Konrad Telmann An der Engelsbucht I. Die Schatten der Dämmerung huschten bereits um die Stämme der ehrwürdigen Baumriesen des alten Schloßparkes. Ein frischer Abendwind, in dem noch etwas von dem salzduftigen Atem der nahen Nordsee war, rauschte durch die Wipfel. Sonst aber gab es im weiten Umkreis des Herrenhauses kaum einen Laut. Da schallte, durch den weichen Boden gedämpft, der Hufschlag eines Pferdes aus einer der Alleen herauf, und nun wurde auch der Reiter sichtbar, eine hochgewachsene, jugendkräftige Männergestalt, die straff und elastisch im Sattel saß. Die Sonnenbräune seines Antlitzes ließ unschwer den arbeitsfreudigen Landwirt erkennen, den es nicht verdrießt, in Wind und Wetter draußen auf dem Felde selbst nach dem Rechten zu schauen. Aber in diesem Gesicht waren zugleich feine, durchgeistigte Züge, die kaum einen Zweifel lassen konnten, daß es für den Gutsherrn von Hardinghof auch noch andere Interessen gab als die Sorge um gute Ernten und die Gesunderhaltung des Viehstandes. Die Zigarre zwischen den Lippen, trabte der Reiter gemächlich dahin wie einer, der des rechtschaffen vollbrachten Tagewerkes froh ist. Hell und frisch klang seine Stimme, als er den grauköpfigen Diener anrief, den seine Augen zwischen Busch und Strauch auf einem der Fußwege des Parkes erspäht hatten. »He, Klaus – komm doch mal her, mein Alter! Da du vermutlich auf dem Weg nach dem Schloß bist, kannst du eine Bestellung von mir ausrichten.« Der Mann hatte sich beeilt, dem Ruf des Gebieters Folge zu leisten. Er war wohl schon über die sechzig hinaus, aber eine jener gedrungenen, knorrigen Gestalten, wie sie besonders in den holsteinischen Marschen zu Hause sind. »Zu Befehl, Herr Holdheim«, sagte er mit dem breiten Tonfall seines heimatlichen Dialekts. »Eine Bestellung an die gnädige Frau Mutter – nicht wahr?« »Ja, Alter! Ich habe sie seit heute morgen nicht gesehen, der Weg vom Vorwerk ist zu weit und die Arbeit zu dringend, als daß ich zum Mittagessen hätte nach Hause kommen können, und ich möchte jetzt vor allem von dir hören, wie es meiner Mutter geht. Als ich sie verließ, wollte mir ihr Aussehen gar nicht gefallen.« Klaus Deckert wiegte den grauen Kopf. »Ja, Herr Holdheim, das mögen Sie wohl sagen. Mir gefällt es schon lange nicht, und gerade heute schien die gnädige Frau Mutter gar nicht recht wohl zu sein. Ich habe mich wahrhaftig gewundert, daß sie die Jungfer fortgeschickt hat, um ihren Bruder drüben im Dorf zu besuchen.« Von Erich Holdheims Gesicht war mit einemmal all die sonnige Heiterkeit verschwunden, die es noch soeben überstrahlt hatte. »Wie? Sie ist ganz allein? Und du findest sie heute kränker als gewöhnlich? Aber weshalb ist denn niemand gekommen, um mich davon zu benachrichtigen?« »Nein, Herr Holdheim, das ging nicht. Die gnädige Frau Mutter würde gewiß sehr böse geworden sein, wenn sich einer von uns dergleichen hätte einfallen lassen. Und sie ist ja auch nicht eigentlich krank, so was man gewöhnlich unter Kranksein versteht. Sie geht herum und sieht überall nach dem Rechten wie jemand, der ganz gesund ist. Aber es ist etwas so Wunderliches in ihrem Aussehen – und dann diese Aufregung – kein Mensch kann ihr was recht machen, während sie doch sonst gegen jedermann die Freundlichkeit und Güte selbst gewesen ist.« »Na, laß gut sein, Klaus«, unterbrach Erich den Redestrom des Alten. »Geh jetzt nach dem Schloß, mich anzumelden. Ich reite noch auf einen Augenblick nach dem Wirtschaftshof hinüber, weil ich dem Inspektor etwas Wichtiges zu sagen habe. In längstens einer Viertelstunde bin ich zu Hause.« Er ritt weiter, während der Diener einen der schmalen Fußpfade einschlug. Erich Holdheim hatte die Zigarre weggeworfen, und ein Schatten ernster Sorge lag auf seinem Gesicht. Da fuhr er plötzlich betroffen aus seinem Nachdenken empor. Er hatte den scharfen, dumpfen Knall eines Schusses gehört, und dieser Schuß mußte ganz in seiner Nähe, in dem Teil des Parkes, der zwischen ihm und dem Herrenhause lag, abgefeuert worden sein. Was hatte das zu bedeuten? Abgesehen davon, daß es hier irgendwelches jagdbare Wild kaum gab, hätte jedenfalls niemand das Recht gehabt, im Schloßpark von Hardinghof zu jagen. Von einer unbestimmten Furcht, von der bangen, beklemmenden Ahnung eines Unglücks ergriffen, gab Erich seine Absicht auf, nach dem Wirtschaftshof hinüber zu reiten, und wandte sein Pferd vielmehr nach der entgegengesetzten Richtung, dem Herrenhause, zu. Noch war er um ein gutes Stück von demselben entfernt, als er das Krachen und Brechen von Zweigen hörte und die keuchende, atemlose Stimme des alten Klaus an sein Ohr schlug: »O Herr, um Gotteswillen – kommen Sie – kommen Sie schnell! Es hat sich was Schreckliches zugetragen.« In derselben Sekunde noch war Erich Holdheim aus dem Sattel. »Klaus«, rief er, den Arm des Dieners mit beiden Händen ergreifend. »Meine Mutter –« Aber der Alte wiederholte nur im Ton des tiefsten Jammers: »Kommen Sie, Herr – kommen Sie! Sie müssen es selber sehen.« Was er auch Fürchterliches erwartet haben mochte, auf das Bild, das sich wenige Minuten später seinen Blicken darbot, war Holdheim doch nicht gefaßt gewesen. Klaus hatte ihn zu einem kleinen, halb offenen Kiosk geführt, der sich inmitten dieses wenig gepflegten und selten betretenen Parkabschnittes erhob. Und das erste, was die entsetzten Augen des jungen Gutsherrn dort gewahrten, war der anscheinend leblose Körper eines elegant gekleideten Mannes, der, lang ausgestreckt, das Gesicht nach unten gekehrt, auf dem moosigen Waldboden lag. Er hatte die rechte Hand in das Haar des Hinterkopfes gekrallt und die Finger waren mit Blut besudelt. Erich würde geglaubt haben, einen unglücklichen Selbstmörder vor sich zu sehen, wenn nicht da noch etwas anderes gewesen wäre. Und dies andere, das seinen Herzschlag stocken machte und einen Schauer kalten Entsetzens durch seinen Körper rieseln ließ, war der Anblick einer schlanken, dunkel gekleideten Frau mit schon ergrauendem Haar und wachsbleichem, aber noch immer wunderschönem Gesicht, in dem zwei große, dunkle Augen mit seltsamem, flackerndem Feuer brannten. Die Frau stand auf der obersten Stufe der kleinen Treppe, matt und hinfällig an den Türpfosten gelehnt. Ihr Kopf war gegen die linke Schulter hin gesunken, wie wenn sie nicht mehr Kraft genug hätte, ihn aufrecht zu tragen. Ihre Arme hingen schlaff am Körper nieder, die schmalen Finger ihrer rechten Hand aber umklammerten eine Pistole. »Mutter!« schrie Holdheim. »Um Gotteswillen – was ist hier geschehen?« Auf den Klang seiner Stimme hin erhob die Frau den Kopf und ein irres Lächeln huschte über ihr farbloses Gesicht. Er wollte zu ihr hinaufeilen, doch der alte Diener hielt ihn zurück. »Still, Herr«, raunte er. »Nur kein Geschrei und kein lautes Wort! Die gnädige Frau muß fort von hier – schnell fort ins Haus, bevor irgendein anderer dazukommt. Ich konnte sie nicht bewegen zu gehen, aber ich hörte den Hufschlag Ihres Pferdes, und darum lief ich, Sie zu rufen. Sie müssen sie wegbringen, auf welche Art es auch sei.« Erich verstand den Ausdruck verzweifelter Angst, der in der Stimme des Mannes zitterte; aber er wandte sich trotzdem jetzt nicht zu seiner Mutter, sondern kniete neben dem Körper des Hingestreckten nieder. Behutsam erhob er den blutüberströmten Kopf und wandte ihn zur Seite, um einen Blick auf das Gesicht werfen zu können. Ein verzerrtes Totengesicht war es, das ihn aus verglasten Augen anstarrte. Mit einem Aufschrei fuhr Erich zurück. »Arthur von Hagen!« stieß er hervor, und in seinen Zügen war es zu lesen, daß er über den Hergang des Dramas, das sich hier abgespielt haben mußte, nun mit einemmal völlig im klaren war. Wohl mußte diese Erkenntnis ihn furchtbar erschüttert haben, denn es schien, als sei auch der letzte Blutstropfen aus seinem Antlitz gewichen; aber sie hatte ihm unverkennbar zugleich auch seine Geistesgegenwart und Entschlossenheit zurückgegeben. »Hier kann niemand mehr helfen«, sagte er, gegen Klaus Deckert gewendet, halblaut, indem er sich erhob. »Nichtsdestoweniger müssen wir darauf bedacht sein, so schnell als möglich einen Arzt zur Stelle zu schaffen. Der Wagen des Doktor Mörner begegnete mir, als ich vom Vorwerk herüberkam. Vielleicht ist er noch im Dorf. Setz' dich auf mein Pferd, Klaus, und sieh zu, daß du ihn schleunigst herbringst.« Der alte Mann, der am ganzen Leibe bebte, bedachte sich noch, zu gehorchen. »Aber der Tote braucht doch keinen Doktor mehr, Herr Holdheim, und vielleicht ist es besser, wenn ich Ihnen behilflich bin, die gnädige Frau Mutter –« Mit einer Handbewegung schnitt ihm der Gutsherr die Weiterrede ab. »Für meine Mutter sorge ich schon selbst, Klaus! Geh und tu, wie ich dir sage!« Und während sich der Diener ohne weiteren Widerspruch entfernte, stieg der Gutsherr die Stufen zu der Tür des Kiosks empor, wo die Frau noch immer apathisch lehnte, wie wenn alles, was sich da um sie her vollzog, für sie ohne Bedeutung und Interesse sei. In weichem, zärtlichem Ton, in dem so wenig etwas von einem Vorwurf als von einer Frage war, redete er sie an. »Laß uns jetzt ins Haus gehen, Mutter; dies hier ist kein Aufenthalt für dich. Gib mir die Pistole; du willst doch nicht, daß jemand sie in deinen Händen sieht?« »Nein«, flüsterte sie, indem sie ihm langsam die Waffe reichte; und während wieder jenes schreckliche blöde Lächeln über ihr Gesicht irrte, fügte sie hinzu: »Aber es ist gut so, mein Sohn! Nun ist alles gut. Deines Vaters Ehre und den Ruf deiner Mutter – niemand wird sie jetzt noch antasten können. Ah, wie mir leicht ums Herz ist! Ja, nun ist alles gut.« Ihre Zunge war schwer. Mit sichtlicher Anstrengung nur brachte sie die Worte heraus, und jetzt fuhr sie sich ein paarmal mechanisch mit der Hand über die Stirn, als ob sie da etwas wegwischen müßte. Holdheims Lippen zuckten in namenlosem Schmerz; aber er verlor nicht für einen Augenblick seine feste Haltung. Mit sanfter Gewalt zog er den Arm der Unglücklichen unter den seinen. »Komm, liebste Mutter, du bist angegriffen – du bedarfst vor allem der Erholung und Ruhe.« »Ja – Ruhe«, wiederholte sie mit mattem Kopfnicken. »Ich fühle eine so seltsame Leere da oben – eine so seltsame Leere –« Sie ließ sich ohne Widerstand von ihm über die Stufen hinabführen, und ängstlich war Erich darauf bedacht, ihr im Vorüberschreiten durch seine eigene Gestalt den Anblick des Toten zu entziehen. Aber es hätte allem Anschein nach dieser Vorsicht nicht einmal bedurft. Die dunklen Augen der Frau starrten vor sich hinaus mit einem Ausdruck, der es zweifelhaft ließ, ob sie überhaupt etwas sahen. Niemand begegnete ihnen auf ihrem Weg zum Herrenhaus, das sie durch den hinteren, auf eine Terrasse mündenden Eingang betraten. Erich, der seine Mutter schon während des letzten Teils ihrer Wanderung fast hatte tragen müssen, nahm die zierliche Gestalt jetzt ohne weiteres in seine Arme und legte sie sanft auf ein Ruhebett in ihrem Schlafzimmer nieder. Auch hier drinnen hatte sich bis jetzt kein menschliches Wesen gezeigt. Es war alles wie ausgestorben. Nun aber schrillte der Klang der Glocke, die der Gutsherr in Bewegung gesetzt hatte, durch das Haus, und wenige Minuten später erschien mit erschrockenem Gesicht eines der Mädchen auf der Schwelle. »Meine Mutter ist erkrankt«, sagte Erich. »Sie bedarf eines weiblichen Beistandes. Ist die Jungfer noch nicht zurück?« »Nein, gnädiger Herr – aber vielleicht kann ich –« »Ja, kommen Sie her und lösen Sie die Kleidungsstücke. Wir müssen sie so bequem als möglich betten. Ich hoffe, daß der Arzt bald zur Stelle sein wird.« Willenlos ließ Frau Holdheim alles mit sich geschehen. Anfänglich bewegte sie wohl noch die Lippen, aber es waren nur undeutlich geflüsterte, zusammenhanglose Worte, die dabei vernehmlich wurden, und in dem Moment, wo sie in die Kissen des rasch hergerichteten Bettes sank, zu dem Erich sie behutsam hinübergetragen, fielen die Lider wie zum Schlummer oder zu einer tiefen Ohnmacht über die Augen. »Bleiben Sie hier, bis ich zurückkehre«, befahl Erich dem Mädchen, »wenn Sie irgend einer weiteren Hilfe zu bedürfen glauben, mögen Sie klingeln.« Damit ging er hinaus und durch die beiden anstoßenden Räume in sein Arbeitszimmer. Über dem Schreibtisch war eine Waffentrophäe an der Wand befestigt, und eine Lücke darin zeigte die Stelle an, von der seine Mutter die Pistole genommen hatte. Er brachte sie wieder an seinen Platz; dann preßte er beide Fäuste gegen die Schläfen und starrte minutenlang wie geistesabwesend vor sich hin. Ein qualvolles Stöhnen entrang sich seiner Brust, und seine hohe Gestalt sank wie gebrochen in sich zusammen. Aber dieser Zustand der Schwäche währte nicht lange. Mit einer energischen Zusammenraffung seiner Willenskraft schüttelte Erich ihn von sich ab und kehrte in das Schlafgemach seiner Mutter zurück, die noch immer still und bleich wie eine Tote in den Kissen ruhte. Er blieb neben ihrem Bett sitzen, bis nach einer halben Stunde der Arzt erschien. Stumm drückte der weißhaarige Doktor Mörner dem Gutsherrn die Hand. Er hatte die Leiche bereits besichtigt und seine Anordnungen getroffen. Nun trat er an das Lager der Frau Holdheim, und sein Gesicht wurde noch um vieles ernster, während er sie betrachtete. Mit leiser Stimme richtete er einige Fragen an Erich; dann, nachdem er Puls und Herzschlag der Patientin untersucht hatte, winkte er ihm mit den Augen, ihm in das Nebenzimmer zu folgen. »Nun, Doktor, es steht schlimm – nicht wahr? Sagen Sie mir die ganze Wahrheit – ich bin darauf gefaßt, sie zu hören.« »Ich kann im Augenblick weder eine sichere Diagnose stellen noch etwas über den mutmaßlichen Verlauf der Krankheit vorhersagen, mein lieber Herr Holdheim, aber ich fürchte – ich fürchte, wir haben es mit einem schweren Leiden zu tun. Sorgen Sie für unbedingte Ruhe und für eine geschulte Pflegerin – das ist im Moment alles, was wir tun können.« »Und der – der Tote?« fragte Erich mit sichtlicher Überwindung. »Ich habe die Leiche an Ort und Stelle liegen lassen – der gerichtlichen Untersuchung wegen. Sie glauben natürlich an Selbstmord?« Der Gutsherr vermied es, den Arzt anzusehen, während er mit einem Achselzucken antwortete: »Ich denke, wir müssen es wohl den Behörden überlassen, den rätselhaften Vorfall aufzuklären.« »Jedenfalls ein sehr peinliches Ereignis, das Ihnen eine Menge Scherereien verursachen wird. Aber verzeihen Sie, ich muß fort – man erwartet mich noch bei einem Schwerkranken. Wenn ich es irgendwie ermöglichen kann, sehe ich vor Einbruch der Nacht noch einmal bei Ihnen nach.« Der alte Herr hatte es heute merkwürdig eilig. Aber Erich machte keinen Versuch, ihn aufzuhalten. Schweigend griff er nach Mütze und Reitpeitsche, die er vorhin auf einen Stuhl geworfen hatte. Als er auf die Terrasse hinaustrat, kam ihm Klaus Deckert entgegen. Ihre Blicke trafen sich, und sie hatten einander ohne Worte verstanden. »Der Braune ist noch gesattelt, Herr Holdheim – soll ich ihn in den Stall führen lassen?« »Nein, Klaus, ich will sogleich in die Stadt, um selbst die Anzeige zu erstatten. Du hast doch geschwiegen?« »Herr«, sagte Klaus, und es klang wie schmerzlicher Vorwurf aus seiner Stimme, »ehe ich etwas sagte, hundertmal eher wollte ich sterben.« Erich reichte ihm die Hand. »Ich habe es nicht anders von dir erwartet, mein Alter! Du und ich, wir müssen eben für meine unglückliche Mutter tun, was in unseren Kräften steht.« Wenige Minuten später verhallte der Hufschlag seines davongaloppierenden Pferdes in der Ferne. II. Doktor Leuthold trat mit Margot zugleich durch die Glastür des Salons ins Freie und stieg die Marmorstufen in den Garten hinunter. Von dort blickte er auf die kleine Villa zurück, die im vollen Goldglanz der vormittägigen Wintersonne da lag, und strich sich durch den wohlgepflegten Vollbart. »Sehr gut gewählt«, sagte er mit einer leicht schweizerischen Aussprache, »ich bin zufrieden, Fräulein von Detten. Ich denke, es wird das Rechte sein für den Herrn Bruder. Das Hotel war zu geräuschvoll für sein erschüttertes Nervensystem. Und hier haben Sie ja eigentlich alles hübsch beisammen, was Nizza bietet; dort vorn schimmert ein Stück Meer herüber; da links der Weg, auf dem man in wenigen Minuten mitten in unser Saisongetriebe gelangt; rechts drüben Beaurivage, wo Ihre lustige Hotelgesellschaft wohnt – und dabei doch diese Ruhe hier! Man kann seinen stillen Frieden haben und doch jeden Augenblick unter Menschen kommen. Vortrefflich! Gerade wie für unseren Patienten ausgesucht. Haben Sie in diesen Tagen nicht schon einen wohltätigen Einfluß des neuen Heims auf ihn gespürt, gnädiges Fräulein?« »Sie wissen, Doktor«, sagte Margot ausweichend, »daß Harro in seiner Stimmung sehr veränderlich ist. Ein verwöhnter Künstler wie er – und soll nun feiern, wo er eben eine so glänzende Ruhmeslaufbahn zu beginnen schien.« »Ich habe ihm ja erlaubt, mit Maß zu spielen«, fiel der alte Herr gutmütig ein. Margot lächelte trübe. »Mit Maß! O ja, aber darin liegt eben der Zwang für eine leidenschaftliche Künstlernatur. Die muß sich ausströmen können, ohne daran zu denken, ob es auch erlaubt ist. Und dann braucht so einer Anerkennung, glaub' ich, gerade so nötig wie die Luft zum Atmen. Es kommt da so vielerlei zusammen, um seine Genesung aufzuhalten.« Ein schmerzlicher Zug trat um ihre Mundwinkel. »Sagen Sie mir ganz offen, Doktor: Sie glauben doch wirklich, daß er wieder genesen wird?« Ihre Augen hingen mit angstvoller Erwartung an dem Gesicht des alten Herrn. »Ganz gewiß glaube ich daran. Dies Nervenleiden ist durchaus heilbar, und das Herz ist bei Herrn von Detten ja nur in zweiter Linie in Mitleidenschaft gezogen, ohne wirklich organisch erkrankt zu sein. Wir haben also die besten Chancen, und die Heilfaktoren hier sind so günstig wie möglich. Nur« – er schlug mit seinem Stock durch die Luft, wie nach einem unbekannten Feind – »diese Nervenleiden! Da läßt uns all unsere Wissenschaft nur zu leicht im Stich, und auf einen Erfolg können wir uns gewöhnlich erst dann Hoffnung machen, wenn wir nicht nur über ihre Symptome, sondern auch über ihre Ursachen völlig im klaren sind.« »Sie glauben also, Doktor, daß es für Harros Krankheit noch andere Ursachen geben müsse als die Überanstrengung in seinem Beruf? Halten Sie es denn für möglich, daß auch erbliche Anlage im Spiel sei? Mein Vater, der ebenfalls Künstler war, muß nach allem, was wir von ihm wissen, auch wohl ein krankhaft nervöser Mann gewesen sein. Und deshalb –« »Nein, nein«, meinte der Doktor, »auch das erklärt noch nicht alles. Hinter diesem jähen Wechsel zwischen Niedergeschlagenheit und Hoffnungsseligkeit muß doch wohl noch etwas anderes stecken. Ich glaube, daß es für einen baldigen Erfolg meiner ärztlichen Bemühungen von großem Nutzen sein würde, wenn Sie mir einen Fingerzeig geben könnten, wie ich mit meiner Behandlung einzusetzen habe.« Schwermütig schüttelte Margot den Kopf. »Ich selbst tappe völlig im Dunklen. Von der Erbschaft, auf deren Zuerkennung er von Tag zu Tag ungeduldig wartet, hat Ihnen Harro wohl selbst gesprochen. Gewiß trägt die Umständlichkeit des gerichtlichen Verfahrens und die dadurch bedingte Ungewißheit einen Teil der Schuld an seiner krankhaften Erregung. Aber wenn ich daran denke, wie wenig gerade er sonst nach dem Geld fragte, stehe ich auch hier vor einem Rätsel. Wir sind ja ohne Vermögen, und es ist sicher, daß Harro durch den reichen Nachlaß unseres Großvaters viel mehr künstlerische Unabhängigkeit erlangen würde. Ich könnte es begreifen, wenn er von der Erbschaft als von einer angenehmen Aussicht spräche. Daß er aber mit Leib und Seele im Bann dieser fieberhaften Erwartung steht – nein, dafür habe ich keine Erklärung.« »Nun, ich hoffe, mein liebes Fräulein, daß es Ihnen doch noch gelingt, für alles Unverständliche die rechte Erklärung zu finden. Frauen sind ja so klug, die bringen alles heraus, was sie wollen. Und darauf, daß ich mich nach Kräften bemühen werde, Ihnen den Bruder wieder gesund zu machen, darauf können Sie sich schon verlassen.« Er wollte sich verabschieden, aber Margot sagte: »Ich begleite Sie bis zur Pforte, Herr Doktor.« Als sie gingen, warf der alte Herr noch einen zerstreuten Blick auf den Nachbargarten hinüber. »Sieh, sieh!« sagte er dann. »Sie sind ja die unmittelbaren Nachbarn des geheimnisvollen Fremden und seiner verzauberten Dornröschen-Burg hier – das wußte ich gar nicht. Was da drüben schon für eine Fülle von Blumen zur Blüte gekommen sein muß! Heliotrop, Parmaveilchen, Tazetten – und wahrhaftig auch schon Rosen! Ja, ein Blumenfeind ist dieser Menschenfeind jedenfalls nicht. Und ob der wirklich ein schlechtes Gewissen haben kann, der sich so liebevoll mit der Blumenzucht beschäftigt, ist mir psychologisch höchst zweifelhaft.« »Behauptet man denn das?« fragte Margot. »Jawohl. Wer sich von den Menschen fernhält, kommt immer in den Verdacht, besondere kompromittierende Gründe dafür zu haben. Und nun gar hier, wo so viel abenteuerliche Existenzen ihr Wesen treiben!« Er küßte Margot die Hand und eilte mit raschen Schritten die sonnige Straße hinab. Margot trat ins Haus zurück. Im Gartensalon hörte sie von nebenan her das Geigenspiel ihres Bruders, dazwischen hin und wieder ein leises Anschlagen der Klaviertasten, dann eine tiefe Stille, die nur von einem hastigen Federrascheln unterbrochen wurde, und endlich das Geräusch von verlorenen Schritten über dem Zimmerteppich, worauf die Geige endlich abermals zu tönen anfing. Sie wußte, daß Harro jetzt komponierte. Da durfte er nicht gestört werden, und um ihn her mußte alles so ruhig sein, als ob sich niemand außer ihm im Hause oder in dessen Umgebung befände. Sie schlich sich auf den Zehen wieder hinaus, um dem Gärtner zu sagen, daß er in der Nähe des Hauses die Kieswege jetzt nicht harken dürfe, wie er das sonst um diese Zeit zu tun pflegte. Die Geschwister hatten die kleine Villa Erminia von einer französischen Familie übernommen, die für die zweite Hälfte des Winters nach Algier hinübergegangen war und ihnen mit der gesamten Hauseinrichtung auch die gutgeschulten Dienstboten – ein älteres Ehepaar, von dem der Mann als Gärtner und Diener, die Frau als Köchin und Stubenmädchen fungierte – zurückgelassen hatte. Den Mann fand Margot im hinteren Garten damit beschäftigt, eine Jucca zu versetzen, die schon zu viel Schatten hatte. Sie sah ihm eine Weile bei seiner geschickten Hantierung zu, in der er sich nicht stören ließ. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke, und sie sagte: »Da nebenan in der Villa ›La Paix‹ hat man schon viel Blumen, Jean. Man riecht's bis hierher.« »Ja«, erwiderte der Mann in seinem schwer verständlichen Nizzarder Patois, das er sich mühte, bald dem Französischen, bald dem Italienischen anzunähern, und sein Spaten warf einige dunkle Erdschollen auf. »Der denkt, der schlimme Geruch, der von dem Hause ausgeht, könnt' dadurch übertäubt werden. Aber das hilft ihm alles nichts.« »Was ist denn das für ein schlimmer Geruch?« fragte Margot mit leisem Lächeln. »Blutgeruch«, sagte der Nizzarde und zerschlug einen Erdklumpen, der an den Wurzelfasern hing, während seine Brauen sich finster zusammenzogen. »Wie denn? Ist der Mann ein Verbrecher?« »Wissen Sie das noch nicht, Mademoiselle?« »Woher sollt' ich das wissen?« »Das weiß doch so ziemlich jeder Mensch hier.« Jean stützte die Arme auf seinen Spatengriff und sah düster nach dem Nachbargarten hinüber »Er hat einen erschlagen«, setzte er dann leiser hinzu. »Ist das auch sicher?« Margot hatte ein leichtes, ungläubiges Lächeln um die Lippen, konnte sich aber eines leisen Erschauerns nicht ganz erwehren. Jean zuckte halb verächtlich mit den Schultern. »Dabei gewesen bin ich freilich nicht, Mademoiselle. Aber wenn es sich nicht so verhielte, hätte der Herr wohl schon längst alle, die ihm so etwas nachreden, vor den Friedensrichter gebracht. Doch er wird sich hüten. Hält er doch die Frau des Erschlagenen gar noch heute als Gefangene bei sich in seiner Burg.« »Also ein Korsar!« sagte Margot, der diese abenteuerliche Geschichte immer unglaubwürdiger erschien. »Daß da die Polizei nicht einschreitet!« Der Gärtner warf ihr einen schrägen Blick zu. »Ach, unsere Polizei! Seit wir französisch sind, nun gar! Der kommt alles bloß darauf an, daß ja kein Skandal passiert, damit die Fremden nur nicht etwa wegbleiben! Ja, Mademoiselle, hier bei uns, wo's so schön sonnig und friedlich aussieht, da kommen Dinge vor – Dinge –«, er grub mit einem vielsagenden Kopfschütteln weiter. »Wie heißt der Besitzer der Villa?« fragte Margot. »Ich weiß nicht genau. Diese ausländischen Namen sind so schwer zu behalten. Aber ich glaube, daß er sich Holten oder Holtein oder so ähnlich nennt.« »Doch nicht Holdheim?« forschte Margot. Doch fast in demselben Atem fügte sie mit einem lächelnden Kopfschütteln hinzu: »Aber, wenn es auch so wäre, der Herr, an den ich soeben dachte, ist unser unheimlicher Nachbar sicherlich nicht.« Die Erinnerung an eine ritterliche Männergestalt war plötzlich in ihrer Seele lebendig geworden und mit ihr zugleich das Bild glücklicher Tage, die sie vor einigen Jahren auf der Märcheninsel Capri hatte verleben dürfen. Ein Kreis liebenswerter Menschen war es gewesen, die sie damals umgaben. Jetzt, da sie ihre Gedanken in die Vergangenheit zurückwandern ließ, stand in ihrer Phantasie auch Erich Holdheims geistvolles Gesicht in voller Deutlichkeit da. Welche Freude es ihr wohl bereitet haben würde, ihn einmal wiederzusehen! Aber daran war kaum zu denken, denn er hauste jetzt ohne Zweifel hoch oben im Norden auf seinem alten holsteinischen Familiensitz, wohin ihn damals zu aller Bedauern ein dringender Brief seiner verwitweten Mutter plötzlich gerufen. Er hatte bei der Abreise versprochen, dem Baronet Hydale, in dessen Familie das Fräulein von Detten zu jener Zeit als Gesellschafterin engagiert war, bald ein Lebenszeichen zu geben; aber Margot hatte nicht erfahren, ob er dies Versprechen gehalten. Für sie war er seit den unvergeßlichen Capreser Tagen verschollen, und sie konnte seiner nicht gedenken, ohne daß sich jedesmal etwas wie ein Gefühl leisen Schmerzes in ihrer Seele regte. An der Unterhaltung mit dem Gärtner hatte sie jedenfalls mit einemmal alles Interesse verloren und langsam wanderte sie den Garten weiter hinauf, bis sie in der Grenzhecke plötzlich eine schmale Lücke gewahrte, deren sie bisher noch nicht gewahr geworden war. So reizvoll und lockend auch immer die blühende Wildnis nebenan vor ihr dagelegen hatte, so zaubervoll hatte sie sich dies kleine Reich, in dem ein Verbrecher hausen sollte, doch nicht vorgestellt. Hier hatte die Kunst in ihrer höchsten gärtnerischen Ausbildung mit einer freigebigen Natur gewetteifert, um etwas Vollkommenes zu schaffen. Margot konnte sich gar nicht satt sehen an diesen geheimnisvollen Steineichengängen, in deren Schatten weiße Marmorbilder ernst auf ihren Sockeln standen; an diesen Rosenlauben, diesen samtartig geschorenen Rasenplätzen, auf denen die Fontänen ihren schmalen Silberstrahl emporsandten, diesen lauschigen Winkeln, diesen Gruppen herrlicher Zedern, Gummibäume und Araukarien. Tiefste Schatteneinsamkeit wechselte überall mit weiten Blumenfeldern, die in der vollen Sonnenglut ihre betäubenden Wohlgerüche ausströmten. Ein Haus sah man nicht; es mußte von den Baumwipfeln völlig verdeckt werden. Auch keinen Menschen gewahrte man; keinerlei Geräusch störte die tiefe Stille. Margot konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, sich behutsam durch den Heckenspalt hindurchzudrängen – nur ein paar Schritte weit, um alles ein bißchen mehr aus der Nähe betrachten zu können. So lange hatte sie es ja im stillen schon gewollt und sich immer nur ihrer kindischen Neugier geschämt und dagegen angekämpft. An dem Springbrunnen vorüber schlich Margot längs einer Levkojenrabatte hin und passierte den Eingang zur Steineichenallee, durch deren verzweigtes Dach die Sonnenstrahlen sich nur mühsam Bahn brachen. Dann aber blieb sie plötzlich mit einem Ruck mitten im Wege stehen, denn sie hatte zwischen dem überblühten Rankenwerk der Laube drüben etwas Weißes schimmern sehen und erkannte jetzt zu ihrem Schreck die Gestalt einer Dame, die in einem hellen Wollkleid auf einem indischen Baststuhl hingestreckt lag. Margot gewahrte ein gelbes Antlitz, aus dem zwei schwarze, seltsam leere Augen starrten. Sie wollte rasch auf dem Wege, den sie gekommen, wieder zurückeilen, jetzt aufs tiefste beschämt und über sich selber zornig, als man sie auch schon in der Laube bemerkt haben mußte, denn ein halb erstickter Angstruf scholl mit einem Male von dorther durch die Ruhe des Gartens, und fast im gleichen Augenblick setzte eine mächtige silbergraue Dogge in großen Sprüngen quer über die Blumenbeete und hatte Margot, die nun keinen Fuß mehr zu rühren wagte, zähnefletschend und knurrend gestellt. Und nun kamen rasche männliche Schritte den Kiesgang zwischen den beiden Reihen Steineichen herauf. Ein scharfer Pfiff ließ die Dogge unruhig knurrend sich erheben. Margot wagte gar nicht, sich nach der Richtung zu wenden, aus der ihr die Hilfe kam. Was sollte sie diesem Manne denn antworten, wenn er sie fragte, was sie veranlaßt habe, sein doch wahrlich sicher genug umhegtes Eigentum zu betreten? Wie ein beim Naschen ertapptes Schulmädchen würde sie vor ihm dastehen – welch eine unwürdige Rolle! »Bitte, keine Furcht, Madame!« klang es auf französisch vom Allee-Eingang her jetzt mit einer tiefen, kräftigen Männerstimme zu ihr herüber. »Der Hund wird Sie nicht mehr belästigen.« Margot drehte ihm ihr Gesicht zu. Ein Wort der Entschuldigung mußte sie denn doch zum wenigsten herausstottern, ehe sie sich zur Flucht wandte, gerade weil er so taktvoll und ritterlich seinerseits Schweigen bewahrte. »Mein Herr, ich weiß wirklich nicht, was ich – ah!« unterbrach sie sich plötzlich und faßte die kraftvolle Männergestalt, die da in bequemer Hauskleidung vor ihr stand, erstaunt und verwirrt näher ins Auge. »Herr Erich Holdheim! Sie sind es also in der Tat!« Ihr entging nicht, welch ein Zucken über sein sonnenbraunes Gesicht lief. »Fräulein von Detten«, sagte er in sichtlicher Bewegung, nicht minder überrascht als sie selbst. »Sie kennen mich also noch?« »Oh!« meinte er mit einem Lächeln, das ihr traurig und vorwurfsvoll zugleich erschien. »Vor einigen Jahren in Capri – Sie sind wieder mit jener Familie – mit Baronet Hydales hier in Nizza?« »Nein, mit meinem Bruder. Und nicht mehr als Governeß. Wir wohnen hier nebenan in der Villa Erminia – seit acht Tagen ungefähr, nachdem wir bis dahin – aber wie kommen Sie hierher?« Sie starrte ihn in jäh erwachendem Begreifen mit großen, erschrockenen Augen an. »Ich wohne hier, gnädiges Fräulein.« »Sie? Sie sind der – Eigentümer dieser Villa ›La Paix‹?« Wieder zuckte es in seinem verdüsterten Gesicht. Dann bejahte er kurz. »Ich habe mich hier angekauft. Die Heimat war mir verleidet. Auch der Gesundheitszustand meiner Mutter erforderte einen ständigen Aufenthalt im Süden. Sie wissen vielleicht, daß meine Mutter eine Südländerin ist.« Es kam alles stoßweise und mit sichtlicher Überwindung heraus. Margot hatte sich zu fassen gesucht. Erich Holdheim, der tatenfrohe Mann, mit dem sie so sonnige Erinnerungen verknüpften, identisch mit dem weltscheuen Einsiedler, von dem hier die grausigsten Gerüchte umliefen! War das möglich? Und wenn diese Gerüchte auch logen – und natürlich logen sie, mußten sie ja lügen –, wie traurig verändert war er doch! So verändert, daß es ihr Herz in heißem Erbarmen zuschnürte. Die Heimat sei ihm verleidet worden, sagte er – ihm, der zäh darin wurzelte! Da mußte denn freilich wohl ein trauriges Geheimnis vorwalten, wenn auch wirklich seine kränkelnde Mutter den eigentlichen Anlaß zu einer Übersiedlung in den Süden gegeben haben mochte – diese Mutter, die am Ende gar identisch war mit Jeans »geraubter Frau eines anderen«, die der »Mörder« bei sich in dem unzugänglichen Schlosse »gefangen hielt« und die vorher durch den unbefugten Eindringling offenbar so tödlich erschreckt worden war. Margot fiel es heiß auf die Seele, daß sie noch kein Wort über dies Eindringen hier zu dem Manne da gesprochen hatte. Während die Farbe auf ihrem Gesicht rasch kam und ging, brachte sie jetzt stotternd hervor: »Ich habe über diesem unvermuteten Wiederfinden noch gar nicht um Verzeihung gebeten, daß ich unberechtigterweise hier eingetreten bin. Wenn Ihrer Frau Mutter meine Keckheit nur nicht geschadet hat, Herr Holdheim! Das wäre eine schwere Verantwortung, die ich da auf mich geladen hätte! Vielleicht überzeugen Sie sich selber, oder ich darf –« Sie machte eine Bewegung gegen die Rosenlaube zu, aber er fiel ihr hastig erschrocken ins Wort: »Ach nein, bitte, lassen Sie – lassen Sie lieber mich allein, mein' ich – meine Mutter – sie ist etwas menschenscheu, meine Mutter. Sie müssen schon verzeihen. Übrigens ist ihre – Kammerjungfer bei ihr, und ich glaube sicherlich nicht – wenn Sie mir jedoch einen Augenblick erlauben wollen –« Es kam alles ängstlich und unsicher heraus, während er nun mit großen Schritten auf die Laube zuging, wo Margot ihn mit so liebevoll besorgter und zugleich tröstender Stimme in einer fremden Sprache reden hörte, daß es ihr ans Herz griff. Dieser Mann dort war kein Verbrecher; wenn sie es nicht vorher schon gewußt hätte, jetzt würde sie die Hand dafür ins Feuer gelegt haben. Nur ein Unglücklicher mußte er wohl sein und ihres höchsten Mitleids wert. Erich Holdheim war zurückgekommen, die Dogge hinter sich. »Sie dürfen völlig beruhigt sein«, sagte er. »Meine Mutter hat den kleinen Schreck ohne alle nachteiligen Folgen überstanden. Wenn Sie selbst nur von sich das gleiche sagen können! Sie sehen noch gar nicht danach aus. Darf ich Sie nicht bitten, für einen Augenblick hier Platz zu nehmen?« Er deutete auf eine kissenbelegte Marmorbank, die da unter den ersten Steineichen des langen Ganges neben einer Statue der Flora stand. Margot nahm das Anerbieten dankbar an. »Das ist ein herrliches Besitztum, das Sie da Ihr eigen nennen«, sagte sie dann, als sie beide nebeneinander Platz genommen hatten. »Ich bin ganz berauscht davon. Das ist ja auch die einzige Entschuldigung für mein Hiersein. Die Versuchung war zu groß. Sie müssen hier viel Freude an all dem Blühen und Grünen haben, das gar nicht enden will.« »O ja«, sagte er mit seinem schwermütigen Lächeln, »es ist schön, und es ist ja auch das einzige, was ich habe. Das Besitztum befand sich in völlig verwahrlostem Zustande, als ich es vor ein paar Jahren erwarb; ich konnte es daher weit unter seinem Wert haben. Tüchtige Leute und die Gunst des Klimas haben mir geholfen, es in seinen jetzigen Stand zu versetzen.« »Und Sie leben nun immer hier?« »Ja.« Er blickte zu Boden, als verfolge er aufmerksam das Spiel, das die Sonnenlichter auf dem Wegkies trieben. Eine Weile schwiegen die beiden Menschen, und ringsum herrschte wiederum die tiefe Stille von vorher, die Margot so bezaubert hatte. Jetzt empfand sie sie plötzlich als etwas Lähmendes. »Es muß Ihnen schwer geworden sein, die Heimat aufzugeben«, sagte sie. Aber sie bereute die Worte schon wieder, kaum daß sie ihr entfahren waren. Es entging ihr nicht, daß er erblaßt war und ein Schatten über seine hellen Augen fiel. Es war unzart von ihr gewesen, an diese Wunde zu rühren. Aber dies Unausgesprochene, was zwischen ihnen beiden lag, beklemmte sie. Wenn er doch nur geredet, sein Innerstes vor ihr ausgeschüttet, geklagt und angeklagt hätte! Nur nicht dies dumpfe, resignierte Schweigen. Aber wer war sie, wer war sie besonders ihm, daß er ihr gegenüber sich hätte gehen lassen sollen – und gleich in dieser ersten Stunde eines merkwürdigen Zusammentreffens, von dem sie ja gesehen und gefühlt hatte, wie es ihn erschütterte und was es alles in ihm emporwühlte! Sie war aufgestanden. Und auch er erhob sich langsam. »Darf ich Ihnen noch den übrigen Garten zeigen?« Aber Margot lehnte ab. »Ich muß nach Hause«, sagte sie. »Leider. Aber wenn Sie mir nächstens einmal erlauben – wir sind ja Nachbarn, ich hoffe: wir werden gute Nachbarschaft halten.« Und als er sich nur mit seinem trüben Lächeln stumm verneigte, setzte sie hinzu: »Mein Bruder wird natürlich mitkommen, und wir werden ganz nach Sitte und Brauch durch die Hauptpforte eintreten, nicht, wie ich heute, auf verbotenen Schleichpfaden. Ich wünsche sehr, daß Sie meinen Bruder kennenlernen, Herr Holdheim.« Diesmal verneigte Erich Holdheim sich nicht zum Zeichen der Zustimmung, sondern blieb plötzlich stehen und sagte mit ruhigem Ernst: »Wenn Ihr Herr Bruder diesen Wunsch hegt, gnädiges Fräulein – ja. Aber ich bitte Sie dringend, vorher doch lieber erst Erkundigungen über mich hier einzuziehen.« Sie war blaß geworden. »Was soll das heißen?« »Das soll heißen, daß ich auch hier verfemt bin, gerade so, wie ich es zu Hause war. Und daß ich lieber auf jeden Verkehr Verzicht leiste, als einen erzwungenen – einen aus Mitleid – anzunehmen. So sehr es mich daher freuen würde, Ihren Herrn Bruder kennenzulernen, ich glaube kaum, daß er selber diesen Wunsch noch hegen wird, wenn er erfahren hat –« »Auch nicht, wenn ich ihm für Sie bürge?« fragte sie mit dem tapferen Versuch eines Lächelns, als er nach seinen zum erstenmal mit heißer Leidenschaftlichkeit herausgestoßenen Worten wiederum stockte. Und sie sah ihm dabei fest ins Auge. »Sie?« fragte er halb gerührt, halb gutmütig verweisend. »Wie könnten Sie das, mein Fräulein? Weil Sie mich damals in Capri unter lauter anständigen Menschen als Ihresgleichen haben verkehren sehen? Inzwischen – heute ruht ein Makel auf mir, der mich aus der Gesellschaft da draußen ausschließt und gegen den auch Sie nichts vermögen. Aber ich danke Ihnen für Ihren guten Willen, Fräulein von Detten. Wenn an nichts anderem, hieran würde ich Sie gleich wiedererkannt haben. Bitte« – sie hatte ihm ins Wort fallen wollen, aber er fuhr mit einer flehenden Bewegung fort – »versprechen Sie nichts! Wenn wir uns wiedersehen sollten, würde ich das als eine Gunst des Schicksals betrachten. Aber nichts versprechen – sich zu nichts verpflichten, bitte!« Der Blick aus seinen traurigen Augen tat ihr weh. Sie wußte nichts mehr zu erwidern. Nur als er sie zur Ausgangspforte geleiten wollte, bat sie: »Für diesmal müssen Sie mir schon erlauben, durch meine Diebestür in der Hecke wieder zu verschwinden. Ich möchte nicht, daß man mich von draußen zurückkommen sähe. Mein Bruder würde mit Recht schelten. Sehen Sie dort die Zaunlücke? Die hat Nero wahrscheinlich einmal gerissen, als er einer nachbarlichen Katze nachsetzte. Durch die bin ich hereingeschlüpft. Und nun: Auf Wiedersehen!« Der leicht scherzende Ton, den sie angeschlagen hatte, kam ihr nicht recht von Herzen, aber das »Auf Wiedersehen!« sprach sie mit überzeugter Wärme und streckte ihm ihre Hand hin. Er drückte sie. »Auf Wiedersehen!« sagte er leise. Noch lange, nachdem sie durch die Hecke verschwunden war, stand er wie angewurzelt auf dem gleichen Fleck und blickte ihr nach. III. Harro von Detten war zerstreut und nervös, als er zu Tische kam. Es war mit dem Komponieren nicht so gegangen, wie er gewollt hatte. Und dann hatte er in den Zeitungen, wo er immer nur die Konzertberichte und Musikkritiken überflog, wieder allerlei gefunden, was ihn aufregte und verstimmte. Andere hatten Triumphe gefeiert, andere kamen in die Höhe, schufen sich einen Namen. Er selbst war vergessen, ihn vermißte niemand. Den meisten Verdruß aber hatte ihm ein Brief des Justizrates Weilheim bereitet, jenes Anwalts, dem die Geschwister die Vertretung ihrer Erbschaftsansprüche übertragen hatten. Der Justizrat schrieb, er habe die Erbansprüche der Geschwister von Detten bei Gericht angemeldet und man habe ihm aufgegeben, den Trauschein der Eltern sowie andere Dokumente beizubringen, aus denen erhelle, daß Frau Melitta von Detten in der Tat mit der einzigen Tochter des Erblassers Baron Meyburg identisch sei und ihre überlebenden Kinder einer rechtsgültigen Ehe entsprossen seien. Was das alles für Umstände und Weitläufigkeiten waren! Unerträglich! Und nun sollte er diesen Trauschein herbeischaffen! Er hatte ihn nicht, er wußte auch nicht, wie er ihn besorgen sollte, denn er erinnerte sich gar nicht, je gehört zu haben, wo seine Eltern sich eigentlich hatten trauen lassen. Wahrscheinlich in England. Weil es dort am leichtesten gewesen war und auf die mangelnde Einwilligung des Vaters der Braut keine Rücksicht genommen wurde. Aber wo in England hatte die Trauung stattgefunden? Wenn der Justizrat hier keine Hilfe schaffen konnte – er, Harro, war vollends außerstande dazu. Diese albernen Formalitäten überhaupt! Er war Harro von Detten, Hans von Dettens Sohn und des alten, versteinerten Baron Meyburgs leiblicher Enkel, und damit basta. Beweisen! Warum nicht gar! Er wollte dem Justizrat schreiben, daß er dem hochwohllöblichen Gericht bestellen möge, es sei alles in bester Ordnung und die Spatzen auf den Dächern in Meyburg könnten es ihm vorpfeifen, daß Melitta von Meyburg Hans von Dettens Frau gewesen sei. Diese Schikanen! Diese Verschleppung einer so einfachen Erbschaftsregulierung! Natürlich nur, damit die Herren Advokaten recht viele Gebühren zu liquidieren hatten! Man kannte das. Als Harro gleich nach Tisch sich hinsetzte, um an den Justizrat zu schreiben, wurde es draußen vor der Gitterpforte laut. Allerlei Rufe, Gesang und Gelächter ertönte. Und als Margot in der offenen Tür des Gartensalons erschien, hallte es zu ihr herüber: »Schnell! Schnell! Fertigmachen! Wir fahren alle nach Monte Carlo. Ausreden gelten nicht! Im Notfall wird Gewalt gebraucht. Vorwärts! Vorwärts! Wo ist Harro?« Harro war schon neben seiner Schwester im Türrahmen aufgetaucht, um lachend mit der Hand hinauszuwinken. »Ihr leichtsinniges Volk!« rief er. »Kennt Ihr denn überhaupt keine anderen Vergnügungen mehr? Verführer! Wir kommen gleich.« Seine Zustimmung wurde mit Händeklatschen angenommen. »Wollen wir wirklich wieder mit?« fragte Margot zögernd, während sie zurücktrat. »Ich glaube eigentlich nicht, Harro, daß es für dich gut ist.« »Ah«, machte er mit einer wegwerfenden Gebärde, »nur bloß keine Doktormiene aufsetzen! Ich brauch' Anregung, ich brauch' Erheiterung. Heute besonders. Komm! Sei gut! Wenn ich in Monte Carlo eine viertel Million gewinne, können sie mir mit ihrer ganzen Erbschaft gestohlen werden.« Und lachend schlang er ihr den Arm um die Taille, um sie fortzuziehen. Während er in aller Eile seinen Brief abschloß und kuvertierte, wurde es draußen immer lauter. Die ganze lustige Gesellschaft, mit der die Geschwister vor ihrer Übersiedlung in die Villa Erminia im Hotel Beaurivage drüben zusammengewohnt hatten, hatte sich eingefunden. Da war der Major von Jorell, für den Nizza die ganze Welt bedeutete und der darüber hinaus nichts mehr kannte, dieses aber auch mit der Gründlichkeit eines Fremdenführers – eine wandelnde Nizzaer Chronik, von der man über jede Neuigkeit Auskunft erhalten konnte; kein Mensch begriff, woher und wodurch. Dann Fräulein Adele Lindenthal, die für ein Dutzend Blätter Korrespondenzen von der Riviera schrieb, dann das Ehepaar Reiher, das nie eine eigene Meinung hatte, alles mitmachte und immer vergnügt war; ein paar junge Offiziere mit Winterurlaub; schließlich noch allerlei »Rivierabummler« beiderlei Geschlechts – wie sie von Herrn von Jorell klassifiziert wurden –, für alle diese Menschen gehörte der nachmittägige Ausflug nach Monte Carlo zur Tagesordnung. Das Konzert dort war vortrefflich, mit dem im Nizzaer Jardin public gar nicht zu vergleichen; man sah und erlebte allerlei Neues, und man konnte sich durchs Spiel zugleich eine prickelnde Aufregung verschaffen. Alle spielten. Man betrieb das mit Maß und nur zur Unterhaltung – davon war wenigstens jeder fest überzeugt –, man sah, wie die anderen spielten, wie hier an den grünen Tischen große Summen gewonnen und verloren wurden, man erhitzte sich in dieser von Leidenschaften erfüllten Atmosphäre. Die Gesellschaft draußen war schon ungeduldig geworden, als die Geschwister endlich erschienen. Der Major erklärte, daß man im Sturmschritt gehen müsse, um den Zug noch zu erreichen, und so hasteten alle unter Lachen und Schwatzen die Avenue de la Gare hinunter. Der Zug stand schon abfahrtbereit, als sie auf dem Bahnhof eintrafen. Er führte fast nur Wagen erster Klasse und war beinahe vollständig besetzt. Gepäck sah man nirgends in den Coupés, alle diese elegant gekleideten Herren und Damen fuhren nur bis Monte Carlo und kehrten in einigen Stunden von dort wieder zurück. Es gab ein buntes Drängen und Gewirr. Die kleine Gesellschaft mußte sich in die verschiedensten Wagen verteilen, wo gerade noch ein freier Platz sich vorfand, dann wurden die Türen zugeschlagen, die Lokomotive pfiff und der Zug rollte aus der Halle. Margot war ganz allein unter lauter Engländer in ein Coupé geraten, und während um sie her wieder einmal die Chancen der Roulette eifrig erörtert wurden, hatte sie Muße, auf die herrliche Küstenlandschaft hinauszublicken und ihren Gedanken nachzuhängen. Fast erschrocken fuhr sie aus ihrer Versunkenheit auf. Mit einem langgezogenen Pfiff war der Zug zum Stehen gekommen und die Coupetüren wurden aufgerissen. »Monte Carlo!« Alles strömte hinaus. Margot begriff nicht, daß man schon angelangt war, sie hatte gar nicht gemerkt, daß man schon vorher an ein paar Stationen gehalten hatte. Verwirrt erhob sie sich, um nun gleichfalls hastig das Coupé zu verlassen. Auf dem hohen Wagentritt wäre sie dabei um ein Haar gestolpert, wenn nicht rechtzeitig ein kräftiger Arm nach ihr gegriffen und sie gestützt hätte. »Oh, ich danke sehr«, stammelte sie auf französisch, während ein heißes Rot an ihren Schläfen aufbrach. Der Herr, der einen Augenblick lang ihre Hand gehalten hatte, grüßte respektvoll und trat dann mit einer Verbeugung zurück. Es war ein hochgewachsener, schlanker Herr, der offenbar der besten Gesellschaftsklasse angehörte. Er war sehr elegant, vielleicht etwas gar zu modisch gekleidet. Er trug einen blonden Henriquatre in einem feingeschnittenen, etwas blassen Gesicht. Das Merkwürdigste an ihm aber waren die Augen – dunkle, faszinierende Augen, die ein paar Sekunden lang auf Margots Antlitz geruht hatten. Diese Augen, mußte sie unwillkürlich denken, würde man sobald nicht vergessen können, wenn man die Erscheinung des Mannes, der jetzt im bunten Gewühl der kleinen Bahnhofshalle verschwand, auch sonst nicht in der Erinnerung behielt. Aber es waren wohl keine guten Augen. Inzwischen hatte sich die kleine Gesellschaft rasch wieder zusammengefunden, und man stieg nun die große Treppe zu den Gärten hinauf. Oben herrschte das bunteste Leben. Man war mitten in der Hochsaison, und das Wetter war köstlich. Vor dem großen Café am Platze waren alle Tische besetzt; drüben im Hotel de Paris war ein lebhaftes Gehen und Kommen; am hochgetürmten Kasino fuhr ein Wagen nach dem andern vor und die elegant gekleideten Insassen eilten die Freitreppe empor ins Innere. Es rauschte und knisterte von kostbaren Seidenschleppen, überall roch es nach Parfüms und türkischen Zigaretten. Wenn eine extravagante Damentoilette sich zeigte, ging ein Flüstern und Tuscheln an den Tischen des Cafés und zwischen den auf und nieder wandelnden Gruppen auf dem Platze hin. Man raunte sich Namen zu, mit leiser Stimme und vieldeutigem Lächeln wurden allerlei geheimnisvolle Geschichten erzählt. Der Uneingeweihte hätte selten zu unterscheiden vermocht, ob es sich da um eine französische Herzogin, die Gattin eines exotischen Millionärs oder eine Operettendiva handelte; echte und falsche Vornehmheit, Tugend und Laster wanderten hier bunt durcheinander. Man hörte alle Sprachen, man sah alle Altersstufen, alle Stände vertreten. Und alle, denen der gallonierte Lakai die breite Glastür des Einganges aufstieß, wurden von dem Geklimper der rollenden Goldstücke da drinnen wie von einer geheimnisvollen Macht angelockt. Als sie das freskengeschmückte Vestibül betraten, wo ihnen lautes Stimmengewirr entgegenschlug, sah Margot wieder die Gestalt des Fremden, der ihr vorher den Coupetritt hinabgeholfen hatte und jetzt an eine der Säulen gelehnt stand, den Hut etwas zurückgeschoben, eifrig in eine Rechnung vertieft, die er mit einem goldenen Bleistift auf einer jener Tabellen notierte, wie sie in den Spielsälen üblich waren, um den launischen Lauf der Roulettekugel zu berechnen. Trotzdem sah er auf, als Margot vorbeikam, und wieder bohrten sich seine Augen mit jenem eigentümlich brennenden Blick sekundenlang in ihr Antlitz; Margot schalt sich selber, daß sie sich eines leichten Schauers dabei nicht erwehren konnte. Dieser Blick ging ihr durch und durch, und es war ihr, als drohe ihr irgendein Unheil daraus hervor. Ohne zu grüßen, ging sie rasch vorüber. Die Säle, zu denen der blau livrierte Diener ihnen die Tür aufriß, waren dicht gefüllt mit Menschen. Ein betäubender Dunst schlug Margot entgegen. Es ging trotz des Menschenandranges auffallend still hier zu. Man hörte nur Flüstern derer, die um die dreifache Reihe der Spielenden her an den Tischen standen, von einem Tische zum andern gingen oder auf den Wanddiwans rechneten und Geld überzählten. Dazwischen das Klingen von Goldstücken, das schwirrende Rollen der umlaufenden Kugel, die dann mit hartem Ton einfiel, und die einförmigen Rufe der Croupiers, die in der Mitte der Tische einander gegenübersaßen und von einem auf erhöhtem Stuhl hinter ihnen sitzenden Beamten in all ihren Manipulationen überwacht wurden: »Faites votre jeu, messieurs! – Rien ne va plus!« Margot überwand nur mit Mühe den Widerwillen, der sie jedesmal in diesen Räumen anfiel, und während die andern sich zu den grünen Roulettetischen begaben, ließ sie sich auf einen der Diwans nieder, die ringsum an den Wänden aufgestellt waren. Fast mit etwas Grauen sah sie zu den Spielern hinüber. Die Gesichter erschienen verzerrt zum Erschrecken. Mit welch fieberischer Spannung, mit welch heißer Gier hafteten alle diese Augen auf der sich drehenden Kugel, auf diesen funkelnden Goldstücken, diesen bläulichen Banknoten, die vor den Croupiers und den einzelnen Hauptspielern standen! Aller Lippen waren fest aufeinander gepreßt, nie wurde der kleinste Laut der Aufregung, der Freude, der Angst oder des Schrecks vernehmbar. Alle hatten sich in der Gewalt. Alle spielten wie »Leute von Welt«, und die es nicht wirklich waren, gaben sich durch die nonchalante Ruhe, mit der sie anscheinend gewannen oder verloren, wenigstens das Air, es zu sein; die Luft dieser Säle wirkte ansteckend. Nur ein Zucken der Lippen, nur das Glimmen der Augen verriet, was in diesen ihre Haltung so elegant bewahrenden Menschen vorging, welche Leidenschaften in ihnen wühlten. Und manchmal schlich aus dem Knäuel einer beiseite, um unbelauscht seinen Jammer, seine Reue, seine Verzweiflung auszustöhnen, während zwei Schritte von ihm auf einem der roten Plüschdiwans einer saß, der mit verklärten Mienen in seinem Schoß ein paar Hände voll Kassenscheine und Goldstücke überzählte – ein kleines Vermögen, das ihm der launische Zufall innerhalb einer einzigen Stunde zugeworfen. Und immer wieder dazwischen die Lockrufe der Croupiers: »Faites vos jeux!« Das Rollen der Kugel und das Schnarren des rateau, jener kleinen, zierlichen Holzschaufel, mit welcher der Croupier die verlorenen Einsätze der Spieler zu sich heranholte – immer wieder in einer nervenzerschneidenden Monotonie, Stunde um Stunde! Margot hatte den Blick längst von dem widerwärtigen Schauspiel abgewendet und war in ihrer Einsamkeit in eine Art von Halbschlummer gesunken, währenddessen ihre Gedanken sich unaufhörlich mit Erich Holdheim und mit dem auf ihm lastenden rätselhaften Verhängnis beschäftigten. Wie lange sie so gesessen, hätte Margot kaum zu sagen vermocht. Als ein zufälliges Geräusch in ihrer Nähe sie aus dem Traumzustande weckte, vermochte sie keinen aus ihrer kleinen Gesellschaft mehr in dem Gewühl an den Spieltischen zu erblicken. Sie mußten sich also in einen der anderen Säle begeben haben, denn daß Harro das Kasino verlassen haben sollte, ohne sich nach ihr umzusehen, war ausgeschlossen. Und es war jedenfalls am besten, hier, wo er sie zu finden wußte, auf seine Rückkehr zu warten. Aber dieses Warten wurde Margot jetzt beinahe unerträglich, und eben ging sie mit sich zurate, ob sie nicht dennoch lieber in das Lesezimmer hinübergehen sollte, als ein Ereignis eintrat, das sie wie festgebannt auf ihrem Platze verharren ließ. Ein dröhnender Knall, fast von der Stärke eines Kanonenschusses, war irgendwo in der Nähe ertönt, gefolgt von einem Klirren und Krachen wie von zersplittertem Glas und berstendem Holzwerk. Vielstimmiges Angstgeschrei klang von außen her in den Spielsaal herein und gab das Signal zu einer unbeschreiblichen Szene panischen Entsetzens. Niemand hatte eine Erklärung für die Ursachen der Detonation; jeder aber war sogleich überzeugt, daß es sich um etwas Fürchterliches handeln müsse und daß sein Leben von höchster Gefahr bedroht sei. Mit schreckensbleichen Gesichtern fuhren sie alle von ihren Stühlen empor, ohne die Gold- und Papiergeldhaufen, die vor ihnen lagen, in ihrer wahnsinnigen Eile mit aufzuraffen. Mit Gekreisch hasteten die geputzten und geschminkten Weiber den Ausgängen zu – ja, einige von ihnen machten sogar Miene, aus den Fenstern zu springen. Einzig die Croupiers blieben auf ihren Plätzen und warfen sich mit ihren Leibern über die Tische, auf denen das rote Gold und die bläulichen Frankscheine verstreut lagen, wie todesmutige Kämpfer, die ihr höchstes Palladium mit dem eigenen Körper decken. Mit dem Aufgebot ihrer ganzen Willenskraft schüttelte Margot den ersten Schrecken von sich ab. Nur von dem Gedanken an ihren Bruder und von der Sorge um ihn erfüllt, erhob sie sich, um gleich den andern den Ausgang zu gewinnen. Da hörte sie dicht hinter ihrem Rücken eine leise, höfliche Stimme, die in beruhigendem Tone sagte: »Fürchten Sie nichts, mein gnädiges Fräulein! – Wenn es hier überhaupt eine Gefahr gegeben hat, so ist sie bereits vorüber. Ein Unglücklicher, den die Spielbank ausgeplündert hatte, hat seine Rache an ihr nehmen wollen, indem er eine Dynamitbombe oder etwas Ähnliches in das Vestibül des Kasinos warf. Aber er hat damit nur den unschuldigen Portier verwundet und einigen Schaden an Türen und Wänden angerichtet. Nach Verlauf einer Viertelstunde wird das Spiel hier seinen Fortgang nehmen, als wäre nichts geschehen.« Der Fremde vom Bahnhof war es, der in ehrerbietiger Haltung vor ihr stand und ihr mit einem gewissen überlegenen Humor diese Mitteilungen machte. Margot fühlte etwas wie ein abergläubisches Grauen angesichts dieser seltsamen Zufallsfügung, die den Mann immer wieder in ihren Weg führte. In diesem Augenblick aber mußte sie sich ihm jedenfalls zu Dank verpflichtet fühlen und durfte ihm keine andere als eine freundliche Miene zeigen. »Ich danke Ihnen, mein Herr! Und Sie sind ganz sicher, daß sonst niemand zu Schaden gekommen ist? – Mein Bruder befindet sich nämlich hier irgendwo im Kasino, und ich bin in tödlichster Angst um ihn.« »Sie dürfen seinetwegen vollkommen beruhigt sein! Außer jenem Beamten hat niemand auch nur die allergeringste Verletzung davongetragen. – Aber, wenn es mir gestattet ist, zu fragen: Gleicht Ihr Herr Bruder dem gnädigen Fräulein?« »Man sagt – etwas«, erwiderte Margot mit leichtem Erröten. »Ich frage das nicht aus vordringlicher Neugier. Aber ist Ihr Bruder vielleicht der junge, schlanke Herr, der sich mit in Ihrer Begleitung befand, als Sie das Kasino betraten?« »Ja«, versetzte Margot. »Und Sie haben ihn nachher wiedergesehen?« »Jawohl. Er war in den Spielsälen und hat sie in Begleitung einer Dame vor längerer Zeit verlassen.« »Sind Sie dessen ganz sicher?« »Ganz. Ich könnte Ihnen die Dame schildern. Ich könnte sogar – aber ich fürchte, Sie würden mich schließlich für einen Detektiv halten.« Er lächelte. »Ich kann Ihnen nur soviel sagen, daß die Dame nicht mit zu Ihrer Nizzaer Gesellschaft gehörte, sie wohnt hier. Vielleicht also eine zufällige Wiederbegegnung, über die Ihr Herr Bruder dann versäumt hat, Sie zur rechten Zeit zum Bahnhof abzuholen.« Nun mußte auch Margot lächeln. »Wirklich, Sie haben eine merkwürdige Kombinationsgabe«, sagte sie und gestand sich selber ein, daß er sie beruhigt hatte, weil seine einfache Erklärung offenbar das Richtige getroffen. Sie waren inzwischen fast die letzten im Saale geworden, und als der Fremde um die Erlaubnis bat, ihr bei dem Suchen ihres Bruders behilflich sein oder ihr bis zu seiner Rückkehr Gesellschaft leisten zu dürfen, konnte Margot es ihm unmöglich abschlagen. Er geleitete sie hinaus, und ehe sie sich's versah, waren sie in eine lebhafte Unterhaltung geraten, bei der sie bald inne wurde, daß der Fremde ein anregender Plauderer war. Er war offenbar viel in der Welt umher gekommen. Ein gewisser skeptisch-blasierter Zug war häufig in dem, was er sagte, aber was Margot hiermit versöhnte, war ein immer wieder in ihr aufsteigendes Gefühl, daß er selbst im Grunde diesen bedauerte. Sie erhielt von ihm den Eindruck eines interessanten Mannes. Beinahe hätte sie dabei Harro übersehen, der heranstürmte, sehr erhitzt, den Hut im Genick, mit unsteten Blicken vor sich hinstarrend. Er wollte eben in das Kasino eintreten, als der Fremde auf ihn zutrat. »Verzeihen Sie, Ihr Fräulein Schwester erwartet Sie schon seit einer Weile.« Harro sah den Sprecher überrascht und zerstreut an, lächelte dann verlegen, dankte mit einer halben Verbeugung und schritt rasch auf Margot zu, die ihm entgegenkam. Der Fremde machte eine tiefe Verbeugung vor Margot und war in dem Augenblick, wo Margot ihrem Bruder zuflüsterte: »Bedanke dich bei ihm; er hat sich meiner sehr ritterlich angenommen, während ihr mich alle im Stiche ließet«, und Harro sich zu ihm umwenden wollte, bereits im Gewühl verschwunden. »Wer war's denn?« fragte Harro. »Ich erinnere mich doch nicht –« »Er hat mir seinen Namen nicht genannt, mir aber heute schon zweimal einen Dienst geleistet.« »Nun, wir begegnen ihm schon noch einmal wieder und dann hol' ich meinen Dank nach. Aber jetzt laß uns draußen einen Wagen nehmen. Der Zug geht erst in anderthalb Stunden wieder. Ich habe keine Lust, so lange zu warten, der Abend ist ja mild. Es wird eine herrliche Fahrt werden.« Margot hielt den Arm ihres Bruders zurück. »Die Wagen sind sehr teuer, Harro – wir haben ja nichts zu versäumen –« »Ach, du Philisterseele«, lachte er unmutig auf. »Ich hab' heute gewonnen, du, ich darf's mir schon erlauben. Die Spielbank bezahlt's. Und ich brauch's, verstehst du? Ich kann jetzt nicht in ein enges Coupé kriechen und mit lauter gleichgültigen Leuten zusammenhocken. Ich muß frische Luft haben. So eine schellenklingelnde Fahrt jetzt durch die Nacht und an dieser paradiesischen Küste entlang – das ist was anderes, das klingt morgen vielleicht schon in einer Komposition wieder und bringt sich dann hundertfach ein – auch in Gold. Ach, Margot, wenn du doch ein klein bißchen Künstlerblut in den Adern hättest!« Sie bestiegen einen offenen, leichten Korbwagen, dem zwei mit Schellen und Fuchsschwänzen am Zaumzeug aufgeputzte muntere Pferde vorgespannt waren. In der nächsten Minute stoben sie die Straße nach Condamine hinunter. »Du bist eigentlich schrecklich böse auf mich?« fragte Harro, dem die tolle Fahrt sichtlich behagte. Und als Margot nicht gleich etwas erwiderte, fügte er hinzu: »Ja, ja, du hättest ja auch eigentlich allen Grund dazu. Es war unverantwortlich. Aber wenn du wüßtest –! Wenn du wüßtest –!« Sie sah erst jetzt, wie erregt er war. Ein irres Zucken lief ihm um Augen- und Mundwinkel. Dies unglückselige Spiel! Wenn er nur davon hätte lassen wollen! Aber jetzt, wo er einmal wieder gewonnen hatte, war darauf wohl am wenigsten zu rechnen. »Beruhige dich nur«, sagte sie, »es ist ja jetzt alles gut.« Er hörte gar nicht auf sie. Er schob seinen Hut noch weiter ins Genick zurück und schaute mit verklärten Augen auf den Felsen von Monaco hinüber, der zu ihrer Linken mit schroff abfallenden Ufern, von Lichtern märchenhaft übersät, sich ins nächtige Meer vorreckte. »Ah!« sagte er, »die Welt ist schön, du, nicht? Wenn's nur nicht so verrucht zuginge in eben dieser schönen Welt!« Er griff nach ihren Händen und murmelte: »Wie ich sie liebe, Margot – ah, du kannst dir keinen Begriff machen, wie ich sie liebe! Bis zum Wahnsinn!« »Also doch!« sagte Margot mit tiefem Erschrecken. »Was soll das heißen: also doch?« fragte er überrascht. »Es soll heißen, daß ich längst geahnt habe, irgend eine unglückliche Leidenschaft müsse die eigentliche Ursache deiner Krankheit sein.« »Du kluges Schwesterchen – ja, ich leugne nichts mehr. Und wenn das nicht wäre, glaubst du, ich fragte auch nur so viel nach dieser vermaledeiten Erbschaft, die ich am liebsten ihnen vor die Füße würfe, weil es mir im Innersten widerstrebt, jetzt die Hand nach dem Hab und Gut dessen auszustrecken, der im Leben von uns nichts hat wissen wollen und der uns von seinem Hab und Gut keinen roten Heller zugedacht hat und gönnen würde? Und glaubst du, ich spielte dann? Was frag' ich viel nach Geld? Aber ich muß ja reich werden – sehr, sehr reich – so oder so. Und bald – bald!« Er lehnte sich matt, mit geschlossenen Augen zurück. »Kannst du mir nicht alles sagen, Harro?« fragte Margot nach einer Weile leise und ihre Hand strich über seine Stirn hin. Er nickte träumerisch. »Gewiß. Warum nicht! Du hast recht. Dir kann ich ja alles sagen – dir.« Er schaute wieder um sich, auf die steilen Felswände zur Rechten, und sagte, während es im gestreckten Lauf weiterging und schon die Lichter von Eza aus der Höhe herab funkelten: »Wie soll ich dir das freilich klarmachen, Margot? Du – du wirst das doch nicht ganz verstehen. Du hast ja noch nie geliebt und bist einer so wahnsinnigen Liebe auch wohl schwerlich fähig. Das darf dich nicht kränken, wenn ich's sage. Die Naturen sind eben verschieden. Du bist kühl und sanft. Während ich – ich – siehst du, Margot, Eisenketten könnt' ich zerreißen, um dies Mädchen zu erobern. Aber in unserem Zeitalter gibt's keinen Krieg gegen Drachen und Ungetüme mehr. Geld, Geld ist alles. Wer über diese Macht gebietet, ist unwiderstehlich, ist der geborene Herrscher. Das ist schnöde, aber man kann die Welt nicht anders machen, als sie ist.« Er versank wieder in sein Grübeln und schien vergessen zu haben, was er ihr hatte erzählen wollen. »Man will dir das Mädchen, das du liebst, nur geben, wenn du reich bist?« fragte Margot endlich. Harro antwortete nicht gleich. Sein Blick schweifte traumverloren über die Meeresbucht hin. Dann fing er plötzlich an: »Ich hab' sie auf meiner letzten Konzerttournee in Mailand kennengelernt, als ich mit Lovati zusammen in der dortigen Philharmonie auftrat. Man hatte uns sehr gefeiert – Lovati ist geborener Mailänder und sein geniales Klavierspiel riß die Menschen hin –, ich bekam nur so meinen Teil mit ab, aber ich war doch wie berauscht von diesem Beifall. Das ist etwas anderes als bei uns, das vibriert in allen Nerven nach. Unter all den Frauen, die sich nach dem Konzert an uns herandrängten, um uns zu huldigen, war sie nicht. Sie stand ganz allein abseits und sah stolz und kalt aus – unnahbar. Vielleicht gerade deshalb betrachtete ich sie. War das eine Schönheit! In Mailand sind überhaupt wohl die schönsten Frauen der Welt zu Hause. Aber die – so etwas hatt' ich noch nie gesehen. Ich war ganz starr. Eine griechische Statue aus der Blütezeit der Kunst. Nachher wurde ich ihr vorgestellt; Eugenia Caraffa, die Tochter des Principe Caraffa. Ich glaube, wir haben keine zwanzig Worte an jenem Abend gewechselt. Aber wie ein Trunkener kam ich in meinen Gasthof zurück. Keinen Augenblick zweifelte ich daran, daß diese Begegnung ein Schicksal für mich gewesen war und über mein ganzes Leben entschieden hatte.« Harro fuhr sich mit der Hand durch sein Haar. »Du verstehst das nicht, Margot. Aber es ist wie ein blitzartiges Erkennen. Und man weiß nicht nur, daß man die gefunden hat, die einem bestimmt ist, man weiß auch, daß man nicht mehr ohne sie leben kann. Ich will's kurz machen. Es erging Eugenia nicht anders als mir. Alle Liebe ist ja wechselseitig oder es ist überhaupt die echte nicht. Als ich sie wiedersah, sagte ich ihr, wie es um mich stand. Ich glaube, wir hatten uns noch nicht viel weiteres gesagt, als daß ich einer von den wenigen Geigern sei, die Bach in Italien zu spielen wagten, und daß der Erfolg mein Wagnis belohnt habe. Sonst wußten wir eigentlich gar nichts voneinander. Aber wenn es sonst kein Hindernis gegeben hätte, wären wir beide bereit gewesen, sofort zum Traualtar zu gehen. Du lachst?« »Nein, mir ist gar nicht zum Lachen zumute. Armer Harro, möcht' ich vielmehr sagen.« »Warum?« »Die Tochter eines Fürsten – und du?« Er schnippte mit den Fingern. »Wenn es nur das wäre! Ein berühmter Künstler steht mindestens ebenso hoch da wie ein Principe. Der eine hat seinen Fürstentitel durch die Geburt, der andere erwirbt ihn sich aus eigener Kraft durch sein Genie. Das größere Verdienst ist also auf seiner Seite. Aber berühmt muß man freilich werden, die Welt muß sich vor einem beugen, dann beugen sich auch die Fürsten. Und ich weiß, ich fühle, daß ich es werden kann, daß es in mir steckt. Begreifst du nun, wie das ist, wenn man unter solchen Verhältnissen plötzlich aus seinem Fluge herausgerissen wird, wenn einem da plötzlich die Flügel gestutzt werden? Und das ist ja noch lange nicht alles. Da greift immer eins ins andere ein. Wegen dieser unglückseligen Dinge bin ich krank geworden – aus Aufregung, aus Überarbeitung, aus übertriebenem Ehrgeiz. Und weil ich krank bin, kann ich weder berühmt werden noch Geld verdienen – viel Geld, Berge von rotem Gold, wie sie sonst die großen Geiger oft in einem einzigen Jahre um sich häufen – besonders da drüben im Dollarland. Also die Erbschaft oder das Spiel! Auf etwas anderes kann ich nicht mehr rechnen. Und zu langem Warten ist auch keine Zeit mehr. Gesund werd' ich erst, wenn ich's endlich erreicht habe, wenn Eugenia endlich mein ist. Darin hat der alte Leuthold recht: erst dann – oder gar nicht.« »Wie du dich wieder aufregst, Harro!« sagte Margot begütigend. »Und ich habe dabei noch gar nicht einmal erfahren, was das für ›unglückselige Dinge‹ sind, von denen du redest, und warum du durchaus reich sein mußt. Der Fürst ist arm?« »Nicht allein das – das ginge ja hin. Dann hätt' er mir nichts vorzuwerfen. Aber – kurz und gut: der Fürst Caraffa hat durch gewagte Spekulationen, mit denen er, wie heute so viele Träger altberühmter Geschlechter in Italien, das arg zusammengeschmolzene Familienvermögen mit einem Schlage wieder auf die Höhe bringen, etwa verhundertfachen wollte, vollständig eingebüßt. Aber damit nicht genug – er hat gleichzeitig ihm anvertraute Gelder, die er bei jenen Spekulationen gebrauchte und die man ihm um so bereitwilliger herlieh, als er selbst von der Sicherheit seines Erfolges durchdrungen, auch andere davon zu überzeugen wußte, mit eingebüßt und andere in bitteres Elend gebracht. Der große Finanzkrach, das plötzliche Aufhören der fieberhaften Bauwut in Italien haben allein die Katastrophe verschuldet. Auf der Ehre des Fürsten haftet nicht der leiseste Makel dabei. Alles ist vor sich gegangen, wie es gesetzlich zulässig war, und im besten Glauben; keiner von den Geschädigten erhebt irgend welche Ansprüche an ihn oder könnte das tun. Aber der Fürst selber empfindet es auch ohne jede gesetzliche Nötigung als seine Pflicht, jedem das Seinige mit Zins und Zinseszins zurückzuerstatten. Das ist zum Zweck und Inhalt seines ganzen Lebens geworden.« »Der Fürst ist ein Ehrenmann«, sagte Margot mit Wärme. »O ja, ja«, fiel Harro zögernd ein und ein bitteres Zucken ging um seine Lippen. »Das geb' ich ja zu, und du würdest es ebenso machen, das weiß ich. Ich vielleicht auch. Nur daß der Fürst bei alledem eben einzig an sich selber denkt, daß mein – unser Lebensglück darüber vielleicht in Scherben bricht!« »Das begreife ich noch immer nicht ganz.« »Und es ist doch einfach genug, Kind. Eugenia ist ihres Vaters einziges Kind. Sie teilt seine Anschauungen und wird ihm freudig zur Seite stehen, bis er seine Lebensaufgabe erfüllt hat. In diesem Mädchen lebt der ganze Stolz ihres alten Geschlechts. Wenn der Vater nicht so dächte und handelte, wie er nun wirklich tut, ich glaube, sie täte es – sie für sich allein. Und nun gibt es nur den einen einzigen Ausweg: reich werden! Der Fürst fiebert vor Verlangen danach, er ist beherrscht, besessen von diesem einzigen Gedanken. Und immer fürchtet er dabei, es nicht mehr zu erleben, denn er ist alt und gebrechlich darüber geworden. Und was hat er schon alles versucht und begonnen, um ans Ziel zu kommen! Daß es auf die gewöhnliche Weise nicht geht, zumal er fremde Kapitalien, selbst wenn sie ihm angeboten würden, um keinen Preis mehr zu Spekulationszwecken anrühren würde, liegt auf der Hand. Schließlich – nun, was sollte er denn schließlich tun? Hier heiligt der Zweck wohl wirklich die Mittel. Er spielt.« Harro wartete auf etwas, das Margot zur Antwort geben würde, aber Margot schwieg. Sie fuhren jetzt am Hafen von Villefranche vorüber, und das Schweigen der einbrechenden Nacht lag um sie her. »Das empört dich, nicht wahr?« fragte Harro. »Aber sage mir, was sollte er sonst tun?« »Ich verdamme nicht so leicht einen Menschen«, erwiderte Margot leise. »Erst hat er's im Lotto versucht – dann in den vornehmen Mailänder Klubs, wo oft in einer Nacht Vermögen gewonnen und verloren werden – zuletzt – jetzt in Monte Carlo.« »Und – er gewinnt?« »Vorläufig spielt er mit wechselndem Glück, wie das meist so geht. Aber er ist fest davon überzeugt, daß er in kürzester Frist seine Hauptschläge machen wird. Er hat sich sozusagen eine fixe Idee gebildet. Er ist Systemspieler.« »Was versteht man darunter?« »Diejenigen, die nach einem vorher genau berechneten Plan pointieren, nicht nach Laune und blinder Eingebung.« »Aber das Zufallsspiel der Kugel läßt sich ja nicht berechnen!« »Sie behaupten es. Sie wollen auf Grund längerer Erfahrung und vielfacher Versuche gewisse Regeln herausgefunden haben, nach denen die Entscheidung der Kugel sich bestimmen läßt.« »Und du glaubst daran?« »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Der Fürst weiß, einem das so plausibel zu machen. Es gibt ja überhaupt keinen Zufall in der Welt, meint er. Er ist fest überzeugt davon, daß er früher oder später die Bank sprengen wird – daß er langsam aber sicher zum Ziel gelangen muß.« »Das hat er damals, wie du sagst, bei seinen Spekulationen auch geglaubt, und doch sind sie fehlgeschlagen!« Harro nickte nachdenklich. »Du hast ganz recht, aber wenn man ihn so hört – und am Ende: versucht muß es ja doch werden. Was soll er sonst tun, frag' ich immer wieder. Er hat sich in diese Hoffnung völlig verbohrt. – Wenn er sich auch diesmal wieder getäuscht sähe, wer weiß, ob er es überlebte. Deshalb ist's an mir, hier ein Ende zu machen. Begreifst du? Wenn diese verwünschte Erbschaft mein ist, geb' ich sie bis zum letzten Heller hin, um den Fürsten von seinen Verpflichtungen frei zu machen und mir Eugenia zu erringen. Denn eher als bis das verlorene Geld ganz zurückerstattet und damit jeder Makel auf der Namensehre des Hauses Caraffa völlig getilgt ist, geht Eugenia nicht von der Seite ihres Vaters. Dort auszuharren erscheint ihr als die höhere Lebenspflicht – die schwerere Pflicht ist ja fast immer im Leben die höhere –, und sie würde es für frevelhaften Egoismus halten, jetzt an ihr eigenes Glück zu denken. Und nun wirst du endlich begreifen, was alles für mich mit dieser Erbschaft auf dem Spiel steht! Für mich brauche ich sie ja nicht. Bin ich wieder gesund, so kann ich mir in wenigen Jahren ein Vermögen zusammengeigen – das fühl' ich. Aber ich muß Eugenia damit erlösen. Und dann erreiche ich mit einem einzigen Schlage alles, dann werd' ich wieder gesund, kann in glücklicher Ruhe schaffen. Und dann will ich auch nie mehr spielen – das versprech' ich dir, Schwesterherz. Und der Fürst wird nie mehr spielen. Wir werden diesem prächtigen alten Herrn, der so viel gelitten hat, einen friedlichen Lebensabend bei uns bereiten. Also die Erbschaft, die Erbschaft! Jetzt siehst du ein, wie nötig ich sie brauche, nicht? Und daß es wahrhaftig nicht Geldgier und Eigennutz ist, wenn ich danach fiebere.« »Sie ist dir ja so gut wie sicher, Harro.« »Meinst du?« Er blickte sinnend auf das Lichtmeer von Nizza herab, das jetzt, als sie die herrliche route de Villefranche hinabjagten, unter ihnen, zwischen Meer und Berghöhen eingeschmiegt, funkelte. »Mir ist immer, als käme noch etwas dazwischen. Ich hab' so eine Ahnung, als ob der hartherzige Mann auch im Grabe uns sein Hab und Gut nicht gönnte, weil wir die Kinder des Mannes sind, der ihm sein Einziges geraubt hat, was er im Leben besaß – denn was hatte er sonst? Geld macht ja doch nicht glücklich.« »Und weißt du, was ich glaube, Harro?« fiel Margot ein. »Er hat bloß deshalb sein letztes Testament heimlich selbst wieder vernichtet, damit wir die Erben werden.« »Warum nicht gar? Das hätt' er einfacher haben können.« »Das wohl. Aber er wollte es nicht schwarz auf weiß eingestehen, wollte um keinen Preis weich und versöhnlich erscheinen. Er hatte sich nun einmal in diese unnatürliche Hartherzigkeit hineinverbissen und fand sich da niemals wieder heraus, so gern er auch gewollt hätte. Denn das glaub' ich, daß er im Grunde seines Herzens sich gern wieder mit unserer Mutter oder uns ausgesöhnt hätte, wenn es der Meyburgsche Stolz nur hätte erlauben wollen. In Einsamkeit und mit sich selbst zerfallen ist der Alte gestorben. Und vorher, denk' ich mir, hat er das Testament noch zerrissen und sich gesagt, das wenigstens wolle er für die Kinder seiner verlorenen Tochter tun, das dürfe er, ohne sich zu demütigen.« »Du bist ja eine wahre Hellseherin, Margot«, sagte Harro lächelnd. »Es ist schön, das zu denken, Harro, nicht? Laß mir diese Einbildung – wenn's weiter nichts ist. Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß mein Anteil an der Erbschaft ganz zu deiner Verfügung ist. Dein Glück und deine Gesundheit stehen auf dem Spiel – damit ist alles für mich entschieden.« Er drückte ihr warm die Hand. »Ja, ich weiß, du würdest mehr für mich tun als das, Margot. Bist ja immer der Genius meines Lebens gewesen. Und von dir nehm' ich auch jedes Opfer an, ohne daß es mich beschwerte. Ich bin eigentlich ein schrecklicher Egoist, nicht? Künstler sind's immer ein bißchen, glaub' ich, und du hast mich verwöhnt. Und wenn du nun erst Eugenia kenntest –« »Ich möchte sie kennenlernen, Harro. Sie muß stolz und mutig sein. Warum hast du mich ihr nicht zugeführt? Wir beide wollen doch Schwestern werden, hoff' ich. Und du wußtest, daß sie in Monte Carlo ist?« »Nein, nein, das wußt' ich nicht«, fiel er lebhaft ein. »Nun wirst du meine Erregung begreifen. Wir stehen ja in keinem äußeren Zusammenhange miteinander. Eugenia will nicht, daß ich mich bei der Aussichtslosigkeit unserer gegenseitigen Neigung gebunden fühlen soll – sie will mich glauben machen, ich sei frei. Du siehst, wie recht du hast: sie ist stolz. Und sie will auch keine Heimlichkeiten. All ihr Denken und Wollen soll nur dem einen Ziel gehören. Ich wußte also gar nicht, daß sie mit dem Fürsten nach Monte Carlo gegangen war. Und nun stell' dir vor, wie mir zumute wurde, als ich heute ahnungslos den Maurischen Saal betrat und an einem der Tische den Fürsten sitzen sah – hinter seinem Stuhl, schwarz gekleidet, blaß und schön wie nur je, Eugenia! Ich hätte am liebsten laut aufgeschrien. Und nun sich vor all den andern, die lachend und tuschelnd um mich herumstanden und ihre traditionellen Witze machten, genieren zu müssen, während ich doch hätte zu ihr hinstürzen mögen und alles in mir jubelte und wehklagte zugleich – es war ein furchtbarer Augenblick! Und dann endlich gelang's mir, mich von den anderen freizumachen, mich ihr zu nähern und nachher mit ihr und dem Fürsten unbemerkt den Saal zu verlassen. Draußen erfuhr ich dann, was ich noch nicht wußte. Daß ich darüber dich und die Stunde der Abfahrt vergaß, wirst du nun begreifen. Und bei der nächsten Gelegenheit mach' ich euch natürlich miteinander bekannt, ich wünsche ja selbst nichts sehnlicher. Du wirst sie auch lieben, Margot, denn sie ist das anbetungswürdigste Geschöpf unter der Sonne.« Margot drückte schweigend seine Hand. Sie hatten die Stadt inzwischen erreicht und hielten jetzt vor der Gartenpforte der Villa Erminia. Hier war tiefer, wohltuender Friede. Durch die Stille kamen die Töne eines Klaviers leise und wie im Windhauch verschwimmend herüber. Harro blieb einen Augenblick lauschend stehen. »Seltsam!« sagte er. »Ich habe noch nie hier in der Nachbarschaft vorher ein Klavier gehört. Und was das nur für ein Stück sein mag! Ich kenne es gar nicht. Eine merkwürdig schwermütige Melodie.« »Ich liebe dich; – du hast es nicht gewußt, Ich liebe dich, den Tod schon in der Brust, Ich liebe dich und weiß: es darf nicht sein, Doch tief im Herzen bist du ewig mein –« »Es ist ein kapresisches Volkslied«, sagte Margot, »oder doch Variationen darüber.« Das Blut war ihr plötzlich in die Wangen geschossen. Sie mußte an den einsamen, verfemten Mann in der Nachbarvilla denken. Ob er es war, der dort drüben spielte? Als Margot in ihr Schlafzimmer kam, dessen einer Fensterflügel noch offen stand, hörte sie ganz deutlich, daß das Klavierspiel aus der Villa La Paix herüberklang. Sie blieb eine Weile, an das Fensterkreuz gelehnt, in tiefen Gedanken stehen. Klagte Erich Holdheim sein verschwiegenes Weh in diesen Tönen aus? Sie hatte während der Abendmahlzeit Harro von ihm erzählt, aber der hatte heute wenig Interesse für den geheimnisvollen Nachbar bekundet und nicht recht begriffen, welchen Anteil Margot an ihm und seinem Schicksal nahm. Margots Herz aber war voll Mitleid für Erich Holdheim. Und noch als das Klavierspiel drüben lange verstummt war, ging der verdüsterte Blick seiner Augen ihr nach in Schlaf und Traum. Der Major von Jorell hatte ein Picknick bei La Turbie arrangiert. Der Morgen war herrlich, die Luft klar und frisch; die Berge lagen in bläulichem Duft und das Meer glatt wie ein unendlicher Spiegel. Überall wehten Hauch und Duft des beginnenden Frühlings, der die Mandelbäume draußen mit weißem, die Pfirsiche mit rötlichem Blütenschimmer überschüttet hatte. Zu Wagen, zu Esel und zu Fuße war man hinausgezogen. Die Straße stieg langsam bergan, und immer reizvoller gestaltete sich der Rückblick auf die leuchtende Stadt, die drunten im Schmuck ihrer blühenden Gärten lag, und auf die Küste, die das azurblaue Meer mit weißen Schaumstrichen umrandete. Fern im Westen blinkten die Zacken des Esterel-Gebirges wie phantastische Wolkengebilde herüber, und in der reglosen Flut schwammen die Iles de Lérin, als ob es die Eilande der Seligen wären, von denen so viele Dichter geträumt und gesungen. In leuchtender Helle spannte über alledem der südliche Himmel sich aus. Margot war unter denen, die zu Fuße emporstiegen. Es tat ihr wohl, ihre Brust sich in dieser reinen Luft hier oben weiten zu lassen, und sie hatte es gern, nach Lust und Laune stehenbleiben, Blumen pflücken oder sich an dem köstlichen, immer reicher sich aufrollenden Landschaftsbilde weiden zu können. Manchmal hätte sie laut in all die Herrlichkeit hinausjauchzen mögen, so schwellte es ihr die Brust. Waren die Sorgen doch vor den frohen Hoffnungen, die nun geweckt worden, fast geschwunden. Harro fühlte sich seit dem Wiedersehen mit der Geliebten schon sichtlich freier und gesünder, die Gereiztheit und Unstete seines Wesens schienen gewichen zu sein, und man konnte selbst ohne ärztlichen Scharfblick voraussehen, daß er in der glücklichen Vereinigung mit der verlorengeglaubten Gesundheit auch Schaffenskraft und Seelenruhe gleichzeitig zurückgewinnen werde. Und dieser Vereinigung stand, sobald er die großväterliche Erbschaft angetreten, ja nichts mehr entgegen. So waren die dunklen Wolken, die ihren Lebenshorizont umdroht hatten, denn rasch wieder im Schwinden. Wenn sie nur auch jenem anderen hätte helfen können, dessen Bild sie unablässig verfolgte! Auch jetzt, mitten in all der Herrlichkeit dieses südlichen Wintermorgens, mußte sie seiner gedenken, und es war ihr recht, daß sie eine geraume Weile schon allein geblieben war, während die munteren Stimmen der anderen von rechts her aus dem umbuschten Hügelland erschollen, wo man auf einem Richtsteig die großen Windungen der Fahrstraße abschneiden wollte und gleichzeitig auf allerlei wilde Frühlingsblumen gestoßen war, deren Entdeckung hellen Jubel hervorrief; sie konnte so ungestört ihren Gedanken nachhängen. Erst der klappernde Hufschlag eines auf der harten Straße bergan trabenden Pferdes schreckte sie aus ihrem Sinnen empor. Sie trat zur Seite, um den Reiter vorüberzulassen, als der neben diesem her jagende Hund sie plötzlich aufblicken ließ. »Herr Holdheim!« Der Reiter hatte sein Tier schon gezügelt und den Hut gezogen. »Fräulein von Detten!« Ein Ton unverhohlener Freude zitterte in seinem Ausruf. In der nächsten Sekunde war er gewandt aus den Bügeln geglitten und stand, die Zügel des Pferdes um sein Handgelenk gewickelt, vor ihr. »Welche Überraschung! Aber Sie sind nicht allein«, setzte er mit einem scheuen Aufhorchen hinzu, und ein Schatten flog über sein Gesicht. »Nein, in großer Gesellschaft. Nur zufällig etwas nachgeblieben. Aber Sie –? Ich glaubte schon, Sie kämen nie aus Ihrem verzauberten Schlosse heraus.« »O doch«, sagte er mit einem schwermütigen Nicken. »Es treibt mich oft gewaltsam in die Weite hinaus. Ich mache dann stundenlange Spazierritte – besonders morgens, wenn die Straßen zumeist unbelebt sind. Ich ersticke sonst. – Sie wollen nach La Turbie hinauf?« »Ja. Und Sie könnten mit uns kommen.« Er schüttelte den Kopf. »Sie meinen es gut, Fräulein von Detten, aber Sie vergessen, daß ich unter jene Gesellschaft dort nicht mehr gehöre.« Er blickte düster vor sich nieder, während sein Falbe neben ihm den weißen Wegstaub mit den Füßen aufscharrte. Eine Weile schwieg Margot. Es war ihr, als habe sich eine Wolke plötzlich vor die Sonne geschoben. Eine Frage lag ihr auf der Zunge, eine Bitte drängte sich ihr vom Herzen herauf, aber sie wagte sich nicht über ihre Lippen. »Wenn er doch nur reden wollte!« dachte sie. »Und warum hat er kein Vertrauen zu mir? Weiß er denn nicht – fühlt er nicht, wie gern ich ihm helfen – ihm seine Last tragen helfen möchte?« Von rechts her aus der Höhe klang plötzlich die Stimme Harros, der heute übermütig war, wie sie ihn seit langem nicht mehr gekannt hatte. Er rief ihren Namen. »Wo steckst du? Komm herauf!« »Komm du lieber herab!« rief Margot zurück und sah Erich Holdheim fest ins Auge. Er war leise zusammengezuckt. »Ich möchte, daß Sie meinen Bruder kennenlernen. Er weiß alles von Ihnen.« »Alles?« wiederholte er mit einem ungläubig bitteren Lächeln. Noch etwas Weiteres hinzusetzen war keine Zeit, denn Harro teilte eben schon die Büsche an der Hügelwand auseinander und fragte herab: »Was gibt's denn hier?« Dann, als er Erich sein Pferd am Zügel neben Margot herführen sah, sprang er vollends hinunter. »Das ist sicherlich Herr Holdheim«, sagte er und bot Erich lächelnd die Hand, »nicht wahr? Margot hat Sie mir so treffend geschildert, Herr Holdheim.« »Erraten!« rief Margot errötend, während Erich stumm blieb und die dargebotene Hand nur flüchtig berührte. »Ich weiß, daß wir Nachbarn sind«, fuhr Harro fort, »und ich denke, von meinem Nachbarrecht bald ausgiebigen Gebrauch zu machen und Sie in Ihrem Dornröschenschlosse heimzusuchen. A propos – da fällt mir ein: Sind am Ende gar Sie der Klavierspieler mit dem schwermütig-reizvollen La-la-la-la –?« Er trällerte die Melodie des kapresischen Liedes. »In der Tat«, sagte Erich leicht verwirrt. »Hoffentlich stört Sie mein dilettantisches Spiel nicht.« »Oh«, lächelte Harro, »Sie werden selbst recht gut wissen, daß es mehr ist als das. Aber was für einen herrlichen, volltönenden Flügel Sie haben müssen! Beneidenswert! Wenn ich denke, an welchem kläglichen Klimperkasten ich meine Kompositionen probieren muß! Es bringt mich oft um die ganze Stimmung.« »Ich stelle Ihnen meinen Steinway selbstverständlich jederzeit zur Verfügung, Herr von Detten, Sie würden vollkommen ungestört sein.« »Sie sind zu liebenswürdig – ich kann das ja kaum annehmen –« »Sie verkürzen oder belästigen niemand dadurch. Ich selbst spiele niemals bei Tage. Ich würde Auftrag geben, daß man Sie ohne weiteres ins Musikzimmer führt. Sie würden niemand zu sehen oder zu sprechen brauchen.« »Das klingt wirklich sehr verlockend, trotzdem –« Ein Zucken ging über Erichs Antlitz. »Ich habe dabei freilich vorausgesetzt, daß Sie sich nicht scheuen, mein Haus zu betreten, Herr von Detten. Es steht samt seinen Bewohnern in üblem Leumund.« Harro lachte, wenn auch sein Lachen nicht ganz so frei klang wie vorher. »Ich bin nicht ängstlich. Aber da höre ich die anderen nach mir rufen. Sie kommen doch mit uns, Herr Holdheim? Wir sind eine vergnügte Gesellschaft.« »Eben deshalb möcht' ich nicht stören«, fiel Erich ein, der stehengeblieben war. »Ich passe nicht unter fröhliche Menschen. Ich wiederhole mein Anerbieten von vorhin, Herr von Detten. Gnädiges Fräulein – Herr von Detten – ich habe die Ehre. Ich würde mich freuen, wenn ich ›Auf Wiedersehen!‹ sagen dürfte.« »Das dürfen Sie sicher«, sagte Harro mit Wärme, während Margot nur ihre Blicke für sich sprechen ließ. Erich hatte sich in den Sattel geschwungen, grüßte noch einmal freundlich herab und war im nächsten Augenblick im Galopp davongesprengt. »Ein seltsamer Mensch«, sagte Harro hinter ihm her, »aber er gefällt mir. Was es denn nur sein mag, was auf ihm lastet? Wir wollen doch gleich einmal den Major fragen, der alles weiß.« Margot machte eine abwehrende Bewegung. »Ach nein, Harro, lieber nicht. Es gibt nur Anlaß zu Klatsch und Gerede. Es könnte uns diesen schönen Tag ganz verderben.« »Du fürchtest dich also davor, unangenehme Dinge zu hören? Nun, weißt du, dann ist dein Vertrauen zu Holdheim aber auch nicht so groß, wie du mich glauben ließest, Margot. Was kann er denn viel gesündigt haben? Wie ein Übeltäter sieht er doch wahrhaftig nicht aus.« Als die Geschwister die übrigen Fußgänger wieder erreicht hatten, war das Gespräch über Erich Holdheim dort schon in vollem Gange. Man hatte ihn beim Vorüberreiten erkannt, und allerlei Gerüchte über ihn wurden zur Sprache gebracht. Adele Lindenthal behauptete steif und fest, zu wissen, daß er ein Millionendieb sei, der hier unter falschem Namen lebe, während der Leutnant von Saldern gehört haben wollte, er sei ein südamerikanischer Pflanzer, der sich gegen die Neger in seinen Zuckerplantagen unmenschlich benommen habe. Das Tollste und Abenteuerlichste wurde vorgebracht. »Den Major fragen! Der Major soll's entscheiden!« hieß es endlich. Herr von Jorell hatte sich wegen seines Asthmas beritten gemacht und trabte zu Esel neben einem Landauer her, mit dem er Schritt halten wollte. Die rufenden Stimmen hinter ihm her boten ihm willkommene Gelegenheit, diesen forcierten Wettritt auf dem Grauen aufzugeben, einen Ritt, der schon einen komischen Beigeschmack angenommen hatte. Er hielt, drehte sich um und fragte, was es denn gäbe. Als er gehört hatte, um was es sich handelte, legte er sein hageres Gesicht, das durch einen Bart unterm Kinn noch verlängert erschien, in Falten. »Ich bin doch nicht Polizeispion«, sagte er dann mit verschmitztem Lächeln, hinter dem er seine Allwissenheit zu verbergen pflegte. »Der Major weiß es nicht! Der Major weiß es nicht!« rief es lachend durcheinander. Man wußte, daß ihn nichts mehr zum Sprechen reizte als dieser Argwohn. Selbst wenn er wirklich nichts gewußt hätte, auf diese Provokation hin hätte er immer geredet, um sich seinen Nimbus nicht zerstören zu lassen. Er ließ einen leisen Pfiff hören, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe und sagte: »Dieser Herr, von dem Sie da reden, ist weder ein Blaubart noch ein Millionendieb noch ein Plantagenbesitzer, sondern er ist ganz einfach ein Totschläger.« »Na – na!« meinte der Leutnant von Saldern ironisch. »Gar so gefährlich wird es doch wohl nicht sein, Herr Major! Vielleicht hat er jemanden im Duell erschossen, denn einen Verbrecher würde man doch wohl kaum frei und unbehelligt hier herumlaufen lassen.« »Warum nicht? Hier kann manches geschehen, was anderswo in der Welt unmöglich wäre. Daß der Herr sich in Deutschland wegen Totschlages in Untersuchung befunden hat, steht jedenfalls fest. Die Herrschaften können auf dem Konsulat nachfragen, wenn Sie mir keinen Glauben schenken wollen. Um was es sich aber gehandelt hat und weshalb er nicht verurteilt worden ist, darüber schweigen vorläufig noch meine Quellen. Ein Duell ohne Sekundanten, das wäre immerhin denkbar. Und ganz ohne Romantik ist die Geschichte sicherlich nicht; denn ein Frauenzimmer steckt unter allen Umständen dahinter.« »Wieso ein Frauenzimmer?« fragte plötzlich Margot. Ihre Stimme hatte einen harten Klang angenommen, den noch keiner von ihr gehört hatte. »Na«, sagte der Major, sich auf seinem Esel umdrehend, »er hält doch eine Frau bei sich versteckt, und da ist also mit ziemlicher Sicherheit zu schließen, daß diese Frau und das verbrecherische Duell – der Totschlag – in engstem Zusammenhang miteinander stehen, nicht wahr?« »Diese Frau, die Herr Holdheim bei sich ›versteckt‹ hält, ist seine schwerkranke Mutter, Herr Major.« Alle sahen Margot erstaunt an. Der Major ließ abermals einen leisen Pfiff hören. »Sie kennen ihn, mein gnädiges Fräulein?« »Jawohl, ich kenne ihn, Herr Major.« Ihre Stimme klang fest und furchtlos. »Ah! Das ist ja natürlich etwas anderes. Aber dann dürfen wir ja von Ihnen die Aufklärung über alles erwarten, was hier noch dunkel ist, mein Fräulein. Weshalb lassen Sie uns denn so grausam schmachten?« »Ich wollte doch sehen, bis wie weit die Kombinationen einer regen Phantasie hier mit der Wahrheit ihr Spiel treiben würden, Herr Major. Verzeihen Sie! Das einzige Verbrechen dieses Mannes scheint zu sein, daß er ganz für sich allein lebt. Im übrigen kann er ein begangenes Unrecht doch entweder nur bereits abgebüßt haben, oder man hat es ihm ohne Grund einst zur Last gelegt – sonst wäre er nicht frei und unangefochten hier, wo er seiner leidenden Mutter wegen lebt. Unsere Gerichte lassen nicht mit sich spaßen. Ich finde, in beiden Fällen ist die Sache abgetan, und wir haben gar keinen Grund, uns über irgend etwas im Leben des Herrn Holdheim noch den Kopf zu zerbrechen.« »Bravo!« rief hier der Leutnant von Saldern. »Famos! Könnte kein Advokat besser gemacht haben! Major auf der ganzen Linie geschlagen. Unfehlbarkeit erschüttert. Geheimnisvoller Landsmann steht groß da – beneidenswert. Werde ihm nachher einen Hochachtungsschluck kommen.« Alle schienen der gleichen Meinung zu sein, soweit sie den »Wortkampf« überhaupt verfolgt hatten. Die jungen Offiziere fanden Margots Auftreten »schneidig«. Auch Harro klopfte der heiß Erröteten auf die Schulter. »Du, du«, sagte er, »du gehst aber mit Feuer für Holdheim ins Zeug. So genau kennst du ihn schließlich doch nicht. Aber es gefällt mir. Meine kleine Schwester hat Temperament – sieh – sieh!« Inzwischen war man im Dorfe La Turbie angelangt. Aus den Wagen wurden die sorglich verpackten Vorräte hervorgeholt und neue in der kleinen Gastwirtschaft an der Straße eingehandelt. Die halbe Einwohnerschaft war herbeigelaufen, um die Fremden zu begaffen, und das aufdringliche Jammern der Bettler und barfüßigen Kinder, die ihre Hände ausstreckten, hallte zwischen das Wiehern der Pferde, das Schreien der Esel und die lachenden Unterhaltungen der Ankommenden hinein. Dann ging es quer durch das olivenbestandene Gelände auf den alten Römerturm zu, wo auf den mitgebrachten Reisedecken und Plaids gelagert und getafelt werden sollte. Zur großen Enttäuschung fand man den ausersehenen Lagerplatz aber bereits besetzt. Eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen hatte dort Platz genommen, und es ging sehr lustig zu. Man trank Champagner, die Bonmots flogen hin und her, man lachte, man stieß mit den Gläsern an. Der erste Blick überzeugte Herrn von Jorell, daß man es mit echten »Monte Carlisten« zu tun habe; alle waren nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, über den Damen besonders lag jener unnachahmliche »Chic« gebreitet, der sich nur bei einer bestimmten, aus Paris importierten Gesellschaftsklasse dort unten im »Paradies des Teufels« vorfand; sie sahen genau so aus, als wären sie dem letzten Modejournal entstiegen, und eine Wolke von Parfüm umgab sie. Der Major hatte mißachtend die Nasenflügel eingedrückt und dann einen anderen Lagerplatz bestimmt, wo nun die Decken ausgebreitet und die Mundvorräte verteilt wurden. Bald saß alles in munterem Geplauder, essend und trinkend im Kreise. Die freie Luft der Höhe, das ungebundene Beieinander und die herrliche Fernsicht hatten alle angeregt. Von der letzteren sah man freilich hier nicht so viel wie von dem Platze, welchen der Major schon besetzt gefunden hatte, so daß bald einer und bald der andere, nachdem man die Eßvorräte verzehrt, mit seinem Glas in der Hand weiter an den Felsrand und in den kanzelartigen Vorbau desselben hinaustrat, um die Blicke über Meer und Ufergelände schweifen zu lassen. Gerade zu Füßen hatte man Monaco und Monte Carlo am blauen Meer; rechts grüßten die Berghöhen der Seealpen, in der Ferne hoch oben noch schneebedeckt; zur Linken blickte man über die sonnenbestrahlten Buchten bis nach Bordighera hinüber, das sich auf weit vorgeschobener Landzunge, festungsartig aufgebaut, aus der funkelnden Bläue hob. Es lag soviel Glanz und Helligkeit über diesem Panorama, daß man hätte glauben können, es gäbe in der Welt nur eitel Lust und Herrlichkeit. Margot hatte, an die Brüstung gelehnt, lange auf all diese Pracht hinabgeschaut und nur das Lachen und Gläserklingen, das unablässig vom Turm her durch die mittägige Stille der Höhe zu ihr herüberscholl, wie einen Mißklang empfunden, als sie sich plötzlich angeredet hörte: »Mein gnädiges Fräulein –« Sie wandte sich hastig um und sah sich dem Fremden aus Monte Carlo gegenüber. Schon vorher war es ihr bei flüchtigem Anblick vorgekommen, als befände er sich unter jener Gesellschaft. Doch nun stand er vor ihr, einen Champagnerkelch in der Hand, mit erhitztem Gesicht, und seine Augen brannten auf ihrem Antlitz. »Gestatten Sie, daß ich Sie begrüße, mein gnädiges Fräulein, Sie sehen: Sie können mir nicht entgehen. Darf ich mit Ihnen anstoßen?« Da Margot ihr Glas Rotwein, das der Leutnant von Saldern ihr hergetragen, neben sich stehen hatte, mußte sie mit ihm anstoßen. »Wirklich, ein unvermutetes Zusammentreffen«, sagte sie in leichter Verwirrung. »Das Glück ist mit mir, mein Fräulein«, erwiderte er mit einer Verneigung. »Ich möchte mir nun aber erlauben, mich Ihnen vorzustellen – mein Name ist Baron Meyburg.« Margot hatte einen Ruf höchster Überraschung ausgestoßen. »Baron Meyburg?« wiederholte sie stotternd. »Doch nicht Arno – Arno von Meyburg?« »Doch – gewiß. Und Sie – kennen meinen Vornamen, mein Fräulein?« Er sah sie unsicher an. »Ich bin Margot von Detten.« Auch er zeigte sich nun aufs äußerste überrascht; aber ein feiner Menschenkenner würde in der Art, wie er diese Überraschung kundgab, doch vielleicht etwas Gemachtes gefunden haben. »Hier also müssen wir uns kennenlernen. Onkel und Nichte – sozusagen, wenn auch nur im zweiten Grade. Ich vermutete Sie als Erzieherin auf irgend einem englischen Landschloß. Wie hätte ich auch erwarten können, Sie so schön, so als Weltdame zu finden!« Margot hatte sich noch kaum gefaßt. Sie hätte ihm zurückgeben können, daß sie sich ein ganz anderes Bild von ihm gemacht habe und nun eine erfreuliche Enttäuschung erfahre. Etwas verlebt sah Arno von Meyburg freilich aus, aber viel jünger, als sie sich gedacht, und vor allem nicht verkommen, wie er in ihrer und Harros Vorstellung immer gelebt hatte. Dieser elegante Weltmann mit den vornehmen Allüren erregte nicht den Eindruck eines Untergegangenen, als der er ihnen stets geschildert worden war. Trotzdem etwas an und in ihm war, was Margot instinktiv vor ihm warnte, glaubte sie deshalb doch, ihm im stillen allerlei abbitten zu müssen. Als er jetzt noch einmal sein Glas erhob, sagte sie freundlich: »Auf gute Verwandtschaft, Herr von Meyburg!« Er blickte ihr tief in die Augen, während er trank. Dann sagte er, das leere Glas absetzend: »Ja, das ist eine wunderliche Geschichte! Onkel und Nichte erkennen sich auf La Turbie. Ich sollte übrigens eigentlich zu eitel sein, um diesen Verwandtschaftsgrad so offen hervorzuheben, nicht? Aber Sie wissen ja wohl, daß mein Vater, reichlich zwei Jahrzehnte jünger als ihr Großvater, auch selber spät geheiratet hat. Aber vor allem: was führt Sie an die Riviera? Sie sehen wie das blühende Leben selber aus. Sie spielen nicht und zu Vergnügungsreisen – à propos, da fällt mir erst ein: wir sind ja erbitterte Gegner.« Er hatte jetzt einen scherzhaft-liebenswürdigen Ton angeschlagen und seine Blicke ließen nicht von ihr. Es war etwas Forschendes und Bohrendes darin, was Margot peinlich auffiel. »Gegner? Wieso?« fragte sie unbefangen. »Wegen der Meyburgschen Erbschaft.« »Wenn sich das Testament nicht vorfindet, fällt sie freilich an uns«, sagte Margot langsam. Er lachte. »Ja, leider. Verzeihen Sie meine Offenheit! Und wenn es sich vorfindet, enthält es auch sicherlich keine Verfügungen zu meinen Gunsten. Tempi passati. Ich habe mich der Güte meines Onkels nicht würdig gezeigt und habe also sozusagen gar keine Hoffnungen. Weshalb mein Rechtsanwalt trotzdem mir von allen möglichen Chancen für mich etwas vorredet, begreif ich nicht. Aber er schreibt mir von Testamentsanfechtung und Nachlaßprozessen, als ob da noch wunder was für mich herausspringen könnte. Nun, was wollen wir die dumme Geschichte gleich in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft aufrühren? Willkommen wär' uns die Erbschaft wohl allen, und wir müssen die Dinge eben gehen lassen, wie sie wollen; unsere Persönlichkeiten selber spielen ja gar keine Rolle dabei, es handelt sich einfach um gerichtliche Prozeduren, denen wir uns fügen müssen – aber verzeihen Sie nur einen Augenblick, ich will mich bei meiner Gesellschaft verabschieden. – Ah, da sind Sie ja, Vicomte.« Ein eleganter Herr in mittleren Jahren mit einem schwarzen Knebelbart war herangetreten. Er verneigte sich leicht gegen Margot, wobei ein Lächeln um seine dünnen Lippen spielte, das ihr mißfiel, und rief dann dem Baron ein paar Worte in einem Pariser Argot zu, das ihr nicht geläufig war. Baron Meyburg schüttelte darauf den Kopf und zwang sich zu einem Lachen, das ihm sichtlich nicht von Herzen kam. Dann stellte er kurz vor: »Vicomte de Levoyau – Fräulein von Detten!« und fügte im besten Französisch hinzu: »Ich überlasse die Damen für diesmal Ihnen und Herrn de la Feaux, Vicomte. Ich werde mich sofort bei ihnen beurlauben.« Da der Vicomte Miene machte, bei Margot zurückzubleiben, zog er ihn am Arm mit sich, während er zu den Damen hinüberging, die sich eben zum Fortgehen rüsteten und ihn nun mit aufgeregtem Lachen empfingen. Nach einigen Minuten lärmend geführter Unterhaltung drüben stand Arno von Meyburg wiederum vor ihr: »Die wollen natürlich zur Eröffnung der Spielsäle wieder unten sein. Ich meinerseits verschmerz' es, dabei zu fehlen, obgleich ich mich vor Ihnen durchaus nicht besser machen will, als ich bin – in keiner Beziehung. Ich spiele auch – leider. Eine häßliche Gewohnheit, die man als alter Junggeselle schwer wieder los wird. Aber ich möchte nun doch auch meinen Neffen Harro kennenlernen. Ich habe meine Gesellschaft im Stiche gelassen, um das Vergnügen eines längeren Zusammenseins mit Ihnen zu haben – darf ich Sie bitten, mich Ihrem Bruder zuzuführen?« Die offene und taktvolle Art seines Benehmens gefiel jetzt Margot wieder. »Da kommt Harro«, sagte sie, sich wendend, und rief den Vorüberschlendernden an, der nun erstaunt nähertrat und vor Arno von Meyburg den Hut zog. »Der Herr aus Monte Carlo«, sagte er, »nicht wahr? Ich erinnere mich. Und ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt –« »Es ist Arno von Meyburg«, unterbrach ihn Margot, während der Genannte sich lächelnd verbeugte, »denke dir nur!« Harros Mienen verbargen ein unliebsames Erschrecken nicht ganz. »Ah«, sagte er, »das ist in der Tat sehr – merkwürdig. Sie – Sie galten ja eigentlich als verschollen – und nun –« Der Baron verlor seine Haltung keinen Augenblick. »Wer im Auslande lebt, Herr von Detten, gilt daheim in gewissem Sinne ja immer als verschollen. Die Abwesenden haben stets Unrecht, und es ist seltsam, wie rasch man vergessen und zu den Toten geworfen wird. Übrigens darf ich mich ja darüber nicht beklagen, denn ich habe kein gutes Andenken in der Heimat hinterlassen.« Ein schmerzliches Zucken ging über sein Gesicht. Harro war durch dies offene Bekenntnis rasch entwaffnet und streckte Arno, seiner impulsiven Natur folgend, freimütig die Hand hin. »Ich habe darauf nicht anspielen wollen«, sagte er, »das steht mir nicht zu. Ich bin überhaupt nicht näher über diese Dinge unterrichtet und trage auch gar kein Verlangen danach, etwas von ihnen zu erfahren. Ich begrüße Sie also ohne alle hinterhältigen Gedanken, mein werter Herr Baron!« »Ich würde mich herzlich freuen«, erwiderte Arno, in die dargebotene Hand einschlagend, »wenn Sie mich bald mit einer vertraulicheren Anrede beglücken wollten, lieber Herr von Detten. Ich hoffe, daß wir diese sonderbare Schicksalsfügung nicht zu beklagen haben – im Gegenteil. Das alte Familienzerwürfnis kümmert ja uns Überlebende gar nichts mehr, es wäre vielmehr hübsch, wenn wir es durch ein freundschaftliches Bündnis für immer beilegten, nicht? Und was die Erbschaftsangelegenheit betrifft: Ich habe sie mir allem Anschein nach verscherzt, und das größere Recht steht ja eigentlich auf Ihrer Seite. Darüber werden die Herren am grünen Tisch nach dem Gesetz entscheiden, und wir müssen's wohl oder übel hinnehmen; eine persönliche Animosität kann daraus unmöglich erwachsen. Sind Sie nicht der gleichen Meinung?« »Unbedingt«, warf Harro angenehm berührt ein. »Wenn ich das Geld nicht so notwendig brauchte, würd' ich keinen Pfennig aus diesem Meyburgschen Vermögen anrühren, das mich im Grunde gar nichts angeht und das zu beanspruchen meinem Stolz durchaus widerstrebt. Ich brauch' es auch nicht einmal für mich, wenigstens nur ganz indirekt. Nun, das erfahren Sie schon ein andermal. Vorläufig also: auf loyale Gegnerschaft, ja?« »Mit Freuden!« »Sie kommen jetzt mit zu unserer Gesellschaft, nicht wahr?« »Ich habe mich von der meinigen frei gemacht, um ganz zu Ihrer Verfügung zu stehen, Herr von Detten.« »Sehr liebenswürdig. Sie wohnen unten in Monte Carlo?« »Seit einiger Zeit, ja! Ich habe Pariser Freunde dort wohnen, die mir den Aufenthalt angenehm machen. Wer so einsam in der Welt dasteht wie ich – sein Leben so verfehlt hat –«, er zuckte mit trübem Lächeln die Schultern. »Sie begreifen; man zieht seinen Freunden nach, man sucht Zerstreuung, Ablenkung –« »Es wird uns freuen, lieber Baron, wenn Sie auch uns in unserer Villa Erminia manchmal besuchen werden.« »Ich werde auf meiner Hut sein müssen, von dieser gütigen Erlaubnis keinen allzu ausgiebigen Gebrauch zu machen«, versicherte Arno von Meyburg. Dann gingen sie langsam zu den anderen hinüber. Arno wurde vorgestellt, ohne daß man des verwandtschaftlichen Verhältnisses mit den Geschwistern Erwähnung tat, und hatte durch seine liebenswürdig-amüsante Art zu plaudern bald alle für sich eingenommen. Plötzlich rief der Leutnant von Saldern, sein Glas erhebend, mit seiner etwas näselnden und jetzt vom Wein etwas unsicheren Stimme zu Margot hinüber: »Mein gnädiges Fräulein – habe mein Versprechen noch gar nicht erfüllt, Hochachtungsschluck für den – Dingsda – den – den Herrn, den Sie so schneidig in Schutz genommen haben, zu trinken – hole jetzt das aber doppelt nach. Also«, er setzte ein volles Glas an, »gilt Herrn Holdheim. Zur Gesundheit!« Und er trank das Glas leer. Margot lächelte in halber Verlegenheit. Plötzlich gewahrte sie, daß Arno von Meyburg, der neben ihr im Kreise saß, erblaßt war und ihr einen Blick zuwarf, vor dem sie erschrak. Etwas wie unbezähmbarer Haß funkelte sekundenlang darin auf. Dann glätteten sich seine Mienen wieder, und er fragte mit seiner früheren geschmeidigen Art zu konversieren: »Es handelt sich doch wohl nicht um den Holdheim aus der Villa La Paix, Fräulein von Detten?« »Doch. Er ist unser Villennachbar, und ich kenne ihn von früher her. Sie kennen ihn auch?« »Ja«, sagte er mit einem eigentümlichen Ton. Eine kurze, peinliche Stille war eingetreten. Oder erschien es nur Margot so? Immer, wenn auf Erich Holdheim die Rede kam, lag etwas Beklemmendes, Unaussprechliches in der Luft. Man konnte es nicht mit Händen greifen, aber es war da, und selbst wenn niemand mehr von den herumschwirrenden Gerüchten etwas verlauten ließ, lag es in Augen und Mienen, daß man Argwohn hegte, daß man mit diesem Manne nichts zu schaffen haben wollte. Auch die Besten dachten und empfanden so. Das war's, worunter Erich Holdheim litt, wodurch er alles Beste und Schönste, seine ganze Jugend eingebüßt hatte. Wenn man es nur endlich einmal hätte fassen – fassen und dann zerreißen, vernichten können! Eine glühende Sehnsucht danach, ein heißes Kraftbewußtsein, als könne sie es und niemand als sie, erfüllten Margot. Wenn sie ihm hätte helfen, ihn aus diesen verstrickenden Banden lösen können! Je allgemeiner der Verdacht war, der sich an ihn heftete, um so fester glaubte sie an Erich Holdheim. Er ein Totschläger! Man hätte darüber lachen können, wenn es nicht so unsäglich traurig gewesen wäre. Er, der in einem herkulischen Körper ein weiches Kinderherz barg! Es war absurd, nur daran zu denken. Arno von Meyburg hatte schon zweimal eine Frage an Margot gerichtet, ohne daß sie darauf Antwort gab. Sie hatte sie gar nicht gehört in ihren Gedanken. Es war seltsam: wenn sie nun auch mit Arno allmählich wieder in ein unbefangenes Geplauder kam, ihre Sympathie für ihn war seit jenem Blick, mit dem er die Frage nach Erich Holdheim begleitet, plötzlich wieder geschwunden, und sie fühlte aufs neue jenes unheimliche Bangen, das sie unter seinem Blick bei ihrer ersten Begegnung in Monte Carlo empfunden hatte. Sie war froh, als man endlich aufbrach. Während ein Teil der Gesellschaft zugleich mit Arno von Meyburg den steilen Abstieg nach Monte Carlo antrat, schlugen die meisten den Heimweg nach Nizza wieder ein. Harro hatte sich auf einen bittenden Blick Margots hin mit ihr den letzteren angeschlossen. Als er sich von Arno, der seinerseits nur schwer eine Enttäuschung verbarg, herzlich verabschiedet und ihn wiederholt nach Nizza eingeladen hatte, sagte er, neben Margot herschlendernd: »Du, das ist ja ein famoser Mensch. Nein, was nicht alles in der Welt geredet wird! Den hatt' ich mir nun doch absolut anders vorgestellt – als ein mauvais sujet ersten Ranges. Und nun dieser perfekte Gentleman! 'n bißchen flott gelebt als junger Leutnant wahrscheinlich, Schulden gemacht – lieber Himmel, das machen sie ja alle nicht anders. Und deshalb den Stab über einen brechen! Nein, weißt du, das nächstemal mach' ich Brüderschaft mit diesem Onkel Arno, der gefällt mir, das ist 'n Prachtkerl. Und du? Was sagst du?« »Daß man wirklich nie allzuviel auf das Urteil der Welt geben, sondern immer selber vorurteilslos prüfen soll«, erwiderte Margot ausweichend. »Das klingt aber ziemlich kühl«, lachte Harro. »Laß uns abwarten. Wir wollen doch nun nicht gleich ins Extrem fallen.« Ein paar Schritte von den beiden entfernt gab Adele Lindenthal gleichzeitig Herrn von Jorell gegenüber ihrem Enthusiasmus über diesen »hochinteressanten Menschen« beredten Ausdruck. »Und Sie, Major? Was halten Sie von ihm?« Herr von Jorell war dabei, sich eine Zigarre anzuzünden. »Hm«, machte er, »nicht viel – nur daß er ein professionsmäßiger Spieler ist.« Damit bestieg er seinen Esel. IV. Harro hatte schon zwei Vormittage hintereinander in der Villa La Paix an Erich Holdheims Flügel gesessen und komponiert. Er war entzückt von der Klangfülle des herrlichen Instruments. »Man wiegt sich ordentlich auf diesen Tönen«, sagte er, »das quillt alles ganz wie von selbst.« Er berauschte sich an dem Wohllaut, den er selber hervorzauberte, und seine gute Stimmung wirkte wohltätig auf seinen Gemütszustand ein. Doktor Leutholt hatte sich bei seinem gestrigen Besuche zufriedener geäußert als früher. Harro empfand es deshalb als ein Bedürfnis, sich Erich Holdheim irgendwie erkenntlich zu zeigen. Bisher hatte er nicht einmal Gelegenheit gehabt, ihm ein Dankwort zu sagen, denn Erich zeigte sich niemals, wenn Harro die Villa betrat, wo man ihn, ganz wie Erich es versprochen, empfing und in das Musikzimmer des Oberstocks führte, um ihn dort allein zu lassen, so lange es ihm beliebte. Es schien sogar, daß Erich dem Besucher geflissentlich aus dem Wege ging, um ihm jede Notwendigkeit einer Dankesäußerung zu ersparen, denn auf Harros Frage nach ihm hatte der alte, deutsche Diener immer erwidert: »Herr Holdheim ist nicht im Hause.« Am dritten Tage beschloß Harro, Erich endlich einmal aufzusuchen. Er nahm an, daß er ihn bestimmt im Garten finden werde. Er verließ also diesmal die Villa nicht nach der Straßenseite, sondern trat in den Garten hinaus, trotzdem der Diener, der keinen Widerspruch wagte, sichtlich ein betroffenes Gesicht dazu machte. Harro durchwanderte den duftgeschwängerten Garten, von dessen Zauber er entzückt war, nach allen Richtungen hin. Es war wirklich, als ob man sich hier in dem weltentrückten Hain Armidas befände. Selbst der Seewind, der draußen den weißen Straßenstaub in Wolken an den Mauern entlang jagte, war hier nicht zu spüren. Alles schien in der heißen Mittagssonne zu träumen. Harro vergaß in diesem köstlichen Dahinschlendern, noch von den glücklich gefundenen Melodien umsummt, beinahe den Zweck seiner Wanderung. Dann sah er plötzlich Erich drüben stehen, ohne daß jener, der ihm den Rücken zuwandte, ihn gesehen hätte. Es mußte die Hecke sein, die Erichs Besitztum von dem Garten der Villa Erminia trennte, neben welcher er stand. Was er dort eigentlich trieb, begriff Harro nicht recht. Er regte sich gar nicht, sondern schien nur unablässig mit gespanntester Aufmerksamkeit nach etwas hinüber zu spähen, ganz in das versunken, was ihn beschäftigte. Leise wollte Harro näher herangehen, um ihn mit einem Scherzwort anzurufen, als er plötzlich aus einer Laube zur Rechten, auf die er weiter nicht geachtet hatte, durchdringende weibliche Schreie vernahm. Es klang, als ob man dort in höchster Seelenangst um Hilfe rief. Er hatte sich jäh erschrocken nach der Richtung gewandt, aus der jene Schreie gekommen waren, und er sah nun im Laubeneingang drüben eine hochaufgereckte fremdartige Frauenerscheinung in weißen Gewändern, mit irr funkelnden Augen in einem gelben, eingefallenen und faltigen Gesicht, das aber immer noch schön in der Ebenmäßigkeit seiner feingeschnittenen Züge erschien. Die grauen, in weichen Wellen herabflutenden Haare erhöhten das Phantastische des Bildes. Die Arme hatte die Frau wie zur Abwehr oder zum Schlag erhoben, ihre Lippen bebten vor Wut. Es sah aus, als ob sie sich im nächsten Augenblick auf irgend etwas stürzen wollte. Harro war betroffen zurückgefahren. Das sah ja gerade aus, als ob ihm diese Wut galt, in die sich gleichzeitig offenbar Angst und Entsetzen bei dieser Frau mischten, vor deren Augen ihm graute. Er hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon war Erich neben ihm aufgetaucht, hatte ihm zugeraunt: »Bitte, gehen Sie unter die Steineichen zurück!« und war dann auf die Frau zugegangen, die er liebevoll mit den Armen umschlang und mit sanfter Gewalt in das Innere der Laube zurückzog. Er hatte totenbleich ausgesehen, und Harro, der seiner Weisung sofort gefolgt war, hörte ihn von seinem Sitz im Eichengange aus eine Weile noch halb befehlend, halb begütigend sprechen, ohne von den Worten etwas zu verstehen, in die immer noch die erstickten Angst- und Zornrufe der Frau hineinklangen. Erst allmählich wurde sie ruhig, und nach einiger Zeit tönten rasche Schritte im Kies und Erich Holdheim kam auf Harro zu. Er war noch auffallend blaß und seine Augen blickten verstört. »Ich muß Sie tausendmal um Verzeihung bitten, Herr von Detten – eine so peinliche Störung – aber Sie müssen Nachsicht haben –.« Er bot ihm schweratmend die Hand, seine Blicke forschten angstvoll in Harros Gesicht. »Es ist ganz allein an mir, um Verzeihung zu bitten, Herr Holdheim«, entgegnete Harro, dem der Schreck noch in allen Gliedern nachzitterte. »Ich hatte keinerlei Befugnisse, den Garten zu betreten, ich kam eigentlich nur, um Sie zu suchen und Ihnen endlich einmal für Ihre liebenswürdige Gastfreundschaft oben in Ihrem Musikzimmer zu danken. – Sie haben mir bisher jede Gelegenheit geschickt entzogen, diesem Dank Ausdruck zu geben.« Erich trocknete sich die Stirn. »Oh, ich bitte. Von Dank kann da gar nicht die Rede sein. Ich freue mich schon, wenn Sie den Flügel benutzen können. Ich beklage es nur aufrichtig, daß Sie – meine Mutter – Sie müssen wissen, daß meine Mutter geistig nicht klar ist –«, er sah Harro ängstlich und bittend zugleich an. »Ich sage Ihnen das, weil ich auf Ihre Diskretion rechnen kann, Herr von Detten; niemand weiß sonst etwas davon. Ich darf sie bei mir haben, weil sie eine ungefährliche Irre ist. Da haben Sie die Lösung dieses peinvollen Ereignisses.« Es war ihm sichtlich sehr schwer geworden, zu sprechen. Wie angstvoll mochte dieser Mann in langen Jahren das traurige Geheimnis gehütet haben, das er einem Fremden hatte preisgeben müssen! Bewegt drückte Harro ihm die Hand. Das also war Erichs Mutter. Da lag aller Wahrscheinlichkeit nach auch zugleich die Erklärung für das Dunkle und Geheimnisvolle, was über diesem Mann und über seinem verzauberten Besitztum hier ruhte. »Es bedarf keiner Worte, daß Sie auf mein Schweigen zählen dürfen, Herr Holdheim«, sagte Harro, der jetzt seine Fassung vollständig zurückgewonnen hatte und nur warme Teilnahme für diesen so schwer heimgesuchten und sein Unglück mit soviel Festigkeit tragenden Mann empfand. »Ich kann nur nochmals bedauern, daß ich unabsichtlich durch mein unbefugtes Erscheinen hier die Kranke erschreckt und aufgeregt habe. Hoffentlich hat es keine ernstlichen Folgen für sie.« »Das ist nicht zu befürchten, nein. Sie haben keinerlei Ursache, sich Vorwürfe zu machen. Ich würde es sehr beklagen, wenn Sie sich durch den Vorfall abhalten ließen, den Garten wieder zu betreten, der Ihnen jederzeit offensteht. Haben Sie ihn schon ganz besichtigt? Darf ich Sie führen?« Er war sichtlich bemüht, in dem Besucher den häßlichen Eindruck von vorhin wieder zu verwischen. Da Harro diese Rücksicht durchschaute, kam er ihm bereitwillig entgegen. Er sprach sein Entzücken über die geschmackvollen Parkanlagen und die gärtnerische Kunst, über die erstaunliche Blütenfülle aus, während er neben Erich Holdheim die Kieswege durchschlenderte. Als sie dann in die Nähe der Grenzhecke gelangten, sagte er, einen scherzenden Ton anschlagend: »Vor Ihnen muß man auf der Hut sein und darf drüben nichts Unrechtes tun, Sie könnten's beobachten.« »Wie meinen Sie das?« fragte Erich, der leicht errötet war. »Nun, wenn man hier auf dem erhöhten Terrain steht, sieht man unzweifelhaft alles, was drüben bei uns im Garten vorgeht. Und mir kam's vorhin beinahe so vor, als ständen Sie auf dem Lauscherposten.« Er drohte harmlos mit dem Finger. Erich hatte kurz aufgelacht, aber es klang nicht so ganz frei. Er sah auch Harro nicht an, als er mit unsicherer Stimme erwiderte: »Es ist eine Lücke in der Hecke. Ich dachte vorhin, als ich hier stand, daran, ob es nicht besser wäre –« Harro, der jetzt ganz nahe an die Hecke herangetreten war, ließ ihn den Satz nicht beenden, sondern rief hinüberschauend: »Da sitzt ja Margot!« Und gleich darauf rief er lauter: »Margot, Margot!« Margot, die drüben auf einer Bank saß und las, blickte erstaunt auf und kam dann, ihr Buch zuklappend, heran. Als sie die beiden Männer nebeneinander hinter der Hecke stehen sah, flog ein freundliches Lächeln über ihr Gesicht. Sie grüßte und winkte mit der Hand, während Erich, jetzt blutrot im Gesicht, den Hut zog. »Das ist eine hübsche Überraschung«, sagte sie und bot Erich über die Hecke fort ihre Hand. Harro meinte lachend: »Das ist ein gefährlicher Ausguck hier – ganz raffiniert, und ich wette: absichtlich angelegt! Man sieht und wird nicht gesehen!« »Aber Herr von Detten«, protestierte Erich nicht ohne Verwirrung. Auch Margot war plötzlich rot geworden. Sie lenkte geschickt ab und fragte nach Harros Fortschritten im Komponieren. Erich Holdheim war inzwischen an das Spalier getreten und hatte ein paar Rosenranken abgeschnitten, die er nun Margot hinüberreichte. Margot dankte mit warmen Worten. Dann sah sie Harro an, der ihr lächelnd zunickte, und sagte, eine Rosenranke vorn an ihrem Kleide befestigend: »Vielleicht würde Herr Holdheim mit uns frühstücken – wenn es dir recht ist – ich glaube, Jean kommt eben, um uns zu rufen.« »Ein ausgezeichneter Gedanke«, fiel Harro ein, »selbst wenn es etwas knapp hergehen sollte. Herr Holdheim, Sie dürfen es uns nicht abschlagen. Bitte!« Erich schien eine Weile mit sich zu kämpfen. »Ich weiß wirklich nicht, womit ich soviel Liebenswürdigkeit verdient habe, Herr von Detten. – Ich bin so gar nicht gewohnt – habe noch nie eine Einladung hier in Nizza angenommen –« »Nun, machen Sie kurzen Prozeß!« lachte Harro und griff nach seinem Arm. »Geben Sie sich gefangen! Hier kommen wir doch auch noch durch – was?« Und er schlüpfte durch den Heckenspalt, um Erich, der kaum noch widerstrebte, hinter sich dreinzuziehen. V. Das Frühstück war in freundlicher Stimmung verlaufen, gegen das Ende der Mahlzeit hin aber war Erich Holdheim wieder schweigsam geworden. Sein Lächeln hatte etwas Zerstreutes und Schwermütiges angenommen, und ein herber Ernst lagerte auf seinen Zügen; er schien immer auf etwas anderes draußen, weit in der Ferne, hinauszuhorchen. Von dem gemeinsamen Spaziergang, den Harro vorgeschlagen, hätte er sich ersichtlich gern frei gemacht, aber er vermochte keinen Vorwand zu finden, und so schlug man nach dem Frühstück die Route forestière ein, die Margot unter allen Promenaden Nizzas am meisten liebte. Mitten in der Unterhaltung, deren Kosten jetzt fast ausschließlich von dem jungen Musiker bestritten wurden, fiel von seinen Lippen zufällig der Name Arno von Meyburg, und Margot gewahrte deutlich, daß es bei der Nennung dieses Namens sekundenlang in Erichs Augen auffunkelte. Aber er sagte kein Wort. Auch als Harro ihm die Geschichte von der zufälligen Auffindung dieses einzigen Verwandten erzählte, den man für verschollen gehalten, verriet er mit keiner Silbe, daß er den kenne, von dem die Rede war. Nur als sie oben auf der Straße standen, wo der Blick auf Meer und Küste frei wurde, sagte er plötzlich, während Harro abseits nach einem blühenden Erikabusch gestiegen war, rasch und hart: »Ich warne Sie vor diesem Baron von Meyburg, Fräulein von Detten!« Margot war sehr erstaunt. War ihr erster Instinkt also doch der richtige gewesen? Sie hatte Erich so noch nie sprechen hören, und ein so schroffes Verdammungsurteil über einen Menschen zu fällen sah ihm so wenig ähnlich. »Darf ich fragen warum, Herr Holdheim?« »Ich möchte Ihnen die Antwort schuldig bleiben und mich der Hoffnung hingeben, daß Sie auch so auf mein Wort einiges Gewicht legen werden, Fräulein von Detten.« Seine Stimme klang wie vorhin. »Ich glaube allerdings«, sagte Margot, »daß er schon mancherlei getan hat, was ein häßliches Licht auf seinen Charakter wirft, sonst würde ihn unser alter Freund Weilheim uns nicht so ungünstig geschildert haben, aber ich möchte doch glauben, daß er trotzdem noch –.« Er unterbrach sie, weil er Harro mit dem blühenden Erikabusch in der Hand herankommen sah. »Ich wiederhole Ihnen, Fräulein von Detten«, eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit zitterte in seinen Worten, »seien Sie auf Ihrer Hut vor diesem Manne.« Dann wandte er sich ab. Für das Landschaftsbild, das sich unter ihnen im Schimmer der sinkenden Sonne ausbreitete, für die blaue Meeresweite, die sich unabsehbar dehnte, schien Erich Holdheim heute keinen Blick zu haben. Man trat den Heimweg an. Harro plauderte vom bevorstehenden Karneval, von den Blumenschlachten, die auf großen, bunten Affichen an allen Straßenecken angekündigt worden waren. »Wir werden Ihren Garten dazu plündern«, versicherte er lachend. »Betrachten Sie sich als Herr darüber, Herr von Detten«, erwiderte Erich. »Es ist ohnehin schade, daß an all den Blumen in Villa La Paix so wenig Menschen Freude haben! Wenn mir Ihr Fräulein Schwester erlauben will, ihr täglich ein paar Hände voll Blumen hinüberzuschicken, so werde ich ihr sehr dankbar dafür sein.« Während Margot errötend nickte, sagte Harro: »Sie wissen Ihre liebenswürdigen Aufmerksamkeiten doch immer so einzukleiden, als ob man Ihnen eine Gunst erwiese, Herr Holdheim!« Als man die stille Seitenstraße betrat, in welcher die Villa Erminia lag, sahen sie einen Herrn vor der Eingangspforte derselben hin und her gehen. »Onkel Arno!« rief Harro mit hellem Lachen. Erich war leicht zusammengezuckt. Er blieb stehen und zog seinen Hut. »Sie erlauben, daß ich mich hier von Ihnen mit meinem allerherzlichsten Dank verabschiede, Herr von Detten – gnädiges Fräulein.« »Sie nehmen nicht mehr den Tee bei uns?« fragte Harro höflich. »Ich habe Ihre Güte schon zu lange mißbraucht. – Sie haben gesehen, ein wie schlechter Gesellschafter ich bin, Herr von Detten. Auf Wiedersehen. Guten Abend.« Er ging mit raschen Schritten davon, scheinbar ohne von Arno Notiz zu nehmen, er streifte ihn nicht einmal mit einem Blick, obgleich er ganz nahe an ihm vorüber mußte. Arno seinerseits sah sehr blaß aus, als er die Geschwister begrüßte, und war kaum damit fertig, als er auch schon mit einer halben Kopfwendung nach dem Davonschreitenden zwischen den Zähnen hervorstieß: »Sie sind da durch Zufall in eine sehr üble Nachbarschaft geraten, lieber Detten.« »Oh, bitte«, warf Harro ein, während sie die Villa betraten, »nichts gegen Herrn Holdheim – nichts von diesen dunklen Gerüchten! Das ist ja alles schon genug breitgetreten. Und dann müssen Sie wissen, daß Margot auf Tod und Leben für den Herrn Partei nimmt. Wenn Sie's nicht für immer bei ihr verderben wollen, behalten Sie Ihr Urteil nur lieber ganz für sich!« Es war in scherzendem Ton gesprochen und klang wie eine Neckerei für Margot. Arno biß sich auf die Lippen. »Es ist das ein Zeichen eines großen Herzens«, sagte er nach einer kleinen Pause mit erzwungener Ruhe, »einen allgemein Verurteilten in Schutz zu nehmen. Selbst wo solche Großherzigkeit übel angebracht ist, erscheint sie mir bewundernswert.« Er machte eine leichte Verneigung gegen Margot, um dann in verändertem Tone fortzufahren: »Sie begreifen, daß es mich drängte, Sie aufzusuchen, lieber Detten, nachdem Sie Monte Carlo ganz untreu geworden zu sein scheinen.« Harro lachte. »Margot, müssen Sie wissen, ist eine rigorose Krankenpflegerin und will die Luft in den Spielsälen durchaus nicht als heilkräftig für mich ansehen. Übrigens, morgen gehen wir wieder, nicht, Margot?« Arno von Meyburg war anscheinend in sehr ernste Gedanken versunken. Er blickte vor sich nieder und nickte ein paarmal mit dem Kopfe. »Ja, ja«, sagte er halblaut, »man sollte sich losreißen – man sollte!« Er sah zu Margot hinüber, die noch kaum ein Wort gesprochen hatte. »Sie haben es leicht. Wer so einsam in der Welt dasteht – wessen Leben so zwecklos geworden ist – man greift eben instinktiv nach etwas, was uns dann über die ungeheure Leere forttäuscht, gleichviel, was es ist – und wenn es selbst das Spiel wäre!« »Sie sind ja heute verzweifelt elegisch gestimmt«, warf Harro überrascht ein, »das paßt gar nicht zu Ihnen.« »Meinen Sie?« Arno lächelte trübe. »Wer gibt sich denn immer so, wie er ist? Kann man das überhaupt in der Welt? Und nun gleich im Anfange einer Bekanntschaft – ehe man noch Fühlung gewonnen hat! Die Menschen wollen ja auch im Grunde nur unsere Oberfläche sehen und freuen sich, wenn sie möglichst heiter und glänzend ist. Wir werden ja gezwungen, eine Maske zu tragen. Wie selten, daß wir Menschen in unser Innerstes blicken lassen – wie selten, daß Menschen danach Verlangen tragen!« Seine Stimme hatte zuletzt leise gezittert. Margot hatte betroffen aufgeblickt. Was war das? Das klang ja wie ein echter, warmer Herzenston. War das Pose – geschickte Verstellung – Schauspielerei? Wollte er etwas damit erreichen, daß er so ihr Mitleid erweckte, sich als einen Verkannten hinstellte? Aber das alles machte ganz den Eindruck der Wahrheit. Sie hatte sich also doch wohl über ihn getäuscht, ihr erster Eindruck von ihm war doch nicht der richtige gewesen. Nur, daß Erich Holdheim sie vor diesem Mann hatte warnen können, er, der nicht leicht über einen Menschen den Stab brach, machte sie bedenklich. Welche Gründe mochten ihn dazu getrieben haben? Diese beiden Männer schienen Todfeinde zu sein? Wie seltsam und wie traurig zugleich! Harro hatte sichtlich keine Lust, auf das von Arno eingeschlagene Thema weiter einzugehen. Er ging darüber hinweg, und als Margot, die draußen den Tee besorgt hatte, wieder ins Zimmer zurückkam, war eine Unterhaltung über Paris im Gange. Dennoch konnte sie sich nicht darüber täuschen, daß Arno von Meyburgs Ton düster und verstimmt blieb. Auch fand sie, daß sein Gesicht merkwürdig fahl war. Er kam ihr älter vor als früher, etwas Verfallenes und Verwüstetes lag in seinen Zügen. Und manchmal, wenn seine Augen wieder an ihr hingen, war ein so irres Brennen darin, daß sie davor erschrak. Mitleid und Bangen stritten dann in ihr. Was wollte er nur von ihr? Er sprach von Paris, von Nizza, von Monte Carlo, immer in dem gleichen müden Ton eines blasierten Weltmanns, der all diese Genüsse ausgekostet hat und ihrer satt ist, sie immer nur als Betäubungsmittel hingenommen hat, weil er das Hohe und Echte, wonach er rastlos gesucht, niemals entdeckte oder es ihm gleich immer wieder verlorenging, wenn er einmal die Hand danach ausgestreckt. Etwas wie Sehnsucht zitterte in seinen Worten, und dann strich er sich mit der Hand über die Stirn hin, als ob er etwas verscheuchen wolle, was dahinter wach wurde. Margot mußte sich sagen, daß die Züge seines feingeschnittenen Kopfes eigentlich schön waren: je mehr sie ihn ansah, desto mehr glaubte sie eine Ähnlichkeit zwischen ihnen und denen ihrer Mutter zu erkennen, die ja äußerlich und innerlich eine echte Meyburg gewesen sein sollte. Und doch mahnte eine Stimme in ihr mit Erich Holdheims Worten, sie solle vor diesem Manne auf ihrer Hut sein, und ihr selber war nicht wohl bei der wunderlichen Anziehungskraft, die er ausübte... Seine Teetasse in der Hand, die Augen zu ihr hinübergerichtet, sagte er jetzt: »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie heimisch mir's hier bei Ihnen zumute wird. Sie müssen bedenken, daß ich so etwas wie Familienleben ja eigentlich nie kannte. Als alternder Junggeselle spürt man erst ganz, um was man dabei verkürzt worden ist. Meine Mutter hab' ich nie gekannt. Mein Vater war ein verbitterter Mann, der an nichts Freude hatte. Er war mit den großen Meyburgschen Ansprüchen aufgewachsen, während die großen Meyburgschen Reichtümer dann doch an den älteren Bruder gefallen waren, und geriet bald genug mit seiner bescheidenen Abfindung in die Klemme. Geld verdienen hatte er nicht gelernt, und das lehrte er auch mich nicht. Wir waren ja Meyburgs. Nun, es war nichts als ein glänzendes Elend, unser Leben. Und was noch schlimmer war, ein Leben auf den Schein hinaus, eins, das zu fortwährender Lüge und Heuchelei zwang. Und natürlich konnte ich nur Offizier werden. Ein Meyburg! Und ein Meyburg in der Uniform kann nicht auftreten wie ein Herr Schulze oder Schmidt – noblesse oblige! Nun, das Weitere begreift sich, nicht wahr? Es kam, wie es kommen mußte. Ich bin weit entfernt davon, mich besser machen zu wollen, als ich bin –, aber ich möchte, daß Sie beide, die Sie doch sicher viel Schlechtes von mir gehört haben, auch begriffen, weshalb das so gekommen ist und daß die Schuld jedenfalls nicht bei mir allein liegt.« »Ich habe mir das ungefähr so gedacht«, warf Harro ein, während Margot stumm blieb, obgleich sie sich sagte, daß es jetzt eigentlich ihre Pflicht sei, auch ihrerseits ein mildes Wort zu sprechen – hatten seine ehrlichen Darlegungen doch, ohne zu beschönigen, dies milde Wort verdient! Aber sie konnte es nicht über die Lippen bringen, und Harro war es, der statt ihrer fortfuhr: »Wissen Sie, was Sie tun sollten, lieber Meyburg? – Heiraten! Unbedingt heiraten! – Ein Junggeselle, der so von den Freuden des Familienlebens spricht, ist ehereif, da ist es höchste Zeit, Anstalten zu machen.« Arno lächelte trübe. »Ich fürchte: dazu ist's zu spät.« »Aha! Sie fürchten! Also möchten Sie doch. Und warum sollte es denn wohl zu spät sein? Hier an der Riviera haben Sie doch wahrlich die Auswahl unter einem internationalen Damenflor, wie sie so leicht einem nicht zum zweiten Male geboten wird.« »Wer aber mein Leben in all seinen trüben Seiten kennt – und ich würde keine Dame, für die ich mich interessierte, in Unklarheit darüber lassen –, würde sich wohl schwerlich entschließen, mir anzugehören.« »Hoho!« machte Harro. »Da halt' ich die Frauen denn doch für großherziger. Im Gegenteil habe ich immer gefunden, daß ihnen die Männer, die schon etwas durchgemacht haben, interessanter sind als die untadeligen Tugendhelden. Nicht wahr, Margot? Du sprichst ja kein Wort – du hättest doch eigentlich die Pflicht, dein Geschlecht hier einmal zu verteidigen!« »Das Schweigen Fräulein Margots ist ja beredt genug«, fiel Arno bitter ein. »Sie gibt mir recht und möchte mich doch nicht dadurch kränken, daß sie es ausspricht.« Margot war wie mit Blut übergossen. Es war ihr längst eine dunkle Empfindung gekommen, daß alles, was er sagte, ihr galt und daß er einen bestimmten Zweck damit verfolgte – einen, vor dem ihr bangte, wenn sie ihn sich auch nicht klar machen konnte. Nur deshalb hatte sie geschwiegen. Aber nun mußte sie ja wohl sprechen. »Sie irren sich«, sagte sie, seinen Augen ausweichend, »ich habe das keineswegs andeuten wollen. Ich denke vielmehr, daß auch Sie eine Frau finden werden, die zu Ihnen paßt und die an Sie glaubt.« Sie erschrak, als es heraus war; denn er war vom Stuhl aufgesprungen und auf sie zugekommen. Nun ergriff er, ehe sie es hindern konnte, ihre Hand und führte sie an seine Lippen. »Ich danke Ihnen«, flüsterte er, »ich nehme das als ein glückliches Omen.« Dann ging er auf seinen Platz zurück. Jean, der mit Briefen und Zeitungen eintrat, unterbrach die Unterhaltung hier. Harro griff nach den Briefen, sah nach der Handschrift und sagte dann: »Es könnte etwas Eiliges sein. Sie erlauben wohl, daß ich für ein paar Minuten nebenan mich davon überzeuge, lieber Meyburg. Sie bleiben doch zu Tische bei uns?« »Diesen Mißbrauch mit Ihrer Liebenswürdigkeit werde ich heute nicht treiben, bester Detten«, erwiderte Arno, »schon aus Klugheit nicht, denn Sie würden mich das nächstemal voraussichtlich nicht wieder so gütig empfangen. Aber ich bleibe noch, bis Sie zurückkehren, schon um zu hören, daß Sie keine unangenehmen Nachrichten erhalten haben.« »Aber machen Sie doch keine Umstände! Bleiben Sie!« »Ein andermal.« »Nun, wie Sie wollen.« Harro ging. »Wenn er jetzt nur nicht wieder auf das Thema von vorhin zurückkommt!« dachte Margot, deren Herz plötzlich unruhig zu klopfen begann. Aber Arno sprach eine Zeitlang, als sie beide allein geblieben waren, gar nichts, sondern wanderte mit gesenktem Kopf durchs Zimmer, um endlich an der in den Vorgarten führenden Glastür stehenzubleiben und, die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, hinauszustarren. Plötzlich wandte er sich um und sagte: »Ich fühle, daß ich mich bei Ihnen unbeliebt mache, wenn ich es ausspreche, aber ich kann nicht anders, Fräulein Margot. Sie dürfen mit jenem Mann dort drüben nicht mehr verkehren – verstehen Sie mich wohl? Sie dürfen nicht. Wenn ich es wage, eine solche Sprache gegen Sie zu führen, so werden Sie begreifen, daß mich zwingende Gründe dazu treiben. Dieser Mann ist ein Verbrecher!« Seine Stimme klang hart und fest, seine Augen glühten. »Herr von Meyburg!« rief Margot erschreckt. »Jawohl, ein Verbrecher«, wiederholte Arno, »ein schwerer Verbrecher. Es klebt Blut an seinen Händen.« Er stand vor ihr, und sie sah, wie sein ganzer Körper bebte. »Wie er ihn hassen muß!« dachte sie. Aber sie zwang sich zur Ruhe. »Ein Argwohn«, sagte sie, »eine Verleumdung. Oder es gab Gründe – eine Zwangslage, wo er nicht anders konnte – auch solche furchtbaren Dinge sind ja möglich. Oder es waltete ein grauenhaftes Mißverständnis vor, und er hatte es nicht gewollt – was weiß ich? Ehe ich nicht alles weiß, glaube ich nicht an ein Verbrechen bei ihm.« »Auch mir nicht?« Seine Züge verzerrten sich so, daß sie nicht mehr begriff, wie sie noch vorhin erst sie hatte schön finden können. Dann, ohne ihre Antwort abzuwarten, mühte er sich, sie wieder zu glätten, und stieß mit einem halben Lächeln hervor: »Wie Sie ihn verteidigen! Nur, daß er es leider nicht verdient. Es ist so gar nichts Romantisches an der Sache. Ein nackter, gemeiner Totschlag. Dieser Mann da drüben hat einen anderen niedergeschossen – nicht im Duell, nicht aus Notwehr, nicht aus irgend welchen edlen, aber ungesetzlichen Motiven – nein, es tut mir leid, auch diesen Nimbus von ihm abreißen zu müssen –, sondern im Jähzorn, aus Wut und Empörung, weil jener andere sich herausgenommen, auf einen dunklen Punkt in der Vergangenheit seiner Eltern hinzuweisen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen als ausreichende Veranlassung für ein so furchtbares Verbrechen erscheint; aber wie ich Sie beurteile, erlaube ich mir, daran zu zweifeln. – Und selbst wenn all das Schlechte zuträfe, das man dem unglücklichen Opfer später geflissentlich nachgesagt hat, die ruchlose Tat dieses Holdheim bliebe darum doch immer dieselbe. Auch der schlechteste Mensch ist nicht vogelfrei. – Oder denken Sie anders darüber, Fräulein von Detten?« Seine Stimme hatte sich erhoben, sie klang scharf und schneidend. Margot, von der seine bohrenden Blicke nicht abließen, mühte sich, ihr rasendes Herzklopfen zu bändigen. Ein furchtbarer Schmerz war in ihr. Sie hätte aufschreien mögen, um sich Luft zu machen. Es sollte also wirklich wahr sein – wahr – wahr? Denn das alles klang nicht wie eine böswillige Erfindung und ein leeres Gerede, das war mehr – viel mehr. Und wie klug Arno ihr jede Lücke zu verstopfen wußte, durch die sich ein milderndes Licht hätte einschleichen können! Sie sollte ihn verdammen müssen – den Totschläger. Nein, nein, nein, sie konnte es nicht, sie wollte es nicht – trotz allem nicht. Und wenn die ganze Welt ihn verdammte, sie glaubte an ihn. Bis zu dem Augenblick würde sie an ihn glauben, wo er selber ihr sagte: »Ich bin ein Mörder, ich habe getan, wessen man mich zeiht!« Kein Zeugnis, kein Schwur, nichts, nichts sonst konnte, würde sie je an ihm irremachen. Und wenn er schuldig wäre; er hätte seine Hand, an der Menschenblut klebte, nicht in die ihre gelegt, er hätte nicht so schwermütig zu ihr gesprochen. Nein und tausendmal nein, diese Augen logen nicht! In dem Aufruhr, der sie durchtobte, hatte sie Arno noch immer keine Antwort gegeben. Auf seine letzte Frage bedurfte es auch freilich keiner solchen. Das alles, wenn es sich so verhielt, ließ ja keinen Milderungsgrund zu. Aber wie könnt' es denn wahr sein? »Sie überlegen noch?« fragte Arno. »Ich überlege nur, wie es denn zu erklären sei, daß bei einem so klaren Verbrechen der Täter von der irdischen Gerechtigkeit nicht sollte ereilt worden sein.« Ihre Stimme klang beinahe triumphierend. Nun hatte sie ihm bewiesen, daß er sich verfangen hatte! Aber Arno lächelte geringschätzig. »Ich will Ihnen auch das erklären, Fräulein Margot! Als man jenen Mann dort drüben als Mörder verhaftete, fand sich ein alter Diener des Hauses, der vor Gericht beschwor, er habe seinen Herrn zur Zeit, da der Schuß gefallen, anderswo als am Tatort gesehen, und er sei erst danach an die Unglücksstelle geeilt.« »Nun, also – also!« fiel Margot aufatmend ein. »Hm«, Arno kniff die Augen ein. »Es versteht sich, daß auf dieses beeidete Zeugnis eines unbescholtenen Mannes hin das Gericht den Verhafteten wieder freilassen mußte und daß eine Anklage wegen mangelnder Beweise nunmehr nicht erhoben werden konnte. Nur ein einziger peinlicher Umstand trat dann ein. Als nämlich das Gericht über die näheren Umstände, unter welchen die Tat geschehen, und über die Gründe weitere Erhebungen anstellte, wobei man zu dem Ergebnis kam, daß eigentlich nur Herr Erich Holdheim ein Interesse an der Beseitigung des Erschossenen gehabt haben konnte, und als man daraufhin jenen Zeugen noch einmal verhören wollte, ergab sich's, daß dieser Zeuge plötzlich verschwunden war – daß er unmittelbar nach jener ersten Zeugnisabgabe nach Amerika ausgewandert war. Was denken Sie darüber, Fräulein Margot?« »Das ist in der Tat seltsam«, gab Margot beklommen zu. »Nicht wahr? Noch seltsamer aber wird es dadurch, daß es sich um einen alten, langjährigen Diener des Holdheimschen Hauses handelte, einen, der auf dem Holdheimschen Gute geboren und nie von dort fortgekommen war. Den hatte nun plötzlich auf seine alten Tage das unwiderstehliche Verlangen angewandelt, Amerika zu sehen, und zwar sofort, nachdem er jenes seinen Herrn entlastende Zeugnis abgegeben. Es war ein wunderliches Zusammentreffen, um so wunderlicher, als kein Mensch – auch Herr Erich Holdheim nicht – eine Ahnung davon hatte, wohin jener alte Diener sich eigentlich begeben hatte. – Amerika ist groß, wissen Sie. Der alte Mann blieb vielmehr trotz aller Nachforschungen verschollen – bis auf den heutigen Tag.« Arno von Meyburg machte wiederum einen Gang durch das Zimmer, als ob er Margot Zeit lassen wollte, sich zu sammeln. Ihre Stimme klang aber jetzt zu seiner Verwunderung ganz ruhig, als sie fragte: »Was geschah dann von Gerichts wegen?« Arno zuckte die Achseln. »Was sollte geschehen? Niemand konnte nach dem Vorgefallenen zweifeln, daß jener Flüchtige damals einen Meineid geschworen – aus übergroßer Anhänglichkeit, oder vielleicht auch, weil er dafür bezahlt worden war. Die Holdheims sind reich und sie können sich's schon etwas kosten lassen, wenn solche Dinge auf dem Spiele stehen. Ein Beweis dafür aber ließ sich nicht erbringen und das Gericht hielt sich an jenes Zeugnis. Wie aber die Stimme des Volkes, die nach unserem alten Wahrwort ›Gottes Stimme‹ ist, über die Tat und den Täter urteilte, das mögen Sie am besten daraus ersehen, daß Herr Holdheim das alte Familiengut in fremde Hände übergehen ließ und ins Ausland übersiedelte, um dort in stiller Zurückgezogenheit zu leben. Wie es heißt, hat das hiesige Konsulat sogar die Weisung, ihn im geheimen zu überwachen. Der Mörder ist trotz aller Nachforschungen des Gerichts bis zu dieser Stunde noch nicht entdeckt worden.« Wieder trat eine Pause ein. Arno warf sich in seinen Stuhl Margot gegenüber und sah sie an. Sie erschien ihm auffallend ruhig. Denn glauben mußte sie ihm nun doch wohl und treffen mußte sie das alles nun doch wohl – treffen bis ins Innerste. Wie schön sie wieder aussah in ihrer erzwungenen Starrheit! Ein griechisches Götterbildnis, aber durchpulst von warmem Leben, das nur des erweckenden Kusses bedurfte, um berauschend hervorzuströmen. »Woher wissen Sie das alles, was Sie mir erzählt haben, Baron Meyburg?« klang es plötzlich zu ihm hinüber. In Arnos Augen flammte es auf. »Weil jener Ermordete mein Freund war, Fräulein Margot«, sagte er mit zitternder Stimme. »Begreifen Sie nun?« Er strich sich ein paarmal mit der feinen, beringten Hand über die Stirn hin. »Ich weiß«, fuhr er dann fort, »daß ich ein gewagtes Spiel gespielt habe, Fräulein Margot. Wer selbst in üblem Leumund steht wie ich, der sollte am allerwenigsten einen anderen verdächtigen – zumal nicht einer Dame gegenüber, die für denselben Sympathien hegt und die überhaupt von allen Menschen immer gern das Beste glauben möchte. Er erweist sich dadurch einen schlechten Dienst und kommt in den Verdacht des Neides. Und dennoch habe ich – auf die Gefahr hin, daß Sie mich nun erst recht verdammen und daß Sie mich hassen, Fräulein Margot –, dennoch habe ich Ihnen Klarheit schaffen wollen, um Ihrer selbst willen. Sie mußten wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Und nun mögen Sie sich selber entscheiden, wie Sie handeln wollen. Als Verleumder werden Sie mich jedenfalls nicht brandmarken können wie die anderen, denn ich habe Ihnen nur Tatsachen gegeben, deren Richtigkeit Ihnen die amtlichen Protokolle bescheinigen können. Und damit bin ich zu Ende.« »Ich danke Ihnen.« Es klang kühl und ruhig. Er wurde aus diesem Mädchen nicht klug. Da ging die Tür des Nebenzimmers auf und Harro trat wieder ein. Er sah etwas blaß aus und seine verstörten Blicke flogen zu Margot hinüber. Sie begriff sofort, daß er nebenan alles – oder doch das meiste, das Ausschlaggebende – gehört hatte und daß er entsetzt darüber war. Trotzdem stellte er sich Arno gegenüber ahnungslos und sagte: »Verzeihen Sie, daß ich so lange fortblieb. Es waren keine erfreulichen Nachrichten. Der Trauschein meiner Eltern ist nirgends aufzufinden, kein Mensch weiß überhaupt anzugeben, wo die Trauung stattgefunden hat. In England heißt es. England ist groß. Man weiß nicht, wo man nachforschen soll. Unser Anwalt, der Justizrat Weilheim, ist außer sich. Das Gericht drängt um Vorlegung des Dokuments, das allein unsere Erbberechtigung erweist, und er sieht, trotzdem er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, keine Möglichkeit, es rechtzeitig zu beschaffen. An dieser Lappalie kann unsere ganze Erbschaft scheitern, Margot! Was sagst du dazu? An dem Stück Papier, das wohlverwahrt in irgend einem englischen Kirchenregister ruht!« Er wandte sich mit halbem Lächeln gegen Arno. »Verzeihen Sie, daß ich vor Ihnen meinen Gefühlen so unumwunden Luft mache, lieber Meyburg. Eigentlich ist's ja komisch, da es zu Ihrem Besten wäre, wenn dies Blatt Papier für immer verschwunden wäre oder sich doch nicht auffinden ließe. Des einen Leid, des andern Freud'! Darum keine Feindschaft!« »Gewiß nicht«, fiel Arno ein. »Ich denke: darüber haben wir uns ja schon verständigt. Die Erledigung dieser Dinge geht vollständig unabhängig von unserer persönlichen Einwirkung und unbeschadet unseres persönlichen Verhältnisses vor sich. Übrigens ist es meines Erachtens doch vollkommen ausgeschlossen, daß eine wirklich stattgefundene Trauung« – der Sprecher machte nach diesen unmerklich betonten Worten eine ganz kleine Pause – »sich nicht sollte früher oder später irgendwie nachweisen lassen. Ich glaube also, über diesen Punkt haben Sie sich nicht zu beunruhigen. – Aber ich verlasse Sie jetzt, lieber Detten, mein Zug wartet nicht auf mich und ich habe für heute Abend eine Verabredung in Monte Carlo. Sieht man Sie vielleicht morgen dort? Die nächsten Tage haben wir Taubenschießen – freilich nichts für Damen wie Fräulein Margot. Nun, Sie brauchen sich nicht zu binden. Wenn Sie innerhalb des Fürstentums auftauchen, find' ich Sie schon. Fräulein Margot weiß, daß ich etwas vom Detektiv in mir habe. Guten Abend also und besten Dank für die freundliche Aufnahme! Auf Wiedersehen!« Arno drückte zuerst Margot und dann Harro die Hand, dann ging er, von Harro bis zur Gittertür geleitet, davon. Als Harro zurückkam, war Margot nicht mehr im Zimmer. Er glaubte sie in der Küche und ging wieder in seine eigene Stube zurück, die er mit unruhigen Schritten durchmaß. Allerlei sorgenvolle Gedanken waren in ihm geweckt worden. Margot aber war in ihre Schlafkammer geflüchtet. Sie mußte allein sein – nur ein paar Augenblicke allein, und ihren Schmerz ausweinen können, ohne daß einer sie belauschte. Dann wollte sie wieder die »kühle, sanfte Margot« sein, als die Harro und alle Welt sie kannte. Dann sollte niemand mehr sehen können, wie es in ihrem Innern aussah – wie zerrissen, wie verzweifelt. Sie wollte tapfer sein, Harro eine heitere Genossin, eine aufmerksame Pflegerin sein. Nur jetzt – jetzt ein einziges Mal weinen – sich ausweinen dürfen! Sie war neben ihrem Bett in die Knie gesunken; sie wühlte ihren Kopf in die Kissen ein und schluchzte. Widerstandslos gab sie sich ihrer Verzweiflung hin – minutenlang! Ein Mörder! Dieser Mann ein Mörder! Hatte sie denn das alles wirklich gehört? War es wirklich mit dieser unerbittlichen Schärfe und Klarheit bewiesen worden? Sie griff sich an die Stirn, sie preßte die beiden Hände gegen die hämmernden Schläfen. Dieser Mann ein Verbrecher? Wer konnte denn wissen, wie er es geworden war? Ob nicht doch alles Lug und Trug war und man ihm nur geschickt ein Netz von Zufälligkeiten über den Kopf geworfen hatte, in das er sich verstrickt? Nein und immer wieder nein, es war nicht – es konnte nicht sein! Sie wollte an ihn glauben, sie mußte – denn sie liebte diesen Mann. Wozu es sich länger noch verhehlen in der Stille ihres Gemaches, wo keiner sie belauschte, keiner ihren Schmerz, ihre Scham, ihr Jauchzen und ihre Verzweiflung belauschte, die in dem selig-unseligen Bekenntnis lagen, daß sie ihn liebte? Fort mit der Selbsttäuschung, mit der Heuchelei! Sie liebte ihn. Ihr Herz schrie es, sie liebte ihn. Sie hatte ihn damals schon geliebt – nur noch nicht verstanden, was er ihr geworden war, der Starke, der Mutige, zu dem sie in schüchterner Bewunderung aufgeblickt. Aber jetzt, wo alle sich von ihm wandten, alle ihn verdammen und verstoßen wollten, fühlte, wußte sie, was sie an ihn kettete. Und jetzt war es an ihr, zu ihm zu halten, an ihn zu glauben in Not und Gefahr. Und wenn sie die Beweise seiner Blutschuld berghoch um sie her anhäuften, sie schrie dennoch über sie alle hinweg ihm zu: Ich glaube an dich! Bis zu der Stunde, wo er selber ihr sagen würde, Auge in Auge, man verurteile ihn mit Recht. Und in dieser Stunde selbst würde sie sich nicht von ihm abkehren, sondern allein zu ihm sprechen: Sühne deine Schuld, ich will sie mit dir sühnen! Langsam richtete Margot sich wieder auf, unwillig trocknete sie sich die Tränen von den Wimpern. Nein, nein, nicht klagen, nicht weinen – sondern stark sein, seiner würdig sein. Er trug es ja auch – das soviel Schwerere, und keiner half ihm dabei, und er wußte nicht einmal, daß hier ein Herz für ihn schlug und an ihn glaubte. Wenn sie es ihm hätte beweisen können! Sie strich sich das wirre Haar wieder glatt, sie kühlte sich das brennende Gesicht mit Wasser. »Ruhig sein! Tapfer sein!« rief sie sich selber zu. Sie riß das Fenster auf, um die kühle Abendluft einzuatmen, die über die Bäume des Gartens hinstrich und die Düfte seiner Blumen zu ihr herübertrug. Da schlugen auch wieder die Klänge seines Flügels an ihr Ohr. Die alte Melodie von Kapri! Konnte er darüber nicht hinaus? Mischte sie sich in alles ein, was er den Tasten entlocken wollte, gleichsam wie das Leitmotiv seines Lebens und Seins? »Ich liebe dich und weiß, es darf nicht sein.« – Verstand sie es jetzt, warum es nicht sein durfte? Lag darin das Bekenntnis seiner Schuld? Aber gleichviel, gleichviel – wenn er sie nur liebte! Was kümmerte sie dann alles andere? »Ich liebe dich!« Das war's, was aus seinen Tönen zu ihr klang, und daneben versank alles andere – die ganze Welt –: »Ich liebe dich!« Als Margot in Harros Zimmer trat, um ihn zum Essen zu rufen, fand sie ihn im lichtlosen Raum am Fenster sitzen, offenbar in Sinnen verloren. Nun aber stand er auf und trat rasch auf sie zu. Ahnte er, was in ihr vorging? Es war ein weicher, mitleidiger Zug in seinem Gesicht. Er nahm ihren Kopf plötzlich zwischen seine beiden Hände, sah sie eine kleine Weile an und sagte dann weiter nichts als: »Armer Kerl!« So gingen sie hinüber. VI. Man war beim Dessert angelangt, und Harro war in eine sehr vertrauensselige Stimmung geraten. Der Champagner war gut gewesen. Ein Unsinn, daß Arno Meyburg ihn hatte kommen lassen, ein Unsinn überhaupt dies ganze Déjeuner dinatoire im Grand Hôtel, zu dem er sie gepreßt hatte, kaum daß er ihrer ansichtig geworden; wie er es angefangen, sie gleich bei ihrer Ankunft in Monte Carlo ausfindig zu machen, genau so, wie er's vorhergesagt, blieb Harro ohnehin ein Rätsel; er mußte geradezu bei jedem Zug auf der Lauer stehen. Ein Unsinn all dieser Tafelluxus; ein einfacher Imbiß in einer der kleinen Speisewirtschaften von Condamine hätte es auch getan, wenn er sie bewirten, ihnen, wie er sagte, »die Honneurs machen« mußte. Aber exquisit war alles, was einem hier vorgesetzt wurde, das mußte wahr bleiben. Und der Champagner – einen besseren Champagner konnte man nicht trinken. Harro hatte vielleicht ein bißchen zuviel davon getrunken. Er löste ihm die Zunge. Margot mochte ihm noch so viel mahnende Blicke zuwerfen, er mußte jetzt sprechen. Und als das Dessert vorüber war, wußte Arno Meyburg richtig alles: daß er Eugenia Caraffa liebte und warum er die Meyburgsche Erbschaft haben mußte, um sie sich zu erobern. Alles plauderte er aus. Schließlich, warum auch nicht? Dieser Arno war und blieb ein famoser Mensch. Was man auch gegen ihn sagen mochte: einen besseren Gesellschafter als ihn gab es nicht, konnte es nicht geben. Und man mußte ihm gut sein, ob man wollte oder nicht. Harro gefiel er, und das andere kümmerte ihn weiter nicht. Warum hätte er ihm also nicht reinen Wein einschenken sollen? Es war doch keine Schande, Eugenia Caraffa zu lieben – wahrhaftig! Und Arno war einer von den gar nicht so häufig anzutreffenden Menschen, die zuzuhören verstanden. Am letzten Ende trug ihm Harro sogar die Brüderschaft an. »Eigentlich wäre es ja an Ihnen, sie mir anzubieten«, sagte er, seinen Champagnerkelch erhebend, »denn Sie sind der Ältere. Aber Sie könnten glauben, wegen all der alten Geschichten dürften Sie nicht und so weiter. Deshalb komme ich Ihnen zuvor. Wir sind doch nun mal von einem Stamm, und Sie gefallen mir, und wir sitzen hier so gemütlich beisammen, und – na kurz und gut: wollen Sie – willst du, lieber Arno Meyburg?« »Von Herzen gern.« Margot konnte eines gewissen Unbehagens nicht Herr werden. Nicht nur, daß die übrigen Gäste, die an den kleinen Tischen in dem eleganten Speisesaal saßen, neugierig herüberblickten und daß sie in Arno von Meyburg immer und immer den sehen mußte, der ihr das reine Bild Erich Holdheims geflissentlich zu zerstören bemüht war: sie fürchtete, man werde nun auch von ihr selber verlangen, daß sie diesen »nahen Verwandten« mit »Du« anreden solle. Und doch hätte sie dies »Du« nicht von den Lippen gebracht; es widerstrebte ihr im Innersten. Richtig: da blinzelte Harro in seiner Champagnerlaune auch schon pfiffig zu ihr hinüber, machte allerlei aufmunternde Gesten und erhob sein Glas. Sie wußte kaum mehr, wohin sie blicken sollte, um ihm auszuweichen. Da war es Arno, der plötzlich sagte: »Ich denke, wir nehmen den Kaffee draußen im Gang – wenn es Fräulein Margot recht ist. Es wird allmählich schwül hier.« Margot warf dem Sprecher einen dankbaren Blick zu und erhob sich sofort. Auch Harro, der nur noch murmelte: »Schade!«, stand etwas schwerfällig auf. Sie traten in den langen, halboffenen Gang hinaus, der zur Linken auf einen wohlgepflegten Garten blickte, während zur Rechten allerlei elegante Läden sich mit luxuriös geschmückten Schaufenstern eingenistet hatten. Hier wurde an den runden Marmortischen auf indischen Bastsesseln geraucht und Kaffee getrunken. Arno war hier ganz wie zu Hause. Er grüßte bald hierhin, bald dorthin, hatte gleich einen Tisch zur Verfügung, obgleich der Andrang groß war, und bot Harro nun eine mit Stanniolpapier umwickelte Zigarre an, die er für »ganz rauchbar« erklärte, und von der Harro sich im stillen berechnete, daß sie unter zwei Franken an dieser Stelle schwerlich zu haben sein werde. Aber daß man in Monte Carlo, wo an den Spieltischen im Zeitraum von wenigen Stunden oft kleine Vermögen gewonnen und verloren wurden, wo jeder im Gewinn zum Verschwender wurde, im Verlust sich mit der Hoffnung auf baldigen Gewinn tröstete, überhaupt den Begriff vom Werte des Geldes allmählich verlor, hatte er längst erfahren und wunderte sich daher auch hierüber nicht mehr. Wieder ein ausgezeichneter Gedanke von Arno, hier Platz zu nehmen! Die frische Luft und der starke schwarze Kaffee taten ihm gut. »Bist du eigentlich auch sicher darüber, lieber Harro«, fragte Arno plötzlich, »daß der Fürst Caraffa von dir das Geld nehmen wird, um seine Gläubiger damit zu befriedigen? Es könnte seinem Stolz widerstreben und dein hochherziges Opfer also umsonst sein.« Harro machte ein betroffenes Gesicht. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht«, murmelte er. »Es ist wahr. Ich muß mit Eugenia reden. Aber ich darf glauben, daß der Fürst kein loyales Mittel verschmähen wird, um seine drückende Gewissensschuld von sich abzuwälzen. Höchstens, daß er sich von da an als mein Schuldner betrachten wird.« »Weißt du, wie hoch sich die Meyburgsche Erbschaft beläuft?« fragte Arno leichthin. »Ich habe noch gar nicht danach gefragt. Wir Künstler sind nun einmal keine Zahlenmenschen. Aber sie muß beträchtlich sein.« »Mein Anwalt schrieb mir, daß sie mit allen Liegenschaften kaum unter einer halben Million Mark zu schätzen sei.« »Alle Wetter! Das ist respektabel für einen hungernden Fiedler. Du, da könnten wir ja eigentlich den Raub teilen und hätten dann jeder doch noch genug und brauchten überhaupt keine Erbschaftsregulierung, bei der ja doch nur das Gericht und die Advokaten fett werden.« Arno lachte. »Ich meinesteils müßte mich für solch Geschenk bedanken«, sagte er, »dafür steckt doch noch zuviel Offiziers- und Edelmannsehre in unsereinem – meinetwegen nenn's Bettelstolz! Wenn dir das Gericht die Erbschaft zuspricht, soll sie dir bis zum letzten Groschen gehören.« Es war im Scherz gesprochen, aber ein ernster Ton zitterte dennoch darin und machte Harro betroffen. Er imponierte ihm. Und er konnte sich zugleich seinerseits eine Lehre daraus ziehen. »Vorläufig«, sagte er lachend, »erregt es noch nicht den Eindruck, als ob du's nötig hättest!« Aber Arno schien nicht geneigt, auf den Scherz einzugehen, sondern blickte ernst vor sich hin. Seine Zigarre war ihm ausgegangen. So hielt es Harro an der Zeit, aufzubrechen. Er erhob sich und gab Margot einen Wink. »Wir gehen, dem Fürsten unsere Aufwartung zu machen«, sagte er, »ich habe uns angemeldet. Margot und Eugenia sollen sich kennenlernen. Du mußt uns jetzt entschuldigen, Arno. Wir sehen uns nachher im Kasino wieder, denk' ich. Also, auf bald! Dein Dejeuner war gut – eigentlich zu gut – hab' Dank! Auf Wiedersehen!« Arno geleitete die Geschwister bis vor das Hotel hinaus, wo sie sich mit Händedrücken von ihm trennten, um den Weg nach Condamine hinab einzuschlagen. Fürst Caraffa hatte mit seiner Tochter dort in einer billigen Pension Quartier genommen, die in dem Ruf stand, abgebrannten Spielern Kredit zu gewähren, in der Annahme, daß sie über kurz oder lang wieder Glück haben würden, in welchem Falle dann freilich das Doppelte des schuldig gebliebenen üblichen Pensionspreises gezahlt werden mußte; auch reichte der Kredit niemals über einen Monat hinaus, nach dessen Ablauf der säumige Zahler als »hoffnungslos« vor die Tür gesetzt wurde, unter Einbehaltung seines Gepäcks. Bei solcher Hausordnung war der Andrang zu der Pension stets groß, und ein buntes Gemisch abenteuerlicher Existenzen bevölkerte sie. Die meisten der Insassen waren Leute, die heute über ein Vermögen verfügten und morgen nicht wußten, woher sie den Louisdor nehmen sollten, um weiter spielen zu können. Harro hatte zum erstenmal eine peinliche Empfindung, als er mitten unter all diesen zweifelhaften Erscheinungen, die vor dem weißen, sauberen Hause und in der Vorhalle schreibend, rauchend, plaudernd oder eifrig in ihre Berechnungen vertieft sich umhertrieben, nun die aufsuchte, die er als Weib in das eigene Heim zu führen begehrte. Die Blicke, die man Margot zuwarf, taten ihm weh. Er dachte an die, die hier täglich so Spießruten laufen mußte. Wie traurig war es, daß das herrliche Mädchen die Giftatmosphäre solcher Häuser um sich hatte. Auch Margot mußte von ähnlichen Gedanken heimgesucht werden, denn sie sagte, während sie die Treppe neben ihm hinaufstieg: »Es wird Zeit, daß man sie erlöst.« Der ganze Jammer dieser Mädchenexistenz schien ihr mit einem Schlage klar zu werden. Und Harro nickte. Sie fanden Vater und Tochter oben in einem mit schäbiger Durchschnittseleganz eingerichteten Gasthofzimmer, dem Eugenia durch ein paar frische Blumensträuße in billigen Glasvasen ein freundliches Aussehen zu geben versucht hatte. Der Fürst, eine typische Erscheinung des alten italienischen Hochadels, mit seiner hohen, vornehmen Gestalt und dem scharfgeschnittenen, schmalen, feinen Kopf, den ein grauer Henriquatre unter einer stark geschwungenen Nase zierte, saß bei ihrem Eintritt am Sofatisch über eine Anzahl von Papieren gebeugt, in denen er mit einem Bleistift, leise die Lippen bewegend, hier und da Zahlen eintrug. Er war so in Anspruch genommen von dieser Beschäftigung, daß er das Klopfen an der Tür überhört haben mußte und wie geistesabwesend aufblickte, als die Geschwister eintraten. Er schien Harro nicht einmal zu erkennen. Dagegen hatte sich Eugenia, die lesend am Fenster gesessen, sofort erhoben und war ihnen mit ausgestreckten Händen entgegengegangen. Ein liebenswürdiges Lächeln milderte den schwermütigen Ernst ihrer Züge, der durch die dunkle und auffallend schlichte Kleidung noch erhöht wurde. Die ganze Erscheinung machte den Eindruck einer lebendig gewordenen griechischen Statue; Margot mußte denken, daß sie sich so immer die »Antigone« vorgestellt habe. »Herzlich willkommen!« sagte Eugenia, die das Deutsche mit leichtem österreichischen Akzent und nicht fehlerfrei, aber ungemein weich und reizvoll mit ihrem dunklen Organ sprach. »Wie ich mich freue!« Sie führte Margot an der Hand ihrem Vater zu. »Papa, da ist Harro Dettens Schwester – du weißt ja –« Der alte Herr am Tische erhob sich und zwinkerte Margot ziemlich verständnislos an. Offenbar weilten seine Gedanken ganz anderswo und er wurde ungern daraus aufgeschreckt. Margot sah erst jetzt die wächserne Farbe seines Gesichts und die glanzlose Starrheit seiner Augen. Sie erschrak bei seinem Anblick. »Wir stören«, sagte sie schüchtern. Er schüttelte den Kopf. »Nein, es ist fertig«, erwiderte er in einem harten, aber fließenden Deutsch und schien an ihr vorüber ins Leere zu blicken. »Sie müssen nämlich wissen, mein Fräulein, man hat es nie öfter als neunzehnmal hintereinander erlebt, daß die Roulettekugel auf eine und dieselbe Farbe, respektive Zahl fiel – bei der Farbe kommt es natürlich wieder achtzig Prozent öfter vor als bei der Zahl; die Zwanzig sind noch nie erreicht worden. Man muß also annehmen –« »Lieber Papa«, unterbrach ihn Eugenia hier mit einem bittenden Blick, »Fräulein Margot versteht leider gar nichts vom Spiel. Setze es Harro Detten auseinander, ja? Er interessiert sich dafür sehr.« Sie schob Margots Arm unter den ihren, um sie fortzuziehen. Der Fürst nickte befriedigt. »Ja, ja – Detten, ich werde es Detten erklären.« Und er sank aufs Sofa zurück und fing an, Harro, der sich neben ihn gesetzt hatte, mit seiner monotonen Stimme einen Vortrag über seine neue Entdeckung zu halten. Eugenia hatte Margot inzwischen in ihr Schlafzimmer mit fortgezogen und drückte sie dort auf einen Sessel neben dem Bett nieder, während sie selber auf einem Schemelchen zu ihren Füßen Platz nahm. »Aber was machen Sie?« fragte Margot erschrocken. »Nicht ›Sie‹ – ›Du‹ sagen, ja, bitte!« Und einer plötzlichen Wallung folgend umschlang das schöne Geschöpf Margots beide Knie und legte ihr den Kopf in den Schoß. »Siehst du, danach hab' ich mich so gesehnt – so oft – so oft – seit langer Zeit – einem andern so den Kopf in den Schoß legen zu dürfen und alles vergessen und von der Welt nichts mehr sehen und nichts mehr hören – nur ein paar Augenblicke lang. Das tut gut – oh, wie das gut tut!« Sie sprach ganz leise, wie ein Kind vor dem Einschlafen. Margot war erschüttert. Sie begriff, daß diese kühle Selbstbeherrschung manchmal unter der Pein ihrer Existenz schier zusammenbrach und daß es keinen Menschen gab, dem sie sich ausklagen konnte. »Arme Eugenia!« sagte sie und streichelte das schwarze, seidige Haar des schönen Mädchens. Sie wußte nichts weiter zu sagen. Aber es mußte auch wohl das Rechte sein, denn Eugenia blickte mit einem dankbaren Antlitz zu ihr auf, das unter Tränen lächelte. Und dann sagte sie: »Er ist ganz krank von das alles, verstehst du? Er weiß weiter nichts mehr von der Welt. Und gestern hat einer die Bank gesprengt – begreifst du? Dreihunderttausend Franken! In zwei Stunden! Es ist der Sohn eines Millionärs von Berlin. Und gleich ist er fortgereist nach Rom. Das hat meinen Vater so aufgeregt – gar nicht zu sagen. Die halbe Nacht hat er gesessen und immer gerechnet – immer gerechnet.« Sie legte die Hände vors Gesicht, feine, schlanke, durchsichtig weiße Hände. »Wie das schrecklich ist, Margot! Wenn es nicht bald wird anders, mein armer, alter Vater wird werden irr – ganz irr.« »Es wird aber anders werden«, fiel Margot ein und nahm Eugenia leise die Hände vom Gesicht. »Es wird!« Eugenia wiegte leise schwermütig den Kopf »Ach, ich glaube bald an nichts mehr. Das Spiel trügt. Wer darauf seine Hoffnungen baut, baut auf Sand.« »Aber du weißt doch, daß Harro –« Eugenia legte ihr rasch ihre Hand auf den Mund. »Still! Still! Daß Papa nur nichts davon hört! Sieh' mal: Harro meint es ja gut, und er denkt auch, dann könnten wir beide Frau und Mann werden –«, ein verschämtes Lächeln ging über ihre Züge, »aber Papa – nein, nein, Papa würde ja das Geld nie annehmen von Harro, dazu ist er viel zu stolz – ein Caraffa! Gewonnen, ja, das ist gut, aber geschenkt – nein, auch nicht von seinem Schwiegersohn – kein Soldo, das ist gewiß.« »So sag' ihm, du hättest es im Spiel gewonnen«, stieß Margot, einer jähen Eingebung folgend, aus. »Darf man das?« fragte Eugenia sinnend. »Ich glaube. – In solchem Fall – eine fromme Lüge –« Eugenia schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, vielleicht. Aber diese Erbschaft. Harro ist so vertrauensselig. Ich – ich kann bald gar nicht mehr hoffen. Es kommt gewiß auch hier wieder etwas dazwischen. Es war immer so.« Sie lehnte müde wieder den Kopf gegen Margots Knie und schloß die Augen. Margot strich ihr liebkosend über die Stirn hin. »Es wird alles besser werden«, murmelte sie, sich herabbeugend. »Und glücklich werdet ihr beide werden, sehr glücklich! Glaube nur! Hoffe nur!« Eine Weile waren sie ganz still. Man vernahm von nebenan die eintönige harte Stimme des Fürsten, der immer noch dem geduldig zuhörenden Harro auseinandersetzte, wodurch gestern der Berliner Millionärssohn die Bank gesprengt hatte, und daß es so hatte kommen müssen. »Es war mein System«, klang es herüber, »mein System. Aber ich kann es noch nicht anwenden, verstehen Sie, Detten? Ich habe noch nicht das nötige Betriebskapital. Man muß fünfzigtausend Franken haben, um nach diesem System pointieren zu können. Und die muß ich mir erst nach einem andern System gewinnen. Das geht langsam. Aber nachher hat man einen sicheren Coup. Jetzt heißt es Geduld haben. Pazienza! Fünf Franken nach fünf Franken. Aber zuletzt sind's fünfzigtausend!« »Wir wollen hinübergehen«, sagte Eugenia und stand auf. Es war, als ob sie sich langsam auf sich selber besänne. Ihre Mienen glätteten sich wieder, ihr Gesicht nahm den alten, ernsten, ehernen Ausdruck an. Noch einmal, bevor sie gingen, schlossen die beiden Mädchen sich in die Arme; es war wie ein schweigender Bund auf Tod und Leben. Der Fürst war schon unruhig geworden, daß Eugenia so lange ausblieb. Es war Zeit, in den Spielsaal zu gehen, und er fühlte sich überhaupt immer wie verloren, wenn seine Tochter nicht um ihn war; ihre Nähe gab ihm allein Sicherheit und Ruhe, und Eugenia wußte das. Der alte Herr legte seine Berechnungen sorgfältig zusammen, steckte einige Blätter davon zu sich und griff dann nach Stock und Hut. »Gehen wir! Gehen wir!« drängte er. Daß er die Besucher damit eigentlich vor die Tür drängte, kam ihm offenbar gar nicht zum Bewußtsein. Eugenia sah Margot, wie für ihren Vater um Verzeihung bittend, an, aber diese schüttelte lächelnd zur Beruhigung den Kopf. So gingen sie. »Was Sie für eine herrliche Schwester haben, Harro!« sagte Eugenia auf der Treppe, als der Fürst mit Margot vorangegangen war. »Sie sind rasch zu dieser Erkenntnis gekommen«, erwiderte er mit zufriedenem Lachen. »Aber ich dachte mir's wohl. Margot ist ein liebes Geschöpf.« »Ich glaube, daß sie noch viel mehr ist«, versetzte Eugenia mit Nachdruck. »Sie hat etwas Heldenhaftes. Ich habe mich sehr an sie gestärkt.« Harro lächelte. »Als ob Sie das noch nötig hätten, Eugenia! Und die kleine Margot eine Heldin? Da schießen Sie nun doch übers Ziel hinaus. Ich kenn' eine andere, die ist in Wahrheit eine Heldin. Und diese andere lieb' ich – lieb' ich – lieb' ich bis zur Verrücktheit! Kennen Sie diese andere auch, Eugenia?« Während die beiden ihr verliebtes Geflüster austauschten, schritten Margot und der Fürst nebeneinander die Straße zum Kasino empor. Das Meer lag zu ihrer Rechten wie ein ungeheurer silbergrauer Spiegel, regungslos, von weißen Segeln überschwebt. Das mächtige Kasino ragte mit seiner betürmten Seitenfront vor ihnen auf, und am Fuße der Freitreppe verabschiedeten sich die Geschwister von dem Fürsten und seiner Tochter, da Harro wußte, daß Caraffa von hier an keine andere Begleitung mehr wünschte als die Eugenias. VII. Sie hatten kaum am Café de Paris vorüber in den Garten eingelenkt, als rasche Schritte hinter ihnen laut wurden. »Natürlich wieder er !« dachte Margot, als sie sich umwandte. Und wirklich stand Arno von Meyburg, seinen Zylinder lüftend, vor ihnen. »Verzeihen Sie, daß ich schon wieder da bin, Fräulein Margot«, sagte er, als ob er ihre Gedanken erriete. »Ich wollte Harro fragen, ob er denn nicht zum Taubenschießen gehen will.« »Oh, ich hätte schon Lust«, erwiderte der junge Musiker lebhaft. »Aber ich fürchte, das ist nichts für Margot.« »Wenn Fräulein Margot mir gestatten würde, ihr bis zu deiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten, würde sie mir damit eine große Freude bereiten. Wir könnten uns ja zur Abfahrtszeit des Nizzaer Zuges auf dem Bahnhofe treffen.« Rede und Gegenrede waren einander so schnell gefolgt, daß Margot nicht Zeit gefunden hatte, durch irgendein höfliches Wort zu verhindern, was sie gleich beim Auftauchen Arnos fast instinktiv gefürchtet hatte. Und jetzt war es, wenn sie nicht gerade unhöflich sein wollte, zu spät, sich gegen seinen artig klingenden Vorschlag zu sträuben, um so mehr, als Harro demselben sogleich mit großem Eifer zustimmte. Kaum zwei Minuten später hatte er sich bereits von seiner Schwester und dem Baron verabschiedet. Margot war im innersten Herzen empört über die Zudringlichkeit Arnos. Konnte sie ihm denn wirklich nicht entgehen? Es war ihr, als ob er seine Kreise allmählich immer enger und enger um sie ziehe und als ob es eines Tages kein Entrinnen mehr für sie geben werde. Das war gewiß töricht, eine Furcht, über die sie hätte siegen müssen; aber seit dieser Mann ihr mit so unerbittlich-grimmigem Haß von dem geredet, den sie liebte, ängstigte sie sich vor einem Alleinsein mit ihm. Sie war auch fest entschlossen, ihm ins Wort zu fallen, sobald er noch einmal auf Erich Holdheim zurückkam. Er sollte keinen leisesten Anhalt haben zu glauben, daß sie gern mit ihm zusammen wäre. Weshalb drängte er sich überhaupt so auffällig in ihre Nähe? Arno hatte ihr Muße gelassen, Klarheit in ihre Empfindungen zu bringen, denn er stand eine geraume Weile schweigend neben ihr, anscheinend in den Anblick des Publikums vertieft, das die Terrassenbrüstung belagerte. Dann wandte er sich, ohne in seinen Blicken einen Triumph zu verraten – »er ist zu klug dazu!« mußte sie denken –, nach ihr um und fragte: »Wohin befehlen Sie, Fräulein von Detten? Es wird Ihnen hier auf die Dauer kaum behagen.« Darin mußte sie ihm Recht geben, denn das Schauspiel, das sich ihnen darbot, war sehr wenig nach dem Geschmack des feinfühligen Mädchens. Hier standen zahllose Menschen an die Balustrade gedrängt, um drunten auf dem grünen Rasenplatz die kleinen Käfige der Tauben aufspringen und die geängstigt emporflatternden Tiere durch kunstgerechte Schüsse, die in kurzen Pausen hintereinander knallten, niedergestreckt zu sehen. Von dem ganzen bunten Treiben, das sich dort unten in den Ständen entfaltete, gewahrte man nichts von hier; nur die kleinen grauen Rauchwölkchen flatterten unablässig über den Platz, und man sah die Tauben mit zuckenden Flügeln im Grase liegen, bis die gut dressierten Hunde sie apportierten. »Ja, lassen Sie uns von hier fortgehen!« sagte Margot kühl. »Im übrigen ist es mir vollkommen gleichgültig, wo wir promenieren.« Er wandte sich, um in die oberen Gärten hinaufzusteigen. Und langsam, immer noch wie in zauderndem Widerstreben, schritt sie neben ihm her. Sie waren schon eine ganze Strecke gegangen, ehe Arno sagte: »Sie fürchten sich vor dem Alleinsein mit mir, Fräulein Margot.« Es klang nicht wie eine Frage, Trauer und verhaltene Leidenschaft zitterten darin auf. Und ehe sie noch etwas erwidern konnte, setzte er hinzu: »Ich glaube, Sie hassen mich, Fräulein Margot. Und doch könnten Sie sich an niemandes Seite glücklicher fühlen als bei mir. Sie ahnen nichts davon, was Sie mir sind.« Margot stockte sekundenlang der Atem, sie warf einen hilfesuchenden Blick um sich. Sollte dieser Mann jetzt und hier –? Eine heiße Glut stieg ihr ins Antlitz und ihr Herz hob hastig zu hämmern an. Dann zwang sie sich zur Ruhe. Sie lächelte sogar ein wenig. Sie wollte ihm doch zeigen, daß sie sich nicht fürchtete, daß er von ihr nichts anderes auf seine Beteuerungen zu erwarten hatte als eine gutmütige Ablehnung. »Ich fürchte mich gar nicht«, sagte sie. »Der Mann, vor dem sich eine Dame fürchten müßte, wäre ein recht verächtlicher Gesell, meine ich.« »Nun? Und Sie verachten mich nicht?« »Weshalb argwöhnen Sie das?« »Aus Ihrem ganzen Verhalten gegen mich. Und – Margot, ich will Ihnen meine Schuld beichten, die Schuld meines Lebens, Ihnen allein. – Ich habe einmal Wechsel gefälscht.« »Gott«, stieß sie unwillkürlich aus. Arno schwieg eine Weile und blickte nur düster vor sich hin. Dann fuhr er mit langsamer Stimme fort: »Sie mögen aus meinem Schuldbekenntnis ersehen, Margot, daß ich mich mit gebundenen Händen Ihnen ausliefere, um von Ihnen abgeurteilt zu werden. Denn niemand weiß heute mehr um mein Vergehen. Der einzige, der davon erfahren hat, erfahren mußte – mein Onkel –, hat um der Namensehre willen zeitlebens darüber geschwiegen. Alle anderen haben jene Namensunterschriften für echt gehalten, da die Wechsel am Verfalltage richtig eingelöst wurden. Sie mögen danach ermessen, wie meine schmähliche Tat mir all die Zeit hindurch auf der Seele gebrannt hat – und heute noch brennt. Die Strafe, die mir der rastlos nagende Selbstvorwurf bereitete, war wohl härter, als jede irdische Strafe hätte sein können. Mein Onkel – um auf den Namen Meyburg keinen Makel fallen zu lassen – zahlte zähneknirschend die Wechselverbindlichkeiten, ließ sich aber für sein Schweigen über mein Vergehen von mir versprechen, daß ich fortan als ein Verschollener zu gelten hätte. Gleichzeitig vernichtete er das zu meinen Gunsten abgefaßte Testament, da ich der Erbschaft nun nicht mehr würdig war, und ich, der ich daheim nichts mehr zu verlieren hatte, ging nach Amerika.« Der Sprecher atmete tief auf, wie von einer schweren Bürde befreit. »Nun wissen Sie alles«, setzte er tonlos hinzu, »was keiner sonst weiß. Nun richten Sie! Hab' ich Unsühnbares begangen?« Er sah Margot düster an. »Sie haben mir ja noch nicht alles gesagt«, fiel diese wie nach einem Ausweg suchend ein. Arno verfärbte sich. In seine Augen war ein haßglühender Ausdruck getreten. »Wer sagt das?« stieß er zischend aus. »Hat Sie der – Mörder richtig schon gegen mich aufgehetzt? Ist es Ihnen noch nicht genug, daß ich zum Fälscher geworden bin?« Seine Hände hatten sich geballt, sein Kinn zitterte. Margot war entsetzt über diese jähe Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Alles Demütige, Scheue und Gedrückte war wie mit einem Schlage entschwunden und hatte einer flammenden Empörung Raum gemacht. Er schien sich seiner bisherigen Schwäche sogar zu schämen. Margot winkte ihm begütigend mit der Hand, während ein leises Zittern sie diesem jähen Ausbruch gegenüber befallen hatte. »Nein, nein –, Sie haben mich völlig mißverstanden. Ich wollte nichts sagen, als daß ich ja noch nicht weiß, wie sich Ihr Leben dann weiter gestaltete – wie Sie das Geschehene dann zu sühnen gesucht haben.« Arno atmete tief. Seine Mienen glätteten sich allmählich wieder, nur ein argwöhnisch lauernder Blick flog kurz über Margots Antlitz hin. Dann sagte er zwischen den Zähnen hindurch: »Ich hätte es ihm auch nicht geraten – dem Mörder.« Und nach einer kurzen Pause wieder in seinen früheren Ton zurückfallend, setzte er hinzu: »Sie haben recht, ich muß noch einiges zufügen. Ich mußte die Strafe, die mein Onkel über mich verhängte – trotzdem ich meiner Meinung nach nur in der Notwehr einen Verzweiflungscoup ausgeführt hatte –, für gerecht, sogar für milde halten. Ich verließ Europa, ich bin seither in der Heimat vergessen worden. Meine Kreuz- und Querzüge durch die Neue Welt will ich Ihnen nicht schildern. Es mag Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß ich durch eine harte Schule der Not dort gegangen bin, daß ich arbeiten gelernt habe wie ein Taglöhner, und es hat Jahre gewährt, bis ich zum ersten Male aufatmen und ausruhen konnte. Ich drang durch, ich kam nach oben, aber meine Gesundheit hatte durch den stetigen, aufreibenden Kampf um meine Existenz schwer gelitten. Eines Tages konnte ich nicht mehr. Ich brach zusammen, als ich gerade soviel erworben hatte, um ohne Angst in die nächste Zukunft blicken zu können. Die Ärzte rieten mir, wenn ich mich erhalten wolle, unverzüglich nach Europa zurückzukehren und dort in einem milden Klima meine Genesung abzuwarten. Dies war der Grund meiner Heimkehr. Ich ging nach Nizza, dann hierher. Körperlich bin ich in der Tat wieder gesund geworden, seelisch freilich – nun, Sie wissen jetzt, wie alles gekommen ist, Margot. Sprechen Sie mir also mein Urteil!« »Ich habe keinen Grund und kein Recht, Sie zu verdammen«, sagte Margot gepreßt. »Nicht?« Seine Augen leuchteten auf. Er ergriff eine ihrer Hände, die er, ehe sie es hindern konnte, an seine Lippen preßte und stürmisch küßte. »Dank! Dank! Nehmen Sie tausend Dank!« »Ich bin nicht Richter über Sie«, wehrte sie ab. »Aber ich glaube, Sie dürfen Ihre Schuld als gebüßt ansehen. Es wird nicht leicht einer den ersten Stein gegen Sie erheben wollen.« Man merkte es Margots Stimme an, wie sie sich zu ihren Worten zwingen mußte. Sie wollte aufstehen, eine unbestimmte Angst vor dem, was nun kommen mußte, wofür alles nur die Einleitung gewesen war, ergriff sie. Sie wollte hinaus. Aber Arno hielt ihre Hand fest in der seinen. »Margot«, sagte er mit zitternder Stimme, »Sie geben mir das Leben wieder! Sie ahnen ja nicht, wie furchtbar die Vergangenheit auf mich drückte. Und Sie glauben, Margot – Sie glauben, daß eine reine Frau ihre Hand noch in die meine legen könnte, um mich zu retten – um mich vollends frei zu machen, Margot?« Seine Augen bohrten sich in die ihren, er preßte ihre Finger so fest, daß sie nur mit Mühe einen Wehruf unterdrückte. »Ich – wie soll ich Ihnen das sagen?« erwiderte sie, immer in dem Bestreben, sich loszumachen und den Ausgang zu gewinnen. »Warum sollte aber nicht –? Gewiß, ich glaube daran.« »Ah!« seufzte er mit einem triumphierenden Aufleuchten in seinen Blicken. »Das sagen Sie – Sie? Und wenn ich nun Sie fragte, Margot, ob Sie diese Frau sein wollen – Sie müssen ja wissen, begreifen, daß ich bei dem allen nur Sie im Auge hatte – haben konnte – Margot«, fuhr er in heißem, flehendem Flüsterton fort, »ich liebe Sie; von der ersten Minute an, wo ich Sie sah, habe ich Sie geliebt. Wollen Sie mich retten? Margot! Ich bin ein schlechter Mensch gewesen – die Menschen haben mich dazu gemacht – von Hause aus bin ich gut und kann es wieder werden – durch Sie. Sie kostet es ein Wort, Sie können aus mir machen, was Sie wollen. Sehen Sie: ich liege immer noch in schmählichen Banden. Dies hier ist keine gute Luft für mich, keine gesunde Umgebung. Sie begreifen, ich spiele. Irgend etwas muß man ja doch tun, um diese ungeheuere Leere in sich auszufüllen, um sich zu betäuben, um sich über den Schmerz verfehlten Lebens fortzutäuschen. Keinen Menschen zu haben, der einem nahesteht – keinen Zweck, für den man lebt – sehen Sie, Margot, das ist furchtbar. Das raubt alle Kraft zur Arbeit, alle Fähigkeit, gut zu sein. Warum? Wozu denn? fragt man sich immer nur. Und Sie – Sie könnten mich nun mit einem einzigen Schlage aus dem allem herausreißen, mich froh und gesund machen. Retten Sie mich! Retten Sie mich!« Seine Leidenschaftlichkeit hatte sich mit jedem dieser hastig hervorsprudelnden Sätze gesteigert und es sah aus, als wollte er zum Schluß sich vor ihr niederwerfen. Margot hatte in wachsender Angst und heißem Erschrecken ihn immer wieder zu unterbrechen versucht, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt stieß sie aus: »Um Gottes willen – lassen Sie – lassen Sie mich! Ich – ich kann nicht – nicht jetzt, nicht hier –.« Gewaltsam riß sie sich los und trat hinaus. Sie fühlte sich erlöst. Zwar stand er in der nächsten Sekunde draußen neben ihr, am ganzen Leibe bebend, mit zitternden Lippen. Aber hier mußte er sich bezwingen. Hier und dort sah man einen Menschen zwischen den Bosketts auftauchen – sie waren nicht mehr unbeobachtet. Eben jetzt kam von einer der oberhalb gelegenen Villen her ein Herr eiligen Schritts dicht an ihnen vorüber. Er wandte instinktmäßig das Gesicht den beiden zu, und Margot erkannte Doktor Leuthold, der zu einem Patienten berufen sein mochte und nun auf dem Wege zum Bahnhof war, um zurückzufahren. Unwillkürlich wurde sie rot, während er grüßte, um dann nach einem verwundert-prüfenden Blick auf Arno von Meyburg rasch den Weg weiter hinab zu verfolgen. »Margot«, fing Arno, dicht an ihre Seite tretend, wieder an, »warum antworten Sie mir nicht? Warum sagen Sie mir nicht ein einziges gutes Wort, Margot? War alles nur eitler Wahn, Einbildung, Selbstüberhebung, wenn ich annahm, Sie würden nicht nur groß denken, sondern auch groß handeln wollen? Wollen Sie einem Ertrinkenden nur zurufen, Margot, er könne gerettet werden, ohne ihm auch selber die Hand hinzustrecken, an die er sich klammern kann? Dann, Margot, wär' es ja besser gewesen, Sie hätten ihm zugerufen: ›Geh‹ unter! Für dich ist keine Rettung mehr!« Margot hatte sich gefaßt. Sie fühlte sich hier draußen, wo ein frischer Wind durch die Baumgruppen strich, freier als drinnen im Kiosk, wo sie sich wie seine Gefangene vorgekommen war und der Rosenduft ihr die Sinne betäubt hatte. »Sie gehen zu weit!« sagte sie mit ruhiger Milde, »kommen Sie wieder zu sich, Herr von Meyburg! Wir haben von Ihren Lebensschicksalen und von der Möglichkeit gesprochen, daß Sie Frieden und Glück finden. Ich habe diese Möglichkeit in ehrlicher Überzeugung bejaht. Aber ich habe nicht gewußt – Sie nicht glauben lassen, daß ich –« »Nein, nein«, fiel er ein, »Sie haben recht, Sie brauchen es gar nicht auszusprechen, Margot. Ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen, gewiß nicht – habe Ihnen im Gegenteil immer wieder zu danken; zu danken für Ihre gütigen, versöhnenden, tröstenden Worte. – Ich liebe Sie eben, Margot – und ich weiß keine Rettung für mich als die durch Sie. Ich fühle mich wieder in das ganze Elend meiner Existenz zurückgestoßen, wenn Sie mir die Hand, die allein mich emporziehen kann, verweigern. Lassen Sie mir eine Aussicht – einen Schimmer von Hoffnung! Ich könnte sonst ja nicht leben. – Nein, bitte, nein, sagen Sie mir jetzt nichts, ich kann es jetzt nicht hören, daß Sie mich zurückstoßen wollen. Lassen Sie mich glauben, daß Sie das nächste Mal eine andere Antwort für mich haben werden. Es ist dann immer noch Zeit, mir das Todesurteil zu sprechen, wenn Sie müssen! – Gehen wir!« Seine Stimme klang immer noch heiser von leidenschaftlicher Erregung, aber er mühte sich, ruhig zu werden. Margot hatte ihn ein paarmal unterbrechen wollen, aber er ließ sie nicht dazu kommen. Sie hätte es gern in dieser Stunde zu Ende gebracht, wenn es denn doch einmal bis zu diesem Äußersten gekommen war, das sie so gern vermieden gesehen; aber sie begriff, daß er entschlossen war, es nicht dahin kommen zu lassen, um sich an eine törichte, unsinnige Zukunftshoffnung zu klammern. Ohnedies überzeugte sie ein Blick auf ihre Uhr, die sie am Handgelenk trug, daß es hohe Zeit sei, zum Bahnhof zu eilen, wenn man den Zug nach Nizza nicht versäumen wollte. So blieb ihr nichts, als mit all ihren durcheinander wirbelnden Gedanken neben ihm her zu schreiten und durch ihr Schweigen seinen Worten zuzustimmen. Und während sie den Weg bergab durch die Gärten verfolgten, sagte er mit leiser Stimme neben ihr: »Sie halten alles geheim, was ich Ihnen heute gesagt habe, Margot, nicht wahr? Es war für niemand sonst in der Welt bestimmt als für Sie – auch für Harro nicht. Und es ist mir ein so lieber Gedanke, ein Geheimnis mit Ihnen zu teilen. Ich – Sie begreifen nicht, wie ganz anders, wie über mich hinausgehoben ich mich fühle, seit Sie mir gesagt haben – seit ich glauben darf –.« Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber ein leuchtender Blick, den er ihr zuwarf, sagte ihr, was er meinte. Sie hatten den Bahnhof inzwischen erreicht, wo Harro bereits unruhig auf und nieder ging und ihnen nun, als sie herankamen, winkte, sich zu beeilen. Der Zug war schon eingefahren und man hatte nur gerade noch Zeit, das Coupé zu besteigen. Arno von Meyburg stand auch auf dem Wagentritt, um von dort aus Margots Hand zu drücken. »Auf Wiedersehen!« sagte er mit eigenartiger Betonung, ihr fest ins Auge blickend, »auf baldiges Wiedersehen!« Dann wurden die Türen zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung. »Der sieht ja ganz verjüngt aus«, sagte Harro, auf den Zurückbleibenden deutend, »nicht wie einer, den wir um eine Halbe-Million-Erbschaft bringen!« Behaglich lachend lehnte er sich in die Kissen zurück. VIII. Tag auf Tag verging und Margot hatte Arno von Meyburg noch immer nicht wiedergesehen. Eine seltsame, zwiespältige Empfindung war es, die sie bei dem Gedanken an ihn erfüllte. Sie fürchtete sich davor, ihm wieder gegenüberzutreten, da er ja erklärt hatte, daß ihre nächste Begegnung ihm die Entscheidung bringen müsse auf seine inhaltsschwere Frage, und doch hätte sie ihm diese Entscheidung lieber heute als morgen kundgegeben, um endlich Ruhe zu haben. Sie fühlte Mitleid mit ihm, ja; denn alles das, was er ihr gesagt, hatte geklungen wie aus einer ehrlich bereuenden Seele heraus, die lange in der Irre gewandert war und nun nach Ruhe und Frieden Begehr trug. Sie verdammte ihn auch nicht. Was sie ihm gesagt hatte, war alles aufrichtig gesprochen gewesen. Daß er ihr die geheime Schuld, die auf ihm lastete und deren ihn doch kein Lebender zeihen konnte, freimütig gebeichtet hatte, rechnete sie ihm hoch an. Aber was er von ihr verlangte, wäre unmöglich gewesen, selbst wenn er als der beste und edelste der Menschen vor ihr dagestanden hätte. Denn sie liebte ihn ja nicht. Nimmermehr hätte sie es über sich vermocht, ihre Hand einem Manne zu reichen, den sie nicht liebte – für ihr reines Empfinden konnte es auf Erden kaum eine abscheulichere Lüge geben als diese! – – Und nun hatte ohnedies ihr Herz schon lange für einen anderen entschieden! Und wenn der sie nicht liebte oder doch nie die Hand nach ihr ausstrecken durfte, weil sich ein blutiger Schatten zwischen ihn und ein friedliches Glück drängte – was hatte das mit ihrer eigenen Liebe zu schaffen? Die konnte um deswillen nicht aus ihrem Herzen gerissen werden und konnte doch nicht sterben, nie. Sie glaubte ja an ihn und sie fühlte ihr Schicksal durch ein unsichtbares, aber unzerreißbares Band mit dem seinen verkettet. Nach einer Reihe von Regentagen wölbte sich heute wieder ein tiefblauer Himmel über der in Duft und Farben prangenden Riviera. In den Herzen der Geschwister aber sah es nicht so sonnig aus. Die Nachrichten vom Justizrat Weilheim lauteten immer ungünstiger. Eine Heiratsurkunde des Dettenschen Ehepaares war nicht aufzutreiben. Und jedenfalls war ohne dies Dokument an ein erfolgreiches Geltendmachen der Dettenschen Erbansprüche kaum zu denken. Auf der anderen Seite hatte der Fürst Caraffa in den letzten Tagen am Spieltische so ziemlich alles wieder verloren, was er gewonnen gehabt hatte, war dadurch an seinem »System« irre geworden und hatte sich in die fixe Idee hineingebohrt, ein neues, diesmal unfehlbares zu ersinnen, so daß er die ganzen Nächte über seinen Berechnungen wach saß, und Eugenia ernstlich sich um seine Gesundheit sorgte. Wenn hier nicht bald Hilfe kam, konnte man auf das Schlimmste gefaßt sein, und einen schwerkranken Vater würde Eugenia am allerwenigsten verlassen wollen. Alle diese Nachrichten hatten Harro aufgeregt und sein Nervenleiden wieder verschlimmert. Gestern Abend war einer seiner Anfälle aufgetreten, die man schon für immer besiegt geglaubt hatte, und Doktor Leuthold, den Margot sofort hatte rufen lassen, war ungewöhnlich besorgt gewesen. Der Anfall war ziemlich rasch wieder vorübergegangen und heute morgen hätte man Harro, trotzdem er etwas bleich aussah, wieder für einen vollkommen gesunden Mann halten können; aber Doktor Leuthold, der wieder dagewesen war, um sich nach ihm umzusehen, und den Margot dann bis vor die Tür hinaus begleitete, erschien ihr trotzdem nicht ganz beruhigt. »Ich hatte gedacht, wir wären weiter«, sagte er kopfschüttelnd, »aber allem Anschein nach leben wir dauernd auf einem Vulkan, so lange Ihr Herr Bruder nicht aus diesen aufregenden Sorgen und Befürchtungen heraus ist. Trachten Sie nur danach, ihn so viel als möglich zu zerstreuen – das wird nicht allzu schwer sein, denn der Karneval steht ja vor der Tür. – Apropos, der Herr, mit dem ich Sie neulich in Monte Carlo vor dem Maurischen Kiosk im Park stehen sah – war das nicht der Freiherr von Meyburg, der früher einmal eine Zeitlang in Nizza lebte?« Margot bejahte. Sie fühlte zu ihrem Verdruß, daß sie dabei errötete. »Baron Meyburg ist ein Verwandter, dem wir ganz zufällig hier begegneten«, fügte sie hinzu. »Sind Sie mit ihm bekannt, Herr Doktor?« »Nein, nein«, lautete die hastig gegebene Antwort. »Und ich bitte um Entschuldigung, wenn meine Frage Ihnen indiskret vorkam. Auch muß ich mich jetzt empfehlen. Man erwartet mich nebenan in Villa La Paix.« Margot stieß einen hellen Schreckensruf aus. »Herr Holdheim ist krank?« Es war etwas in ihrer Stimme, was den alten Herrn erstaunt aufhorchen ließ. »Ich weiß nicht«, erwiderte er und sein prüfender Blick glitt über Margots glühendes Gesicht hin. »Ich bin heute zum erstenmal gerufen worden, bin noch niemals vorher in dies Zauberschloß eingedrungen. Ich muß wohl annehmen, daß es sich um etwas Ernstes handelt, da man sonst wohl nicht gern einem Fremden dort Zutritt gewährt. Adieu, liebes Fräulein. Auf Wiedersehen!« Er lüftete seinen Hut und ging. Margot stand immer noch auf derselben Stelle und rührte sich nicht, als Doktor Leuthold schon längst in der Villa nebenan verschwunden war. Es war ihr, als müsse sie hier stehen und warten, bis er zurückkomme, und ihn fragen, wie es drinnen stand. Eine herzklopfende Angst war in ihr. Krank! Also deshalb hatte sie ihn so lange nicht mehr gesehen, auch abends sein Klavierspiel nicht mehr gehört – deshalb! Sie fuhr erschrocken zusammen, als ein Wagen die weiße Landstraße draußen entlang gerollt kam. Errötend, wie auf etwas Unerlaubtem ertappt, wandte sie sich zurück ins Haus. Was wir doch für Sklaven der Konvention sind! dachte sie. Das Natürlichste wäre nun doch, ich folgte der Stimme meines Herzens und liefe selber hinüber und fragte, wie es steht, und wenn er wirklich krank wäre, ginge ich zu ihm und pflegte ihn. Und statt dessen scheue ich mich nun sogar, hier auf Doktor Leuthold zu warten und ihn auszufragen, bloß damit er nicht auf den Verdacht kommen kann, ich interessierte mich wohl allzu lebhaft für Erich Holdheim, denn das wäre unschicklich für ein junges Mädchen. Wenn wir doch den Mut hätten, Menschen zu sein! Sie hatte sich im Hause zu tun gemacht, aber sie fand keine Ruhe. Zweimal, dreimal lief sie vor die Tür hinaus, ob Doktor Leuthold denn immer noch nicht zurückkam, und doch hätte sie wohl nicht gewagt, ihn nach Erich Holdheim zu fragen. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie vom Garten aus ihn vielleicht am ehesten würde sehen können, und sie eilte dorthin. Eine Zeitlang gewahrte sie drüben kein lebendes Wesen. Dann aber sah Margot plötzlich zwei Männer aus dem Hause treten und langsam im ernsten Gespräch die Steineichenallee hinaufwandeln. Es waren der Doktor und Erich Holdheim. Beider Mienen waren besorgt. Margots Brust hob sich unter einem erleichternden Seufzer. Er war also nicht krank, in keinem Falle ernstlich krank. Gott sei Dank! Sie fühlte jetzt erst ganz, wie sie sich um ihn gesorgt hatte, ihr Herz klopfte noch immer zum Zerspringen. Langsam schritt sie den Gartenweg wieder zurück, damit keiner von den Männern drüben sie erblickte. Wie traurig doch Erich Holdheims Aussehen gewesen war! Wahrscheinlich hatte der Zustand seiner Mutter sich verschlimmert, und sie wußte, mit welch zärtlicher Liebe er an dieser Kranken hing. Wie sie ihm gern auch diese Sorge hätte tragen helfen! Und doch gab es ja genug davon im eigenen Hause! – Aus dem Hotel Beau-Rivage war schon am Morgen die Kunde in die Villa Erminia herübergeschickt worden, der Major habe für den Nachmittag einen Ausflug nach St. Jean arrangiert, und man dürfe sich unter keinem Vorwande ausschließen. Harro hatte zugestimmt und Margot war, wie immer, eine zu aufopfernde Schwester gewesen, um ihm zu widersprechen. Pünktlich um ein Uhr brach man vom Hotel Beau-Rivage auf. In langem Zuge fuhr die Gesellschaft den Quai du Midi entlang und die Route de Villefranche hinauf. Alles erschien wie getaucht in Glanz und Freudigkeit. Munter flogen in den Wagen die Gespräche hin und her. Nur Margot war schweigsam. Sie mußte unablässig denken: Warum ist er nicht hier, um das alles auch zu genießen? Warum muß er einsam und traurig sein? Es war ihr mit einem Male, als könnte es ohne ihn für sie gar kein Glücksempfinden mehr geben. Wie das töricht war! Und währenddessen mühte sich der Leutnant von Saldern neben ihr unablässig, sie auf die Schönheiten der Fahrt aufmerksam zu machen und ihr allerlei verbindliche Worte dabei zuzuraunen, die spurlos an ihrem Ohr vorübergingen. Jenseits von Villefranche geriet der Wagenzug plötzlich ins Stocken, und Margot, die in ihre Gedanken vertieft dagesessen hatte, hörte Herrn von Saldern eine Verwünschung zwischen den Zähnen murmeln. »Immer dieser Mensch, den sollte doch –.« Zerstreut blickte sie auf und gewahrte nun, daß ein eleganter Korbwagen, der auf der Straße ihnen entgegengekommen war, neben dem Landauer, der vor dem ihrigen fuhr und in welchem Harro saß, hielt. Der Herr, der dort an der Seite einer nicht mehr ganz jungen und auffallend schlicht gekleideten Dame vom Sitz aufgesprungen war und den Landauer zum Halten gebracht hatte, war Arno von Meyburg, der sich mit Harro aufs lebhafteste begrüßte und nun auch zu ihr seinen Hut hinüberschwenkte. Sie hörte ihn sagen, daß er auf dem Wege nach Nizza sei und sich bei dieser Gelegenheit auch habe erlauben wollen, endlich einmal wieder in Villa Erminia vorzusprechen. »Komm' doch mit nach St. Jean!« rief Harro. »Etwas Gescheiteres kannst du nicht tun. Es wird wunderhübsch werden.« Margot sah, wie Arno sich auf diese Worte hin zu seiner Begleiterin umdrehte, die mit ihren klugen, grauen Augen ruhig beobachtend um sich geschaut hatte. Er sprach leise und dringlich, wie es schien sogar bittend und schmeichelnd, als sie nicht gleich antwortete, auf sie ein. Ihre Züge veränderten sich kaum, während sie ihm zuhörte. Nur kam es Margot vor, als ob etwas Lauerndes und Argwöhnisches allmählich in ihre Augen trete, und unzweifelhaft blickte sie jetzt suchend noch einmal die Wagen entlang, deren Insassen hier und da schon ungeduldig zu werden begannen. Endlich sagte sie ein paar Worte, die sie mit einem Achselzucken begleitete, und auf die er, die Hand beschwörend aufs Herz gepreßt, beinahe demütig zu erwidern schien. Dann reichte er ihr die Hand, grüßte sehr höflich und stieg aus, um in dem Landauer neben Harro Platz zu nehmen, während der Korbwagen mit seiner verlassenen Insassin auf der Straße nach Nizza weiterrollte. »Wer war denn die Dame, der wir dich da abspenstig gemacht haben?« fragte der junge Musiker, und Arno erwiderte leichthin: »Eine Landsmännin, die mir von ihren Verwandten empfohlen worden ist und der ich mich eigentlich nur deshalb zum Begleiter angeboten hatte, weil ich die Gelegenheit benutzen wollte, bequem nach Nizza zu kommen.« Er war augenscheinlich sehr gut gelaunt und wußte auch die anderen mit seiner Fröhlichkeit anzustecken. So langte man in heiterster Stimmung vor dem kleinen Gasthause im Dorf St. Jean an, von wo nach kurzer Rast eine Wanderung über die felsige, weit ins Meer sich vorlagernde Halbinsel angetreten wurde, die immer neue, überraschende Fernblicke eröffnete. Die Gesellschaft hatte sich in zwanglose Gruppen verteilt, und in lustigem Geplauder zog der Schwarm bergauf. Margot war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß Arno von Meyburg an ihre Seite treten würde; aber er mußte eine bestimmte Absicht damit verfolgen, sich ihr nicht zu nähern. Sie hörte ihn bald mit diesem, bald mit jenem angeregt sich unterhalten, ohne daß er sie selber scheinbar beachtete. Der junge Leutnant von Saldern wich freilich auch nicht von ihrer Seite, sondern schien entschlossen, diesen Platz heute gegen jedermann zu verteidigen. Margot hätte sich hierdurch geborgen gefühlt, wenn Herr von Saldern nicht allmählich angefangen hätte, einen schwärmerisch-schmachtenden Ton anzuschlagen, der ihr verdächtig vorkam. Er sprach von den »schalen Amüsements« des Junggesellenstandes, von der erwachenden Sehnsucht nach einem geordneten »Hausfrieden« und von den »wunderbaren Wegen des Zufalls«. Dabei seufzte er manchmal, pflückte wilde Blumen am Wegrand und reichte sie ihr stumm, mit seltsam schwimmenden Augen. Margot fühlte eine gewisse Beklommenheit bei dem allen. Dann faßte sie einen tapferen Entschluß. »Herr von Saldern«, sagte sie plötzlich, »Sie könnten mir einen Gefallen tun.« Er legte die Hand auf die Brust. »Sie machen mich glücklich durch diese Erlaubnis, gnädiges Fräulein –« »Sehen Sie – ich weiß nicht, wie das Gerücht aufgekommen ist, ich wäre eine reiche Erbin. Alle Leute scheinen daran zu glauben. Und das ist mir peinlich. Ich mag mich nicht mit einem falschen Nimbus umgeben. Und Sie würden mir einen wirklichen Dienst damit erweisen, wenn Sie dieses Gerücht überall in geeigneter Weise widerriefen. Es ist kein wahres Wort daran.« Das bestürzte Gesicht des jungen Offiziers auf diese Worte hin entlockte ihr ein Lächeln. Er lächelte etwas blöde, um endlich zu stammeln: »Wenn Sie es wünschen, natürlich. Ich begreife nur nicht – Herr von Jorell ist immer so gut unterrichtet – und die Bestimmtheit, mit welcher das Gerücht –« »Ja, ja, ich weiß«, fiel Margot ein. »Aber diese Erbschaft schwebt in der Luft. Und im günstigsten Falle würde sie ausschließlich an meinen Bruder kommen. Mein Wort darauf, ich habe gar keine anderen Aussichten als die, wieder Governeß zu werden. Und das ist auch gar kein so tragisches Los, wie man immer denkt!« Herr von Saldern war stumm geworden. Endlich schien er sich ein Herz zu fassen und sagte, während ein Schatten über seinen Augen lag, mit ehrlich naivem Schmerz: »Ich glaube, Sie werden mich verstehen, gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen sage: halten Sie mich nicht für einen erbärmlichen Kerl, der nur einer reichen Mitgift nachjagt. Aber wir jungen, mittellosen Offiziere – Sie wissen: es gibt da ganz besondere Vorschriften – allein unserem Herzen dürfen wir nicht folgen, solange wir die Uniform tragen – und wenn dies Herz selbst darüber brechen wollte –.« Margot blieb stehen und reichte ihm in gutmütiger Wallung die Hand. »So leicht bricht es nicht, Herr von Saldern«, sagte sie warm, »glauben Sie mir! Und wenn Sie mit einer Governeß gute Freundschaft halten wollen – hier schlagen Sie ein! Dazu braucht man ja keine Kaution zu stellen.« Er war sichtlich beschämt, aber in ehrlicher Rührung ergriff er ihre Hand und küßte sie. »Ich möchte mein Leben für Sie hingeben«, murmelte er. Margot wollte gerade wieder mit einem ablenkenden Wort erwidern, als sie Arno von Meyburgs Stimme in ihrer Nähe vernahm. Sie schien ihr schrill und spöttisch. Oder klang sie allein ihr so in den Ohren? In der nächsten Minute stand er vor ihr. »Ich habe heute noch kaum das Vergnügen gehabt, Sie zu begrüßen, Fräulein von Detten! Sie waren immer in so lebhafter Unterhaltung – ich wagte nicht zu stören. Welch ein herrlicher Tag heute nach all dem Regen! Aufregend schön, nicht wahr? Und Sie müssen jetzt endlich zugeben, daß ich ein Glückspilz bin. Diese Begegnung auf der Landstraße –, wär' ich nun mit der Bahn gefahren, wie ich eigentlich vorhatte, hätt' ich Sie in Nizza verfehlt. Statt dessen ist es mir nun vergönnt – aber ich fürchte, Sie sind nicht in ganz freier Stimmung, Fräulein Margot! Sie sehen heute blaß aus. Und Harro – Harro hat entschieden einen krankhaften Zug im Gesicht. Ich bin besorgt um ihn. Es ist doch nichts Schlimmes passiert?« Er redete so geflissentlich und die Worte überstürzend auf sie ein, daß es den Eindruck machte, als wollte er seine innere Aufgeregtheit dahinter verstecken. Eine Antwort wartete er kaum ab. Und den jungen Offizier ließ er vollends nicht zu Worte kommen. Dieser hatte ihm einen wütenden Blick zugeworfen und sah Margot an, wie wenn er von ihr einen Wink darüber erwarte, ob er den zudringlichen Menschen brüskieren oder dulden solle. Da aber Margot nichts davon wissen zu wollen schien, und er Arno von Meyburg in seiner augenblicklichen Stimmung um keinen Preis ertragen konnte, schlich er sich, als man die auf dem Kamm des Berges errichteten hübschen Gartenanlagen erreicht hatte, unbemerkt von Margots Seite fort, um eine Weile in der Einsamkeit seinen trüben Gedanken nachzuhängen. Arno unterbrach seinen Wortschwall, kaum daß er verschwunden war. Schweigsam umwandelten sie beide jetzt einen kleinen künstlichen See, der von geschmackvoll angelegten Bosketts umbuscht war. Dann blieb Arno plötzlich neben einer Steingrotte stehen und fragte in völlig verändertem Ton: »Haben Sie mir gar nichts zu sagen, Fräulein Margot?« Seine Stimme klang weich und schwermütig. Sie schrak leicht zusammen. »Was sollte ich Ihnen zu sagen haben?« fragte sie verwirrt. »Ich habe Ihnen neulich eine Frage vorgelegt, Margot! Und ich habe Ihnen Bedenkzeit gelassen, bis Sie mir sie beantworten sollten. Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie mich retten können, Margot. – Sie wissen, daß ich keine Phrasen mache, daß es mir heiliger Ernst ist mit dem, was ich sage. Für mich steht hier alles auf dem Spiel. Ich kann ohne Sie nicht mehr leben, und ich möchte auch gar nicht. Von ihnen allein hängt es ab, ob ich wieder ein nützliches und – auch ein glückliches – Glied der menschlichen Gesellschaft werden soll oder ob ich untergehen muß. Sie sind so gut, Margot, Sie können es doch nicht wollen, daß ich versinke, und wissen, daß es Sie ein Wort kostet, um mich emporzuheben. Selbst wenn Sie meine Leidenschaft nicht so voll erwidern, Margot – wie könnt' ich das fordern oder erwarten? – Aus Mitleid, aus Güte strecken Sie Ihre Hand aus, um mich aufzurichten. Sie tun ein gutes Werk. Oder hassen Sie mich, Margot?« Sie schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich Sie hassen?« sagte sie, immer mehr durch seine Worte in die Enge getrieben. »Gewiß nicht. Nur – ich – ich kann doch unmöglich aus Mitleid – Mitleid empfinde ich ja gewiß mit Ihnen – aber auch nicht mehr, und wie sollte Ihnen das genügen? Bitte, dringen Sie doch nicht weiter in mich! Ich kann wirklich nicht – und ich möchte Ihnen so ungern wehe tun. – Lassen Sie uns hier abbrechen, ja?« Sie atmete hastig und warf hilfesuchende Blicke um sich. Er aber bohrte seine Zähne in seine Unterlippe und sie sah in seinen Augen einen heißen Strahl aufleuchten. »Und wenn es mir doch genügte, Margot? Nein, nein, sehen Sie mich nicht so erschrocken an! Wer so bettelarm ist wie ich, begnügt sich mit der kleinsten, geringfügigen Spende. Halten Sie mich nicht für würdelos, wenn ich immer wieder und wieder flehe und bettle: erhören Sie mich! Es gilt ja mein Leben, Margot! Und lassen Sie mich Ihnen noch mehr sagen – selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich dann erst vollends verwerfen, mich für einen Elenden halten, der einen Druck auf Sie ausüben möchte. Nein, ich will Ihnen nur zeigen, daß es von Ihrer Seite doch nicht ausschließlich ein Opfer wäre, wenn Sie mich erhörten –« Er machte eine Pause, sah sich um, als ob er sich überzeugen wollte, daß sie unbelauscht waren, und fing dann mit leiser Stimme an, indes ein immer siegessicherer Zug in sein Gesicht trat und manchmal eigentümlich in der Tiefe seiner Augen aufglühte: »Ich weiß, daß Sie diese Erbschaft, um die wir streiten, für sich selbst nicht brauchen und nicht wollen, Margot! Aber Harro braucht sie – um sich das Mädchen zu erringen, das er liebt. Und nur dann wird er auch wieder gesund werden. Diese Erbschaft könnten wir untereinander teilen – ich könnte sie Harro sogar ganz abtreten, wenn – Sie sehen mich erstaunt und ungläubig an, Margot, als ob Sie sagen wollten: diese Erbschaft, über die Sie schon verfügen zu dürfen glauben, gehört Ihnen ja noch gar nicht, kommt hoffentlich niemals überhaupt an Sie. – Bitte, wozu das leugnen? Es ist ja das Natürliche. Aber ich muß Ihnen sagen: sie ist Ihnen so gut wie sicher verloren, Margot.« Er sah sie fest an, wie um die Wirkung seiner letzten Worte zu beobachten, aber gerade weil sie das bemerkte, zwang Margot sich zur Ruhe. »Warum glauben Sie das?« fragte sie mit scheinbarem Gleichmut. »Nach meinen heutigen Nachrichten«, fuhr er fort, ohne die Augen von ihr abzulassen, »ist keine Hoffnung mehr für Sie beide vorhanden. Das Gericht hat sich dahin entschieden, daß die Erbschaft mir, als dem einzigen legitimen Nachkommen des verstorbenen Freiherrn von Meyburg, zufallen müsse, da ein Testament des Erblassers nicht vorhanden sei.« Margot hatte noch immer nicht verstanden, obgleich er das Wort »legitimen« leicht betont gemacht hatte. »Aber wir sind ja die näheren Verwandten«, fiel sie ein, während ihr Herz laut zu schlagen begann. »Ja«, erwiderte er mit einem ganz leisen, überlegenen Lächeln, »gewiß! Nur, daß sich dies nicht hat nachweisen lassen. Vor Gericht gelten nur Dokumente, nicht Versicherungen. Mangels jeder beglaubigten Urkunde über die Verheiratung der Tochter des Erblassers mit einem Herrn von Detten hat das Gericht annehmen müssen, daß eine solche Verheiratung niemals stattgefunden hat, also auch legitime Nachkommen aus einer derartigen Ehe nicht vorhanden sein können. Da diese Tochter also tot ist, ohne selbst Erben hinterlassen zu haben – nach der gerichtlichen Auffassung –, sind weitere Erben nicht zu eruieren gewesen und der Nachlaß fällt ungeteilt an mich.« Margot war bis in die Lippen hinein erblaßt. Sie zitterte, so sehr sie sich auch mühte, ruhig zu erscheinen, am ganzen Leibe. »Aber dann wären ja Harro und ich –.« Sie vollendete den Satz nicht, eine heiße Glutwelle überströmte ihre Wangen. Es war ihr, als bräche rund um sie her alles zusammen. Arno machte eine besänftigende Handbewegung. »Sie dürfen das nicht tragisch nehmen, Margot. Es ist eine rein formale Entscheidung des Gerichts. Das Andenken Ihrer Eltern wird dadurch in keiner Weise besudelt. Es liegt sogar aller Anlaß vor, zu glauben, die vermißte Trauurkunde, für die ein Duplikat sich nicht hat auftreiben lassen, weil man den Trauort nicht kennt, habe sich im Besitze des alten Freiherrn befunden, dem seine Tochter sie seinerzeit eingesandt, um den Vater davon zu überzeugen, daß sie sich zwar von dem Geliebten habe entführen lassen, doch nur, um seine rechtmäßige Gattin zu werden.« »Wenn diese Vermutung zuträfe, hätte man die Urkunde im Nachlaß meines Großvaters auffinden müssen.« Arno zuckte die Achseln. »Auch das Testament hat sich nicht gefunden, obwohl es ohne jeden Zweifel existiert hat. Vielleicht hat der alte Sonderling eines Tages alles vernichtet. Aber wie es auch immer damit sei, jedenfalls werden Sie schon in den nächsten Tagen die Bestätigung erhalten, daß die Meyburgsche Erbschaft Ihnen und Ihrem Bruder endgültig verloren ist. Ich wollte sie vorbereiten. Ich weiß, daß für Harro dies ein gewaltiger Schlag ist. Er hat mir ja gestanden, was alles für ihn davon abhängt. In diesem Lotteriespiel habe ich das große Los gezogen – das Glück kommt nicht immer an den Würdigsten in diesem wunderlichen Leben.« Margot hatte notdürftig ihre Fassung zurückerobert, nur eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich ihrer bemächtigt. Es war also alles verloren. Und nun kam dieser da und wollte sie sich erhandeln um den Preis einer Abtretung seiner Erbschaft. Tat sie ihm unrecht? Wollte er ihr nur klarmachen, wie gut und glücklich alles sich gestalten mußte, wenn sie ihn erhörte? Rief nur seine Leidenschaft ihr Mitleid und ihre Schwesterliebe als Bundesgenossen an, damit sie Siegerin blieb? Arno hatte sich unterbrochen, weil sie ihm einen halb fragenden, halb anklagenden Blick zugeworfen hatte. »Jetzt verdammen Sie mich doch, Margot«, sagte er, und wieder klang der Ton seiner Stimme anders als früher, so daß sie denken mußte, welch eine Wandlungsfähigkeit in diesem Manne herrschte, »ich hatt' es kommen sehen. Aber seien Sie gerecht! Wenn ich mich bereit erkläre – auch im Falle Sie meine Hand ausschlagen –, Ihnen oder Harro die mir zugesprochene Erbschaft zu überlassen oder sie mit Ihnen zu teilen – würden Sie – würde Harro das dann annehmen? Ich bin gewiß: nein. Sie beide sind zu stolz, um sich diese Erbschaft schenken zu lassen, zumal von mir! Was gibt es denn also für ein anderes Mittel, wenn ich doch helfen möchte? Was mein ist, gehört auch Ihnen, Margot, wenn Sie mich erhören, und wir brauchen beide für uns selber diesen Mammon nicht, wir werden beide glücklich sein, ihn zu gutem Zweck zu verwenden und uns unser Leben aus eigener Arbeit zu gestalten. Was Sie jetzt als eine Gnade in Ihrem Stolz von der Hand weisen würden, wird dann eine gemeinsame freie Liebestat sein, die auch für Harro nichts Beschämendes mehr hat. Von dem abgewiesenen Freier seiner Schwester würde er den Erbschaftsverzicht nicht annehmen – die helfende Hand des Schwagers und Bruders würde er dankbar ergreifen. Sie dürfen mich also nicht verkennen, Margot! Ich mühe mich nicht, Sie in eine Zwangslage zu versetzen – ich selber befinde mich in einer solchen. Ich möchte hoffen und sehe nur einen einzigen Weg dazu. Und ich liebe Sie leidenschaftlich, Margot, und möchte gerettet werden. Mit Geld ist mir nicht geholfen. Ich brauche eine führende, leitende, mich emporhebende Liebe. Bin ich Ihnen denn so verhaßt, Margot, daß Sie mich erbarmungslos können untergehen sehen – Sie, die Sie sonst so ganz Güte und Mitleid sind, Sie, die Sie nur die Hand auszustrecken brauchen, um mich hinaufzuziehen? Oder«, seine Stimme sank zu einem Geflüster herab, »steht mir ein anderer im Wege, Margot?« Sie wollte etwas erwidern, ein stolzes, hochfahrendes Wort, aber er winkte ihr, halb flehend, halb gebieterisch, mit der Hand. »Sagen Sie mir jetzt nichts, Margot – es ist noch nicht klar in Ihnen. Lassen Sie zum wenigsten eine Nacht zwischen den heutigen Eröffnungen und Ihrer Entscheidung liegen – ich bitte Sie darum. Wir sind ohnehin hier nicht mehr allein – ich höre Stimmen. Bitte, lassen Sie uns gehen!« Er drängte fort. Sie hatten kaum ein paar Schritte gegen den Weg zu gemacht, der am westlichen Hange des Vorgebirges auf den die höchste Kuppe krönenden Semaphor zuführte, als sie von Harro, der mit Adele Lindenthal und dem Reiherschen Ehepaar in lachender Unterhaltung daherkam, angerufen wurden. Bald waren sie von den Ankömmlingen umringt, und Margot hatte wieder einmal Gelegenheit, die Wandlungsfähigkeit Arnos zu bestaunen, der jetzt nach dem erregenden Gespräch, das er mit ihr geführt, sofort lächelnd auf den scherzenden Ton einging, mit dem man ihn anredete. Kein Zittern seiner Stimme, keine Miene verriet, was eben zwischen ihr und ihm vorgegangen. Es war Margot beinahe unheimlich. Währenddessen zog die Gesellschaft in kleinen Trupps weiter bergan. Fröhliche Stimmen durchhallten die köstliche, meerfrische Bergeinsamkeit. Nur Margot sah von all den schimmernden Landschaftsbildern nichts, die sich vor ihr entrollten, fühlte den kühlenden Atem des Meeres nicht, der vom wellenumschäumten Felsrand zu ihren Füßen aufstieg und die Sonnenluft durchhauchte. Ein banger Druck lag auf ihrer Seele. War es diesem Manne dort wirklich gelungen, die Schlinge enger und enger um sie zuzuziehen, und gab es nun kein Entrinnen mehr für sie? Noch wollte, noch konnte sie es nicht glauben. Sie hätte hier auf dem harten Felsboden, dicht über dem schwindelnden Abgrund, niederknien und zu Gott beten – zu Gott aufschreien mögen, er solle sie bewahren vor dieser furchtbaren Notwendigkeit, sich jenem Manne dort hingeben zu müssen mit der Liebe zu einem anderen im Herzen. Gab es keinen anderen Ausweg mehr? Es kam ihr vor, als hätte Arno von Meyburg schon in jener ersten Stunde, wo er sie in Monte Carlo gesehen, den Plan geschmiedet, sie zu gewinnen; und was dieser Mann sich vorsetzte, das führte er aus, ob auch Himmel und Hölle sich ihm in den Weg stellten. Und nun hatte das Schicksal ihn noch gar in so unerhörter Weise dabei begünstigt. Die Erbschaft verloren – Harros Hoffnungen, sein Glück, seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, wenn sie nicht sich selbst zum Opfer brachte. – Mußte sie es? Und was denn sonst? Um dieser aussichtslosen Liebe willen zu einem anderen, der sie vielleicht nicht wieder liebte, der selber unter einem schweren Schicksal litt und sich beugte, hätte sie den einzigen Rettungsweg verschmähen sollen, der sich ihr bot und mit dessen Betreten sie zugleich eine gute Tat vollbringen, ein verlorenes Menschenleben wieder aufrichten konnte? Heiliger Gott, war der Weg ihrer Pflicht wirklich so schwer, so dornenvoll? »Tapfer! Tapfer!« rief sie sich selber zu und legte die Hand auf ihr laut klopfendes Herz, als wollte sie sein trotziges Aufbäumen niederzwingen: »Denk' an ihn , wie er das Härtere trägt, das ihm geworden ist!« Fast war es, als hätten ihre Gedanken den herbeigerufen, mit dem sie sich beschäftigten. Von der Höhe des Weges her kam ein Reiter talab gesprengt, und Margot erkannte Erich Holdheim. Auch er gewahrte sie sofort, schien sein Pferd zügeln zu wollen, sah aber dann die anderen und ritt grüßend in scharfem Trab vorüber. In der nächsten Minute war er um die Bergecke verschwunden. Margot war einen Augenblick stehengeblieben, weil ihr das Herz plötzlich bis zum Halse hinauf schlug. Da hörte sie mit einem Male Arno von Meyburgs Stimme wieder dicht an ihrem Ohr: »Margot«, es klang leise und voll heißer Leidenschaft, zugleich aber lag etwas Drohendes darin, »ist es vielleicht gar dieser, der mir im Wege steht bei Ihnen?« Sie gab keine Antwort, und er ging wieder. Sie sah ihn von nun an immer an Harros Seite, auf den er dringlich einredete. Dann hatte man den Platz auf der Höhe erreicht, wo der Major von Jorell alles zum Lagern hatte vorbereiten lassen und wo nun die mitgebrachten Körbe mit Eßwaren und Erfrischungen ausgeleert wurden. An einer geschützten Stelle wurde unter der Oberleitung der kleinen Frau Reiher sogar Tee gekocht. Der Platz war herrlich und die Stimmung der kleinen Gesellschaft äußerst animiert. Nur Harro erschien anfangs ebenso ernst und nachdenklich, wie man es bei seiner Schwester schon immer gewohnt war, und erst allmählich gelang es, ihn wieder gesprächig zu machen. Die Seele des ganze Kreises blieb Arno von Meyburg. Es schien, als ob er allen klar machen wollte, wie gut man daran getan habe, ihn mitzunehmen; er war unerschöpflich in amüsanten Anekdoten und wußte verschiedene bekannte Persönlichkeiten aus Nizza und Monaco in so täuschender, leicht karikierender Weise nachzumachen, wie sie sich am Spieltische benahmen, daß die Gesellschaft aus dem Lachen nicht herauskam. Margot mußte immer wieder staunend denken, ob das derselbe Mann sei, der sie vor kaum einer Stunde noch mit leidenschaftlicher Stimme gefragt hatte, ob sie ihn denn hilflos untergehen lassen wolle, während sie, und nur sie, doch ihn retten könne? IX. Eine qualvolle, schlaflose Nacht war es, die Margot nach diesem aufregenden Tag verbrachte. Der Mistral war rastlos ums Haus gestrichen und hatte in den Kaminen gepfiffen und um die Dachfirste georgelt. Mit sausendem Ungestüm hatte er die Platanen an der Straße niedergebogen und die Baumwipfel im Garten durcheinander geschüttelt, daß es manchmal wie ein Ächzen und Stöhnen aus menschlicher Brust zu ihr hinaufklang. Und zwischen all dem tobenden Aufruhr hindurch war es ihr manchmal gewesen, als höre sie die abgerissenen Töne des Klavierspiels aus der Nachbarvilla herüberdringen, gerade als wenn eine irrende, ruhelose Seele durch Nacht und Sturm sich einen Weg zu ihr suche. Sie wußte nicht, ob sie sich täuschte, ob nur immer die Melodie jenes Liedes, das Erich Holdheim vor allen liebte, ihr in den Ohren hallte, wie das Leitmotiv ihrer verfehlten Liebe, ihres verfehlten Lebens: »Ich liebe dich und weiß, es darf nicht sein.« Die Hände unter dem Kopf verschränkt, wachte sie Stunde um Stunde, immer von ihren düsteren Gedanken umschwärmt, und sann und sann. Und doch wußte sie, daß es nur eines gab – kein anderer Ausweg, keine andere Rettung. Nun war der Morgen heraufgekommen, strahlend und sieghaft, und die Macht des Sturmes hatte sich gebrochen. Die Kronen der immergrünen Bäume und die blühenden Gesträuche im Garten wiegten sich nur leise hin und her, und man hätte in all dem Duft und Zauber dieser lockenden Frische glauben können, der ganze rasende Tumult der Nacht sei nur ein Spukgebilde gewesen. Einzig das ferne Donnern der Brandung gemahnte an den wilden Aufruhr, der auch das Meer emporgewühlt hatte. Das aber, was in Margots eigener Seele gestürmt und gewogt hatte, war noch nicht zur Ruhe gekommen. Sie stand am Fenster und blickte über den Garten hin, und ihr Herz schwoll von Sehnsucht und Gram. Sie schämte sich der Träne nicht, die ihr an die Wimper trat und langsam ihre Wange hinabrollte. Die durfte sie ja wohl ihrer Liebe nachweinen – sie, die so sanft, so kühl, so leidenschaftslos sein sollte. Wie schlecht sie doch selbst die kannten, die ihr die liebsten Menschen auf Erden waren! Wenn sie geahnt hätten, wie sie in dieser Nacht gerungen und geknirscht hatte gegen das, was nun doch getragen werden mußte, ob das eigenwillige Herz sich gleich darüber verbluten zu müssen wähnte. Klar vorgezeichnet war ihr Ziel. Sie hatte es ihrer sterbenden Mutter in die erkaltenden Hände gelobt – ein halbes Kind noch –, für diesen Bruder, an dem sie so abgöttisch gehangen, weil er seines Vaters Ebenbild war, zu sorgen, über ihn zu wachen, ihm die besten und heiligsten Kräfte ihres Lebens zu weihen. Das Bild der schönen, unglücklichen Mutter stand wieder vor ihrer Seele. »Mutter«, sprachen Margots Lippen leise vor sich hin, »Mutter, du sollst mit mir zufrieden sein!« Und was war es denn auch im Grunde so großes, was sie tun wollte? Wenn ihr Leben doch dem nicht gehören durfte, dem sie es mit jedem ihrer Blutstropfen hätte weihen mögen – und er begehrte ja ihrer nicht –, warum sollte sie es nicht um den hohen Preis hingeben, der hier auf dem Spiele stand? Welche Zukunft winkte ihr denn sonst? Lebenslang so weiter die Gouvernante spielen, in fremdem Sold stehen und niemals ein Zuhause haben in der Welt? O nein, sie durfte sich gar nicht einmal vor sich selber rühmen, ein gar so großes Opfer zu bringen. Wieviel besser wurde es ihr immer noch als Tausenden ihresgleichen? Und worauf hatte sie denn Ansprüche zu erheben im Leben? Stand es so fest, daß der Mensch das Recht auf Glück hatte in der Welt? Wie vielen ward es denn erfüllt? Und was war überhaupt Glück? War das Bewußtsein, seine Pflicht getan zu haben, nicht Glück? Margot hatte über all diesen Gedanken, die ihr durch den schmerzenden Kopf schossen, ihren Anzug beendet und ging nun hinunter, um mit Harro im Gartensalon zu frühstücken. Eben hatte der Gärtnerbursche aus Villa La Paix wieder den üblichen Korb mit Blumen unten abgegeben und Jean sie mit dumpfem Groll in Empfang genommen. Heute aber waren es ganze Berge der kostbarsten Blüten, die er gebracht hatte. La-France-Rosen, Parmaveilchen, Gardenien und Syringen; es war eine wahrhaft berauschende Pracht und Fülle. Und nun fiel Margot erst wieder ein, daß heute ja der Tag der ersten Blumenschlacht war und daß Erich Holdheim aus diesem Grunde offenbar die Weisung erteilt hatte, sie so reich zu beschenken. Sie lächelte bitter. Sie sollte sich heute zum Fest mit seinen Blumen schmücken – wie man ein Opfer schmückt, ehe es den tödlichen Streich empfängt. Es hallte ihr noch im Ohr, was Arno von Meyburg ihr gestern beim Abschied in St. Jean zugeraunt hatte, nachdem er sonst kein Wort mehr zu ihr gesprochen: »Morgen beim Blumenkorso hole ich mir meine Antwort!« Es hatte sehr siegessicher geklungen. Und nun sollte sie Erich Holdheims Blumen tragen, wenn Arno kam und sie sich ihm widerstandslos ergab? Was das für ein tolles Leben war! Man wußte wahrhaftig oft nicht, ob man lachen oder weinen sollte. Lachen! Lachen! Die Menschen wollten ja alle nur lachende Gesichter sehen. Als sie in den Gartensalon trat, wo das Teebrett schon bereit stand, kam ihr Harro mit einem übernächtigen Gesicht entgegen. Auch er mußte eine schlaflose Nacht gehabt haben. Etwas Scheues war in seinen Blicken, was sie sonst nicht an ihm kannte. Nachdem sie sich begrüßt und ein paar Worte über den nächtlichen Sturm getauscht hatten, reichte er ihr eine Depesche, die vor einer halben Stunde angekommen war; sie war vom Justizrat Weilheim und lautete: »Erbschaftsprozeß wegen Unerweisbarkeit der elterlichen Ehe verloren. Brief folgt. Sehe kein Mittel mehr, Urteil zu redressieren.« Schweigend gab sie ihm das Blatt zurück. »Nun?« lachte er bitter auf. »Was sagst du? He? Eine famose Gerechtigkeit! Weil dieser Wisch nicht aufzufinden ist, sind wir ausgestoßen – um eine halbe Million geprellt. Das nennt man ein gerichtliches Verfahren nach dem Gesetz! Eine Karikatur ist's – eine himmelschreiende Posse, in der wir die Düpierten spielen. Nein, eher –« Sie hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt. »Rege dich nicht auf, Harro! Sie konnten ja nicht anders. Und es wird trotzdem alles noch gut werden.« »So?« fragte er gedehnt und ein neugieriges Forschen trat in seine Augen, während er sich über den Tisch zu ihr beugte. »Hast du dich wirklich entschlossen –?« »Wozu entschlossen?« Alles Blut trat ihr vom Herzen zurück, während sie es sagte. »Nun – Arno sagte mir gestern doch – er wollte mich vorbereiten – es war ja gut gemeint –« »Was sagte er dir?« »Nun, zum Henker, du fragst ja gerade, als hätt' er ein Kapitalverbrechen begangen. Daß er dir einen Heiratsantrag gemacht hätte – das sagte er mir. Und daß die Entscheidung in diesem hundertmal vermaledeiten Erbschaftsprozeß nun weiter nichts auf sich hätte, wenn du seinen Antrag annähmst, weil wir dann untereinander – Nun, was fragst du denn? Du weißt das doch alles selbst.« Margot lächelte trübe vor sich. Also auch dafür hatte er gesorgt, daß Harro beizeiten wußte, was von ihrer Entscheidung für ihn abhing! Daß ja auch er noch einen Druck auf sie ausüben und sie in die Enge treiben sollte! Nun, es hätte dessen nicht mehr bedurft. »Du willst mir wohl andeuten«, sagte Harro mit unsicher lauerndem Blick, »daß du nicht gesonnen bist – Und dann freilich – dann bedeutet diese Depesche da nicht viel weniger für mich, als daß ich am besten täte, mich neben dem alten Fürsten Caraffa an den grünen Tisch zu setzen und mein Glück – auch nach einem ›System‹ – zu versuchen und, wenn es fehlschlägt – nach Spielerart eine –.« Er brachte den Satz nicht zu Ende, sondern fuhr sich mit einer leidenschaftlich-hastigen Gebärde über die Stirn hin. Margot lächelte müde. »Versündige dich nicht, Harro!« sagte sie. »Ich werde heute noch Arno von Meyburg mein Jawort geben.« Er stieß einen jauchzenden Ruf aus, sprang auf; wollte sie umarmen, sie emporreißen und mit ihr durchs Zimmer tanzen. Aber sie wehrte ihn mit sanfter Entschiedenheit ab. »Laß! Ich bin nicht wohl heute. Diese schauerliche Nacht –« Etwas verlegen sah er sie an. »Ja, du siehst nicht gut aus. Na, wenn er kommt, wirst du wohl wieder ein anderes Gesicht machen, was? Meine kleine Margot als Braut! Du, ich kann mir das noch gar nicht vorstellen. Und daß es jetzt der hat sein müssen! Weiß Gott, es geht doch toll zu in der Welt! Findest du nicht auch?« Er plauderte munter und aufgeregt weiter; er fühlte sich so erlöst – so frei. Alle Welt hätt' er umarmen mögen. »Und weißt du, Margot, wir heiraten am selben Tage, ja? Und bald – warum nicht bald? Hier in Nizza, unter Rosen und Orangen! Und Adele Lindenthal wird Brautjungfer – du, das mußt du mir versprechen, anders tu' ich's nicht. Saldern kann sie ja führen. Der tut mir eigentlich leid. Der arme Junge ist offenbar bis über die Ohren in dich verliebt. Der – und nun gar der andere! Na, das hätte ja nun beides doch nie was werden können, da war's schon besser –. Weißt du, Margot –«, er riß seine Uhr heraus, »ich fahr' jetzt gleich nach Monte Carlo hinüber, ich muß es ja Eugenia sagen, begreifst du? Und wir müssen beraten, wie dem alten Herrn die Dinge am besten beigebracht werden können – es gibt eine Welt zu besprechen. Zu Mittag bin ich natürlich wieder da. Ich will versuchen, Eugenia zum Blumenkorso mit herzubringen. Der Fürst braucht ja nun nicht mehr zu spielen. Ah, wie schön – wie schön wird nun alles werden! Margot, ich tanze heut' doch noch einmal mit dir durchs Zimmer!« Er fuhr ihr liebkosend mit beiden Händen über die Wangen hin. Als sie aber immer nur ein gutmütiges Lächeln für ihn hatte, wurde er plötzlich ernst, legte seinen Kopf an ihre Stirn und fragte leise, wie aus dem aufsteigenden Gefühl eines Unrechts heraus: »Du liebst ihn wohl gar nicht sehr, Margot, wie?« Nun tat er ihr wieder leid; er war so liebenswürdig gewesen in seinem übermütigen Egoismus. Sie strich ihm begütigend das Haar an der Schläfe zurück. »Ich werde ihn lieben lernen, Harro«, sagte sie mit Überwindung. Dann stand sie auf und winkte ihm zu. »Bring' Eugenia meine Grüße, hörst du? Und sie soll ja mitkommen. Auf Wiedersehen!« Sie wollte das Zimmer verlassen, aber Harro stürzte noch einmal zu ihr hin, riß sie stürmisch in seine Arme und küßte sie. Dann erst lief er, um seinen Hut zu holen und sich auf den Weg nach dem Bahnhof zu machen. Er hatte kein Wort dabei gesprochen, aber Margot begriff, was in ihm vorging. Sie sah ihn durch den Vorgarten und auf der Straße draußen davonhasten. In einer Stunde würde er bei seiner Braut vergessen haben, um welchen Preis er sie nun besitzen durfte. Und er wußte noch nicht einmal, wie hoch dieser Preis eigentlich war. Sie ging in den Garten hinüber, langsam, mit gesenkter Stirn, fast wie eine Nachtwandlerin. Sie war sich nicht klar darüber, was sie tat und was sie wollte. Nur daß sie sich plötzlich an der Hecke sah, die an die Villa La Paix grenzte, und daß sie neben dieser Hecke in die Knie sank, wie von Müdigkeit überwältigt, und das Haupt mit geschlossenen Augen gegen das grüne Rankengeflecht lehnte, als wollte sie nichts mehr hören noch sehen von dieser Welt, die so schwere Opfer verlangen konnte von einem schwachen Menschenherzen. Und es war ihr auch, als müsse sie hier Abschied nehmen für immer von einem, den sie nun am besten nie wiedersah in ihrem Leben, und müsse ihn stillschweigend um Verzeihung bitten für das, was sie ihm antue, und ihm sagen, sie könne ja nicht anders. Lange, lange lag sie in stummem Ringen da, und die ganze Morgenherrlichkeit des Frühlings jubelte um sie her. Harro kam in glücklichster Stimmung aus Monte Carlo zurück. Der Fürst hatte versprochen, mit Eugenia zum Blumenkorso nach Nizza zu fahren. Sein Gesundheitszustand hatte sich infolge der Entdeckung eines neuen, diesmal für ganz unfehlbar gehaltenen Systems wesentlich gebessert, und man hatte ihn bereits darauf vorbereitet, daß Eugenia nächstens gleichfalls nach demselben zu spielen anfangen werde, um ihm dadurch ihren späteren immensen Gewinn plausibel zu machen und ihn zur skrupellosen Annahme des Geldes zu bewegen. Wenn irgendwo, war hier eine Notlüge wohl berechtigt, durch die ein Menschenleben gerettet und ein liebendes Paar glücklich vereint wurde und die einem alten ehrenvollen Namen wieder zu makellosem Glanz verhalf. Mittags kam der Wagen mit dem Reiherschen Ehepaar, das die Geschwister zum Korso abholte. Die anderen waren schon alle voraus. Adele Lindenthal hatte die Zeit nicht erwarten können. Die kleine Frau Reiher war entsetzt über Margots dunkles, unfestliches Kleid. Sie wollte in keinem Falle dulden, daß sie darin blieb, und ruhte nicht eher, als bis sie selber in Margots Kleiderschrank ein anderes, helles Kleid entdeckt hatte, das sie ihr nun in der Eile anziehen half. »Wie eine Klosterschwester sahen Sie ja aus«, schalt sie, »Sie verkörperter Frühling. Schämen Sie sich, sich mutwillig zu entstellen! Überhaupt, was machen Sie heut' für eine Duldermiene? Gar nicht ein bißchen nach Sonnenschein und Blumenschlacht sehen Sie aus. Ist das recht? Gar keine Farbe im Gesicht. Und Ihre Blumen? Wo haben Sie denn Ihre Blumen? Schnell, schnell! Die Herren werden sonst ungeduldig, mein Adolf wartet nicht gern.« »Ich möchte keine Blumen vorstecken«, sagte Margot, während die kleine Frau ihr kniend die letzten Falten an dem übergestreiften Kleide zurechtzog. »Warum nicht gar!« Frau Reiher schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Keine Blumen! Und hier steht ein Korb voll, der direkt aus einem königlichen oder kaiserlichen Hofgarten stammen muß! Gegen die können sich unsere Wagen nur verkriechen. Jetzt aber keine Faxen gemacht, Kindchen! Schnell, hier die La France ins Haar – Gott, was für herrliches Haar! Wer's auch so hätte! – So, und nun die Gardenien vorn an die Brust – prachtvoll! Warten Sie mal! Hier stecken wir noch eine Rose an der Schulter fest. Na, nun sehen Sie sich aber mal im Spiegel! He? Wie gefallen sich Mademoiselle? Bloß noch ein bißchen freundlicher aussehen, ja? Wie beim Photographen! So, nun lächeln Sie schon. Bravo! Bravo! Jetzt kann man Staat mit Ihnen machen. Kommen Sie! Es wird riesig fidel werden. Mein Adolf ist in rosigster Laune.« Sie zog sie am Arm mit fort. Der viersitzige Korbwagen, der draußen vor der Villa auf sie wartete, war mit Blumengirlanden geschmückt, flache Körbe voller Buketts waren zwischen den Sitzen und auf dem Kutscherbock festgebunden. In scharfem Trabe fuhr man die Rue de La France hinauf, um von da durch eine Seitengasse in die Promenade des Anglais einzubiegen und sich der unabsehbaren Wagenreihe anzuschließen, die auf und nieder fuhr. Ein buntes, bewegtes Bild entfaltete sich hier. Die breite, palmenbepflanzte Avenue am Meer war mit einem Wald von Fahnenmasten zu beiden Seiten eingehegt, Girlanden zogen sich dazwischen hin und die farbigen Banner und Wimpel aller Nationen flatterten darüber im Seewind, der die kleinen, weißschäumigen Wellen der blauen, sonnenüberflimmerten Engelsbucht gegen das herrlich geschwungene Ufer heraufwarf. In zwei langen Reihen rollten die blumenbekränzten Wagen mit ihren festlich gekleideten Insassen zwischen dem grünumwundenen Spalier aneinander vorüber. Die amphitheatralisch aufsteigenden Tribünen, die an der Meeresseite errichtet worden, waren mit Menschen überfüllt, und zwischen den Fahnenstangen drängten sie sich in dichten Scharen. An allen Fenstern und auf allen Balkonen der Villen und großen Hotels, die auf die Promenade blickten, standen und saßen Leute. Und alle waren in festlich-erregter Stimmung, alle hatten Körbe mit Blumen und Sträußen vor sich. Und nun begann unter diesem herrlichen Himmel und angesichts des schimmernden Meeres ein anmutiger Kampf. Von einem Wagen zum anderen hinüber, von den Tribünen her, von Fenstern und Terrassen, aus den Händen der Fußgänger flogen die Blumen durch die Luft. Alle Hände griffen danach, alle Hände beteiligten sich an dem graziösen Spiel. Einzelne Blumen, einfache kleine Sträußchen und kostbare Buketts wurden geworfen, ein unaufhörlicher Regen von Blüten ergoß sich herüber und hinüber. Ganze Körbe von abgeschnittenen Blumen wurden von den Tribünen und Baikonen manchmal über einen besonders prächtig dekorierten Wagen, über eine durch Toilette, Schönheit oder beides zugleich ausgezeichnete Insassin ausgeschüttet. Wogen von Duft schwammen in der Luft. Zwischen den rollenden Wagen her schoß sich überkugelnd, trotz aller polizeilichen Verbote und der hoch zu Roß dahertrabenden Gendarmerie, die den Wagenzug anführte, die Straßenjugend, um die nicht aufgefangenen Sträuße mit ihren halb zerschlagenen und völlig verstaubten Blumen aufzulesen, und die Blumenverkäufer mit ihren Körben voll duftiger Ware drängten sich mit anpreisenden Rufen durch das bunte Getümmel. Lauter lachende Gesichter, helle Daseinsfreude draußen und auf aller Mienen. Je weiter der Nachmittag vorrückte, um so lebhafter entwickelte sich die Schlacht. Immer neue Blumenwagen erschienen, die schönsten kamen erst jetzt, weil die Ausschmückung sich verzögert hatte oder man durch spätes Erscheinen doppeltes Aufsehen erregen wollte. Man kannte sich nun auch besser untereinander, persönliche Beziehungen hatten sich stillschweigend von Wagen zu Wagen und zwischen Tribünenbesuchern angeknüpft. Überall standen die Werfenden schon aufrecht in den Wagen, um besser sehen und zielen zu können, die bis zuletzt aufgesparten kostbareren Sträuße wurden geopfert, die ganze Luft war durchschwirrt von Blüten und Blättern. Das Erscheinen der prächtigsten Gefährte wurde mit Händeklatschen begrüßt, den schönsten Frauenerscheinungen in den Wagen fielen die wertvollsten Riesenbuketts in den Schoß. Die ganze Straße war längst bestreut mit Grün und verstaubten Kelchen, über welche die Räder erbarmungslos hinrollten. Eine Fülle von Frauenschönheit und auserlesenen Toiletten bargen die Blumenwagen. Alle Nationen hatten dazu beigetragen; was an Reichtum und körperlichen Reizen nur irgend in Nizza zusammengeströmt war, das zeigte sich hier in seiner verführerischesten Gestalt. Fürstlichkeiten und Damen der Halbwelt, amerikanische Millionäre, die auf ihren luxuriösen Jachten den Ozean gekreuzt hatten, und dunkle Existenzen, die ihren Lebensunterhalt an der Spielbank von Monte Carlo gewannen – hier fuhren sie als Gleichberechtigte hinter- und nebeneinander her, bewarfen sich mit Blumen und wurden beklatscht; kein Rang oder Stand galt etwas in diesem Wettkampf, nur Geschmack und Anmut entschieden. Der Wagen, in dem Margot neben Frau Reiher den Vordersitz einnahm, war natürlich im Gewühl nicht unbemerkt geblieben. Die beiden nebeneinander lehnenden Frauengestalten in den hellen Kleidern, beide in ganz verschiedener Weise reizvoll und anmutig, das geschmackvoll dekorierte Gefährt und die lebhafte Beteiligung der beiden Herren an dem Blumenkampf mußten auffallen. Es wirbelte von Buketts um sie herum, und die Körbe voll Blumen, die der Wagen barg, waren bald leer, da auch die kleine Frau neben Margot allmählich in ein wahres Fieber geriet und mit beiden Händen, lachend und strahlend vor Heiterkeit, ihre Blumen verstreute. Auf einer der mit rotem Tuch ausgeschlagenen und von Trikoloren umflatterten Tribünen war überdies der Fürst Caraffa mit seiner Tochter erschienen, und Harro konnte nicht Sträuße genug aufkaufen, um sie der Geliebten zuzuwerfen, die schön und mit einem so selig-befriedigten Gesichtsausdruck dasaß, daß es Margot eigenartig durchschauerte. »So sieht eine Glückliche aus!« mußte sie denken. Sie selbst beteiligte sich unter dem Vorwand der Müdigkeit – der übrigens kaum einer war – nicht an der lustigen Schlacht, sie konnte nicht; sie schloß nur immer die Augen, wenn die kleinen duftigen Geschosse heranschwirrten. Und dann spähte sie manchmal unruhig durch das Gedränge. War Arno von Meyburg immer noch nicht da? Aber er würde schon kommen, sie durfte ruhig sein. Und immer hatte sie eine krankhafte Angst davor, daß Erich Holdheim da sein und mit ansehen könne, wie Arno von Meyburg ihre Hand ergriff, ohne daß sie sich wehrte. Eine törichte, kindische Angst. Wie sollte Erich Holdheim hierher kommen? Gewühl und fröhliches Lärmen scheute und mied er ja vor allem – er, der Verfemte. Und dann, was lag daran, wenn er es erfuhr? Einmal mußte es ja doch sein. Nur daß es ihr davor bangte, seine Augen sehen zu sollen, wenn sie mit stummem Vorwurf, mit anklagender Frage auf ihr ruhten: »Warum hast du das getan? Ich habe dich doch gewarnt vor diesem Mann!« Diese schönen, traurigen Mannesaugen! – Wie in halber Geistesabwesenheit saß Margot da. Und um sie her brauste das muntere Treiben. Aus den Wagen mit den anderen Bekannten des Hotel Beaurivage flogen die Buketts unablässig zu ihr herüber, so daß sie wenigstens dankend lächelnd sich verneigen mußte. Und Herr von Saldern hatte ihr im Vorübergehen sogar ein Kamelienbukett von riesigem Umfang in den Schoß gelegt. Der gute Junge! Es mochte beinahe eine Monatsgage beansprucht haben, und er hatte ihr gestanden, daß er einen so kleinen Zuschuß hatte. Wie ehrlich bekümmert er sie dabei angeblickt hatte! Eben fuhr der russische Großfürst, der überall der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit war, in einem eleganten Viererzug, den er selber lenkte, an ihr vorüber, von allen Tribünen mit stürmischem Beifallsklatschen begrüßt. Und wieder kam es ihr vor, als ob die Blicke des hochgewachsenen Mannes sie streiften wie bei der jedesmaligen Begegnung; jetzt aber griff er sogar mit der Hand, welche die Peitsche gehalten hatte, die er nun dem Diener neben sich zuwarf, nach einem Kranz von Maiblumen und Syringen, der eine lange Seidenschleife trug, und mit einer geschickten Bewegung warf er ihn so, daß er sich Margot um den Hals legte. Dann fuhr er, den Hut ziehend und sich lächelnd verbeugend, weiter, während ein Klatschen und Rufen sich aus allen Reihen der dichtgedrängten Zuschauer erhob. Den Zunächststehenden entging die in großen Goldbuchstaben die Widmungsschleife zierende Aufschrift nicht: »Der Schönsten!« und einer wiederholte sie dem anderen, bis der ganze Haufe begriff, was der Kranzwurf aus so hoher Hand eigentlich hatte bedeuten sollen und es sich nun durch die Reihen fortpflanzte: »Die Schönste! Diese ist die Schönste!« Und nun wurde erst vollends Beifall gerufen, nun richteten sich aller Augen auf Margot, nun regnete es Blumen um sie her. Sie selber aber war wie erstarrt. Sie wußte gar nicht, wie sie sich vor all diesen Blicken retten sollte, die sich wie feurige Pfeile ihr ins Gesicht zu bohren schienen. Sie schloß die Augen. »Das ist die Schönste!« hallte es um sie her, und sie hätte allen diesen müßigen Gaffern zuschreien mögen: »Die Unseligste ist es – bedauert sie, aber beneidet sie nicht etwa gar!« Und sie zerrte den Kranz, der sie zu ersticken drohte, herab. Nur fort! Nur fort von hier, dachte sie. Plötzlich hörte sie dicht neben sich eine Stimme, bei deren Klang sie ein Zittern durchrann. »Darf ich Ihnen helfen, Fräulein Margot?« Es war Arno von Meyburg. Erschrocken schlug sie die Augen auf. Der Wagen hatte halten müssen, weil der Zug stockte, und Harro war ausgestiegen, um Eugenia drüben auf der Tribüne zu begrüßen. In diesem Augenblick hatte Arno sich in den Wagen geschwungen und berührte nun, während er ihr dabei behilflich war, sich des Kranzes zu entledigen, Margots beide Hände. Sein Gesicht war dicht vor dem ihrigen, er sah auffallend ernst aus, ein angstvoller Zug war in seinen Mienen. Und während der Wagen sich nun langsam in Bewegung setzte und das Ehepaar Reiher mit aller Leidenschaftlichkeit Blumen warf und auffing, hörte sie ihn, den Kranz in beiden Händen, fragen: »Welche Antwort hat die Schönste für mich, Margot? Darf ich hoffen?« Es klang ganz leise, und noch leiser erwiderte sie, indes ihr's war, als stehe das Herz in ihrer Brust still: »Ja, ich bin bereit.« Es war nicht wie die Zusage einer Liebenden, sondern wie das Gelübde einer Opfermutigen. Und so saß Margot auch da, mitten unter dem Blumenregen, der auf sie herabrieselte, und unter den Beifallsrufen der enthusiasmierten Menge. »Wenn Sie mir einen Dienst erzeigen wollen«, murmelte sie, während er ihr in stummer Verzückung ins Gesicht blickte, ohne daß er auch nur ihre Hände zu berühren gewagt hätte, »so führen Sie mich jetzt unverzüglich nach Hause. Mir ist nicht ganz wohl. Ich möchte die anderen nicht stören – wir können zu Fuß gehen.« Arno hatte sich bereits erhoben. »Wenn wir durch diese Querstraße gehen, finden wir einen Wagen, in dem ich gekommen bin«, gab er leise zurück. »Soll ich halten lassen?« »Bitte, ja.« Margot wandte sich ihrer Nachbarin zu. »Ich habe Herrn von Meyburg gebeten, mich nach Hause zu bringen. Ich halt's vor Kopfschmerzen nicht mehr aus. Sagen Sie es, bitte, Harro, wenn er zurückkommt. Und er soll sich um keinen Preis abhalten lassen, bis zum Schluß zu bleiben. Vielen Dank! Lassen Sie sich ja nicht stören – bitte, bitte! Und kein Aufsehen! Adieu, auf Wiedersehen!« Frau Reiher war sehr bestürzt. »Drückt der Ruhm Sie so schwer, Liebste? Na, na, leugnen Sie nur nicht! Sie schämen und genieren sich bloß. Sie kennt man. Der Kranz macht Ihnen Kopfschmerzen! Adieu, Schönste von allen. Und Adele Lindenthal soll es sofort an die Zeitungen schreiben.« Arno hatte Margot aus dem Wagen gehoben und führte sie nun am Arm durch ein dichtes Spalier von Menschen, das den Zugang der Seitengasse versperrte, bis an ein Coupé, in das er ihr einsteigen half. Bei allem benahm er sich so ritterlich und zugleich so zartfühlend, daß Margot angenehm davon berührt wurde. Als sie im Wagen saßen und dieser mit ihnen davoneilte, dachte sie: »Wenn er mich jetzt küssen will, habe ich keinen Grund mehr, es ihm zu verbieten – ich bin ja nun seine Braut.« Ein Schauer rann ihr dabei durch die Glieder. Seine Braut! Aber Arno dachte offenbar nicht daran, seine jungen Rechte an sie geltend zu machen. Nicht einmal ihre Hand nahm er. Er richtete auch das Wort nicht an sie, um sie nicht zu stören. Nur seine Augen ruhten immer in seligem Triumph auf ihrem blassen, müden Gesicht. Und einmal flüsterte er kaum hörbar vor sich hin: »Mein Gott, wie Sie schön sind!« So kamen sie vor Villa Erminia an. Margot stieg aus wie in halbem Traum. Es war ihr, als käme sie als eine ganz Fremde zurück, und mit ganz fremden Augen sah sie das Häuschen im Grün an. »Die Schönste!« klang es in ihr, und sie lächelte bitter. Es war doch schwer, das Leben – schwerer noch, als sie gedacht. »Ich fürchte, ich darf nicht mit Ihnen hinein«, sagte Arno, seinen Hut in der Hand, als sie vor der Tür des Gartensalons standen. Sie schüttelte den Kopf, ihr Antlitz war von Glut bedeckt. »Nein, bitte. Ein andermal – morgen – ich bin Ihnen so dankbar.« Sie drückte seine Hand. Es war, als griffe sie in Feuer; ihre eigenen Finger freilich waren eiskalt. »Wenn ich Sie nur beruhigt verlassen kann, Margot«, sagte er. »Das können Sie. Ich bin nur müde – sehr müde. Nochmals: ich danke Ihnen.« Er beugte sich über ihre Hand und küßte sie. »Auf Wiedersehen, Margot!« Und er ging davon, ohne mehr nach ihr zurückzublicken. X. Nun brauste die tolle Lust des Karnevals durch die Straßen von Nizza. Die Blumenschlacht hatte ihn eingeleitet, und im Triumph hatten die Nizzarden die Riesenpuppe des Prinzen Karneval auf rollenden Rädern vom Bahnhof her abends bei Fackelbeleuchtung und Musik in ihre Stadt geleitet. Und nun schwamm alles im Festrausch. Die Belustigungen jagten einander, und das ganze Leben schien ein einziger Taumel zu sein. Bald bewegten sich bunte Maskenzüge, Kavalkaden, riesenhafte Festwagen mit geschmackvoll dekoriertem Aufbau in langer Reihe durch die festlich geschmückten Straßen, während der Konfettiregen aus allen Fenstern niederrieselte, bald lockten Maskenbälle, Regatten und Korsofahrten. Das Vergnügungsprogramm schien unerschöpflich zu sein und stellte gewaltige Anforderungen an das Leistungsvermögen der aus allen Weltgegenden zusammengeströmten Scharen, welche die Hotels und Mietshäuser bis in die letzte Dachkammer hinauf füllten. Nie hatte Nizza einen glänzenderen Karneval erlebt. Und ein immer wolkenfreier Himmel blaute über der meerumgürteten, von blühenden Gärten durchdufteten Stadt, die ein einziger schimmernder Festsaal und nur geschaffen schien, zum Tummelplatz hellster Daseinsfreude zu dienen. Es machte den Eindruck, als ob es eine traurige oder leidende Menschheit überhaupt nicht gäbe. Margot spürte von dem Faschingstaumel, der alle anderen ergriffen hatte, freilich nichts. Sie war nun Arno von Meyburgs Braut. Sie sagte es sich manchmal selber vor, weil es ihr immer noch unglaublich vorkam. Man hatte ihr von allen Seiten gratuliert. Obgleich keine Verlobungskarten gedruckt worden waren – Arno hatte gewünscht, erst die Vermählungsanzeigen zu versenden –, hatte man doch alle Bekannten benachrichtigt und Aufsehen und Verwunderung waren überall groß. Die Nachricht mußte sich dank Adele Lindenthal und Herrn von Jorell durch die ganze Fremdenkolonie verbreitet haben, denn eines Tages wurde in Villa Erminia ein Riesenbukett von Gloire-de-Dijon-Rosen abgegeben, dem die Visitenkarte des Großfürsten mit zwei liebenswürdigen Zeilen beigeheftet war. Im allgemeinen hatte man mitten im Karnevalstrubel nicht viel Zeit, sich eingehend mit fremden Angelegenheiten zu beschäftigen, man begnügte sich also meistens damit, sich zu wundern und der Meinung Ausdruck zu geben, daß Margot von Detten doch noch eine ganz andere Partie hätte machen können als diesen Herrn von Meyburg, der ja sehr elegant, weltgewandt und amüsant, aber doch schon ein bißchen verlebt war und als gewerbsmäßiger Spieler galt. Warum hatte sie nicht noch ein bißchen gewartet, bis ein anderer kam? Und glückstrahlend sah sie gerade auch nicht aus als junge Braut. Adele Lindenthal erklärte die Verbindung sogar als eine »Vernunftehe«, und Herr von Jorell war nicht abgeneigt zu glauben, es müsse etwas Besonderes dahinter stecken. Der Leutnant von Saldern aber war mitten aus dem Karneval heraus nach Mentone übergesiedelt, weil er »sich leidend fühlte«; nun, man wußte, woran er litt, der arme Kerl. Den Anblick des glücklichen Nebenbuhlers konnte er offenbar nicht vertragen, das war alles. In Wahrheit hatte er Margot nur durch eine Karte mit einem »p. f.« gratuliert und sich nicht mehr vor ihr sehen lassen. Ein ebenso knapper Glückwunsch war ihr von Doktor Leuthold zugekommen, der ihr bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße sogar allem Anschein nach ausgewichen war. Was das bedeutete, da der alte Herr sonst immer so besonders freundschaftlich und väterlich sich zu ihr gezeigt hatte, begriff sie nicht; selbst wenn er ihre Verlobung nicht billigte, hatte er doch keinen Grund, sie zu verletzen. Viel nachhaltiger als alles dies beschäftigte sie aber das Stummbleiben Erich Holdheims. Daß er von ihrer Verlobung trotz seiner Abgeschlossenheit Kunde erhalten hatte, entnahm sie daraus, daß von da an keine Blumen mehr aus seinem Garten bei ihr abgegeben wurden. Einer Braut gegenüber – und der Braut dieses Mannes – glaubte er wohl dazu nicht mehr berechtigt zu sein oder wollte sich doch nicht einer Zurechtweisung von Seiten Arno von Meyburgs aussetzen. Kein Wort von ihm war zu ihr gelangt. Wie sollte das auch sein? Er hatte sie vor diesem Manne gewarnt, dessen Braut sie nun war, und konnte ihr jetzt nicht Glück wünschen zu ihrer Verlobung. – Jeder andere hätte das vielleicht gekonnt, er nicht. Das war das Schwerste, daran sie trug; einem Manne gehören zu sollen, den er haßte. Sie fürchtete sich vor dem Augenblick, wo sie ihn wiedersehen würde. Sie wollte ihn nicht wiedersehen. Nicht einmal in den Garten getraute sie sich mehr. Ihr war immer, als müsse er an der Hecke stehen und sie anblicken – so voller Vorwurf, so voller Trauer. Nein, nein! Nur nicht daran denken, nur lieber vergessen, sich betäuben; dafür war ja der Karneval gut. Arno von Meyburg kam jeden Tag, um sie abzuholen. Und jeden Tag war er gleich rücksichtsvoll, aufmerksam und ritterlich gegen sie, sie konnte sich nicht über ihn beklagen. Noch nie hatte er ihre Lippen geküßt, immer nur ihre Hände, und sie war ihm so dankbar dafür. Es war, als ob er gewußt hätte, wie er sich am besten bei ihr einschmeicheln könne. Manchmal freilich sah er sie mit Blicken an, vor denen es ihr bangte. Dann mußte sie der Zukunft denken, und ein kalter Schauer überrieselte sie, die ganze Scham des Weibes, das sich dem ungeliebten Manne ergeben soll, war in ihr. Und sie mußte in Harros glückstrahlendes Gesicht blicken, seinen zukunftsseligen Worten lauschen, um sich daran wieder Mut und Trost zu holen. »Ich habe dir mein Gelöbnis gehalten, Mutter«, sagte sie sich, »aber es ist schwer.« Heute war letzter Konfettitag und man wollte den großen Maskenzug noch einmal sehen. Harro und Arno hatten einer Einladung zum Luncheon ins Hotel Beaurivage Folge geleistet, während Margot sich zurückgehalten hatte, um vor den zu erwartenden Anstrengungen des Tages Ruhe zu haben. In Wahrheit hatte sie sich vor all den beobachtenden Blicken der »Freunde« gefürchtet, die an der Hoteltafel auf ihr und Arno ruhen würden. Dagegen hatte sie versprochen, die Gesellschaft rechtzeitig aus dem Hotelgarten, wo nach dem Luncheon alle Welt in den großen Strandkörben saß, abzuholen. Als sie zur bestimmten Zeit aus dem Hause trat, ihren grauen Domino und die Drahtmaske, ohne die sich heute niemand in den Stunden der Maskenfreiheit auf die Straße wagen konnte, über dem Arm, stieß sie plötzlich auf Erich Holdheim, der sich eben von Doktor Leuthold, mit dem er aus seiner Villa gekommen, verabschiedet haben mußte. Denn diesen letzteren sah Margot mit raschen Schritten die Straße hinabeilen, beinahe als ob er vor ihr fliehen wolle. Erich Holdheim seinerseits mochte: das gleiche beabsichtigt haben, konnte aber nicht an ihr vorüber, ohne sie zu grüßen. In der Verwirrung, die sich ihrer beider bei dem ebenso unerwarteten wie unerwünschten Zusammentreffen bemächtigt hatte, standen sie mit einem Male dicht voreinander, ohne selber zu wissen, wie das zugegangen. Während Margots Antlitz von heißer Glut überflammt war, sah Erich totenbleich aus. Beide zitterten leise, beide sahen aneinander vorüber. Erich hielt seinen Hut in der Hand und zerknüllte ihn mit nervös zuckenden Fingern. Er fühlte, daß er etwas sagen müsse. Aber er konnte nicht lügen. Ein Glückwunsch wäre ihm jetzt als eine Lüge erschienen. »Wir haben uns recht lange nicht gesehen, Fräulein von Detten«, sagte er endlich leise. Es klang ihm selber wunderlich. Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Als ob wir uns weiter nichts zu sagen hätten!« dachte sie wehmütig. Und dann, um ihm zu helfen, fügte sie hinzu: »Ich hörte durch Doktor Leuthold leider, daß Sie Sorge haben – daß der Zustand Ihrer Frau Mutter –« Er nickte traurig. »Ja, es steht schlecht«, sagte er mit zusammengezogenen Brauen. Er schien etwas hinzusetzen zu wollen, was er aber wieder unterdrückte. Noch immer hatte er sie nicht angesehen. Mit hängenden Schultern, müde und gebrochen stand er im hellen Mittagssonnenschein vor ihr da. Margot war's, als ruhten seine Augen auf dem Domino über ihrem Arm. Sie zuckte leise zusammen. Wie es ihm wohl zu Sinne werden mochte, wenn er daran dachte, daß er selber jetzt an das Krankenbett – vielleicht an das Sterbebett – seiner Mutter zurückeilte, während sie, Margot, sich in den bunten Mummenschanz da draußen mischen wollte! Lieber Gott, wenn er freilich gewußt hätte, mit welchen Gefühlen sie an dem tollen Faschingstaumel dieser Tage sich beteiligte! »Sie haben doch noch Hoffnung?« fragte sie, da das eingetretene Schweigen sie zu ängstigen anfing. Er schüttelte leise den Kopf und zuckte die Schultern. »Wenig.« Und wieder starrte er vor sich nieder mit dem gleichen hoffnungsleeren Blick von vorhin, der sie im Innersten erschüttert hatte. Und dann, plötzlich, als ob sie beide noch nie von etwas anderem geredet hätten, fragte er ausbrechend: »Fräulein von Detten, lieben Sie diesen Mann?« Es klang nicht drohend oder anklagend, nur traurig war der Ton seiner Frage, unsäglich traurig. Und darum gerade ergriff er sie doppelt, gerade darum konnte sie ihm nicht antworten, woher denn er das Recht zu solch einer Frage nahm. Aber es bedurfte dessen auch nicht mehr. Denn Erich Holdheim hatte sich selber besonnen. Er hatte sich über die Stirn hingestrichen und stotterte nun: »Verzeihen Sie – ich habe mich vergessen. Natürlich lieben Sie ihn ja. Margot von Detten erhört keinen Mann anders als aus Liebe. Und Liebe erklärt alles, Liebe rechtfertigt alles. Nochmals, verzeihen Sie mir! Ich bin nicht ganz zurechnungsfähig in diesen Tagen. Ich halte Sie auch so lange auf, Sie haben sicherlich Eile. Grüßen Sie Ihren Herrn Bruder von mir. Leben Sie wohl!« Er verneigte sich linkisch, ohne ihr die Hand zu reichen, und ging rasch auf die Straßenpforte der Villa La Paix zu. Margot legte den kurzen Weg zum Hotel Beaurivage wie mechanisch zurück. Die Begegnung hatte alle Tiefen ihres Innern wieder aufgewühlt. Und unablässig klang es in ihr: »Margot von Detten erhört keinen Mann anders als aus Liebe!« Nun gut, mochte er es doch glauben! Und doch hätte sie aufschreien mögen in Jammer und Weh. »Mein Platz wäre jetzt dort am Krankenlager seiner Mutter«, dachte sie, »neben ihm!« Statt dessen befand sie sich eine halbe Stunde später, die Seele immer noch wund von seinen Worten, aus denen sie neben all seinem Schmerz zum erstenmal auch seine Liebe – seine verfehlte, hoffnungslose Liebe – zu vernehmen geglaubt hatte, mitten im lauten, lustigen Maskengewühl, das alle Hauptstraßen der festfreudigen Stadt durchwogte, und um sie her lachte und neckte und schrie es in allen Sprachen, tanzten alle die kostümierten Gestalten, Pierrots und Pierretten, rieselte der Konfettiregen, kreischte, klingelte und sang das tolle Getreibe. Masken in allen Fenstern, auf allen Baikonen der geschmückten Häuser, Masken in dichten Reihen auf den Trottoiren der beflaggten Straßen, Masken in langen Schwärmen, Arm in Arm dahinschlendernd, bald harmlose Wanderer umzingelnd und umtanzend, bald mit verstellten Diskantstimmen auf sie einredend, sie nasführend, sie ansingend, bald in ein leidenschaftlich geführtes Gefecht mit den kleinen Gipskügelchen sich verwickelnd, die zu Tausenden, zu Hunderttausenden unablässig herauf und herab, hinüber und herüber durch die Luft fliegen. Jeder hat sein Säckchen voll um den Leib geschnallt oder trägt große Papiertüten voll davon in den Händen, jeder hat seine Blechschaufel, um die Geschosse abzuschnellen; denn hier muß jeder sich wehren, verschont wird keiner. Man bewirft die Kutscher der Doktorwagen, die sich durchs Gedränge ihren Weg bahnen, man bewirft die Musikanten, die, eine lustige Weise nach der anderen blasend, die palmenbepflanzten Meerpromenaden durchziehen, die Gendarmen, die den großen Galazug anführen, und alle die phantastisch aufgeputzten Gestalten, welche die großen Karnevalswagen mit ihren allegorischen und satyrischen Darstellungen bevölkern, man wirft wahllos und rücksichtslos. Jeder weiß das, und jeder hat sich darauf vorbereitet. Wehe dem, der in eleganter Kleidung, mit feinem Hut oder ohne Drahtmaske vor dem Gesicht sich in dies kämpfende Gewühl mischt! Im Umsehen ist das Opfer so übel zugerichtet, daß es den Kampfplatz räumen muß, und der Triumphgesang der Sieger hallt hinter ihm her. Von den Baikonen schüttet man manchmal ganze Säcke voll Konfetti herab, überall entspinnen sich Einzelkämpfe, die an Erbitterung zunehmen und erst mit der Flucht der einen Partei enden. Alles ist überwölkt von feinem, weißlichem Staub. Die Straßen sehen aus, als ob es geschneit hätte, und die schweren Räder der Dekorationswagen mahlen förmlich in der weißen Masse; Mäntel und Hüte, rote Schellenkappen und phantastische Maskenkostüme sind gleicherweise bestäubt. Und immer weiter unter dem strahlenden Rivierahimmel und angesichts des Meeres, das seine blauen Wogen sonnenglitzernd gegen den Strand rollt, tobt und tanzt, lacht und singt es durch die Gassen. Ganz Nizza ist unterwegs, alle Unterschiede des Ranges und der Nationalität sind unter der Herrschaft der Pritsche, unter dem Schutz des gleichmachenden Dominos aufgehoben, ganz Nizza ist lustig. Die Gesellschaft aus dem Hotel Beaurivage hatte sich rasch von der Welle der allgemeinen Ausgelassenheit mit fortreißen lassen, selbst die Zurückhaltendsten konnten auf die Dauer der überschäumenden Karnevalslust nicht widerstehen, die sie in tausend Gestalten umbrandete. Herr von Jorell kämpfte mit kunstgerechten Schaufelwürfen gegen ein halbes Dutzend roter Satanellas an, die ihn in die Flucht jagen wollten, und Adele Lindenthal konnte sich gegen die Versuche einiger Chinesen, die sie erst umtanzten und dann in ihren Wagen schleppen wollten, nicht anders wehren, als daß sie sich ihre Drahtmaske herabriß und ihnen ihr zorniges Antlitz zeigte – wenigstens behauptete Harro, da hätten die kühnen Piraten schleunigst die Flucht ergriffen. Er selbst war in übermütigster Laune. Arno hatte heute die Mitteilung erhalten, daß er im Crédit Lyonnais, dem angesehensten Bankinstitut Nizzas, auf seine Ansprüche an die Meyburgsche Erbschaft hin die geforderten dreimalhunderttausend Franken erheben könne, welche das Nachlaßkuratorium auf seinen Wunsch daselbst angewiesen hatte. Die Stunde der Erlösung für Eugenia hatte also geschlagen. Mußte die Arme doch auch jetzt, wo die Faschingslust die ganze Riviera entlang jauchzte und jubelte, hinter ihrem Vater am Spieltische stehen; denn die Spielbank von Monte Carlo kannte keinen Karneval, und der Fürst Caraffa, der gerade jetzt sein neu ersonnenes System erproben wollte, konnte, obgleich schwer leidend und kaum imstande, sich tagtäglich zum Kasino zu schleppen, keine Rast und keine Schonung mehr. Es war, als ob er ahnte, daß er nicht lange mehr Zeit haben werde, seinem System zum Siege zu verhelfen; jede Stunde, die er nicht am grünen Tisch verbrachte, dünkte ihn eine verlorene. Nur Arno selber machte auf Margot heute einen sonderbar unfrohen Eindruck, der auch mitten im johlenden Maskengewühl des Quai Masséna nicht wich. Er war wie von irgend einer Sorge gedrückt, etwas Unstetes war in seinen Bewegungen, etwas Flackerndes in seinen Augen. Er schien immer nach irgend etwas oder irgendwem zu suchen. Plötzlich mußte irgend eine Erscheinung seine Aufmerksamkeit gefesselt haben. Er betrachtete unverwandt eine Gruppe von Masken, die, Damen und Herren, in weißen Seidendominos, mit weißen Schuhen, Narrenkappen und Handschuhen, alle Arm in Arm im Takt der vorüberziehenden Musik eben die Straße herauf kam, die Pritschen schwingend und ein französisches Chanson singend, das eben im Schwünge war und in dessen Refrain die Menge lachend und johlend einfiel. Auch ihn mußte man in der Gruppe erkannt haben, trotzdem er einen schwarzen Domino trug, dessen Kapotte er über den Kopf heraufgeschlagen hatte, denn ein heftiges Konfettibombardement hob plötzlich von dort aus gegen ihn an, und man winkte und rief zu ihm herüber. Ein Kampf entspann sich, an dem sich bald auch zahlreiche andere beteiligten, die entweder in der Nähe gestanden hatten oder jetzt hinzukamen. Margot sah sich durch das heranströmende Gewühl plötzlich von Arno fortgerissen. Sie hatte außerdem Mühe, sich vor den niederprasselnden Konfettiwürfen, die an dem Geflecht ihrer Drahtmaske zerstäubten und ihr sekundenlang den Ausblick raubten, durch Niederbücken und Abwenden zu schützen. Und als sie endlich wieder frei um sich blicken konnte, gewahrte sie von all ihren Begleitern niemanden mehr. Da hörte sie sich plötzlich angeredet. Eine weibliche Gestalt in weißem Seidendomino stand neben ihr. Margot kam es so vor, als ob es eine aus jenem Schwärm sei, der vorher Arno angegriffen hatte, aber sie konnte sich täuschen; jedenfalls war auch diese vom Kopf bis zu den Füßen weiß eingehüllt, vom Gesicht unter einer weißseidenen Halbmaske nichts zu gewahren. Das Französisch, in dem die Unbekannte sie ansprach, schien Margot nicht echt zu sein. »Ich irre mich wohl nicht? Sie sind das Fräulein aus der Villa Erminia?« Es war nicht im Maskendiskant, sondern mit einer tiefen Frauenstimme gesprochen, die leicht vor Erregung zitterte und etwas rauh klang. Margot sagte, in der Annahme, daß es sich um eine Botschaft von Arno von Meyburg oder einem ihrer übrigen Begleiter handeln könne: »Allerdings, haben Sie mir etwas zu bestellen?« »Nur eine Frage habe ich an Sie zu richten.« Die Stimme bebte heftiger als vorhin. »Und die wäre?« »Hat Ihnen Arno von Meyburg« – sie sprach diesen Namen so aus, daß Margot nicht mehr zweifelte, eine Deutsche vor sich zu haben – »ein Heiratsversprechen gemacht, Mademoiselle?« Margot fuhr zurück und warf stolz den Kopf empor. »Ich begreife nicht, wie Sie zu dieser Frage kommen, und ich habe keine Lust, Ihnen darauf zu antworten.« Sie wollte sich abwenden. Die andere lachte kurz auf. »Sie sind sehr hochmütig, mein Fräulein«, sagte sie, sich immer dicht an Margots Seite haltend und jetzt mit zischender Stimme auf sie einsprechend, während ringsherum der Karnevalslärm sie beide umtobte, »aber ich schwöre Ihnen, daß ich ein vollbegründetes Recht auf diese Frage habe und daß es auch in Ihrem eigenen Interesse ist, mir Klarheit zu verschaffen. Und, wenn Ihnen das besser klingt, will ich Sie auch beschwören – will es als eine Gnade von Ihnen erflehen, mir die volle Wahrheit zu sagen.« Es war etwas so Angstvolles in den Worten der Unbekannten, daß Margot seltsam dadurch ergriffen wurde. Die unbestimmte Ahnung von etwas Geheimnisvollem und Schrecklichem dämmerte in ihr auf. »Madame«, sagte sie, »ich verstehe nichts von dem, was Sie sagen und was Sie wollen. Aber ich habe auch keinerlei Grund, Ihnen zu verhehlen, was ohnehin alle Welt weiß: daß ich Arno von Meyburgs Braut bin.« Ein Aufschrei quoll unter der weißen Seidenmaske hervor. »Also wirklich!« Die Unbekannte ließ wie zerschmettert ein paar Augenblicke lang die Arme sinken. Dann lachte sie kurz und häßlich auf. »Ein schlauer Betrüger!« murmelte sie halb für sich, »ich hab's nicht glauben wollen – ein geschickter Komödiant – aber diesmal wird es ihm nicht gelingen – diesmal nicht.« Sie legte plötzlich ihren Arm in den Margots, als ob sie sich stützen wolle. Vielleicht war es ihr auch nur darum zu tun, die andere nicht in dem verwirrenden Gedränge zu verlieren, das sie beide unablässig umbrauste. »Mademoiselle«, fing sie nach einer Weile an, während Margot schweigend die Begleitung duldete, »Sie begreifen mich nicht, sagen Sie. Soviel werden Sie aber doch wohl begreifen, daß ich auf diesen Mann, den Sie Ihren Bräutigam nennen, unveräußerliche Rechte beanspruche. Und ich möchte, Sie glaubten mir, ohne daß ich Ihnen weitere Eröffnungen mache. Es wäre für uns alle besser, wenn Sie mich nicht dazu zwängen.« »Was verlangen Sie von mir?« fragte Margot mit Widerstreben. »Es gibt nur eine Lösung. Sagen Sie Arno, daß Sie ihn freigeben, sagen Sie ihm, daß Sie nie die Seine werden können. Ich beschwöre Sie, tun Sie's! Denn Sie werden – dürfen nie die Seine werden, so lange ich lebe, dafür steh' ich Ihnen ein.« »Und wenn er mich fragt, warum ich plötzlich anderen Sinnes geworden bin? Was soll ich ihm erwidern? Ich gab ihm doch mein Wort. Und nun so auf die Bitte einer Unbekannten hin – die ich nie Auge in Auge gesehen – Sie müssen doch begreifen, daß ich das gar nicht ernst nehmen kann –« »Sagen Sie ihm, was Sie wollen! Sie werden schon etwas finden. Sagen Sie ihm, Sie seien zu der Überzeugung gekommen, ihn nicht mehr zu lieben. Lieben Sie ihn denn überhaupt – diesen Mann?« »Ich werde Ihnen hierauf keine Antwort geben«, sagte Margot, der es dem ungestümen Drängen dieser geheimnisvollen Maske gegenüber immer beklommener zumute wurde, »und ich bitte Sie überhaupt dringend, nun zu Ende zu kommen. Ich will nach Hause.« Ein zischender Laut kam unter der Maske hervor. »Nun gut, ich sehe schon, er hat Sie völlig umstrickt. Und doch habe ich Ihnen bereits gesagt, daß Arno von Meyburg Ihnen nie gehören wird, daß es eher zum äußersten kommt. Wer auf Tod und Leben kämpft, kennt betreffs seiner Mittel keine Wahl und keine Schonung mehr – auch nicht gegen sich selbst und gegen das Liebste, was er auf Erden hat. Ich liebe diesen Mann – verstehen Sie? – Ich liebe ihn! Ich kann ohne ihn nicht mehr leben, und ich will nicht. Ich habe mir diesen Mann und seine Liebe, seinen Besitz erkauft – teuer erkauft, der Himmel weiß es. Ich geb' ihn nicht mehr preis – am wenigsten an eine andere, an eine, die ihn nicht so lieben kann wie ich. Ich habe Jahre und Jahre auf den Tag gewartet, wo ich am Ziel sein würde, und jetzt sollt' ich ihn mir von Ihnen entreißen lassen? Wenn Sie selber liebten, würden Sie wissen, daß eher das Schlimmste geschehen wird. Und wenn ich ihn mir durch dies Schlimmste nicht zurückeroberte, Ihnen wenigstens würd' ich ihn doch entreißen. Und nun wählen Sie, ob Sie es zum Äußersten kommen lassen wollen! Noch ist es Zeit, diesen Konflikt friedlich zu lösen.« Sie hatte in wachsender Leidenschaft gesprochen, ihr Gesicht immer näher an das Margots drängend, weil gerade jetzt der Gala-Korso mit ohrenbetäubendem Getöse neben ihnen durch die Straße zog und ihre Worte verschlang. Ihr Arm, der noch immer den Margots umklammerte, zitterte heftig. Margot war's eine Zeitlang, als wollten ihr die Sinne schwinden. Was für ein Neues, Schreckenvolles stieg da vor ihr herauf? Sollte ihr Opfer dennoch vergeblich gebracht sein? Und wodurch hatte dieses Mädchen da neben ihr sich ein Anrecht an den Mann erkauft, dessen Braut sie, Margot, geworden war? Durch eine Sünde, durch ein Verbrechen? Denn das alles war doch nicht nur ein Betrug, eine List; das klang vielmehr so wahr und echt, daß sie ein Zittern davor anflog. Oder hatte sie es etwa wirklich mit einer Rasenden zu tun? Eine verwirrende Flut von tausend sich kreuzenden Vorstellungen drang auf Margot ein. Sie mußte ja Klarheit haben! Ein heißes Verlangen stieg in ihr auf, ein Name schoß ihr durch den Kopf: »Erich Holdheim!« Wenn sie zu ihm hätte flüchten können! Er würde ihr geraten, ihr geholfen haben. Den Weg, den er sie geführt hätte, wäre sie blindlings gegangen – und wenn er durch Dornen und Dickicht geführt hätte, denn der Weg wäre der rechte gewesen. Aber wohin verirrten sich ihre Gedanken da? »Wenden Sie sich an Arno von Meyburg selber«, stieß sie heraus, »er wird die Entscheidung treffen, die Sie fordern. Ich habe hinter seinem Rücken nichts mit Ihnen zu verhandeln. Und zeigen Sie ein offenes Visier, wenn Sie das Licht des Tages nicht zu scheuen haben! Leben Sie wohl!« Sie hatte sich frei gemacht, ihre Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen. Die andere machte eine jähe Bewegung, als ob sie sich die Maske vom Gesicht reißen wollte, führte ihren Vorsatz dann aber doch nicht aus, sondern ließ nur einen knirschenden Ton ohnmächtigen Zornes hören. »Gut denn«, sagte sie zwischen den Zähnen hindurch, »wie Sie wollen. Auf baldiges Wiedersehen!« Und sie war im Gewühl der schwärmenden Masken verschwunden, ehe Margot Zeit gehabt hätte, noch ein Wort ihr zuzurufen. In einer Schwächeanwandlung lehnte Margot sich sekundenlang gegen die Matten einer Straßentribüne, an der sie vorüberkam. Die Sinne vergingen ihr fast, aber sie wollte nicht ohnmächtig werden. Nur fort von hier mußte sie – dieser korybantische Lärm, der in so schneidendem Gegensatz zu dem stand, was ihr Innerstes durchwühlte, betäubte sie. Fort! Und sie schleppte sich mit wankenden Knien einer Seitenstraße zu. Da hörte sie hinter sich rufen: »Margot! Margot!« Es war Harros Stimme. »Endlich! Alle suchen dich. Wir haben uns alle untereinander verloren. Aber es ist lustig, nicht?« »Sehr lustig.« »Was ist dir? Du wankst ja, Mädchen. Wo ist Arno?« Er hatte den Arm um sie gelegt. »Ich weiß nicht. Bringe mich nach Hause, ja?« Er hatte kaum mehr Zeit, einen Wagen anzurufen, als sie ihm auch schon ohnmächtig im Arme lag. XI. Als Arno von Meyburg gegen fünf Uhr in der Villa Erminia anlangte, mit allen Zeichen der Hast und Verstörtheit, hatte Margot sich schon lange wieder erholt und saß im Fauteuil am halboffenen Fenster des Gartensalons, zwar noch etwas blaß, aber ganz ruhig, und lächelte über Harros besorgte und vorwurfsvolle Fragen. Sie hatte ihm sogar schon erklärt, daß sie gar nicht daran denke, heute abend dem »Corso blanc« fernzubleiben, vielmehr fest entschlossen sei, weder ihm noch sich noch sonst jemandem irgend eine von den letzten Karnevalsvergnügungen zu verderben. »Ihr braucht mich ja nicht wieder im Stiche zu lassen«, meinte sie scherzend, »ich habe mich allein in dem tollen Trubel ein bißchen geängstigt, das war alles. Jetzt fühle ich mich wieder ganz frisch.« Harro schüttelte den Kopf dazu. »Du dich ängstigen?« sagte er. »Das wäre ganz etwas Neues, das mach' einem andern weis! Nein, dich hab' ich im Leben immer nur schwach werden sehen, wenn etwas Häßliches und Gemeines an dich herantrat. Das ist das einzige, was deine Natur nicht verträgt. Und da diese Möglichkeit heute doch nicht vorliegen kann, muß ich eben glauben, daß du ernstlich krank bist.« Margot blieb dabei, seine Angst fortzuscherzen. Sie verlangte auch, daß er Arno gar nichts von dem »dummen Vorfall« berichten sollte. »Ich mag nicht wie ein bleichsüchtiger Backfisch vor ihm dastehen«, sagte sie, »das mußt du ja doch begreifen.« Arno hatte aber schon draußen von Jean, dem er Domino und Maske in Verwahrung gegeben, gehört, was sich zugetragen hatte. Er sah bleich aus, als er ins Zimmer trat, und ein unstetes, angstvolles Flackern trat in seine Augen. Er sprudelte über von tausend Entschuldigungen für sein Verschwinden. Das Gewühl sei zu undurchdringlich gewesen, er habe hundertmal graue Dominos angerufen, in der festen Überzeugung, Margot vor sich zu haben, und sei in hellster Verzweiflung zuletzt durch die Straßen geirrt, es sei ein ganz verfehlter Tag gewesen. Zuletzt bat er um ein Glas Wein, er sei todmüde vor Aufregung und Verdruß. Und dann, als der Wein gekommen war und er mehrere Gläser nacheinander hinuntergestürzt hatte, fing er plötzlich, immer in der gleichen überhasteten Sprechweise, von etwas anderem an. Er habe sich überlegt, daß diese ganze Verlobungszeit eine unnütze Quälerei sei. Warum man nicht lieber gleich heirate. Eher habe er doch keine Ruhe, eher werde er doch an sein festes, sicheres Glück nicht glauben. Wenn Margot es gut mit ihm meine, solle man gleich ohne alle Vorbereitungen Hochzeit machen. Er hatte schon den ganzen Plan fertig. Hier in Nizza war es unmöglich, rasch zu heiraten; man brauchte zur Beschaffung aller Papiere, für Aufgebot und Fristen mindestens ein halbes Jahr. In Helgoland aber könne man ohne alles Aufgebot und ohne Ausweispapiere in wenigen Stunden Mann und Frau werden, durch eine regelrechte und überall gültige kirchliche Trauung: man brauche nur eidesstattlich zu versichern, daß man nicht etwa schon vermählt sei, nach etwas anderem würde dort nicht gefragt. Und Geld koste es, aber das spiele natürlich keine Rolle. Und warum nicht gleich – warum nicht morgen gehen? Auf wen hatten sie Rücksicht zu nehmen? In acht Tagen konnten sie wieder hier sein als Mann und Frau. So lange behalf sich Harro, dem man die lange Reise nicht zumuten wollte, damit er seine Kur nicht unterbrach, schon allein; in ein paar Monaten konnten er und seine Braut es ihnen beiden ja nachmachen. Übrigens werde man natürlich in Begleitung reisen. Wer mitkommen solle, sei ihm völlig gleichgültig, seinetwegen Fräulein Adele Lindenthal, die ja die Gelegenheit zu einem dankbaren »Stoff« mit beiden Händen ergreifen werde, und auf das Geld komme es ihm ganz und gar nicht an. Margot könne ein so zahlreiches Ehrengeleit sich erwählen wie sie wolle. Man könne von Marseille aus mit einem Dampfer direkt nach Hamburg fahren. Von Hamburg hatte man nur noch wenige Stunden bis zu der kleinen roten Felseninsel in der Nordsee, wo so vernünftige Einrichtungen bestanden. Übrigens könne man auch zu Lande fahren – mit dem Pariser Blitzzug und im Schlafwagen, ihm sei alles recht. Arno redete das alles hin, er ließ den Geschwistern gar keine Zeit, einen Widerspruch geltend zu machen, alles schien bei ihm klar und fertig zu sein. Offenbar lag ihm daran, die beiden zu überrumpeln und im Sturm zu siegen. Und bei Harro gelang ihm das überraschend gut. Der junge Künstler neigte zu Extravaganzen. Arnos »verrückte Idee« gefiel ihm. Und natürlich würden Eugenia und er es ebenso machen, wenn auch erst später – etwa im Mai. Arno hatte ganz recht. Wozu warten? Das Leben ist so kurz. Zugreifen – glücklich werden, darauf kam's an. »Na und du, Margot?« fragte er dann. »Du sagst ja kein Wort? Du bist doch sozusagen auch bei der Sache beteiligt.« Arnos Augen hatten sich bohrend auf Margots Antlitz geheftet. Er schien immer wieder eine Antwort auf eine in ihm nagende Frage daraus ablesen zu wollen. Und Margot hatte, während er sprach, unablässig denken müssen: warum gerade jetzt, gerade heute diese Eile, zum Ziel zu kommen? Ahnt er etwas von der Begegnung, die ich heute gehabt? Will er jeder Einmischung von dieser Seite, jeder Gefahr durch einen Gewaltstreich zuvorkommen? Stammt seine offenkundige Verstörtheit aus der Witterung dieser Gefahr? Ihr Herz schlug laut und rasch. »Klarheit! Nur Klarheit!« dachte sie wieder, »wer gibt sie mir?« Sollte sie Arno überhaupt etwas von ihrem heutigen Erlebnis sagen? War es nicht ihre Pflicht, wenn sie doch seine Braut war? Und doch hätte sie kein Wort über die Lippen bringen können. Was würde er ihr denn auch erwidert haben? »Ein Mädchen, das ich einmal geliebt habe«, würde er sagen, »und das mich noch immer liebt und mich dir und dich mir abspenstig machen will.« Sie hörte ihn das förmlich sagen, sie kannte ihn jetzt schon. In Verlegenheit setzte man ihn nie. Und jene Unbekannte im weißen Seidendomino konnte ja wirklich eine sein, die ihn liebte und die ihn sich durch jedes Mittel zurückgewinnen wollte, ohne daß er je Verpflichtungen gegen sie eingegangen zu sein brauchte. Wenn nur dieser fürchterliche Zweifel in ihr nicht gewesen wäre! An Erich Holdheim hatte sie doch geglaubt, glaubte sie noch jetzt, trotz all der erdrückenden Schuldbeweise, die man vor ihr gegen ihn aufgehäuft. Weil sie nicht anders konnte – weil sie ihn liebte. Und Arno gegenüber klang immer in ihrer Seele nach, was einst Erich Holdheim gesagt und was heute die Unbekannte wiederholt hatte, als ihre zornige Leidenschaft sie fortgerissen: »Ein geschickter Komödiant!« Nein, nein – nicht sich mit dem unlösbaren Ja binden, so lange sie den Zweifel an ihm nicht überwinden konnte. Erst Gewißheit – Gewißheit! Arno mußte ihr die Gedanken von der Stirn ablesen. Denn er sagte plötzlich mit einem bitteren Zucken seiner Mundwinkel: »Margot ist bedenklich, wie ich sehe. Sie wittert allerlei hinter meiner Idee.« »Ich wundere mich nur, daß du gerade heute – erst heute mit deinem Vorschlag herauskommst«, erwiderte sie und sah ihn fest an. Sekundenlang ging ein seltsames Glimmern durch seine Augen hin, seine Zähne nagten an der Unterlippe. Dann lachte er kurz auf. »Wer fällt denn gleich mit der Tür ins Haus! Mein Herzenswunsch war's immer. Ich bin kein Mann der Regel und Ordnung. Und ich habe auch nicht warten gelernt. Ich denke immer, es könnte im letzten Augenblick doch noch etwas dazwischen kommen. Ich hab' zuviel Unglück im Leben gehabt, ich trau' jetzt dem Glück noch nicht recht. Und ernstliche Einwände kannst du doch kaum haben, Margot. Was du in sechs Wochen oder sechs Monaten willst, wirst du in sechs Tagen doch auch wollen. Oder –?« Harro war lachend aufgesprungen. »Nun, ich sehe schon, ein kleiner bräutlicher Zwist, der besser unter vier Augen beigelegt wird. Ich lasse euch allein – hab' ohnehin ein paar wichtige Briefe zu schreiben. Bis nachher, Arno.« Arno hielt seine Hand fest. »Nein, ich muß auch fort. Hab' auf der Bank zu tun und noch einige Geschäfte sonst zu erledigen – für den Fall, daß wir morgen oder übermorgen doch etwa reisen sollten –«, er sah Margot fest dabei an, »es könnte ja doch sein. Margot mag in der Stille überlegen. Was ich hier zur Unterstützung meiner Bitte zu sagen hatte, hab' ich ihr gesagt. Ich werde abwarten müssen, ob meine Liebe mehr über sie vermag als andere Rücksichten. Adieu. Ich hole euch zum Korso rechtzeitig ab. Auf Wiedersehen.« Er küßte Margots Hand, die eiskalt in der seinen lag, und ging. »Er will nicht mit mir allein sein«, dachte Margot, als auch Harro – dieser mit einer Neckerei auf den Lippen – gegangen war, »er fürchtet sich vor dem Alleinsein mit mir.« Als Arno aus dem Hause trat, ging eben raschen Schrittes ein Mann an ihm vorüber auf die Villa La Paix zu. Er war hochbejahrt und ging gebückt. Das bartlose, faltige Gesicht drückte tiefen Gram aus, die Augen unter den weißen buschigen Brauen waren fast erloschen. Die braunen, schwieligen Hände stützten sich fest auf einen derben Krückstock, die Kleidung des Mannes war schlicht und abgetragen. Er hatte Arno nicht gewahrt oder sich doch nicht um ihn gekümmert. Dieser aber war stehengeblieben und hatte ihm nachgeblickt, bis er unter dem Eingang der Villa verschwand. Arno rückte sich den Hut aus der Stirn, strich sich ein paarmal darüber hin. Wo hatte er denn den schon gesehen? War das nicht? – Aber das war ja unmöglich. Weshalb sollte denn der hier sein? Und jener da in der Villa La Paix sollte gewagt haben? – Warum? Und gerade jetzt? Gab es da irgend einen Zusammenhang? Bestand da irgend eine Gefahr? Arno machte mit seinem Spazierstock beim Weitergehen ein paar Hiebe durch die Luft. Warum nicht gar! Das war ja abgetan – der da stand ihm nicht im Wege. Selbst wenn er sich jetzt reinzuwaschen vermochte, nicht mehr. Aber Lucile? Wenn man die nicht still machte –. So oder so, jetzt galt's. Hinhalten und inzwischen fliehen, das blieb das Einfachste und Sicherste. Alles kam darauf an, Margot zu überreden. Nur sie keinen Argwohn schöpfen lassen! Noch waren die Fäden, die sie an ihn ketteten, nicht stark genug dazu, noch konnten sie reißen. Klug sein! Wenn je in seinem Leben alles für ihn davon abgehangen hatte – jetzt gewiß, jetzt mußte es sich ausweisen. Während Arno von Meyburg mit solchen Erwägungen eilends der Avenue de la Gare zuschritt, war Margot allein geblieben. Sie legte eine Zeitlang ihr Gesicht in die beiden Hände, mit dem halben Oberleib sich über den Tisch werfend. Sie weinte nicht – sie wollte nur nichts sehen von der Welt um sich her. Nichts sehen und am liebsten auch nichts denken. Wenn man nur das hätte können: nichts denken! Ein Klopfen an der Tür schreckte sie auf. Wenn es die Unbekannte war! Wenn sie wiederkam und ihre Drohung wahr machte und jetzt –? Immerhin! Wenn sie nur Gewißheit brachte, so sollte sie willkommen sein. Auf ihren Hereinruf trat Doktor Leuthold über die Schwelle. Er sah sehr ernst aus und grüßte sie gemessen. »Ihr Herr Bruder zu Hause, gnädiges Fräulein?« Margot bejahte und deutete auf das Nebenzimmer. »Ich will ihn rufen.« »Nein, bitte, lassen Sie. Ich habe ein paar Worte mit ihm allein zu sprechen, und es eilt. Erlauben Sie mir.« Er klopfte. »Es ist nichts Ärztliches«, fügte er hinzu, ehe er eintrat, »Sie haben keinen Grund, sich zu ängstigen.« Dann schloß sich die Tür hinter ihm. Was bedeutete das? Sie hörte den alten Herrn nebenan rasch und eindringlich sprechen. Um was mochte es sich handeln? Nichts Ärztliches sollt' es sein. Also etwas, das Harro oder sie persönlich betraf. Es handelte sich wohl gar um Arno. Wahrscheinlich – natürlich um Arno. Sollte sie horchen? Nein, pfui, es wäre ihrer unwürdig gewesen. Sie würde es schon erfahren, wenn sie sollte. Wenn ihr nur das Blut nicht so in den Schläfen gefiebert hätte! Oh, ein lustiger, lustiger Karneval! Die Tür wurde aufgerissen, und Margot hörte Harros Stimme: »Aber natürlich, Doktor. Sofort. Wie könnte da etwas anderes vorgehen!« Doktor Leuthold wollte mit einem Gruß an ihr vorüber. Da stieß sie instinktmäßig die Frage aus: »Wie steht's in der Villa La Paix, Herr Doktor? Wie geht's Frau Holdheim?« Der alte Herr hatte die Hand bereits auf dem Drücker. »Es steht schlecht«, sagte er, sich halb zurückwendend, »oder auch gut, wie man will. Es geht zu Ende. Vielleicht in dieser Nacht noch.« Er verneigte sich kurz und ging. Offenbar wollte er nicht weiter gefragt sein. In dieser Nacht noch! Margot legte die Hand aufs Herz. Und sie sollte auf den Maskenball gehen – tanzen. Und morgen, übermorgen nach Marseille und weiter zu Schiffe – nach Helgoland, zur Trauung mit Arno von Meyburg! Oh, ein lustiges Leben, ein verruchtes Leben. Dies ganze Dasein selber nichts als ein unsinniger Karneval – Kinder und Narren zu amüsieren. Harro trat jetzt in Hut und Mantel aus seinem Zimmer. »Ich muß gleich in die Villa La Paix hinüber«, sagte er. »Es handelt sich da um einen gerichtlichen Akt, bei dem ich als Zeuge fungieren soll. Ich kann nicht wissen, wann ich zurückkomme, ich fürchte, es wird sich lange hinziehen. Warte jedenfalls nicht mit dem Essen auf mich, und wenn die anderen dich nachher zum Korso abholen, geh' mit – ich stoße dann schon zu euch, sobald ich kann. Adieu.« Er strich ihr leicht über die Wange hin, da er ihre großen, angstvoll fragenden Blicke auf sich gerichtet sah. »Mach' dir keine Sorgen, Kind! Die Sache geht nicht uns an. Allem Anschein nach handelt es sich um Erich Holdheims Rehabilitierung, und das ist ja ein Ereignis, das auf deine vollste Sympathie zählen kann, nicht? Auf Wiedersehen.« Er hörte beim Hinausgehen den erleichterten Atemzug nicht, unter dem ihre gepreßte Brust sich hob, und sah den dankbaren, nahezu verklärten Blick nicht mehr, den sie zum Himmel richtete! »Also es gibt doch noch etwas Freudiges in der Welt!« schien dieser Blick zu sagen. »Und wieviel Herbes und Trübes kann man um deswillen ertragen!« XII. In dem großen Gartensaal der Villa La Paix, durch dessen geschlossene Glastüren man in den herrlichen, jetzt abendlich überdämmerten Park hinausblickte, hatte sich eine Anzahl von Menschen zusammengefunden, die alle in ernster, schweigender Erwartung verharrten. Nur mit gedämpftem Flüstertone wurden hin und wieder ein paar Worte getauscht, und gespannte Blicke gingen manchmal nach der schweren Samtportiere hinüber, die, halb aufgerafft, einen Einblick in ein geräumiges, mit einem gewissen exotischen Luxus ausgestattetes Schlafzimmer freigab. Von dort herüber drangen hier und da gemurmelte Laute, die hier nicht zu verstehen waren, die aber das Geheimnisvolle und Feierliche der Stunde nur noch zu vermehren schienen. In diese große Stille, wo jeder vor dem Geräusch seiner eigenen Schritte sich zu scheuen schien, klang nur manchmal aus der Ferne das dumpfe Gebrause des vertobenden Karnevals hinein wie Meeresbrandung. Harro von Detten hatte bei seinem Eintritt den ihm bekannten Herren schweigend die Hand gedrückt. Er fand den deutschen Vizekonsul vor, einen noch jungen und vornehm blickenden Herrn mit schwarzem, kleinem Schnurrbart und den diskreten Manieren eines Weltmannes, den Konsulatssekretär, einen älteren, etwas inquisitorisch dreinschauenden Herrn mit einem Knebelbart nach französischer Mode; einen jüngeren, vorübergehend zur Kur in Nizza weilenden deutschen Arzt, Doktor Gemberg, und den Major von Jorell. Der letztere schien sich am wenigsten behaglich hier zu fühlen. Er machte immer wieder ein paar verlorene Schritte über den weichen persischen Teppich hin, sah durch die Scheiben der Tür in den Garten hinaus, putzte seinen Kneifer und rieb mit dem Zeigefinger über die kurzen grauen Stoppeln seines ausrasierten Kinns hin. Auf den alten Mann, der sich außer diesen vier Personen noch im Zimmer befand und der sich bescheiden und anscheinend teilnahmslos in einer dunklen Ecke zusammengekauert hatte, gab niemand acht. Herr von Jorell schien die Zeit allmählich lang zu werden. Er hatte schon mehrmals auf die Uhr geblickt und trat nun zu Harro heran, der sinnend vor sich niederblickte. »Begreifen Sie eigentlich, was dies alles bedeutet?« wisperte er ihm zu. »Man munkelte ja von unerhörten Eröffnungen, die wir hier erleben sollen. Bekenntnisse einer Sterbenden – Zeugnis eines jahrelang verschwunden gewesenen, durch Gewissensqual und Heimweh zur Heimkehr und freiwilligen Gestellung getriebenen Dieners. Ich weiß nicht, was noch alles. Lauter romanhafte, abenteuerliche Dinge. Holdheim soll ganz unschuldig und ein Märtyrer aus Pietät gewesen sein. Wenn ich nur wüßte, was ich hierbei eigentlich soll!« »Wahrscheinlich will man, daß die hiesigen Vorkommnisse recht bald unter die Leute kommen«, versetzte Harro trocken in gedämpftem Ton. Der Major warf ihm einen scheelen Seitenblick zu und stellte sich, als ob er die Äußerung überhört hätte. »Wenn die Lindenthal doch hier wäre! Aber ich! Der Konsul hat merkwürdigerweise darauf bestanden. Ich kenne Holdheim ja gar nicht. Was kann mir an seiner Apotheose liegen?« Er zuckte die Achseln und sah dann etwas unsicher zum Konsul hinüber, der schon mehrfach mißbilligend die Augen auf ihn gerichtet hatte. »Wenn es nur endlich so weit wäre!« schloß er seufzend und nahm seine Teppichwanderungen wieder auf. Da wurde die Portière zum Nebengemach etwas weiter zurückgeschoben, und Doktor Leuthold trat ein. »Wir sind fertig«, sagte er und ließ jetzt den schweren Samt sorgfältig ganz zurückfallen. »Bevor ich aber die Herren bitte, mit mir einzutreten, noch einige Worte.« Die Anwesenden hatten sich alle erhoben, und Doktor Leuthold fuhr fort: »Sie wissen, daß es sich darum handelt, das Bekenntnis einer Sterbenden, ein sogenanntes »Zeugnis zum ewigen Gedächtnis«, hier aufzunehmen, und zwar in Formen, die vor jedem Gericht des In- und Auslands Rechtsgültigkeit haben. Das Protokoll ist aufgenommen worden und soll nun in Gegenwart der »kompetenten Behörde« – er verneigte sich leicht gegen den Konsul – »sowie der aufgerufenen unbescholtenen und unparteiischen Zeugen der Kranken vorgelesen werden, die durch eigenhändige Namensunterschrift in Ihrer aller Anwesenheit bezeugen will, daß die Aufzeichnungen in der Tat genau ihre Aussage wiedergeben. Da es sich hier um die Aufhellung einer bis jetzt in tiefes Dunkel gehüllten Straftat handelt, ist die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit der Patientin selbstverständlich von einer ganz besonderen Bedeutung, um so mehr, als Frau Holdheim, wie ich Ihnen nicht verschweigen darf, jahrelang in nahezu vollständiger geistiger Umnachtung gelebt hat. In bezug darauf nun kann ich Ihnen erklären, wie ich es selbstverständlich auf Verlangen später auch vor Gericht tun werde, daß sich die Dame augenblicklich in vollem Besitz ihrer geistigen Kräfte befindet. Ich bin zu dieser Überzeugung auf Grund der Wahrnehmungen gelangt, die ich während einer längeren Reihe von Tagen bei der Behandlung der Patientin machen durfte, und mein verehrter Kollege, Herr Doktor Gemberg, der sich ja auf dem Gebiete der Irrenheilkunde bereits einen angesehenen Namen gemacht hat, wird Ihnen bestätigen, daß er meine Ansicht vollkommen teilt. Es handelt sich hier eben offenbar um einen jener keineswegs seltenen Paranoiafälle, wo durch tiefgreifende körperliche Krisen die vorhandene seelische Störung plötzlich wieder beseitigt worden ist. Leider ist das, was auf der einen Seite die Heilung bewirkt hat, auf der anderen hier zugleich der Beginn der völligen Auflösung gewesen, und die beklagenswerte Dame wird sich aller menschlichen Voraussicht nach der wieder erlangten geistigen Klarheit nur noch für eine sehr kurze Spanne Zeit zu erfreuen haben. Ein ausführliches, wissenschaftlich begründetes Gutachten über ihre Zurechnungsfähigkeit werden wir mit den übrigen Aktenstücken einreichen – Ihnen, meine Herren, müssen, da wir keine Minute verlieren dürfen, diese kurzen Andeutungen genügen, und ich darf Sie nun wohl bitten, mir in das Krankenzimmer zu folgen.« Alle Anwesenden fühlten sich beklommen und bewegt, aber sie wußten dieser Bewegung keinen Ausdruck zu verleihen, und leise – einer behutsam hinter dem andern – traten sie unter der wieder emporgerafften Samtportière hindurch in das Schlafgemach der Sterbenden ein. Es war fast dunkel darin. Nur eine durch einen rotseidenen Schirm gedämpfte Lampe auf einem Ecktisch verbreitete ein geheimnisvolles Zwielicht, in dem die mancherlei exotischen Ausschmückungen des Gemaches noch phantastischer erschienen. Die Kranke selber, neben deren Bett auf einem türkischen Gebetsteppich die große silbergraue Dogge lag, die Augen unverwandt zu ihr emporgerichtet, während eine barmherzige Schwester am Kopfende des Lagers saß, ein Tischchen mit Arzneien vor sich, gewahrte man in ihren Kissen kaum. Nur die Umrisse ihrer hager gewordenen Züge waren in dem dämmerigen Licht zu unterscheiden, langes, weiß durchschimmertes schwarzes Haar floß über das weiße Kissen hin, und unter der gelbhäutigen Stirn brannten große dunkle Augen, die wie verklärt aussahen, gleich als blickten sie schon in eine andere Welt hinüber. Die wachsbleichen Hände lagen über der roten Seidendecke gefaltet. Am Fußende des Lagers stand Erich Holdheim. Er tauschte noch einmal Blicke mit der Kranken, und in den seinigen lag eine flehentliche Bitte, aber die ihren gaben einen ablehnenden Bescheid. Dann trat er auf die Herren zu, um sie zu begrüßen und ihnen ein Dankwort für ihr Erscheinen zuzuraunen – mit gemessener Höflichkeit, todernst und kühl. Nur dem jungen Arzt und Harro drückte er warm die Hand, um geräuschlos wieder auf seinen Platz zurückzukehren. Doktor Leuthold hatte sich kurz von dem Zustande der Kranken überzeugt und mit einem Nicken auf ein paar Worte erwidert, welche ihm die Kranke zuflüsterte. Dann, als die Herren sich still auf den bereitgestellten Sesseln in einiger Entfernung vom Lager der Sterbenden niedergelassen hatten, trat er an den Ecktisch, neben dem ein Mann über großen, mit Schriftzügen überdeckten Papierbogen saß, und gab ihm ein Zeichen. Der Mann rückte den Lampenschirm so, daß mehr Licht auf diese fiel, erhob sich dann, um mit mäßig lauter, gleichförmiger Stimme unter dem tiefen Schweigen der Anwesenden zu lesen: »Ich, Endesunterzeichnete, Juana Holdheim, gebe hierdurch vor den nachbenannten Zeugen bei vollen Verstandeskräften und geistiger Verfügungsfähigkeit zur Entlastung meines Gewissens vor meinem Ende, das ich herannahen fühle, das Folgende zu ewigem Gedächtnis als wahr und wirklich geschehen zu Protokoll –« Aus den eintönig vorgetragenen Sätzen, die sich da aneinander reihten, entrollte sich für die Hörer allmählich ein fesselndes Lebensgemälde, das sie in atemloser Spannung lauschen ließ und, je deutlicher es ans Licht trat, um so inniger ergriff. In diesem mystischen Halbdunkel des üppigen Gemaches, in dem eine Sterbende, nach jahrelanger Geistesumnachtung plötzlich zu voller Klarheit zurückgekehrt, sich ihrem ewigen Richter nahefühlend, von lastender Gewissensschuld sich befreite, um dem Sohn, der ihr sein Höchstes, seinen schuldlosen Namen ohne Klage zum Opfer gebracht, seine Ehre zurückzugeben, die in den Augen der Welt schmählichen Makel trug, fühlten sich alle von geheimnisvollen Schauern angeweht. Sie saßen wie in einem Bann gefangen gehalten und wagten weder einen Laut von sich zu geben, noch überhaupt sich anzublicken. Manchmal auch klang es aus dem, was sie hier vernahmen, wie eine herbe Anklage gegen sie selber auf. Hatten nicht auch sie den umlaufenden dunklen Gerüchten über Erich Holdheim ihr Ohr geliehen und es einspruchslos mit angehört, wenn man ohne jeglichen Schuldbeweis die Ehre eines unbescholtenen Mannes hämisch besudelte, der nun als ein Märtyrer seiner Kindesliebe vor ihnen dastand und um fremde Schuld sich sein Leben hatte zerstören lassen? Draußen rauschten und raunten die dunklen Wipfel der alten Steineichen des Parkes im Abendwind, die Sterne blitzten an der blauen Himmelswölbung auf, und in eine Pause, die der Vorleser machte, hallte hin und wieder mit dumpfem Brausen der drüben die Straßen der Stadt durchtobende Karnevalslärm hinein. Und manchmal erhob sich Doktor Leuthold leise und trat auf den Zehenspitzen an das Bett, um nach der Sterbenden zu sehen. Die aber lag immer mit weit offenen Augen und gefalteten Händen da, ein seltsames, beinahe befriedigtes, verklärtes Lächeln um die blutleeren Lippen. Vor den Augen der Hörer stieg der wipfelreiche Park des alten holsteinischen Herrensitzes auf, in dessen Schatten Waldemar Holdheim die schöne, junge Portugiesin vor den Augen der Welt versteckt hatte, die er sich von seinen weiten Reisen als sein Weib in die nordische Heimat mitgebracht. Er liebte sie in verzehrender Leidenschaft und gönnte einem andern kaum einmal ihren Anblick. Juana erwiderte seine Liebe mit der ganzen südlichen Glut ihrer Empfindungen, und ohne Zaudern war sie ihm in das ferne Nebelland gefolgt, das sie bis dahin kaum dem Namen nach gekannt hatte und das ihre lebhafte Phantasie mit fabelhaften Schreckgestalten bevölkerte. Aber all ihre Liebe und all seine anbetende Verehrung halfen ihr nicht fort über das nagende Heimweh, das sie nach der Sonne ihrer Heimat alsbald empfand im Schatten dieser düsteren Wälder, in denen sie eine kindische Furcht anwandelte, und wenn abends über den Wiesen die weißlichen Nebel in jagenden Schleiern aufstiegen und wallten. Sie fror, und sie ängstigte sich. Alles jagte ihr Schrecken ein: diese rauhe Sprache, die sie nicht erlernen konnte, soviel Mühe sie sich auch darum gab – diese plumpen, schweigsamen, ernsten Menschen, die gar nicht lachen zu können schienen – diese flache, reizlose Gegend, über der oft wochenlang ein grauer, regungsloser Himmel niederhing, wenn nicht gar in eintöniger Melancholie der Regen rieselte und vom nahen grauen Meer der Wind in klagenden Stößen herüberfauchte. Waldemar Holdheim war unglücklich darüber, daß sein Weib sich nicht heimisch fühlte auf seinem von seinen Vätern ererbten Grund und Boden, an dem er selber mit der starren Treue des Nordländers hing. Wie es in ihr aussah, wie sie täglich, stündlich mit ihrer verzehrenden Sehnsucht nach dem lichten, heiteren Süden zu kämpfen hatte, wußte er noch nicht einmal ganz. Sie wagte nicht, ihm zu bekennen, daß sie unter diesem Himmel zugrunde gehe, wagte nicht, ihn zu bitten, er möge sie in ein wärmeres Land und unter eine mildere Sonne zurückführen. Aber gerade weil sie schwieg und immer schweigend weiter trug, zehrte das Heimverlangen an ihrem Leben. Und eines Tages war sie fort – kein Mensch wußte warum. Man durchsuchte die ganze Umgebung nach ihr, man fand sie nicht. Waldemar Holdheim war in Verzweiflung. Da traf ein Brief von ihr ein. Sie habe das Herannahen des Winters, seiner Stürme und seiner Finsternisse nicht zum zweitenmal im kalten Norden ertragen können, sondern habe den Wahnsinn gegen sich herankriechen fühlen, wenn sie noch länger weile – ihre einzige Rettung habe sie in schleuniger Flucht gesehen. Die Notiz, daß ein Schiff aus Malaga in Kiel eingetroffen sei, welche sie in der Zeitung gefunden, habe sie als einen Wink des Himmels aufgefaßt, der ihren Fluchtplan begünstige. Wenn er ihre Zeilen erhalte, sei sie bereits unterwegs. Und nun möge er ihr seine Liebe beweisen und ihr nicht nur verzeihen, was sie getan, sondern auch ihr nachkommen und bei ihr bleiben und mit ihr unter dem schönen Himmel ihrer Heimat glücklich sein. Jede Stunde wolle sie zur Jungfrau im Himmel beten, daß er ihr vergeben und ihr folgen möge, denn sie liebe ihn mehr als je, und ohne ihn werde selbst die Heimat ihr düster und traurig erscheinen, mit ihm aber als ein strahlendes Paradies. Sie warte auf ihn, und sie wisse, nicht umsonst werde sie warten. So lautete der Brief, den Waldemar Holdheim empfing. Aber das Ungeheuerliche, was sein Weib getan, erschien ihm wie eine Schmach, die sich nie wieder auslöschen ließ. Am wenigsten dadurch, daß er der Ungetreuen nachlief und damit ihre Tat rechtfertigte und ihr ihren Willen ließ. Sein Mannesstolz litt das nicht. Und wenn sein Herz auch in heißer Sehnsucht nach ihr schrie, er wollte ihm nicht gehorchen, lieber wollte er alle Qualen der Einsamkeit ertragen, lieber mochte sein Herz brechen vor Sehnsucht und Trennungsweh, als daß er feig und schwach sich vor der gezeigt hätte, die ihn so tief und unheilbar verwundet hatte. Noch ein zweiter, noch ein dritter Brief flog in das vereinsamte holsteinische Herrenhaus, und in jedem stand in tausend Variationen das eine: »Komm! Komm! Ich vergehe vor Sehnsucht und Liebe nach dir. Komm! Die Sonne ist kalt, wenn du nicht bei mir bist!« Aber Waldemar Holdheim kam nicht. Er antwortete nicht einmal auf Juanas Briefe. Da enthüllte sie ihm ein seliges Geheimnis: ein Kind sollte ihnen geboren werden. Würde er auch nun nicht kommen? Und er antwortete ihr nichts als: »Mein Sohn soll auf dem Erbe meiner Väter das Licht der Welt erblicken, oder es ist mein Sohn nicht.« Danach kam kein Brief mehr aus Portugal, aber eines Tages stand vor Waldemar Holdheim ein bleiches, vor Kummer und Sehnsucht krank und müde gewordenes Weib, das ihrer schweren Stunde entgegensah, und hob die Hände mit einem flehenden Ausdruck ihrer fieberisch glänzenden Augen zu ihm auf. »Vergib! Ich bin zurückgekommen um unseres Kindes willen. Ich will fortan hierbleiben, und wenn ich hier sterben müßte.« Und Juana hielt ihr Gelöbnis. Ihr Sohn, der den Namen Erich empfing, ward auf der Scholle geboren, wo seine Vorfahren gesessen hatten, und gedieh heran, seines Vaters Ebenbild an Leib und Seele. Nur ein weicher, träumerischer Zug war ihm von der schönen Mutter überkommen, und immer war eine Sehnsucht in ihm nach Sonne und Schönheit. Juana kränkelte viel. Sie war still und demütig geworden und trug klaglos das Leben unter dem grauen Himmel des Nordens, der keine Freudigkeit mehr in ihrer Seele aufkommen ließ. Nur wenn sie in die großen blauen Augen ihres Knaben blickte, vor dem sie manchmal kniete wie in Anbetung, ward es Licht in ihrem Innern. Sie schöpfte Trost, Kraft und Lebenswillen daraus. Ihr ganzes Dasein ging auf in der Sorge um ihr Kind. Zwischen ihrem Manne und ihr war es nicht geworden wie einst. Sie lebten in Frieden nebeneinander her, nie störte auch nur ein rauhes Wort ihre Eintracht. Aber was sie ihm angetan hatte, konnte der stolze herrische Mann nicht mehr vergessen. Man hatte in der Nachbarschaft, bis wohin das Gerücht von Juanas Flucht damals gedrungen war, mancherlei gemunkelt, was von der Wahrheit weit abwich und einen häßlichen Flecken auf seine Ehre geworfen hatte. Das konnte der Mann, der auf die unantastbare Ehre aller Männer, die seinem Geschlecht entsprossen, stolz war, niemals derjenigen verzeihen, die den ersten Anlaß dazu gegeben. Wenn auch keine Schuld sie traf, das stand dennoch allezeit zwischen ihnen. Und Juana wußte es. Die beiden liebten sich noch immer, aber Waldemar Holdheim war verschlossen und düster geworden und Juana verschüchtert und demütig. Es wollte nicht mehr sonnig werden auf dem Erbe der Holdheims. Nur in der Liebe zu dem Knaben fanden sich die Eltern wieder zusammen. Als Waldemar Holdheim ein paar Jahre danach durch einen Sturz vom Pferde verunglückte und es infolge der erlittenen Gehirnerschütterung mit ihm zu Ende ging, ließ er sich von seinem weinend an seinem Lager knienden Weib geloben, daß sie mit seinem Sohne nicht die väterliche Scholle verlassen, ihn nicht der Heimat entfremden, nicht nach dem Süden, dem Land ihrer Sehnsucht übersiedeln wolle. Juana gelobte es, und versöhnt schied er von ihr in ihren Armen. Juana wußte, daß sie mit diesem Gelöbnis bei ihrem Manne jede Schuld ausgelöscht hatte, die ihr bis dahin in seinen Augen angehaftet, und um so heiliger galt es ihr. Sie hielt es, und sie blieb ihres Sohnes treue, sorgende, aufopferungsvolle Mutter. Selbst als er zum Jüngling und zum Manne herangereift war, verließ sie ihn nicht und wich, obgleich immer kränkelnd und die Seele von unverscheuchbarer Schwermut umschattet, niemals von seiner Seite und entfloh auch jetzt nicht einmal dem Norden. Ja, als ihn selber der Wandertrieb über die Alpen führte, ließ sie ihn ziehen, ohne ihn zu begleiten, und wartete ergebungsvoll seiner Rückkehr. Während Erich abwesend war, traten folgenschwere Ereignisse ein. Es war damals in der Provinzialhauptstadt ein Blatt aufgetaucht, das den Titel »Die Wahrheit« führte und über die angesehensten und bekanntesten Familien im Lande sensationelle Enthüllungen brachte, angeblich um der Heuchelei und falschen Vornehmheit die Maske vom Gesicht zu reißen und der Wahrheit zur Ehre zu verhelfen, in Wirklichkeit aber, um in der niedrigsten Weise Geld zu erpressen oder persönliche Rachegelüste zu befriedigen. Die in mehr oder minder deutlichen Andeutungen erkennbaren Persönlichkeiten konnten dabei fast niemals auf gerichtlichem Wege gegen die kecken Preßpiraten vorgehen, weil zumeist in den schmählichen Ehrabschneidereien ein Kern von wirklich Geschehenem enthalten war und die daraus gezogenen und damit verquickten böswilligen Folgerungen so geschickt verhüllt, nur als Möglichkeiten erwähnt oder in Frageform eingekleidet worden waren, daß sie sich durch den Strafrichter nicht packen ließen. Die Verfasser dieser frivolen Notizen waren förmliche Genies im Verleumden und streiften nur immer dicht am Strafgesetz vorbei, ohne ihm zum Opfer zu fallen. Und das Blatt erhielt eine ungewöhnliche Verbreitung. Selbst außerhalb der Provinz war es bald bekannt und gefürchtet. Die bloße Drohung der Herausgeber, eine Notiz bringen zu wollen, reichte gewöhnlich hin, um ihnen erhebliche Geldsummen zuzuführen. Dabei kam es aber nicht selten vor, daß nachher nun erst recht erneute größere Forderungen an die Zahlungsbereiten gestellt wurden oder daß man ihre Zahlungsbereitschaft als Beweis und Anerkennung ihrer Schuld deutete und ausnutzte, obgleich die Betroffenen meistens nur die Klatschsucht und Schadenfreude ihrer Nächsten zu gut kannten, um nicht trotz ihrer Unschuld lieber ein erhebliches Geldopfer zu bringen, als sich dem listig sie umschleichenden Gerede auszusetzen. Auf solche Art war das Blatt, das im Grunde jeder verachtete, zu einer Macht geworden, vor der man sich beugte, ob wollend oder nicht. Die Inhaber desselben waren zwei Männer vom alten Adel der Provinz, frühere Offiziere, die wegen leichtsinnigen Lebenswandels aus dem Heere entfernt worden waren. Unfähig, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, von ihresgleichen gemieden und durch ihre Lage aufs furchtbarste erbittert, hatten sie sich aus Rachegelüst entschlossen, diesem häßlichen Gewerbe zu frönen, das sie in Kürze wieder in die Lage setzte, ihren kostspieligen Neigungen nachzugehen und sie zwar nicht geachtet, aber gefürchtet machte. Dies Blatt trat eines Tages, während Erich Holdheim auf einer fröhlichen Wanderschaft in Italien weilte, auch mit Frau Juana Holdheim in Beziehungen, die einsam und schwermütig auf dem nordischen Herrensitz hauste. Man drohte ihr, die »Wahrheit« werde Enthüllungen über ihre Flucht aus dem Hause ihres Gatten, über ihre »Abenteuer« in ihrer heißblütigen Heimat und über die »Legitimität« ihres Sohnes bringen. Ein Brief der aus ihrem Frieden jäh und grausam emporgerüttelten Frau rief den ahnungslosen Sohn zu ihrer Hilfe aus Kapri in die Heimat. Inzwischen hatte sie sich voller Angst und Entsetzen mit großen Geldsummen von ihren gewissenlosen Bedrängern losgekauft. Sie, die sich schuldlos wußte, gedachte dessen, was sie mit ihrer Flucht damals ihrem Gatten und seiner Ehre angetan, und daß ihr Sohn von jenem dunklen Schatten, der auf ihrem Leben ruhte, nichts erfahren hatte, nichts je erfahren sollte. Das Ereignis, unter dem sie ihr ganzes Dasein lang schwer gelitten, sollte nicht noch einmal die bösen Zungen im Lande in Bewegung setzen, damit sie Gift und Geifer auf ihre und ihres Sohnes Ruhe und Glück verspritzten, den Samen des Argwohns in sein Herz pflanzten und ihn von seiner Mutter losrissen. Eine grauenvolle Angst hiervor war in ihr. Dieser Sohn machte den Inhalt ihres Lebens aus; um seinetwillen war sie damals heimgekehrt, um seinetwillen hatte sie ihre entsagungsreiche, freudenarme Existenz getragen, in ihm und für ihn lebte und webte sie. Und Erichs zärtliche Sohnesliebe war ihr Lohn und Ersatz, Sonne und Lebensluft. Wenn er nun von jenen Ereignissen der Vergangenheit etwas erfuhr, wie leicht konnte er ihr entfremdet werden, gerade weil man ihm das Geschehene verschwiegen hatte – wie leicht konnte sich etwas zwischen sie und ihn drängen, das da wuchs und eines Tages das Herz des Sohnes vom Herzen der Mutter riß! Im Traum ihrer Nächte, in den wirren, sich jagenden Gedanken ihres Tages stand immer dies eine als Vision vor ihr und machte ihr Blut erstarren. Nein, das sollte nicht sein. Sie wollte diesen Sohn nicht verlieren – auch nicht einen Blutstropfen seines Herzens – und er sollte den Schmerz und die Schmach nicht erleben, die Vergangenheit seiner Mutter in der Öffentlichkeit roh belastet und hämisch beurteilt zu sehen, der zu dieser Mutter aufsah und diese Mutter verehrte wie eine Heilige. Eher mußte das Äußerste geschehen. Eher wollte sie an diese Blutsauger ihr ganzes Vermögen hinopfern bis zum Letzten, eher würde sie eine Tat der Verzweiflung begehen – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sie bereute nun schon wieder, Erich heimgerufen zu haben, sie hätte es während seines Fernseins zu Ende bringen sollen. Erich selber jagte die Erpresser, als sie sich auch an ihn drängen wollten, mit der Reitpeitsche in der Hand von seinem Hofe. Das war nach seiner Meinung die einzige Art, wie man mit diesen Banditen umgehen durfte. Über ihre Drohungen und die Besorgnisse seiner Mutter lachte er nur. Was konnte dieses Revolverblatt den Holdheims anhaben – wer würde diesen Piraten glauben, wenn sie die Holdheims zu verleumden wagten! Es kam hinzu, daß er die beiden Preßhelden kannte, vornehmlich den einen von ihnen, der als die eigentliche Seele des Unternehmens galt, sich aber freilich immer vorsichtig im Hintergrunde hielt und andere, die von ihm inspiriert waren, ins Feuer schickte. Erich hatte mit ihnen beiden im gleichen Regiment gestanden, war bei seinen Reserveoffiziersübungen häufig mit ihnen zusammengetroffen. Schon damals war er schlecht mit ihnen ausgekommen. Der »Bürgerliche« war von ihnen gehänselt worden, und als Erich sich das nicht gefallen lassen wollte, war es verschiedentlich zu peinlichen Reibereien gekommen. Auch wegen eines Mädchens, das anscheinend Erich Holdheim bevorzugte, während jener adelige Kamerad, der heute an der Spitze der »Wahrheit« stand, sich eifrig um sie bewarb, hatte es Händel gegeben. Daß jener Widersacher aus der Offizierszeit jetzt nur seine Rache an ihm nehmen wollte mit den verwerflichsten Mitteln, machte Erich nur noch unbesorgter, als er den häßlichen Versuchen gegenüber ohnehin geblieben wäre; mit Leuten dieses Schlages gab er sich nicht einmal ab. Von dem, was seine Mutter drückte, von ihrer stetigen Angst und der Furcht, die sich bis zum sinnverwirrenden Entsetzen steigerten und wilde, tolle Entschlüsse in ihr reifen ließen, ahnte er nichts. Inzwischen hatten die Herren des Revolverblattes eingesehen, wohin sie sich mit ihren Einschüchterungsversuchen zu wenden hätten. Und eines Tages langte die Druckfahne eines Artikels, der für die nächste Nummer der Wochenschrift »Die Wahrheit« bestimmt war, mit der Überschrift »Portugal in Holstein oder das Kuckucksjunge« unter der Adresse Frau Juana Holdheims »zu eigenen Händen« an. Frau Juana las und begriff. Diese mosaikartig zusammengesetzte Schmähung, die in geschickten Umhüllungen eine einzige schändliche Anklage gegen sie enthielt, würde in wenigen Tagen allen Augen im Lande vorliegen und einen ungeheueren Sturm der Verdächtigung gegen sie entfesseln, wenn sie diesen Artikel nicht mit großen Summen ankaufte und vernichtete. Und was blieb ihr übrig als dies? Der mit frivoler, zynischer Bosheit verfaßte Artikel war eine einzige niedrige Lüge. Aber wie das beweisen? Nein, sie mußte vernichtet werden, diese Brutstätte der Gemeinheit und des Unheils. Frau Juana schrieb hinter dem Rücken ihres ahnungslosen Sohnes an die Redaktion der »Wahrheit«. Sie bot eine bedeutende Summe als Kaufpreis des eingesandten Artikels. Man forderte noch mehr, als sie geboten hatte. Sie bewilligte auch das. Aber sie mußte bald genug einsehen, daß sie sich auch hiermit ihre Ruhe nicht erkauft hatte, denn schon nach wenig Wochen erhielt sie den Korrekturabzug eines zweiten Artikels zugesandt, der in neuer Fassung den gleichen Kern enthielt wie jener erste. Nun sah sie ein, daß hier eine Schraube ohne Ende war, daß man ihr das letzte Geldstück abpressen wollte und daß sie selbst dann vielleicht, zur Bettlerin geworden, noch nicht einmal Ruhe haben würde. An eine Anzeige bei Gericht dachte sie nicht. Sie begriff, daß dann alles öffentlich zur Sprache kommen mußte, was vergessen bleiben, woran nicht gerührt werden sollte, und daß es ihr also wenig helfen würde, die schmählichen Erpresser zur Bestrafung zu bringen. Aber ein Ende mußte gemacht werden – darüber gab es länger kein Besinnen. Ihre Angst, ihr Zorn, ihre Empörung brachten sie dem Wahnsinn nahe. Eine fixe Idee stieg in ihr auf und nahm von ihr Besitz: vernichten – niederschlagen den Angreifer, diesen Ehrlosen! Das heiße Blut ihres Volksschlages gärte zum ersten Male seit langen Jahren wieder in ihr auf, dies Blut, das die Sonne Portugals durchglüht hatte. Sie fühlte sich ganz wieder als Kind des Südens, und ein Todfeind stand vor ihr. Er oder sie – es galt. Er wollte ihr Geld, ihre Ehre, ihren Frieden, die Liebe ihres Sohnes – alles! Sie fühlte sich als eine, die ihr Höchstes und Teuerstes auf Erden zu verteidigen hat. So eine kann nicht lange auf Mittel sinnen, es gibt nur eines. Man wird getötet, oder man tötet selber. Das ist kein Mord, das ist die Vollstreckung eines Richterspruches. Das Wild, das blutend bis in seinen letzten Schlupfwinkel gehetzt worden ist, kehrt sich gegen den Verfolger und rennt ihn nieder. In schlaflosen Nächten, von ihren ruhelosen Gedanken gejagt, mit klopfenden Schläfen hat Juana sich bis zu diesem einen durchgerungen, das sie nun beherrscht wie eine unüberwindliche Macht, unter welche sie sich beugt. Es muß sein. Sie ist merkwürdig ruhig geworden, ganz ruhig. Sie lädt den nämlichen Abgesandten der »Wahrheit«, dem sie damals das Schweigegeld heimlich eingehändigt hat, zu einer Unterredung an eine abgelegene Stelle im Schloßpark ein, der tagsüber dem Publikum offen steht. Erich ist um diese Stunde auf dem Felde. Sie hat alles klug berechnet. Eine von den Pistolen, die über Erichs Schreibtisch hängen, steckt sie zu sich. Sie kann schießen. Wie oft hat sie es früher geübt! Ihr Gatte hatte seine Lust daran, wie gut sie das Ziel zu treffen wußte. Und diesmal wird sie gewiß nicht fehlen. Der, den sie bestellt hat, kommt. Es ist der Premierleutnant a. D. Arthur von Hagen, der verkommene Sprößling einer alten angesehenen Familie, der Miteigentümer der »Wahrheit«. Er gilt freilich nur für ein untergeordnetes Werkzeug in der Hand eines anderen, seines Freundes, der alles leitet, aber sich immer im Hintergrunde klüglich verborgen hält und von da aus die Fäden lenkt und die Schlingen zuzieht. Aber Juana Holdheim weiß nicht, daß es so ist. Und sie sieht nur in dem, der vor sie hintritt, ihren Gegner – ihren Todfeind. Noch einmal versucht sie es in Güte, mit ihm zu Ende zu kommen. Sie will ihm noch einmal Geld geben, alles, was er fordert, aber dann soll er für immer aus der Gegend verschwinden. Er lacht sie aus. Sie droht ihm. Er lacht nur noch toller. Da übermannt es sie. Der Wahnsinn wird Herr über sie, ihrer selbst nicht mehr mächtig, zieht sie die Pistole aus der Tasche und drückt gegen ihn los, ehe er noch eine Hand rühren kann, um sich zu wehren. Juana hat gut getroffen, lautlos ist der Mann vor ihr zusammengebrochen, kaum daß er noch ein paarmal mit den Gliedern zuckt – alles ist vorüber. Und Juana steht, die rauchende Waffe in der Hand, vor dem Toten, starr, keines Gedankens, keiner Regung fähig. »Es ist gut so – es mußte so sein –«, wie das gleichmäßige Ticktack einer Uhr geht es so in ihrem Hirn hin und her. Sonst ist alles in ihr wie ausgebrannt – leer und öde. So findet Klaus Deckert, der alte Diener des Hauses, durch den dumpfen Knall des Schusses herbeigerufen, seine Herrin, und so findet sie auch ihr unglücklicher Sohn, den der treue Mann benachrichtigt, als er den Hufschlag seines Pferdes in der Nähe vernimmt. Erich bringt die völlig geistesabwesende Mutter ins Haus und übergibt sie der Obhut einer Dienerin, um die Pistole, die er ihr aus der Hand genommen, eiligst wieder an ihren alten Platz zu hängen. Dann kommt der Arzt, nach dem er sofort geschickt hat. Er kann nur den Tod des Erschossenen konstatieren und zugleich die schwere Erkrankung der Frau Holdheim, deren bedrohliche Symptome allem Anschein nach nur wenig Hoffnung auf Wiederherstellung geben. Noch an demselben Abend erstattet Erich selbst bei der Polizeibehörde der Kreisstadt die Anzeige, daß er einen Ermordeten in seinem Park gefunden, und die gerichtliche Untersuchung wird ohne Verzug eingeleitet. Noch vor Ablauf der nächsten vierundzwanzig Stunden wird der Gutsherr als des Mordes verdächtig in Haft genommen, aber der Untersuchungsrichter sieht sich genötigt, wenige Tage später seine Freilassung zu verfügen, da Klaus Deckert eidlich bekundet, daß er der erste an der Leiche des Ermordeten gewesen sei und dann erst seinen Herrn herbeigerufen habe, der nach Lage der Dinge unmöglich der Täter gewesen sein könne. Gegen die kranke Frau, deren Geistesumnachtung keinem Zweifel mehr unterliegen kann, wird kein Argwohn rege – man denkt gar nicht an sie, und Klaus Deckert hat ihren Namen nicht genannt. Aber wie lange noch wird er dies Schweigen bewahren können? Darum kommt Erich in furchtbaren Seelenkämpfen zu dem Entschluß, daß dieser Mitwisser des schrecklichen Geheimnisses für immer vom Schauplatz verschwinden müsse. Wohl ist er sich selber vollständig darüber klar, daß sich alsdann der Verdacht mit doppeltem Gewicht wieder auf seine Schultern wälzen würde; aber er ist bereit, dies ungeheure Opfer selbstloser Sohnesliebe darzubringen, und es gelingt ihm endlich in der Tat, den treuen Alten zum Verlassen der Heimat und zur Flucht über das Weltmeer zu bewegen. – – – Der überlebende Herausgeber der »Wahrheit« hütete sich zwar, bei Gericht zu deponieren, weshalb sein toter Freund damals in den Schloßpark gegangen, weil er dann als Erpresser selbst vor Gericht hätte erscheinen müssen, vielmehr verschwand er nach der Bluttat ganz aus dem Lande und sein Revolverblatt hörte auf zu erscheinen. Aber an Erich Holdheims Schuld zweifelte nach der Flucht Klaus Deckerts in der Tat niemand mehr; man mied und verfemte ihn, weil er sich nicht wie ein Mann zu seiner Tat bekannt hatte. An die Kranke, die niemand sah, von der niemand etwas wußte, wagte sich kein Verdacht. So hatte Erich Holdheim erreicht, was er gewollt. Und er trug schweigend das Geschick, das er über sich heraufbeschworen. Die Heimat ward ihm verleidet, und er gab sie blutenden Herzens preis. Auch bis in die sonnige Fremde, wohin er die Kranke führte, folgte ihm das Gespenst der Schuld, die er in entschlossener Opferwilligkeit auf sich genommen, und zwang ihn zur Einsamkeit. Jahre gingen darüber hin, bis endlich ein Tag kam, an dem die verborgene Wahrheit ans Licht drängte. – – Der Vorleser hatte geendet. »Und so bekenne ich mich nochmals dieser Tat schuldig, für die ich vor meinem ewigen Richter werde Rechenschaft ablegen müssen, und habe nichts hinzuzufügen als meinen Dank für den, der um meiner Schuld willen klaglos gelitten hat. Möge der gerechte Gott ihn dafür lohnen, wie er es verdient.« Eine kurze Stille. Dann trat der Mann, das Schriftstück in der einen, die eingetauchte Feder in der anderen Hand, an das Lager der Sterbenden, und Frau Juana Holdheim richtete sich mit der Unterstützung der barmherzigen Schwester auf, um zu unterzeichnen. Ihre Augen glänzten in überirdischem Schimmer dabei. Es war, als sei nun die letzte Last und Erdenschwere von ihr genommen und ihre Seele fühle Schwingen. Sie sah die fremden Männer im Gemache an, als ob sie jedem von ihnen zurufen wolle: »Habt ihr's auch gehört, was für einen Sohn ich habe?« Und dann sah sie diesen Sohn selber an, verklärt und beseligt. Ihre Finger zitterten, aber deutlich stand ihr Name alsbald unter dem Schriftstück, das von ihres Lebens Leid und Schuld Zeugnis ablegen sollte. Dann sank sie, die Augen schließend, die Hände gefaltet, ein Lächeln um die welken Lippen, zurück. Und nun unterschrieben auch die Anwesenden, einer nach dem anderen, ihre Namen. Alle diese Männer sahen ernst und ergriffen aus. Keiner von ihnen hatte ein Wort gesprochen. Nur ihre Blicke untereinander gingen hin und her. Und dann, als Doktor Leuthold, der als der letzte das Protokoll gezeichnet und die Schriftstücke dem Konsul in amtliche Obhut übergeben hatte, halblaut sagte: »Ich glaube, meine Herren, es ist besser, wir ziehen uns jetzt zurück – die Kranke schläft«, trat der Konsul an Erich Holdheim heran und schüttelte seine Hand in den beiden eigenen. Eine Weile hielt er sie. Dann sagte er: »Herr Holdheim, Sie werden ohne Worte verstehen, was ich Ihnen jetzt aussprechen möchte – sowohl in meiner amtlichen Eigenschaft wie als Mensch. Sie haben wie ein seltener Mensch gehandelt, und wir alle haben Ursache, mit einem Gefühl der Beschämung vor Ihnen dazustehen. Ich berichte noch heute an das Auswärtige Amt nach Berlin. Sie werden eine glänzende Rehabilitierung haben.« Erich hatte ihm zerstreut, mit einem sorgenvollen Seitenblick auf das Lager seiner Mutter, zugehört. Jetzt schnitt ein trübes Lächeln seine Mundwinkel. »Ich wollte«, erwiderte er ganz leise, »dies wäre nicht nötig gewesen und der Schleier, der über diesem armen Geist gelegen hat durch Jahre, hätte sich nicht in letzter Stunde noch gelüftet – ihr zur Qual, mir nicht zur Erleichterung. Für mich kommt dies alles ohnehin zu spät.« Die letzten Worte kamen nur noch wie ein Hauch über seine Lippen. Dann strich er sich besinnend mit der Hand über die Stirn. Die erstaunten Blicke des Konsuls belehrten ihn darüber, wie wunderlich diesem seine Worte klingen mußten. So stammelte er nur noch hinterdrein: »Ich danke Ihnen – ich danke Ihnen.« Der Konsul trat mit einer Verbeugung zurück, und nach ihm schüttelten auch die anderen Herren nacheinander Erich die Hand, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Dann geleitete Doktor Leuthold sie hinaus, um sich draußen im Vorzimmer noch einmal mit gedämpfter Stimme an sie zu wenden. »Auf einen Augenblick noch, meine Herren! – Wir haben es der unglücklichen Frau Holdheim nicht verwehren dürfen, ihre Seele durch das Bekenntnis zu erleichtern, dessen Verlesung sie soeben angehört haben; aber es hätte dieser Selbstbezichtigung kaum noch bedurft, um jeden Schein eines Verdachtes von ihrem Sohne zu nehmen. Der einzige Mitwisser und Augenzeuge jener traurigen Vorgänge, der alte Klaus Deckert, dessen Verschwinden den Anlaß zu so bösen Gerüchten über Herrn Holdheim gegeben hat, ist plötzlich aus Amerika zurückgekehrt. Heimweh und die Mahnungen seines Gewissens haben ihm drüben keine Ruhe gelassen, wie freigebig auch sein ehemaliger Gebieter auf die Sicherstellung seines Lebensabends bedacht gewesen war. Er ist zurückgekehrt, um nicht mit der Last eines Geheimnisses aus der Welt zu gehen, dessen Bewahrung ihm mehr und mehr als eine schwere Schuld erschien. Er wird seine Aussage an zuständiger Stelle machen und dann dürfte kein Mensch auf der Welt mehr ein Recht haben, anders als mit Hochachtung von dem Besitzer dieses Hauses zu sprechen.« Der alte Mann mit dem gramvollen Gesicht war während dieser Worte des Doktors still hinausgegangen, und nun rüsteten sich auch die anderen, seinem Beispiel zu folgen. Nur Harro wurde durch den alten Arzt bei der Verabschiedung einen Augenblick festgehalten. »Erzählen Sie bitte Ihrem Fräulein Schwester, was sie gehört haben«, sagte er. »Ich bin überzeugt davon, daß Sie Herrn Holdheim und ihr selber einen Dienst erweisen.« Harro nickte. »Ich hätte das auf alle Fälle getan.« »Sie hat ja übrigens stets an Holdheim geglaubt – sie ganz allein und trotz allem.« Er blickte nachdenklich vor sich nieder und zerrte eine Weile an seinem Schnurrbart. »Wissen Sie, daß mir noch etwas an dieser Geschichte fehlt? Man möchte doch auch den anderen Schurken kennen, der bei dem unsauberen Handel damals leider Gottes heil und unversehrt davongekommen ist, obgleich gerade er der Schuldigere gewesen ist. Daß solche Buben unter dieser Sonne unangefochten herumlaufen sollen, will einem nicht in den Kopf. Man müßte hören, daß die Nemesis sie ereilt hat.« Doktor Leutholds Augen forschten in Harros Zügen. Dann sagte er: »Herr Holdheim hat darauf bestanden, daß der Name jenes andern in dem Schriftstück nicht genannt wurde. Im übrigen überlassen wir die Rache dem, der gesprochen hat: »Sie ist mein!« Gute Nacht, Herr von Detten.« XIII. Margot war noch kaum eine Viertelstunde nach Harros Fortgang allein geblieben, als Jean ihr einen Herrn meldete, der sie durchaus zu sprechen wünsche; es sei etwas Dringliches. Margot nahm die Karte, die Jean ihr überbrachte, in Empfang. »Bruno von Saldern«, las sie. Einen Augenblick schwankte sie, allerlei unklare Vorstellungen zuckten ihr durchs Hirn. Dann schalt sie sich selber über ihre Feigheit und ihr Mißtrauen. »Führen Sie den Herrn nur herein, Jean.« Als Herr von Saldern eintrat, konnte Margot ein heftiges Herzklopfen nicht unterdrücken. Es mußte wohl etwas Ungewöhnliches sein, was ihn hierher führte, nachdem er Nizza verlassen hatte, ihr nicht mehr begegnen zu müssen. Und er tat ihr leid. Der junge, übermütige Offizier mit den hübschen, offenen Zügen sah auffallend verändert aus, als er eintrat, ernst und gemessen. Dabei trug er aber einen weißen Wollanzug und hielt einen weißen Stoffhut in der Hand, war also offenbar auf dem Wege, sich zum »Corso blanc« zu begeben. »Gnädiges Fräulein«, sagte er, neben der Tür stehenbleibend, »wenn Sie wünschen, daß Ihr Diener dieser Unterredung beiwohnt – da er ja nicht deutsch versteht, würde ich nichts dagegen einzuwenden haben; denn ich begreife, daß mein Eindringen –« »Ich habe keinerlei Mißtrauen gegen Sie, Herr von Saldern«, unterbrach Sie ihn mit erzwungen fester Stimme. »Bitte, treten Sie näher.« Er sah sie mit einem trüben Blicke an. »Ich danke Ihnen«, sagte er dann mit einer kurzen Verneigung. »Lassen Sie mich aber, bitte, stehen. Es ist mir lieber.« Er tat ein paar tiefe Atemzüge. »Fräulein von Detten«, fing er endlich an, »ich muß dem, was ich Ihnen zu sagen habe voranschicken, daß ich nicht in eigenem Interesse oder mit irgend welchen Hoffnungen für mich selber spreche. Ich – lassen Sie mich das, bitte, ganz ruhig sagen – ich bin durch meine ehrliche Neigung zu Ihnen ein anderer Mensch geworden. Es ist mir tief gegangen – mit einem Wort. Und dann: ich hab' Ihnen ja schon offen gesagt, daß ich ein armes Mädchen überhaupt nicht heiraten kann. Also für mich ist ja ohnehin alles verloren. Aber weil es mir mit meiner Neigung so ernst war, wollt' ich wenigstens, daß Sie nur an einen sich verschenken, der Ihrer auch wirklich würdig ist. Und daß Baron Meyburg mir persönlich nicht gefällt, hätte dabei mich gar nicht bestimmen können – das ist ja etwas, was nur mich angeht. Aber ich war mißtrauisch gegen ihn. Kurz: ich nahm mir vor, ihm ein bißchen nachzuspüren, ich hätte sonst keine Ruhe gehabt. Um Ihretwillen hab' ich es getan. Nicht aus hämischer Rachsucht und nicht aus Egoismus – nein, wahrhaftig nicht. Wenn Sie mir das nur glauben wollten, Fräulein von Detten!« Er sah sie mit einem so bittenden Ausdruck an, daß sie ihm zulächeln mußte, ermutigend und beruhigend, so weh und wund ihr's auch ums Herz war. Und dann sagte sie: »Ich glaube Ihnen und ich danke Ihnen, Herr von Saldern. Aber ich muß Ihnen zugleich sagen, daß Sie mir nichts Neues berichten können. Ich kenne die Vergangenheit meines Bräutigams. Ich weiß, wieviel dunkle Punkte es darin gibt, und trotzdem – gerade deshalb habe ich mich entschlossen. Ich möchte helfen und aufrichten – nicht verdammen und verwerfen. Wir Menschen haben alle viel Mitleid und Duldung untereinander nötig.« Der junge Offizier hatte erstaunt den Kopf aufgerichtet. Dann fragte er hastig: »Sie kennen Baron Meyburgs Vergangenheit? Ganz? Sind Sie dessen sicher?« »Ich glaube allerdings, sie ganz zu kennen.« Er machte ein paar Schritte, den Kopf in die Schultern gezogen. Dann zuckte er die Achseln. »Verzeihen Sie mir, wenn ich trotzdem daran zweifle. Es mag Ihnen ja brutal klingen, aber ich bin überzeugt davon, daß sie nur soviel kennen, als dem Baron gut schien. Nur soviel, um Ihr Mitleid zu erwecken – nicht um Ihren Abscheu zu erregen. Ich habe Gründe , dies anzunehmen, Fräulein von Detten. Hören Sie mich an. Wir werden ja gleich darüber im klaren sein, ob Sie alles wissen oder nicht.« Margot hatte ein schmerzliches Zucken in der Herzgegend gespürt. Sie wollte ihm zurufen, er solle innehalten. Aber ehe sie sich dazu aufgerafft hatte, war seine Frage schon an sie erfolgt: »Kennen Sie den Kreis von Menschen, in dem Baron Meyburg in Monte Carlo verkehrt, Fräulein von Detten – und zu dem er gehört? Diesen Vicomte de Levoyeau, diese Madame de Gruignan und wie die anderen alle heißen mögen? Kennen Sie diese Leute?« »Kaum mehr als von Ansehen.« »Und wissen Sie auch nicht, wer diese Leute sind? Es sind Spieler von Profession, einer wie der andere. Sie kennen nichts anderes als das Spiel, sie leben von nichts anderem als vom Spiel. Ich habe sie kennengelernt, ich habe mit ihnen gelebt. Baron Meyburg hat mich bei ihnen eingeführt. Und sie nahmen mich gern bei sich auf, weil sie ein neues Opfer in mir vermuteten. Und Baron Meyburg –« »Ich weiß, daß er ein Spieler war«, unterbrach ihn Margot mit beklommener Hast. »Ich weiß, daß er sich in schlechter Gesellschaft bewegt hat. Mit alledem sagen Sie mir nichts Neues. Gerade weil er sich so weit verloren hatte –« »Wollten Sie ihn retten«, ergänzte Bruno von Saldern und nickte. »Ich begreife. Aber es ist zu spät dafür.« Die letzten Worte klangen hart. Dann fragte er: »Kennen Sie Fräulein Lucile Birkner?« Seine Augen hafteten forschend auf ihr. Margot schüttelte den Kopf: »Ich erinnere mich nicht –« »Sie erinnern sich vielleicht der Dame, mit der Baron Meyburg zusammen im Wagen fuhr, als er uns bei einem Ausflug nach St. Jean in der Nähe von Villefranche auf der Landstraße begegnete?« »Ja«, Margots Stimme bebte. Eine unklare Angst dämmerte in ihr auf. »Nun, diese Dame ist Fräulein Lucile Birkner. Ich lernte sie gleichfalls in dem Freundeskreise des Barons kennen und habe überdies den Vorzug, zufällig im Hotel ihr Zimmernachbar zu sein. Die Wände sind sehr dünn in diesen Rivierahotels, wie Sie wissen. Diese Dame, von der Baron Meyburg damals so geringschätzig als von einer ihm durch Bekannte empfohlenen, krankheitshalber in den Süden geschickten Gouvernante sprach, steht denn doch in viel näherem Verhältnis zu ihm, als er glauben machen will. Vor der Welt nennt er sie zwar »Mademoiselle« und »Sie«, spricht auch zumeist französisch mit ihr – in ihrem Zimmer aber nennt er sie »Du« und redet deutsch mit ihr – und sehr unzeremoniell, sehr deutlich deutsch. Wissen Sie vielleicht, wozu und für wen berechnet dieses Komödienspiel ist, Fräulein von Detten? Aber ich glaube, Sie hören mir gar nicht zu. Soll ich enden?« Margot hatte in der Tat wie geistesabwesend vor sich hingeblickt, doch war ihr kein Wort von dem entgangen, was er gesagt. Vielmehr stieg nur unter dem Eindruck seiner Rede eine Vision vor ihr empor: eine Frauengestalt in weißseidenem Domino – eine heiße, leidenschaftlich beschwörende Stimme, die von ihr verlangte, sie solle Arno Meyburg freigeben –. »Nein, nein«, kam es leise über ihre Lippen, »ich hörte alles, bitte, fahren Sie fort!« Herr von Saldern zauderte einen Augenblick. Dann sagte er: »Ich kam hierher, um mit Ihrem Bruder über das alles zu reden. Dann fiel mir ein, daß ja ihm alle Aufregungen ferngehalten werden müssen, und ich nahm es als einen Fingerzeig, daß er gar nicht zu Hause ist. Aufschub aber leidet das alles nicht. Ich bin nämlich fest überzeugt, daß Baron Meyburg, nachdem Fräulein Birkner sich geweigert hat abzureisen – dafür waren seine Überredungskünste denn doch nicht ausreichend –, jetzt das Außerordentlichste versuchen wird, um rasch und unbehindert an sein Ziel zu kommen. Er hat ohnehin ja ein sehr gewagtes Spiel gespielt, dieser routinierte Spieler, und daß es nicht eher zu einem Konflikt kam, ist als ein halbes Wunder zu betrachten.« »Dieses Fräulein Birkner erhebt Ansprüche an ihn, nicht wahr?« fragte Margot matt. »Er hat ihr früher die Ehe versprochen, und sie will ihn jetzt nicht freigeben –« »Sie wissen –«, fragte der Leutnant erstaunt. »Nicht durch ihn. Eine Maske drängte sich im Gewühl an mich, um mir allerlei zuzuraunen. Aber ich sehe noch immer nicht klar. Hat Arno Meyburg Verpflichtungen gegen dieses Mädchen – andere, als ein früheres Versprechen, das ihm dann leid geworden ist? Heiligere?« Bruno von Saldern schüttelte den Kopf. »Heilig«, wiederholte er, während ein verächtliches Lächeln seine Lippen umzuckte. »Das ist ein Wort, das, in Verbindung mit diesem Menschen gebracht, einen wunderlichen Klang hat. Etwas, das die beiden aneinander kettet, gibt es freilich – aber es ist etwas sehr Unheiliges – ein gemeinsames Verbrechen!« Margot war aufgesprungen. »Herr von Saldern«, stieß sie entsetzt aus, »wissen Sie, was Sie sprechen?« »Fräulein von Detten, ich bin zu Aufschlüssen aus Baron Meyburgs Vergangenheit gelangt, die mir leider ein Verbrechen keineswegs als unglaubwürdig bei diesem Manne mehr erscheinen lassen können. Die Nachrichten früherer Regimentskameraden des Barons lauteten sehr traurig. Von allem anderen abgesehen, ist er nach seiner Entlassung aus dem Dienst Eigentümer eines verrufenen Revolverjournals gewesen, durch dessen infame Machinationen zahlreiche Familien aufs schwerste geschädigt worden sind und hat nur durch seinen stets vorgeschobenen Helfershelfer sich vor der Kriminaljustiz retten können. Sein bester Freund und Handwerksgenosse hat schließlich um seiner Schuld willen sogar mit dem Leben büßen müssen. Ich weiß nicht, ob Ihnen auch diese Tatsachen bekannt waren, Fräulein von Detten.« Sie hatte mit großen, entsetzten Augen zugehört. Kein Blutstropfen schien mehr in ihrem kalkweißen Gesicht zurückgeblieben zu sein, ihr Herz klopfte wie mit Hammerschlägen. Davon freilich hatte ihr dieser Mann, als er um ihr Mitleid bettelte und seine Rettung von ihr erflehte, nichts verraten, weil er gewußt, daß sie darüber nie hätte hinauskommen können. So war er also dennoch – und trotz der scheinbaren Offenherzigkeit, mit der er die Irrsale seines verfehlten Lebens vor ihr dargelegt – ein Lügner, denn in diesem Falle waren Verschweigen und Lügen eins; er war wirklich nichts Besseres gewesen als ein Komödiant, und wer konnte noch unterscheiden, was wahr und was erheuchelt bei ihm war? Eine Posse hatte dieser Mann ihr vorgespielt und daraufhin sie in seine Gewalt bekommen! Wenn das alles die Wahrheit war, was sie hier vernehmen mußte! Aber konnte sie denn zweifeln? Dieser da log nicht, dem sah man es an den Augen an, daß er die Wahrheit sprach und wie schwer sie ihm wurde, und daß er sie nur ans Licht des Tages brachte, weil er diejenige, die er liebte, nicht einem Unwürdigen anheimfallen lassen wollte. Und dann: hatte nicht Erich Holdheim sie vor Arno gewarnt? Warum hatte sie auch auf die Warnung dessen nicht gehört, den sie doch liebte? Blind war sie in ihrer Opferbereitschaft in ihr Verderben gerannt. Aber noch war es ja nicht zu spät – noch nicht. Heute abend sollte sie Arno Antwort sagen, ob sie morgen, längstens übermorgen mit ihm nach Helgoland reisen wolle. Nun begriff sie seinen abenteuerlichen Plan und seine Eile. Ihr Argwohn, dessen sie sich einen Augenblick geschämt, war nur allzu berechtigt gewesen. Und sie schauderte zusammen bei dem Gedanken, daß sie gegangen wäre, daß sie sich an diesen Mann gebunden hätte, wenn nicht in letzter Stunde ihr die Augen über ihn geöffnet worden wären. Und doch: in all dem wirbelnden Aufruhr, der sie durchstürmte, in all der Empörung und Verachtung gegen den, der ein so schmähliches Spiel mit allem Heiligsten in ihr getrieben – sie konnte ihrem Mitleid mit Arno Meyburg nicht ganz entsagen. Geliebt hatte er sie ja wohl wirklich. Und hatte sie sich erringen wollen um jeden Preis – auch um den der Lüge und Heuchelei. Weil er keinen anderen Weg gesehen hatte, um aus dem Sumpf, in den er vollends zu versinken drohte, sich zu retten, und doch war die heiße Sehnsucht in ihm nach solcher Rettung! Jetzt hätte er doch noch ein guter Mensch und ein nützliches Glied der Gesellschaft werden können. Das hatte er gewußt, gefühlt und gewollt und deshalb seine Hände nach ihr ausgestreckt – zu spät! Seine Vergangenheit ließ ihn nicht mehr los; das, was geschehen war, stand als unüberwindliche Schranke zwischen ihm und der Zukunft, trotzdem er sie, die er liebte – vielleicht auch sich selber – darüber zu täuschen versucht, zu spät! Und noch etwas anderes dämmerte in der jähen Gedankenflucht, die Margots Seele durchbrauste, vor ihr auf: dieser andere, Arnos »Freund und Handwerksgenosse«, wie Herr von Saldern ihn genannt, der sein Leben um Arnos Verschulden willen hatte hingeben müssen – war das nicht etwa derselbe, den Erich Holdheim erschossen haben sollte, und von dem ihr Arno erzählt? War das nicht die dunkle Tat, der die Todfeindschaft zwischen Erich Holdheim und Arno Meyburg entstammte? Immer schärfer, immer greller drang das Licht in ihre armen, müden Augen. Nur jetzt einen Ausweg – einen Ausweg! Bruno von Saldern hatte eine Zeitlang Stillschweigen bewahrt, um den Aufruhr, den er in Margots Seele entfacht, erst etwas vertoben zu lassen. Er selbst war in einen Stuhl gesunken, in dem er, das Gesicht in beiden Händen, verharrte, wie um nicht zu sehen oder zu hören. Dann sprang er plötzlich wieder auf und sagte: »Sie können sich kaum denken, wie mir selber bei alledem zumute geworden ist, Fräulein von Detten! Dies Ausspionieren und Aushorchen, das so gar nicht meine Sache ist und mich so tief vor mir selber demütigte! Und jeden Tag eine neue Entdeckung, und eine immer noch trostloser als die andere! Erst die Auskunft der Regimentskameraden mit ihren für Baron Meyburg so ehrenrührigen Details – dann die Gewißheit, daß er zur Zunft der Professionsspieler gehörte – und endlich die Entdeckung, daß diese Lucile Birkner Ansprüche an ihn erhob, nicht nur, weil er ihr versprochen, sie zu heiraten, sondern vor allem, weil sie ihn mit einer unzerreißbaren Kette festhält! Und das war der Mann, dem ich Sie lassen sollte! Konnte – kann ich denn das? Sagen Sie selber, Fräulein von Detten!« Margot blickte stumm, mit großen, brennenden Augen vor sich hin. »Sie haben mir noch nicht alles gesagt«, kam es endlich klanglos über ihre Lippen. »Das Verbrechen, das die beiden aneinander fesselt –?« Der junge Offizier machte ein paar Schritte durch das Gemach. »Ich kenne es noch nicht«, sagte er dann, vor sich niederstarrend, »ich weiß nur, daß es da ist. Ich habe Bruchstücke einer Unterredung zwischen Baron Meyburg und diesem Fräulein Birkner im Zimmer der letzteren belauscht, die mir dies zur Gewißheit machen. Er hat ihr lange genug seine Verlobung zu verheimlichen gewußt – immer in der Hoffnung und mit der Absicht, sie von hier fortzuschicken. Tausend Vorwände dafür hat er herausgesucht, und gerade das hat sie argwöhnisch gemacht. Sie hat sich auf die Lauer gelegt und ihm nachgeforscht. Noch heute morgen hat er trotzdem ihr ins Gesicht alles abgeleugnet. Aber sie ist mißtrauisch geworden und wird sich so oder so Klarheit verschaffen. Und dann –«, er unterbrach sich. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Fräulein von Detten. Lassen Sie sich heute auf den Maskenball im Kasino führen.« »Es war ohnehin unsere Absicht, ihn zu besuchen.« »Vortrefflich. Ich weiß, daß auch das Fräulein Birkner dort sein wird und daß sie dort eine Zusammenkunft mit Meyburg hat. Es wird nicht schwer sein, heute auf die eine oder andere Art zu erfahren, womit sie ihn hält. Vorläufig – obgleich ich selbstverständlich mit meiner Person für alles einstehe, was ich Ihnen gemeldet habe – bitt' ich noch um Ihre Diskretion gegen jedermann. Wir sehen uns im Kasino wieder.« Er griff nach seinem Hut, den er vorher auf einen Stuhl geworfen, und trat vor sie hin. »Fräulein von Detten«, sagte er treuherzig, »ich kann für dies Herzleid, das ich Ihnen bereitet habe, keinen Dank von Ihnen erwarten. Wenn Sie mir aber die Überzeugung lassen wollten, daß Sie einen Freund in mir sehen, einen wirklichen, treuen Freund, auf den Sie in jeder Lage des Lebens zählen können – Fräulein von Detten –« Er hatte in tiefer Bewegung ihre eine Hand ergriffen, und sie ließ ihm ihre zweite auch. Ihre Lippen zuckten, eine Träne stand in ihren Augen. »Ich danke Ihnen«, hauchte sie mit Anstrengung, »und ich will –!« Er küßte ihre beiden Hände. Dann stand er schwer atmend eine Weile da, und endlich stürzte er wortlos hinaus. XIV. Eine halbe Stunde später war schon die Gesellschaft aus dem Hotel Beaurivage da, um die Geschwister abzuholen. Margot hatte inzwischen kaum Zeit gehabt, sich an den Tisch zu setzen und ein paar Bissen zu sich zu nehmen – eigentlich nur zum Schein und um bei den Leuten kein Aufsehen zu erregen, denn sie spürte nichts von Hunger und alles Essen widerstand ihr. Wenn nur diese Nacht erst vorüber wäre! dachte sie, wenn nur alles erst vorüber wäre! Und morgen war Aschermittwoch. Dann war diese ganze schale Posse zu Ende und der graue Alltag begann wieder. Sie schüttelte sich. Es war ihr immer, als ob sie etwas von sich abwerfen müsse, etwas Widerliches, etwas, das sie befleckte und schändete. Sie schämte sich vor sich selber und vor den anderen. Lasen sie ihr denn nicht alle die Schmach von der Stirne ab, daß sie die Braut eines solchen Mannes war? Und wenn heute nicht Schlag auf Schlag die Entdeckungen gekommen wären – sie wagte gar nicht daran zu denken. Abwaschen – wenn man das doch alles von sich abwaschen könnte! Und da stürmten die andern schon lachend und schwatzend ins Haus, um sie zum Korso, zum Maskenball abzuholen. Ja, freilich; noch war ja Karneval. Die letzte Faschingsnacht und deshalb die tollste, die ausgelassenste von allen, in die sich noch einmal alle überschäumende Lust dieser Tage zusammendrängte. Lustig sein! Lustig sein! Morgen ist's an der Zeit, sich Asche aufs Haupt zu streuen, zu büßen und zu bereuen – morgen!–Die Herrschaften aus dem Hotel Beaurivage waren sehr aufgeregt. Zum ersten Male, daß der Major von Jorell nicht der Table d'hote präsidiert hatte. Kein Mensch wußte, wo er steckte. Nun mußte man hören, daß auch Harro von Detten nicht zur Stelle war. Diese Fahrlässigkeit! Als ob es etwas Wichtigeres in der Welt hätte geben können, als am letzten Karnevalsabend pünktlich auf dem Posten zu sein. Statt dessen verlangte Margot, daß man ihren Bräutigam erwarten sollte, der bestimmt versprochen hatte, sie rechtzeitig abzuholen. An dessen Begleitung lag den anderen nun am wenigsten; seit Arno Meyburg verlobt war, hatte er für niemand außer Margot mehr Auge und Ohr. Man wurde ungeduldig. Schließlich hatte sich Margot schon halb und halb entschlossen mitzugehen und für Arno eine Botschaft zurückzulassen, als stürmisch die Klingel draußen gezogen wurde und Arno atemlos hereinhastete. Nun konnte man endlich aufbrechen. Arno entschuldigte sich beim Fortgehen vor Margot damit, daß er um jeden Preis erst habe die Geldangelegenheit ordnen wollen, was mitten in dem Karnevalstrubel schwierig und zeitraubend gewesen sei; nun sei aber auch alles in Ordnung; seinetwegen könne Harro noch heute nacht nach Monte Carlo hinüberfahren, um dem Fürsten Caraffa den Pack Banknoten zu überbringen, den der Credit Lyonais ihm, Arno, jetzt auf die Erbschaft hin ausbezahlt habe und den er bei sich trage. Auch für die Reise habe er Geld eingewechselt. Denn man werde doch wohl reisen? Er habe im Bureau der Messageries maritimes den Bescheid erhalten, daß morgen Abend um neun Uhr in Marseille einer der besten Steamer dieser Linie fällig sei, der am Morgen darauf die Weiterreise antreten werde. Der »Eclair« von Nizza nach Marseille ging um drei Uhr zwanzig Minuten. Es stimmte alles vortrefflich, man hätte Zeit zum Packen genug. Beinahe hätte er die Schiffskarten gleich mitgebracht. Was Margot dazu gesagt haben würde? Er sprach so hastig und aufgeregt, daß Margot außerstande gewesen sein würde, eine Frage oder einen Ausruf dazwischen zu tun, selbst wenn sie gewollt hätte. Aber sie wollte gar nicht. Sie hing an seinem Arm und ließ sich willenlos von ihm führen. Ihr Blick war starr, und ihre Bewegungen waren mechanisch. Durfte sie ihn so ahnungslos lassen? Hätte sie ihm nicht zurufen, ihn mahnen sollen: Bekenne, bekenne alles, und verringere durch dein Geständnis deine Schuld! Den Preis deiner Vergehen wirst du doch nicht mehr erlangen. Statt dessen noch einmal seine Frage: »Werden wir morgen reisen, Margot? Werden wir?« Und er drückte ihren Arm heftiger in dem seinen, seine Augen flackerten in irrem Glühen dicht vor den ihren. »Morgen – laß mir Zeit bis morgen!« stammelte sie. Und nun hatten sie die Rue St. François und Paul erreicht, in welcher bei den schmetternden Klängen der draußen auf dem kleinen palmenbepflanzten Square postierten Musikkapelle der »weiße Korso« sich auf und nieder bewegte. Die an den Straßeneingängen Wache haltenden Sicherheitsmannschaften ließen keinerlei Masken und Gefährte passieren, die nicht vorschriftsmäßig weiß erschienen. Alles war weiß: die Dominos, die Kopfbedeckungen und das Schuhwerk. Die Wagen waren mit weißen Blumengirlanden geschmückt, die Pferde in weiße Leinentücher gehüllt; aus den Fenstern der Häuser hingen weiße Decken und Draperien nieder, und man ließ kleine Sträußchen von weißen Levkoyen, Nelken und Rosen, dazu einen Regen von Papierschnitzeln und Wattebäuschchen auf die Vorbeiziehenden herabrieseln. Weißes elektrisches Licht überhellte geisterhaft die bleiche Kavalkade, die trotz der hüpfenden Tanzrhythmen des Orchesters etwas Gespenstisches hatte. Seltsamerweise wollte auch dabei eine eigentliche Lustigkeit nicht aufkommen. Man war enttäuscht, man hatte sich von dieser neuen Erfindung des Karnevalkomitees etwas anderes versprochen und fühlte sich von diesem weißen Zuge nun angeschauert wie von etwas Kaltem und Totem. »Das ist ja gerade wie der Leichenzug des Karnevals«, meinte Adele Lindenthal, die sich trotz des Mangels an jedem Entgegenkommen an Arno von Meyburgs linken Arm gehängt hatte. Auch die übrige Gesellschaft stimmte dafür, weiterzugehen. Man folgte dem am Meeresufer auftauchenden Fackelzuge, der blutrote Farbenflecke auf die mit breiten Schaumwogen heranrollende See hinauswarf, und ließ sich von dem bunten, lärmenden Maskenschwarm, der ihn umtanzte und umsang, bis zum Place de la Mairie mit fortreißen, wo eben das Feuerwerk begann, als man eintraf. Der Platz war gedrängt voller Menschen. Die Feuerräder prasselten und die Raketen stiegen zischend zum dunkelblauen Nachthimmel empor. Zwei Musikkorps ließen von den Estraden ihre elektrisierenden Weisen erschallen, und die Menge in den bunten Flitterkostümen drunten jauchzte und schrie. Und nun hatten die Feuerrohre sich alle gegen den hoch auf seinem Sessel thronenden »Bonhomme«, den Prinzen Karneval, in seinem chinesischen Kostüm gerichtet, der die Mitte des Platzes einnahm und bisher nur von den Raketen umschwirrt und von den elektrischen Sonnen überstrahlt worden war. Sie sandten ihm ihre flammende Ladung gerade ins Herz. Ein dünner Rauchstrahl stieg vor ihm auf, seine Gewänder begannen zu schwelen, sein Haar fing Feuer. Wie eine flammende Schlange ringelte sich sein Zopf an ihm hinauf. Dann schlugen die Funken in sich verbreiternden Garben aus seinen Augen heraus, und nun stand die riesige Puppe in lichten Flammen, und eine einzige breite, hohe Feuersäule schlug zum Himmel empor und überleuchtete mit heißem Schein diese Tausende von singenden, johlenden, beifallklatschenden Menschen in ihren bunten Narrengewändern, die trotz der quetschenden Enge einen ausgelassenen Tanz um die lebende Riesenfackel her zu tanzen begannen, welche weit hinaus bis aufs Meer ihren roten Widerglanz zittern ließ – der Kehraus des Nizzaer Karnevals. Mitten unter der jauchzenden Menge, die ihrer verbrausenden Faschingslaune noch einmal einen bacchantischen Ausdruck gab, stand Margot an Arnos Arm und sah das alles mit an wie einen wirren Spuk. Daß die alle tanzen konnten! Und da drunten gähnte der Vulkan, der sie jeden Augenblick verschlingen konnte. – Alle, wie sie da waren! Sie strich sich über die Stirn hin. Was das für tolle Visionen waren! Die hier hatten ja alle keinen Grund, ihrer Lust zu entsagen, die genossen die Feststunden des Lebens und klammerten sich daran, bis die Glocken den grauen Aschermittwoch einläuteten. Was kümmerte es die, daß sie hier in Qual und Scham schier zu vergehen meinte und dies jubelnde Getöse ihr in den Ohren und in der Seele nachhallte wie der bittere Hohnschrei, der durch die ganze Schöpfung gellt. Arno hatte schon mehrfach durch zuckende Armbewegungen seine Unruhe kundgegeben. Jetzt sagte er: »Ich denke, wir gehen nun. Harro finden wir nur im Kasino. Hier im Gewühl ist's unmöglich. Auch uns könnt' es wieder so gehen wie heute nachmittag, wo ich meinen Monte Carloer Freunden einen Augenblick nachging und dich dann ganz aus den Augen verlor. Du bist doch wieder ganz wohl, Margot?« »Ganz wohl, weshalb fragst du?« »Du siehst blaß aus und bist auch so still.« Seine Frage hatte besorgt geklungen, und seine Augen ruhten mit angstvoller Zärtlichkeit auf ihr. Margot antwortete nicht. »Er liebt mich wirklich!« dachte sie, »trotz allem!« Und dann, während er sie sacht aus dem Gewühle zog und eine stille Seitenstraße mit ihr aufsuchte, kam es ihr plötzlich wie ein Verrat vor, den sie eben jetzt an ihm und an seiner Liebe zu ihr begehen wollte, daß sie ihn ahnungslos auf diesen Maskenball im Kasino gehen ließ, wie in einen Hinterhalt, den man ihm gelegt. War das ehrlich gehandelt und ihrer würdig? Weshalb verschmähte sie nicht alle diese krummen Wege und alle Heimlichkeiten, die doch ihrer innersten Natur zuwider waren, und trat vor ihn hin, um ihn Auge in Auge zu fragen, was er begangen, um dieser Lucile Birkner, die so stürmisch ihre Ansprüche an ihn geltend machte, Gewalt über sich einzuräumen? Weil sie fürchten mußte, daß er sie dann aufs neue belügen, daß er dann doch wieder Komödie vor ihr spielen und die Wahrheit auf solche Art niemals an den Tag kommen werde, wonach doch alles in ihr schrie? Aber wenn dieser Mann allen Glauben bei ihr verloren hatte und er keine Macht mehr besaß, um seine Worte bei ihr Eingang finden zu lassen, warum rief sie ihm dann nicht zu: »Geh' von mir! Unsere Wege sind für immer geschieden!« Warum dann noch während der Dauer einer Minute auch nur dies elende Gaukelspiel weiter fortsetzen? »Arno«, sagte sie mitten aus diesen wühlenden Gedanken heraus mit fast versagender Stimme, »ich bitte dich: laß uns nicht ins Kasino gehen. Wir müssen miteinander reden. Und dort – gerade dort –« »Aber Margot«, fiel er sichtlich erschrocken ein, »was ist das nun plötzlich wieder für eine Laune? Ich kenne dich heute gar nicht wieder. Du mußt wirklich krank sein. Ich muß ins Kasino. Ich habe auch anderen Freunden bestimmt versprochen, dort zu sein. Und Harro!« »Wenn dir diese Rücksichten vorgehen –« Er hatte keine Zeit mehr, auf diese bitteren Tones gegebene Gegenrede zu antworten, denn ein Schwärm von eleganten Masken hatte die beiden jetzt umringt und riß sie, mit verstellten Fistelstimmen auf sie einredend, mit sich fort. Ohnehin befanden sie sich jetzt dicht beim Kasino, und Arno, der auf die gewagten Maskenscherze der anderen schlagfertig eingegangen war, zeigte auch keine Lust, den Besuch desselben aufzugeben. Mit einer ganzen Woge von schwärmenden Masken zugleich traten sie ein. Ein tosendes Gelärme empfing sie. Der mit prächtigen Blattpflanzen gezierte Wintergarten nebst den ihn umgebenden Arkaden, der ausgeräumte Theatersaal, der Bühnenraum und sämtliche Logen waren von Masken gefüllt, und alles schwirrte bunt durcheinander. Die Flut von schillernden Farben, oft in den schreiendsten Kontrasten durcheinander gemengt, war schier sinnverwirrend. Dazu die Musik, das Stimmengetöse, das Klirren der Gläser von den Büfetts, das Klingeln der Schellen an den roten Zipfelkappen, das Rasseln der Tamburins, die von lieblichen Tänzerinnen geschwungen wurden – man konnte in den ersten Minuten glauben, sich in ein riesiges Tollhaus versetzt zu sehen. Margot fühlte wiederum eine Schwächeanwandlung, aber sie bezwang sie. Sie mußte ja stark sein diese Nacht noch – und dann war alles zu Ende. Armer Harro! Auch sein Glückstraum war damit zu Ende geträumt. Es schien anfänglich undenkbar, in diesem Chaos eine bestimmte Person zu entdecken. Das Gewühl war unübersehbar. Als man jedoch angefangen hatte zu tanzen und alles in den Theatersaal drängte, um sich zu beteiligen oder zuzusehen, wurde es im Wintergarten fast leer, und man konnte den einzelnen Gestalten, die vorüberkamen, Aufmerksamkeit schenken. Margot, der Arno einen Stuhl unweit vom Eingang und einige Erfrischungen verschafft hatte, spähte in wachsender Erregung nach Harro aus. Hier konnte er ihr nicht entgehen. Und es war ihr, als müsse sie jetzt zu ihm flüchten, bei ihm Schutz und Rettung suchen. Aber er kam nicht. Statt dessen glaubte sie einmal Bruno von Saldern vorübergehen zu sehen, der eine Dame am Arme führte. Beide waren maskiert und der junge Offizier schien sie nicht zu gewahren, drehte wenigstens nicht das Gesicht zu ihr. Wohl aber bemerkte Margot, daß auch Arno, der jetzt wieder von Adele Lindenthal und anderen Mitgliedern der Beaurivage-Gesellschaft in Anspruch genommen wurde, dem Paare seine Aufmerksamkeit schenkte und sogar Miene machte, ihm zu folgen, um sich dann wieder eines anderen zu besinnen. Von da an aber war er in zitternder, nervöser Erregung, zupfte an seinem Schnurrbart, gab zerstreute Antworten und blickte mit unstetem Flackern seiner Augen und an der Unterlippe nagend in die auf und nieder flutende Menge. »Du wartest auf jemand?« fragte Margot ihn plötzlich und sah ihn fest an. Er versuchte zu lächeln. »Ja, ja – ich sagte dir's ja, glaub' ich, schon – auf den Vicomte de Levoyeau. Was du übrigens für eine gute Beobachterin bist?« Seine Heiterkeit hatte etwas sehr Gezwungenes. In diesem Augenblick näherte sich ihnen dieselbe Maske, die Margot vorhin für Bruno von Saldern gehalten hatte. Er war jetzt allein, hielt kurz Umschau und trat dann entschlossen auf Arno zu. »Der Vicomte de Levoyeau sucht Sie überall, Baron«, raunte er ihm zu, »er scheint es sehr dringend zu haben, wollte mir aber nur sagen, man erwarte Sie; falls ich Sie fände, möchte ich Ihnen das melden. Ich weiß nicht, ob es sich nur um einen Maskenscherz handelt –« »Nein, nein«, fiel Arno hastig ein. »Ich habe in der Tat eine Verabredung mit ihm. Wo ist er?« »Wenn Sie seine Maske kennen, können Sie ihn kaum verfehlen. Er patroulliert da hinten rechts vor dem Orchester auf und ab.« »Besten Dank! Und – ich habe doch die Ehre, Herrn von Saldern –?« »Erraten. Aber ich bitte Sie, mein Inkognito nicht vor diesen Herrschaften dort zu lüften. Ich möchte heute abend den indiskreten Fragen Fräulein Lindenthals nicht gern mich exponieren.« »Ich wollte Sie gerade um den Dienst bitten, bei meiner Braut eine halbe Stunde lang den Kavalier zu spielen, Herr von Saldern. Sie erwartet ihren Bruder.« »Das ist etwas anderes. Für Fräulein von Detten stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Nur die anderen brauchen nicht zu wissen –« »Gut, gut. Bitte, kommen Sie! – Margot, auf ein Wort.« Er raunte ihr etwas zu, während Herr von Saldern sich stumm vor ihr verneigte. »Auf Wiedersehen, an dieser Stelle«, fügte er dann rasch hinzu. »Bis dahin wird auch Harro hier sein. Und ich denke, wir gehen dann. Die Gesellschaft hier ist doch etwas gemischt.« Er wollte sich mit einem flüchtigen Handwinken entfernen, als Margot plötzlich verzweiflungsvoll ihm nachrief: »Arno, bleib, ich beschwöre dich!« Er wechselte die Farbe, als er sich mit erzwungenem Lächeln zu ihr zurückdrehte. »Was ist denn? Ich verstehe dich nicht. Der Vicomte – unsere Verabredung –« »Ich wiederhole dir: bleib!« flüsterte sie. Er schien sekundenlang zu schwanken. Offenbar wußte er nicht, was er aus ihren Bitten machen sollte. Dann schüttelte er den Kopf. »Du bist heute wunderlich«, sagte er leise, »à tantôt!« Und er ging rasch gegen den Theatersaal zu. Margot war schweratmend stehengeblieben. Ihre Augen gingen ihm nach, ein Zittern durchrann sie. Bruno von Saldern hatte bisher kein Wort gesprochen. Jetzt trat er dicht an ihre Seite, legte ihren Arm in den seinen und sagte: »Befehlen Sie, wohin ich Sie führen soll, gnädiges Fräulein!« Sie sah ihn in scheuer Verwunderung an und murmelte: »Ich dachte, Sie wollen mich – ich sollte die beiden – diese Lucile Birkner und ihn zusammen –« »Ich wußte nicht, ob Sie es noch wünschen, Fräulein von Detten. Wenn Sie es wünschen – es ist alles vorbereitet.« Da sie immer noch zu zögern schien, setzte er in dem gleichen ernstgehaltenen Ton, nur noch leiser hinzu: »Ich begreife, daß es Ihnen wie eine Schmach erscheint – aber in solchem Falle, wo das Glück und die Ehre zugleich auf dem Spiel stehen – wo es kein anderes Mittel gibt, die Wahrheit zu erfahren –« »Sie haben recht, es muß sein. Bitte, führen Sie mich! Aber rasch, rasch, daß wir zu Ende kommen.« Sie hing schwer an seinem Arm, als er sie ohne weitere Entgegnung durch das Maskengewühl des Wintergartens auf den Bühnenraum zu führte und von dort auf einer Treppe in das Foyer des ersten Ranges hinaufgeleitete. Er hatte diesen Weg gewählt, um möglichst unbemerkt in die kleine Loge zu gelangen, die sich der Bühne zunächst befand und deren Tür ihm der Schließer sofort bei seinem Erscheinen öffnete, ohne eine dahingehende Weisung abzuwarten. Margot sah ihren Begleiter, der seine Maske vom Gesicht genommen hatte, einen Augenblick fragend an, trat dann aber ohne weiteres Zaudern ein, und die Tür wurde leise hinter ihnen ins Schloß gedrückt. Herr von Saldern zog die roten Seidengardinen, die den Ausblick der Loge vorn umrahmten, noch etwas näher zusammen, während Margot erschöpft in einen der roten Plüschsessel gesunken war. Sie wollte eben eine Frage tun, als sie unmittelbar neben sich Arnos Stimme hörte: »Und ich will, daß der Vicomte bleibt.« Nun begriff sie. Wand an Wand befanden sich die beiden, die sie belauschen wollten. Und trotzdem diese ihre Stimmen bis zu einem zischenden Flüstern dämpften, war's, als säße man in dem gleichen Raum mit ihnen. Schmachvoll, hatte Bruno von Saldern gesagt, würd' es ihr vorkommen. Ja, wahrlich: er hatte recht. Und doch blieb sie, doch hätte es seiner Mahnung, die er ihr durch Zeichen zu verstehen gab, stumm zu bleiben, nicht bedurft – sie lauschte. Arno hatte jenen Ausruf in zornigem Befehlston auf französisch getan, und nun erwiderte ihm eine weibliche Stimme, welche Margot sofort als die der weiblichen Maske in Weiß von heute nachmittag wieder erkannte, in dumpfverhaltenem Groll, in welchen sich sogleich Verachtung mischte, ebenso: »Ah, du fürchtest dich, mein Lieber? Sei nur ganz ruhig! Ich habe kein Fläschchen mit Vitriol bei mir. überhaupt habe ich gar keine Lust, die verlassene Geliebte zu spielen oder dir eine Theaterszene aufzuführen. Ich habe dem Vicomte bereits gesagt, daß er sich weiter keine Mühe zu geben braucht, mir Märchen aufzubinden. Dein Komödienspiel macht dich jetzt nur noch lächerlich bei mir, Arno!« Eine dritte Stimme fiel jetzt näselnd ein: »Ich begreife Sie nicht, Mademoiselle, die Propositionen des Barons sind derart generös –.« Ein schneidendes Auflachen erstickte seine Worte. Dann fügte Arno bei: »Nun, hat er etwa nicht recht? Ich weiß nicht, was du willst. Halb und halb – ehrlicher kann man doch am Ende nicht sein. Wenn es dir aber nicht genügt – ich bin bereit, noch weiter zu gehen. Ich will frei werden von dir – ganz, für immer, ja – ich mache dir kein Hehl mehr daraus. Ich hätte von Anfang an offener gegen dich sein sollen. Ich gebe dir zu, daß ich eine Komödie vor dir aufgeführt habe. Ich wollte dir nicht ins Gesicht sagen, daß –« »Daß du meiner überdrüssig geworden bist – daß du inzwischen eine andere umgarnt hattest.« »Lucile!« Seine Stimme vibrierte von wilder Drohung. »Nun? Eine mehr – das hätte mich nicht wundergenommen. Die Ferien waren zu lang für dich. Aber jetzt willst du mit dieser da Ernst machen. Oder nicht? Mich wolltest du beseitigen – in Geschäften noch einmal nach Deutschland zurückschicken unter tausend Vorwänden – und inzwischen ein fait accompli schaffen, mir als wohlbestallter, solider Ehegatte entgegentreten, an mein Mitleid appellieren und mir mit Geld, mit viel Geld den Mund stopfen. Du bist wieder einmal sehr schlau zu Werke gegangen, mein Lieber. Ich mache dir mein Kompliment. Beinahe wäre die ganze Sache gelungen. Nur daß du mir von vornherein etwas verdächtig vorkamst bei unserem Wiederfinden, ganz verändert gegen damals. Du gabst dir zwar alle Mühe, deine Kälte zu verheimlichen, aber ich wurde damals schon stutzig, als wir auf der Landstraße diesen Leuten begegneten und du mich im Stiche ließest. Das hättest du nicht tun sollen, mein Lieber, das war unvorsichtig. Du hattest überhaupt bei allen deinen Kalkulationen einen Faktor vergessen und deshalb stimmten sie zuletzt doch nicht ganz: die weibliche Eifersucht – den Scharfblick der Liebe –« »Komm zu Ende«, unterbrach sie Arno rauh. »Was willst du eigentlich? Mach's kurz! Ich möchte endlich deine Bedingungen für meine Freiheit hören. Wie die Dinge stehen, darüber sind wir ja nun im klaren.« »Noch nicht ganz«, fiel sie leidenschaftlich ein. »Zum wenigsten du nicht. Sonst würdest du wissen, daß all deine Machinationen vergeblich sind. Der Faktor, den du nicht berücksichtigt hast und von dem ich vorher sprach, ist eben gewaltiger als du ahnst. Ich gebe dich überhaupt nicht frei!« Ein kreischender Ton schlug auf die letzten Worte hin an Margots Ohr. Sessel wurden geschoben, ein Angstruf schrillte auf, dann klang die Stimme des Vicomtes: »Aber ruhig doch, um Gottes willen ruhig! Sind Sie denn von Sinnen, Baron?« Und gleich danach rief Lucile heiser: »Nun sehe ich, daß du mit Recht einen Zeugen für diese Unterredung verlangtest! Du wolltest dich selber dagegen schützen, ein Verbrechen zu begehen. Du brauchst aber nicht zu denken, daß ich nicht auch darauf vorbereitet gewesen wäre! Bei dir auf alles. Es wäre ja auch wohl nicht dein erstes!« Arno lachte hohl. »Wenn du eine so vorteilhafte Meinung von mir hast, meine Liebe, weshalb hängst du dich dann an mich, da ich dich doch um jeden höchsten Preis los werden möchte – he?« »Sie werden brutal, Baron«, sagte der Vicomte in seiner gezierten, etwas lispelnden Sprechweise. »Sie lassen sich fortreißen.« »Oh«, fiel Lucile ein, »lassen Sie doch! Ich hab' es gern, wenn er sich so ganz ohne Pose zeigt. Und da er seinen Revolver nun doch schon einmal hat sehen lassen, weiß ich ja, wie ich mit ihm daran bin ... hab's übrigens schon längst gewußt. Und deine Frage ist gar nicht einmal so dumm, mein Bester. Es wäre ja viel klüger, dich frei zu geben und dein Geld einzustecken. Weißt du, eins hindert mich daran, und darüber komme ich einmal nicht fort – trotz deiner Bitten und Drohungen nicht, trotz deiner Brutalität und deines Revolvers nicht: ich liebe dich! Ja, lache mich nur aus, verhöhne mich, verachte mich – hast ja recht. Ich schäme mich schon selber genug darüber – hast gar nicht mehr nötig, mir's ins Gesicht zu schreien, daß ich's müßte. Wie ein Spott ist's, noch zu lieben – jetzt noch. Aber wenn man sich's nur so herausreißen könnte! Vielleicht ist das auch gar keine Liebe mehr, ist schon Haß – ich weiß selber nicht. Nur dich einer anderen lassen – nein, das nicht, mein Lieber, das nicht. Für keine Million – hörst du wohl? Ich bin vielleicht wahnsinnig. Aber dann bist du ganz allein schuld daran. Lach' nur! Was verstehst du denn auch von Liebe! Von so einer Liebe, die einen zwingt, Verbrechen zu begehen – und sich lieber totschießen zu lassen als zu verzichten!« »Vielleicht mehr als du denkst«, murmelte Arno zwischen den Zähnen. »Und eben deshalb –« »Das soll heißen: du liebst diese andere so?« fragte sie, plötzlich ins Deutsche übergehend. »Das soll es heißen!« »Kannst du denn überhaupt lieben?« »Ich hab's erfahren müssen, Lucile, laß uns ruhig und ehrlich miteinander reden. Ich handle schlecht an dir, ich weiß es. Ich habe dich betrügen wollen, ich breche dir jetzt mein Wort. Aber ich kann nicht anders. Dies alles ist plötzlich über mich gekommen und hat mich überwältigt. Du hast ganz recht, daran zu zweifeln, daß ich lieben könnte. Ich hab's selber nicht geglaubt, ich hab' ja früher noch nie geliebt. Liebe – das ist etwas ganz anderes, als was ich bisher gekannt habe – etwas Gewaltiges. Und seit ich diese andere gesehen habe, hab' ich's gespürt, dies Gewaltige. Sieh', Lucile« – seine Stimme wurde allmählich ganz weich – »ich bin ja ein schlechter Mensch, ich hab' mehr Sünden auf dem Gewissen, als ein Mensch außer mir weiß, ich bin verdorben im Sumpf, in den ich geraten bin – vielleicht nicht allein durch eigene Schuld. Und ich hab' auch gar kein anderer sein wollen , als ich war. Da ist dies Mädchen gekommen, und es ist alles wieder in mir erwacht, was gut und rein war – plötzlich, wie durch ein Wunder. Ich habe mich mit einem Male danach gesehnt, wieder ein guter Mensch zu werden, worüber ich noch kurz vorher spöttisch gelacht haben würde, und ich habe gewußt: diese da kann mich retten! Die kann alles wieder auslöschen, was ich Gemeines je im Leben gedacht und getan und gewollt habe, die kann mich gut machen und mir Frieden geben und Sonne. Und da hab' ich kein Bedenken mehr gekannt, Lucile, nicht an dich hab' ich gedacht und nicht an die Vergangenheit – das ist alles versunken und vergessen gewesen. Nur ein Wunsch war in mir: wieder gut und glücklich werden – ein neues Leben anfangen, ein neuer Mensch sein. Und das alles könnt' ich, wenn ich das Mädchen besitzen durfte. Und das alles kann ich – heute noch, in dieser Stunde – wenn du mich nicht hinderst. – So! Nun weißt du alles. Wenn du noch den Mut hast – so begreifst du wenigstens, was du tust damit! Ich meinesteils könnte nicht fassen, wie du es übers Herz brächtest. Verloren bin ich dir ja nun doch einmal – so oder so. Das hat das Schicksal so gewollt. Was kann dir also nun daran liegen, daß du mich hindern willst, nach einem Rettungsanker zu greifen? Du bist doch gut, Lucile. Und wenn du mich wirklich liebst – verdient hab' ich's ja nicht um dich –, so beweise mir's und gib mich frei! Vergiß alles, was ich dir angetan hab'! Sieh', du kannst ja auch noch einmal glücklich werden. Und mit mir nie – mit mir hättest du die Hölle auf Erden. Nein, Lucile, ich will dir nicht mehr drohen – aber bitten will ich dich: gib mich frei! Laß mich gut und glücklich werden! Ich habe so ein heißes Verlangen danach – mein ganzes Leben liegt in deiner Hand!« Seine Stimme war in eine Art von Schluchzen ausgeklungen, und eine Zeitlang hörte man nichts als dieses und ein ungeduldiges Räuspern des Vicomte. Dann sagte Lucile mit sonderbar harter, metalloser Stimme: »So weit wären wir also! Eine neue Tonart. Und du pfeifst sie meisterlich, Arno! Aber es hilft dir nichts! Zu spät! Viel zu spät!« »Was willst du damit sagen?« fuhr er auf. »Daß dies alles hätte eher kommen müssen, wenn es noch helfen sollte. Jetzt kann ich dich nicht mehr freigeben.« »Weil du mir's nicht gönnst, gerettet zu werden – glücklich zu sein!« »Vielleicht! Ein gut Teil Selbstlosigkeit gehört schon dazu – Selbstlosigkeit und Gutsein. Mehr als ich besitze. Dich in die Sonne gehen lassen und mich selber im Schatten niederkauern – während ich dich doch liebe, während doch alles in mir nach dir schreit, hätte mich ein Stück meines Lebens gekostet. Und bezahlen hätt' ich mich schon gewiß nicht dafür lassen, verstehst du? Dafür ist in mir selber die Gier zu heiß, glücklich zu werden – zu leben. Bisher hab' ich ja noch nicht gelebt. Und doch wär's möglich gewesen – früher. Jetzt ist's unmöglich. Jetzt fesselt uns eine Kette aneinander, die nichts mehr zerreißen kann, Arno. Wir sind zwei Sträflinge, die an dasselbe Eisen geschmiedet sind. Da kann keiner mehr los vom anderen. Also, wenn ich auch wollte –« »Das sind Romanphrasen. Du willst eben nicht!« »Meinst du? Und das, was ich getan habe – weil du es mir eingegeben hattest, aus Liebe zu dir, um mir dich und unser gemeinsames Glück zu erringen – das hätte nur dazu gedient, mich jetzt von dir großmütig bezahlen zu lassen? Was du für eigentümliche Vorstellungen von dem haben mußt, was man Gewissen nennt! Arno! Du denkst, ich werde das, was geschehen ist, noch lange nicht in die Welt hinausschreien, weil die Folgen mich ja selber am schwersten treffen würden, und damit beruhigst du dich. Und dann gibst du mir ja Geld – das viele Geld!« Sie lachte heiser. »Nein, mein Freund. So kommen wir nicht zu Ende. Bis zu der Stunde, wo ich dich kennengelernt habe – als Gesellschafterin im Gräflich Dyrenschen Hause in Nizza –, bin ich unbescholten und rein gewesen. Dann bist du gekommen, und ich habe dich geliebt, obgleich ich mich vor dir gefürchtet habe – oder auch gerade deshalb. Du warst ein so wilder, abenteuerlicher Gesell und fuhrst in mein schlichtes, ödes, gleichförmiges Leben plötzlich hinein wie ein Blitz. Ich hab' mich von dir blenden lassen. Wenn du mir gesagt hättest: Geh' hin und morde einen, der mir im Wege ist! – ich glaube, bei Gott, ich hätt's getan. Du hattest mich in deiner Gewalt, ich war dein Werkzeug. Und nun verlangtest du ja weiter nichts, als daß ich die Gesellschafterin eines alten Geizhalses werden und meine Vertrauensstellung bei ihm dazu benutzen sollte, ein paar unangenehme Papiere zu entwenden, wodurch wir gleichzeitig in den Stand gesetzt wurden, uns zu heiraten – eine Bagatelle, und wieviel hing davon ab!« Sie lachte heiseren Tones auf. »Schweig' doch!« knirschte er. »Das alles bringt uns um keinen Schritt weiter.« »Vielleicht doch, es sagt dir, daß eine Frau, die das tut, um sich den Mann zu gewinnen, den sie liebt – nachher diesen Mann nicht fahren läßt, nicht an eine andere abtritt – um keinen Preis der Welt! Daß da weder Drohungen noch Bitten noch Versprechungen etwas fruchten können. Daß dieser Mann durch das Geschehene mit unlöslichem Kitt an die Frau geheftet ist, die durch ihn und um seinetwillen zur gemeinen Diebin geworden ist. Das sagt es dir!« Sie hatte in ihrer leidenschaftlichen Erregung die letzten Worte so laut herausgestoßen, daß er ihr in jähem Erschrecken die Hand auf den Mund gelegt haben mußte, denn sie brach plötzlich ab, und gleich hinterher zischelte er: »Bist du toll geworden, Weib? Diese Wände sind dünn wie Papier. Überhaupt eine wahnsinnige Idee, dies Stelldichein hier. Weshalb hast du dich heute nachmittag nirgends finden lassen? Ich habe dich gesucht wie eine Stecknadel und du hast mich genasführt. Ich begreife auch nicht, was du eigentlich willst. Zwingen kannst du mich doch wohl am Ende nicht. Zum Standesamt lasse ich mich nicht schleppen, weißt du. Und wenn du eine Waffe in der Hand zu haben glaubst, um mich von jener anderen zu trennen – gut, sei es darum, befriedige dein Rachegelüst, vernichte mich, wenn du nach allem, was ich dir gesagt, noch das Herz dazu hast! Nur für dich gewinnst du mich deshalb doch niemals. Soviel mußt du in deiner Verblendung ja doch einsehen, daß ich die Frau, die mir das getan hat, nie an meiner Seite dulden könnte – daß du kein Mittel in der Welt besitzest, um mich hierzu zu zwingen! Um deinen Lohn bist du dann erst recht betrogen.« »Und wenn selbst! – Einer anderen ließe ich dich auch dann nicht. Aber vielleicht zwing' ich dich doch, Arno. Denn du vergißt, mein Lieber, daß ich dich nicht nur jener Nebenbuhlerin entreißen kann, wenn ich spreche, sondern auch dich als den Anstifter eines Verbrechens der Justiz ausliefern würde.« Er lachte schrill. »Und dich selber –?« »Mich natürlich auch. Aber was hätte denn ich nach allem noch zu verlieren? Und eins bedenke du: wenn das Verbrechen an den Tag kommt, ist die reiche Erbschaft gleichfalls für dich verloren. Du könntest zwar fliehen, ehe man Gerechtigkeit an dir übt – aber du wärst wieder arm, Arno, bettelarm – und müßtest irgendwo da draußen in der Welt abermals von unten auf anfangen – mit deiner Hände Arbeit dir dein Brot verdienen, ein alternder, einsamer, geächteter Mann, unter fremdem Namen –, während jetzt, wenn du deinem Versprechen treu bleibst – wenn ich schweige –« Ein Fußstampfen machte sie verstummen. »Lucile«, zischte er, »du machst mich rasend! Ich sage dir: eher, als diese da aufgeben, würde ich dich mit meinen Händen erdrosseln! Und nun geh' und schrei es in alle Welt hinaus, daß du eine Diebin bist und daß ich dich dazu verleitete!« Er wollte wie außer sich davonstürzen, als ein Geräusch wie von heftig zurückgestoßenen Stühlen in der Nebenloge ihn zögern ließ. »Mein Gott, wenn man uns gehört hätte!« murmelte er, aschfahl im Gesicht, zurückweichend. Dann hörte er nebenan die Logentür aufreißen – eben stimmte unten das Orchester einen rauschenden Galopp an und die Maskenschwärme wirbelten aufjauchzend durcheinander, da – drückte auch er die Tür auf, um hinauszublicken. Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gerinnen. Totenbleich, die Kapotte ihres Dominos zurückgeschoben, mit wirrem Haar und fieberisch glänzenden Augen wankte Margot von Detten aus der Nebenloge, gestützt auf den Arm des Leutnants von Saldern. Ein paar Herzschläge lang glaubte Arno, eine Vision vor sich zu haben. Dann rang sich ein heiserer Laut von seinen Lippen. Er stürzte vor, seine gespreizten Finger schienen sich um Bruno von Salderns Kehle pressen zu wollen, während ihm die Augen fast aus den Höhlen traten. Er rang nach Luft. Und von drunten schmetterte die Tanzmusik, sang und jubelte das tanzende Maskengewühl. »Das – das habe ich Ihnen zu verdanken – Herr von Saldern?« »Mir, Baron Meyburg!« »Ein gemeiner Spion also – ein hinterlistiger Lump –.« Er riß seinen Revolver heraus. Da griffen von rückwärts her ein paar Hände ihm um den Arm. Der Vicomte und Lucile waren gleichfalls vor die Loge hinausgetreten und der erstere rief: »Aber besinnen Sie sich doch, Baron!« Arno versuchte sich frei zu machen. »Sie werden mir Rechenschaft geben, Herr von Saldern!« stieß er hervor, während seine Brust keuchte und der Schaum ihm vor den Mund trat. »Dazu kann ich mich einem gemeinen Verbrecher gegenüber nicht verpflichtet fühlen, Herr Baron Meyburg. Einen solchen zu entlarven, sind alle Mittel loyal. Aber ich will mich Ihnen ohne solche Verpflichtung zur Verfügung stellen – um dieser Dame willen. Sobald ich sie in Sicherheit gebracht habe, sollen Sie mich finden – falls Sie es nicht vorziehen, sich selber in Sicherheit zu bringen oder – falls Sie nicht auf einen anderen, vielleicht noch angemesseneren Ausweg verfallen.« Die halb ohnmächtige Margot mit beiden Armen stützend, ging er die schmale Logentreppe mit ihr hinab, ohne sich noch einmal umzusehen. XV. Harro von Detten hatte schon mehrmals in wachsender Ungeduld und Erregung das Maskengewühl durcheilt, das den Bühnenraum überschwemmte, um nach Margot zu suchen. Er begriff nicht, daß sie verschwunden war, ohne ihm durch die anderen irgend eine Meldung zu hinterlassen. Und in seiner Brusttasche knitterte die Depesche, die er eben, in tiefer Bewegung aus der Villa de la Paix heimkehrend, zu Hause erhalten hatte – eine Depesche von Eugenia, die ihn unverzüglich nach Monte Carlo rief – an das Krankenlager – vielleicht an das Sterbebett ihres Vaters, den am Spieltisch ein Schlaganfall getroffen hatte. Von einem Sterbebett an das andere! Und dazwischen das jauchzende Getöse des Maskenballs der Karnevalsaison. Er war hierhergestürzt, um Margot zu benachrichtigen und um von Arno das Geld in Empfang zu nehmen, das dieser ihm für heute abend noch versprochen und das vielleicht noch dazu dienen konnte, einem Sterbenden die letzten Lebensstunden zu erhellen. Der Boden brannte ihm hier unter den Füßen. Und dies tolle, ausgelassene Gewühl ertrug er in seiner jetzigen Stimmung keinen Augenblick länger. Er wollte sich eben dem Bühnenausgang zuwenden, der direkt auf die Straße hinabführte, als er Margot an Herrn von Salderns Arm die schmale Logentreppe herniederschwanken sah. Erschrocken stürzte er auf sie zu. »Um Gottes willen, was ist denn vorgefallen?« rief er erblassend. Der Leutnant legte ihm die Hand auf den Arm. »Lassen Sie uns kein Aufsehen erregen, Herr von Detten«, raunte er ihm zu. »Hier hinaus – Ihr Fräulein Schwester muß sofort nach Hause. Ich selbst muß leider gleich wieder zurück –« »Ich muß ohne Aufschub nach Monte Carlo – an das Krankenbett meines Schwiegervaters –. Es handelt sich doch wohl nur wieder um eine Ohnmacht bei Margot? Und wo ist Arno Meyburg?« »Sie können ihn jetzt nicht sehen, Herr von Detten. Am besten sehen Sie ihn überhaupt nicht wieder. Ihr Fräulein Schwester wird Ihnen später alles erklären. Leider kann ich sie nicht begleiten; – wenn Sie aber selbst nicht abkommen können, wird gewiß Frau Reiher oder Fräulein Lindenthal – Sie finden sie dort unten, nahe dem Eingang –« Während dieses erregten Wechselgesprächs waren die drei durch den Ausgang der Bühnenmitglieder auf die Straße gelangt. In der kühlen Nachtluft, die ihr hier entgegenschlug, schien Margot rasch wieder zu sich zu kommen. Sie richtete sich empor und versuchte zu lächeln. Ihre Farbe kehrte zwar noch nicht zurück und ihre Augen blickten Harro fremd an, aber ihre Hand drückte doch beruhigend die seine und sie murmelte: »Beunruhige dich nicht! Mir ist wieder ganz gut. Und ich werde mit dir fahren.« »Nach Monte Carlo? Du? Jetzt? Nein, das ist unmöglich.« »Fräulein von Detten«, fiel auch Herr von Saldern ein, dessen Arm Margot losgelassen, um zu zeigen, wie kräftig sie sich wieder fühle, »ich bitte Sie dringend, nicht hierauf zu bestehen. Eine neue seelische Erregung würde wahrscheinlich die schlimmsten Folgen haben. Ich beschwöre Sie, das nicht zuzugeben, Herr von Detten.« Harro blickte unruhig auf seine Uhr. »Natürlich nicht. Aber ich habe noch Zeit, dich vorher selbst nach Hause zu bringen, Margot, ehe mein Zug abgeht. Nur rasch, rasch!« Er half ihr einen der am Straßenrand bereitstehenden Wagen zu besteigen. Dann sah er sich nach dem jungen Offizier um, der mit seltsam traurigen Mienen auf dem Trottoir stehengeblieben war und vor sich hinstierte. »Ihnen statte ich meinen Dank morgen ab, mein lieber Herr von Saldern. Ich erfahre dann auch alles Nähere. Sie begreifen, wohin mich jetzt meine erste Pflicht ruft. Gute Nacht! Auf Wiedersehen!« Er begriff nicht, weshalb Bruno von Saldern seine Hand so lange und so warm drückte und weshalb er einen so schwermütigen Blick dabei zu Margot hinüberwarf. Das machte ja geradezu den Eindruck, als wollte er einen Abschied auf wer weiß wie lange nehmen. Aber darüber nachzudenken war jetzt keine Zeit. Er winkte nur noch einmal, in den Wagen springend, zurück und gab dem Kutscher das Zeichen, zu fahren. »Und rasch! Ich zahle doppelt.« Margot hatte den Kopf gewandt und Harro gewahrte, daß Bruno von Saldern noch immer auf der gleichen Stelle stand, wo er ihm die Hand gedrückt; Margot und er schienen noch einen stummen Gruß zu tauschen. Dann rasselte der Wagen in tollem Laufe über das Pflaster, Harro hatte seinen Arm um Margots Schulter gelegt, und diese drückte ihren Kopf leicht gegen die seine. »Armer Junge!« sagte sie leise. »Aber du solltest mich wirklich mit dir fahren lassen.« Er schüttelte den Kopf. »Warum nicht gar! Es ist ohnehin schrecklich, daß ich dich jetzt hier allein lassen muß.« Er streichelte ihre Wange. »Wie blaß du noch immer bist! Wenn ich nur wüßte, was eigentlich geschehen ist! Das ist alles so geheimnisvoll – Und von Arno kein Wort –« »Harro, ich kann jetzt nicht sprechen. Morgen! Nur soviel, daß alles aus ist, aus sein muß – weil er ein Verbrecher ist –!« Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, als ob sie sich schämte, ihm nach dieser Eröffnung noch in die Augen zu sehen. Ihre Stimme war nur wie ein Flüstern gewesen. Harro zuckte zusammen. »Also wirklich, er – er war es? Sekundenlang kam mir eine Ahnung – dieser Arthur von Hagen war ja sein Freund –. Aber ich wies den Gedanken wie einen Verrat an ihm von mir.« »Wovon sprichst du?« fragte Margot, sich aufrichtend, und strich mit der Hand über die Augen hin, in die ihre Haare wirr herabhingen. »Ja so, du weißt ja natürlich nicht – diese Eröffnungen in der Villa La Paix – du mußt das alles noch erfahren – Doktor Leuthold hat es mir noch besonders zur Pflicht gemacht. Erich Holdheim ist völlig unschuldig!« Ein tiefer Atemzug schwellte Margots Brust. »Ich hab' es gewußt«, hauchte sie vor sich hin, »Gott sei Dank!« »Seine Mutter hat die Tat begangen – im Irrsinn – um eines Schurken sich zu erwehren, der nach ihrem Heiligsten tastete. Und er hat ihre Schuld auf sich genommen. Ein ganzer Mann, dieser Holdheim! Aber wenn du das nicht meintest – daß Arno Meyburg der eigentliche Urheber dieser gemeinen Erpressung war –« »Auch das«, murmelte Margot, »ich glaube auch das. Es hat sich soviel in diesen Tagen zusammengedrängt« – sie preßte mit beiden Händen ihre Schläfen – »mir schwindelt davon. Aber noch Schlimmeres ist geschehen. – Morgen! Morgen! Er ist auch noch ein Dieb, dieser Mann, dessen Frau ich werden wollte, Harro! – Und nun wieder diese Nachricht von Eugenias Vater! Und daß ich nicht zu ihr kann! Mein Platz wäre jetzt an ihrer Seite. Laß mich mit, Harro!« Er strich ihr besänftigend über die Wangen hin. »Nein, nein, Margot! Du mußt Ruhe haben, mein Herz. Und da sind wir ja.« Der Wagen hielt vor der Villa Erminia, Jean und seine Frau liefen herzu. Harro küßte Margots Stirn. Dann rief er beiden zu, daß sie für Mademoiselle sorgen müßten und daß er sie ihnen anvertraue, ließ wenden und spornte weiterfahrend den Kutscher zu noch größerer Eile an. »Er glaubt mir nicht«, dachte Margot, während sie ins Haus trat, »er hält es für eine krankhafte Einbildung meiner erregten Nerven. Und es ist ja auch ungeheuerlich: ein Dieb – ein gemeiner Dieb!« Sie schauerte zusammen und mußte sich auf Jennys Arm stützen, um ihr Zimmer zu erreichen. Dort fühlte sie sich wohler. Die Stille nach all dem wüsten Lärm draußen tat ihr gut. Sie lehnte jede weitere Hilfe des dienstbeflissenen Ehepaares ab, ließ sich nur ein Glas Wein reichen und schickte die beiden dann fort. Sie wollte zu Bett gehen. Nur ein paar Stunden Schlaf – weiter brauchte sie nichts, dann würde sie die alte sein, alles wie einen wirren, widrigen Traum von sich abschütteln, dies Häßliche! Stark und ruhig würde sie wieder werden. Und etwas gab es, was ihr dabei half, sie aufrichtete, sie innerlich durchwärmte: Erich Holdheim war unschuldig! Sie hatte es immer gewußt, aber nun würde es alle Welt wissen. »Ein ganzer Mann!« hatte Harro gesagt. Jawohl: einer, zu dem man aufsehen, auf den man bauen konnte wie auf Fels und Erz. Nur sie war nicht mehr würdig, das Auge zu ihm emporzuheben – entwürdigt, wie sie sich fühlte, durch die Verlobung mit diesem Manne! Und er hatte sie vor ihm gewarnt, er hatte es gut mit ihr gemeint. Nur daß sie nicht auf ihn gehört hatte! So geschah ihr dann also recht. Margot warf ihre Kleider von sich, trank das Glas Wein leer und wühlte sich in ihre Kissen ein. Sich verstecken können – das wäre das rechte gewesen. Bleischwer waren ihre Glieder und ihr Kopf wüst und wund. Denken konnte, wollte sie nicht mehr. Wenn nur ihr Herz nicht so sinnlos geklopft hätte! Wozu? Wozu? Nun war ja alles vorbei. Und wenn nichts anderes sie mehr rein baden konnte von dieser Besudelung, die ihre Seele erlitten, ein Leben voll Arbeit, ein Leben voller Entsagung würde dazu imstande sein. Das waren ja doch die mächtigen Hilfsfaktoren, deren Kraft niemals versagte, die einzigen: Arbeit – Entsagung. Und gleich ihr würde jetzt Harro sie üben müssen – der arme Harro! Aber sie konnte ihm nicht mehr helfen. Sie hatte es ja gewollt. Der tolle, flüchtige Mummenschanz war zu Ende – Aschermittwoch. Die Lider fielen ihr allmählich zu, und ihre Glieder streckten sich. Sie fühlte das wache Leben nicht mehr in sich. Nur das Blut pochte und siedete ihr in den Schläfen. Oder war es das Rauschen der Meerflut, das sie vernahm, und das Raunen des Windes, der jetzt in den Baumwipfeln mit stürmischerem nächtlichen Atem sein Spiel trieb? Sie wußte es nicht mehr, alles verschwamm vor ihr. Wie in einer Erstarrung lag sie gefangen. Töne eines Klaviers? Unmöglich! Erich Holdheim spielte jetzt nicht, wo er eine Sterbende, vielleicht eine Tote im Hause hatte. Am wenigsten diese Weise! Eine vorbeiziehende Maskengruppe also wohl – und nicht ein Flügel war's, sondern eine Mandoline. Aber diese Weise? Das war doch keine Musik für heimkehrende Faschingstänzer, während der Aschermittwochmorgen graute! Oder wußten sie selber gar nicht, was sie sangen? Sangen sie es nicht, sondern hallte es nur in ihrer eigenen, tiefsten Seele nach: »Ich liebe dich und weiß, es kann nicht sein?« Schlafen! Schlafen! Zerflatterte Klänge, verwehende Stimmen draußen. Dann alles still. Selbst das Blattgeflüster in den Bäumen des Gartens verstummt. Nun schleichen die letzten Maskenschwärme mit zerfetzten Faschingskostümen und übernächtigen Gesichtern müde und übersättigt durch die Straßen. Es ist Margot, als sähe und hörte sie sie schleichen. Scheu – ganz scheu, denn in die letzten rauschend verhallenden Tanzweisen mischen sich schon die mahnenden, ehernen Glockenklänge von allen Kirchtürmen und rufen zur Buße. Und jetzt ein leises, schütterndes Rollen. Ist das ein Wagen, in dem Harro aus Monte Carlo heimkehrt? Ist dort alles vorüber? Aber dann wäre er dort geblieben. Eugenias Vater ist also wieder besser geworden, die Gefahr ist überstanden. Aber das war kein Wagenrollen; es klang wie von unten herauf, wie wenn in den Kellern der Villa etwas Schweres, lange nachdröhnend, von einem Platz zum anderen geschoben worden wäre. Dann wieder tiefe – fast beängstigende Stille. Nur ein leises, schüchternes, gleichsam fragendes Vogelgezwitscher aus dem Garten. Noch ist's dunkel. Nur ein erstes dämmerndes Grau, ein Zwielicht, in dem der Schimmer der Sterne langsam verlöscht, will sich lösen. Da – plötzlich ein weither heranrollendes Donnern in der Tiefe, ein Brechen, Stürzen und Kollern, wie wenn ein unterirdisches Gewitter mit aller Gewalt losgebrochen wäre, ein Hallen und Dröhnen von niederbrechenden Mauern, ein Schwanken und Zittern, als wäre das Haus plötzlich zu einem Schiff geworden, das auf wilden Wogen erbarmungslos umhergeschleudert wird. Die Wände neigen sich unter sinnbetäubendem Getöse, Staub wirbelt auf, das Haus scheint aus der Erde emporgehoben und in seinen Grundmauern umgedreht zu werden, wie ein vom Orkan entwurzelter Riesenbaum. Der mächtige Spiegel stürzt von der Wand, schlägt im Fallen auf den Marmormantel des Kamins und zersplittert mitsamt den Vasen und Lampen, die er mit sich herabreißt, in tausend Scherben. Aber dies knatternde Getöse wird übertönt von einem Reißen, Poltern und Bersten, als ob alle Mächte der Unterwelt plötzlich losgelassen wären, um in Sekundenschnelle ein grausiges Werk der Vernichtung zu vollenden. Denn nur sekundenlang, kaum eine halbe Minute lang, währte diese höllische Zerstörung geheimnisvoller, furchtbarer Kräfte. Dann schien alles vorüber zu sein. In die entstandene Stille klangen nur wilde Laute, Hilferufen, Kreischen und Heulen und klang das Brechen zerborstener Mauern, die erst jetzt zum Sturze kamen, das Krachen der gelockerten Balken, das Niederpoltern fallender Steine. Noch war's erst wie ein Atemholen zu einem einzigen wilden, weithin gellenden Schrei des Jammers, der Angst und des Entsetzens. Noch herrschte die Betäubung, die starre Fassungslosigkeit, das Nichtbegreifenkönnen des Ungeheuerlichen, was geschehen. Dann aber brach es los. Aus allen Türen, aus allen Fenstern stürzten die Menschen. Die meisten, so wie sie gerade aus dem Bett gesprungen waren oder wie der furchtbare Stoß sie herausgeschleudert hatte, halbnackt, das Bettuch oder eine Wollendecke um den Leib gewickelt, andere notdürftig bekleidet, ungenügend gegen die empfindliche Morgenkühle verwahrt, mit irgend welchen, meist völlig nutz- und wertlosen Gegenständen in der Hand, welche sie in der ersten Verwirrung mechanisch ergriffen, um sich zu flüchten. Alle jagten dahin, immer angstvoll sich in der Mitte der Straße haltend, um nicht von den niederkollernden Dachziegeln, von brechenden Simsteilen oder sich überschlagenden, geborstenen Hausmauern getroffen zu werden. Wohin er wollte, wußte keiner. Nur fort, fort aus den Häusern, die über ihnen zusammenbrechen wollten, fort aus der Nähe der Mauern und Wände! Ins Freie, dem Meere zu! Mochte aus den Häusern werden, was wollte, wenn man nur das Leben rettete. Mochte aus allen anderen werden, was wollte, wenn man nur selber mit dem Leben davonkam. Ans Meer! Ans Meer! So jagte ein wachsender Schwarm von Besinnungslosen, Verzweifelten dem Strande zu, nichts wollend und nichts verlangend als Rettung, Rettung! Das Chaos war hereingebrochen – rette sich, wer kann! Und hinter ihnen her klagte, jammerte, winselte das Elend der Verschütteten, der Kranken, der Eingekeilten, die sich nicht retten konnten – umsonst, lange umsonst. Ratlos, fragend und klagend, mit entsetzten Blicken, angepackt von dem Grauen, daß das Furchtbare sich wiederholen und damit die letzte Rettungsmöglichkeit schwinden werde, rannte alles durcheinander. Viele jagten zum Bahnhof, wo eine johlende Menge sich ineinander drängte und das Ablassen von Extrazügen verlangte, die Waggons stürmen wollte und schließlich mit den Waffen in der Hand von den Beamten zurückgeschlagen wurde, die in das Getümmel hinausschrien, man könne nicht fahren, weil man noch nicht wisse, ob die Strecke befahrbar sei, der Telegraph sei gerissen. Also wieder zurück! Ans Meer – in die Berge! Wo war man am sichersten? Nur nicht zurück in die Häuser – nur nicht in die Nähe von menschlichen Wohnungen. Tausende hatten sich am Strande gelagert; sie wimmelten dort ziellos durcheinander wie ein aufgestörter Ameisenhaufen, redeten mit aufgeregten Gesten und angststieren Augen aufeinander ein, klagten sich ihre Erlebnisse und wollten, ohne auch die der anderen zu hören, Rat und Hilfe diesem Ungeheuerlichen gegenüber, das sie alle mit einer bohrenden Furcht erfüllte. Viele lagen apathisch da, unfähig sich zu rühren, den Blick auf das ruhig sich dehnende Meer hinausgerichtet, als wollten sie dort Trost schöpfen, und von der Stadt abgekehrt, wo das Grauen und die Zerstörung hausten. Sie wollten sie nicht mehr sehen, sie wollten das Erlebte wie einen wüsten Traum im Rücken haben. Manche ließen sich Kleider aus ihren Häusern holen, die sie selbst nicht mehr zu betreten wagten, um ihren Anzug zu vervollständigen; andere besorgten sich Lebensmittel, die Flaschen begannen unter Unbekannten, die sich auf den Strandkieseln zusammengefunden hatten, zu kreisen, und die fliegenden Warenhändler hatten schnell die günstige Gelegenheit, das Unglück zu eigenem Vorteil auszubeuten, erspäht und boten mit lauter Stimme ihre Erfrischungen zu fabelhaften Preisen an. Allmählich entwickelte sich das bunte Bild eines Lagerlebens. Man fing an, wieder Mut zu schöpfen. Groß und glänzend war die Sonne über dem lichtblauen Meer aufgegangen, ein strahlender Frühlingstag lag über der Engelsbucht und dem Küstengelände, das die unglückliche Stadt umhegte. Es war, als ob die Natur der Angst der Menschen spotten wollte oder als gelüste es sie danach, das Werk ihres Vernichtungstriebes mit leuchtender Herrlichkeit zu überspannen und vergessen zu machen. Schneidendere Kontraste waren wohl nicht auszudenken, als hier der friedvolle Morgen über Meer und Ufern mit seinen erwachenden Blütendüften aus allen Gärten und dem sonnigen Glanz auf den leise zitternden Wassern, und dort die Stadt, unter deren eingestürzten Dächern, hinter deren brechenden Mauern der Jammer schrie und die Furcht wimmerte. Noch hatten viele ihr Narrenkostüm nicht vom Leibe gehabt, als das Erdbeben sie überrascht hatte, und kreischend, aufheulend waren sie in ihren zertretenen und zerfetzten Gewändern ins Freie geflüchtet. Pierrots mit so schreckensbleich verstörten Gesichtern hatte die Sonne des Aschermittwochs noch nie beschienen; so schlecht hatten Faschingskleider noch nie zu den Mienen und Empfindungen ihrer Träger gestimmt. Und doch hatte keiner Sinn und Empfänglichkeit für die Tragikomik dieser traurigen Narren, sah man doch ohnehin überall Erscheinungen in den abenteuerlichsten und mangelhaftesten Bekleidungen, die zu anderen Zeiten Spott und Entrüstung hervorgerufen haben würden, hier und jetzt aber von niemand beachtet wurden, so ganz waren aller Gedanken und Gefühle von dem einen in Anspruch genommen – man wußte nichts anderes, man sah nichts anderes. Von den Kirchen hatten die Glocken gewimmert, ohne daß Menschen ihre Klöppel gerührt hätten, drinnen aber waren die Andächtigen von den Knien emporgeschnellt, um mitsamt ihren Priestern und Ministranten aus den klaffenden Mauern des Gotteshauses zu flüchten, weil eine Stimme zu ihnen allen geredet hatte, die mächtig war, die Stimme der Todesfurcht. Sie war's, die in dieser Stadt der tollen Lust, der Eleganz und des Lasters die Alleinherrschaft gewonnen hatte, ihr beugten sich alle Gemüter und unerweichbar schrieb sie ihre harten, häßlichen Gesetze vor, weckte sie alle unedlen und selbstsüchtigen Eigenschaften im Menschen. Drohend hatte diese Stimme geschallt, gleich Posaunen des jüngsten Gerichts. Wie hier, so überall an diesem leuchtenden Ufer, das sich mit seinen zahllosen Buchten und sonnenbeglänzten Ortschaften an den rebenumsponnenen, orangeüberdufteten Berghängen vom Aufgang bis zum Niedergang hinschwingt. Denn überall hatte das unterirdische Gewitter, an diesem Gestade entlangrollend, seine verheerenden Wirkungen geübt, von Marseille bis Genua und wieder von Genua südwärts bis zum bergumschlossenen Golf von Spezia, je nach Lust und Laune milder und grausamer, hier nur mit unheimlichem Drohen rüttelnd und kollernd, dort mit Gigantenfäusten alles niederreißend, was es auf seiner blitzgeschwinden Bahn des Verderbens antraf, und in Sekundenfrist die Stätten von Tausenden von arbeitenden Menschen in Trümmer reißend, sie selbst unter diesen Trümmern begrabend. Und noch hatte das Entsetzen den Höhepunkt nicht erreicht. Denn nun gerade, als man das Furchtbare überstanden glaubte und daran dachte, so oder so für die nächste Zukunft Vorsorge zu treffen, erfolgte ein neuer Erdstoß. Nun kannten alle dies Geräusch, das den Boden unter ihren Füßen erzittern machte und wie ein fauchender Orkan unterirdisch daherblies, nun wußten alle, was es bedeutete. Und die eben aufgetauchte Hoffnung verwandelte sich jählings in bleiche Furcht, ein irres Grausen bemächtigte sich der Mutigsten. Nun war alles zu Ende. Stoß auf Stoß würde erfolgen, was noch stand, niedergerissen werden, der Boden würde aufklaffen und gierig alles Lebendige hinunterschlingen. Die Revolution unter der Erde war ausgebrochen, es gab keine Rettung mehr. Auch am Meer, das immer noch in sonnenüberzittertem Glanz sich friedlich kräuselte, war es gefährlich zu hausen. Eine Springflut würde kommen, die zumeist mit dem Erdbeben verbunden war, und hinwegspülen, was sich ans Ufer geflüchtet hatte. Also auf in die Berge! Aber werden die Berge stehenbleiben, wenn die unterirdischen Gewalten an ihnen rüttelten und rührten? Und wo die Nacht zubringen? Neue Risse waren in den Häusern aufgeklafft, wankende Mauern waren zum Stürzen gekommen, überall rieselten Kalk und Mörtel von den Wänden herab, jeden Augenblick polterten Steine und Simsbekleidungen in zerstäubenden Klumpen auf die Straßen, die vollständig verödet erschienen. Ein wilder Wirrwarr entstand. Einer steigerte immer noch mit Befürchtungen und Schreckensbildern die Angst des anderen, tausend widerspruchsvolle Gerüchte durchschwirrten die Luft, alles schrie nach Rettung – nach Schiffen, nach Eisenbahnzügen, die sie von diesem Orte des Jammers fortführen sollten, wo ihrer aller der Untergang harrte. Zu planvollem Handeln hatte keiner mehr Kraft und Willen genug. Man rang die Hände, statt sie zu gebrauchen und den Gefährdetsten von allen Hilfe zu bringen, den Kranken, den Verschütteten, den Verwundeten. Denn immer wieder, in kürzeren oder längeren Unterbrechungen, spürte man ein Schütteln und Zittern in der Erde, die nur Atem holen zu wollen schien, um zu einem gewaltigen neuen Vernichtungsstoß sich zusammenzuraffen; man spürte sie sich schwankend bewegen, häufig auch dann, wenn in Wahrheit kein neuer Stoß erfolgt war und nur die wirr schweifende Phantasie und die krankhaft überreizten Nerven ihn sich vorspiegelten. Und jedesmal hallte es dann wie ein einziger anklagender Verzweiflungsschrei über die Stadt hin, die noch wenige Stunden vorher wiedergetönt hatte von ausgelassener Lust und toller Laune ... Erst gegen Mittag, als die haltlos Durcheinanderhastenden sich teils in Wagen gegen die Berge zu geflüchtet hatten, teils die nach Marseille abgelassenen Eisenbahnzüge überfüllten oder sich Zelte am Strande oder in den Gärten errichteten, begannen die Rettungsarbeiten und Schutzmaßregeln. Die Behörden hatten sich auf ihre Pflicht besonnen. Einzelnen war in der allgemeinen Kopflosigkeit ihre Besinnung zurückgekehrt und sie griffen tatkräftig aus freien Stücken mit ein, um Hilfe zu bringen. Das Militär war zur Stelle, um die öffentliche Sicherheit zu schirmen und die Ordnung aufrechtzuerhalten; man sperrte einzelne Straßen, in denen den Häusern der Einsturz drohte, man verwehrte den Zugang zu verlassenen Wohnungen den Unbefugten, die rauben und plündern wollten. Man brachte die Kranken ins Freie, wo in aller Eile Baracken gebaut und Zeltdächer ausgespannt wurden, man trug die Insassen des Hospitals in ihren Betten in den Garten hinab, man forschte nach den Verschütteten, denen durch Abräumen des Schuttes Hilfe gebracht werden konnte, und leistete den Verwundeten Beistand. Beruhigende Proklamationen wurden erlassen und verkündet, die Bevölkerung ermahnt, zur Ordnung sich zurückzufinden. Nach Laune und Willkür hatten die unterirdischen Mächte gewaltet, oder dem menschlichen Erkennungsvermögen blieb doch verborgen, nach welchen Gesetzen sie ihr Zerstörungswerk vollzogen. Manche Straßen, ja Stadtviertel waren bis auf unbedeutende Risse im Mauerwerk und kleine Schäden im Innern fast ganz verschont geblieben, während in anderen kein Haus mehr bewohnbar war. Wieder war manchmal ein Haus unversehrt, während seine Nachbarn in Schutt, Trümmern und Staub daniederlagen; Gebäude, die man für die Ewigkeit errichtet glaubte mit ihren gewaltigen Steinmassen, waren wie Kartenhäuser zusammengestürzt, und leichte, auf Spekulation gebaute Sommerhäuschen hatten die Stöße des wankenden Bodens ertragen, kaum daß ein Ziegel vom First herabgebrochen war. Hin und wieder täuschte freilich der äußere Anblick, denn ein unversehrt erscheinendes Haus erwies sich beim Betreten oft als zerstört im Innern oder drohte einzustürzen. Wie lange die nur teilweise beschädigten Gebäude neuen Erderschütterungen, die jeder voraussah, noch würden trotzen können, war eine Frage, die durch die schnell zusammengetretene Sachverständigenkommission in jedem Einzelfalle entschieden werden mußte, um danach das Betreten der gefährdeten Häuser zu gestatten oder zu versagen. Zu längerem Verweilen darin war ohnehin keiner geneigt. Alles bereitete sich auf ein Kampieren im Freien vor, und nur Vorräte, Kleidungsstücke und Gerätschaften aller Art suchte man aus dem Innern der Häuser zu retten, vor allem wurden Diwans und Betten, Decken und Mäntel ins Freie geschleppt, zum Teil unter dem Beistand von Soldaten und Wachmannschaften aus den Fenstern herabgeworfen oder mit Leitern herabgeholt. Die Villa Erminia war gleich bei dem zweiten, dem gewaltigsten Stoß des Erdbebens zusammengebrochen. Margot wurde aus dem Bett auf die Erde geworfen, versuchte sich, halb betäubt, aufzuraffen, warf ein Kleid über und wollte Licht machen. In der Finsternis stolperte sie aber dabei über einen Scherbenhaufen, fiel abermals, stieß sich die Stirn an einem herabgestürzten Wandstück blutig, tastete sich auf allen Vieren gegen das Fenster zu und wollte es aufreißen. Aber ihre wunden, zitternden Finger vermochten es nicht. Die Holzladen waren eingeklemmt, die Mauer schien sich gesenkt zu haben und drückte die beiden Flügel wie in einem Schraubstock zusammen. Margot preßte sich die Haut von den Händen, ohne sie auch nur einen Spalt weit aufzuzwängen. Eine grauenhafte Angst ergriff sie allmählich. Sie kam sich eingeschlossen und von aller Welt vergessen vor. Ohne noch klar zu erkennen, was eigentlich geschehen war, fühlte sie doch, daß etwas Furchtbares geschehen sein müsse. Und die nach dem höllischen Getöse eingetretene Stille beklemmte und beängstigte sie erst vollends. Nur das Poltern von herabfallenden Steinen, das unheimliche Knarren und Knistern im brechenden Gebälk und fernes Angstgeschrei unterbrach dies drückende Schweigen. Und keiner kam, nach ihr zu sehen, nach ihr zu fragen. Sie rief nach Jean. Keine Antwort. Das Ehepaar schlief im Souterrain, wer konnte wissen, ob ihm der Ausgang nicht verrammelt worden war? Vielleicht waren sie auch in die Frühmesse gegangen und überhaupt nicht im Hause. Und Harro noch in Monte Carlo. Also allein – ganz allein. Und das Haus konnte jeden Augenblick über ihrem Kopf zusammenstürzen! Eine tödliche Angst ergriff sie. Lauter ließ sie ihre Stimme erschallen. Und nun fand sie die Tür, aber sie hing schief in den Angeln und ließ sich nicht öffnen. Als es ihr mit aller Kraftanstrengung endlich doch gelang, fiel eine Wolke von bröckelndem Mauerwerk über sie herab, und der dicke Staub drang ihr in Augen und Mund. Sie konnte sekundenlang nicht mehr sehen und rang hustend nach Atem. Und dann, als sie sich wieder aufgerafft und vor die Schwelle hinausgeschleppt hatte, sah sie bei dem durch ein Oberlichtfenster einfallenden Gewittergrau, daß die Treppe vom Korridor losgerissen war und in der Luft stand, während dicht vor ihr der Boden eine klaffende Öffnung aufwies. Sie stieß einen gellenden, angstzitternden Schrei aus. Aber wer sollte sie hören? Offenbar war im Haus keine lebende Seele als sie ganz allein. Und bis in die nächsten Häuser drang ihre Stimme nicht. Also verloren! Sie stürzte zum Fenster zurück, hier war sie abgeschnitten. Da rollte es aufs neue unter der Erde. Schutt und Staub wirbelten atemraubend um sie her. Ein Krachen, Bersten und Splittern betäubte sie. Sie kroch vorwärts. Mit letzter Lungenkraft schrie sie nach Hilfe. Neben dem Fenster brach sie in die Knie. Der bröckelnde Mörtel der wankenden Mauer regnete auf sie herab, verschüttete sie, sie gab sich verloren. Da klang von irgendwoher ihr Name – angstvoll, sehnsüchtig, gerufen von einer Männerstimme. Man suchte sie, man wollte sie retten. Und diese Stimme kannte sie, sie goß ihr Kraft, Hoffnung, Mut zurück in die Adern. Mit letzter Kraftanstrengung sich halb emporrichtend aus ihrer Betäubung, schrie sie durch die umhersplitternden Trümmer hinaus: »Hier, hier bin ich!« Dann wälzte sich ein abgebröckeltes Mauerstück ihr auf die eine Schulter und warf sie zurück. Ihre Sinne vergingen. Nur wie im Traume hörte sie allerlei verworrenes Geräusch von draußen hereindringen – ein Pochen, Hämmern und Dröhnen, das ihr in den Schläfen wehtat, dazwischen manchmal wieder ein Rufen, auf das sie keine Antwort mehr geben konnte, einen tröstenden Zuspruch, ein ermunterndes Wort. Dann schien's ihr, als dringe plötzlich Tageshelle in ihre dunkle, von Schutt erfüllte Kammer – als hebe man sie auf, grabe sie förmlich unter den Trümmern hervor und trage sie fort. Sie wußte nicht, ob es wirklich so war, sie fühlte sich nur plötzlich erleichtert, sie konnte wieder atmen, sie spürte sich in schützenden Armen, die sie hielten, hinausgehoben – ins Licht des jungen Tages und ins Leben. XVI. Als Harro von Detten bald nach ein Uhr in Monte Carlo angelangt war, ließ er sich in jagender Hast nach Condamine und vor das Haus fahren, in dem der Fürst Caraffa wohnte. Hier war alles schon im Schlaf und ein mürrischer Hausknecht geleitete ihn schlaftrunken die dunkle Treppe hinan, indem er auf Harros rasche und angstvolle Fragen nur antwortete: »Es steht schlecht«, um murmelnd hinzuzufügen: »und die letzte Rechnung ist noch nicht mal bezahlt.« Jetzt begriff Harro, und ein Ekel schüttelte ihn. Man wollte in dieser Spielerpension keinen Sterbenden, der mit Hinterlassung von Schulden aus der Welt gehen würde. Ein Todesfall in solch einem Logierhaus macht immer einen widrigen Eindruck auf die übrigen Bewohner und war für die Spieler ohnedies ein böses Omen, das bei ihrem hochgradigen Aberglauben leicht manche zum Verlassen des Hauses treiben konnte, um so eher, als der Unglücksfall an der Roulette selbst sich ereignet hatte und man im ganzen Bereich des Kasinos schon davon sprechen würde. Und für das alles stand nicht einmal eine Entschädigung in Aussicht. »Sie wissen doch«, sagte Harro, auf dem obersten Treppenabsatz stehenbleibend, »daß der Fürst Caraffa heute die Nachricht von einer mehrere hunderttausend Franken betragenden Erbschaft erhalten hat.« Der Mensch in seinem blauen Wollenhemde starrte den Sprecher mit offenem Munde an. »Na«, sagte er dann, den Kopf wiegend und lächelte dummdreist vor sich hin, »wenn das nur wahr ist! Davon hätte man doch wohl längst gehört. Und das Fräulein –« »Die Prinzessin wollen Sie sagen«, fiel Harro scharf ein. »Nun, ich verbürge mich für die Wahrheit der Nachricht.« Er warf dem verdutzt Dreinstarrenden ein Geldstück zu und schritt weiter. »Ich werd' es der Madame unten doch gleich erzählen, Herr Baron«, stammelte der Bursche, der plötzlich eine ganz veränderte Miene zeigte und einen Kratzfuß über den anderen machte. »Wenigstens dies Häßliche werd' ich ihr erspart haben«, dachte Harro, der nun, ohne den Menschen weiter zu beachten, leise an Eugenias Zimmertür pochte und dann eintrat. In dem dämmerigen Räume fand er den Fürsten halb angekleidet, eine Decke über den Knien, in einem zerschlissenen Lehnstuhl sitzen, Eugenia neben ihm im Sessel, seine eine Hand in den beiden ihren haltend. Der Greis hatte den Kopf angelehnt und hielt die Augen geschlossen. Harro erschrak beim Nähertreten über seinen Anblick. Das eingefallene Gesicht war bläulich angelaufen, die eine Hälfte verzerrt, der Mundwinkel herabgezogen. Die Schulter hatte sich gleichfalls gesenkt und der Arm darunter hing bewegungslos herab. Wirr klebten die weißgrauen Haare um die furchige Stirn und der Atem rang sich nur mühsam aus der eingesunkenen Brust, mehr einem schmerzlichen Stöhnen ähnelnd. Eugenias Antlitz wurde von einem Leuchten überflogen, als Harro eintrat. Sie konnte ihm nicht entgegengehen, weil sie die Hand des Schlummernden nicht loslassen wollte, aber ihre Augen begrüßten ihn, und ihre Lippen murmelten: »Gott sei Dank!« Er fragte nichts, sondern schlich nur auf den Zehen zu ihr heran und küßte ihre Stirn. Dann ließ er sich geräuschlos neben ihr nieder, und mit tonloser Stimme berichtete sie ihm, was geschehen war, hin und wieder ihren Kopf an seine Schulter lehnend. Dann küßte er sie jedesmal, und sie horchten beide auf die schweren, rasselnden Atemzüge des Schlafenden, der manchmal ächzend seinen Kopf hin und her bewegte. Heute hatte er seinen »großen Schlag« machen wollen, alle Berechnungen trafen zu, heute mußte es gelingen. Und Eugenia hatte ihn in seinen Hoffnungen bestärkt. Wenn er die Bank nicht sprengen sollte, werde es ihr gelingen. Sie hatte ihm eingeredet, daß sie sein System, das er ihr mit triumphierender Erfindermiene auseinandergesetzt, voll begreife und daß es keinem Zweifel unterliege, danach gewinnen zu müssen. Sie hatte sogar versucht, ihn zu bestimmen, er möge das Spielen ihr überlassen, da sie ruhiger und leidenschaftsloser sei; sie hätte dann den besten Vorwand gehabt, ihm die Geldsumme, die Harro ihr für heute versprochen, als ihren Spielgewinn aufzudrängen, und alles wäre aufs glücklichste gelöst gewesen. Darauf hatte aber der Fürst nicht eingehen wollen, seinen Triumph, den Sieg seines Systems hatte er selbst erleben wollen. So hatte er sich denn ans Kasino fahren lassen, denn zum Gehen war er in der letzten Zeit schon zu schwach gewesen und das Herz arbeitete so stark, daß es ihm den Atem versetzte. Seinen gewohnten Platz am Roulettetisch hatte er eingenommen, seine Papiere, die mit Zahlen bedeckt waren, neben sich ausgebreitet. Und sie hatte hinter seinem Stuhl gestanden – alles wie sonst. Nur seine Augen waren ihr unheimlich gewesen. Es hatte etwas darin geflackert, was sie noch nie gesehen. »Das ist der beginnende Irrsinn«, hatte sie gedacht und war im tiefsten erschauert. Aber dem Anschein nach hatte der alte Herr ganz ruhig pointiert wie sonst, hin und wieder eine Zahl notierend. Anfangs hatte er gewonnen und gleichgültig hatte er weiter gesetzt und seine Gewinne eingestrichen! Goldstück hatte sich zu Goldstück gelegt und Banknote zu Banknote. Dann hatte er plötzlich verloren, und ein heißer Schreck hatte sie durchrieselt. Er aber war ganz ruhig geblieben und hatte sogar gelächelt. Nur daß das Lächeln allmählich etwas Verzerrtes angenommen hatte, zuletzt seinen Gesichtsausdruck völlig verwandelte und ihn ihr als einen Fremden erscheinen ließ. Plötzlich war dann ihr Vater unruhig geworden, er hatte mit beiden Händen die ihm noch gebliebenen Banknoten zusammengescharrt und auf eine einzige Nummer gehäuft, während ein grimmig verzweifeltes Lachen ihm vom Munde geflogen war. Und im Moment, wo der Croupier die kleine Ebenholzschaufel ausgestreckt hatte, um diesen Geldhaufen an sich zu reißen, war er mit einem dumpfen Stöhnen, rollenden Augen, Schaum vor dem Munde zusammengebrochen. Ein sekundenlanger Aufstand war erfolgt. Dann hatten ein paar herzugesprungene Saalwächter den Gestürzten schon auf ihre Arme gehoben und rasch hinausgetragen, während die Stimme des Croupiers erklungen war: »Faites vos jeux, messieurs!« als ob nichts vorgefallen sei, und die rasch gefaßten Spieler schon im Augenblick, als Eugenia zu ihrem Vater gestürzt war, sich wieder am Tische niedergelassen hatten, um weiter zu spielen. Es war ihr vorgekommen, als ob man nur darüber nicht hätte einig werden können, welche Bedeutung für das Spiel der Unglücksfall habe, ob man Glück oder Unglück daraus folgern müsse. Dann hatte man draußen den Bewegungslosen schon in einen Wagen gehoben, und sie war in einem zweiten ihm gefolgt. Hier in der Spielerpension von Condamine hatte man anfänglich den Fürsten nicht wieder aufnehmen wollen, in der Meinung, daß man einen Toten vor sich habe. Erst als ein herbeigeholter, zufällig in der Nähe wohnender französischer Arzt bestätigt hatte, der Fürst lebe, hatte man sich bestimmen lassen, den bis dahin im geschlossenen Wagen auf der Straße liegenden Kranken ins Haus zu tragen. Der Arzt hatte einen Schlaganfall bei dem Fürsten konstatiert und ihn allmählich durch die angewandten Mittel wieder ins Leben, wenn auch nicht zum Bewußtsein zurückgerufen. Er hatte Eugenia ziemlich unverblümt merken lassen, daß ein rasches Ende einem anderenfalls unausbleiblichen Hinvegetieren in halbem Blödsinn und fast vollständiger Bewegungslosigkeit des Körpers doch wohl bei weitem vorzuziehen sei. Dann war er gegangen, und sie war mit dem entschlummernden Kranken allein geblieben. »Und die Menschen hier im Hause betrachten uns wie ansteckende Aussätzige«, schloß Eugenia ihren Bericht, »ich weiß nicht, was sie so gegen uns aufbringt. Von Mitleid ist nichts bei ihnen zu spüren. Am liebsten setzte man uns auf die Straße, glaub ich.« »Krankheit wird hier als Verbrechen betrachtet«, erwiderte Harro. »Hier, wo nur Lust, Rausch und Taumel herrschen sollen, fühlt man sich dadurch beleidigt und beeinträchtigt. Aber kränke dich nicht darüber. Wenn nur dein Vater –« Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach ihn, und während dieselbe sich halb öffnete, steckte sich der haubenbedeckte Kopf einer älteren Frau herein, in der Harro sogleich die Wirtin vermutete. Er gab ihr ein Zeichen, sich still zu verhalten und deutete auf den Schlafenden, worauf sie, die beiden Hände wie in Demut über die Brust gefaltet, mit einigen Bücklingen näher heranschlurfte und mit wispernder Stimme versicherte, sie habe sich nur nach dem Befinden des »hohen Kranken« erkundigen wollen, es habe ihr keine Ruhe gelassen, ehe sie nicht erfahren, ob er auch alles habe, wie es nötig sei. Ob der Hausknecht nicht vor der Türe sitzen bleiben solle, um beim ersten Ruf zur Hilfeleistung bereit zu sein? Die Prinzessin solle ihr doch die Gnade erzeigen, alles zu bestimmen; ihr, der Wirtin, könne ja gar keine größere Ehre widerfahren, als einem so hohen Herrn, den ein glücklicher Zufall unter ihr Dach geführt und dem nun ein beklagenswertes Übel widerfahren sei, irgend welche Dienste zu leisten. So ging es noch in gleicher Tonart eine geraume Weile fort, während Eugenia mit erstaunten Augen bald die Sprecherin und bald Harro anblickte, der mit einer energischen Handbewegung dem Redestrom der Person ein Ende machte. »Es ist gut«, sagte er trocken, auf die Tür weisend, »die Prinzessin wird von Ihrer Freundlichkeit Gebrauch machen, sobald es dessen bedarf. Für den Augenblick ist hier nichts erforderlich als Ruhe. Man soll sich aber bereithalten. Gute Nacht.« Und er schob die Wirtin sachte zur Türe hinaus. »Was da nur plötzlich geschehen sein mag!« sagte Eugenia kopfschüttelnd. »Das ist wie ein Wunder.« Harro wurde einer Antwort überhoben, denn der Schlummernde im Sessel hatte sich gerührt und mit einem müden Lallen etwas Unverständliches gemurmelt. Jetzt zog er seine Hand aus der der Tochter und fuhr sich langsam mit dem Zeigefinger nach den Augen herauf, deren Lider er sich emporzuheben mühte. Als ihm das nicht gelang, wurde er unruhig, versuchte sich aufzurichten, stöhnte und rief: »Eugenia – Eugenia –« »Ich bin hier, Papa. Was willst du?« Sie griff nach seiner Hand. »Es ist so dunkel, Eugenia«, murmelte er zusammensinkend mit einer Stimme, der man es deutlich anmerkte, wie widerwillig die Zunge dem Sprecher gehorchte. »Es ist ja Nacht, Papa.« Diese Auskunft schien ihn zu verwundern, beruhigte ihn aber gleichzeitig auch allmählich. »Nacht –«, murmelte er. Dann klang es von seinen Lippen: »Das System, Eugenia – ich verstehe nicht –«, er rieb sich über die Stirn hin, »ich habe doch nach dem System gespielt. – Habe ich denn nicht gewonnen?« »Du warst im besten Zuge, Papa, als du unwohl wurdest und aus dem Kasino fort mußtest. Wenn du wieder gesund bist, spielst du weiter und gewinnst, aber nun schlafe, schlafe!« Der Kranke dachte immer einige Zeit über das nach, was er hörte, und das Begreifen machte ihm sichtlich große Schwierigkeiten. »Das System«, lallte er mehrmals. Er machte krampfhafte Anstrengungen, sich aufzurichten und seine Lider emporzuheben. »Ich will spielen, Eugenia – Ich habe keine Zeit, weißt du – die armen Leute! – Wenn ich nun stürbe! – Wenn ich gewonnen habe, zeige mir das Geld! – Ich habe ja gar nicht gewonnen – du lügst. – Das System – ah – ah –.« Er rang nach Luft, seine zitternden Finger rissen vorn an seinem Halse, als fürchtete er zu ersticken, Schweiß perlte von seiner Stirn. Eugenia sah sich in hilfloser Angst nach Harro um, der bisher regungslos hinter ihrem Sessel gestanden hatte. Jetzt trat er heran und sagte: »Sie haben gar nicht mehr nötig, die Richtigkeit Ihres Systems zu erproben, Fürst! Sie ist über allen Zweifel sichergestellt. Ich habe damit gewonnen.« Der Kranke lauschte wie fasziniert auf diese Stimme, die er anfangs nicht zu erkennen schien, bis ein allmähliches Verstehen in seinen Zügen aufdämmerte und ein freudiger Glanz das verwitterte und verzerrte Antlitz überstrahlte. »Harro von Detten«, murmelte er. Und dann fragenden Tones: »Sie? Sie haben gewonnen? Mit meinem System?« »Ja, als Sie vom Spieltisch fort mußten, weil eine Ohnmacht Sie befallen hatte, stand ich gerade hinter Ihnen und griff nach Ihren Papieren, die Sie zurückließen, um sie nicht in fremde Hände fallen zu lassen. Da sah ich, daß ein System darauf ausgearbeitet war, das mich sofort frappierte. Ich setzte mich auf den von Ihnen verlassenen Stuhl, ich pointierte mit dem Gelde, das von Ihrem Gewinnst noch neben meinem Platz lag – immer genau nach Ihrem System – und gewann weiter. Eine unglaubliche Veine! Ich wurde zum Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit, des Neides und der Nacheiferung. Schlag auf Schlag entschied für mich. Nach Ablauf einer Stunde mußte der Croupier den Auftrag erteilen, neues Geld für seine Kasse heranzuschaffen, sein Vorrat war in meine Hände übergegangen, die Bank war gesprengt!« Ein jauchzendes Lallen brach von den Lippen des Greises, der, sich mühevoll vorbeugend, mit angestrengter Aufmerksamkeit gelauscht hatte. Nun sank er zurück, ein unbeschreibbar friedliches und seliges Lächeln um die Lippen. »Gesiegt«, murmelte er, »gesiegt!« Eugenia war in plötzlich erwachender Angst an dem Sessel niedergekniet und hatte dem Greis ihre beiden Arme um die Knie geschlungen, um ihr Haupt daran zu lehnen. Er legte ihr die Hand aufs Haar und murmelte immer wieder: »Gesiegt – mein System – mein System –.« Das Haupt sank ihm immer schwerer nach der gelähmten linken Körperseite, aber immer friedvoller wurde der Ausdruck seiner Züge. »Und nun, Fürst Caraffa«, klang da Harros Stimme, »nun bitte ich Sie um die Hand Ihrer Tochter Eugenia. Sie werden dem Manne, dem sie sich zu eigen geben will, gewähren, daß er den Makel, der nach Ihren Ehrbegriffen auf dem stolzen Namen Caraffa haftet, tilgt und denen, die einst durch Sie, ohne Ihr Verschulden, einen Teil ihrer Habe einbüßten, Ersatz und Entschädigung leistet. Ich erbitte das Recht dazu von Ihnen, Fürst. Die Mittel haben Sie – hat Ihr System mir dazu gewährt. Sie dürfen sich sagen, daß Sie die Aufgabe Ihres Lebens gelöst haben.« Der Greis konnte sich vor tiefster, innerer Bewegung nicht fassen, und die Zunge verweigerte ihm infolgedessen vollends den Dienst. Seine Hand griff bald nach der Harros, bald nach seiner eigenen Kehle, die ihm wie zugeschnürt vorkommen mochte. Er stammelte etwas, das niemand verstand, er schluchzte und ein Krampf rüttelte in seinen Gliedern. Die bläuliche Röte seines Antlitzes machte plötzlich einer fahlen Blässe Platz, und nun, mit einem Male, konnte er sprechen – langsam, wie tastend, aber man verstand ihn. Und was er in seinen Worten nicht ausdrücken konnte, schienen seine zitternden Finger zu sagen, die bald über Harros, bald über Eugenias Kopf hinglitten, die beide jetzt aneinander geschmiegt sich vor ihm herabgebeugt hatten. In Zwischenräumen klang es an ihrer beider Ohren: »Glücklich sein – kein Makel mehr auf dem Namen der Caraffa – Dank – das System – das System – erlöst – vollbracht –« Die Hand, die auf Eugenias seidenweichem Haar ruhte, wurde merkwürdig schwer, sie regte sich nicht mehr. Der Kopf des Greises sank zur Seite. Eugenia blickte entsetzt auf. »Harro!« schrie sie auf. Harro hatte sich erhoben. Er beugte sich über den regungslos Daliegenden herab, er legte ihm die Hand erst auf die Stirn, dann aufs Herz. »Vollbracht!« murmelte er und zog Eugenia sanft empor. »Um Gottes willen, den Arzt, Harro, den Arzt!« stieß sie aus. »Er kommt zu spät«, erwiderte er leise. »Aber wie du willst.« Er zog die Klingel. Als der sofort herbeigestürzte Hausknecht gegangen war, den Arzt zu holen, hob Harro den zusammengebrochenen Körper mit beiden Armen auf, um ihn bequem zu betten. Noch einmal legte Harro sein Ohr an die Stelle, wo das Herz dieses Greises bis zur letzten Stunde für das eine höchste Lebensziel in immer gleichem Verlangen geschlagen hatte – nein, es klopfte nicht mehr. Kampflos, schmerzlos und ahnungslos war er hinübergegangen. Mit leisen Worten sprach Harro auf Eugenia ein, während er die Weinende in seinen Armen hielt. »Gönne ihm seine Ruhe!« sagte er, »störe ihm seinen Frieden nicht! Und von Stund' an laß mich dir Vater und Bruder und Geliebter sein – alles zugleich. Darf ich's, Geliebte?« Sie warf sich ihm schluchzend an die Brust. Als der Arzt kam, konnte er nur den vor einer Viertelstunde eingetretenen Tod des Fürsten konstatieren. Es war inzwischen das erste Morgengrauen aufgedämmert, und er machte sich gleich daran, die nötigen Verordnungen zu treffen, um die vorschriftsmäßige Überführung der Leiche in die Totenkapelle zu veranlassen, als plötzlich das unterirdische Rollen und Donnern, von Osten her den meilenlangen Mittelmeerstrand in Sekundenschnelle durchstürmend, das Haus in allen Fugen erzittern machte, die Fenster erklirren und die Möbel sich schwankend bewegen ließ. Einen Moment hindurch sahen sich die drei Menschen im Gemach mit großen, entsetzten Augen an, ihre Gesichter waren wie entgeistert. Keiner konnte sprechen. Dann war der Arzt zuerst aufgesprungen: »Ein Erdbeben!« stammelte er und machte Miene, davonzustürzen. Erst als dann alles wieder ruhig wurde und keinerlei ernstliche Schäden verursacht zu sein schienen, besann er sich eines Besseren und kehrte an der Schwelle wieder um. »Wie es scheint, sind wir hier nur gestreift worden«, sagte er unsicher, »und der erste Stoß pflegt stets der heftigste zu sein. Danach hätten wir es glücklich genug überstanden und werden mit dem bloßen Schrecken davonkommen. Aber wie mag es anderswo gewütet haben! Das war kein bloßer Erdstoß, wie wir ihn manchmal im Hochsommer hier erleben, sondern ein echtes Erdbeben, wie es seit einem Menschenalter nicht mehr vorgekommen ist. Haben Sie das Brechen und Knattern in der Tiefe gehört? Das klang, als wollte es Häuser verschlingen. Ich glaube, wir werden Gott danken können, diese Katastrophe gerade in Monte Carlo erlebt zu haben. Wir haben hier Felsboden, kein angeschwemmtes Land. Und übrigens« – er lächelte schon wieder – »im Bannkreis des Kasinos hat man eben immer Glück, das war nicht anders zu erwarten.« Und er schrieb seine Anweisungen zu Ende. Harro war aufgefahren. »Margot ist ganz allein«, murmelte er. »Wie mag es in Nizza aussehen? Ich werde fort müssen.« Eugenia nickte. »Ich bitte dich sogar darum, Harro. Geh' zu Margot! Und wenn es sein kann, komm mit ihr zurück zu mir. Leb' wohl! Hab' Dank.« Sie drückte seine beiden Hände und küßte ihn. Dann schloß sich die Tür des Nebengemachs hinter ihr. Harro unterredete sich noch ein paar Augenblicke mit dem Arzt, dann stürmte er ins Freie. Er sah überall aufgeregt schwatzende Gruppen beieinander stehen, aber ein angerichteter Schaden zeigte sich nirgends an den Häusern. »Que voulez-vous?« hörte er lachend sagen, »heute mittag um zwölf Uhr wird die Spielbank eröffnet werden wie alle Tage! Und das andere ist Nebensache.« Auf dem nächsten Halteplatz nahm er einen Wagen und fuhr davon. XVII. Es war zwei Tage später, eine Passionszeit für die Riviera. Die Erdstöße hatten Tag und Nacht nicht geschwiegen, hatten die zerborstenen Häuser vollends in Trümmer geworfen und das Signal zu allgemeiner Flucht gegeben. In langen Reihen waren die Wagenzüge zum Bahnhof gehastet, und seit die Schienenstrecke wieder frei war, jagten unablässig auf ihr nach Osten und nach Westen die überfüllten Waggons mit Flüchtenden. Niemand wollte bleiben. Nizza, das vor wenigen Tagen noch im tollsten Faschingstaumel geschwelgt hatte, glich einer von den Einwohnern verlassenen, der Zerstörung durch die Elemente widerspruchslos preisgegebenen Stadt. Fast alle Häuser standen leer, auf den großen Plätzen, am Strand und in den Gärten waren Zeltlager und Baracken aufgeschlagen. Man kochte und aß im Freien. Die milde Temperatur begünstigte dies ungewohnte Leben. Nur ein lästiger Südwind erfüllte die gesamte Atmosphäre mit einem atembeklemmenden Staub, den er von den Trümmerstätten aufwirbelte und der die fahle Sonne, welche an einem weißgrauen Dunsthimmel stand, vollends verfinsterte. Mit müden, traurigen, verängstigten Gesichtern schlichen die Menschen durch die Straßen der sonst so lauten und lustigen Stadt, die nun vom Schicksal gezeichnet zu sein schien. Dazu liefen immer neue Schreckensnachrichten aus den anderen Ortschaften der Riviera ein und verdüsterten die Gemüter. Das nachbarliche Mentone hatte schwer gelitten, einzelne Fischerdörfer der italienischen Küste waren so gut wie völlig zerstört; die Zahl der Toten und Verwundeten wuchs mit jedem Tage. Die Bande der öffentlichen Ordnung hatten sich vielfach gelockert, und die Zeitungen wußten aus all den von der vernichtungsschwangeren Naturgewalt heimgesuchten Orten häßliche Geschehnisse zu melden, welche von »der Bestie im Menschen« schreckliches Zeugnis ablegten. Aber nicht nur zur brutalen Selbstsucht hatte die allgemeine Gefahr die Tausende aufgestachelt, die sie gleichermaßen bedrohte, vielmehr war durch sie der Gemeinsinn vielfach geweckt worden und die Barmherzigkeit hatte Taten der Menschenliebe vollbracht, die bewundernd von Mund zu Mund weiter berichtet wurden. Die zerstörende Elementarkraft, der gegenüber man sich machtlos sah, brachte allen in der nämlichen Art ihre Hilflosigkeit zum Bewußtsein und stachelte zu weichem Mitleid, zu einer todesmutigen Verbrüderung auf. Man hatte es erlebt, daß die Inhaber der luxuriösen Jachten, die im Hafen von Nizza ankerten, statt den unheilvollen Strand alsbald zu verlassen, die in der ersten Verwirrung obdach- und hilflos auf der Straße lagernden Kranken, deren Namen sie nicht kannten, auf ihre Fahrzeuge bringen ließen. Auch die Villenbesitzer, deren Häuser verschont geblieben, öffneten dieselben den Unglücklichen, die kein Dach mehr über dem Kopfe hatten, spendeten Bettstücke, Diwans, Decken für die heimatlos Umherirrenden und Frierenden, Lebensmittel für die Hungernden. Menschen, die sich früher nie gesehen, verschiedenen Nationen und Ständen angehörten, betrachteten sich plötzlich als eng zusammengehörige Genossen, lagerten unter demselben Zeltdach und teilten ihre Vorräte untereinander. Die Behörden konnten in der Fülle des Elends, das jeder neue Tag erzeugte, nicht überall helfend und lindernd einschreiten; wenn das Gebot der Menschlichkeit nicht mit jedem Tag neue, freiwillige Helfer hätte erstehen lassen, hätte man verzagen müssen. Zu denen, die mit unermüdlicher Opferwilligkeit sich auf eigene Faust den Rettungsarbeiten und Hilfsleistungen zugunsten der vom Erdbeben heimgesuchten Bevölkerung Nizzas hingaben, gehörte Erich Holdheim. Vom Totenbett seiner Mutter war er fortgeeilt, um die erste seiner Rettungstaten zu vollbringen, eine, bei der er kaltblütig sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte und bei der sein Herz beteiligt gewesen war wie bei keiner anderen mehr, die ihr folgte. Denn als er die bewußtlose Margot von Detten, die er auf seinen Armen aus dem bröckelnden Trümmerwerk der Villa Erminia, das sie wenige Minuten später unter sich begraben haben würde, ins Freie hinausgetragen, in sicherer Pflege und Obhut unter seinem eigenen Dache wußte, war er mit einigen seiner Leute weiter in die Straßen geeilt, um nach Gelegenheiten auszuspähen, wo er seine Hilfsbereitschaft betätigen konnte. Und an solchen Gelegenheiten hatte es wahrlich nicht gefehlt! In den engen, gegen den Schloßberg zu ansteigenden Gassen der Altstadt gab es kaum ein Haus, das nicht den Erdstößen erlegen wäre und aus dessen Innern nicht das Hilfegeschrei Verschütteter geschallt hätte. Hier tat schleuniges Eingreifen not. Erich Holdheim hatte nicht gezögert, todesmutig hier zwischen die wankenden Mauern einzudringen, um Verwundete, Greise und Kinder aus dem Schutt hervorzuziehen, und sein hochherziges Beispiel hatte rasch Nachahmer und Genossen gefunden. Durch zwei Tage und Nächte hatte Erich Holdheim gearbeitet, fast ohne sich Ruhe zu gönnen, immer den anderen voran. Es war, als ob er in der alle Kräfte heischenden Tätigkeit eine willkommene Ablenkung fände für das an ihm zehrende Leid. Sein Name war bald in aller Munde. Der Maire, der gelegentlich einmal mit den Feuerlöschmannschaften in den Gassen der Altstadt erschien und dort ein wohlorganisiertes Rettungswerk unter der Leitung des »Fremden aus der Villa La Paix« in voller Tätigkeit fand, drückte ihm mit einigen bewundernden Dankesäußerungen die Hand, versicherte, der Präfekt solle alles erfahren, und man könne nicht wissen, ob die Regierung sich nicht zur Verleihung der Ehrenlegion an den uneigennützigen Helfer bestimmt sehen werde. Erichs dringende Bitten, die Sache mit Stillschweigen zu übergehen, hielt er nicht für aufrichtig. Ein paarmal hatte Erich in der Villa La Paix nach Margot von Detten fragen lassen, immer war die Nachricht zurückgekommen, daß sie noch nicht bei klarer Besinnung sei, der Arzt aber die bestimmte Erwartung hege, daß sie ohne ernstlichen Schaden in Kürze die schwere Nervenerschütterung überwinden werde. Doktor Leuthold hatte einmal sogar einen eigenhändig geschriebenen Zettel mitgesandt, worin er Erich versicherte, daß für die Kranke alles geschehe, was ihr Zustand erfordere, und ein Grund zur Besorgnis nicht vorliege. Durch denselben erfuhr Erich auch, daß Harro von Detten, der seine Schwester bei der Rückkehr von Monte Carlo mit wachsender Angst gesucht, sie endlich in der Villa La Paix aufgefunden habe und nun mit der Bergung der Habseligkeiten beschäftigt sei, welche die zusammengebrochenen Mauern der Villa Erminia unter sich begraben hatten. Am Abend des zweiten Tages kam Harro selber. Erich hatte gerade den Transport einiger letzter Verwundeter überwacht, die wieder in die Baracken des zu einem großen Hospital umgeschaffenen Parkes seiner Besitzung gebracht werden sollten, und ruhte, todmüde mitten im Getrümmer eines demolierten Hauses im Armenviertel hingestreckt, seine erschöpften Glieder aus, während seine Helfer um ihn her sich mit Brot und Wein stärkten, als Harro, der sich unschwer bis zu ihm durchgefragt hatte, in tiefer Bewegung vor ihm stand. Erich wollte aufspringen, aber der andere litt es nicht. Eine Zeitlang hielten sie sich nur stumm bei den Händen. »Worte dürfen Sie von mir nicht verlangen, lieber Freund«, sagte Harro dann, »jetzt so wenig wie neulich, als uns allen zu unserer Beschämung klar wurde, unter welchem Verdacht Sie schuldlos gelitten, ohne die Lippen zu einem erklärenden Bekenntnis zu öffnen. Ich verdanke Ihnen das Leben meiner Schwester und weiß Ihnen doch nichts zu sagen als: möchte ich es Ihnen einmal im Leben vergelten können.« Erich wehrte wehmütig, mit einer müden Handbewegung ab. »Ein glücklicher Zufall«, erwiderte er. »Und Sie hätten ihn ebenso genützt wie ich – Sie und jeder andere. Was braucht's da Dank? Lassen Sie uns hoffen, daß alles glücklich vorübergehe. Wie haben Sie Ihre Schwester verlassen?« Harro berichtete, daß Margot heute abend ihr Bewußtsein zurückerlangt habe, allerdings noch sehr schwach sei, aber eine ernste innere Verletzung nicht davongetragen zu haben scheine. Sie wünsche lebhaft, sobald als möglich fortzukommen, worin er mit ihr übereinstimme. Hier werde die Erinnerung an die überstandenen Schrecknisse ihre Genesung verzögern, um so mehr, als die immer wiederkehrenden Erdstöße diese Erinnerung nur allzu wach hielten. In Monte Carlo, wohin er Margot zunächst bringen wolle und wo auch seine Braut weile, sei das alles ganz anders. Nirgends werde das Auge dort an das unheilvolle Naturereignis gemahnt, das Leben spiele sich ganz so ab, wie wenn der tiefste Friede herrsche. Die Spielsäle seien voller als je, und geradezu wie ein Hohn erscheine es, daß diese zauberumwobene Brutstätte des gleißenden Lasters verschont geblieben sei, wo rundum die Wohnstätten armer, arbeitender Menschen in Schutt und Trümmer gefallen wären, ihre Opfer unter sich begrabend. Man habe aber deshalb noch keinen Grund, dies Eiland, das aus der allgemeinen Sündflut herausrage, als vorläufige Zuflucht zu verschmähen. Reisefähig werde Margot nach Doktor Leutholds Ausspruch noch längere Zeit hindurch nicht sein, aber die Überführung der Kranken nach Monte Carlo hoffe der Arzt bald erlauben zu können. Erich hatte diesen Auseinandersetzungen schweigend zugehört, mit halb geschlossenen Augen zu Boden starrend, und hin und wieder nur zuckte ein bitteres Lächeln um seine Lippen. »Ich begreife, daß Fräulein von Detten die Villa La Paix so bald als möglich zu verlassen wünscht«, sagte er jetzt. »Sie meinen, weil Sie ein Hospital daraus gemacht haben?« fiel Harro ein. »Aber davon sieht und hört sie ja dank Ihrer Fürsorge nichts. Und es würde ihre dankbare Bewunderung auch nur erhöhen. Nein, nein, es ist nicht das – auch nicht der ausgestandene Schreck allein und die nervöse Angst. Margot hat Schweres innerlich durchgemacht –.« Er blickte nachdenklich vor sich hin und ein ernster Zug trat auf seiner Stirn hervor. Dann strich er sich mit der Hand darüber hin und sagte plötzlich: »Haben Sie irgendwelche Nachrichten über Arno Meyburg?« »Ich?« Erich sah ihn erstaunt an. Eine Furche stand zwischen seinen Brauen. »Ja, ich glaubte – es hätte doch sein können – Herr von Saldern behauptet nämlich – Sie müssen wissen, daß Arno Meyburg seit jenem Unglückstage verschwunden ist.« Erich zuckte die Achseln, ohne seine Miene zu verändern. »Er wird geflüchtet sein wie Tausende. Sie werden schon Nachrichten von ihm erhalten. Post und Telegraph sind jetzt überall an der Riviera in wirrer Unordnung. Fräulein von Detten soll sich gedulden.« Harro überhörte den bitter wehvollen Ton der letzten Worte und schüttelte den Kopf. »Nein, nein«, sagte er, »in Monte Carlo sind alle seine Sachen zurückgeblieben. Und es ist auch kein Zweifel, daß er sich hier an den Rettungsarbeiten beteiligt hat.« »Der Baron Meyburg?« Erich stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus. »Ich begreife, daß Ihnen das unglaublich erscheint«, sagte Harro immer im gleichen Ernst. »Und doch ist es so. Herr von Saldern ist Zeuge dafür. Sie wissen nicht, was alles in jener Unglücksnacht neulich vor sich gegangen ist. Vor Ihnen habe ich keine Geheimnisse mehr. Erfahren Sie also, daß Saldern, der wohl selbst eine stille Neigung für Margot gehegt, ihr den Beweis bringen wollte, sie habe sich an einen Unwürdigen verschenkt, und daß dieser Beweis ihm nur allzu gut gelang. Eine Herausforderung zum Duell zwischen den beiden war die Folge. Saldern nahm an, obgleich er Arno Meyburg gegenüber nicht dazu verpflichtet gewesen wäre, und vereinbarte sofort ein Renkontre, das am Morgen auf einer abgelegenen Wiesenfläche im Westen von Nizza stattfinden sollte. Gerade als die Parteien hinausfahren wollten, ist das Erdbeben erfolgt; die Kutscher haben sich geweigert, weiterzufahren, der Arzt, den man mitgenommen, hat es für seine Pflicht erklärt, sofort umzukehren, und Saldern selber hat Arno Meyburgs Zeugen gegenüber seine Zusage zurückgezogen, da es im gegenwärtigen Augenblicke frivol sei, einen Ehrenhandel zum Austrag zu bringen, statt alle seine Kräfte in den Dienst der werktätigen Nächstenliebe zu stellen. Man hat das Renkontre vertagt, ist in die Stadt zurückgekehrt, und Saldern hat alsbald tatkräftig sich an dem Rettungswerk beteiligt. Er selbst ist dabei so erheblich verwundet worden, daß er jetzt im Garten einer Strandvilla in ärztlicher Pflege unter einem Zelt daniederliegt und man ihn gern weitertransportieren möchte – vielleicht nach Cannes oder Grasse, wo man das Erdbeben kaum gespürt hat. Er hat eine Botschaft geschickt, und ich habe ihn aufgesucht. Seine erste Frage war nach Margot, seine zweite nach Arno Meyburg. Er hat ihn zuletzt mitten unter den stürzenden Trümmern eines Hauses in der Rue de France gesehen – zu seinem eigenen nicht geringen Erstaunen, Verwundete bergend, Tote hinaustragend. In diesem Menschen scheint plötzlich dem gewaltigen Elementarereignis gegenüber das Gute, das in ihm geschlummert hat, noch einmal erwacht zu sein, und er hat ein Leben voller Schmach durch selbstlose Taten wettmachen wollen. Ein tüchtiger Kern war sicherlich in ihm. Eine wahre Raserei der Opferwilligkeit scheint ihn sogar ergriffen zu haben, denn Saldern hat durch Augenzeugen von den waghalsigen Rettungsversuchen gehört, die er unternommen. Die Möglichkeit, daß er dabei zugrunde gegangen, ist nicht ausgeschlossen. Jedenfalls ist er spurlos verschwunden, und ich halte es für meine Pflicht, nach ihm zu forschen – trotz allem, was er getan, uns und anderen angetan. Ich habe überall gefragt und gesucht, aber nur immer Achselzucken zur Antwort erhalten.« Erich Holdheims Mienen hatten sich während dieses Berichts allmählich verändert. Bitterkeit und Hohn schienen daraus zu weichen, und ein sinnender Ernst allein lag auf seinen Zügen. »Fräulein von Detten ist in Unruhe über Baron Meyburgs spurloses Verschwinden?«, fragte er jetzt. »Meine Schwester?« Harro schüttelte den Kopf. »Vor Margot darf sein Name wohl überhaupt nicht mehr genannt werden. Was sie erfahren hat, trennt sie auf immer von diesem Manne, und Arno würde selber nicht mehr wagen, ihr vor die Augen zu treten. Margot hat das Gefühl, daß ihr durch ihre Verlobung mit diesem Unwürdigen ein Schandmal aufgedrückt worden ist und daß sie sich deshalb vor niemand mehr blicken lassen könne. Schon deshalb muß sie so bald als möglich in andere Umgebung.« Erich war aufgestanden. »Gehen wir«, sagte er nach einem tiefen Atemzuge. »Wohin?« »Wir wollen ihn suchen.« Harro warf dem Sprecher einen erstaunten Blick zu, entgegnete aber nichts. Sie brachen auf. »Wenn er in Nizza ist, werden wir ihn finden«, sagte Erich, während sie die Trümmerstätte verließen und im beginnenden Nachtdunkel durch die verödeten Straßen den Weg nach dem Fremdenviertel zu einschlugen. Eine Weile wanderten sie schweigend nebeneinander her. Dann sagte Harro: »Sie fragen nicht, was Margot erfahren hat, daß sie auf immer von einem Unwürdigen scheiden mußte?« Erich schüttelte den Kopf. »Es steht mir nicht zu, darüber zu richten und danach zu forschen. Ich habe in diesen Tagen zuviel Menschen elend gesehen, um noch Kraft und Stimmung in mir zu spüren, über Menschen sünden zu Gericht zu sitzen. Ich habe Fräulein von Detten damals vor diesem Menschen gewarnt. Sie hat mir nicht geglaubt. Wenn man liebt, will man sich nicht warnen lassen. Jetzt kann sie es bei allem Schmerz, den sie empfinden wird, doch nur dankbar begrüßen, daß sie noch rechtzeitig Klarheit erlangt hat. Wieviel bitterer und trauriger würde es nachher gewesen sein!« Wieder gingen sie beide stumm weiter. Dann fing Harro plötzlich an: »Sagen Sie mir nur eins noch, Herr Holdheim! War Arno Meyburg mit jener unglückseligen Bluttat verknüpft, über deren Ursache und Folgen wir neulich durch das Vermächtnis Ihrer verstorbenen Mutter aufgeklärt wurden?« Erich nickte, düster vor sich hinblickend, und Harro atmete schwer auf. »Ich ahnte es«, sagte er leise, »daher diese Todfeindschaft zwischen Ihnen beiden!« Erich gab keine Antwort mehr, er machte nur eine müde Handbewegung, als ob er sagen wollte: »Lassen Sie es begraben sein. Wir haben an anderes zu denken. Heute gibt es keine Feinde mehr für uns – nur noch Menschen.« Sie kreuzten die Avenue de la Gare. Wie prächtig diese sonst um die abendliche Stunde im Lichterglanz mit ihren Schaufenstern, auf den beiden Trottoiren mit einer bunten eleganten Menge belebt, mitten durch die lustig lärmende Fremdenstadt sich als die Hauptader ihres Verkehrs hingezogen hatte; und heute, wie öde und still lag sie da – kein Wagen rasselte, die Schaufenster waren geschlossen, kaum eine Laterne brannte. Das Schweigen schien Harro zu beklemmen. Er fing an von seiner Morgenfahrt zu sprechen, wie er bangen Herzens Monte Carlo nach dem heftigen Erdstoß verlassen hatte und nun nach Nizza gekommen war – in eine Stadt der Trümmer und des Elends; mit welchen Empfindungen er die zerstörte Villa Erminia betrachtet hatte, vor der Jean und seine Frau, eben aus der Frühmesse zurückgekehrt, bei welcher sie mit knapper Not nur dem Tode entronnen waren, in stumpfem Jammer vor sich hinbrüteten; mit welcher Angst er nach Margot gefragt hatte, bis er sie in so trefflicher Hut gefunden und von einem der Diener gehört hatte, wer sie gerettet und wie die todesmutige Hilfe im letzten entscheidenden Augenblick gekommen war. Währenddem hatten sie die Rue de France eine Strecke weit durchwandert, und Erich trat jetzt in eines der Auskunftbureaus, um bei dem Beamten nach Baron Meyburg zu fragen. Der Name desselben befand sich jedoch weder in den Listen der Toten noch in denen der Verwundeten. Man konnte also mit Bestimmtheit behaupten, daß der Gesuchte nicht in einem der von den Behörden errichteten Barackenlazarette Aufnahme gefunden hatte. Da man heute auch bereits einen Überblick über die in privater Pflege befindlichen Kranken gewonnen hatte, glaubte der diensttuende Beamte überhaupt nicht daran, daß ein Baron Meyburg verwundet worden sei. »Wir würden davon erfahren haben«, sagte er. »Sie begreifen. Ein Baron! Den übersieht man nicht, trotz des ausländischen Namens. Übrigens, wenn er bei den Rettungsarbeiten in Nummer dreiundneunzig beteiligt gewesen ist, wie dieser Herr hier meint, so steht von vornherein fest, daß er bei diesen nicht verunglückte; denn die Opfer dieses Zusammenbruches sind – sämtlich in unseren Baracken am Var untergebracht – lauter schwere Fälle, einer sogar verzweifelt schwer – und ein Baron Meyburg ist nicht darunter. Bitte, überzeugen Sie sich selbst.« Er wies Erich die Listen. Erichs Blicke gingen eine kurze Weile darüber hin, dann nickte er und sagte kurz: »In der Tat, Sie haben recht. Ich danke Ihnen. Guten Abend, mein Herr.« Er lüftete seinen Hut und trat mit Harro auf die Straße hinaus. Dort fragte dieser: »Saldern hat sich also geirrt? Nun, um so besser. Ich wünsche von Herzen, daß es Arno gelungen ist, heil und unbeschadet in dieser allgemeinen Verwirrung zu entfliehen. Ich kann eben doch immer nicht umhin, daran zu denken, daß meine Mutter eine Meyburg war. Ich brauche Sie nun nicht weiter zu bemühen.« »Zu entfliehen?« fragte Erich, erstaunt stehenbleibend. »Warum? – Vor wem?« »Vor den Behörden – vor der Polizei. Konnte er denn wissen, ob wir nicht sofort Lärm geschlagen und durch das Konsulat seine Verhaftung beantragt haben? Seine und die seiner sauberen Komplizin? Wo es sich um eine Millionenerbschaft handelt und er weiß, wieviel für mich davon abhängt, wird er uns sicherlich das Äußerste zutrauen, überhaupt wissen nun so viele von seinem Verbrechen. Wie kann er da auf Schweigen rechnen, und was bleibt ihm anderes als Flucht? Einen Teil seiner Beute hat er schon eingeheimst, und der wird ihm dazu dienen, ein neues Leben anzufangen. Ich würde aufatmen, wenn ich ihn geborgen wüßte!« Als er Erichs verständnislose Mienen gewahrte, fügte er hinzu, während seine Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern herabsank: »Sie wollten es vorhin nicht hören. Es ist herausgekommen, daß Arno Meyburg durch seine Geliebte, die er im Falle des Gelingens zu heiraten versprach und als Gesellschafterin bei seinem Erbonkel, meinem Großvater, zu placieren wußte, das zu seinen Ungunsten abgefaßte Testament des letzteren bei dessen Tode stehlen ließ – aller Wahrscheinlichkeit nach gleichzeitig auch den dort befindlichen Trauschein unserer Eltern, der uns beim Fehlen eines Testaments als die nächstberechtigten Erben legitimiert hätte und nicht leicht zu ersetzen war. Nach dem Gelingen des Verbrechens wollte er sein Versprechen nicht einlösen, weil er inzwischen Margot liebgewonnen hatte, und nun –« »Ah!« Erich staunte. »Nun, wenn es so steht, könnte ein Verdacht, der mir dort im Bureau eben durch den Kopf schoß, ja doch wohl berechtigt sein. Unter den Verwundeten, die im Var-Lazarett untergebracht sind, befindet sich nach der Liste ein Herr Birkner. Wenn Baron Meyburg Ursache hat, seinen Namen geheim zu halten, könnte er unter diesem falschen Namen –« »Um so eher, als es der seiner Komplizin ist«, fiel Harro erregt ein. »Jedenfalls ist da eine Fährte. Wollen Sie mit hinaus?« »Unverzüglich. Ich kann Ihnen vielleicht dienlich sein, da ich neuerdings eine angesehene Persönlichkeit in Nizza geworden bin.« Er lächelte bitter-wehmütig bei den letzten Worten. Dann bestiegen sie einen der wenigen Wagen, die an dem sonst üblichen Halteplatz nahe dem Polizeibureau hielten, und sie fuhren im Schritt, immer sorglich die Straßenmitte innehaltend, gegen den Strom zu, in dessen Nähe auf freiem Platze in gemessener Entfernung von allen steinernen Gebäuden die primitiven Holzbaracken errichtet waren, die sich zum Teil noch in sehr unfertigem Zustande befanden, aber schon ganz von Kranken und Verwundeten gefüllt zu sein schienen. Wimmern und Stöhnen drang aus dem Innern, geschäftig eilten die Heilgehilfen und Krankenwärterinnen hin und her. Der Platz glich einem großen Biwack. Es wurde im Freien gekocht, selbst die Erneuerung des Verbandes wurde bei manchen Verwundeten im Freien vorgenommen. Lebensmittel und Arzneiwaren lagen auf Brettern aufgespeichert. Erich ließ sich bei dem überwachenden Beamten melden und trug sein Anliegen vor. Er wurde sehr höflich empfangen, erhielt aber die Antwort, daß Herr Birkner der schwerste Patient der Station sei und man wenig Hoffnung mehr für sein Leben habe. Ohne den ausdrücklichen Wunsch des Kranken oder die spezielle Erlaubnis des Arztes könne er unmöglich einen Besuch bei demselben gestatten, am wenigsten, wenn man nicht einmal sicher sei, den Gesuchten vor sich zu haben. Während Erich sich bemühte, eine Personalbeschreibung Arno Meyburgs zu geben, um danach den Beamten zu einer Auskunft darüber zu veranlassen, ob der Kranke mit dem Geschilderten identisch sei, erfuhr er von diesem, daß Doktor Leuthold der behandelnde Arzt desselben sei. Sofort ging er, diesen aufzusuchen. Doktor Leuthold, der das Lazarett leitete und in der ärztlichen Behandlung nur noch von zwei jungen Assistenten unterstützt wurde, trat sogleich aus einer der Baracken, als ihm Erich gemeldet wurde. Die letzten Tage hatten ihn anscheinend um Jahre altern lassen. Schweigend bot er Erich die Hand. Als er gehört hatte, um was es sich handelte, blickte er zu Boden und sagte erst nach einer Weile: »Ich würde es für pflichtwidrig halten, das Inkognito irgendeines meiner Patienten zu lüften – es sei denn, daß man vor Gericht eine eidliche Aussage von mir forderte –, wenn ich hier nicht einen Sterbenden vor mir hätte, dem kein irdischer Richter mehr etwas anhaben kann. Ich mache Ihnen aus diesem Grunde kein Hehl daraus, daß der unter dem Namen Birkner eingetragene Patient in der Tat Baron Meyburg ist. Warum er sich einen falschen Namen gegeben hat, weiß ich nicht und kümmere mich auch nicht darum. Seine inneren Verletzungen sind so erheblich, daß eine Amputation seiner durch herabgefallene Balken zerschmetterten Beine nicht mehr vorgenommen werden konnte und man seiner Auflösung noch in dieser Nacht entgegensehen kann. Das Traurige ist, daß er sich zeitweise bei voller Besinnung befindet, sich über seinen Zustand klar ist und die unerträglichsten Qualen leidet. Was unsere schwache Kunst vermag, geschieht natürlich, um seine Pein zu lindern. Und wenn man nun bedenkt, daß er bei einer freiwilligen Rettungstat verunglückte, ja, wie Zeugen versichern, jene fremden Menschen aus einer so verzweifelten Lage befreite, daß unweigerlich sie oder der Retter zugrunde gehen mußten, so wird man diesem Sterbenden gegenüber wohl kaum mehr Empfindungen der Rache oder des Hasses hegen können. Man darf doch wohl annehmen, daß er sterben wollte, und das Schicksal hat ihm gewährt, einen schönen – einen sühnenden Tod zu sterben, nicht den des unglücklichen Spielers, der sich abseits eine Kugel durch den Kopf jagt. Stören Sie seine letzten Stunden nicht, lieber Herr Holdheim! Was Sie betrifft, Herr von Detten –« »Auch ich verzichte darauf, ihn zu sehen«, fiel Harro ergriffen ein. »Mein Anblick würde ihm jetzt gleichfalls Qual bereiten.« »Ich weiß nicht«, versetzte Doktor Leuthold nachdenklich, »den Namen Ihrer Schwester hat er oft in seinen Phantasien genannt. Es könnte sein, daß er ihr noch etwas zu sagen hätte. Ich will ihm für alle Fälle melden, daß Sie hier sind. Er mag dann selbst entscheiden; er ist augenblicklich ziemlich klar und unter der Einwirkung des Morphiums auch nicht zu sehr von Schmerzen gepeinigt.« Er wollte gehen, wandte sich aber noch einmal um und fügte zögernd hinzu: »Ich muß Ihnen noch mitteilen, daß er nicht allein ist. Eine Dame, die sich für seine Verwandte ausgibt, weilt seit heute morgen an seinem Bett. Wie sie ihn gefunden hat, weiß ich nicht. Sie selbst ist leicht verwundet, pflegt den Sterbenden aber mit aufopfernder Treue. Falls Ihnen aus irgendeinem Grunde diese Begegnung peinlich sein sollte – ich kenne die Dame nicht –« Harro winkte verneinend mit der Hand. »Wahrscheinlich dies Fräulein Birkner«, sagte er zu Erich, als Doktor Leuthold gegangen war. »Sie muß ihn noch immer leidenschaftlich lieben. Dieser Mann hat eine fast dämonische Macht über die Frauen ausgeübt.« Erich erwiderte nichts mehr. Er hatte sich ermüdet auf einen Bretterstapel niedergelassen und blickte in trübem Sinnen in die Nacht hinaus, die ihre Schatten über die Landschaft gebreitet hatte. In der Ferne rauschte leise der Strom in seinem breiten Bett, und hin und wieder schlug das Meer draußen mit dumpfem Klatschen zum Gestade herauf. In den Baracken wurde es stiller. Manchmal nur scholl leises Weinen und Wimmern daraus ins schweigende Dunkel. Auf einen Wink Doktor Leutholds, der in der Tür der einen Baracke erschienen war, trat Harro diesem zur Seite, während Erich unbeweglich draußen unter dem Sternenhimmel sitzenblieb. »Er will Sie sehen«, sagte der Arzt leise. »Kommen Sie!« Harro folgte ihm. Sie schritten an mehreren Krankenbetten vorüber in ein enges Kämmerchen, wo beim fahlen Scheine einer Nachtlampe die Umrisse einer menschlichen Gestalt in den Kissen eines primitiven Lagers sichtbar wurden. Neben demselben auf dem Boden kauerte ein Weib mit verbundener Stirn, das von Mattigkeit überwältigt in einen leichten Halbschlaf verfallen war. Außer dem Bett, einem hölzernen Tisch mit allerlei Geräten und einem Stuhl befand sich nichts in dem Raum. Harro hatte Mühe, sich zu fassen, nachdem er einen Blick auf den Kranken geworfen hatte, der unter seinen Tüchern so entstellt aussah, daß man ihn kaum wiedererkannte. Sein bleiches Gesicht war von Wunden und Schrammen aller Art zerrissen, der Mund des Sterbenden stand offen und zuckte wie von verhaltenen Schmerzenslauten. »Seien Sie tapfer, Herr von Detten!« flüsterte Doktor Leuthold Harro zu. Dieser raffte sich zusammen und trat dicht an das Bett. Er griff nach der Hand Arnos, die kalt und feucht war wie die eines Toten. Da ging ein Schimmer über die verwüsteten Züge hin, und wie ein Hauch kam es über die blutleeren Lippen: »Verzeih'! Sag' ihr, sie soll verzeihen. Ich habe sie sehr – sehr geliebt. Ich wäre durch sie und mit ihr ein guter Mensch geworden. Ich wollt's. Verzeih! Zu spät!« Seine Augen schlossen sich, ein mattes Röcheln quoll aus seiner krampfhaft arbeitenden Brust. »Es ist alles verziehen«, sagte Harro, in tiefer Bewegung die reglose Hand haltend, »quäle dich nicht mehr!« Ein Seufzer kam von den Lippen des Sterbenden, seine Finger klammerten sich fest um die Harros, als wollten sie nie wieder sie lassen. Etwas wie Ruhe schien ihn zu umfangen. Dann fuhr er plötzlich doch wieder auf, stierte mit großen, erschrockenen Augen wirr um sich, entdeckte plötzlich die Schlafende neben sich und stieß mit einem Blick auf sie aus: »Laß sie fliehen! Sie hat – mich so geliebt –« Die letzten Worte klangen noch wie ein Ächzen, die Glieder des Verwundeten begannen zu zucken, seine Zähne knirschten aufeinander. Doktor Leuthold trat heran, löste Harros Hand aus der Arnos und sagte halblaut: »Gehen Sie jetzt! Es strengt den Patienten zu sehr an. Ich muß eine neue Einspritzung machen. Morgen – morgen dürfen Sie wiederkommen.« Sein Blick bei den letzten Worten besagte für Harro, daß er morgen keinen Lebenden auf diesem Lager mehr vorfinden werde. Er berührte mit seiner zitternden Hand leicht die Stirn des Sterbenden. »Es soll alles werden, wie du willst«, sagte er leise, aber fest. »Sorge dich nicht! Schlaf wohl!« Und in tiefer Erschütterung schlich er hinaus. XVIII. Die Baumgänge des Schloßberges waren mit lichtem Frühlingsgrün geschmückt und von hundert Vogelstimmen durchjubelt, als Erich Holdheim sie langsamen Schrittes durchwandelte, um von dort aus dem nahen Friedhofe zuzustreben. Es war ganz still hier oben um die frühe Nachmittagsstunde. Die Sonne lag über den weißen Marmormonumenten und durchschillerte die Baumwipfel, die ihre Zweige bis zu ihnen herabhängen ließen, mit bunten Lichtern. Drunten dehnte sich die Stadt mit ihren roten Dächern. Von der Zerstörung, die sie heimgesucht; gewahrte man hier oben nichts, man konnte glauben, daß sie glückliche Menschen berge wie sonst. In bläulichem Dunst reckten sich die Bergketten auf, man spürte bis hier herauf den Blütenduft aus den Villengärten, vornehmlich aber die süßen Wohlgerüche aus den Orangenpflanzungen, welche die weiche Luft durchschwammen. Und in leuchtendem Azur, von Silberfünkchen schillernd übertanzt, in langen, weißkämmigen Wogen majestätisch gegen das herrlich geschwungene Ufer heranrollend, flutete das Meer. Erich Holdheim stand, die Augen mit der Hand überschattend, eine geraume Weile an die Friedhofsmauer gelehnt und schaute auf das schimmernde Bild hinaus, das allen Glanz und alle Freudigkeit der Schöpfung im Lichte des jungen Frühlings spiegelte. »Hier wird man rasch vergessen und verwinden«, dachte er. »Diese Sonne duldet kein langes Trauern und Klagen. Sie streut ihr Gold über die Trümmer, und Blütenfülle verdeckt die Gräber. Aus Schutt und Ruinen werden neue Wohnstätten arbeitsfroher Menschen erstehen, denen ein leichtes Blut durch die Adern rollt, für die es keine Vergangenheit und Zukunft gibt, sondern nur ein Heut', das sie nützen wollen, einen sonnenfrohen Tag, der ihnen gehört, und über den hinaus sie nicht denken. Und wenn der Herbst kommt, wird die alte Sonnensehnsucht der Menschheit neue Scharen aus den Nebeln des Nordens über die schneebedeckten Alpen an diesen Strand locken. Und Nizza wird ganz wie sonst die Winterstadt der Lust und des behaglichen Müßiggangs, des Rausches und des eleganten Lasters sein. Vom Erdbeben wird man sprechen wie von einer pikanten Reminiszenz, bei der einen ein leises Frösteln ankommt. So ist das Leben, und wie gut, daß es so ist!« Ein wehmütiges Empfinden durchschauerte ihn. Ihm selber würde es nicht so gut werden, wie dieser Stadt und diesen Menschen dort unten. Die Wunde, die ihm hier geschlagen worden, würde er mit sich hinausnehmen in ein neues, in sein einsames Leben. Mit Abschiedsaugen blickte er auf die sonnenumglänzte Stadt hin, die sich an den Busen der schimmernden Engelsbucht schmiegte und von den ehernen Mauern der Berge schirmen ließ. Dann wandte er sich dem hinten gelegenen Teile des Friedhofes zu, wo die frisch aufgeworfenen Grabhügel sich wölbten oder neue Marmorplatten die Ruhestätten stiller Schläfer bedeckten. Erst wenige Kreuze und Leichensteine befanden sich hier, die meisten Gräber waren nur mit einer Nummer auf einem Holzpflock bezeichnet. Hier ruhten die Opfer des Erdbebens. Ihre Namen las man nirgends, aber auf allen Gräbern lagen frische Kränze, die der üppig sprossende Frühling des Südens auch dem Ärmsten heute zuwarf. An Erich Holdheims Wanderung konnte man erkennen, wie gut er hier oben in dem stillen Bezirk Bescheid wußte. Er hob den Kopf kaum auf und verfolgte doch ein bestimmtes Ziel. Nur einmal blieb er kurz vor einer Marmorplatte stehen, auf der ein Kranz aus blauen Syringen lag. Er hatte früher nie einen darauf liegen sehen, und er wußte, wer hier in der engen Grabkammer schlummerte. Als er gelebt, hatte er ihm schweres Leid angetan. Aber der Tod versöhnt, der Tod löscht aus. »Schlafe wohl!« murmelte Erich leise und schritt weiter. Kaum ein paar Fuß breit von jenem Grabe geschieden, stieß er auf die gitterumhegte Gruft des Fürsten Caraffa. Eugenia hatte ihren Vater hier begraben lassen. In Nizza war sein Geschlecht einst angesehen und begütert gewesen; hier auf der freien Höhe, angesichts des Meeres und der Felsen war gut schlafen für ihn, der seines Geschlechtes Letzter gewesen. Und heute hing an seinem Grabgitter ebensolch ein Kranz wie drüben auf der Marmorplatte, unter der ein friedloses, unstetes Leben endlich für immer Ruhe gefunden hatte. Erich wurde seltsam davon berührt. »Der Tod macht alles gleich«, dachte er. Wer aber mochte gerade die nordischen Syringen zum Gräberschmuck gewählt haben? Noch lebhafter beschäftigte ihn diese Frage, als er nun zum Grabe seiner Mutter kam und über dem dort aufgerichteten Marmorsockel mit der Inschrift »Juana« gleichfalls einen Syringenkranz fand, der die gestern von ihm aufgehängten Lorbeer- und Oleanderkränze verdeckte. Eine Zeitlang stand er in tiefes Sinnen verloren. Nein, er wollte nicht feig und schwach sein; er konnte arbeiten, Gutes tun, anderen helfen und nützen; sein Leben würde nicht zwecklos sein. »Hilf mir, Mutter!« sagte er leise und lehnte seine heiße Stirn gegen das Gitter. Dann ging er. Als er ein paar Schritte abseits auf dem noch freien Friedhofsterrain gemacht hatte, sah er unweit eine weibliche Gestalt auf einer natürlichen Rasenbank sitzen. Sie hatte das Gesicht ihm abgekehrt und auf die lichtgrünen Laubmassen des Schloßberges hinübergerichtet. Aber doch glaubte Erich sie zu erkennen, und sein Herz schlug rasch und laut. Nur ein paar Sekunden hindurch zögerte er, ob er nähertreten oder heimlich sich davonschleichen solle, dann dachte er der Syringenkränze und richtete seine Schritte gerade auf den Platz zu, wo die Einsame saß. Er trat absichtlich auf dem hier steinigen Boden fester auf, um ihr sein Nahen zu verraten, aber erst als er schon ganz dicht vor ihr stand, blickte sie aus ihrer Versunkenheit auf, und nun überhauchte heiße Glut ihre Wangen. »Fräulein von Detten«, sagte Erich mit ehrerbietigem Ausdruck, »Sie hier?« Er stand mit abgezogenem Hute vor ihr, aber er bot ihr seine Hand nicht. Sie neigte zum Gruße leicht ihr Haupt. »Es ist das erstemal, daß ich hier bin«, erwiderte sie mit tiefem Atemzuge. »Und Sie sind allein?« »Harro und Eugenia erwarten mich drüben auf dem Aussichtsplateau des Schloßberges. Ich wollte allein sein.« Einen Augenblick schwieg Erich. Dann sagte er: »Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie wieder genesen sind. Die Luft von Monte Carlo hat Ihnen gut getan.« Sie nickte, immer ohne ihn anzusehen. »Ja, ich bin nun wieder hergestellt. Und nun erst komme ich dazu, meinem Retter zu danken. Von hier aus sollte unser Weg zu Ihnen führen.« Er machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung. »Bitte, erlassen Sie uns beiden das, Fräulein von Detten! Was ich für Sie getan habe, hätte jeder in einer Stunde schwerer Gefahr für Sie gewagt. Ich bin glücklich, daß Sie wieder gesund sind. Und diese überraschende zufällige Begegnung hier erlaubt mir zugleich, von Ihnen Abschied zu nehmen.« In seiner Sprechweise war etwas, das ihm sonst nicht eigen gewesen war. Das Förmliche in seinem Wesen ihr gegenüber tat ihr weh. Nach solchen Erlebnissen endlich dies Wiedersehen! Sie hätte am liebsten in ein krampfhaftes Weinen darüber ausbrechen mögen. Aber sie schämte sich dessen. »Abschied?« wiederholte sie endlich gedehnt. »Wir gehen doch nicht fort. Harros Gesundheit – und auch ich – wir können uns von jetzt an öfter –« Er schüttelte den Kopf. »Aber ich gehe fort, Fräulein von Detten«, sagte er. »Sie? Sie verlassen Nizza? Die Villa La Paix?« »Ja. Und für immer. Der letzte Verwundete ist heute aus meinem Spital dort entlassen worden. Meine Mutter, um derentwillen ich seinerzeit hierher kam, ist nicht mehr. Was sollte ich noch hier? Frohe Erinnerungen sind es nicht, die sich für mich an Nizza knüpfen. Ich biete die Besitzung zum Verkauf aus und kehre nach Deutschland zurück, um auf der eigenen Scholle weiterzuarbeiten. Man wird mich ja jetzt wohl die fremde Schuld nicht mehr dort büßen lassen.« Hart klangen seine Worte in die Sonnenfülle des Frühlingsnachmittags hinaus. Margot atmete ein paarmal tief auf, dann sagte sie leise, zögernd: »Ihr herrliches Besitztum verkaufen – das Sie aus einer Wildnis geschaffen haben durch Ihrer eigenen Hände Arbeit! Das muß Ihnen schwer werden!« »Ja«, erwiderte er in seiner schlichten Ruhe, »es wird mir schwer. Und ich hätte den Besitz gern in befreundete Hände übergehen sehen. Es hat aber nicht sein sollen!« Dann trat wieder Schweigen ein. Erich Holdheim sagte sich, daß er nun gehen könne, daß nun alles zu Ende sei. Aber er ging nicht. Es war ihm, als könne er seine Füße nicht von der Stelle bewegen. Und in Margot kämpfte und rang etwas. Ihre Brust hob und senkte sich unter immer stürmischeren Atemzügen, die Farbe auf ihren Wangen kam und ging. Und plötzlich schien sie den Widerstand, der in ihr gärte, überwunden zu haben. Eine flackernde Angst trat in ihre Augen, und sie sagte rasch und tonlos: »Ich begreife, daß Sie mir zürnen, Herr Holdheim. Sie haben ein Recht dazu.« »Ich?« Er schüttelte den Kopf, ein traurig entsagender Zug war in seinem Antlitz. »Warum? Ich wüßte nicht –« »Doch«, fiel sie ein, und ihre Stimme gewann allmählich an Klarheit und Kraft. »Sie haben ein Recht dazu. Ich bin aus Ihrem Hause fortgegangen, wo Sie der Schwerleidenden, die Sie mit eigener Lebensgefahr gerettet, Obdach und Pflege gewährt hatten – sobald ich nur transportfähig war –, ohne Ihnen ein einziges Wort des Dankes vorher zu sagen, ohne Sie überhaupt gesehen zu haben. Ich drängte fort.« »Ja, ja«, sagte Erich nickend, »ich verstand das. Sie wollten mir keinen weiteren Dank schuldig werden, es drückte Sie, unter meinem Dache zu weilen.« Jetzt schlug Margot zum ersten Male ihre Augen groß und voll zu ihm auf. »Sie haben recht: ich schämte mich vor Ihnen, Herr Holdheim.« Auch er blickte sie an, aber mit einem fassungslosen Ausdruck in seinen Zügen. »Sie – schämten sich?« wiederholte er ungläubig. Dann strich er sich über die Stirn und fügte hastig hinzu: »Dazu haben Sie wohl keinen Anlaß, Fräulein von Detten. Sie haben auf meine Warnung damals nicht gehört und sind dann zu der Erkenntnis gekommen, daß sie nur allzu berechtigt gewesen. Das war traurig und niederdrückend für Sie, aber zum Beschämtsein gab es keinen Grund. Sie glaubten mir nicht – aber warum hätten Sie mir auch glauben sollen? Wer war ich für Sie? Ich verlangte viel zuviel, als ich meinte, Sie sollten mir blindlings vertrauen und sich an mein Wort halten. Das hätte niemand getan. Und Sie hatten Ihren Kinderglauben an die Menschen, den Sie sich um keinen Preis zerstören lassen wollten. Noch mehr: wenn man liebt, kann man kein Mißtrauen fassen, das hieße übermenschliches verlangen. Ich habe Ihnen nicht gezürnt, und Sie haben keinen Anlaß, beschämt zu sein. Das Leben hat mir recht gegeben, aber das Recht des Herzens erkenne ich darum um nichts weniger an. Sie haben gehandelt wie Sie mußten. Sie dürfen gegen jedermann frei und stolz Ihre Stirn erheben, auch gegen mich. Ich hätte nicht anders gehandelt als Sie.« Margots Augen hatten sich schon wieder zu Boden gesenkt und mehrmals hatte sie schwermütig in seine tröstenden Worte hinein mit dem Kopfe geschüttelt. »Das ist alles großsinnig gesprochen«, sagte sie jetzt, »ohne Eigensucht und ohne allen kleinlichen Maßstab. Aber in der Hauptsache irren Sie sich ja doch. Sie hätten nicht anders gehandelt, sagen Sie – wenn Sie geliebt hätten. Sie sprechen immer vom Lieben. Ich aber – habe Arno von Meyburg ja nicht geliebt.« Wie ein Rütteln ging es durch Erich Holdheims Gestalt hin. Dann stieß er aus: »Sie – haben ihn nicht geliebt?« »Nein«, erwiderte sie, ohne ihn anzusehen. »Aber weshalb –? Ich begreife dann nicht –« »Ich wollte den reichen Erben Arno Meyburg heiraten«, sagte sie mit bitterem Hohn. » Deshalb erhörte ich ihn. Nicht um meinetwillen wollt' ich's, aber um Harros willen. Um seine Braut für ihn frei, um ihn selber gesund zu machen. Eugenias Vater brauchte, um sich von Ehrenverpflichtungen zu lösen, größere Geldsummen, die er vergeblich im Spiel zu erwerben versuchte und ohne die seine Tochter ihre Freiheit nicht erlangen konnte. Da ich sah, daß für Harro alles hiervon abhing, Arno Meyburg mich mit leidenschaftlichen Bitten bestürmte, beschloß ich, mich seinem Glück, seiner Erhaltung zum Opfer zu bringen. Ich weiß, daß ich im Begriff stand, eine unsittliche Handlung zu begehen, die sich früher oder später schwer hätte rächen müssen. Und eben deshalb ist mir ja nur recht geschehen. Und Ihr Trost trifft für mich nicht zu.« Sie atmete schwer. Eine Weile war Schweigen zwischen ihnen. Dann sagte Erich mit verändertem weichen Ton: »Warum Sie sich wohl so martern, Fräulein von Detten. Es waren ja edle, selbstlose Beweggründe, die Sie veranlaßten, einen Irrweg einzuschlagen. Wer wollte Sie um deswillen verdammen? Es war so echt menschlich, was Sie getan haben. Ich bewundere Sie um so aufrichtiger deshalb. Und sich zu schämen haben Sie auch jetzt wahrlich keine Ursache. Sie glaubten heilige Pflichten zu erfüllen, als Sie sich aufopferten, und taten recht. Nicht recht getan hätten Sie nur dann, wenn Ihr Herz gebunden gewesen wäre. Aber Ihr Herz war ja frei.« In den letzten Worten lag etwas wie eine bange Frage. Aber Margot, die ihr erglühendes Antlitz nur noch tiefer zur Erde herabgebeugt hatte, gab keine Antwort darauf. »Ihr Herz ist doch frei, Fräulein von Detten?« fuhr er nach einer Weile mit noch weicherer, einschmeichelnder Stimme fort, in der eine tiefe Bewegung nachzitterte. »Und wenn es frei ist, wenn keine schmerzende Wunde darin zurückblieb – weshalb flohen Sie mich dann? Sie wußten doch, mußten doch wissen, daß das meine nach Ihnen schrie, Margot! Weshalb flohen Sie dann? Haben Sie einem Verschmachtenden keinerlei Hoffnung zu geben – auch jetzt nicht?« »Ich wußte es nicht«, murmelte sie demütig, »ich wagte es nicht mehr zu hoffen. Und weil ich mich Ihrer nicht mehr würdig fühlte, Erich – deshalb allein floh ich.« »Margot!« schrie er auf und reichte ihr seine beiden Hände. »Margot, Sie – du, meiner nicht mehr würdig? Du?« Er lächelte. »Knien will ich vor dir, Geliebte, und dich anflehen, dich zu mir herabzuneigen. Weißt du's denn, wie ich dich liebe – immer geliebt habe, Margot? Damals schon – in Kapri, als mich eine verhängnisvolle Botschaft nach Hause rief, ehe ich dir's gestehen konnte, und dann hier, als ich dich wie durch ein Wunder des Himmels wiederfand und dir's doch nicht bekennen durfte, wie leidenschaftlich alles in mir nach dir verlangte – verfemt und ausgestoßen wie ich war, schuldlos verstrickt in die Schuld einer, die ich wie eine Heilige verehrte und für die mir kein Opfer zu groß war! Wie meine Seele da jauchzte und klagte zu gleicher Zeit, Margot! Nur dem Flügel durfte ich's in stillen Nachtstunden anvertrauen mit der Weise des alten kapresischen Volksliedes, daß ich dich liebte und dir's doch nicht sagen dürfe. Und an der Gartenhecke habe ich gestanden Tag für Tag – grad' vor der Lücke, durch die du damals hereingeschlüpft warst, und habe nach dir ausgespäht und dich manches Mal unter den Glyzinien drüben mit deinem Buche sitzen sehen, und mein Herz hämmerte wild vor Sehnsucht. Und immer schweigen – immer schweigen zu müssen, Margot! Das war viel härter noch als der Verdacht, der über meinem Haupte ruhte. Und dann mußte ich es mit ansehen, wie dein Herz sich dem andern zuwandte, diesem Manne, vor dem ich dich vergeblich hatte behüten wollen und von dem alles Leid meines Lebens stammte! Margot, ich habe viel um dich gelitten, ich habe mir dich durch viel Leid verdient. Und der Tag kam, wo ich dich unter den Trümmern deines stürzenden Hauses fort, auf meinen Armen ins Leben zurücktragen durfte. Bewußtlos lagst du an meiner Brust. Ich aber hatte nur den einen Wunsch, mit dir sterben zu dürfen. Denn ich wollte dich nicht für den andern retten, der deiner nicht würdig war. Nun aber möcht' ich nicht mehr mit dir sterben, Margot, nun möcht' ich mit dir und für dich leben – leben!« Er breitete seine Arme aus, zog sie sacht mit beiden Händen empor und an seine Brust. Eine Weile ruhten sie schweigend so in der Sonnenstille, die den Platz umwebte, Herz an Herzen. Man hörte aus der Tiefe heraus das Brausen des Meeres, und in den Bäumen fächelte der Wind, als wären die Geisterstimmen aller derer darin wach, die hier zum letzten Schlafe ihre Glieder ausgestreckt hatten. »Und von dem allen hast du gar nichts gewußt, Margot?« fragte Erich plötzlich, »gar nichts davon, daß ich dich liebte?« »Erich«, flüsterte sie, »ich hörte dich ja das alte Lied spielen – da glaubt' ich's zu wissen. Und mein Herz war ja lange dein und sprach dich von jeder Schuld frei, wo alle Welt dich verdammen wollte. Aber ich dachte, ich müßte mich zum Opfer bringen. Ich habe auch gelitten, Erich. Aber es hat keiner etwas davon erfahren.« »Wieviel haben wir durch unsere Liebe aneinander gut zu machen, Margot!« sagte er mit tiefer Zärtlichkeit und seine beiden Hände strichen das Haar an ihren Schläfen glatt. Dann sah er ihr lange in die Augen, ehe er sich herabneigte und sich ihre Lippen suchten und fanden... Nach Minuten stiller Versunkenheit löste sie sich sanft aus seiner Umschlingung, hing sich an seinen Arm und sagte, mit strahlenden Augen zu ihm aufblickend: »Daß es solch ein Glücksgefühl überhaupt geben kann im Leben, Erich! Ich hätte es nie gedacht. Und nach all dem Leid! Es ist etwas Wundersames um ein Menschendasein. Als ich vorher hier heraufstieg, um die drei Gräber zu schmücken, war mein Herz noch so voll dunklen Kummers, und nun kann ich die Fülle von Seligkeit kaum fassen, die da auf mich eindringt.« »Die Syringenkränze hast du heraufgebracht?« fragte Erich, langsam sie gegen die Gruft seiner Mutter geleitend. Sie nickte. Schweigend, Arm in Arm geschlungen, schritten sie weiter. Dann standen sie vor dem Grabe, und Erich sagte bewegt: »Ich weiß, du würdest meinen Bund segnen, Mutter.« Dann wandte er sich. »Komm, Geliebte! Nun ins Leben zurück mit dir und in den frohen, hellen Tag!« Sie wanderten dem Ausgange des Friedhofes zu und zu den lichtgrünen Laubbäumen des Schloßberges hinüber. Plötzlich sagte Erich: »Jetzt weiß ich, wer fortan in der Villa La Paix wohnen soll: Harro und seine Frau. Von hier aus kann er seine Konzertreisen machen, wenn seine Gesundheit erstarkt und ihn die Lust dazu anwandelt, sonst aber hier in der Stille leben und schaffen. Der Grund und Boden dort hat ja einst auch den Caraffas gehört – da knüpft sich die Zukunft wieder an die Vergangenheit. Das Meyburgsche Erbe fällt ja nun, da der letzte Meyburg ohne Nachkommen gestorben, ohnehin an Harro. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre: ich bin reich genug, um den letzten Wunsch des verstorbenen Fürsten zu erfüllen und Harro wird von mir annehmen, was er von Arno Meyburg angenommen hätte. Wir beide aber wollen in die nordische Heimat zurückkehren und auf der Scholle meiner Väter, die ich mir zurückerwerben will, arbeiten und wirken. Wird dann einmal die alte Sonnensehnsucht der Nordländer auch in uns wach, so wissen wir ja, wo wir ein freudiges Willkommen am Strand des blauen Mittelmeeres finden werden, nicht wahr? Soll es so werden, Geliebte!« Er blickte ihr innig in die Augen, und die ihren gaben ihm Antwort: »Wohin ginge ich nicht mit dir, Erich? Und wo könnte mir das Glück fehlen, wenn du bei mir bist, mein Geliebter?« Von der Plattform des Schloßberges herab hatten Harro und Eugenia das glückliche Paar schon erspäht und das Geschehene unschwer erraten. Ihre Tücher winkten den beiden aus der luftigen Höhe herab ihr jubelndes Willkommen.