem er die Göttin in seinem Hause verehrte, bei seiner Verbannung aufs Capitol weihte, als Custos Urbis, wie die Inschrift sagte, d. h. als eine solche welche Volk und Senat mit ihrem Geiste erfüllen und behüten sollte, s. Plut. Cic. 31, Cic. de Leg. II, 17. Es ist die von den Griechen allgemein verehrte Athena βουλαία und ἀγοραία, welcher in Rom das erste Heiligthum von August gestiftet wurde, in Verbindung mit seinem Neubau der Curie am Forum, welche er die Julische nannte und mit einem der Minerva geweiheten Chalcidicum d. h. einer Eingangshalle versah, s. Dio LI, 22. Als diese Curie in späteren Feuersbrünsten unterging, bauete Domitian, der Hersteller des Forums, an ihrer Stelle einen eignen T. der Minerva, welcher neben dem der Castoren und dem des Augustus auf Militärdiplomen bis in die Zeit der Gordiane erwähnt wird. Das neue Senatsgebäude dagegen wurde von ihm in der Gegend des alten Janustempels ( S. 154 ) erbaut und mit demselben auch hier 264 ein eignes atrium Minervae verbunden. Minerva, die personificirte Intelligenz, gehörte seitdem so wesentlich zum Senate, daß auch in Constantinopel, dem neuen Rom, ihr Bild vor der Curie stand Zosim. V. 24. Sonst pflegt auch die Sapientia und Providentia Principis durch die Attribute der Minerva ausgedrückt zu werden, s. Eckhel D. N. VIII p. 65. . Bei Domitian kam noch die persönliche Vorliebe für den Dienst der Minerva hinzu, wie er denn für einen besondern Schützling, ja sogar für den Sohn der jungfräulichen Göttin gelten wollte Sueton. Domit. 15, Quintil. X, 1, 91, Philostr. V. Apollon. VII, 24. . Wie er daher die Stadt und ihre öffentlichen Gebäude, auch seine Münzen zum Ueberdruß mit den Bildern und Attributen der Minerva erfüllte, so pflegte er auch die Quinquatrien in seiner burgartig befestigten Villa am Albaner Berge (in der Gegend von Castel Gondolfo) mit besonderm Eifer zu feiern; ja es war von ihm zu diesem Zweck ein eignes Collegium gestiftet worden, welches für die Feier und für Jagden, scenische Spiele und die damit verbundenen rhetorischen und poetischen Wettkämpfe, deren die Dichter der Zeit wiederholt gedenken, zu sorgen hatte Sueton. 4, Dio LXVII, 1, Stat. Silv. III, 5, 28, IV, 2, 64 ff.; 5, 21. Auch V, 3, 228 und oft bei Martial wird auf diese Wettkampfe, bei denen goldne Kränze vertheilt wurden, angespielt. . Auch in Rom entstanden durch diesen Kaiser noch zwei Tempel der Minerva, der der Minerva Chalcidica in der Gegend der Kirche und des Klosters von S. Maria sopra Minerva, wo die schöne Statue der Pallas Giustiniani gefunden sein soll, und der Tempel auf dem von Domitian erbaueten, aber erst unter Nerva vollendeten Durchgangsforum (f. transitorium) in der lebhaften Passage zwischen dem f. Iulium und dem f. Pacis. Die Ruine dieses Tempels hatte sich bis in das 16. Jahrhundert erhalten, ein Theil der Ringmauer aber steht noch, geschmückt mit Bildwerken, welche die Sorge der Minerva für weibliche Handarbeit und die Bestrafung der übermüthigen Arachne vergegenwärtigen. Durch Hadrian wurde in Rom auch ein eignes Athenaeum d. h. eine unter diesem griechischen Namen dem Schutze der Minerva empfohlene Bildungsanstalt in griechischer und lateinischer Rede und Poesie gestiftet Die späteren Kaiser unterhielten diese Stiftung, s. Aurel. Vict. Caes. 14, Lamprid. Alex. Sev. 34, Iul. Capitol. Pertinax 11, Gord. 3, Dio LXXIII, 17. . Ja noch Gordian wurde der Stifter eines neuen Spieles der Minerva, indem er die von Nero den cyclischen Spielen der Griechen nachgebildeten 265 Neronia, das erste Beispiel der Art in Rom, wiederherstellte und der Minerva weihte Aurel. Vict. 27, Catal. Imp. p. 647 ed. Mommsen. Leber die Neronia s. Tacit. Ann. XIV, 20, Dial. de Orat. 11, Suet. Nero 12. . Auch das Bild der römischen Minerva war ganz das griechische, ja es fand sich neben den kunstgerechten Bildern der Göttin auch hier ein sogenanntes Palladion, welches wie gewöhnlich für das troische galt und für eins der wirksamsten Unterpfänder des göttlichen Segens gehalten wurde. Die Familie der Nautii, angeblich trojanischen Ursprungs, machte auf die Ehre Anspruch, dieses Bild über Lavinium nach Rom gebracht zu haben. Ihr Stammvater Nautes, hieß es in der gewöhnlichen Ueberlieferung, habe es von Diomedes für den Aeneas in Empfang genommen, Diomedes aber sei von göttlichen Mahnungen getrieben worden, das heilige Bild den trojanischen Helden freiwillig auszuliefern So berichtete Varro. Nach einer andern Erzählung, welcher Virgil und Dionys VI, 69 folgen, war Nautes schon in Troja ein Liebling und Priester der Pallas. Vgl. Virgil Aen. V, 704 und Serv. zu d. St. und zu Aen. II, 166, III, 407, Cassius Hemina bei Solin. 8, Sil. Pun. XIII, 65 ff., Procop. bell. goth. 1, 15. Ueber das troische Palladion im südlichen Italien und in Rom s. Strabo VI p. 261, XIII p. 601, Lycophr. Alex. 1261. Neben so vielen andern Städten rühmte man sich später auch in Neu Ilion es zu besitzen, s. Iul. Obseq. 56, Serv. V. A. II, 166. . Es wurde unter den heiligsten Heiligthümern im Tempel der Vesta bewahrt und gegen den Ausgang des ersten punischen Kriegs bei einer Feuersbrunst durch den Pontifex Maximus L. Metellus ( S. 209 ) gerettet, worüber er seine Augen verlor, aber die bis dahin unerhörte Ehre gewann, in den Senat fahren zu dürfen Cic. pr. Scauro 2, 48, der das Palladium ein pignus nostrae salutis atque imperii nennt, vgl. Phil. XI, 10, 24, Dionys. I, 69, II, 66, Ovid F. VI, 425 ff., Val. Max. 1, 4, 4, Plin. H. N. VII, 43, 45, Lucan I, 592, IX, 991 u. A. . Unter Commodus mußte das Bild nochmals bei einem Brande des Vestatempels gerettet werden, bei welcher Gelegenheit es von verschiednen Personen, damals zuerst von profanen Augen gesehen wurde Herodian I, 14 vgl. V, 6, Lamprid. Heliog. 6. Bei der Neronischen Feuersbrunst wird seiner nicht gedacht. s. Tacit. A. XV, 41. . 5. Apollo. Der erste rein griechische Gottesdienst, welcher uns begegnet. Von seiner Verbreitung in Italien, seiner hohen Bedeutung für die römische Religionsgeschichte, seiner engen Verbindung 266 mit den durch Tarquinius Superbus nach Rom verpflanzten sibyllinischen Sprüchen und den wichtigen Folgen des Gebrauchs dieser Sprüche bei so vielen Veranlassungen ist S. 130  ff. die Rede gewesen, so daß hier nur das Nöthige zur Geschichte und Characteristik des Apollodienstes in Rom und der mit ihm immer eng verbundenen sibyllinischen Spruchbücher hinzuzusetzen ist. Die Sibyllen sind von Apollo begeisterte Prophetinnen, welche in sehr verschiednen Gegenden genannt werden, am frühesten in den Umgebungen des troischen Ida, wo auch Kassandra zu ihnen gehört, dann in dem ionischen Erythrae, dessen Sibylle mit der Zeit vor allen übrigen berühmt wurde, ferner auf Samos, in Delphi und in dem italischen Cumae. Immer werden sie als Jungfrauen geschildert, die in einsamen Höhlen oder Schluchten wohnen, von dem Geiste Apollos ergriffen in wilder Entzückung wahrsagen und dabei im Volke das höchste Ansehn genossen; bald nennt die Sage sie Apollos Priesterinnen, bald seine Geliebten, Schwestern, Töchter oder Gattinnen. Da sie dem Geiste nach verwandt waren, lag es nahe genug sie auch äußerlich mit einander in Verbindung zu setzen; so galt namentlich die Cumanische gewöhnlich für identisch mit der Erythräischen, welche, so erzählt man, von Apollo so viele Lebenstage als der Sand am Strande ihrer Heimath Körner zählte erlangt habe, doch unter der Bedingung daß sie ihre Heimath verlassen solle und deren Erde nie wiedersehn dürfe. Also habe sie sich nach Cumae begeben und dort ein unendlich langes Leben gelebt, bis sie zuletzt aufs sehnlichste nach dem Tode verlangte und denselben endlich durch einen mit der Erde ihrer Heimath versiegelten Brief fand Serv. V. A. VI, 321, vgl. Aristot. Mirab. 95, Pausan. X, 12, 8, Petron. Sat. 48, Iustin M. Cohort. 37. . Oder sie soll zuletzt nur noch als Stimme gelebt haben, welche als flüsternder Laut durch die unterirdischen Räume und Gänge rauschte, die sich unter dem Apollotempel zu Cumae und in den Felsen, auf denen die Stadt lag, in vielen untereinander verzweigten Höhlen weit hinein ins Land, man sagt bis zum Avernersee erstrecken und die Sage von der Sibylle bis jetzt bewahrt haben. Auch bei Virgil sind diese Felsen und diese Höhlen der Schauplatz ihrer Weissagung. Dort sitzt sie und schreibt ihre Gesichte »in Zeichen und Namen« auf Palmblätter, welche sie dann zusammenlegt und in der Höhle verbirgt, bis der Wind sie verweht und unter die Menschen bringt. Oder er schildert sie wie 267 die Priesterin des Apollo und der unterirdischen Diana, deren Weissagung aus den Katakomben der Tiefe in den darüber liegenden Tempel Apollos hinaufquillt und die denselben Aeneas später zu den Opfern am Avernus anleitet und seine Führerin in der Unterwelt ist Virgil Aen. III, 443 ff., VI, 9 ff, vgl. Ovid. Met. XIV, 101 ff. . Lange vor Virgil hatte Naevius in seinem Gedichte vom Punischen Kriege dieselbe Sibylle die kimmerische genannt Varro bei Lactant. 1, 6, 9, vgl. Strabo VI p. 243 sq. , weil der Sage nach einst das mythische Volk der Kimmerier in denselben unterirdischen Gängen bei Cumae gehaust hatte. In Rom erscheint diese Sibylle, von deren Sprüchen sich in alter Zeit jedenfalls eine Sammlung zu Cumae befand, bekanntlich unter Tarquinius Superbus in der Gestalt einer Greisin, welche dem Könige zuerst 9, dann 6, endlich 3 Bände immer für denselben Preis anbietet Dionys II. IV, 62, Gellius N. A. 1, 19, Tzetz. Lycophr. 1278–80. Varro, welcher zehn Sibyllen unterschied und die Erscheinung der Cumanischen aus chronologischen Gründen, die aber hier nicht gelten können, unter Tarquinius Priscus setzte, scheint gleich die erste Sammlung für eine gemischte gehalten zu haben, wie es die spätere wirklich war, s. bei Lactant. 1, 6, 7, vgl. Serv. V. A. VI, 36, Plin. H. N. XIII, 13. . Auch war es dieser König, welcher die Commission zur Aufbewahrung und Befragung dieser Sprüche ( S. 132 ) begründet und eine hochverrätherische Verletzung ihres Geheimnisses mit der Strafe der Vatermörder und Tempelschänder zuerst bestraft hatte. Nie durften diese Sprüche anders als auf Befehl des Senats befragt werden. Von einer Verehrung des Apollo in Rom erfahren wir aus sichrer Nachricht erst zur Zeit der Decemvirn, doch darf man wegen des engen Zusammenhanges seines Dienstes mit der sibyllinischen Weissagung ein höheres Alterthum ohne Bedenken annehmen. Und zwar ist es auch hier neben der Weissagung der andre Grundgedanke dieser Religion, die Heilung von leiblichen und geistigen Schäden, mit denen uns Apollo zuerst entgegentritt, bis in späteren Zeiten auch die Apollinische Musik in Rom Eingang fand. Das Zutrauen zur Apollinischen Inspiration wurde auch durch die in Italien früh verbreitete Verehrung des Orakels zu Delphi Schatzhäuser von Caere und Spina zu Delphi, s. Strabo V p. 214. 220, vgl. Herod. 1, 167. Eine spätere Sendung der Römer nach Delphi ist die nach der Schlacht bei Cannä, wo der Annalist Q. Fabius Pictor theilnahm, s. Liv. XXII, 57, XXIII, 45, XXVIII, 45, Appian Hannib. 27. Vgl. auch Liv. XXXVIII, 48, XLV, 27. befördert, wohin bekanntlich auch Rom seine Sendungen schon zur Zeit der Vertreibung der Tyrannen, 268 dann während der Belagerung von Veji gerichtet haben soll. Den sühnenden und heilenden Apollo aber verehrten die Römer so allgemein und vorzugsweise Macrob. S. 1, 17, 15. In den Indigitamenten des Numa fehlte Apollos Name, s. oben S. 119, 173 . Auf die Verehrung des sühnenden Apollo deutet auch die Uebertragung der Reliquien des Orest von Rhegium nach Aricia und von dort nach Rom, s. Hygin. f. 261, Serv. V. A. II, 116, VI, 136. , daß auch die Vestalischen Jungfrauen beteten: Apollo Medice, Apollo Paean!, offenbar weil die sibyllinischen Sprüche und der Cultus der für sie bestimmten Decemvirn den griechischen Gottesdienst am meisten von dieser Seite empfahlen. Auch der häufige Gebrauch des Apollinischen Lorbeers in Rom und andre Spuren deuten darauf, daß Apollo in Rom vorzüglich in dieser Eigenschaft des ἀλεξίκακος Eingang fand. Selbst die älteren Namen des römischen Apollo hängen mit dieser Auffassung und Herkunft seiner Religion zusammen. Die Etrusker nannten den griechischen Gott, den auch sie als Licht- und Heilgott allgemein verehrten, Aplu, eine Form des Namens welche sich in Griechenland bei den Thessalern im Gebrauch erhalten hatte. Die Römer aber gebrauchten die in älterer Zeit bei den Griechen des südlichen Italiens herkömmliche Form Apello, die sie im Sinne ihrer Sprache vom Abwenden der Krankheiten und andrer Uebel verstanden Paul. p. 22, Macrob. 1, 17, 14. . Oder sie machten sich den fremden Namen dadurch verständlicher, daß sie ihn im Sinne des offenbarenden Orakelgottes umbildeten, so daß aus Apello Aperta wurde, wie aus Persephone Proserpina Paul. p. 22 Aperta idem Apollo vocabatur, quia patente cortina responsa ab eo dentur. Vgl. Ritschl im Rh. Mus. f. Philol. 1857 S. 106 ff. und 476. In einem vermuthlich Ennianischen Verse bei Cic. de Divin. 1, 21, 42 heißt es noch: ut se édoceret obsécrans Apóllonem . Vgl. die Form APOLONES bei Or. n. 1433, APOLENEI auf einem Stein aus Pisaurum, APOLLINEI bei Henzen n. 5700. Der Pythische Apollo hieß lateinisch Putius , Placidi gl. p. 492. . Von der später recipirten Form Apollo bildete man zunächst den Genitiv Apollonis, bis später Apollenis und Apollinis das Gewöhnliche wurde. Die erste Spur eines Apollinischen Heiligthums, etwa eines Lorbeerhains, findet sich wie gesagt in der Zeit der Decemvirn, und zwar in derselben Gegend, wo später der Flaminische Circus und das Theater des Marcellus erbaut wurden, eine Gegend die eigentlich Vorstadt war, aber sich außerordentlich schnell bevölkerte Liv. III, 63 in prata Flaminia, ubi nunc aedes Apollinis est, iam tum Apollinarem appellabant, avocavere senatum. Es ist wohl hinzuzudenken lucum . . Zwanzig Jahre später, in den Zeiten des Militärtribunats, 269 wurde bei einer Pestilenz auf Geheiß der sibyllinischen Sprüche auf derselben Stelle der Tempel des Heilgottes Apollo gelobt und vier Jahre darauf (429 v. Chr.) eingeweiht Liv. IV, 25 Aedis Apollini pro valetudine populi vota est etc. Der bei Liv. VII, 20 erwähnte Tempel ist wahrscheinlich derselbe, auch der T. Apollinis Medici bei Liv. XL, 51, wo wohl zu lesen ist: et post Spei ad Tiberim [et ad] aedem Ap. M. : ein geräumiger Tempel, welcher oft zu Senatssitzungen benutzt wurde und außer dem Bilde des Apollo gewiß auch die seiner Mutter und seiner Schwester enthielt, übrigens bis August der einzige dieses Gottesdienstes geblieben ist. Bald darauf, seit dem Jahre 399 v. Chr., beginnen die Lectisternien in Rom, auf deren oft wiederholte Feier der Apollinische Cultus gleichfalls einen bestimmenden Einfluß ausübte; namentlich ist die allgemeine Heiterkeit, Versöhnlichkeit und Gastlichkeit, mit welcher diese Lectisternien in älterer Zeit von Haus zu Haus begangen wurden, ein Grundzug der Apollinischen Sommer- und Erndtefeste Vgl. oben S. 133 und Liv. V, 13 tota Urbe patentibus ianuis promiscuoque usu rerum omnium in propatulo positis notos ignotosque passim advenas in hospitium ductos ferunt et cum inimicis quoque benigne ac comiter sermones habitos, iurgiis ac litibus temperatum, vinctis quoque dempta in eos dies vincula; religioni deinde fuisse, quibus eam opem dei tulissent, vinciri. So mögen von den Griechen die Theoxenien, die Metageitnien und ähnliche Feste des Apollo begangen sein. . Endlich, aber erst 200 Jahre später (212 v. Chr.) wurden auch Apollinarische Spiele in Rom eingeführt, wie sie bei den Griechen als Pythien so weit verbreitet waren. Die Veranlassung gaben der schwere Krieg mit Hannibal und die Sprüche eines berühmten Sehers der italischen Vorzeit, des Marcius, welche kurz vorher sehr vernehmlich auf die Niederlage bei Cannä gedeutet hatten. Jetzt empfahlen sie Spiele des Apollo als ein sichres Heilmittel gegen den Feind, »dieses garstige Geschwür im Leibe Italiens«, und zwar sollten diese Spiele in aller Lust und Heiterkeit (comiter) gefeiert und die Kosten durch eine Collecte von Haus zu Haus gedeckt werden, der städtische Prätor ihnen vorstehen, die sibyllinischen Decemvirn aber das Opfer nach griechischem Ritus verrichten Liv. XXV, 12, Macrob. 1, 17, 27 ff. (bei beiden ist nach Apollini zu ergänzen et Dianae), vgl. Liv. XXVI, 23, XXVII, 11. 23, Paul. p. 23. . Es war grade die Zeit wo Hannibal Tarent eroberte und wieder bis Campanien vorrückte, während Hasdrubal von Spanien her mit dem Einfall in das obere Italien drohte. Apollo, der Arzt, 270 der Abwender, sollte auch in dieser Noth helfen, und er half wirklich, nachdem man das Opfer in der vorgeschriebenen Weise dargebracht und die Spiele im Circus Maximus aufgeführt hatte, wobei das Volk mit Lorbeer bekränzt zuschauete und die Matronen für Alle beteten: wieder ein sehr festlicher und heiterer Tag, der wie jene Lectisternien mit Familienschmäusen und offenen Thüren durch die ganze Stadt gefeiert wurde. In den folgenden Jahren wurden dieselben Spiele von dem Prätor von neuem gelobt und gehalten, bis sie endlich im J. 208 v. Chr. auf Veranlassung einer Pest ein für allemal gelobt und auf den festen Tag des 13. Juli verlegt wurden, immer unter der Oberaufsicht des städtischen Prätors. Man stritt sich später ob diese Spiele das erstemal des Sieges oder des Wohlseins wegen (victoriae an valetudinis ergo) gelobt worden waren, da eigentlich beide Meinungen Recht hatten, denn Apollo der Gott des Heils ist als solcher auch der Gott des Siegs, wie dieses ja auch in jenem Spruch des Marcius sehr bestimmt angedeutet wurde Hostes Romani si ex agro expellere vultis, Vomica quae gentium venit longe etc. . Doch ist es interessant bei dieser Gelegenheit eine Legende kennen zu lernen, welche den Glauben an die schnelle Hülfe des Heilgottes und Schützen Apollo, den die Jonier deshalb als βοηδρόμιος verehrten, gleichfalls gut ausdrückt. Das Volk habe eben bei diesen Spielen gesessen und dem gesticulirenden Gesange eines alten Mimen zugehört, als es plötzlich durch alle Reihen hieß: der Feind ist vor der Stadt. Alles eilt nun schnell hinaus und dem Feinde entgegen, siehe! da stürzt eine ganze Wolke von Pfeilen herab auf die Feinde, so daß diese eilig umkehren und die Römer eben so eilig zu den Spielen des Helfers in der Noth (dei sospitalis) zurückkehren konnten Macrob. 1, 17, 25, Fest. p. 326 Salva res est dum cantat senex , ein aus diesem Vorfall entstandenes Sprichwort. Die welche auch bei diesen Spielen an den Heilgott Apollo dachten, beriefen sich auf die Zeit mitten im heißen Sommer. Die bei Festus l. c. erwähnten parasiti Apollinis sind die für seine Spiele eingesetzten Schauspieler, Mimen u. s. w., deren Zunft zu seinem Tempel in einem ähnlichen Verhältnisse gestanden zu haben scheint wie die der Pfeifer und der Dichter zu dem der Minerva auf dem Aventin, s. Friedländer bei Marquardt IV, 533. . Ja jener alte Mime hatte die ganze Zeit über unverdrossen fortgetanzt und fortgesungen, so daß die Spiele nicht einmal instaurirt zu werden brauchten. Eine Erzählung die auch insofern zu beachten ist als daraus erhellt, daß diese Apollinarischen Spiele gleich von Anfang an 271 sowohl scenische als circensische waren. Auch sind sie jedenfalls bald nach den Römischen Spielen und den Megalesien mit dramatischen Aufführungen verbunden worden, da schon im J. 179 v. Chr. von der Erbauung eines Theaters und eines Prosceniums beim Tempel des Apollo die Rede ist und zehn Jahre später, kurz vor dem Tode des Ennius, dessen Thyest bei den Spielen des Apollo zur Aufführung kam Cic. Brut. 20, 78 vergl. Liv. XL, 51 und Ritschl Parerga S. 217. 291. . Der gewöhnliche Schauplatz der circensischen Spiele des Apollo war nachmals der Circus Flaminius, welchen C. Flaminius zwei Jahre vor der Schlacht am Trasimenischen See angelegt hatte. Wie alle Spiele in Rom, so haben auch diese sich mit der Zeit immer weiter ausgedehnt, bis sie nach den vorhandnen Kalendern vom 6. Juli bis zum 13. gefeiert wurden, nur dieser letzte Tag im Circus. Also wurde Apollo seit dem zweiten Punischen Kriege in dem ganzen Umfange seines Wesens zu Rom verehrt, als Sühn- und Heilgott, in welcher Hinsicht der einheimische Veiovis je länger desto mehr hinter dem gleichartigen griechischen Gottesdienste zurücktrat, als Orakelgott und als festlicher Gott der Musik und der heiteren Lebensfreude, obgleich auch der römische Apollo, wenn er gereizt wurde, ein strenger und eifriger Gott sein konnte Vgl. Valer. Max. 1, 1, 18, Appian. Pun. 127. Weniger Umstände machte man mit einem alten Bilde des Apoll, welches nach dem plötzlichen Tode des jüngeren Scipio drei Tage lang weinte. Dio Cass. fr. 84. . Manche Neuerungen brachte die Zeit des Sulla, unter dessen Vorfahren der erste welcher den Namen Sulla führte als einer der Sibyllinischen Decemvirn die Stiftung der Apollinarischen Spiele vorzüglich betrieben und darüber eben jenen Namen bekommen hatte Macrob. 1, 17, 27, vgl. Charis. 1, 18, 20 und Serv. V. A. VI, 70, welcher diese Ueberlieferung falsch verstanden hat. Daher auf einem As des P. SVLA an der prora novis der Kopf der Sibylla angebracht ist. Auf dem römischen Forum befanden sich in der Nähe der Rostra drei eherne Bilder der Sibylla, die man für sehr alt hielt, Plin. H. N. XXXIV, 5, 11. . So war auch der Dictator Sulla ein abergläubischer Verehrer des Apollo ἀλεξίκακος, von dem er ein kleines goldnes Bild, welches aus Delphi stammte, in den Stunden der Schlacht bei sich zu tragen pflegte: was ihn übrigens nicht abhielt das Orakel zu Delphi, dessen Ansehn freilich damals sehr gesunken war, schonungslos zu plündern Plut. Sulla 12. 29, Valer. Max. 1, 2, 3. Vgl. Cic. de Divinat. 1, 19, II, 57 . Eine sehr 272 verhängnißvolle Katastrophe war dann auch für die sibyllinischen Sprüche und den Apollodienst jene Feuersbrunst, welche im J. 83 v. Chr. den Capitolinischen Tempel und mit ihm die ältere Sammlung der Sprüche verzehrte. Alsbald wurden Boten in alle Welt ausgesendet, um in Italien, Sicilien, Afrika, Samos, Ilium, vorzüglich aber in Erythrae Alles was von sibyllinischen Sprüchen in Apollinischen Tempeln oder bei Privaten aufzutreiben war zu sammeln und zu sichten, woraus eine neue Sammlung sehr gemischten Inhalts in mehreren Büchern entstand Vgl. Dionys. H. IV, 62, welcher sich auf Varros Untersuchungen bezieht, und Tacit. Ann. VI, 12. Sprüche von stark monotheistischer Färbung führen Iustin. M. Coh. 16 u. Lact. 1, 6 an, vgl. Aug. C. D. XVIII, 23 und die Andeutung einer der römischen Staatsreligion gefährlichen Tendenz bei Cic. de Divin. II, 54, 110. Auch jüdische Weissagungen hatten sich in diese spätere Sammlung eingedrängt, sowohl aus Palästina als aus Alexandrien, s. Pausan. X, 12, 5. , unter welchen nur die Sprüche der erythräischen Sibylle bestimmter nachweisbar waren, da dieselbe sich in dem Vorworte ihrer Weissagungen ausdrücklich nannte und sich dabei zugleich ihrer Abkunft aus Babylon rühmte. Schon dieses weist nach dem Orient; auch ist nicht zu verkennen, daß mit dieser neuen Sammlung auch sonst manche Elemente orientalischer Weissagung und Anschauung nach Rom kamen, selbst monotheistische Ueberzeugungen und messianische Hoffnungen, welche bald deutlich verlauteten. So war nun auch von Apollo in einem ganz andern Sinne die Rede; er wurde mit dem orientalischen Sonnengotte identificirt und in dem bevorstehenden zehnten und letzten Weltalter eine Herrschaft des Apollo in diesem Sinne geweissagt, welche später Augustus gerne auf sich anwenden hörte Vgl. Virgil in der bekannten, wahrscheinlich gegen Ausgang des J. 40 v. Chr. gedichteten Ecl. IV, 4 und dazu Servius. Die Vertheilung der verschiednen Weltalter an verschiedne Götter stammt aus der ägyptischen Theologie, s. Nigidius Figulus bei Servius zu vs. 10. Auch Horaz in dem Carmen Seculare identificirt Apollo mit Sol, Diana mit Luna. . Auch die Vermehrung des Collegiums der sibyllinischen Zehnmänner um fünf Stellen scheint aus dieser Zeit zu stammen, desgleichen die völlige Verschmelzung dieses Priesterthums mit dem Apollinischen Gottesdienste, daher sie von diesem nun auch die Insignien des Lorbeers, des Dreifußes, des Delphins und des Raben annahmen Arnob. IV, 35, Serv. V. A. III, 332. Vgl. die M. des L. Torquatus III vir mit dem K. der Sibylle und dem Dreifuß und Eckhel D. N. VI p. 316. . 273 Einen neuen Aufschwung nahm der Dienst des Apollo in Rom unter August. Dieser Fürst verband mit einer griechischen Bildung eine persönliche Vorliebe für diesen Gottesdienst, welche zum Theil auf älteren Traditionen seiner Familie beruhen mochte Vgl. den Gentilcult des Vejovis – Apollo bei den Juliern, oben S. 236 . Einige erklärten den Namen der Cäsaren und die traditionelle Verehrung des Apollo von einer Geburt durch den Kaiserschnitt, s. Serv. V. A. VII, 761, X, 315. , bei ihm und seinen Verehrern aber um so mehr Anklang fand, als die Erfahrungen seines Lebens und seine persönliche Erscheinung in mancher Hinsicht einen besondern Schutz des lichten Gottes zu bestätigen schienen. Schön und jung trat er in das durch Cäsars Ermordung von neuem aufgeregte Römerreich als Ordner und Friedensstifter, und als nun vollends der unter den Augen des Aktischen Apollo gewonnene Seesieg über Antonius und Kleopatra seine Alleinherrschaft entschieden hatte Vgl. Virgil Aen. VIII, 704 in der poetischen Beschreibung der Schlacht bei Actium: Actius haec cernens arcum intendebat Apollo desuper etc. und Propert. IV, 6, 29 cum Phoebus – astitit Augusti puppim super et nova flamma luxit in obliquam ter sinuata facem. , nahmen sowohl die mythologischen Huldigungen der Dichter als Augusts wohlberechnete Stiftungen zu Ehren seines Sehutzgottes einen immer kühneren Anlauf. Die Dichter combinirten die alte Weissagung von der Herrschaft der Aeneaden mit dem Bilde des troischen Apollo, wie ihn die Ilias und die troische Sage schilderte, als den mächtigen Schutzgott des alten Troja, der Aeneas gerettet, Achill getödtet und seinen Schutz nun auf Rom, das neu erstandene Troja, und auf seinen Liebling Augustus übertragen habe Horat. Od. IV, 6 ad Apollinem, ein prooemium des carmen seculare, wo dieses geflissentlich hervorgehoben wird. Achill würde Troja zerstört haben, ni tuis victus Venerisque gratae vocibus Divom Pater annuisset rebus Aeneae potiore ductos alite muros , ganz im Sinne der griechischen Sage, s. m. Griech. Mythol. 2, 308. Bei Virgil Aen. VI, 69 ff. erscheint sogar die Erbauung des T. des Palatinischen Apoll wie die Lösung eines Gelübdes des Aeneas, vgl. Serv. zu v. 69. . Die Schmeichler gingen einen Schritt weiter und behaupteten gradezu, daß Apollo der wahre Vater des August sei, welcher seinerseits gerne auf solche Fictionen einging, indem er sich bald in Apollinischer Haltung und mit Apollinischen Attributen darstellen ließ, bald wohl gar selbst als Apollo auftrat Sueton Octav. 70, vgl. Serv. V. Ecl. IV, 10 tangit Augustum, cui simulacrum factum est cum Apollinis cunctis insignibus. Coram. Cruq. Hor. Ep. 1, 13, 17 Palatinus Apollo dictus est a monte Palatino, ubi Caesar in bibliotheca sibi statuam posuerat habitu ac statu Apollinis. . Dazu 274 kam die Verherrlichung des Apoll durch die Stiftung neuer Tempel, Tempelbilder und Spiele, sowohl zu Ehren des Aktischen Apollo, welchem gleich nach jenem am 2. Septbr. des J. 31 v. Chr. gewonnenen Siege die Aktien, ein nach griechischer Weise mit musischen und gymnischen Spielen und mit Wettrennen alle vier Jahre zu begehendes Kampfspiel gestiftet und der Tempel erweitert und mit den Spolien der Schlacht umgeben wurde, als zu Ehren seines speciellen Schutzgottes d. h. des Palatinischen Apollo , welcher seit August zu den angesehensten Göttern in Rom gehörte. Schon vor der Schlacht bei Actium hatte August, als er sich auf dem Palatium ein Haus baute und der Blitz in dasselbe einschlug, den Platz zu einem Tempel des Apollo bestimmt, welcher nun vollends nach dieser Schlacht, unter dem Eindrucke so außerordentlicher Ereignisse mit der größten Pracht und allen Hülfsmitteln der damaligen Kunst ausgeführt wurde Vellei. Pat. II, 81, Sueton Octav. 29, Dio XLIX, 15, vgl. Becker Handb. I, 425. Im J. 28 wurde er eingeweiht, wie es scheint am Jahrestage der Schlacht bei Actium, da gleichzeitig die Feier der Actischen Spiele in Rom eingesetzt wurde, s. Dio LIII, 1, daher auch Propert. IV, 6 in dem Gedichte vom Palatinischen Apoll zugleich von der Schlacht bei Actium singt. Die vierte Feier dieser römischen Aktien erwähnt Dio LIV, 19, eine spätere LIX, 20, Stat. Silv. II, 2, 8, Or. n. 2633 u. A. . In den Umgebungen des Tempels sah man die Bilder der Danaiden und der Aegyptiaden, welche vermuthlich gleichfalls an die Niederlage Aegyptens erinnern sollten, in dem Tempel die Statue des Apollo zwischen Latona und Diana, welche letztere den Namen Victrix führte, da Augustus ihr einen ähnlichen Antheil an dem Siege über S. Pompejus zuschrieb Eckhel D. N. VI p. 93 sq. Ueber die Ausstattung des Tempels s. O. Müller Handb. der Arch. § 125, 4, 361, 4, O. Jahn Archäol. Aufs. S. 22 ff. Da der Tempel nach dem Neronischen Brande von Domitian neu erbaut oder restaurirt wurde (Tacit. Ann. XV, 39, Martial XII, 3, 9) und unter Commodus ein neuer Brand den kaiserlichen Palast verheerte (Dio LXXII, 24), wird auch die Tempelstatue später nicht mehr dieselbe gewesen sein; und wirklich ist auf den Münzen des Commodus das Bild des Palatinischen Apoll ein andres als auf den früheren. Um so schwieriger ist es den Beinamen Ap. Rhamnusius zu erklären, der nur aus den Regionen bekannt ist, s. m. Reg. S. 182. wie dem Apoll an dem über Antonius und Kleopatra: lauter Werke berühmter griechischer Meister, denen sich ähnliche Kunstschätze in der benachbarten Bibliothek anschlossen. Ferner wurden seit dem J. 12 v. Chr., nachdem auch das Pontificat an Augustus übergegangen war, die sibyllinischen Sprüche nicht mehr auf dem Capitol, sondern in diesem Tempel des Palatinischen Apollo aufbewahrt, nachdem 275 August nochmals eine strenge Sichtung derselben vorgenommen und eine große Menge verdächtiger Sprüche, die sich immer von neuem einschlichen, hatte verbrennen lassen Sueton Octav. 31, vgl. Dio LIV, 17 und die Anspielungen bei Virgil Aen. VI, 69 ff. mit Servius zu vs. 72, so wie die epikritischen Maaßregeln Tibers bei Tacit. Ann. VI, 12 und Dio LVII, 18. . Die natürliche Folge dieser Einrichtung war, daß auch die Quindecimvirn von nun an speciell die Diener des Palatinischen Apollo wurden, wie dieses besonders in einem Gedichte des Tibull (II, 5) ausgesprochen ist, mit welchem er den ältesten Sohn seines Gönners Messala bei seiner Aufnahme in das Collegium der Quindecimvirn begrüßte. Mithin war dieser Apollo zugleich der Gott des Heiles und des Sieges, wie der alte römische und der Aktische Apollo, und der der Weissagung und der musischen Künste, in welchem Sinne der Tempel und die Tempelstatue ausgestattet waren; vorzugsweise aber doch auch er wieder der alte Heilsgott, worin zugleich der wahre Grund des hervorragenden Antheils zu suchen ist, den Augustus dem Palatinischen Apollo an den von ihm im J. 17 v. Chr. neu eingerichteten Secularspielen einräumte. Hatten diese Spiele nehmlich früher nur den Göttern der Unterwelt gegolten, so verschmolz zuerst Augustus mit diesem Culte den der himmlischen Götter, namentlich des alten Capitolinischen Jupiter und des neuen Palatinischen Apollo, offenbar weil diese beiden Götter unter den himmlischen die vornehmsten Heilsgötter waren und die Ideen jenes Festes damals und früher vornehmlich die der Heilung und Sühnung aller alter Schäden gegenüber einer neuen Zukunft waren. Auch werden solche Vorstellungen deutlich in dem bekannten Secular-Gedichte des Horaz ausgesprochen, welches durch dieselben Secularspiele des August veranlaßt und zum Vortrage im Tempel des Palatinischen Apollo am dritten Tage des ganzen Festes bestimmt war Horat. carm. sec. 37 ff. und 61 ff., Od. 1, 21, 13 hic bellum lacrimosum, hic miseram famem pestemque a populo et principe Caesarem Persas atque Britannos vestra motus aget prece. Vgl. Zosimus II, 1 συντελεῖ δὲ πρὸς λοιμῶν καὶ φϑορῶν καὶ νόσων ἀκέσεις und 4, wo es von August heißt, er habe das Fest aus denselben Gründen erneuert. Anders erklärt den Zusammenhang K. F. Hermann de loco Apollinis in carmine Horatii seculari, Gott. 1843. . Neben dieser neuen Stiftung blieb aber auch jener alte Dienst des Apollo vor der porta Carmentalis immer sehr angesehn; ja es scheint daß dieser alte Tempel zur Zeit des August von C. Sosius, welcher unter Antonius Befehlshaber in Syrien 276 und Cilicien war, kunstvoller ausgebaut und bei der Gelegenheit mit einem neuen, von Seleucia nach Rom geführten Bilde des Apoll von Cedernholz und jener berühmten Gruppe der Niobiden ausgestattet wurde, um derentwillen Sosius und sein Tempel seitdem so oft genannt ist Plin. H. N. XIII, 5, 11, XXXVI, 5, 28, wenn dieser Tempel wirklich mit jenem alten identisch ist. Es könnte auch ein kleinerer Tempel in der Nähe des größeren gewesen sein, vorzüglich zur Aufnahme jener seltnen Kunstwerke bestimmt. . Auch die Apollinarischen Spiele wurden fortgesetzt gefeiert, sowohl die circensischen als die scenischen Von einer Feier des Agrippa, als er Prätor war, s. Dio XLVIII, 20, von einer Feier der circenses Apollinares unter Antoninus Pius, bei welcher der Circus einstürzte, Catal. Imper. p. 647, Iul. Capitol. Antonin. P. 9. Auf scenische Apollinares scheint sich die Terracotta bei D'Agincourt Rec. de fragm. de sculpt. en terre cuite, P. 1814 Titelv. zu beziehn, vgl. O. Jahn Archäol. Beitr. S. 209. . Daneben beweisen manche hin und wieder erwähnte Bilder und Heiligthümer des Apoll Der Ap. Sandaliarius und Tortor d. i. der Schinder des Marsyas gehörten zu den von August und Agrippa an den Kreuzwegen und Wasserbassins aufgestellten Kunstwerken, s. Sueton Octav. 57 und 70. Andre Bilder befanden sich hin und wieder in den Tempeln und Hallen, darunter Apollo und die neun Musen in einem eignen T. bei der Halle der Octavia oder jenem alten Tempel s. Plin. XXXVI, 5, 34, Iuvenal. VII, 37, Martial. XII, 3, 9. Ein Apollo Monetae wird genannt auf Münzen des Commodus, eine area Apollinis bei den Regionariern. Der Heilgott Apollo, Salutaris, Conservator etc. wird auf den Münzen des Caracalla und der späteren Kaiser oft genannt und scheint mit dem älteren Palatinus identisch zu sein, daher bisweilen neben ihm die Diana Victrix erscheint, s. Eckhel D. N. VII p. 212. 357. 372. 383. 395. , daß dieser Gott vollends seit August zu den beliebtesten in Rom gehörte und sowohl den Sinn für Kunst und Bildung vielfach anregte als in schlimmen Zeiten die beängstigten Gewissen zu trösten wußte. Erst das zunehmende Gewicht des orientalischen Sonnendienstes und die mit der Zeit immer rücksichtsloser durchgeführte Tendenz, die individuellen Bilder und Gestalten der Götter in die Abstraction allgemeiner Weltmächte aufzulösen, scheint den griechischen Apollo allmälich in den Hintergrund gedrängt zu haben. Am längsten dauerte das Ansehn des Palatinischen Apoll und der sibyllinischen Sprüche, welche noch zur Zeit des Aurelian mit eifrigem Glauben befragt und unter Julian bei einem Brande des Tempels mit großer Mühe gerettet wurden, bis sie endlich in der Zeit, da Rom von den Gothen und andern Barbaren bedrängt war, in solchem Grade eine Quelle des Aberglaubens und 277 schädlicher Aufregung wurden, daß Stilicho sie verbrennen ließ Vopisc. Aurel. 18, 19, Ammian. Marc. XXIII, 3, Claudian bell. Got. 228, Rutil. Namat. II, 52 p. 215 ed. Zumpt. . Noch ist zu bemerken daß in den sinkenden Zeiten manche Götter der nördlichen Völker, vorzüglich der Celten, mit dem Namen Apollo genannt werden, welche auf eine weite Ausbreitung des Sonnendienstes auch in diesen Gegenden schließen lassen, namentlich Apollo Grannus und Belenus Belis heißt er bei Herodian VIII, 3 als ein Hauptgott der Gegend von Aquileia, sonst Belenus oder Belinus , s. Tertull. Apolog. 24, ad Nat. II, 28, nach welchem er überhaupt in Noricis verehrt wurde, vgl. J. Grimm D. M. 579 und oben S. 240 . Ap. Grannus , oft erwähnt in rheinischen und elsässischen Inschriften, ist Grannaur d. h. der Schöngelockte, s. Martin rel. des Gaulois chap. 21 sqq. und Creuzer Deutsche Schr. z. Archäol. 2, 120. 456. . 6. Diana. Diana, später gewöhnlich nach Art der griechischen Artemis an der Seite Apollos verehrt, ist in Italien ursprünglich eine von diesem unabhängige, alteinheimische Göttin, wie darauf schon der Name deutet, welche in der weiblichen Form dem männlichen Ianus entspricht ( S. 149 ). Mithin ist sie eigentlich eine himmlische Macht und Mondgöttin, obwohl diese erste Naturbedeutung in den uns bekannten Gottesdiensten zurücktritt. Wohl aber bestätigt sich der allgemeine Character der Mondgöttinnen auch bei ihr in der Uebertragung auf das Naturleben in Feld und Busch und im feuchten Grunde, ferner auf die durch den Mond bestimmten Wandlungen des menschlichen Gemüths und des weiblichen Geschlechtslebens, endlich auf Jagd und Krieg und körperliche Rüstigkeit des Mannes. Daß Diana so gut wie Janus bei den Sabinern verehrt wurde, lernt man aus Varro l. l. V, 74. Genauer ist die Diana der Aequer, Herniker und Latiner bekannt, von denen jene diese Göttin seit alter Zeit auf dem rauhen, stark mit Eichen bewaldeten Gebirge von Algidum hinter Tusculum verehrten, welches sehr oft in den Kämpfen der Aequer und Römer genannt wird und ehemals ein Mittelpunkt der Zusammenkünfte jener Nation, später durch seine den römischen Pontifices gehörigen Viehweiden bekannt war Horat. Od. 1, 21, 6, III, 23, 9, IV, 4, 58, Carm. Sec. 69, vgl. Abeken Mittelitalien S. 215. Algidum ist die Stadt, von algor und algere, Algidus der Berg. Vgl. Virgil Aen. VII, 746 horrida praecipue cui gens assuetaque multo venatu nemorum duris Aequicula glebis. . Ferner gab es einen 278 berühmten Hain der Diana in der Nähe von Anagnia, der Hauptstadt der Herniker (Liv. XXVII, 4) und einen andern, dem ganzen Latium seit alter Zeit heiligen und wegen seiner schönen Buchen berühmten, welcher Corne hieß, in der Nähe von Tusculum ( S. 100 ). Vor allen übrigen aber war in der ganzen Nachbarschaft berühmt und gefeiert der Hain und das Heiligthum der Diana von Aricia am See von Nemi, welcher eben von diesem Haine (nemus) seinen Namen bekommen hat, nach welchem auch Diana gewöhnlich schlechthin Nemorensis genannt wurde. Er lag an derselben Stelle wo jetzt das Städtchen Nemi liegt und wo schon im Alterthume neben den vielbesuchten Heiligthümern ein Ort entstanden war, in einer quellenreichen und einsam ländlichen Gegend, welche mit der Aussicht auf den schönen und heimlichen See, den man den Spiegel der Diana nannte (Serv. V. A. VII, 515), und seine wohlbestellten Rebengehänge eine der lieblichsten des Albaner Gebirges ist. Neben der Diana wurde in diesem Haine ein männlicher Daemon Virbius verehrt, dessen Name wahrscheinlich mit dem der Viren d. h. der Wald- und Raumnymphen zusammenhängt S. oben S. 88 . Vgl. Grut. 1011, 1 Dianae et Viribus Sacrum , ib., 89, 9 Viribus Sacrum , mit einem auf Jagd bezüglichen Relief, Or. n. 2324 Nymphis et Viribus Augustis L. Granius etc. – fontem et omne opus . Vgl. Cassiodor Orthogr. 6 alii deum qui Viribus praesit interpretantur , was Ruttmann Mythol. 2, 152 nicht richtig verstanden hat. . Man verglich ihn mit dem griechischen Hippolytus, den Aesculap, nachdem er durch die wilden Rosse des Poseidon den Tod gefunden, wieder erweckt und Diana in diesen entlegenen Hain entrückt habe, der deshalb von Pferden nicht betreten werden durfte Virg. Aen. VII, 761 ff. und Servius zu vs. 761, vgl. Ovid F. III, 265 ff., VI, 731, Metam. XV, 545 u. A. Ein flamen Virbialis wird mehrfach erwähnt, s. Or. n. 2212. 4022. 4102, Mommsen I. N. n. 2456. . Seine Gestalt entsprach einem in der Nähe von Aricia aufgefundenen Bilde nach zu urtheilen ganz der der jagenden Waldgöttin Diana S. Uhden in den Abh. der Berl. Akad. 1818 S. 189 ff. Das bei derselben Ausgrabung vom J. 1791 gefundene alterthümliche Relief, welches im Almanach aus Rom von Sickler und Reinhart 1810 S. 85 abgebildet ist, bezieht sich aber nicht auf den Auftritt eines neuen Rex Nemorensis, sondern es stellt nach der wahrscheinlichsten Erklärung den Mord des Aegisth dar. Nach Ovid Met. XV, 538 ist vorauszusetzen, daß Virbius gewöhnlich nicht als Jüngling, sondern als Mann gedacht wurde. Nach Serv. V. A. VII, 784 durfte sein Bild nicht berührt werden. Der clivus Virbii bei Pers. S. VI, 56 Schol., wo die Bettler Posto zu fassen pflegten, ist vermuthlich identisch mit dem in Urkunden des 9. und 10. Jahrh. erwähnten clivus Aricinus in der Gegend von Genzano, in welcher Gegend auch das von Uhden besprochne Bild des Virbius sammt andern Alterthümern zum Vorschein gekommen ist. , so daß er 279 also ein dieser Göttin gleichartiger Genius oder Indiges des Waldes und der Jagd gewesen sein muß, der zugleich für den ältesten König und Priester der Diana galt, den ersten Rex Nemorensis, der als solcher den seltsamen Brauch gestiftet haben soll, welcher sich auch später erhalten hatte. Das Priesterthum dieses sogenannten Rex Nemorensis d. h. des Oberpriesters und Oberaufsehers bei diesem Dienste war nehmlich nur durch blutigen Kampf zu erlangen, indem es demjenigen als Preis zufiel, welcher, nachdem er von einem bestimmten Baume im Haine der Diana einen Zweig abgebrochen hatte, den derzeitigen Inhaber der Stelle im Zweikampfe erschlug: eine Aufgabe welche später flüchtigen Sklaven überlassen blieb Strabo V p. 239, wo wohl zu lesen ist: ὑπέρκειται δ’ αὐτῆς (über Aricia), τὸ μὲν Λανούιον – ἐν δεξιᾷ τῆς Ἀππίας ὁδοῦ, – τὸ δ’ Ἀρτεμίσιον, ὃ καλοῦσι Νέμος, ἐκ τοῦ ἐν ἀριστερᾷ μέρους τῆς ὁδοῦ τοῦς ἐξ Ἀρικίας ἀναβαίνουσιν. τῆς δ’ Ἀρικίνης τὸ ἱερὸν λέγουσιν ἀφίδρυμά τι τῆς Ταυροπόλου u. s. w. Vgl. Sueton Cal. 35, Pausan. II, 27, 4, Serv. V. Aen. VI, 136, Ovid Met. XV, 497, A. Amat. 1, 259, Lucan. III, 84 ff., VI, 73, Sil. Ital. IV, 366. Die Geschichte des Orest, welche schon bei Cato und Varro erzählt wurde, s. bei Solin 8, Prob. Virg. Ecl. prooem., Serv. V. A. II, 116, Hygin. f. 261. . Dieser blutige Gebrauch vermochte die Griechen, die Diana von Nemi mit ihrer scythischen Tauropolos zu vergleichen, daher mit der Zeit sogar behauptet wurde, daß Orestes das Bild dieser Göttin über Rhegium nach Aricia und in dieses Heiligthum gebracht habe. Doch möchten sonst wenig Berührungspunkte da gewesen sein, da die latinische Diana im Uebrigen ganz die gute und gnädige Göttin der Natur und des weiblichen Geschlechts, namentlich der Entbindung war; daher auch die Nymphe Egeria in ihrer Umgebung verehrt wurde, angeblich dieselbe welche Rom als die beseelende Göttin und Gattin des Numa unter den Camenen verehrte, eine Quellen-, Geburts- und Heilgöttin, welche in diesem Haine der Diana für die Pflegerin des Virbius galt Ovid Fast. III, 273 ff., Met. XV, 485 ff., Martial. VI, 47. . Für den ersten Begründer des Cultus galt nach Aricinischer Ueberlieferung Manius Egerius, der Ahnherr eines berühmten Geschlechts Fest. p. 145 Manius Egeri[us lucum] Nemorensem Dianae consecravit, a quo multi et clari viri orti sunt et per multos annos fuerunt, unde et proverbium: Multi Mani Ariciae. Vgl. Pers. S. VI, 55 c. Schol. , dessen Name sich deutlich auf den frühen Morgen und auf leichte Geburt 280 bezieht. Nach der Zerstörung von Alba Longa war der Hain eine Zeitlang das gemeinschaftliche Heiligthum von Tusculum, Aricia, Lanuvium, den Laurentern, Cora, Tibur und den Rutulern von Ardea gewesen, und der Tusculaner Egerius Laebius hatte den Hain der Diana gelegentlich im Namen dieser Gemeinden als latinischer Dictator eingeweiht Cato bei Priscian IV, 4 p. 153 Kr. Lucum Dianium in nemore Aricino Egerius Laebius Tusculanus dedicavit dictator Latinus. Hi populi communiter: Tusculanus, Aricinus, Lanuvinus, Laurens, Coranus, Tiburtis, Pometinus, Ardeatis Rutulus . . . . Vielleicht folgten noch mehr Namen. Tusculum und Aricia erscheinen auch sonst als Verbündete, s. Dionys V, 36. . Später kam die Oberaufsicht an Rom, welches die Reliquien des Orest bei einer uns nicht bekannten Veranlassung auf sein Forum und zwar in die Nähe des Saturnustempels versetzte. Sonst blieb der alte Cultus in seinem vollen Ansehn und Reichthum, so daß noch Octavian hier und bei der Fortuna von Antium, der Juno von Lanuvium, dem Hercules von Tibur ein Anlehn erheben konnte Appian de bello civ. V, 24 mit dem Zusatze, ἐν αἷς μάλιστα πόλεσι καὶ νῦν εἰσὶ ϑησαυροὶ χρημάτων δαψιλεῖς. Des Tempels gedenkt Vitruv. IV, 7. Das Topographische s. bei Bormann altlatin. Chorograph. 134 ff. . Das jährliche Fest fiel in die heißeste Jahreszeit und auf einen Tag der Idus, also des Vollmonds, vermuthlich in die Iden des August, welches auch der Festtag der Diana auf dem Aventin in Rom war. Es ist dabei von einem nächtlichen Fackelzuge die Rede Stat. Silv. III, 1, 52 ff., dessen Beschreibung auf die Zeit der Hundstage und auf die Iden des August führt, welche mitten in die Zeit der Hundstage fallen. Vgl. Martial Epigr. XII, 67. , wie diese Diana auch selbst mit der Fackel in der Hand abgebildet, also als die Göttin des nächtlichen Lichts gedacht wurde. Uebrigens war sie vorzugsweise eine Göttin der Frauen, die dort um glückliche Geburt und für ihr eheliches Leben zu beten und Gelübde zu thun pflegten und zum Dank für Gewährung heilige Binden und Votivtafeln an den Wänden des Tempels aufhingen und brennende Fackeln oder Lichter als fromme Gabe darbrachten Propert. II, 32, 9, Ovid F. III, 267 ff, Gratius Fal. vs. 483 und die Inschriften bei Orelli n. 1453–56. Virg. Aen. VII, 764 nennt den Altar dieser Diana wegen der vielen Gaben und ihrer freundlichen Hülfe pinguis et placabilis. . Auch haben frühere Ausgrabungen in der Gegend von Nemi verschiedne Votivgeschenke von Frauen zu Tage gefördert, namentlich bekränzte Frauenköpfe und ein Relief, welches eine Entbindung darstellt. Doch war die Diana von Aricia auch Sospita im weiteren Sinne, 281 da auch von Männern zu ihr um Familienglück gebetet wurde, desgleichen Jagd- und Waldgöttin, als welche sie sowohl in diesem Haine als sonst in Latium gewöhnlich dargestellt wurde Vgl. den Bericht über eine ältere Ausgrabung zu Nemi und die Abbildungen bei Tomasinus de donariis c. 2, Graev. thes. T. XII p. 754. Auch die Inschrift bei Or. n. 1455 wurde bei dieser Gelegenheit gefunden, so wie eine Statue der Diana, welche durch Ludwig XIII. nach Frankreich kam und vielleicht die berühmte der Diana von Versailles ist. Auch die Diana aus Gabii, jetzt in der Glyptothek zu München, ist als Pflegerin des Wildes dargestellt, ein Reh haltend und mit einer Krone aus Rehböckchen geschmückt. . Außerdem war durch ganz Italien berühmt der Hain und Tempel der Diana Tifatina am Abhange des Berges Tifata Der Name hängt zusammen mit tifa und tiba, d. i. Hügel, Berg, s. Varro r. r. III, 1, 6, Paul. p. 366, Mommsen Unterital. Dial. S. 300. , etwa zwei Millien vom alten Capua, wo jetzt die Kirche S. Angelo in Formis mit einem kleinen Benedictinerkloster aus seinen Trümmern erbaut ist. Auch sie scheint zugleich Wald- und Jagdgöttin und eine Göttin der weiblichen Natur und des ehelichen Glücks gewesen zu sein Vgl. Mommsen I. N. n. 3576. 3634. 3636. 3789, und Minervini im Bullet. Arch. Napol. 1856 n. 104 p. 41 sq. . Seit alter Zeit angesehn kam sie zu besonderm Ruhme durch Sulla, welcher in dieser Gegend nach einem Glück verheißenden Gesicht ein günstiges Treffen geliefert hatte und darum nicht allein das Gebiet des Tempels sehr erweiterte, sondern auch benachbarte Heilbäder zu diesem Gebiete schlug Vellei. Paterc. II, 25, vgl. Plut. Sulla 6 und Mommsen I. N. n. 3575 Imp. Caesar Vespasianus Aug. Cos. VIII fines agrorum dicatorum Dianae Tifat. a Cornelio Sulla ex forma Divi Aug. restituit. Auch der Revers der Münze mit der Inschrift L. Buca und dem K. der Venus bei Riccio 2, 15 bezieht sich wahrscheinlich auf dieses Ereigniß. , in welchem Besitze das Heiligthum der Diana noch durch Vespasian geschützt wurde. Neben den Heiligthümern war auch hier mit der Zeit ein bewohnter Ort entstanden. In Rom gab es sporadisch auf und zwischen den Hügeln viele alte Heiligthümer und Haine der Diana, z. B. im Vicus Patricius zwischen dem Viminal und Esquilin, wo keinem Manne Eintritt vergönnt wurde (Plut. Qu. Ro. 3), ohne Zweifel weil die Göttin auch hier als Lucina, also nur von Frauen verehrt wurde. Ein andres lag auf der Höhe des Vicus Cyprius, wo Servius Tullius seinen Tod gefunden hatte (Liv. 1, 48), ein drittes auf der Coeliolus genannten Anhöhe, welche an den Caelius stieß (Cic. Harusp. resp. 15); ja man rühmte sich in Rom auch eines 282 Aktäon, in einer jener wunderlichen Stadtmärchen, die an die mittelalterlichen Mirabilia erinnern und wie diese meist aus misverstandnen Bildern der Vorzeit entstanden waren. Eins der später veralteten Thore der Befestigungen des Servius war mit Erz beschlagen und hieß deshalb p. Raudusculana. Auf dem Thorflügel sah man den gehörnten Kopf eines Mannes, den man Genucius Cipus nannte und mit dem griechischen Aktäon verglich, nur daß er nicht wie dieser ein Jäger war und von der Diana bestraft wurde, sondern da er als Prätor eben an der Spitze des Heeres zu diesem Thore hinauszog, wuchsen ihm plötzlich Hörner aus dem Kopfe hervor: ein Prodigium welches nach dem Ausspruche der Seher für ihn die königliche Würde, also für die Stadt den Umsturz der Republik bedeutete, daher Cipus als guter Patriot in seine Vaterstadt nimmer zurückgekehrt sei Plin. H. N. XI, 37, 45 Actaeonem enim et Cipum etiam in Latia historia fabulosos reor. Vgl. Val. Max. V, 6, 3, Ovid Met. XV, 565 ff. . Berühmter und wichtiger als alle übrigen Dianentempel aber war der auf dem Aventin , eine Stiftung des Servius Tullius, welche für die ältere Geschichte Roms und Latiums von großem Interesse ist. Es war nehmlich kein Heiligthum der Stadt Rom insbesondre, sondern ein Bundesheiligthum der Latiner insgemein, in welchem Umstande vermuthlich der Grund zu suchen ist, daß der Aventin lange nicht zum römischen Stadtgebiete gerechnet wurde und gelegentlich sogar das Ziel einer Auswanderung der Plebs war. Auch muß der bei der Gründung Roms verschmähte Hügel in der Zeit der Gründung dieses Bundesheiligthums noch ein ganz ländliches Ansehn gehabt haben, reich an Quellen und an schattigen Baumpflanzungen, wie er es auch später noch war, so daß die städtische Sage die Höhle des Cacus dahin verlegen und Picus und Faunus an seinen Abhängen ihr Wesen treiben lassen mochte: bis er später nach Aufhebung der alten latinischen Bundesverhältnisse zuerst als ager publicus zum römischen Gebiete geschlagen, dann vermöge einer lex Icilia parcelirt und unter die Plebejer vertheilt wurde. Der alte Hain und Tempel der Diana muß gleich beim Aufgange des Clivus Publicius gelegen haben, da Fulvius Flaccus bei dem durch C. Gracchus erregten Aufstande sich in dem Tempel wie in einer Burg festsetzte und längere Zeit gegen die auf jenem Clivus andringenden Feinde vertheidigte Oros. Hist. V, 12 p. 316 Haverk., eine Stelle die von Becker S. 450 ff. und andern Topographen übersehen ist. Das Ianium ist das Dianium . . Noch Dionysius von Halikarnass sah in dem 283 Tempel die alte Bundesurkunde der Dedication, nach welcher derselbe von den Latinern und Römern auf gemeinschaftliche Kosten und mit einem Asyl gestiftet worden war und jährlich einmal bei allgemeiner Festversammlung der in dem Bunde vereinigten Stadtgemeinden gemeinschaftliche und eigne Opfer dargebracht werden sollten; auch sollten, wenn Streitigkeiten zwischen einzelnen Bundesgliedern ausgebrochen wären, dieselben bei diesem Gottesdienste durch ein aus den übrigen Gemeinden gebildetes Schiedsgericht ausgetragen werden Dionys. H. IV, 26. Als Bundesheiligthum und Zufluchtsort erscheint dieser T. der Diana auch bei Varro l. l. V, 43, wo der Name Aventinus u. a. erklärt wird ab adventu hominum, quod commune Latinorum ibi Dianae templum sit constitutum . . Das angeblich von Servius Tullius in diesem Tempel dedicirte Bild der Diana folgte dem Typus der ephesischen Diana, woraus mit der Zeit die verkehrte Meinung entstand daß Servius die ganze Idee eines Bundesheiligthums der Diana von den Griechen entlehnt habe. In der Vorhalle des Tempels sah man viele Generationen hindurch ein Paar mächtige Hörner angenagelt. Einst hatte sie, so erzählten die Priester der Diana, eine Kuh getragen, welche auf dem Hofe eines begüterten Sabiners das Licht der Welt erblickte, ein Thier von so wunderbarer Größe und Schönheit, daß die Seher dem Staate das Reich versprachen, dessen Bürger diese Kuh der Diana opfern würden. Also geht der Sabiner mit seinem Wunderthier nach Rom und auf den Aventin, wo der römische Priester, nachdem er den Spruch der Seher erfahren, ihn an den Fluß schickt, damit er sich vor dem Opfer wasche, in seiner Abwesenheit aber schnell das Thier opfert Liv. I, 45 vgl. Val. Max. VII, 3, 1, Plut. Qu. Ro. 4 und die Münze der g. Postumia bei Riccio t. 40, 1. . Als Dedicationstag des Tempels wurden die Iden des August gefeiert, vorzüglich von den Sklaven und Sklavinnen, welche in dem Könige Servius eine Art von Schutzpatron verehrten, daher der Tag auch schlechtweg Servorum Dies genannt wurde Fest. p. 343 Servorum dies festus vulgo existimatur Idus Aug., quod eo die Ser. Tullius, natus servus, aedem Dianae dedicaverit in Aventino, cuius tutelae sint cervi, a quo celeritate fugitivos vocent cervos. Vgl. Paul. p. 345, Kal. Capran. Amitern. Antiat. Martial. XII, 67. Auch die Brettii d. h. servi fugitivi sind eigentlich cervi, s. Bergk Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 3. . Ueberhaupt scheinen die flüchtigen Sklaven durch ganz Italien eine besondre Beziehung zur Diana gehabt zu haben, da sie Hirsche genannt wurden, vielleicht weil sie als Flüchtlinge wie diese im Walde hausten, und somit auch der 284 Waldgöttin wie jener rex Nemorensis der Diana von Nemi am besten empfohlen waren. Doch hatten sich auch Spuren einer allgemeineren Bedeutung des Festes darin erhalten, daß die Frauen an demselben Tage den Kopf zu waschen und das Haar zu säubern pflegten (Plut. Qu. Ro. 100), was an jene in dem Haine von Aricia gefundenen Weihgeschenke bekränzter Frauenköpfe erinnert. Mit diesen Elementen des ältern italischen Dienstes der Diana verband sich also der griechische der Artemis und zwar ziemlich früh, da Artemis überall die treue Gefährtin ihres Bruders ist. Bei dem Lectisternium vom J. 399 v. Chr. wird sie ausdrücklich erwähnt und in dem Tempel des Apollo vor der p. Carmentalis sowie bei den Apollinarischen Spielen ist sie gleichfalls vorauszusetzen. Eben deshalb ist zu vermuthen daß der im J. 187 v. Chr. vom Consul M. Aemilius in einer Schlacht mit den Ligurern gelobte und im J. 179 beim Circus Flaminius geweihte T. der Diana gleichfalls der griechischen galt Liv. XL, 52. Auch den Bau des L. Cornificius, von dem Sueton Octav. 29 erzählt, wird man am besten in diese Gegend verlegen. Bei Plin. H. N. XXXV, 10, 36 Eiusdem (Apellis) arbitrantur manu esse et in Annae templo Herculem aversum ist gewiß zu lesen: in Dianae templo . . Dazu kam die Stiftung des Palatinischen Apollodienstes, wo Diana als Victrix an der Seite ihres Bruders verehrt wurde, daher auch ihre Betheiligung an den Secularspielen, zu welchen auch die Diana in Aventino herbeigezogen wurde. Wie Apollo bei diesem Feste vorzugsweise als Sonnen- und als sühnender Lichtgott angerufen wurde, so sie als Mond- und Geburtsgöttin, als Lucina, welche dadurch daß sie die Geburten fördert auch ihrerseits zur Erneuerung und Erhaltung des menschlichen Geschlechts beiträgt Horat. Carm. Sec. 13 Rite maturos aperire partus lenis, Ilithyia, tuere matres, sive tu Lucina probas vocari seu Genitalis . Vgl. Od. 1, 21; III, 22; IV, 6, 37; Catull seculare carm. ad Dianam 34, Virgil Ecl. IV, 10. . Catull in einem schönen Gedichte auf Diana und Horaz feiern sie auch in der allgemeineren Bedeutung der mächtigen Naturgöttin in Bergen und Wäldern, wo sie das Wild behütet, als Göttin der Ströme, der Seen, des Meeres, in denen sie badet und über deren Fluthen sie gebietet, endlich als die große Königin der Nacht und aller nächtlichen Erscheinungen der Geisterwelt, als welche sie mit der Hekate identificirt wurde, und als die reifende Jahresgöttin der Monde und Monate, welche die 285 Scheuern des Landmanns mit den Früchten des Feldes fülle: wobei sie nach griechischer Weise immer als blühende Jungfrau und Lieblingskind des Jupiter gedacht wird, welche sich aller blühenden Jugend der Mädchen und Knaben erfreut und darum ganz vorzugsweise von diesen verehrt werden müsse. Natürlich werden nun auch ihre Lieblingssitze in Griechenland und Kleinasien, jene berühmten Stätten in Arkadien, im Thale Tempe, auf Euböa, auf Delos, in Ephesus, in Lycien nicht minder eifrig gefeiert als die alten italischen. 7. Mater Matuta. Das Wort Matuta hängt zusammen mit mane, manus und matutinus und bedeutet eine Göttin des Frühlichts, der Morgenröthe, welche Mater Matuta in demselben Sinne genannt wird wie Ianus als Pater Matutinus angerufen wurde Paul. p. 122, Non. Marc. p. 66, Priscian II, 10 p. 94, vgl. oben S. 73, 86 und Lucret. V, 654 roseam Matuta per oras aetheris auroram differt et lumina pandit . . Es war eine gute und segensreiche Göttin, welche, wie sie das Licht aus der Finsterniß an den Tag führte, also auch eine Göttin der Geburt war und darum vorzüglich von den Frauen angerufen wurde, daher ihr Fest schlechthin Matralia hieß d. h. das Fest der Mütter, welches zu Rom am 11. Juni begangen wurde, s. Ovid F. VI, 469, die Kalender und Paul. p. 125. Außerdem wurde sie aber auch als See- und Hafengöttin verehrt, wie die griechische Leukothea, mit welcher sie später gewöhnlich identificirt wurde, wie der an ihrer Seite verehrte Hafengott Portunus mit Palämon oder Melikertes, dem Sohne der Leukothea. Der Cultus der Mater Matuta scheint bei der alten Bevölkerung Italiens sehr verbreitet gewesen zu sein. Sehr berühmt war ihr Tempel zu Satricum im Lande der Volsker, welchen ein dämonischer Ruf mit furchtbaren Drohungen im J. 377 vor der Zerstörung durch die Latiner bewahrte und auch die Römer später verschonten, s. Liv. VI, 33, VII, 27, XXVIII, 11. Auch wurde sie in derselben Gegend zu Cora verehrt, Or. n. 1501, wie in Campanien zu Cales, Mommsen I. N. n. 3952. 3953, ferner zu Pisaurum in Umbrien, Or. 1500, welche Inschriften meist auf den Cult der Matronen deuten. Aber auch die Göttin von Pyrgi, der Hafenstadt von Caere, mit dem reichen, von Dionysius, dem bekannten 286 Tyrannen von Sicilien geplünderten Tempelschatze, welche Göttin die Griechen bald in ihre Eileithyia bald in die Leukothea übersetzten, ist wahrscheinlich die italische Mater Matuta Strabo V p. 226, Müller Etr. 2, 55. . In Rom wurde ihr zuerst von dem Könige Servius Tullius ein Tempel gestiftet, den Camill um die Zeit der Eroberung von Veji wiederherstellte. Er lag an dem Forum Boarium Liv. V, 19. 23, XXV, 7, XXXIII, 27, XLI, 28, Ovid F. VI, 467 ff.. Becker Handb. 1, 481 ff. . Eigenthümliche Gebräuche und Vorschriften dieses Cultus waren, daß alle Sklavinnen ausgeschlossen blieben bis auf eine, welche mit einem Backenstreiche aus dem Tempel wieder hinausgetrieben wurde, und daß nur eine in erster Ehe lebende Frau das Bild der Göttin bekränzen durfte, ferner daß die Frauen zuerst für das Wohl ihrer Geschwisterkinder, erst dann für das ihrer eignen Kinder beteten, endlich daß die Opferkuchen nach alterthümlicher Weise gekocht, nicht gebacken wurden Varro l. l. V, 106; Tertull. de Monogam. 17, Plut. Camill. 5, Qu. Ro. 16. 17, vgl. Cic. N. D. III, 19, Tusc. 1, 12, Ovid F. l. c, Prob. V. Ge. 1, 437, Lactant. 1, 21, 23. : lauter Bestimmungen welche später so gut es ging durch die Geschichte der Leukothea motivirt wurden. Da auch diese Göttin zugleich eine Göttin des Frühlichts, der beruhigten See und Amme des Dionysoskindes war und an allen Küsten des Mittelmeers, namentlich auch in Elea und Massilia verehrt wurde, so war ihre Verschmelzung mit der Mater Matuta natürlich. Desto weniger paßte Portunus, wahrscheinlich eine Nebenform des Janus ( S. 158 ) zum Melikertes, indessen wurden auch sie gleichgesetzt und der alte italische Hafengott Pater Portunus (Virg. Aen. V. 241) dadurch zu einem Kinde. So entstand die Geschichte daß die thebanische Princessin, die Tochter des Kadmus, nach ihrem Sprunge ins Meer von den Nereiden an die Mündung des Tiber geführt worden sei, wo sie ihre Schwester Semele wiedergefunden habe; diese wurde nehmlich seit der Verbreitung der Bacchanalien in Ostia unter dem Namen Stimula verehrt. Die von der Juno gehetzten Mänaden wollen ihr das Kind rauben; da flüchtet sie nach Rom, wo Hercules ihr beisteht und Carmentis (die Heiligthümer von beiden lagen nicht weit von dem der M. Matuta) sie gastlich bei sich aufnimmt. Carmentis räth ihr auch in Rom zu bleiben und sich und ihr Kind mit einheimischen Namen zu benennen. 287 8. Sol. Sicheren Spuren einer alten und weit verbreiteten Verehrung des Sonnengottes sind wir schon im Culte des Janus, auch in dem des Vejovis, des Jupiter Anxur und des Apollo Soranus begegnet, und zwar scheinen namentlich die Sabiner dieser Religion des Lichtes vor Alters zugethan gewesen zu sein. So war ihnen auch der Name Sol für die Sonne eigen, den Varro l. l. V, 68 sogar aus ihrer Sprache abzuleiten geneigt ist, wie Sol denn auch unter den Göttern des T. Tatius genannt wird, ib. V, 74, Dionys H. II, 50. Auch das zweite Wort, welches in Italien die Sonne und ihren leuchtenden Glanz bezeichnete, war bei den Sabinern einheimisch. Es ist dieses ein auf die Wurzel aus, sanskr. ush, lat. uro, welche zugleich brennen und leuchten bedeutet, zurückweisendes Wort, das bei den Sabinern ausel lautete, daher der Geschlechtsname der Auseli d. h. Aurelii Paul. p. 23 Aureliam familiam ex Sabinis oriundam a Sole dictam putant, quod ei publice a populo Ro. datus sit locus in quo sacra faceret Soli, qui ex hoc Auseli dicebantur, ut Valesii, Papisii pro eo quod est Valerii, Papirii. , bei den Etruskern der Lichtgott Usil, und in den alten Saliarischen Liedern zu Rom die Anrufung Ozeul adosiose d. i. Sol venerande Bergk de Carm. Saliar. reliq. p. IV. Vgl. den etruskischen Spiegel bei Gerhard t. 76 und desselben Gottheiten der Etrusker t. II. . Auch das lateinische Wort Aurora stammt von derselben Wurzel, so wie das griechische ἀϝώς d. i. ἠώς und ἀϝέλιος d. i. ἠέλιος. Die alte sabinische Cultusstätte des Sol in Rom befand sich dicht bei dem Tempel des Quirinus Quintil. 1, 7 in pulvinari Solis, qui colitur iuxta aedem Quirini , Varro l. l. V, 52, wo man am besten liest: advorsum Solis pulvinar cis aedem Salutis , vgl. K. F. Hermann de loco Apoll. in carm. Horat. sec. p. 8. , vor welchem wohl eben deshalb im J. 293 v. Chr. durch L. Papirius Cursor die erste Sonnenuhr aufgestellt wurde. Nach den Kalendern des Augusteischen Zeitalters feierte man diesen Sol am 9. August, dem Tage der Schlacht bei Pharsalus, und zwar mit dem Beinamen Indiges, der schwerlich so alt ist wie man gewöhnlich annimmt. Höchst wahrscheinlich bedeutet er in dieser Anwendung dasselbe wie Index, denn man glaubte in Rom wie in Griechenland, daß der Sonnengott alles Verborgene wisse, also auch verborgene List und Verrätherei anzuzeigen vermöge. So habe er auch um die Verschwörung gegen Cäsar gewußt und deshalb an 288 dem Tage vor seiner Ermordung von der sechsten Stunde bis zur Nacht sein Haupt verborgen Virg. Georg. 1, 463 ff. und Serv. zu vs. 466 constat autem occiso Caesare in senatu pridie Iduum Martiarum Solis fuisse defectum ab hora sexta usque ad noctem , vgl. Ovid Met. XV, 785. Bei Diod. Exc. Mai. XXXVII, 4 in dem Eide des Drusus ist für τὸν γενάρχην Ἥλιον zu lesen Ἐνυάλιον, s. oben S. 81 . ; daher zu vermuthen ist, daß er erst seit dieser Zeit als Indiges verehrt wurde. Auch die Bilder des Sonnengottes in der Gestalt eines umstrahlten Hauptes und seines Tempels auf den Münzen des Antonius und des Octavian wird man am besten durch diesen Glauben erklären. Außerdem wurde Sol im Circus verehrt, wo sein Tempel in der Mitte der Rennbahn stand Tertull. de Spectac. 8. Vermuthlich am Abhange des Aventin über dem Circus, da die Regionen ihn zwar in der 11. Region, aber neben dem T. der Luna nennen, s. meine Reg. d. St. Rom S. 192. und sein Bild auf dem Giebel des Tempels; ja er war als der göttliche und unermüdliche Wagenlenker am himmlischen Plane der vornehmste Schutzgott dieses alten für die Circensischen Spiele und die Kunst der Wagenlenkung bestimmten Raumes. Auch der Obelisk im Circus war ihm heilig, wie die ägyptische Theologie es verlangte, und häufig erscheint sein Bild auf den Familienmünzen als Wagenlenker, immer jugendlich und mit der Strahlenkrone. Sonst galt auch hier der Glaube an seine allsehende Kraft und Vorsicht, daher sich dieselbe Verherrlichung des Sonnengottes auf Veranlassung einer diesmal vereitelten Verschwörung bei diesem Cultus in der Geschichte des Nero wiederholte, s. Tacit. Ann. XV, 74. Auch werden dem Sol wegen dieser allwissenden Fürsorge nicht selten öffentliche Denkmäler z. B. die Gräber empfohlen Or. n. 4791 Sol tibi commendo qui manus intulit ei . n. 4792 Quisquis ei laesit aut nocuit Severae immerenti, Domine Sol tibi commendo, tu indices eius mortem . Ich glaube daß auch das so oft als Amulet angebrachte und abgebildete Auge ursprünglich als Symbol den Schutz des Sonnengottes ausdrücken sollte. , während ihn andre Inschriften wegen seiner gütigen Hülfe als Sol iuvans anrufen, oder als Sol aeternus d. h. als Bild der Ewigkeit, oder als Sanctissimus d. h. als strahlendes Bild des Lichtes und der Reinheit Or. n. 910. 1928. 4934. , obwohl bei solchen Prädicaten schon der spätere, gegen den Ausgang des Heidenthums sehr weit verbreitete Sonnencultus mit im Spiele ist. Daneben erhielt sich das Bild des Sonnengottes auf Münzen und andern öffentlichen Monumenten als Allegorie des Aufgangs in der geographischen Bedeutung des 289 Ostens, des Sol oriens. So erscheint das Bild oder das Haupt des Sol namentlich auf den Münzen des Vespasian und Trajan, der Sieger über den Orient, und es scheint daß Vespasian in demselben Sinne den Coloß des Nero in den des Sonnengottes umschaffen ließ, als welcher er sich in den folgenden Zeiten erhielt Eckhel D. N. VI p. 335. 439. Vgl. Virg. Aen. V, 739 et me saevus equis Oriens afflavit anhelis , für Sol oriens . Ueber den Coloß des Nero s. Becker S. 220 A. 441. Auf andern Münzen wird dasselbe durch das Bild der Aurora ausgedrückt, welche in ältern römischen Gedichten auch wohl die Tochter des Sonnengottes genannt wurde Fest. p. 197 Obstinet dicebant antiqui quod nunc est ostendit, ut in veteribus carminibus: Sed iam se caelo cedens Aurora obstinet suum patrem. Vgl. Riccio t. 37, 12; 62, 6 und Eckhel D. N. VI p. 442. und auf einem Denar der gens Plautia nach griechischer Weise als Führerin der Sonnenrosse auftritt. 9. Luna und die Gestirne. Auch Luna, welche sich zur Diana verhält wie Sol zum Janus, wurde von der italischen Bevölkerung, wenigstens den Sabinern und Etruskern göttlich verehrt. Denn auch sie wird unter den von T. Tatius verehrten Gottheiten genannt, und auf einem etruskischen Spiegel erscheint Losna d. i. Louna, welches wieder auf lux und lumen zurückweist, mit dem Attribute des Halbmondes neben Pollux, auf einem andern Denkmale als Lala d. i. Lara, Δέσποινα, neben dem Sonnengotte Aplu Gerhard etrusk. Spiegel t. 171, Gotth. d. Etrusk. S. 39 t. II. Losna f. Louna wie casnar für canus. Cic. N. D. II, 27 Luna a lucendo nominata; eadem est enim Lucina . . In Rom gab es einen Tempel der Luna Noctiluca, welcher in der Nacht erleuchtet wurde, auf dem Palatin, und ein altes, oft erwähntes Heiligthum der Luna, wahrscheinlich das von Servius Tullius gestiftete, auf dem Aventin über dem Circus Tacit. Ann. XV, 41, vgl. Liv. XL, 2, Appian bell. civ. 1, 78, Becker Handb. 1, 456. . Als Monatsgöttin wurde sie am letzten Tage des ersten Monates März gefeiert, s. Ovid. F. III, 883, Fast. Praen. Verfinsterungen des Mondes pflegte man nach einem weit verbreiteten Aberglauben mit lärmendem Getöse von ehernen Becken und Blasinstrumenten zu vertreiben, Liv. XXVI, 5, Tacit. Ann. 1, 28. Uebrigens 290 war auch Luna eine circensische Gottheit, weil auch sie wie Sol auf einem Wagen fahrend gedacht wurde, nur daß dem Sonnengotte die prächtige und stolze Quadriga vorbehalten blieb und Luna sich mit der bescheidneren Biga und einem Gespann von Mauleseln begnügen mußte Tertull. de Spectac. 9, vgl. Paul. p. 148 mulus und Anthol. ed. H. Meyer n. 891, 17 Lunae biga datur semper, Solique quadriga, Castoribus simpli rite dicantur equi. . Sol und Luna zusammen aber sind gewöhnliche Bilder der Ewigkeit, er aufsteigend sie niedersteigend, beide mit dem Epitheton aeternus und aeterna, in welcher Weise sie oft neben einander abgebildet, verehrt und pro salute imperii oder pro salute eines Kaisers angerufen wurden Or. n. 1926–29, O. Jahn Archäol. Beitr. S. 89. . Unter den Gestirnen wurde auch in Italien vorzüglich der Morgen - und Abendstern ausgezeichnet. Man nannte ihn Iubar wegen seines strahlenden Glanzes oder weil die Strahlen dieses Glanzes sich mähnenartig ausbreiten Varro l. l. VI, 6, VII, 76, Paul. p. 104, Placid. p. 474. Iubar hieß überhaupt Alles was einen strahlenden Glanz verbreitete, daher man auch iubar solis, lunae, argenti und gemmarum sagte, daher der Stern Iubar bei Serv. V. A. IV, 130 wohl richtig durch Iuvar und stella Iovis erklärt wird. Also wäre auch dieses Wort und vermuthlich auch Iugula d. i. Orion, Paul. p. 104, auf den Stamm Iov zurückzuführen, s. oben S. 165 . , auch Vesper oder Vesperugo, welches Wort aus vesperu einer älteren Form für vesperi entstanden ist Quintil. 1, 7 interim g quoque (adiecta), ut est in pulvinari Solis, qui colitur iuxta aedern Quirini VESPERVG, quod vesperuginem accipimus. Vgl. Plaut. Amphitr. 1, 1, 116 credo ego hoc noctu Nocturnum obdormuisse ebrium und die Inschriften bei Henzen z. Or. n. 5857. 58. , und Nocturnus d. i. den Stern der Nacht, endlich Lucifer, wenn dieser Name nicht erst durch Uebersetzung des griechischen Φωσφόρος entstanden ist. Gewöhnlich galt er für einen Stern der Venus Urania, namentlich als nächtlicher Abendstern, der die Braut zum Bräutigam führt Catull. 62, vgl. Serv. V. A. IV, 130 und Augustin C. D. VII, 15. Nach Varro führte der Venusstern den Aeneas nach Latium, Serv. V. A. II, 801. , hin und wieder und wohl als Morgenstern auch für einen Stern des Jupiter oder der Iuno Lucina. Außerdem veranlaßten wie überall vorzüglich der große Bär, die Plejaden und Hyaden und der Orion zur volksthümlichen Beobachtung und Benennung. Der große Bär hieß bei den italischen Bauern bald plaustrum und dessen Deichsel temo, bald wegen der nächtlichen Umdrehung septem triones, das sind eigentlich sieben Dreschochsen, die auf der 291 Tenne umgehend das Korn dreschen, triones von terere Varro l. l. VII, 73–75, Serv. V. A. 1, 744, vgl. J. Grimm D. M. 688. . Die Pleiaden hießen Vergiliae, nach der gewöhnlichen Erklärung, weil ihr Aufgang mit dem Frühling (ver) zusammenfällt, auch Suculae d. i. ein Rudel kleiner Ferkel und das Gestirn der Palilien (sidus parilicium), weil sie um die Zeit dieses ländlichen Festes erschienen Plin. H. N. XVIII, 26, 246, Fest. p. 372 Vergiliae, Serv. V. A. 1, 744. Vgl. das Kal. Venus. Mai. Non. . Endlich der Orion hieß Iugula, welcher Name verschieden erklärt wurde. 10. Winde und Stürme. Auch die Winde und Stürme wurden in Italien und den westlichen Provinzen häufig verehrt, zu Lande und zur See, als wohlthätige oder gefährliche Dämonen. Unter den wohlthätigen war vor allen beliebt und geehrt der befruchtende Favonius, der dem griechischen Zephyr entspricht und seinen Namen wie der gute Berggeist Faunus von favere hat, denn er wirkte befruchtend wie dieser und brachte, wenn er um die Mitte des Februar zu wehen anfing, die Schwalbe und den Frühling Varro d. r. r. 1, 28. 29. Cic. Verr. II, 5, 10, Horat. Od. 1, 4, 1 Solvitur acris hiems grata vice veris et Favoni. Lucret. 1, 11 genitabilis aura Favoni , V, 735 it ver et Venus et veris praenuntius ante pennatus graditur Zephyrus . Vgl. Plin. H. N. II, 47, 47 und XVIII, 34, 77. . Gefürchtet dagegen waren besonders die Nordwinde, welche mit markdurchbohrender Kälte aus den nördlichen Gebirgen daherfuhren und die junge Vegetation tödteten, der Septemtrio und der Aquilo d. h. der mit Adlersfittigen daherstürmende, ein gewöhnliches Bild für alle stürmende Kraft auch in Griechenland und im Norden Die stürmende Kraft der Nordwinde beschreibt Varro b. Non. Marc. p. 46 v. syrus, Varro Marcipore: Ventique frigido se ab axe eruperant frenetici, Septemtrionum filii, secum ferentes tegulas, tamos, syrus. Vgl. Virg. Ge. III, 196 ff. . Doch waren auch die Südwinde gefährlich, welche dicke Wolken und erschlaffende Hitze mit sich führten, der Auster, welcher im Herbst die meisten Gewitter brachte und deshalb wie Jupiter, Juno und andre Götter mit dem Blitze bewehrt gedacht wurde Lucret. V, 742 Inde aliae tempestates ventique secuntur, altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens . Vgl. Serv. V. A. VIII, 429 Nonnulli vero manubias fulminis his numinibus i. e. Iovi, Iunoni, Marti et Austro vento adserunt attributas. Der Name Auster hängt mit αὔω und austerus zusammen. Vgl. Horat. Od. II, 14, 15; III, 23, 5, Sat. II, 6, 18, Virg. Georg. III, 277 nigerrimus Auster , IV, 261, Macrob. Somn. Scip. II, 5, 20. , und der von Afrika herüber wehende 292 Africus, vollends wenn sie mit den Winden der entgegengesetzten Richtung, dem Aquilo oder den Ostwinden zusammengeriethen Ennius b. Macrob. S. VI, 2, 28, Horat. Od. 1, 3, 12, Epod. X, Virg. Aen. II, 416 ff. . Die wohlthätigen, befruchtenden und beruhigenden Winde wurden mit weißen, die bösartigen Aequinoctial- und Winterstürme mit dunkeln Opferthieren bedacht, gewöhnlich mit Böcken oder Lämmern Horat. Ep. X, 23, Virg. Aen. III, 120, V, 172, Or. n. 1339 Ara Tranquillitatis. 1340 Ara Neptuni, auf der Rückseite Ara Ventorum, vgl. die beiden Windesgötter in den Monum. Archeol. 1855 T. VIII u. IX und p. 50. Mommsen I. N. 5012 Tempest. Sacr. aus Aesernia in Samnium. , und manche Capelle mit manchem Altare mag sich den Stürmen und Winden (tempestatibus ventisque) an den Küsten oder am Fuße hoher Gebirge erhoben haben, z. B. an dem des Apulischen Voltur, welcher für Italien ein so auserwählter Sitz der Winde war, daß er dem Volturius den Namen gegeben. Man glaubte in Italien wie anderswo, daß Stürme und Schlossen durch Zaubergesang sowohl erregt als beschworen werden könnten; in den Weinbergen suchte man sich dadurch zu schützen, daß man im Herbste das geweihte Bild einer gemalten Traube zwischen die Weinstöcke stellte Plin. H. N. XVIII, 29, 70. Vgl. XVII, 28 cum averti carmine grandines credant plerique, cuius verba inserere non equidem serio ausim . Seneca Qu. N. IV, 7 rudis adhuc antiquitas credebat et attrahi imbres cantibus et repelli . . An der Gallischen Küste, vermuthlich zu Narbo, hatte Augustus dem Circius, der mit scharfen Schwingen von dieser Küste übers Meer bis Ostia fuhr und dort wohl selbst die Häuser abdeckte, weil er die Luft reinigte und deswegen der Gesundheit zuträglich war, sogar einen Tempel gestiftet, s. Plin. H. N. II, 47, 46, Seneca Qu. N. V, 17. Werden diese Windesgötter den andern himmlischen Göttern als Trabanten untergeordnet, so ist gewöhnlich Jupiter ihr Herr S. oben S. 170, 278 . Henzen z. Or. n. 5615 I. O. M. autori bonarum tempestatum , aus dem südlichen Frankreich. Auch in dem Fragmente des Etruskers Vegoja ( S. 229 ) sendet Jupiter Stürme und Wirbelwinde. . Doch war ihre Verehrung zur See oder mit Beziehung auf die Schiffahrt, also neben dem Neptun, nicht weniger gewöhnlich, auch bei den Römern, deren Feldherrn deshalb, wenn sie in See stechen wollten, neben den andern 293 Göttern gewöhnlich auch zu den Winden und Stürmen beteten und Spenden oder auch blutige Opfer für sie in die Fluthen versenkten Cic. N. D. III, 20, Lucret. V, 1224 ff., vgl. Virgil. Aen. III, 120 und 527, V, 772 ff., Liv. XXIX, 27, Appian d. b. civ. V, 98, wo Octavian vor dem Aufbruch der Flotte gegen S. Pompejus im Hafen von Puteoli opfert ἀνέμοις εὐδίοις καὶ ἀσφαλείῳ Ποσειδῶνι καὶ ἀκύμονι ϑαλάσσῃ d. h. Ventis Bonis, Neptuno et Tranquillitati . Vgl. die Münze des Commodus b. Eckhel D. N. VII p. 129, wo vor dem Aufbruch der Afrikanischen Flotte Stiere ins Meer versenkt werden. . Selbst in Rom hatten diese Seestürme ein eignes Heiligthum mit bestimmten Opfern bei der porta Capena, wo L. Cornelius Scipio, derselbe dessen Grabinschrift erhalten ist, es gestiftet hatte, wahrscheinlich in Folge eines Gelübdes auf einer Expedition gegen die Sarden und Corsen im J. 259 v. Chr., bei welcher seine Flotte durch die Wuth der Stürme beinahe zu Grunde gerichtet wäre Ovid Fast. VI, 193, vgl. meine Regionen d. St. Rom S. 118. . 294 Vierter Abschnitt. Mars und sein Kreis. Diese Göttergruppe ist in gewisser Hinsicht die interessanteste, weil sie uns nehmlich den tiefsten Blick in das alte nationale Leben der Bevölkerung von Italien thun läßt und von fremden Zuthaten am wenigsten berührt ist. Es ist das centrale Land der Berge und Wälder, auf die wir durch sie zurückgewiesen werden, das Land der Viehzucht und des nomadisirenden Hirtenlebens, die Zeit der ersten Ansiedelung und der kriegerischen Ausbreitung und Eroberung. Zugleich zeigt sich in allen Gottesdiensten dieser Gruppe eine eigenthümliche Verschmelzung von Naturbegeisterung und den Stimmungen des ältesten Volksthums, wie sie das früheste Stadium der Religionen des vorchristlichen Alterthums überhaupt characterisirt. Mars ist der Mittelpunkt und das Haupt des ganzen Kreises, der Gott eines mächtigen und männlichen Naturtriebes, wie er sich vorzüglich im Frühlinge offenbart, und der Gott der kriegerischen Begeisterung schlechthin, der sowohl die alten Umbrer und Sabiner sammt ihren jüngern Stammgenossen als die Latiner und Römer zum Siege führte. Neben ihm stellt sich im Picus, im Faunus, im Silvanus zugleich die Dämonologie des Waldlebens und das Element der natürlichen Inspiration und der ersten Ansiedelung dar, in einer Reihe von weiblichen Gottheiten, welche neben diesen männlichen Göttern verehrt wurden oder dem Wesen nach zu ihnen gehören, derselbe Liebes- und Befruchtungstrieb auf der einen und dieselbe weissagerische und kriegerische Naturbegeisterung auf der andern Seite. Endlich im Pales, dem männlichen und der weiblichen, kommen noch einmal die 295 Stimmungen und Traditionen jenes altitalischen Hirtenlebens, des zu allen Zeiten in dieser Halbinsel weit verbreiteten, zu Tage. Noch eine Eigenthümlichkeit aller dieser Götter und Gottesdienste ist die, daß sich in ihnen eine gewisse Praxis der religiösen Sühne und Weihe ausgebildet hatte, welche bei sehr verschiedenen Gelegenheiten zur Uebung kam und wohl in dem Umstande seine Erklärung findet, daß alle Götter dieses Kreises als Frühlingsgötter und Götter der Befruchtung zugleich solche sind welche den Winter, den Tod und andre im Gedanken sich von selbst anschließende Schrecknisse austreiben und sowohl die Natur als das menschliche Gemüth davon zu befreien die Macht haben. Ein Ideenzusammenhang welcher auch in andern Naturreligionen gewöhnlich ist und in diesem Kreise, namentlich in der Religion des Mars, des Faunus Lupercus, der Pales, in verschiedenen eben so alterthümlichen als eigenthümlichen Gebräuchen sich ausdrückt. 1. Mars. Mars war neben Jupiter der eigentliche Haupt- und Stammgott der italischen Bevölkerung. Sowohl bei den Umbrern wurde er verehrt, wie dieses die Urkunden von Iguvium und andre Denkmäler bezeugen Vgl. die in der Nähe von Iguvium mit einem Bilde des Mars gefundene Inschrift Marti Cyprio b. Or. n. 4950. 51, Henzen n. 5669, oben S. 249 und Sil. Ital. Pun. IV, 220 Gradivicolam celso de colle Tudertem . , als bei den Sabinern, Pelignern, Aequern, Hernikern, Faliskern und Latinern, bei welchen Völkern ihm nach Ovid F. III, 87 ff. ein eigner Monat geheiligt war. Ihm pflegte die alte Gebirgsbevölkerung jene heiligen Frühlinge ihrer Felder, ihrer Weiden und der Landesjugend zu weihen, welche für die älteste Geschichte Italiens so wichtig sind. Von Mars und seinen heiligen Thieren geführt suchte und fand diese geweihte Jugend, sobald sie herangewachsen war, außerhalb der Landesgrenzen eine neue Heimath, die Samniter unter der Führung eines Ackerstiers, die Picenter unter der des Spechtes, die Hirpiner unter der des Wolfes, bis endlich die Mamertiner, der letzte und südlichste Sproß dieses lange anhaltenden Auswanderungstriebes, den Namen und die Verehrung des alten Stammgottes bis hinüber nach Sicilien trugen. Auch die Latiner und vollends die Römer bekannten sich seit alter Zeit vorzüglich zu 296 diesem Gotte. Wie in dem Stammlande der latinischen Aboriginer in einem Orte ein sehr alter Tempel des Mars, in einem andern, Tiora Matiene, ein eben so altes Orakel des Mars genannt wird, wo der Specht auf einer hölzernen Säule sitzend weissagte (Dionys 1, 14), so finden sich entsprechende Anlagen am latinischen Strande zu Laurentum, dem mythischen Königssitze des Picus, dessen Sohn Faunus, der Vater des Latinus, ein Abkömmling des Mars, in der Landessage für den Begründer der Landescultur galt. Rom aber hatte seinen Dienst des Mars sogar aus einer doppelten Quelle bekommen, den Palatinischen Mars mit seiner Umgebung des Picus und Faunus und der Sage von Romulus und Remus von den albanischen Latinern, und den Quirinus d. h. den sabinischen Mars des Quirinals, der später mit dem vergöttlichten Romulus identificirt wurde, von den Sabinern von Cures, welche mit diesem örtlichen Gottesdienste auch den Namen der Quiriten nach Rom gebracht hatten. Der alte Wortstamm des Namens scheint mar oder mas zu sein und die männliche Kraft eines zeugenden und aufregenden Gottes zu bedeuten, welcher in der älteren Zeit auch Naturgott war, aber den späteren Generationen bei einseitiger Auffassung immer mehr zum Kriegsgotte schlechthin geworden ist Vgl. Corssen über die Formen und Bedeutungen des Namens Mars in den italischen Dialekten, Ztschr. f. vgl. Sprachforschung Bd. 2 (1853) S. 1–35. Andre etymologische Erklärungen s. b. Mommsen unterit. Dial. S. 276, welcher die Formen Mavors und Maurs für die ursprünglichen und die Bedeutung des Abwendens und Abwehrens, das avortere, für die primitive hält, und b. Bergk Zeitschr. f. A. W. 1856 n. 17 S. 143, welcher Mars für einen Sonnengott erklärt. Vgl. auch A. Kuhn in Haupt's Zeitschr. f. D. Alterth. V, 491 und L. Meyer z. ältesten Gesch. d. griech. Mythol. S. 47, welche den italischen Mars wie den griechischen Ares für einen Gott des Sturms halten und auf die Sanskr. Wurzel marút Sturm zurückgehn. . Aus mar entsteht durch Reduplication Marmar und Marmor, unter welchem Namen der Gott im Liede der Arvalischen Brüder um Schutz und Segen der Felder angerufen wird. In der Declination ist aus demselben Stamme Mar-s Mar-t-is geworden, dahingegen in der Zusammensetzung mit dem patriarchalischen Ehrenprädicate pater die Form Maspiter Varro l. l. VIII, 49, IX, 75, X, 65. Der Genitiv war nach Priscian Maspiteris oder Maspitris. Vgl. Fest. p. 161 Marspedis sive sine r littera Maspedis in precatione Solitaurilium . auf den Stamm mas zurückweist, Marspiter aber die gewöhnliche Zusammensetzung mit der schon zur Declination vervollständigten Form Mars ist. Aus derselben Form Mars ist ferner durch Einschiebung eines V geworden 297 Maurs, welche sich in einer alterthümlichen Inschrift aus Tusculum erhalten hat Henzen z. Or. n. 5674 M.FOVRIO.C.F.TRIBVNOS.MILITARE.DE.TRAIDAD.MAVRTE.DEDET. , daraus das gewöhnlichere Mavors. Noch andre Bildungen desselben Stamms sind die Eigennamen Marius und Marcius, desgleichen Mamurius, der Name des Schmiedes der Ancilien, die Adjectivbildung einer Nebenform Mamor; endlich im sabinischen und oscischen Dialect der Name des Mamercus, eines Sohns des Numa, von welchem die Mamerci Aemilii ihren Namen ableiteten, und der Volksname der Mamertini, beide von der Nebenform Mamers Paul. p. 131 Mamercus und Mamers, Fest. p. 158 Mamertini, Plut. Numa 8. . Der Wurzelbegriff aller dieser Formen ist wie gesagt die männliche und zeugerische Kraft eines Gottes, welcher sich sowohl in der Natur als unter den Menschen durch kräftigen Trieb und belebende Erregung offenbarte, durch den Frühling in Wäldern und Feldern, durch Befruchtung der Heerden und des ehelichen Bundes, begeisternde Gemüthswirkung, mannhafte Thaten, starkes Heldenthum und siegreiche Kriegsführung. Das hohe Alterthum dieser Religion bestätigt sich durch die Merkmale eines dem Mars geweiheten Baumcultus und einer mit diesem Dienste eng verbundenen Thier- und andrer Symbolik. Auch dem Mars wurden hin und wieder die ältesten Bäume der Vorzeit geheiligt, Eichen, Feigenbäume und andre Bäume Quercus antiqua Marti sacra, Sueton Vespas. 5, Mars Ficanus b. Henzen n. 7194, vgl. oben S. 98 . Auch der angeblich aus einer Lanze des Romulus entsprungene Cornelkirschbaum auf dem Palatin, Plut. Rom. 20, Serv. V. A. III, 46, Arnob. IV, 3, war vermuthlich ein altes Heiligthum des Mars. . Seine beiden heiligen Thiere sind der Wolf und der Specht, jener ein Bild alles grimmigen und gefräßigen Wesens, wie es dem alten Wald und Kriegsgotte am meisten zu entsprechen schien, dieser ein Symbol aller Heimlichkeit des Waldes, wie sie sich in den Orakeln des Mars und des Faunus in dunkeln Stimmen und Sprüchen offenbarte. Der Wolf hieß bei den Römern deswegen schlechtweg lupus Martius oder lupa Martia, sein Bild stand in den Tempeln des Gottes, seine Erscheinung im freien Felde bedeutete die Hülfe des Mars Liv. X, 27, XXII, 1, vgl. Cic. d. Divin. 1, 12, 20, Horat. Od. 1, 17, 9, Virg. Aen. IX, 566, Prop. IV, 1, 55, Justin XLIII, 2, 7, Serv. V. A. 1, 273, II, 355 u. A. Allerlei Aberglaube bei Plin. H. N. XXVIII, 10, 44; 20, 81 und Serv. V. A. IV, 458. Auch glaubte man so gut in Italien wie in Arkadien und Deutschland an Wehrwölfe, s. Varro b. Augustin. C. D. XVIII, 17, Virg. Ecl. VIII, 97, Plin. VIII, 22, 34, Petron. Sat. 62. ; allbekannt ist die 298 Theilnahme der Wölfin an der Rettung und Ernährung der römischen Zwillinge. Was die Bedeutung dieses Symbols betrifft, so wird von den Alten natürlich immer am meisten das Grimmige, Blutige, Tückische, den Heerden und aller menschlichen Ansiedelung Feindliche des Wolfes hervorgehoben. Doch scheint dieses Thier wie in den Religionen und Mythologieen andrer Völker, so auch in Italien neben dieser nächsten Bedeutung des blutigen Mörders die allgemeinere des Wüsten und Unheimlichen überhaupt gehabt zu haben, namentlich die des Winters und seiner allegorischen Nebengedanken: wie andrerseits die Götter, deren Symbol der Wolf ist, nicht blos als seine gleichartigen Herrn und Meister, sondern auch als seine Feinde und Ueberwinder, also als Repräsentanten einer belebenden Naturmacht gedacht werden, namentlich als Frühlingsgötter, wie der griechische Apollo λυκοκτόνος und der römische, zum Kreise des Mars gehörige Faunus Lupercus. Einfacher ist das Bild des Spechtes, des picus Martius, wie er gewöhnlich in Italien hieß, und des in den Sagen und Bildern Italiens wie andrer Völker oft mit ihm verwechselten Wiedehopfes. Immer erscheint er als Waldvogel und Waldgräber schlechthin, der einsam wohnt und gräbt und hackt und um allerlei verborgene Kunde und Schätze weiß, dabei aber auch mit seinem mächtigen Schnabel und dem Büschel auf seinem Haupte den Eindruck eines martialischen Thieres machte Plut. Qu. Ro. 21 καὶ γὰρ εὐϑαρσὴς καὶ γαῦρός ἐστι καὶ τὸ ῥύγχος οὕτως ἔχει κραταιόν, ὥστε δρῦς ἀνατρέπειν ὅταν κόπτων πρὸς τὴν ἐντεριώνην ἐξίκηται. Bei den Griechen heißt der Specht wegen seines Schnabels πελεκᾶς, παρὰ τὸ πελεκᾶν τὰ ξύλα, wie der Schnabel des Wiedehopfs πελεκὺς hieß, s. Plin. X, 18, Aelian H. A. 1, 45, III, 26. Als Schatzgräber erscheint er bei Plaut. Aulul. IV, 8, 1 Pici divitiis, qui aureos montes colunt , vgl. Non. Marc. p. 152. Keltisch bedeutete becco den Schnabel des Hahns, s. Sueton Vitell. 18, vgl. in den romanischen Sprachen becco, bec, bicco. . Sein italischer Name picus (umbrisch peiqu) sollte wahrscheinlich den Schall seiner einsamen Schnabelarbeit im Walde ausdrücken, wenn er als Baumhacker (δρυοκολάπτης) im Walde pickt. In dem latinischen Marsdienste und in den entsprechenden Sagen erscheint er zugleich als Seher und als Krieger, in andern italischen Traditionen vorherrschend als der Prophet des Mars. Die am adriatischen Meere ansässigen Picenter mit der Hauptstadt Asculum, ein Zweig der Sabiner, leiteten 299 bekanntlich ihren Namen davon ab daß ihren Vätern beim Auszuge aus der Heimath der heilige Vogel des Mars als Führer vorangezogen sei Paul. p. 212 Picena regio, Strabo V p. 240. . Außer diesen Thieren des Waldes waren aber auch die der Cultur vorzugsweise dem Mars geheiligt, der Ackerstier und das Streitroß, auch die Heerden der Lämmer und der Schweine; wenigstens wurden ihm von allen diesen Thieren Opfer dargebracht und als eine Auswahl des Heerdenreichthums überhaupt vorzüglich ihm die Suovetaurilien, so daß er also jedenfalls eben so sehr Culturgott gewesen ist, namentlich in den Kreisen der Viehzucht, als blutdürstiger Kriegsgott. Der Ackerstier (bos arator), ein Bild alles Ackerbaus und aller darauf beruhenden Cultur, die Mars als arvalis behütet, schritt den Samnitern als ein von Mars gesendeter Führer voran, als sie gen Süden zogen und die Stadt Bovianum gründeten; das kriegerische Streitroß (equus bellator) wurde dem Mars zu Rom nach altem Brauche bei den Feierlichkeiten des 15. Octb. im Marsfelde geopfert. Auch scheint die Pferdezucht, welche im innern Italien bei den vielen Bergweiden sehr gut gedieh, gleichfalls unter dem Schutze des Mars gestanden zu haben, da ihm die sehr beliebten Wettrennen (Equina) gefeiert wurden. Immer ist dabei vorzugsweise an das edle, das ritterliche Streitroß zu denken, welches in der Schlacht, wenn die Trompete ruft, so begeistert und wie zusammengewachsen mit seinem Reiter dahinstürmt Virg. Ge. III, 83, vgl.Lucret. II, 662 lanigerae pecudes et equorum duellica proles und den Ausdruck equus bellator b. Virg. Aen. X, 891, XI, 89, Prop. IV, 4, 14, Ovid F. 1, 698, II, 12, Met. XV, 368 u. A. Wenn die Dichter von den Rossen des Mars sprechen, so ist immer an seinen Kriegswagen zu denken, s. Virg. Aen. XII, 332, Georg. III, 91, Horat. Od. III, 3, 16, Ovid F. II, 856 u. A. , eine Zierde des Mannes und das Abzeichen des ritterlichen Standes, wie er durch ganz Italien blühte und sowohl den höheren Wohlstand als die feinere Bildung in sich vereinigte. Nur daß als Schutzpatrone dieses ritterlichen Standes auch in Rom sehr früh nach griechischer Sitte die Dioskuren verehrt wurden, dahingegen Mars als kriegerisches Idealbild entweder Gradivus ist d. h. schwerbewaffneter Kämpfer zu Fuß oder nach Art der griechischen Heroendichtung auf dem Kriegswagen kämpft. Den Kriegsgott Mars bezeichnete weiter das alte Symbol der Lanze (hasta, curis), sowohl bei den Latinern als bei den Sabinern, in frühester Zeit vermuthlich die einzige bildliche 300 Vergegenwärtigung des streitbaren Gottes. Daher die heilige Lanze des Mars in der Regia zu Rom, welche man schlechthin Mars nannte (Plutarch Rom. 29) und der sabinische Quirinus, dessen Cultus in dem Institute der Salier zu Rom mit dem des Palatinischen Mars früh verschmolzen wurde; weshalb auch die hastae Martiae der Regia, und dieser Plural ist häufiger als der Singular, höchst wahrscheinlich von zwei Lanzen, einer des Mars und einer des Quirinus, wie diese Götter in dem alten Göttersystem des Numa neben einander erscheinen ( S. 57 ), zu verstehen sind. Es gehörte zu den schwersten und bedeutungsvollsten Prodigien, wenn diese Lanzen sich von selbst bewegten. Der Pontifex Maximus, welcher in der Regia wohnte, mußte darüber alsbald an den Senat berichten, welcher dann die Consuln mit der feierlichen Sühnung zu beauftragen pflegte Gell. N. A. IV, 6, vgl. Jul. Obseq. 60. 96. 104. 107. 110, Liv. XL, 19. . Und zwar war dieses nicht allein in Rom der Fall, sondern auch in andern latinischen Städten, wie die gleichartige Meldung eines solchen Prodigiums aus Präneste bei Liv. XXIV, 10 beweist. In Rom wurden neben jenen heiligen Lanzen der Regia auch die Ancilia der Salier bewahrt und in gleichem Sinne beobachtet, daher auch von ihnen bei solchen Prodigien wiederholt die Rede ist Liv. Epit. LXVIIl, vgl. Iul. Obseq. 104, Dio XLIV, 17, Io Lyd. IV, 42. . Als Gott der Befruchtung war Mars zunächst Frühlingsgott, wie dieses sowohl aus der römischen Märzfeier als daraus erhellt, daß ihm das ver sacrum d. h. der ganze Ertrag des jungen Jahres, namentlich der Monate März und April geweiht zu werden pflegte. Zwar haben die Römer nach ihrer Weise auch den Beginn des neuen Jahres mit dem Märzmonate durch die kriegerischen Eigenschaften des Gottes erklären wollen, s. Fest. p. 150 Martius mensis, Ovid F. 1, 39, III, 79 ff., doch ist der heilige Monat des Mars so deutlich Frühlingsmonat, daß auch dieses nicht verkannt werden konnte Vgl. Ovid F. III, 235 ff., und Isidor Orig. V, 33, 5 Martius – propter Martem Ro. gentis auctorem vel quod eodem tempore cuncta animantia agantur ad mares et ad concumbendi voluptatem. , und sowohl die Art der Feier als die allgemeine Verbreitung dieses Monats bei den Latinern Verrius Fl. Fast. Praen.: Martius ab Latinorum deo Marte. Appellandi itaque apud Albanos et plerosque populos Latii mos idem fuit ante conditam Romam. Vgl. Ovid F. III, 87 ff. , endlich die allgemeine Analogie der Monatsbenennung 301 beweist, daß die Beziehung auf die Natur und die Erneuerung des Jahres die ursprünglichere war. Auch wurde Mars bei vielen andern Gelegenheiten als Gott der natürlichen Production gefeiert, selbst im October, da ihm das Pferd ob frugum eventum dargebracht wurde. So baten auch die Arvalischen Brüder bei der Feier der Dea Dia im Mai den Mars und die Laren der Stadtflur um Schutz und Segen der Aecker und Cato in seiner Schrift über den Landbau nennt den Vater Mars wiederholt unter den mächtigsten Göttern der Viehzucht und des Ackerbaus. Der Viehzüchter soll zum Mars Silvanus im Walde beten und für jedes Stück Rindvieh eine eigne Spende darbringen (83), zum Mars Silvanus aus demselben Grunde, aus welchem in Italien alle Waldgötter zugleich Götter der Viehzucht sind, Faunus, Silvanus und Pales, weil nehmlich die Viehweiden meist im Walde oder zwischen den Wäldern lagen d. h. sogenannte saltus waren Vgl. Varro l. l. V, 36 quos agros non colebant propter silvas aut id genus, ubi pecus possit pasci, et possidebant, ab usu salvo saltus nominarunt; haec etiam Graeci νέμη , nostri nemora. Vgl. L. Spengel üb. d. Kritik d. Varron. Bb. d. ling. lat. Münch. 1854 S. 42. Fest. p. 302 Saltum Gallus Aelius l. II significationum quae ad ius pertinent ita definit: Saltus est ubi silvae et pastiones sunt, quarum causa casae quoque . Si qua particula in eo saltu pastorum aut custodum causa aratur, ea res non peremit nomen saltuis. Auch die Hirtengöttin Pales ist silvicola, Ovid F. IV, 746. . Der Ackersmann aber soll bei der ländlichen Ceremonie der Ambarvalien d. h. der Flurweihe also beten (141): »Vater Mars, ich flehe zu Dir und bitte Dich, daß Du mir, meinem Hause, meinem ganzen Hausstande günstig und gnädig sein wollest: zu welchem Behufe ich die Suovetaurilien um meinen Acker, mein Land, mein Grundstück habe herumführen lassen. Daß Du alle Krankheiten, sichtbare und unsichtbare, alle Seuche und Verheerung, Schaden und böse Witterung abhalten, abwehren und abwenden mögest. Daß Du allen Feldfrüchten, allem Korn und dem Weinberge und Baumgarten gutes Gewächs und gutes Gedeihen gewähren, Hirten und Vieh behüten, und mir, meinem Hause und Hausstande gute Gesundheit und alles Heil verleihen mögest«. Allerdings erscheint Mars bei solchen Gebräuchen zugleich als Verleiher des natürlichen Segens und als averruncus Auch der Deus Averruncus bei Varro l. l. VII, 102, Gellius N. A. V, 12, 14 ist höchst wahrscheinlich Mars. d. h. als Abwender alles Schadens den Krankheit, böse Witterung oder auch der Krieg und andre Calamität 302 den Feldern zufügt. Doch würde ihm und andern Göttern diese Macht der Abwendung nachtheiliger Einflüsse nicht zugeschrieben sein, wenn sie nicht ihrem Wesen nach als gute und segnende Götter gedacht worden wären, wie er denn auch am 25. April bei der Feier der Robigalien neben der Robigo als Schutz gegen den Kornbrand angerufen wurde Tertull. d. Spectac. 5 Post hunc (Romulum) Numa Pompilius Marti et Robigini fecit. Vgl. Ovid F. IV, 907 ff., Plin. H. N. XVIII, 29. . Selbst der Umstand, daß der dem Mars geweihte Monat in den verschiedenen Kalendern in verschiedene Jahreszeiten fiel ( S. 143 ), beweist daß bei den verschiedensten Gelegenheiten zu ihm um den Segen des Jahres gebetet wurde. Noch deutlicher wird diese Beziehung des Mars zur Natur der Dinge und zur Erneuerung des Jahrs hervortreten, wenn wir die verschiedenen Göttinnen ins Auge fassen, mit welchen ihn der Cultus und die in seinem Kreise gleichfalls besonders lebendige Mythologie der Römer in eine nähere Verbindung setzte. Zunächst gehört dahin die Juno , sowohl als Geburtsgöttin (Lucina) als als Göttin der Ehe, daher Mars sowohl an den Kalenden des März als an denen des Juni von den Matronen neben der Juno gefeiert wurde. Die mythologische Begründung ist unklar Ovid F. III, 169 Cum sis officiis Gradive virilibus aptus, Dic mihi matronae cur tua festa colant. Vgl. VI, 191 und Verr. Fl. Fast. Praen. 2. März. Ovid giebt F. III, 231 ff. verschiedene Erklärungen. , doch scheint es wohl daß man sich später die Juno nach griechischer Weise als Mutter des Mars und den ersten März als seinen Geburtstag dachte; wozu das Mährchen erzählt wurde, daß Juno durch die Berührung einer wunderbaren Frühlingsblume, also ohne Mitwirkung des Jupiter die Mutter des Mars geworden sei Ovid F. V, 253. Die Einkleidung der Fabel ist ganz griechisch. Doch wurde Iuno Lucina mit einer Blume in der Hand abgebildet ( S. 244 ) und die Frauen trugen in jenen Tagen Frühlingsblumen in ihren Tempel. Einige erklärten sogar den Namen Gradivus, quia gramine sit ortus. Paul. p. 97. . Der wirkliche Grund mag darin gelegen haben, daß Mars in älterer Zeit und namentlich bei den Sabinern auch als Schutzgott der Ehe und des ehelichen Lebens verehrt wurde, in welcher Hinsicht sein Verhältniß zur Nerio besonders merkwürdig ist. Dieses war eine sabinische Göttin (Nerio Nerienis, wie Anio Anienis), welche bald für die Minerva bald für die Venus erklärt wird, also sowohl die Eigenschaften einer kriegerischen als einer befruchtenden Liebesgöttin gehabt haben 303 muß. Dem Namen nach entsprach sie meist der römischen Virtus, denn Nero bedeutete in der sabinischen Sprache i. q. fortis und strenuus, beide Wörter aber, Nero und Nerio, auch das umbrische nerf der iguvinischen Tafeln, sind zurückzuführen auf den Sanskritstamm nar (nr), mit dem auch das griechische ἀνήρ zusammenhängt Gell. N. A. XIII, 23 (22), Sueton Tib. 1, Io Lyd. d. Mens. IV, 42, vgl. Pott etymol. Forsch. 1, 106, Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachdenkm. 2, 157, Ebel in der Zeitschr. f. vgl. Sprachf. 1, 307 u. A. Auch die Namen Nerius, Neria, Neratius gehören dahin. . Als die Gattin des Mars und als sabinische Schutzgöttin der Ehe erscheint sie in einem merkwürdigen Bruchstücke älterer römischen Annalen, wo Hersilia bei der bekannten Intercession der Sabinerinnen während des Kampfes der Römer und Sabiner also betet: Neria Martis te obsecro, pacem da, te uti liceat nuptiis propriis et prosperis uti, quod de tui coniugis consilio contigit uti nos itidem integras raperent, unde liberos tibi et suis, posteros patriae pararent Gellius a. a. O. Vgl. Roeper im Philologus 1852 S. 591. : wobei wieder zu bedenken ist daß der Raub nur eine alte Form der Brautwerbung war, daher Mars als Anstifter dieses Raubes und Gemahl der Nerio gleichfalls ein Schutzgott und Anstifter der Ehe gewesen sein muß; wie denn auch die matronale Feier des Mars und der Juno am 1. März nach Ovid desselben Raubes der Sabinerinnen dachte ( S. 245 ). Ja es scheint wohl daß die Ehe des Mars und der Nerio selbst in dieser Hinsicht vorbildlich d. h. eine durch Raub geschlossene war; wenigstens wissen verschiedene Schriftsteller von einer heftigen, aber abgewiesenen Liebe des Mars zur Nerio oder Minerva Porphyrion z. Horat. Ep. II, 2, 209 Maio mense religio est nubere et item Martio, in quo de nuptiis habito certamine a Minerva Mars victus est et obtenta virginitate Minerva Nerine est appellata. Vgl. Martian. Cap. 1, 3, 1 certumque esse Gradivum Nerienis coniugis amore torreri . Io Lyd. d. Mens. IV, 42, am 23. werde das Tubilustrium gefeiert, καὶ τιμαὶ Ἄρεος καὶ Νερίνης, ϑεᾶς οὕτω τῇ Σαβίνων γλώσσῃ προσαγορευομένης, ἣν ἠξίουν εἶναι τὴν Ἀϑηνᾶν ἢ καὶ Ἀφροδίτην. Vgl. die M. der Gellia b. Riccio t. 21, 1. 2. , während eine Familienmünze der Gellier nach der wahrscheinlichsten Erklärung sogar den Raub der Nerio durch Mars darstellt, dessen Gattin sie auch bei Plautus und andern älteren Dichtern genannt wird Plaut. Trucul. II, 6, 34 Mars peregre adveniens salutat Nerienem uxorem suam. Vgl. das Fragm. eines älteren Komödiendichters Gellius Imbrex b. Gell. a. a. O. Nolo ego Neaeram te vocent, set Nerienem, cum quidem Mavorti es in connubium data. Aus Ennius im ersten Buche der Annalen wird angeführt: Nerienem Martis, aus Varros Satiren der Vocativ Nerienes. . Noch mehr, auch die gelegentlich erwähnte Here Martea , welche 304 neben dem Mars verehrt wurde Paul. p. 100 Herem Marteam antiqui accepta hereditate colebant, quae a nomine appellabatur heredum et esse una ex Martis comitibus putabatur. Zu vergleichen ist Çerfus Martius und ähnliche Namen in den iguvinischen Urkunden s. Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachdenkm. 2, 265. , kann von der Nerio nicht wesentlich verschieden gewesen sein, nur daß sie mehr jener andern Seite dieser Göttin entsprach, weswegen dieselbe mit der Venus verglichen wurde. Denn der Name Here wird auf denselben Stamm zurückzuführen sein, zu welchem auch die Herie Iunonis und Hersilia, ferner Herentas d. i. Venus, wahrscheinlich auch die lateinische Quellengöttin Ferentina gehört, denselben der in dem oscischen Worte herest d. i. volet hervortritt, so daß also jene Here Martea eine dem Mars gesellte Göttin der Liebe und des Verlangens gewesen sein muß, wie Hersilia in ähnlicher Bedeutung neben dem Quirinus verehrt wurde. Endlich ist hier des anmuthigen Mährchens vom Mars und der Anna Perenna zu gedenken, zumal da es gleichfalls die Festlichkeiten des Märzmonates betrifft und indirect auf das Bündniß des Mars mit der Nerio zurückweist. Ovid. F. III, 523 ff. hat uns eine lebendige Schilderung von der Feier der Anna Perenna hinterlassen, welche an den Iden des März, also um die Zeit des ersten Vollmonds im neuen Frühlinge, in dem Haine der Göttin am Tiber begangen wurde; derselbe befand sich von der p. Carmentalis an gerechnet beim ersten Meilensteine der via Flaminia, also wahrscheinlich nicht weit von der p. del Popolo Kal. Vatic. z. 15. März: Feriae Annae Perennae Via Flam. ad lapidem primum . Von demselben Haine spricht Martial. IV, 64, 16 ff, wo das illic nicht auf den Hain der Anna Perenna zu beziehn ist, sondern auf den Punkt der Aussicht aus dem beschriebenen Garten auf dem Janiculus. . Das Volk zog an jenem Tage hinaus in diesen Hain, warf sich gruppenweise ins grüne Gras, zechte und war guter Dinge, Einige unter freiem Himmel, Andre in Zelten und Lauben. So oft sie tranken, so viele Jahre wünschten sie einander, wobei natürlich Viele über den Durst tranken. Dazu sangen sie die neuesten Weisen, gesticulirten mit beiden Armen, führten taumelnd allerlei Tänze auf, derbe Bursche und geputzte Mädchen, wie man sie bei ähnlichen Volksfesten noch jetzt in Rom beobachten kann. Wenn sie endlich heimzogen, lachten die Begegnenden und freueten sich der lärmenden Neujahrsfeier, welche Laberius in 305 seinen Mimen durch ein eignes nach der Anna Perenna benanntes Stück verherrlicht hatte. Die Erklärung, was dieser Name zu bedeuten habe, fiel in der gelehrten Zeit des Ovid natürlich sehr verschieden aus. Die Gebildeten dachten gewöhnlich an Anna, die Schwester der Dido, von welcher man erzählte daß sie nach dem Tode ihrer Schwester aus Karthago vertrieben und übers Meer an die latinische Küste verschlagen sei. Hier habe Aeneas sie freundlich aufgenommen, Lavinia aber durch ihre Eifersucht so erschreckt, daß sie in der Nacht aus dem Fenster springt, hinab ins Thal rennt und sich in den Numicius stürzt, neben welchem sie fortan als Nymphe verehrt wurde Aus dem Flusse ertönt, als sie gesucht wird, eine Stimme: placidi sum nympha Numici, Amne perenne latens Anna Perenna vocor. . Andre erklärten sie für den Mond (v. 657 sunt quibus haec luna est, quia mensibus impleat annum), Andre für die Themis als Mutter der Horen, noch Andre für die Io, wieder Andre für eine Atlantide und für die Nährerin des Jupiter, bei welcher Erklärung die griechische Vorstellung von den fruchtbaren Plejaden und Hyaden im Spiele ist. Andre wollten wissen, die Feier gelte dem Andenken eines guten Mütterchens aus Bovillae, welche beim Auszuge der Plebs auf den heiligen Berg für die darbende Menge mit geschickter Hand Brod gebacken und das frische und noch dampfende früh Morgens unter den Lagernden ausgetheilt habe: vermuthlich eine Erzählung aus Bovillae, wo man die gute Mutter Anna als eine fruchtspendende Göttin verehren mochte. Ganz seltsam aber sei der Inhalt der Lieder, welche die Mädchen bei jenem Feste unter derben Scherzen zu singen pflegten. Mars habe der Anna seine Liebe zur Minerva d. h. zur Nerio gestanden, Anna ihre Hülfe versprochen. Da habe sich das Mütterchen anstatt ihm zu helfen in der Gestalt jener Göttin und in bräutlicher Verkleidung in seine Kammer geschlichen und den brünstigen Gott hintergangen, der darüber sehr böse geworden sei; aber Anna habe ihn weidlich ausgelacht und Venus sei über das seltsame Paar ganz entzückt gewesen. Also jedenfalls eine nährende und befruchtende Göttin des Frühlings und des jungen Jahrs, bald als alterndes Mütterchen gedacht bald als ein schönes und reizendes Mädchen; auch erscheint ihr Kopf auf den Münzen der Annia et Tarquitia als ein jugendlicher, mit einem Diadem und reichem Haar und Ohrenschmuck. Die Erklärung kann schwanken zwischen der von amnis perennis d. h. der aus beständiger Quelle fließenden Strömung, da sie in Rom am Tiber 306 und bei Lavinium am Numicius verehrt wurde und zwar um die Mitte des März, wenn die Quellen von neuem fließen und alle Flüsse sich von neuem füllen So erklärt Mommsen unterit. Dial. S. 248. . Oder aber, und dieses scheint mir das Richtigere, Anna ist die wechselnde Mondgöttin des laufenden Jahres, die in jedem Monate alt ist und wieder jung, vollends in dem Frühlingsmonate März, wo sie nicht ohne Grund grade zur Zeit der Iden d. h. des Vollmonds als Freudenspenderin und als Buhle des Mars mit ausgelassener Lustbarkeit gefeiert wurde. Der Name entspricht genau dem griechischen ἔνη καὶ νέα d. i. Alt- und Neu-Mond, daher ἔνος d. i. annus und ἐνιαυτός, δίενος τρίενος d. i. biennis triennis, vgl. ἔναι ἀρχαὶ die Obrigkeiten vom vorigen Jahre im Gegensatze zu den neugewählten. So ist auch Anna Perenna oder Peranna die Alte und die Junge, immer mit specieller Beziehung auf Jahres- und Mondeswechsel, daher man ihr öffentlich und privatim mit dem Gebete ut annare perennareque commode liceret opferte Macrob. S. 1, 12, 6 vom März: eodem quoque mense et publice et privatim ad Annam Perennam sacrificatum itur, ut annare perennareque commode liceat. Vgl. Varro in einer seiner Satiren bei Gell. N. A. XIII, 22 Te Anna ac Peranna, Panda te, Lato, Pales, Nerienes [et] Minerva, Fortuna te ac Ceres. und bei jener lustigen Feier in ihrem Haine in so vielen Zügen einander zutrank als man sich Jahre zu leben wünschte. Auch wird sich weiterhin in dem Mamurius Veturius der Mamuralienfeier an dem Vortage der Iden des März eine Gestalt von entsprechender Bedeutung nachweisen lassen. Selbst die Verehrung dieser Göttin an Flüssen und Bächen und ihr Verschwinden im Numicius tritt erst so in das rechte Licht, da die Mondgöttinnen immer das Wasser lieben und das Abnehmen und Verschwinden des Mondes wiederholt auf dieselbe Weise motivirt wird, z. B. wenn die kretische Diktynna vor der Liebe des Minos ins Meer springt. Der kriegerische Character des Mars braucht neben diesen Beziehungen zum Naturleben kaum besonders hervorgehoben zu werden, so sehr ist derselbe mit der Zeit im Bewußtsein der Alten zur Hauptsache geworden. Doch mögen auch hier die wichtigsten Thatsachen des älteren und des nationalen Gottesdienstes zusammengestellt werden. Von den Symbolen und Attributen dieses Mars ist schon die Rede gewesen, dem grimmigen Wolf, dem zugleich kriegerischen und weissagerischen Specht, dem Streitroß und dem Speere. 307 Außerdem gehört dahin das Institut der Salier mit der hüpfenden Bewegung (a saliendo) des kriegerischen Waffentanzes, der über die ganze alte Welt verbreiteten Pyrrhiche, wie dieselbe auch sonst bei den Latinern und überhaupt in Italien seit alter Zeit einheimisch war und im Dienste des Mars, des Hercules und andrer kriegerischer Götter geübt wurde. Denn auch in Tibur und in Tusculum gab es seit sehr alter Zeit Salier, zu Tibur im Dienste des Hercules; namentlich wußte man von einem großen Siege der Tiburtiner über die Volsker, bei dessen Feier die Salier mit ihren altherkömmlichen Waffentänzen hervorgetreten waren. Ferner wurde ein König der Vejenter Morrius als Stifter einer Feier der Salier zu Ehren seines Ahnherrn Alesus, des Eponymen der Falisker genannt, dessen Lob in den Liedern dieser Salier gesungen wurde Serv. V. A. VIII, 285. Daß Mars einer der wichtigsten Götter von Falerii war, folgt aus Ovid F. III, 89. Salier in Alba s. Or. n. 2247. 2248, in Lavinium, Mommsen I. N. n. 2211. Dionys II, 71 vergleicht mit dem Tanze der Salier ganz richtig den κουρητισμὸς der ludiones bei der Prozession der römischen Spiele und im Theater: ἐπιχώριον δὲ Ῥωμαίοις καὶ πάνυ τίμιον ὁ κουρητισμός, ὡς ἐκ πολλῶν μὲν καὶ ἄλλων ἐγὼ συμβάλλομαι, μάλιστα δ’ ἐκ τῶν περὶ τὰς πομπὰς τάς τε ἐν ἱπποδρόμῳ καὶ τὰς ἐν τοῖς ϑεάτροις γινομένων· ἐν ἁπάσαις γὰρ αὐταῖς πρόσηβοι κοῦροι χιτωνίσκους ἐνδεδυκότες ἐκπρεπεῖς, κράνη τε καὶ ξίφη καὶ πάρμας ἔχοντες στοιχηδὸν πορεύπονται, καί εἰσιν οὗτοι τῆς πομπῆς ἡγεμόνες, καλούμενοι πρὸς αὐτῶν – ludiones , εἰκόνες ὡς ἐμοὶ δοκεῖ τῶν Σαλίων. . Solche Lieder pflegen immer einen mythischen oder historischen Inhalt zu haben, und so mögen denn auch, wie die Salier von Tibur jenes Sieges über die Volsker gedachten, die von Rom des Romulus und T. Tatius, so die von Veji das Andenken jenes alten Königs Morrius erhalten haben, dessen Name dem des Mars (Mamor, Mamurius) verwandt zu sein scheint und dessen Abstammung von Falerii vermuthen läßt, daß von diesem Orte aus einmal eine ähnliche Eroberung und Erneuerung von Veji erfolgt war, wie sie in Rom von dem sabinischen Cures aus erfolgte. Genug in allen diesen Städten und wohl noch in vielen andern gab es seit unvordenklicher Zeit Sodalitäten der Salier, welche bei besondern Veranlassungen mit Opfern und Gebeten für das Wohl ihrer Stadt hervortraten und dazu den alten nationalen Waffentanz aufführten und Lieder sangen, in denen sich die Erinnerung an die Sagen und Thaten der Vorzeit fortpflanzten, vornehmlich immer im Culte des Mars, welcher Gott ohne Zweifel selbst als Salier gedacht wurde. Ja er wird in dem alten Liede der Arvalischen Brüder als solcher 308 geschildert: Satur furere limen sali , sta berber d. h. Satt vom Rasen spring über die Schwelle und stelle die Geißel: eine Aufforderung das kriegerische Toben der Schlacht vom Kriegswagen herab zu lassen und im Waffentanze triumphirend heimzukehren in die friedliche Stadt und in seinen Tempel, wo er die Geißel einstweilen aus der Hand legen möge Vgl. Ovid F. III z. A. Bellice depositis clipeo paulisper et hasta Mars ades et nitidas casside solve comas. . Auch entspricht diesem Mars der Salier der oft genannte Mars Gradivus , ein altes von dem Sturmschritt der Schlacht hergenommenes Epithet des Kriegsgottes Paul. p. 97 Gradivus Mars appellatus est a gradiendo in bello ultro citroque. Serv. V. A. III, 35 Gradivum , ϑούριον Ἄρηα i. e. exsilientem in proelia . . So erschien der Gott den Römern in einer heißen Schlacht gegen die vereinigten Bruttier und Lucaner im J. 472 d. St. (282 v. Chr.), als der Consul nicht anzugreifen wagte. Da schritt ein Jüngling mit der Sturmleiter voran mitten durch die Feinde bis zu ihrem Lager, dessen Wall er rasch erstieg, um von der Höhe herab seine Römer zum muthigen Sturme herbeizurufen, bei welchem er selbst dann so fürchterlich wüthete, daß die Zahl der getödteten und gefangenen Feinde alles Maaß überstieg. Als man am andern Tage nach dem Krieger mit doppeltem Helmbusch, den Alle gesehen hatten fragte, war er verschwunden und es blieb nichts übrig als den Gott mit Dankgebeten zu feiern Val. Max. 1, 8, 6, Ammian. Marc. XXIV, 4, 24, Liv. Epit. XI. . Auch der Mars vor der p. Capena in Rom war der Gradivus, s. Liv. XXII, 1, Serv. V. A. 1, 292. Die Dichter beschreiben ihn nicht selten, wie er bald zu Fuß bald zu Wagen in der Schlacht erscheint, umgeben von der Bellona und seinen Gesellen, dem Pavor und Pallor, welche seit Tullus Hostilius in Rom verehrt wurden, obwohl bei solchen Beschreibungen sonst die Vorbilder des griechischen Epos einzuwirken pflegen Virg. Aen. VIII, 700 ff., XII, 331 ff., vgl. Sil. Ital. IV, 430 ff. u. A. Ob die Molae oder Moles Martis , deren Gellius XIII, 23 (22) nach alten römischen Gebetsurkunden gedenkt, sich auf den Krieg bezogen, muß dahingestellt bleiben. Vgl. den Iupiter Pistor oben S. 173 . . Auf den römischen Familienmünzen, bei denen wenigstens einheimische Vorbilder vorauszusetzen sind, obwohl auch diese meist von griechischen Künstlern gearbeitet gewesen sein mögen, erscheint Mars immer jugendlich und behelmt, der Helm oft sehr schön verziert und mit einem stolzen Federbusch versehen, welcher auch in Italien der gewöhnliche Schmuck des Helmes war Vgl. Liv. IX, 40 in der Schilderung der auserlesenen Samniter: galeae cristatae, quae speciem magnitudini corporum adderent und den Helm des Romulus bei Virg. Aen. VI, 779 viden' ut geminae stant vertice cristae? . 309 Oder sie zeigen ihn auf sturmschnell dahin eilendem Zwei- oder Viergespann, die Lanze schwingend oder mit dem Siegeszeichen der Spolien. Dieser kriegerische Mars war es auch, der in der gewöhnlichen, beinahe von Jahr zu Jahr wiederholten und durch so viele ruhmvolle Erinnerungen geheiligten Kriegspraxis der Römer vor jedem Auszuge der Bürger und vor und nach jeder Schlacht durch Gebet und Opfer, Gelübde und Gaben des Dankes und in seinem Namen ertheilte Auszeichnungen verdienter Krieger gefeiert wurde, daher er zuletzt sowohl in dem öffentlichen als in dem Familienleben der Römer neben dem Capitolinischen Jupiter der eigentliche Staats- und Nationalgott geworden und mit allen Momenten der römischen Geschichte von ihrem Ursprunge an aufs innigste verwachsen war. Beim Ausbruch jedes Krieges wurde er feierlich zur Theilnahme aufgefordert, indem der Feldherr der Legionen in das alte Heiligthum der Regia ging und dort zuerst an die Ancilia, dann an den Speer des Mars schlug und dazu den feierlichen Ruf Serv. V. A. VIII, 3 vgl. VII, 603 und Virg. Aen. X, 228 Vigilasne deum gens Aenea? Vigila et velis immitte rudentes. ertönen ließ: Mars vigila! Auch während des Feldzuges und vor der Schlacht wurde ihm viel geopfert (Sueton Octav. 1), und in seinem Namen vorzüglich wurden auch die kriegerischen Ehren nach erfochtenem Siege ertheilt, namentlich die höchste aller militärischen Auszeichnungen, die corona graminea oder obsidionalis, welche immer nur von dem ganzen Heere und zwar nach der Errettung aus einer verzweifelten Gefahr dem Retter in der Noth ertheilt wurde. Das Gras zu diesem Kranze wurde von dem Boden des Platzes genommen, wo das errettete Heer sich in so verzweifelter Lage befunden hatte: eigentlich ein sinnbildlicher Ausdruck der völligen Uebergebung dieses Platzes an den Erretter Plin. H. N. XXII, 3, 4 namque summum apud antiquos signum victoriae erat herbam porrigere victos h. e. terra et altrice ipsa humo et humatione etiam cedere, quem morem etiam nunc durare apud Germanos scio. Vgl. die Formel Herbam do in der Bedeutung victum me fateor, cedo victoriam , Serv. V. A. VIII, 128, Paul. p. 66, Placid. p. 470 und Michelsen über die festuca notata S. 12. 20. 23. Auch bei den Verbenen der Fetialen scheint ein ähnlicher Zusammenhang zu Grunde zu liegen, s. oben S. 219 . , denn das Gras oder sonst ein Theil des Bodens pflegt bei derartigen symbolischen Handlungen den Boden selbst zu bedeuten; daher die 310 Angabe, daß das Gras dem Mars heilig gewesen sei Serv. V. A. XII, 119, Paul. p. 97. , ihren Grund nur entweder in dieser herkömmlichen Symbolik der feierlichen Uebergabe eroberter Gebiete oder in jenem Ehrenzeichen der corona graminea haben kann. Auch scheint es bei dieser seit dem Vorgange des größten Helden der römischen Kriegsgeschichte, des L. Siccius Dentatus, herkömmlich geworden zu sein daß der mit dieser höchsten Ehre Ausgezeichnete dem Mars ein feierliches Dankopfer darbrachte Varro bei Fulgent. p. 560 et ipsum primum sacrum fecisse Marti . Vgl. Plin. H. N. VII, 28, Val. Max. III, 2, 24 und Liv. VII, 37, Plin. XXII, 5, 5, wo P. Decius dem Mars einen ihm vom Consul geschenkten auserlesenen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern opfert, die übrigen 100 Ochsen des Ehrengeschenks aber seinen Kameraden in der Schlacht überläßt. . Auch von der Beute pflegten immer gewisse Stücke dem Mars dargebracht zu werden, daher der Ausdruck aere Martio von der Beute in einer alterthümlichen Inschrift aus Cora Zeitschr. f. A. W. 1845 S. 787. . So pflegte man ihm auch Spolien und die in der Schlacht getragenen Waffen zu weihen Propert. IV, 3,71 armaque quae tulero portae votiva Capenae . Sehr oft wird Mars auf den römischen Münzen als tropaeophorus abgebildet. . Ueberhaupt wurde dieser Mars je länger desto mehr zum Schutzpatron des gesammten Waffenhandwerks und von allem was damit zusammenhing, also der Soldaten, der Gladiatoren und was sich sonst dazu bekannte; daher die von den Inschriften hin und wieder erwähnte Verehrung eines Mars Campester und Militaris der römischen Lager und Legionen, denn campus ist nach römischem Sprachgebrauche speciell campus Martius, das militärische Uebungsfeld Or. n. 1355. 1356. 3496, Henzen n. 5672. Das Amphitheater war dem Mars und der Diana geweiht, weil dort außer den Kämpfen der Gladiatoren auch die Hetzjagden der wilden Thiere gegeben wurden, s. Tertull. de Spectac. 12. . Andre Inschriften, auch die Münzen, nennen Mars mit Hinsicht auf die verschiedenen Wechselfälle der Schlacht und des Krieges Custos, Conservator, Invictus, Victor, Pacifer d. h. den durch Krieg zum Frieden führenden, als welcher sein Bild zugleich bewehrt und mit dem Oelzweige geziert war, Amicus et Consentiens u. s. w. Nur Jupiter war auch in solchen Fällen über ihm, theils als höchster Entscheider der Schlacht und des Sieges ( S. 176 ) theils als höchster Schwurgott sowohl bei allen kriegerischen als bei allen friedlichen Veranlassungen. So wurden 311 nach einem Gesetze Numas die höchsten Spolia opima dem Jupiter Feretrius, die zweiten dem Mars, die dritten dem Janus Quirinus mit gewissen vorgeschriebenen Opfern geweiht (Fest. p. 189) und selbst in solchen Fällen, wo die heiligen Speere in der Regia sich bewegt hatten (Gell. N. A. IV, 6) und sonst bei kriegerischen Veranlassungen wurde zuerst dem Jupiter, dann dem Mars geopfert, ganz in der seit Numa herkömmlich gewordenen Folge der Götter. Und so mag in ähnlichen Fällen auch bei beiden geschworen sein, nur daß auch dann immer Jupiter der höchste Gott blieb. Selbst bei dem merkwürdigen und alten, durch ganz Italien verbreiteten Kriegsgebrauche, in besondern Fällen heilige Schaaren zu bilden, deren Mitglieder sich unter den furchtbarsten Eiden zum absoluten Gehorsam gegen den Feldherrn und zum Kampfe auf Leben und Tod verpflichteten, wurde Jupiter vor allen übrigen Göttern der alten Schwur- und Verwünschungsformel genannt Liv. IV. 26, IX, 39, X, 38. Vgl. den gleichartigen Fall bei Liv. II, 45 Centurio erat M. Flavoleius, inter primores pugnae flagitator. Victor, inquit, M. Fabi revertar ex acie. Si fallat, Iovem Patrem Gradivumque Martem aliosque iratos invocat deos. . Was endlich die einzelnen Acte, Veranlassungen und Heiligthümer des römischen Mars betrifft, so waren von den letzteren die beiden ältesten das in der Regia und das im Marsfelde; wenigstens scheinen beide aus der Zeit des Numa herzurühren. Das in der Regia, wo sich die heiligen Speere und die Ancilien befanden, wird wiederholt sacrarium, einmal sacrarium Regiae genannt, so daß es als innerstes Heiligthum dieses alten priesterlichen Königssitzes zu denken sein wird, in welchem unter der Oberaufsicht des Pontifex Maximus jene alten Symbole der Vorzeit aufbewahrt wurden, später aber auch ein Pulvinar des Mars und sogar ein vollständiges Bild des Gottes mit einer Lanze in der Hand aufgestellt zu sein scheint Gell. N. A. IV, 6, Iul. Obseq. 78, Serv. V. A. VIII, 3, vgl. Becker Handb. I, 228 ff. Auch bei Iul. Capitolin. Antonin. Ph. 4 ist vermuthlich von diesem sacrarium Regiae die Rede. . Im Marsfelde bildete ein alter, schon in einem Gesetze des Numa erwähnter und ziemlich in der Mitte des Feldes gelegner Altar Vgl. Fest. p. 189 a 16 und meine Regionen der St. Rom S. 171 ff. den religiösen Mittelpunkt der dortigen Octoberfeier und der bei jedem Lustrum vorgenommenen Reinigung der bewaffneten Bürgerschaft, welche mit einem Opfer des Mars beschlossen wurde. Das Marsfeld selbst war bekanntlich die alte, dem Mars geweihte Uebungsstätte 312 für die körperlichen, kriegerischen und ritterlichen Uebungen der römischen Jugend. Ein schönes, seit der Vertreibung der Tarquinier vom Quirinal bis zum Flusse sich hinstreckendes Feld, welches mit der Zeit, namentlich seit August und unter den Kaisern bei fortgesetztem Anbau freilich sehr beengt und eingeschränkt wurde; doch haben jene Heiligthümer der Mitte, der alte Altar, neben welchem später auch verschiedene Tempel des Mars erwähnt werden Dio LVI, 24, Ovid F. II, 858, vgl. Becker a. a. O. S. 630. , eine Rennbahn für die Rennen, ein größerer Platz, welcher zu gymnastischen und militärischen Uebungen diente und nicht bebaut werden durfte, sich bis in die letzten Zeiten des alten Roms erhalten. Endlich ein drittes, wahrscheinlich auch sehr altes Heiligthum des Mars befand sich beim ersten Meilensteine vor der p. Capena an der südlichen Hauptstraße, der via Appia, in einer Gegend wo sich bald eine lebhafte Vorstadt bildete Der Tempel lag gleich vor der spätern p. Appia, jetzt p. S. Sebastiano. Die ganze Vorstadt hieß ad Martis. Vgl. Becker S. 511, meine Regionen S. 116, Canina im Bullet. Arch. Ro. 1850 p. 85. . Es ist dasselbe Heiligthum des Gradivus, dessen ich bereits erwähnt habe; der Tempel, worin das Bild des Gottes zwischen zwei Wölfen stand, scheint gleich nach dem Abzuge der Gallier geweiht worden zu sein (Liv. VI, 5), was die ältere Existenz eines Haines oder eines Altares nicht ausschließt. Seine überwiegend kriegerische Bestimmung zeigt sich auch darin daß Waffen und Stücke der Beute vorzüglich dahin geweiht wurden, so wie bei andern Gelegenheiten Vgl. Propert. IV, 3, 71 und die alterthümliche, in jener Gegend gefundne Inschrift b. Grut. p. 56, 7, Mommsen I. N. n. 6766 MARTEI | m. CLAVDIVS M. f. | c ONSOL DED et. Dort versammelt sich die junge Mannschaft bei Liv. VII, 23, dort beginnt der Zug der Ritter b. Dionys VI, 13. Später wurde dort ein arcus Traiani und andre Triumphbögen errichtet. Es war eben der Haupteingang von der Südseite. . Der Umstand daß diese beiden dem Publicum am besten bekannten Heiligthümer, das im Marsfelde und das der Via Appia, sich außerhalb der Stadt befanden, das eine in der südlichen das andre in der nördlichen Vorstadt, hatte sogar mit der Zeit die unbegründete Meinung zur Folge, daß Mars als Kriegsgott vor August in der Stadt gar nicht verehrt worden sei Serv. V. A. 1, 292, vgl. Vitruv. 1, 7 Marti extra urbem, sed ad campum . . Und doch scheint selbst jener Mars vor der p. Capena kein bloßer Kriegsgott gewesen zu sein, sondern in älterer Zeit auch für einen befruchtenden Gott gegolten zu haben, da bei seinem Tempel der sogenannte 313 lapis manalis aufbewahrt wurde, ein Cylinder welchen die Priester in Zeiten großer Dürre durch die Stadt schleiften, worauf wie man glaubte alsbald Regen erfolgte Paul. p. 123 Manalem vocabant lapidem etiam petram quandam, quae erat extra p. Capenam iuxta aedem Martis, quam quum propter nimiam siccitatem in Urbem pertraherent, insequebatur pluvia statim, eumque quod aquas manarent manalem lapidem dixerunt. Vgl. ib. p. 2 aquae licium, Serv. V. A. III, 175 lapis manalis, quem trahebant pontifices quoties siccitas erat , und Varro bei Non. Marc. p. 547 trulleum, nach welchem man lapis manalis und manale sacrum in derselben Bedeutung sagte wie urceolus aquae manalis, ein Krug aus dem das Wasser strömt, vgl. Paul. p. 128 manalem fontem dici quod aqua ex eo semper manet . . Also ein aquilicium so gut wie jene im Culte des Jupiter erwähnten Beschwörungen ( S. 173 ); auch wissen wir daß die Anwendung ähnlicher Steine bei dürrer Jahreszeit überhaupt in Italien, namentlich auf dem Lande herkömmlich war Labeo in seinem Werke über die etruskischen Ritualbücher b. Fulgent. p. 559 Fibrae iecoris sandaracei coloris dum fuerint, manales tunc vertere opus est petras i. e. quas solebant antiqui in modum cylindrorum per limites trahere pro pluviae commutanda inopia. , wie man sich bei andern Völkern, den Griechen, Serben und Deutschen zu demselben Zwecke andrer Ceremonien bediente. Möglich daß jenes Schleifen und Walzen der Steine ursprünglich nur eine sinnbildliche Darstellung des über die Felder und Raine dahin strömenden Wassers gewesen war Vgl. den alterthümlichen Ausdruck »Wie Kugel walzt und Wasser rinnt« zur Bezeichnung einer Markscheide nach der Schneeschmelze bei J. Grimm Deutsche Grenzalterthümer, Abh. der Berl. Ak. 1843 S. 124 und die verwandten Gebräuche andrer Völker bei J. Grimm D. M. 560 ff., Bötticher Baumcultus S. 409. ; wenigstens ist es bei solchen Gebräuchen in den meisten Fällen weniger auf einen Zauber abgesehn als auf einen bildlichen Ausdruck dessen was man durch die begleitenden Gebete und Gelübde zu erlangen hoffte, z. B. wenn man Wasser über ein junges, mit Gras, Blumen und Kräutern bekleidetes, also die Erde darstellendes Mädchen ausgoß, oder über die Brunnensteine u. dgl. m. Ehe wir eins der wichtigsten und heiligsten Feste des römischen Kalenders, die Feier des Mars in dem ihm heiligen Monate, dem ersten des Jahres, näher ins Auge fassen, muß von dem römischen Institute der Salier, wie dasselbe seit Numa bestand, ausführlicher die Rede sein Vgl. Plut. Numa 13, Dionys II, 70, Paul. p. 131 Mamuri Veturi, Ovid Fast. III, 357 ff. . Als der fromme Numa eines Morgens früh vor der Regia stand und seine Hände betend zum 314 Himmel emporhob, fiel aus demselben ein Schild in seine Hände, welches er wegen seiner zu beiden Seiten ausgeschnittenen Gestalt ancile nannte Varro l. l. VII, 43 Ancilia dicta ab ambecisu, quod ea arma ab utraque parte ut Thracum incisa. Paul. p. 131 ancile i. e. scutum breve, quod ideo sic est appellatum, quia ex utroque latere erat recisum, ut summum infimumque eius latius medio pateret. Also von an oder am in der Bedeutung von ἀμφίς, utrimque, vgl. anfractus und ancaesa i. e. vasa caelata, quod circumcaedendo talia fiunt , Paul. p. 20. In dem zweiten Worte cilia ist l wie oft für d eingetreten, vgl. caelare und incilia i. e. fossae, Paul. p. 107. Man sieht die Ancilien der Salier abgebildet auf Denaren des P. Licinius Stolo und auf Erzmünzen des Antoninus Pius, s. Eckhel D. N. VII p. 13, Riccio t. 27, 19, 20, endlich auf einer Gemme des Mus. Florent. II, 23. Auch der Schild der Iuno Lanuvina ist im Wesentlichen von derselben Bildung. . Zugleich erscholl eine Stimme, der von ihm neugeschaffene Staat werde so lange blühn und alle übrigen an Macht übertreffen, als er diesen Schild, ein gewisses Unterpfand des himmlischen Segens Paul. l. c. unaque edita vox omnium potentissimam fore civitatem quamdiu id in ea mansisset. Ovid F. III, 346 imperii pignora certa dabo . Florus 1, 2 ille ancilia atque palladium, secreta quaedam imperii pignora (dedit) . Vgl. Serv. V. A. VII, 188. Nach den späteren Dichtern, namentlich Lucan IX, 475, Stat. Silv. V, 2, 132 fielen alle Ancilia vom Himmel, nicht blos das eine Prototyp. , bewahren werde. Daher Numa, um jeder Entwendung zuvorzukommen, zu jenem Wunderschilde elf andre hinzuverfertigen läßt: welche Aufgabe einem wunderbar begabten Künstler, dem Mamurius Veturius so gut gelingt, daß Numa selbst das himmlische Schild nicht mehr von den irdischen zu unterscheiden vermag. Diese zwölf Ancilien wurden seitdem in der Regia neben den heiligen Speeren bewahrt; zur Obhut aber über diese Schilde und zu dem feierlichen Umzuge mit ihnen durch die Stadt im Laufe des Märzmonates stiftete Numa die zwölf Palatinischen Salier, welche ihre Curie auf dem Palatin hatten Curia Saliorum Palatinorum s. Cic. de Div. 1, 17, Dionys fr. XIV, 5, Val. Max. 1, 8, 11, welche ihrer sämmtlich auf Veranlassung des Wunders gedenken, daß der dort aufbewahrte lituus Romuli nach einer Feuersbrunst, die das Gebäude verzehrt hatte, unbeschädigt wiedergefunden wurde. . Tullus Hostilius fügte dem sabinischen Quirinus auf dem Quirinale zu Ehren ein entsprechendes Collegium von zwölf Agonalischen oder Collinischen Saliern hinzu, welche auf dem Agonalischen oder Collinischen Hügel d. h. dem Quirinal ihren Sitz hatten und wie die Palatinischen dem Jupiter und den beiden alten Stammgöttern, Mars und Quirinus, geweiht waren Serv. V. A. VIII, 663 Salii sunt in tutela Iovis, Martis, Quirini , vgl. oben S. 57 und Liv. V, 52 quid (loquor) de ancilibus vestris, Mars Gradive tuque Quirine Pater? Ueber die Stiftung des Tullus Hostilius s. Liv. 1, 27, Dionys II, 70, III, 30, Serv. V. A. VIII, 285 duo sunt genera Saliorum, sicut in Saliaribus carminibus invenitur. Dio Cass. 1, 7. Wie sie ihre eigne Curie hatten, nehmlich auf dem Quirinal, so hatten sie auch ihr eignes Archiv, Varro l. l. VI, 14 in libris Saliorum quorum cognomen Agonensium . . Beide Collegien waren wie die übrigen priesterlichen 315 Sodalitäten organisirt d. h. sie ergänzten sich durch Cooptation aus den besten und edelsten Familien der Stadt und zerfielen unter sich in jüngere und ältere Mitglieder, von denen jene in ihren religiösen Obliegenheiten, den Gesängen, Formeln u. s. w. von diesen unterrichtet wurden. An der Spitze stand wie gewöhnlich ein Magister Iul. Capitolin. M. Antonin. Philos. 4, vgl. Valer. Max. 1, 1, 9, Stat. Silv. V, 3, 180, Fest. p. 270 redantruare. , neben welchem noch die Würde eines Praesul d. h. des Vortänzers und eines Vates d. i. vermuthlich des Vorsängers erwähnt wird. Noch zur Zeit des Polybius gehörten sie zu den angesehensten priesterlichen Collegien Polyb. XXI, 10 τῶν τριῶν ἓν σύστημα, δι ὧν συμβαίνει τὰς ἐπιφανεστάτας ϑυσίας ἐν τῇ Ῥώμῃ συντελεῖσϑαι τοῖς ϑεοῖς. Hier sind die Pontifices, die Decemviri Sacris Faciundis und die Salii gemeint. Später galten für die 4 summa oder amplissima collegia die Pontifices, Augures, XV viri S. F. und die VII viri Epulones, wozu als fünftes unter Tiberius die Sodales Augustales hinzutraten. ; werden die Salier später auch nicht mehr unter diesen genannt, so rechneten es sich doch immer noch selbst die Kaiser zur Ehre zu ihnen zu gehören. Ihre priesterlichen Functionen bestanden zunächst in gewissen Opfern: namentlich ist von einem Opfer in der Regia die Rede, welches der Pontifex Max. mit Hülfe sogenannter Salischer Jungfrauen, die dazu gemiethet und nach Art der Salier costümirt wurden, darbrachte Fest. p. 329 Salias virgines Cincius ait esse conducticias, quae ad Salios adhibeantur cum apicibus paludatas: quas Aelius Stilo scripsit sacrificium facere in Regia cum Pontifice paludatas cum apicibus in modum Saliorum. ; leider ist nicht gesagt an welchem Tage, doch ist zu vermuthen daß es im Zusammenhange mit der Märzfeier stand und daß auch die Salier selbst dabei zugegen waren. Um so häufiger wird ihrer Umzüge durch die Stadt gedacht, bei denen sie in einem eigenthümlichen, halb kriegerischen halb priesterlichen Costüme auftraten und gewisse altherkömmliche Tänze und Gesänge aufführten Liv. I, 20 Salios item duodecim Marti Gradivo legit tunicaeque pictae insigne dedit et super tunicam aeneum pectori tegumen caelestiaque arma, quae ancilia appellantur, ferre ac per Urbem ire canentes carmina cum tripudiis solemnique saltatu. Vgl. Dionys II, 70 und Plut. N. 13. Die bunten Tuniken, χιτῶνες ποικίλοι erinnern an die tunicae versicolores der auserlesenen samnitischen Krieger bei Liv. IX, 40. Ueber die trabea, welche aus der Zeit der Könige stammte und später nur von den Priestern im Dienste der Götter und den Augurn getragen wurde, s. Serv. V. A. VII, 187, Isid. Orig. XIX, 24. . Jenes Costüm bestand in einer 316 bunten Tunica, über welche ein breiter eherner Gurt geschnallt wurde, einer Trabea mit purpurnem Vorstoß und dem sogenannten Apex, der gewöhnlichen priesterlichen Kopfbedeckung mit dem auf der Spitze befestigten heiligen Zweige, bei den Saliern in der Form eines Helms. Ferner trug jeder an seiner Seite ein Schwerdt und am linken Arme das heilige Schild, in der rechten Hand aber eine kleine Lanze oder einen Stab, um damit auf dasselbe zu schlagen Außer den solennen Acten des Tanzes und Opfers d. h. bei den Umzügen durch die Stadt trugen sie die Ancilien auf dem Rücken, oder sie wurden ihnen von Bedienten nachgetragen, s. Dionys II, 71, Lucan 1, 603, Stat. Silv. V, 2, 129. . Der Tanz bestand aus Umgängen um die Altäre der Götter und aus allerlei verschlungnen Figuren, bei denen bald alle zusammen bald verschiedene Abtheilungen abwechselnd auftraten; der Rhythmus war der des herkömmlichen dreimaligen Auftretens (tripudium), zu welchem eine Flöte den Takt angab Dionys l. c. κινοῦνται γὰρ πρὸς αὐλὸν ἐν ῥυϑμῷ τὰς ἐνοπλίους κινήσεις, τοτὲ μὲν ὁμοῦ τοτὲ δὲ παραλλὰξ, καὶ πατρίους τινας ὕμνους ἄδουσιν ἅμα ταῖς χορείαις. Plut. l. c. κινοῦνται γὰρ ἐπιτερπῶς ἑλιγμοὺς καὶ μεταβολὰς ἐν ῥυϑμῷ τάχος ἔχοντι καὶ πυκνότητα μετὰ ῥώμης καὶ κουφότητος ἀποδιδόντες. Serv. V. A. VIII, 285 Salii sunt qui tripudiantes aras circumibant – ritu veteri armati. Horat. Od. 1, 36, 12 neu morem in Salium sit requies pedum , wozu ein altes Scholion: Salii dicuntur – ab exsilitione, eo quod in circuitu ararum deorum tripudiando salitarent. Od. IV, 1, 28 pede candido in morem Salium ter quatient humum. Seneca Ep. 15, 4 saltus – Saliaris aut ut contumeliosius dicam fullonius. Diomed. p. 473 Numam Pompilium – hunc pedem pontificium appellasse memorant, cum Salios iuniores aequis gressibus circulantes induceret spondeo melo patrios placare Indigetes. Bei Censorin d. d. n. 12 non cum tibicine aut triumphus ageretur Marti ist wohl zu lesen avitus triumphus , mit Beziehung auf die Salierfeier. . Zu dem Tanze sangen sie die oft erwähnten Lieder, von denen oben S. 126 die Rede gewesen ist, ein durch den Ursprung von Numa und religiöse Weihe geheiligtes Ganze von verschiedenen Strophen und Anrufungen zunächst der alten römischen Staatsgötter, des Janus, des Jupiter mit der Juno und Minerva, des Mars und Quirinus u. s. w., darauf der berühmtesten Namen und Helden der Vorzeit, namentlich des Romulus und Remus (S. 86, 111 ) zu denen seit August auch die Namen der Kaiser und einzelner Mitglieder der kaiserlichen Familie, endlich die der Divi 317 hinzugefügt wurden Mon. Ancyr. II, 18 nomenque meum inclusum est in Saliare carmen. Dio LI, 20 ἐς τοὺς ὕμνους αὐτὸν ἐξ ἴσου τοῖς ϑεοῖς ἐσγράφεσϑαι. Vgl. Tacit. Ann. II, 83, IV, 9 Capitolin. Antonin. Ph. 21. . Den Schluß des ganzen Liedes bildete eine Anrufung jenes Schmiedes der Ancilien, des Mamurius Veturius Bei Ovid F. III, 389 bittet sich Mamurius aus: Merces mihi gloria detur nominaque extremo carmine nostra sonent , d. h. in dem Anrufe: Mamuri Veturi . . Die Zwölfzahl der Schilde entspricht offenbar der Zwölfzahl der Salier, welche sich als Normalzahl solcher Sodalitäten bei den Arvalischen Brüdern und vermuthlich auch bei den Luperci wiederfindet. Doch mögen die Recht haben, welche bei der Zwölfzahl der Ancilien zugleich eine sinnbildliche Beziehung auf das System der zwölf Monate annahmen, wie dasselbe von Numa geordnet wurde Io Lyd. de Mens. IV, 2 δυοκαίδεκα πρυτάνεις πρὸς τοῦ Νουμᾶ τοῦς καλουμένους Σαλίους ὀρισϑῆναι φασιν, ὑμνοῦντας τὸν Ἰανὸν κατὰ τὸν τῶν Ἰταλικῶν μηνῶν ἀριϑμόν. Vgl. Corssen in der oben S. 296, 643 angeführten Abhandlung. ; namentlich scheint die Benennung des Mamurius Veturius und eine eigenthümliche Cerimonie, welche am Vortage der Idus des März d. h. des Frühlings-Vollmondes vorgenommen wurde, darauf hinzuweisen. Es wurde nehmlich an diesem Tage ein mit Fellen bekleideter Mensch durch die Stadt geführt und mit langen weißen Stäben aus der Stadt hinausgeprügelt, indem man ihn Mamurius Veturius nannte und für eben jenen Schmied der Ancilien erklärte, der darüber sogar zum Sprichworte geworden war Io Lyd. l. c. III, 29, IV, 36, vgl. das Kal. Constantini prid. Id. Mart., Serv. V. A. VII, 188 cui et diem consecrarunt, quo pellem virgis caedunt ad artis similitudinem (weil auch der Schmied hämmert, nur freilich nicht mit Ruthen), Minuc. Fel. Octav. p. 223 Nudi cruda hieme discurrunt (die Luperci), alii incedunt pileati, scuta vetera circumferunt, pelles caedunt (die Salii). Auch das Kal. rust. Farnes. bemerkt im März das Sacrum Mamurio. Die Regionen nennen eine statua Mamuri in der sechsten Region, zwischen den Thermen des Constantin und dem T. des Quirinus. Auch hat sich das Andenken eines clivus und eines vicus Mamuri in den Umgebungen des Quirinals erhalten. : ein Gebrauch welcher so entschieden an das in Deutschland, bei den Slaven und sonst gebräuchliche Austreiben des Winters im Monat März erinnert J. Grimm D. M. 724 ff. , daß man eine ähnliche Bedeutung, wenn sie sich durch andre Gründe unterstützen läßt, nicht abweisen wird. Nun ist Mamurius offenbar eine Adjectivbildung von Mamor d. i. Mars und Veturius hängt eben so offenbar mit vetus zusammen, dessen ursprüngliche Bedeutung die eines abgelaufenen Jahres, einer vergangenen Zeit 318 gewesen sein muß, denn vĕtus ist = Ϝέτος d. i. annus Pott etymol. Forschungen 1, 108. 230. Die Alten erklärten den Namen durch vetus memoria, Varro l. l. VI, 45 itaque Salii quod cantant Mamuri Veturi significant veterem memoriam . Mamurius Veturius repräsentirt also eigentlich den Mars vom alten Jahre, weil Mars im Sinne des älteren römischen Kalenders der Monatsgott schlechthin war, der Anführer der zwölf Monate, welche zusammen das römische Jahr ausmachten, wie später Janus der Jahresgott schlechthin wurde; wobei zu beachten ist daß die Feier der Mamuralien am Vorabende des ersten Vollmonds im neuen Jahre stattfand, an welchem Tage von den Mädchen im Volke in der Anna Perenna, die mit dem jungen Mars des neuen Jahres buhlt, eine entsprechende Gestalt gefeiert wurde. Ward dieser Mamurius Veturius zugleich für den Urheber der elf nachgemachten Schilde gehalten, während das einzige ächte, das wahre Unterpfand des Heils, für ein vom Himmel gefallenes, also für eine Gabe des Jupiter galt, so hatte dieses wohl keine andre Bedeutung als daß die ewige Regel alles Wechsels der Monde, die sich an jedem Idustage mit jedem Vollmonde von neuem ankündigte, von Jupiter als dem Urheber alles Lichtes und dem höchsten Gotte im Himmel abgeleitet werden sollte, das Vergängliche aber und Ablaufende in dieser Erscheinung, indem aus zwölf Monaten ein Jahr wurde und darauf dem alten Jahre ein neues folgte, von dem endlichen und irdischen Künstler. Verfolgen wir die ganze Feier des Märzmonats, welche während der längsten Dauer der Republik eine der heiligsten und populärsten in Rom war, durch ihre einzelnen Acte und nach ihrem vollständigen Zusammenhange, so ist damit zurückzugehn bis auf die Lupercalien des 15. Februar, welche als Reinigungs- und Befruchtungsfest des dem Palatinischen Mars nahe verwandten Faunus Lupercus in älterer Zeit gewiß auch in directer Beziehung zur Frühlings- und Neujahrsfeier im Monate März standen. Zwei Tage darauf wurden die Quirinalien gefeiert und in derselben Zeit bis zum 21. Februar die Feralien als Todtenfest des alten Jahrs, endlich am 23. die Terminalien zum Beschluß der ganzen abgemessenen Frist der letzten Vergangenheit ( S. 230 ). Bald darauf, am 27. Februar Es ist dieses die Zeit wo die ersten Schwalben nach Rom kamen, gewöhnlich am 21. Febr. Fast überall gilt der März für den eigentlichen Frühlingsmonat. Auch die alten Slaven begannen ihr Jahr mit ihm, s. Grimm D. M. 734. 741. , begann mit den Equirien im Marsfelde der erste Act der Feier des Mars, in älterer Zeit 319 vielleicht ein Wettrennen, wie es noch jetzt beim Carneval zu Rom im Corso gehalten wird, später aber ein Wettfahren, wie die gewöhnlichen circensischen Uebungen Ovid F. II, 855 ff. spricht bestimmt von Wagen. Unbestimmter drückt sich Varro l. l. VI, 13 aus: Equiria ab equorum cursu; eo die enim ludis currunt in Martio campo. Vgl. Paul. p. 81 Equiria. . Gewöhnlich wurde es im Marsfelde, in der Nähe jener alten ara Martis gehalten, ausnahmsweise, wenn die in dieser Jahreszeit nicht seltenen Ueberschwemmungen des Tiber das Rennen an jener Stelle unthunlich machten, in der Gegend des Caelius, vermuthlich beim Lateran Paul. p. 131 Martialis campus. Unter Augustus wurden sie einmal auf dem forum Augusti gehalten, Dio LVI, 27. . Darauf begann an den Kalenden des März die eigentliche Frühlings- und Neujahrsfeier, mit der mehrfach erwähnten Feier der Matronen zu Ehren des Mars und der Juno ( S. 244 ) und vielen andern Neujahrsgebräuchen, welche später zum Theil auf die Kalenden des Januar verlegt wurden, großentheils aber doch für immer an denen des März haften blieben. So wurde an diesem Tage noch später das Feuer der Vesta neu entzündet, die Thüren der Regia und des Vestatempels, auch die der Curien und der Häuser der Flamines mit frischem Lorbeer bekränzt, den Lehrern das Jahresgeld bezahlt, von Senat und Bürgerschaft eine kurze Sitzung zum guten Anfang gehalten und vom Senate an diesem Tage auch die Verpachtung der sogenannten Vectigalia d. h. der Nutzungen und indirecten Steuern vorgenommen Ovid. F. III, 135 ff., Macrob. S. 1, 12, 6. 7. . Auch die Salier scheinen gleich an diesem Tage ihre Opfer und feierlichen Umzüge mit den Ancilien begonnen zu haben; wenigstens wissen wir daß sie während der ganzen Dauer des März durch ihre religiösen Verpflichtungen in Anspruch genommen wurden Die Salier durften sich im Laufe des Monats März, 30 Tage lang κατὰ τὸν καιρὸν τῆς ϑυσίας, nicht mit profanen Dingen beschäftigen noch von dem Orte entfernen, wo sie sich eben befanden, eigentlich wohl nicht aus Rom, s. Polyb. XXI, 10, 12, Liv. XXXVII, 33; daher es sich von selbst verstand, daß Consuln und Prätoren, so lange sie diese Aemter bekleideten, von den Verpflichtungen des Saliats frei gesprochen wurden. Auch Dionys II, 70 nennt die Feier der Salier eine ἑορτὴ – δημοτελὴς ἐπὶ πολλὰς ἡμέρας ἀγομένη. , und einige Kalender nennen den ersten März ausdrücklich als den Geburts- d. h. Stiftungstag des Mars und den Tag, wo das Ancile vom Himmel gefallen sei Das Kal. Constantini nennt den ersten März den Natalis Martis, vgl. oben S. 139 und die Kalender der Mss. des Ovid bei Merkel Ovid F. p. LV, wo einer zu demselben Tage bemerkt Casus Ancilis , ein andrer: Festum Martis, Ancilia feruntur . , was also auf die Stiftung des 320 sacrarium Martis in der Regia deutet. Am 7. März fand wieder eine Feier des Mars statt, diesmal in Verbindung mit Jupiter und Vejovis Kal. Praen. I OVI S M ARTIS VEDIOVIS INTER DVOS LVCOS, s. oben S. 237 . Das Kal. Constant. bemerkt zwei Tage darauf, zum 9. März: Arma Ancilia movent . , doch bleibt der nähere Zusammenhang unklar. Einen neuen Aufschwung nahm die Feier mit den Idus, dem alten Festtage des Jupiter, zu dessen Verherrlichung die Salier nicht weniger als zu der des Mars und Quirinus bestimmt waren. Schon am Tage vor den Idus gab es nicht blos die Feier der Mamuralien , sondern auch ein neues Wettrennen im Marsfelde Ovid F. III, 519 ff., vgl. Kal. Maff. und Vatic. . An den Idus folgte jene volksthümliche Feier der Anna Perenna ( S. 304 ) und ein feierliches Opfer des Jupiter auf dem Capitole unter der Oberaufsicht des Pontifex Maximus und der Virgo Maxima, bei welchem für das Heil des Staates geopfert und um allen guten Segen für das neue Jahr gebetet wurde, jedenfalls unter Betheiligung der Salier, da unter den verschiedenen Gegenden der Stadt, die sie mit ihren Umzügen berührten und an denen sie ihre heiligen Tänze aufführten, ausdrücklich das Comitium und das Capitol genannt wird Dionys a. a. O. Vgl. Io Lydus de Mens. IV, 36 εἰδοῖς Μαρτίαις ἑορτὴ Διὸς διὰ τὴν μεσομηνίαν καὶ εὐχαὶ δημόσιαι ὑπὲρ τοῦ ὑγιεινὸν γενέσϑαι τὸν ἐνιαυτὸν. ἱεράτευον δὲ καὶ ταῦρον ἐξέτη ὑπὲρ τῶν ἐν τοῖς ὄρεσιν ἀγρῶν (d. i. pro saltibus, für die Viehweiden) ἡγουμένου τοῦ ἀρχιερέως καὶ τῶν κανηφόρων τῆς μητρόχου, d. i. die Virgo Maxima. Nach Augustin C. D. IV, 23 wollten beim Bau des Capitols nicht weichen Mars, Terminus und Iuventas, so daß immerhin auch ein altes Heiligthum des Mars der Salier auf dem Capitole angenommen werden darf. . Auch der Umstand daß die Consuln in den besten Zeiten der Republik, vom Jahre 531 bis 601 d. St., an den Iden des März ihr Amt antraten, ist ein Beweis der hohen Bedeutung dieses Tags, an welchem also damals auch jene später auf die Kalenden des Januar verlegten Opfer und Gebete der zuerst amtlich auftretenden Consuln ( S. 161 ) stattgefunden haben werden. Am 17. März folgte eine Frühlingsfeier des Liber Pater, bei welcher die Salier gleichfalls mitwirkten; wenigstens wurden an diesem Tage neben den Liberalia auch Agonia gefeiert, welche speciell den Mars und die Salier angingen, namentlich die Agonalischen Salier des Quirinals Varro l. l. VI, 14 in libris Saliornm, quorum cognomen Agonensium, forsitan hic dies ideo appelletur potius Agonia , vgl. Kal. Vatic. und Macrob. S. 1, 4. 15 Masurius etiam secundo Fastorum Liberalium dies, inquit, a Pontificibus agonium Martiale appellatur . Auch der Name Mons Agonus f. Quirinalis, p. Agonalis f. Collina, endlich der Salii Agonales oder Agonensis scheint mit diesem Opfer zusammenzuhängen. Vgl. über die Agonia oben S. 159, 256 . . Zwei Tage darauf, am Tage der Quinquatrus ( S. 260 ) 321 finden wir die Salier mit den Pontifices und dem Tribunus Celerum auf dem Comitium beschäftigt, sie tanzend, während die Pontifices vermuthlich opferten Kal.Vat. z. 19. März: QVINQ. FERIAE MARTI, Verr. Fl. Fast. Praen . . . . fACIVNT IN COMITIO SALTVs adstantibus ponTIFICIBVS ET TRIB CELERum. Vgl. Varro l. l. V, 85 Salii a salitando, quod facere in Comitio in sacris quotannis et solent, et debent. Auch Dionys l. c. sagt: ἑορτὴ δ’ αὐτῶν ἐστι περὶ τὰ Παναϑήναια, das sind die Quinquatrus, so daß um diese Zeit wohl die bedeutungsvollsten Acte der Feier stattfanden, vermuthlich speciell die Feier des Mars und der Minerva Nerio. , vielleicht zur Erinnerung an den Bund des Romulus und T. Tatius, welcher der Sage nach auf dem Comitium abgeschlossen worden war und sowohl von der Sage als in dem Rituale des von Numa begründeten Cultus mit dem Raube der Sabinerinnen und der Frühlingsfeier des Mars in unmittelbare Verbindung gebracht wurde Fest. p. 372 Vernae qui in villis vere nati, quod tempus duce natura feturae est et tunc rem divinam instituerit Marti Numa Pompilius pacis concordiaeve obtinendae gratia inter Sabinos Romanosque ut vernae viverent neu vincerent : d. h. daß sie wie Söhne eines Frühlings, also wie Brüder zusammenleben sollten. Vgl. das Gebet der Tiburtiner b. Serv. V. A. 1, 7 Iuno curulis – tuere meos curiae vernulas sanos , und Martial. X, 76 de plebe Remi Numaeque verna . Ueber das comitium und die mythische Bedeutung des Raubes der Sabinerinnen s. Plut. Rom. 19 und oben S. 245 . 303 . . Weiter folgte am 23. März, dem Tage des Tubilustrium, ein neuer Umzug der Salier und eine gemeinschaftliche Feier des Mars und der Nerio (S. 303, 663 ), während das Tubilustrium selbst ein Reinigungsfest der beim Gottesdienste gebrauchten Tuben und anderes heiliges Geräthes war, welches in dem sogenannten Schusterhofe (Atrium Sutorium) auf dem Palatin begangen wurde Varro l. l. VI, 14 und Verr. Fl. Fast. Praen. zum 23. März. Es waren die Tubi, quibus in sacris utuntur , welche dann lustrirt wurden, und zwar geschah es mit dem Opfer eines Lamms, s. Fest. p. 352, Paul. p. 353, und durch die s. g. tubicines sacrorum, eine eigne zum priesterlichen Stande gehörige Zunft, welche bei Fest. l. c, Gell. N. A. 1, 12 und in verschiedenen Inschriften erwähnt wird, s. Marquardt Handb. d. R. A. IV, 376. Auch der lituus Romuli und die litui überhaupt wurden wegen ihrer Gestalt zur Gattung der tubi gerechnet, ein Wort welches ursprünglich eine weitere Bedeutung gehabt haben muß als tuba, vgl. Gellius V, 8, 8, Cic. de Divin. 1, 17, 30. Also wurden auch die litui an diesem Tage lustrirt, vermuthlich auch die Ancilia, s. Charis. 1 p. 62 Quinquatrus a quinquando i. e. lustrando, quod eo die (er versteht die Quinquatrus in der späteren Bedeutung als fünftägiges Fest) anna Ancilia lustrari sint solita . . Endlich waren die 322 Salier auch bei einer zweiten Feier auf dem Comitium, einem Sühnopfer welches am 24. März unter der Leitung des Rex Sacrorum vollzogen wurde, betheiligt Fest. p. 278 Regifugium, vgl. Müller p. 403 und Marquardt a. a. O. S. 265. . Also eine ganze Reihe von gottesdienstlichen Acten, wo je nach der Bedeutung des Tags neben Mars andre Götter gefeiert wurden, an den Kalenden Janus und Juno, an den Nonen Vejovis, an den Iden Jupiter, an den Quinquatrus Minerva oder Nerio, und dabei wahrscheinlich immer Umzüge mit den Ancilien und Tänze der Salier bald bei diesen bald bei jenen örtlichen Heiligthümern der Stadt aufgeführt wurden Dionys a. a. O. ἐν αἷς διὰ τῆς πόλεως ἄγουσι τοὺς χοροὺς εἴς τε τὴν ἀγορὰν καὶ τὸ καπιτώλιον καὶ πολλοὺς ἄλλους ἰδίους τε καὶ δημοσίους τόπους. Auch die Lieder der Salier gedachten verschiedener Opfer, von denen in dieser Zeit auch eins auf dem pons Sublicius stattgefunden zu haben scheint, s. Varro l. l. V, 110, Fest. p. 141 molucrum, Serv. V. A. II, 165, Catull. 17, 5. . Diese ganze Zeit hindurch war das alte Heiligthum des Mars in der Regia geöffnet und die Ancilia in Bewegung (movebantur), bis sie endlich wieder zur Ruhe gebracht (condebantur) d. h. in jenem Heiligthume wieder aufgehängt und das Heiligthum selbst wieder geschlossen wurde Serv. V. A. IV, 301 Moveri sacra dicebantur cum solemnibus diebus aperiebantur templa instaurandi sacrificii causa, cuius rei Plautus in Pseudolo 1, 1, 107 meminit. – Hoc vulgo apertiones appellant. Vgl. Sueton Otho 8, Tacit. Hist. 1, 89. : eine Zeit der kriegerischen Bewegung und Aufregung der ganzen Stadt, in welcher sich die ältere Zeit eben deshalb aller wichtigeren Unternehmungen enthielt. Auch galten alle in dieser Zeit abgeschlossenen Ehen für bedenklich, da sie eine stürmische Zukunft befürchten ließen, und die Gemahlin des Flamen Dialis mußte während der ganzen Dauer dieser Umzüge ihr Haar ungekämmt lassen. Während der Umzüge aber wurden die Ancilia an verschiedenen Stellen aufbewahrt, wie sie sich z. B. am Vorabende der Idus des März, an welchen Cäsar ermordet wurde, bei diesem als Pontifex Max. befanden Dio Cass. XLIV, 17 τά τε γὰρ ὅπλα τὰ Ἄρεια παρ’ αὐτῶ τότε ὡς καὶ παρὰ ἀρχιερεῖ κατά τι πάτριον κείμενα ψόφον τῆς νυκτὸς ἐποίησε, wo das Wort τότε beweist, daß die Ancilia nicht immer dort waren, sondern eben nur in dieser Nacht, da am folgenden Tage der Zug aufs Capitol und das dortige Opfer unter der Leitung des Pontif. M. erfolgte. Nun wohnte der Pontif. M. zwar in der Regia, aber das Sacrarium Martis, wo die heiligen Speere und die Ancilia gewöhnlich aufbewahrt wurden, war jedenfalls ein andrer Raum als seine Wohnung. Dieses gegen Becker Handb. 1, 230. , zu andern Zeiten in eigens zu diesem Zwecke 323 gestifteten Mansiones Saliorum d. h. Einkehrshäusern der Salier und der Ancilien für die Nacht und die Zeit der Mahlzeiten, welche immer so prächtig und üppig ausfielen, daß sie wie die der Pontifices in ihrer Art sprichwörtlich geworden waren Or. n. 2244 Mansiones Saliorum Palatinorum a veteribus ob armorum annalium (l. ancilium ) custodiam constitutas longa aetate neglectas pecun. sua reparaverunt Pontifices Vestae etc. Fest. p. 329 Salios, – quibus per omnis dies ubicumque manent quia amplae ponuntur cenae , si quae aliae magnae sunt, saliares appellantur. Vgl. Cic. ad Att. V, 9, Horat. Od. 1, 37, 2, Sueton. Claud. 4. 33 u. A. . Im weitern Verlaufe des Jahrs brachte, soviel wir wissen, der römische Kalender nur im Juni und im October neue Feste des Mars, an den Kalenden des Juni jene gemeinschaftliche Feier der Juno und des Mars, bei welcher diesem namentlich in dem Tempel an der Appischen Straße gehuldigt wurde (Ovid F. VI, 191), an den Iden des October neue Rennen im Marsfelde und dabei das merkwürdige Opfer des Octoberpferdes Fest. p. 178 October equus, Paul. p. 220 Panibus, Plut. Qu. Ro. 97. Im Kal. Constant. Id. Octob. Equus ad Nixas fit ist dasselbe Opfer gemeint, s. meine Regionen d. St. R. S. 173. . Der ganze Zusammenhang dieses alten Gebrauchs scheint dieser gewesen zu sein. Zuerst fand wie gewöhnlich das Rennen zu Ehren des kriegerischen und ritterlichen Gottes statt, dann wurde das Handpferd des Gespanns, welches bei diesem Rennen gesiegt hatte, an jenem alten Altare des Mars geopfert, und zwar ob frugum eventum d. h. zum guten Gedeihn der neuen Aussaat; daher das Haupt des zu opfernden Pferdes mit einem Kranze von Broden behangen wurde, wie beim Feste der Vesta die Esel als Gehülfen der Müller Lactant. 1, 21, 26. Am 21. Decb. wurde nach Macrob. S. III, 11, 10 dem Hercules und der Ceres geopfert sue praegnante, panibus, mulso . Vgl. die panes laureati der fratres Arvales bei Marini p. 526. . Dem Haupte und dem Schwanze des geopferten Pferdes wurde eine besondre Kraft der Sühnung zugeschrieben, daher sich um das Haupt ein hitziger Kampf zwischen zwei der ältesten Stadtquartiere erhob, dem der Subura und dem der Sacra Via. Die Bewohner von jenem nagelten es, wenn sie es erlangten, an den Mamilischen Thurm, die der Sacra Via an die Mauer der Regia Fest. l. c. Vgl. das Abschneiden und Annageln des Pferdehaupts in Deutschland, Grimm D. M. 41 und 624 ff. Auch sonst wurden bei den Alten Weihgeschenke, Theile von Opferthieren u. dgl. an Heiligthümer angenagelt, s. Bötticher Baumcultus S. 69. , vermuthlich weil man 324 glaubte daß das dort angenagelte Haupt seinen Segen über das ganze Quartier verbreiten werde. Der Schwanz wurde so schnell als möglich in die Regia getragen, wo man das Blut auf den Altar der Vesta träufeln ließ, worauf die Vestalinnen aus diesem geronnenen Blute und andern Ingredienzien das Räucherwerk bereiteten, dessen man zu den Sühnungen der Palilien bedurfte Prop. IV, 1, 19, Ovid F. IV, 731. . Es war eine schreckliche Parodie dieses alterthümlichen Gebrauchs, als nach den Triumphen Cäsars im J. 46 v. Chr., wie es scheint zur Sühne einer Meuterei unter den Soldaten, auf dem Marsfelde zwei Menschen von den Pontifices und dem flamen Martialis geopfert und ihre Köpfe gleichfalls an der Regia, wo Cäsar als Pontifex Max. wohnte, angenagelt wurden (Dio XLIII, 24). – Endlich scheint auch das am 19. Octb. gefeierte Armilustrium vorzugsweise dem Mars gegolten zu haben, eine im Armilustrium am Aventin begangene Cerimonie, welche aus einem Opfer unter dem Schall der heiligen Trompeten und einem Umzuge mit den zu lustrirenden Waffen bestand, für welche Varro l. l. VI, 22 die Ancilien nennt Vgl. Paul. p. 19, Kal. Maff. Amitern. . Inzwischen fand mit der Zeit auch in diesen Kreisen immer mehr die griechische Kunst und die griechische Fabel Eingang, so daß die älteren Culte des Palatin und Quirinal zuletzt vergessen und verkannt und dafür mit neuen Ideen und nach neuen Mustern auch dem Mars neue Tempel und neue Culte gestiftet wurden. Schon der T. des Mars, den D. Iunius Brutus Callaicus, der Consul des J. 138 v. Chr. auf Veranlassung eines kriegerischen Erfolges gelobt und der griechische Architect Hermodor aus Salamis in der Nähe des Circus Flaminius erbaut hatte, scheint speciell zur Aufnahme von griechischen Kunstwerken, namentlich eines sitzenden Colosses des Mars von der Meisterhand des Scopas gedient zu haben Corn. Nepos b. Priscian VIII, 4 p. 370, vgl. Plin. H. N. XXXVI, 5, 26. . Ganz im Sinne der neuen Zeit und im Familieninteresse des Julischen Geschlechtes, welches zugleich die Venus und den Mars verehrte, erfolgte dann die Stiftung eines neuen Dienstes des Mars Ultor durch Augustus. Schon Cäsar hatte, da er die Venus Genitrix auf seinem Forum verherrlichte, auch einen T. des Mars von solcher Pracht und 325 Größe, wie man ihn sonst nirgends fände, erbauen wollen Im Marsfelde, vermuthlich in der Gegend des Pal. Farnese, s. Sueton Caes. 39, 44, Dio XLIII, 23, meine Regionen S. 160. 218. , August nahm diesen Gedanken seines Adoptivvaters wieder auf, indem er zugleich dessen persönliches Andenken und das an die göttliche Strafe, welche seine Mörder getroffen hatte, damit vereinigte. Er gelobte nehmlich in dem Kriege gegen Brutus und Cassius 42 v. Chr. dem Mars einen T. pro ultione paterna, daher der Name Mars Ultor, dessen glänzender Tempel zugleich mit dem forum Augusti in Angriff genommen wurde, aber erst im J. 2 v. Chr. eingeweiht werden konnte. Inzwischen erfolgte im J. 20 die Rückgabe der von Crassus an die Parther verlornen Feldzeichen, zu deren Aufnahme August einen kleineren Tempel des Mars Ultor auf dem Capitole erbauen ließ, ein Gegenstück zu dem wiederhergestellten T. des Jupiter Feretrius, in welchem sich, wie man aus häufigen Abbildungen auf römischen und asiatischen Münzen der Zeit sieht, außer den wiedergewonnenen Feldzeichen auch ein Standbild des Mars befand, der in der R. einen Legionsadler, in der L. ein andres Feldzeichen trug. Die Einweihung dieses Tempels erfolgte schon im J. 19 oder 18 v. Chr., also geraume Zeit vor der des größeren Dio LIV, 8, vgl. Becker Handb. 1, 371 und Pinder in der S. 178, 303 angeführten Abhandlung. . Dieser letztere, welcher auf dem gewöhnlich forum Augusti, ausnahmsweise auch f. Martis genannten Platze lag und in einigen Trümmern noch vorhanden ist, war einer der prächtigsten in der ganzen Stadt, von innen und von außen geziert mit vielen kriegerischen Ehrenzeichen, kostbaren Kunstwerken und mit Erinnerungen an Aeneas und die Ahnen des Julischen Geschlechts bis hinab zum Divus Julius, während die beiden göttlichen Ahnen dieses Geschlechts, Mars und Venus, in seinem Innern durch eine entsprechende Gruppe vergegenwärtigt waren Ovid Trist. II, 296 stat Venus Ultori itincta, vir (d. i. Vulcan) ante fores , nach der Emendation von Haupt b. Lachmann z. Lucret. p. 199. Vgl. Ovid F. V, 550 ff. Auch das Schwerdt des Divus Iulius wurde in diesem T. aufbewahrt, s. Sueton Vitell. 8. . Das Einweihungsfest dieses Tempels wurde am 12. Mai unter persönlicher Betheiligung des August mit außerordentlich kostbaren und glänzenden Spielen begangen VgL Vellei. Pat. II, 100, Kal. Maff. zum 12. Mai, Ovid F. V, 597. Nach dem Kal. Venus. war der 14. Mai dem Mars Invictus heilig. ; die bei Dio LV, 10 in einem 326 Auszuge erhaltene Consecrationsurkunde Vgl. Sueton Octav. 29. bestimmte unter andern Auszeichnungen, daß die jungen Cäsaren nach Anlegung der toga virilis in diesem Tempel opfern, der Senat in ihm über Krieg und Frieden und über zu ertheilende Triumphe berathen, die zur Verwaltung der Provinzen bestimmten Magistrate von hier in dieselben abgehen, die zurückkehrenden Sieger hier die Attribute ihres Triumphs niederlegen sollten; auch sollten in seiner Nähe alle Triumphatoren älterer und neuerer Zeit in ehernen Bildsäulen verewigt, in ihm alle etwa verlornen und wiedereroberten Feldzeichen aufgestellt werden. So wesentlich war es hier, wie sonst bei den Stiftungen des August, auf eine Verschmelzung des Ruhms der Julier und der Ansprüche ihrer Dynastie mit dem des römischen Namens überhaupt abgesehn. 2. Quirinus. Quirinus ist der sabinische Mars als Stammgott von Cures und seiner Bürger, der Quiriten, wie der Albanische Mars der Stammgott der palatinischen Römer war. Deshalb galt jener für den Vater des Gründers von Cures Modius Fabidius, wie der Albanische Mars für den der römischen Zwillinge. Die Wurzel des Namens ist quiris oder curis d. i. auf sabinisch die Lanze, welche so gut das Symbol des sabinischen als des latinischen Mars war. Ueberhaupt haben wir gesehen daß Mars durch ganz Italien, sowohl bei den Sabinern als bei den Latinern, der nationale Frühlings- Feld- und Kriegsgott war, daher es nicht auffallen kann daß dieser Gottesdienst neben seiner allgemeinen Geltung und dem gewöhnlichen Namen hin und wieder eigenthümliche und locale Formen und Namen angenommen hatte. In Rom entstand dadurch der alten Verdoppelung der beiden Stämme, der Latiner auf dem Palatin und der Sabiner auf dem Quirinal, entsprechend eine locale Verdoppelung des Marsdienstes, welche die römischen Alterthumsforscher wohl bemerkt haben, aber sich nicht zu erklären wußten Dionys H. II, 48 nach Varro: τὸν δ’ Ἐνυάλιον οἱ Σαβῖνοι καὶ παρ’ ἐκείνων οἱ Ῥωμαῖοι μαϑόντες Κυρῖνον ὀνομάζουσιν, οὐκ ἔχοντες εἰπεῖν τὸ ἀκριβὲς εἴτε Ἄρης ἐστὶν εἴτε ἕτερός τις ὁμοίας Ἄρει τιμὰς ἔχων· οἱ μὲν γὰρ ἐφ’ ἑνὸς οἴονται ϑεοῦ πολεμικῶν ἀγώνων ἡγέμονος ἑκάτερον τῶν ὀνομάτων κατηγορεῖσϑαι, οἱ δὲ κατὰ δυοῖν τάττεσϑαι δαιμόνων πολεμιστῶν τὰ ὀνόματα. Vgl. Plut. Rom. 29. , während die Griechen den Mars gewöhnlich 327 in ihren Ares, den Quirinus in ihren Enyalios übersetzen, welche beiden Götter der griechischen Mythologie bekanntlich gleichfalls nur verschiedene Formen eines und desselben nationalen Kriegsgottes waren. Der historische Grund des Unterschieds war darin angedeutet, daß Quirinus für den Gott der mit T. Tatius von Cures nach Rom übergesiedelten und auf dem Quirinale angesiedelten Sabiner galt Varro l. l. V, 51 Collis Quirinalis ob Quirini fanum. Sunt qui a Quiritibus, qui cum Tatio Curibus venerunt Romam, quod ibi habuerint castra. Vgl. Fest. p. 254 Quirinalis. Nach Varro ib. 74 und Dionys II, 50 brachte T. Tatius die Verehrung des Quirinus nach Rom. Ueber die Lage des Tempels s. Liv. VIII, 20, Urlichs in der Beschr. d. St. Rom III, 2, 366, Becker Handb. 1, 569. Auch die p. Collina hieß mit einem andern Namen p. Quirinalis und auch in ihrer Nähe befand sich ein sacellum Quirini, Paul. p. 255. . An dem Abhange dieses Hügels, in der Gegend von S. Andrea, lag auch das alte Heiligthum des Quirinus und in seiner Nähe das des gleichfalls nationalen Gottes oder Halbgottes Dius Fidius, des sabinischen Hercules. Die große Wichtigkeit dieses Gottesdienstes für die ältere Zeit ist daran zu erkennen, daß Numa den Quirinus neben dem Mars unter die Götter seines Systems aufnahm und dem entsprechend auch dem flamen Quirinalis seine eigene Stelle unter den drei sogenannten Flamines majores anwies Vgl. oben S. 57 und Fest. p. 185 Quirinalis (flamen) socio imperii Romani Curibus adscito Quirino. Vgl. Liv. V, 39. 40 und Plut. Camill. 20, aus welchen Stellen zugleich hervorgeht, daß der fl. Quirinalis in der Nähe des t. Quirini wohnte. Selbst die Wohnung des Numa wurde von Einigen an den Quirinal verlegt, s. Plut. Num. 14, Solin. 1, 21. Galt Numa für den Stifter des Cultus des Quirinus, so ist das eben nur von der Einreihung dieses Gottes in sein Göttersystem zu verstehn, s. Dionys II, 63, wo der sabinische Gott wie später allgemein mit Romulus Quirinus verwechselt wird. Auch Mamurius, der Schmied der Ancilien, war am Quirinal zu Hause, s. oben S. 317, 707 . , ferner daran daß noch Tullus Hostilius dem Quirinus zu Ehren ein zweites Collegium der Salier stiftete ( S. 314 ). Auch ist der flamen Quirinalis, der sich zur Zeit der Gallischen Noth um die Rettung der Heiligthümer der Vesta so verdient machte, immer ein sehr angesehener Geistlicher geblieben, und die Beibehaltung des Schwurs beim Mars und Quirinus in alten Schwurformeln Vgl. oben S. 59, 64 , Liv. V, 52, VIII, 9 und den Schwur des Drusus S. 81 . Zu bemerken ist auch der alte Schwur Equirine d. i. beim Quirinus, wie Eiuno, Eccere, Ecastor, Paul. p. 81 und die altherkömmliche Cultusformel Quirinus Pater b. Ennius und Lucilius. sammt andern Merkmalen alter Tradition beweist, daß der Cultus auch hier conservativer war als die populäre Meinung, für welche Quirinus 328 bekanntlich später für identisch mit dem vergöttlichten Romulus galt. Durch diese Identification von zwei ursprünglich ganz verschiedenen Wesen ist denn freilich die Bedeutung des alten nationalen Stammgottes von Cures Quirinus eben so sehr verkürzt, als die des römischen Stadt- und Nationalheroen Romulus erhöht worden. Gewisse Merkmale der alten Bedeutung und Geltung des Quirinus lassen sich indessen noch jetzt nachweisen. So ist wohl zu beachten daß der flamen Quirinalis außer dem Dienste des Quirinus am 25. Dec. mit den Pontifices ein jährliches Opfer am Grabe der Acca Larentia, ferner am 25. April das jährliche Opfer des Robigus, damit der Kornbrand nicht schade, zu bringen, endlich mit den Pontifices und den Vestalinnen zusammen am 7. Juli und 21. Aug. die Feier der Consualien zu besorgen hatte Gellius VII, 7, 7, Ovid F. IV, 910, Tertull. de Spectac. 5. : lauter alte Gottheiten der Flur und des Erdbodens, so daß also auch Quirinus nothwendig in ähnlicher Weise ein Gott der Flur und des Ackerbaus gewesen sein muß als Mars. Dazu kommt die Verehrung der Hora Quirini und sogenannter Virites Quirini nach den Auszügen aus priesterlichen Gebetsurkunden bei Gellius (S. 50, 45 ), welche Namen gleichfalls auf einen Gott der Befruchtung, sowohl des Feldes als der Ehe deuten. Die Virites Quirini hängen nehmlich höchst wahrscheinlich mit virere und virescere zusammen, wie die S. 88 nachgewiesenen Virae Querquetulanae und die Vires der Diana (S. 278, 590 ) und ihr Schützling Virbius und Visidianus, der Schutzgott von Narnia Tertull. Apolog. 24, Ad Nat. II, 8. Zu bemerken ist daß in jener Stelle des Gellius weder die Lesart Virites Quirini ganz sicher steht noch die Deutung als Plural, was auch von den Moles Martis S. 308, 674 gilt. . Die Hora Quirini aber, welche auch in den Annalen des Ennius vorkam Bei Non. Marc. p. 120 Quirine Pater veneror Horamque Quirini . Bei Plut. Qu. Ro. 46 heißt sie Horta, welcher Name nach Antistius Labeo abzuleiten wäre ab hortando, die zu guten und löblichen Thaten ermahnende. Doch ist die Form Hora (b. Ennius Hōra, b. Ovid Hŏra) am besten beglaubigt. Nach Plutarch l. c. stand ihr Tempel immer offen, vgl. oben S. 155 . Ueber den Namen der Hersilia s. S. 245 . , war den Andeutungen Ovids Met. XIV, 832 ff. zufolge identisch mit der Hersilia d. h. der zur Göttin gewordenen Gemahlin des Romulus Quirinus, welche auf den Romulus aber erst nach seiner Identificirung mit dem sabinischen Quirinus übertragen sein kann. Juno sagt dort zur Hersilia, wenn sie ihren Gemahl wiedersehn wolle, so solle sie mit ihr gehn zu dem 329 Haine, welcher dem Quirinus auf seinem Hügel grüne Colle Quirino qui viret et templum Romani regis obumbrat. Vielleicht waren die Virites Quirini die Göttinnen dieses Hains, der wie gewöhnlich das älteste Heiligthum des Gottes war. . Als sie hingegangen sind, fällt ein Stern vom Himmel und auf den Scheitel der Hersilia, worauf sie verschwindet (vgl. oben S. 83 ) und von Romulus unter dem Namen der Hora Quirini in seinen Tempel aufgenommen wird Priscum pariter cum corpore nomen mutat Horamque vocat, quae nunc Dea iuncta Quirino est. . Also eine Göttin gleich der sabinischen Nerio, der Gemahlin des Mars, welche auch zugleich als weiblich hingebend und als kriegerisch und neben dem Mars als Schutzgöttin der Ehe gedacht wurde ( S. 303 ). Neben diesen Beziehungen zur Natur und Fruchtbarkeit aber wurde Quirinus wie Mars doch vorzugsweise als ein Gott der Waffen und des Kriegs gedacht und verehrt Stat. Silv. V, 2, 129 humeris quatere arma Quirinus (monstrabit) . Vgl. Fest. p. 217 persillum , so hieß im priesterlichen Sprachgebrauche ein eigenthümliches Gefäß, rudusculum picatum, ex quo unguine flamen Portunalis arma Quirini unguet. . Sein Bild scheint das eines bärtigen, in einem halb kriegerischen halb priesterlichen Schmucke dasitzenden Mannes gewesen zu sein Auf Münzen der Memmia der K. des Quirinus, würdig, langbärtig in gelockten Reihen, mit einem Myrten- oder Lorbeerkranz. Auf M. der Fabia (Pictor) Quirinus sedens d. apicem s. hastam et clypeum . Auf dem Schilde die Inschrift QVIRIN. . Plinius erzählt H. N. XV, 29, 36, daß vor dem alten Tempel des Quirinus lange zwei Myrten gestanden hätten, von denen die eine die patricische die andre die plebejische hieß. Viele Jahre habe die patricische Myrte ein fröhlicheres Wachsthum gehabt, während die plebejische verkümmerte, so lange eben der Senat oben auf und der gemeine Mann zurückgesetzt gewesen sei. Dann aber, während des Marsischen Kriegs, als die Demokratie die Aristokratie überflügelte, sei die plebejische Myrte auf einmal mächtig aufgeschossen, die patricische aber verwelkt und eingegangen. Diese beiden Bäume erinnern sehr an die beiden Lorbeern im Heiligthume des Mars in der Regia (Iul. Obseq. 78), und man darf wohl vermuthen, daß beide Pflanzungen, die Myrten vor dem T. des Quirinus und die Lorbeern im Heiligthume des Mars, sinnbildlich dasselbe bedeuten sollten, das fröhliche Gedeihen des vereinigten populus Romanus Quiritium unter dem Schutze der beiden alten Stammgötter: bis eine spätere Zeit bei jenen Myrten nicht mehr an die beiden Stämme der Vorzeit, 330 sondern an die feindlichen Stände der Patricier und Plebejer dachte. Der Apollinische Lorbeer bedeutete Reinheit und Erneuerung, die Myrte aber, das Laub der Venus, Befruchtung und Einigung; daher die Sage ging, daß die Römer und die Sabiner, als sie nach blutigem Streit zur Verbündung geschritten, sich beim Heiligthume der Venus Cluacina mit Myrtenzweigen gereinigt hätten. Wird doch selbst die Stiftung des Dienstes des Quirinus gewöhnlich auf jenen ältesten Bund und Vertrag zwischen den Römern und Sabinern und eben so der Name Quirites auf denselben ältesten Grundvertrag des römischen Bürgerrechtes und Stadtfriedens bezogen Fest. p. 254 Quirites autem dicti post foedus a Romulo et Tatio percussum communionem et societatem populi factam indicant. Vgl. Plut. Rom. 29. . Vielleicht hängt es damit zusammen daß man später den Quirinus als einen ruhigen und friedlichen Gott dem Mars Gradivus geradezu entgegensetzte (Serv. V. A. I, 292). Leider läßt sich die Zeit, wo der erhöhete Romulus und Quirinus zu einer Person verschmolzen, nicht näher bestimmen; jedenfalls kann es nicht eher geschehen sein als nachdem das Bewußtsein von jener ältesten Thatsache der römischen Geschichte, der Verdoppelung der Bürgerschaft durch Verbündung der Römer und Sabiner, verloren gegangen war. Seitdem ist Romulus Quirinus als alleiniger Stammheros an die Stelle der beiden alten Stammgötter eingerückt, wie die Formel Populus Romanus Quirites oder Quiritium ursprünglich eine Verdoppelung ausgedrückt hatte, aber später nur das eine Volk der römischen Bürger bezeichnete. Gewiß ist daß zur Zeit des Cicero und der Dichter des Augusteischen Zeitalters Romulus und Quirinus allgemein für dieselbe Person galten Orelli Onomast. Tull. v. Quirinus. Wenn Cic. de Off. III, 10 sagt: Romulus fratre interempto sine controversia peccavit, pace vel Quirini vel Romuli dixerim , so ist das nur der gewöhnliche Unterschied zwischen dem sterblichen und unsterblichen Romulus. Virg. Ge. III, 27 victorisque arma Quirini . Aen. 1, 292 Remo cum fratre Quirinus . Ovid F. II, 476, III, 41, VI, 369 lituo pulcher trabeaque Quirinus . Iuvenal. XI, 105 geminos Quirinos von Romulus und Remus. Vgl. Plin. H. N. XV, 29, 36, Plut. Rom. 29 u. A. . Das jährliche Fest des Quirinus, die Quirinalia , fiel auf den 17. Februar, also in die Annäherung des Frühlings. Leider hören wir von demselben nur auf Veranlassung der Fornacalien, bei welchen denen, welche sich zu keiner bestimmten Curie 331 hielten, eine eigne Feier auf den Tag der Quirinalien angesagt wurde, welchen man deshalb auch den Festtag der Narren, Stultorum ferias nannte Varro l. l. VI, 13, Fest. p. 254 Quirinalia, Ovid F. II, 473 ff., vgl. Kal. Maff. und Farnes. 17 Febr. . Der alte Tempel des Quirinus wurde im J. 461 (293 v. Chr.) von L. Papirius Cursor nach einem Gelübde seines Vaters von neuem erbaut und mit den Spolien der Samniter und einer Sonnenuhr, der ersten in Rom geschmückt Liv. X, 46, Plin. H. N. VII, 60. . In diesem Tempel wurde, als Quirinus schon allgemein für den göttlichen Romulus galt, dem Cäsar als seinem Abkömmling eine Statue mit der Inschrift »dem unbesiegten Gotte« errichtet Dio XLIII, 45. Daher Cicero ad Att. XIII, 28 den Cäsar einen contubernalis Quirini nennt. . Augustus, welcher sich gleichfalls für einen Abkömmling des Romulus hielt und sich gerne einen zweiten Romulus nennen hörte, stellte den durch Alter und Brand beschädigten Tempel des Quirinus noch einmal her, seit welcher Zeit (er wurde im J. 15 v. Chr. eingeweiht) das Gebäude ein sehr prächtiges und von einer doppelten Säulenhalle umgeben war Dio LIV, 19, Vitruv. III, 2, 7, Becker Handb. 1, 569. . 3. Picus und Picumnus und Pilumnus. Es ist wieder ein recht deutlicher Beweis von dem mährchenhaften Zuge der älteren italischen und latinischen Volkssage, daß aus dem picus Martius, dem heiligen Waldvogel des Mars, im Laufe der Zeit ein Walddämon und ländlicher Schutzgeist, ja in den Sagen der Laurenter sogar ein König und streitbarer Held werden konnte. Als silenenartiger Dämon des Waldes, der die Quellen liebt und weissagerischen Geistes ist, tritt Picus neben dem gleichartigen Faunus auf in dem Mährchen bei Ovid F. III. 291 ff., wo Numa beide Dämonen Sie sagen von sich v. 315 di sumus agrestes et qui dominemur in altis montibus . an einer Quelle am Aventin auf dieselbe Weise fängt wie Midas den Silen. In andern Sagen erscheint er als ein Dämon des Ackerbaus, namentlich des Düngens, daher man ihn einen Sohn des Stercutus d. h. des Saturnus und den Stifter eines Altares des Stercutus in Rom nannte, offenbar wegen der sterquilinischen Neigungen des Wiedehopfes, an dem solche Unsauberkeit auch sonst in allerlei unpoetischen 332 Beinamen hervorgehoben wird. Wieder andre Sagen oder Culte nannten ihn Picumnus und neben ihm als seinen Bruder und Doppelgänger den Pilumnus, von denen jener die Düngung der Felder erfunden habe und deshalb Sterculinus genannt worden sei, dieser das Stampfen des Getreides (pinsendi frumenti usum), daher er von den Bäckern (a pistoribus) verehrt werde, deren Mörserkeule (pilum) nach ihm benannt sei Serv. V. A. IX, 4, X, 75, Martian. Cap. II, 158 comminuendae frugis farrisque fragmenta Pilumno assignat Italia . Sonst ist pilum der Wurfspieß, daher pilumnoe poploe d. i. Romani im Liede der Salier, Fest. p. 205. : eine volksthümliche Unterscheidung der zwei nahe verwandten, sonst oft verwechselten Vögel, des Stänkers Wiedehopf (upupa, ἔποψ) und des Stampfers Specht (picus, δρυοκολάπτης), welcher also hier zu einem Schutzpatron der pistores geworden war. Gewiß ist daß Picumnus auch sonst beim Volke für einen ländlichen Dämon galt Aemilius Macer (ein Dichter der Augusteischen Zeit, Freund Virgils und Ovids) in theogoniae (lies Ornithogoniae) lib. I b. Non. Marc. p. 518 et nunc agrestis inter Picumnus habetur . , daher eine Sage ihn zum Gemahl der Pomona machte, während Pilumnus in der Sage von Ardea für den Ahnherrn des Königs Turnus galt. Ja Picumnus und Pilumnus hatten selbst in den Gebetsurkunden des römischen Volks eine Stätte gefunden, als Schutzgötter der Kindbetterinnen und kleinen Kinder, daher ihnen, wenn auf dem Lande ein Kind geboren war und dessen Lebenskräftigkeit nach altem Brauche dadurch daß man es auf die Erde stellte geprüft wurde, als Göttern des ehelichen Kindersegens im Atrium ein Speiselager bereitet wurde Non. Marc. p. 518. 528. Varro de vita P. R. lib. II. Natus si erat vitalis ac sublatus ab obstetrice, statuebatur in terra ut auspicaretur rectus esse, diis coniugalibus Pilumno et Picumno in aedibus lectus sternebatur. Serv. V. A. X, 76 Varro Pilumnum et Picumnum infantium deos esse ait eisque pro puerpera lectum in atrio sterni, dum exploretur an vitalis sit qui natus est. Eine andre Sitte war die der Vornehmen, s. Serv. Ecl. IV, 62 proinde nobilibus pueris editis in atrio domus Iunoni lectus, Herculi mensa ponebatur. , doch wohl vermöge der gewöhnlichen Uebertragung der Aussaat und des Gewächses der Feldfrucht auf die Frucht des Mutterleibes. Von einem andern ländlichen Gebrauche erzählt Varro bei Augustin C. D. VI. 9, nehmlich daß drei Götter um Schutz für eine Kindbetterin angerufen wurden, damit Silvanus nicht zur Nacht in das Haus schleiche und der Mutter Gewalt anthue, und daß um diesen Schutz sinnbildlich auszudrücken drei Männer in der Nacht 333 um das Haus gingen und beide Schwellen (der Vorder- und der Hinterthüre) zuerst mit einem Beile, dann mit einer Mörserkeule (pilum) schlugen, endlich drittens mit einem Besen abfegten: drei Sinnbilder der menschlichen Cultur (weil die Bäume mit dem Beile behauen, das Getreide mit der Keule gestampft, die Feldfrucht mit dem Besen zusammengefegt werde), welche Silvanus so wenig vertragen konnte als in den deutschen Sagen die Riesen des Gebirgs den Pflüger im Thale. Nach jenen drei Handlungen wurden diese Schutzgottheiten der Wöchnerin genannt Intercidona von dem Einschnitte des Beils (a securis incisione), Pilumnus von der Mörserkeule und Deverra von dem Fegen des Besens. Das Fegen der Schwelle erinnert an den Ausfeger (everriator) im Todtenhause und ähnliche Gebräuche Paul. p. 77. Als Reinigungsgebrauch wird dieses Ausfegen auch unter den vorbereitenden Reinigungen der Palilien erwähnt, Ovid F. IV 736 unda prius spargat virgaque verrat humum . . Wenn nehmlich ein Todter in einem Hause war, so wurde dasselbe mit einer eignen Art von Besen ausgefegt, doch wohl auch zum Schutze vor bösen und gewaltthätigen Dämonen. Endlich als König und als streitbarer Held erscheint Picus in der Sage der Laurenter, die ihn einen Sohn des Saturnus und den Vater des Faunus nannte. Virgil Aen. VII, 170 ff., schilderte seinen Palast mit sehr poetischen Farben, wo aber doch eine alterthümliche Ueberlieferung durchschimmert, Waldeinsamkeit und altherkömmlicher Glaube der Väter, so daß diese angebliche regia Pici zu Laurentum wohl eigentlich ein altes nationales Waldheiligthum des Mars und seines heiligen Vogels gewesen sein möchte, wie das der Aboriginerstadt Tiora Matiene. Dort pflegten die Könige des Landes ihre Würde zu empfangen und einzuweihen, dort sich mit ihren Aeltesten zu berathen, dort die Opfermahlzeiten und alle festlichen Schmäuse zu halten. In der Vorhalle sah man die Bilder der Ahnen, des Italus und des Sabinus, des Janus und des Saturnus und andrer alter Könige und Helden, an den Säulen aufgehängt die erbeuteten Waffen, Kriegswagen und Beile, die Riegel gesprengter Thore und Schiffsschnäbel. Picus selbst aber thronte mit aufgegürteter Trabea, mit dem lituus und am linken Arm ein ancile tragend, der reisige Picus, den seine Gattin Circe in einen Specht verwandelte: so daß er also wie alle alten Könige zugleich als Augur und als Krieger gedacht wurde Doch wird am Picus immer, sowohl an dem Vogel als an dem Aboriginerkönige, vorzugsweise die augurale Thätigkeit und Bedeutung hervorgehoben, s. Fest. p. 197 Oscines, p. 209 Picum avera, Non. Marc. p. 518 Picumnus, Plin. H. N. X, 18, 20, Serv. V. A. VII, 190 hoc ideo fingitur, quia augur fuit et domi habuit picum, per quem futura noscebat, quod pontificales indicant libri. . Das 334 Mährchen von seiner Verwandlung wird ausführlich erzählt von Ovid Metam. XIV, 313–434, welcher dabei eines jugendlichen und reichlich bekränzten Bildes des Picus mit einem Specht auf dem Haupte gedenkt. Immer ist es die Eifersucht und der Zauber der Circe, welche den jungen Ritter in einen Vogel verwandelt, doch nannten Einige Circe als seine Gattin, Andre die Fruchtgöttin Pomona, noch Andre, mit ihnen Ovid, die schöne und gesangreiche Quellnymphe Canens Vgl. Plut. Qu. Ro. 21 und Serv. V. A. VII, 190. . Picus war eben so schön als tapfer, in den besten Jahren der Jugend, ein großer Jäger, der Liebling aller Wald- und Quellnymphen von Latium. Er aber liebte nur die eine Canens, die Venilia auf dem Palatium dem Janus geboren hatte ( S. 163 ). Sie war schön, aber noch schöner war ihr Gesang, nach welchem man sie Canens nannte; wie Orpheus vermochte sie Wälder und Steine zu bewegen, wilde Thiere zu zähmen, den Lauf der Ströme und den Flug der Vögel zu hemmen. Einst, während sie sang, ging Picus auf die Jagd auf muthigem Roß, mit zwei Jagdspeeren bewaffnet und mit einem purpurrothen Kragen bekleidet, den vorne eine goldne Spange zusammenhielt. Da sieht ihn Circe, die eben im Walde Kräuter liest, und lockt ihn in Liebe entbrennend in den tiefen Wald. Er aber will von keiner andern Liebe wissen; da verwandelt ihn Circe in den gleichnamigen Vogel, der sich deshalb so scheu in die Wälder zurückzieht und in seiner Wuth mit seinem Schnabel in die harten Stämme und die langen Aeste der Bäume hackt. Von dem Purpur des Kragens und dem Golde der Spange sieht man die Spur an seinem Gefieder. Die treue Canens suchte ihn sechs Tage und sechs Nächte, ohne Speise und ohne Schlaf, durch Thäler und Wälder, bis sie zuletzt am Tiber ermattet hingesunken unter Thränen und süßen Gesängen hinstarb, nur noch ein Hauch, der in der Luft zerfließt. Aber alte Lieder nennen den Ort nach ihrem Namen »zur süßen Stimme«. Es braucht kaum hinzugesetzt zu werden daß diese Canens, die Tochter des Ursprungs und der Welle, die Geliebte des einsamen Waldvogels, nichts weiter ist als eine Personification des Gesanges in seiner ältesten Wirkung und Bedeutung, wie er aus den Stimmen der Natur, aus Wäldern, Flüssen und Quellen in süßen und 335 lockenden Klängen hervortönt als Gesang der Musen und Nymphen, als Orakel oder als Zauber. Im weiteren Verlaufe dieser Untersuchungen werden sich noch manche andre Spuren finden, daß das alte Italien für solche Naturlaute und Naturwirkungen nicht minder empfänglich war als das alte Griechenland und alle Volkssagen und Volksmährchen. 4. Faunus und Fauna. Dennoch ist Picus, da er wesentlich nur Symbol des Mars war, niemals eigentlicher und selbständiger Cultusgott gewesen, wie sein naher Verwandter Faunus: einer der ältesten und volksthümlichsten Götter Italiens, dessen Eigenthümlichkeit und große Wichtigkeit für den Volksglauben man sich oft deswegen hat entgehen lassen, weil er in Rom sehr bald mit dem griechischen Pan identificirt und wie sein historischer Doppelgänger Evander aus Arkadien hergeleitet wurde. Und doch ist schon der Name ganz italisch, denn Faunus ist der Gute, der Holde, von faveo, wie Faustus und Faustulus und der befruchtende Frühlingswind Favonius ( S. 291 ). In umbrischen Sprachdenkmälern findet sich das Wort fons in der verwandten Bedeutung von gnädig und hülfreich Aufrecht und Kirchhoff 2, 139, vgl. Bugge in der Zeitschr. f. vgl. Sprachf. 3, 41. Mart. Cap. II, 167, Glossa Isidori: Fones, dei silvestres . , und wirklich hießen die oft im Plural gedachten Faune in der Volkssprache auch Fones. Auch zeugt eben jene alte griechische Uebersetzung des italischen Namens durch Evander für die Richtigkeit der Erklärung, die den Alten nicht entgehen konnte Serv. Georg. 1, 10 quidam Faunos putant dictos ab eo quod frugibus faveant . A. VIII, 314 quidam Faunum appellatum volunt eum quem nos propitium dicimus . . Also ein guter Geist der Berge, der Triften, der Fluren, orakelnd und den Acker, das Vieh und die Menschen befruchtend, ein Stifter milder und frommer Sitte, alter König und Urheber vieler alter Geschlechter: das sind etwa die Grundzüge eines Glaubens, der durch ganz Italien galt und den auch Varro bei Serv. V. A. VIII, 275 als einen alten italischen und römischen bezeichnet. Im Volke war der Glaube an diese guten Geister der Flur und des Waldes so lebendig und eingewurzelt, daß die Bauern in der Umgegend von Rom fort und fort behaupteten, man sähe sie oft auf den Feldern Prob. z. Virg. Ge. 1, 10 plures autem existimantur esse et praesentes. Idcirco rusticis persuasum est incolentibus eam partem Italiae, quae suburbana est, saepe eos in agris conspici. . 336 Den gewöhnlichen Volksglauben schildert am besten Horaz Od. III, 18, zu welchem Gedichte die ländlichen Faunalien, wie sie an den Nonen des December gefeiert wurden, Veranlassung gegeben haben Porphyrion bemerkt zu diesem Gedichte: Nonis Decembribus Faunalia sunt h. e. dies festus Fauni, in cuius honorem pecudes lasciviunt. Vgl. Acron ib. . »Faunus, sagt der Dichter, wenn du die flüchtigen Nymphen haschest, gehe mir gnädig über meine Grenzen und sonnigen Fluren Ovid F. IV, 761 nec Dryadas nec nos videamus labra Dianae, nec Faunum medio cum premit arva die. und lasse mir die junge Zucht der Trift ungeschoren. Schlachte ich dir doch jährlich, wenn deine Zeit kommt, ein zartes Böcklein, fülle dir die Becher reichlich mit Wein, dem Gesellen der Liebesgöttin, auch duftet der Väter Altar von reichlichem Weihrauch. Alles Vieh hüpft auf der Weide, wenn deine Nonen wiederkehren, das ganze Dorf, mit ihm der Pflugstier feiert dich auf den Wiesen, kein Lamm fürchtet sich vor dem Wolfe. Der Wald streut dir seine Blätter und der Bauer trampelt mit lustigem Tanzschritt auf der Erde, die sonst seine Plage ist«. Verliebt ist Faunus wie alle Befruchtungsgötter; die junge Heerde soll er verschonen, weil er wie alle Dämonen, wenn man sie vernachlässigt, tückisch wird. Daß er sonst die Heerde mehrt und vor dem Wolfe schützt, deutet das Gedicht selbst an, und Faunus wurde deshalb bei den Hirten allgemein als Inuus verehrt und als Lupercus . Inuus ist der Bespringer, ab ineundo Paul. p. 110 init ponitur interdum pro concubitu. , zunächst im Sinne der thierischen Begattung, Lupercus der Wolfsabwehrer, in der nächsten Bedeutung als Beschützer der Heerde Paul. p. 15 arcere prohibere est. Similiter abarcet prohibet. Porcet quoque dictum ab antiquis quasiporro arcet. Ib. p. 25 abercet prohibet. , in der entfernteren als Austreiber des Winters durch die Erneuerung des Jahres im Frühlinge. Wir werden beide Eigenschaften bei den römischen Lupercalien wieder zusammenfinden. Einstweilen mag das Castrum Inui an der Küste von Ardea, wahrscheinlich eine alte latinische Hirtenstation (Virg. Aen. VI, 775), die populäre Geltung dieses Namens beweisen. In andern Ueberlieferungen des Volksglaubens erscheint Faunus oder als Collectivbegriff das Geschlecht der Faune mehr 337 nach Art des nahe verwandten Silvanus als Waldgeist, der im tiefen Walde haust, in verborgenen Höhlen oder an rauschenden Quellen, wo er weissagt oder die Vögel fängt und die Nymphen jagt. Den Menschen tritt er in solchen Erzählungen meist nur geisterhaft, mahnend und schreckend entgegen, mit gewaltiger Stimme aus dem Walde rufend, so daß alle Herzen erbeben, oder mit allerlei dämonischer Plage des Schlafes und Traumes, wie die alten Gallier sie von ihren Dusiern, die Deutschen von ihren Schraten erzählten Grimm D. M. 448. . Namentlich ist bei den Römern oft von den Stimmen und Rufen des Faunus die Rede, welcher dadurch mehr als eine Schlacht entschieden haben soll, indem er die Brust der Feinde mit panischem Schrecken erfüllte Cic. d. Divin. 1, 45, 101 saepe etiam in proeliis Fauni auditi . Vgl. N. D. II, 2, 6, III, 6, 15 und die Erzählungen von der Schlacht mit den Etruskern in der Nähe der silva Arsia, wo Einige den Silvanus, Andre den Faunus nannten, Liv. II, 7, Dionys V, 16, Val. Max. 1, 8, 5. . Oder man dachte sich dieselben Wesen wie Geister umherschleichend, daher die Hunde in Italien dem Faunus und der Mutter aller guten Geister gesellt wurden, wie in Griechenland der Hekate, weil die Hunde Geister sehen, namentlich glaubte man die jungen Hündinnen vom ersten Wurfe der Mutter. Daher auch der Glaube an allerlei Neckereien der Faune im Schlaf, so daß sie bisweilen ganz als Plagegeister erscheinen wie bei uns der Alp; gegen welche Anfechtungen man sich mit allerlei Wurzeln und Quacksalbereien zu schützen suchte, besonders mit der Wurzel der Waldpäonie, welche man aber nur bei Nacht ausgraben durfte, weil der Marsspecht, wenn er es bemerkte, dem Gräber die Augen aushackte Plin. VIII, 40, 62, XXV, 4, 10, XXX, 10, 24. Ueber das Geistersehen der Hunde s. Grimm D. M. 632. . Vorzüglich hatten sich die Frauen vor den Faunen und Silvanen in Acht zu nehmen, da diese lüsternen Waldgeister sie leicht im Bette beschlichen; daher der volksthümliche Name Incubus für solche nächtliche Geister und Kobolde Augustin C. D. XV, 23, Isidor Orig. VIII, 103, Serv. V. A. VII, 776, Macrob. S. Scip. 1, 3, 7 u. A. Der Incubus oder Incubo, ab incumbendo dictus, entspricht dem griechischen ἐπιάλτης. Wegen ihrer geilen Productionskraft nannte man sie auch Fauni ficarii , Hieron. in Isai. V, 13, 21 vel Incubones vel Satyros vel silvestres quosdam homines, quos nonnulli Faunos ficarios vocant , vgl. Isidor. Orig. VIII, 11. Nach einer gothischen Sage war das Volk der Hunnen aus der Vermischung solcher Fauni ficarii mit Alraunen d. h. zaubernden Nymphen, Hexen entsprungen, Iornandes d. reb. Get. 24. . 338 Dahingegen die Dichter meist nur von dem nächtlichen Spiele und Tanze der Faune und Nymphen in den Schluchten des Waldes erzählen, wo das Echo wiederhallt und die lärmenden Laute oder süße Musik weithin durch die stille Nacht zu den Ohren des Landmanns trägt. Oder sie dichten von dem Jagen und Vogelstellen des Faunus, der darum auch mit der Diana nahe befreundet ist Lucret. IV, 570 ff., Virg. Georg. I, 10, Aen. VIII, 314, Prop. IV, 2, 33, Grat. Fal. Cyneg. 16 ff. u. A. . Immer gehören die Faune und die Nymphen des Waldes zur Lust und ländlichen Staffage des Gebirges; wie es die Arbeit und das Leben der Menschen im Thale mit ahndungsvollem Hintergrunde umgiebt und in dasselbe wie Rübezahl mit allerlei dämonischem Spuk, aber doch eigentlich wohlwollenden und gutmüthigen Geistes hinübergreift. Der eine Faunus dagegen erscheint in latinischen und römischen Ueberlieferungen zunächst und vorzüglich als ein Gott der Weissagung und Offenbarung, sowohl der unmittelbaren aller erregten und bewegten Natur als der durch Traum oder Verzückung. Faunus hieß in dieser Eigenschaft Fatuus oder Fatuelus Serv. V. A. VI, 776, VII, 47, VIII, 314, Fest. p. 325 versus quibus Faunus fata cecinisse hominibus videtur . Auch der Deus Vaticanus , von welchem der Vaticanische Hügel seinen Namen bekommen hatte, wird am besten abgeleitet a vaticiniis, quae vi atque instinctu eius dei in eo agro fieri solita essent , Gell. V. A. XVI, 17. Also wohl auch ein alter Dienst des Faunus. von fari und fatuari, also der Sprecher in dem Sinne wie unser Wahrsager und der griechische προφήτης. Nimmt doch selbst Numa, der Liebling der Egeria, in solchen Fällen wo es die Geheimnisse der Götterwelt zu erfahren gilt, zum Picus und Faunus seine Zuflucht, welche nach dieser Sage von dem Könige und seinen zwölf Begleitern erst berauscht und dann gebunden und zur Offenbarung des furchtbaren Zaubers gezwungen werden Ovid F. III, 291 ff., Arnob. V, 1, Plut. Numa 15, oben S. 170 . . In einer andern Erzählung, bei Ovid F. IV, 644 ff., wird ein Traumorakel des Faunus mit sehr alterthümlichen Zügen beschrieben. Wieder wird Numa vom Faunus belehrt, diesmal wie in einem unfruchtbaren Jahre die Erde durch ein Opfer von zwei Kühen versöhnt werden müsse. In einem alten dem Faunus geheiligten Walde, wo der gute Geist sich in der Nacht den Träumenden zu offenbaren pflegte, schlachtet Numa zwei Schaafe, eins dem Faunus das andre dem Schlafe. Beide Felle werden auf der bloßen Erde ausgebreitet, der König besprengt 339 sein Haupt zweimal mit dem Wasser der Quelle, flicht zwei Kränze von Buchenlaub um sein Haupt und legt sich, durch keusche Enthaltung, Fastenspeise und Entfernung des Ringes von seinem Finger vorbereitet, nachdem er gebetet auf die Felle zum Schlafe nieder. Nun kommt die Nacht und mit ihr Faunus, der die Felle betritt und dem Könige das Gebot jenes Opfers ins Ohr flüstert. Eine dritte Erzählung von den Offenbarungen des Faunus ist die bei Virgil Aen. VII, 79–95, und zwar wird auch hier ein bestimmtes Faunus-Orakel der Latiner beschrieben, in der Hauptsache wie bei Ovid. Seine Stätte war der Hain der Albunea, wahrscheinlich der bei den Wasserfällen von Tibur Nach Servius der bei Tibur, nach Probus z. V. Georg. I, 10 in Laurentinorum silva, daher Bormann altlatin. Chorogr. S. 49 ff. das von Virgil beschriebene Orakel an die Solfatara d'Altieri in der Gegend von Ardea verlegt; doch weist der Ausdruck sub alta Albunea und der große Ruhm des Ortes mehr nach Tibur. Vermuthlich waren beide Stätten dem Faunus und der Fauna heilig. Auch Vitruv. VIII, 3 nennt beide Solfataren als gleichartige Erscheinungen zusammen. . Der König Latinus, von bösen Zeichen erschreckt, begiebt sich in jenen durch alten Glauben der Latiner und aller umwohnenden Völker geheiligten Hain. Dahin, sagt der der Vorzeit kundige Dichter, ging der Priester um fromme Gaben darzubringen, Schaafe zu schlachten und sich auf ihre Felle zum Schlafe zu legen, worauf er viele wunderbare Gesichte sah und viele seltsame Stimmen im Gespräche mit den Göttern hörte. Dahin also ging damals auch Latinus, that wie Alle zu thun pflegten und hörte eine Stimme aus dem Gipfel der Bäume, welche ihm seine Tochter nicht dem Turnus zu geben, sondern für den Fremdling aus weiter Ferne aufzubewahren befahl. Ein andrer Dichter, Calpurnius Ecl. I, 8 ff., weiß von einem Buchenhain des Faunus mit einer Höhle, in welche nur Enthaltsame gehn durften und in deren Nähe die Hirten die Orakel des Faunus in die Stämme der Buchen eingeschnitten fanden, während Fronto de eloq. p. 85 die Faune im Allgemeinen vaticinantium incitatores nennt. Daher die bekannte Ableitung alles ältesten Gesanges, welcher immer religiösen und oraculösen Inhaltes oder Zaubergesang ist und in Italien dieses sehr lange blieb, von Faunus oder den Faunen; aus welchem Grunde auch das Versmaaß solcher Gesänge und überhaupt der alten und nationalen Dichtung das Faunische hieß oder das Saturnische Ennius Ann. v. 221 scripsere alii rem versibus quos olim Fauni vatesque canebant etc., wozu Varro l. l. VII, 36 bemerkt: hos (Faunos) versibus quos vocant Saturnios in silvestribus locis traditum est solitos fari futura, a quo fando Faunos dictos , eine beliebte, aber falsche Etymologie. Vgl. Fest. p. 325 Saturno, Mar. Victorin A. Gramm. III, 18, Placid. Gl. p. 463. Alte Propheten, welche Apollinis operta d. h. dunkle Sprüche der Weissagung, in solchen Versen gesungen hatten, waren Marcius und Publicius, s. Cic. de Divin. I, 50, 115, II, 55, 113. , denn Saturnus gehörte in Italien eben so 340 wesentlich zu dem Bilde der mythischen Vorzeit als Faunus. Wie eben dieser Faunus als Geist der Inspiration in verschiedenen Ueberlieferungen als ältester Religionsstifter von Latium erscheint und als solcher sogar neben Numa genannt wurde, haben wir oben S. 92 gesehen. Nächst dieser weissagenden Natur wird auch in den römischen Gebräuchen und Legenden am meisten hervorgehoben die Kraft der Befruchtung, so namentlich in der Mythe vom Faunus und der Fauna d. h. der Guten, der Holden, der deutschen Frau Hulda, der römischen Bona Dea, welche bald die Tochter bald die Frau des Faunus heißt und von ihm in Gestalt einer Schlange befruchtet wird, aber auch Fatua genannt wurde Iustin. XLIII, 1 Fauno fuit uxor nomine Fatua, quae assidue divino spiritu impleta velut per furorem futura praemonebat; unde adhuc qui inspirari solent fatuari dicuntur. Vgl. Serv. V. A. VII, 47 u. A. weil sie wie Faunus zugleich für weissagerisch galt, für eine sibyllenartige Göttin der ekstatischen Begeisterung und Wahrsagung, auch des Gesanges und Zaubers. Wir werden auf den Cult dieser alten, in Italien unter verschiedenen Formen und Namen verbreiteten Göttin zurückkommen, indem wir hier nur noch auf die alterthümliche, der griechischen Natursymbolik nahe verwandte Bildersprache hinweisen, in welcher die oft erzählte Legende vom Faunus und der Fauna oder Bona Dea (s. dort) sich ausdrückt. Nehmlich die Myrtenzweige, mit welcher Faunus die Fauna streicht, waren sicher ursprünglich nur ein Bild der Befruchtung, welche im Frühlinge von dem schöpferischen und zaubernden Geiste der Berge und Wälder ausgeht und in der jungfräulichen Erde einen neuen Trieb zu allem Wachsthum erweckt. Eben so der Genuß des Weins, mit welchem er sie trunken macht, denn nun beginnen die Quellen wieder zu strömen und die Blätter zu rauschen und die ganze Natur wird von jenem trunknen Taumel der Liebe ergriffen, welcher auch der ekstatischen Gemüthsverzückung, die man beiden, sowohl dem Faunus als der Fauna zuschrieb, ganz nahe verwandt ist. Endlich die Schlange, in deren Gestalt Faunus der Fauna beiwohnt, wie in den griechischen und phrygischen Mythen Zeus der Proserpina 341 oder der Rhea, kann nach der Analogie der gewöhnlichen italischen Symbolik ( S. 76 ) nichts Anderes sein als ein Bild des schaffenden Genius und der ewigen Verjüngung und Erneuerung des Jahres, wie das Gefühl für dieselbe denn grade in den römischen Culten der Lupercalien und des Opfers der Bona Dea mit fast auffallender Lebendigkeit sich ausdrückt. Endlich wurden Faunus oder die Fauna auch sehr häufig in den mythischen Ueberlieferungen von der ältesten Vorzeit genannt und zwar in zwiefacher Weise, entweder so daß Faunus als König der ältesten Landesbevölkerung und als Stammvater seiner Könige und Edlen selbst Bildung und Ordnung stiftet, oder daß die Faune und Nymphen nur die Staffage einer mythischen Vorzeit sind, welche im Allgemeinen der griechischen Tradition von eichelessenden Pelasgern entspricht. Doch finden sich in solchen Erzählungen zugleich gewisse Vorstellungen von dem Ursprunge des menschlichen Geschlechts aus dem Walde und aus Bäumen angedeutet Virg. Aen. VIII, 314 Haec nemora indigenae Fauni Nymphaeque tenebant gensque virum truncis et duro robore nata etc. Iuvenal Sat. VI, 11 Quippe aliter tunc orbe novo coeloque recenti vivebant homines, qui rupto robore nati compositive luto nullos habuere parentes. Vgl. Griech. Myth. 1, 57. , welche wie in andern Ländern, so auch in Italien wirklich volksthümlich gewesen sein müssen. Auch werden sie durch alterthümliche Geschlechtssagen z. B. die der Albanischen Silvier bestätigt, während andre Genealogieen und Stammsagen direct auf Faunus zurückgehn, der in den alten italischen Ueberlieferungen überhaupt sehr oft die Rolle eines ersten Erzeugers gespielt zu haben scheint Vgl. Virg. Aen. X, 550, Sueton Vitell. 1 und die Sage vom umbrischen oder etruscischen Ocnus b. Silius It. V, 7 vgl. Virg. A. X, 197 und Müller Etr. I, 132, II, 274. . Noch andre Ueberlieferungen nannten die Faune und die Aboriginer d. h. die italischen Autochthonen als so nahe Verwandte, daß beide darüber zu einem herkömmlichen Bilde für die rohe und naturwüchsige Urzeit geworden sind Gell. N. A. V, 21, XIII, 9. . Dahingegen sich in Latium solche Sagen zu der Tradition von jenem Aboriginerkönige Faunus, dem Sohne des Picus verdichtet hatten, welcher für einen sehr weisen und verdienten König galt, der nach seinem Tode zum Schutzgott des Landes nach Art der Indigeten geworden war und als solcher durch Opfer und Gesänge verherrlicht wurde Dionys 1, 31, vgl. Prob. z. Virg. Ge. I, 10, Iustin XLIII, 1, Aurel. Vict. 4 u. A. . Wenn 342 man ihn in Lavinium den Gemahl der für identisch mit der Circe gehaltnen Nymphe Marica nannte, so waren diese Nymphen und Göttinnen wohl nur verschiedene Localformen der einen Fauna oder Bona Dea. Auch der Cultus des Faunus war meist ein sehr alterthümlicher geblieben, da er mit seltnen Ausnahmen im freien Felde verehrt wurde, entweder in Höhlen oder in Hainen und durch heilige Bäume, z. B. den wilden Oelbaum an der laurentischen Küste, an welchem nach Virgil Aen. XII, 766 die Schiffer nach glücklicher Rückkehr ihre Kleider dem guten Schutzgeiste der Heimath zu weihen pflegten. Auf dem Lande scheint man ihm monatlich ein Opfer dargebracht zu haben Probus l. c. Eundem Pana, eundem Inuum, eundem Faunum quidam interpretantur, quod ei in Italia quidam annuum sacrum celebrant, quidam menstruum. , obwohl ihm speciell die Nonen des December heilig waren, ein ländliches Fest beim Eintritt des Winters, worüber bereits nach Horaz berichtet ist. In Rom dagegen war das alte und alterthümliche Fest der Lupercalia am 15. Februar, also bei der Annäherung des Frühlings, der Verherrlichung des sühnenden und befruchtenden Lupercus gewidmet, dessen Heiligthum in der bekannten Höhle am Palatinischen Hügel, das sogenannte Lupercal, für das älteste aller Heiligthümer auf städtischem Grund und Boden gehalten wurde. Es war eine Höhle nach Art der griechischen Panshöhlen, dieselbe in welcher der Sage nach die Wölfin des Mars die Zwillinge stillte. Einst hatte sie, von mehr als einer Quelle tropfend, in einem dichten Gebüsch alter und heiliger Bäume gelegen, später war sie in einem der belebtesten und glänzendsten Quartiere der großen Stadt nur noch das alterthümliche Merkmal und Wahrzeichen einer Zeit, wo Hirten und Räuber, wilde Thiere und die Fluthen des Tiber sich um die Wiege der künftigen Weltstadt stritten Dionys I, 79; II, 32, vgl. meine Regionen der St. R. S. 187 ff. Bei Virg. Aen. VIII, 630 fecerat et viridi fetam Mavortis in antro procubuisse lupam, geminos huic ubera circum ludere pendentis pueros etc. ist zu verbinden Mavortis lupam. Faunus ist in der Geschichte der Zwillinge Faustulus, die Wölfin Acca Larentia, welche auch Lupa genannt wird, oder Fauna d. i. in diesem Culte Luperca, s. Arnob. IV, 3 quod abiectis infantibus pepercit lupa non mitis Luperca Dea est auctore appellata Varrone. Lactant. 1, 20, 1 Romuli nutrix Lupa honoribus est affecta divinis . . Die gewöhnliche Ueberlieferung war daß unter jenem Aboriginerkönige Faunus der arkadische Evander an die latinische Küste verschlagen wurde und vom Faunus freundlich 343 aufgenommen auf dem Palatinischen Hügel das sogenannte Palatium gestiftet, an seinem Abhange jene Höhle dem lykäischen Pan seiner Heimath geheiligt habe, demselben welchen die Römer später Lupercus und Inuus nannten Liv. I, 5, vgl. Ovid F. V, 99, Serv. Georg. I, 10, Schwegler R. G. 1, 351 ff. . Indessen ist schon von Andern bemerkt worden daß dieser Evander nur eine griechische Maske des alten latinischen Nationalgottes Faunus ist, der hier seine Heiligthümer selbst stiftet so gut wie der römische Hercules selbst den Dienst seiner ganz in der Nähe gelegenen Ara Maxima und in andern Cultusüberlieferungen andre Götter. Dem Lupercal entspricht die Feier der Lupercalia Dionys 1, 32, Ovid F. II, 265 ff., Plut. Rom. 21, Kal. Maff. und Farnes. z. 15. Febr. , dessen alterthümliche, in Rom immer mit großer Lust und Liebe gepflegte Gebräuche auf Befruchtung und Sühnung des Landes, der Stadt, ihrer Einwohner und ihrer Heerden deuten. Als Tag der Sühnung hieß dieser Festtag dies februatus von februare in der Bedeutung reinigen und sühnen, daher der ganze Monat Februarius seinen Namen bekommen hatte Varro l. l. VI, 13. 34. Rex (Sacrorum) quom ferias menstruas Nonis Februariis edicit ( S. 140 ), hunc diem februatum appellat. Februum Sabini purgamentum, et id in sacris nostris verbum, nam et Lupercalia februatio, ut in Antiquitatum libris demonstravi. Vgl. Ovid F. II, 19 ff. . Für die Festfeier d. h. für die Tradition und Verrichtung der herkömmlichen Gebräuche bestanden seit unvordenklicher Zeit zwei Collegien oder Sodalitäten sogenannter Luperci , der Fabiani und Quintiliani, welche diese Namen nach ihren mythischen Stiftern und Anführern angenommen hatten und meist junge Leute waren; vermuthlich bestand jedes Collegium aus 12 Mitgliedern Ich folgere dieses aus Arnob. V, 1, wo die zwölf casti iuvenes, die den Picus und Faunus an der Quelle greifen, höchst wahrscheinlich die Luperci sind. Ueber die Fabiani und Quintiliani s. Paul. p. 87, Orelli n. 2253 ff. und Marquardt Handb. IV, 400 ff. Die Fabiani entsprechen der gens Fabia, die Quintiliani der Albanischen gens Quintilia. Auf gewisse Vorzüge der Fabii oder Fabiani beim Opfer deutet Ovid F. II, 371 ff., vermuthlich waren die Quintiliani von späterer Stiftung. In der populären Tradition galten Romulus und Remus für die Stifter der beiden Haufen. . Die Feier begann mit einem Bocksopfer im Lupercal, bei welchem der Flamen Dialis zugegen war Varro l. l. V, 85, VI, 13 Luperci quod Lupercalibus in Lupercali sacra faciunt. Ovid F. II, 280 und Serv. V. A. VIII, 341 sub monte Palatino est quaedam spelunca, in qua de capro luebatur i. e. sacrificabatur unde et Lupercal dictum nonnulli putant : eine falsche Etymologie, deren auch Quintil. 1, 5, 66 gedenkt. und auf welches wie gewöhnlich ein 344 Opfermahl folgte. Bei dem Opfer beobachtete man den bedeutungsvollen Gebrauch, daß zwei Jünglinge vornehmer Abkunft herbeigeführt und von den Opferern mit blutigem Messer an der Stirne berührt wurden, worauf Andre das Blut mit in Milch getränkter Wolle gleich wieder abwischten, die Jünglinge selbst aber lachen mußten: entweder ein sinnbildlicher Act der Sühnung durch das Blut des Opfers oder eine Erinnerung an ältere Menschenopfer. Nach dem Mahle umgürteten sich die Luperci mit den Fellen der geopferten Böcke, zerschnitten andre in Riemen und liefen so zunächst um die Palatinische Altstadt, namentlich auf der heiligen Straße auf und ab, dann über das Forum und überhaupt durch die Stadt, bis auf jene Umgürtung völlig nackend, in welcher Weise auch das Bild des im Lupercal verehrten Faunus costümirt war Iustin XLIII, 1, Ipsum dei simulacrum nudum caprina pelle amictum est, quo habitu nunc Romae Lupercalibus decurritur. . Das römische Volk nannte die Luperci wegen dieser Bekleidung creppi d. i. Böcke, mit einer noch jetzt in Rom und Neapel gewöhnlichen Lautverschiebung für capri Paul. p. 57. So sagten die Bauern fibra für herba, Nigid. Fig. p. 22 Hertz, und nach Placid. gl. sagte man dracumis für lacrimis, frestram für fenestram. . Das Herumlaufen der Luperci und ihr Costüm erklärte man sich auf verschiedne Weise; der wahre Grund liegt auch hier in den Ideen der Reinigung und Befruchtung, welche durch den Umlauf der mit den Fellen der geopferten Röcke Bekleideten und die Berührung der Begegnenden mit den daraus geschnittenen Riemen durch die ganze Stadt getragen werden sollte Ovid F. II, 31 Mensis ab his dictus, secta quia pelle luperci Omne solum lustrant idque piamen habent . Vgl. ib. v. 281 ff., Plut. Rom. 21, Varro b. Augustin C. D. XVIII, 12 und 17, welcher in dem Auf- und Ablaufen der luperci auf der Sacra Via eine Beziehung auf die Deucalionische Fluth zu finden glaubte. : wobei sowohl die verwandte Bekleidung und die ähnlichen Gebräuche der Iuno Sospita von Lanuvium ( S. 247 ) als die Gebräuche der Griechen bei der Sühnungsfeier des Zeus mit dem sogenannten Zeus-Vließe (Διὸς κώδιον), endlich jene Anwendung der Felle beim Traumorakel des Faunus verglichen werden können. Auch wird in einer leider nicht in allen Punkten verständlichen Stelle bei Varro l. l. VI, 34 ausdrücklich gesagt, daß an dem dies februatus das Volk durch einen sühnenden Umlauf der luperci um die Palatinische Altstadt 345 gereinigt sei Quod tum februatur populus i. e. lupercis nudis lustratur antiquom oppidum Palatinum gregibus humanis cinctum , wo die greges humani wohl nach Analogie des sacrificium humanum Paul. p. 103 von Sühnopfern und das cingere wie circuire, also der ganze Ausdruck von lustrirenden Umzügen zu verstehen ist. Vgl. Dionys 1, 80 ἡνίκα ἐχρῆν τοὺς περὶ τὸ Παλάντιον οἰκοῦντας τῶν νέων ἐκ τοῦ Λυκαίου τεϑυκότας περιελϑεῖν δρόμω τὴν κώμην γυμνούς, ὑπεζωσμένους τὴν αἰδῶ ταῖς δοραῖς τῶν νεοϑύτων. τοῦτο δὲ καϑαρμόν τινα τῶν κωμητῶν πάτριον ἐδύνατο, ὡς καὶ νῦν ἔτι δρᾶται. , so daß also nach dem Opfer im Lupercal zunächst der Umlauf um diesen Theil der Stadt und darauf erst der discursus durch die übrigen Theile erfolgte: bei welcher Gelegenheit von den Frauen der bekannte Gebrauch beobachtet wurde, sich den lupercis in den Weg zu stellen und sich von ihnen mit den Riemen der dem Faunus geopferten Böcke in die flache Hand schlagen zu lassen Iuvenal Sat. II, 142 nec prodest agili palmas praebere tuperco . Vgl. Plut. Rom. 21, Caes. 61, Serv. V. A. VIII, 343, Paul. p. 85 Februarius. . Immer galt der Bock und Widder ganz vorzugsweise für das Thier des befruchtenden Triebes, bei den Griechen im Culte des Hermes und der Aphrodite, bei den Römern in dem des Faunus und der Iuno Lucina ( S. 243 ); daher die Lupercalien bisweilen ausschließlich auf die Verehrung des Inuus und auf Befruchtung bezogen wurden. Außer den Böcken wurden auch Hunde geopfert Plut. Rom. 21, Qu. Ro. 68. , welches Thier wie bemerkt wegen seiner feinen Witterung dem dämonischen Wesen des Faunus zu entsprechen schien. Endlich war mit diesen alten sinnbildlichen Gebräuchen allerlei volksthümliche Lust und Kurzweil verbunden, wie sie sich bei einem solchen Aufzuge der meist jungen Männer, wenn sie halb nackend und halb thierisch, von Salben triefend und aufgeregt von Wein und ausgelassener Festlust durch die Stadt liefen und die Frauen ungestraft necken durften, natürlich und von selbst einstellte Liv. I, 5 ut nudi iuvenes – per ludum et lasciviam currerent . Vgl. Cic. Philipp. XIII, 15, Plut. Anton. 12. . Im J. 45 nach der Rückkehr Cäsars aus Spanien wurde ihm zu Ehren ein drittes Collegium der Luperci Iulii gestiftet, und diese waren es welche ihm bei der Lupercalienfeier des nächsten Frühlings durch ihren Vorstand Antonius, der damals Consul war, auf offnem Markte das Diadem anboten Dio Cass. XLIV, 6, Sueton Caes. 76. 79, Plut. Caes. 61, Anton. 12. : eine verhängnißvolle Auszeichnung, denn vier Wochen darauf fiel Cäsar unter den Dolchen seiner Mörder. Um den Ausartungen der letzten Vergangenheit zu steuern, stellte 346 August das sacrum Lupercale und das alte Heiligthum wieder her, indem unbärtigen Jünglingen für die Zukunft die Theilnahme an dem Umlaufe verboten wurde Sueton. 31, Mon. Ancyr. IV, 2. . Das volksthümliche Fest und die Collegien der Luperci haben sich bis in die letzten Zeiten des römischen Heidenthums behauptet. Außer dem Heiligthume des Faunus im Lupercal gab es wahrscheinlich noch ein andres sehr altes in jener Gegend am Aventin, wo Numa mit seinen Jünglingen den Picus und Faunus beschlichen hatte. Endlich hatte man im J. 558 d. St. (196 v. Chr.) von Strafgeldern dem Faunus auf der Tiberinsel einen Tempel erbaut, welcher zwei Jahre darauf eingeweiht wurde Liv. XXXIII, 42, XXXIV, 53. Das Opfer wurde an den Idus des Februar gebracht, zwei Tage vor den Lupercalien, Ovid F. II, 193. Vitruv. III, 2 spricht von einer aedes Iovis et Fauni. . Derselbe lag auf der obern Spitze der Insel, von wo der alte Wald- und Weidegott denn wenigstens den frischen Duft der raschen Strömung des Flusses einathmen und sich nach seinem Ursprunge in den blauen Bergen der Ferne aus der geräuschvollen Stadt hinaus sehnen konnte. Die Bildung des Faunus wurde gewöhnlich wie die des griechischen Pan, die des Geschlechts der Faune wie die der Panisken gedacht, oder auch wohl wie die des Silenos und Marsyas. Wenigstens ist zu vermuthen, daß die Maske oder das Bild des Silenos auf den Münzen verschiedner Städte Italiens, namentlich auf denen von Hatria, die auf dem Reverse den schlafenden Hund zeigen, den einheimischen Faunus bedeutet. Auch die Erzählungen von dem phrygischen Könige Marsyas am Fuciner See, von welchem die Marser ihren Namen und die Kunst der Weissagung ableiteten Plin. H. N. III, 12, 17, Solin. 2, 6, Sil. Pun. VIII, 503, Serv. V. A. III, 359. , sind wohl nur ein späterer Ausdruck für den einheimischen Faunusdienst. 5. Silvanus. Silvanus entspricht in allen wesentlichen Punkten dem Faunus, nur daß seine Thätigkeit mehr auf das eigentliche Waldleben beschränkt bleibt Aurel. Victor. Or. G. Ro. 4 Hunc Faunum plerique eundem Silvanum a silvis, [quidam] Inuum deum, quidam etiam Pana esse diacerunt. , dafür aber auch das älteste Ansiedler- und Dorfleben im Walde und die durch den Wald gezogenen 347 Grenzen mit umfaßt und behütet; was diesem Gottesdienste in culturgeschichtlicher Hinsicht ein besondres Interesse verleiht. Wie Faunus ist er ein guter Geist, gelegentlich aber auch ein Spukgeist des Waldes, der in diesem haust, gelegentlich aus demselben wie Faunus einen markerschütternden Ruf ertönen läßt, bei nächtlicher Weile die Kindbetterin im benachbarten Gehöfte beschleicht u. s. w. Auch ist er wie Faunus ein Gott der Fluren und des Viehstandes und Wolfsabwehrer luporum exactor , Lucilius b. Non. Marc. p. 110, vgl. Virg. Aen. VIII, 600 arvorum pecorisque deo . , obwohl er nicht wie dieser als mächtiger Naturgott auch auf die befruchtenden Kräfte überhaupt und auf die Gemüthserregung wirkt, sondern immer nur um das eigentliche Wald- und Baumleben und um das menschliche Treiben nur soweit es davon berührt wird sich bekümmert. So war auch sein gewöhnliches Bild das eines struppigen Alten, der im Dickicht wohnt, wo er mit den Faunen die Fichten und Steineichen behütet und von Bauern und Hirten an einem ländlich einfachen Altare mit dem Opfer eines Schaafbocks oder eines Schweines verehrt wird Horat. Od. III, 29, 22 horridi dumeta Silvani . Martial. X, 92, 5 semidocta villici manu structas tonantis aras horridique Silvani , wo tonans sein schallendes Rufen im Walde ausdrückt, s. Liv. II, 7. Vgl. Iuven. VI, 447. , oder das eines rüstigen Alten, welcher mit einem derben Knittel in der Hand erscheint, gleich dem wilden Mann mit dem entwurzelten Tannenbaum auf dem Wappen mehrerer Fürsten Niederdeutschlands, das Haupt mit Waldblumen bekränzt Virg. Ecl. X, 24, Georg. II, 494, Grat. Falisc. Cyneg. 20. : ein Freund der Heerden und der Hirten und selbst hin und wieder als weidender Hirte gedacht Vgl. die Inschrift aus der Gegend von Capistrano in den Abruzzen b. Henzen n. 5751 Magne Deus Silvane potens, sanctissime pastor . , auch ein Freund der Jäger, deren einer ihm in England ein bleibendes Andenken gestiftet hat S. die Inschr. aus Stanhope bei Or. n. 1603 Silvano Invicto Sacrum – ob aprum eximiae formae captum, quem multi antecessores praedari non potuerunt . . Oder man dachte sich ihn als sorglichen Pflanzer und Forstmann, welcher einen zarten Setzling an der Wurzel tragend durch den Wald geht und auf alle jungen Stämme Acht hat Virg. Ge. I, 20 und dazu Servius. , ein Gott der Bäume, der Haine, auch der menschlichen Anpflanzungen und Gärten, daher sein Bild auch in den Hainen der Götter und in den Gärten der Menschen gewöhnlich zu finden war, meist in der allereinfachsten und 348 primitiven Form, wie sie sich aus dem Baumcultus unmittelbar entwickelt hatte Die Inschr. b. Or. n. 1613 Silvane sacra semicluse fraxino Et huius alti summe custos hortuli . Vgl. das simulacrum Silvani unter dem alten Feigenbaum vor dem T. des Saturnus in Rom, Plin. XV, 18, 20 und Lucilius b. Non. Marc. p. 110, wo Silvanus luporum exactor et fulguritarum arborum genannt wird, weil jede Beschädigung der Bäume eines Waldes oder eines Hains für ein böses Zeichen angesehn wurde und solche Bäume namentlich aus den Hainen der Götter aufs sorgfältigste entfernt wurden. . Alle derartige Pflanzungen auf dem Felde oder die Lichtungen im Walde, wo ein kühles Laubdach, eine schattige Grotte, eine murmelnde Quelle in der Mittagshitze den Hirten lockte Prop. IV, 4, 3 ff. oder am Abend die Dorfjugend versammelte oder bei ländlichen Festen die Umzüge zur Ruhe einlud, wurden von selbst zu geweiheten Stätten des Silvanus, der eben dadurch, als stiller Theilnehmer so vieler menschlicher und ländlicher Leiden und Freuden, allen Land- und Dorfbewohnern nicht weniger nahe stand als die Laren, Ceres, Liber Pater, Pales und andre Götter. Daher Silvanus überall zu den Göttern des ländlichen Gottesdienstes gehörte und namentlich bei den Erndtefeierlichkeiten immer mit bedacht wurde, sowohl von dem Ackersmann als von dem Winzer und dem Baumzüchter Vgl. Virg. Ge. I, 20, Horat. Epod. 2, 17 ff., Ep. II, 1, 139 ff., Or. n. 1612, wo Liber, Silvanus und Hercules, auch ein Gott des ländlichen Segens, zusammen genannt werden. . Eben dieses gemüthliche Verhältniß des Silvanus zur menschlichen Ansiedlung und die große Ausdehnung der Wälder im alten Italien machten ihn zugleich zu einem Gotte der Grenzen und des Grundeigenthums, sowohl in öffentlichen als in privaten Besitzungen, was diesem Gotte vollends eine große Popularität verliehen hat, so daß namentlich die Inschriften und örtlichen Denkmäler seiner außerordentlich oft gedenken. Die Waldgrenzen sind überall die ältesten Vgl. über die Waldgrenzen im deutschen Alterthum J. Grimm in den Abh. d. Berl. Akad. 1843 S. 111 und 116 ff. Ein Waldgeist baut die Grenze zwischen Schweden und Rußland, Ders. D. Myth. S. 455 ff. , daher die Waldgötter nothwendig zu den Grenzgöttern gehören, vor allen Silvanus, dem man also im alten Italien auf der Grenze eine Lichtung (lucum) zu weihen und damit die Grenze selbst unter seinen Schutz zu stellen pflegte; vgl. die schöne Schilderung Virgils Aen. VIII, 596 ff. von einem solchen Heiligthume des Silvanus bei Caere, welches die ersten Ansiedler dieser auf der Grenze von Latium und Etrurien gelegenen Gegend geweiht hatten, 349 am kühlen Strome einen weiten, durch alten Glauben geheiligten Hain, der von ausgeschweiften Hügeln und einem dichten Tannengehölz umkränzt war. Im Walde d. h. auf ausgerodeten Plätzen siedelten sich aber auch die einzelnen Gehöfte zuerst an, denn auch in Italien hat die Axt des Hinterwäldlers lange der Cultur der Dörfer und Städte vorarbeiten müssen; ja das Andenken und die Ueberlieferungen aus diesen entlegenen Zeiten scheinen sich grade im alten Italien, wo die Kernvölker im Gebirge so lange als möglich in Dörfern und selbst die Römer am liebsten auf dem Lande lebten, besonders lebbaft erhalten zu haben. Daher der Cultus des Silvanus auf jedem italischen Bauernhofe, worüber eine merkwürdige Stelle in den Schriften der römischen Feldmesser (Grom. vet. p. 302) näheren Aufschluß giebt. Seine allgemeine Bedeutung war auch hier die des Grenzgottes, welcher gleichsam von seinem Gebiete, dem Walde, zuerst das Stück zur Rodung hergegeben und auf derselben den ersten Grenzstein des neugewonnenen Grundstücks aufgerichtet hatte. Doch pflegten auf jedem Grundstücke (possessio) drei verschiedene Silvane unter verschiedenen Benennungen verehrt zu werden: 1) der domesticus, welcher für Haus und Hof Sorge trug, 2) der agrestis, welchem die Heerden und die Hirten anempfohlen wurden, und 3) der orientalis d. i. der Silvanus der Grenze im engeren Sinne, der tutor finium, wie Horaz Ep. 2, 22 ihn nennt, dem auf der Grenze verschiedener Grundstücke, deren Marken von dort ausgingen (oriebantur) ein eigner Hain geweiht zu werden pflegte Orientalis, cui est in confinio lucus positus , wobei zur Erklärung hinzugesetzt wird: a quo inter duos pluresve (zwischen 2 oder 3 Nachbarn) fines oriuntur. Ideoque inter duo pluresve est et lucus finis. . So vielseitig hatte sich also das Wesen dieses einfachen und alterthümlichen Waldgeistes mit der Zeit gestaltet; daher ihm auch die Inschriften sehr verschiedene Beinamen geben, meistens um ihn im Interesse des ländlichen Eigenthums um seinen Segen und um seinen Schutz zu bitten. So nennen auch sie ihn domesticus, aber auch casanicus oder vilicus, oder auch als den Schutzgott eines bestimmten Grundstückes mit dem Namen desselben oder seines Eigenthümers So wird genannt ein Silvanus Staianus, Sinquas, Pegasianus, Caeserianensis und Caminensis u. s. w., vgl. die Inschriften b. Orelli n. 1587 ff., Henzen n. 5740 ff. und Mommsen Unterital. Dial. S. 132. . Oder sie nennen ihn conservator und custos d. h. Bewahrer und Mehrer des Gutes; ja noch mehr, er ist auch Behüter aller zum Hofe gehöriger Leute, vor allen des 350 Herrn, daher salutaris und ein guter Schutz auf der Reise, indem er für eine fröhliche Heimkehr zum heimischen Heerde sorgt und insofern selbst den Laren und Penaten nahe verwandt ist, ja selbst als lar agrestis verehrt wurde Or. n. 1604, vgl. 1587–89, 1595. 96, Henzen n. 5750. . Vorzüglich legen zwei größere Gedichte ein beredtes Zeugniß ab von der Frömmigkeit der Alten und ihrem Sinne für Heimath und stille Ländlichkeit, das eine von einem kaiserlichen Verwalter, welcher auf einer Reise über die Alpen in einem Haine des Silvanus Schutz gefunden hatte und dort um glückliche Rückkehr in seine schöne Heimath bittet, wo er unter des Waldgottes Obhut sein Feld dankbar bauen und ihm tausend hohe und schöne Bäume weihen wolle (Or. n. 1613), das andre aus einem Thale der Abruzzen und das Denkmal der bescheidenen Fürbitte eines Verwalters für das Wohl der guten Antonine und seiner eignen Angehörigen (Henzen n. 5751). Sehr gewöhnlich ist in solchen Inschriften auch das Beiwort Sanctus, ohne Zweifel auch wegen seiner Fürsorge für Eigenthum und Begrenzung. Selbst in der großen Hauptstadt Rom scheint Silvanus in den zahlreichen Parks und Gärten der Kaiserzeit oft nach ländlicher Weise verehrt worden zu sein Vgl. die aedes Silvani in colle Viminali einer Inschrift vom J. 111 n. Chr. b. Or. n. 4956. , hin und wieder auch als Schutzgeist (Sanctus Salutaris), als welcher er namentlich auf einer Besitzung des Kaisers Trajan auf dem Aventin durch Tempel und Bilder verherrlicht wurde Or. n. 1596. 2518. Trajan wohnte auf dem Aventin, ehe er Kaiser wurde, und machte auch später dort verschiedene Anlagen, s. meine Regionen S. 200 ff. Sehr gewöhnlich ist der Silvanus Augustus als Schutzgeist des Kaisers und des kaiserlichen Hauses; daher die Abkürzung S. A. S. d. i. Silvano Augusto Sacrum, Marini Atti p. 542. . Die wiederholt erwähnten collegia Silvani waren vermuthlich Leichencommune, da Silvanus mit der Fichte oder Cypresse in der Hand abgebildet zu werden pflegte und beide Bäume eine specielle Beziehung auf Tod und Leichenbegängniß hatten Daher Silvanus Dendrophorus Or. n. 1602 und die oft erwähnten Collegia Dendrophororum. Vgl. Virg. Ge. I, 20 und die Script. rer. mythic. lat. 1, 6 und 178. . Auf den erhaltenen Votivbildern ist seine Darstellung seltner die des struppigen Waldgottes als die des Pflanzers und Gärtners, wie er in den zahlreichen Gärten in und um Rom von den Aufsehern vielfach verehrt sein mag. Die Griechen identificirten auch ihn und sein Geschlecht mit Pan und den Panisken; 351 daher das Mährchen vom Krathis bei Probus z. Virg. Ge. I, 20, wo dieser Flußgott mit einer Ziege den Silvanus erzeugt, der hier als gutmüthiger, aber halbthierischer Panisk geschildert wird. Der Eigenthümer der Heerde erzieht ihn und Silvanus lohnt die Pflege durch Vermehrung seines Vermögens. Als er aber herangewachsen ist, offenbart sich die ächte Waldteufelnatur, daher der Herr ihn in den Wald trägt und dort laufen läßt. Auch der Fichtenkranz, die Pansflöte und das Mährchen von der Echo Vgl. das mehrfach wiederholte Relief mit der Inschrift: Silvano littorali et Musae Laetus , wo Wieseler unter der Muse die Nymphe Echo versteht. Auch in den Versen des Attius b. Cic. N. D. II, 35 Silvani melo consimilem adaures cantum et auditum refert liegt eine Uebertragung aus dem Griechischen zu Grunde. Vgl. Bötticher Baumcultus fig. 6. 16–18 und 32. wurde von dem griechischen Gotte auf diesen italischen übertragen. Das Geschlecht der Waldfrauen wird von den römischen Dichtern gewöhnlich mit den griechischen Namen der Nymphen und Dryaden benannt, während das höhere italische Alterthum und die volksthümliche Tradition dafür den Namen der Virae, Vires, Virgines und Viragines gebrauchte, s. oben S. 88 . Die hin und wieder auf alten Denkmälern (Or. n. 2099–2105) erwähnten Silvanae oder Suleviae und Silviae, welche auf Feldern und in den Wäldern, namentlich auf Kreuzwegen zu Hause sind, gehören mehr dem deutschen, celtischen und slavischen Volksglauben an als dem italischen. 6. Maia und Bona Dea. Der Fauna, von welcher beim Faunus die Rede gewesen, mag sich Bona Dea anreihen, dieselbe Göttin und fast derselbe Name, denn Fauna ist die Gute, die Holde, wie die Hulda unsrer Väter, welche auch Frigga d. i. die Freie, die Schöne und Berhta d. i. die leuchtende, die helle hieß. Auch Maia war ein andrer Name derselben, denn beide, Bona Dea und Maia, wurden am 1. Mai gefeiert, und die Identität von beiden mit der Fauna wird ausdrücklich in der Stelle eines alten Schriftstellers bezeugt, welcher alle diese Namen für verschiedene priesterliche Anrufungen einer und derselben Erdgöttin erklärt Macrob. I, 12, 21 Auctor est Cornelius Labeo huic Maiae i. e. Terrae aedem Kalendis Maiïs dedicatam sub nomine Bonae Deae, et eandem esse Bonam Deam et Terram ex ipso ritu occultiore sacrorum doceri posse confirmat. Hanc eandem Bonam Faunamque et Opem et Fatuam pontificum libris indigitari etc. . Der Beiname Maia , 352 welcher sich im Tusculanischen Dienste des Jupiter in männlicher Form wiederholt ( S. 241 ), ist desselben Stammes wie magis, maior, auch mactus u. s. w., so daß er also eigentlich eine Größe, Vermehrung, Wachsthum verleihende Göttin bedeutet: daher der Monat Maius, wo alle Vegetation im besten Wachsthum begriffen ist. Maia selbst wurde in den alten römischen Gebeten speciell als Maia Volcani angerufen und dessen Frau genannt Gellius N. A. XIII, 23, Macrob. I, 12, 18. , als eine fördernde und segnende Göttin der Flur, mit welcher sich im Monate Mai die belebende und beseelende Kraft des Feuers verbindet, um alle Blüthe und Frucht des Sommers zu erzeugen. Von der Bona Dea aber werden bei verschiedenen Autoren allerlei Mährchen und Legenden erzählt, welche der bildlichen Darstellung dieser Göttin und den Gebräuchen der nächtlichen Feier im December, wo diese Göttin von den Frauen im Hause des obersten Staatsbeamten um Heil und Segen für das römische Volk beschworen wurde, genau entsprechen Außer Macrob. I, 12, 23 ff. vgl. Plut. Caes. 9, Qu. Ro. 20, Tertull. ad Nat. II, 9, Arnob. I, 36, V, 18, Lactant. I, 22, 9. . Ihr Bild hielt in der linken Hand ein Scepter, daher man ihr eine königliche Gewalt gleich der Juno zuschrieb, mit welcher sie auch die Eigenschaft theilte, daß sie wesentlich eine Göttin der Frauen und der weiblichen Empfängniß war Die Griechen nannten sie deshalb ἡ ϑεὸς γυναικεία s. Macrob. 1. 12, 27, Plut. Caes. 9. Daher Prop. IV, 9, 25 femineae loca clausa Deae . , wie die Erdgöttinnen aller Naturreligionen. Andre verglichen sie mit der Proserpina, weil ihr wie der Ceres und Proserpina bei den Griechen zur Saatzeit Schweine geopfert wurden, Andre mit der chthonischen Hekate und mit der Semele, der Mutter des Dionysos. Auch nannte man sie eine Tochter des Faunus, welche den brünstigen Trieben des Vaters widerstrebend von ihm mit einer Myrtenruthe gezüchtigt worden sei; sie aber habe selbst nachdem der Vater sie mit Wein berauscht hatte, seinem Gelüste nicht nachgegeben. Da habe Faunus sich in eine Schlange verwandelt und in dieser Gestalt der eignen Tochter beigewohnt: eine Erzählung welche nicht wohl anders als von der Befruchtung der Erde durch den männlichen Naturgeist des Waldes und aller Vegetation verstanden werden kann ( S. 340 ), welcher im Winter gewaltsam 353 auftritt, im Frühlinge aber Erde und Wald mit dem süßen Taumel der Lust erfüllt; daher auch Faunus vorzüglich zu Anfang des Winters und des Frühlings gefeiert wurde. In Rom berief man sich bei diesen Erzählungen darauf daß in dem Tempel der Bona Dea kein Myrtenzweig geduldet wurde, wohl aber eine Weinlaube über ihrem Haupte sich wölbte und ein Krug mit Wein bei ihr zu sehen war, nur daß man den den römischen Frauen in ältester Zeit aufs strengste verbotenen Wein euphemistisch Milch und jenen verdeckt hingestellten Weinkrug einen Honigkrug (mellarium) nannte. Auch sah man eine heilige Schlange bei dem Bilde der Göttin, während andre zahme Schlangen von der Art wie sie in Rom sehr häufig waren in ihrem Tempel gehalten wurden und die Frauen ihre Feier unter geflochtenen Weinlauben zu begehen pflegten. Wieder Andre verglichen diese Göttin mit der griechischen Medea, weil in ihrem Tempel allerlei Heilkräuter aufbewahrt wurden, von denen die Priesterinnen den Leidenden verabfolgten, und endlich Varro erzählte, diese Tochter des Faunus sei von solcher Zucht und Keuschheit gewesen, daß sie nie das Frauengemach verlassen und keinen Mann je gesehen habe noch von einem Manne gesehen worden sei, ja man habe niemals ihren Namen öffentlich nennen hören: weshalb auch niemals ein Mann in ihren Tempel gelassen werde. Dagegen galt sie in andern Erzählungen nicht für die Tochter, sondern für die Frau des Faunus und für eine Waldnymphe, in welchem Zusammenhange auch die Geschichte von ihrer Trunkenheit und dem Schlage mit der Myrtenruthe anders lautete: nehmlich weil sie heimlich einen ganzen Krug süßen Weins geschlürft und darüber trunken geworden sei, habe der Gemahl sie mit jener Ruthe gestrichen (Plut. Caes. 9, Qu. Ro. 20). Also eine weibliche Göttin des Erdbodens und der Vegetation wie Fauna, fruchtbar und empfänglich und eine Göttin alles Segens, welchen die Erde spendet, aber zugleich ekstatisch bewegt und verzückt wie Faunus und des Zaubers und der Heilung und allerlei verborgner Wissenschaft kundig wie Circe und Medea und Hekate, daher man auch sie Fatua nannte, wofür man später auch Fantua sagte Martian. Cap. II, 167 und dazu Kopp. Vgl. oben S. 338 und Lactant. l. c. quam Gabius Bassus Fatuam nominatam tradit, quod mulieribus fata canere consuevisset ut Faunum viris. Bei Serv. V. A. VIII, 314 hic Faunus habuisse filiam dicitur omam castita et disciplinis omnibus eruditam, quam quidam quod nomine dici prohibitum fuerat Bonam Deam appellatam volunt , ist zu schreiben omnium castissimam . . Daß sie in Rom für eine streng jungfräuliche Göttin gehalten 354 wurde, hängt zunächst damit zusammen, daß sie wie Juno zugleich ein Bild der matronalen Fruchtbarkeit und der matronalen Würde war, mit welcher es in guten Zeiten überhaupt und namentlich bei religiösen Gelegenheiten d. h. im Dienste weiblicher Göttinnen immer sehr strenge genommen wurde; daher auch bei diesem Gottesdienste eigentlich nur ganz unbescholtene Frauen zugelassen werden sollten und vollends bei dem nächtlichen Opfer alles Männliche mit solcher Aengstlichkeit entfernt wurde, daß selbst solche Bilder, auf denen Männer oder Thiere männlichen Geschlechts zu sehen waren, verhängt wurden. Der tiefere Grund aber ist gewiß auch hier in der Natur der Erde und andrer Erdgöttinnen zu suchen, wie z. B. auch die arkadische Demeter und Demeter Thesmophoros zugleich als jungfräulich widerstrebend und als züchtige Hausfrau und das göttliche Vorbild jeder zugleich fruchtbaren und streng sittlichen Ehe gedacht wurde. Das alte Heiligthum der Bona Dea befand sich in Rom am Abhange des Aventin gegen die Piscina Publica, unter dem Felsen (saxum), auf welchem Remus die Vögel beobachtet hatte, daher die Göttin in diesem Culte den Beinamen Subsaxana führte Ovid F. V, 148 ff., meine Regionen d. St. R. S. 196. . Auch dieses war ursprünglich ein schattiger Hain mit einer reichlich fließenden Quelle gewesen, daher die Sage ging, daß Hercules, dessen Heiligthümer an der andern Seite des Aventin lagen, bei seinem Aufenthalte in Rom dürstend nach einem Labetrunk aus der Quelle verlangt habe, aber von den feiernden Frauen und der Priesterin als Mann mit Abscheu zurückgewiesen sei Propert. IV, 9, 23 ff., Macrob. I, 12, 28. Es scheint wohl daß dieser Hain und diese Quelle dieselben sind, wo Picus und Faunus von Numa gefangen werden, s. S. 170 . 338 . , weshalb nun auch seinerseits Hercules befahl, daß keine Frauen bei seinem Gottesdienste zugelassen werden sollten. Der Tempel lag über dem Haine am Abhange des Hügels und war von einer Vestalin Claudia am 1. Mai, dem altherkömmlichen Feiertage der Göttin eingeweiht worden Ovid F. V, 155, Macrob. I, 12, 21, vgl. Cic. pr. domo 53, 136. Es ist bedenklich jene Vestalin Claudia für identisch mit der Matrone Claudia Quinta ( S. 447 ) zu halten. . So hören wir auch im J. 123 v. Chr. von einer frommen Stiftung der Vestalin Licinia in diesem Heiligthume, welches zuletzt durch Livia, die Gemahlin des August, wiederhergestellt worden war, daher die Göttin seitdem officiell Bona Dea Restituta genannt wurde Ovid F. V, 157, vgl. Marini Atti p. 543. Hadrian versetzte den T. an eine andre Stelle, s. Spartian Hadr. 19 aedem Bonae Deae transtulit , doch wohl innerhalb der alten Grenzen des Heiligthums. . Jenes nächtliche Opfer 355 der Frauen galt für eins der ältesten und heiligsten in Rom. Cicero de leg. II, 9, 21 nimmt bei seinem Verbote ähnlicher Sacra dieses Opfer ausdrücklich aus. Der Zeit nach fiel es in den Anfang des December Im J. 63 v. Chr. wo es im Hause des Cicero begangen wurde, in die Nacht vom 3. zum 4. Dec., s. Plut. Cic. 19, Dio XXXVII, 35. Auf dieselbe Zeit, aber einen beweglichen Tag führen die Briefe Ciceros ad Att. I, 12 und XV, 25. Vgl. Drumann Gesch. Roms II, 204. V, 502. : seine Bedeutung war die eines Opfers und Gebetes für das römische Volk (pro populo Romano), daher es in dem Hause des höchsten Staatsbeamten (in ea domo quae est in imperio), entweder des Consuls oder des Prätors, von dessen Frau und zwar unter Mitwirkung der Vestalischen Jungfrauen dargebracht wurde. Ein Weiteres erfahren wir auf Veranlassung des bekannten Frevels des P. Clodius Cic. ad Att. I, 13, 3, de Harusp. resp. 17, 37, Seneca Ep. 97, 2, Plut. Caes. 9, Dio Cass. XXXVII, 45. . Dieser vornehme, reiche, verwegene und ausschweifende junge Mann, einer der mächtigsten Führer der geheimen Verbindungen, die damals den Staat und das Recht beherrschten, liebte Pompeja, die Gemahlin Cäsars und war ihrer Gunst sicher; doch wurde sie von Aurelia, der Mutter Cäsars, einer Dame von alter Zucht und Sitte, strenge bewacht. Da nahm Clodius seine Zuflucht zur List, indem er sich in der Nacht, wo im Hause Cäsars das Opfer der Bona Dea dargebracht wurde und alle Mannspersonen aus demselben entfernt wurden, in der Verkleidung einer Harfenistin einschlich. Die Feier ist wahrscheinlich so zu denken, daß zuerst jenes Opfer, ein Sühnopfer zarter Schweine, welches mit einem griechischen Worte Damium hieß, dargebracht wurde Iuvenal S. II, 86 atque Bonam tenerae placant abdomine porcae et magno cratere Deam. Der große Krug ist jener Weinkrug. Die Opferthiere also waren jene porcae oder porciliae piaculares, wie sie in den Urkunden der Arvalischen Brüder wiederhohlt erwähnt werden und als Sühnopfer an die Götter der Erde und der Fruchtbarkeit herkömmlich waren. Ueber das Wort Damium s. Placid. gl. p. 451 und Paul. p. 68, welcher hinzusetzt: Dea quoquc ipsa Damia et sacerdos eius damiatrix appellabatur. Aus dem Lateinischen wird sich dieses Wort nicht erklären lassen. Vielmehr ist es das griechische δάμιον und mit so manchen andern Gebräuchen und Benennungen aus dem griechischen Ritual, etwa dem des in den ersten Jahren der Republik eingeführten Demeterdienstes herübergenommen. , ohne Zweifel mit einem feierlichen Gebete für das öffentliche Wohl, den Segen der Aecker, Fruchtbarkeit der Frauen u. s. w. Darauf begann eine 356 ziemlich ausgelassene Festlichkeit der Frauen, bei welcher sie dem Character der Göttin gemäß, wie er sich in der Legende spiegelt, unter heiterem Scherz und aufregender Musik allerlei sinnbildliche Gebräuche verrichteten, die die Griechen an die Orphischen Mysterien erinnerten Plut. Caes. 9. Auch Cicero ad Att. XV, 25 nennt das Fest mysteria. . Bei dieser Feier schlich Clodius sich ein, im Einverständnisse mit einer Magd, welche vorauslief um der Pompeja einen Wink zu geben. Da verirrt er sich in den Gängen des Hauses und wird von einer Magd der Aurelia erkannt, worauf der Scandal stadtkundig und selbst im Senate und im Collegium der Pontifices besprochen wurde. Pompeja ward von ihrem Gemahle verstoßen, Clodius aber kam mit dem bösen Leumunde davon, so verdorben und bestechlich waren damals die Gerichte Cic. ad Att. I, 16, 5, Seneca Ep. 97. . Es war dieses eben nur ein Symptom der allgemeinen Sittenverwilderung, welche sich trotz aller Scheinheiligkeit der Regierung des Augustus und der Livia in den vornehmen Familien und der Damenwelt behauptete, bis sie in den Zeiten des Claudius und Nero ihr Aeußerstes erreichte. In diesem Sinne berichtet Juvenal in seinen Sittenschilderungen des Zeitalters der Agrippinen und Messalinen auch von dem Feste der Bona Dea mit so bitterm Spotte und so grimmigem Ernste, den ausgelassenen Tänzen, den wollüstigen Spielen, daß die damalige Feier der römischen Frauen in Wahrheit hinter dem wildesten und sinnlichsten Orgiasmus der griechischen Mänaden und der phrygischen Mysterien nicht zurückgeblieben zu sein scheint (Sat. II, 83 ff., VI, 314 ff.). Indessen darf man sich durch solche Ausartungen der großen Stadt und der höheren Stände nicht gegen den Dienst der Bona Dea überhaupt einnehmen lassen, welcher in den Umgebungen Roms und sonst in Italien wie der des Faunus und Fauna in ländlicher Einfalt fortbestand. Wenigstens läßt sich der Cultus der Bona Dea mit Hülfe der Inschriften sowohl im südlichen Italien als im mittleren und obern, aber auch im innern Italien nachweisen, z. B. zu Corfinium, der Hauptstadt der Peligner, wo sie als die Göttin eines ganzen Pagus erscheint Mommsen I. N. n. 5351. Dedicationen an die Bona Dea aus Canusium in Apulien, aus der Umgegend von Neapel, aus Minturnae, aus Aquinum ib. 638. 2588. 4053. 4310. Andre Inschriften aus Rom, Florenz, Verona und andern Gegenden giebt Orelli n. 686 und 1512 ff. Gewöhnlich sind es die Frauen, welche diese Göttin verehren. . In einer andern Inschrift heißt sie ausdrücklich agrestis und wird als Heilsgöttin verehrt, welcher ein Leidender die Heilung 357 seiner Augen verdankte (Or. n. 1518). Auch in der Nähe von Bovillae gab es ein ländliches Heiligthum der Bona Dea, das bekannte bei welchem Clodius sein Leben verlor; man glaubte daß sich die Göttin durch den Mord des Frevlers gerächt habe Cic. p. Mil. 31, 86 und dazu Ascon. p. 32 Or. Vgl. die Inschrift aus Bovillae bei Orelli n. 1515. . Ihre große Heiligkeit beweisen auch Beinamen wie Sancta und Sanctissima, während andre, wie Caelestis, der späteren Vermengung gleichartiger Culte zuzuschreiben sind. Denn die Cultusnamen Bonus Deus und Bona Dea hatten mit der Zeit eine sehr allgemeine Bedeutung bekommen, daher auch andre weibliche Göttinnen, namentlich die Magna Mater und die Iuno Caelestis als Bonae Deae verehrt wurden Mommsen I. N. n. 4608, Or. n. 1523. Vgl. Or. n. 1522 Bonae Deae Veneri Cnidiae , n. 1272 Bono Deo Brontonti , n. 1934 ff. Bono Deo puero Phosphoro . . 7. Carmenta oder Carmentis. Auch diese Göttin war vermuthlich nur eine Nebenform der Fauna oder Bona Dea. Rom kannte sie in einer doppelten Gestalt, als hülfreiche Mutter und weissagende Begleiterin des Evander d. h. des historischen Faunus und seiner Ansiedlung auf dem Palatin, und als eine vorzugsweise von den Müttern verehrte Geburtsgöttin. Jene palatinische Carmenta galt gewöhnlich für eine arkadische Nymphe und Seherin Namens Nikostrate Virg. Aen. VIII, 335 ff. Dionys. 1, 31, Strabo V p. 230, Serv. V. A. VIII, 51. 130. 336. , was auf kriegerische Begeisterung deutet: ein wesentlicher Zug der ältesten Weissagung und des dem Mars verwandten Faunusdienstes, wie denn auch Evander in Pränestinischen Sagen als streitbarer Held auftritt, der mit einem Riesen kämpft, und in Rom ein sehr alter Dienst der Victoria auf dem Palatin für seine Stiftung galt. Die Geburtsgöttin Carmenta wurde in der Nähe der porta Carmentalis, welches Thor von ihr seinen Namen hatte, so eifrig verehrt, daß es einen eignen Flamen Carmentalis und zwei Kalendertage für sie gab; nehmlich am 11. und am 15. Januar wurden sogenannte Carmentalia begangen, welche in der älteren Zeit zu den angesehensten Festen der römischen Matronen gehörten Varro l. l. VI, 12, Macrob. I, 16, 5 vgl. Cic. Brut. 14 und über die Lage der uralten ara Carmentis und ihres fanum Becker Handb. 1, 137. Der Dienst war bei diesem und einigen andern Heiligthümern mit solcher Gewissenhaftigkeit ein unblutiger, daß kein Leder, weder von einem geschlachteten noch von einem gefallenen Vieh in den heiligen Raum kommen durfte, Ovid F. 1, 629, Varro l. l. VII, 84, Serv. V. A. IV, 518. . Der 11. Januar galt der Heil- und 358 Quellengöttin Juturna und der Carmenta gemeinschaftlich, wie die Quellnymphen den Göttinnen der Entbindung immer nahe stehen Ovid F. 1, 461 ff., der diesen Tag ein sacrum pontificale nennt. Vgl. Kal. Maff. Praen. . Der zweite Festtag soll nach der Eroberung Fidenäs im J. 328 d. St. (426 v. Chr.) durch den Dictator Mamercus Aemilius gestiftet sein Verr. Fl. Fast. Praenest. . Die gewöhnliche Legende ist wieder einmal ein merkwürdiges Beispiel der Willkür und Confusion solcher Ueberlieferungen, doch ist die specifische Beziehung dieses Gottesdienstes auf Schwangerschaft und Geburt auch darin zu erkennen. Es sei den Frauen vom Senate das Fahren verboten worden. Da hätten sie sich unter einander verschworen, sich nicht eher zu den Pflichten der Ehe zu verstehen, als nachdem ihnen die Wagen (carpenta) erlaubt sein würden. Der Senat muß also nachgeben, und nun habe Carmenta einen so reichen Kindersegen geschenkt, daß die Frauen ihr jenes Heiligthum am Carmentalischen Thore und den zweiten Feiertag stifteten Ovid F. 1, 616 ff., Plut. Qu. Ro. 56. Es liegt dabei theils ein etymologisches Spiel mit den Wörtern Carmenta und carpenta, theils eine dunkle Erinnerung daran zu Grunde, daß die Matronen das Recht der Wagen einer besondern Erlaubniß nach der Eroberung von Veji verdankten, Liv. V, 25. . Beim Gebete hörte man die Namen der Porrima und Postverta, zwei Geburtsgöttinnen welche neben der Carmentis als Carmentes verehrt wurden und eigentlich von der Kopf- und Steißgeburt galten; doch dachte man auch bei ihnen gewöhnlich an die Weissagungen der Mutter des Evander Ovid F. 1, 626 ff., Varro bei Gellius XVI, 16, 4. . Der Name Carmenta ist natürlich abzuleiten von carmen, welches in der älteren Sprache den weissagenden Gesang nach Art des Fatuus und der Fatua d. h. des Faunus und der Fauna ausdrückte Virg. Aen. VIII, 339 ff. Serv: Ideo Carmentis appellata, quod divinatione fata caneret, nam antique vates carmentes dicebantur, unde etiam librarios qui eorum dicta perscriberent carmentarios nuncupatos. . Indessen wird man auch hier speciell den Begriff der weissagerischen Geburtsgöttin festzuhalten haben, wie die griechische Eileithyia und die Mören und die Parcen zugleich der Frucht ans Licht helfen und derselben ihr Geschick im Verlaufe des 359 Lebens anweisen Plut. Rom. 21 τὴν δὲ Καρμένταν οἴονται τινες μοῖραν εἶναι κυρίαν ἀνϑρώπων γενέσεως, διὸ καὶ τιμῶσιν αὐτὴν αἱ μητέρες. . Auch betrafen die nahe verwandten Camenen, eigentlich Casmenen d. i. Carmenen, und unter ihnen Egeria speciell das weibliche Leben und Entbindung. Ohne Zweifel ist Carmenta aus demselben Grunde in der römischen Stadtsage zur Mutter schlechthin d. h. zur Mutter des Evander, des ersten Ansiedlers von Rom geworden, welchem sie bei Virgil gleich bei dem ersten Ursprunge der Stadt deren ganze Zukunft singt; obwohl sie Einige nicht die Mutter, sondern die Frau des Evander nannten (Plut. Rom. 21), also ganz wie die Fauna zum Faunus stellten. 8. Vitula oder Vitellia. Auch diese Göttin scheint eine Nebenform der Fauna zu sein, eine Göttin des Siegs und des Jubels über den gewonnenen Sieg, wie wir bereits der von Evander auf dem Palatin gestifteten Victoria gedacht haben und in der sabinischen Vacuna gleich eine ähnliche Göttin kennen lernen werden. Das alte Wort vitulari und vitulatio, welches Siegesjubel bedeutete und bei den älteren römischen Dichtern Ennius, Naevius und Plautus noch im Gebrauche war Macrob. S. III, 2, 11, Varro l. l. VII, 107, Ennius bei Paul. p. 369 Is habet coronam vitulans victoria , Naevius bei Non. Marc. p. 14, Plaut. Pers. II, 3, 2. , wurde von ihrem Namen abgeleitet Macrob. 13 Hyllus libro quem de dis composuit ait Vitulam vocari deam quae laetitiae praeest. Piso ait Vitulam Victoriam nominari etc. So ist auch bei Varro l. c. zu schreiben: vitulantes a Vitula. Einige leiten das Wort ab a bonae vitae commodo (Non. Marc), Andre von vitulus, Paul. p. 369 vitulans laetans gaudio ut pastu vitulus . Die 1. Silbe wird gewöhnlich lang gebraucht. und hängt jedenfalls mit ihm zusammen. In den Geschlechtsüberlieferungen der Vitellier, welche sabinischer Abstammung waren, hieß dieselbe Göttin Vitellia und die Frau des Aboriginerkönigs Faunus. Es wird dabei ausdrücklich hinzugesetzt, daß diese Göttin in verschiednen Gegenden Italiens verehrt worden sei Sueton Vitell. 1. Exstat Qu. Eulogii ad Q. Vitellium Divi Augusti Quaestorem libellus, quo continetur Vitellios Fauno Aboriginum rege et Vitellia, quae multis locis pro numine coleretur, ortos toto Latio imperasse. Horum residuam stirpem ex Sabinis transisse Romam etc. . 9. Vacuna war eine bei den Sabinern viel verehrte Göttin, deren angesehenstes Heiligthum ein Hain in der fruchtbaren Ebne von Reate in 360 der Nähe der Einmündung des Flusses Avens (jetzt Velino) in den Veliner See war Plin. H. N. III, 12, 17, welche Stelle so zu lesen ist: Sabini – Velinos accolunt lacus roscidis collibus. Nar amnis exhaurit illos, sulphureis aquis Tiberim ex his petens, replet e monte Fiscello Avens iuxta Vacunae nemora et Reate in eosdem conditus. Der Hain lag vermuthlich bei Piè di Luco über dem See. S. meinen Aufsatz in den Leipz. Berichten 1855 S. 191 ff. . Ein andres lag auf einem Hügel über dem Thale der Digentia (jetzt Licenza) nicht weit von dem sabinischen Landgute des Horaz, welcher deshalb Ep. 1, 10, 49 schreibt: Haec tibi dictabam post fanum putre Vacunae. Die alten Ausleger zu dieser Stelle theilen aus dem Werke Varros einiges Nähere über diese Göttin mit. Man verglich sie mit der Bellona, der Diana, der Ceres, der Venus, der Victoria, der Minerva, so wenig wollte sich diese Gestalt auf einen der geläufigen mythologischen Begriffe zurückführen lassen. Doch sieht man aus diesen Umschreibungen, daß sie zugleich den friedlichen Character einer mütterlichen Göttin der Flur hatte, welche wie Venus aus dem Feuchten schuf und wie Ceres den Acker mit Korn segnete, und den einer Göttin des Waldes, der Jagd, der kriegerischen Begeisterung und des Sieges. Namentlich muß der Character einer Siegesgöttin zu ihrem Wesen gehört haben, da der aus der Gegend von Reate gebürtige Kaiser Vespasian das von Horaz erwähnte Heiligthum unter dem Namen eines Tempels der Victoria von neuem erbaut hat, s. den Dedicationstitel bei Or. n. 1868. Als Mittelpunkt alter sabinischer Gemeindeversammlungen und nationaler Opfer und Opferschmäuse erscheint sie bei Ovid. F. V, 299, welche Stelle man am besten auf das Heiligthum bei Reate beziehen wird. Varro verglich sie mit der Minerva, indem er den Namen von vacare ableitete, als ob sie zugleich eine Göttin der kriegerischen Erregung und des stillen Fleißes gewesen sei Acron z. Virg. l. c. Sed Varro in primo rerum divinarum Victoriam ait et ea maxime hi gaudent, qui sapientiae vacant. Der Comm. Cruq. schreibt f. Victoriam Minervam, vgl. Merkel Ovid Fast. p. CX. Die Erklärung Varros bestimmte die späteren Dichter. , welche Erklärung sich doch mit dem Leben und den Sitten der alten Sabiner schwerlich verträgt. Eher möchte man im Hinblick auf die Natur der Landschaft von Reate den Namen von vacuo in dem Sinne von ausleeren ableiten, denn jene Landschaft leidet an Ueberfülle des Wassers, welche früher durch einen natürlichen, später durch einen künstlichen Abzug in den Nar und durch diesen in den Tiber abgeleitet wurde Vgl. Varro b. Serv. A. VII, 712, Cic. ad Att. IV, 15, 5, pro Scauro fr. XII, 27 nuper quum Reatini – me suam publicam causam de Velini fluminibus et cuniculis apud hos consules agere voluissent , wo die flumina Velini die Zuflüsse zum Velinus sind, cuniculi die Abzüge, Tacit. Ann. 1, 79. : 361 in welchem Falle sie als mütterliche Culturgöttin jenes Thals für die Urheberin jenes natürlichen Emissärs gehalten worden wäre, welcher das Thal wie die Katabothren des kopaischen Sees das Thal von Orchomenos und Hyle ausleerte und dadurch erst seine Cultur möglich machte; es sei denn daß in den italischen Dialecten ein passenderes Etymon gefunden würde. Dieselbe Göttin läßt sich übrigens als sabinische Victoria noch einmal in derselben Gegend nachweisen, auf einer Insel im See von Cutilia, welcher für den Nabel d. h. für den Mittelpunkt Italiens galt und als Sitz der latinischen Aboriginer sowie wegen seiner schwimmenden Insel, später auch wegen seiner kalten Bäder berühmt war Plin. H. N. II, 95, III, 12, XXXI, 2, 6, Seneca Qu. Nat. III, 25, 6, Macrob. S. I, 7, 29. . Einen größeren Auszug aus den Mittheilungen Varros über diesen merkwürdigen See und seinen Gottesdienst verdanken wir dem Dionysius v. Hal. 1, 15. Derselbe habe einen Umfang von vier Jugera, reichliche Quellen und eine unergründliche Tiefe. Der ganze See sei der Victoria geweiht und deshalb in seinem ganzen Umfange mit heiligen Binden und Gewinden umzogen Vgl. Prop. IV, 9, 24 ff., von dem Haine der Bona Dea in Rom: Devia puniceae velabant limina vittae . , so daß Niemand an das Wasser hinantreten könne. Nur bei gewissen feierlichen Gelegenheiten wurde einmal im Jahre der Bann gehoben, die Insel betreten und dort der Göttin geopfert. Diese mit Sumpfpflanzen und niedrigem Gestrüpp bewachsene, wenig über dem Spiegel des Sees erhabene Insel hatte etwa funfzig Fuß im Durchmesser und keinen festen Grund, daher sie ihre Stelle beständig wechselte, wie der Wind sie hin und her trieb. Wie am Velinus neben der Vacuna eine Lympha Velinia, neben der Diana von Nemi Egeria als Quellgöttin ihres Hains verehrt wurde, so werden am See von Cutilia neben der Victoria sogenannte Lymphae Commotiae genannt, eben wegen jener beständigen Bewegung der Insel im See, Varro l. l. V, 71. 10. Angitia, Circe, Marica. Auch die Göttin Angitia wird sich hier passend anschließen, da sie von den Nachbarn und Verwandten der Sabiner, den Marsern am 362 l. Fucinus unter ähnlichen Bedingungen verehrt wurde wie die Vacuna am 1. Velinus, und zugleich als Heilgöttin, welche sich namentlich auf heilende Kräuter verstand, von selbst zur Bona Dea der Römer zurückführt. Auch ihre Verehrung war die alterthümliche und ländliche des Hains, wie davon noch jetzt der kleine Ort Luco mit einigen Trümmern alter Anlagen ein Andenken bewahrt hat Schon bei den Alten werden die Lucenses als ein besondrer Pagus der Marser erwähnt, Plin. III, 12, 7. Ueber den 1. Fucinus und die anliegenden Oertlichkeiten s. G. Kramer der Fuciner See, Berl. 1856, über den Hain der Angitia Klausen Aeneas S. 1041 Taf. IV, 2. , und auch sie muß das Ansehn einer Stammgöttin gehabt haben, da die Marser ihren Namen und ihre ältesten Könige in verschiedenen Erklärungen und Genealogieen von dieser Göttin ableiteten. Da manche Texte ihren Namen Anguitia schreiben, so haben neuere Mythologen sie für eine »Schlangengöttin« erklären wollen; allein der wahre Name ist in den bessern Handschriften und verschiedenen Inschriften entweder Angitia oder Ancitia, welches Wort am natürlichsten auf den weitverbreiteten Stamm ancus zurückgeführt wird. ( S. 238 ). Jene Inschriften sind auch deshalb interessant, weil sie den Dienst dieser Göttin in weiterer Ausbreitung kennen lehren, und zwar in der Form einer Gruppe von mehreren zusammengehörigen Göttinnen, wie die Carmentes, die Corniscae, die Furinae u. A. Eine ist aus Sulmo im Gebiet der Peligner, eine andre aus Antinum in dem der Marser, eine dritte aus Peltuinum in dem der Vestiner Or. n. 115. 1846, Mommsen I. N. n. 5433 Angitiis, n. 5592 Angitiae, n. 6012 Dis Ancitibus. , so daß sie also in dieser ganzen Gegend verehrt wurde und zwar als wohlthätige Heilgöttin, zu welcher man pro salute sua oder der Seinigen betete und opferte. Der alte Centralsitz blieb indessen das Gestade des Fuciner Sees Virg. Aen. VII, 750 ff. und dazu Servius. Vgl. v. Salis Reisen in verschiedenen Provinzen des K. R. Neapel 1, 259 ff., 268, 274. , wo der Reichthum der benachbarten Berge einerseits an giftigen Schlangen, andrerseits an officinellen Kräutern, den auch neuere Reisende hervorgehoben haben, den eigenthümlichen Character ihrer Verehrung bestimmt hatte. Namentlich rühmten sich die Marser allerlei wirksame Kräuter und Sprüche (carmina) um die Schlangen zu beschwören und ihren Biß unschädlich zu machen von ihr geerbt zu haben Plin. H. N. VII, 2. 2, XXV, 2, 5, Solin. 2, 27, Gell. N. A. XVI, 11. Ueberhaupt waren die Marser und Sabeller d. h. jene kleineren Seitenzweige sabinischer Abkunft in Rom als Zauberer, Wahrsager und Quacksalber bekannt, s. Horat. Sat. 1, 9, 29, Epod. 17, 28, Iuven. S. III, 169. . Man identificirte sie deshalb 363 bald mit der Circe von Circeji, deren Sohn nun für den Stammvater der Marser galt, bald mit der griechischen Medea, welche nach ihrer Flucht von Kolchis bis nach Italien und an den Fucinersee verschlagen sei; oder man nannte sie eine Schwester von beiden. Jene Circe von Circeji Virg. Aen. VII, 10 ff., vgl. Cic. N. D. III, 19, 48. , wo sie noch in späteren Zeiten eifrig verehrt wurde, kann aber ursprünglich auch nichts Anderes gewesen sein als solch eine der Bona Dea und der Fauna verwandte Heil- und Zaubergöttin der feuchten Gründe und der Vegetation, in welcher die Cumanischen Griechen ihre Circe wiedererkannten, was sowohl für die Auffassung und Erklärung der Odyssee und andrer Sagen als für die Sagengeschichte von Latium und Italien so viele wichtige Folgen haben sollte. Eine Spur der einheimischen Bedeutung hat sich darin erhalten, daß man sie für identisch mit der Marica von Minturnae hielt Lactant. 1, 21, 23, vgl. Virg. Aen. VII, 45 ff. und Servius zu d. St. und zu Aen. XII, 164 Latinus secundum Hesiodum in ἀσπιδοποιΐα Ulixis et Circae filius fuit, quam multi etiam Maricam dicunt. , welche schon als Gemahlin des Faunus, von dem sie den Latinus gebiert, gar sehr an Fauna und Bona Dea, so wie an jene Stammgöttinnen der Sabiner und Marser erinnert, zumal da auch die Verehrung der Bona Dea in Minturnae bekannt ist Mommsen l. N. n. 4053. . Der alte Hain und Tempel der Marica lag an der Mündung des Liris, welcher Fluß nicht weit von den Marsern und Vestinern entsprang und sich bei Minturnae ins Meer ergoß, wo jene in der ganzen Gegend hochverehrte Göttin ihr Heiligthum gleich unter der Stadt hatte Strabo V p. 233. 237, Horat. Od. III, 17, 7, Lucan. II, 424, Vib. Seq. v. Liris und Marica, u. A. . Ihre wahre Bedeutung ist auch daran zu erkennen, daß die griechische Aphrodite, die Göttin des üppigen Vegetationstriebes, neben ihr verehrt wurde. Minturnae war einst eine lebhafte und bedeutende Stadt und die Hauptstadt der umliegenden Ortschaften gewesen. Später war sie ein offener Ort, aber noch immer der Mittelpunkt eines lebhaften Marktverkehrs und auch wegen jener alten Heiligthümer viel besucht. Bekanntlich nahm Marius auf der Flucht vor den Sullanern seine Zuflucht zu dem Haine der Marica, indem er sich dort, an der Mündung des Liris, im Binsendickicht zu verbergen suchte, aber von Sullas Reitern doch entdeckt und hervorgezogen wurde Vellei. Pat. II, 19, Plut. Mar. 37. 38. . 364 11. Pales. Italien ist von jeher vorzugsweise das Land der Viehzucht, der Viehweiden, der wandernden Hirten gewesen. Der innere Gebirgsstock mit seinen Schluchten und Wiesen liefert im Sommer die beste Weide, der Abhang und die Landschaft bis zur Küste an beiden Seiten in der kühlen und nassen Jahreszeit, und wie im Süden der Halbinsel und auf Sicilien Theokrit, im Norden Virgil zu ihrer Zeit die anmuthigsten Genrebilder dieses Hirtenlebens gedichtet haben, so kann der Reisende in Rom und der römischen Campagne noch jetzt entsprechende Erscheinungen beobachten Vgl. die eingehenden Schilderungen bei Dionys. 1, 37 und Plin. III, 5, 6, und Timäus und Varro bei Gell. XI, 1. . Ein geordneter Landbau und eine so zahlreiche Ansiedlung, wie sie in Latium und überhaupt in Italien während der besten Blüthe seiner Bevölkerung Platz gegriffen hatte, mochte sich mit diesem wandernden Hirtenleben allerdings nicht wohl vertragen. Aber wie es bei dem zunehmenden Verfall der kleineren Städte und Völker von neuem um sich griff, so daß die Viehzucht selbst von Cato als die lohnendste Art der Landwirthschaft empfohlen wurde Cic. de Off. II, 25, 89. , so werden wir es uns in der ältesten Vorzeit, wo jenes politische Leben noch in der Wiege lag, gleichfalls als ein sehr reges zu denken haben. Und wirklich scheint grade auf der Stätte, wo später die Weltstadt Rom sich aufbauete, eben dieses alte latinische Hirtenleben eine der beliebtesten Niederlassungen für den Winter und den nassen Frühling gefunden zu haben, eine Art von castrum Inui, wie jener Ort an der Küste von Ardea noch später hieß. Wenigstens stimmt darin die oft wiederholte Sage der Römer von ihrer ältesten Vorzeit Varro d. r. r. II, 1, 9 Romanorum vero populum a pastoribus esse ortum quis non dicit? quis Faustulum nescit pastorem fuisse nutricium, qui Romulum et Remum educavit? non ipsos quoque fuisse pastores obtinebit, quod Parilibus potissimum condidere Urbem? etc. Vgl. Tibull. II, 5, 25, Propert. IV, 1 und 4 und die Stellen b. Schwegler R. G. 1, 457. merkwürdig überein mit den örtlichen Culten des Palatinischen Hügels, auf welchen alle ältesten Erinnerungen der Stadt zurückwiesen, und selbst der Name dieses Hügels und seiner ältesten Ansiedelung, das sogenannte Palatium, der wieder aufs engste mit dem Culte der Hirtengöttin Pales zusammenhängt, will nichts Anderes sagen. Pales war den Alten sowohl in der Bedeutung 365 einer männlichen als einer weiblichen Göttin bekannt Serv. V. Ge. III, 1 Pales – dea est pabuli. Hanc – alii, inter quos Varro, masculino genere vocant, ut hic Pales . Vgl. Arnob. III, 40 oben S. 71, 84 . Martian. Cap. I, 50, V, 425. , obwohl nur die letztere bei der volksthümlichen Palilienfeier am 21. April berücksichtigt wurde. Außerdem gab es in den römischen Religionsalterthümern eine Diva Palatua, die Schutzgöttin des Palatium, mit einem eignen flamen Palatualis Varro l. l. VII, 45, Fest. p. 245. , desgleichen ein beim Septimontium in dem Palatium dargebrachtes Opfer, welches Palatuar hieß Fest. p. 348 Septimontio. , welche Wörter alle zu demselben Stamme gehören, auch die gräcisirenden Namen Pallas, welcher bald der Großvater des Evander bald sein Sohn genannt wird, und Pallantia seine Tochter, und Palanto die Frau des Latinus Varro l. l. V, 53, Serv. V. A. VIII, 51, Paul. p. 220 Palatium, vgl. Dionys 1, 32. 33 und Schwegler R. G. 1, 443. Bekanntlich haben die Griechen den römischen Evander d. i. Faunus als erster Ansiedler und Inhaber des Palatium zu einem aus der kleinen Bergstadt Pallanteum in Arkadien gebürtigen Griechen gemacht. . Daß aber vorzüglich die beiden Namen Palatium und Pales keine blos örtlich römische, sondern eine allgemeinere Bedeutung haben, welche auf gewisse Zustände und die Vorzeit Italiens überhaupt zurückweist, lehrt ihr Vorkommen in verschiedenen Gegenden Italiens. Pales wurde als Hirtengöttin nicht allein in Rom und Latium, sondern weit und breit auf dem Lande gefeiert, u. a. bei den Sallentinern in der Gegend von Brundisium, wo auch viel Viehzucht getrieben wurde und wo die pastoricia Pales dem römischen Consul M. Atilius Regulus im J. 487 d. St. (267 v. Chr.) unter der Bedingung den Sieg gewährte, daß ihr ein Tempel gestiftet werde Flor. Epit. 1, 15 (20), Schol. Veron. V. Ge. III, 1 p. 78 ed. Keil, wo Pales Matuta wohl i. q. mana, bona ist. Mommsen Unterital. Dial. 275 versteht darunter »die Göttin der mit dem ersten Morgenstrahl austreibenden Hirten.« Ovid nennt die Pales rustica und silvicola F. IV, 744, 746. Vgl. Schol. Pers. 1, 72 Varro sic ait: Palilia tam privata quam publica sunt, et est genus hilaritatis et lusus apud rusticos etc. . So gab es auch mehr als ein Palatium, namentlich eins in der Gegend von Reate, von wo die latinischen Aboriginer nach Latium und in das römische Palatium übergesiedelt zu sein behaupteten (Varro l. l. V, 53), ferner einen Ort im Lande der Sabiner oder Umbrer, von welchem sich Münzen mit der Inschrift Palacinu erhalten haben, mit dem Gepräge des Vulcanuskopfes auf der einen und der geflügelten Silenusmaske 366 auf der andern Seite, des letzteren wahrscheinlich mit Beziehung auf einheimischen Faunusdienst ( S. 346 ). Die vergleichende Sprachforschung aber lehrt daß alle diese Wörter, Pălas, Păles, Pălatua (vgl. statua, aedituus), Pălatium (vgl. Latium) von einer Wurzel pâ, πάομαι, pa–sco abzuleiten sind, welche die Bedeutung des Nährens, Erhaltens und Weidens hat und sowohl im Sanskrit als im Griechischen und in den italischen und andern verwandten Stammsprachen viele Wörter, im Griechischen namentlich auch den Namen des Gottes Πάν, dem der männliche Pales entspricht, erzeugt hat Die Sanskritwurzel pâ bedeutet tueri, sustentare. Das griechische πάομαι hat sich nur im Aor. επᾱσάμην und im Perf. πεπᾱμαι erhalten. Daher πᾶμα, ποιμήν (lit. pëmu) und der Gott Πάν, im Lat. pa–sco, pa–bu–lum. In andern Formen tritt das l hinzu, wie in Păles und pălea d. i. ursprünglich Viehfutter, Plin. H. N. 18, 72, vgl. Sanskr. pâlâjami, ein denominatives Verbum vom Substantiv pâla–s rex, dominus, vgl. das slav. pâ–n Herr und das lydische πάλμυς rex. Grimm D. M. 592 vergleicht mit dem männlichen Pales den slavischen Hirtengott, russ. Volos, böhm. Weles. Den Begriff des Nahrhaften hebt hervor das Adjectiv alma Pales Ovid F. IV, 722. 723. . Was namentlich das Wort Palatium betrifft, so scheint es nicht sowohl einen Weideplatz als eine befestigte Hürde, eine zeitweilige Hirtenansiedlung zu bedeuten, aus welcher mit der Zeit eine bleibende Ansiedlung geworden ist, mögen die Hirten und Heerden dieser Niederlassung nun die der Albanischen Könige gewesen sein, wie die gangbare Ueberlieferung erzählt, oder mögen sie, wohin die Sage von den palatinischen Aboriginern deutet, in jenen ältesten Zeiten wie es die Jahreszeit erforderte zwischen diesen Hügeln und den Weiden von Reate hin und hergezogen sein. Dieselbe Ansiedelung wird zugleich die gemeinschaftliche Cultusstätte der in diesen Gegenden weilenden Hirten gewesen sein, die also hier ihren Mars, ihren Faunus und Fauna, ihre Pales und andre auf Viehzucht bezügliche Götter feierten, die letztere als Schutz- und Stiftungsgöttin des Palatium, daher ihr Fest, die Palilien am 21. April, in den Ueberlieferungen der Stadt fort und fort für deren Stiftungstag galt. Nennen doch noch die Dichter des Augusteischen Zeitalters und spätere, wenn sie der Pales gedenken, diese mit Beziehung auf jenen Ursprung Roms die ehrwürdige, die urgroßväterüche, die altersgraue Virg. Ge. III, 1 magna Pales, 294 veneranda Pales, Stat. Theb. VI, 111 cana Pales, Nemesius Ecl. 1, 68 grandaeva Pales. . Ueber die Gebräuche dieses Festes der Palilien oder wie man das Wort in Rom gewöhnlich 367 aussprach der Parilien Es ist die volksthümliche Aussprache, wie man Remures sagte für Lemures u. dgl. Daß es die gewöhnliche war, sieht man aus dem Sprachgebrauch der meisten Schriftsteller, Römer und Griechen, s. Ovid F. IV, 721, VI, 257, Plin. H. N. XVIII, 26, 246 sidus Parilicium, Colum. VII, 3, 11, Solin. 1, Dionys. 1, 88, Plut. Ro. 12, Athen. VIII p. 361 F., Dio Cass. XLIII, 42, Schol. Pers. 1, 72. Daher die falsche Erklärung der Parilia a partu pecoris oder a partu Iliae, Paul. p. 222, Dionys., Solin. l. c. giebt Ovid F. IV, 721 ff. nähere Auskunft. Ein blutiges Opfer durfte an diesem Tage nicht gebracht werden, wohl aber räucherte man mit einer eigenthümlichen, von den Vestalischen Jungfrauen bereiteten Mischung vom geronnenen Blute des Octoberpferdes ( S. 324 ), der Asche eines kurz vorher, am Tage der Fordicidien verbrannten, noch ungebornen Kalbes und Bohnenstroh, welcher Mischung man eine reinigende Wirkung zuschrieb, daher Ovid sie februa casta nennt. Auch mußten die Schaafe bei der ersten Dämmerung des Morgens lustrirt werden, zu welchem Zwecke der Schaafstall mit Wasser besprengt und mit frischen Besen ausgekehrt, darauf inwendig mit frischem Laube, an der Thür mit Kränzen und Gewinden ausgeschmückt, endlich die Schaafe selbst mit Schwefeldämpfen gereinigt wurden. Dann wurde auf dem Heerde von Rosmarin, Fichten, Oliven und Lorbeerzweigen ein Feuer angemacht, wobei es für ein gutes Zeichen galt, wenn die letzteren im Feuer recht stark knisterten. Dazu brachte man ein einfaches Opfer, aus Hirse gebackene Kuchen und ein Körbchen mit Hirse, wie es die ländliche Göttin liebte, endlich ein Speiseopfer und Milch, und betete dabei um Segen für das Vieh, den Stall und die Herrschaft, um Verzeihung für allerlei kleine Sünden z. B. wenn der Hirt seine Heerde auf einen geweihten Platz getrieben oder wenn er von einem Haine für sie Laub abgeschnitten oder sich unter einem heiligen Baume niedergelassen hatte u. dgl., um Schutz gegen allerlei Seuche und Krankheit und um gute Weide, gutes Wasser, gefüllte Euter, geile Böcke, fruchtbare Schaafmütter u. s. w. Ein solches Gebet solle der Hirt nach Morgen gewendet viermal sprechen, darauf ein Gemisch von Milch und frischem Most trinken und alsbald den Sprung durch die Haufen brennenden Strohs thun, von welchem bei diesem Feste immer am meisten die Rede ist. Aus andern Beschreibungen sieht man daß es dabei recht lustig zuging, indem vor und nach dem Sprunge von den versammelten Hirten viel getrunken und gesungen wurde S. Dionys. 1, 88, wo Romulus als Gründer der Stadt den Gebrauch einsetzt, Tibull. II, 5, 87 ff., Prop. IV, 4, 75 ff., Pers. 1, 71 mit den Scholien, Probus z. Virg. Ge. III, 1. Vgl. Ovid F. IV, 795 und 805. , aus 368 Ovid selbst im weitern Verlaufe seiner Erörterung, daß das Feuer dazu künstlich angeschlagen wurde und daß nicht allein die Hirten, sondern auch die Heerden durch das brennende Stroh sprangen. Die religiöse Bedeutung des Gebrauchs ist deutlich genug die einer Reinigung durch das Feuer, wie sich denn derselbe reinigende Sprung oder Gang durch das Feuer in sehr verschiedenen Gegenden als eine alte und allgemeine Sitte des Heidenthums nachweisen läßt Grimm D. M. 581 ff. . Die gewöhnliche Jahreszeit dieser Reinigung ist bekanntlich die Mitte des Sommers und der Sonnenwende, wo noch jetzt in vielen Gegenden von Deutschland Feuer auf den Bergen angezündet wird und ehemals auch das Springen durch das Feuer selbst in den Städten auf öffentlichen Plätzen herkömmlich war, in welchem Sinne, das lehrt am besten derselbe Gebrauch in Griechenland, wo die Weiber mit dem Rufe »Ich lasse meine Sünden« durch das Feuer springen. Doch gab es in Deutschland neben dem Johannisfeuer auch ein Osterfeuer, welches vorzüglich im nördlichen Deutschland verbreitet war und in alter Zeit wahrscheinlich der heidnischen Licht- und Frühlingsgöttin Ostara galt, jedenfalls aber dem Eintritt des Frühlings entspricht und in dieser Hinsicht dem Feuer der römischen Palilien nahe verwandt ist. Denn offenbar sind auch diese zugleich Frühlings- und Reinigungsfest, wie die Lupercalien im Februar, die Feier des Mars im März und auch wohl die Feier des Vejovis an den Nonen desselben Monates und die des Apollo Soranus mit der entsprechenden Sitte eines reinigenden Ganges durch das Feuer ( S. 240 ), indem man an allen diesen Festen zugleich den Winter und allen Schmutz des vergangnen Jahres abthat und sich zu dem neuen Jahre wie zu einer neuen Zukunft reinigte. Auch in dieser Hinsicht ist dieses Fest als Stiftungsfest von Rom von religiöser Bedeutung. Die städtische Feier wird sich übrigens von der ländlichen nicht allein durch bestimmte Hinweisung auf Romulus und die Gründungsgeschichte, sondern auch durch andre Ausstattung unterschieden haben, wie man sie z. B. zur Zeit Cäsars mit Pferderennen feierte Dio XLIII, 42, vgl. Athen. VIII p. 361 F. Aus dieser Identification der Pales mit der Dea Roma oder der Tyche der Stadt im griechischen Geschmack erklärt es sich, daß nach Serv. V. Ge. III, 1 Einige die Pales für die Vesta, Andre für die Mater Deum erklärten. . Noch später, zur Zeit Hadrians, wurde das Fest mit dem der Dea Roma verschmolzen und als Geburtstag derselben mit lärmender Musik 369 und entsprechenden Gesängen, so wie mit circensischen Spielen begangen. 12. Ruminus und Rumina. Gleichfalls am Palatinischen Hügel und zwar in nächster Nähe der Faunushöhle des Lupercal, da wo der durch die römischen Zwillinge so berühmt gewordene Feigenbaum stand, wurde noch ein andres Paar von Hirtengöttern verehrt, Iupiter Ruminus und die Diva Rumina Augustin C. D. VII, 11 s. oben S. 173, 291 . Andre wissen nur von der Rumina, welche von Seneca b. Augustin VI, 10 sogar zu den viduis d. h. zu den unvermählten Göttinnen gerechnet wird. , von welchen jener Feigenbaum den Namen des Ruminalischen bekommen hatte; ja es verdanken ihnen vielleicht selbst Romulus und Rom und die Römer ihre Namen. Iupiter Ruminus ist in dieser Zusammenstellung höchst wahrscheinlich als Divus Pater Ruminus zu erklären, neben welchem also Rumina als Diva Mater angerufen wurde; beide aber hießen nach den übereinstimmenden Zeugnissen vieler Schriftsteller a ruma, welches Wort in der Bedeutung der säugenden Brust bei den Hirten und Bauern im Gebrauche blieb. Die Hirten opferten dieser Göttin, wie Varro sagt Varro d. r. r. II, 11, 5 Non negarim ideo apud Divae Ruminae sacellum a pastoribus satam ficum. Ibi enim soleni sacrificari lacte pro vino et pro lactentibus. Mammae enim rumes sive rumae, ut ante dicebant, a rumi, et inde dicuntur subrumi agni. Vgl. Varro b. Non. Marc. p. 167 oben S. 54 und Paul. p. 271 Ruminalis dicta est ficus, quod sub ea arbore lupa mammam dederat Remo et Romulo. Mamma autem rumis dicitur, unde et rustici appellant hoedos subrumos, qui adhuc sub mammis habentur. Plin. H. N. XV, 18, 20. Andre leiteten den Namen ficus Ruminalis ab von rumen d. i. der wiederkäuende Schlund und ruminari d. i. Wiederkäuen, s. Fest. p. 270, Plut. Rom. 4, welcher von der Diva Rumina hinzusetzt: καὶ ϑεὸν τινα τῆς ἐκτροφῆς τῶν νηπίων ἐπιμελεῖσϑαι δοκοῦσαν ὀνομάζουσι Ῥουμιλίαν καὶ ϑύουσιν αὐτῇ νηφάλια καὶ γάλα τοῖς ἱεροῖς ἐπισπένδουσιν. mit Milch für das junge noch säugende Vieh; dahingegen Andre eben so natürlich an das Bild der säugenden Wölfin mit den Zwillingen dachten, welche unter dem Ruminalischen Feigenbaum stand und höchst wahrscheinlich ein altes Sinnbild derselben nährenden Muttergöttin Rumina war, die von der Fauna Luperca (S. 342, 785 ) nur durch ihren Namen verschieden gewesen sein kann. Auch der Feigenbaum mit seinen vielen, süßen, saamenreichen und nährenden 370 Früchten war ein natürliches Bild dieser gütigen Göttin, daher derselbe Baum in Griechenland der Demeter und dem Dionysos heilig war. Anhang Die Sühnungen und Weihungen im Dienste des Mars und der verwandten Götter. Noch mögen hier verschiedne Arten von Sühnopfern und Weihungen der Flur, der Stadt, der Bürgerschaft zur Sprache kommen, wie sie im Culte des Mars, des Faunus Lupercus, der Bona Dea, der Pales herkömmlich waren, die sich auch dadurch als zusammengehörige Gruppe zu erkennen geben, neben ihnen aber auch in dem der Ceres, des Liber Pater und andrer Götter des ländlichen Segens. Der allgemeine Ausdruck für diese Gebräuche war lustrare , welches sich von den sinnverwandten Wörtern februare, purgare, expiare dadurch unterscheidet, daß es den Begriff eines sühnenden Umgangs mit den Opferthieren oder sonst einem Sühnungsmittel um den zu reinigenden Gegenstand, ein Grundstück, eine Stadt, eine Person oder eine größere Anzahl von Personen in sich schließt: wie die Luperci nach jenem Opfer im Lupercal zuerst um die Palatinische Altstadt und dann durch die übrige Stadt liefen. Daher die Benennung der Ambarvalia und des Amburbium , das sind weihende Umgänge mit Opferthieren, welche nachher unter Gebet und Weihung geschlachtet wurden, um die Felder und um die Stadt Virg. Ecl. V, 75 quum lustrabimus agros . Dazu Servius: lustrare hic circuire, dicitur enim ambarvale sacrificium . Daher ambarvalis hostia , quae rei divinae causa circum arva ducitur ab his qui pro frugibus faciunt , nach Pomp. Festus bei Macrob. III, 5, 7, daher bei Paul. p. 5 zu schreiben ist: Ambarvales hostiae dicebantur quae pro arvis atque frugibus (für a duobus fratribus ) sacrificantur . Die Form ist zu erklären wie amtermini qui circa terminos provinciales manent, amiciri u. dgl. Paul. p. 17. Der Sache nach vgl. das feierliche Umtragen und Umführen der Götterbilder bei Grimm D. M. 1202. , die dadurch der magischen Kraft des Opfers und der Weihe des Gebetes theilhaftig gemacht wurden. Die Opferthiere waren bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich die sogenannten Suovetaurilien oder, wie man vor Alters gewöhnlich sagte, Solitaurilien, das speciell im Culte des Mars herkömmliche Opfer Cato d. r. r. 141, Liv. VIII, 10, Fest. p. 189 Opima Spolia. Namentlich durften dem Jupiter eigentlich keine Suovetaurilien geopfert werden, s. Macrob. S. III, 10, 3, Serv. V. A. IX, 627 , wie sich 371 denn alle diese Sühnungen und Reinigungen vorzüglich im Culte des Mars entwickelt zu haben scheinen. Suovetaurilien hieß dieses Opfer, weil es hergebrachtermaßen aus einem männlichen Schwein, einem Schaafbock und einem Stier bestand, die dabei die drei wichtigsten Arten der durch ganz Italien unter den Schutz des Mars gestellten Viehzucht vertraten, Solitaurilien, weil diese drei Stücke und Repräsentanten des Heerdenreichthums völlig ausgewachsen und durchaus unbeschädigt sein mußten Quintil. 1, 5, 67 mit der Note von Spalding und Fest. p. 293 Solitauritia – quia sollum Osce totum et solidum significat , so daß also a potiori blos der Stier genannt worden wäre. Vgl. Charis. 1 p. 84 P. . Für weibliche Gottheiten nahm man Thiere weiblichen Geschlechts, bei andern Gelegenheiten Thiere zarten Alters, sogenannte Suovetaurilia minora oder lactentia Serv. V. A. XII, 170, Marini Atti Arv. p. 364. . Dem Blute des Schweines und des Lammes wurde eine sühnende Kraft beigemessen; der Stier scheint mehr als honorarius d. h. als das edelste Stück und der Führer seiner Heerde hinzugefügt worden zu sein Marini Atti p. 216. 310. Namentlich war das Schwein bei Griechen und Römern das allgemeine Sühnungsopfer, bei den Römern auch für die Laren, s. Horat. Sat. II, 3, 164, Prop. IV, 1, 23 intpp., Cato d. r. r. 139. Waren junge Schweine nöthig, so mußten sie wenigstens zwei Monate alt sein, weil sie erst dann zu saugen aufhören und ad sacrificium puri sind, Varro r. r. II, 1, 20. Als solche hießen sie sacres, s. Plaut. Rud. IV, 6, 4, Menaechm. II, 2, 15, Fest. p. 318. Dasselbe bedeuten die porcae oder porciliae piaculares der Arvalischen Urkunden, s. Marini p. 307. 587. . Immer wurden diese Thiere oder statt ihrer im ländlichen Privatgottesdienste das einzelne Opferthier dreimal um den Acker, die Stadt u. s. w. herumgeführt Virg. Ge. I, 345 terque novas circum felix eat hostia frugum . Vgl. Dionys. IV, 22 von den Suovetaurilien beim Lustrum und Servius V. A. VI, 229. Dasselbe ward bei dem sühnenden Umzuge um Iguvium beobachtet, s. Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachdenkm. 2 S. 272. und darauf bei dem Opfer selbst ein feierliches Gebet in alter und herkömmlicher Formel gesprochen Fest. p. 161 Marspedis oben S. 296, 644 und p. 210 Pesestas inter alia quae inter precationem dicuntur cum fundus lustratur significare videtur pestilentiam, ut intelligi ex ceteris possit quom dicitur: Avertas morbum, mortem, labem, nebulam, impetigenem . , welcher man wie immer eine besondre Kraft zuschrieb. Am häufigsten erwähnt werden die ländlichen Ambarvalien, wie sie bei verschiedenen Gelegenheiten dargebracht wurden, besonders in der Zeit wenn die Felder in der 372 Blüthe standen und der Erndte allmälich entgegenreiften, in welcher Zeit die Gefahren der Witterung und andrer Schaden am meisten zu befürchten sind Virg. Ge. 1, 338 ff. Inprimis venerare deos atque annua magnae sacra refer Cereri laetis operatus in herbis (wenn die Saat blüht) extremae sub casum hiemis, iam vere sereno. Vgl. das Kal. Farnes. rust. im Mai: Segetes lustrantur und Marini Atti p. 137 sq. Auch das feriale von Capua ( S. 146 ) schreibt für den 1. Mai eine lustratio ad flumen d. h. am Volturnus und zwar bei Casilinum vor, offenbar eine lustratio segetum. Die zweite, in demselben feriale für den 25. Juli und zwar ad iter Dianae (d. h. Tifatinae) vorgeschriebene lustratio ad flumen scheint der porca praecidanea beim Beginn der Erndte zu entsprechen. . Eine genaue Anweisung wie bei einer solchen Weihe zu verfahren ist giebt Cato r. r. 141, wo Mars noch der eigentliche Schutzgott des Ackers und alles ländlichen Besitzes und Segens ist, s. oben S. 301 . Später wurden statt seiner gewöhnlich Ceres und Bacchus angerufen, während die Sitte des Umgangs dieselbe blieb, s. die Schilderungen solcher ländlicher Festlichkeiten bei Virgil Georg. I, 345 und Tibull II, 1. Alles pflegte an solchen Tagen von der Arbeit zu ruhn und sich rein und heilig zu halten, Menschen und Vieh, der Herr und die Knechte und Mägde. Während das Opferthier um die Felder geführt wurde, folgte die Schaar der Arbeiter in festlicher Kleidung und mit Oelzweigen in der Hand, zu den Schutzgöttern des Gutes betend für die Saat, den Viehstand, den Landmann und den jungen Nachwuchs der Sklaven, wie um Abwehr alles Schadens. Nicht weniger verbreitet scheint aber auch der verwandte Gebrauch des Amburbium d. h. der Stadtweihe gewesen zu sein, wo entweder regelmäßig oder auf außerordentliche Veranlassung die sühnenden Opferthiere um die Grenzen der Stadt oder eines Theiles derselben oder um die Stadtflur geführt und dazu gleichfalls um Schutz und Segen gebetet wurde Paul. p. 5 Amburbiales hostiae appellabantur quae circum terminos urbis Romae ducebantur. Serv. V. Ecl. 111, 77 dicitur autem hoc sacrificium ambarvale, quod arva ambiat victima, sicut amburbiale vel amburbium dicitur sacrificium quod urbem circuit et ambit victima. . Ein solches Opfer war dasjenige, auf welches sich die S. 40 erwähnten Urkunden von Iguvium beziehn; wenigstens wird in denselben, soweit die Deutung bis jetzt gelungen ist, ein Umgang um die Burg (ocris) oder Altstadt beschrieben, bei welchem die Opferthiere um die Grenzen derselben geführt werden, um sodann an drei verschiedenen Punkten den Göttern, unter welchen Jupiter und Mars besonders hervortreten, geopfert zu werden, mit Gebeten welche auch hier um Abwendung aller Landplagen und um Heil und 373 Segen für Stadt und Volk flehen. In Rom ward die Palatinische Altstadt bei den Lupercalien insbesondre lustrirt; dahingegen sich eine Stelle bei Strabo V p. 230, wo von Opfern der Pontifices die Rede ist, welche an einem bestimmten Tage an verschiedenen Punkten der alten Stadtgrenze dargebracht wurden, entweder auf ein Amburbium der Stadtflur oder auf Ambarvalia publica bezieht Es ist von einem Orte Festi zwischen dem 5. und 6. Meilenstein die Rede, wo ehemals die Grenze gewesen sei, οἵ ϑ’ ἱερομνήμονες ϑυσίαν ἐπιτελοῦσιν ἐνταῦϑά τε καὶ ἐν ἄλλοις τόποις πλείοσιν ὡς ὁρίοις αὐϑημερόν (an einem und demselben Tage), ἣν καλοῦσιν Ἀμβαρουίαν, wofür entweder Ἀμβούρβιον zu schreiben ist oder Ἀμβαρουάλια. . Außerdem werden solche Sühnungen der Stadt wiederholt bei außerordentlichen Gelegenheiten erwähnt, wo es den Zorn der Götter zu beschwören galt Liv. XXI, 62, XXXV, 9, XLII, 20, Iul. Obseq. passim. Bei Lucan heißt es: Mox iubet (ein etruskischer Aruspex) et totam pavidis a civibus Urbem ambiri et festopurgantes moenia lustro longaper extremos pomoeria cingere fines. , u. a. bei Lucan 1, 592 ff, wo beim Ausbruch des Kriegs zwischen Pompejus und Cäsar ein Amburbium um die Grenzen der Stadt beschlossen wird, an welchem sämmtliche Priesterschaften des öffentlichen Gottesdienstes theilnehmen, die Pontifices unter der Anführung des Pontifex Maximus und in ihrem Gefolge die Pontifices minores, die Togen cinctu Gabino aufgegürtet, die Vestalischen Jungfrauen unter der der Virgo Maxima, die XV viri sacris faciundis und die phrygischen Galli, die Augurn, die VII viri Epulones, die Sodales Titii und die Salier, endlich die Flamines. Noch zur Zeit des Aurelian ist bei drohender Gefahr von ähnlichen Sühnungen der Stadt und der Stadtflur die Rede Flav. Vopisc. Aurel. 20 lustrata Urbs, cantata carmina, amburbium celebratum, ambarvalia promissa. Vgl. Hieronym. ad Vital. ep. 132 Inveniemus lustralibus hostiis – portentuosas soboles tam in hominibus quam in armentis ac pecudibus expiatas. . Endlich gehört auch die sühnende Weihe der gesammten Bürgerschaft hieher, wie sie nach dem Staatsgrundgesetze des Servius Tullius alle vier Jahre zuerst von den Königen, dann von den Consuln, seit dem J. 311 d. St. von den Censoren zum Beschlusse des gesammten Werkes der Schatzung in dem Marsfelde, wahrscheinlich bei jenem alten Altare des Mars ( S. 311 ), mit religiösen Feierlichkeiten vorgenommen wurde. Auch hier wurden zuerst die gewöhnlichen Solitaurilien des Mars dreimal um die im Schmuck der Waffen versammelte und als Bürgerwehr (exercitus) in Rotten aufgestellte Bürgerschaft 374 herumgeführt, daher die ganze Feier auch ambilustrum genannt wurde Liv. I, 44, Varro r. r. II, 1, 10, Valer. Max. IV, 1, 10, wo Kempf mit Recht hergestellt hat iri solitaurili sacrificio, Pseudo – Ascon. Cic. Divin. 3, 8 p. 103 Or., Dionys. IV, 22, vgl. Becker Handb. II, 2, 243. Auch der Pontifex war bei dem Opfer beschäftigt, s. Serv. V. A. VIII, 183. . Darauf erfolgte an jenem Altare das feierliche Opfer, wobei der präsidirende Magistrat, von den beiden Censoren immer derjenige den das Loos dazu bestimmt hatte, in einer herkömmlichen, von einem Staatssecretär aus der Urkunde vorgelesenen Gebetsformel die Götter um Erstarkung und Mehrung der Macht des römischen Volkes anflehte, eine Formel welche seit Scipio d. J. dahin verändert sein soll, daß man nicht mehr um die Mehrung, sondern nur noch um die Erhaltung dieser Macht betete. Auch Colonieen und Heere wurden auf gleiche Weise lustrirt, desgleichen der Capitolinische Tempelplatz beim Neubau des Vespasian; und zwar sah man wie bei allen religiösen Handlungen immer darauf daß Alles unter den glücklichsten Zeichen vor sich gehe Cic. de Divin. 1, 45 vgl. Cato r. r. 141 und Tacit. Hist. IV, 53. . Selbst bei den Reinigungen von Kranken, namentlich Geisteskranken, denen von Heerden Viehs, endlich der bei einem Leichenbegängnisse Versammelten und andern Anlässen der Art wiederholen sich im Wesentlichen dieselben Gebräuche, nur daß das Mittel der Reinigung ein verschiedenes war und eben deshalb auch die Ceremonie sich änderte Virgil Aen. VI, 229 ff. von der Reinigung am Schlusse eines Leichenbegängnisses, Plaut. Amphitr. II, 2, 144 und Serv. V. A. VI, 229 von der von Geisteskranken mit einer Fackel oder mit Schwefel, einer Art von Exorcismus, vgl. Tibull. 1, 2, 62, 5, 11, Ovid Met. VII, 261. . 375 Fünfter Abschnitt. Venus und verwandte Götter. Sehr verbreitet war der Dienst einer Göttin der Blumen, des Frühlings, der Lust und des irdischen Reizes mit Inbegriff seiner Vergänglichkeit, welche an Quellen, in Hainen und Gärten und in den Monaten April und Mai gefeiert wurde, auch als Göttin des weiblichen Reizes und der Liebe, endlich der bürgerlichen Verbündung und Eintracht, wodurch sie zugleich einen ethischen und politischen Character annimmt. Da sie der griechischen Aphrodite, zum Theil auch der Persephone nahe verwandt war, so war es sehr natürlich daß sich ihr Bild mit jenen vermischte. Doch darf das ursprüngliche Wesen dieser Gottheit für italisch genommen werden, so gut die ihr in manchen Stücken verwandte Freyja eine germanische und scandinavische Göttin ist. Unter den verschiedenen Formen, in welchen sie vorkommt, nennen wir zuerst 1. Feronia, welche Göttin vorzüglich bei den Sabinern, Umbrern und Etruskern, aber auch bei den Latinern und Volskern verehrt wurde. Eine sabinische Göttin nennt sie Varro l. l. V, 74 und so erscheint sie namentlich in der Tradition von dem Kriege des Tullus Hostilius mit den Sabinern bei Liv. 1, 30 und Dionys. III, 32, wo römische Bürger, die zur Messe der sabinischen Feronia gereist waren, festgehalten werden, worüber es zwischen den Römern und Sabinern zum Kriege kommt. Dionys setzt hinzu, 376 dieses Heiligthum der Feronia habe sowohl bei den Latinern als bei den Sabinern in großem Ansehn gestanden, auch daß die Griechen den Namen dieser Göttin bald durch die Blumengöttin oder Kranzliebende (Ἀνϑηφόρος, Φιλοστέφανος) bald durch den der Persephone zu übersetzen pflegten, welche Göttin bekanntlich zugleich Frühlings- und Todesgöttin war, so daß schon dadurch ihre nahe Verwandtschaft mit der Flora, der Libera, der Venus deutlich angegeben ist. Bei dem jährlichen Feste sei dort eine Menge Volks zusammengekommen, entweder um zu beten und zu opfern oder in Marktgeschäften, Kaufleute, Handwerker und Bauern, wie diese Messe denn zu den besuchtesten und lebhaftesten in ganz Italien gehörte. Fabretti hat durch die vortreffliche Untersuchung Inscr. Antiq. p. 451 sq. nachgewiesen daß dieses alte und berühmte Heiligthum bei Trebula Mutuesca, einem auch durch seinen T. des Mars Iul. Obseq. 43. Vermuthlich stammte auch der Cult der römischen Novensides von dort, s. oben S. 90 . und andre Gottesdienste bekannten Orte lag, wo er selbst mehrere auf den Cult der Feronia bezügliche Inschriften gefunden hat und von wo wahrscheinlich auch die beiden römischen Familien Petronia und Plaetoria stammten, die den Kopf der Feronia auf ihre Münzen gesetzt und uns dadurch ein Bild von dieser Göttin erhalten haben. Es ist das einer jugendlich blühenden Göttin, deren Haar mit Blumen geschmückt ist, was zu jenen Umschreibungen der Griechen vortrefflich paßt. Außerdem läßt sich der Cult dieser Göttin durch Inschriften auch in der alten sabinischen Metropole Amiternum, zu Aveja bei den Vestinern, in dem Orte Septempeda bei den Picentern und zu Pisaurum in Umbrien nachweisen Mommsen I. N. n. 5753. 5983, Henzen z. Or. n. 6000, Ritschl de fictil. litt. p. 27, Maffei Mus. Veron. p. 471, 1. , so daß er also bei der indigenen Bevölkerung des mittleren Italiens sehr verbreitet gewesen sein muß. Auch der picus Feronius, welcher neben dem picus Martius als ein für die auguralen Beobachtungen sehr wichtiger Vogel genannt wird (Fest. p. 197) hatte jenen Beinamen doch gewiß von der Feronia. Bei den Etruskern war das Heiligthum der Feronia am Fuße des Berges Soracte, der lucus Feroniae, woraus später ein eigner Ort geworden war, ursprünglich hatte es zum Gebiete der Stadt Capena gehört, nicht weniger berühmt und besucht als jenes sabinische bei Trebula Mutuesca. Alles Volk der Umgegend war gewöhnt die Erstlinge der Feldfrucht und viele Weihgeschenke dahin zu tragen, so daß 377 sich im Laufe der Jahre eine Menge Gold und Silber in dem Tempelschatze gesammelt hatte, welcher den Soldaten des Hannibal bei seinem Rückzuge von Rom zur Beute wurde Liv. XXVI, 11, Sil. Ital. Pun. XIII, 84 ff., vgl. Strabo V p. 226, Plin. H. N. III, 5, 8, A. W. Zumpt Coramentat. epigr. Berol. 1850 p. 347. Cäsar und August hatten ihre Veteranen u. a. in diesem Orte untergebracht. . Feronia wurde hier neben dem sogenannten Apollo Soranus verehrt und zwar fiel das beiden gemeinschaftliche Fest vermuthlich in den Frühling ( S. 239 ); auch war sie hier wie an andern Orten eine Schutzgöttin der Freigelassenen, also eine Libera, daher auch die Libertinen in Rom ihre Gaben in dieses Heiligthum als das zunächst gelegene trugen Liv. XXII, 1, vgl. XXVII, 4. . Einen andern lucus Feroniae genannten Ort, welcher später Petra Sancta hieß, gab es im Innern von Etrurien S. die Urkunde bei Grut. p. 220, deren Aechtheit Holsten gegen Cluver dargethan hat, und Ptolem. Geogr. III, 1, t. VI. ; auch wissen wir durch eine Inschrift aus Florenz, daß sie auch hier als Göttin der Freilassung verehrt wurde, ja es lassen sich die Spuren dieses Gottesdienstes bis nach Verona verfolgen Or. n. 1317. 1318. . Ferner muß unter den Latinern Praeneste dieselbe Göttin seit alter Zeit verehrt haben, da sie nach dortiger Sage für die Mutter des Herilus galt, den Evander d. i. Faunus als streitbarer Held erlegte Virgil Aen. VIII, 564 nascenti cui tris animas Feronia mater – dederat, terna arma movenda. . Endlich gab es an der Küste der Volsker, in der Nähe von Tarracina, ein oft genanntes und durch alte Sagen berühmtes Heiligthum der Feronia in der Umgebung eines anmuthigen Hains und einer Quelle, welche aus Horaz Sat. 1, 5, 24 bekannt ist In alter Zeit erstreckten sich die Befestigungswerke von Tarracina bis zu diesem Heiligthume, s. Plin. H. N. II, 55. . Auch hier wurden Feronia und Iupiter Anxur, welcher dem Apollo Soranus entspricht ( S. 238 ), als Paar gedacht, Feronia als segnende Frühlings- und Quellengöttin des Thals und Jupiter als Gott der Höhe und der Sonne, s. Virgil Aen. VII. 799, zu welcher Stelle Servius eine Legende erzählt, welche sie als wohlthätige und fruchtbare Göttin des Hains characterisirt. Noch bemerkt Servius, daß Feronia in dieser Gegend als Iuno Virgo neben jenem Jupiter verehrt worden sei, und wirklich lassen sich verschiedene Inschriften nachweisen, welche einer Iuno Feronia gedenken Fabretti p. 452. Or. n. 1314. 1315. 1317. , während jenes 378 Wort Virgo vermuthlich in demselben Sinne verstanden werden muß wie sonst von Divae Virgines die Rede ist ( S. 88 ), also von einer Göttin der Vegetation und der Quellen. In einem andern Zusammenhange endlich berichtet derselbe Servius (zu Aen. VIII, 564), daß diese Nymphe Campaniens, so nennt er sie als Quellengöttin der Campagne, gleichfalls eine Göttin der Freigelassenen war, denen in ihrem Tempel das Haar geschoren und darauf der Hut als Symbol der Freilassung aufgesetzt wurde; auch habe sich in diesem Tempel eine Bank von Stein mit der Inschrift befunden: Benemeriti servi sedeant, surgent liberi. Varro wollte deshalb den Namen Feronia erklären durch Fidonia, da man doch eher an denselben Stamm wie in dem Namen der Quellengöttin Ferentina denken möchte, von welcher bei der Venus die Rede sein wird. Auch als eine hülfreiche Göttin der See scheint Feronia wenigstens an dieser Küste verehrt worden zu sein, wenn dieses anders aus der confusen Sage bei Dionys. II, 49 gefolgert werden darf, nach welcher die vermuthlich von Tarent bevorwortete Stammesverwandtschaft der Sabiner und Spartaner durch das Mährchen bewiesen werden sollte, daß zur Zeit des Lycurg eine Schaar ausgewanderter Spartaner an diese Küste verschlagen sei. Sie hätten darauf zum Dank für die glückliche Fahrt das Heiligthum der Feronia gestiftet Der Name wird dabei für einen griechischen genommen und ἀπὸ τῆς πελαγίου φορήσεως abgeleitet. So machte man aus einem alten, später zerstörten Orte dieser Küste Amuclae oder Amunclae ein spartanisches Amyclae, Plin. H. N. III, 5, 9. und seien endlich landeinwärts zu den Sabinern gezogen. 2. Flora. Auch diese Göttin ist von altitalischer Abkunft und wurde bei den Sabinern und überhaupt im innern Italien viel verehrt. Varro l. l. V, 74 nennt sie unter den Göttern des T. Tatius; auch kennen wir sie und einen eignen Monat der Flora, welcher dem April oder Mai entsprochen haben wird, aus den von Sabinern, Marsern und Samnitern bevölkerten Gegenden Or. n. 1620, Mommsen I. N. n. 6755, vgl. die Inschr. von S. Agnone bei Mommsen Unterit. Dial. S. 128 und die aus Pompeji ib. S. 180, wo fluusaı oscisch = Florae ist. Ueber den Mt. der Flora s. Or. n. 2488, Mommsen I. N. n. 6011, Unterit. Dial. S. 339, 4. In der Inschrift aus Furfo, welche vom J. 58 v. Chr. ist, steht mense Flusare, in der andern, welche aus Amiternum oder dem Lande der Marser stammt, mesene Flusare f. mense Florali. . Es ist die 379 Göttin der Blüthen und Blumen in weitester Bedeutung, denn wo immer etwas blüht, wie Ovid sagt Ovid F. V, 261 ff. Vgl. Lactant. 1, 20, 7 deam finxerunt esse quae floribus praesit, eamque oportere placari ut fruges cum arboribus aut vitibus bene prospereque florescerent. , auf dem Acker, im Weinberge, in der Olivenpflanzung und im Baumgarten, auch in der Blume des Weins, wenn er sich im Fasse regt, so wie im Honig, dem feinsten Stoffe der Blumen, endlich in der Blüthe der Jugend und eines fröhlichen Lebensgenusses »so lange die Rose blüht«, da ist Flora thätig. Daher sie auf dem Lande und in den Städten viel verehrt wurde, auch als mütterliche Göttin, Flora Mater Rustica Flora bei Martial. V, 22, 4. Vgl. das Kalend. Rust. Farnes. im Mt. Mai. In den Urkunden der Arval. Br. wird sie als eine der Göttinnen genannt, denen bei der Pflanzung von Bäumen zu opfern ist, t. XLIII, Marini p. 377. Flora Mater heißt sie bei Lucret. V, 737 und Cic. in Verr. V, 14, 36. Vgl. Arnob. III, 23 Flora illa genetrix et sancta . , des Frühlings, der Feldfrucht und selbst der »guten Hoffnung« der Frauen, deren Symbol die Blüthe ist, natürlich weit mehr im Sinne der Venus als in dem der Juno. Denn immer wurde sie in der populären Vorstellung gleich der Acca Larentia und andern Göttinnen des Frucht empfangenden Erdbodens als »liebe Buhle« gedacht und in diesem Sinne auch allerlei Mährchen von ihr erzählt Lactant. 1, 20, 5 Flora quum magnas opes ex arte meretricia quaesivisset, populum scripsit heredem certamque pecuniam reliquit, cuius ex annuo foenore suus natalis dies celebraretur etc. Offenbar ist sie hier, wie sonst Acca Larentia, eine Göttin der römischen Stadtflur. und ihr Fest mit ausgelassenem Frohsinn begangen. In Rom gab es einen eignen Flamen Floralis Varro l. l. VII, 45, vgl. die Inschr. bei Mommsen I. N. 5192. und zwei Tempel der Flora, von denen der eine vermuthlich sabinischen Ursprungs war und auf dem Quirinale lag, der andre, welcher mit den Spielen der Flora entstand, in der Nähe des Cerestempels am Circus Maximus Becker Handb. 1, 577 und über den angeblichen circus Florae ib. S. 673, Tacit. Ann. II, 49. . Der Cultus der Flora hatte demnach seit alter Zeit bestanden d. h. man hatte ihr um die Zeit, wo das Korn in der Blüthe stand und der Kornbrand zu fürchten war, sowohl auf dem Lande als in der Stadt geopfert Varro r. r. 1, 1, 6 quarto Robigum ac Floram, quibus propitiis neque rubigo frumenta atque arbores corrumpit neque non tempestive florent. Plin. H. N. XVIII, 29, 69. , wahrscheinlich auch damals schon mit allerlei derb muthwilligen 380 Späßen und Gebräuchen, welche zum Wesen dieser Gottheit gehören Ovid Fast. V, 331 ff., 351 Non est de tetricis, non est de magna professis, Volt sua plebeio sacra patere choro, Et monet aetatis specie dum floreat uti, Contemni spinam cum cecidere rosae. Vgl. Lucret. V, 1393 ff. und in Italien zu allen Zeiten beliebt und volksthümlich gewesen sind. Dann aber entstanden bald nach dem ersten punischen Kriege eigne Spiele der Flora, welche namentlich dem gemeinen Manne sehr willkommen, aber gleichfalls sehr ausgelassen waren. Ueber ihre Entstehung berichten Ovid und Tacitus, daß die beiden Publicii, dieselben von welchen der clivus Publicius am Aventin seinen Namen hatte, als plebejische Aedilen jenen T. der Flora beim Circus Maximus und die Spiele in demselben aus eingezogenen Strafgeldern gestiftet hätten Ovid F. V, 277 ff., Tacit. Ann. II, 49. Nach Vellei. Pat. 1, 14, 8 und Plin. XVIII, 29, 69 wurden die Floralien gleich im Jahre 516 ex oraculis Sibyllae, ut omnia bene deflorescerent , also auf Veranlassung eines Miswachses gestiftet, vgl. Verr. Flacc. F. Praen. 28. April. Die Münzen der gens Servilia nennen den C. Servilius C. F. als ersten Urheber der ludi Florales, was sich vermuthlich wie bei den Cerealien auf eine spätere Anordnung bezieht. Der Kopf der Flora auf derselben M. ist jugendlich und mit Blumen und Geschmeide reichlich geschmückt. . Doch seien diese im J. 514 oder 516 d. St. (240 oder 238 v. Chr.) gestifteten Spiele nicht regelmäßig alle Jahre gefeiert worden, sondern diese jährliche Feier erst später i. J. 581 (173 v. Chr.) beschlossen, auf Veranlassung eines von der Flora selbst, weil sie sich vernachlässigt glaubte, verhängten Miswachses. Genug diese Spiele hatten sich wie die der andern Götter erst allmälich bis zu solcher Ausdehnung und Ausstattung sowohl circensischer als scenischer Lustbarkeiten erweitert, in welcher wir sie bei den späteren Schriftstellern und in den Kalendern des Augusteischen Zeitalters kennen lernen, nach welchen sie vom 28. April bis zum 3. Mai gefeiert wurden Kal. Maff. Praen. Venus., wo nach Mommsen I. N. n. 698 die Worte LVD. IN CIRCO FLORAE zum 3. Mai gehören, aber dennoch zu verbinden ist Ludi Florae in Circo. Vgl. Ovid F. V, 185 Incipis Aprili, transis in tempora Maii, Alter te fugiens, cum venit alter habet. . Am 28. April war der Stiftungstag des Tempels, also der alte Festtag der Flora, zu welchem die übrigen Festtage erst mit der Zeit hinzugetreten sein mögen. Von den Spielen, deren entsprechende Ausrüstung zu den wichtigsten Obliegenheiten eines curulischen Aedilen gehörte Cic. in Verr. V, 14, 36. , wird namentlich der characteristische Gebrauch erzählt, daß bei ihnen Tänzerinnen nicht allein auf der Bühne auftraten, sondern auch, wenn es das 381 Volk verlangte, alle Kleidung abwerfen und völlig entblößt ihre Stellungen und Tänze fortsetzen mußten: ein Herkommen welches zu dem bekannten Auftritte mit dem älteren Cato führte, da er lieber das Theater verlassen als durch seine Gegenwart des Volkes Vergnügen stören wollte Val. Max. II, 10, 8, Seneca Ep. 97, 7, Martial. 1, 1. Vgl. Iuvenal VI, 249 mit den Scholien und Augustin C. D. II, 26, Arnob. III, 23, VII, 33, Lactant. 1, 20, 10. Es scheinen vorzüglich Mimen aufgeführt worden zu sein. . Auch sonst wurde in diesen Tagen viel geschlemmt und viel leichtfertiger und lärmender Spaß getrieben Varro Eumenides bei Non. Marc. p. 11, 10 contra cum psalte pisia ( psallis? ) et cum Flora lurcare ac strepis. ; war doch auch Flora ein lustiges Blut gewesen und die Jahreszeit eine solche, daß die ganze Natur zu Lust und Scherz von selbst einlud. Daher auch die bunten Kleider bei diesen Spielen und die brennenden Lichter, welche bei den Alten gewöhnlich ein Symbol der heitern Festlust sind. Auch die Ziegen und Hasen, welche im Circus gehetzt wurden, entsprechen diesem Character der Flora, denn auch ihre Natur ist üppig und muthwillig, daher der Hase bei den Griechen zur Umgebung der Aphrodite gehörte. Andre Schriftsteller erzählen von einer auch sonst herkömmlichen, bei den Floralien aber vorzüglich beliebten Lustbarkeit, indem Erbsen und Bohnen, die gewöhnliche Kost des gemeinen Mannes, unter das Volk geworfen wurden, wo denn Jeder greifend und balgend so gut er konnte seine Taschen füllen mochte Pers. V, 177 an einen Ehrgeizigen: Vigila et cicer ingere longe rixanti populo, nostra ut Floralia possint aprici meminisse senes. Vgl. Horat. S. II, 3, 182 und Martial. VIII, 78, 8. , noch Andre von einem Umlaufe von Personen, welche Blumen, namentlich Rosen trugen und durch die Eile ihres Laufes die Flüchtigkeit alles natürlichen Reizes andeuten sollten Philostr. Ep. 55 p. 360 Kayser: Eros liebe die Rosen, doch seien beide vergänglich, ἐχϑρὸς γὰρ ὁ ϑεὸς καὶ τῇ κάλλους ὀπώρᾳ καὶ τῇ ρόδων ἐπιδημίᾳ· εἶδον ἐν Ῥώμῃ τοὺς ἀνϑοφόρους τρέχοντας καὶ τῷ τάχει μαρτυροῦντας τὸ ἄπιστον τῆς ἀκμῆς. Doch wohl an diesem Feste, vgl. Ovid F. V, 194 dum loquitur vernas efflat ab ore rosas . . Denn immer ist die Rose vor allen übrigen Blumen das Symbol des Frühlings und aller fröhlichen Lust gewesen, wie sich denn auch in Italien von solcher Anwendung dieser Blume bei öffentlichen und privaten Gelegenheiten viele Spuren nachweisen lassen So wurde nach dem feriale von Capua am 13. Mai in Capua ein eignes Rosenfest gehalten, während in Rom der Kalender des Constantin ein ähnliches Fest am 23. Mai andeutet. Privatfeste gleicher Art werden in einzelnen Collegienordnungen und Grabschriften erwähnt. Vgl. Marini Arv. p. 573. 580 sq., Avellino Opusc. III p. 247 sqq. . Endlich wurden unter den Kaisern noch 382 manche außerordentliche Vergnügungen hinzugefügt, denn fort und fort, sowohl in Rom als in den Provinzen, behaupteten sich die Spiele der Flora unter den beliebtesten Ergötzlichkeiten der schönen Jahreszeit Vgl. Sueton Galb. 6 und die Inschr. aus Algier bei L. Renier 1. n. 1875 Honoratus Baebianus – per diem ludorum Floralium – quos triumvir sua pecunia fecit . . 3. Venus. Nach der bestimmten Aussage gründlicher Gelehrten, namentlich des Cincius und Varro, kam der Name der Venus weder in den Saliarischen Liedern noch sonst in den öffentlichen und priesterlichen Urkunden der Königszeit vor (Macrob. S. I, 12, 12), so daß also eine Göttin dieses Namens in Rom d. h. von Staatswegen erst später verehrt worden wäre. Indessen ist ihr darum ein höheres Alterthum keineswegs abzusprechen. Sie konnte unter einem andern Namen oder sie konnte bei den Latinern früher als in Rom verehrt werden; denn Venus ist eben nur ein Name unter den verschiedenen, welche dieser Göttin des Frühlings und der sprossenden und treibenden Vegetation beigelegt wurden, und grade bei den Latinern scheint ihr Cultus in vielen und verschiedenen Formen verbreitet gewesen zu sein, wie der der Feronia bei den Sabinern und verwandten Völkern. Und zwar wurde sie bei den Latinern und von daher auch in Rom seit alter Zeit nicht blos in der nächsten Naturbedeutung und in der einer Liebesgöttin des Geschlechts verehrt, sondern auch in der einer Vereinigung und Verbündung überhaupt, gesellige und bürgerliche Stiftenden, wodurch sie die höhere Bedeutung einer Concordia annahm, welche in späteren Zeiten gewöhnlich statt ihrer genannt wird. Daher die besondre Wichtigkeit dieses Cultus für den latinischen Bund, welches wieder zur Folge hatte daß mit der Zeit eine gleichartige Göttin des Auslandes, ich meine die griechische und orientalische Aphrodite, von Sicilien und dem südlichen Italien her mit dieser älteren latinischen und italischen Venus verschmolzen und auf diesem Wege zugleich die Sage von Aeneas, dem troischen Helden, dem Sohne der Aphrodite des Idagebirges, in die Traditionen des latinischen Bundes hinübergezogen wurde. 383 Auch der Name Venus ist altitalisch, da er sich aus der Wurzel ven erklärt, welche lieben, begehren, günstig sein bedeutet, derselben Wurzel von welcher wahrscheinlich auch οἶνος, vinum, Wein abzuleiten ist Kuhn in d. Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 1, 191, 2, 461. . Vana ist im Sanskrit lieblich, angenehm, vanas Reiz, Lieblichkeit, das lateinische venustas, und auch im Altnordischen ist vaen i. q. venustus, pulcher, daher vermuthlich die Vanen der altnordischen Mythologie ihren Namen haben. Also ist Venus die schöne, liebe Frau des Frühlings, aller Blüthen, alles Naturreizes, wie Flora, Feronia, Libera und andre Göttinnen der Art. In Rom hieß sie, wie es scheint bevor der Name Venus der allgemeine wurde, Murcia, welches mit mulcere zusammenhängt, und Cloacina und Libitina, welche Namen durch gleichfalls altlatinische Wortstämme andre Beziehungen ihres Dienstes ausdrücken. Bei den oskisch redenden Völkern hieß sie Herentatis Mommsen unterital. Dial. S. 263. Herius und Herennius, zwei bei den Samnitern sehr beliebte Namen stammen eben daher, auch die Herie Iunonis und die Hersilia Quirini, s. oben S. 245 . 328 . , welcher Name mit dem Worte herest d. i. volet und der Sanskritwurzel hr d. i. nehmen zusammenhängt, also eine Göttin des Verlangens, wie Voluptas und Volupia, Volumnus und Voleta, welche Namen in den Indigitamenten vorkamen und theils von velle theils von volupe abzuleiten sind. Auch der Name Cupido, den man später für den griechischen Eros wählte, gehört in diese Reihe. Die oskische Herentatis aber hilft uns zugleich zur näheren Bestimmung der latinischen Quellen und Bundesgöttin Ferentina , die auch nichts weiter als eine eigenthümliche Form der Venus gewesen sein kann; bekanntlich war ihr Hain (lucus Ferentinae) und ihre Quelle (caput Ferentinae) in dem anmuthigen Thale von Marino unter Alba Longa der Ort, wo wenigstens seit der Organisation des latinischen Bundes durch die Tarquinier die Bundesversammlungen gehalten wurden Liv. I, 50–52. Bei Liv. II, 28 heißt es ad caput Ferentinum. H und F wurden in den italischen Dialekten oft verwechselt. . Der Name muß im alten Italien sehr verbreitet gewesen sein, da verschiedene Städte desselben Namens vorkommen, bei den Etruskern, den Hernikern und in Apulien Das Ferentinum der Herniker zahlte später zu Latium und hatte für dieses eine volksthümliche Bedeutung, s. Ribbeck Com. Lat. p. 125. Aus Ferentinum in Etrurien, welches in der Gegend von Viterbo lag, stammten die Vorfahren des Otho, s. Sueton Otho 1 und Dennis die Städte und Begräbnißpl. Etruriens S. 136. Ferentum oder Forentum in Apulien wird b. Horat. Od. III, 4, 16 erwähnt, vgl. Diod. XIX, 65. . 384 Als latinische Bundesgöttin begegnet uns Venus aber auch in Ardea und Lavinium, also in der wichtigen Gegend, in welche die gewöhnliche Tradition den Ursprung des Bundes und seine ältesten Heiligthümer verlegte. Sowohl in der alten Bundesstadt Lavinium als in der Nähe von Ardea gab es ein Heiligthum der Venus, bei dem die Latiner in gemeinen Angelegenheiten zusammenzukommen pflegten Strabo V p. 232 ἀνὰ μέσον δὲ τούτων τῶν πόλεων ἐστι τὸ Λαουίνον ἔχον κοινὸν τῶν Λατίνων ἱερὸν Ἀφροδίτης, ἐπιμελοῦνται δ’ αὐτοῦ διὰ προπόλων Ἀρδεᾶται· εἶτε Λαύρεντον· ὑπέρκειται δὲ τούτων ἡ Ἀρδέα, κατοικία Ῥουτύλων. – ἔστι δὲ καὶ ταύτης πλησίον Ἀφροδίσιον, ὅπου πανηγυρίζουσι Λατῖνοι. Plin. III, 5, 9 Ardea,– dein quondam Aphrodisium . , und zwar scheint sich hier zuerst der Cultus und der Name der griechischen Aphrodite von Sicilien her und in Begleitung der Aeneassage eingemischt zu haben Solin 2, 14 nach Cassius Hemina: Aeneam aestate ab Ilio capto secunda Italicis littoribus appulsum, ubi dum simulacrum, quod secum ex Sicilia advexerat, dedicat Veneri Matri, quae Frutis dicitur, a Diomede Palladium suscipit. Paul. p. 90 Frutinal templum Veneris Fruti . Servius V. A. I, 720 Dicitur et – Erycina, quam Aeneas secum advexit. Die wahrscheinlichste Erklärung jener Venus Frutis ist die Scaligers, daß das Wort aus dem griechischen Ἀφροδίτη verdorben sei. , welche Vermischung uns nicht abhalten darf an eine ältere latinische Venus beider Stätten zu glauben. Auch in Alba Longa und in Gabii muß die Venus seit alter Zeit verehrt worden sein, da die Venus von Alba wesentlich zu den gentilen Traditionen des Albanischen Geschlechtes der Julier gehört, die Venus Gabina aber, ein alter Sproß des Albanischen Dienstes, unter den angeseheneren Culten von Latium und Rom genannt wurde Or. n. 1367. 1368. Die Gabinische Venus ist die der Antestier d. h. die auf den Münzen dieser Familie, vgl. Klausen Aeneas S. 730. . Jene Angabe, daß Aeneas ein Bild seiner Mutter aus Sicilien mit sich an die latinische Küste gebracht habe, bezieht sich auf ein altes Cultusbild, welches aus der Gegend des Berges Eryx stammen und für Ardea und Lavinium eine ähnliche Bedeutung haben mochte wie das bekannte Palladium in Rom und Lavinium, sammt andern Götterbildern ältester Fabrik und Herkunft, welche den Eintritt der Idololatrie nach dem Muster der griechischen Holzbilder verrathen ( S. 136 ). Eine Einwirkung des griechischen und phönicischen Aphroditedienstes hatte ohne Zweifel schon früher stattgefunden, da diese Göttin unter ihren übrigen Eigenschaften auch als mächtige Schutzgöttin zur See verehrt wurde und ihr Cultus eben deshalb über die verschiedenen Küsten des 385 mittelländischen Meeres und seiner Nebenmeere sich rasch verbreitete. Namentlich scheint die Erycinische Venus auf Sicilien, welche zu dem Geschlechte der von Phönicien und Kleinasien her verbreiteten Dienste der Venus Urania gehörte und in dieser westlichen Gegend einen ähnlichen Mittelpunkt von Sagen und Filialculten bildete wie die Venus von Kythere an der südlichen Küste des Peloponnes, die von Paphos in den Umgebungen von Cypern, auch in Italien von den Griechen und Etruskern sehr zeitig anerkannt und vielfach angebetet worden zu sein Vgl. Mommsen Unterital. Dial. S. 142 und Gerhard Gottheiten der Etrusker S. 38. 40. Eine Inschr. aus Potenza in Lucanien: Veneri Erycinae Sacr. Oppia M. Liberta Restituta etc. bei Mommsen I. N. n. 374, Henzen n. 5677. Opfertisch der Venus Erycina mit oskischer Aufschrift aus Herculanum bei Mommsen Unterit. Dial. S. 179. Campanischer Ziegel mit der Inschr. VENERVS HERVC bei Marini Atti p. 418. Etrusk. Inschr. Mi Venerus finucenas in der Vaticanischen Bibliothek. Der etruskische Name Turan scheint der Urania zu entsprechen wie Turms dem Hermes. Außerdem finden sich auf etruskischen Denkmälern die Namen Thalna und Malacisch für Venus. Der letztere könnte dem lateinischen Murcia entsprechen. . Was namentlich diese letzteren betrifft, so beweisen nicht allein die verschiedenen einheimischen Namen, mit denen die Liebesgöttin auf den etruskischen Denkmälern benannt wird, sondern auch der außerordentlich große Vorrath etruskischer Venusbilder Gerhard über Venusidole, S. 6. , welche bald mit dem Attribute des Apfels oder der Blüthe, bald mit dem eines Ei's oder mit dem der brünstigen Taube, oder mit einem Myrtenzweige, einem Balsamgefäß u. s. w. ausgestattet und immer langbekleidet, ausnahmsweise auch beflügelt oder strahlenbekränzt sind, daß der Cultus dieser Göttin und ihrer verschiednen Formen von der Pandemos bis zur Urania bei diesem Volke einen sehr fruchtbaren Boden gefunden hatte. In Rom gab es drei Heiligthümer der Venus, welche für alt gelten dürfen, das der Murcia, das der Cloacina und das der Libitina. Der Name Murcia hängt mit mulcere in dem Sinne von erweichen zusammen Klausen Aeneas S. 733. Eben dahin gehört murcus und murcidus, s. Serv. V. A. VIII, 636 und Augustin C. D. IV, 16 Deam Murciam quae praeter modum non moveret ac faceret hominem, ut ait Pomponius, murcidum i. e. nimis desidiosum et inactuosum. Dem Sinne nach ist Murcia also identisch mit der Libentina und Volupia. , welches Wort auch dem Mulciber d. i. Volcanus seinen Namen gegeben hat, obwohl man später meist Murtea schrieb und die so benannte Venus für die Myrtengöttin 386 hielt. Ihr Heiligthum hieß im gewöhnlichen Sprachgebrauch das der Murcia schlechthin: mithin kann der vollständigere Name Venus Murcia erst später aufgekommen sein. Es lag am Abhange des Aventin, nahe am hintern Ende des Circus Maximus, dessen Localitäten in dieser Gegend oft danach benannt werden; ja der Name der Murcia hatte sich auch auf den Aventin und das ganze dort gelegene Stadtquartier ausgedehnt Varro l. l. V, 154 Intumus Circus ad Murcim vocatur etc. Vgl. die Metae Murciae bei Tertull. de Spectac. 8 Murciam enim deam amoris volunt, cui in illa parte aedem vovere d. h. am südlichen Ende des Circus, keineswegs im Circus selbst, und Paul. p. 148 und Serv. V. A. VIII, 636, nach welchen der benachbarte Abhang des Aventin ehedem Murcus und das Circusthal die Vallis Murcia geheißen hatte. Die Aussprache schwankte zwischen Murtea und Murcia, s. Varro l. c, Plin. XV, 29, 36, Plut. Qu. Ro. 20. , so daß dieses Heiligthum also jedenfalls ein sehr angesehenes war, wie es denn auch bei andern Gelegenheiten immer als das älteste und angesehenste der städtischen Venus erscheint. So wurden später die Tempel der Venus Obsequens und Verticordia in derselben Gegend am Circus, also in dem Kreise des älteren Heiligthums der Murcia gegründet, und auch die Frühlings- und Weinlesefeier der Venus scheint sich vorzugsweise dahin gewendet zu haben. Da diese Gegend durch Ancus Marcius mit Latinern eroberter Städte bevölkert wurde Liv. I, 33 quibus, ut iungeretur Palatio Aventinum, ad Murciae datae sedes . , so mögen diese den Gottesdienst mit nach Rom gebracht haben. Für noch älter galt das Heiligthum der Cloacina oder Cluacina , welches sich in der Nähe des Comitiums befand, aber für die spätere Zeit mehr ein historisches als ein religiöses Interesse hatte. Es heißt nehmlich daß Romulus und T. Tatius d. h. die Römer und Sabiner vor ihrer feierlichen Verbündung nach blutigem Streite auf dieser Stätte der Venus unter jenem Namen ein Heiligthum gestiftet und sich selbst bei demselben mit Myrtenzweigen gereinigt hätten, daher auch der Name von cluare und cloare oder cluere d. i. purgare abgeleitet wird Plin. l. c, Serv. V. A. I, 720. Daher cloaca, Cluilia fossa, Cloatius oder Cluatius, Cluentius, Cluvius und die spätere Geschichte, T. Tatius habe das Bild der Cloacina in der cloaca maxima gefunden, Lactant. 1, 20, 11. Ueber die Lage vgl. Liv. III, 48, Becker Handb. 1, 320. Münzen der Gens Mussidia mit der Inschrift CLOAC an einer Tribüne bei Riccio t. XXXIII, 2. 3 und t. LXI, 1. : so daß also Venus hier wieder die Göttin der friedlichen Vereinigung und Verbündung ist, gleich der späteren Concordia. Endlich 387 die Libitina , welche als Göttin der Lust gewöhnlich Lubentina oder Lubentia und Lubia genannt wird, und dem Namen nach mit dieser identisch ist Varro l. l. VI, 47 Ab lubendo libido, libidinosus ac Venus Libentina et Libitina. Vgl. Cic. N. D. II, 23, 61, Serv. V. A. I, 720, Non. Marc. p. 64 prolubium. , war zugleich eine Göttin der Gärten, der Weinpflanzungen, der Weinlese, daher ihr Heiligthum wie das der Murcia am 19. Aug. dem Tage der ländlichen Vinalien seinen Stiftungstag feierte Varro l. l. VI, 20, Fest. p. 265 und 289. , und die bekannte Göttin des Todes und der Verstorbenen, für welche nach einer Verordnung des Servius Tullius bei jedem Todesfall ein Stück Geld in ihren Kasten gelegt werden mußte, wie denn auch das zu Leichenbegängnissen Erforderliche, namentlich die Bahren, aus ihrem Haine, dem deshalb oft erwähnten lucus Libitinae entlehnt wurde Dionys H. IV, 15, Plut. Qu. Ro. 23, Numa 12. Daher die häufige Erwähnung der Libitina auf Veranlassung von Pestilenzen, Liv. XL, 19, XLI, 21, Sueton Ner. 39 und überhaupt mit Beziehung auf Sterben und Leichenbegängniß, Horat. Od. III, 30, 6, Sat. II, 6, 19, ferner die Redensarten Libitinam exercere, facere, die Libitinarii d. h. die beim Leichenbegängniß Beschäftigten, die Libitinensis porta beim Amphitheater. Besonders die Bahren und das zum Verbrennen Nöthige wurden von dort geholt, Ascon. Argum. Cic. Mil. und Martial. X, 97. Die Abgabe des Todtengeldes hieß lucar Libitinae, Or. n. 3349. Der lucus Libitinae wird auch zur Bezeichnung des Wohnortes genannt, s. Or. 1378, Henzen n. 5683. Leider hat seine Lage noch nicht mit Sicherheit bestimmt werden können. . Eine ahndungsreiche Zusammenfassung des Gedankens an den Tod und an schwellendes Leben, welche den Naturreligionen überhaupt geläufig ist und sich auch in dem griechischen Dienste der Aphrodite wiederfindet, in Italien aber sehr verbreitet und in der volksthümlichen Naturanschauung tief begründet gewesen sein muß, da auch die sabinische Feronia zugleich mit der Flora und mit der griechischen Persephone verglichen wurde und eine gleichartige Auffassung uns bei der Acca Larentia und andern Göttinnen der Flur von neuem begegnen wird. Eben deshalb könnte der Ursprung einer von Gerhard nachgewiesenen Darstellung der Venus, wo diese zugleich Proserpina d. h. Todesgöttin ist Gerhard Archäol. Nachlaß aus Rom S. 121–195. Vgl. dessen Abh. über Venusidole S. 9. 15 ff. , eben so gut in Italien zu suchen sein als in Griechenland. Im gewöhnlichen Cultus hatte Venus neben diesen besondern Formen die allgemeinere Bedeutung einer Frühlingsgöttin der Blumen, der Gärten, der Gemüse, der Weinpflanzungen. 388 Die Gärten galten so speciell für ihr Revier, daß sie gewöhnlich unter ihren Schutz gestellt wurden und alle Gärtner, Gemüsehändler, Blumenzüchter die Venus wie eine Göttin ihrer Profession verehrten Varro r. r. 1, 1, 6 Item adveneror Minervam et Venerem, quarum unius procuratio oliveti, alterius hortorum, quo nomine rustica Vinalia instituta. Daher Naevius Venus für olera sagte, Paul. p. 56 cocum. Vgl. Plin. XIX, 4, 19 und bei Or. n. 1369. 1462 die Venus hortorum Sallustianorum. , und was die Weinlese betrifft, so ist schon oben S. 174 bemerkt worden, daß sowohl die ländlichen Vinalien am 19. August, das eigentliche Weinlesefest, als die sogenannten Vinalia priora am 23. April, wo man den jungen Wein zuerst kostete, dem Jupiter und der Venus galten Varro l. l. VI, 20 Vinalia Rustica dicuntur a. d. XIV Kal. Sept, quod tum Veneri dedicata aedes et horti ei deae dicantur ac tum fiunt feriati olitores. Vgl. Fest. p. 265 und 289 und die Kalender, von denen das Kal. Capran. für denselben Tag ein Opfer an die Venus beim Circ. Max. d. h. an die Murcia vorschreibt. Nach Plut. Qu. Ro. 45 erfolgten an den Veneralien, wofür Vinalien zu schreiben, reichliche Weinspenden beim T. der Venus. Von den Vinalia priora s. Plin. XVIII, 29, 69. Varro hatte eine Satire unter dem Titel Vinalia περὶ ἀφροδισίων geschrieben. . Namentlich wurden an diesen Tagen entsprechende Feierlichkeiten im Haine der Murcia und in dem der Libitina vorgenommen, deren Tempel beide den 19. Aug. als ihren Stiftungstag feierten, während im Uebrigen auch diese Feste ganz vorzüglich von den Gärtnern und Gemüsehändlern begangen wurden. Außerdem scheint von jeher der erste Tag des April der Venus heilig gewesen zu sein, obgleich die Art wie dieser Tag später gefeiert wurde die deutlichsten Merkmale des griechischen und orientalischen Aphroditedienstes an sich trägt, wie man denn später sogar den Namen des Monats Aprilis von Aphrodite ableiten wollte. Richtiger ist die ab aperiendo, quod ver omnia aperit Varro l. l. VI, 33, Ovid F. IV, 87 ff., Censorin 22, 9, Macrob. I, 12, 8 ff., wo der griechische Anthesterion verglichen wird. Vgl. Ovid F. IV, 125 ff. Nec Veneri tempus quam ver erat aptius ullum, Vere nitent terrae, vere remissus ager, Nunc herbae rupta tellure cacumina tollunt, Nunc tumido gemmas cortice palmes agit. , weil die Erde sich dann von neuem öffnet und die Halme und Blüthen sich aus ihr hervor drängen: was wieder zu dem Begriffe einer Göttin der sprossenden Vegetation zurückführt. Zu diesen älteren und einfacheren Formen des latinischen Venusdienstes kamen mit der Zeit die bedeutungsvolleren des Auslandes, unter denen die der Venus Victrix und der Venus Genitrix für die ältesten gelten dürfen. Beide gehören zu der 389 gemeinschaftlichen Wurzel des Dienstes der Venus Urania, welche zugleich als kriegerisch bewehrte Siegesgöttin und als die befruchtende Mutter aller Dinge verehrt wurde; auch mögen beide von demselben Ursprunge des erycinischen Venusdienstes auf Sicilien abzuleiten sein, welcher, wie bereits bemerkt worden, seine Einwirkung auch über Italien, sowohl über die Griechen und Etrusker als über die eingebornen Völker, zunächst wohl die Lucaner, Campaner und Samniter verbreitet hatte. Die Venus Victrix wird von den Römern geradezu mit der Victoria identificirt Varro l. l. V, 62, Gellius N. A. X, 1, 7. Vgl. die Inschriften aus Sicilien, Umbrien und Dalmatien bei Or. n. 1375, Henzen n. 5678–80. und scheint als solche auch sonst in und außerhalb Italien viel verehrt worden zu sein. Namentlich muß sie in Latium frühzeitig Eingang gefunden haben, da man aus dem Gebrauch der Myrte beim Albanischen Triumphe ( S. 192 ) folgern darf, daß auch hier die Venus Victrix im Spiele war. In Rom hatte sie ein Heiligthum auf dem Capitole, welches vermuthlich in dem Kriege mit den Samnitern entstanden war Wenigstens findet sich bei Plutarch Parall. 37 die abgerissene Notiz, daß Fabius Fabricianus, ein Verwandter des Fab. Maximus, nach der Eroberung von Tuxium(?), einer Hauptstadt der Samniter, τὴν παρ’ αὐτοῖς τιμωμένην Νικηφόρον Ἀφροδίτην nach Rom geschickt habe. Ein T. der V. Victrix auf dem Capitol wird erwähnt in dem Kal. Amitern. zum 9. Octb. Derselbe scheint identisch zu sein mit dem T. der Venus Capitolina bei Sueton Cal. 7. , wurde aber auch sonst von den Feldherrn viel verehrt, namentlich von Sulla und von Pompejus, welcher ihr auf der Höhe seines Theaters einen Tempel gestiftet hatte Plut. Pomp. 68, Gellius l. c, vgl. Becker Handb. 1, 676, welcher auch das vom Kal. Amitern. zum 12. Aug. vorgeschriebene Opfer an die Venus Victrix auf diese Pompejanische bezieht. Was Sulla betrifft, so ist die Venus auf seinen Münzen höchst wahrscheinlich V. Victrix. , endlich von Julius Cäsar, welchem vermöge seiner Abstammung die Venus Victrix und die Venus Genitrix zu einem und demselben Bilde zusammenschmolzen Prop. IV, 1, 46 Vexit et ipsa sui Caesaris arma Venus, arma resurgentis portans victricia Troiae. Dio Cass. XLIII, 43 καὶ διὰ τοῦτο καὶ γλύμμα αὐτῆς ἔνοπλον ἐφόρει καὶ σύνϑημα αὐτὴν ἐν πλείστοις καὶ μεγίστοις κινδύνοις ἐποιεῖτο. Auch auf Cäsars Münzen ist die V. Victrix oft zu sehen, gewöhnlich bekleidet mit Schild und Lanze, häufig auch mit der Victoria auf der R. . Diese letztere wurde nehmlich zu Rom immer speciell als Mater Aeneadum d. h. als Stammmutter der Albanischen Geschlechter, welche sich vom Aeneas ableiteten, namentlich der Julier verehrt; daher anzunehmen ist daß dieser Cultus geraume Zeit ein Gentilcult dieses Geschlechtes und seiner nächsten Sippen 390 war, bis er bei zunehmender Bedeutung der Aeneassage für Rom und dessen conventionelle Geschichte zu einem öffentlichen wurde. Schon in der Zeit des ersten punischen Krieges war der Glaube an die troische Abstammung des römischen Volkes ein fest gewurzelter, so daß wir also auch bei diesem Cultus, wenn es sich von den Anfängen des Glaubens handelt, einige Generationen weiter hinauf, also gleichfalls bis in die Zeit der Samniterkriege zurückgehen müssen. Die römische Poesie trug das Ihrige dazu bei, diese Venus noch mehr zu verherrlichen Bei Ennius betete Ilia vor ihrer Hinrichtung: Te sale nata precor Venus , te genetrix patris nostri, ut me de caelo visas cognata parumper , s. Nonius p. 378, 16. Vgl. Lucret. de rer. nat. z. A. und Ovid F. IV, 91 ff. , Ennius indem er sie in seinen Annalen als Stammmutter des Romulus, also des römischen Namens überhaupt auftreten ließ, Lucrez u. A. indem er sie in ihrer kosmischen Bedeutung besang d. h. als die Göttin der Zeugung, des Ursprungs, der Entstehung der Dinge überhaupt, welche ihre Macht vorzüglich in der Zeit des Frühlings, des jährlich sich erneuernden Ursprungs der Dinge offenbarte und als kosmische Liebesgöttin bereits von dem Eleaten Parmenides und dem Agrigentiner Empedokles gepriesen worden war. Einen eignen Tempel bekam diese Venus Genitrix bekanntlich durch Julius Cäsar, welcher sich seiner Abstammung von dieser Göttin und seiner Verwandtschaft mit Romulus und den Albanischen Königen nicht allein sehr gerne rühmte Caesar Venere prognatus Cic. Ep. Fam. VIII, 15, 2. Vgl. Cäsars Rede bei Sueton 6 und Vellei. Pat. II, 41 nobilissima Iuliorum genitus familia et quod inter omnes antiquissimos constabat ab Anchise ac Venere deducens genus. Mehr bei Dio XLII, 34 und XLIII, 43. , sondern auch in seinem eignen Wesen etwas von jenen alten Lieblingen der Venus, einem Aeneas, einem Paris u. A. hatte, welche mit großer Liebesfähigkeit und Liebenswürdigkeit eben so viel Muth und Tapferkeit und die dämonische Gabe des Glücks verbanden; denn auch diese hielt man für ein Geschenk der Venus, daher auch Sulla felix sich eifrig zu dieser Göttin bekannte. In der Schlacht bei Pharsalos gelobte Cäsar ihr in Folge eines Traums den Tempel, welchen er hernach auf seinem Forum sehr prächtig erbaute und am 26. Septb. 708 (24. Juli 46) mit vielen Spielen einweihte Becker Handb. 1, 363 ff., Fischer Röm. Zeittafeln S. 289. Bei Serv. V. A. I, 720 ist für Venus Nutrix ex Caesaris somnio sacrata zu lesen Genitrix . . Augustus war ganz der Mann, die mythologischen und religiösen Prätensionen dieses Dienstes 391 zum Vortheile der Dynastie der Julier vollends auszubeuten, daher Mars und Venus, die Stammgötter dieses Geschlechts, durch ihn zu römischen Stammgöttern überhaupt erhoben Mars und Venus sind die Stammgötter der Julier, s. Dio LIII, 27 vom Pantheon des Agrippa, C. I. Gr. n. 2957, wo Iul. Caesar ἀπὸ Ἄρεως καὶ Ἀφροδίτης abgeleitet wird, vgl. Tacit. Ann. IV, 9. Daher Romulus nach der Erklärung des Verrius Flaccus und andrer Gelehrten der Augusteischen Zeit den ersten Mt. seines Jahres seinem Vater Mars, den 2ten der Venus Genitrix d. h. der Mutter der Aeneaden weiht, s. Verr. Fl. Fast. Praen. zum 1. April: Aprilis a Venere, quod ea eum Anchise parens fuit Aeneae regis, qui genuit Iulum, a quo populus Romanus ortus , Ovid F. IV, 25 ff, Macrob. S. I, 12, 8. und namentlich Venus Genitrix als solche fortan in vielen Gegenden von Italien mit und ohne speciellere Beziehung auf die Julische Familientradition verehrt wurde Vgl. Or. n. 1377, Mommsen I. N. n. 1385 und 4837. Ueber das Bild der Venus Genitrix s. Visconti M. Pio Cl. III, 8, Gerhard Venusidole S. 3. . Ja diese Verehrung der Venus Genitrix als der Stammmutter des römischen Volks behauptete sich auch nach dem Aussterben des Julischen Geschlechts, da noch Hadrian einen prachtvollen Doppeltempel der Roma und Venus mit zwei colossalen Statuen der beiden Göttinnen erbaute Becker Handb. 1, 444. Daß auch diese Venus des Hadrian die Venus Genitrix war, und zwar in der erweiterten Bedeutung einer Genitrix Gentis Martiae, Arnob. IV, 35, folgt auch aus der Stiftung zu Ehren des Marc Aurel und der Faustina bei Dio LXXI, 31. , offenbar wegen des alten und eingewurzelten Glaubens, daß die troische Venus durch Aeneas und die Aeneaden die Stammmutter des römischen Volkes sei. Nachdem die Römer diese Formen des Dienstes der Venus Urania in früheren Zeiten durch Vermittlung der Latiner und andrer italischen Völker kennen gelernt hatten, geriethen sie im Laufe des ersten punischen Kriegs in unmittelbare Berührung mit dem Dienste der erycinischen Venus und seinen Traditionen von der Wanderung des Aeneas; ja sie wurden seit dem Frieden vom J. 241 v. Chr. die Herrn über diese Gegend und diese Heiligthümer, welche für sie längst die Bedeutung einer sacralen Metropole hatten und in diesem Sinne fortan auch von ihnen gepflegt wurden Tacitus Annalen IV, 43, Sueton Claud. 25. Vgl. Eckhel D. N. 1 p. 236. . Die Folge war daß Rom sich den Dienst der erycinischen Venus nun bald unmittelbar von dort aneignete. Im Jahre der Schlacht am Trasimenischen See (217 v. Chr.) wurde auf den Rath der sibyllinischen Bücher der erste 392 Tempel derselben und ein Lectisternium gelobt, bei welchem Mars und Venus als zusammengehöriges Paar erschienen, während der neue auf dem Capitol erbaute Tempel der erycinischen Venus im folgenden Jahre eingeweiht wurde Liv. XXII, 9, XXIII, 30. 31, Becker S. 403. . Ein andrer und wie es scheint noch angesehener Tempel derselben Göttin lag vor der p. Collina, wo er im J. 181 v. Chr. eingeweiht wurde, nachdem er einige Jahre vorher von einem Consul im Felde gelobt worden war Liv. XXX, 38, Strabo VI p. 272. . Diese Göttin galt wie das Urbild auf Sicilien für eine weibliche Macht des Himmels und der schöpferischen Natur, auch der beruhigten See, aus welcher Aphrodite geboren ist, aber auch der Buhlerei und Prostitution, von welcher Seite sie in Rom wie anderswo bald lebhaften Anklang fand. Dazu waren im Laufe der Jahre noch verschiedene andre Formen des griechischen und orientalischen Venusdienstes gekommen, welchen bald in dem alten Bezirke der Murcia bald in andern Gegenden der Stadt neue Heiligthümer gestiftet wurden. So gab es in der Nähe des Circus Max., also wahrscheinlich in jenem Bezirke, einen T. der V.  Obsequens d. h. der Willfährigen, welcher im J. 295 v. Chr. von Q. Fabius Gurges von den Strafgeldern ehebrecherischer Matronen gestiftet worden war Nach Liv. X, 31, vgl. Serv. V. A. I, 720, wo Fabius Gurges diesen Tempel nach dem Samniterkriege stiftet, weil Venus sich ihm gnädig erwiesen. Er setzt hinzu: Hanc Itali Postvotam dicunt , welcher Name wohl verdorben ist. : ferner in demselben Bezirke einen T. der V.  Verticordia , welche der griechischen ἀποστροφία entspricht und auf Veranlassung höchst bedenklicher Spuren von Unsittlichkeit unter den Frauen und Jungfrauen der höheren Stände und eines schrecklichen Vorfalls im J. 114 v. Chr. gestiftet wurde. Drei Vestalische Jungfrauen, Aemilia, Licinia und Marcia, hatten sich damals in verbotenem Umgange mit römischen Rittern betreffen lassen, worauf in jenem Jahre die Sache zur öffentlichen Verhandlung kam und Licinia durch die Beredsamkeit des L. Crassus, Marcia durch einen andern Anwalt gerettet wurde, so daß nur Aemilia als Opfer fiel. In dem Herbste desselben Jahres, nach den römischen Spielen, war ein römischer Ritter P. Elvius mit Frau und Tochter auf der Rückkehr nach Apulien begriffen, als sie im Freien von einem starken Gewitter überrascht wurden. Die Tochter wird ängstlich, der Vater setzt sie auf ein Pferd, um 393 schneller mit ihr unter Dach zu kommen; da wird sie auf dem Pferde vom Blitz getroffen. An den Kleidern, am Schmuck, an den Schuhen war keine Spur des Blitzes zu finden, auch an ihrem Leibe nicht, nur daß sie mit entblößter Schaam dalag und die Zunge aus dem Munde hervorragte, daher man annahm, der Blitz sei durch die Schaam hinein und aus dem Munde wieder herausgefahren. Auch das Pferd war getödtet worden und der Sattel, Gurt und Zaum lagen zerfetzt umher Liv. Epit. 63, Plin. H. N. VII, 35, Iul. Obseq. 37 (97), Oros. V, 15, Fischer Röm. Zeitt. im J. 114 und 113. . In Rom sah man in diesem Vorfall einen deutlichen Ausdruck des göttlichen Zorns über jene Sünden der Vestalischen Jungfrauen und ihrer Buhlen, der Ritter. Die Untersuchung wurde also im folgenden Jahre wieder aufgenommen und jetzt auch Licinia und Marcia verurtheilt, ferner auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher jenes Heiligthum und ein Bild der V. Verticordia gestiftet, zu welchem Behufe Sulpicia, die Gattin des Q. Fulvius Flaccus unter hundert Frauen als die keuscheste auserwählt wurde Plin. l. c, Val. Max. VIII, 15, 12. Daß das Heiligthum im Bezirk der Murcia lag, folgt aus Serv. V. A. VIII, 636. . Die Absicht der Stiftung war, daß in Zukunft das Herz der Frauen und Jungfrauen sich um so leichter von der Lust zur Zucht und Keuschheit wenden möge. Noch andre Formen dieses späteren römischen Venusdienstes sind eine V.  Calva , welcher zu Liebe die in verschiedenen Städten wiederholte Geschichte erzählt wurde, daß die Frauen bei der Belagerung des Capitols durch die Gallier ihr Haar zur Anfertigung von Stricken und Kriegsmaschinen hergegeben hätten Serv. A. I, 720, nach welchem Andre die Venus calva erklärten wie pura, noch Andre quod corda amantium calviat i. e. fallat atque eludat. Die Geschichte daß die Frauen ihr Haar zu Kriegsmaschinen hergegeben, ward auch von der Belagerung Karthagos und von der von Byzanz und Aquileja erzählt, s. Lactant. 1, 20, 27, Iul. Capitol. Maximin. Iun. 7. . Andre erzählten von einem Aussatze, in Folge dessen den römischen Frauen die Haare ausgefallen wären, wobei sie sich auf ein Bild beriefen, welches vermuthlich das der V. Calva war, dann aber viel jünger gewesen sein muß als man in Rom glaubte, denn diese Form gehört wesentlich zur orientalischen Familie des Venusdienstes. Das Bild trug nehmlich einen Kamm in der Hand und war im Gesichte bärtig, wurde also mannweiblich gedacht, denn der Kamm (κτεὶς) ist das Merkmal des weiblichen Geschlechts. Wieder eine andre Venus hieß Equestris , weil sie zu Pferde saß, angeblich eine Stiftung des 394 Aeneas Schol. II. 2, 820, Serv. l. c. . Höchst wahrscheinlich war es die griechische πελαγία, denn das Roß hatte in der bildlichen Sprache der Alten sehr oft die Bedeutung der Woge, so daß Venus auf dem Rosse die Herrscherin über das Meer bedeuten sollte, wie die gleichfalls in Rom verehrte V. Marina und Limnesia d. i. die Hafengöttin, welche mit der Zeit den gleichartigen Dienst der alten Mater Matuta verdrängte. Ferner wird genannt eine V.  Myrica, Myrtea und Purpurissa , mit Beziehung auf das heilige Laub der Tamariske und der Myrte und auf die Purpurfärbung: also gleichfalls Nebenformen der erycinischen, cyprischen oder phönicischen Aphrodite. Ferner gab es eine V.  Salacia , welche später für die Liebesgöttin der Buhlerinnen galt, ursprünglich aber wohl auch nur die Göttin der salzigen Meeresfluth gewesen war, ferner eine namentlich in Campanien, aber auch sonst in Italien und in Rom verehrte V.  Felix , welche eine Göttin weiblicher Fruchtbarkeit war und als solche wie eine glückliche, eine gesegnete Mutter, ein Kind auf dem Arme abgebildet wurde Or. n. 1366 und 4036, Mommsen I. N. n. 3903. 4986. 6034, vgl. Visconti M. P. Cl. II p. 313 und Miiller Handb. der Archäol. § 376, 3. Venus felix ist zu verstehn wie arbor felix von feo, fetus u. s. w. . Höchst wahrscheinlich ist auch die hin und wieder erwähnte V.  Fisica mit dieser identisch, da das griechische Wort φυσική dem lateinischen felix in dieser Bedeutung entspricht: eine Schutzgöttin von Pompeji, daher sie auch schlechthin V. Pompeiana heißt Or. n. 1370, Mommsen I. N. n. 2253, vgl. Dens. im Rh. Mus. f. Philol. 1847 S. 457 und das Bullet. Archeol. Napol. 1854 p. 58. Die Mefitis Fisica bei Mommsen I. N. n. 307 bedeutet wohl eine heiße Schwefelquelle, in deren Nähe die Vegetation gut gedieh. Pompeii heißt COLonia VENeria CORnelia entweder nach dem Dictator Sulla oder nach seinem Neffen P. Corn. Sulla. Vgl. Martial. IV, 44 Haec Veneris sedes, Lacedaemone gratior illi , und Bullet. Nap. 1853 n. 27. Bekannt ist die Venus von Capua, vgl. Mommsen n. 3561 Magistri Venerus Ioviae . In Sorrent aedes Veneris, ib. n. 2123. 2124. , wie Venus denn überhaupt in Campanien, von Capua bis nach Sorrent und Bajae, wo die Natur so fruchtbar, das Meer so reizend, die Gesellschaft so genußreich war, das Leben und die Sitte in vielen und verschiednen Formen beherrschte. Die Gemälde von Pompeji und Herculanum legen davon ein sehr beredtes Zeugniß ab, indem sie uns die italische Venus nun ganz wie die griechische in den verschiedensten Anlässen des Lebens und der Fabel als die Alles beseelende und beherrschende Göttin der Schönheit und der Liebe zeigen, neben 395 ihr eine große Anzahl von Eroten und Psychen, deren heitres Spiel auch in der römischen Decorationsmalerei sehr beliebt war. Eros wurde zum Amor oder zum Cupido, Peitho, eine eben so unzertrennliche Gefährtin der Aphrodite, zur Suada , neben welcher als Göttin der Liebessehnsucht und des sinnenden Glücks oder Unglücks der Liebe eine eigne Venus Mimnermia oder Meminia verehrt wurde Serv. V. A. I, 720. . Einer so veränderten Auffassung gemäß mußte sich natürlich auch der gewöhnliche Gottesdienst der Venus in Rom wesentlich verändern, da man von der einfacheren Auffassung dieser Göttin als einer Göttin der Vegetation, der Weinberge, des Frühlings und seiner Lust immer entschiedner zu der griechischen und orientalischen übergegangen, d. h. Venus vorherrschend als Göttin des weiblichen Reizes und des Genusses der Liebe zu feiern gewohnt geworden war. Vorzüglich war es der April, wo man Venus in diesem Sinne feierte. Der 1. April galt nun vorzugsweise der V. Genitrix, der Stammmutter des römischen Volks, der Erneuerin aller Fruchtbarkeit des Jahres, welcher man jetzt auch die neue Eröffnung des Meeres und der Schiffahrt zuschrieb. Namentlich beteten die Frauen an diesem Tage eifrig zur Fortuna Virilis d. h. zu der Göttin des Glückes der Frauen bei den Männern, während die Frauen geringeren Standes sogar die Badstuben der Männer aufsuchten, um dort ihre Andacht zu verrichten Verr. Flacc, b. Macrob. I, 12, 15 und Fast. Praen. 1. April. Frequenter mulieres supplicant Fortunae Virili, humiliores etiam in balineis, quod in iis ea parte corporis utique viri nudantur, qua feminarum gratia desideratur. Vgl. Ovid F. IV, 145 ff, Io Lyd. d. Mens. IV, 45. . Ferner wird von einem Bade der Venus d. h. ihres Bildes erzählt, bei welchem die Frauen gleich dem Bilde allen Schmuck ablegten, nach dem Bade aber dasselbe mit neuem Geschmeide und mit frischen Blumen, vorzüglich mit Rosen schmückten, worauf auch sie selbst unter grünenden Myrten ein Bad nahmen, wie einst Venus, da sie aus dem Meere aufgestiegen ihr Haar trocknete, vor der Zudringlichkeit lüsterner Satyrn ihre Zuflucht zu einem Myrtengebüsch genommen habe Ovid l. c. v. 133 ff., vgl. Plut. Numa 19. Vermuthlich hängt damit zusammen die Ἀφροδίτη ἐπιταλάριος bei Plut. fort. Ro. 10, welche neben der Fortuna Virilis verehrt wurde. . Endlich empfiehlt Ovid den Frauen an diesem Tage einen Mischtrank aus Milch, gestoßenem Mohn und Honigseim zu nehmen, wie dieses auch Venus bei ihrer Vermählung gethan habe. Auch Venus 396 Verticordia wurde an diesem Tage als Göttin der weiblichen Zucht und Sitte verehrt, so daß also überhaupt vorzugsweise die Matronen an ihm thätig waren. Dagegen galt der 23. April, der Tag der Vinalia priora, in dieser späteren Zeit speciell der Venus der Buhlerinnen und der Prostitution überhaupt, derselben welche Lucrez IV, 1063 die V. Volgivaga nennt und welche bei den Griechen Pandemos hieß. Es war die erycinische Venus vor der p. Collina, wo am 23. die feilen Dirnen mit Myrten und Rosen ihre Andacht verrichteten, während seit Cäsar der 25. April von den feilen Knaben als eigner Festtag ihrer Profession begangen wurde, so sehr war auch dieses Laster schon zu einem anerkannten Bedürfniß geworden Ovid F. IV, 863 ff., Verr. Fl. Fast. Praen. z. 25. April. Eben dahin gehört die V. militaris d. h. quae castrensibus flagitiis praesidet et puerorum stupris , Arnob. IV, 7, Serv. V. A. I, 720. So spricht Varro r. r. II, 10, 6 von einer V. pastoralis d. h. einer Göttin des Liebesbedürfnisses der Hirten. . Die unschuldigere Bedeutung der Venus als einer Göttin der weiblichen Geschlechtsreife und Geschlechtsbestimmung tritt auch in dem Gebrauche hervor, daß die Mädchen, wenn sie aufhörten Kinder zu sein, entweder der Diana oder der Venus ihre Puppen weihten Pers. II, 70, vgl. Anthol. Pol. VI, 200 und O. Jahn z. Pers. p. 139. Vgl. Varro b. Non. Marc. p. 156 Properate vivere puerae, quas sinit aetatula, ludere, esse, amare et Veneris tenere bigas. . 4. Priapus. Mit der Venus war auch Priap nach Italien und Rom gekommen, ganz in derselben Bedeutung wie er in Kleinasien, vorzüglich in der Gegend von Lampsacus und überhaupt am Hellespont verehrt wurde, als Dämon aller üppigen Fruchtbarkeit und unverhülltes, aber den Alten durch lange Gewohnheit vertrautes Symbol jedes geilen Naturtriebes. Sein eigentliches Gebiet waren die Gärten und Baumpflanzungen, wo sein Bild in der von Horaz und andern Dichtern mit so vieler Laune beschriebenen Gestalt zugleich dem praktischen Zweck einer Vogelscheuche und eines Schutzes gegen den bösen Blick des Neides und das Gelüst der Gartendiebe genügte Virgil Ge. IV, 110 mit den alten Auslegern, Horat. S. 1, 8, vgl. Plin. H. N. XIX, 4, 19 hortoque et foro tantum contra invidentium effascinationes dicari videmus in remedio satyrica signa, quamquam hortos tutelae Veneris adsignante Plauto , O. Jahn in den Berichten der K. Sächs. Ges. d. W. 1855 S. 72. Inschriften b. Or. n. 1623 und eine merkwürdige griechische aus Rom C. 1. Gr. n. 5960. . Doch trat er auch im Gefolge 397 des Bacchus oder der Venus auf, als asiatischer Alter, bärtig, in einem langen Gewande und mit dem asiatischen Kopftuch, Früchte und Trauben im Schooß Petron. Satyr. 60, vgl. O. Jahn in dens. Berichten 1856 S. 235 ff. In einer Inschr. b. Grut. p. 95, 4 heißt Priapus der conservator propaginis villicorum, in einer griechischen Inschrift aus Rom C. 1. Gr. n. 5962 ὁ τῆς γενέσεως ποιμήν. , als ein Gott des ländlichen Segens überhaupt. Ja sein Bild wurde, wie das der Venus und des Cupido, als Symbol der ewigen Regenerationskraft der irdischen Natur selbst an Gräbern aufgestellt Inschriften von Gräbern b. Henzen n. 5756a aus Rom: Custos sepulchri pene destricto deus Priapus ego sum mortis et vitai locus, vgl. Or. n. 1624 aus Verona: Dis Manib. C. H. C. locus adsignatus monimento in quo est aedicula Priapi etc. Vgl. Mommsen I. N. n. 4218 aus Interamna am Liris: Dis Manibus und dazu als Bild: Venus nuda iacet cum Cupidine, vgl. Or. n. 4585. Ein Priapus Pantheus b. Or. n. 2117. , während er andrerseits in seiner derb unanständigen Weise zu den beliebten Figuren des Volkstheaters Augustin C. D. VI, 7. und des Volkswitzes überhaupt gehörte. 5. Vertumnus und Pomona. Vertumnus oder Vortumnus galt in Rom gewöhnlich für einen Gott etruskischer Abkunft, aber nur weil sein Bild im Vicus Tuscus stand, einer lebhaften Durchgangsstraße zwischen dem Forum, Velabrum und Circus Maximus, wo ehemals Tusker angesiedelt worden waren (Varro l. l. V, 46). Doch wurde derselbe Gott auch bei den Latinern, den Sabinern und überhaupt in Italien als ein der Ceres und der Pomona nahe verwandter Fruchtgott viel verehrt Vgl. Varro. l. l. V, 74, Mommsen I. N. n. 375 und 636. Neben der Ceres wird er genannt b. Mommsen n. 373 und b. Henzen z. Or. n. 5718. , wie ja auch der Name ächt latinisch und italisch ist, so daß also auch in diesem Punkte wie in so vielen andern der etruskische Götterglaube mit dem des übrigen Italien übereingekommen sein muß. Der Name hängt jedenfalls zusammen mit vertere, und zwar ist Vertumnus speciell der Fruchtgott des annus vertens, dessen wunderbar wechselnde Gaben an Blumen und Früchten, Gewächsen, Bäumen und Beschäftigungen sich in der Wandelbarkeit dieses Gottes und seiner 398 Gestalten und Zierden wiederspiegelt. So ist er zunächst sowohl ein Gott des Frühlings Columella X, 308 mercibus et vernis dives Vertumnus abundet . Vgl. Prop. IV, 2, 11 seu quia vertentis fructum praecepimus anni, Vertumni rursus creditur esse sacrum. Tibull. IV, 2, 14 Talis in aeterno felix Vertumnus Olympo: mille habet ornatus, mille decenter habet. als des fruchtbaren Herbstes, ganz besonders aber dieses letzteren und seiner Spenden in den Gärten und Baumpflanzungen; daher er gewöhnlich wie ein Gärtner und Obstzüchter gedacht und abgebildet wurde, Früchte im Schooß und das Gartenmesser in der Hand; doch besaß er nach dem Glauben des Volks die proteische Natur einer absoluten Wandelbarkeit, so daß er jede beliebige Gestalt annehmen konnte Daher Horat. S. II, 7,14 Vertumnis quotquot sunt natus iniquis. Er wurde darüber und wegen seiner Stelle im Vicus Tuscus, wo es viele Buden gab, Horat. Ep. I, 20, 1, II, 1, 269, Martial. XI, 27, 11, auch zum Gotte des Kaufs und Verkaufs, s. Ascon. in Verr. II, 1, 154 p. 199 Vortumnus autem deus invertendarum rerum est i. e. mercaturae. Ueber seine gewöhnliche Bildung s. Welcker z. Müller Handb. d. Arch. § 404, 1. . Den römischen Vertumnus im Vicus Tuscus schildert Properz in einem allerliebsten Gedichte (IV, 2). Es reut ihn nicht, sagt er, Volsinii im Kriege verlassen zu haben (daher mochte das spätere Erzbild stammen), denn es gefalle ihm sehr in der lebhaften Straße zu Rom, wo täglich so viel Volks vorbeilaufe und von wo er auf das geschäftige Forum sehen könne. Einst sei der Tiber da geflossen, doch habe er dessen Strom gewendet, woher er nach Einigen seinen Namen bekommen habe v. 10 Vertumnus verso dicor ab amne deus. Vgl. Ovid F. VI, 403 und Serv. V. A. VIII, 90. Ueber das Oertliche s. Becker Handb. 1, 154. 489 und meine Regionen S. 151. , dahingegen Andre diesen von den mancherlei Früchten ableiteten, die ihm im Laufe des Jahres von dem Landvolke dargebracht wurden. Ihm reife zuerst die Traube, sein Haar werde zuerst von der reifenden Aehre geschmückt, Kirschen, Pflaumen, Maulbeeren, Birnen könne man zuerst bei ihm finden. Alle Gestalten kann er annehmen und paßt zu allen Gestalten, der des Kriegers, des Jägers, des Gärtners, des Fischers, des Hirten, eines Mädchens oder eines Jünglings. Aber am meisten berühmt und bewährt sei er doch als Gärtner und die Zier der Gärten stehe ihm auch am besten an, Gurken, Kürbisse, zierlich gebundene Kohlköpfe und alle Blumen. Einst sei sein Bild ein einfacher Ahornstock gewesen, etwas zugestutzt mit dem Messer, jetzt stehe er da als gegossenes und geschnitztes Bild von Erz, das Werk eines zweiten Mamurius. Noch hübscher ist das latinische Mährchen 399 von Vertumnus und der Pomona bei Ovid Met. XIV, 623 ff, natürlich spielt es in alter Zeit, unter dem Albanerkönige Procas. Pomona ist die schöne Nymphe der Gärten und der Fruchtbäume. Immer ist das Gartenmesser in ihrer Hand, bald um geile Triebe ihrer lieben Bäume zu beschneiden, bald um edle Setzlinge in den wilden Stamm einzulassen. Die Bäume sind ihre ganze Lust, sie zu begießen, zu pflegen, gegen das Gelüste der Waldmänner zu hegen. Von keiner Liebe wußte sie, wie sehr sich auch die lustigen Söhne der Flur und des Waldes um ihre Gunst bemühen mochten, auch Silvan, dessen Herz immer jünger ist als seine Jahre: bis Vertumnus die Spröde bezwang, durch treue Liebe und durch die Schönheit seiner wirklichen Gestalt. Anfangs suchte er sie unter allerlei fremden Gestalten zu gewinnen, indem er bald als Schnitter zu ihr trat, bald als Mäher, bald als Ochsentreiber, dann wieder als Gärtner, als Winzer, als kühner Krieger mit dem Schwerdt, als Fischer mit der Angel, zuletzt in der Gestalt eines alten Weibes mit greisem Haar und bunter Haube die an einem Krückenstabe in Pomonas Garten tritt, ihr Obst lobt, die reizende Nymphe küßt, zu den vollen Zweigen verwundert aufschaut und an dem Beispiel der Ulme, an welcher eine Weinrebe voller Trauben reifte, das Glück der liebenden Vereinigung nachweist. Warum sie so spröde sei, von so Vielen geliebt? Wohl habe sie Recht, die gemeinen Gesellen des Waldes zu verschmähen, nicht aber den Vertumnus, der in allen Gärten um Alba heimisch sei und Pomona so zärtlich liebe, zärtlicher als alle. Auch sei er jung und schön und seine Leidenschaft für das Obst so groß wie die ihrige. Alles umsonst, bis er seine wahre Gestalt annimmt, die eines schönen Jünglings, so schön wie wenn die Sonne in vollem Glanze strahlend durch die Wolken blickt. Da ergiebt sich die Schöne freiwillig dem Schönen und beide sind fortan unzertrennlich. Wirklich scheint es in Italien neben der Pomona einen männlichen Gott desselben Namens gegeben zu haben, welcher in den iguvinischen Opferurkunden Puemunus heißt Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachdenkm. 2 S. 364. Neben dem Puemunus und in steter Verbindung mit ihm erscheint auf den iguvinischen Tafeln eine Göttin Vesuna , die sich auch bei den Volskern und Marsern findet, aber noch nicht sicher erklärt ist, vgl. Mommsen Unterital. Dial. t. XIV S. 321. 325. und wohl mit dem Vertumnus identisch gewesen sein mag. Pomona aber hatte zwar auch in Rom einen eignen Flamen, freilich seiner priesterlichen Würde 400 nach den am wenigsten angesehenen, weil die Aepfel (poma) im Rufe leichtfertiger Sitte standen Varro l. l. VII, 45, Fest. p. 154 Maximae dignationis. , doch war ihr eigentliches Gebiet natürlich wie das des Vertumnus auf dem Lande. So gab es auf dem ager oder campus Solonius, der sich zwischen Ardea und Ostia erstreckte Fest. p. 250, vgl. Bormann altlatin. Chorogr. S. 118. und damals fleißig cultivirt wurde, ein sogenanntes Pomonal, also einen alten Hain der Pomona, der für die ganze Umgegend von religiöser Bedeutung sein mochte, wenigstens deutet auch die Fabel von Picus und Pomona ( S. 334 ) auf diese Gegend. Endlich wissen wir daß sie auch in der Gegend von Amiternum verehrt wurde Vgl. die oskische Inschrift aus jener Gegend bei Mommsen Unterit. Dial. t. XV S. 339 mesene flusare poimuni[e] d. i. mense Florali Pomonae . Das oskische Wort für pomum ist sonst posmum = pômum, dessen langes o auf Wegfall eines Consonanten deutet. Pott etymol. Forsch. 1, 271 leitet es ab vom Sanskr. pusch d. i. nutrire. Vgl. noch die Inschr. aus Salerno bei Mommsen I. N. n. 122, wo Einer eine Summe legirt ad exornandam aedem Pomonis etc. . Vertumnus aber hatte außer jener Capelle mit dem alten Bilde im Vicus Tuscus eine andre am Abhange des Aventin, wo ihm am 13. August, wohl zur Begrüßung der Obstzeit ein Opfer dargebracht wurde Kal. Capranic. Amitern. z. d. Id. Aug. Auch die aedes Vertumni b. Fest. p. 209 Picta ist wahrscheinlich auf den Aventin zu beziehn, s. Becker Handb. 1, 450. 453. 489. Andre Stellen sind zweifelhaft, weil die Namen Vortumnus und Volturnus leicht verwechselt wurden. . 401 Sechster Abschnitt. Gottheiten der Erde und des Ackerbaus. Die Vorstellungen, welche sich dem alten Italien aus der religiösen Verehrung des Erdbodens und der Erdgötter ergaben, sind im Allgemeinen dieselben wie die der Griechen von den chthonischen Göttern. Es ist der Segen der Erndte und das Empfängniß der Saat, wofür man diesen Göttern dankte, das Glück der agrarischen Cultur, welche Vorstellung sich im Dienste des Saturnus und der Ops zu dem sehr bestimmt ausgeführten Bilde einer seligen Urzeit verklärt hatte; endlich begegnen uns auch hier jene aus höherer Ahndung und gewöhnlichem Aberglauben gemischten Vorstellungen von der Unterwelt und einem Leben nach dem Tode. Durchweg sind diese Götter männliche und weibliche, z. B. Tellumo und Tellus, Saturnus und Ops, Dis Pater und die Mater Larum u. s. w., weil, wie Varro bei Augustin C. D. VII, 23 erklärt, die Erde die doppelte Natur einer männlichen Zeugungskraft und einer weiblichen Kraft des Empfängnisses und der Ernährung in sich vereinigt. Die Namen und Culte der einzelnen Götter gehen zum Theil ziemlich weit aus einander, was uns nicht irren darf, da sich gewisse Grundzüge bei allen wiederholen. Der Einfluß des griechischen Wesens ist wieder recht stark, da der Dienst der Demeter und Persephone im Vereine mit dem des Dionysos von Campanien und dem griechischen Italien her frühzeitig eingedrungen war und auch die Vorstellungen von der Unterwelt sich sichtlich unter dem Einflusse griechischer und etruskischer Vorbilder entwickelt haben. Nichts desto weniger läßt sich auch hier die ältere und italische Grundlage wohl erkennen, zumal wenn man von den 402 einfacheren und ländlichen Formen des Gottesdienstes allmälich zu den complicirteren des städtischen Lebens fortschreitet. Zur Erleichterung der Uebersicht handeln wir zuerst von den Göttern der Erde und des Ackerbaus, mit Einschluß des phrygischen Dienstes der Großen Mutter, welcher zugleich der am spätesten in Rom eingeführte und in diesem Kreise der fremdartigste ist. Darauf in einem besondern Abschnitte von den Gottheiten und solchen Religionsgebräuchen, an denen sich die Vorstellungen von der Unterwelt und dem Schicksale der Verstorbenen entwickelt haben. 1. Tellumo, Tellus, Ceres. Tellus und Ceres wurden nehmlich in den meisten Fällen zusammen angerufen, z. B. von dem Flamen bei Eröffnung der Saat und bei dem Opfer der porca praecidanea vor der Erndte Varro b. Non. Marc. p. 163, Serv. V. G. I, 21. . Tellumo aber ist nur der männliche Doppelgänger neben der weiblichen Mutter Erde, der Ζεὺς χϑόνιος neben der Demeter oder Ge, durch welche die Griechen gewöhnlich die italische Terra oder Tellus übersetzen Dionys H. VIII, 79, Appian Bell. Civ. II, 126. . Diese ist zunächst die Erde neben und im Gegensatze zum Himmel, daher Tellus Mater und Jupiter bei Eidschwüren und andern Gelegenheiten, wo das kosmische Ganze der Naturerscheinungen zusammen gefaßt werden soll, neben einander genannt werden Varro r. r. 1, 1, 5, vgl. die Eidesformel b. Macrob. S. III, 9, 12 Tellus Mater teque Iupiter obtestor. Cum Tellurem dicit, manibus terram tangit, cum Iovem dicit, manus ad coelum tollit. Vgl. oben S. 46 . . Weiter ist sie der weibliche und mütterliche Schooß der Erde, der die Saaten empfängt, um sie dem Menschen als goldne Frucht und veredelnde Nahrung zurückzugeben, ein natürliches Bild für den Ursprung und die Veredelung der Dinge überhaupt, daher sie unter den Göttinnen vorzugsweise als Mater angerufen und in demselben Sinne von Denkern und Dichtern gefeiert wird Lucret. II, 589 ff., V, 792, 818 ff. In einer afrikanischen Inschrift aus Cuicul b. L. Rénier Inscr. de l'Algérie n. 2531 heißt es: Telluri Genetrici res publica Cuiculitanor. templum fecit etc. : aber auch das allgemeine Grab der Dinge, welches alles Lebendige wieder zu sich nimmt, daher auch sie wie andre Erdgötter neben den Manen angerufen wurde Varro l. l. V, 64 Haec enim terris gentes omnes peperit et resumit denuo, quae dat cibaria, ut ait Ennius. Vgl. die Formeln der Devotion bei Liv. VIII, 9, X, 28 und A. Victor Caes. 33 vom Tode des verhaßten Gallien: quum irruens vulgus pari clamore Terram Matrem Deosque Inferos precaretur, sedes impias uti Gallieno darent. . Auch ist sie der feste Erdkörper, die 403 Bedingung aller Naturordnung und sichern Gestaltung der Dinge, weshalb man bei Erdbeben zu ihr wie zur griechischen Ge betete, hin und wieder aber auch zur Ceres Liv. XLI, 28. Vgl. Eckhel D. N. VI p. 509, VII p. 119. , und das Bild der Tellus stabilita mit entsprechenden Symbolen des Ackerbaus auf Münzen der Kaiser als Sinnbild wiederhergestellter Ordnung und Sicherheit im Gebrauche ist. Endlich ist sie als Göttin zugleich des weiblichen Empfängnisses und der Ordnung auch eine Göttin der Ehe, wie die griechische Demeter Thesmophoros Virgil Aen. IV, 166 nennt sie deshalb neben der Iuno pronuba. Vgl. Servius zu d. St. und Roßbach über d. röm. Ehe S. 302. . Ihren Tempel in Rom verdankte Tellus dem Consul P. Sempronius, welcher ihn im J. 268 v. Chr. in einer Schlacht mit den Picentern, während welcher die Erde bebte, gelobt hatte Flor. 1, 19, vgl. Becker S. 524. . Er lag auf dem Platze wo ehemals das Haus des Sp. Cassius gestanden hatte, an einem Abhange des glänzenden Quartiers der Carinen, in welcher Gegend auch Pompejus wohnte, daher dieser Tempel oft genannt wird. Den Namen der Ceres haben schon die Alten richtig mit dem Worte creare zusammengestellt, welches mit dem alten Worte Cerus oder Kerus zu einem und demselben Stamme gehört Serv. V. G. I, 7 alma Ceres – a creando dicta, quamvis Sabini Cererem panem appellant , wofür vermuthlich zu lesen ist Pandam . Ueber den Sanskritstamm kri, Kar d. i. facere, creare und die dahin gehörende lateinischen Wörter s. oben S. 70 . Eine falsche Etymologie ist die bei Varro l. l. V, 64 und Cicero N. D. II, 26, Ceres habe früher Geres geheißen, a gerendis frugibus, antiquis enim C quod nunc G . . Der Cultus dieser alten Erd- und Ackergöttinnen, wie er auf dem Lande und in der Stadt im Laufe des Jahres beobachtet wurde, wird uns diese älteren nationalen Vorstellungen noch besser kennen lehren. 2. Agrarische Feste. Zu unterscheiden sind die größeren städtischen Feste, welche unter den Einflusse griechischer Cultur allerlei mythologische Beziehungen und festlichen Pomp zugelassen hatten, z. B. die Cerealien und Saturnalien, von denen ausführlicher die Rede sein wird, und die ländlichen, wo sich mit der einfacheren Sitte auch das ältere Wesen reiner erhalten hatte. Diese waren 404 großentheils sogenannte popularia sacra d. h. solche welche ohne Bevorzugung gewisser Geschlechter oder das Bedürfniß von Priestern in allen Familien und Hausständen unter der Aufsicht des Hausvaters oder der Hausmutter begangen und in herkömmlichen Gebräuchen von einer Generation zur andern fortgepflanzt wurden So verstehe ich Fest. p. 253 Popularia sacra sunt, ut ait Labeo, quae omnes cives faciunt nec certis familiis attributa sunt: Fornacalia, Paritia, Laralia, Porca praecidanea. . Auch liegt es in der Natur der Sache daß die meisten nicht gebundene, sondern bewegliche Feste waren d. h. solche welche von Jahr zu Jahr von den Ortsobrigkeiten oder den Priestern angesagt wurden. Beginnen wir mit der Zeit der Aussaat, welche im Herbst ihren Anfang nahm und bis in den Januar hinein dauerte, so hießen die dahin gehörigen Festlichkeiten im Allgemeinen feriae sementinae , unter welchem Namen sie von den Pontifices angesagt wurden Varro l. l. VI, 26 Sementinae feriae dies is qui a pontificibus dictus appellatus a semente, quod sationis causa susceptae. Paul. p. 337 Sementinae feriae fuerunt institutae, quasi ex iis fruges grandescere possint. Vgl. Ovid F. 1, 657 ff. und Io Lydus d. Mens. III, 6, welcher letztere ausdrücklich von der ἀρχὴ σπόρου spricht. . Es scheint daß solche sowohl beim Beginn als beim Beschlusse der Saatzeit stattgefunden haben. Wenigstens wissen wir von einem feierlichen Opfer und Gebete an Ceres und Tellus, bei welchem der Flamen, leider ist nicht gesagt welcher, alle Götter und Genien des Ackerbaus um ihre Mitwirkung anflehte, auch die Genien des Pflügens, Eggens, Säens u. s. w. so daß es nicht wohl anders als vor der Aussaat stattgefunden haben kann Serv. V. Ge. I, 21, Tellus erscheint auch bei Varro r. r. 1, 2 als die Hauptgöttin der feriae sementinae. ; wie es denn auch die Analogie der Erndtefeste im Weinberge und auf dem Acker mit sich bringt, daß vor dem Beginn der eigentlichen Geschäfte gewisse einweihende und eröffnende Feierlichkeiten von Seiten der Priester vorgenommen wurden. Setzen wir also diese Ceremonie in den Beginn der Saatzeit, so folgten im December die Consualien und Saturnalien als solche Feste, wo die Saat schon in der Erde ist und baldigen Aufgang verspricht, und darauf im Januar das volksthümliche Fest der Paganalien , auch diese ein bewegliches Saatfest, welches aber jetzt den Beschluß der gesammten Mühe und Arbeit der Aussaat bildete und in diesem Sinne auf dem Lande mit großer Heiterkeit gefeiert wurde. Paganalia sind nehmlich eigentlich das jährliche Gemeinfest eines Pagus d. h. eines ländlichen 405 Verbandes von mehreren Dörfern und Bauerhöfen zu Ehren seiner Götter, wie Compitalia die gemeinschaftliche Larenfeier der zu einem und demselben compitum gehörenden Vici. Im engeren Sinne aber hieß so die Feier der Tellus und Ceres, wie sie im Januar, wenn die Saat beendigt war (semente peracta), von den versammelten Bauerschaften mit ländlichen Festlichkeiten begangen wurde und von Ovid F. I, 663 ff, lebhaft und anmuthig beschrieben wird Vgl Varro l. l. VI, 24. 26, Dionys. H. IV, 15. . Endlich haben die Ackerstiere Ruhe und stehen bekränzt an der vollen Krippe, denn erst mit dem lauen Frühlinge wird es wieder für sie zu thun geben. Der Bauer stellt den Pflug bei Seite, denn der Erdboden ist gefroren. Alles ruht von der Saat, die Erde und ihre Bearbeiter. Da winkt die Feier der Paganalien, zu welcher sich alle Paganen im Pagus d. h. in dem gemeinschaftlichen Burgwall, zu dem sie gehören, versammeln, zuerst die Stätte lustriren und auf den alten Opferheerden die jährlichen Opferkuchen darbringen, dann aber ganz vorzüglich der Tellus und der Ceres gedenken, der jetzt von der Saat schwangern Mutter aller Feldfrucht. Dazu wurde um Segen für die an ihrem Busen schlummernde Frucht gebetet, daß ihre Augen sich öffnen, ihre Halme sich strecken, ihr Korn im himmlischen Lichte der Sonne reifen möge. Auch flehte das Gebet um Schutz gegen alle Plage und Gefahren, wie sie der Landmann von einem Monate zum andern bis zur Erndte zu fürchten hat, räuberische Vögel, gefräßige Ameisen und Feldmäuse, Schaden der Witterung und des Kornbrandes. Vor allem aber galt es den Frieden zu erhalten, den nährenden, segnenden, um den die martialischen Bürger von Rom, trotz dem daß sie immer von einem Kriege zum andern eilten, ihre Götter bei den verschiedensten Gelegenheiten und immer von neuem zu bitten nicht müde wurden. Weiterhin, kurze Zeit vor dem Sühnfeste der Palilien und in derselben Zeit da in Rom die Cerealien gefeiert wurden, nehmlich am 15. April gab es eine eigne Feier der Hordicidia oder Fordicidia , welche auch der Tellus galt, und zwar der fruchtbaren Mutter, welche nun aus ihrem Schooße die Saaten schon in die Höhe schießen und der Erndte entgegenreifen ließ. Gleichfalls ein sehr altes Fest, welches man in Rom von Numa oder gar vom Faunus ableitete, der es auf Veranlassung schlechter Erndten und andauernder Fehlgeburten der Heerde gestiftet habe. Bos horda oder forda (der oft bemerkte Lautwechsel der 406 italischen Dialekte) ist die trächtige Kuh, die das Kalb im Leibe trägt Varro l. l. VI, 15, d. r. r. II, 5, 6. Vgl. Paul. p. 83 Fordicidis, p. 102 Horda und Ovid F. IV, 629 ff. . Solche Kühe wurden dann von den Pontifices der Tellus geopfert, ein Bild des reifenden Erndtesegens. Ein Theil davon wurde auf dem Capitole geopfert, andre dreißig in den dreißig Curien, nach welchen die alte Bürgerschaft von Rom sich eintheilte, so daß dieses Opfer zugleich ein Sühn- und Reinigungsopfer für den Staat und diese Bürgerschaft d. h. die Patricier gewesen zu sein scheint. Dem entspricht auch der Gebrauch, die noch ungebornen Kälber vor dem Verbrennen der Eingeweide aus den schwangern Leibern der Kühe zu reißen und sie in einem eignen Feuer zu Asche zu verbrennen, welche Asche von den Vestalinnen mit andern Substanzen vermischt und sechs Tage darauf an den Palilien zur Reinigung der Mitfeiernden benutzt wurde. Um dieselbe Zeit oder etwas später begannen auf dem Lande die sühnenden Umzüge der Ambarvalien, bei denen wieder vorzugsweise die Ackergottheiten, namentlich Ceres, angerufen wurden ( S. 372 ). Darauf folgte in den Monaten Juli und August die Zeit der Erndte mit den dazu angesetzten Erndteferien, welche das städtische Geschäftsleben regelmäßig unterbrachen Seneca Apocol. 7, 4, Plin. Ep. VIII, 21, Stat. Silv. IV, 4, 40, vgl. Mommsen Leipz. Ber. 1850 S. 67. . Voran gingen auch hier gewisse Sühnopfer, namentlich die sogenannte porca praecidanea d. i. das Opfer eines weiblichen Schweins, welches vor dem Schnitt der Felder auf jedem Bauerhofe mit besondrer Beziehung auf die Todten und etwaige Versäumnisse bei ihrer Bestattung dargebracht wurde; denn auch hier geht der Glaube an die Ackergötter und an die Götter der Unterwelt Hand in Hand, indem man nur von den wohlbefriedigten und versöhnten Mächten der Erdtiefe, bei denen die Todten sind, eine gute Erndte zu hoffen wagte In anderm Sinne nannte man praecidaneae hostiae solche Opferthiere, welche vor andern Opfern zur Sühnung eines eventuellen piaculum dargebracht wurden, daher es auch eine praecidanea agna gab, vgl. auch Fest. p. 238 propudianus porcus dictus est, ut ait Capito Ateius, qui in sacrificio gentis Claudiae velut piamentum et exsolutio omnis contractae religionis est. Dahingegen die praecidanea porca sich immer speciell auf Ceres und den Schnitt der Felder bezieht, s. Gell. N. A. IV, 6, 7 Porca praecidanea appellata, quam piaculi gratia ante fruges novas captas immolare Cereri mos fuit, si qui familiam funestam aut non purgaverant aut aliter eam rem quam oportuerat procuraverant. Vgl. Paul. p. 219 und 223, Non. Marc. p. 163, wo aus Varro de vita populi Ro. lib. III diese Worte angeführt werden: quod humatus non sit (d. h. wenn die stellvertretende Erdscholle vergessen war), heredi porca praecidanea suscipienda Telluri et Cereri, aliter familia non pura est. . Wurde doch auch bei der 407 Bestattung eines Todten der Ceres ein ähnliches Opfer zur Reinigung des gesammten Hausstandes dargebracht, noch in Gegenwart des zu bestattenden Todten, daher dieses Opfer porca praesentanea genannt wurde Fest. p. 250 praesentanea porca, vgl. Mar. Victorin A. Gramm. p. 2470. Sind die cerriti d. i. larvati wirklich von der Ceres abzuleiten ( S. 71 ), so würde diese Göttin auch als mater larvarum gedacht worden sein. . Wie es aber mit jenem Opfer der porca praecidanea zu halten sei, darüber giebt Cato in seinen Regeln der Landwirthschaft (134) eine ausführliche Vorschrift. Man soll es darbringen vor der Einerndtung folgender Feldfrüchte, des Far, des Weizens, der Gerste, der Bohnen und der Rübsaat. Vor der ganzen Handlung soll des Janus, des Jupiter und der Juno mit einer Spende von Weihrauch und Wein gedacht werden, vor dem Opfer zuerst des Janus, dann des Jupiter mit neuen Spenden und Gebeten für das Wohl von Haus und Hof. Dann folgte das Opfer des Schweins und während seiner Zubereitung neue Spenden an Janus und Jupiter. Endlich wurden die Eingeweide des Opferthieres und eine Weinspende der Ceres dargebracht. So eng war auch bei dieser Gelegenheit die Verehrung des Gottes von allem guten Anfang und die des höchsten himmlischen Paares mit der der eigentlichen Erd- und Ackergöttin verbunden. Ein andrer Gebrauch, welcher vor der Erndte vorgenommen wurde, war das sogenannte praemetium d. i. der erste der Ceres geweihte Schnitt der Erndte, wahrscheinlich unter Betheiligung der Priester, wie bei den ländlichen Vinalien die Weinlese durch ähnliche Gebräuche eröffnet und später auch von dem ersten Moste dem Liber Pater ein auserwählter Antheil dargebracht wurde Paul. p. 235 praemetium quod praelibationis causa ante praemetitur . Ib. p. 319 sacrima appellabant mustum quod Libero sacrificabant pro vineis et vasis et ipso vino conservandis, sicut praemetium de spicis, quas primum messuissent, sacrificabant Cereri. Vgl. Plin. H. N. XVIII, 2, 2 ac ne degustabant quidem novas fruges aut vina, antequam sacerdotes primitias libassent und oben S. 143, 220 . 174 . . Auf dem Lande waren alle diese Feste zugleich natürliche Veranlassungen für das Volk, seinen Gefühlen der Lust und Dankbarkeit in allerlei ländlichen Tanz und Gesangsweisen Luft zu machen Virg. Ge. 1, 347 neque ante falcem maturis quisquam supponat aristis, quam Cereri torta redimitus tempora quercu det motus incompositos et carmina dicat. Vgl. Tibull. II, 1, 51 ff. . Auf das Ende der Erndte und die damit 408 zusammenhängende altnationale Erndtefeier deuten dagegen die Consualia am 21. August, dem Tage des Raubes der Sabinerinnen, und die Opeconsiva am 25. August, von welchen Festen unten die Rede sein wird. Endlich möge sich hier auch das alterthümliche Fest der Fornacalia anschließen, angeblich eine Stiftung des Numa Varro l. l. VI, 13, Fest. p. 253 Popularia sacra, p. 254 Quirinalia, Paul. p. 83 und 93 Fornacalia, Ovid F. II, 511 ff., Plin. H. N. XVIII, 2, 2, Lactant. 1, 20, 35. . Es war eine Art von Dankfest für den ersten Genuß des neu gewonnenen Getreides, wie man sich auf ähnliche Weise des neugewonnenen Weins erfreute. Nach alterthümlicher Weise wurde dann aber nur far, das alte nationale Korn Italiens genossen, und zwar wurde es nicht gebacken, sondern nur geröstet, gleichfalls nach altem Gebrauch und wie man es auf dem Lande immer noch gewohnt sein mochte. Dieses Rösten geschah in Backöfen, welche nach einfachster ländlicher Sitte eingerichtet sein mußten und denen zu Liebe man eine eigne Göttin Fornax annahm, nach welcher des Fest Fornacalia genannt wurde. Der Zeit nach fiel dasselbe in den Februar, doch war der Tag beweglich. Ein sichrer Beweis seines hohen Alterthums ist daß es wie die Fordicidien nach Curien begangen wurde, also aus den Zeiten der ältesten Bürgerschaft stammte, daher der Curio Maximus, welcher auch die Tage vorher ansagte, die Oberaufsicht führte. Die eigentliche Lust des Festes bestand, wie es scheint, in festlichen Schmäusen, zu denen sich die einzelnen Curien zusammenthaten, um sich gütlich zu thun und sich in Erinnerung der alten Zeiten und ihrer Unbehülflichkeit des bürgerlichen Verbandes in heitrer Geselligkeit zu erfreuen. Diejenigen welche dazu nicht erschienen wurden Narren (Stulti) gescholten, als ob sie ihre Curie nicht mehr zu finden wüßten, so wesentlich gehörte nach alter Gewohnheit der Curienverband zu dem bürgerlichen und geselligen Character jedes Römers von guter Herkunft. Solche »Narren« pflegten dann ihre Fornacalien an dem Tage der Quirinalien d. h. am 17. Februar als dem letzten Termine zu feiern, daher dieser Tag auch Stultorum feriae genannt wurde (S. 331, 752 ). 3. Saturnus und Ops. Dieses Götterpaar gehörte durch ganz Italien zu den ältesten und populärsten. So war in Rom das Heiligthum des 409 Saturnus beim Aufgange zum Capitol eins der ältesten Denkmäler der mit Aboriginern und andern mythischen Gestalten erfüllten Vorzeit von Latium Dionys. 1, 19, Justin. XLIII, 1, Macrob. I, 7, 28, Varro l. l. V, 74. ; obwohl daneben auch die Sabiner des T. Tatius ihren eignen Saturnusdienst mit nach Rom gebracht haben sollen. Ja ein großer Theil von Italien soll einmal Saturnia geheißen haben, und Dionys. I, 34 versichert ausdrücklich daß man seinen Heiligthümern in diesem Lande sehr oft begegne und viele alte Städte und Stätten nach ihm benannt würden, namentlich die Höhen und die Berge, an denen das Andenken der alten nationalen Götter gewöhnlich am längsten haftet. Ist Ops deutlich genug die gütige Mutter Erde, so ist Saturnus eben so deutlich der männliche Erdgott, zunächst als Gott der Saaten, denn Saturnus ist abzuleiten a satu oder a sationibus Varro l. l. V, 57. 64 und bei Augustin C. D. VI, 8, VII, 13, Tertull. ad Nat. II, 12, Fest. p. 186 Opima Spolia und p. 325 Saturno. Jene Inschrift des neuerdings bekannt gewordenen Gefäßes lautet SAETVRNI POCOLOM. Vgl. Ritschl de fictilibus litteratis latin. antiquiss. Berol. 1853. . In der alten Inschrift eines Gefäßes lautet der Name Săĕturnus und wahrscheinlich wurde er in dieser Form auch in den Saliarischen Liedern angerufen; daraus ist durch Contraction der beiden ersten Silben Säturnus entstanden. Indessen ist sein Wesen durch diese nächste Beziehung auf das Geschäft und den Segen der Aussaat keineswegs erschöpft, sondern er ist der Stifter und Vorsteher des italischen Ackerbaus im weitesten Sinne des Wortes, der eigentlich in die nationale Sage und einen entsprechenden Gottesdienst hinübergetretene Tellumo. So deutet die Sichel, das gewöhnliche Attribut des Saturn, darauf daß er auch als Erndtegott verehrt wurde, und wollten Andre in diesem Attribut ein Winzermesser erkennen, so ist es gewiß daß ihm auch die Stiftungen der Baumzucht und des Weinbaus gewöhnlich zugeschrieben wurden Fest. l. c, Macrob. S. I, 7, 24, vgl. ib. 25 Huic deo insertiones surculorum pomorumque educationes et omnium huiusmodi fertilium tribuunt disciplinas und Arnob. III, 29, VI, 12. Eine angeblich aus dem Lande der Peligner stammende griechische Inschrift Ἀμπελοφύτης Κρόνος C. I. Gr. III n. 5877c wird von Mommsen I. N. fals. n. 829 für unächt erklärt. . Ja man schrieb ihm mit den übrigen Erfindungen des Ackerbaus auch die der Düngung zu, daher Saturnus oder sein Sohn Picus in Latium nicht zum wenigsten deswegen gepriesen und unter dem Namen Sterculus oder Stercutus verherrlicht wurde Tertull. Apolog. 25, Ad Nat. II, 9, Augustin C. D. XVIII, 15, Lactant. 1, 20, Plin. H. N. XVII, 9, 6, bei denen die Formen Sterces, Sterculus und Sterculius, Stercutus und Stercutius neben einander vorkommen. In Rom soll es eine von Picus gestiftete ara Stercuti gegeben haben, Isidor. Orig. XVII, 1, 3. Vgl. oben S. 331 . . Endlich ist er als Urheber des 410 Ackerbaus und seiner Segnungen auch der historische Repräsentant derselben, worüber er von selbst zum mythischen Könige wurde, welchen man, sobald man sich einmal von dem höheren Alterthum der griechischen Cultur überzeugt und in Griechenland den sinnverwandten Gott Kronos kennen gelernt hatte, von dort nach Italien einwandern ließ. So entstand die von römischen und griechischen Schriftstellern oft wiederholte Erzählung Tertullian ad Nat. II, 12, Lactant. 1, 13, Minuc. Fel. Octav. p. 209, welche sich auf andre Schriftsteller, u. a. auf Varro berufen, Virg. Aen. VIII, 319 ff., Ovid F. I, 233 ff. Ennius scheint diese Sage in den Annalen kurz berührt, im Euhemerus ausführlich erzählt zu haben, s. Vahlen p. 169 sqq. , daß Saturnus, nachdem Jupiter ihn vom Throne gestoßen, nach längerem Umherirren zur See nach Latium gekommen sei und sich hier verborgen habe, durch welche Verborgenheit gewöhnlich der Name Latium erklärt wurde Virg. Aen. VIII, 321 Is genus indocile ac dispersum montibus altis composuit legesque dedit Latiumque vocari maluit, his quoniam latuisset tutus in oris. Ovid F. I, 236 Dicta quoque est Latium terra latente deo. Vgl. Ennius p. 171 ed. Vahlen. . In Rom erzählte man daß er zu Schiff den Tiberstrom bis zum Janiculum hinaufgefahren sei, hier beim Janus freundliche Aufnahme gefunden und an der andern Stromseite unter dem nachmaligen Capitole, welcher Hügel nach ihm zuerst der Saturnische genannt worden sei, seinen Sitz aufgeschlagen habe. Nehmlich an dem Fuße dieses Hügels und zwar am Aufgange vom Forum her, da wo der sogenannte Capitolinische Steig (clivus) begann, lag das sehr alte Heiligthum des Saturnus, dessen Stiftung bald dem Janus bald dem Hercules zugeschrieben wurde. Ja man wollte dort noch in späterer Zeit die Spuren einer förmlichen Ansiedlung, einer Stadt oder eines Castells nachweisen, so fest hatte sich die Vorstellung eingewurzelt daß Saturnus wie Janus, Picus, Faunus und andre Culturgötter der Vorwelt ein wirklicher König gewesen Varro l. l. V, 42 Hunc autem montem Saturnium appellatum prodiderunt et ab eo late Saturniam terram, ut etiam Ennius appellat. Antiquum oppidum in hoc fuisse Saturnia scribitur. Eius vestigia etiam nunc manent tria, quod Saturni fanum in faucibus, quod Saturnia porta, quam Iunius scribit ibi, quam nunc vocant Pandanam, quod post aedem Saturni in aedificiorum legibus privatis parietes postici muri sunt scripti. Vgl. Fest. p. 322 Saturnia, Solin. 1, 13, Virg. Aen. VIII, 355. . Auch 411 sprach man von einer ältesten Saturnischen Bevölkerung der Stadt und des Landes, in welchem Sinne, dieses erhellt daraus daß man von denen die in alter einfacher Sitte von dem Landbau lebten zu sagen pflegte, sie allein seien noch übrig von dem Stamme des Königs Saturnus Varro r. r. III, 1, 5 Nec sine causa Terram eandem appellabant Matrem et Cererem, et qui eam colerent piam et utilem agere vitam credebant, atque eos solos reliquos esse ex stirpe Saturni regis. , und daß man das älteste kunstlose, aber nationale Versmaß, in welchem Faunus und die von ihm Begeisterten orakelt und die Dichter vor Ennius gedichtet hatten, das Faunische oder das Saturnische nannte ( S. 339 ). Immer bringt Saturnus den Ackerbau und alle Segnungen desselben mit sich: mit welcher Vorstellung sich sowohl in der Sage als in seinem Gottesdienste das Bild jener seligen und goldnen Vorzeit verschmolz, wie es keinem Volke fehlt und von den Mühseligen und Beladenen im Volke, den arbeitenden und dienenden Klassen immer am eifrigsten festgehalten wird Lucret. II, 1168 tristis item vetulae vitis sator atque vietae temporis incusat momen caelumque fatigat et crepat antiquum genus ut pietate repletum perfacile angustis tolerarit finibus aevom. : ein Leben der reichlichsten Fülle, deren Genuß noch durch keine Theilung des Besitzes gestört gewesen sei, des beständigen Friedens, der allgemeinen Freiheit und Gleichheit, da namentlich von Sklaven und von Knechtschaft diese Zeit noch nichts gewußt habe Virg. Ge. II, 536, Aen. VIII, 324 ff., Iustin. XLIII, 1, Macrob. S. I, 7, 26. . Zuletzt ist Saturnus »verschwunden«, wie alle diese guten Könige und Wohlthäter der Vorzeit ( S. 85 ), worauf Janus, welcher erst durch ihn die Elemente der Bildung, namentlich auch den Schiffbau und das Münzprägen lernte, sein Geld zur Erinnerung an solche Wohlthat und an den innigen Verein auf der einen Seite mit seinem eignen Kopfe, auf der andern mit dem Schiffe, welches Saturn nach Italien brachte, geprägt habe ( S. 163 ). Sicher ist daß Janus und Saturnus sowohl im Culte, wo ihre Feste unmittelbar auf einander folgten, als in der gemeinen Vorstellung als Repräsentanten des Anfangs und der goldnen Vorzeit ein eng verbundnes Paar blieben. Andre nannten den König Tullus Hostilius den Stifter des römischen Saturnusdienstes, namentlich der Saturnalienfeier; dahingegen der erste Bau eines Tempels auch in diesem alten Heiligthum nach sichrer Nachricht erst durch den jüngeren Tarquinius eingeleitet, der Tempel selbst aber erst nach seiner 412 Vertreibung, im Jahre 256 oder 257 d. St. eingeweiht wurde Liv. II, 21, Dionys V, 1, Macrob. S. I, 8, vgl. meine Regionen d. St. R. S. 145 ff. und Canina Indicazione topogr. di Roma antica p. 276 ed. 4, Annal. dell' Inst. 1849 p. 260. . Auch später wurde wiederholt daran gebaut und hergestellt und jedenfalls ist die jetzige Ruine der acht Säulen, welche mit größter Wahrscheinlichkeit für einen letzten Rest dieses Saturnustempels gehalten wird, eine Restauration der Kaiserzeit. Der Tempel war dem Saturnus und der Ops gemeinschaftlich gewidmet; vor ihm befand sich neben dem Altare eine Capelle des Gottes der Unterwelt Dis Pater, an welchen auch die Saturnalienfeier durch gewisse Gebräuche erinnerte Macrob. S. I, 11, 48 sacellum Ditis arae Saturni cohaerens . Vgl. I, 7, 31. . Unter dem Tempel befand sich in einem kellerartigen Gewölbe die römische Schatzkammer (aerarium Saturni), welche man in dem Glauben, daß unter Saturnus die goldne Zeit und allgemeiner Wohlstand geherrscht habe, unter den Schutz dieses Gottes gestellt hatte, wie denn auch der Kauf und Verkauf auf dem benachbarten Markte und die Markttage selbst dem Saturnus geweiht gewesen sein sollen Macrob. I, 8, 3, Plut. Public. 12, Qu. Ro. 42. Daß dieses Aerarium ein kellerartiges Gewölbe unter oder hinter dem Tempel war, folgt aus der Beschreibung bei Lucan. Pharsal. III, 153 ff. Auf einer Inschrift b. Or. 1507 führt S. den Beinamen Conservator. . Der auffallende Umstand daß das in dem Tempel befindliche Bild des Saturnus das ganze Jahr hindurch mit Ausnahme seiner Festtage im December an den Füßen mit wollenen Binden umwickelt und wie gefesselt war Macrob. I, 8, 5, daher Stat. Silv. 1, 6, 4 von den Saturnalien: Saturnus mihi compede exsoluta et multo gravidus mero December. Vgl. Arnob. IV, 24, Minuc. Fel. p. 184 pedibus Mercurius alatis, Pan ungulatis, Saturnus compeditis . , erklärt sich am natürlichsten aus dem mehrfach hervortretenden Glauben der Alten, daß man sich durch Fesselung oder Anbindung eines Götterbildes des von dem Gotte ausgehenden Segens und seiner unsichtbaren Gegenwart talismanisch versichern könne. Der Ritus war bei diesem Gottesdienste insofern ein eigenthümlicher als man am Altare des Saturnus nicht wie gewöhnlich mit verhülltem Haupte (velato capite) opferte und betete, sondern mit entblößtem Haupte (aperto capite), was man auch lucem facere nannte Fest. p. 322 Saturnia, Paul. p. 119 lucem facere, vgl. Dionys. 1, 38, Plut. Qu. Ro. 11, Macrob. I, 7, 27; 8, 2. : offenbar eine Einwirkung des griechischen Ritus, welche sich 413 dadurch von selbst erklärt, daß auch hier die sibyllinischen Bücher gelegentlich ein entscheidendes Wort gesprochen hatten. Die gewöhnliche Legende erzählte, daß der griechische Hercules bei seiner Anwesenheit in Rom die früheren Menschenopfer des Saturnus abgeschafft und bei dieser Gelegenheit jenen Altar und einfachere Opfer mit dem fremden Ritus gestiftet habe. Eben deshalb wurden die sogenannten Saturnii d. h. die mythischen Bewohner der Saturnusstadt von Andern für die zurückgebliebenen Begleiter des griechischen Hercules gehalten. Die Bedeutung des eben so alten als beliebten und zu allen Zeiten sehr volksthümlichen Festes der Saturnalien läßt sich theils aus der Zeit, in welcher es gefeiert wurde, theils aus den dabei beobachteten Gebräuchen abnehmen. Der eigentliche Festtag war der 17. December, nach dem römischen Kalender so lange dieser Monat blos 29 Tage hatte a. d. XIV Kal. Ian., seit Cäsar, durch welchen er 31 Tage bekam, a. d. XVI Kal. Ian.: also jedenfalls mitten im Winter und um die Zeit der größten Kälte So sagt ein Atellanendichter Mummius bei Macrob. I, 10, 3 Nostri maiores velut bene multa instituere, optime a frigore fecere summo septem Saturnalia. Vgl. ib. 19. so daß von einer Erndtefeier, an welche alte und neue Mythologen gedacht haben, doch wohl nicht die Rede sein kann. Vielmehr ist Saturnus um diese Zeit recht eigentlich der verborgene Gott der Tiefe, nach welchem Latium das Land des verborgnen Gottes hieß Herodian 1, 16 διὰ ταῦτά τοι καὶ μέχρι νῦν Ἰταλιῶται τὰ μὲν Κρόνια προεορτάζουσι ϑεῷ τῷ λαϑόντι, τὴν δὲ τοῦ ἔτους ἀρχὴν ἱερομηνίαν ἄγουσι τῷ τῆς ’Ιταλίας ϑεῷ d. h. dem Ianus. , d. h. der Gott der Saaten, der Segenspender aus der Tiefe, wie der nahe verwandte Consus und Dis Pater, von welchen Göttern dieser neben dem Saturnus verehrt, jener wenige Tage vor ihm gefeiert wurde; wie denn auch die gleichartige Segens- und Todesgöttin Acca Larentia und in einigen Familien die Todten überhaupt nicht im Februar, sondern im December ihre Opfer bekamen Plut. Qu. Ro. 34. , welcher wegen der Nähe der Sonnenwende und des kürzesten Tages von selbst zu solchen Betrachtungen einlud. Indessen scheint man seit alter Zeit die Saturnalien vom 17. Dec. an sieben Tage lang gefeiert, also bis in diese Zeit des kürzesten Tages, unserer Weihnachten hinübergezogen und eben deshalb, wie diese Jahreszeit in so vielen Religionssystemen die Bedeutung einer gesegneten und die einer allgemeinen Erneuerung der Natur hat, zugleich als solche 414 begangen zu haben; wenigstens ist diese Bedeutung des Segens und der Fülle sowohl bei den Saturnalien als bei den dann gefeierten Göttern, dem Saturnus und der Ops, von jeher die populäre gewesen. Noch sind sie verborgen, aber schon kommen sie wieder und bringen mit sich alle guten Gaben und die ganze gesegnete Vorzeit des goldnen Zeitalters; daher der vorherrschende Character dieses Festes der einer sinnbildlichen Rückkehr in die glücklichen Zeiten war, wo Saturnus wirklich unter den Menschen gelebt hatte: lauter Freude und Freiheit, ein ausgelassenes Jubeln, Schmausen und Schenken durch die ganze Stadt. Besonders gut hatten es die Sklaven, welche an diesem Feste in Erinnerung an die allgemeine Freiheit und Gleichheit der Saturnischen Vorzeit von den Herrn wie ihres Gleichen behandelt, vor der Herrschaft oder mit ihr gespeist, ja wohl gar von derselben bei Tafel bedient wurden und sich überhaupt sehr viel herausnehmen durften Horat. Sat. II, 7, 4 und Od. III, 17, 4, wo der Dichter gleichfalls die Saturnalien im Sinne hat, vgl. Martial. XIV, 70. Mehr bei Macrob. I, 7, 26. 37 ; 24, 23, Iustin. XLIII, 1, Dio LX, 19, Athen. XIV p. 639B, Arrian Epictet. Diss. IV, 1, 58 u. A. . Doch sollte in diesen Tagen nicht blos die Ungleichheit der Stände aufgehoben, sondern alle Feindschaft, alle Strafe, alle Ahndung bürgerlicher Vergehen wenigstens ausgesetzt werden, daher die Gerichte im December ruhten, Schuldige in dieser Zeit nicht bestraft wurden, und selbst einen Krieg oder eine Schlacht während der friedlichen Saturnalien zu unternehmen galt für bedenklich Macrob. I, 10, 1; 16, 16, Sueton Octav. 32. . Ein eigenthümlicher Gebrauch war, sich bei diesem Feste allerlei Geschenke, darunter namentlich Wachskerzen (cereos) und sogenannte oscilla oder sigillaria zu überreichen, kleine Figuren von Thon, wie sie sonst vorzugsweise den Kindern geschenkt wurden Macrob. I, 11, 1. . Hinsichtlich der oscilla mag Varro Recht haben, wenn er annimmt daß sie ursprünglieh dem Todesgotte Dis Pater gegolten hatten und aus der Zeit der Menschenopfer als stellvertretender Gebrauch beibehalten waren Macrob. I, 7, 28 ff. vgl. 11, 48, Dionys. 1, 19, Lactant. 1, 21, 6, vgl. oben S. 105 . Nach Einigen galten auch die Gladiatorenspiele vorzugsweise dem Saturnus, s. Lactant. VI, 20, 35, Auson. ecl. de fer. Rom. 33, wobei aber doch nur späterer Gebrauch zu Grunde liegen kann. Vielleicht wirkte hier der Dienst des punischen Saturnus ein, auf welchen wohl auch Tertull. testim. An. 2, de Pallio 4 zu beziehn ist. . Gewiß aber war dieses nicht bei den Wachskerzen der Fall, welche nachmals vorzüglich von den ärmeren Clienten ihren 415 vornehmen Patronen als Angebinde zu diesem Feste überreicht wurden Varro l. l. V, 64, Paul. p. 54, Macrob. 1, 7, 33. , sondern diese hatten schwerlich eine andre Bedeutung als die der Freude und des wieder erstehenden Lichts, zumal da der Gebrauch von brennenden Lichtern, Lampen und Fackeln bei gottesdienstlichen und festlichen Gelegenheiten auch sonst in Rom und überhaupt bei den Alten nichts Seltenes war Marini Atti p. 290, Bötticher Tektonik 2, 337, Baumeultus S. 49. Vgl. über das Feuer um Weihnachten in Frankreich und Deutschland Grimm D. M. 593. und der Gebrauch der Lichter oder des Feuers um die Weihnachtszeit d. h. um die Zeit des kürzesten Tages gewiß auch nichts Anderes als Freude und die Erneuerung des Lichtes bedeuten soll. Eben dahin gehören die vielen Gelage und Glücksspiele dieser Tage, wobei man sich der Würfel bediente und um Nüsse spielte, welche als Sinnbilder der Fruchtbarkeit und des üppigen Segens den Römern auch sonst bekannt waren, oder auch wohl um Geld, was sonst verboten war Martial V, 30, 8, XIV, 1, 3, Macrob. I, 5, 11. . Die Jugend pflegte damit den Scherz zu verbinden, daß wer den besten Wurf gethan hatte der König bei Tafel wurde und als solcher für die geselligen Spiele zu sorgen hatte Tacit. Ann. XIII, 15, Arrian Diss. Epict. 1, 25, Lucian Saturn. 3. . Die Festordnung war im zweiten punischen Kriege, im Jahre vor der Schlacht am l. Trasimenus in Folge von Prodigien und auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher dahin bestimmt worden, daß a. d. XIV Kal. Ian. beim T. des Saturn erst ein Opfer dargebracht, ein Lectisternium bereitet und ein öffentliches Gastmahl gehalten, nach demselben aber durch die ganze Stadt an diesem Tage und in der folgenden Nacht der oft erwähnte Festruf Io Saturnalia! erlaubt sein sollte, welcher als Aufruf zur ausgelassenen Freude und zur Befreiung von so vielen Rücksichten des Gesetzes und der Convenienz eine sprichwörtliche Bedeutung bekommen hatte Liv. XXII, 1, Macrob. I, 10, 18, vgl. Petron. Sat. 58, Martial. XI, 2, 5 clamant ecce mei iam Saturnalia versus , Dio LX, 19 von den Soldaten in Britannien: συμβοήσαντες ἐξαίφνης τοῦτο δὴ τὸ ϑρυλούμενον Ἰὼ Σατουρνάλια, ἐπειδήπερ ἐν τοῖς Κρονίοις οἱ δοῦλοι τὸ τῶν δεσποτῶν σχῆμα μεταλαμβάνοντες ἑορτάζουσι. . Die mit diesem Ruf eröffnete volksthümliche und private Festlust dauerte sieben Tage lang; daher der Ausdruck Septem Saturnalia für die ganze Woche vom 17. bis 416 zum 23. December Macrob. I, 10, 3, wo verschiedne Stellen aus Atellanendichtern für diesen Sprachgebrauch angeführt werden. Natürlich waren die Saturnalien auf der Volksbühne sehr populär. Laberius hatte einen Mimus desselben Inhalts gedichtet, Gell. N. A. XVI, 7, 11. . Um so leichter mochten sich mit der Zeit auch die öffentlichen Festtage ausdehnen, zumal nachdem durch Cäsars Kalenderreform der alte Festtag vom a. d. XIV Kal. Ian. auf a. d. XVI Kal. Ian. verschoben worden war, seit welcher Zeit gewöhnlich die dreiTage vom 17. bis 19. Dec. gefeiert wurden. Dafür entschied auch ein Edict des August und zwar so, daß der 17te (a. d. XVI K. Ian.) dem Saturn, der 19te (a. d. XIV K. Ian.) der Ops heilig sein sollte Macrob. 1, 10, Fest. p. 185 Opalia, Merkel Ovid F. p. XX. Die Kalender wissen zwar nur von einem Tage des Saturn, dem 17., und einem der Ops, dem 19., aber auch hier scheint die Sitte bald weiter gegangen zu sein und sowohl dem Saturn als der Ops zwei Tage gefeiert zu haben. ; worauf, wie es scheint, im Publicum der 17. und 18. gewöhnlich dem Saturn, der 19. und 20. als Opalia der Ops gefeiert wurden. Endlich fügte Caligula noch einen fünften Tag hinzu, welcher dies Iuvenalis hieß, also wohl ganz speciell jenen Spielen und Tafelfreuden der Jugend gewidmet war Sueton Cal. 17, Dio LIX, 6, LX, 25. . Im populären Gebrauche aber behielten immer die vollen sieben Tage ihre Geltung und die Dichter und Schriftsteller der Kaiserzeit wissen nicht genug von der »triefenden Lust« dieser Tage zu erzählen Martial. XI, 6 unctis falciferi senis diebus . XIV, 1, 9 quid agam potius madidis Saturne diebus . Stat. Silv. 1, 6, 5 multo gravidus mero December . Vgl. Seneca Ep. 18, Martial. XIV, 1, 1, Tertull. Apolog. 42. , während welcher man das gewöhnliche Bad, welches immer der Mahlzeit voranging, gleich am frühen Morgen zu nehmen und die bequemere Synthese, mit welcher man bei Tische die Toga vertauschte, gar nicht wieder abzulegen pflegte. Im December, sagt Seneca ep. 18, ist das Wohlleben an der Ordnung; überall Lärmen und Aufregung, um zu diesem Feste zu rüsten und es aus dem Grunde zu genießen, als ob jetzt noch ein Unterschied sein könnte zwischen diesem Monate und dem ganzen Jahre. Und Lucian Saturn. 2 läßt den Saturn von seinem siebentägigen Regimente erzählen, wie er dann nichts Ernstes und kein Geschäft dulde, sondern Alles müsse trinken und guter Dinge sein, lärmen und scherzen und würfeln und Könige der Festlust wählen; vor Allen aber müßten die Sklaven schmausen und singen und springen, daß es eine Lust sei, gelegentlich auch mit 417 geschwärztem Gesicht in das kalte Wasser sich hineinstoßen lassen Auf ähnliche Späße deutet Martial. XIV, 1, 4 cum videat gelidos tam prope verna lacus . . Daneben behaupteten sich auch die sogenannten Sigillaria immer sehr in der Gunst, zunächst jene kleine Figuren von Thon, welche den Kindern geschenkt wurden und mit denen die Fabrikanten in dieser Zeit einen eignen Markt hielten, dann allerlei andre Geschenke, welche sich die Erwachsenen unter einander machten, Tücher und Löffel, Zahnstocher und Becher, die beliebten Wachskerzen und Papier zu kurz angebundenen Späßen und Versen, wie deren Martial. epigr. 1. XIV eine ganze Sammlang hinterlassen hat Vgl. Martial. V, 18, VII, 53 u. a. . Auch die Kaiser pflegten an solcher Heiterkeit gerne Theil zu nehmen, sich beschenken zu lassen, aber auch ihrerseits zu schenken, wie namentlich von den bald sehr kostbaren bald trivialen und mit geschraubten Epigrammen übersendeten Geschenken Augusts bei den Saturnalien und älmlichen Gelegenheiten die Rede ist Sueton 75, vgl. Stat. Silv. 1, 6 und Spartian Adr. 16 Saturnalia et Sigillaritia frequenter amicis inopinantibus misit et ipse ab his libenter accepit et alia invicem dedit. . Domitian ließ sogar einmal an den Saturnalien über sämmtliche Sitzreihen des im Colosseum versammelten Volkes Leckerbissen aller Art ausstreuen und darauf alle Anwesenden an ihren Plätzen reichlich speisen und tränken; während gleichzeitig unten in der Arena allerlei lustige und lärmende Schauspiele gegeben wurden. Die gute Mutter Ops oder Opis galt gewöhnlich für die Gattin des Saturnus und wurde als solche sowohl in jenem alten Heiligthume am clivus Capitolinus neben ihm verehrt als an dem Decemberfeste mit ihm gefeiert, bis zur Kalenderreform des Cäsar an einem und demselben Tage, dem 17ten, später wie bemerkt an einem besondern, dem 19ten Varro 1. l. VI, 22, Macrob. I, 10, 18. Auch die Anspielungen auf einen Schatz im T. der Ops bei Cic. Philipp. I, 7, 17, II, 14, 35 beziehen sich wohl auf das Aerarium des Saturn. Vgl. Or. n. 1506 locus adsignatus aedi Opis et Saturni . . Die Grundbedeutung der Erdgöttin tritt vorzüglich in dem alterthümlichen Gebrauche hervor, der Ops sitzend und die Erde geflissentlich berührend Gelübde zu thun Macrob. I, 10, 21 Huic deae sedentes vota concipiunt terramque de industria tangunt. Vgl. ib. III, 9, 12 (S. 402, 980 ) und II. IX, 567 ff., Hymn. in Apoll. 332. , wie die Griechen bei Beschwörungen der Unterirdischen auf den Knieen hockend die Erde mit den Händen schlugen. 418 Im Uebrigen theilt sie die Eigenschaften des Saturnus, namentlich den Begriff der Fülle und des üppigen Segens, wie dieses schon der Name Ops ausdrückt, dessen Stammbedeutung Fülle und Ueberfluß ist Paul. p. 187 Opis dicta est coniux Saturni, per quam voluerunt terram significare, quia omnes opes humano generi terra tribuit, unde et opulenti terrestribus rebus copiosi et hostiae opimae praecipue pingues et opima magnifica et ampta spolia. Vgl. Fest. p. 186 opima spolia undVarro l. l. V, 57. 64. Daher ops in der ältern Sprache für opulentus und das Gegentheil inops, Fest. p. 190, und copi, copem für copioso und copiosum, Non. Marc. p. 84, desgleichen copia, inopia u. s. w. . Auch der ältere Name für den südlichen Hauptstamm der italischen Bevölkerung, Opici oder Opsci, woraus mit der Zeit Osci geworden, hängt offenbar mit demselben Stammworte und dem mythischen Stammbegriffe iner gesegneten Urzeit zusammen, wie die alten Benennungen Latium und Saturnia auf die ländliche Verehrung des bald verborgnen bald in der reichen Frucht der Aecker prangenden Erdgottes zurückweisen und selbst der Name der Siculi d. h. der ältesten Einwohner von Latium nicht unwahrscheinlich durch »Schnitter« der Saturnusgaben übersetzt wird. Auch wurde Ops ausdrücklich als eine Göttin der Saaten und der Erndte verehrt, nehmlich als Consivia , unter welchem Namen sie wahrscheinlich seit Numa in der Regia angebetet wurde, in einem Heiligthume zu welchem nur die Vestalischen Jungfrauen und die Pontifices Zutritt hatten und wo ihr am 25. Aug., also in der Erndtezeit unter dem Namen Opeconsiva ein Dankopfer gebracht wurde Varro l. l. VI, 21, Fest. p. 186, Macrob. III, 9, 4, Kal. Maff. Capran. Allif. a. d VIII K. Sept. . Wie aber die Gottheiten der Erde und des Ackerbaus fast überall in der übertragenen Bedeutung des Säens auf menschliche Empfängniß und Geburt zugleich für Götter der Anfänge des menschlichen Lebens und der Kinderpflege gelten, so auch dieses alte italische Götterpaar. Namentlich wurden Saturnus und Ops in diesem Sinne in den Indigitamenten unter den Göttern der Geburt und der ersten Kindespflege angerufen, Saturnus neben Ianus Consivius als Pfleger des Keims im mütterlichen Leibe, Ops als gütige Mutter, welche das neugeborne Kind an ihrem Busen aufnimmt Augustin C. D. IV, 11 ipse opem ferat nascentibus excipiens eos sinu terrae et vocetur Opis . Vgl. ib. 21 und Plin. H. N. II, 63 quae nos fiascentes excipit etc. . Sehr merkwürdig ist die Lua Saturni , welche bei Gellius N. A. XIII. 23 unter den ältesten römischen Gottheiten genannt 419 und beiläufig auch bei Varro l. l. VIII, 36 erwähnt wird. An andern Stellen wird sie Lua Mater und unter den Göttern genannt, welchen nach alter Sitte nach einer gewonnenen Schlacht die Spolien der Feinde geweiht und auf dem Schlachtfelde verbrannt wurden Liv. VIII, 1, XLV, 33. . Endlich wird sie bei Serv. V. A. III, 139 neben dem Saturn als eine Göttin der Unfruchtbarkeit und der Verwüstung genannt Iunoni procreationem liberorum, sterilitatem horum tam Saturno quam Luae (v. Lunae ). Hanc enim sicut Saturnum orbandi potestatem habere. . Höchst wahrscheinlich ist auch dieses die Erdgöttin, nur als Gegentheil von der fruchtspendenden Ops gedacht, daher sie von dieser unterschieden und besonders benannt wurde, die winterliche Erd- und Todesgöttin, wie ja auch Saturnus sich im kalten Winter dem Todesgotte Dis gesellt. So würde sich auch der Name Lua am natürlichsten von luere in der Bedeutung auflösen (solvere) erklären Vgl. diluere und die Persephone λέπτυνις der Griechen, Gr. Myth. 1, 496. . Es konnte nicht fehlen, daß auch diese beiden Götter unter der Einwirkung der allgemeinen Gräcisirung des römischen Cultus an ihrem alten und eigenthümlichen Wesen manche Einbuße litten. Saturnus wurde seit Ennius gewöhnlich mit dem griechischen Kronos, Ops mit der Rhea identificirt Plaut. Cistell. II, 1, 39, Ovid F. VI, 279. , daher Saturnus auf den römischen Münzen ganz wie jener gebildet ist und zuletzt mit ihm zum bloßen Sinnbilde der ewigen Zeit hinabsank Der Kopf ist mit reichlichem Barte versehn, daneben sieht man auf einigen Münzen die gezahnte Sichel, auf andern die orientalische Harpe. Auch wurde er gewöhnlich wie Kronos obvoluto capite abgebildet, Serv. V. A. III, 407. Auf spätern Kaisermünzen bedeutet er die ewige Zeit, s. Eckhel D. N. VII p. 381. , während Ops als Mutter des Jupiter nun auch neben diesem auf dem Capitole verehrt Liv. XXXIX, 22 aedis Opis in Capitolio de caelo tacta . Auch ihr wurde am 25. Aug. geopfert, s. Kal. Capranic. Vgl. die Inschr. aus Praeneste bei Grut. p. 26, 4 Opi Divinae et Fortunae Primigeniae sacrum , aus der Zeit des Kaisers Pertinax. und für eine der höchsten Schicksalsgöttinnen menschlicher Verhängnisse gehalten wurde. In demselben Sinne wurden im J. 7 n. Chr. am 10. August im Vicus Iugarius zwei Altäre der Ceres Mater und der Ops Augusta gestiftet, ohne Zweifel zu Ehren der Livia S. die Kalender zum 10. August. Vgl. die Ops Augusta auf Münzen des Antonin b. Eckhel D. N. VII p. 143. , die sich auch sonst gerne als Rhea gebehrdete. 420 4. Consus. Auch dieser Gottesdienst gehörte zu den ältesten in Rom. Nach Dionys stammte er von den Palatinischen Arkadern d. h. von Evander, nach der gewöhnlichen Ueberlieferung war es die Feier der Consualien im August, bei denen die Sabinerinnen geraubt wurden. Die Griechen erklärten den Gott wegen der Wagenrennen an seinem Feste und des in der Erde steckenden Altars für ihren Poseidon Hippios oder Seisichthon d. h. den Erderschütterer, doch ist schon von den Alten bemerkt worden, daß eine solche Verehrung in oder unter der Erde dem Poseidon fremd ist. Deshalb wollten Andre lieber den Namen Consus von den verborgnen Rathschlägen (a consiliis) erklären, welche dieser Gott überhaupt ertheile und damals dem Romulus ertheilt habe Dionys. I, 33, II, 31, Liv. I, 9, Ovid F. III, 199, Plut. Rom. 14, Paul. p. 41 Consualia, vgl. Tertull. de Spectac. 5, Augustin C. D. IV, 11, Arnob. III, 23, Serv. V. A. VIII, 635. 636. Die Gloss. Labb. p. 40 identificiren ihn mit dem ägypt. Harpokrates, dem Gotte des Schweigens und der verborgnen Weisheit. Die Ableitung von consilium ist nicht zu rechtfertigen, da dieses Wort aus consul entstanden, consul aber nach Analogie von praesul zu erklären ist. . In Wahrheit aber ist derselbe vielmehr für einen alten Gott der Erde und des Ackerbaus zu halten, eine Art von Tellumo oder Dis Pater, bei welchem uns der unterirdische Altar wiederbegegnen wird; auch spricht dafür die Zeit seiner Opfer und Feste, welche theils die der Saat theils die der Erndte ist. Den Namen haben von neueren Mythologen Einige von condere abgeleitet (consus anstatt conditus, wie clausus, parsus), so daß er der Verborgene wäre, in demselben Sinne wie Saturnus als ein verborgner Gott gedacht wurde, Andre von der Sanskritwurzel su, von welcher sero, sevi und consero stamme, so daß Consus zu verstehen sei wie Consivius und Ops Consivia, als Gott der Saaten, welcher eben deshalb zugleich ein Gott der Ehe und Jungfrauenräuber sei: auf welche Weise zugleich die alte Sage von dem Raube der Sabinerinnen grade an den Consualien schicklich erklärt würde Vgl. Hartung Rel. der Römer II, 87, Schwegler R. Gesch. 1, 471 ff., Roßbach über die rö. Ehe 330 ff. . Genug wir sind berechtigt auch diesen Gott hier einzureihen und die übrigen, leider nur sehr dürftigen Nachrichten von seinem Culte dem gemäß zu erklären. Der alte Altar des Consus, älter als der Circus des Tarquinius, 421 befand sich an dem untern Ende desselben, in der Nähe der dortigen Wendesäulen Tacit. Ann. XII, 24, Tertull. de Spectac. 5 und 8. . In der Regel mit Erde überschüttet wurde er bei den Opfern und Festen, welche jährlich dreimal unter der Betheiligung der angesehensten Priester stattfanden, ausgegraben und mit frommen Gaben bedacht. So wurde namentlich an den Nonen des Julius von den Pontifices hier geopfert, das durch den Raub der Sabinerinnen berühmte Fest der Consualien aber am 21. August, wenige Tage vor dem Opfer an die Ops Consivia in der Regia, begangen, und zwar so daß der Quirinalische Flamen und die Vestalischen Jungfrauen das herkömmliche Opfer besorgten, die Pontifices aber darauf die circensischen Rennen mit Wagen und losen Pferden hielten, dieselben zu welchen Romulus die Nachbarn berufen hatte Varro l. l. VI, 20, Dionys II, 31, Plut. l. c, die Kall. z. 21. Aug. . Mit den Menschen feierten alle Zugthiere diesen Tag, Pferde und Mäuler, welche von der Arbeit ruheten und mit Blumen bekränzt wurden Dionys I, 33, Paul. p. 148 mulis, Plut. Qu. Ro. 48. : ein Gebrauch welcher eigentlich wohl der Erndte galt, wie jene Rennen an die beim Opfer der Dea Dia und an die Eleusinien, Olympien und andre Spiele der Griechen erinnern, welche meist nach vollendeter Erndte gehalten wurden. Alte Lieder wußten noch von andern volksthümlichen Lustbarkeiten, mit denen »die Hirten« d. h. die Römer des Romulus sich und ihre Nachbarn erfreut hatten Non. Marc. p. 21, 9 cernuus. – Varro de Vita populi Rom. lib. I. Etiam pelles bubulas oleo perfusas percurrebant ibique cernuabant. A quo ille versus vetus est in carminibus: Sibi pastores ludos faciunt coriis Consualia. Vgl. oben S. 203 . . Endlich wurden noch einmal am 15. Decbr. Consualien gefeiert, wenige Tage vor den Saturnalien und wahrscheinlich wie diese beim Abschluß der Saatzeit, auch wieder unter der Betheiligung der Zug- und Ackerthiere Kal. Maff. Praen. Amitern. Antiat. zum 15. Dec. Da einige von diesen Kalendern zum 21. Aug. und 12. Dec. von einem Consus in Aventino reden, so muß es auch auf dem Aventin, wahrscheinlich am Abhange über dem Circus, einen Altar des Consus gegeben haben. , welche bei solchen Gelegenheiten auf dem Lande immer einen guten Tag hatten. Bemerkenswerth ist endlich die enge Verbindung, in welche Consus durch eine Inschrift seines Altares im Circus mit Mars und den Laren gesetzt wurde Tertull. de Spect. 5 Et nunc ara Conso illi in Circo defossa est ad primas metas (dieses sind die metae Murciae, s. S. 386 ), sub terra, cum inscriptione huius modi: CONSUS CONSILIO, MARS DVELLO, LARES COILLO POTENTES. Vgl. Ascon. in Cic. Verr. 1, 31 p. 142 Or. Alii ideo Magnos Ludos vocatos putant, quod Consiliorum Secretorum Deo – et Dis Magnis i. e. Laribus Urbis Romae dati sunt, quibus aiunt raptas Sabinas esse. Jene Inschrift kann so alt nicht sein, doch kann die Gruppe Mars Consus Lares nicht erdichtet sein. Ueber das verdorbne Wort COILLO ist viel gemuthmaßt worden, s. Oehler z. Tertull. l. c. Ich glaube daß am besten COMPITO zu lesen ist. , mit demselben Mars und denselben 422 Laren, welche von den Arvalischen Brüdern am Altare der Dea Dia angerufen wurden, jener als Abwehrer alles bösen Schadens, diese als segnende und behütende Geister der Flur und aller Wege. 5. Acca Larentia und Dea Dia. Acca Larentia und Dea Dia können nicht wesentlich von einander verschieden sein, da beide Göttinnen der römischen Stadtflur sind und die eine den Dienst der andern stiftet. Vielmehr ist Acca Larentia die mythologische und mährchenhafte, Dea Dia die ernstere, im Cultus der Arvalischen Brüder festgehaltene Seite einer und derselben Göttin, welche mit der alten italischen Tellus, Ops und Ceres identisch gewesen sein wird und nur durch ihre specielle Beziehung auf den Segen und die Pflege der römischen Stadtflur diesen ihren eigenthümlichen und örtlichen Character bekommen haben kann. Acca Larentia ist eigentlich die Laren-Mutter, unter welchem Namen uns die Erdgöttin der fruchtbaren Tiefe, welcher man die Saaten und die Todten anvertraute, später von neuem begegnen wird. Acca ist i. q. Atta, dasselbe Wort welches die Kindersprache aller Orten wiederholt und auch im Sanskrit in der Form akka die Mutter bedeutet; Larentia hängt deutlich genug mit den Laren zusammen. In der römischen Stadtsage erscheint sie bald als Buhle des Hercules, welcher in dieser Verbindung ganz der schöpferische und segnende Genius der römischen Stadtflur ist, bald als Pflegemutter der Zwillinge und Mutter der ersten zwölf Arvalischen Brüder. Das Mährchen von ihrer Buhlschaft mit Hercules wurde mit einigen Abweichungen auch von der Flora und einer sonst nicht bekannten Göttin Favola oder Faula erzählt, welche wohl der Fauna gleichzustellen ist Macrob. S. I, 10, 11 ff., Gell. N. A. VII (VI) 7, Plutarch Rom. 4. 5, Qu. Ro. 35, Lactant. 1, 20, 5. Vgl. Tertull. ad Nat. II, 10. Augustin C. D. VI, 7. ; 423 jedenfalls waren alle drei Göttinnen, Flora, Fauna und Acca Larentia, einander nahe verwandt. Der Küster des Hercules kommt in einer müßigen Stunde auf den Einfall, mit dem üppigen Segensgotte um ein üppiges Mahl und eine schöne Dirne zu würfeln, wobei er mit der einen Hand für den Gott dem er dient, mit der andern für sich selbst würfelt. Natürlich gewinnt Hercules, worauf der Küster ihm das schönste Mädchen der Zeit, Acca Larentia zuführt, mit welcher er sich in seinem Tempel beim fröhlichen Mahle gütlich thut. Als sie am andern Morgen davon geht, giebt ihr der Gott alles unverhofften Glücks ein solches mit auf den Weg. Es begegnet ihr nehmlich ein reicher alter Herr, ein tuscischer Gutsbesitzer Namens Tarutius Tarutius oder Tarrutius lautet der Name bei den meisten Schriftstellern, Carutius bei Macrobius. Die Erinnerung an das Legat der Vestalin Gaia Taracia scheint sich mit dem Mährchen von der Acca Larentia verschmolzen zu haben. , der von ihren Reizen hingerissen ihr Mann wird und bald darauf verstorben sie als reiche Erbin hinterläßt: worauf die Gute nach Einigen dem Romulus, nach Andern, welche diese Geschichtc in die Zeit des Ancus verlegten, dem römischen Volke alle ihre Besitzungen vermacht; Cato wußte sogar die Namen der Fluren zu nennen, welche durch sie an das römische Volk gekommen waren Macrob. 1, 10, 16 Cato ait Larentiam meretricio quaestu locuptetatam post excessum suum populo Romano agros Turacem, Semurium, Lintirium et Solinium reliquisse et ideo sepulchri magnificentia et annuae perentationis honore dignatam. Der ager Semurius wird auch bei Cic. Phil. VI, 5, 14 erwähnt. Ueber die Vestalin Taracia s. Plin. H. N. XXXIV, 6, 11, Gell. N. A. VII (VI), 7. , wie später die Vestalin Gaia Taracia der Stadt den campus am Tiber vermacht hatte. Endlich verschwindet Acca Larentia an demselben Orte, wo ihr seitdem alljährlich am 23. Dec., dem Tage des Larentinal oder der Larentalia, ein Todtenopfer gebracht wurde, im Velabrum, wo man auch ihr Grab zeigte. Das Opfer wurde von dem Quirinalischen Flamen und den Pontifices dargebracht und auch Jupiter dabei angerufen Varro l. l. VI, 23, Verr. Fl. z. Fast. Praen., Ovid F. III, 55 ff., Macrob. I, 10, 11. 15. Ueber das Oertliche Becker S. 492. Die Pontifices nennt Cic. ep. ad. Brut. 1, 15, 8, den fl. Quiriualis Gellius l. c. . Bekannter war die Geschichte von der Pflegemutter des Romulus,welche daher gewöhnlich mit jener andern combinirt wurde Liv. I, 4, Ovid F. III, 53 ff., Plut. Rom. 4, Qu. Ro. 35, Lactant. 1, 20 u. A. , wie denn auch diese Acca Larentia oft eine Buhlerin heißt, lupa, welches Thier auch 424 in der deutschen Thierfabel verliebter Natur ist. Nach der ältern Ueberlieferung aber war sie die Frau des Hirten Faustulus, den ich für den palatinischen Faunus halte. Und von eben dieser Acca Larentia, der Gattin des Faustulus und Pflegemutter des Romulus, wird dann weiter erzählt, daß sie zwölf Söhne gehabt und mit diesen jährlich einmal pro agris geopfert habe. Als einer von ihnen gestorben, sei Romulus als Adoptivsohn statt seiner eingetreten und habe darauf mit seinen Adoptivbrüdern das Collegium der sogenannten fratres Arvales gestiftet, welche an dem priesterlichen Abzeichen eines Aehrenkranzes mit weißer Rinde zu erkennen waren und für eins der ältesten und heiligsten Institute in ihrer Art galten Plin. H. N. XVIII, 2, Gell. l. c., Fulgentius p. 560. . Schon ihr Name und dieses Symbol des Aehrenkranzes bezeichnet deutlich genug ihre Bestimmung für den Cult einer Flur oder Ackergöttin Plin. l. c. nennt sie arvorum sacerdotes. Vgl. Varro l. l. V, 85 Fratres Arvales dicti sunt qui sacra publica faciunt propterea ut fruges ferant arva, a ferendo et arvis Fratres Arvales dicti. Sunt qui a fratria dixerunt; fratria est graecum vocabulum partis hominum, ut Neapoli etiam nunc. Vielmehr ist fratres zu verstehn wie sodales, s. oben S. 111 . Die fratres Arvales werden sonst nur noch bei Minuc. Fel. Octav. 25 genannt. , welche freilich in dem Culte selbst einen andern Namen führte, aber von der fruchtbaren Laren-Mutter, welche diesen Cult mit ihren Söhnen gcstiftet hatte, schwerlich wesentlich verschieden gewesen ist. Näheren Aufschluß über diesen Gottesdienst und die für ihn bestimmte priesterliche Brüderschaft erhalten wir durch die oben S. 39 erwähnten amtlichen Protokolle, welche zwar sämmtlich aus späterer Zeit (sie beginnen mit der Zeit des August und reichen bis in die des Gordian) und in ihren Ausdrücken nicht immer verständlich sind, aber in der Hauptsache dennoch eine eben so vollständige als belehrende Uebersicht geben, eine um so wichtigere, weil man nach dieser Analogie zugleich über viele verwandte Thatsachen des römischen Gottesdienstes urtheilen darf. So erfahren wir zunächst über das Collegium der fratres Arvales, daß es sich wie alle Institute der Art durch Cooptation ergänzte, wobei wie bei den Saliern die angesehensten Familien es sich zur Ehre rechneten, wenn die Wahl ihre Mitglieder traf. Der Vorsteher des Collegiums hieß wie gewöhnlich Magister; vermuthlich galt Romulus in seinen Acten für den ersten Inhaber dieser Würde. Er wurde wie die übrigen Beamteten von Jahr zu Jahr bei der Feier im Haine der Göttin neu erwählt und hatte neben sich als eventuellen Stellvertreter einen Promagister. 425 Außerdem gab es einen eignen Flamen und zu seiner Stellvertretung gleichfalls einen Proflamen und zu den dienenden und helfenden Verrichtungen bei den Opfern und Opfermahlzeiten wie gewöhnlich sogenannte Camilli d. h. ministrirende Knaben, welche wie immer patrimi matrimi sein mußten und gleichfalls aus den besten Familien ausgehoben wurden. Außer ihnen gehörte noch eine zahlreiche Dienerschaft von Schließern, Ausrufern, Schreibern, Aufwärtern u. s. w. zu diesem Cultus, wie man sich denn die ganze Ausrüstung und das Auftreten dieser Brüderschaft und überhaupt der höheren priesterlichen Collegien in Rom als ein sehr vornehmes und glänzendes zu denken hat. Die Versammlungen und priesterlichen Functionen der Brüder waren ordentliche oder außerordentliche, wie sie von gewissen regelmäßigen gottesdienstlichen Obliegenheiten oder von außerordentlichen Veranlassungen herbeigeführt wurden. Der Mittelpunkt aller gottesdienstlichen Verrichtungen war der Dienst der Dea Dia , so heißt die Göttin der fratres Arvales in diesen Urkunden, während wir aus andern Quellen von einer Göttin dieses Namens nichts erfahren. Offenbar war es eine Erd- und Ackergöttin, vermuthlich wie bemerkt identisch mit der Tellus, Ceres oder Ops, aber auch der Flora und der Fauna nahe verwandt und speciell eine Göttin der römischen Stadtflur, deren Wünsche und Hoffnungen von den Arvalischen Brüdern vertreten wurden. Der Hain dieser Göttin lag nicht weit von der Stadt am rechten Ufer des Tiber, an der Via Campana d. h. Feldstraße, fünf Millien vom Thore, in derselben Gegend wo auch jene Urkunden größtentheils gefunden worden sind und wo sich durch Nachgrabung gewiß noch andre Denkmäler der Art würden auffinden lassen Der Ort heißt jetzt Affoga l'asino und liegt grade vier Millien vor dem jetzigen Stadtthor an der Via Portuese, was genau zu jenen Angaben paßt. Im Jahre 1573 wurden dort 19 solcher Tafeln und bei andern Gelegenheiten andre ausgegraben, während sich andre in der Nachbarschaft verschleppt haben. Ueberdies läßt sich aus Aufzeichnungen des 16. Jahrhunderts nachweisen, daß selbst die alten Gebäude des Hains sich zum Theil bis zu jener Zeit erhalten hatten, s. Abeken Ann. dell' Inst. 1841 p. 121, Melchiorri Append. agli Atti e Mon. de' Fr. Arv. p. 57, De Rossi Bullet. d. Inst. Arch. 1855 p. LIV. Ueber die Via Campana s. meine Regionen S. 97. 230. . In diesem Haine wurden auch die wichtigsten Acte des jährlichen Gottesdienstes der Dea Dia vorgenommen, während andre vorbereitende oder beschließende in der Stadt und zwar in dem Hause des Magister oder Promagister stattfanden. Und zwar geschah dieses jährlich im Mai, um die Zeit da die ersten Feldfrüchte reif waren 426 und die Erndte bald beginnen konnte, so daß sich diese Feier der Dea Dia wohl mit den gewöhnlichen Gebräuchen der porca praecidanea und des praemetium auf dem Lande vergleichen läßt Vom 7. bis zum 14. Mai sammelten die Vestalinnen die spicas adoreas (Dinkel, Spelt) zu dem von ihnen bereiteten far pium, Serv. V. Ecl. VIII, 82. Unbekannt ist die Beziehung von Paul. p. 91 Florifertum dictum quod eo die spicae feruntur ad sacrarium. . Auch war diese Feier wie die meisten agrarischen keine feststehende, sondern sie wurde zu Anfang jedes Jahrs von dem Magister des Collegiums angesagt, nach den vorhandnen Urkunden indessen so, daß sie entweder auf den 17., 19. und 20. Mai oder zehn Tage später auf den 27., 29. und 30. Mai fiel. Immer wurde der erste Festtag domi d. h. im Hause des Magister oder Promagister, also in der Stadt begangen, der zweite als der heiligste im Haine der Dea Dia vor der Stadt, der dritte als eine abschließende Nachfeier wieder »zu Hause«. Die Feier des ersten Tags Die ältern Urkunden berichten über diese Gebräuche kürzer, die späteren immer ausführlicher, als ob sich die Sicherheit der mündlichen Tradition mit der Zeit verloren hätte. So ist hier und überhaupt besonders tab. XLIa. b. zu vergleichen, die wichtigste unter allen diesen Urkunden, welche aber erst aus der Zeit des Elagabal ist. bestand in einem Morgengottesdienste und in einem gemeinschaftlichen Mahle der Brüder und der ministrirenden Knaben, welches Nachmittags gehalten wurde. Am frühen Morgen wurde zunächst der Dea Dia mit Weihrauch und Wein geopfert, darauf trockne Früchte d. h. die Cerealien des vergangnen Jahrs und grüne d. h. frische des neuen Jahrs berührt Der Ausdruck der Urkunden ist: fruges aridas et virides contigerunt , wo contingere wohl ein weihendes Berühren und Kosten bedeutet, s. Plin. H. N. XVIII, 2, 2 ac ne degustabant quidem novas fruges aut vina antequam sacerdotes primitias libassent , und XXVIII, 2, 5 cur ad primitias pomorum haec vetera esse dicimus, alia nova optamus? Vgl. oben S. 175 . Fruges sind Feldfrüchte, speciell Cerealien, s. Marini p. 201. Heilige Brode kommen auch sonst vor, s. oben S. 323, 729 . Hier sind sie zur Weihe mit Lorbeer bekränzt und vermuthlich von frischem Korn gebacken. , auch mit Lorbeer bekränzte Brode herumgereicht und das Bild der Dea Dia gesalbt; worauf eine kurze Sitzung gehalten und somit dieser Act beschlossen wurde. Nach Mittag kamen die Brüder, nachdem sie gebadet, von neuem zusammen, speisten zunächst, wie auch die vier ministrirenden Knaben, opferten dann von neuem mit Weihrauch und Wein, worauf die Knaben nach der frommen Sitte der Alten, die bei jeder Mahlzeit beobachtet wurde Serv. V. A. I, 730 apud Romanos coena edita sublatisque mensis primis silentium fieri solebat, quoad ea quae de coena libata fuerant ad focum ferrentur et igni darentur ac puer deos propitios nuntiasset: wobei für gewöhnlich an die Laren und Penaten zu denken ist. , mit 427 Hülfe von Dienern von den Speisen, namentlich den neuen Früchten des Jahres einige zum Altare trugen (fruges libatae), empfingen darauf Salben und Kränze, berührten noch einmal die neuen Früchte der Ceres und schritten so zum Nachtisch, dessen Abhub wie die Salben und die Rosen der Kränze vertheilt und mit nach Hause genommen wurden, sobald die Brüder mit dem gewöhnlichen Rufe Glück auf (feliciter) auseinander gingen. Der nächste Tag verging ohne Feier, an dem darauf folgenden aber, entweder am 19. oder am 29. Mai, versammelten sich die Arvalen früh Morgens im Haine der Dea Dia vor dem Thore, in welchem außer dem auf einer Anhöhe gelegnen Hain der Göttin im engeren Sinne verschiedne Gebäude und Anlagen genannt werden, ein Tempel, ein großer Altar und mehrere andre Opferheerde und Altäre, ein sogenanntes Tetrastylum und ein Circus. Eröffnet wurde die Feier dieses Tages durch ein vom Magister dargebrachtes Sühnopfer zweier Ferkel und das Ehrenopfer einer weißen Kuh Ad aram immolavit porcilias piaculares duas luci coinquendi et operis faciundi, ibique vaccam honorariam albam ad foculum immotavit. Lucum coinquire ist i. q. collucare, sublucare arbores, opus facere ist den Gottesdienst verrichten, s. Marini p. 309. 339. Offenbar säuberte man den Hain, ehe man die heiligen Gebräuche in ihm vornahm, und brachte eben deshalb vorher das Sühnopfer, s. oben S. 371, 882 . 406, 992 . Die vacca honoraria bildet als honoris ergo dargebrachtes Opfer einen Gegensatz zu den porciliis piacularibus , s. Marini p. 310. Ohne Zweifel galt sie der Dea Dia als der lichten und wohlthätigen Ackergöttin. Die Eingeweide dieser Kuh wurden auf einem Altare in dem Circus niedergelegt. . Darauf versammelten sich alle Brüder in dem Tetrastylum, genossen von den Sühnferkeln und ihrem Blute und zogen darauf in Procession, mit verhülltem Kopfe und mit dem von Romulus verordneten Aehrenkranz mit weißer Binde geschmückt hinauf zum Haine, wo der Magister im Namen Aller ein fettes Lamm opferte, dessen Eingeweide der Zeichen wegen mit Fleiß beschaut wurden. Nach diesem Opfer spendeten Alle mit Weihrauch und Wein, kehrten darauf zum Tempel zurück und brachten dort eine Gabe in Töpfen dar, während der Magister und der Flamen ein andres Opfer vor dem Tempel auf grünem Rasen vollzogen. Es folgten noch andre Ceremonien, die nicht mehr verständlich sind; namentlich heißt es daß zwei Brüder mit einigen Dienern ausgegangen seien um »Früchte« zu holen, welche sämmtliche Brüder sich dann unter einander von Hand zu Hand zureichten, bis sie in die Hände der begleitenden Diener 428 zurückkehrten: eine neue Weihe der Feldfrüchte, wie es scheint, bei welcher vermuthlich ein heiliger Acker in der Nähe des Hains oder in demselben vorauszusetzen ist. Darauf begaben sich die Brüder wieder in den Tempel, sprachen ein Gebet über die Töpfe, öffneten die Thür und lagerten sich an dem Abhange, setzten sich darauf auf steinerne Bänke und ließen mit Lorbeer bekränzte Brode unter dem versammelten Volke austheilen, salbten die Bilder u. s. w., bis endlich der Tempel geschlossen und alle Diener aus demselben entfernt wurden. Nun begann ein Tanz (tripudium) um den Altar, bei welchem sich die Brüder aufgürteten und in drei Gruppen, wie es scheint, theilten, und der Gesang eines alterthümlichen Liedes, wozu der geschriebene Text unter den Brüdern vertheilt wurde, denn es kam hier wie immer ganz wesentlich auf die Worte an, auch wenn der Sinn nicht mehr verstanden wurde. Glücklicher Weise ist auch dieses Lied, ein an Mars und die Laren gerichtetes kurzes Gebet, urkundlich bewahrt worden. Der Text lautet in der alterthümlichen Sprache so: E nos Lases iuvate, Neve luerve Marmar sins incurrere in pleoris. Satur furere Mars limen sali, sta berber. Semunis alternei advocapit conctos. E nos Marmor iuvato. Triumpe, Triumpe. Der Sinn scheint in das gewöhnliche Latein übertragen dieser zu sein: Age nos Lares iuvate. Neve luem Mars sine incurrere in plures. Satur furere Mars limen sali, sta verbere. Semones alterni advocabite cunctos. Age nos Mars iuvato etc. E steht entweder wie in den Schwurformeln Ecastor, Equirine, Eccere, oder es ist mit nos zu verbinden, wie in eccum, ellum, ellam u. dgl. Luerve ist luervem d. i. luerem, luem. Sins scheint eine veraltete Imperativform zu sein für sine, vgl. Fest. p. 205 in Saliari carmine – prospices prospice – perfines perfringas. Pleoris sind plures, der Sinn wie οἱ πολλοί, plebs, das VoIk. Zu satur furere vgl. Horat. Od. 1, 2, 37 heu nimis longo satiate ludo . Ueber das Folgende s. oben S. 308 , sta verbere (das e ist am Schlusse weggefallen wie in advocapit) ist zu verstehen: Stehe still, halte Ruh mit deiner Geißel, vgl. Ovid Met. XIV, 821 conscendit equos Gradivus et ictu verberis increpuit . Advocapit ist das Futurum anstatt des Imperativs. Daß die Tanzenden in drei Gruppen vertheilt waren folgere ich aus der dreimaligen Wiederholung des Textes in der Urkunde. Außer den S. 39, 31 Citirten vgl. Mommsen R. G. 1, 204. . Zu Deutsch: Helfet uns ihr Laren. Laß keine Seuche über das Volk kommen Mars. Satt vom Rasen kehre heim in deinen Tempel und 429 höre auf zu geißeln deine Streitrosse. Rufet abwechselnd alle Semonen u. s. w. Also im Wesentlichen derselbe Inhalt wie sonst bei solchen Gebeten, nehmlich die Bitte um Segen und Schutz vor aller Beschädigung und um Frieden. Nach dieser Ceremonie schritten die Brüder zur Wahl des Magister und Flamen für das folgende Jahr, hielten darauf wieder ein gemeinschaftliches Mahl und begaben sich endlich in den Circus des Hains, wo einer der beigeordneten Knaben das Zeichen zu den Rennen gab, die nun mit Bigen, Quadrigen und sogenannten desultores erfolgten, unter dem Vorsitze von einem oder mehreren Brüdern, welche als Preise Palmen und silberne Kränze (wahrscheinlich Aehrenkränze) vertheilten. Dann kehrten die Brüder nach der Stadt, in das Haus des Magister zurück, wo sie nochmals zusammen speisen, wieder mit Räucherwerk und Wein opfern und darauf mit Kränzen, Salben und Sporteln beschenkt auseinandergehn. Der dritte und letzte Tag bildete in derselben Weise den Abschluß der ganzen Feier Immer heißt es von diesem Tage, daß die Brüder zusammenkommen ad consummandum sacrificium. So auch in der Ankündigung des Festes t. XXXII, 1, 18: XIII K. Iun. consummabitur domi. Vgl. Marini p. 198. 286. wie der erste den Eingang. Die Gebräuche waren genau dieselben wie am ersten Tage. Außer diesem feierlichen Dank- und Weihungsfeste für die Erstlinge der Flur gedenken dieselben Urkunden noch wiederholter Sühnungen im Haine der Dea Dia, zu denen verschiedene Vorfälle Anlaß geben. Bald muß ein vor Alter umgefallener oder vom Blitz beschädigter Baum aus dem Haine entfernt werden, bald ist etwas auf Stein einzugraben oder an den Gebäuden auszubessern, zu welchem Zwecke man ein Eisen in den Hain oder in den Tempel tragen mußte: was jedesmal ein piaculum zur Folge hatte, also einer besondern Sühnung bedurfte, welche dann gewöhnlich sowohl vor als nach jenem Geschäfte mit dem Opfer eines Schweins oder eines fetten Lammes vorgenommen wird. Ausnahmsweise war bei solchen Acten auch der Magister des Collegiums thätig, bei feierlichen Veranlassungen aber sämmtliche Brüder zugegen, z. B. als es nöthig geworden war einen Feigenbaum, der sich auf dem Giebel des Tempels der Dea Dia eingenistet hatte, gewaltsam zu entfernen, und als einige Bäume des Hains bei einern starken Gewitter vom Blitze getroffen waren, so daß sie neu gepflanzt und auch sonst im Haine 430 verschiedene Herstellungen vorgenommen werden mußten. Auch hier wird immer sowohl vor dem vorzunehmenden Geschäfte (operis inchoandi causa) als nach demselben (operis perfecti causa) geopfert; und zwar werden bei diesen Anlässen, da die Heiligthümer des Ortes in so außerordentlicher Weise betroffen waren, nicht allein größere Suovetaurilien als Sühnopfer, sondern auch nach diesen jedem einzelnen Gott des Ortes einzelne Opfer gebracht, daher bei diesen Gelegenheiten das ganze im Hain der Dea Dia vereinigte Göttersystem zur Sprache kommt Vgl. t. XXXII, 21 und t. XLIII. . Noch andre Feierlichkeiten wurden in Rom vorgenommen, besonders häufig auf dem Capitol, wo sich die Brüder an verschiedenen Stellen zu versammeln pflegen, doch kommen sie gelegentlich auch in der Regia zusammen, im kaiserlichen Palaste u. s. w. Die gewöhnlichen Veranlassungen zu solchen Zusammenkünften sind die Ankündigung des Festes der Dea Dia oder Berathungen über außerordentliche Vorfälle in ihrem Hain, oder auch die Wahl neuer Brüder, die Theilnahme des Collegiums an gewissen ludis votivis, oder endlich die außerordentlich häufigen Gelübde und Dankgebete für das Wohl, das Gedeihen und die Sicherheit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Auch bei solchen Gelegenheiten trat das Collegium immer sehr stattlich auf, namentlich war das herkömmliche Gelübde an die drei Capitolinischen Götter immer sehr feierlich. Ihnen wird immer geopfert, zuweilen auch der Salus Augusti, der Salus Populi Romani, der Providentia Deorum, der Concordia, Fecunditas, Felicitas u. s. w., dem Genius Imperatoris, der Iuno Imperatricis, wobei den männlichen Gottheiten gewöhnlich Ochsen, selten Stiere, den weiblichen immer Kühe geschlachtet werden. 6. Angerona. Rom hatte wie alle alten Städte seinen verborgnen Schutzgott, welcher ursprünglich als namen- und geschlechtsloser Genius gedacht wurde, daher man ihn mit der Zeit bald mit diesem bald mit jenem Gotte identificirte, männlichen und weiblichen, dem Jupiter, der Luna, der Angerona, der Ops Consivia, der Flora Macrob. S. III, 9, 4, Io Lyd. d. Mens. IV, 50. 51, vgl. oben S. 56, 57 . Als der S. 33, 21 erwähnte Q. Valerius Soranus als Volkstribun den Namen dieses Schutzgottes öffentlich auszusprechen wagte, wurde er mit dem Tode bestraft, Plin. H. N. III, 5, 9, 65, Serv. V. A. I, 277. . An die Angerona pflegte man bei solchen 431 Muthmaßungen vorzüglich deswegen zu denken, weil sie mit dem Finger auf dem Munde abgebildet wurde, also als eine geheimnißvolle und verschwiegene Göttin, denn diesen Sinn hatte eine solche Gebehrde Man pflegt deshalb gewisse kleine nackte Frauenbilder, die als Amulete gedient haben, und andre Bilder der Art voreilig Angerona zu nennen, s. O. Jahn Leipz. Berichte 1855 S. 47. 48. . Weiter wissen wir von ihr nur, daß sie auch unter dem Namen Diva schlechthin oder als Diva Angerona verehrt wurde und als solche namentlich am 21. December ein Opfer bekam, welches ihr von den Pontifices in der Curia Acculeia oder Occuleia, einem Heiligtliume der Volupia dargebracht wurde Varro l. l. VI, 23 Angeronalia ab Angerona, cui sacrificium fit in curia Acculeia et cuius feriae publicae is dies. Vgl. die Kalender z. 21. Dec, von denen das Maff. den Tag DIValia nennt, Verrius Flaccus aber zu den Fast. Praen. eine leider verstümmelte Anmerkung macht, welche vielleicht zu lesen ist: Feriae Diva(les) appell(antur) . . . . in ar(a curiae) Occul(eiae) . Mehr bei Macrob. I, 10, 7, vgl. Paul. p. 17 Angeronae Deae und die Glossae Labb. p. 12; welche die Angeronia für eine Göttin τῆς βουλῆς καὶ καιρῶν erklären. . Auch das Bild der Angerona stand auf dem Altare dieser Göttin eines vergnüglichen, behaglichen Wohlseins, denn so ist der Name Volupia zu verstehn Ennius Annal. 247 quocum multa volup ac gaudia clamque palamque . Daher die Volupia auch unter den Gottheiten puerilis aetatis angerufen wurde, neben der Venilia und Libentina. . Das Heiligthum dieser Göttin lag in derselben Gegend wo sich das Grab der Acca Larentia befand, und so fällt auch jenes Opfer der Angerona der Zeit nach einerseits mit dem des Saturnus und der Ops, andrerseits mit dem der Acca Larentia nahe zusammen: daher die Vermuthung nahe liegt daß sie eine der Ops, der Acca Larentia, der Dea Dia verwandte Göttin der römischen Stadtflur gewesen, welche eben deshalb auch als Schutzgöttin von Rom gedacht werden konnte. Die geheimnißvolle Gebehrde des Schweigens würde dann auf die verborgene Tiefe der Unterwelt deuten, das nahe Verhältniß zur Volupia auf ähnliche Weise zu erklären sein wie der buhlerische Character der Acca Larentia und der Flora. Den Namen Angerona deuten die Alten nach ihrer Weise sehr willkürlich, bald durch die Sorgen und Beängstigungen (angores), von denen man durch sie befreit werde, bald durch eine seuchenartige Bräune (angina), an welcher Menschen und Vieh gelitten, bis Angerona geholfen habe. Wahrscheinlich liegt derselbe Stamm zu Grunde 432 wie bei der marsischen Angitia und dem volskischen Iupiter Anxur, s. S. 238 . 362 . 7. Ceres, Liber, Libera. Wie diese drei Götter mit einheimisch italischen Namen benannt sind, so waren sie selbst ohne Zweifel altitalischen Ursprungs. Diese bestimmte Gruppe aber, wo Ceres der Demeter entspricht, Liber dem Dionysos, Libera der Persephone als κόρη Δήμητρος, ist griechischen Ursprungs und für die Geschichte des römischen Gottesdienstes um so wichtiger, da sie zu den ältesten griechischen Culten in Rom gehörte und sowohl auf die religiösen Ideen als auf die äußerliche Ausstattung des Gottesdienstes der Römer einen nicht geringen Einfluß ausgeübt zu haben scheint. Der Tempel lag beim Circus und heißt gewöhnlich Aedes Cereris, genauer Aedes Cereris Liberi Liberaeque. Gestiftet wurde er im vierzehnten Jahre der Republik, nachdem die Römer durch die Vertreibung der Tarquinier zuerst in den Krieg mit Porsenna, dann in den mit dem mächtigen Anhange der Tarquinier unter den Latinern verwickelt worden waren und in Folge davon u. a. eine Störung der ohnehin noch nicht geordneten Kornzufuhr entstand, welche bei den schlechten Erndten der letzten Jahre vollends bedenklich wurde. Man wendete sich in dieser Bedrängniß an die sibyllinischen Bücher, die nach ihrer Weise auf die griechischen Götter des Ackerbaus und alles regelmäßigen Ertrages der Erde hinwiesen, wie sie in dem griechischen Italien und in Sicilien allgemein verehrt wurden. Also gelobte der Dictator A. Postumius, der Sieger am l. Regillus im J. 258 d. St. (496 v. Chr.) jenen Tempel, welcher drei Jahre darauf von dem Consul Sp. Cassius, demselben der das Bündniß mit den Latinern schloß, eingeweiht wurde Dionys. VI, 17 und 94. Vgl. Tacit. Ann. II, 49, Becker Handb. 1, 471. . Kurz vorher war auf Veranlassung der Secession der Plebs mit dem Volkstribunate auch das Amt der plebejischen Aedilen gestiftet worden, welche im Interesse der Plebs speciell für die Kornzufuhr und den Kornmarkt zu sorgen hatten und dabei zugleich in einem sehr engen Verhältnisse zu diesem neu gestifteten Culte und Tempel der Ceres standen. Kurz darauf ward auf Veranlassung einer Hungersnoth nach Campanien und Sicilien geschickt, um von dort her eine 433 Kornzufuhr zu vermitteln: daher man aus diesen Thatsachen zusammengenommen folgern darf, daß gleichzeitig mit der Stiftung des griechischen Cultus der Ackergottheiten eine lebhaftere Verbindung mit den griechischen Nachbarn im Süden eingegangen und wohl auch selbst jene polizeiliche Sorge für den Kornmarkt zunächst nach ihrem Beispiele eingerichtet wurde. Der Cultus selbst war so sehr ein griechischer, daß die Priesterinnen der Ceres aus dem griechischen Italien, namentlich aus Neapel, der Colonie von Cumä, welches bei der ersten Einrichtung des Cultus höchst wahrscheinlich noch selbst thätig gewesen war, und aus Elea herbeigeholt wurden; auch die Sprache und Terminologie des Gottesdienstes blieb die griechische Cic. pro Balbo 24, 55 Sacra Cereris – summa maiores nostri religione confici ceremoniaque voluerunt: quae quum essent assumta de Graecia et per Graecas semper curata sunt sacerdotes et Graeca omnia nominata. (Vgl. S. 138, 210 ). Has sacerdotes video fere aut Neapolitanas aut Velienses fuisse, foederatarum sine dubio civitatum. Diesen Priesterinnen wurde immer vorher durch einen besondern Gemeindebeschluß die Civität gegeben, s. Cic. l. c. und Valer. Max. I, 1, 1. . Auch der über dem Eingange zum Circus am Abhange des Aventin gelegene Tempel der Ceres war nach seiner Architectur, Ausstattung und Decoration durchaus ein griechischer und von griechischen Künstlern ausgeführt, so daß er als das erste Beispiel griechischer Kunst in Rom, wo bis dahin die etruskische Kunst geherrscht hatte, Epoche machte Plin. H. N. XXXV, 12, 45 (S. 133, 203 ) vgl. Bröcker Unters. über die Glaubwürdigkeit der altröm. Gesch. S. 26. 35 ff., und über die Lage des Tempels Dionys. VI, 94 und Liv. XL, 2. . Selbst der griechische Ritus der Einweihung von Frauen wurde bei diesem Gottesdienste zugelassen, freilich mit Ausschließung alles heftigen Orgiasmus und der nächtlichen Feier Cic. de Leg. II, 9 vgl. ib. II, 15, 37 und Dionys. II, 19. . Was die Oberaufsicht der plebejischen Aedilen betrifft, welche der ihnen obliegenden Sorge für diesen Tempel der Ceres wahrscheinlich sogar den Namen aediles verdanken, so scheint diese sich auf das Praktische der cura annonae, die sie im Sinne der Ceres verwalten sollten, und auf die Cerealischen Spiele beschränkt zu haben. Als Aufseher über die annona hatten sie ihr amtliches Local in oder bei dem Tempel der Ceres Liv. III, 55, vgl Pün. II. N. XVIII, 3, 4, Non. Marc. p. 44 pandere, Becker Handb. d. R. Alterth. II, 2, 292 ff. , so daß sie von dort aus ihre Kornmarktspolizei ausübten und unter den Armen ihres Standes gelegentlich auch Korn- und Brodspenden vertheilten: daher Ceres und ihr Tempel bald zu Symbolen der plebejischen 434 Freiheiten überhaupt wurden und in solchen Fällen, wo gegen dieselben verstoßen wurde, ihren Antheil an der Buße zu bekommen pflegte Liv. II, 41, vgl. XXXIII, 25 und Plin. H. N. XXXIV, 4, 9. . Selbst als später, seit dem J. 389 d. St. (365 v. Chr.), neben den plebejischen Aedilen curulische gewählt wurden, blieb die Sorge für den Kornmarkt und für die Spiele der Ceres ein wesentliches Attribut dieses Amtes, daher wir nun beide, sowohl die plebejischen als die curulischen Aedilen, mit diesen Spielen beschäftigt sehen Liv. X, 23, vgl. Cic. in Verr. V, 14, 36. . Endlich übertrug Cäsar diese doppelte Aufgabe des Kornmarktes und der Cerealischen Spiele zwei neuen plebejischen Aedilen, welche zum Unterschiede von den übrigen Cerealische genannt wurden Becker – Marquardt Handb. II, 2, 327, 3, 248. Ein solcher Aedilis Cerealis des Cäsar war C. Memmius C. F., welcher sich auf Münzen der Memmia nennt, mit der Aufschrift MEMMIVS AED. CERIALIA PREIMVS FECIT und dem Bilde der Ceres. . Das alte Hauptfest dieser Götter fiel in den April, der wichtigste Tag der Spiele auf den 19. dieses Monats. Die Spiele hießen Cerialia oder ludi Cereales und wurden wie andre Spiele anfangs nur von Zeit zu Zeit und auf außerordentliche Veranlassung Liv. X, 23, XXX, 39. , später regelmäßig alle Jahre gegeben. Die Grundidee war die Stiftung des Ackerbaus, nach griechischer Weise mit dem Hintergrunde der Mythe vom Raube des Demeterkindes und seinem Wechsel zwischen Ober- und Unterwelt, in welcher Hinsicht sich die Römer mit dem südlichen Italien überhaupt die Traditionen Siciliens mit dem heiligen Mittelpunkte Enna aneigneten. So wurde in der Zeit der Gracchischen Unruhen auf den Rath der sibyllinischen Sprüche, die älteste Ceres zu versöhnen, eine eigne Gesandtschaft nach Enna geschickt, weil man den römischen Gottesdienst für ein Filial des dortigen Demeterdienstes hielt, und Cicero macht es dem Verres ganz besonders zum Verbrechen, daß er gegen die ehrwürdige Religion der Ceres in ihren heiligsten Stätten und Bildern zu Catana und Enna mit ruchloser Hand gefrevelt habe Cic. in Verr. V, 72, 187, vgl. Val. Max. I, 1, 1. . Daher auch die römischen Dichter den Raub der Proserpina gewöhnlich nach Anleitung der Legende von Enna erzählen, die eben dadurch immer mehr zur Herrschaft gelangte, namentlich Ovid F. IV, 392 ff., wo er auf Veranlassung der Cerealischen Spiele ausführlich von dieser Göttin und ihrem Cultus berichtet Vgl. Stat. Theb. XII, 270 ff., Sil. Ital. Pun. XIV, 239 ff., Claudian de raptu Proserpinae, und als letzten Nachklang der sicilianischen Legende die Erzählung bei Iul. Firmicus Mat. 7 p. 10 ed. Bursian. . Sie habe die Menschen in dem Anbau ihrer 435 edlen und veredelnden Frucht unterwiesen, in einer Zeit wo noch Alles einfach und friedlich gewesen sei, daher auch Ceres den Frieden und einfache Gaben liebe, wenn man sie mit reinem Gemüthe darbringe, etwas Opfermehl und Weihrauch und brennende Fackeln Nach Dionys. 1, 33 wäre der Gottesdienst der Ceres in Rom ohne Wein begangen worden. Vgl. aber Virg. Georg. I, 344 und dazu Servius. . Vor allem hüte man sich einen Stier zu schlachten, denn dieser ist heilig als Diener des Ackerbaus, den Ceres selbst jochen lehrte; wohl aber ist ihr das Opfer von Schweinen willkommen. Auf der fruchtbaren Insel Sicilien, der Kornkammer Italiens, ist ihre Heimath, am liebsten weilt sie in der ganz von Kornfeldern umgebenen Gegend von Enna. Bei einem Mahle, mit welchem Arethusa die Götter von Sicilien bewirthet, wird Proserpina, als sie mit ihren Gespielinnen auf der Frühlingsflur Blumen liest, von Pluton entführt. Ihr Geschrei dringt ach! zu spät zur Mutter, die nun ihr Kind mit rasendem Schmerze umherirrend sucht, zuerst in der Gegend von Enna, dann durch die ganze Insel, bis die Nacht hereinbricht. Da entzündet sie zwei Fichtenstämme an den Gluthen des Aetna zu leuchtenden Fackeln, schirrt die Drachen vor ihren Wagen und eilt über das Meer nach Korinth und Attika, wo sie sich zuerst wieder Ruhe gönnt und den Knaben Triptolemos, den Sohn des eleusinischen Keleos, unter allen Sterblichen zuerst mit ihrer Frucht und der Unterweisung ihres Anbaus begnadet. Dann eilt sie weiter nach Asien und über die ganze Welt bis zu den fernsten Völkern des Morgen- und Abendlandes, denn auch am Rhein, am Rhodanus und Po, auch am Tiber ist sie gewesen. Auch am Himmel hat sie gesucht und gefragt, bis endlich die Sterne sie an Sol weisen und dieser die Wahrheit sagt. Jupiter verspricht die Rückkehr unter der bekannten Bedingung, worauf endlich der Beschluß erfolgt daß das liebliche Kind die Hälfte jedes Jahres unter den Himmlischen und bei der Mutter, die andre Hälfte bei den Unterirdischen zubringen solle. Da kehrt die alte Lust und die alte Güte der Ceres zurück und sie flicht sich den Aehrenkranz in das blonde Haar und spendet so reiche Erndten, daß keine Tenne groß genug ist. So soll man sie feiern, als die versöhnte, die gütige Erndtegöttin, in einer Zeit wo die Aecker von neuem in dem hoffnungsvollen Grün prangen, mit dankbarer Freude und in der lichten Kleidung der Freude; denn 436 nur weiße Kleider ziemen der Ceres. daher an den Cerealien Alles weiß gekleidet war und namentlich die Priesterinnen und die Geweiheten der Ceres nur diese Farbe trugen Ovid F. IV, 619, V, 355, Tertull. de pallio 4 ob cultum omnia candidatum et ob notam vittae et privilegium galeri Cereri initiantur. Die vitta war nehmlich das priesterliche Abzeichen im Dienste der Ceres. Der galerus scheint hier nicht eine Kopfbedeckung wie beim fl. Dialis, sondern eine eigenthümliche Haartracht gewesen zu sein, vgl. Iuvenal S. VI, 50, Tertull. de test. an. 2, de cult. fem. II, 7. . Das ganze Fest dauerte nach den Kalendern der Augusteischen Zeit acht Tage lang, vom 12. bis 19. April. Es begann wie die römischen Spiele mit einer feierlichen Procession durch den Circus Ovid F. IV, 389, welche Worte schon auf die Cerealien zu beziehen sind. Vgl. Varro d. r. r. 1, 2, 11. , worauf die Spiele in demselben folgten, so daß sich die Megalesien vom 4. bis 10. April und diese Spiele der Ceres fast unmittelbar an einander anschlossen; wie diese Spiele sich auch darin glichen daß zur Feier des Wohlseins, das beide Göttinnen gebracht, die Bürger sich gegenseitig bewirtheten, die Patricier an den Megalesien, die Plebejer an den Cerealien Gellius N. A. XVIII, 2, 11. Bei solchen Mahlzeiten ging es üppig zu, daher Cereales coenae für ein reichliches, üppiges Mahl, Plaut. Menaechm. 1, 1, 25. . Die Aedilen scheinen als Oberaufseher der Spiele auch an dem einleitenden Opfer theilgenommen zu haben Tertull. d. idololatr. 10, wo von den verschiedenen Schulferien die Rede ist: Flaminicae et Aediles sacrificant, creatis schola honoratur feriis. Höchst wahrscheinlich bezieht sich dieses auf die Cerialien. Von einem Opfer der Ceres, bei welchem ein goldnes und ein silbernes Schwein gebraucht wurde, spricht Fest. p. 238 porcam. Auch auf dem Lande war der 19. April der herkömmliche Festtag, s. Or. n. 1495. , welches vermuthlich am 19. April dargebracht wurde, dem alten Hauptfesttage der Cerialien und dem volksthümlichsten Tage der ganzen Circusfeier. Dann füllte sich der Circus mit den dichtesten Schaaren, unter welche allerlei Geschenke und Eßwaaren geworfen wurden, namentlich Nüsse Fest. p. 177 Nuces mitti in Cerialibus . Auch bei Tacit. Ann. XV, 53 sind die Cerialien ein durch seine Heiterkeit ausgezeichnetes Fest; daher es ein nicht geringes Versehn war, als die Aedilen gelegentlich bei diesen Spielen anstatt der gewöhnlichen Rennen Gladiatoren auftreten ließen, Dio XLVII, 40. , welche Frucht auch in Italien ein altherkömmliches Symbol der üppigen Fruchtbarkeit war. Außer den Pferderennen gab es an diesem Tage eine sehr volksthümliche Fuchshetze durch den Circus, wobei den Füchsen brennende Fackeln an den Schwanz gebunden wurden: eine sinnbildliche Erinnerung an den Schaden, den die 437 Felder vom Kornbrande, den man den Rothfuchs (robigo) nannte, zu befürchten hatten und in dieser verhängnißvollen Jahreszeit auf mehr als eine Weise beschwur. Ovid hatte sich auf einer Reise in seine Heimath von einem Landmann zu Carseoli den Zusammenhang erzählen lassen (F. IV. 679 ff.). Ein sparsames, hartgewöhntes Paar habe in dieser Gegend ein kleines Gut besessen; der Mann bestellte das Feld, die Frau sorgte für Haus und Hof und war eine fleißige Spinnerin. Sie hatten einen Sohn, der zwölf Jahre alt war und ein muthwilliger Bursch. Dieser fängt einen Fuchs, welcher oft den Hühnerstall beschädigt hatte, wickelt ihn in Stroh und Heu, steckt dieses in Brand und läßt ihn so wieder los, worauf der Fuchs durch das Getreide laufend Alles in Brand steckt; daher ein Gesetz von Carseoli den Tod jedes gefangenen Fuchses forderte Ovid l. c. nam vivere captam nunc quoque lex volpem Carseolana vetat. Die Stelle ist verdorben und sehr verschieden emendirt, s. Merkels Ausgabe und Hertzbergs Rec. in der Zeitschr. f. A. W. 1846 n. 19 ff. . Deshalb würden die Füchse auch an den Cerialien dadurch bestraft, daß man ihnen einen Brand an den Schwanz hänge und sie dann durch den Circus hetze. Vielmehr liegt bei diesem Gebrauche und bei jenem Mährchen dasselbe Bild zu Grunde wie bei dem böotischen Mährchen vom Hunde des Kephalos, der den Teumessischen Fuchs verfolgt bis beide in Stein verwandelt werden Griech. Mythol. 2, 97. . Es ist die Zeit des Hundssterns, wo man den Kornbrand am meisten zu fürchten hatte; folgt in dieser Zeit der heiße Sonnenbrand zu schnell auf den Reif oder den Thau der kühlen Nächte, so rast jenes Uebel wie ein brennender Fuchs durch die Fruchtfelder. In der Nähe von Rom gab es einen eignen Hain der Robīgo oder des Robīgus ; unter diesem Namen, der von rōbus d. i. rufus abzuleiten ist, kannte man eine eigne Gottheit, deren Verehrung sehr alt war und bei welcher man sowohl die Ursache des Uebels als eine abwendende Hülfe gegen dasselbe suchte Gell. N. A. V, 12, Varro l. l. VII, 102, vgl. Plin. H. N. XVII, 44, 2, XVIII, 28, 68. Im Griechischen heißt der Kornbrand gleichfalls wegen der rothen Farbe ἐρυσίβη, daher Apollo ἐρυϑίβιος auf Rhodos, s. Strabo XIII p. 912. : daher man den Mars mit der Robigo und den Robigus mit der Flora zusammen verehrte Tertull. d. Spectac. 5, Varro r. r. 1, 1, 6, vgl. oben S. 302, 658 , 379, 909 . . Namentlich wurden am 25. April, also bald nach den Cerealien und kurz vor den Floralien, eigne Robigalia begangen, angeblich eine Stiftung des Numa, wo man zu diesen 438 Göttern um Schutz vor dem verheerenden Uebel flehte Plin. XVIII, 29, 69, vgl. Varro l. l. VI, 16, Paul. p. 267, Serv. V. Ge. I, 151, nach welchem die Bauern den Kornbrand calamitas nannten d. i. also eigentlich Halmschaden, Kal. Maff. Praenest. . Es war die Zeit wo der Hundsstern aufging, daher man an diesem Tage im Haine des Robigus, fünf Millien von Rom, auf dem Wege nach Nomentum, junge Hunde von rother Farbe als Sühnopfer darbrachte, wonach ein benachbartes Thor das Hundsthor genannt wurde Paul. p. 45 Catularia porta Romae dicta est, quia non longe ab ea ad placandum Caniculae sidus frugibus inimicum rufae canes immolabantur, ut fruges flavescentes ad maturitatem perducerentur. Vgl. Fest. p. 285 rutilae canes, Colum. X, 342. Auch bei Plin. XVIII, 3, 3 Ita est in commentariis pontificum: Augurio canario agendo dies constituantur priusquam frumenta vaginis exeant et antequam in vaginas perveniant ist an diese Feier zu denken. . Ovid erzählt wie ihm, als er einst an jenem Tage früh Morgens auf dem Wege von Nomentum nach Rom war, die Procession nach jenem Haine in weißen Festkleidern begegnet sei, voran der Flamen Quirinalis, um die Eingeweide eines Hundes und die eines Schaafes darzubringen. Er tritt hinzu und hört das Gebet des Flamen, in welchem er die große Macht der strengen Robigo pries und um Schonung der reifenden Saat bat, woran sich die gewöhnliche Fürbitte um Segen der Felder und um Frieden anschloß. Darauf wurde zuerst mit Weihrauch und Wein, dann mit den Eingeweiden der beiden Thiere geopfert. Zuletzt wurden auch hier, wie im Haine der Dea Dia, gewisse Spiele aufgeführt Verr. Flacc. z. Fast. Praen. ROB. Feriae Robigo via Claudia ad milliarium V, ne robigo frumentis noceat. Sacrificium et ludi cursoribus maioribus minoribusque fiunt. . Eine andre Feier der Ceres, diese vorzüglich die Frauen angehend, fiel in den August, bald nach dem Tage der Schlacht bei Cannä, welche am 2. Aug. des J. 538 d. St. (216 v. Chr.) verloren wurde und ganz Rom so mit Trauer erfüllte, daß die Feier der Ceres darüber unterblieb; daher die Trauer durch ein eignes Gesetz auf die Frist von dreißig Tagen beschränkt und darauf die Feier der Ceres nachgeholt wurde So werden sich die verschiedenen Berichte am ersten vereinigen lassen, s. Liv. XXII, 56 und XXXIV, 6, Val. Max. I, 1, 15, Plut. Fab. 18, Paul. p. 97 Graeca sacra festa Cereris ex Graecia translata, quae ob inventionem Proserpinae matronae colebant etc, wo irrig von einer Beschränkung der Trauer auf 100 Tage die Rede ist. Vgl. Fest. p. 154 Minuitur populo luctus – cum in casto Cereris est. . Es war ein Fest der Wiedervereinigung der Ceres und der Proserpina nach 439 griechischem Vorbilde, wobei die Frauen sich, wie es scheint, neun Nächte ihrer Männer enthalten mußten und dann in weißer Kleidung und geschmückt mit den Kränzen reifer Aehren die Erstlinge der Früchte darbrachten Ovid Met. X, 431 Festa piae Cereris celebrabant annua matres , vgl. Merkel O. F. p. CLXXX. Auch die sacra Cereris Matris b. Arnob. II, 73 gehören wohl hieher. . Wegen der vorgeschriebenen Enthaltsamkeit und des zu Grunde liegenden Mythus von der Trauer der Ceres über den Raub des Kindes galt sie in Rom für eine Widersacherin der Ehe Serv. V. A. III, 139, V. A. IV, 58 Alii dicunt, – Cererem propter raptum filiae nuptias execratam. – Et Romae cum Cereris sacra fiunt observatur ne quis patrem aut filiam nominet, quod fructus matrimonii per liberos constet , mit Beziehung auf die geraubte Libera , vgl. Cic. N. D. II, 24, 62 sed quod ex nobis natos liberos appellamus, id circo Cerere nati nominati sunt Liber et Libera, quod in Libera servant, in Libero non item. Immer liegt bei diesen Vorstellungen das Bild der Ceres deserta zu Grunde, wie sie b. Virg. Aen. II, 714 heißt, wozu der Int. Mai. bemerkt: perpetuum epitheton factum propter raptum Proserpinae . , obwohl Ceres sonst in Rom wie Tellus und die Thesmophoros bei den Griechen für eine Ehegöttin gehalten Serv. V. A. IV, 58, vgl. Paul. p. 87 facem in nuptiis in honorem Cereris praeferebant . Daß auch der Dienst der griechischen Thesmophoros in Italien verbreitet war, lehrt die Inschr. aus Pompeji b. Or. n. 2190, daß sie den Römern wohlbekannt war Cic. Verr. V, 72, 187. und selbst eine Hochzeit der Ceres oder des Orcus mit großer Feierlichkeit und unter Betheiligung der Pontifices begangen wurde Plaut. Aulul. II, 6, 5 auf Veranlassung einer Hochzeit wo der Wein fehlt: Cererine has facturi nuptias? Serv. V. Ge. I, 344 aliud est sacrificium aliud nuptias Cereris celebrare, in quibus revera vinum adhiberi nefas fuerat, quae Orci nuptiae dicebantur, quas praesentia sua Pontifices ingenti solemnitate celebrabant. Also eigentlich die Hochzeit des Pluton und der Persephone, wie sie in Griechenland im Sommer viel gefeiert wurde, s. Griech. Mythol. 1, 485, daher auch in Rom an dieselbe Jahreszeit zu denken sein wird. Man scheint sich die Ceres dabei als Gastgeberin gedacht zu haben. Auch das lectisternium Cereris b. Arnob. VII, 32 gehört vermuthlich in diesen Zusammenhang. : aus welcher Auffassung auch der Gebrauch zu erklären sein wird, daß bei leichtsinnigen Ehescheidungen der Mann die eine Hälfte seines Vermögens der geschiedenen Frau, die andre der Ceres überlassen und den unterirdischen Göttern ein Opfer darbringen mußte Plut. Rom. 22. Da Ehescheidungen vor 231 v. Chr. in Rom unerhört waren, so kann dieses Gesetz nicht wohl älter sein. . Endlich wurde seit dem J. 191 v. Chr., wieder auf Anstiften der sibyllinischen Bücher zuerst alle vier Jahre, dann jährlich am 4. October ein Fasten der Ceres (ieiunium Cereris) beobachtet Liv. XXXVI, 37, Kal. Amitern. z. 4. Octb. , welches 440 wenigstens der Zeit nach den griechischen Thesmophorien entsprach. Immer gehörte der Dienst der Ceres und ihr altes Heiligthum am Circus zu den angesehensten in Rom; nach Cicero war sie so einheimisch geworden, daß es den Anschein hatte als ob sie nicht anderswoher dahin gekommen, sondern von dort zu andern Völkern gegangen sei Cic. Verr. l. c. Wirklich war später durch ganz Italien der Name Ceres der vorherrschende, Demeter wird nur ausnahmsweise genannt, z. B. in der Inschrift aus Cumae b. Or. n. 1498, vgl. Mommsen I. N. ind. p. 459. Ueberall war diese Religion sehr angesehn und namentlich wurden die Priesterinnen der Ceres vielfach ausgezeichnet, s. die Inschriften aus dem südlichen Italien, Pompeji, Capua, Samnium b. Mommsen I. N. n. 375. 1083. 2206. 2207. 3563. 3572. 3573. 4535. 4743 und die aus Verona b. Or. n. 1494. Besondre Erwähnung verdient die Ceres Helvina oder Elvina in Aquinum, s. Iuvenal Sat. III, 319, Mommsen I. N. n. 4312. . Augustus baute den im J. 31 v. Chr. durch eine Feuersbrunst zerstörten Tempel von neuem auf, worauf er von Tiberius wieder eingeweiht wurde Tacit. Ann. 11, 49. Eine supplicatio der Ceres und Proserpina nach dem Neronischen Brande b. Tacit. A. XV, 44. . Der Kaiser Claudius machte sogar den Versuch, die eleusinischen Mysterien nach Rom zu übertragen. Neben der Ceres also wurden Liber und Libera verehrt d. h. im Sinne des griechischen Cultus Dionysos und Persephone, da diese Götter nach dem Vorbilde von Eleusis bei den Griechen überhaupt und so auch in Sicilien und Italien oft zusammengestellt wurden. Namentlich war Campanien das Land, über welches Ceres und Bacchus in gleicher Fülle ihre Gaben ausgeschüttet, oder wie sich die Alten in solchen Fällen eines gleichartigen Anspruchs auszudrücken pflegten, wo diese beiden Götter mit einander gekämpft hatten Plin. H. N. III, 5, 9, vgl. Sil. Ital. Pun. VII, 162 ff. ; und das Mährchen von der Einkehr des Bacchus bei guten Freunden, welche er dann den Weinbau lehrt, wurde sogar bis hinauf in das Gebiet des Falerner Weins erzählt, von wo sich der Gott weiter nach Spanien gewendet habe. Indessen kamen auch hier den griechischen Gottesdiensten ältere italische entgegen, wie dieses schon die einheimischen Namen beweisen, mit denen sich auf dem Lande auch die alten volksthümlichen Gebräuche und Feste der Weinlese in herkömmlicher Art und Lustbarkeit erhalten hatten. Liber oder wie man ihn insgemein nannte Liber Pater ist eigentlich der Befreier Der Stamm ist lib, in der älteren Sprache loeb, wohl zu unterscheiden von lŭbet, lĭbet, wovon Libentia, Libitina u. s. w. Paul. p. 121 Loebesum et loebertatem antiqui dicebant Liberum et libertatem. Ita Graeci λιυβὴν et λείβειν. Vgl. Serv. V. G. I, 7 Sabini– Liberum Loebasium (appellant). Dictum autem quia graece λοιβὴ dicitur res divina . Allerdings hängt wohl auch λείβειν, lībare mit diesem Stamm zusammen, nur nicht blos in dem Sinne der gottesdienstlichen Spende, sondern in dem allgemeineren des fließenden und strömenden Segens, des vegetativen Ueberflusses überhaupt, s. Augustin C. D. VII, 21 Liberi sacra, quem liquidis seminibus ac per hoc non solum liquoribus fructuum, quorum quodammodo primatum vinum tenet, verum etiam seminibus animalium praefecerunt. Hinsichtlich des Nebenbegriffs der Befreiung von Sorge und Mühe, der in Italien zur Hauptsache geworden, entspricht dem italischen Liber am meisten der griechische Λύσιος oder Λύαιος, wie denn auch Einige Liber von luo ableiten, s. Lobeck Aglaoph. p. 644. In der deutschen Mythologie entsprechen Fro und Frowa dem italischen Paare Liber und Libera, s. Grimm D. M. 191 ff., 1209. , der frohe Gott des Scherzes und der heitern 441 Ausgelassenheit, in demselben Sinne wie man in alter Zeit auch von der libertas, der Freiheit zu reden und diese zu personificiren und im Bilde zu denken pflegte, als eine schöne und reich geschmückte Frau, von welcher üppige Fülle und Kraft, reichlicher Segen der Felder und das dadurch bedingte Glück eines heitern und sorgenlosen Lebensgenusses ausgehe. Immer ist dieses die vom Liber und der Libera unzertrennliche Vorstellung, daher auch das Fest der Weinlese immer vorzugsweise von dieser Seite einer ungebundnen Freiheit in der Rede und im Genuß des neu gewonnenen Natursegens aufgefaßt wird Paul. p. 115 Liber repertor vini ideo sic appellatur, quod vino nimio usi omnia libere loquantur. p. 116 Naevius: Libera lingua loquemur ludis Liberalibus. Pomponius b. Ribbeck Com. lat. p. 211 cuiusvis leporis Liber diademam dedit . Auch die libera coena bei Petron. 26 wird so zu verstehen sein, vgl. Ael. Lampr. Heliog. 11 vere liberam vindemiam esse quam sic celebrarent . Dahingegen Seneca d. tranq. an. 15, 15 den Liber nicht ob licentiam linguae so benannt wissen will, sed quia liberat servitio curarum animum . , wie in der Vorstellung von dem Lande »wo Milch und Honig fließt« die des ungetrübten nationalen Glücks von selbst enthalten ist. Weiter sind Liber und Libera die Götter aller üppigen Production, daher zu ihnen nicht blos um Segen der Felder, sondern auch um Fruchtbarkeit von Menschen und Vieh gebetet wurde, und zwar schon in den alten pontificalen Gebetsurkunden, ein Beweis mehr daß wir es hier mit altitalischen Göttern zu thun haben. Daher das in diesem Kreise von Vorstellungen sowohl bei den Griechen als bei der Bevölkerung von Italien und bei vielen andern Völkern herkömmliche Symbol des Phallos oder wie man in Italien sagte des fascinum, welches zur Zeit der Weinlese auf dem Lande von 442 Ort zu Ort auf einem Wagen mit großer Lust und religiöser Feierlichkeit bis in die Stadt gefahren wurde Augustin l. c. nach Varro. . Ja in Lavinium, der alten Stadt der latinischen Penaten, war sogar ein ganzer Monat dem Liber heilig, durch dessen ganze Dauer die ungebundensten Späße erlaubt waren, bis jenes Symbol über den Markt geführt und im Tempel des Liber wieder zur Ruhe gebracht worden war. Auch pflegte das fascinum hier, als Symbol des von dem Gotte ausströmenden Segens zugleich ein Gegenzauber gegen jeden Schaden, der diesen Segen durch Neid, bösen Blick, Bezauberung u. s. w. treffen könnte, von der angesehensten Matrone des Ortes öffentlich bekränzt zu werden; wie denn dasselbe Symbol in gleichartiger Auffassung und mit gleichartiger Auszeichnung auch sonst bei den Alten, namentlich in der römischen und italischen Sitte etwas ganz Gewöhnliches war Vgl. die lehrreiche Abh. von O. Jahn über den Aberglauben des bösen Blicks bei den Alten, in den Berichten der K. Sächs. Ges. d. W. z. Leipzig 1855 S. 68 ff. und oben S. 205, 382 . . So werden auch die sogenannten fescennini versus, in denen sich die Lust der Weinlese mit derben Späßen Luft machte, am besten von diesem ländlichen Umzuge mit dem fascinum abgeleitet Horat. Ep. II, 1, 145 ff., Virg. Ge. II, 385, Liv. VII, 2. Die Ableitung von fascinum leuchtete auch den Alten ein, nur daß sie auch hier an eine everruncirende Wirkung dachten, Paul. p. 85. Die Stadt Fescennium in der Gegend von Falerii, von welcher auch Serv. V. A. VII, 695 die nuptialia carmina ableitet, hatte ihren Namen vermuthlich von einem besonders eifrigen Culte des fascinum bekommen, dessen Bild man als mächtigen Gegenzauber noch jetzt hin und wieder über den Thoren alter Städte in Italien angebracht findet. , daher dieselben Verse und dieselben Witze auch bei dem Hochzeitszuge gebräuchlich waren. Auch wissen wir daß dieses Symbol dem Liber Pater als einem Gotte der männlichen Erzeugung überhaupt heilig war und in seinen Tempeln als Anathem dargebracht wurde, während der Libera von den Frauen als einer Göttin des weiblichen Empfängnisses das entsprechende Symbol des weiblichen Geschlechts geweiht wurde, daher man die Libera gewöhnlich für identisch mit der Venus hielt Augustin C. D. VI, 9. Höchst wahrscheinlich ist auch das hin und wieder in Inschriften des südlichen Italiens erwähnte Priesterthum der Ceres und Venus auf Ceres und Libera zu beziehn, s. Mommsen I. N. n. 4227. 5434, vgl. n. 5006. . Genug mit diesen beiden Göttern wurden durch griechischen Einfluß der griechische Dionysos und die griechische Persephone dergestalt 443 identificirt, daß jener fortan im römischen und lateinischen Sprachgebrauche allgemein Liber und Liber Pater, diese entweder Libera oder vermöge einer in solchen Fällen zumal im höheren Alterthum gewöhnlichen Zustutzung des griechischen Wortes für das lateinische Verständniß Proserpina genannt wurde, für welches Wort man nachträglich auch eine etymologische Rechtfertigung fand August. C. D. IV, 8 vgl. VII, 20 Proserpinam – praefecerunt frumentis germinantibus – dictam a proserpendo. Arnob. III, 33 quod sata in lucem proserpant cognominatam esse Proserpinam . Ennius übertrug nach Varro l. l. V, 68 dieselbe Erklärung auf Proserpina als Mondgöttin, quod haec ut serpens modo in dexteram modo in sinistram partem late movetur , denn serpere und proserpere sei in der alten Sprache z. B. bei Plaut. Poen. V, 2, 74 proserpens bestia Dasselbe. Uebrigens ward Proserpina gewöhnlich als Gattin des Dis Pater, Libera als Tochter der Ceres gedacht, vgl. Cic. N. D. II, 26, 66. . So wurden also diese beiden griechischen Götter fortan in Rom und auf dem Lande neben einander und neben der Ceres und andern Gottheiten des ländlichen Segens verehrt, aber nur in dieser populären Bedeutung der segenspendenden Gaben, nicht in der mystischen des ekstatischen Gottesdienstes, wie er bei den Griechen, auch bei denen im südlichen Italien nothwendig zur Sache gehörte, aber in Rom durch die natürliche Nüchternheit der religiösen Gewöhnung, später auch durch das Staatsgesetz ausdrücklich ausgeschlossen blieb. Was speciell den Liber Pater betrifft, so wurde er als Behüter und Segenspender ländlicher Grundstücke auch wohl neben dem Silvanus oder nach griechischer Weise in der Umgebung von Panisken und Priapisken Mommsen I. N. n. 5009 Libero Gratilliano n. 5984 (Or. 1487) Sig. Lib. Patris et Silvani etc. unter einer Nische, in welcher die beiden Bilder standen. n. 4834 L. Octavius Charito operi faciundo praefuit et parietem supra arcus de suo fecit, signum Liberi et Priapisci posuit . Eben dahin gehört die versificirte Inschrift aus Lambaese in Numidien b. Henzen z. Or. n. 5716: Alfinio Fortunato | Visus dicere somnio | Leiber Pater bimatus (ein Versehn des Steinmetzen für bimater), | Iovis e fulmine natus | Basis hanc novationem | Genio domus sacrandam. | Votum deo dicavi | Praefectus ipse castris. | Ades ergo cum Panisco | Memor hoc munere nostro | Natis sospite matre. | Facias videre Romam | Dominis munere honore | Mactum coronatumque: wo Liber Pater eben der genius domus ist, dem Alf. Fort. in der Fremde Weib und Kind und seine eigne Rückkehr nach Rom anbefiehlt. , in den Städten dagegen häufig als Symbol der bürgerlichen Freiheit verehrt, daher man sein Bild, wie das seines Gesellen, des bekannten Silen Marsyas aus Kleinasien, nicht selten auf den Märkten fand, u. a. in Rom Serv. V. A. III, 20, IV, 58, Schol. Cruq. z. Hor. S. 1, 6, 120. Als einen Gott der üppigen Freiheit bekränzte ihn Livia, die Tochter Augusts, bei ihren nächtlichen Schwärmereien, s. Plin. XXI, 3, 6, Seneca d. Benef. VI, 32, Dio LV, 10. Das Bild dieses Marsyas sieht man auf den Münzen der g. Marcia und Vibia. . Die Hauptfeier des 444 Liber und der Libera blieb immer die Zeit der Weinlese, welche durch ganz Italien mit großer Lust und Ausgelassenheit begangen wurde und wie die Zeit der Erndte selbst in dem ernsten Rom die Geschäfte des Staates und der Gerichte regelmäßig unterbrach Sowohl für den Senat als für die Gerichte brachten der September und October Ferien, s. Sueton Octav. 35, Minuc. Fel. Octav. p. 10. Daß auch die Städter und die vornehme Welt an diesen oft sehr ausgelassenen Freuden eifrig theilnahm, sieht man aus Tacit. Ann XI, 31, Ael. Lampr. Heliog. 11, vgl. Iul. Capitol. Anton. P. 11, Gell. N. A. XX, 8. Für Campanien bestimmt das feriale Capuanum den 15. Octbr. zur Feier der Weinlese, und zwar soll dieses Fest am acherusischen See bei Cumä begangen werden. . Vornehme und geringe Leute pflegten sich den Freuden der Zeit zu überlassen und namentlich ging es auf dem Lande immer sehr lustig zu, indem theils jene älteren Gebräuche ihr Recht behielten, auch Oscillen an den Bäumen aufgehängt und allerlei Mummenschanz getrieben und dazu als herkömmliches Opfer des Liber Pater Böcke geschlachtet wurden Virg. Ge. II, 380 ff., wo der Dichter die italischen Gebrauche der Weinlese aus Griechenland, speciell aus Attika ableitet, wie denn nachmals auch auf dem Lande die beiderseitigen Gebräuche sich immer mehr ausgeglichen haben mögen. So bleibt es zweifelhaft, ob die oscilla bei dieser Gelegenheit altherkömmlich oder Nachahmung der attischen αἰώρα waren, vgl. Serv. Philarg. und Prob. z. Virgil l. c, Fest. p. 195 oscillum. Der ganzen ländlichen Feier gedenkt auch Tibull. II, 1, 55 ff, des Bocksopfers Varro r. r. 1, 2, 19 u. A. Varro liebte es auch in seinen Satiren auf die Genüsse und Feste des Bacchus anzuspielen, s. den Preis des Weins b. Non. Marc. p. 28 v. coagulum und ib. p. 59 Homines rusticos in vindemia incondita cantare, sarcinatrices in machinis . . Auch beim Keltern und der Weinbereitung weihte derselbe Glaube das Geschäft, indem namentlich alle Gefäße, die Kelter, der Most durch eigene Opfer und Spenden zum Dienste des Liber und der Libera geheiligt wurden Paul. p. 319 Sacrima (oben S. 407, 995 ), p. 349 Suffimenta dicebant quae faciebant ex faba milioque molito mulso sparso. Ea diis eo tempore dabantur, quo uvae calcatae prelo premebantur. Vgl. Colum. XII, 18, 4. . Andre Liberalien wurden in Rom am 17. März mitten in der Zeit der Salierumzüge gefeiert, ein städtisches Fest, daher auch der bürgerliche Character überwog. Die gewöhnliche Opfergabe waren die sogenannten liba d. h. Opferkuchen von far, Honig und Oel, wie sie auch sonst dem Liber dargebracht wurden, offenbar wegen des gleichen Klangs mit 445 seinem Namen. Durch die ganze Stadt wurde dieses Gebäck an jenem Tage von betagten Priesterinnen, die sich mit Epheu bekränzten, feilgeboten, indem sie einen kleinen Opferheerd zum Opfer für den Käufer gleich bei sich hatten Varro l. l. VI, 14, vgl. Kal. Maff. Farnes. z. 17. März und oben S. 320 . Ueber die ganze Feier Ovid F. III, 711 ff., vgl Serv. V. A. VII, 109, Varro l. l. VII, 44. ; um sich den Gebrauch zu erklären, behauptete man daß Liber die Libationen und den Honig und dessen richtigen Gebrauch erfunden und daher wohl gar seinen Namen bekommen habe. Ferner pflegte an diesem Feste den mannhaft gewordenen Jünglingen die sogenannte toga libera gegeben zu werden, wo also Liber wieder der Gott der Freiheit und des ungehinderten Lebensgenusses ist Ovid. vs. 777 Sive quod es Liber, vestis quoque libera per te sumitur et vitae liberioris iter. Vgl. Cic. ad Att. VI, 1, 12, IX, 9, 4. Die Jünglinge opferten auf dem Capitole, wo deshalb auch Liber sein Heiligthum hatte, Serv. V. Ecl. IV, 50, Kal. Farnes. LIBERalia LIBERO IN CApitolio, vgl. Tertull. de Idolol. 16, Appian B. C. IV, 30 u. A. Nach Tertull. Apol. 42 fanden auch öffentliche Schmäuse an den Liberalien statt, wenn hier nicht die Cerealien im April gemeint sind. Uebrigens pflegen die römischen Schriftsteller auch die griechischen Dionysien Liberalia zu nennen. . Eigne Spiele wurden an diesem Tage keineswegs aufgeführt, sondern es sind, wenn von ludi Liberales die Rede ist, die der Ceres im April zu verstehn, welche zugleich den engverbundnen beiden andern Göttern, dem Liber und der Libera galten Cic. Verr. II, 5, 14 ludos – Cereri Libero Liberaeque faciundos . Serv. V. Ge. I, 7 quia eis templa simul posita sunt et ludi simul eduntur . Vgl. Ovid F. III, 785. Ob diese Spiele später scenisch waren, wie die griechischen Dionysien, muß dahin gestellt bleiben, s. Ritschl Parerga Plaut. p. 287, Marquardt Handb. d. R. Alt. IV, 309. . Natürlich hat sich von allen diesen Festen das ländliche Fest der Weinlese am längsten erhalten. Noch in den letzten Zeiten des Heidenthums, ja als schon das Christenthum zur alleinigen Herrschaft gelangt war, ließ es sich der Landmann so wenig in Italien als in Griechenland nehmen, an diesen fröhlichen Tagen der alten Götter zu gedenken und die alten volksthümlichen Lustbarkeiten so gut es ging zu wiederholen. 8. Die Große Mutter vom Ida. Schon hatte die Aeneassage mit ihrer Heimath am Ida und in dem benachbarten Phrygien die Römer längere Zeit gewöhnt 446 diese Gegenden für ihre Verwandtschaft zu halten, als im zweiten punischen Kriege, der Zeit außerordentlicher Prüfungen und außerordentlicher Siege, die sibyllinischen Bücher, als wieder einmal bedenkliche Prodigien zu sühnen waren, auch den wichtigsten und alteinheimischen Gottesdienst jenes Ländergebiets nach Rom zu verpflanzen riethen (Liv. XXIX, 10 ff.). Man hatte in diesen Büchern den Spruch gefunden, wenn einmal ein ausländischer Feind in Italien eingefallen sein sollte, so würde dieser besiegt und vertrieben werden können, sobald die idäische Mutter von Pessinus nach Rom gebracht sein werde, ein Rath welcher um so mehr Sensation machte, da gleichzeitig aus Delphi ein Spruch der Pythia mit der Verheißung eines noch glänzenderen Sieges eingegangen war. Es war nehmlich die Zeit wo Hasdrubal bei Sena geschlagen worden war (207 v. Chr.) und alle Welt sich mit dem Anschlage eines Angriffs in Afrika beschäftigte, den P. Scipio eben damals, im dreizehnten Jahre des Krieges vorbereitete. In Asien hatte Rom zwar noch keinen Bundesgenossen, aber dafür an Attalus einen sehr ergebenen Freund, dessen eignes Interesse ihn eng mit Rom verband. Sein Reich erstreckte sich von Mysien bis nach Phrygien, wo er die celtischen Galater bezwungen und sich gegen die Seleuciden behauptet hatte; daher Pessinus und seine Heiligthümer, die alte Metropole des weit und breit berühmten Dienstes der Großen Mutter, für deren würdige Ausstattung Attalus nach langer Vernachlässigung gesorgt hatte Strabo XII p. 567. Auch unter der römischen Herrschaft blieb Pessinus sehr angesehn, s. Val. Max. I, 1, 1, vgl. C. I. Gr. n. 4039. , nur durch ihn zugänglich war. Also wurde im J. 205 eine stattliche Gesandtschaft an ihn geschickt, welche unterwegs in Delphi noch einmal eine günstige Auskunft und die Anweisung bekam, wenn sie die Göttin bis Rom gebracht hätte, sollte sie dafür sorgen daß »der beste Mann in Rom« ihr Wirth werde. Die Gesandten wurden in Pergamum sehr freundlich aufgenommen und von dem Könige selbst nach Pessinus geleitet, wo er ihnen wirklich den heiligen Stein, welcher bei den Eingebornen für die Große Mutter galt, aushändigte und mit sich nach Rom zu nehmen erlaubte. Es war, so beschreiben ihn spätere Schriftsteller, ein nicht großer Stein, den man ohne Beschwerde in der Hand tragen konnte, von dunkler Farbe und eckiger Oberfläche, der in Rom leicht zu sehen war, da er hier in seiner natürlichen Gestalt, doch in Silber gefaßt, das Gesicht des Idols 447 bildete Arnob. VII, 49, vgl. Prudent. Martyr. Rom. 206 nigellus lapis evehendus essedo muliebris oris clausus argento sedet. Herodian 1, 11 nennt ihn ein ἄγαλμα διοπετές. Vgl. auch Claudian d. rapt. Proserp. 1, 200 ff. Das alte Bild existirte noch zur Zeit des Theodosius, Zosim. V, 33. : also wahrscheinlich ein Meteorstein wie der angeblich von Kronos ausgespieene, von dem schon bei Hesiod die Rede ist. Kaum hatten die Römer dieses Heiligthum in ihrer Gewalt, so eilte einer der Gesandten voraus mit der glücklichen Botschaft und dem Auftrage jenen »besten Mann« ausfindig zu machen. Im nächsten Jahre, 204, demselben wo Scipio wirklich von Sicilien nach Afrika übersetzte, gelangte der Transport zur See bis Tarracina. P. Scipio mit dem Beinamen Nasica, ein Sohn des in Spanien gefallnen Cn. Scipio und Vetter des Scipio, auf welchen eben alle Augen gerichtet waren, ein junger Mann, der noch nicht einmal die Quästur bekleidet hatte, war inzwischen vom Senate für den besten Bürger erklärt worden. Also ging dieser mit allen Matronen der Göttin bis Ostia entgegen, nahm den Stein bei der äußern Rhede, da das Schiff bei dem damaligen Zustande der Tibermündung nicht weiter gelangen konnte, in Empfang und brachte ihn ans Ufer Inschriften erwähnen wiederholt eine Mater Deum Magna Portus Augusti et Traiani, welche wahrscheinlich eben so alt als die in Rom ist, s. meine Abh. über Ostia in den Leipz. Ber. 1849 S. 19 und den Sarcophag aus Ostia mit der Inschr. Sacerdos M. D. M. bei Gerhard Antike Bildw. t XXVIII, Bullet. Archeol. 1849 p. 101–103. , worauf ihn die ersten Matronen der Stadt, unter ihnen Claudia Quinta (deren bis dahin bedenklicher Ruf durch die Theilnahme an diesem Dienste für immer gereinigt wurde), in ihren Händen hinauf bis nach Rom trugen, eine nach der andern eintretend. Die ganze Stadt kam ihnen entgegen und in allen Straßen, durch welche der Zug ging, waren Räucherbecken vor die Thüren gesetzt, auf denen der Weihrauch dampfte; und überall betete man, daß die hehre Göttin die Stadt in Huld und Gnade betreten wolle. Und wirklich wurde so viel Glaube durch die Ereignisse gerechtfertigt Plin. H. X. XVIII, 3, 4, Arnob. VII, 49. : die Erde trug gleich in dem Jahre der Ankunft eine reichere Erndte als in den letzten zehn, und Hannibal mußte bald darauf (203) Italien räumen, worauf er im folgenden Jahre bei Zama geschlagen und der Krieg mit Philipp von Macedonien gleichfalls nach wenigen Jahren durch den Sieg bei Kynoskephalä beendigt wurde. So ist diese Ankunft der Großen Mutter vom Ida, wie sie gewöhnlich heißt (Magna Mater Idaea), gleichsam ein Markstein zwischen zwei 448 verschiednen Epochen, indem Rom und sein Gottesdienst sich von jetzt an immer mehr an das Ausland und den hellenisirten Osten verlor, wie dieser phrygische Gottesdienst mit seinem ausländischen Wesen und seinem abergläubischen Anhange schon selbst entschieden zu der Klasse asiatischer Religionen gehörte, die von nun an immer eifriger nach Rom drängten. In Rom erfreute er sich vorzüglich bei der Nobilität eines sehr ergebenen Anhangs, daher auch der Cultus gleich mit besonderm Pompe eingerichtet wurde. Zunächst gab es einen allgemeinen Festtag am 12. April, an welchem Tage der Stein auf das Palatium gelangte und dort vorläufig in dem Tempel der alten Palatinischen Victoria ( S. 357 ) untergebracht wurde. Von allen Seiten wurden fromme Gaben gespendet; auch wurden ein Lectisternium und Spiele veranstaltet, welche man nach dem Vorgange der Griechen und des Gottesdienstes in Pergamum Megalesien (von μεγάλη μήτηρ) nannte Varro l. l. VI, 15 Megalesia dicta a Graecis, quod ex libris Sibyllinis arcessita ab Attalo rege Pergama, ubi prope murum Megalesion templum eius deae, unde advecta Romam. Also wurde das Bild von Pessinus zuerst nach Pessinus gebracht und dort bis zur Abfahrt nach Rom in dem Megalesion deponirt. Andre schreiben Megalensia und ludi Megalenses. . Zugleich wurde noch in demselben Jahre 204 der Bau eines eignen Tempels in Angriff genommen (Liv. XXIX, 37) und zehn Jahre darauf die Einrichtung getroffen, daß die Megalesien auch durch scenische Spiele gefeiert werden sollten, welche eben damals durch Plautus, Ennius und andre Dichter alle Gebildeten immer mehr anzogen. Die curulischen Aedilen, welche diese Spiele veranstalteten, waren dieselben welche bei den Römischen Spielen im September desselben Jahres dem Senate zuerst, und zwar auf Veranlassung des Scipio, des Siegers über Hannibal, abgesonderte Plätze anwiesen: ein Ereigniß welches in der Geschichte der römischen Stände Epoche machte und von weniger genauen Schriftstellern auf die Megalesien übertragen wird Liv. XXXIV, 54, vgl. Val. Max. II, 4, 3, Cic. de Harusp. resp. 12, 24. . Endlich im J. 191 erfolgte die Einweihung des Tempels, natürlich wieder mit Spielen, auch mit scenischen, bei denen unter andern Stücken der Pseudolus des Plautus zur Aufführung kam Liv. XXXVI, 36, Madvig Opusc. Acad. p. 102 sq., Ritschl Parerga Plaut. 293 ff., vgl. Friedländer bei Marquardt Handb. d. R. Alt. IV, 524 und über den Tempel Becker ib. 1, 421. . Der Tempel lag nicht weit von dem des Palatinischen Apollo und 449 wurde, wiederholt abgebrannt, wiederholt hergestellt, u. a. von Augustus. Dieses ist der einfachere Bericht des Livius; dahingegen die Erzählung bei späteren Schriftstellern, namentlich bei Ovid F. IV, 247 schon ganz in dem Character der Legende auftritt. Die Göttermutter erscheint hier als eine dem Aeneas und durch ihn der römischen Nobilität sehr nahe stehende Göttin, welche beinahe schon mit dem Aeneas nach Rom gekommen wäre; da es aber damals noch nicht an der Zeit war, hat sie ihm wenigstens von ihren heiligen Fichten zum Bau seiner Schiffe überlassen und dieselben dadurch vor jedem Unfall gesichert (Virg. Aen. IX, 80 ff.). Hernach als die Römer kommen um »die Mutter« zu holen, weigert sich zwar Attalus das Bild herzugeben, aber die Erde erbebt und aus dem Heiligthum ertönt eine Stimme, die Göttin selbst habe es so gefügt und Rom sei würdig alle Götter in seinen Mauern zu versammeln. Also wird wieder ein Schiff aus den heiligen Fichten gezimmert, diesmal um die große Göttin selbst »nach Rom« zu tragen. Als dieses Schiff bei Ostia anlangt, eilt alles Volk, die Ritter, der Senat ihm entgegen, auch die Frauen und Jungfrauen, unter ihnen die Vestalinnen. Man beginnt das Schiff stromaufwärts zu ziehn; da bleibt es in der Mündung stecken und keine Gewalt vermag es von der Stelle zu bringen. Nun tritt Claudia Quinta hervor, so schön als adlig, doch war sie wegen der zierlichen Wahl ihres Anzugs und ihrer freien Zunge ins Gerede der Leute gekommen. Sie betet vor allem Volk daß die Göttin ihr folgen möge, so wahr sie keusches Sinnes sei, und zieht dann mit leichtem Ruck das Schiff von der Stelle: ein oft beschriebener Vorfall, welcher mit der Zeit sogar auf die Bühne kam und in Bildwerken verewigt wurde; ja die unheilige Claudia, ursprünglich eine vornehme Dame von üblem Ruf, ist darüber zur Vestalin und gar zu einer Heiligen geworden, zu welcher die Schiffer um Schutz für ihre von der Tibermündung bis zur Stadt durch mehr als eine Gefahr bedrohten Schiffe beteten Cic. pro Coelio 14, 34, Sueton Tib. 2, Val. Max. I, 8, 11, welcher von einer Statue der Claudia in der Vorhalle des T. der Großen Mutter erzählt, die zweimal beim Brande verschont geblieben, vgl. Tacit. Ann. IV, 64, Sil. Ital. Pun. XVII, 1–47, Herodian 1, 11, Macrob. II, 5, 4, Iulian in Matr. Deor. Or. V p. 159 Spanh., wo Claudia das Schiff an ihrem Gürtel zieht. Julian fügt hinzu daß der ganze Vorfall oft beschrieben sei, σωζόμενα δὲ καὶ ἐπὶ χαλκῶν εἰκόνων ἐν τῇ κρατίστῃ καὶ ϑεοφιλεῖ Ῥώμῃ. Noch vorhandne Bilder citirt Zoega Bassiril. 1 p. 89. 90, vgl. das bekannte Relief einer am Tiber unter dem Aventin, wo der Hafen für die Flußschiffahrt bis zur Stadt war, gefundnen Ara mit der Inschrift MATRI DEVM ET NAVISALVIAE etc. bei Wieseler Denkm. d. A. R. II t. LXIII, 816 und die gleichartige Inschrift b. Or. n. 1906 Navisalviae et Matri Deum , wo diese neben der M. D. verehrte Navisalvia nach der wahrscheinlichsten Erklärung eben diese im Munde des Volks zu einer Schutzpatronin der Tiberschiffahrt gewordne Claudia ist. . Mit lautem Jubel wird jenes geweihte Schiff dann weiter 450 gebracht bis zur Tiberkrümmung Ovid vs. 329 Fluminis ad flexum veniunt, Tiberina priores Atria dixerunt, unde sinister ubit. , wo man Nachtruhe hält. Am andern Morgen wird geopfert und darauf das Schiff bekränzt und bis zu der Stelle gezogen, wo der Almo in den Tiber mündet. Da wäscht ein ehrwürdiger Priester die Göttin und ihre Heiligthümer mit dem Wasser des fortan zu ihrem Dienste geweihten Bachs, während ihre phrygischen Begleiter mit wildem Geheul und unter den grellen Tönen ihrer einheimischen Flöten sich den Rücken blutig geißeln. Wieder setzt sich der Zug in Bewegung, durch die p. Capena in die Stadt, Claudia voran, die Göttin folgt auf ihrem Wagen, der von allen Seiten mit Blumen überschüttet wird. Scipio Nasica empfängt sie nach dieser Erzählung erst in der Stadt. Der Cultus dieser Göttin wurde im Wesentlichen so eingerichtet, wie er sich in dem hellenistischen Zeitalter gestaltet hatte, nur daß man in Rom damals noch allen zu heftigen Fanatismus ausschloß und auch von der entsprechenden Mythologie in dem schwülstigen kleinasiatischen Geschmacke nichts wissen mochte. Den Gottesdienst besorgte ein Priester und eine Priesterin phrygischer Abkunft, welche mit ihrem Anhange, den verschnittenen Gallen Dieser Name ist nach Ovid F. IV, 363 und Herodian 1, 11 von einem Flusse Gallus in der Nähe von Pessinus abzuleiten, dessen Wasser eine aufregende Wirkung hatte. Daher das Zeitwort gallare i. q. bacchari Varro b. Non. Marc. p. 119. , jährlich einen Umzug durch die Stadt hielten, wobei sie nach herkömmlicher Weise »für die Mutter« sammelten (μητραγυρτοῦντες) und kleine Bilder an der Brust hängen hatten, während das Gefolge zur phrygischen Flöte allerlei heilige Lieder »von der Mutter« (τὰ μητρῷα μέλη) sangen und dazu weidlich ihre Handpauken erschallen ließen. Den eingebornen Römern war jede Theilnahme an solchen Aufzügen mit der Flöte und in bunter Tracht und überhaupt an allem phrygischen Orgiasmus verboten; auch wurden alle heiligen Gesänge dieses Cultus nur in griechischer Sprache vorgetragen. Vollends die verschnittenen Bettelpriester blieben in Rom, wie früher in Athen, etwas 451 Verächtliches, obschon sie mit ihrem Aberglauben an wunderthätige Bilder, Amulets, Reliquien, Sühnungen und Heilungen unter der schon sehr gemischten Stadtbevölkerung bald Anhang fanden Cic. de Leg. II, 16, 40 Stipem (ἀγερμὸν) sustulimus nisi eam, quam ad paucos dies propriam Idaeae Matris excepimus. Implet enim superstitione animos et exhaurit domus. Vgl. Dionys. II, 19 u. Serv. V. Ge. II, 394 Hymni Matris Deum ubique propriam i. e. graecam linguam requirunt. Ein eigenthümliches Opfer der M. D. war das s. g. moretum, ein Gemisch von Milch und Kräutern, Ovid F. IV, 367 ff. . Dahingegen für die vornehmen Römer die Hauptsache bei diesem Gottesdienste die sogenannten mutitationes und die Megalesischen Spiele waren. Jene waren Gastereien, mit welchen sich die Nobiles zum Andenken an den Heimathswechsel der Göttin gegenseitig bewirtheten Verr. Flacc. F. Praen. z. 4. April, vgl. Ovid F. IV, 352. , wie die Plebejer dasselbe an den unmittelbar auf die Megalesien folgenden Cerealien zu thun pflegten. Gleich in dem Jahre ihrer Ankunft in Rom hatten sich für diesen Zweck eigne Sodalitäten gebildet, deren Theilnehmer auf gemeinschaftliche Kosten schmausten, anfangs einfach, aber bald wurden diese Tafelfreuden zu Ehren der Göttermutter so luxuriös, daß »die Häupter des Staats« sich nach einem Senatsbeschlusse vom J. 161 v. Chr. durch einen eignen Eid vor den Consuln verpflichten mußten, in dem Aufwande für diese Mahlzeiten nicht über ein gewisses Maaß hinauszugehn Cato b. Cic. d. Senect. 13, 45, vgl. Gellius N. A. II, 24, 2; XVIII, 2, 11. Die Dichter der Volkskomödie benutzten diese Schmäuse zu lustigen Genrebildern, s. Com. latin. reliq. ed Ribbeck p. 138. 163. . Die Spiele, über welche der Prätor die Aufsicht führte Dionys. a. a. O., Martial. X, 41, 4. , waren nach wie vor theils scenische theils circensische und wurden nach den Kalendern vom 4. bis 10. April gefeiert, als die ersten im neuen Jahre mit um so lebhafterer Theilnahme. Am 10. feierte der Circus die Große Mutter, welche deshalb auch unter den Circensischen Gottheiten die hervorragende Stelle einnahm, welche ihr nach den herkömmlichen Genealogieen der Götterwelt vor allen übrigen Göttern zukam Tertull. de Spectac. 8. Die Bilder vom Circus zeigen sie auf einem Löwen sitzend in der Nahe des Obelisken. Sonst pflegte sie in Rom wie bei den Griechen auf einem von zwei Löwen gezogenen Wagen abgebildet zu werden, z. B. auf der M. der Familie Volteia. . 452 Siebenter Abschnitt. Unterwelt und Todtendienst. Die Vorstellungen von der Unterwelt scheinen wie bemerkt im alten Italien denen der ältesten Griechen sehr ähnlich gewesen zu sein. Die Erde ist zugleich der Schooß der Saaten und der Verstorbenen, daher der Glaube an Unsterblichkeit und der gesammte Todtendienst sich vorzüglich in diesem Kreise, bei den Griechen in dem der chthonischen Götter entwickelt hat. In Italien sind es Tellus, Terra Mater, Ceres, Dis Pater u. A., welche deren Stelle vertreten; namentlich erscheint die Erdgöttin unter verschiedenen Gestalten als Mater Larum d. h. als die Mutter aller guten Geister, darunter auch der Manen d. h. der durch den Tod Verklärten, welche sich bei ihr befinden. Die poetische Ausmalung und Ausführung der Unterwelt mit ihren Flüssen, ihren Strafen und Beseligungen, ist ganz die der griechischen Mythologie. Desto eigenthümlicher waren in Rom die verschiedenen Gebräuche und Feste der Todtenbestattung und der Allerseelenfeier. Sie wurden um so sorgfältiger beobachtet und gehören um so mehr in unsern Kreis, weil nach dem allgemein verbreiteten Glauben der Alten solche Beobachtungen nicht blos den Verstorbenen, sondern auch den unterirdischen Göttern galten, bei denen sich jene befinden: so daß der Zustand der Seelen bei diesen Göttern unter der Erde wesentlich davon abhängt, wie diese letzteren von den Angehörigen auf der Erde verehrt werden. 1. Die Unterwelt und ihre Götter. Auch hier glaubte man an männliche und weibliche Götter, von denen die männlichen, Orcus und Dis Pater, mehr als 453 vollziehende Mächte des Todes und Könige des unterirdischen Reiches erscheinen, die weiblichen dagegen, Lara, Larunda, Mater Larum, Mania u. s. w. als mütterliche Pflegerinnen. Dabei ist die populäre Vorstellung natürlich eine düstere, beängstigte, die Farbe dieser Götter die der dunklen Nacht, das ihnen Geheiligte an Laub und Thieren von gleicher Farbe und unfruchtbar Vgl. Paul. p. 93 furvum bovem , die Erklärung des Begriffs der arbores infelices bei Macrob. S. III, 20, 2 und oben S. 47 . Selbst die Bedeutung der Zeichen war bei diesen Göttern die umgekehrte, s. Sueton Otho 8 et victima Diti Patri litavit, quum tali sacrificio contraria exta potiora sint . , der Glaube an Geisterspuk und allerlei schreckliche Erscheinung hier am meisten ausgebildet. Indessen beweisen manche vereinzelte Reste alten Glaubens, z. B. die Gestalt der Acca Larentia und des Consus, auch die der Tellus und Ceres, sofern sie zugleich Acker- und Unterweltsgottheiten waren, daß auch hier die düstre Seite der Unterwelt keineswegs die einzige war, daß auch hier die Brust des Landmanns, wenn er seine Saaten bestellte, zugleich von banger Furcht und von tröstender Hoffnung bewegt wurde. Von den beiden männlichen Todesgöttern scheint Orcus den populären Glauben am meisten beschäftigt zu haben; wenigstens wird er bei Dichtern und populären Veranlassungen weit häufiger genannt als Dis Pater Vgl. die Orcini liberti d. h. solche, die durch das Testament ihres Herrn die Freiheit bekommen und die Orcini Senatores bei Suet. Octav. 35, auch die Orci nuptiae S. 439, 1100 , vgl. Cic. Verr. II, 4, 50, 111 ut Verres alter Orcus venisse Ennam et non Proserpinam asportasse, sed ipsam abripuisse Cererem videretur. So ist Orcus auch bei Plautus und in den Fragmenten der Komiker der gewöhnliche Name für den Todesgott. , auch schließen sich die verschiedenen bildlichen Anschauungen, die man mit dem Gedanken an den Tod und die Macht des Todes zu verbinden pflegte, gewöhnlich an seinen Namen an. Derselbe soll früher Uragus gelautet haben, daher Verrius Flaccus den Namen von urgere ableitete Fest. p. 202 Orcum quem dicimus ait Verrius ab antiquis dictum Uragum, quod et ū litterae sonum per ō efferebant et per ē litterae formam nihilominus g usurpabant. Die Form Uragus ist vielmehr nach der Analogie von Aesculapius, Hercules, Tecumesa, Alcumena als Dehnung zu erklären, durch ein eingeschobenes ā. , dagegen die neuere Etymologie bei Orcus gewöhnlich an das griechische ἕρκος in der Bedeutung eines Verschlusses denkt. Und allerdings dachte man sich auch in Rom das Reich des Todes wie einen solchen, und die berühmte »Pforte des 454 Todes« ist wie bei den Griechen und auf so vielen Kunstdenkmälern, so auch oft genug im Munde der römischen Dichter und Schriftsteller Plaut. Bacch. III, 1, 1 Pandite atque aperite propere ianuam hanc Orci . Lucret. III, 67 leti portae , V, 373 leti ianua . Laberius p. 249 Ribb. Tollat bona fide vos Orcus nudas in catonium , wo zu schreiben ist catomium d. i. ergastulum. . Indessen findet sich daneben die Vorstellung von einer Schatzkammer des Orcus, in die er wie ein Schnitter seine Erndte einheimst L. Attius p. 124 Ribb. Orci messis . Vgl. die Grabschrift des Naevius für sich selbst bei Gell. N. A. 1, 24 postquam est Orci traditus thesauro . Ennius Iphig. p. 124 Vahlen: Acherontem nunc obibo, ubi Mortis thesauri obiacent. , und es scheint wohl als ob diese Anschauung, wie sie dem Bilderkreise der agrarischen Götter und der ländlichen Bevölkerung näher lag, so auch die ältere gewesen sei. Auch wird Orcus gleich dem griechischen Aïdes durchweg als der persönliche Todesgott gedacht, bald unter sanfteren bald unter schrecklicheren Bildern. Bald erscheint er wie ein bewaffneter Streiter, der dem Sterbenden die tödtliche Wunde beigebracht hat oder ihn schnellen Laufes von hinten ereilt und lähmt Ennius Ann. 540 me gravis impetus Orci pertudit in latus . Horat. Od. III, 2, 14 Mors et fugacem persequitur virum nec parcit poplitibus. Petron. S. 62 erat autem miles fortis tanquam Orcus apoculanius (Pacuvianus?) . , bald wie einer der in der Stille seinen Umgang hält und zuletzt überall eintritt Horat. Od. I, 4, 13 pallida Mors aequo pulsat pede pauperum tabernas regumque turres . Ovid Her. 21, 46 Persephone nostras pulsat acerba fores . , dann wieder wie einer der dem Leichenzuge vorangeht Der Atellanendichter bei Suet. Ner. 39 Orcus vobis ducit pedes . Vgl. Plin. H. N. VII, 8 ritu naturae hominem capite gigni mos est, pedibus efferri. , oder wie ein nächtlicher Dämon mit seinen dunklen Fittigen dahinrauschend Horat. S. II, 1, 57 seu Mors atris circumvolat atris . Od. II, 17, 22 te Iovis impio tutela Saturno refulgens eripuit volucrisque Fati tardavit alas. Grat. Fal. Cyneg. 347 Stat Fatum supra totumque avidissimus Orcus pascitur et nigris orbem circumsonat alis. Vgl. Eurip. Alc. 262 πτερωτὸς Ἅιδας. , oder wie der allgemeine Beruhiger, der alle Menschen endlich zur Ruhe bringt, indem er sie in sein Reich der »Stillen« oder der »Schweigenden« einführt, wie man die Verstorbenen im populären Sprachgebrauche nicht selten nannte Fest. p. 257 Quie talis ab antiquis dicebatur Orcus . Vgl. taciti Manes bei Ovid F. V, 422 Animae silentum ib. vs. 483. Virg. Aen. VI, 264 Umbrae silentes . Lucan. III, 29 regesque silentum permisere sequi . Claudian in Rufin. 1 v. 125 ubi fertur Ulixes sanguine libato populum movisse silentem . . Mithin scheint Orcus für den eigentlichen 455 vollziehenden Gott des Todes gegolten zu haben, Dis Pater oder Ditis Pater Auch diese Form ist nicht selten, s. Muncker z. Hygin. XLI p. 735, Intpp. z. Petron. 120, Oehler z. Tertull. ad Nat. 1, 10 p. 331. dagegen für den Fürsten der Unterwelt im Sinne der griechischen Vorstellung, also auch für den Gemahl der Proserpina, die in den Grabschriften meist neben ihm genannt wird Vgl. die Inschriften bei Or. n. 1467 ff. Auch Plutoni et Proserpinae kommt vor, desgleichen Plutoni et Cereri bei Henzen z. Or. n. 5711. Vgl. Lucan. 1, 455 tacitas Erebi sedes Ditisque profundi pallida regna . ; ja bis in die Anfänge des Christenthums ziehen sich diese bald rührenden bald schreckenden Bilder der griechischen Unterwelt hinüber, so sehr hatte sich die gemeine Vorstellung in sie eingelebt Sehr merkwürdig sind in dieser Hinsicht die beiden Bilder aus den Katakomben in Rom bei Perret Catacombes de Rome Vol. I pl. LXXII. LXXIII. Auf dem einen ist die abreptio Vibies et descensio wie der Raub der Proserpina vorgestellt, auf dem andern das Urtheil über die verstorbene Vibia vor dem Throne des Dis Pater und der Abra Cura d. i. ἁβρὰ κούρα, welchem zur R. die Fata Divina stehen d. h. die drei Parcen, ganz verhüllte Gestalten, zur L. Vibia geführt von der Alcestis , der Heroine der Gattenliebe, und dem Mercurius Nuntius , welcher für sie zu dem thronenden Paare spricht. . Der Name Dis Pater wird gewöhnlich erklärt wie Dives, so daß er dem griechischen Πλούτων entsprechen würde Cic. N. D. II, 26, 66. Anders Varro l. l. V, 66. . Die Verstorbnen selbst heißen gewöhnlich Manes d. h. die Reinen, die Lichten, die Guten S. Paul. p. 122. 125, Fest. p. 146, Non. Marc. p. 66, Serv. V. A. II, 268, III, 63, oben S. 73 . Die Griechen übersetzen daher Manes durch χρηστοί. Ueber Dii Manes s. Cic. de Leg. II, 9, 22, Plin. H. N. VII, 55, 56, Fabretti Inscr. p. 79 und 86. . Sie werden gedacht als Geister d. h. des irdischen Leibes entkleidet und unsterblich wie die Götter, daher der sehr alte und auf den Grabinschriften so oft wiederholte Ausdruck Divi und Dii Manes. Der eigentliche Wohnsitz dieser Manen ist die tiefe Erde Plin. XXXIII, 1 imus in viscera terrae et in sede Manium opes quaerimus . Vgl. die Sammlung von allerlei Stellen und Ansichten über die Manen bei Serv. V. A. III, 63. , aus welcher sie nur zu gewissen Jahreszeiten und bei nächtlicher Weile hervorkommen, um auf der Erde, immer im sublunarischen Kreise umherzuschweifen. Nicht selten wird der Ausdruck Dii Manes auch für die Unterwelt und das Reich der Geister überhaupt gebraucht, deren »Mutter« d. h. die Erde deshalb unter andern Namen auch 456 den der Mania führte. Ja in dem Sprachgebrauche der Augurn hießen Manes überhaupt die Götter Paul. p. 156 Manes dii ab auguribus vocabantur, quod eos per omnia manare credebant, eosque deos superos atque inferos dicebant. Vielmehr sind auch hier Manes das Gegentheil von Immanes, die Lichten, die Reinen , vgl. den Cerus manus und manui i. e. boni im Liede der Salier bei Paul. p. 122, Fest. p. 146. Dagegen in der Inschr. bei Or. n. 1480 I. O. M. Dis Manibus pro salute u. s. w. der höchste Gott des Himmels und die Unterwelt gemeint sind. , wie die Grundbedeutung beider Wörter, Manes und Divi, in der That in dem Sinne der lichten Reinheit und der Güte übereinkommt. Sehr bezeichnend ist für das Weitere die Vorstellung von dem sogenannten mundus , wie er namentlich bei der Anlage von neuen Städten auf einem öffentlichen Platze ausgegraben wurde, angeblich nach etruskischem Ritus Varro l. l. V, 143 oppida condebant in Latio Etrusco ritu . Vgl. Fest. p. 285 Rituales libri und Plut. Rom. 10. . Es ist eine tiefe Grube in der Form eines umgekehrten Himmels, deren unterer Theil den Dis Manibus d. h. den Geistern der Verstorbenen und den Göttern der Unterwelt, dem Orcus, der Ceres, der Tellus u. s. w. heilig war und durch einen eignen Stein, den sogenannten lapis manalis, welcher für die Pforte der Unterwelt galt, verschlossen wurde Fest. p. 154 Mundus. – Quid ita dicatur sic refert Cato in commentariis iuris civilis: »Mundo nomen impositum est ab eo mundo qui supra nos est, forma enim eius est, ut ex his qui intravere cognoscere potui, adsimilis illi«. Eius inferiorem partem veluti consecratam Dis Manibus clausam omni tempore nisi his diebus – maiores censuerunt habendam etc. Paul. p. 128 Manalem lapidem putabant esse ostium Orci, per quod animae inferorum ad superos manarent, qui dicuntur Manes. Nach Fest. p. 142, 22 hieß er Cereris mundus, nach Macrob. I, 16, 17 war er dem Dis Pater und der Proserpina heilig und jener Verschluß die faux Plutonis. Vgl. den Dillestein der Deutschen Mythologie b. Grimm 766. . Bei der Anlage von Städten wurde zuerst diese Grube gegraben und die Erstlinge von allerlei Feldfrüchten, auch von jedem Anwesenden eine Handvoll heimathlicher Erde hineingeworfen Nach Ovid F. IV, 820 wurde die Grube mit Erde zugeschüttet und darüber ein Altar errichtet, auf welchem alsbald Feuer angemacht wurde, vermuthlich um die Superi nicht weniger als die Inferi zu ehren. Nach Plut. Rom. 10 befand sich der Mundus in Rom auf dem Comitium. Vgl. Io Lyd. de Mens. IV, 50. , offenbar um sich der Gunst dieser mächtigen Götter der Tiefe im Leben und im Tode zu versichern und sich auf diesem Boden ein für allemal festzusetzen. Dann wurden die Grenzen der Stadt wie im Kreise um diesen Mittelpunkt beschrieben d. h. mit einer ehernen Pflugschaar, vor welcher ein Stier und 457 eine Kuh, beide von weißer Farbe, die Kuh nach innen, der Stier nach außen gespannt wurden, der sogenannte primigenius sulcus gezogen, wobei die hinter dem Pfluge gehenden Personen Sorge trugen daß alle Schollen einwärts von der Furche zu liegen kamen. Diese so gezogene Ackerfurche ist das Pomoerium; wo ein Thor sein soll, wird die Pflugschaar ausgenommen und der Pflug aufgehoben, daher die ganze Stadtgrenze, auch die Mauer, für heilig galt, nur nicht die Oeffnung der Thore, durch welche so manches Unheilige und Unreine aus- und eingeht Daher über diesen das fascinum als Amulet. Vgl. Becker Handb. 1, 94 ff. Die Heiligkeit der Mauern bezeugt Cic. N. D. III, 40, 94 proque Urbis muris, quos vos Pontifices sanctos esse dicitis diligentiusque Urbem religione quam ipsis moenibus cingitis. Plut. Qu. Ro. 27 πᾶν τεῖχος ἀβέβηλον καὶ ἱερὸν νομίζουσι. . Mithin ist das ganze Geschäft wesentlich das eines Ackerbauers und die Göttin Erde, welche man dabei versöhnt, zugleich die Saaten emporsendende und die Todten bergende; daher auch die Tage, an denen der Mundus geöffnet wurde, nicht ohne Grund in die Zeit der Erndte und der neuen Aussaat fielen. Es geschah dieses nehmlich dreimal im Jahre, am 24. August d. h. in der Zeit der Erndte, da am 25. der Ops Consivia geopfert wurde, und am 5. October und 8. November. Natürlich wurden diese Tage, wo das Geisterreich offen stand, so daß die Schaaren der Schweigenden ungehindert aus- und einfahren konnten, für religiös gehalten: daher man sich an ihnen aller wichtigeren Geschäfte und Unternehmungen sowohl im Staate als in der Familie ängstlich enthielt, also keine Schlacht lieferte, kein Heer ausschrieb, nicht mit dem Heere ausrückte, keine Gemeindeversammlung hielt, nicht in die See stach, nicht sein Weib heimführte u. s. w. Fest. p. 142, 23 und 154, Paul. p. 156, Varro bei Macrob. S. I, 16, 16. . Die weiblichen Göttinnen der Unterwelt dürfen, obwohl sie unter verschiedenen Namen und Bildern vorkommen , doch sämmtlich für Personificationen der guten Mutter Erde gehalten werden. Namentlich gehört dahin die mit der Zeit zu einem Popanz der Volkskomödie gewordene Mania , deren ursprüngliche Bedeutung man daran erkennt, daß die Compitalien eigentlich ihr und den Laren gegolten haben und in ältester Zeit mit Menschenopfern gefeiert sein sollen, anstatt deren man später allerlei Puppen und Popanze vor den Thüren des Hauses aufhing, die 458 nun auch maniae oder maniolae genannt wurden Macrob. 1, 7, 14, wo u. a. idque aliquamdiu observatum ut pro familiarium sospitate pueri mactarentur Maniae Deae Matri Larum. Varro l. l. IX, 61 videmus enim Maniam Matrem Larum dici. Vgl. Arnob. III, 41. . Andre nannten Mania die Mutter oder Großmutter der Laren oder der Larven, welche letztere für ein böses Gespenst galt, mit welcher die Kindermädchen den Kindern drohten, denn gute Menschen, so glaubte man später, wurden zu Laren, böse aber zu bösartigen und in der Nacht rastlos umherschweifenden Larven und Manien d. h. Gespenstern Paul. p. 128, Fest. p. 129 Manias, vgl. Arnob. VI, 26, Martian. Cap. II, 162, Munck de fab. Atellan. p. 43 sqq. So wurden die Kinder bei uns mit der Frau Holle und Berhta bedroht, Grimm D. M. 481. . Andre wissen von dunklen und schwarzen, der Mania verwandten Göttinnen Martian. Cap. II, 164 In his etiam locis Submanes eorumque praestites Mana atque Manuana, dii etiam quos aquilos dicunt ( S. 47 ), item Fura Furinaque et Mater Mania. , welche Furinae oder Furrinae hießen und früher gleichfalls zu den angeseheneren Cultusgöttern gehört hatten, später aber meist verschollen waren. So gab es in Rom jenseits des Tiber gleich über der Holzbrücke einen Hain der Furina oder der Furinae, der in der Geschichte vom Tode des C. Gracchus genannt zu werden pflegt Appian B. C. 1, 26, Oros. V, 12, Plut. C. Gracch. 17, Aurel. Vict. de vir. ill. 65, vgl. Becker Handb. 1, 144. In einer Inschr. aus Rom b. Or. n. 2551, Mommsen I. N. 6892 wird eine ara Forinarum genannt. ; auch gab es einen eignen flamen Furinalis und noch später in den Kalendern einen eignen Tag der Furrinalia oder feriae Furrinae am 25. Juli. Doch wußten damals Wenige von diesen auch auf dem Lande hin und wieder verehrten Göttinnen, die Cicero mit den Furien vergleicht, deren Name allerdings mit demselben Stamme fus und fur zusammenhängt, also eigentlich die Dunklen, die Finstern bedeutete Varro l. l. V, 84; VI, 19. VII, 45, vgl. die Kal. Maff. Pinc. Allif. z. 25. Juli und Cic. ad Quint. fr. III, 2, 4 ab eo ponticulo qui est ad Furinae Satricum versus , N. D. III, 18, 46. Es ist derselbe Stamm, der in fur, fuscus, furvus u. a. zu Grunde liegt, s. Paul. p. 84. 93. : der grade Gegensatz zur Dea Dia d. h. der Lichten, welche aber gleichfalls die Laren und die Mutter der Laren in ihrer Umgebung hat, so dicht drängten sich in diesem Kreise der Erdgottheiten auch im alten Italien die Gegensätze des Lichten und des Finstern, des Holden und des Unholden, des Geheuren und des Ungeheuren. Die Diebe d. h. die im Dunkel Schleichenden (fures, auch laverniones genannt) verehrten in Rom eine eigne Schutzgöttin, die Laverna , welche an der Via Salaria gleichfalls einen eignen Hain hatte, ja es führte nach ihr 459 sogar ein Thor den Namen der p. Lavernalis Varro l. l. V, 163, Paul. p. 117 laverniones, vgl. Novius bei Non. Marc. p. 483, 20 und Horat. Ep. I, 16, 57 ff. und dazu der Comm. Cruq.: Laverna in via Salaria lucum habet. Est autem dea furum et simulacrum eius fures colunt et qui consilia sua volunt tacita, nam preces eius cum silentio exercentur. Auch Arnob. IV, 24 gedenkt ihrer. : höchst wahrscheinlich dieselbe Göttin in einer andern Gestalt, da der Name wohl mit dem der Laren und der Larven zusammenhängt, ihre Bedeutung aber als Göttin des Schweigens und der Verborgenheit genau dem Wesen der Dea Muta oder Tacita entspricht, welche ausdrücklich mit der Lara oder Larunda identificirt wird. Der Sabinerkönig T. Tatius soll die Römer diese Göttin verehren gelehrt haben Varro l. l. V, 74, Lactant. 1, 20, 35 Quis quum audiat Deam Mutam tenere risum queat? Hanc esse dicunt ex qua sint nati Lares et ipsam Laram nominant vel Larundam. Auson. Technop. de diis v. 9 Larunda progenitus Lar . Vgl. Ovid F. II, 581 ff. und Placid. gl. p. 478 Larundam quam quidam viam (aviam?) dicunt . ; als Mater Larum galt sie speciell für die Mutter des an allen Kreuzwegen verehrten Paars der Lares compitales; als »Stumme« und »Schweigende« wurde sie noch zur Zeit des Ovid von abergläubischen Frauen und Mädchen bei der Todtenfeier der Feralien angerufen. Natürlich heißt sie so in demselben Sinne wie die Manen taciti und silentes genannt wurden; doch suchte man ihren Namen später nach griechischer Weise durch eine Liebesgeschichte des Jupiter zu rechtfertigen. Sie sei eine Quellnymphe des römischen Tiberthals gewesen, eine Tochter des Almo, ihr ursprünglicher Name Lala Lala ist Lara vermöge der gewöhnlichen Vertauschung von l und r. Nach Plut. Numa 8 wurde Tacita (vgl. Ovid F. II, 570) als Muse d. h. als Nymphe im Hain der Camenen verehrt, in dessen Nahe sich auch der Almo befand. . Als Jupiter die Juturna liebte und ihr nachstellte, warnt Lala die schöne Nymphe, obgleich Jupiter und der eigne Vater es ihr verboten hatten; ja sie geht zur Juno um dort zu klatschen. Darum hat Jupiter ihr die Sprache genommen und sie durch Mercur zu den Manen führen lassen, da sei fortan ihre Stelle. Mercur aber gewann sie lieb und so ist sie von ihm die Mutter der Lares compitales geworden. Dahingegen andre Gestalten dieser alten Erd- und Manengöttin wieder recht deutlich ihr eigentliches Wesen ausdrücken, so namentlich die Genita Mana , welcher der auch den Laren heilige Hund geopfert wurde, mit einem Gebete worin man dieser Göttin den Wunsch ans Herz legte, daß Niemand aus der Familie »ein Guter« werden d. h. sterben möge Plut. Qu. Ro. 52, welcher dabei aus Aristoteles den merkwürdigen Passus einer Bundesurkunde zwischen den Arkadern und Lakedämoniern anführt: μηδὲν χρηστὸν ποιεῖν (in dem Sinne von ἀποκτιννύναι) βοηϑείας χάριν τοῖς λακωνίζουσι τῶν Τεγεατῶν. . Denn 460 offenbar ist »der Gute« hier zu verstehen wie manus, ein guter Geist, ein Seliger. Also eine Göttin über Leben und Tod, Geburt und Sterben, welche sehr an die Venus Libitina erinnert. Manches Eigenthümliche hatte auch in dieser Beziehung der Glaube der Etrusker, obwohl er sich nicht wesentlich von dem bisher geschilderten Glauben des alten Italiens unterschieden zu haben scheint. Auch hier muß, da jener Ritus der Städtegründung so bestimmt von den Etruskern abgeleitet wird, der Cultus der Erdgötter die allgemeine Wurzel der Vorstellungen von der Unterwelt gewesen sein. So scheint es auch zwei männliche Todesgötter gegeben zu haben, einen welcher dem römischen Dis Pater entsprach und bei den Etruskern Mantus hieß, welchem die Stadt Mantua und andre etruskische Städte geweiht waren Serv. V. A. X, 198 alii a Tarchone Tyrrheni fratre conditam dicunt, Mantuam autem ideo nominatam, quod Etrusca lingua Mantum Ditem Patrem appellant, cui etiam cum ceteris urbibus et hanc consecravit. Vgl. die Schol. Veron. p. 103 ed. Keil. , was also wieder auf den mundus und jene Gebräuche der Städtegründung zurückführt. Der andre entspricht als furchtbarer Todesgott dem lateinischen Orcus, nur daß dieser bei den Etruskern gewöhnlich mit dem griechischen Namen Charun genannt wurde, nachdem Χάρων in der Praxis des attischen Theaters aus dem bekannten Fuhrmann zu einer populären Schreckgestalt des Todes überhaupt geworden war Ambrosch de Charonte Etrusco, Vratisl. 1837. . Auch dieser in den etruskischen Gräbern und auf ihren Grabkisten sehr gewöhnliche Charun scheint indessen nicht blos ein Dämon des Todes, sondern auch des schaffenden Lebens gewesen zu sein So erscheint er ithyphallisch auf einer von Braun erwähnten Vase Annal. d. Inst. Arch. IX p. 272 und einer Bacchantin gegenüber gestellt auf einer Vase des Berliner Museums bei Ambrosch T. 1. , obwohl für gewöhnlich allerdings die Idee des furchtbaren Todesgottes überwiegt, des gewaltsamen, alle Bande des Blutes und der Liebe zerreißenden, keine Jugend, keine Schönheit schonenden, Alles gewaltsam niederschlagenden Todes, wie sich diesen die Phantasie des Volkes auch sonst am liebsten vorstellt. Es ist eine gräuliche, wilde Gestalt von halbthierischem Aussehn, immer mit einem gewaltigen Hammer bewaffnet, mit dem er seine Beute trifft, bisweilen auch noch mit einem Schwerdt. Bald sieht man ihn vor der Pforte der Unterwelt sitzen, bald aus derselben hervortreten, 461 oder er ist mit andern Genien des Todes beschäftigt liebende Paare, die sich zum letztenmal die Hände reichen, zu trennen. Auf andern Denkmälern führt er den Todten zur Unterwelt, wobei der Todte gewöhnlich beritten ist, auf andern sieht man ihn mit andern Dämonen des blutigen Todes mitten unter den Streitenden eines Schlachtfeldes oder einer Mordthat. Oder er ist einer der höllischen Plagegeister in der Unterwelt, wie die Phantasie der Etrusker überhaupt an solchen Bildern infernalischer Plage reich war, obwohl auch in Rom daran kein Mangel war Plaut. Capt. V, 4, 1 Vidi ego multa saepe picta quae Acherunti fierent cruciamenta. Lucret. III, 1014 carcer et horribilis de saxo iactu' deorsum, verbera, carnifices, robur, pix, lammina, taedae. Vgl. Cic. pr. Cluent. 61, 171, Tusc. 1, 6, N. D. II, 1, 5, Iuven. II, 149. . Ueberhaupt lehren uns die etruskischen Grabgemälde und die Sculpturen ihrer Todtenkisten außer dem Charun noch verschiedene andere Genien des Todes, männliche und weibliche kennen, bald in der Gestalt der griechischen Erinyen, bald in der geflügelter Schicksalsgottheiten, bald sind es lichte und schöne, bald finstre und häßliche Gestalten Versehiedene Bilder aus der etruskischen Unterwelt bei Gerhard Gotth. d. Etr. t. VI. Mehr bei G. Dennis die Städte und Begräbnißplätze der Etrusker S. 289. 490. 498 ff. . Der Todesgott mit dem Hammer pflegte später zu Rom unter den Masken und mimenartigen Zwischenspielen der blutigen Arena des Amphitheaters aufzutreten Tertull. ad Nat 1, 10 Risimus et meridiani ludi de deis lusum, quod Ditis Pater, Iovis frater, gladiatorum exsequias cum malleo deducit etc. . Sehr bedeutend war auch hier der Einfluß der griechischen Mythologie sowohl auf die Etrusker als auf die Römer. So ist der Acheron auch in Italien in solchem Umfange zu einem Symbole für alle Ahndungen und Schrecknisse der Unterwelt geworden, daß die Etrusker sogar ihre priesterliche Litteratur, so weit sie sich auf die Seelen der Verstorbnen und allen dahin gehörigen Gottesdienst und Zauber bezog, einen eignen Abschnitt der von dem Wunderknaben Tages inspirirten Aufzeichnungen, nach dem Acheron benannten S. die sacra Acherontia, quae Tages composuisse dicitur , b. Serv. V. A. VIII, 398 und die libri Acherontici b. Arnob. II, 62, vgl. O. Müller Etrusk. 2, 27. Auch in Rom und bei den römischen Dichtern, Ennius, Lucrez, den älteren Tragikern sind der Acheron und die Acherusia templa das gewöhnliche Bild für die Unterwelt, z. B. b. Ennius p. 102 Vahlen: Acherunsia templa alta Orci salvete infera, pallida leti, obnubila tenebris loca. . Ohne Zweifel hat auch hier außer 462 dem Epos vorzüglich der Gottesdienst von Cumae eingewirkt, dessen alter, durch die Sage vom Odysseus bekannte Todtendienst und das damit verbundne Todtenorakel am 1. Avernus durch ganz Italien berühmt war und trotz der Lichtungen, welche Agrippa in dem umgebenden Walde vorgenommen hatte Strabo V p. 244, vgl. Philolog. 1847 p. 485. Dabei passirten allerlei Zeichen und Wunder, s. Serv. u. Philargyr. z. Virg. Ge. II, 162. Unter den Mimen des Laberius gab es einen betitelt: Lacus Avernus und Necyomantia . Auch Lucrez beschäftigt sich mit diesen Ueberlieferungen VI, 740 ff., 762 ff., desgleichen Petronius c. 120. Noch das feriale Capuanum bemerkt z. 27. Juli: PROFECTIO AD IFER AVERNI, wo Mommsen liest inferias, ich möchte lieber lesen ad Inferos d. h. zu dem Heiligthume der Inferi am Avernus. Es ist der Rest eines alten Sommerfestes der Unterirdischen. , bis zu den letzten Zeiten des Heidenthums ausdauerte. Von den römischen Dichtern hatte zuerst Ennius zugleich von der Seelenwanderung und in der Weise Homers von den Verstorbnen und der Unterwelt gedichtet (Lucret. I, 115 ff.). Später hat Virgil seiner Aeneis nach dem Vorbilde älterer Nekyien und nach Anleitung des Cumanischen Todtendienstes jenes schöne und sinnige Gemählde einverleibt, welches sowohl wegen seiner Eigenthümlichkeit als wegen seines die spätere Vorstellung bis Dante beherrschenden Einflusses vorzüglich zu beachten ist. Aeneas ist in Cumae, um die dortige Sibylle, eine Dienerin des Apollo und der Artemis, welche in dieser Zeit allgemein mit der Hekate identificirt wurde, wegen seiner Zukunft zu befragen. Er bittet, da der Eingang in die Unterwelt in der Nähe sei, noch einmal seinen Vater sehn zu dürfen, und die Sibylle unterrichtet ihn willig wie er dahin gelangen könne. In dem Haine der stygischen Juno d. h. in der den Averner See umgebenden, der Proserpina geheiligten Waldung stehe tief verborgen ein Baum mit einem goldnen Zweige, der erst gebrochen sein will (ist er gebrochen, so treibt der Baum alsbald einen gleichen Zweig), ehe der Weg in das Reich der Schatten sich öffnet Auch Ovid Met. XIV, 113 ff. weiß von diesem Zweige. Serv. V. A. VI, 136 erinnert an einen Gebrauch im Haine der Diana von Aricia, welche später auch wie alle Dianen für identisch mit der Trivia und Hecate galt, doch will der Gebrauch sonst nicht passen. Da der Zweig später in der Unterwelt an der Schwelle der Proserpina niedergelegt wird, so dachte ihn Virgil sich als Bittzweig. Uebrigens scheint der weit verbreitete Glaube an die magische Kraft des Mistels zu Grunde zu liegen, s. Grimm D. M. 1156 ff. . Auch müsse Aeneas zuvor für die Bestattung seines jüngst verunglückten Gefährten Misenus sorgen. Als die Trojaner beschäftigt sind im nahen Walde das 463 Holz zum Scheiterhaufen zu fällen, kommen zwei Tauben geflogen, die Boten seiner Mutter Venus. Sie führen ihn durch den Wald bis an den Avernus, wo sie sich auf jenem Wunderbaume niederlassen. Aeneas bricht den Zweig und reicht ihn seiner Führerin, der Sibylle, worauf beide in einer finstern Höhle am See der Hekate und den Unterirdischen ein Opfer bringen, derselben Höhle aus welcher die für alle über den See hinfliegenden Vögel tödtlichen Dünste hervordrangen und welche nach dem Glauben des Volks für einen Eingang in die Unterwelt galt. Kaum ist das Opfer gebracht, es war gegen Sonnenuntergang, da dröhnt es in der Tiefe, rauscht es im Walde, heulen die Hunde, denn Hekate naht: worauf die Sibylle sich mit dem Zweige in die Höhle stürzt, Aeneas ihr nach mit gezücktem Schwerdte So wehrt UIysses bei Homer den Geistern mit gezücktem Schwerdte. Vgl. Petron. 62 gladium strinxi et – umbras occidi donec ad villam amicae meae pervenirem. . Zuerst führt sie der Weg wie durch einen dunklen Wald, durch den der Mond bei bewölktem Himmel ein unsichres Zwielicht wirft. Dann kommen sie an die Schwelle des Orcus, wo die Trauer und die Sorge wohnt, Krankheiten und Alter, Furcht und Hunger, Schlaf und Tod, auch der Krieg und die Zwietracht und die Furien haben dort ihre Kammern, und die Träume hocken auf einer uralten Ulme; auch lagern hier alle mythischen Ungethüme, Centauren und Scyllen, der schreckliche Briareus und die lernäische Schlange, die feuerspeiende Chimäre, die Gorgonen und Harpyien und Geryon mit seinen drei Leibern. Darauf gelangen sie an den Acheron, der in den Cocytus fließt, wo Charon mit seinem Nachen schaltet, schrecklich und gräulich anzusehn, mit dickem Barte und stechenden Glutaugen. Zu ihm strömen alle Schatten, wie wenn die Blätter des Waldes beim ersten Frost von den Bäumen fallen, oder wie sich die Zugvögel sammeln, wenn sie vor dem Winter in den wänneren Süden eilen. Alle bitten um die Ueberfahrt, doch können nur die hinüber und damit zur Ruhe gelangen, welche wie es die Religion verlangt bestattet und begraben sind. Die Armen, welchen dieser letzte Dienst nicht geworden: hundert Jahre schweben sie umher an dem Ufer, bis sie endlich zugelassen werden! Sobald die Charon beiden übergesetzt hat, treffen sie zunächst auf den Cerberus; dann begegnen ihnen die wimmernden Seelen der in der ersten Lebensknospe gestorbnen Kinder, darauf die durch ungerechten Spruch Verurtheilten, dann die Selbstmörder, die sich nun vergeblich in das 464 Leben zurücksehnen. Nicht weit davon dehnen sich die »traurigen Felder«, wo die in unglücklicher Liebe Verstorbnen auf heimlichen Pfaden unter Myrtengebüsch umherirren, immer noch den Pfeil der Liebe im Herzen. Endlich kommen sie an die Grenzen dieses Bezirks, wo die im Kriege gefallnen Helden weilen, die des thebanischen und des troischen Kriegs. Die Sibylle treibt zur Eile, denn schon meldet Aurora das kommende Licht des neuen Morgens. Da gelangen sie an den Scheideweg von Hölle und Elysium. Rechts liegt die alte Wohnung des Pluton und der Proserpina, bei denen die Seligen wohnen, links geht es hinab zur Hölle und zu dem tiefen Weltabgrunde des Tartarus. Einen Blick hinab wirft Aeneas und er sieht in der Tiefe eine mit dreifacher Mauer umgebene, von dem glühenden und kochenden Strom des Phlegethon umkreiste, am Thor von der Tisiphone bewachte Burg, aus welcher ewiges Heulen und schallendes Gerassel von Ketten und Geißeln hinauftönt. Die Sibylle weiß es von ihrer Herrin, daß Rhadamanthus dort gebietet. Der foltert die schuldigen Seelen so lange bis sie gestehen; dann werden sie eine Beute der Furien und es öffnen sich die Pforten der Hölle, aus welchen kein Entkommen möglich ist. Drinnen haust Scylla mit funfzig Schlünden; nach unten dehnt sich der Abgrund zweimal so tief wie der Himmel nach oben. Da wälzen sich auf dem tiefsten Grunde der ewigen Finsterniß die Titanen; auch die Aloiden büßen dort ihren Frevelmuth und der freche Salmoneus und die beiden Lapithen, Ixion und Peirithoos: mit ihnen die welche ihre Brüder gehaßt, ihren Vater geschlagen, gegen ihre Clienten falsch Zeugniß abgelegt haben, auch die Geizigen, welche nur für sich gesammelt haben, die im Ehebruch Gestorbnen und alle Verräther am Vaterlande und an der heiligen Treue. Schaudernd eilt Aeneas mit seiner Führerin weiter, einen schattigen Weg durch den Hain der Proserpina, bis sie an die Götterburg der Unterirdischen gelangen. Aeneas betritt die Schwelle, besprengt sie mit frischem Wasser, heftet den goldnen Zweig an den Thürpfosten und folgt der Sibylle weiter in die Gefilde der Seligen. Welche himmlische Schönheit und Anmuth empfängt sie dort, welch liebliches Grün, ein im reinsten Lichte strahlender Himmel, ewiger Sonnenschein und unvergänglicher Frühling. Einige üben ihre Glieder, Andre tanzen im Reigen, Orpheus, der thrakische Priester, spielt auf seiner Laute und singt die süßesten Lieder. Aeneas trifft dort die Heroen seines Stammes, den Ilus, Assaracus und Dardanus. Er bewundert das Geschirr der Helden, ihre Waffen, ihre Rosse: lauter Schattengebilde, aber 465 dieselbe Lust, die sie früher im Leben gewährten. Andre lagern im Grase und schmausen und singen den Päan im duftenden Lorbeerhaine, an der Quelle des silbernen Bachs, der so schön dureh den Wald rauscht: ein herrliches Land mit üppigen Thälern, schimmernden Strömen, duftenden Hainen, ragenden Bergen, die ihre Scheitel in eine ewig heitre Luft empor strecken. Hier weilen die welche fürs Vaterland gefallen sind, die reinen Priester und Sänger, die welche sich durch ihre Erfindungen, ihre Thaten um die Menschheit verdient gemacht haben. Sie sammeln sich um die Angekommenen, Musäus unter ihnen, eines Hauptes länger als alle übrigen Plato d. Rep. II p. 363 C. gedenkt eines Gedichtes über das Leben der Seligen, welches unter dem Namen des Musäos ging. Auf dasselbe deutet Virgil. . Dieser führt sie über eine Höhe in einen blühenden Thalgrund, wo Anchises den Schaaren der Seelen zusieht, welche vom Quell der Lethe trinken und dann von neuem auf die Oberwelt zurückkehren. Als Vater und Sohn sich am Entzücken des Wiedersehns gesättigt hatten, erklärt Anchises dem Sohne die Wiedergeburt der Seelen. Derselbe Weltgeist, welcher Himmel und Erde und die Gestirne und alle Materie beseelt, ist auch die Ursache des Lebens für Menschen und Vieh, Vögel und Fische. Ein feurige Kraft von himmlischem Ursprung, welche aber durch den Stoff des Leibes gedämpft und geschwächt wird: daher die Begierden, die Furcht, die Sorge, die Lust, das blinde Verlangen der verhafteten und verfinsterten Seele. Auch mit dem Tode löst sich dieses verhängnißvolle Band nicht völlig, sondern es ist eine dauernde Reinigung nach dem Tode nöthig, damit der eingewurzelte Schaden gehoben werde. Daher werden Einige für ihre Sünden gepeinigt, Andre durch scharfe Luft, jähen Sturz des Wassers oder durch Feuer gereinigt, worauf sie geläutert ins Elysium geschickt werden: bis der Geist seine volle Reinheit und Klarheit wiedergewonnen hat und nach dem Trunk der Lethe von neuem in das körperliche Leben zurückkehren kann. Noch zeigt Anchises dem Sohne die glorreiche Reihe der Aeneaden und Roms Zukunft bis August, und endlich kehren die Lebenden durch eins der beiden Thore des Traums wieder in das Leben zurück. Bei den späteren römischen Dichtern ist hier wie in allen Stücken der Einfluß Virgils wohl zu bemerken, aber mehr in der äußerlichen Einkleidung der Bilder als in dem tieferen Zuge der Ahndung und des Gemüths, welcher jene Dichtung beseelt. Auch 466 haben diese jüngern Dichter zu viel Lust an dem Gräßlichen und Abenteuerlichen; das mehr und mehr in finsterm Aberglauben erstarrende Heidenthum brachte es so mit sich Vgl. Lucan. Pharsal. VI, 662 ff. und 695 ff, Stat. Theb. IV, 472 ff, Silius Ital. Pun. XIII, 522 ff. . Merkwürdig ist bei Lucan und Statius die Hinweisung auf einen Obersten der Teufel, der im tiefsten Abgrunde des Tartarus hausend alle übrigen Mächte der Unterwelt beherrscht: wahrscheinlich ein Bild des Orients, wenigstens glauben die Ausleger darin den aus der Bibel bekannten Beelsebub zu erkennen Lucan. VI, 742 Paretis? an ille compellendus erit, quo numquam terra vocato non concussa tremit etc. Stat. Theb. IV, 514 ni te Thymbraee vererer et triplicis mundi summum, quem scire nefastum est. IIlum sed taceo etc. . 2. Die Devotion. Die furchtbare Seite der Unterwelt tritt am meisten in dem alterthümlichen Gebrauche der devotio hervor. Diese ist eine eigenthümliche Art von votum d. h. an die unterirdischen Götter gerichtet und ein Gelübde auf den Tod und gänzliches Verderben der Feinde, indem man durch gewisse Opfer und Ceremonien die Mächte der Unterwelt gegen diese zu erregen glaubte. In gewissen Fällen ist sie mit stellvertretender Selbstaufopferung verbunden, wenn nehmlich ein großes Unheil für eine Stadt, ein Heer, ein Land u. s. w. zu befürchten war und ein Bürger oder der Feldherr den grollenden Zorn der Götter dadurch auf sich lud, daß er sich den Unterirdischen für Alle preisgab. In Rom knüpfte sich eine solche Erinnerung an den 1. Curtius auf dem Forum, welcher seinen Namen nach Einigen von dem Sabiner Mettus Curtius bekommen hatte, welcher durch seinen Sturz in dieses Wasser den Sieg des T. Tatius entschieden habe, nach Andern von einem edlen Römer M. Curtius Liv. VII, 6, Dionys. II, 42, Dio Cass. fr. 30 p. 26 Bekk. . Ein gräßlicher, unergründlicher Schlund öffnet sich mitten auf dem Forum, der nicht ausgefüllt werden kann, es sei denn daß das römische Volk sein Bestes hinein werfe. Da stürzt sich M. Curtius, der beste Krieger seiner Zeit, in voller Waffenrüstung hinein, nachdem er sich vorher devovirt und dabei feierlich zu den Göttern der Ober- und der Unterwelt gefleht hatte. Hinter ihm schüttet das Volk fromme Gaben und Feldfrüchte in den Abgrund, der sich über dem 467 Helden schließt: eine Erzählung welche sehr an jenen Mundus auf dem Comitium ( S. 456 ) erinnert. Ein andrer Fall der Art ist die Devotion der Alten nach der Schlacht an der Allia ( S. 124 ), ein dritter und der bekannteste die Devotion der beiden Decier, des Vaters und des Sohnes, in den verhängnißvollen Kriegen mit den Latinern und Samnitern Liv. VIII, 6. 9. 10, X; 28. 29, Val. Max. 1, 7, 3. . Eine nächtliche Erscheinung sagt es den römischen Consuln, daß die Unterwelt, wenn sich einer der beiden Feldherrn devovire, das ganze Lager der Feinde dem Untergang preisgeben werde. Am andern Morgen kommt es zur Schlacht, der Flügel des Decius weicht, also ruft er den Pontifex herbei, um sich und die Schaaren der Feinde der Unterwelt weihen zu lassen. Der Pontifex heißt ihn die Prätexta anlegen (das Feierkleid aller sacralen Gelegenheiten), den Kopf verhüllen, die Hand unter der Toga ans Kinn legen, sich mit den Füßen auf einen Speer stellen, und so die Devotionsformel nachsprechen: »Janus, Jupiter, Vater Mars, Quirinus, Bellona, ihr Laren, Novensilen, Indigeten, ihr Götter die ihr über uns und über die Feinde Macht habt und alle guten Geister (Diique Manes), ich rufe euch, ehre euch, bete zu euch um Gunst und Gnade, daß ihr der römischen Quiritengemeinde Kraft und Sieg verleihen, die Feinde aber der römischen Quiritengemeinde mit Furcht, Schrecken und Tod schlagen wollt. Wie ich es mit Worten gesagt, so weihe ich für das gemeine Wesen der Quiriten, das Heer, die Legionen und Hülfsvölker der Quiritengemeinde die Legionen und Hülfsvölker der Feinde mit mir allen guten Geistern und der Erde (Diis Manibus Tellurique)«. Darauf gürtet er sich mit dem Gabinischen Gurt, springt in voller Rüstung aufs Pferd und jagt mitten hinein in die feindlichen Heerschaaren. Es war als ob ein wilder Geist des Schreckens vor ihm hergehe, als ob er die Feinde mit sich in die Unterwelt hinabziehe. Wie er sank, wie er stürzte, ergossen sie sich in wilder Flucht über das Blachfeld; man fand seinen Leichnam erst am folgenden Tage, so dicht waren die feindlichen Leichen und Speere über ihm aufgeschüttet. Livius setzt zur Erläuterung des Gebrauches hinzu, daß der Oberfeldherr, wenn er die Legionen der Feinde devovire, nicht immer sich selbst zu devoviren brauche, sondern daß auch jeder andre römische Bürger und Legionarsoldat seine Stelle vertreten könne. In dem Falle daß der Devovirte nicht selbst umkomme müsse ein wenigstens sieben Fuß hohes Bild von ihm in der Erde begraben und darüber ein blutiges Sühnopfer gebracht werden; wo 468 ein solches Bild begraben sei, dürfe kein römischer Magistrat seinen Fuß hinsetzen. Wenn ein Oberfeldherr sich devovire und nicht wie Decius wirklich den Tod leide, so könne derselbe ferner keine gottesdienstliche Handlung begehn, weder in seinem eignen noch in des Staates Namen. Bei der Devotion thue er gut seine Waffen dem Vulcan oder sonst einem Gotte zu weihen. Der Speer, auf welchem er bei der Devotionsformel gestanden, dürfe nicht in die Hände des Feindes kommen; geschehe es, so müsse Mars mit Suovetaurilien gesühnt werden. So sehr war auch hier das Ceremoniel ins Einzelne ausgebildet, ein sichrer Beweis daß solche Devotionen in dem ältern Italien bei dem blutigen Wechsel der Schlachten unter so vielen streitbaren Völkern nichts Seltenes waren. Auch liegt etwas Aehnliches in solchen Fällen zu Grunde, wo ganze Schaaren sich dem Tode weihen, wie bei einem Ausfall der Etrusker aus Fidenä, wo eine Schaar sich mit brennenden Fackeln und in wilder Begeisterung, wie Furien auf die Römer stürzt Liv. IV, 33. So sieht man auch die etruskischen Priester hin und wieder mit Schlangen und Fackeln, s. Dennis a. a. O. 1, 256. , desgleichen bei der oben S. 311 besprochenen Vereidigung ganzer Schaaren zum Kampfe auf Leben und Tod. Ja es pflegten auch belagerte Städte auf ähnliche Weise devovirt zu werden, nachdem ihre Götter zuvor evocirt worden waren, gleichfalls mit einem bestimmten Ritus, von welchem uns aber nur die Devotionsformel bekannt ist, welche sich der Evocationsformel unmittelbar anschloß und gleichfalls mit der Berufung sowohl der Mutter Erde als des Jupiter endete Macrob. III, 9, 9, wo aber auch die Formel überarbeitet ist. Er setzt hinzu: In Antiquitatibus autem haec oppida inveni devota: Stonios(?), Fregellas, Gabios, Veios, Fidenas, haec intra Italiam, praeterea Carthaginem et Corinthum, sed et multos exercitus oppidaque hostium Gallorum, Hispanorum, Afrorum, Maurorum aliarumque gentium, quas prisci loquuntur Annales. Vgl. Iul. Capitol. Max. et Balb. 8 und Flav. Vopisc. Aurelian. 21. . So wird auch die in den römischen Annalen wiederholt erwähnte Ceremonie der lebendigen Vergrabung eines Mannes und einer Frau von ausländischem Herkommen auf einer gewissen Stelle des Forum Boarium am besten als Devotion aufzufassen sein, indem aller Wahrscheinlichkeit nach dieses Paar, der Grieche und die Griechin, der Celte und die Celtin u. s. w. stellvertretend die ganze Nation bedeuten, also diese devovirt werden sollte Wenigstens muß man dieses nach der Art wie Plinius H. N. XXVIII, 2, 3 davon spricht voraussetzen: Boario vero in foro Graecum Graecamque defossos aut aliarum gentium cum quibus tum res esset etiam nostra aetas vidit etc., während andre Schriftsteller diese Opfer als Sühnungsopfer schildern, die auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher von Zeit zu Zeit wiederholt wurden, s. Becker Handb. d. R. A. 1, 485. . Ja 469 diese Art von Verfluchungen und Verzauberungen (devotiones und defixiones), wodurch man sich im öffentlichen und im privaten Leben seiner Feinde oder selbst der Angehörigen zu entledigen suchte, wurde mit der Zeit immer häufiger, vorzüglich unter den bösen Kaisern, einem Tiberius und einem Nero, wo der wildeste Aberglaube und die schmählichste Angeberei mit einander wetteiferten Tacit. Ann. II, 69, III, 13, IV, 52, XII, 65, XVI, 31. Vgl. Plin. H. N. XXVIII, 2, 4 defigi quidem diris precationibus nemo non metuit , die Inschriften b. Henzen z. Or. 6114 ff., 7408. 7409 und Marquardt Handb. IV, 134. . 3. Die Ludi Tarentini und Seculares. Bei andern Gelegenheiten erscheinen die Unterweltsgötter von der entgegengesetzten Seite einer heilenden und verjüngenden Kraft, wie die Mutter Erde, Consus und Saturnus zugleich segnende Götter sind und der Unterwelt angehören. So vorzüglich in den merkwürdigen Ueberlieferungen von einem alten Altare der Unterirdischen im Terentum, einer am Tiber gelegenen Strecke des Marsfeldes, an welchen sich später die Stiftung der Secularspiele anlehnte. Der Name Terentum oder Tarentum hängt wahrscheinlich mit dem sabinischen Worte terenum d. i. molle zusammen, so daß er ein weiches Uferland, eine Marsch bedeuten würde Macrob. S. III, 18, 13 Nux terentina dicitur quae ita mollis est ut vix attrectata frangatur. De qua in libro Favorini sic reperitur: Item quod quidam Tarentinas oves vet nuces dicunt, quae sunt terentinae a tereno, quod est Sabinorum lingua molle, unde Terentios quoque dictos putat Varro ad Libonem primo. Es ist das griechische τέρην, τέρεν, das gewöhnliche lateinische teres und tener. Andre Ableitungen b. Fest. p. 351. . In den Ueberlieferungen der Secularspiele wird immer hervorgehoben, daß dort einmal ein Feuer oder ein feuriger Dampf aus der Erde aufgestiegen sei, daher dieser Theil des Marsfeldes auch das feurige (campus ignifer) genannt wird Valer. Max. II, 4, 5, Zosim. II, 1–3, vgl. Becker Handb. 1, 628. . Man schrieb diese Wirkung den unterirdischen Göttern zu und stiftete ihnen deshalb einen Altar, welcher sich wie der des Consus in der tiefen Erde befand und nach der späteren 470 Legende schon in dem Kriege zwischen Rom und Alba Longa gestiftet worden wäre. In diesem sei den Römern ein in schwarzen Fellen gehüllter Mann von schrecklichem Ansehn erschienen, welcher vor der Schlacht ein Opfer für die Unterwelt gefordert habe; eine Ueberlieferung welche zugleich an den Gebrauch der Devotion und an den feuerspeienden Cacus, welcher wohl auch nur eine Erscheinung des Gottes der Unterwelt ist, so wie an den Orcus der romanischen Mährchen erinnert, in welchen jener alte Todesgott gleichfalls wie ein schwarzes, behaartes und riesiges Ungethüm geschildert wird Grimm D. M. 454, vgl. oben S. 47, 43 . . Damals also sollen die Römer jenen Altar gestiftet, denselben aber nach dem Opfer wieder zugeschüttet haben, bis er bei einer außerordentlichen Veranlassung, wo dieselben Götter der Tiefe sich als heilende zu erkennen gaben, von neuem aufgefunden wurde. Bei einer schweren Seuche, welche Rom und die Umgegend verheerte, erkrankten dem Valesius, einem reichen Bauer in der Gegend des sabinischen Fleckens Eretum am obern Tiber seine Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, dergestalt daß man an ihrem Leben verzweifelte. Der Vater geht an den Heerd um warmes Wasser für die Fiebernden zu holen, da fällt er in seiner Verzweiflung nieder vor den Laren des Hauses und bietet sein Leben für das der Kinder. Alsbald ertönt eine Stimme, die Kranken würden genesen, wenn er sie auf dem Tiber nach Tarent bringe und dort mit warmem Wasser vom Heerde des Dis Pater und der Proserpina erquicke. Valesius denkt an die Stadt Tarent, trägt die Kinder in einen Kahn und schifft stromabwärts, bis ihn die Nacht am Marsfelde zu landen nöthigt. Die Kleinen liegen wieder im Fieber und leiden Durst; da er im Schitfe kein Wasser wärmen kann, hört er von dem Schiffer daß in der Nähe ein Rauch aufsteige, an einem Orte den man Tarentum nenne. Er erkennt seinen Irrthum, schöpft Wasser aus dem Flusse, wärmt dieses an jener Stelle und bringt es den Kindern, welche darauf in einen tiefen Schlaf fallen und genesen. Als sie erwachen erzählen sie dem Vater, sie hätten im Traume gesehn wie ihnen ein unbekannter Gott mit einem Schwamm den Körper abgewaschen habe; derselbe habe gefordert daß bei dem Altare des Dis und der Proserpina, woher ihnen der heilende Trank gekommen sei, dunkle Opferthiere geopfert und nächtliche Lectisternien und Spiele gehalten werden sollten. Der Vater läßt nun auf jener Stelle nachgraben; da findet sich zwanzig Fuß tief unter der Erde jener Altar mit einer 471 Dedication an die Unterirdischen. Als Valesius das vernommen, opfert er die dunklen Opferthiere (furvas hostias) und feiert die Spiele und Lectisternien drei Nächte hinter einander, weil ihm drei Kinder durch jene Götter vom Tode errettet worden waren Vielmehr ist die Dreizahl der Kinder erst aus der Dreizahl der Nächte entstanden. Diese Zahl ist bei allen Sühnungen wie beim Todtendienste die heilige. . Es ist dieses die Familiensage der Valerier von dem Ursprunge der Secularspiele, deren Geschichte ein gelehrtes Mitglied dieser Familie, der Geschichtsschreiber Valerius Antias mit Eifer untersucht hatte. Valesius oder Valerius, der reiche sabinische Bauer, ist der Stammvater der römischen Valerii, deren Name Heil und Wohlsein bedeutete und wirklich der mythische Ausdruck alter gentiler Sacra der Heilgötter, in diesem Falle der unterirdischen, gewesen sein mag. In einem andern Berichte lautet die Erzählung noch wunderbarer. Ein Blitz schlägt die Bäume des Hains (der Laren) nieder, der vor dem Hofe steht. Das bedeutet den Tod der Kinder. Verzweifelnd fällt nun Valerius am Heerde nieder und verspricht seine Seele und die seiner Frau für die Kinder: da ertönt dieselbe Stimme aus dem zerstörten Haine. Immer ist die Hauptsache, daß er an jener Stelle im Marsfelde durch die unterirdischen Götter Genesung für seine Kinder gefunden und darauf den nächtlichen Gottesdienst derselben gestiftet habe. Er selbst, dieser Stammvater der Valerier, soll danach benannt worden sein Manius Valerius Terentinus, von den Manen, von der Heilung und nach dem Terentum. Also wahrscheinlich Gentilsacra, welche wie so manche andre mit der Zeit zu öffentlichen erhoben wurden: wobei es interessant ist zu beobachten wie die doppelte Beziehung dieses Gottesdienstes, die auf die Unterwelt und die auf Heilung und Verjüngung, sich auch in dieser neuen Gestalt behauptet hat und immer dieselbe geblieben ist. Leider ist nur die Ueberlieferung von den römischen Secularspielen eine sehr verworrene. Die Familienansprüche der Valerier und die künstlichen Berechnungen und Erdichtungen der Sibyllinischen Quindecimvirn, welche seit August, vermuthlich auch schon früher officiell mit diesen Spielen zu thun hatten und sie deshalb möglichst alt zu machen suchten, endlich verschiedene Methoden ein sogenanntes Seculum zu berechnen durchkreuzen sich hier dergestalt, daß es schwierig ist eine klare Uebersicht der Hauptsachen zu geben Vgl. Roth über die römischen Secularspiele im Rh. Mus. f. Philol. 1853 S. 370 ff. . 472 Was zunächst den Begriff eines Seculum betrifft, so ist derselbe in dieser Gestalt etwas Etruskisches und durch Vermittlung der etruskischen Haruspicin nach Rom gekommen. Zunächst bedeutet seculum dasselbe was Generation oder Zeitalter (αἰών), eine bestimmte Periode, innerhalb deren sich das Leben der Menschen oder der Staaten vollendet und abschließt Varro l. l. VI, 11, Censorin d. d. n. 17, Zosim. II, 1. O. Müller Etr. 2, 232 glaubt daß seculum und ἡλικία dasselbe Wort ist. Auf den iguvinischen Tafeln und oskischen Sprachdenkmälern bedeutet zicolom nicht seculum, sondern dies, s. Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachd. I, 107, II, 72. . Die Staaten durchleben viele Secula, der Mensch nur ein einziges, welches nach der Theorie der Etrusker für das Leben der Staaten zum Maaßstabe diente. Wer von den am Gründungstage einer Stadt Gebornen am längsten lebte, gab nach den etruskischen Ritualbüchern durch die Dauer seines Lebens bis zu seinem Todestage das Maaß des ersten Seculum, der von den an diesem Tage Gebornen am längsten Lebende das des zweiten u. s. f. Um aber solche Zeitabschnitte noch auffallender zu machen, werden von den Göttern vor dem Ablaufe jedes Seculums Zeichen geschickt, welche die Menschen auf eine neue Wendung der Dinge vorbereiten sollen: allerlei außerordentliche Naturerscheinungen, über welche in den Büchern der etruskischen Haruspices genaue Aufzeichnungen zu finden waren. Daher auch die Geschichtsbücher der Etrusker, welche nach Varro seit dem achten Seculum ihrer Nation geführt wurden, sowohl über die Zahl der ihrer Nation im Ganzen gegönnten Secula als über die Dauer, Wendepunkte und Zeichen der einzelnen Secula berichteten. Da stehe geschrieben daß die ersten vier Secula jedes 100 Jahre gedauert habe, das fünfte 123, das sechste 180, das siebente gleichfalls 180, das achte sei das laufende, das neunte und das zehnte seien noch zu erwarten und würden die letzten sein. Auch in Rom wurden ähnliche Zeichen beobachtet, z. B. im J. 666 d. St., 88 v. Chr., wo der Marsische Krieg zu Ende ging, der scharfe Klageton einer Trompete, welcher bei heiterm Himmel so laut ertönte, daß alle Menschen sich darüber entsetzten Auch Varro hatte davon erzählt, in einer eignen Schrift de seculis, s. Serv. V. A. VIII, 526, vgl. Suid. v. Σύλλας, Dio fr. 102 p. 91 Bekker. : worauf »die Weisen unter den Etruskern« sich in demselben Sinne, nur mehr im Geschmacke der Geistlichkeit vernehmen lassen. Ein andres Zeichen der Art schien dem etruskischen Aruspex Vulcatius der Stern zu sein, welcher 473 bei den Leichenspielen des Cäsar im J. 43 v. Chr. bei hellem Tage erschien und von Octavian für den Geist seines Adoptivvaters erklärt wurde. Jener Aruspex nannte ihn dagegen vor allem Volk einen Kometen, welcher den Ausgang des neunten und den Anfang des zehnten Seculums verkündige, mit dem Zusatze daß er selbst alsbald seinen Geist aufgeben werde, weil er gegen den Willen der Götter dieses Geheimniß verrathen habe. Und wirklich sank er noch vor dem Schluß seiner Rede entseelt zusammen Serv. V. Ecl. IX, 47. Die Berechnung der dem römischen Volke zugemessenen Dauer von 1200 Jahren bei Censorin 17, 15 ist dagegen ein Resultat römischer oder umbrischer Auguralwissenschaft, nicht etruskischer Haruspicin. . Daß es auch die sibyllinischen Bücher an solchen Weissagungen von einer periodischen Erneuerung der Dinge nicht fehlen ließen, beweist das merkwürdige Gedicht Virgils, die vierte Ecloga. Auch waren es diese Bücher, welche zu der Stiftung regelmäßig wiederkehrender Secularspiele die erste Veranlassung gaben, wie es scheint erst im Verlaufe des ersten punischen Krieges; denn alle früheren Secularspiele sind erst durch spätere chronologische Klügelei in die römischen Annalen gekommen. Und zwar scheint man sich dabei eben an jene gentilen Traditionen der Valerier angeschlossen zu haben: ein Beweis mehr, daß diese wirklich früher des Dienstes der Unterirdischen auf dem Terentum pflegten, bis im Laufe des ersten punischen Kriegs die ersten öffentlichen ludi Tarentini und hernach, je nachdem man das Seculum zu 100 oder zu 110 Jahren berechnete, denselben Göttern regelmäßige ludi Seculares veranstaltet wurden. So soll schon der erste Consul P. Valerius Poplicola jenen von dem Ahnherrn seines Geschlechts gestifteten Gottesdienst auf Veranlassung einer Pest wiederholt haben, nach Einigen im J. 245, nach Andern im J. 250 d. St., dann wieder ein Valerier im J. 298 d. St., wo M. Valerius und Sp. Verginius Consuln waren: daher nachmals Einige jene Spiele des ersten Consuls, Andre diese spätern für die ersten römischen Secularspiele gehalten wissen wollten Val. Max. II, 4, 6, Zosim. III, 3, vgl. Fest. p. 329, Censorin. 17, Plut. Popl. 21. . Eben so liegen über die zweiten ganz verschiedne Berichte vor, indem einige Referenten das J. 353 d. St. nennen, wo Rom wieder von Krankheit und Noth bedrängt gewesen sei und unter den Militärtribunen des Jahres wirklich wie 474 der ein Valerier genannt wird L. Valerius Potitus IV. Zosimus II, 4 nennt ihn irrig einen Consul. Nach Liv. V, 13 wurde um dieselbe Zeit das erste Lectisternium gehalten. , dahingegen Verrius Flaccus das J. 406 d. St., die Aufzeichnungen der Quindecimvirn, eine Hauptquelle dieser apokryphischen Nachrichten, dagegen das J. 408 genanntzu haben scheinen Fest. p. 329 in einer verstümmelten Stelle nannte ein Jahr wo Popillius Laenas Consul war, vermuthlich das J. 406, M. Pop. Laen. IV, M. Valerio Corvo Coss., die Commentarii XV vir. b. Censorin 17 (p. 47 ed. O. Jahn) das J. 408, M. Valerio Corvo II, C. Poetilio Coss. , immer solche Jahre wo ein Valerier Consul war. Die wirklichen ersten Secularspiele, gewöhnlich galten sie für die dritten, wurden nach den glaubwürdigsten Berichten im J. 505 d. St., nach den Aufzeichnungen der Quindecimvirn im J. 518 gehalten, auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher und als ludi Tarentini, aber mit dem Beschlusse (und erst dadurch wurden sie Secularspiele), daß sie fortan mit jedem neuen Seculo wiederholt werden sollten. Ohne Zweifel war es diesesmal noch der Glaube an Erneuerung der Zeiten und Abwendung einer schweren Gefahr, welcher den Anlaß zu der Wahl grade von diesen Spielen der Unterirdischen gab. Ist dieser Glaube mit der Zeit verloren gegangen, so war das die natürliche Folge der ganz mechanischen Berechnung des Seculums zu 100 oder 110 Jahren: denn so differirte nachmals die Rechnung, wovon eine neue Verwirrung der Zeiten und unter den Kaisern sogar eine lächerlich oft wiederholte Feier der Secularspiele die Folge war. Damals gab der ungünstige Verlauf des ersten punischen Kriegs und eine außerordentliche Sorge den Anstoß: nehmlich der Blitz hatte in die alte Servianische Mauer zwischen der p. Collina und Esquilina so heftig eingeschlagen, daß ein Theil derselben trotz ihrer außerordentlichen Festigkeit eingestürzt war. Die sibyllinischen Bücher versprachen Hülfe in der Noth, wenn man den unterirdischen Göttern, d. h. dem Dis und der Proserpina im Marsfelde (vielleicht wurden hier zuerst die griechischen Namen anstatt der älteren einheimischen genannt) in drei auf einander folgenden Nächten Tarentinische Spiele halte und dazu dunkle Opferthiere (furvas hostias) schlachte, auch eine regelmäßige Wiederkehr dieser Spiele nach Ablauf jedes Seculums gelobe Censorin 17, vgl. Comm. Cruq. z. Horat. Carm. Saec. 1, wo der Ursprung dieser Spiele sogar auf Numa zurückgefuhrt wird, Liv. Epit. l. XLIX, Val. Max. II, 5, 5. Bernays macht im Rh. Mus. f. Phil. XII (1857) S. 436 ff. darauf aufmerksam, daß mit dem J. 505 d. St. auch die regelmäßige und amtliche Aufzeichnung der Prodigien beginne, was wahrscheinlich mit der etruskischen Seculartheorie zusammenhänge. : das war also 475 die eigentliche Stiftungsurkunde, aus welcher die sacralen Bestimmungen jener Legende natürlich erst später entstanden sind. Andre sprechen von einer Feier dieses Festes an drei Tagen und drei Nächten und einem schon damals abgesungenen Secularcarmen; doch ist zu befürchten daß diese Angabe erst aus der späteren Feier der Secularspiele unter August auf diese frühere übertragen ist. Neue Widersprüche sind hinsichtlich der vierten, eigentlich der zweiten Secularspiele zu schlichten. Wahrscheinlich wurden sie grade hundert Jahre nach den ersten, also im J. 605 d. St., 149 v. Chr., zu Anfang des dritten punischen Kriegs gefeiert. Doch verlegten sie Andre auf das J. 608, noch Andre, namentlich jene Commentare der Sibyllinischen Quindecimvirn, welche das Seculum zu 110 Jahren berechneten, auf das J. 628 Censorin und Liv. Epit. l. c, Fischer, Rö. Zeittafeln z. J. 605. 628. . Die nächsten Secularspiele waren die des August, welche im J. 737 d. St., 17 v. Chr. gehalten wurden und in der Geschichte dieses Gottesdienstes in mehr als einer Hinsicht Epoche machen. In den Stürmen des letzten Ausganges der Republik war er so gut wie viele andre vergessen worden; August zog ihn nicht allein wieder hervor, sondern er erlaubte sich auch mehrere Neuerungen. Die merkwürdigste habe ich schon oben S. 275 beim Apoll besprochen; es ist die Verschmelzung des Dienstes der Unterirdischen mit dem der Capitolinischen Götter und seines Lieblings und Schutzgottes, des Palatinischen Apoll: eine Theokrasie welche in der Geschichte des römischen Gottesdienstes überhaupt sehr bemerkenswrerth ist und ohne Zweifel daher entsprang, daß nach dem damaligen Glauben die Gnade und Hülfe dieser himmlischen Götter als Schutzgötter des Staates und des Kaisers bei einem so verhängnißvollen Zeitabschnitte wohl noch wichtiger war als die der Unterirdischen. Dazu kam daß die Quindecimvirn der sibyllinischen Bücher, die eigentlichen Anstifter und Anordner der Tarentinischen Secularspiele, durch August zugleich die Priester des palatinischen Apoll geworden waren. Ihnen also wurde damals auch die Berechnung der Zeit überlassen, wobei sie das Seculum zu 110 Jahren nahmen und von dem J. 737 ruckwärts gehend auf die Jahre 628, 518, 408 und 298 geführt wurden, wo nach ihren Berechnungen also nun 476 die früheren Secularspiele trotz aller abweiehenden Ueberlieferungen guter Quellen gehalten sein mußten Censorin l. c., vgl. Zosim. l. c., Sueton Octav. 31, Dio LIV, 18. Alle sprechen von den fünften Secularspielen, ein sichrer Beweis daß auch das bei Censorin erwähnte Edict des August nach vorhergegangner Berechnung der Quindecimvirn denselben Ausdruck gebraucht hatte. Die Disposition des Festes machte Atejus Capito, der berühmte Jurist und eben so große Kenner des pontificalen Rechts. . Ueber die Feier selbst geben Zosimus II, 5 und ein von ihm mitgetheiltes sibyllinisches Orakel, welches vermuthlich damals publicirt wurde, genaue Nachricht. Vorher, es war im Sommer Man vermuthet im Juli, zur Zeit der ludi Apollinares. Die Angabe bei Zosimus κατὰ τὴν ὥραν τοῦ ϑέρους wird bestätigt von Claudian de VI Cons. Honor. 388 iam flavescentia centum messibus aestivae detondent Gargara falces etc. , ging ein Herold durch Rom und durch Italien mit dem auch später bei derselben Gelegenheit wiederholten Rufe der Ankündigung von Spielen, quos nec spectasset quisquam nec spectaturus esset Diesen Herold sieht man auf den Münzen Augusts von diesem Jahre und auf denen der Gens Sanquinia, ferner auf denen Domitians, s. Eckhel D. N. VI p. 385. Ueberhaupt sind die röinischen Münzen, namentlich die Domitians, reich an Beziehungen auf diese außerordentliche Feier. . Einige Tage vor dem Feste wurden von den Quindecimvirn auf dem Capitol und im Tempel des Palatinischen Apoll die zu den vorgängigen Reinigungen nöthigen Materialien d. h. Fackeln, Schwefel und Asphalt vertheilt, wobei alle Sklaven als nicht zur Theilnahme berechtigt zurückgewiesen wurden. Zugleich erhielt das Volk an denselben Stätten und im T. der Diana auf dem Aventin eine Spende von Waizen, Gerste und Bohnen Auf den Münzen Domitians, wo der Kaiser selbst bei diesen Vertheilungen präsidirt, werden diese FRVGes genannt, jene Reinigungsmittel (τὰ καϑάρσια, λύματα) dagegen SVFfimenta. . Dann begann die eigentliche Feier, welche jetzt sowohl den obern Göttern als den untern galt, also sowohl bei Tage als bei Nacht stattfand, drei Tage und drei Nächte hinter einander. Geopfert wurde dem Jupiter und der Juno auf dem Capitol, dem Apollo, der Latona und der Diana im kaiserlichen Palaste, und endlich den Parcen, den Göttinnen der Geburt und dem Dis nebst der Ceres und Proserpina d. i. der herkömmlichen Gruppe unterirdischer Gottheiten. In der ersten Nacht begab sich der Kaiser nach dem Terentum, um dort an drei Altären drei schwarze Lämmer zu opfern, welche ganz verbrannt wurden Nach den Münzen Domitians wurde bei derselben Gelegenheit von dem Kaiser der Tellus ein Schwein geopfert, vgl. Horat. Carm. sec. 29 nach Andern in dieser ersten Nacht am Tiber den Unterirdischen ein Bock und ein Lamm, später auf dem Capitole dem Jupiter ein Stier. Auch der Gesang der Knaben und Mädchen im T. des Palat. Apoll, gleichfalls in Gegenwart des Kaisers, ist auf diesen Münzen abgebildet. . Zugleich wurde auf einer Bühne bei 477 künstlicher Beleuchtung ein für diese Gelegenheit gedichteter Gesang vorgetragen, auf welchen die herkömmlichen Spiele folgten. An dem auf diese Nacht folgenden Tage zog eine Procession aufs Capitol, um hier die vorgeschriebenen Opfer zu bringen, und von dort zu jener Bühne, um Apollo und Artemis zu feiern. In den folgenden Nächten scheinen die Opfer und Spiele der Unterirdischen wie früher fortgedauert zu haben; am zweiten Tage aber zogen die Frauen aufs Capitol, um dort auch ihrerseits zu beten und zu singen. Endlich am dritten Tage wurde der Gesang im Tempel des Palatinischen Apollo von neun Knaben und Mädchen aufgeführt, verschiedne Hymnen und Päane in griechischer und in lateinischer Sprache, darunter bekanntlich das für diese Gelegenheit bestimmte Gedicht des Horaz. Auf diese Spiele des August folgten schon im J. 800 unter Claudius neue Secularspiele, weil dieser Kaiser, beiläufig ein gelehrter Alterthümler, der Ueberzeugung war daß August und seine Rathgeber nicht die rechte Zeit beobachtet hätten. Also ging er auf die allerdings besser beglaubigte Ueberlieferung zurück, nach welcher die dritten und vierten Secularspiele um 500 und 600 gefeiert worden waren, behauptete daß die fünften hätten um 700 gefeiert werden müssen, und glaubte seinerseits die eben bevorstehenden nicht unterlassen zu dürfen. So zog denn wieder der Herold mit seinem stattlichen Rufe durch Stadt und Land, wurde aber nicht wenig ausgelacht, da wohl noch Manche lebten, die vor 63 Jahren die Spiele des Augustus mitgemacht hatten; ja es fand sich sogar ein Mime, der damals getanzt hatte und jetzt von neuem auftrat Sueton Claud. 21, Plin. H. N. VII, 48, 49, Censorin 17, 11. . So gab es nun vollends zwei verschiedene Canones, welchen die späteren Kaiser nach Belieben folgen konnten. Und wirklich fanden beide ihre eifrigen Anhänger, was bei der zunehmenden Lust an Schauspielen aller Art nicht auffallen kann. So folgte dem Canon des August zunächst Domitian bei der im J. 841, also 41 Jahre nach der des Claudius veranstalteten Feier, von welcher sowohl die Dichter als die Münzen der Zeit zeugen und bei denen der Geschichtsschreiber Tacitus als Quindecimvir beschäftigt gewesen sein muß Tacit. Ann. XI, 11, vgl. Martial. IV, 1, 5, X, 63, Stat. Silv. I, 4, 17, IV, 1, 37, Sueton Domit. 4, Zosim. II, 4, Censorin l. c. Der Altar im Terentum wurde nach jeder Feier wie der des Consus von neuem zugeschüttet. : ferner Septimius 478 Severus im J. 957 d. St., die achten Secularspiele in der ganzen Reihe, wobei freilich der Abstand von 110 Jahren nicht ganz genau beobachtet wurde Herodian III, 8, Eckhel D. N. VII p. 185. . Dahingegen dem das Seculum zu 100 Jahren berechnenden Canon des Claudius vielleicht Antoninus Pius folgte Aurel. Victor Caes. 15 celebrato magnifice Urbis nongentesimo . , dann gewiß die beiden Philippe, Vater und Sohn, welche im J. 1001 nach sicherer Ueberlieferung der Münzen und der Schriftsteller wieder Secularspiele gefeiert haben Aur. Vict. Caes. 28, vgl. Eckhel D. N. VII p. 323 sqq. und den Chronogr. v. J. 354 p. 647 ed. Mommsen: Hi seculares veros in Circo Max. ediderunt. . In den folgenden Zeiten ging man sogar noch einen Schritt weiter, indem man fortgesetzt an beiden Canones festhielt, aber das Maaß eines Seculums auf die Hälfte reducirte, also das des August auf 55, das des Claudius auf 50 Jahre. So ist es zu erklären daß Gallien schon wieder im J. 1012, also 55 Jahre nach den Spielen des Septimius Severus, und Diocletian und Maximian im J. 1051, also 50 Jahre nach denen der beiden Philippe Secularspiele hielten Eckhel D. N. VII p. 409, VIII p. 20 sqq. . Diese sind aber auch die letzten geblieben, denn weiterhin, in den Zeiten des Constantin, war das Heidenthum schon zu ohnmächtig geworden, als daß man auf diese veralteten Traditionen wieder hätte zurückkommen mögen. 4. Die ludi Taurii. Außer diesen Spielen werden noch ludi Taurii als solche genannt, welche gleichfalls dem Dienste der Unterirdischen gegolten hätten. Sie sollen schon unter Tarquinius Superbus und zwar auf Veranlassung einer Seuche gestiftet sein, und der Name soll mit dem herkömmlichen Opfer der unfruchtbaren Thiere zusammenhängen Serv. V. A. II, 140, nach welchem die hostia taurea d. i. sterilis der forda d. i. gravida entgegengesetzt wurde. Andre Erklärungen b. Paul. p. 350, Fest. p. 351. . Da diese Spiele im Circus Flaminius begangen wurden, die Secularspiele im Marsfelde beim Terentum, so müssen sie von diesen verschieden gewesen sein, wie beide denn 479 auch der Zeit nach keineswegs zusammenfielen Vgl. Varro l. l. V, 154 und Liv. XXXIX, 22, nach welchem im J. 567 d. St. zwei Tage lang ludi Taurii gefeiert wurden. . Also vermuthlich eine ähnliche Art von Spielen, nur daß sie nicht wie die Secularspiele regelmäßig, sondern unregelmäßig und in Folge außerordentlicher Veranlassungen, wie sie innerhalb der langen Fristen der Secularspiele von Zeit zu Zeit vorkommen mochten, den unterirdischen Göttern gelobt und gehalten wurden. 5. Bestattungsgebräuche und Todtenfeier. Mancherlei Licht auf die Vorstellungen von der Unterwelt und dem Schicksal der Verstorbnen werfen auch die Gebräuche der Todtenbestattung und die verschiednen auf Todtendienst und Unterwelt bezüglichen Opfer und Feste, von denen wir im Folgenden das Wichtigste d. h. dasjenige was religiösen Inhalts ist hervorheben. Bei den Gebräuchen der Bestattung lassen sich vier Acte unterscheiden, der der Ausstellung des Leichnams, collocatio, πρόϑεσις, der des Leichenzugs, der exsequiae, pompa funebris, ferner der der Bestattung, in älterer Zeit humatio, später funus im engern Sinne des Worts Serv. V. A. II, 539 funus enim est iam ardens cadaver, quod dum portatur exsequias dicimus, crematum reliquias, conditum iam sepulcrum. Vgl. Sueton Dom. 15. In dem älteren Sprachgebrauch ist funus das Ganze der Bestattung, speciell der Leichenzug. , endlich der unmittelbar folgenden Familien oder öffentlichen Feier des Verstorbnen d. h. der feriae denicales und der ludi funebres. So lange der Todte im Hause ist, ja so lange er nicht rite bestattet d. h. durch alle ihm nach religiösem Herkommen und pontificalem Gesetz gebührenden Ceremonien zu einem seligen Geiste geweiht ist, so lange gilt das Haus und die Familie für unrein (domus funesta), denn alles Todte verunreinigt. Daher eine ganze Reihe von Reinigungs- und Sühnungsgebräuchen, welche gleich bei der Bahre des Verstorbnen beginnen. Zur Warnung für alle Vorübergehende, namentlich für die Priester, wird eine Kiefer oder eine Cypresse vor die Thür gestellt Plin. H. N. XVI, 10, 18; 33, 60, Serv. V. A. III, 64, IV, 507 u. A. Die Räucherpfanne bei der Bahre (Paul. p. 18 acerra) diente wohl nur zur Reinigung der Luft. ; das Haus selbst wird mit einer eignen Art von Besen ausgekehrt, daher der als Erbe zur Bestattung 480 Verpflichtete der Auskehrer (everriator, s. oben S. 333 ) genannt wurde; ferner wurde gleich jetzt, im Angesichte des Leichnams die porca praesentanea, und später, vor der nächsten Erndte, die porca praecidanea geopfert ( S. 406 ), beide um die Familien zu reinigen und die Ackergöttin, welche die Verstorbenen in ihren Schooß aufnimmt, günstig zu stimmen. Dann folgte, nachdem die Ausstellung angeblich siebenTage lang gedauert hatte Serv. V. A. V, 64 Apud maiores ubicunque quis fuisset exstinctus, ad domum suam referebatur et illic erat septem diebus. Octavo incendebatur, nono sepeliebatur, unde Horat. Epod. 11, 48 novemdiales dissipare pulveres . Unde etiam ludi, qui in honorem mortuorum celebrabantur, novemdiales dicuntur. Später scheint die Ausstellung gewöhnlich nur drei Tage gedauert zu haben, s. Comm. Cruq. z. Horat. l. c. , der Leichenzug über das Forum vor die Stadt, vor welchem Thore jedesmal das Begräbniß war, gewöhnlich mit einem sehr zahlreichen Gefolge und prächtiger Ausstattung, Leichenmusik, Klageweibern, Mimen u. s. w., wie denn schon die zwölf Tafeln gegen diesen Luxus einschreiten mußten. Endlich schritt man zur Beerdigung, humatio, denn dieses blieb auch später der gewöhnliche Ausdruck, obgleich man damals mit seltenen Ausnahmen die Todten verbrannte: eine wahrscheinlich von den Etruskern und den Griechen angenommene Sitte, da die Todten früher sowohl in Italien als ziemlich allgemein bei allen Völkern begraben, d. h. der Mutter Erde wiedergegeben wurden, daß sie sie berge und heilige Cic. de Leg. II, 22, 56, Tusc. 1, 12, 13, Plin. H. N. II, 63, VII, 54, 55. ; denn auch in dieser Hinsicht ist der religiöse Glaube die Seele des äußerlichen Gebrauchs. Namentlich war in Rom das ganze Pontificalgesetz Numas, in welchem die Sorge für die Todten einen Hauptabschnitt bildete, auf die Voraussetzung des Begrabens begründet, und in einzelnen Geschlechtern behauptete sich die alte Sitte sehr lange, z. B. in dem der Cornelier bis Sulla, welcher aus Furcht vor Wiedervergeltung, da er sich an den Reliquien des Marius vergriffen hatte, zuerst von dem alten Gebrauche seines Hauses abgewichen sein soll. Auch hatte das Pontificalgesetz selbst für die spätere Zeit des Verbrennens einige symbolische und stellvertretende Gebräuche der früheren Beerdigung zur unumgänglichen Bedingung eines rechten Begräbnisses gemacht d. h. eines solchen, welches die Kraft hätte, zugleich die Reste des Verstorbenen zu heiligen und die Familie seiner Hinterbliebenen zu reinigen Varro l. l. V, 23, Cic. de Leg. II, 22, 55 und 57, Paul. p. 148 membrum abscidi mortuo . . Besonders gehört dahin die Sitte, 481 dem Todten eine Erdscholle mit in das Grab zu werfen und wenigstens einen Finger von ihm nicht zu verbrennen, sondern zu beerdigen: wozu dann noch verschiedene andre, von dem Religionsgesetze vorgeschriebene und von den Pontifices überwachte Gebräuche, Spenden und Opfer kamen, welche zusammengenommen den Erfolg hatten, den Ort der Bestattung zu einem sepulcrum d. h. zu einem Heiligthume zu machen Daher die sepulcra maiorum zu den öffentlichen Heiligthümern einer Stadt gehören, vgl. Liv. XXVI, 13 arae, foci, deum delubra, sepulcra maiorum . Flor. II, 7, 4 cum ille ultra ius victoriae in templa, aras et sepulcra ipsa saeviret . Daraus entstanden mit der Zeit förmliche Tempel, Mausoleen u. s. w. Non. Marc. p. 464 templum et sepulcrum. dici potest veterum auctoritate , mit Hinweisung auf Virg. Aen. IV, 457, vgl. Sil. Ital. I, 81 ff., XV, 260 ff. u. A. , den Geist des Verstorbenen aber nicht allein zu beruhigen, sondern auch zu erhöhen d. h. zu einem reinen und geistigen Wesen gleich den übrigen Dii Manes zu machen Vgl. Plut. Qu. Ro. 14, wo erzählt wird, daß beim funus die Söhne eines Verstorbenen mit verhülltem Haupte, die Töchter aber mit bloßem Kopf und gelöstem Haare zu folgen pflegten, und dann von den Hinterbliebenen überhaupt nach Varro hinzugesetzt wird: καὶ γὰρ ἐπὶ τῶν τάφων, ὥς φησι Βάρρων, περιστρέφονται καϑάπερ ϑεῶν ἱερὰ τιμῶντες τὰ τῶν πατέρων μνήματα, καὶ καύσαντες τους γονεῖς ὅταν ὀστέῳ πρῶτον ἐντύχωσι ϑεὸν γεγονέναι τὸν τεϑνηκότα λέγουσι. Natürlich schloß sich hier die Consecration sehr leicht an, wie in Griechenland der Heroendienst und die Apotheose. Vgl. Tertull. Apolog. 13 Quid omnino ad honorandos eos (sc. deos) facitis quod non etiam mortuis vestris conferatis? . Das Grab wurde mit Wein besprengt und dem Lar d. h. dem Geiste des Verklärten ein Opfer von Widdern dargebracht, ferner ein eignes Opfermahl für denselben bereitet und an seinem Grabe hingesetzt, das ist das sogenannte silicernium, welches Wort zugleich sprichwörtlich für hochbetagte Greise gebraucht wurde, denen es, wie es scheint, gewöhnlich preisgegeben wurde Tertull. l. c. Quo differt ab epulo Iovis silicernium? a simpulo obba? ab haruspice pollinctor? Nam et haruspex mortuis apparet. Ueber das silicernium, griechisch περίδειπνον, vgl. Fest. p. 294, Paul. p. 295, wo, glaube ich, der Name richtig erklärt wird, quia cuius nomine ea res instituebatur, is iam silentium cerneret , vgl. oben S. 454 , Non. Marc. p. 49, Donat. z. Terent. Adelph. IV, 2, 48, Serv. V. A. V, 92, Fulgent. p. 560, Arnob. VII, 24. Obba ist das Instrument zur Weinspende, s. Paul. p. 263. Auch hier waren die Zwölf Tafeln gegen den Luxus eingeschritten, Fest. p. 158 murrata. Der pollinctor hatte für den Leichnam sowohl auf dem Paradebette als bei der Bestattung zu sorgen, s. Tertull. d. Spect. 10, Scorp. 7. . Außerdem sorgte man fleißig für Blumen und Bäume auf dem Grabe, Myrten und Rosen, Veilchen und Lilien und andre anmuthige 482 Gewächse, denn es galt sowohl in Italien als anderswo der Glaube, daß zwischen dem Verstorbenen, der in dem Grabe ruhe, und den Gewächsen seiner Erddecke ein inniges Wechselverhältniß bestehe, ja daß der Gemüthsart des Verstorbenen gemäß bald zartere bald wildere Gewächse aus derselben keimten, womit auch der bekannte Nachruf: Sit tibi terra levis! zusammenhängt Grimm D. M. 786 ff., Koberstein Vermischte Aufsätze Leipz. 1858 S. 33 ff., Bötticher der Baumcultus der Hellenen S. 282. 292. 452 ff. 457. . Endlich folgte zum Beschluß der ganzen Feierlichkeit an dem Grabe selbst eine Reinigung mit Wasser und Feuer und eine Räucherung mit Lorbeer für Alle die am Leichenzuge theilgenommen Paul. p. 2 aqua et igni . p. 117 laureati . , in der Familie aber an demselben neunten Tage der Bestattung das sacrum oder sacrificium novemdiale , auch feriae denicales (a nece) genannt, ein letztes Sühnungsopfer und ein Todtenschmaus, welche in großer Stille und mit solcher Gewissenhaftigkeit beobachtet wurden, daß selbst die Hausthiere an diesem Tage Ruhe hatten und für die Soldaten, welche sich nach geschehener Aushebung zu stellen hatten, ausdrücklich die Bestattung und eine solche Familienfeier als gültige Entschuldigung vorbehalten blieb Gell. N. A. XVI, 4, 4, Colum. II, 22, 5, Cic. de Leg. II, 22, 55. Vgl. Paul. p. 70 denicales feriae, Fest. p. 242 privatae feriae, Serv. V. A. V, 64, Porphyr. z. Horat. Epod. 17, 48, Tacit. Ann. VI, 5, Petron. 65. . Auch die Spiele, welche in vermögenderen Familien zu Ehre der Verstorbenen gegeben wurden, fielen auf diesen Tag, daher sie bald ludi funebres bald ludi novemdiales genannt werden Auch diese Spiele werden, wie jene Ferien, als Beweis für die göttliche Verehrung der Verstorbnen angeführt, s. Varro b. Augustin C. D. VIII, 26, vgl. Macrob. S. I, 16, 4. . Vornehmlich waren zu diesem Zwecke Gladiatorenspiele beliebt, was in dem alten Glauben seinen Grund hatte, daß an dem Grabe eines Verstorbenen Blut und zwar Menschenblut fließen müsse Serv. V. A. III, 67, V, 78, vgl. Valer. Max. II, 4, 7, Liv. Epit. XVI. Ueber die Darstellungen von Leichenspielen in den etruskischen Gräbern von Chiusi, Tarquinii u. s. w. s. Dennis die Städte und Begräbnißplätze der Etr. 2, 603. , daher sie auf diesem Wege in Rom zuerst Eingang fanden, man sagt nach dem Vorbilde etruskischer und campanischer Sitte. Zuerst soll es bei dem Begräbnisse des D. Iunius Brutus in demselben Jahre 264 v. Chr., wo der erste punische Krieg ausbrach, vorgekommen sein daß die von vielen Geschlechtern zum Todtenopfer 483 gesendeten Gefangenen paarweise zum Kampf auf Leben und Tod einander gegenübergestellt wurden, worauf dieselben gewöhnlich auf öffentlichen Plätzen der Stadt veranstalteten Fechterspiele zu Ehren der Verstorbnen bald allgemeinen Anklang fanden, aber lange Zeit nur bei solchen Gelegenheiten herkömmlich blieben. Außer dieser Privat- und Familienfeier, die sich natürlich von Zeit zu Zeit, namentlich bei der Wiederkehr des Sterbetages, durch Spenden am Grabe, Bekränzen desselben u. s. w. wiederholte und unter dem Worte parentatio und parentalia verstanden wurde, gab es aber auch eine allgemeine und öffentliche Todtenfeier, eine Art von Allerseelenfest, wie es am Schlusse des Jahrs in dem allgemeinen Sühn- und Reinigungsmonate d. h. im Februar, von einigen Familien aber ausnahmsweise im December begangen wurde Cic. de Leg. II, 21, 54, Plut. Qu. Ro. 34, vgl. Marquardt Handb. d. R. A. IV, 258 ff. Weil der Februar der herkömmliche Monat der Todtenfeier war, leitete man später seinen Namen gewöhnlich von einem besondern Deus Februus d. i. Dis Pater ab, welchen die ältere Ueberlieferung aber nicht unter diesem Namen kennt, s. Macrob. S. I, 13, 3, Placid. gl. p. 472, Io Lyd. d. Mens. IV, 20. . So war namentlich die Woche vor dem 21. Februar eine herkömmliche Zeit der dies parentales , wo jede Familie ihre Todten feierte, bis endlich am 21. der Tag der Feralia den Beschluß dieser Todtenfeier zu Ende des alten Jahres bildete und am folgenden Tage, also am 22., das allgemeine zum Gedächtniß der Verstorbenen begangene Familienfest der Caristia gefeiert wurde, so daß sich in diesen beiden Festen die altherkömmliche Eintheilung der Leichenfeier in das Todtenopfer am Grabe und den letzten Todtenschmaus im Kreise der Familie von neuem darstellt. Denn die Feralia waren ganz den Gräbern und den in ihnen verborgenen Divi Manes gewidmet Varro l. l. VI, 13, vgl. Kal. Maff. Farnes., Paul. p. 85, Macrob. I, 4, 14; 13, 3; 14, 7. , indem man ihnen dann allerlei Speise und fromme Gaben brachte und sie auf jede Weise zu beruhigen suchte. Mehr berichtet Ovid F. II, 531 ff. über diesen Gebrauch, den die Ueberlieferung auf den frommen Aeneas und die Verehrung seines verstorbenen Vaters zurückführte. Mit geringen Gaben sei den Manen genug gethan, einer bekränzten Scherbe, einer Hand voll Salz oder Korn, oder etwas Wein mit eingebrocktem Brode, oder zerpflückten Veilchen, der ersten Gabe des jungen Jahrs. Das solle man in die Scherbe thun und diese dann mitten auf dem Wege hinstellen und dazu ein frommes Gebet für die armen Seelen 484 sprechen. Einst im langen Kriege waren sie vergessen worden. Da befiel die ganze Stadt ein großes Sterben und die Seelen kamen in der Nacht schaarenweise aus ihren Gräbern hervor und wimmerten und klagten auf allen Straßen, in der Stadt und draußen auf dem Lande, ein ganzes Heer von wehklagenden Geistern. Sobald man ihnen wieder die Ehre gegeben, war sowohl das Sterben vorüber als dieser grausige Spuk. Doch darf man während dieser Aller-Seelentage nur der Todten gedenken; nur an den Gräbern darf die Fackel leuchten, nicht im fröhlichen Gedränge des Hochzeitszuges ; nur dort darf geopfert werden, den Manen und den unterirdischen Göttern, nicht den übrigen Göttern, deren Tempel in diesen Tagen vielmehr verschlossen wurden Indessen wurde auch bei den Gebeten und Opfern der parentatio der Anfang mit Janus und Jupiter gemacht, s. Macrob. I, 16, 25. . Namentlich war dieses auch die Zeit wo man jener Spukgestalten des alten Volksglaubens, der Mania, Muta und Tacita und wie sonst die »Mutter der Laren« hieß, mit allerlei Mährchen und abergläubischen Gebräuchen gedachte, die sich vorzüglich in den Kreisen der Ammen und der Kindermädchen fortpflanzten. So schildert Ovid bei dieser Gelegenheit eine Alte, wie sie von neugierigen Mädchen umgeben die Tacita durch einen Zauber verherrlicht, der gegen die böse Zunge und den bösen Blick helfen sollte Vs. 579 Hostiles linguas inimicaque vinximus ora. . Erst nimmt sie mit drei Fingern der Hand drei Häufchen Weihrauch und thut diese unter die Schwelle in ein Mauseloch. Dann wickelt sie allerlei Sprüche murmelnd wollene Fäden um eine Weife von dunkler Farbe Vs. 573 Tum cantata ligat cum fusco licia rhombo . Diese Lesart scheint mir besser als plumbo, weil der rhombus und das Spinnen und Drehen immer wesentlich zum Zauber gehört, so gut wie die licia d. h. wollene Fäden, vgl. Petron. 131 illa de sinu licium, protulit varii coloris filis intortum cervicemque vinxit meam , vgl. Virg. Ecl. VIII, 73, Ovid. Amor. 1, 8, 8. Dagegen dienten Bleitafeln zum Eingraben von Zaubersprüchen. , wobei sie sieben schwarze Bohnen im Munde hin und her bewegt. Endlich nimmt sie den Kopf einer Mäna Der oft erwähnte Fisch, der wegen seines Namens die Seele, anima, vertritt. , der mit Pech beschmiert und mit einer ehernen Nadel durchbohrt ist, näht das Maul zu und dörrt den Kopf an einem Feuer, in welches sie auch Wein tröpfelt, dessen Rest sie mit den Mädchen austrinkt. Auf dieses Fest also folgten gleich am nächsten Tage die Caristia , welche auch das Fest der Cara Cognatio genannt wurden Caristia oder Charistia heißt das Fest bei Ovid F. II, 615 ff. und Val. Max. II, 1, 8, Cara Cognatio bei Tertull. Idololatr. 10 und in der lex collegi Aesculapi et Hygieae bei Fabretti Inscr. p. 724 n. 443, vgl. Martial. IX, 54. 55. Das Wort carus galt speciell dem Gefühle der Verwandtschaft, s. Cic. d. Off. 1, 17, 57 cari sunt parentes, cari liberi, propinqui, familiares, sed omnes omnium caritates patria una complexa est. Auf einen ähnlichen Gebrauch in Athen deutet Plin. XXXV, 11, 40 Athenion – pinxit – Athenis frequentiam quam vocavere syngenicon. und dadurch sehr passend 485 bezeichnet werden. Es war nehmlich recht eigentlich ein Fest der lieben Verwandtschaft, welches durch die ganze Stadt familienweise mit gegenseitigen Geschenken und fröhlichen Mahlzeiten gefeiert wurde und auf die traurige Zeit der Aller-Seelentage als ein Fest der blühenden Gegenwart und der liebevollen Vereinigung aller Hinterbliebenen folgte Ovid vs. 617 Scilicet a tumulis et qui periere propinquis Protinus ad vivos ora referre iuvat, Postque tot amissos quicquid de sanguine restat Aspicere et generis dinumerare gradus. . Zugleich war es ein Fest der Eintracht, wo mancher alte Familiengroll ausgeglichen wurde, auch ein Fest des Familienruhms, indem man unter den Verstorbenen am meisten der berühmten Vorfahren gedachte und von ihnen sang und erzählte. Natürlich wurde auch den Göttern des Geschlechts und den guten Laren des Hauses gehuldigt, durch welche und mit welchen jede Familie in der ab- und zugehenden Schaar der Gebornen und Gestorbenen sich fortpflanzte: bis man am Abende mit einer Weinspende und mit herzlichen Glückwünschen für das Wohl der Sippen und des geliebten Vaterlandes auseinanderging. Vergleichen läßt sich damit ein im J. 1505 von dem Bürgermeister Jo. v. Spreckelsen in Hamburg gestiftetes Familienfest O. Beneke Hamburger Geschichten und Denkwürdigkeiten. Hamb. 1856 S. 53 ff. , nur daß dieses der religiösen Weihe entbehrte, welches dort der namentlich in Rom tief gemüthliche Dienst der Todten und der Hausgötter gewährte. Alljährlich kamen alle des Namens v. Spreckelsen und ihre Nächst-Verschwägerten zum festlichen Mahle zusammen, am Pfingstmontage Nachmittags 4 Uhr, daher das Fest in der Familie die »Pingst-Hög« d. i. das Pfingstfest hieß. Das Mahl hatte seine bestimmten Gerichte; einer der Vettern war der Ordner und Schaffner: bei ihm fanden sich alle Verwandte zusammen und pflegten in der geschmückten Halle eines fröhlichen Verkehrs. »Sie gedachten in Treuem der heimgegangenen Eltern, Vorfahren oder der sonst in letzter Jahresfrist geschiedenen Lieben, sie schlossen sich einträchtiglich an einander, theilten Lust und Weh, freueten sich ihres 486 Wohlergehns und trösteten einander in betrübten Zeitläuften, stifteten und erhielten vertrauliche Freundschaft, beredeten auch wohl manch künftig Ehebündniß, und wo es Noth that, da halfen sie sich aus, in herzlicher Liebe oder um der Familie willen.« 6. Der Cultus der Laren. Das Wort Lares scheint ursprünglich wie Manes den allgemeinen Sinn von guten Geistern der Erde gehabt zu haben, nur daß der Begriff Manes speciell die Güte und Reinheit dieser Geister hervorhebt, Lares dagegen eigentlich »die Herrn« bedeutet gleich dem griechischen Worte ἥρωες ( S. 72 ), wie die italischen Laren und die griechischen Heroen denn in der That viel Verwandtes haben. Mit der Zeit aber wurden, wie Divi Manes speciell die Geister der Verstorbnen sind, so auch die Laren meist für die verklärten Geister der Vorfahren gehalten: wodurch eine gewisse Idealität dieses Begriffs keineswegs ausgeschlossen wird, da z. B. der lar familiaris eines Hauses als dessen Ursprung und idealer Schutzgeist nicht der Geist eines verstorbnen Mitgliedes desselben gewesen sein kann. So ist auch der Kreis, innerhalb dessen die Laren thätig gedacht werden, zu ausgebreitet als daß man ihn blos von den Geistern der Verstorbnen ausgefüllt denken könnte, wie andrerseits das verwandte Wort larva wie lemur zunächst im Allgemeinen den Geist eines Verstorbnen, anima, ψυχή bedeutet, dann speciell den in der Nacht umgehenden Geist. Daher die schwankenden Vorstellungen und Erklärungen der Alten, nach welchen der Volksglaube bei dem Worte Laren meist an die Schutzgötter der Wege und Straßen dachte, während Nigidius Figulus sie bald für die Schutzgötter der Häuser erklärt bald mit den kretischen Kureten und idäischen Daktylen verglichen, Varro aber bald die italischen Manen und Genien bald die griechischen Heroen zur Vergleichung herbeigerufen hatte Arnob. III, 41 vgl. Hygin. f. 139. Nach Serv. V. A. V, 64 vgl. VI, 152 wären die Verstorbenen eines Hauses in alter Zeit sogar in demselben begraben worden, doch ist das wohl nur eine Conjectur um die Entstehung des Dienstes der Hauslaren und der Penaten zu erklären, die man für die Geister der Verstorbenen hielt. Nach Fulgent. expos. p. 560 wurden die Leichen von Kindern unter vierzig Tagen dicht am Hause unter dem Schirmdache (suggrunda) eingescharrt, daher solche Gräber suggrundaria hießen. . Noch später, als man die Geister aller Arten und Klassen durch 487 einander zu werfen und nur noch etwa nach dem Unterschiede von guten und bösen zu sondern pflegte, hieß es gewöhnlich daß die Seelen von guten Menschen nach ihrem Tode zu Laren, die von bösen zu Larven würden Apulej. d. Deo Socr. p. 152 Oudend., Augustin C. D. IX, 11, Martian. Cap. II, 155. . Jedenfalls war auch der Glaube an diese guten Erdgeister ein allgemein italischer, da er sich nicht blos bei den Latinern, sondern auch bei den Sabinern nachweisen läßt und bei den Etruskern schon wegen der Identität des Sprachgebrauchs vorausgesetzt werden darf Varro l. l. V, 74. Die Etrusker rühmten sich im Besitze gewisser Sacra zu sein, durch welche die Geister der Verstorbnen zu Göttern (dii animales) d. h. zu Laren und Penaten erhoben wurden, s. Arnob. II, 62, Serv. V. A. III, 168. . Und zwar wird man auch hier den ländlichen Larenglauben gewiß für den ältesten halten dürfen, wo sie als segnende und behütende Geister der Flur, des Weinbergs, der Wege und alles ländlichen Verkehrs verehrt wurden, im Hause aber als familiares, unter denen namentlich der lar familiaris schlechthin der eigentliche Schutzgeist der Familie ist, der für die Fortdauer derselben sorgt und gelegentlich auch selbst zeugend auftritt. So in der merkwürdigen Sage vom Ursprunge des Königs Servius Tullius, welcher dadurch nach lateinischem Glauben für einen Sohn des lar familiaris im königlichen Hause der Tarquinier erklärt wird und als Sohn eines Laren auch die Larenfeier der städtischen Compitalien gestiftet haben soll Dionys. Hal. IV z. A., Plin. H. N. XXXVI, 27, 70. , während in der Familientradition der Valerier die Laren des Heerdes oder des Hains vor der Thüre ihres Ahnen im Sabinerlande dem verzweifelten Vater den Weg zur Rettung der Kinder zeigen ( S. 470 ). Nicht weniger alterthümlich ist die Sage von dem berühmten Seher Atta Navius, wie dieser als Kind in seiner sabinischen Heimath die Schweine hütete und sich von seiner Heerde einst, da er eingeschlafen war, einige Thiere verlaufen hatten. Er weinte bitterlich darüber, denn er fürchtete den Zorn des strengen Vaters; dann aber faßte er sich ein Herz, ging zu der Larencapelle des nächsten Weinbergs und bat die Laren mit heißem Gebete, daß sie ihm wieder zu seinen Schweinen verhelfen möchten; wenn er sie wiederfinde, wolle er ihnen die größte Traube in dem ganzen Weinberge darbringen. Er fand die Thiere und wollte das Gelübde erfüllen, aber wie sollte er es anfangen um genau die größte Traube des 488 Weinbergs aufzufinden? Traurig bat er um ein Zeichen, da fand er durch Eingebung die Kunst der Beobachtung des Vögelflugs und eine Traube von wunderbarer Größe, worüber der Vater hinzukam und den Geist seines Sohns erkennend ihn in die Stadt zu den Meistern der Weissagekunst und andrer Wissenschaft führte. So wissen wir auch aus Cicero daß die Laren auf dem Lande allgemein in Hainen verehrt wurden Cic. de Leg. II, 8, 19 lucos in agris habento et larum sedes . 11, 27 neque ea quae a maioribus prodita est cum dominis tum famulis posita in fundi villaeque conspectu religio larium repudianda est. Vgl. Serv. V. A. I, 441, III, 302 und oben S. 71 . In Rom gab es u. a. einen vicus larum ruralium. , und der den sanften Stimmungen des ländlichen Lebens ergebene Tibull versichert II, 1, 59: »Auf dem Lande war es, daß zuerst ein Knabe aus Frühlingsblumen Kränze flocht und damit die alten Laren schmückte«, während nach Cato r. r. 2 jeder Hausvater, wenn er aufs Land geht, zuerst den lar familiaris begrüßen und erst dann seinen Umgang durch die Felder halten soll. Selbst die Compitalienfeier des Servius Tullius ist nur für die Uebertragung eines ländlichen Gebrauchs auf die Stadt zu halten, da es so gut auf dem Lande wie in der Stadt vici und compita gab und sowohl diese größeren Quartiere als die einzelnen Häuser und Höfe neben ihren schützenden Silvanen auch behütende und segnende Laren verehrten. Den lar familiaris schlechthin lehren uns verschiedene Stellen bei Plautus näher kennen. So in dem Prologe zur Aulularia, wo der lar familiaris selbst auftritt und den Zusammenhang des Stücks erklärt. Er sei der Schutzgeist des Hauses. Viele Jahre schon behüte er dasselbe und der Vater wie der Großvater des jetzigen Hausherrn seien seine guten Freunde gewesen. Der Großvater habe ihm einen Schatz anvertraut, den er heimlich am Heerde berge; den wolle er jetzt der einzigen Tochter des Hauses zuwenden, einem guten und frommen Mädchen, das ihm täglich Gaben spende, etwas Weihrauch und Wein oder Kränze und sonst etwas Man kannte in Italien auch eine eigne Klasse von Geistern, welche von verborgenen Schätzen wissen und dieselben bebüten. Sie heißen incubones und tragen Kappen (ein Symbol ihres verborgenen und heimlichen Wesens). Wenn man ihnen dieselben raubt, kann man sie zur Offenbarung des Schatzes zwingen. Also ganz wie unsre Hausgeister. Petron. S. 38 vgl. Grimm D. M. 479. . Eben so Trinumm. 39 ff., wo der Familienvater beim Wechsel der Wohnung seine Frau 489 auffordert den lar zu bekränzen, damit ihnen auch die neue Wohnung gesegnet sei. Neben diesem lar familiaris im Singular, welcher auch der lar schlechthin heißt oder als Lar Pater angerufen, auch nicht selten schlechtweg für Haus und Heimath genannt wird Plaut. Merc. V, 1, 5 Dii Penates meum parentum familiaeque Lar Pater. Horat. Od. I, 12, 43 avitus apto cum lare fundus . Der Prolog des Laberius bei Macrob. II, 7, 3 eques Romanus ex lare egressus meo domum revertar mimus . Sallust. Cat. 21 illos binas aut amptius domos continuare, nobis larem familiarem nusquam ullum esse? Seneca Med. 20 per urbes erret ignotus, egens, exsul, – incerti laris . Martial. XI, 82, 2 lar conductus . Virgil Ge. IV, 43 gebraucht lar von dem Stocke der Bienen, wie er ihnen v. 155 auch Penaten zuschreibt, Valer. Flacc. IV, 44 von dem Neste der Vögel. , giebt es dann auch viele lares oder lares familiares , welche wie jener von der Familie als Schutzgötter verehrt und sehr oft neben den Penaten genannt und mit diesen verwechselt werden Cic. Rep. V, 5, 7 ad vitam autem usumque vivendi ea descripta ratio est iustis nuptiis, legitimis liberis, sanctis Penatium Deorum Larumque familiarium sedibus (d. h. durch Eintheilung des Grund und Bodens unter den verschiednen Familien und Hausständen), ut omnes et communibus commodis et suis uterentur. Pro Domo 41, 108 ista tua pulchra Libertas Deos Penates et familiares meos Lares expulit . Vgl. pro Quinct. 26, 83 und 27, 27, Virg. Aen. IX, 258. Bei Ennius Ann. vs. 163 ist zu lesen: Vosque Lares, tectum [et] nomen qui funditus curant. Bei Sueton Calig. 5 heißt es zur Characteristik der Verzweiflung nach dem Tode des Germanicus: lapidata sunt templa, subversae deum arae, Lares a quibusdam familiares in publicum abiecti, partus coniugum expositi. Or. n. 1666 lares domestici . , wie diese beiden Klassen von Geistern denn auch neben einander auf dem Heerde verehrt wurden. Alles was die Familie Theures, Heimathliches und an schönen und lieben Erinnerungen besaß, was sie in Freud und Leid bewegte, sowohl die wichtigeren Momente des Tages als die des Jahres, Geburtstage, Hochzeiten, Sterbefälle, Abreise und Wiederkehr des Hausvaters u. s. w., Alles pflegte man diesen Göttern ans Herz zu legen, mit ihnen zu berathen, zu ihnen dafür zu beten und bei dem Gebete fromme Gaben darzubringen: daher das römische Alterthum keinen innigeren, keinen eigentlicheren Ausdruck für das was wir Heimath nennen hatte als wenn es an die Laren und an die Penaten erinnerte. Nach aller Sitte, sie erhielt sich am längsten auf dem Lande, war das Atrium der allgemeine Familien und Speisesaal und in demselben der Heerd die Stätte der Laren und der Penaten, vor welchem die Familie bei allen feierlichen und fröhlichen 490 Gelegenheiten zusammenkam und namentlich die tägliche Mahlzeit in traulicher Geselligkeit einnahm Serv. V. A. I, 726 nam, ut ait Cato, et in atrio et duobus ferculis eputabantur antiqui. Varro b. Non. Marc. p. 531, 14 in foco larum familiarium . Plaut. Aulul. II, 8, 16 haec imponentur in foco nostro lari . Horat. S. II, 6, 65 ipse meique – ante larem proprium vescor . Ovid F. VI, 299 ante focos olim scamnis considere longis mos erat et mensae credere adesse deos. Plin. H. N. XXVIII, 20, 81 focus larum, quo familia convenit . Colum. XI, 1, 19 consuescat (villicus) rusticos circa larem domini focumque familiarem semper epulari atque ipse in conspectu eorum similiter epuletur. Schol. Horat. Epod. 11 iuxta focum dii Penates positi fuerunt Laresque inscripti ideo, quod ara deorum Larum focus sit habitus. Daher die drei Gebote nach Varro bei Non. Marc. p. 479 Non male dicere, pedem in focum non imponere, sacrificari und die Zusammenfassung aller Heiligthümer einer Stadt in der Formel arae et foci , d. h. die Heiligthümer der Tempel und der Häuser, s. Serv. V. A. III, 134. . Hier standen die Bilder der Laren, einfach aus Holz geschnitzt, daher die anmuthige Dichtung Tibulls I, 10, 15, wenn er die väterlichen Laren um Schutz bittet, wie sie seine zarte Jugend, da er noch zu ihren Füßen herumgelaufen, behütet und bewahrt hätten, dieselben alten hölzernen Larenbilder, welche der fromme Großvater mit einfachen Gaben verehrt habe, einer Traube, einem Aehrenkranze, in außerordentlichen Fällen etwa mit einem Opferkuchen. Vorzüglich hatte die Hausfrau, die Schaffnerin des Heerdes, die Pflicht für den lar familiaris und die Laren überhaupt zu sorgen, daher sie nach Cato r. r. 143 den Heerd vor allen Dingen rein halten und täglich ehe sie zu Bette geht abkehren, an den Kalenden, Iden und Nonen jedes Monats aber einen Kranz auf den Heerd legen und dabei dem lar familiaris nach bestem Vermögen eine Spende darbringen und zu ihm beten solle, wozu bisweilen auch das Opfer eines Schweines hinzutrat. Besonders waren die Kalenden jedes Monats ein Tag solcher frommen Gaben Tibull. I, 3, 33 ut mihi contingat patrios celebrare Penates reddereque antiquo menstrua tura Lari. Vgl. Propert. IV, 3, 53, Horat. Od. III, 19, 9 und 23 z. A. Caelo supinas si tuleris manus nascente luna, rustica Phidyle, si ture placaris et horna fruge Lares avidaque porca. , vor allen übrigen Kalenden wie es scheint die des Maimonats, welcher Tag in dem Kal. Venusinum als Tag der Laralia bezeichnet wird, die nach Fest. p. 253 zu den sacra popularia gehörten d. h. zu solchen Gottesdiensten, welche ohne bestimmtere Betheiligung der Priester familienweise und in allen Hausständen begangen wurden. Dahingegen der Kranz bei den verschiedensten Gelegenheiten, namentlich bei allen Familienfesten die Laren schmückte, und zwar immer ein recht großer und schwerer Kranz, so daß die kleinen Larenbilder 491 gewöhnlich ganz in Blumen und Blättern versteckt waren Paul. p. 69 Donaticae coronae. . Ausserdem bekamen die Laren bei jeder Mahlzeit ihre bestimmten Opfer von Speise und Trank, die ihnen, nachdem die erste Schüssel abgegessen war, unter andachtsvollem Schweigen in kleinen dazu bestimmten Schüsselchen (patellae) auf den Heerd gesetzt und in die Flamme geschüttet wurden, bis nach dem Rufe Dii propitii! die Mahlzeit fortgesetzt werden konnte Serv. V. A. I, 730, oben S. 426, 1063 und die Erzählung von der Ocrisia, welcher sich der lar familiaris bei diesem Speiseopfer in der Flamme des Heerdes zeigt, s. Dionys. IV, 2, Ovid F. VI, 621 ff., Plut. de fort. Ro. 10. Vgl. Plin. XXVIII, 2, 5 in mensa utique id (ein zur Erde gefallener Bissen) reponi adolerique ad larem piatio est. Varro b. Non. p. 544 patella: Quocirca oportet bonum civem legibus parere et deos colere, in patellam dare μικρὸν κρέας. Ovid F. II, 638 nutriat incinctos mixta patella lares . Vgl. Pers. S. III, 24 c. Schol. Bei Petron. 60 werden die Larenbilder auf den Tisch gesetzt, weil der Heerd nicht in der Nähe ist. Sie heißen hier Cerdo, Felicio und Lucio. . Daher bei Plautus Cistell. II, 1, 46 der Ausdruck: Di me omnes magni minutique et patellarii d. h. die großen, die kleinen und die Hausgötter, die man täglich beköstigt und die ganz nothwendig zur Familie gehören. In den verschiedensten Wendungen und Ausdrücken wiederholt sich dieses Gefühl, daß die Laren recht eigentlich die belebenden und beseelenden Geister des Hauses sind. Jedes Fest trifft sie mit, Geburtstage, der Eintritt eines Sohns in die männlichen Jahre, wo die Bulla der kindlichen Jahre den Laren geweiht wurde, das jährliche Erinnerungs- und Familienfest der Caristien, die Feier der glücklichen Rückkehr eines Familienmitgliedes oder eines Freundes von der Reise oder aus der gefahrvollen See oder aus dem Kriege, wo den Laren auch wohl ein Stück der Beute geweiht wurde, der Genesung aus schwerer Krankheit Plaut. Aulul. II, 8, 15, Horat. S. II, 3,163, Propert. II, 30, 23, Ovid F. II, 629 ff, Pers. S. V, 30, Iuvenal. XII, 86 ff., 113, vgl. Henzen z. Or. n. 5770 a C. Salvius Entychus Lar(ibus) Cas(anicis) ob redit(um) Rectinae nep. v. s. , aber auch alle Noth der Familie, Dürftigkeit, Trauer u. s. w. Propert. IV, 1, 127; 3, 53, Tibull. I, 1, 23. . Die Bilder, welche auf dem Lande bei feierlichen Gelegenheiten mit Wachs gebohnt wurden Horat. Epod. 2, 66 positosque vernas – circum renidentes Lares , wenn dieses nicht auf den fettigen Glanz der Speiseopfer zu beziehn ist. Iuvenal. XII, 87 inde domum repetam, graciles ubi parva coronas accipiunt fragili simulacra nitentia cera. , in der Stadt meist von Stein oder Metall waren, hatten ihre 492 herkömmliche Darstellung mit aufgeschürzten Togen und Hörnern, Schalen oder Kannen in der Hand Ovid F. II, 634 incincti , Pers. V, 31 succincti . Vgl. die Nachweisungen bei O. Jahn zu ds. St. und b. O. Müller Handb. d. Arch. § 405, 7. . Tertullian erzählt daß man mit diesen Bildern so wenig Umstände mache, daß sie sobald sie abgenutzt wären und eben kein Geld da sei, auch wohl verpfändet, verkauft und zu allerlei unsaubern Zwecken ausgetauscht würden Tertull. Apolog. 13, vgl. Iuven. VIII, 110 ipsi deinde Lares, si quod spectabile signum, si quis in aedicula deus unicus. ; doch kann dieses nur von der Stadt und den späteren Zeiten gelten, wo man unter den Laren die Hausgötter überhaupt verstand und die Bilder von diesen in den anständigeren Häusern gewöhnlich von Silber waren. Nächst den lares familiares sind die lares compitales oder viales die wichtigsten, sowohl auf dem Lande als in der Stadt. Man kann sie lares publici nennen im Gegensatze zu den lares privati Plin. H. N. XXI, 3, 8 iam tunc coronae deorum honos erant et larum publicorum privatorumque ac sepulcrorum et Manium. , denn ihr Gottesdienst gehörte allerdings zu den öffentlichen; doch gingen sie zunächst nur das compitum an, welches unter ihrem Schutze stand, d. h. den Kreuzweg und das zu demselben gehörige ländliche oder städtische Quartier, von dem sie eben verehrt wurden. Compitum ist nehmlich eigentlich der Punkt wo mehrere Wege sich treffen, dann das über einer solchen Wegscheide errichtete Gebäude mit Durchgängen und Capellen, immer an lebhaften Verkehrspunkten, daher die gesammte Nachbarschaft dort zusammenzukommen, gemeinschaftliche Angelegenheiten zu berathen, volksthümliche Feste zu feiern pflegte, namentlich auf dem Lande Pers. IV, 28 mit den Scholien und Auslegern, vgl. Philargyr. z. Virg. Ge. II, 382, Isidor. Orig. XV, 2, 15 u. a. In der einfacheren Bedeutung des Scheidewegs, ubi plures viae competunt , wird das Wort z. B. von Varro b. Non. Marc. p. 94 und von Pers. V, 35 gebraucht, in der eines Gebäudes b. Grut. p. 107, 1 compitum refecerunt , Mommsen I. N. 1504 compitum a solo pecunia sua fecerunt , Grat. Cyneg. 483 molimur compita lucis . . Eben deswegen hatten vorzüglich die schützenden Laren der ganzen Nachbarschaft (vicinia von vicus) dort ihre Capellen, sowohl auf dem Lande als in der Stadt, wo die Larencapelle so wesentlich zu den Heiligthümern der Bewohner des Straßenquartiers gehörte, daß nach altem römischen Herkommen jede junge Frau, wenn sie zuerst in das Haus ihres Mannes eintrat, nicht blos diesem und den lares familiares des Hauses, sondern auch denen des nächsten 493 compitum einen As geben und sich damit symbolisch in die neue Genossenschaft einkaufen mußte Varro b. Non. Marc. p. 531. Zu vergleichen ist der Kaufschilling, welcher für die Gebornen, die Neubürger und die Verstorbenen in den Kasten der Lucina, Iuventas und Libitina gethan werden mußte. Auch mußte bei jeder Compitalienfeier jedes Haus einen Opferkuchen steuern, Dionys. H. IV, 14. . Und zwar sind diese lares compitales die Schutzgeister des gesammten Verkehres der Nachbarschaft und als solche immer viales Varro l. l. VI, 25 Compitalia dies attributus Laribus ut alibi ; ideo ubi viae competunt tum in compitis sacrificatur. Man liest gewöhnlich Laribus Compitalibus, doch würde es leichter und natürlicher sein zu ändern Vialibus , vgl. Plaut. Merc. V, 2, 22 invoco vos Lares viales ut me bene iuvetis , und die Inschriften b. Or. n. 1762. 1894. Ueber Tertull. de Spectac. 5 s. oben S. 421, 1051 . , der Zahl nach in der Stadt immer zwei, welche mythologisch für Brüder, nehmlich für Söhne des Mercurius und der Lara galten Ovid F. II, 613 fitque gravis geminosque parit qui compita servant et vigilant nostra semper in Urbe lares. Vgl. oben S. 459 . . Dem gemäß gab es auch sowohl ländliche als städtische Compitalien, wie namentlich Cato jener wiederholt gedenkt und auch von den festlichen Schmäusen der Landleute bei ihnen wiederholt die Rede ist Cato r. r. 5, 4 und 57, vgl. Plin. H. N. XIX, 6, 34, Anthol. lat. ed. H. Meyer n. 105, 27, Grut. p. 106, 13, Fabretti p. 232, 610. . Um so häufiger werden die städtischen genannt, welche Servius Tullius, nach dem Glauben des Volks der Sohn eines Laren, in Wahrheit als Begründer einer das ganze Rom zusammenfassenden städtischen Eintheilung in sogenannte vici gestiftet hatte. Mit dieser Eintheilung hängt es zusammen, daß damals für alle zu demselben vicus gehörenden Bürger beim nächsten compitum eine Capelle der Laren und eine jährliche Feier derselben gestiftet wurde, mit einem gemeinschaftlichen Opfer, zu welchem jedes zu dem vicus gehörige Haus einen Opferkuchen steuern mußte. Bei dem Opfer sollten nach der Einsetzungsformel denen die es im Namen der vicinia brachten nicht Freie, sondern Sklaven zur Hand gehn, als ob die Laren diese am liebsten sähen: wahrscheinlich ein Rest der guten alten Zeit, wo die Sklaven dem Familienleben noch so viel näher standen und, wie sie auf dem Felde mitarbeiteten, so auch bei der Erndte und andern ländlichen Festen mitfeierten: worin man später einen von den vielen Zügen der Güte und Menschenfreundlichkeit finden wollte, die man sich von dem sehr populären Könige Servius Tullius erzählte. Der Zeit nach fiel dieses Fest bald nach den Saturnalien, doch waren die Tage nicht 494 bestimmt, sondern sie wurden jährlich angesagt Varro l. l. VI, 25, Paul. p. 62 conceptivae feriae, Macrob. S. I, 16, 6. Nach Dionys. IV, 14 fielen sie gleich nach den Saturnalien, nach Cic. in Pis. 4, ad Att. II, 3, VII, 7, 3 gewöhnlich in den Januar. Die Ankündigungsformel des Prätor hat Gellius N. A. X, 24 erhalten: Dienoni (für die nono) populo Romano Quiritibus Compitalia erunt. Quando concepta fuerint, nefas. Vgl. Macrob. I, 4, 27 und Marini Atti p. 128. . Unter den Gebräuchen waren manche, welche an Todtendienst und frühere Menschenopfer erinnerten. So wurde vom Volke der Gebrauch beobachtet, den Laren in der Nacht allerlei Gegenstände, namentlich Knäuel und Puppen von Wolle an den Kreuzwegen und vor den Hausthüren aufzuhängen und dabei in den Häusern Köpfe von Mohn oder Knoblauch zu opfern, welche wie jene Knäuel (pilae) und Puppen (maniae) für die Häupter und Leiber der Familienmitglieder gelten sollten: wobei man sich erzählte daß der böse Tarquinius einst wirkliche Kinder als Opfer für die Laren und Mania, ihre Mutter gefordert, der gute Brutus aber dafür den milderen Gebrauch eingeführt habe Paul. p. 121 laneae effigies, p. 239 pilae, vgl. Non. Marc. p. 538 Varro Sesquiulixe: Suspendii Laribus manias (v. marinas), molles pilas, reticula ac strophia , und Macrob. I, 7, 34. . So scheinen bei diesem Feste auch Sühnopfer und andre Opfer zum Andenken an die Verstorbenen an den Kreuzwegen dargebracht zu sein Propert. IV, 1, 23 parva saginati lustrabant compita porci . Charis. 1, 13, 5 p. 20 Compitalia i. e. ubi eos qui peregre moriuntur colunt parentarium dicitur. Auch Prudent. adv. Symmach. 1, 190 tot templa deum Romae quot in Urbe sepulcra heroum numerare licet, quos fabula Manes nobilitat, noster populus veneratus adorat , meint die compita. . Dahingegen auf der andern Seite diese Compitalien wegen der dabei herkömmlichen Spiele und Lustbarkeiten, welche ohnehin gewöhnlich in compitis d. h. auf den Versammlungsplätzen der vici veranstaltet wurden, ein sehr heitres und volksthümliches Fest waren, bei welchem der alte Dorfcharacter der Stadt und ihrer aus so vielen Dörfern und kleinen Städten Latiums zusammengesiedelten Bevölkerung wieder einmal recht vernehmlich durchblickte. Denn wie in der Stadt bei den compitis d. h. an den Straßenecken immer am meisten Leben war, indem dort die meisten Anschläge zu lesen waren und bald eine Auction bald eine Versammlung gehalten wurde Vgl. Cic. de lege agr. I, 3, Horat. S. II, 3, 25; 6, 50, Iuvenal 1, 63, Ammian. M. XXVIII, 4, 29 videre licet per fora et compita et plateas et conventicula circulos multos collectos. Vgl. meine Regionen S. 79 ff. , so waren auch die Faustkämpfer, Schauspieler, Gladiatoren, welche sich bei den 495 Compitalien dort sehen ließen zwar nicht immer die besten, dafür aber die volksthümlichsten Horat. Ep. I, 1, 49 Quis circum pagos et circum compita pugnax magna coronari contemnat Olympia? Vgl. Sueton Octav. 43 und 45, Tacit. Hist. II, 95. Auf solche Spiele beziehe ich auch das Fragment des Naevius b. Fest. p. 230, Comici lat. ed. Ribbeck p. 20 Theodotum compiles, qui aras Compitalibus sedens in cella circumtectus tegetibus Lares ludentes peni pinxit bubulo , wo die spielenden Laren höchst wahrscheinlich die üblichen Vergnügungen dieser Spiele vergegenwärtigen sollten. Afranius hatte eine fabula togata, Laberius einen Mimus unter dem Titel Compitalia gedichtet. ; daher auch die reicheren Bürger solche Spiele oft gaben oder unterstützten, um sich dadurch bei dem gemeinen Manne beliebt zu machen. Ja es entstanden in den Zeiten der Demokratie und Demagogie eigne collegia compitalicia d. h. Vereine zum Behuf dieser Spiele, deren Vorsteher, von den Demagogen der Zeit unterstützt, die ludi compitalicii zu geben und dafür solchen Demagogen, einem Clodius und Consorten mit ihrem Anhange unter dem Janhagel zu jedem beliebigen Gegendienste bereit waren; daher diese Spiele und jene Clubbs für den Senat und die Partei der Optimaten ein nicht geringer Greuel waren Cic. in Pis. 4, 8 und dazu Ascon. p. 7 Or., vgl. Mommsen de collegiis p. 74 sqq. . Erst als August die politischen Clubbs gänzlich beseitigt, den vicis und compitis aber eine polizeiliche Ordnung und in den Viertelsmeistern (den magistris vicorum) einen verantwortlichen Vorstand gegeben hatte, kamen die Compitalien und die ludi compitalicii wieder zu Ehren, wie denn damals auch regelmäßige Bekränzungen der lares compitales vorgeschrieben Sueton Octav. 31, Acron. z. Horat. S. II, 3, 281. und für die Feier der Compitalien den neu eingesetzten Viertelsmeistern der Hauptdienst zugewiesen wurde. Zugleich wurde von ihm eine Einrichtung getroffen, welche gewiß mehr wie alle übrigen dazu beigetragen hat, seinen Namen und sein Andenken im Volke zu befestigen. Zu den beiden Laren jeder Compitalcapelle wurde nehmlich damals der Genius Augusti d. h. sein personificirter Geist und Lebensdämon, der nach seinem Tode zum Gott erhoben wurde, hinzugefügt, so daß das römische Volk fortan durch die ganze Stadt, und nicht allein in Rom, sondern auch in Italien und soweit sich die neue Einrichtung sonst verbreitete Vgl. die aus verschiedenen Gegenden gesammelten Inschriften b. Or. n. 1654 ff. und Boissieu Inscr. de Lyon p. 48 sqq. , neben jenen altherkömmlichen Schutzgeistern des Quartiers den individuellen Schutzgeist dieses Fürsten 496 verehrte, welcher somit in dieselbe Stellung eines populären Schutzgeistes mit einrückte Ovid F. V. 145 Mille lares geniumque ducis qui tradidit illos Urbs habet et vici numina trina colunt. Vgl. Marini bei Visconti Mus. P. Cl. IV p. 298 ff., meine Regionen S. 82 ff., und W. A. Zumpt de Augustalibus et Seviris August. p. 3 sqq. . Es ist noch übrig von verschiedenen Arten und besondern Beinamen dieses städtischen Larendienstes zu sprechen, in welchen sich einzelne Reste des älteren Glaubens erhalten hatten, da sonst die Restauration des August wie in andern Fällen das Alte meist beseitigt hatte. Zunächst gehören dahin die Lares grundules , wahrscheinlich eine alte Larencapelle, wo zu den beiden Laren ein Mutterschwein mit dreißig Jungen hinzugefügt war, wohl mit Beziehung auf die bekannte Ueberlieferung von den Albanischen Colonieen Non. Marc. p. 114 Grundules Lares dicuntur Romae constituti ob honorem porcae, quae triginta pepererat. Vgl. Cassius Hemina b. Diomed. 1 p. 379 ed. P., wo dieses Wunder auf die Gründung Roms bezogen wird, und Arnob. 1, 28. Man leitete den Namen ab von grunnire d. i. grunzen. . Ferner die Lares praestites d. h. die behütenden Vorsteher und Beschützer der Stadt, welche als solche von einem Hunde begleitet und selbst mit Hundsfellen bekleidet waren: auch ein sehr alter, aber mit der Zeit verfallener Altar, an dem man am 1. Mai, dem alten Festtage des Laren opferte, welcher seit August zu einem allgemeinen Festtage der städtischen Laren überhaupt erhoben worden war Ovid F. V, 129 ff., eine in mehr als einer Hinsicht unklare Stelle, Plut. Qu. Ro. 51. Der Name Lares Praestites ist zu erklären wie Iup. Praestes, Genius Praestes u. s. w.; s. Martian. Cap. II, 152 c. nota. Der Hund war auch der Mana Genita heilig, s. oben S. 459 . . Ferner gab es Lares Hostilii , denen man einen Schutz der Stadt gegen die Feinde zuschrieb Paul. p. 102. Da aber hostis in alter Sprache der Fremde ist, so dürften es ursprünglich die in der Fremde behütenden Laren gewesen sein. Uebrigens vgl. Ovid F. V, 135 Stant quoque pro nobis et praesunt moenibus Urbis etc. und Propert. III, 3, 10 Hannibalem Lares Romana sede fugantes: daher der Genius Tutanus, Non. Marc. p. 47. Lares Militares b. Or. n. 1665, Henzen n. 5631, Lar Victor Or. n. 1673. , wie anderswo von einem Lar Victor und von Lares militares die Rede ist und auf einer Münze der Familie Caesia die Laren als zwei sitzende und leicht bekleidete, mit einem Speer bewaffnete Jünglinge, zwischen denen ein Hund sitzt, abgebildet werden. Außerdem werden Lares permarini genannt, welchen L. Aemilius Regillus nach einem glücklichen Seetreffen mit der Flotte des Antiochus einen Tempel gelobt hatte, der im Marsfelde lag und im J. 575 d. St. 497 (179 v. Chr.) von dem Censor M. Aemilius Lepidus eingeweiht wurde. Diese Laren hatten auch einen eignen Festtag am 22. December Liv. XL, 52, wo die Verse der Dedication erhalten sind, Macrob. I, 10, 10. Die Fasti Praen. bemerken zum 22. Dec: laribus permaRINIS IN PORTu . . Außer diesem Tempel der Laren gab es einen zweiten, der auf der Höhe der Sacra Via, beim Aufgange zum Palatium lag und den Laribus publicis heilig war. Augustus nennt ihn unter seinen Neubauten Mon. Ancyr. t. IV, 7, vgl. Tacit. Ann. XII, 24, Solin. 1, 23 Ancus Marcius in summa Sacra Via, ubi aedes Larum. Die Dedicationsinschrift vom J. 4 v. Chr.: Laribus Publicis Sacrum Imp. Caesar Divi F Augustus etc. ist in derselben Gegend gefunden, s. Or. n. 1668, Mommsen I. N. n. 6764. Den Tag bemerkt Ovid F. VI, 782. Ob der bei Cic. N. D. III, 25 erwähnte T. der Laren derselbe ist, muß dahin gestellt bleiben. ; der Dedicationstag war der 27. Juni, welches also wahrscheinlich der zweite jener beiden von August für den Cult der städtischen Laren angesetzten Festtage war. Endlich werden Lares alites erwähnt d. h. geflügelte Laren, nach denen ein vicus in Rom benannt war. Also wurde den Laren Hülfe und Beistand bei den verschiedensten Veranlassungen zugeschrieben; und auch die Bilder der Laren können höchstens in gewissen Grundzügen, namentlich darin daß sie immer als Brüderpaar auftraten, dieselben gewesen sein, da sie sonst wenigstens in älterer Zeit hinsichtlich der Darstellung und der Attribute sehr verschieden gewesen sein müssen. Aus solchen Elementen also bildete sich mit der Zeit ein Cultus der Laren, der von dem ältern in mehr als einer Hinsicht verschieden war. Zunächst insofern als man die Laren immer mehr mit den Genien und Seelen der Lebenden oder Verstorbenen identificirte, in welchem Sinne der Genius Augusti zum lar publicus und die lares compitales zu lares Augusti werden konnten und in diesem Sinne namentlich am 1. August, dem Namenstage des August, gefeiert wurden Ovid F. V, 147 Quo feror? Augustus mensis mihi carminis ius habet. Auch die von August im J. 7 v. Chr. eingeführten Vicomagistri traten ihr Amt am 1. August an, welcher nach Papencordt Cola di Rienzo S. 125 noch jetzt ein Freudentag in Rom ist. . Ferner dadurch daß auch die Familienlaren mehr und mehr mit dem Culte berühmter Verstorbenen und dem der Schutzgötter des Hauses und Hofes überhaupt identificirt wurden Or. n. 1604 Silvano lari agresti Martius Proculus , vgl. Henzen Suppl. p. 148. . Endlich konnte auch der Umstand nicht ohne bedeutenden Einfluß auf den 498 Dienst der Laren bleiben, daß der alte Familiensaal mit dem Heerde, wo die Bilder der Laren standen, in der Stadt den bequemeren und eleganteren Einrichtungen der Neuzeit weichen mußte; daher wir seitdem eigne Lararien d. h. Larenschränke und Betcapellen erwähnt finden und zwar entweder gleich beim Eintritt in das Haus in einem Wandschrank auf der Diele, wo die silbernen Larenbilder beim Ein- und Ausgange begrüßt und bei festlichen Gelegenheiten durch Schmuck und Opfer geehrt wurden Hieronym. in Esai. I. XVI c. 57, 7. nullusque fuerit locus qui non idololatriae sordibus inquinatus sit, in tantum ut post fores domorum idola ponerent, quos domesticos appellant lares et tam publice quam privatim animarum suarum sanguinem funderent. Vgl. Petron. S. 29 und die Inschriften b. Or. n. 3838, Henzen n. 5770. , oder neben dem Schlafzimmer, wo namentlich die Vornehmeren eine eigne Betcapelle der Laren zu haben pflegten Sueton Domit. 17 vgl. Octav. 7 und die Fortuna aurea oder regia im Schlafzimmer der Kaiser, Iul. Capitolin. Antonin. P. 12, Ael. Spartian. Sev. Imp. 23. . Auch wurden nun außer den Familienlaren im älteren Sinne und den Hausgöttern auch die Genien von Lebenden und Verstorbenen häufig mit verehrt, in allen Privathäusern vor allen der Genius des jedesmaligen Kaisers, in vielen die von geliebten Freunden und Lehrern oder von großen Gönnern Sueton Vitell. 2, Iul. Capitol. M. Antonin. Ph. 3. Eben dahin gehört die Verehrung der Laren eines Hauses durch einen Clienten desselben, Or. n. 2411. 2412. . Denn natürlich hatte der Hausgottesdienst im Wesentlichen denselben Verlauf wie der öffentliche, so daß in beiden Kreisen die allgemeine Krankheit der Zeit, Apotheose und Theokrasie, in gleichem Maaße um sich griff. Hatte doch der Kaiser Alexander Severus in seinem Palaste nicht allein ein, sondern zwei Lararien, das eine neben seinem Schlafgemache, wo er morgens seine Andacht zu verrichten pflegte und wo man außer einer Auswahl der consecrirten Kaiser die Bilder von solchen Männern sah, die durch Weisheit und Heiligkeit berühmt geworden waren, Apollonius von Tyana neben Christus, Abraham neben Orpheus und andre Auserwählte, auch Alexander den Großen und die Bilder der Ahnen. Das andre Lararium enthielt die Bilder von berühmten Dichtern, Schriftstellern und Helden der griechischen und römischen Vorzeit, das des Virgil, des Cicero, des Achill u. A. Ael. Lamprid. Alex. Sev. 28. . 499 7. Die Larven und Lemuren. Wurden die Laren als holde und gute Geister gedacht, so waren die Larven die unholden, die ungeheuren Geister des römischen Volksglaubens, die als Gespenster umgehenden Seelen der Verstorbenen, sei es daß sie in Folge eines Versäumnisses der vorgeschriebenen religiösen Gebräuche nicht zur Ruhe gekommen waren oder daß sie sonst erregt und umgetrieben wurden; denn wie bei andern Völkern, so glaubte man auch in Rom nicht allein an die Möglichkeit eines Verkehrs zwischen Verstorbenen und Lebendigen, sondern auch an bestimmte Epochen der Jahreszeit und gewisse Tage, wo die Geister aus ihrer dunklen Tiefe emporkämen und auf der Erde umgehend ihre ehemaligen Wohnungen und ihre Angehörigen aufsuchten. Natürlich verband sich damit bald der Glaube, daß solche Spukgeister entweder durch eigne Verschuldung oder in Folge schwerer Unbill, die sie erlitten, namentlich eines gewaltsamen Todes, nicht zur Ruhe kommen könnten Liv. III. 58 Manesque Virginiae, mortuae quam vivae felicioris, per tot domos ad petendas poenas vagati nullo relicto sonte tandem quieverunt. Vgl. Plaut. Mostell. II, 2, 68 und über den Gespensterglauben überhaupt Lucret. 1, 131 ff., Virg. Aen. X, 641. : daher die Larven insgemein für böse und verdammte Geister von schrecklicher Gestalt und sinnverwirrender Wirkung gehalten wurden, die gewöhnlich gleichbedeutenden Lemuren Horat. Ep. II, 2, 208, Pers. V, 185 c. Schol., Non. Marc. p. 135 Lemures larvae nocturnae et terrificationes imaginum et bestiarum , Augustin C. D. IX, 11. Andre gebrauchen das Wort Lemures von den Geistern der Verstorbenen überhaupt, Larvae von den Gespenstern der Bösen, Apul. de Deo Sacr. p. 152 vgl. Apolog. p. 535, Martian. Cap. II, 162. aber vermöge der in der römischen Volkssprache früher und jetzt sehr gewöhnlichen Verwechslung von l und r mit dem gewaltsamen Tode des Remus in Verbindung gebracht wurden, dessen zürnender Geist von dem Bruder Romulus erst durch die Stiftung eines eignen Sühnfestes der Lemurien habe zur Ruhe gebracht werden können Ovid F. V, 451 ff, Serv. V. A. I, 276 und 292, Porphyrion z. Horat. l. c. zu lesen: lemures umbras vagantes hominum ante diem mortis mortuorum et ideo metuendos etc. . Dieses Fest wurde in drei Nächten, am 9. 11. und 13. Mai begangen und scheint ursprünglich nichts weiter als ein allgemeines Todtenfest gewesen zu sein, wie das der Feralien im Februar, nur daß 500 man bei diesen die Todten an ihren Gräbern durch Opfer und Gebete versöhnte, bei den Lemurien aber sie als nächtlich umgehende und ihre alten Wohnungen und Gewohnheiten aufsuchende dachte, also die zu ihrer Beruhigung nöthigen Gebräuche im eignen Hause verrichtete. Diese von jedem Hausvater beobachteten Gebrauche beschreibt Ovid ausführlich Fast. V, 419 ff., vgl. die Kal. Maff. Venus. z. 9. 11. 13. Mai und Paul. p. 87 fabam. Auch Varro b. Non. Marc. p. 135 spricht von diesem Gebrauche: Quibus temporibus in sacris fabam iactant noctu ac dicunt se lemures domo extra ianuam eiicere. . Um Mitternacht erhebt sich derselbe, schreitet mit bloßen Füßen durch das Haus und macht mit der Hand das Zeichen, welches die Geister scheucht Vs. 433 Signaque dat digitis medio cum pollice iunctis, Occurrat tacito ne levis umbra sibi. . Dann wäscht er sich die Hände mit reinem Quellwasser, steckt schwarze Bohnen in den Mund, wirft diese wieder durch das Haus schreitend hinter sich und sagt dazu neunmal ohne umzublicken: »Dieses gebe ich her und mit diesen Bohnen erkaufe ich mich und die Meinigen.« Denn ungesehn schlüpfen die Geister hinter ihm her und sammeln die Bohnen auf. Dann reinigt er sich abermals mit Wasser, schlägt an ein ehernes Becken und bittet daß die Geister nun sein Haus verlassen mögen. Hat er dieses neunmal mit den Worten: Manes exite paterni! wiederholt, so darf er umblicken, denn er hat dem alten Brauch Genüge gethan. Hernach erzählt auch Ovid das Mährchen vom Geiste des Remus und fügt endlich hinzu, in älterer Zeit sei dieser Tag viel heiliger und festlicher gewesen, auch seien damals wie an den Feralien die Tempel verschlossen gewesen und man habe eben so sorgfältig wie an jenen Tagen alle Heirathen vermieden. Mit der Zeit wurde namentlich die Vorstellung von den Larven noch immer mehr im Sinne des Volksglaubens an böse Geister und Gespenster ausgebildet. Sie schlagen die Lebendigen mit Wahnsinn Paul. p. 119 larvati; Non. Marc. p. 44 cerriti et larvati, vgl. Plaut. Amphitr. II, 2, 145, Aulul. IV, 4, 15, Captiv. III, 4, 66, Casina III, 4, 2, Menaechm. V, 4, 2 u. a. und sind selbst in der Unterwelt für die Verstorbenen schreckliche Plagegeister Plin. H. N. I praef. 10, Seneca Apocol. 9, 3. . Man dachte sie sich wie abgezehrte Gliederfiguren und Skelete Seneca Ep. 24 larvarum habitum nudis ossibus cohaerentium . Anthol. lat. 1647, 12 macies larvalis . Ammian. M. XXXI, 1, 3 larvale simulacrum regis . Daher b. Petron. 34 eine solche larva von Silber, sic aptata ut articuli eius vertebraeque laxatae in omnem partem verterentur auf den Tisch geworfen wird, um nach der beliebten Sitte der Alten durch die Erinnerung an den Tod zum Lebensgenuß aufzufordern. Paul. p. 123 Sunt qui Maniam larvarum matrem aviamve putant. Wie unsre des Teufels Großmutter. und 501 nannte nun auch die Mania im Sinne dieses Gespensterglaubens nicht mehr die Mutter der Laren, sondern die Mutter oder die Großmutter der Larven. 502 Achter Abschnitt. Die Götter des flüssigen Elements. Sehr dürftig ist in Italien die Mythologie des Meeres geblieben, ein sicherer Beweis daß weder Rom noch seine Vorfahren den Zug zur See und zu den Wundern des Meeres fühlten, der die ganze griechische Geschichte und Mythologie bewegt. Italien ist in dieser Beziehung nicht über die ersten Anfänge hinausgekommen; wie neuerdings auch bemerkt worden ist, daß die lateinische Sprache in allen auf das Seewesen bezüglichen Worten von Haus aus sehr arm ist und bei weitem ihre meisten Ausdrücke der Art von den Griechen entlehnt hat. Desto alterthümlicher und volksthümlicher war auch hier die Verehrung der wunderbaren, allbelebenden Elementarkraft des Wassers, so weit es durch eine unmittelbare Naturwirkung in Quellen und Flüssen an die Erscheinung tritt und befruchtend, reinigend und beseelend auf die Erde und ihre Vegetation, auf Thiere und Menschen wirkt. Ja es scheint wohl daß diese Verehrung der Quellen und Flüsse in dem alten, an schattigen Gründen und an Quellen reichen Italien vorzugsweise verbreitet war, so daß selbst die italischen und sicilischen Griechen, welche ihren Münzen zufolge gleichfalls in der Verehrung der Flußgötter sehr weit gingen, in dieser Hinsicht von der einheimischen Bevölkerung angeregt gewesen sein mögen. 1. Neptunus. Der Name Neptunus, der bei den Etruskern Nethuns und Nethunus lautete, scheint mit nare, νάω, νέω, vgl. ναῦς und 503 navis zusammenzuhängen S. Schömann zu Cic. N. D. II, 26. »Für ein Digamma in den Wörtern nare, νάω, νέω zeugen die Formen ναύω, das Fut. νεύσομαι oder νευσοῦμαι, und ναῦς, navis. Also wäre Nevitunus, Nevtunus, Neptunus nicht unglaublich und der Name gleiches Stammes mit dem griechischen Νηρεύς.« Nethuns ist die gewöhnliche Form der etruskischen Spiegel, Nethunus ist nachgewiesen von O. Jahn Vasenb. S. 39 T. IV D. Vgl. Arnob. III, 40, Serv. V. A. VIII, 285 und den Namen der etruskischen Stadt Nepet, auch Nepete und Nepte. Etymologieen der Alten b. Varro l. l. V, 72, Cic. l. c, Arnob. III, 31. , also ursprünglich einen Gott der Fluth und alles Fließenden und Strömenden zu bedeuten, wie bei den Griechen Okeanos und Poseidon, Nereus und Acheloos. Eine specielle Beziehung auf das Meer schließt indessen seine Zusammenstellung mit der weiblichen Salacia , einer Personification der Salzfluth in sich, während Venilia oder Venelia , welche gleichfalls für seine Gattin, in andern Sagen aber für die Mutter der Canens vom Janus, in noch andern für die des Rutulerfürsten Turnus galt, eine der Liebesgöttin Venus verwandte Quellengöttin gewesen zu sein scheint Varro l. l. V, 72, Augustin C. D. VII, 22, vgl. Virg. Aen. X, 76 und dazu Servius und die Intp. Mai. p. 103 ed. Keil, Ovid Met. XIV, 334. Venulus ein mythischer König aus der Vorzeit von Tibur oder Lavinium. Virg. Aen. VIII, 9 Serv. Wäre der Name Vĕnīlia; eines Stammes mit ventus, so würde auf die Wurzel vâ, wehen zurückzugehen sein. Da Venilia in den Indigitamenten aber auch als Göttin des Verlangens genannt wurde; so wird der Name wohl wie der der Venus erklärt werden müssen. Ueber Salacia Neptuni s. S. 50, 45 . Sie wird auch der Tethys und der Amphitrite gleichgesetzt und war also die eigentliche Meeresgöttin, s. Cic. Tim. fr. XI, Serv. V. Ge. I, 31, Aen. 1, 44, Pacuvius b. Fest. p. 326 hinc saevitiam Salaciae fugimus . Martian. Cap. I, 54 nennt neben dem Neptunus eine weibliche Göttin Neverita oder Nerita , vielleicht ein weiblicher Νηρεύς, wie die Empedokleische Νῆστις. . Auch finden sich weiter keine eigenthümlichen Ansätze zu einer poetischen und mythologischen Verherrlichung des Meeres und seiner Wunder und Abenteuer, sondern Alles, was sonst noch zu erwähnen ist, scheint entweder etruskischen oder griechischen Ursprungs zu sein. Den Einfluß der Etrusker sind wir freilich auch hier genauer abzuschätzen nicht im Stande; doch ist zu erwarten daß ein Volk, welches das obere und untere Meer von Italien beherrschte und mit den Griechen lange um die Herrschaft auf dem Meere kämpfte, auch in seiner Mythologie und in seinen Sagen viel von dem Meere erzählt haben wird, wie denn wirklich auf den etruskischen Gräbern viele Bilder von weiblichen und männlichen Seeungeheuern und geflügelten Seedämonen zu sehen sind, welche auch hier den Zug zum Phantastischen 504 verrathen G. Dennis die Städte und Begräbnißpl. Etruriens S. 480 ff. . Auch könnten die Fabeln von den Skyllen und Charybden und die von den Sirenen, welche in den Gewässern von Italien und Sicilien besonders zu Hause waren, wie die vom Könige Phorcus auf Corsica und Sardinien, welcher nach Varro mit dem Könige Atlas um die Herrschaft gestritten haben und darauf in einen Meeresgott verwandelt sein soll Serv. V. A. V, 824. Nach Alexander Polyb. b. Serv. V. A. I, 388 war Rhoetus, Marrubiorum rex, ein Sohn des Phorcus. , wohl etruskischen Ursprungs sein, obwohl das Etruskische auch hier sehr schwer von dem Griechischen zu sondern ist. Gewiß ist daß Rom und das geschichtliche Italien sich aus dieser letzten Quelle die ganze wohlbekannte Bilderwelt des Seelebens angeeignet hatte, Tritonen und Nereiden, unter denen Amphitrite nicht selten auf den römischen Münzen erscheint Auf denen der Crepereia und des P. Plautius Hypsaeus. , während sich die übrigen Nereiden hin und wieder truppweise an der Küste sehen ließen und die Tritonen sich in den vielen Grotten und Höhlen derselben Küste auf ihren Muscheln hören ließen; wozu man später auch von Seemenschen, Seeelephanten, Seeböcken, Seebäumen und vielen andern Ungethümen der See phantasirte Plin. H. N. IX, 5, 4, XXXII, 11, 53. . Der Herr und König über diese Wunderwelt, der griechische Poseidon, erscheint in Rom mit andern griechischen Göttern zuerst bei dem einige Jahre vor der Eroberung Veji's auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher veranstalteten ersten Lectisternium S. oben S. 134 . Sonst war im südlichen Italien besonders berühmt der Poseidon von Tarent, s. Horat. Od. I, 28, 29, Mommsen in den Ber. d. K. Sächs. Ges. d. W. 1849 S. 49 ff. Bei einem Lectisternium der zwölf Götter im Hannibalischen Kriege erscheint Neptunus nach griechischer Weise an der Seite der Minerva, s. Liv. XXII, 10, vgl. die Inschr. a. England b. Or. n. 1338 Neptuno et Minervae templum etc. . Er wurde fortan unter dem einheimischen Namen Neptunus, aber nach griechischer Weise zugleich als Seegott und als Gott der ritterlichen Uebungen verehrt. Als Seegott ist er bald der wilde, gewaltige, trotzige, wie ihn die Dichter gerne schildern Plaut. Trin. IV, 1, 6 Ennius Sat. p. 156, Virg. Aen. I, 124 ff. Ennius nennt in den Annalen vs. 490 das Meer imber Neptuni, dahingegen Naevius b. Paul. p. 58 cocus edit Neptunum, Venerem, Cererem unter Neptun die Fische, unter Venus die Gemüse versteht. Bei Catull. 31, 3 ist uterque Neptunus der des Meeres und der des festen Landes. Vgl. b. dems. 64, 28, Priscian. II, 585 die Form Thetis Neptunine. , bald der beruhigende, wie er in den Häfen an der Seite der 505 Tranquillitas, der griechischen Galene, und der sanften Winde verehrt wurde ( S. 293 ). Für den Vorstand der ritterlichen Uebungen scheint er besonders im Circus Flaminius gegolten zu haben, während sich im Circus Maximus der alte latinische Gott Consus behauptete, den man nachmals für einen Neptunus equester hielt ( S. 420 ). Beim Circus Flaminius befand sich auch der einzige Tempel des Neptun, welcher von diesem Gotte in Rom erwähnt wird, ein von Cn. Domitius entweder neu erbauter oder wiederhergestellter Tempel, in welchem sich eine der berühmtesten Gruppen des griechischen Meisters Scopas befand, Neptun und Thetis und Achill und ein Zug von Nereiden und Tritonen auf und unter allerlei Meeresungeheuern Plin. H. N. XXXVI, 5, 2, vgl. die Inschr. b. Grut. 318, 5 Abascanto Aug. Lib. Aedituo Aedis Neptuni, quae est in Circo Flaminio . Eine ara Neptuni in circo Flaminio erwähnt Liv. XXVIII, 11. . Neptunalia wurden am 23. Juli gefeiert mit eignen Spielen, entweder am Tiber oder in Ostia an der See und im Freien, denn es werden Laubhütten (umbrae) erwähnt, durch welche man sich in der heißen Jahreszeit vor der Sonne zu schützen suchte Kal. Maff. Pinc. Allif. z. 23 Juli, Varro l. l. VI, 19, Horat. Od. III, 28, Tertull. de Spectac. 6, Paul. p. 377 umbrae. Die Neptunalia, welche am 1. Sept. zu Ehren des Siegs bei Actium gefeiert sein sollen, beruhen auf einer falschen Lesart des Kal. Maff. b. Or. II p. 398. . Sonst waren Portunus, der alte Hafengott S. oben S. 158 . 286 . Aber auch Portunus wurde später ganz als Neptunus gedacht. , und die Laren ( S. 496 ) die Götter, denen man das Glück und die Erfolge zur See zuschrieb, obgleich die Römer auf letztere im Allgemeinen bei weitem weniger Gewicht legten als auf die zu Lande erfochtenen Siege. Erst Sextus Pompejus gefiel sich so in seiner kurzen Seeherrschaft, daß er sich einen Sohn des Neptunus nannte und zuletzt wirklich als solchen gebehrdete Dio XLVIII, 19. 31, Appian b. c. V, 100. . Dann war es Agrippa, der größte römische Seeheld, der nicht allein die Flotte des Sextus Pompejus, sondern auch die des Antonius und der Kleopatra eigentlich geschlagen und sich dabei durch verschiedene sinnreiche Erfindungen um das Seewesen verdient gemacht hatte, durch welchen Neptun in Rom noch einmal zu Ehren kam. Er gründete ihm nehmlich zum Andenken an jene Siege im Marsfelde ein Heiligthum und eine Halle, welche fortan das ausgezeichnetste Denkmal der römischen Seeherrschaft blieben Dio LIII, 27. Dieselbe Halle wird als τὸ Ποσειδώνιον erwähnt ib. fr. 57, 60, wo auch von einem Altare die Rede ist, und LXVI, 27. Später heißt das Gebäude Basilica Neptuni s. die Regionen d. St. R. S. 177. Den von Agrippa dedicirten Neptun sieht man auf seinen Münzen, stehend, nackt, die Chlamys über die Schultern, in der R. einen Delphin, in der L. den Dreizack, also ganz nach griechischer Weise. Auch unter den spätern Kaisern ist nur ausnahmsweise von Neptun die Rede, s. Eckhel D. N. VI p. 330. . An den 506 Wänden der Halle sah man die griechischen Bilder und Sagen von den Argonauten und ihren Abenteuern. 2. Die Quellen und Flüsse. Für den allgemeinen Ursprung der Quellen und Flüsse galt Janus, er und sein Sohn Fons oder Fontus , welcher in Rom an mehr als an einer Stelle verehrt wurde Ueber die ara Fonti am Janiculum s. S. 157 . Außerdem gab es ein delubrum Fontis, welches C. Papirius Maso im J. 231 v. Chr. ex voto gestiftet hatte, Cic. N. D. III, 20, 52. Auch die p. Fontinalis setzt ein derartiges Heiligthum voraus. In den Urkunden der fr. Arvales wird Fons t. 32 u. 43 erwähnt: Virginibus Divis, Famulis Divis, Laribus, Matri Larum, Fonti, Florae etc., desgleichen auf einer Inschrift aus Caudium in Campanien b. Mommsen I. N. n. 1853. Sonst kommen auch Fontes im Plural vor, z. b. Or. n. 1223. 1635. 1636. Das Wort ist abzuleiten a fundendo, s. Paul. p. 84 und Varro l. l. V, 123 fons unde funditur e terra aqua viva . und auch sonst in Italien hin und wieder erwähnt wird. In Rom wurde diesem Gotte, der als jugendlicher Janus abgebildet wurde ( S. 164 ), am 13. October ein eignes Fest gefeiert, an welchem man Kränze in die Quellen warf und auch die Brunnen bekränzte Varro l. l. VI, 22, vgl. Kal. Maff. Amitern. u. Paul. p. 85. . Denn überall wo das Wasser durch die eigne Kraft der Natur zum Vorschein kam und wo es, um mit den römischen Juristen zu reden, als caput aquae eine perpetua causa hatte, glaubte man auch ein numen annehmen und demzufolge anbeten und dieser Gottheit durch fromme Gaben huldigen zu müssen, daher bei allen Quellen und längs den Strömungen größerer Bäche Haine, Altäre und Tempel errichtet und viele religiöse Gebräuche beobachtet wurden. Eben deshalb schien jede Ueberbrückung eines Flusses und vollends die Veränderung seines Stromlaufes bedenklich, jede Verunreinigung einer Quelle durch Baden oder auf andre Weise ruchlos. Wurde doch auf einigen Gewässern sogar alle Schiffahrt verboten Tacit. A. I, 79 Optume rebus mortalium consuluisse naturam, quae sua ora fluminibus, suos cursus, utque originem ita fines dederit. Spectandas etiam religiones maiorum, qui sacra et lucos et aras patriis amnibus dicaverint. Vgl. Ann. XIV, 22 und Plin. Ep. VIII, 8 vom Clitumnus: Pons terminus sacri profanique. In superiore parte navigare tantum, infra etiam natare concessum. Ib. 20 vom l. Vadimonis: Nulla in hoc navis (sacer enim est), sed innatant insulae herbidae etc. Vgl. Rudorff Zeitschr. f. geschichtl. Rechtsw. XV, 214 ff. . 507 Während fons immer männlichen Geschlechts ist, werden die Flüsse und Bäche bald männlich bald weiblich gedacht, je nach der stärkeren oder zarteren, männlich schöpferischen oder weiblich empfänglichen Naturwirkung, die in ihnen beobachtet wurde. So wird selbst das Wort amnis, obgleich gewöhnlich männlich und eine größere Strömung fließenden Wassers bedeutend, bisweilen auch weiblich gebraucht Varro l. l. V, 28 erklärt amnis id flumen, quod circuit aliquid, nam ab ambitu amnis. – Oppidum Interamna quod inter amnes est constitutum, Antemnae quod ante amnis, qui Anio, influit in Tiberim. Auch sagte man amnis vom Tiber, s. Horat. Od. I, 2, 18 uxorius amnis . Dessenungeachtet sagte man auch Petronia amnis, Fest. p. 250. , während das Wort lympha oder lumpha, oscisch diumpa, speciell die in Quellen und Bächen waltende weibliche Gottheit bezeichnet, wie das griechische Wort νύμφη Amnes und Lymphae zusammen unter vielen Mächten und Göttern der Fruchtbarkeit in der oscischen Inschr. von Agnone b. Mommsen Unterit. Dial. S. 128. Auch Varro nennt die Lympha unter den Göttern des Ackerbaus, s. oben S. 60, 66 . . Gewöhnlich werden die Götter der Flüsse als königliche und väterliche Greise gedacht, die in dem Bette des Flusses hausen, in alten Zeiten wohl aber auch als menschliche Könige über die Landschaft geherrscht haben, die weiblichen Quellgöttinnen als singende und zaubernde Wasserfrauen, welche nach dem Volksglauben denen die sie im Wasser gesehen den Sinn berücken Daher die lymphati und lymphatici, welche den griechischen νυμφολήπτοις entsprechen, Varro l. l. VII, 87, Paul. p. 120, Tertull. d. baptism. 5. Auch die Fabeln vom Nymphenraub scheinen in Italien verbreitet gewesen zu sein, vgl. die Geschichte vom schönen Trasimenus, den die Nymphen des Sees geraubt, b. Sil. Ital. Pun. V, 7 ff. , aber sonst weiblich fürsorgende Heil- und Geburtsgöttinnen sind und wegen der reinigenden und heilkräftigen Natur ihres Wassers bei allen gottesdienstlichen Verrichtungen, besonders aber von den Frauen und Jungfrauen gesucht werden. Daher die im späteren Alterthum weit verbreiteten, aus Griechenland stammenden Nympheen, deren es auch in Rom viele gab, d. h. künstlich eingerichtete und mit Bildwerken und Malereien anmuthig ausgezierte Quellengebäude, welche zugleich zur 508 religiösen Verehrung der Nymphen bestimmt waren und zu andern sich anschließenden Lebenszwecken, namentlich zu Hochzeiten dienten. Dem Fontus als Gott über alle Quellen entspricht gewissermaßen Iuturna , die gute, die heilende Nymphe schlechthin, wie dieses auch der Name aussagt, Iu-t-urna von iuvare. Es scheint wohl daß sich der Volksglaube in Latium seit alter Zeit mit ihr beschäftigt hatte; daher noch die römischen Dichter allerlei latinische Fabeln von ihr zu erzählen wissen. Bald heißt sie eine Geliebte des Jupiter, welche von ihm zur Königin über alle Flüsse und Gewässer in Latium erhoben ist, bald die Gattin des Janus, welche von ihm den Quellengott Fontus geboren Virg. Aen. XII, 135 ff, Ovid F. II, 583 ff. Arnob. III, 29. . Bei Virgil ist sie die Schwester des Turnus von Ardea und eine Freundin der Albanischen Juno, obgleich Jupiter sie vor allen übrigen Nymphen des Landes liebt; daher wohl ein alter Cultuszusammenhang einer ihr geheiligten Quelle mit den latinischen Heiligthümern auf dem Albaner Berge angenommen werden darf. Auch gab es in der Nähe des durch so manche latinische Sagen geweihten Flusses Numicius im Gebiete von Ardea und Lavinium eine Quelle Iuturna Serv. V. A. XII, 139, ygl. Bormann altlatin. Chorogr. S. 58. , deren Verehrung höchst wahrscheinlich älter war wie die der römischen Juturna, welche mithin, wie in andern Fällen andre Heiligthümer, nur eine örtliche Uebertragung des in Latium allgemein verehrten Namens gewesen sein möchte. Denn auch in Rom waren verschiedne Quellen nach ihr benannt, einmal der bekannte lacus Iuturnae auf dem Forum in der Nähe des T. der Castoren, zweitens eine Quelle im Marsfelde, wo Lutatius Catulus der Juturna sogar einen Tempel gestiftet hatte. Und auch in Rom galt dieses Wasser für das reinste, das heiligste, das wohlthätigste, für das Wasser schlechthin, daher alle Gottesdienste und alle Leidende davon zu schöpfen pflegten und alle Gewerke, welche mit Wasser zu thun hatten, der Juturna ein eignes Fest feierten Varro l. l. V, 71, Serv. l. c., vgl. Ovid F. I, 462. , die Iuturnalia am 11. Januar, an welchem Tage auch ihr Tempel eingeweiht worden war und Carmenta ( S. 357 ) neben ihr gefeiert wurde. Nicht minder alt und merkwürdig ist der Glaube an die heiligende und begeisternde Kraft der Nymphe Egeria , welche vorzüglich wegen ihrer Liebe zum Könige Numa bekannt geworden 509 ist, da sie doch ursprünglich in dem latinischen und römischen Volksglauben eine viel allgemeinere Bedeutung gehabt haben muß. Selbst die Dichtung vom Numa scheint nur ein besondrer Zug des älteren Volksglaubens an die begeisternde und weihende Kraft der Nymphen überhaupt zu sein, wie sich derselbe Glaube in den Dichtungen vom Janus und der Juturna, vom Picus und der Canens, von Evander und der Carmenta sowie darin ausspricht, daß Picus und Faunus ehe sie weissagen von einer Quelle am Aventin trinken; dahingegen der Name Egeria beweist daß dieser Nymphe gleich der Carmenta zugleich eine entbindende Kraft zugeschrieben wurde Paul. p. 77 Egeriae Nymphae sacrificabant praegnantes, quod eam putabant facile conceptam alvum egerere. Vgl. Plin. H. N. VII, 11 uno abortu duodecim puerperia egesta . . Endlich wissen wir daß die Vestalinnen nach einer angeblich von der Egeria selbst eingegebenen Vorschrift des Numa das zu den täglichen Reinigungen und Waschungen ihres Dienstes erforderliche Wasser aus ihrem Quell schöpften. Ihr Cultus begegnet uns gleichfalls sowohl in Latium als in Rom. Dort rühmte sich der bekannte Hain der Diana von Aricia einer Quellengöttin Egeria, welche für die Pflegerin des Virbius galt und als Dienerin der Diana von den Frauen gewiß vorzugsweise als entbindende Göttin verehrt wurde, obwohl man auch hier von Numas Liebe zu ihr erzählte Virg. Aen. VII, 763 Serv.; Ovid F. III, 273 ff., Met. XV, 487 ff., Schol. Iuven. S. III, 17. Vgl. oben S. 279 und Mommsen I. N. 5728 aus Cliternia: Lumpheis Dian . . . In Rom wurde sie in dem bekannten Haine vor der p. Capena in der Umgebung der sogenannten Camenae oder wie sie in älterer Form heißen Casmenae d. h. Carmenae verehrt Varro l. l. VII, 26, Paul. p. 43. Daß auch sie Quellnymphen waren, wahrscheinlich die von kleineren Quellen in der Nähe der größeren Egeria, geht hervor aus Varro b. Serv. V. Ecl. VII, 21 vgl. Tertull. in Marcion. 1, 13 und Vitruv VIII, 3 von einem Wasser, welches so süß sei, uti nec fontinalis ab Camenis nec Marcia saliens desideretur. Sulpicia Sat. 67 Nam laureta Numae fontesque habitamus eosdem . Später gab es in derselben Gegend einen Ort, den die Griechen wegen seiner reichlichen Bewässerung Ἐνυδρία nannten, s. Corp. I. Gr. n. 5968. , welche deutlich den Carmentes in der Umgebung der begeisternden Nymphe und Geburtsgöttin Carmenta ( S. 358 ), der Mutter des Evander, entsprechen und wie jene Canens, die Geliebte des Picus, ursprünglich keineswegs den poetischen Gesang der Dichter, sondern den zaubernden und orakelnden der Faune und der Fatuen ausdrücken sollten; obwohl sie später von den römischen Dichtern 510 ganz nach Art der griechischen Musen, welche ursprünglich gleichfalls Quellnymphen gewesen waren, verehrt und angerufen wurden. Der Hain dieser Camenen, vor Alters ein anmuthiges Thal mit reichlicher Bewässerung, frischem Rasen, schattigen Bäumen und kühlen Grotten, wie sie ehemals überhaupt in den Umgebungen von Rom nicht selten gewesen waren, lag gleich vor jenem Thore und nicht weit von dem T. des Honos und der Virtus, mit welchem die Quelle der Egeria und jener Hain bei dem rastlos fortschreitenden Anbau der gewaltigen Stadt später sehr ins Gedränge kam Liv. I, 21, Iuvenal Sat. III, 10 ff, vgl. Becker Handb. I, 513 ff. . Angeblich hatte schon Numa dort eine kleine Capelle der Musen von Erz gestiftet, welche später, nachdem sie vom Blitz getroffen war, zuerst in jenem benachbarten Tempel, dann in dem des Hercules Musarum aufbewahrt wurde. Ein andrer Tempel der Camenen wird erwähnt auf Veranlassung einer Dedication des Dichters Accius, welcher in demselben seine eigne Portraitstatue in Lebensgröße aufgestellt hatte Serv. V. A. I, 8, Plut. Numa 13 , Plin. H. N. XXXIV, 5, 10. Von der Muse Tacita b. Plut. N. 8 s. oben S. 459 . . Unter den Flüssen beschäftigte natürlich der Tiber die Römer am meisten. Im Gottesdienste hieß er Tiberinus , auch Divus Tiberinus und Pater Tiberinus Virg. Ge. IV, 369 Pater Tiberinus . Serv. V. A. VIII, 330 Tiberinus – a Pontificibus indigitari solet . Zu vs. 31 in sacris Tiberinus, in coenolexia Tiberis, in poëmate Tibris vocatur. Vgl. die Inschr. aus Hortanum in Etrurien, in der Nähe der Vereinigung des Nar mit dem Tiber, b. Fabr. p. 432, 6 Sex Atusius etc. primus omnium aram Tiberino posuit, quam caligatus voverat , und die aus der Gegend von Tuder b. Or. n. 4946 Divo Tiberino . , unter welchem Namen er im Gebete gewöhnlich angerufen wurde, und zwar mit dem Zusatze: Adesto Tiberine cum tuis undis, oder wie es bei Ennius und mit geringer Veränderung bei Virgil heißt: Pater Tiberine tuo cum flumine sancto So betet Ilia in ihrer Noth b. Ennius Ann. 55 und so Aeneas b. Virg. Aen. VIII, 72, vgl. Servius. : wo also zugleich das väterliche Walten des mächtigen Stromgottes, des Herrn und Vaters aller kleineren Gewässer seines Gebiets Virg. Aen. VIII, 77 Corniger Hesperidum fluvius regnator aquarum . Fronto Ep. d. orat. p. 249 ed. Rom. (p. 129 Nieb.) Tiber amnis et dominus et fluentium circa regnator. Ennius: Postquam consistit fluvius qui est omnibus princeps qui sub caeruleo . . . Vgl. die Inschr. bei Or. n. 1054 Impp. Diocletianus et Maximianus Augg. repurgatis fontium rivis et itinerib. eorum ad perennem usum refectis Tiberino Patri aquarum omnium , et repertoribus mirabilium fabricarum priscis viris honori dederunt etc. Daß Tiberinus auch in den Genealogieen der umliegenden Städte und Landschaften oft genannt wurde, darf man aus Virg. Aen. X, 199 schließen: Ocnus – fatidicae Mantus et Tusci filius amnis . und die Heiligkeit seiner Fluth 511 für den Glauben und den Cultus so vieler Gegenden und Menschen hervorgehoben wird. Die Sage kannte ihn als einen alten König seiner Landschaft, bald als einen König von Veji, welches einst mit seinem mächtigen Arme über den ganzen untern Lauf des Stroms, vom Soracte bis zur Mündung geherrscht hatte, bald als einen latinischen Aboriginerkönig oder einen König von Alba Longa, welcher in dem Tiber verschwunden sei, wie Aeneas im Numicius verschwindet Varro l. l. V, 30, wo der angeblich ältere Name Albula offenbar die weißlich gelbe Farbe des Flusses ausdrückt (flavus Tiberis), wie Nar eigentlich sulfureus bedeutete, vgl. Liv. I, 3, Ovid F. II, 387, Met. XIV, 614, Serv. V. A. VIII, 72 Tiberim alii a rege Aboriginum dictum volunt qui iuxta dimicans interemtus est, alii ab eo rege (l. a beor. rege d. i. a Veiorum rege ), quem Glaucus Minois filius in Italia interemit, alii – ab Albano rege, qui in eum cecidit. Vgl. Virg. Aen. VIII, 330 Serv. Der Name ist auf den in vielen altitalischen Ortsnamen hervortretenden Stamm tib oder tif zurückzuführen und scheint einen Gebirgsstrom zu bezeichnen, vgl. Tebae, Tibur, Tiburnus, Tifata, Tifernus, Mommsen Unterit. Dial. S. 300. : das gewöhnliche Bild unter welchem man sich die historische Existenz der Ortsgenien höhern Ranges d. h. der sogenannten Indigeten vergegenwärtigte. Noch eine andre Tradition nannte Tiberinus einen Sohn des Janus und der Camasene ( S. 163 ). In Rom fügte man die Dichtung hinzu, daß Rhea Silvia, nachdem sie die Zwillinge des Mars geboren, von ihrem harten Oheim in den Tiber gestürzt, hier aber von dem Stromgotte liebreich aufgenommen und zu seiner Gemahlin und königlichen Stromgöttin erhoben worden sei Horat. Od. 1, 2, 17. Nach Porphyrion z. ds. St. hatte Ennius auch diesen Vorgang dichterisch beschrieben. Vgl. auch Claudian in Prob. et Olybr. Cons. 225 (Tiberis) palla graves humeros velat, quam neverat uxor Ilia percurrens vitreas sub gurgite telas. Nach einer andern Tradition war sie die Gemahlin des Anio geworden, Ovid Am. III, 6, 45, Serv. V. A. I, 273. : eine Sage, in welcher sich der alte latinische Glaube an eine heiligende und vergeistigende Kraft des strömenden Wassers wiederholt und zugleich die specielle Beziehung des Tiberstroms zum römischen Vestadienste angedeutet ist. Uebrigens konnte es nicht fehlen, daß eines so mächtigen Stroms, von dem das Wohl und Schicksal der Stadt in mehr als einer Weise bedingt war, bei dem Gottesdienste der Römer vielfach gedacht wurde; da namentlich seine 512 häufigen Ueberschwemmungen, welche die niedrigeren Theile der Stadt immer stark heimsuchten, vollends in der älteren Zeit den Eindruck nicht allein einer starken, sondern auch einer jähen und heftigen Naturkraft machen mußten. Daher viele Gebete und Anrufungen sammt andern Gebräuchen und gottesdienstlichen Verrichtungen der höheren römischen Priesterschaft, von welchen sich manche Kunde erhalten hat. Sowohl die Pontifices als die Augurn pflegten ihn in ihren Gebeten für das Wohl der Stadt oder sonst bei öffentlichen Gelegenheiten anzurufen Cic. N. D. III, 20, 52, Serv. V. A. VIII, 330. und dabei nach Art solcher Gebete mit allerlei Beinamen, die seine Natur und Wirkung ausdrückten, auszustatten, wie er z. B. in den Urkunden der Augurn wegen seiner schlangenartigen Windung vom Marsfelde bis zum Aventin Coluber d. h. die Schlange genannt wurde, bei einer andern Veranlassung wegen der Wirkung seines Stroms auf die anliegenden Aecker Serra d. h. die Säge, bei einer andern Rumon, welches wahrscheinlich wie Almo der Nährende ist Serv. V. A. VIII, 95, vgl. Virg. A. VIII, 62 Ego sum, pleno quem flumine cernis stringentem ripas et pinguia culta secantem, Caeruleus Thybris, coelo gratissimus amnis , und dazu Servius, wo Rumon erklärt wird quasi ripas ruminans et exedens . . Und zwar müssen solche gottesdienstliche Acte seit sehr alter Zeit bestanden haben, da Romulus als ihr Stifter genannt wird und bei Virgil gelegentlich nach Art des ältesten Cultus von einer heiligen Eiche des Pater Tiberinus die Rede ist Aen. X, 423, Augustin C. D. IV, 23 ut quid ergo Romulus constituit deos Ianum, Iovem, Martem, Picum, Faunum, Tiberinum, Herculem et si quos alios? Vgl. Seneca ib. VI, 10. . Sonst pflegte man es wohl dahin gestellt sein zu lassen ob seine Wohnung in Rom sei und zwar auf der Insel, wo ihm am 8. Dec. geopfert wurde, oder an seiner Einmündung ins Meer d. h. zu Ostia, welches gleichfalls ein geweihter Ort war Kal. Amitern. z. 8. Dec: Tiberino in Insula , vgl. Serv. V. A. VIII, 65 und Merkel z. Ovid Fast. p. CXLVII. Auf einen Hain an der Mündung deutet Virgil Aen. VII, 29 ff., auf eine religiöse Verehrung der Quelle Aen. VIII, 75. Von Ostia sagt Serv. A. I, 13: Ostiam veteres consecratam esse voluerunt sicut Tiberim. Auch bei den Etruskern wurde Tiberinus jedenfalls als Gott verehrt. . Eigne Spiele wurden ihm am 1. Juni jenseits des Tiber von den Netz- und Angelfischern seines Stroms gefeiert, welche dadurch daß sie die Fische zum Opfer des Vulcanus lieferten auch zu diesem Gottesdienste in einer eigenthümlichen Beziehung standen. Bei den Dichtern erscheint er nach griechischer Weise als gehörnter 513 Flußgott oder als majestätischer Wassergreis, welcher zuweilen zwischen den Pappeln seines Ufers aus der Fluth emportaucht, angethan mit einem feinen Linnen von bläulicher Farbe und das Haar mit Schilf bekränzt Virg. Aen. VIII, 31 ff.; 77. Vgl. Aen. X, 205 velatus arundine glauca Mincius . . So vergegenwärtigten ihn auch die Künstler in ihren Bildern zu Rom und zu Ostia, von denen das berühmte Bild des liegenden Stromgottes zugleich eine bildliche Andeutung des reichen Lebens giebt, welches sich im Alterthum von der Quelle bis zur Mündung auf seiner Fluth und an den Ufern bewegte, eine lebhafte Schiffahrt und Fischerei, reicher Anbau von Villen und Gärten, und an der Mündung wieder das geschäftige Leben einer Handelsstadt, welche nächst Puteoli lange die bedeutendste an dieser Küste und namentlich unter den Kaisern durch die regelmäßige Kornzufuhr aus Aegypten und Afrika von höchster Wichtigkeit war. Daher auch die Parallele des Nil und Tiber in den bekannten Bildern und bei andern Gelegenheiten, sowohl in Alexandrien als in Rom Die Statue des Tiber s. Mus. P. Cl. I, 38, Millin Gal. Myth. I, 74, 308. Auch auf Alexandrinischen Münzen sieht man das Bild des Tiber, s. Eckhel D. N. IV p. 63, vgl. ib. p. 69 Tiber und Nil Ὁμόνοια d. h. Eintracht zwischen Rom und Aegypten, wovon die Kornzufuhr wesentlich abhing. Nach solchen Vorbildern wurden auch der Rhenus, Danubius u. a. Flüsse als liegende Greise mit der Wasserurne und characterisirenden Attributen abgebildet. . Die merkwürdigsten Beweise der hohen religiösen Verehrung, welche diesem Stromgott in alter Zeit bei den Römern gewidmet wurde, sind aber einmal die specielle Beziehung des Amtes und Namens der Pontifices zu dem Brückenbau über seinen Strom und zweitens das merkwürdige Opfer der sogenannten Argei. Jene, die Ableitung des Namens der Pontifices a ponte faciendo, wird fast allgemein angenommen Varro l. l. V, 83 Pontifices, ut Scaevola Quintus Pontifex Maximus dicebat, a posse et facere ut potifices. Ego a ponte arbitror, nam ab his sublicius est factus primum ut restitutus saepe, quom in eo sacra et uls et cis Tiberim non mediocri ritu fiant. Dionys H. II, 73, III, 45 καὶ τὴν ξυλίνην γέφυραν, ἣν ἄνευ χαλκοῦ καὶ σιδήρου ϑέμις ὑπ’ αὐτῶν διακρατεῖσϑαι τῶν ξύλων ἐκεῖνος (Ancus Marcius) ἐπιϑεῖναι τῷ Τιβέρει λέγεται, ἣν ἄχρι τοῦ παρόντος διαφυλάττουσιν ἱερὰν εἶναι νομίζοντες. εἰ δέ τι πονήσειεν αὐτῆς μέρος, οἱ ἱεροφάνται ϑεραπεύουσι ϑυσίας τινὰς ἐπιτελοῦντες ἅμα τῇ παρασκευῇ πατρίους. Plut. Num. 9, wo richtiger blos vom Eisen die Rede ist, Suid. v. Ποντίφιξ, Marquardt Handb. IV, 184 ff. , und die dagegen erhobenen Bedenken sind in der That von geringem Belang, so 514 deutlich liegt die Zusammensetzung des Worts vor und so wesentlich hängt diese Benennung mit der religiösen Anschauung der alten Zeiten zusammen. Denn überall sind die Elementarkräfte heilig, darunter vorzüglich die fließende Strömung des Wassers, und überall galt es für eine Anmaßung der Menschen, ja unter Umständen für einen Frevel, wenn das von Natur in freier Kraft dahinströmende Element durch Ueberbrückung gleichsam unterjocht wurde, wie in demselben Sinne die Brücke, welche Xerxes über den Hellespont geschlagen hatte, bei den Griechen für einen Frevel galt. Der Tiberstrom war überdies oft ungestüm und gefährlich, daher man, wenn seine Ueberschwemmungen die Stadt beschädigten und die Brücke hinwegrissen, darin um so mehr einen Zorn des Gottes erkennen mochte. Daher das anhaltende, einzig auf religiösen Gründen beruhende Herkommen der Republik, nur den einzigen Pons Sublicius zu dulden und diese Brücke nicht allein nur aus Holz zusammenzusetzen, sondern auch jede Anwendung von Eisen dabei aufs gewissenhafteste zu vermeiden, aus denselben Gründen weshalb auch sonst das Eisen für etwas die heiligen Stätten Verletzendes galt ( S. 116 ). Auch wurden jedesmal, wenn diese Brücke neu geschlagen oder wiederhergestellt werden sollte, allerlei Opfer und Cerimonien an beiden Ufern und auf der Brücke selbst vorgenommen und zwar unter der Oberaufsicht der Pontifices, zu deren Insignien deshalb auch die Axt gehörte. Bedenken wir daß bei solchen Benennungen gewöhnlich eine einzelne Function, früher die angesehenste, herausgegriffen wird, während die Competenz der Behörde sich mit der Zeit erweiterte, wie dieses bei den römischen Pontifices erst nach Vertreibung der Könige der Fall gewesen sein kann, so werden jene Bedenken noch weniger ins Gewicht fallen, auch nicht der Gebrauch desselben Namens pontifices für die priesterliche Oberbehörde in andern Städten von Latium und Italien, wobei ohne Zweifel der römische Sprachgebrauch der bestimmende war. Dahingegen die ähnliche Benennung eines alten priesterlichen Geschlechts in Athen, der Γεφυραῖοι, welche aus Böotien eingewandert auf der heiligen Straße nach Eleusis angesiedelt wurden und die Brücke über den Ilissos unterhielten, wobei sie gewisse ihnen eigenthümliche Sacra beobachteten, schon von den Alten als passende Analogie angeführt wird. Nicht weniger merkwürdig sind die Argei , welche den Cultus und die Stadtchronik von Rom in der doppelten Bedeutung örtlicher Heroen der ältesten Stadtquartiere und in der von menschlichen Figuren beschäftigten, 515 die aus Binsen geflochten und als Aequivalent früherer Menschenopfer an den Iden des Mai in den Tiberstrom geworfen wurden. Gewöhnlich hielt man sie für Begleiter des Hercules, welche mit diesem aus Argos nach Rom gekommen, aber nach seinem Abschiede dort geblieben wären und die Saturnia d. h. die angebliche Stadt des Saturn am Fuße des Capitols ( S. 410 ) bewohnt hätten Varro l. l. V, 45 Argeos dictos putant a principibus, qui cum Hercule Argivo venerunt Romam et in Saturnia subsederunt. Vgl. Dionys I, 34, Macrob. I, 7, 27, Ovid F. V, 650 ff. Ἀργεῖος ist die griechische Form, vgl. Tibur Argeum b. Horat. Od. II, 6, 5, Ovid Am. III, 6, 46, denn auch Tibur galt für eine Gründung argivischer Ansiedler. . Hernach stürzen sie sich aus Sehnsucht nach ihrer Heimath in den Strom und werden seitdem als Heroen in 24 durch die Altstadt zerstreuten Capellen verehrt, welche man ihre Gräber nannte Paul. p. 19 Argea loca Romae appellantur, quod in his sepulti essent quidam Argivorum illustres viri. Vielmehr nannte man auch diese Capellen im sacralen Sprachgebrauche Argei, s. Liv. I, 21, wo Numa diesen Cult einsetzt: multa alia sacrificia locaque sacris faciendis, quae Argeos pontifices vocant, dedicavit. Dionys. I, 39 zählt dreißig solcher Capellen, Varro l. l. V, 45 sieben und zwanzig, dahingegen er VII, 44 nur von 24 Binsenmännern spricht. Vgl. Schwegler R. G. I, 376 ff., Marquardt Handb. IV, 200 ff. , offenbar als Ortsgenien (Laren oder Indigeten) der 24 oder mehr Quartiere, in welche die Altstadt bis zu der neuen Eintheilung der Stadt durch August zerfiel. Bei diesen Capellen wurde am 16. und 17. März von den Priestern ein Umzug gehalten, bei welchem die Flaminica Dialis mit ungekämmtem Haar, also in Trauer erschien Ovid F. III, 791, Gell. X, 15, 30 u. A. : wahrscheinlich ein Gedächtniß zum Andenken an diese Heroen, welche den Compitallaren nahe verwandt gewesen sein mögen, in einer Zeit wo der Abschied von dem Winter und die Nähe des Frühlings sich in allerlei Sühnungs- und Freudefesten aussprach. Am 15. Mai aber fand ein gleichfalls nach ihnen benanntes Sühnungsfest auf dem Pons Sublicius statt, bei welchem die Beziehung auf den Stromgott der Stadt unverkennbar ist; und auch hier waren vornehmlich die Pontifices betheiligt, sie und die immer eng mit ihnen verbundnen Vestalischen Jungfrauen. Zuerst brachten die Pontifices gewisse vorbereitende Opfer, dann stürzten die Vestalinnen in Gegenwart der Prätoren und andrer bürgerlicher Magistrate 24 von Binsen geflochtene Menschen-Puppen, die man Argei nannte, mit zusammengeschnürten Händen und Beinen 516 von der Brücke in den Strom Varro l. l. VII, 44, Paul. p. 15 Argeos, Dionys I, 38, vgl. Ovid F. V, 621 ff., Plut. Qu. Ro. 32, Macrob. S. I, 11, 47. , angeblich zur Erinnerung an jene Begleiter des Hercules oder weil dieser den stellvertretenden Gebrauch anstatt der früheren Menschenopfer eingeführt habe. Und in der That sollen früher bei dieser oder einer andern Gelegenheit wirkliche Menschen, und zwar sechzigjährige Greise in den Strom gestürzt worden sein; wenigstens wird das Sprichwort sexagenarii de ponte von den Alten u. a. von einem solchen Gebrauche erklärt und auch wohl unmittelbar auf das Argeeropfer bezogen Fest. p. 334 Sexagenarios, Paul. p. 75 Depontani. Zu vergleichen wären die bei der Austreibung des Todes ins Wasser geworfenen Puppen, s. Grimm D. M. 728 ff., doch paßt die Jahreszeit des römischen Opfers nicht zu dieser Vorstellung. Eher paßt der alte und weit verbreitete Glaube, daß der Stromgott, der Nix oder die Nixe, sein jährliches Opfer fordere, s. ib. 462. . Die Erklärung des griechischen Namens für diese ältesten Viertelsgenien der Stadt ergiebt sich von selbst, wenn wir annehmen, daß sie ursprünglich nach italischer Weise ohne bestimmtere Personification und Benennung verehrt wurden, wie der bei dem Cultus des römischen Hercules zu Grunde liegende Genius der Stadt und der Stadtflur, den man später mit dem argivischen Hercules identificirte. War dieses einmal geschehen, so lag nichts näher als jene ihm gleichartigen Viertelsgenien für seine Begleiter zu halten. Die andre Tradition, nach welcher sie für Saturnii galten, erklärt sich durch dieselbe Voraussetzung, daß sie die Bedeutung von örtlichen Aboriginern und segnenden Genien hatten, denn Saturnus und sein Geschlecht ist ja nur das Collectivbild für jene älteste Zeit einer paradiesischen Segensfülle. Die Binsenmänner, welche in den Strom geworfen wurden, können ursprünglich nicht die Viertelsgenien selbst, sondern nur die nach ihnen benannten Stadtviertel vertreten haben, von denen vermuthlich jedes ein solches Bild, früher also wohl einen Menschen zu dem Gesammtopfer zu stellen hatte. Neben dem Tiber wurden in jenem Gebete der Augurn, leider weiß man nicht bei welcher Gelegenheit, auch einige seiner kleineren Nebenbäche in der Nähe der Stadt genannt, namentlich der Spino, Almo und Nodinus (Cic. N. D. III, 20, 52), besondre Gebräuche von derselben priesterlichen Behörde aber namentlich bei dem Uebergange jedes höheren Beamteten der Stadt über jeden, auch den kleinsten Nebenfluß des Tiber beobachtet: worin sich wieder der Glaube an ein jedem fließenden 517 Gewässer einwohnendes Numen deutlich ausspricht. Man nannte in diesem priesterlichen Sprachgebrauche jedes aus beständiger Quelle fließende Wasser fons manalis Fest. p. 157, Paul. p. 128. , hielt es aber nur dann für nöthig besondre Uebergangs-Beobachtungen, die man auspicia peremnia nannte Fest. p. 245 Peremne dicitur auspicari qui amnem aut aquam, quae ex sacro oritur, auspicato transit. Das sacrum ist die Quelle, der fons manalis, vgl. Horat. Od. I, 1, 21 nunc ad aquae lene caput sacrae . Cic. N. D. II, 3, 9 klagt über die Vernachlässigung der peremnia auspicia. , anzustellen, wenn aus einer derartigen Quelle der Bach zu einem amnis wurde d. h. in ein größeres Flußsystem abfloß; wie diese Auspicien denn namentlich hinsichtlich der Petronia amnis im Marsfelde erwähnt werden, welcher Bach von den Magistraten bei allen im Marsfelde vorzunehmenden Geschäften überschritten werden mußte Fest. p. 250 Petronia amnis . Die Quelle dieses Bachs hieß Cati fons, Paul. p. 45. Die Augurn hatten überhaupt viel mit den Flüssen und fließendem Wasser zu thun, s. Serv. V. A. IX, 24 secundum augurum morem, apud quos fuerat consuetudo ut, si post acceptum augurium ad aquam venissent, inclinati haurirent exinde ctmanibus et fusis precibus vota promitterent, ut visum perseveraret augurium, quod aquae intercessu disrumpitur . . Auch die größeren Nebenflüsse des Tiber sind ohne Zweifel auf ähnliche Weise wie er selbst, der für ihren gemeinschaftlichen Herrn und Vater galt, verehrt worden, z. B. der schweflige Nar und der liebliche Anio, welche sammt dem Avens das sabinische Heimathland in der Gegend von Reate durchströmten, wo auch der l. Velinus und der See von Cutilia durch manche alte Sage und manchen alten Brauch geheiligt waren ( S. 360 ). Doch hören wir von diesen Gewässern nur gelegentlich und selbst von einer religiösen Verehrung des Anio, der bei Sublaqueum (Subiaco) und Tibur vorbei das Bett des Tiber sucht, ist etwas Bestimmteres nicht überliefert. Wenn anders nicht vielleicht der bei Tibur und an dem Wasserfalle des Anio verehrte Tiburnus oder Tiburtus Horat. Od. I, 7, 12 domus Albuneae resonantis et praeceps Anio ac Tiburni lucus et uda mobilibus pomaria rivis. Sueton v. Horatii: domus eius ostenditur circa Tiburni luculum. Vgl. Stat. Silv. I, 3, 74, Plin. H. N. XVI, 44, 87. , welcher für einen der Gründer von Tibur galt, eigentlich der als Divus Pater und Indiges verehrte Stromgott Anio war, welcher bekanntlich jetzt allgemein Teverone heißt. Dazu kommt die Verehrung der weissagenden Nymphe oder wie man sie später nach dem Vorbilde der 518 Cumanischen Sibylle und andrer Seherinnen nannte der Sibylla Albunea , welche zu Tibur am Ufer des Anio ein Heiligthum hatte, in dessen Strom der Sage nach ihr Bild mit einem Buche in der Hand gefunden war. Ihre früher auf der Burg von Tibur im Tempel des Hercules aufbewahrten Sprüche wurden vom römischen Senat später auf das Capitol in die allgemeine Niederlage solcher Runen (sortes) geschafft Lactant. I, 6, 12 nach Varro, vgl. Serv. V. A. VIII, 336 alii etiam Tiburtem dictam sc. Carmentam , Tibull. II, 5, 69, Stat. Silv. I, 3, 79, Einige übersetzten den Namen Albunea in den griechischen Leucothea, wobei man gleichfalls an Schwefel dachte; Serv. V. A. VII, 83. Die späteren Bäder heißen immer aquae Albulae, s. Strabo V, 3; 11, Vitruv. VIII, 3, Plin. XXXI, 2, 6, Sueton Octav. 82, Martial. I, 13 u. A. . Offenbar ist sie die Nymphe, die Fauna der Solfatara von Tibur, deren bereits oben S. 339 auf Veranlassung des alten und im latinischen Alterthum weitberühmten Faunusorakels von Tibur gedacht ist. Selbst der Flußgott Anio galt wegen dieses Orakels später für einen Sohn des Apollo, noch bestimmter aber wird der andre Gründer von Tibur Catillus als ein dem Faunus verwandter Prophet dadurch characterisirt, daß ihn die Sage bald einen Begleiter des arkadischen Evander, bald einen Sohn des argivischen Propheten Amphiaraos nannte Solin. 2, vgl. Horat. Od. I, 18, 2 circa mite solum Tiburis et moenia Catili , Virg. Aen. VII, 670. Catilus oder Catillus ist i. q. Catus, der Gescheute, der Seher. Es scheint daß er speciell als Gründer der Burg von Tibur verehrt wurde, wo der T. des Hercules lag. . Später waren diese Sagen freilich meist verschollen, der alte Cultus durch die Zeit verdunkelt, dagegen die Quelle zu einem häufig besuchten Heilbade geworden, dessen sich schon August bediente. Es war eine kalte Schwefelquelle, in der man entweder badete oder man trank das Wasser, namentlich sollen die Bäder zur Stärkung der Nerven und bei Verwundungen sehr heilsam gewesen sein. Eine aus diesem Orte erhaltene Inschrift spricht den Dank eines rüstigen Jägers aus, der sich in Etrurien auf der Eberjagd eine Wunde geholt hatte und bei jener Quelle Heilung fand, worauf er zum Dank sein Bild, wie er zuerst wieder zu Pferde saß, in Marmor ausgehauen neben der Quelle aufstellte S. die von Haupt und Lachmann hergestellte Inschrift bei Mommsen I. N. n. 7146. Mehr über die Quelle und die Bäder bei Canina sull' antico edifizio dei bagni delle acque Albule, Bullet. dell' Inst. Arch. 1855 p. XXXIII, die letzte Arbeit des würdigen und vielverdienten Mannes, welcher selbst in diesen Bädern Heilung suchte. . Wie man auf dem Lande die Quellen verehrte, davon giebt 519 das liebliche Gedicht des Horaz eine Vorstellung, durch welches er die Quelle seines sabinischen Landgutes, die durch ihn berühmt gewordne Quelle der Bandusia verherrlicht hat, Od. II, 13. Man bekränzte sie mit Blumen, schüttete Wein in das Wasser und schlachtete bei festlichen Gelegenheiten auch wohl ein Böcklein Oder ein zartes Schweinchen, Martial. VI, 47. , dessen Blut man gleichfalls in das Wasser tropfen und mit diesem dahinfließen ließ. Von der Verehrung größerer Bäche ist die des Clitumnus in Umbrien ein lehrreiches Beispiel, nach der Beschreibung des jüngern Plinius ep. VIII, 8. Seine Quelle war sehr reich und voll, das Wasser bis zur Durchsichtigkeit klar und dabei frisch wie Schnee, das Ufer reichlich mit Bäumen bestellt, die Felder der benachbarten Stadt Mevania durch diesen Fluß reich gesegnet und durch eine Zucht von weißen Stieren berühmt, deren für den Gebrauch des Gottesdienstes geweihte Farbe man der Wirkung dieses Wassers zuschrieb Virg. Ge. II, 146 und dazu Philarg., Prop. II, 15, 25, Sil. Ital. IV, 544 ff., VI, 647. Vgl. Sueton Calig. 43. . Daher ein vor vielen angesehener Cultus dieses Flußgottes, dessen die Alten oft gedenken. Der Hain mit einem Tempel befand sich in der Nähe der Quelle, darin das Bild des Gottes und sogenannte sortes d. h. auf Blättern oder auf Stäben geschriebene Orakelsprüche wie die der Albunea von Tibur oder der Fortuna von Praeneste. Um den Tempel sah man viele kleinere Capellen für eben so viele Götter zweiten Ranges, deren jeder seinen Namen und seinen besondern Cultus hatte; zum Theil waren es die Götter kleinerer Quellen, die sich in den Clitumnus ergossen und als deren Herr und Vater er verehrt wurde. Ihn selbst nannte man Iupiter d. h. Divus Pater Clitumnus, welches nach Analogie des Pater Tiberinus, Pater Reatinus und ähnlicher Fälle zu erklären ist ( S. 84 ). Ueber den Strom war eine Brücke geschlagen, welche die Grenze zwischen dem heiligen und dem profanen Theile des Flusses bildete, in welchem letzteren man baden durfte. Viele Inschriften des Danks und der Huldigung bedeckten die Säulen und die Wände des Tempels. Um so leichter wird uns die Verehrung des Flusses Numicus oder Numicius Beide Formen kommen vor, s. Drakenborch z. Liv. I, 2, 6. Der Name scheint verwandt zu sein mit dem des Numa und des Numitor, des frommen Bruders des wilden Amulius. bei Lavinium verständlich werden, welcher 520 die Sage und Dichtung der Latiner und Römer so viel beschäftigte. Es ist der geweihte Fluß der Vesta und der Penaten von Lavinium, in dessen Wellen Aeneas verschwunden war: ein Fluß den die Sage in früheren Zeiten reichlich und voll durch den fruchtbaren Grund von Lavinium strömen und erst später, nachdem der Gottesdienst vernachläßigt worden sei, so erbärmlich zusammenschrumpfen läßt Virg. Aen. VII, 150 Serv. Es ist entweder der Rio di Turno bei Pratica, dem alten Lavinium, oder der Rio Torto zwischen Pratica und Ardea. . Merkwürdig sind die Erzählungen wie Aeneas in diesem Flusse und durch die Kraft seines Wassers zum Indiges oder Iupiter Indiges geworden, denn als solcher wurde er an seinem Ufer in einem Haine verehrt, in welchem man den Grabeshügel des troischen Helden zeigte. Entweder opfernd oder in einem siegreichen Gefechte mit den Feinden Latiums verschwindet er plötzlich in dem Strome, worauf jenes Heiligthum gestiftet wird, bei welchem die römischen Pontifices jährlich mit den Consuln opferten. Dabei wird immer dem Wasser des heiligen Stromes die Kraft, zugeschrieben, durch welche der sterbliche Aeneas zum unsterblichen Gott geworden sei Tibull. II, 5, 45 illic sanctus eris, cum te veneranda Numici unda deum coelo miserit Indigetem. Iuvenal. XI, 60 von Aeneas und Hercules: alter aquis alter flammis ad sidera missus. Vgl. Ovid Met. XIV, 588 ff. und die beiden, oben S. 83 angeführten Stellen b. Dionys I, 64 und Arnob. I, 36. Bei Liv. I, 2 und Plin. H. N. III, 5, 9 heißt der am Numicius verehrte Gott Iupiter Indiges, und dies scheint der wirkliche Cultusname gewesen zu sein. Es scheint nicht daß der Name Aeneas im Cultus hinzugefügt wurde. , ja dieser Aeneas Indiges wird hin und wieder geradezu wie der im Numicius waltende und herrschende Flußgott beschrieben, so daß er ursprünglich wohl nichts Anderes gewesen ist als der Divus Pater Numicius, der Flußgott als Indiges und als Stifter der Penatenstadt Lavinium gedacht, deren Vestadienst mit diesem Culte durch den Gebrauch seines heiligen Wassers eng verbunden war. Vielleicht war es nur die Folge einer Namensverwechslung, hier und in andern Fällen, daß Aeneas, als die Sage von ihm einmal eingedrungen war, mit diesem Indiges identificirt wurde, so gut wie bei der Anna Perenna, wobei zuerst gewiß nur die beständige Strömung (amnis perennis) der Numiciusquelle gemeint war, dann aber die karthagische Anna durch die geschäftige Sage herbeigezogen wurde Ovid F. III, 647 ff., vgl. oben S. 305 und Sil. Ital. VIII, 50 ff. Da das Wort und der Begriff amnis zugleich männlich und weiblich ist und in der älteren und ländlichen Sprache wohl auch etwas anders gelautet hat, vgl. Mommsen Unterit. Dial. S. 248, so könnte der amnis Numicius wohl auch den Namen des Aeneas herbeigezogen haben. Hat man in gläubigen Zeiten doch selbst das Janiculum des Namens wegen für eine Gründung des Aeneas erklärt. . 521 Unter den Flüssen Campaniens hat jedenfalls der Volturnus d. h. der sich Wälzende, der Rollende, von volvere (Vol–t–urnus, wie Sae–t–urnus, Iu–t–urna) einen lebhaften Cultus der ganzen Umgegend veranlaßt, wie sich davon auch noch in dem feriale Capuanum einige Spuren erhalten haben S. oben S. 146 . Am 1. Mai und am 25. Juli sind Lustrationen am Fluß d. h. am Volturnus vorgeschrieben, die erste bei Casilinum, an derselben Stelle, wo das jetzige Capua liegt, die andre bei der Brücke der Dianenstraße, welche von Capua in nordöstlicher Richtung zum Flusse und zum T. der Diana auf dem Berge Tifata führte. . Auffallend ist es daß wir denselben Cultus auch in Rom finden, wo noch die Kalender der Augusteischen Zeit am 27. August eine Feier der Volturnalia anmerken und dieselbe in einem dieser Kalender ausdrücklich für ein dem Flusse Volturnus dargebrachtes Opfer erklärt wird Alle Kalender bemerken zum 27. Aug. VOLT oder VOLTVRN., das Kal. Capranic. nach der Ausg. von Mommsen I. N. n. 6748 setzt hinzu: VOLTVRN. FLVMINI SACRIFICIVM. Auch bei Varro l. l. VI, 21 ist deshalb zu schreiben Volturnalia a deo Volturno, cuius feriae tum , vgl. Paul. p. 379 Volturnalia Volturno suo deo sacra faciebant, cuius sacerdotem Volturnalem vocant , d. i. der flamen Volturnalis s. oben S. 400 . Freilich konnten beide Namen, Volturnus und Vortumnus, in der Aussprache leicht verwechselt werden. , welcher nicht wohl ein andrer sein kann als der durch ganz Italien bekannte Fluß von Capua oder Volturnum, wie diese Stadt in früherer Zeit geheißen hatte Liv. IV, 37. Es gab auch eine römische Colonie Volturnum unweit der Mündung des gleichnamigen Flusses, Varro l. l. V, 29. . Also bleibt nichts Anderes übrig als eine Uebertragung dieses Cultus von Capua nach Rom anzunehmen. Vermuthlich geschah es in der Zeit (seit dem J. 543 d. St., 211 v. Chr.), wo die Römer die Stadt Capua gänzlich aufhoben und von ihrem reichen Gebiete in solcher Weise Besitz ergriffen, daß Rom fortan an die Stelle von Capua trat Liv. XXVI, 16. Daher die Capuanischen Münzen mit dem Namen der Römer. : bei welcher Gelegenheit also jener Cult des Flußgottes und alten Eponymen der Stadt nach Rom übertragen worden wäre, wie bei andern Gelegenheiten die Culte von Alba, von Veji, von Lanuvium u. s. w. Wie sehr im Uebrigen durch ganz Campanien und überhaupt im südlichen Italien die Flüsse und Quellen den Glauben und die 522 Einbildungskraft der Bevölkerung beschäftigten, beweisen theils die Münzen der griechischen Städte z. B. die von Neapel Dessen Flußgott Sebethus auf Münzen und Inschriften als Gott erscheint, s. Or. n. 1647, Mommsen I. N. n. 2445 und die Münzen im Bullet. Arch. Napol. 1852 n. 3. 6. 8. t. IV. Vgl. die Inschriften aus der Umgegend von Neapel bei Mommsen I. N. n. 2599 Numini Nympharum und Or. 1648 Nymphis Aufidi Servatric. Sacr. Eine interessante Sammlung von großgriechischen Münzen mit verschiedenen Bildern von Flußgöttern giebt Riccio repert. delle monete di città antiche Nap. 1852 t. 1. , theils die hin und wieder erzählten Fabeln von sterblichen Menschen, welche in die Quelle eines Flusses gestürzt zu gehörnten Flußgöttern geworden (S. 85, 109 ), oder von Flußgöttern, denen ein Silvan entspringt ( S. 351 ) u. dgl. m. Eine andre Reihe von gottesdienstlichen Beobachtungen und entsprechenden Sagen schließt sich an die vielen Warmbäder und Heilquellen, welche durch ganz Italien sehr zahlreich waren und im Alterthum auch von Leidenden aller Art überall sehr fleißig besucht wurden. Die warmen Bäder waren insgemein nach griechischer Sitte dem Hercules geweiht, daher sich die Fabel von der Geryonsfahrt und seiner Wanderung durch Italien auch in Padua festgesetzt hatte Sueton Tib. 14. Vita Theodorici p. 149. Thermen des Hercules bei Caere erwähnt Liv. XXII, 1, zu Allifae in Samnium eine Inschrift b. Mommsen I. N. n. 4758. . Anderswo hielt man solche Heilquellen oder Gewässer von heilender Kraft für eine Gunst der Ortsgottheit und warf allerlei fromme Gaben für sie ins Wasser, Münzen, kleine Götterbilder, Köpfe oder andre Gliedmaßen des menschlichen Körpers, welche geheilt worden waren: von welcher Sitte sich ein merkwürdiges Beispiel in einem Alpensee auf Mte Falterona, auf welchem der Arno entspringt, erhalten hat S. Braun im Bullet. dell' Inst. 1842 p. 179–184, G. Dennis die Städte und Begräbnißpl. Etruriens S. 431 ff. . Wo dagegen vulkanische Wirkungen, namentlich aufsteigende Schwefeldämpfe beobachtet wurden, an denen Italien so reich ist und im höhern Alterthum noch reicher war, da pflegte man die Mefitis anzubeten, welcher wir als einer alten italischen Gottheit im mittleren Italien nicht selten begegnen, z. B. beim See von Amsanctum im Waldgebirge der Hirpiner, neben welchem sich eine der Mefitis geheiligte Höhle befand, aus welcher wie aus der Höhle am Averner See bei Cumae ( S. 463 ) erstickende Dämpfe aufstiegen, daher man auch hier an einen Eingang in die Unterwelt glaubte Die schöne Beschreibung des Orts b. Virg. Aen. VII, 563 ff., zu welcher Stelle Servius bemerkt, daß Varro alle gleichartigen Stätten in Italien aufgezählt hatte. Vgl. Plin. H. N. II, 93 und 107, Cic. de Divin. I, 36, 79, Claudian r. Proserp. II, 350. Amsanctum ist, wie Serv. A. VII, 565 richtig erklärt, locus amsanctus i. e. omni parte sanctus . . Auch in Tibur wurde 523 Mefitis verehrt und zwar als Mann neben der Albunea Virg. A. VII, 84 Albunea nemorum quae maxima sacro fonte sonat saevamque exhalat mefitim. Dazu Servius: Mefitis proprie est terrae putor, qui de aquis nascitur sulfuratis – Alii Mefitim deum volunt Leucotheae (d. i. Albuneae ) connexum . , desgleichen in Rom, wo es einen lucus Mefitis auf den Esquilien gab, ein sicherer Beweis daß auch dort einst gasartige Dämpfe aufgestiegen waren Varro l. l. V, 49, Fest. p. 351 a. , ferner zu Benevent in Samnium, zu Potentia in Lucanien, zu Atina in Campanien u. s. w., auch zu Cremona in der Lombardei Tacit. Hist. III, 33, vgl. Mommsen I. N. n. 376–378, 1403, 4540, Henzen n. 5808 ff. . Auf der Insel Ischia hatte man bei vollkommner Hellenisirung des Orts die gleichartigen Heilquellen dem Heilgotte Apoll und den Nymphae oder Lymphae Nitrodes oder Nitrodae gewidmet, welche aus Bildwerken und Inschriften bekannt sind L. Stephani Ind. Schol. Dorp. a. 1850, Braun Ant. Marmorw. II t. V b , Gerhard Neap. Ant. Bildw. S. 142 n. 546. 547, Mommsen I. N. n. 3513–3518. Der Ort heißt noch jetzt Nitroli. Den Bildwerken zufolge scheinen dort auch gymnische und musische Spiele gefeiert worden zu sein. . Auch der Cultus der Paliken in Sicilien mag sich hier anschließen, da er mehr der einheimischen Bevölkerung als den Griechen angehört zu haben scheint und diese Paliken wesentlich Dämonen von Schwefelquellen waren, die von vulkanischen Kräften getrieben wurden, freilich unter sehr eigenthümlichen und auffallenden Bedingungen, welche dem Naturgefühl der Alten um so mehr imponirten. Aeschylus hatte sie in einer seiner Tragödien verherrlicht und ältere und neuere Reisende und Gelehrte haben sich oft mit dieser Erscheinung beschäftigt Macrob. S. V, 19, 15 ff. Vgl. G. Michaelis, die Paliken, ein Beitrag zur Würdigung altitalischer Culte, Dresd. 1856. . Der Ort befand sich im Oberlande des Flusses Symäthos, schon im Innern der Insel, zwischen Enna und Syracus; wahrscheinlich ein zusammengestürzter Krater, in dessen innerster Senkung sich noch jetzt bei nasser Jahreszeit Wasser zu sammeln pflegt, welches durch vulkanische Dämpfe, die aus der Tiefe durch verschiedene Löcher aufsteigen, emporgetrieben wird. In alter Zeit muß diese Wirkung und Erscheinung weit energischer gewesen 524 sein, da gewöhnlich von zwei Becken (Krateren) in diesem Grunde die Rede ist, aus denen das heiße und erstickende Dämpfe verbreitende Schwefelwasser bei unergründlicher Tiefe immer von neuem aufgähre und in hohen Sprudeln emporspringe. In der Nähe dieses Phänomens wurden jene Paliken als wohlthätige Dämonen verehrt, obwohl sie eigentlich nur die personificirte Naturerscheinung selbst waren. Bald hießen sie Kinder des Adranos, eines durch ganz Sicilien von der indigenen Bevölkerung verehrten Halbgottes, bald des Vulcan und der Nymphe Aetna, bald, und dieses war die durch Aeschylus verherrlichte Fabel, nannte man sie Söhne des Zeus und der Thalia, einer Tochter des Vulcans vom Aetna, welche sich aus Angst vor der eifersüchtigen Juno in die Erde flüchtet, worauf diese anstatt ihrer die Paliken gebiert Daher der Name, πάλιν γὰρ ἵκουσ’ ἐκ σκότους τόδ’ εἰς φάος, wie es bei Aeschylus hieß. Vgl. die Beschreibungen der Sprudel b. Strabo VI, p. 275, Silenos b. Steph. B. v. Παλική. Es ist eine Nachbildung der böotischen Fabel von der Geburt des Tityos. Vermuthlich ist weder der Name Delli noch der der Palici griechischen Ursprungs. . Doch unterschied man an dem Orte selbst zwischen den beiden Sprudeln, die man Delii nannte, und den göttlich verehrten Paliken, welche für Heilgötter und gute Genien des Ackerbaus und der Schiffahrt galten. Bei jenen Sprudeln pflegten auch Reinigungseide unter eigenthümlichen Gebräuchen abgelegt zu werden, indem man die Schrecknisse des Orts zur Erschwerung des Gewissens und das Auf- und Niedersteigen der Schwefelsprudel zu einer Art von Gottesurtheil benutzte, dahingegen das benachbarte Heiligthum der Paliken auch als Orakel und Asyl für Sklaven häufig aufgesucht wurde, auch in dem sicilischen Sklavenkriege, welcher hier sogar recht eigentlich seinen Heerd hatte. 525 Neunter Abschnitt. Die Götter des feurigen Elements. Es gehören dahin Volcanus als Gott der Naturkraft des Feuers, welche beseelend und bildend, aber auch zerstörend wirkt, und Vesta, die Göttin der Feuerstätte, sofern sie für das menschliche Leben die Bedingung aller Ansiedlung und veredelten Häuslichkeit ist, auch die Göttin der Altarflamme, welche von der Erde zum Himmel emporweist. Beide zusammen Nach Dionys. II, 50 verehrte sie schon T. Tatius zusammen. Dagegen ist die Zusammenstellung bei Liv. XXII, 10 die griechische. , in mancher Hinsicht aber auch Volcanus allein, erinnern sehr an den indischen Agni (ignis), den Feuergott der Veden, welcher gleichfalls sowohl die leuchtende, erwärmende und verzehrende Macht des Feuers als der Feuergott des Altares und des häuslichen Heerdes, also des Familienlebens und des Gottesdienstes überhaupt ist. Der Vesta gesellen sich im römischen Cultus die freundlichen Haus- und Heerdgeister der Penaten, welche sie auch in das öffentliche Leben des Gemeindeheerdes hinüberbegleiten. 1. Volcanus. Der Name wird sowohl in den besseren Texten der Schriftsteller als in den Inschriften gewöhnlich Volcanus VOLCANI POCOLOM auf einer Schale aus Tarquinii, die sich jetzt in Berlin befindet. Münzen von Aesernia mit der Inschrift VOLCANOM. Vgl. Orelli n. 1380 ff. 526 geschrieben, später Vulcanus. Eine befriedigende Etymologie ist bis jetzt nicht gefunden Nicht zu gebrauchen sind die Etymologieen bei Varro l. l. V, 70 und Isidor Orig. VIII, 11, 39. Cicero N. D. III, 24, 62 verzichtet auf jede Erklärung. A. W. Schlegel dachte an das indische ul-kâ, feuriges Meteor, s. Pott etymol. Forsch. 1 S. 128. 265. Neuerdings haben Mehrere nach dem Vorgange von Secchi den aus Hesych und Münzen von Phästos bekannten Zeus Velchanos oder Gelchanos verglichen, Andre das »phönicisch-pelasgische« Wort Τελχίν, s. Gerhard Gotth. d. Etr. S. 6. 29, Roß Ztsch. f. A. W. 1851 n. 50, Huschke die osk. u. sabell. Sprachdenkm. S. 11. 198. . Um so verständlicher ist der Name Mulciber, wie der Gott besonders als allverehrter Waffenschmied gleich dem deutschen Wieland und dem griechischen Hephästos genannt wurde, von mulcere d. h. von der erweichenden, die festen Metalle flüssig machenden Kraft des Feuers Paul. p. 144 Mulciber, Macrob. VI, 5, 2, vgl. die Inschr. b. Or. n. 1382 Volk. Miti sive Mulcibero . . Bei den Etruskern hieß er Sethlans, welcher Name vermuthlich mit dem griechischen αἴϑειν und dem älteren Namen der Insel Lemnos Αἰϑάλη, Αἰϑάλια, Αἰϑάλεια zusammenhängt, den auch die Insel Elba mit ihren großen Vorräthen von Eisen und Kupfer führte O. Müller Etrusker 1 S. 240. : welche Schätze in Populonia und sonst bei den Etruskern, da ihr Land überhaupt an Metallen reich war, zu allen Künsten und Uebungen des Schmiedegotts, Schmelzöfen, Münzstätten, den berühmten kunstreichen Metallarbeiten u. s. w. reichlichen Anlaß darboten. In den älteren Culten und Sagen erscheint Vulcan bald als zerstörende bald als wohlthätige, nicht selten auch als beseelende und zeugende Kraft, ja wie Vesta und der indische Agni auch als Gottheit des Heerdes, der über dem Bestande der Familie wacht und im Staate Gesellung und Verbündung fördert. In der Pränestinischen Sage galt deshalb Caeculus, der Gründer der Stadt, für einen Sohn des Feuergottes, der »am Heerde« gefunden wird, dann unter den Hirten aufwächst und endlich wie Modius Fabidius in Cures, wie Romulus in Rom das Volk der Umgegend um sich versammelt und den Staat gründet Virg. Aen. VII, 678 ff. mit den alten Auslegern. . Nach der latinischen und römischen Sage, wie Dionys und andre Schriftsteller sie erzählen Dionys. IV, 2, Ovid F. VI, 621 ff., Plin. H. N. XXXVI, 70, Plut. de Fort. Ro. 10. Dieselbe Geschichte abenteuerlich entstellt und auf Alba Longa und die Geburt der Zwillinge übertragen b. Plut. Rom. 2. , wurde Servius Tullius, der volksfreundliche König und neue Gesetzgeber, in demselben Sinne für 527 den Sohn des Vulcans gehalten, welcher bei dieser Gelegenheit in der Flamme des Familienheerdes der Tarquinier als lar familiaris d. h. als Schutzgott des Hauses ( S. 488 ) erscheint. Tarquinius und die weise Tanaquil sitzen beim Mahle, bei welchem Ocrisia (d. i. die Burg-Jungfrau, von ocris), die gefangene Königstochter aus Corniculum, als Magd aufwartet. Als sie nach der Sitte des Mahls die Speiseopfer zu den Laren des Heerdes trägt und den Wein in die Flamme schüttet, streckt sich ihr aus der Flamme ein fascinum entgegen. Erschrocken meldet sie es der Tanaquil, diese aber heißt sie sich bräutlich schmücken und so an den Heerd setzen, worauf sie nach neun Monaten den Servius Tullius gebiert. Auch soll sich Vulcanus bei seinem Sohne wie beim Pränestinischen Caeculus nicht unbezeugt gelassen haben. Denn einst, da Servius als Knabe schlummerte oder, wie Andre erzählten, da er nach dem Tode seiner vielgeliebten Gattin in tiefen Seelenschmerz versunken war, sah man sein Haupt und das Haar von lichter Flamme lodern. Ein wohlthätiger und befruchtender Naturgott ist Vulcan auch als Gatte der alten latinischen, der Bona Dea nahe verwandten Göttin Maia, welche zu Rom in alten Gebetsformeln als Maia Volcani verehrt wurde und ihr Opfer am 1. Mai durch den flamen Volcanalis erhielt Gell. N. A. XIII, 23 (22), vgl. Macrob. I, 12, 18. Varro l. l. V, 84. Nach Piso hieß die uxor Vulcani nicht Maia, sondern Maiesta. Doch ist dieses derselbe Name d. h. die Vergrößernde, Wachsthum Verleihende. vgl. oben S. 352 . ; eine ähnliche Verbindung also wie die zwischen dem lemnischen und ätnäischen Hephästos und der Naturgöttin Aphrodite, der römischen Venus, daher auch diese Gruppe der römischen Vorstellung nahe lag und von Horaz in den bekannten Versen von der wiederkehrenden Lust des Frühlings Od. I, 4, 5 ff. angewendet wird. Unter den römischen Cultusstätten des Feuergottes ist besonders merkwürdig das alte Volcanal des Comitiums, welches wie eine Art von Staatsheerd erscheint, gleich jenem Heerde in Praeneste, an welchem der Gründer der Stadt gefunden wurde. Es war kein eigentlicher Tempel, sondern nur eine über das Comitium erhöhte Fläche (area), wahrscheinlich mit einer Feuerstätte und einem Septum, wie auch die andern sogenannten Volcanalia in Rom zu denken sein werden. Indessen hatte dieser Platz für die Stadt und den Staat eine ganz besondere Bedeutung, da er durch die alte Erinnerung an die Verbündung der Römer und Sabiner und eine 528 eben so alte Praxis der bürgerschaftlichen Versammlungen geweiht war. Hier sollen Romulus und T. Tatius ihre Zusammenkünfte gehalten haben, wie später die verbündeten Römer und Quiriten und die Patricier überhaupt hier beriethen, auf dem comitium, für dessen geheiligten focus nach Art des spätern Vestadienstes also dieses Vulcanal gehalten werden darf. Romulus soll es gestiftet und eine eherne Quadriga als Wahrzeichen seines Triumphs über Cameria auf demselben aufgestellt haben; ein Lotosbaum, welcher sich bis zur Zeit des Plinius auf demselben Platze erhalten hatte, galt für eben so alt als die Stadt Dionys. II, 50. 54, Plin. XVI, 44, 86, Plut. Rom. 24, Qu. Ro. 47, vgl. Becker Handb. I S. 287. Da der Mundus sich unter dem Comitium befunden haben soll, und über demselben nach Ovid F. IV, 820 ff., nachdem die Gruppe zugeschüttet worden, ein Altar errichtet und Feuer angemacht wurde (S. 456, 1155 ), so könnte dieses vielleicht mit dem Vulcanal zusammenhängen. . Die politische Bedeutung des Platzes wurde vollends die vorherrschende, seitdem durch Tullus Hostilius am Comitium die Curia Hostilia entstanden war, zu welcher später die Rostra, die Gräcostasis und andre Gebäude des bürgerlichen und politischen Lebens der Stadt hinzutraten. Doch blieb dem Volcanal nach wie vor auch seine religiöse Bedeutung; ja es wurde noch einmal zu einer Stätte der Ausgleichung und Verschmelzung feindlicher Elemente, als Cn. Flavius, derselbe welcher die Fasten veröffentlichte ( S. 143 ), auf demselben Platze, wo einst Romulus und Tatius einander die Hände gereicht hatten, eine Capelle der hergestellten Eintracht, jetzt der zwischen Patriciern und Plebejern errichtete Liv. IX, 46, Plin. XXXIII, 1, 6, Ovid F. VI, 93. Der Platz hieß deshalb fortan die area Vulcani et Concordiae, Liv. XL, 19, vgl. XXXIX, 46. . Das alte Heiligthum des Feuergottes aber erkennt man z. B. daran daß wiederholt solchen Personen, die vom Blitze, dem Feuer des Himmels getroffen waren, auf dem Volcanal Statuen errichtet wurden, wie Vulcanus denn wenigstens bei den Etruskern, deren Aruspices in solchen Fällen zu entscheiden pflegten, als Feuergott zugleich ein blitzschleudernder Gott war Fest. p. 290 statua, Gellius N. A. IV, 5. . Das Hauptfest des Vulcan fiel in den heißen Monat August, wahrscheinlich deshalb, weil Sonne und Feuer bei den Alten, auch bei den Römern oft gleichbedeutend gedacht und für einander gesetzt werden Ennius b. Varro r. r. I, 4 von den vier Elementen: aqua, terra, anima (die Luft) et sol , b. Varro l. l. V, 59 von der menschlichen Seele: est de sole sumptus ignis, isque totus mentis est. Vgl. die Sage vom Prometheus bei Probus und Serv. z. Virg. Ecl. VI, 42 und das Sonnenrad bei Grimm D. M. 578. . Es war der 23. August, an welchem Tage später 529 auch circensische Spiele zu Ehren des Vulcan gehalten wurden Varro l. l. VI, 20, vgl. die Kalender, unter denen der Kal. Capran. hinzufügt: Volcano in Circo Flaminio . Nach Dio LXXVIII, 25 schlug es am Tage der Volcanalien ein, weil Macrin das Wagenrennen zu Ehren des Vulcan abgeschafft hatte. . Ein in religiöser Hinsicht sehr merkwürdiger und gewiß sehr alter Gebrauch dieses Tages war der daß die Römer dann, wahrscheinlich jeder Familienvater für sich und die Seinigen, gewisse Fische als Opfer in das Feuer (des häuslichen Heerdes) warfen; ohne Zweifel waren es die auch sonst als stellvertretendes Opfer pro animis humanis erwähnten kleinen Fische, welche man in Rom maenae nannte. Diese wichtigen Fische wurden von den Tiberfischern geliefert, aber nicht auf dem gewöhnlichen Fischmarkte, sondern auf einer area Vulcani feilgeboten (vermuthlich nicht jener alten, sondern auf dem Platze vor dem Vulcanustempel im Marsfelde), wofür ihnen die Stadt dadurch lohnte daß sie am 7. Juni durch den Stadt-Prätor eigne Fischerspiele (ludi piscatorii) für die Zunft der Fischer und den guten Ertrag ihres Gewerbes am jenseitigen Stromufer halten ließ Fest. p. 210 und 238 piscatorii ludi, Ovid F. VI, 237 ff., oben S. 512 . . Die Volcanalien aber wurden nicht allein in Rom, sondern auch in Ostia gefeiert, wo ein mehrfach erwähnter praetor sacris Volcani faciundis dabei den Vorstand hatte S. die Inschr. b. Marini Atti p. 357, Or. n. 1381, vgl. n. 2204. 2205. Weil die Vulcanalien in die Zeit fielen, wo die Tage abnahmen, fing Plinius d. Ä. mit diesem Tage an des Morgens bei Licht zu arbeiten; dieses und weiter nichts sagt die oft misverstandne Stelle bei seinem Neffen ep. III. 5. : vermuthlich derselbe Gottesdienst und mit denselben, den Fischfang im Tiber so nahe angehenden Gebräuchen, in denen sich zugleich der alte Glaube, daß das menschliche Seelenleben dem Feuer verwandt sei, recht vernehmlich ausdrückt. Ein andrer Festtag des Vulcan war der 23. Mai, wo die beim Gottesdienste gebrauchten Trompeten und ähnliches Metallgeräth lustrirt und dabei dem Vulcan geopfert wurde Ovid F. V, 725, wo purae tubae die geweihten, zum Gottesdienste bestimmten tubae sacrorum sind, vgl. die Kalender z. 23. Mai und oben S. 261 . Auch auf den römischen und andern italischen Münzen erscheint Vulcan gewöhnlich als Schmied, mit Hammer und Feuerzange. , wie am 23. März ein ähnlicher Gebrauch mit einer Feier der Minerva verbunden war. Also galt Vulcan bei dieser 530 Gelegenheit für den kunstreichen Schmied und Vorsteher aller Gewerke, welche im Feuer schaffen und arbeiten. Sonst ist er gewöhnlich der verzehrende Feuergott Ennius Ann. v. 477 cum magno strepitu Volcanom ventus regebat. Attius Nyctegr. p. 168 ed. Ribbeck. Scandit oras, laterum texta (flamma) Volcani edax. Virgil Aen. V, 662 Furit immissis Volcanus habenis transtra per et remos et pictas abiete puppes. und zwar in der doppelten Bedeutung eines solchen dem das durch Feuer zu Vertilgende geweiht wird, und eines solchen der über jede Feuersgefahr und Feuersbrunst gebietet, also auch gegen dieselbe Schutz gewährt. In jener Beziehung wird Vulcan nicht selten unter den Kriegsgöttern erwähnt, da es in Italien ein altes Herkommen war, nach gewonnener Schlacht die geringere Beute auf dem Schlachtfelde selbst zu verbrennen und zu diesem Zwecke dem Vulcan und andern Göttern der Vernichtung zu weihen Liv. I, 37, VIII, 10, XXX, 6, XLI, 12, vgl. Virg. Aen. VIII, 561 und Liv. XLV, 33 precatus Martem, Minervam Luamque Matrem ( S. 419 ) et ceteros deos, quibus spolia hostium dicare ius fasque est. Eben dahin gehört der VOLKANVS VLTOR auf Münzen des August, s. Eckhel D. N. VI, 96, welcher auch den Volkanus militaris b. Grut. 1069, 5 aus demselben Gebrauche erklärt. ; es sei denn daß auch dabei das Bild des göttlichen Waffenschmiedes im Spiele war, wenigstens sind es immer Waffen, welche dem Vulcan bei solchen Gelegenheiten geweiht werden. Andrerseits war es allgemeiner Gebrauch den Feuergott als Schutz gegen Feuersbrünste zu verehren, zu welchem Behufe allerlei Beschwörungsformeln an die Wände der Häuser gemalt wurden, wodurch man diese unter den Schutz Vulcans zu stellen glaubte. Und zwar halfen auch darin die Etrusker mit ihrem Aberglauben aus, wenn anders eine der beliebtesten Formeln der Art Arse Verse, welches averte ignem bedeuten soll, wirklich etruskischen Ursprungs ist Plin. XXVIII, 2, 4 etiam parietes incendiorum deprecationibus conscribuntur. Vgl. Paul. p. 18 Arseverse und die oft besprochene Inschrift aus Cortona b. Or. n. 1384, welche Huschke im Rh. Mus. f. Philol. 1856 S. 364 ff. aus dem Umbrischen zu erklären versucht. . In Perusia wurde sogar, nachdem im Kriege zwischen Octavian und Antonius die ganze Stadt bis auf das Vulcanal abgebrannt war, fortan Vulcan anstatt der Juno, die sonst in den etrurischen Städten Schutzgöttin zu sein pflegte, als Schutzgott verehrt Appian b. c. V. 49, Dio Cass. XLVIII, 14, wo auch das Bild der Juno gerettet wird. . In Rom, wo die Straßen bis auf den großen Brand unter Nero in der Regel enge, die Häuser 531 hoch, also die Feuersbrünste meist sehr verheerend waren, wurde neben dem Vulcan eine Stata Mater verehrt, als weibliche der Vesta verwandte Schutzgöttin der Straßen und öffentlichen Plätze, welche das Feuer zum Stehen brachte und sowohl die Häuser als das Straßenpflaster gegen seine verheerende Wirkungen schützte. Das erste Beispiel eines Bildes dieser Stata Mater sah man auf dem Forum, nachdem dieses durch Cotta gepflastert worden war; hernach verbreitete sich dieser Cultus schnell durch die ganze Stadt und die einzelnen vici, daher sich verschiedene Inschriften erhalten haben, in denen die Viertelsmeister, vicorum magistri, der Stata Mater solche Heiligthümer stiften Fest. p. 317 Statae Matris, vgl. meine Regionen d. St. R. S. 84 und Orelli n. 1386–1388, Henzen n. 5684. 5685. Stata Mater ist zu erklären wie Iupiter Stator, quae sistit incendia. Gewöhnlich wird sie für eine Nebenform der Vesta gehalten, vgl. die Inschrift aus Lyon bei Boissieu p. 15, Henzen n. 5686 Augustae Deae Vestae, Augusto Deo Volcano. . Augustus errichtete später auf dem Forum, vermuthlich neben jenem Bilde der Stata Mater, auch ein Bild des Vulcanus, von welchem die Dedicationsinschrift gleichfalls erhalten ist (Grut. 61, 1), ein Vorgang welcher gleichfalls in den übrigen Theilen der Stadt Nachahmung fand; wenigstens wurde bald darauf, nachdem eine Feuersbrunst den Aventin verheert hatte, die bei dem Vicus Armilustri in der Gegend von S. Alessio zum Stehen gekommen war, von den dortigen Viertelsmeistern dem Volcanus Quietus und der Stata Mater ein Heiligthum gestiftet Or. n. 1385, vgl. Mommsen I. N. n. 6776, Unterital. Dial. S. 134. . Ja dieser Cultus verbreitete sich mit der Eintheilung der Stadt in vici und der Ortspolizei der vicomagistri auch außerhalb Roms über die Municipien und sonst, daher ähnliche Inschriften in verschiednen Gegenden vorkommen Or. n. 1386 aus Florenz, Henzen n. 5685 aus dem Lande der Marser, n. 5684 aus Achaja. Auch die Inschrift aus Tarent bei Or. 1380 ist wohl ähnlich zu erklären: Volcano ex aere publico in via recta Civ. Tar. pontificum iussu statuit P. Cornificius. . Aus demselben Grunde pflegte man, eben weil Vulcan mit der Zeit immer mehr zu einem Gott der Feuersbrünste wurde, die Tempel desselben lieber außerhalb der Stadt anzulegen Vitruv. I, 7, Plut. Qu. Ro. 47, Liv. XXIV, 10. Auf M. des Valerian und Gallien wird ein T. des Vulcan angedeutet, welcher bei andauernder Pestilenz als Heilgott angerufen wurde, Eckhel D. N. VII p. 384. . Und wirklich lag der einzige bekannte Tempel dieses Gottes in Rom nicht in der Stadt, sondern im Marsfelde, wahrscheinlich in der Nähe des 532 Circus Flaminius, in welchem auch die circensischen Spiele der Volcanalien am 23. August gehalten wurden. 2. Vesta und die Penaten. Der Name Vesta ist nicht etwa aus dem griechischen Ἑστία entstanden, wie man später in Rom glaubte (Cic. N. D. II, 27, 67), sondern beide sind von demselben Stamme abzuleiten, welcher im Sanskrit was lautet und wohnen, verweilen bedeutet Pott etymol. Forsch. 1 S. 279. Im Griechischen gehören zu demselben Stamme ἔζομαι, ἐφέστιον d. i. οἶκος, auch ἄστυ d. i. die Stadt als Inbegriff sämmtlicher Häuser. . Also eine Göttin des Heerdfeuers, sofern dieses der Mittelpunkt und das Princip des häuslichen Lebens ist, ja in weiterem Umfange auch des städtischen und bürgerlichen Lebens, da der Staat und die Stadt wesentlich auf der Zusammenfassung vieler Häuser und Familien mit einem und demselben Gesellungsprincipe beruht, welches von den Alten gleichfalls unter dem Bilde eines lodernden Heerdfeuers dargestellt wurde. Daher die innige Gesellung der Penaten, welche eigentlich Hausgeister sind, auch mit der öffentlichen Vesta in Latium und Rom. Im häuslichen Leben entsprach sie eben so wesentlich der festen und altherkömmlichen Einrichtung des latinischen und wohl überhaupt italischen Hauses, nach welcher das Atrium mit seinem Heerde und den auf diesem verehrten Göttern die Mitte und das Herz des gesammten häuslichen Verkehres war. Ja das Atrium selbst hatte seinen Namen von dem Heerdfeuer, um welches es sich ausbreitete; es ist nehmlich eigentlich die Küche und die damit unmittelbar zusammenhängende Diele Serv. I, 726 ibi et culina erat, unde et atrium dictum est; atrum enim erat ex fumo. Vgl. A. Kuhn in der Zeitschr. für vglch. Sprachf. VI, 239, welcher auf den Zend-Stamm âtar d. i. Feuer zurückgeht, welcher Stamm sich auch im Sanskr. atharvan und in einigen andern Ableitungen erhalten habe. Auch αἴϑω, αἰϑάλη, αἴϑαλος hänge damit zusammen, wahrscheinlich auch das lateinische aedes. Weiterhin ist atrium der Name für jeden größeren Saal geworden. , die in der Mitte einen offenen Raum hatte, wo der Rauch abzog und der Himmel von oben hineinblickte. Eben diese Diele war der allgemeine Familiensaal, um welchen die einzelnen zur Wohnung erforderlichen Räume (Kemenaten) herumlagen; auf derselben aber bildete wieder der Heerd (focus, culina) mit seinem Vestafeuer und den 533 Bildern der Laren und Penaten das alte Familienheiligthum, bei welchem täglich und bei allen festlichen Gelegenheiten die Familienandacht verrichtet wurde und an welchem alle theuersten Erinnerungen hingen. Dort versammelte sich die Familie zum täglichen Mahle ( S. 490 ), dort stand auch das Ehebett, dem Eingange gegenüber (lectus genialis, adversus), eine Stätte der schaffenden Genien des Hauses, dort war das matrimonium, in welches die junge Frau bei der Hochzeit feierlich eingeführt wurde, dort die Spinnstube, wo die Hausfrau unter ihren Mägden waltete, den Heerd und die Arbeit zugleich beaufsichtigend, während der Hausherr in derselben Halle als das Familienoberhaupt gebietet, zur täglichen Arbeit ein- und ausgehend. Den Eingang von der Straße her bildete das vestibulum, mit welchem das religiöse Gebiet der Vesta des Heerdes begann Ovid F. VI, 295 At focus a flammis et quod fovet omnia dictus, qui tamen in primis aedibus ante fuit. Hinc quoque vestibulum dici reor unde precamur etc. Vgl. Non. Marc. p. 53 vestibula, Varro b. Serv. V. Ecl. VIII, 29, A. II, 469. , während der offene Raum in der Mitte der Diele, das sogenannte cavaedium sowohl zu den praktischen Zwecken eines innern Hofes und Gartens als zur Verehrung andrer Hausgötter diente Virg. Aen. II, 512 ff., VII, 59; Plin. H. N. XIV, 3, Sueton Octav. 92 u. a. . Feuer und Wasser sind die Elementarbedingungen jedes Hausstandes, daher beide Elemente auch gleich wesentlich zu jedem Dienste der Vesta gehörten, sowohl dem öffentlichen als dem des Hausherrn und der Hausfrau, von denen diese deshalb, wenn sie durch den Hochzeitszug in das Haus eingeführt wurde, mit Feuer und Wasser kam, und jener, wenn die junge Frau ihm an der Schwelle entgegentrat, dieselbe mit dem Feuer und Wasser seines Heerdes empfing Paul. p. 2 aqua et igni, p. 87 facem. Vgl. Varro l. l. V, 61, b. Non. p. 182 titionem, b. Serv. V. A. IV, 103, Dionys. II, 30, Ovid F. IV, 792, Stat. Silv. I, 2, 4–6. . Dazu kam die Bedeutung des Heerdes für die Zubereitung und den Vorrath der täglichen Nahrung, welcher letztere penus genannt wurde, von welchem wieder die am Heerde verehrten Penates ihren Namen haben Cic. N. D. II, 27, 67 schlägt eine doppelte Etymologie vor, sive a penu ducto nomine, est enim omne quo vescuntur homines penus, sive ab eo quod penitus insident, ex quo etiam penetrales a poetis vocantur. Die Ableitung von penus ist die richtige, denn penas verhalt sich zu penus wie optimas zu optimus, vgl. primas, cuias, Antias, Fest p. 253 penates. Doch ist zu bedenken daß das Wort penus zu demselben Stamme gehört wie penes, penitus, also schon dadurch für etwas zu den Penetralien des Hauses Gehöriges erklärt wird, wie der Heerd und die Penaten, vgl. Paul. p. 208 penetralia sunt penatium deorum sacraria. Serv. V. A. III, 12 penates ideo appellantur quod in penetralibus aedium coli solebant. Virg. Aen. V, 660 conclamant rapiuntque focis penetralibus ignem. Non. Marc. p. 51 peni, penus et penoris – proprietatem docti veteres hanc esse voluerunt, quod quae in ea sunt quasi penitus et in penetralibus recondantur. Mehr über den Begriff von penus b. Klausen Aeneas und die Penaten S. 636 ff. : ein sichrer Beweis 534 daß diese ursprünglich als freundliche Hausgeister gedacht wurden, die für den Bedarf des täglichen Brodes sorgten. Denn der penus, von welchem im religiösen Sinne des Penatendienstes die Rede ist, darf unmöglich von dem Heerde der Vesta getrennt werden, wie diese Göttin denn selbst in ihrem öffentlichen Dienste einen sogenannten penus d. h. einen Vorrath der zu ihrem Dienste erforderlichen Elementarbedürfnisse hatte. So bestand auch der häusliche Dienst der Penaten wesentlich darin daß man sie wie die Laren beim täglichen Mahle betheiligte und auf eignen Platten und Tischen nach altem Herkommen namentlich Salz und einige Speisen vor ihren Bildern hinstellte, zu welchem Behufe auch in den Zeiten der größten Einfachheit in jedem Hause wenigstens ein Salzfaß und eine kleine Speiseschüssel von Silber vorhanden sein mußte Naevius b. Probus z. Virg. Ecl. V, 31 p. 14 Keil, Liv. XXVI, 36, Plin. XXXIII, 12, 54, Val. Max. IV, 4, 3, Fest. p. 157 mensae, p. 329 und 344 salinum, Arnob. II, 67 in penetralibus et culinis perpetuos fovetis focos, sacras facitis mensas salinorum appositu et simulacris deorum , vgl. Porphyrion z. Horat. Od. II, 16, 14. Nach Serv. Aen. I, 736, III, 257, VII, 111 waren diese Tische häufig Brodtische, mensae paniceae; daher der bekannte Zug der latinischen Aeneassage. , während Andre auch wohl nach jedem Mahle für diese freundlichen Hausgeister einige Speisen auf dem Tische liegen und dazu auch die Lampen brennen ließen Plut. Sympos. Qu. VII, 4, 1 und 7. Nach dem Kal. rust. Farnes. wurde auf dem Lande regelmäßig im Januar den Penaten geopfert. . Ein Blick auf die gleichartigen Zustände und den gleichartigen Glauben unsrer eignen Vorfahren wird alles dieses so viel leichter verständlich machen. Denn auch in dem alten deutschen, namentlich norddeutschen Bauernhause bildete der Heerd den Mittelpunkt, hinter welchem die Frau vom Hause thronte und das Ehebett stand, so daß sie Alles übersehen konnte und Tag und Nacht unter Augen hatte. Auf einem solchen Heerde brannte das Feuer den ganzen Tag und glimmte selbst die Nacht hindurch; nur wenn der Hausherr gestorben war, wurde es ausgelöscht. Selbst in dem reicheren 535 Bürgerhause war die Küche eine stattliche, oft schön gewölbte Halle, und in geselligen Stunden versammelte sich wohl auch die Familie in der Küche und verzehrte ihr Abendbrod am häuslichen Heerde. Auch wies der Volksglaube immer dort den guten Hausgeistern ihren Sitz an und in eigens am Heerde angebrachten kleinen Speisen [?] legte man ihnen Speise hin, auch etwas Reisholz und von Zeit zu Zeit ein Käppchen und ein Röckchen zum Lohn für treue Dienste J. Möser patriot. Phantasieen 3, 139, Riehl über die Familie 164. Ueber die Speiseopfer Grimm D. M. 478. Auch die Perser brachten ihren Genien Speiseopfer, Athen. VI p. 252. . Bei den Alten war dieser Glaube an gute Hausgeister um so mehr ausgebildet, als er eben nur eine, die gemüthliche Seite ihres allgemein eingreifenden Geisterglaubens ist; das Wesentliche ist aber auch hier daß der Heerd als geistiger Mittelpunkt des Hauses auch der Sitz der Hausgeister ist, sowohl der Laren als der Penaten, welche mehr dem Namen als ihrem Wesen nach verschieden zu sein scheinen. Denn was S. 489 von der Sorge der Laren für das Haus und die Familie gesagt ist, das gilt auch von den Penaten Serv. V. A. II, 469 singula enim membra domus sacrata sunt diis ut culina diis Penatibus etc. III, 178 focis, quia privatum sacrificium sequitur, nam Penatibus sacrificat. XI, 211 focus est ara Penatium. Daher Virg. Aen. I, 704 und Macrob. S. I, 24, 22 Penates für focus sagen. . Auch diese sorgen und schaffen für das Wohl des ganzen Hauses und aller Hausgenossen, freuen sich oder leiden mit ihnen, je nachdem das Haus blüht oder verfällt, einig ist oder entzweit u. s. w. Bei ihnen schwört man, mit ihnen verbündet man sich, sie gewähren allen Mitgliedern der Familie das sie überall begleitende Gefühl einer Heimath, eines durch Natur und alte heilige Gewohnheit befestigten, unter allen Umständen zuverlässigen Anhaltes für das ganze Leben. Sie waren für den Römer die Götter seiner Väter und seines Stammes, die welche für den Besitz seines Hauses sorgten, in seinem Innersten hausten und seine Wände und Räume rings behüteten Nach Dionys. I, 67 übersetzten die griechischen Schriftsteller das lateinische Wort Penates bald durch οἱ πατρῶοι, bald durch οἱ γενέϑλιοι, oder durch οἱ κτήσιοι, οἱ μύχιοι, οἱ ἑρκεῖοι, so vielseitig war diese Vorstellung. ἔοικε δὲ, setzt er hinzu, τούτων ἕκαστος κατά τινος τῶν συμβεβηκότων αὐτοῖς ποιεῖσϑαι τὴν ἐπίκλησιν, κινδυνεύουσί τε οὐ τὸ αὐτὸ πάντες, ὅμως γέ πως τὸ αὐτὸ λέγειν. . Kurz die Vorstellung von diesen freundlichen Geistern führte von den verschiedensten Seiten zu dem einen Gedanken an Haus und Hof, an Weib und Kind, an Vater und Mutter zurück, mit welchem alle zarteren und feineren 536 Fäden unsers Gemüthslebens auf unsichtbare Weise zusammenhängen. Auch hat dieser Cultus der Hausgötter in ihren verschiedenen, ganz nahe unter einander verwandten Klassen sich bis an die letzten Grenzen des Heidenthums behauptet Theodos. M. L. 106 Th. de Paganis: Nullus omnino secretiore piaculo Larem igne, mero Genium, Penates nidore veneratus etc. Es sind die täglichen Speiseopfer für die Laren und Penaten und die Weinspende für den Genius Natalis gemeint. , worauf er allmälich in den ins Christliche übersetzten Glauben an Schutzengel, Schutzheilige u. s. w. übergegangen ist. Diesen häuslichen Gewohnheiten also entspricht aufs genaueste der öffentliche Dienst der Vesta und der Penaten, denn beide sind auch hier aufs engste verbunden und der Staat beruht in seinen Anfängen überall auf patriarchalischer Grundlage. Jede Stadt hatte ihre Vesta und ihre Penaten, gewiß nicht blos bei den Latinern, wo man die Penaten später von troischer Einwirkung ableitete, sondern auch bei andern italischen Völkern, da wenigstens die Vesta von Varro l. l. V, 74 auch unter den sabinischen Gottheiten, Penaten aber auch bei den Etruskern genannt werden. Auch herrschte in Italien wie in Griechenland die Sitte, daß die Pflanzstädte das Feuer ihrer Vesta an dem Heerde ihrer Mutterstadt entzündeten und dieselben Penaten wie sie verehrten; wie dieses auch der Kern der mit der Zeit sehr verwilderten Ueberlieferung von der Vesta und den Penaten in Lavinium, Alba Longa und Rom ist. Es leidet wohl keinen Zweifel daß Alba Longa die gemeinschaftliche Metropole von Lavinium und von Rom war; aber in Folge der frühen Zerstörung Alba's und der Auflösung der alten latinischen Bundesverhältnisse bis auf das zwischen Rom und den Laurentern ist es gekommen, daß Lavinium zur latinischen Bundesstadt schlechthin und zur mythischen Metropole von Rom wurde: daher seine Vesta und seine Penaten, welche vollends nach der Anknüpfung an die Aeneassage nicht mehr nach Alba Longa, sondern nach Troja hinwiesen, von Rom aus immer mit großer Devotion verehrt wurden. Denn auch hier waren Vesta und die Penaten aufs engste verbunden, daher die römischen Consuln und Dictatoren, wenn sie nach altem Herkommen beim Antritte ihres Amtes und beim Abtritte von demselben den latinischen Bundesgöttern in Lavinium ihre Huldigung darbrachten, immer außer dem Iupiter Indiges am Numicius, welcher für Aeneas gehalten wurde ( S. 520 ), der Vesta und den Penaten in Lavinium mit Hülfe der Pontifices und andrer Priester 537 ihr Opfer darbrachten Macrob. III, 4, 11, Val. Max. I, 6, 7, Ascon. Cic. Scaur. p. 21, Serv. V. A. II, 296, III, 12, VIII, 664, Schol. Veron. Aen. I, 259. . Auch haben sich von diesem alten latinischen Vestadienste in Lavinium noch andre Traditionen erhalten, z. B. darin daß Amata, die Gattin des Latinus und Mutter der Lavinia, einen Namen führt, der in der pontificalen Sprache eine Vestalin bedeutete, ferner in der Angabe daß das Wasser zu diesem Vestadienste aus dem Numicius geholt werden mußte, endlich in der Erzählung von zwei im T. der Penaten zu Lavinium d. h. im Vestatempel schlafenden Jungfrauen, also Vestalinnen, von denen die eine wegen ihrer Unkeuschheit vom Blitze getroffen sei Serv. V. A. III, 12, VII, 150, Gell. I, 12, 19. . Von den Penaten ist häufiger die Rede, weil diese Penaten von Lavinium, seitdem die Einwanderung des Aeneas mit den troischen Penaten für ausgemacht galt, für die bürgerlichen Ursprungsgötter von Lavinium und Rom galten Varro l. l. V, 144 oppidum quod primum conditum in Latio stirpis Romanae Lavinium, nam ibi dii Penates nostri. Plut. Coriol. 28 Λαουΐνιον ὅπου καὶ ϑεῶν ἱερὰ Ῥωμαίοις πατρῴων ἀπέκειτο καὶ τοῦ γένους ἦσαν αὐτοῖς ἀρχαὶ διὰ τὸ πρώτην ἐκείνην κτίσαι τὸν Αἰνείαν. , obwohl die spätere Klügelei nicht versäumte auch das Feuer auf dem Heerde der Vesta von Lavinium, Alba und Rom von dem Feuer der troischen Vesta abzuleiten Dionys. II, 65, Prop. IV, 4, 69, Ovid Met. XV, 730, F. I, 528, III, 29, VI, 227, Lucan V, 400, IX, 990 ff., Schol. Veron. V. Aen. II, 717. . Alle diese alterthümlichen Sacra von Lavinium aber werden noch in einer unter dem Kaiser Gaudius concipirten Inschrift Or. n. 2276, Mommsen I. N. n. 2211. die sacra principia populi Romani Quiritium nominisque Latini genannt d. h. die Heiligthümer an welche sich die Traditionen vom Ursprunge sowohl der römischen Bürgerschaft als der latinischen Nation überhaupt knüpften. Auch in Alba Longa hatte es einen sehr heiligen Dienst der Vesta und der Penaten gegeben. Daher die Sage daß Ascanius die von Aeneas in Lavinium angesiedelten Penaten mit nach Alba genommen habe, daß dieselben aber zweimal freiwillig nach Lavinium zurückgekehrt seien, worauf man beschließt die Bilder in Lavinium zu lassen und zu ihrer Pflege 600 Ansiedler von Alba nach Lavinium zurückzuschicken: ein entstellter Nachklang der ursprünglichen Thatsache, daß auch Lavinium von Alba Longa aus gegründet worden Dionys. I, 67. Auch von Lavinium und Rom wird dieselbe Fabel erzählt, Serv. V. A. III, 21. Sie will nichts weiter sagen, als daß die Penaten von Lavinium damals für die ältesten galten. . Auch hatte sich trotz der 538 Zerstörung der alten Hauptstadt jener Dienst seiner Vesta und seiner Penaten, vermuthlich das wahre Stammes- und Centralheiligthum für sämmtliche Latiner, auf der ehrwürdigen Stätte noch später erhalten, wo Rom für diese Sacra sorgte, nachdem es angeblich durch eine von dem Albanischen Berge herab erschallende Stimme dazu ermahnt worden war. Es ist dieses die Vesta Albana , welche sich freilich später der römischen Vesta gegenüber eine untergeordnete Würde gefallen lassen mußte Iuvenal. IV, 60 quamquam diruta servat ignem Traianum et Vestam colit Alba minorem. Vgl. die Scholien und Ascon. Cic. Mil. p. 41 Virgines Albanae, Or. n. 1393. 2240 Virgini Maximae Arcis Albanae , Lucan IX, 990, Stat. Silv. IV, 5, 2 prisca Teucros Alba colit lares . Auch in Tibur gab es einen alten Cult der Vesta, Marini Atti p. 6 und 22 n. 39, Or. n. 2239, Bormann altlatin. Chorogr. S. 228. , wie der Albanische Jupiter neben dem Capitolinischen. Auch Albanische Penaten werden erwähnt und für den Cultus von beiden Albanische Vestalinnen, Virgines Albanae. Was endlich den öffentlichen Vestadienst von Rom anlangt, so stritt man sich später ob Romulus oder Numa für den Stifter desselben anzusehen sei. Unmöglich könne Romulus, der Sohn einer Vestalin, der in priesterlicher Wissenschaft Gebildete, der in Alba erzogene Gründer der Stadt diese ohne eine Vesta gelassen haben. Dennoch ist dieses nur spätere Reflexion und von der älteren Ueberlieferung wird es allgemein als Thatsache anerkannt, daß Numa der Stifter sowohl des Pontificats und der theokratischen Verfassung überhaupt, durch welche die bis dahin getrennten Römer und Sabiner zu einer bürgerlichen und geistlichen Gemeinde wurden, als des Vestadienstes war, welcher das heilige Symbol und der ideale Mittelpunkt dieser Gesammtverfassung und eben deshalb aufs engste mit dem Pontificate verbunden war. Der Tempel dieser Vesta mit dem dazu gehörigen Haine lag am Abhange des Palatin gegen das Forum und die Sacra Via; das atrium Vestae oder atrium Regium, gewöhnlich schlechthin Regia genannt, wo der Pontifex Maximus und die Vestalinnen wohnten, stießen unmittelbar an diese Plätze. Der angeblich von Numa selbst gegründete Tempel war rund, wie man ihn auch auf Münzen abgebildet sieht, d. h. er war eigentlich nur die überbaute und überwölbte Feuerstätte der Vesta, auf welcher das ewige Feuer brannte Fest. p. 262 rotundum, Ovid F. VI, 263 ff., Plut. Numa 11 Νομᾶς δὲ λέγεται καὶ τὸ τῆς Ἑστίας ἱερὸν ἐγκύκλιον περιβαλέσϑαι τῷ ασβέστῳ πυρὶ φρουράν, Serv. V. A. VII, 153. Vgl. Ovid F. VI, 285 nec tu aliud Vestam quam vivam intellige flammam , v. 288 Esse diu stultus Vestae simulacra putavi, mox didici curvo nulla subesse tholo. Ignis inexstinctus templo celatur in illo, effigiem nullam Vesta nec ignis habent. , kein templum 539 im engern Sinne des Worts d. h. nicht von den Augurn geweiht, daher auch keine Sitzungen des Senats in ihm gehalten werden konnten. Ein eigner, durch Matten umspannter Raum in diesem Tempel hieß der penus Vestae, welcher als Aufbewahrungsort für die zum Dienste der Göttin und andern sacralen Bedarf nöthigen Vorräthe diente. In einem andern, nur den Vestalinnen zugänglichen Raume befanden sich das Palladium und andre verborgene Heiligthümer; denn der Tempel selbst mit dem lodernden Heerdfeuer war bei Tage Jedem zugänglich und nur in der Nacht war der Zutritt von Männern untersagt. Ein Bild der Vesta, wie sie später nach dem Vorgange der Griechen auch in Rom etwas Gewöhnliches waren, gab es in diesem Tempel nicht; wohl aber befand sich ein solches im Vestibulum des Tempels Liv. Epit. LXXXVI Q. Mucius Scaevola Pont. Max. fugiens in vestibulo aedis Vestae occisus est. Cic. N. D. III, 32 sagt ante simulacrum Vestae , vgl. d. Orat. III, 3, Flor. III, 21. Vesta ist auf den Münzen des Vitellius, Caligula, Vespasian u. a. bald sitzend bald stehend abgebildet, immer verschleiert und ganz bekleidet, mit den Attributen der Schale und der Fackel, des simpulum und des Scepters, des Palladiums u. s. . Die größte Einfachheit und die größte Reinheit, diese in dem prägnanten Sinne des Alterthums, wo sie zugleich äußere Reinlichkeit und innere Reinheit (castitas, ἁγνότης) bedeutet, waren die Grundzüge des Vestadienstes; daher alles Cultusgeräthe, die heiligen Gefäße u. s. w. einfaches Thongeschirr sein mußten Val. Max. IV, 4, 11, Prop. IV, 1, 21 ff. , und die Waschungen mit frischem, von der Quelle geschöpften Wasser täglich Plut. Numa 13, vgl. Tacit. Hist. IV, 53, Suid. v. Νουμᾶς. und außerdem bei besondern Gelegenheiten noch viele außerordentliche Reinigungen und Sühnungen vorgenommen wurden. Daher auch die jungfräulichen Vestalinnen, welche schon im zarten Kindesalter in den Dienst der Vesta eintraten und sich demselben wenigstens dreißig Jahre lang mit der strengsten Enthaltung von allem Umgange mit Männern und allem Familienleben widmen mußten: ein Dienst welcher außer der Pflege des heiligen Feuers wesentlich mit dem Schöpfen, Tragen, Anwenden des reinigenden Wassers beschäftigt war, weshalb auch die Vestalinnen in der Sage und Legende meist Wasser schöpfend und Wasser tragend geschildert werden. Auch die Einsetzung dieser Vestalinnen wird einstimmig 540 dem Könige Numa zugeschrieben. Anfangs waren ihrer vier, dann wurden, seit Tarquinius Priscus oder Servius Tullius, sechs gewählt, welche Zahl auch später die normale blieb. Wie sie durch den Pontifex Max. gewählt (capirt) wurden, immer aus den besten und unbescholtesten Familien der Stadt und solchen Häusern, wo beide Eltern am Leben waren, so standen sie fortgesetzt unter der Aufsicht und oft sehr strengen Zucht des Pontifex M., welcher gewissermaßen ihr geistlicher Vater war und auch über den Dienst der Vesta die Oberaufsicht führte, so daß die Vestalinnen zu ihm in einem ähnlichen Verhältnisse standen, wie sonst im Gottesdienste die Camillen zu den Flamines. Zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahre traten sie ein, indem sie sich zu einem dreißigjährigen Dienste verpflichteten, während dessen sie die ersten zehn Jahre lernten, die zweiten zehn den Dienst ausübten und in den dritten zehn die Novizen unterrichteten: ein Leben welches mit manchen Ehren und Auszeichnungen, aber dafür auch mit vielen und schweren Entbehrungen verbunden war. Immer mußten sie in der Nähe der Vesta verweilen und das heilige Feuer Tag und Nacht hüten, sich selbst vor jeder Verunreinigung bewahren, namentlich jeden Gedanken an eheliches Glück vor dem Ablauf der dreißig Jahre unterdrücken; und war diese Frist abgelaufen, so konnten sie zwar austreten und sich vermählen, doch geschah es sehr selten und man glaubte daß sie kein Glück ins Haus brächten. Auszeichnungen waren die Heiligkeit ihrer Person und die Ehrfurcht des Volks, ein so würdiges Auftreten im Publicum, daß selbst die höchsten Behörden vor ihnen auswichen, manche Privilegien in civilrechtlicher Hinsicht, endlich das schöne Recht der Gnade und des sacralen Schutzes, da ihre Begegnung den zur Strafe geführten Verbrecher rettete, ihre Begleitung vor jedem Angriff schützte, ihre Fürbitte allen Angeklagten mächtige Hülfe bot. Aber welche Strafe auch in solchen Fällen, wo sie ihrer Pflicht und ihres Gelübdes vergessen hatten! Das Erlöschen des heiligen Feuers war jedesmal eins der schlimmsten Zeichen, welches den Staat treffen konnte; daher die schuldige Vestalin dafür von dem Pontifex M. mit blutigen Streichen auf bloßem Rücken gegeißelt wurde Liv. XXVIII, 1, vgl. Val. Max. I, 1, 6, Liv. Epit. XLI, Iul. Obseq. 8 (62). Vgl. Paul. p. 106 ignis Vestae und Plut. Numa 10. . Das Schlimmste aber erwartete sie, wenn sie sich auf verbotenem Umgang ertappen ließen; und in der älteren Zeit war schon eine Abweichung von der vorgeschriebenen höchst 541 einfachen Tracht, ein freieres Betragen, eine ungewöhnliche Bildung im Stande den schlimmsten Verdacht zu erwecken Liv. IV, 44, VIII, 16. Die Kleidung war weiß. Alle Salben und alle Blumen waren verboten. Bei allen Opfern erschienen sie mit einem großen weißen Kopftuche, dem s. g. suffibulum. . War die Schuld erwiesen, so wurde die schuldige Vestalin in einem unterirdischen Gemache lebendig begraben, der Verführer aber entblößt in einen Block gespannt und in diesem auf öffentlichem Markte zu Tode gegeißelt Plut. l. c. Zonar. Ann. VII, 8 p. 29. . Unter Tarquinius soll der erste Fall der Art vorgekommen sein; im Laufe der Republik wiederholte sich der Scandal in den Jahren d. St. 273, 419, 481, 482, 538, bis endlich im J. 640 (114 v. Chr.) drei schuldige Vestalinnen auf einmal betroffen und zwei von ihnen erst dann bestraft wurden, als die Götter selbst durch schreckliche Zeichen ihren Zorn über solche Schaamlosigkeit der Zeit offenbarten S. oben S. 392 und die näheren Umstände besonders b. Dio Cass. fr. 87 p. 85 Bekk. Die andern Fälle findet man bei Livius, Dionysius und Orosius. Im J. 681 wurde Fabia, eine Schwester der Frau des Cicero, des verbotenen Umgangs mit Catilina angeklagt, aber vor Gericht freigesprochen. . Bald darauf schien auch die letzte Scheu von der sonst so heiligen Vesta gewichen zu sein, als im J. 82 v. Chr. der Pont. M. und ausgezeichnete Rechtsgelehrte Q. Mucius Scaevola, eine Zier seines Namens und der römischen Nobilität, von den Marianern vor dem Bilde der Vesta, zu dem er sich aus der Curie geflüchtet hatte, niedergehauen wurde und ein andermal, bei einem ähnlichen Blutvergießen, ein wilder Haufen bis in den Hof der Vestalinnen eindrang Appian b. c. I. 54 u. 88, vgl. S. 539, 1400 und Lucan II, 126 ff. . Während doch früher Vesta selbst, wenn die ihrem Dienste geweihten Jungfrauen ohne Verschuldung angeklagt wurden, mit unerhörten Wundern zu ihrer Rettung eingeschritten war. So hatte einst Aemilia nach dreißigjährigem Dienste aus Nachlässigkeit, nicht aus sträflicher Leidenschaft das Feuer verlöschen lassen, wäre aber dennoch mit dem Tode bestraft worden, wenn die strenge Göttin nicht ihr Gebet erhört und vor dem ganzen Collegium der Pontifices und den übrigen Jungfrauen an einem Zipfel ihres Kleides das Feuer von neuem entzündet hätte Dionys. II, 68, Prop. IV, 11, 53, Val. Max. I, 1, 7, vgl. oben S. 123 . Das Wassertragen im Siebe ist auch sonst ein gewöhnliches Gottesurtheil, s. Grimm D. M. 1066. . Und eine andre Vestalin Namens Tuccia hatte die falsche Anklage verletzter Keuschheit dadurch zu 542 nichte gemacht, daß sie starken Muthes hinab zum Tiber ging, vor allem Volk aus seiner Fluth in ein Sieb schöpfte und das Wasser in diesem Siebe hinauf bis zum Forum trug, um es dort vor den Füßen der Pontifices auszuschütten. Das Feuer der Vesta durfte als ein heiliges, wenn es je erloschen war, an keiner andern, durch das Leben und seine Bedürfnisse entweihten Flamme entzündet werden, sondern es mußte der Natur von neuem abgewonnen werden, entweder so, daß man ein Stück Holz von einem fruchttragenden Baume so lange bohrte bis sich eine Flamme bildete, worauf das Feuer in einem ehernen Siebe aufgefangen und schleunig in den Tempel der Vesta getragen wurde, oder durch Entzündung eines neuen Feuers an der Sonne, dem Urquell des Feuers Paul. p. 106 ignis Vestae, Plut. Numa 9. Vgl. Grimm D. M. 570 ff. über das s. g. Notfeuer. . Ja dieses Feuer der Vesta wurde alljährlich zur Zeit des alten Jahresanfangs d. h. am 1. März erneuert ( S. 319 ), grade wie auf der Insel Lemnos jährlich einmal ein neues und reineres Feuer von dem Sonneneilande Delos geholt und in alle Häuser und Werkstätten vertheilt wurde. Und so durfte auch das zum Culte der Vesta erforderliche Wasser nur ein fließendes sein, wie es entweder der Tiberstrom oder die Quellen der Stadt spendeten, namentlich die Quelle der Egeria im Haine der Camenen ( S. 539 ). Das Röhrwasser der Aquäducte war ausdrücklich ausgeschlossen und selbst das fließende Wasser, welches die Vestalinnen zum Dienste der Vesta auf ihren Köpfen herbeitrugen, durfte von ihnen nicht auf die Erde gestellt werden, daher sie sich zu diesem Zwecke eigner Gefäße bedienten, die nicht ohne ihren Inhalt zu verschütten auf die Erde gestellt werden konnten Fest. p. 158 muries, Serv. V. A. XI, 339, vgl. Prop. IV, 4, 15, Ovid F. III, 12. Ein solches Gefäß hieß vas futile, daher homo futilis ein Mensch der nichts bei sich behalten kann. . Ein eignes Fest der Vesta wurde im Juni gefeiert, mit Gebräuchen in denen zugleich der Grundcharacter der Reinheit und Einfachheit und die Beziehung der Vesta auf Nahrung und Speisung im Sinne der alten Zeit anschaulich hervortritt. Am 7. Juni wurde der penus der Vesta geöffnet, um an diesem und den folgenden Tagen aufs sorgfältigste gesäubert und ausgekehrt zu werden; daher diese Tage für religiös bedenklich galten, so daß man Hochzeiten vermied und die Gemahlin des Flamen Dialis in diesen Tagen weder ihr Haar kämmen noch ihre Nägel 543 beschneiden noch ihren Mann berühren durfte Fest. p. 250 penus, Ovid F. VI, 223 ff., Kal. Constant. 7. Juli. . Am 9. folgte das eigentliche Fest der Vesta, die Vestalia , wo die Matronen der Stadt mit bloßen Füßen zum Tempel der Vesta wallfahrteten, um an dem Gemeindeheerde in einfachen Schüsseln Speiseopfer darzubringen Ovid F. VI, 304, 389 ff. , wie sie sie sonst an ihrem eignen Heerde den Laren und Penaten des Hauses darbrachten. Zugleich war dieser Tag in Erinnerung der alten Zeit, wo jeder Hausstand noch selbst sein Gebäck besorgte und der Heerd allgemein auch zur Bereitung des Brodes diente, ein allgemeines Fest der Müller und Bäcker, bis hinab zu den Müllereseln, welche die Mühle trieben, also nach der gemüthlichen Weise der Alten auch mit bei diesem Feste betheiligt wurden. Mühlen und Mühlesel wurden an diesem Tage mit Kränzen geschmückt, den Eseln auch an Schnüren aufgezogene Brödchen um den Hals gehängt, wie bei einer andern Gelegenheit dem Octoberpferde ( S. 323 ); es ist noch ein Bild von dieser heitern Lust in einem Pompejanischen Gemählde erhalten, wo Amoren die Menschen vertreten und es sich in einer Mühle unter bekränzten Eseln mit Blumen und Bechern wohl sein lassen, während einer von ihnen im Vordergrunde beschäftigt ist einem Esel den Kranz um den Hals zu legen O. Jahn Archäol. Ztg. 1854 S. 192, vgl. Ovid F. VI, 303 ff. Prop. IV, 1, 21 ff., Lactant. I, 21, 26 und das Bild im Mus. Borbon. VI, 51, b. Gerhard Ant. Bildw. 62, 3. . Endlich am 15. Juni wurde die Reinigung des Tempels beendigt, indem man an diesem Tage allen Unrath entweder in den Tiber warf oder am Capitolinischen Steige in einem eigens dazu bestimmten, durch die sogenannte Mist-Pforte verschlossenen Hofe unterbrachte; daher von nun an Vesta wieder ganz rein war und die römischen Mädchen wieder unbedenklich freien und der Prätor wieder Recht sprechen durfte Kal. Maff. Venus. 15. Juni, vgl. Varro l. l. VI, 32, Paul. p. 259, Fest. p. 344 stercus, Ovid F. VI, 223 ff. . Außer dem Feuer der Vesta gab es in ihrem Tempel noch gewisse verborgene Heiligthümer, welche nur den Vestalinnen und Pontifices zugänglich waren und vor dem Publicum so verborgen gehalten wurden, daß nur Wenige genau unterrichtet waren. Namentlich ist von diesen Heiligthümern die Rede bei der Zerstörung Roms durch die Gallier, wo sie durch den Flamen Quirinalis und die Vestalinnen zum Theil in kleinen Fässern verpackt in der Nähe der Wohnung jenes Flamen vergraben, zum 544 Theil nach dem befreundeten Caere gerettet wurden Liv. V, 39. 40, Plut. Camill. 20. . Gewöhnlich aber wurden sie in dem s. g. penus interior der Vesta d. h. dem Penetrale des Tempels aufbewahrt, auch hier in thönernen Fässern, die bei den Alten zur Aufbewahrung sehr verschiedener Gegenstände dienten; daher diese Heiligthümer sonst auch die sacra penetralia der Vesta genannt werden Lamprid. Heliog. 6. Dieser penus interior ist wohl zu unterscheiden von dem penus exterior der Opfervorräthe, s. Fest. p. 161 a. 1. Penetralia sacra, penetralia sacrificia sind überhaupt solche welche in dem Allerheiligsten eines Tempels sich befinden oder vorgenommen werden, s. Fest. p. 250 penetr. sacrif. . Namentlich gehörte dahin das troische Palladium, welches in solchem Grade heilig und verborgen gehalten wurde, daß selbst der Pontif. M. L. Metellus, als er es im J. 241 v. Chr. bei einer Feuersbrunst aus dem Tempel rettete, darüber, so glaubte man später, das Licht seiner Augen eingebüßt hatte Ovid F. VI, 431 ff. Früher hatte man ihm den Verlust seiner Augen durch die Feuersbrunst zum Ruhme angerechnet und dafür in die Curie zu fahren erlaubt, s. oben S. 265 und Dionys. II, 66, wo er nicht blos das Palladium, sondern die ἀπόρρητα überhaupt rettet, wie auch Liv. Epit. XIX sacra nennt. Ueber die Feuersbrunst, welche auf eine große Fluth folgte, s. Oros. IV, 11. . Doch ist außer diesem Bilde wiederholt noch von andern Heiligthümern die Rede, wobei man zunächst an alterthümliche Symbole und Penatenbilder nach Art der zu Lavinium im Vestatempel bewahrten zu denken hat, wo allerlei Bilder und Symbole von Metall und Thon verwahrt wurden, Heroldstäbe und alterthümliche Götterfiguren, welche für die troischen Penaten galten, wie diese denn auch sonst immer als kleine Figuren von Holz oder Stein beschrieben werden Timäus b. Dionys. I, 67 (oben S. 136, 206 ) vgl. Serv. V. A. I, 378, III, 148, Schol. Veron. Aen. II, 717, Lobeck Aglaoph. p. 1240. Nach Plutarch Camill. 20 dachten bei jenen verborgenen Heiligthümern der Vesta die Meisten an das Palladium, Andre an die samothrakischen Heiligthümer, welche Dardanus nach Troja, Aeneas nach Italien gebracht hatte. Das sind eben die Penaten. . Außer diesen und andern Reliquien, welche bei den Alten immer sehr heilig gehalten wurden und für magische Unterpfänder des öffentlichen Wohls galten Liv. XXVI, 27 Vestae aedem petitam et aeternos ignes et conditum in penetrali fatale pignus imperii Romani , womit das Palladium gemeint ist. Ovid F. VI, 359 Iliacae pignora Vestae . 439 pignora fatalia . Augustin C. D. III, 18 sacra fatalia . Sieben pignora imperii zählt Serv. V. A. VII, 188 Septem fuerunt paria (l. pignora ), quae imperium Romanum tenerent: acus (Lob. Agl. p. 304 liest cestus. Ich möchte eher lapis für das Richtige halten, s. oben S. 447, 1122 ) Matris Deum, quadriga fictilis Veientorum ( S. 197 ), cineres Orestis ( S. 280 ), sceptrum Priami, velum Ilionae, Palladium, Ancilia ( S. 314 ). , wurde auch jenes alte Symbol der zeugenden 545 Naturkraft, welches zugleich für das sicherste Amulet gegen allen Schaden des Neides und des bösen Blicks galt, am Heerde der Vesta von ihren jungfräulichen Dienerinnen verehrt Plin. H. N. XXVIII, 4, 7 qui deus inter sacra Romana a Vestalibus colitur etc. Vgl. oben S. 205 . 442 . : ein merkwürdiges Beispiel von der Naivität alter Sitte und alten Glaubens. Was die Penaten von Rom betrifft, so gab es für diese später allerdings einen eignen Tempel, welcher an den Velien lag, in der Straße die vom Forum zu den Carinen führte. Dort sah Dionys ihre Bilder, der diesen Tempel als eng und dunkel, die Bilder als zwei sitzende, mit Speeren bewaffnete Jünglinge beschreibt, denen man auch sonst häufig in den älteren Tempeln zu Rom begegne; und in der That finden wir sie auf römischen Münzen gleichfalls so abgebildet. Indessen unterscheidet jener Schriftsteller selbst bei dieser Gelegenheit jene allgemein zugänglichen Bilder und gewisse geheime Heiligthümer im T. der Vesta, von denen er nicht sprechen wolle Dionys. I, 67. 68. In einer in demselben T. befindlichen Inschrift las er DENATES für PENATES, indem er das alterthümliche P für D hielt. Mehr über diese populären Penatenbilder auf Münzen u. s. b. Klausen Aeneas u. d. P. S. 660 ff. Auch bei Virg. Aen. III, 147 ff. erscheinen die troischen Penaten dem schlafenden Aeneas in menschlicher Bildung. Bei Schol. Pers. V, 32 sind die Penaten mit den Laren verwechselt. , und noch bestimmter erfährt man aus der Erzählung bei Tacitus Ann. XV, 41 vom Neronischen Brande, daß damals der T. der Vesta cum Penatibus populi Romani verbrannt sei, so daß sich also jene ältesten und heiligsten Bilder in diesem Tempel befunden haben müssen. Penaten des römischen Volks, das sind die öffentlichen im Gegensatze zu denen der Privaten; dahingegen beide, sowohl die öffentlichen als die privaten, in dem nicht selten erwähnten Schwure beim Jupiter und den Penaten zu verstehen sind, dem höchsten und besten Gott, welcher vom Capitole aus über den ganzen römischen Staat waltet, und den unsichtbaren Haus- und Heerdgeistern, welche aus dem Innersten aller Häuser und des Gemeindeheerdes für das Wohl aller Familien sorgen. Die spätere Zeit gesellte zu diesen himmlischen auch die Herrn der Erde d. h. die Divi oder die consecrirten Kaiser und den Genius des regierenden Kaisers So in der Schwurformel der Stadtrechte von Salpensa und Malaca: iurare per Iovem et Divom Augustum et Divom Titum Augustum et Genium Imperatoris Caesaris Domitiani Augusti Deosque Penates quae fieri oporteat se facturum. Vgl. den Schwur der Bantinischen Tafel (zwischen 625 und 636 a. U): Iouranto per Iovem Deosque [Penateis sese quae ex hac lege fieri oport]ebit facturum. Cic. Acad. Pr. II, 20, 65 iurarem per Iovem Deosque Penates und die gleichartige Zusammenstellung der Capitolinischen Götter überhaupt oder des Iup. O. M. allein mit den Penaten b. Liv. III, 17 und Or. n. 1675. 1677. . 546 Vesta war aber als Göttin des heiligen Heerdfeuers der Stadt und aller Häuser auch die Göttin des heiligen Feuers überhaupt d. h. jedes Altarfeuers, daher sie wie Janus bei jedem Gottesdienste mit verehrt und wie jener Gott zuerst so sie zuletzt genannt wurde Cic. N. D. II, 27 Vis autem eius ad aras et focos pertinet. Itaque in ea dea, quae est rerum, custos intimarum, omnis et precatio et sacrificatio extrema est. Vgl. oben S. 57 u. Iuvenal VI, 385 et farre et vino lanum Vestamque rogabat . Vellei. II, 131 Iupiter Capitoline et auctor et stator Romani nominis, Gradive Mars perpetuorumque custos Vesta ignium. Viele Beispiele von solchen Anrufungen und Opfern, die mit dem Janus anfangen und mit der Vesta endigen, geben die tabb. fr. Arval., welche t. 43, 12 auch eine Vesta Deorum Dearumque nennen. : eine Bedeutung für den Gottesdienst im Allgemeinen, welche von ihr auch auf ihre Dienerinnen, die Vestalischen Jungfrauen übergegangen war. Denn auch diese werden bei verschiedenen gottesdienstlichen Veranlassungen als solche genannt, welche für das Römische Volk beten oder gewisse sehr heilige Sacra verrichten. Namentlich war dieses der Fall bei dem Geheimopfer der Bona Dea am 1. Mai ( S. 355 ), desgleichen bei dem der Ops Consivia am 25. August, bei welchem sie mit den Pontifices den Dienst hatten, und bei andern Gelegenheiten Vgl. die Anrufung des Apoll oben S. 268 , ihre Hülfe beim Argeenopfer S. 515 , ihre Theilnahme an den Idusopfern, namentlich dem des März, Horat. Od. III, 30, 9, oben S. 320 , endlich Serv. V. A. X, 228 Virgines Vestae certa die ibant ad Regem Sacrormn et dicebant: Vigilasne Rex? Vigila! vgl. S. 309, 676 . . Ueberhaupt wurde dem Gebete der Vestalinnen eine ganz besondere Kraft zugeschrieben ( S. 123 ), daher sie täglich im T. der Vesta für das allgemeine Wohl des Volkes beten und auch in Zeiten der Noth oder auf Veranlassung von Prodigien für Alle beten und Gelübde thun, später aber in gleicher Weise auch für den Kaiser und die kaiserliche Familie ihr Gebet sprechen mußten Cic. pr. Fonteio 17, 36, Horat. Od. I, 2, 26 ff., Appian b. c. II, 106 vgl. Eckhel D. N. VII p. 101. . Und so erscheinen sie auch bei der Bereitung von heiligen Materialien zum Behufe von Opfern und Sühnungen als solche die nicht blos der Vesta, sondern, auch darin wohl von 547 den Pontifices angeleitet, dem römischen Gottesdienste überhaupt dienen, namentlich bei den Fordicidien und Palilien ( S. 367 . 405 ); obwohl auch die mola salsa, welche von ihnen dreimal im Jahre nach einem vorgeschriebenen Ceremoniel bereitet wurde, nicht blos dem Culte der Vesta, sondern auch dem andrer Götter gedient haben mag Fest. p. 158 muries, Non. Marc. p. 225 sal, Serv. V. Ecl. VIII, 82. Vgl. Paul. p. 65 casta mola und die ἱεροὶ ἄροτοι, ἀλετοί, μυλῶνες der Griechen. . Diese drei Tage waren die der Lupercalien, der Vestalien und der Idus des September, lauter sehr alte und heilige Festtage, die für Rom und das römische Kalenderjahr eine hohe religiöse Bedeutung hatten. Die Aehren zu dem dazu erforderlichen far wurden vom 7. bis zum 14. Mai von den drei ältesten Vestalinnen immer an einem Tage um den andern in Erndtekörben gesammelt und darauf von allen gedörrt, geschroten und gemahlen. Zu diesem Mehl wurde dann das mit gleicher Sorgfalt zubereitete Salz gethan, welches ungereinigt erst in einem Mörser gestoßen, dann in einem thönernen, bedeckten, mit Gyps überzogenen Topfe in einem Backofen ausgekocht, darauf mit einer Säge von Eisen in Stücke zerschnitten wurde, um endlich in der Vorrathskammer der Vesta in einem Fasse aufbewahrt und in demselben mit fließendem Wasser angefeuchtet zu werden. Aus diesen Zuthaten also wurde von ihren reinen Händen das sogenannte far pium oder die mola casta salsa zubereitet, welche hernach von ihnen bei jenen heiligen Opfern für das Wohl des römischen Volkes gebraucht wurde. Aus jener doppelten Bedeutung der Vesta als der Heerd- und der allgemeinen Cultusgöttin mag es sich ferner erklären, daß in gottesdienstlichen Urkunden, namentlich denen der Arvalischen Brüder, neben der Vesta schlechthin d. h. der immer jungfräulich gedachten des Heerd- und Altarfeuers eine besondre Vesta Mater genannt wird, worunter ich eben jene allgemeine Cultusgöttin verstehen möchte, wie sie den letzten Abschluß des römischen Göttersystems bildete, nicht als ob sie im Gegensatze zur jungfräulichen Vesta als eine mütterliche Göttin gedacht worden wäre, sondern in demselben Sinne wie die Zusätze Pater und Mater nach unvordenklichem Herkommen auch sonst im römischen Cultus gebräuchlich waren S. oben S. 51 . Ein Pontifex Vestae Matris wird erwähnt b. Or. n. 1181. Verschiedene Erklärungen b. Marini Atti p. 378 sqq. Daß Vesta als Feuergöttin nothwendig jungfräulich zu denken, bemerkt Isidor Orig. VIII, 11, 67. 68. Porphyr. b. Euseb. Praep. Ev. III, 11 p. 110 C ed. Colon. 1688 sagt nichts als daß die eine Erde unter verschiedenen Namen angebetet werde, die centrale Erde als jungfräuliche Hestia, die nährende als Mutter u. s. w. Von der Vesta Mater ist gar nicht die Rede. Im Kal. Constant. Id. Febr. Virgo Vesta parentat ist wohl zu lesen: Virgo Vestalis, denn der 13. Febr. gehört zu den dies parentales. . 548 Hatte man in früheren Zeiten die Ueberlieferung daß die Penaten von Lavinium, Alba Longa und Rom die troischen seien, auf Treu und Glauben angenommen, so wollte man später den historischen Zusammenhang ergründen und wurde dadurch in schwierige Untersuchungen verwickelt, welche von einer falschen Voraussetzung ausgehend nur zur Verwirrung führen konnten. Unter den Griechen hatte sich zuerst Timäos von Sicilien auf diese Frage eingelassen und sich deshalb selbst nach Lavinium, also gewiß auch nach Rom begeben; nach ihm versuchten sich verschiedene andre Gelehrte in allerlei abenteuerlichen Combinationen, welche man bei Dionysius I. 67 ff. nachlesen mag. Unter den Römern vertieften sich Varro und Nigidius Figulus mit großem Eifer auch in diese Untersuchung. Bei der Frage nach der Geschichte der sogenannten Palladien, alter Cultusbilder einer kriegerischen Schutzgöttin, die in vielen Städten zu finden waren und zuletzt alle von einem und demselben Orte abstammen sollten, lag wenigstens die alte durch das Epos verherrlichte Ueberlieferung vor, daß das troische das älteste von allen gewesen. Von troischen Penaten dagegen konnte genau genommen gar nicht die Rede sein, da der Begriff der Penaten etwas so specifisch Römisches ist, daß die Griechen ihn nur durch verschiedene Umschreibungen zu übersetzen wußten (S. 535, 1390 ). Man half sich gewöhnlich dadurch daß man bis auf Samothrake und seinen geheimnißvollen Gottesdienst zurückging. Von dort ließ die gewöhnliche Sage den Dardanos nach der Küste von Troja übersiedeln; also hieß es daß die auf Samothrake verehrten Kabiren oder Großen Götter (ϑεοὶ μεγάλοι, dii magni) auch die troischen und römischen Penaten seien, welche Dardanos von Samothrake nach Dardanien, Aeneas von Troja nach Lavinium gebracht habe. Schon der ältere Annalist Cassius Hemina hatte in dieser Weise von Aeneas und seinen Penaten erzählt, später versuchte Varro eben deshalb jene Gottheiten von Samothrake und die römischen Penaten im Sinne seines theologischen Systems auf die beiden Großen Götter, d. h. den Himmel und die Erde zu deuten Macrob. S. III, 4, 7 und 9, vgl. Serv. V. A. I, 378, III, 12. 148. Die weitre Ausführung der Ansicht Varros von den Großen Göttern (Dis Magnis, Potentibus) s. de ling. lat. V, 58, bei Prob. z. Virg. Ecl. VI, 31 p. 21 ed. Keil, Augustin C. D. VII, 18. Bei Virg. Aen. VIII, 679 kämpft August bei Actium cum patribus populoque, Penatibus et Magnis Dis , wo die letzteren wohl die samothrakischen Schutzgötter zur See sein sollen. . Andre Forscher, namentlich Nigidius Figulus, 549 hielten Apollo und Neptun, die Erbauer der troischen Burg, für die Penaten von Troja, vermischten dann aber weiter auch die Spitzfindigkeiten der etruskischen Götterlehre mit dieser ohnehin so verwickelten Untersuchung Macrob. III, 4, 6. 8 vgl. Arnob. III, 40 und oben S. 76 . . Noch andre erklärten die drei Capitolinischen Götter Jupiter, Juno und Minerva für die öffentlichen Penaten, wobei sie dieses Wort in dem sehr allgemeinen Sinne von Schutz- und Lebensgöttern überhaupt verstanden. Im Allgemeinen ist festzuhalten daß alle Götter geringeren Grades, welche dämonenartig gedacht und eben deshalb nur klassenweise benannt und angerufen wurden, eigne Namen ursprünglich nur ausnahmsweise führten, in Griechenland sowohl als in Italien; daher sie der späteren Forschung, welche Alles historisch bestimmen und auf einen fortlaufenden Zusammenhang zurückführen wollte, natürlich um so mehr zu thun gaben. Nachdem es seit August herkömmlich geworden war, daß der jedesmalige Kaiser als solcher zugleich Pontifex Max. war, kam der Vestacult und das Institut der Vestalinnen unter die persönliche Aufsicht der Kaiser, was sowohl seine guten als seine sehr schlimmen Folgen hatte. August wirkte auch hier als Restaurator, indem er die Vestalinnen so gut es ging wieder zu Ehren brachte, den Raum ihrer Wohnungen durch Ueberlassung der Regia erweiterte, ihnen eigne Plätze im Theater anwies u. s. w.; doch war es schon dahin gekommen, daß die altadligen Familien sich scheuten ihre Töchter zu dieser Würde herzugeben, daher er sich genöthigt sah auch solche Familien, welche von Freigelassenen abstammten, zur Concurrenz zuzulassen Sueton 31 u. 44, Dio Cass. LIV, 27, LV, 27. . Dafür brachten die Vestalinnen ihrer Vesta am 6. März, an welchem Augustus Pontifex Max. geworden war (im J. 12 v. Chr.), ein eignes Dankopfer Ovid F. III, 417 ff., Kal. Maff. Praen. . Bald darauf, am 28. April, folgte ein neuer Festtag der Vesta, welcher demselben Kaiser seine Entstehung verdankte. Derselbe hatte nehmlich bald nach seiner Wahl zum Pontif. M. und in Folge dieser neuen Würde, welche nach altem Herkommen einen Cult der Vesta und der Penaten nothwendig in der Nähe haben mußte, neben der alten Vesta und ihren verborgenen 550 Heiligthümern einen neuen Palatinischen Cultus der Vesta und der kaiserlichen Penaten in seinem Palaste gestiftet, welcher dem des Palatinischen Apollo gewissermaßen entsprach, so daß seitdem nun auch diese Vesta ihren eignen Festtag hatte, und zwar wie gewöhnlich an ihrem Stiftungstage Ovid F. IV, 949 ff., Met. XV, 864, Verr. Flacc. Fast. Praen. z. 28. April. Die kaiserlichen Penaten sind als solche laurigeri, s. Martial. VIII, 1, 1. Vgl. Sueton Octav. 92 und die Beschreibung des Palastes des Priamus b. Virg. Aen. II, 512 ff. . Den unter Nero mitverbrannten T. der alten Vesta am Forum stellte Vespasian wieder her, die unter den Nachfolgern Augusts wieder sehr verfallene Zucht der Vestalinnen fand einen sehr strengen Aufseher in Domitian, unter welchem verschiedene Uebertretungen des Keuschheitsgelübdes zuerst mit dem Tode der Verführten und Verbannung der Verführer, dann nach alter Weise bestraft wurden Sueton 8, Plin. Ep. IV, 11. . Unter Commodus bedrohte eine Feuersbrunst, welche den Friedenstempel zerstörte, auch den neuen T. der Vesta, bei welcher Gelegenheit die Vestalinnen das Palladium mitten über die Straße in den kaiserlichen Palast retteten Herodian. I, 14. . Caracalla und Heliogabal erlaubten sich die schnödesten Mishandlungen der Vestalinnen und der Vesta Dio LXXVII, 17, Herodian V, 6, Lamprid. Heliog. 6. . Dennoch behauptete sich der alte Gottesdienst bis in die letzten Zeiten des Heidenthums. Sowohl die römischen als die albanischen Vestalinnen bestanden noch in der Zeit des Symmachus: ja es scheint sich dieses Institut in ecclesia pressa noch einmal recht zusammengenommen und in seiner Würde bei den Gläubigen gehoben zu haben Ambrosch Stud. u. And. S. 18. Ein schlimmes Sittenzeugniß stellt Minuc. Felix Octav. p. 236 ed. Ouz. den Vestalinnen und den römischen Priestern überhaupt. . Noch Constantin hatte ihre Privilegien ungeschmälert gelassen; erst Gratianus, der erste Kaiser welcher nicht mehr Pontifex Max. sein wollte, ließ mit den übrigen Tempelgütern auch die der Vesta einziehen. 551 Zehnter Abschnitt. Schicksal und Leben. Ich stelle unter dieser Ueberschrift die Götter zusammen, welche ihren Cultus mehr der Abstraction und dem Glauben an das Dämonische als dem älteren Polytheismus der Naturreligion verdanken. Es sind zunächst die Mächte des Schicksals und der nahe verwandte Cultus der Genien in seiner specielleren Anwendung auf das Leben, dann die Götter der alten pontificalen Indigitamenta, welche sich wieder dem Cultus der Genien anschließen lassen, endlich alle übrigen Hülfsgötter und Personificationen des praktischen Lebens, wie sie entweder die griechische Bildung oder die natürliche Neigung der Römer zur abstracten Begriffsbildung von selbst mit sich führte. Denn auch in der griechischen Mythologie ist die Personificirung abstracter Gedanken die Quelle vieler Neubildungen gewesen, obwohl ihr Ursprung gewöhnlich ein poetischer war und die ganze Summe solcher Begriffsgötter im Vergleiche mit den wirklich mythologischen immer eine geringe geblieben ist. Bei den Römern dagegen begegnet uns gleich in der frühsten Periode ihrer Glaubensgeschichte eine große Anzahl dämonischer Mächte, deren Ursprung wesentlich Reflexion und Abstraction ist, nur daß die Begriffsbildung dieser Zeit noch wesentlich die des Cerimonialgesetzes und der priesterlichen Liturgie ist und deshalb mit dem Gepräge einer naiven und alterthümlichen Frömmigkeit auftritt. Dahingegen mit der Zeit, je mehr der Naturglaube seine Frische und das alte Cerimonialgesetz seine Kraft verlor, auch diese Schöpfungen immer nüchterner geworden und zuletzt zur 552 bloßen Convention einer halb politischen halb pantheistischen Religiosität herabgesunken sind. 1. Fortuna. Schicksal und Glück sind eigentlich verschiedene Begriffe; auch deutet Manches darauf, daß man sich in Italien dieses Unterschiedes wohl bewußt war. Dennoch mußte für gewöhnlich die Anbetung der Fors oder Fortuna sowohl dem einen als dem andern Bedürfnisse des menschlichen Gemüthes entsprechen, außer und neben den eigentlichen Cultusgöttern eine dämonische Macht von unbestimmter, ja unendlicher Tragweite zu verehren, welche bald in günstigen bald in ungünstigen Fügungen als die Quelle alles Unverhofften und Unberechenbaren im Verlaufe des menschlichen Lebens angesehen werden konnte. Jedenfalls war die Anbetung dieser dämonischen Macht schon im alten Italien eine weit verbreitete. Denn nach Varro l. l. V, 74 verehrten auch die Sabiner eine weibliche Macht der Fors oder Fortuna, obwohl sie sie anders benannten, und in Umbrien gab es eine Stadt des Namens Fanum Fortunae Gromat. vet. p. 30. Daher Fanestris Fortuna ib. p. 256. , bei welcher ein altes und angesehenes Heiligthum vorausgesetzt werden darf, da nur aus solchen bedeutendere Ortschaften hervorzugehn pflegen. Endlich in Latium waren die Fortunen zu Antium und Präneste seit unvordenklicher Zeit berühmt, außer welchen bei Liv. XXI, 62 noch eine Fortuna in Algido, dem bekannten Waldgebirge der Aequer genannt wird. Ueberall mag Fortuna in älterer Zeit mehr als positive Glücksgöttin, in späterer als indifferentes Geschick gedacht worden sein; wenigstens läßt sich dieses bei dem römischen Culte der Fortuna nachweisen. Hier galt nehmlich Servius Tullius, der Lieblingskönig des Volks, in seinem Munde für das rechte Glückskind Der Ausdruck Fortunae filius findet sich bei Horat. S. II, 6, 49, Petron. 43. Ausnahmsweise nennt Plut. d. fort. Ro. 5 den Ancus Marcius als Stifter des Fortunadienstes. und deshalb auch für den Urheber alles älteren Fortunadienstes: der Sohn des Genius und der vertraute Liebling der Fortuna, welche den Sohn der Sklavin bis zum Könige erhöht hatte, freilich ohne den widernatürlichen Leidenschaften seiner Tochter und dadurch der endlichen Katastrophe seines Geschicks vorbeugen zu 553 können. Man zeigte nehmlich in Rom zwei Tempel der Fortuna, welche man vor allen übrigen für alt und für ächte Stiftungen des Servius hielt; der eine hieß der der Fors Fortuna und lag außerhalb der Stadt am rechten Tiberufer, beim ersten Meilensteine der Via Portuensis, der andre der der Fortuna schlechthin, welcher auf dem Forum Boarium lag. Jene war ganz vorzugsweise die Glücksgöttin des günstigen Zufalls, wie sie am meisten vom gemeinen Manne angebetet wurde Cic. de Leg. II, 11, 28 Fortuna sit vel Huiusce Diei – vel Fors, in quo incerti casus significantur magis. Terent. Phorm. V, 6, 1 O Fortuna, o Fors Fortuna, quantis commoditatibus hunc onerastis diem! Wozu Donat bemerkt, das Fest der trans Tiberim verehrten Fors Fortuna werde vorzüglich von denen gefeiert, qui sine arte aliqua vivunt. Vgl. Ovid F. VI, 772 Plebs colit hanc, quia qui posuit de plebe fuisse fertur et ex humili sceptra tulisse loco. Die Griechen übersetzen aus Misverstand Τύχη ἀνδρεία, Dionys. IV, 27, Plut. l. c. , welcher das Außerordentliche von ihr erwartete und dabei des Servius gedachte; obwohl nach dem Beispiele dieses Königs auch andre Mächtige sie verehrt und ihr in derselben Gegend noch andre Tempel gestiftet hatten Neben dem T. des Servius Tullius baute Sp. Carvilius Max. als Sieger über die Samniter und Etrusker im J. 461 d. St., 293 v. Chr. ein zweites Heiligthum, Liv. X, 46. Einen andern T. der Fors Fortuna stiftete Tiberius beim sechsten Meilensteine der Via Portuensis s. Becker S. 479, meine Regionen S. 216. . Am 24. Juni, unserm Johannistage, war der Stiftungs- und Festtag, wo namentlich alle Gedrückten und Hoffenden, auch die Sklaven, aus der ganzen Stadt zu dieser Fortuna eilten, entweder über die Brücken oder in schaukelnden Kähnen auf dem Fluß, der an diesem Tage viel lustiges und leichtfertiges Volk zu tragen hatte, die Kähne mit Blumen geschmückt, die Rudernden tapfer zechend und in fröhlichen Gesängen des guten Königs und seiner verschämten Geliebten gedenkend Ovid F. VI, 765 ff., Varro l. l. VI, 17 und die Kalender z. 24. Juni. Vgl. noch Or. 1770 Numini Fortis Fortunae , die Widmung eines Soldaten, und eine M. des Divus Gal. Val. Maximianus, wo auf dem Rev. FORTI FORTVNAE, das Bild mit dem Steuer, dem Füllhorn und dem Rade. Aus Liv. XXVII, 11 sieht man daß das alte Bild der Fors Fortuna den gewöhnlichen hohen Kopfaufsatz hatte. . Dahingegen die Fortuna des Forum Boarium durch die Erinnerung an den Tod des Servius zu ernsteren Gedanken aufforderte. Wenigstens glaubte man dort neben dem Bilde der Göttin ein Bild des Servius zu besitzen, ein ganz verhülltes Bild, welches Niemand berühren, geschweige denn sehen 554 durfte und von dem man Wunder über Wunder erzählte Ovid F. VI, 563 ff., vgl. Dionys. IV, 27 u. 40, Val. Max. I, 8, 11, Becker S. 481, Canina Mon. d. Inst. 1854 p. 60. . Es war ein Bild von Holz und vergoldet, ganz in zwei Togen eines alten und künstlichen Gewebes verhüllt, welche die kunstreiche Tanaquil, die königliche Pflegemutter des Servius, mit eigner Hand für ihn gewebt und welche er als König getragen hatte Plin. H. N. VIII, 48, 74, Non. Marc. p. 189 undulatum. Plinius weiß auch von einem mit sehr alten Prätexten bekleideten Bilde der Fortuna, welches Servius Tullius geweiht hatte und später Sejanus besaß, vgl. Dio LVIII, 7. . Warum das Bild so verhüllt war, das wußte Niemand genau zu sagen. Gewöhnlich hieß es, Fortuna habe diesen Mann so heiß wie keinen geliebt, aber als Göttin nur verstohlen und heimlich, daher sie bei nächtlicher Weile durch ein kleines Fensterchen in seine Kammer geschlüpft sei Ovid vs. 571 Nocte domum parva solita est intrare fenestra, unde Fenestellae nomina porta tenet. Es war eine Stelle am Palatin, bei der Wohnung des Tarquinius Priscus, dabei ein s. g. thalamus Fortunae. ; deshalb halte sie auch jetzt noch sein Bild unter der Toga verborgen. Die Klugen versicherten, die Plebs sei nach dem schmählichen Tode des Königs so aufgeregt gewesen, daß man sein Bild aus Politik verhüllt habe; die Wundergläubigen, daß die schreckliche Tochter gleich nach dem Morde ihres Vaters in diesen von ihm gestifteten Tempel zu gehn und unter die Augen seines Bildes zu treten wagte, worauf dieses die Hand vor seine Augen erhoben und sich für immer verhüllt habe. So spielte auch in Rom die Phantasie des Volkes, während in Wahrheit diese Fortuna gar keine Glücksgöttin im gewöhnlichen Sinne des Worts, sondern eine vornehmlich von den Frauen verehrte Göttin der weiblichen Zucht und Sitte gewesen zu sein scheint, daher auch jenes verhüllte Bild, welches selbst die Frauen nicht berühren durften, von besser Unterrichteten für ein entsprechendes Bild der Schaamhaftigkeit gehalten und Fortuna Virgo genannt wurde Varro b. Non. Marc. p. 189 a quibusdam dicitur esse Virginis Fortunae ab eo quod duobus undulatis togis opertum. Vgl. Fest. p. 242, wo das Bild der Pudicitia in foro Boario, welches Einige für das der Fortuna hielten, vermuthlich dasselbe Bild ist. Auch Plut. d. Fort. Ro. 10 kennt eine Fortuna Virgo in Rom, desgleichen Arnob. II, 67 puellarum togulas Fortunam defertis ad Virginalem. Togen trugen in alter Zeit nicht blos die Männer, sondern auch die Frauen. Dazu kommt daß der Tag des solennen Opfers dieser Fortuna der der Matralia am 11. Juni war d. h. des matronalen Festes der Mater Matuta, deren T. auch von Servius Tullius gestiftet wurde und vermuthlich neben dem der Fortuna lag ( S. 285 ). . Aber 555 natürlich ließ sich das Volk seinen Glauben nicht nehmen. Vielmehr als der Tempel gelegentlich vom Feuer verzehrt und nur jenes Bild gerettet wurde, erkannte alle Welt in diesem neuen Wunder die Hand des Vulcan, desselben Gottes welcher den Servius im Feuer des Heerdes gezeugt habe. Plutarch, welcher sich in einer eignen Schrift mit der Fortuna der Römer beschäftigt, hat viele andre Beinamen gesammelt, unter welchen diese Göttin in Rom verehrt wurde, meistens in alterthümlichen Culten, welche die gemeine Ueberlieferung gewöhnlich gleichfalls für Stiftungen des Servius hielt. Sie drücken die verschiedenen praktischen Beziehungen dieser dämonischen Macht aus, deren Begriff in dieser Hinsicht eben so elastisch ist wie der des Genius, bald auf den ganzen Staat bald auf gewisse Stände, Kreise und Klassen der Bürgerschaft, einzelne Corporationen und hervorragende Personen. Oder sie schildern den natürlichen Wankelmuth dieser Göttin, wie sie den Menschen bald ihre Gunst bald ihre Ungunst zeigt, den Einen mit trügerischen Hoffnungen täuscht, dem Andern Wort hält, immer wechselnd, immer flüchtig, immer neuen Glauben findend. Die wichtigste unter diesen verschiedenen Fortunen ist die Fortuna publica oder Fortuna Populi Romani , zwar nicht so alt wie die übrigen, aber oft genug erwähnt Liv. I, 46, II, 40, III, 7 Fortuna Urbis, VI, 30, VII, 34, Cic. pr. Mil. 32, 87 u. A. Auf den M. des M. Arrius Secundus bedeutet F. P. R. Fortuna Populi Romani. Ihr Bild ist mit einem reichen Diadem geschmückt. . Plutarch sagt von dieser Göttin, sie habe dem Persischen und Assyrischen Reiche früh den Rücken gekehrt, sei durch Macedonien flüchtig hindurch geeilt, habe in Aegypten und Syrien unter Ptolemäern und Seleuciden eine kurze Blüthe geweckt und den Karthaginiensern hin und wieder gelächelt, bis sie nach Rom gekommen sei und ihre Flügel abgelegt, die Schuhe ausgezogen, von der rollenden Kugel ein für allemal herabgestiegen sei um zu bleiben, von dort aus über alle Welt zu herrschen und über diese ihre wahre und letzte Heimath alle Reichthümer der Erde und des Meeres, aller Flüsse und aller Goldgruben auszuschütten. Also die Tyche der Stadt in dem politischen Sinne des Worts, wie sie in den hellenischen und hellenistischen Städten angebetet zu werden pflegte. Obgleich in Rom nicht sowohl dieser griechische Gottesdienst als vielmehr der berühmte Cultus der Fortuna Primigenia von Präneste das nächste Vorbild gewesen zu sein 556 scheint; wenigstens gab es eine Fortuna Publica Primigenia sowohl auf dem Capitol als auf dem Quirinal. Die Stiftung von jener ward in der gewöhnlichen Tradition wieder dem Servius Tullius zugeschrieben Plut. l. c. 10, Qu. Ro. 106. In der bekannten Inschrift von Präneste, Anthol. I n. 622, können die Worte Tu quae Tarpeio coleris vicina Tonanti doch auch nur die Verehrung der Pränestinischen Fortuna sowohl in Präneste als auf dem römischen Capitol bedeuten. Vgl. Dio Cass. XLII, 26 und Clem. Al. Protr. 4, 51, welchem zufolge sich dieser T. in der Nähe der s. g. porta stercoraria befand. , die auf dem Quirinal war im Laufe des Hannibalischen Kriegs im J. 204 v. Chr. gelobt und zehn Jahre darauf am 25. Mai eingeweiht worden, welcher seitdem als Stiftungstag gefeiert wurde; doch gab es außer ihr auf demselben Hügel noch eine andre Fortuna Publica, welche am 5. April gefeiert wurde Ovid F. IV, 375, V, 729 und die Kalender z. 5. April u. 25. Mai, vgl. Liv. XLIII, 13 und Becker S. 579. In der Nahe der p. Collina gab es eine Gegend ad tres Fortunas. . Einen natürlichen Gegensatz zu diesem Begriffe bildet die bei Plutarch erwähnte Fortuna Privata (ἰδία) auf dem Palatin, vermuthlich eine collective Glücksgöttin des bürgerlichen Familienlebens, dahingegen andre Fortunen mit Rücksicht auf die einzelnen Stände, Klassen und Geschlechter der Bevölkerung benannt waren. So zunächst die oft erwähnte F.  Muliebris , welche zu Ehren der römischen Frauen und zum Andenken an den Abzug des Coriolan gestiftet worden war. Das Heiligthum befand sich beim vierten Meilensteine der Via Latina, an derselben Stelle wo Coriolan sich damals zur Umkehr hatte bewegen lassen; auch wurden die jährlichen Opfer und Gebete für das Wohl der Stadt an demselben Tage von den Frauen dort dargebracht. Valeria, eine Schwester des Valerius Publicola, welche an ihrer Spitze gestanden, war auch die erste Priesterin. Von den Bildern war das eine auf Staatskosten, das andre aus einer Collecte der Frauen gestiftet; mit welchem letzteren sich das Wunder begab daß es nach der Dedication zweimal mit lauter Stimme sein Wohlgefallen ausdrückte, daher es fortan nur von solchen Frauen, die in der ersten Ehe lebten, berührt und bekränzt werden durfte Liv. II, 40, Dionys. VIII, 55 ff., Val. Max. I, 8, 4, V, 2, 1, Plut. Marc. 37, d. Fort. Ro. 5, Fest. p. 242, Serv. V. A. IV, 19, Tertull. Monogam. 17, Augustin. C. D. IV, 19, Lactant. II, 7, 11. Der Ruf des Bildes lautete: Rite me matronae dedistis riteque dedicastis. Vielleicht war es eine Neuerung daß Frauen eine Dedication vollzogen. Das erste Opfer wurde Kal. Decemb. des J. 267 d. St. gebracht, nachdem der Krieg glücklich beendet war. Der T. und das andre Bild wurden im folgenden Jahre vom Consul Proculus Virginius am 6. Juli geweiht, und ohne Zweifel war dieses der Jahrestag des Ereignisses und der regelmäßige Festtag. . Also eins der 557 wichtigsten Denkmäler des hochherzigen und von dem Staate bei mehr als einer Gelegenheit anerkannten Patriotismus der römischen Frauen, während in einer andern Gegend der Stadt ein prächtiger T. der F. Equestris aus späterer Zeit an einen der zahlreichen Erfolge erinnerte, durch welche die römische Ritterschaft so oft das Glück der Schlachten entschied. Diesmal wurde die Schlacht in dem spanischen Kriege vom J. 179 v. Chr. geschlagen, wo der Feldherr Fulvius Flaccus, als er die Feinde in aufgelöster Flucht davon sprengen sah, jenen Tempel der Fortuna und außerordentliche Spiele des Jupiter gelobte Liv. XL, 40. 44, XLII, 3. 10, Iul. Obseq. 53, vgl. Becker Handb. I, S. 618. . Er befand sich in der Nähe des von Pompejus erbauten Theaters, wo ihn noch Vitruv nennt, wo er aber bald darauf durch eine Feuersbrunst zerstört zu sein scheint. Wieder in andrer Hinsicht zu erwähnen sind die F. Barbata , welcher die männliche Jugend die Erstlinge des Bartes zu weihen pflegte Tertull. ad Nat. II, 11, Augustin C. D. IV, 11, vgl. oben S. 234, 463 . , die F. Virilis , welche in den Bädern verehrt und als eine Göttin der Befruchtung von den Frauen neben der Venus angerufen wurde S. oben S. 395, 961 . Inschriften b. Henzen z. Or. n. 5796. 5797 kennen eine eigne Fortuna Balnearis , auch Fortunae Balneares , welche pro salute angerufen werden, also als Heilgöttinnen des Orts gedacht wurden. Vgl. die Fortunae Salutares b. Or. 1767 und Anthol. lat. n. 899 Fausta novum domini condens Fortuna lavacrum Invitat fessos huc properare viros. , und die F. Seia , deren Heiligthum sich in der Gegend des Vicus Sandaliarius befand Plin. H. N. XXXVI, 22, 46, Or. n. 18, Becker S. 561. und deren Name wohl wie der der Ops Consivia zu erklären ist ( S. 418 ). Einen noch engeren Begriff haben endlich solche Fortunen, welche durch die Eigennamen von Personen oder von Grundstücken als individuelle Schutzgöttinnen oder als die von Corporationen, von Gebäuden u. s. w. bezeichnet werden, in welchen Fällen die Identität der Fortuna mit der Tutela d. h. dem weiblichen Genius vollends einleuchtet. So wird eine Fortuna Tulliana, Torquatiana, Flavia genannt, desgleichen eine Fortuna Horreorum, eine Fortuna Praetoria und die Fortuna Cohortis I Batavorum, eine Fortuna Municipii in den Municipalstädten u. s. w. Or. n. 1754–56, 1769, 4881, Mommsen I. N. n. 5163 u. a. . Daher neben dem Genius 558 des Kaisers und in gleichem Sinne wie dieser auch eine Fortuna Caesaris oder Fortuna Augusta verehrt und bei derselben geschworen wurde Dio LIX, 4. 15, Mommsen I. N. n. 2219 ff. , wie die Kaiser selbst ein eignes Bild der Fortuna in dem seit August zur kaiserlichen Wohnung geweihten Palatium, aber auch auf Reisen bei sich führten, welche Fortuna regia oder aurea hieß und wie eine Schutzgöttin des höchsten Oberhauptes von einem Kaiser auf den andern überging Iul. Capitol. Antonin. Pius 12, Ael. Spartian. Sev. Imp. 23. . Andre Beinamen characterisiren die Fortuna als wechselnde Glücksgöttin, welche unter den verschiedensten Veranlassungen angerufen wird und solche Gebete bald erhörend bald nicht erhörend die Herrin und Herrscherin über allen guten Ausgang der Dinge bleibt. So die F. Respiciens , welche auf dem Palatin und auf den Esquilien verehrt wurde, ein häufiger Beiname der günstigen Glücksgöttin, wie der Venus Plut.d. Fort. Ro. 10, wo zu lesen ist καὶ ἐν Αἰσκυλίαις Ἐπιστρεφομένης. Auf dem Palatin gab es einen eignen Vicus Fortunae Respicientis. Auch Dio XLII, 26 meint doch wohl diese Fortuna, indem er einen »nicht übersetzbaren« Namen so umschreibt: ἣν ἐκ τοῦ πάντα τά τε ἐν τοῖς ὀφϑαλμοῖς καὶ τὸ κατόπιν καὶ ἐφορᾶν καὶ ἐκλογίζεσϑαι χρῆναί τινα μηδὲ ἐπιλανϑάνεσϑαι ἐξ οἵων οἷος ἐγένετο ἱδρύσαντο. . Desgleichen die F. Obsequens d. i. die Gnädige, die Gefällige, welche gleichfalls oft erwähnt wird und nach welcher ein Vicus der ersten Region benannt war Plut. l. c, Qu. Ro. 74, Plaut. Asinar. III, 3, 126. Inschriften b. Or. n. 1750. 1751, Henzen n. 5789 und Münzen des Antoninus Pius schreiben F.  Opsequens . . Ferner eine Fortuna Huiusce Diei oder wie sie in den Kalendern und auf Inschriften heißt Huiusque Diei d. i. die dem griechischen Kairos entsprechende Glücksgöttin der günstigen Gelegenheit, welche als solche von einem Tage zum andern neu ist. Es scheint einen Tempel von ihr beim Circus Maximus und einen andern im Marsfelde gegeben zu haben; einer davon war von Catulus in der entscheidenden Schlacht mit den Cimbern gelobt worden, wahrscheinlich derselbe welcher wiederholt wegen der in seiner Nähe befindlichen Kunstwerke von ausgezeichnetem Werth erwähnt wird. Ihr Festtag wurde am 30. Juli mit circensischen Spielen begangen S. die Kall. z. 30. Juli. Die Basis Capitolina nennt einen Vicus Huiusque Diei in der 10. Region d. h. in der des Circus Max. Vgl. Plut. Mar. 26, Plin. H. N. XXXIV, 8, 54. 60. Cic. d. Leg. II, 11, 28 setzt erklärend hinzu: nam valet in omnes dies. . 559 Eben so die F. Viscata , eigentlich die mit Vogelleim bestrichene, also dieselbe welche sonst F. Dubia hieß Es gab einen Vicus F. Dubiae auf dem Aventin. Vgl. Plut. ll. cc, Lucilius b. Non. Marc. p. 396 Omnia viscatis manibus (d. h. mit solchen an denen Alles hängen bleibt) leget, omnia sumet. Seneca ep. 8 viscata beneficia . Plin. ep. 9, 30 viscatis hamatisque muneribus . , die mit eitlen Hoffnungen ködernde und verlockende. Etwas Aehnliches ist die im Vicus Longus verehrte F. εὔελπις, welche gewöhnlich durch F. Bonae Spei übersetzt wird Plut. d. Fort. Ro. 10, Qu. Ro.74, vgl. Becker S. 580 und die Tempel der Spes und Fortuna in den Regionen S. 13 u. 139. , auch die F. Brevis d. i. die unstete, eine kurze Zeit dauernde, zu welcher den Gegensatz bildet die von Horaz Od. III, 29, 53 gepriesene und auf Münzen des Commodus erwähnte F. Manens . So gab es ferner eine F. Mala in ungesunder Gegend, dahingegen die Bona Fortuna in vielen Dedicationen gepriesen wird Cic. N. D. III, 25 u. A. b. Becker S. 82, Or. n. 1743. 1744 Fortunae Bonae Domesticae , Henzen n. 5787 Bona Fortuna Domina Regina . . Noch wird in Rom erwähnt eine F. ἀποτρόπαιος, deren lateinischer Name fehlt und eine F. Mammosa d. h. die abgelebte mit hängender Brust in der Region der Piscina Publica, wo ein Vicus nach ihr benannt war S. meine Regionen S. 20 u. 196 und über die Bedeutung des Adj. mammosa M. Hertz Vindic. Gellianae Greifsw. 1858 p. 7. , endlich die sehr häufig von Inschriften und Münzen genannte Fortuna Redux d. i. die Göttin der glücklichen Reise und Heimkehr, welcher seit der Regierung des August bei längerer Abwesenheit der Kaiser Altäre, Tempel und Opfer gestiftet zu werden pflegten. Als Augustus nehmlich im J. 19 v. Chr. am 12. October aus Asien nach Rom zurückkehrte, wurde dieser Tag ein für allemal zu einem Festtage erhoben und ein Altar der F. Redux gestiftet, dessen Dedication am 15. Dec. erfolgte Kal. Amitern. z. 12. Oct. u. 16. Dec, auf welchen Tag dieser Kalender die Dedication verlegt, wahrend das Kal. Cumanum den 15. Dec. nennt. Vgl. Kellermann b. O. Jahn Spec. Epigr. p. 15. . Daraus wurde hernach eine schuldige Convenienz z. B. bei der pomphaften Rückkehr Domitians aus Germanien, wo man sogar einen eignen T. der F. Redux im Marsfelde decretirte, während andre Altäre der Art in andern Gegenden der Stadt gelegen haben werden, wie jedesmal die Rückkehr des Kaisers durch diese oder jene Vorstadt erfolgte. Auch fehlte es nicht an Nachahmung in andern Städten, entweder mit Beziehung auf den Kaiser und andre hohe Personen, oder um überhaupt den Heimkehrenden Gelegenheit 560 zu geben, gleich am Thore der Vorsehung ihren Dank auszudrücken Martial VIII, 65, vgl. die Inschriften b. Or. n. 332. 922. 1760 ff. 1776. 3096. 4083, Henzen n. 5791, Mommsen I. N. n. 6756. 6879. F. Dux auf Münzen des Commodus und b. Mommsen n. 4831. Portumno et F. Tranquillae b. Nibby Analisi II p. 649. . So wird hin und wieder auch eine F. Dux als Geleitsgöttin erwähnt, und eine F. Tranquilla der günstigen Meeresfahrt, welche im Hafen von Rom neben Portunus verehrt wurde. Noch andre Namen haben sich aus verschiedenen Gegenden durch Inschriften erhalten, welche meist den Schutz der Fortuna entweder daheim oder im Felde anrufen Or. n. 1736 Deae Fortunae Tutelae . 1737 Fortunae Adiutrici et Tutelae . 1745, Henzen n. 5788 F. Conservatrici . Or. 1748 Genio loci et F. Magnae . 1753 F. Opiferae . Henzen 5792. 93 F. Supera . 5795 F. Victrix cum simulacris Victoriarum . Mommsen I. N. 4311 F. Sanctae . , bis endlich Trajan der Fortuna als allgemeiner Weltmacht einen eignen Tempel stiftete, in welchem am Neujahrstage geopfert wurde Io Lyd. d. Mens. IV, 7, welcher sie τὴν πάντων Τύχην nennt. Plin. H. N. II, 7 Tota quippe mundo et omnibus locis omnibusque horis omnium vocibus Fortuna sola invocatur ac nominatur, una accusatur, una agitur rea, una cogitatur, sola arguitur et cum conviciis colitur, volubilis a plerisque, a plerisque vero et caeca existimata, vaga, inconstans, incerta, varia indignorumque fautrix. . Es ist dieselbe Göttin, von welcher Plinius sagt daß sie vor allen übrigen Göttern angerufen, gescholten und gelobt werde, wie bei Lucian in der Götterversammlung Momus sich beklagt daß Niemand mehr den Göttern opfern wolle, weil ja doch eigentlich nur Fortuna regiere. In der bildlichen Darstellung waren ihre gewöhnliche Attribute das Füllhorn als Inbegriff aller guten Gaben und das Steuerruder als Symbol ihrer unsichtbaren Lenkung aller Dinge, während das Flüchtige und Veränderliche ihres Wesens durch einen Aufsatz von Federn auf ihrem Kopfe, die rollende Kugel unter ihren Füßen und ein hinzugefügtes Rad ausgedrückt wurde Das Füllhorn und das Steuer erwähnen Petron. 29, Plut. d. Fort. Ro. 4, Arnob. VI, 25, Lactant. III, 29, 7, die übrigen Attribute Fronto orat. p. 125 ed. Nieb. Omnes Fortunas, Antiates, Praenestinas, Respicientes, Balnearum etiam Fortunas omnes cum pennis, cum rotis, cum gubernaculo reperias. Cic. Pis. 10 Fortunae rotam pertimescere . Ovid ex Ponto II, 3, 56 Dea in orbe stans . Pacuvius b. Ribbeck trag. lat. p. 104 Fortunam insanam esse et caecam et brutam perhibent philosophi saxoque instare in globoso praedicant volubili. Vgl. Grimm D. M. 825 ff. Außer den Münzbildern sind viele Bronzen erhalten, unter den Pompeianischen Alterthümern und sonst, s. Monum. d. Inst. 1840 T. XVI. XVII. Eine pantheistische Fortuna omnium gentium et deorum im Bullet. Arch. Nap. 1855 t. VII, 1 p. 182. Mehr b. O. Müller Handb. d. Arch. § 398 und Wieseler D. A. K. II t. 73. . Andre 561 Bilder heben andre Eigenschaften hervor, bis zuletzt auch sie zur pantheistischen Heil- und Segensgöttin geworden ist. Unter den Culten der Fortuna außerhalb Roms wissen wir von dem der Nortia in Vulsinii nur so viel, daß in ihrem Tempel die Jahresnägel eingeschlagen wurden, wie in Rom in dem des Capitolinischen Jupiter S. oben S. 231 , Iuvenal. S. X, 74 Schol. Tertull. ad Nat. II, 8, Apolog. 24. Einen T. der Salus oder Fortuna in dem etruskischen Ferentinum erwahnt Tacit. Ann. XV, 53. . Mehr ist bekannt von der Fortuna Primigenia zu Präneste, einer Natur- und Schicksalsgöttin von allgemeiner Bedeutung, welche für die Mutter des Jupiter und der Juno galt und ihren Willen durch Loose offenbarte, die in dem Felsen, auf welchem der Tempel stand, durch ein Wunder zu Tage gekommen waren. Numerius Suffucius, ein edler Pränestiner, war durch viele, zuletzt drohende Traumerscheinungen angetrieben worden auf einer gewissen Stelle in diesem Felsen nachzugraben. Als er dieses endlich trotz des Spottes seiner Mitbürger that, fanden sich jene Loose d. h. Stäbe von Eichenholz, in welche alterthümliche Buchstaben eingegraben waren; man zeigte die wunderbare Stelle später in dem Fortunentempel, dicht bei dem sitzenden Bilde der Fortuna mit den beiden göttlichen Säuglingen in ihrem Schooße. Ein zweites Wunder ließ zu derselben Zeit auf demselben Felsen Honig aus einem Oelbaum fließen, nach dem Ausspruche der Seher ein göttliches Zeugniß für die untrügliche Wahrhaftigkeit jener Loose; daher man aus dem Holze dieses Oelbaums eine Lade machte und sie in derselben verwahrte. Wenn man sie zu befragen wünschte, mußte man sich mit Gebet und Opfer an die Göttin des Tempels wenden, worauf ein Knabe jene Loose zuerst mischte und dann eines zog Cic. de Divin. II, 41, 85 vgl. I, 18, 34. Sors in Gestalt eines Knaben mit einer Lade auf den M. des M. Plaetorius Cestianus b. Riccio t. 36, 2. Ueber die Weissagung per sortes s. Marquardt Handb. IV, 103 ff. . Der stehende Beiname dieser Göttin Primigenia, wie sie namentlich auch in den an Ort und Stelle gefundenen Dedicationen heißt, bedeutet die Erstgeborne und Allerzeugende Or. n. 1756 ff., vgl. Bormann altlatin. Chorogr. S. 212. , denn die höchsten Götter des Himmels und der Erde, Jupiter und Juno, galten hier für ihre Kinder und saßen als solche in ihrem Schooße, dem Schooße der säugenden Mutter, welche als solche von allen Müttern mit der größten Andacht verehrt wurde Cic. l. c. Is est hodie locus septus religiose propter Iovis Pueri, qui lactens cum Iunone Fortunae in gremio sedens, mammam appetens, castissime colitur a Matribus d. h. von den mit Kindern gesegneten Matronen. Das Bild der Fortuna war stark vergoldet, s. Plin. H. N. XXXIII, 3, 19 wo als Name wohl aurea Fortuna zu suppliren ist. . Beide Götter wurden aber 562 auch sonst in diesem Culte neben ihr verehrt, Jupiter als Puer und zwar mit besondrer Beziehung auf die Loose, Juno in einer eignen Abtheilung des Tempels und in einem eignen Monate Des Monates gedenkt Ovid F. VI, 62, eine eigne Abtheilung des Tempels, welche das Iunonarium hieß, ist neuerdings durch eine merkwürdige, im Bezirk des alten Heiligthums gefundene Inschrift bekannt geworden: L. Sarioletius Naevius Fastus Consularis ut Triviam in Iunonario, ut in Pronao Aedis statuam Antonini August. (wahrscheinlich des Caracalla), Apollinis, Isi, Tyches, Spei, ita et hanc Minervam Fortunae Primigeniae dono dedit cum ara: wo also alle diese Bilder von demselben Mann in denselben T. geweiht wurden, s. Monum. d. Inst. 1855 p. 85. Früher war Jupiter auch als Imperator in Präneste verehrt worden, s. oben S. 183 . . Der heiligste Festtag war der 11. April, wo der Fortuna Primigenia und dem Iupiter Puer von den Ortsbehörden geopfert und zugleich ein Tag bestimmt wurde, wo das Orakel Allen zugänglich sein sollte Verr. Flacc. Fast. Praenest. III Id. April., wo Foggini liest: festVM MAXIMum Iovis et FORTVNAE PRIMIGeniae VTRO EORVM DIE omnibus (s. matribus) ORACLVM PATET. IIVIRIVITVLVM Immolant. Diese Duumvirn werden auch pr. Non. Mart. bei einem Opfer zu Ehren des August erwähnt. Das Kalb galt jedenfalls dem Iup. Puer. Als orakelnder Gott heißt dieser Jupiter in Inschriften Iup. arkanus, s. Anthol. lat. n. 622, 16, wo neben ihm und der Fortuna auch Apollo als Gott aller Weissagung verehrt wird, vgl. Or. n. 2391. 3045. Wie die »Pränestinischen Schwestern« b. Stat. Silv. I, 3, 79 sich zu diesem Orakel verhalten, ist nicht klar. Vgl. Paul. p. 368 Tenitae credebantur esse sortium deae dictae quod tenendi haberent potestatem. . Das Alterthum dieses Gottesdienstes und Orakels war gewiß ein sehr hohes, doch dauerte es geraume Zeit ehe das letztere auch bei den Römern, welche unter allen Latinern die Pränestiner am längsten zu fürchten hatten, öffentliche Anerkennung fand. Noch im ersten punischen Kriege wurde ein römischer Consul, welcher sich nach Präneste begeben hatte um dort die Loose der Fortuna vor seinem Auszuge selbst zu befragen, durch eilende Boten des Senats und Bedrohung mit Lebensstrafe daran verhindert Val. Max. I, 3, 1 wo etwa zu lesen ist: sortes adire ut ipse consuleret. . Im Hannibalischen Kriege dagegen, wo die Pränestiner sich nach der Schlacht bei Cannae durch ihre tapfre Vertheidigung von Casilinum sehr verdient machten Liv. XXIII, 19. Der damalige Prätor der Pränestiner M. Anicius hatte das Andenken an diese Waffenthat in mehr als einem Monumente verewigt: Statua eius indicio fuit Praeneste in foro statuta, loricata, amicta toga, cum titulo lamnae aeneae inscripto, M. Anicium pro militibus qui Casilini in praesidio fuerint votum vovisse. Idem titulus tribus signis in aede Fortunae positis fuit subiectus. Die tria signa sind Fortuna mit Jupiter und Juno als herkömmliche Gruppe auch bei Votivbildern. Bald darauf, im J. 204 v. Chr. weihte P. Sempronius Tuditanus einen T. der F. Primigenia zu Rom, welcher auf dem Quirinale lag s. Liv. XXIX, 36, XXXIV, 53, daher die Sempronier mit dem Bilde der Fortuna münzten. , scheint auch ihre Fortuna allgemeines 563 Vertrauen erworben zu haben, daher fortan sowohl die obersten Staatsbehörden als selbst fremde Könige in ihrem Tempel zu Präneste opferten und dort wie auf dem römischen Capitole für das Wohl des römischen Volks beteten. Darauf wurde Präneste und wahrscheinlich auch sein Fortunatempel im Kriege zwischen Marius und Sulla von der Hand des letzteren sehr schwer getroffen, dann aber wieder aufgerichtet, da er die verwüstete Stadt neu bevölkerte und auch jenen Tempel verschönerte Plin. H. N. XXXVI, 25, 64, vgl. Strabo V, 3 p. 238, Bormann a. a. O. S. 207. , wahrscheinlich sogar von neuem aufbaute, so daß er sich seitdem auf mächtigen Substructionen über die ganze Höhe zog und die Stadt in die darunter gelegene Fläche hinabdrückte. Dieses neue Präneste wurde wegen seiner schönen und gesunden Lage immer viel besucht, auch von den Kaisern, unter denen sich Fortuna und ihre Loose in ungeschwächtem Ansehn behaupteten Sueton Octav. 72. 82, Tib. 63, Domitian 15, Gell. N. A. XVI, 13, Lamprid. Alex. Sev. 4. Ueber die noch vorhandnen sortes Praenestinae oder Antiates s. Or. n. 2485 und A. Stoll im Philol. 1856 p. 304 sqq. . Ob die sogenannten mystischen Cisten aus Präneste, darunter die Ficoronische, welche in Form und Verzierung einander ähnlich sind und alle Badegeräth und Putzutensilien enthielten, in irgend einer näheren Beziehung zum Dienste der Fortuna gestanden, wie man gewöhnlich annimmt, muß dahin gestellt bleiben Am ersten wäre es denkbar daß solche Laden der Fortuna und den beiden göttlichen Kindern bei bestimmten Veranlassungen des Familienlebens als Anatheme dargebracht wurden. Von neueren Ausgrabungen s. die Monumenti, Annali e Bullet. dell Inst. Arch. 1855 l. c. und den Archäol. Anz. 1856 n. 87. . Endlich hatte auch die alte Hafenstadt Antium an der latinischen Küste eine berühmte Fortuna, welche der Pränestinischen manchen Abbruch gethan haben mag. Horaz hat sie in dem schönen Gedichte Od. 1, 35 verherrlicht, auf Veranlassung einer kriegerischen Unternehmung des August, bei welcher diese Göttin und ihr Orakel wahrscheinlich consultirt wurde. Auch sie 564 galt für eine allgemeine Schicksals- und Heilgöttin, welche über Leben und Tod, zu Lande und zu Wasser gebiete und als Schutzgöttin von Rom und Latium in weiten Kreisen gefürchtet werde. Horaz bittet sie die bestehende Ordnung der Dinge zu wahren und schildert sie wie immer die herbe Nothwendigkeit ihr voranschreite, Klammern und Keile und geschmolzenes Blei in der Hand führend, während die Hoffnung und die Treue an ihrer Seite gehn. Eigentlich waren es zwei Fortunen, welche in diesem Gottesdienste verehrt wurden, daher gewöhnlich im Plural von ihnen die Rede ist; und zwar wurden sie als Schwestern gedacht, die eine, wie die Münzen der gens Rustia lehren, kriegerisch und bewehrt, die andere matronal Riccio t. 41, 2, Wieseler D. A. K. II t. 73, 937–939. Vgl. Sueton Cal. 57, Martial. V, 1, 3, wo sie veredicae sorores heißen, Or. n. 1738 ff., wo n. 1739 sie Fortunae Victrices nennt. . Es scheint daß jene den Beinamen der Fortuna Equestris führte, diese den der F. Felix im Sinne der fruchtbaren und befruchtenden Tacit. Ann. III, 71. Fortunae Felici auf einer Inschrift aus Antium b. Fabretti p. 632. Ueber das Orakel s. Macrob. I, 23, 13. . Orakel ertheilten sie durch Bewegung der Bilder, indem dieselben auf einer Bahre getragen wurden, eine Art der Weissagung welche sich auch in Aegypten, Syrien und Karthago nachweisen läßt. Anhangsweise mag hier auch von den Parcen und von andern Mächten des Schicksals die Rede sein. Die Parcae sind eigentlich Göttinnen der Geburt wie die Carmentes, denn das Wort hängt zusammen mit partus. Ursprünglich hießen sie Parca von der Geburt überhaupt und Nona und Decuma von den beiden entscheidenden Monaten der Geburt, doch scheint man später, um sie den griechischen Mören zu assimiliren, die Parca weggelassen und zur Nona und Decuma eine Morta als Todesgöttin hinzugefügt zu haben Varro b. Gell. N. A. III, 16, Tertull. d. An. 36. , so daß sie fortan wie jene das individuelle Lebensschicksal in der Stunde der Geburt und des Todes entschieden. Das sind die drei spinnenden Schwestern, deren Erscheinung und Thätigkeit von den römischen Dichtern und Bildwerken bis auf einige Nebenumstände ganz nach dem Vorbilde der griechischen Mythologie ausgeführt wird Catull. 64, 306 ff., vgl. Klausen Zeitschr. f. A. W. 1840 n. 27–30. Auch den Etruskern waren die Namen und Bilder der griechischen Mören geläufig, nur daß sie sie mit den ihrer Vorstellung geläufigeren Attributen ausstatteten, s. oben S. 232, 457 . . Daneben 565 ist viel die Rede vom fatum und den fatis . Jenes ist eigentlich das gesprochene Wort, der ausgesprochene Wille des Jupiter als höchsten Weltregierers, aber auch der andern Götter, so daß also dieser Begriff ganz der griechischen Αἶσα oder Διὸς Αἶσα entspricht Serv. V. A. X, 628 Vox enim Iovis fatum est. Ib. XII, 808 Iuno sciens fatum esse quidquid dixerit Iupiter. Isidor Orig. VIII, 11, 90 fatum dicunt quidquid dii fantur, quidquid Iupiter fatur. . Dagegen kommt der Plural in der doppelten Bedeutung vor sowohl der particulären Schicksale von Menschen, Städten u. s. w. und des darüber durch den Mund von Propheten, Sibyllen u. s. w. verlauteten Götterwillens Daher fata Iovis, fata Iunonis, aber auch fata Troiae, fata Populi Romani, fata mea u. s. w. Speciell wird auch hier immer an den Tod gedacht, daher fato fungi, dies fatalis, fatifer ensis u. dgl. Aber auch die weissagenden Sprüche sind fata, daher libri fatales, fata Sibyllina, fata Pythiae, vgl. Ennius ed. Vahlen p. 7 doctusque Anchisa, Venus quem pulcherrima divum fata docet fari, divinum ut pectus haberet , d. h. Venus hatte ihm die Gabe der Weissagung verliehn. und in der sehr eigenthümlichen Uebertragung auf weissagende Frauen, welche alt zu sein scheint und sehr an die Fatui oder Fatuae d. h. an die Weissagung der Fauna ( S. 338 ) erinnert. So in dem alterthümlichen und volksthümlichen Ausdruck Fata Scribunda für die singenden Geburtsgöttinnen Tertullian de An. 39, vgl. Augustin C. D. IV, 11 in deabus illis, quae fata nascentibus canunt et vocantur Carmentes. und in dem seit dem Augusteischen Zeitalter auch in der Litteratur immer weiter um sich greifenden Gebrauch des Wortes Fata für die Parcen, während in der Volkssprache daraus zuletzt der Name und Begriff der Feen entstanden ist Propert. IV, 7, 51 Iuro ego Fatorum nulli revolubile carmen. Stat. Silv. V, 1, 259 ubi supplice dextra pro te Fata rogat , Theb. VIII, 26 Fata ferunt animas et eodem pollice damnant. Vgl. Gell. N. A. III, 16, 9, Fulgent. Mythol. I, 7, die Fata Victricia bei Eckhel D. N. VIII p. 6 und die Inschriften aus sehr verschiedenen Gegenden bei Or. n. 1771 ff. Dativ Fatabus b. Henzen n. 5799. In der Volkssprache sagte man auch fatus meus. Petron. 42. 77. Ueber den romanischen Sprachgebrauch Grimm D. M. 382. . Daher die Tria Fata auf dem römischen Forum der späteren Kaiserzeit und eine Straße in tribus fatis, wobei vielleicht auf die drei Sibyllen in der Nähe der Rostra (S. 271, 571 ) zurückzugehn ist. Die griechische Nemesis wurde unter diesem Namen höchst wahrscheinlich aus Angst vor dem Beschreien und dem Zauber des bösen Blicks u. a. von den Triumphirenden verehrt ( S. 205 ). Man pflegte nehmlich diese Göttin auch sonst in demselben Sinne anzurufen und dabei den Ringfinger der 566 rechten Hand erst mit dem Munde naß zu machen, dann hinter das rechte Ohr zu legen, weil der Speichel und das Ausspucken für ein Mittel gegen den Zauber galt, die Stelle hinter dem rechten Ohre aber in eine besondre Beziehung zur Nemesis gesetzt wurde Plin. H. N. XI, 45, 103, XXVIII, 2, 5. Auch in Capua und Venafrum wurde Nemesis angebetet, s. Mommsen I. N. n. 3584. 4605. . 2. Der Cultus der Genien. Da von dem Wesen und den verschiedenen Arten der Genien bereits die Rede gewesen ist, so bedarf es hier blos eines Nachtrags über ihre Verehrung im häuslichen und öffentlichen Leben. Im Hause waltete der Genius theils als der befruchtende Schutzgeist der Ehe, durch welche die Familie fortdauert, theils als individueller Schutzgeist der einzelnen Familienmitglieder. Die geheiligte Stätte von jenem ist das Ehebett (lectus genialis) der Hausflur, früher wohl das wirkliche Ehebett von Vater und Mutter, später wie es scheint nur ein symbolisches, welches bei Vermählungen dem Genius oder den Genien geweiht wurde Paul. p. 94 genialis lectus qui nuptiis sternitur in honorem Genii. Arnob. II, 69 cum in matrimonia convenitis, toga sternitis lectulos (vgl. Varro b. Non. Marc. p. 540 toga) et maritorum genios advocatis. Censorin d. d. n. 3 Nonnulli binos genios in his duntaxat domibus, quae essent maritae colendos putaverunt. Vgl. oben S. 69 . . Denn gewöhnlich wurden in solchen Häusern, wo es Mann und Frau gab, zwei Genien verehrt, eigentlich ein Genius und eine Juno. Die gewöhnliche bildliche Darstellung dieser dämonischen Wesen war hier wie überhaupt die Schlange (serpens draco), die man deshalb gerne bei sich in den Häusern und in den Schlafzimmern hielt, in Rom ein so gewöhnlicher Gebrauch, daß Plinius sagt, die Schlangenbrut würde, wenn ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt thäten, den Menschen über den Kopf wachsen Plin. H. N. XXIX, 4, 22, vgl. die Geschichte vom Kaiser Tiberius bei Sueton 72 und die vom Tode des Plotin b. Porphyr. v. Plot. 2, ferner Seneca de Ira II, 31, 5, Martial. VII, 87, 7, Lucian Alex. 7, Philostr. Her. VIII, 1 p. 706. Auch die Schätze behütenden dracones kannte der römische nnd griechische Volksglaube, Paul. p. 67. . Daher die Erzählung von der übernatürlichen Abkunft des Scipio ( S. 210 ). Die Ehe seiner Eltern sei lange unfruchtbar gewesen, so daß der Vater schon die Hoffnung auf Nachkommenschaft aufgegeben hatte: bis man einmal, als der Vater gerade 567 verreist gewesen, im Schlafgemache bei der schlafenden Mutter eine große Schlange habe liegen sehn Liv. XXVI, 19, Gellius N. A. VI, 1. Vgl. die verwandte Erzählung von der übernatürlichen Zeugung des August durch eine Schlange im T. des Apoll d. h. durch den Genius dieses Gottes b. Sueton Octav. 94, Dio XLV, 1. . Aehnlich wurde von dem Vater der Gracchen erzählt, daß er einst auf seinem Ehebette ein Schlangenpaar gesehen und deshalb die Haruspices befragt habe. Diese riethen ihm eine von beiden zu tödten, die andre zu entlassen, mit dem Bemerken daß der Tod des Männchens seinen Tod, der des Weibchens den seiner Gattin, der edlen Cornelia, der Tochter jenes Scipio zur Folge haben werde: worauf Tiberius aus Liebe zu seiner Frau und weil sie die jüngere war die weibliche Schlange entschlüpfen läßt und bald darauf wirklich stirbt Cic. de Divin. I, 18, 36, Plut. Ti. Gracch. 1. Dem D. Laelius erschienen zu Rom in lecto uxoris duo angues in diversum elapsi , worauf er bald darauf im Sertorianischen Kriege starb, Iul. Obseq. 58. . In diesen Fällen also ist der Genius das schöpferische Princip der Familie; in andern identificirt er sich völlig mit den einzelnen Personen als Genius meus, tuus u. s. w. oder Iuno mea, tua, welcher in der Familie als Genius natalis gefeiert wird. Der Geburtstag ist der natürliche Festtag dieses unsichtbaren Wesens, denn er ist zugleich der angeborne Schutzgeist des einzelnen Menschen und die Causalität seines Lebens; daher man bei der Geburtstagsfeier den Gebrauch beobachtete dem Genius nur unblutige Gaben darzubringen, Weihrauch, Wein, Kränze, Opferkuchen u. dgl., keine blutigen, weil an einem Tage, der dem Opfernden selbst oder einer geliebten Person das Leben gegeben, keinem Geschöpfe das Leben genommen werden dürfe Censorin d. d. n. 2. 3. Tibull. II, 2; IV, 5, wo der Genius angeredet wird: Mane Geni cape tura libens etc. . Immer ist der Genius als solcher gut und die Ursache aller guten Gaben und Stunden, die das Leben des einzelnen Menschen schmücken, auch die Ursache seiner körperlichen und geistigen Gesundheit Die Stirn war dem Genius geweiht, wie das Ohr dem Gedächtnisse, die Finger (womit man zählt) der Minerva, die Kniee dem Mitleiden u. s. w. Daher man beim Gebet zum Genius die Stirn berührte. Serv. V. Ecl. VI, 3, Aen. III, 607. , mit einem Worte sein guter Geist: daher die Schwüre und Beschwörungen bei dem eignen Genius oder dem eines andern, bei welchen letzteren neben dem Genius des Freundes, der Geliebten oft seine Rechte d. h. seine Ehre, seine Augen d. h. das Licht seines Leibes, seine Penaten d. h. 568 die Heiligthümer seines Hauses und seiner Heimath genannt werden Horat. Ep. I, 7, 94 Quod te per Genium dextramque deosque Penates obsecro et obtestor. Tibull. III, 6, 47 oben S. 242, 483 und IV, 5, 8 perque tuos oculos per Geniumque rogo. . Doch ist der Genius als individueller Schutzgeist auch den Schwankungen und Irrungen der menschlichen Natur unterworfen, daher Horaz bei der Frage warum von zwei Brüdern der eine Müßiggang, Spiel und Wohlleben liebe, der andre harte Arbeit und ununterbrochene Thätigkeit, dafür den Genius verantwortlich macht Horat. Ep. II, 2, 186 Scit Genius, natale comes qui temperat astrum, naturae deus humanae, mortalis in unumquodque caput, voltu mutabilis, albus et ater. Daher die Redensarten genium propitium, iratum, sinistrum habere d. i. deos iratos habere, diis iratis natum esse. . So ist auch der Genius des einen Menschen mächtiger als der des andern, in welchem Sinne einst ein ägyptischer Priester zum Antonius sagte, daß sein Genius den des Augustus fürchte (Plut. Anton. 33). Uebrigens begleitet dieser Genius den ihm anvertrauten Menschen durch das ganze Leben, von der Stunde der Geburt bis zum Tode, wie ein unsichtbarer Freund und Rather, immer zum Guten und Freudigen helfend, aber auch mitleidend und mitfühlend Censorin. 3. Genius ita nobis adsiduus observator appositus est, ut ne puncto quidem temporis longius abscedat, sed ab utero matris acceptos ad extremum vitae diem comitetur. Vgl. Seneca Ep. 110, Apulei. de Deo Socr. p. 156 Oud. . Ja man glaubte daß der Genius bei drohender Lebensgefahr selbst auf das heftigste mitbeängstigt werde: welches auch der Kern der bekannten Geschichte des Brutus und des Dichters Cassius von Parma ist, welchen vor ihrem Tode nicht ein böser Geist, sondern ihr Schutzgeist in der Gestalt eines sich Entsetzenden, von äußerster Furcht Bewegten erscheint, während in einem andern Falle der Schutzgeist den dem Tode verfallenen Menschen ehe dessen Stunde kommt verläßt Plut. Brut. 36. 48. Valer. Max. I, 7, 7. Ammian. Marc. XXI, 14. . Die dualistische Unterscheidung zwischen zwei Genien jedes Menschen gehört nicht dem Volksglauben, sondern der Philosophie ( S. 77 ). Wie die einzelnen Familien und Personen so haben auch die Collectivpersonen der Völker, Städte, Bürgerschaften u. s. w. ihre Genien Symmach. Ep. X, 61 ut animae nascuntur, ita populis natales genii dividuntur. Vgl. Prudentius c. Symm. II, 369. , welche überall mit großem und abergläubischem Eifer verehrt wurden. In Rom glaubte man in diesem Sinne an den Genius Publicus oder Genius Populi Romani als Schutzgeist, 569 ursprünglich ein geschlechts- und namenloses Wesen ( S. 56 ), bis man später nach griechischer Art auch hier die bestimmtere Personificirung zuließ. Zuerst wird er beim Anfang des zweiten Punischen Kriegs (218 v. Chr.) erwähnt, wo unter verschiedenen nach Anleitung der sibyllinischen Bücher angeordneten Gebräuchen auch ein Opfer von fünf größeren Thieren an den Genius beschlossen wird (Liv. XXI, 62). Höchst wahrscheinlich hatte er schon damals seinen Stand auf dem Forum, in der Nähe des Concordientempels, in der Gestalt eines bärtigen Mannes mit dem Diadem, der in der R. das Füllhorn in der L. ein Scepter trug, anstatt welcher Darstellung sich später die des Jünglings mit dem Fruchtmaaß auf dem Haupte, der Schaale in der R., dem Füllhorn in der L. geltend machte Dio XLVII, 2, L, 8. Die ältere Form auf M. der Cornelia (Lentuli Spintheris) mit der Inschrift G. P. R. und der früheren Kaiser, wo das Bild des Genius bisweilen die Züge des Kaisers annimmt, die jüngere auf den M. Diocletians, s. Eckhel D. N. V p. 181, VII p. 97, VIII p. 8. . Ein regelmäßiges Opfer wurde am 9. Oct. dargebracht; daß er auch sonst viel verehrt wurde, beweist die häufige Erwähnung auf Münzen und Inschriften Or. n. 1683 I. O. M. et Genio P. R. n. 1684 (Si) quis hanc aram laeserit, habeat Genium iratum Populi Romani et Numina Divorum d. h. der consecrirten Kaiser. Vgl. Henzen n. 5774 und die Regionen d. St. R. S. 141. . Der Kaiser Aurelian stiftete ihm ein goldnes Bild auf den in derselben Gegend belindlichen Rostren; von Julian wird erzählt daß er den Genius Publicus, welcher ihm vor seiner Erhebung auf den Thron in Gallien erschienen war, auch vor seinem Ende auf dem Feldzuge gegen die Perser wiedergesehen habe, diesmal in trauriger Gestalt und mit verhülltem Haupt und Füllhorn. Natürlich wurde dieser Genius auch außerhalb Roms viel verehrt, doch hatte jede größere Stadt auch ihren eignen Genius, auch die Länder und Völker, deren Genius in älterer Zeit auch wohl Feindschaft und kriegerische Rüstung gegen Rom auszudrücken wagte. So der Genius von Italien auf einer Münze aus der leidenschaftlichen Zeit des Bundesgenossenkriegs in Italien, wo der Genius gepanzert und mit Schwerdt und Lanze bewaffnet dasteht, den Fuß auf ein am Boden liegendes Feldzeichen setzend, neben ihm der Stier als Symbol von Italien J. Friedländer Osk. Münzen t. IX, 1–5 S. 75 ff. . Auch hatten diese örtlichen Schutzgötter hin und wieder wie die Schutzgöttinnen eigne Namen, wie deren Varro verschiedene erhalten hat Nach Varro werden b. Tertull. ad Nat. II, 8, Apol. 24 als solche örtliche Schutzgötter, qui per Italiam municipali consecratione censentur, genannt: Casiniensium Delventinus, Narniensium Visidianus ( S. 328 ), Atinensium Numiternus, Asculanorum Ancharia, Volsiniensium Nortia, Ocriculanorum Valentia (Or. n. 1869), Sutrinorum Hostia, Faliscorum Pater Curis ( S. 248 ). , welche zum Theil zu der Klasse der Genien und 570 Fortunen gehört haben mögen. Gewöhnlich aber nennen sie sich einfach nach dem Orte, dessen höheres Lebensprincip sie darstellen, und drücken durch ihre Attribute nur den Segen des Friedens und der Fülle aus. Zahlreiche Inschriften veranschaulichen die weite Verbreitung und Ausdehnung dieser einfachen Art das Sichtbare mit dem Unsichtbaren in Verbindung zu setzen. So der Genius Coloniae Ostiensium, der Genius Coloniae Puteolanorum, welcher im Sinne der lebhaften und reichen Handelsstadt, des wichtigsten Hafens im südlichen Italien, auf ausgezeichnete Weise gefeiert zu sein scheint und in einigen Dedicationen Sanctissimus Deus oder Sanctissimus Deus Patrius genannt wird, der von Stabiä, von Benevent, und von vielen andern Colonieen und Municipien Mommsen I. N. n. 2464–72, vgl. Or. 1690 ff., Henzen n. 5775 ff. und über den Genius Lugduni Boissieu Inscr. d. Lyon p. 46. , neben denen hin und wieder auch Genien der pagi conventus sowie von ganzen Provinzen und Ländern erwähnt werden Or. n. 1685 ff., Henzen n. 5778. , aber auch die von Legionen, Lagern, Collegien, Zünften, Verkaufsplätzen u. s. w. Or. n. 1704–1711, 4087, 4922, Henzen n. 5780 ff. . Denn auch die Plätze, die Straßen, die Thore, wo viel Leben war und ein eigenthümliches durch den Ort bestimmtes Treiben sich offenbarte, wurden unter den Schutz eines eignen Genius gestellt, dessen herkömmliches Schlangenbild dann nicht selten im Sinne der Einwohner einen kräftigen Fluch gegen Verunreinigung des Ortes aussprach Persius I, 113 Pinge duos angues: pueri sacer est locus, extra mejite! Vgl. Serv. V. A. V, 85 nullus locus sine genio est, qui per anguem plerumque ostenditur und O. Jahn Pers. p. 111. , auch die zahlreichen Bäder und die Theater, wie die interessante Vorstellung des Ortsgenius in Gestalt eines großen serpens draco aus dem Theater zu Capua erhalten ist Winckelmann Werke I t. 11, Millin Gal. Myth. 38, 139, Mommsen I. N. n. 3577. , die einzelnen Quartiere, Häuser, Ställe Prudent. c. Symm. II, 444 Quamquam cur Genium Romae mihi fingitis unum, cum portis, domibus, thermis, stabulis soleatis assignare suos genios, perque omnia membra Urbis perque locos geniorum millia multa, ne propria vacet angulus ullus ab umbra? u. s. w. Vollends in der freien Natur, wo ein heimlicher Platz liebe Erinnerungen 571 weckt, eine schöne oder erhabne Aussicht die Seele beschwingt, eine fruchtbare Trift oder ein wohlbestellter Acker die Vorstellung göttlichen Segens erregt, liebte man es sehr durch einen einfachen Altar und das Bild einer Schlange an die höhere Ursache und die verborgene Seele des Orts zu erinnern. Und zwar wurde in allen diesen Fällen häufig neben dem genius loci oder anstatt desselben die weibliche Fortuna oder Tutela verehrt, namentlich die letztere, welche noch specieller als Fortuna die Bedeutung eines örtlichen oder persönlichen Schutzgeistes hatte Or. n. 1698 Deo Tutel. Genio Loci. n. 1699 Genio et Fortunae Tutelaeque huius loci. n. 1700 Tutelae Domus Rupil. Acta fr. Arv. t. XXXII Sive Deo Sive Deae, in cuius tutela hic lucus locusve est. Petron. 57 ita Tutelam huius luci habeam propitiam. Ib. 105 Tutela navis. Vgl. Eckhel D. N. VIII p. 136 sqq., Fabretti Inscr. p. 79, Marini Atti Arv. p. 374 sqq., Boissieu Inscr. de Lyon p. 11 n. 9. . Eine sehr wichtige Art des Cultus der Personalgenien wurde mit der Zeit der des Genius des jedesmaligen Kaisers, welcher somit gewissermaßen an die Seite des Genius Publicus trat. Wie man den Genius eines Freundes, eines Gönners verehrte und ihm an seinem Geburtstage spendete, so war es auch wohl sehr natürlich, wenn der Genius oder die Fortuna solcher Männer wie des Cäsar, des Augustus von ihren Anhängern und überhaupt von den Bürgern privatim viel verehrt wurden Virgil Ecl. I, 43 der auf regelmäßige Opfer an den Kalenden, wo man den Hauslaren opferte, deutet. Vgl. Horat. Od. IV, 5, 33 ff., Ovid F. II, 635. . Also etwas Außerordentliches und Verderbliches wurde dieser Cultus erst dann, als er im Sinne des Despotismus gesetzlich gefordert und wenn unterlassen bestraft wurde, wie diese Wendung denn sehr bald eintrat. Augustus ging auch hier voran, indem er seinen Genius in allen Compitalcapellen der Stadt zu den beiden von jeher verehrten Laren hinzufügte ( S. 495 ). Dieser Cultus blieb auch unter den folgenden Kaisern, für welche selbst nach dem Aussterben des Hauses der Julier Augustus immer der göttliche Urheber der neuen Staatsordnung und der Kaiser schlechthin geblieben ist; nur daß fortan auch der Genius des regierenden Kaisers öffentlich verehrt werden mußte, worauf namentlich die schlimmeren Kaiser mit unerbittlicher Strenge hielten. Eine natürliche Folge von diesem Cultus war die gleichfalls allgemeine und öffentliche Geburtstagsfeier des Kaisers, auch sie ein Nachlaß der Zeiten des Cäsar und August, und der Schwur beim 572 Genius oder bei der Tyche des Kaisers, denn so übersetzen die Griechen gewöhnlich den lateinischen Genius. Schon unter Augustus war dieser Schwur gewöhnlich Horat. Ep. II, 1, 16. Später wurde daraus der Schwur beim Augustus schlechthin oder dem numen Augusti oder dem Divus Augustus, s. Sueton Claud. 11, Tacit. Ann. I, 73. . Tiberius sperrte sich nach seiner Weise, doch überwogen Gewohnheit und Angst Dio LVII, 80 vgl. LVIII, 2. 6. 12. . Caligula und die späteren Gewaltherrscher belegten die Unterlassung oder den Misbrauch mit harten Strafen Sueton Calig. 27 vgl. Ulpian Dig. XII, 2 de Iurei. 13, 6. . Noch eine eigenthümliche Art der Genienverehrung ist die der genii deorum ( S. 74 ) und die an den Gräbern der Verstorbenen, wo der Genius dem griechischen ἥρως entspricht und wie gewöhnlich unter dem Bilde einer Schlange vorgestellt wurde, daher auch die Gräber nicht selten Bilder von Schlangen zeigen Virg. Aen. V, 75 ff., Valer. Flacc. III, 457, Sil. Ital. II, 581 ff., vgl. die Erzählung vom Grabe des Scipio b. Plin. H. N. XVI, 44, 85 und L. Friedländer de oper. anagl. in monum. gr. sepulcr. p. 39. : auch dieses mit der Zeit eine allgemeine Sitte, wie die späteren Kalender denn selbst das Todtenfest der Feralien im Februar Genialia oder Ludi Genialici nennen Das Feriale Capuanum z. 11. Febr. und das Kal. Constantii z. 11. und 12. Febr. vgl. oben S. 483 und über die Genien der Verstorbnen S. 73 , vgl. Mommsen I. N. n. 3778 aus Capua, Boissieu Inscr. de Lyon p. 47 n. 29. 30. . Endlich ist zu bemerken daß auch die Götter hin und wieder im Privatcultus als Genien eines Hauses d. h. als deren Schutzgötter verehrt wurden Or. n. 1257 Iovi Regi Genio Domus Isidori Larinatis , vgl. die Inschrift des Alfinius Fortunatus oben S. 443, 1113 , A. W. Zumpt z. Rutil. M. Namatian. vs. 16. , in demselben Sinne wie Sulla den Apoll, Cicero die Minerva, der römische Senat die Victoria als seine Schutzgöttin verehrte. 3. Die Götter der Indigitamenta. Mit den Genien vergleicht Censorin recht passend die zahlreichen Schutz- und Lebensmächte, welche in den pontificalen Indigitamenten angerufen wurden, indem sie sich im Grunde nur dadurch von den gewöhnlichen Genien unterscheiden, daß diese ein für allemal denselben Menschen oder denselben Ort unter ihren Schutz genommen hatten, jene kleineren Götter oder 573 numina dagegen ( S. 53 ) nur bei gewissen Veranlassungen des menschlichen Lebens als mitwirkende Mächte hervortreten. Sie haben insofern eine gewisse Aehnlichkeit mit den Engeln des populären Glaubens, welche gleichfalls nicht blos für persönliche Schutzengel galten, sondern auch für Gelegenheitsengel möchte ich sagen, d. h. für solche welche nur bei bestimmten Gelegenheiten als wirksam gedacht und als solche namentlich in einzelnen alten Grabschriften und Kinderliedern geschildert werden Vgl. die Grabschrift des Landgrafen Friedrich mit der gebissenen Wange auf dem Grabsteine in Reinhardsbrunn: Ich will heynt schlafen gehn, Zwölf Engel sollen mit mir gehn, Zween zu Häupten, Zween zur Seiten, Zween zun Füßen, Zween die mich decken, Zween die mich wecken, Zween die mich weisen, Zu dem himmlischen Paradeisen. Derselbe Spruch war als Kinderlied bekannt, s. Simrock. Deutsches Kinderbuch n. 167 und das andre n. 44 Fünf Engel haben gesungen, Fünf Engel kommen gesprungen, Der erste bläst das Feuer an, der andre stellt das Pfännel dran, Der dritt schütt das Süppchen nein, Der vierte thut brav Zucker hinein u. s. w. Noch näher liegt der Vergleich der begleitenden Dämonen des griechischen Göttercultes z. B. in dem der Demeter des Ἁδρεύς d. i. der Reisende, ἀπὸ τῆς καρπῶν ἁδρύνσεως Etym. M., der Γενετυλλίδες, des Τύχων, des Ὑμέναιος in dem der Aphrodite, Lob. Agl. p. 630 und 1234, des Ἄκρατος und andrer Satyrn und Nymphen in dem des Dionysos, der das menschliche Leben in den verschiedensten Thätigkeiten vor- und nachbildendeu Eroten und Psychen in der späteren griechischen Kunst. ; wie denn wirklich schon die christlichen Kirchenväter diese hülfreichen Lebensmächte jener alterthümlichen Gebetsformeln mit unsern Engeln verglichen haben. Dennoch war dieser Glaube in Italien und Rom sehr alt, da er wesentlich auf dem Gottesdienste des Numa und den von ihm formulirten priesterlichen Gebeten beruhte, welche speciell als Anrufungen solcher Mächte Indigitamenta genannt wurden ( S. 119 ). Ja man darf behaupten daß nur ein solcher mehr pantheistischer als polytheistischer Glaube, wie der der religiösen Gesetzgebung Numas zu Grunde liegende, im Stande war neben den wenigen Hauptgöttern des Himmels und der Erde, die er aufstellte, eine so große Schaar von dienenden Mächten zuzulassen, daher diese eben deshalb, sobald der griechische Polytheismus um sich griff, je länger desto mehr aus dem Gedächtniß des Volks und der Praxis des priesterlichen Gebets verloren gegangen sind. Sie erschienen übrigens in diesen Gebeten nicht allein, sondern zusammengestellt mit den Hauptgöttern des älteren römischen Glaubens, welche aber bei solchen Gelegenheiten gleichfalls nicht in ihrer vollen Geltung und gesammten Wirkung, sondern nur in der speciellen Beziehung auf den jedesmal vorliegenden einzelnen Fall einer 574 Geburt, einer Vermählung u. s. w. angerufen wurden: ein Beweis mehr daß die Indigitamenta nicht, wie man neuerdings gewöhnlich angenommen, priesterliche Verzeichnisse des ältesten Götterglaubens gewesen sind, sondern für gewisse Veranlassungen des Lebens bestimmte Gebets- und Anrufungsformeln. Es wäre sehr wichtig wenn diese Veranlassungen sich näher bestimmen ließen, indessen wird dieses kaum weiter möglich sein als sofern diese Gebete selbst auf gewisse Gelegenheiten hindeuten. Auch ist wohl zu bedenken daß unsre Kenntniß von denselben nicht unmittelbar auf den priesterlichen Originalurkunden, sondern nur auf den Auszügen Varros beruht, oder vielmehr größtentheils nur auf den Auszügen, welche die Kirchenväter zum Behufe ihrer Polemik aus jenem Werke Varros gemacht hatten. So muß es auch dahin gestellt bleiben ob Varro diese vielen Götternamen in jenen priesterlichen Urkunden zu einem ähnlichen Ganzen zusammengestellt gefunden hatte, wie er selbst sie in einem Werke zusammengestellt hatte,oder ob sie nicht vielmehr in jenen Urkunden in viele einzelne Gruppen zerfielen und je nach den besondern Veranlassungen des Cultus oder des Lebens in verschiedenen Gebeten und Liturgieen zusammengestellt waren, welches letztere ich aus verschiedenen Gründen für das Wahrscheinlichere halte. Varro hatte nehmlich diese Götter, wie wir aus Augustin C. D. VI, 9 erfahren, in zwei Abtheilungen behandelt, indem er zuerst sämmtliche Götter aufzählte welche das menschliche Leben unmittelbar, von der Geburt eines Jeden bis zu seinem Tode betrafen, und zweitens diejenigen Namen zusammenstellte welche nicht sowohl den Menschen selbst als seine äußerlichen Bedürfnisse, Lebensunterhalt, Kleidung u. s. w. angingen Augustin l. c. Denique et ipse Varro commemorare et enumerare deos coepit a conceptione hominis: quorum numerum exortus est a Iano eamque seriem perduxit usque ad decrepiti hominis mortem et deos ad ipsum hominem pertinentes clausit ad Naeniam deam, quae in funeribus senum cantatur. Deinde coepit deos alios ostendere, qui pertinerent non ad ipsum hominem, sed ad ea quae sunt hominis, sicuti est victus, vestitus et quaecunque alia huic vitae sunt necessaria, ostendens in omnibus quod sit cuiusque munus et propter quid cuique debeat supplicari. Mit Unrecht hat man diese erklärenden Zusätze Varros auf die Originalurkunden der Indigitamenta bezogen, verführt durch Servius V. Ge. I, 21, wo es von diesen libri pontificales heißt, qui et nomina deorum et rationes ipsorum nominum continent, quae etiam Varro dicit: in welcher Stelle diese letzten Worte, verglichen mit der genaueren Angabe Augustins beweisen, daß dieser Grammatiker seine Weisheit eben auch nur dem Varro verdankte. . Er hatte ferner dazu einen erklärenden Commentar 575 hinzugefügt, indem er jeden Götternamen entweder aus dem Sprachgebrauche oder aus den Gewohnheiten der alten Zeit erläuterte, welche Erläuterungen er zum Theil in andern Schriften noch weiter ausgeführt hatte: so daß wir auf diesem Wege viel Wichtiges und Interessantes über die Sitte und Sprache des höheren Alterthums erfahren. Nur daß wir uns wie gesagt genügen lassen müssen auf den Spuren Varros, von welchem hier wie gewöhnlich alle späteren Schriftsteller abhängen, einherzugehn, ohne uns daraus einen unmittelbaren Schluß auf die Gestalt und Beschaffenheit der Indigitamenta selbst zu erlauben. Nach dieser Anleitung also und den Auszügen der beiden Kirchenväter Tertullian und Augustin, die das Meiste erhalten haben, wollen wir zunächst die Götter aufzählen, welche mit Beziehung auf die Schwangerschaft und Geburt einer Mutter und die erste Woche des Kindes, wir wissen nicht ob bei einer und derselben oder bei verschiedenen Cultusgelegenheiten angerufen wurden Tertullian ad Nat. II, 11, de An. 37, Augustin C. D. IV, 11 und 37, VII, 2 und 3. Vgl. Ambrosch in dem S. 119, 174 angeführten Buche und Marquardt Handb. d. R. A. IV S. 7–21. . Durch sorgfältige Prüfung dieser Texte und Ausscheidung aller überflüssigen Polemik, welche diesen Schriftstellern die Hauptsache war, gewinnen wir eine fortlaufende Reihe von Göttern und Götternamen, deren gemeinschaftliche Beziehung das menschliche Leben ist, wie es keimt, ans Licht tritt und sich dann weiter entwickelt: alte Cultusgötter, deren Namen in dieser und den folgenden Reihen die leitenden Begriffe und gleichsam die Knotenpunkte des liturgischen Gesammtgedankens sind, und eine große Anzahl von helfenden und dienenden Gottheiten (potestates, numina), deren Benennungen und Personificirungen nicht allein sehr genau,sondern hin und wieder auch, wie mich dünkt, mit Zartheit und Innigkeit auf alle Miniaturbeziehungen des menschlichen Lebens eingehen. Zuerst wird Janus genannt, überall der Anfang der Dinge, auch jedes Gebets und Opfers, hier Consivius d. h. der Anfang alles keimenden Lebens ( S. 152 ), dann Saturnus , weil jede Ehe eingegangen wurde liberorum procreandorum causa oder wie die Griechen mit ihrem lebhafteren Gefühle für alles Natürliche sagten, ἐπὶ σπόρῳ, ἐπ’ ἀρότῳ παίδων, daher der Gott aller Saaten auch hier an seiner Stelle war ( S. 418 ). Dann folgen Liber und Libera , welche schon deshalb, weil sie in dieser nach Anleitung der Indigitamenta gebildeten Reihe mit aufgeführt werden, für altrömische Cultusgötter gelten müssen. 576 Liber ist in diesem Zusammenhange der Gott der männlichen Zeugungskraft, Libera die Göttin des weiblichen Empfängnisses Nach Augustin IV, 11 weil jener virorum, diese feminarum seminibus praeest, nach VII, 2 quod marem effuso semine liberat , während Libera (Venus) den Frauen denselben Dienst thue. Vgl. ib. VI, 9 oben S. 442 . Natürlich stammen diese Erklärungen aus dem Werke Varros. . Beide werden aus demselben Grunde zusammen genannt, aus welchem wir auch weiterhin in diesen Gebetsfragmenten häufig männliche und weibliche Mächte (Divi Patres und Divae Matres) zusammengestellt finden werden: weil nehmlich nach einer dem ganzen Heidenthum gemeinsamen Grundanschauung die polarisch entgegengesetzten Erscheinungen des menschlichen und animalischen Geschlechtslebens auf einen gleichartigen Gegensatz der göttlichen Causalität zurückgeführt werden. Diese Gottheiten also sind es, welche das eheliche Beilager segnen und befruchten; andre, größtentheils dienende Genien der Juno oder auch die abgesonderten Eigenschaften dieser höchsten Gottheit alles weiblichen Lebens, werden als solche angerufen welche die keimende Frucht im Mutterleibe bilden und pflegen. So die Fluonia , auch Fluviona oder Fluvionia , ursprünglich nur ein Beiname der Juno, welcher dieser Göttin durch die Hemmung der monatlichen Blutabsonderungen während der Schwangerschaft einen wesentlichen Einfluß auf die Erzeugung und Ernährung des Kindes im Mutterleibe zuschrieb Plin. H. N. VII, 15 vgl. oben S. 245 . . Ferner nach Tertull. d. An. 37 die weiblichen Mächte Alemona , welche die zarte Frucht nährt, und die beiden Göttinnen der entscheidenden Monate, Nona und Decima , endlich die Partula als die bei der Geburt selbst behülfliche Göttin: über welche drei Göttinnen wir durch einen ausführlicheren Auszug aus dem 14ten Buche der Religionsalterthümer Varros, in welchem er über diese Götter gehandelt hatte (S. 63, 73 ), von Gellius N. A. III, 16 belehrt werden. Varro hatte dort nehmlich gelehrt daß die Geburt frühestens im achten; spätestens im elften Monate erfolge, wobei er sich auf Aristoteles berufen hatte. Die alten Römer aber hätten auf solche außerordentliche Fälle keine Rücksicht genommen, sondern den neunten und zehnten Monat für die gewöhnliche Zeit angesehen und danach ihre Parcen d. h. Geburtsgöttinnen benannt, die eine von der Geburt überhaupt, die andre von jenen beiden Monaten ( S. 564 ). Ferner schließt sich hier an die unvermeidliche Anrufung der Iuno Lucina als der eigentlichen Entbindungsgöttin 577 ( S. 242 ), endlich die der männlichen Gottheiten Vitumnus und Sentinus , die dem Kinde Leben und sinnliche Empfindung verleihen Per quem viviscat infans et sentiat primum , Tertull. ad Nat. II, 11. , und die des Jupiter selbst in seiner Eigenschaft als Diespiter , d. i. der Gott des lichten Tages, welcher das neugeborne Kind mit dem Alles belebenden und beseelenden Lichte empfängt. Auch Vitumnus und Sentinus werden nur für besondre Abstractionen von dem allgemeinen Begriffe Jupiter zu halten sein, welcher hier wie überall für die höchste Quelle alles Lebens und aller Beseelung galt Macrob. S. I, 10, 15 quod aestimaverunt antiqui animas a Iove dari et rursus post mortem eidem reddi , wo freilich dieser letzte Zusatz nach späterem Glauben schmeckt. Doch galt Luft und Licht immer für das Princip der Beseelung, anima (ἄνεμος), welches Wort Ennius gleichbedeutend mit Luft gebrauchte, und Sonnenlicht, s. Ennius b. Varro l. l. V, 59, r. r. I, 4 p. 5 und 168 ed. Vahlen, Pacuvius p. 71 ed. Ribb., Grimm D. M. 786, oben S. 528, 1367 . . Es folgen die eigentlichen Geburtshelferinnen, denen so zu sagen die Manipulation bei der Entbindung oblag, wie die Griechen in demselben Sinne neben der Hera und Artemis noch die Eileithyia oder mehrere Göttinnen desselben Namens verehrten. Zunächst gehört dahin die Candelifera , weil bei der Entbindung eine Kerze angesteckt wurde, wahrscheinlich als sinnliche Darstellung des Lichtes, an welches das Kind durch die Geburt gelangt; und zwar durfte es nur eine Kerze sein, keine Oellampe, weil der Geruch einer verlöschenden Lampe für sehr gefährlich galt Plin. H. N. VII, 7 Miseret atque etiam pudet aestumantem quam sit frivola animalium superbissimi origo, cum plerumque abortus causa odor a lucernarum fiat exstinctu. . Ferner die beiden Carmentes , welche durch Besprechung und magische Formeln bei der Entbindung helfen und selbst bei dieser Hand anlegen, daher man eine Prosa oder Porrima und eine Postverta unterschied, je nachdem das Kind zuerst mit dem Kopfe oder umgekehrt ans Licht kam S. oben S. 358 . Ein auf dem umgekehrten Wege, zuerst mit den Füßen ans Licht Gekommener heißt Agrippa s. Plin. VII, 8, 6, Gellius XVI, 16. . Ferner gehört hierher die Nymphe Egeria ( S. 509 ), daher der häufige Gebrauch des Namens Egerius im alten Latium, und Numeria d. i. die Göttin der schnellen und leichten Geburt, daher Numerii eigentlich solche hießen welche schnell und leicht zur Welt gekommen sind Varro im Cato vel de liberis educandis b. Non. Marc. p. 352: ut qui contra celeriter erant nati fere Numerios praenominabant, quod qui cito facturum quid se ostendere volebat, dicebat numero id fore: quod etiam in partu precabantur Numeriae, quam deam solent indigetare etiam Pontifices. , auch Natio als eine alte, auf dem Gebiete von Ardea 578 verehrte Geburtsgöttin Cui cum fana circuimus in agro Ardeati rem divinam facere solemus: quae, quia partus matronarum tueatur, a nascentibus Natio (al. Nascio ) nominata est , Cic. N. D. III, 18, 47. ; dahingegen die sogenannten Nixi Dii griechischen Ursprungs waren und hier nur als gleichartige Wesen erwähnt werden mögen. So nannte man nehmlich drei Götterbilder, welche auf dem römischen Capitol vor der Cella der Minerva zu sehen waren und nach Einigen aus der Beute des syrischen Kriegs, nach Andern aus der korinthischen Beute stammten. Sie befanden sich in knieender Stellung, galten aber für hülfreiche Götter der Entbindung und werden als solche auch bei Ovid Met. IX, 293 neben der Lucina angerufen: eine Darstellung welche sich am natürlichsten dadurch erklärt daß die Alten das Niederknieen bei der Entbindung für förderlich hielten Welcker kl. Schr. 3, 185 ff., vgl. meine Griech. Myth. 1, 320. . Endlich eine Reihe von Gottheiten, welche das neugeborne Kind schützen und pflegen, theils männliche theils weibliche. Augustin IV, 11 nennt zuerst die Opis d. i. die Mutter Erde als kinderpflegende Göttin ( S. 418 ), daher bei den Römern das neugeborne Kind nach alter Sitte alsbald auf die Erde gelegt oder gestellt wurde Ovid Trist. IV, 3, 46 tactaque nascenti corpus haberet humus. Sueton Octav. 5 esse se possessorem ac velut aedituum soli, quod primum B. Augustus nascens attigisset. Vgl. oben S. 332, 759 . . Dann der Deus Vagitanus , der dem neugebornen Kinde mit dem ersten Schrei den Mund öffnet Qui in vagitu os aperit , Tertull. l. c. vgl. Augustin. IV, 8 aut Vagitano, qui infantum vagitibus praesidet . IV, 21 Quid necesse erat Opi Deae commendare nascentes, Deo Vaticano vagientes, Deae Cuninae jacentes etc. Varro wollte nehmlich auch den Deus Vaticanus wie Vagitanus erklären, s. Gell. N. A. XVI, 17 und oben S. 338, 775 . , und die Dea Levana , welche die Kinder von der Erde wieder aufhebt, nach der bekannten Sitte das neugeborne Kind vor dem Vater auf die Erde zu legen, worauf dieser es aufhob und damit seine Pflege und Erziehung übernahm, aber auch alle Rechte der väterlichen Gewalt sich vorbehielt Dionys. II, 26 ff., Virg. A. IX, 212, Horat. S. II, 5, 46, Intpp. Terent. Heaut. IV, 1, 13. . Ferner die beiden eng verbundenen Göttinnen Cunina und Rumina ( S. 54 ). Jene ist die Schutzgöttin der Wiege, in welcher sie das Kind vor Schaden und Zauber behütet, während Rumina für die volle Brust der 579 Mutter oder der Amme beim Nähren des Säuglings sorgt Lactant. I, 20, 36 Colitur et Cunina, quac infantes in cunis tuetur ac fascinum submovet. Vgl. Augustin IV, 34. Die Inschr. b. Or. n. 1851 ist unächt. . Einen wichtigen Moment brachte weiter für Knaben der neunte, für Mädchen der achte Tag nach der Geburt, d. i. der sogenannte dies lustricus, wo das Kind seinen Namen bekam und zugleich lustrirt und gegen allen Zauber geweiht wurde, namentlich dadurch daß man ihm allerlei zierliche Kleinigkeiten (crepundia) und die Bulla um den Hals hängte, ein goldenes Medaillon mit darin verborgnen Schutzmitteln (praebia) gegen den Neid und bösen Blick. Darauf bezieht sich die Verehrung der Dea Nundina , welche von diesem neunten Tage ihren Namen hat Macrob. S. I, 16, 36, vgl. O. Jahn Leipz. Ber. 1855 S. 44. . Auch wurde an diesem Tage dem Kinde, welches nun als eigne Person ins Leben trat, eine Art von Prognostikon seiner Zukunft gestellt, was Veranlassung gab alle Schicksalsmächte anzurufen, Fortuna und die Carmentes und die Fata Scribunda ( S. 565 ). Der neunte Tag wurde zu diesen Gebräuchen ausersehen, weil dieser überhaupt und so auch für die Wöchnerinnen ein kritischer Tag ist, die sich erst dann von ihrem Lager wieder erheben und an dem Familenleben von neuem Antheil nehmen. Eine zweite Reihe von solchen dienenden Mächten bilden die Namen der Götter und Göttinnen, welche die Jugend des zarten Kindes behüten und pflegen, es essen und gehen und sprechen lehren, die verschiednen Gemüthsaffecte und geistigen Thätigkeiten in ihm entwickeln, mit ihm aus- und eingehn und es in die Schule begleiten Im Allgemeinen kann man sie Dii Nutritores nennen, wodurch auf einer M. des Saloninus die griechischen ϑεοὶ κουροτρόφοι übersetzt werden, Eckhel D. N. VII p. 421. , bis zur Juventas und Fortuna barbata, mit welchen wieder ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Zunächst gehören dahin die Potina und Educa , denn dieses scheinen die richtigen Formen der sehr verschieden geschriebenen Namen zu sein Augustin. IV, 11 Diva Potina potionem ministrat, Educa (v. Edulica) escam praebet. IV, 34 sive Educa et Potina (v. Potica) escam potumque sumpserunt. Vgl. VI, 9, Tertull. ad Nat. II, 11, wo sie Potina u. Edula heißen, und Varro im Cato b. Non. Marc. p. 108, wo zu lesen ist: Cum primo cibo et potione initiarent pueros, sacrificabantur ab edulibus Educae (v. Edusae), a potione Potinae nutrices. Educa ist abzuleiten von educare in dem Sinne von füttern, nutrire, s. Non. Marc. p. 447 Varro Cato vel de liberis educandis: Educit enim obstetrix, educat nutrix, instituit paedagogus, docet magister. , d. h. die beiden Göttinnen welche das Kind, nachdem 580 es entwöhnt worden, an Speise und Trank gewöhnen. Ein andrer Schriftsteller fügt, gleichfalls aus Varro, die Cuba hinzu, die das Kind von der Wiege ins Bettchen legt Donat. z. Ter. Phorm. I, 1, 11 apud Varronem legitur initiari pueros Educae et Poticae et Cubae Divis edendi et potandi et cubandi, ut primum a lacte et cunis transferuntur. . Weiter schließt sich hier an die Dea Ossipago , welche dazu hilft daß die Knochen der Kinder fest und derbe werden ( S. 245 ), ferner die göttlichen Mächte des Stehen- Gehen- und Sprechenlernens, welche nun wieder männlichen Geschlechts sind, wahrscheinlich weil man sich jene Göttinnen, die Potina Educa Cuba mehr nach Art der Ammen, diese dagegen mehr nach Art der Pädagogen dachte. Sie heißen Divus Statanus oder Statilinus und Divus Fabulinus , welchem beim ersten Stehen und Sprechen der Kinder ein Dankopfer gebracht wurde Non. Marc. p. 532 Statilinum et Statanum et Fabulinum praesides deos Varro Cato vel de lib. educandis puerilis aetatis (v. puerilitatis) affirmat: »Alii Statano et Statilino, quorum nomina habent scripta Pontifices. Sic cum primo fari incipiebant, sacrificabant Divo Fabulino«. Vgl. Tertull. ad Nat. II, 11, d. An. 39, Augustin IV, 21. . Andre nennen eine weibliche Göttin Statina und fügen zu der ganzen Gruppe noch die Adeona und Abeona hinzu, welche wohl nicht die Beschützer der Kinder beim Aus- und Eingehn sind, sondern die der ersten Laufversuche mit dem bekannten Ab- und Zulauf zwischen zwei Paaren schützender Arme. Dem Fabulinus stand noch ein besondrer Farinus zur Seite, auch ein Locutius Tertull. l. c. [Deus est dictus] et ab effatu Farinus (v. Farmus) et aliis a lo[quendo Locutius]. Vgl. Varro l. l. VI, 52 fatur is qui primum homo significabilem ore mittit vocem. Ab eo ante quam ita faciant pueri dicuntur infantes , quom id faciant iam fari etc. Vielleicht unterschieden sich der Statanus und Statilinus (von statuere) ähnlich wie der Farinus und Fabulinus. Ueber den in der Nahe des Vestatempels verehrten Aius Locutius oder Loquens s. oben S. 55 und Becker Handb. I, 244. , von denen jener sich auf die ersten Sprechlaute des Kindes bezieht; dahingegen Fabulinus schon ein Ausdruck des zusammenhängenden Schwätzens, Locutius aber der des deutlichen Sprechens ist. Nun beginnt das Kind auszugehn, in die Schule zu gehn, dort etwas zu lernen. Auch dabei begleiten es eigne Schutzgötter, zunächst die Iterduca und Domiduca , welche es die ersten Wege aus dem Hause und wieder in dasselbe zurückgeleiten, ferner alle die Mächte, welche das Gemüthsleben und die geistigen Affecte und Anlagen des Kindes wecken und bilden Augustin IV, 11 und 21, VII, 3, Tertull. I. c. . So zunächst die 581 Mens , welche einen verständigen Sinn in den Kindern erzeugt, Divus Volumnus und Diva Volumna , das sind die Götter des Verlangens, während die von Tertullian genannte Diva Voleta mehr das sittliche Wollen (velle) im Gegensatze zu dem Nicht-Wollen (nolle) ausdrückt Deo Volumno et Deae Volumnae (nascentes commendant) ut bona vellent , August. IV, 21. Doch sind diese Namen nicht von velle abzuleiten, sondern von volup (Volup-nus). . Ferner die Paventia oder Paventina von dem kindlichen Affecte des Bangens und Schreckens und Venilia d. i. die Göttin des sichern Hoffens und der unbefangenen Erwartung De spe quae venit Venilia , August. l. c. Auch bei Tertullian ist Venilia die dea spei. Zu Grunde liegt eine Erklärung Varros s. Intp. Mai. V. A. X, 76 Varro rerum div]inarum XIIII de dis certis: Spes cum conciliata non frustra esset et evenisset, [Veniliae sacrifica]bantur, quam deam cum Neptuno coniungunt multi. Vgl. oben S. 503 . . Ihnen schließen sich weiter an Volupia und Lubentina oder Lubia als Göttinnen der Lust und des sinnlichen Verlangens August. IV, 8 aut Volupiae, quae a voluptate appellata est, aut Libentinae, cui nomen a libidine. Vgl. oben S. 387, 933 . , ferner Praestana oder Praestitia , das ist eine Göttin des Strebens und der Kraft, wie Valentia und Pollentia , welche gleichfalls zu Rom in besondern Bildern verehrt wurden Tertull. ad. Nat. II, 11 [praesta]ntiae Praestitiam . Arnob. IV, 3 nennt die Dea Praestana, welche auf Veranlassung eines kräftigen Lanzenwurfs des Romulus verehrt worden sei, vgl. Plut. Rom. 20, Serv. V. A. III, 46. Die Göttin Pollentia wird erwähnt b. Liv. XXXIX, 7 vgl. Plaut. Cas. IV, 4, 3. Eine Diva Peta a rebus petendis dicta nennt Arnob. IV, 7. . Daher sich diesen Göttinnen alsbald der männliche Agonius und Peragenor gesellt, begleitet von der weiblichen Agenoria , lauter Numina der ausführenden und durchsetzenden Thatkraft, wie sie in Rom so frühzeitig erweckt und geübt wurde Tertull. l. c. ab actu Peragenorem . Augustin IV, 6 Deam Agenoriam, quae ad agendum excitaret, Deam Stimulam, quae ad agendum ultra modum stimularet, Deam Murciam, quae praeter modum non moveret ac faceret hominem, ut ait Pomponius (der Attellanendichter), murcidum i. e. nimis desidiosum et inactuosum. Vgl. IV, 11 und Paul. p. 10 Agonium etiam putabant deum dici praesidentem rebus agendis. . Ferner gehören in diese Reihe die Stimula d. i. der heiße und heftige, mit Aufregung verbundene Trieb der Liebe, des Ehrgeizes u. s. w., daher man diesen Namen später auf die griechische Semele, die Mutter des Bacchus übertrug, sammt ihrem Widerspiel der Dea Murcia d. i. die Göttin der Ermüdung und Erschlaffung, wie sie auf jede heftige Aufregung folgt, eigentlich Venus ( S. 385 ). Weiter Strenua d. i. die Göttin 582 der gesunden leiblichen Entwicklung und Numeria und Camena nach den beiden Hauptstücken des römischen Schulunterrichts, dem Rechnen und Singen d. h. Auswendiglernen und Vortragen guter Lieder Numeria quae numerare doceat, Camoena quae canere , Augustin. IV. 11. Sonst ist Minerva die Göttin der Schulen, namentlich des Memorirens, s. Aug. VII, 3 cui per ista minuta opera puerorum memoriam tribuerunt. , endlich der Divus Catius , der die Kinder gescheut (catus) macht Aug. IV, 21 quid opus erat Deo Catio Patre , qui catos i. e. acutos faceret. Daher die Namen Cati und Corculi. Ein merkwürdiges Beispiel der vollständigen Benennung dieser Gottheiten mit Divus Pater, Diva Mater s. oben S. 51 . So heißt es weiterhin b. Aug. VI, 9 Deus Pater Subigus et Dea Mater Prema. , Consus , durch welchen sie Nachdenken und Rathschlagen lernen, und Sentia , welcher sie gute Gedanken (sententias) und den treffenden Ausdruck derselben verdanken. Ihren letzten Abschluß bekommt diese Periode durch die Iuventas und Fortuna Barbata , welche die endlich mündig gewordnen Jünglinge verehren (S. 234, 463 ), während die Mädchen bei demselben Lebensabschnitte der Venus, der Diana und der Fortuna Virginalis ihre Huldigung darbrachten ( S. 396 . 554 ). Eine neue Reihe bilden die Gottheiten der Ehe und des ehelichen Beilagers, man kann sie im Allgemeinen die Dii Nuptiales nennen, neben welchen die Bräute noch sogenannte Camelae Virgines angerufen haben sollen ( S. 89 ), vermuthlich eine Gruppe von Nymphen, welche mit der Zeit den griechischen Beinamen γαμήλιαι angenommen hatten. Die übrigen Namen, soviel wir von dieser Reihe wissen, denn die Auszüge der Kirchenväter werden hier etwas tumultuarisch und verweilen mit besondrer Vorliebe beim Obscönen Tertull. ad Nat. II, 11, Augustin. IV, 11, VI, 9, Arnob. IV, 7 und 11. , lassen sich nach den verschiedenen Acten einer römischen Hochzeit ordnen. Zuerst sei erwähnt die Dea Iuga und der Deus Iugatinus , jene eigentlich die Juno ( S. 249 ), welche überhaupt in diesem Kreise wieder die dominirende Göttin ist. Beide, Iuga und Iugatinus, sind recht eigentlich die Götter der ehelichen Verbindung überhaupt, des coniugium. Weiter schließen sich an die Dea Afferenda ab afferendis dotibus, welches auf einen eignen dazu angesetzten Act schließen läßt, wo der Vater, die Verwandten, die Clienten ihre Gaben und Geschenke zur Mitgift und Aussteuer darbrachten. Weiter der Deus Domiducus und die Dea Domiduca 583 oder Iterduca , welche sich auf den festlichsten und fröhlichsten Act einer antiken Hochzeit beziehn, die Heimführung der jungen Frau in das Haus des sie dort erwartenden Mannes. Die Braut erschien dabei in Rom zuerst als nupta, als nova nupta, wie es bei Catull in dem allerliebsten und höchst mahlerischen Hochzeitsgedichte 61, 80 heißt, d. h. mit dem sogenannten flammeum verschleiert, einem großen Kopftuche von dunkelgelber oder feuerrother Farbe, welches die Gemahlin des Flamen Dialis als Priesterin der Juno immer trug Paul. p. 89. 92 flammeo, Plin. H. N. XXI, 8, 22, Non. Marc. p. 541. Schol. Iuvenal. VI, 225 u. a. . Darunter war das Haar gescheitelt, zu welchem Zwecke die sogenannte celibaris hasta gebraucht wurde ( S. 248 ), und in sechs Zöpfe geflochten, nach Einigen weil dieses die alte Nationaltracht der römischen Mädchen überhaupt gewesen, nach Andern weil die Vestalinnen ihr Haar eben so trugen Fest. p. 339 senis crinibus. Vgl. O. Müller zu Paul. p. 63 v. comptus. . Außerdem war der Kopf mit einem hohen thurmartigen Aufsatze geschmückt Lucan. II, 354 ff. , bei dem übrigen meist sehr kostbaren Anzuge aber war von besondrer Wichtigkeit der kunstreich geschürzte Gürtel, welcher immer aus Schaafwolle gewebt sein mußte und mit dem sogenannten Herculesknoten geschürzt wurde Paul. p. 63 Cinxiae Iunonis und Cingulo. . Geführt wurde die Braut von zwei Knaben aus guter und noch blühender Ehe, während ein andrer Knabe von gleicher Herkunft mit einer brennenden Fackel, welche vom Weißdorn oder Hartriegel genommen wurde, ein dritter Knabe oder auch ein Mädchen mit einem Becken voll Wassers, das aus einer reinen Quelle geschöpft sein mußte, voraufschritt Fest. p. 245 patrimi et matrimi, Paul. p. 87 facem, vgl. die verschiedenen Erklärungen bei Plin. H. N. XVI, 18, 30 und Varro b. Serv. V. A. IV, 103, Ecl. VIII, 29, Non. Marc. p. 112 fax. Um die Hochzeitsfackel rissen sich zuletzt die beiden Parteien der Braut und des Bräutigams, ne aut uxor eam sub lecto viri ea nocte ponat aut vir in sepulcro comburendam curet, quo utroque mors propinqua alterius utrius capiari putatur , Fest. p. 289. Die fünf Fackeln oder Kerzen, von denen Plut. Qu. Ro. 2 spricht, gehören wohl zu einem andern Acte der Vermählungsfeier, desgleichen der Camill mit der Lade verborgener Heiligthümer b. Varro l. l. VII, 34, Paul. p. 50 und 63. . Außerdem wurde ein farreum d. h. ein aus far gebackner Kuchen und Rocken und Spindel vor ihr hergetragen Plin. H. N. XVIII, 3, 3, Plut. Qu. Ro. 31. , während sie selbst drei Asses bei sich führte, um dieselben bei dem Antritte 584 ihrer neuen Würde an ihren Hausherrn, an die Laren des Hauses und an die nächsten Compitallaren des Quartiers zu geben ( S. 492 ). Natürlich fand sich dazu noch allerlei andre Begleitung von Verwandten und Freunden der Braut und des Bräutigams mit Musik, Gesang und Scherz, namentlich in der beliebten Manier der fescennini versus ( S. 442 ) oder der fescennina locutio, wie Catull sich ausdrückt. Ein andrer herkömmlicher Gebrauch war das Ausstreuen von Nüssen, welche bei demselben Dichter von einer allegorischen Person, dem Concubinus vertheilt werden, einer Personification des Liebesabenteuers und der ungebundenen Neigung, welche jetzt von dem Manne Abschied nimmt, um sein Regiment dem Gott der Ehe zu überlassen. Das Ausstreuen der Nüsse bei dieser und bei andern Gelegenheiten wird von den römischen Alterthumsforschern verschieden, aber nicht richtig erklärt Virg. Ecl. VIII, 30, Pers. I, 10 vgl. oben S. 415 . 436 und Serv. z. Virgil a. a. O., Schol. Veron. p. 76 Keil. Vorzüglich dienten die nuces iuglandes zu diesem Zweck s. Plin. H. N. XV, 22, 24, vgl. oben S. 97, 131 . . Vielmehr haben die Haselnüsse bei vielen und verschiedenen Völkern eine erotische Bedeutung, als Sinnbilder der Liebe, der Befruchtung, der Lebensverjüngung, wie dieses neuerdings aus jenen alten italischen und aus französischen und deutschen Gebräuchen, Sprichwörtern und Liedern ausführlich nachgewiesen ist Mannhardt in der Zeitschr. f. deutsche Mythol. u. Sittenk. 3, 95 ff. . Ja es haben sich sogar in einigen Gegenden von Frankreich ganz ähnliche Hochzeitsgebräuche erhalten, da man in der einen Nüsse über das am Altare knieende Paar zu schütten, in einer andern der Braut in der ersten Hochzeitsnacht dieselbe Frucht zu spenden pflegte. Die Anrufungen und Personificationen des Hymenaeus und des Talassio oder Talassius dagegen, wie sie uns gleichfalls durch die anmuthigen Gedichte Catulls 61 und 62 vergegenwärtigt werden, sind theils griechischen theils sabinischen Ursprungs, wie die sabinische Sitte überhaupt bei den matronalen Ueberlieferungen und Hochzeitsgebräuchen der Römerinnen einen bedeutenden Einfluß behauptete Lucan. II, 368 Non soliti lusere sales nec more Sabino excepit tristis convicia festa maritus. . Talus soll ein vornehmer Sabiner und Genosse des T. Tatius, Talassius ein beim Raube der Sabinerinnen hervorragend betheiligter Genosse des Romulus gewesen sein, der zu dem sprichwörtlichen Gebrauche seines Namens bei allen Hochzeiten Anlaß gegeben habe Liv. 1, 9 vgl. Dionys. II, 46, Hieronym. b. Mommsen üb. die Chronogr. v. J. 354 S. 691. Talus war nach Fest. p. 359 ein gewöhnlicher Vorname der Sabiner. Ein Rutuler Tălus b. Virg. Aen. XII, 513. Varro erklärte den Namen durch τάλαρον d. i. quasillum, also Talassio für eine Personification der den Matronen obliegenden Wollarbeit, Serv. V. A. I, 651, Plut. Qu. Ro. 31. Andre Erklärungen b. Roßbach d. röm. Ehe S. 345 und Huschke die osk. und sabell. Sprachdenkm. S. 244. : vielleicht ursprünglich nur ein 585 Beiname des Quirinus ( S. 328 ), aus welchem mit der Zeit diese historische Person geworden war. Endlich gelangte der Zug an die festlich geschmückte Schwelle des Hauses, wo neue Gebräuche zu beachten waren. Zunächst wurden die Thürpfosten von der Braut mit Oel oder Fett bestrichen und mit wollenen Binden umwunden Plin. H. N. XXVIII, 9, 37, Serv. V. A. IV, 458, vgl. Non. Marc. p. 69 Adipatum veteres honeste pro pingui et succulento et opimo posuerunt. Bei den Persern glaubte man sich durch Einreibung mit Löwenfett eine besondre Gunst beim Volk oder bei den Königen zu verschaffen, Plin. XXVIII, 8, 25. , letzteres in dem gewöhnlichen Sinne der Heiligung und Consecration, während bei jenem Gebrauche das gewöhnliche Fett oder Oel wohl nichts Anders als reichliche Fülle und exuberanten Segen ausdrücken sollte, das Wolfsfett dagegen, welches Einige vorzogen, indem sie demselben eine averruncirende Wirkung zuschrieben (ne quid mali medicamenti inferretur), eine bestimmtere Beziehung auf den Dienst des Mars andeutet. Wegen des ganzen Gebrauches hieß Juno unter andern auf Hochzeit und eheliche Verbindung deutenden Beinamen auch Unxia , Martian. Cap. II, 149 Iterducam et Domiducam, Unxiam, Cinxiam mortales puellae debent in nuptias convocare, ut earum et itinera protegas et in optatas domos ducas et quum postes ungant faustum omen affigas et cingulum ponentes in thalamis non relinquas. während als eigne Schutzgötter der Schwelle und des Aus- und Eingangs Forculus und Limentinus und die weibliche Göttin Cardea verehrt wurden, von denen hernach die Rede sein wird. Weiter mußte die Braut mit der größten Vorsicht jeden Anstoß an der Schwelle vermeiden, daher sie gewöhnlich, um jeder Möglichkeit eines bösen Omens zuvorzukommen über dieselbe hinübergetragen wurde Plaut. Cas. IV, 4, 1, Catull. 61, 166 vgl. Non. Marc. p. 53 vestibulo, p. 479 sacrificantur, Varro b. Serv. V. Ecl. VIII, 30, Plut. Qu. Ro. 29. . Von der Schwelle gelangte sie durch das Vestibulum in den Familiensaal, wo der Mann ihr mit Feuer und Wasser vom Heerde des Hauses entgegentrat ( S. 533 ), sie aber ihn mit der altherkömmlichen Anrede empfing: Ubi tu Gaius ego Gaia , nach der gewöhnlichen Erklärung mit Beziehung auf Gaia Caecilia oder Tanaquil, das Ideal einer guten Hausfrau; doch 586 war eigentlich auch hier wohl nur die Sorge für ein gutes Omen im Spiel, denn der Name Gaius ist entstanden aus Gavius (die oskische Form ist Gaavius), welches mit gaudere (gav–isus) zusammenhängt, also auf Freude und liebliches Wesen hindeutet Mommsen Unterit. Dial. S. 253, Aufrecht in der Zeitschr. f. vgl. Sprachf. I, 232, vgl. Paul. p. 95 Gaia Caecilia, Quintil. I, 7, 28, Plut. Qu. Ro. 30. . Darauf läßt sie sich in dem Saale auf einem wollenen Vließe nieder Paul. p. 114 In pelle lanata nova nupta considere solet –, quod testetur lanificii officium se praestaturam viro. Vgl. Plut. Qu. Ro. 31, Liv. I, 57. , denn sie ist unter dem Schutze der Manturna eingetreten und wird auf dieser Stätte nun bleiben, aber nicht um die Hände in den Schooß zu legen, sondern um sie fleißig zu rühren und unter den Mägden bis in die Nacht hinein zu spinnen, wie uns die keusche Lucretia geschildert wird. So ist sie also in matrimonium ducta d. h. feierlich eingeführt in das Haus wo sie fortan als materfamilias leben und walten soll, nachdem die Ehe selbst an der den Genien des Hauses geweihten Stätte ( S. 566 ) vollzogen und mit dem Segen der Fruchtbarkeit gesegnet worden. Auch dieser natürliche Act und Gedanke wurde im Sinne dieser alterthümlichen Frömmigkeit durch eine eigne Reihe von liturgischen Anrufungen und entsprechenden Gebräuchen ausgedrückt, auf welche die Kirchenväter in ihrem polemischen Eifer nur zu gerne zurückkommen. Zunächst gehören dahin die Anrufungen der (Iuno) Cinxia und Virginensis , jener mit Rücksicht auf die Lösung des Gürtels der Braut, dieser weil diese jetzt ihre Jungferschaft preisgiebt. Weiter die für unsre Gewöhnungen allerdings sehr anstößige Huldigung an einen eignen Genius des weiblichen Empfängnisses und der männlichen Befruchtung, den Mutunus Tutunus , bei welcher sich die junge Frau auf ein fascinum setzte S. außer Tertull. ad Nat. II, 11 u. Apolog. 25 Augustin C. D. IV, 11, Arnob. IV, 7 Tutunus, cuius immanibus pudendis horrentique fascino vestras inequitare matronas et auspicabile ducitis et optatis. Vgl. ib. 11 und Lactant. I, 20, 36 colitur et – Tutinus, in cuius sinu pudendo nubentes praesident, ut illarum pudicitiam prior deus delibasse videatur. Augustin. VI, 9 Priapus nimis masculus, super cuius immanissimum et turpissimum fascinum sedere nova nupta iubebatur more honestissimo et religiosissimo matronarum. VII, 24 in celebratione nuptiarum super Priapi scapum nova nupta sedere iubebatur. Die beiden Namen erklärt Salmasius Exercitatt. Plin. ad Solin. XXIV p. 219, Mūtūnus durch das griechische μύτυος s. μύττων d. i. τὸ γυναικεῖον, Tūtūnus durch πόσϑη, πόσϑων, äol. πόϑϑων, lat. Puttunus und Tuttunus. Arnob. V, 18 nennt diese Genien des ehelichen Beilagers deos conserentes. . Endlich folgende den 587 weiteren Verlauf des ersten ehelichen Beilagers betreffende Gottheiten: ein Deus Subigus , ut viro subigatur (virgo), eine Dea Prema , ut subacta ne se commoveat prematur, ferner die Dea Pertunda , quae praesto est virginalem scrobem effodientibus maritis, und die Dea Perfica welche das Werk vollends zum guten Ende ausführt Augustin. VI, 9, Arnob. IV, 7. . Daß solche Gottheiten nicht blos in den priesterlichen Gebetsformeln existirten, sondern in und außerhalb Roms auch vom Volke und zwar von Männern und Frauen angebetet wurden, beweist die Capelle des Mutunus Tutunus in Rom, in welcher die Frauen verhüllt zu opfern pflegten (Fest. p. 154) und ein neuerdings in der Gegend von Rimini aufgefundenes seltsames Bildwerk in der Gestalt der Hufe eines Pferdes oder Esels mit der Inschrift Prema Arimn [ensis oder si] Mutino Monum. d. Inst. Archeol. 1854 p. 83. , welches sich auf den Cultus einer Göttin der Viehzucht und der thierischen Begattung zu beziehen scheint. Auch bei den übrigen Lebensbeziehungen lassen uns die Excerpte der Kirchenväter im Stich; nur die Reihe der den Tod und das Begräbniß betreffenden numina läßt sich einigermaßen herstellen. Eine Viriplaca , welche in einer Capelle auf dem Palatin verehrt wurde, deutet auf gestörtes Vernehmen zwischen Mann und Frau. So oft zwischen beiden Streit entstanden war, behauptet Val. Max. II, 1, 6, gingen sie in diese Capelle, sprachen sich dort rund und offen gegeneinander aus und kehrten darauf versöhnt wieder in ihr Haus zurück. Die Reihe der Todesgötter beginnt bei Tertullian ad Nat. II, 15 mit dem Deus Viduus , welcher die Seele von dem Körper scheidet (viduat) und als Todesgott nicht innerhalb der Stadt, sondern vor derselben verehrt wurde. Ihm schließen sich an der Deus Caeculus , der die Augen der Sterbenden bricht (qui oculos sensu examinat) und die gleichfalls zu Rom verehrte Dea Orbona , welche das Licht der Augen vollends auslöscht Quae in orbitatem lumina exstinguit , so ist b. Tertullian a. a. O. für semina zu lesen. Vgl. Lucret. III, 1013 lumina sis oculis etiam bonu' Ancus reliquit, qui melior multis quam tu fuit. v. 1031 lumine ademto animam moribundo corpore fudit. Plin. H. N. VII, 43, 45 Metellus orbam luminibus exegit senectam. XI, 37, 55 Coclites – qui altero lumine orbi nascuntur , und den Gebrauch der Wörter orbus für caecus, orbitas für caecitas. Dieselbe Göttin wird erwähnt b. Cic. N. D. III, 25 und Plin. II, 7, 5 ideoque etiam publice Febris fanum in Palatio dicatum est, Orbonae ad aedem Larum ara et Malae Fortunae Esquiliis. Andre erklärten sie weniger richtig für eine Schutzgöttin der orbi d. h. der Verwaisten, Arnob. IV, 7 vgl. Paul. p. 183. . Dann folgt 588 die eigentliche Todesgöttin Mors oder Morta , welche von Einigen zu den drei Parcen gerechnet wurde Tertull. l. c., Cic. N. D. III, 17, 44, Gell. N. A. III, 16, 11 oben S. 564 . , darauf Libitina als die Göttin der Leichenbegängnisse ( S. 387 ) und Naenia d. i. die Personification der üblichen Todesklage, mit welcher Varro die Reihe dieser auf den Verlauf des menschlichen Lebens bezogenen Gottheiten geschlossen hatte. Sie hatte eine eigne Capelle vor dem Viminalischen Thor, wahrseheinlich doch in der Nähe des lucus Libitinae. Es ist die Göttin der Todesklage wie sie während des Leichenzugs entweder von den Verwandten oder von dazugemietheten Klageweibern (praeficae) gesungen wurde Paul. p. 163, Non. Marc. p. 66 und 145, Cic. de Leg. 11, 24, 62, vgl. Gell. N. A. XX, 2, Non. M. p. 54 siticines. . Mit dieser Klage, deren schwermüthige Laute in dem Namen der Naenia nachklingen, war eine kurze Aufzählung der Verdienste des Verstorbnen verbunden, wie uns davon das Libell des Seneca vom Tode des Kaisers Claudius 12 eine anschauliche Vorstellung giebt. Von diesen unter Begleitung von klagenden Flöten während des Leichenzugs vorgetragenen Gesängen werden von genauen Schriftstellern unterschieden die Klagen und Gesänge, welche am Grabe des schon Bestatteten unter den Klängen einer eignen Art von Tuben von sogenannten Siticines vorgetragen sein sollen. Auf diese erste Reihe also folgte bei Varro eine zweite, welche alle äußeren Verhältnisse und Bedingungen des menschlichen Lebens wiederspiegelte, Nahrung, Kleidung u. s. w. Leider liegen bei diesem Abschnitte größtentheils nur abgerissene Excerpte der späteren Schriftsteller vor; doch lassen sich folgende Gruppen unterscheiden. Zuerst die Namen solcher Götter, deren Thätigkeit sich auf das städtische und örtliche Leben, den Häuserbau und die nothwendigsten häuslichen Einrichtungen bezog Vgl. die leider sehr entstellte Uebersicht bei Tertull. ad Nat.II, 15. , an ihrer Spitze vermuthlich wieder Janus, hier als Gott der Bögen und Durchgänge, und neben ihm eine entsprechende weibliche Göttin, die Diva Arquis und Iana . Dann wurde vermuthlich das sehr alte städtische Fest Septimontium erwähnt, wo auf sieben Höhen der Stadt von den Bewohnern der benachbarten Quartiere den Schutzgöttern dieser Höhen (montes), wie es scheint, ein Opfer dargebracht wurde, nehmlich 589 auf dem Palatium, den Velien, dem Fagutal (S. 100, 137 ), einer ehemals befestigten Höhe über der Subura, dem Germalus d. h. der Ecke des Palatin wo die Zwillinge (germani) gefunden worden, endlich dem Oppius und Cispius, mit sacralen Beziehungen und Erinnerungen, über welche leider kein genauer Bericht vorliegt Becker Handb. I, 222 ff., Marquardt IV, 159. Ueber die Subura vgl. Fest. p. 309. . Weiter gab es einen eignen Divus Ascensus und eine Dea Clivicola , Personificationen der vielen Steige (clivi) und Gruben im alten Rom, wo man um von dem einen Quartier ins andre zu gelangen viel bergauf und bergab laufen mußte Lucian de Merc. Cond. 26 σὺ δ’ ἄϑλιος τὰ μὲν παραδραμὼν τὰ δὲ βάδην ἄναντα πολλὰ καὶ κάταντα (τοιαύτη γὰρ ὡς οἶσϑα ἡ πόλις) περιελϑὼν ἵδρωκάς τε καὶ πνευστιᾶς. ; daher sich hier auch die Divi Limones anschließen mögen d. h. die Schutzgenien der schiefen Abhänge Arnob. IV, 9 Quis curatores obliquitatum (credat esse deos) Limones (cod. lemons ), quis Saturnum praesidem sativis, quis Montinum montium? . Ferner gehören dahin die Götter der Schwellen, der Deus Forculus und die Diva Cardea, Divus Limentinus und Diva Limentina , endlich der gelegentlich erwähnte Divus Lateranus Arnob. IV, 6 Lateranus – deus est focorum et genius, – quod ex laterculis crudis caminorum istud exaedificetur genus. 9. Quis Limentinum, quis Limam (l. Limentinam ) custodiam liminum gerere. Vgl. Tertull. l. c. , ein eigner Schutzgeist der Heerde, welche von ungebrannten Backsteinen erbaut wurden. Wieder andre Genien und Schutzgeister der Art hatten es mit den Küchen und Backöfen ( S. 408 ), den Bädern (S. 557, 1452 ), den Ställen, den Gefängnissen, den Bordellen zu thun, wie z. B. in den Ställen gewöhnlich die Epona verehrt wurde. Es sind männliche oder weibliche Ortsgenien, welche sich von den gewöhnlichen Genien in der That nur dadurch unterscheiden, daß sie je nach der besondern Beziehung des Orts oder der damit herkömmlich verbundnen Thätigkeit einen eignen Namen bekommen hatten. Eine andre Reihe solcher Personificirungen bezog sich dagegen auf die Hülfsmittel und Bedingungen des täglichen oder bürgerlichen Lebens, den Erwerb u. s. w. S. namentlich Augustin. C. D. IV, 21, Arnob. IV, 21. . So der Deus Honorinus , ein eigner Gott der Ehrenstellen, die Dii Lucrii als Götter des Gewinnstes, die Dea Pecunia als göttliche Macht des Geldes, welche in Rom bekanntlich immer sehr viel gegolten hat. Auf die beiden Arten des Geldes 590 beziehn sich der Deus Aesculanus und sein Sohn, wie Augustin ihn nennt, der Deus Argentinus Augustin l. c. nam ideo patrem Argentini Aesculanum posuerunt, quia prius aerea pecunia in usu esse coepit, post argentea. Vgl. IV, 28, Plin. H. N. XXXIII, 3, 13. Gold wurde erst 62 Jahre spater geprägt. Da ein Deus Aurinus nicht verehrt wurde, wäre die Zeit zwischen dem ersten und zweiten punischen Kriege etwa als Grenze dieser Sprachbildungen festzuhalten. , die Personificationen des Erz- und Silbergeldes, welches letztere in Rom selbst erst seit dem J. 485 d. St., 269 v. Chr., fünf Jahre vor dem ersten punischen Kriege geprägt wurde, woraus man zugleich einen Schluß auf das Alter dieser Gebilde ziehen kann. Eben dahin gehört der Deus Arculus , der Gott der Kasten und Laden, in denen man das Geld verwahrte (Paul. p. 16). Wieder auf eine andre Reihe von städtischen Lebensbeziehungen deutet die Diva Fessonia d. i. eine Schutzgöttin der Ermüdeten, welcher sich die in verschiedenen Gegenden vor der Stadt verehrte Quies anschließen mag, eine Göttin des Ausruhens am Wege und der stillen Sammlung von der Mühe des Lebens und dem Geräusche der Stadt Augustin IV, 16 nennt eine aedes Quietis extra p. Collinam, Liv. IV, 41 ein fanum Quietis an der via Labicana. Vgl. August. IV, 21 und Cic. Or. I, 1 qui locus quietis et tranquillitatis plenissimus fore videbatur, in eo maximae moles molestiarum et turbulentissimae tempestates exstiterunt. . Ferner die Diva Pellonia , welche die Feinde vertreibt und sich insofern mit dem Deus Tutanus und Deus Rediculus gesellen mag, den man auf der Stelle verehrte wo Hannibal, angeblich durch außerordentliche Gesichte bestimmt, vor Rom umgekehrt war Paul. p. 283 Rediculi fanum, Plin. H. N. X, 43, 60, Non. Marc. p. 47 Tutanus, wo dieses Bruchstück aus einer Satire Varros erhalten ist: Noctu Annibalis cum fugavi exercitum Tutanus, hoc Tutanu' Romae nuncupor. Hacpropter omnes qui laborant invocant. . Vollständiger ist die Reihe der Götter des Ackerbaus (dii agrestes), welche Varro höchst wahrscheinlich in demselben zweiten Abschnitte unter den zum Unterhalte des menschlichen Lebens gehörenden Göttern behandelt hatte. Die bestimmenden Hauptgötter sind hier Tellus, Ceres, Saturnus, Ops u. s. w. Ihnen gesellen sich für das Einzelne zunächst die Dea Rusina (von rus), der Deus Iugatinus , die Dea Collatina , die Dea Vallonia , je nachdem der zu bestellende Acker entweder im offnen Felde oder an Bergesabhängen oder auf einem Hügel oder im Thale gelegen war Augustin C. D. IV, 8 Nec agrorum munus uni alicui deo committendum arbitrati sunt, sed rura Deae Rusinae, iuga montium Deo Iugatino, collibus Deam Collatinam, vallibus Valloniam. . Weiter wurden als Schutzgottheiten der 591 Saat vornehmlich die beiden der Tellus oder Ops verwandten, also weiblichen Göttinnen unterschieden, Seia und Segetia . Jener Name ist von sero sēvi abzuleiten, so daß sie eigentlich Sevia heißen müßte, denn es ist speciell die Göttin der Aussaat, die das noch im Schooße der Erde schlummernde Korn behütet und befruchtet, wofür auch die Namen Fructiseia und Semonia vorkommen. Dahingegen jene andre Göttin, welche auch Segesta hieß, die Göttin der schon aus der Erde hervorsprossenden Saat (seges) ist Augustin IV, 8. 21, vgl. Macrob. S. I, 16, 8 apud veteres quoque qui nominasset Salutem, Semoniam, Seiam, Segetiam, Tutilinam ferias observabat. Die Dea Segetia sieht man in einem eignen T. auf M. der Salonina, der Gemahlin Galliens, Eckhel D. N. VII p. 418. Nach Plin. H. N. XVIII, 2 standen die Bilder der Seia und Segesta im Circus, ein drittes Bild aber, welches neben ihnen stand, hatte einen verborgenen Namen. Immer sind die Göttinnen der Saat zugleich Göttinnen der Geburt und des Todes, daher zur mystischen Allegorie besonders einladend. . Weiter entsprechen dann den einzelnen Entwicklungsstadien der keimenden, wachsenden und reifenden Saat über der Erde folgende Schutzgötter. Zunächst die Proserpina , welcher Name vermuthlich aus dem der griechischen Persephone entstanden ist, in diesem Zusammenhange aber die Fürsorge der Ceres oder Tellus für die aus der Erde hervorkeimenden Halme ausdrückt Augustin l. c. Praefecerunt ergo frumentis germinantibus Proserpinam. Arnob. III, 33 et quod sata in lucem proserpant cognominatam esse Proserpinam. Vgl. oben S. 443 . , ferner ein Divus Nodotus , welcher dem aufstrebenden Halm von einem Knoten zum andern emporhilft Augustin l. c. geniculis nodisque culmorum Deum Nodotum. Arnob. IV, 7 Nodotus dicitur Deus qui ad nodos perducit res satas. , eine Volutina , welche die deckenden Hülsen der Aehren bildet, endlich die Patelena , welche diese Hülsen öffnet, damit die Aehre daraus hervorwachsen kann Augustin l. c. involumentis follicidorum Deam Volutinam, cum folliculi patescant, ut spica exeat, Deam Patelenam. Wie genau auch hier im praktischen und sacralen Sprachgebrauche unterschieden wurde, sieht man aus Paul. p. 211 pennatas impennatasque agnas in Saliari carmine spicas significat cum aristis et alias sine aristis, agnas novas voluit intelligi. Serv. V. Ge. I, 314 spicos de maturis frugibus abusive dicimus, nam proprie spicus est cum per culmi folliculum i. e. extremum tumorem aristae adhuc tenues in modum spiculi eminent. . Bei einem andern Schriftsteller wird noch genauer zwischen einer Dea Patellana und einer Dea Patella unterschieden, von welchen jene die Aehre aus der umgebenden Hülse hervorlocke, diese aber die 592 Göttin der hervorgetretenen und im Lichte des Himmels reifenden Aehre sei Bei Arnob. IV, 7 lese ich: Patellana numen est et Patella, ex quibus una est patefactis, patefaciendis frugibus (für rebus) altera praestituta. . Also wäre diese die eigentliche Erndtegöttin, die blonde Ceres der Griechen (ξανϑὴ Δημήτηρ, flava Ceres), und in der That scheint die Erndtegöttin in dem alten Italien meist unter diesem Namen verehrt worden zu sein. Wenigstens nennen die iguvinischen Tafeln eine Göttin Padella und die oskische Weihinschrift von Agnone eine Patăna Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachd. 2, 80, Mommsen Unterit. Dial. 128 u. 135. , die höchst wahrscheinlich mit jener Patella identisch sind, und auch die Dea Panda , welche am Abhange des Capitols verehrt wurde, wo nach ihr ein Thor die p. Pandana hieß, ist mit Recht mit ihr verglichen worden, da auch dieser Name auf denselben Cult einer Erndtegöttin zurückführt Verschiedne Erklärungen bei Arnob. IV, 3, welcher sie Dea Panda vel Pantica nennt, und bei Non. Marc. p. 44 pandere, wo diese Stelle aus Varro de vita pop. Ro. lib. I angefuhrt wird: Hanc Deam Aelius (also ward sie in den Liedern der Salier genannt) putat esse Cererem, sed quod in asylum (nehmlich das inter duos lucos) qui confugisset, (ei) panis daretur, esse nomen fictum a pane dando pandere, quod est aperire. Die p. Pandana war mit der p. Saturnia identisch, Becker Handb. I, 119, daher es nahe liegt bei der Panda an die Ops zu denken. . Es scheint sogar daß dieser Name bei den Sabinern und andern Völkern des mittlern Italiens der gewöhnliche anstatt der latinischen und römischen Ceres gewesen ist Serv. V. Ge. I, 7 Sabini Cererem Panem appellant , wo also höchst wahrscheinlich zu schreiben ist Pandam . Auch in Varros Satiren kam der Name Panda vor (S. 306, 669 ) und eine Göttin Empanda nennt Paul. p. 76. Vgl. die Göttin Πανδινα auf Münzen von Hippon und Terina, welche durch die Attribute von Mohnköpfen und Aehren als Ceres bestimmt wird. . Doch giebt es auch hier für den weiteren Verlauf der Reife des Getreides bis zur Erndte und Einspeicherung noch eine ganze Reihe einzelner Gottheiten, welche nicht selten mit den Beinamen der griechischen Demeter übereinkommen Δ. ἀμαία, ἀμαλλοφόρος, Ἰουλώ, Σιτώ, Ἱμαλίς, μεγαλόμαζος, μεγάλαρτος, Griech. Mythol. I, 475. . So ward zur Dea Hostilina gebetet daß sie die Aehren in gleicher Höhe wachsen lassen möge, denn hostire ist in der ältern lateinischen Sprache i. q. aequare Augustin IV, 8 cum segetes novis aristis aequantur, quia veteres aequare hostire dixerunt. Vgl. Fest. p. 270 redhostire . , zur Flora daß sie die Blüthe des Getreides in ihren Schutz nehme, zur Lacturcia , neben welcher 593 ein männlicher Deus Lactans verehrt wurde, daß sie die jungen, noch milchigen Aehren, zur Matura daß sie das reifende Korn behüte Augustin l. c. florescentibus frumentis Deam Floram, lactescentibus Deam Lacturciam, maturescentibus Deam Maturam. Zur Lacturcia vgl. Virgil G. I, 315, wozu Servius bemerkt: Varro in libris Divinarum dicit Deum esse Lactantem, qui se infundit segetibus et eas facit lactescere. Et sciendum inter lactantem et lactentem hoc interesse, quod lactans est quae lac praebet, lactens cui praebetur. Vgl. Nemesian. Cyneg. 290 inde ubi pubentes calamos duraverit aestas, lactentesque urens herbas siccaverit omnem messibus humorem culmisque armarit aristas etc. . Auf sie folgt die Dea Runcina , welche das Geschäft besorgt welches die Alten runcari segetes nannten d. h. die Saat durch Ausrupfen des Unkrauts und der unbrauchbaren Aehren reinigen, darauf die Dea Messia , welche das reife Korn schneidet, endlich die Tutilina , welche das Einfahren und Einheimsen des geschnittenen Korns Tertull. Spectac. 8 vom Circus: Columnas Sessias (leg. Seias ) a sementationibus, Messias a messibus, Tutulinas a tutelis fructuum sustinent. Wahrscheinlich standen auf jeder Säule drei gleichartige Göttinnen, vgl. Plin. H. N. XVIII, 2. Ueber die Dea Tutilina s. Augustin. l. c, Non. Marc. p. 47, Grut. 99, 6. So feierte man in Athen der Demeter eigne Ἐπικλείδια. , und eine Dea Terensis , welche das Ausdreschen des Getreides auf der Tenne besorgt Arnob. IV, 7 quae praeest frugibus terendis Noduterensis , wo zu lesen ist Terensis. 11 Pertundam, Perficam, Noduterensem , zu lesen Nodotum, Terensem. . Und hier dürfen wir auch auf das oben S. 404 aus Serv. V. G. 1, 21 erwähnte Gebet des Flamen beim Opfer der Ceres zurückkommen, wo zuerst Tellus und Ceres, gewiß aber auch der männliche Tellumo oder Saturnus und nach ihm folgende männliche Götter angerufen wurden: der Vervactor, Reparator, Imporcitor, Insitor, Obarator, Occator, Sarritor, Subruncinator, Messor, Convector, Conditor, Promitor, durch welche Namen die wichtigsten Geschäfte des Landmanns von der Aussaat bis zur Erndte personificirt werden. Vervactor ist nehmlich der erste Umbrecher des Ackerbodens, worauf er als vervactum oder ager novalis eine Zeitlang ruht I. M. Gessner im lex. rusticum z. Ausg. der Script. rei rust., welcher das Wort von vertere und agere ableitet, während Plin. H. N. XVIII, 19, 49 erklärt: quod vere semel aratum est a temporis argumento vervactum vocatur. Reparator ist der das Feld von neuem umbricht, proscindit. Das ganze Geschäft des zweimaligen Umwendens und das Darauffolgen des Pfluges umfaßt der attische Τριπτόλεμος. , Reparator der welcher ihn zum zweitenmale umbricht, Imporcitor endlich der wirkliche Pflüger, welcher mit dem Pfluge die Balken oder Bänke (porcas) 594 zwischen den Furchen aufwirft Paul. p. 108 Imporcitor qui porcas in agro facit arando. Porca autem est inter duos sulcos terra eminens. Vgl. Placid. p. 492. , in welche darauf von dem Insitor die Saaten eingestreut werden. Darauf folgt das Geschäft des Obarator , welcher den Acker nach eingestreuter Saat überpflügt, und des Occator , welcher mit der Egge nachhilft Plin. H. N. XVIII, 20, 49 aratione per transversum iterata occatio sequitur, ubi res poscit crate vel rastro etc. Vgl. Virg. G. I, 94, Plaut. Merc. Prol. 71 tibi aras, tibi occas, tibi seris, tibi eidem metis. Das Wort hangt zusammen mit occidere s. Varro r. r. I, 31, Fest. p. 181. . Weiterhin, nachdem die Saat aufgegangen ist, beginnt die Thätigkeit des Sarritor , welcher mit der Hacke das Unkraut aushebt, und des Subruncinator , welcher vor der Erndte mit der Hand jätet. Endlich beginnen die Geschäfte des Messor d. h. des Schneiders, des Convector d. h. des Einfahrers, des Conditor d. h. des Speicherers, des Promitor d. h. des Ausgebers. In einem andern Zusammenhange wird erwähnt ein Deus Spinensis , den man bat die Dornen und andres Gestrüpp (spinas) von den Aeckern zu entfernen Augustin IV, 21. . Auch für die Geschäfte des Weinbaus, der Baum- und Obstzucht, der Bienenpflege und der Viehzucht gab es wahrscheinlich ähnliche Gebete und Personificationen, doch ist hier nur wenig erhalten. Zum Weinbau gehört die Dea Meditrina , welcher das Fest der Meditrinalia entspricht S. oben S. 175 , Paul. p. 123 und den attischen Gebrauch am Tage der Pithögien vor dem ersten Trunk zu beten, ἀβλαβῆ καὶ σωτήριον αὐτοῖς τοῦ φαρμάκου τὴν χρῆσιν γενέσϑαι, Plut. Symp. Qu. III, 7, 1. . Der Obst- und Baumzucht entsprechen Vertumnus und Pomona ( S. 397 ), der Bienenzucht eine Dea Mellona oder Mellonia Augustin IV, 34, Arnob. IV, 7. , der Viehzucht außer dem Silvanus, der Pales u. s. w. ein Deus Nemestrinus als Gott der nemora. Endlich gab es zwei eigne Göttinnen der Rindviehzucht und der Pferdezucht, Bubona und Epona Aug. IV, 24, 34, Plin. H. N. XVIII, 3. Der durch eine Inschrift aus der Gegend der Eifel bekannt gewordene Caprio scheint dagegen ein celtischer Gott zu sein, s. J. Becker Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 16. . Jene scheint durch eigne Spiele, die ludi Bubetii hießen, verherrlicht worden zu sein, diese, die Epona, von epus anstatt des gewöhnlichen equus (vgl. das griech. ἵππος, celt. epo, und die Stadt Eporedia j. Ivrea), wurde weit und breit in Italien und den romanisirten Ländern in den Ställen verehrt, und zwar nicht blos als Schutzgöttin der Pferde, sondern auch als die der Esel 595 und Mäuler. Entweder wurde in einer Nische in der Mitte des Hauptbalkens, der die Decke des Stalls trug, eine kleine Capelle errichtet und ihr Sitzbild in derselben bei festlicher Gelegenheit mit Rosen und andern Blumen bekränzt, oder es wurden mit ihrem Bilde ganze Praesepien von Pferden, Eseln, Mauleseln und andern Thieren in Gemälden oder in Bildwerken ausgeführt und für den Gebrauch der Ställe geweiht Iuvenal. VIII, 156, Apulei. Metam. III p. 225. Vgl. Tertull. ad Nat. I, 11, Apolog. 16, Minuc. Fel. Octav. 28. Daher auch die Inschriften diese Göttin oft nennen, s. Grut. 87, 4–6, Or. n. 402. 4792–94, Henzen n. 5804. Auch sind verschiedene Bildwerke der Art erhalten, s. v. Florencourt Jbb. d. V. v. A. F. im Rheinl. III, 47 ff. und Chr. Walz ib. VIII, 129 ff. Einmal steht sie in langem Gewande und liebkosend zwischen zwei Füllen, ein andermal sitzt sie auf einem Pferde u. s. w. . Wie weit die ältere Zeit diesem Triebe der Personification aller sacralen Acte folgte, sieht man auch aus den über die Vorgänge im Haine der Dea Dia aufgenommenen Protokollen der Arvalischen Brüder t. XXXII u. XLIII. Einmal soll ein Feigenbaum vom Giebel des Tempels entfernt werden. Da wird sowohl vor als nach dieser Arbeit ( S. 430 ) zuerst den Göttern des Orts geopfert, dann aber der Adolenda, Commolenda und Deferunda , das sind Personificationen des bei Hinwegräumung jenes Baums beobachteten Verfahrens, indem man ihn erst von dem Tempel herunternahm, dann zerhackte und endlich verbrannte. In einem andern Falle, wo einige von dem Blitz beschädigte Bäume aus dem Hain entfernt werden, wird wieder zuerst den Göttern und dann der Adolenda und Coinquenda geopfert, welche letztere in diesem Falle dasselbe bedeutet was dort die Commolenda, während die Deferunda von selbst wegfiel. Auch dabei liegt aber keineswegs die bloße Willkür der Personification abstracter Thatsachen zu Grunde, sondern eine gewisse herkömmliche, durch priesterliche Satzung und Weihung geheiligte Formel. Wurde doch selbst auf dem Lande kein heiliger Baum gefällt, kein Hain gelichtet, ohne daß man vorher in einer bestimmten, von Cato r. r. 139 vgl. Plin. H. N. XVII, 28 beschriebenen Weise geopfert und gebetet hätte. 4. Andre Gotter und Personificationen des praktischen Lebens. Auf diese Vorstellungen einer älteren, noch meist von priesterlichen Satzungen bestimmten Zeit möge nun eine Reihe 596 ähnlicher Götter und Personificationen folgen, welche wie jene meist das praktische und bürgerliche Leben betreffen. Theils sind es ältere Götter des einheimischen Lebens, theils spätere Personificirungen schon ganz abstracter Begriffe, theils endlich griechische Götter, welche letztere besonders in diesem Kreise supplementarisch auftreten d. h. gewisse Berufskreise und Thätigkeiten darstellen und mit diesen nach Rom kamen, die das ältere Italien gar nicht oder nicht so entwickelt kannte, also erst durch die griechische Civilisation kennen lernte. Namentlich gehören dahin die Interessen des Handels und Wandels und dessen ganze Profession sammt ihrem griechischen Schutzgott, dem Hermes, daher ich dessen lateinischen Stellvertreter zuerst einführe, um darauf später die italischen und griechischen Heilgötter und endlich die Begriffsgötter verschiedener Kreise folgen zu lassen. a. Handel und Wandel. Mercurius. Schon der Name sagt daß wir es hier lediglich mit einem Handelsgotte zu thun haben, dem Schutzgotte der mercatores und des collegii mercatorum, welches gleichzeitig mit seinem Culte, also unter dem Einflusse griechischer Handelsverbindungen entstand, die wir zunächst in Cumae und Sicilien suchen dürfen, s. Liv. II, 34. Das ältere Rom hatte einen selbständigen Handelsverkehr gewiß nicht gehabt noch gesucht; selbst die Anlage von Ostia unter Ancus Marcius drückt schwerlich etwas Andres aus als das Bestreben, sich die zu allen Zeiten für Rom außerordentlich wichtige Zufuhr auf dem Tiber zu sichern. Wohl aber verdankte Rom hier wie in allen übrigen Dingen den Tarquiniern einen lebhaften und großartigen Aufschwung, wie dieses sehr deutlich durch den ersten Handelstractat zwischen Rom und Karthago bewiesen wird. Daher die Erscheinung daß unter den nationalen Göttern des Römischen Glaubens weder ein eigner See- noch Handelsgott sich befinden, denn Janus ist dieses nur beiläufig wie Neptunus jenes. Wohl aber hatte sich durch die über das ganze mittelländische Meer, namentlich auch über Campanien, das südliche Italien, Sicilien, das südliche Frankreich verbreiteten Colonien der Griechen auf diesem Meere damals ein eben so specifisch griechischer Handelsverkehr gebildet, wie später im 597 Mittelalter und seit demselben durch die Handelsverbindungen der Pisaner, der Genuesen, der Venetianer ein specifisch italienischer; daher sowohl Rom als Etrurien, sobald sie in diesenVerkehr eintraten, mit den Vortheilen desselben auch dessen Hülfsmittel, Terminologie und religiöse Bilder entlehnten, wie z. B. auch die latinische und römische Buchstabenschrift eine Gabe dieses griechischen, zunächst durch Cumae vermittelten Handelsverkehrs ist. In Etrurien hieß der griechische Hermes Turms, welches aus dem griechischen Namen auf ähnliche Weise entstanden ist wie Turan aus Urania. Rom gab ihm, vermuthlich nach dem Vorgange andrer latinischer Städte den Namen Mercurius Auf einem Spiegel bei Gerhard t. 182 wird der Name geschrieben MIRQVRIOS, i für das gewöhnliche e, Vel. Long. p. 2236 P., qu für c, wie im SC de Bacchanalibus OQVOLTOD für occulto u. dgl., vgl. Lachmann Lucret. p. 220. d. h. des Handelsgottes, denn nur dieses bedeutete ihnen der griechische Hermes und nur als solcher ist er lange Zeit in Rom verehrt worden. Den näheren Zusammenhang erkennt man ziemlich deutlich aus Livius. Nach der Vertreibung der Tarquinier litt Rom unter äußern und innern Verwicklungen nicht selten sehr an Kornmangel, daher eben in jener Zeit und zwar in denselben drei Jahren 257–259 d. St. zugleich der einheimische Dienst des Saturnus, des alten Kornspenders, gefördert und die Dienste der Ceres und des Mercurius nach griechischen Mustern eingeführt wurden. Der T. des Mercur wurde im J. 259 an den Iden des Mai gestiftet, ohne Zweifel mit Rücksicht auf seine Abstammung vom Jupiter und der Maia, von denen jener der Gott aller Iden war und diese nun mit der arkadischen Atlantide Μαῖα, der Mutter des Hermes identificirt wurde Ovid F. V, 81 ff., Macrob. S. I, 12, 19, Plut. Numa 19, Io. Lyd. IV, 52, vgl. oben S. 351 . . Mit der Dedication sollte zugleich die annona geregelt und eine eigne Zunft von Kaufleuten eingerichtet werden (Liv. II, 21. 27), ein deutlicher Beweis daß diese Stiftung zunächst im Interesse des durch den Wucher der Patricier arg gedrückten Kornmarktes und einer regelmäßigen Verbindung mit den griechischen Handelsplätzen gemacht wurde. Jene Zunft heißt bald die der mercatores bald die der Mercuriales; also bildete sie, wie ihr Stiftungsfest mit dem des Mercur zusammenfiel Paul. p. 148 Maiis Idibus mercatorum dies festus erat, quod eo die Mercurii aedes esset dedicata. Das collegium der Mercuriales erwahnt Cic. ad Qu. fr. II, 5. Aehnliche Collegia fanden sich in vielen andern Städten Italiens. , zunächst auch die 598 engere Gemeinde dieses Gottesdienstes, welcher ohne Zweifel, wie der der Ceres und andre fremde Gottesdienste (S. 138, 210 ), in seiner Symbolik und in seinen liturgischen Einrichtungen vor der Hand ein griechischer blieb. Mit der Zeit ist der römische Mercurius dann zum Gott des Kaufs und Verkaufs überhaupt geworden, auch des Budenverkehrs und aller Krämer, deren es in Rom in allen lebhafteren Straßen und Plätzen eine große Menge gab. So hatten nun auch alle diese Straßen ihre besondern Bilder und Capellen des Mercurius mit besondern Beinamen Ovid F. V, 671, Paul. p. 124, Serv. V. A. IV, 638. Fest. p. 161 Malevoli Mercurii signum erat proxime Ianum. Den Namen Malevolus habe er geführt, quod in nullius tabernam spectabat. Paul. p. 296 Sobrium vicum Romae dictum putant vel quod in eo taberna nulla fuerit vel quod in eo Mercurio lacte, non vino supplicabatur. Vgl. Henzen n. 5094 numularius a Mercurio Sobrio. Ueber den T. des Mercur s. Becker S. 470. , während der alte Haupttempel an dem südlichen Ende des Circus Maximus lag, wo sich zwischen demselben und dem Aventin einige Reste von ihm gefunden haben. An den Iden des Mai opferten die Kaufleute dem Mercur und seiner Mutter Maia Macrob. l. c. Kal. Venus. 16. Mai. Doch waren die Iden d. h. 15. Mai der eigentliche Festtag, vgl. noch Martial XII, 67 Maiae Mercurium creastis Idus. Eine Inschrift aus Lyon bei Boissieu p. 606 nennt Tiber und seine Mutter Livia Mercurius Augustus und Maia Augusta. , indem sie sich zugleich durch einen abergläubischen Gebrauch der Gunst und des unmittelbaren Beistandes dieses Gottes der List und alles Betruges zu verschaffen suchten, welcher eben so wesentlich zum Kramhandel der Griechen und Römer gehörte, wie es noch jetzt in den Bazars von Smyrna und Constantinopel der Fall ist. Nicht gar weit von jenem Tempel des Mercur, in der Nähe der p. Capena befand sich eine ihm geweihete Quelle, aus welcher der Kaufmann an diesem Tage Wasser schöpfte. In dieses tauchte er einen Lorbeerzweig, besprengte sein Haupt und seine Waaren mit dem Wasser und betete dabei zum Mercur, wie Ovid F. V, 673 ff. erzählt, daß er die Schuld jedes begangenen Betrugs von seinem Haupte und von seinem Kram abwaschen und letzteren trotz alles Betrugs auch für die Zukunft mit Gewinn segnen möge. Auch bei Plautus im Prologe zum Amphitruo ist Mercur noch ganz der Gott des Handels und Wandels und bei Horaz heißt es gelegentlich von einem geschickten Hausmakler, er führe beim Volk den Spitznamen Mercurialis Horat. S. II, 3, 24, vgl. Pers. V, 112 nec gluto sorbere salivam Mercurialem d. h. quae lucri cupiditate movetur. . Doch beweist 599 derselbe Dichter, wenn er sich selbst Od. II, 17, 29 einen vir Mercurialis nennt, daß die Gebildeten bereits an den feineren und vielseitigeren Begriff des Hermes gewöhnt waren, wie Horaz diesen so schön Od. I, 10 und zwar mit Andeutung des mythologischen Hintergrundes ausführt Ovid F. V, 665 pacis et armorum superis imisque deorum arbiter, – laete lyrae pulsu, nitida quoque laete palaestra, quo didicit culte lingua docente loqui. Den M. ψυχοπομπός setzt das Mährchen bei Ovid F. II, 606 ff. voraus, den νόμιος die Ableitung des Evander von ihm und der arkadischen Nikostrate. Auch erscheint auf römischen und romanischen Bildwerken der Bock neben ihm als Attribut, z. B. auf dem Relief aus Lyon bei Boissieu p. 13. Vgl. das vielsagende Gedicht bei Or. n. 1417, Corp. I. Gr. n. 5953. . Mit Mercur hatte sich auch sein Symbol des friedlichen Verkehrs, das κηρύκειον, über das mittlere Italien verbreitet und zwar recht früh, wie man aus der lateinischen Uebertragung caduceus schließen darf Vgl. oben S. 136, 206 und die älteren italischen Bronzemünzen, wo Mercurius und sein Stab zu den ältesten Zeichen gehören. Immer galt der caduceus vorzugsweise als signum pacis, doch führten die Fetialen statt seiner die sagmina, s. Gell. X, 27, Non. Marc. p. 528, Marcianus Dig. I, 8, 8, oben S. 219 . ; doch haben sich die einheimischen Fetialen dieses Symboles nie bedient. Von Rom aus aber hat sich Mercurius mit dem römischen Handelsverkehre weiter über das ganze Gebiet desselben nach dem Westen und Norden verbreitet, wie davon nicht allein zahlreiche Inschriften Zeugniß ablegen Or. n. 1394 ff., Henzen n. 5690 ff. Den Handelsgott characterisiren folgende Prädicate, Or. n. 1404 Mercurio lucrorum potenti et conservatori , n. 1409 Deo Mercurio Nundinatori , n. 1410 Mercurio Negotiatori . Daneben wird er als Redux und als Genius Pacifer gefeiert b. Or. n. 1411–13. , sondern auch viele kleine Bronzestatuen, welche ihn gewöhnlich mit den beiden herkömmlichen Attributen des Schlangenstabes und des Seckels darstellen Pers. S. VI, 62, Schol. Pers. V, 112. . Besonders häufig finden sich solche Bilder und andre Denkmäler des Mercuriusdienstes in Lothringen, im Elsaß und in den deutschen Rhein- und Donauländern, wo allerdings auch der römische Handelsverkehr ein sehr lebhafter war. Häufig sind diese Denkmäler aber auch auf die Rechnung des einheimischen d. h. celtischen und germanischen Götterglaubens zu setzen, welcher sich bei den Benennungen und Abbildungen seiner Götter bekanntlich sehr bald durch die römische Mythologie bestimmen ließ. Wissen wir doch daß derselbe griechische Künstler Zenodoros, welcher den Coloß des Nero goß, auch den Arvernern eine Statue ihres Mercurius, ein Werk von großer Kostbarkeit 600 und Schönheit gegossen hatte Plin. H. N. XXXIV, 7, 18. . In der römischen Kaiserzeit durchkreuzten sich mit den griechischen Vorstellungen die vom ägyptischen Hermes als priesterlichem Gesetzgeber und Stifter aller religiösen Gebräuche und Culte S. die M. des M. Aurel bei Eckhel D. N. VII p. 60. . b. Heilgötter. Auch hier hat mit der Zeit das griechische Wesen überwogen, da die einheimischen Vorstellungen und Bedürfnisse sowohl was das geistige als was das leibliche Heil betrifft einem Cultus besondrer Heilgötter wenig entgegenkamen. Jupiter ist die wahre Quelle alles Heils, neben ihm etwa Vejovis als Gott der Sühnung und Juventas, auch Mars sofern er averruncus ist. Doch stellte sich unter und neben diese Götter sehr früh der griechische Apollo, in Rom speciell als Medicus verehrt, welchem später sein Sohn Aesculapius nachfolgte. Indessen ist einiges Aeltere nachzuholen. So zunächst die alte sabinische Göttin Strenia oder Strenua, deren Name durch die zu Anfang des Jahrs gewechselten strenae ( S. 160 ) verewigt ist. Ihr Cultus soll von dem sabinischen Könige T. Tatius herrühren Symmach. X, 28 (35). . Der Name hängt mit dem lateinischen strenuus zusammen und bedeutete dieselbe Göttin welche in Rom gewöhnlich Salus hieß. Ein altes Heiligthum der Strenia, umgeben von einem Haine geweihter Glücksbäume, lag in der Nähe des Colosseums, beim Ausgange der Carinen, wo die Sacra Via in ihrer ursprünglichen und priesterlichen Bedeutung begann d. h. die Processionsstraße verschiedner gottesdienstlicher Veranlassungen, deren Endpunkte der Hain der Strenia und der alte Auguralsitz auf der Capitolinischen Arx waren Varro l. l. V, 47 Ceroliensis, a Carinarum iunctu dictus Carinae, postea Cerolia, quod hinc oritur caput Sacrae Viae ab Streniae sacello, quae pertinet in Arcem etc. Vgl. Fest. p. 290 oben S. 179, 304 . Das Wort Ceroliensis scheint eine sacrale Bedeutung zu haben, s. oben S. 70 . . Aus dem Haine der Strenia wurden seit der Stiftung des T. Tatius zu Anfang jedes Jahres geweihete Zweige auf die Arx 601 getragen, aus welchem heiligen Gebrauche mit der Zeit jener populäre und profane der strenae entstanden ist. Der gewöhnliche Name der Heilgöttin also war Salus auch sie eine sabinische Göttin, daher sich ihr Heiligthum auf dem Quirinale befand, wo eine Anhöhe nach demselben collis Salutaris und das benachbarte Stadtthor porta Salutaris hieß. Einen Tempel bekam sie erst im Laufe der Samniterkriege. Er wurde im J. 452 d. St., 302 v. Chr. eingeweiht und war den kunstverständigen Römern deswegen theuer, weil ihr eigner Mitbürger Fabius Pictor, von welchem dieser Zuname auf seine Nachkommen überging, ihn ausgemalt hatte. Der Festtag und der Dedicationstag des Tempels war der 5. August Kal. Capranic. Amitern. Antiat. Becker S. 578. . Daß dieselbe Göttin auch in andern Gegenden von Italien verehrt wurde, beweisen verschiedene Inschriften Eine zu Hortanum gefundne, jetzt im Gregorianischen Museum aufbewahrte Schale mit der Inschrift Salutes pocolom . Auch von den alterthümlichen Inschriften aus Pisaurum betrifft eine die Salus (Salute für Saluti). Vgl. Or. n. 1827 Saluti sacrum , aus Signa in Latium. . In Rom wurde sie im öffentlichen Gottesdienste für das Römische Volk und für den Kaiser angerufen, daher eine eigne Salus publica oder Salus publica Populi Romani, welche neben den drei Capitolinischen Göttern genannt zu werden pflegt Fr. Arv. t. 23, 41; 32, 1. 8, vgl. Marini p. 98, Or. n. 1829, Henzen n. 7419. , und die von Münzen und Inschriften oft erwähnte Salus Augusta oder Salus Augustorum Or. n. 689. 1171. 1577. 2193. 6121. . Zu beiden wurde von den priesterlichen Collegien und den Behörden des Staats viel und oft gebetet, namentlich zu Anfang des Jahrs, bei eintretenden Krankheiten, an Geburtstagen u. s. w., mit der größten Feierlichkeit aber vermittelst des sogenannten Augurium Salutis , welches nach einem alten Brauche eigentlich jährlich, vermuthlich gleichfalls zu Anfang des Jahres oder bald nach dem Amtsantritte neuer Consuln vorgenommen werden sollte, aber wegen der vielen dabei zu beobachtenden religiösen Rücksichten nicht selten unterblieb. Es bedurfte nehmlich einer vorgängigen Anfrage und Beobachtung der öffentlichen Augurn, ob ein solches Gebet den Göttern angenehm sein würde, ferner eines Tags welcher ohne allen kriegerischen Lärm in und außerhalb der Stadt 602 verliefe: worauf die feierliche Fürbitte für das Römische Volk und seine höheren und niedern Behörden Fest. p. 161 Max. Praet., Dio Cass. XXXVII, 24, vgl. Cic. de Leg. II, 8, 20, de Divin. I, 47; 105, Rubino Unters. l, S. 52. von den höchsten Staatsbeamten, vermuthlich mit der gewöhnlichen Betheiligung der Pontifices gesprochen wurde. Darüber unterblieb der Gebrauch nicht selten, vollends in der stürmischen Zeit der bürgerlichen Kriege, bis August und später noch einmal Claudius ihn wieder ins Leben riefen Dio LI, 20, Sueton Octav. 31, Tacit. Ann. XII, 23. . Ausnahmsweise wurde auch wohl für einzelne Personen zur Salus gebetet, wie z. B. dem Pompejus im J. 49 v. Chr., als er während des Krieges gegen Cäsar in Neapel schwer erkrankte, die große Auszeichnung zu Theil wurde, daß durch ganz Italien eine öffentliche Fürbitte für ihn gethan wurde Dio XLI, 6, vgl. Cic. Tusc. I, 35, 86. . Unter den Kaisern wurde dieses vollends zur Pflicht und Nero stiftete sogar pentaeterische Spiele, die sogenannten Neronia, welche seinem Wohle und der Dauer seiner Herrschaft galten Dio LXI, 21 vgl. oben S. 265, 551 . Auch stiftete er nach der Versehwörung des Piso einen neuen T. der Salus, Tacit. ib. XV, 74. . So pflegte man nun auch per salutem der Kaiser zu schwören, ein Schwur welchen auch die Christen für unverfänglich hielten, während sie den beim Genius oder der Fortuna der Kaiser zu umgehen suchten. Uebrigens war es mit der Zeit herkömmlich geworden, die alte italische Salus mit der griechischen Hygieia, der Tochter und Gesellin Aesculaps zu identificiren, daher auch ihre bildliche Darstellung durch diese bestimmt wurde. Schon im J. 180 v. Chr. wurden auf Veranlassung einer schweren Pestilenz specielle Gebete an Apollo, Aesculapius und die Salus beschlossen (Liv. XL, 37) und später dachte vollends Jeder bei diesem Namen an die griechische Göttin. Ihr Bild sieht man auf den Münzen Tibers, Neros, M. Aurels u. A., ein jugendlich frisches Mädchen von einfacher Tracht, gewöhnlich mit dem Attribut der Schlange, die sie aus der Schaale tränkt. Noch eine verwandte Göttin des ältern Volksglaubens ist Carna oder Cardea denn beide Namen kommen neben einander vor, obwohl die Göttin eine und dieselbe zu sein scheint. Einige Schriftsteller beschreiben sie als eine Göttin welche Herz und Eingeweide stärke, Andre nennen sie Cardea und eine Göttin der Thürangeln, 603 die sie mit den gleichartigen männlichen Gottheiten, dem Forculus und Limentinus zusammenstellen Macrob. S. I, 12, 31, vgl. Tertull. de Idolol. 15, de Corona 13, ad Nat. II, 15, Scorp. 10, Augustin C. D. IV, 8, VI, 7. In allen diesen Stellen ist Cardea wohl die beste Lesart. . Die Auflösung dieses Widerspruchs giebt Ovid F. VI, 101 ff. welcher auf Veranlassung ihres Festes an den Kalenden des Juni folgendes Mährchen erzählt. Am Tiber lag ein alter Hain des Helernus, wo die Pontifices regelmäßige Opfer brachten. Daher stamme die Nymphe, welche eigentlich Cranae geheißen habe, aber durch Janus zur Carna d. h. zur Schutzgöttin aller Angeln und alles Aus- und Eingangs geworden sei. Als Nymphe sei sie keusch und rüstig gewesen wie Diana; sprach ein Jüngling ihr von Liebe, so schickte sie ihn mit dem Verbote sich umzusehen ins Gebüsch und entwich hinterrücks. Auch dem liebenden Janus dachte sie so zu entkommen; aber dieser mit seinem Doppelgesichte war nicht zu hintergehn. So gewann er sie, gab ihr das Schutzrecht über alle Thürangeln (das ius cardinis) und dazu einen Weißdorn (spinam albam), um damit allen bösen Schaden von den Thüren abzuwenden, vor allem die gräulichen Strigen, welche in der Nacht kommen und den Kindern das Blut aussaugen. Das sind garstige Flügelgestalten mit großem Kopf, starrenden Augen, dem Schnabel eines Raubvogels, aschgrauem Gefieder und scharfen Krallen. Wenn die Amme nicht aufpaßt, schlüpfen sie bei Nacht ein, nehmen das Kind aus der Wiege und sättigen sich mit seinem Blute. Strigen heißen sie von stridere, στρίζειν, weil sie in der Nacht unheimlich schwirren; wie sie entstanden weiß man nicht, ob sie ein eignes Vogelgeschlecht sind oder ob böser Zauber alte Weiber nach ihrem Tode in solche Vögel verwandeln kann. So drangen sie auch in die Kammer des latinischen Königskindes Proca, welches fünf Tage alt beinahe ihre Beute geworden wäre. Sie sogen von seinem Herzblute, vergebens wimmerte das Kind nach Hülfe. Die Amme eilt herbei und sieht die Spur der Krallen an der zarten Wange; schon hatte das Kind eine Farbe wie das welke Laub der Bäume. Da nimmt sie ihre Zuflucht zur Carna, welche gleich an die Wiege des kleinen Prinzen tritt, die Eltern tröstet und ihrer Noth hilft. Zuerst berührt sie die Pfosten und die Schwelle dreimal mit dem Laube des Erdbeerbaumes (arbutus), dann besprengt sie den Eingang mit Wasser und nimmt die Eingeweide eines Spanferkelchens in ihre Hand. Nun spricht sie den Segen: 604 Schont ihr nächtlichen Vögel der Eingeweide des Kindes, das zarte Thier gelte für den zarten Knaben, Herz für Herz, Eingeweide für Eingeweide, Seele für Seele. Dann legt sie die Stücke ins Freie, Niemand darf sich nach ihnen umblicken. Endlich legt sie die Janusruthe von Weißdorn ins Fensterloch und nun kann keine Strige mehr hinein und das Kind bekommt schnell seine Farbe wieder. Warum man an dem Festtage der Carna, den Kalenden des Juni, Speck und Bohnen esse und der Göttin davon darbringe? Weil man diese Speisen für besonders nahrhaft hielt Macrob. I, 12, 33 cui pulte fabacia et larido sacrificatur, quod his maxime rebus vires corporis roborentur. Vgl. Ovid F. VI, 181, Plin. H. N. XVIII, 12, 30. ; vollends wer sie an dem ersten Juni genieße, welcher Tag deshalb Kalendae fabariae hieß, der könne das ganze Jahr hindurch auf gesunde Eingeweide rechnen. Also das derbe Mahl, das nur der gesunde Magen verträgt, zu Ehren der Göttin, die Fleisch und Blut segnet und behütet. Eine Göttin die der Strenia und Juventas verwandt ist, deren Ovid F. VI, 65 gleichfalls zu den Kalenden des Juni gedenkt, auch der Juno, der eigentlichen Schutzgöttin aller Wochenstuben, welcher diese Kalenden vor den übrigen heilig waren. Weil Carna die Wochenstube an Thür und Fenster behütet daß kein Spuk eindringe, hielt man sie für eine Göttin des Ein- und Ausgangs, weil sie sich auf geheimnißvolle Künste versteht, liebt sie den Versteck. Auf dem Caelius hatte sie ein eignes Heiligthum, angeblich hatte es Iunius Brutus gleich nach Vertreibung des Tyrannen gestiftet, wobei wieder die Kalenden des Juni im Spiele sind, aber auch der Doppelsinn des Wortes cor. Nehmlich man betete zu ihr um Segen für Herz und Nieren und alle Eingeweide Ut iecinora et corda quaeque sunt intrinsecus viscera salva conservet. Vgl. Lucret. VI, 1150 morbida vis in cor moestum confluxerat aegris. Horat. S. II, 3, 29 in cor traiecto lateris miseri capitisve dolore. Vgl. v. 161 non est cardiacus d. h. der an einem schwachen Magen leidet. Manche leiteten den Namen Cardea ab von cor. , wo das Wort cor (καρδία) eigentlich den Magen bedeutete, das zur Gesundheit des ganzen Menschen so wesentliche Organ, wie dieses der römischen Plebs von dem klugen Menenius Agrippa mit so gutem Erfolge zu Gemüthe geführt wurde. Andre nahmen cor für den Verstand und so entstand die Legende, daß Brutus der Urheber dieses Dienstes sei Macrob. l. c. quia cordis beneficio, cuius dissimulatione brutus habebatur, idoneus emendationi publici status exstitit, hanc deam quae vitalibus praeest templo sacravit. Vgl. Cic. Tusc. I, 6, 18 Aliis cor ipsum animus videtur, ex quo excordes, vecordes concordesque dicuntur et Nasica ille prudens – Corculum et egregie cordatus homo etc. Lucret. V, 1105 ingenio qui praestabant et corde vigebant. Petron. 75 Corculum est quod homines facit, cetera quisquilia omnia. Das fanum Carnae erwähnt auch Tertull. ad Nat. II, 9. . Die Strigen haben den 605 Aberglauben der alten Griechen und Italiener auch sonst viel beschäftigt. Sie fressen Herz und Eingeweide verstorbner Kinder, indem sie dafür Stroh einstopfen, zehren das Mark der Lebendigen und rauschen durch die Luft wie unsre Hexen Vgl. Plaut. Pseudol. III, 2, 31, Petron. 63 und 134, Fest. p. 314 Stri[gem, ut ait Verri]us Graeci στρίγγα ap[pellant], quod maleficis mulieribus nomen inditum est, quas volaticas etiam vocant. Itaque solent his verbis eas veluti avertere Graeci: Στρίγγ’ ἀποπέμπειν νυκτιβόαν, τὰν στρίγγ’ ἀπὸ λαῶν, Ὄρνιν ἀνωνύμιον, στρίγγ’ ὠκυπόρους ἐπὶ νῆας, wie M. Haupt diese Verse hergestellt hat, ἐπὶ νῆας d. h. fort mit ihnen ins Meer, in den Ocean. Vgl. Isidor XI, 4, 2, XII, 7, 42, Gloss. Labb. Striga λαιστρύγων καὶ γυνὴ φαρμακίς und den verwandten Aberglauben bei Grimm D. M. 992. 1035. . Der Weißdorn und der Hartriegel (cornus d. i. κράνεια, daher der Name Cranae) lieferte auch die Hochzeitsfackel ( S. 583 ), der Hartriegel wegen seiner Härte, weswegen man ihn auch zu Lanzenschäften, vermuthlich auch zu Thürangeln verwendete, welche bei den Alten als Zapfen oben und unten am Thürflügel angebracht und in die obere und untere Schwelle eingelassen wurden. Dem Weißdorn (ῥάμνος) wurde auch in Asien und Griechenland eine Gegenwirkung gegen dämonische Einflüsse zugeschrieben, daher man ihn bei Geburten und Leichenbegängnissen draußen an der Thür anheftete oder davon vor der Thür verbrannte oder sich und die Häuser mit einer daraus gewonnenen Salbe bestrich Hesych. u. Phot. v. ῥάμνος. Vgl. Diog. L. IV, 57 und andre Stellen bei Bötticher Baumcultus S. 360. . Lauter Vorstellungen und Hülfsmittel des populären Aberglaubens, welcher sowohl in Griechenland als in Italien außerordentlich erfinderisch war und wie die Geschichte des Mährchens bei den Alten einer eingehenderen Beobachtung würdig wäre. In andern Fällen half man sich mit der einfachen Personification des gefürchteten Uebels, z. B. der Febris welche in dem feuchten Tiberthale von jeher zu Hause gewesen ist und zu Rom in drei Capellen verehrt wurde, im Palatium, auf dem Platze der Marianischen Monumente d. h. auf dem 606 Esquilin und in der Langen Gasse (vicus longus) d. h. auf dem Quirinal Cic. N. D. III, 25, 63, de Leg. II, 11, 28, Plin. H. N. II, 7, 5, Val. Max. II, 5, 6. . Die Leidenden pflegten die Heilmittel, welche sie an ihrem Leibe getragen hatten (quae corporibus aegrorum adnexa fuerant), nach erlangter Heilung in diese Capellen zu weihn: ein Ausdruck welcher auch wieder auf den Aberglauben der Amulete und sogenannter περίαπτα schließen läßt, welche in der populären Medicin der Alten eine große Rolle spielten und nicht blos an Hals, Arm und Brust, sondern auch an andern Theilen des Körpers getragen wurden Marquardt Handb. d. R. A. IV, 116 ff. . Dazu kam endlich der griechische Dienst des Aesculapius. Es war im J. 291 v. Chr., nachdem eine schwere Pest, wie sie oft erwähnt werden und gewöhnlich neue Religionen herbeizogen, mehrere Jahre hindurch Stadt und Land verheert hatte, als die sibyllinischen Bücher den Rath gaben, den Aesculap von Epidauros, damals dem angesehensten Cultusorte, nach Rom zu holen. Man hatte in diesem Jahre nur noch die Zeit zu einer allgemeinen Fürbitte an den griechischen Heilgott; aber gleich im nächsten Jahre schritt man zur Ausführung Liv. X, 47, Epit. l. XI, Val. Max. I, 8, 2, Ovid Met. XV, 622 ff., Plut. Qu. Ro. 94, Aurel. Vict. v. ill. 22. . Noch hatte Rom kein näheres Verhältniß zu Griechenland, doch durften sich die Legaten auf das Gewicht des römischen Namens verlassen. Man führte sie zu Epidauros in den bekannten Tempel, fünf Millien von der Stadt, und bat sie zu nehmen was ihrer Heimath frommen werde. Da soll sich die heilige Schlange des Aesculap, deren Erscheinung immer Heil und Segen bedeutete, zu den Füßen des Bildes erhoben und friedlich langsam den römischen Gesandten gefolgt sein, durch die Stadt in den Hafen und auf das Schiff, wo sie sich auf dem Hinterdeck in dem Zelte des Führers der Gesandtschaft aufringelte und ruhig liegen blieb. Die Römer ließen sich alsbald in dem Cultus dieser Schlange, in welcher man den Genius des Aesculap erblickte in quo ipsum numen esse constabat , Liv. Epit. l. c. , von den Priestern des Ortes unterrichten und eilten heimwärts. Unterwegs als sie in Antium anlegten, schlüpfte die Schlange ans Land und ringelte 607 sich in dem dortigen Haine des Apollo um eine hohe Palme, drei Tage lang, worauf sie auf das Schiff zurückkehrte: daher ein angesehener T. des Aesculap auch zu Antium Val. Max. l. c, Ovid Met. XV, 722, Liv. XLIII, 4. Bei Oros. Hist. III, 22 ist für horrendumque Epidaurium colubrum cum ipso Aesculapii lapide advexerint zu schreiben cum ipso Aescidapio . Das Wort lapide ist durch Dittographie entstanden, ein beim Orosius nicht seltner Fehler. . Als das Schiff in Rom anlangt, schwimmt die Schlange nach der Tiberinsel und wählt sich dort ihr Heiligthum, worauf die Pest alsbald aufhört. Bei Ovid haben sich auch die Wunder dieser Legende sehr vermehrt. Der Tempel lag ziemlich in der Mitte der Insel in der Gegend der jetzigen Kirche di S. Giovanni, wo man neuerdings verschiedene Anatheme, wie sie in Heilanstalten geweiht zu werden pflegten, unter dem Kreideniederschlag des Flusses gefunden hat, Füße, Beine, Hände, Arme und andre Gliedmaßen von Terracotta Canina Bullet. deli' Inst. Arch. p. XXXVII sq. Vgl. Grimm D. M. 1131. . In seiner Nähe lag ein Tempel des Diiovis oder Vejovis, mit welcher er den Festtag am 1. Januar gemein hatte( S. 237 ). Der Cultus und die Ausstattung war ganz der griechische, das Bild mit dem Stabe versehen und mit Lorbeer bekränzt, das Opfer das eines Hahns, neben welchem Thiere aus mythologischen Gründen auch die Hunde diesem Gott heilig waren (Paul. p. 110). Die symbolische Bedeutung der Schlange und ihre Heiligkeit leuchtete den Römern um so leichter ein, da auch ihr einheimischer Genienglaube diesem Thiere eine geweihte Bedeutung verlieh. Jedenfalls war eine Heilanstalt mit dem Tempel verbunden, wahrscheinlich wie dieses bei den zahlreichen Asklepieen der Griechen der Fall war, eine Incubation, wo die Leidenden sich zum Schlafe niederlegten, um im Traume eine Offenbarung über das anzuwendende Heilmittel zu erlangen Vgl. Sueton Claud. 25 und die meist griechischen Inschriften dieses römischen Aesculapiusdienstes im Corp. I. Gr. III n. 5973c.–5980, wo von allerlei wunderbaren Heilungen und im Traume offenbarten Heilmitteln die Rede ist, vgl. auch die Inschrift eines Erzblechs b. Marini Iscriz. Alb. p. 5 und Or. n. 1573. . Die ganze Tiberinsel wurde darüber zum Heiligthum und zur Aesculapiusinsel Dionys. V, 13 νῆσος εὐμεγέϑης Ἀσκληπιοῦ ἱερά vgl. Plut. Publ. 8, Sueton l. c. insula Asclepii , Sidon. Apollin. Ep. I, 7 insula serpentis Epidaurii . Der Hain des Aesculap, von welchem Val. Max. I, 1, 19 erzählt, ist der auf der Insel Kos, s. Dio LI, 9. ; man hatte ihr zum Andenken an die auch in Bildwerken verewigte Ankunft der Schlange S. die M. des Antoninus Pius b. Eckhel D. N. VII p. 32. 33 und das Bronzemedaillon aus der Zeit des Commodus bei Wieseler D. A. K. II t. XLI, 778. die Gestalt eines Schiffs 608 gegeben d. h. ihre Ufer in dieser Gestalt aufgemauert, wie davon noch jetzt an der Spitze bei Ponte rotto deutliche Spuren zu sehen sind. Natürlich zog er auch manche griechische Heilkünstler nach sich, doch war eben dieses der Grund weswegen sich bei der nationalen Partei lange eine entschiedne Opposition gegen alle griechischen Heilanstalten behauptete. Im J. 219 v. Chr., ein Jahr vor dem Ausbruch des zweiten Punischen Kriegs, hatte sich der erste griechische Wundarzt in Rom niedergelassen; er bekam sogar das Bürgerrecht und auf Staatskosten einen Laden in compito Acilio, welche Straße eben daher (von ἀκέομαι) ihren Namen bekommen hatte Daher auf den Münzen der Acilia der Kopf der Salus und Valetudo, welche hier die griechische Hygieia vertritt. . Allein dieser Arzt wüthete so unbarmherzig mit Messer und Brenneisen, daß der Name eines Chirurgen und der eines Schinders gleichbedeutend wurde und Cato es für seine Pflicht hielt die Römer nachdrücklich vor dieser griechischen Kunst, hinter welcher der Alte sogar eine Verschwörung witterte, zu warnen und auf das alte Herkommen der Hausmittel und Arzneibücher zu verweisen. Jetzt hieß es, eben deshalb habe man den T. des Aesculap nicht in der Stadt, sondern außerhalb derselben gestiftet, und als man lange nach Cato die Griechen überhaupt aus Italien verwies, wurden die Aerzte nicht ausgenommen (Plin. H. N. XXIX, 1. 6–8). So hat auch später die Kunst der Medicin in Rom niemals festen Fuß fassen können; wenigstens haben sich die Römer selbst auf dieses Gewerbe, das ihnen schon als solches anstößig war, nur in seltnen Ausnahmen eingelassen, sondern es immer den Griechen überlassen, unter denen es natürlich viele Quacksalber und Charlatane gab, zumal da sich die Polizei nicht um sie bekümmerte Noch Macrobius S. I, 20, 4 sagt ganz im Sinne der gemeinen Praxis: Apollodorus in libris quibus titulus est περὶ ϑεῶν scribit, quod Aesculapius divinationibus et auguriis praesit. Nec mirum, siquidem medicinae atque divinationum consociatae sunt disciplinae. . Desto mehr hatte auch der Aberglaube freies Spiel, welcher den Aesculapiusdienst zugleich beförderte und bestimmte. Hatte er sich von Griechenland aus über den hellenistischen Orient verbreitet, wo er mit allerlei andern Culten, namentlich dem des Serapis verschmolz, so verbreitete er sich nun von Rom aus durch Italien und die romanischen Länder, immer in derselben herkömmlichen Gestalt, Aesculapius und an 609 seiner Seite Salus oder Hygiea, häufig auch Telesphorus und bisweilen in einer eignen Personification der Gott des Schlafs (Somnus), weil in seinem Tempel gewöhnlich der Schlaf zur Heilung führte Vgl. die Inschriften b. Or. n. 1572 ff., Henzen n. 5736–38. Eine Sammlung von Bildern griechischen und römischen Ursprungs bei Wieseler D. A. K. II t. LX. LXI. . Ein außerordentlich weit verbreiteter und sehr heilig gehaltener Gottesdienst, zu welchem Noth und Aberglaube so häufig ihre Zuflucht nahmen, daß Aesculap mit am längsten unter den Göttern des Heidenthums gegen das Christenthum ausgehalten hat. Man nannte ihn den Herrn und König (βασιλεύς), den Heiland (σωτήρ) und den Menschenfreund schlechthin (φιλανϑρωπότατον) und pflegte seine Epiphanieen, seine Wunder, seine Orakel den Christen gegenüber mit besonderm Nachdruck geltend zu machen Orig. c. Cels. III p. 124 ed. Spencer. . c. Sieges-, Kriegs- und Friedensgötter. Victoria. Diese treue Freundin der Römer begegnet uns gleichfalls in verschiednen Formen, einer einheimischen älteren und der griechischen. Eine ältere Siegesgöttin wurde auf dem Palatin verehrt, vermuthlich eine der sabinischen Vacuna oder Victoria verwandte Göttin Dionys. I, 32, Liv. XXIX, 14, vgl. oben S. 360 . . Außerdem scheint die zu Rom am Fuße der Velien, wo einst das Haus des Valerius Publicola gestanden hatte, verehrte Vica Pota eine ältere Göttin des obsiegenden Erfolgs gewesen zu sein; wenigstens wird sie in diesem Sinne von Cicero erklärt Cic. de Leg. II, 11, 28 a vincendo et potiundo , vgl. Liv. II, 7, Plut. Val. Pobl. 10, Ascon. Cic. Pis. 22 p. 13 Or., wo für aedis Victoriae herzustellen ist Vicae Potae. Bei Seneca Apocol. 9 Diespiter Vicae Potae filius scheint indessen eine Göttin des Erwerbs gemeint zu sein. Arnob. III, 25 erklärt Victa et Potua sanctissimae victui potuique procurant. . Einen andern T. der Victoria weihte der Consul L. Postumius im Samniterkriege, 294 v. Chr. s. Liv. X, 33. Vermuthlich lag er auf dem Capitol, wo die wahre Stätte der Siegesgöttin war und ein für die Verehrung des Iup. Victor bestimmtes Heiligthum wiederholt erwähnt wird ( S. 177 ). Auf dem Capitol wurden auch gewöhnlich die jetzt ganz dem anmuthigen und lebensvollen Vorbilde der Griechen folgenden Victorien aufgestellt, welche bald einheimische Feldherrn bald 610 auswärtige Völker und Könige weihten, darunter die goldne, 220 Pfund schwere, welche der treue und verständige Hiero von Syracus gleich nach der Niederlage von Cannä schickte (S. 208, 391 ); dahingegen es bei der von Cato gestifteten Capelle der Victoria Virgo unentschieden bleibt, ob sie auf dem Capitol oder auf dem Palatin gelegen (Liv. XXXV, 9). Bald wurden nun auch zur Ehre siegreicher Feldherrn eigne Spiele der Victoria gefeiert, namentlich zum Andenken an Sulla und seinen verhängnißvollen Sieg an der p. Collina, welche Spiele vom 27. Oct. bis zum 1. Nov. dauerten und zum Andenken an Cäsar und den Sieg bei Pharsalus, welche Spiele (ludi Victoriae Caesaris) vom 20. bis 30. Juli gefeiert wurden und mit denen der Venus Genitrix identisch waren Von den Spielen des Sulla s. Vellei. Pat. II, 27, Merkel Ovid Fast. p. XXVII sq, von denen Cäsars Dio XLV, 7, Merkel ib. p. IX, Marquardt Handb. IV, 454. Jene waren 6tägige circenses, von den 11tägigen Spielen Cäsars waren die 4 letzten Tage circenses. . Endlich überstrahlte den Ruhm von allen die von August in die Curia Julia geweihte Victoria. Das Bild stammte aus Tarent, vermuthlich eine vergoldete Bronzestatue von solcher Bildung, wie sie oft auf den Münzen Augusts erscheint, auf der Weltkugel schwebend. August weihte und verehrte sie zum Andenken an den entscheidenden Sieg bei Actium; noch bei seinem Leichenzuge ging sie ihm voran, durch das Triumphalthor hindurch zur langen Ruhe im Märzfelde und zur göttlichen Verklärung im Himmel Dio LI, 22, Sueton Octav. 100, Becker Handb. I, 346 ff., vgl. oben S. 572 . . Die Curia Iulia verschwand mit der Zeit, aber jene Victoria blieb dem Senate auch in dem neuen, von Domitian in der Gegend von S. Martina erbauten Senatsgebäude; ja sie wurde jetzt zur Schutzgöttin des Senats, als Denkmal der von August begründeten und auf dem alten Götterglauben beruhenden Ordnung der Dinge, daher sich gegen den Ausgang des Heidenthums zwischen der altrömischen und der christlichen Partei ein heftiger Kampf um dieses Bild entspann. Natürlich gab es neben diesen ausgezeichneteren Tempeln, Altären und Bildern der Victoria noch eine große Menge andrer Siegesdenkmäler; war diese Göttin doch wie Fortuna nirgend so heimisch geworden als in dieser letzten Haupt- und Weltstadt des Alterthums, welche den Sieg und das Glück ein für allemal an sich gefesselt zu haben schien. Die Münzen und die Inschriften geben eine reiche Auswahl von Beispielen, 611 wie sie in den Tempeln, an den Triumphbögen, bei den zahlreichen Tropäen, in den Rennbahnen, den Prachtforen der Kaiser zu sehen war, bald nach diesem bald nach jenem Umstande zubenannt, unter den Kaisern gewöhnlich nach den Feldzügen (Victoria Armeniaca, Parthica, Medica u. s. w.), oder nach den einzelnen Siegern und Regierungen, oder im Allgemeinen Victoria Augusta Auch das römische Militär- und Lagerleben hatte seine eigne Religion, in welcher die Victorien, die Tropäen, die Feldzeichen eine hervorragende Bedeutung hatten, s. Tertullian Apolog. 16 sed et Viciorias adoratis, cum in tropaeis cruces (das innere Gestell des feretrum, s. Varro b. Non. Marc. p. 55, vgl. oben S. 177 , was der Kirchenvater in seinem Sinne deutet) intestina sint tropaeorum. Religio Romanorum tota castrensis signa veneratur, sigma iurat, sigma omnibus deis praeponit. . Eben so mannichfaltig war ihre Ausrüstung und Darstellung, je nachdem sie bald fahrend abgebildet wurde, was sich auf einen Sieg im Circus bezieht, oder schreitend, schwebend, sitzend, mit einem Tropäon, einem Votivschilde beschäftigt, oder auf der Weltkugel, gewöhnlich mit dem Attribute der Palme. Neben ihr gab es dann aber auch früh eine eigne Kriegsgöttin Bellona oder Duellona (Varro l. l. VII, 49), welche der griechischen Enyo entspricht und wahrscheinlich sabinischer Abkunft war. Wenigstens soll schon Appius Claudius Regillus, welcher im J. 259 d. St. Consul war, die Bilder seiner Vorfahren in einem T. der Bellona aufgestellt und mit Inschriften versehen haben Plin. H. N. XXXV, 3, 3, vgl. Tacit. Ann. IV, 9 Sabina nobilitas, Attus Clausus ceteraeque Claudiorum effigies. , und der bekannte T. der Bellona in Rom war gleichfalls die Stiftung eines Claudiers, des berühmten Appius Claudius Caecus, welcher ihn im J. 458 d. St., 296 v. Chr. in einer heißen Schlacht mit den Etruskern gelobt hatte Liv. X, 19, Ovid F. VI, 201, Kal. Venus. Vgl. Dio fr. 109 p. 97 Bekk. . So gab es auch in Präneste einen eignen T. der Bellona. Jener römische Tempel, als dessen Dedicationstag der 3. Juni gefeiert wurde, lag als T. der Kriegsgöttin an der Grenze des Marsfeldes d. h. nicht weit von der nördlichen Stadtgrenze und dem dortigen Hauptthore; daher er sehr geeignet zu solchen Senatssitzungen war, wo es mit den aus dem Felde zurückkehrenden Feldherrn oder mit den Gesandten auswärtiger Völker, welche die Stadt nicht betreten 612 durften, zu verhandeln gab Becker Handb. I, 606, vgl. oben S. 224 . . Später wurde Bellona mit der Virtus identificirt. Die Mythologen nannten sie bald die Gattin des Mars, wodurch sie der sabinischen Nerio gleichgestellt wird, bald seine Schwester Seneca b. Augustin C. D. VI, 10, vgl. Lactant. I, 21, 16 und die Inschrift aus der Gegend von Mainz b. Or. n. 4983, wo ein Hügel der Dea Virtus Bellona geweiht wird. Plaut. Amphitr. Prol. 42 nennt Virtus, Victoria, Mars, Bellona neben einander als herkömmliche Figuren der römischen Tragödie. Ein vicus Bellonae in Rom b. Grut. 654, 7. BELONAI POCOLOM auf einer Schale Millingens, die wahrscheinlich aus Etrurien stammt. . Jedenfalls muß diese ältere Bellona von der jüngeren asiatischen unterschieden werden, auf welche ich zurückkommen werde. – Weiter gehören zu den eigentlichen Kriegsgöttern als Gesellen des Mars und der Bellona Pavor und Pallor welchen angeblich schon Tullus Hostilius eigne Heiligthümer gestiftet hatte Liv. I, 27, Tertull. adv. Marc. I, 18, Augustin C. D. IV, 23, Seneca b. dems. l. c. Die Nachricht bei Serv. V. A. VIII, 285, daß Tullus Hostilius Salier des Pavor und Pallor gestiftet habe, beruht auf einem Irrthum. Bei Arnob. I, 28 qui Pausos reverentur atque Bellonas ist zu schreiben Pavores . , der König welcher in den Erinnerungen der Stadt vorzugsweise für den kriegerischen, tollkühnen und frevelmüthigen galt. Es ist zu vermuthen daß diese Bilder des panischen Schreckens ursprünglich mit dem Glauben an Faunus und Silvanus zusammenhingen, da nach italischem Glauben von ihnen der panische Schrecken in der Schlacht ausgeht »So brechen in den altböhmischen Liedern Tras und Strach aus Waldesschatten in die Haufen der Feinde, jagen sie, drängen sie im Nacken und entpressen den Kehlen lauten Schrei. Sie sind geisterhaft und gespenstig.« Grimm D. M. 188. Vgl. oben S. 337 . 347 . . Später wurden sie mit den griechischen Dämonen der Schlacht Δεῖμος und Φόβος identificirt. Pavor ist der Schrecken als Gemüthsaffect, Pallor seine äußerliche Wirkung des Erbleichens. Man sieht die Bilder von beiden auf Münzen der Hostilia, das des Pavor in der Bildung eines entsetzten Mannes mit schwachem Bart und gesträubtem Haar, das des Pallor in knabenhafter Bildung, die Miene verstört, das Haar aufgelöst. Ein andres in diesen Zusammenhang gehörige Paar sind 613 Honos und Virtus d. h. die kriegerische Tapferkeit und ihre Anerkennung durch bürgerliche Ehre Vgl. die Scipioneninschriften b. Or. n. 555 Quoiei vita defecit, non honos. Honore is hic situs, quei numquam vicius est virtutei. n. 558 Mors perfecit tua ut essent omnia brevia, honos fama virtusque. . Es gab in Rom verschiedne Heiligthümer, in denen sie bald getrennt bald neben einander verehrt wurden; das bekannteste ist das bei der p. Capena gelegene. Zuerst hatte Q. Fabius Verrucosus im J. 521 d. St., 233 v. Chr. einen T. des Honos an dieser Stelle dedicirt. Diesen erneuerte M. Marcellus, der bekannte Eroberer von Syracus, welcher in einem früheren Feldzuge dem Honos und der Virtus einen Tempel gelobt hatte und diese nun zu jenem hinzufügen wollte, wogegen das Collegium der Pontifices Einspruch that, weil zwei göttliche Wesen nicht ohne bedenkliche Folgen für die bei Prodigien zu beobachtenden Gebräuche in demselben Raume verehrt werden könnten. Also ließ er neben der erneuerten Cella des Honos eine zweite Cella der Virtus erbauen und beide wenigstens architektonisch zu einem Gebäude verschmelzen Liv. XXVII. 25, Val. Max. I, 1. 8, Plut. Marcell. 21 u. 28, Becker Handb. I, 509. Später scheint der Verfall des Gebäudes von selbst die Zerstreuung jener Kunstzierden zur Folge gehabt zu haben, bis Vespasian es von neuem herstellen und von guten Meistern ausmahlen ließ. . Das Ganze wurde mit den aus Syracus entführten Meisterwerken griechischer Kunst geschmückt, das erste Beispiel einer solchen Auszierung mit eroberten Kunstschätzen, welche mit der Zeit in Rom immer beliebter wurde. Nachmals soll Scipio d. J. nach der Eroberung von Numantia einen eignen T. der Virtus gestiftet haben, während Honos einen vor der p. Collina gelegnen Tempel dem zufälligen Funde eines Blechs mit seinem Namen auf jener Stelle verdankte Cic. de Leg. II, 23, Plut. de Fort. Ro. 5. . Endlich gab es noch einen T. des Honos und der Virtus, den Marius von der Kriegesbeute der Cimbern und Teutonen erbaut hatte Becker S. 405 ff. Doch läßt sich gegen die Lage auf dem Capitol Manches einwenden. . In den meisten Fällen also hatten diese Stiftungen eine militärische Veranlassung Vgl. Or. n. 1842 Virtuti et Honori L. Ulpius Marcellus Leg. Aug. etc. n. 3681 L. Firmio L. F. Prim. Pil. Tr. Mil. etc. Honoris et Virtutis caussa. , indem die Feldherrn solche Tempel zugleich als Denkmäler ihres Ruhms errichteten 614 und in diesem Sinne ausstatteten, daher der von Marius erbaute Tempel wiederholt ein monumentum Marii genannt wird. Die Köpfe der beiden Götter sieht man auf verschiednen Münzen der Republik Vgl. die Münzen der Aquillia, der Lollia und der Fufia Mucia. . Honos erscheint immer knabenhaft jugendlich mit dichten Locken und einem Lorbeerkranz, die weibliche Virtus auch jugendlich und gelockt, aber mit reich verziertem Helm. Dem Honos ist der Kopf des Triumpus Plin. H. N. XXXV, 4, 10 Super omnes Divus Augustus in foro suo celeberrima in parte tabulas duas (posuit) quae Belli faciem pictam habent et Triumphum . Virtus in ganzer Figur bei einem Tropäon, ihr rechter Fuß auf einem Harnisch u. s. w. auf den M. der Poblicia (Malleolus). auf den Münzen der Papia ziemlich ähnlich, nur daß er ein reiferes Alter zeigt und hinter ihm ein Tropäon zu sehen ist, obwohl auch Virtus bisweilen neben einem solchen, also als triumphirende erscheint. Einen eignen Festtag hatten beide, Honos und Virtus, am 29. Mai, welchen Tag Augustus dazu bestimmte Dio LIV, 18, Kal. Const. Auf M. Hadrians bezieht sich die Virtus Augusti auf seine rüstige Jägerkraft, auf M. Galliens erscheint die Virtus Augustorum mit den Attributen des Hercules. Nach Zosimus V, 41 erregte die Einschmelzung eines Bildes der Virtus von edlem Metall zur Zeit der Gothenkriege eine allgemeine Bestürzung in Rom. . Auch auf den Münzen der späteren Kaiser, des Galba, des Vitellius, des M. Aurel u. A. erscheinen sie oft und zwar in ganzer Figur, Virtus gerüstet und als siegreiche Ueberwinderin der Feinde, Honos friedlich und mit dem Füllhorn. – Endlich fehlte es dieser spätern Zeit auch nicht an einem eignen Cultus der Friedensgöttin Pax welche eigentlich den befriedigten und beruhigten Zustand eines Landes bedeutet, wo der Ackerbau und alle Künste des Friedens gedeihen, denn das Wort hängt zusammen mit paciscor und pacatus, vgl. Tibull I, 10, 45 ff. Doch dachte man gewöhnlich an den Gegensatz des Kriegs, in welchem Sinne zuerst Augustus der Friedensgöttin einen Altar im Marsfelde stiftete, an welchem dreimal im Jahre, am 30. Januar, am 30. März und am 4. Juli geopfert wurde Ovid F. I, 709 ff., III, 881, Fast. Praen. III Kal. Febr., Amitern. IV Non. Iul., Dio LIV, 35. Die verschiedenen Tage bezogen sich auf verschiedene Dedicationen. . Hernach, als die Herrschaft der Julier 615 aufhörte und die Furie des Bürgerkriegs von neuem wüthete, konnte Galba zuerst auf die Ehre Anspruch machen, der Stadt Rom und dem römischen Reiche den Frieden wiedergegeben zu haben Zuerst erscheint die Pax Augusti auf den M. Galbas. Mulier stans armorum acervum admota face comburit s. cornucopiae , ein oft wiederkehrender Typus, der sich durch die oben S. 530 besprochene Sitte erklärt. Hernach folgen die M. Vespasians mit den Inschriften Pax Augusti, Paci Augusti, Paci Orb. Terr. Aug., Pacis Event. und entsprechenden Typen. Ueber den Friedenstempel s. Becker S. 437 ff. und meine Regionen S. 127. , bis endlich Vespasian den großen und prächtigen Friedenstempel in der Nähe des Forums errichtete, welcher zu den schönsten Monumenten der Dynastie der Flavier gehörte. Er war mit vielen Kunstwerken von ausgezeichnetem Werthe verziert, hatte aber das Schicksal unter Commodus ohne sichtbare Veranlassung zu verbrennen, worüber sich eine große Aufregung im Volke verbreitete. Die gewöhnlichen Attribute dieser Friedensgöttin sind der Oelzweig und der Stab des Friedens (caduceus) oder ein Füllhorn Eine Pax glaube ich auch in einer der Figuren des schönen Reliefs der Villa Albani, Mon. dell' Inst. 1844 t. IV vgl. Annali p. 155 sqq. zu erkennen. Antoninus Pius ist hier von zwei weiblichen Figuren begleitet, deren eine sicher Roma ist. Die andre nennt der Erklärer Felicitas oder Abundantia, doch deutet der caduceus bestimmt auf die Pax, wie denn auch Roma durch das Abnehmen des Wehrgehenks als eine friedliche characterisirt wird. Antoninus Pius liebte den Frieden über Alles, s. Iul. Capitolin. 9. . Auf einigen Münzen erscheint sie geflügelt wie die Siegesgöttin und in Begleitung einer Schlange, welche an Minerva erinnert, ferner mit einer eigenthümlichen Bewegung des Kleides von der Brust zum Gesichte, welche sonst der Nemesis eigen ist und in dieser Uebertragung auf das göttliche Verhängniß des Krieges deutet; daher man diese wahrscheinlich dem Nemesisdienste zu Smyrna entlehnte Figur der Friedensgöttin Victoria Nemesis genannt hat Eckhel D. N. VI, p. 236 sq. Zuerst erscheint diese Figur auf einem Golddenar des Vibius Varus, dann auf einer auf Claudius geschlagenen M. aus Smyrna. . Eine andre der Pax verwandte Personification ist die Securitas P. R., eine lässig dasitzende Figur, deren Linke mit der Lanze bewaffnet ist, während sie ihr Haupt in der Rechten ruhen läßt. d. Freiheits-, Glücks- und Segensgötter. Diese Reihe mag eröffnen 616 Libertas deren Name mit dem des Iup. Liber, Liber Pater und der Libera zusammenhängt, also eigentlich den heitern Genuß eines von den Göttern der Fruchtbarkeit gesegneten Lebens, Sorglosigkeit und Ausgelassenheit bedeutet, bis später im Sinne des römischen Staatsrechts die Freiheit des Bürgers im Gegensatze zur Sklaverei, noch später die Befreiung vom Joche der Tyrannei darunter verstanden wurde. So ist auch das Bild der Libertas auf den römischen Familienmünzen das einer schönen und reichgeschmückten Frau, die sich von der Venus nicht sehr unterscheidet, dahingegen unter Brutus und Cassius die Attribute des Dolchs und der Freiheitsmütze (pileus libertatis) hinzutreten. Wo das oft erwähnte Atrium Libertatis der Republik gelegen ist nicht sicher auszumachen Becker S.458 ff., meine Regionen S. 144. Interessant ist die Nachricht von P. Corn. Lentulus, dem Consul d. J. 592 b. C. Gran. Licinian. fragm. ed. Pertz p. 30, derselbe habe im Auftrage des Senats in Campanien Ländereien aufgekauft um daraus Gemeinfeld zu bilden, formamque agrorum in aes incisam ad Libertatis fixam reliquit, quam postea Sulla corrupit. Vermuthlich ist von dem T. auf dem Aventin die Rede. . Es war ein Geschäftslocal des öffentlichen Lebens, wo Gesetze und Bekanntmachungen angeschlagen, die Censoren ihr Bureau und ihr Archiv hatten, Manumissionen vorgenommen, gelegentlich aber auch Verhaftete untergebracht wurden. Außerdem gab es einen eignen T. der Libertas auf dem durch so manche Erinnerungen der communalen Freiheit geweihten Aventin. Er war gestiftet von Ti. Sempronius Gracchus, dem Vater des Siegers bei Benevent, welcher die lustige Feier dieses Siegs, dem so viele Sklaven ihre Freiheit verdankten, mit unverkennbarer Beziehung auf diesen Umstand durch ein Gemälde in jenem Tempel darstellen ließ (Liv. XXIV, 16). Endlich wird noch ein Atrium Libertatis erwähnt, welches Asinius Pollio erbaute oder wieder herstellte und darin die erste öffentliche Bibliothek gründete Becker S. 460. . Es war an den Iden des April dedicirt worden, daher dieser Tag fortan der Libertas und dem Iup. Victor zugleich heilig war (Ovid F. IV, 621). Unter den Kaisern verstand man unter Libertas die Befreiung von dem Joche des Despotismus im Gegensatze zu dem milderen Regiment der besseren Kaiser, daher auch die unter Claudius und Galba geschlagenen Münzen von wiederhergestellter Freiheit 617 reden. Commodus hatte vor dem Senat sein eignes Bild im Costüme des Hercules mit gespanntem Bogen aufgestellt, ein Symbol seiner unermüdlichen Grausamkeit und Gewaltthätigkeit. Nach seiner Ermordung hatte der Senat nichts Eiligeres zu thun als dieses Bild umzustürzen und dafür das der Freiheit aufzustellen (Herod. I, 14). Ferner gehört hieher Spes die Göttin der Hoffnung, zunächst der Hoffnung des Pflanzers und Gärtners, dann die der schwangern Frauen, endlich die der Hoffnung auf eine fruchtbare und gedeihliche Zukunft überhaupt. Ihr Bild wird uns durch die römischen Münzen und andre Bildwerke oft vergegenwärtigt, wie sie mit der L. das Gewand zierlich emporhebend, in der R. eine noch geschlossene oder eben im Aufbrechen begriffene Blüthe tragend leise einherschreitet, wie das Mädchen aus der Fremde, eine rechte Frühlings- und Gartengöttin; auch liegt bei diesen Bildern unverkennbar der alte Typus einer Venus der Gärten zu Grunde Vgl. Gerhard über Venusidole, B. 1845, O. Müller Handb. S. 669 Ausg. 3. Das Relief b. Boissard IV p. 130, vgl. Tibull. I, 1, 9 nec Spes destiluat, sed frugum semper acervos praebeat et pleno pinguia musta lacu. Ueber den T. der Spes s. Becker S. 601. . Wo ihre Bilder einer freieren Auffassung folgen, wie in einem Relief aus Rom, da ist sie doch mit Blumen bekränzt und die Verkünderin einer gesegneten Erndte, auf welche die Aehren und Mohnköpfe in ihrer Hand hinweisen, sammt der Unterschrift, laut welcher ein Pförtner des T. der Venus in den Gärten des Sallust dieser Spes einen Altar weihte. Im Verlaufe des ersten punischen Kriegs wurde ihr ein eigner, später wiederholt erneuerter Tempel am Forum Olitorium gestiftet, vermuthlich mit Rücksicht auf die Gärtner und Pflanzer, welche dort ihr Gemüse feilboten. Außerdem gab es eine Spes vetus vor dem esquilinischen Thore, in der Gegend der Horti Pallantiani d. h. der Porta Maggiore, wo mehrere größere Gärten neben einander lagen und die ganze Vorstadt nach diesem Tempel genannt wurde S. Becker S. 550, meine Regionen S. 131. Auch in Ostia gab es einen T. der Spes, Or. n. 3882. . Im römischen Kalender war der erste August der Spes am f. Olitorium geweiht und der Geburtstag des Kaisers Claudius, welcher deshalb diese Göttin sehr verehrte, daher ihr 618 Bild auf seinen Münzen oft zu sehen ist. Sie war in dieser Zeit schon ganz zur Glücksgöttin im gewöhnlichen Sinne des Worts geworden, welche man an Geburtstagen, Hochzeiten und ähnlichen Veranlassungen anrief, daher sie nicht selten das Füllhorn trägt oder mit der Juventas und der Fortuna zusammen genannt wird Horat. Od. I, 35, 21 von der F. Antias: te Spes et alba Fides colit und die Τύχη εὔελπις oben S. 559. Bilder der Spes in den T. der Pränestinischen Fortuna geweiht, Or. n. 1758, oben S. 562, 1473 . Eine Sacerdos Spei et Salutis Aug. in Gabii Or. n. 2193. Vgl. das Kal. Cuman. XV K. Nov. Eo die Caesar togam virilem sumpsit. Supplicatio Spei et Iuventae. Grut. 1075, 1 Bonae Spei Aug. . Da der Begriff der Hoffnung dadurch in das Gebiet einer unbestimmten Erwartung verschoben wurde, so pflegte man nun auch wohl bei Dedicationen Bonae Spei zu sagen, welche schon Cicero in Catil. II, 11, 25 als gute und ruhige Zuversicht dem Pessimismus und der radicalen Verzweiflung entgegensetzt. Eine andre Personification der Fruchtbarkeit und des positiven Glücks ist Felicitas welche insofern von der Fortuna wohl zu unterscheiden ist. Denn diese ist nur die indifferente Schicksalsgöttin, welche sowohl günstig als leidig sein kann (bona Fortuna, mala Fortuna), jene dagegen ist unter allen Umständen der befruchtende und anhaftende Segen des Glücks, wie dieses schon der Name Felicitas aussagt, welcher mit feo, fetus, fecundus zusammenhängt. So sagte man felices arbores von fruchttragenden Bäumen, felices pueri und puellae von solchen Kindern die aus einer noch blühenden und gesegneten Ehe stammten Paul. p. 92, Macrob. S. III, 20, 2. 3, Serv. V. A. IV, 167, Seneca Controv. I, 2 p. 86 sqq. ed. Bip. , und forderte diese Art von felicitas d. h. bei guter und blühender Abkunft einen schönen und gesunden Leib besonders von allen Priestern, zumal von den Vestalinnen. Auch sagte man in demselben Sinne Venus felix ( S. 394 ), Mercurius felix (auf Münzen des Postumus), Portus Traiani felix von dem Hafen an der Tibermündung, welcher vorzüglich dazu diente den zur See herbeigeführten Kornbedarf für die Stadt zu sammeln und zu speichern; wie die Bäcker und ähnliche Gewerke an ihren Häusern etwa das gewöhnliche fascinum anzubringen und darunter Hic habitat Felicitas zu 619 schreiben pflegten O. Jahn in den Leipz. Berichten 1855 S. 75, Jbb. d. V. v. A. F. im Rheinl. XIII S. 111. . Daher der Zuruf feliciter! beim Mahle, bei Hochzeiten, im Theater und sonst, wie es sich auch in Pompeji unzählige male an die Wand gemalt findet, und die alte Formel des Glückswunsches bei allen festlichen und feierlichen Gelegenheiten, namentlich auch beim neuen Jahre: Quod bonum faustum felix fortunatumque sit oder die von den Consuln häufig gebrauchte Formel: ut ea res mihi magistratuique meo, populo plebique Romano bene atque feliciter eveniat Marini Atti Arv. p. 274 und 581. Faustus hängt mit favere zusammen, fortunatus ist in dem Sinn zu verstehn wie Servius Tullius glücklich war. Horat. Od. IV, 5, 18 bildet das Substantiv faustitas, welches er wie felicitas gebraucht. . Endlich und vor allen ist felix derjenige Mensch mit welchem der Erfolg ist, diese große Gottheit, welche das Urtheil der Menge so oft besticht Iuvenal S. VII, 190 felix et pulcher et acer, felix et sapiens et nobilis et generosus, felix orator quoque maximus et iaculator. , in welchem Sinne sich namentlich Sulla in römischer Sprache felix, in griechischer ἐπαφρόδιτος zu nennen pflegte, weil die Griechen bei solchen Glückskindern gewöhnlich an eine besondre Gunst der Aphrodite dachten Plut. Sulla 34, de fort. Ro. 4. Sulla felix auf Münzen seines Sohns Faustus , dem Sulla selbst diesen Namen gegeben hatte, wie seiner Tochter den Namen Fausta . Vgl. noch Appian b. c. I, 97. 105 und Plin. H. N. VII, 43, 44. Ἐπαφρόδιτος entspricht dem lateinischen Venustus, vgl. Terent. Andr. 1, 5, 10 Adeon hominem esse invenustum aut infelicem quemquam ut ego sum! . Den ersten Tempel der Felicitas soll Lucullus in Rom erbaut haben, der dem Sulla sehr ergeben und von der dämonischen Macht des Glücks so gut wie jener überzeugt war Augustin C. D. IV, 18. 23, vgl. Becker. S. 482. . Er lag im Velabrum und war mit sehr schönen Kunstwerken aus der Beute des Mummius verziert; als beim Triumphe Cäsars die Achse seines Wagens bei diesem Tempel zerbrach, galt das für eine sehr schlechte Vorbedeutung. Ein zweites t. Felicitatis wurde an der Stelle der alten Curia Hostilia erbaut, nachdem Sulla und sein Sohn Faustus diese hergestellt, Cäsar aber den Neubau wieder eingerissen hatte Dio XL, 50, XLIV, 5. . Ferner gab es eine Felicitas im Marsfelde und eine Felicitas publica auf dem Capitol, wo sie wie Salus publica neben den höchsten Göttern angerufen wurde S. das Fragment eines alten Kalenders aus Urbino b. Fabretti inscr. p. 454 und die Acta fr. Arv. t. XV. XVI. XXXVIII. Nach dem Kal. Antiat. wurde der Felicitas in Capitolio am 1. Juli geopfert, nach dem Kal. Amitern. am 9. Oct. dem Genius Publicus, der Fausta Felicitas und der Venus Victrix in Capitolio. . Auf den Münzen der 620 Lollia sieht man ihren Kopf mit hoher Stirnbinde, auf andern Münzen führt sie als Attribute das Füllhorn und den Caduceus. Unter den Kaisern ist viel von der felicitas Augusti oder der einzelnen Kaiser die Rede, auch von der felicitas temporum und der felicitas seculi, welche unter verschiedenen Bildern allegorisch dargestellt wurden. Auch von der Laetitia temporum und von der Jucunditas reden und dichten diese späteren Zeiten gerne, während die Fruchtbarkeit der Kaiserinnen durch Gebete zur Fecunditas verherrlicht zu werden pflegte Felicitas Tiberi auf dem neuerdings gefundnen Schwerdte, vgl. Sueton Tib. 5 Tiberium quidam Fundis natum existimant, – quod mox simulacrum Felicitatis ex S. C. publicatum ibi sit. Schon auf der ara Augusti von Narbonne b. Or. n. 2489 heißt es vom Geburtstage des August: VIIII K. Octobr. qua die eum seculi felicitas orbi terrarum rectorem edidit. Supplicationes templumque Fecunditati (decretum) auf Veranlassung der Niederkunft der Poppaea b. Tacit. Ann. XV, 23. Unter M. Aurel wird die Fruchtbarkeit der liederlichen Faustina iun. durch Münzen mit der Inschrift Fecunditas Augustae und dem Bilde des Kindersegens gefeiert. . Der Felicitas nahe verwandt ist Bonus Eventus eigentlich eine ländliche Gottheit, denn eventus ist speciell das gute Gedeihen und Aufgehen der Feldfrucht So das Opfer des Octoberpferdes ob frugum eventum ( S. 323 ) und das Gebet bei den Ambarvalien nach Cato r. r. 141 utique tu fruges, frumenta, vineta virgultaque grandire beneque evenire sinas. Daher Bonus Eventus unter den ländlichen Gottheiten b. Varro I, 1, 6 oben S. 60, 66 . . In allgemeinerer Bedeutung aber bringt er jede günstige Fügung und Wendung des Lebens und des Geschicks, daher die so oft wiederholte Formel: Quod bene eveniat, während das Wort eventus allein wie fortuna den indifferenten Sinn jeder Schicksalsfügung hat, auch der traurigen, selbst des Todes Vgl. die Inschriften b. Fabretti p. 409, Marini Atti p. 236, wo in der Grabschrift eines früh verstorbenen Kindes dieses zur Mutter sagt: Nolite dolere parentes, eventum meum properavit aetas, hoc dedit fatum mihi. . In der griechischen Vorstellung entspricht dem Bonus Eventus der gute Dämon, ἀγαϑὸς δαίμων, eigentlich auch ein Genius des ländlichen Segens; daher das Bild dieses griechischen Dämons auf den römischen 621 übertragen wurde Die Attribute sind in der R. eine Schale, in der L. Aehren und Mohn, s. Plin. XXXV, 8, 19, XXXVI, 5, 4. Eben so auf Münzen des Galba und Titus mit der Inschr. Bon. Event. . Mit der Zeit scheint dieser Gott in der allgemeinen Bedeutung eines freundlichen Geschicks noch mehr zu Ehren gekommen zu sein, da es später in Rom in der Nähe des Pantheon sogar einen eignen Tempel und eine Halle Eventus Boni gab Ammian Marc. XXIX, 6, 19. Vgl. Or. n. 907 und 1780 ff. . Auch wird er oft in Dedicationstiteln genannt, namentlich mit dem Wunsche eines glücklichen Ausgangs der Unternehmungen, Reisen u. s. w. der Kaiser. Endlich mag sich hier anschließen die Personification der für Rom, namentlich das kaiserliche, so überaus wichtigen Annona d. h. des jährlichen Kornvorraths auf dem Markte und der davon abhängigen Kornpreise Cato b. Gell. N. A. II, 28 Non lubet scribere quod in tabula apud Pontificem Max. est, quotiens annona cara, quotiens lunae aut solis lumini caligo aut quid obstiterit. Vgl. Plin. H. N. XVIII, 3, 4. . In älterer Zeit reichte die Production Italiens hin um Rom zu versorgen: ja die Preise sollen damals unglaublich gering gewesen sein. In außerordentlichen Fällen wurde ein eigner praefectus annonae ernannt, in welchem Amte namentlich L. Minucius Augurinus bald nach den Zeiten der Decemvirn sich um die Plebs sehr verdient gemacht hatte, daher ihm dieselbe vor der p. Trigemina ein Ehrendenkmal stiftete. Es war eine Statue auf einer aus Getreidescheffeln zusammengesetzten Säule, die man auf den Münzen der Minucier abgebildet sieht, welches Geschlecht an dem Ruhme seines Vorfahren festhaltend auch später einen gemeinnützigen Sinn zeigte. So erbaute M. Minucius Rufus, welcher im J. 110 v. Chr. Consul war, in derselben Gegend eigne Hallen zur Aufspeicherung und Vertheilung des Getreides, welche unter dem Namen der porticus Minuciae auch unter den Kaisern oft erwähnt werden. Und mit diesem von Hallen umgebenen und unter den Schutz einer eignen Ortsgottheit gestellten Platze mag auch die Minucia porta und das sacellum Minucii zusammenhängen Paul. p. 122 Minutia porta Romae est dicta ab ara Minuti, quem deum putabant. Ib. p. 147 Minucia porta appellata est eo quod proxima esset sacello Minucii. Vgl. Becker S. 164 und meine Reg. S. 168. , welcher letztere vermuthlich der genius loci dieser wichtigen Getreidehallen war, wie anders 622 wo ein Genius fori Vinarii, ein Genius conservator Horreorum Galbianorum u. dgl. m. erwähnt werden. Mit der Zeit wurde dann die Kornzufuhr zur See immer wichtiger, daher Pompejus dadurch daß er das Meer von den Seeräubern reinigte und jene Zufuhr von neuem regelte noch in den Zeiten Trajans neben diesem als Wohlthäter genannt wurde. Darauf erfolgten die von einer Generation zur andern aufgeschobenen, zuletzt ganz unerläßlich gewordenen Bauten und Restaurationen an der Tibermündung, namentlich die des Claudius (dessen Verdienste um den Hafen und die Annona sich Nero aneignete) und Trajan, durch welche für die Bedürfnisse und somit auch für die Ruhe der großen Stadt hinlänglich gesorgt wurde S. meinen Aufsatz in den Leipz. Berichten 1849 S. 8 ff., 27 ff., 146 und die Münzen Neros mit der Inschrift Annona Augusti, Ceres . Vgl. das Schreiben Aurelians an den Praef. Annonae in Rom bei Fl. Vopisc. 47 Neque enim populo Romano saturo quicquam potest esse laetius. Personification der Fames b. Ovid Met. VIII, 799 ff. . Seitdem erscheint auch die Personification der Annona nicht selten auf Münzen und andern Denkmälern, mit und ohne Ceres, meist wird sie durch das Füllhorn und ein neben ihr stehendes Getreidemaaß characterisirt Brunn in den Annali dell' Inst. Arch. 1849 p. 135 sqq. . Die meiste Zufuhr kam in diesen Zeiten aus Africa d. h. aus Numidien über Karthago und andere Seeplätze und aus Aegypten über Alexandrien, daher auch in diesen Städten in Bildern und Denkmälern der Annona Urbis gedacht wurde Vgl. die Inschrift aus Rusicada, einem Hafenorte Numidiens, bei L. Renier Inscr. de l'Alg. I n. 2174 statuas duas, Genium patriae nostrae et Annonam Sacrae Urbis , sua pecunia posuit, und die aus Rom b. Or. n. 1810 Annonae Sanctae etc. Die Alexandriner pflegten darauf zu trumpfen, daß Rom ohne sie gar nicht bestehen könne, quodque in suo flumine, in suis navibus vel abundantia nostra vel fames esset , Plin. Panegyr. 31, vgl. oben S. 513, 1322 . . Auf den römischen Denkmälern war sonst auch die Copia (daher cornu Copiae), Abundantia und ihr entsprechend die Liberalitas der Kaiser eine sehr gewöhnliche Figur. e. Virtutes. Cicero macht aus den consecrirten Tugenden eine eigne Abtheilung der Götterwelt ( S. 64 ), so geläufig war seiner Zeit diese Art von Personification geworden. Indessen kann unter den von ihm erwähnten nur die Fides für alt gelten, und auch diese nicht 623 als Tugend im gewöhnlichen Sinne des Worts, sondern als eine sittliche, aus dem Dienste des Jupiter abstrahirte Macht, auf welcher alle Zuverlässigkeit im öffentlichen und bürgerlichen Verkehre beruhte ( S. 224 ). Nicht viel anders verhält es sich mit der Concordia, Pudicitia und Mens, welche zum Theil nachweisbar zum Theil wahrscheinlich aus den Culten der Venus, der Juno, der Fortuna abstrahirt sind, bis endlich nach solchen Vorbildern auch dieser Trieb der Consecration immer freier und eigenmächtiger schaltete, namentlich in den Zeiten der griechischen Bildung und unter den Kaisern. Eine der ältesten Gestalten ist die der Concordia d. h. der Eintracht zwischen den Bürgern, den Mitgliedern eines Geschlechts, einer Familie u. s. w. Im Verlaufe der Republik ist sie meist politisch gemeint, als gute Eintracht der Stände, deren Zwietracht den Staat so oft in die äußerste Gefahr brachte; daher sie der Venus Cloacina nahe steht und ursprünglich wohl nur eine Nebenform jener conciliatorischen Venus war, welche wir S. 383 bei den Latinern und in Rom nachgewiesen haben. Wiederholt wird nach bedeutenden Krisen, wenn sich die Stände endlich wieder versöhnt haben, der Concordia ein Heiligthum gestiftet: zuerst von Camill nachdem im J. 387 d. St., 367 v. Chr. durch die Licinischen Gesetze ein neuer Boden der Verfassung gewonnen und das gute Vernehmen wiederhergestellt war. Höchst wahrscheinlich lag dieser Tempel da wo noch jetzt die Ruine der Concordia zu sehen ist, gleich hinter dem Bogen des Septimius Severus, wo er nachmals von Tiberius von neuem erbaut wurde Ovid F. I, 641 ff., Plut. Camill. 42, Becker S. 311. . Weiter wurde wieder nach einer bedeutenden Verfassungskrise von dem merkwürdigen Parvenu dieser Jahre, dem Aedilen Q. Flavius ( S. 143 ) auf der area Vulcani, also gleich über dem Comitium, eine kleine Capelle der Concordia geweiht, welche den sehr erbitterten hohen Adel der Stadt dem Volke wiedergewinnen sollte Liv. IX, 46, Plin. XXXIII, 1, 6, oben S. 528 . . Ferner erbaute der Consul Opimius, der Sieger über C. Gracchus, im Auftrage des Senats im J. 121 v. Chr. einen dritten T. der Concordia, welcher vermuthlich mit der gleichfalls von ihm erbauten Basilica Opimia zusammenhing Appian b. c. l, 26, Plut. C. Gracch. 17, Varro l. l. V, 156 Senaculum supra Graecostasim, ubi aedis Concordiae et basilica Opimia. Vgl. Augustin C. D. III, 25. . Endlich 624 gab es auch auf der Burg (in Arce) einen T. der Eintracht, der zu Anfang des zweiten punischen Kriegs auf Veranlassung einer glücklich beigelegten Meuterei im Heere gestiftet wurde Liv. XXII, 33, Fast. Praen. Non. Febr. Kurz vor dem Tode Cäsars wurde ein T. der von ihm hergestellten Eintracht und ein jährliches Fest derselben beschlossen, doch kam der Beschluß nicht mehr zur Ausführung, Dio XLIV, 4. . Der Stiftungstag dieser Concordia in Arce war der 5. Febr., der der Concordia des Camillus dagegen wahrscheinlich der 16. Jan., an welchem Tage wenigstens Tiberius seinen neuen Tempel einweihte. Außerdem wurde die Göttin der Eintracht bei dem Familienfeste der Caristien im Februar ( S. 485 ) und am 1. April, dem Tage der Venus und der Fortuna Virilis, von den verheiratheten Frauen angerufen, in diesen Kreisen also als das gute Princip des Familienlebens. Auch betete man zu ihr am 30. März, dem Tage der Pax, wo man sie neben dieser und dem Janus und der Salus (Ovid F. III, 881), lauter begriffsverwandten Gottheiten anrief. Einen andern Character nahm dann freilich auch diese Göttin unter den Kaisern an, da sie fortan meist als Augusta auftrat d. h. dem persönlichen Interesse des Kaisers und der kaiserlichen Familie untergeordnet wurde. Schon Livia, die Gemahlin des August, stiftete mit Beziehung auf diese Ehe, obschon sie den Frieden in seinem Hause untergrub, ein neues Heiligthum der Concordia, welches auf dem Platze der Porticus Livia lag und am 11. Juni seinen Stiftungstag feierte (Ovid F. VI, 631). Auch war es Livia, welche jenen alten T. der Concordia beim Bogen des Severus unter dem Namen einer Concordia Augusta wiederherstellte, obwohl sie die Einweihung ihrem Erstgebornen Tiberius überließ, welcher dieselbe am 16. Jan. des J. 10 n. Chr. vor seinem letzten Feldzuge am Rhein in seinem und seines verstorbnen Bruders Drusus Namen vollzog S. Fast. Praen., Ovid F. I, 637 ff., Sueton Tib. 20, Dio LV, 8. Auch die Inschriften erwähnen dieses Tempels oft, s. Or. n. 25. 26. 1811. 1812. 2442 u. a. . Das sonst sehr einfache und würdige Bild der Concordia, deren Kopf auf älteren Münzen mit einem hohen Diadem und einem dichten Schleier versehen ist, war in diesem mit vielen kostbaren Kunstwerken verzierten Tempel mit Lorbeer bekränzt Ovid F. VI, 91 Venit Apollinea longas Concordia lauro nexa comas, placidi numen opusque ducis. Vgl. das Bild der Concordia auf den M. der Vinicia, wo sie gleichfalls einen Lorbeerkranz trägt und mit Halsband und Ohrenschmuck versehn ist, wahrend der ältere Kopf auf den M. der Aemilii Lepidi noch ganz einfach und strenge ist. , eine Beziehung auf die Siege der beiden Söhne der 625 Livia, welche der nicht weit davon am Eingange des Capitolinischen Clivus gelegene Triumphbogen des Tiberius noch weiter ausführte. Später ist Concordia nicht selten ein Bild der ehelichen Eintracht und des ehelichen Segens im kaiserlichen Hause z. B. auf verschiednen unter Antoninus Pius, M. Aurel und Commodus geschlagenen Münzen Verbundne Hände und die zärtliche Taube (Horat. Ep. I, 10, 4) dienen als Symbol der Eintracht, während Concordia selbst, behaglich dasitzend und auf ein Bild der Spes Augusta gelehnt, auf den zu hoffenden Segen deutet. Vgl. Gerhard Venusidole t. VI S. 11 ff. . Oder es wurde auch wohl die Eintracht der kaiserlichen Brüder gefeiert, wie die zwischen den sich aufs Blut hassenden Söhnen des Septimius Severus, Geta und Caracalla, bei welcher Gelegenheit Concordia das ihr vom Senat zugedachte Opfer selbst vereitelte (Dio LXXVII, 1). Endlich wurde Concordia auch außerhalb Roms viel verehrt, entweder in demselben Sinne einer die verschiedenen Elemente des bürgerlichen Lebens verbindenden Kraft oder wie die hellenistische Ὁμόνοια d. h. als Eintracht verschiedner durch Religion und Vertrag verbundener Städte L Renier Inscr. de l'Alg. I n. 1868 Concordiae coloniarum Cirtensium. n. 1522 Concordiae Populi et Ordinis, quod sumtus reip. manibus copiisque relevaverint. Or. 151 Concordiae Agrigentinorum S. Vgl. Mommsen I. N. n. 4221. 4455. . Eine freiere Abstraction ist Pietas die Göttin der natürlichen Hingebung in dem Pflichtverhältnisse zwischen Göttern und Menschen, zwischen Eltern und Kindern und Blutsverwandten überhaupt, dem Vaterlande und seinen Söhnen. Einen eignen Tempel hatte diese Tugend am forum Olitorium, wo später das Theater des Marcell erbaut wurde, in welchem die bekannte Geschichte als Veranlassung erzählt wurde. Ein armes junges Weib aus dem Volke, die ein Kind an der Brust hatte, habe einen Vater gehabt (nach Andern war es die Mutter), welcher wegen eines Verbrechens zum Tode verurtheilt in strenger Haft gehalten wurde. Vergebens versucht sie dem Vater Nahrungsmittel zuzuführen, doch läßt man sie endlich zu ihm, worauf der Gefängnißwärter sie eines Tages überrascht, wie sie den Hunger des Vaters mit ihrer Brust stillt: ein so 626 rührendes Beispiel der Pietät, daß man beiden das Leben schenkt und auf derselben Stelle jenen Tempel zu erbauen beschließt. Eine jener wandernden Geschichten, die an mehr als einer Stelle als Ortslegenden auftreten, wie man denn in Athen dieselbe Geschichte erzählte und hier den Vater Mykon nannte, dessen Name in der Ueberlieferung mit dem berühmteren Kimon vertauscht wurde Fest. p. 209 pietati , Liv. XL, 34, Plin. VII, 36, 36, Val. Max. II, 5, 1, V, 4, 7 u. a. Hygin. f. 254 Xanthippe Myconi patri incluso carceri lacte suo alimentum vitae praestitit. . In Wahrheit war jener Tempel durch M. Acilius Glabrio in der Schlacht bei den Thermopylen vom J. 191 v. Chr. gelobt worden, worauf ihn dessen Sohn gleiches Namens einweihte. Außerdem wird noch eine Pietas beim Flaminischen Circus erwähnt, wo am 1. Dec. geopfert wurde Kal. Amitern. Iul. Obseq. 54 (114). . Als im J. 22 n. Chr. Livia bedenklich erkrankte, machte Tiberius ihr zu Ehren allerlei Anstalten, welche vom Senate durch eine Stiftung zu Ehren der Pietas Augusta verherrlicht wurden Eckhel D. N. VI p. 150. Pietas Iulia d. i. Pola in Istrien. Später bezieht sich die Pietas Augusta auch wohl auf die Stiftungen zu Gunsten armer und verwaister Kinder, welche seit Nerva und Trajan oft gemacht wurden. Alte Ara der Pietas in den Mon. d. Inst. IV t. 36. Pietati et Genio Inferum auf einer Grabschrift Or. n. 1726. 4577. , daher diese Göttin auch auf den Münzen dieser Jahre oft erscheint, ein ernstes Frauenbild mit Schleier und Diadem. Sonst ist der Storch das Symbol dieser Tugend P. Syrus b. Petron. 55 Ciconia etiam grata, peregrina, hospita, pietaticultrix, gracilipes, crotalistria. Vgl. die Münzen b. Riccio t. 4, 5; 52, 1. 2. , Aeneas aber, der seinen Vater und die Penaten aus dem Brande rettende, das mythologische, Antoninus Pius wegen seiner Dankbarkeit gegen Hadrian das geschichtliche Beispiel der Pietät. Weiter die weibliche Tugend der Pudicitia welche das Weib in demselben Maaße ziert wie die Tapferkeit, virtus, den Mann Liv. X, 23 Hanc ego aram Pudicitiae plebeiae dedico vosque hortor ut quod certamen virtutis inter viros in hac civitate tenet, hoc pudicitiae inter matronas sit. . Eine alte Capelle der Pudicitia patricia, wo die Matronen patricischer Abkunft opferten, gab es auf dem Forum Boarium. Einige hielten sie für identisch mit der 627 dortigen Fortuna, welche gleichfalls speciell die Frauen anging, so daß diese Capelle wohl in ihrem Tempel zu suchen ist Liv. l. c, Fest. p. 242 Pudicitiae signum. Vgl. oben S. 554 . . Ein in den Kreisen der römischen Damenwelt ausgebrochener Streit, welcher zur Characteristik der ständischen Leidenschaften in den älteren Zeiten der Republik dient, hat uns das Andenken an diese Stiftung erhalten. Aus einem alten patricischen Hause, dem der Virginii, war eine Tochter an den plebejischen Consul des J. 458 d. St., 296 v. Chr. L. Volumnius verheirathet. Solche Mischehen waren nicht weniger verhaßt als die vielen Rechte und Freiheiten, welche sich die Plebs in jenen Jahren errungen hatte: also wollten die hochedelgebornen Damen der Virginia nicht mehr den Zutritt zu jenem Gottesdienste erlauben. Umsonst bewies sie daß sie allen Bedingungen desselben genüge d. h. daß sie immer keusch gewesen und demselben Manne noch vermählt sei, dem sie als Jungfrau in sein Haus gefolgt war, welches durch bürgerliche Ehren und das Gedächtniß rühmlicher Thaten viele alte Häuser verdunkelt hatte Immer ist Jungfräulichkeit und unbescholtene Sitte vor der Ehe, Monogamie während derselben d. h. die erste und einzige Ehe das wesentliche Merkmal der römischen pudicitia, s. Liv. l. c, Tertullian de exhort. castit. 13 Denique monogamia apud ethnicos ita in summo honore est, ut virginibus nubentibus univira pronuba adhibeatur etc. Vgl. de Monog. 17. . So kam sie zuletzt zu dem Entschluß eine neue Capelle der Pudicitia plebeia in ihrem eignen Hause in der langen Gasse (in vico longo) zu stiften, d. h. denselben Gottesdienst unter denselben Bedingungen der Theilnahme für die Matronen plebejischer Abkunft. Beide Culte geriethen zuletzt in Vergessenheit, in einer Zeit als die römischen Frauen und Jungfrauen sich weder von der Sitte noch von sonst einer Regel des Anstandes beherrschen lassen wollten: welchen Verfall der pudicitia die Kundigen seit dem J. 154 v. Chr. datirten, als über dem Haupte des Jupiter im Capitolinischen Tempel zuerst eine Palme emporgewachsen war und den Triumph über den macedonischen König Perseus vorbedeutet hatte, an derselben Stelle aber bald darauf ein Feigenbaum, das Symbol der Unkeuschheit, sich einnistete Plin. XVII, 25, 38, vgl. Propert. II, 6, 25. Eine sodalitas pudicitiae servandae wird erwähnt in dem Bruchstück einer Inschrift bei Fabr. p. 462. . Nachmals pflegte man der Livia, die sich gerne an die Spitze der römischen Damenwelt gestellt sah, und andern Kaiserinnen, wenn es ihr Lebenswandel anders 628 erlaubte, das Compliment der pudicitia zu machen Val. Max. VI, 1, 1, vgl. die Ara Pudicitiae zu Ehren der Plotina b. Eckhel D. N. VI p. 465 und dens. ib. p. 507. . Das Bild dieser Tugend ist das einer verschleierten Dame, die ihre Rechte in ihrem Kleide verbirgt. Weiter die Mens schwerlich ein so abstracter Begriff, wie man gewöhnlich annimmt, sondern wahrscheinlich eine Nebenform der Venus Erycina, mit welcher zugleich ihr auf Geheiß der sibyllinischen Bücher im J. 217 v. Chr. ein Tempel auf dem Capitol gestiftet wurde Liv. XXII, 10, XXIII, 31, Ovid F. VI, 241 ff. Vgl. oben S. 391 . . Beide Tempel lagen neben einander und wir wissen daß Venus auch als Mimnernia oder Meminia verehrt wurde. Die erycinische Venus ist die himmlische, welcher man außer ihren natürlichen Eigenschaften auch manche geistige zuschrieb, daher sie in verschiedenen Beziehungen der Minerva nahe stand. Bei jener Stiftung, als deren Tag der 8. Juni gefeiert wurde, meinte man freilich wohl nur einfach die Göttin der Besinnung und Besonnenheit, denn es waren die kritischen Zeiten nach der Schlacht am Trasimenus. Später in den gleich gefährlichen Tagen der Cimbrischen Schlachten soll M. Aemilius Scaurus eine ähnliche Stiftung gemacht haben, in einer Zeit da schon die Aufklärung und die Phrase das Wort führte, daher man damals von solchen abstracten Göttern und Göttinnen viel Wesens machte, wie Plutarch sagt de Fort. Ro. 5. 10. Sonst heißt diese Göttin, besonders als Personification einer loyalen Gesinnung, auch im politischen Sinne des Worts, gewöhnlich Mens Bona, unter welchem Namen ihr in und außerhalb Rom nicht selten Statuen und Altäre geweiht wurden, auch wohl neben der Fides und andern begriffsverwandten Gottheiten, zumal wenn nach einer Periode der Aufregung wieder Ruhe und Besinnung eingetreten war S. die Inschriften b. Or. n. 1818–20, Mommsen I. N. n. 5611, und besonders die aus Lyon b. Or. n. 922, Boissieu Inscr. de Lyon p. 65 Bonae Menti ac Reduci Fortunae redhibita et suscepta provincia etc. d. h. nachdem die Provinz nach längerer Unruhe wieder zur Ruhe und Ordnung zurückgekehrt war. Vgl. Prop. III, 24, 19 Mens bona, si qua dea es, tua me in sacraria dono. Ovid Amor. I, 2, 31 Mens bona ducetur manibus post terga retortis. Pers. S. II, 8 Mens bona, fama, fides. Petron. S. 61 Postquam omnes bonam mentem bonamque valetudinem sibi optarunt. Seneca Ep. 10, 4 roga bonam mentem, bonam valetudinem animi, deinde corporis. Eine M. des Pertinax ist dedicirt Menti Laudandae , Eckhel D. N. VII p. 142. . Der Gegensatz ist Mens Laeva oder Mala, welche 629 der griechischen Ate entspricht Virg. Aen. II, 54, vgl. die Anecdote b. Seneca de Benef. III, 27. . Ferner die specielleren Tugenden der Aequitas d. h. der Billigkeit, welche schon Aristoteles höher stellte als die nach dem Buchstaben des Gesetzes entscheidende Gerechtigkeit. Und wirklich scheint sie auch bei den Römern mehr gegolten zu haben als die Iustitia , deren schöner Kopf uns nur auf den Münzen des finstern Tiberius begegnet, dahingegen die Aequitas in Rom und Italien oft verehrt und im Bilde dargestellt worden zu sein scheint. So ist neuerdings die in grammatischer Hinsicht merkwürdige Inschrift Aecetiai Pocolom auf einer Schale aus Vulci zur Sprache gekommen, in welcher man eine ältere oder provincielle Form für Aequitatis poculum erkannt hat Ritschl de fictil. litter. Latin. antiquiss. Berol. 1853. Aecetia steht zunächst für aequitia d. i. aequitas, wie duritia oder durities f. duritas, planitia oder planities f. planitas u. s. w., vgl. nequitia von nequus d. i. ne–aequus. In der Form aecetia ist das gewöhnliche i der zweiten Silbe mit e vertauscht, vgl. mereto, soledas, oppedeis u. dgl. C aber steht für qu, wie curis f. quiris, cum f. quom u. s. w., vgl. oben S. 597, 1601 . . Außerdem wird Aequitas als Göttin genannt von Arnob. IV, 1 und ein Bild von ihr in den T. der Pränestinischen Fortuna geweiht b. Grut. 76, 3. Endlich ist auf den Münzen der Kaiser oft von der Aequitas publica die Rede und zwar mit specieller Beziehung auf die vom Kaiser und dem Senate geprägten Münzen, welche nichts desto weniger immer schlechter wurden. Das gewöhnliche Symbol der Aequitas ist die geöffnete linke Hand welche weil ungeschickter, deshalb auch ehrlicher zu sein schien als die rechte. Auch erscheint sie oft mit der Wage in der Hand, welches Attribut von ihr auf die Personification der Moneta übergegangen ist, also sich speciell auf das Gewicht der Münzen bezog. Dieser Tugend nahe verwandt ist die Clementia die hervorstechende Tugend Cäsars, daher man ihm und der Clementia, wie sie sich gegenseitig die Hände reichten, 630 ein gemeinschaftliches Heiligthum stiftete Appian b. c. II, 106, Dio XLIV, 6, Vell. Pat. II, 56, Plin. H. N. II, 7, 5, VII, 25, 26, vgl. die M. des P. Sepullius Macer mit der Inschrift Clementiae Caesaris . . Gleich nach seinem Tode hieß es, er habe sich diesen durch seine Milde zugezogen, später er sei darüber zum Gott geworden Cic. ad Att. XIV, 22 vgl. den Brief des M. Aurel b. Vulcat. Gallic. Avid. Cass. 11. . Einen um so widerwärtigeren Eindruck macht es, wenn man nachmals auch den hartherzigsten Tyrannen, einem Tiberius und Caligula, mit gleichem Lobe huldigte Tacit. Ann. IV, 74 aram Clementiae, aram Amicitiae effigiesque circum Caesaris ac Seiani censuere. Vgl. Dio LIX, 16. Bei Tacit. Ann. I, 14 wird eine ara Adoptionis erwähnt, III, 18 eine ara Ultionis. . Noch andre Tugenden der Art, d. h. solche die man an den Kaisern vergötterte, sind die Constantia , welche auf den Münzen des Claudius erscheint, dessen Imbecillität man dadurch zur Characterstärke stempelte, eine sitzende Frau, die ihre rechte Hand auf den Mund legt, weil das Schweigen und Verschweigen von jeher für das Merkmal eines kräftigen Characters gegolten hat, ferner die Liberalitas und Indulgentia , die Freigebigkeit und Gnade, diese letztere schon ein Symptom des Despotismus Vgl. die Inschrift aus Cirta b. Renier Inscr. de l'Alg. I n. 1835 M. Caecilius Q. f. – praeter statuam aeream Securitatis Saeculi et aediculam tetrastylam cum statua aerea Indulgentiae Domini Nostri , quas in honore aedilitatis et triumviratus posuit et ludos scaenicos diebus septem, quos cum missilibus per quatuor colonias edidit, arcum triumphalem cum statua aerea Virtutis Domini N . Antonini Aug., quem ab honorern quinquennalitatis pollicitus est, eodem anno sua pecunia extruxit. . Endlich die Providentia durch welches Wort bald die göttliche Vorsehung bald die menschliche Vorsicht und Fürsorge bezeichnet wird, beides zum Lobe der Kaiser. Bald ist nehmlich von der Providentia Deorum in dem Sinne der Vorsehung die Rede welche den Kaisern die Herrschaft verliehen, indem sie ihnen das Scepter oder die Weltkugel überreicht oder durch einen Adler aus der Höhe sendet, so daß man diese Idee etwa in die Kaiser von Gottes Gnaden nach unserm Sprachgebrauch übersetzen könnte. Bald ist es die Providentia Augusta oder Augustorum oder auch die einzelner Kaiser z. B. Divi Caesaris, Ti. Caesaris, Divi Titi u. A., 631 welche durch Münzen, Inschriften und andre Denkmäler gefeiert wird, in welchen Fällen also die Fürsorge der noch regierenden oder schon consecrirten Kaiser für Rom und die Römer durch ein weises oder strenges Regiment oder auch ganz materiell durch Zufuhr von Getreide u. dgl. zu verstehen ist Plin. Panegyr. 10 Iam te Providentia Deorum primum in locum provexerat. Vgl. Marini Att. Arv. p. 41 und 80, Eckhel D. N. VI p. 507, VII p. 144, VIII p. 10 u. 24, Or. n. 689. 1826. 5822. . 632 Eilfter Abschnitt. Halbgötter und Heroen. Eine Heldensage und einen Heroendienst im Sinne der griechischen darf man in dem alten Italien nicht suchen. Diese Erscheinungen hängen aufs engste mit dem epischen Gesange und der epischen Dichtung zusammen, wozu es dort nun einmal nicht gekommen ist. Wohl aber wirkte auch hier das Bedürfniß eines übernatürlichen Anfangs der Geschichte, wo die Götter wie Menschen auf der Erde leben und als Könige über die Völker herrschen, wie wir einen solchen Glauben in den Fabeln vom Janus, Saturnus, Faunus wirklich nachweisen konnten; obwohl auch diese in dem Lichte einer patriarchalisch ruhigen und friedlichen, keineswegs einer kriegerisch und episch bewegten Vorzeit erscheinen. Dazu kam der Glaube an die Semonen und Indigeten, an die Genien und Laren, lauter halbgöttliche halbmenschliche Wesen, welche sich zur Ausfüllung einer mythischen Vorgeschichte der Nation wohl geeignet hätten. Aber überall fehlt jenes ästhetische Bedürfniß, jener poetische Trieb der Verdichtung und Localisirung solcher Fabeln, welcher allein zum Epos führen konnte, überall sind solche Züge der Landessage und des volksthümlichen Gesanges auf der Stufe der Mährchendichtung stehen geblieben, welche wohl auf einen poetischen Trieb im Volke schließen läßt, aber durch die priesterlichen und praktischen Bestrebungen der höheren Stände und des früh entwickelten Staatslebens, auch wohl durch den Zudrang ausländischer Bildung in ihrer weiteren Entwicklung gestört wurde. Also können hier auch nur wenige eigenthümliche und nationale Gestalten zur Sprache kommen, der sabinische Semo Sancus und der latinische Hercules, 633 welcher letztere seinen Namen und die mythische Einkleidung schon von dem griechischen Heroen erborgt hat, endlich die älteren, gleichfalls sehr entstellten Züge der Aeneas- und der Romulussage. Alles Uebrige ist griechischen Ursprungs, die Castoren als ideale Vorbilder der Ritterschaft, Diomedes, Ulysses, Telephus, Aeneas und Antenor als älteste Ansiedler des südlichen, mittleren und nördlichen Italiens: wie diese Fabeln, die letzten Nachklänge der griechischen Nostendichtung, durch die in Campanien, Großgriechenland und Sicilien angesiedelten Griechen sich allmälich verbreitet und durch Verschmelzung gleichartiger Sacra zuerst einen festen Boden gewonnen hatten, darauf zum Bedürfniß der conventionellen Geschichtsüberlieferung geworden waren. Allerdings ist sehr vieles Alte und Einheimische gewiß verloren gegangen. Rom war nach seiner ganzen Art und im Drange der Umstände viel zu lange und viel zu sehr mit Thaten beschäftigt, um der Erinnerungen seiner eignen Vorzeit, geschweige denn der andern italischen Völker, mit Worten und Erzählungen pflegen zu mögen Vgl. die Parallele zwischen Griechen und Römern bei Virgil Aen. VI, 847 ff., Horat. A. P. 323 ff, Sallust Catil. 8. . Könnten wir nach andern Quellen als den römischen über die Sabiner und Samniter, Alba Longa und die Latiner urtheilen, so würde freilich auch die italische Sagengeschichte eine ganz andre Gestalt haben. 1. Semo Sancus oder Dius Fidius. Unter diesen Namen ward bei den Sabinern, Umbrern und Römern ein Wesen verehrt, welches dem Jupiter in der Bedeutung des himmlischen Lichtgottes, wie derselbe sich in Rom vorzüglich in dem Institute der Fetialen und andern Zügen eines alterthümlichen Gottesdienstes darstellt, sehr nahe gestanden haben muß. Der Name Dius Fidius ist durch sich selbst klar. Dius ist desselben Stammes wie Diovis, dies, dialis u. s. w. und kann in dieser Verbindung, da Dius Fidius nicht für einen Gott, sondern nur für einen Genius, nach griechischer Vorstellung für einen Heros galt Paul. p. 74 Dium quod sub coelo est extra tectum ab Iove dicebatur et Dialis flamen et Dius heroum aliquis ab Iove genus ducens. Dabei scheint die falsche Etymologie des Aelius Stilo u. A. zu Grunde zu liegen, welche Dius Fidius durch Diovis filius (d wie oft für l) erklärten, s. Varro l. l. V, 66, Paul. p. 147 Medius fidius, Placid. gl. p. 353. Doch darf daraus und aus der Vergleichung mit Hercules wenigstens gefolgert werden, daß er nur für einen Halbgott galt. , nichts Anderes bedeuten als einen das Wesen des Diovis 634 oder Diespiter in irdischen Kreisen darstellenden Halbgott, der auf Recht und Ordnung sieht, besonders im menschlichen und internationalen Verkehr der Eidschwüre und Verträge, der Ehe und Gastfreundschaft; denn Fidius hängt jedenfalls zusammen mit fido, fides, foedus in dem S. 168 , 218  ff. und 224 entwickelten Ideenzusammenhange. Von dem Begriffe des Semo ist S. 79 die Rede gewesen, wo wir denselben gleichfalls durch den entsprechenden Begriff des Genius zu erklären suchten. Sancus oder Sangus, denn beide Formen waren gebräuchlich, hängt mit dem lateinischen sancio und sanctus zusammen, obwohl der alte Stammbegriff der Wurzel allgemeiner gewesen sein und der Naturempfindung näher gestanden haben mag, wahrscheinlich so daß Semo Sancus dasselbe bedeutete was Dius Fidius, ein dem Himmel entstammendes Wesen der Heiligkeit und der Treue Auch das Wort sagmina im Gebrauche der Fetialen hängt mit sancire zusammen, s. oben S. 219, 425 . Nach Io Lyd. de mens. IV, 58 bedeutete Sancus in der sabinischen Sprache den Himmel d. h. i. q. Dius. Es scheint daß man auch Sangus, us declinirte, wie Ianus, us, vgl. Liv. VIII, 20, XXXII, 1, Fest. p. 241 a 2. Später sagte man gewöhnlich Sanctus für Sancus, vgl. Propert. IV, 9, 73 Hunc – Sanctum Tatiae composuere Cures. . Wir haben wiederholt gesehn daß solche Vorstellungen und diese tiefe Innigkeit einer alten Religion des Lichtes bei den Sabinern vorzüglich zu Hause waren; so wird auch die Verehrung dieses Wesens nach dem einstimmigen Berichte der Alten vorzüglich ihnen zugeschrieben Varro l. l. V, 66, Ovid F. VI, 213 ff., Propert. l. c, Dionys II, 49, Lactant. 1, 15, 8 u. A. . Außerdem ward Dius Fidius oder Semo Sancus aber auch bei den verwandten Umbrern unter den ältesten und heiligsten Göttern verehrt, wie wir dieses aus den iguvinischen Gebetsurkunden schließen dürfen, nach denen die Burg von Iguvium ocris Fisius d. h. collis Fidius hieß und Fisus oder Fisovius Sancius d. i. Fidius Sancus gleich nach dem höchsten Gott Jupiter angerufen wird Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachd. 2, 137. 187. Fisus verhält sich zu Fidius wie das sab. Clausus zu Claudius, osk. Bansae zu Bantiae, gr. μέσος (μέσσος) zu medius u. s. w. Zu ocris Fisius in Iguvium wäre zu vergleichen die Colonie Fida Tuder Gromat. vet. p. 214. Die Bedenklichkeiten der Vff., ob Dius Fidius und Semo Sancus mit Recht für identisch gehalten werden, scheinen mir insofern unbegründet zu sein, als Semo Sancus offenbar etwas Anderes sagen will als das alleinige Beiwort Sancus oder Sancius, welches in den iguvinischen Urkunden auch als Beiname des Iupiter vorkommt. Iupiter Sancus ist eben der höchste Gott des Lichtes und der Treue, Semo Sancus der ihn in den menschlichen Verhältnissen des Rechtes und der Verträge darstellende Genius Dius Fidius. . 635 Ueberaus wichtig ist die Bemerkung des Aelius Stilo bei Varro l. l. V, 66, daß Sancus in sabinischer Sprache dasselbe Wesen sei was in griechischer Hercules, denn es wird sich aus dem weitern Verlaufe dieser Untersuchung herausstellen, daß wirklich der griechische Name nicht allein in Rom und Latium, sondern auch bei den Sabinern und sonst in Italien den ältern Namen eines gleichartigen Wesens verdrängt hat, welches mit dem griechischen Hercules sowohl die heroische Natur als die nahe Beziehung zum höchsten Gotte des lichten Himmels gemein gehabt haben mag. So erfahren wir gelegentlich daß es bei den Sabinern eine eigne Klasse von Priestern gab, die sich Cupenci nannten und speciell für den Cult des Hercules Serv. V. A. XII, 538 Sciendum Cupencum Sabinorum lingua, sacerdotem vocari. – Sunt autem Cupenci Herculis sacerdotes. Das Wort ist zusammengesetzt aus cup und ancus. Jenes scheint mit dem Worte cuprus zusammenzuhängen, dieses mit anculus, anculare ( S. 87 ), so daß also cupenci eigentlich boni ministri sind, heilige Diener des heiligen Lichtwesens der Treue. d. h. also des Semo Sancus bestimmt waren. Aus ihrer Metropole Cures brachten die Sabiner unter T. Tatius diesen Cultus mit sich nach Rom, wo sie dem Semo Sancus oder Dius Fidius auf dem Quirinal, ganz in der Nähe ihres andern Nationalgottes, des Quirinus d. h. des Mars von Cures ( S. 327 ), ein Heiligthum stifteten Ovid F. VI, 213 Quaerebam Nonas Sanco Fidione referrem an tibi Semo Pater? Tum mihi Sancus ait: Cuicumque ex illis dederis, ego munus habebo, Nomina terna fero, sic voluere Cures. Vgl. Prop. l. c. und Fest. p. 241 in aede Sancus, qui Dius Fidius vocatur. Varro l. l. V, 52 apud aedem Dii Fidii. Liv. VIII, 20 in sacello Sangus adversus aedem Quirini. In der Nähe befand sich eine porta Sangualis. . Die Nachrichten von diesem Gottesdienste sind nicht zahlreich, doch fehlt es nicht an characteristischen Merkmalen. Zunächst war Dius Fidius vorzugsweise Schwurgott, wie Iupiter und Diespiter, daher die alte Schwurformel Me Dius Fidius, welche dem Me Hercules oder Mehercule ziemlich gleichbedeutend war Paul. p. 147 Medius fidius. – Quidam existimant iusiurandum esse per Divi fidem, quidam per diurni temporis i. e. diei fidem. Vgl. Tertull. de Idololatr. 20. . Und zwar durfte nach sabinischer Sitte dieser Schwur nur unter freiem Himmel geschworen werden, in welchem Gebrauche man die alte Beziehung auf den Gott des Lichtes und des Tages deutlich erkennt; 636 daher auch sein Tempel im Dache ein Loch hatte, damit der Himmel durchscheine, und wenn zu Hause bei ihm geschworen werden sollte, der Schwörende zu diesem Ende aus dem Saale in das sogenannte compluvium d. h. den innern unbedeckten Hof des Hauses hinaustrat Varro l. l. V, 66 Olim Diovis et Diespiter dictus, – a quo dei – et dius et divum, unde sub divo, Dius Fidius. Itaque inde eius perforatum tectum, ut ea videatur divum i. e. coelum. Quidam negant sub tecto per hunc deierare oportere. Non. Marc. p. 494 Varro Cato vel de liberis educandis: Itaque domi rituis nostri qui per Dium Fidium iurare vult, prodire solet in compluvium. . Ferner war Dius Fidius ein Gott des öffentlichen Gast- und Völkerrechts, auch des internationalen Verkehrs und der Sicherheit der Straßen, daher diese unter seinen Schutz gestellt waren und die alte Urkunde des von Tarquinius Superbus mit den Gabinern abgeschlossenen Bündnisses in seinem Tempel niedergelegt wurde Tertull. ad Nat. II, 9 est et Sanctus propter hospitalitatem a rege Plotio (leg. T. Tatio ) fanum consecutus. Fest. p. 229 Propter viam fit sacrificium quod est proficiscendi gratia Herculi aut Sanco, qui scilicet dem est deus. Vgl. Dionys H. IV, 58, Horat. Ep. II, 1, 25, Fest. p. 317 Sanqualis avis . . Endlich muß dieser Sancus auch in der sabinischen Auspicienlehre eine hervorragende Bedeutung gehabt haben, da eine gewisse Art von Adlern in seinem Schutze stand und deshalb avis Sanqualis genannt wurde. Das von T. Tatius gestiftete Heiligthum auf dem Quirinal wurde durch Tarquinius Superbus zum Tempel ausgebaut, dessen Einweihung aber erst in den ersten Jahren der Republik, im J. 288 d. St., 466 v. Chr. vollzogen wurde, und zwar an den Nonen des Juni, welcher Tag dem Dius Fidius in colle auch in dem spätern römischen Kalender heilig blieb Dionys IX, 60, Kal. Venus., vgl. Liv. VIII, 20. Dionys übersetzt Dius Fidius ungenau durch Ζεὺς Πίστιος. . In diesem Tempel befanden sich Spindel und Rocken sowie die Sandalen der Gaia Caecilia oder Tanaquil, der Gemahlin des Tarquinius Priscus, welche von den römischen Matronen als Ideal einer treuen und gewissenhaften Hausfrau verehrt wurde, deren Fleiß und häusliche Tugenden eben durch jene Andenken vergegenwärtigt werden sollten Plin. H. N. VIII, 48, 74, Plut. Qu. Ro. 30, Paul. p. 95 Gaia Caecilia , Fest. p. 238 praebia . . Auch eine eherne Statue dieser königlichen Matrone, welche zugleich für eine gute Aerztin und Erfinderin von untrüglichen Mitteln des Gegenzaubers galt, war in diesem Tempel zu sehn: so daß Sancus wohl auch, wie Quirinus und Iuno Curitis, die 637 Bedeutung eines Schutzgottes der Matronen und ihrer ehelichen Rechte gehabt haben mag. Außer diesem alten Heiligthum des Semo Sancus gab es ein zweites auf der Tiberinsel, wo dieser Cultus vielleicht mit dem des Diiovis und des neuerdings bekannt gewordenen Iupiter Iurarius zusammenhängt ( S. 238 ). Die Christen, welche die Inschrift des Bildes misverstanden, haben daraus gefolgert daß der Zauberer Simon Magus von den Römern göttlich verehrt worden sei Iustin. M. Apolog. I, 26, 56, Tertull. Apolog. 13, Euseb. Hist. Eccl. II, 13 ὃς – ἐπὶ τῇ πόλει ὑμῶν τῇ βασιλίδι Ῥώμῃ ϑεὸς ἐνομίσϑη καὶ ἀνδριάντι παρ’ ὑμῖν ὡς ϑεὸς τετίμηται ἐν τῷ Τίβερι ποταμῷ μεταξὺ τῶν δύο γεφυρῶν (d. h. in Insula s. Becker Handb. I, 653), ἔχων ἐπιγραφὴν Ῥωμαϊκὴν ταύτην ΣΙΜΩΝΙ ΔΕΩ ΣΑΓΚΤΩ, ὅπερ ἐστι Σίμωνι ϑεῷ ἁγίῳ. Vgl. die Inschriften bei Or. n. 1860. 1861 , welche auf der Tiberinsel gefunden sein sollen und keineswegs erdichtet sind, s. Mommsen I. N. n. 6770, Henzen z. Or. p. 162. Die eine lautet: Semoni Sanco Deo Fidio Sacrum Sex. Pompeius Sp. F. Col. Mussianus Quinquennalis Decur. Bidentalis Donum Dedit , die andre: Sanco Sancto Semoni Deo Fidio Sacrum Decuria Sacerdotum Bidentalium Reciperatis Vectigalibus . . Endlich werden Heiligthümer des Sangus oder Semo Sancus auch in Velitrae und in der Gegend von Marino erwähnt Liv. XXXII, 1. Vgl. die Inschr. aus Marino bei Henzen n. 6999 Phileros ex decreto XXX virum sacellum Semoni Sanco de sua pecunia fecit , wo die XXX viri als Obrigkeit auf eine kleine Landstadt deuten. . 2. Sabinische Sagentrümmer. Wir wollen hier gleich die sonst erhaltenen Sagen des sabinischen Stammes anschließen, da sie dem Ideenzusammenhange nach hierher gehören. Dionys H. II, 48 ff. erzählt diese Sagen nach Varro, einem griechischen Schriftsteller Zenodot und Cato, welcher letztere am meisten Glauben verdient. Nach ihm war die Hochebene von Amiternum der eigentliche Stammsitz der Sabiner und ein offner Ort (sie kannten nur solche) Testrina ihre Metropole d. h. der Ort, von welchem sie den Ursprung ihres Namens und den Heroen, welcher denselben zuerst getragen, ableiteten. Er hieß Sabus oder Sabinus, in welchem Worte das b dem äolischen Digamma gleich zu achten ist, da die nahe verwandten Samnites d. i. Sabnites auf griechisch Σαυνῖται und auf einer Münze der Italiker Safineis heißen: worüber man auf die Vermuthung kommen könnte daß Sabus verwandt sei mit Saur, in welchem Worte wir oben S. 239 eine provincielle Form für 638 Saul oder Sol erkannt haben. Genealogisch nannte man diesen Sabus einen Sohn des Sancus, welcher nicht allein Nationalgott der Sabiner, sondern auch ihr ältester König gewesen sein soll Dionys l. c. Κάτων δὲ Πόρκιος τὸ μὲν ὄνομα τῷ Σαβίνων ἔϑνει τεϑῆναι φησιν ἐπὶ Σαβίνου τοῦ Σάγκου, δαίμονος ἐπιχωρίου. Sil. Ital. VIII, 424 Ibant et laeti pars Sanctum voce canebant auctorem gentis, pars laudes ore ferebant Sabe tuas, qui de patrio cognomine primus dixisti populos magna ditione Sabinos. Augustin C. D. XVIII, 19 Sabini etiam regem suum primum Sangum, sive ut alii qui appellant Sanctum, retulerunt in deos. , in diesem Zusammenhange aber wohl in der Bedeutung eines himmlischen Urwesens wie Ianus oder Iupiter aufgefaßt werden muß. Die gewöhnliche Sage dachte sich ihn als den ersten Winzer Virg. Aen. VII, 179 Paterque Sabinus vitisator curvam, servans sub imagine falcem. Io Lyd. de Mens. 1, 5 Σαβῖνος ἐκ τῆς περὶ τὸν οἶνον γεωργίας φερωνύμως ὠνομάσϑη· τὸ γὰρ Σαβῖνος ὄνομα σπορέα καὶ φυτευτὴν οἴνου διασημαίνει. Serv. V. A. I, 532 Oenotria dicta, – ut Varro dicit, ab Oenotro rege Sabinorum. Gewöhnlich leiten die Alten den Namen der Sabiner ab von σέβεσϑαι, wegen ihrer strengen Frömmigkeit, s. Varro bei Fest. p. 343, Plin. H. N. III, 17, 108. , welcher sein Volk wie Noah den Weinstock pflanzen gelehrt und dadurch die älteste Cultur begründet habe, so daß also in diesen ältesten Erinnerungen noch ganz die friedliche Beschäftigung mit Acker und Weinbau durchschimmert. Von Amiternum drangen die Sabiner erobernd weiter vor in die fruchtbare Gegend von Reate, wo der sabinische Hercules d. h. Semo Sancus als Pater Reatinus, also gleichfalls als Stammvater, Gründer und ältester König der Stadt und Landschaft verehrt wurde Sueton. Vespas. 12 conantes quosdam originem Flavii generis ad conditores Reatinos comitemque Herculis, cuius monumentum exstat via Salaria, referre etc. Vespasians Familie stammte nehmlich aus der Gegend von Reate. Vgl. die Inschriften aus Reate bei Or. n. 1858. 1862 und Ritschl Tit. Mummianus p. IX sq. und p. XVII, und die aus Amiternum bei Mommsen I. N. n. 5756. 5757. , wie dasselbe Wesen später auch in Amiternum für einen Hercules galt. Von Reate endlich noch weiter vordringend fanden sie einen neuen Mittelpunkt in Cures, einem später dürftigen und kleinen Orte Virg. Aen. VI, 810 von Numa: primus qui legibus Urbem fundabit, Curibus parvis et paupere terra missus in imperium magnum. , von welchem die ältere Ueberlieferung aber sowohl T. Tatius als Numa ableitet. Eine alterthümliche Sage über die Entstehung dieses Orts erzählt Dionys II, 48 nach Varro. In der Gegend von Reate sei eine Jungfrau vornehmen Geschlechts zum gottesdienstlichen Tanze des sabinischen Mars 639 Quirinus geführt worden. Während des Tanzes in dem Haine eilt sie in heiliger Verzückung in das innere Heiligthum und wird dort von dem Gotte schwanger, wie Rhea Silvia in der Höhle bei Alba. Als die Zeit gekommen gebiert sie einen Knaben, welcher zum Helden seines Volks und zum Gründer von Cures bestimmt war. Sein Name sei gewesen Modius Fabidius, wo das erste Wort an den Sabiner Mettus oder Metius Curtius und an den Albaner Mettus oder Metius Fufetius erinnert, was wieder mit dem oskischen medix oder meddix d. i. Fürst, summus magistratus, zusammenhängen mag, das zweite Wort an das uralte römische Geschlecht der Fabii, welches sich vom Hercules abzustammen rühmte und Gentilsacra auf dem Quirinal hatte (Liv. V, 46). Dieser Modius Fabidius also wird als ein wahrer Held beschrieben, übernatürlich groß und stark und unüberwindlicher Sieger in allen Schlachten seines Volks. Doch will er nicht allein kämpfen, sondern auch friedlich herrschen, daher er viel Volks um sich versammelt und in wunderbar kurzer Zeit die Stadt Cures gründet, die er nach seinem Vater, dem kriegerischen Lanzengotte benannte. Nach einer andern Sage waren die Sabiner Abkömmlinge der Lacedämonier und ihr Stammvater Sabus ein lacedämonischer Flüchtling, der auf wunderbaren Wegen in diese Gegend verschlagen sei. Dionysius II, 49 bezieht sich dabei ausdrücklich auf inländische Ueberlieferung ἐν ἱστορίαις ἐπιχωρίοις λεγόμενος λόγος. Vgl. Serv. V. A. VIII, 638, nach welchem auch Cato die Sabiner a Sabo Lacedaemonio ableitete. Daher es bei Sil. Ital. II, 8 heißt: Poplicola ingentis Volesi Spartana propago , vgl. Dionys II, 46 und Sil. Ital. VIII, 412, XV, 546, wo auch die Claudier von Lacedämon hergeleitet werden. , so daß wir dieselbe nicht allzugering achten dürfen. Gewöhnlich denkt man an die strenge Zucht der Spartaner und Sabiner, als ob man wegen dieser Aehnlichkeit der Sitten die letzteren für die Abkömmlinge von jenen gehalten habe; und allerdings gefiel man sich später in Rom in dieser Erklärung des erdichteten Zusammenhangs. Doch fragt es sich ob nicht vielmehr ein genealogisches Spiel der Griechen, namentlich der Tarentiner, den ersten Anlaß gegeben hat. In Tarent nehmlich nannte man nicht blos den Ktisten Phalanthos einen Herakliden, sondern alle Tarentiner ließen sich gerne Phalanthiden, also Herakliden nennen Herculeum Tarentum Virg. Aen. III, 551, vgl. Horat. Od. II, 6, 11 mit dem Comm. Cruq., Strabo VI p. 426, Iustin. III, 4, Steph. B. Ἀϑῆναι und Callimachus bei Schol. Dionys. Per. 376 πάντες ἀφ’ Ἡρακλέους ἐτήτυμον ἔστε Λάκωνες, ἔξοχα δ’ ἐν πεδίοις οἳ πόλιν Ἰταλῶν ᾠκίσατε. , wie die Athenienser sich gerne 640 Thesiden nennen hörten. Da nun dem griechischen Herakles der sabinische Sancus entsprach, so lag es sehr nahe den Stammvater der Nation Sabus gleichfalls für einen Herakliden und Abkömmling von Lakedämon auszugeben, wodurch die Tarentiner und Samniter, welche wie Apulien mit Tarent in lebhafter Verbindung standen und auch die griechische Bildung frühzeitig von dort angenommen hatten, von selbst zu nahen Verwandten wurden. Wird uns doch bei Strabo V p. 250 ausdrücklich von den Samnitern überliefert, daß nach Einigen Lakedämonier sich unter ihnen angesiedelt hätten und darüber das Volk so viel Neigung zur griechischen Sitte und Bildung bekommen habe. Es sei, setzt er hinzu, dieses eben nur eine Erdichtung der Tarentiner, welche ihren mächtigen Nachbarn zu einer Zeit, wo sie von ihrer nationalen Weise schon zu weichen begannen, dadurch hätten schmeicheln und sie ihrem eigenen Interesse dienstbar machen wollen: wodurch man von selbst an die Lage der Dinge zur Zeit der Samniterkriege und des Königs Pyrrhus erinnert wird. Es wird also diese Dichtung wahrscheinlich zunächst die Sabiner von Samnium gemeint haben und von dort erst später auf die andern Sabiner übertragen sein, woraus hernach die abenteuerliche, beim Heiligthum der Feronia von Terracina anknüpfende Erzählung von einer Landung der Spartaner in dortiger Gegend entstanden ist ( S. 378 ). 3. Hercules. Man hat auch diesen Namen neuerdings für einen italischen erklären wollen Mommsen Unterit. Dial. S. 262, der Name Hereclus oder Herclus, wie er bei den Samnitern gelautet habe, sei von hercĕre = ἕρκειν ausschließen, separiren abzuleiten, also der italische Hercules eigentlich ein Ausschließer des Fremden und Störenden aus unserm Eigen, ein custos domesticus, eine Art von Ζεὺς ἑρκεῖος: eine Erklärung die auch dem Begriffe nach nicht ausreicht. , was ich aber nicht für richtig halte. Vielmehr ist es der wohlbekannte griechische Ἡρακλῆς, dessen Namen die oskisch und latinisch redenden Völker in ihnen mundgerechter Weise umgebildet haben, die Osker nach der ihnen eigenthümlichen Aussprache in Herecles oder Hereclus, die Latiner und Römer in Hercoles oder Hercules Hercoles scheint die ältere Form zu sein, s. Priscian 1 p. 554 und die unten anzuführende Inschrift aus Sora. Doch hat schon der Dedicationstitel des Mummius aus Reate Hercules, vgl. auch Or. n. 1528 Herculei C. Antestius Cn. F. Cens. Decuma facta iterum dat . Ueber die oskischen Formen s. Mommsen a. a. O. Die gewöhnliche etruskische ist Hercle, doch findet sich bei Gerhard Spiegel t. 134 Herkole und in einer altlatinischen Inschrift ib. t. 147 Hercele, dagegen auf einem Stein aus Mailand bei Or. n. 1529 der Dativ Hercli. , während die Etrusker gewöhnlich Hercle sagten und in 641 Sicilien in der Volkssprache eine eigenthümliche Deminutivform Ἡρύκαλος oder Ἥρυλλος im Gebrauche war Wie Ἀρίστυλλος für Ἀριστοκλῆς, Βάϑυλλος für Βαϑυκλῆς, vgl. Hesych. s. v. und Eustath. Il. p. 989, 47 nach Sophron und dem sicilischen Satyrdrama, s Valckenaer z. Theocr. Adon. p. 201 B, O. Jahn Proleg. Pers. p. XCV. . Hatte sich doch die Sage von keinem griechischen Heroen so weit verbreitet als die von diesem Heros aller Heroen, dem Lieblingssohne des Zeus, dem engverbundenen Freunde des Apollon, welcher alles Ungeheure vertilgend, alle Völker bildend und veredelnd die Welt durchzog. Auf Sicilien waren die Sagen und Culte dieses Halbgottes schon durch die Phönicier heimisch geworden, welche denselben Heros in einer mit der griechischen vielfach sich durchkreuzenden Form verehrten; ja es ist nicht unwahrscheinlich daß auch die Etrusker, welche sich von lydischen Herakliden abzustammen rühmten, also den Hercules für ihren Nationalheros achteten Tyrrhenos, nach der Sage von Tarquinii der mythische Stammvater der Tyrrhener d. h. der Etrusker, galt gewöhnlich für einen Sohn des lydischen Hercules und der Omphale, Dionys. I, 28 vgl. die Sage von Maleos, dem Erfinder der Trompete, dem Fürsten von Malea und Regisvilla, bei Müller Etr. I, 83; 2, 209 und die Nachweisung bei J. Olshausen im Rh. Mus. N. F. VIII, 332 ff., daß sich im südlichen Frankreich, auf Sardinien, in Ligurien und Etrurien viele kleine Häfen und Stationen finden, welche nach dem Hercules benannt und wahrscheinlich phönicischen Ursprungs waren. In Ligurien gehört dahin der portus Herculis Menoeci, in Etrurien ein ἱερὸν Ἡρακλέους zwischen Luna und der Mündung des Arno, der Hafen Labro (Livorno) oder ad Herculem und ein portus Herculis bei Cosa. Außerdem läßt sich der Cult des Hercules nachweisen in Caere, Arretium und Viterbo. Für orientalischen Ursprung spricht auch der Umstand daß die große Menge der etruscischen Bronzefiguren des Hercules, welche gewiß nach einem alten einheimischen Vorbilde, etwa dem zu Tarquinii gebildet waren, entschieden dem Typus des tyrischen Bogenschützen folgen. , diese Mythen direct von Asien her mitbrachten oder kennen lernten. Die speciellere Durchbildung und Gestaltung derselben erfolgte durch die griechischen Colonieen, unter denen wir außer Tarent und mit besondrer Beziehung auf Latium und Rom wieder vorzüglich Cumae ins Auge fassen müssen. In Rom tritt Hercules zuerst bei dem ersten Lectisternium auf, welches auf Veranlassung einer Pestilenz im 642 J. 355 d. St. unter unverkennbarer Einwirkung der Apollinischen Religion gehalten wurde ( S. 133 ), bei welcher letzteren wir durch die sibyllinischen Bücher von selbst nach Cumae gewiesen werden. Es ist der bei allen Griechen vielverehrte Hercules ἀλεξίκακος neben Apollo ἀλεξίκακος Griech. Mythol. 2, 108 ff. , den wir trotz der mangelhaften Nachrichten auch in Cumae und seiner Umgegend wirklich nachweisen können; denn auf Cumanischem Gebiete hatte Herakles mit den Giganten gekämpft und zwischen dem Averner See und dem Meere einen Damm aufgeworfen Diod. S. IV, 21. Pompeii von der pompa Herculis, Bauli bei Bajä von seiner Ochsenstallung, Serv. V. A. VII, 662. , wie er denn auch bei dem Todtendienste und Todtenorakel an jenem See ohne Zweifel als begleitende Figur neben den Unterirdischen und Hermes Psychopompos mitverehrt wurde. Ja es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit nachweisen daß selbst die Form, in welcher die Fabel vom Hercules seit alter Zeit in Rom erzählt wurde, von Cumae aus dorthin verpflanzt oder vielmehr in Cumae für Rom gewissermaßen redigirt worden war. Diese Form ist die einer Episode der Geryonssage, die aus hellenischen und occidentalischen Elementen auf eine merkwürdige Weise vermischt ist. Soviel wir wissen hatte Stesichorus von Himera in Sicilien, dessen Blüthe in die Regierung des Servius Tullius fällt, zuerst eine Geryonis in größerem Umfange gedichtet und in derselben wahrscheinlich auch schon manche Localsagen des Littorals am tyrrhenischen Meere berührt, welches er von seinem Geburtsorte aus oder durch Vermittlung der benachbarten Griechen in Italien wohl kennen konnte, wie dieser Dichter denn auch zuerst von der Flucht des Aeneas nach Hesperien gewußt hat Merkwürdig daß Stesichorus in seiner Geryonis des arkadischen Pallantion gedachte, aus welchem nach der gewöhnlichen Tradition der römische Evander, der Gründer des Palatium stammte, s. Paus. VIII, 3, 1. Doch bleibt die Folgerung daraus, daß schon Stesichorus von dem römischen Palatium wußte, sehr bedenklich. Merkwürdig auch daß nach Suidas v. Στησίχορος einer seiner Brüder Mamertinus hieß. . Später hat wahrscheinlich ein andrer Schriftsteller aus Sicilien, Timäus von Tauromenium, welcher zur Zeit der Kriege Roms mit den Samnitern, mit Tarent und mit Pyrrhus lebte und selbst in Latium gewesen war, die Sage in der Form abgeschlossen wie sie bei Diodor von Sicilien IV, 19–24 erzählt wird. Doch wird von römischen Schriftstellern auch gelegentlich auf den Verfasser einer Stadtgeschichte von 643 Cumae verwiesen, welcher von den Aboriginern, von Cacus und Evander, von Hercules und Aeneas nach der gewöhnlichen Tradition erzählt hatte Fest. p. 266 Romam. – Historiae Cumanae compositor (ait), Athenis quosdam profectos Sicyonem Thespiasque. Ex quibus porro civitatibus ob inopiam domiciliorum compluris profectos in exteras regiones delatos in Italiam, eosque multo errore nominatos Aberrigines. Quorum subiecti qui fuerint Caci improbi viri (v. Caeximparum viri ) unicarumque virium imperio, montem Palatium, in quo frequentissimi consederint, appellavisse a viribus regentis Valentiam: quod nomen adventu Evandri Aeneaeque in Italiam cum magna graece loquentium copia interpretatum dici coeptum Rhomen. Dieser Schriftsteller scheint nicht alt zu sein, doch mochte er altere Cumanische Traditionen benutzt haben. Auch Dionys I, 42 nennt den Cacus δυναστήν τινα κομιδῆ βάρβαρον καὶ ἀνϑρώπων ἀνημέρων ἄρχοντα, dahingegen Solin. 2 nach Coelius oder Gellius erzählt, Cacus sei aus Groß-Phrygien als Gesandter des Marsyas (das Gebiet der Marser am Fuciner See, wie es scheint, s. oben S. 346 ) zum Tyrrhener Tarchon gekommen, aber der Haft desselben entsprungen und in seine Heimath zurückgekehrt. Darauf habe er sich mit starker Macht am Vulturnus und in Campanien festgesetzt und auch die Arkader (die Aboriginer des Evander) bedrückt, bis Hercules ihn bezwungen habe. Groß-Phrygiens aber hatten sich nun die Sabiner bemächtigt und dort von ihm (dem Marsyas d. i. dem Faunus) die Auspicienlehre gelernt. . Nimmt man dazu daß Hercules nach seinen Abenteuern in Rom sich nach Cumae wendet und daß nicht allein Evander, sondern auch der böse Cacus, wie er gewöhnlich verstanden wird, nehmlich als Gegensatz zum guten Evander, Producte einer griechischen Ueberarbeitung latinischer Fabeln sind, die den campanischen Griechen in Folge ihres Verkehrs mit den Latinern früh bekannt sein mußten, so ist es wohl sehr wahrscheinlich daß wir in Cumae die Stätte dieser und andrer Einschwärzungen griechischer Vorstellungen in die latinische und römische Geschichte zu suchen haben. Um diesen griechischen Masken gegenüber auch gleich den alten latinischen und italischen Kern der Erzählung ins rechte Licht zu stellen, so ist zunächst wegen der Hauptfigur, des Hercules, bereits auf den sabinischen und römischen Semo Sancus und Dius Fidius verwiesen worden, welcher dem griechischen Heroen später allgemein gleichgesetzt wurde. Der Glaube an diesen Genius des Lichtes und der Wahrheit, welcher in einheimischen Sagen zugleich als Held und Ueberwinder von Ungethümen gefeiert sein mag, scheint in Italien, namentlich auch in Latium, unter verschiedenen, näher oder entfernter verwandten Auffassungen allgemein verbreitet gewesen zu sein. Die ländliche Auffassung dachte ihn sich gewöhnlich als einen dem 644 Silvanus nahe verwandten Genius des Segens, welcher mit dem Füllhorn ausgestattet neben jenem, aber auch neben der Ceres verehrt und durch die Beinamen Hercules Silvanus, agrestis u. a. von den städtischen Formen unterschieden wurde Ueber den weidenden Hercules und seine Zusammenstellung mit Silvanus, Diana, den Nymphen und andern ländlichen Göttern s. Zoëga Bassiril. II, p. 115, O. Jahn Archäol. Beitr. S. 62, Mommsen I. N. n. 5762, Henzen n. 5732 u. a. Von einem Opfer, welches am 21. Dec. Herculi et Cereri sue praegnante, panibus, mulso gebracht wurde, s. Macrob. S. III, 11, 10. Hercules agrestis bei Stat. Silv. III, 1, 30, H. domesticus als custos oder tutor von Grundstücken, daher nach ihnen benannt, Or. n. 1538, Mommsen I. N. n. 1084, 1388, 3579 u. a. : ein Hüter des ländlichen Hofes und der Habe wie Silvanus, daher man ihn auch domesticus nannte und custos oder tutor, aber auch wie jener ein weidender Hirte und der Hort der Hirten, der mit seinen Heerden durch ganz Italien zieht: bei welcher Vorstellung wieder die griechische Geryonssage anknüpft, welche in einigen Erzählungen sogar den Namen Italia von einem der heiligen Kälber (vitulus) dieses Hercules ableitete. Eine ähnliche Vorstellung lag auch bei dem römischen Dienste des Hercules zu Grunde, da er auch hier vorzugsweise für einen wohlthätigen Genius der römischen Stadtflur und den Urheber alles unverhofften Segens und Reichthums galt, daher man ihm von jedem reichlichen Erwerbe den Zehnten darbrachte und dabei den festlichen Schmaus des sogenannten polluctum feierte, aber ihn auch in verschiedenen städtischen und gentilen Ueberlieferungen neben dem Faunus und Silvanus als ländlichen Gott und Urheber der ältesten Geschlechter schilderte. So die oft wiederholte Legende von der römischen Larenmutter und Flurgöttin Acca Larentia, wie sie sich als schöne Buhle zu dem Hercules der Ara Maxima gesellt habe und darüber von ihm mit reichen Besitzungen gesegnet sei, welche durch sie wieder dem Romulus oder dem römischen Volke vermacht werden ( S. 423 ). Ferner die Sage daß Hercules mit einer Tochter des Evander den Palas, einen der Pales entsprechenden Dämon der Hirten, und mit der Fauna den Latinus, den bekannten Eponymen der Latiner erzeugt habe Dio Cass. fr. 4, 3, Tzetz. Lycophr. 1232, wo Fauna die Frau des Faunus heißt. Bei Dionys I, 43 hinterläßt Hercules zwei Söhne, den Palas von einer T. des Evander, die Launa hieß (derselbe Name wie Lavinia vgl. c. 32), und den Latinus von einer hyperboreischen Jungfrau, die er mit sich führte und vor seinem Abzuge dem Faunus überließ. Das ist wieder Fauna oder Fatua, obwohl man sie gewöhnlich Palanto oder auch eine Tochter des Faunus nannte, s. Paul. p. 220 Palatium , Iustin. XLIII, 1, 9 ex filia Fauni et Hercule – Latinus procreatur . , und die gleichartige andre daß eine einheimische 645 Nymphe vom Hercules den Fabius, den Ahnherrn der Fabier, am Tiberstrome Plut. Fab. Max. I, Paul. p. 87. Vgl. Sil. Ital. II, 3 Fabius Tirynthia proles und VI, 626 ff. , oder daß die Priesterin Rhea von ihm den Aventinus geboren habe Virg. Aen. VII, 656 ff. . Ferner gab es in Rom eine keineswegs zu verachtende Tradition daß der Sieger über den wilden Cacus eigentlich gar nicht Hercules geheißen habe, sondern Garanus, welcher ein Hirt von außerordentlicher Leibeskraft gewesen und erst später mit dem griechischen Collectivnamen Hercules benannt worden sei Serv. V. A. VIII, 203 De Caco interempto ab Hercule iam Graeci quam Romani consentiunt. Solus Verrius Flaccus dicit Garanum fuisse pastorem magnarum virium, qui Cacum afflixit. Omnes autem magnarum virium apud veteres Hercules dictos. Vgl. ib. v. 564 tunc enim, sicut Varro dicit, omnes qui fecerant fortiter, Hercules vocabantur. Die alte Compilation Aur. Victor Or. G. R. 8 nennt jenen Hirten Recaranus. : eine Tradition in welcher wir den Namen Garanus schon oben S. 71 durch das alte latinische und italische Wort Cerus d. i. Genius erklärt haben. Und doch galt der römische Hercules keineswegs nur für einen Genius der Fülle und des ländlichen Segens, sondern auch er war, wie jener sabinische Semo Sancus oder Dius Fidius, zugleich ein Genius der Wahrheit und der Treue, bei welchem daher grade so wie bei jenem geschworen wurde. Ja es wird ausdrücklich überliefert daß solche Verträge, die mit besondrer Feierlichkeit vollzogen werden sollten, bei dem ältesten und heiligsten Denkmale des römischen Herculesdienstes, der von ihm selbst gestifteten Ara Maxima auf dem Forum Boarium beschworen wurden Dionys 1, 40 ὅρκοι τε γὰρ ἐπ’ αὐτῷ καὶ συνϑῆκαι τοῖς βουλομένοις βεβαίως τι διαπράττεσϑαι καὶ δεκατεύσεις χρημάτων γίνονται συνχναὶ κατ’ εὐχάς d. h. ex voto. Ueber den Eid an der Ara Maxima s. Danz der sacrale Schutz im röm. Rechtsverkehr S. 112 ff. Eine Satire des Varro führte den Titel: Hercules tuam fidem . . Auch wurde ihm wie dem Dius Fidius propter viam d. h. vor der Reise, also als einem Schutzgotte der öffentlichen Sicherheit geopfert Macrob. S. II, 2, 4 Sacrificium apud veteres fuit quod vocabatur propter viam. In eo mos erat ut, si quid ex epulis superfuisset, igne consumeretur. Vgl. Laberius bei Non. M. 53 Visus hac nocte ego bidentes [sum Herculi] propter viam facere und oben S. 636, 1723 . Auch der Hercules Ponderum , unter dessen Schutz die Gewichte gestellt werden, bei Fabr. Inscr. p. 527 sq., Or. 1530, wird mit Recht auf Schutz des Rechts und Eigenthums bezogen. : wie wir andrerseits bei dem sabinischen Hercules 646 d. h. dem in Reate und Amiternum verehrten den Gehrauch der Zehntenopferung bei jedem außerordentlichen Gewinn wiederfinden Vgl. die S. 638, 1730 citirten Inschriften, besonders diese aus Reate bei Ritschl tit. Mumm. p. IX, der darin sechs Hexameter erkennt und mit einigen Veränderungen so liest: Hercules sancte | De decuma Victor tibei Lucius Mumius donum | Moribus antiqueis pro usura hoc quod dare sese | Visum animo suo perfecit, tua pace rogans te | Cogendei dissolvendei tu ut facilia faxseis, | Perficias decumam ut faciat verae rationis, | Proque hoc adque alieis donis des digna merenti. , da der sabinische Sancus auch schon deswegen, weil er für den Vater des ersten Pflanzers und Winzers Sabus galt, nothwendig zugleich die Bedeutung eines ländlichen und befruchtenden Genius gehabt haben muß. Dahingegen in andern latinischen und sabinischen Diensten die kriegerische und politische Bedeutung eines ersten Gründers und Königs überwogen zu haben scheint, z. B. in der alten latinischen oder sabinischen, später verschollenen Stadt Caenina in der Nähe von Rom, wo der von Romulus bezwungene König Acron, dessen spolia opima zur Verehrung des Iupiter Feretrius auf dem Capitole den ersten Anlaß gaben, ein Sohn des Hercules genannt wurde Prop. IV, 10, 11 Acron Herculeus Caenina ductor ab arce. Acron ist der Burgherr, der einheimische Name mag etwa Ocrisius gelautet haben. Also war auch dieser Hercules Burgherr, wie jener Fisus Sancius von Iguvium und Hercules von Tibur. Auch bei Dionys 1, 79 ist dieser Cultus vermuthlich vorauszusetzen, desgleichen bei dem sacerdotium Caeninense, welches auf Inschriften der Zeit nach Augustus nicht selten erwähnt wird und sich entweder auf den Hercules von Caenina oder auf den von August wiederhergestellten Cult des Iup. Feretrius bezog, zu dessen Stiftung jener Triumph des Romulus Veranlassung gegeben hatte, s. Fabretti p. 119 und 217, Or. n. 2180. 2533 (Mommsen I. N. n. 2569). 3349. 3442. 3443 und die attische Inschrift bei Keil Schedae Epigr. p. 41 sq. . Ferner gab es einen durch ganz Latium berühmten Cultus des Hercules in Tibur, dessen prächtiger und reicher, mit Säulenhallen und einer Bibliothek ausgestatteter Tempel auf der Burg von Tibur d. h. in der Gegend der jetzigen Kathedrale von Tivoli lag und dessen Gottesdienst seit alter Zeit von einer ähnlichen Sodalität von Saliern begangen wurde, wie der des Mars in Rom und andern Städten Tibur Herculeum Prop. II, 23,44, Martial. I, 13, 1 vgl. Sueton Calig. 8 urbs Herculi sacra und Strabo V, p. 238. Ueber den Tempel und dessen Schätze Iuven. XIV, 86 ff., Gell. XIX, 5, Sueton Octav. 72, Appian b. c. V, 24, über die Salier Macrob. S. III, 12, 7 Est praeterea Octavii Hersennii liber qui inscribitur de sacris Saliaribus Tiburtium, in quo Salios Herculi institutos operari diebus certis et auspicato docet. Vgl. Serv. V. A. VIII, 285 und die Inschriften bei Or. n. 3933, Henzen n. 6499. . Anderswo wie in Cures und 647 Reate, hatte dieser alte italische Hercules in Erinnerung an den sabinischen Sancus neben den kriegerischen Beinamen Victor und Invictus den geweihten Namen Sanctus oder Sanctus Pater beibehalten Prop. IV, 9, 71 ff. mit Beziehung auf den Sancus von Cures, vgl. S. 634, 1716 und Or. n. 1547. 1548. 6589. 7198. , oder doch, wie in der Abgeschiedenheit zu S. Agnone in Samnium, trotz aller Verschmelzungen und Neuerungen der städtischen und griechischen Sitte den alten ländlichen Character treu bewahrt Mommsen Unterit. Dial. S. 128 ff. . Genug wir müssen bei diesem allgemein verbreiteten Herculesdienste, von dem Dionysius sagt daß man seinen Heiligthümern und Altären fast überall in den Städten, auf dem Lande und an den Straßen begegne Dionys. 1, 40 πολλαχῇ δὲ καὶ ἄλλῃ τῆς Ἰταλίας ἀνεῖται τεμένη τῷ ϑεῷ καὶ βωμοὶ κατὰ πόλεις τε ἵδρυνται καὶ παρ’ ὁδοῖς καὶ σπανίως ἂν εὕροι τις Ἰταλίας χῶρον, ἔνϑα μὴ τυγχάνει τιμώμενος ὁ ϑεός. Vgl. Aristot. Mirab. Ausc. 97, wo aber speciell vom Süden die Rede ist: λέγουσι δὲ πολλαχοῦ τῆς Ἰταλίας Ἡρακλέους εἶναι πολλὰ μνημόσυνα ἐν ταῖς ὁδοῖς ἃς ἐκεῖνος ἐπορεύϑη. , im mittleren Italien wie bei so vielen andern scheinbar griechischen Göttern zunächst immer an einen ältern und nationalen Ursprung denken, welcher durch die griechische Hülle erst später verkleidet worden. Dasselbe gilt aber auch von den beiden andern Figuren des gewöhnlichen Mährchens, dem Evander und Cacus. In jenem haben wir wiederholt den alten latinischen Nationalgott Faunus erkannt, in diesem scheint ein unterweltlicher Feuergott gleich dem Dis Pater des Tarentum im Marsfelde zu stecken. Die wahre Form des Namens ist nehmlich Cācus, Κᾶκος, woraus die Griechen erst später im Gegensatz zu ihrem »Guten Mann« Evander einen bösen Κᾰκός gemacht haben. Cäcus aber oder Cacius, neben welchem auch eine nach Art der Vesta verehrte Cäca, angeblich seine Schwester erwähnt wird Serv. V. A. VIII, 190 Hunc soror sua eiusdem nominis prodidit, unde etiam sacellum meruit, in quo ei pervigili igne sicut (al. per virgines ) Vestae sacrificatur. Lactant. I, 20, 36 Colitur et Caca, quae Herculi fecit indicium de furto boum. , ist vermuthlich derselbe Name wie Caecus und jener Praenestinische Sohn des Vulcanus Caeculus Oben S. 526 . Aus Caecus ist Cacus geworden wie aus Saeturnus Saturnus. Den Namen Cacius finde ich bei Mommsen I. N. n. 4024 aus Sinuessa: M. Cacius C. F. Cerna , ib. 6769, V, 21 D. Cacius Spendo . , den man später durch caecutiens erklärte, der aber früher eine unmittelbare Beziehung zum Feuerdienst ausgedrückt haben muß, wie καίω, caleo, caldus, canus, 648 candere, vielleicht auch caelum, zumal da auch Cacus ein Sohn des Vulcan genannt wird. Beschrieben wird er als feuerspeiendes Ungethüm, welches aus seiner Höhle im Aventin dem Hercules dicken Rauch und Flammen entgegen speit, während dieser von oben in die Höhle eindringt und nach Ueberwindung des Cacus den ganzen feurigen Abgrund der Schlucht einstößt Virgil Aen. VIII, 190 ff., Ovid F. I, 551 ff. Auf die Spuren eines gewaltsamen Einsturzes der Höhle deutet auch Dionys I, 39. Vgl. Serv. l. c. Cacus secundum fabulam Vulcani filius fuit ore ignem ac fumum vomens, qui vicina omnia populabatur. : ein Kampf welcher sehr dem eines schützenden Genius der Flur mit vulkanischen Kräften gleicht, die das alte Latium aus reichlicher Erfahrung kennen mußte. Es wäre möglich daß die Fabel erst durch Uebertragung aus einer andern Gegend nach Rom gekommen wäre, wo übrigens jene aufsteigenden Dämpfe des »feurigen Feldes« am Tiber so bestimmt auf den in diesem Zusammenhange als wildes Ungethüm beschriebenen Gott der Unterwelt zurückgeführt werden ( S. 469 ), daß ich eben deshalb auch den finstern und wilden Cacus für einen gleichartigen Dämon halten möchte. Die gewöhnliche Erzählung lautete daß Hercules auf der Rückkehr von Erytheia, wo er den Riesen Geryon getödtet und seine Rinder entführt hatte, mit diesen über die Alpen gestiegen und darauf durch Ligurien und Etrurien nach Rom gekommen, von hier aber weiter nach Cumae und durch den Süden von Italien nach Sicilien gezogen sei. In Rom habe er den guten Evander in seiner Ansiedelung auf dem Palatin und den bösen Räuber Cacus getroffen, welcher in einer Höhle des Aventin am Tiber hauste und die ganze Umgegend unsicher machte. So freundlich Evander den Helden aufnimmt, so feindlich erweist sich Cacus, indem er von seinen Rindern einige heimlich und beim Schwanze (um durch die falsche Spur zu täuschen) in seine Höhle hineinzieht Ein der griechischen Dichtung vom Rinderdiebstahle des Hermes entlehnter Zug. Ueberhaupt ist die ganze Einkleidung griechisch. Eben deshalb vermag ich die Fabel von dem Riesen, der die Rinder des Hercules stiehlt, obwohl sie bei den Griechen alt gewesen sein mag, in Rom doch nicht für so alt zu halten, wie es bei A. Kuhn in Haupts Zeitschr. f. D. Alterth. VI, 1848 S. 128 geschieht. und diese, auch als ihr Gebrüll den Raub verrathen hatte, nicht wieder herausgeben wollte. Da erschlägt ihn Hercules mit seiner Keule und stiftet seinem Vater Jupiter wegen des glücklichen Fundes auf der Stelle des Kampfes 649 d. h. vor der Höhle, in welcher er die Rinder wieder gefunden hatte, einen Altar, an welchem er eins der Rinder opfert ( S. 185 ). Darauf wird er von Evander und den Seinigen in vollem Jubel als Sieger und Retter in der Noth empfangen. Sie bekränzen sich mit Lorbeer, ziehn ihm mit ihren Heerden entgegen und laden ihn zu Gaste; ja Evander, welcher durch die Gabe seiner Mutter um alle Zukunft wußte, begrüßt und verehrt ihn zuerst auf römischem Boden als Gott. Darüber erfreut bewirthet Hercules alle Römer mit seinen Rindern und dem Zehnten seiner Beute, beschenkt sie mit erobertem Gebiete und stiftet endlich seinen eignen Gottesdienst, wie er fortan in Rom begangen werden solle, indem er namentlich zwei edle Familien, die Potitier und Pinarier, in den Opfergebräuchen unterrichtet Dionys. I, 39 ff., Liv. I, 6, Virgil l. c, Ovid F. I, 542 ff. u. A. . So ist damals namentlich die Ara Maxima auf dem Forum Boarium, wo seine Rinder geweidet hatten, durch ihn selbst gestiftet worden, das authentische und zu den ältesten Heiligthümern der Altstadt zählende Denkmal seiner Gegenwart in Rom. Sie lag nicht weit von den Eingängen des Circus Maximus zwischen dem Palatin und Aventin Tacit. Ann. XII, 24, Serv. V. A. VIII, 271, Dionys. I, 40. Vgl. die lehrreiche Abh. von De Rossi l'Ara Massima ed il tempio d'Ercole nel foro Boario, Annal. dell Inst. Arch. 1854 p. 28–36. , zu den Füßen der ältesten palatinischen Ansiedlung, wo zuerst Evander und dann Romulus sich niederließen. Wurde doch auch eine sogenannte Stiege des Cacus oder Cacius gezeigt, welche von dieser Palatinischen Altstadt hinunter zum Circus und auf das Forum Boarium führte, wo ein eignes atrium Caci d. h. ein nach ihm benannter Saal noch bestimmter an den vom Hercules bezwungenen Unhold erinnerte Diod. IV, 21 τοῦ δὲ Κακίου ἐν τῷ Παλατίῳ κατάβασίς ἐστι ἔχουσα λιϑίνην κλίμακα τὴν ὀνομαζομένην ἀπ’ ἐκείνου Κακίαν, οὖσαν πλησίον τῆς τότε γενομένης οἰκίας τοῦ Κακίου. Dieses ist das atrium Caci s. meine Reg. d. St. R. S. 132. Jene Treppe heißt bei Solin. I, 18 Scalae Caci. So möchte ich auch bei Plutarch Rom. 20 Ῥωμύλος (ὤκει) παρὰ τοὺς λεγομένους βαϑμοὺς καλῆς ἀκτῆς (gewöhnlich übersetzt durch gradus pulchri littoris), οὗτοι δέ εἰσι περὶ τὴν εἰς τὸν ἱππόδρομον τὸν μέγαν ἐκ Παλαντίου κατάβασιν herstellen π. τ. λ. β. Κακίας κλίμακος . Nach der Cosmogr. des Aethicus b. Pompon. Mela ed. Gronov. 1696 p. 40 wäre sogar das ganze Forum Boarium später nach dem Cacus benannt worden. . Vermuthlich gehörte er zu den übrigen Cultusgebäuden, welche im Laufe der Zeit in den Umgebungen jener Ara Maxima entstanden, theils als nothwendige Räume für 650 die vielen Opfer und Opferschmäuse, bei denen es gewöhnlich sehr reichlich und festlich zuging, theils als Stiftungen von einzelnen dankbaren Kaufleuten oder Feldherrn, welche dem Hercules den Segen ihrer Habe oder den ihrer Waffen zuschrieben; denn sehr bald vereinigte sich mit dem Culte des ältern römischen Genius des Segens und der Treue der des griechischen Kallinikos, den man durch Victor oder Invictus übersetzte. So wird namentlich ein heiliger Raum oder Saal (fanum, conseptum, atrium) erwähnt, in welchem als Reliquien des griechischen Helden seine Keule, welche keinen Hund über die Schwelle ließ, ein mächtiger, mit Pech ausgegossener Humpen von Holz, und ein altes, angeblich von Evander gestiftetes, nach griechischer Weise mit der Löwenhaut bekleidetes Bild des Hercules zu sehen war Solin. l. c. Suo numini idem Hercules instituit Aram quae Maxima apud Pontifices habetur, – conseptum etiam intra quod ritus sacrorum factis bovicidiis docuit Potitios. Hoc sacellum Herculis in Foro Boario est, in quo argumenta et convivii et laetae maiestatis ipsius remanent; nam divinitus illo neque canibus neque muscis ingressus est. Etenim cum viscerationem sacricolis daret, Myagrum Deum dicitur imprecatus (vgl. Pausan. VIII, 26, 4), clavam vero in aditu reliquisse, cuius olfactum refugerunt canes. Id usque nunc durat. Vgl. Plin. H. N. X, 29, 41 und von dem Humpen Serv. V. A. VIII, 276, von dem Bilde des Evander, dessen Haupt nach der älteren Weise von der Löwenhaut bedeckt war, Plin. XXXIV, 7, 16, Serv. ib. 288. Gemälde des Pacuvius Plin. XXXV, 4, 7, welcher dieses Gebäude immer die aedes Herculis in Foro Boario nennt. Ein altes Thonbild des Hercules von demselben etruskischen Künstler, welcher das erste Bild des Capitolinischen Jupiter aus Thon verfertigte, erwähnt Ders. XXXV, 12, 45 vgl. oben [S. 193 348 . . Ferner befand sich dort ein eigner Tempel des Hercules Victor, aus welchem sich viele Inschriften und eine Bronzestatue, welche wie die Inschriften dem Zeitalter der Kaiser angehört, erhalten haben Beide befinden sich jetzt im Capitolinischen Museum. Der Tempel, von welchem De Rossi eine Zeichnung aufgefunden, war ein Rundtempel (Liv. X, 23) und wurde erst von Sixtus IV eingerissen. Er lag gleich hinter der Kirche S. Maria in Cosmedin, vor den Eingängen in den Circus, näher am Aventin (worauf auch Serv. V. A. VIII, 276 deutet) als am Palatin, nach welchen Merkmalen De Rossi die Lage der Ara Maxima genauer bestimmt hat. Die Dedicationen der zahlreichen Inschriften nennen den Hercules bald Victor bald Invictus, wie diese Namen auch in den Inschriften aus Tibur und sonst abwechseln. . Ein zweiter Tempel desselben Hercules Victor befand sich in der Nähe jenes angeblich von ihm gestifteten Altares des Iupiter Inventor am Abhange des Aventin zum Tiber, in der Nähe der Salinen und der porta Trigemina Macrob. S. III, 6, 10 vgl. Dionys. I, 39, Plut. Qu. Ro. 60. . Von jenen beiden alten Geschlechtern, den Potitiern 651 und Pinariern, welche Hercules selbst in den Gebräuchen seines Gottesdienstes unterrichtet haben soll, wird auch sonst oft erzählt. Jenen gebührte der Vorstand des Opfers und der priesterliche Ehrenantheil an den Opferthieren, während den Pinariern nur eine dienende Verrichtung beim Opfer und die Aufsicht über das Heiligthum zustand, so daß sie auch an den häufigen und reichlichen Schmäusen aus gelobten Zehnten keinen Antheil hatten: eine auch durch die Namen angedeutete Ungleichheit der Rechte, welche durch die Legende begründet wurde daß die Potitier dem Rufe des Hercules, als er das Opfer früh Morgens einsetzen wollte, auf der Stelle, die Pinarier dagegen zu spät Folge geleistet hätten Dionys. I, 40, Diod. IV, 21, Liv. I, 7, Macrob. S. III, 6, 12, Serv. V. A. VIII, 269 u. A. Es ist wohl zu beachten daß nur der Name der Pinarii, welches Geschlecht sich erhielt, griechischen Ursprungs ist ἀπὸ τῆς πείνας, und daß nach Servius l. c. der Name des Pinarius ursprünglich ein andrer war. . Die Potitier ließen sich später durch Appius Claudius den Blinden verleiten, ihren Antheil an diesem heiligen und wichtigen Opfer aus den Händen zu geben und an den Staat zu überlassen, seit welcher Zeit der Praetor Urbanus den Dienst mit Hülfe von Staatssklaven verrichtete Varro l. l. VI, 54 quod Praetor Urbis quotannis facit, quom Herculi immolat publice iuvencam. Macrob. S. III, 12, 2 Videmus et in capite Praetoris Urbani lauream coronam, cum rem divinam Herculi facit. Vgl. Serv. V. A. VIII, 276 und die Inschriften bei Or. n. 1533. 34 und De Rossi l. c. p. 17 sq. und 29, welche Inschriften die ungestörte Fortdauer des Gottesdienstes bis ins 4. Jahrh. n. Chr. bezeugen. Die Staatssklaven (servi publici) oder auch Freigelassenen (Serv. V. A. VIII, 179) waren jedenfalls nur die Gehülfen des Stadtprätors. . Das soll sich an den Potitiern alsbald so schrecklich gerächt haben, daß das blühende Geschlecht, welches damals 12 Familien und 30 erwachsene Männer zählte, binnen Jahresfrist ausgestorben war, während Appius Claudius, der im Kriege gegen Pyrrhus und sonst so berühmte Mann, als Urheber des verderblichen Rathes eben darüber erblindet sein soll; dahingegen sich die Pinarier bis auf späte Zeiten behaupteten. Vielleicht bot dieselbe neue Ordnung des Gottesdienstes eine Veranlassung zu den Reformen im Sinne des griechischen Einflusses, um derentwillen derselbe später gewöhnlich für einen schlechthin griechischen angesehen wurde. Unter den Opfern und Opferschmäusen dieses Hercules sind das ordentliche und die außerordentlichen zu unterscheiden. Jenes ist das jährlich an einem bestimmten Tage, 652 vermuthlich dem 12. August Wenigstens bemerkt das Kal. Amitern. zu diesem Tage: Herculi Invicto ad Circum Max. , welches eben der Hercules der Ara Max. zu sein scheint. Io Lydus d. Mens. IV, 46 spricht von einem Feste des H. Victor am 11. April, welches weder die alten Kalender noch Ovid kennen. Als Opfer wird bei Varro l. l. eine iuvenca, b. Dionys. I, 39 δάμαλις εἷς, b. Ovid F. I, 579 ein taurus genannt. , von dem Prätor im Namen der Stadt dargebrachte Opfer eines jungen Rindes (iuvencus oder iuvenca), diese die dem Hercules als dem Mehrer aller Habe und Spender alles außerordentlichen Segens Auch eines unverhofft gefundnen Schatzes, vgl. Horat. S. II, 6, 10, Pers. 2, 10 und den Hercules sub terra medius cubans, sub quo plurimum aurum positum est der Region Transtiberim in den Regionen S. 24. Bei Diod. IV, 21 verspricht Hercules Alle, die ihm den Zehnten ihrer Habe weihen würden, mit reichem Segen zu segnen. Und so sei es geschehn, πολλοὺς γὰρ Ῥωμαίων, οὐ μόνον τῶν συμμέτρους οὐσίας κεκτημένων, ἀλλὰ καὶ τῶν μεγαλοπλούτων τινὰς εὐξαμένους ἐκδεκατεύσειν Ἡρακλεῖ καὶ μετὰ ταῦτα γενομένους εὐδαίμονας ἐκδεκατεῦσαι τὰς οὐσίας οὔσας ταλάντων τετρακισχιλίων. Vgl. Dionys. I, 40, Plut. Qu. Ro. 18. sehr häufig ex voto dargebrachten Zehnten der Habe oder des Gewinns, bei welchen auf das Opfer ein gewöhnlich sehr reichliches Mahl, das in seiner Art sprichwörtlich gewordne polluctum folgte Polluctum von pollucere d. i. darreichen, opfern, hier in der speciellen Bedeutung des Opferschmauses, weil der Schmaus eben wesentlich zum Cultus des Hercules und zur Erfüllung des Zehnten-Gelübdes gehörte. Je nach der Art des Gewinns, an Vieh, an Waaren, an Geld, konnte das Verschiedenartigste gelobt und dargebracht werden, s. Fest. p. 253 Herculi autem omnia esculenta poculenta (l. pollucere licet ), Varro l. l. VI, 54 quom enim ex mercibus libamenta porrecta sunt Herculi in aram, tum polluctum est. Immer war das reichliche Mahl (pollucibilis coena), mit üppigem Genuß von Speise und Trank, die nothwendige Folge eines solchen Gelübdes, wobei das Vorbild des griechischen Hercules βουφάγος, s. Griech. Mythol. 2, 187 mitgewirkt haben mag. Vgl. Macrob. S. III, 16,17; 17, 16, Tertull. Apolog. 14 und 39, Treb. Poll. Trig. Tyr. 14, und den meist sprichwörtlichen Gebrauch des Wortes pollucere und polluctum oder des Herculeszehnten bei Naevius Colax p. 9 Ribb., Plaut. Bacch. IV, 4, 15, Curcul. I, 3, 37, Mostell. I, 1, 23, Rud. II, 4, 11, Stich. I, 3, 80, V, 4, 6, Trucul. II, 7, 11. . Der Ritus und die Ausstattung des gesammten Gottesdienstes war in solchem Grade der griechische, daß man sich wegen der griechischen Ursprünge Roms vorzüglich auf diesen Umstand zu berufen pflegte Dionys. I, 39, Strabo V p. 230, Liv. I, 7, Varro b. Macrob. S. III, 6, 17, vgl. Serv. V. A. VIII, 288. . Namentlich wurde das Opfer nach griechischer Weise operto capite d. h. mit verhülltem Haupte dargebracht, wie im Dienste des Saturnus, das Haupt selbst aber sowohl beim Opfer als bei dem festlichen Mahle mit Lorbeer bekränzt, wozu die 653 Zweige von einem Haine auf dem benachbarten Aventin genommen wurden Serv. V. A. VIII, 276, Macrob. S. III, 12, 2. . In dieser Weise wurde namentlich auch jenes regelmäßige Opfer von dem Praetor Urbanus dargebracht, indem er dazu den Wein aus eben jenem großen Becher von Holz spendete, welchen der Sage nach Hercules selbst, der wackre Zecher, im Gebrauch gehabt hatte. Bei dem auf das Opfer folgenden Schmause pflegten die Theilnehmer nach alter Weise nicht zu Tische zu liegen, sondern zu sitzen Macrob. III, 6, 16, Serv. A. VIII, 176. . Die Frauen waren sowohl von den Opfern als von den Opferschmäusen des Hercules ausgeschlossen, wie die Männer von denen der Bona Dea; daher sich die Frauen auch des Eides beim Hercules enthielten, beim Castor dagegen wegen des Anklanges an castum und castitas um so lieber schwuren Gell. N. A. XI, 6, Macrob. I, 12, 28, Tertull. ad Nat. 2. Vgl. oben S. 354 . . Der Gebrauch den Zehnten eines Gewinns dem Hercules zu weihen war nicht allein in Rom, sondern auch in andern Gegenden von Italien herkömmlich Die Inschriften von Amiternum und Reate s. S. 638, 1730 . Dazu kommt eine Inschr. aus Capua bei Mommsen I. N. n. 3578 P. Ateius P. L. Regillus fecit sibi et P. Ateio P. L. Salvio Patron. Pomario. Is ter Herculi decumam fecit etc. und die alterthümliche und merkwürdige aus Sora b. Mommsen n. 4495, Henzen Suppl. Or. n. 5755. M. P. Vertuleieis C. F. Quod re sua difeidens aspere afleicta Parens timens heic vovit, voto hoc soluto Decuma facta poloucta leibereis lubentes Donu danunt Hercolei maxsume mereto. Semol te orant, se voti crebro condemnes. Vgl. Henzen im Rh. Mus. f. Phil. N. F. V S. 70–79. und überdies in dem Wesen dieses Gottes, namentlich nach seiner alterthümlichen und volksthümlichen Auffassung so wohl begründet, daß an eine spätere Entstehung desselben in Rom nicht zu denken ist. Vielmehr wird die gewöhnlich als Beweis dafür angeführte Erzählung von der Uebertragung dieses Gebrauchs von dem Hercules der Ara Maxima auf den Hercules Victor zu verstehen sein: eine Neuerung welche sowohl für den Cultus der Ara Maxima als hinsichtlich des Gebrauchs, den man fortan von solchen Weihungen und Schmäusen ex voto machte, von wichtigen Folgen begleitet war. Es wird nehmlich erzählt Macrob. S. III, 6, 11, Serv. V. A. VIII, 363, Mamertin. paneg. Dioclet. et Maximin. 2. daß ein gewisser Octavius Hersennius, welcher in seiner Jugend Pfeifer (tibicen) gewesen, sich nachmals auf den Handel gelegt und dabei, wenn 654 es ihm gut gehe, nach herkömmlichem Glauben dem Hercules seinen Zehnten gelobt habe. Als er dann übers Meer schiffte und einen Angriff von Seeräubern tapfer zurückgeschlagen hatte, erfuhr er im Traume daß kein andrer Gott als Hercules ihm zu diesem Siege verholfen hatte, weshalb er nach seiner Heimkehr dem Hercules Victor einen Tempel mit einem Bilde stiftete, welcher das älteste Denkmal des Hercules Victor in Rom gewesen zu sein scheint. Mag es nun dieser Vorgang gewesen sein oder der Einfluß des griechischen Herakles im Allgemeinen, dessen Feldzüge und Siege im Orient neben denen des Bacchus von jeher die idealen Vorbilder für glückliche Sieger und ehrgeizige Eroberer gewesen waren, genug es ward mit der Zeit auch in Rom immer mehr Gebrauch, den Hercules der Ara Maxima vorzüglich in diesem Sinne zu verehren und namentlich vor einem Feldzuge oder bei der triumphirenden Rückkehr aus demselben einen Zehnten der Beute oder der gesammten Habe an jenem Altare darzubringen und darauf auch den herkömmlichen Schmaus zu veranstalten Posidonius b. Athen. IV p. 153 C ἐν τῇ Ῥωμαίων πόλει, ὅταν εὐωχῶνται ἐν τῇ τοῦ Ἡρακλέους ἱερῷ, δειπνίζοντος τοῦ κατὰ καιρὸν ϑριαμβεύοντος καὶ ἡ παρασκευὴ τῆς εὐωχίας Ἡρακλεωτική ἐστι. Ib.V p. 221 F. Marius weiht die Felle der in Afrika erlegten Gorgonen, wilder Thiere von schrecklichem Ansehn, ἐν τῷ τοῦ Ἡρακλέους ἱερῷ, ἐν ᾧ τοὺς ϑριάμβους κατάγοντες στρατηγοὶ ἐστιῶσι τοὺς πολίτας, καϑάπερ πολλοὶ τῶν ἡμεδαπῶν ποιηταὶ καὶ συγγραφεῖς εἰρήκασιν. , mit einer Ueppigkeit und Verschwendung, die nun freilich weit mehr auf den Beifall des gemeinen Mannes berechnet als eine Folge des alten Glaubens war: bei welchen Gelegenheiten auch jenes alte, angeblich vom Evander herstammende Bild des Hercules als das eines Triumphirenden costümirt wurde und demgemäß den Namen Hercules triumphalis bekam Plin. H. N. XXXIV, 7, 16. Vgl. Or. n. 1042 aus Tarent: Herculi Sancto Servatori Victori Triumph(ali) pro salute et victoria Imp. Caes. M. A. Cari ex voto Ord. Tarent. und Serv. V. A. VII, 662. . So erfahren wir von einer Speisung des Sulla, bei welcher ein so großer Ueberfluß herrschte daß täglich viele Speisen in den Fluß geworfen wurden, auch des Lucullus, welcher als der reichste und üppigste Mann seiner Zeit auch in dieser Hinsicht das Außerordentliche leistete, endlich des Crassus, bei dessen Weihung vom Zehnten seiner Habe jeder Römer drei Monate lang seine Zehrung auf Crassus Kosten bekam Plut. Sulla 35, Crass. 2, Diod. IV, 21. . Und so sind ohne Zweifel auch die vielen Bilder und 655 Tempel des Hercules, welche sich theils in der Gegend der Ara Maxima, theils auf dem Capitol und Forum, oder auch in andern Gegenden der Stadt befanden und gewöhnlich nach dem dedicirenden Feldherrn benannt wurden, in den meisten Fällen bei solchen Veranlassungen des Triumphs entstanden, wo außer dem Iupiter O. M. auf dem Capitol nach griechischem Glauben nun auch immer sein Sohn und Werkzeug auf Erden Hercules Victor zu bedenken war. Besonders interessant ist die in der Gegend des Lateran gefundne Dedicationsinschrift des L. Mummius, worin derselbe als Sieger über Achaja und Korinth nach seinem Triumphe in Rom einen Tempel und ein Bild des Hercules Victor stiftet, wie er es im Felde gelobt hatte Marini Atti p. 30, Ritschl tit. Mumm. ad fidem lap. Vaticani, Berol. 1852. Die Inschrift lautet: L. Mummi L. F. Cos. duct[u] auspicio imperioque eius Achaia capt[a] Corinto deleto Romam redieit triumphans. Ob hasce res bene gestas quod in bello voverat hanc aedem et signu[m] Herculis Victoris imperator dedicat. Vermuthlich war das Bild des Hercules ein Stück aus der korinthischen Beute, s. Strabo VIII p. 381. . Auch gehören dahin ein sogenannter Hercules tunicatus auf dem Forum, den Lucullus als Feldherr von der Beute geweiht hatte, ein Hercules Sullanus in der Gegend der P. Maggiore und ein Hercules Pompeianus beim Circus Maximus Plin. H. N. XXXIV, 7, 19, 53 und 93, Vitruv. III, 3, vgl. meine Regionen S. 131 und Archäol. Ztg. 1846 S. 356. , endlich eine aedes Aemiliana des Hercules auf dem Forum Boarium, welche, wenn diese Lesart die richtige ist, eine Art von Familienheiligthum des Hercules Victor und etwa nach dem Triumphe des Siegers von Pydna gestiftet sein möchte Fest. p. 242 Pudicitiae signum . Einen Hercules Πολυκλέους d. h. eine Statue dieses griechischen Meisters auf dem Capitol nennt Cic. ad Att. IV, 1, 17. Vgl. Dio XLII, 26. . Außer diesem Hercules begegnen wir in Rom dem Hercules Custos, welcher beim Circus Flaminius ein eignes Heiligthum hatte Unter dem Namen Hercules Magnus Custos. Der Dedicationstag war der 4. Juni, Kal. Venus., Ovid F. VI, 209. Das Kal. Capranic. z. 12. Aug. scheint diesen Hercules mit dem der Ara Max. zu verwechseln. , ferner dem H. Defensor und Salutaris, welcher dem griechischen ἀλεξίκακος entspricht S. die Inschr. b. Ritschl tit. Mumm. p. III: Hercules invicte, Sancte Sitvane, ἐνόδιος , Hic advenisti ne quid hic fiat mali. Dieselben Dienste that bei den Griechen der Kallinikos. Or. n. 1537 Ἡρακλεῖ Ἀλεξικάκω Παπείριοι , Herculi Defensori Papirii. Corp. I. Gr. n. 5988 Σωτῆρι Θεῶ Ἡρακλῆ. n. 5989 Ἡρακλεῖ ἀλεξικάκῳ , Herculi Defensori, Silvano Custodi. Mommsen I. N. 1389 Herculi Salvatori Sacrum pro salute Imp. M. Aurel. Commodi Pii Aug. Colon. . Natürlich fanden 656 außerdem mit griechischer Sitte und Bildung auch die übrigen Formen des allgemein verbreiteten Heraklesdienstes Eingang. So der Heraklescult der Bäder, Gymnasien und Palästren, welcher in Sicilien seit alter Zeit einheimisch war und sich in Etrurien und überhaupt in Italien bei der großen Anzahl von Heilquellen und warmen Bädern früh und allgemein festsetzte So bei den Bädern von Caere s. Liv. XXII, 1 vgl. Serv. V. A. VII, 697, wo Hercules mit einer eisernen Stange, die er in die Erde stößt, die Quellen des Ciminischen Sees öffnet. Or. n. 1560 Herculi, Genio Loci, Fontibus Calidis in den Bädern des Hercules in Ungarn. Daher Salutifer ib. n. 1561 und Somnialis n. 1553. 2405, was entweder auf Incubationen oder auf den Todesschlaf zu beziehn ist. . Diesen Hercules verehrten auch die Professionisten der Palästra, während die Soldaten, die Gladiatoren und andre Professionisten der körperlichen Kraft oder Behendigkeit das Ideal des Hercules in ihrem Sinne cultivirten Horat. Ep I, 1, 5 Veianius armis Herculis ad postem fixis latet abditus agro. Varro b. Non. Marc. p. 528 ad Herculis athla athletae facti. Vgl. den Hercules Rusticellus b. Plin. VII, 20, 19 und den H. rusticus b. Lamprid. Comm. 10. H. Celer Or. n. 1536, Fabr. p. 601. 659 barbatus Henzen n. 5726. , die oft in den Steinbrüchen arbeitenden Soldaten aber einen eignen Hercules Saxanus verehrten, welchen viele Inschriften nennen Or. n. 2006–2011. 3479. 5657, vgl. Osann Ztschr. f. A. W. 1837 S. 385, Lersch Centralmuseum II S. 27, Rhein. Jbb. VII S. 43. . Die feineren Kreise, die in griechischer Kunst und Poesie zu Hause waren, hielten sich dagegen zu dem Bilde des von seiner Mühe ausruhenden Hercules, der es sich beim Mahle wohl sein läßt und darum als heitrer Genius aller Tafelfreuden verehrt wurde, auch als Pacifer und Hercules Musarum, welchem letzteren M. Fulvius Nobilior in der Nähe des Circus Flaminius einen mit schönen Kunstwerken verzierten Tempel gestiftet hatte, den L. Marcius Philippus, der Stiefvater des August erneuete S. meine Regionen S. 167. Die Bilder des Hercules und der 9 Musen sieht man auf den Münzen des Q. Pompon. Musa. Vgl. C. I. Gr. n. 5985 εὐχὴ Ἡρακλῇ ϑαλλοφόρῳ ἱερῲ εὐακούστῳ, Herculi Pacifero, Invicto, Saneto Ib. n. 5987 unter einem Bilde des Hercules mit der Lyra: Ἡρακλῆ τῷ Μουσαγέτῃ Μηνόφιλος. . So waren natürlich auch die Bilder des Hercules und seiner Thaten meist die griechischen, sei es daß sie als gute Beute aus Griechenland entführt oder in Rom von griechischen Künstlern verfertigt wurden, die Bilder seiner Jugend Hercules pusillus und puerinus, Martial. III, 47, Or. n. 1546 Hercules als Kind, mit Löwenhaut, Keule und Becher, auf einem Grabstein, Mommsen I. N. n. 6926. , die seiner Kämpfe und Feldzüge, und das 657 Idealbild des vollendeten Helden mit den Hesperidenäpfeln in der Hand, welche als Preis seines letzten Kampfes gewöhnlich das Attribut des Hercules Victor überhaupt waren. Dazwischen spielen auch die Bilder aus dem Kreise des lydischen Hercules und der Omphale, welche durch die genealogischen Fabeln der Etrusker frühzeitig nach Italien verpflanzt wurden Or. n. 1557. 1558. Vgl. Stephani der ausruhende Herakles S. 203. , und die des Tyrischen, Punischen und Gaditanischen Hercules, welche auch nach dem Verfall von Tyrus und Karthago in großem Ansehn standen Vorzüglich der Gaditanische s. Eckhel D. N. VI p. 504 und Ulpian t. XXII, 6, der ihn unter den Göttern nennt, welche zu bonorum heredes eingesetzt werden konnten. Ueber den Tyrischen Hercules s. Fabretti Inscr. p. 137, 119 und p. 128, Or. n. 1554. Das Bild des Hercules, welchem früher in Karthago jährliche Menschenopfer dargebracht worden waren, stand später unbeachtet in Rom, Plin. XXXVI, 5, 4, 39. . Doch blieben die auf Sieg und Triumph deutenden Formen immer die vorherrschenden, namentlich in der Zeit der Kaiser, wo Hercules als Sohn des Jupiter und als Besieger und Beherrscher der Welt von selbst zum Symbole der kaiserlichen Macht wurde, vollends wenn die Lorbeern des Sieges den Kaiser schmückten. Schon Antonius der Triumvir, welcher sich vom Hercules abzustammen rühmte, gefiel sich darin den Hercules zu spielen; später sind es besonders die Kaiser von spanischer Abkunft, Galba, Trajan und Hadrian, auf deren Münzen und Denkmälern der göttliche Heros als Sinnbild zugleich ihrer Heimath und ihrer Thaten erschien Eckhel VI p. 298. 504. 506. . Weiter liebte es bekanntlich Commodus nicht allein im Costüme des Hercules aufzutreten, sondern auch auf der blutigen Bühne des Amphitheaters als solcher zu würgen, worüber sich die ganze Stadt mit entsprechenden Herculesbildern anfüllte Herodian I, 14, Dio LXXII, 15, Lamprid. 8. 9. Auch seine Münzen sind voll von Beziehungen darauf. . Hernach gefielen sich Severus und Caracalla darin, Hercules und Bacchus, die Sieger des Orients, als die Götter ihres Hauses zu verehren, während Caracalla in der schweren Verfinsterung seines Gemüths, wo durch das ganze Reich alle Sühngötter in Bewegung gesetzt wurden, vorzüglich zur Verehrung des Alexicacus aufforderte Dio LXXVI, 16, LXXVII, 6, Eckhel D. N. VII p. 170. 213. . Eine neue Wendung schien diese Symbolik durch Postumus in Gallien nehmen zu wollen, da durch ihn der gallische d. h. celtische Hercules zu Ehren kam, doch wiederholen auch seine Münzen im Wesentlichen den alten 658 hellenischen Bilderkreis Eckhel VII p. 442 sq. Auch der Kaiser Probus, allerdings ein tapfrer Kriegsheld, wird als H. Erymanthius und als H. Romanus Aug. gefeiert, ib. p. 504. . Bis endlich unter Diocletian und Maximian die erstaunte Welt noch einmal den Vater und den Sohn, Jupiter und Hercules, in diesen beiden Kaisern den Thron besteigen sah; denn einen solchen Glauben befahl die politisch wohlberechnete Reichsreligion des Diocletian und das Ceremoniell der neuen Hofordnung, welche die neue Würde eines Caesar Herculius durch Adoption sogar auch auf die nächsten Nachfolger fortpflanzte Eckhel VIII p. 9 und 30, Or. n. 1046 ff.; vgl. oben S. 214, 411 . . 4. Castor und Pollux. Auch der Cultus der Dioskuren hatte sich sehr bald über Sicilien und Italien verbreitet. In Großgriechenland waren Tarent und Locri eifrige Verehrer der reisigen Jünglinge; in Etrurien müssen sie gleichfalls viel verehrt worden sein, da ihre Bilder zu den gewöhnlichsten Verzierungen der etruskischen Spiegel gehören, wo ihre Namen Kastur (ausnahmsweise Kasutru) und Pultuc oder Pultuke, auch Pulutuke lauten. Eines Tempels zu Ardea mit alter griechischer Malerei gedenkt Plin. H. N. XXXV, 3, 6, unter den latinischen Städten scheint ihnen besonders Tusculum seit alter Zeit ergeben gewesen zu sein Cic. de Divin. I; 43, 98, Fest p. 313 stroppus. Die Cornelia und Fonteia bezeichnen auf ihren Münzen ihre tusculanische Herkunft durch die Köpfe der Dioskuren. Ueber Ardea und die Küste vgl. Serv. V. A. I, 44, X, 564. . In Rom wurden sie vorzugsweise vom Ritterstande und als ideale Vorbilder der Ritterschaft verehrt, wie dieses auch in jenen bedeutenden, durch ihre Ritterschaft glänzenden Städten in Großgriechenland der Fall war, welche auf den Glauben und die Sitten der höheren Stände in Apulien, Lucanien und Campanien und durch deren Vermittlung auch auf Latium und Rom überhaupt und namentlich in diesem Falle einen nicht geringen Einfluß ausgeübt haben. Von Tarent bezeugen viele schöne Münzen sowohl die hohe Blüthe der ritterlichen Uebungen als eine entsprechende Verehrung der Tyndariden, welche den Tarentinern wie Herakles von ihrer Heimath her angestammt waren. Die Dioskuren von Locri waren durch das Wunder der Schlacht 659 am Flusse Sagra durch Griechenland und Italien berühmt geworden. Bedrängt von der Uebermacht der Krotoniaten hatten die Lokrer in Sparta um Hülfe gebeten, aber nichts weiter erlangen können als eine Hinweisung auf den Schutz der Dioskuren, dem sie sich gläubig anvertrauten. Als es bald darauf zur Schlacht kam, zwischen 15000 Lokrern und 120000 Krotoniaten, siehe da schwebte ein Adler, der Bote des Zeus, über den Reihen der Lokrer und verließ sie nicht eher als nachdem sich der Sieg für sie entschieden hatte. An den beiden Flügeln aber sah man zwei Jünglinge in glänzender Rüstung kämpfen, ragende Gestalten in purpurnen Mänteln und auf schneeweißen Rossen, die gleich nach der Schlacht verschwunden waren. Und Wunder über Wunder, an demselben Tage, wo diese Schlacht geschlagen wurde, erfuhr man davon bei den Olympischen Spielen, welche eben gefeiert wurden, so daß die Botschaft sich schnell durch ganz Griechenland verbreitete Cic. N. D. II, 2, 6, III, 5, 13, Iustin. XX, 3, 4, Diod. Exc. Vat. VII–X, 16, Suid. v. Ἀληϑέστερα τῶν ἐπὶ Σάγρᾳ. . Münzen der Bruttier, der Lucaner, der Apuler beweisen die Verehrung der Dioskuren auch bei diesen Völkern, und aus der Erzählung bei Liv. VIII, 11, daß die Treue der Campanischen Ritter im latinischen Kriege in Rom durch das Bürgerrecht und eine Gedächtnißtafel im Tempel der Castoren belohnt worden sei, darf man folgern daß derselbe sowohl in Capua als in Rom speciell die Ritterschaft anging. Uebrigens lautet der Bericht von der Veranlassung des Cultus in Rom so ganz ähnlich jenem Berichte von der Schlacht am Flusse Sagra, daß eine unmittelbare Einwirkung kaum abzuweisen sein dürfte. In der Schlacht nehmlich, welche die kaum von den Tyrannen befreiten Römer im J. 258 d. St., 496 v. Chr. gegen die Tusculaner und Tarquinier am See Regillus auf Tusculanischem Gebiete zu bestehn hatten, wo die Römische Ritterschaft den Sieg entschied, soll sich im Wesentlichen dasselbe begeben haben. Auch hier sind die Römer sehr im Gedränge, da erscheinen dem Dictator Postumius zwei jugendliche Ritter von außerordentlicher Größe und Schönheit, setzen sich an die Spitze der römischen Geschwader und jagen die Tusculaner schnell in die Flucht; in einem Felsen an jenem See sah man noch zur Zeit des Cicero die deutliche Spur vom Hufe des Pferdes, auf welchem Castor geritten. Und kaum war der Sieg gewonnen, so verbreitet sich auch hier das Gerücht mit geisterhafter Geschwindigkeit, indem die göttlichen Jünglinge selbst auf dem römischen 660 Markte erschienen, noch in der vollen Aufregung und Rüstung der Schlacht und ihre schweißgebadeten Rosse am Bassin der Juturna waschend, wobei sie dem neugierig andrängenden Volke von der Schlacht und von dem Siege erzählen, Zweifelnde durch ein neues Wunder bekehren und endlich wie dort spurlos verschwinden Cic. N. D. II, 2, 6, III, 5, 11, Dionys. VI, 13, Plut. Aemil. Paul. 25, nach welchem der erste Römer, welcher zu ihnen trat, die Nachricht nicht glauben wollte, worauf sie ihm lächelnd den schwarzen Bart mit der Hand berührten, der darauf röthlich wurde. Daher Domitius Aenobarbus. Vgl. auch die Münzen bei Riccio t. 40, 4. 5. . Ja auch die Zeit der Schlacht und der Epiphanie war dieselbe, denn die Iden des Juli, an denen man beide feierte, entsprechen der Zeit der Olympienfeier d. h. beide fielen um die Zeit des Vollmondes nach der Sommersonnenwende und dem längsten Tage, was sich merkwürdiger Weise auch bei späteren Epiphanieen der Dioskuren in der römischen Geschichte wiederholt, so daß hier ein bestimmter Cultusgrund im Spiele sein muß. Denn auch um die Zeit der Schlacht bei Pydna im J. 168 v. Chr. und des Siegs über die Cimbern in der Gegend von Verona im J. 101 v. Chr. erschienen und meldeten die Castoren den Sieg in Rom, in beiden Fällen wieder um die Zeit des Sommeranfangs und der Sonnenwende Von der Schlacht bei Pydna s. Cic. N. D. III, 5, 11, Val. Max. I, 8, 1, Flor. II, 12, 15, von der bei Verona Plut. Mar. 26, Flor. III, 3, 20. Vgl. den interessanten Aufsatz von A. Mommsen im Philol. 1856 S. 706 ff. : weshalb zu vermuthen ist daß die Griechen im Mutterlande wie in Sicilien und Italien seit alter Zeit diese lichten Götter und ihre Epiphanie grade in dieser Jahreszeit feierten und daß dadurch später auch der Glaube und der Cultus der Römer bestimmt wurde. Genug jene Schlacht am See Regillus bewog die Römer zur Erbauung eines Tempels der griechischen Götter auf derselben Stelle des Markts, wo sie dem Volke als Siegesboten erschienen waren; hatte ihnen doch der Dictator Postumius gleich auf dem Schlachtfelde einen eignen Tempel in Rom gelobt Liv. II, 20, Becker Handb. I, 298. . Auch das Bassin der Juturna, welches sich dicht bei diesem Tempel befand, wurde ihnen nun heilig, zum Gedächtnisse aber des Siegs und der Stiftung eine jährliche Feier am 15. Juli angeordnet, welche zu den glänzendsten Festlichkeiten in Rom gehörte und neben einer gleichartigen Feier an den Lupercalien der Ritterschaft eine regelmäßige Gelegenheit bot, sich in dem vollen Glanze und kriegerischen Staate ihres Standes der Stadt zu zeigen. Es ist dieses die sogenannte 661 transvectio equitum, ein Paradezug der römischen Ritter durch die Stadt, welcher in solcher Art und Ausrüstung, wie er in den besten Zeiten der Republik gehalten wurde, freilich erst durch den Censor Q. Fabius Maximus im J. 450 d. St., 304 v. Chr. angeordnet sein soll Liv. IX, 46, Val. Max. II, 2, 9. Ueber die transvectio an den Lupercalien s. Marquardt Handb. IV, 405, 2776. . Er begann vor dem Thore, wo auch damals der Dictator mit seinem Magister Equitum und den tapfern Rittern triumphirend eingezogen war, in älteren Zeiten wie es scheint beim T. des Honos gleich vor der p. Capena ( S. 613 ), in späteren weiter hinaus beim T. Martis ( S. 312 ) d. h. in der Gegend des Thores von S. Sebastiano Dionys. VI, 13, Aurel. Vict. vir. ill. 32. Mehr bei Becker Handb. II, 1, 260 ff. . Von dort setzten sich die Ritter in Bewegung, abgetheilt nach den alten Stämmen und nach Turmen, kriegerisch gerüstet auf ihren Pferden, als kämen sie direct aus der Schlacht, bekränzt mit den Zweigen des Oelbaums und im vollen Ornate der trabea mit purpurnen Streifen, alle mit ihren kriegerischen Ehrenzeichen geschmückt, in guten Zeiten an die 5000 Mann stark, der höchste Glanz der Stadt und die Blüthe ihrer adligen Jugend. Sie zogen aufs Forum um hier den Castoren die Ehre des Tags zu erweisen, für den ihnen von Seiten des Staates durch ein reichliches Opfer gedankt wurde, und von dort auf das Capitol, um auch dem Jupiter, dem Lenker der Schlachten, dem Vater der Dioskuren und dem Herrn aller Idus ihren Dank darzubringen. Die gewöhnlichen Namen der beiden Heldenjünglinge waren in Rom Castor und Pollux, doch lautete der letztere in der älteren Sprache Polluces Plaut. Bacch. IV, 8, 53, vgl. Varro l. l. V, 73. Auf einem etrusk. Spiegel mit lateinischer Inschrift heißt er Poloces, bei Gerhard t. 171. . Nicht selten gebrauchte man den einen Namen im Plural für beide, am gewöhnlichsten den des Castor; daher der Witz des M. Bibulus, der in der curulischen Aedilität und andern Aemtern Cäsars College war, daß es ihm wie dem Pollux neben seinem Bruder Castor ergehe Sueton Caes. 10, Dio XXXVII, 8, Serv. V. Ge. III, 89 ideo Pollucem pro Castore posuit, quia ambo licenter et Polluces et Castores vocantur. Nam et ludi et templum et stellae Castorum appellantur. Vgl. Or. n. 1567. . So hieß auch jener von dem Sohne des Siegers Postumius an den Iden des Juli im J. 270 d. St. geweihte, von Tiberius neu erbaute Tempel gewöhnlich schlechthin der 662 Castortempel, aedes Castoris Z. B. Scipio Africanus, Pauli filius, cum pro aede Castoris dixit , Fest p. 286. Im J 448 d. St., 306 v. Chr. wurde dem Consul Marcius nach einem Triumphe über die Herniker eine Reiterstatue vor dem Castortempel zuerkannt, Liv. IX, 43, was wieder die specielle Beziehung zum ritterlichen Stande ausdrückt. Die Einweihung des neuen Tempels erfolgte am 27. Jan. des J. 6 n. Chr. Ovid F. I, 705. : ein ansehnliches Gebäude welches oft zu Senatssitzungen diente und wegen seiner Lage am Forum häufig erwähnt wird. Auch geschworen wurde viel beim Castor und Pollux, in den bekannten Formeln Edepol und Mecastor, von denen man jene im Munde von Männern und Frauen, diese nur in dem der Frauen fand ( S. 653 ). Der außerordentlich häufige Gebrauch der Castorenbilder auf den älteren Münzen der Republik ist wieder eine Folge ihrer ritterlichen Natur, daher sie auch zu den vornehmsten Göttern des Circus gehörten, sowohl im Circus Maximus als im Circus Flaminius, wo sie an den Iden des August durch eigne Spiele gefeiert wurden und einen eignen Tempel hatten Tertull. de Spectac. 8 Singula ornamenta Circi singula templa sunt. Ova honori Castorum adscribunt etc. Vgl. Vitruv. IV, 8, 4 und Kal. Amitern. Id. Aug. . Als Götter der beruhigten See und einer günstigen Schiffahrt wurden sie auch in den Häfen viel verehrt, z. B. in Ostia Ammian M. XIX, 10, 4 und das Epigramm aus Ostia b. Grut. 99, 2, Anthol. lat. n. 600. Vgl. Serv. V. A. III, 12, Or. n. 1565. . Dieses gab Veranlassung zu ihrer Identification mit den Göttern von Samothrake, daher auch sie den von dort verbreiteten Namen der Dii Magni führten. 5. Diomedes, Ulysses, Telephus. Unter den Helden des troischen Sagenkreises hatte sich durch die Griechen der Ruf des Diomedes und Ulysses auch in Italien weit verbreitet. Sowohl die Colonien als die geschäftige Sage trugen das Ihrige dazu bei, die letztere indem sie bei dem älteren Epos anknüpfend in dem Sinne desselben fortdichtete oder seine Bilder in die neuen Kreise der Länder- und Völkerkunde des Westens übertrug. Unter den späteren epischen Gedichten haben vorzüglich die Nosten R. Stiehle Philol. 1853 S. 49 ff., 1855 S. 151 ff. in diesem Sinne gewirkt; die örtliche Anknüpfung boten gewöhnlich die Abenteuer des Ulysses und das Palladion des Diomedes. Neben ihnen wurden auch andre Heroen als älteste Ansiedler von Italien genannt, z. B. 663 Philoktetes und Idomeneus, und wir wissen namentlich von Tarent daß dort nicht blos Diomedes und Ulysses, sondern auch die Atriden und Aeaciden, also der ganze Kreis der griechischen Helden vor Troja, zu gewissen Zeiten mit heroischen Opfern verehrt wurden Virg. Aen. III, 400 ff., Aristot. Mirab. Auscult. 106. . Doch rühmte sich Italien immer am liebsten jener beiden in der Schlacht und im Abenteuer so oft vereinigten Helden, des kühnen Tydiden und des listigen Laertiaden. Wo sich dieselben auch bei den eingeborenen Stämmen einbürgerten, da haben in den meisten Fällen gewisse einheimische Ueberlieferungen und entsprechende Bilder des örtlichen Glaubens mitgewirkt, welche den griechischen Traditionen sinnverwandt entgegenkamen; doch sind wir selten im Stande diesen Zusammenhang befriedigend nachzuweisen. Bemerkenswerth ist daß das Gebiet der italischen Diomedessage vorzugsweise das Littoral des ionischen und adriatischen Meeres geblieben ist, das der Sage vom Ulysses die Küste des tyrrhenischen Meers. Diomedes soll nehmlich zwar auch von den Griechen in Metapont und Thurii als Gott verehrt worden sein, aber weit mehr als diese wußten von ihm die Daunier in Apulien zu erzählen, welche in ihren Ansiedelungen von Canusium bis Arpi auch viele Denkmäler seiner Gegenwart und Herrschaft zeigten Schol. Pind. Nem. X, 12, Strabo VI p. 284, Virg. Aen. VII, 9, XI, 243 ff. mit Servius und Heyne Exc. I, zu Aen. XI, Klausen Aeneas S. 1173 ff., Mommsen Unterit. Dial. S. 91. Arpi hieß früher Argyrippa, griechisch Ἄργος Ἵππιον. Landeinwärts hatte sich die Sage vom Diomedes bis nach Equus Tuticus, Benevent und Venafrum in Samnium verbreitet, dahingegen die Sage von Lanuvium (S. 251, 511 ) ganz vereinzelt ist. Einige motivirten seinen Tod auf der Insel durch Einmischung der Illyrier, Paul. p. 69 und 75, Plin. H. N. III, 11, 16, Antonin. Lib. Metam. 31. . Jener Heros soll hier, aus Argos vertrieben, ein neues und mächtiges Reich gegründet und lange als König und reisiger Held geherrscht haben, bis er zuletzt auf einer an der Küste gelegenen, nach ihm benannten Insel verschwand und fortan für einen Gott galt, während seine Gefährten in die Diomedeischen Vögel verwandelt wurden, eine Art von Reihern (ἐρωδιός, ardea), deren Lebensweise und griechenfreundliches Benehmen fort und fort an die Abkunft aus Argos erinnerte Varro erzählte davon in gutem Glauben s. Augustin C. D. XVIII, 16, vgl. Serv. V. A. XI, 270, Plin. H. N. X, 44. . Von dieser Küste der Daunier hatte sich die Sage und der Cultus des Diomedes dann auch weiter hinauf zu den Umbrern in der Gegend von Ancona und zu 664 den Henetern an der Pomündung verbreitet Scylax Peripl. 16, Strabo V p. 214, Plin. III, 16, Steph. v. Ἀτρία. Merkwürdig ist die Coincidenz des Namens Brundusium von βρένδος Hirsch, βρέντιον Hirschkopf, und der Insel Brettia im Adrias, s. Steph. B. v. Βρεττία und Bergk Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 2. . Hier also mag der einheimische Cultus eines Gottes der Rossezucht und der Seefahrt zu Grunde gelegen haben, mit denen sich der Name und das Andenken des Diomedes verschmelzen konnte; dahingegen die Fabel vom Ulysses meist durch den Einfluß der Griechen, vorzüglich der Cumaner, bei den eingebornen Stämmen der andern Küste, sowohl den Ausonern als den Latinern verbreitet zu sein scheint. Ulysses oder Ulixes ist nur eine andre griechische Form für das alte epische Ὀδυσσεύς, welche sich vermöge des Sprachgebrauchs der Griechen in Sicilien und Italien über die ganze Halbinsel geltend gemacht hat Οὐλίξης sagte man in Sicilien, Plut. Marc, 20. Ulysses oder Ulixes fand der Grammatiker Diomedes beim Ibycus; ja es findet sich dieselbe Form des Namens auch auf gemalten Vasen attischer Herkunft. Etruskisch lautet er Uthuxe, was sich also unmittelbar an Odysseus anschließt. Der Wechsel von λ und δ ist der gewöhnliche, vgl. lacruma und δάκρυ, levir und δαήρ (δαϝήρ), oleo von der Wurzel οδ in ὄζω u. s. w. O. Müller Ann. d. Inst. 1832 p. 378 sq., Schneidewin Ibyc. p. 139 sq., O. Jahn Einl. in die Vasenk. p. CCXLI. . Die Sage von seinen Abenteuern an den fernen Küsten und Inseln des Okeanos hat bekanntlich sehr früh auf die Länder- und Völkerkunde des westlichen Italiens eingewirkt, wo Cumae mit seinem alten Todtendienste, der Sage von der Fahrt in die Unterwelt und von den Kimmeriern zuerst einen örtlichen Anhalt geboten haben mag, worauf sich die Abenteuer bei der Kalypso, bei den Cyclopen, beim Aeolus, den Lästrygonen, der Circe, den Sirenen, endlich der Scylla und Charybdis allmälich von selbst an den übrigen, von so vielen Griechen besuchten und durch so viele Untersuchungen wohlbekannten Punkten der Küste von Italien und Sicilien einrichteten Die Lästrygonen bei Formiä, wobei vermuthlich Seeraub im Spiele war, s. Horat. Od. III, 16, 34; 17, 5–9, Cic. ad Att. II, 13, Ovid Met.XIV, 233, Plin. H. N. III, 5, 9. Die Inseln der Sirenen bei Sorrent und in den benachbarten Gewässern, s. Strabo I p. 22. 246. 252. 258. Die Insel der Kalypso dachte man sich gewöhnlich beim Vorgebirge Lacinium s. Scylax 13, Plin. III, 10. . Die alte latinische Zaubergöttin und Zauberinsel, welche auf die Circe übertragen ward ( S. 363 ), wurde bald zu einem neuen Mittelpunkt der Sagenbildung, da namentlich die Telegonie des Eugammon, das Gedicht von den späteren Schicksalen des Ulysses und denen des 665 Telegonos, seines Sohnes von der Circe, sich ohne Zweifel näher auf diese Gegenden eingelassen hatte, von denen sich bekanntlich die erste sichre Spur in den jüngeren Anhängen der Hesiodischen Theogonie v. 1011 ff. findet. Es werden nehmlich in diesem Gedichte als Söhne des Ulysses und der Circe genannt: Agrios d. i. wahrscheinlich Faunus und Latinos und Telegonos, mit dem Zusatze daß diese drei Brüder sehr weit nach Sonnenuntergang in einer Inselbucht über alle Tyrrhener geherrscht hätten, welche in dieser Zeit von den Latinern und andern eingebornen Stämmen noch nicht näher unterschieden wurden Dionys. I, 29 ἦν γὰρ δὴ χρόνος ὅτε καὶ Λατῖνοι καὶ Ὀμβρικοὶ καὶ Αὔσονες καὶ Συχνοὶ ἄλλοι Τυρρηνοὶ ὑφ’ Ἑλλήνων ἐλέγοντο. Von jenen drei Brüdern ist Τηλέγονος der Ferngeborne, Ἄγριος i. q. Ἀγρεὺς d. i. Pan oder Faunus, wie Circe der Fauna verwandt ist, s. Göttling zu Hesiod. th. v. 1013. . Um so weniger werden wir uns bedenken die verwandten Sagen und Genealogieen dieser Stämme für alt zu halten, namentlich für älter als die Aeneassage, welche nicht durch die Griechen, die den feindlichen Troer wohl nicht verehren konnten, sondern durch Vermittlung der Elymer auf Sicilien nach Latium vorgedrungen zu sein scheint. So die vermuthlich schon zur Zeit der Tarquinier verbreitete Sage der Mamilier, eines edlen Geschlechts von Tusculum, welches Telegonos als den Gründer der Burg von Tusculum und dessen Tochter Mamilia als Stammmutter verehrte Liv. I, 49, Fest. und Paul. p. 150. 151, Dionys. IV, 45, Horat. Od. IV, 29, 8, Epod. I, 29, Ovid F. III, 92, IV, 71. Daher auf den Münzen der Mamilii das Bild des Ulysses als Bettler, wie ihn der Hund erkennt. . Ferner die gleichfalls wohl ziemlich alte Sage, nach welcher Ausonien diesen Namen von Auson, einem Sohne des Ulysses und der Kalypso, Andre nannten auch ihn einen Sohn der Circe, bekommen habe, und zwar zunächst die Gegend von Benevent und Cales, von wo sich der Name allmälich weiter verbreitet hatte Paul. p. 18 Ausoniam, Scymn. Ch. v. 226 ff., Schol. Apollon. IV, 553, Eustath. z. Dionys. Perieg. 78, z. Odyss. p. 1379, 20, Serv. V. A. VIII, 328. . Wurden doch in einigen genealogischen Combinationen der Griechen selbst Romos, Antias und Ardeas Söhne des Ulysses und der Circe genannt Dionys. I, 72 vgl. Plut. Rom. 2, Steph. B. v. Ἄντεια und Ἀρδέα, Serv. V. A. I, 277 und die Nachweisungen bei Stiehle Philol. 1849 S. 107, 1855 S. 167. ; und auch sie müssen ziemlich alt sein, da sie jenen beiden Küstenplätzen, Antium und Ardea, noch so viel Bedeutung beilegen. Endlich wurden 666 Ulysses und seine Söhne auch bei den Etruskern hin und wieder genannt und verehrt, namentlich zu Cortona, wo man den aus andern Sagen bekannten Nanos, das Bild eines heimathlos Umhergetriebenen, auch wohl mit Ulysses identificirte und dessen Grab zeigte Lycophr. Alex. 805 und 1242 ff. mit den Scholien und Tzetzes, vgl. O. Müller Etr. 2, 268 ff. Auf eine ganz eigenthümliche Auffassung deutet Plut. de aud. poet. 8. Durch den Verkehr der Etrusker mit dem Norden scheint mit andern Culturelementen die Sage von Ulixes selbst bis nach Deutschland gekommen zu sein, Tacit. Germ. 3. , und in Clusium und Caere, wo man mit ähnlichen Combinationen lieber auf seine Söhne Telegonus und Telemachus zurückging Serv. V. A. VIII, 479, X, 167. . Weit einheimischer scheinen indessen in Etrurien die Sagen von dem mysischen Herakliden Telephus gewesen zu sein, welcher nicht selten anstatt des Herakles ( S. 641 ) als Vater des Tyrrhenos oder des Tarchon und Tyrrhenos genannt wurde, von denen man gewöhnlich den Namen der Stadt Tarquinii und den der Nation ableitete Dionys. I, 28, Lycophr. Al. 1245 ff., Tzetz. zu vs. 1249 Ἡρακλέους καὶ Αὔγης τῆς ϑυγατρὸς Ἀλέου παῖς Τήλεφος, Τηλέφου δὲ καὶ Ἱερᾶς Τάρχων καὶ Τυρσηνός. Hiera ist eine Amazone, welche im mysischen Kriege an der Seite des Telephos kämpft, Philostr. Her. p. 691. Bei Plutarch Rom. 2 ist sogar Rome eine T. des Herakliden Telephos, die dem Aeneas vermählt wird. . Auch bei den tyrrhenischen Campanern, wenigstens in Capua, muß man diesen Herakliden als Ktisten verehrt haben, da sein Kopf und die Geschichte seiner Jugend auf den dortigen Münzen zu sehen ist J. Friedländer Osk. Münzen t. III, 19. 20 S. 13, Archäol. Ztg. 1843 S. 152, Bullet. Arch. 1853 p. 124. Gewöhnlicher leitete man Capua ab von dem Dardaniden Capys d. h. aus Troja. . Von Einigen wurde Telephus sogar mit Latinus identificirt, weil auch dieser hin und wieder für einen Sohn des Hercules galt Suid. v. Λατῖνοι, vgl. Malal. Chron. VI p. 162, 4 Ddf., wo Latinos der Sohn des Telephos heißt. . Die mythologische Anknüpfung ist wie gewöhnlich die Zerstörung von Troja, nach welcher auch dieser Heros nach Italien verschlagen sein soll. 6. Aeneas. Antenor. Die neuerdings so oft besprochene Aeneassage O. Müller Class. Journal 1822 Vol. XXVI n. 52 p. 308–318, Bamberger im Rh. Mus. f. Philol. 1838 VI S. 82–105, Klausen Aeneas und die Penaten, Hbg. u. Gotha 2 Bde. 1839. 40, E. Rückert Trojas Ursprung, Blüthe, Untergang und Wiederherstellung, Hamb. 1846, Schwegler Röm. Gesch. I S. 279–336. 667 unterscheidet sich von den bisher behandelten vorzüglich dadurch daß sie mit einer gewissen Form des asiatischen Aphroditedienstes Hand in Hand gehend die auf dem Haupte des Aeneas und der Aeneaden ruhenden Verheißungen dieser Religion von Troja auf Rom übertrug, also zugleich dem politischen und dem historischen Ehrgeiz der Römer schmeichelte. Anfangs in geringen und localen Anfängen auftretend ist sie allmälich durch die Ehrsucht einzelner Geschlechter und die Phantasie der Dichter und Sagenschreiber in die Mitte der latinischen und römischen Sagengeschichte gerückt worden, bis der Ruhm der Julier unter Cäsar und August und das dadurch bestimmte Gedicht Virgils ihr vollends den Vorrang vor allen übrigen hellenisch-römischen Sagen gesichert hat. Jenen Verheißungen begegnet man schon in der Ilias. Aeneas und Priamus sind hier die Häupter von zwei verschiednen Geschlechtern, von denen jenes zurückgesetzt wird, aber für eine neue und größere Zukunft aufbewahrt, Priamus dagegen und sein ganzes Haus dem Untergange verfallen ist Il. XIII, 460, XX, 302, Hymn. in Ven. 196. Nach Akusilaos b. Schol. Il. XX, 307 stiftete Aphrodite den ganzen Krieg nur deshalb an, um die Herrschaft von dem Hause des Priamus an das des Aeneas zu bringen. . Nach dem Gedichte des Arktinos von der Zerstörung Trojas verließ Aeneas die Stadt noch vor derselben, gleich nach der Katastrophe Laokoons, indem er sich ins höhere Gebirge nach dem alten Stammsitze der Landschaft Dardania mit dem ächten Palladion zurückzog; auch dichtete Sophokles so in seinem Laokoon, in welchem Stücke Aeneas theils durch das schreckliche Ende Laokoons theils durch die Weissagungen der Aphrodite zu seinem Auszuge bestimmt wurde Dionys. I, 48. 69. . Spätere Schriftsteller erzählten von einer Herrschaft der Aeneaden und Hectoriden, welches Geschlecht nun auch wieder zu Ehren gekommen war, zuerst in Alt-Skepsis im hohen Gebirge, später in dem tiefer im Aeseposthale gelegnen Neu-Skepsis, wo beide Geschlechter noch lange geherrscht haben sollen, Andre von andern Gründungen und Herrschaften des Aeneas und der Aeneaden in den Umgebungen des Idagebirges Demetrios von Skepsis b. Strabo XIII p. 607, vgl. Schwegler Röm. Gesch. I, 294. . Immer ist es Aphrodite, welche den Sohn 668 des geliebten Anchises behütet und begleitet und über die Erfüllung ihrer alten Verheißungen wacht. Diese trojanische und asiatische Aphrodite war aber nicht blos eine befruchtende Glücksgöttin des festen Landes, sondern auch eine mächtige Göttin der See und der Schiffahrt und an verschiedenen Punkten des mittelländischen Meeres als solche verehrt, hin und wieder unter dem Beinamen der Aphrodite Αἰνειάς, wodurch ihr enges Verhältniß zum Aeneas am entschiedensten ausgedrückt wird. Offenbar hat dieser Umstand am meisten zur Verbreitung der Aeneassage beigetragen. So treffen wir den Aeneas mit seinem Vater und der mütterlichen Schutzgöttin zunächst in der für den Verkehr zwischen Asien und Europa von jeher sehr wichtigen Bucht von Salonichi, wo er eine Stadt Aenos oder Aenea und auf dem Vorgebirge einen Tempel der Aphrodite gründet Schon Lesches in der kleinen Ilias ließ den Aeneas dahin gelangen, freilich nur als Gefangnen des Neoptolemos, s. Tzetz. zu Lycophr. 1232 und 1263. Die vollständige Sage erzählte Hellanikos, s. Dionys. I, 46 ff., Strabo VII, p. 330, Schol. Il. XX, 307. . Weiter findet sich an der gleichfalls immer vielbesuchten Küste von Zante bis Corfu eine ganze Reihe von Culten der Aphrodite und damit verbundnen Erinnerungen an Aeneas und Troja. So soll Aeneas auf Veranlassung einer Windstille auf Zante einen Dienst der Aphrodite gestiftet haben, welcher den Einwohnern immer sehr heilig blieb. Ebenso auf Leukas, wo Aeneas in dem jetzigen Canal von Sta Maura ein Heiligthum der Aphrodite Aineias stiftet, und wieder auf dem benachbarten Vorgebirge von Actium, wo auch die »Großen Götter« d. h. die Kabiren oder Dioskuren von Samothrake als schützende Dämonen der Schiffahrt verehrt wurden. Desgleichen gab es in Ambracia ein Heiligthum der Aphrodite und des Aeneas, endlich der Insel und Stadt Corfu gegenüber bei dem alten Buthrotum wieder einen von Anchises und Aeneas gestifteten T. der Aphrodite. Eine dritte Gegend endlich, wo Troja von neuem aufgelebt zu sein schien, diese schon ganz dem Westen angehörig und mitten in der Verkehrslinie zwischen Karthago und der latinischen Küste gelegen, war die nordwestliche Spitze von Sicilien, wo der Berg Eryx mit dem T. der erycinischen Aphrodite weit und breit berühmt war und an seinem Fuße die Elymer in mehreren Städten wohnten, unter denen Egesta oder Segesta die bekannteste ist. Auch hier wiesen alte Sagen und örtliche Erinnerungen sehr bestimmt auf einen 669 Zusammenhang mit dem alten Troja, so bestimmt daß selbst Thukydides sich nicht gescheut hat daran zu glauben Thucyd. VI, 2 Ἰλίου δὲ ἀλισκομένου τῶν Τρώων τινὲς διαφυγόντες Ἀχαιοὺς πλοίοις ἀφικνοῦνται πρὸς τὴν Σικελίαν καὶ ὅμοροι τοῖς Σικανοῖς οἰκήσαντες ξύμπαντες μὲν Ἔλυμοι ἐκλήϑησαν, πόλεις δ’ αὐτῶν Ἔρυξ τε καὶ Ἔγεστα. Vgl. Strabo XIII p. 608, Dionys. I, 52 ff., Virg. Aen. V. Auch der alte T. der erycinischen Venus auf dem benachbarten Berge rühmte sich später der Stiftung oder Verherrlichung durch Aeneas, s. Virg. Aen. V, 758, Diod. IV, 83. , und zwar häuften sich diese Merkmale am meisten in der Gegend von Segesta, wo ein Heiligthum des Aeneas in der Stadt und ein Altar der Aphrodite Aineias auf einer benachbarten Höhe, ja im Thale selbst die beiden trojanischen Bäche Simois und Skamander gezeigt wurden. Diese Gegend ist aber eben wegen ihrer mittlern Lage zwischen Karthago und Italien für die Geschichte der Aeneassage besonders wichtig. Wie die Phönicier und später die Punier sich vorzüglich dort festgesetzt hatten, die Elymer und Phönicier gegen die Griechen zusammenhielten und zwischen dem Aphroditedienst auf Eryx und dem der Küste von Afrika ein alter Cultuszusammenhang bestand Aelian N. A. IV, 2. In Karthago konnte sich die Aeneassage an die dortigen Traditionen von der Dido um so leichter anschließen, da diese nur die zur geschichtlichen Person gewordene Burggöttin von Karthago ist, die der Venus Urania eben so sehr als der Iuno verwandte Astarte der phönicischen Heimath. Auch Didos Schwester Anna ist eine Nebenfigur dieses phönicischen Astartedienstes. S. Movers Phönizier I, 609 ff., II, 1, 350 ff., 2, 92 ff. , so leidet es wohl keinen Zweifel daß sich der Zusammenhang der Aeneassage mit Karthago und ihre antihellenische Tendenz d. h. die Hoffnung eines endlichen Triumphes über den alten Erb- und Nationalfeind, die Griechen, vorzüglich hier ausgebildet hat. Wie andrerseits die Erinnerungen des latinischen Aphroditedienstes und der auch hier aufs engste damit verschmolzenen Aeneassage so bestimmt auf Segesta und den Kreis der erycinischen Venus zurückweisen ( S. 384 ), daß man auch in dieser Beziehung am besten thun wird sich einfach an diese Gegend zu halten, zumal da auch der Verkehr zwischen den Seeplätzen der latinischen Küste, darunter Ardea und Lavinium, und jener Gegend von Sicilien ein sehr lebendiger gewesen sein muß, schon wegen jenes alten Handeltractats zwischen Rom und Karthago (Polyb. III, 22). Hatte die latinische Aeneassage von Lavinium doch selbst in ihrer späteren Tradition eine bestimmte Hinweisung auf Segesta erhalten, da sie unter den Begleitern des Aeneas und als Haupt der Gründer von 670 Lavinium einen Aegestus nennt, welcher höchst wahrscheinlich daher seinen Namen hatte Dionys. I, 67. Man könnte Aegestus durch Aequus erklären ( S. 629 ), doch denkt man natürlicher an Egesta oder Segesta, s. Cic. Verr. IV, 33. 72, Tacit. Ann. IV, 43. , wie die alte Verwandtschaft und Freundschaft zwischen Rom und Segesta denn auch sonst oft hervorgehoben und in Rom immer bereitwillig anerkannt wurde. Wichtig wäre es wenn sich die Zeit, wo dieser Dienst der Aphrodite und die Aeneassage sich bis nach Latium fortrankte, genauer bestimmen ließe, doch ist dieses nur annäherungsweise möglich. Man hat die Spuren der latinischen Aeneassage schon bei dem sicilianischen Dichter Stesichorus ( S. 642 ) aufzufinden geglaubt, aber dessen Ausdruck daß Aeneas von Troja »nach Hesperien« gezogen sei ist doch noch zu unsicher und eine unmittelbare Beziehung der ilischen Tafel auf seine Dichtung zu bedenklich, als daß man daraus seine Bekanntschaft mit dem letzten Ziele der Wanderung des troischen Helden in Latium und Rom folgern dürfte Niebuhr R. G. I, 201 geht so weit daß er Stesichorus von Aeneas Auswanderung »fast wie Virgil« singen läßt. Vgl. Welcker kl. Schr. I. 181, Alte Denkm. 2, 191 ff. . Eben so wenig wird sich nachweisen lassen daß Cumae lange vor Rom den Aeneas als Ktisten verehrt habe, wie Manche dem angeblichen Zeugnisse des Stesichorus und gewissen sibyllinischen Verheißungen von der Zukunft des Aeneas Dionys. I, 49 sagt sehr zuversichtlich: τῆς δὲ ἐπὶ Ἰταλίαν Αἰνείου καὶ Τρώων ἀφίξεως Ῥωμαῖοί τε πάντες βεβαιωταὶ καὶ τὰ δρώμενα ὑπ’ αὐτῶν ἔν τε ϑυσίαις καὶ ἑορταῖς μιμήματα, Σιβύλλης τε λόγια καὶ χρησμοὶ Πυϑικοὶ καὶ ἄλλα πολλά, doch gilt das eben nur für seine Zeit und von der damaligen Sammlung der sibyllinischen Sprüche, s. oben S. 272 . zu Liebe angenommen haben, da bei diesen Sprüchen eine spätere Interpolation mehr als wahrscheinlich ist und Cumae selbst, die alte griechische Pflanzstadt, wohl den Ulysses, aber schwerlich den Aeneas unter ihren Heroen verehrt haben wird. Vielmehr läßt sich in der griechischen Litteratur mit Sicherheit kein älteres Zeugniß für den trojanischen Ursprung von Latium und Rom nachweisen als das des Aristoteles, dessen Schüler Theophrast sich nach Plinius zuerst eingehender mit Rom beschäftigt hatte Plin. H. N. III, 5, 9 Theophrastus, qui primus externorum aliqua de Romanis diligentius scripsit. Die Erzählung des Aristoteles war noch eben so unbestimmt als mährchenhaft. s. Dionys. I, 72, Strabo VI p. 264. Die Schrift des Gergithiers Kephalon, welche Dionys. I, 49. 72 vgl. Fest. p. 266 Romam als ältestes Zeugniß für den troischen Ursprung von Rom anführt, wird bei Athen. IX p. 393 sehr bestimmt für das Product eines Alexandriners erklärt, welcher Zeitgenosse Antiochos d. Gr. war. Die bei Dionys. I, 72 angeführte Chronik der argivischen Priesterinnen mag eine spätere Ueberarbeitung der Chronik des Hellanicus gewesen sein. , wie Aristoteles selbst denn darüber 671 allerdings noch sehr ungenau unterrichtet gewesen zu sein scheint. Bestimmter trat die Ueberzeugung vom trojanischen Ursprunge Roms auf bei Kallias, welcher um 300 v. Chr. die Geschichte des Agathokles beschrieben hatte, bis endlich Timäos, der Zeitgenosse des Königs Pyrrhos, die vollständige Aeneassage und zwar mit Berücksichtigung der latinischen und römischen Ueberlieferung erzählt hatte Dionys. I, 67, Polyb. XII, 4. . Namentlich vermuthet man daß aus ihm die in der Alexandra des Lycophron v. 1236 ff. zusammengestellten Nachrichten entlehnt sind, welches Gedicht nach dem übereinstimmenden Urtheile gründlicher Gelehrten entweder ganz oder doch in diesem das römische Alterthum betreffenden Abschnitte in der Zeit des Kampfes zwischen Antiochus und Rom entstanden ist. In Rom selbst hatte man sich freilich schon um ein Bedeutendes früher, nehmlich um die Zeit des ersten punischen Kriegs, gewöhnt in Troja die Ursprünge Roms und des Römischen Namens zu suchen Iustin. XXVIII, 1, Sueton Claud. 25 u. A., vgl. Schwegler Rö. G. I, 305 ff. , daher man mit den ersten Anfängen der Sage immerhin noch einige Generationen höher hinauf gehn muß. Doch glaube ich kaum daß sie älter ist als der latinische Krieg und die Unterwerfung der Latiner im J. 338, in solchem Grade macht sie den Eindruck einer gänzlichen Verkümmerung der latinischen Bundesverhältnisse und Bundeserinnerungen. Während des Kriegs mit Tarent und Pyrrhus mag sie sich in Rom vorzüglich durch ihre antihellenische Tendenz empfohlen haben, wie später, im Verlauf der Punischen Kriege, vorzüglich der Triumph über Karthago hervorgehoben wurde. Hernach übernahm die combinirende Dichtung und Sagenschreibung die Aufgabe, die verschiedenen Punkte wo sporadisch vom Aeneas erzählt wurde in einen historischen und geographischen Zusammenhang zu bringen, auf welchem Wege die gewöhnliche Tradition bei Cato, Varro, Virgil, Dionysius v. Halicarnass u. A. entstanden ist. Bald sind es bloße Namen, welche zur Anknüpfung dienen, bald verwandte Gottesdienste und Sagen. So ließ man den Aeneas jetzt aus der Bucht von Salonichi zunächst nach Delos gelangen, weil es dort alte Traditionen von 672 einem König und Seher Anios gab, dann nach Kythere, weil das dortige sehr alte Heiligthum der Aphrodite nun gleichfalls für seine Stiftung gelten konnte. Von Kythere macht er einen Abstecher nach Arkadien, weil Dardanos, der Stammvater aller troischen Königsgeschlechter, nach der gewöhnlichen Sage für einen Sohn der Plejade Electra galt, also eigentlich aus Arkadien stammte Dionys I, 50. Bei Virgil sucht Aeneas die Ursprünge seines Geschlechts nicht in Arkadien, sondern auf Kreta, von wo er weiter nach Italien und Latium geschickt wird, weil auch Dardanus eigentlich von dort stamme, s. Aen. III, 94 ff., 193 ff., VII, 205 ff. u. 240 Hinc Dardanus ortus, Huc repetit iussisque ingentibus urget Apollo Tyrrhenum ad Thybrim et fontis vada sacra Numici. Plin. H. N. III, 5, 9 Corani a Dardano Troiano orti . Nach Andern war Corythus gemeint d. i. Cortona, s. Heyne exc. VI zu Aen. III. . Dann gelangt er zur See weiter nach Zante und den übrigen vorhin genannten Punkten der Küste von Acarnanien und Epirus, wo er bei Virgil mit dem troischen Seher Helenus und der Andromache zusammentrifft. Von dort ließen ihn Einige direct nach Mittelitalien gelangen, hier mit Ulysses zusammentreffen und in Gemeinschaft mit diesem und den Söhnen des Telephos zum Ansiedler werden Die Chronik der argivischen Priesterinnen bei Dionys I, 72 und Lycophr. Al. 1236 ff. , während ihn Andre den weiteren Seeweg um das südliche Italien nach Afrika und Sicilien und von dort an der westlichen Küste Italiens hinauf bis Latium führten. An der südlichen Küste von Italien leitete man jetzt an verschiedenen Stellen, namentlich in Siris, alte Palladien vom Aeneas ab Strabo VI p. 264, Dionys I, 51. , so daß er also hier den Diomedes verdrängte, wie an der westlichen den älteren Ulysses. Bei den Ortssagen nehmlich, welche in diesen Gegenden bei der Fahrt des Aeneas anknüpfen, läßt sich entweder ihre frühere Unabhängigkeit von diesem mythologischen Faden oder eine ältere Beziehung auf die Fahrten des Ulysses nachweisen. So ist die Erzählung vom Palinurus eben nur eins von den vielen griechischen Schiffermährchen, welche alle Küsten und Buchten des mittelländischen Meers belebten, eine Personification des günstigen Windes der Rückkehr (πάλιν οὖρος), welcher zum Steuermann geworden war und als solcher in verschiedenen Gegenden die Sage beschäftigte, denn auch in der Gegend von Cyrene und bei Ephesus gab es Vorgebirge des Palinuros Liv. XXXVII, 11, Lucau. IX, 41. . Ein ähnliches Mährchen ist das vom Misenus, dem Sohne des Windgottes Aeolus, daher Schiffstrompeter, so gut wie die Tritonen auf der Muschel zu trompeten pflegen, also eine 673 Personification des stürmischen Vorgebirges bei Bajä, dessen Eponym in der Cumanischen Sage für einen Begleiter des Ulysses galt, während man später mit beiden Namen bei der Aeneassage anknüpfte Strabo I p. 26, V p. 245, Serv. V. A. III, 239, IX, 710. . Auch die andern Punkte, Prochyte, Caieta und die Insel Aenaria konnten erst dann als Beweise für den Glauben der Aeneasfahrt gelten, nachdem dieselbe zu einem beliebten Sagencomplex dieser Gegenden geworden war Προχύτη (Procida) ist eigentlich προχυτή, quia profusa ab Aenaria erat d. i. der größeren vulcanischen Insel Ischia, doch dichtete schon Naevius von der Verwandten des Aeneas, s. Serv. V. A. IX, 715, Plin. III, 6, 12. Aenaria, welchen Namen man später auf eine Landung des Aeneas deutete, Paul. p. 20, ist wahrscheinlich eine Corruption des älteren Namens Inarime. So ist die Sirene Leucosia später zu einer Nichte des Aeneas Namens Lectosia geworden, s. Strabo VI p. 252, Plin. III, 7 vgl. Dionys. I, 53, Paul. p. 115. Auch der Name Caieta wurde verschieden erklärt, s. Strabo V p. 233, Serv. V. A. VII, I. . Von dem Besuche des Aeneas in Cumae und seiner Befragung der dortigen Sibylle scheint allerdings schon Naevius gewußt zu haben ( S. 267 ), doch kann auch dieses für das höhere Alterthum der Aeneassage in Cumae nichts beweisen. Für Rom bildete diese Sage zugleich den Stamm der dürftigen Erinnerungen welche sich aus dem latinischen Alterthum erhalten hatten, ein sichrer Beweis daß die Blüthe des latinischen Bundes längst vorüber war als diese Erinnerungen eine feste Form annahmen. Von Alba Longa hatte sich nur ein dunkles Gerücht behauptet, welches im weitern Verlaufe dieser Sagenbildung sogar noch mehr entstellt wurde; von den übrigen latinischen Städten ist gar nicht die Rede, da sie seit 338 v. Chr. ihre Selbständigkeit verloren hatten und die Bevölkerung sich seitdem immer mehr in Rom zusammendrängte (Liv. XLI, 8). Nur Lavinium war als letzter Rest des latinischen Bundes übrig geblieben ( S. 188 ), daher sich auch die Erinnerungen an den Ursprung und die Heiligthümer desselben dort allein erhalten hatten. Wohl aber ist Rom und seine Zukunft die eigentliche Zweckbeziehung aller Schickungen, von denen die Aeneassage erzählte, so sehr hatte sich diese ganze Sage unter dem Einflusse des Grundgedankens gebildet, daß Latium und Alba Longa nur um Roms willen existirt hätten. In Rom mag zunächst das Geschlecht der Julier diese Erinnerungen gepflegt und sie mit der Aeneassage vermischt haben, bis diese allmälich allgemeinere Geltung gewann und gleich bei den ersten Anfängen der römischen Litteratur 674 sowohl von der Poesie als von der Geschichte begierig ergriffen wurde. Naevius, welcher im ersten und zweiten punischen Kriege lebte, machte zuerst poetischen Gebrauch von der Aeneassage, indem er in seinem Gedichte über den ersten Krieg zwischen Rom und Karthago die Feindschaft beider Städte von der Entzweiung der beiden Stifter, des Aeneas und der Dido, ableitete; wenigstens wissen wir daß in diesem Gedichte ausführlich von der Flucht des Aeneas und seines Vaters, ihren Abenteuern auf der Fahrt, der gastlichen Aufnahme in Karthago und endlich von der Ankunft in Latium die Rede gewesen S. Schwegler R. G. I S. 84. 85 und Io. Vahlen Cn. Naevi de bello Punico reliquiae Lips. 1854. . Dann erzählte Ennius die Sage ausführlich im Eingange seiner Annalen, als mythische Vorgeschichte der Gründung von Rom. Wie flüssig noch zu seiner Zeit die Ueberlieferung war beweist der Umstand daß Alba Longa nach seiner Erzählung bei der Ankunft des Aeneas schon existirte, ferner daß Ilia nach ihm die Tochter des Aeneas, also Romulus dessen Enkel war; und so hatte vor ihm auch Naevius gedichtet Serv. V. A. I, 273, VI, 178, Io. Vahlen Ennian. Poes. Reliq. p. XXVII sq. . Weiter hatten unter den älteren römischen Geschichtsschreibern namentlich Cato und Cassius Hemina die Aeneassage mit Sorgfalt erforscht und bearbeitet. Und zwar wird aus Cato zuerst die wichtige Neuerung angeführt, nach welcher die dreißig Ferkel des weißen Mutterschweins, welche ein altes Symbol der Metropole Alba mit ihren dreißig Colonieen war, nicht mehr diese, sondern die dreißig Jahre, welche angeblich zwischen der Gründung von Lavinium und der von Alba verflossen, bedeuten sollten: eine chronologische Klügelei welche den wirklichen Zusammenhang der Thatsachen nun vollends entstellte. Endlich hatte Varro sich mit großem Eifer auch auf diesen Abschnitt des römischen Alterthums eingelassen Varro über die Penaten des Aeneas bei Serv. V. A. III, 12 oben S. 548 . Vgl. Serv. A. III, 349 Varro Epiri se fuisse dicit et omnia loca iisdem dici nominibus, quae poeta commemorat, vidisse. Von der Ankunft des Aeneas in Latium Serv. A. I, 382, III, 286 oben S. 33 . Aeneas kommt mit zwanzig Schiffen, quibus portabantur reliquiae Troianorum , ib. XVIII, 19. Seine Schrift de familiis Troianis wird erwähnt ib. V, 704. , in Samothrake nach der Bedeutung der Penaten geforscht, Epirus wegen der dortigen Erinnerungen an Troja und Aeneas bereist, dessen Ankunft in Latium und den Bund mit Latinus, ferner die Gründung Albas und die Geschichte der Albanischen Könige mit 675 chronologischer Genauigkeit beschrieben, und in Rom selbst Untersuchungen über die trojanischen Geschlechter d. h. über die Familien welche sich vom Aeneas und seinen Trojanern abzustammen rühmten angestellt. Endlich Virgils Aeneide, bei welchem Gedichte man nicht weiß was man mehr bewundern soll, die Kunst der Dichtung und der Sprache, den patriotischen Ernst des Studiums, die seelenvolle Empfindung so mancher tiefergreifenden Schilderung, oder die angeborne Armuth und Dürftigkeit des Stoffs in allen Punkten wo der Dichter die Hand seiner griechischen Führer verläßt und die Vorzeit von Italien und Latium durch ihre eignen Erinnerungen zu beleben sucht. Die gewöhnliche Erzählung von der latinischen Vorzeit beginnt mit der kahlen Abstraction der Aboriginer, welche den griechischen Autochthonen entsprechen Ohne Zweifel kommt das Wort von ab origine. Dionys I, 10 übersetzt es durch γενάρχαι oder πρωτόγονοι, Serv. V. A. VIII, 328 durch αὐτόχϑονες. Ennius nannte diese Ursprungsmenschen Casci d. h. die Alten, s. Varro l. l. VII, 28, Cic. Tusc. I, 12, 27, Serv. V. A. I, 6. Ihr Verhältniß zu den Faunen s. oben S. 341 . Varro hatte in einer Satire Aborigines περὶ ἀνϑρώπων φύσεως das mythische Bild der primitiven Rohheit weiter ausgefübrt. und von den späteren Schriftstellern, Lucret. V, 923 ff., Sallust Cat. 6 u. A. wie diese als wilde Waldmenschen, Höhlenbewohner, Eichelesser, ohne Sitte und Gesetz, ohne Ackerbau und höheres Bedürfniß geschildert werden. Von ihnen führt uns diese Tradition alsbald an die von der Natur in jeder Hinsicht vernachlässigte Küste der Laurenter, welche niemals einen bedeutenden Einfluß auf die Geschicke der Dinge gehabt haben kann, aber hier dennoch für den Boden ausgegeben wird, wo der Wunderbaum der römischen Zukunft seine ersten Wurzeln getrieben habe. Antium, die alte Seestadt der Volsker, und Ardea, die Stadt des Turnus und der Rutuler, sind die letzten Punkte die sich einer günstigen Lage erfreuen. Von Ardea bis zur Tibermündung zieht sich ein hügeliger, von einzelnen Bächen durchfurchter Strand, welcher jetzt meist mit Gebüsch und niedriger Waldung (macchia) bestanden und nur in günstiger Jahreszeit bewohnbar ist. Entfernt man im Gedanken den breiten Gürtel von sandigen Dünen, der sich im Laufe der Jahrhunderte vor dieser und überhaupt der westlichen Küste von Italien abgelagert hat, und denkt man sich dazu eine fleißige Cultur, wie sie in dem höheren Alterthum in diesen Gegenden jedenfalls vorhanden war und unter den Kaisern der Natur noch einmal Herr zu werden versuchte, so mag die Lage der 676 Dinge immerhin eine etwas bessre gewesen sein. Der Name der Laurenter, wie sich die Bevölkerung insgemein nannte, wird von einem heiligen Lorbeerbaume abgeleitet, welcher nach Art der ältesten Zeiten ein nationales Heiligthum gebildet hatte, woraus mit der Zeit der kleine Ort Laurentum entstand Virg. Aen. VII, 63 vgL Herodian I, 12, 2 von einer Villa des Commodus: τὸ περὶ τὴν Λαύρεντον χωρίον μεγίστοις κατάσκιον δαφνηφόροις ἄλσεσιν, ὅϑεν καὶ τὸ ὄνομα τῷ χωρίῳ. Herodian schildert die Gegend überhaupt als eine freundliche, wegen der Seeluft und der schattigen Pflanzungen sogar gesuchte. Seit Claudius und Antoninus Pius war viel für die dortige Cultur geschehen. Zur Geschichte s. A. W. Zumpt de Lavinio et Laurentibus Lavinatibus Berol. 1845 und Bormann Altital. Chorogr. S. 98 ff. . Die Hauptstadt war immer Lavinium in ziemlich günstiger Lage, denn es liegt auf einem ansehnlichen Hügel unweit des Meeres und zwischen fruchtbaren Gründen, obwohl sie eine maritime Bedeutung höchstens nur bis in die früheren Jahre der Republik gehabt haben kann In dem ersten Tractate zwischen Rom und Karthago bei Polyb. III, 22 werden noch die Λαυρεντῖνοι (Mss. Ἀρεντίνων) d. h. die Laurenter mit der Hauptstadt Lavinium unter den seefahrenden und handeltreibenden Ortschaften der latinischen Küste genannt, neben den Ardeaten, Antiaten, Circeji uml Tarracina. In dem spätern Bündnisse bei Polyb. III, 24 werden sie nicht mehr genannt. . Laurentum war ursprünglich wohl nur ein für diese latinischen Küstenbewohner ehrwürdiges Heiligthum des Mars nach Art jener älteren im Gebirge, wo der heilige Vogel Specht als Prophet waltete S. oben S. 296 . Mensis Martius bei den Laurentern Ovid F. III, 93. Mars Ficanus in der Gegend von Ostia s. oben S. 98 . . Darum galt Picus für den ersten König der Laurenter und dabei für einen Sohn des Saturnus Virg. A. VII, 45, Augustin C. D. XVIII, 15, vgl. oben S. 333 und 341 . , weil solche Bilder und Erinnerungen von selbst mit denen der seligen Urzeit zusammenfielen. Für seinen Sohn und Nachfolger galt der verwandte Nationalgott Faunus, von dessen Verehrung in dieser Gegend noch später ein ihm geheiligter Oleaster zeugte. Auf ihn folgt Latinus, nach der gewöhnlichen Sage der Sohn dieses laurentischen Faunus und der benachbarten Nymphe Marica ( S. 363 ), der schon der Hesiodischen Theogonie bekannte Eponym des latinischen Volks, welchen die griechische Fabel zum Sohne des Ulysses und der Circe, die römische zu dem des Hercules und der Fauna machte ( S. 644 ). Es scheint daß er in Lavinium als Indiges d. h. nach griechischen Begriffen als Heros Ktistes verehrt wurde; wenigstens wird erzählt daß er in der Schlacht mit Mezentius, dem Tyrannen von Caere, wie Aeneas plötzlich verschwunden und zum Iupiter Latiaris erhöht worden sei d. h. zum Divus Pater 677 Latiaris, dem göttlichen Vater und Urheber des latinischen Namens, mit welchem Glauben auch gewisse an den latinischen Ferien beobachtete Gebräuche zusammengehangen haben sollen ( S. 84 ). Zum Latinus kommt Aeneas, wahrscheinlich herbeigezogen durch den Venusdienst der Latiner und Ardeaten ( S. 382  ff.) und den Verkehr mit Segesta und den Elymern in Sicilien, worauf er in Folge seiner Identification mit dem am Numicius verehrten Pater Indiges, welcher vermuthlich früher den zum Könige dieser Landschaft potenzirten Flußgott Numicius bedeutet hatte ( S. 520 ), bald festeren Fuß faßte und die ganze Erbschaft des Cultus und der Sagen antrat, welche eigentlich diesem Pater Indiges der Laurenter gegolten hatten. Namentlich half dazu der religiöse Zusammenhang, in welchem dieser Indiges zu der Vesta und den Penaten von Lavinium stand, welche dadurch, daß sie seit der Auflösung des latinischen Bundes nächst den Erinnerungen der latinischen Ferien der einzige Rest desselben waren, eine um so wichtigere Bedeutung bekommen hatten. Daher jene jährlichen Opfer der höheren Magistrate und Priester von Rom, welche sie an Ort und Stelle der Vesta, den Penaten und dem Pater Indiges von Lavinium darbrachten, in der Ueberzeugung daß dieserGottesdienst den Ursprung des latinischen und römischen Namens unmittelbar angehe ( S. 536 ): daher die Sacra von Lavinium und die des Albaner Bergs den Römern für gleich alt und heilig galten und namentlich Lavinium für die Metropole nicht blos von Rom, sondern auch für die von Alba Longa und aller Latiner gehalten wurde Varro l. l. V, 144 Oppidum quod primum conditum in Latio stirpis Romanae Lavinium, nam ibi Dii Penates nostri. Liv. V, 52 Maiores nostri sacra quaedam in monte Albano Lavinioque nobis facienda tradiderunt. Dionys V, 12 εἰς Λαουίνιον ᾤχετο, τὴν μητρόπολιν τοῦ Λατίνων γένους. Plut. Coriol. 29. . Möglich daß die alte Gewöhnung der Latiner die Venus als Bundesgöttin zu verehren die erste Veranlassung zur Einschiebung ihres durch die Dichtung vom troischen Kriege so berühmt gewordnen Helden anstatt jenes namenlosen Indiges gegeben hatte. Die natürliche Folge davon aber war eine vollkommne Umkehr der früheren Tradition und älteren nationalen Ueberzeugung. Was heimisch war und bisher dafür gegolten hatte, der mit den häuslichen und städtischen Einrichtungen und Stiftungen der Latiner so eng zusammenhängende Penatendienst, das wurde nun aus dem fernen Auslande abgeleitet. Die wirkliche Metropole und das alte Haupt des latinischen Bundes, Alba 678 Longa, wurde zur zweiten, erst von der Küste und mit Hülfe der troischen Vesta gegründeten Stadt. Daher nun auch Aeneas, der in der älteren Ueberlieferung immer nur seinen Vater Anchises, den Geliebten der Aphrodite, deren Verheißungen auf dem Vater und dem Sohne ruhten, oder etwa das troische Palladion mit sich führt, von jetzt an vorzüglich als Träger und Retter der troischen Penaten geschildert wird, von denen die alte Ueberlieferung so wenig wußte, daß man sich in Rom später über ihren Ursprung und ihre Bedeutung in Troja umsonst den Kopf zerbrach Schon bei Naevius wurden die Penaten durch Aeneas und Anchises aus Troja nach Rom gebracht, s. Probus Virgil Ecl. VI, 13 p. 14 Keil. Nach Varro b. den Schol. Veron. Aen. II, 717 p. 91 behauptete sich Aeneas auf der Burg, bis er freien Abzug erlangte, worauf er zuerst alles Uebrige verschmähend mit dem Anchises auf der Schulter auszog, dann von den gerührten Griechen Erlaubniß bekam auch die Penatenbilder, endlich seine ganze Habe mitzunehmen. Aus ders. Quelle erfahren wir daß Atticus nur den Anchises mit dem Aeneas ausrücken, die Penatenbilder aber direct von Samothrake nach Italien kommen ließ. Andre malten diesen Auszug des Aeneas und Anchises noch weiter aus, vgl. das Excerpt aus L. Cassius Censorius ib. und die ilische Tafel, auf welcher Mercur den Aeneas und die Seinigen mit den Penaten aus den brennenden Mauern herausführt. Bei Naevius zimmerte Mercur auch das Schiff, Serv. A. I, 170. . Troja war und blieb fortan die wahre Metropolis von Rom, ein Glaube welcher eine Zeit lang eben nur der Eitelkeit schmeichelte und hin und wieder politisch ausgebeutet wurde, dann aber in mehr als einer, namentlich auch in religiöser Hinsicht die wichtige Folge hatte daß die Römer sich immer mehr gewöhnten in dieser entlegenen, moralisch und politisch längst verkommenen Gegend, am troischen Ida und in Phrygien, die ältesten Vorbilder ihrer Sitte und ihres Glaubens zu suchen. Bei der Einführung der Phrygischen Sacra hat dieser Aberglaube jedenfalls mitgewirkt und bei dem schnellen Zufluß so mancher Verweichlichung seit der Zeit, wo Roms Legionen zuerst in Asien auftraten, wird er wenigstens oft zur Entschuldigung gedient haben. Hat er doch auch bei dem seit Cäsar immer von neuem auftauchenden Plane, die Hauptstadt des Reiches von Rom nach dem Osten zu verlegen, den lockenden Hintergrund der älteren Heimath vorgespiegelt Sueton Caes. 79 und die Ausleger zu Horat. Od. III, 3, vgl. Burckhardt die Zeit Constantins d. Gr. S. 465. , so daß noch Constantin bei der endlichen Ausführung des alten Planes zuerst gleichfalls auf Troja zurückging. Trotz dieses mit der Zeit immer stärker aufgetragenen ausländischen Colorits haben sich in der latinischen Aeneassage manche 679 Züge alterthümlicher Sitte und Erinnerung erhalten, welche einer besondern Beachtung werth sind. Zunächst gehören dahin die beiden Wahrzeichen, welche Aeneas zur Ansiedelung bestimmen. Nach der gewöhnlichen Erzählung wurden sie ihm unterwegs von griechischen oder troischen Propheten und Orakeln verkündigt, in Wahrheit beruhten sie vielmehr auf einheimischer d. h. latinischer und italischer Sitte. So die verzehrten Tische bei der ersten Landung der Trojaner. Als dieselben nehmlich am laurentischen Strande ausgestiegen sind und sich auf dem Rasen ein spärliches Mahl bereiten, bedienen sie sich dabei als einer Tafel der bei den Hirten und Bauern im Süden gewöhnlichen runden und tafelartigen Brodfladen. Der Appetit ist so groß daß sie zuerst die Speisen, dann die Tafeln mit verzehren, worauf Aeneas der Weissagung gedenkt, sein Leben werde unstet bleiben, bis seine Gefährten von Hunger gepeinigt selbst die Tische aufgegessen haben würden. Das soll ihm nach Varro das Orakel zu Dodona, nach Andern die erythräische Sibylle, nach Virgil die Harpyie Keläno und der troische Seher Helenus geoffenbart haben, während in Wahrheit diese Brodtische die natürlichen Symbole des latinischen und römischen Penatendienstes sind, in dem sie gewöhnlich als Unterlage der beim täglichen Mahle darzubringenden Speisen dienten (S. 534, 1386 ). Wer so weit gekommen daß er diese Brodtische angreifen mußte, der mußte sich wohl in der äußersten Noth befinden. Eben diese der Ansiedelung in einer schützenden Stadt mit ihren Häusern vorangehende Noth und natürliche Armuth der Heimathlosigkeit sollte also geschildert werden Klausen Aeneas S. 682 ff. Einige nannten statt der Brodtafeln Eppichblätter, welche wie andre große Blätter als Unterlage eines ländlichen Mahles benutzt werden konnten. , wie man in Griechenland bei Hochzeiten und andern Gelegenheiten zuerst Eicheln herumreichte, um durch sie an die Noth und Hülflosigkeit der alten Wald- und Erd-Pelasger zu erinnern, darauf die Frucht der Ceres, um die große Wohlthat der gütigen Göttin in diesem Gegensatze um so tiefer empfinden zu lassen. Erst der Gipfel der Heimathlosigkeit sollte der Wendepunkt des Looses dieser armen, weit und breit herumgetriebenen Trojaner sein, welche endlich in Lavinium eine neue Heimath fanden, oder sagen wir richtiger der latinischen Ansiedler, welche sich bisher als nomadisirende Hirten zwischen der Küste und dem Gebirge hin und hergetrieben hatten, nun aber im Begriffe standen unter dem Schutze der Vesta und der Penaten den festen Grund einer 680 bedeutenden politischen Zukunft zu gewinnen. Das zweite Zeichen ist das Wunder der trächtigen Sau, welche den Ort der Ansiedlung anzeigt. Die Penaten werden nehmlich nach jenem ersten Zeichen ans Land gebracht und Aeneas ist im Begriff ihnen die Sau zu opfern; da rennt diese vom Strande landeinwärts bis zu dem Hügel von Lavinium, lagert sich dort und wirft dreißig Junge. Als Aeneas erschrickt daß er in dieser höchst unfruchtbaren Gegend bleiben solle Serv. V. A. I, 3 Fabius Maximus Annalium primo: Tum Aeneas aegre patiebatur in eum devenisse agrum macerrimum littorosissimum. , erschallt aus dem Walde die Stimme des Faunus, nur er selbst solle dort bleiben, sein Sohn werde dreißig Jahre später der Gründer von Alba Longa werden. Das ist die spätere Deutung des Wunders, während in der älteren Erzählung Alba Longa bei der Landung der Trojaner schon existirte und die weiße Sau mit ihren dreißig weißen Ferkeln Virg. Aen. III, 391 sus triginta capitum fetus enixa, alba solo recubans, albi circum ubera nati. Varro l. l. V, 144 Alba – ab sue alba nominata. Vgl. Varro r. r. II, 4, 18, Prop. IV, 1, 35 Alba potens, albae suis omine nata. Iuven. XII, 72 sublimis apex, cui candida nomen scrofa dedit. Nach Dio fr. 4, 5 rennt die Sau von der Küste gleich in die Gegend von Alba, und so hatte auch der alte Annalist Fabius Pictor erzählt. unverkennbar ein Sinnbild dieser Stadt mit ihren dreißig Colonieen oder vielmehr den unter ihr als Metropole verbündeten latinischen Bundesstädten ist; denn das Schwein ist das gewöhnliche Bundesopfer Sowohl des völkerrechtlichen ( S. 222 ) als des ehelichen Bundes, Varro r. r. II, 4, 9 quod initiis pacis foedus cum feritur porcus occiditur et quod nuptiarum initio antiqui reges ac sublimes viri in Hetruria in coniunctione nuptiali nova nupta et novus maritus primum porcum immolant. Prisci quoque Latini et etiam Graeci in Italia idem factitasse videntur. Vgl. die italischen Bundesmünzen bei Friedlaender die osk. Münzen S. 81 ff. t. IX, 10, 12. X, 18. 19 und Klausen Aeneas S. 671 ff., t. III, 3. 8. 9. , wie es bei den Penaten und der Vesta des latinischen Bundes in Alba und den übrigen Bundesstädten von Jahr zu Jahr dargebracht sein mag. Höchst wahrscheinlich befanden sich im alten Latium entsprechende Bilder und Sagen in allen Bundesstädten. Später schmeichelte man sich in Lavinium das älteste und ursprüngliche Bild der Art zu besitzen. Aeneas hatte das Schwein und die Ferkel, so glaubte man, seinen Penaten auf jener Höhe geopfert, die es im Laufe erreichte und auf welcher man unter andern Denkmälern eine ähnliche Hütte des Aeneas zeigte, wie das römische Palatium eine Hütte des Romulus besaß Dionys I, 57. Diese Hütten sind auch Symbole des mit den ersten Anfängen der Cultur beschäftigten Lebens, s. Tibull. II, 1, 37 Rura cano rurisque deos. His vita magistris desuevit querna pellere glande famem, illi compositis primum docuere tigillis exiguam viridi fronde operire domum etc. . Auch war dort 681 ein Bild des Schweins mit seinen dreißig Jungen in Erz gegossen öffentlich aufgestellt; ja man behauptete eine Art von Mumie des wirklichen Mutterschweins zu besitzen, welche vermuthlich unter den Heiligthümern des Vesta- und Penatentempels zu Lavinium gezeigt wurde Varro r. r. II, 4, 18 Huius suis ac porcorum etiam nunc vestigia apparent Lavinii, quod et simulacra eorum ahenea etiam nunc in publico posita et corpus matris ab sacerdotibus quod in salsura fuerit demonstratur. Vgl. Lycophr. Alex. 1259 und die Münzen des Antonin bei Klausen Aeneas t. II, 11. 12. . Daß dasselbe Symbol als Sinnbild eines Städtebundes oder des Verhältnisses der Mutterstadt zu ihren Colonieen auch sonst in Italien herkömmlich war beweisen die Münzen der umbrischen Stadt Tuder, welche eine Sau mit drei Ferkeln zeigen, und die der sicilischen Stadt Abacaenum. Es folgt der Bund zwischen Latinus und Aeneas. Der Laurenterkönig Latinus, durch einen Krieg mit Ardea und den Rutulern bedrängt, hört von der Landung des Aeneas und schließt alsbald ein Bündniß mit ihm, kraft dessen er ihm ein Stück Landes an der Küste für die Trojaner überläßt Serv. A. XI, 316 Cato in Originibus dicit Troianos a Latino accepisse agrum qui est inter Laurentum et castra Troiana. Hic etiam modum agri commemorat et dicit eum habuisse iugera DCC. Die Zahl ist unsicher, Cassius Hemina bei Solin 2, 14 weiß nur von 500 iugera. Dionys I, 59 Ἀβοριγῖνας μὲν Τρωσὶ δοῦναι χώραν ὅσην ἠξίουν ἀμφὶ τοὺς τετταράκοντα σταδίους πανταχοῦ πορευομένοις ἀπὸ τοῦ λόφου. Vgl. Appian bei Phot. Bibl. 57 p. 16 b, 12. und sich dafür seinen Beistand gegen die Rutuler ausbedingt, die darauf glücklich aus dem Felde geschlagen werden. Aeneas vermählt sich mit der Lavinia, der Tochter des Latinus, nach welcher die neue Penatenstadt Lavinium benannt wird. Bei Erbauung derselben ereignet sich ein neues Wunder. In dem benachbarten Haine nehmlich entzündet sich von selbst ein helles Feuer. Ein Wolf schleppt trocknes Holz herbei um die Flamme zu nähren, ein Adler senkt sich aus hoher Luft herab um sie mit dem Schlage seiner Fittige anzufachen, ein arglistiger Fuchs schleicht sich herbei um sie mit seiner Ruthe, die er in den Fluß getaucht, wieder auszulöschen. Alsbald entspinnt sich zwischen diesen Thieren ein heftiger Kampf, bis der feindliche Fuchs vom Adler und dem Wolfe verjagt wird: welcher Kampf gleichfalls in Erz gegossen auf dem Markte von Lavinium zu sehen war Dionys I, 59. Auf den M. der Papia sieht man den Adler und den Wolf, wie sie die Flamme nähren. . Das 682 auflodernde Feuer bedeutet die Vesta von Lavinium, der in dem Walde der Laurenter gegründeten Bundesstadt. Der Wolf ist das Symbol des latinischen Nationalgottes Mars, der Adler das des höchsten latinischen Bundesgottes Jupiter Ovid F. IV, 827 Condenti (Romulo) Iupiter urbem et genitor Mavors Vestaque Mater ades. . Der Fuchs dagegen ist das redende Wahrzeichen der Rutuler d. h. der Röthlichen, wie sonst der robigo ( S. 437 ), und wirklich mögen diese Rutuler in ihrem Malepartus d. h. ihrer festen Burg zu Ardea, welches noch jetzt den Eindruck einer stark befestigten Stadt macht, für den Latinerbund und seine Versuche die Küste zu gewinnen dereinst gefährlicheFeinde gewesen sein. Was den Namen Lavinium und den der Lavinia oder Lavna betritft, so wiederholt sich derselbe in der Sage von Alba Longa und in der des römischen Palatium, in welcher letzteren Lavna die Tochter des arkadischen Evander d. h. des Faunus heißt Λαῦνα bei den Griechen, Lavinia bei den Römern. In Alba Longa galt sie für die Mutter des Silvius, Dionys I, 70. Von Λαῦνα der T. des Evander, die von Hercules den Palas gebiert, Dionys I, 32. 43. Einige griechische Fabulisten bei dems. I, 59 nannten die Launa von Lavinium eine T. des delischen Propheten Anios, was wieder auf den Begriff einer weissagerischen Fruchtgöttin hinausläuft, vgl. die Sage von den Töchtern des Anios bei Tzetz. z. Lycophr. 570–76, Ovid Met. XIII, 650 ff. . Es scheint eine Göttin des Waldes und der Flur zu sein, gleich der Fauna, der Fatua, der Acca Larentia, wie diese befruchtenden und weissagenden Mütter und Töchter der Flur sich denn in der latinischen Sage unter wechselnden Gestalten immer von neuem wiederholen. Endlich die Kriege mit dem Könige Turnus von Ardea und Mezentius von Caere und der Tod und die Erhöhung des Latinus und Aeneas. Turnus ist ein naher Verwandter der Amata, der Gemahlin des Latinus d. h. der ersten Dienerin der Vesta von Lavinium ( S. 537 ). Lavinia ist seine Verlobte, daher er jetzt von neuem mit seinen Rutulern anrückt, gegen Latinus und Aeneas. Bei Lavinium kommt es zur Schlacht, in welcher die Rutuler unterliegen, aber Latinus fällt, worauf er zum Jupiter d. h. Divus Pater Latiaris erhöht und auf der Burg von Lavinium als göttlicher Stamm- und Ahnherr der Latiner verehrt wurde Nach Serv. A. IX, 745 fiel Latinus in arce d. h. auf dem Burghügel von Lavinium, wo also vermuthlich sein Grab zu sehen war. Vgl. oben Seite 84 . . Noch einmal erheben sich die Rutuler, jetzt mit dem Beistande des Mezentius, des Königs von Caere, und wieder kommt es in der Gegend von Lavinium zur Schlacht, in welcher nun auch Aeneas 683 entrückt wird, worauf ihm Ascanius als verklärtem Iupiter Indiges den Grabeshügel am Flusse Numicius errichtet. Auch diese Sagen enthalten schätzbare Erinnerungen aus der älteren Geschichte des Latinerbundes, welcher bei jenen Gründungen an der Küste ohne Zweifel mit mächtigen Feinden zu kämpfen hatte, unter denen die mächtige Etruskerstadt Caere ( S. 13 ) die gefährlichste Feindin sein mochte. Es darf für historisch gelten daß die Etrusker in so früher Zeit an der Mündung des Tiber und an der latinischen und volskischen Küste, ja bis zum Liris geherrscht haben Serv. A. XI, 567 Metabus – pulsus fuerat a gente Fulscorum, quae etiam ipsa Etruscorum potestate regebatur, quod Cato plenissime exsecutus est. Vgl. zu 581. Der Liris führte in dieser älteren Zeit den etruskischen Namen Clanis, Strabo V p. 233, Dionys. VII, 3. Turnus ist nicht allein deutlich Τυρρηνός (bei Dionys. I, 64 haben die besseren Mscr. wirklich Τυρρηνός), sondern Appian bei Phot. cod. 57 sagt sogar gradezu: ὑπὸ Ῥουτούλων τῶν Τυρρηνῶν. ; Ardea, dessen König deshalb Turnus heißt, und Tarracina, dessen Name an Tarchon erinnert, scheinen die mittleren Glieder einer Kette von Gründungen gewesen zu sein, welche von Tarquinii und Caere bis Capua und zu den wichtigen Buchten und Landzungen am Vesuvius hinabreichten. Ehe die Griechen in Cumae, die Latiner in Latium (beide werden bis in die Zeiten des Porsenna und der wichtigen Schlacht bei Aricia meist verbündet zu denken sein) diese Kette sprengten, müssen heftige und langwierige Kämpfe stattgefunden haben. Die latinische Sage hat ein entferntes Andenken daran in der Erzählung von diesen Schlachten der Indigeten des latinischen Bundes mit den Königen von Ardea und Caere bewahrt, übrigens deutlich so daß derselbe entscheidende Kampf unter zwei verschiedenen Versionen erzählt wurde, welche man später unter mancherlei Abweichungen zu einem Ganzen verschmolzen hat: in der Erzählung der Schlacht mit dem Könige Turnus von Ardea, in welchem Latinus, und in der der Schlacht mit Mezentius von Caere, in welchem Aeneas den Sieg entschied und zum Bundesheroen wurde Nach der gewöhnlichen Tradition fallen Latinus und Turnus in der ersten Schlacht, worauf Aeneas in der zweiten Schlacht gegen Mezentius im Numicius verschwindet, Dionys I, 64, Schol. Veron. V. Aen. I, 259. Nach Cato verschwanden Turnus und Aeneas in der zweiten Schlacht, Serv. A. I, 267, IV, 620, IX, 745. Nach der Traditiou bei Fest. p. 194 oscillantes verschwindet Latinus in der Schlacht gegen Mezentius. Virgil hat die gewöhnliche Tradition aus dichterischen Gründen sehr verändert. . Eine andre Sage, welche sich in der Form einer Legende des ländlichen Festes der Vinalien erhalten hatte, setzte hinzu daß Mezentius sich 684 bei den Rutulern als Lohn für seine Hülfe die sonst immer den Göttern dargebrachten Erstlinge der Kelter von allen Weinbergen in Latium ausbedungen hatte Cato und Varro bei Plin. H. N. XIV, 12, 14, Macrob. S. III, 5, 10 vgl. Fest. p. 265, Dionys. I, 65 und oben S. 174 . , worauf die Latiner diese Erstlinge ihrem Jupiter, dem Entscheider der Schlachten, von neuem weiheten und darauf mit der vollen Zuversicht des Sieges in den Kampf gingen. Immer wird Mezentius oder, wie man seinen Namen früher geschrieben hatte, Messentius oder Medientius, mit den schwärzesten Farben als ruchloser und grausamer Tyrann geschildert, als Bild eines alten etruskischen Seerauberfürsten Contemtor Divum Mezentius Virg. Aen. VII, 648. Mortua quin etiam iungebat corpora vivis componens manibusque manus atque oribus ora – et sanie taboque fluentes complexu in misero longa sic morte necabat. Ib. VIII, 485 vgl. Iul. Capitolin. Opil. Macrin. 12 und Serv. A. VIII, 479. Ueber den Namen s. Ribbeck im Rh. Mus. f. Philol. XII (1857) S. 419 ff. Eine verwandte Sage ist die von der Vertreibung des tuskischen Herrschers Metabus aus dem volskischen Orte Privernum, Virg. Aen. XI, 539 ff. , weil die Etrusker weit und breit, an den italischen und griechischen Küsten, als wilde und erbarmungslose Piraten verschrieen waren. Die Folge des entscheidenden Siegs der Latiner über Mezentius soll die gewesen sein, daß fortan der Tiberstrom als Grenze zwischen den Etruskern und Latinern anerkannt wurde (Liv. I, 3). Gewiß ist, daß in den früheren Generationen Roms nicht mehr Caere, sondern Veji als die gefährlichste Nachbarin und Nebenbuhlerin in der Herrschaft über den wichtigen Grenzstrom auftritt. Von Ardea und Turnus ist schon bemerkt worden, daß Virgil nach latinischer Sage den ländlichen Dämon Pilumnus seinen Ahnherrn und die See- und Quellengöttin Venilia, eine Schwester der Amata, als seine Mutter und die der Juturna nennt Aen. X, 76, XII, 138 vgl. oben S. 332 . Ardea ist ein Seevogel, wie jene Diomedeischen, ein gutes Wahrzeichen der kühnen Seestadt, s. Serv. V. A. VII, 412. . Sein Vater heißt Daunus, welcher Name sich durch den Umstand erklärt daß auch in dieser Gegend ein Volk der Daunier erwähnt wird, es sei denn daß auch hier die häufige Verwechslung von d und l, also ein der Lavinia verwandter Name im Spiele ist. Dieselbe Tradition ist wahrscheinlich der Anlaß zur Uebertragung der griechischen Fabel der Danae auf diese Küste geworden. Die argivische Danae soll zur Zeit des Pilumnus in ihrem Kasten an dieses Land getrieben sein und mit ihm Ardea gegründet haben, daher Turnus bei 685 Virgil zu einem Abkömmlinge der alten Heroen von Argos und Mycen geworden ist, wie Aeneas seinerseits das feindliche Troja vertritt Virg. A. VII, 371 Serv., Plin. H. N. III, 9, 56. . Noch verdient die von verschiedenen römischen Schriftstellern wiederholte Tradition Erwähnung, daß der römische Stamm der Luceres seinen Namen von einem Könige oder Lucumo von Ardea bekommen habe, welcher dem Romulus im Kriege gegen T. Tatius zu Hülfe gezogen sei, wodurch wieder sehr bestimmt auf einen Zusammenhang des alten Ardea mit den Etruskern jenseits des Tiber gedeutet wird Paul. p. 119 Lucereses, Dionys II, 37, welcher in seiner Quelle den ager Solonius ( S. 400 ) anstatt der Stadt Ardea genannt fand. Derselbe Bundesgenosse des Romulus wird sonst immer ein tuskischer Lucumo genannt. . Noch im ersten Jahre der Republik wurde ein Vertrag zwischen Ardea und Rom abgeschlossen (Dionys V, 1). Im J. 312 d. St. schickte Rom eine Colonie dahin, welche nächst Ostia die älteste colonia maritima war und mit jenem auch in der Folge meist dasselbe Schicksal gehabt hat. Die Ueberlieferung daß die alten Rutuler von Ardea sich zum Theil nach Sagunt in Spanien übersiedelten (Liv. XXI, 7) beweist einen alten Seeverkehr mit diesen Gegenden. Von dem Dichter Silius Italicus ist sie geschickt benutzt worden, um dem Kampfe um Sagunt im zweiten punischen Kriege so viel mehr Bedeutung für Latium und Rom zu geben. Lavinium, die Hauptstadt der Laurenter, seit 416 d. St., 338 v. Chr. der einzige Rest des latinischen Bundes, scheint durch die lex Iulia vom J. 90 v. Chr. die Civität bekommen zu haben. Obschon durch seine Gottesdienste und Erinnerungen ehrwürdig war es doch zur Zeit des Nero so verfallen, daß, wie Lucan VII, 394 sagt, der jährlich dort wegen jener Sacra zu einem nächtlichen Aufenthalte genöthigte Senator den Numa als hypothetischen Urheber auch dieses Gottesdienstes verwünschte. Unter Claudius wird derselbe wieder mit Auszeichnung erwähnt. Dieser Kaiser, welcher den neuen Hafen bei Ostia anlegte und auch sonst für diese Gegend Manches that, scheint auf Veranlassung von Prodigien und eines Ausspruchs der sibyllinischen Bücher im J. 52 n. Chr. unter anderen Cerimonieen auch den alten Brauch der jährlichen Erneuerung des Bündnisses zwischen Rom und den Laurentern wieder hervorgesucht zu haben S. die oben S. 537 angeführte Inschrift bei Or. n. 2276, Mommsen I. N. n. 2211 und die S. 676, 1847 citirte Abhandlung von A. W. Zumpt. Die Inschrift ist die einer Statue, welche zu Pompeji einem verdienten Mann errichtet wurde. Derselbe wird u. a. genannt: pater patratus Populi Laurcntis foederis ex libris Sibullinis percutiendi cum P. R. , woraus die Erneuerung der Bundesceremonie mit Recht gefolgert ist. Vgl. Sueton. Claud. 22 und Tacit. A. XII, 43. . Die 686 folgenden Kaiser trugen gleichfalls Sorge daß die Gegend bevölkert und angebaut blieb. Seit Vespasian und bis in die Zeit der Antonine wurden verschiedne Ansiedelungen dort vorgenommen, daher seitdem von Lavinium und Laurolavinium, wie die Stadt nun als Hauptstadt und mit Inbegriff der Laurenter d. h. dieser Küstenbevölkerung überhaupt genannt wird, auch in Inschriften oft die Rede ist, namentlich mit Beziehung auf gewisse bürgerliche und priesterliche Privilegien der alten Penatenstadt, welche mit persönlichen Auszeichnungen und Immunitäten verbunden waren und deshalb um so eifriger gesucht wurden. Als die Sage von den Trojanern in Latium einmal eingewurzelt war, berief man sich dafür auch auf manche Umstände, welche erst durch die Aeneassage ein Gewicht bekommen hatten oder wohl gar erst eine Folge des Glaubens an dieselbe waren. So zeigte man an der laurentischen Küste einen Ort Troja, wo Aeneas zuerst gelandet sei, sein Lager aufgeschlagen und seiner Mutter ein Heiligthum gestiftet habe: also jedenfalls nur ein Platz von monumentaler und sacraler Bedeutung, keine Ansiedelung, obgleich er dafür galt und der Name Troja sich in Folge davon an diesem Strande in immer weiterem Umfange geltend machte Bald heißt der Ort Castra Troiana bald Troia. Nach Cato lag er am Strande von Lavinium, nach Andern bei Ardea, bei Laurentum, bei Ostia, s Paul. p. 367, Serv. V. A. VII, 31. 158. XI, 316, vgl. das praedium Troianum bei Cic. ad Att. IX, 13, 6: 9, 4 und Steph. B. Ἀρδέα – Τροία ἐλέγετο, ὡς Χάραξ, Dio fr. 4, 4 περὶ Λαύρεντον προσώκειλε τὸ καὶ Τροίαν καλούμενον, Liv. I, 1 classe Laurentem agrum tenuisse, Troiae et huic loco nomen est. Endlich Virgil und Strabo V p. 229 lassen Aeneas nicht weit von Ostia landen. Ueber das von ihm gestiftete H. der Aphrodite s. oben S. 384 . Appian bei Phot. Bibl. cod. 57 ἔνϑα καὶ στρατόπεδον αὐτοῦ δείκνυται καὶ τὴν ἀκτὴν ἀπ’ ἐκείνου Τροίαν καλοῦσι. . Ferner pflegte man sich auf den ludus Trojae zu berufen, ein ritterliches Spiel patricischer Knaben und Jünglinge, welches angeblich Ascanius bei der Erbauung von Alba Longa gestiftet und seiner Heimath zu Liebe das Spiel von Troja genannt haben soll, s. Virgil Aen. V, 596 ff. Wir haben aber erst aus der Zeit des Sulla und der früheren Kaiser eine sichre Kunde von demselben; namentlich haben es die Julier, vor allen Augustus, sehr in Aufnahme gebracht, weil darin eine Erinnerung mehr an die göttliche Abkunft seines Geschlechts gegeben war. 687 Wahrscheinlich hängt der Name zusammen mit dem der Trossuli d. h. der Ritter, auch mit den alterthümlichen Wörtern antroare und redantruare, die sich im Gebrauche der Salier erhalten hatten Klausen Aeneas S. 820 ff., A. Goebel de Troiae ludo, Marcoduri 1852, L. Friedländer bei Marquardt Handb. IV, 520. , so daß es immerhin von altem Ursprunge gewesen sein mag, aber gewiß nicht von trojanischem. Endlich und am meisten berief man sich auf den trojanischen Ursprung verschiedener Albanischer Geschlechter in Rom, welche auch in Virgils Aeneide verherrlicht werden und für Varro und Hygin ein Gegenstand besondrer Untersuchungen gewesen waren Aen. V, 117 ff., Serv. vgl. Paul. p. 44 Caeculus, p. 55 Cloelia, p. 167 Nautiorum, Dionys. IV, 68. 69 u. A., Serv. V. A. V, 389. 704. . Sie leiteten sich zum Theil von den Begleitern des Aeneas ab, wie die Cäcilier, die Clölier, die Geganier, die Memmier, die Sergier und Cluentier, die Junier und die Nautier, zum Theil von Aeneas selbst, wie die Aemilier und Julier, welche letzteren schon vor Cäsar und August alle übrigen an Adel und Ansehn übertrafen. Dionysius I, 85 berichtet daß es zu seiner Zeit noch etwa fünfzig Familien trojanischer Abkunft gegeben habe Iuvenal I, 99 iubet a praecone vocari ipsos Troiugenas. Vgl. Herodian II, 3, 4, Eckhel V p. 88 sq., Schol. Lucan. I, 196. Zur Zeit des Hieronymus gab es einen gewissen Toxotius in Rom, welcher von Aeneas und den Juliern abzustammen glaubte, wahrend seine Frau Paula ihr Geschlecht von den Gracchen und von Agamemnon ableitete. . Ja es gab noch in dem dritten und vierten Jahrhundert n. Chr., nachdem die Julier lange ausgestorben waren, angebliche Abkömmlinge des Aeneas in Rom, deren einen Pertinax vergeblich statt seiner zum Kaiser zu machen suchte. Die Frangipani behaupteten sogar noch im Mittelalter den Ruhm des trojanischen Ursprungs. Endlich mag hier noch des zweiten Trojaners gedacht werden, der nach der Zerstörung Trojas nach Italien verschlagen und dort der Gründer einer Stadt geworden sein soll. Nehmlich Antenor gilt schon in der alten epischen Tradition für den beharrlichen Griechenfreund in Troja, daher er bei der Zerstörung der Stadt verschont wird S. das Gemälde des Polygnot bei Paus. X, 26, 3; 27, 2 und Sophokles bei Strabo XIII p. 608. Auch Aeneas galt später für einen Philhellenen. . Die Sage ist daß er an der Spitze eines Haufens von Henetern, welche aus Paphlagonien flüchtig geworden, über Thracien und Illyrien an das Adriatische Meer und an den Po gelangt sei, wo er den König der einheimischen 688 Euganeer bezwungen und darauf Patavium, das jetzige Padua gegründet habe Schon Cato erzählte davon, Plin. H. N. III, 19. Vgl. Strabo III p. 157, V p. 212, XIII p. 608, Virg. Aen. I, 242 sqq. Serv., Liv. I, 1. . Einige ließen seine Söhne und deren Gefährten noch weiter bis Lusitanien vordringen. Auch bei dieser Erzählung berief man sich auf Ortsnamen und andre Merkmale, welche nur bei solchem Gefallen an griechischer Sage, wie sie später durch ganz Italien herrschte, beweisende Kraft haben konnten. Merkwürdig ist daß schon Herodot, dem die Heneter oder Veneter übrigens einfach ein illyrischer Stamm sind, von einem großen Zuge der Myser und Teukrer aus Kleinasien über Thracien ans ionische Meer weiß, welcher Zug noch vor dem trojanischen Kriege stattgefunden haben soll. 7. Sagentrümmer von Alba Longa und den übrigen Latinern. Die Erinnerungen an Alba sind bei dem frühen Untergange dieser Stadt natürlich sehr unsicher geworden, doch tritt uns das Bild des ersten und ursprünglichen Hauptes des latinischen Bundes auch so noch ziemlich deutlich entgegen, besonders wenn man sich im Geiste auf die schöne Höhe über dem Albaner See versetzt, wo einst seine Mauern standen, und von dort in die Ebne und das Flußthal des Tiber hinabschaut, nach welchem sich einem allgemeinen Gesetze der Geschichte zufolge die spätere Entwicklung der Cultur und des politischen Lebens hinabzog. Rom ( S. 496 ) und Lavinium hatten in jenen Bildern der weißen Sau mit den dreißig Ferkeln ein sprechendes Sinnbild der Zeiten bewahrt, wo dreißig verbündete Städte (wie gewöhnlich eine runde Zahl) in Alba ihre Mutterstadt verehrten Schon Lycophr. Alex. 1253 ff. weiß von den 30 Colonieen: κτίσει δὲ (Aeneas) χώραν ἐν τόποις Βορειγόνων (der Aboriginer) υπὲρ Λατίνους Λαυνίους τ' ( S. 684 ) ᾠκισμένην πύργους τριάκοντ’ ἐξαριϑμήσας γονὰς συός etc. Vgl. Dionys III, 31 ἡ τὰς τριάκοντα Λατίνων ἀποικίσασα πόλεις. 34 εἰς τὰς ἀποίκους τε καὶ ὑπηκόους αὐτῆς τριάκοντα πόλεις πρέσβεις ἀποστείλας. , und wenn von den Penaten in Lavinium später erzählt wurde, sie seien, als Ascanius sie mit nach Alba genommen habe, freiwillig in die von Aeneas gegründete Stadt zurückgekehrt, worauf man ihnen von Alba 600 Familienväter zur bleibenden Ansiedlung nachgeschickt habe Dionys I, 67 καὶ ἐγένοντο οἱ πεμφϑέντες ἐξακόσιοι μελεδωνοὶ τῶν ἱερῶν αὐτοῖς μεταναστάντες ἐφεστίοις, ἡγεμὼν δ’ ἐπ’ αὐτοὺς ἐτάχϑη Αἴγεστος. Verehrer der öffentlichen Penaten sind die Bürger einer Stadt, über Aegestus s. S. 670 . Die Zahl 600 kehrt in andrer Version bei Cassius Hemina bei Solin 2, 14 wieder, nach welchem Aeneas mit 600 Genossen landete. Offenbar ein Multiplum der 30 Bundesstädte. , so braucht man in dieser Erzählung nur das Wunder zu 689 streichen um eine wichtige historische Thatsache wiederherzustellen. Auch die Albanischen Gottesdienste, welche die Stadt überlebten, lassen sich ziemlich vollständig herstellen, Iupiter Latiaris ( S. 186 ) und Juno ( S. 508 ) und Vejovis ( S. 236 ), ferner Mars und die latinische Venus ( S. 383 ), welche in den Sagen und Ueberlieferungen von den römischen Zwillingen und in denen der Julier so bedeutungsvoll hervortreten und von denen namentlich Mars mit seinen Umgebungen des Faunus und der Fauna, des Silvanus u. s. w. auch in dem alten Alba Longa nächst Jupiter der angesehenste Gott gewesen sein wird Vgl. S. 300, 655 und 307, 670 , Or. n. 1367 Veneri Gabinae et Albanae , Liv. I, 7 vom Romulus: Sacra diis aliis Albano ritu, graeco Herculi – facit. , endlich Vesta und die Penaten, deren Cultus nur hier die volle Bedeutung eines Bundesheiligthums haben konnte ( S. 538 ). Andre Traditionen hatten sich durch die Albanischen Geschlechter in Rom erhalten, worunter die von dem Ursprunge des königlichen Geschlechts der Silvier für besonders alterthümlich gelten darf Fest. p. 340 Silvi, Virgil Aen. VI, 760 ff. Servius, Livius I, 3, Dionys. I, 70. . Als ihr Ahnherr wurde Silvius genannt, auch er der Sohn einer Lavinia, welche in der gewöhnlichen Ueberlieferung für die Tochter des Latinus, also für die Gattin des Aeneas galt. Nach der Entrückung desselben sei sie aus Furcht vor ihrem Stiefsohne Ascanius in die Wälder geflohn, zum Tyrrheus, dem treuen Aufseher der Heerden und Weiden des Latinus, dessen idyllisches Leben im Walde Virgil schildert Aen. VII, 482 ff. Bei Serv. A. VI, 760, Schol. Veron. VII, 485 heißt er Tyrrhus, bei Dionys l. c. Τυρρηνός. . Bei ihm wird Lavinia von einem Knaben entbunden, den sie nach solchen Umgebungen Silvius d. h. den Waldgebornen nennt. Als er herangewachsen wird er als Sohn der einheimischen Lavinia vom Volke zum ersten Könige von Alba erwählt, nicht ohne Widerstand des Julus, des Sohnes des Ascanius, welcher Alba gegründet hatte. Doch läßt sich Julus statt der königlichen mit der höchsten priesterlichen Würde abfinden, welche sich seitdem in dem Geschlechte der Julier erblich erhalten habe Dionys l. c. Ἰούλῳ δὲ ἀντὶ τῆς βασιλείας ἱερά τις ἐξουσία προσετέϑη καὶ τιμὴ τῷ τε ἀκινδύνῳ προὔχουσα τῆς μοναρχικῆς καὶ τῇ ῥαστώνῃ τοῦ βίου, ἣν ἔτι καὶ εἰς ἐμὲ τὸ ἐξ αὐτοῦ γένος ἐκαρποῦτο, Ἰούλιοι κληϑέντες ἀπ’ ἐκείνου. Diodor bei Euseb. T. I p. 389 ed. Aucher: Iulius autem imperio cedere coactus Pontifex Maximus constitutus fiat et fere secundus rex habebatur, a quo ortam Iuliam familiam hucusque perdurare aiunt. Nach der gewöhnlichen Tradition, welcher auch Virgil folgt, ist Ascanius der Sohn des Aeneas von Troja her, Silvius sein Posthumus von der latinischen Lavinia. Ascanius heißt auch Euryleon und Ilus, welchen Namen er später in Iulus verändert und auf seinen Sohn übertragen haben soll, s. Schwegler R. G. I, 338. , wie dieses Geschlecht 690 denn wirklich auch in Rom und Bovillae durch erblichen Besitz gewisser Sacra, namentlich des Vejovis und der Venus sich auszeichnete. Außer diesen beiden Namen, dem des königlichen Silvius und des priesterlichen Julus, hatten sich endlich in der Volkssage und örtlichen Ueberlieferung noch einige andre alte Namen erhalten, aus denen man weit später in Rom, erst in den jüngeren Zeiten der römischen Litteratur und mit Hülfe der Griechen, eine zusammenhängende Reihe der Albanischen Könige herzustellen versuchte, denn die ältere Zeit hatte sich einfach an den Hauptthatsachen genügen lassen und ohne chronologische Bedenken den Romulus zum Enkel des Aeneas gemacht. So entstand jene aus Virgil, Livius und Dionysius bekannte Reihe, nach welcher auf Silvius zuerst Aeneas Silvius folgte, dann Latinus Silvius, von welchem gewöhnlich die sogenannten Prisci Latini abgeleitet werden, worunter keineswegs alle alten Latinerstädte zu verstehen sind, sondern nur solche welche von dem latinischen Bunde in der früheren Periode der Oberhoheit von Alba Longa gegründet wurden oder zu dem Bunde gehörten, im Gegensatze zu den späteren Colonieen des Bundes unter der Oberhoheit von Rom Das Wort hängt zusammen mit prius s. Paul. p. 226 Prisci Latini proprie appellati sunt hi qui priusquam conderetur Roma fuerunt. Daher ib. Priscus Tarquinius est dictus quia prius fuit quam Superbus Tarquinius. Vgl. Fest. p. 241 priscae latinae coloniae und Virgil Aen. VI, 773 Servius. . Dann folgen Alba, Capetus, Capys, Calpetus, Tiberinus, von welchem der früher Albula genannte Tiberstrom seinen Namen bekommen haben soll, Agrippa, Romulus Silvius, welcher mit mährchenhaften Zügen als Frevler und den Göttern verhaßter Tyrann geschildert wird So heißt er bei Livius, bei Dionys dagegen Ἀλλάδιος oder Ἀλλώδιος, bei Zonaras VII, 1 Amulius, bei A. Victor O. G. R. 18 Aremulus. Er denkt sich eine Maschine aus um wie Iupiter zu donnern und zu blitzen, bis der Blitz in sein eignes Haus schlägt, was an Tullus Hostilius und den Zauber des Iup. Eliciusaltars erinnert. Zuletzt steigt der Albanische See zu einer solchen Höhe, daß er seinen am Ufer gelegenen Palast erreicht und ihn und sein ganzes Haus verschlingt. , darauf Aventinus, dessen Grab dem römischen Hügel seinen Namen gegeben habe, endlich 691 die besser bewährten Namen des Procas und seiner beiden Söhne, des guten Numitor mit seiner Tochter Rhea Silvia und des bösen Amulius, der seinen Bruder entthront und später selbst von seinen Enkeln, den römischen Brüdern entthront wird. So unsicher und mythisch die Entstehungsgeschichte von Alba Longa ist, eben so mythisch ist auch die von seinem Untergange. Den wirklichen Zusammenhang ahndet man, wenn man außer dem natürlichen Zuge der Geschichte von den Bergen in das Flußthal bedenkt, einmal daß Rom nach der Zuwanderung der Sabiner seinem Albanischen Ursprunge entfremdet war, zweitens daß andre latinische Städte, namentlich die nächsten Nachbarn von Alba, Tusculum und Aricia, nach dem Sturze desselben mächtig und mit Rom verbündet waren S. oben S. 280 und Fest. p. 348, nach welchem der Oppius und Cispius in Rom nach zwei Führern der Tusculaner und der Herniker von Anagnia, welche dem Tullus Hostilius gegen Veji zu Hülfe gekommen, benannt worden wären. Vgl. die Albani Longani Bovillenses oben S. 235, 469 . In Alba sollen nach dem Sturze der Silvier nicht mehr Könige, sondern jährliche Praetoren geherrscht haben, Dionys, V, 74, Plut. Rom. 27. , endlich daß die Einwohner der zerstörten Stadt nicht blos in Rom, sondern auch sonst in Latium, z. B. in Bovillae am Fuße des Albaner Berges untergebracht zu sein scheinen. Die gewöhnliche Sage begnügt sich die nahe Verwandtschaft, welche zwischen Rom und Alba bestanden, in einem lebendigen Bilde hervorzuheben. Die römischen Drillinge sollten eigentlich wohl die drei Stämme des römischen Patriciats bedeuten. Man stellte ihnen dann Albanische Drillinge gegenüber und wußte nicht gewiß zu sagen, welcher von beiden Städten die Horatier, welcher die Curiatier angehört hätten. Noch dazu war die Schwester der Horatier einem der Curiatier verlobt, ja man erzählte weiter, daß die Mütter dieser beiden Paare von Drillingen Schwestern gewesen und sich zu gleicher Zeit verheirathet, auch ihre Söhne zu gleicher Zeit geboren hätten Liv. I, 22, Dionys. III, 13. . Der bunte Kriegsrock des erschlagenen Curiatiers, mit dem der übrig gebliebne Horatier (gewöhnlich gelten diese für Römer) triumphirend heimkehrt, ist jenem von der eignen Schwester des Siegers, der Braut des Erschlagenen gewebt und geschenkt worden; daher ihr Fluch und ihr Tod von der Hand des Bruders. Die Richter verurtheilten diesen, aber der Vater und das Volk verziehen ihm, während der Leichnam der Schwester, die ihren Bräutigam mehr als das Vaterland liebte, auf der Straße liegen 692 blieb und erst durch das Mitleid der Vorübergehenden mit Steinen und Erde überschüttet wurde. Alte Denkmäler in Rom und vor der Stadt in der Richtung nach Alba Longa dienten zur Bestätigung dieser Sage, in Rom das sogenannte Sororium Tigillum, ein Denkmal des ältesten Beispiels einer durch richterlichen Spruch erkannten Blutsühne Becker Handbuch I, 527 ff., Schwegler R. G. I, 571 ff., 594 ff., vgl. oben S. 152 . , die pila Horatia, das Grab der Schwester am Thore, die Gräber der erschlagenen Albaner und Römer auf dem Schlachtfelde, der Graben des Cluilius, welcher zuerst die Albaner geführt habe. Als sich diese trotz des feierlich geschlossenen Bündnisses feindlich erweisen, wird der Verräther Mettus Fuffetius zwischen zwei in entgegengesetzter Richtung getriebenen Wagen gespannt und so zerrissen. Dann wird Alba mit Ausnahme der Tempel zerstört und die ganze Bevölkerung, so behauptete man in Rom, nach Rom geführt und auf dem Caelius angesiedelt, wo die Luceres vornehmlich aus diesen Geschlechtern bestanden. Jedenfalls eine sehr bedeutende Verstärkung des latinischen Elements in Rom, daher auch Tullus Hostilius, der Repräsentant dieser Luceres, zwar als Abkömmling eines Königs aus der Fremde, eines Eindringlings, aber immer als Latiner und in manchen Zügen sogar als der zweite Romulus erscheint Schoemann de Tullo Hostilio rege Romanorum, Opusc. Acad. I p. 18–49. . Von den übrigen latinischen Städten sind die wenigen Sagen, welche den Ruin der Zeiten überdauert hatten, größtentheils schon besprochen worden. Als man in Rom auf solche Erinnerungen und alte Urkunden aufmerksam wurde, war es schon zu spät um mehr zu retten. Cato hatte meist ältere Nachrichten gesammelt, die späteren Erdichtungen im griechischen Geschmack Hygin zusammengestellt, aus welchem wieder Solin eine kleine Auswahl solcher mythologischen Aftergeschichten erhalten hat, welche eine nähere Berücksichtigung nicht verdienen. Von Tusculum hatten die Mamilier mit so vielen andern latinischen Geschlechtern ihre Traditionen mit sich nach Rom gebracht ( S. 665 ). In Aricia und Lanuvium bewahrten der Dienst der Diana und der Juno manches Alterthümliche ( S. 246 . 278 ), in Tibur die Erinnerungen des alten Faunusorakels an der heilenden Quelle ( S. 517 ). Am meisten Alterthum hatte sich bis zu der blutigen Katastrophe im Kriege der Marianer und Sullaner in Praeneste, der entlegenen und festen Stadt am Saume des Aequergebirgs Mit dieser Lage scheint der Name zusammenzuhängen vgl. pronus d. i. πρηνής, πρανής und πρών d. i. πρηών. Cato erklärte quia is locus montibus praestet, Serv. V. A. VII, 682, Paul. p. 224. Später leitete man ihn ab ἀπὸ τῶν πρίνων i. e. ab ilicibus quae illic abundant, daher sie nach Strabo V p. 238 die Bekränzte, πολυστέφανος benannt wurde. Oder man fabelte von einem Ktistes Praenestus, einem Sohne des Latinus und Enkel des Ulysses, Solin. 2, 9, Steph. B. s. v. erhalten, 693 namentlich in den Erinnerungen an Caeculus, den Sohn des Vulcan ( S. 526 ), den die Schwester der Divi Fratres, das sind die Indigeten von Praeneste, am Heerde sitzend empfängt Virg. Aen. VII, 679 Vulcano genitum pecora inter agrestia regem inventumque focis omnis quem credidit aetas. Serv. 678 Ibi erant Pontifices et Dii Indigetes, sicut etiam Romae. Erant enim duo fratres, qui Divi appellabantur. Horum soror dum ad focum sederet, desiliens scintilla eius uterum percussit etc. Nach den Schol. Veron. p. 99 ed. Keil stammen diese Nachrichten theils aus den Origines des Cato, theils aus Varro, welcher die Hirten, unter denen Caeculus lebte, Depidii nannte, daher er selbst ursprünglich Depidius geheißen habe. Ueber den Namen Caeculus s. S. 647 . Vgl. noch Paul. p. 44 und Solin. 2, 9 Praeneste ut Praenestini sonant libri a Caeculo, quem iuxta ignes fortuitos (d. h. einem plötzlich entstandnen, von Vulcan wunderbar erregten Feuer) invenerunt ut fama est Digitorum ( Indigitum? ) sorores . und welcher nach seiner Geburt von den zur Quelle gehenden Jungfrauen (den Vestalinnen?) in der Nähe des Jupitertempels bei einem Feuer gefunden wird. Dann wächst er wie Romulus und Remus, wie Cyrus und der thebanische Hercules, unter den Heerden und als König der Hirten auf, oder als Räuberhauptmann, wie andre Nachrichten sein Leben beschrieben, bis er endlich jene Burgveste von Praeneste erbaute, die benachbarten Völker wieder wie Romulus durch Spiele an sich zog und durch den Ruhm seiner Thaten und seiner Abkunft an sich fesselte. Soll er doch einst, als das Volk an ihm zweifelte, die versammelte Menge mit Hülfe seines Vaters mit loderndem Feuer umgeben haben. Andre Praenestinische Sagen erzählten von einem Zweikampfe des Evander d. h. des guten Waldgeistes Faunus mit dem Riesen Herilus, dem Sohne der Feronia, die ihm drei Seelen verliehen hatte, so daß er dreimal getödtet werden mußte Virg. Aen. VIII, 563 ff., Io Lydus d. Mens. I, 8, Aelian V. H. IX, 16 Der Name erinnert an Marica und Marsus, auch an Mars, auf den auch die Roßnatur hinweist, s. oben S. 299 . . Eine Fabel welche an die leider nur durch Griechen erhaltne von dem Centauren Μάρης erinnert, welcher Name in italischer Sprache einen Roßmann bedeute. Dieser sei der erste von allen Bewohnern Ausoniens gewesen und dreimal gestorben, aber dreimal wieder aufgelebt und 123 Jahre alt geworden. 694 8. Die Ursprünge Roms. Auch die römische Sage ist kein Product der Dichtung, sondern der Stadtchronik, ein Gewebe griechischer und römischer Sagenschreiber, von denen die letzteren sich meist durch die ersteren bestimmen ließen. Doch liegen alte Thatsachen des römischen Cultus und der römischen Geschichte zu Grunde, und diese sind es welche der Erzählung trotz ihrer Mißverständnisse und Entstellungen ein nicht geringes Interesse verleihen. Diese mit der älteren römischen Litteratur entstandne, später in einzelnen Zügen immer weiter ausgeführte Stadtchronik begann mit Janus und Saturnus, den Königen des Anfangs, von denen jener das Janiculum dieser das Capitol bewohnt habe ( S. 162 . 410 ). Darauf folgte die erste Palatinische Ansiedlung durch Evander mit seiner Mutter Carmenta und seinem Sohne Pallas, welchem Virgil ein so schönes Andenken gestiftet hat: bei welchen Fabeln schon jene alten Heiligthümer an und auf dem Palatium im Spiele sind, welche die römische Stadtsage in so verschiedenen Zügen beschäftigten, der Dienst des Faunus ( S. 342 ) und des oder der Pales ( S. 364 ) so wie der der nahe verwandten Carmenta ( S. 357 ). Zum Evander kommt Hercules, der den bösen Cacus erschlägt und seinen Dienst an der Ara Maxima stiftet ( S. 648 ), bei welcher Fabel wieder die Erzählung von den Argeern anknüpft, welche in diesem Zusammenhange zu Argivern d. h. in Rom gebliebenen Begleitern des Hercules wurden ( S. 515 ). Das ganze Gewebe macht sehr bestimmt den Eindruck einer griechischen Composition. So weit Vermuthung statthaft ist, möchte ich die Quelle in einer Cumanischen Chronik suchen, da namentlich die Gruppe Evander-Cacus und Hercules auf eine solche zurückweist ( S. 643 ). Auch ist es sehr bemerkenswerth daß Evander nicht blos in der römischen Stadtsage, sondern auch in der von Tibur und Praeneste genannt wurde, endlich daß er in der gewöhnlichen Tradition für den Erfinder des latinischen Alphabets galt, welches das griechische und höchst wahrscheinlich Cumanischen Ursprungs war Dionys IV, 26, Plin. H. N. VII, 58, Tacit. Ann. XI, 14, vgl. Mommsen Unterital. Dial. S. 26 ff. 39. Bei den Dichtern galt Evander für einen Verwandten der Atriden, Virg. A. VIII, 130 Serv. Ganz im Stil der Mirabilien ist die Erzählung bei Serv. A. VIII, 345. . Auf diese Vorgeschichte folgte die Erzählung von der 695 Gründung Roms d. h. der Palatinischen Altstadt, für deren Gründer Romulus galt. Offenbar liegen dabei wieder alte Culte und Cultuserinnerungen zu Grunde, namentlich die des Palatinischen Mars, dessen Salier die Zwillinge zuerst in ihren Liedern gefeiert haben mögen, des Faunus und der Fauna, welche in dieser Fabel als Faustulus und Acca Larentia oder Lupa und Luperca auftreten (S. 342, 785 . 423 ), endlich des Ruminus und der Rumina und die des Ruminalischen Feigenbaums, unter welchem die Wölfin mit den Zwillingen, wie sie fort und fort der kurzgefaßte Inbegriff der Geschichte vom Ursprunge Roms geblieben ist, so auch höchst wahrscheinlich das älteste Symbol derselben und die erste Veranlassung zur erzählenden Ausführung war S. oben S. 369 und Schwegler R. G. I, 419 ff. . Jedenfalls ist die Idee der Zwillinge eine sehr alte, da der Palatinische Hügel in dieser Gegend deswegen den Namen Germalus führte Varro l. l. V, 54 Germalus a germanis Romulo et Remo, quod ad ficum Ruminalem ibi inventi, quo aqua hiberna Tiberis eos detulerat in alveolo expositos. und dieselbe Idee sich in den Sagen andrer latinischer Städte wiederholt, namentlich in der von Praeneste und Tibur Virg. Aen. VII, 670 Tum gemini fratres Tiburtia moenia linquunt. Vgl. oben S. 518 und Serv. V. A. VII, 678 von Praeneste: Ibi erant Pontifices et Dii Indigetes, sicut etiam Romae. Erant etiam duo fratres qui Divi appellabantur etc. ( S. 693 ). Ein alter Beiname des Zwillings Romulus war Altellus s. Paul. p. 7, doch wohl von alter. . Auch die öffentlichen Laren Roms wurden durch die ganze Stadt als Brüderpaar dargestellt ( S. 493 ), und so mögen denn auch Romulus und Remus in der ältesten Auffassung nichts weiter als die Laren oder Indigeten der Palatinischen Altstadt gewesen sein, welche sich mit der Zeit zu den zwölf Laren der Stadtflur d. h. der Arvalischen Brüder erweiterten. Eben so alt war aber auch der Name Roma d. i. die heilige Ursprungsstätte der Romani oder vielmehr der Ramnes, wie sich die Angehörigen der Palatinischen Stammtribus nannten Ramneis und Romaneis scheint dasselbe Wort zu sein, s. Fröhner im Philol. X (1855) S. 552 ff. Die Griechen nennen die Zwillinge gewöhnlich Ῥωμύλος und Ῥῶμος. . Daher die Namen Romulus und Romus oder Remus für die beiden Zwillinge, zunächst die von der Wölfin unter dem Ruminalischen Feigenbaum gesäugten Plut. Rom. 6 κληϑῆναι δὲ καὶ τούτους ἀπὸ τῆς ϑηλῆς ἱστοροῦσι Ῥωμύλον καὶ Ῥῶμον, ὅτι ϑηλάζοντες ὤφϑησαν τὸ ϑηρίον. , wobei zu bemerken daß auch der Tiber in den heiligen Urkunden der Römer den Beinamen Rumon d. i. vermuthlich des Nährenden 696 führte ( S. 512 ), ferner daß es in der Nähe von Rom einen Ort Remona oder Remuria und einen Remurinus ager, im Lande der Hirpiner eine Stadt Romulea gab Paul. p. 276 vgl. Müller Fest. p. 402 und über die Stadt Romulea Liv. X, 17, Steph. B. v. Ῥωμυλία. . Der Tiber mit seinen Ueberschwemmungen, die Höhle des Faunus in Lupercal, die Wölfin als das geweihte Thier des Mars oder der Fauna, der heilige Specht und der Kibitz, dieser als Symbol der Vesta, boten den nächsten Anlaß zur Belebung und bildlichen Ausführung der Scene d. h. der Geschichte der beiden Zwillinge, welche für den ältesten Theil und den Kern der ganzen Erzählung von Romulus und Remus gelten darf. Eine Familienmünze der Pompeia, auf welcher Fostlus d. i. Faustulus, der Ruminalische Feigenbaum mit jenen Vögeln, die Wölfin mit den säugenden Zwillingen abgebildet sind, ist für uns das älteste authentische Denkmal des Vorgangs Die eherne Wölfin auf dem Capitol ist wahrscheinlich dieselbe, welche im J. 458 d. St. von den Aedilen Cn. und Qu. Ogulnius beim Ruminalischen Feigenbaum aufgestellt wurde, s. Liv. X, 23, Dionys I, 79, Becker Handb. I S. 291 ff., Urlichs de lupa aenea Capitolina, Rh. Mus. N. F. IV (1846) S. 519 ff. Gewöhnlich wurde die Wölfin mit den Zwillingen im Lupercal gedacht, wie Virg. Aen. VIII, 630 ff. den Vorgang schildert und wie sie auf den späteren Kaisermünzen so oft als Bild der ewigen Stadt und ihres Ursprungs zu sehen ist. . Eine neue Erweiterung erfolgte sobald man für die Zwillinge eine Mutter suchte, bei welchem Punkte die Combinationen der Griechen und die der Römer bedeutend von einander abwichen. Die Griechen gingen mit ihrer Heroine Roma oder dem Eponymos Romus oder Romulus entweder einfach auf die gegebenen Ahnherrn der italischen Genealogie zurück, Ulysses oder Aeneas oder Latinus u. s. w., oder sie nannten Roma eine edle Dame aus Troja, welche mit dem Aeneas in diese Gegend verschlagen vom Aboriginerkönige Latinus die Zwillinge geboren habe Fest. p. 266 Romam, Dionys. I, 72 ff., Plut. Rom. 2. . In der römischen Sage dagegen treten gewisse alte Thatsachen des nationalen Glaubens und der latinischen Geschichte deutlich genug hervor. Immer ist der Albanische Mars der Vater und eine Albanische Vestalin die Mutter, weil man sich des Ursprungs von Alba deutlich bewußt war und weil Mars der nationale Befruchtungsgott, Vesta die allgemein verehrte Göttin des Gemeindeverbandes war. Grade so galt bei den Sabinern der Gründer von Cures für einen Sohn des Quirinus und einer 697 geweihten Jungfrau, während die Abstammung des Pränestinischen Caeculus vom Vulcan, die des Servius von dem Feuergotte des Heerdes schon bestimmter an Vesta erinnert, Amata aber als Königin von Lavinium, die Mutter der Lavinia, durch jenen Namen sogar ausdrücklich als Dienerin der Vesta bezeichnet wird. Der Name jener Albanischen Vestalin ist in der gewöhnlichen Ueberlieferung Rhea oder Rea Silvia, in der gräcisirenden Ilia. Von jenen ist Silvia der Gentilname, Rea aber, woraus vermuthlich die gräcisirende Schreibart Rhea erst später entstanden ist, bedeutet entweder die Angeklagte oder voti rea d. h. die Geweihte, den Göttern Verlobte Virg. Aen. V, 237 voti reus , vgl. Macrob. S. I, 12, 31 und III, 2, 6 oben S. 118, 172 . Niebuhr R. G. I, 222 erklärt Rea für die Angeklagte, Schwegler I, 426 ff. Rhea Silvia für die Idäische Rhea (ἴδη = silva), was doch auf ein zu junges Datum führen würde. , mit einem Worte die Vestalische Jungfrau aus dem königlichen Geschlechte der Silvier. Bei den älteren Dichtern Naevius und Ennius ist Ilia noch die Tochter des Aeneas, also Romulus dessen Enkel Serv. V. A. I, 273 Naevius et Ennius Aeneae ex filia nepotem Romulum conditorem Urbis tradunt. VI, 778 Dicit namque (Ennius) Iliam fuisse filiam Aeneae. Eine Angabe welche für Ennius durch das Excerpt bei Cic. de Divin. I, 20, 40 bestätigt wird, wo eine Tochter des Aeneas und der Eurydice, welche in den Kyprien und bei Lesches für die Frau des Aeneas galt, von der Ilia als germana soror d. h. als Stiefschwester angeredet wird. Also war Ilia bei ihm die Tochter des Aeneas und der Lavinia. Dabei scheint Ennius aber auch schon von dem Albanischen Tyrannen Amulius gewußt zu haben, s. Porphyr. z. Horat. Od. I, 2, 18. Vgl. Dionys I, 73, wo er, nachdem er die griechischen Schriftsteller über das römische Alterthum verhört hat, von den römischen hinzusetzt, sie alle wären nicht alt, doch hätten sie häufig alte Quellen benutzt. τούτων δέ τινες μὲν Αἰνείου γενέσϑαι υἱοὺς λέγουσι Ῥωμύλον καὶ Ῥῶμον, τοὺς οἰκιστὰς τῆς Ῥώμης, ἕτεροι δὲ ϑυγατρὸς Αἰνείου παῖδας. , so fremd war ihnen noch die chronologische Vorsicht der späteren Schriftsteller, welche die ganze Reihe der Albanischen Könige einschoben, um einen beruhigenden Zusammenhang der Zeitrechnung herzustellen. Dessenungeachtet ist die Beziehung auf Aeneas und Troja bei diesen verschiedenen Combinationen so sehr die Hauptsache, daß die latinische Aeneassage also damals in ihren Grundzügen schon fertig vorgelegen haben muß. Ein andrer Maaßstab für die jüngere Entstehung der gewöhnlichen Geschichte vom Romulus ergiebt sich daraus daß Romulus, der Gründer der Palatinischen Roma, und Quirinus, der nationale Gott und Führer der Quirinalischen Sabiner, bei derselben aufgehört hatten verschiedene Personen zu sein, was 698 auf ein ziemlich junges Zeitalter führt ( S. 330 ) d. h. auf dasselbe wo sich die gewöhnliche römische Stadtchronik überhaupt gebildet hat. So verdankt Romulus die Hersilia nur dieser Verwechslung mit Quirinus S. oben S. 328 . Nach Einigen war Hostus Hostilius, der Bundesgenosse des Romulus und Großvater des Tullus Hostilius, der Gemahl der Hersilia, Dionys III, 1, Plut. Rom. 14. 18, Macrob. S. I, 6, 16. Tullus Hostilius soll in seiner Jugend wie Romulus unter den Hirten gelebt haben, Val. Max. III, 4, 1. . Noch deutlicher aber tritt diese Confusion in der Erzählung von seinem Ende und seiner Erhöhung zum Gott hervor, und hier gewinnen wir zugleich eine Andeutung über die wahre Quelle dieser und anderer Erweiterungen. Es ist keine andre als die gentile Tradition und Sagenfabrik der Albanischen Julier, dieselbe welcher wir auch in der Geschichte des Cults der Venus Genetrix und in der Aeneassage begegnet sind. Nicht ohne Grund heißt es nehmlich daß Romulus nach seiner Entrückung zuerst dem Proculus Iulius d. h. einem Edlen (vgl. procus, proceres) aus dem Geschlechte der Julier erschienen sei, und zwar auf dem Quirinale, mit der Forderung daß man ihm auf diesem Hügel als Quirinus einen Tempel erbauen solle Cic. Rep. II, 10, 20, wo Proculus Iulius, hier ein homo agrestis, aussagt a se visum esse in eo colle Romulum, qui nunc Quirinalis vocatur. Eum sibi mandasse ut populum rogaret ut sibi in eo colle delubrum fieret; se Deum esse et Quirinum vocari. Dionys. II, 63 παρελϑών τις εἰς τὴν ἀγορὰν Ἰούλιος ὄνομα, τῶν ἀπ’ Ἀσκανίου γεωργικὸς ἀνήρ. Plut. Rom. 28 ἄνδρα τῶν πατρικίων γένει πρῶτον ἤϑει τε δοκιμώτατον αὐτῷ τε Ῥωμύλῳ πιστὸν καὶ συνήϑη, τῶν ἀπ’ Ἄλβης ἐποίκων Ἰούλιον Πρόκλον. Ovid F. II, 4 Proculus Longa veniebat Iulius Alba. . So sehr hatte man schon damals die alte und ursprüngliche Bedeutung dieses alten Heiligthums auf dem Quirinal vergessen, welches eben deshalb später von Augustus, dem Aeneaden und Julier, so eifrig und prächtig restaurirt wurde, wahrscheinlich am 29. Juni, welcher Tag seitdem gleichfalls ein Festtag des Quirinus war Kal. Venus. 29. Juni: Quirino in Col(le) , vgl. Becker Handb. I, 571, II, 2, 99. d. h. des Romulus Quirinus, keineswegs des alten Kriegsgottes der Sabiner von Cures und Reate. Die vollständige Geschichte der Zwillinge, der Gründung Roms und der Regierung des Romulus bis zu seiner Verklärung, in welche noch viele andre sociale und historische Erinnerungen aus den ältesten Zeiten der Stadt verwebt wurden, hatte unter den Dichtern zuerst Ennius in seinen Annalen in hochpoetischer Ausführung vorgetragen Io. Vahlen Ennianae Poesis Reliq. p. 9 sqq. und p. XXVIII sq. . Unter den Annalisten erzählte schon 699 Fabius Pictor, wenn dieses der alte Annalist des Namens ist, nach der Probe bei Dionys. 1, 79 zu urtheilen, die Sage ganz im Geschmack eines griechischen Romans und in pragmatischer Breite. Die gewöhnliche Tradition ist bei Cicero, Ovid, Livius, Dionys, Plutarch u. A. zu finden Schwegler R. G. I, 384 ff. . Als Dienerin der Albanischen Vesta geht Rhea Silvia, die Tochter des frommen Numitor, um Wasser zu schöpfen an eine heilige Quelle im Haine des Mars. Ein Wolf, das Thier des Mars, scheucht sie in eine Höhle, wo dieser sie findet Serv. V. A. I, 273 Haec, ut multi dicunt, cum peteret aquas ad sacra, repentino occursu lupi turbata refugit in speluncam, in qua a Marte compressa est. , oder, wie Ovid und andere Dichter erzählen und verschiedene Kunstdenkmäler den Vorgang darstellen, an der Quelle in sanften Schlummer versunken wird sie von dem Gotte überrascht Ovid F. III, 11 ff., Stat. Silv. I, 2, 242, wahrscheinlich nach Ennius. Vgl. die bildlichen Darstellungen bei Müller-Osterley Denkm. d. A. K. II, 23, 252–254 und L. Urlichs in den Jbb. d. V. v. Alterthumsfr. im Rheinl. I (1842) S. 44 ff. . Da wurden unter großen Zeichen und Wundern die Zwillinge empfangen, welche die Stadt der Zukunft gründen sollten Dionys. I, 77. . Als Ilia sie geboren, büßt sie ihr Glück mit dem Leben, da Amulius sie in den Tiber (nach Andern in den Anio) stürzen läßt, wo der Flußgott sie liebend aufnimmt und zu seiner Gattin erhöht. Auch die Kinder sollen in dem Flusse umkommen, daher man sie in einer Mulde an seinem Ufer aussetzt. Der überschwellende Strom treibt diese bis an den Fuß des Palatinischen Hügels, da wo der Ruminalische Feigenbaum stand und in der Nähe die heilige Höhle des Lupercus war. Aus dieser Höhle eilt die Wölfin herbei um die hülflosen Zwillinge zu stillen, während der Specht und der Kibitz sie schützend umschweben. Da findet sie Faustulus, der Aufseher der königlichen Heerden, welcher sie seinem Weibe, der Acca Larentia übergiebt. So wuchsen sie unter Heerden und Hirten heran, in solcher Schönheit und Kraft daß Alle sich ihnen willig fügten, wie davon besonders in alten Liedern gesungen wurde S. oben S. 86, 111 , Cic. d. Rep. II, 2, 4, Plut. Rom. 6. . Als Denkmäler dieser Jugend zeigte man auf dem Palatin eine Hütte des Faustulus und des Romulus. Nach Andern wurden sie zum höhern Unterrichte nach Gabii gethan, wobei die Erinnerung an eine alte Priesterschule und Auguraldisciplin in dieser Stadt, die 700 gleichfalls Albanische Colonie war, zu Grunde liegt S. oben S. 106 . Vgl. Cic. de Divin. I, 48, 107 atque ille Romuli auguratus pastoralis, non urbanus fuit, nec fictus ad opiniones imperitorum, sed a certis (peritis?) acceptus et posteris traditus . . Dann erfolgt die Erkennung in Folge von Händeln zwischen den Hirten des Numitor und des Amulius, von welchen die letzteren den Remus in einem Hinterhalt oder bei der Lupercalienfeier fangen und nach Alba führen. Romulus befreit ihn und stürzt den Amulius, worauf Numitor den Jünglingen Land und Leute zur Gründung von Rom anweist. Bei dieser sind die Auspicien und der Zwist der Brüder das Bedeutungsvolle. Daß Rom auspicato gegründet worden wird oft hervorgehoben und war im Sinne der römischen Auguraldisciplin, nach welcher jeder öffentliche Vorgang durch die Auspicien geheiligt und geweiht werden mußte, etwas Unerläßliches Schwegler R. G. 1, 440. Der lituus Romuli wurde in der Curie der Palatinischen Salier auf dem Palatin gezeigt, s. oben S. 314, 696 . . Der Zwist der Brüder und der Tod des einen war zunächst vielleicht nur die Folge ihrer älteren Zwillingsnatur, da die spätere Sage nur einen Ktisten für Rom brauchen konnte. Indessen hat sie von dieser Dichtung einen geschickten Gebrauch gemacht, da sie zugleich die lange Vernachlässigung des Aventin dadurch rechtfertigt und der Stadt auf dem Palatin eine um so größere Weihe verleiht. Der Aventin hat eine weit günstigere Lage als der Palatin, dicht am Strome und luftiger, auch leichter zu befestigen; man kann es sich kaum denken daß die Albanische Ansiedelung ohne dringende Veranlassung nicht ihn, sondern den Palatin zur Gründung einer Stadt erwählte; wie andrerseits Remus als Repräsentant des lange verschmähten, endlich der Plebs überlassenen Hügels eben dadurch mit der Zeit eine volksthümliche Bedeutung bekommen hat Prop. II, 1, 23, IV, 1, 9, Pers. I, 71, Iuven. X, 73. Als die Stelle, wo Remus gestanden, wurde auf dem Aventin die Remoria oder Remuria gezeigt, s. Paul. p. 276, Becker S. 449. Einige dachten dabei an remores aves d. h. quae acturum aliquid remorari compellunt , Paul. p. 276. Vgl. den Ausdruck remoram facere b. Fest. p. 277 remeligines. . Genug die bekannte Erzählung ist die, daß gleich über den Ort der Gründung unter den Brüdern Streit und Parteiung ausgebrochen sei. Romulus mit seinem Anhange wählt den Palatin, Remus den Aventin. Die Götter d. h. die Auspicien sollen entscheiden, daher jeder sich auf den Gipfel seines Bergs begiebt und mit Gebeten und frommen Gebräuchen die Nacht hindurch bis zum 701 frühen Morgen der Zeichen harrt. Kaum erhob sich die Sonne Dieses hatte Ennius sehr schön beschrieben, der sich übrigens nicht geringe Abweichungen von der gewöhnlichen Tradition erlaubte, indem er den Romulus auf den Aventin stellte, s. die Verse des Ennius b. Cic. de Divin. I, 48, 107. Die zwölf Geier sind das augustum augurium Romuli , s. Ennius b. Varro r. r. III, 1, 2 Septingenti sunt paulo plus aut minus anni, Augusto augurio postquam inclita condita Roma est. Sueton Octav. 7. , da erschienen dem Remus zuerst sechs, aber unmittelbar darauf dem Romulus zwölf Geier, so daß Remus nachgeben mußte, obwohl er bittern Groll im Herzen behielt. Er bewies es durch den höhnenden Sprung über die niedrige Mauer des Romulus, der ihn darauf zürnend erschlug: eine Allegorie der Heiligkeit und Unverletzlichkeit dieser Mauer, obwohl man es später für gerathen hielt, um den Brudermord zu beseitigen, den Reiterhauptmann Celer anstatt des Romulus zu nennen und diesen den Geist des erschlagenen Bruders durch die Stiftung der Lemurien versöhnen zu lassen S. oben S. 499 . Caracalla berief sich nach dem Morde seines Bruders auf den Vorgang des Romulus, Herodian. IV, 5 αὐτὸς γοῦν ὁ τῆσδε τῆς πόλεως κτίστης Ῥωμύλος οὐκ ἤνεγκεν ἄδελφον ὑβρίσαντα μόνον ἐς τὰ ἐκείνου ἔργα. . Als Gründungstag des Palatinischen Rom wurden die Palilien am 21. April gefeiert ( S. 366 ), als die Stätte, wo Romulus seine Gründung begonnen, die sogenannte Roma quadrata gezeigt, welche vermuthlich der Mundus dieser ältesten urbs gewesen war Dafür halten sie Becker und Schwegler. Vgl. oben S. 456 . . Sie lag in derselben Gegend, wo man auch die Hütten des Romulus und Faustulus zeigte, auf dem Germalus d. h. dem Zwillingshügel und in der Nähe jener andern Heiligthümer, welche man zum Belege der wunderbaren Geburt und Jugend der Zwillinge zeigte Becker Handb. I, S. 105 ff., meine Regionen S. 188 ff. . Einen bedeutenden Zuwachs an Bevölkerung soll die junge Stadt durch das sogenannte Asyl des Romulus inter duos lucos bekommen haben, von welcher Ueberlieferung der Kern in dem alten Culte des Vejovis nachgewiesen ist ( S. 236 ). Darauf folgt die Feier der Consualien und der Raub der Sabinerinnen, in welchen Erzählungen sich wieder alte Cultusideen und alte Traditionen des ehelichen Jungfrauenraubs und des matronalen Lebens mit der historischen Thatsache einer sabinischen Ansiedlung auf dem Quirinal und einer Verbündung zwischen dieser und dem Palatinischen Rom verschmolzen haben S. oben S. 245 . 302 . 321 . 328 . 420 . 584 , Schwegler R. G. I, 460 ff. . Die dreißig 702 Sabinerinnen, denn nur so viele kannte die ältere Ueberlieferung, galten zugleich für die Stammmütter (Matres) des palatinisch-römischen Patriciats und für die schützenden Heroinen des patriarchalischen Institutes der dreißig Curien, die nach ihnen benannt sein sollen Schwegler S. 477, vgl. oben S. 248 . , bei welcher Auffassung wohl zu beachten ist daß bei vielen Völkern des Alterthums, auch in Griechenland und Kleinasien, die edlen Geschlechter sich nicht von Ahnherrn, sondern von Ahnfrauen ableiteten. Der als Gewaltthat aufgefaßte Raub motivirt dann weiter die ersten Kriege Roms d. h. den Triumph des Romulus über Caenina und seinen König Acron, bei welcher Gelegenheit der Dienst des Iup. Feretrius gestiftet wird ( S. 177 ), und den Krieg mit den Sabinern unter T. Tatius, welcher mit ihrer Niederlassung auf dem Quirinal endigt. Da man sich aus sacralen Ueberlieferungen, namentlich denen der Augurn, verschiedener Stiftungen der Sabiner auf der Capitolinischen Burg erinnerte, die erst durch die Anlage des forum Traiani so entschieden wie es jetzt der Fall ist von dem Quirinal getrennt wurde, so ließ man diesen Krieg mit der Einnahme des Capitols durch die Sabiner beginnen. Dies ist die Sage von der Tarpeia, der Tochter des Capitolinischen Burgvogtes Spurius Tarpeius, durch deren Verrath sich die Sabiner der wichtigen Burg bemächtigen. Auch dabei lag ein örtlicher Cultus zu Grunde, der mit der Zeit unverständlich geworden war, denn es wird ausdrücklich überliefert daß Tarpeia auf dem nach ihr benannten Felsen, dem Saxum Tarpeium, von welchem die Verbrecher hinabgestürzt wurden, ein Grab hatte und von den Römern mit jährlichen Todtenopfern verehrt wurde Dionys. II, 40, Varro l. l. V, 41, Fest. p. 343 und 363, Plut. Rom. 17 u. A. Da Tarpeia als Vestalin und an der Quelle schöpfend gedacht wird, so mag sie ursprünglich Quellengöttin gewesen sein. Der Ort ihrer Verehrung als die Stätte, wo der Verrath bestraft wurde, und die Nähe der p. Pandana, welches Thor immer offen stand, bestimmten die weitre Entwicklung der Sage, die auch das spätere Rom immer viel beschäftigte, vgl. den Chronographen v. J. 354 p. 645, Niebuhr R. G. I, 255, 3, 360. . Vom Capitol herab stürmen die Sabiner gegen die Römer, deren Burg der Palatin ist, so daß die Niederung zwischen beiden Hügeln, das spätere Forum, das Schlachtfeld bildet. An der Spitze der Sabiner kämpft Metius Curtius, von welchem die Stadtsage den Namen des lacus Curtius auf dem Forum ableitete ( S. 466 ), an der der Römer Hostus Hostilius, der kriegerische König aus der Fremde, dessen Enkel der spätere König Tullus Hostilius ist. In der 703 höchsten Bedrängniß des Kampfes gelobt Romulus den Tempel des Iup. Stator an dem gewöhnlichen Eingangsthore des Palatin von der Via Sacra, denn so weit waren die Sabiner vorgedrungen ( S. 176 ). Endlich stürzen sich die geraubten Sabinerinnen zwischen die Kämpfenden, indem sie den friedlichen Bund vermitteln, der auf dem Comitium zwischen Romulus und T. Tatius abgeschlossen wird ( S. 321 ). Die Römer bewohnten fortan den Palatin und Caelius, über welchen Hügel sich ihre Ansiedelung allmälich erweiterte, bis sich aus dieser unter dem Namen der Luceres eine neue Stammtribus, die jüngste der drei alten patricischen bildete, die Sabiner den Quirinal ( S. 327 ) und das Capitol. T. Tatius wohnt als sabinischer Priesterkönig und Augur auf der Arx; auch die Sodales Titii, welche ein entferntes Andenken von ihm bewahrten, bezogen sich speciell auf das Auguralwesen Varro l. l. V, 85 Sodales Titii dicti ab Titiis avibus, quas in auguriis certis observare solent. Vgl. Tacit. Ann. I, 54 ut quondam T. Tatius retinendis Sabinorum sacris Sodales Titios instituerat. Vgl. S. 110 . Auch in dem Gebrauche der Strenien ( S. 160 ) und durch die Altäre b. Varro l. l. V, 74 ( S. 59 ) hatte sich sein Andenken erhalten. . Die gewöhnliche Ueberlieferung schilderte ihn als einen Tyrannen Der Vers des Ennius: O Tite tute Tati tibi tanta tiranne tulisti! , namentlich die von seinem Tode, bei welcher die Erinnerung an eine Feindschaft zwischen den Sabinern in Rom und dem latinischen Bunde, welchem Rom durch sie vermuthlich entfremdet wurde, deutlich durchblickt. Die Verwandten des Tatius plündern erst im Gebiete der Laurenter und erschlagen dann deren Gesandte, als sie in Rom Genugthuung fordern, deren sich auch der sabinische König weigert. Deshalb wird T. Tatius bald darauf bei dem latinischen Bundesopfer zu Lavinium, wohin er und Romulus sich als Repräsentanten Roms begeben, von den Latinern erschlagen Liv. I, 14, Dionys. II, 51. 52, Plut. Rom. 23. Anders Zonaras VII, 4 οἱ δὲ τῶν ἀνῃρημένων οἰκεῖοι μὴ τυγχάνοντες δίκης ἐν Ἀλβάνῳ ϑύοντα μετὰ Ῥωμύλου τὸν Τάτιον προσπεσόντες κτιννύουσι, wo aber auch gewiß ἐν Λαβινίῳ zu schreiben ist. Doch mag die Scene erst später von Alba nach Lavinium verlegt worden sein. . Romulus stiftet ihm in Rom, am Abhange des Aventin im sogenannten Lauretum, ein Grab und Denkmal, bei welchem man jährliche Todtenopfer brachte Varro l. l. V, 152, Fest. p. 360, Becker Handb. I, 450. . Ferner weiß die Ueberlieferung von jährlichen Sühnungsopfern »der Städte« am Ferentinischen Thore Plut. Rom. 24 καὶ καϑαρμοῖς ὁ Ῥωμύλος ἥγνισε τὰς πόλεις, οὓς ἔτι νῦν ἱστοροῦσιν ἐπὶ τῆς Φερεντίνης πύλης συντελεῖσϑαι. Am besten liest man πηγῆς für πύλης. Die Städte sind wohl die latinischen Bundesstädte. , welches in Rom sonst 704 nie genannt wird, daher vermuthlich die Quelle der Ferentina, der bekannte Ort der latinischen Bundesversammlungen ( S. 383 ) dafür zu setzen ist. Was sonst noch von Romulus erzählt wird, der nun wieder eine geraume Zeit allein regiert haben soll, betrifft meistens die fundamentalen und elementaren Ordnungen der römischen Bürger- und Wehrverfassung, welche nicht hieher gehören. Außerdem ist viel von seinen Kriegen mit Fidenä und Veji die Rede, welche jedenfalls die bedenklichsten Feinde Roms waren und dieses bekanntlich bis zu den Zeiten des Camill beschäftigt haben. Endlich wendet sich die Sage zu seinem Ende und zur Verklärung als Romulus Quirinus. So alt der dabei zu Grunde liegende Cultus des Quirinus war, so sehr macht die Erzählung vom Tode des Romulus den Eindruck einer modernen Erfindung. Romulus hält eine Musterung des Volks im Marsfelde, da erhebt sich ein heftiges Ungewitter mit Sturm und Regen, Donner und Blitz, in welchem er verschwindet. Ennius hatte nach dem Vorbilde der griechischen Fabel von der Verklärung des Hercules eine förmliche Auffahrt zum Himmel daraus gemacht, indem Romulus durch den Wagen seines Vater Mars entführt wurde Ennius b. Cic. de Rep. I, 41, 64, Ovid F. II, 491 ff, Lucan. Pharsal. 1, 197 rapti secreta Quirini , vgl. Liv. I, 16 und Dionys. II, 56 καὶ πεπιστεύκασιν ὑπὸ τοῦ πατρὸς τὸν ἄνδρα ἀνηρπάσϑαι. . Aber nur die Näherstehenden hatten das Wunder mit ihren Augen gesehen, darum erscheint Romulus dem Proculus Iulius in verklärter Gestalt Ovid F. II, 501 pulcher et humano maior trabeaque decorus . Plut. Rom. 28 καλὸς μὲν ὀφϑῆναι καὶ μέγας –, ὅπλοις δὲ λαμπροῖς καὶ φλέγουσι κεκοσμημένος. Vgl. oben S. 329 . , nennt sich Quirinus und fordert jenen Tempel und Gottesdienst auf dem Quirinal. Für den Tag der Verklärung hielt man den der s. g. Nonae Caprotinae d. h. die Nonen des Julius, wo sich immer viel Volks im Marsfelde versammelte Dionys. II; 56, Plut. Rom. 27. 29. Vgl. oben S. 255 . . Eine andre Tradition, die eines Rationalisten und eifrigen Republikaners, erzählte daß die Senatoren den greisen Romulus, der zuletzt auch zum Tyrann geworden sei, im Senate zerrissen und die blutenden Glieder heimlich bei Seite geschafft hätten. Später sei dem Volk das Mährchen von seiner Apotheose aufgebunden worden. 705 9. Dea Roma. Von den Griechen hatten sich die Römer auch eine personificirte Dea Roma aufreden lassen, welche indessen von den Griechen selbst, namentlich den kleinasiatischen, und in Rom keineswegs in derselben Gestalt verehrt wurde, sondern dort mehr unter dem Bilde einer personificirten Tyche von Rom, hier unter dem einer kriegerischen Heroine. In Kleinasien, wo man nach dem Beispiele der Pergamenischen Könige und der Insel Rhodus seine Augen früh nach Rom richtete, rühmte sich Smyrna den ersten Tempel der Stadt Rom erbaut zu haben, schon im J. 195 v. Chr., als Karthago noch gestanden und mächtige Könige (Antiochus) noch in Asien geherrscht hätten Tacit. Ann. IV, 56 vgl. Liv. XLIII, 6. . Bei einer andern Veranlassung, als im J. 170 während des Krieges gegen Perseus von vielen Städten zugleich, griechischen und asiatischen, eine Gesandtschaft nach Rom geschickt wird, rühmt sich Alabanda, eine durch Handel und Industrie blühende Stadt in Karien, einen Tempel und jährliche Spiele zu Ehren der Stadt Rom gestiftet zu haben, diese ohne Zweifel unter dem Namen Ῥώμαια. Seitdem wurde eine Vergötterung Roms, des Römischen Volks, des Römischen Senats in Asien immer gewöhnlicher, wie dazu namentlich die Münzen dieser Städte die entsprechenden Bilder geben, unter denen die der Dea Roma gewöhnlich nach Art der in den meisten Städten als Schutzgöttinnen verehrten Tychen mit der Mauerkrone versehen, und dazu mit dem Füllhorn, mit andern Attributen des Heils und Segens, mit der Lanze u. s. w. ausgestattet sind. Später ließen sich auch die römischen Proconsuln in diesen in Adulation und Servilismus lange geübten Gegenden recht gerne Tempel und Altäre gefallen, bis Augustus, nachdem man ihn längere Zeit um die Erlaubniß eines ähnlichen Cultus seiner eignen Person gebeten hatte, zuletzt die Entscheidung traf daß gewisse Städte seinen Adoptivvater, den Divus Iulius, andre ihn selbst göttlich verehren dürfen sollten, aber beide nur in der Form einer Vereinigung der Dea Roma mit diesem neuen Cultus. Ephesus und Nicäa sollten Tempel des Divus Iulius und der Dea Roma errichten, und zwar sollten diese Culte speciell für die unter ihnen angesiedelten Römer bestimmt sein, Pergamum und Nicomedien Tempel des Augustus und der Dea Roma und zwar speciell für die Hellenen, so nannte er in seinem Schreiben alle 706 Nicht-Römer Sueton Octav. 52, Dio LI, 20. Pergamum hatte den Anstoß zu dieser Entscheidung gegeben, s. Tacit. Ann. IV, 37. Vgl. über diese Καισάρεια und Αὐγούστεια in Kleinasien A. W. Zumpt Mon. Ancyr. p. 4 sqq. . So schmückten sich also fortan diese und andre Städte in Asien mit solchen Tempeln und Bildern, von denen wieder die Münzen in sehr verschiedenen Gegenden eine Ansicht geben S. M. Pinder über die Cistophoren und über die kaiserlichen Silbermedaillons der Rö. Provinz Asia, B. 1856 T. IV. Auch Herodes erbaute in verschiednen Städten seines Gebietes solche Καισάρεια, u. a. in dem neuen Hafen Caesarea Palaestina einen T. mit zwei Colossen, den des Cäsar in der Gestalt des Olympischen Jupiter, den der Roma in der der Argivischen Juno, Ioseph. d. bello Iud. I, 21, 7, Antiq. Iud. XV, 9, 6. Das gewöhnliche Bild der Roma war aber das einer matronalen Glücksgöttin und Herrscherin über viele Städte nach Art der Magna Mater, s. Virg. Aen. VI, 782 ff. . Auch jährliche Spiele und Feste wurden zu Ehre dieser Paare viel gestiftet und begangen, auch in Italien z. B. in Neapel, wo unter andern Spielen Ῥώμαια Σέβαστα d. h. ludi Romae et Augusti erwähnt werden Ein T. und Priester Romae et Augusti in Ostia b. Henzen z. Or. n. 7172. 7174. Auch in den westlichen und nördlichen Provinzen verbreitete sich dieser Cultus, Or. n. 155. 488. 606. 732. 1800. 5211. . Dagegen erscheint Roma in Rom selbst, namentlich auf den Münzen, immer kriegerisch, bald mehr der Minerva bald einer Amazone ähnlich A. Senckler in den Jbb.d. V. v. A. F. im Rheinl. XIV (1849) S.  74 ff. , übrigens in den verschiedensten Stellungen, stehend auf ein Schild gestützt, auf Waffen sitzend, die Siegesgöttin auf ihrer Rechten oder in Begleitung der Siegesgöttin, ein Tropäon aufzurichten beschäftigt u. s. w. Es ist dieses die alte Ῥώμη der griechischen Stadtsage, die personificirte Heroine der Stadt, welche man nun gerne in Valentia übersetzte, dieselbe welche in einem griechischen Gedichte aus den Zeiten der Republik, aber schon der entschiedenen Weltherrschaft, eine Tochter des Ares genannt wird Bei Stob. Flor. VII, 13. Das Gedicht wird gewöhnlich der Erinna, besser der Melinno von Lesbos zugeschrieben, s. Welcker kl. Schr. 2, 160 ff. . Da die Silbermünzen der italischen Bundesgenossen mit offenbarer Nachahmung der römischen Denare auf dem Av. den ähnlich bewaffneten Kopf der Italia zeigen I. Friedländer die Osk. Münzen t. IX. X S. 75 ff. Roma Victrix auf den M. des M. Porcius Cato Utic. b. Riccio t. 39, 5, Roma ein Tropäon errichtend auf denen der Furia, R. auf Schilden sitzend, zwischen fliegenden Vögeln (das augurium Romuli), vor ihr die Wölfin mit den Zwillingen, Riccio t. 71, 5 p. 261. Auf den M. der Fufia und Mucia, wo die Versöhnung zwischen Rom und Italien gefeiert wird, ist Roma als die kriegerische, Italia blos als die fruchtbare characterisirt, ib. t. 20 und 33. , so sind die römischen 707 Münzen mit dem entsprechenden Kopf der Roma jedenfalls älter als dieser Krieg, vollends diejenigen wo die Züge der Roma Minerva noch sehr strenge sind und eine ältere Kunstbildung verrathen. Den Andeutungen dieser Münzen gemäß können entsprechende Bilder auch in Rom selbst nicht selten gewesen sein, und namentlich mag es auf dem Capitol ein altes Vorbild dieser Dea Roma gegeben haben Vgl. das Anathem der Lycier in Rom b. Or. n. 3674. . Scheint doch selbst in dem von Catulus dedicirten Tempel des Capitolinischen Jupiter ( S. 211 ) das Tempelbild auf seiner Rechten ein Bild der Dea Roma getragen zu haben Sueton Octav. 94, wo das signum reipublicae bei Dio XLV, 1 ausdrücklich ein Bild der Roma genannt wird. Augustus neben der Dea Roma thronend auf dem großen Wiener Cameo bei v. Köhler gesammelte Schr. t. III S. 26 ff., Müller D. A. K. I t. LXIX, 377. Ein andrer Cameo mit derselben Vorstellung b. Eckhel Choix des Pierr. grav. pl. II p. 14. . Unter Hadrian entstand nun auch in Rom der große und prächtige Doppeltempel Romae et Veneris, dessen letzte Trümmer in der Nähe des Titusbogens noch zu sehen sind. Dieser Tempel war von Hadrian an den Palilien d. h. am 21. April eingeweiht worden, daher dieser Tag fortan nicht blos als Geburtstag der Stadt, sondern auch als Stiftungstag dieses Templum Urbis, wie man ihn später zu nennen pflegte, unter dem Namen eines Festes der Roma (Ῥώμαια) mit lärmenden Umzügen und circensischen Spielen gefeiert wurde Athen. VIII p. 361F ἔτυχε δὲ οὖσα ἑορτὴ τὰ Παρίλια μὲν πάλαι καλούμενα, νῦν δὲ Ῥώμαια, τῆ τῆς πόλεως Τύχη ναοῦ καϑιδρυμένου ὑπὸ τοῦ πανταρίστου καὶ μουσικωτάτου βασιλέως Ἀδριανοῦ. Vgl. Eckhel D. N. VI p. 501 und oben S. 368, 875 . . In dem Tempel waren beide Göttinnen thronend abgebildet, Venus als Genitrix und Victrix, Roma in derselben kriegerischen und amazonenartigen Kleidung und Haltung, wie sie die meisten Münzen und noch erhaltnen Kunstdenkmäler aus den Zeiten der Kaiser zeigen So besonders die Statue im Mus. P. Cl. b. Visconti P. Cl. II, 15 vgl. Zoëga Bassiril. t. 31, Clarac. 767. 768. Auf den Münzen Hadrians mit der Inschrift VRBS ROMA AETERNA ist Roma abgebildet sedens in templo d. globum s. hastam, Eckhel VI p. 510 sq. Andre M. desselben Kaisers sind der Venus Genitrix und Venus Felix gewidmet, welche beide als V. Victrix abgebildet sind. Vgl. oben S. 391 und 394 . . Die weitere Ausstattung und Decoration des Tempels scheint in Gemälden und Gruppen auf die mythische Geschichte der Stadt Rom von der Zerstörung Trojas bis zur Gründung des Romulus hingewiesen zu haben Vgl. Serv. V. A. II, 227, welche Nachricht mir auf ein Gemälde oder ein Relief der Zerstörung von Troja im Tempel zu deuten scheint. Die Vorderansicht des T. mit der Geschichte des Romulus im Giebel s. auf dem Relief b. R. Rochette Mon. Ined. I pl. 8. Auch einige Münzen Hadrians feiern den Romulus conditor. , in welchem Sinne auch durch Antoninus 708 Pius, den Nachfolger Hadrians, dieselben Erinnerungen durch öffentliche Denkmäler und das Gepräge seiner Münzen gepflegt wurden S. oben S. 41 . Schönes Bild der Roma neben der Pax auf Veranlassung eines Congiarium des Antoninus Pius s. oben S. 615, 1663 . . Die vereinzelte Spur einer friedlicheren Auffassung findet sich in dem Bruchstücke eines sonst unbekannten Dichters, wo Roma die Tochter des Aesculap genannt, also als Salus gedacht wurde Serv. und Philarg. V. Ecl. I, 20. . Aus der Zeit Hadrians stammt auch der Name Roma aeterna, unter welchem die Schutzgöttin der Stadt, je mehr das römische Reich und mit ihm die alte Hauptstadt dem Verfall entgegeneilte, desto sehnsüchtiger gefeiert und angerufen wurde. Commodus hatte als der letzte Antonine von ächtem Stamm wenigstens noch den Stolz eines Römers auf die ewige Stadt, deren Namen er mit dem seinigen zu verschmelzen suchte Roma Commodiana, Dio LXXII, 15. Iovi Opt. Max. Dis Deabusque immortalibus et Romae Aeternae Locrenses , Inschr. aus Locri b. Mommsen I. X. n. 8. Genio Loci, Fortunae Reduci, Rornae Aeternae et Fato Bono Or. n. 1776. . Und aus dieser Zeit mögen auch die jüngeren Bilder der Dea Roma stammen, welche sie noch immer kriegerisch und thronend, aber vollständig und sehr prächtig bekleidet darstellen, namentlich ein Frescogemälde im Palast Barberini in Rom, wo sie auf einem goldnen Throne in gestickter Toga und purpurnem Kriegsmantel dasitzt, eine Victoria mit dem Vexillum auf der Rechten, das Scepter in der Linken, das Schild seitwärts angelehnt, die ewige d. h. die immer blühende und unbestrittene Weltherrscherin Sickler und Reinhart Almanach a. Rom Jahrg. I. Leipz. 1810, Titelkupfer und S. 1–11. Vgl. Böttiger kl. Schr. 2, 236 ff. Das von Gerhard Arch. Zeit. 1847 n. 4, t. IV S. 49 ff. edirte, wo Roma neben der Fortuna thront, folgt dem gewöhnlichen Typus der Amazone. . Aber von Septimius Severus an, dem Afrikaner und Militärdespoten, dem das alte römische Wesen zuwider war, bemächtigte sich das instinctive Gefühl des Verfalls in solchem Grade der Stadt, daß gelegentlich im Circus, in einer Pause der Spiele, wie auf dämonischen Anlaß unter der versammelten Menge ein allgemeines Wehklagen um die kaiserliche, die unsterbliche Roma entstand, welche sich in vielen 709 leidenschaftlichen Worten und Gebehrden Luft machte Dio LXXII, 15. Wenn Septimius Sev. sich auf einer M. Sacerdos Urbis nennt, so geschieht dies im Gegensatze zu Elagabal, welcher die IIlusionen des römischen Alterthums vollends zerstört hatte. Das t. Urbis wurde noch unter Maxentius, dem Gegner Constantins, nach einem Brande wiederhergestellt. . Bald sollte es auch an einer gefährlichen Concurrenz nicht fehlen, zumal seitdem die alte Nebenbuhlerin Karthago das stolze Haupt von neuem erhob und mit Alexandrien um den zweiten Rang nach Rom wetteiferte Herodian VII, 6 vgl. Eckhel D. N. VIII p. 11. 26. 95 sqq. , und endlich vollends seit der Stiftung von Constantinopel, die sich nicht allein Nova Roma ausdrücklich nannte, sondern auch die städtischen Erinnerungen und Symbole der alten Hauptstadt geflissentlich copirte. Auch hier fehlte es nicht an einer Tyche der Stadt, deren Vernachlässigung durch Constantin sich nach dem Glauben des Volks durch Schiffbrüche rächte, daher Constantin sie neben seinem eignen Bilde anzubeten erlaubte. Sie unterscheidet sich von dem Bilde der alten Roma durch die Mauerkrone und dadurch daß sie den einen Fuß auf das Vordertheil eines Schiffes stellt. 710 Zwölfter Abschnitt. Letzte Anstrengungen des Heidenthums. Mit der Einholung der Großen Mutter von Pessinus im J. 204 v. Chr. hatte Rom den ersten Schritt nach Asien gethan. Bald darauf folgten die Kriege mit den Königen von Macedonien und Syrien, durch welche auch seine Herrschaft über jene Gegenden ausgebreitet wurde, in denen sich seit Alexander d. Gr. und seinen Nachfolgern durch Vermischung des griechischen Geistes mit dem orientalischen die außerordentlichsten Bewegungen der Zukunft vorbereiteten. Die alten nationalen Formen des Völkerlebens wurden zerschlagen, die griechische Bildung gelangte zur alleinigen Herrschaft, mit ihr die griechische Mythologie und Kunstübung, aber nur noch in ihrer ästhetischen und symbolischen Bedeutung, da der religiöse Inhalt sich aus diesen Formen lange verloren hatte. Die Welt bedurfte einer tieferen religiösen Erregung und sie kam aus dem Orient, wie dieser sich in religiöser Hinsicht immer weit productiver bewiesen hat als der Occident. Freilich konnte zunächst auch er nur Veraltetes bieten, die abgelebten Formen seines Heidenthums wie es sich bis dahin in den einzelnen Ländern, in Aegypten, Phrygien, Syrien, Persien u. s. w. nach einheimischer Weise gestaltet und behauptet hatte, nun aber in der allgemeinen Gährung der hellenistischen Culturperiode ein neues Kleid anlegte und damit aus der engeren Heimath auf die größere Bühne der Weltbewegung hinübertrat. Ein merkwürdiges Schauspiel wie diese alten Götter, die starren Steingestalten Aegyptens, der fanatische Attis, der weichliche Adonis, der Himmelskönig und die Sterngeister von Syrien und Babylon, der persische Mithras sich von neuem beleben, 711 sich wandernd in Bewegung setzen, alle jetzt nach Rom und von dort weiter in die romanische Welt vordringend: begleitet von ihren Priestern und Pfaffen, deren abergläubische Geheimweisheit Gebildete und Ungebildete in Rom und Italien nun bald eben so angelegentlich beschäftigt als in Korinth und Athen, in Ephesus, Antiochien und Alexandrien. Aber auch ein sehr klägliches Schauspiel, denn niemals hat sich der gänzliche Verfall, die völlige Ohnmacht einer überlebten Culturperiode so einleuchtend herausgestellt als in diesen letzten Restaurationsversuchen des antiken Heidenthums. Das Neue was sie bieten konnten war eben nur neue Aufregung, neue Verwirrung, keine Belehrung, keine Beruhigung. Es waren eben nur die geflickten Lappen des alten Kleides, welche bald wieder zerrissen und die garstige Blöße der verfallenen Menschheit nun erst recht sehen ließen. Um es begreiflich zu finden daß diese Gottesdienste trotzdem eine so weite Verbreitung fanden und sich auch im Occident so lange behaupten konnten, muß man verschiedene Umstände bedenken. Zunächst daß auch die römische Staatsreligion wie alle Particulärformen des damaligen Glaubens ihrem Verfall mit raschen Schritten entgegenging, wie dieses bereits in der Einleitung ( S. 22 ) angedeutet worden. Die beiden Untersuchungen über die Bacchanalien und über die untergeschobenen Bücher des Numa sind die deutlichsten Symptome des Verfalls und zugleich in geschichtlicher Hinsicht sehr merkwürdig, daher wir darauf zurückkommen. Im Uebrigen sei nur noch bemerkt daß trotz aller Restaurationsversuche des August die altherkömmliche Religion nun erst recht zur Larve wurde, zusammengesetzt aus Formeldienst, welcher nur noch ein gelehrtes Interesse hatte, und aus der sinnlichen Lust und Aufregung der circensischen und scenischen Schauspiele, welche immer weichlicher, lüsterner Schon Cicero klagt über die rauschende und weichliche Musik und Mimik, welche die ernsteren und einfacheren Weisen seiner Jugend auf der Bühne verdrängt habe, De leg. II, 15, 39. Aber was war das gegen die Ausgelassenheit des Mimus oder Pantomimus, wie er unter den Kaisern in den Theatern sein Wesen trieb, wobei die alte Götterfabel den Stoff und die Staffage zu jeder Art von Liederlichkeit, ja selbst zur blutigen Grausamkeit des Amphitheaters hergeben mußte, s. Augustin C. D. IV, 26, Arnob. IV, 35. und brutaler wurden. Ein zweiter Umstand sind die ganz veränderten Bevölkerungs- und Culturverhältnisse von Rom und Italien. Je mehr Rom zur Hauptstadt der Welt d. h. der alten Civilisation mit Inbegriff des hellenisirten Ostens wurde, 712 desto mehr drängten natürlich alle Völker, alle Götter dahin Ovid F. IV, 270 Dignus Roma locus, quo deus omnis eat. Vgl. oben S. 216, 417 und Plin. H. N. III, 5, 6, wo Italien im Sinne der Kaiserzeit als das Land gepriesen wird, quae sparsa congregaret imperia ritusque molliret et tot populorum discordes ferasque linguas sermonis commercio contraheret – breviterque una cunctarum gentium in toto orbe patria fieret. Ib. XI, 42, 97 Romae, ubi omnium gentium bona cominus iudicantur. XXVII, 1, 1 immensa Romanae pacis maiestate non homines modo diversis inter se terris gentibusque, verum etiam montes – partusque eorum et herbas quoque invicem, ostentante. , desto mehr wurde Italien, namentlich das mittlere mit den beiden alten Culturländern Campanien und Etrurien, zur dienenden Umgebung der großen Hauptstadt, wo sich die verschiedensten Cultureinflüsse durchkreuzten und zum letzten Anlauf auf Rom selbst vorbereiteten. Denn noch war die Religionspolizei in der Stadt selbst, wenigstens in der Altstadt sehr strenge; aber unmöglich konnte sie Rom auf die Länge vor der Contagion bewahren, wenn die ganze Umgegend davon ergriffen war, zumal da in Rom selbst wie in Italien die Bevölkerung der untern Klassen durch die vielen Sklaven und Freigelassenen, die zuwandernden Fremden, die angesiedelten Soldaten eine durchaus andre geworden war. Daher die sich immer wiederholende Erscheinung daß jene ausländischen Gottesdienste, einmal in Italien eingeschleppt Dabei sind besonders die Hafenplätze, vorzüglich Puteoli und Ostia ins Auge zu fassen, welche beide einen lebendigen Verkehr mit Alexandrien und dem Orient unterhielten, namentlich Puteoli, welches schon Lucilius Klein-Delos nannte, s. Paul. p. 122 Minorem Delum. , sich bald in der Nähe Roms und in seinen Vorstädten bemerkbar machen, darauf von dort in die Stadt selbst, wohl gar bis aufs Capitol vordringen, hier in der ältern Zeit von der Obrigkeit zwar barsch zurückgewiesen werden, aber dennoch nicht mehr ganz zu tilgen sind; wie die Isismysterien sich schon unter den Triumvirn eine angewiesene Stätte in der Vorstadt des Marsfeldes eroberten und die Phrygischen Mysterien der Großen Mutter und des Attis seit Claudius so gut in Rom als in Kleinasien gefeiert wurden. Waren es früher nur die untern Stände gewesen, in welchen und durch welche solche Sacra Wurzel schlugen, die Handwerker, der gemeine Mann, der kleine Bürger, darunter vorzüglich die Frauen und Mädchen, die schönen und einflußreichen Libertinen, so wurden sehr bald auch die höheren Stände, selbst der kaiserliche Hof von derselben Ansteckung ergriffen, sei es aus Aberglauben oder aus Lust am Seltsamen und raffinirt Unsittlichen, wodurch diese 713 Geheimdienste so oft reizten, wie z. B. schon Otho sich öffentlich zur Religion der Isis bekannte und Neros Glaube der Aberglaube der gemeinsten Hefe des Volkes war, mit welcher er viel verkehrte. Noch später, seit der Zeit der Antonine, bekam die hellenistische Bildung ohnehin die Oberhand über die römische, und endlich gerieth ja auch der kaiserliche Palast in Rom in die Macht einer Reihe von Kaisern, welche alles Andre, nur keine Römer waren, fanatische Afrikaner oder syrische Weichlinge oder rohe Thraker und Illyrier, die von der Pike auf gedient und ihr Gemüth in zarten Jahren mit dem rohen Aberglauben der Legionen genährt hatten, der in diesen letzten Zeiten also natürlich auch im Reiche immer mehr um sich griff. Endlich ist zu bedenken daß diese Gottesdienste, vorzüglich die künstlicheren Formen, früher die ägyptischen und phrygischen Mysterien, später die Taurobolien und die Mysterien des Mithras, manche Eigenthümlichkeiten besaßen welche grade dem Geiste dieser Zeiten des allgemeinen Verfalls besonders zusagen mußten. Sie waren eine geschickte Vereinigung von exoterischen und esoterischen Elementen, rohem Aberglauben und geheimnißvoller Andeutung und Weihe, daher sie sowohl den gemeinen Mann als die Gebildeten lockten und in der aufsteigenden Folge von einem Grade zum andern auch wohl manchen ernsten Mann spannten und eine Zeitlang hinhielten. Wie ein glänzender, schon durch sein ausländisches Wesen imponirender Cultus die Phantasie beschäftigte, so wurde der Intelligenz das Versprechen einer höheren und reineren Gotteserkenntniß, dem in dieser Zeit überall sehr geschärften Gewissen in vielen Bußübungen die Verheißung des Heils und der Sündenvergebung geboten. Dazu kam der große Reiz einer Symbolik, welche die Bilder der Natur und der Mythologie mit den Bedürfnissen des menschlichen Geistes in anziehender Weise zu verschmelzen wußte, und mit ihr verbunden die scheinbare Hülfe der sogenannten Theokrasie, mit welcher sich der Polytheismus in Griechenland schon längst zu helfen gesucht hatte, bis er in der hellenistischen Culturperiode sogar zum herrschenden Princip aller religiösen Neubildungen geworden war. Es ist die Vermischung und Verschmelzung verschiedener, bis dahin getrennt gewesener Cultusformen und Götterbegriffe, welche sich auf dem Gebiete der Mythologie und der bildenden Kunst als Pantheismus darstellt d. h. als synkretistische Uebertragung verschiedener Götternamen und Beinamen, Eigenschaften, Attribute und Bilder auf eine und dieselbe Göttergestalt, welche dadurch die Bedeutung eines 714 All-Gottes erhielt: eine natürliche Folge sowohl der Auflösung aller nationalen Eigenthümlichkeit als des alten und latitirend in allen polytheistischen Göttersystemen mitwirkenden Triebes, aus der zersplitternden Vielheit des örtlichen Gottesdienstes auf die höhere Einheit eines allgemeinen Gottesbegriffs zurückzugehn und sich auf diesem Wege zugleich zu vertiefen und zu vereinfachen. Einer besondern Berücksichtigung bedurfte zum Schluß der Cultus der regierenden und verstorbenen Kaiser, wie er, seit August zum herkömmlichen Schmuck des Kaiserthums geworden, doch auch in religiöser und culturgeschichtlicher Hinsicht sehr merkwürdig ist. Die Griechen und die hellenistischen Reiche, namentlich Alexandrien, ja noch früher die despotischen Gewöhnungen der großen Reiche des Orients, hatten auch in dieser Hinsicht die älteren Muster aufgestellt, so daß die Erscheinung als solche keineswegs neu ist. Wohl aber ist sie in diesem Zusammenhange wichtig und der letzte Abschluß des römischen Wesens dieser Zeiten als eine Art von oberster Reichsreligion, welche die verschiedenen Theile und Glaubensformen in der Anbetung der verstorbnen Kaiser und in dem Glauben an den Genius, den Stern, die gebenedeite Majestät des regierenden Kaisers zu einer halb religiösen halb politischen Einheit verknüpfte und darin zugleich dem gemischten Charakter des Kaiserthums selbst entsprach, da auch dieses aus den höchsten Attributen sowohl der geistlichen als der weltlichen Herrschaft zusammengesetzt war. 1. Symptome des Verfalls der älteren römischen Staatsreligion. a. Die Unterdrückung der Bacchanalien im Jahre 186 v. Chr. Schon früher hatten sich hin und wieder mystische und fanatische Sacra ausländischen Ursprungs in Rom eingeschlichen. Die Griechen im südlichen Italien, die Etrusker im Norden waren immer reich an solchem Aberglauben: in Zeiten schwerer Bedrängniß, wenn entweder der Staat litt oder eine schwere Pestilenz das Leben von Tausenden fraß, drangen sie wohl auch nach Rom, wo man aber in den älteren Zeiten immer sehr kurzen Proceß mit ihnen machte. So weiß Livius IV, 30 schon im J. 327 d. St., 427 v. Chr., wo der lange Krieg mit Veji begann 715 und außerordentliche Dürre des Jahrs eine schlimme Seuche zur Folge hatte, von einer Invasion ausländischer Sühnungen und Weissagungen, welche durch die ganze Stadt beim gemeinen Mann und zuletzt selbst bei den höheren Ständen Anklang fanden, dann aber vom Senate mit der Weisung unterdrückt wurden, daß keine andern Götter als die römischen verehrt und kein andrer Ritus als der von Alters herkömmliche geduldet werden solle. Ja diese Fälle wiederholten sich im weitern Verlaufe der Stadtgeschichte so oft, daß auf dieselbe Weise häufig eingeschritten werden mußte Liv. XXXIX, 16, 8 Quoties hoc patrum maiorumque aetate negotium est magistratibus datum, ut sacra externa fieri vetarent? sacrificulos vatesque Foro, Circo, Urbe prohiberent? vaticinos libros conquirerent comburerentque? omnem disciplinam sacrificandi praeter quam more Romano abolerent? . Indessen waren es früher nur einzelne Gebräuche und einzelne Winkelpriester dieser lichtscheuen Religionsübung gewesen welche sich bis nach Rom gewagt hatten; jetzt aber, in den Bacchanalien, trat der Aberglaube zum erstenmale als ganzes System eines religiösen Bekenntnisses auf, das auf einem neuen, der Sittlichkeit und dem alten Götterglauben gleich gefährlichen Princip beruhte. Die Form war die der griechischen Mysterien, aber nicht die einfachere und reinere der in Griechenland öffentlich anerkannten z. B. der attischen Eleusinien, welche von jeher auch den Gebildeten und unter ihnen selbst den Edelsten theuer waren, sondern die ausgeartete eines eben so fanatischen als unsittlichen Aberglaubens, wie wir sie in Athen seit der Zeit des peloponnesischen Kriegs durch die Dichter der älteren attischen Komödie, auch durch Plato, Euripides und Theophrast kennen und im Allgemeinen auf die Orphiker und andre separatistische Religionsvereine zurückführen können. Immer hatte sich dieser Aberglaube mit besondrer Vorliebe dem bacchischen Kreise mit seiner doppelsinnigen Allegorie und seinen maaßlos ausschweifenden Gebräuchen angeschlossen. Neben dem einfacheren Dienste des Gottes der Weinberge und der Weinlese gab es nehmlich einen andern, den fanatisch-mystischen Bacchusdienst, welcher sich vorzugsweise mit dem thrakischen und thebanischen Dionysos beschäftigte, dem Sohn der Semele oder der Persephone, dem periodisch unterliegenden und wiederauflebenden Symbole des Naturlebens, dessen Feste und Geheimdienst meist bei Nacht und von Frauen in der höchsten sinnlichen Aufregung des religiösen Gefühls begangen wurden. 716 Allerlei ausländischer Aberglaube und verdorbne Philosophie hatte sich hinzugefunden, bis daraus zuletzt eine eigne Geheimreligion geworden war, welche auch in Italien, sowohl in den gräcisirten Gegenden als in Etrurien, ziemlich früh Aufnahme gefunden hatte. Die Gegend von Tarent, wo die Dionysien mit großer Ausgelassenheit gefeiert wurden und wo die Verfolgung der Bacchanalien am längsten dauert, werden wir für einen alten Heerd dieses Uebels halten dürfen; doch wurde Bacchus, der des populären und der des mystischen Glaubens, ja auch sonst in Italien und Sicilien, Apulien, Campanien, Etrurien viel verehrt, so daß es an localen Anknüpfungspunkten nicht gefehlt haben kann. Selbst in Rom war dieser Gottesdienst bereits seit längerer Zeit und zwar ziemlich öffentlich geübt worden, ehe man gegen ihn einschritt Liv. XXXIX, 15, 6 Bacchanalia tota iam pridem Italia et nunc per Urbem etiam multis locis esse non fama modo accepisse vos, sed crepitibus etiam ululatibusque nocturnis, qui personant tota Urbe, certum habeo. . Freilich war er auch hier zuerst in einer unschuldigeren Gestalt aufgetreten, bis er durch den Einfluß einzelner Personen, einer Priesterin aus Campanien und von zwei Brüdern niedrer Geburt aus Rom und zwei Fremden aus Falerii und Campanien, eine so abscheuliche Wendung genommen hatte, wie man endlich im J. 186 zum allgemeinen Entsetzen der Stadt erfahren mußte, s. Liv. XXXIX, 8–18. Ein junger Römer von guter Familie, P. Aebutius, hatte eine Liebschaft mit einer ihm sehr ergebenen Freigelassenen Hispala Fecenia. Sein Stiefvater suchte den Unbequemen mit Hülfe seiner eignen Mutter bei Seite zu schaffen; die Mutter gab in dieser Absicht ein Gelübde vor, in Folge dessen sich der Jüngling in jene Mysterien einweihen lassen müsse. Er spricht davon mit seinem Mädchen, diese erschrickt heftig und bestürmt ihn mit den dringendsten Vorstellungen, sich auf diese Einweihung nicht einzulassen. Sie hatte noch als Sklavin ihre gnädige Frau bei solchen Gelegenheiten begleiten müssen und darüber diese Conventikel kennen und aufs tiefste verabscheuen gelernt. Der junge Mann läßt sich glücklicher Weise abhalten, überwirft sich darüber mit seiner Mutter, nimmt seine Zuflucht zu seiner Tante, einer Dame von alter Zucht, die ihn bestimmt eine Anzeige zu machen. Der Senat und die Consuln griffen die Sache alsbald mit großem Ernste an; das treue Mädchen wurde glänzend belohnt. Das Ergebniß der Untersuchung war in der Kürze folgendes. Ein 717 griechischer Winkelpriester war nach Etrurien gekommen und hatte den bacchischen Geheimdienst dort zuerst in engeren, dann in weiteren Kreisen verbreitet. So war er bis in die Nähe von Rom vorgedrungen, wo der Hain der Stimula d. h. der Semele an der Tibermündung, also bei Ostia Liv. XXXIX, 12, Ovid F. VI, 497, Schol. Juvenal. II, 3, vgl. oben S. 286 . Der Name Stimula scheint älteren Ursprungs zu sein, s. S. 581 . Später war auch der griechische Name den Römern geläufig, s. Grut. p. 643, 8 Soliario ab luco Semeles , vgl. Or. n. 1491. , wo alles ausländische Wesen bei lebhaftem Handelsverkehr leicht Eingang fand, dieser Weihe eine willkommne Stätte darbot. Die Aufnahme geschah nach zehntägiger Enthaltung vom geschlechtlichen Umgang und entsprechenden Waschungen. Anfangs wurden nur Frauen zugelassen, auch wurde die Einweihung nur dreimal im Jahre und zwar bei Tage vorgenommen, und Matronen bekleideten abwechselnd das Priesterthum. Dann aber hatte jene Priesterin aus Campanien unter dem Vorwande göttlicher Eingebung Alles verändert, Männer zugelassen, die Weihe in die Nacht verlegt, statt der dreimaligen Feier in jedem Jahre eine fünfmalige in jedem Monate angeordnet, auf die religiöse Feier wüste Gelage folgen lassen. Seitdem waren diese Orgien zum Deckmantel der schändlichsten Ausschweifung geworden; wer sich nicht preisgeben wollte, wurde durch den Lärm fanatischer Musik betäubt, überwältigt und auf die Seite geschafft. Die Frauen und entartete Männer waren die eifrigsten; beide tobten berauscht am Tiberufer, in wilder Aufregung der Nacht, die Männer in verzückten Tänzen weissagend, die Frauen in dem phantastischen Aufzuge der Mänaden, mit fliegenden Haaren und mit lodernden Fackeln. Es zeigte sich auch hier wie verführerisch, seuchenartig das Laster ist, wenn es die Maske der Scheinheiligkeit vorlegt. Immer zahlreicher wurde die Schaar der Eingeweiheten, unter denen sich auch Töchter und Söhne aus den besten Familien befanden. Man hatte um vorzüglich die Jugend zu fangen zuletzt bestimmt daß Niemand über zwanzig Jahr alt aufgenommen werden sollte; und nicht blos die Feier der Orgien verband die Theilnehmenden zur Uebung des Lasters, sondern es hatten sich unter ihnen beständige Conspirationen gebildet, durch welche zuletzt der gesammte Sitten und Rechtszustand des Staates gefährdet wurde. Vorzüglich dieses politisch Gefährliche des Geheimbundes war für die Obrigkeit der entscheidende Grund zur rücksichtslosen Strenge. Es sollen über 7000 Männer und 718 Frauen bei der Untersuchung betheiligt gewesen sein, die in Rom ihren Anfang nahm und sich allmälich über ganz Italien ausdehnte, wo sie noch in den Jahren 184 und 181 in der Gegend von Tarent und in Apulien mit den letzten Resten dieser Bacchanalien zu thun hatte Liv. XXXIX, 42, XL, 19. . Die blos um die Weihe Wissenden wurden ins Gefängniß gesteckt, die bei den Ausschweifungen der Conventikel und dem Unfug der geheimen Verbindungen Betheiligten, und dieses war die Mehrzahl, wurden hingerichtet. Endlich wurde das bekannte S. C. de Bacchanalibus erlassen, dessen summarischer Inhalt sich in dem Original einer Erztafel, wie sie den Verbündeten von Rom aus zugesendet wurden, erhalten hat. Alle Bacchanalien d. h. bacchischen Mysterien wurden dadurch ein für allemal in Rom und ganz Italien untersagt, mit alleiniger Ausnahme einzelner Localculte und besondrer Gewissensbeschwerung Der Senat beauftragt die Consuln, ut omnia Bacchanalia Romae primum, deinde per totam Italiam diruerent extra quam si qua ibi (in einer Stadt Italiens) vetusta ara aut signum consecratum esset. In dem S. C. wird eine Ausnahme unter den angegebenen Bedingungen zugelassen, si quis tale sacrum solemne et necessarium duceret nec sine religione et piaculo id omittere posse. Den Originaltext des S. C. s. b. Göttling funfzehn röm. Urkunden S. 27. , in welchen Fällen aber vorher bei dem Stadt-Prätor Anzeige gemacht und von diesem der Senat befragt werden sollte. Wenn der Senat in einer Sitzung von wenigstens 100 Senatoren seine Einwilligung gegeben habe, so sollten an einem solchen Gottesdienste nur höchstens 5 Personen, 2 Männer und 3 Frauen theilnehmen dürfen; auch dürfe zu solchem Zwecke nie eine gemeinschaftliche Kasse gebildet oder ein eigner Vorsteher oder Priester gewählt werden. So bewies also damals der römische Staat noch die ganze rücksichtslose Strenge seiner altherkömmlichen Grundsätze in Sachen der Religionspolizei; obwohl die einmal vorhandne Tendenz zur Unsittlichkeit und zur politischen Verschwörung sich mit der Zeit auch wohl der einheimischen Sacra zu ihren Zwecken bedienen lernte, z. B. des nächtlichen Opfers der Bona Dea ( S. 356 ) und der städtischen Compitalienfeier ( S. 495 ). Von der mystischen Bacchusfeier aber lassen sich wirklich seitdem nur wenige Spuren in Rom und Italien nachweisen Das Fragment einer Satire Varro's b. Non. Marc. p. 112 Confluit mulierum tota Roma: quae noctu fieri initia solita etiam nunc pinea fax indicat scheint sich doch auf die Feier von Bacchanalien zu beziehn. Aus späterer Zeit vgl. Mommsen I. N. n. 2477 Libero Patri Sacrum – Sacerdotes Orgiophantae aus der Gegend von Neapel und die verdächtige Inschrift aus der von Venusia b. Or. n. 1483. Gegen den Ausgang des Heidenthums wurde auch der mystische Bacchusdienst ein Mittelpunkt des synkretistischen Aberglaubens, s. die Signa Panthea bei O. Jahn üb. d. Abergl. des bösen Blicks S. 50. 51. Auch wird das Sacerdotium Liberi nicht selten unter den cumulirten Priesterthümern dieser letzten Zeiten genannt, s. Or. n. 1901. 2335. C. I. Gr. n. 6206, alle aus Rom. Spuren von Sabaziosmysterien in der Inschrift b. Henzen n. 6042, auch diese aus Rom. . Wohl aber ist mit dem 719 übrigen Apparate der griechischen Bildung und Gewöhnung auch der mythologische Bacchus den Römern immer geläufiger geworden, namentlich der indische Bacchus als Sieger und Weltbezwinger, wie derselbe schon bei den Griechen neben dem Hercules verehrt wurde und nun auch in Rom allen glücklichen Feldherrn und Eroberern als Idealbild vorschwebte. Marius entschuldigte in seinen alten Tagen seine Neigung zum Trunk mit dem Beispiele des indischen Bacchus, Pompejus bediente sich bei seinem Triumphe nach demselben Vorbilde zuerst der Elephanten Val. Max. III, 6, 6, Plin. H. N. VIII, 2, 2, XXXIII, 11, 53. Auch Silius Ital. Pun. XVII, 645 ff. vergleicht nach solchen Vorgängen seinen Helden, den Scipio, mit dem indischen Bacchus und mit Hercules. , Cäsar soll sogar einen neuen Gottesdienst des Liber Pater aus Armenien nach Rom verpflanzt haben Virg. Ecl. V, 29 Daphnis et Armenias curru subiungere tigres instituit, Daphnis thiasos inducere Bacchi. Servius: Hoc aperte ad Caesarem pertinet, quem constat primum sacra Liberi Patris transtulisse Romam. , und Antonius gefiel sich gleich sehr in der Rolle des triumphirenden Bacchus wie in der des Hercules. Noch Septimius Severus stiftete nach seinem Triumphe dem Hercules und Bacchus, den beiden großen Eroberern, einen neuen Prachttempel in Rom Dio C. LXXVI, 16 ὅς γε καὶ τῷ Διονύσῳ καὶ τῷ Ἡρακλεῖ νεὼν ὑπερμεγέϑη ᾠκοδομήσατο. Vgl. LXXVII, 6 und Eckhel D. N. VII p. 170, oben S. 657 . . b. Die apokryphischen Bücher des Numa im J. 181 v. Chr. Sind die Bacchanalien ein trauriges Symptom des sittlichen Verfalls, welcher den Volksglauben in Italien mit Einschluß der römischen Stadtbevölkerung ergriffen hatte, so darf diese zweite Erscheinung für ein nicht minder bedenkliches Symptom des Verfalls der eignen römischen Staatsreligion und zwar in den höheren Kreisen der Gebildeten angesehen werden Liv. XL, 29, Plin. XIII, 13, 27, Plut. Numa 22 u. A. . Im J. 181 720 v. Chr., also fünf Jahre nach dem S. C. de Bacchanalibus, wurden auf dem Grundstücke eines Notars (scriba) L. Petillius am Abhange des Janiculum beim tieferen Umgraben der Erde zwei steinerne Särge von 8 F. Länge und 4 F. Breite gefunden, deren Deckel mit Blei verschlossen waren. Beide hatten eine lateinische und griechische Inschrift, von denen die eine aussagte daß in diesem Sarge Numa Pompilius, der Sohn des Pompo Livius: in altera Numam Pompilium Pomponis filium, regem Romanorum, sepultum esse etc. Auch dieser Sohn des Pompo, Andre sagten doch lieber Pomponius, ist eine Erfindung der Griechen, welche Dionys v. Hal., Plutarch u. A. wiederholen. , König der Römer begraben sei, die andre daß sich in dem andern Sarge die Bücher des Numa befänden. Der Eigenthümer des Grundstücks öffnete die Särge und fand in dem einen, worin sich der Leichnam befinden sollte, keine Spur von Gebein oder sonst etwas, in dem andern aber zwei sorgfältig geschnürte Bündel von je sieben Bücherrollen, die nicht allein gut erhalten waren, sondern ganz wie neu aussahen Livius: non integros modo, sed recentissima specie. Septem latini de iure pontificio erant, septem graeci de disciplina sapientiae, quae illius aetatis esse potuit. Plinius führt aus Cassius Hemina, der wohl noch Zeitgenossen des Vorfalls sprechen konnte, die Worte an: In his libris scripta erant philosophiae Pythagoricae, eosque combustos a Q. Petilio praetore, quia philosophiae scripta essent. Die sieben lateinischen Bücher mögen eine populäre Ueberarbeitung der wirklichen und angeblichen Satzungen des Numa enthalten haben. . Die sieben lateinischen handelten von den amtlichen Obliegenheiten der Pontifices, die sieben griechischen fügten im Sinne der neueren Zeit einen philosophischen Commentar über diese Gesetze Numas hinzu. Die Tendenz dieses Commentars war die der pythagoreischen Philosophie, weil Numa in dieser Zeit allgemein für einen Schüler des Pythagoras galt. Die Bücher wurden zuerst von L. Petillius und seinen Freunden gelesen, dann in weiteren Kreisen besprochen, bis endlich der Stadtprätor Q. Petillius, ein Freund und Gönner jenes Notars, sich dieselben zur Prüfung ausbat. Er brauchte blos die Inhaltsanzeigen zu lesen um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß diese Schriften auf Uebersetzung der positiven Religion in Philosophie ausgingen. Er sagte also dem Notar daß er sie ins Feuer werfen werde, doch werde es ihm ganz recht sein wenn er sich vorher jedes erlaubten Rechtsmittels bedienen wolle, um wieder zu seinem Eigenthum zu gelangen. Der Notar wendete sich also an die Volkstribunen, diese brachten die Sache an den Senat. Der Prätor erbot sich einen 721 Eid auf seine Ueberzeugung zu schwören, daß jene Bücher nicht gelesen und erhalten werden dürften. Der Senat entschied daß man sich darauf verlassen könne und die Bücher in kürzester Frist auf dem Comitium verbrennen solle, wie dieses alsbald vor allem Volk geschah. Eine dem Notar gebotene Entschädigungssumme wollte derselbe nicht annehmen. Dieses die einfache Erzählung des Livius, zu welcher aus Plinius, der sich auf verschiedne ältere Autoren beruft, hinzuzusetzen ist daß diese Bücher auf Papier (charta) geschrieben waren, welches Schreibmaterial bekanntlich erst von Alexandrien aus in allgemeineren Gebrauch kam. Hat man sich neuerdings nichts desto weniger von verschiednen Seiten bei dem Urtheile des entschlossenen Prätors nicht zufrieden geben wollen, so liegt dabei eine nicht geringe Unkunde des Geistes und der Praktiken dieser Zeit zu Grunde. Die Ueberzeugung daß Numa ein Schüler des Pythagoras gewesen beruhte, so wenig sie chronologisch haltbar ist, einmal auf dem alten Ruhme dieses Weisen in Italien, wo seine Schule trotz der Katastrophe des pythagoreischen Bundes in Großgriechenland niemals untergegangen war, sondern in Tarent eine bleibende Stätte gefunden hatte; wenigstens lassen sich ihre Spuren in dieser Stadt seit Philolaos und Archytas bis in die Zeiten des Hannibalischen Kriegs verfolgen Namentlich war den Römern der Pythagoreer Nearchus in Tarent bekannt, welcher einen Dialog geschrieben hatte, in dem Plato und Archytas sich mit dem Samniter C. Pontius, dem Vater des Siegers bei Caudium unterhielten. Er gehörte zur römischen Partei in Tarent und Cato besuchte seine Vorträge nach der Einnahme von Tarent im J. 209, s. Cic. Cato 12, 41, Plut. Cat. mai. 2. Andre Pythagoreer in Tarent, darunter den bekannten Dichter Rhinthon, nennt Io Lydus de Magistr. I, 41. Auch in den Sprüchen des App. Claudius Caecus wollte man später einen Anflug von pythagoreischer Philosophie finden, s. Cic. Tusc. IV, 2, 4. Aus derselben Zeit mag die Ableitung der Aemilier, Calpurnier, Pinarier und Pomponier von 4 Söhnen des Numa, Mamercus, Calpus, Pinus und Pompo stammen. . Ja diese Schule hatte von Tarent aus auch bei den griechisch Gebildeten in Samnium lebhaften Anklang gefunden, und selbst in Rom sah man seit der Zeit der Samniterkriege die Statue des Pythagoras neben der des Alcibiades als die des Weisesten neben dem Tapfersten Plin. H. N. XXXIV, 6, 12, Plut. Numa 8. Das Delphische Orakel hatte dazu Veranlassung gegeben. . Zweitens konnte wirklich Manches in den Gesetzen Numas an Pythagoras und seine Schule erinnern, sowohl im Allgemeinen ein gewisser symbolischer Grundzug als manches Einzelne Schwegler R. G. I, 561. . 722 Deshalb also wagte man damals den Versuch, das alte Cerimonialgesetz durch Anwendung der pythagoreischen Philosophie, wahrscheinlich vermittelst allegorischer Interpretation, von neuem zu beleben. Er mislang weil er zu plump war, sowohl dem Inhalte nach als der Form, obwohl sich der Prätor mit einfachem Römerverstande nur an den Inhalt hielt; wir aber dürfen wohl hinzusetzen daß eine Zumuthung wie diese, sich den alten Numa als Verfasser von 14 Büchern, 7 lateinischen und 7 griechischen zu denken, nur in einem Zeitalter wie dem alexandrinischen, dem Zeitalter der Bibliotheken und der Apokryphen möglich war. Genug der Prätor hatte Recht die Bücher zu verbrennen; aber der Versuch die Philosophie anstatt des Gesetzes in Rom einzuschwärzen ist nichts desto weniger sehr merkwürdig, zumal wenn man ihn im Zusammenhange mit den verwandten Erscheinungen dieser und der späteren Zeit auffaßt. Hatte doch um dieselbe Zeit auch Ennius die Römer zugleich mit der seichten Aufklärung des Euhemerus und dem speculativen Tiefsinn der Schule des Pythagoras bekannt gemacht, welche letztere vermuthlich auch er in Tarent kennen gelernt hatte Daß das pythagoreische Element in der Poesie des Ennius ziemlich stark und in einem seltsamen Kampfe mit der Homerischen Epik begriffen war, verräth namentlich Persius Sat. VI, 9–11. Vgl. die Fragmente seines Epicharmus b. Vahlen p. 167 sq. . Zwanzig Jahre darauf, im J. 161 v. Chr., wurden die Philosophen zum erstenmal ausgewiesen. Im J. 155, auf Veranlassung jener berühmten Gesandtschaft, kamen sie wieder, jetzt direct aus Athen, dem Heerde der griechischen Philosophie, und zwar die Häupter aller bedeutendsten Schulen der Zeit, der Akademiker, Stoiker und Peripatetiker, neben denen sich nun auch die Epikureer sehr bald in Rom geltend machten. Daneben beweist das merkwürdige Beispiel des Valerius Soranus wie weit schon damals die Lust an allegorischer Erklärung und einem »tieferen Verständniß« des alten römischen Glaubens gehen durfte S. oben S. 33, 21 . Krahner schreibt demselben Dichter mit großer Wahrscheinlichkeit diesen Vers b. Serv. V. A. IV, 638 zu: caelicolae mea membra dei, quos nostra potestas officiis divisa facit. , etwas später das des Nigidius Figulus, daß neben den attischen Schulen der Philosophie auch der alte und neue Pythagoreismus bei solchen Römern vielen Anklang fand, welche mit mathematischen und physikalischen Studien eine Neigung zur allegorischen und mystischen Grübelei verbanden. Auch die Ueberzeugung daß Numa 723 ein Schüler des Pythagoras gewesen ließ sich trotz aller Bedenken der Historiker und Chronologen nicht irre machen Cic. de Rep. II, 15, Tusc. IV, 1, Plut. Qu. Ro. 10. . 2. Aegyptische Sacra. Isis und Serapis. Nun mag die Reihe der ausländischen Gottesdienste folgen, wie sie nach einander in dem aufgelockerten Boden Wurzel gefaßt und von Rom aus sich weiter im Westen und Norden verbreitet haben, zunächst der ägyptische oder vielmehr alexandrinische der Isis und des Serapis. Denn nur der tiefere nationale Grund ist altägyptisch, die Einkleidung und der Gottesbegriff ist wesentlich hellenistisch d. h. ein Product der Bildung von Alexandrien, der neuen Haupt- und Handelsstadt der Ptolemäer. Daher die schnelle Verbreitung nicht sowohl im alten Aegypten, wo dieser Gottesdienst anfangs keinen rechten Eingang finden wollte, als vielmehr in dem ganzen griechisch gebildeten Küstengebiete des mittelländischen Meers, welche Gegenden das altägyptische Wesen hier zuerst in einer ihrer Anschauungsweise und den Bedürfnissen der Zeit angemessenen Umbildung kennen lernten. Die ältere Grundlage ist der Dienst der Isis und des Osiris, einer der ältesten ägyptischen Culte und dabei so volksthümlich und ein so lebendiger Ausdruck der Natur des ägyptischen Landes und seiner Bewohner, daß er schon zur Zeit Herodots durch ganz Aegypten und selbst darüber hinaus verbreitet war. Osiris (ägypt. Hesiri), den die Griechen gewöhnlich mit ihrem Dionysos identificiren, ist der männliche Befruchtungsgott des Landes, als Nil die Bedingung seiner Existenz, als König der Urheber aller Cultur, als Naturprincip dem Wechsel des Jahres unterworfen, wie die leidenden Götter des Orients und der Griechen überhaupt, daher er stirbt und nur in der Unterwelt noch selbst fortlebt, während auf der Erde der Apisstier für sein Bild und seine Incarnation galt. Isis (ägypt. Hes) ist die weibliche Frucht und Culturgöttin neben diesem männlichen Princip, die Demeter der Griechen, das empfangende Land, welches dem Osiris alle Fruchtbarkeit verdankt, deshalb nach seinem Tode der Verzweiflung verfällt: auch sie zugleich eine Göttin der 724 Ober- und der Unterwelt, ja auch die Göttin aller Fluth und Schiffahrt auf dem Nil und auf dem Meere, in welcher Beziehung die sogenannte Isis Pharia d. h. der Isisdienst auf der Insel Pharos, schon ein Gemisch von ägyptischen und phönicischen Culturelementen, zur Erweiterung des ägyptischen Gesichtskreises wesentlich beigetragen zu haben scheint. Andre Figuren dieser Gruppe sind der Sonnen- und Lichtgott Horus (äg. Hor oder Har, als älterer Horus Harver d. i. Arueris), der Sohn der Isis und des Osiris, so lange dieser noch auf der Oberwelt war, ferner Harpocrates (äg. Harpechruti d. i. Horus das Kind), den Isis vom Osiris in der Unterwelt empfangen, der sterbliche Lichtgott, welcher als nacktes Kind mit an den Mund gelegtem Finger abgebildet wird. Ferner Nephthys (Nebti oder Nebteï), welche mit der griechischen Aphrodite und Nike verglichen, aber mehr in der Unterwelt als in der Oberwelt beschäftigt ist und vom Osiris den Anubis (Anup oder Anupu) geboren hat, den Hermes Psychopompos der Griechen, welcher als Wächter und Begleiter der Isis gedacht wird und auf den ägyptischen Monumenten als Mann mit dem Schakalkopfe oder ganz als Schakal erscheint, bei den Griechen und Römern dagegen in der Gestalt des gewöhnlichen Hundes. Endlich Set-Typhon, das böse Princip der ägyptischen Natur, der Feind und Mörder des Osiris, welcher als Gluthwind aus Süden die feuchten Etesien besiegt, den Nil ausdörrt und zuletzt, wenn die Tage immer kürzer werden, das Licht schwindet, das Laub fällt, vollends zur Herrschaft zu gelangen droht: bis Horus ihn besiegt und Osiris wiedergefunden wird und mit ihnen Sonnenlicht und Sonnenwärme und der Frühling und die Befruchtung des Nils zurückkehrt. Auch der Name Serapis oder Sarapis Die Griechen schreiben gewöhnlich Σάραπις, die Lateiner Serapis, doch findet sich auch Σέραπις auf griechischen Inschriften. Man declinirt Ἶσις, Ἴσιδος, Ἴσιδι und Ἴσιος, Ἴσι oder Ἴσει, lateinisch Isi, und nach derselben Analogie auch Ὄσιρις und Σάραπις, lat. Serapi, Serapem, Serape. Ueber den Ursprung des Namens s. Lepsius üb. d. ägypt. Götterkreis S. 56 ff., dessen Bedenken sich vielleicht durch die Annahme heben lassen, daß der Name Ὀσόραπις in Memphis der herkömmliche für den Gott Osiris geworden war und deshalb bei der Verschmelzung beider Gottesdienste, des griechischen Pluton und des ägyptischen Osirisdienstes, auf den neuen Cultus übertragen wurde. ist ägyptischen Ursprungs, eigentlich ein Beiname des Osiris. Wahrscheinlich ist er entstanden aus Osorapis d. i. Osiris-Apis, eigentlich Osiris als Stier, weil der Stier das Symbol des Osiris war wie die Kuh 725 das der Isis. Man glaubte nehmlich daß die Seele des Osiris in dem Apisstiere fortlebe, während er selbst nach seinem Tode der König der Unterwelt geworden sei, daher auch der Name Serapis vorzugsweise diesen letzteren, den Pluton der Griechen bedeutete und der Apis selbst als Symbol des verstorbenen Gottes schwarz sein mußte. Auch wird überliefert daß es ein kleineres Heiligthum der Isis und des Serapis auf derselben Stelle, wo unter den Ptolemäern der große Serapistempel erbaut wurde, schon gegeben habe; ja es scheint daß auch Memphis schon vor den Ptolemäern ein Heiligthum des Serapis gehabt hat. Obwohl zu bemerken ist daß dieser Name hieroglyphisch bis jetzt nicht gefunden wurde und selbst der Inschrift von Rosette aus der Zeit des Ptol. Epiphanes noch nicht bekannt ist, dahingegen in den Papyrusurkunden von Memphis aus der Zeit des Philometor Osiris schon ganz von ihm verdrängt ist. Weiterhin sind dann freilich Isis und Serapis auch in Aegypten ganz an die Stelle von Isis und Osiris getreten. Also ein ägyptischer Name, aber ein alexandrinischer Gottesdienst, an welchen sich das alte Aegypten nur sehr allmälich und lange widerstrebend gewöhnen mochte Auch Macrob. S. I, 7, 14 deutet auf systematischen Widerstand der ägyptischen Geistlichkeit gegen den alexandrinischen Serapisdienst. Später freilich konnte Aristides 42 Heiligthümer des Serapis allein in Aegypten zählen. . Die gewöhnliche Stiftungslegende des Tempels in Alexandrien, als dessen Erbauer bald Ptol. Soter bald Philadelphus genannt wurde, leitete das Tempelbild bekanntlich ab aus Sinope, der alten griechischen Colonie am Pontus, wohin ein Traumgesicht den König gewiesen und woher aus einem alten Tempel des Pluton und der Persephone jenes Bild unter dem Beistande eines attischen Eumolpiden und des Apoll von Delphi geholt sein soll Tacit. Hist. IV, 83. 84, vgl. Plutarch Is. et Osir. 28 u. A. bei Parthey z. ds. Schr. S. 213. . Dagegen behaupteten Andre daß der Gott von Seleucia in Syrien nach Alexandrien gekommen sei, eine Andeutung von Vermischung der ägyptischen und syrischen Religionskreise, welche sich nach andern Spuren in noch viel weiterer Ausdehnung nachweisen läßt Die Dienste des Adonis und des Osiris hatten sich sowohl in Amathus auf Cypern als zu Byblus in Phönicien dergestalt durchdrungen daß beide Götter identificirt wurden, und eben so wurden Isis und Astarte oft synkretistisch verschmolzen. Auch maltesische Inschriften und die Adonienfeier des Theokrit bezeugen diese Verschmelzung des Adonis- und Osirisdienstes. , 726 wieder Andre, daß Memphis die eigentliche Heimath auch des alexandrinischen Serapisdienstes sei. Genug es hatten sich in diesem Gottesdienste verschiedene Culturelemente dergestalt durchdrungen, daß sowohl der Cultus als der Begriff des Gottes ein synkretistischer d. h. aus den Elementen verschiedener Religionskreise gemischter war; eben darin bestand sowohl seine Neuheit als seine Eigenthümlichkeit. Griechisch war vorzüglich das neue, von der ägyptischen Art ganz abweichende Cultusbild Das Bild war ein Coloss nach Art des griechischen Pluton, mit den Attributen des Modius, des Cerberus und der Schlange, s. Plut. Is. Osir. 28, Macrob. S. I, 20, 13 und die Bilder auf Alexandrinischen Münzen. Der Kopf ist oft von Strahlen umgeben. und die glänzende Architectur des Tempels, welcher, auf der Burg von Rhakotis gelegen, eine der schönsten Zierden von Alexandrien war. Der Begriff des Gottes war so weit, daß sowohl der alte ägyptische Osiris und der griechische Pluton als der griechische Heilgott Aesculap und der höchste und allmächtige Gott des Himmels Zeus oder Jupiter hineinpaßte; ja auch der Sonnengott wird nicht selten in diese Mischung mit hineingezogen, daher Serapis auf griechischen Inschriften häufig Ζεὺς Ἥλιος μέγας genannt wird, auf lateinischen I. O. M. Sol. Dieser neue Gottesdienst verbreitete sich von Alexandrien aus sehr schnell über das Mittelmeer, theils unmittelbar von dort theils unter Vermittlung der benachbarten Hafenstadt Canopus, deren Incubationsanstalt und Heilorakel des Serapis einen sehr starken Zulauf hatte Strabo XVII p. 801. In Rom gab es später auch eine eigne Form des Serapisdienstes, die aus Pelusium stammte, s. Iul. Capitolin. M. Antonin. Philos. 23. Ueber die Ausbreitung des Isis- und Serapisdienstes in Griechenland s. meinen Aufs. in den Berichten der K. Sächs. G. d. W. z. Leipzig 1854 S. 196. . Die Spuren der neuen Religion lassen sich seit den ersten Ptolemäern von der Küste Kleinasiens und den griechischen Inseln bis nach Athen, Korinth und Paträ verfolgen, von wo sie bald weit in die innern Landschaften des Peloponnes und in die von Böotien und Phokis vordrang und sich durch den ausländischen Reiz ihrer Symbolik, das Geheimniß ihrer Weihe, ihren Anschluß an Schiffahrt und Handel überall beliebt machte. Gewöhnlich wurden Serapis, Isis und Anubis zusammen verehrt, neben ihnen bisweilen auch Harpokrates und Canopus. Serapis galt vorherrschend für einen Heilgott gleich dem Asklepios, Isis für eine Göttin der Frauen und der Schiffahrt und wegen ihrer Kuhgestalt für identisch mit 727 der argivischen Io, was für die Mythologie von beiden seine eigenthümlichen Folgen hatte Varro hielt mit andern Gelehrten der Zeit den Serapis für einen argivischen König Apis, welcher in sehr alter Zeit nach Aegypten gekommen und als Verstorbner zum Gott geworden sei, wobei der Name als eine Entstellung von Sorosapis oder Sorapis erklärt wurde, von σορὸς und Ἆπις. Auch die Gebehrde des Harpokrates, der immer neben der Isis und dem Serapis zu sehen sei, bedeute ut homines eos fuisse taceretur, s. Augustin. C. D. XVIII, 5, Nymphodor b. Clem. Al. Strom. 1 p. 383 P. . So mag die neue Religion auch ziemlich früh nach dem entlegenen Westen vorgedrungen sein, nach der Insel Malta und nach Sicilien, wo sich weit ältere Spuren eines Verkehrs mit Aegypten nachweisen lassen, dessen Vermittler die Phönicier gewesen, endlich nach dem südlichen Italien und in die Gegend von Neapel, wo Puteoli, Pompeji, Herculanum und andre Punkte noch jetzt so merkwürdige Reste des Isis- und Serapisdienstes erhalten haben Ueber das Serapeum in Pozzuoli s. Creuzer z. Archäol. 2, 258. Aus Herculanum stammt das Gemälde b. Böttiger kl. Schr. 2, 210. Vgl. die Inschr. b. Mommsen I. N. n. 2243 aus Pompeji (Böttiger a. a. O. 3, 249), n. 3549 aus Acerrae, n. 3580 aus Capua; n. 4315 aus Aquinum, n. 4833 aus Telesia u. s. w. . Von dort verbreitete er sich weiter über Campanien und Etrurien, wo Isis Regina in Florenz einen angesehenen Tempel hatte Er lag wahrscheinlich da wo jetzt das Kloster des S. Florens steht, s. Bullet. d. Inst. Arch. 1839 p. 184, Osann in der Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 4. 5. . In Rom rühmte sich ein später bestehendes Collegium der Pastophoren des Serapis zur Zeit des Sulla entstanden zu sein; eine ganze Reihe von Verboten, die aber immer eigentlich nur die Stiftungen des neuen Glaubens auf dem Capitol und innerhalb der Altstadt betrafen, erging in den letzten Zeiten der Republik. So wurden im J. 58 v. Chr. Serapis und Isis, Harpokrates und Anubis unter heftigem Widerstande der demokratischen Partei vom Capitol verwiesen und die ihnen dort unter stürmischen Auftritten errichteten Altäre zerstört Varro bei Tertull. ad Nat. 1, 10, Apol. 6; Arnob. II, 73. , so sehr waren damals diese fremden Religionen eine Angelegenheit besonders der unteren, mit vielen ausländischen Elementen vermischten Kreise der städtischen Bevölkerung. Im J. 53 erfolgte ein wiederholtes Verbot und die Zerstörung einiger von Privatpersonen in der Altstadt errichteten Heiligthümer, und doch war im J. 50 schon wieder eine ähnliche Execution nöthig, bei welcher, als kein Arbeiter Hand anzulegen wagte, der Consul selbst 728 den ersten Hieb mit der Axt that Valer. Max. 1, 3, wo Marquardt R. A. IV, 85 bei dem Consul L. Aemilius Paulus an den Besieger des Perseus denkt, welcher im J. 182 und 168 Consul war, welche Zeit doch wohl zu früh ist. Vgl. Dio XL, 47, XLVII, 16. , desgleichen im J. 48. Cäsars Demokratie und seine Liebe zur Cleopatra mag das ägyptische Wesen in Rom vollends befördert haben, daher die Triumvirn im J. 42 sogar selbst den Bau eines Tempels der Isis und des Serapis beschlossen; vermuthlich war es der im Campus, also in der Vorstadt des Marsfeldes, aber doch nicht weit vom Thore und in einer schon stark bevölkerten Gegend gelegenen Tempel, welcher immer der angesehenste geblieben ist, das Iseum et Serapeum in der Gegend von S. Maria sopra Minerva Becker Handb. 1 S. 645, vgl. die Regionen der St. R. S. 178 und Canina Annal. dell' Inst. 1852 p. 348–353. Noch bei Apulei. Metam. XI p. 810 Oudend. ist die Isis Campensis die angesehenste in Rom. . Selbst Augustus bestand zwar auf dem Verbote dieses Gottesdienstes innerhalb des Pomoeriums, nahm sich aber desselben sonst in soweit an daß er die Wiederherstellung von Privatstiftungen betrieb und sogar selbst einige Heiligthümer wiederherstellte Dio LIII, 2, LIV, 6. . Zuletzt wurde unter Tiberius im J. 19 n. Chr. vom Senate und zwar zugleich gegen die ägyptischen und jüdischen Sacra eingeschritten Tacit. Ann. II, 85, Sueton Tib. 36, Joseph. Antiq. Iud. XVIII, 3, 4. , bald darauf in Folge einer schändlichen Kuppelei der ägyptischen Priester diese gekreuzigt, der Tempel zerstört und das Bild der Isis in den Tiber geworfen; wie der Isisdienst denn auch sonst in sittlicher Hinsicht immer übel berüchtigt war. Denn Isis wurde als Heil- und Entbindungsgöttin vorzüglich von Frauen und Mädchen gesucht, am meisten von den zahlreichen Libertinen gemischter Abkunft, welche damals bekanntlich in dem galanten Rom eine große Rolle spielten. Die Dichter des Augusteischen Zeitalters wissen daher viel von den Enthaltungen, welche der Isisdienst ihren Geliebten auflegte, aber auch viel von seinen Kuppeleien zu erzählen Tibull. 1, 3, 23 ff., Propert. II, 33, Ovid Am. II, 2, 25; 13, 7, A. Am. I, 77, III, 393, Trist. II, 297, Ep. ex Ponto I, 1, 51. Vgl. Iuvenal VI, 489 iamque exspectatur in hortis aut apud Isiacae potius sacraria lenae , Böttiger Sabina I, 232, kl. Schr. 2, 210 ff., 3, 245 ff. , dahingegen der Serapisdienst auch in Rom von dem gemeinen Manne vorzüglich wegen seiner medicinischen Inspirationen gesucht wurde Cic. de Divin. II, 59, 123 vgl. N. D. III, 19. Auch Varro in seinen Satiren eiferte gegen die Medicin des Serapis. . Unter den folgenden Kaisern 729 wurde der ägyptische Cultus und die Weihe der Isis auch in der vornehmen Welt zu einer Sache der Mode Sueton. Otho 12, vgl. Lucan VIII, 831 (unter Nero) Nos in templa tuam Romana recepimus Isin etc. , bis er unter den Flaviern und vollends unter den Antoninen in der Altstadt zuerst geduldet, dann sogar vom kaiserlichen Hofe aus eifrig befördert wurde Tacit. Hist. III, 74, Iuvenal S. VI, 527 ff., VIII, 29, XII, 28, Lamprid. Comm. 9, Spartian. Pescenn. N. 9, Carac. 9, Eckhel D. N. VII, p. 128. 131. . Endlich war Caracalla ein so entschiedener Anhänger des Serapis, daß er in verschiedenen Quartieren der Stadt neue Tempel für diese Religion stiftete und den Gottesdienst mit größerer Würde und mit größerem Glanze ausstattete Spartian Carac. 9, vgl. meine Regionen S. 123 und Dio LXXVII, 23, Herodian IV, 6 (8). In Rom gab es auch in der 6. Region, auf dem Quirinal, ein von Caracalla gestiftetes Serapeum, ferner eine Isis Athenodoria in der Gegend der Thermen des Caracalla, eine Isis Patricia in der 5. Region, ein Isium Metellinum auf dem Caelius. Vgl. die auf den Isisdienst in und außerhalb Rom bezüglichen lateinischen und griechischen Inschriften bei Or. n. 1871 ff., 2305 ff., Henzen n. 5832 ff., 6027 ff., C. I. Gr. III, n. 5990 ff. Auch in den Inschriften aus Algier wird der ägyptischen Götter oft gedacht. . Namentlich stammte von diesem Kaiser der T. der Isis und des Serapis, welcher nicht weit vom Colosseum lag und der dritten Region ihren Namen gab. Von Rom aus lassen sich die Spuren desselben Cultus weiter in Spanien, Gallien, der Schweiz, bis an den Rhein und nach Deutschland verfolgen, wo Tacitus eine der ägyptischen Isis verwandte Göttin erwähnt, welche in Wahrheit eine unter verschiedenen Namen verehrte altgermanische Göttin war, deren Cultus in einigen Gebräuchen an die Isis erinnerte Grimm D. M. 236 ff, Lersch in den Jbb. d. A. F. im Rheinl. IX, 100 ff., X, 80 ff., XII, 21 ff., O. Schade die Sage von der h. Ursula S. 71 ff., Raszmann deutsche Heldensage 1, 154. . Der Cultus bestand theils in einem täglichen Morgen- und Abend-Gottesdienste theils in jährlich wiederkehrenden Festen, welche im Frühlinge bei Eröffnung der Schiffahrt und im Spätherbste vor dem Eintritt des Winters gefeiert wurden. So wurde nach dem späteren römischen Kalender am 5. März das »Schiff der Isis« (Isidis Navigium) gefeiert, von welchem Feste Apulejus nach seinen Beobachtungen in Korinth eine lebendige Schilderung hinterlassen hat Metam. XI p. 768 sqq., vgl. das Kal. Const. z. 5. März, das Kal. Farnes. rust. und Lactant. I, 11, 21 certus dies habetur in Fastis, quo Isidis navigium celebratur. Das Kal. Constant. bemerkt zum 20. März Pelosia , was auch auf einen den ägyptischen Göttern geweihten Tag deutet, s. S. 726, 1976 . . Es war Frühling und Vollmond, das 730 Meer im Begriff sich zu beruhigen. Am frühen Morgen begab sich ein Festzug ans Meer, der aus einer großen Menge Volks mit Fackeln, Lichtern und Lampen, Musik und Chorgesang, der Schaar der Geweihten, den Priestern mit den Attributen und Symbolen der Götter Alle Priester sind ganz in Leinen gehüllt. Der erste trägt eine brennende Lampe, der zweite 2 Altäre, die man auxilia nannte, weil sie die Hülfe und Providenz der Isis vergegenwärtigten, der dritte die Palme des Siegs und den Stab des Friedens, der vierte das Sinnbild der göttlichen Billigkeit, die geöffnete linke Hand ( S. 629 ) und ein goldnes, wie eine weibliche Brust gebildetes Gefäß, aus welchem Milch träufelte, der fünfte eine goldne Wanne, neben ihm ein andrer eine Amphora. Als Götter und Heiligthümer werden genannt Anubis in der Gestalt des Hundes, Isis in der der Kuh, neben ihr die Lade mit den verborgenen Heiligthümern, endlich der heilige Krug, ein Sinnbild der Entstehung der Dinge aus dem Feuchten, vgl. Vitruv praef. l. VIII. , endlich den Göttern und Heiligthümern selbst bestand, denen zuletzt der Oberpriester folgte. Am Ufer des Meeres wurde ein nach ägyptischer Weise bemaltes Schiff zuerst geweiht und darauf als Bild und Gelübde der neu eröffneten Schiffahrt festlich geschmückt und von allem Volke mit Specereien gefüllt und mit reiner Milch besprengt dem Meere übergeben, worauf man sein Verschwinden auf der Höhe desselben abwartete und endlich in Procession nach der Stadt und zum Tempel der Isis zurückkehrte. Hier wurde noch ein Gebet für das Wohl des Kaisers, des Senats, der Ritter, des ganzen römischen Volkes gesprochen und endlich mit den Worten Λαοῖς ἄφεσις das Volk entlassen, welches nun mit Jubel einfiel und mit Zweigen, Kränzen und Blumen in den Tempel eilte um dort die Füße eines silbernen Bildes der Isis zu küssen. Dieses Fest und Isis als Schutzpatronin der Schiffahrt scheint damals weit und breit an allen Küsten des Mittelmeeres gefeiert worden zu sein Vgl. Petron Sat. 114 intpp. . Andre Feste, namentlich ein Tag der Isis Pharia und ein andres des Serapis, fielen in den April, doch wissen wir von diesen nichts Näheres Das Kal. Farnes. rust. notirt z. April: Sacrum Phariae, item Sarapia , das Kal. Constant. zum 25. April Serapia . Das herkömmliche Bild der Isis Pharia war ein sehr alterthümliches, s. Tertull. Apolog. 16 Et tamen quanto distinguitur a crucis stipite Pallas Attica et Ceres (d. i. Isis) Pharia, quae sine effigie rudi palo et informi ligno prostant? . Dann aber folgte im Herbst, gegen den Ausgang des October und zu Anfang des November Das Kal. Constant. bemerkt Isia vom 28. Octb. bis zum 1. Nov., in welchem Monate auch das Bild mit dem Tetrastichon des Ausonius auf die Isisfeier anspielt. Vermuthlich gehören auch die Ter Novena und die Hilaria am 2. und 3. Nov. in diesem Kalender zu derselben Feier, welche im Kal. Farnes. rust. einfach Heuresis genannt wird. , das 731 mythologische Hauptfest der Isis und des Serapis, indem in diesen Tagen nach herkömmlicher Weise die Geschichte der Göttin aufgeführt und das Gemüth wie gewöhnlich bei solchen mit der Jahreszeit correspondirenden Festen zuerst in heftigster Trauer aufgeregt, dann in eben so ausgelassener Freude des Wiederfindens beruhigt wurde. Es ist die Klage der Isis um den verlorenen und ihr und des Volkes Jubel über den wiedergefundenen Osiris oder Serapis; wenigstens wird das Fest von verschiedenen christlichen Schriftstellern in dieser Art beschrieben Lactant. 1, 21, 20, Minuc. Fel. p. 163 Ouz., Iul. Firmicus 2 p. 2 Burs. Nach Diod. 1, 25 ward Horus wie Zagreus von den Titanen zerrissen, von der Isis aber wieder ins Leben gerufen und seitdem unsterblich. , nur daß von Einigen nicht Osiris, sondern Horus oder Harpokrates, der Sohn der Isis genannt wird, welcher somit ganz an die Stelle des eleusinischen Iacchos oder des Orphischen Zagreus getreten war. Zuerst wird der verschwundne Sohn oder der verstorbne Gemahl gesucht, dann klagen mit der Isis ihre Priester und die Geweiheten, heulen und schlagen sich die Brust. Darauf heißt es plötzlich: »Wir haben ihn gefunden! Wir freuen uns mit ihr!« und nun jubelt Alles mit der glücklichen Mutter Iuvenal S. VIII, 29 exclamare libet populus quod clamat Osiri invento. Serv. V. A. IV, 609 sicut in Isidis sacris, ubi est imitatio inventi Osiridis. Der griechische Ruf war: Εὑρήκαμεν Συγχαίρομεν. und mit Anubis, welcher der suchenden Mutter als Spürhund gedient hat. Neben dieser populären Seite des Gottesdienstes gab es endlich eine Weihe der Isis und des Osiris, welche in den Zeiten der römischen Kaiser gleichfalls allgemein und namentlich auch in Rom und dem römischen Reiche verbreitet war. Die Geweiheten hießen Ἰσιακοί und Ὀσιριακοί, waren am linnenen Kittel und dem geschorenen Haupte zu erkennen und befleißigten sich eines heiligen Lebenswandels Plut. de Is. et Osir. 3. 27. 35. . In jener von Apulejus beschriebenen Procession bilden sie eine besondere Schaar, Männer und Frauen von jedem Alter und von jedem Stande, alle in linnenen Gewändern, die Frauen verschleiert, die Männer geschoren, alle mit Sistren von Erz, Silber oder Gold klappernd. Derselbe Apulejus beschreibt auch die Einweihung seines Lucius ausführlich, obwohl novellistisch und mit einem starken Anfluge von Ironie; doch erkennt man darin den 732 gewöhnlichen Gang solcher Einweihungen von einem Grade zum andern, durch allerlei symbolische Schrecknisse der Finsterniß und des Todes zum Licht und zur Verklärung, mit einem seltsamen Wechsel von sinnlicher Aufregung Auch fehlte es nicht an initiirenden Tafelfreuden, s. Apulei. Metam. XI p. 806. Auch Tertull. Apolog. 39 spricht von dem Dunste einer nächtlichen coena Serapiaca. und geistiger Beruhigung. Die letzte Weihe erhält Lucius in Rom, worauf er in das dort seit Sulla bestehende Collegium der Pastophoren aufgenommen wird. Die Christen wollten in manchen Gebräuchen dieser und andrer Weihen eine Entstellung ihrer eignen Gebräuche finden, z. B. des Sacraments der Taufe Tertull. de Baptismo 5 Nam et sacris quibusdam per lavacrum initiantur Isidis alicuius aut Mithrae. , auch ist es nicht zu verkennen daß die Symbole, Ideen und ascetischen Uebungen der verschiedenen Religionskreise, mit Inbegriff der jüdischen und christlichen, sich damals mannichfach berührten und durchkreuzten. Das letzte Ziel und ein besondrer Reiz solcher Mysterien bestand für die Gebildeten immer in einer Art von reinerer und monotheistischer Gotteserkenntniß, d. h. einer solchen soweit ihrer das Heidenthum mit seinen synkretistischen und pantheistischen Combinationen überhaupt fähig war. Interessant sind in dieser Hinsicht die Berichte des Rhetors Aristides und des Macrobius S. I, 20 vom Serapis. Jener schildert ihn als den Gott der Götter, der alle Welt und alle Gottheit in sich umfasse, von dem für die Seele Weisheit, für den Leib Gesundheit und in allen Dingen alles Gute komme. Er sei mächtig im Himmel und auf Erden und auf dem Meere, wo er Stürme errege und besänftige, wie er am Himmel die Sonne lenke und den Segen der Wolke spende und aus der Tiefe der Erde Reichthum und allen Segen für Menschen und Vieh emporsende. Sowohl das Licht als das Dunkel sei sein Gebiet, Leben und Tod, Freude und Trauer, und immer sei er der Allgütige, ganz Menschenfreundliche. Macrobius, der nach seiner Art vorzüglich auf Sonnendienst ausgeht, führt ein Orakel des Serapis an, durch welches er auf eine Anfrage des Königs Nikokreon von Cypern nach seinem Wesen geantwortet habe, sein Haupt sei der Himmel, sein Leib das Meer, die Erde seine Füße, seine Ohren ruheten im Aether, sein Auge sei die strahlende Sonne. Neben ihm wird Isis auf ähnliche Weise als Allgöttin beschrieben in der bekannten Stelle des Apulejus (Metam. XI), wo es von ihr heißt, die Phryger verehrten sie als Große Mutter, Athen als Minerva, Cypern als Paphische Venus, 733 Kreta als Dictynna, Sicilien als Proserpina, Eleusis als Ceres, Andre als Juno, als Bellona, als Hecate u. s. w., doch sei sie eigentlich das weibliche Alles in Allem Vgl. die Inschr. aus Capua bei Mommsen I. N. n. 3580 Te tibi una quae es omnia Dea Isis. . So ist neuerdings auf der Insel Andros ein griechischer Hymnus auf die Isis gefunden worden, welcher sich für die Uebersetzung der Inschrift einer Denksäule vor dem Tempel der Isis zu Memphis ausgiebt und die Vorstellungen dieser späteren Zeit gleichfalls gut vergegenwärtigt H. Sauppe H. in Isin, Turici 1842, Welcker kl. Schr. 3, 260 ff. . Isis wird hier gepriesen als die Gründerin ihrer Mysterien und ihres Cultus, als Tochter des Kronos, Schwester und Gemahlin des Osiris, als Stifterin aller milden Sitte und aller Cultur auf Erden, Herrscherin über die Bahn der Sonne und des Mondes, Urheberin der Schiffahrt, des Rechtes Isis ist auch die erste Muse und die personificirte Gerechtigkeit, s. Plut. Is. Osir. 3 und die Ἶσις Δικαιοσύνη der Inschrift aus Delos bei Böckh C. I. Gr. n. 2295. , der Ehe, der Geburt und der Kinderzucht. Sie ist zugleich Erdgöttin, himmlische Göttin und Meeresgöttin. Sie läßt die Inseln aus dem Meere aufsteigen, schafft Berge, Ackerland und Weidegrund u. s. f. Ein Bild welches sich nach andern Schriftstellern und Inschriften noch weiter ausführen ließe Vgl. Diod. 1, 25, wo namentlich auch von dem Verdienste der Isis um die Heilkunde und ihren Heilungsorakeln die Rede ist, die sie mit dem Serapis gemein hatte Andre Prädicate geben die Inschriften bei Or. n. 1876 ff. Isi Myrionymae, Victrici, Fructiferae, Reginae, Salutari, Hosiri et Fortunae Superae, Deo Invicto Serapi Servatori, I. O. M. Soli Serapidi u. s. w. Auch als Götter des Grabes und der Unterwelt werden sie gefeiert, s. Fabretti Inscr. p. 466. . Auch scheinen hin und wieder wirklich Berührungen zwischen dem alexandrinischen Serapisdienste und dem dortigen Judenthum und Christenthum eingetreten zu sein; wenigstens waren die Heiden geneigt an eine Verwandtschaft dieser principiell so ganz verschiedenen Bekenntnisse zu glauben So behauptet der Brief des Kaisers Hadrian bei Vopisc. Saturnin. 7, daß die Serapisdiener in Alexandrien Christen seien und umgekehrt, vgl. Aristides in Sarap. I p. 91 ed. Ddf. Ihrerseits behaupteten die Christen daß der ägyptische Serapis mit seinem Fruchtmaaß auf dem Kopfe eigentlich Joseph in Aegypten, der Sohn der Sarah sei, s. Tertull. ad Nat. II, 8, Suid. v. Σάραπις, Iul. Firmicus 13 p. 18, B. . 3. Neue Sacra aus Phrygien und Cappadocien. Diese Gottesdienste zeichnen sich vor allen übrigen durch einen besonders hohen Grad von Wildheit und fanatischer 734 Raserei aus, wie darin ihre Heimath, das Land der Amazonen, der Korybanten und Gallen, der fanatischen Diener der Kybele und Artemis, von jeher ausgezeichnet gewesen ist. Selbstverstümmelung und Blut ist der gewöhnliche Ausdruck einer bis zum Aeußersten gesteigerten Gefühlserregung. Desto mehr Reize boten diese Sacra und die synkretistischen Formen der hellenistischen und römischen Periode dem Bedürfniß der Buße, der Reinigung, der Sündenvergebung, welches als ein zum Wesen der menschlichen Natur gehöriges auch in allen Formen des Heidenthums wohl erkennbar, nirgends aber so stark, in den Taurobolien sogar auf eine widerlich abschreckende Weise auftritt als in den religiösen Gebräuchen dieses Kreises. a. Die asiatische Bellona. Die Heimath dieser Bellona war Comana in Cappadocien; die Göttin selbst scheint eine Mond- und Naturgöttin nach Art der von Amazonen umgebenen, in Kleinasien, Thracien und Scythien unter verschiedenen Gestalten bekannten gewesen zu sein Strabo XII p. 535, Hirtius bell. Alexandr. 66. . Dem abergläubischen Sulla, der in Cappadocien gewesen war, erschien diese furchtbare Göttin im Traume, ehe er im J. 88 v. Chr. gegen Rom zog, um ihn zum blutigen Triumphe über seine Gegner zu ermuntern. So mag er ihren Cult in Rom befördert haben, auf Unkosten der alten italischen und sabinischen Bellona, von welcher S. 611 die Rede gewesen ist. Die Dichter des Augusteischen Zeitalters gedenken ihrer nicht selten, namentlich Tibull Tibull. I, 6, 43, vgl. Virg. Aen. VIII, 703, wo die blutige Geißel der Bellona diesem Dienste entlehnt ist, Horat. S. II, 3, 222 gaudens Bellona cruentis , Lucan I, 565 tum quos sectis Bellona lacertis saeva movet cecinere deos , Martial. XII, 57; 11, Iuvenal. IV, 123 u. A. in einer lebhaften Schilderung der Oberpriesterin, wie sie von Bellonas heiligem Wahnsinn ergriffen nicht das Feuer, nicht die Geißel scheut. Ja sie zerfleischt sich mit dem Doppelbeile selbst die Arme, die Göttin mit ihrem Blute bespritzend. So steht sie da, die Seite durchbohrt, mit blutender Brust, und singt die Zukunft wie es die Göttin eingiebt. Mehr erzählen die christlichen Kirchenväter Tertull. Apolog. 9, de Pallio 4, Lactant. I, 21, 16, Minuc. Fel. 30. Commodus hielt darauf daß diese Selbstverwundung eine ernstliche blieb, Lamprid. Comm. 9. Fanatici ex aede Bellonae Pulvinensis werden erwähnt bei Or. n. 2316. 2317, ein Cistophorus desselben Tempels ib. 2318. , welche gewöhnlich der eben so fanatischen 735 Priester, der s. g. Bellonarii gedenken, die im Dienste derselben Kriegsgöttin sich gleichfalls an den Schenkeln, dem Nacken und den Armen verwundeten, den Altar mit ihrem Blute besprengten und in solcher Aufregung für prophetisch galten. In dunkler Kleidung und mit zottigen Mützen von schwarzem Fell pflegten sie mit fliegenden Haaren und gezückten Schwerdtern um den Altar zu laufen, zu toben und zu rasen, ganz wie die fanatischen Diener der Großen Mutter und andre Priester der Art, deren Geist jetzt in den Derwischen der Türkei und Persiens fortlebt. Das Blut der Bellonarii pflegte das Volk mit der Hand aufzufangen und davon zu genießen, weil man ihm eine sühnende Wirkung zuschrieb. Verschiedene Inschriften lehren daß dieser Dienst der Bellona sich mit dem der Großen Mutter und der Isis leicht verständigte Or. n. 1903. 2316. . b. Die Märzfeier der Magna Mater und des Attis. Als der Gottesdienst der Großen Mutter von Pessinus während des zweiten punischen Kriegs in Rom zugelassen wurde, hielt man es für nothwendig seinen Fanatismus und das ausländische Wesen so viel als möglich zu beschränken; die Megalesien, das einzige Fest, war nur ein Gedächtnißfest der Ankunft und des ersten Empfanges ( S. 450 ). Doch liegt es in der Natur dieser Zeiten und dieser immer stark mit Pfaffenthum gewürzten Religionen aus Asien, daß auch solche Sacra beim gemeinen Mann bald lebhaften Anklang fanden. Verschiedene Vorfälle beweisen daß ihr Einfluß seit der Zeit des Marius und Sulla im Zunehmen war Plut. Mar. 17, Dio XLVIII, 43. , und die römischen Dichter beschäftigen sich seit Lucrez und Catull so gern und häufig mit der Schilderung des Phrygischen Gottesdienstes, seiner auffallenden Gebräuche, des Lärmens seiner gellenden Rohrflöte und der ehernen Handpauken, des rasenden Orgiasmus der Gallen und ihrer Selbstverstümmelung, daß man auch daraus sieht wie er sich immer mehr einnistete Lucret. II, 610 ff., Catull in seinem Gedichte vom Atys (63), Varro in den Resten seiner Satiren p. 121 ed. Oehler, Maecenas in den Galliamben Anthol. lat. n. 82, Ovid F. IV, l82 ff. u. A. Auch sonst in Italien war der phrygische Dienst allgemein verbreitet, im südlichen Italien ohne Zweifel weit früher als in Rom, s. Or. n. 1896 ff., Mommsen I. N. n. 1090, 2558, 2597, 3583, 4054, 5204, 5354 u. a. . Der vollständige Gottesdienst, namentlich das im März 736 um die Zeit des Frühlingsanfangs begangene Fest der Großen Mutter und des Attis, in welchem die ganze Mythologie und Symbolik dieses Kreises nach phrygischem Herkommen sich ausbreitete, scheint durch den Kaiser Claudius in Rom zugelassen zu sein Den Kaiser Claudius nennt ausdrücklich Io Lydus d. Mens. IV, 41. Zur Bestätigung dient daß kein Schriftsteller vor ihm dieses Märzfest kennt, wohl aber bald nach seiner Zeit in verschiedenen Andeutungen davon die Rede ist, vgl. Lucan I, 599, Stat. Silv. I, 2, 176, Sueton. Otho 8. Ueber das ganze Fest vgl. Zoëga Bassiril. I p. 45–60, 81–105, Marquardt Handb. d. R. A. IV, 316 ff. . Die Sinnbilder und der Geist dieses Festes sind im Wesentlichen dieselben wie bei den Festen der Isis, der Aphrodite, der Demeter, eine suchende Mutter die ihren einzigen Liebling, den Attis Auch diese Gestalt hat sich seitdem in Rom und der romanischen Welt eingebürgert, s. Urlichs in den Jbb. d. V. d. A. F. im Rheinl. XXIII S. 49 ff. und A. Haakh in den Verhandlungen der Philologenversammlung zu Stuttg. 1857. verloren hat und wiederfindet, mit dem tieferen Grunde eines ausgelassenen Naturschmerzes und eines eben so ausgelassenen Naturjubels. Das ganze Fest dauerte nach dem Kalender des Constantius (die Kalender der augusteischen Zeit kennen dieses Fest noch nicht) vom 22. bis 27. März. Der erste Festtag, am 22. März, hieß Arbor intrat, weil dann »die Fichte« d. i. das Symbol des entmannten und gestorbenen Attis unter den heftigsten Klagen in den Tempel der Großen Göttin getragen und dort mit wollenen Binden umhüllt und mit Blumen geschmückt wurde: wie einst jene Fichte, unter welcher Attis seine blühende Jugend dahingegeben hatte, mit Veilchen, die aus seinem Blute entsprangen, und mit wärmenden Binden wie eine Leiche geschmückt, von der Großen Mutter in ihre Höhle getragen und dort unter den heftigsten Klagen von ihr beweint worden war Arnob. V, 7 und 16, Iul. Firm. 3 p. 3 B., Bötticher Baumcultus S. 142 ff. . Nach diesem Acte begann eine Zeit des Fastens Arnob. l. c. Quid (significat) temperatus ab alimonio panis, cui rei dedistis nomen castus ? Nonne illius temporis imitatio est, quo se numen ab Cereris fruge violentia moeroris abstinuit? Diese ganze Zeit der Trauer nennt Macrob. S. I, 21, 10 die catabasis , wahrscheinlich weil die Fichte zu Pessinus wirklich in eine höhlenartige Gruft getragen wurde. Vgl. Sueton. Otho 8 die quo cultores Deum Matris lamentari et plangere incipiunt , und Io Lyd. l. c. πρὸ δεκαμιᾶς Καλανδῶν Ἀπριλίων (a. d. XI K. Apr.) δένδρον πίτυς παρὰ τῶν δενδροφόρων ἐφέρετο ἐν τῷ Παλατίῳ· τὴν δὲ ἑορτὴν Κλαύδιος ὁ βασιλεὺς κατεστήσατο. Ueber das Fasten mehr bei Iulian Or. V p. 174 sqq., über die Dendrophori Matris Deum Magnae Or. n. 1602, Boissieu Inscr. de Lyon p. 31. Ein Bild des Archigallus bei Marini Atti Arv. p. 315. und der Trauer, 737 welche ihren höchsten Gipfel am 24. März erreichte, einem Tage blutiger Selbstverstümmelung, welcher eben deshalb schlechthin der Tag des Blutes hieß, Sanguen oder Dies Sanguinis. Es war der Tag wo die heilige Wuth der Galli, an ihrer Spitze des Archigallus, sich in ihrer höchsten Glorie zeigte; die christlichen Schriftsteller erzählen oft davon, vor allen ausführlich Prudentius, wie sie dann tobten und rasten, ihren Leib verwundeten und ihr Blut vergossen, sich castrirten, brannten, oft darüber starben und dann mit großem Gepränge begraben wurden Trebell. Poll. Claud. 4, Iulian l. c, Tertull. Apolog. 14, Prudentius Peristeph. X, 1061 sqq. u. A. . Gleich darauf folgte, wie es bei solchen Gottesdiensten gewöhnlich der Fall ist, ein Tag der Freude und der Auferstehung aus dem Grabe, der mit einem für solche Tage gebräuchlichen griechischen Namen Hilaria (τὰ Ἱλάρια) genannt wurde Lamprid. Alex. Sev. 36, Aurelian 1. Hilaribus, quibus omnia festa et fieri debere scimus et dici. Damasc. v. Isidori 13, von einem Traum, als wäre er Attis und als ob die Göttermutter ihm die Hilarien feiere, ὅπερ ἐδήλου τὴν ἑξ ἅδου γεγονυῖαν ἡμῶν σωτηρίαν. Vgl. Dionys. Areop. ep. VIII p. 790 ed. P. 1644 Vol. I und dazu S. Maximus Schol. p. 319. ; es war der 25. März, wo der Tag zuerst wieder den Sieg über die Nacht gewinnt Macrob. S. I, 21, 10 quo primum ternpore sol diem longiorem nocte protendit. Iulian de D. Matre V p. 168 Sp. τέμνεσϑαι γάρ φασι τὸ ἱερὸν δένδρον καϑ’ ἣν ἡμέραν ὁ ἥλιος ἐπὶ τὸ ἄκρον τῆς ἰσημερινῆς ἁψῖδος ἔρχεται. und Attis der Mutter wieder gegeben wurde. Dann folgte am 26. ein Tag der Ruhe (Requietio) und endlich am 27. eine große Procession der Art wie sie bei keinem größeren Feste in Griechenland und dem Orient fehlte. Es war dieses nehmlich der Tag des Bades der Großen Mutter (Dies Lavationis), des Bades im Almo, auf welches schon die Legende der Ankunft bei Ovid deutet ( S. 450 ), so daß also vielleicht schon früher ein Umzug der Galli an diesem Tage stattgefunden hatte. Jetzt war ein sehr bunter und lustiger Festtag für ganz Rom daraus geworden, eine Art Carneval, wo jeder Spaß erlaubt war und allgemeine Maskenfreiheit herrschte; auch pflegten sich alle Stände bei dem Zuge zu betheiligen und namentlich die vornehme Welt noch immer ihre Vorliebe für den Cultus der Göttermutter zu beweisen Herodian 1, 10, Augustin C. D. II, 4, Ammian M. XXIII, 3, 7, Anthol. lat. n. 606 u. A. . Alles 738 drängte sich um den Wagen, auf welchem das Bild mit dem heiligen Steine aus Pessinus ( S. 417 ) saß, um sich durch die Stadt bis zum Almo gleich vor Porta S. Sebastiano fahren zu lassen und dort ein Bad zu nehmen, welches die doppelte Bedeutung hatte ihre Rückkehr aus der Gruft des Todes und des Schmerzes an die Welt des Lichtes und der Oberwelt auszudrücken und an die erste Ankunft in Rom zu erinnern Stat. Silv. V, 1, 222, Martial. III, 47, Val. Flacc. Argon. VIII, 239 ff., Sil. Ital. VIII, 363, XIV, 680, Claudian Bell. Gildon. 117 ff., Prudentius Peristeph. X, 153 ff. Vgl. Griinm D. M. 233. . Zu bemerken ist daß die Oberaufsicht über diese Procession und das Bad den Palatinischen Quindecemvirn zustand, derselben alten auf Veranlassung der sibyllinischen Sprüche eingesetzten Priesterbehörde, welche durch August vom Capitol auf den Palatin versetzt worden war und hier bei der nahen Nachbarschaft der Tempel des Palatinischen Apollo und der Magna Mater die oberste Aufsicht über beide Culte erhalten zu haben scheint Lucan I, 599 qui fata deum secretaque carmina servant et parvo lotam revocant Almone Cybeben. Stat. Silv. I, 2, 176 iam nunc Cybeleia novit limina et Euboicae carmen legit ille Sibyllae. Vgl. Marquardt R. A. IV, S. 341. Auch die XV viri der Taurobolienaltäre hängen damit zusammen, s. Anthol. Gr. App. ep. 164, Boissieu Inscr. de Lyon p. 24. . c. Die Weihe der Taurobolien und Kriobolien. Auch diese blutige Weihe ist eine Ausgeburt des Phrygischen Gottesdienstes, obgleich sich nach Art der damaligen Zeit andre Elemente damit vermischt hatten. Der Name bezieht sich auf das characteristische Opfer eines Stieres und eines Widders, dem man eine sühnende Wirkung zuschrieb Ταυροβόλος ist der opfernde Priester, welcher den Stier mit dem Messer abfängt, Ταυροβόλιον, Κριοβόλιον das Opfer selbst und der damit verbundne Sühngebrauch der Bluttaufe. Weil es dabei besonders auf das Blut ankam, heißt das Opfer gelegentlich auch Αἱμοβόλιον (aemobolium). Vgl. über die Taurobolien überhaupt und die dahin gehörigen Altäre und Inschriften Van Dale Dissertatt. IX Antiquitatibus illustr. inserv. Amst. 1702, Or. n. 1899 ff., 2319 ff., Henzen n. 6031 ff., Zoëga Bassiril. t. XIII. XIV, Boissieu Inscr. de Lyon p. 22–38. ; daher die noch vorhandenen Altäre, welche sich auf die Vollziehung einer solchen Weihe beziehn und immer sehr genau datirt sind, gewöhnlich den Kopf eines Stiers, eines Widders und ein Opfermesser in der Gestalt der orientalischen Harpe zeigen. Auch wissen wir aus verschiedenen Schriftstellern, daß blutige Stieropfer von 739 symbolischer Bedeutung im Culte der lydischen und phrygischen Kybele immer herkömmlich gewesen Sophocl. Philoct. 394 ἰὼ μάκαιρα ταυροκτόνων λεόντων ἐφέδρε von den Löwen der Rhea Kybele, vgl. Orph. H. XIV, 2 ἧ λῖς ταυροφόνος ἱερότροχον ἅρμα τιταίνει. XXVII, 3 ταυροφόνων ζεύξασα ταχύδρομον ἅρμα λεόντων: was an den alten symbolischen, durch so viele Bildwerke des orientalischen und griechischen Alterthums vergegenwärtigten Kampf des Löwen mit dem Stier erinnert. Vgl. Steph. B. v. Μάσταυρα, eine Stadt in Lydien, deren Name abzuleiten sei von Μᾶ d. i. Rhea und ταῦρος, denn es seien ihr in Lydien Stiere geopfert worden; daher auf den M. dieser Stadt ein Stier, s. Eckhel D. N. III p. 71. , wie andrerseits das Opfer des Widders speciell den Attis angeht, welcher auch in den Inschriften jener Altäre gewöhnlich neben der Göttermutter genannt wird. Nur daß auch diese Weihe ihre Götterbegriffe im Sinne des Synkretismus zu kosmischen Wesen von so allgemeiner Bedeutung umgebildet hatte, daß man sie kaum noch zu fassen vermag. Die Große Mutter, die alte in den Bergen thronende Mutter Erde, ist zur Mutter aller Dinge und aller Götter geworden, welche selbst ungeboren und »eine Jungfrau ohne Mutter« neben dem Zeus thront Παρϑένος ἀμήτωρ καὶ Διὸς σύνϑωκος Iulian Or. V p. 166 ed. Spanh., vgl. Or. n. 2328–2330, Mommsen I. N. n. 1398. 1399. , daher man sie mit der Virgo Caelestis der syrischen und afrikanischen Religion und mit der Minerva und Diana identificiren konnte, wie sie denn in einigen Inschriften des südlichen Italiens ausdrücklich Minerva Berecintia nach dem bekannten Berge in Phrygien genannt wird. Neben ihr ist Attis der schöne Liebling, dem die Große Mutter Alles, selbst »den gestirnten Hut« (τὸν ἀστερωτὸν πῖλον) geschenkt hat und der nach kurzer Untreue, nachdem er das Glied seiner Begierden geopfert hat, als verklärter Halbgott zu ihr zurückkehrt und nun auf ewig mit ihr verbunden ist, der König der Ehren, durch den die Große Mutter Alles wirkt und Alles schafft Iulian l. c. p. 161 sq., Sallust de diis 4, vgl. Or. n. 2336 und Zoëga Bassiril. 1 p. 99. 103. Das griechische Epigramm eines Taurobolienaltars aus Rom vom J. 370 v. Chr. im C. I. Gr. III n. 6012 b, bei Henzen zu Or. n. 6040 drückt sich so aus: Μητέρι τῆ πάντων Ῥείῃ τεκέων τε γενέϑλῳ, Ἄττει ϑ’ ὑψίστῳ καὶ συνιέντι τὸ πᾶν, τῷ πᾶσιν καιροῖς ϑεμερώτερα πάντα φύοντι etc. : nach seiner Naturbedeutung der Sonnengott, daher er auf den Dedicationstiteln der Taurobolienaltäre nicht selten Menotyrannus (μηνοτύραννος) d. i. der Herr der Monate und Jahreszeiten, einmal Pantelius d. i. Πανϑήλιος, der Sonnengott als Allgott genannt wird. Bei diesen Göttern also suchten die Theilnehmer der Weihe Reinigung und Sühnung von den Befleckungen des Lebens, 740 vermitttelst eines stellvertretenden Sühnopfers, bei welchem der Glaube an die reinigende Kraft des Blutes ins Barbarische und Ekelhafte ausgeartet ist. Der kirchliche Dichter Prudentius hat eine genaue und anschauliche Beschreibung des seltsamen Gebrauchs hinterlassen. Der Einzuweihende wurde in eine Grube gesteckt, welche oben mit siebartig durchlöcherten Brettern zugedeckt wurde. Auf diese Bedeckung wurde der festlich geschmückte Opferstier geführt und mit jenem Opfermesser vorn in der Brust durchbohrt, so daß das Blut aus der Wunde in einem breiten Strome hervorquoll und sich noch als warmes Lebensblut durch die Löcher über den in der Grube Befindlichen ergoß, welcher ganz davon durchnäßt und durchdrungen wurde; ja die Gläubigen pflegten das Blut mit dem Munde aufzufangen und sich das ganze Gesicht damit zu waschen, die mit demselben gesättigten Kleider aber sorgfältig aufzuheben Prudentius Peristeph. X, 1011–1050 p. 147 ed. G. Fabric. Vgl. das von Salmasius z. Lamprid. Heliog. 7 T. I p. 804 mitgetheilte Bruchstück eines Gedichtes, Anthol. lat. n. 605 ed. H. Meyer. . Man schrieb dieser Bluttaufe die sühnende und reinigende Kraft einer »Wiedergeburt« zu, wie sich die Inschriften wiederholt mit diesem, vermuthlich schon dem Christenthum entlehnten Worte ausdrücken Or. n. 2352 taurobolio criobolioque in aeternum renatus . Henzen n. 6041 qui et arcanis perfusionibus in aeternum renatus taurobolium crioboliumque fecit. Doch scheint man die Weihe wo möglich alle 20 Jahre wiederholt zu haben. Bei Or. n. 1900 weiht ein Praef. Urb. Romae der Großen Mutter und dem Attis Menotyranno Invicto einen solchen Altar als den diis animae suae mentisque custodibus . . Außer dem Blute der Opferthiere wurde auch den Testikeln eine besondre Kraft zugeschrieben; wenigstens reden die Inschriften wiederholt von einem Hinnehmen, einer Weihung, einer Beisetzung der vires, welche nicht wohl etwas Anderes bedeuten können Vires excepit, Vires tauri – consecravit u. a. Es sind die Organe und Symbole der männlichen Kraft, das Schaffende, Schöpferische, wie das Blut das Belebende, Beseelende ist, daher auch Attis sich erst castrirt, dann durchbohrt. . Die Einweihung selbst wurde bald von Einzelnen für ihr eignes Heil und Wohl, bald von mehreren Personen, auch wohl von ganzen Communen, Städten und Provinzen und in diesem Falle an einem Stellvertreter vollzogen, gewöhnlich pro salute des Kaisers oder pro statu coloniae z. B. von Lyon Nach Prudentius scheint es daß gewöhnlich der Oberpriester (summus sacerdos, pontifex) die blutige Weihe stellvertretend an sich vollziehen ließ, pro salute des Kaisers oder der Gemeinde, die sich jedesmal betheiligen wollte. Die Inschriften und andre Umstände beweisen aber daß sich nicht selten auch einzelne Personen, sowohl Männer als Frauen, einweihen ließen; in welchem Falle es heißt: tauroboliatus est oder taurobolium excepit. Nach jenem Gedichte der Anthol. lat. n. 605 wurde der Einzuweihende mit einem ärmlichen Gewande bekleidet, um so recht eigentlich als »armer Sünder« die reinigende Bluttaufe über sich ergehen zu lassen. . Die Geschichte dieser eigenthümlichen Weihe ist noch 741 sehr unklar. Ohne Zweifel entstand sie im hellenistischen Orient, vermuthlich in Kleinasien. In Italien ist das älteste der bis jetzt bekannt gewordenen Denkmäler aus der Gegend von Neapel und vom J. 133 n. Chr. d. i. aus den letzten Jahren Hadrians Marini Atti Arv. p. 358, Or. n. 2336, Bullet. Nap. III p. 98; Mommsen I. N. n. 2602. , so daß also auch hier der orientalische Verkehr in Puteoli die Uebertragung in den Occident vermittelt haben mag. Andre Denkmäler haben sich in Benevent, Venafrum, Teate, Formiä u. a. m. gefunden Mommsen I. N. n. 1398–1401, 2602–2604, 4078, 4735, 5307, 5308. . In Rom hatte sie seit der Zeit der Antonine Eingang gefunden und sich von dort weiter, namentlich nach der Gallia Narbonensis und nach Lyon verbreitet. Die Stätte der blutigen Sühnungsopfer war in Rom der Vatican, merkwürdiger Weise grade da wo sich mit dem Christenthum die Peterskirche über dem Grabe des Apostels erhob, beim Circus des Nero oder dem Caianum, wie dieser Circus in Rom gewöhnlich genannt wurde Daher das Gaianum et Frigianum der Regionen, s. meine Ausgabe S. 59. . Die Einweihung erfolgte vermuthlich gleich nach dem vorhin beschriebenen Feste der Großen Mutter und des Attis im März Wenigstens bemerkt das Kal. Constantii nach dem Tage des Bades am 27. März, also am 28. Initium Caiani , welches vermuthlich von der Eröffnung der Sühnungsstätte zu verstehen ist. . Die in der unmittelbaren Nähe der Peterskirche gefundenen Denkmäler sind aus den Jahren 305, 350, 374, 377, 383 und 390 v. Chr., so lange hat sich auch dieser düstre Gebrauch in dem hartnäckig am Heidenthum hängenden Rom behauptet. Unter den Altären in Lyon ist der älteste vom J. 160, und zwar wurde das Taurobolium, welchem zu Ehren dieser Altar errichtet wurde, noch auf dem Vatican zu Rom vollzogen Es heißt dort von einem pro salute Imp. Caes. T. Aeli Hadriani Antonini Aug. Pii P. P. liberorumque eius et status Coloniae Lugudun (ensis) vorgenommenen Taurobolium, der Veranstalter desselben habe vires excepit et a Vaticano transtulit, so daß also hier die Weihe selbst auf dem Vatican vollzogen und nur die Testikeln nach Lyon gebracht und dort auch der übliche Taurobolienaltar als Denkmal der Weihe errichtet wurde. . Andre Altäre 742 in Lyon sind von den J. 184, 190, 194, 197, andre Denkmäler desselben Dienstes finden sich in Narbonne. In Rom hatte sich u. a. der Kaiser Heliogabal in diese Weihe der Großen Mutter einweihen lassen Ael. Lamprid. Heliog. 7 Matris etiam Deum sacra accepit et tauroboliatus est, ut typum eriperet et alia sacra quae penitus habentur condita. Man sieht daraus daß die Eingeweihten wie in andern Mysterien einen priesterlichen Character und unmittelbaren Zutritt zum Allerheiligsten bekamen. . Unter den christlichen Schriftstellern ist Julius Firmicus Maternus unter Constantius und Constans der erste welcher derselben gedenkt. Nur das Blut Christi, sagt er, habe eine erlösende Kraft, alles im Götzendienste vergossene Blut könne nur beflecken, nicht reinigen, auch nicht die garstige Ueberschüttung der Taurobolien und Kriobolien Iul. Firm. de err. prof. relig. 27 p. 41 ed. Bursian. . 4. Syrische und Punische Gottesdienste. Auch die Gottesdienste von Syrien, Phönicien, Palästina und den benachbarten Gegenden geriethen durch die Herrschaft der Seleuciden und die hellenistische Cultur in eine neue Bewegung. Es sind die alten, aus der h. Schrift und Herodot bekannten Götter des Himmels, Baal und Astarte, von denen jener durch Saturnus und Jupiter, diese durch die Juno und Venus Caelestis übersetzt zu werden pflegt, ferner Derketo oder Atargatis, eine Göttin der Erde und Fluth, welche aus dem Feuchten schafft, die Mutter der Semiramis, welche von den Philistern zu Askalon in Fischgestalt verehrt wurde. Andre orientalische und griechische Götter des Himmels und der Erde schlossen sich ihnen an, Apollo und Diana, der Sonnen- und der männliche Mondgott (Deus Lunus), welcher in Mesopotamien und Phrygien viel verehrt wurde, und viele andre. Nirgends war das Heidenthum so götzendienerisch und grausam, lüstern und sinnlich ausschweifend als in diesem nationalen Kreise, welcher den Juden und Griechen seit alter Zeit vertraut, den Römern vorzüglich durch die Eroberungen des Pompejus, später durch die des Vespasian bekannt wurde, obwohl einzelne Formen des syrischen Gottesdienstes, z. B. die Weissagung seiner Prophetinnen schon früher nach Rom gedrungen 743 war Vgl. die syrische Weissagerin Martha beim Marius, Plut. Mar. 17, Val. Max. 1, 2. 3. Ueber die Juden in Rom s. Marquardt R. A. IV S. 90. . Weiter verschafften die syrischen Mädchen und Frauen als gefällige Wirthinnen und Bajaderen mit ihren weichlichen Tänzen und Gesängen Vgl. die Caupona Syra bei Lucilius und Virgil Copa 1–4 und die Ambubalarum collegia bei Horat. S. 1, 2, 1 von abub, ambub. d. i. die Flöte der syrischen Adonisklage, daher Adonis selbst Abobas hieß und der Klagegesang der Venus Salambo d. i. fistula canora, vgl. Sueton. Nero 27. 56, Lamprid. Heliog. 6. auch ihren Göttern und Göttinnen, der syrischen Venus und dem Adonis immer mehr Eingang, wie z. B. Nero vorzüglich solche Umgebungen liebte. Unter den Flaviern hatte dieses syrische Wesen dergestalt um sich gegriffen, daß Juvenal III, 62 ff. sagen konnte, schon längst habe sich der syrische Orontes d. i. der Fluß an welchem Antiochia liegt, in den Tiber ergossen und Sprache, Sitten und Musik verdorben. Vespasian erfuhr seine Bestimmung zur Weltherrschaft zuerst auf dem Carmel, Trajan befragte auf seinem Zuge gegen die Parther den Jupiter von Heliopolis auf dringendes Anrathen seiner Freunde, welche die außerordentlichsten Beweise von seiner Macht empfangen haben wollten, Hadrian opferte dem Jupiter Casius auf seiner heiligen Höhe bei Antiochien Sueton. Vespas. 5, Macrob. Sat. I, 23, 14, Spartian Adrian 13. . Der größte Triumph war diesen Göttern aber in dem Zeitalter der Antonine vorbehalten, zumal in dem der Pseudo-Antonine syrischer Abkunft. Antoninus Pius baute den prachtvollen Tempel zu Heliopolis, unter Commodus war Jupiter Dolichenus bereits auf dem römischen Aventin angesiedelt, dann holte sich Septimius Severus, durch die Verheißungen einer großen Zukunft bestimmt, seine zweite Frau aus Emesa, seit welcher Zeit deren Familie eine Zeitlang den römischen Hof beherrschte. Selbst die abscheuliche Unzucht und Frechheit des Heliogabal scheint nur die höheren Stände ein für allemal abgeschreckt zu haben, denn in den niederen dauerten die Einflüsse des Handels und der Legionen fort und namentlich diese letzteren haben zur Verbreitung solcher Culte wesentlich beigetragen. Verschiedene Legionen waren nehmlich kürzere oder längere Zeit in Syrien stationirt gewesen, daher sie später, wenn sie nach dem Occident verlegt wurden oder einzeln in ihre Heimath zurückkehrten, den ihnen vertraut gewordenen Gottesdienst dahin verpflanzten. Die einzelnen Götter, welche hier in Betracht kommen, sind folgende. 744 a. Dea Syria deren angesehenstes Heiligthum sich in Hierapolis nicht weit vom Euphrat und der Grenze Mesopotamiens befand; die Stadt hieß auch Bambyke, bei den Syrern Mabog (jetzt Mambig oder Bambig). Die Göttin hieß in der Landessprache Atargatis, d. i. dieselbe welche die älteren Griechen gewöhnlich Derketo nennen, die späteren und die Römer die syrische Göttin schlechthin Strabo XVI p. 748 und 785, Plin. H. N. V, 23. . Als Crassus sich auf seinem Feldzuge gegen die Parther an ihren Schätzen vergriff, gab sie ihm das erste Unglückszeichen, wie Plutarch erzählt, welcher hinzusetzt daß Einige sie für die Venus, Andre für die Juno hielten, noch Andre für das feuchte Princip in allen natürlichen und für das gute in allen menschlichen Dingen Plut. Crass. 17. Nach einer vom Nigidius Fig. bei Schol. German. Arat. v. 240 und Ampel. lib. memor. II, 35 erhaltenen Legende fanden die Fische ein großes Ei im Euphrat, welches sie ans Ufer schoben, wo es von einer Taube ausgebrütet wurde. So sei die syrische Venus entstanden, eine gute und gnädige Göttin, welcher die Menschen sehr viele Wohlthaten verdanken. . Am ausführlichsten berichtet Lucian in der bekannten Schrift über diesen Cultus. Das Heiligthum war sehr alt und angeblich von der Semiramis begründet, doch verdankte es seinen späteren Flor den Seleuciden, unter denen eine Königin Stratonike es mit prächtigen Gebäuden, zahlreichen Schaaren von Priestern und Verschnittenen und einem glänzenden Gottesdienst ausgestattet hatte. Der alte nationale Begriff der Göttin und ihre bildliche Darstellung hatten sich in Folge davon so erweitert daß sie zugleich an Juno; die strenge Gemahlin des Jupiter, an Venus, die Buhle des Adonis, an die phrygische Rhea, die Geliebte des Attis, und außerdem noch an Minerva, Diana Nach G. Gran. Liciniani fragm. ed. Pertz p. 46 machte Antiochus IV Epiphanes Anstalt die Diana von Hierapolis zu freien, um dadurch in den Besitz ihres Tempelschatzes zu gelangen. Dieselbe Thatsache, die mit seinem Tode endigte, wird im Buche der Maccabäer II, 1, 13–16 erzählt, wo Nane wohl Anaitis ist. , an die Parcen und andre Götter erinnerte. Am Eingange des Tempels standen zwei riesigePhalli, welche angeblich Bacchus errichtet hatte, im Tempel selbst thronten die vergoldeten und kostbar geschmückten Bilder des Jupiter und dieser Juno, beide auf einem Paar symbolischer Thiere die sie trugen, das des Jupiter auf zwei 745 Stieren, das der Juno auf zwei Löwen Vgl. die M. des Alexander Sever aus Hierapolis bei Neumann Numi vet. II p. 74 sq. t. III, 2, Eckhel D. N. III p. 162, Seidl über den Dolichenuscult t. VI, 6. Auch auf den M. von Antiochien und Arados sieht man diese symbolischen Thiere. Zwischen ihnen stand ein kleineres Bild der Semiramis; anderswo im Tempel befand sich ein Thron des Sonnengottes, weil man von ihm selbst kein Bildniß machen wollte, und ein Bild des Apoll, welcher hier wie in Heliopolis bärtig und ganz bekleidet war und durch die Bewegungen seines Bildes Orakel ertheilte. Ferner sah man im Tempel und draußen an einem großen Altare in seltsamer Vermischung der griechischen und orientalischen Mythologie und Sage die Bilder des Atlas, des Hermes, der Eileithyien, der Semiramis, der Helena, der Hekabe, des Paris u. s. w., des Kombabos, welcher das Idealbild der Verschnittenen dieses Orts war, angeblich Geliebter der Stratonike, Alexanders d. Gr. und Sardanapals. In der Nähe des Tempels befand sich ein großer Park für die geweihten Thiere, Ochsen, Pferde, Adler, Bären und Löwen, und immer waren große Schaaren von Priestern beschäftigt zu schlachten, zu spenden, Feuer anzuzünden, über dreihundert, alle weiß gekleidet und mit einer spitzen Kegelmütze auf dem Kopfe. Außerdem gab es eine große Menge von Flötisten, Verschnittenen und Bajaderen. Täglich wurde zweimal geopfert; jährlich aber wurden zwei große Feste gefeiert, das eine zur Erinnerung an eine große Wasserfluth, wobei man in großer Procession einen heiligen See besuchte, wahrscheinlich vor dem Eintritt der Regenzeit, das andre beim Beginn des Frühlings und mit Beziehung auf die Wiederkehr der Sonne, bei welcher Gelegenheit ein großer Scheiterhaufen errichtet und mit vielen Opferthieren, Kostbarkeiten und Specereien zuerst durch einen Umzug geweiht und dann verbrannt wurde. Namentlich bei diesem Feste pflegten die Verschnittenen mit ihren heiligen Tänzen aufzutreten, bei denen sie sich verwundeten, stießen und entmannten, unter der Begleitung einer eigenthümlichen Musik von Pauken und Flöten und unter Absingung gewisser heiliger Gesänge. Immer versammelte sich zu solchen Festen eine große Menge Volks aus Syrien, Arabien, auch vom andern Ufer des Euphrat und aus Cappadocien. Außerdem pflegten aber auch viele ambulante Trupps von jenen Fanatikern und Verschnittenen unter diesen Völkern, ja bis nach Griechenland und Italien herumzustreifen, um durch ihre verzückte Tänze und Weissagungen den Dienst 746 ihrer Göttin zugleich zu verbreiten und milde Gaben für sie zu sammeln: eine Propaganda welche bei derartigen Culten von jeher herkömmlich war. Nach solchen Vorbildern werden uns diese Geweiheten der syrischen Göttin von Lucian in seinem Lucius oder der Esel c. 35 und 37 und nach ihm von Apulejus Metam. VIII p. 571 sqq. beschrieben, wo das scheinheilige und liederliche Wesen dieser vagabundirenden Bettelpriester mit den grellsten Farben gemalt wird. Wenn der Zug in ein Dorf gekommen, steht der Esel mit dem Bilde der Göttin still und die Verschnittenen beginnen mit gelösten Haaren ihre Tänze, wobei sie mit dem Kopfe wackeln, den Leib wirbeln, sich die Arme und die Zunge verwunden, endlich aber Geld und Victualien einsammeln, Alles zur Ehre ihrer Göttin. Es sind die Kedaschim der Bibel, welche in den späteren Zeiten oft mit den Verschnittenen der Großen Mutter verwechselt wurden S. Movers Phönicier 1, 678 ff. und das Bild aus dem Columbarium der Villa Pamfili bei O. Jahn in den Abhandl. der Münchner Akademie 1857 T. II S. 23 ff. . Daß der Dienst der Dea Syria auch in Rom und Italien und weiter im Abendlande hin und wieder Anklang gefunden hatte, wird sowohl durch die Nachricht von Neros vorübergehender Vorliebe als durch verschiedene Inschriften bewiesen, obwohl deren im Vergleiche mit andern ausländischen Gottesdiensten nicht viele sind Or. n. 1946–48 aus Rom, Henzen n. 5861 aus England, 5861 a aus Salona, Mommsen I. N. n. 5763 aus Amiternum, Corp. I. Gr. n. 5372 aus Syracus. . b. Maiuma eine Form der syrischen Venus, welche vermuthlich durch den Handelsverkehr von Gaza nach Ostia gekommen war Den Verkehr zwischen dem römischen Hafen und Gaza bestätigt Corp. I. Gr. n. 5892 durch die Inschrift einer von den Bürgern von Gaza dem Kaiser Gordian III im Portus Traiani errichteten Statue. Wahrscheinlich gab es dort auch ein t. Marnae, eines speciell in Gaza verehrten Gottes. , wo man ihr ein beliebtes Frühlingsfest feierte. Es fiel in den Mai, wo auch die vornehme Welt das Meer suchte, wahrscheinlich auf der Insel bei Ostia, welche dieser Göttin zu Ehren im Frühling einen neuen Schmuck von Blumen anzulegen schien und deshalb den Namen Libanus Almae Veneris führte. Man findet denselben 747 Cultus auch in andern Häfen und Handelsstädten, namentlich in Constantinopel und Gaza. Vorzüglich aber feierte die Hauptstadt Antiochien Maiuma, auch im Frühlinge, aber einen ganzen Monat hindurch und am meisten bei Nacht, mit Fackeln, Illumination und scenischen Darstellungen aus dem Kreise des Bacchus und der Venus, wobei es an groben Ausschweifungen nicht fehlte O. Müller Antiqq. Antioch. p. 33, Stark Gaza S. 596, mein Aufsatz über Ostia in den Leipz. Ber. 1849 S. 24 A. 124. . c. Deus Sol Elagabal wie dieser Gott auf den römischen Münzen heißt. Seine Heimath war Emesa auf dem Wege von Antiochia nach Palmyra und Damascus, wo er in einem großen und prächtigen Tempel verehrt wurde, nicht blos von den Syrern und Phöniciern, sondern auch von den Königen und Satrapen der benachbarten Gegenden, welche jährlich kostbare Weihgeschenke darbrachten. Auch hier gab es kein Bild des großen Sonnengottes, sondern nur das Symbol eines kegelförmigen Steins von schwarzer Farbe, der für ein Diopetes galt und an welchem man gewisse Erhabenheiten und Bilder von besondrer Bedeutung bemerken wollte S. bes. Herodian V, 3 ff., vgl. Dio LXXIX, 11 und Lamprid. Heliog. 1 und 3, Iul. Capitolin. Opil. Macrin. 9. Elagabal von אל und גבל. . Beide Enkel der Julia Maesa, Bassianus, der spätere Elagabal, und Alexinus, der spätere Alexander Severus, waren Priester dieses Gottes; namentlich war Elagabal, schon als Knabe durch die Verwandtschaft mit Septimius Severus zu dieser Würde erhoben, dem Dienste seiner Heimath mit Leib und Seele ergeben. Seinem Priesterthum und seiner reizenden, durch den priesterlichen Schmuck und die glänzende Pracht des Gottesdienstes wunderbar gehobenen Schönheit Er war bei seiner Wahl zum Kaiser 14 Jahre alt. Herodian vergleicht sein Bild mit den schönsten des jugendlichen Bacchus. verdankte er die Gunst der Soldaten, welche ihn bekanntlich nach dem Tode des Caracalla, für dessen Sohn er gehalten wurde, durch die Intriguen seiner Mutter und Großmutter bestimmt auf den Thron setzten, auf welchem er die Welt mit dem seltsamen Schauspiel eines Kaisers überraschte, der zugleich orientalischer Lustbube und fanatischer Priester seines Gottes war. Denn gleich nach seiner Erhöhung machte er es sich zum 748 Berufe den Elagabal, dessen Name auf ihn übergegangen ist, in Rom selbst zum Gotte aller Götter zu erheben. Er nahm den heiligen Stein von Emesa mit sich nach Rom, weihte ihm unterwegs in einem Dorfe am Taurus einen Tempel, den M. Aurel der Faustina zu Ehren gestiftet, Caracalla dieser Bestimmung wieder entzogen hatte Spartian Carac. 11, Iul. Capitolin. M. Antonin. 26. , und feierte ihn darauf mit gleicher Inbrunst und luxurianter Pracht in Nicomedien, wo er den Winter zubrachte. Von römischer und griechischer Tracht wollte er nichts wissen, immer ging er ganz in Seide gekleidet und in dem weichlich orientalischen Schmucke seines Priesterthums, immer begleitet von der rauschenden Musik der Flöten und Handpauken, daher man ihn in Rom den Assyrier nannte (in der damaligen Sprache so viel wie Syrer) oder Sardanapal und Pseudo-Antoninus. Ja er ließ sich in dieser Tracht als Priester neben dem Steine malen und schickte dieses Bild nach Rom, wo es im Senate über dem Bilde der Victoria aufgehängt werden mußte, damit jeder Senator beim Eintritt in die Curie seine Andacht vor demselben verrichten könne; auch befahl er daß alle Magistrate bei öffentlichen Gebeten vor allen übrigen Göttern des römischen Staates den Elagabal anrufen sollten. Als er dann selbst in Rom anlangte, richtete er auf dem Palatin, dicht bei dem kaiserlichen Palaste einen prächtigen Tempel Beim Chronogr. v. J. 354 p. 647 ed. Mommsen heißt er das Eliogaballium, bei Hieronymus Eliogabalum templum. Vgl. Becker S. 435. und Cultus für seinen Gott ein, in welchem er alle heiligsten Heiligthümer der Stadt Rom versammelte, das alte Bild der Großen Mutter aus Pessinus und das Feuer der Vesta und das Palladium und die Ancilien und andre Heiligthümer, denn es sollte fortan kein andrer Gott sein als Elagabal, dem er selbst als Hoherpriester diente; auch von den Juden, den Samaritanern, den Christen forderte er dieselbe Anerkennung. Rings um diesen Tempel wurden viele Altäre gestiftet, wo er jeden Morgen ganze Hekatomben von Stieren und Schafen schlachtete und dazu mit den kostbarsten Specereien räucherte, mit den kostbarsten Weinen spendete, so reichlich daß sich ganze Ströme des edlen Weins bildeten, vermischt mit dem Blut der Opferthiere. Dazu tanzte er syrische Weisen um die Altäre in fanatischer Aufregung, Cymbeln und Pauken mit den Händen schwingend, unter den Augen des ganzen Senats und der Ritterschaft, welche stehend zusahen, während die angesehensten Personen die Dienste der Handreichung leisten mußten. Wie er sich dann selbst 749 vermählte, so sollte auch sein Gott eine Frau haben, zu welcher Ehre zuerst die jungfräuliche Pallas und das troische Palladium, dann die »himmlische Jungfrau« von Karthago und das alte Bild der Dido ausersehen wurde, welches deshalb mit allen Tempelschätzen als Aussteuer zur Vermählungsfeier in Rom ausgeliefert werden mußte. Einen zweiten Tempel errichtete er in seinem Park der Vorstadt zur Spes Vetus In der Gegend der Porta Maggiore, s. meine Regionen S. 131. , wohin er jährlich im Sommer seinen Gott in eigner Person auf einem Wagen geleitete, wie davon verschiedene Münzen der Zeit eine Ansicht geben Eckhel D. N. VII p. 249 sqq. Diese Münzen haben die Inschrift: Sancto Deo Soli Elagabal. Auf dem Wagen steht der Stein aus Emesa, umgeben von 4 Stangen, auf welchen kleinere Steine von derselben Gestalt. Andre Münzen mit der Inschrift Conservator Aug. zeigen den Stein auf demselben Wagen und einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln, im Felde einen Stern. Noch andre, mit der Inschrift Invictus Sacerdos Aug. oder Sacerdos Dei Solis Elagabal oder Summus Sacerdos Aug., zeigen den Kaiser vor einem lodernden Altare stehend, in seiner L. einen Palmenzweig, am Boden einen Stier als Opfer, im Felde einen Stein. Auch in andern Urkunden der Zeit nennt sich dieser Kaiser immer den Hohenpriester des Deus Sol oder Deus Invictus Sol Elagabal, s. Henzen z. Or. n. 5514. 5515. 7414 a. . Das Fest war mit vielen Spielen, Wettrennen und anderm Sinnenkitzel für den Gaumen und das Ohr des großen Haufens gewürzt, zu welchem Behufe er in jenem Park einen Circus, ein Theater und andre Gebäude errichten ließ. Der Kaiser selbst führte den mit Gold und Edelsteinen verzierten, von sechs weißen Rossen gezogenen Wagen, vor demselben rückwärts einherschreitend, damit sein Gesicht sich keinen Augenblick von dem Steine abwende; das Volk begleitete ihn zu beiden Seiten mit vielen Fackeln, Kränze und Blumen werfend; die Ritter und die Soldaten zogen vorauf mit allen möglichen Götterbildern und vielen prächtigen Symbolen und Attributen der kaiserlichen Gewalt. Es war ein kurzer Rausch, den der Wahnsinnige bald mit seinem Tode büßte. Nach demselben wurde der Stein nach Emesa zurückgeführt, wo noch Aurelian ihm seine Huldigung darbrachte. In Rom und im Occidente sind nur wenige Spuren von diesem Cultus übrig geblieben Or. n. 1940, 1941. 2161. , dahingegen die nun folgenden sich schon weiter verbreiteten und länger behaupteten. d. Iupiter O. M. Heliopolitanus. wie ihn die römischen Münzen und Inschriften gewöhnlich 750 nennen Marini Atti Arv. p. 541, Seidl Dolichenuscult S. 51 f. . Der Stammsitz war das syrische Heliopolis d. i. die Stadt des Sonnengottes (Baalbek), welche zwischen dem Libanon und Antilibanon auf dem Wege von Byblus nach Damascus, nicht weit von der Quelle des Orontes lag. Das Bild, welches angeblich aus dem ägyptischen Heliopolis stammte, war das eines jungen Mannes, dessen Rechte wie die eines Wagenlenkers erhoben und mit einer Geißel bewaffnet war, während die Linke zugleich den Blitz und Aehren hielt: welche Attribute diesen Gott also zugleich als den Lenker des Sonnenwagens, als den Schleuderer der Blitze und als den Spender milden Segens characterisiren Macrob. Sat. I, 23, 10 ff. Auch auf den phönicischen und griechischen Münzen von Tarsos, Soli, Mallos u. a. cilicischen Städten sind die Attribute des thronenden Jupiter Aehren und Trauben. . In demselben Tempel befand sich das in diesen Zeiten sehr berühmte Orakel, welches für eine Stiftung des Apollo galt, dessen Bild auch hier ein bärtiges war und in seinen Attributen zugleich auf friedlichen Segen und auf Krieg und Sieg deutete S. die Beschreibung und Auslegung des Bildes bei Macrob. I, 17, 66. Ein ähnlicher Apollo auf einer M. von Tarsos bei Liebe Gotha Numm. p. 288. Ein Orakel des Ζεὺς Βῆλος zu Apamea, Dio LXXVII, 8, 40. . Die Orakel wurden durch die Bewegungen des auf eine Bahre gesetzten und von den Edelsten des Landes getragenen Bildes des Jupiter ertheilt; doch konnte man diesen Gott auch aus der Ferne durch schriftliche Anfrage consultiren, auf welche er schriftlich antwortete. Die Syrer nannten diesen von ihnen als höchste männliche Potenz verehrten Sonnengott Adad, welches nach Macrobius den Einzigen und Alleinigen bedeutet Es ist der syrische Hadad, s. Zachar. 12, 10 und die Nachweisungen bei Movers Phönizier I, 196, II, 1, 513. Auch Plin. H. N. XXXVII, 11, 71 nennt ihn einen syrischen Gott, Hesych. v. Ἀδαδοὺς einen phrygischen, der hermaphroditisch gedacht werde. . Neben ihm wurde Atargatis als höchste weibliche Muttergöttin angebetet. Der prächtige Tempel in Heliopolis, dessen Trümmer noch jetzt das Erstaunen der Reisenden sind, war von Antoninus Pius erbaut worden. Auch in Palmyra, dem alten Tadmor, welches sich in den ersten Jahrhunderten n. Chr. als Handelsort in der Wüste hob und in der Friedenszeit der Antonine außerordentlich blühte, wurden diese und andre syrische Götter verehrt, wie davon sowohl die Trümmer ihrer Tempel als vereinzelte Denkmäler zeugen Verschiedene Denkmäler Palmyrenischer Abkunft in Rom nennen den Sonnengott Malachbelus und feiern neben ihm bald den männlichen Mondgott (Aglibolus) und die Astarte in Gestalt einer Cypresse, bald den römischen Sol Invictus und den verschleierten Saturn mit der Harpe, welcher auch auf afrikanischen Denkmälern der gewöhnliche Stellvertreter des Baal ist, s. F. Lajard Monum. d. Inst. 1847 pl. XXXVIII, Annali p. 47 sqq., Culte du Cypres pyramidal t. I–III p. 11 sqq. Vgl. die Inschriften im Corp. I. Gr. n. 4480 und 6015 und die ähnlichen Namen des Zeus in Beröa ib. n. 4450. 4451. . Der 751 Jupiter von Heliopolis und der ihm wahrscheinlich nah verwandte Jupiter von Damascus hatte in Italien namentlich in Puteoli eine kleine Gemeinde, welche meist aus Kaufleuten von Berytos bestand Mommsen I. N. n. 2474–2476 und 2488 Imp. Caesari Divi Nervae F. Nervae Traiano – cultores Iovis Heliopolitani Berytenses qui Puteolis consistunt. Vgl. ib. n. 2516 L. Capurnio Capitolino etc. mercatores qui Alexandr. Asiai Syriai negotiantur. Auch tyrische Kaufleute mit einheimischem Gottesdienste hatten dort eine Niederlassung s. Corp. I. Gr. n. 5853 und Mommsen in den Leipz. Berichten 1850 S. 57 ff. So wurde auch der arabische Dusares in Puteoli verehrt, Mommsen I. N. n. 2462, Henzen n. 5828, wahrscheinlich von Kaufleuten aus dem peträischen und nabatäischen Arabien, welches die Heimath dieses Dienstes ist. Vgl. über ihn Movers Phönizier I, 337, Stark Gaza S. 572. . Andre Denkmäler weisen nach Rom, nach Siebenbürgen, nach dem südlichen Frankreich und nach Numidien Or. n. 49 (1712), 1245, Henzen n. 5485, 5632, 5633, L. Rénier Inscr. de l'Algérie I n. 143. . Weit mehr verbreitet war im Occident der nah verwandte, aber dem kriegerischen Geiste der Legionen besser entsprechende e. Iupiter O. M. Dolichenus dessen Heimath Doliche ist, eine Stadt im nördlichen Syrien, die auf einem für den Handelsverkehr von Syrien, Mesopotamien, Armenien, Cappadocien und Cilicien sehr wichtigen Punkte lag und überdies durch ihre Bäder und Heiligthümer lockte Marini Atti Arv. p. 538–542, I. G. Seidl über den Dolichenuscult, Wien 1854, I. Becker in den Heidelb. Jbb. 1854 S. 487–496 und im Archiv f. Frankf. Gesch. und Kunst H. 6, Frankf. 1854 S. 6 ff. . Strabo gedenkt dieser Stadt noch nicht, erst in den Zeiten der Antonine scheint sie sich zu größerer Bedeutung erhoben zu haben. So mag auch der Cultus des Iup. Dolichenus, über dessen Entstehung wir nichts Näheres wissen, der jüngste von allen diesen syrischen Jupitersdiensten sein. Die bildliche Darstellung ist in einigen Punkten der von Heliopolis und Hierapolis verwandt, in andern erinnert sie mehr an den kriegerischen Zeus der Bevölkerung von Kleinasien Vgl. das Bild des Jupiter mit der Axt in der R., dem Blitze in der L., welches nach einem Relief aus Ninive abgebildet ist bei Layard Niniveh and its Remains II p. 451. . Immer ist es das Bild eines 752 Mannes in römischer Kriegsrüstung, welcher auf einem ausschreitenden Stiere von kräftiger Bildung steht. Einige Denkmäler zeigen ihn jugendlich und mit einer Strahlenkrone, andre bärtig und mit den Attributen des Blitzes und eines Doppelbeils Oder die R. erhoben, in der L. den Blitz. Statt des Doppelbeils hat er einmal eine Traube oder Blume in der Hand. , alle in der Umgebung der Siegesgöttin und des Adlers. Mehrere Inschriften verbinden seinen Namen mit dem des Jupiter von Heliopolis, andre nennen neben ihm die syrische Juno oder eine eigne Iuno Dolichene, andre den Sol, den Hercules, die Diana. Offenbar ist der Stier nach Anleitung des Gottesdienstes zu Hierapolis zu erklären, das Doppelbeil nach Analogie des Zeus Stratios und des lydischen und tarsischen Hercules. Jedenfalls ist auch dieser Jupiter als eine höchste Macht des Himmels, speciell als Sonnen- und Donner-Gott gedacht worden, einerseits streitbar und siegreich, andrerseits segnend und befruchtend, ja selbst dem Heilgott Aesculapius verwandt, mit welchem sein Name mehr als einmal verbunden wird S. Seidl n. 29 aus Hermannstadt: I. O. M. D. ex proscripto Num. Aesculapii und die wiederholten Dedicationen pro salute, vgl. die Inschrift aus Lambaese bei Rénier 1 n. 144 und 145 I. O. M. Dolic. Aesculapio Ygiae ceterisque Diis immort. . Indessen scheint die kriegerische Auffassung vorgeherrscht und er sich vorzüglich dadurch den Legionen empfohlen zu haben, welche diesen Gottesdienst wie die Mysterien des Mithras auch im Occident sehr weit mit sich herumgetragen haben, durch Siebenbürgen und Ungarn bis nach Kärnten, Steiermark, Tirol und in das Gebiet von Venedig und die Lombardei, ja bis an den Main und Rhein und nach England und Algier. Doch hat auch der Handel zu seiner Verbreitung beigetragen, daher auch das südliche Italien, namentlich Puteoli, an Votivsteinen dieses Dienstes reich ist und im südlichen Frankreich Marseille ihn kannte. So gab es auch in Rom ein angesehenes Heiligthum dieses Gottes, mitten in der Stadt, auf dem Aventin, wo das Dolocenum der Regionen nichts Anderes ist als das durch zahlreiche Inschriften bestätigte Heiligthum des Iup. Dolichenus S. die Regionen d. St. R. S. 202. . Dasselbe bestand schon unter Commodus, scheint aber unter Septimius Severus und seinen Söhnen zu besonderem Ansehn gelangt zu sein, da mehrere Weihungen pro salute L. Septimii Severi, seiner Gemahlin und seiner Familie 753 vorhanden sind, namentlich aus der Zeit wo dieser Kaiser mit seinen Söhnen in Syrien beschäftigt oder von dort gegen die Parther aufzubrechen im Begriffe war. Andre Dedicationen fallen in die Zeiten des Gordian, Aurelian und Diocletian. Endlich f. Iuno Caelestis oder Virgo Caelestis von Karthago, die alte Burggöttin der Dido, welche im dritten punischen Kriege förmlich evocirt und nach Rom übertragen wurde Serv. V. A. XII, 841 constat bello Punico secundo exoratam Iunonem, tertio vero bello a Scipione sacris quibusdam etiam Romam esse translatam. Vgl. S. 257 und 468, 1183 . , unter den Kaisern aber mit dem von neuem aufblühenden Karthago von neuem zu Ehren kam. Es ist die Astarte der Phönicier, wie sie besonders in Sidon mit großem Glanze verehrt wurde, die weibliche Macht des Himmels, welche über Mond und Sterne, über Blitz und Regen gebietet, eine jungfräuliche, strenge und fanatische Göttin, daher sie mit der Diana, der Juno, nicht selten auch mit der phrygischen Cybele identificirt wurde, aber auch Liebesgöttin, daher man sie auch Venus Caelestis nannte, wie sie in der Mythologie durch Dido und Anna vertreten und im Cultus bei gewissen Gelegenheiten mit lasciven Gebräuchen und Gesängen verherrlicht wurde Augustin C. D. II, 4 und 26. Die Venus von Sicca bei Val. Max. II, 6, 15 ist vermuthlich dieselbe Göttin. . Ihr Bild sehen wir auf karthagischen Kaisermünzen z. B. denen des Septimius Sev. und Caracalla Eckhel D. N. VII p. 183 sq. Vgl. Apulei. Met. VI p. 388 Magni Iovis germana et coniuga, – sive celsae Carthaginis, quae te Virginem vectura leonis caelo commeantem percolit, beatas sedes frequentas , und Zoëga Bassir. I p. 91. : eine Göttin welche auf einem laufenden Löwen thront und in der R. den Blitz, in der L. eine Lanze führt; neben ihr erinnert ein Fels, aus welchem Wasser hervorquillt, an den Segen der Höhe, um den sie in Karthago und ganz Afrika angegangen wurde Tertull. Apolog. 23 ista ipsa Virgo Caelestis pluviarum pollicitatrix. . Denn durch ganz Afrika wurde sie verehrt und als die himmlische Göttin (Urania) und als Herrin der himmlischen Heerschaaren (Ἀστροάρχη) angerufen, obwohl man sie gewöhnlich eine Mondgöttin nannte Herodian V, 6, vgl. Horat. Od. II, 1, 25 Iuno et deorum quisquis amicior Afris. Tertull. Apolog. 24 Unicuique etiam provinciae et civitati suus deus est, ut Syriae Astartes, ut Arabiae Dusares, ut Noricis Belenus, ut Africae Caelestis, ut Mauretaniae reguli sui. . Auch für eine Heilgöttin und höchste Schicksalsgöttin 754 galt sie, daher ihre Hierodulen in Karthago als Weissagerinnen aufzutreten pflegten, auch über politische Angelegenheiten und die Zukunft des Reichs, so daß das leicht erregbare Volk durch ihre Sprüche mehr als einmal in wilde Gährung versetzt wurde Iul. Capitolin. Pert. 4, Opil. Macrin. 3, vgl. Treb. Pollio XXX tyr. 29 Afri Celsum Imperatorem appellarunt peplo Deae Caelestis ornatum und Philastri de Haeres. 15 Alia haeresis est in Iudaeis, quae Reginam (adorabat), quam et Fortunam Caeli nuncupant, quam et Caelestem vocant in Africa. . Wie sehr diese Göttin in den sinkenden Zeiten auch in Rom und Italien Anklang gefunden hatte, beweisen die Inschriften, in welchen sie bald Caelestis schlechthin, bald Virgo Caelestis, Bona Dea Caelestis, Iuno, Diana, Venus Caelestis, Invicta Caelestis Urania u. s. f. genannt wird Fabr. p. 637. 667, Or. n. 1942 ff., Henzen n. 5859. 5860 u. A. Vgl. Münter Rel. d. Karth. S. 62, Movers Phönicier 1, 604 ff., II, 1, 362, 2, 92 ff. Auch auf Malta wurde diese Göttin als Iuno verehrt, s. Cic. in Verr. IV, 46, 103, Val. Max.I, 1 ext. 2. . 5. Sol Invictus und die persischen Mithrasmysterien. Es ist ein Lieblingsgedanke dieses Zeitalters daß es eine höchste göttliche Macht der natürlichen, geistigen und sittlichen Ordnung der Dinge gebe, welche sich sinnlich in der Erscheinung der Sonne darstelle. Daher die Deutung der Götter fast von allen Nationen auf den Sonnengott, des Serapis, des Adonis, des Attis, des syrischen Zeus, des persischen Mithras, des griechischen Apollo u. s. w. Zugleich bekam dieser Glaube eine eigenthümliche politische Wendung dadurch daß die römischen Kaiser ihn sich zu eigen machten, als ob der Kaiser die höchste Macht auf Erden sei wie der Sonnengott am Himmel: ein Glaube welcher in den alten orientalischen Reichen Aegyptens, Mediens und Persiens von jeher geherrscht hatte, in dem römischen Reiche aber, vermuthlich nach dem Vorbilde des damaligen Perserreichs, zuerst durch Aurelian einen bestimmteren Ausdruck bekam. Aurelian war aus Sirmium in der Gegend von Belgrad gebürtig und geringer Herkunft, einer von jenen glücklichen und tüchtigen Generalen, denen das römische Reich zuletzt anheimfiel. Seine Mutter soll Priesterin bei einem Tempel des Sonnengottes in 755 jener Gegend gewesen sein; Aurelian gefiel sich später darin für einen Sohn eben dieses Gottes zu gelten, welcher seine Zukunft früh verkündigt und ihn in allen Gefahren väterlich behütet habe. Sein Bild glaubte er in dem des Sonnengottes einer Schale wiederzuerkennen, die man ihm bei einer Gesandtschaft in Persien überreichte, dergleichen sonst nur von dem Könige der Perser an die römischen Kaiser überreicht zu werden pflegten. Hernach in der entscheidenden Schlacht gegen die Zenobia, welche in der Nähe von Emesa geliefert wurde, soll der Sieg durch eine göttliche Erscheinung gewonnen sein, deren Bild dem Aurelian gleich darauf in dem Tempel des Elagabal zu Emesa begegnete Flav. Vopisc. Aurelian 5. 25. . Daher seine große und freigebige Fürsorge sowohl für diesen Tempel, den er von neuem baute und mit kostbaren Weihgeschenken überhäufte, als für den Sonnentempel in Palmyra; daher die Stiftung eines neuen Sonnencultus in Rom. Auch hier war der Tempel ein sehr großer und prächtiger; wahrscheinlich haben sich die zu dieser Anlage gehörigen Gebäude vom Garten Colonna am Quirinal bis zu der darunter gelegenen Piazza S. S. Apostoli hinuntergezogen. Er war nach orientalischem Geschmack decorirt und in seinem Innern mit vielen Bildern, Gemälden, Teppichen, kostbaren Gewändern, namentlich aber mit den Spolien Palmyras verziert; das Bild des Sonnengottes scheint ein doppeltes gewesen zu sein, sowohl das des syrischen Baal, wie es ihm bei Emesa erschienen war, als das des gewöhnlichen Helios oder Sol Zosimus I, 61 Ἡλίου τε καὶ Βήλου καϑιδρύσας ἀγάλματα. Ueber die Lage des T. s. Becker Handb. I S. 587 ff., meine Regionen S. 137. Es wurden von Aurelian für diesen Dienst eigne Pontifices Solis eingesetzt, im Gegensatze zu welchen sich die älteren Pontifices maiores oder Pontifices Vestae nannten, s. Marquardt IV S. 92 und 195. d. h. des Wagenlenkers mit dem strahlenden Haupte, wie er auf den Münzen der römischen Kaiser von Commodus bis Constantin S. bei F. Lajard introd. à l'étude du culte etc. de Mithra pl. CII. Von den Münzen Aurelians s. Eckhel D. N. VII p. 482 sqq. als Sinnbild der höchsten Weltmacht und Schutzgott des Kaisers sehr oft erscheint. Auch die Münzen Aurelians sind reich an Beziehungen zu diesem Gotte; sie nennen ihn bald mit seinem gewöhnlichen Namen Sol Invictus bald Dominus Imperii Romani d. h. den eigentlichen und göttlichen Herrn und Vorsteher des römischen Reichs, während Aurelian selbst sich auf denselben Münzen nennt Deus et Dominus natus Aurelianus Augustus oder Restitutor Orbis, Restitutor Orientis u. s. w., also gleichsam für 756 den incarnirten Sonnengott, der auf Erden Ordnung schafft, gehalten wissen wollte Noch ehe er Kaiser wurde, soll Aurelian, als Valerian ihn wegen seiner Dienste gegen die Gothen auszeichnete, gesagt haben: Dii faciant et deus certus Sol ut et Senatus de me sic iudicet. Flav. Vopisc. 14. . Sol Invictus heißt er als der unbesiegbare, immer von neuem über Nacht und Winter triumphirende Held und König der himmlischen Heerschaaren, den man nach dem Vorbilde der Phönicier und Perser um die Zeit des kürzesten Tages, in Rom am 25. Dec. feierte Nach dem Kal. Constant. z. 25. Dec. N(atalis) Invicti . Vgl. Iulian Or. IV p. 156 πρὸ τῆς νεομηνίας εὐϑέως μετὰ τὸν τελευταῖον τοῦ Κρόνου μῆνα ποιοῦμεν Ἡλίῳ τὸν περιφανέστατον ἀγῶνα, τὴν ἑορτὴν Ἡλίῳ καταφημίσαντες Ἀνικήτῳ. Nach Julian folgte dieses Fest (τὰ Ἥλια) unmittelbar auf die Saturnalien. Derselbe spricht ib. p. 155 von tetraeterischen Spielen, ἄγομεν Ἡλίῳ τετραετηρικοὺς ἀγῶνας. Nach dem Chronogr. v. J. 354 und Hieronymus stiftete Aurelian den ersten agon Solis in Rom. Der Zeit nach entspricht jenem Feste des Sol Invictus das Fest des Mithras bei den Persern und das der ἔγερσισ Ἡρακλέους in Tyrus. . Unter Diocletian erlebte diese abstracte Reichs-Sonnenreligion ihre höchste Blüthe und selbst Constantin scheint trotz seines Anflugs von christlichem Glauben im Wesentlichen diesem politisch wohlberechneten Glauben an den Sol Invictus, den Gott der Götter, den König der Könige anhängig geblieben zu sein, bis Julian ihm noch einmal in seiner merkwürdigen Rede auf den Sonnenkönig, wo er sich selbst den stellvertretenden Diener dieses höchsten Königs nennt Or. IV p. 130 ed. Spanh. καὶ γάρ εἰμι τοῦ βασιλέως ὀπαδὸς Ἡλίου. In Dresden sah man am 19. Mai 1812, ehe Napoleon nach Rußland aufbrach, im Theater einen Sonnentempel mit der Inschrift: »Weniger groß und glänzend als Er ist die Sonne«. , zu empfehlen wagte. Neben diesem kaiserlichen und abstracteren Sonnencultus fehlte es nicht an populären Formen desselben Glaubens, welche auf dem Wege des Aberglaubens und einer geheimen Weihe demselben Zuge des Zeitalters entgegenkamen; in welcher Hinsicht die weit verbreiteten Mithrasmysterien von besonderm Interesse sind. Sie sind altpersischen Ursprungs, hatten sich aber im Laufe der Zeit, wie alle diese Gottesdienste, durch Synkretismus und Ueberhäufung mit Symbolik und Ascetik sehr verändert. Mitra oder Mithra ist ein altarischer Gott des Lichts, den auch die Hymnen der Veda's kennen. In dem an ihn gerichteten Hymnus der Zendavesta ist er die höchste Macht des geschaffenen Lichtes, welche zugleich eine physikalische und eine moralische Bedeutung hat, die des allsehenden, allgegenwärtigen, Alles 757 durchdringenden Geistes, und die der personificirten Wahrheit und Treue, des Wahrers von allem Verkehr unter den Menschen, des Schutzes aller Armen und Unterdrückten. Zugleich ist er ein König über alle Geister, die er durch Nacht und Tod zur Unsterblichkeit führt, auch ein streitender Held und Gegner aller finstern Dämonen, daher er als Krieger auf gewaltigem Schlachtwagen, mit goldenem Helm und silbernen Panzer, mit einem Gefolge von verwandten Genien des Lichtes und der Wahrheit einherfahrend gedacht wurde F. Windischmann, Mithra, ein Beitrag zur Mythengesch. des Orients, Lpz. 1857 (Abh. der D. Morgenl. Ges.) . Aus andern Quellen des persischen Alterthums wissen wir daß auf Erden speciell die Könige ein Bild und eifrige Verehrer des Mithras waren, wie sie denn auch gewöhnlich bei ihm schwuren Xenoph. Cyrop. VII, 5, 53, Oecon. IV, 24, Plutarch Artax. 4 und die wichtige Stelle bei Plut. Alex. 30, wo Darius zu einem Eunuchen sagt, εἰ μὴ καὶ σὺ μετὰ τῆς Περσῶν τύχης μακεδονίζεις, ἀλλ’ ἔτι δεσπότης ἐγὼ Δαρεῖος, εἰπέ μοι σεβόμενος Μίϑρου τε φῶς μέγα καὶ δεξιάν βασίλειον. , ferner daß um die Zeit des kürzesten Tags, wo auch wir das neue Jahr feiern, ein Mithrasfest begangen wurde, bei welchem wieder die Könige besonders hervortraten Athen. X p. 434 D, Strabo XI p. 530. und welches sich noch jetzt bei den Persern in dem sechstägigen Feste Mihragân behauptet hat. Es lag also sehr nahe ihn mit dem über Nacht und Winter triumphirenden Sonnengotte zu identificiren, wie dieses später wirklich geschah Strabo XV p. 732, Plut. Is. et Os. 46, vgl. Hesych. Μίϑρας ὁ ἥλιος παρὰ Πέρσαις und Μίϑρας ὁ πρῶτος ἐν Πέρσαις ϑεός. , wo man ihn deshalb auch den Mittler nannte d. h. den Mittler zwischen Licht und Finsterniß, Ormuzd und Ariman. In der allgemeinen Gährung und Vermischung der Religionssysteme, zu welcher erst das Persische Reich, dann das Alexanders d. Gr. und der Diadochen Veranlassung gab, mag sich aus solchen Anfängen der mystische Dienst und Bilderkreis des Mithras ergeben haben, wie wir ihn aus den späteren Schriftstellern und Denkmälern kennen. In der hellenistischen Culturperiode läßt sich sein Name von Syrien bis nach Athen und der Insel Thera nachweisen S. meine Abh. über Oropos, Leipz. Berichte 1852 S. 186. , während die Könige von persischer Abkunft, die des Pontus und später die der Parther, sich oft nach ihm benennen und die indisch griechischen und indisch scythischen Münzen des bactrischen Reichs unter andern Göttern auch den Mithras als Sonnengott zeigen, eine 758 Gestalt in orientalischen Gewändern, die nun schon sehr an den Mithras der gewöhnlichen Denkmäler erinnert O. Müller in den Gött. Gel. Anz. 1838 n. 24 S. 229 ff. und danach Creuzer z. Archäol. 2 S. 295 ff. Die buddhistische Toleranz hat diesen nach Indien verpflanzten Mithrascultus auch später begünstigt, s. A. Weber indische Skizzen S. 103 ff. Auch der Deus Lunus auf dem zu Boden gestreckten Stiere auf einem Votivrelief aus Koula in Phrygien bei Texier Asie Mineure I. 51. 52 ist eine dem Mithras verwandte Gestalt. . Ist der Höhlencultus des Mithras wirklich in Persien entstanden, wie alte Schriftsteller versichern Eubulus b. Porphyr. de antr. Nymph. 6, vgl. Celsus bei Orig. c. Cels. VI p. 290 Spencer. Eubulus wird als ein Schriftsteller, welcher »die Geschichte des Mithras« in mehreren Büchern beschrieben habe, auch bei Porphyr. de Abstin. IV, 16 und bei Hieronym. adv. Iovin. II, 14 citirt. Außer ihm hatte Pallas über die Mithrasmysterien geschrieben, jedenfalls vor Hadrian, s. Porphyr. de abstin. II, 56. , so würde auch die Weihe des Mithras ein Product des dortigen Priesterthums sein, denn beide, diese Weihe und jene Höhle, hängen aufs engste zusammen. In der römischen Welt wurde dieser neue Gottesdienst zuerst zur Zeit des Pompejus bei den Seeräubern bemerkt, welche ihre Plünderungen über das ganze mittelländische Meer ausgebreitet hatten. Sie sollen von Cilicien her, wo ihre Heimath war und Tarsos auch später ein Mittelpunkt des Mithrasdienstes blieb, diesen Cultus zuerst dem Abendlande mitgetheilt haben Plut. Pompei. 24 und die M. des Gordian aus Tarsos bei Lajard t. CII n. 13. . Daß er sich zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. bereits in Rom festgesetzt hatte, beweisen die römischen Mithrasdenkmäler, unter welchen verschiedene von recht guter Arbeit sind Unter den Dichtern spielt zuerst Statius unter Domitian auf den Mithrasdienst an, Theb. I, 716 ff. . Unter Hadrian und den Antoninen scheint er vollends in Schwung gekommen zu sein, obgleich diese Weihe unter den zahlreichen Geheimdiensten der Art wegen ihres barbarischen Ursprungs und ihrer rohen und überladenen Symbolik eine der am wenigsten geachteten war Origines c. Cels. VI p. 290 macht es seinem Gegner zum Vorwurf daß er nicht die Eleusinien oder sonst bei den Griechen angesehene Mysterien mit dem Christenthum verglichen habe, sondern die persischen Mithrasmysterien, eine αἵρεσις ἀσημοτάτη. Bis Hadrian scheinen in diesen Mysterien sogar Menschenopfer herkömmlich gewesen zu sein, s. Porphyr. de abstin. II, 56, Ael. Lamprid. Commod. 9. . Erst unter der Militärdespotie des Septimius Severus und seiner Söhne gehörte dieser Cultus zu denen der Domus Augusta S. die Inschr. bei Marini Atti Arv. p. 529 u. Or. n. 2350. und immer scheinen nach den 759 erhaltenen Denkmälern zu urtheilen die römischen Legionen eine besondre Vorliebe für ihn gehabt zu haben. Ueberdies brachte es der letzte und schon verzweifelte Kampf des Heidenthums mit dem Christenthume mit sich daß die Anhänger von jenem sich vorzüglich solchen Mysterien anschlossen, welche mit dem Christenthum eine gewisse äußere Aehnlichkeit und auch wohl manche Gebräuche, z. B. die Taufe, eine Art Abendmahl, das Bild der Auferstehung Iustin. M. Apol. I, 66, Tertull. d. Baptism. 5, De praescr. Haeret. 40. , von dort entlehnt hatten. Gewiß ist daß »die schwarzen Mithrashöhlen«, deren noch der christliche Dichter Paulinus von Nola zu Anfang des 5. Jahrh. gedenkt, sich in Rom, Constantinopel und Alexandrien unter den letzten Agonieen des Heidenthums behauptet hatten. Eben jene zahlreichen Denkmäler der Mithrasmysterien, welche entweder in solchen Höhlen wirklich gefunden sind oder eine gleiche Cultusstätte voraussetzen lassen, sind zugleich die wichtigsten Quellen unsrer Kenntniß von denselben. Sie haben sich sowohl im südlichen Italien gefunden Mommsen I. N. n. 3574. 5705. 5706. 5941. als in Rom, wo es wenigstens zwei Mithrashöhlen gab, und in Ostia, ferner im nördlichen Italien, in Tyrol, in der Gegend von Wien, in Siebenbürgen, hin und wieder am Neckar und am Rhein, auch im südlichen Frankreich in der Gegend von Vienne und Lyon, endlich in England und in Numidien: so daß wir also hier noch einmal einem durch den ganzen romanischen Occident verbreiteten Gottesdienste begegnen Eine Uebersicht über sämmtliche Denkmäler giebt Zoëga Abhandlungen S. 146 ff., 394 ff., vgl. Bassir. t. 58 T. II p. 14–31, eine Sammlung der Bilder F. Lajard introduction à l'étude du culte public et des mystères de Mithra P. 1847 pl. LXXIV sqq. Außerdem sind zu vergleichen Mémoire sur le culte de Mithra par Jos. de Hammer publié par I. Spencer Smith P. 1833 und Creuzer über das Mithreum von Neuenheim bei Heidelberg 1838. D. Schrr. II, 2, 279 ff. Die wichtigsten Inschriften bei Orelli-Henzen n. 1908 ff., 2340 ff., 5844 ff., 6038 ff. . Fassen wir die wichtigsten Thatsachen dieser Bildwerke und Denkmäler zusammen, so ist Mithras immer die Hauptfigur, eine jugendliche Erscheinung in dem nationalen Anzuge der Meder, Perser und Armenier Lucian Göttervers. 9 ὁ Μίϑρης ἐκεῖνος ὁ Μῆδος, ὁ τὸν κάνδυν καὶ τὴν τιάραν, οὐδὲ ἑλληνίζων τῇ φωνῇ. Vgl. Iup. Tragoed. 8, Zoëga a. a. O. S. 152, Creuzer z. Archäol. 2 S. 314. . Seine Bedeutung ist die des Sonnengottes, speciell des Sol Invictus d. h. des streitenden, aus dem Kampfe mit den Mächten der Finsterniß immer von neuem 760 siegreich hervorgehenden Bald heißt es in diesen Dedicationen Soli Invicto, bald Soli Invicto Mithrae, bald schlechthin Invicto, auch Deo Soli oder Numini Invicto Soli Mithrae. Vgl. C. I. Gr. n. 6008 ff. aus Rom, wo u. a. Ἡλίῳ Μίϑρᾳ. . Eben deshalb ist er als ein Kämpfender und Ueberwindender dargestellt, nehmlich in dem Augenblicke wo er mit seinem Dolch einen Stier niederbohrt, welcher nach seiner äußerlichen Auffassung und Gruppirung genau dem Opferstiere der Siegesgöttin (Νίκη βουϑυτοῦσα), einer beliebten Gruppe der älteren griechischen Kunst entspricht. Ueber die Bedeutung dieses Stieropfers ist eben so wenig ins Klare zu kommen wie über die der phrygischen Taurobolien, welche sich mit den Mithrasmysterien mannichfach berühren, und die jener alten symbolischen Darstellung des den Stier überwindenden Löwen, von welcher Gruppe die orientalische Symbolik so oft Gebrauch macht, u. a. an der Treppe des Palastes von Persepolis. Höchst wahrscheinlich bedeutet der Löwe so gut wie Mithras die Sonne Mithras erscheint hin und wieder selbst als Löwe oder mit einem Löwenkopf, s. Welcker z. Zoëga S. 412, Creuzer a. a. O. S. 296 Anm. , der Stier vermuthlich die der himmlischen Natur der Sonne und des Lichtes entgegengesetzte und widerstrebende irdische Natur mit ihrer fruchttragenden Kraft Daher der Schwanz des Mithrasstiers auf den Denkmälern in einen Büschel Aehren ausgeht, was an den kosmischen Urstier des Bundehesch erinnert, der aber doch sonst nicht gemeint sein kann, vgl. Zoëga S. 123. Mithras selbst wird hin und wieder βουκλόπος und abactor boum genannt, Porphyr d. antr. nymph. 18, Iul. Finn. 5 p. 6 B., was an den Raub der Sonnenrinder und den Kampf um dieselben erinnert und zu einer andern Deutung führen könnte, vgl. Windischmann a. a. O. S. 65. , aber auch mit ihrem wilden Stürmen und Fluthen, welches von dem Sonnengotte, dem Vater und Schöpfer aller Dinge, erst überwunden werden muß, ehe Ordnung und Erlösung in die Welt kommt. Daher der Kampf in der Höhle, welche so wesentlich der Schauplatz dieses Kampfes und der Mithrasweihe ist, daß auch sein Heiligthum immer eine Höhle (σπήλαιον, spelaeum) sein mußte, doch wohl als Sinnbild des Dunkels aus welchem er immer von neuem hervortritt um der Welt zu leuchten und sie zu beherrschen. Daher Mithras in diesen Diensten selbst als ὁ ἐκ πέτρας, der aus dem Felsen, aus der tiefen Bergschlucht Geborne angerufen Iustin. M. dial. c. Tryph. 70 ὅταν δὲ οἱ τὰ τοῦ Μίϑρου μυστήρια παραδιδόντες λέγωσιν ἐκ πέτρας γεγενῆσϑαι αὐτὸν καὶ σπήλαιον καλῶσι τὸν τόπον, ἔνϑα μυεῖν τοὺς πειϑομένους αὐτῷ παραδιδοῦσιν etc. Daher der ϑεὸς ἐκ πέτρας b. Iul. Firm. 20 u. A. In einer zu Carnuntum entdeckten Mithrashöhle fanden sich sechs Altäre, von denen die meisten Deo Invicto oder D. I. Mithrae, einer aber Petrae Genitrici dedicirt war. und auch der Zeit nach sein Triumph in die 761 Jahresepoche verlegt wurde, wo das Licht den Sieg über die Finsterniß gewinnt, entweder in die des neuen Jahres oder in die der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche Porphyr. d. antr. Nymph. 24 τῷ μὲν οὖν Μίϑρᾳ οἰκείαν καϑέδραν τὴν μετὰ τὰς ἰσημερίας ὑπέταξαν κτλ. , wo die Perser ihr Newruz d. h. den neuen Tag (den älteren Jahresanfang im März) feiern; wie denn auch die Einweihung in die Mithrasmysterien den vorhandnen Denkmälern zufolge gewöhnlich in dieser Jahreszeit vorgenommen wurde, entweder im März oder im April. Auch passen zu dieser Auffassung die übrigen Figuren, mit welchen die Hauptgruppe auf den Mithrasdenkmälern umgeben ist, namentlich die beiden kleineren, wie Mithras gekleideten Gestalten mit gehobener und gesenkter Fackel, welche Auf- und Untergang bedeuten, wie oben in den Ecken die Brustbilder von Sol und Luna. Dagegen sind andere Gleichnisse wieder schwer verständlich, besonders die vielen Thiere, zahme und wilde, reine und unreine, welche bei dem Stieropfer zugegen sind und zum Theil von seinem Blute kosten; vielleicht sollen sie die verschiedenen Arten und Geschlechter der irdischen Natur ausdrücken, welche wie diese vergänglich, sündhaft und der Erlösung bedürftig sind. Jedenfalls hatte sowohl das Stieropfer der Mithrasmysterien als das der Taurobolien die Bedeutung eines Sühnopfers, wie dieses auch hin und wieder durch eine Inschrift ausdrücklich angedeutet wird So liest man auf einem dieser Bildwerke, welches aus dem Capitolinischen Mithreum mit der Borghesischen Sammlung in den Louvre gekommen ist, bei Lajard pl. LXXV, an der Stelle wo Mithras sein Messer in den Leib des Stiers stößt und das Blut hervordringt, nach welchem der Hund begierig leckt, die Worte NAMA SEBESIO d. i. νᾶμα σεβήσιον für σεβάσμιον, vgl. Zoëga a. a. O. S. 142. 157. 402, Welcker S. 399 ff. Eine andre Dedicationsinschrift endigt mit den Worten: Nama cunctis d. i. das für Alle vergossene Blut. . Andre Bilder, welche bei einigen Mithrasdenkmälern die innere Tafel mit dem Stieropfer wie eine Einfassung umgeben So besonders die Mithrasdenkmäler von Neuenheim bei Heidelberg und Heddernheim im Nassauischen b. Lajard pl. XC–XCII. , scheinen die Geschichte des Mithras und des Stieres weiter auszuführen, hin und wieder auch die verschiedenen Grade der Einweihung anzudeuten. Wieder andre zeigen den Mithras auf dem niedergeworfenen Stiere stehend Lajard pl. LXXIV. . Noch andre fügen der gewöhnlichen Vorstellung die 762 Figur des Aeon hinzu, welche in einigen Mithreen auch als besondre Statue gefunden wurde und jedenfalls mit zu ihrem Bilderkreise gehörte: eine abenteuerliche, aus thierischen und menschlichen Gliedern zusammengesetzte und mit vielen Attributen beladene Figur, welche schon ganz im Geschmack des spätesten Heidenthums eine Anschauung von der ewigen Zeit, dem persischen Uranfange der Dinge geben sollte Zoëga S. 185 ff., Bassir. s. T. II t. 59 p. 32–40, Lajard pl. LXX–LXXIII. . Was wir sonst noch von diesen Mysterien erfahren, theils durch die vorhandnen Inschriften theils aus andern Quellen, betrifft meist die Prüfungen und ascetischen Uebungen, welche der Weihe überhaupt oder den verschiedenen Graden derselben vorhergingen, oder diese Grade selbst oder endlich die Bedeutung derselben. Der Prüfungen, welche vor der Einweihung zu bestehen waren, sollen achtzig gewesen sein, eine Stufenfolge von leichteren zu immer schwereren Uebungen, in denen der Einzuweihende Muth und Seelenstärke beweisen und sich durch Buße zur heiligen Handlung vorbereiten sollte. So die Aufgabe durchs Feuer zu gehn, starken Frost, Hunger und Durst auszuhalten, mehrere Tage zu wandern oder zu schwimmen, in der Wüste zu fasten u. dgl. m. Suid. v. Μίϑρον, Gregor Naz. in Iulian I p. 37 ed. Montagu, Eton 1610 und Nonnus z. dems. ib. p. 132, Eudocia p. 291. . Endlich folgte die Weihe in verschiedenen Graden, von denen wir meist nur die Namen kennen, welche bald an die symbolischen Thiere der Mithrasbilder erinnern bald zur Voraussetzung andrer Symbole anleiten Porphyr. de Abstin. IV, 16, Hieronym. ad Laetam ep. 7: Zerstört sei die Mithrashöhle et omnia portentuosa simulacra, quibus corax, niphus (l. cryphius ), miles, leo, Perses, Helios Bromius (l. Heliodromus ), Pater initiantur. Vgl. die Inschriften b. Or. n. 2343. 2345. 2346 und die im Bullet. dell' Inst. Archeol. 1854 p. XXII sq. zusammengestellten. . So hieß der erste Grad der der Raben (κόρακες, die Weihe κορακικά), dann folgte ein Grad der κρύφιοι d. i. der Geheimen, welchen wie es scheint gewisse Bilder geheimer Gottheiten (τῶν ϑεῶν κρυφίων) gezeigt wurden, dann der der Streiter (milites), welche in der Mithrashöhle ein Schwerdt und mit demselben einen Kranz bekamen, den sie erst aufs Haupt setzen, dann wieder von demselben herunterstoßen mußten mit den Worten, Mithras sei ihr einziger Kranz Daher der Mithrasdiener daran zu erkennen war, daß er nie bekränzt erschien, Tertull. de corona 15. . Weiter folgte die Stufe der Löwen oder 763 Löwinnen (leones, λέαιναι, λεοντικά), denn auch in diese Mysterien konnten sowohl Männer als Frauen eingeweiht werden: bei welcher Weihe namentlich auf Reinheit und Heiligung gedrungen wurde, immer in symbolischen Handlungen Tertull. adv. Marcion. I, 13, Porphyr de antr. Nymph. 15. 17. . Von diesem Grade gelangte man weiter zu dem des Persers oder Perseus (Persei, Persica, Gradus Persicus), darauf zu dem eines Sonnenläufers (Ἡλιοδρόμος, Ἡλιακά), endlich zu dem höchsten und letzten eines Vaters (Pater, Πατρικά), welcher Name vermuthlich dem des Vater Mithras entspricht Die Väter wurden auch Adler und Falken genannt, ἀετοὶ καὶ ἱέρακες, Porphyr de Abstin. IV, 16, wohl in der Bedeutung solcher Thiere, welche mit scharfem Blick und kühnem Fluge der Sonne am nächsten kommen. . Jedem Grade scheint überdies eine eigne corporative Verfassung entsprochen zu haben und die untern Stufen den obern dergestalt untergeben gewesen zu sein, daß das Ganze dadurch eine in sich zusammenhängende hierarchische Verfassung bekam Jeder Grad hatte seinen Obern oder Pater, daher gelegentlich in einer Inschrift (Bullet. d. Inst. l. c, Henzen z. Or. n. 6042 h) ein pater leonum erwähnt wird und in einer andern (Or. n. 2335) ein hierocorax. Alle standen unter dem Pater Patrum Dei Solis Invicti Mithrae, Or. n. 2352. Ein Vater des Mithras mußte eidlich geloben sich in keine andre Mysterien einweihen zu lassen, welches Gelübde aber in den letzten Zeiten des Heidenthums nicht selten unbeachtet blieb, s. Eunap. Vit. Philos. p. 52 ed. Boisson., Or. n. 2351–2353. . Mochte dieses in einer so zerrissenen Zeit für Viele eine Anziehung sein, so ließen sich Andre durch die Verheißung höherer Aufschlüsse, oder eines besondern Trostes für dieses und jenes Leben, oder endlich durch abergläubische Hülfs- und Heilmittel des Leibes und der Seele anlocken, welche diese und andre Mysterien ihren Eingeweiheten zu überliefern pflegten. Wenigstens deuten die späteren Schriftsteller, wenn sie von dieser Weihe sprechen, auf einen verschiedenartigen Inhalt, einige auf die Lehre von der Seelenwanderung Porphyr de Abstin. l. c. , andre auf eine Erkenntniß des kosmischen und siderischen Weltzusammenhangs Porphyr de antr. Nymph. 6, Celsus b. Orig. c. Cels. VI p. 290. Nach Iul. Firm. 5 war Mithras nicht sowohl der Gott der Sonne als des Feuers, nach der Lehre der Magier der höchsten kosmischen Elementarkraft. Auch wurde nach dems. neben Mithras vorzüglich Hekate als weibliche Feuer d. h. als Mondgöttin in diesen Mysterien gefeiert. , noch andre auf allgemeine religiöse Beruhigung für das Leben und den Tod Iulian Caesares p. 336 Spanh. . 764 Mithras selbst aber wird in verschiednen Inschriften mit besondrer Betonung der Unbegreifliche (indeprehensibilis), der Allmächtige (omnipotens), der Große (magnus) genannt Vgl. die Reliefs b. Lajard pl. LXXX, LXXXIII, LXXXVIII. , während die Schriftsteller ihn als Herrn und Schöpfer aller Dinge, als Vater und Anfang alles Lebens, alles Heils preisen Porphyr. d. antr. N. 24 δημιουργὸς ὤν ὁ Μίϑρας καὶ γενέσεως δεσπότης. Nicht selten sind aber auch die Einweihungen pro salute Augusti oder andrer Personen, auch die nach wiederhergestellter Gesundheit, s. Or. n. 2341. 2344.2348. Allerlei abwendende Mittel, Hülfe gegen den bösen Blick u. s. w. s. O. Jahn t. III S. 96. , so daß wir auch in ihm eine jener pantheistischen Göttergestalten des absterbenden Heidenthums erkennen dürfen. Auch wurde mit der Zeit nicht allein die Weihe der Taurobolien und die des Mithras oft verbunden Or. n. 2351–2353, Henzen n. 6040. 6041. , sondern auch der Begriff des Mithras mit dem der verwandten Götter andrer Religionskreise, des alexandrinischen Serapis, des syrischen und babylonischen Baal, des griechischen Apollo verschmolzen Nonnus Dionys. XL, 399 ff., Claudian de laude Stilic. I, 59, Serv. V. A. I, 343. 642. Auf eine nahe Verwandtschaft der babylonischen Superstition mit der der Mithrasmysterien deutet auch Lucian Menipp. 6. . 6. Astrologie und Magie. Nichts reizte diese Zeit so sehr als das Geheimniß der Zukunft, in solchem Grade war es allen Aufregungen der Angst und Sorge, des Ehrgeizes und andrer Leidenschaften preisgegeben. Daher die vielen Orakel und Arten der Divination, so zahlreich und Producte so verschiednen Aberglaubens wie in keinem andern Abschnitt der Culturgeschichte. Zu den beliebtesten Mitteln den Schleier der Zukunft zu heben gehörten aber die der Astrologie und Magie, deren oft verbotne Künste jetzt auch in Rom und der römischen Welt, namentlich unter den Vornehmen, großen Anhang fanden. Die Astrologie ist bekanntlich ägyptischen und babylonischen Ursprungs, doch heißen ihre Meister bei den Griechen und Römern gewöhnlich schlechthin Chaldäer. Sie stützt sich auf den Glauben einerseits an ein unabänderliches Fatum, wie derselbe mit dem Verfall des Heidenthums je länger je mehr um sich griff und in dem allgemeinen Gewirr der Götter und 765 Göttersysteme zuletzt das einzige Feste blieb, andrerseits auf die Ueberzeugung von einer specifischen Göttlichkeit der Gestirne als ätherischer Wesen des Himmels und eines bestimmenden Einflusses dieser himmlischen Mächte auf Geburt und Schicksal der Menschen und irdischen Geschöpfe: wie dieser Glaube ja zu allen Zeiten ein sehr anziehender gewesen ist. In Griechenland waren die späteren Pythagoreer, Platoniker und Stoiker diesem Glauben sehr zugethan; namentlich war Posidonius, ein wissenschaftlich und durch Reisen vielseitig gebildeter Mann, der in Rom viel Anerkennung fand, der Astrologie sehr ergeben und eine der bedeutendsten Autoritäten für ihre Anhänger Augustin C. D. V, 2 Posidonius Stoicus multum astrologiae deditus. – Posidonius vel quilibet fatalium siderum assertor. 5 Posid. magnus astrologus idemque philosophus. Dagegen war Panaetius ein Gegner der Astrologie, aber auch der einzige Stoiker der dagegen war, Cic. de Divin. II, 42. In Italien scheint u. a. auch der Pythagoreer Archytas und seine Schule für die Astrologie gewesen zu sein, Prop. IV, 1, 77. . Hernach wurde Alexandrien ein Mittelpunkt eben so sehr der Astrologie als der Astronomie Prop. l. c. von Conon, vgl. Plutarch Anton. 33 und Flav. Vopisc. Saturn. 7. . In Rom warnt schon Cato den Landmann zugleich vor dem Haruspex, dem Augur, dem Wahrsager (hariolus) und dem Chaldäer, und nicht lange darauf, im J. 139 v. Chr., machen sich diese letzteren schon so lästig daß sie aus Rom und ganz Italien ausgewiesen wurden Cato r. r. 5, Val. Max. I, 3, 2, Plut. Mar. 42, Sulla 37. . Die ersten Spuren eines Einflusses auf die höheren Stände sind aus der Zeit des Marius und Sulla, worauf sich Cicero veranlaßt findet vor den Weissagungen und Nativitätsstellungen, mit denen die Astrologen chaldäischer und ägyptischer Herkunft der Gewinnsucht, dem Ehrgeize und andern Lastern auf die unverschämteste Weise schmeichelten, mehr als einmal nachdrücklich zu warnen Tusc. I, 40, 95, De Div. II, 42 und 47. Quam multa ego Pompeio, quam multa Crasso, quam multa huic ipsi Caesari a Chaldaeis dicta memini, neminem eorum nisi in senectute, nisi domi, nisi cum claritate esse moriturum. Vgl. auch die Diatribe des Philosophen Favorin gegen die Chaldäer b. Gell. N. A. XIV, 1. . Zu den Gläubigen gehörten die ersten Gelehrten der Zeit, sowohl Varro, welcher die Ueberzeugung von der göttlichen Substanz der Gestirne sehr bestimmt ausspricht und seinen Freund Tarutius, einen im Chaldäismus wohl bewanderten Römer, das Horoscop der Stadt Rom zu stellen bewog Varrob. Augustin. C. D. VII, 6 aethereas esse animas astra ac stellas eosque caelestes deos non modo intelligi esse, sed videri. Vgl. Cic. de Divin. II, 47, Plut. Rom. 12. , als 766 Nigidius Figulus, welcher für die späteren Astrologen von allen Römern die größte Autorität war Lucan. Phars. I, 639 Figulus, cui cura deos secretaque caeli nosse fuit, quem non stellarum Aegyptia Memphis aequaret visu numerisque moventibus astra. Vgl. Sueton Octav. 94, August. C. D. V, 3, Dio XLV, 1, nach welchem er in Verdacht verbotener Geheimweisheit stand, wie auch Hieronymus zu 45 v. Chr. ihn einen Pythagoriker und Magier nennt. Vgl. Merkel Ovid F. p. LXXXVII sq., Hertz de Nigidio Fig. p. 27 sq. . Er soll auch dem Vater des August die Größe seines Sohns gleich nach dessen Geburt aus den Sternen geweissagt haben, wie denn Augustus selbst von der Macht seines Gestirns gleich fest überzeugt war Daher der Capricornus auf Münzen und Gemmen, s. Sueton Octav. 94, Dio LVI, 25. und die häufigen Anspielungen der Dichter auf Constellation und Nativitätsstellung die zunehmende Verbreitung des Aberglaubens deutlich beweisen. Es ist dabei zu bedenken daß die Astrologen neben ihren Weissagungen über außerordentliche Wendungen des Geschicks und die Stunde und Art des Todes, welche die Meisten anlockten, sich doch auch auf allerlei praktische Lebensverhältnisse des städtischen und ländlichen Lebens einzulassen hatten und eben deshalb auch die Wissenschaft und Erfahrung des praktischen Lebens z. B. des Kalenders mannichfach gefördert haben. Vorzüglich aber hat doch auch die Astrologie der Alten immer in den Zeiten politischer Aufregung geblüht und diese durch Erregung ehrgeiziger Erwartungen und die Verkündigung außerordentlicher Katastrophen gewöhnlich sehr vermehrt, daher die Chaldäer unter den Kaisern fast bei allen Verschwörungen und Majestätsprocessen mit im Spiele waren und immer von neuem ausgewiesen doch immer von neuem zur Stelle sind, selbst unter den größten Gefahren des harten Exils oder Gefängnisses Tacit. Ann. II, 27 und Hist. I, 22 urgentibus etiam Mathematicis, dum novos motus et clarum Othoni annum observatione siderum affirmant: genus hominum potentibus infidum, sperantibus fallax, quod in civitate nostra et vitabitur semper et retinebitur. Vgl. Iuvenal VI, 562 und die Nachweisungen b. Marquardt R. A. IV, 101. Am strengsten war es immer verboten, diese und andre Weissager de salute principis oder de summa reipublicae zu consultiren d. h. ob der Kaiser bald sterben werde? ob wichtige Veränderungen im Staate bevorständen u. s. w., s. Spartian Sev. 15, Dio LXXVI, 8. . Erst unter der Regierung des ehrgeizigen und kühnen, dabei ganz der Astrologie ergebenen Septimius Severus, erlangten sie eine öffentliche Anerkennung selbst von 767 Seiten des kaiserlichen Hofs Herodian II, 9, Dio LXXVI, 11, Spartian Sev. 2. 3. 4 und Geta 2 gnarus geniturae illius, cuius ut plerique Afrorum peritissimus fuit. Auch Hadrian war in der Astrologie sehr bewandert gewesen, s. Spartian 2 und 15. . Nach ihm hat Alexander Severus den Mathematikern sogar einen eignen Lehrstuhl in Rom eingeräumt Lamprid. Alex. Sev. 26. . Unter den Kirchenvätern gewährt Augustin in einem lehrreichen Excurse über die Astrologie und ihre Unverträglichkeit mit dem Glauben an die göttliche Vorsehung und die Freiheit des menschlichen Willens einen Blick in den Streit des Publikums, Gelehrter und Ungelehrter, welche für und wider die Astrologen Partei nahmen De Civ. V, 1–7, vgl. M. Uhlemann Grundzüge der Astronomie und Astrologie, Leipz. 1857 S. 52 ff. . Nicht weniger verbreitet war in diesen aufgeregten Zeiten die Kunst der Magie und Geisterbeschwörung, gleichfalls ein alter Aberglaube, welcher aber jetzt bei dem Zusammenfluß so vieler Arten von geheimer Weisheit und dem Verfall aller ächten Wissenschaft eine Bedeutung bekam wie nie zuvor. In Griechenland war der Dienst der Hekate, namentlich in Thessalien, und der der Unterirdischen, namentlich an solchen Stätten wo sich s. g. Psychopompeen befanden, eine Schule dieser Uebungen gewesen Von Cumae s. Cic. Tuscul. I, 16, 37 inde ea quae meus amicus Appius νεκρομαντεῖα faciebat, inde in vicinia nostra Averni lacus, unde animae excitantur obscura umbra opertae ostio alti Acheruntis etc. Ueber die Neigung des Appius Claudius Pulcher, welcher Ciceros College im Augurat war, zur Nekromantie vgl. de Divin. 1, 58, 132. . Damit vermischte sich jetzt die Magie der Perser, der Babylonier und Aegypter, bis Alexandrien und seine Philosophie unter anderm Wahnglauben auch diesen zu stützen unternahm. In Rom mußten schon im J. 97 v. Chr. die Menschenopfer zu magischen Zwecken durch ein eignes Senatusconsult verboten werden, worauf von solchem Greuel in der nächsten Zeit allerdings nicht gehört wurde Plin. H. N. XXX, 1, 3. . Doch gehören seitdem die Wunder des Zaubers und der Beschwörung bei den Dichtern zu den beliebten Schilderungen, und bei der Untersuchung über den Tod des Germanicus kamen auch von neuem Spuren von heimlicher Menschenschlächterei zur Sprache Tacit. Ann. II, 69, Dio LVII, 18. Von Neros wüstem Aberglauben und seinem Eifer für solche Dinge s. Plin. H. N. XXX, 2, 5. Vgl. ib. 6 von den Opfern der Magie: homines immolare etiam gratissimum. , bis 768 endlich Nero unter andern Arten des Aberglaubens auch diesem aufs angelegentlichste ergeben war. So werden auch jene Schilderungen der Dichter in dieser Zeit auf eine merkwürdige Weise zugleich ausführlich und düster und grauenvoll, namentlich die bei Lucan Pharsal. VI, 507 ff., wo S. Pompejus in der Nacht vor der Schlacht bei Pharsalus die zu ihrer Zeit berühmte Hexe Erichtho Ovid Heroid. XV, 139. in der Nähe des Schlachtfeldes aufsucht, um durch sie aus dem Munde eines Verstorbnen die Zukunft zu erfahren, und eine andre bei Statius Theb. IV, 406 ff., wo Tiresias, dieser alte durch das griechische Epos und das attische Theater so berühmte Prophet nun auch zum Nekromanten geworden ist. Das Ziel und der Anlaß solcher Fragen an das Schicksal waren hier wie bei der Astrologie gewöhnlich die politischen Leidenschaften der Zeit, daher beide, die Magier und die Astrologen oft neben einander genannt und verfolgt werden, bis bei der allgemeinen Verfinsterung auch die Magie immer weniger Anstoß erregte. Hadrian verschmähte nicht das Opfer des Antinous um sein Leben zu verlängern, Marc Aurel versammelte vor dem Feldzuge gegen die Marcomannen die Priester, Seher und Magier aller Nationen, um die verschiedensten Arten von Beschwörungen und Sühnungen zu versuchen; wie er denn auch den berühmten Regen, welcher ihn im Kriege mit den Quaden rettete, nach der gewöhnlichen Ueberlieferung nicht dem Gebete der Christen, sondern dem Zauber eines ägyptischen Priesters verdankte Iul. Capitolin M. Antonin. 13, Dio LXXI, 8. Did. Julianus suchte durch Magie den Haß des Volks und der Soldaten zu beschwören, Spartian 7. . Sein Sohn, der wilde Commodus, soll sogar viele Kinder getödtet haben wo es galt durch Zauber eine ihm drohende Gefahr abzuwenden Dio LXXIII, 16. Aehnliche Greuel wurden von Heliogabal erzählt, Lamprid. 8. Auch die Chaldäer standen in dem Rufe des Kindermordes zu magischen Zwecken. . Auch Septimius Severus glaubte nicht blos an Astrologie, sondern an Magie und Geheimweisheit aller Zeiten und Länder, daher er eine bedeutende Litteratur der Art zusammenbrachte, welche er, nachdem er sie für seinen Bedarf ausgebeutet hatte, zuletzt in dem Grabe Alexanders d. Gr. in Alexandrien verschlossen haben soll. Noch weiter ging sein Sohn Caracalla, der Bösewicht, welcher es in seiner Gewissensangst mit allen Orakeln und allen möglichen Arten von geheimer Weisheit, Magie, Astrologie und Eingeweideschau versuchte. Kein Priester, 769 der sich auf solche Dinge verstand, entging seinen spähenden Blicken, und auch die Geister wurden oft citirt, selbst der Geist seines Vaters und des Commodus, bei welcher Gelegenheit sich der Geist seines ermordeten Bruders ungerufen mit eingestellt haben soll Dio LXXV, 13, LXXVII, 15 und 18, Herodian IV, 12. Durch Caracalla kam auch Apollonius von Tyana zu Ehren, dessen abenteuerliche Geschichte hinsichtlich des Aberglaubens der Zeit sehr lehrreich ist. . Dazwischen hört man in diesen späteren Zeiten auch nicht selten von dem Zauber und der Weissagung der nördlichen Völker, der Gallier, der Britten, der Deutschen, deren Priester immer in solchen Künsten wohl erfahren waren, vor allen die Druiden, deren Magie wegen der damit verbundenen Menschenopfer unter Tiberius und Claudius verboten wurde Plin. H. N. XXX, I, 4, Sueton Claud. 25, vgl. Vopisc. Aurel. 44, Numerian 14. 15. . Doch verschmähte es weder Aurelian noch Diocletian sich bei Druidenweibern wegen ihrer Zukunft Raths zu erholen. Sowohl in Griechenland als in Italien war der Dienst der Hecate seit alter Zeit der Mittelpunkt und die religiöse Sanction aller Zauberkünste und alles Geisterspuks gewesen. Schon bei Hesiod wird sie als eine durch alle drei Naturgebiete mächtige Göttin geschildert, und ihre auch in der römischen Mythologie allgemein anerkannte Gleichsetzung mit der Diana und der Proserpina trug vollends dazu bei ihren Begriff auf dem Wege des Cultus immer mehr in diesem Sinne auszubilden. So wurde auch sie in diesem Zeitalter, wo alle Theokrasie und Mystik blühte und das Grauenvolle mehr als das Schöne galt, zu einem Lieblingsbilde alles pantheistischen Aberglaubens, namentlich des der Nachtseite der Natur und den Gespenstern des Grabes zugewendeten. Noch Diocletian gründete zu Antiochien einen unterirdischen Dienst der Hecate in einer Krypta, zu welcher man auf 365 Stufen hinabstieg O. Müller Qu. Antioch. p. 99. . Auch sind aus dieser späten Zeit verschiedne Bilder der Hecate erhalten, welche auf geheime Weihen deuten, in denen sie mit den gewöhnlichen Mitteln der damaligen Symbolik d. h. durch Ueberladung mit verschiedenartigen Attributen und Eigenschaften für ein kosmisches Urwesen erklärt werden mochte, welches aus der Tiefe über Himmel und Erde, Meer und Unterwelt, und das Schicksal sowohl der Lebendigen als der Todten gebiete P. v. Köppen die dreigestaltete Hekate, Wien 1823, über ein Bild im Museum zu Herrmannstadt mit Reliefdarstellungen, welche doch wohl nur die verschiedenen Kreise und Gebiete ihrer Herrschaft vergegenwärtigen sollen. Vgl. auch Ed. Gerhard Antike Bildw. t. 314, 1–10, S. 405 ff., Archäol. Ztg. 1, 132 ff. t. VIII, welches Bild eher die Horen darstellen möchte. Zur Charakteristik des populären Hekateglaubens sind interessant die von O. Jahn Leipz. Ber. 1855 S. 107 besprochenen Zaubernägel. . Auch in den Dedicationstiteln 770 dieses Zeitalters erscheint die Weihe der Hecate nicht selten neben denen des Bacchus, der Isis und des Serapis, der Großen Mutter, des Mithras Or. n. 1901. 2335. 2351–53. 2361. , welche zusammengenommen gewissermaßen einen letzten Auszug des verfallenen Heidenthums darstellten. 7. Der Kaisercultus. Im Orient war die göttliche Verehrung der lebenden und verstorbenen Könige etwas Altes; sie gehörte dort sowohl zum Wesen des Despotismus als der Religion, welche die irdische Gewalt für den unmittelbaren Ausfluß und die sinnliche Darstellung der himmlischen nahm. In Griechenland führte das Beispiel des Orients, der herkömmliche Heroendienst und der Verfall der Freiheit und des alten Götterglaubens zu derselben Entartung, zunächst in Kleinasien, wo schon dem Lysander Altäre errichtet und Opfer und Spiele gestiftet wurden. Zur Zeit des Demetrios Poliorketes war dieser neue Cultus auch in Athen bereits zur widerlichsten Routine der Adulation geworden, und als hernach statt der griechischen und macedonischen Feldherrn die Römer kamen, wurde das ausgebildete System der Apotheose auch auf diese angewendet, auf die Feldherrn sowohl als auf die Präfecten, einen Flamininus, einen Sulla, einen Lucullus u. s. w. Vollends aber war dieses schmähliche System der Menschenfurcht in den hellenistischen Reichen des Orients, wo die Hofsitte der alten orientalischen Despotie und die Gewandtheit des griechischen Geistes zusammentrafen, zur höchsten Blüthe gediehen und eine Quelle für immer neue Stiftungen von Tempeln und Festen geworden, bei den Seleuciden und namentlich bei den alexandrinischen Ptolemäern, von denen vermuthlich manche conventionell gewordene Formen und Formeln der Adulation und Apotheose nachmals unmittelbar auf Rom und die römischen Kaiser übergegangen sind. In Rom führten dieselben Ursachen zu demselben Resultate, indem die Griechen auch hier die ersten Lehrer waren. 771 Wurden doch auch bei den italischen und sicilischen Griechen in den letzten Zeiten der Republik ähnliche Feste auf die römischen Feldherrn und Proconsuln gefeiert wie in Griechenland und Kleinasien, z. B. in Syracus einem Wohlthäter C. Marcellus und seiner Familie zu Ehren eigne Marcellea, welche Verres die Frechheit hatte in Verrea zu verwandeln Cic. in Verr. II, 2, 21; 4, 67. . Als es daher später zwischen Cäsar und Pompejus zur Entscheidung kam, war es im Sinne der Griechen nichts Außerordentliches als die Neapolitaner, Puteolaner und andre Griechen für das Wohl des in Neapel schwer erkrankten Pompejus beteten und opferten ( S. 602 ). Wohl aber war es etwas Neues und das sicherste Symptom, daß es mit der Freiheit vorbei und die Stunde des Despotismus gekommen war, was nach gefallener Entscheidung in Rom selbst vom Senate zur Auszeichnung Cäsars beschlossen wurde. Mit dem Halbgotte fing man an und mit dem Gotte hörte man auf: die gottesdienstliche Feier seiner Siege, seines Geburtstags, die öffentlichen Gebete für sein Wohl, die Benennung des Monates Julius, der Tempel in welchem sein eignes Bild und das seiner Milde göttlich verehrt wurde, diese und andre Beschlüsse überboten sich in rascher Folge bis zu seinem Tode S. außer Dio Cass. 1. XLIII und XLIV Appian de bell. civ. II, 106 und Sueton Caes. 76. Vgl. den Ausspruch Varros b. Augustin C. D. III, 4 oben S. 32, 19 und den Ciceros S. 65, 76 . . Anfangs abwehrend ließ sich der große Mann solche Huldigungen doch bald gefallen; wobei ihm außer dem allgemeinen Servilismus der Zeit zur Entschuldigung gereichen mag daß gewisse Elemente des älteren Glaubens, z. B. der an die Laren, die Genien, die Indigeten, bei den Gebildeten auch die herkömmliche euhemeristische Ansicht von der Entstehung des Götterdienstes der Apotheose leicht entgegenkamen. Aber was bei dem Genius im Sinne der Zeit als verzeihliche Huldigung erschien, das wurde nach seinem Tode zum Mittel der Staatsklugheit und der Dynastie. Gleich auf der Brandstätte des Leichnams auf dem Markte wurde ein Altar errichtet und auf demselben dem Cäsar wie einem Gotte geopfert; dann benutzte Octavian die Einweihung des Tempels der Venus auf dem Forum Julium um an den göttlichen Ursprung seines Geschlechts, den gleichzeitig erscheinenden Kometen um den Volksglauben, daß dieser Stern der göttlich verklärte Geist des Cäsar sei, durch 772 Bild und Schrift zu befestigen Dio XLV, 7, Sueton Caes. 88, Augustus selbst b. Plin. H. N. II, 25, 23, vgl. Iul. Obseq. 68, Serv. V. A. VIII, 681. Daher Virg. Ecl. IX, 47 ecce Dionaei processit Caesaris astrum. . So wurden nun nicht allein alle früher beschlossenen, dann wieder abgeschafften Ehren von neuem hervorgesucht und vermehrt, sondern Cäsar oder der göttliche Julius (Divus Iulius), wie er von nun an hieß, wurde bald zu einem eben so idealen Bilde und Garanten der Monarchie wie Romulus Quirinus, auch er ein Julier, es für diese Zeit war. Namentlich machte in dieser Hinsicht die Stiftung des Tempels des Divus Iulius auf dem Markte, auf derselben Stelle wo früher jener Altar gestanden Becker Handb. I, 335. Caesar, qui primus divinos honores meruit et Divus appellatus est , Serv. V. Ecl. V, 56. , Epoche, so sehr daß Augustus als Urheber dieses Cultus der Urheber des neuen Göttercultus der verewigten Kaiser überhaupt genannt zu werden pflegt. Auch war es mit dieser neuen Gottheit so ernsthaft gemeint daß ausdrücklich das Verbot erging, kein Bild des Cäsar solle in Zukunft bei einem Leichenbegängnisse seines Geschlechts folgen, da er wirklich und in Wahrheit ein Gott sei; wie man andrerseits an den hervorstechenden Ruhm seiner göttlichen Milde dadurch erinnerte daß man seinem Tempel, obwohl der Altar noch vor kurzem die Stätte einer höchst blutigen Rache an seinen Mördern gewesen war, die volle Gerechtigkeit eines Asyls gab. Als der Kampf um die Monarchie von neuem entbrannte, machten schon alle Gewalthaber auf heroische und göttliche Ehren Anspruch, jeder auf seine Weise. S. Pompejus hielt es nicht mehr für genügend an den Ruhm seines Vaters zu erinnern; er ließ sich in dem Kreise seiner Matrosen und Capitäne alles Ernstes als einem Sohne des Neptun huldigen Vgl. S. 505, 1296 und Plin. H. N. IX, 16, 22 und die Münzen b. Eckhel D. N. VI p. 27. Daher Horat. Epod. 9, 7 ut nuper actus cum freto Neptunius Dux fugit ustis navibus. . Antonius behauptete vom Hercules abzustammen und Bacchus, der große Gott und Sieger, war das Ideal seines Lebens Plutarch Anton. 60 προσῳκείου δ’ ἑαυτὸν Ἀντώνιος Ἡρακλεῖ κατὰ γένος καὶ Διονύσῳ κατὰ τὸν τοῦ βίου ζῆλον. c. 4 ἦν δὲ λόγος παλαιὸς Ἡρακλείδας εἶναι τοὺς Ἀντωνίους ἀπ’ Ἀντέωνος παιδὸς Ἡρακλέους γεγονότας. Vgl. Appian b. c. III, 16 (oben S. 87 ) und die Löwen des Antonius b. Cic. ad Att. X, 13, Plin. VIII, 16, 21. ; daher er in Rom, vollends nach dem Siege bei Pharsalos, vor aller Welt den Herakliden spielte, bei den Griechen und Asiaten aber als 773 Bacchus von Ort zu Ort zog und sich mit schwärmenden Gesängen und Festzügen, Schmäusen und Geldern, Mädchen und Buben den Hof machen ließ, bis er nach Alexandrien kam und dort von der Kleopatra als Aphrodite empfangen und gebändigt wurde Plut. Anton. 23 ff. Socrates Rhod. b. Athen. IV p. 148, Dio XLVIII, 39, Vell. Paterc. II, 82, Seneca Suasor. 1, Eckhel D. N. VI p. 64 sqq. Für die Aegypter hießen Kleopatra und Antonius Isis und Osiris, ihre Kinder Helios und Selene. Kleopatra pflegte immer im Costüme der Isis aufzutreten, s. Plut. 36. 54. Dio L, 5. . Weit vorsichtiger und klüger verfuhr Octavian, der deshalb sein Ziel um so sichrer erreichte: niemals ergreift er die Initiative, sondern Alles läßt er sich aufnöthigen, und immer will er nur als Friedensfürst erscheinen, als Wohlthäter des menschlichen Geschlechts und Begründer einer neuen Ordnung der Dinge, als Gott nur in den Provinzen, in Rom officiell nur als guter Genius, obwohl er sich von seinen Dichtern und Schmeichlern doch auch recht gern als einen Gott, etwa als Apollo oder als den künftigen Gott der Götter begrüßen ließ S. bes. Virgil Georg. I, 24 ff, III, 16 ff., vgl. oben S. 273 und 567, 1491 . Ein Arzt dedicirte ihm eine Schrift über die officinellen Kräuter mit der praefatio religiosa, ut omnibus malis humanis illius potissimum principis semper mederetur maiestas , Plin. H. N. XXV, 2, 2. . Die außerordentlichen Ehren und Auszeichnungen häuften sich seit dem Siege über S. Pompejus; dann war der Sieg bei Actium, von welchem Augustus selbst seine Monarchie datirte, für Rom und das ganze römische Reich das Signal daß die Zeit gekommen war. Schon begann in Asien seine göttliche Verehrung an der Seite der Dea Roma, obwohl er für die dortigen Römer nur die Verehrung des Divus Iulius in derselben Gruppirung zuließ und in Rom eine göttliche Verehrung seiner eignen Person, so lange er lebte, beharrlich ablehnte Dio LI, 20, Sueton 52, oben S. 705 . . Indessen wetteiferten die Hauptstädte Kleinasiens, Aegyptens und Syriens, die verbündeten Könige und nach Maaßgabe ihrer Mittel auch die Griechen um so nachdrücklicher in dem neuen Kaisercultus Prächtiger T. des August in Alexandrien, τὸ λεγόμενον Σεβάστιον, wo August als Beschützer der Schiffahrt verehrt wurde, neben der Livia, Philo legat. ad Cai. p. 567 sq., vgl. die Inschrift aus Philä b. Letronne recueil II p. 343 Καίσαρι ποντομέδοντι καὶ ἀπείρων κρατέοντι, Ζανὶ τῷ εκ Ζανὸς πατρὸς ’Ελευϑερίῳ, δεσπότα Εὐρώπας τε καὶ Ἀσίδος, ἄστρῳ ἁπάσας Ἑλλάδος, ὃς Σωτὴρ Ζεὺς ἀνέτειλε μέγας etc. und die Münzen b. Eckhel IV p. 45 sq. , und die westlichen Provinzen, Spanien und Numidien, Gallien, auch Italien konnten um so weniger zurückbleiben, je mehr sie die 774 persönliche Nähe und die Wohlthaten des um die Ordnung des Reichs im höchsten Grade verdienten Fürsten empfanden, wie namentlich Spanien und Gallien Daher in Spanien und Gallien die vielen Städte, welche durch ihre Namen und Monumente das Andenken Cäsars und Augusts pflegten. Ueber das südliche Gallien s. B. Stark Städteleben, Kunst und Alterthum in Frankreich S. 92. . Auch wurde der Name Augustus neben dem der Roma je länger desto mehr zum Symbole der politischen Wiedergeburt des römischen Reiches, seiner Rechte, seines Glaubens und seiner Civilisation, in welcher Hinsicht dieser Cultus sich sogar zu einer Art von Propaganda des neubegründeten Reiches unter den gallischen und germanischen Völkern und Häuptlingen ausbildete; wie sich bei der Ara Romae et Augusti in Lyon funfzig Völker durch ihre Häuptlinge zum gemeinsamen Bekenntniß einer religiösen Verehrung dieser politischen Mächte vereinigten Strabo IV p. 192, Liv. ep. 139, Sueton Claud. 2, Dio LIV, 32, Eckhel D. N. VI p. 135 sqq., Boissieu Inscr. de Lyon p. 82 sqq. und p. 113. Ueber die Ara Ubiorum s. Tacit. Ann. I, 57 und F. Ritter in den .Jbb. d. V. d. A. F. im Rheinl. XVII (1851) S. 47 ff. und nach dem Muster dieser Stiftung mit der Zeit in andern Gegenden ähnliche entstanden, namentlich auf der Stätte von Köln die Ara Ubiorum, eine Schule der römischen Gesinnung für die germanischen Häuptlinge. Kurz es erhoben sich während der Regierung des August und nach derselben eine Menge von Altären, Tempeln, Basiliken, Propyläen u. s. w., die seinen Namen und sein Andenken wetteifernd verherrlichten, wie davon die Inschriften und Münzen so vieler Städte, hin und wieder auch die Ruinen zeugen Ueber den T. zu Ancyra und das dort erhaltene Mon. Ancyranum s. A. W. Zumpt Mon. Ancyr. Berl. 1845, Texier Asie Mineure pl. 64–66. Bekannt sind außerdem die Ruinen zu Mylasa in Karien und der T. zu Pola in Istrien. Ueber den im J. 11 v. Chr. in Narbonne dem Numen Augusti zur Feier seines Geburtstags geweihten Altar s. Or. n. 2489, Fischer R. Zeittafeln S. 443, Zumpt de Augustal. p. 10 sq. Interessant ist auch das dem August und seiner ganzen Familie zu Pavia geweihte Monument, von welchem der Dedicationstitel durch den Anon. Einsiedl. erhalten ist, s. Mommsen Leipz. Ber. 1850 S. 313–320. . In Spanien wurde Tarraco schon unter August zum Mittelpunkte einer Verehrung, welche mit der Zeit immer glänzender wurde Unter August war es eine ara, unter Tiberius wurde ein Tempel daraus, s. Tacit. Ann. I, 78, Eckhel D. N. I p. 57 sq. , während in Neapel gleichfalls noch bei seinen Lebzeiten pentaeterische Spiele zu seiner Ehre eingesetzt wurden Sie wurden seit dem J. 2 n. Chr. gefeiert, nachdem August die durch Erdbeben und Feuer beschädigte Stadt wiederhergestellt hatte, s. Strabo V p. 246, Sueton Octav. 98, Claud. 11, Dio LV, 10, LVI, 29, LX, 6 u. A. In Puteoli soll die Kathedrale aus den Trümmern eines t. Augusti erbaut sein. Ueber Cumae s. das Kal. Cumanum oben S. 145 . und die 775 benachbarten Städte, namentlich Puteoli und Cumä, nicht zurückblieben. In Rom selbst ging man freilich einen langsameren Schritt, doch bedeutete schon der Name Augustus, welcher ihm im J. 27 v. Chr. vom Senate verliehen wurde (die Griechen übersetzen ihn durch Σεβαστός), den höchsten Grad von persönlicher Weihe und Heiligkeit Ovid F. I, 609 Sancta vocant augusta patres, augusta vocantur templa sacerdotum rite dicata manu. Vgl. Sueton Octav. 7, Dio LIII, 16, Veget. d. r. m. II, 5 nam Imperatori, cum Augusti nomen accepit, tanquam praesenti et corporali Deo fidelis est praestanda devotio. . Im J. 12, nachdem endlich Lepidus gestorben war, wurde er Pontifex Maximus und somit auch die höchste geistliche Person im römischen Staate, daher er seitdem auch die Attribute und Symbole dieser Gewalt um seine Person und um seine Wohnung auf dem Palatin, welche seitdem der kaiserliche Palast schlechthin wurde, versammelte. Vier Jahre darauf wurde der Monat August nach ihm benannt und der erste Tag ein für allemal der religiösen Feier seines Andenkens geweiht; bald darauf bei der neuen Eintheilung der Stadt der öffentliche Larencult reorganisirt und bei der Gelegenheit der Genius Augusti neben den beiden Laren zum städtischen Schutzgott erhoben ( S. 495 ). Endlich als er hochbetagt und reich gesegneten Andenkens zu seinen Vätern ging (14 n. Chr.), konnte dem Werk die Krone aufgesetzt und der sterbliche Mann nun von Rom aus für das ganze Reich zum Gott erhoben werden, als welcher er allen Nachfolgern des August, nicht blos den Juliern, sehr heilig und sehr nützlich gewesen ist. Kaum war er gestorben, so wurde er vom Senate für einen Divus erklärt und darauf die Ausstellung und Bestattung des Leichnams in Rom ganz so vorgenommen, wie es seitdem bei den Consecrationen der Kaiser herkömmlich geblieben ist. Zwei Tempel wurden ihm gestiftet, ein öffentlicher in der Nähe des Forum, ein prächtiger Tempel mit vielen Säulen und Bildern, den man oft auf den Münzen des Tiberius und Caligula sieht, von denen ihn jener gebaut dieser eingeweiht hatte Dio LVI, 46, LIX, 7. Er lag am Abhange des Palatin, gleich hinter dem t. Castorum, s. Becker Handb. I, 430, meine Regionen S. 150. Antoninus Pius stellte ihn wieder her, Eckhel D. N. VII p. 25. , und ein für die kaiserliche Familie und die Domus Augusta bestimmter, welchen Livia, jetzt Iulia Augusta 776 und Priesterin des Divus Augustus, im Palatium begründet hatte Plin. H. N. XII, 19, 42 in Palati templo, qnod fecerat Divo Augusto coniux Augusta. Zu diesem Culte gehörten die 3tägigen ludi Palatini, welche Livia stiftete und welche noch zur Zeit des Dio Cassius von dem Kaiser gegeben wurden, 21. bis 23. Jan., s. Dio LVI, 46, Marquardt R. A. IV S. 429. Im Kal. Constant. beginnen sie sogar schon mit dem 17. Jan. . Zugleich wurde damals das neue priesterliche Collegium der Sodales Augustales gestiftet, auf welches ich zurückkommen werde, und neue ludi Augustales zu Ehren des Divus Augustus, welche von jetzt an acht Tage lang vom 5. bis 12. Oct. mit circensischen und scenischen Spielen gefeiert wurden Den ersten Anlaß zu diesem Feste gab die Feier der Rückkehr Augusts aus dem Orient am 12. Octbr. des J. 19 v. Chr., s. Merkel Ovid F. p. XXVIII, Marquardt II, 3, 272, oben S. 559 . . Außerdem wurde vorzüglich der 1. August (S. 497, 1271 ) und der 23. Sept., letzterer als Geburtstag, zu seinem Andenken gefeiert, auch in den folgenden Zeiten, wo alle diese Feste und Tempel freilich, wie der Name Augustus überhaupt, neben der persönlichen Beziehung auf den ersten Kaiser die allgemeinere auf das Kaiserthum überhaupt und den jedesmal regierenden Kaiser annahmen. Nimmt man dazu die vielen andern Fest- und Gedächtnißtage seiner Siege, seiner bürgerlichen Ehren, seiner glücklichen Heimkehr u. s. w., von denen die Kalender der Zeit Bericht geben, ferner die Verewigung seines Gedächtnisses durch den Cult der lares Augusti und durch so viele Stiftungen und Spiele in Italien und allen Provinzen Sueton Octav. 59 Quaedam Italiae civitates diem, quo primum ad se venisset, initium anni fecerunt. Provinciarum pleraeque super templa et aras ludos quoque quinquennales paene oppidatim constituerunt. , so ist es sehr begreiflich daß dieser Name den folgenden Geschlechtern immer mehr in der Glorie einer idealen Verklärung des römischen Kaiserthums überhaupt erschien Alex. Sev. b. Lamprid. 10 Augustus primus est auctor imperii et in eius nomen omnes velut quadam adoptione aut iure hereditario succedimus. Vgl. Eckhel D. N. VIII p. 355 sqq. Daß später Augustus der Kaiser schlechthin war, beweisen u. a. die kleinasiatischen Münzen mit dem t. Romae et Augusti, wo diese Inschrift dieselbe bleibt, in dem Tempel aber immer die Statue des regierenden Kaisers zu sehen ist. , obgleich seine menschliche Persönlichkeit gleich nach dem Untergange der Dynastie der Julier mit großem Freimuth beurtheilt wurde Plin. H. N. VII, 45, 46, Tacit. Ann. I. 10. . Zunächst sorgten freilich seine Wittwe und sein Nachfolger dafür daß nicht allein er selbst auf jede Weise gefeiert, sondern auch das ganze 777 Geschlecht der Julier durch ihn und den göttlichen Iulius und den mythologischen Hintergrund der Abstammung von Romulus und Aeneas in das verklärende Licht eines höheren Berufs zur Herrschaft erhoben wurde. So galt namentlich jenes neue Priesterthum der Sodales Augustales nicht allein dem Divus Augustus, sondern der religiösen Verherrlichung der Gens Iulia überhaupt Tacit. Hist. II, 95 quod sacerdotium ut Romulus Tito Tatio regi, ita Caesar Tiberius Iuliae genti sacravit. Vgl. Ann. I, 54. Auch das s. g. Pantheon des Agrippa war eine Stiftung zu Ehren der Gens Iulia und ihrer beiden Stammgötter, Mars und Venus, s. Dio LIII, 27 vgl. Becker Handb. I, 635. Ueberdies gab es einen Altar der Gens Iulia auf dem Capitol, den die Militärdiplome oft erwähnen, und ein sacrarium derselben Gens mit circensischen Spielen, welches Tiberius gestiftet hatte, zu Bovillae, wo die Iulii seit alter Zeit ansässig waren, s. Tacit. Ann. II, 41, XV, 23. , welche seit dieser Zeit überhaupt mehrfach als Object eigner sacraler Stiftungen genannt wird. Unter Tiberius ging ein großer Theil der feierlichen Würde, mit welcher Augustus sich umgeben hatte, auf seine Wittwe, die Kaiserin Mutter über, welche als Iulia Augusta zugleich in die Gens Iulia und an die Spitze des dem Divus Augustus geweihten Cultus trat. Schon bei ihren Lebzeiten wurde sie in den Provinzen viel als Iuno, Ceres, Vesta, Rhea, als mater patriae, genitrix orbis u. s. w. allein oder neben ihrem göttlichen Gemahl verehrt August hatte sie durch sein Testament zu seiner Adoptivtochter d. h. zur Iulia Augusta gemacht, sie selbst machte sich zu seiner Priesterin, s. Vellei. Pat. II, 75, Tacit. Ann. I, 8, Dio LVI, 46. Dahin gehört der von Koehler Gesamm. Schr. Bd. V erläuterte Cameo in Wien, wo Livia als Rhea costümirt die Büste des Divus Augustus mit der corona radiata vor sich hält. Ueber ihren Cult in den Provinzen s. Eckhel D. N. VI p. 155. , während Tiberius solche Auszeichnungen nicht gerne sah und zuletzt sogar unterdrückte, daher sie nach ihrem Tode erst durch den Kaiser Claudius zur Diva Augusta erhoben und als solche auch in Rom in beiden Tempeln des Divus Augustus neben diesem verehrt wurde Sueton Claud. 11, Dio LX, 5, vgl. das t. Divi Augusti et Divae Augustae quod est in palatium in einer Inschrift b. Marini Atti Arv. p. 82. Die Vestalinnen hatten den Dienst, die Frauen schwuren bei ihr, u. s. w. . Tiberius selbst verbat sich für seine Person, so lange er lebte, alle göttlichen Ehren in Rom, hielt aber um so strenger auf den neubegründeten Cultus seines göttlichen Adoptivvaters, so daß selbst die geringsten Verstöße gegen die Heiligkeit desselben mit dem Tode bestraft wurden Tacit. A. I, 73. 74, II, 50, III, 66, Sueton Tib. 26. 58. Auch für die folgenden Kaiser, Claudius und Nero, blieb der Cultus des August eine Familiensache, s. Plin. XXXV, 10, 36, Sueton Nero 12. . 778 Auch in Asien wollte er nur in Smyrna einen ihm, seiner Mutter und dem römischen Senate gemeinschaftlich geweihten Tempel erlauben, während jede Vernachlässigung des Divus Augustus auch hier scharf geahndet wurde Tacit. A. IV, 15. 36. 37. In Rom machte Tiberius nur auf Veranlassung der civitates Asiae restitutae eine Ausnahme. Wenigstens ist der von diesen Städten dem Tiberius in foro Veneris d. h. auf dem des Cäsar errichtete Coloß, den die Bilder dieser Städte umgaben, den Münzen nach zu urtheilen, von den gewöhnlichen thronenden Statuen eines Divus wenig verschieden gewesen, s. Eckhel D. N. VI p. 192 sq., O. Jahn Leipz. Ber. 1851 S. 119 ff. . Um so mehr gefiel sich Caligulas Tollheit in dem ausschweifendsten Misbrauche aller Mittel der Adulation, dahingegen der schmählich vergiftete Claudius von seinem Nachfolger zuerst wieder zum Divus erhoben wurde, ein Anlaß zu vielem Spott für die Eingeweihten, ja Nero riß den bereits zur Hälfte erbauten Tempel zuletzt selbst wieder ein; doch wurde derselbe von Vespasian wieder aufgebaut und Claudius in allen Stücken den übrigen Divis der Gens Iulia gleichgestellt Sueton Claud. 11, Vespas. 9. Vgl. Senecas Apocolocyntosis und Neros maliciösen Witz bei Dio LX, 35, auch Iuvenal VI, 619. Der T. des Divus Claudius lag auf dem Caelius, s. die Reg. S. 119. Claudius erhielt lebend einen Tempel zu Camulodunum in Britannien, Seneca l. c. 8, Tacit. Ann. XIV, 31. . Nero trieb es toll genug sowohl in Rom als in den Provinzen, wo die Griechen und Asiaten ihn natürlich wieder mit den höchstmöglichen Ehren überhäuften. Als es mit ihm zu Ende ging, dem letzten der Aeneaden und dem letzten Iulier, begab sich nach späteren Berichten ein großes Wunder Plin. H. N. XV, 30, 40 weiß blos von dem Wunder, dem der Lorbeerhain und der prodigiöse Hühnerhof ihre Entstehung verdankten. Vgl. Sueton Galba 1 und Dio LXIII, 29. . Als Livia gleich nach ihrer Vermählung mit Octavian nach ihrer in der Nähe von Veji am Tiber gelegenen Villa reiste, ließ ein Adler ein weißes Huhn, das einen Lorbeerzweig im Schnabel hatte, in ihren Schooß fallen. Sie setzt das Huhn und pflanzt den Zweig: jenes brütete eine so große Menge junger Hühner aus, daß die Villa seitdem ad gallinas hieß, aus dem Zweige aber wurde ein ganzer Hain, aus welchem die jungen Cäsaren den Lorbeerschmuck zu ihren Triumphen nahmen. Die dazu gebrochnen Zweige wurden gewöhnlich in demselben Haine wieder gesteckt und man wollte beobachtet haben daß bei dem Absterben eines Jeden auch der von ihm gepflanzte Raum wieder einging. Jetzt aber, als Neros Ende bevorstand, ging nicht 779 allein der ganze Lorbeerhain auf einmal aus, starb nicht allein der ganze Hühnersegen, sondern es schlug der Blitz in den dort befindlichen Tempel der Cäsaren, so daß alle ihre Bilder die Köpfe verloren, ja selbst den Händen des Divus Augustus entfiel das Scepter. Vespasian war ein zu einfacher Mensch als daß er nicht ein offnes Auge für den Plunder der irdischen Majestät gehabt haben sollte Vgl. die Selbstironie b. Sueton 23 Prima quoque morbi accessione Vae, inquit, puto deus fio. Plinius H. N. II, 7 sieht bei euhemeristischer Ueberzeugung in seiner Apotheose nur einen schuldigen Tribut der Dankbarkeit: Hic est vetustissimus referendi bene merentibus gratiam mos, ut tales numinibus adscribant. . Desto eifriger waren Titus und Domitian, von denen jener für die Consecration des Vaters sorgte und wahrscheinlich auch die Sodales Flaviales stiftete, Domitian den Tempel Divorum Vespasiani et Titi am Fuße des Capitolinischen Tabularium erbaute, denselben von welchem noch die drei Säulen vorhanden sind, und aus dem Privathause des Vaters, in welchem er selbst geboren war, ein templum Gentis Flaviae machte, welches zugleich Familienbegräbniß und Familienheiligthum sein sollte Becker S. 586, meine Regionen S. 135. Vgl. Sueton Vespas. 1, 12. . So suchte sich auch diese Familie zur religiös und mythologisch geweihten Dynastie zu constituiren, wobei es nicht an Genealogen fehlte die mit dem Stammbaum des Vespasian, der sabinischen Ursprungs und aus der Gegend von Reate gebürtig war, bis auf Hercules und seine Begleiter zurückgingen. Domitian, der sich schon ganz als orientalischer Despot betrug, wollte als solcher auch persönlich mit großem Glanze der Statuen, vielen Opfern an seinen Genius und jener Profusion von Ehrenbogen, langen Dedicationstiteln, Lobgedichten und Schmeicheleien sowohl im Senate als bei allen öffentlichen Schauspielen gefeiert sein, in welcher diese Zeit das Aeußerste leistete Plinius giebt Panegyr. 52 ff. eine lebhafte Schilderung dieses Unwesens, welches auch dem Tacitus so manchen Seufzer entlockt. Vgl. die Adulationen des Statius und Silius Ital. Pun. III, 594 ff. . Nach seinem Tode wurde seine Consecration von den Soldaten gefordert, aber noch war der Senat zu mächtig als daß eine Consecration von Militärdespoten im offenbarsten Widerspruch mit der öffentlichen Meinung möglich gewesen wäre. Vielmehr war der nächste Divus Nerva, den sein Adoptivsohn Trajan dazu erhob Außer seinem Adoptivvater consecrirte Trajan auch seinen wirklichen Vater, welcher unter Vespasian mit großer Auszeichnung gegen die Parther gedient hatte. Dies ist der Divus Pater Traianus auf Münzen, s. Eckhel D. N. VI, p. 433. Vermuthlich wurden beide in einem gemeinschaftlichen Tempel auf dem Forum Traiani verehrt, vgl. Spartian Adr. 18 und von Trajans eigner Consecration ib. 6. Bei derselben wurden seinem letzten Feldzuge zu Ehren Parthische Spiele gestiftet, welche nach dem Kal. Constant. von seinem Geburtstage d. 18. Sept. an 5 Tage lang als ludi triumphales Divi Traiani gefeiert wurden, vgl. Eckhel p. 441. , während dieser selbst nur die einfachsten 780 und unvermeidlichen Auszeichnungen sich gefallen ließ, nach seinem Tode aber von seinem Nachfolger Hadrian und dem Senate wetteifernd mit allen Ehren der Apotheose bedacht wurde. Der unstete und wunderliche, mehr griechisch als römisch gesinnte Hadrian wäre ohne die dringende Fürbitte des Antoninus Pius beim Senate nicht consecrirt worden Spartian Adr. 25, Dio LXX, 1. Antoninus P. weihte ihm einen eignen T. auf seinem Forum, der jetzigen Piazza Colonna. In Puteoli, wo Hadrian gestorben war, wurde ihm von Antoninus ein Tempel, pentaeterische Spiele und eine Sodalität gestiftet, ja sogar Puteoli nach ihm benannt Colonia Flavia Augusta Puteoli, s. Mommsen I. N. 2487. 2536. . Die folgenden Kaiser bildeten unter dem Namen der Antonine bis Caracalla auch im Culte der Divi eine zusammenhängende Gruppe: eine Folge der außerordentlichen Popularität, deren sich die beiden ersten Antonine erfreuten, welche nicht allein gleich nach ihrem Absterben vom Senat mit seltner Einstimmigkeit zu Guten Göttern erhoben, sondern mit der Zeit in der Vorstellung der späteren, durch so manche schwere Heimsuchung bedrängten Generationen zu wahren Idealbildern einer friedlichen, frommen und gerechten Regentengröße verklärt wurden. Namentlich war Marcus trotz seiner persönlichen Schwächen der Liebling seines Zeitalters und der Abgott der späteren Geschlechter, wozu der philosophische Heiligenschein seines Andenkens viel beigetragen hat, denn der Cultus der Philosophie stand damals in seiner Blüthe und Marcus war eine Art von Ideal eines stoischen und ascetischen Weisen, wie es diese Zeit mit vielen Seufzern und Gebeten suchte. Auch die Regierung des abscheulichen Commodus trug dazu bei die Popularität der beiden früheren Antonine zu verstärken Man machte es dem Commodus zum Vorwurf daß er den Namen des Hercules dem der Antonine vorgezogen habe, s. Lamprid. Antonin. Diadum. 7. Der T. des Antoninus Pius und seiner Gemahlin Faustina hat sich bekanntlich in der K. S. Lorenzo in Miranda am Forum erhalten. Der des Marcus Anton. lag auf Piazza Colonna, s. meine Regionen S. 175, vgl. Brunn tempio creduto di M. Aurelio etc. Ann. d. Inst. 1852 p. 338–345, Monum. V t. XL. , daher Septimius Severus es für gerathen 781 hielt sich in das Geschlecht der Antonine sogar gewaltsam einzudrängen. Er machte sich nehmlich, obwohl Marcus bereits vor 15 Jahren gestorben war, aus eigner Machtvollkommenheit zum Adoptivsohne desselben, so daß nun Commodus sein Bruder wurde, also auch Divus werden mußte, was Septimius mit seinen Soldaten dem Senate jetzt kurzweg über den Kopf nahm Vgl. Dio LXXV, 7, Spartian 11 primusque inter milites Divum Commodum pronuntiavit , und dens. Geta 2, Severus habe gewollt ut omnes deinceps principes quemadmodum Augusti, ita etiam Antonini dicerentur, amore Marci, quem fuisse vel fratrem suum dicebat et cuius philosophiam literarumque institutionem imitatus est. Septimius Sev. und Caracalla rechneten sich in Folge dieser Anknüpfung ganz gemüthlich zu demselben Geschlechte wie die früheren Kaiser seit Nerva. . Derselbe Scandal wiederholte sich beim Tode des Caracalla. Obgleich offenkundiger Mörder seines Bruders und ein arger Sünder in jeder Hinsicht wurde er dennoch mit Rücksicht auf die Soldaten zum Divus erhoben Spartian Carac. 11, Geta 2, vgl. Dio LXXVIII, 9 und Eckhel D. N. VII p. 219. . Hatte er doch selbst mit brutaler Verspottung der Ceremonie, als sie auf den ermordeten Bruder angewendet wurde, von diesem gesagt: Sit Divus dum non sit vivus. Auch der kaiserliche Schandbube aus Emesa verdankte seine Erhebung auf den Thron vornehmlich der außerordentlichen Popularität des Namens der Antonine auch bei den Soldaten Dio LXXIX, 1, vgl. Iul. Capitolin. Opil. Macr. 3, Lamprid. Antonin. Diadum. 1 und 6 et fuit quidem tam amabile illis temporibus nomen Antoninorum, ut qui eo nomine non niteretur, mereri non videretur imperium. Spartian Carac. 9 ita enim nomen Antoninorum inoleverat, ut velli ex animis hominum non posset, quod omnium pectora velut Augusti nomen obsederat. , obwohl er es in kurzer Zeit dahin brachte daß sein eigner Vetter Alexander Severus nicht mehr Antoninus heißen mochte Daher auch die zu seiner und seiner Mutter Verehrung eingesetzten Sodales nicht mehr Antoniniani, sondern Alexandrini genannt wurden, s. Lamprid. Al. Sev. 9. 10. 62. Doch dauerte die religiöse Glorie der Antonine, namentlich des Marcus, ungetrübt fort, sowohl im Volke als bei den Kaisern, s. Iul. Capitolin. M. Antonin. 18. 19, Lamprid. Heliog. 2. . Noch die Kaiser der letzten Militärperiode wurden, wenn sie es nicht gar zu arg gemacht hatten, nach ihrem Tode regelmäßig zu Divis erhoben; auch tauchte mit dem in Rom außerordentlich beliebten Kaiser Claudius noch einmal der Cultus der Gens Flavia auf, bei welchem später die Constantine anknüpften Trebell. P. Claud. 3, Victor de Caes. 40. . Selbst Constantin d. Gr. und sein Sohn Constans, 782 ja noch Valentinian wurden nach ihrem Tode consecrirt und Divi genannt, nur in einer dem Christenthum angepaßten Form und in einem andern Sinue Eckhel D. N. VIII p. 92. 473. Vgl. Tertull. ad Scapulam 2 Colimus ergo et imperatorem sic quomodo et nobis licet et ipsi expedit, ut hominem a Deo secundum et quicquid est a Deo consecutum et solo Deo minorem. . Versuchen wir uns die allgemeinen Grundzüge des Kaisercultus zu vergegenwärtigen, sowohl der regierenden als der verstorbenen, so blieb zunächst der Cultus des Genius eines jeden regierenden Kaisers, wie sie sich im Sinne der römischen Religion von selbst verstand und seit August herkömmlich geworden war ( S. 571 ), immer eine Hauptsache. Eben so natürlich war die Geburtstagsfeier des Kaisers, welche auch im Orient allgemein war und auch hier mit dem Cultus des Genius eng zusammenhängt Plato Alcib. I p. 121 C βασιλέως γενέϑλια ἅπασα ϑύει καὶ ἑορτάζει ἡ Ἀσία, vgl. Herod. I, 133 und Theopomp. b. Athen. VI p. 252 B, Letronne Recueil des Inscr. de l'Egypte I p. 82. In Rom wurden seit Cäsar und August die Geburtstage der regierenden und verstorbenen Kaiser und gewöhnlich auch die der Mitglieder des kaiserlichen Hauses gefeiert, in allen Ständen und durch das ganze Reich, s. Marquardt R. A. IV S. 221. Bei den Griechen sind zu unterscheiden τὰ γενέϑλια und τὰ γενέσια d. h. der Todestag, der Tag der Verklärung, welcher gleichfalls in Rom oft gefeiert wurde, s. Dio LIX, 24, LX, 5. . In Rom pflegte außer diesem natürlichen Geburtstage der Tag des Regierungsantritts (natalis imperii) feierlich begangen zu werden, beide mit Geschenken, Opfern und Spielen Iul. Capitolin. Pertin. 15 Circenses et imperii natales additi sunt, qui a Severo postea sublati sunt, et genethliaci, qui manent , weil nehmlich die Geburtstage der Divi immer Festtage blieben. Vgl. Gothofr. ad Cod. Theod. II, 8, 2. . Dazu kamen noch jene von August auf das Kaiserthum und den regierenden Kaiser überhaupt übergegangenen Feste und die regelmäßigen Vota für das Wohl des Kaisers und des kaiserlichen Hauses, welche gleichfalls aus der Zeit des August stammten, aber allmälich zu einer drückenden Last für das ganze Reich wurden Eckhel D. N. VIII p. 473 sqq. . August war wirklich ein Retter in der Noth und Wiederhersteller des Friedens und einer bessern Ordnung; daher man sich während seiner Regierung in Aufmerksamkeiten aller Art erschöpfte und bei jeder außerordentlichen Veranlassung, Heimkehr, Genesung u. s. w. seine Theilnahme durch Geschenke und Gelübde zu erkennen gab. Dazu kamen die regelmäßigen Veranlassungen, namentlich beim Jahresanfange d. h. am 783 3. Januar, wo alle Stände, alle priesterlichen Collegien mit den öffentlichen Beamten und Priesterthümern in Gelübden wetteiferten Tertull. de cor. 12 Ecce annua votorum nuncupatio quid videtur? Prima in principiis (nehmlich der castra), secunda in capitoliis. Accipe post loca et verba: Tunc tibi Iupiter bovem cornibus auro decoratis vovemus esse futurum. Vgl. oben S. 162 . Beispiele geben die Acta fr. Arvalium. . Ferner die vota decennalia, quinquennalia, quindecennalia u. s. w., welche gleichfalls aus der Regierung des August stammen, da dieser im J. 27 v. Chr. die Miene machte als ob er die Republik herstellen wollte und sich nur durch die dringendsten Vorstellungen des Senats bewegen ließ, die absolute Gewalt von neuem auf zehn Jahre zu übernehmen; daher seitdem die gesetzliche Bestätigung seines Imperium und dabei auch feierliche vota decennalia immer auf dieselbe Frist wiederholt wurden, auch unter Tiberius, wo diese Feierlichkeit schon zur bloßen Form geworden war, wie unter den spätern Kaisern Dio LIII, 13, LVII, 24, LVIII, 24. . Die Quinquennalia waren eine Art von mittler und geringerer Feier der Decennalia, woraus mit der Zeit Vota XV, XXV, XXXV entstanden. Immer pflegten diese Gelübde gleich nach dem Regierungsantritt eines Kaisers zuerst ausgesprochen und darauf von zehn zu zehn, später von fünf zu fünf Jahren zugleich gelöst und von neuem ausgesprochen zu werden Plin. ad Traian. ep. X, 44 Solennia vota pro incolumitate tua, qua publica salus continetur, et suscipimus Domine pariter et solvimus, precati deos ut velint ea semper solvi semperque signari. , und immer waren sie mit Opfern, prächtigen Spielen, kostbaren Geschenken verbunden, aus welchen mit der Zeit drückende Steuern wurden, welche namentlich die Provinzen außerordentlich beschwerten. Außer diesen einzelnen Festen, Jahrestagen und Zeitabschnitten wurden hin und wieder wohl auch ganze Monate den Kaisern geweiht d. h. nach ihnen benannt, gleichfalls nach dem Vorbilde des Cäsar und August, wie schon dem Tiberius ein gleicher Antrag gemacht wurde und später die Schmeichelei unter Nero, Domitian und Commodus auch darin das Aeußerste leistete Ueber den Julius und August s. Macrob. Sat. I, 12, 34. 35. Unter Tiber wollte man den September Tiberius, den October Livius nennen, doch gab er es nicht zu, Sueton. 26. Unter Nero hießen der April, Mai, Juni eine Zeitlang Neroneus, Claudius, Germanicus, Tacit. A. XV, 74, XVI, 12, unter Domitian der September Germanicus, der October Domitianus, Sueton. 13, Plut. Numa 19, Macrob. I, 12, 36. Antoninus Pius lehnte wieder eine Aenderung der Namen September, October in Antoninianus und Faustinianus ab, dahingegen unter Commodus die ganze Folge vom Januar bis December neue Namen bekam, s. Capitolin. Antonin. P. 10, Dio LXXII, 15, Lamprid. Comm. 11. c. intpp. Endlich unter Tacitus bekam der September diesen Namen, Vopisc. 13. . Ein 784 allgemeiner Ausdruck für die übernatürliche persönliche Würde des Kaisers blieb der Titel Augustus und die Attribute numen und maiestas, neben welcher ihm bald auch aeternitas zugeschrieben wurde Plinius redet in seinen Briefen den Traian nicht selten an: aeternitatem tuam , vgl. Horat. Od. I, 2, 45 serus in caelum redeas diuque laetus intersis populo Quirini und Ammian M. XV, 1, 3. Dem numen Augusti oder den numinibus Augustorum wurden häufig Altäre und öffentliche Denkmäler gewidmet, s. Marini Atti Arv. p. 92, Boissieu Inscr. de Lyon p. 52. . In seinem persönlichen Auftreten drückte sich dieselbe Würde durch die Strahlenkrone (corona radiata) aus, welche eigentlich nur den Göttern gebührte, aber im Oriente z. B. von den Königen Syriens schon früher getragen, also nach diesem Beispiel in Rom zuerst dem Cäsar im Theater zu tragen erlaubt wurde Florus IV, 2, 91, Dio XLIV, 6, vgl. Sueton. Octav. 94. In Syrien erscheint Antiochus IV als Θεὸς mit dieser Krone. Virgil Aen. XII, 102 sagt vom Könige Latinus: cui tempora circum aurati bis sex radii fulgentia cingunt, Solis avi specimen. Vgl. Eckhel D. N. VI p. 268 und über den Nimbus, welcher erst auf den Münzen der Nachfolger Constantins eine regelmäßige Zierde des Kopfes wird, Ders. VIII p. 502 und Grimm D. M. 300. Es ist der von innen ausstrahlende Glanz, wie einige Schmeichler dem Commodus wegen seines schönen, in der Sonne strahlenden Haares das Compliment machten, αἴγλην τινὰ οὐράνιον περὶ τὴν κεφαλὴν συγγεγενῆσϑαι αὐτῷ, Herodian I, 7. . Nero ist der erste Kaiser welcher sich auf seinen Münzen mit dieser Krone abbilden läßt, die immer häufiger mit dem Lorbeerkranze, dem sonst gewöhnlichen Kopfschmucke der Kaiser abwechselt, bis anstatt ihrer der Nimbus erscheint, zuerst auf einer Münze des Antoninus Pius. Eben so wurde die griechische Sitte die Statuen verdienter Personen bei oder in den Tempeln der Götter aufzustellen, seit Cäsar auf alle Kaiser angewendet, wie diese Bilder auch bei öffentlichen Processionen, namentlich der der römischen Spiele, im Circus neben denen der Götter und der verklärten Divi zu erscheinen pflegten; ja es wurde schon unter Tiberius Sitte bei solchen Statuen zu opfern und seine Andacht zu verrichten, so daß später nur noch in der Zahl und dem Werthe derselben, wie sie namentlich auf dem Capitol aufgestellt wurden, eine Auszeichnung bestand Ueber Cäsar s. Sueton 76. Tiberius erlaubte Bilder von ihm selbst nur unter der Bedingung aufzustellen, ne inter simulacra deorum, sed inter ornamenta aedium ponerentur . Doch opferte man bei seinen Statuen und denen Seians, Dio LVIII, 31, Sueton. Tib. 65, und jede Art von Profanation des kaiserlichen Bildes, auch auf Münzen, Ringen u. s. w. wurde aufs strengste geahndet. Unter Domitian ward der Luxus und die Tyrannei dieser Idololatrie aufs höchste getrieben, während Traian, obgleich sonst in dieser Hinsicht sehr anspruchslos, doch auch Adoration seines Bildes forderte, s. Plin. ep. X, 67, Panegyr. 52. Vgl. Spartian Carac. 5 und Gothofr. Cod. Theodos. XV, 4, 1. . Außerdem dachte man 785 sich natürlich den Kaiser in dem speciellen Schutz aller Götter, speciell des Jupiter stehend, daher es bald sehr gewöhnlich wurde die Götter mit besondrer Beziehung auf den Augustus und die Domus Augusta zu verehren und zu benennen; oder aber die Kaiser identificirten sich selbst mit den Göttern, so daß sie sich in ihrem Costüme abbilden ließen oder persönlich in demselben auftraten und eine entsprechende Verehrung forderten. Noch häufiger als bei den Kaisern wurde diese Art von Adulation bei den Kaiserinnen beobachtet, welche namentlich in Bildern und auf den öffentlichen Monumenten mit den verschiedensten Attributen als Iunones, Cereres, Veneres, auch als Vesta, Concordia, Fecunditas, Pudicitia u. s. w. verehrt wurden, wie die Frauen denn auch bei der Juno der Kaiserin zu schwören pflegten, wie die Männer bei dem Genius des Kaisers. Ein andres, seit der Zeit der Antonine wiederholt erwähntes Symbol der kaiserlichen Majestät, daß vor dem Kaiser und der Kaiserin, wenn sie öffentlich erschienen, ein Feuer getragen wurde Namentlich spricht Herodian wiederholt von diesem Gebrauche, s. I, 8. 16, II, 3, wo Pertinax zuerst aufs Palatium geführt und dort ἐν τῇ βασιλείω ἑστίᾳ geweiht wird (ἱδρύϑη), dessenungeachtet aber am folgenden Morgen weder »das Feuer« vor sich hertragen läßt noch sonst von einem Symbole der kaiserlichen Gewalt Gebrauch macht, vgl. II, 6 und VII, 6. , scheint mit dem von Augustus eingeführten Vestadienste im Palatium ( S. 549 ) zusammenzuhängen, indem dieser Heerd im kaiserlichen Palaste und das auf ihm lodernde Feuer auf dieselbe Weise zum Symbole der höchsten Reichsgewalt geworden war, wie der Heerd und das Feuer im alten Vestatempel die Seele der alten römischen Staatsgemeinschaft bedeutet hatte. Der Titel Dominus wurde zuerst von Caligula und Domitian geduldet, die Adoration (προσκύνησις) nach orientalischer Weise forderte zuerst Diocletian, welcher sein persönliches Auftreten und den Ornat der Kaiser überhaupt ganz nach dem Vorbilde des orientalischen Sultanismus modelte Victor Caesar 39, 4. Dominatus ist wesentlich Despotie d. h. das Verhältniß des Herrn zu seinem Sklaven, s. Marini Att. Arv. p. 688, Eckhel D. N. VIII p. 365. Schon unter Aurelian heißt es auf den Münzen: Deo et Dominato Nato ( S. 755 .) und Nostro, seit Diocletian ist D. N. d. h. Dominus Noster die gewöhnliche Aufschrift. Die Adoration war im Orient etwas Altes. Bei den Römern mag zunächst die Sitte der Parther das Vorbild gewesen sein, s. Sueton. Calig. 14, Dio LXIII, 4, Herodian IV, 11 u. A. . 786 Die verstorbenen und consecrirten Kaiser hießen als solche Divi, welches Wort seit Cäsar und August speciell in diesem Sinne gebräuchlich war Tacit. Ann. XV, 74, Serv. V. A. V, 45, XII, 139. Das Wort deus wird nur ausnahmsweise von einem consecrirten Kaiser gebraucht, z. B. auf Münzen von Tarraco von August und b. Plin. Paneg. 11. und von den Griechen durch Θεοὶ übersetzt wird. Es wurden sowohl Kaiser als Kaiserinnen nach ihrem Ableben zu Göttern erhoben, würdige und unwürdige, wie dieses und das ganze System der Adulation gegen die Kaiser schon von den Alten oft mit Bitterkeit gerügt wird Tacit. A. XIV, 64 sagt von der Zeit Neros, man dürfe von ihr immer voraussetzen, quotiens fugas et caedes iussit princeps, totiens grates deis aetas. Vgl. Victor de Caesar. 33, 25 Quin etiam aliquanti – in caelestium numerum referuntur aegre exsequiis digni und Pausan. VIII, 2, 2. . Beispiele der Divae sind nach der Diva Augusta besonders Plotina, die Gemahlin Trajans und Marciana und Matidia, seine Schwester und Nichte, welche auch in Rom und anderswo durch Tempel und andre Stiftungen ausgezeichnet wurden Die nächste Diva nach der Diva Augusta war Drusilla, die Schwester des Caligula, Dio LIX, 11, wo die Ehren genauer aufgezählt werden. Auch auf diese Culte wurde sehr streng gehalten, s. Tacit. A. XVI eiusdem animi est Poppaeam Divam non credere, cuius in acta Divi Augusti ei Divi Iuli non iurare. Plotina wurde vermuthlich neben Trajan verehrt, über den Cult der Matidia und Marciana s. meine Regionen S. 175, vgl. Mommsen I. N. 4018. 4022. 4029–31. 4055. , ferner die beiden Faustinen, die ältere als Gemahlin des Antoninus Pius und die jüngere, die des Marcus Antoninus, welche trotz ihres liederlichen Lebens nach ihrem Tode gleichfalls zur Göttin erhoben wurde, desgleichen die Frauen der syrischen Dynastie, Iulia Domna, Mammaea u. a. Der gewöhnliche Verlauf der Consecration war der, daß der Nachfolger oder Sohn eines verstorbnen Kaisers (der Gemahl oder Sohn einer verstorbnen Kaiserin) beim Senat darauf antrug und dieser dann die Apotheose beschloß und diesen Beschluß zugleich näher formulirte S. oben S. 138, 212 vgl. Prudent. c. Symm. 1, 223 ff., 249 ff. Auch auf den Consecrationsmünzen ist oft hinzugesetzt EX.S.C. Auf die genauere Form solcher Beschlüsse deuten Angaben wie die b. Spartian Adr. 6, Capitolin. Anton. P. 13, M. Anton. 18 u. a. . In Ausnahmefällen, z. B. bei der gegen Wunsch und Willen des Senats befohlenen Consecration des Commodus und in ähnlichen Fällen, hatte diese wenigstens auf die Dauer keine Folge, da solche Divi gewöhnlich später wieder beseitigt wurden. Der Ritus der Consecration wird bei verschiedenen Gelegenheiten ausführlich beschrieben Dio LVI, 34 ff., LXXIV, 5 von der des August und Pertinax, Herodian IV, 2 von der des Septimius Sev. Daneben sind die Consecrationsmünzen wichtig, s. Eckhel D. N. VIII p. 465 sqq. . Er 787 ist dem orientalischen Ritus der Verbrennung des Hercules entlehnt und in derselben Weise ohne Zweifel schon von den Griechen nach Alexander bei der Bestattung und Apotheose fürstlicher Personen angewendet worden Vgl. über die Pyra des assyrischen Hercules O. Müller Kl. d. Schriften 2, 102 ff., über die des Hephästion Diod. XVII, 115, die des älteren Dionysius Athen. V p. 206. . In Rom sind die Gebräuche von der Consecration des August bis zu der des Septimius Sev. und späterer Kaiser im Wesentlichen dieselben geblieben. August starb den 19. Aug. des J. 14 in Nola, daher der Leichnam erst nach Rom gebracht werden mußte. Hier erfolgte am 17. Septbr. im Senate der Beschluß der »himmlischen Ehren« d. h. eines Tempels und Cultus, eigner Spiele und der Sodales Augustales Kal. Amitern. 17 Sept. Fer. ex S. C. quod eo die Divo Augusto honores caelestes a Senatu decreti etc. Tacit. A. I, 10 ceterum sepultura more perfecta templum et caelestes religiones decernuntur. Vgl. VI, 18. XII, 69. . Vorher aber mußten die sterblichen Reste vertilgt und die Apotheose symbolisch dargestellt werden. Es wurde also zunächst der Leichnam wie gewöhnlich ausgestellt, doch so, daß der wirkliche Leichnam verborgen blieb und nur ein Wachsbild des Verstorbnen sichtbar war, mit welchem bei der Bestattung des Pertinax und des Septimius Sev. sogar die letzten Tage der Krankheit noch einmal sinnbildlich aufgeführt wurden Das Wachsbild auf dem Paradebette scheint eine ältere Bestattungssitte zu sein, s. Tacit. A. III, 5. Für die Ausstellung der kaiserlichen Leiche war vermuthlich das Pentapylum in der Nähe des Palastes bestimmt, s. meine Regionen S. 183. . Dann folgt die Bestattung mit prächtigem Gefolge, indem sich der Zug zunächst aufs Forum begab wo die übliche laudatio gesprochen wurde Beim Leichenbegängnisse des Sever singen zwei Chöre von Knaben und Mädchen Lobgesänge und Klagelieder auf den Verstorbenen. , dann durch das Marsfeld zum Bustum. Hier wird die Bahre auf einen in Form einer Pyramide von mehreren Stockwerken errichteten Scheiterhaufen gesetzt, welcher auf den Consecrationsmünzen oft zu sehen ist Bei Dio heißt es von dem Scheiterhaufen: πυργοειδὴς τρίβολος, ἐλέφαντι καὶ χρυσῷ μετ’ ἀνδριάντων τινῶν κεκοσμημένη. Herodian vergleicht den Totaleindruck mit dem eines Pharos. Es waren 4 Stockwerke, in das zweite wurde die Bahre gesetzt, aus dem obersten schwingt sich der Adler empor, ὅς φέρειν ἀπὸ γῆς ἐς οὐρανὸν τὴν τοῦ βασιλέως ψυχὴν πιστεύεται ὑπὸ Ῥωμαίων, vgl. Dio vom Leichenbegängnisse des August: καὶ ἡ μὲν (πυρὰ) ἄνηλίσκετο, ἀετὸς δέ τις ἐξ αὐτῆς ἀφεϑεὶς ἀνίπτατο ὡς δὴ τὴν ψυχὴν αὐτοῦ ἐς τὸν οὐρανὸν ἀναφέρων. Daher auf den Consecrationsmünzen und entsprechenden Reliefs z. B. denen der Antoninussäule die Vorstellung wie die verklärten Divi oder Divae von Adlern oder geflügelten Genien zum Himmel emporgetragen werden, vgl. Artemidor Oneirocr. II, 20 ἔϑος παλαιὸν ἀποϑνήσκοντας τούτους (Könige u. dergl.) πλάσσειν τε καὶ γράφειν ἐπ’ ἀετῷ ὀχουμένους. Auf den Münzen der Divae erscheint der Pfau nicht selten als Symbol der Nova Iuno, auch er bisweilen die Verklärte emportragend. Oder die Kaiserin wird von einer Victoria zum Himmel geführt oder als verklärte Mondgöttin gedacht, z. B. die jüngere Faustina auf den M. mit den Worten sideribus recepta. Vor der Verbrennung des Scheiterhaufens werden nach alter Sitte allerlei Umzüge, kriegerische Tänze u. s. w. um denselben angestellt, vgl. Virgil Aeneis XI, 188. . Bei demselben wird dem 788 Verstorbenen durch die geistlichen und weltlichen Behörden, die Ritter, die Leibwache u. s. w. durch Umzüge und Spenden die letzte Ehre erwiesen und darauf der Scheiterhaufen in Brand gesteckt. Während dieser verbrennt schwingt sich aus der Spitze des Scheiterhaufens ein Adler zum Himmel empor, eine sinnbildliche Darstellung der auffahrenden Seele, welche man von nun an unter den Göttern heimisch dachte; ja bei der Bestattung des Augustus fand sich sogar ein Senator, Numerius Atticus war sein Name, welcher eidlich aussagte daß er den Verstorbenen genau so wie Romulus habe zum Himmel fahren sehn, wofür er von der Livia mit einer ansehnlichen Summe Geldes honorirt wurde Dio LVI, 46. Derselbe Meineid und dieselbe Belohnung wiederholte sich bei der Consecration der Drusilla, Dio LIX, 11. . Darauf wurde der Cultus eingerichtet, ganz wie bei jeder Stiftung eines neuen Gottesdienstes. Zunächst wurde der Tempel gestiftet und erbaut, in demselben ein Pulvinar für die Supplicationen, Altäre für die Opfer eingerichtet, ein Flamen eingesetzt, der Verklärte als Divus Pater, als hülfreicher Schutzgott der Römer verehrt und im Bilde dargestellt Augustus heißt auf einer Münze des Tiber Divus Pater Augustus , daher er hin und wieder Iupiter Deus genannt wird, Eckhel D. N. VI p. 127. Auf Münzen und andern Denkmälern erscheint er mit der corona radiata und den Nebenzeichen des Blitzes oder eines Sterns, s. Lucan VII, 457 bella pares Superis facient civilia Divos, fulminibus Manes radiisque ornabit et astris inque deum templis iurabit Roma per umbras. In ganzer Figur abgebildet erscheint er thronend, in der R. einen Zweig, in der L. die Weltkugel oder eine Schaale oder ein Füllhorn haltend. Als Opfer wurden Kälber, Lämmer u. s. w. dargebracht, den Divi männliche, den Divae weibliche Thiere, vgl. Prudent. c. Symm. I, v. 245–50. Hunc morem veterum docili iam aetate secuta Posteritas mense atque adytis et flamine et aris Augustum coluit, vitulo placavit et agno, strata ad pulvinar iacuit, responsa poposcit. Testantur tituli, produnt consulta Senatus Caesareum Iovis ad speciem statuentia templum. M. Antonin wurde nach seinem Tode als Propitius Deus angerufen, Iul. Capitolin. 18. . Weiter wurden jährliche oder 789 in größeren Zeitabschnitten sich wiederholende Feste, circensische und scenische Spiele u. dgl. mehr beschlossen, je nachdem sich der Verstorbene mehr oder weniger um die Stadt und den Staat verdient gemacht hatte. Endlich erfolgte gewöhnlich auch die Einsetzung eigner Sodales, wie diese gleichfalls zuerst zur Verherrlichung des Divus Augustus beliebt und nach diesem Vorbilde später gewöhnlich bei neuen Consecrationen geschlechterweise wiederholt wurden, so daß die Sodales Flaviales für den Cult der consecrirten Flavier, die Antoniniani für den der Divi aus der Familie der wirklichen und Pseudo-Antonini zu sorgen hatten Vgl. über die Fragmente der Fasten dieser Sodalen Borghesi Ann. dell Inst. Arch. III p. 161 sqq. und über die Sodalitäten der Divi überhaupt L. Mercklin die Cooptation der R. S. 167 ff., Marquardt R. A. IV, 429 ff. . Denn immer hatten es diese Sodalitäten mit den Sacris eines ganzen Geschlechts zu thun, der Gens Iulia, Flavia u. s. w., deren sacrale und mythologische Traditionen durch solche Stiftungen fortgepflanzt werden sollten, und immer wurden sie, wie die Luperci, die Fratres Arvales, die Salii in bestimmter Anzahl unter den vornehmsten Männern des Staats gewählt, zu denen die Prinzen des regierenden Hauses als natürliche Mitglieder eines solchen Vereins hinzutraten. Auch die so häufig auf Inschriften erwähnten Augustales und Seviri Augustales hängen höchst wahrscheinlich mit dieser neuen Stiftung zusammen A. W. Zumpt de Augustalibus et Seviris Aug. B. 1846, Marquardt in der Zeitschr. f. A. W. 1847 n. 63–65, R. A. III, 1, 375 ff, Henzen Zeitschr. f. A. W. 1848 n. 25–27 und 37–40. . Wenigstens wissen wir daß sich neben jenen von Staatswegen zu Ehren des Divus Augustus und der Gens Iulia eingesetzten Sodalen zahlreiche Privatvereine für den Cultus des August in und außerhalb Rom gebildet hatten Tacit. 4. 1, 73 inter cultores Augusti, qui per omnes domus in modum collegiorum habebantur. Victor de Caes. 1 Hincque uti Deo Romae provinciisque omnibus per urbes celeberrimas vivo mortuoque templa, sacerdotes et collegia sacravere. Eins der ältesten Beispiele eines solchen Collegiums der Augustalen ist das von Veji bei Or. n. 4046, ein noch älteres vom J. 22 n. Chr. ist von Henzen nachgewiesen worden. Schon unter Tiberius hatten diese Vereine sich von Rom aus über Italien und weiter verbreitet. Der Unterschied der Seviri Augustales und der Augustales schlechthin scheint auf der innern Organisation dieser Collegia zu beruhn; zu bemerken ist daß in Unteritalien gewöhnlich nur Augustalen genannt werden, in Oberitalien und Gallien nur Seviri, im mittleren Italien dagegen Seviri und Augustales neben einander. Wie Oberitalien sich durch die Menge seiner Augustaldenkmäler überhaupt als sehr eifrig im Dienste der Divi erweist, so werden in diesen Gegenden auch mehr als anderswo besondre Collegia der Claudiales und Flaviales genannt. Uebrigens würden sich auch hier die Vereine der Attalisten, Eupatoristen, Basilisten u. s. w. in Asien und Aegypten vergleichen lassen, s. Letronne Recueil I p. 390. : aus welchen Vereinen in den 790 Municipien mit der Zeit ein besondrer Stand der Augustalen entstanden zu sein scheint, welcher als municipaler Mittelstand ungefähr dem römischen Ritterstande entsprach, wie der municipale Decurionenstand dem römischen Ordo Senatorius. Mithin wurde dieser neue Cult des Divus Augustus und der Divi überhaupt für einen großen Theil des Reichs zugleich zu einem neuen socialistischen Principe; denn ohne Zweifel war auch bei diesen Privatvereinen die religiöse Verehrung des Divus Augustus oder der übrigen Divi der Anfang und die Hauptsache des Vereins Vgl. die Inschrift aus Petelia in Calabrien bei Or. n. 3678 und Zumpt l. c. p. 45. Auch die Inschrift bei Henzen S. 215 beweist daß der Cultus eine Hauptsache war und blieb: D. M. Q. Inst(eio) Diadumeno Augustali. Coluit annis XXXV, vixit annis LXXXIIII etc. , so daß sich die weitere corporative Verfassung und Verpflichtung der Mitglieder zu gemeinschaftlichen Opfern, Mahlzeiten, Geldbeiträgen u. s. w., zuletzt der eigne Stand der Augustalen, aus jenem religiösen Princip erst allmälich weiter entwickelt haben kann. Noch andre Ehren der Divi, durch welche sie den übrigen Göttern des römischen Staats gleichgestellt wurden, war die Folge ihrer Bilder bei der großen Procession der Römischen Spiele und ähnlichen Gelegenheiten auf eigenen, gewöhnlich von Elephanten gezogenen Processionswagen L. Friedländer bei Marquardt IV, 500. 501. Daher auf den Consecrationsmünzen des August, des Claudius, Vespasian u. A. die von 2 oder 4 Elephanten oder Pferden gezogene tensa mit dem Bilde des Divus, der hier gewöhnlich eine Hasta, eine Victoria o. a. in den Händen trägt. Vgl. Sueton. Claud. 11 Aviae Liviae divinos honores et circensi pompa currum elephantorum Augustino similem discernendum curavit , die Consecrationsmünzen der Diva Iulia Augusta (d. T. des Titus), Iul. Capitolin. M. Anton. 21, Dio LXXIV, 4 u. a. Dagegen durfte kein Bild eines Divus bei einem Leichenbegängnisse erscheinen. , ihre Anrufung bei feierlichen Gelegenheiten und in den Gesängen der Salier, der Eidschwur bei ihnen, wo gewöhnlich der Genius des regierenden Kaisers zuletzt genannt wurde Vgl. oben S. 545, 1422 . So wurden die Numina Divorum auch bei Verwünschungen angerufen. Diese Eides- und Gebetsformeln führten von selbst zu officiellen Verzeichnissen der Divi, mit Ausscheidung solcher die es nicht sein sollten, s. Dio LIX, 9 und LX, 4 von Caligula: καὶ διὰ τοῦτο τὸ μὲν ὄνομα αὐτοῦ οὐκ ἔστιν ἐν τῷ καταλόγῳ τῶν αὐτοκρατόρων ὧν μνήμην ἐπί τε τοῖς ὅρκοις καὶ ἐπὶ ταῖς εὐχαῖς ποιούμεϑα, ὥσπερ οὐδὲ τὸ τοῦ Τιβερίου. LXXIV, 4, wo Septimius Sev. den Pertinax zum Divus macht u. a. befiehlt, τὸ ὄνομα αὐτοῦ ἐπί τε ταῖς εὐχαῖς ἁπάσαις καὶ ἐπὶ τοῖς ὅρκοις ἅπασιν ἐπιλέγεσϑαι. , bei den verdienteren, z. B. bei 791 August und Trajan, auch eigne Spiele. Außer den Tempeln der einzelnen Divi oder einer bestimmten Familiengruppe derselben gab es in Rom auch verschiedene templa Divorum d. h. solche in denen alle Divi, so viele sich nehmlich auf die Dauer als solche behauptet hatten, gemeinschaftlich verehrt wurden Eine Porticus Divorum stiftete Domitian, eine Auswahl der Divi verehrte Alex. Sev. in seinem Lararium, s. Lamprid. 30. Eigne Tempel der Divi kennen wir drei: 1) das Caesareum im Haine der Dea Dia, wo die fratres Arvales die Divi verehrten. Hier werden unter Commodus 16 Divi gezählt, unter Alex. Sev. 20, s. Marini Atti Arv. p. 385 sq. 2) ein t. Divorum in Palatio, s. Marini p. 82, Dio LXXVI, 2 ἐν ταῖς ϑεωρίαις ταῖς ἐν τῷ Παλατίῳ ἥρωσι πεποιημέναις. 3) ein vom Kaiser Tacitus gestiftetes t. Divorum, in quo essent statuae principum bonorum, ita ut iisdem Natalibus suis et Parilibus et Kal. Ianuariis et Votis (3 lan.) libamina ponerentur , Flav. Vopisc. 9, vgl. meine Reg. S. 178. In und außerhalb Rom müssen solche Vereine sehr häufig gewesen sein, namentlich für den Gebrauch der Augustalen, vgl. Or. n. 3787, Mommsen I. N. n. 6828 von denen in Caere. Auch die Divae wurden hin und wieder zusammen verehrt, s. Henzen z. Or. n. 5977. 5978. . Namentlich wurden die Geburtstage von diesen fort und fort sowohl öffentlich als von jenen Sodalitäten und Privatvereinen gefeiert, daher sich verschiedene Verzeichnisse derselben aus späterer Zeit erhalten haben In dem Kal. Constantii, wo diese Natales regelmäßig angemerkt werden, und in dem in verschiedenen Mss. erhaltnen Verzeichnisse der Natales Caesarum s. Marini Atti p. 387, Mommsen über den Chronogr. v. J. 354 S. 565. . Noch ist übrig von dem Culte der Kaiser, sowohl der regierenden als der verstorbenen, in den Provinzen einen kurzen Begriff zu geben, namentlich von dem bei den Griechen und in dem hellenistischen Asien. Von dem römischen unterscheidet er sich durch noch weit größere Bereitwilligkeit und Mannichfaltigkeit der Adulation, wie diese Gegenden ja, besonders Kleinasien, in solchen Künsten und Huldigungen seit alter Zeit geübt waren. Schon die römischen Proconsuln wurden oft vergöttert, bald sie selbst bald ihre Tugenden Cic. ad Quint. Fr. I, 1, 10 quoniam in istis urbibus cum summo imperio et potestate versaris, in quibus tuas virtutes consecratas et in deorum numero collocatas vides. So wurde in Rom die Clementia Caesaris vergöttert und später die Tugend, die Sanftmuth, die Gerechtigkeit und Frömmigkeit des August durch ein in der Curie aufgehängtes goldnes Schild gefeiert, s. das Mon. Ancyr. der griech. Uebers., vgl. Iul. Capitolin. Antonin. P. 13. Wie häufig übrigens schon die Vergötterung der römischen Proconsuln war, lehrt Sueton Octav. 52, vgl. Cic. ad Q. fr. I, 1, 9, ad Att. V, 21. , eine Art von Apotheose, welche auch in Rom neben der gewöhnlichen und als Motivirung 792 derselben wiederholt vorkommt. Darauf folgten die Zeiten des Cäsar, des Antonius, des August, dessen Sieg bei Actium als die entscheidende Thatsache der neuen Monarchie auch in Griechenland und im Orient viel gefeiert wurde. Nun erhoben sich die Tempel zu Ehren der Dea Roma und des Divus Iulius oder des Augustus mit den dazu gehörigen Spielen, von denen die diesem Paare, der Dea Roma und dem Augustus gewidmeten gewöhnlich Ῥώμαια Σέβαστα heißen, die dem Cäsar gewidmeten Καισάρεια Vgl. die Inschr. im Corp. I. Gr. n. 3902 b aus Eumenia in Phrygien: ἀναγορεύεσϑαι ἐν τῷ γυμνικῷ ἀγῶνι τῷ εν Περγαμῷ τῶν Ῥωμάιων Σεβάστων –, ὡσαύτως δὲ ἀναγορεύεσϑαι καὶ ἐν τοῖς ἀγομένοις κατὰ πόλιν ἀγῶσι τῶν Καισαρήων. . Namentlich wurden beide, Cäsar und August, viel als Retter in der Noth (Σωτῆρες), als Befreier und hülfreiche Götter verehrt und Augustus als solcher in Aegypten, um welches er sich gleichfalls sehr verdient gemacht hatte, selbst mit dem Titel Ζεὺς Ἐλευϑέριος bedacht, während er in Alexandrien und sonst hin und wieder an den dortigen Küsten als Beschützer der Schiffahrt und unter den Göttern der See angebetet wurde Vgl. die Dedication eines Propyläon der Isis zu Tentyra bei Letronne recueil I, p. 80 sq. und oben S. 773, 2148 , C. I. Gr. n. 4443 bei Ägä in Cilicien: Θεῷ Σεβαστῷ Καίσαρι καὶ Ποσειδῶνι Ἀσφαλείῳ καὶ Ἀφροδίτῃ Εὐπλοίᾳ. : so sehr concurrirte damals auf allen Gebieten der Natur und Weltregierung die Furcht vor der irdischen Majestät mit dem Glauben an das unsichtbare Walten der Götter. Auch in Athen, in Sparta und andern Hauptstädten von Griechenland erhoben sich dieselben Altäre und Tempel zu Ehren des Cäsar und August, vor allen in Korinth, welches bekanntlich durch Cäsar wiederhergestellt worden war Ueber den T. der Roma und des Augustus auf der Burg von Athen s. Roß Archäol. Aufs. S. 113. In Sparta gab es ein t. Caesaris und ein t. Augusti, Paus. III, 11, 4, in Korinth außer dem Cult des Caesar und dem aus Münzen des August und der Livia bekannten t. der Gens Iulia ein t. Octaviae und ein allen römischen Kaisern gewidmetes Heiligthum, Paus. II, 3, 1; 8, 1. In einer Inschrift aus Ephesus C. I. Gr. n. 2957 heißt Cäsar ϑεὸς ἐμφανὴς καὶ κοινὸς τοῦ ἀνϑρωπίνου βίου σωτήρ. . In Italien aber zeichnete sich vorzüglich Neapel, jetzt die erste Stadt Campaniens und der Sitte nach griechisch, durch jene zu Ehren des August gestifteten Spiele aus, die nach griechischer Weise alle fünf Jahre mit gymnastischen und musischen Schauspielen, auch mit Theater gefeiert und von den berühmtesten griechischen Künstlern und Athleten wetteifernd besucht wurden. Augustus selbst hatte diesen Spielen noch kurz 793 vor seinem Tode präsidirt, und immer blieben diese gleichfalls Ῥώμαια Σέβαστα genannten Spiele, wie später ähnliche zu Ehren des Hadrian gestiftete Auf einer Inschrift bei Corsini Diss. Agon. IV, 14 p. 103 heißen diese Spiele Ἰταλικὰ Ῥώμαια Σέβαστα Ἰσ. Ὀλύμπια, wo Ἰταλικὰ ein älteres Fest sein muß, die Π. Σ. den August angehn, die Ἰσελαστικὰ Ὀλύμπια aber ein Fest zu Ehren eines Einzugs des Hadrian sind, s. die Inschrift aus Salernum vom J. 142 bei Mommsen I. N. n. 104 Imp. Caesari – T. Aelio Hadriano Antonino etc. – constitutori sacri certaminis iselastici . , eine wichtige Schule der griechischen Sitte in dieser Gegend von Italien. Neben Augustus wurde Livia viel verehrt, in Smyrna auch neben ihrem Sohne Tiberius Tacit. Ann. IV, 15. 37. Θεὸς Σεβαστὸς heißt Tiberius auf M. von Pergamum und Steinen von Mytilene. In Aegypten nannte man ihn νέος Σεβαστός, Θεοῦ Σεβαστοῦ υἱός, Letronne I p. 91 vgl. p. 230, wo Iulia Augusta d. h. Livia als Isis neben ihm genannt wird. Ein flamen Ti. Caesaris Aug. in Surrentum und in Venusia b. Mommsen I. N. n. 718. 2123. . Dann nahm Caligula den großen und prachtvollen Tempel des milesischen Apollo für sich in Beschlag, da, wie er sagte, Ephesus bereits von der Artemis, Pergamum von Augustus, Smyrna von Tiberius besetzt sei Dio LIX, 28. ; doch war seine Regierung zu kurz um dauernde Merkmale der Schmeichelei zu hinterlassen. Anders war es mit Nero, unter welchem sich in Asien die ersten Spuren des Neocorats zeigen; denn auch diesem Kaiser wurde in Griechenland und Asien auf alle erdenkliche Art geschmeichelt. Zeus Eleutherios heißt er auf einigen Münzen, Apollo und Herakles auf andern wegen seiner agonistischen Bemühungen, welche sein Anhang in Rom mit ähnlichen Huldigungen belohnte, der Welt Heiland (Σωτὴρ τῆς Οἰκουμένης) auf andern Eckhel D. N. VI p. 269, vgl. Sueton Nero 53, Dio LXIII, 20. . Später gefiel sich Hadrian ganz außerordentlich in solchen Adulationen der Griechen und der gräcisirten Gegenden, welche aller Orten Tempel seines Namens errichteten. Namentlich machte sich dieser Kaiser um Athen, den alten Mittelpunkt der griechischen Bildung, sehr verdient, daher ihm der von ihm selbst ausgebaute Tempel des Ζεὺς Ὀλύμπιος geheiligt und ein großer Theil der Stadt nach ihm benannt wurde Dio LXIX, 16, Spartian Adr. 12. 18. 19, vgl. Sueton Octav. 60. . Denn auch dieses wurde nach dem Vorgange Alexanders und seiner Nachfolger jetzt im römischen Reiche immer mehr Sitte, ganze Städte nach ihrem kaiserlichen Wohlthäter oder Stifter zu benennen, in welchen Städten dann natürlich der Cultus der Kaiser oder der 794 Kaiserin, die ihnen den Namen gegeben hatte, eine Hauptsache war. Jenen Tempel des Olympischen Zeus hatten schon früher die befreundeten und verbündeten Könige auf gemeinschaftliche Kosten ausbauen und dem Genius des Augustus heiligen wollen. Jetzt erwuchs für Hadrian daraus der Beiname Ὀλύμπιος, daher auch die ihm in Athen, in Asien und in Neapel gefeierten Spiele Olympische genannt wurden Vgl. das Verzeichniß der Olympien bei Krause Olympia S. 204 ff. und über den Prachttempel des Hadrian zu Cyzicus und die dort gefeierten Spiele Marquardt Cyzicus S. 143. 150 ff. . Dazu kam der neue Cultus seines Lieblings Antinous, der sich in Aegypten für seinen abergläubischen Herrn, welcher dadurch sein Leben zu verlängern hoffte, aufgeopfert hatte und dafür weit und breit als Gott verehrt und durch eigne Spiele gefeiert wurde Dio LXIX, 11, Eckhel D. N. VI p. 528. Namentlich zeigten Antinoupolis in Aegypten, s. Orig. c. Cels. III p. 132, seine Heimath Bithynien und Mantinea in Arkadien großen Eifer in diesem Gottesdienste, s. Paus. VIII, 9, 4. In Attika gab es Ἀντινόεια ἐν ἄστει und ἐν Ἐλευσῖνι, C. I. Gr. n. 283, Roß Demen v. Attika S. 32. . Die folgenden Kaiser von Antoninus Pius bis Septimius Sev. und seine Descendenz traten auch in den Provinzen meist als eine Folge auf; namentlich scheint Severus in seinem Eifer für einen Sohn des Marcus zu gelten den Cult der Antonine und die Feier eigner Ἀντωνινίανα erst recht befördert zu haben, obwohl er selbst und seine Familie syrischer Abkunft doch auch nicht selten unter ihren eignen Namen gefeiert wurden. Auch hängen die seit dieser Zeit besonders häufig gefeierten Pythien und Aktien als Spiele des Apollo höchst wahrscheinlich mit dem Culte des syrischen Sonnengottes zusammen, welcher in dieser Familie erblich war und nicht selten mit dem des Apollo verschmolz Vgl. das Verzeichniß der Pythien bei Krause, die Pythien, Nemeen u. s. w. S. 53 ff. Daher auch Geta und Caracalla auf Münzen als νέοι Ἥλιοι erscheinen und namentlich zu Emesa in Syrien Ἥλια Πύϑια gefeiert wurden, s. ib. S. 61. Entweder stehen Σεουήρεια Πύϑια zusammen wie Ἀδριάνεια Ὀλύμπια, oder es sind Münzen des Caracalla, Geta u. s. w., wo diese Pythien, auch wohl Ἄκτια Πύϑια, genannt werden. Außerdem werden hin und wieder genannt Κομμόδεια, Σεουήρεια, Ἀντωνινίανα, Ἀλεξάνδρια, letztere zu Ehren des Alexander Sev. . Anderswo wurden Θεογάμια zu Ehren der Vermählung des Septimius Sev. mit der Julia Domna, Χρυσάνϑινα zu Ehren dieser und späterer Kaiserinnen, Φιλαδέλφεια zu Ehren der feindlichen Brüder, des Geta und Caracalla gefeiert u. s. w. Vgl. über diese und andere Spiele Krause Neocor. p. 76 sqq. . Ein eigenthümliches und noch nicht genug aufgeklärtes 795 Institut des asiatischen Kaisercultus ist das Neocorat Krause Νεωκόρος Lips. 1844, vgl. Eckhel D. N. IV p. 288 sqq., Marquardt Cyzikus und sein Gebiet S. 84 ff. . Bei den Griechen ist νεωκόρος ein bloßer Tempeldiener, dagegen wurde in Asien, namentlich in Ephesus mit demselben Worte ein sehr angesehenes Ehrenamt beim Culte der Schutzgöttin der Stadt, der bekannten Diana von Ephesus bezeichnet Xenophon Anab. V, 3, 6. Ephesus heißt in der Apostelgesch. 19, 35 die πόλις νεωκόρος τῆς μεγάλης ϑεᾶς Ἀρτέμιδος καὶ τοῦ διοπετοῦς, auf einer Inschrift C. I. Gr. n. 2954 a ἡ τροφὸς τῆς ἰδίας ϑεοῦ τῆς Ἐφεσίας. Inschriften erwähnen außer den Neokoren der Kaiser einen Νεωκόρος τῆς Ἀρτέμιδος τῆς Λευκοφρυνῆς in Magnesia, einen andern τῶν μεγάλων ϑεῶν Νεμέσεων in Smyrna, τοῦ μεγάλου Σαράπιδος anderswo, so daß also auch hier der Cultus der wirklichen Götter der ältere gewesen zu sein scheint. . Eben dieses Amt scheint nun hier und in andern asiatischen Städten von dem Culte der älteren Schutzgottheiten auf den der göttlich verehrten Kaiser übertragen zu sein, welche gleichfalls für die Schutzgötter der ihrem Cultus ergebenen Städte oder Districte angesehen wurden. Genug das Eigenthümliche des Neocorats besteht darin daß gewisse Städte, hin und wieder auch sogenannte κοινά, sich mit specieller Beziehung auf die Verehrung der Kaiser und die damit zusammenhängenden Feste und Spiele νεωκόροι nennen. Und zwar findet sich dieses Institut zuerst in diesem Kreise von Asien, vorzüglich in den großen Hauptstädten, in denen der Kaisercultus mit besonderem Pomp begangen wurde, in Ephesus, Smyrna, Pergamum, Nicomedia, von wo es sich einerseits nach Thracien und Macedonien, andrerseits nach Cilicien weiter ausgebreitet hat. Immer war der Νεωκόρος eine sehr angesehene Person, entweder ein Priester oder der erste Beamte, welcher im Namen des Staates für diesen Gottesdienst, den der älteren Schutzgötter und den der römischen Kaiser, zu sorgen hatte und deshalb zugleich Eponym war; dahingegen andrerseits die Kaiser solchen Städten gewisse Auszeichnungen und Privilegien verliehen Ueberdies waren mit solchen Spielen immer örtliche Vortheile, zahlreicher Besuch von Fremden u. s. w. verbunden, daher die Städte sie eifrig suchten, s. Dio LXVI, 9. . Die ersten Anfänge dieses Instituts fallen in die Zeit des Nero, wenigstens geben die Münzen früher keine sichre Spur; und zwar zeigen sich nicht allein diese frühesten Spuren des Neocorats in Ephesus, sondern dasselbe hat sich in dieser Stadt auch am weitesten ausgebildet, so daß wir Ephesus wohl für die Wiege desselben halten dürfen. Am 796 meisten blühte es im Zeitalter der Antonine, wo die asiatischen Städte sich gewöhnlich mehrerer Neocorate, eines ersten, zweiten und dritten zu rühmen wissen, Ephesus sogar eines vierten: was vermuthlich so zu erklären ist, daß zu dem ersten Neocorate der älteren Schutzgottheit zuerst das des Augustus, darauf das des Hadrian u. s. w. hinzutrat, indem die pentaeterisch zu feiernden Spiele von Jahr zu Jahr abwechselnd gefeiert wurden Krause Νεωκόρος p. 43sqq. . Immer konnten sich solche Städte diese Würde nicht eigenmächtig aneignen, sondern es bedurfte dazu eines Decrets des römischen Senats, wie dieses auf manchen Münzen ausdrücklich bemerkt wird. Dieselben Münzen prunken mit den Tempeln und Statuen der von ihnen verehrten Kaiser, den Insignien der ihnen zu Ehren veranstalteten Spiele, und in der That scheinen diese Gebäude und diese Spiele in den größeren Städten sehr ansehnlich und prächtig gewesen zu sein. Gewöhnlich nennen sich solche Städte die Metropolen bestimmter Districte, z. B. Ephesus die Metropole von Asien, Milet die von Jonien, mit welcher Würde ein Vorzug bei den gemeinschaftlichen Versammlungen, Festen und Festaufzügen verbunden war. Die provinciellen Gemeinschaften im Ganzen dagegen nennen sich κοινά, communia von Asien, Macedonien u. s. w., welche als solche die Stiftung eines Tempels z. B. Romae et Augusti beschließen und für die Ausrüstung der Feste sorgen, daher auch wohl als κοινά das Neocorat zu besetzen hatten, während die Tempel sich natürlich immer in der Metropole befanden und auch die Feste dort begangen wurden. Anhang. Der römische Kalender. Januar . 1. Kal. Tag des Ianus und der Strenae 159 . Kal. Tag des Aesculap und Vejovis in Insula 238 .  607 . Kal. Tag der Fortuna 560 . 3. Tag der Vota 162 .  783 . 9. Agonia oder Agonalia 159 . 11. Iuturnalia, Carmentalia 358 .  508 . 13. Idus. Tag des Iup. Stator nach Kal. Const. 176 . 15. Carmentalia 358 . 16. Stiftungstag der Concordia 624 . 22. –24. Ludi Palatini 776,  2156 . 27. Dedication der von Tiberius neu erbauten aedes Castorum. 30. Dedication der ara Pacis 614 . Februar . 1. Kal. Tag der Iuno Sospita in Lanuviura und Rom 247 . 5. Stiftungstag der Concordia in Arce 624 . 13. Idus. Tag des Iup. und des Faunus in Insula 346,  800 . 15. Lupercalia 318 .  342  ff. 17. Quirinalia 330 .  408 . 13. –21. Dies parentales 483 . 21. Feralia 483 . 22. Caristia 484 . 23. Terminalia 230 . 24. Regifugium, s. Marquardt Handb. d. R. A. IV, 265. 27. Equiria 318 . März . 1. Kal. Tag des Mars, alter Jahresanfang 245 .  319 .  542 . Tag der Iuno Lucina 245 . Matronalia 244 . Auszug der Salii 319 . 5. Isidis Navigium 729 . 6. August zum Pontif. Max. erhoben 549 . 7. Tag des Vejovis 237 . Tag des Iupiter, Mars und Vejovis 320 . 14. Equiria. 15. Idus. Tag des Iupiter 320 . Tag der Anna Perenna 304 . 16. Mamuralia 317 . 16. 17. Umzug bei den Capellen der Argeer 515 . 17. Liberalia, Dies agonalis 159,  256 .  320 .  444 . 19. Stiftungstag der Minerva in Aventino und Dies artificum 259 . 19. –23. Quinquatrus 260 . 19. Tanz der Salier auf dem Comitium 261 .  321 . 20. Pelosia 729,  1991 . 23. Tubilustrium 321 . 24. Q. Rex C. F. (Quando Rex comitiavit fas) 322 . 22. –27. Fest der Magna Mater und des Attis 736 . 28. Initium Caiani 741,  2033 . 30. Ara Pacis constituta 614 .  624 . 31. Stiftungstag der Luna in Aventino 289 . April . 1. Kal. Tag der Venus und der Fortuna Virilis 388 .  395 .  624 . 5. Stiftungstag der Fortuna Publica auf dem Quirinal 556 . 4. –10. Megalesia 448 .  451 . 10. Stiftungstag der Magna Mater Idaea auf dem Palatin 448 . 11. Tag der Fortuna Primigenia in Praeneste 562 . 12. –19. Ludi Cereales 434  ff. 13. Idus. Stiftungstag des Iup. Victor und der Libertas 176 .  616 . 15. Fordicidia 405 . 21. Parilia oder Palilia, später Ῥώμαια 367 .  368 .  701 .  707 . 23. Vinalia priora 175 .  388 .  396 . 25. Robigalia 437 . Serapia 730 . 28. Stiftungstag der Vesta in Palatio 549 . 28. –3. Mai. Ludi Florales 380 . Mai . 1. Kal. Tag der Maia oder Bona Dea 351 . Laralia 490 .  496 . 9. 11. 13. Lemuria 499 . 12. Stiftungstag des Mars Ultor 325 . 15. Idus. Argeenopfer 515 . Tag des Mercur und der Maia 597 . 21. Agonalia 159,  256 . 23. Tubilustrium 529 . 24. Q. R. C. F. 25. Stiftungstag der F. Primigenia auf dern Quirinal 556 . 29. Ludi Honoris et Virtutis 614 . Juni . 1. Kal. Tag der Iuno Moneta 252 . Tag der Carna 603 .  604 . Tag des Mars extra p. Capenam 323 . Stiftungstag des t. Tempestatis 293 . 3. Stiftungstag der Bellona 611 . 4. Stiftungstag des Hercules Custos in Circ. Flam. 655,  1782 . 5. Stiftungstag des Dius Fidius in colle Quirinali 636 . 7. Ludi piscatorii 512 .  529 . 8. Stiftungstag der Mens in Capitolio 628 . 7. –15. Reinigung des Vestatempels 542 . 9. Vestalia 543 . 15. Q. St. D. F. d. i. Quando stercus delatus fas 543 . 11. Matralia 285 . Stiftungstag der Fortuna in Foro Boario 554 . Stiftungstag der Concordia der Porticus Livia 624 . 13. Idus. Stiftungstag des Iup. Invictus 176 . Quinquatrus minusculae 262 . 19. Stiftungstag der Minerva in Aventino und in Caelio 260 . 20. Stiftungstag des t. Summani beim Circ. Max. 217 . 23. Dies ater d. h. Tag der Niederlage am l. Trasimenus. 24. Tag der Fors Fortuna 553 . 27. Stiftungstag der Aedes Larum in Summa Sacra Via 497 . Stiftungstag der Aedes Iovis Statoris 176 . 29. Stiftungstag des t. Quirini in colle 698 . 31. Stiftungstag des t. Herculis Musarum 656 . Juli . 1. Kal. Tag der Felicitas in Capitolio 619 . 4. Stiftungstag der ara Pacis 614 . 5. Poplifugia } 7. Nonae Caprotinae }  255 . 8. Vitulatio } 6. Tag der Fortuna Muliebris 556,  1781 . 7. Opfer ad aram Consi 421 . 6. –13. Ludi Apollinares 271 . 14. –19. Merkatus (der Markt nach den Spielen). 15. Idus. Transvectio Equitum zu Ehre der Castoren 660 . 18. Dies Alliensis. 19. 21. Lucaria 99 . 20. –30. Ludi Victoriae Caesaris 610 . 23. Neptunalia 505 . 25. Furrinalia 458 . 30. Stiftungstag der Fortuna Huiusce Diei 558 . August . 1. Kal. Tag der Spes am f. Olitorium 617 . Tag des August und der lares Augusti 497 .  776 . Tag der Eroberung von Alexandria durch August. 5. Stiftungstag der aedes Salutis auf dem Quirinal 601 . 9. Opfer des Sol Indiges auf dem Quirinal nach dem Kal. Amitern. Das Kal. Capranic. setzt dasselbe Opfer auf den 8. Aug. 287 . Tag der Schlacht bei Pharsalus. 10. Stiftungstag der ara Cereris et Opis Augustae in Vico Iugario 419 . 12. Opfer des Hercules Invictus am Circ. Max 652 . Opfer der Venus Victrix, des Honos und der Virtus, der Felicitas in theatro marmoreo d. h. des Pompejus 389,  942 . 13. Idus. Tag des Iupiter, der Diana, des Vortumnus in Aventino nach Kal. Amitern., der Diana in Aventino und des Vortumnus in Loreto Maiore nach Kal.Capranic. Wahrscheinlich hatte auch die Diana Neniorensis von Aricia an diesem Tage ihren Festtag. 280 .  283 . Tag des Castor und Pollux in Circo Flam. 662 . 17. Portunalia (nach Kal. Const. Tiberinalia) 158 . 18. Stiftungstag des Divus Iulius auf dem Forum 772 . 19. Vinalia Rustica, Stiftungstag der Libitina und der Murcia 174 .  387 .  388 . 21. Consualia 421 . 23. Volcanalia 528 . 24. Tag der Luna in Graecostasi nach Kal. Pinc. Das Kal. Const. nennt den 28. einen Tag des Sol und der Luna. Mundus patet 457 . 25. Opeconsiva 418 . 27. Volturnalia 521 . 28. Stiftungstag der Ara Victoriae im Senat 610 . September . 1. Kal. Stiftungstag des Iupiter Tonans 211 . 2. Tag der Schlacht bei Actium 274 . 13. Idus. Epulum Iovis 195 .  231 . Ländliches Fest der Ceres, Plin. Ep. IX, 39. 4. –19. Ludi Romani 195  ff. 20. –23. Merkatus. 17. Consecration des August 787 . 18. –22. Ludi triumphales D. Traiani 779,  2171 . 23. Geburtstag des August 776 . 26. Tag der Venus Genitrix auf dem Forum Iulium 390 . Oktober . 1. Kal. Fidei in Capitolio 225 . 4. Ieiunium Cereris 439 . 5. Mundus patet 457 . 5. –12. Augustalia 776 . 6. Dies ater, wegen der Niederlage durch die Cimbern im J. 105 v. Chr. 9. Stiftungstag des Apollo Palatinus nach Kal. Amitern. und Antiat. 274 . Genio Publico, Faustae Felicitati, Veneri Victrici in Capitolio 569 . 11. Meditrinalia 175 . 13. Fontinalia 506 . 15. Idus. Ludi Capitolini 203 . Opfer des Octoberpferdes 323 . 18. Iano ad th. Marcelli 157 . 19. Armilustrium 324 . 27. –1. Nov. Ludi Victoriae zum Andenken an Sulla 610 . 28. –3. Nov. Fest der Isis 730 . November . 1. Kal. Haupttag der ludi Victoriae Sullae und Tag der Schlacht. 8. Mundus patet 457 . 13. Idus. Epulum Iovis 203 . 4. –17. Ludi Plebeii 203 . 18. –20. Merkatus. December . 1. Kal. Neptuno, Pietati ad Circ. Flam. 505 .  626 . 3. –4. Nächtliches Opfer der Bona Dea 355 . 5. Faunalia 336 .  342 . 8. Tiberino in Insula, Kal. Amitern. 11. Agonalia 159,  256 . 12. Conso in Aventino, Kal. Amitern. 421,  1050 . 13. Idus. Telluri, Kal. Antiat. 15. Consualia 421 . 16. Dedication der Ara Fortunae Reducis 559 . 17. –21. Saturnalia und Opalia 413  ff. 21. Divalia und Angeronalia 431 . Opfer des Hercules und der Ceres 644,  1742 . 22. Tag der Lares Permarini 497 . 23. Larentinal 423 . 25. Natalis Solis Invicti 756 . Register. Abeona Adeona 580 . Aborigines 341 . 675 . Acca Larentia 72 . 85 . 342, 785 . 379 . 413 . 644 . 695 . Acron v. Caenina 177 . 646 . 702 . Acheron, Acherusia templa 461 . Actium, Actia 273 . 274 . 792 . 794 . Adad 750 . Adeps, adipatum 585 . Adler der Consecration 788 . — des Iupiter 681 . Adolenda Coinquenda 595 . Adolenda Commolenda Deferunda 595 . Adonis 725 . 743, 2038 . Aecetia 629 . Aediles 433 . 434 . Aenaria 673 . Aeneas Indiges 82 . 83 . 152 . 422 . 520 . 536 . 677 . Aeneas und die Aeneaden 387 . 667  ff. Aeon 762 . Aequitas 629 . 730 . Aerarium Saturni 412 . Aes Martium 310 . Aesculanus 590 . Aesculapius 134 . 606 . 726 . 752 . Aeternitas 288 . 784 . Afferenda 582 . Agenoria 581 . Agnone, die Weihinschrift von 40 . 647 . Agonia, Agonalia, M. Agonius 159 . 321 . 581 . Agrippa 505 . 577 . 690 . Aius Locutius 55 . 580, 1539 . Alba Longa, Mons Albanus etc. 9 . 187 . 191 . 235 . 384 . 536  ff. 674 . 680 . 688  ff. 696 . Albiona, Albionae 100, 139 . Albogalerus 180, 307 . Albunea 339 . 518 . 523 . Alemona 576 . Alexandria 513 . 622 . 725  ff. 765 . 767 . 773, 2148 . 792 . Almo 450 . 516 . 737 . Amata 537 . 682 . Ambarvalia 301 . 371 . 406 . Ambilustrum 374 . Amburbium 124 . 372 . Amnis 507 . Amphitrite 503, 1286 . 504 . Amsanctum 522 . Ancilia 169 . 300 . 314 . 322  ff. Ancitia, Angitia, Angitiae 89 . 238 . 362 . Anculi, anculae 87 . Angerona 432 . Anio 517 . 518 . Anna 305 . 669, 1830 . Anna Perenna 304 . Annona 432 . 597 . 621 . Antenor 687 . Antinous 794 . Antiochia 743 . 747 . 769 . Antium 563 . 607 . 665 . 675 . M. Antonius 87 . 772 . Antoninus Pius 41 . 246 . 615, 1663 . 750 . 780 . M. Antoninus Philosophus 768 . 780 . 794 . Anubis 724 . 731 . Anxur 238 . Apello, Aperta 268 . Apertiones sacrorum 322, 725 . Apex 180 . 182 . 316 . Aphrodite 384 . 388 . Aphrodite und Aeneas 667  ff. Aplu 268 . Apollinaris (lucus) 269 . Apollinis operta 339, 778 . Apollo, onis, enis, inis 268 . — Belenus, Grannus 277 . — Medicus 268 . 269, 564 . — Monetae 276, 586 . — Palatinus 274 . 475 . — Putius 268, 562 . — Rhamnusius 274, 581 . — Salutaris,Conservator 276, 586 . — Sandaliarius, Tortor etc. 276, 586 . Apollo Sol 272 . — Soranus 239 . 377 . — Veiovis 236 . — in Italien und Rom 131 . 134 . — und die Secularspiele 275 . 475 . Apollo und die Musen 276, 586 . — der Syrische 745 . 750 . Apotheose 770  ff. Aprilis 142 . 388 . Aquae Albulae 518, 1333 . Aquili, dii 47 . 458, 1160 . Aquilicium 173 . 313 . Aquilo 291 . Arae et foci 490, 1242 . Ara Consi 421 . Ara Martis 311 . 319 . 373 . Ara Maxima 645 . 649 . Ara Romae et Augusti 774 . Ara Ubiorum 774 . Arculum, Inarculum 182 . Arculus 590 . Ardea 384 . 658 . 665 . 669 . 675 . 681  ff. Argei, Argea 124 . 514 . 515 . 694 . Argentinus 590 . Aricia 9 . 278 . 683 . 691 . 692 . Armilustrium 324 . Arquis 588 . Arseverse 530 . Arvales fratres 39 . 112 . 422 . 424  ff. Ascensus 589 . Asses, ihr Gepräge 158 . 160 . Asylum Romuli 237 . 701 . Atargatis 742 . 744 . 750 . Athenaeum 264 . Atrium 490 . 532 . Atrium Caci, Herculis 649 . — Libertatis 616 . Attis 736 . 739 . Attus Navius 97 . 111 . 487 . Avens 360 . Aventinus 282 . 700 . Aventinus, der König 84 . 690 . Auguraculum in Arce 110 . 160 . 178 . 219 . 600 . 703 . Augures in Italien 102 . — — Gabii 106 . — — Rom 109  ff. 512 . 517 . Augur Soranus 240, 479 . Augurium Salutis 601 . Augustales, Seviri Augustales 789 . Augustus, augustum augurium 701 . 775 . 776 . Augustus als Restaurator 25 . 475 . 495 . 549 . Augustus Apollo 61 . 273 . — sein Horoscop 766 . — seine Verehrung bei seinen Lebzeiten 773  ff. 789 . Augustus, seine Consecration 775 . 787 . Augustus, Feste, Tempel, Altäre desselben 705 . 773  ff. 776 . 792 . Avia larvarum 459, 1163 . 501 . Aurelian 754 . Aurelii, Auselii 287 . Aurora 287 . 289 . Auson, Ausonia 665 . Auspicia pedestria 103, 143 . — perennia 517 . Auster 291 . Auxilia 730, 1992 . Axamenta 126 . Bacchanalia 714  ff. Bacchus, der indische 719 . Bad der Magna Mater 737 . — der Venus 395 . Bandusia fons 519 . Baumcultus 95 . 297 . 342 . 512 . Bäume der Ursprung der Menschen 341 . Begoe 172 . Beelsebub 466 . Belenus 240 . 277 . Bellona 611 . 734 . Bellonarii 735 . Bellura 614, 1659 . Bellum pium 223 . Bidental 172 . Blumen in die Quellen 506 . 519 . — auf den Gräbern 481 . Bona Dea 340 . 352 . — — agrestis 356 . — — restituta 355 . — — sancta, sanctissima 357 . — — subsaxana 354 . Bona Fortuna 559 . — Mens 628 . — Spes 618 . Bonus Eventus 620 . Bos arator 299 . Bovillae 235 . 305 . 357 . 690 . 691 . Brode als Opfer 323 . 426 . 543 . Bubona, ludi Bubetii 594 . Bund des Romulus und T. Tatius 321 . 330 . 703 . Cacus, Caca 470 . 643 . 647 . 649 . Caduceus 599 . L. Caecilius Metelius 209 . 265 . Aulus Caecina 61 . 171 . Caeculus 587 . Caeculus von Praeneste 526 . 647 . 693 . Caenina, sacerdotium Caeninense 646 . Caere 13 . 683 . Caesar 390 . 629 . 719 771 . 792 . Καισάρεια 705 . 792 . Caianum 741 . Calare, cura Calabra 140 . 242 . Camelae Virgines 89 . 582 . Camenae, Casmenae 89 . 359 . 509 . 582 . Cameses, Camesene 163 . Campus 310 . — ignifer 469 . — Martialis 319, 712 . — Martius 312 . Candelifera 577 . Canens 163 . 334 . Canopus 726 . Capita fontium 506 . Capitalis i. q. ingeniosus 260 . Capitolium 193 . 206  ff. 211  ff. 702 . Capitolia 215 . Capitolinischer Gottesdienst 58 . 128 . 168 . 183 . 192  ff. 216 . Caprificus, caprificatio 256 . Caprio 594 . Capua und Campanien 11 . 521 . 659 . 666 . 683 . 716 . Cara Cognatio, Caristia 484 . Caracalla 550 . 657 . 729 . 768 . 781 . Carmen, Carmentes, Carmentarii 358 . Carmenta, Carmentis, Carmentes, Carmentalia 89 . 286 . 357 . 577 . 694 . Carmina precationum 122 . Carna, Cardea 163 . 589 . 602 . Castitas 116 . Castor und Pollux 658 . Castores, Polluces 661 . Castrum Inui 336 . 364 . Castus Cereris 438, 1096 . — Matris Magnae 736, 2015 . Catabasis 736, 2015 . Catilus, Catillus 518 . Catius 582 . Cato, M. Porcius 28 . 674 . Catularia porta 438 . Cavaedium 533 . Cerei 414 . Ceremonia 70 . Ceres, Cerus 70 . 152 . 403 . Ceres, Liber, Libera 133 . 432  ff. Ceres und Venus 442 . Cereris ieiunium 439 . Cereris mundus 456, 1154 . Cereris nuptiae 439 . Cerriti 71 . 407, 994 . 500 . Cervi i. q. fugitivi 283 . Chaldaei 765 . Charun 460 . Cinctus Gabinus 106 . Cinxia 249 . 586 . Cipus 282 . Circe 334 . 363 . 664 . Circus Maximus 129 . 194 . Clarigatio 222 . Claudia Quinta 354 . 447 . 449 . App. Claudius Caecus 611 . 651 . 721, 1965 . Claudius, der Kaiser 617 . 622 . 736 . 778 . Clavum figere 232 . Clementia 629 . Clitumnus 519 . Clivicola 589 . Clivus Virbii 278, 592 . P. Clodius beim Opfer der Bona Dea 355 . Coena Cerialis 436 . — Saliaris 196 . 323 . — Serapiaca 732, 1999 . Coinquire lucum 427 . Collatina 590 . Collegia compitalicia 495 . — Silvani 350 . Colosse auf dem Capitol 209 . Columen, columna 232, 459 . Columna bellica 224 . 612 . Comitium 321 . 456 . 467 . 558 . Commodus 617 . 657 . 781 . Compita, Compitalia 488 . 492  ff. Concipere Latiar 188 . Concordia 623 . Concubinus 584 . Conditor 594 . Confarreatio 115 . 124 . 181 . Coniugia Deorum 50 . Consecratio 124 . 125 . 138 . 481 . — der Kaiser 786 . Consentes 60 . Consentium, consessus, consilium Deorum 61, 68 . 128, 197 . Constantia 630 . Constantin, Constantinopel 678 . 709 . 756 . 781 . Consules, ihr Amtsantritt 160 . 161 . 195 . 320 . Consus, Consualia 420 . 582 . Convector 594 . Cor 604 . Coraces, Coracica 762 . Corniscae Divae 89 . 252 . Corona graminea 309 . — radiata 734 . Coronae donaticae 490 . 492, 1251 . Creppi für capri 344 . Criobolia 738  ff. Cryphii 762 . Cuba 580 . Cultus ohne Bilder und Tempel 93 . 114 . Cumae 15 . 131 . 266 . 363 . 462 . 596 . 642 . 643 . 664 . 670 . 673 . 683 . 694 . 767, 2128 . Cunina 578 . Cupenci 635 . Cupra 249 . Cures 327 . 638 . Curiae, Curienverfassung 106 . 406 . 408 . 702 . Curiatii 152 . 691 . Curis, quiris 248 . 326 . Curtius, l. Curtius 466 . 702 . Cyprus i. q. bonus 249 . Damia, damiatrix, damium 355 . Damnatus voti 118 . Danae in Ardea 684 . Daps 173 . Dardanus in Italien 672 . Daunus, Daunii 663 . 684 . 688, 1879 . Dea Dia 425 . Dea Muta s. Tacita 459 . Dea Syria 744 . Decuma 564 . 576 . Dedicatio 138 . Dedicationstitel auf dem Capitol 207 . Defixiones 469 . Dei, Divi 45 . 165 . Delli 524 . Delphi 12 . 131 . 267 . 271 . Dendrophori 350, 818 . 736, 2015 . Denicales feriae 482 . Deos generaliter invocare 57 . Depidii 693, 1892 . Deverra 333 . Devotio 124 . 466 . Dextram fidemque dare etc. 226 . Diana, Iana 149 . 277 . — in Algido 277 . — in Aventino 282 . — Ephesia 127 . 283 . 795 . — Genitalis, Lucina 284, 610 . — Haingöttin 100 . 278 . — Nemorensis 278 . — Tifatina 281 . — Victrix 274 . 284 . — von Hierapolis 744 . Dictator clavi figendi causa 232 . — feriarum latinarum causa 189 . Dido 669 . 749 . 753 . Dies agonales 159 . — atri, comitiales, fasti, religiosi 143 . Dies festi, intercisi, profesti 144 . — lavationis, sanguinis 737 . Dies, dius, dium, sub diu etc. 45 . 149 . 165 . 232 . 633 . Diespiter 166 . 168 . 218  ff. 577 . Dii adventicii 137, 208 . — anculi 87 . — aquili 47 . 458, 1160 . — caelestes 47 . — certi, incerti, selecti 62  ff. — Complices, Consentes 60 . 62 . — geniales 70 . — genitales 47 . — Inferi Superi 46 . — magni 548 . 662 . 668 . — maiorum gentium 61 . — Manes 455 . 481 . 486 . — medioxumi 47 . — minuti 61, 69 . 491 . — nuptiales 582 . — nutritores 579, 1535 . — patellarii 491 . — propitii 491 . — publiei 137, 208 . — superiores s. involuti 61 . — terrestres 47 . Diiovis 235 . 238 . Diocletian 214 . 658 . 769 . 785 . Diomedes 265 . 663 . Dionysius von Halicarnass 36 . Diovis, Diuvis 166 . Dis Pater, Ditis Pater 412 . 455 . 470 . 474  ff. Diva, Divalia 431 . Divi Patres, Divae Matres 51 . 576 . 582, 1547 . Divi, Divae von consecrirten Kaisern und Kaiserinnen 786 . Dius Fidius 633 . Dolocenum 752 . Domiducus, Domiduca 580 . 582 . Dominus 785 . Domitian 212 . 264 . 779 . Dracumis für lacrumis 341, 781 . Dreifache Religion 31 . Druiden 769 . Dusares 751, 2060 . Ecastor, Eccere, Eiuno, Equirine 327, 742 . Educa 579 . Egeria 279 . 508 . 542 . 577 . Ehrenschilde 208 . Eichen, heilige 96 . Eisen von heiligen Handlungen ausgeschlossen 116 . 514 . Elagabal 745  ff. Elymer 669 . Empanda 592, 1587 . Ennius 28 . 47 . 99 . 222 . 226 . 390 . 462 . 674 . 697 . 698 . 701 . 704 . 722 . Epiphanie der Dioscuren 659 . 660 . Epona 594 . Epulones 129 . Epulum Iovis 129 . 190 . 196 . 202 . Equiria 318 . Equus bellator 299 . Erichtho 768 . Erndtefeier 406 . Etrusker 11 . 61 . 75 . 77 . 127 . 153 . 167 . 171 . 193 . 229 . 231 . 253 . 258 . 268 . 385 . 460 . 468 . 472 . 487 . 503 . 526 . 528 . 530 . 597 . 641 . 658 . 683 . 684 . 716 . Evander 335 . 343 . 359 . 647 . 693 . 694 . Eventus 620 . Everriator 333 . 480 . Evocatio 124 . 138 . 468 . Exuviae 97, 131 . 197 . Fabius Pictor 699 . Fabulinus 580 . Fagutal 100 . Falerii, Falisci 12 . 16, 6 . 239 . 248 . 250 . 307 . Famuli divi 88 . Far 115 . Farinus 580 . Fascinus, Fascinum 104 . 205 . 441 . 545 . Fasti Praenestini 145 . Fata, fatum, fatalis 565 . Fata scribunda 565 . 579 . Fata tria 565 . Fatuus, Fatua 88 . 338 . 340 . Faula, Favola 422 . Fauna 340  ff. 353 . Faunalia 336 . Faunus, Fauni 335  ff. Fauni ficarii 337, 773 . Faunus Inuus 243 . 336 . — Lupercus 298 . 336 . — der Aboriginerkönig 341 . 676 . — kriegerischer Held 357 . 693 . — Princip der Inspiration 92 . 338 . 518 . Favonius 291 . Faustus, Fausta 619, 1674 . Faustus, Faustulus, Fostlus 335 . 424 . 695 . 696 . Febris 605 . Februarius, februum, dies februatus etc. 141 . 247 . 343 . 483 . Februus Deus 483, 1225 . Fecunditas 620, 1678 . Felicitas, feliciter, felix etc. 618  ff. Feralia 483 . 499 . 577 . Ferentina 383 . Feretrum 177 . Feriae Latinae 188 . Feriae conceptivae, imperativae, stativae 144 . 188 . 494 . Ferien und Feste 144 . Feronia 238 . 239 . 373 . 383 . 387 . 693 . Fescennini versus 442 . 584 . Fessonia 590 . Fetiales 218  ff. 225 . Feuer und Wasser 533 . 539 . 583 . 585 . Feuer von der Sonne 528 . 542 . — vor den Kaisern getragen 785 . Fibra für herba 344, 792 . Fictores 115 . Ficus Navia 97, 132 . — Ruminalis 97 . 369 . 695 . Fides 224 . — cana, pinnata etc. 226 . — publica 225 . Fidius, Fisius, Fisovius 634 . Flamen Carmentalis 357 . — Dialis 108 . 174 . 179  ff. — Falacer 251 . — Floralis 379 . — Furinalis 458 . — Iuventutis 234, 465 . — Palatualis 365 . — Pomonalis 400 . — Portunalis 158 . — Quirinalis 327, 741 . 328 . 543 . — Virbialis 278 . Flamines maiores und minores 108 . 137 . Flaminica Dialis 181 . Cn. Flavius der Aedil 143 . 528 . 623 . Flora, Flusa, m. Flusaris 378 . 592 . Flora Mater 379 . Floralia 135 . 380 . Fluonia, Fluviona 576 . Flüsse und Quellen 95 . 506  ff. Focus, foci 490 . 532 . 535, 1389 . Fons, fones 335 . Fons, Fontus, Fontinalia 157 . 164 . 506 . Forculus 603 . Fordicidia 405 . Fornax, Fornacalia 408 . Fors Fortuna 552 . 553 . Fortuna Antias 563 . — Augusta 558 . — balnearis 557, 1452 . — barbata 234 . 557 . 582 . — bona, mala 559 . — brevis, manens 559 . — dubia 559 . — dux, redux 559 . 560 . — equestris 557 . 564 . — felix 564 . — huiusce diei 558 . — in foro Boario 553 . — mammosa 559 . — muliebris 556 . — obsequens 558 . — Primigenia 555 . 561 . — privata 556 . — publica s. Populi Romani 355 . — regia s. aurea 558 . — respiciens 558 . — Seia 557 . — tranquilla 560 . — Virgo, Virginalis 554 . — virilis 395 . 557 . — viscata 559 . — ihre Attribute 560 . Fortunae filius 552, 1438 . Fratres Arvales 39 . 111 . 112 . 424  ff. Frestram f. fenestram 344, 792 . Fructiseia 591 . Fruges 476 . Fruges libare 427 . Fruges aridas, virides contingere 426 . Fugalia 255, 523 . Fuchs Symbol der robigo 437 . — — der Rutuli 681 . Fulgur, fulmen 170 . Fulgur condere 170 . Fulgur dium, nocturnum, summanum 217 . 218 . Fulgurita 172 . Fullones 261 . Fulmina regalia 172, 284 . Funesta domus 479 . Funus 479 . 481 . Furiae, Furinae, Furrinae, Furrinalia 48 . 89 . 458 . Gabii 106 . 384 . 399 . Gaius, Gaia 585 . Gänse der Iuno 253 . Galli 450 . 737 . 746 . Garanus 71 . 645 . Geburtstagsfeier der Kaiser 782 . Genialis 69 . Genii böse und gute 77 . 568 . — der Götter 74 . — der Verstorbenen 73 . 572 . — imperatorum 498 . 571 . 782 . — locorum 570 . — urbium, populorum 569 . Genita Mana 459 . Genius, Cultus der Genien 67  ff. 566  ff. — Augusti 495 . 571 . — Iovialis 71 . 76 . — Natalis 69 . 567 . — Urbis 56 . 569 . Gens Iulia 777 . 789 . — Flavia 779 . 781 . Germalus 695 . 701 . Geruli 68 . Geryonssage in Italien 642 . Gipfel der Berge 94 . Gladiatoren bei Leichenspielen 482 . Göttersystem, das Capitolinische 58 . 193 . — des Cicero 64 . — der Etrusker 61, — der Griechen 60 . — des Numa 57 . — des Varro 62 . Granius Flaccus 121 . Grenze dem Silvanus heilig 348 . Griechische Cultur, Mythologie und Religion in Rom 14  ff. 130  ff. 258  ff. 265  ff. 284 . 286 . 324 . 384 . 389  ff. 419 . 432  ff. 461 . 503 . 597 . 606 . 639 . 642 . 659 . 662  ff. 694 . Hadrian 614, 1660 . 707 . 741 . 743 . 768 . 780 . 793 . Hain der Angitia 361 . — — Anna Perenna 304 . — — Camenen 510 . — — Dea Dia 425 . — — Ferentina 383 . — — Feronia 239 . 376 . 377 . — des Helernus 603 . — der Iuno Lucina 243 . — — Libitina 387 . — — Marica 363 . — des Robigus 438 . — der Vacuna 360 . Haine der Diana 100 . — der Götter 98  ff. 172 . — der Laren 99 . 471 . 488 . — verschiedener Götter in den Umgebungen Roms 100 . Halesus oder Falesus 251 . Harpocrates 724 . 727, 1977 . 731 . Haruspices 14 . 130 . 171 . Hasta celibaris 248 . Hastae Martiae 300 . Hausgeister 488 . 532 . 535 . Hecate 763, 2111 . 769 . Der Heerd die Stätte der Laren und Penaten 489 . 490 . 533 . Heilkunde in Rom 608 . Heliodromus, Heliaca 763 . Hercoles, Hercules, Hereclus etc. 640 . Hercules barbatus, celer, rusticus 656 . — custos, domesticus, tutor 644 . 655 . — defensor, salutaris 655 . — Gaditanus 657 . — Musarum 656 . — pacifer 656 . — ponderum 645, 1748 . — pusillus 656, 1788 . — sanctus 647 . — Saxanus 656 . — Silvanus 644 . — Sullanus, Pompeianus etc. 655 . — triumphalis 654 . 657 . — Victor 650 . 653 . — bei den Etruskern 641 . — der Segenspender 652 . — der warmen Bäder 522 . 656 . Hercules, sein Opfer den Frauen verwehrt 354 . 653 . Hercules, Vater des Aventinus, des Fabius, des Latinus, des Palas 645 . Hercules und Acca Larentia 423 . — — Bacchus 657 . 719 . — — Omphale 641 . 657 . Hercules, Bilder von ihm in Rom 650 . 655 . Here Martea 303 . Herentatis 383 . Herie Iunonis 245 . Herilus 693 . Hersilia 245 . 328 . 698 . Heuresis 730, 1995 . Hilaria 730, 1995 . 737 . Hippolytus 278 . Hirpi Sorani 240 . Hirtenleben im alten Italien 364 . Hochzeitszug, Hochzeitsfackel 583 . Holzbilder in Rom 135 . Honorinus 589 . Honos und Virtus 613 . 614 . Hora Quirini 328 . Horatii und Curiatii 692 . Hordicidia, Fordicidia 405 . Horus 724 . 731 . Hostiae animales, consultatoriae 237, 473 . — furvae 48 . 458 . 471 . 474 . — taureae 478 . Hostilina 592 . Hütte des Aeneas 680 . — — Faustulus u. Romulus 701 . Humani greges 345, 794 . Humanum sacrificium 237, 473 . Humatio 480 . Hunde den Faunen und Laren geweiht 337 . 345 . 459 . 496 . Iani, ianuae 150 . 153 . Ianiculum 157 . Ianual 159 . Ianuarius 141 . 151 . Ianus, Iana 149 . 588 . Ianus, us, Abl. Iane 149, 235 . Ianus bifrons, quadrifons 150 . 154 . 157 . 163 . 164 . — Consivius 152 . 575 . — Curiatius 152 . — Divum Deus 148 . 152 . — Geminus des Numa 156 . — Iunonius 151 . 159 . — Matutinus 151 . — Pater 148, 234 . — Patricius 152 . — Patulcius Clusius 150 . — Quirinus 47 . 154 . 223 . — immer zuerst angerufen 57 . 150 . — in ganzer Figur 157 . 164 . — Stifter alles Gottesdienstes 150, 238 . — und Carna 603 . — — Saturnus 162 . 410 . 694 . — Ursprung aller Flüsse und Quellen 151 . Ianuslampen und Ianusmünzen 161 . Idulia sacra 179 . Idus, Itis, Itus 140 . Idus dem Iupiter heilig 140 . 169 . 232 . Idus des September 195 . 231 . Iguvinische Tafeln 40 . 372 . Ilia 697 . 699 . Imporcitor 593 . Incubation des Aesculap 607 . Incubo, Incubus 337 . Indigetes 80  ff. 693 . Indigitamenta 51 . 53 . 81 . 119  ff. 572  ff. Indigitare 120 . Indulgentia 630 . Inferi 46 . Insitor 594 . Instaurare sacra 191 . Insula Aesculapii 607 . Inter duos lucos 236 . Intercidona 333 . Inuus 336 . Io Saturnalia 415 . Iovi O. M. ceterisque diis 184, 318 . Iovis 166 . Iovis fiducia 140 . 168 . 225 . Iselastica Olympia 793, 2216 . Isia 730 . Isidis Navigium 729 . Isis 723  ff. 733 . — Campensis 728 . — fructifera, myrionyma, salutaris etc. 733 . — Pharia 724 . 730 . — Regina 727 . 733 . — in Deutschland 729 . — und Osiris 723 . 731 . — Weihe 731 . Iterduca 580 . 583 . Iubar 290 . Iucunditas 620 . Iuga, Iugatinus 582 . 590 . Iuglans 97, 131 . Iugula 291 . Iulia Augusta 777 . Iulii, ihre Geschlechtssage und gentile Culte 87 . 236 . 389 . 673 . 686 . 689 . 698 . 771 . 777 . 778 . Divus Iulius 705 . 771 . Iulus 689 . Iuno i. q. Iovino 241 . Iuno Caelestis 257 . 669 . 742 . 753 . — Caprotina 255 . — Cinxia 249 . 586 . — Conservatrix 244, 489 . 257 . — Covella 242 . — Curitis, Quiritis 247 . — Falisca 250 . — februlis, februalis, februata 247 . — Fluonia, Fluviona 245 . — Iterduca, Domiduca 249 . — Iuga 249 . 582 . — Kalendaris 140 . 242 . — Lacinia 256 . — Lucetia 212, 404 . — Lucina 140 . 242 . 257 . 576 . — Martialis 257 . — Moneta 252 . — Opigena 245 . — Ossipago 245 . — Populona, Populonia 249 . — Pronuba 249 . — Regina 253 . — Sororia 152 . — Sospita Mater Regina 137 . 246 . — Virginensis 586 . — Virgo 377 . — Unxia 249 . 585 . — Mutter des Mars 302 . Iunonarium 562 . Iunones der Frauen 76 . 242 . 566 . Iunones Montanae 257 . Iupater, Iupiter, Iuppiter 165 . 166 . Iupiter für Divus Pater 51 . 519 . 520 . 676 . 788, 2203 . — Africus 209 . — almus 169 . 173 . — Anxur, Axur 238 . — arcanus 562, 1474 . — Cantaber 211 . — Centumpeda 176 . — Clitumnus 519 . — crescens 236 . — Conservator 185 . 212 . — Consul, Consulens 215 . — Custos 185 . 212 . — dapalis 173 . — Depulsor 186 . 215 . — Elicius 170 . — Feretrius 176 . 177 . 220 . 702 . — frugifer 169 . 173 . — fulgur, fulgerator, fulmen, fulminalis, fulminator 169 . 170 . — hospitalis 185 . — Imbricitor 169 . — Imperator 183 . 209 . 562 . — Impulsor 176 . — Indiges 51 . 82 . 520 . — Inventor 185 . 650 . — Invictus 176 . — Iurarius 238 . 637 . — Iuvenis, Iuventus 184 . 233 . 234 . — Lapis 220 . — Latiaris, Latialis 84 . 186  ff. 676 . — Latiaris in Rom 191 . — Liber, Libertas 173, 174 . — Liberator 186 . — Lucetius 139 . 168 . — Maius 183, 316 . 241 . — obsequens 185 . — Opitulus 176 . 185 . — Optimus Maximus 183 . — dessen Attribute und Bild 193 . 197 . 205 . 211 . 707 . — O. M. Apenninus 215 . — — Culminalis 215 . — — Damascenus 215 . 751 . — — Dolichenus 215 . 751  ff. — — Heliopolitanus 215 . 749  ff. — — Poeninus 215 . — — Sol 726 . — Pecunia 173 . — penetralis 185 . — Pistor 173 . — pluvius, pluvialis 169 . — Praedator 176 . — praeses orbis, pacator orbis etc. 214 . — praestes 185 . — prodigialis 186, 328 . — Propugnator 186 . — Puer 562 . — Rex 183 . — Ruminus 173 . 369 . — Salutaris 185 . 215 . — Serenus, serenator 169 . — Stator 176 . 703 . — Summus Exsuperantissimus 214 . — Supinalis 176 . — Tarpeius 203 . — tempestatum 170 . — Terminus, Terminalis 228 . — Tigillus 232 . — Tonans, tonitrualis 169 . 170 . 211 . — Tutor, Tutator 185 . 214 . — Valens 186 . — Versor 176 . — Victor 176 . 177 . — Viminus 100, 138 . — Vindex, Ultor 185 . — der Gott des Lichts, des Rechts und der Wahrheit 18 . 218 . 224 . — derGott der Schlachten 176 . 310 . — der höchste Schwurgott 221 . — und die Mutter Erde 32 . 402 . — und die Penaten 545 . Iupiteres 51 . Iupiter Iuno Minerva 58 . 193 . Iusiurandum 222 . Iustitia 629 . Iuturna, Iuturnalia 151 . 163 . 508 . 660 . Iuvenalia 234, 463 . Iuvenci, iuvencae 190 . 196 . 204 . 250 . 259 . 652 . Iuventas, Iuventus 233 . 234 . 582 . Kaisercultus 25 . 213 . 714 . 770  ff. Kalendae des Ianus 151 . 159 . — der Iuno 140 . — der Laren 490 . — fabariae 604 . Kalendaria 145 . 146 . Kalender, der römische 139  ff. Karthago 257 . 669 . 709 . 753 . Kibitz der Vesta heilig 696 . 699 . Komet bei den Leichenspielen Cäsars 473 . 772 . Krähe der Iuno heilig 252 . Lactans, Lacturcia 592 . 593 . Laelius der Weise 23 . Laetitia temporum 620 . Lala 459 . Lanuvium 137 . 246 . 692 . Lapis manalis 313 . Lar, lares 71  ff. 486  ff. Lar familiaris 487  ff. Lar Pater 489 . Lar der verklärte Geist 459 . 481 . 486 . Lar übersetzt durch ἥρως 78 . Lara, Larunda 72 . 459 . 493 . Lararia 498 . Larenbilder 491 . Larentinal, Larentalia 423 . Lares alites 497 . — Augusti 497 . — Compitales 459 . 492 . — familiares 489 . — grundules 496 . — Hostilii 496 . — permarini 496 . 505 . — praestites 496 . — publici 492 . 497 . Larva, larvae 72 . 486 . 499  ff. Lateranus 589 . Latinische Ferien 187  ff. Latinus 84 . 665 . 666 . 676 . 681  ff. 697 . Latium und die Latiner 8 . 105 . 137 . 142 . 186  ff. 282 . 382 . 384 . 410 . 413 . 673  ff. 683  ff. 688  ff. 703 . Laverna, laverniones 218 . 459 . Lavinia 682 . Lavinium 84 . 520 . 536 . 669 . 676  ff. 681  ff. 685 . 688 . Laurolavinium 686 . Laurentes, Laurentum 188 . 675 . 676 . 685 . Lectisternia 133 . 269 . Lectus genialis 533 . 566 . Lemur, lemures, lemuria 486 . 499 . Leones, leontica 765 . Levana 578 . Leucothea 285 . 518, 1333 . Lex consecrationis 138 . Liba 115 . 444 . Libare fruges 427 . Liber Pater, Libera 377 . 439 . 440  ff. 575 . 719 . Liber Pater und Silvanus 443 . Libera toga 445 . Liberalia 444 . Libertas 616 . Libitina, Lubentina, Lubentia, Lubia 387 . 581 . 588 . Libitinam exercere etc. 387, 935 . Libri fulgurales, tonitruales 171 . Licium, licia 484, 1229 . Lied der Arvalischen Brüder 428 . Lieder zum Lobe der Vorfahren 86 . Limentinus, Liraentina 589 . 603 . Limones 589 . Lituus Romuli 521, 1344 . Livia 777 . 793 . Livius Andronicus 52 . 136 . 254 . 259 . Locutius 55 . 580 . Loeber, Loebasius, Loebertas 441 . Loewe und Stier 739 . 745 . 752 . 753 . 760 . Lua Saturni 418 . 419 . Lucar Libitinae 387, 935 . Lucaria 99 . Lucem facere 412, 1012 . Luceres 685 . 692 . 703 . Lucifer 290 . Lucrii Dii 589 . Lucus 98 . Ludi Apollinares 269 . 276 . — Augustales 776 . — Capitolini 202 . 212 . — Cereales 434 . — Circenses 129 . — Florales 380 . — funebres 482 . — Liberales 445 . — Magni, Maximi 200 . — Megalenses 448 . 451 . — novemdiales 480, 1214 . 482 . — Palatini 776, 2156 . — Plebeii 202 . — Romani 128 . 175 . — Romae et Augusti 706 . — scenici 130 . 199 . 202 . — Seculares 275 . 473  ff. — Tarentini 473 . — Taurii 478 . Ludiones 307, 670 . Ludus Troiae 686 . Lumina 587 . Luna, Losna 289 . — Noctiluca 289 . — eine Göttin des Circus 290 . Luperca 342, 785 . 369 . Lupercal 342 . 369 . Lupercalia 243 . 247 . 318 . 342  ff. 660 . Luperci 111 . 343 . Lupercus 336 . Lustrare 370 . Lustricus dies 579 . Lustrum 373 . Lustration der Felder und Stadtflur 370  ff. — der Heerden 367 . — der Palatinischen Altstadt 345 . Lympha, lymphae, lymphati 507 . Lympha Velinia 361 . Lymphae Commotiae 361 . — Nitrodes 523 . Lyon 741 . 774 . Maena für anima 171 . 484 . 529 . Maesius 142 . Magie und Geisterbeschwörung 767 . Maia, Maiesta, Maius 142 . 241 . 351 . 527 . 597 . Maiestas 184 . 784 . Maiuma 746 . Maraers, Mamercus 297 . Mamilia, Mamilii 665 . Mamurius Veturius 297 . 314 . 317 . Manalis lapis, fons etc. 313 . 456, 1154 . 517 . Mane, manus, matutinus 70 . 73 . 218 . 285 . Manes 72 . 455 . Mania 72 . 457 . 484 . 494 . 501 . Maniae, maniolae 458 . 494 . Manius Egerius 279 . Mansiones Saliorum 323 . Manturna 586 . Mantus, Mantua 460 Marcius der Seher 269 . Μάρης 693 . Marica 342 . 363 . Marmar, Marmor 296 . Mars, Maurs, Mavors 297 . Mars amicus, consentiens 310 . — averruncus 301 . — campestris, militaris 310 . — Conservator, Custos 310 . — Ficanus 98 . — Gradivus 308 . 312, — pacifer 310 . — Silvanus 301 . — Victor, Invictus 310 . — Ultor 325 . — im Marsfelde 311 . — in der Regia 309 . 311 . 315 . 320 . 329 . — vor der p. Capena 312 . — und Iuno 245 . 302 . — und Nerio 303 . — und Quirinus 57 . 300 . 314 . 326 . 329 . — und Robigo 302 . — und Venus 391 . — der italische und römische Nationalgott 58 . 101 . 595 . — seine Feier im März 140 . 300 . 319 . Marsi 346 . 362 . Marsyas 346 . 443 . Maspiter, Marspiter 296 . Mater Diva 51 . Mater Larum 458 . 459 . 484 . Mater Magna Idaea 135 . 735 . 739 . Mater Matuta 285 . Mathematici 766 . Matralia 285 . Matres, Matronae 257 . Matronalia 244 . Matura 593 . Meditrina, Meditrinalia 175 . 594 . Mefitis 394, 959 . 522 . Megalesia 448 . 735 . Mellona, Mellonia 594 . Menotyrannus 739 . Mens 581 . 628 . Menschenopfer 104 . 116 . 191 . 414 . 482 . 494 . 758, 2089 . 767 . 769 . Mercatores, Mercuriales 597 . Mercurius, Mirquurius 597 . Mercurius malevolus, sobrius 598 . — negotiator, nundinator 599, 1609 . Messentius, Mezentius 682  ff. Messia, Messor 593 . 594 . Metabus 683 . 684 . Milites der Mithrasmysterien 762 . Mimus und Pantomimus 711, 1950 . Minerva, Menrfa 258 . Minerva Berecintia 739 . — Capta 260 . — Chalcidiea 264 . — in Aventino 259 . — Medica, Memor 262 . — identificirt mit der Nerio 303 . 305 . — Göttin des Senats 264 . — Göttin des Siegs 263 . Minium, miniare 194 . Minturnae 363 . Minucius 621 . Misenus 672 . Mithras, Mithrasmysterien 756  ff. Modius Fabidius 639 . Mola Salsa 115 . 547 . Molae Martis 308, 674 . Monatsnamen 140  ff. 783 . Morrius 251 . 307 . Mors, Morta 564 . 588 . Movere sacra 322 . Mulciber 526 . Mundus 456 . 701 . Municipalia sacra 137, 208 . Murcia 385 . 581 . Mutitationes 451 . Mutunus Tutunus 586 . Myrte der Bona Dea 340 . 353 . — der Venus 192 . 329 . 386 . 389 . 395 . Mysterien 713 . 717 . Nagel und Klammern 231 . Naenia 588 . Naevius 28 . 267 . 674 . 678 . 697 . Nanus 666 . Natales Deorum 139 . Natio 577 . Navisalvia 450 . Nautii 265 . 687 . Neapel 706 . 774 . 792 . Nemesis 565 . 615 . Nemestrinus 594 . Nemus, nemora 98 . Neptunalia 505 . Neptunus, Nethuns, Nethunus 503 . Neptunus equester 420 . 505 . Nerio 302 . 329 . 610 . Nero 713 . 743 . 746 . 768 . 778 . 793 . Neronia 265 . 602 . Neverita, Nerita 503, 1286 . Neujahrsfeier 141 . 160 . 319 . Νεωκόρος, Νεωκόροι 795 . Nicostrate 357 . P. Nigidius Figulus 29 . 80 . 149 . 548 . 722 . 744, 2041 . 766 . Nil und Tiber 513 . Nimbus 784 . Nixi Dii 578 . Nocturnus 290 . Nodotus 591 . Non comparuit, nusquam apparuit 83  ff. Nona 564 . 576 . Nonae Caprotinae 255 . 704 . Nortia 231 . 561 . Novemdiale sacrificium 480 . 482 . Novensides, Noveosiles 89 . Nüsse ein Bild der Befruchtung 415 . 436 . 584 . Numa 18 . 57 . 92 . 105  ff. 126 . 141 . 170 . 177 . 224 . 225 . 227 . 311 . 313 . 327, 741 . 338 . 480 . 509 . 538 . 573 . 685 . 720  ff. Numen, numina 52 . 53 . 75 . 121 . 784 . Numerius, Numeria 577 . 582 . Numicus, Numicius 83 . 305 . 519 . Nundina 579 . Nundinae 182 . Obarator 594 . Obba 481, 1219 . Oblucuviasse 99, 135 . Obsecrationes 124 . Occator 594 . Ocrisia 487 . 491 . 527 . Opalia 416 . 417 . Opfer, blutige und unblutige 115 . Opfermahl 129 . 190 . 206 . 653 . 654 . Ops, Opis 417 . 418 . 578 . Ops Consivia, Opeconsiva 418 . Ops i. q. Rhea 419 . Opus facere 427, 1064 . Orbona 587 . Orci ianua, messis, thesaurus 454 . Orci nuptiae 439 . Orcus 453 . 470 . Orestes 268, 560 . 279 . 280 . Oscilla 105 . 191 . 414 . 444 . Osiris 723 . 731 . Ossipago 580 . Ostia 286 . 447 . 449 . 512 . 513 . 529 . 622 . 662 . 685 . 712, 1952 . 717 . 746 . Ovatio 192 . Oves ambiguae 243, 487 . Padella 592 . Pagi, Paganalia 227 . 404 . Palaemon 285 . Palanto 365 . Palatium 364 . 366 . 694 . Palatua, Palatuar 365 . Pales 71 . 365 . Pales alma, cana, grandaeva etc. 366 . — matuta, pastoricia, rustica 365 . Palici 523 . Palilia, Parilia 367 . Palinurus 672 . Palladium, das troische 136 . 265 . 544 . 662 . 667 . 672 . 749 . Pallas, Pallantia 365 . 694 . Palmam dare 206 . Palmyra 750 . 755 . Panda, p. Pandana 592 . 702, 1923 . Paniceae mensae 534, 1386 . 679 . Pantelius 739 . Parcae 564 . Parentales dies 483 . 484 . 547, 1427 . Partula 576 . Patana 592 . Patelena, Patella, Patellana 591 . Patellae, dii patellarii 491 . Pater Curis 251 . 569, 1503 . — Divus 51 . — Indiges 82 . — Reatinus 84 . 638 . — Sabinus 638 . — Tiberinus 83 . 510 . Pater, Patrica der Mithrasmysterien 763 . Paventia, Paventina 581 . Pavor und Pallor 612 . Pax 614 . Pecunia 589 . Pellonia 590 . Pelusium, Pelusia 726 . 730 . Penatenbilder in Lavinium und Rom 136 . 544 . 545 . Penates 71 . 533  ff. — bei den Etruskern 76 . — in Alba Longa 537 . — in Laviniuin 536 . — laurigeri 550 . — populi Romani 537 . — troische 536  ff. 548 . 678 . — und lares 489 . 534 . 535 . Penetralia, penetralia sacra 534 . 544 . Penus 534 . Penus Vestae 542 . 544 . Peragenor 581 . Perfica, Pertunda 587 . Persica, Gradus Persicus 763 . Peta 581, 1544 . Petra genetrix 760, 2099 . Petronia amnis 517 . Pferde dem Mars geopfert 102 . 299 . 323 . Phorcus 504 . Phrygische Gottesdienste in Rom 445  ff. 678 . 733  ff. Piaculum 117 . 406 . Picentes 298 . Picus 298 . 331  ff. 676 . Picumnus Pilumnus 332 . 333 . Pietas 625 . Pignora imperii Romani 544 . Pilae 494 . Pileus libertatis 378 . 616 . Pollentia 581 . Pollinctor 481, 1219 . Polluctum, pollucere 652 . Pollux, Polluces, Poloces etc. 658 . 661 . Pomona, Pomonal 399 . 400 . Pompa der Römischen Spiele 129 . 198 . 790 . Pompeii 394 . Sextus Pompeius 505 . 772 . Pontifex M. und der Dienst der Vesta 57 . 540 . Pontifex M., Pontifices 21 . 107 . 119  ff. 123 . 143 . 321 . 512  ff. 755, 2075 . Pontifices Solis 755, 2075 . Poplifugia 255 . Porca praecidanea 117 . 173 . 406 . 480 . Porca praesentanea 407 . 480 . Porcae, porciliae piaculares 355 . 371 . 427 . Porcae zwischen den Ackerfurchen 593 . Porrima oder Prosa und Postverta 358 . 577 . Portus 158 . Portunus, Portunalia 158 . 285 . 505 . Postiliones 117 . Potina 579 . Potitii und Pinarii 651 . Praeciae 144, 224 . Praecidanea agna, porca 406, 993 . Praefectus Urbis feriarum Latinarum 189 . Praeficae 588 . Praemetium 407 . Praeneste 183 . 357 . 377 . 526 . 561 . 693 . 695 . Praestana, Praestitia 581 . Praetor Urbis opfert dem Hercules 651 . 653 . Precatio der Redner 125 . Precationes bei verschiednen Gelegenheiten 122  ff. Precationes der Augurn, der Sodalitäten 125 . Prema 587 . Priapus 396 . Primigenia Fortuna 555 . 561 . Primigenius sulcus 457 . Prisci Latini 690 . Probatio equorum 199 . 202 . Prochyta 673 . Proculus Iulius 698 . 704 . Promitor 594 . Propter viam facere 636 . 645 . Propudianus porcus 406, 993 . Proserpina 443 . 455 . 591 . Providentia 630 . Pudicitia 627 . Puemunus 399 . Pulvinar, pulvinaria 114 . 133 . Puteal, puteal Libonis 172 . Puteoli 570 . 712, 1952 . 741 . 751 . 752 . Pythagoras und die Pythagoreische Philosophie in Italien und Rom 720  ff. Quadriga Iovis 129 . 196 . 205 . Querquetulanae Virae 88 . Querquetulani Lares 100 . Quies 590 . Quietalis i. e. Orcus 454, 1145 . Quindecimviri sacris faciundis 132 . 272 . 275 . 471 . 475 . 738 . Quindecimviri sacris faciundis, ihre commentarii 471 . 474  ff. Quinquatrus 260 . 321, 722 . Quinquatrus minusculae 262 . Quirinalia 332 . Quirinalis collis 327 . 702 . Quirinus 57 . 58 . 81 . 326 . 697 . Quirites 330 . Ramnes 695 . Raub der Proserpina 434 . 455, 1150 . — der Sabinerinnen 245 . 303 . 321 . 420 . 584 . 701 . Reate 360 . 365 . 638 . 646 . Rediculus Deus 590 . Regia 107 . 178 . 300 . 309 . 311 . 315 . 322, 726 . 323 . 329 . Religio, religiosus, religiositas 113 . Remoria, Remuria 696 . 700, 1916 . Remus 499 . 700 . Reparator 593 . Requietio 737 . Resecrare 123 . Reus, Rea voti 118 . 697 . Rex Nemorensis 279 . Rex, Regina Sacrorum 57 . 108 . 140 . 159 . 242 . 322 . Rhea Silvia 118 . 697 . 699 . Ritus humanus 237 . Robigo, Robigus, Robigalia 437 . Roma, Romulea 695 . 696 . Dea Roma 705  ff. Roma aeterna 707 . 708 . Roma et Augustus 706 . 707, 1940 . Roma quadrata 701 . Roma Salus 708 . Romani 695 . Romani ludi 128 . 195 . Roms Gründung 700 . Romulus 84 . 177 . 203 . 508 . 695  ff. Romulus Quirinus 328 . 329 . 330 . 698 . 704 . Romulus und Remus 695  ff. 699  ff. Rosen, ein Symbol des Frühlings, der Jugend, der festlichen Lust 381 . 395 . Ruma, rumis 369, 877 . Ruminus, Rumina, ficus Ruminalis 369 . 579 . 695 . Runcina 593 . Rusina 590 . Rutuli 280 . 675 . 681 . 685 . Ῥώμαια 705 . 707 . Ῥώμαια Σέβαστα 706 . 792 . Sabazius 718, 1958 . Sabiner, ihr Cultus, ihre Sagen 6 . 18 . 105 . 167 . 224 . 247 . 258 . 287 . 360 . 374 . 584 . 634  ff. 637  ff. 701  ff. Sabus, Sabinus 638 . 639 . Sacra fatalia 544, 1419 . — municipalia 137, 208 . — penetralia 544 . — peregrina 138, 210 . — popularia 404 . 490 . — principalia populi Romani 537 . Sacra Via 179 . Sacrima 407, 995 . 444 . Sacrum commissum 117, 171 . Sagmina 219 . Salacia 503 . Saliae Virgines 315 . Salii, Saliarische Lieder 39, 31 . 86 . 112 . 126 . 287 . 307 . 313  ff. 319  ff. 322 . 409 . 695 . Salii, Palatinische und Quirinalische 314 . Salii des Hercules in Tibur 307 . 646 . Saltus 301 . Safus 601 . Sancus, Sancius, Sangus 634 . Sardi Venales 203 . Sarritor 594 . Saturnalia 413  ff. Saturnia 409 . 410 . 515 . Saturnii 411 . 413 . Saturnus 85 . 163 . 409 . 575 . — sein Bild mit wollnen Binden gefesselt 412 . Q. Mucius Scaevola 24 . 31 . 541 . Sceptrum Iovis 198 . 220 . Schatz des Capitolinischen Iupiter 207 . Schlange des Aesculap 606 . — der Fauna 340 . 353 . — der Genien 76 . 102 . 566  ff. — der Iuno Lanuvina 246 . Schwein als Bundesopfer 222 . 680 . — — Sühnungs- und Reinigungsopfer 355 . 371 . 406 . Schwur beim Castor und Pollux 653 . 662 . — beim Dius Fidius 635 . — bei den Divis 790 . — beim Genius, der Salus, der Tyche des Kaisers 572 . 602 . — beim Hercules 645 . 653 . — beim Iupiter 221 . 238 . — bei Iupiter und den Penaten 545 . Sciae 88 . Scipio Africanus d. ä. 210 . 566 . Scipio Nasica 23 . 447 . Scribae und histriones im T. der Minerva 259 . Seculum 472 . Secularspiele 135 . 469  ff. — des August 475 . — des Claudius, Domitian u. s. w. 477 . See von Amsanctum 522 . — Avernus 462 . 522 . — von Cutilia 361 . — von Mte Falterona 522 . — Fucinus 362 . — von Nemi 278 . — Velinus 360 . Seeungethüme 504 . Segesta 669 . Securitas 615 . Seia, Segesta, Segetia, Semonia 591 . Semele 286 . 717 . Sementinae feriae 404 . Semo Sancus 79 . 238 . 634 . 637 . 638 . Semones 79 . Senat entscheidet in Religionssachen 138 . 718 . 720 . 786 . 796 . Sentia 582 . Sentinus 577 . Septem Saturnalia 415 . Septemtriones 290 . Septimius Severus 708 . 719 . 743 . 752 . 758 . 766 . 768 . 781 . 794 . Septimontium 588 . Sepulcrum, sepulcra 481 . Serapia 730 . Serapis, Sarapis 724  ff. 732 . 733 . Servius Tullius 282 . 487 . 493 . 526 . 552  ff. Servorum Dies 283 . Sethlans 526 . Si Deo Si Deae u. s. w. 55 . 56 . Sibylla, Sibyllinische Sprüche 20 . 130 . 266 . 271 . 272 . 274 . 276 . 473 . 476 . Sigillaria 414 . 417 . Silentes 73 . 454, 1145 . 459 . 481 . Silenuskopf auf italischen Münzen 346 . 366 . Silicernium 481 . Silvanae, Silviae, Suleviae 351 . Silvanus 332 . 346  ff. — agrestis, domesticus, orientalis 349 . — casanicus, villicus 349 . — conservator, custos 349 . — littoralis 351 . — salutaris, sanctus 350 . — und Hercules 644 . Silvius, Silvii 341 . 689 . Sit tibi terra levis 482 . Sodales, sodalitas 111 . 451 . — Antoniniani 781 . 789 . — Augustales 777 . 789 . — Flaviales 779 . 789 . — Titii 112 . 703 . Sol 287 . 528 . 745 . 747 . 750 . 752 . 794 . 754 . — aeternus, iuvans, sanctissimus 288 . — circensischer Gott 288 . — Indiges 81 . 287 . — Invictus 755 . 756 . 761, 2099 . — Oriens 289 . — und Luna 290 . Solitaurilia, Suovetaurilia 370 . Somnus 609 . Soracte, Sauracte 239 . Soranus 239 . Sororium Tigillum 152 . 692 . Sors, sortes 561 . 563, 1478 . Sosius 276 . Sospita, Sispita 246 . Der Specht 101 . 298 . 331 . 337 . 699 . Speiseopfer 426 . 491 . 534 . 536 . 543 . Spelaeum Mithrae 759 . 760 . Spenden mit Milch, Wein u. s. w. 115 . Spes 617 . Spes vetus 749 . Spinensis Deus 594 . Spolia opima 154 . 177 . 311 . 418, 1034 . Stata Mater 531 . Statanus, Statilinus, Statina 580 . Statuen der Kaiser 784 . Sterculus, Sterculinus, Stercutus 331 . 409 . Stesichorus 642 . 670 . L. Aelius Stilo 29 . Stimmen der Götter, des Faunus, des Silvanus 55 . 337 . Stimula 286 . 581 . 717 . Strenia, Strenua, strenae 160 . 581 . 600 . Strigae, striges 603 . 605 . Stultorum dies 408 . Subigus 587 . Sublicius pons 322, 724 . 514 . 515 . Subruncinator 594 . Suggrunda, suggrundaria 486 . Sulla 271 . 281 . 390 . 480 . 610 . 619 . 727 . 734 . 735 . Summanus, summanare 170 . 217 . 218 . Superi Inferi 46 . Supplicationes 133 . Symbole des ältesten Gottesdienstes 101 . 114 . Syrische Gottesdienste 742  ff. Tacita 459 . 484 . Taciti Manes 454, 1145 . Tages 75 . Talassio, Talassius 584 . Tanaquil 527 . 554 . 585 . 636 . Tarchon 643 . 666 . 683 . Tarent 17 . 639 . 658 . 716 . 718 . 721 . Tarentum, Terentum 469 . Tarpeia 702 . Tarquinii 13 . 641 . Die Tarquinier, ihre Neuerungen 20 . 127  ff. 187 . 192 . 596 . Tarracina 238 . 683 . Tarutius 423 . T. Tatius 18 . 59 . 110 . 112 . 227 . 327 . 600 . 703 . Tanrobolia 738  ff. 764 . Telegonus 665 . 666 . Telemachus 666 . Telephus 666 . Tellumo 402 . Tellus stabilita 403 . Tellus und Ceres 402 . Tempel des Apollo vor der p. Carmentalis 269 . 275 . — des Apollo Palatinus 274 . — des Divus Augustus 775 . — Cereris Liberi Liberae 433 . 440 . — der Diana in Aventino 282 . — der Divi 791 . — des Honos und der Virtus 613 . — der Isis in Campo 728 . — der Iuno Lanuvina 246 . — Iovis Iunonis Minervae auf dem Capitol 128 . 193 . 194 . 210  ff. 216 . — des Mars vor der p. Capena 312 . 661 . — des Mars Ultor 325 . — der Minerva in Aventino 259 . — der Pax 615 . — des Quirinus 329 . 698 . — Romae et Augusti 706 . — Romae et Veneris 707 . — des Saturnus 411 . — der Vesta 107 . 538 . Tempestates 170 . 292 . 293 . Tensae 197 . Terensis Dea 593 . Termen, Terminus 227 . Terminalia 230 . Terra Mater 402 . Theokrasie 713 . Thiere, heilige 101 . Tibicines Sacrorum 116 . 123 . 262 . Tiberinus 510 . 690 . — Coluber 512 . — Pater 510 . — Rumon, Serra 512 . Tiberius, der Kaiser 61, 70 . 777 . 793 . Tibur 247 . 248 . 263 . 307 . 339 . 517 . 518 . 523 . 646 . 692 . 695 . Tiburnus, Tiburtus 517 . Timaeus 548 . 642 . 671 . Tina, Tinia 165 . Tiora Matiene 296 . Todesgott von schrecklicher Gestalt 47 . 470 . Togam virilem sumere 234 . Traian 214 . 743 . 779 . Tranquillitas 292 . Trebula Mutuesca 90 . 376 . Tripudium 316 . 428 . Triumphus in Monte Albano 192 . — in Rom 204 . 214 . Triumpus 614 . Troia die Metropole Roms 28 . 34 . 548 . 671 . 678 . Troia an der latinischen Küste 686 . Trojanische Geschlechter in Rom 687 . Tropaea 177 . 208 . 611, 1646 . Trossuli 687 . Tubi, tubilustrium 321 . Tubicines Sacrorum 321, 722 . Tullus Hostilius 692 . 698, 1905 . Turan 385 . Turms 597 . Turnus 682 . 685 . Tusculum 175 . 241 . 280 . 658 . 665 . 691 . Tutanus 590 . Tutela 557 . 571 . Tutilina 593 . Tyrrhenus 641 . 666 . Tyrrheus 689 . Vacca honoraria 427, 1064 . Vacuna 359 . Vagitanus 578 . Valetudo 608, 1638 . Valentia 581 . 643, 1741 . Valerii, Valesii 470 . M. Valerius Messala 153 . Valerius Soranus 33 . 722 . Vallonia 591 . Varro 29  ff. 51 . 62  ff. 65 . 67 . 74 . 93 . 121 . 127 . 138, 212 . 153 . 360 . 548 . 574 . 674 . 678 . 727 . 765 . Vas futile 542, 1410 . Vasa Numae 114 . Vaticanus 338, 775 . Vegoia 229 . Veii 13 . 193 . 197 . 203 . 251 . 253 . 511 . 704 . Veiovis, Vediovis, Vedius 136 . 235 . 271 . Venilia 163 . 503 . 581 . Venti boni 292 . Venus, venustus 383 . 619 . — Caelestis 742 . 753 . — calva 393 . — Cloacina, Cluacina 386 . — der Gärten 388 . 617 . — equestris 393 . — Erycina 135 . 385 . 389 . 391 . 396 . 628 . 669 . — felix 394 . — fisica 394 . — Frutis 384, 925 . — Genitrix 389 . 707 . — Libitina 387 . — marina 394 . — Mater Aeneadum 389 . — Meminia, Mimnermia 395 . 628 . — militaris 396, 963 . — Murcia 386 . — Myrica, Myrtea 394 . — Obsequens 392 . — Pompeiana 394 . — Purpurissa 394 . — Salacia 394 . — Verticordia 392 . — Victrix 389 . 707 . — Volgivaga 396 . Ver sacrum 104 . 118 . 202 . 295 . 300 . Verbenae, verbenarius 219 . Vergiliae 291 . Vernae, vernulae 248, 505 . 321 . Verrius Flaccus 34 . 145 . Versus Saturnii 339 . 411 . Vertumnus, Vortumnus 397  ff. Vervactor, vervactum 593 . Vesper, vesperugo 290 . Vesta 57 . 107 . 532 . 546 . — Albana 191 . 538 . — von Lavinium 537 . 677 . — Mater 547 . — in Palatio 549 . 785 . Vestales Virgines 324 . 393 . 406 . 539  ff. 550 . — — ihre Bereitung der Mola Salsa 547 . — — ihre Gebete 123 . 546 . — — in Alba Longa 538 . 550 . — — in Lavinium 537 . Vestalia 543 . Vestibulum 533 . Vesuna 399, 973 . Vica Pota 609 . Vici, vicorum magistri 493 . 495 . 531 . Victoria 208 . 360 . 361 . 609 . 610 . Victoria Nemesis 615 . Vicus Tuscus 397 . Viduus 587 . Vinalia 174 . 388 . 683 . Virae, Vires 88 . 278 . 328 . 351 . Virbius 278 . 328 . Vires excipere, consecrare 740 . Virgil 35 . 462 . 675 . Virginensis 586 . Virgines, Viragines Divae 88 . 378 . Virgo Caelestis 739 . 749 . 753 . Viriplaca 587 . Virites Quirini 328 . Virtus 612 . 613 . Virtutes consecratae 64 . 622 . 791 . Visceratio 190 . Visidianus 328 . Vitellia, Vitula, vitulatio 359 . Vitumnus 577 . Ulysses, Ulixes 664 . Unxia 249 . 585 . Volcanal 527 . Volcanus 352 . 525 . 530 . — militaris, ultor 530, 1373 . — quietus 531 . Voleta 581 . Volturnus, Volturnum 521 . Volumnus, Volumna 581 . Volupia 431 . 581 . Volutina 591 . Vota 118 . 138 . 162 . 782 . Vota decennalia, quinquennalia etc. 783 . Uragus i. q. Orcus 453 . Usil 287 . Waldgrenzen, Waldleben im alten ltalien 349 . Weihungen der Geschäfte des Feld- und Weinbaus 110 . 343 . Weinlese 174 . 441 . 444 . Weißdorn 603 . 605 . Der Wolf das Thier des Mars 101 . 297 . 585 . 681 . 699 . Wölfe des Apollo Soranus 240 . Die Wölfin mit den Zwillingen 369 . 695 . 696 . Wollarbeit unter dem Schutze der Minerva 261 . Zauber 205 . 212, 404 . 232 . 292 . 313 . 469 . 484 . 603 . Zaubernägel 233 . Zehnten des Hercules 646 . 653 . Ziege, Ziegenbock ein Sinnbild der Befruchtung und der Sühne 237 . 243 . 247 . 345 . Zwölf Götter 59 .