Die Tragikomödie im Hause der Gebrüder Spier Eine niederrheinische Geschichte von Joseph von Lauff »O, eine edle Himmelsgabe ist Das Licht des Auges ...« Seinem verehrten Dr. Heinz Göring in Dankbarkeit und Freundschaft Erstes Kapitel Es beginnt und endet mit einer Geschichte, die eigentlich nicht zu dieser Geschichte gehört, aber doch vergnüglich zu lesen sein dürfte, weil sie in medias res führt. Häufig begegnete er mir, wenigstens zweimal am Tage, des Morgens und dann wieder am Abend. Er war ein langaufgeschossener, steifleinener Mann mit einem glattrasierten Entenschnabelgesicht und abstehenden Ohren. Sein Gehabe erinnerte an längst verklungene Zeiten. Er trug schwarzes Gewand, darüber eine Samtschaube mit Zobelverbrämung. Eine schwere Ehrenkette mit güldenem Pfennig hing ihm tief auf der Brust. Sein Gang war gravitätisch, streng zeremoniell, kühl und abweisend. Er sah weder rechts noch links, weder zu Boden noch gen Himmel, sondern allzeit stur-geradeaus. Die Umwelt interessierte ihn nicht. Die Menschen, die ihm begegneten, schienen für ihn nicht vorhanden zu sein. Er kam wie ein Schatten und ging wie ein Schatten, und was das Seltsamste war: in der ringgeschmückten Hand führte er eine braunglasierte Bunzlauer Kanne mit sich, der ein warmer Duft nach aromatischem Kaffee entströmte. Jedesmal, wenn ich ihn sah, trat er über die Schwelle meines Hauses, stieg langsam die Treppe hinauf, muffelte etwas Unverständliches zwischen den blutleeren Lippen, um spurlos in dem blauen Zimmer zu verschwinden, woselbst ich meine Manuskripte, Zeichnungen, Bücher und ähnliche Dinge aufbewahrte. So ging das Wochen und Monde hindurch, ohne daß es mir gelang, der rätselhaften Erscheinung näher zu treten. Eines Tages jedoch sprach ich ihn an und fragte ihn mit einer gewissen Beklemmung: »Um Verzeihung: mein Heim scheint Ihnen ein tieferes Interesse abzuzwingen. Würden Sie daher wohl die Freundlichkeit haben, mir Ihren werten Namen ...« Ich kam nicht weiter, denn der also Angeredete packte, ohne viel Federlesens zu machen, seinen gedunsenen Kopf, drehte ihn um die eigene Achse und ließ ihn dann mit dem Knacken eines Eulenschnabels wieder in seine frühere Lage zurückschnellen. »Wie Sie wollen, mein Herr. Meine Gepflogenheiten bewegen sich stets in den ortsüblichen Gebräuchen. Ich verstatte jedem Menschen gerne, mich danach zu fragen.« Dabei schwenkte er die Bunzlauer Kaffeekanne, runzelte die Brauen und rollte die Augen, daß die Pupillen sich hinter die Lider zurückzogen »Dann dürfte ich bitten ...« »Achtung, mein Herr! Ich bin der Majordom Bucardo des Tyrannen von Bassano, Vicenza, Verona, Palma, Trient und Treviso.« »Was?!« rief ich aus, »also der Majordom des Tyrannen Ezzelino, der die natürliche Tochter des großen Kaisers, die schöne Selvaggia, zur Frau hatte?!« »Wundert Sie das?« fragte er mit häßlichem Grinsen. »Keineswegs,« erwiderte ich, um doch etwas zu sagen, obgleich mir der Verstand aus den Fugen gedrückt wurde. »Nur möchte ich wissen ...« »Ich verstehe Sie vollkommen,« sagte er ruhig. »Das Geschlecht, so der ungläubige Thomas erzeugte, ist bis auf unsere Tage gekommen. Sie möchten für meine Behauptung gern einen Kronzeugen haben. So hören Sie denn: es ist der Schweizer Conrad Ferdinand Meyer, der ›Die Hochzeit des Mönchs‹, diese furchtbare Geschichte, verfaßte.« »So!« erwiderte ich etwas erleichtert, wenn auch noch immer von einer grenzenlosen Erregung ergriffen. Ich kam mir vor wie ein verschüchterter Candidatus reverendi ministerii , dem ein brutaler Patronatsherr gebot, seine erste Predigt zu halten. Der Bunzlauer Topf apothekerte stärker. Er wurde zu einem Lebewesen, zu einem duftenden Moloch, der die Narben und Spezereien Arabiens über mich ausströmte, und diesen duftenden Moloch hielt mir der Fremde entgegen, klappte die Augen auf und zu, ließ den entsetzlichen Kopf sich wieder um die eigene Achse drehen, daß es in allen Halswirbeln knisterte, und sagte: »In diesem güldenen Gefäß birgt sich der geheimnisvolle Trank, der für Ihre Herzallerliebste bestimmt ist. Mein Herr und Gebieter, der Tyrann von Bassano, Vicenza, Verona, Padua, Trient und Treviso, gab mir Befehl, ihn tagtäglich zu ihr in das blaue Zimmer zu tragen, damit sie sich an Leib und Seele verjünge. Er meint es gut mit Ihnen und Ihrer Geliebten.« »Christus! so kennen Sie mich?« Es wurde dunkel um mich. Nur der grauenhafte Majordom stand vor mir, als wäre er von einem Astrallicht umbüschelt, und aus diesem Astrallicht tönte eine gnätschige Stimme: »Warum sollte ich nicht? Mein Herr, ich kenne Sie schon Jahre um Jahre. Meine Erinnerungen ähneln scharfen Rasiermessern. Sie zerteilen ein fliegendes Härchen. Ich täusche mich niemals! Sinne ich darüber nach, so sind es wenigstens Hunderte von Jahren gewesen, daß ich die Ehre hatte, Ihre werte Bekanntschaft zu machen. Sie sind der Mönch Astorre aus dem Hause der Vicedomini zu Padua.« »Woher wissen Sie das?« fragte ich, bleich vor Entsetzen. Er beschrieb mit dem kalkigen Zeigefinger der rechten Hand eine große Kreislinie und stieß dann mit eben diesem kalkigen Zeigefinger wie mit einem Degen mitten ins Zentrum, gewissermaßen, um seinen Worten den gehörigen Nachdruck zu geben. »Nichts leichter als dieses! Es ist wiederum der Schweizer Conrad Ferdinand Meyer, der ›Die Hochzeit des Mönchs‹, diese furchtbare Geschichte, verfaßte.« Mir graute. »Und woher weiß Conrad Ferdinand Meyer ...?« Er nahm mir den weiteren Satz von den Lippen. »Von dem göttlichen Dante.« »Und Dante ...?« »Entnahm sie einer ehrwürdigen Grabstätte, dessen Stein die Inschrift enthielt: Hic jacet monachus Astorre cum uxore Antiope. Sepeliebat Azollinus, oder auf deutsch gesetzet: Hier schlummert der Mönch Astorre neben seiner Gattin Antiope. Ezzelino begrub sie.« Damit ließ der Majordom wiederum die grauenhaften Halswirbel knacken, verdrehte die Augen und sagte: »Hiermit hat meine Mission ihr beschauliches Ende gefunden. Meine Zeit ist bemessen, oder glaubst du, ich hätte Muße genug, Flöhe zu fangen oder gleich dem seligen Karl Arnold Kortum das Leben, die Meinungen und Taten von Hieronymus Jobs, dem Kandidaten, zu schreiben? Ich denke nicht dran. Von nun an wirst du meine Rolle vertreten und deiner Geliebten den köstlichen Mokka kredenzen, im Sinne meines Gebieters, des Tyrannen von Bassano, Vicenza, Verona, Padua, Trient und Treviso, aber nur löffelchensweise, immer nur löffelchensweise, damit sie sich verjünge an Leib und Seele und schön werde wie eine Istar zu Arbela, eine Astarte zu Ninive, eine Aschtoret zu Karthago, eine Derketo zu Askalon, eine Atargatis zu Hierapolis, eine Melitta zu Babylon und eine Venus zu Paphos, schön wie die Aristokratinnen im alten Rom, die während der Dämmerstunden die via sacra belebten. Sie muß werden wie die, die ihr Heil im Schatten der Akropolis suchen und ihre Sehnsucht in den Tempeln von Baalbek austräumen ... wenn nicht, soll es dir ergehen wie dem heiligen Dionysius Areopagita, der gezwungen wurde, mit dem abgehauenen Kopf in der Hand von Paris nach St. Denis zu pilgern. Verstanden?!« Gleichzeitig überreichte er mir die Bunzlauer Kaffeekanne, von der er behauptet hatte, sie sei gülden gewesen, und verflüchtete sich in Nebel und Schwaden ... und ich mitten dazwischen, in diesen ziehenden Dämpfen, in diesem Chaos, in dieser Wirrnis ohne Licht und Planetenfeuer, und das geworden, was mir Ezzelino geboten zu werden: Astorre, der Mönch, aus dem begüterten Hause der Vicedomini zu Padua ... und sehe hohe Kastelle und stolze Granden und eine Hochzeit mit Masken ... Ich bin also wirklich Astorre, der Mönch, der Abtrünnige, untreu den Ordensregeln und seinen Gelübden ... und sehe die Brenta fließen ... und darin meinen Bruder Umberto mit seinem Weibe, der schönen und herben Diana Pizzaguerra, versinken. Aber das Weib bleibt dem Leben erhalten. Weh' mir! ich werde genötigt, die Witwe meines Bruders zu freien. Ich will nicht und kann nicht, denn ich liebe bereits die stille, schmale, feinbrüstige Antiope aus dem Hause Canossa und bin willens, mit ihr Amarella oder Amare, das paduanische Hochzeitsgebäck, zu verzehren. Ich breite die Arme. Sie weilt in dem blauen Zimmer, woselbst ich meine Manuskripte, meine Zeichnungen, Bücher und ähnliche Dinge bewahre. Mit dem mir aufgezwungenen Behälter eile ich in die trauliche Stube, wo nette Schildereien an den Wänden hängen, ein preziöses Stutzührchen tickert, fünfundzwanzig Geranienstöcke in Reihe blühen und ein schwarzgewichstes Kanonenöfchen, das leider auf dem Kopf steht, niedliche Funkensplitterchen über die sauberen Dielen verknistert. »Antiope, Geliebte!« Da sitzt sie in einer Laube von Damaszenerrosen und verzehrt portugiesische Krachmandeln, die mir so groß wie Kokosnüsse erscheinen. Die abgelösten Schalen fallen hart und schwer gleich Kieselsteinen zu Boden. Ein vernachlässigtes, aber vornehmes Gewand umhüllt ihre Glieder. Was Glieder?! Knochen, nur Knochen und Brüste, die Schrotbeuteln ähneln! Christus, mein Heiland! denn was ich da sehe, ist ihre Mutter, die honette Madonna Olympia aus dem Hause Canossa, die Conrad Ferdinand Meyer und sein Gewährsmann, der göttliche Dante, hochbejahrt und wahnsinnig machten. Wo bin ich? Was bedeuten die Gitarren und Harfen? Das blaue Zimmer belebt sich, wird flackerhell, mit unzähligen Sternen durchkrustet. Granden und Masken erscheinen. »Nur heran mit der Bunzlauer Kanne,« tönt die Stimme des unsichtbaren Majordomus durch das Harfen und Quinkelieren hindurch, »nur immer tapfer gelöffelt, und sie wird wieder schön und schmal und feinbrüstig werden – deine Geliebte!« Ich folge dem eisernen Befehl mit der Gewissenhaftigkeit einer Präzisionsmaschine. Heureka! ich habe Erfolg. Das vornehme, aber vernachlässigte Gewand nimmt seinen verblichenen Glanz wieder auf, duftet nach Veilchen, wie sie duften am Comer See und an den sanften Ufern der Brenta, füllt sich mit Rosen und Schnee, wird durchsichtig, klingend und singend wie ein Gespinst aus schimmernden Glasfäden. Ich sehe alles verklärt, gleichsam durch eine opalisierende Myrrhenscheibe. An Stelle des entsetzlichen Weibes erblicke ich die Jugend wie nicht mehr zu finden. Bläuliche Perlenschnüre umwinden das Weiß ihres Nackens. Ihre Augen leuchten gleich Irisblumen, die an dem See Genezareth ihren ganzen Zauber entfalten. Sie öffnet die Lippen, sie redet: »Ich habe mein Hemd ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder besudeln? Der Feigenbaum hat seine Früchte angesetzt, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande. O, küsse mich mit dem Kuß deines Mundes!« Der ihr löffelchensweise eingeflößte Trank tut Wunder bei Wunder. Ich stehe auf dem Kopf. Auch die schöne Antiope aus dem Hause Canossa macht Anstalten, sich häuptlings zu stellen und auf den Händen zu gehen. Die Musik verstärkt sich. Die Sarabande ertönt. Dazwischen läßt sich ein Walzer von Johann Strauß und eine feurige Polka Mazurka vernehmen. Als wäre Mischka an der Theiß lebendig geworden, so klingt es: »Wo auf sommerfrohen Hängen Die Tokayertraube lacht, Reiten lustig mit Gesängen Die Husaren durch die Nacht.« Neue Masken erscheinen, und unter diesen lachenden Masken: Diana Pizzaguerra, das Weib meines ertrunkenen Bruders, das herbe Weib, das ich heiraten sollte, als Artemis verkleidet, mit Köcher und Bogen, im brandroten Haar die abgezirkelte bleiche Sichel des Mondes. Ezzelino ist bei ihr, der Tyrann von Bassano, Vicenza, Verona, Padua, Trient und Treviso. »Ha!« schreit sie auf, als sie der Antiope ansichtig wird. »Da sitzt ja das Weib, das ich suche, da sitzt es lästerlich und unkeusch neben Astorre Vicedomini: die Astarte zu Ninive, die Melitta zu Babylon, die Venus von Paphos. Warte, du Vettel! ich werde dir das paduanische Hochzeitsgebäck zu kosten verstatten!« reißt einen Pfeil aus dem Köcher und stößt die silberne Waffe in das Herz der feinbrüstigen Geliebten. Ein heißer Blutstrom geht über mich fort. »Tod, Hölle, Mord und Seligkeit ...!« Ich will mich auf Diana Pizzaguerra werfen, sie würgen, erdrosseln ... da purzelt mir selber der Kopf von den Schultern, springt auf und davon, zieht einen roten Faden hinter sich her, rast dem Ausgang und der Marmortreppe zu, trudelt und stolpert von Stufe zu Stufe, von Estrade zu Estrade, während die Granden und Masken in ein schallendes Gelächter ausbrechen und der bleiche Tyrann die ewig denkwürdigen Worte prägt: »Die Geschichte ist aus. Hic jacet Astorre cum uxore Antiope. Sepeliebat Azzolinus , oder auf deutsch gesetzet: Hier schlummert der Mönch Astorre neben seiner Gattin Antiope. Ezzelino begrub sie.« »Jesus, Maria und Joseph, wo bin ich?! Ihr vierzehn Nothelfer und ihr Heiligen Gottes, steht mir bei in dieser Stunde der Prüfung, des Grauens und Entsetzens!« Mit einem Schrei wache ich auf. Ein freundlicher, gütiger, allbefreiender Morgen sieht lächelnd durch die weißen Gardinen. Die Lampe brennt noch, schwelt und verlöscht mit einem näselnden Seufzer. Neben mir ruht ein aufgeschlagenes Buch. Es ist ›Die Hochzeit des Mönchs‹, diese furchtbare Geschichte, die der ehrenwerte Schweiger Conrad Ferdinand Meyer verfaßte. Draußen säuseln die Blütenbäume, schlagen die Finken. Mir ist so, als hätte ich aus einer Blutschale getrunken. »Fort mit diesem roten Gefäß, fort mit allem, was meine Seele und meine Traumwelt bedrängte!« Ich reiße mir den Astorre Vicedomini vom Leibe, setze mir den Kopf wieder auf und verweise die Geliebte und den Tyrannen von Padua, die Diana Pizzaguerra und den grauenhaften Majordom in ihre Gräber und Grüfte. Alle folgen, werden zu Schemen, wandern still ihres Weges. Nur Bucardo dreht noch einmal seinen gedunsenen Kopf um die eigene Achse und läßt ihn dann mit dem Knacken eines Eulenschnabels wieder in seine frühere Lage zurückschnellen. Hierauf verschwindet auch er mit seiner Bunzlauer Kanne. Immer stärker säuseln die Blütenbäume, immer fröhlicher schlagen die Finken. Ich will Licht um mich haben, andere Gestalten und andere Bilder. Jugend, o Jugend! Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit ...! Dort steht mein Schreibtisch. Blütenweißes Papier ist gerichtet. Ich setze mich nieder und reihe Zeile an Zeile. Es geht mir leicht von der Hand ... und so schreibe ich denn eine frohe und lustige Geschichte: ›Die Tragikomödie im Hause der Gebrüder Spier‹. Folgt mir in meine niederrheinische Heimat, in das Land meiner Jugend. Es wird euch nicht reuen. So hört denn und wisset. Es war einmal ... Zweites Kapitel Von einer kleinen niederrheinischen Stadt und einer hochbetagten Linde, die aussah wie eine burgundische Prinzessin. Was sie alles gesehen und erlebte von Anno dazumalen, wo sie noch jung war und die schöne Herzogin Mechthild, unter Flöten- und Viola di Gamba-Begleitung, einen getragenen Schleifer mit dem vielehrsamen Bräuer- und Schöffenmeister Jodokus ter Linden zu Rathaus tanzete, bis zum heutigen Tage, wo der Verfasser dieses und der Herr Sigismund Mendel ihren wohligen Duft einatmeten. Flieder und Goldregen waren abgeblüht, aber die Nachtigall sang noch am alten Wallgraben, und sie sang Tränen, Kantilenen, Seufzer, Stimmen der Liebe, die sie wie leuchtende Perlen über eine Seidenschnur streifte. Ihr heißes Herz war voller Andacht und Weihe. Ebenso erging es der hochbetagten Linde, die mitten auf dem Marktplatz der kleinen niederrheinischen Stadt ihre stattlichen Äste verzweigte. Sie sang nicht, aber sie säuselte, wobei sie heimelig dachte: »Jetzt ist deine Stunde gekommen,« und siehe: sie schmückte sich über und über mit rahmweißen Spitzen und Schleiern wie eine burgundische Prinzessin zur Zeit der schönen Maria, als diese mit dem Erzherzog Max ihre Hochzeit beging und die Glocken von Brabant und Flandern ihr den Willekomm sangen. Ach, wie sie grünte und blühte! und da stießen sich die Leute an, steckten die Köpfe zusammen und sahen mit Scheu und Wohlgefallen auf das Wunder der Wunder. »Heelmoi!« sagte Juffer Petronell van der Grinten, die dem stattlichen Baum schräg gegenüber einem Manufakturwarenhandel vorstand und gerade dabei war, ein delikates Korinthenbrötchen in ein Schälchen mit Kaffee zu tauchen. Dieselbe Ansicht mochte auch der Schuster Kogeleboom haben, denn er knarzte ein kräftiges »Pumpös!« durch die Zähne und sagte damit alles, was seine Seele bewegte. Mit dem kleinen Wörtchen ›pumpös‹ verkörperte und verquickte er die höchsten Spitzen seiner Gefühle und Anschauungen. ›Pumpös‹ waren für ihn die Einrichtungen der christkatholischen Kirche, die Leber- und Blutwürste eines gemetzelten Schweines, das glatte Wegputzen der Eckbauern beim Ewaldi-Kegeln, die Zeremonien bei einem Leichenbegängnis erster Klasse und, last not least , die frischen Reitermanöver des Generals Friedrich Wilhelm von Seydlitz, der jetzt, in Stein gehauen, neben der blühenden Linde paradierte, den Mantel gerafft, den Pallasch gefaustet und das feurige Soldatenauge gen Westen gerichtet. Ach! und da drüben ... da stand der Herr Ladendiener Nöllecke Baumann auf der Türschwelle seiner Firma, fingerte sich durch die eingeschmutzte Haartolle, ließ bei dieser Gelegenheit seinen Siegelring im warmen Sonnenlicht aufleuchten und legte den Kopf auf die Seite. »Magnifik!« sagte er leise und dennoch so deutlich, daß alle es hören mußten, die sich in seiner Nähe befanden. Herr Nöllecke Baumann deuchte sich höher und feiner als seine ehrenwerten Mitbürger. Das konnte man ihm auch keineswegs verdenken, war er doch auf der humanistischen Leiter bis zur Quarta gestiegen, hatte die Welt gesehen und im heitern Brüssel zwei ganze, volle, ausgewachsene Monate bei einem dortigen Delikatess'- und Vorkosthändler konditioniert, schien also wohlberechtigt, einen stolzeren Bildungsgang als seine simplen Brüder in der engern Heimat in Anspruch zu nehmen. Kein Wunder somit, daß er außer einigen kleinen, graziösen, allerliebsten belgischen Flegeleien auch das imponierende ›Magnifik‹ und den ersten Vers der Marseillaise ›Allons, enfants de la patrie‹ in seine Geburtsstadt und die des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz verpflanzte, denn Nöllecke Baumann wäre kein richtiggehender, entschlossener und energischer Deutscher gewesen, hätte er nicht die Tugend seines Volkes gehabt, alles Fremdländische, auch das dümmste und dämlichste, vollgültiger auszumünzen und in Kurs zu setzen als die Sitten, Gebräuche und Einrichtungen des eigenen Landes. Ja, der Ladendiener Nöllecke Baumann wußte, was sich gehörte und was er der deutschen Nation schuldete, und so stand er denn da, fingerte sich durch die eingeschmalzte Haartolle, ließ seinen Siegelring im warmen Sonnenlicht leuchten und drehte ein langgezogenes, belgisches und imponierendes ›Magnifik‹ über die Lippen. Nur zu selbstverständlich, denn die prächtige Linde, die aus ihrem flandrischen Klöppelwerk eine verschwenderische Fülle von levantinischen Aromen über die kleine Stadt, die benachbarten Wälle und Wiesen hinwölkte, verdiente diesen begeisterten Ausruf auch im reichlichsten Maße. Welche Stadt in den Kreisen Rees, Kleve und Geldern konnte sich rühmen, ein solch stattliches Lebewesen innerhalb ihrer Mauern zu bergen? Keine. Welches pflanzliche Geschöpf hatte schon so viel des Erhabenen, des Ruhmreichen, des Heitern und Traurigen, des Stolzen und des Bedrückten gesehen wie dieser Baum aller Bäume? Keines. Alles und jedes an ihm war gut und löblich und forderte heraus, mit preislichem Lautenschlagen besungen zu werden. Schon viele Jahrhunderte waren über ihn fortgerauscht. Denn eine alte, ehrwürdige Chronik besagte: »Im Jahre des Herrn, da man zählte nach Christe Geburt 1490 und am Tage Oculi, dem Tage also, wo gemeiniglich die Vögel mit den langen Gesichtern heimwärts streben und in unfern Quergestellen, Holzungen und Waldblößen mit gesenkten Stechern zu pfuitzen beginnen, da geschah es zum Wohlbelieben und zur Freude einer aufatmenden Menschheit, daß unser erlauchter Herr und Gebieter, der Herzog von Kleve Johann II., mit seiner hohen Gemahlin Mechthild, die ihm als Morgengabe die halbe Grafschaft Katzenellenbogen zugebracht hatte, unser Weichbild beehrte, um sich in solenner Art huldigen und feiern zu lassen. Das Wüllenamt zog ihm mit Bungen und Posaunen entgegen, desgleichen die Fraternität des heiligen Antonius, die Wappensticker und Siegelschneider, die Patronatsherren der Crispinus- und Crispinianusgesellschaft und andere mehr, und vom Hof op gen Born aus, unter dem Namen Burginatium vielbekannt und gepriesen, woselbst die VI. Legion ( legio VI. victrix, quam comitata fuit ala equitum ) in altersgrauen Zeiten stationiert war, läuteten ihm und seiner schönen Gefährtin fünfundzwanzig vollgemessene Kartaunensalven einen ehrerbietig-feierlichen Gruß zu. Am Abend desselben Tages war Tafel zu Rathaus. An dreißig gespreiteten Tischen ließen sich die Geladenen nieder. Als Traktationen wurden verzehrt: 2 Ochsen, 6 Kälber, 11 Spanferkel und 16 Hammel, die man deliziös aufgeschmort hatte, des ferneren: 75 Kapaunen und Enten und eine Fülle sonstigen Geflügels aus dem fürstlichen Reichswald, nicht zu gedenken des edlen Rheinsalms, den man schwimmen ließ im Wein von Rauenthal und in köstlichem Pfälzer. Cantores würzeten das Mahl mit dem getragenen Liede vom ›Löffeln‹. Hierauf tanzete die hohe Frau unter Flöten- und Viola di Gamba-Begleitung einen langsamen und getragenen Schleifer mit dem vielehrsamen Brauer und Schöffenmeister Jodokus ter Linden, der hierüber so stolz und hoffärtig, aber auch so elend und tiefsinnig wurde, daß er bis zu seinem gottwohlgefälligen Ableben allen Ernstes wähnte, seine Tänzerin, also die fürnehme Mechthild, des Herzogs erlauchte Gemahlin, zweimal guter Hoffnung gemacht zu haben. Früh am Morgen des nun folgenden Tages begannen wieder die Bungen und Posaunen zu rufen und die Geschütze von den Wällen zu lärmen, denn die herzogliche Gnaden hatten befohlen, zum ewigen Angedenken eine junge Linde inmitten des Marktes zu pflanzen. Und also geschah es unter Glockengeläut, dem Vivatrufen des zugeströmten Volkes und dem freundlichen Wehen der Banner und Fahnen, die von allen Giebeln der umstehenden Häuser ein gar artiges Spiel trieben. Unter solchen Solennitäten marschierte man auf, salutierte man und hieß man die Aufgebotenen sich ordnen, als da waren: gefürstete Grafen und Barone, Junker und Würdenträger des Festes, Ratsherren und Neuner, und war alles von bunten Fahnen und schönen Frauen getempert. Und als sich nun das Bäumchen frei in die Lüfte erhob, das Wurzelwerk sich auch sorglich in dem Erdboden verzweigte, trat plötzlich der schon besagte wohlehrsame Bräuer und Schöffenmeister Herr Jodokus ter Linden, strahlenden Gesichtes und versonnenen Geistes, auf die etwas bleiche Herzogin zu, machte ihr einen devoten Baselemanes und sagte mit glücklichen Äugelchen: »Na, Mechthild, wollen wir mal so 'nen ›Kleinen‹ um die Linde riskieren?« worüber groß Aufsehen entstand, solches aber behoben wurde, da die freundliche Fürstin lächelnd abwinkte und meinte: »Jetzt nit, mein lieber Jodokus. So etwas ist nit alle Tage zu haben und wird nur auf dem städtischen Hause exekutieret. Ihr müßt Euch gedulden. Übers Jahr aber komme ich wieder, da mag es geschehen. Hilft mir Gott dazu, will ich's Ihm doppelt wiedergeben,« und war damit die etwas heikle und gefährliche Sache geschlichtet, denn der Herzog hatte bereits seinen Hatschieren gewinkt und zu wiederholten Malen mit den schwarzen Eisenkacheln gerasselt. So schmunzelte er denn und sagte zu seiner Guardia: »Wie das Mensch ist, so ist auch das Maß,« und ließ ihn gewähren. Herr Jodokus ter Linden jedoch ging beseligt nach Hause und freute sich des kommenden Jahres, wo er aufs neue befohlen werden sollte, mit der hohen Frau einen langsamen und getragenen Schleifer zu tanzen. »Dann sollen's Drillinge werden,« äußerte er sich des öfteren in seinem sinnigen Zustand und ist auch darüber eines glücklichen Todes und des unwandelbaren Glaubens verstorben, in seiner Person das Weiterblühen der klevischen Herzöge gefördert zu haben. Das Wort aber: »Na, Mechthild, wollen wir mal so 'nen ›Kleinen‹ um die Linde riskieren,« ist von Stund an beim Volk im Schwange geblieben.« So die Chronik. Der eingesenkte Baum aber wurde mit den Jahren größer und größer, immer höher und freier, und die Winde spielten mit seiner dichten Krone, harften darin wie mit Zauberhänden, und die Vögel der Lüfte kamen und sangen in seinen Zweigen von Leid und Freude, von Sehnsucht und Auferstehung, und war der Lieder, des Jubilierens und des Blühens kein Ende. Und was sah und hörte die ehrwürdige Linde während ihres langfristigen Lebens nicht alles! Sie sah die alten Meister der Schnitzerschule und die von der Sankt Lukas-Gilde in Kalkar, so unter anderen: den gefeierten Derick Boegert, der den Annen-Altar baute, Jan Joest, den Illuminierer der Tafeln, Ewert von Monster, Kersken Ringenberg und den gewaltigen Heinrich Douvermann, so die sieben Schmerzen Maria verkörperte, wie sie in den Abendlanden kein Bildner geschaffen. Sie hörte die spanischen Trommeln durch die Stadt rasseln, vernahm die kroatischen Sackpfeifen unter Graf Isolan und sah Blut und Brand, Pestilenz und Hungersnot und betrübte, armselige Zeiten ... und sie sah den Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz ... und auch den Schreiber dieses ... und den Herrn Notarius Baptist Napoleon Jean Pierre Lenz ... und die beiden Gebrüder Spier, Elias und Maier, die in niederrheinischem Vieh und Landesprodukten machten, die Bundeslade, Moses und die Propheten verehrten und einmal in der Woche einen opulenten Sauerbraten mit Rosinensauce verspeisten ... und sie sah deren Kommis und Nevö, den Herrn Sigismund Mendel, den schönen Sigismund Mendel, der die Hauptkommissionen der Firma unter sich hatte, das Kontobuch führte und bei seiner Arbeit immer Zimtborke kaute, um einen angenehmen und wohlriechenden Atem zu haben. Sigismund stand in hohem Ansehen in der ganzen Gemeinde, bei Christenmenschen und Judenmenschen. Jeder kannte ihn, jeder liebte ihn, denn er war gefällig und gütig, aufmerksam und zuvorkommend, und weil er eine angenehme Stimme besaß, bei vorkommenden Gelegenheiten sogar in der Synagoge als Sänger fungierte, hielten die Bürger der kleinen Stadt es für angemessen und zeitgemäß, ihm einen gebührlichen Titel beizulegen, um doch ihrerseits etwas zu tun, ihm ihre Wertschätzung zu zollen, und das führten sie auch tapfer und sinnfällig aus und nannten ihn – ›Piepmösch‹. Drittes Kapitel Was die am Niederrhein unter ›Piepmösch‹ verstehen. Das Verhältnis Sigismunds, genannt Piepmösch, zu den Gebrüdern Elias und Maier Spier. Die Charaktereigentümlichkeiten dieses einflußreichen Jünglings, und warum er in wichtiger Mission mit dem Schimmelpferdchen nach Kranenburg mußte, währenddessen sich Herr Maier des laulichen Sommerabends und der blühenden Linde erfreute. Piepmösch ...?! ich höre immer nur Piepmösch! Wo in aller Welt ist überhaupt so ein Ehrentitel, so eine Bezeichnung zu finden? Piepmösch ...?! Was deutet es an, und wie ist dieses Wort zu erklären? Kann ein Schriftgelehrter darüber Auskunft geben? Nein. Einer, der die Quadratur des Zirkels belegte? Apage! Ein Forscher, ein Sinnierer, ein Etymologe? Auch die nicht. Piepmösch ...?! Um des lieben Himmels und der Barmherzigkeit wegen! wer dürfte denn in der Lage sein, dem geheimnisvollen Dunkel, dieser ägyptischen Finsternis, ein Kerzlein aufzustecken, um es leuchten zu lassen wie ein stilles, großes, allbefreiendes Licht von einem hohen und heiligen Berge herunter?! und siehe: ein ernster Zeigefinger erscheint und deutet in nebelige Fernen, in das Land, wo die Wasser träger und langsamer fließen, immense Wiesen und Weiden sich ins Unermeßliche strecken, die Windmühlen mit ihren weißen Segeltüchern schlappen, die Menschen mit respektabeln Gesichtern einhergehen, Edamer Käse essen und abends, wenn eine leichte Sommerbrise von den Deichen herüberweht, vor den Haustüren sitzen und ihre langen Tonpfeifen rauchen. Und siehe: der ernste Zeigefinger wird immer ernster und feierlicher und deutet immer nachdrücklicher in die nebelige Ferne, als wenn er damit sagen wolle: »Fraget dort an, bei den Menschen mit den respektabeln Gesichtern, die in laulichen Dämmerstunden vor den Haustüren sitzen und sich an ihrem ›Herman Oldenkott en Zoonen‹ gütlich tun. Ja, fraget nur, fraget nur an! Es sind gute und willige Kostgänger des Herrn. Sie werden nicht ermangeln, euch die Lösung des Rätsels zu bringen, und das Licht wird in die Finsternis dringen wie ein stilles, großes, allbefreiendes Licht von einem hohen und heiligen Berge herunter.« So der Zeigefinger, und die Menschen mit den respektabeln Gesichtern lassen ihre Gesichter noch viel respektabeler werden, schicken bläuliche Knasterwölkchen in das Dunkelwerden hinaus und sagen: »Mynheer, was vor den Fuhrmannskneipen den spärlichen Häcksel aufliest, an den frischgebackenen Pferdeäppeln herumpickert, sich balgt und schilpt und priestert – das nennen wir ›Piepmösch‹. Mynheer, und was auf den Telegraphendrähten sitzt, sich dreht und wendet und über die heißen, gelben Kornfelder immerzu singt: Wie, wie hab' ich die lieb! und was am Wallgraben schlägt, zwischen den alten Pappel- und Erlenstrünken, so des Abends herum, wenn der Himmel wie blauer Kattun aussieht und der liebe Herr seine lichten Sternchen hineinstickt – Mynheer, das nennen wir ebenfalls ›Piepmösch‹. Mynheer, und weil nun Sigismund Mendel ...« und dann schweigen sie und lächeln, wie die Kundigen lächeln, die an den ewigen Tischen der Wahrheit essen, denn sie haben das ihre getan, des Rätsels Lösung gegeben ... und wir sind wissend geworden. Ja, Sigismund Mendel, der schöne Sigismund Mendel, der Kommis und Nevö der Gebrüder Spier, in Firma Elias und Maier, war ein Sänger von Gottes Gnaden. Er sang wie die Vögel des Waldes und wie die des Feldes, er sang in der Synagoge, im Freien, zu Hause, bald in der Fistel, ähnlich den Verschnittenen in der Sixtinischen Kapelle und im hohen Sankt Peter, bald tremulierend, in den fetten und getragenen Gutturallauten seines eigenen Volkes. Nicht dieses allein. Abgesehen davon, daß er über eine einschmeichelnde Stimme verfügte, die inneren und auswärtigen Angelegenheiten des Hauses besorgte, das Kontobuch führte und mit künstlerischem Schwung die Laubhütte austapezierte – Sigismund zählte zu den belesenen Jünglingen. Er hatte, um es auf französisch zu sagen, beaucoup de lecture . Das Hohe Lied Salomonis konnte er auswendig, ebenso einzelne Reime des großen Joseph den Zaddik. Auch mit den Schriften Heines, des Poeten aus der Bolkerstraße in Düsseldorf, war er innigst befreundet. Am besten lagen ihm die kleinen, kapriziösen, schmutzigen Teufeleien dieses ›Einzigen‹, und wenn er dessen ›Apollogott‹ rezitierte, übertraf er sich selber. Dabei verdrehte er die Äugelchen in dem appetitlichen Lämmelgesicht, zwirbelte sein Kinnbärtchen und lächelte süßlich, edel und liebreich. Ach, und wie trug er den Abgesang dieses Poems vor! Schlicht und einfach, aber überwältigend. Hört seine Verse! In der singenden Sprachweise der Haggada-Beter kommt es ihm von den etwas gewulsteten Lippen: »Aus dem Amsterdamer Spielhuis Zog er jüngst etwelche Dirnen, Und mit diesen Musen zieht er Jetzt herum als ein Apollo. Eine Dicke ist darunter, Die vorzüglich quiekt und grünzelt; Ob dem großen Lorbeerkopfputz Nennt man sie die grüne Sau.« Und er wiederholte: »Nennt man sie die grüne Sau.« Die Strophe verdämmerte, zerging, zerfaserte, während er noch hinter ihr hersah wie hinter einer singenden Lerche, die sich allmählich im ewigen Blau des Himmels verflüchtigte. Dabei war er ein stilles Gemüt, ein wohlwollender und zuvorkommender Mensch, mit einem kleinen, honetten, putzigen Einschlag ins Schwerenötertum hinein, der ihn bei allen Damen seiner näheren und weiteren Bekanntschaft angenehm und begehrenswert machte. Die Piepmösch wurde geliebt. Sie hatte schon manche Herzen gebrochen. Wo Sigismund erschien, kribbelte es dem weiblichen Geschlecht bis in die Zehenspitzen hinein. Deborchen Vieth hatte eine tiefe Neigung für ihn, desgleichen Mordje Süßkind, seine Herzallerliebste, die sich immer wie eine Pfauhenne zierte und schön war und tanzen konnte gleich den Töchtern Jeruschalajims und gerne die Worte hersagte: »Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen.« Selbst die brave und genügsame Ehefrau des Beschneiders Herz Cohn hätte fast eine große Dummheit um seinetwillen begangen, wäre Sigismund nicht der veritabelste Joseph von Ägypten gewesen. »Es geht auch so,« sagte er tapfer, lieh seinen Rock in den Händen der rührenden Schönheit und zitierte beim Abgehen die ergreifenden Verse: »Und der Sklave sprach: Ich heiße Mohamed, ich bin aus Yemen, Und mein Stamm sind jene Asra, Welche sterben, wenn sie lieben. Aber ich liebe sie nicht, die verehrungswürdige Herz Cohn; sie ist mir zu dusemang, diese Frau, während der Gatte ... Püh!« meinte er lispelnd, »er ist ein gefährlicher Mann un ein gewalttätiger Mann. Er ist aufbrausend wie Kain un draufgängerisch wie Abimelech, der Sohn Gideons von Ophra, der seine siebenzig Brüder meuchelte, um sich auf den Thron seiner Väter zu setzen. Püh! er führt das Beschneidungsmesser, der Cohn. Warum soll ich mich umbringen lassen? Weshalb denn? Ich bin nicht vom Stamm der Asra, welche sterben, wenn sie lieben. Ich lasse sie schießen, die Frau, und schirme mich durch die Wächter der Keuschheit: Mit schwertgegürteten Engelgestalten, Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken – denn besser ist besser. Ich kann mich anderweitig behelfen.« Also die Piepmösch. Sie war tapfer geblieben. Nur das Herz vibrierte noch nach. Das niedergezwungene Gefühl revoltierte noch immer. Ein Ausgleich war unbedingt nötig. Da tat Sigismund Mendel ein übriges, begab sich in die Anrichte- und Speisekammer der Gebrüder Spier, wo deren Schabbesgoi, dem Bocken-Dores seine einzige Tochter, hantierte, und fuhr ihr mit weicher Hand etliche Mal über die üppige Kruppe – dieser Schwerenöter und Tausendsassa! aber alles in allem genommen: Sigismund war und blieb der Gerechtesten einer. Er liebte die Vögel des Himmels und die Fische der Tiefe, er verehrte die Blumen des Feldes und die, die in den bescheidensten Krautgärtlein standen. Er achtete den Menschen im Menschen. Die Sitten und Gebräuche seines Volkes waren ihm heilig. Er estimierte sie und aß die Matzen, die ungesäuerten Brote, ebenso gesinnungstüchtig herunter, als wären sie geräuchertes Gansfleisch oder Sauerbraten mit Rosinensauce gewesen. Er war ein Mann nach dem Herzen der Schrift ... ach! und wie freute er sich, wenn die Wiesen zu grünen begannen, die Deiche sich blümten, die Wässerchen gurgelten und die Kartäusernelken ihre Düfte austaten, und sicherlich hätte er auch unter der blühenden Linde gesessen, traumverloren, mit einem neckischen Vers auf den Lippen, wäre ihm heute von seinen Chefs nicht der Auftrag geworden, eine wichtige Kommission jenseits Kleve in die Wege zu leiten und perfekt zu machen. Der Auftrag erforderte klaren Geist und rasche Erledigung. Im Hause Spier hatte nämlich der Malach Hamoves, der Todesengel, gestanden, hatte die weiße Hand gestreckt und die alte Schaffnerin auf die Hobelspäne geworfen. Diese Not, dieses Elend! Die dunkeln Flügel des Gevollmächtigen beschatteten das ganze Anwesen, die Stuben und Kammern, die Nebenräume und Korridore. Sie schatteten in alle Winkel hinein, und sie schatteten bis auf den obersten Söller. Alle Freude dahin, nur ein Klagen und Seufzen, denn Blümchen Flesch hatte fünfundzwanzig Jahre dem reichlichen Besitz der Gebrüder vorgestanden, im Schmuck der straffen Pferdehaarperücke, dem Klingeln ihrer Ohrgehänge und dem sanften Leuchten ihrer rötlichen Äugelchen, hatte gesorgt und geschaffen und alles getan, der Firma ein behagliches Leben zu verstatten. Nun war alles dahin wie ein schwindsüchtiges Lichtlein, wie ein Aschenflöckchen vor dem Hauch des Windes. Die Trauer um sie kannte keine Grenzen. Elias und Maier ähnelten verstörten Hühnern, die den gestrigen Tag suchten und den gestrigen Tag nicht mehr zu finden vermochten, und als sie Blümchen Flesch auf dem jüdischen Friedhof, der an das stille Wasser grenzte, wo die kanadischen Pappeln so eigenartig säuselten, bestattet hatten, da sagte Elias: »Ihre Seele sei eingebunden in dem Büchlein der Lebendigen.« »Amen, Sela!« respondierte sein Bruder, hob und senkte seinen Zylinder und drückte sich das seidene Taschentuch gegen die Augen. Zu Hause angekommen, fühlten sie erst so recht die Größe des Unheils, das sie heimgesucht hatte. Sie rangen die Hände. »Blümchen, wo bist du?« Keine Antwort erfolgte. »Angtree! Ich bitte dich, Blümchen.« Aber nichts ließ sich hören. Ein verrosteter Sargnagel wäre ein Doctor eloquentiae im Vergleich zu diesem grauenhaften Schweigen gewesen. Nein, sie war nicht mehr da. Ihre sänftiglich waltende Hand fehlte an allen Ecken und Kanten, in der Vorratskammer, beim Herdfeuer, an der Anrichte, bei Töpfen und Tellern, beim Morgen- und Abendgebet, beim Schabbes und an gewöhnlichen Werkeltagen. Wo war Blümchen Flesch nur geblieben? »Dort oben,« sagte schließlich Elias. Er deutete mit der zitterigen Rechten zur Decke, fügte aber schmerzlich hinzu: »Wer wird nu unsere Leibesnotdurft besorgen? Die Schabbesgoi, dem Bocken-Dores die seine, vermag's nicht, denn sie ist unbewußt un kann keine Rosinensauce nicht machen.« »Nein!« bestätigte Maier, »die kann sie nicht machen. Auch keine Klößchens mit Marks nicht. Wir haben Blümchen verspielt un müssen entrieren 'ne geschäftliche Niederkunft mit 'nem anderen Blümchen.« »Recht wirst du haben; aber die Richtige finden.« »Ich wüßte schon eine, 'ne pompöse und feine.« »Sigismund – du?!« Er hatte während der ganzen Unterhaltung am Türspalt des Nebenzimmers gelauscht und war just im passenden Augenblick zu den beiden getreten. »Woher weißt du?« fragte Elias. »Gott, wie man die Sachen so hört! Per Zufall. Vom Herrn Polizeidiener Brill. Er ist ein gelernter Mann un ein besonnener Mann, der Herr Polizeidiener Brill, kennt er doch die Gegend von hier bis nach Rotterdam, un noch weiter hinzu. Er weiß eine in Kranenburg, 'ne pompöse un feine. In vier Wochen kann sie mobil sein.« »Schön,« sagte der Senior-Chef. »Wie soll sie denn heißen?« »Rosalie Perlchen. Sie ist dem verstorbenen Schächter Moses Perlchen sein hinterlassenes Erbstück. Ein erhabener Mann. Gott habe ihn selig!« »Aber wird sie auch kommen?« fragte Elias. »Ich meine ...« Der Bruder fiel ihm ins Wort: »Wie heißt: wird sie auch kommen? Zu's reiche Haus Spier, in Firma Gebrüder Elias un Maier, kommen alle mit Kußhand.« Er sprach es mit saftigen Gutturallauten, mit einer gemessenen Würde und Selbstüberhebung, wobei er verloren mit den Schaken seiner schwergoldenen Kette spielte. »Aber Sigismund, noch 'ne Frage. Wie ist's mit dem Fräulein? Prestiert sie was in der Welt, un kann sie in die noble Gesellschaft bestehen?« »Sie macht sich rar,« versetzte die Piepmösch, »un was sich rar macht, macht sich beliebt, denn wie schön sagt der Dichter: Willst du beliebt sein, mach' dich rar, Hausiere nicht mit feilen Wippchen; Du weißt: man schätzt den Kaviar, Nicht Sauerkohl mit Schweinerippchen.« Der alte Chef nickte. Auch Maier schien befriedigt zu sein, denn er hielt sehr auf gesetztes Wesen und Anstand. »Schön, Sigismund, schön! Reis' zum bewußten Termin, sonst geraten wir noch in die fitalsten Begebenheiten mit's Essen un Trinken. Spann's Schimmelpferdchen ein un fahr' mit's Korbwägelchen auf Kranenburg zu. Persuadier' sie, ins reiche Haus von die Gebrüder zu kommen. Monatlich drei Taler Salär. Gott, was sag' ich! Was bedeuten drei Taler? Sagen wir vier Speziestaler un 'ne gute Behandlung. Immer nobel, also spricht auch der Herr Baron Steengracht zu Moyland, un ich meine daher: Eli, soll es so stimmen?« »Es stimmt.« »Also abgemacht. Trinken wir darauf ein gefälliges Schnäpschen, denn alles muß seine Besiegelung haben.« Damit waren die Präliminarien erledigt, die zunächst liegenden Dinge erörtert und die zukünftigen dem nunmehrigen Sachwalter anvertraut worden. Vor der Hand blieb nichts weiter zu tun. Der Termin, an dem Rosalie frei wurde und über sich verfügen konnte, mußte abgepaßt werden ... und also geschah es. Am zehnten Juni, dem Tage somit, wo diese Geschichte anhebt, machte Sigismund Mendel sich fertig. Bereits in Gottes erster Morgenfrühe hielt er mit seinem Schimmelpferdchen und dem lustigen Korbwägelchen vor dem Spierschen Anwesen. Ohm Maier, die Hand am Spritzleder, ermahnte ihn nochmals, nur eine erstklassige Bedienung ins Haus zu bringen, sich nicht düpieren und übervorteilen zu lassen. Er befinde sich am Ende seiner Kräfte und sei persönlich nicht mehr imstande, die Markklößchen der Schabbesgoi vertragen zu können. Auch Elias wäre nur noch ein armseliger Schatten, ein beklagenswertes Gefäß, ohne Bekömmnis und Inhalt. »Die Sache hat Eile,« fügte er hinzu, »sonst können wir uns wie Blümchen einbinden lassen ins Bündlein der Lebendigen. Amen, Sela. Ich bin jung gewesen, un ich bin alt geworden, aber ich möchte noch den großen Tag der Versöhnung, 'nen richtigen Lebensabend genießen.« Bewegt drückte er sich sein Taschentuch gegen die Augen. »Was gemacht werden kann, wird gemacht,« sagte Sigismund vom Bocksitz herunter. »Ich werde sie persuadieren, ins Haus der Gebrüder zu kommen.« »Ins reiche!« rief Maier ihm nach, als das Schimmelpferdchen auf- und davontrabte. Den aufgebügelten Hartmann etwas über die linke Kopfseite geschoben, mit 'nem richtigen Judenbengelgesicht, lässig die Zügel führend, die Beine gespreizt und den rechten Arm in die Hüfte gestemmt, karriolte Sigismund über Moyland, Hasselt und Kleve nach Kranenburg zu, durch blühende Roggenfelder, an bunten Wiesen vorüber, über sich einen leuchtenden Himmel und die winzigen Pünktchen singender Lerchen. Alles grünte um ihn, alles duftete um ihn. Ab und zu flötete eine Merle am Straßenrain. »Wie schön und wie liebreich!« sagte er glücklich. Er dachte dabei an Rosalie Perlchen. Sinngemäß genehmigte er sich ein frisches Stückchen Kaneel, um ihr doch angenehm unter die Augen zu treten. So fuhr er dahin, immer weiter und weiter, stolz auf seine Mission und eine große Andacht im Herzen. In drei Stunden konnte er an Ort und Stelle und gegen Abend retour sein. Gern hätte er auch unter der Linde gesessen, um dort zu träumen und seinen Gedanken nachzugehen. Aber wie sollte er können?! Sein Auftrag war dringlich und mußte ausgeführt werden. Zudem hatte ihm der Herr Polizeidiener Brill soviel des Wunderbaren, des Mysteriösen und Prickelnden von Rosalie Perlchen verkündet, daß er nicht umhin konnte, sich unter die Palmen von Beth-El zu versetzen und Rosalie die Worte Heines in den Mund zu legen, die da lauten: »Lecho Daudi Likras Kalle – Komm', Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht!« So fuhr er denn weiter, immer weiter und weiter, von numerierten Chausseesteinen begleitet, durch heitere Fluren, lachende Dörfer, an stillen Grachten und verschwiegenen Wassern vorüber, stets die Worte fummelnd: »Lecho Daudi Likras Kalle,« während ein andrer ... ja, während ein andrer, viel später und so ums Schummrigwerden herum, seinen Lieblingsplatz unter der rahmweißen Linde eingenommen hatte, die Beine streckte, rotbackige Herzkirschen aus einer blauen Tüte verzehrte und zusah, wie der lauliche Junitag gemächlich in einen sanften Abend hineintrödelte. Ach, und die burgundische Prinzessin! Sie wußte die Ehre zu schätzen, säuselte mit ihren Schleiern und Spitzen, raunte und plauderte und hüllte den Einsamen in eine Wolke von Weihrauch. Maier Spier sah bewegt zu ihr auf, winkte ihr zu und dankte gerührt für getätigten Zuspruch. Viertes Kapitel Langsames Eindämmern der kleinen niederrheinischen Stadt. Maiers Betrachtungen. Warum er hätte Offizier werden können, um zu schießen, mit die Lazzeruntasch und die gefährlichen Füsiliere von hinten. Seine bedeutende Stellung innerhalb des gefeierten Hauses, in Firma Gebrüder Spier, Elias und Maier. Wie der Bocken-Dores erscheint, die Handlung einsetzt und Maier nach Hause geht, um in Gemeinschaft mit seinem älteren Bruder auf Rosalie Perlchen zu warten. Wie alles so groß war, so hehr und unendlich! Der Himmel nahm einen resedafarbigen Ton an, verlor an Feuer und dachte bereits daran, sein einfaches Gewand mit flinzenden Sternchen zu mustern. Aber das hatte noch Zeit, denn der Turmhelm von Sankt Nikolai stand noch in rosigem Schaum, glimmte und gloste und tat sein Bestes, die letzte Fackel des Tages in den weichen und warmen Äther zu heben. In der Tiefe jedoch mehrten sich die bläulichen Schatten. Das Leben auf den angrenzenden Straßen ebbte zurück. Nur ab und zu ließ sich ein gedämpftes Klappern von Holzschuhen vernehmen, ein Ketschen von Billardkugeln, das zeitweilig aus der Wirtschaft ›Zum goldenen Anker‹ herübertönte. Die spanischen Giebel, die den geräumigen Marktplatz umgaben, reihten sich wie Lemuren nebeneinander. Selbst die Harzer Kanarienvögel hinter den Fenstervorsetzern hatten ihre Kantilenen und Wasserrollen vergessen, ach! und wo war die ehrsame Juffer Petronell van der Grinten geblieben, wo der Meister Kogeleboom, wo der Herr Ladendiener Nöllecke Baumann? Nichts mehr, reineweg nichts mehr! Sie waren auf und davon, als wären sie von der zunehmenden Dämmerung eingeschluckt worden. Immer mehr vereinsamte die weite Umgebung. Bald mußte der ›Engel des Herrn‹ von Sankt Nikolai ertönen. Lediglich Herr Maier Spier unter dem stattlichen Baum, um den bereits Anno Domini 1490 der vielehrsame Brauer und Schöffenmeister Jodokus ter Linden mit der schönen Herzogin Mechthild einen ›Kleinen‹ zu riskieren gedachte ... lediglich er allein war auf weiter Flur, ein Hüter der großen Einsamkeit und ein Wächter des Friedens. Was für ein Mann, was für ein Mann! Mit frommem Behagen schmauste er rotwangige Herzkirschen aus einer knallblauen Tüte, praktizierte jeden Kern zwischen Daumen und Zeigefinger und unterhielt damit ein wohlgezieltes Einzelfeuer auf eine Spatzenrotte, die sich noch verspätet bei einer trefflich gehäufelten Roßäpfelpyramide herumamüsierte. Fast jedes Steinchen knallte gegen einen vorlauten Schnabel, und wenn es geschah, wollte sich Maier schütteln vor Lachen. Gott, was für ein Mann, was für ein bedeutsamer Mann! Maier Spier konnte Ansprüche machen. Er war drei Jahre jünger als sein Bruder Elias und stieß mit seinem eisengrauen Kopf erst durch die Mitte der sechziger. Er war großzügig veranlagt, edeldenkend und tapfer, wenn auch ab und zu der Quadratlakel aus allen Knopflöchern herausvigilierte. Er dünkte sich höher denn seine Brüder und Standesgenossen, und als bei Gelegenheit einer Königsgeburtstagsfeier in der Wirtschaft ›Zum goldenen Anker‹ der emeritierte Steuerempfänger Friedrich Wilhelm Pastores sich rühmte, als Feldwebel bei den Maikäfern in Berlin gedient zu haben und dabei auf das fünfundzwanzigjährige Dienstkreuz am veilchenblauen Bande hinwies, behauptete Maier frischweg von der Leber herunter: »Nichts für ungut, Herr Steuerempfänger, aber ich hätte auch werden können Offizier oder Feldwebel oder so 'ne ähnliche bedeutsame Sache, um zu schießen mit die Lazzeruntasch un die gefährlichen Füsiliere von hinten. Darauf will ich 'ne Flasche Schepagner verzehren. Aber warum sollte ich werden Offizier? Ich hab's nicht nötig gehabt. Ich hab's nicht gewollt. Der Vieh- und Produktenhandel ernährt auch seinen Mann un ist mir bekömmlich gewesen bis zum heutigen Tage, un darum wollen wir auch trinken 'ne gemeinschaftliche Flasche Schepagner zusammen. Ein angenehmes Pröstchen, Herr Steuerempfänger.« Seit diesem Tage stand er in gewaltigem Ansehen. Viele hörten die Botschaft und glaubten, und als eines Morgens der Landrat des Kreises vorsprach und ihm für den besten ausgestellten Bullen die landwirtschaftliche Prämie in Gestalt einer blanken Medaille überreichte, Maier sein Haus auch beflaggte und die ihm behandele Auszeichnung gewissermaßen wie einen Orden herumtrug, hieß es in der kleinen niederrheinischen Stadt und deren weiterem Bering: »Maier Spier hat den königlich preußischen Schwarzen Adler-Orden erhalten. Hurra und Vivat!« Ja, er konnte Ansprüche machen. Er hätte Offizier werden können. Wenn auch kein regelrecht preußischer, so doch ein römischer. Vielleicht als Major oder Obrist-Wachtmeister in der Legio victrix . Zum Tribunen langte es wohl nicht. Oder langte es doch?! Ja, es langte auch dieses. Aber die Säbelbeine?! Auch gut. Er wäre ein respektabeler Tribun mit Säbelbeinen geworden, denn er hatte zweifellos ein martialisches Aussehen. Der eisengraue Kopf imponierte. Das stets sauber rasierte Cäsarengesicht mit den kurz geschnittenen Hasenpfötchen stand ihm vortrefflich, und die geschwungene Mundecke, durch die eine Goldplombe funkelte, gab ihm den Stempel des Herrischen und Überlegenen. Dazu knackte er, wenn die Herzkirschen aufgegessen waren, andalusische Mandeln. Beweis dafür, wie er es versucht hatte, sich den Gepflogenheiten eines Tribunen anzupassen, denn es stand einwandfrei fest, daß diese in bedenklichen Augenblicken zu Krachmandeln griffen, um der kritischen Situation wieder eine bessere Note zu geben. Aber wie schon gesagt: er wollte ja gar nicht. Er hatte keine Lust, Offizier zu werden und zu schießen mit die Lazzeruntasch un die gefährlichen Füsiliere von hinten. Warum auch? Er lebte ausschließlich seinem rentabelen Vieh- und Produktengeschäft, besuchte die Jahrmärkte, sprach bei den Bauern vor, besichtigte deren Roggenspeicher, machte sich in deren Ställen und Wohnungen zu schaffen, und wenn das Jahr zur Neige ging, so um Martini herum, trat er vor den Senior-Chef, spielte mit den Schaken seiner schwergoldenen Kette und sagte: »Eli, mach's Buch zu. Es stimmt. Nach meiner Überschlagung müssen wir gemacht haben dreitausendfünfhundertsiebenzig netto, un wenn's mit die Richtigkeit zuginge, müßten wir werden, du un ich, Kommerzialrat in Preußen.« »Müßten wir,« sagte Elias und tat, was ihm sein Bruder geheißen: er klappte das Buch zu. Im auswärtigen Handel war Maier unermüdlich und nicht zu ersetzen. Schon von weitem sprach er die halbreifen Buchweizen- und Haferparzellen auf ihre Ertragsfähigkeit an. Jedes Stück Rindvieh schätzte er sachgemäß ein, ohne es gesehen zu haben, nur aus dem puren Gebrüll heraus, nur aus den breiten Fladen, die es hingeklatscht hatte. Seine Handelsaktionen florierten, standen in der ganzen Umgebung in berechtigter Reputation. Fast tagtäglich suchte er seine Klientel in den benachbarten Ortschaften auf, um mit lohnendem Profit wieder nach Hause zu pilgern. So auch heute. Er war in Hanselaer und Hönnepel gewesen, in Kaldenhoven und auf dem Fingerhutshof. Er hatte ausnahmsweise die in diesen Gemarkungen gelegenen Kleeäcker gemustert, vornehmlich solche, die mit der köstlichen Esparsette angesät waren. Er konstatierte: sie hatten noch nichts Lohnendes an sich. Hierauf war er nach Hochend gegangen. Er wußte: beim Strückerjans stand eine schwarzweiße Kuh zum Verkauf aus. Der Mann selber war auswärts beschäftigt. Die Bäuerin, eine stattliche Frau mit Roggenstrohhaaren und Waden gleich Melkeimern, führte ihn daher selbst in den Stall. Ein warmer Brodem schlug ihm entgegen. Als er des Stücks Vieh ansichtig wurde, rümpfte er sofort bedenklich die Nase, schüttelte abweisend den Kopf und machte eine verächtliche Handbewegung, als sei er genötigt, eine Portion treferen Fleisches über die Schulter zu werfen, obgleich er sofort erkannt hatte: eine schönere Kuh ist nicht mehr zu finden. »Was soll sie kosten?« »Zweihundertundfünfzig.« »Was, Taler?« »Maier, was sonst denn?« Er streckte die Hände zur Decke, wo etliche Rauchschwalben ab- und zuflogen, legte sie wieder ergeben auf seiner Samtweste zusammen, zog sein Kinn in die Vatermörder zurück und sah die Frau an, als wäre sie übersinnig geworden: »Frau Strückerjans, bin ich meschugge? Wofür halten Sie mich? Bin ich der reiche Benno von's große Haus Löwenthaler in Kleve?! Kann ich springen lassen die Talers wie Flöhe?! Hab' ich getanzt ums goldene Kalb mit meinen Glaubensgenossen?! Oh! Oh!« und mit gieriger Hand begann er die Kuh zu betasten. Er glitt an der Kruppe herunter, hob den Schwanz in die Höhe, riß nachdenklich das Maul auf, untersuchte die Zähne, befühlte den Bauch, fingerte an dem schweren Euter herum und sagte schließlich mit einem Seufzer, als sei er genötigt, Bankrutt anzumelden: »Nu, weil's Sie sind: einhundertunfünfzig preußische Speziestaler.« »Zweihundertundfünfzig,« versetzte die Bäuerin mit unerschütterlicher Ruhe. Er tat wie versteinert, rückte seine seidene Mütze schief in den Nacken und lächelte bittersüß. »Grüßen Sie mir den Gemahl,« sagte er gütig. »Er soll auch mal kommen, mir zu besuchen, um zu trinken in meinem Hause ein gefälliges Schnäpschen. Es sollte mich freuen.« Damit schüttelte er nochmals den Kopf, besah sich die Kuh, als wäre sie mit Trommelsucht und Klauenseuche behaftet, gerierte sich, als würde hiermit die Angelegenheit für immer und ewig in den Schornstein geschrieben, bedauerte lebhaft und begab sich ins Freie, kam aber zurück und schwor bei den großen Propheten und dann bei den kleinen, von Hesekiel über Joël und Nahum bis auf Maleachi herunter, daß sie scheinbar willens sei, ihn und sein Haus an den Bettelstab zu bringen und völlig elend zu machen. Dann aber – und er warf nochmals eine gehörige Portion treferen Fleisches über die Schulter – klopfte er der Frau sacht auf die Schulter und meinte: »Um nicht die Stiefel umsünst verschlissen zu haben: zweihundert Speziestaler.« »Und zwanzig,« bestätigte die Bäuerin wie aus Eisen gegossen. »Schön denn, um Ihnen un dem Hause Spier ein Pläsiervergnügen zu machen.« Maier schlug ein, zählte das Geld in neuen Kassenscheinen auf eine Futterkiste, bedankte sich vielmals und geleitete die Schwarz-Weiße, die Kuh mit dem vollen Euter und dem prächtigen Gangwerk, triumphierend der nicht weit gelegenen Stadt zu. Das Geschäft war getätigt. Jetzt saß er, sich des lukrativen Handels erfreuend, unter den leise sich schaukelnden Blütenzweigen, verzehrte knappige Herzkirschen und machte sich eine ergiebige Freude daraus, den herumvagabundierenden Spatzen gegen die Schnäbel zu flitzen. Dabei ging ihm noch vieles andere durch den Sinn, Vergangenes und Kommendes. Er dachte an die Reise seines Nevös, an Rosalie Perlchen, ob sie Blümchen Flesch zu ersetzen vermöge, ob sie überhaupt kommen würde und imstande wäre, Markklößchen und Sauerbraten mit Rosinensauce zu machen. Denn ohne dieses seien alle Tafelfreuden nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Das Kirschendeputat war verspeist, die blaue Tüte zusammengelegt und in die Seitentasche geschoben. Immer wieder trat ihm Rosalie Perlchen vor die geschäftige Seele. Schön mußte sie sein, schön wie Abigail oder Abisag aus Sunem, die geladen war, dem alternden König, der in jungen Jahren die Harfe geschlagen und vor der Bundeslade getanzet, die etwas steifen Gliedmaßen wieder gelenkig zu machen. Und schön war sie, ausnehmend schön. Dessen war Sigismund Zeuge, und Sigismund hatte es gehört vom Herrn Polizeidiener Brill, der ein wahrheitsliebender und gediegener Mann war. Meimemmelochem! und vorsprechen würde sie auch, denn ins reiche Haus Spier, in Firma Elias und Maier, kamen sie alle gern und willig. Judenmenschen und Christenmenschen: selbst Kakerlaken und Wanzen, die er nur mit knapper Not und unter werktätiger Beihilfe des gefeierten Kammerjägers Beulwitz in Kleve hatte austreiben können. Also warum nicht? Sie würde sich schon einstellen. Gewißlich und mit aller Bestimmtheit. Er streckte die Beine, zupfte an seinen Vatermördern herum, bei welcher Gelegenheit er sehr interessiert seine Plüschpantoffeln betrachtete, die, giftig wie Schweinfurter Grün, in die immer stärker werdende Dämmerung hineingespensterten. Das rosige Schaumgold war vom Turmhelm gewichen, hatte sich unauffällig in den warmen Äther verflüchtigt. Die alte Linde begann stärker zu rauschen, die weißen Blüten fielen lebhafter von den Zweigen herunter. Der ›Engel des Herrn‹ schlug an, zog herzerhebend über die Stadt hin, glitt auf heiligen Schuhen über Gärten und Wiesen, um dort niederzusinken und unter Blumen zu sterben. Die Umwelt verlor an Farben und Tönen, blieb aber sichtig genug, alles Gegenständliche deutlich erkennen zu können. Hier und da hellten bereits die Fenster auf, so bei Mamsell van der Grinten und dem Herrn Notarius Lenz, der nebenan das stattliche Haus mit der Schnirkeltreppe bewohnte. Vor dieser Treppe stand in grün angestrichenen Kübeln eine Reihe von fünf Oleanderbäumen, die jetzt so prächtig dufteten, als müßten sie dem Herrn Notarius ein Dankopfer darbringen, obgleich er ein Schalk war und die Gepflogenheit hatte, den Bauern und seiner sonstigen Klientel die Taler mehr als nötig aus der Tasche zu ziehen, im Namen des Königs und von Rechts wegen. Actum ut supra. Damit war die Sache erledigt, und der Herr Notarius Lenz lachte ins Fäustchen. Und weiter ... auch neben dem Posthaus, in einem altersgrauen Giebel, standen plötzlich zwei hohe Fenster in voller Beleuchtung. »Nu wird's Zeit. Eli will's Abendbrot haben.« Der Insichgekehrte erhob sich, als sich ihm unversehens eine schwere Hand auf die Schulter legte. »Herr Prußt?!« »Ich habe die Ehre, Herr Maier.« Ein hoher Mann, ein Patriarch, ein Mensch wie aus der Bibel genommen, stand vor ihm, einer von den Stillen im Lande, mit weichem, fließendem Bart, dessen Enden ihm bis an den zweiten Hosenknopf reichten. Eine angenehme Fuselatmosphäre umgab ihn, aber nur angedeutet, wie hingehaucht, ähnlich dem unnachahmlichen Schmelz von Schmetterlingsflügeln ... und dieser Mann ... Er war bekannt in der Gegend, im ganzen Kreis Kleve, bis weit ins Geldrische hinein: patronisierte er doch eine Bockhalterei, die beanspruchen konnte, von allen Ziegenhaltern geschätzt und bewertet zu werden. Theodor Prußt, allgemein der Bocken-Dores geheißen, hatte Allüren, die nicht zu den gewöhnlichen zählten. Er gab sich mit Würde. Gravitätisch glitt er über den seidenfadigen Bart hin, teilte ihn in zwei mächtige Hälften und fragte: »Nun, Herr Maier, wie steht es?« »Es geht ja – un Ihnen?« »Ich danke der Nachfrage. Man muß sich benehmen, und ich wollte bloß hören: wie sind Sie mit meiner Stina zufrieden?« »Als Schabbesgoi primissima Klasse. Nur, sie kann noch keine Rosinensauce un keine Marksklößchen machen. Aber was tut es?! Blümchen Flesch ist zufrieden gewesen mit ihr, warum sollen daher wir, die Gebrüder, nicht sein zufrieden mit ihr, tut sie doch alles, um dem Hause Spier zu dienen mit Freude un Liebe.« »Ist mir angenehm zu hören, Herr Maier, denn so'n eingeborener Vater hat auch sein Honnör im Leibe von wegen der Tochter. Indessen jedoch, um auf 'nen anderen Turnus zu kommen: Sie haben ja wohl 'nen präliminierten Deckbock im Stalle?« Maier schnalzte fett aus der linken Mundecke heraus. »Herr Prußt, 'nen pompösen.« »Je, das behauptet ihr Juden man immer.« »Herr Prußt, ich will mich nicht ehrlich benennen, ich will hingehen zu meine Glaubensgenossen un vorstellig werden ... Nein, ich werde nicht hingehen. Warum soll ich auch hingehen zu meine Glaubensgenossen? Bleibe ich doch lieber hier, um Ihnen zu sagen: er ist ein Gewaltiger, ein König, ein Pascha ...« Er streckte den Arm aus. »Ein Emir unter den Böcken.« »Immer man sachte,« fiel ihm Dores ins Wort, wobei er die Bartenden zu einer Lanzenspitze ausdrillte, »über dem Lipperfurtsberg fort wohnen auch Leute. Wo soll er denn herstammen?« »Nu, woher soll er stammen? Aus Angora, Herr Prußt, wo sie tragen 'nen Kaftan mit Edelsteinklunker, ah! un wo sich die Pyramiden befinden un die Schwarzen un die feuerspuckenden Berge – wohl hundert Stunden hinter Afrika fort, un denn noch weiter, um die Ecke herum, auf Indien zu, wo sie verbrennen bei lebendigem Leibe die eigenen Frauen, so aus purem Handgelenk heraus, um zu kommen in den indianischen Himmel, wo sie sitzen werden splitterfasernackt zwischen Blumen un Pomeranzen, aber von einer ewigen Sonne umleuchtet.« »Dunnerkiel nochmal!« sagte Dores und rollte seinen Bart wie 'ne Serviette zusammen, um ihn gleich darauf wieder talwärts gleiten zu lassen, »das wäre denn doch ...!« »Ja,« bestätigte Maier, »un was jung von ihm wird – ich meine vom Bock – bekommt Wolle am Leibe, was sie Mohairgarn benennen, un 'nen Pompadour zwischen die Beine, der dreimal soviel Milch gibt wie der von die sonstigen Ziegen. Un aus dem Garn kann man machen Kamelotte ... un aus dem Fell Damian- un Fabianleder ... un aus den Hörnern Trinkgeschirre von Buchsbaum ... Ja, un als Sprunggeld müssen Sie wenigstens vier Kastemännchen pro Kasus beziehen ... un überhaupt so ...« »Das ist ja alles recht schön,« sagte Dores. »aber ...« »Was ›aber‹? Entweder Sie haben ihn nötig, Herr Prußt, oder Sie haben ihn nicht nötig. Haben Sie ihn nötig – dann bitte.« Maier pfiff sacht durch die Zähne. »Gott, ich brauch' nur zu strecken meine fünf Finger, un er wird mir aus den Händen gerissen. Da sind schon sieben, die ihn wollen besitzen,« und er zählte vom Daumen herunter: »Da ist der Herr Ökonom Otten vom Oorth, der Herr Gastwirt Janssen zu Moyland, der Herr evangelische Paster in Kermesdal, nu, un da sind noch die übrigen Leute, die mir persuadieren wollen, ihnen die Okkasion zu belassen ... aber wenn sie Ihnen genehm wäre, um zu behalten Ihre Firma in Schwungkraft ...« Er hielt ihm die Hand entgegen. »Ich bin Ihr Freund. For Sie un Ihr Haus tu' ich alles. Oder wollen Sie nicht behalten Ihre Firma in Schwungkraft?« Dores schrumpfelte die Brauen zusammen und meinte: »Warum nicht? Meine Helden sind abstrapeziert, und da könnte Ihr Bock mir schon passen. Aber Puttputt! Mit's Bezahlen – da hapert's. Ihr verfluchtigen Juden verlangt ja immer Geld zum Erbarmen.« »Gott der Gerechte, welche Gefühle! Werde ich verlangen fast gar nichts. Ihnen zu Gefallen nur so viel, um meine Spesen zu decken, obgleich es der meine verdient, bei 'nem nobeln Baron in Stellung zu kommen, denn er hat 'nen Stammbaum wie dieser.« »Maier, was soll er denn kosten?« »Nu, Herr Prußt, was wollen Sie geben?« »Je, Maier, das ist so 'ne Sache.« »Warum denn 'ne Sache?« »Bevor ich ein Angebot mache, muß ich seine Qualitäten erst kennen.« »Qualitäten?! Die hat er. Qualitäten wie 'n indianischer Emir. Sie sollen ihn sehen. Sie werden seiner ansichtig werden. Wann wollen Sie ihm un mir erweisen die Ehre?« »Sagen wir morgen um elfe.« »Schön, also morgen um elfe.« »Aber präzise.« »Natürlich. Ich bin immer präzise. Wer will machen 'nen Handel, der muß sein immer präzise. Ohne Präzisität ist alles in den Abtritt geschmissen: Lujerdors un Besinnung. Ein solider Geschäftsmann wirft kein Geld in den Abtritt. Das Ihre erst recht nicht. Es wär' ein Greuel vor dem Herrn. Also morgen um elfe. Aber bringen Sie Geld mit. Bar oder in Kassenscheinen. Was dann noch ist zu besorgen, wird ausgemacht unter vornehmen Männern. Adjüs denn.« Dores ließ seinen seidenen Bart wehen und sagte gleichfalls: »Adjüs denn.« Hierauf trennten sie sich, die Brust gehoben und durchzittert von den Schwingungen eines trunkenen Sommerabends. Ach! und da droben ... Die ersten Bienchen des großen Zeidelmeisters kamen ins Schwärmen, verloren sich hierhin und dorthin. Die ersten silbernen Bienchen unter dem Himmelreich. Fünftes Kapitel Im Heim der Gebrüder. Der Verfasser berichtet von dem milden Duft nach Knoblauch und Zwiebelsauce, der alle Räume durchgeistert, was Elias für ein prächtiger Mann ist, wie er und Maier ihren ausgesandten Neffen Sigismund schmerzlich erwarten, wie dieser schließlich erscheint, erst mißtrauisch empfangen wird, dann aber das vollste Lob einheimsen darf. Zum guten Beschluß singt die Piepmösch das schöne Lied: »Guter Mond, durch alle Sphären ... um hierauf schlafen zu gehen. Das Spiersche Anwesen zählte zu den stattlichsten im Bering des weiten Marktplatzes. Etwas Großzügiges ging von ihm aus, etwas Außergewöhnliches, das für die kleine, verträumte, angegraute Stadt so recht nicht mehr paßte. Der breitausgelegte Klinkerbau mit seinen Beischlägen, den hohen Fenstern und den verkragten Geschossen wies in jene Tage zurück, wo die Herzöge von Jülich, Kleve und Berg noch die Gepflogenheit hatten, die vielgetreue Stadt als zweite Residenz anzusehen, um in ihrem ehrwürdigen Rathaus tanzen und pokulieren zu lassen. Ja, überhaupt dieser Giebel! und wenn man einer alten Überlieferung Glauben schenken durfte, so war er noch Zeuge der Vorgänge gewesen, die sich mit dem Einpflanzen der nunmehr hochbetagten und patriarchalischen Linde verknüpften. Kein Zweifel, er hatte noch Herzog Johann begrüßt und die schöne Mechthild, hatte auch noch gesehen, wie der vielehrsame Bräuer und Schöffenmeister Jodokus ter Linden aus Hochmut, Freude und Stolz übersinnig wurde und freventlich wähnte, die hohe Frau etliche Male guter Hoffnung gemacht zu haben ... alles dieses und mehr noch! und nun bewohnten diese gediegene Stätte die beiden Gebrüder, betrieben hierselbst ihre Geschäfte, häufelten Röllchen auf Röllchen, befolgten die Gebote des Herrn getreu nach der Satzung und hofften, ihre Junggesellentage noch ungezählte Male, sprudelfrisch und sonder Beschwerden, bis in das höchste Alter hineinzutragen. Gott möge es wollen! Über der hohen Eingangstür stand ›Salve‹ geschrieben. Als Maier über die Schwelle trat, wehte ihm jener eigenartige Odem aus dem Hausflur entgegen, der auch allen italienischen Wohnungen, Villen, Gastwirtschaften und verlotterten Palästen anhaftet, jener Odem nämlich, der an das feine Arom von gesottenem Öl, Muskatnuß, Nägelchen, Zwiebelsauce und Knoblauch erinnert. Er schien aus den Wänden zu dringen, aus den Dielenritzen, aus allen Gemächern und Kammern; es war, als käme er vom Söller herunter, über die Treppen, als zöge er mit dem Säuseln eines angenehmen Windes daher, als würde er unaufdringlich von schönen Frauenkleidern, von den leichtgepuderten Handschuhen einer graziösen Dame weitergetragen. Maier sog ihn ein, als kaute er Manna, als tränke er die spritzigen und prickelnden Perlchen eines süßen Champagners. Als er die Tür des links von der Hausflur befindlichen Speisezimmers aufklinkte, schlug ihm ein warmer Lichtschein entgegen. Eine Petroleumlampe, die von der Decke herabhing, verstreute dieses milde Glänzen durch einen rosigen Schleier, der sich in dem entstehenden Luftzug leise hin und her bewegte. Der Senior-Chef saß bereits hinter seinem Schälchen mit Tee, bei Aufschnitt, Weißbrot und safrangelber Butter, klingelte verloren mit einem Löffelchen an irgendeinen Gegenstand und blinzelte sorgend über den Tisch hin. Sein Aussehen war ernst und gemessen, fast würdig. Er hatte nicht den Cäsarenkopf seines jüngeren Bruders, nicht das Robuste und Herausfordernde. Alles war feiner, durchgeistigter, ängstlicher an ihm: das glattrasierte Gesicht, die Falten und Runzeln, das silberige Haar und die rosigen Bäckchen, die in ihrer Jugendfrische an die eines Kindes gemahnten. Nur die Äugelchen hatten es an sich. Es waren kleine, verflixte, prüfende, überlegende, heillose, etwas rotunterlaufene Rattenäugelchen, die unter den tiefhängenden Brauen heraus den Eintretenden begrüßten – Äugelchen, die gütig sein konnten, selbstlos, behutsam, fast schüchtern, um gleich darauf wie die vergifteten Spitzen von Nadeln zu stechen. Er räusperte sich. »Entschuldige, Maier, ich hab' mich schon mit dem Imbiß benommen.« »Un ich mit die Lindenblüten un die zarten Ergüsse. Es ist ambrosianisch gewesen.« »Schön, aber setz' dir. Es sind feine Sachen darunter. Laß sie dir schmecken.« Das tat denn auch Maier. Er langte zu wie ein Scheunendrescher, während er dabei von seinem in Hochend abgeschlossenen Handel erzählte, die heimgebrachte Kuh über den grünen Klee lobte, von dem zeitigen Stand der Esparsette- und Buchweizenparzellen berichtete, auf die soeben gehabte Unterredung überleitete und durchblicken ließ, im Lauf des morgigen Tages 'ne hübsche geschäftliche Sache zu drehen. »Mit dem Bocken-Dores vielleicht?« fragte Elias. Er sah mißtrauisch auf seinen jüngeren Bruder. »Hast du was gegen den Mann?« hielt ihm dieser entgegen. »Was soll ich haben gegen den Mann? Ich habe nichts gegen den Mann, un ich habe viel gegen den Mann. Er hat seine Meriten un seine Antimeriten. Er ist klug wie die Schlangen un sanft wie die Turteltäubchen. Mit der einen Hand randaliert er, mit der andern macht er ein Kreuz in der Tasche. Er kann mit dem Munde weinen, um mit dem Steißbein zu lächeln. Die Person des Goliath un die des kleinen David sind vereinigt in seinem inneren Menschen. Er ist wie aus 'nem Raritätenkasten genommen. Heute mit solchen, morgen mit anderen Kulören. Er ist ein Komödiantenspieler mit seinem prophetischen Bart un ein König in der Bockhalterei. Aber was hilft mir das alles. Der ›Goldene Anker‹ ist sein Bethaus geworden. Er schnäpselt, un wenn einer schnäpselt, bringt er sein Geld in die Destille un nicht in die richtigen Hände. Die Sache ist schofel. Da muß man Beobachtung halten, schon wegen seiner schönen Gefühle.« »Nu, werde ich Beobachtung halten un keine Rebellionierung machen in meinem Notizbuch. Nur gegen bar, werde ich sagen, un nicht mit die schönen Gefühle. Was tu' ich mit die schönen Gefühle? Ich schmeiße sie von mir.« Er machte eine verächtliche Bewegung über die Schulter. »So schmeiß' ich sie von mir. Eli, du bist wohl. Du solltest mich kennen. Ich bedenke immer das Ende von's Ganze. Entweder preußisch Courant, oder er muß sich anderweitig benehmen.« »Gut!« nickte der Senior-Chef und hub wieder an, mit dem Löffelchen gegen das porzellanene Schälchen zu klimpern. Aus irgendeiner Ecke her antwortete ein akkurates und hastiges Stimmchen. Immer dasselbe, immer dasselbe! Es ähnelte dem Geschwirr von Heupferdchen auf einer trockenen Wiese, die sich nicht genug darin tun konnten, ein klingendes Tönchen neben das andere zu setzen, und wer genauer zuhörte und die weißgekalkten Wände absuchte ... i, den Kuckuck noch mal! da war ja, da stand ja ... Unermüdlich pickerte ein Stutzührchen von einer Konsole herunter, ohne aufzuhören, fein und nadelspitzig, wie ein Hämmerchen auf einem gläsernen Amboß, um plötzlich zu klingeln und neun einzelne Schläge durch das lautlose Zimmer zu rufen. Gleichzeitig hallten die Turmuhren vom Rathaus und von Sankt Nikolai herüber. Da war es, als wenn sich in weiter Ferne ein verlorenes Trappeln von Pferdehufen erhöbe. »Nanu,« sagte Maier, erhob sich und trat an das halbgeöffnete Fenster. »Ich glaube, da ist er.« »Ahnst du was, Maier?« »Ich meine, 's Schimmelpferdchen un 's Schäschen zu hören.« »Na, denn!« sagte Elias. »Es wird aber auch Zeit, daß sie kommen. Reisen sie doch nicht direktemang aus die amerikanischen Staaten. Wo sind sie denn, Maier?« »Werden sie sein am christkatholischen Friedhof.« »Un nu?« »Ich höre nichts mehr. Aber jetzt wieder ... Am Ravelin müssen sie sein, in Höhe von Herrn Lehrer Hahn seinem obersten Gärtchen. Wahrhaftig, sie sind es!« Damit war er auch schon an der Tür und ins Freie gewuschert. Elias folgte ihm, aber nur langsam, denn er war nicht gängig zu Fuß, schleppte vielmehr mit aufgezogener Schulter, Grund genug für seine lieben Mitbürger, ihn ›Schleifboot‹ zu nennen. »Maier, wo bist du?« »Hier draußen!« Gott, welche Pracht unter dem Himmelreich! Der Ewige hatte seinen lichtbesäten Samtmantel über den Marktplatz geworfen. Der volle Mond stand zu Häupten des Rathauses. Feierlich schälte er sich aus flaumigen Wölkchen und zeichnete die Schatten der Lindenzweige wie eine Arbeit aus Filigranfäden über das Pflaster hin. Silber, überall Silber! In silbernen Tropfen rieselte es von den Giebeln herunter, träufte es von Dächern und Wänden, glimmerte es in Myriaden von Perlen zwischen Himmel und Erde. Und dann noch das silberne Schimmelpferdchen ...! Hurra! da kam es um die nächste Straßenecke gehoppelt und bog auf den Markt ein, hinter ihm das ratternde Schäschen ... Hei, dieses Schimmelpferdchen! Mit den Allüren eines Tanzmeisters leineweberte es durch die prächtige Sternennacht, schlankweg und in flottester Gangart. »Wie 'n Trakehner,« sagte Elias. »Wie 'n Orlow-Traber,« verbesserte Maier und riß sich zusammen. »Eli, mache Figur. Wir müssen nu Rosalie Perlchen empfangen.« Noch vierzig Schritte, noch dreißig ... Sigismund lenkte hoch vom Bocksitz herunter. Er ließ einen scharfen Peitschenhieb durch die Luft knattern. »Halt, Sigismund, halt!« Er karriolte vorüber. »Himmel Saperment noch einmal! wo hast du gelassen die Rosalie Perlchen?!« brüllte Maier ihm nach. »Nicht da!« gab die Piepmösch zurück. »Ich stalle erst ein, komme gleich wieder un werde Rapportierung erstatten!« und damit waren Lenker und Gefährt links eingeschwenkt und spurlos zergangen. Die beiden standen wie angedonnert, kaum fähig, sich mit ihren Namen zu rufen. Ein Gericht von Kraut und Rüben konnte nicht ärger durcheinander gerüttelt sein als die zwei Repräsentanten einer geachteten Firma. Mit Strunk und Stiel fühlten sie sich in Grund und Boden gehauen. Schließlich stemmten sie die Ellbogen in die Seiten und spreizten die Finger. »Was nu?« fragte Elias. »Wo soll ich das hintun?« forschte verblüfft sein Bruder. Keiner gab Antwort darauf, so verbaselt waren sie, so ganz verquer und wirbelsinnig im Kopfe. Verlähmt traten sie ins Speisezimmer zurück. Hier war alles beim alten geblieben. Tische und Stühle befanden sich an der nämlichen Stelle, irgendwo knabberte ein Mäuschen, die Petroleumlampe näselte durch ihren hohen Zylinder, das Stutzührchen tickerte vergnüglich von seinem Konsolchen herunter – und es schien so, als wandelte der Geist der verstorbenen Blümchen Flesch von einem Ende des Zimmers zum andern, alles musternd, alles anordnend, alles mit ihren weißen Fingern berührend. Aber was hatte ihnen Blümchen Flesch noch zu geben? Nichts mehr, nicht das Schwarze vom Nagel. Sie hatten sich nun mal auf die ›neue‹ eingestellt und wollten sie haben. »Warum hat er sie nicht gebracht?!« stöhnte der Senior-Chef. »Un is doch ausgeblieben von morgens bis abends,« setzte Maier ergänzend hinzu. Elias schüttelte bedauernd den Kopf. »Um retour zu kommen mit 's ledige Schäschen!« »Ha!« rief Maier dazwischen, »un 's Schimmelpferdchen wird empfangen Mauke und Piephacke von die gewaltige Gangart!« »Gott der Gerechte!« wehklagte Elias. »Der Mensch ist meschugge!« donnerte Maier. So lärmten die beiden, als Sigismund eintrat, in vollem Wichs, heitern Sinnes und noch ganz beseligt von der herrlichen Fahrt durch die lauliche Sommernacht. Er lächelte süßlich, zufrieden und duftete stark nach Zimtborke ... um nun so unerwartet aus allen Himmeln gerissen zu werden. Draußen der Odem Gottes, Äolsharfen und die Stimme des Ewigen! und hier: ein brodelnder Kessel, Getöse und das Fauchen von zwei gewaltigen Männern. Gewitterstimmung! Mit Hagel und Schloßen fiel es über ihn her. »Sigismund, wo bist du so lange gewesen?« »Mensch, wo hast du inzwischen gestochen?« »'raus mit die Sprache!« »Nu, bin ich gewesen in Kranenburg un dann noch in Kleve.« »So!« trumpfte der Chef auf. »Und Rosalie Perlchen? Hast du sie gebracht ins Haus der Gebrüder, oder hast du sie nicht gebracht ins Haus der Gebrüder?!« »Ins reiche!« pfefferte Maier hinzu. »Wo ist sie? Ich sehe sie nicht. Ich kucke mir blind, aber ich kann sie nicht finden.« »Bekenne, oder wir sind geschiedene Leute,« rief Elias dazwischen. »Entweder – oder!« drohte der jüngere Bruder. Dem Überfallenen schlug die Galle ins Geblüt. Er wurde krötig. »Soll ich reden im Haus der Gebrüder,« fragte er patzig, »oder soll ich nicht reden im Haus der Gebrüder?« »Natürlich,« gebot der Senior-Chef. »Warum sollst du nicht reden? Tu' nur den Mund auf. Beginne. Wir warten schon lange. Aber hast du 'ne Antwort gegeben? Nein, du hast keine gegeben. Wie soll ich das nehmen? Bist du 'n Angestellter der Firma, oder bist du kein Angestellter der Firma?« »Un hast du betrieben ihre Geschäfte,« inquirierte Maier mit dem Gesicht eines Torquemada, gesonnen, ihm den San Benito und die Koroza überzuziehen, um ihn mit Haut und Haaren zu fressen, »oder hast du nicht betrieben ihre Geschäfte?« Das war zuviel für die Piepmösch. Sigismund ahmte die Gepflogenheiten eines gepeinigten Ölkäfers nach. Er hüllte sich in eine Wolke von strengen Gerüchen. Aus dieser strengen Wolke heraus kam er endlich zu Wort und überschrie die beiden: »Ja, ich hab' sie betrieben von morgens bis abends, ich hab' sie betrieben, bis mir heraushing die Zunge zum Halse: bin ich doch gefahren über Moyland un Kleve nach Kranenburg zu, hab' ich doch gesucht die Rosalie Perlchen wie 'ne Stecknadel, die gefallen ist zwischen 'n Bündel mit Wäsche. Aber wo war nur die Perlchen? Alle wußten es nicht, bis der Herr Polizeidiener von Kranenburg meinte: Sie hat wohl nach Kleve gemacht, um sich anfertigen zu lassen 'ne neue Montierung for Sonntag. Bei wem denn? Gott! sagte der Mann, wird sie sein bei der Zepora Freundlich in der Oberen Straße, was ist 'ne kleine jüdische Modistin for's Feine. Ich also hin zu der Zepora Freundlich in Kleve. Es war schon Abend geworden, als ich das Fräulein beehrte, un richtig: da war sie. Um Vergebung, sprach ich ihr zu, wollen Sie nicht kommen ins reiche Haus der Gebrüder als Mamsell oder so was? Es ist ein großes Haus un ein nobles Haus. Sie werden haben Ihre Bekömmnis allda, denn sie machen in Vieh un Produkten un können's ebenso gut wie der Herr Baron Steengracht in Moyland.« »Un da?« fragte Elias. »Nu, sie sperrte sich anfangs, als wäre sie gewesen von Kandiszucker, wollte sie doch lieber bleiben im Land ihrer Väter, wo sie war groß geworden als Tochter des Herrn Moses Perlchen aus Kranenburg. Alles recht schön, sagte ich, aber bedenken Sie, Fräulein ... ich habe Order bekommen ... ohne Ihre dienstliche Niederkunft kann ich vor die Herren nicht treten ... sie würden mir sagen: Sigismund, würden sie sagen, du hast keine Benehme ... un ich persuadierte sie weiter, bis sie mir zuplinkte: Gut denn, Herr Mendel, so werde ich kommen ins Haus der Gebrüder.« »Nu un da?« fragte jetzt Maier. Er schob die rechte Hand in die Hosentasche und lieh die losen Taler hell gegeneinander klingen. Die linke Goldplombe begann heimlich zu leuchten. Sigismund legte den Kopf auf die Seite. »Ganz einfach. Der Aktus war fertig. Bong, sagte ich, um Verzeihung, mein Fräulein, wenn's Ihnen recht ist: wir können gleich fahren, 's Schimmelpferdchen mit 's Schäschen wartet schon draußen. Es ist ein preziöses Gefährt un kann sich bewundern lassen; hat's doch 'ne Posamentierung von oben bis unten. Also bitte, angtree. In zwei Stunden können wir da sein.« »Aber wo ist sie?« fragten die beiden Chefs wie aus der Pistole geschossen. »Noch im Land ihrer Väter, denn die Zepora Freundlich tat Einspruch un meinte: Erst die Sommermontierung, dann kann sie reisen. Schön! un zu welchem Termine? Bis Ende der Woche. Aber auch wirklich? Ganz wahrhaftig, sagte die Perlchen un übergab mir ihre speziellen Papiere. Hier sind sie. Die Sache ist richtig. Mit dieser Kommission im Sack bin ich gefahren nach Hause un habe nu meine Rapportierung erstattet.« Der Senior-Chef trat erregt auf ihn zu. »Sigismund, un du kannst dich nicht irren?« »Nein. Sie gibt sich die Ehre. Sie wird mit dem Postwagen kommen.« Da war es den beiden, als würde ihnen die Brust weit, als wandelte sich das schlichte Zimmer in einen Tempel der Freude. Wie aus einem Munde erklang es: »Die Firma bedankt sich. Sigismund, du bist ein gesinnungstüchtiger Mann un ein strebsamer Mann.« Die Piepmösch schmunzelte. »Nu bin ich wieder geworden so aus blauem Himmel herunter 'n tüchtiger Mann un 'n strebsamer Mann. Ich nehm's for genossen.« »Nimm's for genossen. Aber 's Salär wird erhöht um fünf Taler pro Monat.« »Ich danke,« und während der Abgesandte seinen Chefs gerührt die Hände schüttelte, flüsterte ihm Maier ins Ohr: »Sigismund, wie sieht sie denn aus – die Rosalie Perlchen?« »Oh!« säuselte dieser. Er machte ein verzücktes Gesicht, duftete lieblich, spitzte den Mund und trillerte dann in der Weise des Hohen Liedes: »Ich küsse sie mit dem Kuß meines Mundes, denn sie ist schön – diese Jungfrau. Ihre Augen sind wie Taubenaugen zwischen den Zöpfen. Ihr Haar wie die Ziegenherden, die beschoren sind auf dem Berge Gilead.« »Man weiter,« stammelte Maier. »Oh! wie schmuck ist ihr Gang in den Schuhen. Ihre Lenden stehen gleich aneinander wie zwo Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat. Ihre Lippen sind wie 'ne rosinfarbene Schnur, Hals un Schultern wie der Turm Davids mit Brustwehr, daran tausend Schilder hangen un allerlei Waffen der Starken.« Der Senior-Chef legte die Hand an die Muschel, um besser hören zu können. »Un denn?« fragte er gierig. »Oh!« lispelte die Piepmösch, »un siehe: ihre Brüste sind wie Rehzwillinge, die unter Rosen weiden.« »Wie – was?« fragte Elias. »Wie Rehzwillinge, die unter Rosen weiden,« rief Maier. »Oh! un erst die anderen Sachen ...« »Es soll hiermit genug sein,« unterbrach ihn der Herr des Hauses. »Hören wir auf. Sie muß gediegen sein – die Rosalie Perlchen. Warten wir ihre Niederkunft ab, freuen wir uns un gehen wir schlafen. Es ist schon spät geworden unter dem Monde. Gute Nacht denn, allerseits gute Nacht denn.« Damit gingen die Gebrüder schlafen. Langsam verrieselten ihre Schritte auf den lautlosen Gängen. Sigismund blieb noch. Er konnte den Schlaf noch nicht finden. Er begab sich hinaus und setzte sich auf die Bank neben der Haustür. Immer freier und herzberückender entfalteten sich die Wunder in der verschwiegenen Juninacht. Alles lag wie am Tage: der Markt, die Häuserzeilen, die blühende Linde. Kein Leben mehr. Nur etliche Fledermäuse gaukelten noch um die silberigen Giebel, hoben und senkten sich, um immer wieder ihre alte Runde zu machen. Der Mond schwamm hoch im Blauen. Von den nahe gelegenen Wiesen, die sich bis an den Stadtwall heranschoben, kam es auf Nebelschuhen gegangen. Irgendwo wurde eine liebe, hergebrachte Weise gesungen. Sigismund griff sie auf, summelte mit, dann stimmte er wehmütig ein, ohne dabei den Frieden und den Zauber der geweihten Stunde irrezuführen. Er sang und dämmerte vor sich hin wie ein Rotkehlchen im Fliederstrauch: »Guter Mond, durch alle Sphären Wandelst du in bleicher Ruh', Schließest hier im Tal der Zähren All die müden Äuglein zu. Fern von Leiden und Kabalen, Träumen sie auf sanftem Pfühl. Gute Nacht! die Sterne strahlen. Und die Linde duftet schwül. Guter Mond, es schläft Katrinchen. Linchen, Stinchen, Minchen ruh'n. Sonder Strumpf und Krinolinchen, Wie's die lieben Mädchen tun. Schlürfen wie aus Silberschalen Deinen Odem, lind und kühl. Gute Nacht! die Sterne strahlen, Und die Linde duftet schwül. Guter Mond, mit deinem Hündchen Pilgerst du daher, dahin; Gönn' dir endlich auch ein Stündchen Bei der schönen Schäferin. Horch! in den verschwieg'nen Talen Singt die Nachtigall am Bühl. Gute Nacht! die Sterne strahlen, Und die Linde duftet schwül. Guter Mond, und muß ich scheiden Ach! von diesem trauten Haus, Gieße meinen Tränenweiden Deinen süßen Balsam aus. Wolle sänftiglich bemalen Meinen Grabstein, marmorkühl ... Gute Nacht! die Sterne strahlen, Und die Linde duftet schwül.« Sigismund Mendel fuhr sich schwer über die Augen. Dann ließ er die Lider herunter. Er dachte an Rosalie Perlchen. Sechstes Kapitel Von der ehrreichen Stadt und dem alten Holunder, der auf dem Wallgraben an der zerbröckelten Mauer sein beschauliches Dasein fristete. Der projektierte Handel zwischen Maier und dem Bocken-Dores geht jämmerlich in die Brüche, worüber letzterer und seine Tochter, die bei den Gebrüdern Spier bedienstete Schabbesgoi, sich weidlich entsetzen. Abends bläst der Postillion Stäwe Feldhüsen eine seiner prächtigen Fanfaren. Wie Rosalie Perlchen unter diesen Posthornklängen eintriumphiert und der gute Mond der Ansicht ist: »Es ist schön gefaßt – dieses Perlchen«. Vom Kesseltor bis zum Tore, das nach Kleve und Goch führte, erstreckte sich die alte Wallmauer, ein Überbleibsel aus längst dahingegangenen Tagen, während welcher die damals ehrenreiche Stadt ihre eigene Selbstregierung und Selbstverwaltung, ihre eigene Gerichtsbarkeit und Kunstpflege hatte und auf einem Balken des Rathaussaales die denkwürdigen Worte in goldenen Buchstaben geschrieben waren: »Concordi sapiens qua regnat in urbe Senatus Nullius haec verae laudis egere potest,« oder auf deutsch gesetzt: »Welches Lob gebührt der Stadt, wo Eintracht herrschet und Wohltun Und ein hoher Senat weise das Zepter regiert.« Jetzt alles dahin! Die goldenen Lettern verblaßten, die eigene Selbstverwaltung schrumpfelte ein, die hohen Zinnen der Basteien und Warten lagen gebrochen, und nur noch ein kümmerliches Ziegelwerk erinnerte an die Zeiten des Glanzes, wo ein Johann der Friedfertige regierte und die wehrhaften Knechte ihr Fähnlein fliegen ließen zu Ehren der seßhaften Bürger und zum Wohlergehen des Reiches. Aber die Natur war gütig gewesen. Über die zerbröckelte Umwallung spreitete sie einen Teppich von zierlichen Lebewesen, von Gräsern und Halmen, von Männertreu und Mauerpfeffer, von Hahnenfuß und dottergelben Kuhblumen, die jetzt ihre schleierfeinen Lichtchen aufgesteckt hatten und eifrig dabei waren, die niedlichen Flugsamen durch Gottes linde Sommerweite zu blasen ... und was das Versöhnlichste war: unmittelbar neben einem windschiefen Stallgebäude drängte sich ein hochbetagter Holunder aus Mörtel und Ziegel, um einen verfallenen Wehrturm mit seinem Laubgewinde über und über zu bedecken. Welch ein prächtiger Bursche, dieser alte Holunder! Schon zu Großvaterzeiten hatte er geblüht und seine grüne Seide gesponnen. Schon in Olimstagen waren die Kinder zu ihm gekommen, hatten aus seinem markigen Holz ihre Fliederbüchsen geschnipselt, hatten seine duftigen Dolden und aromatischen Beeren gesammelt und dabei fröhlich gesungen: »Flierentee, trinkt Flierentee, Dann tut euch der Bauch nicht weh ...« waren die liebenden Pärchen seine heimlichen Genossen gewesen, während ein stiller Mond heraufzog und alles umschleierte: Stadt und Land, Felder und Wiesen und verträumte selige Angelegenheiten. Ach, was hatte der ehrwürdige Herr nicht alles gehört, belauscht und gesehen! Er konnte bei Jahresschluß getrost registrieren: hundertundfünfzig sich schnäbelnde Menschenkinder, unzählige Küsse, ebensoviele Beteuerungen und Seufzer, lachende, spielende, fröhliche Knaben und Mädchen – tausend und zwanzig ... und der Segen des Himmels hatte ihn beträuft ... Gottes liebe Sonne ihn beschienen ... und er hatte gegrünt und gesummelt und köstliche Dolden getragen ... ein Tüll- und Spitzenwerk seltenster Art ... und jetzt blühte er wieder ... und vor ihm stand eine hohe Gestalt im langen Patriarchenbart, etwas schäbig gekleidet, aber zuversichtlich, und die Schirmmütze tief über Hinterkopf und Nacken gezogen: der Bocken-Dores. Was wollte der Mann in diesem entlegenen Viertel, wo nichts zu sehen war als bresthafte Scheunen und Ställe, etliche Düngerhaufen, zitternde Sonnenreflexe, herumvagabundierende Sperlinge und der gute, treuherzige, liebe Holunder? Konnten ihn die Düngerhaufen interessieren? Nein. Die zitternden Sonnenreflexe? Auch die nicht. Die schilpenden Wegelagerer und der gute, treuherzige, liebe Holunder, der so anheimelnd plauderte und seine besten Düfte verschwendete? Offen gestanden, die ebensowenig. Dann die Ställe vielleicht, die Remisen und Scheunen? Schon eher, denn sein Blick drängelte sich haarscharf an dem grünen Wächter vorbei und blieb an einer niedrigen Pforte haften, über der zu lesen war: »Elias und Maier Spier, Viehhandel und Produktengeschäft.« Also – die Stalltür, die war es, die ihn energisch anzog und sein ganzes Sinnen und Trachten beherrschte? Schon richtig. Weder die Düngerhaufen, noch die Sonnenreflexe, weder der Sambucus nigra , noch die übermütige Spatzengesellschaft hatten ihm etwas zu sagen. Die Tür allein nagelte ihn fest, ließ ihn harren und hoffen und das ›Sesam, öffne dich!‹ aus ›Aly Baba und die vierzig Räuber‹ sehnsüchtig erwarten. Lange vor der verabredeten Zeit war Dores erschienen. Wenigstens zwanzig Minuten stand er jetzt schon auf Posten, steif wie ein Pfahl, elf blanke Taler im Sack, die er hell gegeneinander klimpern ließ, um die Aufregung seines inneren Menschen niederzuzwingen. Wie eine liebliche Fata Morgana gaukelte ihm der Angora-Bock an der geschäftigen Seele vorüber. Da endlich! Zukunftsfreudig kam es von Sankt Nikolai herunter. Er atmete auf. »Elf Uhr,« sagte er glücklich. Mit dem letzten Glockenschlage tat sich das Tor auf, und drei Köpfe erschienen: der von Elias, der von Maier und der von Sigismund Mendel. »Bitte, angtree!« riefen alle wie aus einem einzigen Munde. Dores trat ein. Das Weitere wurde hinter verschlossenen Planken verhandelt. Fünf Minuten vergingen. Nichts ließ sich hören. Zehn Minuten: es blieb alles beim alten. Nur dann und wann ein Lamentieren und Feilschen. Fünfzehn Minuten: die Aktion wurde lebhafter. Plänkeleien und Vorpostengefechte. Zwanzig Minuten: Wehrufe und heiße Beteuerungen. Allmähliges Vorgehen auf der ganzen Linie. Schwadronen rasselten ab und zu. Die Schlacht war im Gange, ebbte zurück, um wieder mit heller Furie von neuem aufzulodern. Signale und ›Das Ganze halt‹. Die Katastrophe war fertig, denn genau zwei Minuten vor halb ... »Verfluchte Mischpoke!« Die Stalltür flog auf. Dores erschien, die zerknüllte Schirmmütze zwischen den Fingern der Linken, die Rechte drohend erhoben: »Ihr seid wohl des leibhaften Satans, ihr dreie! Dreißig Taler für 'nen niederträchtigen Stänker ...! Balbiert andere über Nase und Löffel, aber laßt 'nen christkatholischen Geschäftsmann zufrieden!« »Gott der Gerechte!« Wiederum erschienen die drei Köpfe von eben: der von Elias, der von Maier und der von Sigismund Mendel. »Bedenken Sie die Bonität von dem Bock!« zeterte Maier. »Er ist ein Emir, ein Pascha! Er nimmt es auf mit dreizehn Kollegen. Herr Prußt, geben Sie achtunzwanzig preußische Taler, un die Sache ist fertig.« »Ich denke nicht dran.« »Dann fünfunzwanzig un zwei!« lärmte Elias. »Er ist for geschunken.« »Drückt mir den Rachen! Ihr könnt mich von hinten ...« »Apopo, geben Sie zwanzig un fünfe!« rief Sigismund Mendel, »un Sie haben gemacht Ihre Fortüne.« Maier streckte die Hand aus. »Herr Prußt, schlagen Sie ein. Auf Edelmannsparole: for fünfunzwanzig – Sie sollen ihn haben.« »Für vierzehn!« schrie Dores, »und kein Dobbeltje mehr nicht.« »Herr Prußt, wir haben die Ehre!« Fort waren die drei. Hart schlug die Tür zu. Fast hätte Dores Schaden genommen, so nadelscharf waren ihm die Planken an der Nase vorbeigerumpelt. »Ihr Rackerzeug, ihr verflüchtigen Juden ...!« Er hob nochmals die Faust und hatte einen noch derberen Fluch zwischen den Lippen. Allein Dores war ein Mann von Qualitäten. Er ließ den Arm wieder sinken und schluckte den Fluch hinter die Binde. Er dachte daran, seiner Tochter das Amt als Schabbesgoi zu nehmen, sie in seine eigene Behausung überzuführen. Allein auch hier überwog eine kühle Erwägung. Nur ja keine Übereilungen, keine semitische Hast, keine Gewalttätigkeiten. Vielleicht konnte ihre jetzige Stellung ihm dienlich sein, seinen sehnlichsten Wunsch, trotz aller Fährnisse und Widerwärtigkeiten, dennoch in die Tat umzusetzen – und dieses Kalkül als richtig hinnehmend, zog er seine zerknüllte Mütze über den Kopf und stakelte verärgert und schwer gekränkt, wenn auch nicht ganz ohne Hoffnung, nach Hause. Alsbald lagen die wohligen Düngerhaufen hinter ihm, die heißen Sonnenreflexe, die alten Scheunen und Ställe und die herumlungernden Spatzen. Ach, und der gute, treuherzige, liebe Holunder, wie zutraulich gab er sich jetzt! Schöner denn vorher, als das Gelärm der vier handelnden Männer seine stillen und beschaulichen Zweige beunruhigte. Jedes Blättchen wandte sich den warmen, belebenden Strahlen entgegen. Die flachen Büschel drängten sich enger zusammen, küßten sich, umarmten sich und erschauerten wechselseitig unter einer verschwiegenen Aussaat von Blütenpuder, Sporen und Staubbeutelchen – in Liebe sich findend, nimmer müde und das heilige Wunder der Befruchtung begehend, während die Mehlschwalben auf und nieder revierten und diesen verlorenen Erdenwinkel mit ihrem monotonen Sirren und Schwirren erfüllten. Im Spierschen Bering herrschte eine zwiespältige Stimmung. Stina ging maulend umher, rappelte herausfordernd mit Kasserollen und Blechgeschirren, gesonnen, eine kleine Palastrevolution in Szene zu setzen. Allein die Piepmösch legte sich rechtzeitig ins Mittel, fuhr ihr sanft über die Kruppe und vertröstete sie auf bessere Zeiten. Auch der Senior-Chef war in übelster Laune. Das entgleiste Geschäft machte ihn unwirsch, nachdenklich, ungerecht gegen alle, die ihm unverwandt und zugetan waren, wenigstens auf Stunden hinaus, bis Maier ihm kurzerhand erklärte: »Was stehst du? Was kuckst du? Was machst du for miese Geschichten? Haben wir getrunken Schmollis mit dem krummbeinigen Pharisäer Schikmi, der mit gekrümmtem Rücken einhergeht, als trüge er 'ne schwere Last von Hypotheken un unbezahlten Rechnungen von Hause zu Hause? Ich werfe den krummbeinigen Pharisäer Schikmi über die Schulter. Ich werde ihn auf dem Blutacker Hakeldama begraben. Un du ...? Was hast du zu sorgen? Du hast gar nichts zu sorgen. Wir befinden uns in bester Verfassung. Daran ändert der Bock nichts, un ich sage dir, Eli, das Geschäft wird gemacht, so wahr ich hier stehe. Der Mann wird zur Einsicht gelangen. Er wird nicht schreien, noch rufen. Man wird seine Stimme nicht auf der Straße vernehmen. Sondern kommen wird er un die fünfunzwanzig Speziestaler erlegen. Also was stehst du? Was kuckst du? Lege die Hand an den Pflug, aber schaue nicht rückwärts. Es wird alles schon werden ... un denke daran: Ende der Woche wird die neue erscheinen.« Da lächelte Elias und sagte: »Rosalie Perlchen! O, wie schmuck ist ihr Gang in den Schuhen. Ihre Lenden stehen gleich aneinander wie zwo Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat. Ihre Lippen sind wie 'ne rosinfarbige Schnur, Hals un Schultern wie der Turm Davids mit Brustwehr, daran tausend Schilde hangen un allerlei Waffen der Starken.« »Na also!« bestätigte Maier und lispelte weiter: »Un ihre Brüste sind wie Rehzwillinge, die unter Rosen weiden.« »Wie – was?« fragte Elias. »Wie Rehzwillinge, die unter Rosen weiden.« »Schön!« nickte Elias und ließ die Augendeckel herunter. Diese Unterredung träufelte lindes Öl auf die erregten Gemüter. Alle Bedenken wanderten ab. Rosalie Perlchen beherrschte die Stunde, gab sonstigen Gedanken und Erwägungen keinen Raum, und obgleich alle wußten, daß sie erst Ende der Woche eintreffen würde – kaum, daß die zweimal am Tage fällige Klever Post in die kleine Stadt hereinrappelte und das Posthorn ertönte: »Ach, du mein lieber Schatz, Gib mir 'nen festen Schmatz; Komme just stante pe Von der Chaussee ...! Von ... der ... Chaussee ...!« kaum also, daß das Posthorn revierte, sofort waren alle Beteiligten am Fenster, um der sehnlichst Erwarteten einen liebevollen Empfang zu bereiten, ihre Tage zu schmücken, zu verhätscheln und zu auserwählten zu machen: ja, Maier sprach sogar des öfteren beim Postmeister vor: ob vielleicht das Fräulein unterwegs ausgestiegen wäre, ob es möglicherweise am Reisegeld gefehlt hatte, ob vielleicht sonstige Umstände eingetreten wären, die das Projekt der richtigen Abfahrt hinfällig machten – alles Fragen, die der biedere Herr mit der Gänsefeder hinterm Ohr nicht beantworten konnte ... bis eines Abends ... So wonnig hatte das Junilüftchen noch niemals gewispert, so zärtlich die alte Linde noch niemals geduftet, so allverheißend der Liebesstern noch niemals über dem ehrwürdigen Rathaus gestanden wie heute, als sich jenseits des mit Schilf bewachsenen Ravelins ein Klingen erhob, das in silbernen Bändern über die weite Niederung flatterte. Immer näher und näher! Jetzt schaukelte es über den Paternosterdeich hin, jetzt über den Leedeich. Das Echo kam von der Sankt Nikolaikirche zurück. Die Leute traten ins Freie heraus, um besser hören zu können. Selbst die Kegelgesellschaft ›Gut Holz‹ machte eine angemessene Pause. Die alten Pappeln, die die Landwehr umstanden, summelten mit. Immer lauter und freier! Immer packender und einladender! Hei, wie das tönte! Als hätte der Stabstrompeter von August Kopisch geblasen, so klang es: »Er trompetete klar, er trompetete rein, Als ging's mit Vater Blücher nach Paris hinein!« Die Natur hielt den Atem an. Menschen und Tiere lauschten beseligt. Auch die im Hause Spier fuhren erregt in die Höhe. Just hatte Stina die Lampe ins Zimmer getragen, als die Scheiben klirrten. »Das ist sie,« rief Sigismund Mendel, »sonst könnte der alte Stäwe Feldhüsen so grausig nobel nicht blasen!« und fort war er, als wäre er durch die Wände getreten. Maier wollte ihm nach. »Du bleibst,« gebot ihm sein Bruder, »denn wir müssen bewahren die Dekoration. Es muß alles von ungefähr kommen, so wie 'n natürlicher Wasserfall im zolonischen Garten, sonst kann sie keine Estimierung un keinen Respekt nicht besitzen zu die Herren des Hauses.« Das sah Maier auch ein. Er blieb, ging aber wie ein eingekäfigtes Tier über die Dielen, das Cäsarenhaupt schüttelnd und die Goldplomben weisend, die Brust voller Pläne und Neuerungen, während Sigismund mit der Eile eines Wettläufers auf den olympischen Spielen durch den wohligen Sommerabend flitzte, um noch vor Eintreffen des kanariengelben Rumpelkastens sein Ziel zu erreichen. Als er dort ankam, stand bereits der Herr Postmeister Naatje Hangkamer in voller Montur auf der obersten Treppenstufe, die Kulpsaugen so blank, als wären sie auf einer Knopfgabel geputzt worden, streng dienstlich, aber doch mit einer gewissen Jovialität getempert, denn er trat offensichtlich aus seiner amtlichen Reserve heraus, als er dem atemlosen Sigismund zuwinkte und ihm zu verstehen gab, er möge sich Zeit lassen, zwei Minuten könnten immerhin noch vergehen, bevor der Wagen eintreffen würde. Auch setzte er freundlich hinzu: »Gratulor, Piepmösch! Nun wird sie wohl kommen, denn wenn Stäwe so bläst ...« »Herr Postmeister, hab' ich auch schon gesagt. Ist es doch was Erhabenes um so ein Trompeten.« Er kam nicht weiter. Immer voller, immer glänzender riefen die Klänge herüber, wandelten sich allgemach in ein sanftes Adagio, um schließlich in das wehmütige ›Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten‹ überzuleiten, bis die Gäule anhielten, Stäwe vom Bock kletterte, mit einer gewissen Grandezza den Schlag aufriß und meinte: »Endstation! Alles aussteigen!« Sigismund Mendel sprang zu. »Sie haben majestätisch geblasen mit die schönen Gefühle. Herr Feldhüsen,« sagte er glücklich. »Gott, wer das könnte!« »Tu' ich immer,« versetzte der Alte, »wenn so was Nettes und Molliges hinter meinen Pferdeschwänzen herjockelt.« Mit seinem breiten Daumen zeigte er über die Schulter: »Achtung, die Herren!« Erst kam ein sauber zusammengenesteltes Bündelchen zum Vorschein. Das war ihr Bündelchen. Ihm folgte ein Sonnenschirmchen. Das ihre. Dann ein niedliches Lastingschühchen. Das war ihr Lastingschühchen. Hierauf zeigte sich ein weißbestrumpftes, rundliches Beinchen: ihr Beinchen ... und schließlich ... Mit einer leichten Bewegung, flinkfüßig, unter heiterem Kichern, ein muntres Strohhütchen auf den gescheitelten Haaren, das dünne Kattunkleidchen voller Schnee – also sprang ein dralles, üppiges, angenehmes Menschenkind aus der Postkutsche auf das Straßenpflaster. feindrahtig, gleich der Königin Teje, der Lieblingsfrau Amenophis' des Dritten: Rosalie Perlchen. Der Piepmösch kribbelte es ausnehmend gut über den Rücken. »Willkommen im neuen Heim! Die Herren warten schon lange. Wir haben nicht weit. Hundertunfünfzig Schritte vielleicht. Es ist bloß ein kleiner Spaziergang, 'ne angenehme Aufmunterung. Ach! werden die Chefs sich erfreuen. Es sind Edelmänners vom obersten Ende. Kommen Sie mit mir. Herr Postmeister, ich habe die Ehre: ich habe die Ehre, Herr Feldhüsen!« und damit zog er mit Rosalie ab, während Stäwe noch einmal sein Horn unter den Schnurrbart setzte und ihnen nachtrompetete: »Rattatatittata, Rattatatittata, Rattatata ...! Ratta ... ta... taaa ...!« Hierauf war es friedlich und still auf dem weiten Marktplatz geworden. Naatje Hangkamer suchte sein Allerheiligstes auf. Für heute machte er Schluß. Keine zehn Pferde hätten ihn mehr aus seinem Schlafrock gezogen. Die Kramläden standen verwaist, die Arbeit ruhte, nichts regte sich mehr in Straßen und Gassen, eine trauliche Welle des Genießens schaukelte um die Häuser und sagte: »Ruhet euch aus! Ihr habt euer Werk getan. Herr, bleibe bei mir, denn der Tag hat sich geneiget und es will Abend werden.« Noch immer schritt der Zweitgeborene wie ein eingekäfigtes Tier über die Dielen, das Cäsarenhaupt schüttelnd und die Goldplomben weisend, die linke Hand auf der Herzgrube und die Brust voller Pläne und Neuerungen. Obgleich er erregt war und sein Geist vor Neugierde zitterte, verstand er es doch, sein Gesicht in jene undurchdringliche Selbstbeherrschung zu hüllen, über die alle verfügen, die sich mit dem verschmitzten Vieh- und Produktenhandel zu beschäftigen haben. Er wollte gefaßt sein, kühl, abwägend, sich selbst gegenüber und aller Welt gegenüber – und so schritt er denn hin und her, auf und nieder, blieb ab und zu stehen und horchte hinaus, dann durchmaß er wieder das geräumige Zimmer der Länge und Breite nach, bis der Senior-Chef unruhig wurde und sagte: »Maier, nu laß doch das infame Gelaufe! Sie kommt drum nicht früher.« Aber sie kam schon. Von Sigismund Mendel geleitet, trat sie bescheiden und mit niedergeschlagenen Augen in den sanften Schein der Hängelampe. Sie war rosig umleuchtet. »Der Gott unserer Väter segne uns alle,« sagte Elias, »auch dich, meine Tochter. Die Blümchen ist tot, un wir suchen Ersatz for die Blümchen.« »Ich weiß es, hab' ich's doch gehört vom Herrn Kommis, der so gütig war, mich über diese Schwelle zu führen. Drum lasset mich Gnade finden vor euern Augen; ich möchte gern dienen.« »Das ist lieblich gesprochen,« meinte Elias, »aber können Sie auch machen Rosinensauce un Hühnersüppchen mit schwimmende Klößchen? Blümchen Flesch konnte sie machen.« »Ich kann alles,« sagte sie ruhig, »mosaische Küche un christkatholische Küche un solche, die sich zwischen die beiden befindet. Mein Wahlspruch ist: Koche mit Liebe!« »Gar nicht so übel. Sie sind uns willkommen.« »Aber ist das Ihr ganzes Gepäck?« fragte Maier, den Zeigefinger auf das armselige Bündel gerichtet. »Mein ganzes. Wer sollte auch mir gegenüber den Wohltäter spielen? Ich habe nur mich« – dabei sah sie mit ihren mandelförmigen Samtaugen über die opulente Bluse, die reichlich bestellt war – »nur das Nötigste, außer meiner Sommermontierung von der Zepora Freundlich in Kleve. Sie ist nur zur Hälfte bezahlt, aber ich denke ...« Ihre Maronenaugen begannen sich mit Wasser zu füllen. »Mehr habe ich nicht.« Maier schüttelte den Kopf. »Es ist nicht viel,« sagte er traurig. »Ich weiß es. Vater un Mutter hab' ich früh in die Bewährung gegeben. So bin ich immer ein armes Mädchen geblieben. Die Sperlinge in den Erbsenrabatten hatten es besser. Aber ich diene mit Freuden, wenn es auch schwer fällt, die Füße unter den Tisch von fremden Leuten zu stellen.« »Gott, was for 'n Elend!« seufzte Elias. »Ja,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ich bin wie Ruth, die Moabiterin, die vorsprach, um für ihres Leibes Notdurft die spärlichen Halme von den abgeernteten Feldern zu sammeln: Gerstenhalme un solche von dem köstlichen Weizen. So bin ich erschienen, wenn auch ohne Naëmi, so un nicht anders.« »Lieblich gesprochen,« versetzte Elias. »Aber wohlgemerkt, meine Tochter: sie kam ins Haus des Boas, der da sagte: Lange her deinen Mantel, den du an hast, un halte ihn zu. Un sie hielt ihn zu, während er sechs Maß Gerste hineintat un mehr noch ... un Sie, Sie sind in das Haus der Gebrüder gekommen.« »Ins reiche!« fiel Maier dazwischen und schlug einen Knoten in seine schwergoldene Kette, die dazu geschaffen schien, einen angemästeten niederrheinischen Ochsen an die Raufe zu legen. »Schon richtig,« pflichtete der Bruder ihm bei, »wir haben's. Mit Gottes Hilfe un Fleiß sind wir geworden die reichen. Aber wir können auch geben. Da ist der jüdische Tempel. Er kann vieles verwenden. Nu, wir opfern mit Freuden. Da sind die kleinen unbewußten Kinder in die Bewahranstalt der Elisabeth Mömmes, christliche un mosaische Kinder. Nu, un sie gebrauchen Jacken, wenn's friert, un sie gebrauchen Juppen, wenn's warm ist, un sie gebrauchen 'ne Bedeckung am Sünntag un 'ne solche for die anderen Tage – un wir haben sie ausstaffiert bis zum äußersten Preise.« »Wie Edelmannskinder,« bestätigte Maier, »denn wir können's aufnehmen mit's vornehme Haus Benno Löwenthaler in Kleve, Joël un Söhne.« »Stimmt,« sagte Elias, »un weil wir's können wie's vornehme Haus Benno Löwenthaler in Kleve, Joël un Söhne, wollen wir abgeben den Boas un sagen: Rosalie, wollen wir sagen, sammele Ähren, soviel da herumliegen, Roggenähren un Weizenähren, un nimm dir an Gerste, soviel dir gelüstet. Nichts wird dir mangeln. Du sollst es gut haben im Haus der Gebrüder. Bist du hiermit zufrieden?« Dabei fuhr er ihr sacht über die Wangen, gütig und spielerisch. »Ich bin es,« entgegnete sie mit weitgeöffneten Augen, die voller Tränen standen. Auch der Zweitgeborene trat näher, machte eine schöne Figur, streichelte ihr gleichfalls die Wange und meinte: »Un sein sollst du wie 'n weiblicher Samuel, denn wenn ich dich rufe, wirst du mir antworten: Du hast mich gerufen: Maier, hier bin ich.« Da nickte Rosalie Perlchen ihr freundlichstes Nicken und sagte: »Es soll geschehen, auf daß ich werde 'ne Dienerin nach dem Wunsche der Herren.« Darüber freuten sich Elias und Maier; auch die Piepmösch wollte näher treten und ihr etwas Gütiges sagen, aber der Senior-Chef verstellte ihm den Weg und bedeutete ihm: »Es soll hiermit genug sein. Rosalie wird sich nu auf ihr Zimmer begeben ... auf die erste Etage ... in die noble Stube vom seligen Blümchen ... un dann wollen wir essen un den Abend genießen ...« und da begleiteten alle sie hinauf, zündeten eine Kerze an und zeigten ihr den Raum, woselbst die Vorgängerin ihre jungfräulichen Tage verbracht hatte: die gestreiften Tapeten, die Stühle in Lyraform, das hübsche Bett mit dem Umhang aus gemusterter Leinwand, die Schildereien umher und die Aussicht, die einzigartig war, wie Elias erklärte, und ihresgleichen suchte zwischen Kleve und Xanten. »Hier hat sie gelebt,« sagte er weiter, »hier hat sie nachsimuliert un ihre Klößchen gedichtet, von hier aus hat sie ihre Bewährung gefunden, um eingebunden zu werden ins Büchlein der Lebendigen un zu kommen in den Schoß der Propheten. Amen. Sela.« Er wischte sich eine Träne herunter. »Werden Sie wie Blümchen, so dahinschmolz gleich 'ner Sahnentorte von 'nem Zuckerkanditer. Dann können wir lobsingen dem Herrn bis in allewige Zeiten. So, un nu wollen wir Sie lassen allein mit Ihrer Betrachtung, auf daß Sie sich zurechtfinden können ins neue Ameublement mit dem gegenwärtigen Zustand.« Damit gingen die Herren. Sigismund schaute noch einmal zurück, lange und seltsam. Da stand sie nun im matten Glanz der traulichen Kerze, neben dem Umhang aus geblümter Leinwand, hinter dem das hübsche Bettchen sich austat, und machte Äugelchen wie eine Gazelle, die an den Bächen Babylons weidete. Ihre Lippen bewegten sich leise, obgleich man ihre Stimme nicht hörte. Sie sprach mit dem Herzen, mit der stummen Zunge einer zufriedenen Einfalt: aber Sigismund Mendel verstand sie. Zwei Stunden später tutete Henne Hübbers, der Nachtwächter, alle Lebewesen der kleinen Stadt in ein seliges Träumen hinein. Auch Rosalie machte sich fertig, dieser Träumereien teilhaftig zu werden. Sie zierte sich vor dem Mahagonispiegel, in dem Blümchen Flesch sich einst bewundert hatte, und knüpfte sich Papilotten ins Haar. Ihr Busen straffte sich. Niemand war Zeuge. Nur der Mond sah ins Zimmer und dachte: »Es ist doch hübsch gefaßt – dieses Perlchen.« Siebentes Kapitel Das Anwesen der Gebrüder tut einen wohligen Atemzug. Auf Samtpfötchen gleitet Rosalie durch alle Kammern und Flure. Ihre linde Hand schmälert die Erinnerung an Blümchen Flesch in sichtlicher Weise. Sie schwindet dahin wie ein Schwälbchen in der Goldfolie eines laulichen Sommerabends. Sigismund hat seine eigenen Gedanken. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Rosalie Perlchen gefällt sich darin, offenkundig zu frösteln. Elias und Maier suchen ihr dieses Frösteln zu nehmen. »Da geht sie hin wie 'ne Förschtin« Nun kamen Tage der Wonne, der Freude, des stillen Genießens. Über den ehrwürdigen Giebel am Markt ergoß sich eine reiche Fülle des Lichtes. Niemals zuvor glänzten die lieben Sonnenstrahlen so freundlich durch die weißen Gardinen, niemals zuvor geigten die Heimchen so anmutig hinter dem Küchenherd, knusperten die Mäuse so heimelig in der Vorratskammer, blühten die Geranien so strotzend auf den Fenstersimsen, als in den Tagen und Wochen, die sich jetzt bei den Händen nahmen und den feinsten Ringel-Reihen-Rosenkranz durch die heitere Sinecure tanzten, durch die Flure und Kammern, über Treppen und Treppchen, bis in das niedliche Gärtchen hinein, wo jetzt die Zentifolien blühten und die weißen Lilien so verschwiegen ihre Pracht entfalteten, als wären sie gepflanzt von den reinen Händen der goldenen Cherubim, die da fußten auf der Lade Gottes im Tempel von Silon. Ach, diese Aufmachung! Dazu sang ein munterer Buchfink in der Kugelakazie, die auf dem hintern Hof stand, schmetternd, mit weinrotem Brüstchen, immer fort und fort, und war des Jubilierens kein Ende. Blümchen Flesch, ihr Schaffen und Walten verdämmerte, und wenn die Brüder auch von Zeit zu Zeit ihre Bewährung aufsuchten, dort ihre Gebetriemen um Stirn und Arm wanden, der Satzung getreu, die da lautet: »Es sei dir ein Zeichen auf deiner Hand und eine Erinnerung zwischen deinen Augen, damit das Gesetz Gottes in deinem Munde sei,« so rückte Blümchen doch immer mehr ab, unauffällig, aber stetig und sicher, wie ein Schwälbchen, das auf und davon eilte, immer kleiner und unsichtiger wurde, um schließlich in der Goldfolie eines laulichen Sommerabends zu verschwinden. Nichts mehr von ihr, nichts mehr von ihrem Schalten und Walten, ihrem Sauerbraten und den Markklößchen, die ihresgleichen nicht hatten. Ein andres Wesen war erschienen, ein junges, anmutiges, mit weichen Hüften und mit Lippen gleich einer rosinfarbigen Schnur ... und seine Rede war lieblich. Vor diesem Wesen mußte natürlich die Erinnerung an Blümchen Flesch langsam verkrümeln und schließlich sanft verlöschen, denn Rosalie Perlchen hatte viel zu vergeben, viel des Lieben und Guten, viel, was die Tage heiter und die Nächte köstlich machte. Unter ihren nimmermüden Händen tat das Anwesen der Gebrüder einen erlösenden Atemzug, wurden die Kasserollen zu Spiegeln, die Tafeltücher zu kostbaren Gespinsten, die mit der Weiße des Schnees wetteiferten, wurden die Werkeltage zu Festen, die gleich den Leviten des Tempels einhergingen, in grünen Kleidern und mit klingenden Glöckchen. Was sie mit ihren Augen ansah, blühte und begann Früchte zu treiben, was sie mit ihren Fingern berührte, duftete stärker, worauf sie ihre Lippen schmiegte, das erschauerte unter dem Kuß ihres Mundes und war unwiderstehlich gezwungen, immer an das hübsche Mädchen zu denken. Blümchen war eine Perle gewesen, Rosalie hingegen war eine größere Perle. Ja, Sigismund Mendel hatte schon recht, wenn er mit dem weisen Könige sagte: »Ihre Augen sind wie Taubenaugen zwischen den Zöpfen. Ihre Backen stehen lieblich in den Spangen un ihr Hals in den Ketten. Sie ist eine Rose im Tal un eine Blume zu Saron,« und diese Blume zu Saron erwarb sich im Laufe der Tage nicht nur Anerkennung und Wertschätzung im Kreise ihrer Glaubensgenossen, sondern auch bei denen, die nicht gezwungen waren, das Tier mit dem fidelen Schwänzchen und den kregelen Äugelchen als ein unreines Geschöpf zu taxieren. Die Marktweiber, die unter der großen Linde ihren Kram feilhielten, schoben ihr für das Haus der Junggesellen die saftigsten Rüben hin, die aromatischsten Zwiebeln, die feinsten Salate und die delikateste Butter. Sie brauchte nicht lange zu handeln. Alles wurde ihr gern und willig gegeben. Keine kargte gegen sie, keine überforderte sie. Rosalie war der Liebling aller geworden. Ein Kanarienvögelchen im Bauer konnte es nicht besser haben als sie. Sie empfing Rübsen, Hanf und Äpfelschnitzen in Hülle und Fülle. Selbst der Bocken-Dores begegnete ihr mit dem freundlichsten Wesen. Desgleichen Meister Kogeleboom. Um ihretwillen begrub Frau Herz Cohn ihren verhaltenen Groll gegen Sigismund Mendel, denn war er es nicht, der diese Perle entdeckt und gefaßt hatte? Nur ihretwegen beglückte der Herr Ladendiener Nöllecke Baumann seine Haartolle mit einer doppelten Portion Rindsfett, um ihr allsonntags vornehm und gediegen entgegentreten zu können. Auch Mamsell van der Grinten hatte nur Worte der Anerkennung und bat sie des öfteren, ungeniert ihr Geschäft zu besuchen. Sie habe die Auswahl, sie brauche nur zuzugreifen, zwanglos und ohne Bedenken, denn sie bekomme alles unter Taxe und Auszeichnung: den weichsten Batist, das gediegenste Leinen für Hemden und Höschen, das molligste Zeug für 'nen Pariser Anstandsrock, kurz alles, was nötig war, ihre nicht geringen körperlichen Vorzüge auch in eine gebührende Beleuchtung zu rücken. Sie wurde wie das Mädchen aus der Fremde geehrt, so verwöhnt und so auf Händen getragen. Ach! und am Sabbat erst, wenn sie dann die Synagoge betrat und die Weiberschul' auf der ersten Etage aufsuchte, die großen mandelförmigen Augen gesenkt, einen billigen Stoff um ihre jungen und doch üppigen Zierden, unauffällig, Fuß für Fuß und bescheiden, kaum hörbar mit ihren silbernen Ohrgehängen klingelnd, dann stießen sich die Frauen und Mädchen, die an den Betpulten saßen, an und sagten: »Da kommt die schöne Rosalie Perlchen,« rückten zusammen und invitierten sie auf das vorderste Plätzchen. Ach! und wenn sie dann auf die Männerschul' niederblickte, auf all die schwarzen Zylinder, die ewige Gedächtnisampel, den siebenarmigen Leuchter, auf die mit Kerzen bestellte Brüstung des Almemors, auf Elias und Maier, auf die mit einer Samtspreite gedeckte Tafel, woselbst sie die Gesetzesabschnitte verlasen ... wenn dann der Vorsänger anhub, Sigismund einfiel, zu ihr schmachtend aufblickte und mit seiner Stimme klarinettierte, als müsse sie gleich in den Himmel – dann hob sie sich auf, straffte ihre Granatäpfel und verzauberte beide Schulen, den kleinen Tempel, Männer und Frauen. Und alle hörten und sahen, was sie niemals sahen und hörten. Sie hörten mit anderen Ohren und sahen mit anderen Augen. Sie lauschten und blickten um Jahrtausende zurück. Sie hörten die Schaf- und Ziegenherden läuten und blöken auf dem Berge Gilead. Sie vernahmen die Schalmeien im Lande. Die Palmen von Beth-EI rauschten herauf. Sie sahen die Blitze von den Höhen des Sinai fallen, und ein Rauch stieg auf wie ein Rauch von einem feurigen Ofen. Sie sahen die Töchter Jerusalems, schwarz, aber lieblich, gleich den Hütten Kedars, gleich den Teppichen Salomos. Und eine Stimme ertönte: »Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, die Weinstöcke Augen und geben ihren Geruch. Stehe auf, Nordwind, komme, Südwind! Wehet durch meinen Garten, daß seine Würzen triefen ...« und dazwischen immer das Tirilieren und Trillern ... der Diskant Sigismund Mendels ... und dann ein Verebben, ein sanftes Gleiten, ein Hinüberfließen in die jetzige Stunde, in der die hübsche Kranenburgerin auf der Frauenschul' stand, ihre Granatäpfel zeigte, lieblich tat und alles begeisterte. So sahen sie Rosalie an Werkeltagen, so sahen sie Rosalie am Sabbat. Sie fanden keinen Fehl an ihr, nicht das, was ihre Sitte und Tugend beeinträchtigen konnte, wenn sie auch gleich den Töchtern des eigenen Volkes mit den Blicken umherschweifen mochte und Gelüste trug nach Samt und Seide und lauterem Geschmeide. So vergingen die Tage, die Wochen, die Monde. Die Gebrüder waren nicht wieder zu erkennen. Sie erschienen alert, ordentlich frisch wie heurige Häschen. Elias, der schwächliche Elias, stolzierte auf dem Marktplatz umher, als wären die Tanzmeisterbeine Paul Taglionis in seine etwas minderwertigen Ständer gefahren. Er machte gewissermaßen in choreographischen Künsten und war wirklich nett und unternehmungslustig geworden. Auch Maier. Dreimal täglich umkreiste er das Standbild des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz. Von diesem Manne konnte man lernen. Die straffe Auslage, den martialischen Schritt hatte er ihm bereits abgeluchst. Jetzt kamen die Augen dran, und keine vierzehn Tage vergingen, da vermochte er so herausfordernd dreinzuschauen wie ein Oberst vor einem Regiment Kürassiere in Linie. Quecksilberig rieselte es ihm vom Scheitel bis in die saftgrünen Plüschpantoffeln hinein. Er schlug ordentlich aus und wieherte heller als ein übermütiges Füllen. Die Anwesenheit der neuen Schaffnerin tat Wunder über Wunder, mehr als alle Aphrodisiaken des Morgen- und Abendlandes zusammengenommen. Dazu knackte er andalusische Mandeln, daß die Schalen nur so herumspritzten und die Leute wähnten, er habe, abgesehen von seinen reichlichen Einkünften, noch eine Erbschaft gemacht, die ihm verstattete, diese kostbaren Früchte des Südens in solch einer Fülle zu naschen ... kurz, die beiden Herren wurden von allen Bürgern der kleinen Stadt angestaunt und belobt, während Sigismund heimlich tat, in Gegenwart Rosaliens den Schwerenöter spielte, zuweilen aber auch seufzte, als wäre sie die Tochter des grimmigen Alkalden von Cordoba und er der unglückselige Sohn des vielgepriesenen, großen, schriftgelehrten Rabbi Israel aus Saragossa gewesen. Und die Tage vergingen, die Wochen, die Monde. Der Roggen war herein, der Hafer geschnitten. Die Schwalben saßen auf den Telegraphendrähten, rückten zusammen und machten Anstalten, in das Reich der Pyramiden zu segeln. Über Dämme und Deiche flüsterte bereits ein herbstliches Windchen. Die Wehre stauten sich an, die Bächlein stiegen, die Wässerchen gurgelten flinker. Die Wälder von Moyland verloren ihr freudenreiches Gewand, falbten und gilbten, und wer Ohren hatte zu hören, der hörte: »Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.« Schon hier und da begannen die überständigen Blätter aus der Höhe zu schaukeln, und als nun der Rauch der Kartoffelfeuerchen sich über die Gegend schleierte, Ammern und Haubenlerchen vor den Ausspannungen umherlungerten und die Bauern alle Hände voll zu tun hatten, ihre Runkelrüben einzumieten, da geschah es ... Rosalie Perlchen fröstelte in ihrem mageren, fadenscheinigen Jäckchen. Sie fröstelte immer, sie fröstelte wie ein armseliges Schwälbchen, sie fröstelte am Küchenherd, in der Kammer, auf der Weiberschul' im jüdischen Tempel. Das mußte dem Senior-Chef des Hauses auffallen. Von Natur barmherzig und gütig veranlagt, konnte er keine frierenden Menschen um sich sehen, vornehmlich dann nicht, wenn es sich um solche handelte, die etwas in der Bluse hatten und keines Schermessers bedurften. So trat er denn eines Tages auf sie zu, als sie gerade dabei war, die Herrenwäsche zu stärken, machte Figur wie ein Birkhahn, blinzelte verschämt mit seinen etwas rötlich unterlaufenen Äugelchen und sagte: »Rosalie, hier sind zehn preußische Speziestaler. Wende dich an Mamsell van der Grinten un lasse dir machen was Extraordinäres. Auch invitiere Herrn Kogeleboom, dir zu belassen zwei kalbslederne Schühchen, um zu gehen sanft un gut auf den Füßen. Desgleichen beehre den Herrn Ladendiener Nöllecke Baumann. Der Mann betreibt nicht nur ein Vorkostgeschäft, er macht auch in Seife. Lasse dir geben davon ein Päckchen von's feinste. Es wird dich erfreuen.« Dabei glitt er ihr sacht über die Wange, väterlich, mit der Lauterkeit eines uneigennützigen Gebers, ohne auch nur den geringsten Nebengedanken zu haben. Daß ihn bei dieser Gelegenheit das fadenscheinige, wenn auch pralle Tuchjäckchen streifte, war nicht auf sein Konto zu buchen, war eine Sache für sich, die keinen was anging. Er nahm es daher hin als ein unverhofftes Geschenk, als eine kleine Opfergabe aus dankbaren Händen, die er nicht abweisen konnte und wollte, vertrat er doch den berechtigten Standpunkt: Alles muß erduldet werden im Leben, Freud und Leid, Ernte und Mißernte, Geben und Nehmen, zusprechende und mißliebige Menschen, auch das, sich von einem vollen Weiberjäckchen berühren zu lassen ... während Sigismund frohgemut auf seinem Drehschemel hockte, immer munterer wurde und willens schien, die Rolle des unglückseligen Sohnes des vielgepriesenen, großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa weniger tragisch zu nehmen. Nur Maier setzte ein mieses Gesicht auf. Warum, das wußte er selbst nicht, allein, er hatte das unbestimmte Gefühl: hier ist etwas im Werden begriffen. Sein Bruder kam ihm verdächtig vor. Er verstand seine Freigebigkeit nicht, nicht den herostratischen Mut, zehn preußische Speziestaler so mir nichts, dir nichts an Rosalie Perlchen zu hängen. Das gab zu denken, bereitete ihm qualvolle Stunden, und er meditierte daher: »Was hat er zu pfeifen un verliebte Nasenlöcher zu machen – der Eli? Er hat seine Qualitäten – gewiß. Allein sie liegen nicht auf diesem Gebiet. Sie liegen wo anders. Seine Bewertung in dieser Beziehung steht weit unter pari. Hat einer zu pfeifen un verliebte Nasenlöcher zu machen, so bin ich der nächste dazu, denn ich hätte werden können Offizier, maßen ich mit meinen fünfunsechzig noch 'ne volle Aufmachung un Adjustierung besitze. Das ist es,« und so stand es denn fest: hier war Wandel zu schaffen, und die Gelegenheit dazu sollte bald kommen. Die Kartoffelfeuer verschwelten. Graue Regenfäden schraffierten die Gegend. Die schöne Linde verlor ihre Weihe und Andacht. Sie rüttelte sich. Tage und Nächte hindurch hörte man sie brausen und sausen. Die stolze Burgunderin büßte ihren Schmuck ein, verstreute ihn in alle Winde. Das letzte Restchen ihres Geschmeides wanderte ab. Die Prinzessin schien einer Bettlerin ähnlich. Nordische Gäste, Säger und Pfeifenten, fielen in die Altwasser der Niederung ein. Dichte Nebel schleppten sich müde über Raveline und Schleusenwerke. Dann kamen knusperige Tage und Nächte, die mit einem zierlichen Feuerwerk spielten und Perlenschnüre an Perlenschnüre reihten, deren niemand erträumte. Die ersten Schneesternchen pendelten nieder. Es waren nicht viele, aber es waren doch kalte, nadelfeine, emsige Schneesternchen. Um diese Zeit fröstelte Rosalie wieder. Sie fröstelte immer, sie fröstelte wie ein zurückgebliebenes Schwälbchen, sie fröstelte am Küchenherd, in der Kammer, bei ihren Ausgängen, sie fröstelte auf der Weiberschul' im jüdischen Tempel. Es waren noch drei bis vier Wochen vor Sankt Nikolaus-Abend. Trotzdem fröstelte sie, wie sie nie gefröstelt hatte im Leben. Das mußte dem Zweitgeborenen des Hauses ebenfalls auffallen – und es fiel ihm auf. Er beschloß daher, energische Gegenmaßregeln zu treffen, um der Gänsehaut in die Parade zu fahren. Die in der kleinen Stadt rüsteten bereits auf das kurzweiligste Fest in den rheinischen Landen. Die Geschäfts- und Kramläden standen bei Beginn der Dunkelheit in voller Beleuchtung. Die Schaufenster boten eine Fülle des Praktischen und Begehrenswerten. Im munteren Licht der Petroleumlampen hatte alles eine doppelte und dreifache Anziehungskraft: die Lebkuchen, die Spekulatiusmännchen, die Knippmützen, Spitzen, Modegarnituren, Pfeifen, Knasterrollen, Brust- und Umschlagtücher, Räucherwaren und noch andere Dinge, die das Herz höher schlagen ließen und den Sinn aufheiterten. Maier machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, allabendlich die Auslagen abzustreifen, die Preise zu kalkulieren und seine Dispositionen zu treffen. Er musterte die preziösen Raritäten bei Mamsell van der Grinten, bei Meister Kogeleboom und die in dem Vorkostgeschäft, wo Herr Nöllecke Baumann als Ladendiener fungierte. Das betrieb er auch heute. Ach ja! das Lager der behäbigen Juffer, woselbst auch Kürschnerartikel ausgestellt waren, hatte es ihm vor allem angetan. »Gott, was 'ne Pracht!« Da waren Falbelhüte und Frauenhauben, Bänder und Schleifchen, zierlich gehäkelte Kinderjäckchen und solche für Damen; da waren Fuchspelze und andere Pelze, Marderbarettchen, Muffen aus Grauwerk und den Wammen der Zieselmäuse, da waren ... Gott, was war da nicht alles?! Da waren Spitzenröcke und andere Röcke, Blusen und Blüschen, Strümpfe und Strümpfchen, Hosen und Höschen ... »Was 'ne Pracht, was 'ne Pracht!« Er pfiff sanft durch die Zähne und schaukelte sich von einem Fuß auf den andern. Beim Genießen all dieser Herrlichkeiten, die dazu bestimmt waren, die netten Sachen und Sächelchen des weiblichen Außenlebens mehr oder weniger zu umkleiden, geriet er in Wallung, in eine gewisse Ekstase. Er zog Fäden wie ein Vorstehhund. Sein Rücken krümmte sich. Es kribbelte ihm mit wohligen Fingerspitzen den Nacken herunter, und er bemerkte es nicht, daß jemand neben ihn trat, ein weicher Arm den seinen berührte, etwas Verheißendes gegen ihn ausbüschelte und mandelförmige Augen das ausgestellte Rauchwerk umschmeichelten, als da waren Marderbarettchen, Fuchspelze und andere Pelze und Muffen von vielerlei Sorten. Gleich darauf flötete ein neckisches Stimmchen: »Guten Abend, Herr Maier.« »Rosalie, Sie?!« Ja, sie war es: Rosalie Perlchen. Nach erledigten Abendkommissionen auf dem Heimweg begriffen, hatte sie es nicht unterlassen können, noch einen gefühlvollen Blick auf die Kostbarkeiten dieses Ladens zu werfen. Dabei zitterte sie wie ein Angorakaninchen. »Rosalie, was kuckst du?« »Gott! ich kucke bloß so. Unsereins möchte doch auch mal so'n bißchen ... ich meine ... Aber wie sollte ich können? un das bei dieser Kälte, Herr Maier ...?« »Nu, wie wär's denn mit 'nem Garnitürchen von Pelz oder so was?« »'s sind piekfeine Sachen, aber zu teuer.« »Was teuer?!« Er umkullerte sie mit dem Zeremoniell eines kalkuttischen Bronzeputers, und hätte er einen Nasenklunker besessen, kein Zweifel: dieser wäre karminrot geworden, hätte in allen Farben eines durchleuchteten Prismas geschillert. »Um Ihretwegen ist mir gar nichts zu teuer.« Sie drängte sich an ihn. »Aber Herr Maier!« In ihren Augen standen die Worte: »Mein Gang ist schön in den Schuhen. Komm', mein Freund, lasse uns auf das Feld hinausgehen und auf den Dörfern bleiben. Da will ich dir meine Liebe geben.« Und ach! er konnte nicht anders ... Er sah sich verschüchtert um, legte ihr den Arm um die Taille und sagte: »Gehe hinein zur Mamsell un kauf' dir 'n Pelzgarnitürchen. Will sie fünfunzwanzig preußische Taler, so biete ihr zwanzig: nein, biete ihr fünfzehn, un sie wird es dir lassen.« Das tat auch Rosalie, um anderen Tages ... Jetzt machte Elias ein mieses Gesicht, während Sigismund Mendel immer nachhaltiger in ein verständnisinniges Schmunzeln hineinglitt. Er gab ihr nichts, wenigstens nichts in klingender Münze. Kein Kastemännchen, nicht das miserabelste Dittchen. Warum auch? Er handelte witziger. Die Piepmösch sah tiefer. Sie sah mit den Augen eines Isispriesters, der es verstand, die Hieroglyphen des weiblichen Herzens zu deuten. Je nachdenklicher der Senior-Chef wurde, um so freudenreicher gestalteten sich die einsamen Stunden des Buchhalters. Er duftete stärker nach Zimtborke und hatte es endgültig über, weiterhin den schmerzdurchpflügten Sohn des vielgepriesenen, großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa abzugeben. Alle Sinne belebten sich. Die Glöckchen auf einem Kampanile konnten nicht munterer klingeln. Sie sprangen herum gleich Böckchen auf einer Frühlingswiese, wo da blühten: Tausendgüldenkraut und Orchis, Salbei und Ehrenpreis, obgleich noch immer die Schneesternchen herniederglitzerten, wenn auch nicht viele, aber doch kalte, nadelfeine, emsige Schneesternchen. Er saß auf seinem Drehschemel wie der große Amschel Mayer, Freiherr von Rothschild, Chef des Hauses Mayer Amschel und Söhne in Frankfurt, er hatte seine Geheimnisse, sein innerstes Wissen, wenn ihm auch manchmal der Gedanke kam: »Was betreiben die Onkels?« Gut – mochten sie entrieren ihre Massematten; er entrierte die seinen. Er würde schon den längsten Faden drillen, und so musizierte er denn zukunftsfreudig von seinem hohen Kontorstuhl herunter: »Guter Mond, durch alle Sphären Wandelst du in bleicher Ruh', Schließest hier im Tal der Zähren All die lieben Äuglein zu. Fern von Leiden und Kabalen Träumen sie auf weichem Pfühl. Gute Nacht! die Sterne strahlen, Und die Linde duftet schwül.« Ja, gute Nacht! und wenn auch das Blühen der ehrwürdigen Linde längst dahin war, das Bienensumsen aufgehört hatte, die Flachsfinken nicht mehr ab und zu flogen, so versetzte er sich doch in ihr Grünen und ihr rahmweißes Schleiern zurück, denn Lindenblüten sind Herzensverkündiger, sind die Symbole heimischer und verschwiegener Liebe. Auch Maier war glücklich ... und als Rosalie am Schabbesabend sich anschickte, den kleinen Tempel aufzusuchen und in ihrer neuesten Errungenschaft stolz über den Marktplatz zu rauschen, da sah er ihr nach, den Zylinder wie gewöhnlich im Nacken und die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er erinnerte an einen Dalai-Lama, der die Gebetmühle drehte. Schmalzig träufelte es ihm von den wulstigen Lippen herunter: »Perlhühnchen! da geht sie hin wie 'ne Förschtin.« Achtes Kapitel Rosalie Perlchen wird erhöht und erhoben. Die gemeinsamen Mahlzeiten gestalten sich zu Symposien der Freude und des stillen Genießens. Nur Stina Prußt, die Schabbesgoi, denkt anders darüber. Sie geht zu ihrem Vater. Warum der Bocken-Dores in äußerster Not ist und seine Kunden abfällig werden. Komm' benne! Das Wort hat seine Zugkraft verloren. Vater und Tochter intrigieren gegen Elias und Maier. Adjüs denn! Wandel und Wechsel! Maier hatte ein Machtwort gesprochen. Es fiel auf fruchtbares Erdreich, grünte und trug Grannen über Nacht, bis es am anderen Morgen sagte: »Ich bin spruchreif geworden.« Was Blümchen Flesch wohl erträumt und ersehnt, aber zeit ihres langen und getreulichen Dienens niemals verwirklicht hatte, bildete sich in ihrer Nachfahrin zum Ereignis aus. Seit dem Tage des letzten Synagogenganges dinierte Rosalie nicht mehr in der Küche mit Stina Prußt, der Schabbesgoi, zusammen. Sie wurde erhöht und erhoben, und es geschah ihr, was der schönen Esther geschah, als der König Ahasveros ihre stillen Tugenden und Verdienste erkannte, was um so mehr wunder nahm, als Esther die angenommene Tochter Mardachais war, eines reichen Mannes in Susan, des Sohnes Jairs, des Sohnes Simei, des Sohnes Kis, des Sohnes Jemini, Rosalie aber nur das schlichte Kind des bescheidenen Gemeindedieners und Schächters Moses Perlchen in Kranenburg: es war ihr verstattet worden, von nun an an der gemeinsamen Tafel der Gebrüder zu speisen, vorzulegen, in die Unterhaltung einzugreifen und das Ansehen des Tisches zu wahren. So saß sie denn mittags und abends im Kreise der Firma, sauber gekleidet, gleich dem feinsten Aurikelchen auf einer Frühjahrsrabatte, mit offenem Enkörchen, eine siebenfältige Granatschnur um den weißen Hals und die großen mandelförmigen Augen voll von Zuversicht und Dankbarkeit. Sie machte kein Wesens aus sich, hatte keine Ambitionen, blieb immer gleich bescheiden und zuvorkommend, ohne die Neigung, ihre Augen brillieren zu lassen, obgleich Elias und Maier sie preislich fanden und Sigismund sich nicht genug darin tun konnte, die schönsten Sprüche und Lebensweisheiten vor ihr auszustreuen, als wäre er einer der subtilsten Schüler der Prager Talmudschule gewesen. So sprachkundig war er geworden, so vielseitig und wechselreich setzte er seine niedlichen Thesen und Antithesen nebeneinander, daß die Gebrüder Spier von einer Verwunderung in die andere fielen, dabei um tausend Gotteswillen nicht wußten, wo ihr Nevö all diese krausen Ideen ausgekramt hatte. Sie verstanden ihn nicht. Aber sie bewunderten ihn. Rosalie jedoch verstand ihn, beobachtete indessen die Vorsicht, es nicht merken zu lassen. Sie war ein verschleiertes Bild, ein versiegelter Born, das Weib Coriolans, das ›holde Stillschweigen‹, wie der große Brite sie nannte. Sie ähnelte der schönen Ninon de Lenclos, wenn auch nur einer Ninon in Duodez-Ausgabe, die aber ebensogut wie jene hätte antworten können: »Mein Herr, maßen die Königin die Güte hat, mir die Wahl des Klosters anheim zu stellen, so werde ich mich in das der Kapuziner begeben, um meine Seele zu läutern.« Nur dann und wann nahm sie die Gelegenheit wahr, sich wie das sanfte Walten der Klopfgeister in einer spiritistischen Sitzung bemerkbar zu machen, den Herrn Kommis mit dem Knie zu berühren und ihren weichen Schuh mit einem wisperwindartigen Seufzer auf den seinen zu stellen, eine sinnige Darbringung unausgesprochener Gefühle, die auch ihn veranlaßten, ähnlich zu seufzen und gleich einem Schnepfenhahn um Okuli zu meckern – von Frühlingsahnungen umschauert, lenzesfroh und den lieben Abendstern weit in der Ferne. O unwiederbringliche Stunden! Stunden, von denen man sagen konnte, sie sind zu schön, um sie in ihrer ganzen Reinheit und Fülle begreifen und verstehen zu können. Elias und Maier mochten ihrerseits kongenial denken. Auch sie standen im Bann dieses rätselhaften Wesens, und wäre ihnen Shakespeares Cymbeline kein Buch mit sieben Siegeln gewesen, sie hätten mit Jachimo gesprochen: »Wie hold schmückst du dein Lager! Frische Lilie, Weiß wie dies Tuch, o könnt' ich dich berühren! Nur küssen! – einen Kuß nur! Rubinen sondergleichen, o wie zart Muß euer Kuß sein! Ist's ihr Odem doch, Der diese Kammer so erfüllt mit Duft. Des Lichtes Flamme neigt sich gegen sie Und guckte gern ihr unters Augenlid, Die dort verschloss'nen Sterne zu erschau'n.« Aber sie kannten Shakespeare nicht, hatten somit auch nicht seine Cymbeline gelesen. Sie mußten sich anderweitig behelfen. Das taten sie auch, griffen das Zunächstliegende auf und berauschten sich an den feinen Redensarten ihres poetischen Neffen. Damit ward allen geholfen. Keiner hatte zu klagen, weder die Chefs, noch Rosalie Perlchen, und so wurden ihnen die gemeinsamen Mahlzeiten zu Rosenfesten, zu Symposien der Freude und des stillen Genießens. Nur Stina Prußt, die Schabbesgoi, verhielt sich skeptisch. Sie wollte von diesen Symposien, die sie Verbrüderungsessen benamste, nichts wissen. Sie schienen ihr unangebracht, verächtlich, unter aller Kanaille. Zu Blümchens Zeiten hatte sie eine gewisse Rolle gespielt, hatte sich betätigen können, war mehr oder weniger eine treibende Kraft im Hauswesen der Gebrüder gewesen. Jetzt fühlte sie sich zurückgesetzt, vereinsamt, aus dem Sattel gehoben. Früher: Stinchen hier, Stinchen da! wenngleich sie auch keine Markklößchen anfertigen konnte – sah sie jetzt nur noch in abgekehrte Gesichter, die willens schienen, alle Freudigkeit ihr gegenüber aus den Pupillen zu wischen. Warum das? War sie nicht besser als dieses zugelaufene Perlhuhn? Hatte sie nicht die gleichen Kompläsanzen, dieselbe Fülle, das gleiche Benehmen? um nun so über die Achseln angesehen und in die Ecke geschoben zu werden! Sie dankte dafür, sie war doch auch nicht aus dem Spülichtwasser gezogen und konnte ebensogut wie die jüdische Mamsell aus Kranenburg ihre Rechtstitel beanspruchen. Aber was taten die Herren? Nichts, rein nichts ihr gegenüber, aber auch nicht das geringste, während die andere bevorzugt und erhoben wurde, als hätte sie zeit ihres Lebens mit der Königin von Saba chinesischen Tee aus chinesischen Tassen getrunken. Da stimmte was nicht. Das war doch sonnenklar und an den fünf Fingern herunterzuzählen. Und was das Frauenzimmer fortwährend für Augäpfel machte! Und so 'ne Waden hatte das Weibsbild. Pfui, Kuckuck noch mal! Sie repräsentierte 'ne christkatholische Jungfrau, war Marienkind und eingeschriebenes Mitglied der Gesellschaft von der ewigen Anbetung. Dem war Rechnung zu tragen. So ging das nicht weiter. Der Superkargo eines überseeischen Kauffahrteifahrers, der zu viel Ballast an Bord hatte, mochte ihr ähneln. Die überschüssige Fracht mußte ins Meer, mußte ihr vom Herzen und von der Seele herunter. Sich lediglich als Schabbesgoi verschleißen zu lassen, um dem zugelaufenen Weibsbild als Schemel zu dienen: sie dachte nicht dran ... es stand ihr bis an den Hals ... bis über den Scheitel hinaus. Es war ja, um grüne Seife und Wäschebläue zu fressen ... zum Auswachsen ... »Na, wartet ihr Kerle! da muß mein Vater dahinter, und wenn's mit 'nem Ochsenziemer wäre, denn ich hab' auch mein Honnör und meinen reputierlichen Standpunkt,« und damit hatte sie eines Tages, so um Maria Empfängnis herum, sich ein Tüchlein umgeworfen, war auswärts gegangen, um ein dringliches Wörtchen mit ihrem Erzeuger zu reden. Sie hatte nicht lange zu gehen, nur über den Marktplatz fort, an der katholischen Kirche vorbei, dann um die Ecke, in die Grabenstraße hinein, und dort, wo ein verwahrlostes Gärtchen und ein ebenso verwahrlostes Häuschen sich wechselseitig ergänzten und zueinander sagen konnten: »Du Dreckspatz«, war das Ziel ihrer Reise, wo alles ihr zuflüsterte: »Mehret euch wie die Flöhe in den Dielenritzen, auf daß die Euter voll werden und die Melkeimer überträufen von der Fülle des Segens.« Dahin lenkte Stina Prußt ihre Schritte. Schon aus der Ferne schlug ihr ein warmer Duft nach Geißenstall und Bockmist entgegen. Mit dem Taschentuch vor Mund und Nase, ganz durcheinander, noch von der Ungerechtigkeit zehrend, die sie von ihren Brotherren zu erdulden hatte, trat sie über die Schwelle der väterlichen Penaten. Gleich hinter der ersten Tür links verlebte Dores seine wechselreichen und verantwortlichen Tage. Von hier aus lenkte er die Fäden des weitverzweigten Unternehmens, stets darauf bedacht, sein Renommee zu wahren und die Nachzucht durch sachgemäße Kreuzungsversuche ertragreich zu machen. In dieser Beziehung war er bei Charles Darwin in die Lehre gegangen. Ein Könner und Beobachter von Gottes Gnaden, in der ganzen Umgegend seiner Verdienste wegen in bedeutsamem Rufe stehend, fehlten ihm leider die Mittel, seine reiche Erfahrung bis auf das letzte Titelchen auszumünzen. Der Bocken-Dores hatte zu kämpfen. Bei diesem seltsamen Manne klopfte Stina mit weichem Knöchel an. »Komm' benne!« klang es ihr wohltönend zu. Gleich darauf standen sich Vater und Tochter hart gegenüber. Dores Prußt hatte heute seinen übelsten Tag. Es war schlechtes Wetter bei ihm, denn die Geschäfte flauten merklich ab, verkrümelten offensichtlich und waren seit dem letzten Begegnen mit Maier Spier immer mehr auf den Holzweg geraten. Heute nun mußte er sich eingestehen: »Geht's weiter so, dann kann ich mir in drei Monaten 'nen Bettelstab schneiden.« Seine sechs Helden, die er im Stall hatte, waren abgewirtschaftet und nicht imstande, ausgiebig ihre Pflicht zu erfüllen. Alle Versuche, den jüdischen Handelsmann auf andere Gedanken zu bringen, ihn umzustimmen und für seine Zwecke gefügig zu machen, mußte er als gescheitert hinnehmen. Noch gestern hatte er ein Letztes versucht und nochmals die bekannten vierzehn Taler geboten, um in den Besitz des berühmten Angora-Bockes zu kommen. »Fünfunzwanzig!« hielt ihm Maier unerbittlich entgegen. »Ich biete fünfzehn zum letzten.« »Fünfunzwanzig, oder ich will zeit meines Lebens mit die Schweine nur noch Treber verzehren.« »Dann sechzehn.« »Ausgeschlossen.« Dores krümmte sich wie ein Mehlwurm. »Dann siebzehn.« Damit hatte er seine letzte Patrone verschossen. Mehr konnte er beim besten Willen nicht geben, und als Maier auf seinem Schein bestand, den Überrock zuknöpfte und unter keinen Umständen Hals geben wollte, schlug er die Tür hinter sich zu, wünschte dem Unverbesserlichen die gesamten ägyptischen Plagen auf den Leib und torkelte grimmig nach Hause. Es kam noch hinzu ... Die Geschichte mit dem Angora-Bock war ruchbar geworden, hatte sich gleichsam zu einem Phänomen erster Ordnung verdichtet, und nun kaprizierten sich alle Stallbesitzer darauf, ihre Ziegen nur noch von diesem Wundertier decken zu lassen, auf die Gefahr hin, sich anderweitig umzutun und die Konkurrenz im benachbarten Appeldorn und Wissel in Anspruch zu nehmen. Das schlug dem Faß den Boden aus. Während des Tages hatte er wenigstens schon sechs- bis siebenmal »Komm' benne!« gerufen, aber alle die erschienen, versteiften sich eigensinnig auf den gefeierten Pascha. Ohne diesen keine Abmachung. Nur ihn wollten sie haben, und da Dores damit nicht aufwarten konnte, verwehte das Geschäft wie Spreu vor dem Winde. Das waren zuviel der Ängste und Drangsale für den ruinierten Eigenbrötler. »So'n Jud, so'n infamer, so'n dreimal durchdestillierter!« Er war rein aus dem Häuschen. Das linke Bein über die Lehne seines Binsensessels geschlenkert, ein Priemchen hinter der Backe, ab und zu einen scharfen Spritzer von sich gebend, strählte er seinen Patriarchenbart, wie die Propheten des Alten Testamentes es an sich hatten, wenn sie Schwefel und Feuer, Pestilenzen, Krieg, Hungersnot und andere bedrohlichen Dinge vom Himmel heranriefen, um ein gottloses, vertiertes, undankbares Volk vor dem Angesichte des Herrn zu tilgen, mit Kind und Kegel, mit Weib und Ingesind, mit Schaben und Wanzen, von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen. Der sonst so gutmütige Mann, der Schüler Darwins, der Hochmeister aus dem Märchenland der schweren Euterträgerinnen, der ihre Seelen kannte wie kein zweiter in der ganzen Umgebung, war geschlagen wie Hiob, wie der alte Tobias, als eine unvorsichtige Schwalbe ihm die Augen zukleisterte ... und sein Herz sann auf Rache. Himmel, Herrgott und kein seliges Ende! und nun war noch seine Tochter erschienen, verweint und das Taschentuch vor Nase und Augen. »Stina, was los denn?« Sie erzählte ihm alles. Das brachte Wasser auf seine stumpfsinnige Mühle, zumal da die Schwerheimgesuchte durchblicken ließ, sie habe noch ein Hühnchen mit der Herrschaft zu pflücken. Unter Blümchen Flesch sei ihre Stellung ein Dorado gewesen. Da habe sie noch was prestiert in der Firma, gewissermaßen mitreden können, um jetzt so verschandelt zu werden. »I, den Zackerzucker noch mal!« »Ja, die Herren tun man bloß so, um sich lieb Kind bei Rosalie Perlchen zu machen.« Der Alte merkte auf. Was war das? Das kam ihm gelegen. Er runzelte die Brauen. Woher sie das wisse? Sie habe zwei Augen, bemerkte sie eilfertig, dito desgleichen: ihre beiden Ohren seien auch nicht so ohne. Wer denn von ihnen der Bevorzugte wäre? Sie glaube Herr Maier. »Haha!« und wie sich der Chef in der ganzen Affäre benähme? Ob vielleicht auch Elias so'n bißchen herumnase und verliebte Äugelchen mache? Das könne sie nicht mit aller Bestimmtheit behaupten. Na, und die Piepmösch! ob die nicht in Frage käme? ob die nicht etwas Dreck am Stengel besitze? Darüber habe sie noch nicht so richtig nachgedacht, aber es sei immer schon möglich. Herr Maier jedoch ... »So so, also dieser! Immer dieser verfluchte Maier. Bei ihm ist also der fragliche Kasus zu suchen?« Ja, sie verträte die Meinung. Darüber ließe sich reden. »So! und hast du noch sonst was bemorken?« Nein, das wäre wohl alles, obgleich sie das Gefühl habe, als liege da noch manches verborgen. Der Alte nickte befriedigt. Jetzt hatte er wenigstens einige Anhaltspunkte, die ihn befähigten, dem ›kragen Hond‹ eins über den Bregen zu pfeffern, und das von Rechts wegen, denn er fühlte sich in zweierlei Hinsicht gekränkt, erstens in seiner Eigenschaft als Geschäftsmann und zweitens in seiner Würde als Vater. Darin war Wandel zu schaffen. Mit einem Wuppdich war Dores auf die Ständer gefahren und stellte sich jetzt in seiner Patriarchenherrlichkeit vor Stina: ein Priemchen in der linken Mundecke, eine steile, drohende Falte zwischen den Augenbrauen und im Schmuck seines fließenden Bartes. Und diesen fließenden Bart strählte er langsam, legte ihn in zwei mächtige Hälften, reckte sich und wetterte los: »Stina, man muß diese Firma unter Bevormundung halten. Besonders den Maier. Er ist aufs Visierkorn zu nehmen. Aber mit allen Schikanen. Der Kerl hat mich in Not und Ängste getrieben, und nun kann's passieren, daß ich ihn in eigner Person splinterfasernackt zur Ausstellung bringe. Präliminiert soll er werden. Und daher und deshalb ...« Er kam nicht weiter. Ein munterer Klopfer hatte ihm das Wort vom Munde genommen. »Komm' benne!« rief er den sprechenden Finger an, nicht ohne dabei eine gewisse Beklemmung zu spüren, denn es war heute wenigstens das achtemal, daß er ohne Erfolg »Komm' benne!« gerufen hatte – und siehe: die Tür tat sich auf, und ein zieres, zimperliches und vornehm tuendes Dienstmädchen war ins Zimmer getreten, in die schlichte Behausung des geschlagenen Mannes. Dores strählte zum andern seinen fließenden Bart und teilte ihn nochmals in zwei mächtige Hälften. »Jüllecke, was verschafft mir die Ehre?« »'ne schöne Bestellung von Mamsell van der Grinten,« hob sie in ihrer wohlgesetzten Redeweise an, »und Mamsell van der Grinten läßt fragen, ob Sie jetzt den feinen Bock von Herrn Maier haben tun täten. Wenn Sie ihn haben tun täten, käme die Ziege; wenn Sie ihn aber nicht haben tun täten, müßten sich die Geiß und Mamsell van der Grinten vielmals bedanken.« »Was müßten die beiden?« »Sich vielmals bedanken.« Um Jesu Christi und der Barmherzigkeit willen! Dores hatte Feuer und Fett vor den Augen, Fliegen und sich kreisende Räder. Das war der achte Bote, der ihm sein ehrsames Geschäft ruinierte. Der achte bereits! Der achte, der achte! »Mamsell van der Grinten hole der Satan!« Er war nicht Herr seiner selbst mehr. Das Halszäpfchen erstarrte ihm. Der Boden gab nach unter seinen Füßen. Er trudelte mit, ins Leere hinein, ins Unermeßliche. Er war gezwungen, Karussell zu fahren, immer rundum, ohne aufzuhören, unter Orgelbegleitung, unter dem Geschrei einer lärmenden Kindertrompete. Stühle, Tische, der zersprungene Wandspiegel, die beschmutzten Tapeten, die Dielen, der wackelige Ofen mit den glühenden Backen – alles drehte sich um ihn und mit ihm. Ein Tobel von Ungeheuerlichkeiten, von Spinnengelenken und Kielkröpfen! Er streckte die Hand aus. Er wollte irgendeinen Gegenstand erwischen, um ihn dem naseweisen Ding, dieser Vergewaltigerin seiner Geschäftsehre, um die Ohren zu klatschen. Er suchte vergebens. Nicht das geringste wollte ihm zwischen die Finger geraten. Er fand nichts, absolut gar nichts. Nur ein Wort trat ihm zwischen die Zähne, und dieses Wort schleuderte er mit dem Brustton der Überzeugung, aus tiefster Ankerstelle gegen die Überbringerin dieses neuen nichtsnutzigen Unheils. »'naus!« Die Scheiben klirrten, der Kalk bröckelte von den schadhaften Wänden, die sechs minderwertigen Genossen meckerten ängstlich in den benachbarten Ställen, als dieser Befehl wie mit Paukenschlägen gegen die nichtsahnende Jungfer loshämmerte. Mehr tot als lebendig legte sie schleunigst die Tür zwischen sich und diesen Berserker, krebste zurück, suchte mit der größten Eilfertigkeit aus dem Bereich dieses Anarchisten und Sansculotten zu kommen, um sich erst jenseits der Grabenstraße wieder als Mensch unter Menschen zu fühlen. Auch Dores bezwang sich mittlerweile. Das erlösende Wort, das endlich nach dem achtmalig gerufenen ›Komm' benne‹ gefallen war, brachte ihm das Gleichgewicht des Körpers und der Seele zurück. Das Karussellfahren verlor sich, die sich drehenden Tische, Stühle, Tapeten, Spiegel und Dielen hielten mit ihrer wahnwitzigen Polka Mazurka inne, das Lärmen der Kindertrompete versandete, die Spinnengelenke und Kielkröpfe schrumpfelten ein, denn alles und jedes fügter sich aufs neue in den Kreis des Bestehens und den der Erwägungen. Hier galt es anderweitig zu handeln, aus dem Gröbsten herauszukommen, um mit sublimer Vorsicht, aber aller Bestimmtheit, vor das gefährdete Glück seines Hauses und das seines einzigen Kindes zu treten. Wut- und Verzweiflungsanfälle brachten nicht weiter, förderten nicht, waren nicht imstande, helfend einzugreifen: nur kühle und behutsame Maßnahmen gaben die Möglichkeit, aus diesem circulus vitiosus zu treten. Dores warf das Furiose beiseite. Langsam, feierlich zog der dunkle Vorhang an ihm vorüber. Ein freundliches Licht blinkte ihm zu. Er war wieder zum Patriarchen, zum Apostel geworden. Etwa zum heiligen Paulus? Nein, zu diesem nicht, denn Paulus besaß ein zu eckiges Gesicht, zu drohende, schwarze Äugelchen, einen zu struwweligen Knasterbart. Mit ihm hatte er in gegenwärtiger Stunde keine Berührungspunkte. Seine Augen erinnerten vielmehr an Myrrhenscheiben, hinter denen Molken schwammen. Sein Bart war seidenfarbig wie Mohairgarn, sein Antlitz von gewinnender Güte. Er gemahnte in seiner ganzen Aufmachung an den denkenden und grüblerischen Jünger Andreas. Er nahm seinen majestätischen Bart, schlug einen Knoten hinein und löste ihn wieder. Genau so mochte es der Apostel getan haben, als er auf dem kantigen Basalt in Sinope saß, um seine Heilswahrheiten an das verstockte Herz der Skythen diesseits und jenseits des Schwarzen Meeres zu legen. »Stina,« begann er, »wir sitzen mittenmang in der Mistfinkerei drin. Mein Geschäft macht retour, und mein Honnör als Bockhaltereibesitzer ist mit der Kränke behaftet. Du bist in der nämlichen Verfassung, denn was Rosalie Perlchen prestiert, mußt du in der gleichen Art bei Maier und Elias prestieren, sonst befindet sich keine Gerechtigkeit in der Welt und Gottes Wort ist erlogen. Sapristi! bluten sollen sie im Punktus des sechsten Gebotes. Da hapert's. Da sind sie zu fassen. Aber mit allen Kulören. Das ist hier per primus zu sagen. Auch den Bock muß ich haben. Ohne diesen ist mein Betrieb nicht in Schwung und Schwänke zu kriegen, bist du nicht reputierlich zu machen, wird uns beiden die Totenglocke geläutet.« Er weinte. »Du verstehst mir doch, Stina?« Er schrieb mit der Hand eine Arabeske durch die Luft. Ja, Stina hatte verstanden. Sie nickte und fand wieder ein freundliches Lächeln. »Ha! und aus diesem triftigen Grunde« – und er begann tiefsinnig mit seinen Molkenaugen zu leuchten – »halte Beobachtung, morgens und abends und sonstwie, und wenn du die richtigen Indiziums findest, ich meine solche, die sich mit die Gebrüder und die Piepmösch befassen, dann scheniere dich gar nicht, erstatte mir Meldung, und ich werde sie niederbügeln, daß man die Lappen so fliegen. Aber nicht aus purem Handgelenk, sondern aus dem Koppe heraus, mit's Prickeln und's Stochern und mit's Vorhalten ihrer eigenen Sünden. Vexiert und tribuliert sollen sie werden. Der unmoralistischen Dreckigkeit werde ich den Kopf zertreten, sie wie 'ne Eule annageln an meine vorderste Scheune. Ha!« – und der gütige Mann geriet noch einmal in Wallung – »unsere Sonne ist untergegangen. Nacht und Nebel ringsum – und Biesternis. Wir frieren. Aber das sag' ich dir, Stina: sie wird sich wieder erheben – die Sonne, das Licht unserer Tage, so wahr sie mich Bocken-Dores benennen und ich mich selbst unterfertige als Theodor Prußt, wohnhaft auf der Grabenstraße im hiesigen Kirchspiel. Das wäre geleistet. Nun geh' man nach Hause. Mit Gott denn, und tue mir kund und zu wissen, wenn die Indiziums da sind.« Und Stina empfahl sich für heute, eine rechte und gerechte Bewunderung in Beziehung auf ihren weisen Vater im Herzen. »Adjüs denn!« »Adjüs, Stina, du Leidensreiche, du Gefäß meiner Schmerzen, du Gesicht der guten Vorbedeutung, und komme bald wieder!« Er stierte ihr nach mit offenen, regungslosen Pupillen und sagte: »Ein fettes Rebhuhn ist nichts gegen ihr. Sie ist wohlbeleibt wie 'ne Dächsin um Martini herum und fromm wie 'ne katholische Agnes und der Trost meiner Tage. Adjüs denn.« Neuntes Kapitel Durch die Straßen der Städte, vom Jammer gefolget, schreitet das Unglück. Es richtet sich gegen die ahnungslosen Gebrüder, währende Sigismund den Unbefangenen spielt und keine Gelegenheit gibt, sich ertappen zu lassen. Stina auf Posten. Die Indizien mehren sich, werden zum Tribunal. Durch gütige Vermittlung des vielumstrittenen Angora-Bockes klärt sich der Himmel. Dores schwört dem Hause Spier ewige Freundschaft. Seit diesen Geschehnissen brauchte Dores kaum noch ein ›Komm' benne‹ zu rufen. Er geriet, wie er selber behauptete, immer tiefer in Morastus und Mistus. Sein Aussehen war das einer Steckrübe, mit dem toten Blick eines verkrachten Börsenspekulanten. Die Kunden blieben vollständig aus, das Geschäft vermickerte, Haus und Stall standen ungesellig, denn die Nachricht, daß er nicht Besitzer des königlichen Tieres geworden, sich also weigerte, vornehmes und frisches Blut unter die hiesigen Meckerinnen zu bringen, verstimmte, machte hart und krakeelsüchtig und ließ die gute Meinung, die man im allgemeinen von seinen Kenntnissen hegte, allmählich abflauen. Kurz, seine Aussichten bewegten sich in Schlappschuhen und hatten bald barfuß zu gehen. Das mußte ihn natürlich hundsmäßig ärgern. Er litt unsäglich, erduldete Judasmartern und hatte Nächte und Traumgesichte, die er selbst seinen ärgsten Feinden nicht auf den Hals wünschte. Gewiß, er gab dabei seine Hoffnung nicht preis, mehrte sich mit Fuß und Pfote gegen die grimmige Faust des Geschickes und suchte nach Mitteln, die erbitterten Fehlschläge durch greifbare Erfolge auszumerzen, wenngleich er sich auch eingestehen mußte: Noch manches Tröpfchen Rheinwasser hat bis dahin durch das Land der Kabeljaugesichter zu fließen. Aber kommt Zeit, kommt Gelegenheit! Auf dem Wege von Jerusalem nach Jericho bleibt kein Hilfloser liegen. Immer nur fortepiano, denn endlich mußte die Aloe doch blühen, mußte der Tag der Vergeltung erscheinen. Um sich bis zu diesem Termin flott und über Wasser halten zu können, tat er sich bei einem Holzschuhmacher als Gehilfe ein, hantierte mit Stemm- und Stecheisen munter drauf los, ließ Raspel und Bohrer knarzen, was das Zeug halten wollte, spurfest, von einer heiligen Mission getragen und bei jedem Sticheln und Geknarze die Indizien gegen Maier Spier und Konsorten sehnlichst herbeiwünschend. Ja, diese Indizien! Er hoffte auf sie, wie der wegemüde Handwerksbursche auf das Aufsteigen eines animierenden Wirtshauskrüsels, der lechzende, verdurstende Gaumen auf die Spende eines kühlen Bockbieres. Die Zeit der Rosen mußte endlich doch kommen. Nur Indizien, weiter nichts, aber die mußte er haben. Ha! und wenn er sie hatte ... Herr Jeses noch mal! dann aber auch ...! Dann sollte die Welt ihn erkennen, dann war Maier und die gesamte Firma geliefert, oder aber ... »Her mit dem ›Präliminierten‹ und Sühne für Stina! oder es kann ein Unglück passieren.« Das schlug zu Buch, und das gefeierte Haus Spier hatte keine Ahnung davon, was die beleidigte Seele dieses Mannes bewegte. Es brodelte und rumorte in ihr gleichwie in einem Hexenkessel. In der mephitischen Mistatmosphäre auf der Grabenstraße begann es zu kreißen und lebendig zu werden. Miasmen, Miasmen, nichts als Miasmen! und aus diesen Miasmen hob es sich gespensterhaft auf, und dieses Gespenst pilgerte langsam, von keinem gesehen, still seines Weges. Es war so, als würden die schauervollen Worte gestammelt: »Durch die Straßen der Städte, Vom Jammer gefolget, Schreitet das Unglück. Lauernd umschleicht es Die Häuser der Menschen, Heute an dieser Pforte pocht es, Morgen an jener, Aber noch keinen hat es verschont.« Entsetzlich, niederziehend! und immer weiter wiwakte es, mit der fatalistischen Ruhe einer schleichenden Seuche – über die lange Grabenstraße fort, an der katholischen Kirche vorüber, dann links um die Ecke, auf den großen Marktplatz zu, um dann ... Mit leisem Winseln drehte es sich um die alte Linde herum, lotste sich an das Haus der Gebrüder heran, hob sich auf Zehenspitzen und sah in die Fenster. Dieses infernalische Grinsen! aber keiner bemerkte es, weder Elias noch Maier, weder die Piepmösch noch Rosalie Perlchen. Sie lebten nur sich, ihren Sonderinteressen und heimlichen Freuden, gleichsam auf einem verwunschenen Archipel, harmlos wie die Lilien des Feldes. Es fiel ihnen nicht bei, auf Stina Prußt, die Schabbesgoi, zu achten, ihre eifrige Dienstwilligkeit zu beargwöhnen, ihren gekränkten Ambitionen Rechnung zu tragen und auf das herausfordernde Gemecker des vielgenannten Angora-Bockes zu hören. Besonders Maier nicht, und doch war er es, dem die bedrohlichen Zeichen am meisten galten. Er hatte kein Auge dafür, kein Ohr, kein Verstehen. Er vegetierte in den Tag hinein, als wenn ihm der graue Himmel voller Zimbeln und Baßgeigen hinge, bis eines Abends ... Es ging stark in den Advent hinein. Die vom Niederrhein dachten ernstlich daran, sich auf Weihnachten vorzubereiten, unter den Christbäumchen der nahegelegenen Hügellehne Umschau zu halten und die großen Porzellanterrinen, die unbeachtet in den Glasservanten gestanden hatten, für Silvester mobil zu machen. Es war kalt, dunstig und bissig geworden. Die Schneesternchen, die vereinzelt ihren Ringelreihen getanzt hatten, traten jetzt in Geschwadern auf und hüllten das ganze Land in ein flirrendes Treiben und Schaukeln. Die Seele des alten Ebenezer Scrooge konnte nicht schneidender sein als dieses Frieren und Frösteln, die Londoner City nicht verschwelter und nebeliger als die kleine Stadt in ihrem bereiften, vergrämelten und nasenspitzigen Aussehen. Die Türme schleierten ein. Ebenso die altmodischen Giebel, die krummen Häuserzeilen, die verlorenen Gassen und Gäßchen. Die Sterne hatten ihr freudenreiches Scheinen verloren, die Glocken ihr anmutiges Rufen, überall eine trostlose Lautlosigkeit: nur ab und zu das jämmerliche Schreien einer Weide in der Niederung. Das geschah jedesmal, wenn die Kälte so grimmig wurde, daß sie Bast und Borke spaltete und den Rest des überständigen Lebens zernagte. Man sah die Schatten der Krähenvögel nicht mehr, wenn sie abends über Wallgräben und Gärten fortgaukelten, um ihre Schlafstätten in den ferngelegenen Wäldern von Moyland aufzusuchen. Nur ihr Lärmen hörte man, ihr Krakeln und Krächzen, nur dann und wann das Wuchteln ihrer langsamen Schwingen. Es war eine Zeit voll unbarmherziger Öde, voller Winterleid und Winterweh und doch eine Zeit, die seltsam bewegte und ahnungsvolle Gemüter am behaglichen Ofen erschauern machte, als wenn bereits jetzt der wundersame Stern von Bethlehem und der stille Glanz der Kerzen über sie fortginge. Ach, dieses Träumen und Suchen und dieses Sichzurückversetzen in die Tage der Kindheit! in graue Tage hinein, die sich anlassen wie Glockenklänge über ruhigen Wassern, deren Spiegel sich nicht kräuseln und deren Tiefen keine Schrecknisse bergen ... Erinnerungen, Bilder, Eingebungen! ... gleichsam durch die Maschen eines feinen Gewebes gehört und gesehen, durch Gaze und Musselin, die alles verlockender und sinnfälliger wiedergeben: Schattenspiele, die die Seele bewegen. Nur Stina Prußt hatte mit diesen Schattenspielen keine Gemeinschaft. Ihr Augenmerk war auf andere Dinge gerichtet. Der Abmachung ihres bekümmerten Vaters eingedenk, Material zu gewinnen und Indizien zu sammeln, die geeignet schienen, den Gekörten in die väterlichen Ställe zu leiten, wurden ihre Ohren zu Hasenlöffeln, ihre Lichter so hellsichtig wie die eines Wiesels. Sie lernte die subtile Kunst des verschwiegenen Hörens und Sehens, des Leisetretens auf seufzenden Dielen, des lautlosen Umdrehens von Schlüsseln und des kaum wahrnehmbaren Gleitens vom Hausflur in die benachbarten Zimmer. Sie beobachtete mit der seinen Spürnase eines gewiegten Hühnerhundes, mit der Beharrlichkeit eines Diplomaten, sie folgte dem leisesten Klingelzeichen bis in die entlegensten Gänge, sie studierte die Silhouetten, die über eine erleuchtete Gardine gespensterten, stets darauf bedacht, jeden Laut und jede Erscheinung ihren Zwecken dienstbar zu machen. Ihre Blicke und Ohren schlichen auf Pirmasensern hinter den Gebrüdern her, hinter Sigismund und Rosalie Perlchen, ohne eine geraume Zeit hindurch nur den geringsten Anhalt zu finden. Besonders machten ihr die beiden Jungen zu schaffen. Was waren das für gerissene Windspiele! Und scheinheilig wie die schönen, glänzenden Beeren an Nachtschattengewächsen! Sie vermieden alles und jedes, Spuren und Fährten zu geben. Mit der sonnigen Frechheit Korinths durchlebten sie ihr eigenes Leben. Schon wollte sie das Rennen aufgeben. Da geschah es kurz vor Heiligabend, daß sich irgend etwas Verdächtiges regte. Es mochte gegen elf Uhr sein. Das Haus war bereits schlafen gegangen. Lautlose Stille herrschte auf Fluren und Treppen. Nur seine Schneekristalle ribbelten gegen die Scheiben. Da war es ihr so, als würde auf der ersten Etage ein Name gerufen, mit dem verdächtigen Zusatz: »Rosalie, ich möchte die Plüschpantoffeln gern haben.« Sie konnte nicht irren. Jedes Wörtchen kam deutlich und scharfumrissen durch das große Schweigen gezogen. Mit aller Bestimmtheit glaubte sie die Stimme des Senior-Chefs vernommen zu haben. Na, so was! das war doch die Höhe! Das Herz schlug ihr bis in die Fingerspitzen hinein: jetzt noch Plüschpantoffeln haben zu wollen! Dann hörte sie eilige Schritte, dann nichts mehr. Vor eitel Pläsier schlug sie in Gedanken einen Purzelbaum, notierte den Vorfall unter Angabe des Tages, der Stunde und der Nebenumstände, klappte das Buch zu und freute sich des Augenblicks, wo sie wiederum das Glück haben würde, das Girren eines abgelebten Taubers konstatieren zu können. Weihnachten kam mit frischem Immergrün, bunten Lichtern und vollen Händen, von denen die einen nicht wußten, was die anderen verausgabten. Die Kranenburgerin wurde bedacht, als wäre sie die Tochter eines Nabobs gewesen, während Stina sich mit einem schäbigen Kattunkleidchen abfinden mußte, was sie veranlaßte, Ohren und Augen noch mehr auf den Schleifstein zu legen, um gegebenen Falles durch Mauern zu hören und durch verschlossene Türen zu sehen. Lange Nächte hindurch stand sie auf Posten. Keine Kälte wandelte sie an, die wärmsten Kacheln wies sie ab, die molligsten Kissen verschmähte sie, nur um Flickmaterial für die große und gerechte Sache zu sammeln. Silvester verging unter dem Geläut der Glocken, unter dem Geknatter von Feuerwerkskörpern und dem üblichen Klingen und Singen der Punschgläser. Am Vorabend des Heiligen-Drei-Königen-Tages sah sie den Zweitgeborenen mit verliebten Nasenlöchern umherschleichen. Er war seltsam erregt, bald ausgelassen fidel, bald sinnend und heimlich miauend wie ein zufriedener Kater. Dieses Miauen verstärkte sich, je später es wurde. Ja, man hätte es bei einigermaßen gutem Willen als ein Musizieren ansprechen können. Maier drängte sonderbarerweise darauf, frühzeitig schlafen zu gehen. Des Tages Müh' und Lasten seien groß gewesen, brachte er als Entschuldigung vor. Übermenschliches könne man nicht von ihm verlangen. Er sehne sich nach Traum und Schlummerrolle. »Aha!« sagte sich Stina. Eine Stunde später lagen Kind und Ingesind im tiefsten, friedlichsten Schlummer. Der Sandmann ging um und beglückte alle Kammern mit köstlichen Mohnkörnern, aber Stina ließ sich nicht irremachen und lauschte am Türspalt. Da wieder das Miauen und Spinnen und dann eine Stimme irgendwoher: »Rosalie, bringe mir 'n Stück Lilienseife, um mir zu waschen for den christlichen Jontef!« Das war Maiers Geschoß. Sein Zuruf wirkte wie Baldrian und Katzengamander, denn keine drei Minuten vergingen, da kam es auf weichen Samtpfötchen geschlichen, um dem biederen Mann die Lilienseife für den christlichen Sonntag zu bringen. Noch ein behagliches Miauen und Spinnen, dann nichts mehr. Stina wußte genug. Die beiden Alten hatten die Falle angenommen. Die Indizien waren gefunden. Der Gehörnte rückte in greifbare Nähe: auch der Ersatz für die geradezu schäbige Weihnachtsbescherung. Und abermals, vor eitel Pläsier und wegen der ihrem Vater propter Deum geleisteten Dienste, schlug sie in Gedanken einen Purzelbaum, notierte den Vorfall unter Angabe des Tages, der Stunde und der Nebenumstände, klappte das Buch zu und beschloß, nach dem morgigen Hochamt ihrem Erzeuger Rapport zu erstatten. Nein, dieser knappige, knusprige Wintermorgen, dieser köstliche Tag der Heiligen Drei Könige! Das Schneetreiben hatte nachgelassen. Ab und zu erschien bereits ein eisblaues Stückchen des Himmelreichs, das selbst in die verdrießlichsten Menschenherzen hineinstichelte und sie munter machte, als hätten sie ein Anisettchen getrunken. Nur das Heldenherz des Bocken-Dores wollte nicht froh werden. Seine Zuversicht rutschte immer tiefer zusammen. Eine Welt voller Enttäuschung, voller Kummer und Bitternis lag hinter ihm, eine neue stieg vor ihm auf, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch bedrohlicher wurde. Das Nebengeschäft hatte er aufgegeben. Es patzte nicht zu dem Grandiosen seiner inneren Aufmachung. Es bedrängte ihn, es machte ihm das Atmen schwer, es saß ihm wie ein Fremdkörper, wie ein Splitter zwischen den Rippen. Also fort damit, fort mit Stech- und Raspeleisen, mit Bohrer und dem verfluchtigen Schachtelhalm, dessen er sich zu bedienen hatte, wenn er den Holzschuhen den letzten Glanz und Schliff geben mußte! Nur in seinem Beruf suchte und fand er sein Höchstes, seine Lust und den Zweck seines Lebens ... und nun war dieser ausgetragene Maier gekommen und hatte ihm auch dieses verekelt. Das plagte ihn wie das Aufstoßen eines saftigen Monatsrettichs. Himmel Herrgott und kein seliges Ende! Mit berechtigtem Ingrimm hob er die Faust und streckte sie dem Hause Großer Markt Numero sieben entgegen. Da hörte er ... Die Glocken riefen von Sankt Nicolai herunter. Sie redeten mit eindringlichen Zungen, aber sie hatten ihm gar nichts zu sagen. Festlich aufgeputzte Menschen gingen zur Kirche, um den heiligen Tag zu begehen. Mochten sie tun, was sie wollten. Der Angora-Bock lag ihm näher als alle Weisen aus Mohrenland zusammengenommen. Die Glocken mahnten zum letzten. Er achtete nicht auf ihr mahnendes Rufen. Der Himmel würde schon ein Einsehen mit ihm haben und sein Fernbleiben begreiflich finden. Er war ein gläubiger, christ-katholischer Mann, der alle Vorschriften der Kirche eifrigst befolgte, zur Beichte ging, die Fastentage innehielt, sich nie mit Zweifeln und häretischen Dingen befaßte, dem Pastor und dem Klingelbeutel allzeit die Ehre erwies und niemals fehlte, wenn die Fronleichnam-Prozession durch die beflaggten und mit Blumengirlanden und Maien geschmückten Straßen des kleinen Städtchens triumphierte, aber heute ... heute war er nicht in der Lage, mit seinem Herrn und Erlöser zu sprechen, denn offensichtlich hatte der liebe Gott ihn verlassen. Wurst wider Wurst. Er hatte auch seine Reputation zwischen den Rippen. So blieb er denn, wo er war, in seiner Behausung, sah über die verödeten Ziegenställe fort und zählte die Schneeflöckchen, die noch vereinzelt an den Fensterscheiben niederrieselten, als gegen elf seine Tochter erschien, ihn mit strahlenden Augen begrüßte und in die zuversichtlichen Worte ausbrach: »Vater, zwei schwere Indiziums hab' ich gefunden!« Der Alte fuhr auf wie unter dem Eindruck einer hehren Erscheinung. »Wo sind sie?« Stina hielt ihm ihr Notizbuch entgegen. »Halt!« sagte Dores, und er faltete feierlichst seinen majestätischen Bart auseinander. Gleichzeitig warf er ihr einen vielsagenden Blick zu, in den bedeutende Menschen Würde und mörderische Bosheit zu legen wissen. »Warte, mein Kind. Einen Momang nur. So was muß man in aller Hoheit genießen. Ich komme gleich wieder.« Damit begab er sich nebenan in die Kammer, kramte dort eine geraume Zeitlang herum, um in vollständig sonntäglicher Aufmachung aufs neue in die Erscheinung zu treten. Die linke Hand in dem tiefen Sack einer blau und weiß gewürfelten Hose vergraben, mit der Rechten den seidenfadigen Bart nachdenklich strählend, eine Velvetjacke übergeworfen, einen frischangebrannten Zigarrenstummel zwischen den Lippen – also präsentierte er sich, räusperte sich etliche Male, streckte die Hand aus und sagte: »Alles im Leben hat seinen Gerichtsgang, oder wir können uns einmachen lassen. Ich bin parat. Stina, beginne.« Da begann sie zu lesen: »Am 22. Dezember, abends um elf. Ich war noch nicht schlafen gegangen und befand mir auf Posten. Da hörte ich rufen, aber man heimlich: Rosalie, ich möchte die Plüschpantoffeln gern haben.« »Um elfe ... und Plüschpantoffeln aufs Zimmer ...?!« meditierte der Alte. »Verdächtig! Wer war es?« »Elias.« »Höhö!« lachte Dores. »Man weiter.« »Und da hörte ich, wie Rosalie Perlchen ...« »So'n Fraumensch! und da ...?« »Vater, ich bin zu scharnierlich.« »Auch gut,« triumphierte der Edle und schlug einen mächtigen Knoten in sein strähniges Barthaar. »Der wäre geliefert. Wir kämen nunmehr zum anderen Kasus. Drum, Stina, beginne.« Da hub sie wieder zu lesen an, aber mit einem niedlichen Kichern: »Am 5. Januar, also gestern, abends um zwölfe. Ich war noch nicht schlafen gegangen und befand mir auf Posten. Da hörte ich miauen, aber man ängstlich: Rosalie, bring' mir 'n Stück Lilienseife, um mir zu waschen für den christlichen Jontef.« »Miauen ... um zwölfe ... Lilienseife für den christlichen Jontef ... aufs Zimmer ...?! Doppelt und dreifach verdächtig! Wer war es?« »Herr Maier.« »Ha!« sagte Dores. Vor eitel Freude ließ er für einen Augenblick sein Patriarchentum fahren und hoppelte von einem Bein auf das andere. »Ha! das wäre, wie es die Lateiner benennen, ein corpus delikati; aber Stina, man weiter.« »Und da hörte ich, wie Rosalie Perlchen ...« »So'n Fraumensch! und da ...?« »Vater, ich bin zu scharnierlich.« »Auch gut! Genügt mir, Stina, mein Goldkind, laß dich umarmen!« und er zog die Dralle an sich und pflasterte ihr einen festen Kuß auf die Wange. »Du hast Großes geleistet. Der Bock meckert mir zu. Ich sehe ihn antreten. Er wird meine Ställe beziehen. Die Kastemännchen werden kommen in Hülle und Fülle, werden mir aufs Dach regnen, so daß ich sagen kann: Und neues Leben blüht aus den Ruinen ... und Stina, so wahr ich hier stehe: dein schäbiges Kattunkleid wird sich in 'ne staatziöse Sonntagsrobe verwandeln, denn wisse, mein Kind« – und der alte Herr nahm eine würdige Pose an – »diese Plüschpantoffeln werden den beiden niemals geschunken. Mit Haut und Haaren soll mich der Satan verzehren, wenn sie ihr nicht mehr als das Chignon zerdrückten. Klar zum Gefecht! Her mit dem Hut! Die Welt lernt mich kennen! Ich halte Gericht ab. Aber oho! Ich mache ins Haus der Gebrüder,« und ehe sich's Stina versah, hatte er seinen Filz vom Pflockbrett gerissen, hatte ihn übergestülpt und war siegesgewiß seines Weges gegangen. – Sigismund hatte den heutigen Sonntag dazu benutzt, eine kleine Spritztour nach Kleve zu machen, Elias schlurfte am Ravelin umher, erfreute sich am Schlittschuhlaufen der Jugend und beobachtete das Getreibe der Blau- und Kohlmeisen, die in den bereiften Zweigen munter herumzäckerten, während Rosalie alle Hände voll zu tun hatte, den Braten zu spicken, in die Röhre zu schieben und sich in die Mysterien einer gefühlvollen Rosinensauce zu vertiefen. Maier saß im Kontor, revidierte die Kontobücher und machte sich ein Spezialvergnügen daraus, seinem Kommis diverse Flüchtigkeitsfehler in die Schuhe zu schieben. Fast in allen Kolonnen stieß er auf einen dickleibigen Schnitzer. Schon fünfzehn Verstöße gegen eine geordnete Buchführung ließen sich handgreiflich feststellen, abgesehen von Rasuren und Tintenklecksen. Es war zum Verzweifeln. »Der Mensch ist verliebt,« konstatierte er schließlich, »verliebt bis über die Ohren. Sollte er vielleicht mit Rosalie Perlchen ...?« Er wurde unterbrochen. »Herein!« Dores trat vor, halb Pfiffikus, halb büßender Einsiedler aus der Wüste Thebais. »Nu, wie steht's?« fragte Maier. »Schlecht,« entgegnete Dores und begann damit, seinen Bart aufzuwickeln, wobei er sich des Zeigefingers der linken Hand als Spule bediente. »Ich komme nochmals in tiefster Bedrängnis.« »Sie kommen immer zu mir in tiefster Bedrängnis,« lächelte Maier. »Was tu' ich mit 'ner tiefen Bedrängnis? Kommen Sie lieber in Fidelität un mit fünfunzwanzig Speziestaler in bar oder in Kassenscheinen, un Sie werden haben das Böckchen. Noch gestern ist der Herr evangelische Paster aus Kermesdal bei mir gewesen un wollte mir persuadieren, ihm das Tier zu belassen. Aber ich dachte ...« »Maier, ich habe Ihnen siebzehn geboten.« »Kommen Sie mir nicht mit die alten Geschichten. Sie sind schofel, die alten Geschichten. Sie haben keinen Grund unter den Füßen. Ich kann mich nicht mit ihnen befassen, denn ich bin ein solider Mann un ein vorsichtiger Mann un kann mir nicht ruinieren bei hellichtem Tag un lebendigem Leibe. Sie müssen immer bedenken: er ist ein Gewaltiger, ein Pascha: er stammt aus Angora, Herr Prußt, wo sich die Pyramiden befinden un die Schwarzen un die feuerspuckenden Berge – wohl hundert Stunden hinter Afrika fort, bis nach Indien zu, wo sie verbrennen die eigenen Frauen, um zu kommen in den indianischen Himmel, wo sie sitzen werden nackicht, aber von einer ewigen Sonne umleuchtet.« »Das bringt uns nicht näher, mein Lieber, Das haben Sie mir schon unter der Linde gepredigt. Wir müssen die Kirche schon im Dorfe belassen. Ich biete zum letzten: siebenzehn preußische Taler und kein Dobbeltje mehr nicht.« »Herr Prußt, Sie geben mir schwarze Rettiche zu speisen. Ich liebe sie nicht, sie haben etwas Ranziges an sich. Ich kann solche nicht essen.« Dores machte ein ernstes Gesicht. Den Pfiffikus und den Einsiedler aus der Thebais warf er beiseite und sagte: »Herr Maier, das Wasser steht mir just bis zum Maule. Krieg' ich das Vieh nicht, muß ich versaufen. – Aber jetzt kann ich nur noch dreizehn bezahlen.« »Spaß,« sagte Maier. »Jetzt nur noch achte.« »Herr Prußt, da ist die Türe. Gehn Sie, bitte, nach Hause. Ich habe keine Zeit mehr for Ihnen.« »Jetzt nur noch viere.« »Herr Prußt, ich bitte mir aus, wollen Sie mir hohnepiepeln for die Gewalt oder wollen Sie machen ein Späßchen, um darüber zu lachen un ein Pläsiervergnügen zu haben?« »Nee,« sagte Dores, und seine Stimme nahm eine ganz verteufelte Tonfärbung an. »Jeder ist sich selber der Nächste. Den Bock muß ich haben, und wenn ich ihn für umsonst Kriegen sollte. Wollen Sie ihn mir für zwei Taler geben, oder ein Heilighimmeldonnerwetter schlägt das ganze Haus der Gebrüder zusammen?!« Was war das? Maier fuhr auf und sah einen Heros vor sich stehen, groß und gebietend, mit steiler Falte über der Nasenwurzel und fliehendem Bart, wie ihn Moses getragen hatte, als er sich entschloß, unter Donner und Blitz den Berg zu besteigen ... und dieser Heros schien willens, über Leichen zu schreiten. »Zwei Taler und kein Dobbeltje mehr nicht!« Die Stimme des Gewaltigen rollte, als wäre es die des Oberprokurators in Kleve gewesen. Maier erbebte, hatte aber noch so viel Besinnung, seine letzten Kräfte zu sammeln und auf den Ausgang zu weisen. »Bemühen Sie sich durch das Zimmermannsloch. Dort führt Ihr Weg hin.« »Ich denke nicht dran. Eher schluck' ich 'ne Tabaksdose voll Makuba hinunter. Ich bleibe und frage noch einmal: kann ich ihn für das letzte Angebot haben?! Ja oder nein?« »Nein!« donnerte Maier. Er hatte Essigsprit zwischen den Zähnen. »Dann habe ich an Sie eine Frage zu richten.« »Ich bitte, sich bedienen zu wollen.« »Ich werde, mein Söhnchen. Ich werde, ich werde ...« und eine breite Hand legte sich dem Vieh- und Produktenhändler schwer auf die Schulter. »Wie ist das mit den Plüschpantoffeln gewesen?« »Mit was for Pantoffeln?!« »Nun mit die am 22. Dezember, abends um elfe.« »Gott der Gerechte! was tu' ich mit die Plüschpantoffeln am 22. Dezember, abends um elfe?« »Wenn Sie es nicht wissen, fragen Sie Eli.« »Was kümmert mich Eli?! Haben seine Plüschpantoffeln etwas verbrochen, sind sie gewesen unhonorig, nu, wenden Sie sich an die Plüschpantoffeln vom Eli. Ich habe die Ehre.« »Ich bin noch nicht fertig.« »Was haben Sie noch? Schweigen Sie still. Ich hätte werden können Offizier bei die Füsiliere in Potsdam. Bleiben Sie mir deshalb vom Leibe, denn ich kann fürchterlich werden.« »Man Ruhe, immer man Ruhe, oder ich rasiere Ihnen den Kopf wie 'ner Zuckerrübe herunter. Aber ich meine: wie ist das mit die Lilienseife gewesen, um sich zu waschen für den christlichen Jontef?« Der so Inquirierte fühlte einen empfindlichen Schmerz in den Kniekehlen. Er sah eine transparente Leinwand, auf der sich ungeheuerliche Dinge abspielten. Das schöne ausgeglättete Schneetuch da draußen färbte sich bläulich, dann dunkel, dann schwarz wie Rabenfittiche, wie man es nötig hatte, um damit einen Katafalk zu bekleiden. »Was for 'ne Seife?« fragte er, mehr tot als lebendig. »Nun, als Sie wie 'n Kater miauten.« »Waih geschrien! was tu' ich mit die Lilienseife, um mir zu waschen for den christlichen Jontef?!« »Und das am 5. dieses, abends um zwölfe.« Der Heros fühlte jetzt: du hast Oberwasser bekommen, und legte wie der Maharadscha von Lahore seinen mit Edelsteinen umkrusteten Bart in zwei mächtige Hälften. »Herr, ich betone: abends um zwölfe.« »Gott der Gerechte! was tu' ich mit dem 5. hujus, abends um zwölfe?!« Der Maharadscha von Lahore zuckte die Achseln. »Wenn Sie es nicht wissen – ich hab' keine Ahnung. Da müssen Sie schon Rosalie Perlchen befragen.« »Wen?!« stammelte Maier. Er hatte das Gefühl, als würde ihm vor den Assisen in Kleve verkündet: »Mache dich fertig, morgen früh um sechse wirst du enthauptet.« Es wurde ihm kalt unter dem warmen Schemisettchen. Fassungslos sah er in das ebenmäßige Gesicht seines Drängers und Bedrückers, kniff das linke Augenlid und die linke Mundecke ein und fragte nochmals mit schiefgezogenem Antlitz: »Herr Prußt, wen nannten Sie eben?« »Rosalie Perlchen.« »Bitte, lassen wir das,« und er lächelte bittersüß, schmerzhaft-gütig, selig-beklommen, etwa so, wie die weißen Zinnbeschläge auf einem Sargdeckel lächeln, trat etliche Schritte rücklings und ließ sich auf seinen Kontorsessel nieder. Er nahm ein Lineal, betrachtete es mit forciertem Interesse, wippte es auf und nieder und meinte: »Gott, Herr Prußt, wie kommen Sie nur auf die Plüschpantoffeln un die Lilienseife abends um Zwölfe?! Es sind unreine Sachen. Man muß ihnen mit die Stiefelspitzen in den Hintern treten. Ich werfe sie von mir. Ich will sie nicht sehen. Na, un die Rosalie Perlchen! Ich werfe sie auch über die Schulter. Ich habe mit ihr keine Gemeinschaft, will keine haben. Da liegt sie: aber ich denke, Sie sind ein kulanter Herr un ein bedachtsamer Herr, um zu reden mit Ihnen ein verständiges Wörtchen.« »Bin ich immer gewesen, Herr Maier.« »Allerhand Achtung! un Sie verstehen zu schweigen?« »Auch dieses, mein Bester.« »Un Sie möchten gerne das Böckchen besitzen?« »Aber natürlich.« »Gott, was'n Wort! Wo befinde ich mich? Höre ich richtig? Nu will er's mit einemmal haben – das Böckchen! Ich bitte Ihnen, mein Lieber – warum sind Sie damit nicht eher gekommen, hab' ich's doch verteidigen müssen gegen den Herrn Ökonomen Otten vom Orth und gegen den Herrn evangelischen Paster zu Kermesdal – sechs lange Monde hindurch, in Trauer un Schmerzen, mit 'ner barbarischen Forsche, nur um Ihnen zu machen 'n spezielles Vergnügen? Sie hätten nur brauchen zu sprechen, un es wäre Ihnen gewesen for' ne geringe Abfindungssumme. Indessen, ich will Ihnen was sagen ...« Und Maier erhob sich. Er erhob sich als ein gesundeter Mann, frei von aller Not und Bedrückung, trat vor seinen Widersacher hin und sah ihm tief in die Augen. »Gut denn, Sie sollen ihn haben – den Pascha. For zwei preußische Taler sollen Sie ihn für immer besitzen. Warum nicht gar! Nein – Sie sollen ihn haben for gratis. Gehen Sie gleich in den Stall un nehmen ihn mit sich; aber nur unter einer Bedingung ...« »Wem erzählen Sie das?« und Dores schlug sich auf sein Velvetjackett: »Hier wohnt das Schweigen des Grabes, die Fülle des Dankes. Indessen – da wäre noch Stina, meine einzige Tochter, mein Herzblatt. Für das ausgefallene Weihnachtspräsent müßte sie schon 'ne gebührende Gratis-Robe beziehen.« »Soll sie empfangen die Robe. Warum nicht? Ist sie doch stets 'ne auserwählte Bedienung gewesen. Mag sie hingehen zu Mamsell van der Grinten un sie bestellen for mein eigenes Konto. Es kann auch ein schönes wollenes Jäckchen bedeuten.« »Brav so!« und Dores hielt ihm die Hand hin. »Die Sache wäre hierdurch geregelt, ohne Ansehen der Person und zwischen vornehmen Leuten, und somit ...« und seine Stimme floh hin wie der Ton einer heiligen Synodalposaune: »Mit dem heutigen Tage hat das Haus Numero sieben in mir 'nen Freund gefunden auf Leben und Sterben, allweil auf Posten, stumm wie 'n Sargnagel, toujours in Gala für seine Geschäfte, zu Meer und zu Lande, und sollte einer den Schnabel auftun, um ihm das Honnör zu verkleistern – Himmelkreuzgewitter und kein seliges Ende! ich breche ihm alle Knochen im Leibe zusammen. Wie Beihau! Das soll hiermit gesagt sein, und damit: adjüs denn.« Gemessen verließ er die Stube, drehte sich dem alten Holunder und der Stadtmauer zu, und keine Viertelstunde verging, da stolzierte er mit dem angehalfterten Großmogul über den Marktplatz den heimischen Ställen entgegen, aufgeschirrt wie obenbesagter Maharadscha von Lahore, nur mit dem Unterschied, daß dieser an Stelle des meckernden Vierfüßlers einen bengalischen Tiger hinter sich führte, aber die Würde des Maharadschas blieb ihm zu eigen. Gott segne dich, Dores! Zehntes Kapitel Maier verzehrt wieder andalusische Krachmandeln, und der Bocken-Dores veröffentlicht eine vielsagende Annonce im ›Klever Volksfreund‹, desgleichen im ›Gelderischen Liboriusboten‹. Passah, Passah! Warum Friedrich der Große den silbernen Leuchter stiftete und weshalb dieser am Vorabend des Festes leuchtet. Was sich im Verlaufe weniger Stunden alles begeben, wie Rosalie unter Tränen lächelt, einen Brief übergibt und das furchtbare ›Mene tekel‹ erscheint. Maier erwartet wie ein Gerichteter den jungen Morgen. Alles ist eitel. Die Gefahr war behoben, die graue Sorge verzog sich, und der Zweitgeborene konnte wiederum in aller Seelenruhe seine andalusischen Krachmandeln verzehren. Auch die kleine Stadt gefiel sich ihrerseits in einer ausbündigen Freude, denn anderen Tages stand im ›Klever Volksfreund‹, desgleichen im ›Gelderischen Liboriusboten‹ folgendermaßen zu lesen: »Meinen Gruß zuvor! Da es mir endlich gelungen ist, und zwar durch schier unerschwingliche Aufmachungen, Kosten und Gepflogenheiten, den präliminierten Angora-Bock des Herrn Maier Spier käuflich zu erwerben, so befinde ich mich in der angenehmen Lage, auch den größten Anforderungen hinsichtlich Bedienung, Zucht, Milchertrag usw. usw. bestens entgegenzukommen. Dem geschätzten Publico daher zur gefälligen Nachricht: alle Herrschaften der Kreise Kleve und Geldern, die sich als Ziegenbesitzer ausgeben können, sind nunmehr wieder befähigt, sich ab Ende April promptest und billigst Grabenstraße Numero dreizehn ergebenst decken zu lassen. Vorherige Besichtigung freundlichst erbeten. Gott beschütze das noble Haus Spier! Theodor Prußt, Bockhaltereibesitzer und Ehrenmitglied des Zuchtvereins: ›Alles fürs Vaterland‹.« Also Ende April konnte es losgehen, aber Geduld war nötig, um diesen Termin zu erwarten, denn noch manches Fröstchen mußte erduldet werden, bevor das erste Frühlingslüftchen die Halme auseinander scheiteln und allem, was tot schien, zuflüstern mochte: »Aufgewacht und freut euch des Lebens! Lobsinget dem Herrn, denn seine Güte währet ewiglich!« Ja, bis dahin hatte es noch seine gehörige Weile, allein es drängte bereits in Bast und Borke, in Ackerkrumen und Menschenherzen, in Gräsern und Gräschen. Die Tage längten sich, und die Nächte verloren an Atem ... und da eines Morgens ... Gottes Schöpferhand griff in die keimende Wintersaat, nahm eine Lerche aus dem jungen Grün und warf sie in den Himmel hinein. Da schwebte sie im ewigen Blau und sang von hier aus ihr Jubellied über die erwachende Erde. Es lief ein Klingen wie von Osterglocken durch die Luft, es lag an stillen Abenden ein zukunftsfreudiges Scheinen am tiefen Horizont, als begönnen jetzt schon die heiligen Feuer zu brennen, auf allen Deichen und Fluchthügeln, von Rees bis zum Emmericher Eiland. »Halleluja! Halleluja!« sangen die Christenmenschen, und die jüdischen Glaubens waren, reichten sich die Hände, dachten an alte glorreiche Zeiten und sagten mit glücklichen Augen: »Nun ist Passah gekommen.« Passah, Passah – Passah des Herrn! das ist der Name des am 14. Nisan, also am ersten Vollmond des Frühlings zu begehenden Festes; denn also gebot der Herr zu Mose und Aaron in Ägyptenland: »Am zehnten diesen Monats nehme jeder ein Lamm, da kein Fehler an ist, ein Männlein und eines Jahres alt. Ihr sollt es essen am Abend, weder roh, noch mit Wasser gesotten, sondern am Feuer gebraten. Sollt auch seines Blutes nehmen und damit die beiden Pfosten an der Tür und die oberste Schwelle bestreichen. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen, beides unter Menschen und Vieh. Und das Blut soll euer Zeichen sein an den Häusern, darinnen ihr seid, daß, wenn ich es sehe, vor euch vorübergehe und euch nicht die Plage widerfahre, die euch verderbe, wenn ich Ägyptenland strafe. Und sollt diesen Tag haben zum Gedächtnis, und sollt ihn feiern dem Herrn zum Fest, ihr und alle eure Nachkommen, zur ewigen Weise.« Da gingen die Kinder Israel hin und taten, was der Herr Mose und Aaron geboten hatte. Zur Mitternacht aber schlug er alle Erstgeburt, von dem ersten Sohn des Pharao an, der auf seinem Stuhl saß, bis auf den ersten Sohn des Gefangenen im Kerker, und alle Erstgeburt des Viehs. An den Häusern der Juden jedoch war der Würgeengel mit seinem blutigen Schwerte vorübergegangen. Passah, Passah – Passah des Herrn! Frühlingsfreude da draußen, Frühlingsfreude in den Herzen der Menschen! In dem laulichen Wind, der durch die Vorgehölze summelte und über die jungen Gräser der Wiesen und Deiche dahinstreichelte, nickten die Sumpfdotterblumen, schaukelten sich die Erlentröddelchen an ihren Zweigen, machten die Weidenkätzchen ihre Staubbeutelchen auf, um ein süßes Arom über die weite Landschaft zu räuchern. Die stehenden Wasser blühten. Die Stachelbeersträucher in den Gärten schlugen ihre smaragdenen Äugelchen auf. Unter den Bocksdornhecken, die den heiligen Ort umfriedeten, woselbst der Herr über Leben und Sterben seine Toten entboten hatte, war es blau von Veilchen geworden. Die Pfingstrosen stießen bereits ihre fetten Kolben aus dem warmen Erdreich. Die Tauber rokuzeten, und auf dem Giebel der Gebrüder saß ein gesprenkelter, gesinnungstüchtiger, stahlfarbiger Starmatz und sang von hier aus seine anmutige Strophe von morgens bis abends. Passah, Passat, – Passah des Herrn! Frühlingsfreude da draußen, Frühlingsfreude in den Herzen der Menschen! Auch im Hause der Gebrüder Spier rüsteten sie in emsiger Weise auf Passah. Es duftete nach Lammbraten, Zwiebelsauce und ungesäuerten Broten. Am Abend des Tages, da das Fest vonstatten gehen sollte, schleierte es sich vom Westen herauf, legte es sich in grauen Tüchern über die kleine Stadt, als wenn der Gebieter Himmels und der Erde damit umginge, die Lebewesen unter ihm mit seinem Weihbronnwedel zu segnen. Und er ging damit um, denn kurz vor dem Abendläuten fiel ein warmer, sanfter und fruchtbarer Regen nieder und erquickte alles, was keimte, seine Spelze entfaltete und mit Masern und Fasern die Erdkrumen absuchte. Da tat auch die hochbetagte Linde ein übriges, streckte ihre leichtangegrünten Zweige der rieselnden Feuchte entgegen und begann heimelig zu säuseln. Im Spierschen Anwesen hellten die ersten Fenster auf. Auf weichen Selfkantschuhen traf man die letzten Anordnungen. Im Speisezimmer zur ebenen Erde stand die Tafel gerichtet, vier Gedecke auf Reihe, mit dem besten Kristall ausgestattet, sorgfältig placiert, mit geschnittenem Palm und Osterblumen dazwischen. Die Läden waren vorgelegt, die Gardinen heruntergelassen. Ein siebenarmiger silberner Leuchter paradierte inmitten des Tisches, reich ziseliert, als wäre er in der Werkstatt des Benvenuto Cellini entstanden. Er repräsentierte ein Prunkstück seltenster Art, ein Muster gediegener Juwelierkunst, stammte er doch aus dem Nachlaß Ephraims, des längst dahingegangenen Großvaters der beiden Gebrüder. Laut einer Kabinetts-Order Friedrichs des Großen an die Klevische Regierung war besagtes Silberstück in die Hände Ephraims, eines patriotischen Mannes, gekommen. Das Allerhöchste Schreiben lautete aber solcherweise: »Wir, von Gottes Gnaden Friedrich König von Preußen, entbieten zunächst Unseren Königlichen Gruß. Liebe Getreuen! Wir haben verlesen und Uns vortragen lassen, was Ihr unterm 25. Juni in Sachen des Ephraim Spier alleruntertänigst berichtet. Wir nehmen mit Anteil Kenntnis davon, daß genannter Ephraim Spier Uns und Unseren Armeen während der dritten schlesischen Campagne durch Übersendung rheinischen Viehs getreulich zu Diensten gewesen. Da solches, nach Eurem Ermessen, in löblicher und selbstlosester Weise erfolgte, selbiger sich auch von tadelloser Gesinnung erwiesen, sonder Schalkheit und Arglist, auch ohne sich des ›Corriger la fortune‹ zu bedienen, haben Wir Uns in Gnaden resolvieret, ihm Unser Königliches Wohlwollen nicht vorzuenthalten, und verfügen und bestimmen hiermit: Besagtem Ephraim Spier ist ein siebenarmiger silberner Leuchter zu behändigen, und zwar im Werte von fünfunddreißig Talern preußisch Courant, so durch Unseren Schatullenbewahrer zur Auszahlung kommen. Alles Weitere dem Commissarius loci. Sind Euch in Gnaden gewogen. Berlin, den 29. August 1765. Friedrich Rex. An die Regierung in Kleve.« Daß von dieser Kabinetts-Order eine beglaubigte Abschrift in das Heim des also gefeierten Mannes gelangte, war nur zu verständlich. Von Ephraim kam sie auf Marcus, von diesem auf Elias und Maier und hing nun seit vielen Jahren über der Glasservante im Speisezimmer, woselbst die beiden Junggesellen ihr Sonntagsporzellan aufbewahrten, ihre Gläser und Kelche, nebst anderen Raritäten und Kostbarkeiten. Auch nahm es nicht Wunder, daß Eingeborene und Fremde, so die Schnitzwerke in der Sankt Nikolai-Kirche besichtigten, die Gelegenheit wahrnahmen, sich das Königliche Edikt und den historischen Leuchter zeigen zu lassen. Bei solchen Visiten machte Maier den Erklärer und Mentor, belichtete die Angelegenheit von allen Seiten und Kanten, flocht viel des Bedeutsamen ein, um schließlich immer wieder die nämlichen imposanten Worte zu bringen: »Ephraim Spier un der König in Berlin – Gott was for Koniferen in Preußen! Ihre Seele sei eingebunden im Büchlein der Lebendigen. Amen, Sela!« und alsdann gingen die Besucher belehrt und in gehobener Stimmung nach Hause. Daß der denkwürdige Kerzenträger nicht alle Tage ausgestellt wurde und seinen eigentlichen Zwecken zu dienen hatte, auch das lag in der Natur der Dinge begründet, denn jedes Weihestück, gleichviel ob es kirchlichen oder weltlichen Gepräges ist, verliert an Fülle und Eindruck, muß es sich allzuhäufig verherrlichen und bewundern lassen. Auch hier bestand das geflügelte Wort der Piepmösch zu Recht, wenn sie behauptete: »Willst du beliebt sein, mach' dich rar, Hausiere nicht mit feilen Wippchen; Du weißt, man schätzt den Kaviar, Nicht Sauerkohl mit Schweinerippchen.« So wurde denn der Siebenarmige nur bei den allerfeinsten Anlässen, am Wiegenfest Seiner Majestät des Königs, an den Geburtstagen der beiden Inhaber, bei größeren Geschäften, die einen in die Augen springenden Rebbes gezeitigt hatten, am Heiligen Christ, Silvester und bei allen Gelegenheiten mit Andacht und Glorienschein aus Watte und köstlicher Leinwand gewickelt, um sauber geputzt den Abend zu schmücken und ein feiertägiges Licht zu verbreiten. Das war auch heute der Fall. Er stand mitten auf der runden, sorglich gespreiteten Tafel. Eine wohltuende Helle ging von ihm aus, ein mildes Verstehen und ein opalisierendes Schildern. Der sonst so nüchterne Raum erwärmte sich unter dem seinen Leuchten der sieben Kerzen in Anmut und Schönheit. Die Mahagoni-Möbel verloren ihr schlichtes Wesen. Sie umkleideten sich mit Scharlach und Purpur. Die weißgekalkten Wände dehnten sich nach Höhe und Breite, schienen aus Ölbaum- und Zedernholz zu sein, mit gedrehten Knoten und Blumenwerk und umkrustet mit dem roten Golde von Ophir. Alles nahm einen seltsamen Glanz an, verfeinerte sich, atmete Seele und Leben und erinnerte an die kleine Vorhalle des Tempels in Jeruschalajim. O, daß ich tausend Zungen hätte ...! und dazu dieser nur angedeutete, aber würzige Ruch nach Lammbraten und Zwiebelsauce, der, auf linden Schwingen getragen, von der nahegelegenen Küche herüberdüftelte, so ahnungsvoll, so süß und anheimelnd, als wäre er von den Myrrhenhügeln, aus den Krautgärtlein des gelobten Landes gekommen. O, daß ich tausend Zungen hätte ...! und siehe: jetzt tat sich die Tür des Nebenzimmers auf, und die Männer des Hauses erschienen: erst der Senior-Chef, dann Maier, dann Sigismund Mendel, alle feiertägig gekleidet, den Zylinder im Nacken und mit ernsten Gesichtern. Wortlos traten sie um die erleuchtete Tafel. Maier duftete nach Mandeln, Sigismund nach Zimtborke. Elias hingegen gab keinen Wohlgeruch von sich. Dafür hielt er das Buch der Bücher, die Haggada, zwischen den Händen, jene heilige Überlieferung, so die Bibel nach ihren erbaulichen, ethischen und geschichtlichen Motiven behandelt und auslegt, und sein Antlitz glänzte wie das eines Verklärten. »Wer fehlt noch?« fragte er, sich umblickend. »Rosalie Perlchen,« antwortete Maier. »Wo steckt sie?« »Wird sie aufmunterieren den Hammelbraten, um ihn lieblich zu machen,« entgegnete Mendel. »Ich werde sie rufen.« »Bleibe,« gebot Elias, »denn man soll die Arbeitsamen nicht stören. Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an un lerne. Auch wir wollen lernen un ihr Tun nicht beirren.« So sprach er, legte das Buch ab und schlug die Stelle auf, die er vorzulesen gedachte, als sich alle Augen der Türe zuwandten, die sich lautlos in ihren Angeln bewegte. »Jetzt kommt sie,« flüsterte Sigismund verloren vor sich hin. »Aber wie kommt sie? Sie gehet herauf aus der Küche wie ein gerader Rauch, wie ein Gemengsel von Myrrhen, Weihrauch un allerlei Spezereien eines Apothekers. Komme, Nordwind, stehe auf, Südwind, un wehe durch meinen Garten ...« »Schweige,« fiel ihm Maier ins Wort, »hier hat nur Eli zu sprechen,« und Elias sagte: »Rosalie, sei uns willkommen.« »Ich danke den Herren.« Sie neigte den Kopf und senkte die Augenlider. Ihr Anblick erfreute die Herzen. Sie trug das weiße Kleid mit den Rosaschleifchen, das ihr der Heilige Christ auf den Weihnachtstisch gelegt hatte, dazu die siebenfältige Granatschnur und die klingenden Ohrgehänge. Eine frauliche Schönheit umgab sie. Nur mochte es dünken, als wäre sie etwas stärker geworden, als hätte sich das Schlanke und Biegsame der Jugend verloren, wenn auch nur andeutungsweise, ahnend, wie mit einem weichen Pinsel wohlig umrissen, und war doch gleich einer schmucken Weidengerte an den Altwassern des Rheines gewesen. Sie fröstelte wieder, allein dieses Frösteln war ein anderes Frösteln als früher. »Was hast du?« fragte Elias. »Hast du erfahren Leid oder sonst 'ne Bedrückung?« Sie winkte wehleidig ab. »Mir fehlt nichts,« sagte sie tonlos. »Gut – also setzen wir uns,« und alle ließen sich nieder auf ihren Platz, nickten sich zu und legten die Hände zusammen. Die Kerzen begannen leise zu knistern. Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterläden, bald stärker, bald leiser, bald mit derben Knöcheln, bald mit dem linden Schurfeln von Katzenpfötchen, und in dieses Trommeln hinein hub Eli an, in den Lauten seines Volkes zu lesen, und er las, wie der Todesengel von Türe zu Türe gegangen, wie er die Erstgeburt erwürgt und geschlagen bei allen denen, die es unterlassen hatten, die Pfosten ihres Hauses mit dem Blute des Opferlammes zu färben, wie Moses die Gebeine Josephs mit sich genommen, da er auszog mit Israel aus dem Land der Ägypter, sechshunderttausend Mann zu Fuß, ohne die Kinder, wie sie gesungen, als Pharaos Macht dahin war, mit Pauken- und Zimbelbegleitung: »Lasset uns preisen den Herrn, denn er hat eine herrliche Tat getan, Roß un Wagen hat er ins Schilfmeer gestürzet. Der Herr ist meine Stärke, mein Lobgesang un mein Heil. Er ist mein Gott, ich will ihm lobsingen: er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben!« und er las immer weiter und weiter, bald volltönig, bald tremulierend, und er breitete silberne Tücher vor ihnen aus und üppige Weiden, und er zeigte ihnen Kanaan, das Land der Verheißung ... Er beschwor die Leviten, wie sie bliesen auf silbernen Schaufaren von den Tempelstufen herunter, gen Norden und Süden, gen Aufgang und Untergang ... Er rief die Könige ins Leben zurück, das weite Reich mit dem See Tiberias, an dessen Gestaden der Flachs rosig blüht und auf den Triften die Hyazinthen wachsen wie bei uns die Maßliebchen in den ersten Tagen des Frühlings ... Er ließ die Makkabäer erstehen, Judas, des Mattathias Sohn, da er auszog, die Feinde zu schlagen mit der Schärfe des Schwertes... Er sang den Gesang der drei Männer im Feuer ... und er sprach das Gebet Manasse, des Königs Juda, da er gefangen war zu Babel, und sagte: »Herr, allmächtiger Gott unserer Väter un ihres gerechten Samens, ich bitte un flehe: Lasse mich nicht in meinen Sünden verderben un lasse die Strafe nicht ewiglich auf mir bleiben, denn dich lobt alles Himmelsheer un dich soll man preisen immer un ewiglich. Amen!« So sang er, so sprach er, so betete er, in der schwermütigen Art seines Volkes, die Augen weit geöffnet, den Lederriemen um die Linke gewunden, ab und zu das Kinn schabend, bald mit den Zeichen der Trauer und bald mit denen der Freude. So sang und betete er eine lange Stunde hindurch, bis die Kerzen merklich tiefer gebrannt waren und der Regen aufgehört hatte, gegen die Läden zu rascheln. Da klappte er das heilige Buch zu, legte die Hände darüber und ließ seine Blicke von einem zum andern wandern, klug und verständig, mit den Augen eines kundigen und forschenden Mannes. Und er sah seinen Bruder an und fand ihn getröstet im Herrn, voller Zuversicht und keine Sorge tragend um die künftigen Tage. Und er sah seinen Neffen an und fand ihn heiter und zufriedenen Geistes, denn Sigismund lächelte, wie die zu lächeln pflegen, die gewohnt sind, aus verbotenen silbernen Schalen zu trinken. Und er sah Rosalie an und wurde traurig im Herzen, denn sie saß an der gespreiteten Tafel, als pilgerte ihre Seele durch eine trostlose Wirrnis, die Lider gesenkt, mit schmalen Lippen und die Tränen sammelnd, die sie vergossen hatte. Da sprach er sie an und fragte: »Was hast du?« »Ach Gott!« seufzte sie leise. »Ist dir widerfahren Leid oder hast du sonst 'ne Bedrückung?« Sie winkte wehleidig ab. »Mir fehlt nichts,« sagte sie tonlos. »Gut! so mag denn der Lammbraten kommen, auf daß wir begehen das Fest nach der Satzung des Herrn.« Und der Lammbraten kam in brätelnder Tunke, mit angeschwitzten Zwiebeln und weißen Rübchen garniert, die der Herr Gärtner Simonis vom hinteren Bollwerk extra hierfür in seinen Mist- und Frühbeeten herangezogen hatte. Die Schabbesgoi bediente. Sie tat es mit Umsicht, mit zartem Verständnis, feinhörig, ohne dabei mehr hören zu wollen, als gut war, denn Stina Prußt hatte ihr altes, schäbiges Evagewand abgelegt und sich mit einem funkelnagelneuen umkleidet. Aus dem weiblichen Saul war ein weiblicher Paulus geworden. Noch vor Weihnachten eine Harpyie, jenes mythische Wesen von den Strophadischen Inseln, das lediglich darauf ausging, das Herz der Chefs zu zerfleischen, turtelte sie gleich nach Silvester durch alle Kammern des Hauses herum wie ein Holztäubchen im knospenden Frühlingswald, des Spruches eingedenk, der da lautet: »Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut! Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen ...« und das hatte mit ihrem Singen nicht die Lorelei getan, sondern das warme Wolljäckchen, mit Kaninchenfell verbrämt, die kostenlose Überführung des gepriesenen Angora-Bockes in die väterlichen Ställe, wo er jetzt meckerte und es sich genüglich machte, als wären für ihn die Tage eines omnipotenten Paschas von Janina erschienen. »Wie geht's dem Herrn Vater?« fragte Maier, als sie ihm die stattliche Assiette anpräsentierte. »Ich danke der Nachfrage, es geht ja.« »Un der Kapitale, den ich ihm habe vermacht als Präsent, sozusagen for gar nichts – wie befindet er sich?« »Ich danke gleichfalls der Nachfrage. Er amüsiert sich so durch und hat seine Arbeit.« Sie bot dem Senior-Chef die Schlüssel an, dann Sigismund Mendel, dann Rosalie Perlchen. »O!« rief die Piepmösch, »der Herr Vater wird reich durch ihn werden, denn zu ihm werden kommen alle Ziegen aus der ganzen Umgebung, aus Till un Appeldorn, aus Moyland un Luisendorf: selbst aus Matterborn un Hönnepel werden sie kommen. Un kommen wird die Schwarze vom Herrn Kogeleboom, un die Rahmweiße von Mamsell van der Grinten, un die Bunte mit's abgebissene Ohr vom Herrn evangelischen Paster ... O! un sie werden bringen Kastemännchen bei Kastemännchen un Lujerdor bei Lujerdor, auf daß das Haus voll werde un die Firma Prußt 'ne bedeutsame Firma wird werden.« »Wollen's hoffen,« schmunzelte Stina, trat aus dem wohligen Lichtglanz des Leuchters zurück, warf noch einen prüfenden Blick über die Tafel, schlenkerte mit ihren üppigen Hüften und begab sich wieder zur Küche, um dort auf ihre Art Passah zu begehen und das Weitere abzuwarten. Der Braten war saftig, die Sauce über jeden Zweifel erhaben, die weißen Rübchen von preziösester Zartheit, wäre nur nicht plötzlich diese sonderbare, bedrückende Stille eingetreten, hätte sie nicht gelastet auf allem, was lebte und atmete! Selbst die Kerzen schienen trüber zu brennen. Sie erinnerten an Totenlampen, an das matte Glimmen von Asche. Kaum hörbar tropfte das überschüssige Wachs auf die silbernen Schalen. Elias blickte verängstigt auf seinen Bruder. Der wußte nicht, was er von der eigenartigen Stille halten sollte. Auch Sigismund nicht, und als ihre Blicke auf Rosalie fielen, war es ihnen so, als wäre die letzte Stunde durch das Zimmer gegangen. Die Heimgesuchte rührte sich nicht. Sie saß entgeistert, die Hände im Schoße, das Antlitz von einer wächsernen Bleiche. »Was kuckst du?« rief Elias sie an. »Was tust du? Warum plinkerst du nicht mit die Augen? Soll ich lassen rufen den Doktor, um dir seine Bekömmnis zu geben?« Sie winkte wehleidig ab. »Mir fehlt nichts,« sagte sie tonlos. Elias erhob sich. »Ich irre mich nicht. Du siehst aus wie der Malach Hamoves.« Er trat dicht an die Leidende. Als müsse er ihr das Enkörchen noch weiter auseinander teilen, um durch ihre weiße Brust hindurch in ihrem Herzen wie in einem aufgeschlagenen Buche zu lesen, so sah er sie an. »Rosalie, ich beschwöre dich im Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs – was hast du?« Ihre Blicke, die, ohne dabei etwas zu finden, keusch am Boden hafteten, hoben sich ängstlich. »Mir ist nicht gut,« sagte sie leise. »Eli, geh' in den Keller,« rief Maier. »Als Ältester geh' in den Keller un hole 'ne Flasche Lafitte mit 'ner ehrenwerten Etikettierung. Aber vom besten. Nimm Sigismund mit, um der Forcht wegen in der Nacht. Es sind Ratten im Keller.« Da machten der Senior-Chef und die Piepmösch sich auf, das Verlangte zu holen, während Maier zurückblieb, die Lehne seines Sessels umgriff und Rosalie betrachtete, als hätte sie mit dem Tode zu ringen. Aber nicht lange. Die Sterbende empfing Blut und Leben zurück, erhob sich und trat dicht an die Seite des Fassungslosen. Wortlos entnahm sie ihrem Busen ein versiegeltes Schreiben, küßte es, um es dann feierlichst neben seinen Teller zu legen. Große Tränen standen in ihren Augen. »Es ist an euch beide gerichtet,« sagte sie schmerzlich, »an dich und Elias. Es ist Zeit, daß ich spreche. Ich darf nicht mehr warten. Das Licht will sich auftun un in die Finsternis dringen. Es ist nicht um meinetwegen allein, daß ich so rede. Es geht um eure Ehre un die eures Hauses. Ich will nicht, daß sie zeigen mit Fingern auf mich un sagen zu mir, was sie zu denen sagen, die an den Straßenecken stehen, sich lieblich haben un klingeln mit den Ohrgehängen aus Silber. Die Nachbarsleute mit ihrem Getu' un Gehabe, mit ihren Verdächten un schmutzigen Lippen werden mich einkreisen. Ihr müßt mir schon beistehn, oder soll ich mich an die Fürsorge wenden? Ich wäre alsdann gezwungen, Namen zu nennen, was mir schwer ankommen würde. Das mögt ihr bedenken – du un Elias. Ich geh' auf mein Zimmer. Nimm's nicht vor übel, aber ich mußte so handeln.« Maier sah Nacht um sich, dann wieder strahlende Helle. Der siebenarmige Leuchter brannte wie ein Rauchaltar. Er schickte feurige Garben zur Decke, um dann wieder stumpf und lichtlos zu werden. Der Torquierte stierte zu Boden, zählte die Teppichmuster und rieb fröstelnd die Hände gegeneinander. Als er wieder aufschaute, stand Rosalie in der geöffneten Türe, die linke Hand auf der Brust, die Rechte warnend erhoben, und sagte zum andern: »Das mögt ihr bedenken – du un Elias.« Dann klinkte sie ein – sie, diese kleine Schwerenöterin, die zweifellos wußte: hätten sich lediglich die beiden Chefs um ihre Neigung bemüht, sie wäre zeit ihres Lebens eine Jungfrau und ein taubes Haselnüßchen geblieben. Nur noch ein leises Weinen im Hausflur, ein Seufzen und Wimmern. Aber auch dieses verging, als wäre es von Geisterhänden fortgewischt worden, während der Einsame das Siegel erbrach und mit stieren Augen die Zeilen durchhastete. Als er geendet, sackte er mit einem stumpfen Laut in sich zusammen. »Rosalie ...!« Sein entsetzter Blick nahm die gegenüberliegende Wand an. Aber auch hier kamen die bedrohlichen Zeichen zum Vorschein, scheußliche Lettern auf kalkigem Grund, wie sie gestanden hatten im Schlosse des Königs von Babylon. Die Furien des Orest konnten nicht brutaler sein als diese feurigen Buchstaben. Und die weiße Hand schrieb und schrieb und fand kein Ende des Schreibens. »Mene – tekel – upharsin!« Mit Kulpsaugen, bleiern wie die eines Schellfisches, folgte er den furchtbaren Schriftzügen. »Gewogen un zu leicht befunden!« Er wollte schreien. Er vermochte es nicht. Die Zunge war ihm gleichsam aus dem Halse geschält. Er wollte sich aufraffen, auf und davon gehen. Die Kräfte versagten. Unsichtbare Gewalten fesselten ihn, zogen ihm einen hanfenen Strick durch die Zähne, schmiedeten ihn an, knebelten ihn. Er suchte die Wände nach irgendeinem Nagel ab, geeignet, einen kleinen Selbstmord in die Wege zu leiten. Er fand keinen Nagel. Hierauf gedachte er seine Sinne zu ordnen, sie wieder in normale Bahnen zu leiten. Sie kündigten ihm Gehorsam und Folge aus. Er hatte Erscheinungen. Die Ältesten der jüdischen Gemeinde traten ins Zimmer. Er sah den Rabbiner, den Beschneider, den Vorsänger, den Schächter. Alle in schwarzem Zeug, die Gebetriemen um die Hände gewickelt. Er sah den Doktor Simmchen Levi, der fünfundachtzig Jahre auf seinen schmalen Schultern herumtrug. Sie zerrissen die Kleider und spuckten ins Zimmer. Der Vorsänger stellte sich auf den Kopf, stelzte mit den Händen über die blankgescheuerten Dielen und hub mit den Füßen an: »Ein Psalm Davids, vorzusingen auf der Githith mit acht Saiten. Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimme ...« und alle fielen in den furchtbaren Psalm ein: der Rabbiner, Doktor Simmchen Levi, der Beschneider, der Schächter ... beängstigend, aus der Tiefe heraus, hoch im Diskant ... und dabei die feurigen Lettern, die Schrift an der Wand, Rosaliens Zeilen ... Und immer wieder mußte er lesen und lesen: »Gewogen un zu leicht befunden! Gewogen ...« Er kam nicht weiter. Elias erschien, die Bouteille im Arm, hinter ihm Sigismund Mendel. Er prallte zurück. Mit einem hingekeuchten: »Die Welt geht kapores!« stierte er auf seinen verwüsteten Bruder. Er hatte kaum Zeit, die schönetikettierte Lafitte auf die Tafel zu stellen. »Maier, wo ist sie? Ich meine ...« Da aber Maier! Die Faust auf dem entsetzlichen Schriftsatz, war er in die Höhe gefahren. Das Gesicht verzog sich. Die Goldplomben kamen zum Vorschein. »Eli, ich beschwöre dich, Eli! Weg mit der Flasche! Schicke Sigismund fort! Lasse ihn gehn.« Er streckte die Hand aus. »Sigismund, geh', ich hab' mit Eli zu sprechen. Geh' jetzt un sieh dich nicht um ... ich hab' hier mit deinem Onkel zu reden ...« und als dieser verschwand und die Tür hinter sich zuschlug: »Eli, zerreiße die Kleider! Über uns kommt das Gericht un die Strafe des Herrn.« »Um Himmelswillen, was ist dir?!« »Lies un verstumme. Lies den Brief un das, was dort an die Wand steht!« Und Elias las, um rücklings auf einen Sessel zu taumeln. »Fallit!« Der Kopf sank ihm vornüber. Die Arme versagten. Er ließ sie wie zwei Waschhölzer fallen. Seine blutunterlaufenen Äugelchen krochen wie die einer verängstigten Ratte über den Tisch hin, suchten die Wände ab, glitten auf den Boden nieder, wo sie sich in der Tiefe des Zimmers verloren. Er murmelte unverständliche Worte vor sich hin, ohne selber den Sinn dieser Worte zu ahnen. Er versuchte die Arme zu heben. Matt sanken sie ihm wieder am Leibe herunter. Mit aller Willenskraft zwang er den greisen Kopf in die Höhe. Er vermochte es nicht, ihn auf den Schultern zu halten. Endlich gelang's ihm. »Maier,« stammelte er mit umflorter Stimme, »das Schreiben ... bitte, nochmal ... Möglicherweise: es ist bloß ein Träumen gewesen, ein böses.« Der Zweitgeborene hatte sich wiedergefunden. Die Stirn glättete sich. Das graumelierte Cäsarenhaupt kam aufs neue zum Vorschein. Er nahm Rosaliens Schreiben, striegelte es und las laut und vernehmlich: »Lieber Maier un Elias ...« »Das steht so geschrieben?« »Ja, so steht es geschrieben.« »Lies weiter.« »Euch beiden zur Kenntnis. Ich bin gekommen zu euch von Kranenburg her, wie gekommen ist Ruth, die Moabiterin, zum reichen Herrn Boas. Ich wollte nur Ruth sein, aber ich bin geworden wie die junge Abisag von Sunem un doch nicht wie diese. Die Regungen des Fleisches waren stärker als ich. Ich bin geworden wie Thamar. Weh' mir, daß ich es wurde! un nu steht der Todesengel vor mir un ruft mir zu: Rosalie, wo hast du deine Unschuld gelassen? Ihr müßt mich verstehen, wenn ich euch sage: Ich möchte meinem Leben den Inhalt übermitteln, den es benötigt, um mich wieder ehrlich zu fühlen. Ich sündigte durch die himmlische Unwissenheit meines Geschlechtes. Ich verkenne die eigene Scham nicht. Aber frommt mir das ...« Der Senior-Chef gestikulierte mit Armen und Beinen. »Gott, wäre sie doch Ruth, die Moabiterin, geblieben! Wäre sie doch ... wäre sie doch verstorben in Kranenburg, im Land ihrer Väter! Wäre sie doch ... Ich halt's nicht mehr aus ... un wenn ich so alles bedenke ...« Er stierte ins Leere. »Ja, wenn!« bestätigte Maier mit fatalistischem Schmunzeln. »Aber sie diskontiert schon auf die zukünftigen Tage.« »Schweige! Ich kann's nicht mehr hören! Ich will's nicht mehr hören! Es drückt mir die Luft ab. Alles, was beißt, will über mich her: die Ratten un Mäuse. Maier, treibe sie fort. Nimm 'nen Besenstiel un jage sie in die sandige Wüste oder ins Schilfmeer. Ich bitte dich, Maier! Wir wollen bringen ein Opfer. Wir wollen geben den Zehnten an Vieh, an Weizen un gemahlener Gerste. Wir wollen ihr bieten Geschmeide un köstliche Steine ...« »Was wollen wir bieten?« fragte dieser, mit einem Ton in der Stimme, als habe er unversehens auf ein Frankfurter Würstchen gebissen. »Geschmeide un köstliche Steine!« »Du bist wohl meschugge! Heiraten will se.« »Was will se?« »Heiraten will se. Einen von uns beiden – das will se.« »Luft!« schrie Elias. Sein Kopf sank vornüber. Da stürzte Maier ans Fenster, riß auf und stieß die Läden zurück. Ein unruhiger Mond trieb durch zerrissene Wolken. Die alte Linde brauste und sauste herüber. Auch die überständigen Pappeln, die jenseits der Landwehr aufragten, nahmen die laute Musik an und begannen gleichfalls zu rauschen, dunkle Orgelspieler der Nacht und des Verhängnisses, das heraufzog, um alle Lebensfreude zu erwürgen. Hu! und ein langgezogener Luftstrom schlug ins Zimmer herein, wirbelte die Gardinen auf und nahm alles Licht von dem siebenarmigen Leuchter, daß der weite Raum eindunkelte, als käme ein Staubregen von der Decke herunter. Nur die mittlere Kerze flackerte weiter, der letzte Gruß einer noch vor kurzem segensreichen und festlichen Tafel. Der letzte! und war alles öde umher und leer und verwüstet, wie auf einem Bankett, wo plötzlich die Geigen verstummten, die Trompeten und Pauken, und die Hand der Verwesung über das Tischtuch knöchelte, um diesem, dem Silbergeschirr, den Kelchen und Gläsern das Leben abzusprechen. Der letzte Gruß! Der letzte, der letzte! Der Senior-Chef brach völlig zusammen. Nur Maier stand aufrecht. Er erinnerte an Bonaparte auf der Vendôme-Säule. Mit der Kraft eines Makkabäers riß er seinen inneren und äußeren Menschen aufwärts. Er trat an die Seite des geschlagenen Bruders. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. Er beugte sich nieder. Er suchte nach Worten und fand sie: »Bekriege dich, Eli. Sei doch nicht so ganz auseinander. Mit 'ner Tränenbüchse haben wir keine Gemeinschaft. Können wir doch nicht waschen 'ne Mohrin zu 'ner schneeweißen Jungfrau. Ruth ist Ruth, un Thamar ist Thamar. Sei stramm wie'n Wachtmeister. Wir haben nu mal mit Rosalie Perlchen zu rechnen. Aber nicht heute. Morgen ist auch noch ein Tag, un übermorgen der zweite, un überübermorgen der dritte, un dann noch die übrigen Tage. Seien wir Männer mit 'nem klaren Verstand. Rechnen wir aus, was ist profitlich un was ist schofel for uns un die Firma. Sind unsere Talers in den Abtritt gefallen, können wir sie wieder ziehen aus Schmutz un Unrat, sie waschen un aufs frische in Kurs setzen, als wären sie nicht in den Abtritt gefallen. Eli, sei weise. Wir müssen die Sache beschlafen.« »Beschlafen!« schrie Eli. Das Wort zermarterte ihn. »Warum nicht? Wofor hast du Angst? Ich sagte schon, übermorgen ist auch noch ein Tag, un dann noch die übrigen Tage. Komm' mit mir. Du mußt auf dein Zimmer. Hier muffelt es zu sehr nach Rosalie Perlchen.« Der Senior-Chef schüttelte bedenklich den Kopf: er seufzte, als hätte er stündlich den 9. Thermidor zu erwarten, der ihm gebot, in das Messerchen der Guillotine zu stieren, ließ sich aber von seinem Bruder willig auf die erste Etage geleiten. Bald darauf kehrte Maier zurück, schloß das Fenster und nahm wieder Platz an der verlähmten Tafel. Wie alles so abgeblaßt war, so grau in grau, so kalt und gespenstisch! Noch immer rauschte die alte Linde herüber. Er vernahm es durch die geschlossenen Läden hindurch. Das Brausen war drohender und stärker geworden. Er hörte darauf wie auf die Stimme des Gerichtes. Sein Mut hatte ihn wieder verlassen. Das Cäsarenhaupt senkte sich tiefer. Er streckte die Beine; besah sich die kalkigen Finger. So von Gott und aller Welt verlassen zu sein! Er deuchte sich elender, heimgesuchter, mißhandelter als eine Maus in der Falle. Er sah die letzte Kerze immer tiefer brennen, tropfen und kohlen. Immer tiefer und tiefer. Und dann ... ein Zucken, ein rasches Verlöschen. »Was nu?« fragte er heiser. Er blieb, wo er war. Er wollte nicht aufstehen. Warum auch? Als er nach etlichen Stunden die Läden aufmachte, sah ein heiterer, warmer, sonniger Frühlingsmorgen ins Zimmer. Elftes Kapitel Trotz aller Unbill und Widerwärtigkeit scheinen die Dinge sich zum Guten zu wenden, zumal Elias den Code Napoleon auftreibt und die Stelle erwischt, worin geschrieben steht: »La recherche de la paternité est interdite.« Hierauf gründete sich die Politik der beiden heimgesuchten Ehrenmänner. Doch leider: diese versagt, erweist sich als irrig. Der brave Brocken-Dores als Patriarch und Warner. Sigismund verharrt in seiner untätigen Rolle. Er weiß nichts und wäscht sich die Hände in dem laulichen Wasser der Unschuld. Ein Drohbrief unter erschwerenden Umständen, während nachtschlafender Zeit und mit infernalischem Schellengebimmel. Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Sie hatten Wind gesäet, aber es wollte den Anschein nehmen, als ließe der Sturm auf sich warten. Mit dem jungen Morgen stellte die alte Linde ihr ungestümes Sausen ein, schwiegen die Pappeln ringsum, lag das Anwesen so friedlich unter dem Himmelreich, als wäre die verflossene Nacht eine Nacht des Heiles und der Versöhnung gewesen, als hätte Rosalie Perlchen niemals eine Feder berührt und niemals geäußert: »Ich wollte nur Ruth sein, aber ich bin geworden wie die junge Abisag von Sunem, un doch nicht wie diese. Ich bin geworden wie Thamar. Weh' mir, daß ich es wurde!« Nichts davon bekundeten die folgenden Tage, nicht die Spur eines Sonnenstäubchens, nicht die eines Gedankens. So schien es ... und mit hellem Getön gab der Star sein ›Amen‹ dazu und pfiff von dem hohen Giebel des Spierschen Hauses so munter in Gottes schöne Welt hinein, daß die Leute stehen blieben und sagten: »Allerhand Achtung! Der kann's ebensogut wie die Piepmösch.« Und er konzertierte freier und schöner, immer inniger und zuversichtlicher, wobei die Himmelsschlüsselchen erwachten, die Schneeglöckchen klingelten, die Tage immer pläsierlichere Hirtzensprünge machten und der Herr Notarius Lenz sich frühlingsfreudig in die weiße Pikeeweste hineinlegte und seinen Angestellten gebot, die Oleanderbäume aus der dumpfen Öde ihres Winterquartiers zu holen. »An die Luft mit den Kübeln. Avanti!« Hei! da war es dem Büropersonal eine besondere Ergötzlichkeit, sie schnurgerade auszurichten, in Parade, die Schnirkeltreppe entlang, als wären die Grenadiere des preußischen Soldatenkönigs auf Schloßwache gezogen, während der Gestrenge selber das Ganze befehligte und den Dessauer Marsch dazu pfiff, stramm und exakt und mit dem scharfen Geschrill einer Pikkolo-Pfeife. Mit dem Aufstellen der Oleanderbäume hatte der Frühling wirklich und wahrhaft seinen Einzug gehalten. Nun konnte nichts mehr fehlschlagen, nichts mehr die gute Laune verderben, denn der Herr Notar hatte hiermit die Sache offiziell beglaubigt, was entschieden mehr wertete, als alle Prophezeiungen der Wetterkundigen im heiligen Reich deutscher Nation. Er sollte recht behalten, wenigstens im Hinblick auf die Gepflogenheiten des sonst vergrämeltsten Monats im Jahre. Dazu kam noch sein fröhlicher Präsentiermarsch. Er kribbelte bis in die Zehenspitzen hinein, machte die Köpfe klar und salbte die Gemüter mit dem Öl der Erkenntnis. Auch die beiden Junggesellen atmeten auf, und wenn auch Rosalie noch immer wie eine Leidende umherging, ihr Tränenkrüglein dem unergründlichen Kännlein der Witwe von Sarepta ähnelte – sie hofften auf den Ausgleich der Dinge, auf die Möglichkeit einer ehrlichen, wenn auch falschen Prognose, um schlimmsten Falles die unliebsame Angelegenheit durch Preziosen in Schick und Richte zu bringen, obgleich sie sich als gewiegte Kaufleute sagen mußten: Es ist nicht klug und wohlgetan, sich mit der Politik eines Vogel Strauß zu befassen. Aber sie hatten ihre eigene Ansicht und ließen die Dinge hingehen, als wären es die unscheinbaren Flugsamen der Kettenblumen gewesen, zumal da Dores als Herold vor ihnen einhertriumphierte und die Allbarmherzigkeit, die noble Einfalt und die vorbildliche Freigebigkeit der Gebrüder in alle Winde trompetete. Die Firma Prußt war ihr Schrittmacher geworden, der Angora-Bock ihr gediegenster Wardein und Spender. Ihr Ansehen wuchs, der Gleichmut der Seelen stellte sich wieder ein, und die bösen Augenblicke, die die Passahfeier zu einem Begebnis der Niedergeschlagenheit, der Verzweiflung und der Trauer gemacht hatten, heiterten auf, um sich schließlich als harmlose und friedfertige Gesellen herauszumustern. Kommt Zeit, kommt Rat, alles wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird – mit diesen Axiomen liebäugelten sie, befreundeten sie sich und glaubten daran wie an die Auferstehung des Fleisches und die Anschauung Gottes. Allerdings – dann und wann kamen ihnen Bedenken, und Elias setzte alle Hebel in Bewegung, Beispiele aufzutreiben, die mit dem vorliegenden Fall eine gewisse Ähnlichkeit hatten, aber in der Lage waren, für mildere Umstände zu plädieren, wenn nicht das Strafbare völlig auszuschalten. Deshalb las und studierte er alles, was ihm tauglich schien, auch die milbenfeinsten Gewissensbisse aus seinem Herzen zu schmeicheln: Handpostillen, den Talmud, die Bibel, Almanache, so den ›Wacholdergeist für das Volk‹, den ›Lahrer hinkenden Boten‹, Zeitschriften, Schmöker übelster Sorte, selbst Hintertreppen-Romane, die sich mit den Nacht- und Schattenseiten des menschlichen Lebens befaßten, und wenn er so glücklich war, eine auf seine Lage passende Stelle gefunden zu haben, beehrte er seinen Bruder und sagte: »Ich hab' schon wieder was Großes in petto.« »Nu, was hast du in petto?« »'n Beispiel, um uns zu waschen adrett for Gott un die Menschen.« »Schön!« nickte Maier, »studiere man weiter.« »Nur keine Sorge. Ich tu's schon, un wenn ich ausstudiert habe, fällt uns alles Unreine stückweise vom Leibe herunter. Aber auch alles. Bedank' dir beim Eli,« und als ihm eines Tages der Bürovorsteher des Herrn Notarius Lenz das auch für den gesamten Niederrhein geltende französische Gesetzbuch zustellte und er nach eifrigem Bemühen den Artikel 340 des Code Napoleon vom 20. März 1804 erwischte, da taumelte er in eine purpurblaue Nacht der Verzückung, der Verklärung und der restlosen Wonne. Kaum vermochte er sich auf den Beinen zu halten, so wirkten die Zeichen auf ihn ein. Fünfmal, zehnmal, zwanzigmal las er den betreffenden Passus. Auf einer Jakobsleiter stieg er in das ewige Himmelreich. Er begrüßte die Patriarchen, die Propheten, die großen und kleinen. Sie tranken aus Goldpokalen und brachten ihm einen herzlichen Willkomm. Er erfreute sich der Sulamith und der keuschen Susanne. Er sah alles, was hehr und heilig war und den Allgütigen lobte. Er hätte die Welt umarmen, sein ganzes Geld zum Fenster hinauswerfen mögen, nur um dieses einzigen Paragraphen wegen. Welcher Inhalt! Welche Klugheit! Welch ein Geist, welch ein grandioses Wissen und Wollen! Welch ein Können sprach aus diesem herrlichen Buche! Es war die Leuchte der Leuchten, das Alpha und Omega einer erhabenen Einsicht. Er stolperte von einem Glücksgefühl in das andere hinein. Er sah Sonnen, Monde, Planeten, Feuerwerkskörper, und das alles bei hellsichtigem Taglicht. Er vernahm Harfen und Zimbeln, Geigen und Flöten, und unter diesem vielfältigen Klingen schleifte er so rasch, wie er konnte, ins Kontor, um seinem Bruder diese unfaßbare Mär zu verkünden. Leider! auch die Piepmösch war anwesend, saß auf dem Drehstuhl und reihte Zahlen an Zahlen. »Sigismund, geh' in die Küche,« gebot er, »aber sofort un bestelle der Perlchen: wir wollen essen 'nen Kalbsbraten heute, zu Abend, aber 'nen großen mit Nieren.« Maier erstaunte. »Eli, was hast du?« »Lasse ihn gehn. Ich kann nicht mehr warten. Wir müssen unser Mysterium haben, unser Geschmuse. Wir müssen ...« Da sah die Piepmösch schief in die Ecke, legte den Kopf auf die Seite und dachte beim Verlassen des Zimmers: »Wenn sie besitzen ihre Heimlichkeit, so besitz' ich die meine,« und ging in die Küche. »Maier, ich hab's. Ich hab's endlich gefunden!« »Eli, was hast du gefunden?!« »Das große Exempel. Wir können trinken 'ne Flasche Schepagner zusammen.« »Woso?« fragte dieser. »Wir sind schuldlos geworden, proper wie die gewaschenen Kinder. Wir haben nichts mehr zu förchten, befinden uns rein aus dem Dalles. Hier steht es,« und damit hatte er den Code Napoleon auf den Kontortisch geklatscht, aufgeschlagen und den Zeigefinger auf den wichtigen Passus gestempelt. »Maier,« rief er begeistert, »es geht wie Matzes und Manna herunter.« Dann las er: »Artikel 340: La recherche de la paternité est interdite , oder mit anderen Worten: Nach der Vaterschaft zu suchen, wird hiermit verboten.« Er schaute auf, um den lapidaren Satz auf seinen Bruder wirken zu lassen. Der stierte ins Leere, ins Rätselhafte hinein, als stünde Moses vor ihm und hätte noch einmal das Wunder mit dem brennenden Dornbusch vollführt. Hierauf stellte er die Fingerspitzen gegeneinander und fragte mit einer Stimme, die all ihren Glanz und ihren Schmelz vor eitel Staunen eingebüßt hatte: »Eli, wer hat's niedergeschrieben?!« »Der Kaiser Napolium selber.« Da schlug er die Hände zusammen, hielt sich an einer Stuhllehne fest, um vor tiefer Erregung nicht seinen Halt zu verlieren. »Gott soll mich behüten in dem dreimal heiligen Himmel da oben! Unser König ist gut, aber der Kaiser ist besser. Hurra Napolium! Er müßte eingelegt werden in peruanischen Balsam. Dieser Plie, diese Majestät! Es ist zuviel für 'nen einzelnen Menschen. Wir wollen ihm schreiben. Wir wollen ihm schreiben nach Paris. Aber trinken wir erst 'ne Bouteille zusammen, um ihm zu danken for seine große Bekömmnis,« und damit riß er die Tür auf und rief durch den Hausflur: »Sigismund, per sofort: vier Gläser un 'ne Flasche Schepagner, aber die vom obersten Ende! auch die Perlchen soll kommen,« und bevor noch der Sekundenzeiger fünfmal seine eilige Runde gemacht hatte, saß bereits die ganze löbliche Korona um den Kontortisch, knallte der Pfropfen, zischelte und brüsselte es. stiegen die amüsanten Bläschen in den hohen Spitzgläsern auf und nieder. Rosalie und Sigismund sahen sich an, als würde mit vollen Backen zur Kirmes geblasen. Sie sannen hin und her. Erwogen dieses und jenes, zerbrachen sich die Köpfe, bis die Kranenburgerin schließlich auf den angenehmen Gedanken verfiel, das niedliche Intermezzo könnte vielleicht mit ihren innigsten Herzenswünschen zusammenhängen. Diese Erwägung machte ihre Pulse schneller klopfen, verschönte sie und ließ ihre samtbraunen Mandelaugen in Tränen stehen, als Maier ans Glas klingelte, sich erhob, jedem einzelnen zublinkte und sagte: »Lieber Eli, Freunde un Gesinnungsgenossen! Es gibt erhabene Augenblicke im menschlichen Leben, solche, die sich mit die Geschäfte befassen, un solche, die sich nicht mit die Geschäfte befassen. Letztere nu haben 'ne tiefe Begründung. Allein sie vertragen die Luft nicht un müssen im Verborgenen bleiben. Ich will auch weiter nichts sagen. Nur dies noch. Wenn einer sich in 'ner schweren Bedrückung, in 'ner gewissen Niederlage befindet, muß er sich an den Kaiser Napolium wenden. Der Mann weiß Bescheid mit's Kriegführen un mit die Füseliere von hinten. Aber er kennt sich auch aus mit die Gesetzbücher un die menschlichen Schwierigkeiten. Die ihm nicht passen, läßt er einfach von seine impotenten Marodöre verzehren, auf daß wir sagen können: Suum cuique! Sein Wahlspruch.« »Bravo!« Elias nickte ihm Beifall. Maier sprach weiter. »Er hat Schwung, dieser Mann. Er ist l'empereur un Bürger in dem nämlichen Atem. Er ist gesetzt for die Christenmenschen un alle, die sich bekennen zum mosaischen Glauben. Er hat die Lazzeruntasch erfunden un die Bataille verfertigt. Er duwelliert sich mit die wildesten Völker in Afrika un solche, die sich hundert Stunden hinter die Vereinigten Staaten befinden. Er ist überall allgegenwärtig. Auch in diesem Hause will er präsent sein. Er streckt die Hand über uns aus un wendet alles zum Guten, ist er doch gesetzt for die leidenden Völker. Der Mann verdient ein gefälliges Gläschen. Nu, warum soll er nicht verdienen ein gefälliges Gläschen? un daher: der Kaiser Napolium lebe – Hurra un nochmals Hurra un zum drittenmal Hurra!« Alle stießen an: die Brüder recht kräftig und zukunftsfreudig, Rosalie nur schwächlich und die Piepmösch am schwächlichsten, denn die letzten wußten so recht nicht, wo die Rede hinauswollte und was sie bezweckte. Aber die Chefs wußten es, ihre Gedanken flüsterten es sich wechselseitig zu: »Artikel 340: La recherche de la paternité est interdite , oder mit anderen Worten: Nach der Vaterschaft zu suchen, wird hiermit verboten.« Nach dieser Stunde war den beiden ein Alp von der Seele gefallen. Sie konnten es darauf ankommen lassen, denn das Gesetz bot keine Handhabe, ihnen besonders unangenehme Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Nur das Gerede, das heimliche Tuscheln und Raunen, das Flüstern von Ohr zu Ohr, das Pasquillieren von Haustür zu Haustür, am Stammtisch, auf der Kegelbahn, und das Hantieren mit dem Scherchen ›Fleißiglich‹ – wenn solche Dinge nur nicht aufkommen wollten! Aber sichtlich ging auch dieses vorüber. Die Stadt blieb ruhig, die Estimierung hielt an, und so konnten sie, abgesehen von kleinen Zwickereien des eignen Gewissens und der Tränen der Perlchen, sich wieder des Lebens erfreuen und mit frischem Mut ihre Geschäfte betreiben. Maier schaffte für viere. Von morgens bis abends war er auf Tour, teils zu Fuß, teils mit dem Schimmelpferdchen. Er besuchte die Bauern und Großgrundbesitzer in der ganzen Umgebung. Er rief in Emmerich an, in Hönnepel, in Hochend, er sprach in Till und Beylerward vor, und wo er anklopfte, machte er Abschlüsse und gute Verträge. Auch hatte er bereits einen großen Teil der Orders für die diesjährige Roggen- und Weizenernte getätigt, natürlich unter Vorbehalt und mit schönen Prozenten. Ganz schlicht und einfach, nur mit dem landläufigen Leinwandkittel angetan, die seidene Schirmmütze übergezogen und den geschälten Dorn in der Rechten führend, mehrte er den Kassengewinn, allzeit von dem erhabenen Grundsatz beseelt: »Der Mensch hat im Schweiße seines Angesichtes seine Tage zu nützen, bis zu ihm kommt der unerbittliche Zerstörer aller Gemeinschaft.« Die Vogel-Strauß-Politik machte allerdings weitere Fortschritte, ließ sich nichts abgehen, ohne dabei das Bedenkliche ihres inneren Wesens zu zeigen und sich vorderhand irgendwelche Schwäche zu geben. Und doch war alles nur Talmi, Katzengold, das trügerische Glimmen von Holzmulm. Die übertünchten Gräber im Tale zu Josaphat boten mehr Gewähr für eine lebensfreudige Praktik als diese unzulängliche Staatskunst und verstanden es nicht, wie die hellen Gebrüder sich so leichtfertig mit den bedrohlichen Tatsachen abfinden konnten. Allerdings, der Wüstenvogel hatte Kopf und Hals in irgendeine Röhre geschoben, wähnte sich geborgen, allein sein stattlicher Pürzel wackelte herausfordernd über dem Sandloch, bis es schließlich aller Welt auffallen mußte. – Es war an einem gottwohlgefälligen Abend. Die Luft hing voller Sonnenglanz und rosiger Schaumwölkchen, in den Wiesen schwirrten die Rallen, und tief im Westen stand eine Glorie, wie sie sich nur noch findet auf den Tafeln niederrheinischer Meister – siehe: da marschierte der Zweitgeborene, von Honnepel kommend, woselbst er Kleesaat umgesetzt hatte, in das Hanselaerer Tor ein, quietschvergnügt und immer noch zehrend an dem fundamentalen napoleonischen Grundsatz, als in Höhe des Marktes der Bocken-Dores auf ihn zutrat, den Bart auseinander scheitelte und mit zusammengerückten Augenbrauen erklärte: »Sie wissen, was ich damals gesagt hab'! Damals hab' ich gesagt: das Haus Numero sieben hat in mir 'nen Freund gefunden auf Leben und Sterben, allweil auf Posten, stumm wie'n Sargnagel, toujours in Gala für seine Geschäfte, zu Meer und zu Lande, und sollte einer den Schnabel auftun, um ihm das Honnör zu verkleistern – Himmelkreuzgewitter und kein seliges Ende! ich brech' ihm alle Knochen im Leib zusammen.« Er machte eine vielsagende Pause. »Ich weiß es.« bestätigte Maier. Dores fuhr fort: »Das halt' ich auch noch heute für voll, denn was Sie mir und Stina an Liebe und Wohlwollen angetan haben, das wird mit dem Rosenkranz heruntergebetet. Für Ihnen bin ich auf Posten gestanden, hab' ich gelaustert, ob einer das Mundwerk offen tun täte, um Ihnen an den Schandpfahl zu heften. Allerdings: offenkundig hielten sie den Schnabel geschlossen, aber inwendig und heimlicherweise ...« Maier wurde unruhig. Er schwitzte wie ein Kalkant auf einer Orgeltribüne. »Herr Prußt, ich bitte Ihnen, machen Sie keine Menkenke.« Der Alte sah sich vorsichtig um. Als er sich überzeugt hatte, daß ringsumher keine Gefahr drohte, sagte er leise: »Menkenke? Ich mache niemals Menkenke. Aber es stimmt nicht im preußischen Vaterland. Alle Mann auf Deck! Sie und Herr Eli befinden sich dem Pulverfaß nahe.« »Spaß!« lächelte Maier. »Ich sage Ihnen, die Schlüssellöcher haben Augen und die Türen Ohren bekommen. Man redet von Mißbrauch des Bettes.« »Spaß!« wiederholte Maier: aber er hatte das Lächeln vergessen. »Kreuzkuckuck noch mal! ich will nur Ihr Bestes, denn Großartigkeit gegen Großartigkeit. Diesen Standpunkt habe ich immerst vertreten, ebenso wie das erhabene Wort: Mit Gott fang' an, mit Gott hör' auf, das ist der beste Lebenslauf. Ich weiß, was ich weiß. Seien Sie vorsichtig, oder es kommt über Ihnen wie Lack und Moratze. Die ganze Geschichte hakt mit Rosalie Perlchen zusammen.« Der Vize-Chef erbleichte, bezwang sich aber und schlug einen überlegenen Ton an. »Herr Prußt,« sagte er grandig, »das beängstigt mich nicht. Wir können's. Wir haben den Kaiser Napolium mit uns, wir un die Firma.« »Der?!« griemelte Dores und kniffelte die Enden seines Bartes zusammen, »der hat im preußischen Vaterland nichts mehr zu sagen. Und dann überhaupt so! Wer will gegen die sogenannte Heimlichkeit anoperieren? Im allgemeinen geht's nicht und im speziellen erst recht nicht. Das ist justemang, als würde einem bei nächtlicher Schlafzeit die Luft abgedreht mit schmutzigen Händen.« »Herr Prußt, bleiben Sie bei 'ner richtig gehenden Besinnung. Es zerreißt mir die Ohren.« »Trotzdem! Sie sollen in mir Ihren Freund estimieren. Vor dem Paragraph sind Sie schuldlos, Sie und der Eli, aber vor dem intimeren Maulwerk werden Sie einfach verdonnert. Das klebt Ihnen an, das schleppt Sie moralisch aufs Schafott, das ruft Ihnen den Rabbiner, den Gebettempel und die ganze Stadt über dem Halse.« Maier bibberte. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen vielmals. Herr Prußt.« »Hier ist gar nichts zu danken. Sie müssen sich selber benehmen. Der Kaiser Napolium kann gar nichts drin machen. Der konnte nicht mal die moskowitischen Russen und den alten Blüchert belernen. Sie aber ... lassen Sie die Veilchen schießen, Sie und der Eli, oder aber ...« Er unterbrach sich. »Da kommt wer. Ich geh' jetzt.« Maier gab Öl, schwitzte Salztränen und sah nur noch eine zertrümmerte Welt, über die sich eine blutrote Gardine hinzog, und in dieser Verfassung ging er, nein: taumelte er über die Schwelle des sündigen Hauses. Also das war das Ende! Unter ihm wankte der Boden, über ihm brach der Himmel zusammen. O du Barmherzigkeit Gottes! auch der berühmte Artikel 340 konnte ihm absolut nichts mehr bieten. Dores hatte ihm die Augen geöffnet, hatte ihm Bilder gezeigt, die selbst eine Schreckenskammer nicht aufweisen konnte. Er wischte sich über die Augen, diese Phantasmagorien aus seinem Gesichtsfeld zu scheuchen. Aber was half es? Immer kehrten sie wieder, nur noch schrecklicher, vertierter, mit qualmender Lohe überschüttet. Jetzt erkannte er erst: in diesem Falle war auch der große Kaiser machtlos geworden. Vor dem Friedensrichter konnte der gefeierte Paragraph vielleicht noch bestehen, aber nicht vor dem Geraune der kleinen Stadt, dem Rabbiner, dem Gebettempel, nicht vor der Moral und seinem eigenen Gewissen. Er warf sich in den Sessel hinein, nachdem er zuvor die Tür abgeriegelt hatte. Er wollte allein sein, vorderhand keinen mehr sehen. Ihm kamen Gesichte. Er vernahm gellende Posaunenstöße, die ihn wirbelsinnig machten. Wa... was! waren das nicht die silbernen Posaunen, die von den Leviten geblasen wurden und zum Sanhedrin, dem fürchterlichen Gerichtshof, riefen«! Ja, er wurde gerufen, er wurde vor die Stufen des höchsten Gesetzes geladen. Er sah die gerichteten Bänke, das Buch der Bücher, den Ankläger, die Zeugen, Rosalie Perlchen. Er sah die schwarzgekleideten Diener die umflorten Ölbehälter anstecken. Er sah sie umhergehen, ihn mit unbarmherzigen Augen verfolgen. Irgendwo wurde eine dumpftönende Bronzeschale angeschlagen. Dann eine entsetzliche Stille, und durch diese Stille kam einer gewandelt, bleich wie das Sterben, mit strähnigem Bart, ebenholzschwarz, gleich den Schwingen eines Raben: Joseph Kaiphas, der Schwiegersohn Hannas, aus dem Geschlecht der Sadduzaer. Und Joseph Kaiphas, der das Amt des Hohenpriesters führte, ließ sich nieder und trat in die Verhandlung ein, unerbittlich und mit blutleeren Lippen. »Erbarmen, Erbarmen!« Aber es gab kein Erbarmen. Er wurde mit Asche bestreut, und durch diesen Aschenregen hindurch vernahm er die Worte: »Er ist schuldig der Tat. Steinigt ihn, steinigt ihn!« Bald darauf fand er sich im Tal Josaphat wieder, dem traurigen Tal zwischen schwarzen Felsblöcken, durch die der Kidronbach gurgelte. Es war die Gerichtsstätte. Er sah noch die Knechte ihre Oberkleider ablegen, die Muskeln mit Öl salben und sich niederbeugen. Sie griffen nach Steinen, hoben sie gegen ihn auf, fluchten und lachten ... Dann nichts mehr. – Gegen acht Uhr des Abends wurde er ruhiger. Er speiste gemeinsam mit seinem Bruder, der Kranenburgerin und Sigismund Mendel. Trotz der großen Aufregung, die ihm in den Gliedern lag, beherrschte er sich: aber immer wieder trat ihm in den Sinn: »Du zählst zu den Ausgestoßenen. Du bist vermaledeit unter den Menschen!« Zuweilen wähnte er, noch im Sanhedrin zu sitzen, auf gespannter Bank, die düsteren Lichter, die eilfertigen Diener und Joseph Kaiphas vor Augen ... und dort in der Ecke, neben dem blankgewichsten Kanonenofen mit den Messingschlängelchen, dämmerte das Tal von Josaphat auf, mit seinem monotonen Gegurgel und den grausamen Kieseln. O diese Stätte der Tränen! Mit aller Willenskraft zwang er diese Eingebungen nieder. Heute noch nicht, erst morgen wollte er mit seinem Bruder das Nähere überlegen, um wenigstens einen erträglichen Ausgang aus dieser qualvollen Enge zu finden. Mit dem neuen Tageslicht war der Geist vielleicht klarer, gesunder, aufnahmefähiger. So wartete er denn. – Während des Abendessens wurde kaum eine Unterhaltung geführt. Die Lampe summelte durch den hohen Zylinder; auf der Anrichte brannten zwei Kerzen. Sonst keine Anregung, kein freundliches Wörtchen. Nach dem Abdecken empfahlen sich Rosalie und Sigismund Mendel, sie unter Tränen, er in gleichwertiger Seelenverfassung und Zimtborke kauend. Bald darauf erhob sich auch Maier aus seinen Todesgedanken und sagte: »Du, gehen wir schlafen,« als die Hausklingel gerissen wurde und durch alle Gänge und Flure rumorte. Das infame Geräusch schien einen hundertfältigen Resonanzboden gefunden zu haben. Es drang aus dem Keller, aus dem ersten Stockwerk, es lamentierte hoch vom Söller herunter. Mit schlotternden Knien begab sich Maier zur Haustür. Niemand war draußen, aber ein Brief lag im Kasten. Den nahm er, eilte ins Zimmer zurück, erbrach das Kuvert und las mit Teleskopaugen: »Mene tekel! Die Historie von Susanne und Daniel. Vers drei: Sie hatte fromme Eltern, die sie unterwiesen nach dem Gesetz Mose – Vers Zwanzig: Der Garten ist verschlossen. Niemand siehet uns. Wir aber sind entbrannt in deiner Liebe. Darum so tue uns unsern Willen. – Vers einundzwanzig: Da erseufzete sie und sprach: Ach! wie bin ich in so großen Ängsten. Denn wenn ich es tue, so bin ich des Todes; tue ich es aber nicht, so komme ich nicht aus euren Händen. Zum letzten: Und es geschah ihnen nach dem Gesetz, wie sie sich an ihrer Nächsten verschuldet hatten, und wurden getötet. Also ward des selbigen Tages ein junges Leben gerettet.« Die Unterschrift fehlte. Da brach Maier wie eine gefällte Kiefer an der Tafel zusammen. Das war wirklich das Ende. »Gott Abrahams, hilf mir!« Jetzt hatte auch Elias gelesen ... und taumelte gleichfalls ... ein Rohr im Winde ... und knickte ab, um sich mühselig und jammernd in eine Sofaecke zu schleppen. Bange, endlose, martervolle Minuten vergingen. Alle Folterwerkzeuge im ›getäfelten Stüblein‹, wo Meister Peinmann mit seinen Gesellen amtierte, waren Annehmlichkeiten gegen diese nichtswürdigen, stumpfen Minuten. Maier, als der Jüngere und Stärkere, erholte sich endlich und sprach wie durch einen blutigen Nebel hindurch, abgehackt ... zerbrochen ... hin und her tastend ... gleichsam mit einem Messer im Rücken ... Er erzählte ihm alles: sein Begegnen mit Dores ... dessen Wahrnehmungen ... das geheime Gerede ... und wie der Artikel 340 an Boden verlöre und gewissermaßen vor dem öffentlichen Gerichtsverfahren der mißgünstigen Menschen ersticken müsse. Dabei drehte er mechanisch das Licht ab und zündete die Kerze an, die ihn jeden Abend beim Schlafengehen auf sein Zimmer begleitete. Der Senior-Chef hörte zu, als würden ihm die Sterbegebete gesprochen. »Lasset alle Hoffnung fahren! Unsere Arbeit ist for gar nichts gewesen. Wir haben nur Grummet geerntet.« Es war ein Jammer ohnegleichen, ein Sichverlieren in eine steinichte Wüste, die weder eine kühle Oase hatte, noch das Labsal einer munteren Quelle. Dazu das Schweigen einer Gräberstraße, das Säuseln von schwarzen Lebensbäumen, das Brennen von trüben Totenlampen. Aber durch dieses Schweigen dämmerte es plötzlich auf. Maier stierte in dieses Dämmern mit glanzlosen Augen. Es mußte etwas geschehen ... ohne zu zögern ... in gegenwärtiger Stunde. Und es geschah etwas: ein Eingriff mit schartiger Klinge. Zwölftes Kapitel Warum Maier die Kerze ergreift und den entsetzten Bruder auffordert, ihm auf sein Zimmer zu folgen. Das Grausen im Hause. Rosaliens Schlaflosigkeit und ihr Morgenrock. Die Schatten an den Wänden. Weshalb abgeriegelt wird, der Senior-Chef sich in eine Sofaecke drückt und in heller Verzweiflung stammelt: »So, Maier, nu rede.« Es schlug zehn von Sankt Nikolai, als Maier verstört die Kerze ergriff und sagte: »Eli, wir wollen uns auf mein Zimmer begeben.« Der Angesprochene nickte weh vor sich, suchte dann verloren an den Wänden herum, ohne dem dringlichen Ansinnen Folge zu leisten. Was er dort zu suchen hatte, wußte er selber nicht. Die Schildereien waren dieselben geblieben. Er hatte sie immer gekannt, von seiner frühesten Jugend an, während seiner Sturm- und Drangperiode, bis in sein jetziges Alter hinein, wo ihm seine lieben Mitbürger den Beinamen ›Schleifboot‹ zugelegt hatten. Da waren: Moses am Fuße des Sinai, Moses unter Donner und Blitz auf dem Gipfel des Berges, Moses im Angesicht des goldenen Kalbes, Moses, wie er die steinernen Tafeln zerschellte. Alles bekannte Legenden. Auch die Wände selber boten nichts Neues. Es waren die nämlichen glatten, trostlosen Wände von früher und ehedem. Also – was suchte er dort, was interessierten sie ihn? Eigentlich gar nichts, kein Jota, nicht die Spur eines Hauches, und doch war sein Antlitz so bleich wie Kreide geworden. Die alte Kastenuhr mit den schablonierten Rosen auf dem Zifferblatt in der Stube nebenan ließ ihren Perpendikel in derselben Art und Weise auf und nieder gehen, wie sie es schon fünfzig lange Jahre hindurch getan hatte, mit dem gleichen Geräusch, mit dem gleichen Seufzen und Rucksen. Nur wollte es scheinen, als hätte man das Gangwerk mit Baumwollfaden umwickelt. Auch die Lichter auf der Anrichte brannten so seltsam. Irgendwo knabberte eine Maus, geigte ein Heimchen. Von der Decke senkte es sich mit dem seinen Geriesel von Musselinschleiern. Aus diesen Schleiern wuchsen Gestalten und Szenen. Aus weiter Ferne wurde sein Name gerufen, kaum hörbar, winselnd, mit Tränen durchsetzt, als käme er aus dem Herzen eines verzweifelten Weibes. Er sah sich um und um. Ihm grauste in seiner eigenen Wohnung. Alles war so mißfarbig um ihn, so kalt, so von Leichenfingern betastet. Er hatte das Gefühl: du befindest dich mitten in den Schauern des furchtbaren Tages ›Jom Kippur‹, des Tages also, der dem großen Versöhnungsfeste vorangeht, der kein Erbarmen kennt und keine Anmut verstattet. Vor ihm fürchtete sich selbst der Ewige. Warum sollte da er sich nicht fürchten? Abwehrend streckte er die Hände aus, um sie mit müdem Lächeln wieder ineinander zu flechten. Sein Bruder stand noch immer vor ihm mit erhobenem Leuchter. Auch Maier war blaß, angekränkelt, benommen, obgleich das graumelierte Cäsarenhaupt alles und jedes aufbot, sich tapfer zwischen den steifen Vatermördern zu halten. Aus den Ecken seines zusammengekniffenen Mundes blitzten die Goldplomben. »Nu,« sagte er schließlich, »wie denkst du darüber?« Elias sah auf. Die Lippen bewegten sich krampfhaft. »Was stehst du da mit's grausame Licht?« fragte er heiser. Er hatte weiße Mäuse vor Augen, Ghulen und Schwarbelköpfe. »Eli, nicht grausam. Es brennt ja so lieblich. Es wird uns geleiten in die Zelle des Friedens. Komme mit mir in mein oberes Zimmer.« »Warum in dein oberes Zimmer?« »Ich hab' dir eine Mission zu verkünden.« »Wie heißt ›Mission‹? un warum in deinem oberen Zimmer? Ich kann nicht un will nicht. Sprich hier. Auch hier können wir reden. Alle sind schlafen gegangen. Keiner stört uns. Niemand vernimmt uns. Ich fürchte mich in deinem oberen Zimmer.« Er sank aufs neue in sein verzweifeltes Brüten. Er dachte zurück, an verflossene Tage, an ein trauliches Stündchen, das er nicht mehr wahr haben wollte. Seine Pupillen stielten sich, traten vor, wurden wie die eines Hummers. Da tippte ihn ein Finger auf die belastete Schulter. Er zuckte zusammen. »Eli, wir müssen nu gehen.« Dieser winkte ab. »Maier, ich kann nicht.« »Du mußt; denn meine Sache ist deine Sache. Meine Bedrängnis die deine. Wir fühlen uns solidarisch verpflichtet. Die siamesianischen Zwillinge sind nicht enger verbunden. Die Firma läßt sich nicht trennen. Unser Kredit ist derselbe. Soll un Haben werden in dem gleichen Buche verzeichnet. Konkurs oder Saldierung – wir stehen for beide. Die Fitalität haben wir gemeinsam zu tragen. Also du mußt, wenn du nicht willst, daß sie zeigen auf uns mit die malproperen Finger.« Der Chef stierte ihn fassungslos an. »Gott der Gerechte! sprich hier. Erzähle mir alles; nur nicht in deinem oberen Zimmer. Da kann ich meinen Atem nicht finden. Da wollen sie über mich her: die Speicherratten un Mäuse. Laß mich zufrieden. Ich geh' ja kapores. Sprich hier, un ich will hören wie in der ›Schul‹, wenn sie am Betpult die Thorarolle verlesen.« »Wie sollte ich können? Die Wände haben hier Ohren: dito die Messer un Gabels. Komm' mit, sonst haben wir alle Welt un die ganze Mischpoke am Halse. Jedes Wort will seine Heimlichkeit haben.« Maier zitterte am ganzen Leibe. Auch er schnatterte. Auch ihm sickerte die Angst gleich Holzmulm aus allen Masern und Fasern. Aber er kämpfte sich hoch. Nicht umsonst hätte er Offizier werden können. Er nahm einen martialischen Ton an und sagte: »Entweder du kommst, oder du bist ein Beheme.« Das wirkte. Elias erhob sich, schlotterbeinig, mit gekrümmtem Rücken. »Gut! also gehen wir in dein oberes Zimmer.« Er mischte sich den Schweiß von der Stirne, so zerquält war er, so von aller Willensstärke verlassen, als sei ihm von dem entsetzlichen Revolutions-Tribunal geboten worden, in den hänfenen Sack des Meisters Samson zu niesen. »Geh' schon voran: ich werde dir folgen.« Da löschte Maier die Kerzen, die auf der Anrichte brannten, umgriff den Leuchter fester und legte die verklammte Hand auf die Klinke. Mit einem feinen Seufzen drehte sich die Tür in den Angeln. Auf Sankt Nikolai holte nochmals die Uhr aus. Es schlug ein Viertel nach zehn, als sie die Stube verließen. Langsam gingen die müden Schritte durch den geräumigen Flur: Maier voran, Elias schleifend in den ihm vorgeschriebenen Spuren. Nichts ließ sich hören; nur das Mäuseknabbern schien stärker geworden, auch war es dem tapferen Führer so, als wenn auf den höchsten Stufen zur ersten Etage etwas raschelnd verschwände. »Wer ist da?!« rief er es an. Er warf seine ganze Energie, den Rest seines Ansehens in die Schale des Unvermeidlichen. Keine Antwort erfolgte. »Meimemmelochem!« rief er zum andern, aber forscher und strenger, »wer ist da?!« Da kam es von oben: »Ich bin es, Herr Maier.« »Rosalie – du?!« »Ja, ich bin es: Rosalie Perlchen.« »Was tust du noch auf bei pechschwarzer Nachtzeit?« »Ich konnte nicht schlafen. Da bin ich etwas herumgewandelt im Hause.« »Schöne Verrichtung,« gab Maier zurück, atmete auf und sagte zu seinem Bruder, als über ihnen ein Riegel geschoben wurde: »Da siehst du, wie man bedächtig sein muß, um nicht zu kommen in 'ne große Verheerung. Wären wir unten geblieben, es hätte gegeben ein Unglück. Gelaustert hat sie an der unteren Tür, um sich zu machen ein Bildnis von unserem gegenwärtigen Zustand. Es ist ihr daneben gegangen. Aber was stehst du? Was kuckst du? Komm' weiter.« Er deutete aufwärts und wandte sich der Treppe zu, die in zwei Absätzen zur ersten Etage führte. Langsam stiegen sie hinauf. Jeder Fußtritt fand sein Echo in den weiten Fluren und Gängen. Der unstete Lichtschein ließ die ganze Umgebung abstrus und bizarr erscheinen. Die Treppe wuchs ins Ungemessene, verlor sich in Schatten und Dämmerungen. Die Silhouetten der beiden spielten an den kalkigen Wänden, verschluckten sich wechselseitig, spien sich aus, hoben sich, senkten sich, wurden bald breiter, bald schmäler, um als graue Wichtelmänner über die Dielen zu kriechen. Immer höher und höher! und je höher sie kamen, um so verschüchterter und zurückhaltender gaben sich die Schritte des Erstgeborenen. Sie klebten, als hätten sie Pech an den Sohlen. Er war in der Tat das reinste Schleifboot geworden. So gelangten sie auf die erste Etage. Da – ein Röcheln und Stöhnen. »Maier, ich bitte dich, Maier!« Der Angerufene wandte sich um, selbst erschrocken bis in die innersten Tiefen. »Was hast du?« »Steht da nicht Blümchen?!« Maier erbleichte. »Was Blümchen?! Wie kommst du auf Blümchen? Sie schläft auf dem Friedhof. Tote erscheinen nicht wieder. Sie sind eingebunden im Bündlein der Lebendigen. Drum schweige. Man empfängt ja zuviel bei diese Geistergefühle!« Entschlossen trat er einige Schritte zurück, um bessere Deckung zu haben. »Wo soll sie denn stehn?« »Da, neben dem Glasspind.« Er starrte in ein Totengesicht, in das seines Bruders, erholte sich aber und sagte: »Eli, sei stark. Denke daran, daß du ein Spier bist. Die Spiers sind immer gewesen tapfere un bedeutsame Männer. Es ist bloß der Morgenrock von Rosalie Perlchen.« Ein befreiendes Schluchzen: »Gut, daß es weiter nichts ist! Aber lasse mich aus. Ich verschlucke lieber Fensterglasscheiben, als hier noch zu warten. Man kriegt ja die Mauke davon un richtige Gallen. Mache ein Ende mit die furchtbaren Sachen. Komm' weiter! Verstöre mich nicht. Gott, dieses Elend, dieses entsetzliche Elend! Hätte ich doch mit Jesus Sirach gesprochen: Wende dein Angesicht von schönen Frauen, un sieh' nicht nach der Gestalt üppiger Weiber. Ich wollt', ich läge neben Blümchen Flesch in meinen sieben Brettern. Ich wollte ...« »Eli, sei stark. Förchte dich nicht. Alles hat seine Zeit: Geboren werden un sterben, zerreißen un zunähen, weinen un lachen, Steine sammeln un Steine zerstreuen ... un das Fürchten hat auch seine Zeit. Es wird dahin gehen wie ein faules Geschäft, wie der Rauch eines Ofens. Höre auf mich. Tu', was ich sage, un wir werden haben 'ne angenehme Besänftigung un ein freundliches Dasein.« Die großen und zuversichtlichen Worte wirkten auf den Verängstigten gleich Balsam und Spezereien. Er folgte jetzt willig. Rosaliens Morgenrock, die krausen und verzerrten Bilder, die Schrecknisse der Treppen und Flure blieben zurück und hatten ihr unmittelbares Grausen verloren. Nur einmal noch hoben sich die Schatten an den kalkigen Wänden, wurden zu Pfählen, zu Löffelmännern, machten groteske Sprünge und Männchen, um schließlich in ihr eigenes Nichts zu versinken. Endlich! Das Türschloß knackte am oberen Zimmer. Das Ziel war erreicht. Von seinem Bruder gefolgt, betrat Maier als erster die Stube, stellte das Licht auf den runden Tisch neben einem kleinen Alkoven und ließ die Fenstergardine herunter, denn der Mond sah mit einem ganz infamen Grinsen durch die Scheiben. »So, hier wären wir nu.« Der Chef blickte mißtrauisch umher. Er suchte etwas, ohne es finden zu können. Jede Einzelheit des niedrigen Raumes war ihm bekannt wie jede einzelne Schublade seines Zylinderbüros: die Stühle, die blaue Tapete, das Bett mit dem Umhang aus geblümtem Zitz, das Nachtkommödchen, das ripsene Sofa mit den Schlummerrollen aus Glasperlen, kurz, alles und jedes, und trotzdem wähnte er sich von Feinden umgeben, von Lemuren, Dämonen und scheußlichen Empusen. Er wünschte, um der Furcht willen in der Nacht, sechzig Starke aus den Starken Israels um sich zu haben, dreißig zur Rechten und dreißig zur Linken, mit blauem Eisen umkleidet, mit Schwertern gegürtet, wie Salomo sie um sich hatte, der König ... und war doch ein König, ein Zepterträger, ein Gesalbter, unter dessen Schritt der Erdkreis erbebte, und er nur ein Nichts, ein Sandkorn, ein kleiner Händler, ein Federspiel unter dem Hauche seines Herrn und Schöpfers. Wie sollte er da ohne Hilfe bestehen? Besonders das Bett mit der leichten Umkleidung machte ihn bangen. »Herr, halte ein den Strom deines Zornes! Mache mich nicht zum Knecht deiner Knechte!« und als er noch sah, daß sein Bruder sich am Türschloß zu schaffen machte, den Schlüssel einsteckte und abriegelte, als er das alles sehen mußte mit wachen Sinnen und lebendigen Augen, da rief er ihn an mit der Stimme der Verzweiflung und der Angst mitten in der Nacht: »Maier, was tust du?« »Nu, was ich so immer gewöhnlich besorge.« »Was riegelst du ab? Ich will's nicht. Das sind keine Anstalten. Wir befinden uns hier nicht zwischen Räuber un Totschläger. Es ist ein friedfertiges Haus, drin wir wohnen. Du aber machst es zum Tollhaus. Ich will nicht schauen durch eiserne Traillen, nicht in 'ner Zwangsjacke stecken. Du tust mir Gewalt an bei wahrhaftigem Leibe. Was schließt du die Tür zu? Ich will's nicht. Das ist Tusch. Ich laß mir nicht tuschen. Ich kann sie nicht leiden – die verschlossenen Türen. Ich will meine Freiheit. Er steht hinter mir, der Kavalier mit die glasigen Augen. Laß mich fort un hinaus. Ich förchte mich in deinem oberen Zimmer. Ich kann das Bett mit dem zitzenen Umhang nicht sehen, überhaupt nichts mehr sehen. Laß mich fort oder ich schreie.« Er hatte Blut auf der Zunge. Da kam der gerechte Zorn über Maier. Der Topf kochte über. Seine linke Goldplombe funkelte. Obwohl er selber klaftertief im Dalles steckte und überall Mäusedreck witterte, er riß sich zusammen, so wie Cäsar es tat, als er über den Rubikon setzte, streckte gebieterisch die Hand aus und sagte: »Sei kein Has', ermanne dich, Eli. Werde ein Löw', und plazier' dir aufs Sofa!« Was blieb dem Ärmsten da noch anderes übrig zu tun, als sich aufs Sofa zu setzen? Er drückte sich verschüchtert in eine warme Ecke hinein, legte gottergeben die kalten Finger zusammen und stammelte: »So, Maier, nu rede.« Dreizehntes Kapitel Wie Maier vorstellig wird und es das Ansehen der Firma gebietet, Mut zu entfalten, selbst auf die Gefahr hin, auf der Strecke liegen zu bleiben. Von Angstschweiß und schweren Entschlüssen, von Lilienseife und Plüschpantoffeln. Eine Auseinandersetzung auf Leben und Sterben, in der der Senior-Chef auf das Recht der Erstgeburt verzichtet, um seinen Bruder gefügig zu machen. Warum dieser nicht will und zu Verbalinjurien schreitet, die den Gekränkten veranlassen, unter tiefgründiger Drohung die Szene zu räumen. Nur durch das Erscheinen der Piepmösch gelingt es, die Handlung weiter zu spinnen. Geschrieben steht: »Seid einfältig im Geiste, harmlos wie die Tauben und klug wie die Schlangen.« Einfältig im Geiste – ja wohl! Harmlos wie die Tauben – auch dieses! aber klug wie die Schlangen ...? In diesem Sinne zu reden, kam Maier nicht an. Daran dachte er nicht, denn er war so lauter wie der golddurchwirkte Vorhang im Tempel und die beiden Cherubim auf der Bundeslade. Jeden Hintergedanken wies er mit Abscheu weit von sich ab. Er hatte nur das eine Endziel vor Augen: die weiße Wolle des Hauses Spier durfte nicht anschmutzen, die Firma selber keinen Schaden erleiden, mochten darüber auch bange Stunden und bittere Anfechtungen kommen. Der Skandal war im Anmarsch. Seine Plänkler standen bereits im Vorgelände. Hier funkte es auf, und dort funkte es auf. Dazwischen spritzten die Schrote wie bei einem regulären Kesseltreiben. Das laute Schießen kam bedrohlich näher. Ein Gegenstoß war unbedingt nötig. Ehre, Reputation und Ansehen geboten es, selbst auf die Gefahr hin, schon bei der Gefechtsentwicklung auf der Strecke zu bleiben. Allerdings: Mut gehörte dazu, ein verzweifelter Mut, der Mut, den diejenigen hatten, die in der Conciergerie schmachteten und die freie Stirn besaßen, starken Herzens die roten Worte entgegenzunehmen: »Mache dich fertig. Morgen hast du mit der Bürgerin Antoinette auf den Karren zu steigen.« Das war zu beachten. Also ... Noch einmal überschlug er das Für und Wider der augenblicklichen Lage, bewertete die Möglichkeiten des Gewinnes, stellte die Totalität des Einsatzes mit der des Verlustes in Parallele und erörterte als gewissenhafter Mann nochmals die nötigen Fragen, bevor er eingriff und das Messer ansetzte: Ist die Ehre des Hauses Spier unbedingt über Wasser zu halten? Ja. Kann bei dieser Aktion die Darbringung eines Opfers vermieden werden? Nein. Also ein Opfer ist nötig? und muß es ein persönliches sein? Ja. Kann dieses Opfer vielleicht durch ein unpersönliches, sagen wir durch preußische Speziestaler, abgelöst werden? Nein. Kann es Aufschub erleiden? Unter keinen Umständen. Und schließlich: ist dieses persönliche Opfer unter den Sitten und Gebräuchen unseres Volkes, bei Ringwechsel und brennender Kerze, darzubringen? Ja. Der Fragesteller ließ die schweren Augendeckel herunter. Sie ähnelten Strohdächern, die ein kummervolles Blinzeln beschatteten. Aus diesem Blinzeln heraus wollte er sprechen, die Sachlage auseinanderlegen, die zunächst erforderlichen Schritte erwägen, um der Bedrängnis des Hauses endlich ein Paroli zu setzen und in die Parade zu fahren. Aber halt! noch ging es nicht an. Da waren noch weitere Dinge, die zuvor der Klärung bedurften, wußte er doch in Kraft seiner Divinationsgabe als halber Offizier: jeder Taktiker erkundet zuvor das Gelände, ehe er zum Avancieren blasen läßt und den Vormarsch entwickelt. Dem war Rechnung zu tragen. Also sondierte er weiter: Ist vielleicht Rosalie Perlchen noch einmal zu hören, unter der Begründung, sie auf andere Gedanken zu bringen? ich meine: so ganz ohne Zwang und aus freien Stücken heraus? Nein. Ist der alte Herr bei seinen Jahren mitverpflichtet und haftbar zu machen? Ja. Dann das letzte, aber wirklich das letzte! Wäre unser Nevö, Herr Sigismund Mendel, nicht wert und würdig, an seine Stelle zu treten? Nein. Unter keiner Bedingung? Nein, unter keiner Bedingung. Oder vielleicht doch, falls man die näheren Umstände berücksichtigen müßte? Ja, aber nur im alleräußersten Notfall. Ein schweres, tiefes, krampfartiges »Gott sei gepriesen!« beschloß diese Ermessung. Die Strohdächer hoben sich wieder. »Eli, so höre,« und er schlug die Beine übereinander, machte den Hals lang, zupfte an den Vatermördern herum, schaute nervös auf seinen rechten Plüschpantoffel, ließ ihn auf und nieder wippen und räusperte sich. Jetzt konnte es losgehen. Aber es ging noch nicht los. Er fuhr sich in tiefem Nachsinnen über die Stirne. Der alte Herr, der zerrüttet in der warmen Sofaecke kauerte, folgte allen Bewegungen mit ängstlicher Spannung. Aber je länger er folgte, um so größer und drohender wurde die brennende Kerze. Er sah in ihr das Symbol der strafenden Gerechtigkeit, das Werkzeug des lebendigen Gottes. In seinem Bruder wähnte er den advocatus diaboli , im Mobiliar und in den düsteren Wänden die Fem- und Freistätte des Gerichtes zu sehen. Ernste Gestalten drängten sich aus der Tiefe des Zimmers, nahmen die Fensternischen ein, die Tische und Stühle. Und wie das Licht schwelte und flackerte! Wie es sich duckte, wieder emporstrebte und eigentümliche Reflexe an die Decke malte! Dazu wurde eine dumpfe, schwere Glocke geläutet. Ein Hexensabbat hätte nicht schauerlicher inszeniert werden können. Nicht zu ertragen! Der Angstschweiß sickerte ihm aus allen Löchern und Poren. Er flocht die Hände zusammen, löste sie wieder, um sie mit einem leisen Stöhnen fröstelnd in die Hosentaschen zu schieben. Von Sankt Nikolai rumpelten wieder einzelne verlorene Schläge herunter. Wie spät es eigentlich war. wußte er nicht. Für Zeit und Raum hatte er jede Schätzung verloren. Die Stunden gefielen sich darin, sich merkwürdig in die Länge zu ziehen. Er hielt's nicht mehr aus. »Maier, beginne!« rief er mit kläglichen Lauten, »oder ich geh' auf un davon. Du bist ja schlimmer als die, die auf 'nem Stein sitzen un 'nen Hasen bei lebendigem Leibe abstreifen, um ihn zu legen in 'ne bratende Pfanne.« Und Maier schmunzelte. Er sah: sein Bruder war spruchreif geworden. Das Messer konnte angesetzt werden. Die Goldplomben kamen wieder zum Vorschein. »Gut denn, um dir un mir aus der Predullig zu helfen, werde ich reden. So höre,« und er schnuppte umständlich die Kerze, stocherte den Docht auf, knarzte mit den Lippen und begann in wehen und doch gütigen Tönen zu reden: »Gott, warum wir hier sitzen, so bei nachtschlafender Zeit un mit die Gefühle von unsere Leut' in Ägypten, als sie die Plagen empfingen, die von die Mäuse un die von die Frösche, so überall die Kammern belegten, die Betten, die Backöfen un die Häuser der Knechte – ich will es dir sagen. Eli, sind wir nicht immer gewesen zufriedene un bekömmliche Menschen? Sind wir nicht nebeneinander gegangen als solche, die nichts Unrechtes taten als das, was sich als Schwarzes unter dem Nagel befindet? Entrierten wir nicht hübsche Geschäfte mit's Vieh un mit die Landesprodukte, ohne sagen zu müssen: Wir sind Säckelschneider un unhonorige Handelsmänner gewesen? Du verstehst mir doch. Eli?« »Ja, ich verstehe.« »Ach! un mußten wir nicht, als wir haben gegessen das Lamm mit die bitteren Kräuter, uns schämen, als hätten wir verzehrt heimliche Schweinerippchen oder Hämm un Eggs, wie die Engländer sagen? Sind wir nicht unbewußt geworden, als die fitalen Briefe erschienen, die furchtbaren Briefe? Indessen, ich will von diese gar nicht mal reden. Tot sollen sie sein, unnütz, als hätte sie irgendwie ein Nepper geschrieben. Aber was soll das? Das bringt uns nicht weiter. Das gibt nicht dem i das zugehörige Pünktchen. Bedenke: hat nicht der Rabbiner geschrien? ... un Simmchen Levi, der Dokter? ... un ist nicht der Herr Ladendiener Nöllecke Baumann vernehmbar geworden? Un Rosalie Perlchen ...?! Offen gestanden: sie hat mir niemals gefallen. Auch Sigismund nicht. Wäre er doch nicht so poetisch gewesen, hätte er nicht immer geseufzet: Sie ist wie 'ne Turteltaube im Lande! Ich estimiere sie nicht als solche im Lande. Sie hat sich gemausert von oben bis unten. Sie ist geworden 'ne Löwin, 'ne schöne, aber 'ne grausame Löwin. Wir können nicht gebrauchen 'ne Löwin. Was sollen wir überhaupt mit 'ner Löwin? haben wir doch keine Menagerie oder 'nen zolonischen Garten. Wir sind keine Bändiger. Sie aber hat uns gebändigt. Von morgens bis abends, mit's Kochen, mit's Streicheln un die feine Turnüre. Damit hat's angefangen. Blut will sie sehen, un nu sitzen wir im Schlamassel bis über die Ohren un können uns nicht retten for lauter Beängstigung, denn die Leute werden kommen un sagen: Sie haben sich unhonorig benommen. Du verstehst mir doch, Eli?« Der Senior-Chef, der mit stieren, vorgequollenen Augen zugehört hatte, geriet in einen Fieberschauer hinein, in einen Anfall von Galgenhumor, lachte krampfhaft auf und sagte unter diesem krampfartigen Lachen: »Ja, ich verstehe. Immer man zu. Die Sache wird lustig un äußerst fidel. Meinswegen kann sich das Weibsbild auf den Kopf stellen un mir zu's Tanzen invitieren. Ich tu's: Schottisch un Polka Mazurka. Je nach Belieben. Mir soll alles egal sein. Ist der Hahn mal geschlachtet, muß er auch seine Federn verlieren – un dann 'rein in den Kochtopf. Er wird mir schon schmecken. Man vorwärts. Ich bin fürs Ganze zu haben.« Und Maier nahm wieder das Wort auf, nachdem er eine Krachmandel aus der Tasche geholt, sie von ihren Schalen befreit und in den Mund gesteckt hatte. Es war ihm Bedürfnis. So konnte er besser überlegen, gediegener sprechen und den Schluß seiner Darlegungen mit zutreffenden Argumenten und schönen Fransen ausposamentieren. Noch während des Kauens ließ er sich weiter vernehmen: »Un siehst du nu, Eli, da sind in Israel gewesen die Richter, allesamt honette un einfache Leute. Besonders der Pinhas. Da sind ferner gewesen die Könige mit's Zepter un die Harfen zu's Spielen. Was haben sie nicht alles getan, diese Männer! Nur Gutes un Liebes. Sie haben gemacht in Gesetzen un Kontributionen un allzeit gesagt: Wir wollen keine Krakeeler im Lande, keine Demekraten un so was, weil sie sich immer mit die Verfassung, die Großtuerei un die sogenannte Gleichheit benehmen. Wir sind mehr for's Kapital, for die Ordnung un die menschliche Anmut. Es muß 'ne Abstufung geben, 'ne Art von Erhöhung. Das Noble geht vor. Jedereins hat sich mit seinem Geschick zu befassen. Alle brauchen nicht Sauerbraten mit Rosinensauce zu essen. Drum fort mit die Demekraten, denn sie sind immer for 'ne Rebellionierung zu haben un halten den Populus for das einzige Wahre. Mit's große Maul machen sie alles, aber nicht mit die Seele. Sie sind Kartenschlägel. Bald so, bald so. Ich halt's mit die Förschten. Denn sie haben gebracht das Gesetz in die Welt un 'ne vornehme Art. Ja, un sie haben gestellt das Recht der Erstgeburt auf die eigenen Füße un immer behauptet: Der erste soll mehr sein, soll etwas prestieren, soll stehen un fechten for seine Gebrüder, um alle zu schützen im Namen des Königs. Eli, un weil wir uns jetzt im Fiasko befinden ... das Haus ein vornehmes ist ... un weil nu Rosalie Perlchen ... du aber hier die Erstgeburt vertrittst un die Förschten es wollen ... Eli« – und seine Stimme schwoll an, wurde zu einem Signal, zu einer der ernsten Posaunen, die da riefen rechts und links vom Rauchaltare des Herrn – »Eli, es zieht ein Gewitter herauf, wir müssen uns ducken. Es kommt mit Hagel un Schloßen, mit der Allgewalt des unbarmherzigen Gottes. Es schlägt uns den Kopf ab un die Krone dazu, denn siehe: da steht nu die Perlchen. Da steht sie in ihrer Bußfertigkeit, in ihrem freudigen Zustand un mit den Augen zu's Weinen ... un siehe: weil du nu mal die Würde un die Erstgeburt hast, der Älteste bist un der gütige Hirte – Eli, da sollte ich meinen ...« Er kam nicht weiter. Der Chef hatte sich aus seiner Sofaecke erhoben. Als wäre er gerade seiner letzten Ruhestätte, dem Grabe, entstiegen, so stand er. Ein tiefes Verständnis lief über seine gequälten Züge. Er blickte über den Tisch fort, über die brennende Kerze. Er hörte auf die Glockenschläge, die aufs neue von Sankt Nikolai herunterfielen. Er deutete mit der starren Hand auf sich, auf seinen Bruder, auf den verriegelten Eingang. Dann sprach er: »Ich danke dir, Maier. Ich danke dir vielmals. Es war 'ne liebliche Rede, un pompös war sie auch noch. Sie hatte Honig un Wein auf der Zunge. Wohl denen, die so was zu kosten empfangen. Es ist schöner denn Himmelsspeise, lieblicher denn Mohnkuchen. Ja, es gibt doch gütige Menschen! Solche sind nicht mehr zu finden vom Schilfmeer an bis zur Wüste Sur un darüber hinaus, wo die Arabischen wohnen. Aber laß mich, ich muß dir was sagen.« Der gewaltige Vorredner witterte Unrat. »Was hast du zu sagen?« fragte er hastig. »Mache die Tür auf. Ich will nicht sitzen im Kerker wie solche, die gestanden haben vor die Assisen in Kleve, denn ich habe weder Gemeinschaft mit ihnen noch mit ihnen gebrochen die gesäuerten Brote. Nur als freier Mann kann ich sprechen. Ich verlange mein Recht. Erst mache auf, schiebe den Riegel zurück, un ich will es dir sagen.« Seine Worte waren fest und bestimmt, ließen keine Deutung mehr übrig. Da ging Maier hin, öffnete, trat wieder zurück und meinte: »So, Eli, was hast du zu reden?« Der Aufgeforderte wurde krötig und patzig. »Was ich zu reden habe, ist einfach zu reden. Ich lasse sie schießen.« »Was willst du lassen?« »Schießen will ich sie lassen for immer.« »Nu, aber was denn?« »Die Erstgeburt. Ich kann sie nicht brauchen. Nimm du sie, denn ich hab' 'n Haar drin gefunden.« Maier glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Meimemmelochem! also du willst nicht? Du willst nicht treten mit ihr unter die Chuppe, um löblich zu stammeln: Der Gott Israels segne uns beide, mich un die Perlchen?« »Nein, unter keiner Bedingung. Ich denke nicht dran. Warum soll ich treten unter die Chuppe? Lieber verzehre ich Frankfurter Saucischen zeit meines Lebens, als mich einzulassen in solche Menkenke. Maier, du bist 'n grausamer Mann. Wie kannst du mich treiben in eine solche Verstörtheit? Wie kannst du mir abzapfen wollen das Blut meines gesunden Verstandes? Ich tu's nicht, denn ich bin nicht for die Förschten.« Er machte Anstalten, sich behutsam aus der Stube zu drehen. Der Bruder vertrat ihm den Weg. »Du bleibst un tust keinen Schritt mehr.« Elias hatte Schaum auf den Lippen. »Schweig' still. Per sofort!« Er drang auf ihn ein und streckte die Fäuste: »Maier, ich sage dir, Maier ...! Halte mich fest! Ich kenn' mich nicht wieder. Es geschieht 'ne Gewalttat.« »Bleibe mir mit deiner tigerischen Wut doppelt un dreifach vom Halse. Du bist der Älteste un hast sie zu nehmen. Denk' an die Plüschpantoffeln.« »Un du an die Lilienseife for den christlichen Jontef. Was?! bist du nicht immer der Jüngste gewesen? Du kannst es. Du bist ein Gewaltiger ... ein Makkabäer ... ein Judas ...! Du hättest Offizier werden können, um zu schießen mit die Lazzeruntasch un die Füsiliere von hinten. Hast du es doch selber gesagt zum Herrn Steuerempfänger an Königsgeburtstag.« »Aber ich will nicht. Ich will nicht eingreifen in die Gesetze der Förschten.« »Nicht?!« klang es ihm drohend entgegen. Der Chef hatte den Ausgang gewonnen. Die Hand auf die Klinke gelegt, fiel ihm alle Furcht wie Zunder vom Leibe. Er reckte sich auf. »Ich bin Demekrat. Bleibe mir mit deine Förschten vom Leibe! Sie bieten mir nichts. Sie geben mir meine Jahre nicht wieder. Sie sind for die Katze. Aber du ... Also du willst nicht?!« »Nein!« wieherte Maier. »So wirst du hören von mir. Aber nichts Schönes; denn es wird fürchterlich sein un das Haus der Gebrüder zerstören.« Damit war er über die Schwelle gewuschert. Maier hinter ihm her: »Du bist ein Kalef! Du bist ein Beheme!« »Gut, will ich sein ein Kalef, will ich sein ein Beheme! Aber du wirst von mir hören.« »Mensch - du ...!« Er prallte zurück. »Wer steht da? – Was stinkt da? – Piepmösch ...!« Ja – vor ihm erhob sich Sigismund Mendel. Er wuchs aus dem Boden. Vierzehntes Kapitel Unglaublich und dennoch geschehen! Maier verwechselt das sanfte Arom von Zimtborke mit dem mephitischen Gestank eines brasilianischen Surilhos, nötigt den unglückseligen Sigismund in sein Zimmer und donnert ihn an. Was hierauf geschieht und wie sich dieser außerstande erklärt, die Perlchen zu freien, weil er zu jung sei; worauf für Maier eine unergründliche Finsternis einsetzt, ein Chaos, wie nicht mehr zu finden. Mit dumpfen Trommelschlägen und dem Gesang der Landsknechte: »Strampede mi ...« wird dieses Kapitel beschlossen. »Piepmösch, was tust du, was stinkst du!? Was hast du hier an meinem Zimmer zu laustern?!« Es gibt nur einen Duft und nur eine Entzückung, und es gibt nur einen Gestank und nur eine Verstörung. Was darüber hinaus will, geht ins Närrische hinein, kann der Mensch nicht vertragen, macht ihn geistesabwesend und zwingt ihn, gleich einem betrunkenen Mohikaner, der die von ihm eroberten Skalpe der weißen Männer umzetert, wirbelsinnig zu werden. Alles ist schon dagewesen, nur das nicht, daß der preziöseste Wohlgeruch unter gewissen Umständen den Veitstanz des höchsten Abscheus hervorbringt. Die Zibetkatze ( Viverra civetta ) – wer kennt nicht die Zibetkatze? Alle kennen sie, denn die Absonderung ihrer Drüsen ist lieblich zu riechen. Das Moschustier ( Moschus moschiferus ) – auch dieses frequentieren die meisten, birgt es doch in seinen Taschen die trübe Salbe, die, zubereitet, mit den Narden des Orients wetteifert. Schon Marko Polo wußte davon und erfreute sich ihres süßen Aroms. Die Zimtborke oder Kaneel ( Cinnamomum ceylanicum ) – nur wenige gibt es, die diese Röllchen nicht kauten, sich nicht genug daran tun konnten, den milden, würzigen Duft zu genießen, denn ein Hauch geht von ihnen aus wie von Damaszenerrosen und den Hügeln der Myrrhen ... aber den Surilho, das Stinktier der Brasilianer ( Mephitis suffocans ) – wer hat ihn gesehen? Nur wenige. Jeder hütet sich ängstlich mit ihm in Berührung zu treten, verkörpert er doch die Pest der Odeure, die Kloake aller mißliebigen Essenzen, und ein kundiger Forscher vermeldet von ihm: Alle seine Bewegungen sind langsam. Er kann weder springen noch klettern, sondern nur gehen und hüpfen. Wenn die Hunde ihn stellen, legt er den Schwanz wie ein sitzendes Eichhörnchen über den Rücken, kehrt das Hinterteil den andringenden Rüden entgegen – und dann ... Ja, dann! Was ist da weiter zu sagen? Keine Küche einer Lokusta, kein Laboratorium eines Scheidekünstlers, keine Senkgrube, kein Aasplatz, keine Popotte in Belgien, kurz, kein Gestank auf beiden Hemisphären der Erde nimmt es mit dem an Heftigkeit auf, was der sonst so zierliche Vierfüßler aus seiner Salbenspritze verpulvert ... Pest! Pest! Pest! ... und nun kommt da einer – man denke! – der die Tollkühnheit hat, das süßselige Bukett von Zimtborken für den mephitischen Dunst dieses Stänkers, dieses ausgetragenen Brasilianers zu halten! und war doch Zimtborke, reinste und ausgesuchteste Zimtborke aus den Würzgärten Ceylons, von der Malabarküste, den keuschen Antillen ... und nun sollte es mit einmal das widrige Sekret aus dem Schlauch einer Dachs-Viverre sein, dieser Verbreiterin der gemeinsten und faulsten Gerüche! War denn Maier rein des Satans geworden? Hatte er wirklich den hinterhältigen Mut, den ambrosischen Hauch des feinsten Edelgewächses mit den Ausdünstungen eines haarigen Schleichers auf ein und dieselbe Stufe zu setzen?! Ja, er hatte den Mut, er hatte in der Tat diesen Mut, und mit diesem Mut in der Brust forderte er seinen Nevö auf, ins Zimmer zu treten und ihm Rechenschaft über sein unqualifizierbares Verhalten abzulegen. Die Piepmösch folgte mit höchst gemischten Gefühlen. Eigene Leiden machen unduldsam gegen die Mitmenschen, verhärten die Nieren, suchen eine schmerzliche Genugtuung darin, eine gehörige Portion der aufgespeicherten Qual auf andere Schultern zu laden. So auch Maier. »Steh' Rede un Antwort,« rief er dem nur spärlich bekleideten Sigismund zu. »Da setz' dich. Nimm Platz. Was riechst du? Warum kaust du das Zeugs? Warum müffelst du damit herum in unserer Behausung? Un erst bei schlafender Nachtzeit? Ich hab's dir verboten. Ich hab's dir schon immer verboten. Was soll das? Willst du die ganze Niederlassung verpesten, ihr nehmen die Nobilität einer gediegenen Wohnung? Gib Antwort. Was hast du zu sagen darauf?« Sigismund hatte gar nichts zu sagen, nicht so viel, wie man in der Lage ist, auf einen Daumennagel zu schreiben. Er winkte trostlos ab. »Also du hast mir keine Offenbarung zu machen?« »Nein,« sagte Mendel und kroch völlig zusammen. Hätte er seinerzeit das heilige Wasser der Taufe empfangen, zweifellos wäre er bei seinen Nöten und Ängsten in den Schatten eines christlichen Altares geflüchtet. »Auch gut!« hohnlachte der Vize-Chef. Die Goldplomben blitzten. Mit den Händen auf dem Rücken durchmaß er das Zimmer. Der niedrige Lichtstumpf warf seinen Schatten gegen die Wände, ließ ihn gigantisch aufsteigen, um ihn gleich darauf zu einem zwerghaften Zerrbild zu modeln. »Un dann überhaupt ...« Er blieb vor Sigismund stehen. »Was hast du an meiner Türe zu schnüffeln? Bist du angestellt bei's Amt? Gehörst du zu's Forschungsbüro? Bist du 'n Spitzel oder 'n Geheimdetektiv? Was soll das? Willst du deine Onkels beschmutzen, ihnen was anhaken, sie übergeben an die Assisen in Kleve? Ich frage dich hiermit« – und der Erregte schob seine Linke zwischen Weste und Vorhemdchen und suchte seinen biederen Neffen niederzufunken – »ja, ich frage dich hiermit: Handelst du aus eigenem Antrieb oder hast du Gesinnungsgenossen? Mache dich stramm. Bekenne! Es ist zwar ein bitteres Tränklein, aber es hilft auch. Gehörst du 'ner Sekte an, die geschworen hat, das ganze Haus zu verderben? Kurz, was hast du auf Strümpfen un nur mit's pure Hemd bekleidet den Spionör vor meinem Zimmer zu spielen? Antworte oder ...« Die rechte Hand hob er drohend zur Decke. »Gott!« lispelte Sigismund, »bin ich doch nur gekommen auf's kapitale Schreien hier unten, weil ich mir dachte: den Onkels ist übel geworden. Ich hatte Befürchtung for sie; ich wollte laufen zum Dokter un dann zum Aptheker. Vielleicht konnte ich helfen.« »So?! un sonst aus keinem anderen Grunde?« »Wahrhaftig in Gott nicht!« Das klang natürlich, ließ sich hören und gab der ganzen Sachlage eine andere Fassung. Maier räusperte sich. Er dachte einen Augenblick nach und tat wieder, was er noch vor wenigen Augenblicken getan hatte: er ließ seine Goldplomben blitzen. Mit den Händen auf dem Rücken durchmaß er das Zimmer. Und genau so wie früher: der niedrige Lichtstumpf warf seinen Schatten gegen die Wände, ließ ihn gigantisch aufsteigen, um ihn gleich wieder zu einem zwerghaften Zerrbild zu modeln. »So, also dieses!« Er pfählte sich aufs neue vor Sigismund hin. »Aber kurios bleibt es doch. Äußerst bedenklich. Es sind fitale Momente dazwischen. Erst konnte die Perlchen nicht schlafen un stand auf der Treppe. Just auf der Treppe. Was hatte sie auf der Treppe zu stehen? un du – du hattest Forcht for deine traurigen Onkels. Aber wo befandest du dich? Nu, du hast dich vor meiner Türe befunden. In Demut natürlich. Ohne zu laustern. Unsinn! Gehorcht wirst du haben.« »Gott, wie soll ich horchen, wo ich grad bin gekommen!« »Mir völlig egal. Was hast du gehört?« »Wie soll ich können hören, wenn ich nicht mal horchen gekonnt hab'?« »Sigismund ...!« Er sprach es mit dem Tonfall eines Trappisten, der einem Novizen zuruft: »Bruder, es gilt heute zu sterben.« Die Piepmösch stierte ihn an. »Nicht das geringste.« Das klang wiederum offen und ehrlich. Maier zog sein Doppelkinn ein. Noch einmal hielt er die große Heerschau über die einzelnen Fragen, die er bereits in Gegenwart seines Bruders hatte vorbeidefilieren lassen. Er rekapitulierte: Ist die Ehre des Hauses Spier in jeder Hinsicht zu wahren? Ja. Kann bei dieser Aktion die Darbringung eines Opfers vermieden werden? Nein. Also ein Opfer ist nötig ... und muß es ein persönliches sein? Ja. Ist dieses persönliche Opfer unter den Sitten und Gebräuchen unseres Volkes, bei Ringwechsel und brennender Kerze, darzubringen? Ja. Ist Rosalie Perlchen noch einmal zu hören? Nein. Ist der alte Herr bei seinen Jahren mitverpflichtet und haftbar zu machen? Ja. Falls dieser jedoch in seiner Renitenz verharren sollte, wäre dann unser Nevö, Herr Sigismund Mendel, vielleicht wert und würdig, an seine Stelle zu treten? Ja – aber nur im alleräußersten Notfall. Maier hob und senkte die Brust, als wäre ihm ein fünfundzwanzigpfündiger Wackerstein von der gepunkteten Samtweste gefallen. Kein Zweifel: alleräußerster Notfall lag vor. Über das Für und Wider ließ sich nicht mehr verhandeln. Sein Bruder streikte, war wie ein angekratztes, bösartiges Karnickel von der Szene gehoppelt, gesonnen und fähig, die Firma zu unterminieren, um Hab und Gut, Kredit und Reputierlichkeit in ihren Sturz zu verwickeln. Ultima ratio! Die Trommeln waren zu rühren. Ein längeres Zögern konnte verhängnisvoll werden, wäre Verrat an der eigenen Sache gewesen. Der verlorene Haufen mit der Blutfahne mußte heran, mußte eingesetzt werden, hatte im Gleichschritt zu singen: »Wir zogen in das Feld, Wir zogen in das Feld, Da hatten wir beim Zapfenstreich Im Seckel vieles Geld – Strampede mi A la mi presente al vostra signori ... « Also vorwärts! denn in seinem Neffen glaubte er den Träger der Blutfahne gefunden zu haben. Ja, er war berufen, ihn hatte er auserwählt. Nur er allein war imstande, das Panier des Hauses gegen den Umsturz zu tragen. Drum, Sigismund, vorwärts! In die Verlängerung gesprungen! Sei kein Has'! Er, Maier, selber verbürgte sich für einen glücklichen Ausgang. Langsam und mit Vorsichtsmaßregeln gab er seine Befehle. Jetzt war er so weit. Das erste Trommelzeichen erfolgte. Alles Bittere und Verstörte war in diesem Augenblick von seinem Antlitz gewichen. Er sah einen Strohhalm schwimmen. Er griff danach und suchte mit diesem Strohhalm Land zu erobern. »Gut,« sagte er bittersüß, »nehmen wir an, es ist ein positiver Kasus gewesen. Nehmen mir an, du hast strümpfig un im Hemde gelaustert, bloß um for deine übelen Onkels zum Herrn Dokter un zum Aptheker zu laufen. Recht wirst du haben, denn sie beide steckten ja in tiefster Verfassung, gewissermaßen in 'nem Zustand, wo sie sich sagen mußten: Sollen wir uns erklären fallit oder sollen wir uns erklären nicht for fallit?« »Aber Ohm Maier!« »Selbstverständlich nur moralistisch gesprochen, nur um ein Bildnis von unserm inneren Zustand zu geben,« und nun erzählte er des längeren und breiteren, daß er und Elias sich in einer sehr unangenehmen Lage befänden, daß sie Verdruß gehabt hätten und seit dem Eintreffen der Kranenburgerin nicht alles so verlaufen wäre, wie es in ihrer Absicht gelegen. Kleine Differenzen seien die Folgen gewesen, hätten sie gequält und gepeinigt, hätten den Frieden und das Wohlbehagen des Hauses mehr oder weniger gefährdet, bis es in dieser Nacht zu einem mißlichen Rencontre gekommen. Möglicherweise könne man der dummen Affäre noch eine bessere Note verleihen, um liebenswerteren Erscheinungen wieder Luft und Freiheit zu geben. So hoffe er zuversichtlich. Vor allen Dingen hege er großes Vertrauen zu seinem Neffen Sigismund Mendel, der gewiß alles aufbieten werde, das etwas außer Kurs geratene Schifflein von neuem unter Segel und Kompaß zu bringen. »Ja,« fuhr er fort, »ich hoffe auf dich, wie unsere Väter das gelobte Land erhofften, als Moses sie hat geführt von Wüste zu Wüste. Nur in straffer Pflichterfüllung ist Wohlsein, denn geschrieben steht: Mein Sohn, gehorche der Zucht deines Lehrers un beachte das Gebot deines Onkels. Solches ist ein Schmuck deinem Haupte un eine Kette an deinem Halse. Nu, Sigismund, wie denkst du darüber?« »Warum nicht?« sagte die Piepmösch mit dem unbefangenen und schuldlosen Gesicht eines Firmelkindes. »Es wird alles schon werden.« »Denke ich auch!« und Maier schien eine kleine Nuance zuversichtlicher und gefaßter geworden. Der erste Schritt war gemacht, und was er schon zweimal exekutiert hatte, das tat er jetzt nochmals: er räusperte sich, ließ seine Goldplomben blitzen und mit den Händen auf dem Rücken durchmaß er das Zimmer. Der niedrige Lichtstumpf stellte ganz wie früher seinen Schatten gegen die Wände, ließ ihn gigantisch erscheinen, um ihn gleich darauf wieder zu einem zwerghaften Zerrbild zu modeln. Dann plötzlich: »Tromm, tromm, tromm!« Maier wirbelte stärker. Er stand wie Trumpf-Aß vor der Piepmösch. »Sigismund, ich hab's mir schon lange bedacht, ich un der Eli ... wie wär's, wenn du heiraten würdest? Es ließe sich hören, wenn du sagen könntest: Ich habe mein Bett geschmückt mit bunten Teppichen aus Ägypten un mein Lager mit Myrrhen besprenkelt.« »Warum nicht?! Ist es doch 'ne bekömmliche Sache.« »Meine ich auch, denn wir würden haben damit 'ne hübsche Frau im Hause Numero sieben.« Sigismund streckte die Beine und besah seine Strümpfe. »Könnten wir haben,« versetzte er mit eingekniffenen Augen. »Aber wie sollte ich's machen?« »Wieso nicht? Warum sollst du nicht können begründen 'ne feine Familie, um zu bekommen ganz kleine Kinder, kröllig un schön wie die Engels un munter wie die Eichelkätzchens in die Waldhölzer des Herrn Baron Steengracht zu Moyland?« »Allerdings, es wäre schon etwas.« »Denke ich auch. Ach, un wie lieblich, wenn sie kämen besuchen ihre Onkels Elias un Maier! Wenn sie sich setzten auf ihre Knie, um zu spielen Opapa-Reiter! Oh! un wir würden sie fahren mit's Schimmelpferdchen nach Kranenburg hin, um ihnen zu zeigen, wo ihre Mutter gewesen ist ein appetitliches Mädchen. Wäre das ein Glück für unsere sich neigenden Tage!« Er grunzelte ordentlich im Vorgefühl der prächtigen Familienszene und des unbeschreiblich-hohen Genusses: »Sieh mal, da ist nu die Rosalie Perlchen.« Sigismund nickte. »Sie hat 'nen vornehmen Stammbaum. Sie kann damit aufwarten, ist ihr Vater doch gewesen Schächter in Kranenburg.« »Ich weiß es.« »Sie hat Qualitäten, un schön ist sie auch.« »Ich weiß es.« Der übereifrige Mann überbot sich in seinen Anpreisungen. »Un hat sie nicht Rasse, um sagen zu können: Herr, du hast mich würdig befunden, meine Tage zu segnen, auf daß ich meine Nachkommenschaft mehre wie der Sand des Meeres un die Ähren des Feldes?« »Auch dieses.« »Also was sitzt du noch da? Was kuckst du noch da? Was wartest du noch? Warum redest du nicht: Heiraten will ich?« Sigismund machte Augen wie Teetassen. »Wen?« fragte er tonlos. Jetzt war's Zeit, aber die höchste. Das dritte und letzte Trommelzeichen erfolgte: »Wir kamen vor Siebentod, Wir kamen vor Siebentod, Da war dahingegangen All Leid und alle Not – Strampede mi A la mi presente al vostra signori ... « »Ha!« hielt ihm Maier entgegen, »wen anders denn als die Rosalie Perlchen.« »Gott der Gerechte, wie sollte ich's machen?! Bin ich doch ein Strohhalm im Winde! Bin ich doch bloß ein schwacher Kommis, ein Stümper, ein Garnichts! Bin ich doch arm wie 'ne Synagogenmaus in der Gebetlade un habe kaum Geld mir zu kaufen was Extraordinäres for ein kleines Vergnügen. Wie sollte ich's machen?!« »Du kannst es. Werde ich sprechen mit Eli. Werde ich ihn persuadieren, dir den höheren Salär zu bemessen. Zweimal so viel. Das Extraordinäre sollst du empfangen for gratis. Un dann noch: werde ich dich mitnehmen auf die Handelsgeschäfte nach Hönnepel un Hochend, nach Niedermörmter un Appeldorn, um zu lernen die Kleesaat un die Qualitäten von Weizen un Gerste. Sollst du auch haben 'nen neuen Kontorstuhl. Dito 'nen Wullsack, damit zu fahren des Winters im Schäschen. Nu – un sollst du empfangen Prokura, um sagen zu können: Ich bin was un kann's aufnehmen mit die vornehmen Kaufmänners. Also, was sitzt du noch da? Was kuckst du noch da? Worauf wartest du noch? Warum redest du nicht: Heiraten will ich?« »Gott, habe ich ausstehen kleine Verpflichtungen un ganz winzige Schulden ...« »Werden bezahlt.« »Un dann noch ...« »Was gibt's denn noch weiter?« Sigismund wuchtete sich schwer in die Höhe. Diese Gelegenheit benutzte er, sein Soll und Haben zu überschlagen und das Für und Gegen der augenblicklichen und zukünftigen Lage in Erwägung zu ziehen ... und gelangte zu der Einsicht: die Frucht muß noch hängen. Sie bedarf noch der Reife. Morgen ist auch noch ein Tag. Wir können noch warten ... Da fiel es schon über ihn her: »Sigismund, wie steht nu die Sache? Soll ich Rosalie Perlchen berufen? Willst du ihr in jetziger Stunde ...« Der Bedrängte schielte zum Eingang. »Nein.« »Warum nicht?« »Ohm Maier. ich bin noch zu jung.« »Was bist du ...?« »Zu jung!« schrie die Piepmösch, und damit war sie aus dem Zimmer gesegelt. Der Vize-Chef – Maier, der gewaltige Maier, drehte sich um seine eigene Achse, schlug sich die Hände vors Gesicht und taumelte im Geiste durch Nacht und Finsternis. Er hörte nur noch abziehende Trommeln. Dumpf und traurig klangen sie von einer verlorenen Walstatt herüber: »Wir kämpften in Friaul, Wir kämpften in Friaul, Da ließen uns in Tod und Not Sankt Peter und Sankt Paul – Strampede mi A la mi presente al vostra signori ... « Dann hörte er nichts mehr. Fünfzehntes Kapitel Der Herr Notarius Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz und seine Oleanderbäume. Kaiser Napoleon und der Melkeimer. Was der Herr Notarius und der Senior-Chef alles auf der Schnirkeltreppe verhandeln. Warum der Herr Bürovorsteher Heinrich Potthövel, genannt ›die Schnittbox‹ sich zum Doktor universalis lachen will und bald darauf gebietet, vier Zeugen zu rufen. Tätigung einer wichtigen Urkunde und Verabredung für den morgigen Abend. Anderen Tages. Gegen vier. Eine schmeichlerische Frühlingssonne lag auf dem Marktplatz, glänzte in die blanken Spiegelscheiben hinein, schien auf Gerechte und Ungerechte und auf solche, die mitten dazwischen standen, ohne Ansehen der Person und nur darauf bedacht, eine innige und pläsierliche Note in die Herzen der Menschen zu tragen. Das gelang ihr auch ausgiebig. Alles, was lebte und atmete und die Fühlerchen streckte, sielte sich vor Wonne in dieser ausgiebigen Wärme, ließ sich Buckel und Bäuchlein bestrahlen und spann wie eine Miezekatze am behaglichen Ofenfeuer. So auch der Herr Notarius Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz. Er stand auf seiner Schnirkeltreppe wie der Beherrscher von Samos auf seines Daches Zinne. Sein stattliches Bäuchlein, von dem eine goldene Berlocke niederbammelte, trug er selbstgefällig zur Schau. Mit eingekniffenen Äugelchen folgte er den Mückenschwärmen, die über den fünf Oleanderbäumen ihr artiges Spiel trieben. Herr Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz ... Potztausend, diese französische Aufmachung! Selbst für die hiesige Gegend etwas reichlich bemessen! Aber ›Napoleon‹ erst?! Wie ließ dieser Name sich rechtfertigen? Wo in aller Welt hatte ihn der königlich preußische Notarius aufgelesen. O! das hatte diese Bewandtnis. Lebten da vor vielen Jahren die Eltern des Gestrengen als einfache Kätnerleute auf der schmalen Hügellehne, die sich, nur etliche Büchsenschüsse von der kleinen Stadt entfernt, halbkreisförmig von Xanten bis in die Gegend von Nymwegen erstreckte, über diese Hügellehne führte der Heerweg von Kleve nach Holland, die alte Straße, auf der bereits die Römer ihre Hörner und die Generale Isolan und Rabenhaupt ihre mörderischen Trommeln und Pfeifen hatten erklingen lassen ... und nun geschah es ... Am Rhein krächzten die französischen Adler, lärmten von Turm zu Turm und streckten die Fänge. Deutschland blutete bis fern an die Memel, knirschte unter dem Joch des düsteren Korsen – da stand eines Tages das kleine Bäuerchen Jakob Lenz vor seiner Katstelle und lauerte ängstlich auf die heißersehnte Wehmutter, denn seine Frau harrte bekümmert ihres Stündleins, das jeden Augenblick anheben konnte. Aber nichts ließ sich sehen. Nur vereinzelte Krähen stießen ihren grindigen Schnabel in die sandigen Ackerkrumen, hastete ein eiliger Goldschmied über die ausgefahrenen Geleise. Es war einsam ringsum. In der weiten Umgebung keine menschliche Siedelung, kein einladender Rauch, kein Glockengeläut, keine freundliche Stimme. Nur die verlorene Katstelle, Acker und Holzungen und die endlose, verödete Heerstraße, auf der sich kein Stäubchen bewegte. Da aber plötzlich ... In der Ferne ballte sich eine Trombe wehenden Sandes ... und in dieser Trombe: Pferdegetrappel und das Knattern von Rädern. Die Wolke kommt näher, hält an und mit ihr eine stolze Karosse. »Ah! Sieh da ...!« Einer steigt aus ... blitzend ... mit Gold bestickt ... einer von den Hundertgarden ... hastig und mit fliegendem Haarbusch ... » Avec permission ... macken Sie rasch ... Monsieur là , da drinnen ... vite, vite ... Monsieur haben besondere Eile ... müssen irgendwo hin ...« »Sonder Komplimenten, Mynheer,« entgegnete Lenz, »wir besorgen das immerst toujours achter dem Stalle.« » Non, non, non! dort in die Zimmer ...« »Aber Mynheer ...?! Ich bin nicht in der Lage ... unmöglich ...« »Unmöglick?! Was ist unmöglick? Impossible n'est pas un mot français. Sacré nom de Dieu! macken Sie hurtig. Wenn Sie haben keine Kommodität, bringen Sie Eimer ... regardez , bringen Sie Eimer ... oder ich werde Sie: manger, écraser – auffressen ...! Allons , fiese Allemand  ...! Vite, vite! 'nen Eimer oder 'ne vase de nuit  ...!« Ein scharfes Eisen hebt sich, wird wieder in die Scheide gestoßen. Da aber Lenz ...! die Tür zur besten Stube aufgerissen, 'nen blanken Melkeimer geholt, ihn mit vielen Komplimenten an Ort und Stelle gebracht – im Nu ist's geschehen, und siehe: dem Kutschenschlag entsteigt ein untersetzter, olivenfarbiger Mann ... ein Mann im schlichten Kleid, in kleinem Hütchen, den Orden der Ehrenlegion auf der Brust ... eiligst, in tiefster Bedrängnis ... tritt über die Schwelle, ins Zimmer – und ist allein mit dem Eimer. So ganz allein. Niemand ist bei ihm. Nur drüben im Wandbett: ein Gardinchen bewegt sich ... ganz sachte ... eine müde, abgearbeitete Hand kommt zum Vorschein ... und Frau Lenz, die ihr Stündlein erwartet, die gute, propere, tapfere Frau Jüllecke Lenz muß zusehen ... muß zu ihrem Entsetzen bemerken ... Ach, da sieht sie: alles, was nach einem urewigen Naturgesetz sich tagtäglich vom menschlichen Leibe scheidet, was keinen Pfifferling wertet, fällt in ihren neuen, blankgeputzten, teuersten Eimer ... »Um Gott nicht, um Gott nicht!« Sie hätte aufschreien können, den gerechten Zorn des Himmels auf diesen Frevler herabrufen mögen, allein der untersetzte, olivenfarbige Mann, der Mann in schlichtem Kleid, in kleinem Hütchen, den Orden der Ehrenlegion auf der Brust, stört sich an gar nichts, erhebt sich, seufzet erleichtert, begibt sich hinaus und besteigt wieder die Kutsche, während sein Adjutant ... »Komm' her, fiese Allemand  ...! da nimm Er ...« und drei blanke, funkelnagelneue Napoleondore gleiten in die Hand des Erstaunten. »Aber Mynherr, mit wem hab' ich die Ehre, ich und der Melkeimer? Man möchte doch gerne ...« Da wirft der Offizier der Hundertgarden zwei Finger an den wehenden Roßschweif: »Le soleil d'Austerlitz: Sa Majesté Napoléon le Grand, l'empereur des Français!« steigt ein, und fort geht's in rasendem Tempo zur Parade und Heerschau nach Kleve. So wirklich und wahrhaft geschehen im Jahre des Unheils, da man schrieb nach Christi Geburt 1811 und Jakob Lenz vor seiner Katstelle an der Römerstraße der Wehmutter harrte, statt ihrer aber der große Korse erschien und dem Melkeimer die Ehre widerfuhr, von diesem gewürdigt zu werden. Jakob Lenz und Gemahlin waren rein aus dem Häuschen, erstickten in Devotion und brauchten lange dazu, sich wieder zu finden; mit ihnen alles, was in weitem Bering die schmale Hügellehne bewohnte, und als der junge Weltbürger die Taufe erhielt, mußten es sich dessen Paten Baptiste, Johann und Peter gefallen lassen, daß ihren Namen auch der des Imperators beigefügt wurde. Heil Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz! denn die drei behändigten Napoleondore trugen reichliche Früchte. Sie dienten als Fundus, den Kleinen studieren zu lassen, ihn auf die stolze Höhe eines königlich preußischen Notarius zu tragen, amtierend dahier und im hiesigen Friedensbezirk, dem Sprichwort gemäß: »Komm' eck over den Hond, dann komm eck ook over den Staart.« Der Melkeimer aber wurde in hohen Ehren gehalten, vererbte sich rechtlich und paradierte zur Zeit im Privatkabinett des jetzigen Inhabers. Ihm war die Inschrift beigegeben: » Sa Majesté Napoléon le Grand l'empereur des Français bediente sich meiner, als er die große Parade auf dem Felde bei Kleve besuchte.« Und nun ...? Der glückliche Besitzer stand auf der Schnirkeltreppe seines stattlichen Hauses und folgte mit eingekniffenen Äugelchen den lustigen Mückenschwärmen, die über den fünf Oleanderbäumen ihr artiges Spiel trieben. Der Herr Notarius Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz machte mit seinen dreiundfünfzig Jahren noch einen imponierenden Eindruck, wenngleich die putzigen Beinchen auch alle Mühe hatten, das opulente, mit einer schneesauberen Weste umkrustete Bäuchlein in zweckdienlicher Weise zu tragen und aufrecht zu halten. Dazu war das Haar gleichsam mit Kalk übertüncht, silberig-weiß, aber es schob sich straff wie ein Kasuarhelm über den Schädel, wobei das glattrasierte Pontakgesicht so wohlgefällig zwischen den Vatermördern ruhte, als läge ein saftiges, lachendes Riesenradieschen zwischen den Falten einer blütenweißen Handserviette. Der Notarius schmunzelte. Das Geschäft stand in floribus . Heute hatte er bereits fünf gediegene Akte getätigt: zwei Eheverträge und drei fette Schuld- und Pfandverschreibungen. Der sechste war im Anmarsch begriffen, denn drüben vom Spierschen Anwesen her kam Elias seines Weges geschleift, ein Bündel Papiere unterm Arm, mit scharfem Kurs auf die Schnirkeltreppe und die prächtigen Oleanderbäumchen. Und was das Lustigste war! In einem offenen Fenster der ersten Etage zeigte sich Maier, mit hochrotem Gesicht und sichtigen Goldplomben. Mit forciertem Interesse folgte er den Spuren seines abtrünnigen Bruders. Was hatte er vor? Was für schwarze Machenschaften mochte seine Seele bergen? Wenn er daran dachte, lief ihm die Galle über, rauschte ihm das Blut in den Ohren. Diese nichtswürdige Drohung von gestern! Sonst der gutmütigste Mensch von der Welt, hatte er Worte gebraucht, die das Schlimmste befürchten ließen, hatte er durchblicken lassen, nötigen Falles den Glanz des Hauses zu schmälern und über Leichen zu pilgern, und war vielleicht jetzt auf dem Wege, aus den Erlebnissen der verflossenen Nacht seine Folgerungen zu ziehen und der Firma einen nicht wieder gutzumachenden Stoß zu versetzen. »Himmel verdammich!« So Maier in einem offenen Fenster der ersten Etage ... und unter ihm, zur ebenen Erde, hinter den Scheiben des Spierschen Kontors ... Dem Herrn Notarius Lenz wurde kreuzfidel und puppenmunter zu Sinn, denn dort stand Sigismund Mendel, kregel, alert, mit der zuversichtlichsten Visage von der Welt, die Feder hinterm Ohr, ein Veilchensträußchen im Mund und ebenfalls scharf auf den unternehmungslustigen Gang seines lieben Onkels Elias. Warum er wohl ausging? Was er wohl ausheckte, dieser silberhaarige Schwerenöter? Er war einer von den Stillen im Lande, einer mit Rattenäugelchen und 'nem Kindergemüt, ein allerliebster Schlecker und Schlemmer, aber auch einer von denen, welchen der Schlimmsel und Schlimmerich aus allen Knopflöchern herausvigilierte ... »I den Kuckuck noch mal!« Sigismund machte den Hals lang. »Wahrhaftigen Gott! er geht zum Notar hin.« Und richtig, so war es. Der Senior-Chef hatte sich in Gala geworfen. Sonntäglich gekleidet, perlgraue Pantoffeln an den Füßen, also ausstaffiert, schleifte er dem Notariat, den Oleanderbäumen und der Schnirkeltreppe entgegen. Herr Lenz sah ihn kommen und rief ihn schon von weitem an: »Ah! votre serviteur, monsieur Spier! Entrez, s'il vous plaît. « Elias dankte gerührt, aber betrüblich, indem er seinen Zylinder lüftete und ihn wieder mit einem tiefen Seufzer auf den Hinterkopf stülpte. »Herr Notarius, ich komme.« »Aber wie 'n Hammelschwänzchen!« lachte der Rechtskundige und rieb vergnügt die Hände gegeneinander. »Es ist kein Elan drin, kein Schwung in der Sache. Wo fehlt's denn, Herr Eli?« »Gott, wo soll's fehlen? Überall fehlt's mir. Man geht mit die wehen Gedanken zu Bett, um wieder aufzustehen mit die wehen Gedanken. Mir ist es wie Joël, der da redete: Der Same ist unter der Erde verfault, die Kornspeicher stehen wüste, die Scheunen zerfallen, das Korn ist verdorben. O, wie seufzet das Vieh!« Er schüttelte traurig den Kopf. »Herr Notarius, es ist 'ne Luft wie im Abtritt.« »Verstehe, verstehe! 'ne Tränenwelt, mein lieber Herr Eli. Ein Hasten und Treiben. Kein lustiges Bläschen mehr! Nebelgraue Wiesen ohne Anfang und Ende. Faule Geschäftspapiere. Aber was frommt es? Jedereins muß dagegen anoperieren. Mit der Nase hinein in den Wind. Gebet und Weihwasser, die freilich tun es allein nicht. Selbst ist der Mann. Der Mensch muß seine innere Befriedigung haben.« Er schrumpfelte die Augenbrauen zusammen. »Ich sehe: Ihr Körper ist frisch und gesund, aber Ihr geistiger Zustand ... da hapert's.« »Herr!« erschreckte sich der Senior-Chef und macht kreisrunde Augen, »das wissen Sie auch schon? Das haben Sie auch schon gehört?!« »Alles! denn wir als Notar ... wir machen's, wir sind schon die beste Adresse, zumal die Schrift besagt: Kommt her zu mir, die ihr müheselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Sie wissen: Notarii publici per totum annum diligentes et multorum hominum negotia gerentes. Also, mein verehrter Herr Spier, gehen wir sofort in medias res . Erklären Sie sich. Ich steh' in jeder Hinsicht zu Diensten. Was soll es denn sein: ein Wechselprotest, 'ne kleine Zession, 'ne Kauf-, Miet- oder Pacht-Übertragung oder aber« – und der Herr Notarius Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz geruhte, seine Mundecken in verschmitzte Fältchen zu legen – »so 'n niedliches Eheverträgelchen, um allen Weiterungen die Spitze zu bieten?« »Nicht ums Katholischwerden!« Der würdige Vertreter der Firma erbleichte. Die Bedrängnis und Schrecken der verflossenen Nacht traten ihm aufs neue vor die zermarterte Seele, aber im verstärkten Maße, ungeheuerlich: entstellte Gesichter mit platten Nasen, Triefaugen und aztekenartig nach rücklings fliehenden Stirnen. »Herr Notarius, ich bitte Ihnen, in meinem gesegneten Alter?!« Beschwörend hielt er beide Handflächen dem Gestrengen entgegen, als sähe er sich genötigt, den plötzlich in die Erscheinung getretenen Ehevertrag in Gräber und Grüfte zu bannen. »Niemals, Herr Lenz, aber wenn's Ihnen kommod ist un Sie die Angelegenheit nicht for schofel erachten, möchte ich 'ne Schenkung instrumentieren oder 'n Testament auf Leben un Sterben.« Er musterte ängstlich die Züge des Rechtsbeflissenen. »So, so!« meinte dieser. »Also Testament oder Schenkung! Warum nicht? Nichts dagegen zu sagen, und ich denke, Sie haben dabei Ihren jüngeren Bruder im Auge.« Elias fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen. »Wie käm' ich dazu? Ich bin 'n alter Mann un 'n gebrochener Mann un bin gekommen ins Unglück bis über dem Munde. Wer hat mir geholfen dabei? Niemand hat mir geholfen. Auch Maier ist mir nicht Stab un Stütze gewesen. Ich weise ihn von mir.« »Hm, hm! also abgelehnt. Dann vielleicht Herr Sigismund Mendel?« »Auch der nicht. Er ist 'ne junge Kraft un 'ne unternehmende Kraft. Junge Leut' sollen selber machen Karriere. Ich hab's auch getan, als ich bin gewesen in die sprossenden Jahre. Erst mit die Kaninchen- un Hasenfelle, dann mit die Wull un die Produktengeschäfte. Ja, ich bin gegangen über die Acker im Winter, un ich bin gegangen über die Acker im Sommer; ich bin gegangen, wenn's hat gefroren Steine un Beine, un bin gegangen, wenn einem hing die lechzende Zunge zum Halse heraus, aber ich bin tapfer geblieben un hab' gelegt Pfennig auf Pfennig un Taler auf Taler, bis wir sagen konnten, Maier un ich, wir sind die reichen geworden. Nu, was wir haben gekonnt, warum soll es der Mendel nicht können? Nein, Herr Notarius, auch ihn weise ich von mir.« »Wird also sistiert,« meinte Herr Lenz und legte die gefalteten Hände aus seinem blütenweißen Bäuchlein zusammen ... und lächelte ... und lächelte pfiffig ... und lächelte, wie die Auguren zu lächeln pflegten und die Weltweisen im alten Athen ... und sagte: »Dann die letzte Instanz, ohne dabei an das tief einschneidende napoleonische ›La recherche de la paternité est interdite‹ denken zu müssen. Aber das ›Où est la femme‹ ?! Man kommt ohne dieses nicht aus. Schon der alte Juvenal sagt in seinen Satiren: Kaum gibt's irgendeinen Prozeß, wo den Streit nicht irgendein Weib veranlaßt hätte ... und so denke ich auch ... Habe ich recht oder unrecht, mein hochverehrter Elias?« Der Ärmste gab Öl von sich. Er räusperte sich, sah verlegen zur Seite, interessierte sich für die Oleanderbäume und wischte sich den Schweiß von der Stirne. »Herr Notarius,« stammelte er wie eine arme Seele, die bereits das Galgenholz abgestreift hatte, »es wird seine Richtigkeit haben.« »Dann kommen Sie mit mir, dort hinein, in mein Privatkabinett. Kurz, aber schmerzhaft. Und wenn Sie die juristische Operation hinter sich haben, dann werden Sie schmunzeln und singen: Hodie obliviscimur omnes molestias et curas, tam praeteritas, quam praesentes et futuras , und Sie werden sein wie die deutschen Studenten, von denen es heißt: Hodie sumus sicut Germani studentes, multum edentes, plus bibentes et nihil facientes. Und somit: Entrez s'il vous plaît. Die Angelegenheit wird bestens geregelt.« »Mit Gott denn,« sagte Elias, aber seine Stimme knackte ab wie ein Tonpfeifenstummel. Selbander betraten sie das erste, links gelegene Zimmer, wo verschiedene Schreiber an schwarzen Pulten saßen und sich damit beschäftigten, Rechnungsauszüge zu machen, zu kollationieren und Aktenrollen auszufertigen. An einem gesonderten Pult thronte ein schwammiger Mensch, der sich Heinrich Potthövel schrieb, aber sich allgemein des Namens ›Schittbox‹ erfreute, ein Filou von reinstem Wasser, mit schönen Puppenaugen und einem ehrfurchtgebietenden Verdruß auf dem Rücken. Offenbar hatte er das Gespräch auf der Schnirkeltreppe durch die Scheiben belauscht, denn er warf seinen Kollegen ein pläsierliches Äugelchen zu, als die Herren die Schreibstube passierten. Es duftete nach eingetrockneter und nasser Tinte, nach frischem Papier und vergilbtem Papier, nach Staub und Siegellack und allen Ingredienzien, die einem solchen Amtszimmer anhafteten. »Allons!« gebot der Herr Notarius Lenz. Er schnalzte mit Daumen und Mittelfinger. Da sprang ein kleiner, rothaariger Stift vom Drehbock und warf mit tiefster Devotion die Tür zum Privatkabinett des Chefs auf. »Bitte, Herr Spier!« Gleich darauf waren die beiden im Nebenzimmer verschwunden. Die Tür schloß sich wieder. »Achtung!« Wer rief da?! Ach so! das war ja ... Den rechten Arm gestreckt und den Zeigefinger pielgerade aufrecht, apostrophierte der schwammige Herr mit den Puppenaugen seine Kollegen von seinem Thronsitz herunter: »Kinder! Ich, Heinrich Potthövel, genannt die Schittbox, von Gottes Gnaden Bürovorsteher des königlich preußischen Notars Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz, bestellt für den Friedensgerichtsbezirk Kleve, domiziliert in der hiesigen Kirchengemeinde, tue hiermit kund und zu wissen: Die Wände nebenan werden etwas Großes erleben. Wie's trefft: etwas Ulkiges, Tragisches, Niedagewesenes. Ihr sollt sehen: Elias contra Maier und Perlchen, oder Maier contra Elias und Perlchen, oder aber Tableau: die Piepmösch und Rosalie Perlchen ... elend oder strahlend wie Möpse. Es ist, um sich zum Doctor universalis zu lachen. Hu! ihr werdet's erleben.« Damit schlug er den Pultdeckel zurück und wieherte in den Kasten hinein, als hätte er es mit einem Hohlspiegel zu tun. Fast gleichzeitig steckte Herr Lenz seinen Kopf durch den Türspalt. »Herr Potthövel!« »Herr Notar!« »Vier Zeugen! aber citissime .« »Natürlich sofort!« Das Schloßzüngelchen am Privatkabinett schnappte wiederum ein. »Holla, mein Junge!« Der Herr Bürovorsteher knöchelte dem sommersprossigen Stift auf die rote Perücke, daß er aufquietschte. »Vorwärts! die Zeugen,« und fort war der Bengel, als wäre er von einem der Aktenrepositorien aufgeschluckt worden, totaliter aufgeschluckt, während da drinnen Rechtsbeistand und Klient sich hart gegenüber saßen, ersterer mit übergeschlagenen Beinen, ganz Ohr, die goldene Berlocke zwischen den Fingern, letzterer verängstigt, den Zylinder auf den Knien, mit Mund und Händen erklärend und devot den historischen Melkeimer betrachtend, den der große Korse in schwerer Beängstigung usurpierte, damals, vorzeiten, als das Deutsche Reich unter ihm ächzte, derselbe große Korse, dessen Code allein nicht mehr ausreichte, sein ›To be or not to be‹ über das Haus der Gebrüder zu sprechen. Endlich war er mit seiner Darlegung fertig geworden. Er schaute wie ein gerupftes Huhn auf den Gestrengen. »Sind Sie nu völlig im Bilde, Herr Notarius? Ich meine ...« »Ich?« fragte dieser. »Aber natürlich. Ich bin immer im Bilde. Immer mit 'nem Galoppsprung im Rahmen. Der queckenreiche juristische Acker wird von mir bearbeitet, als wenn es ein Kinderspiel wäre. Ich zediere und reguliere, quittiere, lösche und negoziiere, versiegele, inventarisiere und stipuliere – alles promptest, mein Lieber, und es müßte mit dem Henker zugehen, falls mir nur der geringfügigste Lapsus unterlaufen sollte. Nur eins noch ...« Herr Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz räusperte sich. »Das wäre?« fragte Elias. »Pst! wir werden's gleich haben.« Herr Lenz dachte tiefgründig nach. »Na ja,« sagte er endlich. »Herr Spier, wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie willens, Ihren Bruder völlig auszuschalten, auch nicht das geringste auf sein Konto zu buchen?« »Stimmt. Nicht das geringste.« »Und das ist alles wohl überlegt?« »Wohl überlegt.« »Ohne daß Sie später Reue darüber empfinden würden?« »Ja woll!« trumpfte der Senior-Chef auf und klopfte dabei auf seinen Zylinder. »Trefflich! und dann noch 'ne Frage. Ich meine: soll nun Herr Maier, also Ihr Bruder, bei der Beurkundung glimpflich behandelt werden, oder sind Sie der Ansicht, ein in Parenthese beigefügter Wischer könnte nicht schaden?« »Herr Notarius ...« Elias fuhr auf. Die winzigen, rotunterlaufenen Rattenäugelchen schossen giftige Blitze. Er drehte den Hut und sah in die Röhre, als läge dort sein ganzer Groll aufgespeichert, den er in gegenwärtiger Stunde herauslangen müßte, um seine Sache vor Gott und Gericht zu vertreten. »Herr Notarius, wischen Sie; wischen Sie soviel Sie nur können. Er soll ausgeflammt werden aus meinem Gedächtnis, der Maier ... hat er mich doch verschlissen als 'n Beheme ... hat er mich doch gejagt in die Ängste hinein un mich verhohnepiepelt for die Gewalt bei lebendigem Leibe, als wäre ich gewesen 'n Schächer am Kreuze ... Herr Notarius, ausgeflammt soll er werden, der Maier, aus meiner Erinnerung un allem, was ich hab' un besitze. Un wenn Sie's machen können, machen Sie's feste. Vielleicht ändert er sich, wird er kommen zu mir un sagen in Demut: Um Vergebung, Elias, ich un die Perlchen ...« »Gut!« Der Notar unterbrach ihn. »Actum ut supra.« Seine Hand legte sich schwer auf den Tisch. »Dann Testament unter voller Begründung.« Mitdem wurde angeklopft. »Herein!« Die vier Zeugen erschienen: ein Schuster, ein Nachtwächter, ein Ferkelstecher und der Barbier vom Oberen Graben. »Nehmt Platz!« Die Tür schloß sich wieder. – Eine Stunde verging. Die Schatten draußen hatten schon lange Gesichter bekommen. Die vergoldeten Zeiger auf der Rathausuhr krochen behaglich ihren Schneckengang weiter. Ein rosiger Goldschaum umkleidete bereits das zartmaschige Frühlingsgewand der ehrwürdigen Linde, die Gänsekiele der Schreiber hatten es nicht mehr so eilig, und der Herr Bürovorsteher mit den Puppenaugen und dem lustigen Verdruß auf dem Rücken sehnte sich danach, zum Abendschoppen zu kommen, als die Zeugen wieder das Privatkabinett verließen und Herr Lenz seinen Klienten bis zur Schnirkeltreppe geleitete. Hier blieben sie stehen. »Das wär' gemacht,« sagte der Notar. »Schmerzlich – gewiß, ein chirurgischer Eingriff, nihilominus autem minime desperamus, sed omne quod bonum et jucundum expectamus . Also hoffen wir. Noch sonst was, Herr Spier?« »Ja, Herr Notarius. Kommen Sie ins Haus Großer Markt Numero sieben ... un lesen sollen Sie den getätigten Akt in Gegenwart Maiers, auf daß er es höre, er un die anderen ... un lesen sollen Sie es mit Ihrem Munde Wort für Wort un Buchstabe für Buchstabe, bis sie Öl geben werden. Aber ich meine nicht Ihnen, sondern den Bruder.« Herr Lenz räusperte sich. »Um welche Zeit?« fragte er lauernd, sich eine genußreiche Stunde versprechend. »Morgen abend um achte,« sagte Elias und streckte die Hand aus. »Aber lesen sollen Sie« – und seine Stimme schwoll an, wurde gefährlich und drohend – »lesen sollen Sie um der Majestät un der Kraft wegen bei brennenden Kerzen ... Herr Notarius, bei brennenden Kerzen!« »Schön, also um achte und bei brennenden Kerzen.« »Ja,« nickte der Senior-Chef, »so un nicht anders. Ich habe die Ehre.« Damit schleifte er gemächlich seinem nahe gelegenen Heim zu. Sechzehntes Kapitel Bei brennenden Kerzen. Entweder – oder. Ein drittes gibt es nicht mehr. Gottverlassenheit im Hause Großer Markt Numero sieben. Ähnlichkeit der Rathausuhr mit der lässigen Geschäftigkeit der Schweizer Oberkellner. Empfang des Herrn Notars durch Sigismund Mendel. Die Katastrophe setzt ein, um schließlich durch das weise und salomonische Eingreifen des Herrn Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz behoben zu werden. Roma locuta, causa finita est, kurz, ein Kapitel, das traurig beginnt, um bei klingenden Gläsern das schönste Ende zu finden. Bei brennenden Kerzen! Also herrisch und in die Knie zwingend, ohne Bedenken, mit einer gehörigen Portion Ingrimm zwischen den Rippen, gewissermaßen, um dem in der gestrigen Nacht hingeworfenen Kalef und dem Beheme eins überzudreschen, sollte die notarielle Handlung anderen Tages um die achte Nachmittagsstunde in aller Feier vorsichgehen. So wollte es Elias. Als er das Haus seiner Väter betrat, war er kalt, gefühllos, abweisend und verneinend wie ein Eiszapfen an der Eingangstür eines königlich preußischen Steuerbeamten geworden. Der Rubikon lag hinter ihm. Er wußte, was er getan hatte. Ein Zurück gab es nicht mehr. Der letzte Trumpf war ausgespielt und der verhängnisvolle Stein ins Rollen gekommen, auf Gedeih und Verderben. Er hörte sein Rumpeln und Poltern. Wohin der Fahrt? Ja, wer das wüßte! Immer nur weiter gerumpelt. Es handelte sich um Sein oder Nichtsein, um das weitere Blühen oder das langsame Abwelken einer geachteten Firma. Entweder fügte sich Maier oder er fügte sich nicht. Ein drittes existierte nicht mehr für ihn. Mochte kommen, was wollte. Er war mit sich einig, völlig im klaren und willens, auch die allerletzten Folgerungen auf sich zu nehmen. Diese Eiszapfentemperatur teilte sich allem mit, was in den vier Wänden des Anwesens lebte und atmete. Alles fröstelte und vereiselte. Der Perlchen, die mit verweinten Augen die Räume durchirrte, erfroren die Tränen. Stina Prußt fuhr ein Schaudern über den Rücken. Sie war gerade dabei, einen delikaten Pfannkuchen für den heutigen Abend herzurichten. Mitten in ihrem besten Hantieren hörte sie auf. Der Eier- und Mehlbrei mitsamt den Zwiebel- und Knoblauchpartikelchen erstarrte ihr unter den Händen. Auch der Zweitgeborene vernahm die Schritte seines hinterhältigen Bruders. Er saß just im Speisezimmer und las das Klevische Volksblatt, als durch das schleifende Gangwerk die trostlose Lage des Hauses wieder in ihrer ganzen zermalmenden Größe über ihn herfiel. Auch er vergletscherte. Genau so wäre der Dalai-Lama im Kloster zu Taschilumpo vergletschert, falls ihm Buddha kurzerhand zu verstehen gegeben hätte, alle Gebetmühlen aus sämtlichen Distrikten Tibets mitsamt ihren immensen Schnüren und Papierstreifen hinter die Binde zu schlucken. Es war schon ein Zustand voller Bangen und Alarm. Zum Auswachsen. Es kam kein Licht in die Sache. Fragen wollte er nicht. Es wäre auch vergeblich gewesen. Das Ungewisse der Lage brachte ihn der Verzweiflung nahe. So ging es den langen, bangen Abend hindurch, während der Zeit, wo der Nachtwächter Henne Hübbers mit seinem Sarraß aus den Freiheitskriegen über das Straßenpflaster rasselte und die kleine Stadt in das Reich der Träume tutete ... und ging bis in den Morgen hinein, wo Rosalie sich als jüdische Aphrodite Kallipygos am Tisch zu schaffen machte und das Frühstück herrichtete. Da aber der übernächtigte Maier ...! Er hielt's nicht mehr aus. Er fuhr aus seinem Gletschertum wie eine Ratte aus einem umlagerten Talgfuß. »Eli, wo bist du gestern nachmittag bis gegen Abend gewesen?« Der Senior-Chef, der jetzt auch keine Veranlassung mehr hatte, sich als Eisblock zu fühlen, kam ins Tropfen und zuckte die Schultern: »Wo soll ich gewesen sein? Nu, bin ich gewesen, wo ich hatte zu tun: beim Herrn Notarius Lenz.« Maier bebte. »Un nu?« fragte er mit gewetzten Zähnen. »Ich warte.« »Worauf wartest du. Eli?« »Du wirst es hören, wenn's Zeit ist.« »Un wann wird es Zeit sein?« »Um achte.« »Un werde ich's hören allein?!« »Es werden's auch hören Sigismund un Rosalie Perlchen.« »Eli. ich bitte dich, Eli! – Du willst mir doch nicht etikettieren wollen for gar nichts, um mich hinstellen zu lassen als 'n gezeichneter Schafbock?! Es geschieht ein Unglück im Hause.« »Jedem das Seine,« replizierte Elias. »Bei dir wird es anstehen, ob es wird heißen: Geprüft un verurteilt oder vergeben in Liebe.« Damit ging er. »Du bist ein Beheme un bleibst ein Beheme!« rief Maier hinter ihm her, ließ seine Kaumuskeln arbeiten und erwog den frevelhaften Gedanken, ob es an der Zeit wäre, sich 'nen Strick zu drehen und damit auf den Speicher zu straucheln. Allein er war ein vernünftiger Mann, einer von denen, die Strick und Speicher ebensogut für gefährliche Dinge hielten wie ›Lazzeruntasch‹ und ›die Füsiliere von hinten‹. Er gab daher dem frevelhaften Gedanken den Abschied, griff dafür in die Hosentasche hinein, brachte eine goldbraune Krachmandel zum Vorschein und zerlegte sie in aller Seelenruhe mit seinem Taschenmesser. Also um achte! Er wartete und tat es mit der Resignation eines Peripatetikers, wenn es auch zeitweilig in seinen Ganglien bibberte und das Herz sich bereits mit der Vorstellung befreundet hatte, jeden Augenblick in den Hosenboden zu stolpern. Des öfteren befragte er die Zeiger an der Rathausuhr. Langsam rückten sie weiter, mit der schleppenden Geschäftigkeit der Schweizer Oberkellner, die bei jedem abgehenden Zuge weitschweifig und umständlich in ihren Taschen herumkramen, um den eiligen Reisenden den restierenden Betrag der empfangenen Banknoten zu erstatten, aber nie in der Lage sind, des hierzu erforderlichen Klein- und Wechselgeldes habhaft zu werden. Was den Schweizer Oberkellnern niemals gelang, das brachten die trägen Zeiger des städtischen Hauses schließlich zustande. Allmählich kreisten sie immer mehr den geheimnisvollen Augenblicken entgegen, während welcher sich die letzte große Szene der Tragikomödie abspielen sollte. Es mochte auf sieben gehen, als der Chef seinen Neffen zu sich entbot, die Vorkehrungen für den heutigen Abend in die Wege zu leiten. Sigismund gehorchte mit der Geschmeidigkeit jüdischer Kommis, teils von heiligen Schauern gerüttelt, teils von dem prickelnden Wunsche beseelt, vielleicht als unparteiischer Zeuge der gewiß merkwürdigen Aktion beiwohnen zu dürfen. Mit fachkundigen Händen richtete er das Szenarium her, während er dabei lieblich nach Zimtborke duftete und immerzu näselte: »Lecho Daudi Likras Kalle – Komm', Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht.« Im Verlaufe einer kleinen Viertelstunde war alles vollendet. Inmitten des Salons paradierte ein Tisch aus Mahagoni, darüber lag eine weiße Decke gespreitet. Zwei schlanke Wachskerzen auf silbernen Leuchtern gewährleisteten einen würdigen Aufputz ... und schließlich: Lineal, Tintenfaß und Gänsekiel verliehen dem Ganzen einen streng-juristischen Einschlag, dem sich niemand zu entziehen vermochte. Inzwischen hatte die Dämmerung einen kleinen Hirtzensprung weiter gemacht. Das Land dunkelte ein. Graufadig gespensterte es durch die weißen Gardinen in die gute Stube. Bald darauf war kaum noch eine Hand vor Augen zu sehen. Aber das Programm wickelte sich nunmehr sachgemäß ab. Zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit brannten die Kerzen. Fünf Minuten später hatten sich alle, mit Ausnahme der Piepmösch, hinter der richterlichen Lade versammelt: der Senior-Chef, Maier und Rosalie Perlchen. Sigismund wartete erhobenen Hauptes an der Haustür. Er hatte Order erhalten, Herrn Lenz zu empfangen und ihn einzuführen. Kurz vor acht ging eine Bewegung durch den Kreis der oben Genannten. »Der Herr Notarius!« Aber er war es noch nicht. Noch drei Minuten fehlten an achte. Allein der da eintrat, gerierte sich so würdig wie der Herr Notarius selber. Es war sein Adlatus – die Schittbox. Außer seinem Verdruß, seinem sakrosankten Gesicht und einem gespitzten Bleistift hinter dem Ohr, brachte er noch die amtliche Urkunde ins Zimmer, legte sie auf die Tafel nieder und machte jeden einzelnen der Anwesenden eine streng-zeremonielle Verbeugung. Dabei verstand er es noch, alle Herzen und Nieren zu prüfen: verhehlte aber seinen unbändigen Genuß an ihren verhaltenen Freuden, ihren Nöten und Ängsten. Nicht dieses allein. Der ganzen Aufmachung widmete er eine ausgiebige Revision. Er untersuchte die Leuchtkraft der aufgesteckten Kerzen. Sie durfte genügen. Er nahm die Gänsefeder, hielt sie gegen das Licht und prüfte ihre Spitze auf dem Daumennagel. Er hatte nichts einzuwenden. Sie war richtig geschnitten. Dann noch ein letztes. Mit einer äußerst gewissenhaften Subtilität rückte er das Tintenfaß an die zweckentsprechende Stelle, unterzog die Tragfähigkeit des Sessels, worauf sich sein Chef niederzulassen hatte, einer umsichtigen Beurteilung und nickte. Er war zufrieden mit allem. »Ich danke den Herrschaften.« Mit einer offiziellen Verbeugung verließ er das Zimmer. Gleichzeitig summelte es mit dem Rumoren eines fettleibigen Brummers vom nahegelegenen Rathausturm herunter. Acht Uhr! Draußen im Hausflur erhob sich ein gemessenes Räuspern. Das des Notars. Dann ließen sich Schritte vernehmen, zielbewußte, energische Schritte. Eine Täuschung nicht möglich. Es waren seine zielbewußten und energischen Schritte. Hierauf erschien eine untersetzte Gestalt auf der Türschwelle, mit stattlichem Bäuchlein, das pontakrote Gesicht zwischen kandiszuckerweißen Vatermördern gebettet, den aufgebügelten Zylinder wie ein Sanktuarium vor sich hertragend, ernst und standesgemäß – der Notarius selber. Herr Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz zog sein Doppelkinn etwas in die steife Leinwand zurück, aber nur etwas, kaum merklich. Das war sein Grüßen. Dann begab er sich, gefolgt von Sigismund Mendel, der sofort die Gelegenheit wahrnahm, sich in den Schatten der Perlchen zu flüchten, an die Gerichtslade, stellte den Zylinder neben Lineal und Tintenfaß, stemmte die Knöchel auf, gab dem Kopf eine getragene Haltung nach rücklings und ließ die schweren Augenlider herunter. »Pst!« machte Elias, »der Herr Notarius wird sich geben die Ehre.« Wäre in diesem Augenblick eine Stecknadel von der Decke gepurzelt, man hätte ihr Fallen vernommen, hätte ein Wanzerich hinter der Tapete verliebt nach seiner etwas spröden Geliebten gewinselt, zweifelsohne wäre dieses Gewinsel selbst in nicht ganz einwandfreie Ohren gedrungen, so still war es mittlerweile geworden, so ahnungsbang, so von den lautlosen Schwingungen des unabwendbaren Schicksals durchzittert. Der Ernst der Stunde stand auch auf den Zügen des Gestrengen verzeichnet. Im gewöhnlichen Dasein, bei einem Fläschchen Mosel, auf der Kegelbahn, am Stammtisch, in der Ressource ein jovialer Lebenskünstler, war Herr Lenz im offiziellen Dienst ein äußerst strenger Jurist, ein zugeknöpfter Beamter, der sich nicht genug darin tun konnte, den Code zu verhätscheln und aus seinen Spalten die pfiffigsten Argumente gleichsam aus zerbrechlichen Eierschalen zu pellen. So auch heute. Er sagte: »Auf Anfordern des mir nach Namen, Stand und Ansehen bekannten und wohlachtbaren Herrn Elias Spier habe ich mich in das Haus Großer Markt Numero sieben begeben, um den von genanntem Herrn in meiner Amtsstube getätigten Akt auf Leben und Sterben hier zur Verlesung zu bringen. Ich bemerke hierzu: Wir sind alle sterbliche Menschen, haben unsere Schwächen und Vorzüge, unsere Neigungen und Abneigungen, denn wir stehen allmiteinander im Kampf ums Dasein und haben Ellbogenfreiheit nötig, um uns das bißchen Platz an der Sonne, dessen wir zum Leben bedürfen, froh zu erkämpfen. Selbstverständlich bleibt es dabei nicht aus, daß sich bei derartigen Manipulationen mancherlei Schwierigkeiten, Spitzen und Härten ergeben, vornehmlich dann, wenn man hierbei mit Dingen zu rechnen hat, die eine Unterströmung besitzen und einen abtreiben wollen.« Er unterbrach sich, um die von sich gegebenen Worte nachdrücklich wirken zu lassen. Als er sich vergewissert hatte, daß sie nicht auf unfruchtbares Erdreich gefallen, spielte er mit seiner Berlocke und fuhr fort in der begonnenen Ansprache. »Die Gründe nun, die den wohlachtbaren Senior-Chef der Firma bewogen, meine juristische Hilfe in Anspruch zu nehmen, werden allen bekannt sein. Der Kausalnexus ist heikler Natur und hat ein tiefeinschneidendes Zerwürfnis gezeitigt. Wo sonst seliger Friede herrschte, lauert jetzt der Unfried, und wo zwei Brüder sich in werktätiger Arbeit fanden, mahlen sie jetzt wie zwei harte Steine gegeneinander. Das geflügelte ›Cherchez la femme‹ ... Doch ich will dieses Thema nicht weiter berühren, will es verweisen in Nacht und Finsternis, auf daß die Kessel nicht hellhörig werden und schadenfrohe Menschen nicht auf den Einfall kommen, verborgene Sächelchen in puris naturalibus auf den Markt und die profane Kirmes zu werfen.« Ein Seufzen ertönte aus der Reihe der Zuhörer. Das waren Worte der Vermahnung, des Mitgefühls und des tiefen Bedauerns. Herr Lenz zupfte die Enden seiner Vatermörder etwas höher und versenkte das Doppelkinn wieder in die blendende Weiße. Im Brustton der Überzeugung gefiel er sich darin, weiter an die Herzen der Menschen zu pochen. »Ich bin königlich preußischer Notar und für den Friedensgerichtsbezirk Kleve bestellt und verpflichtet. Als solcher vertrete ich die freiwillige, ausgleichende Gerichtsbarkeit, nicht die zersetzende, streitbare der Advokaten und Ferkelstecher, und meines Amtes ist es, die Gemüter zu versöhnen und sie auf den Weg eines annehmbaren Vergleiches zu führen. Herr Elias Spier« – und seine Stimme nahm einen schönen, runden und getragenen Ton an, etwa wie ein englisches Flügelhorn, wenn es bei der Nationalhymne einsetzt – »Sie, mein Verehrter, tätigten bei mir die inhaltsschwere Urkunde, die viel des Erhabenen in sich birgt, aber auch viel des Bitteren, Einschneidenden, wenn auch Gerechten. Noch steht es in Ihrem Ermessen, sie zu ändern, ihr eine mildere Form zu geben oder sie für null und nichtig zu erklären, falls Ihnen ein gewisser Sinneswechsel beifallen sollte. Ein überspannter Bogen hat es sich selber zuzuschreiben, wenn ihm die Stränge zerreißen. Ich frage Sie daher in aller Feier und Form: Wie denken Sie darüber in jetziger Stunde?« Alle Augen richteten sich in diesem erhabenen Augenblick auf den Senior-Chef. Elias trat vor. Seine rechte Hand hob sich und senkte sich wieder. »Herr Notarius, bin ich meschugge? Lieber streue ich mir Asche aufs Haupt un gehe als Schnorrer umher, um zu handeln mit die Felle von Kaninchen un Ziegen. Nein, Herr Notarius. Was geschrieben ist, ist nu einmal geschrieben un bleibt geschrieben bis in Methusalems-Zeiten. Gott der Gerechte! ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.« Die Runde erbleichte. Das waren Hammerschläge, Worte eines gequälten und bedrängten Gemütes, Worte, wie sie Doktor Martinus Luther gesprochen hatte auf dem Reichstag zu Worms. Herr Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz griemelte in sich hinein. »Ich dachte mir's,« sagte er ruhig. » Exoriare aliquis ... aus meinen Gebeinen wird mir der Rächer entstehen. Und nun zu Ihnen, Herr Maier. Falls Sie befürchten, durch die Fassung des vorliegenden Aktes schmerzlich berührt zu werden, so möchte ich Ihnen anheimstellen, dem weiteren Verlauf der Sitzung aus dem Wege zu gehen.« »Warum?« fragte Maier. Er griff in die Tasche, um etliche Taler energisch gegeneinander klimpern zu lassen. Seine Goldplomben kamen zum Vorschein. Das Cäsarenhaupt war blutüberlaufen. »Herr Notarius, wie käm' ich dazu?« fragte er höhnisch. »Ich bin kein Wauwau un hätte werden können Offizier ins feinste Regiment, meinetwegen bei die Füsiliere zu Potsdam. Ich fürchte mich nicht un habe mich niemals gefürchtet. Ich will doch wissen, was er gemacht hat, der Eli, um sagen zu können: er ist ein Beheme un bleibt ein Beheme.« »Schön,« fiel ihm sein Bruder ins Wort, »will ich sein ein Beheme, aber du wirst von mir hören. Herr Notarius, bitte. Er ist nicht wert un würdig ...« Er hatte einen verächtlichen Zug um die Lippen. »Halt!« drohte Herr Lenz, »in meiner Gegenwart keine Feindseligkeiten. Das stört den vornehmen Gang der juristischen Handlung. Ich gehe weiter ... und nun zu Ihnen, Fräulein Rosalie Perlchen.« Die Ärmste schreckte zusammen. Berge fielen über sie her, Berge und Hügel. Sie umgriff ihre siebenreihige Granatschnur, um doch irgendeinen Halt zu gewinnen. Sie schaute ängstlich auf Elias. Der wandte sich ab. Sie suchte Hilfe bei Maier. Der war mit sich selber beschäftigt. Ihre Blicke fielen auf Sigismund Mendel, auf den schönen Sigismund Mendel. Die Piepmösch ähnelte einem ausgestopften Posaunenengel und hatte nur ein vielsagendes Lächeln. In ihrer Herzensangst wandte sie ihr verweintes Gesicht dem Notar zu. Der verstand sie und sagte: »Nur keine Sorge, mein Fräulein. Ich möchte nur fragen: Wollen Sie der Vorlesung beiwohnen oder ziehen Sie es vor, das Zimmer zu räumen?« »Ich werde gehen,« wisperte das üppige Perlchen und machte Anstalten, aus dem Bereich der heißen Zone zu kommen. »Du bleibst,« gebot der Senior-Chef. »Das wäre noch schöner! Ohne die Perlchen kein Aktus. Werden sich doch verwandeln ihre Tränen in kostbare Gesteine oder so was. Sie wird sich freuen, die Jungfrau.« »Also sie bleibt,« konstatierte Herr Lenz, »und Sie in gleicher Weise, Herr Mendel. Ich weiß: Sie haben von jeher ein großes Interesse für die Firma bekundet.« Sigismund fühlte sich äußerst geschmeichelt. Er machte einen Diener, der sich sehen lassen konnte, während der Notar auf den Tisch klopfte und sagte: »Die Präliminarien wären somit erledigt, et nunc, ut Deus bene vertat , setzen wir uns. Wir können nunmehr zum Vorlesen der getätigten Urkunde schreiten.« Alle ließen sich nieder. Die tragische Muse regte die Schwingen. Sie wuschelten hierhin und dorthin. Ihr dramatisches Säuseln fachte die Kerzen an und hieß sie feuriger leuchten. Bei brennenden Lichtern. Der Notar begann eindringlich zu lesen, und also hub er an: »Wir, Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, Markgraf zu Brandenburg, Herzog von Schlesien wie auch der Grafschaft Glatz, Herzog zu Sachsen, Westfalen und Engern, zu Geldern, Kleve, Jülich und Berg sowie auch der Wenden und Kassuben, Prinz von Oranien, gefürsteter Graf zu Henneberg, Graf der Mark und zu Ravensberg, tuen hiermit kund und zu wissen: Vor mir, Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz, dem instrumentierenden Notar im Friedensgerichtsbezirk Kleve, und im Beisein der folgenden Zeugen: 1. Henne Hübbers, Nachtwächter und Fleischbeschauer, 2. Franz Kogeleboom, Schuhmachermeister, 3. Pitt Heines, Ferkelstecher, und 4. Hermann Theophile Jules Edmond Lazare Püttmann, Barbier und Haarkünstler, wohnhaft auf dem Oberen Graben, alle dem Notar nach Namen, Stand und Alter bekannt, domiziliert in hiesiger Kirchengemeinde – erschien der wohlachtbare Herr Elias Abraham Mizraim Spier, Vieh- und Produktenhändler, in Firma Elias \& Maier, im Besitz seiner völligen Geisteskräfte, eingesessen dahier, und diktierte mir seinen letzten Willen wie folgt in die Feder: Es will still um mich werden. Meine Tage sind gezählt, und ich sehe bereits das dunkle Tor geöffnet, durch das ich in einer bitteren Stunde hindurch muß. Mein Lebensbuch liegt zu jedermanns Einsicht aufgeschlagen. Wer will, mag darin lesen, und er wird keine Stelle finden, welche ihm zuruft: Er hat sich gegen seine Souveräne, seine Mitmenschen und gegen sich selber versündigt. Nur eine ist schadhaft. Sie steht auf einer der letzten Seiten dieses Lebensbuches verzeichnet. Aber ich frage jeden ehrlichen und offenherzigen Menschen: Hat sich nicht der gefeierte David, der König und Psalterspieler, mit dem Weib des Uria vergangen? und hat er nicht hochbetagt die schöne Abisag von Sunem zu sich entboten? Wäre nicht um Haaresbreite der brave Joseph von Ägypten den Netzen der Potiphar verfallen, hätte der Herr nicht seinen Willen gestärkt und ihm geboten, aus der bedrohlichen Nähe zu fliehen? Ich neige mein Haupt und erwarte das Urteil.« Herr Lenz machte eine wohlüberlegte, bedeutsame Pause. Dabei sah er jeden einzelnen an. Maier stierte stumpf und dumpf vor sich hin und schien die Dielenritzen zu zählen, die sich für ihn ins Unermeßliche dehnten. Elias blieb hart und gefühllos, während Sigismund seine Nachbarin mit gütigen Augen betrachtete und Anstalten machte, mit ihr in Tuch- und Ellbogenfühlung zu kommen. Rosalie hatte in gegenwärtiger Stunde kein Verständnis für diese wohlgemeinte und aus reinstem Herzen kommende Liebkosung. In ihrem verwirrten und preziösen Zustand war es ihr schlechterdings unmöglich, irgendwie klare Gedanken zu fassen. Sie hatte nur Tränen, und diese Tränen waren von einem heftigen Schluchzen begleitet. Das mußte erschüttern. Der Notar griff auch dementsprechend ein und meinte: »Mein verehrtes Fräulein, nur Contenance gehalten. Bloß keine Sorge. Es wird sich schon alles zum besten fügen und einrenken lassen.« Allein die Heimgesuchte hörte kaum auf die wohlwollenden Worte. Sie schluchzte lauter und heftiger. Die Symptome einer Ohnmacht stellten sich ein, denn ihr Köpfchen mit den klingenden Ohrgehängen neigte sich bedenklich zur Seite. Sie drohte vom Stuhle zu sinken. »Hat jemand ein Riechfläschchen bei sich?« ereiferte sich Herr Lenz und machte Miene, sich von seinem Sitz zu erheben. Ja, Sigismund hatte eins bei sich. Er brachte es ihr unter die Nase. Da seufzte Rosalie etliche Male und erholte sich wieder. Der Zwischenfall war erledigt. Die Amtshandlung konnte somit fortgesetzt werden. Dieses geschah auch, denn der Rechtskundige klopfte vermahnend auf den Tisch und begann wieder zu lesen: »Ich neige mein Haupt und erwarte das Urteil, denn Gott ist mein Zeuge, daß ich mich allezeit bemühte, brav und ehrlich und nur mit einem honetten Profit durch mein geschäftliches Leben zu schreiten. Mit meinem Bruder stand ich von jeher auf dem vortrefflichsten Fuße. Als Junggesellen führten wir einen gemeinsamen Haushalt. Unter Blümchen Flesch verlebten wir Tage ruhigen Genießens und Nächte, die nicht in der Lage waren, den Verstand irre zu machen. Mit den Hühnern gingen wir schlafen, mit den Hühnern wachten wir auf und kratzten unsere Geschäfte zusammen. Wir waren ein Herz und eine Seele, ohne Nebengedanken, immer darauf bedacht, dem Herrn zu dienen und die brüderliche Liebe in Ehren zu halten. Sein Vertrauen war mein Vertrauen, seine Zusage die meine. Wechselseitiger Trost, Beistand und Opfermut spannen unentwegt ihre schier unzerreißbaren Fäden ... bis eines Tages ... Rosalie Perlchen aus Kranenburg war über unsere Schwelle getreten, da endlich offenbarte sich die wirkliche Gesinnung meines nichtswürdigen Bruders.« »Was?!« zeterte Maier dazwischen. »Ruhe!« gebot der Notar, »denn ich sitze hier im Namen des Rechtes. Wer daran rüttelt, rüttelt an der Hoheit des Staates. Wenn Sie nicht zuhören wollen, können Sie ja das Zimmer verlassen.« Aber Maier blieb, wenn auch herausfordernd, so doch gefügig, und so war dem Notar Gelegenheit geboten, weiter zu lesen ... und er las mit Unterstreichung einer jeden einzelnen Silbe: »Ich wähnte an meinem Lebensende sagen zu können: Maier, was mein ist: Haus, Effekten, Papiere, ausstehende Gelder, Hof und Garten – alles wird in deine Hände gegeben. Ich täuschte mich bitter, denn wisset: ich bat ihn, um das Vergangene schlafen zu lassen, obigem Fräulein die Wohltat einer gottwohlgefälligen Ehe durch sich zu verstatten, aber weil er sie von sich wies, brachte er meinem schönen Vorhaben ein schmähliches Ende.« Der Angegriffene hielt sich nicht länger. Er sprang auf und gestikulierte mit Armen und Beinen: »Du bist doch der Älteste, Eli!« »Was tu' ich mit meinem Altertum,« hielt ihm dieser entgegen, »wenn ich mich kaum halten kann auf meinen eigenen Beinen. Du bist der Jüngste!« »Püh!« lachte Maier. Aber es war ein grausiges Lachen. »Was tu' ich mit meinem Jüngertum, wenn's mir nicht paßt, in den Stand der heiligen Ehe zu treten? Du bist wohl meschugge! Ich tu's nicht.« Der Senior-Chef machte eine feste Handbewegung. »Lesen Sie weiter, Herr Notarius. Es wird sich ja finden.« »Was wird sich finden?« Maier schrie es so laut, daß davon die Scheiben in ein gelindes Klingen gerieten und die Lichter zu flackern begannen. »Nochmals Ruhe!« wetterte Lenz. »Im Namen des Gesetzes ersuche ich Sie, einen Staatsbevollmächtigten nicht bei Ausübung seines Amtes zu stören. Ich spreche hier im Namen der Obrigkeit und brauche mir Ihre unqualifizierbaren Interjektionen nicht gefallen zu lassen. Hören Sie weiter«, und wieder begann er: »Er kränkte mich bitter ... und weil er es tat und nicht willens schien, die Schmach von unserem Hause zu scheuchen, bestimme ich hiermit von Todes wegen und für ewige Zeiten: Erstens. In Anbetracht dessen, daß mein einziger Bruder in so wenig vorbildlicher Opferfreudigkeit und Zuneigung an mir handelte, wird besagter Maier Moses Gerson Spier nach meinem Ableben, wenn ich also sein werde im Schoße Abrahams, aus der Liste meiner Erben gestrichen ...« Alle sahen sich an. Es war so, als hätte der Ewige durch Notarius Lenz aus Donnerwolken gesprochen, und allen trat die Stelle in den Sinn, die da lautet: »Der ganze Berg Sinai aber rauchte und bebete darum, daß der Herr herabfuhr mit Feuer und Schwefel ...« und in dieses Rauchen und Schwefeln hinein ... »Enterbt!« stöhnte Maier. Es gibt eine Tragik, die keine Tränen mehr findet. Es gibt menschliche Gesichter, die bei gewissen Vorkommnissen alle Farbe verlieren, herzzerreißend erblassen, versteinern und in dieser Versteinerung zerquälter, verschmerzter, zermarterter aussehen als das edle, gramdurchpflügte Antlitz der schönen Niobe, Tochter des Tantalos, Gemahlin des thebanischen Königs Amphion. Das Gesicht von Maier Moses Gerson Spier war ein solches geworden. Er griff in die Luft, tastete rücklings, um mit einem ersterbenden Laut wieder zwischen die Lehnen zu sinken. Mit Glotzaugen stierte er vor sich, ein Zustand, der in ihm gewissermaßen alle Wünsche und Leidenschaften erstickte, ihn absterben ließ gegen Freude und Schmerz, ihn sozusagen auslöschte aus dem Buch der Lebendigen. »Enterbt!« Dumpf und hohl zitterte es durch das lautlose Zimmer. Herr Lenz funkte nach. Er packte das neben ihm liegende Lineal und hielt es wie ein gebietendes Zepter auf den Verstörten gerichtet ... »wird besagter Bruder Maier Moses Gerson aus der Liste meiner Erben gestrichen, falls er sich weigern sollte, die Rosalie Perlchen binnen Frist von drei Monden ehrlich zu machen. Geschieht es nicht – also weigert er sich – dann: Zweitens und im Namen des Königs wird nach meinem eingetretenen Tode mein gesamtes Vermögen, bestehend in Haus, Effekten, Papieren, ausstehenden Geldern, Hof und Garten, nebst Forderungen, die sich im Hypothekenbuche ausweisen, besagter Rosalie Perlchen, der ehelich erzeugten Tochter des verstorbenen Schächters Moses Perlchen in Kranenburg. erb- und eigentümlich für alle Zeiten in die Hände gegeben. So geschehen in der Amtsstube des instrumentierenden Notars, im Beisein der mitunterzeichneten Zeugen, wie eingangs gemeldet. Für richtige Abschrift: Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz.« Das Lineal klatschte nieder. Totenstille, das Schweigen im Grabe, und durch dieses Schweigen hindurch ein wehes Gejammer: »Eli, mein Bruder!« Das war die Stimme des Zweitgeborenen ... und dann ein Geseufze, ein Stöhnen, ein Aufschrei ... Das war die Stimme der Rosalie Perlchen. Sie taumelte auf, sie wankte, sie suchte nach Halt, um gleich darauf als bleiche, aber noch immer als Rose von Jesreel in die Arme der Piepmösch zu gleiten. »Sigismund! Sigmund, mein Hähnchen!« und vier Lippen fanden sich in einem verzehrenden Kusse. Ha! das war es, was der Notar in seiner weisen Fürsorge und als Anwalt der freiwilligen Gerichtsbarkeit erstrebt hatte, um den gordischen Knoten auseinander zu hauen. Er fuhr in die Höhe. Sein Bäuchlein schwappte. Die verschmitzten Äugelchen nahmen einen listigen Glanz an. »Kinder, das wäre die einzig-richtige Lösung! Optime, optime! « und fixbeinig trat er auf das umschlungene Paar zu: »Herr Mendel, würden Sie unter den obwaltenden Umständen ... ich meine: würden Sie heilig gewillt sein, sonder Bedenken und Erwägungen, frisch, fromm und fröhlich mit der verehrten Rosalie Perlchen unter die Chuppe zu treten, ihr Treue zu geloben und sie zu halten als Ihr mosaisches Eheweib ... dann kurz und bündig und nicht lange besonnen! Ich warte.« »In diesem Falle – jawohl,« stammelte Mendel. »Sigismund, mein Hähnchen!« »Na – denn!« und der Notarius warf sich herum: »Maier und Elias, ich habe Ihnen einen tiefeinschneidenden, unversöhnlichen und ausgleichenden Vorschlag zu machen. Sapere aude! Wage es, weise zu sein! und daher: Sie, mein hochverehrter Herr Elias Abraham Mizraim Spier, vermachen auf den Todesfall Ihr gesamtes Vermögen Ihrem einzigen Bruder – und Sie, mein hochverehrter Maier Moses Gerson Spier, werden den festen Willen bekunden und unter notarielle Beglaubigung bringen, Ihren gesamten Nachlaß, auch den Ihres Bruders, falls er vor Ihnen zu sterben käme, in die Hände des jungen Paares zu legen. Von Rechts wegen und im Namen des Königs. So wäre allen geholfen. Actum ut supra. « Er sah sich im Kreise um. »Einverstanden?! dann bitte.« Der Engel des Friedens rauschte durch die entsühnte Stube. Mit Zentnergewichten fiel es allen Beteiligten von den Schultern herunter. Ein Weinen und Aufschluchzen, ein Sichfinden und stilles Versöhnen. »Einverstanden,« sagte Elias. »Einverstanden,« stammelte Maier. »Einverstanden,« wisperten Sigismund und Rosalie Perlchen. »Gläser, Gläser!« rief der Senior-Chef. »Singet dem Herrn ein neues Lied. Heran mit die Gläser!« und als sie kamen und angeklingt wurde, ergriff Elias das Lineal, legte es seinem Neffen auf die Schulter und sagte: »Sigismund Mendel, knie nieder.« Das tat auch die Piepmösch. »Sigismund, so ernenne ich dich hiermit zum Prokuristen der Firma.« »Ah!« – und dann ein Umarmen, ein Küssen und Danken, und durch all diese Feier, durch diese Tränen und das Gläserklingen hindurch – die Stimme des Herrn Notarius Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz: »Morgen um elfe wird hierüber der notarielle Aktus getätigt!« Letztes Kapitel Warum die kleine niederrheinische Stadt vor eitel Freude auf dem Kopf steht und ›Hurra‹ und ›Vivat‹ jubelt. Ovationen. Die alte Linde beginnt wieder zu blühen. Eine selige Botschaft säuselt hernieder: »In meines bulen garten, da stehn zwei blümelein ...« Wie Sigismund und Rosalie Perlchen unter allgemeiner Beteiligung zum Standesamt schreiten, der Bocken-Dores mit dem Angora-Pascha erscheint und Stina weiße und rote Rosen spendet. Die Hochzeitsfeier im Hause. Vorhang herunter! Tiefbewegt beschließt der Schreibersmann diese wahre und schöne Geschichte. O dieses Glück, diese Freude! Mit silberigem Engelshaar rieselte es von dem atlasfarbigen Frühlingshimmel herunter, als zur festgesetzten Stunde die Beteiligten die Stube des amtierenden Notars beehrten. Alles und jedes wurde zum besten geordnet, festgelegt und unter Petschaft genommen und schließlich Herr Lenz zur Hochzeit gebeten. Auch die Schittbox konnte sich dieses Präsentes erfreuen. Wenn die große Linde blühte, sollte die Feier vor sich gehen, eine sinnige Aufmerksamkeit der Braut gegenüber, denn um diese Zeit war sie in ihre jetzige Stellung getreten. – Als sie die Amtsstube verließen, hing es wie Ostermusik in der Luft. Die Finken schlugen, und die Amseln jubelten. Andern Tages war im ›Klever Volksblatt‹ zu lesen: »Als Verlobte empfehlen sich: Rosalie Perlchen aus Kranenburg und Sigismund Mendel, Prokurist im Hause Spier, in Firma Elias \& Maier.« Die Piepmösch verlobt! Das schlug ein wie eine Petarde in einen niedlichen Pulverturm. Der Knall dieser Eruption war so fidel und überwältigend, daß davon die Rathaustauben aufstöberten und in langen silberlichten Bändern die Luft durchflatterten. Die Piepmösch verlobt! Die kleine Stadt stand auf dem Kopf, strampelte mit den Beinen und rief »Hurra!« und »Vivat!« Allerdings, man hatte diese Lösung nie und nimmer erwartet, hatte vielmehr mit Maier und Elias gerechnet, und nun diese Wendung! Aber man ließ sich gern und willig belehren, nahm die Dinge hin, wie sie nun einmal lagen, besprach die Angelegenheit mit heimlichem Kichern und Schmunzeln, auf der Kegelbahn, hinterm Ladentisch, in der Ressource, und freute sich innigst über das glückliche Sichfinden dieser beiden einzigen Menschenkinder. Die Piepmösch und Rosalie Perlchen! Wohin man hörte, überall wurden diese Namen gerufen, besprochen, bewundert, und als am späten Abend die Sterne heraufzogen, bewegte sich ein sinnig zusammengestellter Fackelzug von der Kesselstraße über den Marktplatz, umkreiste die im ersten Grün des Frühlings prangende Linde, hierauf das Standbild des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz, um sich alsdann vor dem Haus der Gebrüder zu gruppieren und nach Bässen, Altisten und Tenören zu gliedern. Der Männergesangverein ›Frohsinn‹, dem auch Sigismund als aktives Mitglied angehörte, gab ihm und seinem Bräutchen die Ehre. Erst dreimaliges Fahnenschwenken, hierauf eine kurze, aber packende Ansprache des Vizepräsidenten Kogeleboom und dann ... ein Klingen der Stimmgabel, ein verständnisinniges Winken und Flüstern von seiten des Herrn Dirigenten – und aus vollen deutschen, begeisterten Männerkehlen zog es durch die Schauer der Frühlingsnacht: »Die Piepmösch sah, als kühl der Abend graute, Von fern des Lämpchens trüben Schein; Da griff er rasch in seine goldne Laute, Und Liebchen kommt und winkt hinein. Die Piepmösch weiß, wo schöne Blumen blühn! Die Piepmösch weiß, wo rote Wangen glühn! Sie muß, wie auch die Sterne sie geleiten, Dorthin mit seiner Laute ziehn.« Immer neue Ovationen wurden auf die Beine gestellt. Alle Vereine, Kränzchen, Gesellschaften konnten sich nicht genug darin tun, die beiden in sachlicher Weise zu hofieren. Mamsell van der Grinten sprach persönlich vor, um ihre Grüße zu überbringen. Desgleichen Meister Kogeleboom nebst Frau Gemahlin und Nöllecke Baumann. Auch der Bocken-Dores erschien mit einem Strauß von Tausendschönchen und Himmelschlüsselchen, ließ seinen würdigen Patriarchenbart wie ein Velarium wehen und legte ihnen seine wohlgesinnten Glückwünsche so treuherzig zu Füßen, daß der Bräutigam erschauerte und der Braut die Tränen ankamen. Nein, dieser Bocken-Dores! Welch ein sinniger Mann! Welch ein Gefäß voll zärtlicher Aufmerksamkeiten, zumal er durchblicken ließ, am Hochzeitstage würde etwas geschehen, von dem man singen und sagen würde bis an das Ende der Zeiten. Selbst während der glorreichen Regierung der erlauchten Herzöge von Jülich, Kleve und Berg wäre solche Ovation nicht Mode gewesen. Die Korporation der Vieh- und Produktenhändler der Kreise Kleve und Geldern sandte eine stolze Adresse, die lediglich die lapidare Aufschrift trug: »Dem Prokuristen.« Kurz, alles geschah, den jungen Leutchen die Honigwaben zu füllen, während Maier die feinsten andalusischen Krachmandeln knackte und Elias, aller Bekümmernisse und Sorgen ledig, sein langsames Schleifen aufsteckte und herumtänzelte wie ein munteres Lämmelböckchen auf einer blumigen Frühlingswiese. Das vergrämelte Haus war wieder ein Haus der Freude und des heimeligen Genießens geworden. So vergingen den beseligten Menschen die Stunden, die Tage, die Wochen. Sie zogen an ihnen gleich bunten Schmetterlingen vorüber, als da sind: Zitronenfalter, Bläulinge, Pfauenaugen, Perlmuttervögel, Admirale und Schwalbenschwänze, und waren unter ihnen keine schäbigen Baum- und Kohlweißlinge zu finden ... und als dann die ehrwürdige Linde ihre harten Blütentröddelchen baumeln ließ und diese sich anschickten, ganz sacht und allmählich ihre Hüllen auseinander zu legen, um die Herrin wie eine burgundische Prinzessin zu kleiden, entstieg eines Tages Zipora Freundlich, die Modistin aus Kleve, dem knallgelben Postwagen, begab sich mit einer allmächtigen Schachtel, diversen Paketchen und Körbchen in das Haus Großer Markt Numero sieben und begann in dem hinteren Stübchen eifrigst zu schneidern. Der denkwürdige Tag rückte näher, und als von den nahegelegenen Wiesen die Sensen herüberlispelten, ein warmer Geruch nach umgelegten Gräsern, Tausendgüldenkraut, Kuckucksblumen und Salbei die ganze Luft erfüllte, als in den Tonscheiben und auf den wohlabgezirkelten Rabarten die Kartäusernelken ihre Äugelchen ausschlugen und eine selige Botschaft herniedersäuselte: »In meines bulen garten, Da stehn zwei blümelein; Das eine trägt muskaten, Das andere negelein. Die muskaten, die sind füße, Die negelein, die sind reß, Die gib ich meinen bulen, Daß er mich nicht vergeß,« da stand im Haus der Gebrüder die Chuppe gerichtet, da trug Sigismund einen imposanten Nelkenstrauß im Knopfloch, da warf die ewigjunge Freundlich ein köstliches Gewand über Rosalie hin, denn an diesem Tage sollte nach vorhergegangener Ziviltrauung auf dem Standesamt die Ehe eingesegnet werden, sollte das heilige Wort des Rabbiners fallen: »Befiehl dem Herrn deine Werke, so werden deine Anschläge fortgehen. Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes. Dein Born sei gesegnet, und freue dich des Weibes deiner Jugend. Sie ist lieblich wie eine Hindin und holdselig wie ein Reh. Laß dich ihre Liebe allzeit sättigen, und ergötze dich allewege ihrer Anmut. Wachset und mehret euch wie der Sand am Meere. Seid glücklich!« Als sie ins Freie traten, um sich aufs Rathaus zu begeben, schlug es elf von Sankt Nikolai, drang ihnen ein fröhliches Knattern entgegen. Hoch vom Giebel herunter wehte die preußische Fahne, raschelten die Kränze, wisperten die Girlanden, duftete ihnen Buchs und Kalmus zu, die liebevolle Hände vor ihnen ausgestreut hatten. Auch die Nachbarhäuser hatten es sich nicht nehmen lassen, sich festlich zu schmücken. Und der Marktplatz erst, die weitere Umgebung! Die Linde begrüßte sie im Glanz ihrer rahmweißen Schleier und brabantischen Spitzen, eine edle Frau am Hofe des burgundischen Herzogs, über und über gesprenkelt mit Sonnenlichtern und dem glitzernden Blau des ewigen Himmelreichs. Und dieses Tuscheln und Raunen! Die kleine Stadt war auf den Beinen. »Heelmoi!« sagte Mamsell van der Grinten, als sie des Brautpaares ansichtig wurde. »Pumpös!« flüsterte Herr Kogeleboom seinem Nachbar zu; er hob sich auf den Zehenspitzen, um besser sehen zu können. »Magnifik!« konstatierte Nöllecke Baumann ... und dann eine gebietende Stimme: »Achtung! Richtet euch und Augen links!« Der Turnverein ›Vater Jahn‹, dessen jungstolze Mannschaft in voller Stärke angerückt war, machte stramm. In voller Drillichmontur, mit gestickten Gürteln bildeten sie Spalier von dem Spierschen Anwesen bis zu den Stufen des städtischen Hauses – eine Leistung ersten Ranges, die zu Bewunderung hinriß. Elias und Maier, die als Trauzeugen rechts und links des Brautpaares standen, waren vor eitel Rührung kaum imstande, sich noch tapfer zu halten. Rosalie schluchzte laut am Arm des Geliebten. Der aber ... Er streckte die Hand und rief glückstrahlend über die jungstolze Mannschaft: »Ich danke den Herren! Ich danke auch vielmals! Ich werde geben den Herren am kommenden Sonntag fünf Lagen Bier in der städtischen Turnhalle, aber alles for gratis!« »Bravo! und hoch sollen sie leben!« und unter diesen jauchzenden Zurufen, unter Hüte- und Tücherschwenken traten sie an, um den wichtigen Zivilakt auf dem Standesamt zu begehen. Rosalie lächelte und weinte abwechselnd, glücklich, beseligt, stolz auf ihren Sigismund Mendel, und gedachte der Weise, die ihr dieser oft zugeraunt »Lecho Daudi Likras Kalle – Komm', Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht.« So schritten sie weiter, bewundert, begrüßt und umjubelt, als eine Bewegung entstand, die immer weiter um sich griff und die Herzen höher schlagen ließ. Denn siehe: seitlich des Denkmals erschien ein gewaltiger Recke in schlichter Tracht, barhaupt, einen Stab in der Rechten, den fließenden Bart mit der Linken strählend. Wie ein Held aus der Bibel, ein Seher und Führer des Volkes, ging er hoch und hehr seines Weges, sanft und gemessen, den Stab hebend, den Stab senkend, mit dem Stabe bedeutsame Zeichen gebend – Runen und Reime. Und hinter ihm ... ha! da kam es gewandelt – ein schneeweißes Tier mit gedrehten Hörnern und fadigem Kinnbart: der Angora-Bock, aufmontiert wie der Maulesel eines andalusischen Blumenhändlers, der die Straße Sevillas durchschlendert. Und dieses weißhaarige Tier: linksseitig trug es einen Korb mit Rosenblättern und zerkleinertem Kalmus, rechtsseitig einen solchen mit Nelkenblüten und zerschnittenem Buchsbaum ... und wurde geleitet von einem üppigen Mädchen, angetan mit schwarzweißer Schärpe und neckischem Schäferinnenhütchen ... und wisset: Und der hohe Mann am Stabe Zog mit seiner Karawane Durch die zugeströmte Menge, Durch das baß erstaunte Volk. An den Kopf des Hochzeitszuges, Hin vor Mendel, hin vor Perlchen, Hin vor Maier und Elias Trat er jetzt mit Tier und Tochter, Seinen weißen Stab erhebend, Seinen Stab auch wieder senkend, Zeichen gebend, Hieroglyphen, Arabesken, Runen, Reime Und dabei den Bart, den greisen, Sorgsam mit der Linken kämmend, Während Stina, seine Tochter, Schabbesgoi bei den Brüdern, Weißgekleidet, hochgegürtet, Unter heiterem Gemecker Immerfort die Blumen streute: Weiße Rosen, rote Rosen, Zartgeflammte Rosenknöspchen, Weiße Nelken, rote Nelken, Zartgeflammte Nelkenknöspchen. So der Alte, so die Tochter, So der Bock und so die Blumen ... Und der Alte kam des Weges Wie dereinst zu Epidauros Hochkothurnt der erste Spieler Vom Proskenion der Halle Tragisch zur Orchestra schritt. Nie dagewesen, erhaben, erschütternd! und die Menge zog die Mützen herunter, und von allen Seiten kam es gefahren: »Der Bocken-Dores soll leben: Hurra und Vivat!« und unter diesen Beifallsbezeigungen ging es zum Rathaus, wurde die standesamtliche Trauung vollzogen, wurde der Heimgang in das Haus der Gebrüder angetreten, wurde die heilige Feier daselbst unter der hergerichteten Chuppe begangen. Am Abend erstrahlten alle Fenster in heller Beleuchtung, hielt der Herr Notarius Baptiste Napoleon Jean Pierre Lenz die Festrede, betrank sich Potthövel, drückte sich das junge Paar unter dem Tisch innigst die Hände, sielten sich Maier und Elias in eitel Wonne und Seligkeit, streute Stina immerfort Blumen: Weiße Rosen, rote Rosen, Zartgeflammte Rosenknöspchen, Weiße Nelken, rote Nelken, Zartgeflammte Nelkenknöspchen ... kurz, es ging ebenso gediegen her wie auf der Aldobrandinischen Hochzeit und war des Jubels und der Freude bis zum hellichten Tage kein Ende. Und der Himmel war gnädig, denn sein Segen ruhte sichtlich und offenbar auf diesem seligen Abend. Als sich das Stündlein erfüllte: wiegte Rosalie einen allerliebsten, krölligen, kleinen Maier Elias Napoleon Jean Pierre Mendel heiter im Schöße. Und Sigismund schmunzelte, er schmunzelte immer, er schmunzelte wie die Auserwählten schmunzeln. Vorhang herunter! denn hiermit beschließt der Schreibersmann dieses die ergreifende Tragikomödie im Hause der Gebrüder Spier, hoffend, daß es allen wohlergehen möge bis zum Beschluß ihrer gottwohlgefälligen Tage. Amen.   Ende